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»Wann laufen wir in den Hafen von New-York ein, Herr Kapitän?«
»Diese Nacht, Sir.«
»Können Sie die Zeit nicht genauer bestimmen?«
»Es wird gegen Mitternacht werden.«
»Das paßt mir vortrefflich. Danke, Herr Kapitän.«
Der Frager, welcher auch diese letzte Aeußerung getan hatte, schlenderte davon, und ehrerbietig blickte der Kapitän, verwundert blickten alle Passagiere der eleganten Gestalt des jungen Mannes nach.
Des >jungen< Mannes?
»Er ist noch keine zwanzig Jahre alt,« hatte ein amerikanischer Passagier zu seinem Freunde gesagt.
»Was sagen Sie?« rief der andere erstaunt. »Noch keine zwanzig Jahre? I, wo denken Sie denn hin!!! Der ist mindestens vierzig Jahre alt.«
»Sie sind verrückt! Der ist höchstens achtzehn Jahre alt.«
»Sprechen Sie denn nur wirklich im Ernst?«
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»Gewiß, es ist mein völliger Ernst. Ich gehe jede Wette mit ein, daß dieser junge Herr, der sich im Kajütenbuch als Eugen Salden eingetragen hat, jedenfalls ein Deutscher, noch nicht zwanzig Jahre alt ist.«
»Und ich behaupte, daß er die vierzig schon überschritten hat. Wetten?«
Gut, also wetten! Es ging um den Fahrpreis der ersten Kajüte, um 200 Dollar.
Der eine Yankee näherte sich dem fraglichen Herrn bei Gelegenheit, knüpfte mit ihm ein gleichgültiges Gespräch an ... aber merkwürdig, er brachte es nicht fertig, diesen Mr. Salden nach seinem Alter zu fragen. Es war geradezu, als ob dieser es schon wisse, was jener von ihm wolle, und als ob er nicht geneigt sei, sein Alter anzugeben. Sobald der Amerikaner nach einer Einleitung mit seiner Frage herausrücken wollte, blickte Mr. Salden ihn etwas schärfer an, und jenem blieb die Frage förmlich in der Kehle stecken, er wurde unter dem Blicke verlegen, begann schnell von etwas anderem Gleichgültigen zu sprechen.
»Lächerlich,« sagte der andere, als der erste unverrichteter Dinge zurückkam, er habe den Herrn nicht nach seinem Alter fragen mögen, »ich glaube gar, Sie genieren sich.«
Jetzt ging also der zweite hin. Aber merkwürdig, auch dieser kam nicht zum Ziel. Mr. Eugen Salden antwortete einsilbig, und als die Frage kommen sollte, blickte er jenen scharf an und ließ ihn verlegen stehen.
Kurz und gut, die beiden Yankees konnten ihre Wette während der ganzen Reise nicht austragen, denn sie brachten es nicht über sich, diesen Herrn nach seinem Alter zu fragen, sie wagten nicht, ihn noch einmal anzusprechen. Aber warum eigentlich nicht, das war und blieb beiden ein Rätsel, und es ist leicht begreiflich, daß sie dann nicht mehr gern darüber sprachen.
»Ich glaube, es ist ein Raubtierbändiger,« sagte der eine nur noch, »er hat einen so eigentümlichen Blick.«
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Ja, über diesen eigentümlichen Blick war auch von anderer Seite schon oft gesprochen worden.
»Wenn er seine Augenlider niederschlägt, wie er so oft tut, so ist es, als wenn ein zweischneidiges Schwert in die Scheide gesteckt würde.«
So hatte sich eine poetisch veranlagte Dame geäußert.
»Aber Luzy!« rief entrüstet ihre jüngere Freundin. »Der hat doch die schönsten, sanftesten Augen!«
»Na, ich danke!« meinte aber jetzt der alte Vater. »Das ist doch der reine Basiliskenblick!«
Doch nicht nur um seinen Blick ging an Bord des Schnelldampfers der allgemeine Streit.
»Was für edle, männliche Züge!« hieß es bewundernd auf einer anderen Seite.
»Männlich? Ein richtiges Mädchengesicht!«
Und so stritt man sich über alles und jedes, was an diesem Manne, der sich Eugen Salden nannte, nur zu beobachten war, und jetzt, am zehnten Tage der Reise, kurz vor New-York, war man sich immer noch nicht klar, ob er jung oder alt, ob männlich oder weibisch, ob dick oder dünn, ob kräftig oder zierlich - ja, obgleich er sich selbst für einen Deutschen ausgab, kam jemand auf die Ansicht, daß jener trotz seines blonden, schlichten Haares ganz gewiß ein Türke sein müsse.
Zuletzt empfand man denn auch das Humoristische dieser verschiedenen Ansichten, die gar nicht aufhören wollten, man lachte sich gegenseitig aus. Aber während sich alles ausschließlich mit dem rätselhaften Manne beschäftigte, kümmerte dieser selbst sich um niemanden, still schritt er auf dem Promenadendeck hin und her, still saß er an der Tafel, nur in seine Teller vertieft, und dennoch beherrschte er durch einen einzigen Blick die ganze Gesellschaft, er brauchte nur einmal aufzusehen, so verstummte alles und erwartete seine Ansprache, obgleich diese nie erfolgte.
Den stärksten Beweis seiner geheimnisvollen Macht hatte Salden aber jetzt geliefert.
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Der Kapitän der >Persepolis< war ein Grobsack erster Güte. Wenn er aus Versehen einmal von einem Passagier angeredet wurde, so schnob er ihn grimmig an, und da machte er keinen Unterschied, und wenn es der Prinz von Wales gewesen wäre, die Hände hätte er doch nicht aus den Hosentaschen genommen, noch weniger die Pfeife aus dem Munde.
Da, wie der Kapitän gerade einmal an Deck stand, hatte der vorübergehende Salden an ihn jene Frage gestellt, wann das Schiff in den Hafen einlaufen würde, zwar höflich, aber doch auch in bestimmtem Tone.
Himmel, solch eine Frage hätte einmal ein anderer Passagier wagen sollen.
»Wenn wir dort sind!! Das werden Sie schon noch zeitig genug erfahren!! Was geht das Sie überhaupt an, was, he?!«
Und was tat der Kapitän jetzt? Er sah den auf sich gerichteten Blick, diese scharfen, kalten Augen - und schnell riß er die Hände aus den Hosentaschen und die Pfeife aus dem Munde und gab einen höflichen Bescheid.
Aber nicht nur das, der Passagier war mit der Antwort nicht zufrieden, wollte die Zeit noch genauer erfahren - und wahrhaftig, der bärbeißige Kapitän gab ihm auch noch eine genauere Antwort! Und dann wurde er von einem grimmigen Aerger gepackt, über diesen >bloody Dutchman,< und noch mehr über sich selbst - aber nun war es zu spät, und wie er wieder auf die Kommandobrücke ging, konnte er sich selbst nicht begreifen. - -
Salden begab sich nach dem Mitteldeck. Dort befand sich im Gespräche mit einem anderen Herrn ein dicker, jovialer Mann, welcher gleichfalls erste Kajüte fuhr. >Mr. Cunning, London, Tabaksagent< hatte er sich eingeschrieben. Er war dem Schiffspersonal schon bekannt, hatte bereits mehrmals die >Persepolis< benutzt, wenn er wegen seiner Tabaksgeschäfte nach Amerika ging.
Den Hut lüftend, trat Salden auf diesen zu.
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»Verzeihung. Bitte, mein Herr, würden Sie nicht die Güte haben, mir einmal in meine Kabine zu folgen? Es handelt sich um ein wichtiges Geschäft.«
Daß der so plötzlich mit solch eigentümlichen Worten Angeredete mitten im Satz stockte, war begreiflich.
»Was ... was ... was ... ich ... ich ... ich kenne Sie ja gar nicht!«
»Salden ist mein Name.«
»Mein Name ist ... ist ... ist ... Cunning, jawohl, James Cunning. Was denn für ein Geschäft?«
»Bitte, wollen Sie mir nicht in meine Kabine folgen, es läßt sich nicht gut hier abwickeln.«
Salden sah ihn fest an - und der Dicke folgte, wie von einer geheimnisvollen Macht getrieben, obgleich er doch zu zögern schien.
Auch Salden hatte eine einschlafige Salonkabine, in diese führte er den Herrn und bat ihn, Platz zu nehmen. Mechanisch setzte sich der dicke Herr auf das kleine Sofa, Salden ließ sich ihm gegenüber nieder.
»Ein Geschäft?«
»Mein Herr, ich befinde mich in großer Geldverlegenheit ...«
»Ja, aber,« unterbrach ihn der andere erstaunt, »wie komme denn ich dazu? Ich kenne Sie doch gar nicht.«
»Salden ist mein Name,« wiederholte jener mit unerschütterlicher Ruhe.
»Sehr angenehm, aber ... wie komme ich denn nur dazu?«
»Allerdings handelt es sich um ein Geschäft, um ein sehr günstiges für Sie. Sie sind doch Juwelier oder ...«
Als wäre dies eine ungeheure Beleidigung, mit solch ungestümer Hast fuhr der dicke Herr empor, plötzlich purpurrot im Gesicht.
»Juwelier? Ich? Keine Ahnung! Ich bin ein Londoner Tabaksagent, ein ganz bekannter Mann, alle
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Zollbeamten in New-York kennen mich, passen Sie auf, wie die vor mir den Hut ziehen werden. Wie kommen Sie denn darauf, daß ich Juwelier sein soll?«
»Ich dachte, weil Sie Ihren dicken Spazierstock mit Diamanten gefüllt haben.«
Ach du großer Schreck!!! Der dicke Mann knickte zusammen, als hätte er einen Hexenschuß bekommen, und blieb wie ein geprellter Frosch auf dem Sofa liegen.
Es war in der Tat so, obgleich Cunning weder ein Juwelier noch ein Schmuggler von Profession war. Es war dies das erstemal, daß er Diamanten, überhaupt etwas nach Amerika zu schmuggeln versuchte.
Mr. Cunning war wirklich ein ehrlicher Tabaks-Händler, hatte schon viel des hochbesteuerten Krautes von Amerika herüber und von Holland fertige Zigarren hinüber gebracht, aber noch niemals geschmuggelt. Da hatte er vor kurzem einen alten Freund wiedergetroffen, einen holländischen Diamantenhändler ... »Höre du, du reist doch immer hin und her, dich kennen doch schon die amerikanischen Zollbeamten, du hast schon Zoll
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genug bezahlt, dir traut man doch so etwas nicht zu ... wollen wir einmal zusammen ein Schmuggelchen machen?«
Mr. Cunning war der Versuchung unterlegen, in zehn Tagen 100 000 Mark verdienen zu können. Auf seinen Reisen führte er ständig einen dicken Spazierstock mit sich, den Zollbeamten in New-York auch schon wohlbekannt. Aber noch keiner hatte ihn jemals einer Untersuchung gewürdigt, und so wußte auch niemand, daß er hohl war. Der Spazierstock barg nämlich in seinem Innern einen dicken Stoßdegen. Dieser wurde oben, dicht am Griff, abgebrochen und nun die Oeffnung mit jenen kleinen, geschliffenen Steinchen ausgefüllt. Und was da alles hineingegangen war! Für eine halbe Million!
Wenn Mr. Cunning auch sonst auf ein reines Gewissen hielt, beim Skatspiel mogelte er doch manchmal, und dann verriet er sich nicht durch Erröten, und ebensowenig ward er verlegen, wenn er einmal jemanden mit einer Ladung minderwertigen Tabak anschmierte. Ueber solche Kleinigkeiten also war er erhaben. Mr. Cunning hatte an Bord den so wertvoll gewordenen Spazierstock mit demselben Gleichmut wie sonst gehandhabt, hatte ihn wie sonst nur manchmal, wenn er an Deck promenierte, mit hinaufgenommen, sonst hatte er es riskiert, die Schatzkammer unten in seiner Kabine stehen zu lassen. Wahrhaftig, kein einziger Mensch konnte auch nur ahnen, daß der Spazierstock überhaupt hohl sei!
Und nun, und nun!! Vor allen Dingen waren die Diamanten im Werte von einer halben Million unwiderruflich futsch. Und dann mußte noch extra die doppelte Steuergebühr bezahlt werden, so gegen 200 000 Mark, und wenn das Mr. Cunning nicht konnte oder wollte, so durfte er auf Sing-Sing, der New-Yorker Strafinsel, ein bis zwei Jahre lang Baumwolle spinnen.
»Ein Detektiv! Ich bin ruiniert!!« stöhnte der geprellte Frosch.
»Sie irren,« entgegnete aber Mr. Salden, »ich bin
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kein Detektiv, bin niemals Detektiv gewesen. Fassen Sie sich, mein Herr. Sie haben von mir absolut nichts zu fürchten. Meinetwegen schmuggeln Sie so viel Diamanten, als sie wollen, mich soll es nur freuen, wenn Sie dieselben glücklich durchbringen. Ich habe in meinem Leben selbst genug geschmuggelt, noch ganz andere Sachen, ganze Schiffsladungen, und das aus keinem anderen Grunde, als weil es mir Spaß machte, meine Schlauheit mit der des Zollbeamten zu messen. Und Sie werden die Diamanten auch glücklich durchbringen, denn wenn Sie selbst nicht geplaudert haben, so ahnt an Bord kein Mensch, daß Sie in Ihrem Spazierstock etwas verborgen haben, Sie erregen nicht den geringsten Verdacht.«
Der geprellte Frosch richtete sich etwas auf und sah den so Sprechenden mit offenem Munde an.
»Ja, aber ... aber ... woher ...«
»Woher ich es dann weiß? Ja, bei mir ist das etwas anderes. Mir hat die Natur ein ganz besonders geschliffenes Auge eingesetzt. Ich habe sofort gemerkt, als ich Sie zum ersten Male mit dem Spazierstock sah, daß es wohl derselbe Stock ist, den Sie immer tragen, daß er aber nicht ganz genau dasselbe Gewicht hat, an welches Sie sonst gewöhnt sind. Ich kalkuliere, der Stock ist um eine Kleinigkeit leichter geworden. Sie stießen mit dem Stocke an Deck auf, und ich hörte sofort, daß der Stock nicht durchweg aus Holz bestehen könne. Ich kalkuliere, daß er einst einen Stockdegen enthalten hat, den Sie abgebrochen haben, und was anderes, als Juwelen sollte man denn in solch einem kleinen Raume schmuggeln wollen? Sollte ich nicht recht haben?«
Mr. Cunning riß seinen Mund nur noch weiter auf. Aber seine furchtbare Angst verließ ihn durch diese Erklärungen noch nicht, und das mußte auch der Mann, der das Gras wachsen sah und hörte, bemerken.
»Fürchten Sie doch nichts,« fuhr er deshalb fort, »wie gefügt, kein anderer Mensch, als nur ich allein wird solche Beobachtungen angestellt haben, und ich tue
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Ihnen nichts. Allerdings haben wir einen Detektiv der Zollbehörde an Bord ...«
»Einen Detektiv?«
»In der ersten Kajüte, der Steward mit der großen Glatze ...«
»Ach wo, den kenne ich ja schon seit lange!!«
»Und ich sage Ihnen, mein Herr, dieser so unschuldig aussehende Steward ist ein Detektiv! Das habe ich nicht von anderer Seite gehört, das hat er mir nicht selbst gestanden, sondern das sehe ich ihm auf den ersten Blick an. Wodurch, das kann ich Ihnen hier nicht erklären, das ist eben bei mir eine besondere Gabe. Eine diesbezügliche Wette dürfte ich als Ehrenmann gar nicht annehmen, denn ich bin meiner Sache todsicher. Da ich nun diesen Detektiv in bezug auf Sie beobachtet habe, so kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß er nicht die geringste Witterung auf Ihren Spazierstock hat.«
Mr. Cunning begann etwas ruhiger zu atmen.
»Mein Herr, Sie bergen mit Ihrem Beobachtungstalent eine Goldquelle in sich. Und Sie sind in Geldverlegenheiten?«
»Ja. Aber denken Sie nicht etwa, ich will jetzt aus Ihnen Geld herauspressen. Ich bin ein Ehrenmann. Hiermit genug. Dies alles wäre gar nicht nötig gewesen, hätten Sie meine Frage, ob Sie ein Juwelier seien, bejaht. Auf irgend eine Weise muß doch ein Geschäft angeknüpft werden,«
»Was für ein Geschäft?«
Mr. Salden knöpfte seinen eleganten Rock auf und zog aus der Westentasche an schwergoldner Kette eine große, goldne Uhr, ließ zwei Deckel aufspringen.
»Diese Uhr habe ich mir erst kürzlich in der Schweiz gekauft. Sie kostete 500 Francs.«
Der Tabaksagent verstand wirklich etwas davon.
»Das glaube ich gern.«
»Wollen Sie 50 Dollar geben? Gerade die Hälfte. Sie machen eitt gutes Geschäft dabei.«
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»Mit Vergnügen!!« jauchzte der dicke Mann förmlich auf, denn er fühlte plötzlich einen Zentnerstein von seinem Herzen fallen.
»Diese Kette kostete mich 250 Mark. Jedes Glied ist gestempelt. Geben Sie mir dafür 40 Dollar?«
»Mit Vergnügen!«
»Hier,« Mr. Salden zog aus seinem Schlips eine Nadel, offenbar ein Kunstwerk. »Wieviel sie gekostet hat, weiß ich nicht. Es sind mir schon einmal 1000 Dollar dafür geboten worden ...«
»1000 Dollar? Mit Vergnügen!!!«
Es war eine prachtvolle Nadel, die verschiedensten Edelsteine strahlten ein wahres Feuermeer aus, die Nadel war schon oft genug bewundert worden, der rätselhafte Fremde mußte ein reicher Kauz sein.
Jetzt freilich stellte sich das Gegenteil heraus. Aber warum sollte er nicht in Geldverlegenheit gekommen sein? Und die Steine waren echt, das erkannte auch der Tabakshändler. Dieser Mann konnte die Nadel auch nicht gestohlen haben, konnte überhaupt kein Gauner sein. Denn erstens hätte er dann die Nadel doch nicht so öffentlich getragen, und zweitens, wäre er ein Gauner gewesen, so hätte er doch vor allen Dingen dem entlarvten Diamantenschmuggler den Daumen aufs Auge gesetzt.
»Aber mein lieber Herr, berauben Sie sich doch nicht Ihrer Wertsachen. Wenn Sie in Geldverlegenheiten sind, so bin ich ja gern bereit ...«
»Bitte sehr, ich war einst ein reicher Mann, jetzt gehe ich nach Amerika, um zu arbeiten, ein Arbeiter braucht keinen solchen Schmuck, es sind auch keine Andenken. Also geben Sie 1000 Dollar für diese Nadel?«
»O, die ist noch viel mehr wert ...«
»Bitte,« unterbrach ihn Mr. Salden abermals, »ich bin kein Handelsjude, mein einmal geforderter Preis gilt. Also 1000 Dollar?«
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Der sich gerettet fühlende Schmuggler konnte seiner Dankbarkeit nicht einmal Ausdruck geben.
Dann löste der merkwürdige Mann aus seinem Oberhemd noch drei Brustknöpfchen und zwei Manschettenknöpfe, ebenfalls alles massives Gold mit Diamanten, und bot den ganzen Satz gleichfalls für die runde Summe von 1000 Dollar an.
Der Tabakshändler mußte dies alles wohl oder übel nehmen, er hatte nämlich in seiner Freude lieber mehr gegeben, und es lag auch klar auf der Hand, daß er dabei ein ausgezeichnetes Geschäft machte. Geld genug hatte er bei sich, er entnahm seiner Brieftasche 2090 Dollar, und als er dann die Kabine verließ, wußte er nicht, was er von dem jungen Manne und diesem ganzen Geschäft denken sollte. - --
Unterdessen war es Abend geworden. Bald würde die Schiffsglocke zum letzten Male zur Mahlzeit rufen.
Auch Salden verließ seine Kabine, schlenderte langsam durch die Korridore und betrat das Zwischendeck. Ehe er vom Schiffe Abschied nahm, wollte er wohl noch einmal dieses obskure Reich besichtigen.
Ja, in dem mit Menschen vollgepfropften Raume - zu jener Zeit wurden noch Männlein und Weiblein ungetrennt in das Zwischendeck eingepfercht - sah es auch arm genug aus.
Bei dieser Reise machte das Zwischendeck einen noch jämmerlicheren Eindruck als sonst, weil sich darin eine große Schar von Irländern mit Frauen und Kindern befanden, vor kurzem noch gutsituierte Bauern, welche aber durch ein verruchtes Gesetz von Haus und Hof vertrieben, zu Bettlern gemacht worden waren, und nicht einmal in ihrer Heimat durften sie bleiben, fort mit ihnen aufs Schiff, nach Amerika! Dort bekommt ja jeder Einwanderer freies Land. Diese Aermsten der Armen würden sich einen Pflug erst leihen müssen, und während die Männer die Bäume zum einstigen Hause
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fällten, mußten Frauen und Kinder vor dem Pfluge die Zugtiere vertreten.
Salden unterhielt sich mit diesem und jenem der Irländer, ließ sich den Führer des Trupps vorstellen, einen alten Mann, der schon in Amerika gewesen war und die Verhältnisse kannte, der seine unglücklichen Landsleute nur abholte.
»Schauderhaft! Hier, nehmt.«
Und dabei hatte er dem alten Manne einige Tausenddollarnoten in die Hand gedrückt, nicht nur die beiden, welche er von dem Tabakshändler erhalten, sondern auch noch drei andere. Also der seltsame Mensch hatte noch genug Geld gehabt, hatte gar nicht nötig gehabt, seine Schmucksachen zu verkaufen!!
Die Leute wollten es erst gar nicht glauben, von einem Unbekannten plötzlich so viel Geld geschenkt bekommen zu haben, daß sie in ihrer neuen Heimat gleich als existenzkräftige Farmer beginnen konnten. Auch das anwesende Schiffspersonal staunte, so etwas war an Bord der >Persepolis< noch nicht vorgekommen.
Aber damit war es noch lange nicht genug. Salden ging weiter durch das Zwischendeck und streute mit vollen Händen das Geld aus, und wieder zeigte es sich, daß er noch reichlich versehen gewesen war, so z. B. teilte er ja auch Silber- und Goldstücke aus, während er von dem Agenten nur Papier erhalten hatte.
Allerdings gab er ohne Ansehen der Person, drückte achtlos das Geld in alle Hände, die sich ihm entgegenstreckten, oder schüttete es dort einer alten Frau in den Schoß - und dennoch, er machte einen Unterschied!
Ein alter, schmieriger Jude näherte sich ihm, von seiner hungernden Familie eine Jeremiade erzählend.
»Schmuhl, du hast mehr unter deinem Kaftan, als wir alle zusammen, oder ich will heute nacht nicht lebendig das amerikanische Festland erreichen!«
Der Jude machte, daß er verschwand.
Zuletzt nahm Salden noch einige junge, dürftig
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gekleidete Leute mit in seine Kabine und verteilte unter diese seine gesamte Garderobe. - -
Im Speisesalon fand die letzte Mahlzeit statt. Von dem Verkaufe seiner Schmucksachen war nichts bekannt geworden, wohl aber hatte sich schnell verbreitet, wie er im Zwischendeck viele tausend Dollar verteilt, wie er seine ganze Garderobe verschenkt hatte. Was sollte man davon denken? Salden saß mit an der Tafel, aber auch in der letzten Minute löste er nicht das Rätsel, das ihn umgab, war unnahbar wie immer.
Und der Schluß dieser Reise sollte erst den Anfang des allergrößten Rätsels bilden.
Auf dem einsamen Meere wurde es lebendig, überall tauchten Lichterchen auf, deren Zahl ständig zunahm. Man näherte sich der Küste, dem Hafen, wenn man auch noch immer einige Stunden davon entfernt war.
Es war eine warme Sommernacht, aber stockfinster.
Ungefähr eine Stunde vor Mitternacht war es, als sich vorsichtig, manchmal um sich spähend, ein Mann nach dem äußersten Hinterteile des Schiffes schlich, wo sich das Reserve-Steuerrad für die höchste Not befindet, gerade über der Schraube, welcher Teil des Schiffes für die Passagiere streng geschlossen ist.
Es war Salden. Dort, wo das von der Schraube aufgewühlte Kielwasser phosphoreszierend brandete, angelangt, blickte er nochmals um sich. Kein Matrose, kein Mensch war in der Nähe. Schnell zog er aus der Brust eine Brieftasche, entnahm ihr einige Papiere, zerriß diese und ließ die Stückchen über Bord flattern. Dann warf er die Ledertasche selbst ins Wasser.
»Vernichtet für immer ist mein Name,« murmelte er, »nun gilt es bloß noch meine eigene Persönlichkeit.«
Ehe er den Satz vollendet, hatte er die Hände auf die Bordwand gelegt und ...war mit einem Hechtsprung kopfüber in der Flut verschwunden!
Als er wieder auftauchte, war er außerhalb des Bereiches der gefährlichen Schraube, aber dort rauschte
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die >Persepolis< als ein feuriges Ungetüm mit Hunderten von glühenden Augen mit ungeschwächter Schnelligkeit davon, und kein Ruf >Mann über Bord!< war erschollen.
Und der Selbstmordkandidat befand sich in der heitersten Stimmung.
»Willkommen, mein liebes Meer!« erklang es jauchzend aus den schäumenden Wogen. »Kennst du mich noch? Bisher bin ich deinem unersättlichen Magen unverdaulich gewesen, denn schon dreimal verschlucktest du mich, und dreimal spiest du mich wieder aus. Hast du es diesmal anders mit mir vor? Nun, Meer, schlag zu; wir wollen sehen, wer stärker ist, ich oder du! Und wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben!«
Mit diesen Worten hatte er sich den Kragen abgeknöpft - also nicht abgerissen, wie es wohl jeder andere gemacht hätte, wenn er sich im Wasser dieses Kleidungsstückes entledigen wollte - sondern hatte ihn fein säuberlich abgeknöpft. Einstecken tat er ihn freilich nicht, sondern ließ ihn mit dem Schlipse schwimmen. Dann zog er den schwarzen Gehrock aus, hierauf kamen die Stiefeletten daran, und daß er dabei mit dem Kopfe unter das Wasser mußte, genierte ihn nicht im mindesten, wie man überhaupt auf den ersten Blick bemerkte, daß er ein gottbegnadeter Schwimmkünstler war, eine Seehundnatur. Als auch die Strümpfe von den Füßen waren, kamen die Hosen daran, dann die Unterwäsche, und das alles wurde so recht hübsch gemächlich ausgezogen, da wurde kein Band abgerissen, schließlich streifte er sich auch noch das Hemd über den Kopf, und nun, so wie ihn der liebe Gott erschaffen hatte, ging es mit mächtigen Stößen vorwärts, dorthin, wo in der Ferne die meisten Feuer leuchteten.
In den letzten Tagen war die See sehr aufgeregt gewesen, jetzt wieder geglättet, wenigstens hatte man von dem hohen Schiffe aus nur eine leicht gekräuselte Wasseroberfläche gesehen ... aber wenn man selbst im >leicht gekräuselten
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Ozean< liegt - ei die Dunnerwetter! würde da wohl mancher sagen - denn da geht's noch immer bergauf und talab, das Wasser schlägt dem ungeschickten Schwimmer noch oft genug über dem Kopfe zusammen.
So ward also auch Salden noch tüchtig vom Wellenschlag des Ozeans geschaukelt, aber er war eben ein ausgezeichneter Schwimmer, mit jedem Stoß legte er mindestens zwei Meter zurück, und dann ging es wieder einmal Hand über Hand.
Ein in weiter Entfernung vorüberstreichender Dampfer verkündete durch acht Glasenschläge die Mitternachtsstunde. Schon eine Stunde also schwamm Salden so kraftvoll, und da war noch keine Spur von Ermüdung zu merken.
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Noch eine Stunde verging, aber dem Schwimmer nicht die Kraft. Jetzt hatte er sich ein bestimmteres Ziel gewählt. Das große Lichtermeer, dem er immer näher kam, ließ er links liegen und hielt auf einen kleineren Komplex von erleuchteten Fenstern zu, welche einsam aus der dunklen Nacht hervortraten.
»Die Insel Manhattan, auf welcher New-York liegt, ist es auf alle Fälle,« murmelte er, »und meiner Ansicht nach, welche bei einem neugeborenen Kinde freilich nicht viel gilt, ist das dort ein einsames Bade-Hotel, und wenn sich das neugeborene Kindlein nicht irrt, so sollte mich das sehr freuen, dann würde ich mich dort gleich in die Wiege legen, und bei dieser Geschichte bekommt man auch Appetit.«
Noch eine halbe Stunde, und er bekam bei einem Versuche, Grund zu finden, feinen Sand unter die Füße, er begann zu waten, und immer deutlicher konnte er jetzt die Umrisse eines großen Gebäudes mit einigen erleuchteten Fenstern erkennen.
Er hatte noch immer lange Zeit zu waten, der Badegrund stieg nur allmählich an. Als ihm das Wasser nur noch bis an die Knie ging, zuckte er plötzlich etwas zusammen, blieb stehen und hob den einen Fuß, um den Splitter daraus zu entfernen, den er sich eingetreten hatte.
»Eine Stecknadel! Wahrhaftig, eine Stecknadel! Der Himmel hat mir für meinen neuen Lebenslauf das erste Bekleidungsstück geschenkt!!«
Er behielt dieses erste >Bekleidungsstück< in der Hand und hatte nun bald den trockenen Strand erreicht. Auf diesem standen viele elegante Badehütten, er untersuchte einige Türen und fand sie alle fest verschlossen, aufbrechen tat er keine.
Da sah er im Dunkeln am Boden etwas Weißes leuchten, er hob es auf - ein Bogen Zeitungspapier.
»Aaagh, Adams Feigenblatt ist auch schon gefunden! Wenn der Himmel weiter mir so gnädig gesinnt ist, betrete ich dort das Hotel noch als tadellos gekleideter
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Gentleman. Ein Glück nur, daß ich die Stecknadel aufgehoben habe. Ich habe es ja immer gesagt: der Mensch soll sparsam sein, soll auch gar nichts fortwerfen, nicht einmal eine Stecknadel. Also machen wir Toilette.«
Sein Körper war bei dem langen Waten im seichten Wasser schon trocken geworden, so wickelte er sich den Bogen Papier um die Hüften und steckte die Ränder mit der Nadel fest.
So kostümiert, marschierte er direkt auf das hellerleuchtete, noch geöffnete Portal zu, in welchem er mehrere Personen unterscheiden konnte, und was er da sah, das genierte ihn alles nicht, das Portal zu betreten.
Es war richtig ein Hotel, ein Badehotel, welches nur in der Sommersaison ständige Gäste aufnimmt.
Jetzt, in der zweiten Nachtstunde, war schon alles
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ruhig. Aber das Dienstpersonal, weibliches und männliches, hatte doch noch bis jetzt zu tun gehabt, soeben gaben alle die, welche Schlüssel unter sich hatten, diese an der Portierloge ab.
»Good morning Ladies and Gentlemen.«
Einen Moment Todesstille, und dann ein furchtbares Kreischen, und verschwunden war plötzlich alles, was einen Weiberrock getragen hatte.
Steht da plötzlich mitten unter ihnen ein nackter Kerl! Ein Glück nur, daß die Stecknadel das bißchen Papier zusammenhielt.
Der Portier aber und die Kellner und die anderen dienstbaren Geister männlichen Geschlechts reckten den Hals immer weiter heraus und machten immer größere Augen.
»Was - ist - denn - das?!«
Der nackte Mann ließ sich nicht beirren, und jetzt war er ein total anderer als noch vor zwei Stunden an Bord der >Persepolis<.
Gravitätisch setzte er das eine nackte Bein vor, stemmte die eine Hand in die Hüfte, die andere streckte er aus, und so sagte er in schnarrendem Tone mit abgerissenen Worten:
»... ääääääähhhh ... ein Zimmer ... erste Etage ... vornheraus ... mit Salon ... mit Bad ...mit Wasserklosett ... mit musikalischem Wasserklosett ... wenn man sich draufsetzt, muß es den Priesterchor aus der Zauberflöte mit voller Posaunenbegleitung und Paukenschlag spielen ...«
So schnarrte der nackte Mann im affektiertesten Tone. Und was sagten der Portier, die Kellner und die anderen dazu?
So etwas, wie hier geschildert, und was dann noch weiter geschah, ist in keinem anderen Lande möglich als nur in Amerika - um einen modernen und äußerst zutreffenden Ausdruck zu gebrauchen: im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten.
In Deutschland und in jedem anderen Lande,
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England vielleicht nicht ausgeschlossen, wäre doch sofort die Polizei geholt und der nackte Eindringling, der sich so benahm, auf die Wache oder gleich ins Irrenhaus gebracht worden. Nicht so in Amerika.
Dazu aber müssen wir den nackten Mann erst einmal mit den Augen des Hotelpersonals betrachten.
Sie sahen eine schlanke Männergestalt, aber der Körper ausgebildet wie der eines Athleten, die kleinste Muskel trat wie gemeißelt hervor - und sie sahen die
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wohlgeformten Füße, ebenso mit peinlicher Sorgfalt gepflegt wie die schlanken Hände - und im Augenblick war ihnen alles klar; das war so ein Faxenmacher vom Athletic-Klub, dem vornehmsten Klub New-Yorks, dem lauter solche Dandies angehören, welche nicht wissen, wie sie Zeit und Geld totschlagen sollen, hier handelte es sich einfach um eine tolle Wette.
Also die dienstbaren Geister verbissen ihr aufsteigendes Lachen und waren wie die Ohrwürmchen um den sonderbaren Gast herum, denn da gab es natürlich dann, wenn es zur Auflösung kam, fürstliche Trinkgelder.
»Sehr wohl, mein Herr, ein Zimmer vornheraus. Wünschen der Herr vielleicht noch zu speisen?«
»Speisen, jawohl ... auf meinem Zimmer ... Weinkarte ... und eine Spielkarte ... ganz neu ... und ein Nachthemd ... braucht nicht ganz neu zu sein.«
»Sehr wohl, mein Herr.«
Gut, der späte Gast, dessen ganzes Gepäck in einer Stecknadel und in einem Zeitungsblatt bestand, ward in ein prachtvolles Schlafzimmer geführt, in dem nichts weiter fehlte als das Wasserklosett mit Musik. Zuerst brachte ihm der Kellner ein langes Nachthemd, Salden, wie wir ihn vorläufig noch nennen wollen, bestellte eine Flasche des teuersten Champagners, die Küche lieferte noch immer ein ausgewähltes Souper. Auf einem Teller lagen auch die gewünschten Spielkarten.
»Wünschen der Herr sonst noch etwas?«
»Nein, für jetzt nichts mehr. Morgen früh den New-Yorker Herald und andere Morgenzeitungen.«
»Sehr wohl, mein Herr.«
Der Kellner wünschte gute Nacht und ging, der Gast schloß sich ein, um die Mahlzeit im Nachthemd einzunehmen, und dann konnte der kuriose Kauz für sich allein auch noch eine Partie Karten spielen - oder für sein künftiges Schicksal sich die Karten legen.
Unterdessen wälzten sich unten die Kellner und Dienstmädchen vor Lachen. Besonders über das
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>musikalische Wasserklosett mit Posaunenbegleitung und Paukenschlag< konnten sie sich gar nicht wieder beruhigen. Wenn nur erst der helle Tag anbräche, daß man sehen konnte, wie sich das noch weiter entwickelte, was sich aus dem nackten Fremdling noch entpuppte. - -
Die Morgenzeitungen waren nach und nach gekommen, und da der rätselhafte Gast sie doch auf sein Zimmer bestellt hatte, durfte der Kellner es wagen, die Zeit des Wiedersehens abzukürzen, er klopfte an die Tür.
»Come in!«
Der Riegel konnte durch einen Mechanismus vom Bett aus zurückgeschoben werden, der Kellner trat ein.
Salden lag noch im Bett, die Schüsseln und die Flasche waren geleert, aber das Spiel Karten verschwunden.
»Hier sind die gewünschten Morgenzeitungen.«
»Geben Sie her!«
»Befehlen der Herr das Frühstück?«
»Jawohl, das Frühstück. Es darf etwas ausgiebig sein. Und Seife und Kamm usw.«
Der Kellner brachte mit mehreren Gängen alles Verlangte. Salden las im Bett die Zeitungen.
»Halt,« kommandierte er, als sich der Kellner wieder entfernen wollte, »wem gehört dieses Hotel?«
»Mr. Ephram.«
»Ist er anwesend? Ist er zu sprechen?«
»Während der Saison ist Mr. Ephram immer anwesend. In einer Stunde wird er zu sprechen sein.«
»Gut, ich möchte ihn dann sprechen. - Halt! Kennen Sie die dem Meere entstiegene, schaumgeborne Venus, auch Aphrodite genannt?«
Der Kellner machte ein sehr dummes Gesicht.
»Nein, diese Dame ist mir leider unbekannt.«
»Schade. Die bin ich auch nicht - aber ihr Bruder. Rufen Sie den Hotelier, ich muß ihn sprechen, ehe ich hier noch mehr Schulden mache.«
Als sich der Kellner entfernte, war ihm etwas unwirsch im Kopfe. Wenn er den Herrn sonst auch gar
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nicht verstanden hatte, so summte ihm doch immer das fatale Wort >Schulden< in den Ohren.
Der Hotelbesitzer kam. Er hatte schon von seinen Leuten alles erfahren, es hatte ihn sehr amüsiert, schließlich war er doch auch ein Mensch, freilich mehr noch Geschäftsmann.
Salden hatte das Bett verlassen und sich gewaschen, sonst aber empfing er den Hotelier natürlich im Nachthemd.
»Sie wünschten mich zu sprechen, mein Herr? Ich bin der Besitzer dieses Hotels. Ephram ist mein Name.«
Das Nachthemd machte eine tadellose Verbeugung.
»Sehr angenehm. Nobody ist mein Name.«
Auch den Hotelbesitzer befiel plötzlich eine unangenehme Empfindung. Jetzt hätte der vornehme Faxenmacher wenigstens seinen Namen nennen müssen. Denn >Nobody< heißt auf deutsch >Niemand<. Das war also der Herr Niemand. Nun gibt es im Englischen allerdings diesen Namen, auch im Deutschen, aber ... die ganze Geschichte gewann jetzt doch den Anschein, als habe man es mit einem Individuum zu tun, das seinen Namen nicht nennen wolle.
Und das sagte der vormalige Salden dem Hotelier denn auch gleich offen heraus, immer höflich, aber auch etwas von oben herab, und den Mann dabei immer fest anblickend.
»Sie werden erfahren haben, unter welchen außergewöhnlichen Umständen ich diese Nacht Ihr Hotel betreten habe. Ich schulde Ihnen ein Zimmer, ein Souper, ein Flasche Champagner und noch mehreres andere. Ehe ich noch weitere Schulden mache, teile ich Ihnen mit, daß ich keinen Cent besitze, vollständig mittellos bin, und bitte Sie dennoch, mich nicht für einen Hochstapler oder Zechpreller halten zu wollen.«
Wohl stutzte der Wirt noch mehr als zuvor, aber war dies die Sprache und das Benehmen eines Hochstaplers?
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Und dann diese merkwürdigen Augen, sie schlugen den Hotelier wie in einen Bann.
»Ja, wer sind Sie da aber, mein Herr? Wo haben Sie Ihre Kleider gelassen? Wie sind Sie überhaupt in solch eine Lage gekommen?«
Mr. Nobody, wie er sich jetzt nannte, nahm vom Tisch den >New-Yorker Herald< und hielt ihn dem Hotelier entgegen, auf eine bestimmte Stelle deutend.
»Haben Sie diesen heutigen Artikel schon gelesen?«
Ein mysteriöser Vorfall an Bord des Schnelldampfers >Persepolis<.
So lautete die fettgedruckte Ueberschrift des Sensationsartikels. Als die >Persepolis< heute früh bei Tagesanbruch am Quai beigelegt hatte, waren, wie gewöhnlich, die Berichterstatter der verschiedenen Zeitungen an Bord gekommen, um über eventuelle bemerkenswerte Begebenheiten während der Reise zu forschen.
Ja, da konnte man allerdings etwas erzählen. Ein Passagier war heute über Nacht plötzlich verschwunden, hatte anscheinend Selbstmord begangen.
Als die >Persepolis< Long-Island passierte, waren - unvermutet früh - die amerikanischen Zollbeamten mit der üblichen Polizeibegleitung an Bord gekommen, die noch schlafenden Passagiere wurden mit amerikanischer Rücksichtslosigkeit sofort geweckt, um zunächst ihr Handgepäck untersuchen zu lassen.
Ein Passagier fehlte - Mr. Eugen Salden. Ein Steward begab sich zunächst nach der Kabine, an deren Tür er vorhin stark geklopft hatte, er tat es auch jetzt, keine Antwort, er öffnete die unverschlossene Tür, Mr. Salden war nicht darin - aber sofort erblickte der Steward ein großes Stück Pappe, auf welches mit dicken Buchstaben geschrieben war:
»Ich, der ich mich Eugen Salden nannte, springe heute nacht um elf Uhr über Bord.«
Der Selbstmordkandidat verhinderte durch diese letzte
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Mitteilung das Durchsuchen des ganzen Schiffes nach seiner fehlenden Person.
Ein Selbstmordkandidat? Jetzt begannen die rätselhaften Aussagen der Passagiere und Angestellten, welche ihn beschreiben wollten - rätselhaft dadurch, daß sich ihre Angaben so widersprachen.
Bartlos, ja, darin waren sie sich einig, aber das war auch das einzige.
»Noch nicht zwanzig Jahre alt. - Mindestens vierzig. - Klein. - Mir kam er sehr groß vor. - Ein rücksichtsloser Patron. - Ungemein höflich und zuvorkommend ...«
Und so ging es weiter, bis schließlich wieder alle darin übereinstimmten: »Es war eine ganz eigentümliche, rätselhafte Perfünlichkeit, die jedem sofort auffallen mußte.«
Bevor er in den Tod ging, hatte er alles verschenkt, was er besaß. Es wurde konstatiert, daß er im Zwischendeck fast 6000 Dollar verteilt hatte, dem irländischen Auswanderertrupp hatte er ja allein 5000 Dollar geschenkt. Jetzt erzählte auch der Tabaksagent, wobei er sich gar nicht zu kompromittieren brauchte, wie ihm jener Mann seine Wertsachen angeboten hatte, er zeigte die goldene Uhr und die anderen Kleinodien. Seine Koffer, die er mit Restinhalt dem Steward geschenkt hatte, mußten geöffnet werden. Alles aufs feinste. Allein das große Toilettennecessaire verriet den geborenen Elegan. Aber kein Name, kein Monogramm in der Wäsche, gar nichts.
Warum hatte er Selbstmord begangen? Aus Geldnot sicherlich nicht. Der nächste oder sogar der erste Grund ist immer die Liebe.
»Gewiß, er trug eine unglückliche Liebe in seinem Herzen,« flötete eine Dame, »ich sah es ihm sofort an, ich ahnte ein Unglück, er sah so unsäglich melancholisch aus.«
»I Gott bewahre, der hatte überhaupt gar kein Herz im Leibe, er sah aus, als ob er das Phlegma selber wäre.«
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Warum hatte er den Selbstmord erst kurz vor New-York begangen, wo er doch auf dem hohen Ozean viel sicherer seinen Tod gefunden hätte?
»Er hat die Ausführung seines entsetzlichen Vorhabens immer und immer wieder hinausgeschoben, es fehlte ihm an Mut, er sah auch so energielos aus.«
»I Gott bewahre! Das war ein Mann, der nicht in der Ausführung eines einmal gefaßten Entschlusses schwankt; das war ein Mann mit einer rücksichtslosen Energie, die alles unter die Füße tritt.«
Je mehr man fragte und über den Fall grübelte, desto unergründlicher wurde das Rätsel nur.
Die Zeitungsreporter bemächtigten sich dieser Sache mit Heißhunger und fabrizierten in aller Geschwindigkeit die sensationellsten Berichte. Wohl waren diese etwas übertrieben, aber aus Wahrheit beruhten sie dennoch - ja, sie gaben die Größe des Rätsels nicht einmal wieder, wie es in Wirklichkeit war. Das konnte erst mit der Zeit geschehen. - -
»Ich habe diesen Artikel bereits gelesen, es steht davon in allen Zeitungen,« sagte der Hotelier, und mit einem erstaunten Blick auf den Mann im Nachthemd setzte er hinzu: »Das sind doch nicht etwa Sie?!«
»Ja, das bin ich, aber jetzt nicht mehr Eugen Salden, was auch nur ein angenommener Name war, sondern Nobody - ein Niemand.«
»Sie haben den Tod in den Wellen nicht finden können?«
»Nicht finden wollen. Ich habe nicht daran gedacht, einen Selbstmord zu begehen. Ich sprang in der Nähe des Hafens ins Wasser, um schwimmend die Küste von Amerika zu erreichen, im Wasser entkleidete ich mich vollständig, und das weniger deshalb, weil mich die Kleidung am Schwimmen hinderte, als vielmehr, weil ich das amerikanische Festland völlig mittellos, so wie Gott jeden Menschen zur Welt kommen läßt, betreten wollte ...«
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»Ah, es handelt sich um eine Wette?!« rief der Hotelier, der als Yankee, wenn auch sonst ein trockener Geschäftsmann, für alles Exzentrische schwärmte.
»Nehmen Sie an, es handele sich um eine Wette. Erst aber etwas anderes. Ich mußte wohl länger als zwei Stunden schwimmen ...«
»Zwei Stunden im offenen Meere, kolossal!!«
»Es war ein Zufall, daß ich gerade hier vor ihrem Hotel landete. Ich hatte Hunger und Durst und war müde. Ich bestellte, ohne zu sagen, daß ich nicht bezahlen könne. Ich kann es auch jetzt noch nicht. Mein ganzes Besitztum besteht in einer Stecknadel und einem Bogen Zeitungspapier, und auch das gehört eigentlich Ihnen, denn ich habe es auf Ihrem Grund und Boden gefunden. Sie könnten mich jetzt als Zechpreller der Polizei ausliefern ...«
»O, mein Herr!« unterbrach ihn der Hotelier mit abwehrender Handbewegung. »Für wen halten Sie mich denn? Sie haben doch den armen Leuten im Zwischendeck 6000 Dollar geschenkt!«
»Halt! Dies ändert an der Sachlage nichts. Ich habe das Geld eben verschenkt, und ich bin nicht der Mann, ein Geschenk wieder zurückzufordern. Doch Sie haben recht, wenn Sie nach allem, was Sie hier gelesen haben, mir vertrauen. Es handelt sich tatsächlich um eine Wette, nur daß ich diese nicht mit einem anderen, sondern nur mit mir selbst abgeschlossen habe. Das heißt, ich habe mir die Ausführung eines Experimentes vorgenommen. Zahllose Auswanderer landen alljährlich in Amerika, mehr oder weniger mit Geld ausgestattet, sie alle sind von den optimistischsten Hoffnungen beseelt, sie alle gedenken in der neuen Welt eine sichere Existenz zu finden, mehr noch, träumen gleich von Reichtümern, die sie sich durch Arbeit oder Spekulation erbeuten werden, und je mehr jemand Kapitalien mitbringt, desto schneller hat er sich im Traume zum zweiten Vanderbilt gemacht. Wie diese Träume meistenteils zu Wasser werden, ist Ihnen selber bekannt.
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Ich aber wollte diesen Erdteil hilflos und nackt betreten, wie mich der liebe Gott erschaffen hat, fremd, unbekannt, kein einziger Mensch soll wissen, wer ich bin, wie ich früher hieß - und noch an demselben Tage, also heute will ich ein Einkommen von jährlich mindestens 100 000 Dollar besitzen.«
»Von ... wieviel?«
»Von 100 000 Dollar - mindestens.«
Daß der Wirt jetzt ein etwas ungläubiges Gesicht machte, war begreiflich. Er mußte auch daran denken, ob er nicht vielleicht einen Geistesgestörten vor sich hatte.
»Zunächst,« fuhr der kleine Krösus im geborgten Nachthemd fort, »muß ich Ihnen beweisen, daß ich auch wirklich kreditfähig bin. Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß ich mir vom Kellner eine Spielkarte geben ließ?«
Der Hotelier bejahte sehr verwundert. Auf welche Weise wollte der sich denn durch diese Spielkarte Kredit verschaffen?
»Ich führe an, daß ich eine Spielkarte bei mir habe, damit Sie sich vor mir nicht etwa fürchten,« lächelte Nobody. »Uebernatürliche Kräfte besitze ich nicht, auch bei mir geht alles mit natürlichen Dingen zu. Geschwindigkeit ist keine Hexerei.«
Mit diesen Worten hatte er den rechten Aermel des Nachthemdes bis weit zur Schulter aufgekrempelt, und auch der Hotelier staunte über den Arm, den er zu sehen bekam - nicht riesenhaft, nicht herkulisch, aber dennoch von einer Muskelentwickelung, wie der Mann so etwas eben noch nicht gesehen hatte.
»Sie sehen meine Hand, ich habe nichts darin.«
Dicht vor den Augen des Wirtes drehte er die erhobene Hand mit gespreizten Fingern hin und her. Auch diese Hand fiel dem Hotelier auf, so schlank, so wohlgepflegt und dennoch strotzend von Muskeln. Jetzt wußte der Wirt, daß er einen Taschenspieler vor sich hatte. Doch was für ein außergewöhnliches Kunststück will man denn heutzutage mit Karten noch vormachen?
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»Ich habe nichts in der Hand?«
»Gewiß nicht.«
»Welche Karte soll ich aus der Luft greifen?«
»Pik-As.«
Wie es geschah, d. h., welchen Eindruck es machte, läßt sich nicht beschreiben. Der Taschenspieler griff in die Luft, die Karte wuchs ihm aus dem dem Beobachter abgekehrten Handteller heraus, durch die eigentümliche Bewegung aber sah es gerade so aus, als zöge er die Karte aus der Luft - kurz und gut, plötzlich hielt er zwischen seinen Fingern das Pik-As.
Der Hotelier war starr vor Staunen. Wohl hatte er derartige Kunststücke und auch ganz dieses selbe schon oft genug gesehen, aber doch nie in solcher Nähe, so dicht vor den Augen, und dann war die Täuschung auch niemals eine solch überzeugende gewesen; der Hotelier hätte gleich schwören mögen, dieser Mann hatte die Karte wirklich aus der Luft gegriffen.
»Wie in aller Welt machten Sie denn das? Wo bekamen Sie die Karte denn nur plötzlich her?«
Der Taschenspieler blieb die Erklärung schuldig.
»Geschicklichkeit ist so wenig Hexerei wie Geschwindigkeit. Nennen Sie eine andere Karte.«
»Herz-Dame.«
Genau wieder dasselbe, und so noch mehrmals. Der Taschenspieler zog die gewünschte Karte aus der Luft, aus dem Knie des Hoteliers, aus dessen Nase, also immer dichter vor seinen Augen, und der Mann konnte absolut nicht begreifen, woher jener die Karten nahm, wie er sie plötzlich in seine Hand schmuggelte.
»Bitte, da sagen Sie mir doch, wie Sie das nur machen,« schmeichelte immer wieder der Yankee, der sonst gar nicht danach aussah, als ob er über solche Kunststückchen die Fassung verlieren könnte. »Wo haben Sie nur die Karten? Wenn Sie es mir nicht erklären, glaube ich wirklich noch an Zauberei.«
»Es geht ganz natürlich zu, aber solch ein
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Geheimnis darf man nicht verraten. Glauben Sie, daß ich sofort von einer Variété-Bühne engagiert werde? Und ich kann nämlich noch ganz andere Sachen.«
»Aber natürlich,« rief der Hotelier begeistert. »Mann, Sie sind ja im Besitze einer Goldquelle!! 25 Dollar für jede Vorstellung - nein, 50 Dollar und noch mehr - wenden Sie sich sofort an Mr. Lewis, ich kenne ihn persönlich, er ist mein Freund, er kommt gleich her, wenn ich zu ihm schicke ...«
»Wer ist das, Mr. Lewis?«
»Der artistische Direktor vom Atlantic-Garden. Kennen Sie den Atlantic-Garden? Das größte Vergnügungsetablissement von New-York, der Variété-Saal faßt 8000 Zuschauer. - Doch nein, solche Kartenkunststücke sind auf der Bühne in einem so großen Saale nicht wirksam. In Klubs müssen Sie sich produzieren, 100 Dollar für die Vorstellung, Sie brauchen nur erst einmal einen Anfang gemacht zu haben, dafür kann ich sorgen, dann haben Sie für jeden Abend eine Bestellung, die reichen Klubs überbieten sich ...«
»Und ich sage Ihnen, ich werde dennoch im Atlantic-Garden auftreten, und das schon heute abend, aber nicht für 25 Dollar, sondern für 250 Dollar, denn, wie schon erwähnt, ich kann noch etwas ganz anderes, was in Amerika noch kein Mensch gesehen hat. - Jetzt, Mr. Ephram, wollte ich Sie bitten, mir den Berichterstatter einer großen Zeitung, womöglich des New-Yorker Herald, zuzuführen, der mich interviewt.«
»Das wollte ich Ihnen bereits vorhin sagen,« beeilte sich der Hotelier zu entgegnen, »und das paßt vortrefflich. Mr. Law, der für den New-Yorker Herald berichtet, ist gerade hier bei mir ...«
»Ein gewöhnlicher Reporter?«
»O nein, was meinen Sie wohl! Das ist kein Reporter, welcher sofort den Bleistift vom Leder zieht, wenn ein Droschkengaul stürzt. Mr. Law ist Korrespondent und politischer Interviewer, im letzten Kriege
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bekam er einen großen Dampfer zur Verfügung gestellt, mit dem er die englische Kriegsflotte begleitete, der steht sich glänzend, und er hätte es nicht einmal nötig, er hat die Tochter von H. P. World geheiratet, sein einziges Kind. Sie kennen doch H. P. World?«
»Wer ist das?«
»Der größte Verlagsbuchhändler von New-York, von Amerika, ein vielfacher Millionär.«
»Was verlegt er?«
»Romane, Jugendschriften. Er verlegt alles, wenigstens immer das, womit ein Geschäft gemacht wird. Die ganze Familie ist jetzt bei mir zur Sommerfrische.«
»Bitte, wenn sich Mr. Law zu mir bemühen will. Im Hemd kann ich ihm wohl nicht meine Aufwartung machen.«
»Nein, nein, Sie müssen auch noch Ihr Hemd ausziehen,« rief der Hotelier, schon in der offenen Tür stehend, noch zurück.
»Glück wie immer,« murmelte Nobody, als er allein war, griff in die rechte Achselhöhle und brachte aus diesem Versteck die Karten zum Vorschein, welche er vorhin nicht gezogen hatte.
Er mußte ziemlich lange warten. Mr. Law mochte noch nicht aufgestanden sein, und dann zeigte es sich auch, daß ihm der Hotelier erst alles erzählt hatte, was er von dem rätselhaften Gaste zu hören und zu sehen bekommen.
Dann kam der Hotelier zurück mit Mr. Law, einem noch jungen Manne, dieser in Begleitung eines älteren, gar klug dreinblickenden Herrn, den er als seinen Schwiegervater vorstellte. Der weltgewandte Berichterstatter bat um Entschuldigung, aber Mr. World interessiere sich höchlichst für den >Löwen des Tages<, und so ging es zuerst, wie es bei derartigen Gelegenheiten unter gewandten Männern immer geht, es wurden Entschuldigungen und Komplimente gewechselt, aber ebenso verstanden diese Männer die Einleitung auch auf die
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notwendigsten Zeremonien zu beschränken. Dann hatten sie sich einander gegenübergesetzt, auch der Hotelier blieb, und der Zeitungsschreiber hatte >vom Leder gezogen<, d. h. Notizbuch und Bleistift zur Hand genommen.
»Wer sind Sie, mein Herr?«
»Das bleibt mein Geheimnis.«
»Auf diese Weise hat der Interviewer einen sehr schweren Stand,« scherzte Mr. Law.
»Das tut mir leid, aber über meine Vergangenheit spreche ich nicht, ich habe einen Grund dazu. Die Vergangenheit ist hinter mir begraben, im Meere versenkt, ich bin ein neugeborener Mensch, ein vom Klapperstorch frisch aus dem Teich gebrachtes Kindlein.«
»Haben Sie ein Verbrechen begangen?« fragte der amerikanische Zeitungsmensch so gelassen, wie man jemand fragt, ob er mit Mehl oder mit Kohlen handelt.
»Nein,« entgegnete der Mann im Nachthemd ebenso gelassen, »ein Verbrechen habe ich nicht begangen, nichts, was mich einer polizeilichen Verfolgung aussetzte. Der Grund, daß ich über meine Vergangenheit absolutes Schweigen beachten werde, ist ein ganz anderer.«
»Sie stammen aus einer angesehenen Familie, für welche Sie als tot gelten möchten.«
»Wenn Sie solchen Scharfsinn zutage legen, dann muß ich etwas offener sein: ja, so ist es.«
»Aus einer aristokratischen Familie?«
»Ja.«
»Aus einer fürstlichen Familie?«
»Ja.«
»Aus einem regierenden Fürstenhause?«
»Halt! Jetzt ist es genug. Aus einer fürstlichen Familie, mehr sage ich nicht.«
»Deutscher?«
»Nein, ja, nein, ja, nein, ja. Wählen Sie sich nach Belieben aus.«
»Dann erlauben Sie wenigstens, daß ich Sie als einen Germanen bezeichne.«
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»Woraus schließen Sie das?«
»Aus Ihren echt germanischen Gesichtszügen.«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«
Nobody stand auf, nahm ein Handtuch, schlang sich dieses geschickt wie einen Turban um den Kopf - trat, den Herren den Rücken kehrend, vor den Wandspiegel, tastete einige Augenblicke mit den Händen im Gesicht herum, es war, als ob er dieses durch Striche massiere, drehte sich schnell wieder um und setzte sich.
Das Staunen der Herren war grenzenlos, zuerst fanden sie gar keine Worte. Der Mann, der vorhin auf dem Stuhle, auf diesem Stuhle gesessen hatte, war nämlich ein vollkommen anderer gewesen.
»Das ist ja ein Chinese!!!« stieß Mr. World endlich in der größten Bestürzung hervor.
Ja, jetzt waren es plötzlich die charakteristischen Gesichtszüge eines Chinesen oder doch eines Mongolen, und da brauchte man auch nicht im geringsten die Phantasie zu Hilfe zu nehmen.
Vor allen Dingen die geschlitzten, schiefstehenden Augen, das lange Gesicht mit den hervortretenden Backenknochen, die schmalen Lippen, die eingedrückte Nase -
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ein richtiges Mongolengesicht. Der Turban verdeckte die blonden Haare, so daß diese nicht störten.
»Na, nun sagen Sie bloß in aller Welt, wie machen Sie denn das nur?!«
Der Chinese griff sich in das Gesicht, man sah, wie er die Hautfalten verschob, warf den Turban ab - und saß wieder als der vorige da.
»Unglaublich!! Sie sind Verwandlungskünstler.«
»Nicht professioneller. Eine Anlage dazu, meine Gesichtsmuskeln zu verschieben, mag ich immer gehabt haben, aber zu dem, was ich jetzt darin leiste, habe ich mich erst in der Einsamkeit ausgebildet. Ich bin noch nie in der Öffentlichkeit aufgetreten. - Hat Ihnen Mr. Ephram von dem Kartenkunststückchen erzählt, das ich ihm vorhin zeigte?«
»Ja, er tat es, und ich möchte Sie bitten, uns das noch einmal vorzumachen.«
»Ich werde Ihnen dann noch etwas ganz anderes zeigen, möchte Sie aber vorher auf etwas aufmerksam machen. Wie ich schon gestand, stamme ich aus einem angesehenen, sehr bekannten Hause ...«
»Aus einem Fürstenhause,« ergänzte der Berichterstatter.
»Meinetwegen. Außerdem bin ich seit meiner frühesten Jugend, oder doch seit meinem Jünglingsalter, abgesehen von einer langjährigen Pause, rastlos in der Welt umhergewandert, ich bin überall gewesen, und zwar als ein vermögender, als ein reicher Mann. Ich bin einmal ein Krösus gewesen. Aber ich bin auch immer ein Verschwender gewesen. Ich habe wiederholt große Summen in die Finger bekommen.«
»Durch Erbschaft?«
»Das sage ich nicht. Das letztemal waren es ungefähr zehn Millionen, und ich habe diese zehn Millionen innerhalb von zwei Jahren durchgebracht ...«
»Zehn Millionen ... Mark?« fragte der Reporter hinterlistig.
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Allein der Mann im Nachthemd ging nicht in die ihm gestellte Falle.
»Zehn Millionen. Sagen Sie das nur einfach in Ihrem Bericht, Wenn man in zwei Jahren zehn Millionen durchbringt, so ist es ziemlich gleichgültig, ob es Mark oder Dollars oder Pfund Sterling gewesen sind. Eine außerordentliche Leistung bleibt es immer. Das heißt, ich will mit dieser meiner Verschwendung nicht etwa renommieren. Oder meinetwegen auch, gut, ich renommiere damit. Mir ganz egal ...«
»Sie sind überhaupt auf jeden Fall ein ganz außergewöhnlicher Mensch.«
»Ein Abenteurer bin ich. Ein Abenteurer comme il faut. Eine geborene, rastlose Abenteurernatur. Und für seinen Charakter kann niemand. Also, was ich sagen wollte: in zwei Jahren habe ich zehn Millionen durchgebracht, jetzt in den letzten zwei Jahren, und zwar immer in der tollsten Weise an den belebtesten Orten zwischen einer internationalen Lebewelt. Nun sage ich aber, daß von jetzt an mich niemand mehr kennen wird. Wie ist das möglich? Sollte ich denn nicht einmal mit jemandem wieder zusammenkommen, der mich von früher her kennt? Denn so groß ist die Erde gar nicht.«
»Ja, wie wollen Sie das verhindern?«
»Ich habe es bereits verhindert, indem ich mich unter dem Publikum niemals in meiner wahren Gestalt zeigte. Abenteurer und Schauspieler sind sehr verwandte Naturen, und ich bin auch ein geborener Schauspieler. Das Komödiespielen ist meine Lust. So bin ich nie in meiner wahren Gestalt aufgetreten, sondern immer in den verschiedensten Masken, sogar als Dame ...«
»Als Dame?«
»Als junge und als alte Dame, wochenlang, monatelang. Aber auch noch in ganz anderen Charakterrollen, als ... o, Sie würden es ja nicht glauben, wenn ich Ihnen erzählen wollte, wie toll ich es getrieben, was ich für Abenteuer erlebt, wie ich das Publikum, die ganze
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Welt düpiert habe. Deshalb schweige ich lieber gleich ganz davon. Aber jetzt habe ich die Vergangenheit hinter mir begraben, als neugeborener Mensch habe ich die neue Welt betreten. Als ich das Schiff bestieg, welches mich nach Amerika bringen sollte, waren 4000 Dollar der letzte Rest meines einst immensen Vermögens. Was sollten mir die? Ich warf sie von mir. Kein neugeborener Mensch hat Geld bei sich.«
Er schilderte noch einmal, wie schon dem Hotelier, warum er nicht die Landung des Dampfers abgewartet, sondern ins Meer gesprungen war, um schwimmend das Festland zu erreichen. Eben eine romantische, abenteuerliche, bizarre, exzentrische Natur, die immer am liebsten das tut, was sonst keinem vernünftigen Menschen einfällt.
»Ich verstehe,« sagte der Journalist, »Sie sind ein ganz außergewöhnlicher Mensch, selbst Ihre Exzentrizität ist genial. - Nun haben Sie sich doch geäußert, noch heute wollten Sie ein Engagement abschließen, welches Ihnen ein jährliches Einkommen von 100 000 Dollar sichert. Darf ich fragen, was Sie da im Auge haben? Wollen Sie durch Vorstellungen so viel verdienen?«
Nobody lehnte sich zurück und schlug unter dem Nachthemd die Beine übereinander.
»Ein Engagement? So habe ich vorhin zu Mr. Ephram gesagt, aber das habe ich eigentlich nicht gemeint. Ich habe noch viel mehr vor. Ich will etwas vollbringen, was einzig in der Welt dasteht. Ich, ein vollständig mittelloser, gänzlich unbekannter Mann, will noch heute der Mitinhaber einer Millionenfirma sein.«
Das war ein bißchen ein starker Tobak. War dieser Mann nicht etwas gar zu sehr von sich eingenommen? Nur die Höflichkeit duldete es nicht, daß die Herren ungläubig lächelten.
»Hier in Amerika?«
»Hier in Amerika!«
»Doch nicht gar eine New-Yorker Firma?«
»Eine New-Yorker Firma.«
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»Irgend eine, oder haben Sie Ihr Auge schon auf eine ganz bestimmte Firma gerichtet, in welche Sie noch heute als Kompagnon eintreten wollen?«
»Eine ganz bestimmte.«
»Ach, das ist ja höchst interessant! Bitte, nennen Sie mir doch den Namen dieser Millionenfirma.«
»Gewiß, Sie kennen dieselbe, Mr. Law. Sie heißt: Verlagsbuchhandlung H. P. World.«
Dieser Tobak war nun freilich gar zu kräftig! Dachte der vielleicht, wenn, er über seine Abenteuer ein Buch schrieb und es in jenen Verlag gab, er könnte da gleich Mitinhaber der Verlagsbuchhandlung werden? Und er hatte doch auch von einem jährlichen Einkommen von 100 000 Dollar gesprochen.
Kurz, diese Herren, welche die Verhältnisse kannten, den Hotelier nicht ausgeschlossen, blickten verblüfft auf den dem Meere entstiegenen Mann im gepumpten Nachthemd, der mit solch unverfrorener Keckheit so etwas behauptete! Und am allerverblüfftesten war natürlich Mr. World selbst.
