Die Wintersaison von Monte Carlo näherte sich ihrem Ende. Auf der Terrasse hinter dem Kasino fand Konzert statt, welches man schon als ein Abschiedskonzert betrachten konnte. Denn morgen ging der erste Nord-Expreßzug ab, für den sämtliche Plätze bereits belegt waren. Dann noch einige Wochen, und das Paradies der Spieler und der internationalen Lebewelt würde öde und verlassen sein, den langen Sommerschlaf halten, um erst im Spätherbst zn neuem Leben zu erwachen.
Dumpf hallte ein Kanonenschuß. Er konnte nur von der Seeseite herkommen, alle Augen richteten sich dorthin. Allein, außer einigen Segelbooten war nichts zu sehen.
Noch ein Kanonenschuß, und nun entdeckte man am Horizont neue Segel. Krimstecher und Taschenfernrohre wurden hervorgeholt, die Damen brachten die Lorgnetten vor die Augen.
»Eine Jacht!!«
Jetzt wurde es interessant, die ganze Terrasse kam in Aufregung.
Die meisten der bekannten Jachten, welche im Winter regelmäßig in der Bucht von Monaco vor Anker gehen, weil sich ihre Besitzer in Monte Carlo alljährlich ein Rendezvous geben, waren bereits heimwärts gedampft oder gesegelt.
In der Bucht, welche von der Landzunge, auf der das Kasino steht, und dem Felsen von Monaco mit Schloß und Kathedrale gebildet wird, schaukelten nur noch vier Dampfjachten: die von Vanderbilt, die von dem nicht minder bekannten amerikanischen Krösus Carnegie, die von Mr. Hobwell, dem Herausgeber von amerikanischen und englischen Zeitungen, und schließlich die von Lord Hannibal Roger, dem der vierte Teil des Grund und Bodens gehört, auf welchem London steht.
Diese vier wollten morgen auf Verabredung gleichzeitig in See stechen, um sich zurück ins Geschäft zu begeben - oder auch zu einem neuen Vergnügen, das sie vielleicht in einem anderen Weltteil suchten.
Jetzt wurde das Fahrzeug auch für das bloße Auge sichtbar. Die drei himmelhohen Masten, die sich unter der Last der schneeweißen Segel wie die Reitgerten bogen, der schlanke, elegante Bau des ganzen Schiffes - gewiß, es konnte nur eine Jacht sein.
Die Aufregung wuchs immer mehr, die Fragen schwirrten, und das war begreiflich. Die Ankunft einer Jacht ist in Monte Carlo überhaupt stets ein großes Ereignis. Man denke sich eine kleine Stadt, ein Separatzug mit eigenen Waggons wird gemeldet - diese Erwartung, wer da drin sitzen mag! Und solch eine Jacht ist noch ein ganz anderes Ding, ihr Kommen kann auch nicht so ohne Weiteres gemeldet werden. Nun waren dieser Lebewelt sämtliche Jachten und ihre Besitzer bekannt, und wer war am Ende der Saison noch in Monte Carlo zu erwarten? Man fand absolut keine Vermutung. Es konnte auch der Zar, der Sultan sein!
»Sie zeigt Flaggen!«
Da krachte es zweimal auf der Felsenfestung von Monaco, daß die Konzertmusik gleich vor Schreck verstummte. Die Jacht hatte durch Schüsse auf sich aufmerksam gemacht, auf der Seewarte konnten die Flaggensignale schon gelesen werden, wahrscheinlich bat die Jacht, in den Hafen laufen zu dürfen, die beiden Antwortschüsse gaben im Namen des Fürsten die Erlaubnis.
»Sie refft die Segel - sie dampft!«
»Ich kann ja gar keinen Schornstein sehen!«
»Sie hat auch wirklich keinen Schornstein, und doch fährt sie jetzt ohne Segel.«
»Dann hat sie eben einen Petroleummotor.«
Automobile gab es damals noch nicht, wohl aber schon Petroleummotore, bei einer großen Jacht statt der Kohlenheizung freilich ein kostspieliges Vergnügen.
Und wie dampfte diese Jacht! Wie ein Pfeil schoß sie heran - die Kundigen schätzten die Fahrt auf mindestens 20 Knoten - und dabei hatte das Fahrzeug für eine Jacht ganz gewaltige Dimensionen, sie mußte einen riesigen Motor im Bauche haben - und da war sie schon mitten in der Bucht, hinten schäumte es, die Schraube drehte rückwärts, augenblicklich stand die Jacht, die Ankerketten rasselten herab, gleichzeitig donnerten an Bord aus Feuerschlünden die sechs vorschriftsmäßigen Salutschüsse als Ehrenbezeugung für den Herrn dieses Landes, wenn auch der Fürst von Monaco zur Zeit abwesend war.
»Bravo! Bravo!« jubelte der sonst sehr phlegmatische Lord Hannibal Roger, denn in ihm war der Sportsmann erwacht. »Meine Herren, da können unsere Jachten nicht mit. Aber wer mag das nur sein?«
Niemand dachte daran, gleich jetzt an den Hafen hinabzugehen, es ist ein abschüssiger, ziemlich weiter Weg, und die Aufklärung mußte ja doch bald kommen.
»H-e-l-i-o-t-r-o-p,« buchstabierte ein Seemann, der die Flaggen im Kopfe hatte.
»Die Heliotrop!!« rief da der junge Lord in hellem Staunen. »Die kenne ich ja schon gut! Was? Kommt der alte Schrullenkerl auch nach hier? Dann soll es mich gar nicht wundern, wenn der auch in Monte Carlo wieder seinen Hiran Singh sucht.«
Der Sprecher wurde mit Fragen bestürmt, und das um so mehr, weil kein einziger schon von einer Jacht namens Heliotrop gehört hatte, und dann war auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß Lord Hannibal plötzlich von allen Seiten von eleganten Herren und vielleicht noch mehr von juwelenblitzenden und fächerklappernden Damen umringt wurde.
Lord Hannibal Roger, welcher selbst nicht wußte, was er aus seinen Londoner Häusern für ein Einkommen bezog - solche Kleinigkeiten überließ er seinen Sekretären, er hatte überhaupt den ganzen Schwamm verpachtet - war im Gegensatz zu den anderen Milliardären, die alljährlich in Monte Carlo zusammentreffen, ein noch sehr junger Mann, noch nicht dreißig. Um seinen Charakter zu kennzeichnen, genügt eine Andeutung: Wenn er hier in Monte Carlo war, wo alle Welt dem Vergnügen nachjagt und den wildesten Leidenschaften frönt, lutschte Lord Hannibal den ganzen Tag an seiner Zigarre und gähnte dazwischen; spielen tat er nie, er war viel zu faul, deshalb die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Dann setzte er sich auf seine Jacht, fuhr nach Indien und schoß Tiger. In Indien erzählte ihm jemand von der Eisbärenjagd, wie die so ganz anders ist - rutsch, nach dem Nordpol gejagt und dort auf Eisbären gepürscht, um vier Wochen später wieder in Afrika Elefanten zu schießen. Und dann saß er wieder in Monte Carlo, lutschte an seiner Zigarre, gähnte und langweilte sich schrecklich, und wenn sich ihm einmal so eine schöne, diamantschimmernde Dame näherte, die schnauzte er an. Früher mochte das anders gewesen sein, denn umsonst hatte sich das Haar an den Schläfen des Lords nicht schon so stark gelichtet. Der junge Mann hatte sich eben bereits ausgelebt.
Bekanntlich übt nun gerade solch ein Charakter eine besondere Anziehungskraft aus, am allermeisten auf die Damen, und wenn sich Lord Hannibal nun einmal mitteilsam zeigte, so war das in Monte Carlo ein Ereignis, diese Gelegenheit mußte ausgenützt werden, und so wurde er von allen Seiten umdrängt.
Und Lord Hannibal täuschte die Hoffnung nicht, er blieb mitteilsam, er erzählte sogar mit lauter Stimme, daß ihn alle hören konnten.
»Das erstemal begegnete ich dem kuriosen Kauz vor drei Jahren. Ich liege mit meiner Jacht in Colombo, dem Haupthafen von Ceylon, logiere aber im Hotel. Eines Morgens stehe ich im Torweg, da kommt ein uniformierter Matrose angelaufen, ein ganz kurioses Kerlchen, mit fürchterlichen X-Beinen, mit einem stattlichen Schmerbauch und auf der Nase eine mächtige Hornbrille. Na, kurz und gut, ein Monstrum von einem Matrosen, wie ich einen solchen in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. - >Ist der Hiran Singh hier?< schreit der den Portier gleich an. >Sagt nicht nein - gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!< - Der Portier weiß natürlich gar nicht, was er davon denken soll. Endlich kommt es heraus, daß in Colombo eine Jacht eingetroffen ist, die Heliotrop, ihr Kapitän und Besitzer erwartet hier in diesem Hotel einen Indier namens Hiran Singh, wohl sogar Doktor, in Hyderabad Professor der unentdeckten Wissenschaften. Nein, der war nicht hier. Der kleine x-beinige Fettwanst schimpft darob wie ein Rohrsperling und rückt wieder ab. Ich segelte noch an demselben Tage ab, sah aber vorher zufällig noch einmal den Kapitän der Heliotrop, einen uralten Mann mit wachsgelbem Gesicht, krüppelig und gebrechlich und schwindsüchtig, ich konnte ihn mir unmöglich als Kapitän auf der Kommandobrücke vorstellen.
Na, ich reise ab, kutschiere nach England. Vor einem Jahre mache ich einen Abstecher nach der Ostküste von Südamerika. In Buenos Aires muß meine Jacht in Dock gehen, ich steige in einem Hotel ab. Wie ich es am anderen Morgen verlasse, sehe ich einen wunderlichen Knirps in einem Matrosenkostüm gelaufen kommen - Herrgott, denke ich, wo hast du denn nur schon diese X-Beine mit dem Fettwanst und diese Hornbrille gesehen - und wie ich noch so grübele, da ... >Ist der Hiran Singh hier?< schreit er den Portier an. >Sagt nicht nein - gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!< - Ich denke doch, der Schlag soll mich treffen. Meine Herrschaften, bedenken Sie nur - nach zwei Jahren, auf der anderen Hälfte der Erdkugel - ganz genau dieselbe Geschichte!« Alles lachte und wunderte sich über diesen Zufall.
»Ja, wer ist denn nun aber dieser Kapitän von der Heliotrop?«
»Einen Augenblick. - Jetzt fing ich natürlich auch an mich zu interessieren. Richtig, über Nacht war in Buenos Aires die Heliotrop angekommen, und diese Wiederbegegnung brauchte gar kein so großer Zufall zu sein, ich brauchte nur anzunehmen, daß der alte Kerl fortwährend in der Welt herumsegelte, um seinen Hiran Singh zu suchen. Wozu er den indischen Professor suchte? Das hahe ich nie erfahren können, seine Leute waren stumm wie die Fische. Und der alte Kapitän selbst? Den soll einmal jemand anzusprechen wagen! Habe ich mich geärgert über diesen schwindsüchtigen Krüppel! Er logierte nämlich dann in meinem Hotel, und das war Tag und Nacht ein Husten und ein Schimpfen mit den Kellnern - und ein Weinen und Fluchen und Jammern nach dem wieder nicht kommenden Hiran Singh - der Alte hat oben einen Spleen im Kopfe, und zwar keinen kleinen. - Ich bekam einmal einen Blick durch ein Fensterchen ins Innere seiner Jacht - alles pompös, großartig!! Es war noch dieselbe Heliotrop; aber in Colombo hatte sie noch Kesselfeuerung gehabt, jetzt war sie mit Petroleummotor eingerichtet. - Und, apropos,« wandte sich der Lord an Mr. Carnegie, »Sie interessieren sich doch für so etwas - einen Ring hatte der Alte am Finger - einen grünen Diamanten - so einen haben Sie nicht in Ihrer Sammlung. Ein grünes Feuermeer! Einfach unschätzbar!«
»Ja, wie heißt aber nun der Mann? Wer ist es?« erklang es.
Lord Hannibal begann wieder in sein altes Phlegma zurückzusinken.
»Weiß ich's?« meinte er achselzuckend. »Wie gesagt, ich konnte absolut nichts erfahren. Die Jacht hieß Heliotrop, und das dort ist dieselbe.«
»Die Jacht mußte auf dem Seemannsamt doch angemeldet werden.«
»Ist in Argentinien nicht nötig bei einer Privat-Jacht.«
»Gab er im Hotel nicht seinen Namen an?«
»Nein. Hatte er noch weniger nötig.«
Nun, hier würde man alles erfahren. Hier in Monaco, mußte er seine Jacht und sich selbst polizeilich anmelden.
Es wurde dunkel und kühl, man begab sich zum Tee in sein Hotel oder gleich direkt in die Spielsäle.
Es war sieben Uhr geworden, unaufhörlich rollten die Equipagen vor das Kasino, Mengen strömten ein und aus, manchmal setzte sich ein Herauskommender tiefsinnig auf eine Bank der Gartenanlagen, die schon im Februar im herrlichsten Blumenschmuck prangten - sein Tiefsinn ist leicht erklärlich -, als um die Ecke der Avenue de Monte Carlo ein Mensch bog und auf das Hotel de Paris zustrebte, welches dem Kasino am nächsten liegt.
Das Kerlchen mußte jedem sofort auffallen. Wenn er im Grunde genommen nicht sehr klein war, so wurde er doch durch die ganz außerordentlich nach innen geschweiften Beine dazu gemacht, der stattliche Schmerbauch ließ ihn noch kleiner erscheinen, und nun kam als Merkwürdigkeit noch hinzu, daß er auf der Nase eine gewaltige Hornbrille balancierte. Das Seltsame der ganzen Erscheinung lag aber darin, daß er einen Matrosenanzug mit bewimpelter Mütze trug, auf dessen Band der Name seines Schiffes mit Gold eingestickt war - Heliotrop -, während die ebenfalls goldenen Knöpfe eine erhabene Sonnenblume zeigten.
Ein Matrose mit solch einem Bauche, eine Brille auf der Nase - nein, das kann man sich so wenig vorstellen wie einen Schornsteinfeger mit einem weißen Strohhut, und wie der mit diesen X-Beinen die Wanten hinaufkam, das war auch ein Rätsel. Er mußte noch jung sein, hatte aber ein recht bärbeißiges Gesicht, das etwas an die Züge einer Bulldogge erinnerte.
In der erhöhten Glasveranda, welche den Eingang zum Hotel de Paris bildet, standen der Portier und nicht weniger als sechs unbeschäftigte Kellner. Im Hintergrunde hielten sich Lord Roger, der englische Zeitungsonkel und die beiden amerikanischen Yankee-Milliardäre, welche zusammen gespeist hatten.
»Da - da - da,« sagte Lord Hannibal, »da kommt wahrhaftig das kleine X-Bein wieder! Nun bin ich bloß begierig, ob der nicht gleich wieder vom Hiran Singh anfängt.«
Der dicke Matrose steuerte direkt auf den Portier los.
»Ist Hiran Singh hier? Sagt nicht nein - gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!« Also fuhr der krummbeinige Wicht den goldlivrierten Portier in barschem Tone an.
»Na, da haben Sie es,« flüsterte Lord Hannibal seinen Begleitern zu, »gerade wie vor drei Jahren in Colombo und dann in Buenos Aires, über Raum und Zeit erhaben! Und natürlich gerade wieder in dem Hotel, in dem auch ich abgestiegen bin!«
Der so angefahrene Portier machte zunächst nur den Mund vor Staunen auf. Aber die Ankunft seiner Jacht mit dem Namen Heliotrop war ihm natürlich bekannt, hier las er ihn an der Mütze des Matrosen, ja, er wußte auch noch etwas mehr, die Erzählung des Lords hatte schon durch ganz Monaco die Runde gemacht.
»Der indische Professor?« fragte er also.
»Jawohl, er ist hier?« rief der dicke Matrose erfreut.
»Nein.«
»Was, er ist nicht hier?!«
»Nein, in ganz Monaco nicht, sonst stände der Name schon in der am Abend herausgekommenen Fremdenliste.«
»Na, dann gnade Euch Gott,« schnob der x-beinige Bullenbeißer mit der Hornbrille den Portier wieder grimmig an, »dann werdet Ihr meinen Kapitän noch kennen lernen, der haut gleich alles kaput, wenn er kommt und Hiran Singh ist nicht hier. - Also,« fuhr er ruhiger fort, aber immer noch barsch und herrisch genug, »für den Herrn Kapitän der Heliotrop einen großen Salon, ein Schlafzimmer mit Badekabinett, ein Rauchzimmer - alles in der dritten Etage mit Aussicht nach dem Meere - und daran angrenzend zwei Zimmer für die Stewards, die er sich selbst mitbringt. Das allernächste Zimmer an der Schlafstube des Kapitäns ist für mich allein, nur mit einem Bett - fein, nobel, separiert, ungeniert - das ist für mich - ich bin nämlich die Ordonnanz von der Heliotrop!«
Und das kleine X-Bein reckte den Bauch noch weiter heraus und machte eine Handbewegung, welche in Worte übersetzt gelautet hätte: Herr, was bin ich, und was kann aus mir noch alles werden!!
Die sechs in einer Reihe stehenden Kellner hatten schon immer über das possierliche Kerlchen gelächelt, jetzt wurde ihr Kichern sogar hörbar.
Da aber stand der kleine Wicht mit einem einzigen Schritte plötzlich dicht vor ihnen, und jetzt war er ein ganz anderer.
»Worüber habt ihr Tellerschwenker denn so dreckig zu lachen?!«
Er hatte es im Gegensatz zu seiner sonstigen Ausdrucksweise sehr ruhig gefragt - aber in einem Tone, mit einem Blicke, dieses plötzliche Vortreten - das alles machte, daß das Lächeln augenblicklich nicht nur erstarb, sondern daß alle sechs befrackten Geister gleich spurlos verschwanden.
»Nun, wie ist's?« wandte sich jener wieder an den Portier. »Der Kapitän wird gleich kommen, und der kann keine Minute warten!«
»Bedaure, wir haben gar keine Zimmer frei, alles ist besetzt,« erklärte der Portier, aber man sah es ihm gleich an, daß er es nicht bedauerte, sondern sich darüber freute, diese Gäste, von deren Grobheit er schon etwas gehört und nun schon selbst eine Probe zu kosten bekommen hatte, nicht aufnehmen zu brauchen.
»Was, Ihr habt keine Zimmer mehr frei?! Na, aber da könnt Ihr meinen Kapitän kennen lernen! Das ist uns überhaupt ganz egal, da muß einfach ...«
»Der Herr kann meine Zimmerflucht bekommen,« ließ sich da der alte Vanderbilt vernehmen, »ich gehe sowieso schon heute abend an Bord.«
Jetzt gab es keine Ausrede mehr, ein Fremder, der mit seiner eigenen Jacht nach Monte Carlo kam, mußte unter allen Umständen von jedem Hotel aufgenommen werden, diese Hotels sind ja ganz von dem Kasino abhängig - und jetzt flogen die Zimmerkellner und Stubenmädchen.
Die Herren verließen die Veranda, um nach dem Souper etwas zu promenieren.
»Das war höllisch schneidig, wie das dicke Kerlchen plötzlich auf die grinsenden Kellner lostrat,« meinte Lord Hannibal, als er sich im Hinausgehen eine Zigarre ansteckte. »Kennen die Herren übrigens den Kapitän Flederwisch?«
»Ist das nicht der mit dem verrückten Torpedojäger?« fragte der Zeitungsverleger.
Er war aber auch der einzige der Herren, welcher von Kapitän Flederwisch schon etwas gehört hatte, und sonst auch nichts weiter. Denn damals war dessen Name noch gar nicht bekannt, auch die Londoner, die einst seine Torpedojacht bewundert, hatten ihn schon wieder vergessen.
»Wo steckt er denn jetzt?« setzte Mr. Hobwell noch hinzu. »Man hat gar nichts wieder von ihm gehört.«
»Ich weiß es auch nicht,« entgegnete der Lord. »Ich habe zufällig einmal seine vorübergehende Bekanntschaft gemacht. Ja, was ich sagen wollte: der hat auch so eine kuriose Ordonnanz, die ist das Pendant zu dieser. Aber seine Beine sind gerade nach der anderen Richtung geschweift, und was der hier im Bauche hat, hat jener in der Nase. Die beiden paßten zusammen.«
Noch zwei andere Matrosen von der Heliotrop waren in dem Hotel angekommen, die schon angemeldeten Stewards, und bald danach rollte eine geschlossene Equipage vor.
Schnell war es bekannt geworden, daß der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris logieren und bald ankommen würde, und so hatte sich schon vor dem Hotel ein vornehmes oder richtiger ein elegantes Publikum angesammelt, die Damen drängten sich wie die Herren, um der Ankunft des neuen Ankömmlings beizuwohnen, so wie bei jeder Trauung vor der Kirche das müßige Volk steht.
Dieser unerbetene Empfang eines jeden Fremden ist hier so Mode, man hat ja nichts weiter zu tun, in den Modebädern an der Landungsbrücke geht es nicht anders zu, und Vornehmheit und Anstand sind zweierlei.
Die Ordonnanz öffnete den Schlag und half dem Kapitän heraus. Es war ein alter Mann mit weißem Vollbart und weißen Haarsträhnen, eine hohe, knochige Gestalt, aber von Altersschwäche gebeugt, die eingefallene Greisenhand, von deren einem Finger ein grüner Feuerbüschel ausging, auf einen Krückstock gestützt, das wachsgelbe Gesicht finster, mürrisch, verbissen, und nun noch ein vorsintflutlicher Zylinder und ein um die hagere Figur schlotternder, schwarzer Anzug, der ebenfalls aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen schien - das war der Kapitän der stolzen Jacht, die jetzt dort in der Bucht lag!
»Das ist ja kein anderer als Präsident Krüger!!« wurde erstaunt geflüstert, doch nur von denen, welche das Porträt des alten Burenführers nicht so genau kannten.
Nein, das war nicht der Ohm Paul, der hatte auch anderes zu tun, als in der Welt herumzukutschieren und einen indischen Professor der unentdeckten Wissenschaften zu suchen. Allerdings erinnerte dieser Mann an ihn, doch nur durch seine Gestalt und mehr noch durch die altmodische Kleidung. Und ein über alle Begriffe konservativer Holländer mochte es wohl sein.
»Hiran Singh ist nicht hier,« meldete die Ordonnanz, als sie dem Kapitän aus den Wagen herausgeholfen hatte, was nicht ohne Stöhnen abging.
»Was, er ist nicht hier?« bellte der Alte gleich wie ein wütender Kettenhund den erschrockenen Portier an.
»Nein, Euer Gnaden.«
»Caracho ...«
Der Portier suchte schleunigst das Weite, der Alte mit erhobenem Krückstock ihm nach, die Treppe hinauf, so schnell es seine wankenden Beine erlaubten, oben schlug er los - der Stock zerschmetterte aber nur eine kostbare Vase und eine Fensterscheibe. Dieser Gast führte sich ja nett ein!
Dann sah ihn das Publikum in dem Korridor verschwinden, vorher aber hörte man noch einmal seine Stimme, doch jetzt ganz anders, schmerzlich, klagend, fast weinend:
»O, Hiran Singh, o, Hiran Singh, wann endlich wirst du kommen und mich von meiner Qual erlösen!«
Die Zuschauer lachten, sprachen etwas über den wundervollen grünen Diamanten - so etwas ist hier immer die Hauptsache - und dann zerstreuten sie sich.
Unter dem Publikum hatte sich ein junger, stattlicher Herr mit sonnenverbranntem Gesicht befunden, den deutschen Offizier schon von weitem verratend.
Nicht seine eigene Neugier mochte ihn hierhergetrieben haben, dazu sah dieser Mann viel zu echt vornehm aus, sondern wohl die Evatochter war es, die er an seinem Arme führte, eine junge, zauberhaft schöne Dame in prachtvoller Toilette, die sie mit königlichem Anstande zu tragen wußte. Ein Stolz, eine Hoheit, eine Unnahbarkeit - wenn das nicht wahrhaftes Fürstenblut war, dann log hier in Monte Carlo alles!
»Heern Se, Herr Graf, ich gloowe, der hat'n Biebmatz im Gobbe,« fing da dieses wahrhafte Fürstenblut im schönsten Sächsisch zu singen an.
Und da sie keine Antwort bekam, der Offizier nur heimlich zur Seite schielte, ob niemand in der Nähe sei, der den schönen sächsischen Gesang seiner stolzen Begleiterin hören könne, fuhr sie gleich fort:
»Nu woll'n mir awwer erscht noch ä bißchen was essen, gelle he?«
Na, schadet nichts, es war niemand in der Nähe, ihr Kavalier war daran gewöhnt, und er drückte ihr zärtlich die Hand.
»Und dann?« flüsterte er schmachtend.
»Nu, dann gehen mir erscht noch ä bißchen in de Gandine.«
»Ins Kasino, meinen Sie. Und dann, Adele?«
»Nu, dann gehn mir erscht noch ä bißchen hin, wo's hibsch is, so ä bißchen ins Dingeldangel, wo ma Radau machen gann, was, gelle he?«
»Und dann?« flüsterte ihr Ritter immer liebeglühender.
»Nu, dann gehen mir nadierlich zusamm ins Bädde!«
Jetzt war es ein tödlicher Schreck, mit dem sich der Offizier schnell umblickte, ob es jemand gehört haben könnte.
Mit dem >wahrhaften Fürstenblute< schien es also nichts zu sein. Es war vielmehr die erste Balletteuse eines deutschen Hoftheaters, die mit ihrem Verehrer einen kleinen Abstecher nach Monte Carlo gemacht hatte.
Demnach also, da wir uns so geirrt haben, muß in Monte Carlo alles lügen! Na, es wird hier wenigstens sehr viel gelogen, bewußt und unbewußt. Wenn man so im Palmengarten sitzt, alle Bänke sind voll, es kommt noch so ein stolzes Pärchen, man wird in irgend einer Sprache angeredet, nach etwas gefragt, und man schüttelt den Kopf, man versteht nichts - und man versteht doch! - Ach, was man da manchmal zu hören bekommt!! - Never mind. -
So hatte der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris seinen Einzug gehalten, Matrosen brachten noch eine Menge Gepäck, und bald bekam das Hotelpersonal einen Vorgeschmack von dem Gaste, den es für unbestimmte Zeit zu bedienen hatte.
Unaufhörlich ertönte in seinem Zimmer die elektrische Klingel, unaufhörlich mußten drei Kellner und ebensoviele Stubenmädchen hin- und herjagen, der Alte konnte nur wie ein wütender Kettenhund bellen. Das erste war, daß er einem Kellner die leere Wasserkaraffe an den Kopf warf, einem Stubenmädchen schlug er das Handtuch um die Ohren, weil es ihm nicht handbereit gelegen hatte, und nach einem andern Kellner schleuderte er das ihm nicht sauber genug geputzte Tischmesser, es sauste dem Manne dicht am Kopf vorbei und blieb mit zitterndem Schafte in der Tür stecken.
Mit schlotternden Knien und aschfahlem Gesicht brachte ihm der Zimmerkellner das Fremdenbuch. Da kam er gerade an den Rechten.
»Ich bin der Kapitän der Heliotrop. Genug - hinaus - packen Sie sich!«
»Aber - aber - Euer Gnaden ...«
»Ich will nicht! Verflucht, wenn ich's tue! Raus!! Raus!!«
Der Kellner floh vor dem erhobenen Krückstock. Er war froh, daß ihm der Alte nicht mit der Pistole nachschoß.
Der Direktor des Aktienhotels vernahm es. Da half alles nichts, der Pflicht mußte nachgekommen werden, selbst mit Lebensgefahr.
Schließlich hörte der Respekt auch vor einem Jachtbesitzer auf, und auch in Monte Carlo gibt es Polizei, sehr viel sogar, sonst wimmelte es ja dort von Taschendieben und Einbrechern, und eben deshalb wird es in Monaco-Monte Carlo mit Paß und Legitimation äußerst streng genommen, und da gibt es keinen Unterschied der Personen. Jetzt mußte sich der Alte zuerst ins Fremdenbuch eintragen, oder die Sache war der Polizei zu melden.
Der Zimmerkellner bat um seine sofortige Entlassung, wenn er noch einmal zu dem wütenden Kettenhund hinein müsse. So nahm der Direktor selbst das Fremdenbuch und die auszufüllenden Formulare, stärkte seinen Mut durch zwei Gläschen Kognak, spülte mit einem Glase Champagner nach, und so vorbereitet betrat er kühn den Raubtierzwinger.
»Herr Kapitän, ich bitte Sie höflichst ...«
»Was, sind Sie schon wieder da?« donnerte ihn der Alte sofort an. »Nein, ich nenne meinen Namen nicht!! Mensch, hinaus, oder ich schieße dich wie einen tollen Hund nieder ... da!!«
Entsetzt prallte der Hotelier zurück, der Alte hatte schnell in seine Brusttasche gegriffen, er riß etwas heraus - aber keinen Revolver, sondern es war nur ein Papier, welches er jenem entgegenhielt.
»Genügt das?«
Mit weit geöffneten Augen sah der Hotelier eine ihm wohlbekannte Handschrift, und er riß seine Augen immer weiter auf, als er las:
Von Anfang bis zu Ende des souveränen Fürsten und allmächtigen Landesherrn eigenhändige Schrift! Darunter das fürstliche Siegel! - Der Hotelier klappte gleich wie ein Taschenmesser zusammen, und in dieser gebückten Stellung kroch er rückwärts wie ein Krebs hinaus.
Eine Viertelstunde später wußte es ganz Monaco-Monte Carlo: der Kapitän der Heliotrop besitzt einen vom Fürsten eigenhändig ausgestellten Passepartout! Besonders das >eigenhändig< konnte gar nicht genug betont werden.
