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Buchvorstellung: Norland als juristischer Tagtraum (Meldung vom 20. Mai 2017)

Coverabbildungvon Hartmut Wörner

Bereits im vergangenen Jahr ist im Rahmen der Schriftenreihe ‚humaniora‘ im LIT Verlag die kleine Monographie „Norland als juristischer Tagestraum“ des Jura-Professors Thomas Vormbaum zu Mays frühem Roman ‚Scepter und Hammer‘ erschienen, die hier angezeigt werden soll.

Vormbaum geht in seinem Büchlein, ausgehend von Ernst Blochs Definition des Tagtraums, der Frage nach, inwieweit der literarische Tagträumer Karl May in ‚Scepter und Hammer‘ die rechtspolitischen Gegebenheiten in der Entstehungszeit des Romans um 1880 spiegelt und von welchen Veränderungen dieser Realität er in seinem Werk „träumt“. Dieser Ansatz Vormbaums erweist sich als durchaus ertragreich. Er weist nach, dass sich in Mays utopischem Raum von Norland und Süderland viele gesellschaftliche und politische Entwicklungen um 1879 niedergeschlagen haben. Beispielsweise spiegelt sich dort der im deutschen Kaiserreich verbreitete Blick auf „Reichsfeinde“ wie Katholische Kirche, Jesuiten und Sozialdemokraten wider, der diese heterogenen Gruppen undifferenziert „zu einem einzigen großen deutschfeindlichen Bündnis“ zusammenfasste. Vormbaum zeigt auch, dass Mays staatpolitischer Tagtraum von einer konstitutionellen Monarchie, in der es keine Todesstrafe mehr gibt, zwar nicht sehr konkret, aber für die damalige Zeit durchaus fortschrittlich war.

Man muss nicht allen Bewertungen Vormbaums folgen. So erscheint die Einstufung des Königs Wilhelm II. von Norland, der ein zwar ein gutwilliger, sympathischer Mensch ist, aber in seiner Funktion eklatant versagt hat und ohne die Hilfe Max Brandauers seinen Thron zurecht verlieren würde, als „milden, volkstümlichen, lernfähigen und letztlich dann doch durchsetzungsfähigen Herrscher“ durchaus anfechtbar. Solche Details mindern aber nicht den Wert von Vormbaums Studie, die auch durch eine klare Struktur und ihre verständliche Sprache besticht. Insgesamt handelt es sich um eine wertvolle Ergänzung der Sekundärliteratur zu Karl Mays frühem utopischem Doppelroman, die dem Interessierten nur empfohlen werden kann.

Thomas Vormbaum: Norland als juristischer Tagtraum. Rechtsutopien und Rechtsdystopien in Karl Mays Roman „Scepter und Hammer“. LIT Verlag Berlin 2016. 80 S. ISBN 978-3-643-13330-4