»Oho,« brachte der Schwiegersohn endlich hervor, »ohoooo!!«
»Nu nööööhh!« folgte der Schwiegervater nach, wenn er sich dabei auch eines entsprechenden englischen Ausdrucks für sein abwehrendes Staunen bediente.
»So ist es,« sagte aber Nobody mit Seelenruhe, »so wird es kommen, oder aber, Mr. World, Sie treten Ihr Glück mit Füßen. Aber Sie werden darauf eingehen, denn ich habe Sie bereits erkannt, und ich irre mich nie in einem Menschen. Also ich behaupte, bis heute Mitternacht werden Sie meinen Plan akzeptiert haben, mit mir zusammen eine Zeitung herauszugeben, welche, mit einem ganz geringen Kapital zur Begründung, nur einen einzigen Redakteur nötig habend, uns einen jährlichen Reingewinn von einer Million abwirft, und das schon im ersten Jahre.«
Lag es im Tone, lag es in dem eigentümlichen
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Blicke, lag es in dem ganzen Wesen dieses Mannes, daß selbst bei solchen Fachleuten, welche doch wüßten, wie schwer es ist, eine neue Zeitung einzuführen und rentabel zu machen, gar kein Zweifel an der Richtigkeit dieser kühnen Behauptung aufstieg?
»Was für eine Zeitung?!!« riefen der Journalist und der Verlagsbuchhändler hastig aus einem Munde.
»Eine Zeitung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat,«
Das Gespräch wurde durch einen Kellner unterbrochen, welcher die Ankunft von Mr. Lewis meldete. Denn der artistische Leiter des Atlantic-Garden war bereits von dem Hotelier durch einen Boten schriftlich benachrichtigt worden, um was es sich handelte, und wenn es eine neue >Attraktion< zu erwerben galt, doppelt zugkräftig durch eine vorhergehende Sensation, die den zu Engagierenden schon vorher populär gemacht hatte, so war Mr. Lewis stets zur Stelle.
Die Herren kannten sich, zuerst mußte dem Neuangekommenen doch erläutert werden, daß der Mann im Nachthemd der geheimnisvolle Passagier und wieder lebendig gewordene Selbstmörder sei - dann ging es gleich noch einmal los mit den Kartenkunststückchen.
Nobody machte genau dasselbe, was er dem Hotelier schon gezeigt hatte, nichts weiter, ganz in derselben Weise. Am meisten staunte der alte World, er wollte durchaus wissen, woher die Karten kamen, und wohin sie wieder verschwanden; der Artisten-Direktor erklärte, daß er derartiges zwar schon oft gesehen habe, aber noch niemals ausgeführt mit solch einer Vollkommenheit.
»Ja, aber woher nimmt er nur die Karten?!« rief World immer wieder. »So sagen Sie es uns doch! Sie müssen es doch auch wissen, Mr. Lewis.«
»Ich weiß es auch nicht. Das kann auf die verschiedenste Weise geschehen. Da hat jeder hervorragende Eskamoteur sein eigenes Geheimnis, und so etwas wird
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nicht verraten. - Ja, geehrter Herr, für meine Bühne ist das aber nichts.«
»Jetzt gebe ich auch nur eine Privatvorstellung im engen Zirkel. Ich will als Einleitung nur beweisen, daß ich ganz originelle Kunststückchen kann. Will mir einer der Herren einen kleinen Gegenstand geben, den ich in der Hand leicht verberge?«
»Hier, nehmen Sie meinen Siegelring,« sagte der Direktor, den Ring vom Finger streifend.
Der Taschenspieler hatte noch den rechten Aermel bis zur Schulter aufgestreifelt. Bei den nachfolgenden Experimenten, wie aber auch schon bei denen mit den Karten, gebrauchte er nur die Vorsicht, daß niemand hinter ihn und auch nicht seitwärts von ihm treten durfte. Die vier Herren mußten immer vor ihm eng in einer Reihe stehen.
Er streckte die rechte Hand dicht vor dem Direktor flach aus und legte den Ring hinein.
»Sie sehen den Ring in meiner Hand.«
»Gewiß.«
Nobody schloß über dem Ring die Finger und drehte die Faust langsam herum.
»Nun legen Sie Ihre Hände um meine Faust.«
Mr. Lewis tat es.
»Habe ich den Ring noch in meiner Faust, befindet er sich also auch noch zwischen Ihren Händen?«
»Ganz gewiß.«
Es konnte auch gar nicht anders sein. Daß er etwa den Ring habe fallen lassen oder so etwas Aehnliches, daran war gar nicht zu denken.
»Ich behaupte aber, daß der Ring aus meiner Hand verschwunden ist, kraft meines Willens.«
»Nicht möglich.«
»Wetten?«
»Ach, lassen wir das. Ich bin doch auch etwas Fachmann, und ich glaube nicht, daß Sie den Ring aus Ihrer Hand haben eskamotieren können.«
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»Ich setze mein ganzes Vermögen ein, daß der Ring nicht in meiner Hand ist.«
»Nein, nein, gewettet wird nicht,« lachte Ephram, »so lassen Sie doch sehen.«
»Oeffnen Sie meine Hand.«
Der Direktor tat es, ganz, ganz vorsichtig; ohne die Hand loszulassen, sie immer krampfhaft am Gelenk gepackt haltend, schlug er einen Finger nach dem anderen zurück und ... der Ring war noch drin!
Die Herren lachten aus vollem Halse. Das negative Resultat wirkte eben dadurch komisch, weil der Direktor gar so vorsichtig untersucht hatte.
»Sehen Sie,« sagte Nobody trocken, »hätten Sie doch mit mir gewettet, dann hätten Sie mir jetzt mein ganzes Vermögen abgewonnen - die Stecknadel und den Bogen Zeitungspapier.«
Die Herren lachten noch stärker.
»Also noch einmal. Ich muß meine Willenskraft mehr zusammennehmen, denn nur diese zaubert den Ring aus meiner Hand.«
Dasselbe wurde wiederholt, ganz wie zuvor, Lewis hielt die Faust umklammert.
»Ist der Ring jetzt noch drin?«
»Ohne alle Zweifel.«
»Was wetten Sie, daß er nicht mehr in meiner Faust ist?«
»Na, meinetwegen,« lachte der Direktor, »und ich setze gleich tausend Dollar daran, er muß noch darin sein, ich wette sogar meinen Kopf dafür.«
»Die tausend Dollar nehme ich nicht an, aber ... der Kopf ihm ab, ich will nicht eher zu Abend speisen!« zitierte Nobody aus Shakespeares Richard dem Dritten. »Oeffnen Sie meine Hand.«
Wiederum ließ der Direktor keine Vorsicht außer acht, so wenig wie er es beim Schließen der Hand getan hatte, er bog die Finger zurück und ...
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»Goddamn!« stieß er in grenzenlosem Staunen hervor.
Der Ring war verschwunden. Hier gab es keine Erklärung - wenigstens für die vier Herren nicht. Aber unter diesen war eben einer, der doch alle Taschenspielertricks kannte, und auch dieser fand keine Erklärung, wie der Ring aus der Faust, die von seinen eigenen Händen umspannt worden war, herausgekommen sein könnte.
»Sie sehen also, meine Hand ist leer,« fuhr Nobody fort, seine flache Hand wiederholt vor dem Journalisten hin- und herdrehend.
Langsam ballte er die Hand, Mr. Law mußte sofort zugreifen, die Faust also zwischen seine Hände nehmen.
»Glauben Sie, daß jetzt der Ring schon wieder drin ist?«
»Nein, das können wir unmöglich glauben!!«
Wirklich, der Ring war wieder in seiner Hand!
Er wiederholte dasselbe Experiment noch mehrmals, ließ den Ring bald verschwinden, bald wieder in seiner Hand sein. Diese Herren, welche doch schon genug solch Gauklerzeug gesehen hatten, wollten das einfache Experiment immer und immer noch einmal sehen, und jedesmal waren sie von neuem außer sich vor Staunen.
Ein einziger Umstand ließ erkennen, daß man es doch nur mit einem Taschenspielerkniff zu tun hatte. Wenn der Mann die Hand zeigte, leer oder mit dem Ringe, so hatte er die Handfläche stets nach oben gekehrt; dann schloß er die Finger und drehte die Faust erst herum, ehe er sie von fremden Händen umschließen ließ. Dieses >Herumdrehen< hatte ganz offenbar etwas mit dem Hokuspokus zu tun, aber wie ... das war und blieb ein Rätsel. Der Direktor lugte wie ein Fuchs, vergebens, er konnte nicht einmal eine Mutmaßung aufstellen, wohin der Ring ging, und woher er wieder kam.
»Fabelhaft! Nun sagen Sie doch bloß, wie Sie das machen!«
Allein der Taschenspieler gab keine Erklärung.
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Wieder legte er den Ring in seine Hand und schloß die Finger darüber.
»Wollen Sie nun einmal Ihre Hände um meine Faust schließen, damit der Ring ja nicht heraus kann?«
Es geschah, acht Hände ordneten sich um die Faust.
»Sind Sie davon überzeugt, daß sich der Ring noch in meiner Hand befindet?«
Wären die Herren nicht schon Zeugen von den vorigen Experimenten geworden, so hätte jetzt jeder von ihnen, wenn es eine Wette gegolten, Haus und Hof und seinen Kopf dafür eingesetzt, daß der Ring sich noch in der von ihren Händen umspannten Faust befand. Mr. Lewis hatte ja auch schon einmal seinen Kopf verspielt.
»Jetzt nehme ich dieses Glas ...«
Nobody stand neben einem Tischchen, aber doch so weit davon entfernt, daß er, um von diesem ein kleines Wasserglas nehmen zu können, den linken Arm weit ausstrecken und auch noch den Oberkörper stark seitwärts neigen mußte. Auf diese Weise also nahm er das Glas und erläuterte weiter, was die Herren zu tun hätten.
Sie sollten einmal ihre ineinandergeschlungenen Hände möglichst still halten, er wolle auf den Rücken der
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obersten Hand das Wasserglas setzen, er tat so, und als es stand, zog er seine linke Hand zurück.
»Eins - zwei - drei!!!«
Klirr!!! Oben von der Decke war senkrecht durch die Luft ein blitzender Gegenstand gesaust gekommen und mit voller Wucht in das Wasserglas gefallen - - es war der Ring! Und Nobodys rechte Hand war natürlich leer, wie er zum Ueberfluß noch zeigte.
»Jetzt bleibt mir der Verstand stehen,« murmelte Mr. Lewis, als er tiefsinnig seinen aus dem Glase genommenen Siegelring betrachtete.
»Mensch - Mann - Nobody,« rief dagegen der Journalist, förmlich außer sich, »Sie müssen sich in Klubs produzieren!! Sie werden mit Gold überschüttet!!«
Nobody blieb kalt.
»Nun bloß noch ein einziges Experiment, aber ein ganz anderes, welches nichts mit Taschenspielerei zu tun hat. Mr. Ephram, wollen Sie mir eine elfenbeinerne Billardkugel verschaffen, womöglich noch ganz neu. Sprünge darf sie wenigstens nicht haben.«
Der Wirt klingelte einem Kellner und gab ihm einen diesbezüglichen Auftrag.
»Meine Herren,« nahm inzwischen Nobody wieder das Wort, »was Sie bis jetzt gesehen haben, war nichts weiter als Taschenspielerei. An Geister und andere übernatürliche Dinge glauben Sie doch nicht ...«
»Bitte, ich bin Spiritist,« sagte Mr. World.
»Pardon. Sie haben mich unterbrochen. Ich wollte nämlich fortfahren: oder aber, wenn einer der Herren Spiritist sein sollte, so würde er doch nicht glauben, daß ich diese Kunststückchen, das Verschwinden des Ringes in meiner Hand mit Hilfe von Geistern zustande bringe - kurz: daß ich wirklich übernatürliche Kräfte besitze. Oder doch?«
»Nee,« meinte Mr. World trocken, »das weniger.«
»Nun gut. Ich kann aber noch ganz andere Sachen. Ich bin nämlich ebenfalls auf Spiritismus,
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und was damit zusammenhängt, eingerichtet. Das heißt, ich kann auch auf spiritualistischem Gebiete die wunderbarsten Erscheinungen hervorrufen. Aber es ist alles nur Taschenspielerei. Wenn man solch eine Gabe besitzt und sie zur Vollkommenheit ausbildet, und man ist kein redlicher Charakter, so kann solch eine Gabe unter der Menschheit großes Unglück anrichten. Die Herren verstehen wohl, was ich damit meine. Ich könnte behaupten, ein Medium zu sein. Rufen Sie die Ungläubigen zusammen, ich will sie überzeugen, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Lassen Sie die berühmtesten Physiker kommen, die schärfsten Beobachter und Denker, sie sollen mich binden und knebeln und mich mit allen ihren Meßapparaten umgeben - und ich will ihnen dennoch Dinge vormachen, daß ihnen die Haare zu Berge stehen und sie dann vor aller Welt verkünden: bei Gott, jetzt glauben auch wir! Es ist kein leerer Wahn! - Ich aber lache die Dummköpfe aus, denn es war doch alles nur Taschenspielerei. - Genug davon! Ich will mit dem Spiritismus nichts zu tun haben. Ich trete auch nicht als Anti-Spiritist auf. Die Spiritisten sind gar keine so üblen Leute, ich möchte es mit ihnen nicht verderben. Jeder mag in seinem Glauben glücklich sein. Ich habe auch noch einen anderen Grund, meine Fähigkeiten nicht öffentlich zu zeigen. Es ist nicht gut, die Menschheit auf ein Mittel, ein lächerlich einfaches Mittel, durch welches man die wunderbarsten Erscheinungen erzeugen kann, aufmerksam zu machen. Also genug davon. Was ich Ihnen jetzt ...«
»Bitte,« unterbrach der Journalist den Sprecher, »darf man nicht erfahren, wie und wo Sie sich diese Fähigkeiten und Geheimnisse angeeignet haben? Sie müssen doch einen Lehrer gehabt haben?«
»Allerdings. Und hierüber, will ich wenigstens etwas den Schleier lüften. Zu diesen taschenspielerischen Fertigkeiten habe ich allerdings immer Talent besessen,
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aber in solcher Weise ausgebildet habe ich sie erst während einer achtjährigen Gefangenschaft.«
Ah, das war ja interessant!
»Weswegen verbüßten Sie die Gefangenschaft?«
»Nicht wegen eines Vergehens, sondern weil ich im Besitze eines Geheimnisses war, welches man mir erpressen wollte.«
»Was für ein Geheimnis?«
»Dieses Geheimnis bleibt mein Geheimnis.«
»Erpreßte man Ihnen das Geheimnis?«
»Nein. Nach acht Jahren brach ich aus.«
»Wann war das?«
»Sage ich nicht.«
»Wo wurden Sie gefangen gehalten?«
»In Asien.«
»Ah, in Indien! Sie haben die Gauklerkünste von indischen Fakirs gelernt!«
»Denken Sie, was Sie wollen. Ich wurde auf Befehl eines asiatischen Machthabers acht Jahre gefangen gehalten, mit noch anderen zusammen, von diesen lernte ich die Gaukelei - mehr sage ich nicht hierüber. - - Also der Zweck, zu welchem ich eine Billardkugel forderte. Ich will Nobody heißen und will ein Niemand bleiben. Aber ich bedarf einer Legitimation. Mit dieser Elfenbeinkugel werde ich etwas ausführen, was mir kein einziger Mensch auf der Erde nachmacht, und das soll meine Legitimation sein.«
Der Kellner brachte die Billardkugel, der Hotelier versicherte sich, ob sie aus dem von ihm bezeichneten Kasten genommen sei.
»Es ist ein ganz neuer Satz, noch niemals damit gespielt worden,« sagte er, als Nobody den geäderten Elfenbeinball aufmerksam betrachtete.
»Es ist Elfenbein von einem afrikanischen Elefanten, welcher das beste liefert. Nun, meine Herren,« fuhr er fort, als sich der Kellner wieder entfernt hatte, »es ist wohl nicht nötig, daß Sie diese tadellose Billardkugel
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erst einer Prüfung unterziehen, und Sie glauben doch nicht etwa, daß unser Hotelier hier mit mir unter einer Decke steckt und die Kugel etwa erst präpariert hätte. Außerdem führe ich das Experiment mit jeder anderen Billardkugel aus, die Sie mir geben, und das immer wieder. So passen Sie denn auf.«
Er nahm die Billardkugel in die linke Hand, ballte die rechte zur Faust, so bewegte er die ausgestreckten Arme mehrmals auf und ab, er tat, als wolle er fliegen, dabei sah man, wie unter dem Hemd seine Brust immer mehr und mehr schwoll, bis er plötzlich mit der rechten Faust in die linke Hand auf die Billardkugel schlug - aber nun wie er schlug! - es war ein schmetternder Blitz - eine weiße Materie spritzte in dem Zimmer umher - und verschwunden war die Billardkugel - sie war zersplittert, zu Staub zermalmt!
»Da - das ist Mister Nobodys Legitimation - und es gibt auf der ganzen Erde keinen Menschen, der mir das nachmacht.«
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Das war kein Staunen mehr, das war lähmendes Entsetzen, mit welchem die vier Herren auf den Mann blickten, der mit einem Schlage seiner Faust eine Elfenbeinkugel in Atome zerschmetterte!
»Daß ich es mit jedem Steinschläger, wie sie sich öffentlich produzieren, aufnehme, dürfen Sie mir wohl glauben,« fügte Nobody lächelnd noch hinzu, »und hätte ich ein anderes Publikum vor mir gehabt als gebildete Herren, so hätte ich auch lieber einen großen Stein oder ein rundes Stück Gußeisen genommen. Schmiedeeisen dürfte es nicht sein. Aber die Herren wissen, was es bedeutet, eine Elfenbeinkugel so zu zerschmettern.«
Ja, diese vier Herren wußten es! Sie konnten es sich wenigstens denken.
Am ersten hatte sich Mr. Lewis gefaßt. Er setzte seinen Klemmer auf und betrachtete einen der Splitter.
»Es hat aber einmal einen Menschen gegeben, welcher ebenfalls mit einem Faustschlage eine elfenbeinerne Billardkugel zermalmen konnte,« meinte er.
»Wer war das?«
»Der Altmeister der modernen Taschenspielerei - der Italiener Bosco.«
»Sie sagen es - Bosco senior, Bartolomeo Bosco - ja, ich weiß es, der konnte es auch, ich hatte davon gehört und habe mich acht Jahre lang geübt, bis ich es ebenfalls fertig brachte, und jetzt behaupte ich, daß es außer mir keinen Menschen mehr gibt, der sich so weit ausgebildet hat.«
»Halt!« rief da plötzlich aufgeregt der Journalist. »Jetzt weiß ich auch, wo Sie gefangen gewesen sind!«
»Nun?«
»In China! Sie sind bei chinesischen Gauklern in die Lehre gegangen, vielleicht gleich bei einem chinesischen Zahnarzt, jetzt sehe ich es auch schon Ihren Händen an!«
Der chinesische Zahnarzt! Das hatte auf die Staunenden wie ein erlösendes Stichwort gewirkt. Jetzt wußten sie wenigstens, daß dieser Mann >auch nur ein
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Mensch< war. Denn es waren lauter Amerikaner, und in Amerika gibt es Chinesen genug, in New-York ein ganzes chinesisches Viertel, in dem man die Söhne des himmlischen Reiches wie in ihrer Heimat beobachten kann.
Der deutsche Leser aber bedarf wohl einer Erklärung, und es ist auch ein lehrreiches Beispiel, wie man durch einseitige Uebung gewisse Kräfte und Fähigkeiten bis zu einer schier unglaublichen Vollkommenheit ausbilden kann.
Wer einmal nach Amerika kommt, der versäume nicht, den Laden eines chinesischen Zahnkünstlers zu betreten und sich, wenn nicht sich selbst einen Zahn ziehen zu lassen, die Sache doch anzusehen.
Der schmerzensreiche Klient setzt sich auf einen Stuhl, der bezopfte Dentist guckt ihm in den Mund, besieht sich den kranken Zahn, der muß heraus, er legt dem Klienten die linke Hand auf die Stirn, greift mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in den Mund, packt den Zahn, ein kleiner Ruck - und wenn es der hartnäckigste Backzahn ist, bei dem der beste europäische Zahnkünst[l]er mehrmals mit der Zange ansetzen muß - dieser Chinese zieht ihn scheinbar ohne Anstrengung ganz einfach mit den Fingern heraus, und es braucht auch nur ein Stümpfchen zu sein, das er eben noch zwischen Daumen und Zeigefinger fassen kann.
Wie ist so etwas möglich?! Dieser Chinese ist kein herkulischer Riese, vielleicht ein dürres Männchen. Man muß es gesehen haben, um es glauben zu können.
Das ist das Resultat einer systematischen Ausbildung. Der Zahnzieher gehört in China zur Kaste der Gaukler. In diesen Kasten selbst muß der Sohn immer wieder das werden, was der Vater ist, wenigstens der älteste. Sobald solch ein kleines Kind eben begreift, was es tun soll, wird es vor ein Brett gesetzt, in welches Löcher eingebohrt sind, es werden Pflöckchen hineingesteckt, spielend muß das Kind diese herausziehen, immer und immer wieder. Wenn's nicht will, bekommt es nichts zu essen,
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und dann merkt schon das vielleicht zweijährige Kind, was man von ihm will. Und dann wächst der Junge heran, und er ist ein geduldiger Chinese, welcher gar keine Nerven zu haben scheint, es mag auch mit in dem vieltausendjährigen Kastenwesen liegen, der Junge tut also von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts weiter, als er zieht immer nur die hölzernen Pflöckchen aus den Löchern des Brettes, und immer fester werden diese eingetrieben, zuletzt mit Hämmern, immer kleiner wird die Angriffsfläche, aber immer systematisch - na, und wenn er zum Manne herangewachsen und im Vollbesitze seiner Kräfte ist, dann rupft der Kerl eben alles heraus, was er nur mit Daumen und Zeigefinger packen kann.
Wenn man daraufhin die rechte Hand solch eines chinesischen Zahnziehers betrachtet, wird man das auch erkennen. Der Daumen und Zeigefinger zeigen eine ungeheure Muskulatur, gegen diese erscheinen die anderen Finger, wenn sie auch normal sind, wie verkümmert. - -
Was sonst noch in dem Hotelzimmer verhandelt wurde, brauchen wir nicht zu wissen, wir werden das Resultat der Verhandlungen kennen lernen.
Nur eines sei hervorgehoben.
»Nein, heute abend können Sie noch nicht auftreten,« sagte Mr. Lewis, »da muß ich erst für Reklame sorgen.«
»Brauche ich nicht,« entgegnete Nobody, »meine Reklame besteht darin, daß ich keine Reklame mache.«
Und er sollte recht behalten. Eine solche Reklame, dadurch, daß er keine machte, war in dem Lande der Reklame noch nie gemacht worden, und daher auch der beispiellose Erfolg.
Dann schrieb Mr. Law für seine Zeitung über das Gehörte und Gesehene einen Bericht, wie nur so ein Zeitungsschmierer schreiben kann, 500 Zeilen in rasender Geschwindigkeit, ohne ein Wort auszustreichen. Was der Bericht enthielt, interessiert uns jetzt ebenfalls nicht mehr. Der Skribifax wußte schon sein Ding zusammenzubauen.
Die Tinte war noch nicht ganz getrocknet, als sich
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dieser Bericht schon in der Setzerei des >New-York Herald< befand.
Die Erscheinungsweise der amerikanischen Zeitungen ist eine ganz andere als die der deutschen. Die großen amerikanischen Zeitungen erscheinen täglich sechsmal und noch öfters. Jedes wichtige Ereignis, welches der Redaktion zutelegraphiert wird, veranlaßt eine neue Nummer, in welcher zugleich alles andere erledigt wird, das während der letzten Stunden auf der Redaktion eingelaufen ist, und da ist niemals Mangel. Möglich ist dies nur durch den in Amerika eigentümlichen Straßenverkauf, welcher sich aber nur auf die betreffende Stadt und die nächste Umgebung erstreckt. Das wichtigste und interessanteste aus diesen täglichen Auflagen wird dann in einer Wochennummer zusammengedrängt, welche in alle Welt hinausgeht, wie der >New-York Herald< seine Wochenausgabe sogar in Paris in französischer Sprache erscheinen läßt.
Einige Stunden später also wußte das New-Yorker Publikum, daß der geheimnisvolle Passagier der >Persepolis< noch lebe, ganz nackt den Strand erreicht habe, usw. - der Journalist hatte eben den Bericht abzufassen verstanden. - -
Der Saal des Atlantic-Gardens, welcher 8000 Menschen fassen kann, wobei man auch noch am Biertisch sitzt, war an dem heißen Sommerabend mit kaum 1000 Zuschauern besetzt, welche, da es hier für gewöhnlich nur einen Preis gibt, sich möglichst nahe an die Bühne drängten.
Es war eine Bier-Unterhaltung mit Komikern, pikanten Chansonetten und exzentrischen Clowns, fein geht es bei diesen Volksabenden durchaus nicht zu, im Gegenteil, das Publikum singt und spielt manchmal mit, besonders wenn die Vorstellung so schwach besucht ist. Dann wird es erst richtig gemütlich.
An einem der hinteren Tische machte sich ein Gast sehr unangenehm bemerkbar. Es war ein sehr alter
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Mann mit langem, weißem Vollbart, das eingefallene Gesicht voller Runzeln, er mußte die Schwindsucht haben, er hustete in einem fort auf eine entsetzliche Weise, und dann mokierte sich der alte Kerl auch noch in lauter, unverschämter Weise über die auftretenden Künstler und Künstlerinnen. Wenn er Deutsch gesprochen hätte und aus Berlin gewesen wäre, so hätten seine stereotypen Bemerkungen etwa gelautet:
»Et is jar nischt, jar nischt is et!«
Er trieb dies auf eine Weise, daß der ganze Saal auf ihn aufmerksam wurde, und wenn es nicht eine schöne Tugend des Yankee wäre, das Alter zu ehren, so wäre der alte Radaubruder schon längst an die frische Luft gesetzt worden.
»Na, da machen Sie es doch besser!« rief einer seiner Tischnachbarn erzürnt.
Jawohl, dazu sei er bereit, man solle ihn nur auf die Bühne stellen. Das geht im Atlantic-Garden an solchen Volksabenden nun alles zu machen, da braucht gar nicht erst der Direktor darum gebeten zu werden.
In einer Pause also humpelt der hustende Alte am Krückstock durch den Saal, klettert mit Mühe die Bühne hinauf, flüstert dem Kapellmeister etwas zu und beginnt ein bekanntes Lied zu singen, die Klage eines alten, armen Veteranen aus dem amerikanischen Bürgerkriege.
Wäre dieses Volkslied von einem anderen Künstler vorgetragen worden, so hätte der ganze Saal mitgesungen, aber das Publikum ist vor Staunen starr, denn immer mächtiger schwillt die herrliche Baßstimme des Alten an, bis die Kronleuchter klirren; so hat dieses Lied, hier wenigstens, noch niemand singen hören.
Ehe nach Beendigung des Liedes das Publikum in Applaus ausbrechen kann, kommt der Direktor auf die Bühne gestürzt, fragt den Alten, ob er sich engagieren lassen wolle, ob er noch etwas anderes könne - jawohl, das könnte er - und schnell zieht er seine großen Galoschen aus, streifelt seine Hosen bis zu den Knien auf, und das
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geht alles so blitzschnell, daß man kaum bemerkt, wie er jetzt an den Füßen zierliche Lackstiefelchen trägt - und dann reißt er den Rock herunter, man wundert sich nur, daß er gar keine Hemdärmel hat und daß seine Brust so nackt ist - und erst, wie er auch den weißen Bart abreißt, da beginnt man zu ahnen, daß der Alte nicht nur so zufällig auf die Bühne gekommen ist - - da aber fliegt ihm schon von unsichtbarer Hand auf den Kopf ein Chignon und über den Kopf mehrere weiße Spitzenröcke, denen ein schillerndes Kostüm folgt - - und plötzlich ist aus dem Alten eine reizende Chansonette geworden, welche mit unverfälschter Sopranstimme ihre frivolen Gassenhauer hinausschmettert, dazu exzentrische Tänze aufführt, daß die Röcke fliegen, und dazwischen einmal nach allen Regeln der Kunst ein Rad schlägt. -
Na, das war ja nun so etwas für die Yankees! Das Publikum tobte vor Entzücken, und tausend Menschen können schon einen gehörigen Skandal machen. Und das war erst die Einleitung gewesen, eine Verwandlung folgte der anderen, zunächst wurde wieder aus der feschen Chansonette ein Neger, welcher seine >Shandies< sang und dazu Step tanzte, und die Seele des Witzes liegt in der Kürze, die Verwandlung ging immer so schnell vor sich, daß man ihr gar nicht mit den Augen folgen konnte. Dann kamen bekannte Charaktermasken daran, politische Persönlichkeiten und andere, jede von einem entsprechenden >song< begleitet, und die frappante Aehnlichkeit blieb nicht nur auf der Bühne bestehen, der Verwandlungskünstler ging zwischen den Tischen hindurch, und er war wirklich die Person, welche er vorstellte, und das Publikum staunte und jubelte und heulte vor Entzücken.
Aber wer war dieser gottbegnadete Verwandlungskünstler denn? Auf dem Programm stand nichts davon, man erfuhr auch jetzt noch nicht seinen Namen.
Am anderen Morgen aber erfuhr man es, dafür sorgten die Zeitungen in spaltenlangen Berichten. Er war es, derjenige, welcher ... der geheimnisvolle
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Passagier der >Persepolis<, welcher den neuen Weltteil nackt und hilflos betreten hatte, welcher eine Billardkugel mit einem Faustschlage zermalmen konnte, usw. usw. Er würde weiter im Atlantic-Garden auftreten, und nun ging es los:
>>Sind Sie schon im Atlantic-Garden gewesen? Was, Sie haben noch nicht den Nobody in seinen Verwandlungen gesehen?!«
Er hatte recht gehabt. Er selbst machte keine Reklame, das überließ er dem Publikum. Freilich,
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von der anderen Seite betrachtet, hatte er alles von vornherein auf die allerstärkste Reklame zugeschnitten gehabt.
Jetzt aber wurde die Sache anders gehandhabt, die Biertische wurden entfernt, es gab nur noch Elite-Vorstellungen, wobei die Plätze nach amerikanischer Sitte verauktioniert wurden, bis zu hundert Dollar der Stuhl, und er war es wert. Da gab es keine Wiederholung, jeden Abend konnte man hineingehen und bekam doch immer wieder etwas Neues zu sehen, was man noch nie gesehen hatte und nie für möglich gehalten hätte, und wenn er den berühmten englischen Schauspieler Kean, den gewaltigsten Shakespeare-Darsteller, oder gar die Sara Bernhard in ihren Glanzrollen wiedergab, so hätte jeder darauf schwören können, diese Personen wirklich vor sich zu haben, und das sogar in der nächsten Nähe.
Nur zwei Beispiele, wie so etwas in Amerika bezahlt wird. Barnum, ganz mit Unrecht verächtlich >der König des Humbugs< genannt, engagierte die gefeierte Jenny Lind für neun Monate zu einer Rundreise durch die Vereinigten Staaten, zahlte ihr für den Abend 500 Dollar, und er selbst hat in diesen neun Monaten einen Reingewinn von neunmalhunderttausend Dollar in die Tasche gesteckt; dabei aber ist die Sängerin durchschnittlich in der Woche nur dreimal aufgetreten. - Gegenwärtig unternimmt der ungarische elfjährige Geigenvirtuos Franz Vecsey eine amerikanische Tournee, erhält für jedes Spiel 1000 Dollar und außerdem noch den zehnten Teil der Brutto-Einnahme; und sein Impresario will doch auch etwas an dem Wunderkinde verdienen!
Dabei ist es gar nicht nötig, daß die Leistung, welche solch immense Honorare einbringt, etwas mit der >wahren Kunst< zu tun hat. Diavolo, wie sich der Radkünstler nannte, welcher zum ersten Male die bekannte Todesfahrt in der Schleife machte, bekam, bis er sich glücklich den Hals brach, für jede Produktion, welche doch nur wenige Augenblicke währt, im >Royal Aquarium< zu London 300 Pfund Sterling oder 6000 Mark. Ja, wenn sich jemand auf
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den Kopf stellt und mit den Beinen zappelt, und er versteht dadurch jeden Abend den großen Saal zu füllen, so erhält er ganz das gleiche Honorar - (auf deutsch Ehrensold.) -
So hätte Nobody wohl auch darin recht behalten, daß er ein Einkommen von jährlich 100 000 Dollar besaß. Aber er hatte doch auch gesagt, daß er sich dies in anderer Weise dachte, und am allerunglücklichsten wurde dadurch der Direktor des Atlantic-Gardens. Dieser hatte schon von Extrazügen und von Gott weiß was geträumt, aber vergebens sicherte er dem zugkräftigen Verwandlungskünstler Berge von Gold zu - Nobody ließ sich nur zu acht Vorstellungen verpflichten, und dabei sollte es auch bleiben. - -
Wir versetzen uns an jenen ersten Abend zurück.
Kurz nach Schluß der Vorstellung im Atlantic-Garden, gegen 11 Uhr, finden wir Mr. Law und Mr. World wieder in dem Zimmer eines benachbarten Hotels beisammen.
Sie brauchten nicht lange zu warten, so trat auch Mr. Nobody ein, jetzt aber als ein tadellos gekleideter Gentleman.
»Nobody, Sie sind wahrhaftig ein Allerweltskerl!« rief der Journalist, als er ihm mit ausgestreckter Hand entgegenging. »Verzeihen Sie, aber ehrlicher kann ich meine Vewunderung für Sie nicht ausdrücken.«
Die erste Frage war dann, ob er sich von Mr. Lewis habe fest engagieren lassen,
»Nein,« lautete Nobodys Antwort, »nicht fest, nur für acht Tage, obgleich Mr. Lewis Himmel und Hölle in Bewegung setzte, mich länger an sich zu fesseln. Allein ich kann es nicht, länger als acht Tage würde ich es nicht aushalten. Ich bin ein Abenteurer, ich habe Zigeunerblut in meinen Adern, rastlos muß ich wandern, immer wandern, als mein eigener Herr - und dennoch will ich mich jetzt in den Dienst einer Zeitung stellen, um meiner Abenteuerlust eine nützlichere Richtung zu geben.«
Ja, die Zeitung, die Zeitung!! Und deshalb hatte Nobody die beiden Herren ja auch hierherbestellt.
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»Für die acht Vorstellungen erhalte ich 10 000 Dollars, diese werde ich in acht Tagen bar in Händen haben, und diese würden vollkommen genügen, um die von mir geplante Zeitung zu gründen. Tue ich dies nicht, suche ich dazu einen kapitalkräftigen Kompagnon, so tue ich dies nur deshalb, weil ich selbst mit der Redaktion und dem Vertriebe nichts zu schaffen haben will, ich will eben frei und ohne Sorgen in der Welt herumschweifen können, alles Geschäftliche meinem Kompagnon überlassend.«
Man brauchte diesen Mann nicht erst aufzufordern, sich offen auszusprechen. Es war also nur eine Gnade, wenn er einen Kompagnon nahm, mit dem er den jährlichen Gewinn von einer Million teilte, er hatte es gar nicht nötig.
»Bitte, zuerst den Titel der Zeitung, das ist die Hauptsache.«
Nein, für Nobody gab es doch noch eine andere Hauptsache: seinen pekuniären Vorteil. Er stellte folgende Bedingungen: als Entschädigung für Reisespesen erhielt er einen festen Gehalt von jährlich 10 000 Dollar; die wöchentlich erscheinende Zeitschrift durfte nicht mehr als 5 Cents kosten; für je 1000 verkaufter Exemplare erhielt er 5 Dollar; die Zeitschrift durfte nur in englischer Sprache erscheinen; das Recht der Buchausgabe und der Uebersetzung gehörte nach einer gewissen Zeit ihm.
»So, das ist alles. Ich gebe den Herren genau eine Viertelstunde Zeit, um ihre Entscheidung zu treffen. Ich bemerke gleich, daß nur ich allein imstande bin, diese Zeitung in Gang zu bringen. Würden Sie meine Idee benutzen, ohne mich auf besagte Weise zu beteiligen, so würde ich Ihr Unternehmen innerhalb eines Monats tot machen. Deshalb genügt mir vorläufig Ihre mündliche Zusage, dann offenbare ich mich Ihnen. Wollen die Herren während der Viertelstunde allein sein?«
Wenn es so war, dann war der Entschluß bereits gefaßt. Dieser Mann hatte eine Art und Weise, zu sprechen, sein ganzes Wesen war ein solches, daß ein Zweifel gar nicht aufkommen konnte.
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»Ich bin mit allem einverstanden,« sagte World, »sprechen Sie.«
Nobody brachte aus der Tasche ein Paket von Zeitungsausschnitten zum Vorschein, sensationelle Artikelchen, wie sie in deutschen Zeitungen immer unter der Rubrik >Vermischtes< erscheinen. Bemerkt muß werden, daß die englischen und amerikanischen Zeitungen an derartigen Artikeln viel, viel reicher sind als die deutschen, sie wimmeln von ihnen, einige Zeitungen, wie die Wochenschrift >Weekly News<, verdanken ihre Millionenauflage nur solchen >Nachrichten aus aller Welt<, ohne eine Garantie für ihre Wahrheit zu geben. Das sensationslüsterne Publikum liebt eben so etwas. Von Wichtigkeit ist ferner, zu wissen, daß derartige Artikelchen-, in der Journalistensprache >Miszellen< genannt, wenn sie, Tagesneuigkeiten betreffen, nicht unter dem >copyright< stehen, also von jeder Zeitung nachgedruckt werden dürfen. Wenn daher irgend eine Zeitung eine besonders interessante Tagesneuigkeit bringt, so darf man versichert sein, daß dieselbe bald in jeder anderen Zeitung des In- und Auslandes zu lesen ist.
Hierauf nämlich beruhte Nobodys Plan.
Er erklärte, daß diese Zeitungsausschnitte aus den drei letzten Nummern des >New-York Herald< stammten, und las sie der Reihe nach vor. Wir geben ganz kurz ihren Inhalt wieder, und zwar nur von einigen.
In den Straßen von Cordova war eines Morgens eine frisch abgeschnittene Damenhand gefunden worden, reich beringt, eine vornehme Damenhand; alle Recherchen der Kriminalpolizei sind bisher erfolglos gewesen. - - In Paris nimmt in erschreckender Weise die Manie zu, an hochgestellte Personen vergiftete Torten und andere Nahrungsmittel zu schicken; noch kein einziger der anonymen Absender konnte ermittelt werden, für jeden einzelnen Fall ist eine Prämie von 3000 Francs ausgesetzt. - - Auf Java macht sich wieder das gespenstische Steinwerfen bemerkbar; ein Distrikt droht durch diesen
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Unfug, ob derselbe nun von Geistern oder von Menschen verursacht wird, entvölkert zu werden, nicht nur die abergläubischen Eingeborenen, sondern auch die phlegmatischen Holländer fliehen vor dem Spuk; etwas Wahres muß doch daran sein, vorurteilsfreie Reisende haben schon zu oft davon berichtet; so wurde dem Gouverneur von Madura, als er sich mit seiner Familie in einem Zimmer befand, dessen Türen und Fenster geschlossen waren, die Kaffeetasse von einem scheinbar von der Decke kommenden, großen, flachen Steine aus der Hand geschlagen. - - Gleichfalls aus Java: in der Garnison Madschpat herrscht eine Panik. Die allein auf Nachtwache stehenden Posten werden am Morgen tot aufgefunden, stets mit Wunden am Halse wie von einer Teufelskralle; alle Versuche, dem rätselhaften Mörder auf die Spur zu kommen, bleiben erfolglos; ziehen zwei auf Nachtwache, oder wird der Posten heimlich beobachtet, so bleibt alles ruhig; es hat nicht an verwegenen Männern gefehlt, welche, um das Rätsel zu lösen, allein auf die einsame Nachtwache zogen; wurden sie nicht beobachtet, so fand man auch sie am anderen Morgen tot mit den Krallwunden am Halse. - - Schon längst zirkulierte in London das Gerücht, daß ein als schmutziger Geizhals bekannter alter Mann Namens Powlen in dem Keller seines baufälligen Hauses zu Whitechapel einen Menschen vornehmer Geburt gefangen halte, wofür Powlen monatlich 10 Pfund Sterling bekäme, die ihm durch die Post zugeschickt würden; die Polizei schenkte diesem Gerüchte niemals Aufmerksamkeit, da brannte der Dachstuhl des betreffenden Hauses, die Feuerwehr drang ein, fand den alten Powlen verbrannt, hörte in dem sonst unbewohnten Hause ein Wimmern, welches sie in den Keller führte; in einem Verließe ward ein vielleicht zwanzigjähriger Mann in einem entsetzlichen Zustande gefunden, zum Gerippe ausgezehrt, kein Idiot, wohl aber nicht einmal der Sprache mächtig, weil er noch niemals mit einem anderen Menschen in Berührung gekommen war;
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die Nachforschungen zur Aufklärung des rätselhaften Falles sind eingeleitet, dürften aber mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, da jeder Anhalt fehlt. - -
Das also war der Inhalt von nur einigen Zeitungsberichten. Es gab aber darunter noch viel haarsträubendere Sachen, deren Wiedergabe nicht möglich ist, weil sie im kurzen Auszuge ganz unverständlich wären. Außerdem nun betrafen diese >Tagesneuigkeiten< nur das Ausland, die alte Welt, und man darf wohl glauben, daß das neue Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, da auch etwas auftischen kann!
»Dies wäre der eine Teil, die mysteriösen Fälle betreffend,« nahm jetzt Nobody in geschäftsmäßigem Tone das Wort, die vorgelesenen Ausschnitte beiseite legend, »Sie werden dieselben Miszellen in sämtlichen amerikanischen und englischen Zeitungen wiederfinden, also zur allgemeinen Kenntnis des Publikums gelangend. Unsere neue Zeitschrift nun soll gewissermaßen den Kommentar zu diesen Tagesneuigkeiten bilden, soll Lüge von Wahrheit unterscheiden, und wenn eine Tatsache vorliegt, das Rätsel enthüllen. Wir nehmen also für jede Nummer einen besonders interessanten und mysteriösen Fall heraus, erkundigen uns telegraphisch, ob an der Sache wirklich etwas ist, und wenn dies der Fall, so geht der Detektiv Nobody sofort an Ort und Stelle und ...«
Erregt sprang der alte, sonst so phlegmatische Buch-Händler plötzlich auf und begann leise pfeifend im Zimmer hin- und herzugehen.
»Donnerwetter, ja, diese Idee ist wirklich nicht schlecht!«
»So, diese Idee ist wirklich nicht schlecht?« wiederholte Nobody spöttisch.
»Pardon, das war nicht so gemeint - wahrhaftig, das ist das Ei des Kolumbus!«
»Pardon,« sägte auch Nobody in seiner trockenen Weise, »das ist nicht das Ei des Kolumbus, sondern das ist mein Ei, das habe ich gelegt! - - Die Herren wissen nun also, um was es sich handelt.
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Greifen wir einen Fall heraus: das gespenstische Steinwerfen auf Java. Ich würde ohne Bedenken jede Wette eingehen, daß ich dieses Rätsel lösen werde, denn ich kenne mich auf Java sehr gut aus ...«
»Nicht wahr, da haben Spukgeister ihre Hände im Spiele?« rief der alte Spiritist eifrig.
»Jawohl, Spukgeister,« bestätigte Nobody ganz ernsthaft, »und ich werde ihnen schon auf die Finger klopfen. Ich habe nämlich eine ganz sichere Ahnung, wie dieser Humbug gemacht wird. Nun denken Sie sich den Erfolg unseres Blattes, wenn ich als der Abgesandte dieses schon seit vielen Jahrzehnten bestehende Rätsel endlich endgültig löse! - Das heißt, wir dürfen nicht etwa prahlerisch vorgehen. Es darf nicht etwa heißen: wir schicken unseren Detektiv Nobody nach Java, um die Ursache des gespenstischen Steinwerfens ergründen zu lassen. Ich bin nur ein Mensch, die Lösung könnte mir doch mißglücken, und dann bin ich blamiert und mit mir die ganze Zeitung. Erst wenn's mir geglückt ist, dann rücken wir mit dem Erfolg heraus. Und eine der größten Hauptsachen ist: immer reell, nichts hinzulügen, nichts hinzudichten, wer unser Blatt in die Hand nimmt, der muß sagen: das ist >Worlds Magazine< was dieser schreibt, darauf kannst du dich verlassen. - Sollte mir nun einmal die Lösung eines Rätsels mißglücken, so stehe ich erstens nicht als Großprahler da, und zweitens habe ich deshalb Zeit und Geld für die Reise noch nicht unnütz ausgegeben. Ueberall in der Welt werden täglich Verbrechen begangen. Mein Bemühen, wenn ich gerade an Ort und Stelle bin, wird dann stets sein, der Polizei zuvorzukommen, den Mörder zu entdecken, den Verdächtigen zu entlarven, und dies wird mir auch oft genug gelingen, denn ich besitze wirklich in so etwas ein ganz eigentümliches Auge und eine eigenartige Kombinationsgabe, und dies kommt dann natürlich alles unserer Zeitung zugute.«
Die beiden Herren wußten nichts davon, wie dieser Mann sofort den Tabaksagenten oder vielmehr dessen
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Spazierstock durchschaut hatte, und dennoch, sie zweifelten nicht im geringsten daran, daß der sonderbare Mann auch für so etwas außergewöhnliche Fähigkeiten besitze.
»Und nun,« fuhr Nobody fort, »zum dritten und letzten. Bei meinen Reisen durch alle Welt werde ich auch einen Privatzweck verfolgen, mir zum pekuniären Vorteil, nicht minder zum Vorteil aber auch für unsere Zeitung. Wissen die Herren, wieviel bares Geld alljährlich in der ganzen Welt veruntreut wird?«
Nein, das wußten die beiden nicht.
»Ich habe einmal ein statistisches Bureau damit beauftragt, alle diesbezüglichen Notizen in sämtlichen Zeitungen der Erde während fünf Jahren zu sammeln, und habe dann daraus den jährlichen Durchschnitt gezogen. Hierbei wurden nicht einmal die Einbruchsdiebstähle in Betracht gezogen, nicht das Entwenden von Juwelen und anderen Wertsachen - obschon auch diese Fälle mich stark beschäftigen werden - sondern nur ungetreue Kassierer, Direktoren, Postbeamte und dergleichen, welche mit dem ihnen anvertrauten Gelde das Weite suchen. Meine Statistik hat ergeben, daß in der ganzen Welt im Durchschnitt alljährlich rund 1800 Menschen mit der ihnen anvertrauten Kasse durchbrennen, täglich also 5, mit einem Gesamtbeträge von etwa 62 Millionen Dollar. Die kleinen Geister unter 1000 sind dabei gar nicht mit einbegriffen, bei denen ginge es in die Legion. Es wird mein Bestreben sein, in der Verfolgung und Festnahme jener großen Defraudanten mir einen Weltruf zu schaffen. Freilich kann ich jedes Jahr nur einige wenige Fälle erledigen, und das tue ich nicht umsonst, sondern ich beanspruche 10 Prozent bis zur Hälfte der wieder abgenommenen Beute. Aber ich werde mich dabei nicht durch die Höhe meines eventuellen Gewinnes beeinflussen lassen, sondern nur immer die interessantesten Fälle auswählen, welche die kompliziertesten und heftigsten Verfolgungen versprechen, und mein Erfolg wird auch stets den unserer Zeitung bedeuten.« - -
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Wir wissen jetzt genug, was Nobody wollte, und das Geschäft war abgeschlossen.
Während der nächsten Tage trat Nobody also noch im Atlantic-Garden auf, wurde dadurch zum populärsten Manne in New-York, sein Name außerdem in ganz Amerika bekannt, und dadurch allein war der Erfolg der neuen Zeitschrift schon gesichert.
Bereits die vierte Nummer von >Worlds Magazine< überschritt durch Straßenverkauf in den amerikanischen Städten die Auflage von einer Million, wofür also Nobody allein schon einen wöchentlichen Gewinnanteil von 5000 Dollar oder 20 000 Mark erhielt, und dann wurden zur intensiveren Verbreitung des Blattes besondere Filialen gegründet in London, Sydney, Bombay und Kapstadt.
Diese Erzählungen in deutscher Ausgabe über Wirken und Abenteuer des unbekannten Mannes als Privatdetektiv stimmen nun allerdings dem Inhalte nach so ziemlich mit den Berichten überein, welche damals immer jene englische Wochenschrift brachte. Aber die unsrigen haben vor den englischen noch einen großen Vorzug.
Nobody gebrauchte, um zum Ziele zu gelangen, immer gewisse, stets wiederkehrende Tricks. So z. B., um nur einen einzigen Fall zu erwähnen, besaß er ein Mittel, sich in jedem Hause, in welchem er spionieren wollte, als Diener anwerben zu lassen. Das betreffende Haus konnte mit Dienstpersonal vollkommen besetzt sein, der Hausherr mochte noch so abgeneigt sein, einen neuen Mann zu engagieren - stets wußte Nobody durch einen einfachen Trick den Mann zu bestimmen, ihn als seinen vertrautesten Diener anzustellen.
Solche Mittel und Tricks, beruhend auf einer kühnen Rücksichtslosigkeit, wie sie nur dieser Detektiv besaß, mußte er natürlich geheim halten, durfte sie nicht der Oeffentlichkeit preisgeben, sonst wären sie ihm nicht mehr geglückt.
Die deutsche Wiedergabe aber hat eine solche Geheimhaltung nicht mehr nötig, diese Erzählungen hier sind auch nach Nobodys eigenem Tagebuch neu bearbeitet.
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Von dem bleigrauen Himmel, welcher an einem Wintermorgen über London hing, fiel ein feiner, kalter Regen herab, aber er vermochte nicht die Tausende und Abertausende von Menschen zu zerstreuen, welche sich in den engen Straßen der City um ein altes, finsteres Gebäude zusammendrängten.
Dieses, von hohen Mauern umringt, schon mehr eine kleine Stadt für sich, ist das sogenannte Newgate, die uralte Hinrichtungsstätte der englischen Hauptstadt.
»Jetzt wird er gehenkt, Keigo Kiyotaki, der freche Japaner, der den alten Loftus Deacon ermordet hat!«
So geht es murmelnd durch die ungeheure Menge, und aller Augen sind starr auf die Flaggenstange gerichtet, welche, in der Mitte des Häuserkomplexes stehend, über den Mauern noch allen sichtbar ist.
Und plötzlich verstummt in der tausendköpfigen Menge auch das Flüstern und Murmeln, es ist, als ob sich der Flügel des stummen Todes auf die ganze Riesenstadt herabsenke -- denn jetzt steigt an der Flaggenstange eine kleine, schwarze Fahne empor, und in demselben Augenblicke, da sie die Spitze erreicht hat, ertönt ein durchdringender Glockenton.
Es ist das Armesünderglöcklein, bei dessen zwölftem Tone das Fallbrett unter den Füßen des am Galgen Stehenden weicht. So war es schon vor hundert, vielleicht vor Hunderten von Jahren, so wird es noch heute in England gehandhabt.
Diesmal ist es ein brauner, schlitzäugiger Sohn
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aus dem Reiche der aufgehenden Sonne, welcher jetzt unter dem Galgen, den Strick um den Hals, mit festgeschnallten Armen auf dem Fallbrett steht. Fern von seiner schönen Heimat, hier in London ist er zum Mörder geworden. Nicht um sich zu bereichern, nicht aus Rachsucht hat er die wohlüberlegte Tat begangen, sondern aus einem für uns Europäer schier unbegreiflichen Grunde, aus Aberglauben, aus treuer Anhänglichkeit an eine ihm heilige Sitte seiner Väter.
Aber die englischen Richter konnten auf die religiösen Ansichten eines heidnischen Volkes im fernen Osten keine Rücksicht nehmen - jetzt läutet das Armesünderglöcklein für diesen jungen, vornehmen Japaner, für den letzten Sproß eines edlen Geschlechtes.
»Bim!!« erschallt es zum zweiten Male, und es ist, als ob das Sterbeglöcklein für jeden einzelnen dieser zahllosen Menschen bestimmt sei, so zucken stets alle bei dem durch Mark und Bein gehenden Tone zusammen.
Drei Sekunden liegen zwischen jedem Glockenschlage. Für die atemlos Wartenden erscheinen sie stets eine Ewigkeit.
Fürwahr, dieses Warten innerhalb der 36 Sekunden auf die 12 Glockenschläge, das muß für den zum Tode Verurteilten die furchtbarste Strafe sein!
Da endlich, endlich zum dritten Male: bim!!
Und wieder bricht eine neue Ewigkeit an.
Jetzt, jetzt ...aber jetzt muß doch der vierte
Schlag kommen ...
Nein, immer noch nicht.
Aber jetzt ...
Jetzt wird wahrhaftig eine Ewigkeit daraus!
»Es muß doch schon eine halbe Minute vergangen sein?«
»Die Glocke wird nicht funktionieren.«
Dieses Warten auf den vierten Glockenschlag ist so gräßlich, daß in der zusammengepreßten Menge schon überall Ohnmachtsanfälle vorkommen.
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Und da plötzlich schrickt alles tödlich zusammen, denn mit einem Male erfüllt ein gellendes Geheul die Luft, die ganze Hölle scheint entfesselt zu sein, und wirklich sind es kleine Teufel, welche sich rücksichtslos mit den Ellenbogen zwischen den Menschen Bahn zu machen wissen, unter dem einen Arm hat jeder einen großen Pack Papier, in der anderen Hand schwingt er ein einzelnes Blatt Papier, und dabei heult diese kleine Teufelsbande abwechselnd in allen Tonarten:
»Worlds Magazine, drei Pence die Nummer!!! - Keigu Kiyotaki ist unschuldig!!! - Worlds Magazine, sechs Pence die Nummer!!! - Der amerikanische Detektiv Nobody hat den wahren Mörder von Loftus Deacon gefaßt!!! - Worlds Magazine, einen Schilling die Nummer!!!«
Wie? Was? Hört man denn recht? Ist das nicht nur ein Trug der Hölle? Wie soll denn eine schon gedruckte Zeitung, noch dazu diese amerikanische Schwindelzeitung ...
»Die weiße Flagge! Die weiße Flagge!!!« erschallt da der Ruf, und aller Blicke wenden sich wieder der Flaggenstange zu.
Und da klettert an dieser schnell ein weißes Tuch empor, und wie die Flagge der Unschuld die Spitze erreicht hat, wird die schwarze der Schuld und des Todes herabgerissen - und da brach der Tumult los!!
Wollte man sagen, die Nummern dieser amerikanischen Zeitschrift wären wie warme Semmeln abgegangen, so würde das noch gar nichts andeuten. Man balgte sich darum, und glücklich der, welcher für solch ein Blättchen Papier nur einen Schilling zu bezahlen brauchte, der las es und konnte es eine Viertelstunde später für ein Goldstück weiterverkaufen.
Und dabei konnte sich noch kein einziger erklären, wie dieses Blatt, welches doch in New-York erschien und gedruckt wurde, plötzlich hierher kam. -
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Und die Nummer trug doch das heutige Datum! ... und überhaupt, das war ja gerade, als ob dieses Blatt allwissend sei! ... hier las man schon klipp und klar, wer der Mörder und daß er festgenommen sei! ... und dort oben auf dem Galgenbrett stand noch der wegen dieses Mordes Verurteilte ...
Kurz und gut, hier lag ein so großes Rätsel vor, daß sie alle im Augenblick gar kein Rätsel sahen, ungefähr so, wie mancher vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.
Dann freilich, als man darüber nachdachte und die
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Lösung des Rätsels erfuhr, da brummte mancher John Bull mit neidischer Bewunderung:
»Diese verdammten Yankees! Das war wieder so ein echt amerikanischer Trick! Ja, so etwas können wir ihnen doch nicht nachmachen!« - -
Ehe wir uns hinter die Mauern in das Innere von Newgate versetzen, um zu sehen, weshalb die Hinrichtung unterbrochen wurde, und was sich dort sonst noch zutrug, müssen wir erst den Kriminalfall und seine Vorgeschichte kennen lernen.
Loftus Deacon war schon mit jungen Jahren als Vertreter des väterlichen Geschäftes nach Japan gegangen, er verbrachte fast ein Menschenalter dort. Wohl kam er ab und zu einmal nach England, aber erst nach dem Tode seines Vaters kehrte er, selbst schon vorgerückten Alters, für immer zurück, ließ sich in London nieder.
Das väterliche Geschäft verkaufte er. Er hatte aus dem fernen Osten eine große Sammlung von indischen und japanischen Raritäten mitgebracht, und nun war sein ganzes Leben ausschließlich dem Zwecke gewidmet, diese Sammlung ständig zu vermehren. Er war ein schwerreicher Mann, was am besten daraus erhellt, daß er für solche Antiquitäten im Durchschnitt jährlich 15 000 Pfund Sterling, das sind 300 000 Mark, ausgab.
Loftus Deacon war Junggeselle geblieben. Er bewohnte im Westend ein sehr großes, vierstöckiges Haus, richtiger gleich drei - Bedford Mansions, Nummer 1, 2 und 3, das Gebäude steht noch heute, ist aber jetzt ein Lagerhaus - in diesem hauste er ganz allein mit nur fünf männlichen Dienern.
Er war, wenn nicht ein ängstlicher, so doch ein sehr vorsichtiger und sogar mißtrauischer Mensch, und man konnte ihm auch nicht verdenken, wenn er sich gegen einen Einbruch möglichst zu schützen suchte. Denn in
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seinem Hause waren Millionen angehäuft, und zwar nicht nur an wissenschaftlichem und Liebhaberwert, sondern auch an direktem, an Gold und an Juwelen, nicht zum mindesten auch an kostbarem Porzellan und asiatischen Seidenstoffen. Sämtliche Fenster waren stark vergittert, alle Türen von Eisen oder doch eisenbeschlagen und mit den besten Sicherheitsschlössern versehen, Tag und Nacht mußte in der Hausflur ein Portier sitzen.
Deacon allein hatte in der Tasche einen Schlüssel von kompliziertester Konstruktion, welcher von den Korridoren aus sämtliche Türen der Schatzkammern öffnete. Außerdem gab es noch einen zweiten ebensolchen Schlüssel, welcher an einem Orte hing, der nur den Dienern bekannt war, und zwar in einem Glaskasten, und um ihn vom Nagel zu nehmen, mußte die Glasscheibe eingeschlagen und eine Plombe entfernt werden.
So ging das ganze Leben des alten Herrn in diesen Raritäten auf. Da gab es immer zu putzen, Staub zu wischen, auszuklopfen und wieder zu ordnen, wobei ihm besonders ein Diener, Namens Jensy behilflich war, der Katalog war zu führen, Loftus Deacon hatte auch eine große Korrespondenz mit den Agenten, welche er zum Ankauf von solchen ethnographischen Gegenständen in aller Welt unterhielt.
Gern empfing er Besuch, Gelehrte und Sammler, denen er mit stolzer Freude seine Schätze zeigte und erklärte. Außerdem ging er manchmal auch selbst auf Entdeckungen von Antiquitäten aus, schnüffelte in dem großen London bei den Raritätenhändlern und Trödlern herum und hatte auf diese Weise schon manche Seltenheit billig erstanden.
Auf einer solchen Entdeckungsreise sollte Loftus Deacon etwas finden, was ihn zum glücklichsten Menschen machte und ... ihm das Leben kostete.
Im Fenster eines kleinen Trödlerladens sieht er ein altes, unscheinbares Schwert liegen. Der Waffenkenner stutzt sofort, tritt ein, läßt sich das Schwert zeigen, der
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Trödler schwatzt ihm, der seine Aufregung zu bemeistern weiß, etwas von einer arabischen Klinge vor, sie werden handelseinig, und während der Trödler glaubt, er habe den Mann mit einem wertlosen Stahl angeschmiert, hat Deacon für zwei Goldstücke ein echtes japanisches Katana von dem berühmten Schwertfeger Masamune erstanden! -
Hier muß eine Erläuterung eingeschaltet werden, wie sie auch in Nobodys Tagebuch enthalten ist.
Das japanische Volk ist in Kasten eingeteilt. Die erste Kaste wird von den Prinzen gebildet, von den Daimios, die zweite von den Adligen, den Sio-Mios, die dritte von den Samurais, das sind diejenigen, welche aus den ersten beiden Kasten stammen, aber ihr Leben speziell dem Kriegshandwerke gewidmet haben, also die Offiziere.
Von den Mitgliedern der acht existierenden Kasten haben nur die von jenen drei genannten das Recht, jederzeit Waffen tragen zu dürfen, und zwar besteht das Ehrenzeichen in dem großen Schwert links, welches
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Katana heißt, in einem viel kleineren, dem Wakizashi, rechts.
So wenigstens war es früher, als die japanischen Soldaten noch in langen Schlafröcken und Strohsandalen herumliefen. So ist es aber auch noch heute bei jeder nationalen und religiösen Festlichkeit. Da hat jeder Samurai seine beiden Schwerter im Gürtel stecken.
Samurai heißt wörtlich übersetzt >Fechter<, und wenn man den Berichten derer Glauben schenkt, welche das asiatische Inselreich kennen, so müssen die Japaner und speziell die Offiziere ausgezeichnete Fechter sein, sie betreiben den Fechtsport mit Leidenschaft und mit den dazu nötigen Waffen selbst einen wahren Religionskultus, so wie sie ihren alten, berühmten Waffenschmieden eine fast göttliche Verehrung zollen.
Yukiyasu, Monikono, Masamune - das sind die Namen der drei berühmtesten Schwertfeger aus alter Zeit, welche jedes japanische Kind kennt - und unzertrennlich von diesen dreien ist der Kriegsgott Hachiman.
Der Indier ist Buddhist, der Tibetaner ist Buddhist, der Japaner ist ebenfalls Buddhist - und schließlich wird doch jeder nach seiner eigenen Fasson selig. Der Indier hat in den Buddhaismus seine alten, brahmanischen Götter mit hinübergenommen, der Tibetaner seine schamanischen, und der Japaner hat noch immer nicht seine ursprüngliche Religion vergessen, den Sinsyn, in welcher Tensis Dai Dsin, Kami und Hachiman die Hauptgötter sind, und wenn diese auch nicht mehr in den buddhistischen Tempeln oder Pagoden stehen, ihre Bildnisse existieren noch, und zwar nicht nur im Herzen des Japaners, und sie werden noch immer verehrt.
Und die alten japanischen Waffenschmiede fertigten nicht nur Schwerter, dazu bestimmt, des Feindes Leben zu nehmen, sondern sie hämmerten in das Schwert selbst eine lebendige Seele hinein.
Wenn das Katana seiner Vollendung nahe ging, so wurde der Amboß vor das riesige Standbild des
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vierarmigen Kriegsgottes getragen, hier tat der Schmied unter feierlichen Zeremonien seine letzten Schläge, und Hachiman stieß durch Nase und Mund Feuer aus und hatte so dem Schwerte eine lebendige Seele eingeblasen, eng verknüpft mit der seines Besitzers, oder vielmehr mit der der ganzen Generation.
Denn solch ein Schwert vererbt sich natürlich vom Vater auf den Sohn, und eine Veräußerung desselben ist ganz und gar undenkbar, selbst in der tiefsten Armut! Und wehe dem, der solch ein geheiligtes Schwert entwendet! Einem Japaner, welcher weiß, daß er es mit solch einem Katana zu tun hat, fällt so ein Frevel überhaupt gar nicht ein. Aber vielleicht stiehlt er ein Schwert, ohne zu wissen, daß es ein Katana ist. Dann wird ihm das bald klargemacht werden. Das Unglück heftet sich an seine Fersen und schlägt auch seine Familie, und Hachiman flüstert ihm im Traume zu, daß er ein Katana gestohlen hat, und wehe ihm, wenn er es nicht sofort dem rechtmäßigen Besitzer zurückbringt! Dasselbe gilt auch vom Feinde, der dem im Kampfe gefallenen Samurai die Waffen abgenommen hat. Auch er wird durch Unglück und durch Hachiman zahm gemacht, bis er die Beute den Erben des Getöteten ausliefert - selbst wenn der Mann bisher noch gar nichts von einem Katana, einem Wakizashi und einem Hachiman gehört hat. Der Kriegsgott macht es ihm schon begreiflich, um was es sich handelt, und zur Aufklärung schickt er dem Betreffenden erst sieben Plagen über den Hals.
Hat aber der Samurai durch eigene Unachtsamkeit sein Katana verloren, so muß er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, es wiederzubekommen, das ist er nicht nur sich selbst und seinen Brüdern schuldig, sondern auch vor allen Dingen seinem toten Vater, denn jetzt ist es dieser, welcher dem leichtsinnigen Sohne im Traume die Ohren vollwimmert, das heilige Erbstück wieder herbeizuschaffen.
Und stirbt das männliche Geschlecht einer Samurai-Familie aus, dann stirbt auch das Katana, seine Seele
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kehrt zu Hachiman zurück, und sein toter Leib, jetzt nur noch eine Stahlklinge wie jede andere, wird dem letzten Besitzer mit ins Grab gelegt. - -
Dem Mr. Loftus Deacon, der so lange in Japan gewesen, war dies alles natürlich wohlbekannt. Und nun hatte er für so billiges Geld ein echtes Masamune-Schwert erstanden, wie ein solches nur noch in einem einzigen Exemplar in Europa vorhanden war, nämlich im Museum zu Petersburg!
Deacon verkehrte viel mit dem Direktor des britischen Museums, durch diesen kam die Sache zuerst an die Öffentlichkeit - und das war ja auch der heiße Wunsch des alten Mannes, der auf seine Schätze so stolz war - er wurde von Gelehrten und Japankennern besucht, sie alle bestätigten aus einem in der Klinge eingravierten Zeichen, daß es ein echtes Katana des berühmten Schwertfegers Masamune sei, welcher im vierten Jahrhundert nach Christi lebte, andere Raritätensammler gratulierten mit neidischem Herzen dem glücklichen Deacon, jetzt kamen auch Journalisten, und in einer großen Zeitung erschien aus berufener Feder ein langer Artikel, in dem die eben geschilderten, mit Aberglauben gepaarten Waffenverhältnisse der Japaner erläutert und auf die Wichtigkeit des neuen Erwerbs, den der einfache Privatmann für seine Sammlung gemacht, hingewiesen wurde.