Nun fing das Kopfzerbrechen erst recht an. Wer ist er? Phantasievolle Köpfe kamen bis auf den Kaiser von China.
Einige, die ihn vorhin gesehen hatten, kalkulierten am richtigsten, wenn sie ihn für einen alten Holländer hielten, der in Indien vielleicht Fürstenrang bekleidete, denn solche Diamanten, wie dieser Mann an den welken Fingern trug, findet man in keiner europäischen Schatzkammer, solche Steine sind nur im Besitze von indischen Nabobs und Maharadschas.
Auf dem Boulevard de la Condamine, eine Promenade, welche sich längs der Hafenbucht hinzieht, staute sich die Bevölkerung von Monaco, die üppigen Frauen und die reizenden Wasch- und Plättmädchen mit ihren Männern und Liebhabern, welche alle ausschließlich von den Fremden leben - aber auch genug Fremde selbst, um das Wunder anzustaunen.
Dort lag die geheimnisvolle Jacht, elektrisch erleuchtet, man sah Matrosen an Deck arbeiten, sie hoben mit Winden aus dem Schiffsbauche Tonnen, welche in ein schon ausgesetztes Motorboot hinabgelassen wurden.
Das gefüllte Boot steuerte dem Ufer zu, auf einer Plattform wurden die Fässer ausgeladen, zwanzig Stück, gar nicht so groß, wie Sardinenfäßchen - aber nur ein einziger Mann, ein herkulischer Matrose, war imstande, solch ein kleines Fäßchen allein mit seinen beiden Armen aus dem Boote zu heben, und man sah es ihm an, was für eine Kraftanstrengung dazu nötig war.
Es wurden noch viele Matrosen ans Land gesetzt, etwa zwei Dutzend, und zwar waren es lauter ausgesuchte, große, schlankgewachsene, schöne Kerls, alle in schmucker Uniform, sie luden die Fäßchen auf einen mit vier Pferden bespannten Lastwagen, und eng umringt von den Matrosen, welche oftmals mitschieben mußten, ging es den steilen Weg nach Monte Carlo hinauf.
Von dem Platze vor dem Kasino zweigt die Hauptstraße >Galerie Charles II.< ab. In dieser befindet sich das Bankhaus Smith & Co. Hier hielt der Lastwagen. Auch der alte Kapitän hatte sich eingefunden.
Die Bank war zwar schon längst geschlossen, doch hält sich im Café Paris stets jemand auf, falls noch ein Geschäft zu machen ist.
Denn wer einmal in Monte Carlo gewesen ist und behauptet, die Spielsäle würden abends um elf Uhr geschlossen, der irrt sich! Dann geht es oben in den geheimen Zimmern weiter, bis unten wieder aufgemacht wird. Aber da hat nicht jeder Zutritt, da genügt der ehrliche Paß noch nicht.
Der Bankbeamte wurde geholt.
»Mr. Smith?«
»Eugen Gibbs in Firma Smith & Co,« stellte sich der Herr vor.
»Hier sind zwei Tonnen Gold, vierzig Zentner, geeicht im Schatzamte zu Washington, im Werte von fünf Millionen Francs. Kann ich sie bei Ihnen deponieren?«
So etwas war dem Bankier allerdings noch nicht passiert! Doch der Engländer verzog keine Miene.
»Gewiß, sehr gern. Mit wem habe ich die Ehre?«
Der alte Kapitän zeigte seinen Passepartout, das mußte genügen, dankend gab ihn der Bankier zurück, die Stahltüren des Ladens wurden auf irgend ein geheimes Zeichen von innen geöffnet, es befanden sich immer Wächter darin, die Fässer wurden von den Matrosen in das Kellergewölbe getragen, wo eine große Hebelwage und die Panzerschränke standen, inzwischen wurden die anderen Bankbeamten geholt, wo sie zu finden waren, und das ist in dem winzigen Fürstentume - anderthalb Quadratkilometer ist es groß - nicht schwer.
In Amerika, dem Lande der Praxis, des Geldes und des Schwindels, werden größere Zahlungen sehr häufig in Goldbarren geleistet. Das ist bequem und das allersicherste. Der glückliche Besitzer einer goldenen Barre, wie sie aus dem Schmelzofen kommt, schickt sie nach Washington an das Schatzamt, dort wird sie auf ihren Feingehalt untersucht und gewogen und enthält diesbezüglich zwei Stempel. Nun gilt sie als Geld, auch die Münze jedes anderen Landes wechselt sie ein. Und wenn von der Barre auch schon abgeschnitten ist, das schadet nichts, nach dem Stempel und dem jeweiligen Kurse kann man immer ihren genauen Wert berechnen, und da ist eine Fälschung sehr, sehr schwer.
Der Bankier also blieb ganz kaltblütig, aber die geholten Kommis glaubten ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als sie in dem Keller das gleißende Gold in Zentnerblöcken aufgetürmt sahen.
Die Arbeit begann. Die Lupen wurden ins Auge geklemmt, jede Barre wurde auf die Wage gehoben, welche trotz ihrer Größe ganz fein spielte. Mr. Gibbs beobachtete die Zunge und rechnete in seinem Notizbuch.
In noch nicht einer halben Stunde war alles geschehen. Nun soll aber jemand fünf Millionen in Zwanzigfrancstücken abzählen! Gewiß, die kann man auch abwiegen, aber wieviele falsche können dann nicht darunter sein? Und fünftausend Tausendfrancscheine abzählen, jeden einzelnen anknipsen, gegen das Licht halten und sonst prüfen, das ist auch eine nette Arbeit, abgesehen davon, daß in vielen Fällen Zahlung in Papier verweigert wird.
»Die genaue Summe kann ich Ihnen erst morgen angeben,« sagte Mr. Gibbs.
»Sind es fünf Millionen Francs?«
»Gewiß, es sind sogar mindestens viertausend mehr, der Kurs steht gegenwärtig sehr hoch.«
»Unter Ihrer Garantie?«
»Ich garantiere dafür.«
»Dann, bitte, wollen Sie mir eine Quittung geben. Liegt das Gold hier auch sicher?«
»Hier? So sicher, wie jeden Menschen der Tod ereilt.«
Da plötzlich fuhr der alte Kapitän, der bisher dem Bankier gegenüber sehr höflich gewesen war, wütend auf.
»Sprechen Sie in meiner Gegenwart nicht vom Tod!!« donnerte er ihn an. »Ich will nicht sterben! Ich mag nicht sterben!! Ich werde nicht sterben!!«
Ja, er mußte doch wohl einen >Biebmatz< im Kopfe haben.
»Pardon,« sagte der englische Geschäftsmann phlegmatisch. »Ich meinte, daß hier ein Diebstahl nicht passieren kann, und übrigens würden Sie dadurch doch gar nicht geschädigt, die Firma Smith & Co. würde es Ihnen doch ersetzen.«
Die Quittung war ausgestellt, bald lag das Bankhaus wieder einsam da. Aber vier Matrosen von der Heliotrop umschritten es als Wächter.
Auch Wilm, wie der dicke Matrose mit den X-Beinen von seinem Herrn gerufen wurde, war dabei gewesen, und sofort, wie dieses Geschäft beendet, war er, ohne noch vom Kapitän eine Instruktion erhalten zu haben, nach der nahen Poststation von Monte Carlo geeilt.
Sie war schon geschlossen, doch ein Telegraphenschalter ist die ganze Nacht offen.
»Dieses Telegramm, mit Kollation.«
Der verschlafen aussehende Beamte nahm den Zettel und las:
Komm, Hiran Singh! Monte Carlo. Hotel de Paris. Heliotrop.
»Jawohl, es sind acht Worte. Aber die Adresse fehlt.«
»Ohne weitere Adresse, nur an sämtliche große und kleine Telegraphenstationen von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel.« Natürlich hatte der Beamte nicht richtig verstanden.
»Bitte, wohin?«
»An sämtliche Telegraphenstationen von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel,« wiederholte Wilm. »Mit Kollation.«
Jetzt glaubte der Beamte, er schlafe noch, und rieb sich die Augen.
»Von - von - Vorder - Vorder - von Vorderwas?«
Jetzt verlor aber auch der bebrillte Dickwanst seine Geduld.
»Von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel!!!« brüllte er in den Schalter hinein. »Es sind nur vierhundertundzweiundsiebzig Stationen! Es ist gar nicht so schlimm. Aber mit Kollation!«
Der Beamte mußte doch wohl noch schlafen.
»Mit Koll - Koll - Koll ...«
»Mit Kollatiooooon!« brüllte Wilm. »Jede Station in Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel, die so einen Klapperkasten hat, muß die Depesche wiederholen. Nun endlich kapiert?«
Ja, jetzt hatte der Telegraphenbeamte kapiert, jetzt wußte er, daß er nicht nur träume, aber dafür bekam er einen Hexenschuß in die Knie, er wollte sich setzen, verpaßte den Stuhl und legte sich gleich an den Boden hin.
Diese Depesche von hier aus über ganz Indien zu verbreiten, das wäre eine Kleinigkeit gewesen. Derartiges kommt im Geschäftsleben, wie z. B. bei der Korn- und Baumwollen-Spekulation, oft genug vor. Da war nur eine einzige Depesche nötig, die ging über Genua nach Wien, von hier aus südwärts nach Konstantinopel, nun durch Kleinasien, Persien und Beludschistan nach Bombay, von wo aus sie gespalten und in drei Richtungen verschickt wurde: nach Ceylon, nach Dungar im Himalajagebirge und über Kalkutta nach Singapore, und Singapore wieder sorgte für den malaiischen Archipel. Dann lasen die sämtlichen Zwischenstationen an den Eisenbahnstationen die Depesche mit, wozu sie vorher aufgefordert wurden.
Nun aber die Kollation! Die Wiederholung des Telegrammes von jeder der 472 Stationen! Wenn also in Bombay dreißig Telegraphenämter sind - es werden aber mehr sein - so mußten allein von Bombay hier dreißig Wiederholungen eintreffen, und waren sie nicht richtig, gingen sie wieder zurück und mußten von neuem wiederholt werden.
»Aber die Depesche hat doch gar keinen Zweck!« jammerte der Beamte. »Es fehlt doch die Adresse, wie kann denn dieser Hiran Singh ...«
»Was, die Depesche hätte keinen Zweck?! Na, gnade Euch Gott, sagt das mal meinem Kapitän! Nun vorwärts, vorwärts, die Depesche könnte schon in Hinterindien herumspazieren! Was kostet die Geschichte?«
Ja, da half alles nichts. Das war nicht nur ein böser Traum. Was dieser Spaß kostete? Das konnte noch gar nicht berechnet werden. Aber ein kleines Vermögen, von dessen Zinsen ein solider Mann leben kann, ging darauf.
Die Depesche ging ab. In fünf Minuten konnte die Kollation von Genua kommen, dann die von Wien, von Konstantinopel - und mit Bombay fing es erst richtig an, da konnte man wohl die ganze Nacht sitzen. Also sofort sämtliche Postbeamten geholt, wo man sie packte, aus der Kneipe, aus dem Bette, aus den Armen der Braut.
Die ganze Nacht hindurch? Vier Nächte und drei Tage saßen die Telegraphisten an ihren Apparaten, untätig, nur immer auf das Wiederbeginnen des Klapperns lauernd, bis irgend eine Station in Vorder- oder Hinterindien die Depesche kollationierte, und aus den Hauptstationen Genua, Wien, Konstantinopel, Bombay, Kalkutta usw. usw. wurde auf diesen Hiran Singh und auf den oder die oder das Heliotrop genau so mörderlich geflucht wie hier auf dem Postamte von Monte Carlo.
Und nun kam es doch oft genug vor, daß die Depesche auf dem langen Wege verstümmelt und daher falsch wiederholt wurde - es half alles nichts, sie mußte wieder zurück, so gut nach Bombay, wie nach Siam oder Borneo, der alte Nörgler im Hotel de Paris gab sich nicht eher zufrieden, als bis er seine 472 Kollationsdepeschen klipp und klar vor sich liegen hatte. Daß der alte Kapitän einen gewaltigen Knacks im Kopf hatte, das war ja ganz klar. Aber das Gold, das auf der Bank lag, das viele Gold! Die fünf Millionen!! Das war auch eine Tatsache!
Es werden in Monte Carlo alljährlich 60.000 Fremde gezählt, wobei die noch nicht mitgerechnet sind, welche nur auf der Durchreise schnell einmal ein Spielchen machen. Von diesen 60.000 Menschen kann kaum ein Prozent sagen: ich habe es nicht nötig. - Dreiviertel von den anderen kommen nach Monte Carlo doch nur in der Hoffnung, ein Vermögen zu gewinnen, womöglich gleich einige Millionen. Das eben ist ja das Merkwürdige: in Monte Carlo spielt das Geld gar keine Rolle, und dennoch ist alles auf der Jagd nach dem Gelde. Und so wurden alle diese Menschen über das viele Gold des Kapitäns halb wahnsinnig. Nun kam aber auch noch das Geheimnis dazu, welches mit dem alten Manne und seinem Hiran Singh verbunden war, auch der Passepartout hatte viel zu sagen. Kurz gesagt: ganz Monaco-Monte Carlo drohte über den Kapitän der Heliotrop den Verstand zu verlieren.
Der alte Mann kümmerte sich um nichts. Im Hotel bellte und schimpfte und schlug er weiter, sonst schlich er gebückt am Krückstock durch den Palmengarten, suchte die einsamsten Wege und Bänke aus, knurrte und hustete und stöhnte, und wenn er einem rauchenden Spaziergänger begegnete, so schnauzte er ihn an, was er mit seiner Zigarre die Lust zu verpesten habe. Ins Kasino kam er niemals.
Mit solch einem Menschen war natürlich schlecht anzuknüpfen. Diese Bärbeißigkeit hinderte aber doch nicht, daß man wenigstens eine Anknüpfung mit ihm suchte. Die Anziehungskraft des Goldes ist eben allmächtig. Im Hotel de Paris wurden für den Kapitän der Heliotrop täglich nicht nur einige Dutzend, sondern einige hundert Briefe abgegeben!
Was in den Briefen stand? Natürlich waren es Bittschriften von ruinierten Spielern, von wahnsinnigen Menschen, die das >untrügliche System< erfunden haben wollten, mit dem man die Bank von Monte Carlo sprengen kann, Bittschriften von wirklichen Erfindern, die aber auch schon dem Wahnsinne nahe waren - schon damals spukte die Flugmaschine in den Köpfen der Menschheit - von verkannten Genies, von unglücklichen Familienvätern und vor allen Dingen von noch unglücklicheren Frauen und Mädchen. Denn darin ist Monte Carlo groß.
Ob er die Briefe las? Ganz sicher nicht. Die wanderten ungelesen ins Feuer. Das wußte man ganz bestimmt, und dennoch wurde das Briefschreiben fortgesetzt.
Das Geheimnis, das mit dem alten Holländer verbunden war, hatte noch einen anderen, ganz merkwürdigen Erfolg.
»Ich denke, Sie wollten schon gestern abend abreisen?« fragte einer den andern.
»Und Sie wollten doch heute früh abfahren?«
»Eigentlich ja, aber ich möchte doch gern noch wissen, was aus dem Kapitän und aus seinem Gold noch wird, irgendwie muß die Geschichte doch einmal zu einem Ende kommen. Haben Sie es gehört? Heute hat er wieder nach seinem Hiran Singh gejammert. Ob der die Depesche irgendwo in Indien nur wirklich empfangen hat? Ob er wirklich kommt? Was will der Alte nur von ihm?«
So sprach ganz Monte Carlo. Einer lachte den andern aus, daß er wegen dieses verrückten Kerls seine Abreise aufschöbe und - alles blieb. Ja, sogar Carnegies und Lord Rogers Jachten lagen noch immer im Hafen, und dann die des englischen Zeitungsverlegers erst recht. Nur Vanderbilt hatte wegen dringender Geschäfte nach Amerika zurückgemußt.
Wenn nun diese tonangebenden Größen der Gesellschaft so offen ihre Neugier zeigten, dann brauchten sich die anderen auch nicht mehr gegenseitig auszulachen. Die Kasinoverwaltung mußte dem alten Kapitän mit seiner verrückten Idee sehr dankbar sein, denn infolgedessen blieben die Spielsäle nach wie vor gefüllt. Nur die Eisenbahndirektion schimpfte auf den Kerl, weil seinetwegen die angekündigten Expreßzüge ganz leer abgingen.
Fünf Tage waren seit der Ankunft des >Heliotrop< verstrichen.
Da, eines Vormittags in der elften Stunde, als das Leben vor dem Kasino beginnt, kommt den Weg, welcher von dem unten liegenden Bahnhof von Monte Carlo durch herrliche Blumenanlagen direkt vor das Kasino führt, eine höchst auffallende Gestalt herauf - ein junger Indier mit braunen, tiefernsten Zügen, in einen dunklen Kaftan gekleidet, um die Brust schlingt sich unterhalb der Arme eine schneeweiße Schärpe, um die Stirn ein goldenes Schuppenband, und als Kopfbedeckung trägt er eine hohe, spitze Mütze mit bunten Malereien.
Indier laufen in Monte Carlo genug herum, meist sind es Teppich- und Waffenhändler, sie tragen auch ihre orientalischen Kostüme, das gehört mit zum Geschäft - aber doch nicht solch ein Priestergewand. Das hier war ein Magier aus Tausendundeiner Nacht.
»Bitte, mein Herr, wo ist hier das Hotel de Paris?« wendet sich der exotische Fremdling mit tiefer Stimme und im reinsten Französisch an einen ihn bewundernden Stutzer.
Noch ehe dieser sein Staunen bemeistert hat, kommt über den Platz weg auf die beiden ein junges, kokettes Dämchen losgeschossen.
»Heißen Sie Hiran Singh? Wollen Sie zum Kapitän der Heliotrop?« fängt die gleich ganz unverfroren an.
»Das ist mein Name, Doktor Hiran Singh.«
»Ach, wie interessant! Kommen Sie, kommen Sie, ich führe Sie hin. Der Kapitän kann es ja schon gar nicht mehr erwarten.«
Mit diesen Worten eilt die Evatochter voraus, dem Hotel de Paris zu, der indische Adept mit dem Schmucke des Brahmanen folgt ihr mit stolzer Würde, und manch bewundernder Blick aus schönen Frauenaugen wird dem jungen, braunen Manne mit den ernsten, idealen Zügen nachgesandt.
Im Nu ging es durch ganz Monaco-Monte Carlo: Hiran Singh ist wirklich gekommen! - Und dann hörte man die Stimme des alten Kapitäns durch das ganze Hotel jauchzen: endlich, endlich, Hiran Singh!!
Aber die kecke Evastochter hatte sich getäuscht, wenn sie glaubte, durch ihr Entgegenkommen als Führerin das Geheimnis schneller zu erfahren als die anderen Sterblichen, die jetzt vor Spannung bald vergingen. Der alte Kapitän schnauzte die Aufdringliche mit bekannter Liebenswürdigkeit an und verschwand mit dem Indier in seinem Hotel.
Eine halbe Stunde später kamen die beiden wieder zum Vorschein, man sah sie nach Smiths Bankhaus gehen, und als sie sich nach dem Hotel zurückbegaben, wußte man es auch schon: der Kapitän hatte dem Indier die fünf Millionen Francs angewiesen!
Himmel, gab das eine Aufregung! Wofür hatte er dem Indier das Geld gegeben? Was würde nun noch kommen?
Es sollte noch etwas kommen, was niemand auch im kühnsten Traume zu ahnen gewagt hätte.
Im Hotel wurde sofort der Direktor beordert. Er mußte in des Kapitäns Schlafzimmer kommen, welches aber schon eher einem Prunksalon glich. Dem Direktor rutschte gleich von vornherein das Herz in die Kniekehlen, denn er sah da auf einem großen Tische, der in die Mitte des Zimmers gerückt worden war, ein ellenlanges, blitzendes Messer liegen. Sah das nicht fast gerade wie ein Operationstisch aus? Alle guten Geister!!
»Mein lieber Wirt,« begann der Kapitän mit einer geradezu unheimlich wirkenden Liebenswürdigkeit, »ich komme nach Monaco und speziell nach Monte Carlo, um mich einer Operation zu unterziehen, welche dieser indische Professor, Doktor Hiran Singh aus Hyderabad, an mir ausführen wird. In ein Hospital kann ich nicht gehen, es hängt alles von der Stellung der Sterne ab, und diese weisen gerade hierher, wo das Hotel de Paris steht. Danach müssen wir uns richten, davon hängt das Gelingen der Operation ab. Wenn nun aber die Operation hier vorgenommen wird, dann ist ein Mißlingen auch ganz ausgeschlossen. Was also auch passieren mag, wenn ich auch noch so schreie - Sie werden dafür sorgen, daß wir ganz ungestört bleiben. Haben Sie mich verstanden, mein lieber Wirt?«
»Sehr wohl, Herr Kapitän,« stimmte der Wirt bei, den Blick ängstlich auf das ellenlange Messer gerichtet, und im Innern verfluchte er die Sterne, die gerade auf sein Hotel gezeigt hatten und nicht auf irgend ein anderes.
»Gut. Heute nachmittag um fünf wird die Operation beendet sein. Dann wird mich der Professor verlassen, wird von draußen mein Zimmer verschließen und Ihnen den Türschlüssel zur Aufbewahrung übergeben. Dann schlafe ich. Niemand darf mein Zimmer betreten - niemand!! Heute haben wir Donnerstag - am Sonntag, also in drei Tagen, Punkt 5 Uhr, werden Sie in dieses Zimmer kommen und mich wecken, falls ich nicht vorher selbst gerufen habe! Wenn Sie jedoch,« fuhr der Greis mit erhobener Stimme fort, »dieses Zimmer eher betreten, oder ein anderer, so daß ich in meinem Schlafe zu frühzeitig gestört werde, dann - bin - ich - des - Todes!! Und Sie sind mein Mörder!!! Verstanden?«
»Sehr wohl, Herr Kapitän,« hauchte der Hotelier mit bleichen Lippen.
»Gut. Bedürfen Sie sonst noch etwas, Herr Professor?«
Der junge Indier sah sich in dem Zimmer um und schüttelte den Kopf.
»Dann, Herr Wirt, lassen Sie uns allein. Eine besondere Stille im Hotel ist nicht nötig, mein Schlaf wird sehr tief sein, überhaupt eigentlich mehr ein Todesschlaf denn ein natürlicher.«
Der Hotelier entfernte sich, selbst schon mehr tot, denn lebendig. Er hörte noch, wie drinnen der Schlüssel umgedreht wurde.
Eine Viertelstunde später gellte durch das Hotel ein entsetzlicher Schrei, der erste, welcher eine ganze Reihenfolge solcher fürchterlicher Schreie einleitete, und dazwischen heulte, wimmerte, ächzte und tobte es in allen Tonarten. Allen, die es hörten, sträubte sich vor Entsetzen das Haar auf dem Kopfe.
»Um Gottes willen, was ist denn nur das?« fragte der Direktor die Ordonnanz, die er aufgesucht hatte.
»Das ist nix, das Schreien gehört mit zur Operation,« meinte der Dickwanst phlegmatisch, die Hände in den Hosentaschen.
»Befindet er sich denn in Narkose?«
»Nar ... Nar ... wuat für 'ne Hose?«
»Ist er denn nicht chloroformiert? Betäubt, meine ich, daß er nichts von den Schmerzen fühlt?«
»Chloroformiert? Nee, dann kann er ja nicht schreien, und schreien muß er, sonst hilft ihm die ganze Operation nischt.«
Diese Gleichgültigkeit des Matrosen wirkte wenigstens etwas beruhigend. »Weshalb wird er denn operiert?«
»Weil er was hat, was weggeschnitten werden muß.«
»Ein Geschwür?«
»Jawohl, ein Geschwür im Kopfe, was man auch eine Schraube nennt. Die wird ihm herausgeschnitten. Nee, er kriegt gleich einen ganz neuen Kopf.«
Unten stand eine große Menschenmenge, starrte nach den verhangenen Fenstern hinauf und lauschte mit angehaltenem Atem den schrecklichen Tönen.
Nach einer halben Stunde ging das furchtbare Brüllen allmählich in ein Röcheln über, es wurde immer heiserer, aber noch auf der Straße hörbar, dazwischen ab und zu noch ein gellender Schmerzensschrei.
Dann wurde es ganz still, auch das lauschende Hotelpersonal hörte nichts mehr, und punkt fünf Uhr trat der Indier wieder heraus, schloß hinter sich die Tür ab und gab den Schlüssel dem draußen wartenden Hotelier.
»Es ist gelungen. Also Sonntag nachmittag um fünf Uhr wecken Sie ihn, nicht eher und nicht später, wenn er nicht vorher selbst ruft.«
»Ja, ja, und der Schlüssel kommt nicht aus meiner Tasche, darauf können Sie sich verlassen. Was haben Sie ihm denn nur herausgeschnitten?«
»Dasselbe, woran auch Sie sterben werden.«
Ach, du großer Schreck!! Der Hotelier mußte sich gleich setzen, das hätte ihm nicht passieren dürfen und ehe er sich nur etwas erholt hatte, um nähere Erkundigungen über seine Todesursache einziehen zu können, hatte sich der Indier schon entfernt, und dem armen Hotelier blieb als Trostmittel nur noch die Kognakflasche übrig.
Hiran Singh begab sich sofort nach Smith Bank, vor welcher bereits ein Lastwagen hielt, wieder von den Matrosen der Heliotrop begleitet, die deponierten Goldbarren, die auf den Indier übergegangen waren, wurden wieder in die Fässer gepackt und auf den Wagen geladen, sie wanderten zurück an Bord der Heliotrop, und die Jacht stach sofort in See. Auch der Indier fuhr mit.
Man wandte sich um Aufklärung an Wilm, welcher in seinem Zimmer mit den beiden Stewards Sechsundsechzig spielte.
»Jetzt bringt Hiran Singh sein Honorar in Sicherheit, wozu ihm mein Kapitän die Jacht zu Verfügung gestellt hat,« erklärte Wilm, sonst aber absolut nichts weiter, und als man ihn nach dem Woher und Wohin fragen wollte, wurde er saugrob.
Nur das gab er noch zu, daß diese fünf Millionen Francs in Goldbarren wirklich das ärztliche Honorar des Indiers für die an seinem Herrn vollzogene Operation seien.
Fünf Millionen Francs - Sapristi! -
Gegen neun Uhr abends erfüllte das Hotel de Paris ein neues Jammergeschrei.
Kellner und Stubenmädchen stürzten herbei. Das war ein Weib, welches um Hilfe rief - und richtig, auf dem Korridore in der zweiten Etage rannte eine alte Jungfer im Hemde herum und schrie Zeter und Mordio, und sie mochte Ursache dazu haben, denn ihr Hemd war über und über mit Blutflecken bedeckt.
Sie mußte mit Gewalt festgehalten werden, zu erfahren war von ihr nichts, doch schien sie gar nicht verletzt zu sein. Man schickte nach einem Arzt, drang in ihr Schlafzimmer, ihr Bett schwamm im Blut, ein Blick nach der Decke - und da klärte sich die rätselhafte Bluttat auf, allerdings ohne Beruhigung, vielmehr nur noch neue Sorgen bringend.
An der Decke befand sich ein großer Blutfleck, es tropfte davon auf das Bett herab, und gerade darüber lag das Zimmer des Kapitäns. Die Dame war früh schlafen gegangen und wachte auf, als ihr das Blut ins Gesicht tropfte.
Wilm spielte mit den beiden Stewards noch immer Sechsundsechzig zu dritt, als ihm das neue Schrecknis berichtet wurde.
Aber der dicke Matrose klatschte seine Karten ruhig weiter auf den Tisch.
»Schippenaß!! Jawohl, genau so hat es kommen müssen. Nur, daß das Blut gerade auf eine alte Jungfer im Hemd tropfte, das hat nicht in den Sternen gestanden. - Ich melde zwanzig!«
»Aber das müssen doch ein paar Eimer Blut sein, die der Kapitän verloren hat, wenn es schon durch die Decke kommt?!«
»Natürlich, mit Kleinigkeiten gibt sich unser Kapitän nie ab - und vierzig! - bei uns geht alles eimerweise - schwarz seid ihr, ihr Ludersch!«
Dieses phlegmatische Verhalten des vertrauten Dieners wirkte doch wieder sehr beruhigend, und so wurde auch die alte Dame beruhigt und ihr ein anderes Zimmer angewiesen. Auf die Rechnung des Kapitäns wurde natürlich eine neue Diele und Decke, und was da alles noch dran hing, gesetzt.
Die drei Tage vergingen, ohne daß ein neuer Zwischenfall passierte.
Nichts regte sich in dem Schlafzimmer. Unten auf der Straße war ständig ein zahlreiches Publikum versammelt, welches die verhangenen Fenster anstarrte. Jetzt hätten eigentlich schon sämtliche Wandervögel fort sein müssen, und sie alle waren noch in Monte Carlo. Und was soll man in Monte Carlo anfangen, wenn nicht spielen? Das Kasino machte brillante Geschäfte.
Ein mutiger Kellnerstift und ein dreistes Stubenmädchen hatten es gewagt, durch das Schlüsselloch des geheimnisvollen Zimmers zu lugen, aber es war absolut nichts zu sehen gewesen, und aus den drei zurückgebliebenen Matrosen der Heliotrop, deren Aufenthalt man nicht kannte, war ebensowenig etwas herauszubringen.
Diese spielten am Sonntagnachmittage auf ihrer Stube wie gewöhnlich Karten, als der Hoteldirektor zu ihnen kam. Die kritische Stunde nahte.
»Es ist bald Zeit, den Herrn Kapitän zu wecken.«
»Welche Zeit ist es?« fragte Wilm, nach seiner Uhr sehend. »Erst um viere. Um fünfe wird er geweckt, keine Minute früher; und wacht er von alleine eher auf, so wird er schon klingeln.«
Und Wilm spielte gelassen seine Karten weiter aus.
