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Rezension zu: Volker Griese (Hrsg.): Ausgewählte Briefe 1860 – 1912 (Meldung vom 29. Dezember 2017)

https://images.bod.com/images/meine-frau-haette-gern-einen-ernstthaler-kartoffelkuchen-karl-may-9783746028941.jpg/500/500/%C2%BBMeine_Frau_h%C3%A4tte_gern_einen_Ernstthaler_Kartoffelkuchen%C2%AB.jpgvon Hartmut Wörner

Zu der Fülle der im letzten halben Jahr neuerschienenen Bücher rund um Karl May gehört auch der angezeigte Band, in dem Briefe des Autors aus den Jahren 1860 bis 1912 in chronologischer Folge gesammelt sind. Dabei gelingt es dem Herausgeber Volker Griese, einem ausgewiesenen Kenner von Mays Briefwerk, mit seiner Auswahl, die biographische Entwicklung Mays sowie den Wandel seiner Außendarstellung als vielgelesener Schriftsteller und seines literarischen Anspruchs in beeindruckender Weise lebendig werden zu lassen. So spannt sich der Bogen von der ganz unterthänigste[n] Bittschrift des entlassenen Seminaristen an das Königliche Kultusministerium Sachsen vom 6.3.1860 über Briefe des Starautors, Rollenspielers und Flunkerers der Neunziger Jahre (so 22.6.1895 an Jacques Martini: Ich war zur Auerochsenjagd in den Kaukasus geladen…) bis zu einer kurzen Karte des gereiften pazifistischen ‚Hakawati‘ an die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner vom 13.3.1912 in Vorbereitung der Wiener Rede. Es wird deutlich, welche zentrale Bedeutung der briefliche Kontakt zu seinen Lesern, die teilweise zu Freunden wurden, für May als nach Liebe und Bestätigung dürstenden Menschen und als auf breite Wirkung bedachten Autor hatte.

Die Bedeutung der brieflichen Kommunikation für May und die hierauf fußende Konzeption der Auswahl erläutert Griese in einer kompakten, instruktiven ‚Editorischen Notiz‘ am Ende des Bandes. Darüber hinaus hat der Herausgeber jeden Brief mit kurzen, für den nicht mit allen Details vertrauten Leser sehr hilfreichen Erläuterungen zu den von May erwähnten Personen und Werken versehen. Genannt wird jeweils auch die Quelle des betreffenden Textes. Dabei bezieht sich Griese teilweise auf gedruckte Erstpublikationen, beispielsweise in den Jahrbüchern der Karl-May-Gesellschaft oder den Monografien von Hansotto Hatzig und Fritz Maschke, die 1967 und 1972 in der Reihe ‚Beiträge zur Karl-May-Forschung‘ im Karl-May-Verlag erschienen. Öfter wird jedoch auch ohne weitere Angaben zur Vorlage auf das verwahrende Archiv oder auf ‚Privatbesitz‘ verwiesen. Dies führt zu einer kritischen Einschränkung, bei der – ansonsten positiven – Bewertung des Bandes: Nach Grieses ‚Editorischer Notiz‘ muss man davon auszugehen, dass er als Basis seiner Veröffentlichung immer dann eine Handschrift oder deren Kopie genutzt hat, wenn in der Quellenangabe nach dem Brief nichts anderes vermerkt ist. Dies dürfte angesichts der akribischen Sammeltätigkeit Grieses weitgehend auch zutreffen. Ob es aber wirklich durchgehend der Fall ist, ist jedoch zumindest zweifelhaft. So verweist Griese bei Briefen Mays an den Herausgeber Joseph Kürschner lediglich auf die Forschungsbibliothek Gotha als Verwahrungsort der Originale und erwähnt nicht den von Hartmut Vollmer und Hans-Dieter Steinmetz herausgegebenen ‚Briefwechsel mit Sascha Schneider‘, der 2013 als Band 93 der ‚Gesammelten Werke‘ im Karl-May-Verlag erschienen ist. Dabei fällt auf, dass zwischen der – wissenschaftlichen – Edition von Vollmer/Steinmetz, die auf der Basis der Originalbriefe erfolgte und dem Abdruck in Grieses Auswahl kleinere Abweichungen festzustellen sind. Bei dem Brief Mays an Kürschner vom 5.12.1884 beispielsweise ist bei Vollmer/Steinmetz das Wort „Fernsprecher“ unterstrichen, bei Griese nicht, das Wort Aehnliches bei Vollmer/Steinmetz wird bei Griese Ähnliches geschrieben. Derlei Feststellungen zeigen, dass ‚Meine Frau hätte gern einen Ernstthaler Kartoffelkuchen‘ möglicherweise strengen philologischen Ansprüchen nicht genügt und sicher wissenschaftliche Briefeditionen nicht ersetzen kann. Auch trübt der eine oder andere Druckfehler das Bild etwas. Als interessantes und anregendes ‚Lesebuch‘ für jeden an den spannenden Facetten von Mays Leben und Werk Interessierten kann der ansprechend ausgestattete Band jedoch empfohlen werden.

Karl May: »Meine Frau hätte gern einen Ernstthaler Kar­tof­fel­ku­chen«. Ausgewählte Briefe 1860–1912. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Volker Griese. Books on Demand. Norderstedt. 424 Seiten. Hardcover. ISBN 978-3-7460-2894-1. Preis: 24,00€

erschienen bei Books on Demand