So interessierten sich einige Zeit die weitesten Kreise für Loftus Deacon und sein Masamune-Katana, die Sache wurde sensationell. Lange konnte das natürlich nicht anhalten. Aber man bekam doch hin und wieder etwas davon zu hören, die Sache war noch nicht zu Ende, und der alte Einsiedler sorgte immer dafür, daß alles an die Oeffentlichkeit kam.
Wie war denn nun der Trödler zu der kostbaren Waffe gekommen, wenn diese von dem Japaner wie sein Augapfel behütet wird? Der alte Mann konnte sich selbst kaum noch darauf besinnen. Das unscheinbare Schwert hatte schon lange Zeit in der Rumpelkammer
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gelegen, ehe er es für würdig fand, es im Schaufenster auszustellen. Er glaubte nur, es sei ein Matrose gewesen, der ihm einst die alte Klinge zum Kauf angeboten, er hatte ihm drei Schillinge dafür gegeben. Jetzt natürlich, da der Trödler den fast unschätzbaren Wert der Waffe erfuhr, hätte er sich am liebsten alle Haare aus dem Kopfe reißen mögen, denn eine nachträgliche Bezahlung gab es bei Loftus Deacon freilich nicht.
Und was das Katana für einen definitiven Wert besaß, nicht nur in den Augen von europäischen Altertümssammlern, das sollte sich bald zeigen.
Eines Tages erschien bei Deacon ein japanischer Diplomat, welcher sich gerade in London aufhielt. Er besichtigte das Schwert, prüfte das Siegel des Waffenschmieds und einige Eingravierungen in dem bronzenen Griff mit der Lupe.
»Wahrhaftig, es ist das Schwert!« rief er erstaunt. »Dieses Katana gehört dem hochedlen Fürstengeschlechte der Gotos. Vor etwa zwanzig Jahren verlor es der alte Fürst bei einem Ritt, es wurde nicht wiedergefunden. Der Fürst starb vor Gram. Er hinterließ drei Söhne. Als die beiden ersten erwachsen waren, gingen sie auf die Suche nach dem Heiligtum, ein Orakel wies nach der Mandschurei hin. Beide Prinzen verloren dabei ihr Leben. Jetzt lebt von dem Gotogeschlechte nur Keigo Kiyotaki, der letzte Sohn, welcher in einem Kloster zum Priester erzogen wird.«
»Das ist sehr interessant,« sagte Deacon trocken.
»Keigo wird sich sehr freuen, daß man das Heiligtum seiner Väter endlich gefunden hat.«
»Ja, ich freue mich auch sehr, daß ich diesen Schatz bei einem Trödler entdeckt habe.«
»Dem letzten Sproß des Gotogeschlechtes muß sehr viel an dem Familienschwerte gelegen sein, Sie werden doch bereit sein, es ihm zurückzuerstatten? Natürlich gegen ...« - -
»I, fällt mir ja gar nicht ein!!« rief Deacon von
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vornherein in heller Entrüstung. >>Das Schwert ist rechtmäßig in meinen Besitz gekommen, und damit basta!«
Der schon ältliche Sohn des Reiches der aufgehenden Sonne empfahl sich mit japanischer Höflichkeit.
Kaum zwei Monate waren verflossen, als er schon wieder da war.
»Ich komme als Stellvertreter des Keigo Kiyotaki, hier meine Vollmacht.«
Damit präsentierte er ein japanisches Schreiben mit vielen Siegeln, kurios genug aussehend.
»Das ist sehr interessant, das möchte ich Ihnen für meine Sammlung abkaufen.«
»Keigo Kiyotaki bietet Ihnen für Zurückgabe seines Schwertes 1000 Pfund Sterling.«
»Das ist nicht sein Schwert, sondern mein Schwert, und ich verkaufe es nicht.«
»2000 Pfund - - 5000 Pfund - - 10 000 Pfund ...«
»Nicht für eine Million Pfund Sterling.«
»Wieviel verlangen Sie sonst?« fragte der alte Japaner kaltblütig.
»Es ist mir nicht feil, nicht für alle Schätze der Welt!!!« rief der leidenschaftliche Sammler.
»Ich empfehle mich Ihrem geneigten Wohlwollen,« sagte der japanische Diplomat und entfernte sich.
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Dies alles kam immer in die Zeitungen, dafür sorgte schon der auf sein Katana stolze Loftus Deacon. Daß freilich der Japaner bereit gewesen wäre, für die alte Klinge noch mehr als eine Million Pfund Sterling, das sind zwanzig Millionen Mark, zu bieten, das fand man etwas gar zu sehr übertrieben.
Diesmal verging ein Vierteljahr, bis eines Tages an dem großen Hause ein junger Gentleman im tadellosen Gehrockanzuge die Klingel zog.
Dem jungen Manne konnte man kaum ansehen, daß er ein Japaner war, er hatte wenig Aehnlichkeit mit den sonst so charakteristischen Gestalten. Er hatte nicht solch kurze Beine und einen plumpen Oberkörper, sondern war von vollendetem Ebenmaß, und man mußte ihm schon scharf in die nur leicht gebräunten, hübschen, tiefernsten Züge blicken, um dann den malaiisch-japanischen Typus zu erkennen. Derjenige aber, welcher sich lange Zeit in Japan aufgehalten und in den höchsten Kreisen verkehrt hatte, erkannte sofort, mit wem er es hier zu tun hatte: mit einem Samurai aus der ersten Kaste, den man sonst freilich nicht in Europa auf der Straße herumlaufen sieht.
Der alte Jensy öffnete.
»Ist Mr. Deacon zu sprechen? Bitte, hier ist meine Karte, hier ein Empfehlungsschreiben von der japanischen Gesandtschaft.«
Er sprach ein perfektes Englisch, der leise Anflug eines fremdländischen Akzentes war kaum zu merken.
Deacon empfing ihn.
»Keigo Kiyotaki ist mein Name.«
»Sehr angenehm. Nicht wahr, Ihr Titel ist ... Mylord ... oder Durchlaucht?«
»Mein einfacher Name ist Kiyotaki. Ich bin zum geistlichen Stand bestimmt und habe mit dem Austritt aus meiner Kaste alle früheren Titel abgelegt. Ich komme direkt von Tokio ... Sie wissen, weshalb.«
»Ja, mein lieber Herr, ist Ihnen aber nicht schon
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deutlich gesagt worden, daß mir das Katana um keinen Preis feil ist? Sie haben die weite Reise umsonst gemacht.«
»Mr. Deacon,« fängt jetzt der junge, sympathische Mann in bittendem Tone an, »es ist ein uraltes Erbstück meiner Familie, es ist das Heiligste, was ich besitze, ich kann ohne dieses Schwert nicht leben.«
»Ich will Ihnen gern das Schwert nochmals abkaufen, nennen Sie eine Summe, aber aus meiner Sammlung kommt ein Katana des Schwertfegers Masamune nicht.«
»Mr. Deacon, was frage ich nach Geld? Ich bin ein bedürfnisloser Mönch, der das Gelübde der Armut abgelegt hat. Das Schwert meiner Väter muß ich unbedingt haben.«
»Aber wenn Sie ein Priester und aus der Kaste der Samurais getreten sind, so brauchen Sie doch keine Waffe, können Sie doch gar keine mehr tragen, es hat für Sie doch gar keinen Wert mehr.«
»Nicht für mich, aber für meinen Vater. Ich als sein letzter Sohn, der einst kinderlos sterben wird, habe die heilige Verpflichtung, ihm sein Katana, nachdem dasselbe einmal wiedergefunden worden ist, in sein Grab zu legen.«
»Bei mir liegt es genau so sicher, wie in Ihres Vaters Grab,« entgegnet der alte, reiche Junggeselle, der niemandem Rücksichten schuldig ist.
»Mr. Deacon,« fährt der junge Japaner mit melodischer Stimme fort, und plötzlich treten ihm die Tränen in die Augen, »die Engländer haben ihre Religion, und wir Japaner haben unsere Religion. Und ich kann nicht an etwas anderes glauben, als was meine heilige Ueberzeugung ist. Seit zwanzig Jahren muß mein armer Vater wandern den dunklen Pfad des Todes, und er kann den Gotoberg des Himmels nicht erreichen, weil ihm sein Katana fehlt, und seitdem ich weiß, wo sich sein Katana befindet, kommt mein armer Vater jede
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Nacht zu mir im Traume und weint mir in den Ohren. - Mr Deacon, auch Sie haben einen Vater gehabt - ich bitte Sie!«
Der junge, gebildete Japaner wußte in einer Weise zu sprechen, nun noch dazu in einem Tone - schriftlich läßt sich das nicht wiedergeben - daß es einen Stein erweicht hätte, nur nicht den alten Raritätensammler.
Und immer noch einmal versuchte es der gehorsame Sohn, jetzt aber begann er geheimnisvoll zu flüstern:
»Noch habe ich nicht die Priesterweihe empfangen, noch gehört mir, was ich besitze, und ich bin der Erbe einer ganzen Reihe von Geschlechtern, und die Gotos zählten sämtlich zu den reichsten Fürsten von Dai Nipon, und ... haben Sie, der Sie so lange in Japan gewesen sind, schon von dem Goto-Schatze gehört?«
Mochte Deacon schon von dem fabelhaften Goto-Schatze, der von einem Drachen behütet wird, übrigens ganz unserem Nibelungenhorte entsprechend, gehört haben oder nicht - ihn ließen alle Schatze kalt, sein Masamune-Schwert war ihm lieber.
Schließlich aber verließ auch den Japaner die Geduld, er stand auf, um kurzerhand zu gehen, und er war ein ganz anderer, als er mit drohender Stimme und blitzenden Augen rief:
»Well! Die Engländer haben ihre Religion, und wir Japaner haben unsere Religion. Das Katana gehört in das Grab seines letzten Besitzers, es ist zu den Füßen Hachimans geschmiedet worden, und wenn Sie das Katana mir nicht geben wollen, so wird der schreckliche Hachiman selbst kommen, um es von Ihnen zu fordern, und dann ... wehe Ihnen!«
Damit ging Keigo Kiyotaki, um nicht wieder zurückzukehren. Der arme Kerl hatte die weite Reise umsonst gemacht.
Auch dieses Gespräch kam in die Zeitungen und wurde vom Publikum besprochen, überdies waren Jensy
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und noch ein anderer Diener Zeuge desselben geworden. -
Wieder verging ungefähr ein Vierteljahr. Da erfuhr Loftus Deacon von einem seiner nach Raritäten spähenden Agenten, in einem Lagerhause, gar nicht weit von der Bedfordftreet, stünde ein japanischer Götze, er sei schon vor einigen Tagen von einem aus Rangun kommenden Schiffe dort ausgeladen worden, er gehöre einem Franzosen Delcassé, der ebenfalls mit diesem Schiffe gekommen sei, aber dieser Herr sei verschwunden und lasse nichts mehr von sich hören. Man sage, es sei der vierarmige Kriegsgott Hachiman.
Loftus Deacon [ging] sofort hin. Das Lagerhaus des Expeditionsgeschäftes Costenoble war ihm sogar sehr
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gut bekannt, diese Firma besorgte immer seine überseeischen Transporte, er hatte oft große und kleine Gegenstände dort abholen lassen. (Dies ist für später von Wichtigkeit!)
Richtig, da saß der schreckliche Hachiman, genau so, wie er noch heute im japanischen Saale des britischen Museums zu London zu sehen ist, und zwar ist es genau dieselbe Figur, welche in unserer Erzählung die Hauptrolle spielt.
Der ganz aus Bronze gegossene Götze, in zweifach menschlicher Größe ausgeführt, also eine Kolossalstatue, hockt mit untergeschlagenen Beinen auf einem meterhohen, ehernen Gestelle. Daß wir es mit einem Kriegsgott zu tun haben, erkennen wir mehr aus der Bekleidung - aber auch diese ist aus Bronze gegossen - und aus seinen Attributen, als aus seinen Gesichtszügen. Denn der japanische Gott der Schlachten schaut gar nicht so furchtbar drein, im Gegenteil, sein schnurrbärtiges Gesicht mit den Schlitzaugen hat einen recht gemütlichen Ausdruck, er schmunzelt sogar recht vergnügt, und es fehlte nur noch, daß er sich vor Lachen den dicken Bauch hält. Aber er ist vom Kopf bis zu den Füßen in einen Panzer gehüllt, und in der einen seiner vier Hände, was sehr an die indischen Gottheiten erinnert, hält er aufrecht ein mächtiges Schwert, in der zweiten eine Keule, in der dritten eine Schlange, in der vierten eine kleine menschliche Figur. Alles ist aus einem Guß, nur das Schwert ist eine wirkliche Stahlklinge, in die eherne Faust eingeschraubt oder eingenietet.
Genau so saß er auch damals in einer Ecke des Lagerschuppens von Costenoble auf seinem Postament und schmunzelte mit etwas geöffnetem Munde den Besucher vergnügt an.
Während der Reise war er in Kokosmatten eingehüllt gewesen, diese waren jetzt abgefallen, nur das Schwert war noch mit einem öligen Lappen umwickelt. Der Franzose hatte die Figur hier untergestellt, sie solle hier stehen bleiben, bis er wiederkomme und sie abhole.
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Mr. Deacon zitterte vor Aufregung. Wer war dieser Monsieur Delcassé? Wo befand er sich jetzt? War er ein Sammler? Oder wollte er die Figur verkaufen? An wen? War er jetzt schon in Paris, um sie dem dortigen Museum anzubieten?
Wir wollen es kurz machen, obgleich fast vier Wochen vergingen, ehe Deacon, der sich unterdessen vor Spannung und Angst fast verzehrte, den Franzosen endlich gefunden hatte. Der Mann hatte es nicht eilig gehabt, war verreist gewesen, und über seinen Götzen hatte er auch noch nicht disponiert. Ja, er wollte ihn verkaufen, und Deacon erstand ihn gegen eine enorme Summe. Einen Konkurrenten hätte der reiche Kauz, der für den japanischen Kriegsgott sein halbes Vermögen zu opfern bereit war, auch nur in dem britischen Museum gehabt, aber dieses brauchte er nicht zu fürchten, er hatte dem Museum nach seinem Tode sowieso alle seine Sammlungen vermacht.
Der überglückliche Deacon traf Vorbereitungen, den kostbaren Erwerb in seine Wohnung überzuführen.
War das nicht ein merkwürdiger Zufall? Oder war das nicht bloß ein Zufall? War das nicht vielleicht etwas von ... einer höheren Fügung? Wie hatte Keigo Kiyotaki damals drohend gerufen?
»Und wenn Sie das Katana mir nicht geben wollen, so wird der schreckliche Hachiman selbst kommen, um es von Ihnen zu fordern, und dann ... wehe Ihnen!!«
Wahrhaftig, da kam ja der Hachiman, kam in Deakons[Deacons] eigenes Haus!
Die in London weilenden Japaner wurden mit geheimnisvollen Fragen gequält, wie sie darüber dächten, ob wohl wirklich etwas daran sein könne usw.
Es muß bemerkt werden, daß nämlich der sonst so praktische und nüchterne Engländer, selbst der aus den gebildetsten Kreisen, überaus abergläubisch ist, was sich am besten daraus erkennen läßt, daß gerade in England der Spiritismus die üppigsten Blüten treibt, nicht minder
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in Amerika unter den noch nüchternen Yankees. Extreme berühren sich eben.
Aber seltsam, es war geradezu, als ob sich die kleinen braunen Burschen mit Keigo Kiyotaki verabredet hätten, denn sie gebrauchten genau dieselbe Redensart, welche jener schon zweimal angewendet hatte, nur daß sie noch etwas hinzusetzten. Sie sagten nämlich nichts weiter als:
»Well, die Engländer haben ihre Religion, und wir Japaner haben unsere Religion - und es ist nicht gut, über Religion zu sprechen.«
Wenn man aber die überaus zurückhaltenden Japaner kennt, so findet man dabei gar nichts Merkwürdiges.
Und Loftus Deacon? Mochte dieser über den Zufall denken, wie er wollte, jedenfalls war er über Aberglauben erhaben.
Die Bronzefigur, welche sechs Zentner wog, wurde auf einen Frachtwagen geladen und nach Deacons Hause transportiert, wo schon im Parterre ein Ehrenzimmer für Hachiman eingerichtet worden war. Noch während der Kriegsgott am bezeichneten Platze aufgestellt wurde, ließ Deacon vor der Figur ein Tischchen zu einem Altar drapieren, auf welchem fortan das Katana liegen sollte, also zu Füßen dessen, der dem Schwerte eine unsterbliche Seele eingehaucht hatte.
Es war spät abends geworden, und zwar an einem Wintertage, ehe alles fertig war und die vielen Leute, welche heute die unteren Räume des sonst so einsamen Hauses belebt hatten, entlassen wurden.
Die letzte Stunde verbrachte Deacon in seinem neuesten Heiligtume, sich am Anblicke seines Götzen meidend, immer noch an dem Altar mit dem Schwerte drapierend, bis er als englischer Hausvater Punkt zehn Uhr der Dienerschaft den Befehl gab, schlafen zu gehen. Er selbst zog sich in sein Kabinett zurück. - -
Die tiefste Stille herrschte in dem geräumigen Hause. Nur unten im Portal brannte noch Licht, und Jensy
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hatte die erste Wache. Lesend saß er in der kleinen Portiersloge.
Doch bald überwältigte den alten Mann ein tiefer Schlaf.
Es war gegen Mitternacht, als Jensy tödlich erschrocken emporfuhr. Ein gellender Schrei hatte sein Ohr getroffen, und gleich darauf erscholl es wie ein dumpfer Fall. Es war unverkennbar Mr. Deacons Stimme gewesen. Dessen Schlafkabinett lag im ersten Stock, der Schrei aber konnte nur im Parterre
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ausgestoßen worden sein, und nun brachte es auch noch der Gedankengang und die ganze Stimmung mit sich, daß Jensy sofort an das neue japanische Zimmer mit dem Kriegsgott dachte, daß er sofort, wenn auch mit gesträubtem Haar, nach dieser Tür sprang und daran pochte.
»Mr. Deacon, waren Sie das?«
Keine Antwort. Wohl aber vernahm Jensy jetzt ein Röcheln und Stöhnen.
Jetzt fing Jensy zu schreien an, um die anderen Diener herbeizurufen, eilte dorthin, wo der zweite Schlüssel hing, zerschlug mit dem Holzhammer die Scheibe, zerriß die Plombe, und wie er mit dem Schlüssel zurückrannte, kamen auch schon die anderen Diener herbeigestürzt.
Die Tür wurde geöffnet, das Zimmer wurde durch eine auf einem Tischchen stehende Lampe erleuchtet - und da saß der lachende Kriegsgott auf seinem Postament, über und über mit Blut bespritzt, das Schwert in seiner Faust ebenfalls von Blut triefend - und zu seinen Füßen lag der mit einem Schlafrock bekleidete Loftus Deacon in einer großen, rauchenden Blutlache.
Man kann sich denken, wie es den Dienern bei diesem Anblicke zumute war! Bewundernswert ist es, daß sie alle Gespenster- oder Götzenfurcht vergaßen und, ohne sich um Hachimans blutiges Schwert zu kümmern, sofort ihrem Herrn zu Hilfe sprangen, allerdings, um ihn zuerst aus der gefährlichen Nähe dieses japanischen Kriegsgottes zu bringen.
Loftus Deacon lebte noch, aber er lag im Sterben. Sein Kopf wies eine klaffende Wunde auf, ein zweiter Schwerthieb hatte den Hals getroffen, ihm eine Arterie durchschlagen. Waren die Wunden an sich nicht tödlich, so mußte er sich doch verbluten, hier gab es keine Rettung mehr.
Noch einmal kamen röchelnde Laute über seine Lippen.
»Hachiman - Hachiman hat mich ermordet!«
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Es waren seine letzten Worte gewesen. Der alte Mann war tot. Und dort saß der japanische Kriegsgott mit blutigem Panzer und blutigem Schwerte und lachte.
Die Polizei wurde gerufen, den ersten Konstablern folgten schnell Kriminalbeamte und Detektivs.
Noch stand alles unter dem ersten Eindruck des Geschehenen. Niemand wußte, was hier eigentlich vorlag, wo die Untersuchung zu beginnen sei, als Jensy einen Schrei ausstieß und mit der Hand auf das vor dem Kriegsgott stehende Tischchen deutete:
»Das Masamune-Schwert ist weg!!!« - -
Wir geben kurz wieder, was am anderen Morgen die Zeitungen über diesen mysteriösen Fall berichteten, wie die Untersuchungsbeamten noch in derselben Nacht gearbeitet hatten.
Man muß den englischen Beamten die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie sich durch keinen japanischen Götzenaberglauben beirren ließen, sondern daß sie als nüchtern denkende Menschen zunächst nach einem lebendigen, einem menschlichen Mörder suchten.
Hier aber scheiterten alle aufklärenden Bemühungen.
Die Untersuchung ergab, daß alle Fenster innen verriegelt waren, ebenso war ausgeschlossen, daß der Mörder inzwischen aus der Haustür entwischt sein könnte, also mußte er sich noch im Hause befinden.
Alle Räume wurden durchsucht, jeder Winkel, alles wurde umgekehrt, allein kein fremder Mensch war zu finden.
Ein Verdacht gegen einen der fünf Diener kam gar nicht auf.
Jetzt mußte man seine Aufmerksamkeit wieder dem ehernen Kriegsgott zulenken.
Wie hatte der Ermordete gelegen, bevor die Diener ihn von dieser Stelle trugen?
Gerade unter dem Schwerte - ja, so, wie es die Diener beschrieben, hatte er von dem Schwerte des Götzen an Kopf und Hals getroffen werden können.
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Gerichtsärzte und andere anatomische Sachverständige waren zur Stelle, wie z. B. auch Deacons Hausarzt, und aller Urteil lautete dahin: Jawohl, das Schwert, welches der Kriegsgott in seiner Faust hielt, paßt in die Wunden des Ermordeten, die Wunden können mit demselben geschlagen sein.
Jetzt folgt der dritte Teil der Untersuchung: Ist dieses Schwert in der Faust dieses Götzen beweglich? Nein, es ist eingenietet, es läßt sich nicht bewegen, so wenig wie der ganze Arm, so wenig wie irgend etwas an dem ehernen Götzen, alles ist aus einem einzigen Guß.
Trotzdem, wenn das Schwert zugeschlagen haben soll, dann muß es auch beweglich sein. Da ist einfach ein geheimnisvoller Mechanismus in dem hohlen Leibe des Götzen vorhanden.
Die Detektivs machten sich gleich an die Untersuchung, wozu die Figur dann von dem Postament herabgehoben wurde, sie tasteten, und klopften und drückten an dem Götzen herum, es kamen auch Ingenieure, darunter ein ganz ingeniöser, dieser tastete und klopfte und drückte gleichfalls an dem grinsenden Hachiman herum, allein der verriet nicht, was er in seinem Innern barg, da wollte kein geheimes Türchen aufspringen, noch sonst etwas Außergewöhnliches passieren.
Alles war eben aus einem Gnß und unverrückbar, nur der Mund etwas geöffnet, etwa so weit, daß man einen Finger hineinzwängen konnte. Man versuchte hineinzuleuchten - es war absolut nichts zu sehen.
Dann mußte morgen der Götze angebohrt, ein Stück aus seinem Leibe geschnitten werden, um in das Innere blicken zu können, wozu man aber erst noch eine besondere Erlaubnis brauchte. Denn der Direktor des britischen Museums war auch schon herbeigeeilt und erklärte den Götzen wie die ganze Sammlung als unverletzliches Eigentum dieses Staatsinstitutes.
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So begnügte man sich vorläufig, auf Hachimans feixendes Maul ein großes Amtssiegel zu klatschen.
Jetzt folgte die Kalkulation des Untersuchungsrichters mit logischen Schlußfolgerungen:
Gegen zehn Uhr war Loftus Deacon in sein in der ersten Etage gelegenes Schlafzimmer gegangen und hatte sich tatsächlich ins Bett gelegt, wie der Zustand desselben ergab. Er hatte vor Erregung nicht schlafen können, mußte erst noch einmal dem kostbaren Götzen einen Besuch abstatten. Gegen zwölf Uhr stand er wieder auf, zündete eine Lampe an, bekleidete sich mit einem Schlafrock und begab sich noch einmal hinab. Welchen Weg er dabei genommen, konnte man nicht bestimmen, das war auch ganz gleichgültig.
Er betrat das Zimmer des Götzen, setzte die brennende Lampe dort auf den Tisch, ging an die Figur, tastete an ihr herum, mochte sie liebkosend streicheln, wie es der alte Sonderling auch mit seinen anderen Raritäten tat - plötzlich löste sich unter seinen Händen ein Mechanismus aus, er hatte zufällig auf eine verborgene, bis jetzt noch nicht entdeckte Feder gedrückt, das Schwert der Figur sauste zweimal auf ihn herab, der eine Hieb traf den Kopf des Stehenden, der zweite den Hals des Fallenden. Dann hatte der Mechanismus ausgewirkt, das Schwert oder der Arm war wieder unbeweglich.
So war es gewesen, Loftus Deacon hatte es ja überhaupt selbst gesagt:
»Hachiman ... Hachiman hat mich ermordet!« -
Ja, zum Teufel - hieß es aber jetzt - wo ist denn nun das Katana hin?!
Jensy und noch ein anderer Diener sagten aus, daß sie das Schwert kurz vor zehn Uhr durch die offene Tür auf dem neu hergerichteten Altar zu Füßen des Gottes hatten liegen sehen.
Es konnte ja sein, Deacon hatte es beim Fortgehen mitgenommen. Aber dann mußte es doch irgend
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wo im Hause sein. Und nun herrschte hier eine so peinliche Ordnung, der kleinste Gegenstand war nach dem Katalog so genau nummeriert, und die Diener waren überall so vertraut, daß dieses Schwert, wenn es sich wirklich noch in dem Hause befunden hätte, trotz aller Geräumigkeit des Gebäudes sofort gefunden worden wäre.
Kurz, für diejenigen, welche alle Gewohnheiten Deacons und die ganze Einrichtung dieses Hauses kannten, war das spurlose Verschwinden des Katana ein viel geheimnisvolleres Rätsel als der vermutliche Mechanismus des ehernen Götzen! - -
Auch Journalisten waren zugegen gewesen, sie arbeiteten mit Volldampf, früh um acht Uhr erschienen die Zeitungen, alles brühwarm erzählend, und nun wollen wir uns gar nicht des längeren dabei aufhalten, wie der Fall vom Publikum aufgefaßt wurde. Die Erregung war furchtbar.
Denn jetzt erinnerte man sich doch an alles, was damals über das Katana und über die japanischen Götter so ausführlich berichtet worden war, wie Keigo Kiyotaki so gedroht hatte, usw. usw.
Da plötzlich erscholl der Ruf durch die Straßen:
»Der Mörder ist bereits gefaßt! Keigo Kiyotaki ist es gewesen, welcher heute nacht Loftus Deacon ermordet hat! Alles ist erklärt!«
Am Morgen nach der Mordnacht, früh um sechs Uhr, noch bei völliger Dunkelheit, beobachtete ein Detektiv die Passagiere, welche sich im East-India Dock an Bord eines nach Singapore gehenden Dampfers begaben.
Da fielen diesem Detektiv die Gesichtszüge eines Mannes auf, der soeben die Laufbrücke betreten wollte. Er war in einen langen Mantel gehüllt, der Kragen hochgeschlagen, der Schlapphut tief in die Augen gezogen. Aber ganz war das Gesicht doch nicht verhüllt, und das scharfe Auge des Detektivs war gerade darauf gefallen, als es in das Licht einer Gaslaterne kam.
»Hallo, wer ist denn das? Wo habe ich denn
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diese gelbbraunen Züge schon einmal gesehen? Himmel, das ist ja ...«
Dem Publikum ist noch nicht bekannt, was heute nacht in Deacons Hause passiert ist, die Zeitungen sind ja noch nicht heraus, wohl aber weiß der Detektiv schon darum, und blitzschnell wickelt sich in seinem Kopfe eine Kette von Gedanken ab, er eilt dem Wanne nach und vertritt ihm auf der Brücke den Weg.
»Ka ... Ke ... Ki ... Ko ... Ku ... wie ist Ihr Name, mein Herr? Ich bin staatlicher Detektiv, hier meine Marke. Also wie heißen Sie, mein Herr?«
Der Angeredete muß wohl oder übel stehen bleiben, er blickt den Fragenden ruhig an.
»Nix Englisch,« meint er dann kopfschüttelnd und will seitwärts ausweichen, der Detektiv vertritt ihm abermals den Weg, faßt ihn an.
»Halt! Ich habe das Recht, mir Ihr Gesicht genauer zu besehen.«
Damit zieht er dem Manne den Mantelkragen herab und schiebt den Hut hoch.
»Ah, jetzt fällt mir auch Ihr Name ein, wenigstens der eine: Keigo!«
Der andere bleibt noch immer ruhig.
»Nix Keigo, ich heiße Kanamuro.«
»Ich irre mich nicht. Folgen Sie mir zur Wache.«
Die Dampfpfeife gibt das Zeichen zur Abfahrt des Schiffes, der Japaner will sich schnell zur Seite drängen, aber der Detektiv packt zu.
»Im Namen der Königin, Sie sind verhaftet! Sie wehren sich?«
Der Detektiv läßt seine Notpfeife erschallen, im Augenblick sind Konstabler da, der Dampfer fährt davon, der Festgenommene wird nach der nächsten Polizeiwache geführt. Gepäck hat er nicht bei sich.
»Ich halte diesen Mann für verdächtig, mit der Ermordung des Loftus Deacon in Verbindung zu stehen,« erklärt der Detektiv dem Polizeiwachtmeister.
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Der Mann hat einen auf den Namen Kanamuro lautenden japanischen Paß bei sich, vom englischen Konsul in Tokio beglaubigt für die Reise nach England, und beharrt dabei, nicht Englisch sprechen zu können.
Aber der Detektiv ist sich seiner Sache sicher. Es ist ein Zufall, daß er damals, wie sich Keigo Kiyotaki einige Tage in London aufhielt, diesen mehrmals gesehen hat, und der Detektiv besitzt ein vorzügliches Gedächtnis für Physiognomien, er hat ihn sofort wiedererkannt.
Er macht dem Wachtmeister seine vertraulichen Mitteilungen, und die Sache liegt so, daß der Mann, welcher sich Kanamuro nennt, sofort ins Untersuchungsgefängnis überführt wird.
Kaum ist er dort eingetroffen, erscheinen auch schon der bestellte Jensy und noch ein anderer Diener, um mit dem verdächtigen Manne konfrontiert zu werden.
»Keigo Kiyotaki!!« rufen beide wie aus einem Munde.
Da gibt der Japaner in fließendem Englisch zu, daß er es ist, er erzählt - viel ist es freilich nicht.
Gestern früh ist er aus Singapore mit einem Dampfer in London eingetroffen, hat die Nacht in einem
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Hotel geschlafen, heute früh wollte er sich schon wieder nach Singapore einschiffen.
Der junge Japaner ist völlig ruhig, er braucht nicht erst gefragt zu werden, in welchem Hotel er logiert habe, mit dem größten Gleichmut belastet er sich selbst, indem er das Hotel angibt, welches in der Bedfordstreet ist, ganz nahe an Deacons Haus.
Aber der Untersuchungsrichter läßt sich nicht beirren, er kennt bereits den japanischen Gleichmut.
»Was haben Sie an diesem einen Tage in London getan?«
»Ein Geschäft abgewickelt.«
»Was für ein Geschäft?«
»Dieses Geschäft ist mein Geschäft und nicht Ihres,« erwidert der junge Japaner jetzt trotzig.
»Das heißt, Sie wollen es nicht sagen?«
»Nein, das brauche ich nicht.«
»Das werden wir sehen. Sie sind vor etwa einem Vierteljahr in London gewesen, um von Mr. Loftus Deacon, den Sie doch kennen, ein sogenanntes Katana-Schwert, welches einst Ihrer Familie gehörte, zurückzufordern oder es ihm abzukaufen. Stimmt das?«
»Ja,« gibt Keigo jetzt offen zu.
»Sie erreichten Ihren Zweck nicht?«
»Nein.«
»Haben Sie gestern oder diese Nacht Mr. Loftus Deacon gesehen und gesprochen?«
»Nein.«
»Wozu begaben Sie sich nochmals nach London?«
»Das ist meine Sache.«
»Um abermals zu versuchen, in den Besitz des Ihnen so überaus wertvollen Schwertes zu gelangen.«
»Nein.«
»Sie haben sich gestern oder heute nacht in Mr. Deacons Haus geschlichen und Mr. Deacon ermordet.«
Allerdings macht diese direkte Beschuldigung auf
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den jungen Japaner einen großen Eindruck, aber doch nicht den, den man eigentlich erwartet hätte. Weder schlägt die Anklage ihn nieder, noch stellt er sich teilnahmlos, er fährt nur etwas zusammen und starrt mit großen Augen den Untersuchungsrichter an.
»Er-mor-det?« wiederholt er mit Bestürzung. »Ist denn - Mr. Deacon - tot?«
Wie gesagt, der Untersuchungsrichter hat in dieser internationalen Riesenstadt, in der sich die Völker aller Zonen und die Verbrecher aller Menschenrassen ein Rendezvous geben, auch schon mit Japanern seine Erfahrungen gemacht, er läßt sich durch nichts beirren.
Solch ein verstockter und verschmitzter Bursche muß klipp und klar überführt werden, sonst ist ihm gar nicht beizukommen.
Keigo wird vorläufig in seine Zelle zurückgeführt.
Unterdessen ist die ganze Maschinerie Londoner Polizei in Bewegung gesetzt worden, der Telegraph spielt nach allen Richtungen, um Erkundigungen über den mutmaßlichen Mörder einzuziehen, der noch auf der Themse befindliche Dampfer wird in Tilbury angehalten, es wird nach dem Gepäck eines Passagiers Namens Kanamuro gefragt - jawohl, das liegt in der von ihm belegten Kabine, ein dicker Lederkoffer und ein ganz flacher, aber sehr lang und breit, so eine Art von Musterkoffer - alles wandert nach dem Untersuchungsgefängnis.
Keigo Kiyotaki wird wieder vorgeführt.
»Kennen Sie dieses sogenannte Katana, welches in Ihrem Koffer gefunden worden ist?« fragt der Richter, greift hinter sich und halt dem Japaner ein Schwert entgegen.
Wie Keigo dieses Schwert sieht, da ist es mit ihm vorbei. Mit einem unartikulierten Schrei prallt er zurück.
Gleich darauf aber hat er sich wieder gefaßt, richtet sich auf, nimmt eine würdevolle Stellung ein und sagt mit ruhiger, lauter Stimme:
»Ich spreche hiermit mein letztes Wort: wenn Loftus
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Deacon wirklich ermordet worden ist, so schwöre ich bei Tensis Dai Dsin, bei Kami und Hachiman, daß ich an seinem Tode unschuldig bin!«
»Wie ist denn dieses Schwert, welches sich bis heute nacht im Besitz von Mr. Loftus Deacon befand, plötzlich in Ihren Koffer gekommen?«
Vergebliche Frage. Der junge Japaner hielt sein Versprechen, nie mehr kam ein Wort über seine Lippen. Teilnahmlos saß er in seiner Zelle, teilnahmlos stand er vor seinen Richtern, er sah und hörte nichts mehr.
Doch einen freiwilligen Tod suchte dieser junge Japaner nicht, er aß, wenn man ihm etwas vorsetzte, nur daß er eben sonst ganz teilnahmlos war und nicht mehr sprach.
Wenn man nicht an Formalitäten gebunden gewesen wäre, hätte man über Keigo noch an demselben Tage den Stab brechen können. Mit dem Auffinden des vermißten Schwertes in seinem Koffer war seine Schuld völlig und vollständig bewiesen! Weil die Fenster von innen verriegelt gewesen waren und man behauptete, kein Mensch hätte sich unbemerkt aus dem Hause entfernen können? Nun, das war eben eine vorschnelle Behauptung gewesen.
Keigo hatte sich nochmals nach London begeben, um das Schwert seiner Väter auf irgend eine Weise zu erlangen, jedenfalls schon zu allem entschlossen. Sein Hiersein mit dem ehernen Kriegsgötzen in Verbindung zu bringen, von so etwas schwatzten nur die Sensationsblättchen, die auf die Dummheit des abergläubischen Volkes spekulieren, und dieses, welches in allem und jedem etwas Wunderbares sucht, mochte derartiges denn auch glauben. Die aufgeklärten Leute dachten anders. Daß an diesem Tage gerade der von Deacon gekaufte Hachiman in die Wohnung transportiert wurde, war einfach ein Zufall, und der kluge Japaner machte sich diesen sofort zunutze.
Bei der Menge der heute im Hause beschäftigten
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Arbeitsleute war es dem Japaner, der sehr wenig Mongolisches an sich hatte, so leicht gemacht worden, unbemerkt hineinzugelangen. Ein Versteck fand der geschmeidige Japaner schon, vielleicht verbarg er sich in einer der riesigen Vasen seiner Heimat. Hier wollte er warten, bis im Hause alles still war, dann nahm er das Katana und sprang durch das Fenster auf die Straße.
So tat er denn auch. Aber nur der erste Teil des Programms kam zur Ausführung. Gegen Mitternacht verließ er sein Versteck. In diesem Augenblick - daß sind natürlich alles nur Vermutungen - als er an seinem Ziele war, trat der Hausherr, welcher seinen Götzen noch einmal sehen wollte, mit der brennenden Lampe ein.
Schnell warf sich Keigo hinter das mit einem roten Tuche verhangene Piedestal der Figur. Deacon setzte die Lampe auf den Tisch und trat an den Götzen. Da fiel sein Blick auf den Eindringling, der sah sich verraten, nun war ihm alles gleichgültig, blitzschnell sprang er auf, ergriff das ihm auf dem Altar handbereit liegende Katana und führte die zwei mörderischen Schläge nach dem Alten.
Hochauf spritzte das Blut, es benetzte den Kriegsgott, auch dessen Schwert. Der Mörder selbst mochte von dem Blutstrahl nicht getroffen worden sein.
Da erscholl Jensys Klopfen und Frage, Keigo sprang in sein Versteck zurück. Und es sollte so ganz unmöglich gewesen sein, daß der Mörder unbemerkt den Ausgang gewann? Durch die geöffnete Haustür strömten doch Polizisten, Detektivs, Aerzte und Journalisten herein, sie kamen und gingen, dem geschmeidigen Japaner war es vielmehr sehr leicht geworden, sich unbemerkt wieder zu entfernen, ehe das Suchen nach dem Mörder begann, und sein Taschentuch mochte genügt haben, um das Blut von dem Katana, welches er natürlich mitnahm, abzuwischen, so daß er nicht die geringste Spur hinterließ.
Ja, so war es gewesen, nicht anders; Keigo Kiyotaki
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brauchte gar nicht zu sprechen, der ganze Vorgang sprach für sich selbst. Man hatte dem so gemütlich lachenden Kriegsgott bitteres Unrecht zugefügt, als man ihn im Verdachte der Täterschaft gehabt, die eherne Figur hatte gar keinen Mechanismus im Leibe, deshalb brauchte sie auch nicht erst angebohrt zu werden - was übrigens seine Schwierigkeiten gehabt hätte, das heißt eine Verletzung des kostbaren Götzen wäre so ohne weiteres gar nicht erlaubt worden, aus einem Grunde, den wir gleich erfahren werden.
Doch hatte der Sterbende nicht selbst gesagt, daß Hachiman ihn ermordet habe?
Das war natürlich nichts weiter als eine Ideenverbindung im Todeskampfe gewesen. Denn den Japaner hatte Deacon natürlich gesehen, im Todeskampfe hatte er nur noch daran gedacht, wie ihm Keigo mit des Kriegsgottes Rache gedroht, und diesen Gedankengang hatte er mit seinen letzten Worten ausgedrückt.
Während die in London weilenden Japaner durchaus nichts von ihrem des Mordes angeklagten Landsmann wissen wollten, die japanische Gesandtschaft sich ängstlich hütete, sich in den Prozeß zu mischen, fehlte es nicht an hochherzigen Engländern, welche für den jungen Japaner Mitleid empfanden und offen Partei für ihn ergriffen, und es war kein anderer als der berühmte Sir Edward Clane, der wegen seiner juristischen Verdienste von der Königin zum englischen Baronet erhobene Rechtsanwalt, welcher freiwillig Keigos Verteidigung übernahm.
Sir Edward Clane! Wenn es je einen wahrhaft edlen Menschen gegeben hat, wenn je ein Bürgerlicher den Adelstitel als Auszeichnung vor anderen verdient hat, so ist es dieser englische Rechtsanwalt, der Sohn eines armen Bauern. Er übernahm von jeher die Verteidigung der schwierigsten Fälle, von Raubmördern und anderen Verbrechern, welche die Todesstrafe oder die schwersten Zuchthausstrafen verdienten. Aber nicht etwa,
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daß er mit juristischen Spitzfindigkeiten aus Schwarz Weiß, aus einem Teufel einen Engel zu machen suchte - nein, vielleicht im Gegenteil.
»Herr, allgnädiger Gott, führe uns nicht in Versuchung, denn wir sind allzumal schwache Menschen und zur Sünde geneigt.«
Mit diesen Worten begann er jede seiner Verteidigungsreden, und dann verwandelte sich jedesmal der weite Gerichtssaal in eine Kirche, und die Zuhörer lauschten mit angehaltenem Atem diesem gottbegnadeten juristischen Prediger, der mit der Allmacht seiner Rede auch die steinernsten Herzen zermalmte, bis sie von Tränen überflossen.
Auf diese Weise hat er nicht weniger als vierzehn Menschen, welche den Strang, verdienten, das Leben geschenkt, sie wurden nur zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, und der zu lebenslänglichem Zuchthaus Verurteilte wird in England bei guter Führung regelmäßig nach zehn bis spätestens fünfzehn Jahren begnadigt, und zahllos sind die Fälle, in denen er die vorgeschlagene Zuchthausstrafe bis zur Hälfte herabdrückte, eben nur durch die Gewalt seiner Rede, welche allein an die Herzen der Menschheit appellierte.
Zahllos sind die Anekdoten, welche in England über diesen Mann zirkulieren, so z. B., wie einmal in seiner Villa eingebrochen wurde, und wie am anderen Tage der Einbrecher zu ihm kam, um ihm persönlich den Raub zurückzubringen und ihn um Entschuldigung zu bitten, er habe nicht gewußt, daß diese Villa dem >Freund der Verbrecher< gehöre, und wie Sir Clane im Jahre 1887 starb, da sah man ein Begräbnis, wie es die Welt noch nicht erlebt hatte. Ehemalige Sträflinge und die Weiber und Kinder von Zuchthäuslern folgten seinem Sarge und weinten an seinem Grabe, schmückten es mit Blumen, und in den Verbrecherspelunken von Whitechapel wurden Gedächtnisfeiern abgehalten, aber keine Orgien, sondern Andachten. -
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Für solch einen Mann verzeiht der Leser wohl diese kleine Abschweifung.
Er also übernahm die Verteidigung des jungen Japaners aus freien Stücken. Als Thema für dieselbe hatte er das vierte Gebot gewählt. Es war ein gewagtes Unternehmen. Der Angeklagte sei ein gehorsamer Sohn, der seinen Vater ehre, und er gehöre einer fremden Nation, einer fremden Rasse an, in deren religiöse Ansichten wir Europäer uns gar nicht hineindenken könnten, jener aber sei nach japanischen Begriffen ein frommer, gerechter Mann, das müsse man bedenken, und wenn seine Tat für uns nicht völlig entschuldbar sei, so müsse man ihm doch die weitestgehenden mildernden Umstände zubilligen. Er habe Loftus Deacon ja nicht ermorden, sondern habe ihm das Schwert seiner Väter abkaufen wollen, hatte jedenfalls alles, was er besaß, dafür geopfert, und Loftus Deacon hätte seinen Tod durch engherzigen Starrsinn selbst verschuldet.
Wie gesagt, es war ein starkes Stück, hier das vierte Gebot anzuwenden, und vielleicht mehr noch, den Ermordeten, einen christlichen Engländer, gegen den Mörder, einen heidnischen Japaner, als den eigentlichen Schuldigen hinzustellen. Das hätte kein anderer Verteidiger tun dürfen, das wäre ihm schlecht bekommen. Aber Sir Edward Clane durfte es wagen, und wieder wußte dieser Mann zu sprechen, daß auf den Galerien kein Auge trocken blieb, wenigstens kein Frauenauge, und wenn es nach diesen leicht zu bewegenden Frauenherzen gegangen wäre, so wäre Keigo Kiyotaki augenblicklich freigesprochen und als Muster eines gehorsamen Sohnes unter die Heiligen versetzt worden.
Es gab aber Männer unter den Richtern, welche sich nicht so leicht durch Worte beeinflussen ließen. Nein, diesmal würde es dem Verteidiger schwerlich gelingen, den Angeklagten vor dem Tode durch den Strang zu retten, und Sir Clane hatte, wie er vertrauten Freunden offenbarte, selbst wenig Hoffnung. Die größte Schwierigkeit dabei bereitete
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ihm, der natürlich nicht nur ein Prediger, sondern auch ein ausgezeichneter Jurist war, das Verhalten seines Klienten, welcher auch seinem Verteidiger gegenüber sein absolutes Schweigen durchaus nicht brechen wollte. - -
Wir versetzen uns in das bescheidene Empfangszimmer der Villa des Sir Edward Clane - wenigstens bescheiden eingerichtet für einen Mann, der so große Einkünfte bezog. Denn wenn er es konnte, dann ließ sich dieser Rechtsanwalt sehr gut für seine Verteidigung bezahlen, aber nicht für sich, sondern er übergab alles einer Arbeitsanstalt für entlassene Sträflinge, er selbst war völlig anspruchslos, hatte in seinem Berufe nicht einmal Zeit zum Heiraten gehabt, eine alte Köchin und ein Diener genügten ihm, und die große Villa hatte er nur wegen seiner reichen Büchersammlung nötig.
»Fred M.Beken, Philadelphia,« stand auf der Visitenkarte, welche der Gentleman abgegeben hatte, der in einer Vormittagsstunde in diesem Empfangszimmer auf die Rückkehr des Dieners oder auf den Eintritt des Hausherrn wartete.
Es war ein schon alter Herr, das glattrasierte Gesicht voller Falten. Das stark hervortretende Kinn und die eckigen Züge charakterisierten ihn unverkennbar als echten Yankee, der Diener hatte das auch sofort aus den Nasallauten seines englischen Dialektes herausgehört.
Kalt und starr blickte das kluge Auge, aber seltsam war es, wie sofort, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, diese selben sonst so starren Augen blitzschnell durch das ganze Zimmer wanderten, es war, als wollten sie jeden Gegenstand umfassen und seine Form unauslöschlich dem Gedächtnis einprägen.
Noch seltsamer war, was der Herr in der nächsten Minute tat.
Als die Musterung des Zimmers beendet, warf er noch einen Blick nach der Türe, hinter welcher der anmeldende Diener verschwunden war, beugte wie lauschend
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den Oberkörper vor, trat dann schnell vor einen Wandspiegel, nahm den goldenen Klemmer ab, legte beide Handflächen auf sein Gesicht, es sah aus, als wolle er die Falten glätten, nahm die Hände weg - - und wirklich, der Spiegel zeigte ihm das faltenlose Antlitz eines noch jungen Mannes, welches mit dem vorigen auch nicht die geringste Aehnlichkeit mehr besaß. Doch es war nur wie ein Phantom. Mit den Fingerspitzen tupfte und zog er im Gesicht herum, die hervorgebrachten Falten blieben stehen, er drückte mit der Hand sein Kinn hervor, und es war, als ob dieses aus Gummi oder, besser noch, aus Wachs gewesen wäre, denn es verharrte ebenfalls in seiner Lage, nun die Nase noch etwas zugequetscht ... und wie der Diener wieder hereintrat, sah er ganz genau denselben alten Herrn mit dem charakteristischen Yankeegesicht.
»Sir Clane ist sehr stark beschäftigt und läßt erst um Angabe bitten, in welcher Angelegenheit ihn der Herr zu sprechen wünscht.«
»In Sachen des Keigo Kiyotaki,« war die kurze Antwort des fremden Besuchers, welcher keinen in England unentbehrlichen Empfehlungsbrief abgegeben hatte.
Diesmal blieb der Diener keine zehn Sekunden aus.
»Sir Clane läßt bitten.«
Mr. Beken betrat das mit Büchern vollgestopfte Arbeitszimmer und stand vor der ehrwürdigen Gestalt des alten Rechtsanwaltes.
»Verzeihen Sie, wenn ich Sie störe ...«
»Wenn Ihr werter Besuch meinen Klienten betrifft, so habe ich stets Zeit. Bitte, nehmen Sie Platz.«
»Habe in Philadelphia Agentur für Tee, China-und Japanwaren,« begann der Amerikaner mit präziser Kürze. »Halte mich hier geschäftlich auf. Bin viele Jahre in Japan gewesen. Keigo Kiyotaki selbst kenne ich nicht, aber seinen Vater habe ich persönlich gekannt, auch den einen Bruder, Dai Oky Goto. Mir geht die ganze Geschichte durch den Kopf. Mir ist etwas nicht klar dabei. Warum will der Junge nicht sprechen?«
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»Weil es ein Japaner ist, der sich mit orientalischem Phlegma in das Unvermeidliche schickt.«
»Nein. Ich kenne die Japaner. Hier liegt etwas anderes vor, irgend ein Rätsel. Keigo Kiyotaki kann den Mord gar nicht begangen haben ...«
»Was sagen Sie da?!« rief der Rechtsanwalt mit leicht begreiflicher Ueberraschung.
»Nein, kann nicht, weil er ein Sintus ist.«
»Was ist er?«
»Ein Sintus. So heißen die Bekenner des alten Sinsyn-Glaubens. Der Sintus darf kein Blut vergießen, nicht töten, nicht einmal eine Fliege.«
»Mr. Beken, wir sind allzumal schwache Menschen ...«
»I beg your pardon. Wenn Keigo einmal Blut vergossen oder einen anderen dazu verleitet hätte, es für ihn zu vergießen, dann würde er selbst, anstatt sich hängen zu lassen, Harakiri begehen ...kchkchkch.«
Mit einem nicht wiederzugebenden Laute machte der Amerikaner die Bewegung des Bauchaufschlitzens.
»Oder, wenn er kein Messer hat,« setzte er noch hinzu, »sich in seiner Zelle aufhängen oder seine Zunge verschlucken oder sich sonst auf irgend eine Weise vom Leben zum Tode befördern. Ich kenne den Japaner, der findet immer ein Mittel dazu.«
Erregt war Sir Clane aufgestanden, um einen Gang durch das Zimmer zu machen. Wahrhaftig, dieser Mann brachte ihn auf einen Gedanken, auf den noch kein Mensch in London gekommen, und da leben doch auch gründliche Japankenner.
»Ja, aber ...das bei ihm gefundene Schwert ...«
»Das hat er von Mr. Deacon auf ganz ehrliche Weise bekommen.«
Der Rechtsanwalt blieb gleich erstarrt stehen.
»Das heißt,« fuhr der Yankee durch die Nase fort, »auf eine für uns christliche Europäer ganz ehrliche Weise. In den Augen eines Japaners mag er ein
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großes Verbrechen begangen haben, vielleicht hat er für das ihm so wertvolle Schwert dem Mr. Deacon, der sich doch überhaupt für alles Japanische interessierte, ein wichtiges Geheimnis aus seiner Priesterkaste verraten, aber das darf kein Japaner erfahren, deshalb schweigt der Junge, da will er lieber sterben, als von seinem Volke verdammt werden, und weil er sich nicht selbst töten darf, verteidigt er sich nicht, er will von anderer Hand gehangen werden. - Sir Clane, ich möchte diesen Keigo Kiyotaki gern einmal sehen, vielleicht, daß ich ihn zum Sprechen bringe. Könnten Sie mir die Gelegenheit dazu nicht verschaffen?«
»Aber sofort! Sofort!!!« rief der Rechtsanwalt, dem als Verteidiger jederzeit eine Unterredung unter vier Augen mit dem Angeklagten gewährt werden mußte. -
Fünf Minuten später befanden sich die beiden schon im Wagen. Der Weg nach dem Untersuchungsgefängnis führte sie auch durch die Bedfordstreet an dem Hause des Mr. Deacon vorüber.
»Nicht wahr, das Haus ist von dem Erbschaftsgericht versiegelt worden?« fragte Mr. Beken.
Sir Clane bestätigte es und erläuterte näher, wie das gekommen war.
Gleich am Tage nach der Mordnacht war Loftus Deacons Testament eröffnet worden, der Erbe seiner kostbaren Raritäten war das britische Museum. Aber dieses Testament war sofort von den eigentlich Erbberechtigten angefochten worden, denn es enthielt Unklarheiten. Einmal behaupteten die anderen Erben, die Schenkung erstrecke sich nur auf die Sachen, welche Mr. Deacon bis zu dem Zeitpunkt angeschafft habe, da er dieses Testament unterzeichnete, und dann vor allen Dingen habe das britische Museum kein Recht, das ganze Haus als Museum zu beanspruchen.
Nun gibt es in England ein eigentümliches Gesetz. Sobald es zweifelhaft ist, wer der rechtmäßige Besitzer eines Hauses ist, wird dieses Haus unter Siegel genommen,
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solange der Prozeß schwebt. Ein Zinshaus muß augenblicklich - oder doch innerhalb 12 Stunden - von sämtlichen Mietern geräumt werden, die Türen und Fenster werden versiegelt, kein Handwerker, kein Gerichtsbeamter, niemand darf es mehr betreten, bis die Sache entschieden ist.
So war es auch mit Deacons Haus. Die gerichtliche Untersuchung war am zweiten Tage nach der Mordnacht bereits erledigt gewesen, die Diener hatten es sofort verlassen müssen, kein Mensch hatte Zutritt, Ausnahmen gibt es freilich immer. Die Staatsanwaltschaft hätte es wohl noch betreten können, aber die hatte die richterliche Untersuchung bereits für beendet erklärt.
»Schade,« meinte Mr. Beken, »ich hätte die japanischen Altertümer gern einmal besichtigt. Sollte es nicht eine Möglichkeit geben, noch einmal Hineinzugelangen?«
»Nein, das ist ganz ausgeschlossen,« erklärte der kundige Rechtsanwalt, »und so bald wird dieser Prozeß nicht entschieden sein, da kann ein Jahr vergehen.«
Der Wagen hielt vor dem Untersuchungsgefängnis, der Verteidiger des Angeklagten stellte an vorschriftsmäßiger Stelle sein Verlangen.
»Können wir mit dem Gefangenen allein und ungestört sprechen?« fragte der Amerikaner, als sie etwas warten mußten.
»Selbstverständlich,« entgegnete der Rechtsanwalt.
»Wir werden auch nicht belauscht?«
»O nein, mein Herr, was meinen Sie wohl!! Das würde ich mir sehr stark verbitten!«
Die beiden betraten die Zelle. Teilnahmlos saß der junge Japaner da, wandte nicht einmal den Kopf nach den Eintretenden. Mr. Beken redete ihn erst in fließendem Japanisch an, dann, mit Rücksicht auf den Rechtsanwalt, sprach er auf englisch zu ihm, sagte, daß er seinen Vater, seinen einen Bruder gekannt habe. Keine Antwort, keinen Blick. Dann setzte sich ihm der Amerikaner gegenüber und ...
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Doch jetzt müssen wir die beiden aus einem besonderen Grunde allein lassen.
»Dieses hartnäckige Schweigen ist mir unbegreiflich,« sagte Sir Clane, als sie nach einer Viertelstunde die Zelle wieder verließen.
»Ja, ich hatte gehofft, ihn zum Sprechen bringen zu können,« entgegnete der Amerikaner.
Der Besuch war also erfolglos gewesen, Keigo Kiyotaki hatte kein Wort über seine Lippen kommen lassen.
Aus welchem besonderen Grunde dann der geneigte Leser nicht weiter in der Zelle bleiben durfte?
Das soll später bei Gelegenheit erläutert werden, jetzt ist es noch nicht Zeit dazu. - -
Dann noch etwas anderes, was dem Leser ebenfalls nur angedeutet werden kann.
In derselben Nacht, welche diesem Tage folgte, öffnete sich in der dritten Etage eines Hauses, dessen Eingang in der Bedfordstreet lag, das Fenster eines Hinterzimmers. Ein Mensch bog sich heraus, blickte in den dunklen Hof hinab und sah zu dem finsteren Himmel hinauf, und dann kam eine Hand zum Vorschein und tastete seitwärts nach dem Blitzableiter, und im nächsten Augenblick hing an diesem Blitzableiter zwischen Himmel und Erde die Gestalt eines dunkel gekleideten Mannes, der wieder im nächsten Moment mit der Gewandtheit eines Affen den Blitzableiter emporkletterte, und als er das Dach erreicht hatte, verwandelte sich der Affe in eine Katze, denn mit der Geschicklichkeit einer solchen setzte er seinen Weg auf dem Dache fort, und da gab es kein Hindernis, welches er nicht durch Springen oder Kriechen zu überwinden gewußt hätte.
Der Mann zeigte ein außerordentliches Interesse für Schornsteine, besonders aus dem einen Hause, und mit einem Male war er in demselben spurlos verschwunden. Und der gehörte gerade dem Hause an, in welchem Loftus Deacon ermordet worden war. -
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Der Tag, an welchem der Amerikaner den Untersuchungsgefangenen erfolglos besucht hatte, war seit jener Mordnacht der neunte gewesen. Vier Tage später sprachen die Geschworenen über den des überlegten Mordes schuldig Befundenen das Urteil aus, welches diesmal Sir Edward Clane nicht hatte mildern können. Es lautete auf den Tod durch den Strang. Und wiederum vier Tage später mußte dieses Urteil vollstreckt sein.
Die Hinrichtung sollte auf der üblichen Stätte vollzogen werden. Es ist dies in Newgate ein unbedeckter Hof, welcher nichts weiter als den hohen Galgen enthält. Die Flaggenstange steht daneben auf dem Dache eines Hauses, es weht ständig eine weiße Fahne daran, nur bei einer Hinrichtung wird sie durch eine schwarze ersetzt, und an demselben Hause ist
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auch die elektrisch funktionierende Sünderglocke angebracht.
Sitzplätze für die Zuschauer gibt es nicht, alles muß stehen, ohne Schutz vor der Witterung. Oeffentlich sind diese Hinrichtungen natürlich nicht mehr, Billetts kann man sich nicht kaufen. Es sind aber außer den Richtern und Beamten doch immer noch Zuschauer vorhanden: die Geschworenen, die Zeugen, welche in dem Prozeß mitgewirkt haben, die Berichterstatter der großen Zeitungen, und auch sonst können einzelne Personen Zutritt erhalten, wenn sie sich darum bemühen und Protektion haben.
So war auch Mr. Beken zugegen, um den Japaner sterben zu sehen, dessen Vater er gekannt. Sir Edward Clane hatte ihm auf seine Bitte eine Karte verschafft.
Die letzte Minute war da. Aus dem Portal jenes Hauses kam Keigo Kiyotaki in Begleitung zweier Wächter, in einem grauen Anzug, den Oberkörper in einer Art von Zwangsjacke, an der die Hände und Arme festgeschnallt sind.
Es war ihm nichts anzumerken. Gelassen schritt er über den Hofraum und stieg die breite Treppe zum Galgen hinauf. Auf dem Forum angelangt, mußte er stehen bleiben, die weiße Flagge wurde mit der schwarzen vertauscht, der Richter verlas nochmals das Urteil, der als Gentleman gekleidete Henker sprach seine Formel, legte dem Delinquenten die Schlinge um den entblößten Hals, trat zurück, und alles war fertig, der dem Tode Geweihte stand bereits auf dem Fallbrett.
Bim ...bim ...bim ...
»Haltet ein!!!« donnerte da plötzlich eine Stimme. »Keigo Kiyotaki ist unschuldig!!!«
Mr. Beken war es, der es mit machtvoller Stimme gerufen hatte und dabei mit ausgestrecktem Arm weit vorgetreten war.
Es läßt sich denken, was für eine Bestürzung diese Worte hervorriefen. Selbst das Armesünderglöcklein
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konnte vor Schreck nicht den vierten Ton hervorbringen - der den Apparat bedienende Beamte hatte den Mechanismus ausgeschaltet.
»Was sagen Sie da?! Mann, wer sind Sie?« erklang es von berufener Seite.
»Keigo Kiyotaki ist unschuldig! Mein Name ist Nobody! Ich bin Berichterstatter von der in New-York und London erscheinenden Zeitung >Worlds Magazine[<]!«
Wiederum eine furchtbare Erregung und überall die zweifelndsten Gesichter.
Wie, das war dieser vielgenannte Nobody, der sich hier hereinmischte, das war der Privat-Detektiv von jener amerikanischen Schwindelzeitung?
Wir werden noch später sehen, weshalb diese Namen in England einen so schlechten Klang hatten.
»Und Sie behaupten, der Verurteilte sei an der Ermordung von Loftus Deacon unschuldig?!«
»Ich behaupte es nicht, sondern ich weiß es! Ich verlange, sofort als Zeuge vernommen zu werden! Keigo Kiyotaki ist völlig unschuldig! Ich habe den wahren Mörder gefunden!!« - -
Daß eine Hinrichtung unterbrochen wurde, ist nur zweimal passiert, so lange Newgate steht. Dies hier war also der zweite Fall.
Die Wiederaufnahme des Prozesses vor den Richtern geschah sofort - sofort! Freilich nicht auf der Hinrichtungsstätte.
Unterdessen aber hatten auch schon die Richter die Nummer von <Worlds Magazine< in die Hände bekommen, beim dritten Glockenzeichen ausgerufen, in dem Augenblick, als jener Nobody mit seiner Behauptung aufgetreten war, und was man da zu lesen bekam, das war unerhört! Alles war wie vor den Kopf geschlagen, am allermeisten die Richter.
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Aber wehe, wehe, wenn dieser Mann, der sich Nobody nannte, hier einen seiner genialen Yankeestreiche zum besten geben wollte!!!
»Ihr Name?«
»Nobody.«
>>Vorname?«
»Habe keinen.«
»Wann sind Sie geboren?«
»Ich spreche nicht über meine Vergangenheit, ich verlange, mit Keigo Kiyotaki konfrontiert zu werden, um hier öffentlich seine Unschuld zu beweisen, um einen Justizmord zu verhüten.«
Es lag hier ein solch außergewöhnlicher Fall vor, daß alles andere als Nebensache betrachtet wurde.
Keigo Kiyotaki ward nun wieder als Untersuchungsgefangener vorgeführt. Man sah ihm an, wie unwirsch er war, wie er seine alte Gleichgültigkeit gegen alles zwar noch zu heucheln suchte, aber mit wenig Glück. Mit geheimer Angst blickte er auf den alten Herrn, welche Maske Nobody beibehielt.
»Keigo Kiyotaki,« redete ihn dieser, dazu aufgefordert, jetzt an, »hast du an jenem Tage, an welchem du dich in London aufhieltest und an welchem Loftus Deacon ermordet worden ist, mit diesem gesprochen?«
»Nein.«
Es war das erste Wort, welches man wieder von dem jungen Japaner hörte, und es war so unsicher herausgekommen.
»Du hast ihn gesprochen! Ich weiß es bestimmt!« rief Nobody in fast drohendem Tone. »Wo hast du ihn gesprochen?«
Keine Antwort. Der Japaner bereute schon sein erstes Wort. Er wollte wieder stumm werden.
»Am Abend in der sechsten Stunde, gerade, als die Figur in das Haus geschafft wurde und die Hausflur voller Menschen war, hast du dich zu ihm begeben, in
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sein Haus, hast mit ihm unter vier Augen gesprochen. Stimmt das nicht?«
Der Japaner riß nur die Augen weit auf und starrte den Sprecher an.
»Dann müßte er doch gesehen worden sein,« meinte einer am Richtertisch.
»So? Dann müßte er auch gesehen worden sein?« wiederholte Nobody spöttisch. »Ich denke, es sei so einfach für den Mörder gewesen, sich in dem Hause, in dem es damals so lebhaft zuging, ein- und auszuschleichen? - Keigo Kiyotaki, hat dir Loftus Deacon das Masamune-Schwert nicht freiwillig ausgehändigt?«
»Ja,« erklang es wieder gepreßt.
»Ach, daran ist ja gar nicht zu denken,« wurde abermals am grünen Tisch gesagt. »Mr Deacon hätte nicht für alle Schätze der Welt ...«
»Bitte, so unterbrechen Sie meine Beweisführung doch nicht immer!« rief Nobody ungeduldig. »Ich habe Ihnen doch soeben gezeigt, daß Sie sich selbst widersprechen. - Keigo Kiyotaki, was hast du ihm für dieses Masamune-Schwert gegeben?«
Lange blieb die Antwort aus, mit fest zusammengepreßten Lippen stierte der Japaner auf den ihm unbekannten Mann, und unverkennbare Angst sprach aus seinen Augen.
»Nichts,« erklang es dann heiser, und jetzt wurden auch die Richter stutzig.
Nobody streckte den Arm gegen ihn aus.
»Keigo Kiyotaki,« sagte er, jedes Wort betonend, »du - hast - ihm - ein - >Monikono< dafür gegeben!!«
Es war nicht anders, als ob der Japaner plötzlich vom Blitze getroffen worden wäre. Einen gellenden Schrei ausstoßend schlug er die Hände vor das Gesicht und stürzte rücklings zu Boden. Die herbeispringenden Konstabler fanden ihn zwar nicht tot, aber er war nicht
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zum Aufstehen zu bewegen, er mußte hinausgetragen werden.