Trotzdem stellte sich der Hotelier schon jetzt vor die Tür des unheimlichen Zimmers, zur Vorsicht den Sekretär und den Zimmerkellner als Zeugen mitnehmend; denn wer wußte denn, was man erleben konnte?
Wir haben noch gar nicht von den Zeitungreportern gesprochen, welche in Monte Carlo stets zahlreich vertreten sind. Aber es ist wohl ganz selbstverständlich, daß diese Neuigkeitshascher ganz Feuer und Flamme waren, dem Hotelier waren schon große Summen dafür geboten worden, wenn sie beim Öffnen des Zimmers dabeisein dürften, es waren noch andere Vorschläge gekommen, mit einer Leiter hinaufsteigen und eine Fensterscheibe herausnehmen wollten sie, und Mr. Hobwell persönlich hatte dem Direktor, wenn er ihm einmal den Eintritt ins Zimmer erlaube, eine Summe geboten, welche diesen in den Stand gesetzt hätte, ein eigenes Hotel zu kaufen oder als wohlbestallter Rentier zu leben. Allein der gewissenhafte Mann ließ sich auf nichts ein, er wollte nicht zum Mörder werden, und auch beim rechtmäßigen Öffnen der Tür durfte um keinen Preis ein Fremder dabeisein.
Die Uhr zeigte auf halb fünf. Noch eine halbe Stunde!
Da - bewegte sich drinnen nicht etwas? Gewiß ein Stuhl war gerückt worden. Und jetzt gähnte jemand, er räusperte sich!!
Und plötzlich begann da drinnen eine prachtvolle Baritonstimme zu singen, sie sang das komisch-traurige Liebesschmerzenslied des Mohren aus Mozarts Zauberflöte, aber es klang jauchzend:
Noch wußten die drei nicht, was sie davon denken sollten, als drinnen geklingelt wurde - jetzt war alles erlaubt - der Hotelier hatte schon den Schlüssel in der Hand gehabt, schnell schloß er auf, öffnete die Tür, es waren noch Portieren vorhanden, diese wurden von innen zurückgeschlagen und ...
Von staunendem Schrecken gelähmt standen Hotelier, Sekretär und Zimmerkellner da!
Wir müssen uns jetzt zunächst mit einem seltsamen Manne beschäftigen, welcher in diese ganze Episode tief eingreift und an dem unser Nobody als Detektiv später noch eine Nuß zu knacken bekommen sollte.
Monsieur de Haas, ein Belgier, zweiter Direktor der Spielbank und zugleich Besitzer der meisten Aktien, befand sich in seinem im Kasino gelegenen Privatkontor.
Daß dieses keine gewöhnliche Schreibstube ist, läßt sich wohl denken. In dem offenen Kamin brannte ein Holzkohlenfeuer, welches man auch an der Riviera in den kühlen Zeiten nicht entbehren kann. Jetzt freilich wäre es nicht nötig gewesen, draußen wischten sich die Spaziergänger den Schweiß von der Stirn. Aber dieser Herr - der Teufel hat ihn schon längst geholt - wollte auch in der größten Julihitze immer Ofenfeuer haben, sonst rieb er sich fröstelnd die Hände.
Soeben hatte ihm ein Diener eine Karte gebracht. Auf dieser stand:
»Der Schreiber dieses, welcher dem Herrn Direktor vielleicht unter dem Namen >Eremit von La Turbie< bekannt ist, bittet um Erlaubnis, ohne Legitimation die Spielsäle betreten und dreimal setzen zu dürfen.«
Kopfschüttelnd ging Monsieur de Haas mehrmals im Zimmer hin und her.
»Ein komischer Zufall, daß der gerade heute kommt,« brummte er. Ja, er kannte diesen sogenannten Eremiten von La Turbie.
Vor sechs Jahren war der rätselhafte Fremdling nach Monaco gekommen, ein junger, einfacher Mann, bleich und hager, mit träumenden Angen, die aber manchmal recht glühend aufleuchten konnten.
Er war mit seinem Köfferchen in dem bescheidenen Hotel Des Quatre Saisons abgestiegen, in Condamine gelegen, das ist die untere Stadt von Monaco, und weil er auf einem Spiritusapparat sein Essen selbst kochte, wenn er nicht nur von Brot und Früchten lebte - er war Vegetarianer - mußte er für sein Zimmerchen etwas mehr bezahlen.
>Emil Schmidt aus Düsseldorf, Privatier.< So hatte er sich in das Fremdenbuch eingeschrieben.
Den ganzen Tag strich er im Gebirge umher, und als er dann das Hotel verließ, gab er trotz seiner sonstigen Sparsamkeit allen dienstbaren Geistern, die ihn nicht einmal bedient hatten, ein sehr reichliches Trinkgeld und ging mit seinem Köfferchen so still und bescheiden von dannen, wie er in dem Hotel gewohnt hatte, und das französische Zimmermädchen hatte vergebens die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, den unschuldigen Jüngling mit ihren Reizen zu umstricken, und so konnte Madame Gueit, die ehrbare Wirtin - Gott habe die brave Frau selig! - vielleicht mit Recht behaupten, daß Monsieur Schmidt der einzige anständige Mensch gewesen ist, den sie bisher in Monaco-Monte Carlo und Umgegend kennen gelernt habe.
Doch erfolgte sein Abschied vom Hotel unter ganz besonderen Umständen.
Noch ehe die sieben Tage verstrichen waren, innerhalb deren man auf dem Meldebureau seinen Reisepaß präsentieren muß, erschien im Hotel Des Quatre Saisons ein fürstlicher Diener, welcher nach Monsieur Emil Schmidt fragte und ihn zum Schlosse hinaufgeleitete, wo ihn der Fürst in Audienz empfing.
Erregte schon dies berechtigtes Aufsehen, so wurde es noch größer, als der junge Mann das Palais in Begleitung des persönlichen Adjutanten des Fürsten wieder verließ.
Wer steckte denn hinter diesem einfachen, bescheidenen Manne? Der sah doch gar nicht nach etwas >Hohem< aus?
Das Rätsel sollte sich bald auf eine ganz einfache Weise lösen, es war wirklich ein >ganz gewöhnlicher Mensch<, wenn auch die Sache noch sensationell genug blieb.
Die beiden, Emil Schmidt und der Adjutant, begaben sich nach Monte Carlo auf den Bahnhof der Zahnradbahn, welche nach dem Städtchen La Turbie hinaufklettert, doch stiegen sie schon unterhalb in La Bordina aus, schlugen sich links durch unwegsame Felsenmassen, immer höher ging es hinauf - und wäre der Adjutant nicht ein noch junger Mann und ein gewandter Fußgänger gewesen, er hätte dem rüstigen Bergsteiger kaum folgen können, so halsbrecherisch war der Weg - bis Emil Schmidt an einer tiefen Schlucht stehen blieb, auf das jenseitige Felsplateau deutete und sagte:
»Dies ist das Fleckchen Erde, welches ich mir von der Gnade des Fürsten erbitte.«
Da dieses >Fleckchen Erde< noch heute existiert und einer Besichtigung sehr wert ist, soll Lage und Aussehen desselben genauer beschrieben werden.
Es liegt zwischen La Bordina und La Turbie, dem letzteren näher, nicht weit entfernt von einem alten Steinbruch. Es ist nichts weiter als ein nackter, ebener Felsvorsprung. Hier oben sieht es überhaupt recht öde aus. Links wird das kleine Plateau von einer Schlucht begrenzt, in die sich ein Bach ergießt, derselbe, welcher dann in die Gaumates-Schlucht, die Monte Carlo von Condamine trennt, hinabfällt; rechts von dem Plateau gähnt erst recht eine fürchterliche Tiefe, und nach hinten wird dieses reizende >Fleckchen Erde<, auf dem damals so wenig etwas von Erde zu bemerken war, wie jetzt, von einer himmelhohen Felswand abgeschlossen.
So sah und sieht das Fleckchen Erde aus, etwa 20 Meter lang und 10 Meter breit, ein nackter Felsvorsprung, nach dem sich das Herz des jungen Mannes sehnte - ein richtiger Horst, auf den ein Adler sein Nest kleben kann. Die Geschmäcker der Menschen sind eben verschieden - und das ist sehr weise eingerichtet von der Vorsehung. Freilich, umsonst hatte der junge Mann auch nicht solch träumerische Augen.
Nun reicht aber das schmale Fürstentum Monaco nur bis an den Fuß der Berge, hier war schon das französische Departement der Seealpen, hier oben hatte die >Gnade< des Fürsten von Monaco also gar nichts zu verschenken. Doch da dieser zugleich auch französischer Herzog ist, so konnte er schon etwas machen. Sehr bald erhielt denn auch sein Schützling aus Paris eine Schenkungsurkunde - ja, der moderne Eremit ist niemals von einem Steuereintreiber, von keinem Beamten belästigt worden.
Vorläufig aber konnte er seine zukünftige Heimat noch gar nicht betreten. Zuerst kaufte er sich in La Turbie einige sehr lange Bretter, schleppte sie einzeln herbei und schlug über die Schlucht eine Brücke.
Dann erstand er einen Spaten, eine Hacke, Hammer, mehrere Meißel, ein Pack der gröbsten Leinwand und andere Utensilien, welche der Mensch braucht, will er nicht in der Einsamkeit zum nackten Wilden herabsinken.
Mit hohlen Bambusstäben wollte er sich jedenfalls eine Wasserleitung bauen, wozu er ja nur in den Wasserfall eine Röhre zu stecken brauchte.
Schließlich machte er noch mit dem Viktualien-Händler Manuelo Moretti in La Turbie einen Kontrakt aus, nach welchem dieser an gewissen Tagen an einer bestimmten Stelle der Wildnis gegen Barzahlung Lebensmittel niederzulegen hatte, fast nichts weiter als Mehl, Hülsenfrüchte, Salz, Olivenöl und Petroleum - und der moderne Einsiedler war aus der Welt verschwunden.
Anfangs natürlich hatten die sensationslüsternen Stammgäste von Monte Carlo lebhaftes Interesse für den romantischen Sonderling. Es machten sich genug auf den Weg, auch Damen, und wenn sie nicht schon auf der Hälfte vor der schrecklichen Klettertour zurückgeschreckt waren, so konnten sie sehen, wie Herr Emil Schmidt jenseits der Schlucht eine Höhle in die Felswand meißelte und den Boden des Plateaus zu Pulver zertrümmerte, um ihn nach und nach in fruchtbares Land zu verwandeln. Ein Hinüberkommen gab es nicht, er ließ sich nicht interviewen, und dann langten die vornehmen Herrschaften mit zerfetzten Schuhen oder gleich ganz barfuß im Hotel wieder an - um eine Erfahrung reicher und um ein Paar Stiefel ärmer.
Da erlahmte das Interesse sehr schnell. Es war ja absolut nichts zu sehen. Niemand suchte ihn mehr auf, man vergaß ihn, Fremdenführer und Hotelpersonal machten nicht mehr auf ihn als auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam.
Wenn man aber ein gutes Fernrohr nach dort oben richtete und den Adlerhorst wirklich fand, so konnte man beobachten, wie sich die erst so nackte Felsenklippe im Laufe der Jahre immer mehr mit frischem Grün bekleidete.
Aber auch solch ein Weltentsager braucht, wenn es in der Wüste keine Heuschrecken gibt, entweder die Zinsen eines Vermögens oder einen Verdienst - er muß arbeiten, und wenn er Rosenkränze oder geweihte Zahnstocher schnitzt. Dieser Eremit hier schliff für das physikalische Institut von Maurice Orchard in Paris optische Gläser, deren Hin- und Herbeförderung ebenfalls jener Moretti besorgte. Er fristete auf der Klippe sein Leben also genau so, wie einst der berühmte Philosoph Spinoza das seinige in der Dachkammer.
Das Schleifen von optischen Gläsern ist eine Arbeit, welche außer physikalischen Kenntnissen eine unsägliche Geduld erfordert, sie kann noch immer nur mit der Hand gemacht werden, und der Eremit schliff noch dazu sehr, sehr langsam, er verdiente im Durchschnitt wöchentlich acht Francs, das sind noch keine sieben Mark.
Ebenso genau konnte berechnet werden, was er ausgab; in der Woche zwei Francs. Und das ist möglich! So billig kann der Mensch leben, wenn er kein Leckermaul ist und keine Miete zu bezahlen braucht. Täglich ein halbes Pfund Erbsen, ein Stück in Öl getauchtes Brot - da führt er seinem Körper genügend Nahrungsstoffe zu.
Und fürwahr, dieser Mann hatte sich nicht das schlechteste Teil erwählt! Er war ein reicher Mann, er verdiente ja viermal so viel, wie er verbrauchte. Er war ein freier Mann, ein wahrer Freiherr, kein Fürst der Erde kam ihm darin gleich. Und nun in dieser Höhe, wenn die Sonne aufging und am Horizont wieder ins Meer hinabtauchte, diese Szenerien, diese blaue See, die er bis nach Korsika überschauen konnte - und welche Gedanken mochten durch dieses freien Mannes Kopf kreuzen, wenn er so hoch oben in seiner Einsamkeit stand und herabblickte auf das zu seinen Füßen liegende Monte Carlo, wie die winzigen Menschlein dort unten nach dem roten Golde jagten, nach einem Phantom, blind und taub und wahnsinnig, geplagt von Lastern und Begierden und Gebrechen ...
Und nun kam dieser selbe Mann und bat um Eintritt ins Kasino, er wollte spielen!
»Wo befindet sich der Eremit?« fragte Monsieur de Haas den Diener, welcher die Karte gebracht hatte und noch im Zimmer stand.
»Er wartet im Vestibül.«
»Wie sieht er aus? Wie ist er gekleidet?«
»Wie ein Anachoret,« lautete die Antwort des gebildeten Dieners. »Er trägt eine Kutte, nur Sandalen, keine Strümpfe, und wahrscheinlich hat er auch kein Hemd an. Aber sonst scheint er ganz reinlich zu sein.«
»So, sonst scheint er ganz reinlich zu sein,« wiederholte der Direktor amüsiert. »Dann will ich ihn auch sprechen. Führe ihn hier herein.«
Der Eremit trat ein.
Was war in den sechs Jahren aus dem jungen, hübschen, so anständig auftretenden Manne geworden!
Er sah aus, als wäre er in einer Kaffeetrommel geröstet worden, ein braunes Skelett, um das eine Kutte aus Sackleinwand schlotterte, dazu ein Totenschädel, in dem die Augen das einzig Lebendige an der ganzen Gestalt waren, und zwar glühten diese Augen in fanatischem Feuer.
Außer der Kutte gehörten zu der Kleidung nur noch ein Paar aus Stroh geflochtene Sandalen, welche mit Stricken an den Füßen festgebunden waren.
Sehr merkwürdig war es, daß er schon beim Eintritt den linken Arm hoch in die Höhe gehalten hatte und auch noch im Zimmer in dieser Stellung verharrte. Dabei fiel der weite Kuttenärmel bis an den Ellenbogen herab, und der nackte Arm sah aus, als ob er aus Baumwurzeln zusammengeflochten wäre.
Monsieur de Haas putzte seinen Klemmer, setzte ihn auf und betrachtete interessiert den ausgedörrten Asketen des neunzehnten Jahrhunderts.
Es tauchen ja in Monte Carlo genug seltsame Figuren und Charaktere auf, aber so etwas war denn doch ganz neu.
»Sie wünschen die Spielsäle zu betreten?«
»Ich bitte dich darum. Entschuldige, wenn ich dich mit du anrede.«
Es war eine tiefe, ruhige Stimme, welche keiner Leidenschaft, keines Wechsels fähig zu sein schien, erhaben über Lust und Leid.
»N'importe. Zum Eintritt in das Kasino ist aber eine Legitimation nötig.«
»Ich besitze keine. Eben deshalb bitte ich persönlich um deine Erlaubnis.«
Der Eremit war der Schützling des allmächtigen Fürsten, von dem die Spielbank doch ganz abhängig ist, und der Direktor des Kasinos hat für das Amüsement der Fremden zu sorgen.
Monsieur de Haas füllte ein Formular aus und drückte den Stempel darauf.
»Geben Sie diese Quittung unten im Sekretariat ab, links im Vestibül, Sie erhalten dafür ohne Legitimation eine Eintrittskarte.«
Der Eremit nahm das Papier mit der rechten Hand, die linke hielt er unausgesetzt hoch.
»Ich danke dir. Aber ich darf auch spielen?«
»Gewiß, wer eingelassen wird, kann auch spielen, so lange er will. Sie können auch die Einlaßkarte, die Sie nun einmal haben, täglich ohne weitere Förmlichkeiten gegen eine andere auswechseln.«
»Das beabsichtige ich nicht, ich werde nur dreimal setzen.«
Er hatte doch schon auf der Karte geschrieben, daß er nur dreimal am Spieltisch zu setzen wünsche, jetzt fiel das dem Direktor auf.
»Warum nur dreimal?«
Der Eremit steckte das Papier in einen Schlitz seiner Kutte und brachte dafür ein Zwanzigfrancstück zum Vorschein.
»Mit diesem Goldstück werde ich durch dreimaliges Setzen eine Tischkasse sprengen.«
Aha, wieder einmal einer! Jetzt war also sogar dieser Eremit in seiner Einsamkeit von dem hier grassierenden Wahnsinn angesteckt worden. Das mußte geradezu in der Luft liegen.
Ach, was erleben diese Beamten der Spielbank nicht alles! Das System, das System! Nämlich das untrügliche System, wie man fortwährend gewinnen muß, und die Narren bieten ihr System der Direktion gleich zum Kauf an, natürlich höchst vorsichtig, mit der Drohung, sonst die Bank sprengen zu wollen, eine Million ist immer das Mindeste, was sie gleich verlangen - und einige Tage später wird wieder ein Unglücklicher ins Irrenhaus gesperrt, wenn man ihn nicht auf dem Friedhof der Selbstmörder begräbt.
»Durch dreimaliges Setzen wollen Sie eine Tischbank sprengen?« lächelte Monsieur de Haas. »Bitte, tun Sie es.«
»Ich werde es tun.«
»Sie können auch gleich die ganze Bank sprengen,« lächelte der Direktor weiter.
»Ich könnte es tun, will aber nicht.«
»O, legen Sie sich nur keinen Zwang auf.«
»Ich werde nur an einem einzigen Tische beweisen, daß ich es wirklich könnte, wenn ich wollte.«
»Nun, wenn dem so ist, wenn sich Ihr System wirklich als untrüglich erweist, so werden wir es Ihnen abkaufen.«
»Ich bedarf keines Geldes. Auch das, was ich jetzt gewinnen werde, gebe ich der Bank zurück.«
»O nein, das nehmen wir nicht an.«
»Du nimmst das Geld nicht an?«
»Niemals, das geht gegen unsere Prinzipien. Schenken Sie es doch den Armen.«
»Nein, denn das Geld, welches in solch unwürdigen Händen ist, kann jedem Menschen nur Verderben bringen.«
Der Direktor ignorierte diese Beleidigung gänzlich. Nicht etwa deshalb, weil er an solche Vorwürfe gewöhnt war - gerade er war der Mann dazu, solch einen Hieb mit doppelter Schärfe zurückzugeben - sondern er hatte Lebensweisheit genug, um sich zu sagen, daß man solch einem Einsiedler gegenüber einen Pflock zurückstecken müsse.
Hätte ein anderer ihm so etwas gesagt, hier in seinem Bureau, den hätte dieser Monsieur de Haas mit den feinsten Redensarten auf den Sand gesetzt, daß jenem die Entrüstung schnell vergangen wäre.
»So tun Sie mit dem gewonnenen Gelde, was Sie belieben.«
»Dann gestattest du, daß ich das Geld verbrenne?«
»Ja, wenn es Ihnen Spaß macht, warum nicht?«
»Ich meine, ob ich das Geld im Saale verbrennen darf?«
»Na, eigentlich ist in den Sälen kein Feuerwerk gestattet,« lächelte der Direktor belustigt, »aber mit Ihnen will ich einmal eine Ausnahme machen - vorausgesetzt, daß Sie die ganze Tischbank gesprengt haben, sonst nicht.«
»Ich danke dir für diese Erlaubnis, und ich werde von ihr Gebrauch machen. Kannst du mir nicht ein Streichholz geben?«
»Bitte, hier!« lachte jetzt Monsieur de Haas laut auf, dem kuriosen Kauze eine ganze Schachtel Schweden überreichend. »Langen die? Sonst können Sie auch noch mehr bekommen. Lassen Sie sich nur immer Papiergeld geben, damit es auch brennt.«
Der Eremit hatte auch die Schachtel eingesteckt und wandte sich zum Gehen.
»Noch einen Augenblick! Gestatten Sie mir noch eine Frage,« sagte der Direktor, und jener drehte sich an der Tür noch einmal um.
»Frage!« erklang es kurz.
»Hängt Ihr untrügliches System davon ab, daß Sie immer Ihren linken Arm emporhalten müssen?«
»Allerdings, es hängt wenigstens damit zusammen,« entgegnete der Eremit.
»Ich habe gehört, daß indische Fakire zum Beispiel ihren Arm so lange über den Kopf gelegt tragen, bis dieser Arm völlig abgestorben ist, abgedorrt. Erfüllen auch Sie solch eine Bußübung, um dadurch das Glück zu zwingen?«
»Nein, derartiges beabsichtige ich nicht. Ich habe den Arm kurz vorher in die Höhe gehoben, ehe ich zu dir kam, und ich werde ihn wieder herabnehmen, sobald ich mit dem dritten Spiele die Tischbank gesprengt habe.«
»So bereitet Ihnen das Emporhalten des Armes Unannehmlichkeiten?«
»Noch nicht, aber sehr bald wird es mir nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern sehr große Schmerzen bereiten.«
»Nun, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Die Spielsäle stehen Ihnen offen, ich wünsche Ihnen viel Glück.«
Der Direktor hatte höflich lächelnd gesprochen, zuletzt eine leichte Verbeugung machend. Der Eremit aber verließ aufrecht, wie er gekommen, den Arm steif emporhaltend, das Bureau, und nicht nur dadurch, daß er auf die Verbeugung des Direktors hin nicht einmal ein leises Kopfneigen gehabt hatte, lag etwas von einem ungemein beleidigenden Stolze in dieser armseligen Erscheinung, auch noch verstärkt dadurch, daß er jeden Menschen mit du anredete, der maßlose Stolz lag überhaupt in seinem ganzen Wesen ausgedrückt.
Das Kasino erstrahlte schon in elektrischem Lichte.
Im Sekretariat hatten ein Dutzend Schreiber zu tun, neue Eintrittskarten auszustellen und die abgelaufenen umzuwechseln. Hinter einem erhöhten Pulte thronte der erste Sekretär, welcher die Pässe der neuen Ankömmlinge visiert.
Das unnötige Verweilen in dem immer überfüllten Sekretariat ist nicht gestattet. Eine Ausnahme macht die Verwaltung mit den ständigen weiblichen Besuchern des Kasinos, mit den schönen Damen in tiefdekolletierten Seidenroben, überladen mit Juwelen und Perlen; sie gehören ja auch mit zum Beamtenstab, wenigstens indirekt. Diese Hyänen, in schöner Frauengestalt, in zarterer Sprache Kokotten genannt, sind vom Kasino dazu angestellt, die Spielunlustigen zu animieren - das Weib gehört nun einmal zum Spiel so gut wie der Wein - ohne diese sinnverwirrenden Damen der Halbwelt wäre Monte Carlo eben kein Monte Carlo.
Jede dieser Kokotten hat ihren Spitznamen, den eigentlichen kennt man gar nicht, und Namen wie Bella Cobra, Madame Pompadour, die Duchesse, die grüne Eva, Lila Nachtschatten und Mademoiselle Phöbe werden unvergeßlich sein allen denen, welche zu jener Zeit Monte Carlo besuchten. Sie existieren sogar zum Teil heute noch, wenn die Zeit auch diesen schönen Schlangen die Giftzähne ausgebrochen hat.
Vor dem Pulte des gerade unbeschäftigten Sekretärs hatten sich vier solcher berückender Weiber zusammengefunden, das Gespräch drehte sich natürlich um den rätselhaften Kapitän, welcher heute aus seinem Todesschlafe erweckt werden sollte, und dazu klapperten die Fächer in den mit Diamanten gepanzerten Fingern in wahrhaft nervenzerstörender Weise.
»Der Eremit von La Turbie!« rief da plötzlich der Sekretär in grenzenlosem Staunen. »Wahrhaftig, er ist es!«
Schnell wurden alle Fächer herumgedreht, an deren langem Griff sich die Lorgnetten befanden. Das Schwirren und Summen in dem Sekretariat verstummte mit einem Zauberschlage, aller Augen richteten sich nach dem Eingange.
Barfüßig und barhäuptig trat der Eremit ein und schritt direkt auf das einzelne Pult zu, ohne jemandem einen Blick zu schenken, den linken Arm noch immer hoch über dem Kopf erhoben.
Die vier Kokotten wichen nicht von ihrem Platze, sie musterten das Wundertier aus allernächster Nähe durch das Vergrößerungsglas, während der Kuttenträger sie gar nicht beachtete.
Der Sekretär hatte sich von seinem ersten Staunen erholt.
»Sie wünschen, mein Herr?« fragte er ganz geschäftsmäßig.
»Ich bitte um eine Eintrittskarte in die Spielsäle, hier die Erlaubnis des Direktors,« entgegnete der Eremit mit metallharter Stimme und legte das Papier jenem aus das Pult.
Der Sekretär erkannte die Vollmacht und hatte kein Wort weiter zu verlieren, er tat seine Pflicht, füllte die für jeden Tag der Woche anders gefärbte Eintrittskarte aus.
Die Damen dagegen brauchten ihrer Neugier keine Zügel anzulegen.
»Sie sind der Eremit van La Turbie?« fragte da schon die kleine, zierliche, tiefbrünette Bella Cobra.
»Ist das ein Gelübde, daß Sie Ihren Arm immer in die Höhe halten?« erklang es gleichzeitig von der großen, üppigen, rothaarigen Pompadour verführerischen Kirschlippen.
»Kommen Sie zum ersten Male wieder unter Menschen?« fragte die grüne Eva, ein kindliches Lockenköpfchen, wie die Unschuld selbst aussehend, und gerade sie die Verworfenste von allen.
»Werden Sie spielen?« ließ sich die diabolische Lila Nachtschatten, deren Augen von dunklen Ringen umrändert waren, ebenso schnell vernehmen.
Seltsamerweise stand der sonst so stolz auftretende Eremit willig Rede und Antwort.
»Ich bin der Eremit von La Turbie und werde mit drei Einsätzen eine Tischbank sprengen, um zu beweisen, daß mir stets bekannt ist, auf welche Nummer die Kugel in der Roulette fällt,« erwiderte er, die lodernden Augen fest auf die schönen Frauengestalten gerichtet; aber es war ein kaltes Feuer.
»Ach, wie interessant!«
»Sie haben wirklich ein untrügliches System?«
»Bitte, verraten Sie mir, wie Sie das machen!«
»Gehört das dazu, daß Sie immer den Arm in die Höhe halten?«
Das waren aber nur vier Fragen und Ausrufe von hundert anderen. Die Aufmerksamkeit sollte von dem Kuttenträger abgelenkt werden.
»Eine Maske! Eine Maske!« erscholl es in dem wirren Durcheinander.
»Wahrhaftig, er hat eine schwarze Maske vor seinem Gesicht!«
»Wer mag das sein?«
»Diese herrliche Gestalt, dieser stolze Gang!« wurde schon von schönen Frauenlippen geflüstert.
»Ist es denn erlaubt, hier Masken zu tragen?« fragten Neulinge.
»Nun brate mir jemand einen Storch, ist denn heute hier Karneval?« murmelte der Sekretär mit unsicherem Blick nach der Tür.
Der sonst so kaltblütige Mann verlor bald gänzlich seine Fassung.
Erst kommt ein Bettelmönch und will am grünen Tisch sein Glück probieren - dort steht er noch - und jetzt ... jetzt kommt da ganz unverfroren ein Mann mit einer schwarzen Maske herein!!
Nein, so etwas war im Kasino wirklich noch nicht dagewesen!
Im Jahre zuvor war in Paris ein Gassenhauer entstanden mit dem immer wiederkehrenden Refrain: jetzt kommt der Prinz von Monte Carlo!
Ein junger Franzose sollte die Spielbank von Monte Carlo gesprengt haben und nun in Paris das Geld mit vollen Händen ausstreuen, weswegen man ihn den Prinzen von Monte Carlo nannte. Mit dem regierenden Fürsten hat das nichts zu tun, dessen Sohn ist der Prinz von Monaco.
Also, wohlverstanden: das ist der Inhalt des erfundenen Liedes!! Die Spielbank von Monte Carlo ist nämlich noch niemals gesprengt worden, auch nicht vom Prinzen von Wales, wie es einmal durch alle Zeitungen ging. Es ist auch ganz ausgeschlossen, daß die Bank gesprengt werden kann, dafür ist durch Beschränkung der Einsätze gesorgt.
Der Gassenhauer hatte mit seiner hübschen, faszinierenden Melodie überall Glück gemacht, soeben wurden er draußen im Garten von der Kapelle gespielt, in der plötzlich eintretenden Stille drang die Musik ganz deutlich herein, und unter diesen faszinierenden Tönen hielt der maskierte Fremdling seinen Einzug.
Es war ein hochgewachsener Mann, ohne jeden Zweifel noch jung. Nicht einmal der elegante Straßenanzug vom modernsten Schnitt konnte das schönste Ebenmaß der athletisch gebauten Gestalt verbergen. Dazu nun noch ein schneller, stolzer, elastischer Schritt. Alles Kraft und Feuer und Grazie.