In dem Gerichtssaale war ein kleiner Tumult entstanden. Erklären konnte sich das hier vorliegende Rätsel niemand.
»Armer Kerl,« ließ sich Nobody vernehmen, als die Ruhe wiederhergestellt war, »ich mußte ihn vernichten, um ihn retten zu können.«
»Aber so erklären Sie doch! Was ist das eigentlich, ein Monikono? Mr. Scott, wissen Sie das?«
Der Gefragte, welcher bei den Gerichtsverhandlungen als Sachverständiger über japanische Verhältnisse fungiert hatte, gab eine Erklärung.
Monikono war gleichfalls ein japanischer Waffenschmied, welcher Katanas fertigte. Aber während Masamune im vierten Jahrhundert nach Christi lebte, hat Monikono seinen Beruf noch vor Beginn unserer Zeitrechnung ausgeübt. Sind schon die Masamune-Schwerter in Japan sehr selten und so wert gehalten, daß nur das Petersburger Museum durch Zufall in den Besitz eines solchen
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gekommen ist - und dann also Loftus Deacon - so existierte von den Monikono-Schwertern auch in Japan überhaupt nur ein einziges Exemplar.
»Ich kann mir gar nicht denken, Herr, wie dieser junge Japaner zu einem Monikono-Katana gekommen sein soll,« wendete sich der Sachverständige an Nobody, »ich weiß bestimmt, daß sich nur noch ein einziges Monikono vererbt - das ist im Besitze des Mikado.«
»Nun, es hat früher doch noch andere Monikonos gegeben, wo sind denn die alle hin?«
»Die ruhen sämtlich in japanischen Fürstengräbern, das kann ich beweisen.«
»Na ja, ganz einfach, der Junge hatte eine solche Liebe oder einen solchen Respekt vor seinem Vater, daß er vor nichts zurückschreckte. Der ist damals, als ihm Deacon das Katana gegen Geld nicht aushändigen wollte, wieder nach Japan gegangen und hat ein Fürstengrab geplündert. Bei einem Monikono griff der alte Raritätensammler natürlich mit beiden Händen zu, dafür gab er sein Masamune gern her.«
Daß hier etwas ganz Außergewöhnliches vorlag, erkannten die Richter hauptsächlich an dem Benehmen des Sachverständigen. Dieser blickte starr nach dem Sprecher, schnalzte mit den Fingern und stieß, seine Umgebung vergessend, einen langen Pfiff aus.
»Wahrhaftig, das wäre eine Lösung! Um diesen Preis hätte Mr. Deacon das Masamune wohl weggegeben!«
»Deacons Diener, Mr. Jensy,« fuhr Nobody fort, sich wieder gegen den Richtertisch wendend, »will doch noch gegen zehn Uhr abends das Schwert auf dem Altar vor den Füßen des Götzen haben liegen sehen.«
»Allerdings.«
»Nein, das war nicht mehr das Katana des Masamune, das war schon das Monikono! Weil Mr. Deacon gar nichts davon gesagt hat? Zu wem sollte er denn seiner Freude gleich Ausdruck geben? Und das können Sie
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mir glauben, daß er dem Japaner, der heimlich unter falschem Namen seine Heimat verließ und nach London kam, sein heiligstes Versprechen abgeben mußte, diesen Tausch nicht gleich auszuposaunen, eine Zeit mußte er wenigstens vergehen lassen, und niemals durfte er verraten, von wem er das Monikono bekommen hatte.«
»Ja, wo ist das Monikono aber jetzt?«
»Das hat sich eben der eigentliche Mörder angeeignet.«
»Sie wollen diesen Mörder gefaßt haben?«
»Nicht gefaßt, sondern entdeckt.«
»Wer ist es?«
»Ein Werftarbeiter Namens Slackjaw.«
Durch die Reihen der im Saale postierten Konstabler ging eine unruhige Bewegung, mit bestürzten Augen sahen sie einander an.
»Wissen Sie, wo dieser Mann jetzt ist?«
»Ja.«
»Wo?«
»Er befindet sich noch jetzt in Mr. Deacons Wohnung!« - -
Deacons Haus war entsiegelt worden, es wurde von einer richterlichen Kommission betreten - höchst, höchst vorsichtig, denn Nobody hatte sich nicht weiter ausgelassen, er blieb bei seiner Behauptung, der Mörder stecke noch in der Wohnung, und nun glaubte jeder der Herren, in dem einsamen Hause den Mörder plötzlich hinter einer Ecke hervorspringen zu sehen.
»Hier riecht es aber übel,« meinte ein Herr, als das erste Zimmer geöffnet wurde.
»Nein, hier stinkt's sogar ganz tüchtig,« sagte Nobody trocken.
Als aber nun gar die Tür desjenigen Zimmers aufgeschlossen wurde, in welchem der Mord geschehen, da schlug ihnen eine wahre Pestlust entgegen.
»Hier liegt eine verwesende Leiche!!«
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Den Herren war überhaupt schon eine Ahnung aufgegangen, nur gerade dieses Zimmer, in welchem Hachiman noch am Boden kauerte, hatte keiner in das Reich seiner Vermutungen gezogen.
»Treten Sie ein, meine Herren, wir sind am Ziel.«
Nobody ging ohne weiteres auf den Götzen zu, trat auf dessen ehernes Knie, so daß er den Zierrat auf dem Helm erreichen konnte, drehte diesen etwas und sprang wieder herab.
Daß dieser Zierrat zu drehen war, das hatten die Detektivs und Ingenieure damals auch bemerkt, und sie hatten genug daran herumgeleiert, aber einen Mechanismus, durch welchen das Schwert beweglich wurde, hatten sie dadurch nicht entdeckt.
»Jetzt muß die Figur wieder auf das Postament gehoben werden. Oder es ist ja auch nicht nötig, wir brauchen sie nur umzulegen.«
Es waren kräftige Konstabler genug zur Stelle, es gelang ihnen, den ehernen Götzen sanft zur Seite zu legen.
»Die Figur ist hohl, und es ist Ihnen doch bekannt, daß Hachiman, wenn ihm ein Schwert geweiht wurde, Feuer und Rauch ausspie. Da war doch natürlich ein Priester drin, der diesen Hokuspokus machte. Wie kam der hinein? Einfach durch ein sogenanntes Loch. Passen Sie auf, meine Herren!«
Er stemmte die Hand gegen den Teil, auf welchem der Götze für gewöhnlich saß, der also jetzt bloßgelegt worden war, aber wie er auch drückte und was für andere Kraftanstrengungen er auch machte, es zeigte sich kein Erfolg.
Und was sollte denn auch geschehen? Die Ingenieure hatten die Figur doch gründlich genug untersucht, auch hier unten war keine Fuge eines Deckels zu bemerken, der etwa ein Mannloch verschlossen hatte. Alles war eben aus einem Guß.
»Nanu,« murmelte Nobody. »So schwer kann die
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Geschichte doch nicht gehen, und ich kenne meinen Freund Hachiman doch gut genug, um zu wissen, wo bei dem der Zimmermann das Loch gelassen hat. Sollte da ... ach so, der Helmschmuck hat sich bei dem Umlegen wieder etwas verschoben. Der Schnabel muß nämlich genau nach der Schwertspitze weisen. Der Mechanismus ist sehr einfach, aber doch auch ganz genau gearbeitet.«
Er ging noch einmal nach dem Kopf, visierte, verbesserte die Stellung des Zierrates, begab sich zu den Füßen zurück, ein leiser Druck, und polternd stürzte eine Platte ins Innere, so daß ein großes Loch entstand.
Also doch ein Deckel, niemand hätte es für möglich gehalten. So genau war dieser Deckel hineingearbeitet worden.
Doch das war jetzt Nebensache. Mit einiger Scheu drängten sich die Herren herbei und starrten in das finstere Loch, aus welchem jetzt ein schrecklicher Geruch hervordrang.
Unbekümmert griff Nobody hinein, zog an etwas - - ein mit einem plumpen Schuh bekleideter Fuß kam zum Vorschein - - Nobody zog weiter, bis am Boden der ganze Mann lag, ein in Arbeitszeug gekleideter Mensch, klein und etwas verwachsen, zum Gerippe abgemagert, schon etwas verwest.
»Slackjaw!!« riefen zwei Konstabler gleichzeitig, wie alle übrigen mit Entsetzen auf die Leiche blickend.
Nobody griff nochmals in das Loch, suchte mit der Hand darin, steckte sogar den Kopf hinein, bis er eine leere Schnapsflasche zum Vorschein brachte.
»Hier hatte er zunächst für Trinken gesorgt, oder doch für geistige Erfrischung ... hier ... ein Stück Zeitungspapier mit Fettflecken - - da hatte er ein großes Butterbrot eingewickelt ... 's war aber nicht genug, um ihn vor dem Verhungern zu schützen ... und hier ... halt, was habe ich denn hier? - -
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richtig, ein Monikono! Bitte, Mr. Scott, wollen Sie es auf seine Echtheit prüfen.«
Er gab jenem das aus dem Innern hervorgezogene japanische Schwert, nicht anders als jenes andere aussehend, nur die blanke Klinge mit getrocknetem Blut bedeckt, und dann mit dem Zeichen eines anderen Waffenschmiedes.
»Ein Monikono!« hauchte Mr. Scott.
Sie alle blickten furchtsam nach diesem Schwerte, furchtsam nach der am Boden liegenden Leiche, am allerfurchtsamsten aber nach dem rätselhaften Manne, welcher der ganzen Sache plötzlich solch eine Wendung gegeben hatte. - -
Wir wollen nicht dabei sein, wenn Nobody noch angesichts der Leiche seine Erklärung gibt, wir fassen alles kürzer zusammen.
Slackjaw - ein Spitzname, seinen richtigen Namen kannte man gar nicht, und in England gibt es keine Arbeitsbücher und dergleichen, so wenig wie eine polizeiliche Anmeldung - war schon seit mehreren Jahren in Costenobles Lagerschuppen als Arbeiter beschäftigt. Obgleich er den Montag regelmäßig blau machte, manchmal noch den Dienstag, einmal auch gleich eine ganze Woche wegen einer Prügelei oder wegen eines in der Trunkenheit verübten Unfugs hinter Schloß und Riegel saß, hatte er immer seinen Posten behalten. Denn sonst war er ein recht anstelliger Bursche; wenn im Lagerraum einmal eine große Kiste verstaut war, oder wenn der Aufseher sein Notizbüchelchen verlegt hatte, so wurde Slackjaw gerufen, der fand alles, der brauchte gar nicht erst zu suchen, der wußte alles, und trotz seiner von Leidenschaften entstellten Physiognomie und seines tückischen Blickes war er immer ehrlich gewesen und verträglich mit seinen Kameraden.
Die Detektivs freilich, die interessieren sich für solche Physiognomien, die kennen doch ihre Kunden, und wenn Slackjaw wieder einmal wegen Trunkenheit eingesperrt
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war, so besuchten sie ihn gern in seiner Zelle, das Verbrecheralbum mitnehmend. Wenn man nur genau gewußt hätte, wo er sich früher aufgehalten, denn der hatte doch sicher schon manches auf dem Kerbholze! Allein es gelang nicht, in dem geriebenen Burschen einen alten Bekannten wiederzufinden.
Daß er seit fast drei Wochen verschwunden gewesen, war der Polizei wohl bekannt, aber sie hatte sich nicht
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weiter darum gekümmert. Slackjaw war jedenfalls in seinen alten Lebenswandel zurückgefallen.
Jetzt war er tot und konnte nicht mehr erzählen. Das Nachfolgende ist also nur eine Kalkulation Nobodys, welche jetzt freilich auch jeder andere der Herren hätte aufstellen können, ohne besonderen Scharfsinn zu besitzen.
Der eherne Kriegsgott besaß also eine Vorrichtung, um ins Innere gelangen zu können. Die bewegliche Helmkuppel drehte eine im Innern befindliche Eisenstange, die unten wieder einen Querstab oder einen großen Riegel hatte. Lag der Riegel auf der Platte, welche unten die Oeffnung verschloß, so konnte die Platte nicht gehoben noch sonst bewegt werden, und das Ganze war so genau gearbeitet, daß man von dem Deckel gar nichts merkte. Wurde der Riegel zurückgeschoben, wozu aber der Mechanismus des Helmes ganz genau eingestellt werden mußte, so konnte die Platte mit leichter Mühe ins Innere gedrückt werden.
Der Zweck dieser Vorrichtung ist ja ganz klar. Die japanischen Priester trieben eben mit Hachiman ihren Hokuspokus. Das heißt, jetzt war es allen den Herren ganz klar. Es hatte sogar ganz den Anschein, als ob auch der vorige Besitzer des Kriegsgottes, Monsieur Delcassé, von dieser Vorrichtung gar nichts gewußt habe.
Slackjaw nun hatte den geheimen Mechanismus entdeckt, während der Götze im Lagerschuppen gestanden hatte. Auf welche Weise er ihn gefunden? Das war und blieb ein Geheimnis des Toten. Es konnte ein blinder Zufall gewesen sein, Slackjaw war aber auch solch ein Bursche, der überall herumspionieren und herumschnüffeln muß, und ein ganz pfiffiger Kopf war er obendrein.
Kurz und gut, er hatte eben diese geheime Vorrichtung entdeckt. Und nun mag in ihm gleich der Plan entstanden sein. Er hütete seine Entdeckung sorgfältig
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und beobachtete mit Spannung, ob die Platte auch einmal von einem anderen gelüftet werde. Als dann Loftus Deacon den Götzen schon gekauft hatte, die eherne Figur genau untersuchte, ob an dem Guß nichts gesprungen sei, und er prüfte nicht den Mechanismus, da war es ganz selbstverständlich, daß er auch nichts von diesem wußte.
Jetzt war Slackjaws Plan fix und fertig. Wenn er sich nach einem verbrecherischen Leben vielleicht vorgenommen hatte, durch ehrliche Arbeit sich zu ernähren, so konnte er sich doch nicht solch eine günstige Gelegenheit entgehen lassen, mit einem Schlage ein reicher Mann zu werden.
Slackjaw war nämlich schon öfters in Deacons Wohnung gewesen, hatte Kisten hinbringen müsfen, war bis in die Schatzkammern gekommen, hatte das Gold und die Juwelen an den indischen Gewändern und Waffen funkeln sehen, und wenn in diesem Distrikt fast jedes Kind die Gewohnheiten des alten Sonderlings kannte, so noch besser Slackjaw, jedenfalls ein ehemaliger Einbrecher, der seine Lust am Spionieren hat.
Also an jenem Tage, an welchem Deacon den Götzen nach seinem Hause überführen lassen wollte, kroch Slackjaw, mit einer Brechzange versehen - man fand sie dann in seiner Tasche - und eine Flasche Schnaps und etwas zu essen mitnehmend, zu geeigneter Zeit in den metallenen Leib hinein und schob inwendig den Riegel wieder über die Platte.
So, nun kam es darauf an, ob man ihn doch noch entdecken würde. In diesem Falle hätte er schon eine Ausrede gehabt. Er war eben in die Figur gekrochen, war betrunken gewesen, war eingeschlafen, das Instrument war nichts weiter als eine Gaszange - jedenfalls hätte es nicht sehr schlimm für ihn ablaufen können.
Doch es gelang. Von dem Mannloch mit der abnehmbaren Platte wußte wirklich niemand etwas, und den starken Arbeitern, welche den Koloß von sechs Zentnern
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Gewicht auf den Wagen heben mußten, kam es auf so eine Last, wie der kleine Bursche war, auch nicht an. Im Lagerschuppen wurde Slackjaw nicht vermißt, er machte wieder einmal blau.
So, er befand sich im Hause von Loftus Deacon. Jetzt hieß es geduldig warten bis zur Nacht; sehr unangenehm in dem engen Gefängnis, in dem er wegen der Eisenstange nicht einmal aufrecht stehen konnte, aber dann auch welcher Lohn! Wenn alles ganz still im Hause war, dann schlüpfte er heraus, Streichhölzer hatte er bei sich, das genügte, nun zusammengerafft und von Edelsteinen losgebrochen, so viel in die Taschen und in ein Tuch ging, dann ein Parterrefenster aufgeriegelt und hinausgesprungen, und wo er Gold und Juwelen in bare Münze verwandelte, mochte er schon von früher her wissen, und London ist groß, die Welt noch größer.
Slackjaw hörte den ganzen Nachmittag die Leute in dem Zimmer wirtschaften, zuletzt nur noch den Hausherrn, es wurde Abend, es wurde Nacht, Deacon schickte die Diener zu Bett, ging selbst, Slackjaw hörte Uhren schlagen, und um Mitternacht glaubte er, nun ans Werk gehen zu können.
Er verließ sein Versteck - da trat Deacon mit der brennenden Lampe ein.
Was nun weiter geschah, ist alles schon einmal geschildert worden, nur in bezug auf Keigo Kiyotaki, und daß es das von diesem neu erhaltene Schwert des Monikono war, welches auf dem Altar so recht handbereit lag, das Slackjaw ergriff und mit ihm die zwei mörderlichen Hiebe nach dem alten Herrn führte, und dann schließlich, daß der Verbrecher, als Jensy rief und an die Türe pochte, wieder in den Leib des Götzen zurückkroch und den Riegel vorschob. Das Schwert hatte er mitgenommen.
Die Diener stürzten herein, Polizisten und Detektivs kamen.
Als der Mörder in der Wohnung nicht gefunden
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wurde, wandte man seine Aufmerksamkeit dem ehernen Götzen zu, hob ihn zur genaueren Untersuchung von seinem Postamente herunter ...und Slackjaw war gefangen!
In Slackjaws Programm war überhaupt ein Rechenfehler gewesen. Das Piedestal, auf welchem der Götze saß, war nur ein eisernes Gestell mit vier Füßen, die Figur paßte gerade auf den oberen Rahmen. Sonst hätte man ja auch nicht von unten hineinkriechen können. Gesetzt nun den Fall, Deacon hätte für den Kriegsgott in seinem Museum ein anderes Untergestell gewählt, ein massives Postament, oder nur eines mit einer oberen Platte, so wäre Slackjaw überhaupt gefangen gewesen. Mit dieser Möglichkeit hatte er nicht gerechnet, oder aber vielleicht wußte er auch schon ganz bestimmt, daß Deacon den Götzen bei sich auf dem eisernen Gestell, einer kunstvollen japanischen Schmiedearbeit, ruhen lassen würde.
Jetzt aber, wie die Figur auf den Boden gesetzt wurde und dort stehen blieb, saß der Mörder in der Falle fest! Er konnte nur hoffen, daß man den Götzen wieder auf das hohle Postament heben oder ihn doch umlegen würde, und daß einmal kein Mensch im Zimmer wäre. Dann hätte Slackjaw sich natürlich schleunigst befreit und durch ein Fenster entfernt bei Nacht oder selbst bei Tag.
Es sollte anders kommen. Man ließ den Götzen eben am Boden sitzen. Was der Mörder in dem engen Gefängnis ausgestanden, das kann sich wohl kein Mensch ausmalen. Und am zweiten Tage wurde das Haus verlassen und versiegelt. Mochte der Eingekerkerte nun um Hilfe gerufen haben - man hatte seine vor körperlicher Erschöpfung schon ganz geschwächte Stimme draußen auf der Straße nicht mehr gehört. So war er verhungert. -
So lautete Nobodys Erklärung, und es konnte ja auch gar nicht anders sein.
Aber jetzt gab es ein noch viel größeres Rätsel zu lösen, so groß, daß man es kaum fassen konnte.
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»Mensch - Mann - Mr. Nobody - - sind Sie denn nur allwissend?!«
Ein feines Lächeln umspielte den faltigen Mund des Mannes, der seine jetzige Yankee-Maske beibehielt, als er mit einem klassischen Zitat, welches auch jeder gebildete Engländer kennt, so gut wie jeder gebildete Deutsche den englischen Shakespeare, erwiderte:
»Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt.«
»Sie müssen doch schon vorher in diesem Hause gewesen sein und Ihre Untersuchungen angestellt haben.«
»Ich? Nein. Wie soll ich denn in dies versiegelte Haus gelangen können? Kalkulation, meine Herren, nichts weiter als Kalkulation!«
Man mußte vorläufig die fieberhafte Neugier bekämpfen, erst war die Pflicht zu erledigen. Es wurde alles zu Protokoll genommen, und als dies fertig und verlesen war, mußten es die Anwesenden unterschreiben.
»Mr. Nobody, bitte, wollen Sie hier Ihren Namen daruntersetzen.«
Aber kein Mr. Nobody war mehr da. Er hatte sich unterdessen unsichtbar gemacht, ließ sich auch nicht wieder sehen. Destomehr bekam man von ihm noch zu hören.
Draußen auf der Straße begannen wieder die Zeitungsjungen zu johlen.
»Worlds Magazine, die große Schwindelzeitung der Welt, drei Pence die Nummer!!! - Ausführliche Beschreibung, wie Detektiv Nobody, der größte Schwindler der Welt, den wahren Mörder von Loftus Deacon gefunden hat!!! - - Worlds Magazine, die größte Schwindelzeitung der Welt, sechs Pence die Nummer - einen Schilling die Nummer!!!«
O, das waren Hiebe, welche da die kleinen Zeitungsteufel diesen Herren vom Gericht wie dem ganzen englischen Publikum versetzten.
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Inwiefern? Warum es immer >Schwindelzeitung< heißt?
Das hat eine Vorgeschichte.
>Worlds Magazine< erschien bereits seit einem halben Jahre, so lange war Nobody für die von ihm gegründete Zeitung schon als Hauptmacher tätig, in jener Weise, wie eben geschildert wurde. Aber seine Tätigkeit hatte sich bisher ausschließlich auf Amerika erstreckt.
Dort in Amerika war Nobody schon längst der Held des Tages, denn dort hatte er schon viele Verbrechen und rätselhafte Fälle aufgedeckt, vor denen Justiz, Polizei und Publikum ratlos gestanden hatten, dort in Amerika war >Worlds Magazine< schon längst ein unabweisbares Bedürfnis geworden, welches in keinem Palast und in keiner Hütte fehlen durfte, und daher hatte diese neue Zeitschrift fast schon die Auflage von einer Million erreicht.
Natürlich kamen einzelne Nummern auch immer nach England und den englisch sprechenden Kolonien. Und was sagte man hier?
»Schwindel, alles Schwindel! Amerikanischer Humbug! Dieser Nobody existiert ja gar nicht! Das ist ja nur eine fabelhafte Persönlichkeit, die Ausgeburt der Phantasie einer schwindelhaften amerikanischen Sensationszeitung. Na, uns sollen die Yankees mit solchem Humbug verschonen!«
Ja, so ist es! Alles, was aus Amerika kommt, muß Schwindel sein. Und der Blamierte ist dann jedesmal der, welcher >Schwindel!< geschrien hat.
Sollen Beispiele angeführt werden, daß es in unserem lieben Deutschland genau so ist? Dann nur zwei, von einer ganz anderen Art, aber auch einen einzelnen Mann betreffend.
Da ist in Amerika ein Erfinder, Edison heißt er, von dem berichteten eines Tages die amerikanischen Zeitungen, daß er einen Apparat erfunden habe, welcher
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sprechen und singen könne, die menschliche Stimme würde ganz genau wiedergegeben.
Und da war in allen Zeitungen zu lesen: »Das ist wieder einmal so ein amerikanischer Schwindel!« - und heute kann man einen Phonographen schon für fünf Mark kaufen!
Dann meldeten die amerikanischen Zeitungen von demselben Manne, er könne lebendige Photographien herstellen, auf den Bildern bewege sich alles.
»Schwindel, wieder einmal so ein echt amerikanischer Schwindel!«
So erklang es hohnlachend.
Und heute? Ueberall sind Automaten aufgestellt, man steckt einen Groschen hinein, da sieht man die Figürchen zappeln, und in den Variétés bewegen sie sich an der Wand in Lebensgröße.
Oder ist es nicht so? Ja, es ist so! Und das sind nur zwei Beispiele, es könnten aber hunderte angeführt werden. Man sollte mit dieser Schwindelschreierei endlich einmal aufhören. Wer zuletzt lacht, lacht am besten -- und das sind bisher immer die Yankees gewesen. -
So verächtlich war also auch in England über dieses neue amerikanische Sensationsblatt und über seinen geheimnisvollen Berichterstatter, den sogenannten Nobody, gesprochen worden.
Und da war dieser geheimnisvolle Unbekannte einmal nach London gegangen, um den hohnlachenden Spöttern Keulenhiebe zu versetzen, von denen sie sich nicht so bald wieder erholen sollten.
Aber das wurde natürlich alles von langer, langer Hand vorbereitet. Damals freute sich Loftus Deacon noch seines Lebens. Man mußte irgend einen sensationellen Fall abwarten, der das Signal zum Angriff gab.
In der Fleetstreet war eine große Rotationsdruckerei gemietet worden. Kunnert Söhne nannte sich die neue Firma. Die ganze Fleetstreet, welche ausschließlich aus Buchdruckereien und Zeitungsverlagen
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besteht, wunderte sich nicht wenig über diese neue Konkurrenz. Das war ja eine ganz merkwürdige Firma! Tadellos eingerichtet, alles vorhanden, voll mit Personal besetzt, vom ersten Redakteur an bis zum letzten Setzer und Druckerlehrling und bis zum Kesselheizer - und alle diese Leute durften den ganzen Tag Karten spielen und erhielten dafür ihren Wochenlohn, und das ging nun schon sechs Wochen lang so fort!
Da wurde Loftus Deacon ermordet.
In der Druckerei von Kunnert Söhne regte sich deshalb noch nichts. Die Angestellten mußten nach wie vor am Morgen pünktlich erscheinen, das war das einzige, was man von ihnen verlangte, sie spielten bis zum Mittag ihren >Jocker<, gingen zu Tisch, kamen wieder und spielten ihren Jocker weiter.
Der rätselhafte Mord beschäftigte alle Zeitungen der Welt.
>Worlds Magazine< erzählte auch davon, das war die Zeitung besonders ihren Abonnenten auf einsamen Farmen und im Hinterwalde schuldig, aber ohne weitere Zutat.
In der nächsten Nummer jedoch hieß es: Wir haben unseren Detektiv Nobody nach London geschickt, um diesen mysteriösen Fall aufzuklären, denn wir sind der Ansicht, daß Keigo Kiyotaki unschuldig ist.
Aber - wohlverstanden! - da hatte Nobody die Wahrheit bereits herausgefunden! Da war er schon mit Sir Clane in der Zelle von Keigo Kiyotaki und heimlich in dem versiegelten Hause gewesen! Da war ihm schon alles ganz klar!
Und das ist der stets wiederkehrende Trick dieses Mannes gewesen, wodurch er in den Ruf der Allwissenheit kam.
Acht Tage später mußte Keigo Kiyotaki das Fallbrett des Galgens besteigen. Nobody, obgleich von seiner Unschuld schon überzeugt, ließ ihn ruhig steigen.
Als die Angestellten von Kunnert Söhne an diesem
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Morgen nach der Fabrik gingen, hätten sie bald das Haus nicht gefunden. Denn die Firma >Kunnert Söhne< war verschwunden, dafür prangte an dem Hause ein anderes riesengroßes Plakat - >Worlds Magazine<.
Nun, die Leute wurden eingeladen, näherzutreten, und als sie alle drin waren, wurden hinter ihnen sämtliche Türen verschlossen, und jetzt ging es mit Volldampf los. Gesetzt waren die paar Seiten schon, es brauchte bloß noch gedruckt zu werden, die Zeitungsjungen waren auch schon da, und als es so weit war, wurde die Bande losgelassen.
»Wenn in Newgate die Sterbeglocke den dritten Ton von sich gibt, fangt ihr zu brüllen an.«
Diese Nummer enthielt nichts weiter als ein Resümee über den ganzen Fall und dann zum Schluß die fettgedruckte Bemerkung: »Soeben erhalten wir von unserem Detektiv Nobody die Nachricht, daß er den wirklichen Mörder gefunden hat, daß also Keigo Kiyotaki unschuldig ist!«
War das vielleicht noch nicht genug? Als man dies las, stand der Japaner schon auf dem Fallbrett, seine Sterbeglocke läutete schon!
Und zwei Stunden später fing die Brüllerei der kleinen Zeitungsteufel abermals an, sie boten eine Extranummer von >Worlds Magazine< feil.
Was erzählte diese? Ganz genau alles das, was sich in diesem Augenblicke in Deacons Hause ereignete, wie die Gerichtskommission es betrat, wie es darin so übel roch, wie Nobody den Götzen umlegen ließ, wie er daraus die Leiche hervorzog, das Monikono-Schwert usw.
Und mit welchem Raffinement hier gearbeitet worden war, davon nur ein einziges Beispiel:
Nobody hatte doch nicht gleich den Deckel eindrücken können, war bestürzt gewesen, bis er merkte, woran es lag ... »Ach so, der Helmschmuck hat sich bei dem Umlegen wieder etwas verschoben ...«
Auch dies war schon in der Zeitung zu lesen, welche
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doch früher gesetzt und gedruckt war, ehe sich dies in Wirklichkeit ereignete, ehe Nobody diese Worte in Wirklichkeit sprach.
Wie ist das möglich? Ganz einfach, das war alles Berechnung gewesen - daß er den Mechanismus nicht richtig eingestellt, seine Bestürzung - alles, alles Absicht und Berechnung!
Nobody hatte ein Schauspiel geschrieben, dann führte er es vor dem Publikum auf, und daß alles klappt, das ist die Kunst des Regisseurs. Und so machte er es immer und stets, und daher seine fabelhaften Erfolge, die ihn immer mehr und mehr in den Ruf eines allwissenden Menschen brachten, der unbedingt mit der Geisterwelt in Verbindung stehen mußte.
Aber um sich diesen Ruf zu erhalten, durfte er natürlich seine Tricks nicht verraten. >Worlds Magazine< erzählte von seinem Erfolg, alle anderen englischen und amerikanischen Zeitungen erzählten es nach, das Publikum sperrte Maul und Nase auf - und damit genug! Wie er es jedesmal zustande gebracht, davon hat man niemals etwas lesen können, oder aber, man erging sich in den ungeheuerlichsten Vermutungen, geriet auf die seltsamsten Ideen.
Wir aber schöpfen aus einer anderen Quelle, aus Nobodys Tagebuch. Freilich können die Erklärungen nur nach und nach erfolgen. -
»Ein Mann wünscht Sie zu sprechen, Sir Clane; er sieht aus wie ein Fischer oder wie ein Seemann.«
Schon seit langer Zeit war der Rechtsanwalt rastlos in seinem von zwei Gaslampen erleuchteten Arbeitszimmer auf- und abgewandert, als ihm sein Diener diese Meldung machte.
»Bringt er eine Nachricht über Keigo Kiyotaki?« fragte er hastig.
»Ich weiß nicht, Sir ...«
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»Oder ist sonst nichts über den Japaner eingelaufen? Ist sein Aufenthalt noch nicht ermittelt worden?«
»O, Herr, ich würde es Ihnen doch sofort sagen,« entgegnete der alte Diener gekränkt.
»Ja, ja, du hast recht, Fred, du mußt Nachsicht mit der Ungeduld deines Herrn haben. Laß den Mann hereinkommen.«
Der Eintretende war in den Augen seines Dieners deshalb kein >Herr<, weil er ein wollenes Wams und hohe Seestiefel trug. Es war die kräftige, breitschultrige Gestalt eines noch jungen Mannes, das hübsche, offene Gesicht mit dem weißen Bärtchen von Wind und Sonne rotbraun gefärbt, eine echte Seemanns- oder richtiger Fischergestalt.
»Guten Abend, Sir Clane.«
»Guten Abend, mein lieber Mann, was wünschen Sie?«
»Ich höre, daß Sie den heute abend aus dem Gefängnis entlassenen Keigo Kiyotaki von der Polizei suchen lassen.«
»Ja, ich wollte den jungen Japaner sofort empfangen, aber die Entlassung erfolgte früher, als ich dachte, ich fürchte das Schlimmste für den jungen Mann ...«
»Ihre Sorge war nicht ungerechtfertigt, aber jetzt können Sie beruhigt sein, ich selbst habe Keigo Kiyotaki abgefangen und ihm die Mucken aus dem Kopfe getrieben, er ist und bleibt bei mir, wir haben schon gute Freundschaft geschlossen.«
Der Rechtsanwalt stutzte. War das die Sprache und das Auftreten eines gewöhnlichen Fischers?
»Bei Ihnen? Wer sind Sie?«
»Sie erkennen mich wirklich nicht?« lächelte der Mann.
»Nein.«
»Nobody ist mein Name.«
Es dauerte lange, ehe der Rechtsanwalt dies glauben konnte. Der Unterschied zwischen dem alten, blassen Yankee und diesem jungen Fischer mit dem roten, vor Gesundheit strotzenden Gesicht war ein gar zu gewaltiger.
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Nobody mußte ihm erst einige Proben aus ihrer früheren Unterhaltung geben.
»Nun sagen Sie bloß, Sie geheimnisvoller Mann, wie haben Sie dieses Rätsel heute nur so schnell lösen können?! Ich glaube wahrhaftig, Sie stehen mit Geistern in Verbindung.«
»Ist Ihnen so durchaus unerklärlich, auf welche Weise ich die richtige Lösung herbeiführte?«
»Durchaus.«
»Mit Ihnen, Sir Clane, möchte ich eine Ausnahme machen, ich fühle mich sogar verpflichtet, Ihnen eine Erklärung zu geben, weil ich auch Sie getäuscht habe. Aber Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, niemandem zu verraten, was ich Ihnen jetzt sage.«
»Sie haben mein Ehrenwort.«
»Ich war ganz einfach schon vorher in Deacons Wohnung und habe dort meine Untersuchungen angestellt. Daß ein Mensch in der Wohnung sein mußte, roch ich sofort, dazu hätte ich keine so besonders feine Nase zu haben brauchen. Der Geruch führte mich nach der Figur des Kriegsgottes ... und alles andere können Sie sich wohl selbst erklären.«
»Ganz und gar nicht! Wie wollten Sie denn in das Haus gelangen? Alle Türen und Fenster waren doch versiegelt.«
»Aber nicht die Schornsteine!«
»Sie wollen damit sagen, daß Sie durch einen solchen hineingekrochen sind?«
»Hinein und auch wieder heraus. Das ist doch gar kein so ungewöhnlicher Weg. Nur darüber sprechen darf man nicht, sonst nimmt man mich beim Schlafittchen. Ich habe Ihr Ehrenwort.«
»Ich verstehe noch längst nicht. Sie überzeugten sich bei Ihrem heimlichen Besuch, was sich in dem Innern des Götzen befand?«
»Gewiß, und da eben erfuhr ich alles.«
»Waren Sie allein in dem Hause?«
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»Allein.«
»Halt, jetzt habe ich Sie gefangen! Der Götze saß doch mit der Platte auf dem Boden.«
»Ich kippte ihn einfach um.«
»Den sechs Zentner schweren Koloß?«
»Jawohl, und richtete ihn auch wieder allein auf. Zu so etwas gehört mehr Geschicklichkeit als Kraft.«
Der Rechtsanwalt konnte nur den Kopf schütteln.
»Wie aber fanden Sie den öffnenden Mechanismus?«
»Durch Probieren. Ich wußte bestimmt, daß ein Mensch darin steckte, das roch ich; auf irgend eine Weise mußte jener doch hineingekommen sein, und da probierte ich so lange, bis ich den Mechanismus gefunden hatte. Oder nehmen Sie auch an, daß ich lange Zeit in Japan gewesen bin und etwas in die japanischen Mysterien eingeweiht worden bin.«
»Was fanden Sie in dem Götzen?«
»Dasselbe, was Sie heute gesehen haben. Das Monikono-Schwert erzählte mir, auf welche Weise Keigo Kiyotaki wieder zu seinem Masamune gekommen war, und die Schnapsflasche sagte mir, wer der kleine, etwas schiefgewachsene Mann war, dessen Leiche ich in dem Innern des Götzen fand.«
»Wieso die Flasche?«
»Weil darauf steht: Mills Public-House. Wo ist die Restauration von Mill? Das sagte mir jedes Adreßbuch. Gleich neben Costenobles Lagerhaus! Aha! Ich ging hin. Arbeitet hier ein kleiner Mann, der etwas schiefgewachsen ist? Jawohl, Slackjaw heißt er, aber er ist schon seit einer Woche fort von hier, ist plötzlich weggeblieben. - Brauchen Sie sonst noch eine Erklärung, Sir? Wohl nicht?«
Der Rechtsanwalt blickte den Sprecher starr an.
»Seit - einer - Woche?« wiederholte er langsam. »Dies alles haben Sie doch erst heute entdeckt.«
»I wo. Schon vor acht Tagen.«
»So lange - wissen Sie schon - daß - Keigo
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Kiyotaki - unschuldig ist?« brachte der alte Herr nur stockend hervor.
»Jawohl.«
»Und - Sie - haben ihn - das Fallbrett betreten lassen?«
»Jawohl,« erklang es ebenso gemütlich wie zuvor, »Man[man] muß die Trümpfe nicht sofort ausspielen, sondern erst, wenn die passendste Zeit dazu ist. Sehen Sie, daß ich meinen Trumpf zur rechten Zeit ausspielte, das hat mein jährliches Einkommen um wenigstens 30 000 Pfund Sterling vermehrt. Denn wenn >Lloyds Weekly News< in England in einer Million Exemplaren zirkuliert, so schätze ich die wöchentliche Londoner Auflage von >Worlds Magazine< von jetzt an auf mindestens 600 000 Exemplare, das bringt mir wöchentlich 12 000 Schillinge ein, und das soll erst der Anfang sein, und so etwas kann man sich doch nicht entgehen lassen. Dazu aber mußte Keigo Kiyotaki erst den Strick um den Hals haben, ehe ich eingriff. Das Publikum schwärmt nun einmal für alles Sensationelle.«
»Mensch, du hast furchtbar gefrevelt!!« stöhnte der alte Rechtsanwalt mit ausgestrecktem Arm.
»Ja, ein Mensch bin ich und gar kein so schlechter, wie Sie jetzt vielleicht von mir denken. Es war ein Japaner, welcher auf dem Fallbrett stand, noch dazu ein solcher, welcher gern sterben wollte, und ich kenne den japanischen Charakter. Einen anderen Menschen würde ich dieser Todesangst nicht ausgesetzt haben, der Japaner aber hat gar nichts von Todesangst gewußt. - Sir Clane, Sie sind Spiritist?«
Das scharfe Auge des Detektivs hatte erkannt, daß ein großes Bücherregal nur mit spiritistischen und okkultistischen Werken angefüllt war, auch auf dem Schreibtisch lag ein solches, der alte Herr hatte bis vorhin darin gelesen.
»Ja, ich bin Spiritist,« sagte der englische Rechtsanwalt
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ohne Zögern, sofort von allen anderen Gedanken abgelenkt, und weiter hatte der schlaue Detektiv ja auch nichts gewollt.
Königin Viktoria war die gläubigste Spiritistin, zwei ihrer Kammerzofen waren Medien; Gladstone war der ausgesprochenste Spiritist - - also von oben kam es, und nicht anders ist es noch heute in England.
»Haben Sie schon einmal einen spiritistischen Apport beobachtet?«
Seltsam! Gerade hierüber hatte der Rechtsanwalt vorhin gelesen, das ganze Buch behandelte nichts weiter.
Unter spiritistischem Apport versteht man die Herbeischaffung eines Gegenstandes durch Geisterhände, und die höchste Vollendung ist es, wenn dies auf Kommando mit einem bestimmten Gegenstand geschieht.
»Wir haben es einmal probiert, es war ein sehr kräftiges Medium, beinahe wäre es auch gelungen, aber dann ging's doch nicht.«
»Wie gewöhnlich,« sagte Nobody mit leiser Ironie. »Ich werde Ihnen einmal einen spiritistischen Apport zum besten geben, und Sie dürfen auch erzählen, was Sie zu sehen bekommen haben.«
»Sie? Hier? Hier in diesem Zimmer? Ohne Vorbereitung? Jetzt sofort?« rief Sir Clane, der plötzlich ganz außer sich kam.
»Jetzt sofort ohne Vorbereitung hier in diesem Zimmer. Nehmen Sie irgend einen Gegenstand - am liebsten ist mir ein Ring, den Sie von ihrem Finger streifen, da ist jede Verwechslung ausgeschlossen - Sie selbst legen ihn dort auf den Tisch, ich trete dort an die Wand - - eins, zwei, drei! - und der Ring kommt in meine Hand geflogen.«
Jetzt begann der alte Spiritist vor Aufregung zu zittern.
»Mann, wenn Sie das können, dann will ich vor Ihnen niederknien und Sie anbeten!!« rief er in Extase.
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»Das verlange ich gar nicht, und da ist auch gar nichts weiter dabei. Wenn Sie wissen, wie's gemacht wird, können Sie's auch.«
Das war ein kleiner Dämpfer.
»Das - könnte - ich - auch?«
»Freilich, jedes Kind kann's, man muß nur wissen, wie man das Ei stehen läßt. - Eine kleine Vorbereitung brauche ich allerdings doch ...«
»Muß eine magnetische Kette hergestellt werden? Gewiß, eine magnetische Kette muß sein, ohne die geht's nicht!«
»Nein, ich brauche keine magnetische Kette, bei mir braucht nicht einmal das Licht ausgepustet zu werden.«
»Was, hier bei hellem Gaslichte wollen Sie die Geistermanifestation ausführen?! Herr, da kenne ich die Geister besser! Wenn's hell ist, kommen sie niemals.«
Der alte, ehrwürdige Rechtsanwalt, so brav, so bieder, so klug, so besonnen, so scharfsinnig - er war gar nicht wiederzuerkennen! Aber so ist's immer, wenn man bei einem Spiritisten von den >lieben Geistern< anfängt. Das ist wirklich geradezu ein Fluch. Genau
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so ist's aber auch mit den Vegetarianern. Es kann sonst jemand ein schweigsamer Moltke sein - wenn er Vegetarianer ist, und man fängt aus Versehen einmal vom Essen an - da quasselt der Kerl gleich stundenlang von Spinat und Südfrüchten.
»Mir gelingt das Experiment auch am hellerlichten Tage, und von Geistern habe ich gar nicht gesprochen. Geister habe ich nicht nötig, ich mache alles aus eigener Kraft, und ich glaube nicht unbescheiden zu sein, wenn ich meine Meinung ausspreche, daß ich nämlich selbst Geist genug habe. Meine Vorbereitung besteht nur darin, daß ich Sie um ein Blättchen Papier bitte, irgend eines, vielleicht dieses hier?«
Sir Clane gab ihm ein Stück weißes Papier, welches auf dem Schreibtisch gelegen hatte.
»Ich hauche dieses Stück Papier an - sehen Sie - und lege es hier auf diesen Tisch.«
Er tat so, wie er sagte, hatte das Blatt Papier auf beiden Seiten angehaucht und legte es mitten auf ein an der Wand stehendes Tischchen.
»Nun bitte ich noch um einen Stock. Oder darf ich dieses Lineal hier nehmen?«
Nobody nahm vom Schreibtisch das lange, hölzerne Lineal und ließ es mehrmals mit einer streichenden Bewegung durch seine Hände gehen.
»Ah, Sie magnetisieren das Lineal!«
»Jawohl, ich magnetisiere das Lineal,« bestätigte Nobody, aber immer wieder mit einem leisen Spott im Ton. »Jetzt werde ich dem Gegenstand den Weg vorzeichnen, den er am Boden zu nehmen hat. Das ist nämlich auch unumgänglich notwendig.«
»Er wird nicht durch die Luft getragen?«
»Nein, er marschiert am Boden entlang, allerdings schwebend.«
Nobody begab sich an jenen Tisch, auf welchem das Stück Papier lag, berührte dieses mit dem einen Ende des Lineals, zog mit demselben Ende über den Tisch weg
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einen Strich, fuhr mit dem Lineal weiter an dem Tischbein hinab, ging langsam und gebückt durch das ganze Zimmer, mit dem Lineal am Boden einen unsichtbaren Strich ziehend, bis er sich an der dem Tisch entgegengesetzten Wand wieder aufrichtete.
»Hier bleibe ich stehen, verlasse diese Stelle nicht mehr. Sir Clane, wollen Sie auf das Stück Papier nun irgend einen Gegenstand legen, den Sie dann bestimmt wiedererkennen. Am besten ist immer ein Ring. Dieser Ring wird dann auf mein Kommando von selbst hierher zu mir kommen.«
Der Rechtsanwalt trug nur zwei Ringe, den einen streifte er ab und legte ihn auf das Stück Papier. Seine Hand zitterte dabei.
»So. Jetzt wollen Sie hierher zu mir kommen.«
Der Rechtsanwalt begab sich hin zu ihm.
»Jetzt müssen Sie sich allerdings herumdrehen, das Gesicht gegen die Wand, sehen dürfen Sie nicht, was jetzt hinter Ihrem Rücken vor sich geht. Erst blicken Sie sich noch einmal um. Liegt der Ring noch dort?«
Sir Clane blickte nach dem Tische - natürlich, der Ring lag auf dem Papier, das war ganz deutlich von hier aus zu sehen. Es war ein sehr geräumiges Zimmer, die Entfernung von dem Tische bis dorthin, wo die beiden standen, betrug etwa sechs Meter.
»Gut. Jetzt drehen Sie sich wieder um. Halteu Sie meine beiden Hände fest. So ist es recht. Ich zähle: eins - zwei - drei - vier - fünf - sechs - sieben - acht - neun - zehn ... hier ist der Ring!«
Nobodys Hände waren von dem Rechtsanwalt festgehalten worden, er entzog ihm die eine, machte mit ihr eine eigentümlich drehende Bewegung, ganz an die erinnernd, wie er sie immer bei den in der vorigen Erzählung geschilderten Taschenspielerkunststückchen angewendet hatte, und wie er die Hand herumdrehte, lag darin ein Ring.
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Hastig nahm ihn der Rechtsanwalt, es war der seine - er blickte sich um, er stürzte nach dem Tisch - der Ring war weg, oder er lag doch nicht mehr auf dem Papier - er hatte ihn ja in seiner eigenen Hand!
»Bei Gott, dem Allmächtigen - Nobody - - sprechen Sie ...«
Wie er sich umdrehte, war der Fischer nicht mehr im Zimmer. Während der Rechtsanwalt einige Sekunden wie versteinert dagestanden, hatte Nobody es schnell und geräuschlos verlassen, und er war nicht mehr zu erreichen, unten fiel schon die Haustür ins Schloß. - -
Wir werden später erfahren, auf welche Weise Nobody dieses scheinbar übernatürliche Experiment und dennoch nur ein Taschenspielerkunststückchen, welches besonders bei den Chinesen und Japanern beliebt ist, ausführte. Wenn man weiß, wie's gemacht wird, ist es nämlich ganz einfach. Nur glaube man nicht etwa an Gummischnüre und dergleichen.
Der Leser wird aber auch bald erfahren, aus welchem Grunde Nobody dieses Experiment dem in England so hochgeachtete Rechtsanwalt vorgemacht hatte - aus einem bestimmten Grunde! - nur deshalb hatte er Sir Clane noch einmal aufgesucht, um ihm dieses Experiment vorzumachen, und zwecklos tat Nobody niemals etwas.
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Seit einem halben Jahre hatte Mr. H. P. World die Angewohnheit angenommen, beim Sprechen sich immer schmunzelnd die Hände zu reiben, und er hatte allen Grund dazu.
Bisher war er in New-York nur >ein lumpiger Millionär< gewesen, welcher von allen denen, bei denen der wirkliche Mensch erst mit der hundertsten Million beginnt, verächtlich über die Achsel angesehen wurde. Aber nicht lange mehr, so würde auch Mr. World zu dieser exklusiven Geldaristokratie gehören, die Einkünfte eines hundertfachen Millionärs hatte er bereits! - Was allein diese Annoncen einbrachten! Vier Seiten Unterhaltung, vierzig Seiten Annoncen und Reklamen, die Zeile zwei Dollar! - und wenn er dieses ideale Ziel eines jeden echten Yankees nicht mehr erreichte, dann doch ganz bestimmt seine Kinder und Kindeskinder. Die Gründung einer neuen amerikanischen Milliardärsfamilie war gesichert.
»Mein lieber Mister Nobody - ehem - es ist heute gerade ein Jahr her - ehem - daß Sie mir Ihren genialen Gedanken unterbreiteten - ehem - wissen Sie noch ehem? - und - ehem - ich möchte mich gern erkenntlich zeigen - ehem - und - ehem - wenn Sie erlauben - ehem - Ihnen von jetzt an für jedes Tausend sechs Dollar geben - ehem.«
Denn wem hatte er alles zu verdanken? Nur diesem Nobody, diesem Teufelskerl! Und >Teufelskerl< war das schmeichelhafteste Lob, die höchste
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Respektbezeugung, die Mr. World einem Menschen zuteil lassen werden konnte.
Aber es hatte eine Zeit gegeben, da Mr. World auf diesen Teufelskerl ganz gotteslästerlich geschimpft und ihn den ersten und letzten Nagel zu seinem Sarge genannt hatte, und das war die Zeit gewesen, da Nobody seine achttägige Vorstellung im Atlantic-Garden beendet hatte, um sich in den Dienst des neuen literarischen Unternehmens zu stellen, und als Mr. World drei Wochen lang jeden Tag geglaubt hatte, heute endlich müsse die Geschichte losgehen.
Das erste war gewesen, daß Nobody den Verlagsbuchhändler veranlaßt hatte, 500 000 Pfund Papier zu kaufen, welche 30 000 Dollar kosteten. Dieses Papier mußte bereitliegen, um sofort, wenn der geeignete Zeitpunkt da war, von der ersten Nummer der neuen Zeitschrift Millionen Exemplare in die Welt hinauszuschleudern.
Aber dieser verdammte Kerl, dieser vermaledeite Lumpenhund, dieser >bloody Dutchman< hatte ihn ganz sicher zu diesem Kaufe nur deshalb überredet, um die 500 000 Pfund Papier als Sargdeckel für den biederen Buchhändler zu verwenden. Wirklich, der ungeheure Stapel Papier, der so unbenutzt dalag, wurde noch der Tod des alten Mannes.
»Nobody, jetzt müssen wir aber endlich anfangen, ich kann doch nicht die 500 000 Pfund Pap ...«
»Noch nicht, Mr. World, noch ist keine günstige Gelegenheit vorhanden, mit der ersten Nummer herauszukommen. Es muß ein ganz sensationeller Fall sein.«
»In San Franzisko ist ein Raubmord ...«
»Der Raubmörder ist bereits gefaßt.«
»In Genf sind 142 Menschen an giftigem Schweizerkäse gestorben, es steht in sämtlichen Zeitungen der Welt.«
»Giftiger Käse ist kein passendes Sujet für die erste Nummer unserer neuen Zeitschrift.«
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»Haben Sie's schon gehört? Es steht in allen Zeitungen. Auf Honolulu sollen die kleinen Kinder, gleich wenn sie geboren werden, die brennende Zigarre in den Mund bekommen. Nobody, da müssen Sie schnell hin, ob das wirklich wahr ist. Das ist besonders etwas für unsere Frauenwelt.«
»Nein, Mr. World, deshalb gehe ich nicht nach Honolulu.«
»Ei die Deiwel!« schrie Mr. World jetzt entrüstet. »Ich muß aber doch meine 500 000 Pfund Pap ...«
»Mr. World, das überlassen Sie nur mir, ich halte meine Augen schon offen, ich warte einen anderen Fall ab, es ist jetzt gerade eine faule Zeit, aber ich versichere Ihnen, daß wir, wenn ich einmal mit der ersten Nummer herauskomme, mit einem Schlage jede Woche eine Million feste Abnehmer für unsere Zeitung haben.« - -
Und das ging nun schon drei Wochen lang so fort! Immer und immer wieder eine Vertröstung! Und was trieb inzwischen Mr. Nobody? Der trieb sich in New-Yorker Kneipen herum, machte sich das Leben schön, und wie schön! Denn daß er dies tat, das merkte man vor allen Dingen daran, daß er bereits nach vierzehn Tagen zu Mr. World ins Kontor kam und um Vorschuß bat, oder solchen vielmehr forderte, gleich 1000 Dollar, er habe sie dringend nötig, und dann kam er nochmals und forderte wiederum auf seine zukünftigen Reisespesen 1000 Dollar Vorschuß - - und zuletzt ließ sich der Lump überhaupt nicht mehr sehen. In seinem Hotel hatte er hinterlassen, daß er für acht Tage verreist sei, nichts weiter.
Mr. World war im Geschäftsleben ein sehr ruhiger und besonnener Mann, durch seine energievolle Kaltblütigkeit war er zum reichen Manne geworden, und er hatte auch schon größere Verluste mit Gleichmut ertragen, als diese 30 000 Dollar für das Papier für ihn bedeuteten, das er ja überhaupt noch verwenden konnte. Im Geschaftsleben hatte Mr. World auch warten
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gelernt, er wußte, daß Rom nicht an einem Tage erbaut worden ist - - aber seinem Personal gegenüber zeigte sich der alte Herr manchmal von einer höchst nervösen Seite. Wenn ihm in seinen Geschäftsräumen etwas in die Quere kam, wenn da nicht gleich jeder seiner Winke verstanden wurde und nicht gleich alles sprang, da fing der Herr Prinzipal allemal gleich mit Händen und Füßen zu strampeln an und konnte höchst unangenehm werden. Freilich war dann alles ebenso schnell wieder vergessen. - -
»Nein, Artur, nein,« sagte Mr. World zu seinem Schwiegersohne, der ihn im Kontor besucht hatte, »das geht so nicht weiter. Denkt der Kerl vielleicht, ich habe meine 500 000 Pfunds Pap ...«
»Aber lieber Schwiegerpapa, beruhige dich doch. Ich habe zu Nobody Zutrauen, er wird dich nicht im Stich lassen.«
Mit den Füßen zappelte der alte Herr bereits, er ging aufgeregt im Zimmer hin und her, immer im Sturmschritt, jetzt fing er auch mit den Händen an.
»Artur, unterbrich mich nicht! Und ich sage dir: der Kerl ist ein Lump! Wo sind denn die 10 000 Dollar, geblieben, die er von Mr. Lewis hat ausgezahlt bekommen? Verludert hat er sie. Jawohl, innerhalb von 14 Tagen verludert! Sonst hätte er mich doch nicht schon angepumpt! In zwei Jahren zehn Millionen, in 14 Tagen 10 000 durchgebracht, jawohl, das kann so ungefähr stimmen. Und ich Narr schmeiße diesem Lumpen auch noch 2000 Dollar nachträglich in den Rachen, und jetzt sitze ich mit meinen 500 000 Pfund Pap ...«
»Er wird schon wiederkommen, lieber Schwiegerpapa.«
»Artur, ich sage es dir zum letzten Male, laß mich aussprechen, daß wir uns nicht wegen dieses infamen Halunken noch erzürnen!« schrie der alte Herr wütend.
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»Aber jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. In einer Woche wollte er wieder zurück sein, die Woche ist vergangen, jetzt gibt es bei mir nur noch ein Entweder - Oder. Hast du den Fall in Brasilien gelesen, in der Provinz Guarani, die Geschichte von der reichen Minenbesitzerin, Ines da Costa heißt wohl das Frauenzimmer, und die Geschichte mit ihrem toten Hunde?«
Nein, Mr. Law hatte noch nichts davon gelesen, und das entstammte von neuem den Zorn des Schwiegervaters, der sich eben wieder etwas beruhigt hatte.
»Was? Du hast nichts davon gelesen? Wo's in allen Zeitungen steht? Und du willst ein Journalist sein? Schämen sollst du dich was! Also, da ist in Brasilien in der Provinz Dingsda eine Donna Dingsda gewesen, eine ungeheuer reiche Minenbesitzerin, die hat einen Hund gehabt, Apollo hieß das räudige Vieh, und wie der Hund krepierte, da hat ihn die alte Donna Dingsda begraben und hat sein Grab gepflegt. So wenigstens hat's im Testamente gestanden. Die Donna Dingsda hat ganz einsam auf einer Plantage von so 5000 Acker Umfang gelebt. Und weiter steht in dem Testament, daß ihre Erben das Grab dieses räudigen Viehes immer pflegen müssen, das wird ihnen zur Pflicht gemacht, sonst kriegen sie eben nischt. Ja, heißt es aber jetzt: wo liegt denn nun eigentlich der Hund begraben? Das Grab ist in dem riesig großen Garten nicht zu finden, und Gott weiß, wo die Donna Dingsda den Hund überhaupt begraben hat. Jetzt schreien alle die Erben ängstlich: wo liegt der Hund begraben? Und alle Zeitungen schreien mit: wo liegt der Hund begraben! - Siehst du, da muß Nobody jetzt sofort hin nach Brasilien und nachsuchen, wo der Hund begraben liegt, und wenn er ihn gefunden hat, dann geben wir die erste Nummer von unserer Zeitschrift heraus. - Paß auf, das wird ein Bombenerfolg! Unser Detektiv hat den toten Hund von der Donna Dingsda gefunden ... na, was hast du denn zu feixen?«
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»Aber, lieber Schwiegerpapa,« lachte Mr. Law aus vollem Halse, »das ist doch wirklich nicht so wichtig ...«
»Was, nicht so wichtig?!« schrie aber der Schwiegerpapa erbost. »Na ja, du hast eben die Zeitungen nicht gelesen, das kommt davon. Ich sage dir, alle Zeitungen stehen voll davon - wo liegt der Hund begraben - die ganze Welt schreit: wo liegt der Hund begraben. - Der >New-York Herald< hat den Stanley nach Afrika geschickt und den verschollenen Livingstone suchen lassen. Das hier mit dem toten Hunde ist noch etwas ganz anderes! Da handelt es sich um Hunderte von Millionen! Und die Donna Dingsda hat ganz dicht an der argentinischen Grenze gewohnt, wenn jetzt die Argentiner mit nach dem toten Hunde suchen und ihn finden - paß auf, Artur, das kann zwischen Argentinien und Brasilien noch zum Kriege kommen - na, ganz sicherlich, das kommt noch so weit! - und Chile steht natürlich auf argentinischer Seite - aber da macht jetzt auch Mexiko mit - und da kommt selbstverständlich auch gleich England gelaufen, jedenfalls verbündet mit Frankreich - aber das läßt sich doch der Nordamerikaner nicht gefallen, wir machen also auch mit ... na, Artur, ich sage dir, ich werde es hoffentlich nicht mehr erleben, aber du ganz sicher noch - paß auf, das kommt noch zu einem internationalen Weltkrieg, und dies alles nur wegen so eines lausigen Hundes!«
Mr. World, der sich immer mehr in den Eifer hineinredete, trocknete den Schweiß von der Stirn und fuhr fort:
»Ueberhaupt, mir ganz egal, mein Entschluß ist gefaßt. Jetzt muß Nobody endlich einmal zeigen, ob er etwas kann oder ob er nur ein Großmaul ist. Er muß fort nach Brasilien und suchen, wo der Hund begraben liegt, und das sogleich. In einer Woche wollte er zurück sein, die Woche ist um, ich schreibe ihm jetzt einen eingeschriebenen Brief wegen dieser Sache, schicke Paddyn hin, ist Nobody nicht im Hotel, so quittiert der Portier,
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bekommen muß Nobody den Brief auf alle Fälle, und reist er dann nicht sofort nach Brasilien und sieht zu, wo der Hund begraben liegt, dann ... pfffffffft!«
Nach diesem letzten Laute, mit einer entsprechenden Handbewegung und einem Fingerschnalzen begleitet, öffnete Mr. World eine Nebentür, welche zum Hauptkontor führte.
»Bitte, Miß Haddock, ich will Ihnen einen Brief diktieren.«
Eine junge Dame zwischen zwanzig und vierzig mit sehr spitzer Nase und vergißmeinnichtblauen Augen trat ein und setzte sich an den für sie bestimmten Tisch.
Der Journalist brannte sich eine Zigarette an, kreuzte die Beine und legte sich behaglich in seinen Stuhl zurück, des Kommenden wartend. Denn er wußte schon, wie das immer ausfiel, wenn sein Schwiegerpapa in solch aufgeregter Stimmung einen Brief diktierte. Der alte Herr rannte noch immer wie ein hungriger Löwe im Käfig auf und ab.
»Sind Sie bereit?«
»Jawohl, Mr. World,« piepsten die vergißmeinnichtblauen Augen.
»Also los: An ... ehem ... haben Sie das
geschrieben?«
»Jawohl, Mr. World.
»Sagen Sie es, wenn Sie nicht nachkommen, ich diktiere manchmal sehr rasch. Was haben Sie geschrieben? Lesen Sie vor.«
»An, Mr. World.«
Wie ein Wilder stürzte der Prinzipal auf die Schreiben los.
»An Nobodyn will ich doch schreiben, doch nicht an mich selbst!!!« brüllte er, da er die Antwort falsch verstanden hatte.
Er sah seinen Irrtum ein und beruhigte sich wieder, wenn auch seine sonstige Erregung blieb.
»Gut, sehr gut. Also: An Mr. Nobody. Sir! Ehem. Sie haben - ehem - sicherlich - ehem -
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von dem Falle in Brasilien - ehem - gelesen - ehem - wie die Donna - ehem - Ines da Costa - ehem - einen schönen - ehem - Hund gehabt hat - ehem - den sie - ehem - irgendwo begrub - ehem - und wie jetzt die Frage lautet - ehem - wo liegt der Hund begraben - ehem - Punkt - ehem -. Haben Sie geschrieben?«
»Jawohl, Mr. World.«
In tiefem Sinnen schritt der Herr Prinzipal auf und ab, nach der Fortsetzung suchend.
»Wo liegt der Hund begraben?« wiederholte er. »Wo - liegt - der - Hund - begraben -? Hm ... Wo war ich stehen geblieben? Wiederholen Sie den letzten Satz!«
»Wo liegt der Hut begraben.«
Mit einem Ruck blieb World stehen und wandte den Kopf nach der Schreiberin.
»Wuuooaaas?«
»Wo liegt der Hut begraben,« wiederholte die Dame.
»Wumwoooaaaaas? Höre ich recht? Was habe ich diktiert? Lesen Sie mir noch einmal das Ganze vor.«
»An Mr. Nobody. Sir! Sie haben sicherlich von dem Falle in Brasilien gelesen, wie die Donna Ines da Costa einen schönen Hut gehabt hat, den sie begrub, und wie jetzt die Frage lautet: wo liegt der Hut begraben ...«
Mit weit vorgerecktem Kopfe schlich der Prinzipal auf sie zu.
»Hund!« donnerte er sie an. »Hund!! ... Hund!!!«
Langsam stand die Dame auf und musterte den Prinzipal mit ihren vergißmeinnichtblauen Augen von oben bis unten.
»Meinen Sie damit mich, Mr. World?«
»Den Hund meine ich, den Huuhnd! Wo liegt der Huuhhnd begraben! Doch nicht der Hut! Da hört doch, weiß Gott, alles auf! Nichts weiter als Hüte
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die gekränkte Antwort.
»Haben Sie etwa schon einmal einen Hut begraben?«
Die vergißmeinnichtblauen Augen wurden schwärmerisch zur Decke emporgeschlagen,
»Ja, ich habe einmal einen Hut begraben, mein verstorbener Bräutigam hatte sich darauf gesetzt ...«
»Nehmen Sie einen neuen Briefbogen. Schon wieder ein Briefbogen futsch! Sie denken wohl, weil ich 500 000 Pfund Papier daliegen habe, nun kann darauf losgewüstet werden, was?«
Der neue Brief ward glücklich zu Ende geführt. Nobody sollte sich also unverzüglich nach Brasilien begeben, um zu suchen, wo der Hund begraben lag, der alle Welt beschäftigte, und wenn er's nicht tat, immer wieder eine Ausrede hatte, dann ... pfffffft!
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Der Prinzipal unterschrieb, die Schreiberin adressierte das Kuvert.
»Paddy!«
Ein rothaariger, krummbeiniger Mann erschien, dem man den Irländer schon von weitem ansah.
»Sssssssssssssssssss,« fing er bei seinem Eintritt wie eine Lokomotive zu zischen an, und dann war es nicht anders, als ob die nachfolgenden Worte mit einer Kanone herausgeschossen würden, »... ie wünschen, Mr. World?«
Paddy, der Firma langjähriger Kassenbote, stotterte nämlich ein bißchen. Aber wenn ein Kassenbote sonst treu und zuverlässig ist, so hat das nichts weiter zu sagen. Paddys Stottern war auch gar nicht so schlimm. Nur das erste Wort brachte er immer nicht gleich heraus. Entweder verweilte er längere Zeit bei dem ersten Buchstaben, oder er wiederholte mehrmals die erste Silbe. Desto schneller ging es dann, die anderen Worte sprudelte er nur so heraus, man dachte wirklich immer an das Abschießen einer Kanone. Nur wenn er erregt war, dann machten ihm auch die nächsten Worte Schwierigkeiten, bis er erst richtig in Schuß kam.
»Du weißt doch, wo Mr. Nobody logiert.«
»Ho-Ho-Ho-Ho-Ho-Ho-Ho ...«
»Hotel,« kam ihm Mr. Law zu Hilfe.
Das hätte er nicht tun sollen, denn jetzt ging es noch einmal los:
»Kakakakakakakakakalifornia.« Und nun mit Vehemenz: »Hotel Kalifornia.«
»Hier, diesen Brief trägst du hin, und wenn Mr. Nobody nicht da ist, läßt du vom Portier quittieren. Verstanden?«
»A-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-allemal, Mr. World.«
Die krummen Beine marschierten ab.
In einer Viertelstunde war Paddy wieder da. Mr. Law befand sich auch noch im Kontor.
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»Mimimimimimimi ...«
»Mister,« wurde ihm unvorsichtigerweise zu Hilfe gekommen.
»Nononononononono ...«
»Nobody!«
»Bobobobobobobobobo ...«
»Body! Zum Himmeldonnerwetter, was ist denn heute mit dir los?«
Der Mann sah auch recht echauffiert aus. Aber so eine Bevormundung ließ sich der brave Paddy nicht gefallen, das kränkte ihn, er war selbst Mann genug, seine eigenen Worte herauszubringen, da brauchte ihm niemand zu helfen, und wenn es einmal gar nicht ging, dann stampfte er mit dem Fuße auf, und dann krepierte die Granate jedesmal mit absoluter Sicherheit. Also noch einmal denselben Vers von vorn:
»Mimimimimimi ...« nun ein kräftiges
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Aufstampfen und »... Mister Nobody war zu Hause und hat den Brief gleich gelesen.«
»Ach was! Da muß er gleich selbst herkommen.«
»U-u-u-u-und ich soll Ihnen gleich die Antwort bringen.«
»Was für eine Antwort? Was hat er gesagt?« rief Mr. World mit begreiflicher Lebhaftigkeit.
»Ssssssssssss,« fing die Lokomotive jetzt wieder zu zischen an. »Sssssssssssssssss ...«
»Na, da stampfe doch einmal mit dem Fuße auf!«
Das besorgte Paddy denn auch gründlich, das ganze Haus wackelte, hinter der Tapete rieselte der Kalk.
»Ssssssssssie sollten selber nach Brasilien gehen und nachsehen, wo der Hund begraben liegt.«
»Was?! Das hat der Kerl zu sagen gewagt?!«
Und Mr. World gab seiner gerechten Entrüstung weiteren Ausdruck, bis diese wieder in demjenigen Gedanken ausklang, der ihn schon seit drei Wochen Tag und Nacht wie ein Schreckgespenst verfolgte.
»Diesem Halunken ist es nur darauf angekommen, mich mit den 500 000 Pfund Pap ...«
Das verhängnisvolle Wort blieb ihm in der Kehle stecken, denn sein Blick war auf den krummbeinigen Paddy gefallen, und was er da zu sehen bekam, das war das Menschenunmöglichste, was er jemals in seinem Kontor zu sehen bekommen hatte.
Griff dieser Mensch, sein Kassenbote, sein Angestellter, sein Sklave, ganz kaltblütig in die seinem Schwiegersohne zur Verfügung stehende Zigarettenkiste und brannte sich ganz gemütlich eine an, hier im Kontor, in Gegenwart seines Prinzipals!!!
»Mensch, bist du denn plötzlich wahnsinnig geworden?! Oder hast du dir draußen einen Sonnenstich geholt?! Oder bist du besoffen?!«
»Nichts von alledem,« erklang es fließend und ruhig aus dem Munde des rothaarigen Irländers zurück, während er das Streichholz in den Aschenbecher legte,
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»ich bin persönlich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich nicht nach Brasilien gehen werde, daß ich mir von Ihnen, Mr. World, überhaupt nichts vorschreiben lassen werde, ich tue und lasse, was mir gefällt, denn ich bin nicht Ihr Angestellter, sondern in Sachen der projektierten Zeitung Ihr Kompagnon.«
Schon beim ersten Klange dieser plötzlich so veränderten Stimme war der Journalist wie von einer Tarantel gestochen von seinem Stuhle aufgeschnellt, und auch er sah, wie die stark geschweiften Beine des Irländers mit einem Male gerade wurden, und jetzt nahm er die roten Haare vom Kopfe, eine Perücke, die nicht gerade von besonderer Geistesfähigkeit sprechenden Gesichtszüge veränderten sich ...
»Nobody!!!« riefen die beiden wie aus einem Munde, und ihr grenzenloses Staunen war begreiflich.
Und es war nicht etwa das erstemal, daß der Verwandlungskünstler zu Mr. World in einer fremden Maske kam. Dieser hatte ihn überhaupt noch niemals wieder in seiner eigentlichen Gestalt gesehen. Wenn Nobody ein Anliegen gehabt hatte, so war er in diesem Kontor stets als ein anderer erschienen, bald als alter Mann, bald als junge Dame, immer wieder in einer anderen Gestalt, und nicht etwa, daß er sich sofort zu erkennen gab, sondern der arme, alte Mann hatte unter irgend einem Vorwand um Unterstützung gebeten, bei der jungen Dame war es zuletzt auf einen Liebesantrag hinausgelaufen, und erst wenn Nobody den alten Herrn zu seinem eigenen Ergötzen lange genug veralbert hatte, gab er sich zu erkennen.
Es war schon so weit gekommen, daß Mr. World ganz irre geworden, jeden Unbekannten, der ihn in seinem Kontor in irgend einer Angelegenheit zu sprechen wünschte, ob Mann oder Weib, zuerst immer für den Verwandlungskünstler hielt, den oder die Betreffende bat, doch die Maske fallen zu lassen, woraus natürlich die merkwürdigsten Szenen entspringen mußten.
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Dies war auch der Grund, warum Mr. World mit diesem Manne gar nicht mehr persönlich verkehren wollte, nur noch schriftlich, er fürchtete sich förmlich vor ihm - und für diese Furcht war auch schon ein anderer und wirklich sehr triftiger Grund vorhanden, wie wir gleich sehen werden.
Bisher aber war Nobody immer nur in der Maske irgend einer Gestalt erschienen, welche dem alten Herrn unbekannt war. Dies war das erstemal, daß Nobody sich in einen Mann verwandelt hatte, den Mr. World von Grund auf kannte - er kannte doch seinen Paddy, seinen Kassenboten, dem er nun schon länger als zehn Jahre die größten Geldsummen und die wichtigsten Einschreibebriefe anvertraute, und er hätte dies auch noch vor einer Minute getan, denn das war doch kein anderer als sein stotternder Kassenbote gewesen, und ...
Kurz und gut, der alte Herr war nicht nur starr vor Staunen, als sich sein Kassenbote plötzlich so verwandelte, sondern er entsetzte sich förmlich wie vor einem nicht wegzuleugnenden Gespenste.
»Ist doch nicht die Menschenmöglichkeit!« stöhnte er. »Nobody, sind Sie denn das nur wirklich oder habe ich nur eine Vision?!«
»Ich bin es, und ich komme, um endlich einmal zwischen uns ...«
»Ja, wie ist denn das aber nur möglich?! Wo ist denn Paddy? Sie haben doch seine Sachen an?«
Es half alles nichts, World hatte alles Geschäftliche vergessen, erst müßte Nobody dieses Rätsel aufklären.
Es war sehr einfach - wenigstens für Nobody. Er war in seinem Hotel gewesen, hatte den Brief gleich gelesen, und - das mußte man ihm lassen, dieser Mann hatte auch nichts weiter als Verrücktheiten im Kopfe, oder aber, er mußte eben schauspielern, Komödie treiben, anders ging es nicht bei ihm - kurz und gut, er hatte den biederen Paddy bewogen, ihm seine Kleidung zu geben, eine rothaarige Perücke besaß er unter seiner
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Garderobe, er war als der stotternde Kassenbote gekommen, und die Täuschung war eine vollkommene gewesen. Wahrscheinlich hätte ihn sogar Paddys eigene Frau für ihren Mann gehalten.
Derartiges steht nicht ohne Gegenbeispiel da. So trat Emil Devrient, der berühmte Schauspieler, oftmals als Doppelgänger von bekannten Personen auf, setzte sich an den Stammtisch, man hielt ihn für einen anderen, und mit diesem brauchte Devrieut für gewöhnlich nicht die geringste Aehnlichkeit zu haben, und der Irrtum wurde erst bemerkt, wenn dieser andere Stammgast eintrat. - -
»Wollen wir jetzt vom Geschäft sprechen?« begann dann Nobody wieder.
Mr. World raffte sich auf. Jetzt oder nie!
Wir müssen den Grund angeben, warum sich der alte Verlagsbuchhändler seit den letzten beiden Wochen förmlich fürchtete, mit Nobody mündlich zu unterhandeln.
Wie oft hatte sich World nicht schon vorgenommen, das nächstemal, wenn er mit Nobody wieder zusammentraf, diesem die Leviten zu lesen, ihm die Alternative zu stellen, ob er sich nun endlich dem geplanten Unternehmm widmen oder nicht lieber von der ganzen Sache zurücktreten wolle, vielleicht gegen eine Entschädigungssumme, denn er selbst, Henry World, habe keine Lust mehr, sich von einem Abenteurer und Projektemacher an der Nase herumführen zu lassen.
Aber es war ganz merkwürdig. Der alte, sonst so energische Geschäftsmann konnte seine wohleinstudierte Rede niemals anbringen, oder vielmehr: er vergaß sie in Nobodys Gegenwart, oder er wagte es nicht - jedenfalls ging Nobody stets als Sieger von dannen und hatte den, der mit ihm ein für allemal hatte brechen wollen, jedesmal auch noch tüchtig angepumpt.
Kam das nur daher, daß Nobody immer in einer fremden Gestalt erschien und so erst eine große Ueberraschung bereitete, welche alles andere vergessen ließ?
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Nein, sicher nicht. Es lag im Benehmen, im Auftreten, im Blick im ganzen Wesen dieses rätselhaften Mannes. Es war etwas an ihm, es ging etwas von ihm aus, was ... sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
Es war ganz dasselbe, was damals an Bord den beiden Yankees nicht erlaubt hatte, ihn nach seinem Alter zu fragen.
»Ich glaube, es ist ein Raubtierbändiger,« hatte der eine gesagt.
Bisher nun war Mr. World immer allein gewesen, wenn Nobody gekommen. Diesmal aber war sein Schwiegersohn anwesend, das gab ihm Mut.
»Nun, mein Herr?«
»Mr. World, ich komme mit einem großen Anliegen. Nach reiflicher Ueberlegung brauche ich zu dem Vorhaben, welches in unserem beiderseitigen Interesse liegt, eine eigene, schnelldampfende Jacht, schneller als der schnellste Passagierdampfer, was bei solch einer kleinen Jacht mit genügend Pferdekraft sich auch erreichen läßt, obwohl ich an eine Jacht von wenigstens 500 Tonnen denke, bedient von mindestens 12 Matrosen und Heizern. Ich muß eben imstande sein, den schnellsten Passagierdampfer zu überholen, ich muß immer eher da sein als derjenige, auf den ich es abgesehen habe. Was solch eine Jacht kostet? Na, sagen wir: rund eine Viertelmillion Dollar, für Sie eine Kleinigkeit ...«
Mr. Law mußte sich schnell auf die Lippen beißen. Er wäre bald in ein schallendes Gelächter ausgebrochen, nämlich über das Gesicht, welches ihm sein Schwiegervater zuwendete. Dieses Staunen, dieser Schreck, dieser hilfeflehende Blick, der auf den Schwiegersohn gerichtet war, diese Dummheit, die in den sonst so klugen Zügen des alten Herrn plötzlich lag - - es war ein unbeschreibliches Gesicht!
»Sie machen doch nur Spaß!« brachte World endlich hervor.
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»Ich? Nein, ich spreche im Ernst. Aber ich denke, Sie haben nur ein Witzchen machen wollen, als Sie mir zumuteten, ich solle mich wegen jener verrückten Erbschaftsgeschichte, bei welcher das verschollene Grab eines Hundeköters die Hauptrolle spielt, gleich nach Brasilien begeben.«
Mr. World sah nochmals nach seinem Schwiegersohne, dieser nickte ihm zu, und der alte Herr verstand dieses Zunicken falsch, er glaubte, Law spreche ihm Mut ein - »jetzt gehe einmal energisch vor!« - und er ging denn auch endlich einmal energisch vor.
»Sie haben ganz recht, mein Herr. Diese Hundeaffäre war nur das erste beste, was ich aus der Fülle von interessanten Neuigkeiten, die zur Zeit alle Welt beschäftigen, den Zeitungen entnahm, um Sie zu einem definitiven Bescheid zu zwingen, und nun, mein Herr, frage ich Sie zum letzten Male, ob Sie sich unserer Sache endlich widmen und einen Anfang machen wollen, oder ob Sie vielleicht denken, ich habe mir nur zum Privatvergnügen die 500 000 Pfund Pap ...«
»Zum letzten Male wollen Sie mich fragen?« unterbrach Nobody den Sprecher. »Sie haben mich überhaupt noch gar nicht deswegen gefragt. Aber gut, daß Sie davon anfangen. Aus der Alternative, die Sie mir stellen, und wie Sie diese Hundegeschichte als Mittel zum Zweck wählen, daraus ersehe ich, daß mich die Herren, oder doch Sie, Mr. World, überhaupt noch gar nicht richtig verstanden haben, obgleich ich mich damals doch deutlich genug erklärte. Sie wollen, unsere Zeitung soll als erste Nummer und dann auch immer später etwas recht Sensationelles, Mysteriöses oder sonst etwas, was zur Zeit gerade alle Welt beschäftigt, herausgreifen, mit der Bemerkung, daß ich als Berichterstatter und Detektiv mich sofort an Ort und Stelle begeben würde, um den Fall aufzuklären, den Verbrecher zu fassen, usw. Nichts falscher als das! Und wenn mir das nun einmal nicht gelingt? Ich bin auch nur ein Mensch.
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Dann sind wir die Blamierten, und das fällt auf die ganze Zeitung zurück. Nein, das werde ich anders machen, und wir werden ganz sicher gehen, niemals wird uns etwas mißlingen, nie werden wir das Publikum täuschen und enttäuschen. Ich fange gewissermaßen immer von hinten an. Passen Sie auf, meine Herren, wie ich das meine. Ich promeniere auf der Straße, hier in New-York oder in Paris oder in Peking, ich beobachte die Straßenpassanten, da fällt mein Blick auf einen Mann - - halt, sage ich mir sofort, der hat irgend etwas begangen, der hat kein reines Gewissen - - der hat einen großen Diebstahl ausgeführt, wenn nicht gar einen Raubmord. Dabei braucht dieser Mann durchaus kein auffälliges Benehmen an den Tag zu legen, es kann der kaltblütigste Bösewicht sein, der jeden seiner Gesichtsmuskeln in der Gewalt hat. Das ist eben bei mir eine ganz eigentümliche Gabe, ich möchte es fast Instinkt nennen, daß ich die innersten Gedanken eines jeden Menschen sofort erkenne, sein Gewissen liegt gewissermaßen offen vor meinen Augen ...«
»Können Sie das wirklich,« unterbrach ihn der Journalist, »jedem Menschen ansehen, ob er ein reines Gewissen hat oder nicht?«
»Ganz gewiß. Auch Sie, Mr. Law haben kein reines Gewissen.«
»Ich?« lachte der junge Mann. »Nanu! Was soll ich denn verbrochen haben?!«
»Lassen Sie sehen ..., « Nobody zog aus seinem Halse an einer Schnur einen Klemmer und betrachtete den Dasitzenden mit forschenden Augen, » ... jawohl, ganz rein ist Ihr Gewissen nicht ... im Gegenteile ... es ist furchtbar belastet ...Mensch, was haben Sie denn eigentlich begangen?! Meiner zuverlässigen Ansicht nach einen Kirchenfrevel. Jawohl, Sie haben eine Kirche geschändet, es kann meiner Diagnose nach gar nicht so lange her sein, und das liegt Ihnen nun furchtbar schwer auf dem Herzen.«
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Und Nobody nahm seinen goldenen Kneifer mit einer Bewegung ab, welche allein schon seine tiefinnerste Ueberzeugung von seiner Unfehlbarkeit ausdrückte.
Mr. Law saß natürlich wie vom Donner gerührt da, obgleich es doch offen zutage lag, daß Nobody nur Scherz machen konnte. Aber das war denn doch etwas gar zuviel des Scherzes, so etwas konnte man eben gar nicht für möglich halten.
»Was?! Ich - ein - Kirchen - schänder?!«
»Gewiß ist es so. Und ich irre mich nie. Oder ist es vielleicht kein Frevel gegen das Allerheiligste, wenn man in der Kirche während der Predigt einschläft und seiner andachtsvollen Frau und der ganzen Gemeinde etwas vorschnarcht?«
Da lehnte sich Mr. Law in seinen Stuhl zurück und brach in ein Lachen aus, daß ihm die Tränen an den Backen herunterliefen, und Mr. World stimmte gleichfalls mit ein. Denn es war in der Tat so, und der Sünder hatte schon seinem Schwiegervater von seinem gestrigen Malheur erzählt. Gestern war nämlich Sonntag gewesen. Seine Gattin hatte ihn, der ausnahmsweise zu Hause war, am Morgen mit in die Kirche geschleift, und der Journalist, etwas übernächtig, war eingeschlafen, war im besten Schnarchen von seiner empörten Frau aufgerüttelt worden.
»Woher wissen Sie denn das? Waren Sie denn gestern in der Markuskirche? Gehen Sie denn überhaupt auch in die Kirche?«
»Ich werde mich hüten. Nein, ich weiß eben manches, was andere nicht wissen, ich habe ganz sonderbare Augen. - Ihnen, Mr. World, sehe ich auch gleich an, daß Sie kein gutes Gewissen haben. Sie haben - warten Sie, lassen Sie sich in die Augen sehen ... äh, bei Ihnen ist es ja ganz klar, Sie haben stibitzt.«
»Was - habe - ich?«
»Stibitzt, gemaust, gestohlen. Und zwar Geld ... Na, machen Sie keine Geschichten - das kann ich alles
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in Ihren Augen lesen. Ja, ich wage sogar die Höhe der Summe anzugeben, welche Sie sich unrechtmäßig angeeignet haben, und zwar heute. Sie schwankt zwischen 995 Dollar und 86 Cents und zwischen 1007 Dollar und 18 Cents. So genau kann ich meine Augendiagnose stellen.«
»Na,« sagte der alte Herr empört, »mit solchen Witzen hören Sie mal gefälligst auf, das sind nicht mehr unschu ...«
Mitten im Wort stockte er. Während er dies mit einiger Entrüstung sagte, hatte er beide Hände in die Rocktaschen gesteckt, in der rechten mußte er etwas gefühlt haben, was nicht hineingehörte, er zog es heraus, ein grünes, knisterndes Blatt Papier, eine Tausenddollarnote, und da also erstarb ihm plötzlich das Wort auf den Lippen, und der alte Herr machte wieder eines seiner unbeschreiblichen Gesichter.
»Ja, wie kommt denn die Tausenddollarnote in meine Rocktasche?« brachte er mit höchster Bestürzung hervor.
»Na, nun verstellen Sie sich mal nicht,« rief Nobody, »markieren Sie mal nicht den Unschuldigen! Sehen Sie, das ist dasjenige Geld, welches! Wie das böse Gewissen den Mörder immer wieder nach dem Ort seiner Bluttat zurückführt, so hat das böse Gewissen Ihre Hand in die Rocktasche gelenkt, auf daß alle Welt erfährt, daß Sie sich unrecht Gut angeeignet haben. Und wie genau ich die Größe Ihrer Sünde zu taxieren verstanden habe!!«
Während Mr. Law sein erstes Staunen schnell überwunden hatte und dann über das dumme Gesicht seines Schwiegervaters in ein schallendes Gelächter ausbrach, stand dieser noch länger mit solchem Gesichte da, die Banknote in der Hand.
Dann freilich war ihm auch alles klar, dieser Eskamoteur hatte sie ihm eben in die Tasche gespielt, auf welche Weise, das allerdings war ganz rätselhaft. Nobody
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hatte dem alten Herrn vorhin nur einmal auf die Schulter geklopft, aber man hatte von ihm ja schon ganz andere Sachen gesehen, und jetzt hatte sich Mr. World gefaßt, jetzt wollte er den Spieß herumdrehen.
»Nein, mein lieber Herr,« begann er plötzlich zu schmunzeln, »diese Tausenddollarnote habe ich nicht gestohlen, ich erhielt sie vorhin und steckte sie einstweilen in die Rocktasche, ich dachte nur nicht mehr daran, jetzt aber werde ich sie besser verwahren.«
Damit zog er seine Brieftasche hervor, legte den Schein hinein und steckte die Tasche wieder ein.
Es war doch etwas merkwürdig, daß Nobody dies so ruhig hinnahm, auch gar kein Wort mehr darüber verlor, ganz so tat, als wäre dies vollständig in der Ordnung.
»Wo war ich vorhin stehen geblieben?« begann er sofort wieder. »Ja, wie die erste Nummer unserer Zeitschrift erscheinen und was sie bringen muß, um mit einem Schlage in ganz Amerika eingeführt zu sein, und das für immer in einer Auflage von mindestens einer Million. Ein toter Hund darf da nun freilich nicht die Hauptrolle spielen, der zieht nicht genug. Ich will doch gleich einmal den Inhalt der ersten Nummer aufsetzen, daraus ersehen Sie zugleich, wie ich mir das Ganze denke, wie ich also sozusagen immer von hinten anfange. Ich werde diktieren. Mr. Law, würden Sie die Güte haben, nachzustenographieren?«
»Gewiß, ich bin bereit.«
Er nahm Bleistift und ein großes Blatt Papier, Nobody ging mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Zimmer hin und her.
»Erst einige sensationelle Ueberschriften - bitte, die recht fett stenographieren. Also: Fälschungen auf dem Schatzamt zu Washington! - Haben Sie?«
»Oho!« ließ sich Mr. World mit lächelndem Gesicht vernehmen.
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»Weiter, die zweite Ueberschrift: Für hundert Millionen falsches Papiergeld!«
»Na, na,« meinte jetzt auch der stenographierende Journalist, »lassen Sie Ihrer Phantasie nur nicht gar zu sehr die Zügel schießen.«
»Wissen Sie was,« wandte sich da Nobody an Mr. World, »Sie sind jetzt hier ganz überflüssig, und wir haben keine Minute mehr zu verlieren, morgen früh muß die erste Nummer mit diesem Artikel wenigstens für New-York in 100 000 Exemplaren heraus sein, und da gibt es noch zu drucken. Was sehen mich denn die Herren so erstaunt an?«
Ja, die beiden Männer sahen den Sprecher allerdings mit ganz eigentümlichen Augen an. Es war heute ein sehr heißer Tag, und ...
»Sie denken wohl, mir ist die Hitze zu Kopf gestiegen? Hier ...,« er knöpfte Paddys Rock auf, unter diesem trug er seine eigene Weste, er knöpfte auch diese auf und zog aus den Innentaschen zwei große Pakete heraus. »Hier sind zweimal fünfhundert Tausenddollarnoten, also eine Million Dollar Falsifikate, aber nicht von echten zu unterscheiden, denn sie sind gedruckt im Schatzamt von Washington, Abzüge von den echten Platten - aber doppelte! - und es sind noch neunundneunzig Mal so viel da, fix und fertig, um in bares Geld verwandelt zu werden. - Also los!! Mr. World, gehen Sie in die Setzerei, machen Sie alles bereit, ich diktiere Mr. Law den Text.« - -
Am nächsten Morgen wurde in den Straßen New-Yorks die erste Nummer von >Worlds Magazine< ausgerufen, und was man da zu lesen bekam, das erzeugte erst in New-York, dann in ganz Amerika eine wahre Panik.
Ein hoher Staatsbeamter, welcher sich die neu herausgegebene Zeitschrift ahnungslos kaufte, schoß sich einige Minuten später eine Kugel vor den Kopf, bald darauf begingen in Washington zwei hohe, am Schatzamt
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angestellte Beamte ebenfalls Selbstmord, und fast das ganze Schatzamt wurde wie ein Räubernest von der Polizei ausgehoben.
Es war ein Fall, wie er nur in Amerika möglich ist. Auf dem Schatzamt waren von der Stahlplatte, welche die Tausenddollarnoten druckt, nach und nach 25 000 doppelte Abzüge gemacht worden, und es ist ganz selbstverständlich, daß sich im Bunde mit den Gaunern die höchsten Beamten dieses Staatsinstituts befanden. Nur noch einige Tage, dann wäre dieses falsche Papiergeld in bar umgesetzt worden, alles war schon vorbereitet gewesen, daher auch bei den Bankhäusern die große Nachfrage nach Gold, und wenn sich die Banknoten als doppelt erwiesen, wären die ungetreuen Beamten mit ihrer Beute von hundert Millionen schon längst über alle Berge gewesen. Und was das in ganz Amerika für einen Schaden angerichtet hätte, das läßt sich mit kurzen Worten gar nicht andeuten. Schon beim Lesen dieses Artikels drohte in New-York eine Panik auszubrechen. Die größten Bankhäuser wären krachen gegangen, ihr Sturz hätte sich auch noch dem kleinen Handwerker schmerzlich fühlbar gemacht.
Die neue Zeitschrift >Worlds Magazine< hatte die Katastrophe noch rechtzeitig verhindert. Nein, nicht diese Zeitung, sondern ihr Berichterstatter, ein Privat-Detektiv, jener famose Nobody! Und >Worlds Magazine< hatte für die nächsten Nummern Stoff genug, denn dieses erstemal schilderte Nobody ganz ausführlich, wie er einen Verdacht geschöpft hatte, daß auf dem Schatzamt etwas nicht recht geheuer sein könne, und wie er Schritt für Schritt vorgegangen war, bis er sich von der Tatsache der Fälschungen überzeugt und die Namen aller Beteiligten erfahren hatte. Auf diese Weise hatte er die drei Wochen ausgenützt, die letzte sogar im Schatzamt zu Washington an einer Druckmaschine gearbeitet als gewöhnlicher Tagelöhner.
Doch gerade dieser erste Fall interessiert uns sehr
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wenig. Genug, daß wir den Erfolg kennen. >Worlds Magazine< hatte von der ersten Nummer an in Amerika einen Leserkreis von Millionen.
Als der alte Verlagsbuchhändler und jetzige Zeitungsherausgeber den Mann, den er so schmählich verkannt hatte, nach dem ersten Bombenerfolge wiedersah, wäre er ihm beinahe weinend um den Hals gefallen.
»Verzeihung, mein liebster, bester Nobody, ich habe Ihnen bitteres Unrecht zugefügt. Ich möchte es gern sühnen, verlangen Sie von mir, was Sie wollen - ehem - wollen Sie vielleicht eine Zigarre rauchen? Aber bei Gott, als ich die 500 000 Pfund Pap ...«
»Lasten Sie es gut sein,« unterbrach ihn Nobody, aus dem präsentierten Etui eine Zigarre nehmend. »Aber von nun an vertrauen Sie mir, und passen Sie auf, wir machen noch ganz andere Geschäfte zusammen, die Sache muß noch ganz anders kommen. Wenn ich auch immer meinem Vergnügen nachgehe und Allotria treibe, das Geschäft lasse ich dabei niemals außer acht, denn das bringt Geld ein, und Geld muß ich haben, um es verhauen zu können. - Ja, Mr. World, nun wollte ich mit Ihnen noch einmal über die erwähnte Jacht sprechen.«
Au! das hätte nicht kommen dürfen! Der alte Herr war diesem Manne ja sehr, sehr dankbar, er hatte ihm doch auch schon eine Fünfcentzigarre geschenkt, aber eine Jacht, welche eine Million Mark kosten sollte - soviel brachte das Geschäft denn doch noch nicht ein.
Aber Nobody, der unbedingt ein Gedankenleser war, wußte ihn schnell wieder zu beruhigen.
»Es ist nicht nötig, daß Sie die Viertelmillion Dollar bar bezahlen,« fuhr Nobody lächelnd fort. »Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen mitteilen, daß ich mir überhaupt nur einen Scherz erlaubte, als ich sagte, Sie sollten mir eine Jacht kaufen. Wenn ich eine Jacht brauche, und das ist allerdings der Fall, so bezahle ich Sie auch aus meiner Tasche ...«
»O, wenn Sie unbedingt eine Jacht haben müssen,
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so trage ich natürlich gern etwas dazu bei,« mußte der Kompagnon jetzt doch einlenken.
»Nein, nein, das ist nicht nötig, das nehme ich auch gar nicht an. Da uns der Coup geglückt ist, wird mein wöchentliches Einkommen von jetzt an mindestens 5000 Dollar betragen, in spätestens einem Jahre habe ich die Jacht abbezahlt, so etwas wird überhaupt niemals sofort bezahlt ...«
»Haben Sie denn schon eine bestimmte Jacht in Aussicht oder lassen Sie sich erst eine neue bauen?«
»Das ist, weshalb ich hauptsächlich mit Ihnen sprechen wollte. Ja, ich spekuliere auf eine bestimmte Jacht, sie liegt noch auf der Werft, wurde auf Bestellung von Mr. Mac Orphy gebaut. Kennen Sie diesen reichen Sonderling und Sportsman?«
»Reich? Der hat vor vierzehn Tagen bankrott gemacht.«
»Das ist es eben. Jetzt sitzen die Gebrüder Hiemann drin. Die Jacht liegt halbfertig auf der Werft, und Hiemanns werden wohl schwerlich einen anderen Käufer für das verrückte Ding finden. Orphy hatte einen Torpedojäger im Auge, nach solch einem Typ ist die Jacht gebaut, wer aber wird eine derartige Zigarre kaufen, die im Innern absolut keine Bequemlichkeit bietet, weil die Räume viel zu klein und zu niedrig sind, wenn jemand eine Lustjacht haben will. Und das Fahrzeug als Kriegsschiff an irgend eine Marine loszuwerden, dazu ist auch wenig Hoffnung vorhanden, dann müßte es gepanzert werden, und das läßt sich jetzt schwer machen. Für mich aber ist das gerade etwas. Ich lasse in die Stahlzigarre eine kolossale Maschine hineinbauen und werde dann das schnellste Schiff der Welt besitzen. Nun darf aber kein einziger Mensch wissen, daß Nobody der Besitzer dieser Jacht ist, daß er sich meistenteils darauf aufhält, daß er an Bord dieses Schiffes immer seinen äußerlichen Menschen verwandelt ...«
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»Ah, jetzt verstehe ich, wozu Sie eine Jacht haben wollen!«
»Dann ist es gut, dann brauche ich mich nicht länger dabei aufzuhalten. Die Welt wird noch viel von dieser Jacht sprechen, ihr Name soll noch berühmt werden ...«
»Haben Sie schon einen Namen gewählt? Wie soll sie heißen?«
»Die Wetterhexe.« - -
Die Waterstreet und nähere Umgebung mit ihren Boardinghäusern, Kneipen und Tingeltangels ist in New-York das Paradies der Seeleute.
Gegenwärtig war freilich eine sehr stille Zeit. New-York war mit Seeleuten überfüllt, es kamen und gingen keine Schiffe, und die regelmäßig fahrenden Linien haben ihre ständige Besatzung.
Ein Bild von dieser faulen Sommerzeit gab die Gaststube von Tiedemanns Boardinghaus. (Boardinghaus ist eine Matrosenherberge, der Wirt heißt Boarding-Master, in Deutschland wird er Heuerbaas genannt, und diese Herbergsväter sind in aller Welt auch Deutsche.)
Es sah traurig genug aus in der Gaststube. Von den Dutzend Matrosen und einigen Steuerleuten, welche bei Tiedemann im Logis lagen, spielten drei Mann Karten, spielten um Nasen ...um Hosenknöpfe, wollen wir lieber sagen, die anderen hockten untätig herum, sogen an ihren kalten Pfeifen und bliesen samt und sonders Trübsal. Keiner hatte ein Glas Bier vor sich stehen, nicht einmal eine Pfeife Tabak gab es mehr, denn Heuerbaas Tiedemann behauptete, es sei schon genug, wenn er den Arbeitslosen Wohnung und Kost auf die zukünftige Heuer kreditiere.
Die meisten waren vor zwei Wochen von ein und demselben Schiffe abgemustert worden, und an jenem Tage, dem Gotte Mammon gewidmet, war es hier anders zugegangen. Auf der Bar, hinter welcher des
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Wirtes Töchterlein die Spiegel putzte, stand die Zierde dieser Gaststube, das Vermächtnis eines splendiden Steuermannes, ein Champagner-Service, der Eiskübel aus geschliffenem Krystallglas mit dazugehörigen Gläsern, und die konnten davon erzählen, wie man hier in dulci jubilo gelebt hatte, von früh bis abends und von abends bis früh. Dann folgten einige Tage, an welchen man die letzten Silberstücke zusammensuchte, dann einige Tage mit Zechkredit, und dann kamen diese Tage, von denen sie sagten, daß sie ihnen nicht gefielen.
Die Tür öffnete sich, ein neuer Gast trat ein, Kleidung und Gang, überhaupt sein ganzes Aussehen verrieten ihn gleichfalls als einen Matrosen.
Die Kartenspieler hielten einen Augenblick inne, die anderen blickten einmal nach dem Manne, der hier noch nie gesehen worden war, dann fielen sie alle wieder in ihre vorige Teilnahmlosigkeit zurück. Seeleute ohne Geld sind an Land Stockfische.
Was wollte der fremde Matrose? Nach einer Heuer fragen? Hier logieren? Da mußte man wohl lange warten, ehe man den Zweck seines Kommens erfuhr. Er ging an die Bar, bestellte ein Glas Bier, blieb an der Bar stehen und stierte vor sich hin, und so lange er bei diesem ersten Glase Biere war, würde er wohl schwerlich den Mund zu einer Frage auftun.
Da schnellte der eine, der den Blick zum Fenster gerichtet gehabt, wie elektrisiert auf.
»Kapitän Flederwisch!!!«
Dieser Ruf wirkte nicht anders, als ob in die Gaststube plötzlich eine Granate geschlagen wäre. Die Karten flogen an den Boden, alles sprang auf, daß die Stühle umstürzten, und rannte an die Fenster.
»Wahrhaftig, Kapitän Flederwisch!!!«
»Vater, Mutter, Kapitän Flederwisch kommt!!« rief die Wirtstochter zur Haustreppe hinauf, und die Gerufenen kamen so schnell herab, als es ihre Wohlbeleibtheit
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erlaubte, ihnen nach die Dienstmagd und der Hausknecht.
Die Tür ging auf, im Rahmen stand die sechs Fuß hohe, breitschultrige Gestalt eines noch jungen Mannes, als Seemann in den unvermeidlichen blauen Anzug mit trichterförmigen Hosen gekleidet, den der nordische Matrose auch im heißesten Sommer nicht ablegt, und es war schon eine große Ausnahme, daß dieser hier keine Weste trug, sondern unter der offenen Jacke das feine, gelbseidene Hemd zeigte, nur daß er noch um die Hüften eine rote Schärpe geschlungen hatte.
Der breite Strohhut beschattete ein tiefbraunes Gesicht von wahrhaft klassischer Schönheit, und was der gebildete Menschenkenner vor allen Dingen in diesen Zügen las, das war die liederliche Genialität.
»Hallo, Jungens! Steuert ihr wieder einmal mit der Ebbe? Aber Kapitän Flederwisch kommt stets mit der Flut. - Guten Tag, Vater! - Na, Gustel, was machst du? Komm her, Alte, gib mir einen Kuß. Ziere dich nur nicht, wenn der Alte tot ist, heirate ich dich doch. Aber nicht zu lange. - Bier her! - Halt, aus Gläsern wird nicht getrunken, das kann jeder. - Wieviel Fässer hast du im Keller? - Herauf damit! - Wir trinken heute aus ...«
»Um Gottes willen, Kapitän!!« kreischte die Wirtin auf.
Als jener sie umschlungen hatte, um ihr einen Kuß zu rauben, obgleich ihr Mann daneben stand, war er gegen das Champagner-Service gestoßen, daß die Gläser klirrten.
»Ach wat! Was kostet das Zeug?«
»Fünfzig Dollar.«
Der junge Riese packte das Tafelbrett an, hob es in die Höhe - bruch! lag alles in Scherben am Boden.
Und dann griff er lachend in die Tasche und warf auf die Bar eine Hand voll Gold und Silber, mindestens das Dreifache der genannten Summe.
So fing es an, so ging es weiter. Die Bierfässer
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wurden hereingerollt, der sogenannte >Kapitän< aber allem Anschein nach doch auch mir ein Matrose, bezahlte nach amerikanischer Sitte jedesmal sofort, aber immer nur in die mit Geld gefüllten Taschen greifend, ohne erst nachzuzählen, dann nahm er den ersten besten Filzhut vom Nagel und ließ ihn unter dem Hahn vollaufen, trank das Bier aus dem Hute, und alle folgten seinem Beispiele. Als die Fässer leer waren, mußte der Wirt an Wein und Schnapsflaschen herbeischaffen, was sich im Hause befand, an die 100 Flaschen waren es mindestens, eine Bowle sollte gebraut werden, das mußte aber auch wieder auf besondere Weise geschehen, als Bowlengefäß diente eine große Badewanne, in diese wurden der Wein, der Champagner, die verschiedensten Schnäpse und Liköre
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geschüttet, wie sie in die Hand kamen, ein Bündel Bambusrohre wurde aufgetrieben, und nun setzte sich die ganze Gesellschaft um die Badewanne herum und sog durch die Rohre das höllische Gebräu mit vollen Zügen ein, dabei als einzige Unterhaltung Matrosenlieder brüllend. Das Ideal eines echten Matrosen war erreicht. Das menschliche Leben hat, so lange man an Land ist, nur einen einzigen Zweck: trinken ... oder vielmehr saufen, immer saufen, und die höchste Glückseligkeit liegt darin, sinnlos betrunken zu sein. Lange würde es ja auch nicht währen, so war dieses herrliche Ziel erreicht.
Wenn nun auch bei einer derartigen Zechgesellschaft schwer eine Unterhaltung aufkommen konnte, so lag hier doch ein Rätsel vor, und jeder schien sich zu hüten, dieses mit einer Frage zu berühren.
Ganz offenbar war dieser Kapitän Flederwisch soeben erst an Land gekommen, war erst von einem Schiffe abgemustert worden, daher das viele Geld, welches schleunigst durchgebracht werden mußte. Aber der Mann zeigte auffallend viel Gold und Papiergeld, so viel kann ein Matrose nicht verdienen, auch wenn er eine zweijährige Reise gemacht hat, ohne Vorschuß aufgenommen zu haben, nicht einmal ein Kapitän hätte solch eine Summe mitbringen können, und dann hätte ein Kapitän sie doch auch nicht mit Matrosen in der ersten besten Spelunke verpraßt. Und keiner der Matrosen stellte eine Frage, auf welchem Schiffe und wie lange jener denn darauf gewesen sei.
Und dann kamen unter der um die Badewanne hockenden Korona manchmal doch merkwürdige Fragen vor.
»Das also ist dieser Kapitän Flederwisch, welcher ... ?« flüsterte ein Matrose seinem Nachbar heimlich zu.
»Ja, das ist er,« wurde ebenso heimlich zurückgerannt. »St, nichts merken lassen, er will davon nichts wissen.«
Die Tochter verstieg sich zu einer offenen Frage.
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»Wo ist denn Kapitän Flederwisch das halbe Jahr gewesen, daß er so viel Geld verdient hat?«
»Halts Maul!« fuhr sie der gefragte Vater barsch an, aber auch im leisesten Tone. »Das geht uns gar nichts an! Kapitän Flederwisch ist ein nobler Bengel, der sein Geld springen läßt, und damit basta! Gestohlen hat er es nicht, darauf kannst du dich verlassen, das ist der ehrlichste Kerl, den je die Sonne beschienen hat.«
Auch der fremde Matrose war bald in das Zechgelage gezogen worden.
Ein Matrose, der einen intelligenteren und einen weit weniger rohen Eindruck machte als die anderen, war auf ihn, der von der Bar aus dem wüsten Treiben zugeschaut hatte, als sich dieses noch um die Bierfässer drehte, zugetreten.
»Wie heißt du?«
»Ich heiße Ernst Mroch.«
»Bist wohl auch ein Deutscher?«
»Ja, aus Bremen.«
»Und ich aus Geestemünde. Komm, du mußt mitmachen, sonst nimmt's Kapitän Flederwisch übel, und das ist auch ein Deutscher, obgleich er's nicht mehr sein will. Kennst du den Flederwisch schon?«
»Gehört habe ich von ihm, aber sehen tue ich ihn jetzt zum ersten Male.«
»Komm nur, es sind hier noch genug, die den Kapitän auch nur vom Hörensagen kennen.«
Ernst Mroch setzte sich, also mit an die Badewanne, nutschte an seinem Bambusrohr und fiel mit ein in die »Shandies«, welche Kapitän Flederwisch anstimmte.
»Jetzt wollen wir erst etwas essen,« meinte nach einer Weile sein deutscher Kamerad. »Kommst du mit?«
Ernst kam mit, auch ein englischer Matrose schloß sich ihnen an. Die anderen dachten jetzt nicht an so etwas. Ja, wenn man den Hammelbraten, mit dem die Wirtin aufwartete, auch hätte trinken können!
»Es ist
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ein Fehler im Schöpfungsplan, daß man das Essen nicht auch saufen kann.«
Die drei begaben sich in ein Hinterzimmer, wo ihnen die Wirtin auftischte, natürlich immer auf Rechnung des splendiden Kapitäns. Ganz nüchtern waren sie nicht mehr, aber es ging noch.
»Ist der denn wirklich ein Kapitän?« begann Ernst das Gespräch.
»I wo,« meinte der Engländer, »der ist nichts weiter als ein Matrose wie ich. Nur weil er immer den feinen Kerl heraussteckt, etwas Besonderes sein will, wird er aus Spaß >Kapitän< genannt.«
»Sooo?« sagte aber der Geestemündener, kein so junger Mann mehr. »Und ich sage dir, Flederwisch ist nicht nur in der chilenischen und in der holländischen Marine Offizier gewesen, sondern er hat auch das deutsche Kapitänspatent in der Tasche, und das will noch etwas ganz anderes heißen! Hat er doch auch bei uns als Einjähriger gedient, ich habe ihn in Kiel als Rekrut ausgebildet, ich kenne ihn doch ganz genau. Er ist nämlich sogar aus meiner Heimatsstadt, sein Vater war unser Nachbar.«
Der Mann erzählte, von dem fremden Matrosen, der sich sehr dafür interessierte, durch Fragen unterstützt. Wir geben die Erzählung, nur mit kürzeren Worten, wieder. -
Allzeit voran! - das war das Losungswort schon des Knaben gewesen, den eine gütige Natur verschwenderisch mit allen Gaben gesegnet hatte, die sie nur einem Menschen verleihen kann, mit Kraft und Geist, mit Gesundheit und Schönheit. Aber solche Gaben können auch gefährlich werden.
Paul - dieser Vorname möge genügen - war der späte Sprößling eines hohen Geistlichen, nicht nur eines Pastors, und wenn der alte Vater stolz auf seinen so aufgeweckten Jungen war, so blickte der erfahrene Mann doch auch mit bangen Augen in die Zukunft des sich körperlich und geistig gar zu schnell entwickelnden
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Knaben, welcher, während seine gleichaltrigen Kameraden verächtlich von den Mädchen sprachen und deswegen nicht mit ihnen spielen wollten, schon ganz toll hinter diesen her war.
Die trüben Ahnungen sollten denn auch in Erfüllung gehen, sie erfüllten sich ja überhaupt schon täglich, bis die Sorgen des Vaters einen Abschluß für immer fanden. Der zehnjährige Paul hatte wieder einmal einen Streich gemacht, gerade keinen schlechten, aber doch einen genügend dummen, und er entzog sich der Strafe durch Flucht aus dem väterlichen Hause, um dort niemals wieder gesehen zu werden.
An Bord eines amerikanischen Seglers auf hoher See tauchte Paul aus einem Fasse wieder auf. Man glaubte dem langaufgeschossenen Jungen, daß er schon 14 Jahre alt sei, man glaubte ihm seine anderen Flunkereien, wie er wegen schlechter Behandlung einem Waisenhause entlaufen wäre usw., und da in Amerika Papiere nicht nötig sind, wurde Paul als Schiffsjunge angenommen. Die weite Welt war immer seine Sehnsucht gewesen.
Gleich bei dieser ersten Reise erhielt er den Spitznamen, den er für immer behalten sollte.
Paul blieb auch an Bord der unverbesserliche Taugenichts, der nichts weiter als dumme Streiche im Kopfe hatte, dabei stahl er wie ein Rabe, aber nicht für sich, sondern für die Matrosen, welche er aus der Proviantkammer des Kapitäns mit Würsten, Schinken, Eiern und Schnaps versah. Das kam oft genug ans Licht der Sonne, aber merkwürdig, der amerikanische Kapitän, sonst ein roher Patron erster Güte, dem es nicht darauf ankam, nach den Beinen der auf der Raa stehenden Matrosen, wenn sie ihm nicht schnell genug arbeiteten, mit der Schrotflinte zu schießen, war in den Jungen ganz vernarrt, ließ ihm alles durchgehen, wobei freilich auch das in Betracht kommen mochte, daß der halbwüchsige Junge in der Seemannschaft der Tüchtigsten einer war.
»So ein Flederwisch!« schmunzelte der Kapitän dann
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jedesmal - und da war der Flederwisch eben fertig gewesen.
Unter featherbroom versteht der Engländer einen kecken, übermütigen, leichtsinnigen Gesellen, und das liegt wohl auch in dem deutschen Worte >Flederwisch< ausgedrückt.
Aber dieser Name allein genügte noch nicht. Der Junge wollte immer gern kommandieren, und es war wirklich ganz merkwürdig, wie sich selbst die ältesten Matrosen dem zehnjährigen Bengel immer fügten. Zuerst merkte das der Kapitän, und als dieser eines Tages sagte: »Wo ist denn der Kapitän Flederwisch?« - da war aus dem zehnjährigen Paul eben schon ein Kapitän gemacht worden.
Er blieb bei der Seefahrt, avancierte rasch. Als er 14 Jahre alt war, also in einem Alter, da sich andere Knaben erst zu einem Berufe entschließen, war er schon weitbefahrener Vollmatrose mit einer Monatsheuer von 30 Dollar. In New-York hatte er sich gleich nach der ersten Reise ein Seemannsbuch auf den Namen Paul Flederwisch ausstellen lassen, und bei diesem Namen blieb es, er wurde in gewissen Kreisen sogar weltberühmt.
Der jugendliche Vollmatrose, auf dessen Oberlippe aber schon ein Bärtchen sproßte, kam im Laufe von drei weiteren Jahren noch weit in der Welt herum, und immer machte er seinem angenommenen Namen Ehre. Wie er an Land sein verdientes Geld durchbrachte, haben wir bereits vorhin gesehen, denn so hatte er es schon seit frühester Jugend gehalten, der schnöde Mammon mußte eben fort, eher hatte er keine Ruhe, und von den tollen Streichen, die er nebenbei beging, werden wir später noch genug zu hören bekommen. Es gab wenige große Hafenplätze in der Welt, von deren Polizei er nicht schon einmal ins Loch gesperrt worden wäre, nur daß Seeleute vor anderen sterblichen Menschen den Vorzug haben, daß sie bei Abgang ihres Schiffes sofort auf freien Fuß
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gesetzt werden müssen. Natürlich gilt das nur bei Polizeistrafen.
Nun mustern die gewöhnlichen Handelsschiffe die Mannschaft nach jeder Reise ab und neue wieder an, und wer schon einmal mit Kapitän Flederwisch gefahren war, der erzählte dann im Matrosenlogis von diesem Unikum und seinen losen Streichen, und die Seefahrt ist international, die Matrosen aller Nationen haben in jedem Hafen der Welt ihre Kneipen, wo sie sich zu finden wissen, und wenn nun irgendwo in der Welt die baumlange, charakteristische Figur in den Straßen auftauchte, so johlte allemal alles: »Hallo, Kapitän Flederwisch kommt, jetzt wird's lustig!!!« - so wie wir es vorhin gesehen haben, die Betreffenden brauchten ihn noch gar nicht persönlich gesehen zu haben, vom Hörensagen kannten sie den tollen Flederwisch alle. -
In seinem siebzehnten Jahre erinnerte sich Paul, einst eine Heimat besessen zu haben. Er begab sich nach Deutschland, und es gelang ihm gerade noch zur rechten Zeit, alles wieder zu ordnen, ehe er die Heimatsberechtigung verlor. Unterdessen war sein Vater gestorben, und obgleich Paul noch lange nicht mündig war, wußte der geriebene Junge es durch allerhand Manipulationen zu ermöglichen, daß ihm sein beträchtliches Erbteil in bar ausgezahlt wurde.
Mit diesem Gelde ging er nach Hamburg, bezog die Steuermannsschule, bestand schon nach drei Monaten sein Examen, obgleich eigentlich dazu ein Jahr fleißigen Studiums gehörte, und dabei brachte er es noch fertig, innerhalb dieser drei Monate sein ganzes Vermögen zu verprassen. Seine Lehrer begriffen nicht, wann dieser so überaus fleißige Mensch noch Zeit fand, einmal in die Kneipe zu gehen, und seine Kneipkumpane wußten nicht, wo dieser Saufbruder noch die Zeit zum Studieren hernahm. Ja, das ist eben, das Genie, und wenn's auch ein verlumptes ist!
Paul machte noch eine Reise als Steuermann,
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meldete sich dann zum Kapitänsexamen, bestand es wiederum glänzend und stellte sich hierauf in der deutschen Marine als Einjährig-Freiwilliger, wozu bekanntlich allein schon das Steuermannspatent berechtigt, von einer anderen Vorbildung wird in der Marine ganz abgesehen.
Offenbar hatte der junge Mann jetzt vor, seinem ferneren Lebenslaufe eine andere Richtung zu aeben. Er führte sich tadellos, und was er bezweckte, wurde klar, als er sich zum Kursus der Offiziers-Aspiranten anmeldete. Er wollte aktiver Offizier werden. Aber sein Gesuch wurde abgeschlagen, obgleich es dem tüchtigen Seemanne, der sich in jeder Weise auszeichnete, nicht an Protektion fehlte. Seinem Begehren stand ein unbesiegliches Hindernis entgegen. Nicht, daß er nicht das Reifezeugnis von der Schule aus hatte - dieses Hindernis ist in der Marine durch einen kaiserlichen Erlaß schon oft beseitigt worden - sondern sein Wunsch scheiterte an der kleinlichen Bestimmung, daß der Offiziers-Aspirant einen Bürgen stellen muß, welcher ihm während der Zeit seiner Einberufung oder für die ersten Jahre als aktiver Offizier einen gewissen Zuschuß zum >standesgemäßen Leben< garantiert. Vermögen besaß Paul nicht mehr, einen Bürgen konnte er nicht stellen, hätte auch nichts geschenkt angenommen, und so wurde aus der ganzen Sache nichts.
Als Kapitän Flederwisch ging er wieder in die Welt hinaus. Aber Offizier wollte er noch immer werden. Er trat in chilenische Marine-Dienste, und schon nach einem Jahre hatte er es zum Offizier gebracht. Da eine Revolution, ein Präsidentenwechsel, und wiederum war alles vorbei. Und solch eines Umsturzes aller bestehenden Verhältnisse muß man ja in jeder dieser südamerikanischen Republiken jeden Augenblick gewärtig sein. In europäischen Staaten aber stand Paul zur Offizierskarriere überall das leidige Geld im Wege, ebenso auch in den Vereinigten Staaten. Nur noch einen Staat gab es, wo er sich in
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der Marine zum Offizier aufschwingen konnte: Holland - nur mußte er einen Umweg nehmen.
Er trat in die holländische Fremdenlegion ein, gleich als Leutnant, aber freilich bei der Infanterie, wurde in einem Feldzug gegen die Atschinesen zum Hauptmann befördert, und jetzt trat er als Kapitänleutnant zur Marine über. Da wegen einer Liebesaffäre ein Duell, in dem er seinen Vorgesetzten tötete, und wieder war alles aus.
Hatte der noch immer junge Mann eingesehen, daß er als ungehorsamer Sohn einen Fluch auf sich geladen hatte, dem er nicht mehr zu trotzen wagte? Oder gerade im Gegenteil, wollte er dem ihm feindlich gesinnten Schicksal Hohn sprechen? Wir sehen den ehemaligen Offizier als einfachen Matrosen wieder. Er hätte doch mit Leichtigkeit sofort eine Stellung als Handelskapitän gefunden, oder doch wenigstens wieder als Steuermann, er besaß doch seine Patente, seine Zeugnisse waren glänzend - nein, Flederwisch fuhr wieder als gewöhnlicher Matrose, und dabei blieb er.
Seine ehemaligen Kameraden freilich, mit denen er nun wieder zusammenkam, die fanden den Grund seiner freiwilligen Degradation bald heraus. Der gewöhnliche Matrose verdiente gar zu viel Geld, und mit seiner Anmusterung an Bord eines Schiffes war auch immer ein Geheimnis verknüpft.
Der ausrangierte Offizier hatte Bekanntschaft mit einer professionellen Schmugglerbande gemacht, war einer der ihrigen geworden, hatte sich ihr mit Leib und Seele verschrieben!
Auf welche Weise solch eine Schmugglerbande zur See, deren es genug gibt, operiert, kann hier nur mit kurzen Worten angedeutet werden.
Gewöhnlich sind es schon ältere Seeleute, am meisten ehemalige Kapitäne und Steuerleute, die wegen irgend eines Vergehens ihr Patent verloren haben, etwas Geld besitzen und von der Seefahrt nicht lassen können oder wollen. Sie rüsten auf eigene, und zwar auf geteilte
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Kosten ein Schiff aus, nehmen als sogenannte Deckung irgend eine solide Fracht und dann natürlich noch Schmuggelwaren, was das Schiff fassen kann. Nach Amerika werden Spirituosen gebracht, nach England Spirituosen und Tabak, für Frankreich ist die beste Schmuggelware Tabak und Streichhölzer, Streichhölzer desgleichen für die Türkei, für Nordafrika Salz, für Südamerika Oberhemden, Spitzenwäsche und Waffen, und so hat jedes Land sein Absatzgebiet für eine Ware, auf der ein besonders hoher Zoll steht.
Wie die zu schmuggelnde Fracht an Land gebracht wird, das ist ganz verschieden. Folgender Fall ist erst jüngst in Liverpool passiert.
Kommt da ein Dampfer von 4000 Tonnen an, dessen Solidität bekannt ist, er bringt aus Amerika ausschließlich Axtstiele mit, diese werden ausgeladen, da fällt es zwei Arbeitern ein, mit solchen Axtstielen Fechtübungen anzustellen, der eine zerbricht, es fallen aus dem hohlen Innern lauter Zigarren heraus. Die Untersuchung ergab, daß sämtliche Axtstiele mit Zigarren gefüllt waren, zusammen 1000 Tonnen oder zwei Millionen Pfund Tabak, wodurch, wenn der Coup geglückt wäre, der englischen Regierung sechs Millionen Mark Zoll hinterzogen worden wären, denn auf dem Pfund Tabak ruhen ca. drei Mark Zoll.
So etwas kommt aber in England täglich vor! Wenn nicht mit einem Male in solch großartigem Maßstabe, dann täglich in kleineren Portionen. Wieviel nach England geschmuggelt wird, zeigt folgendes Beispiel: In London befindet sich ein großer Ofen, oder vielmehr ein ganzes Gebäude, als ein einziger Ofen eingerichtet, im Volksmunde >the Queens pipe genannt, das ist auf deutsch >die Tabakspfeife der Königin<, und in diesem werden, damit sie den Markt nicht drücken, sämtliche mit Beschlag belegten Schmuggelwaren verbrannt, und dieser riesige Ofen brennt Tag und Nacht ununterbrochen.
In so kolossaler Weise betrieb die Gesellschaft, welcher
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Flederwisch angehörte, ihr Handwerk nun freilich nicht, es war auch mit mehr Romantik verbunden. Sie näherten sich mit ihrem kleinen Schoner heimlich der betreffenden Küste und paschten die verbotene Fracht in finsterer, stürmischer Nacht an Land, wo ihre bestimmten Abnehmer sie schon erwarteten. Falls sie ja schon vorher von einem Zollboot angehalten wurden, mußten sie auch eine Deckfracht an Bord haben. Außer dem Kampfe mit Klippen und Elementen bot diese Art des Schmuggelns keine besondere Gefahr. Gesetzt den Fall, sie waren einmal auf frischer Tat erwischt worden, so wurden natürlich Schiff und Ladung konfisziert, aber die Freiheitsstrafe wegen Schmuggelns ist nur eine sehr geringe, wenigstens für die Matrosen und sonstigen Leute, welche dabei mit geholfen haben, denn diese haben nur dem Kapitän gehorcht. Dieser freilich wird sehr hart bestraft, und vielleicht am härtesten dadurch, daß man ihm das Kapitänspatent entzieht.
Und dies war der Grund, weshalb Flederwisch nur noch als gewöhnlicher Matrose fuhr. Allerdings war er, der mit seiner Erfahrung die Küsten kannte und die Zollbeamten wie kein zweiter an der Nase herumzuführen wußte, immer die Seele des Ganzen, er war der eigentliche Kapitän, der Führer, aber anmustern tat er stets nur als gemeiner Matrose. Er hielt noch etwas auf sich, wollte sein Kapitänspatent nicht verlieren.
So trieb er es nun schon seit sechs Jahren. Das war bekannt, den Zollbehörden fast sämtlicher Länder war Kapitän Flederwisch als ein professionsmäßiger Schmuggler bekannt, und manch anderer dazu. Aber hinterher kann das Schmuggeln nicht mehr bestraft werden.
Die Regel bleibt bestehen: Das Schmuggeln ist erlaubt, man darf sich dabei nur nicht erwischen lassen! - -
»Wieviel verdient er denn bei so einem Schmuggeltransport?« fragte der fremde Matrose.
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»Ach Gott, so happig ist das auch nicht. Das kommt auf seinen Einsatz an, den jeder einzahlen muß, das ist gewissermaßen eine Aktiengesellschaft, und dann bekommt Flederwisch noch etwas extra für seine besonderen Dienste. Jetzt ist er mit Tabak in Spanien gewesen, ich weiß es, er war ein Vierteljahr fort, und wenn er da 2000 Dollar verdient hat, so ist das schon sehr viel. Ich glaube es gar nicht. Er muß ja jedesmal das geliehene Geld doppelt und dreifach zurückbezahlen.«
»Was für geliehenes Geld?«
»Na, was er eben beizusteuern hat. Das muß alles auf geteilte Gefahr gehen, dann kann es keinen Verräter geben. Und Kapitän Flederwisch spart sich natürlich nichts. Er zahlt das geborgte Geld mit Zinsen zurück, und was dann noch übrigbleibt, das wird gleich am ersten Tage bis zum letzten Pfennig verhauen. Dann geht er wieder hin und pumpt sich das nötige Kapital.«
»Von wem?«
»Da ist kein Geheimnis dabei, das sagt er selbst. Härtung heißt er, er hat bei Brooklyn eine Mühle. Der leiht ihm immer das Geld, gehört also eigentlich auch mit zu der Schmugglerkompanie, wenigstens als stiller Teilhaber. Wieviel er ihm jedesmal gibt? Das weiß ich nicht. Tausend, ein paar tausend Dollar. Ein großes Risiko ist freilich vorhanden. Werden die Schmuggler einmal geklappt, dann hat natürlich auch Härtung sein Geld verloren. Aber was macht das? Der hat ja schon im ersten Jahre seinen Einsatz mindestens vierfach wieder herausbekommen, und, wie gesagt, Kapitän Flederwisch treibt's nun schon seit sechs Jahren, und Härtung ist gleich von Anfang an sein Bankier gewesen.«
Der fremde Matrose, welcher sich für alles dies so interessierte, fiel in ein tiefes Sinnen.
»Merkwürdig,« meinte er dann kopfschüttelnd, »solch ein Mann, aus guter Familie stammend, das Kapitänspatent
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in der Tasche, Offizier gewesen - - um ein paar Dollar mehr zu verdienen, so ein dunkles Handwerk zu betreiben, zu schmuggeln!«
»Halt, das sagt nicht!« fiel aber der andere schnell ein. »Des Verdienstes wegen schmuggelt Kapitän Flederwisch nicht! Denn ob er mit hundert Dollar wieder an Land kommt oder mit tausend Dollar, das ist ihm ja ganz gleichgültig, es wird doch am ersten Tage bis zum letzten roten Cent totgeschlagen, gleich in den ersten Stunden. Ihr seht ja selbst, wie er's treibt. Nein, die Lust an verwegenen Abenteuern, die Gefahr, das Spiel um Tod und Leben - das ist's, was ihn immer wieder dazu treibt. Es muß wieder einmal ein großer Seekrieg losgehen, darauf wartet Kapitän Flederwisch auch nur - dann sollst du mal sehen, was der noch aus sich zu machen weiß! Das wird ein Blokadebrecher, wie es noch keinen gegeben hat. Der bringt sein Schiff in jeden Hafen hinein und wieder heraus. - Hast du den Nobody gesehen, wie er sich im Atlantic-Garden immer verwandelte?«
Ueber das Gesicht des fremden Matrosen ging ein unmerkliches Zucken.
»Ja, den habe ich gesehen.«
»Na, was dieser Nobody mit sich selbst macht, daß man ihn im nächsten Augenblick gar nicht wiedererkennt, das macht Kapitän Flederwisch mit dem ganzen Schiffe. Er maskiert es. Aber wie! Wir hatten einen alten Schoner von 300 Tonnen, die englischen Zollbeamten hatten Wind von uns bekommen, wir waren signalisiert - ich ging vier Stunden zur Koje - nur vier Stunden! - als ich wieder an Deck kam, rieb ich mir immer nur die Augen - weiß Gott, ich erkannte unser Schiff selbst nicht wieder! Aus dem kleinen Schoner war mit einem Male ein großes Vollschiff geworden - freilich alles nur Bretter und Pappe - aber bei Gott, ich weiß heute noch nicht, wie dieser Kerl das fertig gebracht hat.«
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»So so,« brummte Ernst wieder nachdenklich. »Da warst du also auch einmal dabei?«
Der Matrose blickte sich erst vorsichtig um, ob jemand von den Wirtsleuten im Zimmer sei, ehe er eine Antwort gab.
»Ja,« flüsterte er dann, »vor zwei Jahren. Aber nur eine einzige Fahrt habe ich mitgemacht. Denn ich sage dir: ich habe die Nase vollbekommen! Wir paschten eine Ladung Portwein an die englische Westküste. Im Januar, dazu noch ein bitterkalter Winter. Na, ich sage dir! Ich bin doch auch nicht von Kuchen, aber ... Ich habe einmal mitten im Südwinter Schiffbruch bei Kap Horn gehabt, wir sind vierzehn Tage im offenen Boot gewesen. Alles voll Eiszapfen. Aber Kinderspielerei gegen das, was ich damals in jener Nacht an der englischen Küste durchgemacht habe. Ein furchtbarer Schneesturm, die Brandung voller Eisschollen, und wir mußten die schweren Weinfässer durchseilen. Na, ich sage dir! Guck dir einmal dem Kapitän Flederwisch seine Fäuste an. Vor sechs Jahren hat der noch nicht solche Bärentatzen gehabt.«
»Da kommt es wohl auch manchmal mit den Zollbeamten zum Kugelwechsel?«
»Nein, niemals! Das ist es eben, darauf hält Flederwisch. Der kann als ehrlicher Kerl jederzeit wieder als Steuermann oder Kapitän fahren. Daß er früher geschmuggelt hat, das hat dann nichts zu sagen. Er läßt sich eben dabei nicht erwischen. Aber einen Mord oder so etwas ladet er nicht auf sein Gewissen. Freilich, im Stich läßt der auch niemanden, und da ist schon manches passiert, was noch weniger als das Schmuggeln erlaubt ist. Mir ist's nämlich selber passiert. Eben bei jener Fahrt. Ich wurde von Zollbeamten festgenommen, mit noch einem anderen. Das heißt, der Portwein war schon in Sicherheit. Wir beide wurden noch hinterher gepackt, wir sollten sagen, was das in der Nacht für ein Schiff gewesen, wer der Kapitän usw. Natürlich sagten
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wir nichts, nannten nicht unsere Namen, und Papiere hatten wir nicht bei uns. Wir kamen ins Gefängnis. In Hamford war's, ein ganz ansehnliches Städtchen. Na, mir war's höllisch zumute. Die ließen uns unser ganzes Leben lang nicht wieder heraus, wenn wir nicht erzählten. Aber schon in der nächsten Nacht kam er und öffnete unsere Zellentüren. Wie ein schwarzer Engel. Wie er's so lautlos fertiggebracht hat - ich weiß es nicht. Wachtmeister und Konstabler, alles lag gebunden und geknebelt da. - Ja, wenn so etwas in Südamerika passierte oder in Spanien! Aber in England, mitten in einer Stadt! Wenn man's erzählt, glauben sie's einem nicht. So etwas bringt eben nur Kapitän Flederwisch fertig. Ein verwegener Satan!« - -
Die drei begaben sich in die Gaststube zurück, wo noch immer gejohlt und mit den Bambusrohren das höllische Gebräu aus der Badewanne gesaugt wurde. Aber nur die Hälfte noch kauerte um dieses Gefäß und brüllte, die andere Hälfte lag am Boden und schnarchte.
Nur noch eine halbe Stunde, draußen brach die Dämmerung an, als auch von jenen dreien, welche im Zechen eine Erholungspause gemacht hatten, einer nach dem anderen umfiel, bis zuletzt nur noch Kapitän Flederwisch allein dasaß.
Er erhob sich.
»Jungens, jetzt gehen wir alle zusammen nach Tinkys Tanzsalon, dort folgt die Fortsetzung. Wer kommt mit?«
Komische Frage! Nur ein allgemeines Schnarchen antwortete.
Da drückte sich in dem schönen, dunkelgeröteten Antlitz des jungen, riesenhaften Mannes etwas wie eine unsagbare Verachtung, sogar wie Ekel aus, als sein Blick die sinnlos Betrunkenen überflog, und seine Worte gaben seine Gedanken wieder:
»Ihr jämmerlichen Affen, ihr Schweine, ihr Schwächlinge. Und ihr sagt, ich sei euresgleichen?!«
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Dann wandte er sich schnell an den Wirt, welcher sich mäßig gehalten hatte:
»Ist alles bezahlt?«
»Alles bezahlt, Kapitän.«
Ohne noch ein Wort zu verlieren, wandte sich der junge Riese, dem der Alkohol nichts anhaben konnte, und verließ das Zimmer, trat auf die Straße hinaus.
Ebenso schnell verschwand der Wirt durch die Hintertür, um den Hausknecht zu rufen, daß ihm dieser behilflich war, den noch beträchtlichen Rest des Gebräues aus der Badewanne auf Flaschen zu füllen und dann die Leichen zu bergen.