Den Hut mußte er schon in der Garderobe abgegeben haben, man sah kurze, schwarze Locken, aber das ganze Gesicht war von den Stirnhaaren bis hinab zum Kinn von einer schwarzen Seidenmaske bedeckt, welche nur für Mund und Augen kleine Öffnungen hatte.
Also man hörte die Klänge jenes bekannten Liedes.
»Achtung, meine Damen und Herren!« rief da die Pompadour plötzlich mitten in das stumme Staunen hinein, und, einem Einfalle nachgebend, sang das zügellose Weib mit schallender Stimme zu der Musik den Endtext.
Nun darf man nicht glauben, daß es in Monte Carlo besonders fein zugeht. Ja, es geht schon alles vornehm zu, sogar furchtbar vornehm - aber das ist eine so leichte Tünche, daß der freche Untergrund mit schamloser Nacktheit bei jeder Gelegenheit sichtbar wird.
Der Gassenhauer war von der Kapelle noch nicht ganz beendet, die letzte Strophe wiederholte sich mehrmals, die Musik spielte also noch, und da fiel auch schon eine ganze Bande solcher juwelenblitzender Weiber jauchzend mit ein in den Chor:
»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz, der Prinz von Monte Caaaarlo!«
»Aber, meine Damen!!« ließ sich da der in der Tür stehende Monsieur de Haas, welcher dem Eremiten bald gefolgt war, entrüstet vernehmen.
Ach was! Jetzt waren sie einmal drin. Und das Kasino braucht die Kokotten ebenso, wie die Kokotten vom Kasino abhängig sind!
Also noch einmal zur letzten Musik, und dazu mit Fächer und Stiefelchen den Takt geklopft:
»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz, der Prinz von Monte Caaaarlo!«
Als ob er den Inhalt des Liedes wirklich auf sich bezöge, so hatte sich der Maskierte verbeugt, mitten im Gehen, wozu eine große Gewandtheit nötig ist, soll es graziös geschehen, und er hatte es mit vollendeter Grazie getan, und es war fast selbstverständlich, hier, wo ja alles nur Spiel ist, daß die meisten der Damen, wenigstens alle, welche genügend schnelle Auffassungskraft besaßen, sich sofort ebenfalls mit zwei Schritten nach rückwärts bis an die Erde verneigten, respektive die Knie so tief beugten.
Der Maskierte hatte das Pult erreicht, die Musik war verstummt, und jetzt drängte sich alles nach diesem Pulte, um etwas zu erlauschen, wenn sich der verlarvte Fremdling legitimieren mußte.
»Ich bitte um eine Eintrittskarte für die Spielsäle,« erklang es hinter der Maske mit sonorer, voller Bruststimme.
»Ja aber - aber - aber - mein Herr,« stotterte der verblüffte Beamte, »eine Maske zu tragen ist hier nicht gestattet.«
»Weshalb nicht?«
»Ja aber - aber - aber - das geht hier eben nicht, das ist nicht erlaubt.«
»Es könnte doch sein, daß ich eine Wunde im Gesicht habe und einen Verband trage.«
»Ach so, es ist nur ein Verband ...«
»Nein, ich nahm nur diesen Fall an. Es ist eine richtige Maske, welche ich trage, um mein Gesicht nicht sehen zu lassen.«
Der Sekretär raffte sich von seiner Bestürzung auf. Er gehörte mit zu dem Spionagesystem, ganz Monaco ist ja mit Geheimpolizisten übersät.
»Sie wünschen eine Eintrittskarte in die Spielsäle?« fragte er kurz.
»Ich ersuche Sie darum.«
»Dann muß ich um Ihren Paß bitten.«
»Bedauere, ich besitze keinen vorschriftsmäßigen Reisepaß, habe auch in diesem Lande keine Legitimation nötig ... ich bin der Kapitän der Heliotrop!«
Und gelassen streifte der Maskierte den linken Glacéhandschuh ab, man sah den nun schon berühmt gewordenen, grünen Diamanten ein Feuermeer ausstrahlen, gelassen griff er in die Brusttasche, zeigte ein auseinandergefaltetes Papier vor - und da war es: des Fürsten eigenhändig ausgestellter Passepartout für den Kapitän der Heliotrop.
»Genügt das?«
Jetzt war es mit des Sekretärs eben wiedergewonnenen Fassung gänzlich vorbei, er stierte den maskierten Herrn wie ein Gespenst an.
»Ach - ach - ach - ach nee! Ach neeeee!!«
Da sah er im Hintergrunde den Direktor vom Hotel de Paris auftauchen, dieser nickte immer, zugleich den ganzen Oberkörper bewegend, und ein zweiter Herr näherte sich dem Pulte, trat gleich dahinter, ein Mann mit einem langen, schwarzen Vollbarte, der Polizeidirektor von Monaco.
Er zeigte dem Sekretär eine Depesche.
»Es stimmt,« flüsterte er. »Ich habe sofort, als ich den Vorfall vernahm, an das fürstliche Sekretariat nach Paris telegraphiert, soeben kam die Antwort - hier ist sie: Der Kapitän der Heliotrop darf in Meinem Fürstentum eine Maske tragen und ist überhaupt unbehelligt zu lassen, wie ihm Meine Beamten in jeder Weise entgegenzukommen haben. Auf Befehl! Albert Grimaldi.«
Jetzt machte der Sekretär einfach den Mund zu und schrieb die Karte aus.
Sie sind ja alle willenlose Sklaven des Goldes, und die Besitzer der Spielhölle kriechen wiederum dem Fürsten zu Füßen.
Der Eremit hatte sich bereits entfernt, jetzt folgte ihm der Maskierte nach, da sah man draußen ja auch seine Ordonnanz, den dickwanstigen Matrosen mit der Hornbrille, er hatte eine große Ledertasche umgehängt ... und nun begann im Sekretariat ein unbeschreibliches Durcheinander von Stimmen, alle sprachen gleichzeitig, der Hotelier und der Polizeidirektor wurden bald zerrissen, ohne daß man etwas von ihnen erfuhr ... und dann stürmte alles den beiden nach in die schon überfüllten Spielsäle.
Den Eremiten und seinen erhobenen Arm hatte man vorläufig vergessen, aller Augen suchten den Maskierten - den Prinzen von Monte Carlo, wie er sofort getauft worden war.
Dieser hatte unterdessen schon an einem Roulettetisch einen Stuhl gefunden. Zuerst beobachtete er das Spiel, während seine Ordonnanz wartend hinter ihm stand, und man hatte genügend Zeit, ihn zu betrachten.
Wie, das sollte derselbe alte, gebückte, hustende, schwindsüchtige, bellende Kapitän sein? Ganz und gar unmöglich!!
Das war ein noch sehr junger Mann! Es war gar nicht nötig, daß man sein Gesicht sah - man hatte doch oft genug des alten Kapitäns Hand gesehen, die verwelkte, zusammengeschrumpfte Greisenhand - und das hier war eine jugendkräftige Hand, sogar äußerst muskulös, dabei aber dennoch schlank und fein gepflegt.
Man hatte doch auch diesen schnellen, elastischen Schritt gesehen, und nun >beguckten< ihn - ganz besonders die Damen - von hinten und von vorn, sie spähten ihm in den Hals hinein - nein, nein, das war doch kein Greis, das war ein noch junger Mann!
Ja, das half aber alles nichts, jetzt wurde auch laut, was der Hotelier und seine beiden Zeugen erlebt hatten, als sie die Tür öffneten - dieser Maskierte hier mußte eben doch derselbe Kapitän der Heliotrop sein! Hier war eben ein Wunder geschehen! Der indische Professor hatte den alten Mann durch eine Operation oder durch sonst etwas wieder jung gemacht!
»Na, glauben Sie denn an solche Gespenster?!« wurde ärgerlich gefragt.
»Ja, geben Sie mir doch eine andere Erklärung,« lautete die Erwiderung, »ich warte nur darauf, denn ich für meinen Teil finde keine.«
Wenn man die Sache genau und mit nüchternem Verstande betrachtete, fand man auch wirklich keine andere Erklärung, als daß sich ein Greis plötzlich wieder in einen jugendfrischen Mann verwandelt hatte. Denn daß da in dem Zimmer ein Austausch von zwei Personen stattgefunden habe, das war viel leichter gesagt als bewiesen.
Als der Hotelier die Tür geöffnet hatte, war ihm dieser maskierte, junge Mann entgegengekommen, war sehr heiter gewesen, hatte aber vor allen Dingen einen ganz enormen Appetit entwickelt. Der Zimmerinhaber war mit einem Male auch sehr leutselig geworden, er hatte dem Hotelier erzählt, wie die Verjüngungskur des indischen Professors an ihm geglückt sei, allerdings sonst hatte er nichts weiter gesagt - auffallend aber war es auch, wie der Kapitän von den drei Matrosen so freudig begrüßt wurde, sie gratulierten ihm zu der erfolgreichen Kur. Doch sonst waren diese nicht überrascht gewesen, sie hatten eben schon gewußt, wie alles kommen würde, und auch der Kapitän war der Sache so sicher gewesen, daß er schon für sein neues Jugendleben eine vollständige Garderobe im Koffer gehabt hatte.
Dann war er sofort ins Kasino gegangen, immer scherzend hatte er die Tasche seiner Ordonnanz mit Gold und Papiergeld gefüllt - er wolle der armen Bank auch etwas zuwenden, hatte er gesagt - man war gleich an die Reinigung seines Zimmers gegangen, jetzt konnten die Kellner und andere Neugierige alles durchsuchen, und da gab es keinen großen Koffer, in dem sich ein zweiter Mensch hätte verstecken können, und das Zimmer lag in der dritten Etage, und daß während der drei Tage niemand dasselbe verlassen hatte, darauf war der Hotelier einen Schwur abzulegen bereit.
Nun blieb noch die Vermutung übrig, daß dieser Mann zuerst nur einen Greis markiert hatte.
Na, wer den alten Kapitän gesehen hatte, nur von weitem, der hielt so etwas für ganz ausgeschlossen, und damit basta! Solch eine welke, ausgetrocknete Hand kann man sich nicht anschminken oder auf eine andere Weise künstlich herstellen!
Den langen, weißen Bart hatte er sich selbst gleich nach dem Erwachen aus dem todesähnlichen Schlafe abgeschnitten, im Zimmer lagen noch die Haarsträhne - bevor er die schwarze Maske vorband.
Wozu nun diese Maske?
Es blieb nichts anderes übrig, als zu warten und auf eine Erklärung aller dieser Rätsel zu hoffen, vorläufig konnte man den Maskierten nur anstaunen.
Nachdem dieser also sich längere Zeit durch Zusehen über die Art und Weise des Spieles orientiert, auch einen neben ihm sitzenden Herrn mit äußerster Liebenswürdigkeit um einige Auskünfte gebeten hatte, ließ er sich von seiner Ordonnanz Gold und Papiergeld reichen, ordnete es wie die anderen vor sich auf dem Tische und begann zu setzen.
Er gewann, er verlor, gewann wieder - bis sich das Glück ganz entschieden gegen ihn wandte, und je mehr er den Tisch mit Gold pflasterte, desto mehr verlor er. Schon nach einer halben Stunde schätzten die Kundigen seine Verluste auf mindestens 20.000 Francs, und ferner konstatierten sie, daß er nicht nur gar keine Leidenschaft für das Hasardspiel besaß, daß er nur noch hier und da einen Hundertfrancsschein, später auch einen Tausendfrancsschein hinlegte, um nicht untätig am Tische zu sitzen, sondern daß seine Aufmerksamkeit auch von etwas anderem gefesselt wurde, was ihn mehr interessierte als dieses Spiel.
Es war ein junges Mädchen, welches ihn so fesselte. Hier konnte man zwischen den >Damen< endlich einmal das schöne Wort >Mädchen< anwenden. Freilich saß hier auch manches unschuldig aussehende Täubchen, und es war dennoch ganz vom Spielteufel besessen. Besonders die Engländerinnen, die können etwas in aller Unschuld leisten, wenn sie erst einmal hinter den Geschmack am Hasardspiel gekommen sind!
Aber das hier war ein blondes Gretchen, so zart und so traurig, sie spielte auch nicht selbst, sie saß nur neben einem alten, würdigen Herrn mit weißem Vollbart und goldener Brille, der Ähnlichkeit nach mußte es ihr Vater sein, sie hatte ihn jedenfalls als Schutzengel in die Spielhölle begleitet, er mochte auch mit der Brille nicht ordentlich sehen können, sie mußte immer die herausgekommene Nummer aufschreiben, wie es fast jeder Spieler tut.
Doch wir wollen nicht nur mit den hinter der Maske hervorblitzenden Augen beobachten, wir wollen uns von einem der von der Bank angestellten Spione und Sicherheitsbeamten über die beiden erzählen lassen, und diese Spione wissen gewöhnlich mehr, als was die Fremden von sich angeben, wenigstens wenn diese sich längere Zeit in Monte Carlo aufhalten.
Felix Richter, Privatier aus Berlin, mit seiner Tochter Johanna.
So hatte sich der alte Herr auf der Polizei angemeldet.
Aber das stimmte nicht, das hatten die Sicherheitsbeamten schon herausgebracht, das heißt, ohne deswegen den Herrn etwa zur Rechenschaft zu ziehen. Eigentlich hieß er Ernst von Marbach und war Gutsbesitzer in Pommern. Gesagt hatte er dies niemand, aber, ach, das hat man hier so schnell heraus! Doch wenn sonst nichts vorliegt, so gibt man hier auch nichts weiter darauf, wenn man mit einem anderen Passe reist. Es ist doch manchem nicht angenehm, daß sein richtiger Name in die öffentlichen Fremdenlisten von Monte Carlo kommt. Wenn er nur Geld mitbringt und es sitzen läßt, das ist hier die Hauptsache. Und ist es ein durchgebrannter Kassierer, so nimmt ihm der größere Räuber erst noch so viel als möglich ab, ehe der kleinere anstandshalber gepackt und zur Bestrafung ausgeliefert werden muß.
Vor etwa einem Monat waren sie gekommen, Vater und Tochter, hatten erst in einem Hotel gewohnt und waren dann in eine Pension gegangen.
Sie wurden permanente Besucher des Kasinos, bekamen eine Dauerkarte, waren immer mit unter den ersten, wenn die Spielsäle mittags geöffnet wurden, um einen Sitzplatz zu bekommen. Wie jeder neue Ankömmling, der zum ersten Male sein Glück probiert, hatte auch der Alte zuerst stark gewonnen, er wurde kühner, verlor das Gewonnene schnell wieder, wollte es durch Verdoppeln der Einsätze zurückgewinnen, verlor noch mehr, und seit einigen Tagen spielte er nur noch ganz, ganz vorsichtig mit den kleinsten Einsätzen.
Es ging mit ihm zu Ende. Das sah man ihm deutlich an. Sein Blick hing immer starrer und starrer an dem von ihm gesetzten Fünffrancsstück. Und die zarte Tochter wurde immer trauriger und ängstlicher. Doch wahrte er noch stets den Kavalier, blieb kalt im Unglück, und die Tochter suchte ihn nicht vom Spieltisch wegzubringen. Was es zu Hause für Szenen gab, wußte man nicht.
Nach Ansicht eines geheimen Beobachters hatte Herr Felix Richter während dieses einen Monats ungefähr 15.000 Francs verspielt. Das heißt, sonst werden weiter keine Recherchen angestellt, etwa, was der Mann noch zu Hause hat. Das ist nur, damit dann niemand kommt und verlangt, die Bank solle ihn erster Kajüte nach Amerika schicken, er habe hunderttausend Francs verspielt - und dabei hat er überhaupt nur zehn Francs in der Tasche gehabt. Das ist nämlich alles schon vorgekommen, aber so vertrauensselig ist die Bank natürlich nicht.
Jetzt holte der Alte einen Hundertfrancsschein aus der Tasche, und schon daraus, wie er das tat, wußte der Kundige sofort, daß es sein letzter war. Ein Zögern, ein kurzes Ringen, und mit einer hastigen Bewegung hatte er ihn auf die Null gesetzt. Einen so hohen Einsatz hatte er überhaupt noch nie gemacht.
»Papa!« erklang es da weinerlich zwischen dem Rollen der Elfenbeinkugel.
»Rien ne va plus!« rief der Croupier.
Der Alte hatte auf den klagenden Ruf seiner Tochter eine Bewegung gemacht, als wolle er den Hundertfrancsschein schnell wieder zurücknehmen - zu spät, der Croupier hatte schon angekündigt, daß nichts mehr gesetzt und nun natürlich auch nichts mehr zurückgezogen werden durfte.
Klapp, ging es - die rotierende Kugel war in eines der 37 Fächer gefallen. -
»Dixsept ... noir passe impair!«
Der Hundertfrancsschein war mit den anderen Einsätzen, welche verloren hatten, von den Croupiers mit ihren eleganten Harken eingezogen worden.
Der alte Herr erhob sich. Er lächelte, es sollte ein verächtliches Lächeln sein, aber es sah ganz anders aus. So etwas kennt man hier.
»Komm, Hannchen, wir wollen nach der Post gehen, jetzt muß das Geld schon dasein, dann reisen wir gleich ab,« hörten die, welche Deutsch verstanden, ihn mit heiterer Miene zu dem jungen Mädchen sagen.
Na, wenn er noch Geld zu erwarten hatte, dann ging es ja. Wenn er dann nur auch wirklich gleich abreiste!
Der Maskierte sandte den Fortgehenden einen langen Blick nach und wandte sich zerstreut wieder dem Spiele zu.
»Mit diesem Zwanzigfrancsstücke sprenge ich in drei Spielen die Bank!« rief da schallend eine metallene Stimme.
Das Interesse der Zuschauer hatte sich unterdessen auch wieder dem Eremiten zugewendet, dessen Vorhaben nun schon durch die vier Kokotten bekannt geworden war, und das Spiel und alles, was damit zusammenhängt, ist hier doch immer die Hauptsache. Wie, der wollte die Bank sprengen oder doch den baren Bestand eines einzelnen Tisches? Da mußte man dabeisein.
Der Eremit hatte sich zufällig an denselben Tisch begeben, an welchem auch der geheimnisvolle Maskierte saß. Mit außergewöhnlicher Zuvorkommenheit hatte man dem Kuttenträger Platz gemacht, wenigstens bis zu den Stuhllehnen, und hier hatte er eine halbe Stunde gestanden, das Spiel beobachtend, immer den Arm steif erhoben, und das ist doch eine ganz außerordentliche Kraftleistung.
Jetzt, als er jene Worte rief, hob er auch noch die rechte Hand, um das Goldstück zu zeigen, mit welchem er also durch dreimaliges Setzen die Bank zu sprengen versprach.
Man hatte hier schon viel Renommisterei gehört, wenn wieder einmal jemand ein unfehlbares System erfunden haben wollte - eine solche Großsprecherei aber war denn doch noch nicht dagewesen! Man lächelte spöttelnd und lachte sogar höhnisch. Hatte dieser armselige Kuttenträger von dem Roulettespiel eine Ahnung!
Und dennoch! Es war kein gewöhnlicher Mensch. Es war ein Eremit, der sechs Jahre lang in strengster Askese gelebt hatte. Und auch Fortuna liebt alles Sensationelle. Und warum tragen denn hier so viele Reliquien bei sich, tauchen heimlich Geld ins Weihbecken, pflücken um Mitternacht gewisse Blumen, suchen in einem Hause, in dem ein Toter liegt, etwas zu stehlen, reißen sich um den Strick eines Gehängten - warum tun sie das?
Hier ist ja alles vom gröbsten Aberglauben durchseucht, und alle die, welche jetzt so spöttisch lächelten über den Kuttenmann mit seinem erhobenen Arm, sie hätten sofort sonst etwas getan, wenn sie hoffen konnten, dadurch das Glück auf ihre Seite zwingen zu können.
»Auf Nummer 22.«
Mit diesen Worten beugte sich der Eremit über die Köpfe der Sitzenden und legte sein Goldstück auf die angesagte Nummer.
»Auf diese Weise, wenn man es gleich sagt, geht es nie, denn dann hört das Glück es ja,« hieß es höhnisch, ohne daß man sich dabei seines eigenen Aberglaubens bewußt wurde.
Die Kugel klapperte, sie fiel.
» ... va plus! - Vingt-deux!«
Gewonnen! Es entstand eine Unruhe.
Die einzelne Nummer wird 35fach ausgezahlt, also wurden auf des Eremiten Goldstück sieben Hundertfrancsscheine gelegt.
»Das war aber ein Zufall!!!« hieß es, und dabei bemächtigte sich schon aller die größte Erregung.
»Bitte, alles auf Nummer 7,« sagte der Eremit zu einem Croupier.
Dieser schob mit seiner Harke die 720 Francs auf die gewünschte Nummer. Das neue Spiel begann, wieder klapperte der kleine elfenbeinerne Teufel in dem Apparat, mit hoch erhobenem Arm stand der Eremit da.
» ... va plus! - Sept!«
Wiederum gewonnen!
»Mon dieu! - Diavolo! - Santa Madonna! - God damn't!! - Sapristi! - Himmeldonnerwetter!!!«
So hauchte und flüsterte es mit vor Erregung bebenden Lippen, und jetzt drehten auch alle Croupiers die Köpfe nach dem Eremiten, um ihn noch mit anderen Augen zu betrachten.
Aber immerhin, solch ein Glücksfall, daß jemand zweimal hintereinander auf die richtige Nummer gesetzt hat, ist auch schon häufig vorgekommen. Es ist nur ein großes Ereignis, welches in die Chronik der Spieler eingetragen wird.
720 Francs standen, 25.200 Francs wurden hinzugelegt. Der Croupier wollte sie mit der Harke dem Gewinner zuschieben.
»Bitte, ich lasse sie stehen,« wehrte der Eremit ab.
»Auf Nummer sieben?«
»Auf Nummer sieben.«
Das war ja einfach Tollheit! Wie selten kommt eine von den 37 Zahlen zweimal hintereinander heraus! Und nun gar noch die Sieben, welche heute schon sehr oft gefallen war!
Nein, da verlangte der Eremit mit seinem erhobenen Arm von der launischen Glücksgöttin doch etwas gar zu viel, diesmal würde sich der gute Mann irren!
Der Croupier machte ihn gar nicht erst aufmerksam, daß als höchster Einsatz nur 6.000 Francs zulässig sind, er schob eben das sämtliche Geld auf die Sieben. Es war doch sowieso verloren.
Das heißt, wenn die Nummer verlor, dann durften auch nur 6.000 Francs weggenommen werden, nicht etwa alles! So etwas gibt's hier nicht! Der Wahrheit muß man die Ehre geben: es geht an den Spieltischen von Monte Carlo nicht nur durchaus ehrlich, sondern höchst nobel zu. Wenn zwei sich um einen Gewinn streiten, jeder beansprucht ihn für sich, und sie können sich nicht schnell einigen, der >Maitre de table< kann nach bestem Gewissen ebenfalls nicht entscheiden, wessen Geld es gewesen ist, so wird der Gewinn anstandslos allen beiden ausgezahlt, also zum Schaden der Bank. Natürlich sieht man sich seine Leute an. Gaunern gelingt der Trick nicht so leicht.
Dieser Fall war eben jetzt einmal eingetreten.
Zwei Herren beanspruchten ein und denselben Gewinn für sich. Für die Bank muß das ganz besonders deswegen unangenehm sein, weil bei ihr Zeit direktes Geld ist, denn in jeder Minute wird ein Spiel gemacht, und solange der Streit nicht entschieden ist, darf nicht gespielt werden.
Auch schon aus diesem Grunde sucht der Maitre de table, welcher von einem erhöhten Stuhle aus den ganzen Tisch übersieht und das Spiel leitet, die Sache möglichst abzukürzen, so tat er auch jetzt, drei Minuten vergingen aber doch, ehe er die Summe einem der beiden Herren zusprach, den andern überzeugend, daß er das Geld nicht gesetzt haben könne, und drei Minuten sind für alle, welche das neue Spiel nicht erwarten können, eine lange Zeit.
Diejenigen aber, welche am Spiele selbst nicht interessiert waren, sondern den Eremiten beobachteten, machten an diesem eine eigentümliche Wahrnehmung.
Es war nicht anders, als wenn dieser von einer furchtbaren Qual heimgesucht werde, aber nicht von einer seelischen, weil er die Fortsetzung des Spiels nicht abwarten konnte, sondern von einer körperlichen. Denn jetzt konnte man deutlich sehen, daß ihm das Emporhalten des linken Armes nicht zur Gewohnheit geworden war, was auch gar nicht zu begreifen gewesen wäre. Man sah vielmehr, wie der Arm immer herabsinken wollte und wie er doch noch steif in die Höhe gehalten wurde, und was dies seinem Besitzer für entsetzliche Schmerzen bereiten mußte, das war in seinen eingefallenen Zügen ausgedrückt, sie verzerrten sich vor Pein, er wankte sogar und mußte sich mit der rechten Hand an eine Stuhllehne klammern - und trotzdem immer noch den Arm hoch und steifgehalten!
»Messieurs, faites votre jeu!« lud der Croupier wieder zum Spielen ein.
Es wurde gesetzt, die Kugel rollte, man glaubte, der Eremit werde im nächsten Moment zusammenbrechen. Starr hatte er die Augen zur Decke gerichtet. Klapp, ging es - die Kugel war gefallen.
» ... va plus! - Sept!«
Die Sieben hatte zum zweiten Male gewonnen!
Ein Tumult entstand, eine Rebellion brach aus.
»Die Bank ist gesprengt!! Die Kasse vom zweiten Tisch ist gesprengt!! Der Eremit von La Turnie hat sie mit drei Spielen gesprengt!!!«
So schallte es durch die weiten Säle, der Ruf pflanzte sich in zahllosen Wiederholungen von Mund zu Mund fort.
Denn die Stammgäste dieses Tisches wußten bereits, daß die Kasse den höchsten Gewinn, 210.000 Francs, nicht auszahlen konnte, es war nicht so viel in der Bank.
Und jetzt erst kam es zur allgemeinen Erkenntnis, daß der Eremit ja nicht nur den höchstzulässigen Einsatz, also 6.000 Francs, auf der gewonnenen Nummer stehen hatte, sondern im ganzen 25.920 Francs!!
Wäre die Höhe der Einsätze nicht beschränkt gewesen, so hätte er bald eine Million oder ganz genau 907.200 Francs ausbezahlt bekommen müssen!!
Geschah dies nun auch nicht, so war dies doch nicht seine Schuld - man sah die Million vor seinen Augen - und er hatte sein prahlerisches Wort wirklich eingelöst - die Tischkasse konnte nicht sofort bezahlen, sie war also gesprengt, - und wenn mehr darin gewesen wäre, so hätte er eben noch einmal gesetzt - denn der kannte das Geheimnis, das hatte er bewiesen - der hatte den Stein der Weisen gefunden - der Eremit in der härenen Kutte war der Herr von Monte Carlo!!
Für die Bank selbst machte das freilich nichts aus. Das heißt, in Zahlungsschwierigkeiten kam sie deshalb noch lange nicht. Es kommt fast jedes Jahr einmal vor, daß ein Tisch den Gewinn nicht auszahlen kann, freilich sind das dann immer mehrere Einsätze, die gewonnen haben, es haben also viele Spieler auf ein und dieselbe Chance gesetzt, die gewonnen hat, und das vor allen Dingen ein einziger Spieler durch dreimaliges Setzen hintereinander die Bankkasse erschöpft hat, wobei er das auch noch vorher ansagt, so etwas stand freilich in der Spielchronik einzig da.
Doch, wie gesagt, auf so etwas ist die Bank stets vorbereitet.
Der erste Croupier dieses Tisches hatte geschellt, und drei Minuten später brachte ihm aus der Administration ein einfacher Diener ein dickes Paket von Tausendfrancsscheinen, der Croupier ließ sie wie ein Kartenspiel durch die Finger schnellen und legte, ohne eine Miene zu verziehen, etwa die Hälfte davon auf die Sieben - und diese Croupiers verzählen sich nie.
»Zweihundertundzehntausend Francs, voilà - Messieurs faites votre jeu!«
Allein jetzt sollte etwas geschehen, was den Spielern ihr eigenes Interesse am grünen Tische vergessen ließ.
Sofort, wie angekündigt worden war, daß die Sieben abermals gewonnen, hatte der Eremit den linken Ann sinken lassen, ein Stöhnen war über seine blutleeren Lippen gekommen, und es sah aus, als ob der Mann im nächsten Augenblick zusammenbrechen müsse. Er taumelte einmal - aber mit Gewalt raffte er sich wieder empor, hielt sich aufrecht.
Dann nahm er den großen Haufen Papier, der ihm jetzt zugeschoben worden war, nur sein eigenes Goldstück, mit dem er begonnen, ließ er in der Kutte verschwinden, er trat von dem Tische zurück, in seiner Hand stammte ein Streichholz auf - und die andere Hand hielt ein brennendes Papierbündel!
Es war kein Ruf des Staunens, sondern es war ein gellender Schmerzensschrei, der aus Hunderten von Kehlen durch den Saal hallte.
So viel Geld in Flammen aufgehen zu sehen - eine Viertelmillion - diesen Anblick konnten sie nicht ertragen, sie fühlten das Feuer am eigenen Leibe brennen.
Auch Monsieur de Haas war in den Spielsaal gekommen, um den Eremiten und den Maskierten zu beobachten, er hatte der Szene beigewohnt, wie ersterer am Spieltisch sein prahlerisches Wort einlöste, der Direktor hatte bleich wie der Tod ausgesehen, und jetzt stürzte er auf den Eremiten zu.
»Wahnsinniger, was tun Sie da!!!« schrie er kreischend.