In demselben Augenblicke, da sich die zwei verschiedenen Türen hinter den beiden geschlossen hatten,
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erhob sich einer der schnarchenden Matrosen, spähte mit klaren Augen um sich, zog unter seiner Jacke den Hut hervor und trat ebenfalls in die anbrechende Nacht hinaus. Es war der fremde Matrose gewesen, welcher sich Ernst Mroch genannt hatte. -
»Kapitän Flederwisch kommt!!!«
So war es auch jubelnd in Tinkys Tanzsaal erschollen, nur daß hier in diesen Ruf sich viele Weiberstimmen eingemischt hatten.
Dann ging es auch hier wie dort, Bier und Wein und Whisky mußten fließen. Aber hier artete die Zecherei immer mehr zu einer Orgie wüstester Art aus.
Und dann fehlte bald der Gastgeber, aber ohne vermißt zu werden. Kapitän Flederwisch hatte sich bald auf die kleine Galerie zurückgezogen, auf welcher sich jetzt kein Mensch befand, und beobachtete von hier aus, hinter einer Portiere verborgen, das lärmende, frivole Treiben zu seinen Füßen, und wieder war es Verachtung und Ekel, was sich in seinen Zügen ausprägte.
»He, Kapitän Flederwisch, hihihihihi!« kicherte da hinter ihm eine dünne Fistelstimme.
Unwillig wandte sich der Einsame um und sah ein kleines, altes Männchen mit karfunkelroter Nase in dem verwitterten Gesicht, in einen sehr schäbigen, blauen Anzug gekleidet, einen schmutzigen Schal um den Hals gewürgt - eine jener Gestalten, wie sie jede Hafenstadt aufzuweisen hat, ein verlotterter Seemann, der nur noch auf Kosten jüngerer Kameraden lebt, regelmäßig dem Trunke ergeben, und dieser hier machte davon keine Ausnahme, das sagte mehr noch als die rote Nase das gläserne Auge, und außerdem zitterte der alte, widrige Kerl ebenso mit den Händen und Knien wie mit dem Kopfe.
»Was wollt Ihr von mir?« fragte Flederwisch verdrießlich.
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»Na, Ihr kennt mich wohl nicht mehr, hihihihi?« feixte der Alte, der aber noch recht gute Zähne hatte.
»Nicht daß ich wüßte.«
»Vor zwei Jahren, als Ihr den Portwein nach England brachtet, in Hamford, hihihihi. Ich bin doch der Jimmy, hähähähä.«
»Ach, laßt mich in Ruhe! Ich kenne Euch nicht.«
Aber der Alte zog einen Stuhl heran, setzte sich und tätschelte dem Riesen auf dem Knie herum.
»Kapitän, um Euch ist's doch eigentlich schade,« begann er in vertraulichem Tone.
»Sooo?« meinte Flederwisch mit gezwungenem Spott. »Kommt Ihr her, um mir das zu sagen? Könnt Ihr mir vielleicht helfen?«
»Ja, ich könnte Euch wohl helfen, hihihihi,« fing der alte Jimmy wieder zu kichern an, jetzt aber im leisesten Tone.
»Wißt Ihr denn, was mir fehlt?«
»Geld, hihihihi.«
»Geld? Hm. Das wäre bei mir das wenigste. Oder doch, gerade die Hauptsache. Könnt Ihr mir vielleicht zu so viel verhelfen, wie ich brauche?«
»Eine Million - fünf Millionen - zehn Millionen, hihihi.«
»Millionen was? Streichhölzer?« spottete Flederwisch, der jetzt aber doch auf das Gespräch einging.
»Dollar oder auch rote Pfund Sterling, zehn Millionen, hihihihi.«
»Nur her damit!«
Der Alte beugte sich vor und machte ein geheimnisvolles Gesicht.
»Kapitän,« flüsterte er, »Ihr seid gerade der Rechte, den ich schon seit lange suche. Ihr könnt doch tauchen?«
»Ach so,« lachte Flederwisch, »das ist ja so ein alter Schatztaucher!«
Wenn man sich in den Matrosenspelunken einer größeren Hafenstadt herumtreibt, so kann man mit
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Sicherheit darauf rechnen, immer einige verkommene Individuen zu treffen, welche >ihr großes Geheimnis< zu verkaufen haben oder zur Ausbeutung desselben einen Kompagnon mit Geld suchen. Entweder wissen sie, wo der Schatz der Flibustier liegt, oder wo ein spanisches Goldschiff gesunken ist, oder so etwas Aehnliches, getaucht muß dabei auf jeden Fall werden; diese Menschen leben in ihrer Phantasie nur noch auf dem Meeresgrunde, und daher tüfteln sie nebenbei immer an einem neuen
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Taucherapparat herum, welcher jede Meerestiefe erschließt, während man bis heute noch nicht tiefer als 40 Meter hinabkommen kann,
»Habt Ihr von Pueblo Morgana gehört, hihihi?« fuhr der Alte fort.
»Aha, richtig, ein Flibustier! Jawohl, der Cartagena und sämtliche Klöster von Zentralamerika geplündert hat und dessen Schiff dann mit der ganzen, riesigen Beute unterging. Ja, wenn ich wüßte, wo der Schatz läge, dann säße ich jetzt nicht hier.«
»Ich weiß es, hihihihi.«
»So geht doch hin und holt ihn Euch.«
»Ja, wenn ich das allein könnte. Aber tauchen, hihihihi, tauchen! Kapitän, Ihr seid der Kerl, den ich brauche, tauchen werdet Ihr können, und ich glaube, Euch kaun ich vertrauen.«
»Das könnt Ihr wohl,« ging Flederwisch scheinbar auf den abenteuerlichen Vorschlag ein.
»Schwört mir, keinem Menschen etwas zu verraten, dann nenne ich Euch die Stelle.«
»Unsinn, schwören tue ich nicht, ich fluche höchstens. Aber mein Wort habt Ihr, daß ich nichts verrate.«
»Gut, Kapitän, ich habe Euer Ehrenwort, das genügt mir.«
Der Alte stand auf und streckte sich auf den Fußspitzen empor, bis sein Mund das Ohr des Riesen erreichte.
»21 Grad 89 Minuten 18 Sekunden südlicher Breite; 87 Grad 14 Minuten 52 Sekunden westlich von Greenwich,« wisperte er ihm ins Ohr.
»21, 39, 18 südlich,« wiederholte der junge Kapitän aus dem Gedächtnis, »87, 14, 52 ...«
»St, nicht so laut!!« rief der alte Mann erschrocken. »Wißt Ihr, wo das sein könnte?«
»Natürlich, das ist die Westküste der Halbinsel Yukatan.«
Der alte Jimmy nickte geheimnisvoll.
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»Da liegt das Schiff, und gar nicht tief, hihihihi, gar nicht tief. Aber freilich, ein Fahrzeug und Taucherapparate braucht man dazu, und das kostet Geld, und das muß man erst haben.«
Kapitän Flederwisch war aufgestanden.
»Mann, ich will Euch etwas sagen. Ihr habt das Delirium, der Schnaps sieht Euch ja aus den Augen. Wenn wirklich etwas an Eurer Behauptung wäre, so würdet Ihr doch nicht dem ersten besten, der Euch in die Quere kommt, Euer Geheimnis preisgeben. Denn Ihr kennt mich doch nur vom Hörensagen. Ich habe nämlich ein ganz vorzügliches Gedächtnis und weiß bestimmt, daß wir uns noch nie gesehen haben. Geht hinunter, dort gibt es eine neue Lage, haltet Euch dazu, es ist die letzte auf meine Rechnung. Good bye.«
Damit entfernte sich der Kapitän schnell. - -
So weit von der letzten Vorstadt Brooklyns entfernt, daß man nichts mehr von dem geräuschvollen Leben spürte, lag in idyllischer Gegend auf einem Hügel Hartungs Windmühle. Aber ringsherum ist sumpfiges Land, des Anbaues nicht wert. Erst wenn es dem Besitzer gelang, den Boden zu entwässern, dann konnte er aus seinem vielen Grund und Boden Geld schlagen, und zu diesem Zwecke hatte er bereits überall Gräben angelegt, welche immer mit einem schwarzen Morast angefüllt waren.
Neben der klappernden Mühle stand eine einsame Sykomore, und im Schatten derselben lag ein Mann. Wir erkennen ihn sofort wieder: es ist Kapitän Flederwisch. Er wartet auf die Rückkehr des Müllers, seines >Bankiers<, welcher mit Frau und Kind in die Stadt gegangen ist.
Hat er einen moralischen Katzenjammer? Denn daß seine Taschen keinen Cent mehr enthalten, das ist bei Kapitän Flederwisch ganz selbstverständlich, wenn er sich hier befindet. Mürrisch oder niedergeschlagen sieht
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sein schönes, rotbraunes Gesicht gerade nicht aus, wohl aber träumerisch, sogar wehmütig, was diesem Manne gar nicht recht stehen will.
Jetzt fängt er mit tiefer und doch so weicher Stimme zu deklamieren an:
Ganz gewiß, Kapitän Flederwisch hatte einen Katzenjammer, und zwar einen tüchtigen!
Er war noch nicht fertig mit deklamieren, und jetzt mischte sich dem wehmütigen Ausdruck seiner Züge ein stark sehnsüchtiger, förmlich liebesschmachtender bei, und das hatte seinen guten Grund: denn jetzt kam in dem Gedicht auch das Ewig-Weibliche vor, er wollte nicht mehr allein sein auf seiner paradiesischen Insel.
Mit vor Sehnsucht zitternder Stimme fuhr er also sort:
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Bumberumbumbumm!!!
Der Deklamierende schnellte auf, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, obgleich es nur ein Donnerschlag gewesen war.
Der sonnige, stille Sommertag hatte sich verändert. Ein kühler Wind sauste durch die Zweige der Sykomore, am Horizonte stieg eine schwarze Gewitterwolke mit schwefelgelbem Saume auf.
Weit reichte der Blick von hier aus, der Mann sah noch das Meer, wie es brandend durch die Straße von Sandy Hook schoß, und das aufsteigende Gewitter und die weite See brachten den sentimental Gestimmten plötzlich auf andere Gedanken, was sich auch sofort in seinen Zügen und Augen ausdrückte, eine wilde Lust blitzte darin auf.
»Ach, ich Narr,« rief er mit weitschallender Stimme, »der ich von einer paradiesischen Insel und von weichen Lippen träume! Nein, das ist nichts für Kapitän Flederwisch, wenigstens nichts für die Dauer, da weiß er etwas anderes, was ihn fesseln kann:
Wieder ein Donnerschlag mit langanhaltendem Murren, ohne daß ein Blitz zu sehen gewesen, jetzt ging durch die Sykomore ein heulender Sturm, der die Mühlenflügel peitschte, und wieder beeinflußte dies die Stimmung des Kapitäns, er streckte verlangend beide Arme nach der Gewitterwolke aus, dorthin, wo er das unruhige Meer schaute, und jetzt begann er sogar zu singen, und es war eine prachtvolle, gewaltige Stimme, den Sturm und das Mühlengeklapper übertönend:
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»Das will ich dir wohl geben.«
Diesmal ein greller Blitz, der zur Erde niederschmetterte, ein furchtbarer Donnerschlag, und wie Kapitän Flederwisch herumfuhr, stand vor ihm der fremde Mann, der diese letzten Worte gesagt hatte, wie unter Blitz und Donner plötzlich aus dein Boden gewachsen.
»Wer seid Ihr?«
Jetzt war es der Fremde, welcher zu deklamieren begann, und zwar war es gleichfalls ein Gedicht des klassischen Burns, mit dem er die Antwort gab, oder doch der Anfang eines Gedichtes:
»Hallo!« lachte Kapitän Flederwisch. »Also der Höllenfürst in eigener Person!«
»Du sagst es. Nenne mich einfach Mephistopheles.« Wahrhaftig, einen passenderen Namen als Mephistopheles hätte dieser Mann gar nicht wählen können. Dieses bleiche, abgelebte Gesicht mit den großen durchdringenden Augen, der schwarze Zwickelbart, und nun vor allen Dingen dieses überlegene, spöttische, schadenfrohe, hinterlistige, boshafte, einfach satanische Lächeln, mit dem er den jungen Riesen anblickte - es war Mephistopheles in eigener Person. Nur der Pferdefuß fehlte. Heutzutage aber tritt der Teufel überhaupt nicht mehr als haariger Affe mit Hörnern und Schwanz auf, sondern immer als weltgewandter Kavalier, und das war auch dieser Mann. Der schwarze Gehrockanzug aus feinstem Tuche saß ihm wie der Zylinder tadellos, und an der weißen Weste brauchten nicht die schwergoldene Kette und an den Fingern mehrere kostbare Ringe zu blitzen,
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um sofort den reichen Herrn aus der großen Lebewelt erkennen zu lassen. Wer so auftritt, der kann unmöglich ein armer Schlucker sein.
»Das ist ja famos!« rief Flederwisch, immer noch lachend. »Den Teufel kennen zu lernen, habe ich mir schon immer gewünscht. Was willst du von mir, Freund Mephisto?«
»Dich selbst und deine Seele,« war die prompte Antwort.
»Hm. Höre, Freund, ich habe allerdings schon oft daran gedacht, mich dir mit Leib und Seele zu verschreiben. Aber die Sache hat einen bösen Haken. Ich bin nämlich ein viel zu ehrlicher Kerl, so ehrlich, daß ich dir ganz offen sage: mich kriegst du dereinst sowieso, dafür brauchst du mir gar nicht erst was zu geben.«
Das diabolische Lächeln trat noch stärker hervor, als jener erwiderte:
»Höre auch du, Freund Flederwisch, der du so oft sehnsüchtig an mich gedacht hast. Ich bin seit einigen Jahrhunderten verdammt vorsichtig geworden. Du kennst doch die Geschichte
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mit Gretchen - weißt du, die manchmal am Spinnrad sitzt und das bekannte Lied dazu singt - und dann den Doktor Faust, den Heimich, vor dem sich Gietchen manchmal graute, manchmal sich auch nicht vor ihm graute - - ich hatte die beiden schon so sicher in meiner Tasche, hatte für die beiden schon eine Wohnungseinrichtung auf Abzahlung gekauft - - und dann kommen die beiden doch noch in den Himmel ... Pech und Schwefel! Wenn einem so etwas mehrmals passiert, i da möchte sich der Teufel ja gleich selber holen!!«
»Nee, ach nee,« lachte jetzt der junge Kapitän aus vollem Halse, »ich entgehe dir nicht. Ueberhaupt, ich will gar nicht in den Himmel kommen. Unter den Lebensbäumen ewig träumen - weiter fehlte nichts, das wäre mir viel zu langweilig, das hielte ich keine acht Tage aus.«
»Und ich sage dir, ich traue keinem einzigen von euch Menschen mehr. Wenn ihr alt werdet, denkt ihr manchmal anders, und ihr habt den Teufel schon gar zu oft übers Ohr gehauen. Und nun gar du, der Kapitän Flederwisch, du maskierst dereinst dein Schiff, auf dem du in die Ewigkeit hinübersegelst, fährst mit falscher Takelage keck am Höllentor vorbei, und ich habe das Nachsehen.«
»Sooo?« stutzte jetzt Flederwisch. »Kennst du mich denn?«
»Natürlich kenne ich dich, und ich komme doch eben, um deine Wünsche zu befriedigen, die du vorhin hattest. Gut, ich bin bereit, sie dir zu erfüllen. Aber schriftlich muß der Pakt abgemacht werden. Mit deinem eigenen Blute braucht der Kontrakt nicht geschrieben zu werden, aber notariell muß er beglaubigt sein, ein Siegel darauf! Dann lasse ich es mir auch etwas kosten, und das Geld spielt bei dem Herrn der Fliegen und des Goldes ja gar keine Rolle.«
Flederwisch war zu der Ueberzeugung gekommen,
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einen Mann vor sich zu haben, der ihm einen großen Schmuggeltransport übertragen wollte, vielleicht ein Millionengeschäft, nach welchem er sich schon immer gesehnt hatte, das mit einem Schlage alle seine Verhältnisse änderte. Bisher hatte er vergeblich gehofft.
Aber noch behielt er den humoristischen Ton bei.
»Gut, wenn es so ist, dann können wir ja einmal verhandeln. Aber billig verkaufe ich meine dir so wertvolle Seele nicht.«
»Nenne deine Wünsche!«
»Ein schnelles Schiff.«
»Sollst du haben.«
»Aber es muß mir gehören.«
»Sollst du haben.«
»Ein Dutzend Matrosen darauf.«
»Sollst du haben.«
»Aber keine Waschlappen, fixe Jungens, jeder muß ein ganzer Mann vom Scheitel bis zur Sohle sein. Die ganze Mannschaft muß ich mir überhaupt selbst zusammensuchen können.«
»Sollst du haben. Was sonst noch zu einem Schiffe gehört, welches doch auch unterhalten sein will, weiß ich allein. Wünschest du noch mehr?«
»Meine eigene Insel.«
»Sollst du haben.«
»Die ich mit Kanonen bespicken kann.«
»Meinetwegen kannst du doch darauf machen, was du willst. Wenn du nur immer das zu alledem nötige Geld hast.«
»Richtig. Also wenn ich in die Tasche greife, muß ich immer die ganze Hand voll Goldstücke haben.«
»Sollst du haben.«
»Donnerwetter, du bist generös!«
»Dafür bin ich der Teufel und der Herr aller Schätze der Erde, und etwas hexen kann ich auch.«
»Halt, wenn es so ist, dann will ich die Geldangelegenheit gleich etwas genauer definieren. Meine
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linke Hosentasche muß immer voll Silber sein, die rechte voll Gold, greife ich in die Westentasche, so finde ich das zum täglichen Leben nötige Kleingeld, und in der Brusttasche ist das große Papiergeld, mindestens Tausenddollarnoten. Denn wenn ich z. B. einmal eine Million zu bezahlen habe, und ich soll die in Goldstücken aufzählen, das würde doch etwas gar zu lange dauern.«
»Sollst du haben. Nur in etwas bitte ich um Nachsicht. Könnte nicht vielleicht das Silber in deiner rechten und das Gold in deiner linken Hosentasche sein? Dieses Arrangement wäre mir nämlich viel bequemer, das hängt mit der Zauberformel zusammen.«
»Well, das ist mir gleichgültig,« lachte Flederwisch. »Na, da wollen wir den Pakt abschließen. Komm, Freund Mephisto, wir trinken eine Flasche Bier dabei, ich bin durstig.«
Er schritt der Mühle zu und betrat den Eingang. Der andere war ihm gefolgt.
In der Flur, gleich neben dem Treppenaufgaug, lags seltsamerweise direkt am Boden, ein großer Haufen Mehl, daneben stand ein Mühlknappe, welcher an einer Holzschaufel einen Stiel befestigte.
»Was liegt denn das Mehl hier?« meinte Flederwisch im Vorbeigehen, leckte am Finger, tauchte diesen in die weiße Masse und kostete.
»Pfui Deiwel!!« rief er sofort, heftig ausspuckend. »Wie schmeckt denn das Mehl?«
»Nee, Gabidän, nee,« sang grinsend der Mühlknappe im schönsten Sächsisch, »das is geen Mahl, das is Sie mehrschtendeels Gibs, mir dun heite Gibs mahln.«
»Pfui Deiwel!« wiederholte der Kapitän mit aller Energie, und dann wandte er sich an seinen Begleiter. »Verzeihe, Freund Mephisto, mit diesem Deiwel habe ich nicht dich gemeint.«
Er ging die Treppe hinauf, und da er hier ganz zu
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Hause war, betrat er eine Stube, in welcher es eigenartig würzhaft roch. Das Zimmer war keine eigentliche Backstube, es enthielt auch einige Möbel, aber in ihm stand auf zwei Holzböcken ein riesiger Backtrog, über zwei Meter lang und dementsprechend breit, angefüllt mit einem blasentreibenden Teig, dem der würzige Duft entströmte.
»Ich liebe diesen Geruch,« erklärte Flederwisch, »er erinnert mich immer an ...lassen wir das! Ich bin ein Mann der Arbeit, und schänden tut die Gegenwart eines Backtrogs mit Brotteig wohl auch keinen anderen Menschen. Die Hauptsache ist für mich, daß ich hier das Bier in meiner nächsten Nähe habe. Bitte, setzen Sie sich.«
Er entnahm einem Wandschrank zwei Flaschen und Gläser und setzte sich dem Fremden gegenüber.
»Sie kennen mich. Ich kenne nicht Sie,« begann Flederwisch dann in einem anderen Tone.
»Dorington.«
»Sehr angenehm. Was wünschen Sie, Mr. Dorington?«
>Ist Ihnen ein Mann Namens Jeremias oder Jimmy King bekannt?«
»Jimmy King?« wiederholte Flederwisch nachdenklich. »Nein.«
»Doch. Gestern abend in Tinkys Tanzhaus haben Sie mit ihm gesprochen.«
Sofort stutzte der Kapitän, der schon einmal sein ausgezeichnetes Gedächtnis erwähnt hatte.
»Der alte, verlumpte Kerl mit der roten Nase?«
»Derselbe.«
Kapitän Flederwisch bekam gleich ganz große Augen.
»Er schwatzte mir etwas von einem Geheimnis vor, von einem ... einem ... never mind. »Was ist mit diesem Manne?«
»Er sucht Sie schon seit langer Zeit.«
»Mich? Weshalb?«
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»Um Ihnen das Geheimnis mitzuteilen, von dem ich annehme, daß er es Ihnen gestern abend anvertraut hat.«
Immer mehr stutzte der junge Kapitän. Wie, so sollte wirklich etwas daran gewesen sein? Er wußte sich zu beherrschen.
»Was wissen Sie von diesem Geheimnis oder von unserer gestrigen Unterhaltung?« fragte er kaltblütig.
»Wir können ja ganz offen sprechen. Was Ihnen der Alte da gesagt hat, das ist kein leerer Wahn. Der ist durch einen Zufall in den Besitz der geographischen Ortsbestimmung gekommen, an welcher Stelle der Westküste von Yukatan der bekannte Piratenkapitän Pueblo Morgana mit Schiff und ganzer Beute untergegangen ist. Dieser alte Jimmy King ist ein Sonderling. Er hat von Ihnen gehört und hat sich partout in den Kopf gesetzt, daß gerade Sie es sein müssen, mit dem zusammen er den unermeßlichen Schatz vom Meeresgrunde heben will. Aber dazu ist erst viel Geld nötig, vor allen Dingen müssen kostspielige Taucherapparate gekauft werden ...«
»Halt,« unterbrach Flederwisch den Sprechenden, »ich denke, wir können unsere Unterhaltung sehr abkürzen. Dieser alte Mann hat mir allerdings eine geographische Ortsbestimmung bis zu den Sekunden gemacht.«
»Also wirklich!« flüsterte der Fremde erfreut. »Nun ja, ich habe es ja erwartet.«
»Aber ich habe dem Manne mein Ehrenwort gegeben, dieselbe keinem Menschen zu verraten.«
Der Fremde mit dem diabolischen Gesicht hob phlegmatisch die Schultern.
»Nonsense - Unsinn! Es handelt sich hier um ein Geschäft, wie ein solches Ihnen noch nie ...«
»Halt,« unterbrach ihn Flederwisch abermals, »ich denke wirklich, wir können die Sache sehr abkürzen. Haben Sie verstanden, was ich Ihnen sagte? Ich habe diesem Jimmy King mein Ehrenwort gegeben,
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nichts von dem, was er mir mitteilte, zu verraten. Haben Sie das verstanden?«
»Allerdings, aber ...«
»Und Sie wollen jetzt diese geographische Ortsbestimmung von mir erfahren?«
»Das ist es, wir wollen gemeinschaftliche Sache machen. Sie sind der Mann, den ich dazu brauche, und ich habe das dazu nötige Geld. Der alte, versoffene Kerl ist dabei überflüssig, den lassen wir ganz aus dem Spiele ...«
»Herr,« unterbrach ihn Flederwisch zum vierten und letzten Male, »Sie haben sich erst für den Teufel ausgegeben, und da waren Sie mir angenehm, ich habe gar nichts gegen den Teufel, der Teufel ist ein ganz ehrlicher Kerl - - aber Sie, Mr. Dorington, Sie sind ein ... Schuft!!!«
Quatsch! Der vornehme Mephistopheles hatte einen Schlag ins Gesicht bekommen, eine sogenannte Ohrfeige, auch Maulschelle genannt, und zwar eine derartige, daß er vom Stuhle geschleudert wurde.
Zu Boden stürzte er allerdings nicht, aber er flog gleich gegen die Wand, oder doch bis dicht an den Backtrog, hier suchte er mit den Händen nach einem Stützpunkt ... und tauchte mit beiden Armen gleich bis an die Schultern in den weichen Teig hinein.
Im nächsten Augenblicke hatte er die Arme wieder herausgezogen und stand mit einem katzenähnlichen Satze vor dem Kapitän, den einen Arm, von dem der Teig in langen Nudeln herabtriefte,mit geballter Faust zum Schlage erhoben.
»Mensch, wenn du wüßtest, wer ich bin, ich könnte dich mit einem Schlage ...«
Flederwisch war aufgesprungen, sich in Boxerpositur stellend, um den Angriff abzuwehren.
Aber der Schlag fiel nicht, Mephisto vollendete den Satz nicht, es sollte alles anders kommen.
Blitzschnell hatte der fremde Herr seinen Gegner unterlaufen. War diese Gewandtheit der schlanken Gestalt wohl
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zuzutrauen, so doch nicht die gewaltige Kraft, mit welcher der riesenhafte Seemann ausgehoben wurde, seine langen Beine quirlten in der Luft herum, und dann lag Kapitän Flederwisch plötzlich in dem Backtrog, mitten im Teig, und Mephistopheles griff auch noch mit beiden Händen hinein und quatschte ihm das klebrige Zeug immer ins Gesicht und drückte ihn hinein, bis jener ganz verschwunden war.
»Hier friß, Du Luder, friß den Teig, dann braucht er nicht erst gebacken zu werden ...«
Da tauchten aus dem Teige zwei lange dicke Nudeln auf, das waren Kapitän Flederwischs Arme, sie griffen zu, Mephisto hatte zurückspringen wollen, allein es war zu spät gewesen, er befand sich in der Gewalt der teigigen Finger. Flederwisch zog, Mephisto riß - - und da
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stürzte der ganze Backtrog um, fiel auf den Boden, und auch Mephisto war gefallen, und jetzt wälzten sich am Boden zwei Menschen herum, die keine Menschenähnlichkeit mehr hatten.
Die Tür ging auf. Der Mühlknappe aus Sachsen war durch das Poltern heraufgelockt worden.
Mit starren Augen blickte er nach dem zappelnden Teighaufen. Denn die beiden ließen noch nicht von sich ab, auch in der zähen Substanz katzbalgten sie sich immer weiter herum.
»Nee awwer ... nee awwer ... nee awwer ...«
Mehr brachte der biedere Sachse in seinem Staunen nicht hervor.
Da plötzlich richtete sich der lebendiggewordene Brotteig auf, zwei in die Länge gezogene Hefenklöße tanzten engumschlungen durch die Stube.
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»Nee awwer ... nee awwer ... nee awwer, so was labt ja gar nich un wackelt doch mit'n Schwanz!«
Der brave Sachse sollte noch etwas ganz anderes erleben.
In der Stube stand ein kleiner Kanonenofen, zu dieser Zeit natürlich ungeheizt, gegen diesen prallten die beiden ungebackenen Pfefferkuchenmänner mit voller Wucht an, der ganze Ofen ging in Trümmer, das Rohr brach ab, und das Rohr war seit dem letzten Winter noch nicht gereinigt worden, eine Wolke von Ruß stob auf die beiden weißen Gestalten herab, aus den Mehlwürmern im Nu kohlschwarze Raben machend, und die Rußdusche schien ihnen noch nicht zu genügen, jetzt legten sie sich wieder hin und kollerten sich, immer eng umschlungen, noch in dem Ruße herum.
»Nee awwer ... nee awwer ... bin ich denn nur verrickt oder sind die's?«
Da kamen die beiden schwarzen Gestalten wieder auf die Füße, wieder tanzten sie eng umschlungen durch die Stube, jetzt wie zwei aus dem Leim gegangene Schornsteinfeger. Sie erreichten die Tür, diese stand noch offen, und polternd kugelten die beiden die Treppe hinab und ... verschwanden in dem großen Gipshaufen!
Oben stand der Mühlknappe und stierte auf den lebendig gewordenen Haufen.
»Nee awwer ... nee awwer ... was machen die beeden denn eegentlich da in dem Gibse?!«
Er die Treppe hinab. Da aber richtet sich der Gipshaufen schon wieder auf, jetzt sind aus den beiden Schornsteinfegern abermals zwei weiße Mehlwürmer geworden, und immer dicker wird die Schicht, welche auf dem Teige vortrefflich hält.
Und noch immer wollen sie nicht von sich lassen, weiter geht die Katzbalgerei, weiter der tolle Tanz, zum offenen Mühlentor hinaus, und wie der Arbeiter draußen steht, da liegen die beiden schon wieder am Boden, kollern
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den Abhang hinab und verschwinden spurlos in der schwarzen Jauche eines Abzugsgrabens.
»Nee awwer ... nee awwer ... nu, was ham die beeden eegentlich da drin zu suchen?!«
Da aber geht dem hellen Sachsen doch ein Licht auf, um was es sich handelt, hier muß schnell geholfen werden oder die beiden, die gar nicht wieder zum Vorschein kommen, sind dem Tode geweiht.
»Färchtegott, he, Färchtegott, gomm mal fix her und bringe anne Ledder mit, hier sin zwee Gerle in de Sch ... gefall'n!«
Färchtegott kam mit der >Ledder<, das heißt mit der Leiter, sie wurde über den Graben gelegt, und als man die beiden schwarzen Sumpfhühner glücklich wieder heraus hatte, da endlich ließen sie voneinander ab, ihr erster Griff war nach dem Mund, den mußten sie zunächst von der deliziösen Sauce aus Teig, Ruß, Gips und Schlamm befreien, sie waren schon dem Erstickungstode nahe, und dann begannen die Mühlknappen mit Feuerspritze, Bürste und Teigkratze zu arbeiten.
Das war eine Arbeit!! Zuletzt mußte Hammer und Meißel zu Hilfe genommen werden. Denn es war gebrannter Gips gewesen, und wenn der schwarze, stinkende Schlamm auch wenig Anspruch auf den Namen >Wasser< machen konnte, es war doch solches darin enthalten, und dieses tat seine Pflicht, es verband sich mit dem Gips zur immer härter werdenden Kruste, bis diese eben losgepocht werden mußte.
Zuerst wurden die Köpfe in Angriff genommen, und kaum konnte Kapitän Flederwisch wieder aus den Augen blicken, als er diese auch schon weit aufriß und nach dem Mephistopheles stierte, dessen Gesicht unter Bürste und Scheuerlappen schon etwas menschenähnlicher geworden war.
»Kreuz Klüverbaum und Katzenschwänze, was ist denn das?!«
Ja, die verschiedenen Verwandlungsperioden mit der nachfolgenden Abwaschung hatten bei dem Mephistopheles
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einen ganz merkwürdigen Erfolg gehabt. Verschwunden war der schwarze Knebelbart, das schwarze Kopfhaar war plötzlich hellblond geworden, es war überhaupt ein ganz anderes Gesicht.
»Das ist ja ... das ist ja ... der ... der ... Nobody aus dem Atlantic-Garden!«
»St, still!« warnte der Erkannte. »Ja, ich bin's. Zwischen uns liegt ein Mißverständnis vor. Ich bin ja gestern abend auch der alte Jimmy mit der roten Nase selber gewesen. Ich erkläre mich dann.«
Flederwisch gab sich denn auch vorläufig zufrieden. Außerdem kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein, was sie bei der Balgerei alles durchgemacht hatten, er brach in ein unauslöschliches Gelächter aus, und Nobody stimmte mit ein.
Dann fanden es die Mühlknappen für das beste, den beiden doch lieber gleich die Kleider vom Leibe zu schneiden, dann mußten sie ins Bad, und da nur eine Badewanne vorhanden war, wurden sie für einige Zeit getrennt.
In einem anderen Zimmer der Mühle trafen sie wieder zusammen, mit Müllerzeug bekleidet.
»Teufel, Mann, was fiel Euch ein, mich in den Brotteig zu stecken?«
»Der Teufel seid Ihr selbst. Was fiel Euch ein, mir eine runterzuhauen? Das hätte Euch schlecht bekommen können. Aber das beste ist dabei, daß ich dieser Jimmy King von gestern abend selber gewesen bin!!«
Wieder lachten sie beide aus vollem Halse. Das wenigste war den beiden der verunglückte Brotteig und der andere Schaden, den sie angerichtet hatten. Das wurde eben alles bezahlt.
Dann saßen sich die beiden wieder gegenüber, um ernsthaft miteinander zu reden.
»Könnt Ihr Euch entsinnen, wie gestern bei Tiedemanns ein fremder Matrose war, der sich Ernst Mroch nannte?«
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»Nein. Es waren mir sehr viele der Matrosen ganz fremd.«
»Dieser Ernst Mroch war ich ebenfalls. Ich war auf der Suche nach einem ... doch davon später. Ein Matrose, der Euch genau kannte, erzählte mir von Euch, und was ich da zu hören bekam, das gefiel mir, imponierte mir. Ihr wart der Mann, den ich brauchte. Um Euch zu prüfen, verkleidete ich mich nochmals, näherte mich Euch als jener verlumpte alte Kerl ...«
»Wieso prüfen?«
»Ob Ihr ein Geheimnis bewahren könnt, ob man Eurem Worte trauen darf. Das braucht Ihr nicht übelzunehmen, Ihr habt die Prüfung glänzend bestanden.«
»Uebelnehmen tue ich Euch das überhaupt nicht, aber ... hm ... was ist's nun mit dem untergegangenen Flibustierschiffe?«
»Mit dem Schatze? Gar nichts. Das habe ich rein aus der Luft gegriffen. - Halt, Kapitän, macht nicht ein so verdrießliches Gesicht. Denn wirklich, ich weiß etwas, wenigstens so etwas Aehnliches, es gilt auch einen Schatz vom Meeresgrund zu heben, und dazu bedarf ich eines eigenen Schiffes und zu diesem eines tüchtigen Führers. Kapitän Flederwisch, wollt Ihr als solcher in meine Dienste treten?« - -
Wir brauchen nicht mehr zu hören, was für einen Vorschlag Nobody dem Kapitän machte, auf welchen dieser einging. Die späteren Erzählungen werden das Resultat ihrer Unterhaltung schildern.
Dagegen sei hier etwas anderes im voraus erläutert.
>Featherbroom and Weatherwitch - - auf deutsch >Flederwisch und Wetterhexe< - - das sind zwei Schlagworte, welche in England und im englisch sprechenden Amerika jedes Kind kennt.
Der tolle Kapitän Flederwisch, welcher auf seiner Jacht, genannt >Wetterhexe<, bis vor kurzer Zeit ruhelos auf allen Meeren herumsauste, war einer der populärsten
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Männer der Welt, ist es noch heute, noch heute existiert über ihn in der englischen Sprache eine eigene Literatur, noch heute ist er der Held von zwei zugkräftigen Theaterstücken, noch heute werden auf englischen und amerikanischen Variétébühnen Couplets über ihn gesungen, deren immer wiederkehrender Refrain zum Mitsingen ist:
Da dürfte mancher deutsche Leser sagen: Ich habe noch nichts von diesem Kapitän Flederwisch oder Featherbroom und von seiner Jacht gehört.
Das ist glaubhaft.
Heute, da die Automobilrennen Mode sind, hat wohl jeder Deutsche den Namen Gordon Bennett gehört. Wieviel Deutsche aber haben noch vor wenig Jahren etwas von diesem exzentrischen Herausgeber des >New-York Herald< gewußt?
Oder ein anderes, noch zutreffenderes Gleichnis.
Es gibt wohl wenig Deutsche, welche den Namen Baron Mikosch nicht kennen. Man mag nun die Nase rümpfen oder die Ohren spitzen - wenn der Name Baron Mikosch genannt wird, da weiß doch gleich jeder, was jetzt kommt.
Nun soll man aber in England jemanden fragen, ob er den Baron Mikosch kennt. Kein einziger Mensch!
Dieser Kapitän Flederwisch ist also der deutsche Baron Mikosch in englisch-amerikanischer Ausgabe, nur daß Kapitän Flederwisch wirklich existiert hat und heute noch lebt, und daß seine Originalität von einer ganz anderen Art ist. Wenn in England oder Amerika einmal der Name >Kapitän Flederwisch< fällt, so weiß jeder sofort, was jetzt kommt, und da braucht keine Dame die
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Flucht zu ergreifen: ein neues, tollkühnes Stückchen von dem verwegenen Jachtkapitän, eine neue, verrückte Wette, eine neue phantastische Behauptung, woher er eigentlich das Geld nimmt, mit dem er achtlos um sich wirft, ein neues Geheimnis, wo sich die unerschöpfliche Schatzkammer des einstigen Matrosen befindet.
Das aber ist bisher unbekannt gewesen, davon hat auch niemals >Worlds Magazine< berichtet, daß dieser Kapitän Flederwisch eigentlich nur ein von dem Detektiv Nobody ins Leben gerufener Schatten gewesen ist, daß Nobody der eigentliche Besitzer der Wetterhexe, daß es Nobodys Geld war, mit welchem Kapitän Flederwisch so freigebig umging.
Nobody brauchte diese Gestalt, deshalb schuf er sie.
Daher wird Kapitän Flederwisch in unseren Erzählungen noch öfters eine Rolle spielen.
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Im St. Katharinen-Dock, dem ältesten Hafen Londons, welcher sich mitten im Zentrum der Riesenstadt befindet, lag schon seit zwei Wochen ein Schiff, von welchem damals in London viel gesprochen wurde. Es war ein ganz merkwürdiges Ding, sah fast aus, wie eine riesige Zigarre, mit zwei Schornsteinen und einem kurzen Signalmast darauf. Die Zeitungen machten darauf aufmerksam, daß dieses interessante Fahrzeug nach dem Typ der neuen Torpedojäger auf einer New-Yorker Werft erbaut worden wäre, auch aus Stahl, aber ohne Panzerung, denn es sei eine Privatjacht, freilich ein sonderbares Vergnügen, denn die runde Riesenzigarre mußte sich in der hochgehenden See förmlich umkugeln.
Wer war denn ihr Besitzer?
Als das Ding die Themse heraufgedampft war, hatte man sich nicht nur über die seltsame Zigarre gewundert, sondern auch über die merkwürdige Flagge am Heck: eine junge Hexe, welche auf einem Flederwisch durch Sturm und Gewitter reitet. Es gibt kuriose Schiffsflaggen, aber so eine hatte man doch noch nicht gesehen, das war originell. Daher also der Name >Wetterhexe<.
Als aber nun die Zollbeamten mit der Plombenzange an Bord kamen und von dem Kapitän empfangen wurden, da war das Staunen erst recht groß.
»Kapitän Flederwisch!!!« erklang es wie aus einem Munde, und dann vergaßen alle, diesen Mund wieder zuzumachen. Denn Flederwisch war doch sämtlichen
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englischen Zollbeamten als professionsmäßiger Schmuggler bekannt, man lauerte nur immer darauf, ihn dabei endlich einmal zu fassen.
»Was für Schmuggelware habt Ihr denn diesmal an Bord?« stellte dann einer die naive Frage.
»Nein, geschmuggelt wird nicht mehr, ich hab's nicht mehr nötig. Ich habe genug dabei verdient. Besonders bei meiner letzten Fahrt, vor einem Vierteljahre, als ich nach England 3000 Tonnen Tabak und ebensoviel Spirituosen paschte - es sollte mich doch sehr wundern, wenn die Herren nicht davon Witterung bekommen hätten, das heißt hinterher - das hat mich zum reichen Manne gemacht, jetzt habe ich mir eine eigene Lustjacht angeschafft, fahre bloß noch zu meinem Vergnügen in der Welt herum.«
So gemütlich wird es hinterher mit der Schmuggelei genommen.
Wir freilich wissen es besser, woher Flederwisch die Jacht hatte, und wer der eigentliche Besitzer derselben war. Aber die Zollbeamten wußten es doch nicht. Die mußten es wohl oder übel glauben, was ihnen der Kapitän da sagte.
Die >Wetterhexe< nahm Kohlen ein, dazu mußte sie noch öfters von Beamten betreten werden, und diese konnten nicht genug erzählen, was sie an Bord zu sehen bekommen hatten.
Allerdings gerade mit verschwenderischer Pracht war die Jacht nicht eingerichtet, es fehlte schon dadurch an Komfort, daß alle bewohnbaren Räume nur sehr klein und niedrig waren. Was aber den Fachleuten am allermeisten imponierte, das waren die kolossalen Maschinen, welche der Jacht eine Schnelligkeit bis zu 24 Knoten verliehen, damals eine unerhörte Schnelligkeit.
Und dennoch, auch bei dem Mangel an Luxus, fehlte es nicht an Beweisen, daß Kapitän Flederwisch ein Mann war, der sein Geld anzuwenden wußte. So zum Beispiel, um nur ein einziges anzuführen, hatte er an Bord
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seinen eigenen Eisenbahn-Wagen, mit Küche und allem eingerichtet, was zu einem Luxuswaggon gehört, um darin völlig wohnen zu können.
Was man ferner an der Jacht interessant fand, das war die Besatzung, welche aus nicht weniger als 26 Mann bestand. Kapitän Flederwisch hatte da eine wahre Musterkarte von allen Nationen und allen Farben, vom tiefsten Pechschwarz an bis zum reinsten Weiß eines schwedischen Stewards. Es mußten alles tüchtige Seeleute sein, das sah man ihnen an, und ferner, daß sie an Bord dieser Jacht keine Not zu leiden hatten. Sie trugen sämtlich eine gleiche, schmucke Uniform.
Das Zusammensuchen dieser Leute war des Kapitäns Arbeit gewesen, so lange sich das Schiff noch im Bau befunden, fast ein halbes Jahr lang hatte er deswegen die weitesten Reisen gemacht, und in den Hafenstädten mochte er manchen alten Bekannten aufgetrieben und zu sich an Bord genommen haben. Nur einige wenige hatte Nobody selbst besorgt, unter diesen war einer, der vom ersten Tage an, da die Jacht im Hafen von London lag, in der weiteren Umgebung eine bekannte Persönlichkeit wurde.
Es war des Kapitäns Ordonnanz, die besonders die Post zu besorgen und dienstliche Wege zu erledigen hatte. Gleich als er sich das erstemal mit seiner großen Ordonnanztasche auf der Straße sehen ließ, da hatte er sofort seinen Spitznamen weg, sogar deren zwei - Nasenkönig oder Zwergnase - und alles blieb stehen und lachte, und dabei wäre ein Spitzname gar nicht nötig gewesen, denn der eigentliche Name dieses originellen Kerlchens war Puttfarken, Jochen Puttfarken - und Puttfarken ist doch gewiß auch ein schöner Name.
Es war gerade kein Zwerg, nur ein sehr, sehr kleiner Mann, wozu auch das viel mit beitrug, daß seine kurzen Beinchen noch etwas weiter nach außen geschweift waren, als es die Anatomie des Menschen für gewöhnlich erlaubt. Auf diesem Untergestell nun ruhte
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ein gewaltiger Oberleib mit noch gewaltigeren Schultern, und von diesen Schultern gingen ein Paar Arme herab, welche mit den Händen fast den Boden berührten - und was waren das für Hände! mit Gelenken, welche von keinem Griffe umspannt werden konnten - nein, das waren überhaupt keine Hände, sondern das waren fünfzinkige Kohlenschippen.
Trotz dieses kolossalen Knochenbaues schien der kleine Mann wie aus Kautschuck zusammengeknetet zu sein. Hiervon hatte er dem Publikum zwar noch keinen Beweis gegeben, aber das erkannte man schon aus seinem Gange - - oder das war eigentlich auch kein Gang, gehen konnte er gar nicht, sondern nur traben, ein ganz eigentümliches Rennen, wobei er mit seinen Kohlenschaufeln mächtig schlenkerte.
Das Interessanteste an ihm aber war das Gesicht, und das Hervorstehendste in diesem die Nase. Doch eigentlich war das auch wiederum keine menschliche Nase, auch kein Geierschnabel, auch kein Lötkolben, auch kein Leuchtturm - das war einfach ein Zinken. Unter
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diesem Zinken hatte er einen breiten Schlitz, der von einem Elefantenohre bis zum andern reichte, und über diesem Zinken war links und rechts dort, wo andere Menschen sonst ihre Augen haben, wieder je ein Schlitz, welcher immer pfiffig und vergnügt blinzelte. Aber von eigentlichen Augen gar keine Spur!
Nun, für sein Aussehen kann niemand etwas. Kapitän Flederwisch und sein Kompagnon wußten schon, wem sie ihre Brieftasche anvertrauten. Wir werden diese Ordonnanz später noch näher kennen lernen. Gleich im voraus sei nur noch erwähnt, daß sich Jochen Puttfarken selbst für den schönsten Mann auf Gottes Erdboden hielt, und hiervon war er allein schon deshalb überzeugt, weil ihm immer alle Menschen nachguckten, am allermeisten die >Mächens<. - -
Dem Quai, an welchem die >Wetterhexe< lag, näherte sich in dunkler Abendstunde ein Mann in Fischertracht. Wir kennen ihn, es ist Nobody, welcher soeben von Rechtsanwalt Sir Clane kommt, dem er den spiritistischen Apport vorgemacht hat.
Vor dem Laufbrett hielt ein Matrose Wache.
»Ist der Kapitän schon wieder von Harrydocklane zurück?« wurde er von dem Fischer angeredet.
Der schwarze Matrose hatte den sich nähernden Mann gemustert, auf diese Frage hin trat er sofort zurück und ließ ihn passieren.
In London gibt es gar nichts, was >Harrydocklane< heißt, das war eben ein Stichwort, und bei dem Verwandlungskünstler war ein solches auch stets unbedingt nötig, sonst hätten ihn ja seine eigenen Leute nicht erkannt, und Nobody konnte sich jeder nennen.
Er stieg durch eine Luke in einen engen, hell-erleuchteten Gang und klopfte an eine der Schiebetüren.
»Come in!«
Nobody trat in die kleine Kajüte, der eigentliche
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Jachtbesitzer, der aber keine Höflichkeit außer acht ließ, befand sich dem von ihm bezahlten Kapitän gegenüber.
»Ich gratuliere,« begrüßte der Kapitän seinen Schiffsherrn. Denn die beiden sahen sich nach Nobodys heutigem Riesenerfolge zum ersten Male wieder.
»Danke,« entgegnete der Detektiv kurz. »Ist Keigo Kiyotaki gekommen?«
»Ja, 20 Minuten nach 6 Uhr fand er sich an Bord ein. Ich war natürlich sehr erstaunt, als er sich zu erkennen gab.«
»Ich paßte auf, wann er aus dem Gefängnis entlassen wurde, heftete mich an seine Fersen und war im rechten Augenblick zur Stelle, ehe es so weit kam, daß er mit aufgeschlitztem Leibe in die Themse stürzte.«
»Also er wollte wirklich Selbstmord begehen? Ich denke, er ist ein Sintus, welcher nicht töten, also auch keinen Selbstmord begehen darf?«
»Er ist kein Sintus mehr. Er ist gar nichts mehr. Der arme Kerl, der aus Pietät gegen den Vater solch eine Tat beging, hat Vaterland und alles verloren. So sagte er mir. Aber ich habe ihm den Kopf gewaschen und ihm bewiesen, daß man auch ohne Heimat wahre Freunde haben kann, und als ich ihn entließ, da wußte ich, daß er sich an Bord meines Schiffes begeben würde, deshalb brauchte ich ihn nicht erst zu begleiten, ich hatte noch anderes vor. Wo befindet er sich jetzt?«
»Er hat gegessen, jetzt schläft er. Bleibt er an Bord, Master?«
Master war Nobodys gewöhnlicher Titel an Bord zum Unterschiede vom Kapitän.
»Gewiß bleibt er an Bord, ich muß dem Jungen doch wenigstens ein Heim bieten. Er ist ein Japaner, in alle Mysterien der Priesterkaste eingeweiht und ... ich denke ihn noch recht gut gebrauchen zu können.«
»Darf ich Sie auf etwas aufmerksam machen?«
»Bitte sehr, Herr Kapitän.«
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Jetzt ging es zwischen den beiden etwas anders zu als damals, da sie sich in Brotteig einwickelten.
»Es gibt mir zu denken, daß dieser Japaner während des Prozesses so gänzlich von seinen hier ansässigen Landsleuten verlassen, förmlich verleugnet wurde, die japanische Gesandtschaft lehnte sogar ab ...«
»Ganz gewiß,« fiel Nobody seinem Kapitän ins Wort. »Keigo Kiyotaki hat ein Fürstengrab geplündert, so etwas ist auch bei uns schon ein ganz gehöriges Verbrechen - er hat ein Monikono-Schwert daraus entwendet - - das ist nach japanischen Ansichten ein Vergehen, so ungeheuerlich, daß wir es gar nicht mit Worten ausdrücken können. - Ja, Kapitän, wir werden uns in nächster Zeit nach China begeben, werden uns in nächster Nähe Japans befinden, es könnte doch bekannt werden, daß dieser Keigo Kiyotaki bei uns an Bord ist - - wir dürften noch die größten Unannehmlichkeiten von unserer Menschenfreundlichkeit haben, uns den größten Gefahren aussetzen, denn ... ich kenne die Japaner, sie sind zu allem fähig, wenn es gilt, den Bruch eines Geheimnisses ihrer Kaste oder ein religiöses Vergehen zu rächen. Aber ... wollen wir da zu Kreuze kriechen und den jungen Japaner nicht lieber doch von Bord weisen, ehe wir uns solchen Gefahren aussetzen?«
Kapitän Flederwisch hatte verstanden, was jener meinte, und er lächelte, als er seine riesige Gestalt zur vollen Größe aufrichtete, daß sein Kopf fast gegen die Decke stieß.
»Ich hatte Sie nur darauf aufmerksam machen wollen,« entgegnete er dennoch ganz einfach, weitere Worte verschmähend.
»Haben Sie schon von dem sogenannten Goto-Schatz gehört, Kapitän?« begann Nobody wieder.
»Ja, ich habe den ganzen Fall verfolgt, und dabei hat sich ja herausgestellt, daß Keigo der letzte Erbe einer ganzen Reihe von Familien ist, welche alle zum
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Goto-Geschlechte gehörten und riesig reich gewesen sind. Aber aus einer Erbschaft wird jetzt wohl nichts mehr werden, das ganze Vermögen konfisziert doch jedenfalls der Staat oder die Kirche.«
»Natürlich, da ist nichts mehr zu wollen,« bestätigte Nobody, sich wiederholt sinnend das Kinn reibend, »in dieser Hinsicht ist Keigo jetzt arm wie eine Kirchenmaus. Nein, ich meine mit diesem Goto-Schatze eigentlich auch etwas ganz anderes. Auch ich habe schon von diesem sagenhaften Schatze gehört, es könnte sein, daß doch etwas Reelles daran ist. Nun,« fuhr der Detektiv fort, aus seinem Sinnen erwachend, »ich werde meinen Schützling bei Gelegenheit auf den Zahn fühlen. - Sind Briefe für mich angekommen?«
»Wenigstens sechs Dutzend, Mr. Hawsken wird sie schon sortiert haben.«
Nobody verließ die Kajüte und betrat eine Kammer, in welche der enge Gang auf Backbordseite ausmündete. Diese kleine Kammer war als Toilettenraum eingerichtet, er enthielt einen riesigen Waschtisch, auf dem nichts fehlte, was ein Schauspieler zum Anschminken einer Maske braucht, und dann vor allen Dingen fielen die großen Spiegel auf, welche an allen Wänden angebracht waren.
Der Detektiv drückte auf einen Knopf und brachte den Mund an ein Sprachrohr, er wünschte einen Mann Namens Hassan, und gleich darauf erschien ein junger Araber. Diesem teilte er verschiedenes mit, wobei es sich zeigte, daß Nobody ebensogut das Arabische beherrschte, wie das Japanische. Wie mit Keigo, so redete er jetzt mit dem Araber in dessen Muttersprache.
Als Hassan die Kammer wieder verließ, trug er den Fischeranzug, dessen sich Nobody entledigt hatte, kunstvoll zusammengerollt unter dem Arm, das ganze Kostüm bis auf die hohen Seestiefel. Der Araber befand sich in dem sehr langen, aber kaum einen Meter breiten Korridor, der auf dieser Seite durch das ganze Schiff lief. Der Mann bückte sich. Plötzlich schob sich die ganze eine Wand
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in die Höhe und verschwand oben in der Decke, also eine Art von Rolljalousie, und eine Unmenge von Schubkästen zeigte sich, jeder mit einer Etikette versehen, welche sagte, was für ein Kostüm der betreffende Kasten enthielt.
Allein diese eine hohle Schiffswand barg mehr als 200 verschiedene Anzüge, und dann gab es auch noch auf dieser einen Seite besondere Abteilungen für Perücken, falsche Bärte und dergleichen.
Das war es, wozu dieser Detektiv eine eigene Jacht für sich selbst gebrauchte! Und weil er sie besaß, weil er auf diese Weise operierte, und weil er dieses stets als sein Geheimnis bewahrt hat - deshalb hat niemals jemand begreifen können, wie es dieser Privat-Detektiv ermöglichte, manchmal an einem Tage zehnmal und noch öfter sich zu verwandeln! Und es hat nicht an Leuten gefehlt, welche es sich förmlich zur Lebensaufgabe setzten, dieses Rätsel zu lösen.
Hiermit aber ist dieses Rätsel gelöst. Hinzu kommt noch, daß er auch in seinem eigenen Eisenbahnwagen diese Maskengarderobe immer mit sich führte, wenigstens einen großen Teil davon, den er während eines Ausflugs ins Land hinein zu benutzen gedachte.
Denn diese Verwandlungen in einem Hotel auszuführen, daran ist ja gar nicht zu denken, die Kellner würden ja gleich beim ersten Male stutzen, wenn sie aus einem Zimmer einen anderen Mann heraustreten sehen.
Nobody aber brauchte auch keinen direkten Aufpasser zu fürchten, er konnte seine Jacht als Matrose, seinen Eisenbahnwagen, den er irgendwohin rangieren ließ, in der Maske des Koches verlassen, und wenn er wollte, konnte er sogar als ein ganz anderer wiederkommen, denn jeher einzelne Anzug war wiederum doppelt, er brauchte ihn nur zu wenden, was an einem entlegenen Orte leicht zu bewerkstelligen war, und er erschien wiederum als ein vollkommen anderer.
Wir werden später noch sehen, wie er einmal einen
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Verfolger, der ihn entlarven wollte, auf diese Weise immer wieder getäuscht hat.
Der Jachteigentümer beanspruchte nur die hohlen Bordwände für seine Garderobe, die kleine Toilettenkammer und eine größere, zum Kontor eingerichtete Kabine, in welcher er auch schlief - wenn er wirklich einmal schlief! Es ging nämlich die Sage, daß Nobody überhaupt keines Schlafes bedürfe, oder mit offenen Augen schliefe - in allen übrigen Räumen des Schiffes konnte Kapitän Flederwisch walten und schalten, wie er wollte, er konnte darin Gesellschaften und Feste geben, Nobody behinderte ihn nicht dabei. - -
Als ein jugendschöner Lockenkopf, in einen bequemen, aber höchst eleganten Anzug gekleidet, ging der vor wenigen Minuten noch so plumpe Fischerknecht durch eine Spiegeltür aus dem Toilettenzimmer in sein Bureau.
Auf der einen Seite des doppelten Schreibtisches, auf welchem der kleinste Gegenstand seesicher befestigt werden konnte, erhob sich ein junger Mann, dessen blitzender, durchdringender Blick auffallend war.
Es war Mr. Hawsken, Nobodys Sekretär, der ehemalige Angestellte eines Detektiv-Institutes, den jener für seine eigenen Zwecke erzog, förmlich dressierte.
»Es sind 76 Briefe eingelaufen.«
»Mr. Hawsken, blitzen Sie mich nicht so an, wenn Sie mir dies melden, beherrschen Sie Ihre Augen, Sie müssen sich mehr vor dem Spiegel üben. Man sieht es Ihnen ja auf eine Meile Entfernung an, daß Sie ein Detektiv sind. - Ist etwas Besonderes darunter?«
Der so zurechtgewiesene Sekretär stattete Bericht ab.
Sämtliche Briefe waren an den Detektiv gerichtet, aber an die New-Yorker Redaktion von >Worlds Magazine< adressiert, sie wurden ihm regelmäßig nachgeschickt. In den meisten wurde der in Amerika schon berühmt gewordene Detektiv gebeten, die Verfolgung eines durchgegangenen Kassierers oder eines anderen Individuums, welches mit Geld flüchtig geworden, aufzunehmen.
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Denn Nobody hatte in Amerika bereits zwei durchgegangene Kassierer dingfest gemacht und ihnen die Beute wieder abgenommen, das eine Mal hatte es sich dabei um Millionen gehandelt.
Außerdem kamen immer noch gewöhnliche Einbrüche in Betracht, geheimnisvollere Diebstähle von Juwelen und dergleichen. Der Detektiv von >Worlds Magazine< sollte vermißte Personen wieder herbeischaffen, und schließlich sogar wollte man ihn häufig in Spukgeschichten verwickeln.
Als Geisterbanner hatte er dadurch besonderes Renommee erlangt, daß er einmal ein spiritistisches Medium entlarvt, ein andermal einem Klopfgeist das Handwerk gelegt hatte.
Kurz und gut, Nobody war eben in den Ruf eines Geisterbeschwörers und Geisterbanners gekommen, und ein solcher hat ja nun in Amerika ein weites Feld. - -
»Hier ist ein Brief, der wieder eine Spukgeschichte enthält,« sagte der Sekretär lächelnd, »und er wird Sie besonders deshalb interessieren, weil er gerade hier aus England kommt.«
Nobody nahm das Schreiben. Der Brief war von einer Frauenhand in unorthographischem Englisch und
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entsprechendem Stil geschrieben. Wir geben ihn in möglichst wortgetreuer Uebersetzung wieder:
»Hochgeehrter Herr Detektiv Nobody! Sie wissen doch, daß mein seliger Mann vor acht Jahren die Red Farm bei Trura in Cornwall gekauft hat. 7000 Pfund haben wir für das kleine Ding bezahlt, aber mein Mann war ganz verrickt, und ich war auch ganz verrickt, weil zu der Farm das Red Castle gehört, und das riesige Schloß ist doch alleine 7000 Pfund wert, sogar wenn's auf Abbruch verkauft wird. Aber da sind wir ganz grimmig reingefallen. Wir sind nämlich aus Irland und wußten nichts davon und hatten's eilig und griffen gleich zu, weil's so billig war mit dem schönen, mächtig großen Schlosse. Aber in dem Schlosse spukt's nämlich, wie Sie doch auch schon wissen, und da will's kein Hund haben, nicht einmal geschenkt, und Steine gibt's hier so viele, daß man das Schloß nicht erst abzubrechen braucht, wo man die Steine erst den hohen Berg herunterschleppen muß.
»Da ist nämlich vor so an die 200 Jahre der Lord Douglas gewesen, der letzte Schloßherr, der keine Kinder gehabt hat. Das war ein ganz wütender Mann, nur so zum Zeitvertreib hat er fremde Wanderer in sein Schloß gelockt und hat sie eingesperrt und hat sie verhungern lassen, seine eigene Frau hat er verhungern lassen, sogar seine Bauern hat er eingesperrt und hat probiert, wie lange sie's aushalten können, bis sie ganz tot sind. Und nebenbei hat er egal an die Wände gemalt. Daderwegen hat der Lord nun keine Ruhe im Grabe und muß in dem alten Schlosse noch jetzt das treiben, was er vor 200 Jahren bei Lebzeiten getrieben hat. Wenn jemand in das Schloß hereinkommt, dem schmeißt der Geist hinter dem Rücken die Türe zu und verriegelt sie, daß man verhungern muß, und dann malt der Geist auch noch egal an die Wände, besonders wenn nach einem recht
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»Hochgeehrter Herr Detektiv Nobody! Ich weiß, daß Sie etwas dagegen tun können, und dann tun Sie's doch, ich bitte Sie aus ganzem Herzen vielmals darum, damit ich den Geist endlich aus meinem Schlosse bekomme und ich es verkaufen kann, und dann sollen Sie auch etwas davon abhaben, sagen Sie nur, wieviel Sie haben wollen. Ich habe nämlich schon viel von Sie gelesen. Meine Nichte, die in Amerika ist, hat mich nämlich einmal besucht und brachte mir aus Amerika drei Pfund Apfelmus mit, das war in Papier gewickelt, dadrauf stand >Worlds Magazine<, und was ich da von Sie lesen tat, das hat mir so gefallen, daß mein Verwalter gleich nach Amerika schreiben und die Zeitung bestellen mußte, und nun lese ich egal von Sie, und weil Sie doch schon eine ganze Menge Geister gehascht haben, da werden Sie doch auch den toten Lord fangen, daß er in meinem Schlosse nicht egal die Türen zuschmeißt und mir auch noch meine Wände vollmalt. Vielleicht brauchen Sie deswegen gar nicht erst hierher zu kommen, Sie können das gleich von Amerika aus machen, denn Sie wissen und können doch alles, und daß ich Ihnen etwas davon abgebe, wenn ich das Schloß verkauft habe, darauf können Sie sich verlassen, fragen Sie nur irgend jemand, ich bin eine ehrliche Frau. Oder vielleicht ist es doch besser, wenn Sie einmal herüberkommen, und wenn Sie Reisegeld brauchen, schreiben Sie's nur, ich schick's Ihnen, ich lasse es mir etwas kosten, wenn Sie nur den Spuk wegbringen ...«
Nach einigen Zeilen mit Grüßen und Respektbezeugungen, folgte der Name: Lydia Joke Mitchell -
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und dann die genaue Adresse: Red Farm bei Trura, Grafschaft Cornwall, England.
Geschrieben und zur Post gegeben war der Brief schon vor fast drei Wochen, er hatte ja seinen Weg über New-York zurück nach England genommen.
Nobody lachte aus vollem Halse.
»Nein, wahrhaftig, diese Missis Joke Mitchell möchte ich kennen lernen. In England hat man mich bisher nur verspottet, diese Frau macht meine Bekanntschaft durch drei Pfund amerikanisches Apfelmus, abonniert sofort auf meine Zeitung und kommt mir gleich mit solchem Vertrauen entgegen. Nein, wahrhaftig, diese Glaubensseligkeit sollte wirklich belohnt werden! - Hawsken, haben Sie schon etwas von diesem Red Castle gehört?«
Der Sekretär, obgleich ein geborener Engländer, mußte verneinen.
»Die Halbinsel Cornwall, hm,« fuhr Nobody nachdenklich fort, »wo jetzt, mitten im Winter, schon der Frühling beginnt. Ich habe sie schon immer gern besuchen wollen, und ... ich möchte dieser braven Frau wirklich gern einen Dienst erweisen, und wenn ich ihr auch nur das verwünschte Schloß abkaufte. Gewiß, wenn es mir sonst gefiele, würde ich es gleich kaufen, unter solchen Umständen wird es ja nicht teuer sein. - Aber ich begreife gar nicht, wenn das Schloß gut erhalten, eine romantische Lage hat und einen mäßigen Preis wirklich wert ist, sollte sich denn da kein Mensch finden, der es kauft? Es gibt doch auch genug spukfreie Engländer.«
Hier zeigte es sich, daß der Sekretär ein kluger Kopf war, der auch einmal seinen Meister belehren konnte.
»Das wohl, aber die Sache ist die, daß man für solch ein unheimliches Schloß keine Dienerschaft findet. In Cornwall sicher nicht, dort ist der Aberglaube zu Hause, fremde Diener bekommen es schnell zu hören und werden angesteckt, und dann bedanken auch die sich.«
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»Ah, da haben Sie recht! Nun, so etwas liebe ich gerade. Well, ich werde mir die Geschichte spaßeshalber einmal ansehen. Wo liegt dieses Trura? Wie und wann fahre ich hin?«
Das war auf der Karte und im Fahrplan schnell ausgekundschaftet. Jetzt war es noch nicht neun Uhr, kurz vor Mitternacht ging ein Schnellzug nach dieser Richtung ab, es war eine weite Fahrt; trotz der schnellsten Verbindung konnte Nobody erst morgen mittag in Trura sein. Aber sein Entschluß war sofort gefaßt.
»Hassan!«
Der gerufene Araber erschien.
»Dichter Nummer zwei - nein, Dichter Nummer eins. Ich muß einen kapitalkräftigen Eindruck machen.«
Nobody griff noch einmal zu dem Briefe, und wieder wandelte ihn eine Lachlust an, der er sich hier ungezwungen hingeben konnte.
»Ein Geist, welcher egal die Türen zuschmeißen tut und auch noch die Wände vollmalt, hahaha!«
So lachte Nobody. Aber er sollte in dem alten Schlosse etwas erleben, wobei ihm das Lachen verging! -
Schon unterwegs in der Eisenbahn, als man sich der Grafschaft Cornwall näherte und Leute aus dieser Gegend einstiegen, hatte Nobody über Red Castle Erkundigungen eingezogen und auch manche erhalten, aber nur ein einziger Herr konnte genauere Auskunft über den letzten Schloßherrn geben, er hatte einmal in einer Londoner Adelschronik darüber nachgelesen, und dabei hatte er eine Möglichkeit gefunden, wie die Sage von dem Spuk vielleicht entstanden sein konnte.
Da hatte es nämlich in krausem Stile geheißen, daß Lord John Douglas von Cornwall ein >kluger Mann, aber auch ein böser Gesell', der jedem Schabernack spielte<, gewesen sei. Er war viel gereist, war in Skandinavien und im heiligen Land gewesen, hatte von dort >große Wissenschaft< mitgebracht. Dann zog er sich auf
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Red Castle zurück und wurde ein einsamer Sonderling, welcher >geheime, teuflische Künste< trieb - also Alchimie. Sein Weib starb langsam an der >zehrenden Sucht<.
Vor Nobody öffnete sich ein freundliches Tal, zwischen dessen grünen Triften die Wirtschaftsgebäude der roten Farm lagen.
Er fand den Weg zum Herrenhaus, ein Mädchen führte ihn in den >Parlour<, was bei uns die gute Stube sein würde, und es dauerte nicht lange, bis eine alte dicke Frau mit allen Zeichen der Hast hereinkam.
Aber beim Anblick des langhaarigen Dichters Nummer eins blieb sie wie enttäuscht stehen.
»Ach, ich dachte, es wäre der Herr Detektiv Nobody! Nee, der sieht ganz anders aus.«
»Verzeihung, Mrs. Mitchell, daß ich nicht der bin, welchen Sie zu sehen erwartet haben,« lächelte der Dichter Nummer eins, »mein Name ist Ferrol. Aber in der Tat, Sie warten auf den Besuch dieses Detektivs, welcher auch mir von Amerika aus bekannt ist?«
»Nu freilich, ich habe ihm doch geschrieben, er soll mir wiederschreiben oder lieber gleich zu mir herkommen, ich will ja alles gern bezahlen, aber er soll mir nur den Geist weghaschen, daß ich das Red Castle verkaufen kann, sonst will's ja kein Hund haben.«
»Ah, Sie würden das Schloß verkaufen?« fragte ber Dichter Nummer eins und Geisterhascher mit freudiger Ueberraschung.
»Nu freilich, na und ob! Wollen Sie's vielleicht kaufen?«
»Vielleicht, oder doch mieten, ich muß es mir nur erst einmal ansehen.«
Plötzlich machte die alte, brave Frau ein recht mißtrauisches Gesicht.
»Mieten? Wozu denn? Was wollen Sie denn mit dem alten Schlosse anfangen?«
»Nun, darin wohnen. Ich würde es mir behaglich einrichten lassen.«
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Das Mißtrauen der alten Bäuerin wuchs nur noch.
»Wissen Sie denn, was es mit diesem Schlosse auf sich hat?«
»Es soll darin spuken.«
»Es soll? Nee, es spukt wirklich darin, und zwar tüchtig!! Und wissen Sie, wie es darin spukt?«
»Der alte Lord Douglas, der letzte Schloßinhaber, soll darin umgehen, soll an die Wand feurige Buchstaben malen und diejenigen, welche sein Haus zu betreten wagen, einschließen, damit sie verhungern.«
»Das wissen Sie? Und da wollen Sie in dem Schlosse wohnen?«
»Jawohl. Ich fürchte mich nicht; denn ich glaube nicht an so etwas.«
»So, glauben nicht daran, wo wir's alle ganz genau wissen? Wie heißen Sie denn eigentlich?«
»Ich stellte mich Ihnen schon vorhin vor. Ferrol ist mein Name.«
»Und was sind Sie denn eigentlich?« examinierte die brave Bäuerin weiter.
»Ich bin ... Schriftsteller.«
»Schriftsteller? Was ist denn das?«
»Geschichten schreibe ich. Halten Sie sich nicht eine Zeitung? Da steht doch gewiß eine lange Erzählung drin, die teelöffelweise eingegeben wird, und am Schlusse heißt es jedesmal: >Fortsetzung folgt<.«
»Ach, ach so, so ein Geschichtenschreiber sind Sie?« rief die Bäuerin mit wahrer Erleichterung.
»Jawohl. Und wenn ich einmal die Dichteritis kriege, mache ich auch Verse. Ich bin auch Dichter.«
»Ach - ach so! Dichter sind Sie! Das hätten Sie mir gleich sagen sollen! Unser Pfarrer hat einen Neffen, das ist auch so ein verlorener Mensch, der macht auch Verse und schreibt solche Geschichten. Wie der einmal bei unserm Pfarrer zu Besuch war, schrie er schon früh um dreie nach Punsch, und unser Pfarrer meinte dann, so wären sie alle, die Dichter hätten alle einen
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Piepmatz im Kopfe, manchmal gleich sechse. Ja, wenn Sie so einer sind, dann wundert es mich nicht mehr, wenn Sie in dem alten Schlosse wohnen wollen.«
»Dann ist es ja gut, dann haben Sie es erfaßt. Jawohl, ich will in dem verwunschenen Schlosse Stoff zu einer Spukgeschichte suchen.«
»Stoff? Da drinne gibt's keinen Stoff, da gibt's nur Dreck und Ratten.«
»Na, Mrs. Mitchell, lassen wir dieses Thema nun einmal ruhen, in dieser Hinsicht können wir uns doch nicht verstehen. Also: ich besehe mir jetzt das Schloß, und wenn es mir gefällt, so miete ich es, um darin zu wohnen. Gefällt mir das Wohnen darin, so kaufe ich es vielleicht auch. Einverstanden?«
Ja, die Bäuerin war damit einverstanden, nachdem sie einmal erfahren, daß sie so einen verrückten Kerl vor sich hatte.
»Wieviel bezahlen Sie für das Schloß?«
»Was weiß ich? Erst muß ich es mir doch besehen. Aber wieviel Sie verlangen, das werden Sie wissen.«
»Gott, was soll ich dafür verlangen? So viel, wie es wert ist.«
Bei einem Bauern kann man doch nicht gleich so ohne weiteres einen Preis erfahren, auch nicht von einer englischen Bäuerin.
»Na, wieviel Miete wollen Sie denn da für ein Jahr haben?«
Wieder ein langes Schlüssen und Drucksen.
»Würden Sie ... würden Sie ... 5 Pfund dafür geben?«
»Für das ganze Jahr?« rief Nobody in einem Tone des Erschreckens.
»Ja ... ich dachte ... aber wenn Ihnen das zuviel ist ...«
Na, wenn es hier so stand, für 100 Mark das riesige Schloß auf ein ganzes Jahr mieten ... dann konnte das Schloß auch nicht viel kosten.
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Noch eine Viertelstunde verging, dann hatte Nobody das Schloß für 1000 Pfund Sterling gekauft, in Gegenwart von Zeugen eine Anzahlung gemacht.
Die Bäuerin war glücklich, sie spendierte eine Flasche Whisky, und die Bauern blickten spöttisch nach dem verrückten Stadtherrn, der die Katze im Sacke gekauft hatte ... »Dort kommt auch schon mein Koffer.«
Ein Mann tauchte auf, einen ziemlich gewichtigen Koffer tragend. Nobody bezahlte ihn und wandte sich wieder an die Bäuerin:
»Nun, meine liebe Frau, jetzt schmieren Sie mir wohl noch einige tüchtige Butterbrote, vielleicht legen Sie auch etwas Fleisch drauf, zwei Pferdedecken können Sie mir doch auch mitgeben, und dann kann ich ja mein neues Schloß beziehen.«
Die Frau riß vor Schreck die Augen weit auf.
»Doch nicht mehr heute abend?«
»Gewiß, heute abend noch, ich will gleich diese Nacht in dem verwunschenen Schlosse verbringen.«
Jetzt schlug die Frau die Hände über dem Kopfe zusammen.
»Um Gottes willen, das ist ja Ihr unvermeidlicher Tod!!«
»Warum denn?«
»Der spukende Lord schließt Sie ein, daß Sie unrettbar verhungern müssen!!«
»Aber, meine gute Frau, das ist doch ganz einfach: da kommen Sie morgen früh einmal hin, Sie werden schon hören, wenn ich rufe, und die verschlossene Tür riegeln Sie wieder auf. Bis dahin habe ich ja genug zu essen bei mir.«
»Ich? Ich werde mich hüten, ich gehe nicht in das Schloß.«
»Da schicken Sie jemand anderen hin.«
»Wen denn? In das Schloß ist niemand zu bringen, denn da ist noch keiner lebendig wieder herausgekommen.«
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»Ist denn überhaupt schon jemals einer hineingegangen?«
»So lange ich mich entsinnen kann, nein.«
»Na, wer ist denn da eigentlich schon von dem Geiste eingeschlossen worden? Wer hat denn schon einmal die Flammenschrift an den Wänden gesehen?«
»Mein lieber Herr,« begann jetzt statt einer Antwort auf diese Frage die Bäuerin mit erhobenen Händen zu flehen, »wenn Sie durchaus in das Schloß gehen wollen, dann nur wenigstens nicht gerade heute, heute war ein sonniger Tag, und wir haben Neumond, es wird eine stockfinstere Nacht, und gerade in solchen finsteren Nächten nach einem sonnigen Tage treibt's der Spuk am allertollsten, Sie verlieren ganz sicher Ihr junges Leben, vielleicht dreht Ihnen der Spuk auch das Genick um, wenn er's auch bisher noch niemals getan hat - aber auch in der Nacht drinzubleiben, so etwas hat noch niemand gewagt, und wo wollen Sie denn schlafen, das ganze Schloß ist ja leer, sie müssen sich auf die nackten Steinplatten hinlegen.«
Es war alles vergebens, der Dichter Nummer eins beharrte bei seinem Entschluß, gleich diese Nacht in dem Spukschloß zu verbringen, er suche einen Stoff, wolle das Gruseln lernen, und den größten Eindruck machte das auf die Bäuerin, daß er doch das Schloß bereits gekauft habe, und er könne doch nun tun, was ihm beliebe.
Endlich ging die Frau, um das Verlangte zu besorgen.
Unterdessen überlegte Nobody alles das, was er früher und jetzt über Red Castle zu hören bekommen hatte.
Die Vermutung lag sehr nahe, daß sich in dem einsamen Schlosse eine Diebesbande oder wahrscheinlich eher, da es sehr nahe am Meere lag, eine Schmugglerbande eingenistet hatte, welche die Spukgeschichten verbreitete, bei Gelegenheit auch handgreiflichen Spuk
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erzeugte, um jedermann von einem Betreten des Schlosses abzuschrecken.
Allein bei reiflichem Nachdenken mußte man diese Annahme fallen lassen.
Diese Spukgeschichten zirkulierten schon seit Menschengedenken. Wäre das Schloß der Schlupfwinkel einer Gaunerbande gewesen, so konnte das auf die Dauer in dieser Gegend nicht unentdeckt bleiben, so dumm sind die Bauern hier auch nicht. Und dann vor allen Dingen hätten doch Polizei und Zollinspektion sehr bald ganz denselben Verdacht gefaßt und das Schloß einer gründlichen Revision unterzogen! Aber nichts von alledem.
Nein, hierüber war Nobody schon hinaus. Etwas anderes war es, was jetzt seinen grübelnden Kopf aufs lebhafteste beschäftigte.
Wie kam es nur, daß alle behaupteten, der Spuk zeige sich besonders, wenn einem sonnigen Tage eine recht finstere Nacht folge?
Das war es, was Nobody stutzig machte, was in ihm den Glauben erweckte, daß an der Sache doch irgend etwas Wahres sein müsse. Er dachte an irgend eine Naturerscheinung, an eine Einwirkung des Sonnenlichtes, er dachte an ...
Die zurückkommende Bäuerin unterbrach sein Grübeln, Sie brachte ihm das Verlangte, zwei Pferdedecken und ein großes Paket mit Butterbroten.
»Befindet sich im Schlosse ein Brunnen?«
»Das wohl, aber der wird nicht mehr zu gebrauchen sein. Unten am Berge ist eine Quelle. Sie kommen vorbei.«
»Dann ist es gut. Muß ich einen Führer haben?«
»Einen Führer? Den bekommen Sie hier gar nicht. Na ja, bis unten ans Schloß. Aber Sie können den Weg gar nicht verfehlen, es geht hier immer geradeaus. Den Koffer kann Ihnen ja jemand bis unten an den Berg tragen, aber hinauf kommt niemand mit.«
»Wenn der Weg nicht zu verfehlen ist, dann ist es
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gut, den Koffer kann ich allein tragen. Das Tor ist nicht verschlossen?«
»Alles steht sperrangelweit auf.«
»Na, dann leben Sie einstweilen wohl, morgen früh auf Wiedersehen. Sorge um mich brauchen Sie nicht zu haben, ich werde so vorsichtig sein, alle Türen, die mich einschließen könnten, vorher auszuheben.«
»Das geht nicht, die sind viel zu schwer und auch so komisch eingerichtet, daran hat ja eben der alte Lord schon bei Lebzeiten gedacht.«
»Dann werde ich mir auf andere Weise zu helfen wissen, einsperren lasse ich mich jedenfalls nicht,« lachte Nobody, als er jener die Hand zum Abschied reichte.
Die Decken über der Schulter, in der einen Hand den Koffer, dessen Gewicht seinen elastischen Schritt nicht beeinträchtigte, verfolgte er den bezeichneten Weg, der ihn zunächst durch das Tal führte.
Seine Gedanken beschäftigten sich zunächst nicht mit dem Schlosse, welches für eine Weile wieder seinen Blicken entschwand, sondern mit jener Bäuerin, was er mit dieser für eine Unterhaltung gehabt hatte.
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Er mußte immer noch einmal herzlich lachen, daß die Felswände des Tales widerdröhnten.
»Wenn ich das nächste Mal mit Bauern zu tun habe, wähle ich lieber die Maske eines Malers oder sonst eine, nur nicht wieder Dichter Nummer eins, auch nicht Nummer zwei oder drei.«
Da tauchte über seinem Haupte das mächtige Schloß auf, in dieser Nähe schon deutlich eine rötliche Farbe zeigend. Es war aus Porphyr erbaut, aus welchem Gestein hier alle Felsen bestanden, und mit Zinnen und Türmen geschmückt.
Der Aufstieg, welcher bei der aus dem Gestein sprudelnden Quelle begann, war erreicht. Er konnte zwischen einem breiten, sich rund um den Felsen ziehenden Fahrweg und einer steilen Rampe wählen, alles, da aus dem Felsen gehauen, wohlerhalten, und nur, wo sich die aus der Verwitterung entstandene Erde angesiedelt hatte, sproßte es trotz der Winterszeit in üppigem Grün hervor.
Nobody wählte den steileren, aber bedeutend kürzeren Weg. In zehn Minuten war er oben, ließ erst die Mächtigkeit des ganzes Baues auf sich wirken und betrat dann durch ein Tor den Schloßhof.
Alles leer, alles verödet, nur die Sperlinge trieben ihr Wesen. Aber verwildert sah es nicht gerade aus. Es war eben alles ausgeräumt, alles nackt, und auf dem Steinboden konnte nicht einmal Unkraut gedeihen.
Sämtliche nach dem Hofe führende Tore und Türen standen offen, fast alle waren von Eisen oder doch eisenbeschlagen, allerdings stark verrostet, aber hingen noch in den Angeln und waren sonst in Ordnung.
Ohne sich darum zu kümmern, daß er eingeriegelt werden könnte, was auch schwer zu machen gewesen wäre, da die Türen alle nur von innen Riegel besaßen, trat Nobody durch ein großes Tor ins Innere.
Er durchschritt Säle, Zimmer und Gemächer im Grundgeschoß, im ersten und zweiten Stockwerk. Ueberall
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dasselbe, alles leer und nackt, keine Spur von Möbeln vorhanden, höchstens steinerne Bänke und dergleichen. Hier innen aber zeigten die unbekleideten Wände keine rote Farbe, denn sie waren sämtlich - und das muß ausdrücklich erwähnt werden - mit weißen, sehr kleinen, wahrscheinlich marmornen Täfelchen mosaikartig ausgelegt, aber also einfarbig, alles im reinsten Weiß.
Allein diese marmorne Wandbekleidung machte dieses Schloß zu einem überaus wertvollen Objekt, das mußte eine riesige Arbeit gekostet haben; hier in dieser Gegend gab es gar keinen Marmor, der Erbauer des Schlosses mußte enorme Summen hineingesteckt haben.
Auch die Türen, sämtlich aus Eisen, was zu der anderen kostbaren Bauart gar nicht recht passen wollte, waren in tadelloser Ordnung, höchstens daß sie in den Angeln etwas eingerostet waren. Auch die Schlösser, nach Art unserer Klinken eingerichtet, funktionierten noch tadellos.
Zunächst suchte er nach dem Brunnen, und hierbei kam er zum ersten Male auf die Westseite des Schlosses.
Plötzlich, als er wieder ein Zimmer durchschritten hatte, fluteten ihm die Strahlen der untergehenden Sonne entgegen, mit einem Glanze, daß er zuerst die Augen schließen mußte. Es war das weite Meer, welches das Licht mit so grellem Scheine reflektierte, das Meer, welches zu seinen Füßen an den Porphyrfelsen brandete.
»Herrlich!« rief da der Mann, dem man sonst gar keine solche Begeisterung zutraute, in wahrer Verzückung. »Das ist auch so etwas für den Kapitän Flederwisch! Das Schloß am Meer! Wie weit mag die See von hier entfernt sein? Höchstens einen Kilometer. Da breche ich einen unterirdischen Tunnel durch den Felsen, dort wird ein Hafen gesprengt - - das wird ein Hafen für die >Wetterhexe<, da kann ich mit ihr unten durch den Felsen gleich bis in mein Schlafzimmer fahren!«
Er stand nicht eigentlich auf einem Altan oder Balkon, dieser Raum hier gehörte noch immer zum
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Inneren des Schlosses, aber die hohen Fenster waren so breit, daß die Zwischenräume nur Säulen bildeten. Luftig war das Schloß jedenfalls, nur schade, daß in dieser nebligen Gegend die Sonne sich so selten zeigte, sonst hätte sie von hier aus das ganze Schloß durchfluten können. Nobody berechnete sogar, daß hiernach auch die Türen angeordnet waren, die Nachmittagssonne mußte in jeden Winkel des ganzen Hauses dringen können.
Dies zu bemerken, scheint an sich nicht nötig, wird aber noch später von Wichtigkeit, und der scharfsinnige Detektiv, der nichts außer acht ließ, hatte denn auch sofort seine eigenen Gedanken.
»Hm. Ein sonniger Tag und eine recht finstere Nacht, dann zeigt sich der Spuk am handgreiflichsten oder doch am deutlichsten. Hängt das vielleicht damit zusammen, daß man hier so für ungehinderten Zutritt der Sonne gesorgt hat, wenn sie einmal scheint? Nun, wir werden sehen, da habe ich ja gerade die richtige Zeit getroffen.«
Also Nobody war schon zu der Vermutung gekommen, daß an der Fabel des abergläubischen Volkes vielleicht dennoch etwas Wahres sein könnte.
Den Brunnen fand er in einem Gewölbe des Erdgeschosses, dessen Fußboden der massive Felsen bildete. Nur hier war noch das Alter des Baues zu erkennen, denn neben dem Schacht befand sich ein mächtiges Tretrad, aber schon gänzlich unbrauchbar, von Würmern zerfressen, die Bretter zerfielen unter den Fingern in Staub.
Der Detektiv brachte aus seiner Tasche eine zusammenklappbare Blendlaterne zum Vorschein, entzündete sie und ließ ihren Strahl in den Schacht hinabfallen. Er sah rote Seitenwände, nichts weiter.
Die Laterne wurde mit Petroleum gespeist, er schraubte den Behälter auf, nahm aus der Tasche ein großes Stück Zeitungspapier, sah sich nach einem Stein um, einen solchen gab es hier nicht, nahm statt dessen
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eine halbe Krone, eine große, englische Silbermünze, unserem Taler entsprechend, wickelte sie in das Papier ein, tränkte dieses mit Petroleum, brannte es an und ließ es in den Schacht hinabfallen, nachblickend und sofort langsam zu zählen beginnend. Immer kleiner wurde die schnell fallende Flamme, bis sie plötzlich verlöschte, und obgleich sie eine ganz beträchtliche Tiefe erreicht haben mußte, war, weil der Schacht einem Sprachrohr glich, noch ganz deutlich das Zischen des Wassers zu hören gewesen,
Nobody hatte die Sekunden gezählt und machte im Kopfe eine Berechnung.
»Mindestens 120 Meter. Donnerwetter! Da haben die Kriegsgefangenen und Sklaven der alten Ritter tüchtig meißeln müssen!«
Daß auch sonst das steinerne Fundament des Schlosses unterhöhlt war, verriet schon eine Treppe, welche von hier aus hinabführte.
Aber Nobody ging jetzt nicht an eine Untersuchung dieser Kellerräume, es begann zu dunkeln, und er wollte sein Petroleum für die Nacht aufsparen.
Er begab sich nach dem Räume zurück, in welchem er seinen Koffer gelassen hatte, dieser Raum enthielt an der Wand auch eine Steinbank, und hier beschloß er sein Nachtlager aufzuschlagen. Es umgab ihn schon fast völlige Finsternis.
»Welch Zeit ist es? Erst sechs Uhr. Ja, wir sind noch im Winter.«
Schnell aß er etwas von dem Proviant der Bäuerin, labte sich an einer Flasche Wein aus seinem Koffer, dann legte er sich auf die Steinbank und wickelte sich in die Pferdedecken. Als Kopfkissen diente sein Koffer.
»Um zwölf Uhr will ich aufwachen, um die Geisterstunde zu genießen.«
Es waren für heute seine letzten Worte gewesen. Fast sofort verrieten seine regelmäßigen Atemzüge, daß er fest schlief, unbekümmert um den harten Stein, um
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die sich jetzt ganz empfindlich machende Kälte, unbekümmert auch darum, daß ihn eine Geisterhand einschließen könnte.
Wie das in diesem Räume freilich eine menschliche oder eine Geisterhand fertig gebracht hatte, war schwer zu verstehen. Von hier aus ging ein scheibenloses Fenster nach jenem Raum, in dem man sich so gut wie im Freien befand.
Schlief dieser Mann, welcher, wie er schon mehrmals bewiesen hatte, förmlich das Gras wachsen hörte, wirklich so fest? Wohl schwerlich.
Mochte der Wind auch in dem alten, winkligen Gemäuer heulen, mochte der Kauz auch krächzen, das störte ihn nicht im Schlaf - - aber wenn sich etwas geregt hätte, was nicht in dieses nächtliche Konzert paßte, so wäre dieser Mann ganz sicher sofort auf seinen Füßen gewesen.
Und dennoch!
Das, was jetzt um ihn herum vor sich ging, das merkte auch Nobody nicht, denn das spielte sich völlig lautlos ab. - -
Die Kirchturmuhr des Dörfchens verkündete die Mitternachtsstunde.
Es gibt energische Menschen genug, welche zur bestimmten Zeit, die sie sich vorgenommen, zur bestimmten Minute und Sekunde aufwachen können.
Nobody hatte sich doch auch vorgenommen, um 12 Uhr aufzuwachen - allein der Schläfer auf der Steinbank rührte sich nicht.
Minuten vergingen noch, und der energische Mann schlief ruhig weiter.
Dazu hatte er auch sein gutes Recht. Die Kirchturmuhr ging nämlich vor.
In demselben Augenblicke aber, da der Zeiger seiner großen, silbernen Taschenuhr, eines Monstrums von einer Uhr, auf den Strich der 12 deutete, richtete er sich mit offenen Augen von seinem Lager auf und ...
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Er fiel nicht wieder zurück, aber mit einem unartikulierten Schrei preßte er seinen Oberkörper gegen die Wand und stierte mit weitaufgerissenen Augen die Gestalt an, welche dicht vor ihm stand
Doch lassen wir unseren Detektiv einmal selbst erzählen, so wie er es seinem Tagebuche anvertraut hat:
»Es war die leuchtende Gestalt eines Ritters in voller Rüstung, mehr als lebensgroß, in der Rechten eine mächtige Streitaxt wie zum Schlag erhoben. Etwas Menschliches, d. h. Irdisches, war nicht daran. Ich kannte die Bilder der Laterna magica, ich kannte das Leuchten von mit Phospor gezeichneten Bildern - nichts dergleichen. Es war ein schneeweißes Licht, welches von der Gestalt ausging, die ganze Gestalt selbst
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war ein weißes Licht, ohne daß dieses aber die Umgebung erleuchtete. Denn um mich her war es stockfinster. Es war ein Geist - das sagt alles.
»Ich werde niemals von beängstigenden Träumen gequält. Wenn ich erwache, bin ich sofort bei klarem Bewußtsein. Ich wußte auch jetzt, wach und bei klarer Besinnung zu sein.
»Ich glaube nicht an Geister, Gespenster und dergleichen. Ich habe noch keinen Geist gesehen. Ich kann nicht daran glauben, es geht gegen meine Vernunft.
»Da sah ich einen!
»Was ich dabei dachte? Ich weiß es nicht mehr. Ich fürchtete mich. Es ist kühn, dies zu gestehen, aber feig, es zu verheimlichen. Nur der Feigling und der Schwächling renommiert.
»Ich fürchtete mich nur? Nein, das kalte Entsetzen packte mich. Ich fühlte, wie mir plötzlich der Angstschweiß aus allen Poren brach.
»Aber das mag vielleicht nur eine einzige Sekunde gewährt haben. In solch einer Situation währt eine Sekunde sehr lange.
»Dann wandelte sich meine Stimmung um, es packte mich plötzlich etwas wie eine wilde Wut, ich weiß noch ganz genau, daß ich mit den Zähnen knirschte und dann laut aufbrüllte.
»>Himmel und Hölle, du oder ich!!!<
»Mit diesem Ruf, mit diesem Brüllen stürzte ich auf die leuchtende Gestalt los und ... erhielt einen Schlag auf den Kopf, der mich sofort bewußtlos niederstreckte.« - -
So weit Nobodys eigene Worte. Der Bearbeiter seines Tagebuches hätte es nicht über sich gebracht, zu sagen, daß sich dieser Mann gefürchtet hätte.
Nun, wir denken, wie er dann handelte, das spricht wohl auch etwas anders für ihn. Da hätte sich wohl mancher die Bettdecke oder Pferdedecke über die Ohren gezogen oder hätte sonst etwas getan, nur auf die weiße
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Gestalt wäre er nicht losgesprungen. Denn das geht wohl aus Nobodys eigenen Worten ganz deutlich hervor, daß hier nicht etwa an einen Menschen gedacht werden darf, der mit einem weißen Bettuch einen Geist zu spielen versuchte. Man darf wohl glauben, daß Nobody so etwas auch unterscheiden konnte.
Als Nobody wieder zu sich kam, war es schon heller Tag, und zwar abermals ein sonniger.
Trotz seines schmerzenden Kopfes war er sofort bei klarer Besinnung, was am besten daraus erhellt, daß er augenblicklich seine Uhr zog und konstatierte, 8 Stunden und 42 Minuten bewußtlos dagelegen zu haben, und zwar dicht neben der jener Steinbank gegenüber befindlichen Wand.
Sein Koffer war noch da, nichts fehlte.
Jetzt erst untersuchte er mittels eines Spiegels seinen Kopf. Oberhalb der Stirn eine tüchtige Brausche, nichts weiter, und dann, daß diese Stelle etwas blutrünstig war.
Er untersuchte die getäfelte Wand - richtig, da klebten etwa in Kopfhöhe einige Haare, von seinen eigenen, auch ein kleiner Blutfleck war sichtbar.
Nobody ging an die Steinbank, legte sich darauf, wickelte sich in die Pferdedecken ein, alles so wie gestern abend, richtete sich wieder halb empor, duckte sich zum Sprunge, dabei die Stellung seiner Beine und Füße beobachtend, sprang ...
»Ja, es war nur eine Einbildung von mir, daß mich die Streitaxt getroffen hatte - eine leicht begreifliche Einbildung in dem Augenblick, da ich mit dem Kopfe dort gegen die Wand schmetterte. Aber das war keine Einbildung von mir, daß vor mir die weißleuchtende Gestalt eines geharnischten Ritters stand. Wo, das allerdings kann ich nicht mehr angeben, die Entfernung von mir war nicht zu schätzen. Aber auf sie zugesprungen bin ich, das weiß ich - nicht vorbei, sondern direkt auf sie zu, und ich glaubte schon, sie in meinen Händen zu
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haben, als ich den wuchtigen Schlag erhielt, den ich mir aber dort an der Wand selbst erteilt hatte.«
So wenig dachte Nobody daran, daß der Spuk von einem Menschen erzeugt sein könne, daß er nicht einmal nach einer Spur und dergleichen suchte.
Dann heißt es weiter in seinem Tagebuche:
»Unter unserer ausgemachten Chiffre setzte ich ein Telegramm an Kapitän Flederwisch auf, er solle sofort mit Mr. Hawsken hierherkommen, aber nach kurzer Ueberlegung zerriß ich das Telegramm wieder.«
Warum er so handelte, warum er die beiden nicht zu seiner Unterstützung herbeirief, davon steht kein Wort in seinem Tagebuche.
Wir aber wissen es, wir ersehen es aus dem, was er dann weiter tat.
Allein wollte er den Kampf gegen den Geist, gegen das Phantom oder was es sonst war, ausfechten, ganz allein! Dieser Mann brauchte keine Unterstützung, er schämte sich einer solchen, wenigstens in einer derartigen Geisterangelegenheit.
»Heute ist wieder ein sonniger Tag, in der Nacht nach Neumond, also ist alle Hoffnung vorhanden, daß der Spuk heute nacht wiederkommt. Ich werde ihn erwarten, aber nicht schlafend. Jetzt bin ich der Besitzer dieses Schlosses, habe es ehrlich gekauft - well, ich will doch sehen, wer hier Herr ist, ich brauche mein Haus weder mit einem Menschen, noch mit einem Geiste zu teilen, einer von uns muß weichen, und ich denke, ich werde es wohl sein, der den anderen hinausschmeißt.«
So sprach Nobody. Was würde wohl ein anderer Mann gedacht und getan haben, nachdem er in der Nacht so etwas erlebt hatte? Und der Betreffende brauchte dabei durchaus kein Angsthase und kein Gespensterseher zu sein!
Nobody setzte sich zum Frühstück an seinen Brotkorb und leerte die Flasche Wein.
»Mrs. Mitchell hat mich so reichlich mit Proviant
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versorgt, daß ich bis morgen früh bequem noch aushalten kann, frisches Wasser habe ich auch, also sehe ich gar keinen Grund, noch einmal ins Dorf zu gehen, und Zeit ist Geld. Ich werde bis heute abend mir das Schloß genauer besichtigen, eine Skizze zeichnen und meine Pläne, was aus diesem prächtigen Schlosse noch alles zu machen ist, weiter ausspinnen.«
Gedacht, getan. Als das Frühstück beendet war, holte Nobody zuerst das nach, was er gestern zu besichtigen versäumt hatte, er zündete seine Laterne an und ... stieg in den finsteren Keller hinab!
Man muß nur bedenken, daß er kurz zuvor einen Geist oder sonst etwas gesehen hatte, was er sich nicht erklären konnte, und jetzt begab er sich mit der Laterne in den finsteren Keller hinab, um diesen zu untersuchen und auszumessen.
Mancher Leser mag dabei gar nichts weiter finden, die meisten werden doch auch nicht an Gespenster glauben, das tut ja überhaupt heutzutage kein Mensch mehr, lächerlich, aber ... Hand aufs Herz!!
Richtig, der ganze Porphyrfelsen war, unterhöhlt, alles voll Gänge und Kammern. In,[In] dem ersten Kellergeschoß gab es noch schießschartenartige Fenster, eine Treppe führte noch tiefer hinab, hier fehlten die Fenster. Dann fand Nobody keine tiefer führende Treppe mehr. Er ging hin und her, leuchtete in alle Kammern, welche nur zum Teil mit eisernen Türen versehen waren, er glaubte konstatieren zu können, daß es keinen Gang gab, welcher nach dem Meere führte, dazu befanden sich diese Räume noch viel zu weit oben, noch in dem hohen Felsen selbst. Er begab sich wieder hinauf, um erst einmal das Gebäude richtig auszumessen.
Ein Metermaß hatte er bei sich, auch eine lange Schnur, aus dieser machte er ein Meßband und begann das ganze Schloß in allen Räumen auszumessen, danach in seinem Notizbuch Skizzen entwerfend.
Am Nachmittage gegen drei Uhr war er hiermit
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fertig. Das Mittagbrot hatte er dabei vergessen, oder er wollte, erst am Abend den Rest seines Proviantes verzehren, und nach seinem Magen schien sich dieser Mann nicht zu richten. Nur einmal frisches Wasser hatte er sich von unten aus der Quelle geholt, ohne dabei einen Menschen gesehen zu haben.
Jetzt wollte er auch noch die Kellerräume ausmessen.
In seinem Koffer hatte er eine Flasche Petroleum. Er füllte seine Laterne nach und begab sich wieder hinab in das dunkle Reich der Nacht, arbeitete mit Metermaß und Meßband und machte seine Skizzen.
Er wußte nicht, wie schnell ihm die Zeit dabei verging. Er merkte es erst, als er aus dem zweiten Kellergeschoß wieder in das erste hinaufkam, wo es trotz der Fenster auch stockfinster war. Er sah nach der Uhr.
»Donnerwetter, schon sieben geworden! Da muß ich schnell hinauf und Vorbereitungen treffen, um den Mitbewohner meines Schlosses zu erwarten. Miete muß mir der Kerl wenigstens bezahlen, sonst fliegt er die Treppe hinunter.«
Also er stieg wieder hinauf, kam zuerst in die Brunnenstube, mußte noch mehrere Wirtschaftskammern passieren, jetzt öffnete er die Tür zu einem größeren Räume, der auch schon mit Marmor getäfelt war und ...
Vor ihm in dem finsteren Räume stand ein weißleuchtendes, menschliches Gerippe, drohend die Knochenfaust gegen ihn erhoben.
Wie es diesmal unserem Manne zumute war, wollen wir mit Schweigen übergehen. Jedenfalls prallte er diesmal nicht zurück, sprang nicht gleich darauf zu, sondern er ließ erst das Blendlicht seiner Laterne voll auf das weiße Skelett fallen, und da war dieses plötzlich verschwunden.
Er ließ das Blendlicht weiterstreifen - und sofort war das Gerippe wieder da, ganz genau an derselben Stelle. Unter dem Licht verschwand es wieder, nur im
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Finstern war es sichtbar. Also es konnte das Licht nicht vertragen, wie überhaupt alle Geister und Gespenster nicht, und bewegen tat es sich auch nicht, nicht einmal den drohenden Knochenarm.
Langsam ließ Nobody den Blendstrahl herabgleiten, und gehorsam kam der grinsende Totenschädel zum Vorschein, dann der Brustkasten, und so ging es weiter, bis das Skelett in voller Lebensgröße dastand, und ebenso konnte Nobody die Knochengestalt wieder langsam verschwinden lassen, je nachdem er die Laterne handhabte.
Jetzt ging Nobody, das Licht seitwärts fallen lassend, auf das Gerippe zu und schlug es vor die Brust, oder klatschte vielmehr mit der flachen Hand gegen die nackte Wand.
»Hallo, was ist denn das?! Weiß Gott, phosphorsaures Barium oder Calciumbaryt oder wie das Zeug heißt! Das ist ja großartig!! Ja, da freilich, deshalb also zeigt sich der Spuk besonders nach einem sonnigen Tage in finsterer Nacht!«
Nobody hatte das Richtige gefunden. Es war eine Mosaikzeichnung, in die Marmorplättchen war kunstvoll in Form eines Gerippes jener weiße Stein eingelassen worden, welcher die Sonnenstrahlen aufsaugt und diese in der Dunkelheit wieder ausstrahlt. Es gibt eine ganze Menge von Gesteinsarten, welche diese Eigenschaft in höherem und minderem Grade besitzen, jetzt kann man ihre Wirkung auch noch künstlich durch Chemikalien verstärken, und seit ungefähr zehn Jahren wird der in der Finsternis leuchtende Stein besonders zu Uhrgehäusen, Streichholzschachteln und anderen Gegenständen verwendet, welche auf dem Nachttisch liegen, damit man sie in der Dunkelheit gleich findet. Dieser leuchtende Stein ist schon seit vielen Jahrhunderten bekannt, die Kenntnis davon und seine Verwendung lag aber nur immer in Händen von Hokuspokusmachern, die ihr Geheimnis nicht verrieten. Denn der sogenannte >spiritus familiaris<, ein Hausgeist, den man in ein Fläschchen einsperrte, und aus
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dessen Leuchten oder Nichtleuchten man ein Unternehmen abhängig machte - auch Tilly trug einen solchen immer bei sich - das war nichts weiter als ein Figürchen aus einem derartigen Stein.
Daher auch die weiße Marmortäfelung. Am Tage war absolut nichts von der gleichfalls weißen Zeichnung zu bemerken, so wenig, wie bei Licht.
Dieses Gerippe war aber erst der Anfang. Als Nobody das nächste größere Zimmer betrat, wies ihm ein scheußliches Ungetüm von Riesengröße, auf dessen Rücken ein Teufel saß, die Zähne.
Dann kam er in einen weiten Saal, dessen Wände über und über mit Scheusalen, Skeletten und Teufelsfratzen bedeckt war, und heute hatte die Sonne auf sie gewirkt. Die Gemälde strahlten im reinsten Weiß, während der marmorne Untergrund völlig schwarz erschien. Dadurch wurde auch die Täuschung hervorgebracht, daß die leuchtenden Figuren dem Beschauer viel näher erschienen, als sie es in Wirklichkeit waren.
Nachdem sich Nobody an der Wunderlichkeit der phantastischen Gestalten zur Genüge ergötzt hatte, staunte er nur noch über die künstlerische Ausführung dieser Mosaikarbeiten.
Himmel, was hatte der letzte Lord Douglas da für eine Arbeit hineingesteckt! Diesen Stein hatte er doch jedenfalls von seinen Reisen mitgebracht, gewiß aus dem Orient, die Araber waren von jeher weit in derartigen Kenntnissen, die mit der Chemie zusammenhängen. Ja, freilich, da hatte sich der alte Sonderling manchen Jux machen können, das mußte ja in den Augen des damaligen Volkes ein Hexenmeister ersten Ranges gewesen sein, der selbstverständlich mit dem Teufel im Bunde stand.
Des damaligen Volkes? Noch das heutige Volk glaubte ja an den alten Zauberer, ließ ihn nicht einmal im Grabe zur Ruhe kommen! Merkwürdig ist dabei, wie solch eine Sage sich durch Jahrhunderte erhält, als Wahrheit geglaubt wird, wo doch gar keine Beweise mehr
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vorhanden sind oder vielmehr von dem Vorhandensein tatsächlicher Beweise keiner mehr eine Ahnung hat. Denn das mußte Nobody als bestimmt annehmen, daß seit einem Menschenalter dieses Schloß von keinem Menschen mehr betreten worden war, wenigstens nicht zu einer Zeit, da diese Wandbilder sichtbar waren. Denn wären sie einmal einem menschlichen Auge erschienen - na, was wäre das für ein Geschrei in den Zeitungen gewesen! Da wären doch sofort die Journalisten und andere neugierige Besucher in Scharen herbeigeströmt.
Und jetzt war dieses Schloß Nobodys Eigentum! War es für die Spottsumme von 1000 Pfund Sterling geworden!
»Na, da will ich wohl Geld herausschlagen! Allein durch Eintrittskarten!«
Nobody kam auch noch auf andere Gedanken.
Der alte Lord hatte diese wunderbaren Mosaikarbeiten wohl schwerlich selbst angefertigt, er hatte Künstler beschäftigt. Sollte er nun diese dann mit seinem Geheimnisse so ohne weiteres wieder haben ziehen lassen? Wohl kaum. Wie hatte er nun sein Geheimnis behütet? Jedenfalls dadurch, daß er diese Künstler einfach kaltgemacht hatte, das sah so einem damaligen Ritter ganz ähnlich. Auf welche Weise? Er sperrte die armen Kerls einfach ein und ließ sie verhungern. Und auf diese Weise war der zweite Teil der Sage entstanden! -
In dem Zimmer, in welchem er gestern nacht geschlafen hatte, fand Nobody auch seinen alten Bekannten wieder: den Ritter mit erhobener Streitaxt.
Wenn er nun nochmals die Säle durchmusterte, so tat er dies hauptsächlich deshalb, weil er bereits zwischen den Figuren einige Inschriften entdeckt hatte, meist Weisheitssprüche, in altem Englisch gehalten oder auch in arabischer Sprache und Schrift, welche Nobody zu entziffern verstand, und diese wollte er nun genauer studieren. Außerdem hatte er noch lange nicht alle
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Zimmer durchwandert, und jedes bot immer wieder neue phantastische Wandgemälde.
So kam er auch in ein Zimmer des Erdgeschosses, welches er bisher noch nicht betreten hatte, und in diesem leuchtete nur eine große Inschrift auf, von der aus sich ein weißer Streifen an der Wand hinzog.
Die kurze Inschrift lautete:
>Folge dem weißen Strich und drücke da gegen die Wand, wo er endet.<
Jetzt wird es geheimnisvoll, dachte Nobody, was werde ich zu sehen bekommen?
Der weiße Strich, welcher also gleichfalls nur bei Nacht zu sehen war, vorausgesetzt, daß er am Tage genügend Sonnenstrahlen aufgesaugt hatte, lief noch auf einer anderen Wand entlang und endete scharf abgegrenzt.
Nobody tastete auf dieser Stelle, zu bemerken war nichts, keine Vertiefung, keine Erhöhung. Er drückte, drückte noch kräftiger ... da vernahm er hinter sich ein leises Knarren, und wie er sich umwandte und mit dem Blendstrahle suchte, sah er in der gegenüberliegenden Wand ein viereckiges Loch, etwa einen Meter hoch und breit.
Es war eine Tür. Eine in Angeln gehende Marmorplatte, aber aus vielen Tafeln zusammengesetzt, hatte sich nach außen geöffnet, es zeigte sich eine hinabführende Steintreppe.
Ehe Nobody dieselbe betrat, untersuchte er die Tür. Sie paßte so genau, keine Fuge war zu bemerken, wenigstens keine größere, als die anderen Marmorplatten miteinander bildeten.
Sie ließ sich hier auch nicht wieder öffnen, nur, wenn auf der anderen Seite auf die betreffende Stelle gedrückt wurde, dann ging sie von selbst auf. Was das für ein Mechanismus war, wie er funktionierte, das konnte Nobody im Scheine der Laterne, die immer nur eine kleine Stelle beleuchtete, nicht erkennen, wie er auch spähte und tastete. Das wollte er morgen bei Tageslicht
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untersuchen, aber das Betreten der Treppe vermochte er nicht aufzuschieben.
Wie nun, wenn sich die Marmortür hinter ihm von selbst schloß, vielleicht auch wieder durch einen Mechanismus in Bewegung gesetzt? Dann hatte ihn ja die an die Wand malende Geisterhand richtig eingesperrt.
Aber Nobody dachte gar nicht an so etwas. Um diese Marmortür einzuschmettern, dazu brauchte er gar nicht seine Faust, das hätte schon ein Fußtritt besorgt.
Darauf aber achtete er, als er die Treppe hinabstieg und immer vorsichtig vor seine Füße leuchtete, daß er nicht etwa in eine Fallgrube stürzte, er tastete bei jedem neuen Schritt, ob auch der Boden nicht nachgäbe.
Einhundertundzweiunddreißig Stufen zählte er. Da diese sehr hoch waren, konnte er schon 30 Meter hinabgestiegen sein, und das ist schon sehr tief, das ist ein vier-, ein fünfstöckiges Haus mit sehr hohen Zimmern. Jetzt mußte er sich auch schon unter der Erdoberfläche befinden, denn so hoch lag das Schloß gar nicht, aber immer noch war alles Porphyr.
Die Treppe war zu Ende. Vor ihm lag ein schmaler Gang. Nobody wollte die Höhe messen, richtete den Lichtstrahl nach oben - sah keine Decke. Auffallend war die frische Luft. Offen war der Gang oben ja sicher nicht, es mußte aber wenigstens Spalten geben.
Er schritt vorsichtig weiter. Keine Tür, keine Nische - nur ein roh ausgehauener Gang. Da war er zu Ende. Eine eiserne Tür schloß ihn ab. An der Tür befand sich eine Klinke, den neuzeitlichen ganz ähnlich, nur sehr groß, das Niederfallen des Riegels besorgte dessen eigenes Gewicht.
Ohne zu zögern, klinkte Nobody auf. Er konnte die eiserne Tür trotz ihrer Stärke mit leichter Mühe nach außen öffnen, und so, wie er sie aus der Hand ließ, blieb sie stehen.
Der Strahl der Blendlaterne fiel in den dunklen Raum, und was Nobody da zu sehen bekam, hätte
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manch anderen Mann zurückschrecken lassen, mochte er sonst auch starke Nerven besitzen.
Mitten in dem fensterlosen Gewölbe stand ein steinerner Sarg, auf welchem in voller Lebensgröße ein Ritter lag, zu seinen Füßen ein Hund, alles aus Stein gehauen, also ein Sarg, wie sie in der englischen Ritterzeit allgemein üblich waren - aber die um diesen Sarg herumliegenden Menschenknochen und Totenschädel gehörten nicht mit dazu, so wenig wie das Fragment eines alten Stiefels.
Die Laterne vor sich haltend, trat Nobody näher, immer noch bei jedem Schritt vorsichtig mit dem Fuße tastend.
Da hinter ihm ein donnernder Krach, mit Blitzesschnelle sprang Nobody zurück - - zu spät!
Die Türe war hinter ihm ins Schloß gefallen, und innen befand sich keine Klinke, keine Vorrichtung, um den Hebel draußen zu heben!
Schnell setzte der Gefangene seine Laterne auf den Sarg, nahm einen Anlauf, rannte mit einer Wucht gegen die Tür, daß er wahrscheinlich jeden Ochsen über den Haufen geworfen hätte - aber diese gewaltige Tür spottete seiner Anstrengung wie der eines schwachen Zwerges.
Es sah fast komisch aus, wie Nobody verdutzt die Tür anblickte, dann langsam die Hand hob und sich hinter dem Ohre kratzte.
»Himmeldonnerwetter, jetzt ist der Herr Nobody, weiß Gott, einmal gefangen! Jetzt hat der Geist den Herrn Nobody richtig injespundt!«
Er untersuchte noch einmal genau die Tür - keine Handhabe, keine Möglichkeit, sie von innen zu öffnen.
Tragisch nahm er die Sache durchaus nicht, was sich schon daraus erkennen ließ, daß er dann gleich seine eingehende Aufmerksamkeit dem Steinsarge und den Gerippen zuwendete.
Der Steindeckel lag nur lose auf, aber es gehörte
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die außergewöhnliche Muskelkraft dieses Mannes dazu um diesen nur etwas beiseite zu schieben. Er leuchtete hinein, dann kroch er sogar eimal hinein, allein der Sarg enthielt nichts weiter, als was in einen Sarg, wenn er so alt ist, hineingehört: ein menschliches Gerippe nichts weiter, keine Urkunde und dergleichen.
»Verfluchter Kerl! Denn das ist natürlich derjenige, welcher. Und es scheinen schon zwei andere auf diesen Leim gegangen zu sein. Die reine Menschenfalle!« Er hob einen Knochen auf, den einen Stiefel, einen anderen, betrachtete alles nachdenklich.
»Die sind schon lange tot. Die Stiefel sind auch nicht mehr modern, die stammen wenigstens aus den vorigen Jahrhundert. Also die Leute haben doch recht! Der M Lord John Douglas schmeißt auch noch nach seinem Tode die Türen hinter einem zu. Nu da! Die beiden sind doch sicherlich verhungert, und ich soll's wohl nun auch? I, ka Spur! Hereingekommen sind wir, wir werden auch wieder 'rauskommen. Bin ich doch hier in meinem eigenen Hause!«
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Er sah sich genauer den Raum an. Es war ein Gewölbe, hatte aber an der Decke eine breite, offenbar natürliche Spalte.
Durch diese Spalte mußte frische Luft kommen. Nobody brachte es fertig, von dem Sarg aus in die Spalte hineinzuspringen und darin wie ein Laubfrosch kleben zu bleiben, dann kletterte er wie ein Schornsteinfeger aus der guten alten Zeit weiter, mußte aber seine Tour bald aufgeben, die Spalte verengerte sich immer mehr, und von oben starrte ihm undurchdringliche Finsternis entgegen.
Er ließ sich wieder herabfallen und begann nach dem Mechanismus zu suchen, welcher die Tür zugeworfen hatte. Er fand nichts, der war doch auch jedenfalls draußen angebracht.
Dann überlegte er. Die Bäuerin würde sich doch wundern, wenn der neue Besitzer des Schlosses, der nichts weiter als einen Koffer und ein Paket Butterbrote mit hineingenommen hatte, gar nichts mehr von sich hören und sehen ließ. Vermißt und gesucht wurde er auf alle Fälle, darüber war sich der Detektiv klar. Es fragte sich nur, wann man damit beginnen würde. Und ob dann noch die andere geheime Tür aufstand, welche den Suchenden den Weg zeigte? Daran zweifelte Nobody stark. Das hier war doch eine Menschenfalle, der alte Lord hatte doch ganz sicher dafür gesorgt, daß jenes Türchen auch wieder zufiel, wenn auch nicht direkt hinter dem Rücken des Durchkriechenden.
Nein, auf das >Sichsuchenlassen< durfte man hier nicht warten. Selbst ist der Mann! Dort lagen die Knochen derer, welche auch gewartet hatten, und wie mochten die gebrüllt haben!
Er prüfte nochmals die Eisentür, klopfte daran.
»Eine Uhrfedersäge habe ich bei mir, die ihre Unverwüstlichkeit schon mehrmals bewiesen hat, aber ich
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kann sie nirgends ansetzen. Da muß ich wohl mit dem Bohrer fiddeln.«
Er brachte aus seiner inneren Westentasche einen kleinen Drillbohrer zum Vorschein, von dessen Spitze es im Scheine der Blendlaterne wie ein buntes Feuermeer ausging. Es war ein Diamantbohrer, und zwar mit einem Diamanten von ganz ansehnlichem Werte, der ein ansehnliches Vermögen repräsentierte.
Er stemmte das hintere Ende gegen die Brust, die Spitze gegen die Tür, und Herr Nobody begann zu >fiddeln<. Nach vier Stunden verlöschte die Lampe, und der Dichter Nummer eins >fiddelte< im Dunkeln weiter, ein Loch neben das andere setzend, die Zwischenteile dann heraussägend. - -
Mrs. Joke Mitchell blickte nach dem Schlosse, alle Bauern und Mägde, die ganze Umgegend blickten ängstlich nach derselben Richtung.
»Wo bleibt denn nur der Mr. Ferrol?«
Wir wollen alles das verschweigen, was da zusammengeschwatzt wurde. Als der fremde Herr sich auch am dritten Tage noch nicht sehen ließ, überwog die Pflicht alle anderen Bedenken. Mit Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffnet, zog eine tapfere Schar bis an den Fuß des Berges. Hier wurde Kriegsrat gehalten, dazu drei Flaschen Whisky getrunken, und dann zog sie weiter, die todesmutige Schar, bergauf, bis an das Tor des Schlosses - - aber weiter kam sie nicht.
»Es hat ja gar keinen Zweck, erst hineinzugehen, der ist ja schon lange tot.«
»Jau, jau, der ist schon lange tot.«
Die wackere Schar zog wieder heim. Jetzt setzte der Dorfschulze die Brille auf und meldete die Angelegenheit nach Trum.
Zwei Tage vergingen, ehe der Polizeiwachtineister mit seinen Konstablern angerückt kam, begleitet von einem Detektiv.
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Die drangen nun freilich ohne weiteres in das verwunschene Schloß ein. Den Koffer fanden sie, nichts weiter enthaltend, als was man zur Reise bedarf, aber von seinem Besitzer war keine Spur zu entdecken.
Nobody hatte ganz richtig geraten; die eiserne Türe war in der Dunkelheit nicht mehr zu bemerken.
Ein Konstabler hielt einen anderen heimlich zurück.
»Du,« sagte der eine, als sie sich beide allein in einem Keller befanden, »du hast doch zwei Schinkensemmeln mit.«
»Ja, mein Frühstück.«
»Und ich habe eine Büttel Bier mitgenommen. Teilen wir?«
Gut, der eine zog seine Schinkenbrötchen hervor, der andere brachte aus der Rocktasche eine riesige Schnapsflasche zum Vorschein, mehr als einen Liter fassend, mit Bier gefüllt.
Dieser setzte die entkorkte Flasche an den Mund, jener wickelte unterdessen seine Brötchen aus.
Bruch, kladderadatsch! ... da kam jemand mit dem Kopfe durch die Tür geschossen, stand vor den Konstablern, nahm dem einen die Bierflasche vom Mund und setzte sie vor den eigenen - gulk gulk gulk gulk - und dabei griff er mit der anderen Hand nach den Schinkenbrötchen.
Solche behäbige Konstabler sind nicht so leicht außer Fassung zu bringen.
»Sind Sie Mister Ferrol?«
»Ja.«
»Wo kommen Sie denn her?«
»Dort durch die Tür. Was für ein Datum haben wir denn heute?«
»Den achtzehnten.«
Da hob Nobody die Augen zur Decke empor und sagte mit kauendem Munde, aber in so recht kläglichem Tone:
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»Der achtzehnte! Also vier Tage und fünf Nächte hat mich der Schweinehund fiddeln lassen!!«
Ja, so sah er auch aus. Er war ganz ausgefiddelt. Das war kein Dichter Nummer eins mehr, auch kein Dichter Nummer zwei - sondern das war so etwa ein Dichter Nummer sechs bis zehn. Die Backenknochen traten ihm vor Hunger ganz spitz heraus, und alles ein Schweiß und ein Dreck. - -
Dem Detektiv, einem gebildeten Herrn, gab er sich zu erkennen, stellte sich als Nobody vor, erzählte ihm seine Abenteuer und zeigte ihm seine Arbeit, wie er während vier Tagen und fünf Nächten ununterbrochen gebohrt hatte, ein Loch ans andere setzend, dann die noch vollen Zwischenräume durchsägend.
»Sie haben während dieser ganzen Zeit gar nicht geschlafen? Wie ist denn das möglich?«
Nobody zuckte die Schultern.
»Sitzen Sie einmal in solch einem Loche, dann werden Sie erfahren, wie so etwas möglich ist. Und alles wegen dieses ...«
Plötzlich sprang Nobody nach dem Sarge, hob die rechte Faust, sie sauste herab ...
»Da, du Schweinehund!!«
Mit einem Schlage seiner Faust hatte er den steinernen Kopf der Figur in kleine Stückchen zerschmettert.
Noch nicht genug, er griff in den Sarg, brachte einen Totenschädel zum Vorschein, nahm ihn in die linke Hand, hob die rechte ...
»Warte, ich will dir ...!«
Krach, auch der Totenschädel war wie weggeblasen.
»Schade, daß du schon tot bist!« -
Dann packte Nobody seinen Koffer wieder zusammen und begab sich nach Trura auf den Bahnhof, wo er sich erst ein Bäuchlein anmästete, und wie er in das weichgepolsterte Coupé stieg, sagte er:
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»Jetzt gedenke ich einen langen Schlaf zu tun, denn dieser letzten Tage Qual war groß.« -
Auch die Sensation war groß, als Nobodys Abenteuer in Red Castle bekannt wurde. Jetzt meldeten sich Käufer genug, und Nobody schien das Schloß auch weiterverkauft zu haben.
Denn nicht sein Name wurde in das Grundbuch ingetragen, sondern der des Kapitäns Flederwisch.
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»Ssssssssssssssssss ... ie wünschen, Madam?«
»Ist Mr. World zu sprechen?«
»Vievievievievievielleicht, vievievievievielleicht auch nicht.«
Jetzt streckte der brave Paddy die Hand gegen die Dame aus und fing aus vollem Halse zu lachen an.
»Hahahahahahahahahaha ...aben Madam vielleicht eine Karte bei sich?«
Ja, die Dame hatte eine Visitenkarte bei sich.
»Au-au-au-au-au-au-au-au-au-au-au-au-au-au ...Himmeldonnerwetter noch einmal! Au-au-au-au-au-au-au ... heute will's aber wieder einmal gar nicht gehen! Au-au-au-au-au ...« und nun ein kräftiges Stampfen mit dem Fuße, und die Granate krepierte, ... »augenblicklich werde ich Sie melden.«
Und Paddys krumme Beine marschierten durch die Nebentür.
Es war ein schönes Weib, welches in dem Vorzimmer von Mr. Worlds Kontor wartete. Schwarz wie die Nacht - das war der erste Eindruck, den man von ihr bekam. Eine Wucht von rabenschwarzen Haaren krönte den kleinen, stolz getragenen Kopf, auf der Oberlippe machte sich ein samtweicher, schwarzer Flaum bemerkbar, die nachtschwarzen, fast unheimlich großen Augen von hochgewölbten Brauen überschattet, welche über dem feinen Näschen fast zusammenstießen, und nun hierzu ein Gesicht so weiß wie Schnee.
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Sie trug den Witwenschleier, war ganz schwarz gekleidet, wodurch ihre vollbusige Gestalt noch voller, ihre Taille noch schlanker und ihr Antlitz noch weißer erschien.
War dieser Witwenschleier daran schuld, daß ihr Auge so umflort, der ganze Gesichtsausdruck so teilnahmlos war? War in dieser jetzt so ruhig gehenden Brust ein übergroßer Schmerz siegreich niedergerungen worden?
Nein, der Menschenkenner wußte, daß diese schwarzen Augen noch immer in wilder Leidenschaft auflodern konnten, daß in diesem Busen noch immer ein Vulkan schlummerte, der nur eines Funkens bedurfte, um mit neuer Macht auszubrechen.
Ihr Alter war nicht zu schätzen. Es war ein gereiftes Weib, hatte aber wohl schwerlich schon die dreißig überschritten. Sie mußte den besten Klassen der Gesellschaft angehören.
Bei dem Gebaren des Stotterers hatte sie natürlich nicht gelächelt, war aber auch nicht stutzig geworden, nicht ängstlich, was bei einer Frau, die wohl manchmal an einen Betrunkenen glaubt, zu verzeihen ist. Sie war vollkommen teilnahmlos gewesen.
Paddy erschien wieder.
»Mimimimimimister World läßt bitten.«
Da, als sie der geöffneten Tür zuschritt, färbte plötzlich ein leises Rot ihre weißen Wangen, ihr Busen hob und senkte sich schneller, als ob gar viel von diesem Gange abhinge.
Sie war doch offenbar ganz fremd hier, und wenn sie den ersten Empfang durch den stotternden Paddy verfänglich gefunden hätte, so sollte sie in dem Kontor von dem Herrn Prinzipal erst recht etwas erleben.
Mr. World hatte sich kurz vorher ein rohes Ei in ein Glas Milch eingequirlt, ein zweites Ei lag noch auf dem Teller. Jetzt tänzelte er mit ausgestreckten Händen, im ganzen Gesicht lachend, auf die Dame zu.
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»Na endlich, da sind Sie ja endlich wieder - Sie sind doch ein verfluchter Teufelskäfer, das haben Sie wieder famos gemacht!«
Wie gebannt war die Dame bei dieser Begrüßung an der Tür stehen geblieben, und man sah es ihr an, daß sie sich jetzt doch etwas zu fürchten begann.
»Mein Herr, Sie verkennen mich ...«
»I Gott bewahre, ich kenne doch mein Nobodychen, ich lasse mich nicht mehr veralbern - - na, da kommen Sie nur her, mein Nobodychen, setzen Sie sich ...«
Und er hatte die Dame um die Taille gepackt, drängte sie nach dem Sofa, drückte sie darauf nieder und setzte sich selbst daneben,
»Na, wie geht's Ihnen denn, mein Nobodychen?«
Und wuchtig schlug er mit der flachen Hand der Dame aufs Bein, daß es nur so klatschte, und dann griff er noch so mit den Fingern herzhaft nach, wie man es wohl bei einem guten Freunde macht.
»Donnerwetter, Sie sind aber dick geworden, Sie haben aber ein Paar Beine bekommen!«
»Aber um Gottes willen, Mr. World,« stöhnte die Dame, scheinbar einer Ohnmacht nahe. »Sie sind doch Mr. World? Sie erwähnen den Namen Nobody, wegen dessen ich hierherkomme - - hier muß ein Irrtum vorliegen!«
Jetzt wurde der alte Herr doch stutzig, er betrachtete sich das Gesicht der Dame genauer, nahm vom Seitentischchen eine Visitenkarte ...
»Sie sind ... Sie sind ... doch nicht etwa ... wirklich ... diese Madame Lenois?«
»Ja, die bin ich.«
»Aber ... aber ... i machen Sie doch keinen Spaß, Sie sind doch Mr. Nobody?« fragte Mr. World noch einmal mit ängstlicher Schalkhaftigkeit von der Seite.
»Ich versichere Sie, ich bin diese Dame - - ich
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weiß allerdings, woher dieser Irrtum rühren mag, deshalb verzeihe ich Ihnen, so unangenehm es mir auch ist ...«
»Nu aber mir erscht!!«
Mit diesen Worten sprang der alte Herr auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und rannte mit geknickten Knien einige Male durchs Zimmer.
»Nee aber so etwas - - nee aber ich geniere mich - - und daran ist nur dieser verfluchte Kerl schuld, weil er mich immer so veralbert ... aber auch diese Aehnlichkeit mit Ihnen ...ganz genau dieselben Bein ... dieselben Bei ... Bei ... Beißzangen im Gesicht, wollte ich sagen ... nee, ich habe weiß Gott gar nischt gefühlt bei Ihnen ... und sagen Sie's nur um Gottes willen nicht meiner Tochter, daß ich Sie ... ehem!«
Die Dame hatte sich viel schneller wieder gefaßt.
»Es ist eben dieser Mr. Nobody, wegen dessen ich Sie um eine Unterredung bitten möchte.«
Diese Ruhe und der geschäftliche Ton gaben auch dem alten Herrn seine Fassung wieder. Er zog einen Stuhl herbei und ließ sich nieder.
»Well, ab! Mit was kann ich Ihnen dienen, Madam?«
Jetzt aber wurde sofort die Dame unruhig, sie wand das Spitzentuch in ihren weißen Händen.
»Mr. Nobody ist in letzter Zeit sehr bekannt geworden ...«
»Bekannt? Weltberühmt!«
»Aber sein eigentlicher Name ist das nicht.«
»Nein.«
»Wie ist sein eigentlicher Name?«
»Das weiß kein Mensch, also auch ich nicht.«
»Aus welchem Grunde verschweigt er seinen Namen?«
»Auch das ist nicht bekannt, das ist wiederum ein Geheimnis.«
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»Können Sie mir nicht sagen, wo er sich gegenwärtig aufhält?«
»In London.«
»Darf ich die Adresse erfahren?«
»Hm ... ehem,« fing jetzt der alte Buchhändler wieder an. »Darf ich da erst fragen, wozu? Nobody ist nämlich gewissermaßen mein Kompagnon, und - ehem - man muß manchmal - ehem - sehr vorsichtig sein - ehem - wegen - ehem ...«
»Ich suche schon seit vielen Jahren in aller Welt eine mir teure Person,« sagte da die Dame mit einem unendlich bittenden Blicke.
»Und das ist dieser Mr. Nobody?«
»Ich glaube es, ich hoffe es.«
Jetzt fing Mr. World an sich zu interessieren. Er hatte ja ebenfalls noch keine Ahnung, wer sein Kompagnon eigentlich war, und er hätte es doch gar so gern gewußt.
»Woraus glauben Sie das schließen zu können?«
»Ich habe schon viel über ihn gelesen, und ... aus allem, was ich zu hören bekam ... es ist schwer zu beschreiben, was mich auf die Vermutung brachte ... ich kannte einst einen Jüngling, dessen höchstes Glück es war, mit seinem Leben zu spielen ...«
»Konnte der Jüngling eine Grimasse schneiden, daß er gerade wie ein alter Jude aussah?«
»Nein, das konnte er nicht.«
»Dann war es Nobody auch nicht,« sagte Mr. World mit Ueberzeugung. »Oder konnte der Jüngling ein ganz schiefes Maul nach links und eine ganze schiefe Nase nach rechts machen?«
»Nein, das habe ich nie von ihm gesehen.«
»Dann war dieser Jüngling auch Nobody nicht. Oder konnte der Jüngling in 14 Tagen 10 000 Dollar verhauen?«
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»Verhauen?«
»Verludern ... verputzen, durchbringen wollte ich sagen.«
»Ich verstehe, was Sie meinen. Ja, er hatte immer eine sehr freigebige Hand, hatte aber selten etwas auszugeben, er wurde sehr kurz gehalten. Aber etwas anderes. Haben Sie diesen Nobody reiten sehen?«
»Reiten? Nee. Kann er reiten? Hat er bei mir nicht nötig. Ich kann auch nicht reiten und lebe doch.«
»Haben Sie ihn schießen sehen?«
»Bei mir hier wird nicht geschossen,« sagte Mr. World kurz und putzte sich die Nase, daß es knallte.
»Haben Sie ihn fechten sehen?«
»Nee, bei uns hier gibt es nichts zu fechten.«
»Haben Sie ihn schwimmen sehen?«
»Bei dieser Hundekälte? Nee. Warten Sie, nun will ich mal fragen. Hat dieser Jüngling vielleicht einmal eine große Erbschaft gemacht, so etwa zehn Millionen, und diese in zehn Jahren verlu ... verputzt wollte ich sagen?«
»Zehn Millionen? Dollar?«
»Gleichgültig was. Hat er?«
»Nein, er hat niemals eine Erbschaft gemacht, das Erbteil dieses Jünglings ist noch unberührt.«
»Wie lange ist denn dieser Jüngling schon verschollen?«
»Seit etwa zwölf Jahren.«
»War dieser Jüngling während dieser Zeit einmal acht Jahre in China oder sonstwo in Asien in einem Kerker eingesperrt gewesen?«
»War dies Mr. Nobody?«
»Sehr wahrscheinlich.«
»Nein, so etwas ist mir von meinem einstigen Freunde nicht bekannt, obschon es immerhin möglich sein könnte.«
»Sind Sie - ehem,« fing der alte Herr jetzt
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wieder zu knurksen an, denn er überlegte scharf, »sind Sie - ehem - verwandt mit diesem Jüngling?«
»Er war ... er war ... mein ... Bruder,« erklang es flüsternd, zögernd.