»Was ich sagte, führe ich aus,« entgegnete der Eremit gelassen, das brennende Paket hin- und herschwingend.
Aber 235 Tausendfrancsscheme, festes Papier in einem festen Paket, brennen schlecht, es wollte zu keiner lodernden Flamme kommen.
»Das dürfen Sie hier nicht!!!« schrie der Direktor außer sich. Denn er hatte die Erlaubnis doch nur im Scherz gegeben. Wer hätte denn gedacht, daß es so kommen würde!
»Nicht? - Da - freßt, ihr Bestien!!«
Mit diesen Worten hatte der Eremit das glimmende Paket zu Boden geschleudert, die Scheine flatterten auseinander, und jetzt gingen sie in hellen Flammen auf.
Und die Bestien fraßen! Wie die hungrigen Wölfe stürzten sie sich auf die brennenden Banknoten, diese noblen, stolzen Kavaliere und diese nach Wohlgerüchen duftenden Damen in dekolletierten Balltoiletten, sie heulten auch dabei wie die Wölfe, sie balgten sich am Boden um das brennende Geld, sie traten das Feuer nicht erst aus, gleich mit den Händen griffen sie hinein in die Flammen, der Brandwunden nicht achtend, um wenigstens einen einzigen Tausendfrancsschein zu erbeuten, dessen Nummer noch erhalten war, dann wurde er ja noch eingewechselt!
Viele der Zuschauer, und gerade die, welche nicht lachten, sondern welche sich mit Abscheu von dieser widerwärtigen Szene abwandten, bedauerten dann, daß keine der Damenroben Feuer gefangen hatte, daß keine Verbrannten hinausgetragen worden waren - denn fürwahr, hier hätte eine furchtbare Katastrophe einmal nichts geschadet, das wäre dann die gerechte Strafe des Himmels gewesen ...
Sofort, als der Eremit die brennenden Tausendfrancsscheine den >Bestien< vor die Füße geschleudert hatte, drehte er sich um und schritt mit stolz erhobenem Haupte dem Ausgang des Saales zu.
Monsieur de Haas war ihm nachgeeilt. Im Vestibül hielt er ihn fest. Der Direktor sah noch immer ganz entgeistert aus.
»Was willst du von mir?« fragte der Eremit schroff.
»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Bitte folgen Sie mir.«
Der Eremit folgte ihm denn auch in dasselbe Privatkontor zurück.
Auf dem Wege dorthin hatte der Direktor seine Ruhe wiedererlangt. Wie schon gesagt, er war Besitzer von sehr vielen Aktien der Spielbank, er hatte diese auch mit gründen helfen, und so warfen seine ersten Aktien, die er noch in den Händen hatte, fast 500 Prozent Dividende ab. Denn das ganze Aktienkapital besteht nur aus 6 Millionen Francs, die Unterhaltung des Kasinos und des ganzen Fürstentums kostet 40 Millionen Francs und an die Aktionäre werden jedes Jahr immer noch 30 Millionen Francs Dividende verteilt. Dadurch also hatte Monsieur de Haas bei einem gar nicht so sehr großen Vermögen ein ungeheures Einkommen. Aber Monsieur de Haas verbrauchte auch sehr viel und hatte es schon immer getan. Und gesetzt den Fall, die Spielbank von Monte Carlo wird einmal aufgehoben, so können alle Aktien ins Feuer geworfen werden. Es kann aber auch noch ein anderer Fall eintreten als nur ein internationales Verbot gegen die Existenz dieser öffentlichen Spielhölle, dieser Pestbeule und Schande der Zivilisation. Wie nun, wenn doch einmal jemand ein wirklich unfehlbares System ausgrübelte, wie man immer gewinnen kann? Allerdings scheint die Möglichkeit solch eines untrüglichen Systems ausgeschlossen, so wird allgemein behauptet - aber die Zahlenanordnung in der Roulette ist eine willkürliche, sie ist im Gehirn eines sterblichen Menschen ausgedacht worden, beruht also auf keiner mathematischen Formel, und eben deswegen kann auch kein Mathematiker beweisen, daß solch ein System unmöglich sei. Und was noch nicht geschehen ist, das kann ja noch geschehen! Und wenn nun jetzt dieses Problem gelöst war? Was waren dann die Aktien noch wert? Dann konnte man sie ebenfalls nur gleich ins Feuer werfen.
Diese Erwägung der Zukunft seiner Aktien, die Furcht war es, welche dem Geschäftsmann seine Kaltblütigkeit wiedergab.
Sie hatten das Kontor erreicht.
»Bitte, wollen Sie Platz nehmen.«
»Ich stehe.«
»Wie Sie belieben. - Herr, Sie haben vorhin nicht nur renommiert. Mein Staunen ist grenzenlos. Sie haben das unfehlbare System entdeckt.«
Das heißt, jetzt, bei nüchternem Verstande, dachte der Direktor vielleicht auch nicht ganz so, vielleicht schmeichelte dieser geriebene Geschäftsmann nur, um auf diese Weise mehr zu erfahren.
»Woher wußten Sie die drei Nummern, die herauskommen würden?«
»Wie ich sagte, ich weiß stets vorher, welche Zahl fallen wird.«
»Ja, aber woher ist das Ihnen immer bekannt? Liegt dem eine mathematische Berechnung zugrunde?«
»Ja, eine mathematische Berechnung.«
Der Eremit hatte das in einem Ton gesagt, aus dem der Spott deutlich hervorklang. Der Direktor wurde hierdurch nur noch düpierter, was aber sollte es sonst sein, als eine mathematische Berechnung? Doch nicht etwa gar der erhobene Arm, daß durch diesen das Glück ...
Unsinn! Über derartigen Aberglauben war Monsieur de Haas erhaben.
Er tat, als ob er den Hohn nicht gehört, als ob der Eremit also die Wahrheit gesprochen habe, und er wußte auch nichts anderes als eine mathematische Berechnung, auf welcher ein untrügliches System basieren konnte, so unbegreiflich ihm das auch war.
»Dann ist die Spielbank ruiniert!« sagte er, und er brauchte das Beben seiner Stimme nicht zu erkünsteln. »Bitte, ehe wir noch weiter darüber sprechen, wollen Sie mir noch einige Proben Ihrer Berechnung geben?« Er hatte aus einem Schrank einen Roulette-Apparat genommen und ihn auf den Tisch gesetzt.
»Es ist genau dieselbe Roulette wie im Saal. Wieviele Spiele haben Sie nötig, um Ihre Berechnung aufzustellen?«
»Ich tue es nicht.«
»Sie haben nicht die Güte, das Experiment hier noch einmal zu wiederholen?«
»Nein,« war die schroffe Antwort.
»Ach, bitte, nur dieses einzige Mal. Sie haben im Spielsaal erst eine halbe Stunde beobachtet, ehe Sie die Zahl ansagten, das wären 30 Spiele gewesen, ich werde jetzt 30 regelrechte Spiele ...«
»Gib dir keine Mühe, ich spiele nicht mehr, auch nicht zum Versuch. Dreimal wollte ich setzen, um zu beweisen, daß mir stets bekannt ist, wohin die Kugel fallen wird, ich habe es getan - nie wieder!«
»Auch nicht wieder im Spielsaal selbst?« fragte der Direktor lebhaft.
»Ich werde auch nie wieder den Spielsaal betreten.«
»Ja aber, was ist dann der Zweck Ihres Beweises gewesen? Was beabsichtigen Sie eigentlich? Werden Sie Ihr System veröffentlichen?«
»Du sagst es.«
Der Direktor schrak zusammen.
»Sie wollen ein Buch herausgeben?«
»Nein.«
»Wie wollen Sie aber Ihre mathematische Berechnung sonst veröffentlichen?«
»Die Schüler müssen zu mir kommen.«
Aha, jetzt begann der erfahrene alte Herr etwas zu ahnen, und er wurde ganz bedeutend ruhiger.
»Und Sie werden ihre Schüler in den Stand setzen, daß diese ebenfalls immer wissen, wohin die Kugel fallen muß?«
»Ganz sicher, wenn die Schüler genau meinen Anweisungen folgen.«
»Sie meinen, Ihre ... Lebensregeln.«
»Du sagst es.«
Richtig, der scharfsinnige Monsieur de Haas hatte sich nicht geirrt. Hier handelte es sich nicht um ein mathematisches System, sondern der Eremit glaubte, sich durch asketische Übungen so weit gebracht zu haben, daß er das Glück zwingen, daß er bestimmen könne, wohin die Kugel zu fallen habe, er lenkte sie durch seine Willenskraft. Nun fürchtete Monsieur de Haas aber nur eine mathematische Berechnung, so etwas durchaus nicht, das war für ihn nur fauler Hokuspokus.
Aber hatte der Eremit nicht wirklich dreimal hintereinander die herauskommende Nummer gewußt, oder, nach seiner Ansicht, die Kugel nach seinem Willen gelenkt?
Nein, das war Einbildung! Das war eben ein außerordentlicher Zufall gewesen, wie ein solcher wohl im Bereich der Möglichkeit liegt.
Jetzt war es Berechnung, als sich Monsieur de Haas erschrocken stellte.
»Oh, oh, oh,« sagte er in kläglichem Ton, »da ist es allerdings das beste, wenn wir uns schnell einigen. Eine Woche freilich wird immer vorübergehen, da sind noch viele andere Aktionäre zu befragen, und dann sehen Sie wohl ein, da wir doch eine Garantie in den Händen haben müssen, daß das Geheimnis, für welches wir bezahlen, auch wirklich gewahrt wird, daß wir also in solch einem Falle nur einen Anteil am Gewinn der Spielbank gewähren können. Wie hoch würden sich Ihre Ansprüche belaufen, wenn ich fragen darf?«
Der Totenschädel des Eremiten lächelte - es war ein Lächeln des grausamen Hohnes, es war ein entsetzliches Lächeln.
»Wieviel meinst du?«
»Nun, würde eine Million genügen?« fragte der Direktor mit hinterlistigem Spott.
Der Eremit richtete seine skelettartige Gestalt empor.
»Eine Million? Pah! Ich verlange den ganzen Gewinn, die sämtlichen Aktien, das ganze Kasino verlange ich. Und den Gehalt der Angestellten, auch den deinen werde ich bestimmen! Denn sobald ich will, von jetzt an, haben die Aktien für euch keinen Pfifferling Wert mehr, ihr könnt bloß noch jeden Tag Millionen zusetzen - wenn ihr sie hättet.«
Der Direktor wunderte sich im Augenblick nur darüber, daß der Eremit nicht gesagt hatte: ich verlange, daß das Kasino, in welchem bisher dem Teufel gehuldigt wurde, geschlossen und in ein Kloster oder Hospital umgewandelt wird! Das hätte solch einem frommen Weltentsager doch viel ähnlicher gesehen.
»Oh, auf solche Bedingungen können wir freilich unmöglich eingehen,« lächelte der Direktor jetzt wieder höflich, aber doch etwas ironisch.
»Du lachst!« fuhr da der Eremit fast drohend auf. »Du glaubst es nicht, daß ich die Bank in diesem Augenblicke ruinieren kann? Die Bank, euch ganzes Gelichter? Und was schwatzt du da immer von einem mathematischen System? Wohlan, dann noch einmal! Drehe die Roulette!«
Schnell kam der Direktor der Aufforderung nach, er drehte die Scheibe nach rechts herum, die kleine Kugel schnellte er nach links, daß sie auf dem vorspringenden Simse rotierte, so, wie es auch im Saale gehandhabt wird.
Der Eremit hatte sich emporgerichtet und die Augen geschlossen, aber den Arm hielt er jetzt nicht wieder in die Höhe.
»Fünfzehn,« sagte er fast sofort. »Sie soll in die Fünfzehn fallen!« Es hatte befehlerisch geklungen.
Vorläufig rollte die Kugel noch auf dem Simse, vorläufig lächelte der Direktor noch ironisch. Nein, an so etwas konnte er niemals glauben, dann wäre ja ...
Da fiel die Kugel klappernd herab, sie hatte sich in einem der Fächer gefangen, der Direktor beugte sich vor ...
»Fünfzehn!« erklang es gellend aus seinem Munde. »Bei Gott, sie ist in die Fünfzehn gefallen! Mann, wer seid Ihr, daß Ihr die Kugel nach Eurem Willen lenken könnt?!«
Stier hingen des Direktors weit hervorquellende Augen an der Stelle, auf welcher der Eremit soeben noch gestanden hatte. Er hatte das Zimmer bereits verlassen, und Monsieur de Haas war nicht fähig, ihm zu folgen, ächzend brach er auf einem Stuhle zusammen.
Gestern abend war es geschehen, und heute morgen hatte sich Monsieur Girard, der Herausgeber und Chefredakteur von >Le Monte Carlo<, welche Zeitung jeden Nachmittag die offizielle Fremdenliste herausgibt, eben hingesetzt, um über die gestrigen Vorfälle im Kasino und mehr noch über den geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop einen längeren Artikel zu schreiben, wobei der französischen Phantasie freier Spielraum blieb, als in die Redaktionsstube ein kleiner Matrose mit einer sehr großen Brille und einem noch größeren Bauche trat.
Da das Manuskript der Fremdenliste für diese Zeitung von der Polizei gleich druckfertig geliefert wird, und der übrige Inhalt des Blattes nur aus >Klatsch< besteht, so setzt sich der ganze Redaktionsstab dieser einzigen Zeitung des Fürstentums Monaco nur aus dem Herausgeber, der sich >Chefredakteur< nennt, und aus einem Schreiberjungen zusammen, welcher zugleich für den Herrn Chefredakteur aller halben Stunden aus der nächsten Budike einen Schoppen Wein holt.
Wilm konnte also nicht fehl gehen, wenn er sich direkt an Monsieur Girard wendete.
»Seid Ihr der Mann, der die Zeitung >Le Monte Carlo< zusammenschmiert?« erklang es kurz und bündig.
»Ja, der bin ich, Girard ist mein Name, Alphons Napoleon Bonaparte Girard,« entgegnete der Angeredete nicht nur völlig ungekränkt, sondern sogar äußerst höflich, denn es war doch die Ordonnanz des Unbekannten, welcher einen eigenhändig geschriebenen Passepartout des Fürsten besaß - wenn das hier auch nur ein gewöhnlicher Matrose war, der ihn, den Monsieur Alphons Napoleon Bonaparte Girard, auf diese Weise mehr anschnauzte, denn fragte.
»Dann ist's gut,« fuhr der kleine Dickwanst zufrieden fort. »Ihr sollt gleich mit mir zum Kapitän der Heliotrop kommen, er will sich von Euch interviewen lassen. Wißt Ihr, was das ist, interviewen? Ihr sollt alles fragen, was Ihr wissen wollt - und was Ihr nicht zu wissen braucht, das sagt er Euch nicht! Bei uns ist's nämlich nicht mehr zum Aushalten. Unten in der Restauration hocken so an die drei Dutzend Zeitungsschreiber und lauern wie die Affen, und Briefe haben wir heute früh bekommen - Herr, du meine Güte! - bis gerade tausend habe ich gezählt, dann habe ich gefrühstückt, und da waren's noch nicht einmal die Hälfte, und weil ich dann nicht mehr wußte, welche Hälfte ich schon gezählt hatte, habe ich sie gleich alle ins Feuer gesteckt. Nur die, die auf recht weiches Papier geschrieben waren, habe ich aufgehoben, denn das Papier ist hier in Frankreich überhaupt rar. - Ja, was ich sagen wollte, wir sind doch nicht hier, um uns ausfragen zu lassen. Mein Kapitän ist wieder jung geworden, der will sich jetzt amüsieren, dem gefällt's hier, und da will er etwas erleben, aber doch nicht nur Liebesbriefe lesen. - Also, ihr sollt gleich mitkommen.«
So sprach Wilm, und dem Zeitungsmanne war nicht anders zumute, als wenn er das große Los gewonnen hätte.
Monsieur Girard war Journalist von Beruf, und er wußte, um was es sich hier handelte und was ihm für ein Auftrag winkte.
Wenn der namenlose Kapitän nicht selbst auf den Gedanken gekommen war, sich von dem Vertreter einer Zeitung, irgendeiner, interviewen zu lassen, so war ihm dazu jedenfalls von erfahrenerer Seite aus geraten worden.
Denn sonst würde der maskierte Kapitän hier keinen Augenblick Ruhe finden, überall würde man ihm nachschleichen, ihn belästigen, ihm jeden Bissen in den Mund zählen, und das wörtlich genommen, denn das Publikum muß doch wissen, wieviel und was ein >berühmter< Mann ißt und trinkt, ob des Morgens Kaffee oder Tee usw., und wenn der Verfolgte auch nur die kleinste Schwäche zeigte, daß er zu einer intimen Auskunft bereit sei, so würde man ihn einfach tot machen.
So ist es aber nicht nur in Monte Carlo, so geht es überall jeder berühmten oder sich durch irgendetwas Besonderes bemerkbar machenden Persönlichkeit, wie etwa einem bekannten Künstler, einem Klaviervirtuosen, noch mehr gilt das von einer gefeierten Konzertsängerin - und eben deshalb läßt sich diese Person überall, wo sie sich aufhält, gleich interviewen, macht diese Zeitung gleichzeitig zu ihrem Sprachrohr, dann hat sie Ruhe - und diese erwählte Zeitung hat dann natürlich das Fett abgeschöpft.
Und Monsieur Girard war der Mann, um zu interviewen. Er war kein englischer oder amerikanischer Reporter, aber verband dennoch mit journalistischem Scharfsinn eine gute Portion unverschämter Dreistigkeit, und er hatte diese kleine Zeitung nur gekauft, weil er alt wurde und ein bequemes Leben liebte. Denn in einem aufregenden, journalistischen Federkrieg wurde er durch den >Le Monte Carlo< ja nicht verwickelt.
Aber wenn er jetzt aufpaßte, da konnte er vielleicht einen >Schnitt< machen.
Er folgte der Ordonnanz die wenigen Schritte nach dem Hotel de Paris, und doch schon unterwegs an den einfachen Matrosen mit französischer Geschwätzigkeit Fragen über seinen Herrn stellend, was der Vertreter einer Weltzeitung nun freilich nicht getan hätte.
Der sonst so grobe Wilm zeigte sich denn auch ziemlich mitteilsam. Die Wiedergabe der Jugend seines Herrn durch einen indischen Professor, welcher auch die Grobheit des alten Kapitäns weggeschnitten zu haben schien, mochte sich auch rückwirkend auf den Diener äußern.
In den Briefen würde hauptsächlich immer angefragt, ob der Kapitän drei Tage zuvor wirklich ein ganz altersschwacher Greis gewesen und ob er jetzt wirklich wieder jung sei, und wie das Hiran Singh gemacht habe, und wo der >Herr Inder< jetzt sei, und ob er es nicht auch etwas billiger als für fünf Millionen Francs täte, und ob die Operation recht schmerze ... so erklärte Wilm, und dann hatten beide das Hotel erreicht.
Gestern im Spielsaal war das Interesse an dem geheimnisvollen Maskierten zuletzt von dem Eremiten verdrängt worden. Das konnte aber nicht lange währen. Warum nicht, das läßt sich mit drei Worten erklären: der Eremit ging wieder in seine Einsamkeit zurück; der Maskierte blieb, wenn nicht im Spielsaal, so doch in seinem Hotel, er blieb unter Menschen. Hierin liegt ein großer Unterschied; denn ... »Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach, der ist bald allein ...«
Und wem half es denn etwas, daß der sonderbare Einsiedler mit seinem erhobenen Arme eine Tischkasse gesprengt hatte? Kurz und gut, das Hauptinteresse hatte sich wieder dem Prinzen von Monte Carlo, wie der Kapitän in seiner neuen Lebensauflage schon allgemein genannt wurde, zugelenkt.
Wirklich, die Hotelrestauration saß voller >Zeitungsmenschen<. Jede große Zeitung hat in Monte Carlo während der Saison ihre Berichterstatter, und wenn diese hier auch nicht annähernd solche kolossalen Summen ausgeben dürfen, wie z. B. die Kriegsberichterstatter, oder überhaupt, wenn Politik in Betracht kommt, so gibt es doch immerhin auch hier, wo sich die Geldfürsten aus aller Welt und andere Größen alljährlich ein Rendevouz geben, interessante Neuigkeiten zu erhaschen, für welche auch bezahlt werden kann - und dann kommt manchmal noch die Ehre mit ins Spiel, eine Zeitung sucht die andere mit sensationellen Berichten zu überbieten.
Die Ankunft von Monsieur Girard verursachte ein allgemeines >Stuhlaufstehen<. Denn es war bekannt, daß er von dem rätselhaften Kapitän bestellt worden war, um sich interviewen zu lassen, jetzt versuchte jeder der Journalisten den Bevorzugten heimlich beiseite zu ziehen, dadurch ward es natürlich aber eher ein wildes Getümmel, schon mehr eine Art Handgemenge, und schließlich entstand daraus eine Art von Auktion.
»Monsieur Girard, wir sind doch gute Freunde,« begann der Pariser Figaro, den Glücklichen gleich bei drei Rockknöpfen packend, »ich zahle Ihnen ...«
»Und fünfzig mehr,« schaltete da gleich der Daily Telegraph ein.
» ... fünfhundert Francs,« ergänzte Figaro schreiend seinen begonnenen Satz.
»Und fünfzig mehr,« sagte abermals der Londoner Daily Telegraph, die Hände in den Hosentaschen.
Jetzt kam der New York Herald angestürzt und riß den Monsieur Girard von dem Figaro los, daß diesem von den Rockknöpfen zwei in der Hand blieben.
»Achthundert Francs!«
»Und fünfzig mehr,« echote der Telegraph.
»Tausend Francs,« warf jetzt die Times nachlässig ein.
»Und fünfzig,« beharrte der eigensinnige Telegraph.
Die vornehme Times zog sich nach ihrem einmaligen Angebot gleich stolz zurück. Auf solche Neuigkeitshascherei läßt die sich nicht ein.
Ja, auf was boten die Herren eigentlich?
Darauf, daß ihnen Monsieur Girard dann sofort, wenn er wieder von dem Kapitän herunterkam, alles mitteilte, was er erfahren hatte, noch ehe er es in seiner eigenen Zeitung veröffentlichte. Das telegraphierte der Journalist, welcher den Sieg davongetragen, dann schleunigst seiner Zeitung zu, und wenn das Telegramm auch 1000 Francs kostete, das schadete nichts, und wer die Zeitungsverhältnisse kennt, der weiß, wie sich so etwas rentiert.
»Monsieur Girard,« fängt da der Pariser Figaro wieder zu schreien an, »wissen sie noch, vor zwanzig Jahren, als Sie kein Hemd auf dem Leibe hatten, wie ich Ihnen da zehn Francs pumpte, damit Sie sich eine neue Hose kaufen konnten?«
Nützt alles nichts ...
»Und fünfzig,« sagt der Daily Telegraph phlegmatisch, denn der weiß ganz genau, daß fünfzig Francs in den Augen des Herrn Alfons Napoleon Bonaparte Girard mehr Wert haben als eine vor zwanzig Jahren geschenkte Hose.
»Na, dann zweitausend Francs!«
»Und fünfzig.«
»Dreitausend Francs!« ruft jetzt der New York Herald.
»Und fünfzig,« echot der stierköpfige Telegraph.
»Dreitausendfünfhundert Francs!«
»Und fünfzig.«
»Gehen Sie zum Teufel!«
»Und fünfzig.«
»Herr, Sie wollen mich foppen!«
»Und fünfzig.«
»Hängen Sie sich fünfzigmal!«
»Und fünfzig.«
»Zehntausend Francs!« erklingt es da, gleich mit einem gewaltigen Sprung, und jetzt kommt das >und fünfzig< nicht mehr, alles zieht sich sofort vom Kampfplatz zurück.
Denn es ist Mr. Dixon, der das gesagt hat, von seinen Kollegen wird er Dixi genannt, Berichterstatter der in London erscheinenden >Daily Mail<.
Das hätte an sich nichts zu sagen, die Daily Mail kann dem Daily Telegraph nicht das Wasser reichen, noch weniger dem New York Herald, aber die Mail ist nur eine der 78 großen Zeitungen, welche die Brüder Hobwell verlegen und Mr. George Hobwell befindet sich selbst in der Restauration, und da freilich wäre alles vergeblich, dieser Zeitungskrösus läßt doch seinen Berichterstatter nicht im Stich, dieser handelt doch erst in seinem Auftrag und hier geht es um die Ehre.
»Also zehntausend Francs,« sagte Monseur Girard mit erhobenem Zeigefinger, und als der Engländer genickt hatte, war das Geschäft abgeschlossen, Monsieur Girard konnte seinen Weg fortsetzen - drei Rockknöpfe ärmer und um 10.000 Francs reicher.
Ja - das war einmal ein Geschäftchen gewesen - 10.000 Francs so am frühen Morgen in der zehnten Stunde, - wenn es keine verrückten Engländer und Yankees gäbe!
Das Allerheiligste wurde vom Zimmerkellner ohne weiteres geöffnet und Monsieur Girard eingelassen.
Der maskierte Prinz von Monte Carlo trug denselben eleganten Straßenanzug wie gestern, er mochte als alter Mann doch nicht für weitere Garderobe zum neuen Leben gesorgt haben, traf aber schon Vorbereitungen, diese zu ergänzen, denn er prüfte soeben eine Musterkollektion von Stoffen, die er sich aus einem Magazin bereits hatte kommen lassen. Zu dieser Beschäftigung hatte er sich des Rockes entledigt, auch noch etwas die Hemdärmel aufgestreift, und Monsieur Girard konnte die von Muskeln strotzenden Arme anstaunen, die er da zu sehen bekam.
Der Kapitän erhob sich.
»Monsieur Girard von der hier erscheinenden Zeitung?« begann er in jovialem Ton. »Sehr angenehm. Verzeihen Sie, wenn ich Sie in Hemdärmel empfange, aber ich kann es beim besten Willen nicht hindern. Mein einziger Rock befindet sich unter der Kleiderbürste meines Dieners, und meine früheren Sachen passen mir nicht mehr, ich bin wieder voll geworden wie in meinen jungen Jahren.«
Dieses Thema kurz abbrechend deutete er auf den ungeheueren Stapel von Briefen, der sich auf dem Tische auftürmte.
»Da sehen Sie mal die Briefe, mit denen man mich überflutet. Und das ist erst die erste Post, ich erwarte noch mehr. Die meisten enthalten, soweit ich sie studiert habe, Fragen; anstandshalber müßte ich sie doch beantworten, und da ich dies nicht mag, überhaupt nicht kann, auch keinen fremdem Sekretär in die Geheimnisse einweihen will, die mir ganz unbekannte Personen, besonders Damen, mit wunderbarer Offenheit anvertrauen, so muß dieser einseitigen Korrespondenz ein Ende gemacht werden. Deshalb habe ich den Redakteur der hiesigen Zeitung zu mir bitten lassen.«
Wie ganz anders sprach dieser Mann jetzt. Der war ja die Liebenswürdigkeit selbst geworden!
»Herr Kapitän, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«
»Nein, vielmehr ich stehe zu Ihrer Verfügung. Bedienen Sie sich aus den Zigarrenkisten. Notieren Sie ungeniert. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich setze überhaupt voraus, daß Sie meine Antworten in Ihrer wertgeschätzten Zeitung möglichst wortgetreu wiedergeben.«
Monsieur Girard nahm Platz und zog gewohnheitsmäßig sein Notizbuch. Der Maskierte hatte sich ihm gegenüber niedergelassen.
»Wer sind Sie, mein Herr?« begann also der Interviewer mit möglichster Ungeniertheit.
»Der Kapitän der Heliotrop,« war die prompte Antwort.
»Ja, aber wie ist Ihr eigentlicher Name, wenn ich bitten darf?«
»Das ist mein Geheimnis. Darauf waren Sie doch schon gefaßt, daß ich Ihnen nicht alle Fragen beantworten würde. Ich habe mir doch nicht umsonst vom Fürsten dieses Landes ein Passepartout ausgewirkt, trage doch nicht umsonst eine mir sehr unbequeme Maske. - Bitte, fahren Sie zu fragen fort!«
»Ja, wenn Sie aber immer sagen: das ist mein Geheimnis - dann werde ich nicht viel von Ihnen erfahren.«
»Herr Redakteur,« erklang es in etwas scharfem Tone, und der Kapitän zeigte, daß er auch als junger Mann unduldsam werden konnte und ans Befehlen gewöhnt war, »wenn Sie als Journalist die Flinte so schnell ins Korn werfen, so scheine ich in Ihnen nicht den richtigen Interviewer gefunden zu haben, da muß ich mich nach einem anderen umsehen, der mich besser zu nehmen versteht - und unten sind noch genug Journalisten.«
Monsieur Girard verwünschte seine dumme Bemerkung und nahm sich vor, nicht wieder so vorlaut zu sein.
»Verzeihen Sie - so war das nicht gemeint. - Wann sind Sie geboren?«
»Das ist und bleibt wiederum mein Geheimnis, obgleich ich kein junges Mädchen bin, vielmehr ein sehr alter Knabe - ich habe nämlich bereits die Achtzig überschritten, und in solch einem Alter verleugnet doch nicht einmal mehr eine fortgeschrittene Jungfrau ihr Geburtsjahr. - Doch nun lassen Sie mich erst einmal fragen: wie spricht man hier über mich und den ganzen Fall?«
Was Monsieur Girard auch im Augenblick über die achtzig Jahre denken mochte - jedenfalls erinnerte er sich jetzt gerade der angebotenen Zigarren, und er war nicht der Mann, sich so etwas entgehen zu lassen. In Monaco sind gute Zigarren ebenso rar wie in ganz Frankreich, es ist ein sehr hoher Zoll darauf, und die vier auf dem Tisch stehenden Kistchen verrieten schon durch ihr Äußeres, daß sie direkt in Havanna gepackt worden waren - Monsieur suchte sich also die ihm am besten gefallende Farbe aus, brannte die Zigarre bedächtig an, und während dieser langen Prozedur hielt er immer die Schultern bis an die Ohrläppchen gezogen, bis endlich aus dieser stummen Geste Worte wurden.
»Das ist alles noch zu jung - der Knalleffekt ereignete sich doch erst gestern nachmittag - bis jetzt ist alles noch ... ist alles noch ... einfach paff! Die fragenden Gedanken müssen erst noch geordnet werden. Man könnte ja annehmen, daß Sie ein Fürst sind oder ein Fürstensohn, der sich unbekannt hinter einer Maske einmal tüchtig amüsieren will, da wäre der Passepartout unseres Landesherrn gleich geklärt - aber nun der Indier - die ganzen Vorbereitungen - ich bin mit allen anderen einfach paff, und ich hoffe nur, jetzt von Ihnen Aufklärungen zu erhalten.«
»Nun,« erwiderte der Kapitän, »einiges über mich kann ich Ihnen mitteilen, und ich tue es, um mich eben vor weiterer Neugier zu schützen. Meinen Namen und meine Nationalität verrate ich also nicht. Und warum ich eine Maske trage? Dazu habe ich einen triftigen Grund. Ich habe einst eine wichtige Rolle gespielt, man könnte mich, wie ich jetzt wieder aussehe, leicht erkennen, und das wäre mir sehr unangenehm.«
Aha, jetzt kam es! Jetzt hieß es für Monsieur Girard, den ganzen journalistischen Scharfsinn zusammennehmen, um geschickte Fragen zu stellen.
»Was für eine Rolle spielten Sie in der Achtundvierziger-Revolution?«
Alle Hochachtung vor Monsieur Alphons Napoleon Bonaparte Girards journalistischem Talent! Nein, da kann man nur von Genialität sprechen!
Mit einem einzigen Schlage hatte er drei Fliegen geklatscht, drei Fragen gestellt: Zeit seines Wirkens, Nationalität und ... hatte der Maskierte denn überhaupt schon etwas von einer politischen Rolle gesagt? Das geborene Genie ahnt stets die Wahrheit, also auch der Chefredakteur des >Le Monte Carlo<. Er hatte den Nagel mit unfehlbarer Sicherheit auf den Kopf getroffen.
Denn kaum war die Frage erklungen, so hatte ihn hinter der Maske hervor ein Blick getroffen, dem man die Erschrockenheit gleich ansah, der Kapitän stand schnell auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und räusperte sich mit offener Verlegenheit.
»Mein Herr, darüber lasse ich mich natürlich nicht aus, sonst könnte ich mich gleich direkt zu erkennen geben. Ich war damals noch jung, erst dreißig Jahre alt, die französische Julirevolution spielte sich vor gerade zweiunddreißig Jahren ab, und ich habe, wie ich Ihnen schon sagte, die Achtzig bereits überschritten. Wie reimte sich dies also zusammen? Nein, die Julirevolution war es nicht, in welcher ich in der Weltgeschichte eine bekannte Rolle spielte.«
Nützte alles nichts, es war doch so, er hatte sich verraten, und Monsieur Girards Scharfsinn hatte das Richtige erraten. Er rieb sich vergnügt innerlich sozusagen die seelischen Hände. Wie alt konnte der Kapitän dann in Wirklichkeit sein? Wenn also nicht achtzig, dann doch mindestens siebzig. - Dann sah Monsieur Girard die muskulöse und zwar gebräunte, aber dennoch tadellos gepflegte Hand, er sah den herkulischen Arm, er sah, wie sich unter dem Hemd die Brust wölbte - es war an diesem Mann eben alles Jugendkraft und Jugendfrische - und da plötzlich klappte Monsieur Girard das Notizbuch zu und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, um sich nämlich zu empfehlen, er ließe sich nicht veralbern - doch ebenso schnell hatte er sich anders besonnen, blieb sitzen, klappte den Mund wieder zu und das Notizbuch wieder auf.
»Sie sind in einem Alter von dreißig Jahren aus der Welt verschwunden?«
»Habe ich denn schon gesagt, daß ich aus der Welt verschwunden bin? Meine Hochachtung, Monsieur Girard, Sie haben es erraten. Ja, in einem Alter von 34 Jahren.«
»In einem Alter von 34 Jahren aus der Welt verschwunden,« notierte der Journalist. »Sind Sie gestorben? Auf dem Schlachtfeld gefallen? Oder im Barrikadenkampf? Oder - sind Sie - vielleicht guillotiniert worden?«
Hinter der Maske lachte es heiter auf, und das war berechtigt.
»Nein, meines Lebens hat man mich nicht beraubt, nicht einmal meines Kopfes. Und doch, Sie haben in gewissem Sinne Recht. Ich galt für tot, und man glaubte, die Beweise meines Todes in den Händen zu haben. Genug hiervon!«
»Wo haben Sie sich unterdessen aufgehalten?« examinierte der Journalist weiter, immer eifrig notierend.
»Hierüber kann und will ich Ihnen nähere Auskünfte geben,« entgegnete der Kapitän, und nachdem er sich wieder gesetzt hatte, fuhr er fort:
»Ich abenteuerte einige Jahre in der Welt herum, immer auf der Flucht, das heißt, auf der Flucht vor der Gefahr, erkannt zu werden, daß man überhaupt erführe, wie ich noch am Leben sei. Einst erlitt ich in der Südsee Schiffbruch. Nur acht Menschen kamen mit dem Leben davon. Wir retteten uns auf eine Insel - und blieben darauf. Ich wurde der König. Ich bin es noch jetzt. Mein Volk besteht aus neunundsiebzig Untertanen. So viel waren es wenigstens, als ich die Insel zuletzt verließ. Vielleicht sind inzwischen noch einige hinzugekommen. Und die Insel kann sie ernähren, sie ist groß genug. Nun?«
»Wo liegt denn diese Insel?« fragte Monsieur Girard.
»In der Südsee. Mehr verrate ich nicht. Oder Sie glauben wohl auch, heute kann kein Robinson mehr existieren? Ha, lieber Mann, kommen Sie nur einmal nach der Südsee! Oder besehen Sie sich nur eine große Seefahrtskarte. Oder erkundigen Sie sich doch ganz einfach bei einem Seemanne, er braucht noch gar nicht dort unten gewesen zu sen.«
Aber Monsieur Girard wies den Verdacht, daß er so etwas nicht glauben könne, energisch zurück, und daran tat er sehr recht. Die Ansicht, daß es heutzutage keine von der Jagd lebenden Indianer mehr gäbe und daß heutzutage kein Robinson mehr auf einer einsamen Insel existieren könne, spukt nur in den Köpfen von jenen Leuten, die keine Ahnung haben, wie es draußen in der Welt aussieht.
»Meine Insel,« fuhr der geheimnisvolle Kapitän fort, »ist so entlegen und so mit Korallenriffen verbarrikadiert, daß unsere Entdeckung fast ganz ausgeschlossen ist. Mehr spreche ich hierüber nicht. Dagegen wäre Ihre Frage berechtigt, wie ich nach und nach zu den neunundsiebzig Untertanen gekommen bin, da wir doch nur neun Schiffbrüchige waren. Sehr einfach ...«
»Die Insel war von Eingeborenen bevölkert, mit deren Frauen haben Sie und die anderen sich vermischt,« ergänzte Girard.
»Auch, ja. Es waren einige Eingeborene mit ihren Weibern da. Aber unter uns Schiffbrüchigen befanden sich auch drei weiße Frauen.«
»Aha. Sind die Matrosen, welche Sie auf der Heliotrop haben, auf der Insel geboren worden?«
»Sämtlich. Fällt Ihnen vielleicht auf, daß sie ein so europäisches Gepräge tragen? Ja, ich habe mein Volk in zwei Rassen geteilt und meine Europäer durch strenge Gesetze sehr rasserein zu halten gewußt. Es waren einige Skandinavier darunter, die Frauen waren sämtlich Schwedinnen.«
»Sie sind doch reich, Herr Kapitän. Wie kommen Sie zu den Goldbarren im Wert von fünf Millionen Francs?«
»Und wie komme ich zu diesen Diamanten?« ergänzte der Maskierte, seine Hand ausstreckend, an welcher außer dem grünen Diamanten noch andere kostbare Edelsteine funkelten.
»Ja, wie kommen Sie dazu?«
»Das alles liefert mir meine Insel.«
»Gold und Diamanten?« staunte der Journalist und das Herz blieb ihm gleich stehen. »Sind denn dort unten nicht nur reine Koralleninseln?«
»Ja, auch die meine ist eine Koralleninsel, und Ihr Zweifel, den ich aus Ihren Worten herauszuhören glaube, ist gerechtfertigt. Die Natur hat diese Schätze dort auch nicht in den Boden gelegt. Aber können sie nicht auf eine andere Weise hingekommen sein?«
Monsieur Girard wurde von einem richtigen Fieber befallen.
»Sie haben auf der Insel richtige Schätze gefunden?«
»Ich sage nichts, ich mache nur eine Andeutung.«
»Das Wrack eines Goldschiffs ...?«
»Ich sage nichts.«
»Oder ... die heimliche Schatzkammer von ... Seeräubern?«
War das Staunen oder Schreck, was jetzt die Maske verbarg, als der Kapitän sich plötzlich mit einer so hastigen Bewegung von dem Sprecher abwandte.
»Mann, wie kommen Sie auf solch eine ... Sie irren sich vollkommen ... ich sage nichts! Aber, Herr Redakteur, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie in Ihrem Bericht alles vermeiden, was einen unsinnigen Verdacht aufkommen lassen könnte, daß ich Seeräuberei triebe. Seepiraten - Unsinn! Die gibt's ja heute gar nicht mehr. Lächerlich! Und doch spuken sie noch immer im Kopf des Volkes. - Daß Sie nicht etwa eine solche Andeutung über mich machen! Dann wären wir fertig miteinander!«
Der Kapitän, der ganz unwirsch geworden war, hatte sich erhoben, um wieder einige aufgeregte Gänge durchs Zimmer zu machen.
Monsieur Girard aber saß wie vom Donner gerührt da. Er hatte zufällig auf den Busch geklopft und ... der Fuchs war herausgesprungen! Er glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, und nun wußte er ganz bestimmt, das Richtige getroffen zu haben. Also ein Seeräuber!
Jetzt wußte er sich zu beherrschen.
»Selbstverständlich nicht. Seeräuber sind ja unter unseren heutigen Verhältnissen gar nicht mehr möglich,« lächelte er.
»Wie nun ist das Gold auf dem Schatzamt zu Washington geeicht worden?«
»Einfach dadurch, daß ich es selbst dorthin gebracht habe.«
Der Kapitän hatte sich wieder gesetzt.
»Wo ist die Heliotrop gebaut worden?«
»Das ist wieder mein Geheimnis. Außerdem haben wir Insulaner uns auch industriell recht hübsch entwickelt, wir sind imstande, alles, was wir brauchen, selbst anzufertigen.«
»Also auch die Heliotrop ist auf der Insel gebaut worden?«
»Nein, nein, das können wir allerdings nicht! Was meinen Sie wohl, was dazu gehört, um solch ein stählernes Schiff von Grund auf zu bauen! Wohl aber können wir die fix und fertig gelieferten Teile auf der Insel montieren, und das haben wir denn auch getan.«
»Die verschiedenen Teile sind von verschiedenen Werften und Fabriken geliefert worden, nicht wahr?«
»Sie haben das Richtige erraten.«
»Was hat es denn nun mit Hiran Singh und mit Ihrer Verjüngung für eine Bewandtnis?« fragte Monsieur Girard direkt.
»Hierüber will ich Ihnen nähere Auskunft geben, und das ist doch die Hauptsache unserer Unterredung, mit dieser Erklärung hoffe ich, auch dem Briefschreiben ein für allemal ein Ende zu machen. Schreiben Sie nach?«
»Ich stenografiere alles wörtlich.«
»Es sind gerade elf Jahre her,« begann der Kapitän, »als in der Nähe meiner Insel ein Schiffbrüchiger halb verschmachtet im offenen Boote aufgefischt wurde. Es war ein Indier, ein alter Mann, der sich Hiran Singh nannte ...«
»Derselbe indische Professor?« unterbrach Girard den Erzähler.
»Gleich, gleich. Ich nahm den Indier gastfreundlich auf, wir fanden aneinander Gefallen, und eines Tages vertraute mir der Alte sein Geheimnis an. Er nannte sich keinen Adepten, keinen Magier, aber er war doch ein grundgescheiter Mann, der noch etwas mehr konnte als Brotessen. Er wollte einem Verjüngungselixier auf der Spur sein. Ich, selbst schon ein alter Mann, lachte über diese wahnsinnige Idee damals gerade so, wie Sie jetzt darüber lachen ...«
»Oh nein, Herr Kapitän, ganz und gar nicht, und wir haben doch sichtbare Beweise dafür bekommen, daß wirklich etwas daran sein muß.<
»Kurz und gut, ich glaubte ihm nicht, was er mir da vorschwatzte, ich verstand ihn auch gar nicht. Als er wiederhergestellt war, brachte ich ihn auf seinen Wunsch nach Singapore, er wollte seine Entdeckung, die aber noch in der Kinderwiege läge, weiterverfolgen, und wenn er so weit sei und sich selbst verjüngt habe, wolle er aus Dankbarkeit die Kur an mir vornehmen. Wir müssen, wenn wir komfortabel leben wollen, mit der Außenwelt in Verbindung bleiben, so kam ich öfters nach Singapore und nach anderen Häfen, wo man mich, der ich nun einmal als Verschollener gelten wollte, nicht belästigte - und eines Tages, zwei Jahre später, nachdem Hiran Singh mich verlassen hatte, stellt sich mir in Singapore ein blutjunger Indier vor, nennt sich Hiran Singh und weiß mich zu überzeugen, daß er derselbe Hiran Singh ist, jetzt aber so um vierzig Jahre verjüngt!«
»Wunderbar!« staunte der Journalist, ob nun gekünstelt oder nicht.
»Na, ich wurde eben geradezu gezwungen, es zu glauben, und ich war natürlich außer mir, und das umso mehr, weil ich gerade damals recht alt zu werden begann, es kommt doch so eine Zeit, da man seine Kräfte merklich schwinden fühlt, aber mein Geist war noch frisch, und ich hatte noch große Pläne vor. >Hiran Singh, verjünge mich, und fordere dafür, was du haben willst!< So rief ich ...«
»Das hätte ich auch gerufen,« bemerkte der Stenografierende. »Und Ihr einstiger Gastfreund, dem Sie das Leben gerettet, war natürlich auch bereit dazu.«
»Nicht sogleich. Mit der Verjüngung scheint der Mensch auch wieder ganz andere, wieder die früheren Gedanken und Neigungen zu bekommen, das merke ich ja auch ganz deutlich an mir selbst, und dieser Hiran Singh muß früher nicht viel auf Dankbarkeit und auf das gegebene Wort gehalten haben, denn jetzt sprach er fortwährend von den furchtbaren Kosten, die er dabei hätte - na, kurz und gut, ich merkte ja gleich, wo er hinaus wollte, er solle nur offen sprechen, und zuletzt verlangte er hunderttausend Rupein, so viel koste das Herbeischaffen der Ingredienzien zu seiner geheimen Medizin, und vielleicht mag das auch sein, denn ich merkte dann auch etwas Eigentümliches ...«
»Was merkten Sie Eigentümliches, wenn ich fragen darf?«
»Davon nachher! - Hunderttausend Rupien! Was war denn das für mich, der der ich über - kurz, ich versprach ihm nach hiesigem Gelde fünf Millionen Francs, wenn er mich von der Last des Alters befreien würde. Doch das ging nicht so schnell. Sechs ganze Jahre lang mußte ich erst jeden Tag früh ein Gläschen Medizin nehmen, um meine Körpersäfte zu renovieren und mich sonst zur Hauptkur tauglich zu machen - er hatte dafür wunderliche Ausdrücke, die ich nicht verstand - und als diese sechs Jahre endlich mit dem Medizineinnehmen vergangen waren, dann sollte das Gelingen der Kur auch noch von der Stellung der Sterne abhängig sein! Was ich alles durchgemacht habe, nämlich vor Erwartung und Ungeduld - ich will gar nicht mehr daran denken! Daß mir eine schmerzhafte Operation bevorstand, ohne zu wissen, was er denn eigentlich operieren wolle - das war mir alles ganz gleichgültig geworden. Ich wollte nur Gewißheit haben, ob ich nicht einem Schwindler in die Hände gefallen sei, der immer und immer wieder große Summen als Vorschuß von mir forderte, um jenes höllische Elixier brauen zu können. Aber ich wurde immer älter und hoffte und hoffte, ich hatte mich eben in eine fixe Idee verrannt - und wenn mich Hiran Singh nach Shanghai bestellte, dorthin wiesen die Sterne, so segelte ich schnellstens nach Shanghai - und dann war dort die Stellung der Sterne zu der Operation noch nicht günstig, die Operation müsse in Quito geschehen - und ich also schleunigst nach Quito auf der anderen Seite der Erdhalbkugel gejagt - und dort war es immer noch nicht richtig - und so ging das Jahr und Jahre fort, und ich war schon ganz wahnsinnig geworden, ich wußte ganz genau, daß ich das Opfer eines Gauners war, der über mich Narren lachte, und ich mußte dennoch an ihn glauben, weil ich die überzeugendsten Beweise in Händen hatte, daß er wirklich der alte Hiran Singh in neuer Ausgabe sei. Natürlich versuchte ich, mich seiner Person zu bemächtigen, ich hätte ihn einfach als Gefangenen behandelt, aber das gelang mir nicht, er bestellte mich hierhin und dorthin, und er würde schon zur rechten Zeit dort sein, und wiederum war ich doch nicht sein Narr, denn Hiran Singh gab mir noch andere Proben, daß er im Besitze von außerordentlichen Geheimnissen ist ...«
»Was für Proben gab er Ihnen? Was für Geheimnisse meinen Sie?«
»Hierüber darf ich unter keinen Umständen sprechen, der Indier hat mir mein Wort abgenommen. - Sonst noch etwas, ehe ich fortfahre?«
»Vor drei Jahren hat Hiran Singh Sie nach Colombo bestellt?«
»Woher wissen Sie das?«
»Der junge Lord Hannibal hat Sie dort mit der Heliotrop gesehen.«
»Ach so. Ja, warum soll er nicht? Ja, nach Colombo hatte mich Hiran Singh auch einmal bestellt, und das kann wohl gerade vor drei Jahren gewesen sein, denn ich weiß, daß meine Jacht, als ich in Colombo lag, noch Kesselfeuerung hatte, gleich hinterher ließ ich sie umbauen.«
»Stimmt, stimmt,« nickte Monsieur Girard. »Und wohin waren Sie voriges Jahr bestellt worden? Entschuldigen Sie, ich habe einen besonderen Grund, so zu fragen, es ist nicht nur Neugier, auch kein Zweifel ...«
»Bitte sehr, fragen Sie, wenn Sie sich dadurch überzeugen können. - Voriges Jahr? Da war ich in Kapstadt.«
»Sonst noch wo anders?«
»Dann bestellte mich Hiran Singh nach Buenos Aires.«
»Stimmt. Dort hat Sie nämlich der Lord Roger abermals getroffen.«
»Nun,« fuhr der Kapitän nach diesen Zwischenfragen fort, »zuletzt bestellte mich Hiran Singh nach Monte Carlo, gerade hierher wiesen die Sterne, und zwar sprach er jetzt mit einer solchen Überzeugung, daß ich ihm wieder mehr Vertrauen schenkte. Bisher hatte er ja noch, gestand er ganz offen, sehr viel im Dunkeln getastet, habe viel von Zufällen abgehangen, sich selbst habe er ja sein ganzes Leben lang studiert, mich kenne er ja erst seit zwölf Jahren, deshalb müsse ich ihm seine Irrtümer in dieser großen Sache verzeihen. Jetzt aber sei ihm vieles, was bisher auch ihm ein Rätsel gewesen, zur Erkenntnis gekommen, jetzt könne er die Zahl der glücklichen Operationen mit unfehlbarer Sicherheit bestimmen ...«
»Wie verkehrten Sie denn mit dem Indier, wenn er nicht auf der Insel war?«
»Brieflich, einfach immer brieflich.«
»Sind Sie denn auf Ihrer Insel mit der Post verbunden?«
Der Maskierte hob mehrmals die Schultern, als wolle er nicht recht mit der Sprache heraus.
»Mein Herr, hier liegt eben etwas vor, worüber ich dem Indier Schweigen gelobt habe. Er ist nicht etwa ein Zauberer, ist nicht mit überirdischen Kräften ausgestattet, aber ...« sehen Sie, das ist genau dasselbe, wie ich von hier aus an alle indischen Stationen telegraphierte, daß ich hier sei und auf ihn warte. Und acht Tage später traf er hier ein. Und ich habe doch gar nicht seine Adresse gewußt. Und wie kann er überhaupt in acht Tagen von Indien schon hier sein? Und daß er durch die Luft geflogen ist, das glaube ich auch nicht. Ich glaube nicht einmal, daß er in Indien gewesen ist. Aber nun versuchen Sie einmal herauszubekommen, wo er war und wie er hierhergekommen ist, ob hier in Monte Carlo oder sonstwo ein Eisenbahnbeamter ihn hat den Zug verlassen sehen? - Doch genug von diesem Rätsel. Ich will von mir selbst sprechen. Ich bin gleich zu Ende. - Hiran Singh war natürlich wieder nicht da. Ich gab jene Depesche auf. Die fünf Millionen Francs in Goldbarren hatte ich stets an Bord meines Schiffes. Diesmal hatte Hiran Singh gefordert, daß ich sie vorher bei einem Bankhaus deponieren sollte. Das wunderte mich schon sehr, das gab mir wieder etwas Hoffnung. Und richtig - diesmal kam er! Nun, die Operation wurde an mir vollzogen, ich schlief drei Tage - und als ich erwachte, war ich ein junger Mann - ein Jüngling - fühle mich jetzt noch so!«
Es hatte zuletzt jauchzend hinter der Maske geklungen, der Kapitän hatte wie in überschäumender Lust beide Arme ausgebreitet.
»Ja, aber - bitte, erklären Sie mir die Operation doch etwas näher.«
»Das kann ich nicht.«
»Weshalb nicht? Hat Ihnen der Indier hierüber Stillschweigen auferlegt?«
»Durchaus nicht. Aber ich weiß nichts davon zu erzählen, und Hiran Singh sprach sich nicht darüber aus. Ich mußte mich seinen Anforderungen fügen, und damit basta, und für mich gab es nur eins: sterben oder wieder jung werden. Ich gehorchte einfach.«
»Aber bitte, wie wurde die Operation denn eingeleitet? Mußten Sie sich auf den Operationstisch legen, oder was mußten Sie sonst tun?«
»Ach so. Das kann ich Ihnen sagen. Ja, hier in diesem Zimmer mußte ich mich entkleiden, hier in der Mitte stand dieser Tisch, aber ohne Decke, ich mußte mich darauflegen. Festgeschnallt wurde ich nicht, Hiran Singh deckte nur ein Tuch über mein Gesicht, das weiß ich noch, dann fühlte ich einen heftigen Stich in der Herzgegend - und da war ich weg.«
»Sie waren bewußtlos?«
»Sofort.«
»Sie haben doch eine halbe Stunde in einer furchtbaren Weise geschrien, ich selbst habe es gehört.«
»Ja, das hat man mir hinterher erzählt. Aber ich selbst weiß nichts davon.«
»Sie haben keine Schmerzen gefühlt?«
»Absolut nicht.«
»Ich denke, Sie bekamen einen heftigen Stich ins Herz?«
»Nun, haben Sie nicht einmal Herzstechen gehabt? So war es, nicht anders, und nur ein einziger Stich, schließlich gar nicht von Bedeutung.«
»Haben Sie denn eine Wunde in der Herzgegend?«
»Nein, am ganzen Körper nicht ... « halt, zur Ader scheint er mich allerdings gelassen zu haben; als ich erwachte, fühlte ich meinen linken Arm abgeschnürt, und den Matrosen, die mit ihm das Gold abholten, sagte er, ich könnte den Verband gleich nach dem Erwachen wieder abnehmen. Das habe ich denn auch getan.«
Der Kapitän streifte den linken Hemdärmel weit zurück. Monsieur Girard sah an dem von Muskeln und Sehnen starrenden Oberarm einen leichten schon verharschten Schnitt.
»Er mag das Blut in einem Gefäß aufgefangen und und dieses dann versehentlich umgestoßen haben,« setzte der Kapitän noch hinzu, als er den Ärmel wieder herabschob. »Als ich erwachte, sah ich dort den Porzellankrug am Boden liegen, er hatte Blut enthalten, doch war alles schon getrocknet. Daß das Blut durch die Decke gedrungen ist und solch eine Aufregung verursacht hat, ist mir sehr unangenehm. Der Indier hätte das Blut auch aufwischen können. Oder aber, ich habe mich im Schlafe bewegt und habe selbst das Gefäß auf irgendeine Weise umgestoßen.«
»Merkwürdig!« konnte Monsieur Girard nur sagen. »Wie fühlten Sie sich nach dem Erwachen?«
»So jung wie jetzt. Ich sprang aus dem Bett und fing gleich wie eine Lerche zu singen an.«
»Sie trugen einen Vollbart?«
»Den habe ich mir gleich von meiner Ordonnanz abnehmen lassen.«
»Der Vollbart war weiß.«
»Und nach meinem Erwachen war er schwarz geworden.«
Oho, jetzt aber stimmte etwas nicht.
»Man hat doch weiße Haarsträhnen in Ihrem Zimmer gefunden,« behauptete der Journalist unverzagt, denn jetzt kam es darauf an.
»Ja, das kann sein. Denn ich hatte mir kurz vorher, ehe der Indier kam, den weißen Bart von meiner Ordonnanz ganz bedeutend stutzen lassen. Dieses weiße Haar lag noch im Zimmer. Aber das, was von dem weißen Barte übrig geblieben, war nach dem Erwachen ebenso schwarz geworden wie mein Kopfhaar, es hatte sich sogar wie in meiner Jugend wieder zu Locken gewellt. - Ordonnanz!«
Die Nebentür war geöffnet gewesen. Aus dem anderen Zimmer kam Wilm herein, der also auch der ganzen Unterhaltung beigewohnt hatte.
»Gib mir das schwarze Kästchen mit den Haaren!«
Die Ordonnanz brachte das Verlangte. Der Kapitän entnahm der Schatulle aus Ebenholz weiße, noch zusammenhängende Haarbüschel, denen man es ansah, daß sie von einem Vollbart abgeschnitten worden waren, sowie andere Büschel von tiefschwarzem Haare, und gab von jedem dem Journalisten eine gute Probe.
»Nehmen Sie, stecken Sie es ein, lassen Sie von Sachverständigen untersuchen, ob es nicht ein und dasselbe Haar ist. Mehr brauche ich nicht zu sagen, und wenn sich die Haare verändert haben, so kann ich nichts dafür. Beide Haarproben sind von meinem Barte abgeschnitten, der Unterschied der Zeit beträgt drei Tage.«
Monsieur Girard nahm denn auch beide Proben und steckte sie ein. Allerdings würde er sie auf ihre Übereinstimmung untersuchen lassen, und fernerhin auch die Haarsträhnen, welche von dem Hotelpersonal in diesem Zimmer gefunden worden waren, nachdem der Kapitän es verlassen hatte.
»Ordonnanz, bringe auch die Medizinflasche!«
Wilm holte sie aus dem Nebenzimmer, eine große Flasche, zur Hälfte gefüllt mit einer hellgelben, klaren Flüssigkeit.
Mit andachtsvoller Feierlichkeit nahm der Kapitän sie ihm ab.
»Das ist die Medizin, welche ich zwölf Jahre lang nehmen mußte, und ihr schreibe ich den Haupterfolg zu. Ich sprach doch schon davon, daß mir etwas Eigentümliches aufgefallen ist. Damit meine ich diese Medizin. Wissen Sie, woran ich immer lebhaft erinnert werde, wenn ich diese Medizin nehme?«
»Nun?«
»An Schlangen.«
»An Schlangen?« wiederholte Monsieur Girard und ein gelindes Grauen überkam ihn.
»Ja, an Schlangen. Alle Schlangen und Eidechsen haben doch einen ganz eigentümlichen Geruch, und dieses Zeug schmeckt gerade so, wie Schlangen und Eidechsen riechen. Anders kann ich mich nicht ausdrücken. Dann kommt vielleicht noch der Geschmack von faulen Fischen und verwesten Krebsen hinzu. Wollen Sie mal kosten, Monsier Girard?«
Der Kapitän nahm den Kork ab und hielt die Bulle dem Franzosen hin, dieser aber fuhr mit ausgestreckten Händen zurück.
»Ach nein - ach nein - ich danke - ich danke wirklich - ich bin gar nicht durstig - ich, ich bin gar nicht so sehr alt, wollte ich sagen - ich möchte Sie nicht berauben.«
Hinter der Maske mochte ein sehr heiteres Gesicht gemacht werden, äußerlich war dem Kapitän nichts davon anzumerken; er drängte dem Entsetzten auch nicht weiter diese köstliche Medizin auf, sondern behielt die Flasche in der Hand, ohne den Kork wieder aufzusetzen.