O, dieser alte Herr war nicht so dumm, wie er manchmal tat, wonach er auch gar nicht aussah, der wußte ganz genau, was er wollte.
»Dann, Madam, ist es ganz sicher nicht dieser Nobody.«
»Warum wissen Sie das mit einem Male so genau?«
»Weil hier auf dieser Karte einfach Madame Marguérite Lenois steht, und wenn Sie Mr. Nobodys Schwester wären, so müßte ich Sie Hoheit oder Durchlaucht, mindestens Mylady anreden, und so etwas wäre doch auch auf Ihrer Visitenkarte vermerkt,«
Wie von einer Natter gestochen fuhr die Dame empor, mit einem womöglich noch weißeren Gesicht.
»Hat er das gesagt, daß er aus ... einem deutschen Fürstenhaus stammt?« stieß sie atemlos hervor.
»Das ist das einzige, was er uns zugestanden hat,« sagte Mr. World, wieder um eine Kenntnis reicher.
Von einem >deutschen< hatte Nobody gar nichts gesagt, aber es schien doch ganz so, als ob hier diese Dame auf einer richtigen Spur wäre.
»Alfred - dann ist er es!!« hauchte die schöne Dame und sank in die Polster zurück, und jetzt drohte jener Vulkan auszubrechen, jetzt wogte ihr Busen, jetzt loderten ihre Augen in unheimlicher Glut.
Mr. World ließ sie sich erst etwas beruhigen. Ein ganz eigentümliches Lächeln umspielte seine scharfen Lippen, während er sie beobachtete.
»Gestatten Sie mir eine Frage,« nahm er dann wieder das Wort.
»Bitte,« kam es atemlos von den schönen Lippen.
»Sie trauern gewiß um Ihren Gatten.«
»Woraus schließen Sie das?« klang es schroff zurück.
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»So ... so ... nachdrucksvoll ... so ausgiebig kann eine Frau nur um ihren Gatten trauern.«
»Ja, Sie haben recht.«
»Ist Ihr seliger Gatte schon lange tot?«
Die roten Lippen des kleinen Mundes verzogen sich in einer unbeschreiblichen Weise, jedenfalls ganz unabsichtlich, aber doch die innersten Gedanken ausdrückend.
»Seit vier Wochen,« erklang es dann noch schroffer als zuvor.
»Na,« meinte der alte Herr jetzt mit väterlicher Gemütlichkeit, »nun gestehen Sie einmal, ich bin doch schon ein alter Mann, vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren ... Sie waren doch keine Schwester von jenem Jüngling, überhaupt keine Verwandte, und wenn Sie's waren, da steckte doch ein bißchen mehr als nur verwandtschaftliche Liebe dahinter, was, wie, he?«
Es erfolgte keine Antwort, und das war auch eine Antwort, und man sah es ihr ja überhaupt an, daß er das Richtige getroffen hatte.
»Wissen Sie,« hob sie dann wieder mit fliegendem Atem an, »ob ... ob Mr. Nobody ... ob er ...«
»Verheiratet ist?« kam ihr der alte Herr zu Hilfe. »Der? Nee.«
»Oder ... oder ...«
»Ob er eine Liebe hat oder so etwas Aehnliches? Nu ja - manchmal ... wie's so kommt ... das heißt ... ach so, Sie meinen, ob er eine Braut oder so etwas Aehnliches hat? Nobody? Nee, der ist kalt wie ein nackjer Frosch.«
Aus der Sofaecke erscholl ein Seufzen.
»Und wollen Sie mir nicht seine jetzige Adresse geben?«
»An die Sie schreiben können?«
»Schreiben?!« erklang es heftig. »Sehen will ich ihn, muß ich ihn - nur einmal sehen! Schreiben hatte keinen Zweck.«
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Wenn Mr. World Sorge gehabt hatte, daß die junge Witwe ihm seinen Kompagnon entführen, ihn in die Bande der faulen Häuslichkeit schlagen könnte, so war diese Sorge jetzt beseitigt. Nun konnte er auch offener sprechen, freilich war es noch wenig genug.
»Madam, die Geschichte ist die: gegenwärtig ist er in London; wir haben eine Postchiffre ausgemacht, unter der ich ihm die Briefe schicke. Aber seine eigentliche >Adresse< weiß auch ich nicht. Der hat überhaupt keine Wohnung. Die ganze Welt ist seine Heimat. Herr >Niemand< ist immer nirgendwo. Heute ist er hier, morgen ist er wer weiß wo. Da war er einmal wieder hier, logierte im Hotel Kalifornia ...«
»Im Hotel Kalifornia in der Wallstreet?« wurde er hastig unterbrochen.
»Jawohl.«
»Unter dem Namen Nobody?«
»Jawohl, er hatte Zimmer Nummer 228, gleich unterm Dach.«
»Zimmer Nummer 228, gleich unterm Dach,« murmelte das schöne Weib traumverloren.
»Und wie ich ihn einmal besuchen wollte, da ...«
Es klopfte, ein Kommis trat ein, Mr. World erhielt eine Depesche. Er erbrach sie sofort.
»Sehen Sie, da haben wir es schon wieder: Trete eine Reise um die Erde an, nächste Adresse von Kairo aus. - Die ist von Nobodyn. Diesmal ist es noch schlimmer, das vorige Mal blieb er doch wenigstens hübsch in Amerika, machte nur mit dem Blitzzug einen Abstecher nach Mexiko.«
Die Dame war aufgestanden.
»Nach Kairo?«
»Sie wollen hin?«
»Ich muß ihn sehen, ihn sprechen, ich muß! Denn brieflich ist er für mich unerreichbar. Wissen Sie schon die Chiffre, unter welcher er in Kairo seine Briefe abholen wird?«
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»Nein, die telegraphiert er mir erst aus Kairo.«
»Mr. World, wollen Sie mir eine Bitte gewähren?«
»Ihnen allemal. Ach, Madam,« der alte Herr begann schmunzelnd von der Seite nach der schönen, jungen Witwe zu äugeln, »wenn ich Nobody wäre - oder wenn ich dreißig Jahre jünger wäre ...«
»Ich werde im Hotel du Nil wohnen - Madame Lenois - wollen Sie mir die Chiffre zutelegraphieren?«
»Hm, das ist eigentlich ein grober Vertrauensbruch und könnte mich unter Umständen sehr schädigen.«
»Mr. World, bitte, bitte ...«
Die schöne Frau hätte gar nicht so zu flehen und solche schmachtende Augen zu machen brauchen, der alte Mann hatte noch immer ein junges Herz.
»Hm, ehem ...«
»Verlangen Sie von mir, was Sie wollen.«
»Nu ... Nobody ist doch mein Kompagnon ... wir arbeiten doch auf halben Gewinn ... ach, Madam, wenn Sie mich vor dreißig Jahren gesehen hätten, wenn ich so mit der roten Nelke im Knopploch ...«
Er war näher getreten.
»Na, darf ich mal? Nur einen. Nobody ist ja mein Kompagnon. Und wenn Sie mich vor dreißig Jahren gesehen hätten ...«
Die schwarze Dame war gar nicht schwer von Begriffen, sie schloß die Augen und neigte den Kopf etwas zurück, und nun wußte auch der alte World, was es geschlagen hatte, er schlang den Arm um ihre Taille und preßte seine graubärtigen Lippen recht saftig auf die ihren, die sich ihm entgegenwölbten, und nun gleich noch einmal ...
»Sssssssssssssssssssss,« fing es da zu zischen an. » ... ie möchten doch so gut sein ...«
Madame Lenois saß plötzlich auf dem Sofa und putzte sich die Nase, und Mr. World griff mit einer
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Kaltblütigkeit, die man ihm nach dieser Szene gar nicht zugetraut hätte, in die Brusttasche und zog sein Zigarrenetui.
»Ja, mein lieber Nobody, das Küssen müssen Sie doch noch erst lernen, das braucht auch ein Detektiv, sonst taugt er nichts, und so, wie Sie es mir jetzt vormachten, das ist noch gar nichts. Da hätten Sie mich einmal vor dreißig Jahren sehen sollen, wenn ich da meine ... meine ... meine Frau küßte, die leckte allemal alle zehn Finger danach ab, oder jetzt meine Tochter ... rauchen Sie eine Zigarre?«
Und zu Paddy gewendet fuhr der alte Sünder fort: »Nun guck dir mal bloß den Mr. Nobody an, wie der sich wieder herausstaffiert hat. Sieht er nicht gerade wie eine Dame aus? Aber ich habe ihn sofort erkannt.«
Paddy >guckte< die Dame an und machte dabei eines seiner dümmsten Gesichter. >Nun, was gibt's?«
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Der Kassenbote stattete Bericht ab und entfernte sich wieder.
»Himmelhund verfluchter!« brummte der alte Dun Juan ihm nach. Die Küßlust war ihm jetzt vergangen, er dachte an seine Tochter, vor deren sittlicher Strenge er eine Heidenangst hatte.
»Also Sie werden mir meine Bitte erfüllen?« begann die Dame wieder, welche viel weniger Verlegenheit zeigte, als man erwarten sollte.
»Sicherlich, mein Wort halte ich. Da vergessen Sie nur nicht, ein paar Billardbälle einzustecken.«
»Billardbälle? Wozu Billardbälle?« war die erstaunte Frage.
»Ja, sehen Sie, die Sache ist die. Ich will gleich von mir selbst sprechen. Ich habe nämlich dort auch einen ganzen Kasten voll Elfenbeinbälle, kosten mir ein schweres Geld, und jedesmal, wenn mich Nobody besucht, wird einer weniger. Denn ich selbst weiß ja noch gar nicht, wie Nobody eigentlich aussieht, er sieht immer anders aus, einmal kommt er so, und dann kommt er wieder so, als Droschkenkutscher oder als Dame, und wenn er nun wieder einmal kommt und will Geld haben, da weiß ich ja gar nicht, ob das wirklich der Nobody ist! Da muß er nun jedesmal so einen Billardball haben, den nimmt er so ... sehen Sie, so, denken Sie, das hier wäre ein Billardball ...«
Und der alte Herr nahm das rohe Ei in die linke Hand und holte mit der rechten Faust zum Schlage aus ...
»Und nun macht er immer so ... sehen Sie, so ... und dann mit einem Male ...bum!!!«
Es >bumte< zwar nicht, aber der Erfolg ließ nichts zu wünschen übrig. Mr. World hatte vergessen, daß er keine elfenbeinerne Billardkugel, sondern ein rohes Ei in der Hand hielt, und das Eiweiß und Eigelb spritzte herum, daß es eine Lust war.
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Die schwarze Dame hatte die Katastrophe vorausgesehen und sich schnell in gebückter Stellung retiriert, aber den Schläger selbst hatte es tüchtig ausgewischt, der konnte nicht aus den Augen sehen, und von seinem Rocke lief die weißgelbe Sauce herunter.
»Paddy! Paddy!« rief er im kläglichsten Tone, wie er so mit gespreizten Fingern dastand.
Paddy führte seinen blinden Herrn in die Garderobe und machte aus ihm wieder einen Menschen. Aber als World in sein Zimmer zurückkam, war die schöne Witwe bereits auf Nimmerwiedersehen verschwunden, und er hatte sie doch erst über Nobody ausforschen wollen, denn die wußte doch, wer er war, und jetzt war ihm nicht einmal ihre Wohnung bekannt. -
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»Er ist es.«
Mehr sagte die in das Hotelzimmer Eintretende nicht zu der älteren Dame, die auf jene gewartet hatte.
Dann trat sie an das Fenster und blickte mit fest zusammengepreßten Lippen auf die belebte Geschäftsstraße hinab.
»Wollen Königliche Hoheit ...« begann die alte Dame nach einer Weile.
Eine herrische Handbewegung schnitt ihr das Wort ab.
»Marguérite Lenois ist mein Name, ich wünsche nur mit Frau, Missis oder Madam angeredet zu werden. - Fräulein von Simken, Sie sind mir in das Exil gefolgt, welches ich freiwillig auf mich nahm. Sie haben mich nach New-York begleitet. Ich danke Ihnen, Sie haben sich als eine treue Seele bewährt. Werden Sie mir jetzt nach Kairo folgen?«
»Nach Aegypten?« sagte die alte Dame zaghaft. »Da ist wieder so eine lange Seereise nötig ...«
»Und wenn Alfr ... Fräulein von Simken, und wenn ich nun bis ans Ende der Welt müßte, würden Sie mich begleiten?«
»Ach, Königlich ... Ach, Madam, geben Sie es doch lieber auf, auch ich kenne Prinz Alfred, Sie werden nichts bei ihm erreichen, nachdem Sie ihn einmal ver ...«
Mit dem Sprunge einer Tigerin stand das üppige Weib plötzlich vor der Erschrockenen und deutete mit zornsprühenden Augen nach der Tür.
»Gehen Sie, Sie undankbares, Sie abscheuliches Geschöpf! Sie sind entlassen! Hinaus!! - Halt!« sie mäßigte sich wieder etwas, »entlassen sind Sie, und das sofort, aber in diesem Zimmer können Sie noch bleiben.«
Sie drückte den Knopf der elektrischen Klingel, ein Kellner kam.
Marguérite hatte sich überraschend schnell wieder in der Gewalt oder aber, war ein überaus launenhafter, wankelmütiger Charakter, denn jetzt dachte sie offenbar an etwas anderes, an das, was sie zu tun beabsichtigte, und
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augenblicklich prägte sich dies auch auf ihrem schönen Antlitz und in ihren Augen aus: etwas wie schmachtende Sehnsucht.
»Mir gefällt dieses Zimmer in der ersten Etage nicht, das Lärmen der Straße stört mich.«
»Madam können Zimmer in einer höheren Etage bekommen,« entgegnete der befrackte Geist mit einer Höflichkeit, die man an amerikanischen Kellnern sonst gar nicht gewöhnt ist, »sie bieten denselben Komfort, und wir haben Fahrstuhl.«
»Ich habe jetzt die Zimmer Nummer 19 bis 21. Welche Nummern sind in der ... vierten Etage? Ich muß die Nummer nämlich gleich wissen, weil ich dann für einen Besuch meine Adresse anzugeben habe.«
»In der vierten Etage? Nummer 101 bis 130.«
»Wie hoch ist dieses Haus eigentlich?«
»Acht Etagen, gnädigste Madam,«
»Ist die achte Etage auch zum Bewohnen eingerichtet?«
Der Kellner verzog etwas den Mund. Das Hotelpersonal hatte schon herausgebracht, daß hinter dieser einfachen >Madame Lenois< etwas anderes steckte, man hatte schon gehört, wie sie von ihrer Gesellschafterin >Königliche Hoheit< oder manchmal kürzer >Prinzeß< angeredet wurde, und gerade in dem freien, republikanischen Amerika hat man vor europäischen Titeln einen ganz gewaltigen Respekt. Und eine echte Prinzessin gehörte doch nicht in die Dachkammer! Sie hatte zwar hier unten gleich drei Zimmer genommen, jetzt aber zeigte sich, daß es mit ihrer Kasse schlecht bestellt war, die Zimmer waren ihr zu teuer; der Straßenlärm war doch nur ein Vorwand.
»Gewiß. Da sind die Zimmer Nummer 226 bis 232, aber das ist ja unterm Dach.«
»Das wäre mir gleichgültig, wenn ich nur Ruhe habe. Ist dort noch ein Zimmer frei?«
»Alle.«
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»Dann werde ich auch alle nehmen, alle sechs oder sieben, das heißt, die ganze Etage. Ich will Ruhe um mich haben,«
Der Kellner bat die Prinzessin im stillen um Verzeihung.
»Warten Sie, ich komme sofort mit. Diese drei Zimmer hier bezahle ich nur noch bis morgen, dann mag diese Person, welche nicht mehr in meinen Diensten steht, darüber verfügen, wie sie will, ich bezahle nichts mehr.«
Schon in der Tür stehend, wandte sie sich noch einmal nach dem alten Fräulein um.
»Ihren rückständigen Gehalt bekommen Sie erst ausgezahlt, wenn sich mein gesamtes Gepäck in meinen Händen befindet, und vorausgesetzt, daß nichts daran fehlt.«
Nach diesen beleidigenden Worten folgte sie dem Kellner. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl bis in die achte Etage hinauf, wo sie von einem anderen Kellner, der bereits durch das Sprachrohr unterrichtet worden war, in Empfang genommen wurde.
An den Dachzimmern war nichts auszusetzen, sie waren noch höchst komfortabel.
Sie besichtigte alle Zimmer und nahm die ganze Etage.
»Dies Zimmer hier gefällt mir am besten,« sagte sie, nachdem sie sich vorher überzeugt, daß es die Nummer 228 hatte.
Mit prüfenden Blicken schaute sie um sich, am längsten verweilte ihr Auge auf dem Bett.
»Ja, dieses werde ich nehmen. Wer hat dieses Zimmer zuletzt bewohnt? Ich bin darin etwas sonderbar.«
»Eine englische Dame, eine sehr exquisite Dame,« entgegnete der Kellner, ob er nun log oder nicht.
Malte sich da auf den schönen Zügen nicht etwas wie Enttäuschung?
»So. Ach, da fällt mir ein ... hat in diesem Hotel nicht auch jener Nobody gewohnt, wissen Sie, als
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er vor etwa sechs bis acht Monaten im Atlantic-Garden als Verwandlungskünstler auftrat?«
»Allerdings, und zwar hat er zufälligerweise damals auch in diesem Zimmer hier logiert.«
»In diesem Bette hat er geschlafen?« erklang es wie erschrocken; die schöne, heikle Dame verzog den Mund dabei.
»O, Madame, bei uns herrscht doch Sauberkeit, die Bettwäsche wird alle Tage gewechselt ... oder Sie können ja auch ein anderes Zimmer nehmen ...«
»Es ist gut. Ich brauche nichts mehr.«
Als die Prinzessin allein war, schaute sie sich nochmals prüfend in dem Zimmer um, jetzt aber mit einem ganz anderen Gesichtsausdruck, sie preßte dabei die Hände gegen den wogenden Busen, dann schlich sie an das Bett, schlug die Oberdecke zurück und küßte mit innigster Zärtlichkeit das Kopfkissen!
Kann man denn mehr von der Liebe verlangen?
Die alte Hofdame hatte ihre Entlassung sehr ruhig hingenommen, man sah ihr an, wie willkommen ihr dieselbe war, aber die letzten Worte, die sie geradezu als Diebin verdächtigten, hatten sie natürlich äußerst beleidigt, und sie machte ihrem Zorn Luft.
»Du infame Kanaille! Eine Prinzessin willst du sein? Du beträgst dich wie eine Dirne und bist auch eine solche! Recht ist es gewesen, daß man dich und deine ganze Sippschaft aus dem Lande hinausgejagt hat! Nur Prinz Alfred war ein ganz anderer, der war auch so klug, gleich von vornherein auf alles zu verzichten, und ein Glück nur, daß du ihn damals betrogst, wodurch ihm gleich die Augen über deinen schändlichen Charakter aufgingen, sonst wäre der edle, junge Mann richtig in deine nichtswürdigen Schlingen gegangen, und du hattest ihn so unglücklich gemacht, wie es der Kronprinz gewesen ist. Und jetzt, da du deinen Mann endlich zu Tode gemartert hast, erwacht deine alte Liebe wieder?
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Und du hast Prinz Alfred wiedergefunden? Und du denkst nun dein altes Spiel wieder anzufangen? Na, so dumm wird Alfred doch nicht sein! Und wenn er's wäre ...warte, ich werde auch seine Adresse erfahren, so gut wie du, und dann werde ich ihm schreiben, was du für ein niederträchtiges, tiefgesunkenes Weibsbild bist!«
Darauf begann die alte Dame die Sachen ihrer einstigen Herrin und ihre eigenen zu packen.
Ueber dieser Beschäftigung wurde es Abend, Fräulein von Simken hatte schon das Gepäck der Prinzessin hinaufbefördern lassen, als ein Kellner eintrat, hinter sich die Türe offen lassend.
»Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß.«
»Mich?« fragte die alte Dame, welche nur sehr mangelhaft Englisch sprach, zaghaft. »Ich kenne hier gar niemanden. Er will wahrscheinlich zu Madame Lenois.«
»Nein, Fräulein von Simken, mit Ihnen möchte ich einige Worte unter vier Augen sprechen,« erklang es da auf deutsch, und auf der Schwelle stand ein fremder Herr.
Er machte einen sehr eleganten Eindruck, aber die Abenteurerphysiognomie, in der Leidenschaften aller Art ihre Spuren hinterlassen hatten, konnte er nicht wegbringen, und ein Juwelenkenner wäre wohl gleich auf den Verdacht gekommen, daß die vielen Diamanten, die an seinen Fingern blitzten, kein reines Feuer ausstrahlten, wahrscheinlich war nicht einmal die dicke, goldene Uhrkette echt.
So bestimmt, wie er jene Worte gesprochen hatte, so unverschämt trat er gleich in das Zimmer, bedeutete dem Kellner, es zu verlassen, und schloß hinter diesem die Tür.
»Mein Name ist Huxley. Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung,« wandte er sich an die hilflos Dastehende.
Wir wollen die beiden allein lassen, wir brauchen
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nur zu wissen, daß der fremde Herr eine Andeutung machte, er sei Kriminalbeamter, ohne es gerade direkt zu sagen, was aber schon genügte, um die alte Dame, welche erst seit einigen Tagen in Amerika war, sich so verlassen fühlte, nicht einmal die englische Sprache beherrschte, immer mehr ins Bockshorn zu jagen, und der fremde Herr erfuhr von ihr alles, was er wissen wollte, er examinierte sie wie der Richter den Angeklagten.
Nach einer Viertelstunde verließ der Herr das Zimmer wieder, benutzte den Fahrstuhl bis zur achten Etage und beauftragte den Zimmerkellner, ihn, Mr. Huxley, der Madame Lenois zu melden.
Der Kellner kam gleich wieder zurück.
»In welcher Angelegenheit der Herr die Dame zu sprechen wünsche.«
Mr. Huxley hatte bereits Bleistift und Visitenkarte in der Hand, schrieb nur eine Zeile und steckte die Karte in ein Kuvert, das er gleichfalls bei sich gehabt.
»Geben Sie dies der Dame, und sie wird mich sofort mit Vergnügen empfangen,« sagte er in hochtrabendem Tone.
»Mrs. Lenois läßt bitten,« meldete denn auch der zurückkommende Kellner und öffnete die Tür eines Wohnzimmers.
Marguérite hatte geschrieben, war aber jetzt aufgestanden und blickte mit nervöser Spannung dem Eintretenden entgegen. In der Hand hielt sie noch die Karte, auf welcher unter dem Namen Edward Huxley die Worte standen: >kommt in Sachen des Mr. Nobody.<
»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte sie mit vor Erregung zitternder Stimme.
Der Fremde hatte die Tür mit auffallender Sorgfalt hinter sich zugemacht, überzeugte sich auch, der Dame den Rücken wendend, nochmals, ob sie wirklich geschlossen sei, dann wandte er sich langsam um, die glühenden Augen musterten erst das Zimmer, und dann blickte er mit einem Lächeln, wie es dem Abenteurergesicht
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entsprach, so einem recht frechen Lächeln, die vor ihm stehende Dame an.
Dieses geheimnisvolle, affektierte Gebaren mußte deren Unruhe natürlich nur noch vermehren.
»Sind wir hier ganz ungestört, Königliche Hoheit?« begann er flüsternd, immer mit seinem widerlichen Grinsen.
»Ja, das sind wir. Warten Sie ...«
Sie vergewisserte sich, daß sich in den Nebenzimmern niemand befand, und verriegelte sogar die Türen. Eine etwaige Angst vor dem fremden Manne wurde durch die Spannung verdrängt, die sein geheimnisvolles Benehmen bei ihr hervorrief.
»Nun, mein Herr?«
»Ich darf wohl Platz nehmen in Gegenwart der Königlichen Hoheit?« fragte jener und hatte sich dabei, ohne erst die Erlaubnis abzuwarten, auf einen Stuhl gesetzt. Madame Lenois hatte sich ihm gegenüber niedergelassen, ganz von ihrer Erregung beherrscht, die dunklen Augen mit ängstlicher Erwartung auf den Fremden geheftet.
Jetzt hatte sie nur eins herausgehört.
»Woher ... wissen Sie, wer ich bin?« flüsterte sie atemlos.
Sie meinte, wie er dazu käme, sie Königliche Hoheit anzureden. Es war eine sehr naive Frage. Der Herr hätte deswegen keine Erkundigungen bei ihrem soeben entlassenen Kammerfräulein einzuziehen brauchen, alle Kellner wußten ja, daß es eine inkognito reisende, französische oder wahrscheinlich deutsche Fürstin war, sie wurde ja von ihrer Gesellschafterin demgemäß tituliert! Die Dame aber schien sich ihres Inkognitos sehr sicher zu sein, und an ihr Kammerfräulein mochte sie im Augenblick nicht denken, daß sie jetzt so stutzte.
Der Fremde aber machte sich dies zunutze, er setzte eine noch geheimnisvollere Miene auf, zeigte sich noch dreister.
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»Wir wissen alles - alles! Königliche Hoheit haben also die feste Absicht, jetzt, da Ihr hoher Gemahl, der Kronprinz von ..., in Sommerset bei London gestorben ist, die Liebe Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen Alfred von ..., der sich jetzt Nobody nennt, und den Sie einst aus Ehrgeiz von sich gestoßen haben, wiederzugewinnen? Sie wollen sich jetzt nach Kairo begeben, um ihn dort persönlich zu sprechen, ihm Ihre Liebe abermals anzubieten?«
Der Mann sprach die hier nur mit Punkten angedeuteten Namen immer aus. Wir wollen sie nicht
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nennen, denn die betreffenden Personen leben noch, und jener Nobody hat sein geheimnisvolles Inkognito dennoch zu wahren gewußt.
Obgleich es so überaus nahe lag, woher der Fremde dies alles erfahren hatte - eben von der Hofdame, von der er doch direkt kam - wurde Madame Lenois förmlich von Entsetzen gepackt.
»Herr, wer sind Sie nur, daß Sie dies alles wissen?« hauchte sie mit bleichen Lippen.
»Ich werde mich Ihnen dann zu erkennen geben, und Königliche Hoheit werden noch überraschter sein als jetzt. Bitte, antworten Sie mir zunächst: Sie wollen sich dem Prinzen Alfred wieder nähern?«
»Ja,« erklang es jetzt entschlossen.
»Königliche Hoheit, damals Baronesse von Astern, waren mit Prinz Alfred schon so gut wie verlobt, da geschah das politische Unglück, Prinz Alfred war so verständig, sofort auf alle Ansprüche zu verzichten, das aber hatten Sie nicht erwartet, das paßte Ihnen nicht in Ihre Pläne, denn Sie waren maßlos ehrgeizig - nun aber machte eben zu dieser Zeit der Kronprinz, der schon längst ein Auge auf die schöne Baronesse Marguérite geworfen hatte, und der von Ihrer heimlichen Verlobung mit Prinz Alfred nichts wußte, einen Antrag - hier hatten Sie einen einfachen Privatmann, denn Prinz Alfred legte sofort seinen Titel ab - dort winkte Ihnen eine Königskrone - - also Sie gaben Ihrem heimlichen Verlobten, der Sie innig liebte, einen Korb ... nein, sagen wir doch lieber gleich: Sie gaben ihm einen Tritt - - und Sie denken, dieser jetzige Nobody wird nun der dreißigjährigen Witwe gleich mit offenen Armen entgegenfliegen? Das können Sie wirklich glauben? Hähähähähähä!!«
Es war nicht anders, als ob die schöne, blasse Frau von jedem dieser Worte wie von einem Keulenhieb getroffen worden wäre, und als der Fremde mit einem häßlichen, schadenfrohen Gelächter geendet hatte, saß sie
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zusammengebrochen da und stierte mit glanzlosen Augen auf ihre im Schoß verschlungenen Hände nieder.
»Und - ich - liebe - ihn - ja - dennoch!« kam es dann stockend von ihren farblos gewordenen Lippen, tonlos, und trotzdem war der furchtbare Seelenschmerz herauszuhören.
Mr. Huxley weidete sich mit sichtlichem Vergnügen an diesem Eindruck seiner Worte.
»Ja, ja, so geht's,« nahm er dann wieder in seinem unverschämten Tone das Wort. »Ich glaube schon, daß jetzt die alte Liebe wieder erwacht ist, aber nun ist es zu spät. Denken Sie doch ja nicht, daß sich dieser Nobody jetzt noch von Ihnen fesseln lassen wird, der hat unterdessen etwas in der Welt gelernt, der denkt über die Weiber jetzt ganz anders als vor zwölf Jahren als idealer, liebeschmachtender Jüngling. - Na,« lenkte der Sprecher dann ein, seinem gemeinen Gesichte und seiner Stimme einen wohlwollenden Ausdruck zu geben versuchend, »wenn Sie sich uns anvertrauen, dann ginge die Sache vielleicht noch zu arrangieren.«
Mit etwas Hoffnungsfreudigkeit blickte die schöne Witwe wieder auf.
»Sie glauben? Wie wäre das möglich? Was soll ich tun?«
Sie wußte gar nicht, wie sehr sie sich diesem Menschen, den sie noch gar nicht kannte, gleich auf Gnade und Ungnade auslieferte.
»Sie müssen sich uns anvertrauen,« grinste der Kerl im eleganten Anzug, aber mit falschen Brillanten und mit unechter Uhrkette.
»Fordern Sie von mir, was Sie wollen, wenn Sie nur ein Mittel wissen, mich wieder mit Prinz Alfred zu vereinigen.«
Sie mußte sehr wenig Hoffnung haben, dies durch eigene Kraft bewerkstelligen zu können, daß sie gleich auf das Hilfsangebot des ersten besten Menschen einging.
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Freilich trug diese geheimnisvolle Annäherung viel mit dazu bei.
»Nehmen wir einmal ein Beispiel an, wie so etwas zu ermöglichen ist, nämlich, daß ein Mann die größte Zuneigung zu einem Weibe fassen muß, ob er nun will oder nicht ...«
»Durch einen Liebestrank?« unterbrach ihn die Prinzeß, allerdings in sehr zweifelndem Tone. »Glauben Sie an so etwas?«
»Liebestrank? Unsinn!« knurrte Huxley. »Da gibt es etwas viel Einfacheres und absolut Sicherwirkendes, Sie werden mit Nobody in Kairo zusammenkommen, dafür werden wir schon sorgen, und wenn nicht dort, dann eben anderswo. Ueberall gibt es einsame, abgelegene Orte, wo nicht sogleich Hilfe zur Stelle ist, aber vielleicht eine Hütte ist in der Nähe, in die der Verunglückte schnell gebracht werden kann ...«
»Der Verunglückte?« wiederholte die Dame staunend. »Von wem sprechen Sie eigentlich, mein Herr?«
»Immer von Mr. Nobody, Wenn Sie in der Einsamkeit mit ihm allein sind, stürzen plötzlich einige maskierte Banditen aus dem Hinterhalt, Schüsse krachen - - bums, liegt der Herr Nobody da, eine Kugel hat mit unfehlbarer Sicherheit seinen Schenkelknochen zerschmettert ...wünschen Königliche Hoheit, daß die Kugel das Bein so trifft, daß es ihm abgenommen werden muß? Denn mit einem Beine läuft er Ihnen sicher nicht mehr davon, dann hat die Wanderlust ein Ende, dann bleibt er hübsch zu Hause bei seiner Frau und läßt sich von ihr den Bart krauen. Wünschen Sie das linke oder das rechte Bein? Verunstaltet ist er deswegen noch lange nicht, er trägt eben ein Gummibein, und die Hauptsache ist doch, daß Sie ihn zum Mann haben. Oder es braucht auch nicht das ganze Bein zu sein. Vielleicht nur so weit? Oder nur bis ans Knie? Länger aber würde ich ihm an Ihrer Stelle das Bein nicht lassen.«
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Dieses Unikum von einem Gentleman hatte zum Ueberfluß auch noch einen Revolver aus der Tasche gezogen, setzte die Mündung hoch oben am Leib auf den Schenkel seines einen Beines, dann rutschte er mit dem Revolver immer etwas weiter nach unten, so markierend, wie weit Nobodys Bein abgenommen werden dürfte, bis er an seinem Knie Halt machte ... »Länger aber würde ich ihm an Ihrer Stelle das Bein nicht lassen.«
Mit entsetzten Augen blickte Marguérite auf den höhnisch grinsenden Bösewicht, der ihr einen solchen Vorschlag machte, dessen eigentlichen Zweck sie aber noch gar nicht verstand.
»Herr, wer sind Sie?« brachte sie endlich hervor.
»Ein Mann, welcher mit einem Kompagnon zusammen derartige Geschäfte macht,« war die kaltblütige Antwort. »O, wir beide haben schon die schwierigsten Sachen fertig gebracht. Erst kürzlich, da kam ein Gentleman zu uns - der hatte es auf ein Mädchen abgesehen - gar
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nicht daran zu denken, das Mädel war ein Prachtweib und steinreich, und er war ein Habenichts und ein häßlicher Kerl, grundhäßlich, hatte auch noch einen Ansatz zum Buckel. - Gut, wird gemacht, sagten wir. - Die Dame befand sich auf einem Jagdausflug, in ganz einsamer Gegend, da krachte ein Schuß, die Kugel, wie ein solches Kaliber der Bucklige nicht führte - verstanden? - ging der jungen Dame durch alle Röcke und gerade in das Fleisch des rechten Schenkels - - wie sie hilflos dalag, da kam der Buckel - - daß kein anderer von der Jagdgesellschaft zugegen war, dafür hatten wir gesorgt, alles war aufs trefflichste arrangiert - - also kein Arzt, kein Mensch in der Nähe - - nur der Buckel - - na, der mußte natürlich helfen, er hatte überhaupt etwas ärztliche Kenntnisse - - also der zieht die junge Dame aus, da hilft doch alles nichts, er verbindet die Wunde - schleppt die Verwundete bis ins nächste Haus, bleibt bei ihr, pflegt sie getreulich, wäscht und verbindet weiter ... na, da können Sie sich wohl denken, was daraus geworden ist. Das schöne Mädchen hat den buckligen Kerl dann geheiratet, mußte ihn ja geradezu heiraten, der hatte schon zuviel gesehen. Aber da war dann auch wirkliche Liebe dabei, das macht die aufopfernde Pflege - - wenn man so das Milchsüppchen bringt, hähähähä - - die beiden sind ein ganz glückliches Paar geworden. Dieses Kunststück hat uns 10 000 Dollar eingebracht,« setzte Mr. Huxley noch hinzu, »so etwas lassen wir uns natürlich gut bezahlen.« Die großen Augen der schönen Witwe blickten nur immer entsetzter auf den Mann, der das alles so gelassen hervorbrachte.
»Mensch, Herr, sind Sie denn ... der Teufel?!«
»Nicht selbst, der Teufel ist nur mein Berater, und ich bin ihm sehr dankbar, daß er mich auf diese geniale Idee brachte. Wie es in Ihrem Falle gehalten wird, wissen Sie doch nun. Auf die Weise, als treue Pflegerin
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des Verwundeten, den Sie wie Ihr kleines Kind oder auch wie Ihren Gatten ganz intim behandeln müssen, erwerben Sie seine Liebe mit absoluter Sicherheit. Oder aber, wenn Ihnen an einem zweibeinigen Gatten sehr gelegen ist, kann ich Ihnen auch noch einen anderen Vorschlag machen. Die Ausführung dieses Planes kostet freilich viel mehr Honorar, denn wir haben viel mehr Mühe damit. - Haben Königliche Hoheit schon einmal einen blinden Liebhaber gehabt?«
Die vornehme Dame war so mit anderen Gedanken beschäftigt, daß sie das Zynische dieser Frage gar nicht empfand.
»Einen blinden Liebhaber? Nein,« entgegnete sie, was wiederum ein sonderbares Licht auf ihren Charakter warf.
»O, das sollten Sie einmal probieren. Ich kann davon erzählen. Das heißt, bei mir war es natürlich ein blindes Mädchen. Sie wissen doch, daß sich beim Blinden alle Sinne im Gefühl konzentrieren. Großartig! Na, das können Sie auch haben, und das für immer. Sie selbst können das natürlich nicht besorgen, ihm etwa eine Flasche Vitriol in das Gesicht gießen oder ein ähnliches Experiment versuchen. Das muß von fremder Hand geschehen und zwar auf eine ganz raffinierte Weise, daß auf Sie auch nicht der geringste Verdacht fällt. Sonst wäre es mit der Liebe natürlich aus. Sein Gesicht braucht dabei auch gar nicht entstellt zu werden, wir stechen ihm nicht einmal die Augen aus. Wir blenden ihn. Das ist ganz einfach. Tut auch gar nicht weh. Nur ein kleiner, stechender Schmerz - - weg ist das Augenlicht. Das wird alles arrangiert, er fällt Räubern in die Hände, die hinter dem gefährlichen Nobody her sind, sie blenden ihn, verlassen ihn aus irgend einem Grunde, hilflos irrt der Blinde in der Einöde herum, vielleicht in einem wilden Gebirge, da erscheinen Sie. Sie haben ihn aus Räuberhand befreien wollen, ergreifen des Blinden Hand, leiten ihn, daß sein Fuß nicht
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strauchelt ... und Sie werden ihn fernerhin durch das Leben geleiten. Und nun geben Sie acht, was so ein blinder Ehemann, bei dem alles Abhängigkeit ist, für einen Spaß macht! ... Halt, einen Schuß ins Bein muß er doch bekommen, in den Schenkel, aber nur ins Fleisch. Sie müssen ihn auch so pflegen, und Not kennt kein Gebot ... Sie müssen ihn gleich von vornherein in einer Weise behandeln können, als wären Sie seine Ehefrau. Und dann haben Sie ihn mit absoluter Sicherheit ... und noch dazu so ein hübsches, blindes Männchen, mit dem man machen kann, was man will!«
Der Unhold hatte gesprochen. Die schöne Witwe saß in tiefem Sinnen da. Aber man sah, was in ihr vorging, wie ihr Busen wogte, wie es in ihren schwarzen Augen immer mehr zu glühen begann!
»Sind Sie ... befähigt dazu, so etwas fertig zu bringen?« erklang es dann mit etwas heiserer Stimme.
»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß dies mein Beruf ist. Und noch nie ist es mir mißglückt.«
»Es dürfte sich ... in Aegypten abspielen.«
»Ich bin in der ganzen Welt zu Hause, in Kairo so gut wie in New-York.«
»Und was ... kostet das?« - -
Doch wir können die beiden jetzt allein lassen.
Eine Stunde später traf sich dieser saubere Gentleman, welcher sich Mr. Huxley nannte, mit einem Spießgesellen in einer obskuren Wirtschaft.
»Das war ein Einfall von mir, Bob,« sagte er flüsternd, als beide allein in einem dunklen Winkel saßen, »daß ich mich an diese fremde Dame, die mir auf der Straße auffiel, heranmachte. Weißt du, wer das ist?«
Er nannte ihren eigentlichen Namen, ihren Titel, erzählte mehr von ihr.
»Was du sagst!« staunte der andere.
»Sie hatte sich gerade mit ihrem Kammerfräulein überworfen, das kam mir zustatten ...«
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Und der Mann erzählte weiter. Das Staunen des anderen wurde immer größer.
»Und sie ging gleich wie eine Maus an den Speck. Es ist alles schon abgemacht, du bist mein Kompagnon, wir begleiten sie nach Kairo, wenn wir sie an Bord auch nicht kennen ... du, Bob, erster Kajüte nach Alexandrien! Und das ist erst der Anfang! Die wollen wir aber noch ausnehmen! Denn was meinst du wohl? Sie bedauerte, nur zwei Hundertdollarnoten bei sich zu haben, und kleineres Geld wollte ich nicht annehmen, ich mußte doch etwas vornehm tun. Hier sind sie. Und hier, was ist das? Ein Scheck auf 10 000 Dollar ... und der ist so gut wie Gold, morgen löse ich ihn ein ... und das ist erst die Anzahlung auf das zukünftige Geschäft, hähähäha!! So ein dummes, verliebtes, vertrauensseliges Frauenzimmer ist mir denn doch noch nicht vorgekommen, hähähähähä!! Bob, jetzt endlich fängt unser Weizen an zu blühen.«
Es wurde Champagner bestellt, die Pfropfen wallten.
»Ja aber,« begann dann Bob wieder, als sich sein Freudenrausch etwas gelegt hatte, und ehe der Champagnerrausch kam, »willst du denn das mit dem Blenden wirklich ausführen?«
»Nu warum denn nicht?! Du, Bob, das ist eben ein genialer Gedanke von mir gewesen, ich weiß selber gar nicht, wie ich mit einem Male auf den Einfall kam, dem verrückten Frauenzimmer so etwas vorzuschwatzen. Ich glaube, der Teufel muß mit mir im Bunde gewesen sein. Ja, aber warum soll denn das nicht gehen, so, wie ich es gesagt habe? Bob, weiß Gott, das machen wir einmal ... erst einen Anfang, dann sind wir drin in dieser Karriere, die ich erst geschaffen habe.«
Also nichts weiter, als zwei Gauner, Hochstapler, die im Trüben fischen, aber zu Verbrechern veranlagt. Und wahrhaftig, für einen Verbrecher war die Idee, die jener Mann so aus dem Stegreif entworfen hatte, wirklich genial.
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»Daß du in Aegypten schon gewesen bist, weiß ich,« nahm Bob wieder das Wort. »Aber mit so etwas gerade bei Nobody anzufangen? Dieser Nobody ...«
»Ist auch nur ein Mensch,« fiel ihm der andere geringschätzend ins Wort, »Einmal muß der Anfang doch gemacht werden, tun wir es also bei ihm; bange machen gilt nicht. Wir werden diesen unsichtbaren Menschen schon zu sehen bekommen, jenes Weib erhalt nämlich die Chiffre, unter welcher er in Kairo seine Briefe abholen wird. Dann heften wir uns an seine Fersen, und uns soll er nicht entgehen, was Bob? Da haben wir schon andere Sachen fertig gebracht. Sollte trotzdem aus irgend einem Zufall nichts daraus werden ... diese Prinzessin wird uns nicht wieder los, darauf kannst du dich verlassen. Sie hat einmal A gesagt, jetzt muß sie nicht nur B, sondern das ganze Alphabet bis zum Z sagen. Die lassen wir nicht wieder aus unseren Fängen.«
Am anderen Morgen stellte sich Mr. Huxley wieder in dem Hotel ein und fand es in großer Aufregung, wenn man diese auch zu verbergen suchte. Von Madame Lewis erfuhr er den Grund. Heute morgen hatte man Fräulein von Simken tot im Bett gefunden, ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein Ziel gesetzt. Ihre einstige Herrin schien sich wenig Vorwürfe zu machen, daß sie durch ihre gehässigen Vorwürfe den Tod der alten Dame herbeigeführt haben könnte. Sie wurde einmal von der Polizei vernommen, dann war sie noch so großmütig, die beträchtliche Summe zu deponieren, um die Leiche nach Deutschland transportieren zu lassen. - -
In New-York gibt es ein chinesisches Viertel, die Vereinigten Staaten stehen mit China in starker Handelsverbindung, deshalb ist China in New-York durch einen Konsul vertreten.
Dieser befand sich in seinem Bureau. Er hatte zwar noch einen Zopf, trug sich und benahm sich sonst aber ganz wie ein moderner Gentleman, und dasselbe gilt von
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allen in dem palastartigen Gebäude angestellten chinesischen Beamten, daher wollen wir die nachfolgende Unterhaltung auch nicht in chinesischer Ausdrucksweise wiedergeben - die höflichen Redensarten und Respektbezeugungen würden gar zu viel Platz wegnehmen.
Der Konsul wurde im Gespräch mit einem Sekretär von einem Kawassen gestört, der einzige Chinese, welcher im chinesischen Konsulatsgebäude wirklich in chinesischer Tracht ging.
>Kawaß< ist eigentlich ein türkischer Polizeisoldat, doch ist dies der Name aller Konsulatsdiener im Auslande geworden, welche im Vorzimmer Wache halten. Die Konsuln wählen dazu die schönsten Männer ihrer Nation aus und treiben mit ihnen immer einen großen Luxus. Dieser Kawaß hier zeichnete sich durch einen enormen Bauch aus, was in China bekanntlich als sehr schön gilt.
»Was gibt es?«
Nachdem der Chinese, der einen kleinen, schmutzigen Ballen in der Hand trug, den ganzen Vorrat von Titeln erschöpft hatte, welche diesem hohen Würdenträger zukamen, stattete er Bericht ab.
Seit heute früh würde das Vorzimmer von einem chinesischen Kuli belagert, welcher seinem Konsul ein großes Geheimnis zu verkünden habe. Der Kawaß kannte den verhungerten und zerlumpten Kerl, er kam erst heute von Sing-Sing, der Strafinsel, wo er wegen eines Diebstahls ein halbes Jahr hatte Baumwolle spinnen müssen, für diesen Mann eine um so furchtbarere Strafe, weil er dem Opiumgenuß ergeben war, und dem hatte er während seiner Gefangenschaft doch nicht frönen können, er zitterte deshalb an allen Gliedern. Der Kawaß hatte den Kerl, der doch nur betteln wollte, um sich Opium zu kaufen, hinausgeworfen, aber Lan Tschu war draußen auf der Steintreppe sitzen geblieben, immer noch von seinem >großen Geheimnis< schwatzend, und der Kawaß war dadurch stutzig geworden, daß jener noch nicht ging,
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auch als ihm schon einige begüterte Landsleute, die aus dem Konsulat gekommen waren, Geld gegeben hatten.
»Jetzt schickt dir, o glanzvoller Stern des himmlischen Reiches, Lan Tschu diesen Brief.«
Mit diesen Worten wollte der Kawaß seinem Herrn das Bündel überreichen, einen zusammengeknoteten Fetzen Zeug von entsetzlicher Schmutzigkeit, im Rinnstein aufgelesen.
Aber der Herr Konsul wollte den sonderbaren Brief nicht annehmen.
»Was ist da drin?«
»Lan Tschu hat einen geschriebenen Zettel hineingelegt.«
Also das Bündel war nur das Kuvert.
»Knüpfe es auf!«
Der Kawaß tat es. Wirklich, der abgerissene, ehemals weiße Rand einer Zeitung kam zum Vorschein, auf diesen Zettel waren mittels Schlamm und der Fingerspitze Worte geschrieben. Der Konsul nahm das Papier mit einer Schere und las.
In deutscher Uebersetzung lauteten die Worte:
Der Konsul wurde plötzlich von einer Aufregung befallen, welche eines echten Chinesen eigentlich ganz unwürdig ist. Hastig begab er sich in sein Privatkontor, jetzt den schmutzigen Wisch gleich zwischen den Fingern mitnehmend.
Ja, er wußte, was hiermit gemeint war, er kannte den ganzen Fall.
Zehn Jahre war es nun schon her. Da war es den Juwelenhändlern und anderen daran Interessierten aufgefallen, daß in Hangtscheu, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, außergewöhnlich viel echte Perlen auf den Markt kamen, von einer Größe und Schönheit,
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wie die chinesischen Gewässer sie nicht liefern, und dabei auch noch zu einem ungewöhnlich billigen Preise.
Man forschte weiter und fand schließlich als letzte Quelle, von der all diese Perlen ausgingen, einen Chinesen Namens Tsin Hei, ein Mann aus der verachteten Kaste der Gaukler, der aber einst in hohen Ehren gestanden hatte, denn er war vor vielen Jahren der unübertreffliche Hofgaukler des Kaisers gewesen.
Jetzt war das Rätsel gelöst, und die ganze Provinz Hangtscheu wurde von einer Art Fieber ergriffen, das sich bis an den Hof von Peking erstreckte.
Dieser alte Gaukler hatte schon immer, ehe er am Hofe in Ungnade gefallen war und einen Kopf kürzer gemacht werden sollte, welcher unangenehmen Prozedur er aber durch Flucht aus dem Wege ging, sich mit Experimenten beschäftigt, echte Perlen auf künstliche Weise herzustellen, die Seemuscheln zu zwingen, Perlen zu liefern.
Das geht nämlich. Besonders die Chinesen haben es hierin weit gebracht. Sie setzen in die geeignete Muschel, wenn sie sich geöffnet hat, einen scharfen Gegenstand, etwa ein Quarzkörnchen, ein, welches die Schleimhaut der Muschel reizt, diese hüllt das unangenehme Objekt mit Schleim ein, und nach längerer oder kürzerer Zeit ist die Perle fertig.
Aber das liest sich viel leichter auf dem Papiere, als es in Wirklichkeit auszuführen ist. Man soll's nur einmal probieren. Das ist geradeso wie mit der Austernzucht. Mit dieser sind auch schon ungezählte Vermögen verpulvert worden.
Allerdings, es geht, aber vor allen Dingen scheint chinesische Geduld dazu zu gehören, und eine Perle, welche wie ein milcherner Tautropfen über die Handfläche rollt, wird es auch niemals. Eine solche Perle auf künstliche Weise zu erzeugen, das ist bis heute noch nicht gelungen. Wir wissen ja überhaupt noch gar nicht, wie die Muschel die Perle eigentlich bildet. Ein die Schleimhaut reizender Kern scheint gar nicht nötig zu sein, denn die meisten
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Perlen sind massiv und enthalten auch keinen mikroskopisch wahrnehmbaren Kern, auch kein Infusor, wie oft behauptet worden ist. Die Chinesen treiben denn auch mit diesen künstlich erzeugten Perlen mehr einen religiösen Hokuspokus; hauptsächlich bringen sie in die Muscheln winzige Figürchen aus Zinn, welche buddhistische Götzen darstellen, diese lassen sie mit Schleim umhüllen, das sind dann zauberkräftige Talismane, aber als Schmuck haben sie gar keinen Wert.
Doch was noch nicht gelungen ist, kann noch geschehen, und dem alten Gaukler, der schon ein Menschenalter an dem Problem experimentiert hatte, schien die Lösung endlich geglückt zu sein.
Der Taotai von Hangtscheu ließ ihn sofort festnehmen und einsperren. Tsin Hei war nicht allein gewesen, er hatte einen Kompagnon bei sich gehabt, seltsamerweise einen jungen, blondhaarigen Europäer. Der wurde natürlich ebenfalls in den Kerker geworfen, und beim hochnotpeinlichen Verhör zeigte es sich denn auch, daß man ganz recht gehabt hatte, ihn nicht laufen zu lassen.
Nach chinesischer Sitte hatten die beiden, wenn sie ihr Geheimnis nicht gestanden, welches selbstverständlich gleich ein kaiserliches Monopol geworden wäre, die Folter zu erwarten. Aber so weit ließen es die beiden nicht kommen, sie gestanden sofort, daß sie tatsächlich künstliche Perlen erzeugen könnten. Also auch der junge Europäer war in das Geheimnis eingeweiht.
Sie konnten die echten Perlmuscheln zwar zwingen, >gefrorene Tautropfen< zu erzeugen, doch sonst mußte dies auf ganz natürliche Weise vor sich gehen, und zwar erforderte dies eine lange, lange Zeit, wie lange, das könne man gar nicht voraussagen, das hinge ganz von den Verhältnissen ab. Zu der großen Anzahl Perlen, die sie nach und nach verkauft, und wie man solche auch noch bei ihnen vorfand, prachtvolle Exemplare, von echten gar nicht zu unterscheiden, hätten sie drei Jahre
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gebraucht, sie hätten sie auf einer einsamen Insel erzeugt, von wo sie aber durch Seeräuber vertrieben worden wären.
Es handelte sich also nicht um eine chemische Herstellung von echten Perlen, sondern um eine künstliche Zucht von ertragsreichen Perlmuscheln, und das war schon ungeheuer viel wert. Wenn man bedenkt, wie begehrt im ganzen Orient die Perlen sind, welche Summen jährlich für sie ausgegeben werden, so konnte dieses Monopol dem chinesischen Reiche eine ganz andere finanzielle Lage geben.
Die Sache wurde nach Peking berichtet; ein kaiserlicher Befehl schützte das Leben der beiden - - gut, sie sollten haben, was sie wünschten, wenn sie nur echte Perlen lieferten.
So, wie es die beiden wollten, ging es nun freilich nicht. Sie hatten verlangt, auf einer einsamen Insel ihr Laboratorium einzurichten. Daraus wurde nichts, denn daß die beiden die erste Gelegenheit zur Flucht ergriffen, das war doch ganz klar. Aber eine Insel erhielten sie doch, nur eine solche in der Bucht von Hangtscheu, ganz nahe am Land, auf ihr befand sich ein starkes Fort, und in dieses wurden die beiden unter schärfster Bewachung eingesperrt. Sonst erhielten sie alles, was sie forderten. Zur Zucht der Perlmuscheln brauchten sie doch immer frisches Meerwasser, sie mußten es nach Belieben in besondere Bassins ab- und zuleiten können - und ein Jahr allein verging schon damit, um in die Felsen Bassins, Schleusen und dergleichen zu meißeln, wozu ihnen so viel Menschenhände zur Verfügung standen, wie sie nur wünschten.
Kurz, nicht weniger als 8 Jahre wußten die beiden die Sache hinzuhalten, immer wieder neue Entschuldigungen für die Resultatlosigkeit ihrer Experimente zu finden und ihren schatzgierigen Wächtern dennoch immer wieder neue Hoffnung auf ein endliches Gelingen zu machen. Daran ist gar nichts Unglaubliches. Wenn man bedenkt, daß im 18. Jahrhundert der Goldmacher Böttger den Kurfürsten
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von Sachsen 5 Jahre lang an der Nase herumführte, so darf man wohl glauben, daß im 19. Jahrhundert so ein raffinierter Gaukler, der am Hofe gewesen ist und alle Schliche kennt, einen chinesischen Statthalter 8 Jahre an der Nase herumführen kann. Denn in China kam noch religiöser Humbug in Betracht, von dem das Gelingen der künstlichen Perlenzucht abhängig war, die heiligen Drachenfeste, die Stellung der Gestirne usw.!
Es war aber wirklich etwas dabei, was die Hoffnung des Statthalters und des kaiserlichen Hofes immer wieder nährte.
Die Perlen wollten in den Bassins nicht >wachsen<. Wenn aber den chinesischen Herren endlich die Geduld ausging, wenn den beiden schon das Messer an der Kehle oder das Henkersschwert im Genick saß, dann untersuchten sie jedesmal die in den Bassins befindlichen Muscheln genau, und ... wahrhaftig, da wurde jedesmal mindestens eine Muschel gefunden, welche eine prachtvolle, außergewöhnlich große Perle enthielt. Die ging dann immer an den kaiserlichen Hof, und dann war alles wieder gut; man ließ die beiden weiter experimentieren, man mußte sich eben in Geduld fassen.
Der geneigte Leser wird sofort auf den Verdacht kommen, daß die beiden noch von früherher echte Perlen bei sich hatten und, wenn es ihr Leben zu retten galt, immer eine solche in eine Muschel einschmuggelten. Aber so schlau, um auf diesen Verdacht zu kommen, sind die Chinesen auch. Die Gefangenen waren gleich im Anfang einer gründlichen Untersuchung im Adamskostüm unterworfen worden, mit Brech- und Laxiermitteln hatte man auch ihren inneren Menschen umgekehrt, und nichts war bei ihnen gefunden worden.
Nein, man mußte ihnen Glauben schenken, man mußte warten.
Da, nach 8 Jahren starb Tsin Hei plötzlich an Altersschwäche, und der >weiße Teufel<, sein Gefährte - jeder Europäer ist in China ein >weißer Teufel<, und
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einen anderen Namen hatte des Gauklers junger Leidensgefährte, dem aber die Gefangenschaft recht gut bekam, niemals erhalten - stand abermals in Gefahr, sein Leben durch Henkershand zu verlieren. Denn war der eine tot, mochte auch der andere draufgehen, man hatte die langweilige Geschichte endlich satt bekommen.
Aber der schlaue >weiße Teufel< wußte wiederum sein Leben zu retten, sich wenigstens eine Gnadenfrist auszuwirken.
Der alte Gaukler habe ihn gezwungen, das Geheimnis zu wahren, die Wächter immer zu täuschen, sonst wäre es ihm ans Leben gegangen. Jetzt sei der Mann, vor dem er sich so gefürchtet habe, tot - und wenn er nicht innerhalb von vier Wochen echte Perlen in Hülle und Fülle liefere, so wolle er seinen Kopf verwirkt haben.
Gut, diese vier Wochen Frist konnte man dem >weißen Teufel< noch gewähren.
Es vergingen nur drei Wochen, da ... fanden die Wächter den weißen Vogel eines Morgens ausgeflogen. Staunend betrachteten die Chinesen die kolossale Arbeit, welche der Flüchtling, jetzt offen vor ihren Augen, hinterlassen hatte. Einen Tunnel von etwa 40 Meter Länge hatte er durch den massiven Felsen gemeißelt, bis er das offene Meer erreicht, in welches hinab er noch einen Todessprung hatte ausführen müssen. Diesen Fluchtweg hatte er sich natürlich nicht in den letzten drei Wochen gebahnt, daran hatten die beiden die ganzen acht Jahre gearbeitet; der alte Gaukler war nur kurz vor der Vollendung gestorben.
Jetzt erfuhr man auch, wie es kam, daß sich die von ihnen gepflegten Muscheln in den Bassins so zusehends vermehrt hatten. Dem war gar nicht so. Die Arbeitenden hatten das herausgemeißelte Gestein immer in die Bassins geworfen und die vorher abgenommenen Muscheln wieder daraufgelegt.
Die chinesischen Wächter hatten nicht lange Zeit, zu staunen und zu grübeln, sie mußten sämtlich den Weg
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zur Richtstätte gehen, und der erste, dem der Kopf von den Schultern geschlagen wurde, war der Taotai von Hangtscheu.
Doch diese Strafe brachte den Flüchtling nicht wieder. Uebrigens glaubte man nicht, daß er den Todessprung vom himmelhohen Felsen ins Meer hinab überstanden hatte, er mußte auf den Klippen zerschellt sein, wenn man seine Leiche auch nicht fand. - -
Dies alles war also dem chinesischen Konsul bekannt.
Und jetzt wollte jemand behaupten, daß jener Flüchtling noch am Leben sei, wollte seinen Aufenthalt kennen.
Der ausgemergelte Kerl, der sich das Geld für ein paar Pfeifen Opium verdienen wollte, wurde vorgeführt.
Ja, er, Lan Tschu, sei dabeigewesen, wie damals in der Provinz Hangtscheu der alte Gaukler und sein weißer Gefährte festgenommen wurden, und zehn Jahre später habe er, wie er im Atlantic-Garden als Fensterputzer angestellt war, den letzteren wiedergesehen.
Der weiße Teufel führe jetzt den Namen Nobody. -
»Und du weißt das ganz genau, Lan Tschu?« fragte der Konsul.
Lau Tschu versicherte es mit pompösen Redensarten.
»Und du denkst, das ist mir nicht schon längst bekannt?«
Ach, dieses enttäuschte Gesicht des armen Schluckers! Doch der chinesische Konsul war ein großmütiger Mann. Er hatte schon vorher aus einer Schublade seines Schreibtisches etwas Großes, Glänzendes genommen - Lan Tschu hatte es wohl beobachtet - und es aus irgend einem Grunde in Papier gewickelt.
»Da dein Lohn! Kaufe dir Opium dafür!«
Mit diesen Worten warf der Konsul das schwere Papier etwas hinter den Mann. Dieser drehte sich schnell um, bückte sich - ebenso schnell hatte der Konsul von seinem Schreibtisch einen großen, weit ausgespannten Zirkel genommen, und wie Lan Tschu noch so gebückt
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dastand, setzte ihm der Konsul die spitzen Enden des Zirkels mit ziemlichem Nachdruck auf sein Hinterteil.
Ein Schrei, und wie ein Blitz war der Gestochene zur Tür hinaus.
Draußen stand der dicke Kawaß.
»Hat er dich auch ... ?« fragte dieser, aber gar nicht schadenfroh, sondern in einem recht kläglichen Tone, und dabei hatte er, ebenso wie der andere, die Hände schützend auf sein Hinterteil gelegt.
Der wußte aus eigener Erfahrung wozu der >Stern des himmlischen Reiches< immer den ausgespannten Zirkel handbereit liegen hatte.
Doch Lau Tschu hatte ja den goldenen Lohn im Papier, er wickelte dieses auf und ... fand einen großen Hosenknopf aus Messing. - -
Wir versetzen uns wieder nach London zurück an Bord der >Wetterhexe<.
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Es war Abend. Kapitän Flederwisch saß rauchend in seiner Kajüte und machte sich Sorge über das Ausbleiben seines Freundes, der nun schon seit sechs Tagen nichts mehr von sich hatte hören lassen, als hastig die Schiebetür aufging und ein fremder Herr eintrat.
»Was macht Keigo Kiyotaki?« war die erste Frage des Fremden.
Mehr noch als aus dieser Frage merkte Flederwisch, daß er nur Nobody vor sich haben könnte, daraus, weil ein Fremder von den Matrosen überhaupt nicht an Bord gelassen worden wäre, ohne daß man den Kapitän vorher benachrichtigt hätte.
Flederwisch war freudig von seinem Sitze aufgeschnellt.
»Hallo, Master, das nenne ich eine Ueberraschung! Ich war wirklich schon besorgt um Sie ...«
»Lassen wir das jetzt, ich erzähle Ihnen dann alles,« fiel ihm Nobody schnell ins Wort. »Ich habe es nicht umsonst so eilig mit meiner Frage: was macht Keigo Kiyotaki?«
»Er ist an Bord und befindet sich wohlauf.«
»Ist während meiner Abwesenheit ein fremder Japaner an Bord gewesen und hat Sie sprechen wollen?«
»Kein einziger.«
»Haben Sie keinen Brief wegen Keigos empfangen?«
»Nein. Wie wäre denn das möglich?« stutzte der Kapitän. »Sollte es denn bekannt geworden sein, daß er ...«
»Es könnte doch sein, daß er einmal an Deck gesehen worden ist oder nur sein Gesicht an einem Fenster. Kurzum, in London lebende Japaner haben eine Witterung von der >Wetterhexe< bekommen. Eben jetzt, als ich mich in der Dunkelheit der Jacht näherte, sah ich zwei Männer auf dem Quai stehen, ich konnte mich unbemerkt ziemlich nahe an sie heranschleichen, sie flüsterten japanisch zusammen, waren im Zweifel, ob beide an Bord gehen
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sollten oder nur einer. Was können sie anders wollen als ... da kommen sie schon!«
Ein Matrose trat ein und meldete, ein Herr wünsche den Kapitän der >Wetterhexe< zu sprechen.
»Es ist ein Japaner, aber er spricht ganz gut Englisch.«
»Sage dem Herrn im Namen des Kapitäns, er möchte einen Augenblick warten,« entschied Nobody, wandte sich schnell wieder an Flederwisch und erteilte ihm einige Instruktionen, so daß dieser den Japaner ebensogut empfangen konnte, wie Nobody selbst.
Als der Erwartete eintrat, sah er sich in der Kajüte nur dem Kapitän gegenüber.
Es war ein kleiner Mann mit ältlichen Gesichtszügen. Man kann jedem Japaner ansehen, zu welcher Kaste er gehört. Die eigentliche Kraft des Volkes bildet die 7. Kaste, das sind die kleinen Kaufleute und die Handwerker, und noch mehr die 8. und letzte Kaste, die Schiffer, Fischer und Bauern, und hier kann man wirklich von der Kraft des Volkes reden, denn die Männer dieser beiden Kasten, zwar auch klein von Gestalt, zeichnen sich durchweg durch eine kolossale Muskulatur aus.
Kapitän Flederwisch wußte hiervon genug, um schon aus dem dicken, von Adern und Sehnen starrenden Halse, auf dem das magere Gesicht mit den schwarzen, glühenden Augen saß, zu erkennen, mit wem er es zu tun hatte, und ferner sagte ihm jede Bewegung, daß er einen Seemann vor sich habe, also einen Vertreter der letzten Kaste. Deswegen aber konnte das vielleicht ein schwerreicher Schiffsreeder sein, den nur seine Geburt verhinderte, zur vornehmen Kaste der Großkaufleute zu gehören. Er war denn auch wie ein Gentleman gekleidet und benahm sich wie ein solcher, und dann kam noch etwas hinzu, was einem Manne steht: ein selbstbewußtes Auftreten, erzeugt durch das Vertrauen auf seine Kraft und Kühnheit.
»Jeriko ist mein Name,« begann der Japaner ohne
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Umschweife, die kleinen, funkelnden Augen fest auf den jungen Hünen gerichtet.
»Sehr angenehm! Kapitän Flederwisch, Besitzer dieser Jacht. Womit kann ich Ihnen dienen? Bitte, wollen Sie Platz nehmen.«
»Ich ziehe vor, stehen zu bleiben.«
Oho!! Daher auch die so feindselig funkelnden Augen! Nun, dem Kapitän Flederwisch gefiel ein solch offenes Auftreten, da weiß man doch gleich, woran man ist. Er richtete seine hohe Gestalt noch etwas höher auf und drehte lächelnd seinen Schnurrbart.
»Sie scheinen mich ja in recht feindlicher Stimmung zu besuchen.«
»Nicht in feindlicher Stimmung, aber in kampfbereiter, und ich setze mich nicht eher, als bis wir einen gütlichen Frieden geschlossen haben!«
»So befänden wir beide uns bereits im Kriege?«
»Allerdings.«
»Nicht daß ich wüßte. Was wollen Sie eigentlich von mir, Mr. Jeriko?«
»An Bord Ihrer Jacht befindet sich ein Japaner Namens Keigo Kiyotaki.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich weiß es. Er ist an Deck gesehen worden.«
»Ja, das stimmt, er befindet sich bei mir. Nun, und?«
»Ich bitte Sie, mir diesen Mann auszuliefern.«
»Wozu?«
»Damit er bestraft wird.«
»