»Und da erinnerte ich mich,« fuhr er in demselben feierlichen Tone fort, »daß der Indier auch schon auf meiner Insel Jagd auf Schlangen und Eidechsen und Seekrebse gemacht hatte. Also, das könnte stimmen. Und wissen sie, Monsieur Girard, was es mit Eidechsen und Krebsen für eine besondere Bewandtnis hat?«
»Mit Schlangen, Eidechsen und Krebsen? Nun, sie - kriechen alle auf dem Boden herum - ich bedaure, meine zoologischen Kenntnisse sind leider höchst mangelhaft. Bitte, wollen Sie mich belehren?«
»Alle drei Tiergattungen häuten sich ...«
»Ah, ah, ah,« machte Monsieur Girard geheimnisvoll, »ich beginne zu verstehen! Häuten, jawohl, häuten! Sie meinen, Sie haben sich gehäutet?«
»So ungefähr. Das ist aber noch nicht alles. Speziell die Eidechsen und die Krebse haben nämlich die wunderbare Eigenschaft, abgebrochene Gliedmaßen wieder ersetzen zu können.«
»Abgebrochene Gliedmaßen wieder ersetzen zu können!« echote Monsieur Girard. »Jawohl, jawohl, jetzt entsinne ich mich!!«
»Ja, das ist mir aufgefallen. Gar kein Zweifel, das steht in einem innigen Zusammenhang mit der menschlichen Verjüngung. Dieser Indier ist hinter ein großes Geheimnis gekommen. Daß ich zwölf jahre lang dieses Elixier nehmen mußte, das ist die Hauptsache gewesen, da hat sich bei mir innerlich eine Umwandlung vollzogen, die Säfte haben sich vielleicht erneuert - und dann war nur noch ein Trick nötig und die Umwandlung trat auch äußerlich zu Tage. - Ordonnanz, ein kleines, reines Fläschchen oder eine alte Eau de Cologne-Flasche, das wird nichts schaden. Es ist nämlich auch eine alkoholische Lösung.«
Der Kapitän füllte in das gebrachte Fläschchen etwas von der gelben Flüssigkeit aus der großen Flasche, schloß es mit einem Kork.
»So, das können Sie ebenfalls mitnehmen, lassen Sie es untersuchen. Ich bin selbst gespannt, was da eigentlich drinsteckt!«
Auch Monsieur Girard ward von einer andachtsvollen Feierlichkeit ergriffen, als er das dargereichte Fläschchen nahm und es in seiner Rocktasche versenkte.
»Hat Ihnen denn Monsieur Hiran Singh eine Untersuchung gestattet?«
»Er hat es mir wenigstens niemals verboten. Nun ist aber auch noch etwas anderes dabei. Hiran Singh behauptet, jetzt noch ein ganz anderes Elixier hergestellt zu haben oder doch ein viel kräftigeres, mit welchem nur eine Vorkur von einem einzigen Jahr nötig ist.«
»Und dann noch die Operation?«
»Die ist unter allen Umständen nötig. Aber was tut das? Sie ist ja völlig schmerzlos.«
»Oh, was für einen Segen kann dieser Indier über die Menschheit bringen!« rief der Franzose in Extase, obgleich ihm immer noch ... « recht seltsam zumute war. Kurz gesagt, er traute dem Braten noch nicht recht.
»Wo ist denn der Indier jetzt?« setzte er dann hinzu.
»Er bat mich, zum Fortschaffen seines Goldes meine Jacht benutzen zu dürfen. Selbstverständlich gestattete ich es ihm. Aber wohin er das Gold bringt oder wo er die Jacht verläßt, das allerdings darf ich unter keinen Umständen verraten, darauf habe ich ihm mein Ehrenwort geben müssen.«
»Dabei ist ein Geheimnis?«
»Allerdings.«
»Ist er nicht schriftlich zu erreichen?«
»Ich weiß gar nichts - gar nichts weiß ich,« entgegnete der Kapitän etwas schroff. »Haben Sie sonst noch eine Frage, mit deren Beantwortung ich die allgemeine Neugier befriedigen kann? Aber nun bitte, schnell, ich möchte dann mit Ihnen noch etwas anderes besprechen.«
Nein, wenn der wieder jung gewordene Kapitän nichts weiter über den braunen Wundermann sagen wollte oder konnte, so würde er auch nicht so leicht vor dem Publikum Ruhe bekommen. Aber jetzt dachte Monsier Girard an sein eigenes Interesse, an seinen Zeitungsartikel, er hatte noch mehr Fragen zu stellen, der Kapitän wurde ungeduldig, und so nahm er all seinen Scharfsinn zusammen.
»Wie sind Herr Kapitän zu dem vom Fürsten ausgestellten Passepartout gekommen?«
»Ich habe mich dem Fürsten anvertraut und ihn um seinen Schutz gebeten.«
»So weiß der Fürst, wer Sie sind?«
»Natürlich. Aber er ist auch der einzige Mensch, der darum weiß.«
»Er gestattete Ihnen in seinem Reich das Tragen einer Maske?«
»Ja. Der Fürst von Monaco ist ein edler Mann, er hatte Mitleid mit mir.«
»Weshalb Mitleid?«
»Weil ich ... « darüber spreche ich nicht. Ich hatte die Maske schon bereit liegen, denn Hiran Singh hatte mir gesagt, daß ich ganz mein früheres Aussehen wiederbekommen würde, und hätte ich die Maske nicht tragen dürfen, so hätte ich nur gleich nach meiner einsamen Insel fliehen können.«
»Weshalb?«
»Nun, eben weil ich mein Gesicht nicht sehen lassen darf.«
»Weshalb dürfen Sie Ihr Gesicht nicht sehen lassen?« fragte der jetzt dreister werdende Journalist beharrlich.
»Warum, warum?« meinte aber der Kapitän ungeduldig. »Den Grund habe ich Ihnen doch schon gesagt!«
»Verzeihung, aber diesen Grund haben der Herr Kapitän mir nicht gesagt. Gestatten Sie, daß ich frage. Würden Sie, wenn man Sie erkennt oder nur weiß, wer Sie sind, auch jetzt noch verhaftet werden?«
»Nein, das auf keinen Fall, ich trage überhaupt keine Schuld auf meinem Gewissen, aber ... « ich sage hierüber nichts mehr.«
»Das verstehe ich nicht,« sagte Monsieur Girard kopfschüttelnd.
»Das tut mir sehr leid - nein, das freut mich vielmehr sehr.«
»Und ohne Maske würde man Sie sofort wiedererkennen?«
»Sofort.«
»Jene Leute, welche damals mit Ihnen eine Rolle gespielt haben?«
»Nein, sogar junge Leute, welche damals noch gar nicht gelebt haben. Denn mein Gesicht fällt durch etwas Besonderes auf, und das genügt, um mich sofort zu verraten.«
Da kam dem Journalisten eine sonderbare Idee.
»Haben Sie vielleicht keine Nase?« fragte er naiv.
»Nun hören Sie aber endlich auf!« lachte es belustigt und ärgerlich zugleich hinter der Maske. »Jetzt will ich Ihnen sagen, was ich von Ihnen verlange. Sie sollen mir behilflich sein.«
»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«
»Vierzig Jahre lang bin ich in der Einsamkeit vergraben gewesen, und wenn ich auch einmal in die weite Welt hinauskam - an Bord meines Schiffes und unter meinen Leuten war ich trotz alledem immer allein, einen anderen Anschluß suchte ich alter Mann nicht mehr, ich brauchte keine Gesellschaft. So ist mir die Welt ganz fremd geworden, ich muß erst wieder wie ein schüchterner Jüngling eingeführt werden. Das fühlte ich recht deutlich gestern, als ich das Kasino betrat. Da sah ich einige pompöse Damen. Besonders die eine machte großen Eindruck auf mich ...«
»Wenn der Herr Kapitän die Dame nur einigermaßen beschreiben können - ich kenne sie alle,« lächelte Monsieur Girard selbstgefällig, und er hatte recht, denn der Herausgeber des >Le Monte Carlo< war zugleich auch das lebendige Adreßbuch von ganz Monaco.
»Eine große, volle Figur mit blendend weißer Haut und roten Haaren ...«
»Madame Pompadour,« sagte der Redakteur sofort.
»Madame Pompadour?« wiederholte der Kapitän verwundert. »Ist sie verwandt mit jener berühmten Maitresse?«
»Oh nein - in gewissem Sinne allerdings verwandt - denn es ist eine Kokotte, und hier muß jede Kokotte einen Spitznamen haben.«
»Eine Kokotte?« erklang es wiederum verwundert. »Was ist das nun wieder?«
Jetzt staunte Monsieur Girard. Wußte der nicht einmal, was eine Kokotte ist? O holde Unschuld! Der mußte der Welt wirklich sehr entfremdet worden sein!
Das lebendige Auskunftsbuch von Monte Carlo gab eine zarte, aber doch deutliche Erklärung, was man unter einer Kokotte versteht.
»Ach so. Nun ja, das hätte ich mir eigentlich auch denken können. Dann bewunderte ich eine andere Dame, das kann aber unmöglich eine solche Kokotte gewesen sein, es war ein junges Mädchen, sie saß neben einem alten Herren ...«
» ... mit weißem Vollbart und goldener Brille; als er auf der Null einen Hundertfrancsschein verlor, verließ er mit der jungen Dame den Saal.«
»Es ist erstaunlich, wie Sie alles beobachten. Ja, die meine ich.«
Das war aber gar nicht erstaunlich, denn man hatte doch gestern bemerkt, wie der Maskierte die beiden am Spieltisch beobachtet hatte, und das machte nun schon in dem kleinen Klatschnest die Runde.
Es war aber auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß man sich mit jenen beiden beschäftigte, wie gleich gezeigt werden soll.
»Nun, wer waren jene beiden?« fragte der Kapitän.
»Herr Emil Richter aus Berlin nebst Fräulein Tochter.«
Der Kapitän saß unbeweglich da, es war fast, als ob er eine Fortsetzung der Auskunft erwartete, und wirklich, diese kam auch.
»In Wirklichkeit aber heißt er Ernst von Marbach und ist Gutsbesitzer in Pommern. Der Name seiner Tochter Johanna ist der richtige.«
Der Kapitän machte eine Bewegung. »Wo logieren die beiden?«
Jetzt machte Monsieur Girard ein ganz merkwürdiges Gesicht - ein Physiognomiker würde es das >Gesicht eines Geheimniskrämers< genannt haben.
»Auf der Teufelsinsel.«
»Wo?«
»Seit heute früh logieren die beiden auf der Teufelsinsel.«
»Wo ist denn das?«
Die Physiognomie der Geheimniskrämerei verstärkte sich noch.
»Das ist ein Friedhof von Monte Carlo.«
Der Kapitän beugte sich vor.
»Was?« erklang es leise hinter der Maske.
»Die Begräbnisstätte der Selbstmörder.«
»Was?« erklang es jetzt heiser.
Und nun konnte der Geheimniskrämer nicht mehr an sich halten, er mußte herausplatzen, oder das Herz brach ihm.
»Die beiden sind heute nacht tot in ihrer Pension aufgefunden worden, beide haben sich mit Blausäure vergiftet. Es war übrigens vorauszusehen gewesen, der Alte hatte sein Geld verspielt.«
Langsam, mit den ruckmäßigen Bewegungen eines Automaten erhob sich der Kapitän. Plötzlich machte er einen hastigen Griff mit der Hand nach der Maske.
»Ver - ver - verzeihen Sie, ich habe Nasenbluten bekommen!«
Mit diesen Worten eilte er in das Nebenzimmer, und es war keine Verstellung gewesen, der Redakteur hatte wirklich unter der Maske plötzlich Blut hervorquellen sehen. Nur hätte der Kapitän deswegen jene Worte nicht mit so heiserer Stimme hervorzustoßen brauchen.
Wieder einmal!
Und diesmal war es dazu noch eine furchtbare Tragödie, deren Spuren schleunigst beseitigt werden mußten, um Monte Carlos >guten Ruf< nicht ganz und gar zu schänden. In die Zeitungen kam es allerdings doch.
Wir wollen etwas erzählen, was den Beamten, welche für die Aufklärung solcher Fälle zu sorgen haben, nicht vollständig zu Ohren kam.
Wer hätte noch vor zwei Monaten zu glauben gewagt, daß der Gutsbesiter Ernst von Marbach, Hauptmann der Reserve, solch einer entsetzlichen Tat, dem Leichtsinn entsprungen, fähig sei! Das aber eben ist das Werk des Spielteufels! Wen er einmal gepackt hat, den läßt er nicht mehr los, und den kann er im Nu verwandeln.
Er war ein vermögender Mann gewesen. Das kleine Gut bewirtschaftete er nur zu seinem Vergnügen, und er hatte sich dort ein recht schönes Leben zu zimmern verstanden. Er war zum zweiten Male Witwer. Alle Kinder aus seiner ersten Ehe hatte er verloren - darüber war er nun schon hinaus - und aus seiner zweiten Ehe hatte er nur eine Tochter.
Johanna war auf dem einsamen Gut von Hauslehrern erzogen worden. Der alt werdende Vater mochte sich weder von seinem Heim noch von seinem einzigen Kinde trennen. Und auch als Hannchen zur Jungfrau erblüht war, sehnte sie sich nicht nach dem geräuschvollen Leben, sie war glücklich auf dem idyllischen Gütchen und vermißte nichts. Einmal gab es doch auch hier gesellige Freuden, die Nachbarn kamen manchmal zusammen, und dann machte der Vater jedes Jahr, wenn die Ernte geborgen war, mit ihr eine große Reise, sie bekam die Welt zu sehen, und drittens war das Mädchen überhaupt eine anspruchslose sinnige Natur.
Vor vier Jahren hatten Vater und Tochter die Riviera besucht. In Monte Carlo gingen sie natürlich auch einmal ins Kasino. Sie setzten auch einmal, verloren einige Goldstücke und freuten sich darüber.
Dann beobachtete der Vater einige Stunden das Spiel, notierte, rechnete zu Hause, und dann sagte der Artilleriehauptmann, der ein gar kluger mathematischer Kopf war, im überzeugendsten Ton:
»Da muß man ja immer gewinnen! Paß auf, Hannchen, ich werde es dir beweisen!« Und er spielte zwei Tage, er verdoppelte immer den Einsatz, allerdings nicht bei jedem Verlust - das machen nur die Narren, und der Artilleriehauptmann war, wie schon gesagt, ein gar kluger Kopf - nein, er wartete gewisse Serien ab, er hatte sich sein eigenes System ausgeklügelt - und in diesen Tagen hatte er richtig 3.000 Francs gewonnen! Dann aber hörte er auf, er hatte ja nur die Richtigkeit seines Systems beweisen wollen, und die gewonnenen 3.000 Francs zahlte er in die Armenkasse. So skrupulös in Gewissensfragen war dieser Mann.
»Es ist mir unbegreiflich, warum nicht alle Leute so spielen, dann ist die Bank des Verderbens doch in einer Woche bankrott! Die Leute sind eben blind!»
So sagte er verächtlich, und dann reiste er ab und zeigte seiner Tochter andere herrliche Gegenden, und Hannchen war so stolz auf ihren klugen Papa.
Im nächsten Jahr besahen sie sich England und Schottland, im zweiten Böhmen, im dritten gingen sie bis in die Pyrenäen - und dann kam das Jahr, das vergangene, welches dem Mann noch im späten Alter soviel Sorge brachte - und zuletzt seinen völligen Ruin.
Zuerst nahte sich die Sorge in Gestalt eines jungen Mannes, welcher um die Hand der Tochter bat. Hannchen liebte ihn mit aller Kraft der ersten Liebe, und er war ein angehender Klaviervirtuose, der nichts sein eigen nannte, als seine gelenkigen Finger. Ach, du lieber Gott! Wenn er wenigstens ein angehender Dichter gewesen wäre! Der hätte noch die Landwirtschaft erlernen und sich nebenbei einen berühmten Namen machen können. Aber der Klaviervirtuose hier wollte mit seiner Frau in der Welt herumgondeln! Nein, nein, nein! Nein, daraus durfte nichts werden. Dazu war des Vaters Liebe zu seinem einzigen Kinde zu eogistisch.
Es gab viele bittere Stunden mit vielen Tränen - bis die gehorsame Tochter den Worten der Vernunft Gehör schenkte und ihrer ersten Liebe entsagte.
Wehe dieser egoistischen Vernunft! Es rächt sich alles schon auf Erden!
Daß das Mädchen beschloß, nun gar nicht zu heiraten, das war bei Hannchens Charakter eigentlich ganz selbstverständlich. Der Vater dachte hierüber zwar ganz anders, wäre aber in seiner egoistischen Liebe damit zufrieden gewesen, wenn sie nicht heiratete.
Da machte das Bankhaus, in welchem Ernst von Marbach sein Vermögen angelegt hatte, vollständig bankrott. Keinen Pfennig bekam er heraus, hatte vielmehr noch einige Verpflichtungen zu erfüllen. Auch der eben eingezahlte Erlös der Ernte ging mit drauf. Er hatte gebaut, hatte Zahlungen zu leisten - er mußte die erste Hypothek aufnehmen.
Noch immer konnte er recht behaglich von dem Ertrage des Gutes leben, die Zinsen der Hypothek waren mit Leichtigkeit aufzubringen, aber die richtige Freude fehlte jetzt, es war nicht mehr >Sein Gut<, die Hypothek wurmte ihn.
Ja, sie >wurmte< ihn. Das heißt, sie fraß ihm wie ein Wurm am Herzen.
Was ist denn da weiter dabei, eine Hypothek auf seinem Gut zu haben? Aber der alte Mann glaubte immer, die ganze Welt deute mit dem Finger auf ihn und sage: der da hat eine Hypothek aufgenommen. - So geht's im Leben.
Wie konnte er sie tilgen? Gar keine Aussicht dazu vorhanden!
Da will es ein böser Geist, daß sich der alte Mann erinnert, wie er vor vier Jahren in Monte Carlo 3.000 Francs gewonnen hat. Er fängt an zu rechnen, rechnet Tag und Nacht - ja, sein System ist richtig! Wenn er ganz vorsichtig spielt, so muß er bei einem Kapital von 10.000 Francs jeden Tag mindestens 1.000 Francs gewinnen, die schlägt er zum Spielkapital, und auf diese Weise muß er in einem Jahr mindestens 70.000 Francs gewonnen haben.
Zuerst aber braucht er die 10.000 Francs. Soviel bekommt er auf sein Gütchen nicht mehr geliehen, und da schlägt er es für 15.000 Mark los.
Wenn man diese Handlungsweise mit unparteiischen Augen von der richtigen Seite betrachtet, so ist hierbei von einem Leichtsinn gar keine Rede. Denn der kluge Mathematiker war von der Unfehlbarkeit seines Systems vollkommen überzeugt.
Nun reist er mit seiner Tochter nach Monaco. Wie es ihm erging, wurde schon geschildert, wir brauchen uns dabei nicht länger aufzuhalten.
Wenn Johanna auch schon viel von der Welt gesehen hatte, so war sie doch noch, und trotz ihrer einundzwanzig Jahre, unerfahren wie ein Kind. Und das Vertrauen zu ihrem Vater kannte keine Grenzen. Wenn ihr guter Papa hier spielte, so war das für sie vollständig gerechtfertigt. Sie wußte, daß den Vater ein großer Vermögensverlust betroffen hatte, aber nicht, daß es das letzte war, mit dem er spielte. Als der Vater zuerst wieder so gewann, freute sie sich, und dann, als er immer und immer verlor, war sie nur deshalb traurig, weil sie den Vater über sein Unglück so niedergeschlagen sah.
Vielleicht aber ging ihr auch schon eine Ahnung auf, wie es mit dem Vater stand, eine Ahnung ohne Erkenntnis, gerade darum, weil sie noch ein unschuldiges Kind war. Der erkünstelte Gleichmut gegen das fortwährende Verlieren konnte sie nicht mehr täuschen, und sie wagte nicht, ihre fürchterliche Ahnung in Worte zu kleiden, hatte überhaupt keine dafür.
»Gehen wir bald wieder nach Hause, Papa?« fragte sie höchstens einmal. »Ich sehne mich wieder so nach unserem Gütchen.«
Wie dem Vater bei solchen Fragen zumute gewesen sein mag!
Gestern hatte er auf einmal einen Hundertfrancsschein auf die Null gesetzt und - »Papa!« hatte sie mit ängstlichem Schreck gerufen. Denn so hatte er noch niemals gespielt, gleich so viel planlos auf eine Nummer zu setzen! Und er hatte auch gar kein Geld mehr vor sich liegen!
»Komm, Hannchen, wir wollen nach der Post gehen, dann reisen wir gleich ab,« hatte er also beim Aufstehen gesagt, was auch noch von anderen gehört worden war.
»Wieder ein Todeskandidat,« ließ sich ein erfahrener Stammgast von Monte Carlo vernehmen. So dachten auch noch andere, welche nur mit scheinbarem Interesse dem Spiele zuschauten, welche vielmehr die Spieler beobachten müssen, wofür sie bezahlt werden, und einer von diesen heftete sich denn auch gleich den Hinausgehenden unbemerkt an die Fersen.
»Hast du denn kein Geld mehr, um die Fahrt zu bezahlen, Papa?« hörte der Spion draußen die junge Dame verwundert fragen.
»Oh doch, natürlich - aber Kind, wo denkst du hin!« lachte der Vater. »Ich muß nur erst das Geld abwarten, welches ich telegraphisch hierherbestellt habe, sonst könnte es verloren gehen, verstehst du?«
Die Tochter mußte vor der Post warten, der Vater ging allein hinein, der Spion folgte und ... der alte Herr fragte überhaupt gar nicht, ob Geld für ihn angekommen sei, sondern er kaufte nur eine Briefmarke, ohne sie zu benutzen, verweilte einige Zeit in dem Gebäude, und als er dann wieder herauskam, sagte er zu seiner Tochter:
»Ja, Hannchen, ich habe das Geld bekommen, morgen früh reisen wir.«
So weit war er also innerhalb von vier Wochen schon gesunken, nur durch das Spiel! Er belog grundlos die eigene Tochter!
Der Spion aber wußte nun alles. Der alte Herr war eben fertig. Der hatte aus seiner Heimat keinen Pfennig mehr zu erwarten. So etwas kennt man doch hier.
Ja, was sollte man dann aber mit ihm tun? Man konnte ihn doch nicht in die Gummizelle sperren. Der Mensch ist frei, auch in Monte Carlo. Und nun etwa gleich zu sagen: hier hast du 500 Francs, mach daß du fortkommst, erschieße dich anderswo - so schnell ist man hier nicht.
Der Mann brauchte sich ja auch durchaus nicht zu töten. Vielleicht offenbarte er sich heute bei Anbruch der melancholischen Nacht seiner Tochter, und dann wurde ein neuer Lebensplan gefaßt, und die beiden mußten doch schon gehört haben, daß sich die Bankverwaltung gegen unglückliche Spieler stets nobel gezeigt hat.
Sie wurden also beobachtet, daß man, falls etwas passieren sollte, sofort zur Stelle war, um alles schnell zu vertuschen.
Die beiden wohnten in der Pension Blond, gleich neben dem Hotel London. Die Wirtin erfuhr auch nichts, obgleich diese, wie ja alle Zimmervermieter, auch so halb und halb mit zur Polizei gehörte.
Gegen sieben Uhr betraten Vater und Tochter das Haus. Letztere machte erst Toilette, das wußte man, dann wurde das Abendessen auf das Zimmer des alten Herrn bestellt. Diesem war nichts anzusehen, die Tochter sah sogar heiter aus.
Gegen halb neun hatte das gerufene Mädchen abräumen müssen. Die beiden schienen noch zusammen sitzen bleiben zu wollen. Eine halbe Stunde später wurde die Milchglasscheibe der Zimmertür der Mademoiselle hell, gegen zehn Uhr verlöschte das Licht wieder. Beide mußten schlafen gegangen sein.
Kurz darauf hörte man im ganzen Hause einen schweren Fall, dem wenige Sekunden später ein gellender Schrei aus weiblichem Munde folgte.
Im Hause war alles noch wach. Auf dem Korridore hielt sich gerade ein Dienstmädchen auf, es bezeichnete mit Gewißheit Monsieur Richters Zimmer als dasjenige, aus welchem der Schrei gekommen war.
Beide Türen waren von innen verschlossen. Auf das Klopfen öffnete niemand, nichts war zu hören. Gerade diese Tür besaß keine Glasscheibe, und ehe man die an der Zimmertür des Fräuleins einschlug, schickte man nach der Polizei.
Die Dienstboten wurden unterdessen von Madame Blond in Schach gehalten, die übrigen Pensionäre, welche etwas gehört hatten, bekamen eine harmlose Erklärung.
Unten stand schon ein geheimer Polizist in Zivil, der nur darauf wartete, gerufen zu werden. Also doch! Noch ehe das Schloß aufgesprengt worden war, erschien auch schon einer der in Diensten des Kasinos stehenden Ärzte, als hätte er ebenfalls nur darauf gewartet, in dieses Haus geholt zu werden. Die Tür war aufgesprengt, drinnen brannte eine Lampe, und - da war es eben geschehen, auf dem Boden lagen gleich alle beide.
»Vorsicht, Blausäure!« flüsterte der Arzt, die Luft durch die Nase ziehend, sprang schnell nach den Fenstern und stieß sie auf. Tot! Wo Blausäure, der wirksamste Bestandteil des Zyankalis, angewendet wird, da gibt es keine Rettung mehr.
Sie waren alle beide nicht zum Schlafen gegangen. Beide waren noch so angezogen, wie man sie zuletzt gesehen hatte, die Betten waren unberührt, die Verbindungstüre zwischen den Schlafzimmern stand offen.
Der alte Herr hatte das Gift aus einem Fläschchen im Sitzen eingenommen, war mit dem Stuhl umgefallen; die Tochter lag neben ihm, das Fläschchen noch in der starren Hand, der letzte Rest hatte sich über ihr Kleid ergossen.
Was die beiden vorher ausgemacht hatten, ob das Mädchen das Gift freiwillig genommen oder ob es ihr beigebracht worden - das war hier der Polizei alles ganz gleichgültig. Und wenn auch der Verdacht vorgelegen hätte, der Selbstmörder hätte an der Tochter erst noch einen Mord begangen - hier wurde einfach ein Doppelselbstmord angenommen.
Nur fort damit, fort damit, daß diese garstige Geschichte aus der Welt kam. Und nun wurde auch noch ein niederträchtiger Trick ausgeführt.
»Aah, der heißt ja gar nicht Felix Richter, der hat sich ja unter einem falschen Namen angemeldet!«
So erklang es, als man aus der Tasche des Toten Papiere zog. Als ob die Polizei dies nicht schon längst gewußt hätte! Und in den Papieren, die man in der Hand hatte, stand vielleicht gar nichts davon, daß dieser Mann eigentlich anders hieß. Es war eben nur ein Vorwand gewesen. Denn jetzt hatte die Polizei augenblicklich das Recht, auch Schlösser zu erbrechen. Aber nicht nach Papieren wurde gesucht - ja auch - nämlich nach Papiergeld, daß die beiden nicht auf Kosten des Kasinos begraben werden mußten.
Man fand, alles zusammen, eine Kleinigkeit von 20 Francs, und die würde morgen in geheimer Sitzung die Wirtin beanspruchen, desgleichen die Wertsachen und die Garderobe, denn die Pension für diesen Monat war noch nicht bezahlt.
Daß der Tote gar kein Vermögen mehr zu Hause hatte, das wurde hier auch noch mit einigen Worten erörtert. Einen Brief hatte er nicht zurückgelassen.
Selbstmörder dürfen auf dem Friedhof von Monte Carlo nicht beigesetzt werden. Ja, wenn genügend Geld vorhanden ist, und wenn der Betreffende still aus dem Leben gegangen ist, dann kann man die Todesursache mit einem Schlaganfall bemänteln, und wenn die Leiche nicht nach der Heimat transportiert werden soll, was schweres Geld kostet, so findet sie dennoch ein ehrliches Begräbnis.
Aber hier? Gleich zwei Personen am Schlagfuß gestorben? Das ging natürlich nicht! Und nicht einmal Geld vorhanden? Fort damit, fort damit, wohin sie gehörten!
Und so schnell als möglich mußten sie unter die Erde kommen, denn die Todesursache, welche die Blausäure erzeugt, ist die sofortige Zersetzung des Blutes, das äußert sich sehr schnell auf den ganzen Körper, und hier im Süden war es schon recht warm.
Heute wird dem Fremdem, der in Monte Carlo nach dem Friedhof der Selbstmörder und der Namenlosen fragt, im Gebirge ein sonnenverbranntes Stückchen Land gezeigt, auf dem sich die schmucklosen Erdhäuschen mit Holzkreuzen erheben. Dieser Begräbnisplatz existierte damals noch nicht, da wurde den Selbstmördern ein idyllischeres Fleckchen angewiesen.
Die Küste des kleinen Fürstentums bildet zwei Buchten, welche von dem mächtigen Felsvorsprung, auf dem die alte Stadt Monaco mit Schloß und Kathedrale liegt, voneinander getrennt werden. Links ist die Hauptbucht, in die größere Schiffe einlaufen können, auf der anderen Seite von den vorspringenden Terrassen des Kasinos begrenzt. Die kleinere, rechte Bucht wird im Westen ebenfalls von einem ins Meer hineinragenden Felsen eingeschlossen, auf welchem das übelberüchtigte Gasthaus >Arche Noah< liegt. Dieses befindet sich aber schon auf französischem Gebiet. Unten am Felsen ist die Grenze gezogen.
In dieser westlichen Bucht nun, noch etwas weiter draußen am Meere, 3-400 Meter von der Küste entfernt, sieht man heute eine Menge wilder Felsblöcke aus dem Wasser emporragen - eine Klippenformation. Damals aber war das noch eine Insel, bewaldet mit Zypressen und anderen Bäumen, ein alter Turm aus der Sarazenenzeit erhob sich darauf, und hier wurden die Selbstmörder und Namenlosen begraben, die das große Erdbeben, welches die Riviera heimsuchte, die ganze Insel mit allem, was sich darauf befand, vernichtete, nur diese enggedrängten Felsklippen stehen lassend.
Das heißt, diese Veränderung war eigentlich keine Neubildung, sondern das Fundament der Insel hatte schon immer so ausgesehen, schon längst war alles durch und durch ausgewaschen gewesen, auf den durchhöhlten Felsenriffen lag nur noch eine hohe Schicht von losen Steinen und Erde, von den Baumwurzeln zusammengehalten, und diese lockere Schicht nun wurde von der hohen Meeresflut, welche das Erdbeben begleitete, einfach weggespült.
Einmal hatte das doch kommen müssen, das hatte man schon immer gewußt, niemand wollte sich auf der dem Untergange geweihten Insel ansiedeln, deshalb hatte man das sonst so reizende Eiland bereitwillig jenen Toten überlassen, deren Gräber von keinem Leidtragenden besucht werden.
Ile de Castelle hieß die Insel nach der alten Turmruine.
Man hatte auf der Insel noch keinen Geist beobachtet, zur mitternächtigen Stunde noch keine weiße Gestalt bemerkt, kein schauerliches Seufzen und Klagen gehört, es gingen keine grausigen Erzählungen über sie, aber ... es niemand darauf wohnen mögen, wenn sie auch auf soliderem Untergrunde geruht hätte, und diesen Wunsch würde wohl auch kein nervenstarker Freigeist gehabt haben.
Es war fast ganz selbstverständlich, daß sie im Volksmunde nur die Teufelsinsel genannt wurde, Toteninsel genügte noch nicht, und da hatte ja auch wirklich der Teufel seine Opfer liegen.
Es wohnte aber doch jemand darauf, der alte Totengräber und Wächter, und wenn der gestorben wäre, so hätte es schwer gehalten, einen anderen für dieses Amt wiederzufinden. Er führte den schönen Namen Hydrian, ein alter, schwachsinniger, halb tauber Mann. Die Insel war eben seine Heimat geworden, er verließ sie nie, schlief in der ersten Etage des Turmes, und sein Essen wurde ihm täglich von dem Manne gebracht, welcher drüben am Strande Boote verleiht und ein paar Badehütten unterhält - Guiseppe Cigalgi heißt er, der Sohn eines verarmten Edelmannes, er lebt noch heute dort unten am Strande von Monaco.
Es war früher Nachmittag.
Die x-beinige Ordonnanz hinter sich, verließ der Maskierte die Blumengärten des Boulevard de l'Ouest, ging an der Villa Bellando vorbei, bog um die Gasanstalt und schritt nun angesichts der Teufelsinsel noch fünf Minuten auf dem öden, sandigen Meeresstrande hin, bis er den Felsen der Arche Noah erreichte, wo einige Badehütten standen und Boote angekettet lagen.
Zwei große, prachtvolle Neufundländer schlugen an, ein halbes Dutzend winziger Köter ahmte das Bellen der Eltern piepsend nach, wollten dem Fremden entgegeneilen, fielen aber beim Gehen noch um.
Aus einem der Boote stieg ein junger Mann, der das Fahrzeug gesteuert hatte, gebot den Hunden Ruhe und erwartete auf dem Strande die Ankunft des Besuches.
Es war ein höchstens siebzehnjähriger Jüngling, als ursprünglicher Neapolitaner aber schon weit gereift, schon mit einem schwarzen Flaum auf der Oberlippe, ein kleines, zierliches Kerlchen, aber sehnig und mit runden Muskeln, alles wie von Künstlerhand aus Aronzo gegossen, und der Anzug verbarg nicht viel von seinen Gliedern, denn die blauen Hosen waren bis an die Oberschenkel aufgekrempelt, das weiße Baumwollhemd stand weit offen und zeigte die braune, hochgewölbte Brust, dazu auf den schwarzen Locken eine bunte Zipfelmütze - ein neapolitanischer Fischer, wie ihn nur ein idealistischer Maler darstellen kann.
»Bist du der Mann, welcher nach der Ile de Castelle übersetzt?« redete ihn der Maskierte an.
»Si, si, Signore.«
»Ich möchte mir die Insel ansehen.«
»Nicht heute, Signore, morgen.«
»Warum nicht heute?«
»Heute ist das Betreten der Insel nicht erlaubt.«
»Ja, aber warum denn gerade heute nicht?«
»Die Polizei, welche mich hier als Fährmann angestellt, hat es mir verboten, heute einen Fremden überzusetzen, und ich habe zu gehorchen, ohne nach dem Grunde zu fragen.«
»Hm,« brummte der Maskierte. »Weißt du, wer ich bin?«
Bei diesen Worten zog er ein goldenes und auch noch reich mit Juwelen besetztes Etui aus der Tasche, entnahm ihm für sich eine Zigarette und hielt eine zweite dem barfüßigen Fischerjüngling hin.
Es war ganz eigentümlich. Dieser arme, halbnackte Junge konnte seine adlige Geburt nicht verleugnen, schon wie er so unbefangen dastand, und selbst dadurch, wie er angesichts des maskierten Mannes nicht das geringste Staunen, noch viel weniger Neugier zeigte, schon das verriet seinen Stolz, denn er war sich seines gräflichen Standes wohl bewußt - hinwiederum war er dem vornehmen Fremden gegenüber sehr höflich, keine Spur davon, daß er sich beleidigt fühlte, weil er von oben herab mit >du< angeredet wurde, und jetzt nahm er dankbar und sogar mit einer kleinen Verbeugung, wie sie so graziös eben nur ein Italiener fertig bringt, die ihm in der Hand angebotene Zigarette an.
Das war eben kein falscher Stolz, der Graf war sich auch bewußt, jetzt der arme Ruderknecht zu sein, und beides wußte er zu vereinen.
»Grazia, Signore. Ja, ich weiß, Sie sind der Kapitän von der Heliotrop. Eine wunderschöne Jacht, habe noch nie ein Schiff mit edleren Linien gesehen, noch nie etwas Herrlicheres. Bitte, hier ist Feuer.«
Die Augen hinter den Löchern waren mit einem Ausdruck auf den Jüngling gerichtet, welcher verriet, daß die Maske jetzt ein sehr überraschtes Gesicht verdeckte. Doch der Kapitän verbarg seine Verwunderung, von einem halbnackten Fischerknecht hier mit solchen Worten und solchem Benehmen empfangen zu werden, er behielt seinen einmal angeschlagenen Ton bei.
»Danke, mein Lieber. Dann ist dir vielleicht auch bekannt, daß ich einen Passepartout vom Fürsten von Monaco besitze, und daß sämtliche Behörden den Befehl haben, mir auf meine Bitten zu Diensten zu sein. Ich komme doch nach der Insel hinüber. Ich müßte nur erst noch einmal nach Monaco hinauf, und diesen Weg könntest du mir ersparen.«
Der Jüngling überlegte einen Augenblick.
»Sie haben recht,« sagte er dann, immer mit seiner stolzen Zuvorkommenheit, »Sie würden die Erlaubnis doch erhalten. Wollen Signor entschuldigen, ich bin hier vom Magistrat angestellt und habe die mir gegebenen Anweisungen zu befolgen, wofür ich bezahlt werde. Bei Ihnen kann ich eine Ausnahme machen. Einen Augenblick, das Boot ist gleich fertig.«
Er schritt dem kleinen Hafen zu, in dem die Boote schaukelten. Der Maskierte blickte der jugendlichen Gestalt sinnend nach.
Als er gerufen wurde, begab er sich schnell hin und stieg ein, Wilm ihm nach. Die Sitze der kleinen Jolle waren mit Polstern belegt worden, und vorwärts, im Stehen rudernd, daß er keinen Steuermann brauchte, lenkte Giuseppe das Boot zwischen den Klippen, welche den kleinen Hafen bildeten, hinaus und trieb es dann mit kräftigen Schlagen der Insel zu.
»Warum darf denn die Insel gerade heute ausnahmsweise nicht betreten werden?« fragte der Kapitän einmal unterwegs.
»Weil sich zwei unbeerdigte Leichen darauf befinden,« lautete jetzt die offene Antwort.
»Ah so. Selbstmörder?«
»Ja, ein alter Mann und ein junges Mädchen.«
»Wann sind sie herübergebracht worden?«
»Heute bei Sonnenaufgang.«
»Wann werden sie begraben?«
»Morgen früh, noch bei Dämmerung, das ist so Vorschrift, da ist es auch am stillsten.«
»Wo liegen die Leichen jetzt?«
»Unten im Turm.«
»Ist der Turm offen?«
»Er hat gar keine Tür. Kannten Sie die beiden Toten?«
»Ich? Ganz und gar nicht. Ich fragte nur so. Ich wollte nur die Insel selbst als eine Sehenswürdigkeit besichtigen.«
»Es findet sich selten einmal jemand, der an dieser Sehenswürdigkeit Geschmack findet.«
Das Boot hatte die felsige Insel, an deren Vorsprüngen es tüchtig schäumte, bald erreicht.
»Dort sitzt der alte Hydrian und angelt wie gewöhnlich,« sagte Giuseppe. »Gehen Sie nur auf der Insel umher, wie es Ihnen beliebt, ich spreche schon mit dem Alten, er würde Sie auch gar nicht verstehen, er ist fast taub.«
Er lenkte die Jolle in eine kleine Bucht, in der das Wasser ruhiger war, befestigte sie und ging stracks nach dem alten Manne, welcher mit einer Angelrute auf dem vorspringenden Felsen saß und das Boot gar nicht bemerkt hatte.
Der Kapitän stieg aus und brauchte nur wenige Schritte zu machen, so befand er sich in einer vollkommenen Wildnis.
Ja, hier war es schön! Man wurde sehr an die Machchia, den korsikanischen Buschwald erinnert, und das ist ja auch die eigentliche Vegetation der ganzen Riviera, die Palmen und alle die anderen tropischen Gewächse, das ist alles nur künstliche Kultur, allerdings zum Teil schon von den alten Römern hier eingeführt, und diese Gegend ist ja durch ihre wunderbar geschützte Lage ein offenes Treibhaus. Myrten, Mastixsträucher, immergrüner Kreuzdorn, Ligusterbüsche, Erdbeerbäume, Johannesbrot, alles durchschlungen von Lianen - das ist der Charakter der Machchia auf Korsika, und hier kam noch der angeflogene Same aller jener prachtvollen tropischen Pflanzen hinzu, welche drüben am Strande in Gärten und Anlagen gezogen wurden, und zu dieser Zeit blühte und duftete alles - wie im Paradiese!
Von einem Wege war nichts zu sehen. Man mußte sich durchwinden, ohne daß dies Schwierigkeiten hatte. Was heute niedergetreten wurde, war morgen schon wieder mit neuer Kraft entstanden. Es wurde hier ja auch gut gedüngt - mit den Leichen der Selbstmörder.
Von ihren Gräbern war nichts zu sehen. Man konnte sie nur da vermuten, wo die Spitzen der Gräser und die Blumen kleine Wellenlinien beschrieben, und die am Boden wuchernden Schlingpflanzen nahmen auch öfters eine so regelmäßige Gruppierung an - da hatten sie die kleinen Holzkreuze überzogen.
Von dem Matrosen gefolgt, strebte der Kapitän der Richtung des Turmes zu, der hier in der Mitte der Wildnis aber nicht mehr zu sehen war.
Plötzlich wurzelte sein Fuß am Boden. Er hatte vielleicht inmitten dieses Frühlings vergessen, daß er sich auf einer Insel befand, auf welcher der Tod regierte, und nun trat ihm dieser sichtbar vor Augen - in Gestalt zweier zur Aufnahme frisch bereiteten Gräber.
Lange Zeit stand der Kapitän stumm vor ihnen, in Gedanken versunken, und dann ließ sich ein schluchzender Laut vernehmen, und der geheimnisvolle Mann nahm die schwarze Seidenmaske ab, um sich mit dem Taschentuche die Augen trocknen zu können, und das Schluchzen wiederholte sich.
»Kapitän!!« warnte der Matrose erschrocken. »Wenn wir beobachtet werden!!«
Es dauerte nur einen Augenblick, so hatte sein Herr die Maske schon wieder vorgebunden oder vielmehr nur vorgelegt, aber sie mußte recht festsitzen, es hatte dabei geknackt, als wenn eine starke Feder einschnappe.
»Es ist eines jeden Menschen Los, und ich wünschte nicht, anderswo begraben zu werden als hier,« murmelte er, als er seinen Weg fortsetzte.
Der dicke Turm, in der zweiten Etage abgebrochen, war erreicht. Der weite Eingang wurde von keiner Tür verschlossen. Nachdem der Maskierte einmal tief Atem geholt hatte, trat er ein. Wilm blieb in der Tür stehen, blickte ab und zu auch zurück, ob sie beobachtet wurden, aber das war nicht der Fall.
Der völlig nackte Raum enthielt nichts weiter als eine breite, hölzerne Pritsche, gleich zur Aufnahme von mehreren Toten bestimmt, bedeckt mit einer dünnen Seegrasmatratze, und auf dieser, dicht an der Wand, lag im Leichenhemd der unglückliche Mann, der noch im spätesten Alter nach einem makellosen, ehrenhaften Leben als Spieler ein jämmerliches Ende genommen hatte, auch noch das unschuldige, jugendfrohe Kind mit sich in den selbsterwählten Tod nehmend. Ein böser Dämon mußte ihn betört haben, eine andere Erklärung war gar nicht möglich.
Der Kapitän hatte den breitrandigen Filzhut abgenommen, aber nicht wieder die Maske. Beim Anblick des Toten selbst schien er weniger erschüttert zu sein als bei dessen frischem Grabe.
»Ich habe ihn ja kaum gekannt,« erklang es nach einer Weile leise hinter der Maske. »Aber ... Wilm, warum konnten wir denn nicht einen einzigen Tag eher kommen? Es wäre alles nicht geschehen!«
Der bebrillte Matrose hob mit einem tief-philosophischen Gesicht die Schultern.
Wolle der geneigte Leser nun einmal auf die Antwort und auf die Ausdrucksweise dieses dickbäuchigen Matrosen mit den krummen Beinen achten, daß er sich derselben bei Gelegenheit erinnern kann.
Umsonst wird dieser Rat natürlich nicht gegeben, der Grund hierzu wird später einleuchten, und dem Leser dürfte eine große Überraschung bereitet werden.
Vorausgeschickt sei nur, daß die beiden dennoch einen heimlichen Beobachter in der Nähe hatten, welcher die Worte des maskierten Kapitäns sowohl, wie auch die nachfolgende Antwort des Matrosen erlauschte.
»Das ist Schicksal, Kapitän,« entgegnete also der kleine Dickwanst mit einem philosophischen Gesicht. »Wer sterben soll, der muß sterben, und es gibt Menschen, welche zum Hängen geboren sind. Kapitän, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht - ich war mal auf 'nem spanischen Segelkasten - wir hatten kein Trinkwasser mehr - und da habe ich ein halbes Dutzend brave Jungens des Durstes sterben sehen - und, Kapitän, da auf einmal stellt sich's heraus - es springt einer aus Verzweiflung über Bord, um sich lieber abzusaufen, ehe er vor Durst verreckt - >Wasser, Wasser!!< schreit er unten in einem fort, und wir sehen ihn trinken - und da stellt sich's heraus, daß wir mitten auf süßem Wasser sind - wir sind schon zwei Tage auf dem Amazonenstrome! - und wir wissens nicht! - Wir sterben vor Durst! - Und das ist ein Faktum, Kapitän! - Und diese Jungens waren eben zum Verdursten geboren - auf dem größten Strome der Welt hat sich ihr Schicksal erfüllt!! Schicksal, Kapitän, Schicksal!«
Der Kapitän bewegte sinnend das Haupt auf und nieder.
»Ja - ja, Wilm, du hast recht!« erklang es in dem Tone der tiefsten Überzeugung. »Jeder Mensch hat sein Schicksal, das sich an ihm erfüllen muß!«
Und dieser Wahlspruch, dieser Glaube an ein unumstößliches Kismet - das ist die Quelle, aus welcher alle Abenteurer ihre unverwüstliche Sorglosigkeit und ihren tollkühnen Wagemut schöpfen!
Der Kapitän blickte auf.
»Wo ist denn nun aber Hannchen? Ihretwegen komme ich ja herüber, sie möchte ich noch einmal sehen, um Abschied für immer von ihr ...«
Da kam von Wilms Lippen ein zischender Laut, und mit einem Satze, den man den X-Beinen nimmermehr zugetraut hätte, war er ins Gebüsch gesprungen und stand plötzlich vor einem Manne, der sich hinter einem Baume versteckt gehalten hatte.
Es war ein noch junger Mann, in einen einfachen Straßellanzug gekleidet.
»Hallo, wer seid Ihr denn? Wie kommt Ihr hierher?«
Auch der Kapitän war herbeigeeilt, alle beide standen in drohender Stellung vor dem fremden Manne, welcher aus dem handgreiflichen Grunde ziemlich verlegen wurde, weil er wirklich gelauscht hatte und das Spionieren sonst nicht in seinem Charakter lag.
»Wie kommen Sie hierher?« stieß jetzt auch der Maskierte hervor. »Haben Sie gehört, was ich soeben sagte?«
»Seid Ihr nicht Steuermann auf Mr. Carnegies Jacht?« setzte der Matrose hinzu.
Der junge Mann hielt es für das beste, ganz bei der Wahrheit zu bleiben, und wiederum lag es in seinem Charakter, gleich zu bekennen, daß er wirklich den heimlichen Beobachter und Lauscher gespielt hatte, wodurch der üble Beigeschmack abgeschwächt wurde, und überhaupt handelte es sich um einen Zufall, da hätte auch jeder andere Mensch die Gelegenheit benutzt, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Er stellte sich vor, sein Name war Starke, und der Matrose hatte sich nicht geirrt, er war seit einem halben Jahre zweiter Steuermann auf Carnegies Jacht.
Heute hatte er Urlaub genommen, um sich Monaco und Umgebung anzusehen, war gegen Mittag an Bord zurückgewesen, hatte Lust zu einer Segelpartie gehabt, hatte von seiner Jacht ein kleines Boot genommen und war allein hinausgefahren. Angesichts dieser Insel hatte er den Gedanken gehabt, ihr einen Besuch abzustatten. Daß hier die Selbstmörder bestattet wurden, wußte er wohl, aber nicht, daß man eine Erlaubnis brauchte, um das Eiland betreten zu dürfen, und ebensowenig hatte er schon von dem Doppelselbstmorde gehört, und daß sich zwei unbegrabene Leichen darauf befänden.
Nun, er näherte sich also der kleinen Insel von der offenen Seeseite, suchte einen günstigen Landungsplatz, legte bei - dort unten lag sein Boot - und drang in die Wildnis.
Wie er sich dem Turme genähert hatte und einmal stehen blieb, um die Szenerie zu genießen, sah er plötzlich den maskierten Kapitän kommen, der sich gestern verjüngt hatte, und der schon seit acht Tagen in aller Munde war, in Begleitung seiner Ordonnanz.
Man konnte es dem jungen Mann wahrhaftig nicht verdenken, wenn er nicht gleich vortrat und mit einer Vorbeugung seine Anwesenheit meldete, sondern wenn er sich hinter einem Baumstamm, hinter dem er gerade stand, regungslos verhielt, um zu beobachten, was die beiden eigentlich hier auf der Toteninsel wollten.
So hatte Starke ganz offen erzählt.
»Sie haben auch gehört, was ich sagte?«
»Ja.«
»Fatal, mir sehr fatal. - Ja, Herr, ich habe aber gar kein Recht, Ihnen etwa Vorwürfe zu machen - mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht - vielmehr könnten Sie Rechenschaft von mir fordern, wie ich dazu komme, an Sie solche Fragen zu stellen. Doch gestatten Sie mir - wissen Sie, wer ich bin?«
»Der Kapitän der Motorjacht Heliotrop.«
»Na ja, aber ... Sie wissen doch, was ich meine?«
Man sah es den Augen an, daß hinter der Maske gelächelt wurde, und der junge Steuermann lächelte ebenfalls, als er die Schultern hob.
»Keine Ahnung.«
»Nicht? Und doch könnten Sie nicht nur eine Ahnung haben, sondern es genau wissen, wer sich hinter dieser schwarzen Maske versteckt.«
»Ich?!« erklang es jetzt in leichtbegreiflichem Staunen.
»Ja, weil Sie Steuermann auf Carnegies Jacht sind.«
Der junge Mann war nicht so auf den Kopf gefallen, um diese Andeutung nicht sofort zu verstehen.
»Was, Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Mr. Carnegie in dieser ... Komödie ebenfalls eine Rolle spielt?«
»Sssssst!« warnte der Maskierte. »Ich habe nichts gesagt. Ja und nein. Er ist nur Zuschauer, hat aber das Theaterstück schon vorher im Manuskript gelesen. - Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Mr. Starke: bleiben Sie jetzt bei uns, wir verlassen zusammen die Insel, dann sprechen wir weiter darüber. Ich will Ihnen einen Blick hinter die Kulissen verschaffen.«
Der Kapitän wandte den Kopf nach dem Turm und setzte mit noch leiserer Stimme, als er bisher gesprochen, hinzu, und diese Stimme zitterte etwas:
»Ja, ich habe die beiden Toten gekannt. Kommen Sie!«
Sie gingen zurück zum Eingange des Turmes, der Kapitän trat wieder in die Tür. Starke blickte nur hinein.
»Ja, wo ist aber ... die andere Leiche?!« ließ sich der Kapitän nach einer Weile vernehmen.
»Vielleicht oben,« meinte Wilm.
»Die Leichen sollen doch hier unten liegen.«
»Das sagte der Ruderknecht. Der weiß es nicht anders. Geht doch mal hinauf, Kapitän.«
Der Maskierte stieg denn auch die steinerne Wendeltreppe hinauf, Wilm folgte, und der Steuermann schloß sich ihnen an.
In der ersten Etage glaubte man sich in einer schmutzigen Lumpenkammer zu befinden. Nur gewisse Anzeichen verrieten, daß hier das >Schlafboudoir< des alten Hydrian war, die aufgehäuften Lumpen stellten sein Bett vor. Monsieur Hydrian konnte sich aber auch anderswo hinlegen, sein Bett war überall.
Die nächste Treppe endete in einem deckenlosen Raume, in welchem eine blühende Vegetation wucherte.
Die ungemein dicke Mauer, deren Durchmesser mehr betrug, als der innere Raum, besaß auch Schießscharten, und durch eine solche sah der Kapitän den Totengräber. Er saß angelnd noch an derselben Stelle, Giuseppe war bei ihm und legte manchmal die Hände trichterförmig vor den Mund, um dem Schwerhörigen etwas ins Ohr zu schreien.
Das Geräusch der Brandung war ziemlich stark, auch wehte ein kräftiger Wind von hier gerade nach jener Richtung, deshalb gingen die geschrienen Worte trotz der nur kleinen Entfernung ganz verloren.
Die drei stiegen wieder hinab.
»Hier im Turm befindet sie sich nicht.«
»Vielleicht ist sie schon begraben.«
»Das soll doch erst morgen früh geschehen.«
»Ja, das alles sagt nur immer der Fischer, der sonst gar nichts auf der Insel zu suchen hat. Wir müssen einmal den Totengräber selbst fragen.«
»Gut,« entgegnete der Kapitän auf diesen Vorschlag des Matrosen, »besorge du das! - Mr. Starke, würden Sie nicht den Matrosen begleiten und Ihre Anwesenheit auf der Insel gleich anmelden?«
Der Steuermann fühlte sofort heraus, daß der Kapitän allein zu sein wünsche, und folgte dem Vorausgegangenen, konnte ihn aber nicht mehr einholen.
Wilm hatte sich schnell seitwärts in die Büsche geschlagen. Es waren ja auf der kleinen Insel nur wenige Schritte, so hatte er sein Ziel erreicht, mußte aber erst noch, um zu dem Angelnden zu gelangen, über eine vegetationslose Klippenformation klettern, eine ganz gefährliche Klettertour, und der folgende Steuermann amüsierte sich, wie sich der x-beinige Matrose derselben unterzog - wie diese Beinchen von Stein zu Stein zirkelten - es sah großartig aus - gerade wie ein Taschenkrebs, der Cancan tanzt.
Der Steuermann war also zurückgeblieben, betrat auch die nackten Klippen nicht sofort, ward daher nicht gleich entdeckt und so Zeuge einer köstlichen Szene.
»Nun will ich mal euch besuchen,« fing Wilm an, und er sprach ein recht gutes Französisch. »Vom Fischen verstehe ich nämlich auch etwas. Der Kapitän läuft noch herum. Den Toten habe ich mir besehen, den alten Mann mit dem weißen Barte. Ich habe schon viele Leichen gesehen. Wo ist denn nun aber das Mädel? Die soll doch recht hübsch gewesen sein. Ist die schon in der Erde?«
»Nein,« entgegnete Giuseppe, »die liegt noch im Turme aufgebahrt.«
»Nee, die ist nicht drin.«
»Gewiß, sie liegt auf der Pritsche.«
»I wo, gar keine Spur davon.«
»Ich habe sie doch heute früh dort liegen sehen.«
»Mann, und ich bin doch nicht blind!! Heute früh mag sie dort gelegen haben, aber jetzt liegt sie nicht mehr dort. Auf der Pritsche liegt nur der Alte.«
Giuseppe wandte sich dem Totengräber zu, der eben seine Angelgerätschaften zusammenpackte.
»Liegen die beiden Toten unten im Turm?« brüllte er ihm ins Ohr.
Der Alte nickte nur.
»Der Signor sagt, auf der Pritsche läge nur ein Toter, der Mann!!« fuhr Giuseppe im Brüllen fort.
Der Alte streckte zwei Finger aus, ohne ein Wort zu sagen.
»Neee!« fing aber Wilm jetzt zu schreien an, dem Alten einen einzigen Finger vorhaltend. »Es ist nur einer!!«
Der Alte sagte noch immer nichts, er zog die Hand zurück und zeigte wiederum zwei Finger, und da sagte auch der dicke Wilm nichts mehr, er holte mit dem ganzen Arme aus, als wolle er einen Zentnerblock fortschleudern, und zeigte einen Finger, und jetzt wurde der Alte ärgerlich und wies mit Wucht seine zwei Finger vor, und jetzt holte der dicke Matrose aus, als wolle er einen Zweizentnerblock fortschleudern, und hielt dem Alten den einen Finger unter die Nase, nun fing aber auch der erboste Totengräber an auszuholen, und es schien ganz, als wolle er dem Gegner mit Vehemenz die Augen ausstechen ...
Der zusehende Giuseppe brach in ein schallendes Gelächter aus, Wilm ward sich der Situation bewußt und stimmte mit ein, und aus dem Gebüsch echote das Lachen.
Da verstummte Giuseppe plötzlich, er hatte den Fremden bemerkt.
»Wer ist denn das?!«
Der dicke Matrose, der schon einige Proben von einer großen Energie gegeben hatte, wußte die Vorstellung auf ein Minimum abzukürzen.
»Der ist in einem Boote nach der Insel gekommen - auf Wunsch des Herrn Kapitäns - gehört mit zu uns - basta! Himmelbombenelement noch einmal!« fuhr er dann ärgerlich fort. »Wenn wir so dabeibleiben, dann haben wir uns morgen früh endlich die Augen ausgestochen! Nein, auf der Pritsche liegt nur eine Leiche, und das ist der Alte!«
Der Totengräber packte seine Sachen vollends zusammen und trat den Rückweg an. Er kletterte über die schwierigen Felsen schneller, als er dann durch den Busch humpelte.
Der Maskierte stand seitwärts vom Turm und schnitt mit dem Taschenmesser in die Rinde eines Baumes, der Kommenden nicht sonderlich achtend, bis ein gellender Schrei erklang.
Hydrian war es, der ihn ausgestoßen hatte. Wie vom Donner gerührt stand der Alte in der offenen Turmtür und stierte mit weit hervorgequollenen Augen nach dem Toten, und dann stieß er jenen Schrei aus, drehte sich um und stürzte auf den schnell herbeikommenden Kapitän zu.
»Wo habt Ihr die Leiche hingetan? Macht mich nicht unglücklich! Wo habt Ihr das Mädchen versteckt?!« rief er im jammerndsten Tone, gebärdete sich überhaupt von vornherein wie ein Wahnsinniger, packte zuletzt sogar den Kapitän an und schüttelte ihn.
Er mochte bereits daran denken, daß er durch diesen nichtswürdigen Streich, den ihm jemand spielen wollte, seinen Posten und damit auch seine Heimat verlieren könne.
Des Kapitäns Schreck ob dieser Anschuldigung war ersichtlich und begreiflich, er ließ sich geduldig abschütteln. Er brauchte auch einige Zeit, ehe er überhaupt verstand, um was es sich hier handelte.
»Bei Gott,« rief er dann, die Hand beteuernd aufs Herz legend, »wenn die Leiche des jungen Mädchens verschwunden ist - ich weiß nichts davon!«
Der Alte aber, der wirklich wahnsinnig geworden zu sein schien, fuhr fort, ihn mit Anschuldigungen zu überhäufen und ihn abzuschütteln - bis sich wiederum Wilm einmischte, seinem fassungslosen Herrn zu Hilfe kam.
Mit einem Griff hatte er den Alten von jenem losgerissen und hielt ihn nun seinerseits wie mit eisernen Zangen gepackt.
»Ruhe nun!!« donnerte er ihn an. »Wenn die Leiche des Mädchens nicht hier ist, so muß sie eben anderswo sein - helft mit suchen, dazu seid Ihr hier angestellt. Verstanden?!«
Das wirkte. Das war sogar ein schlauer Einfall des Matrosen gewesen, in solch drohendem Tone den Wahnwitzigen an seine Pflicht zu erinnern.
Der Totengräber ließ ab von dem Kapitän, er suchte mit, blickte unter die Matratze und wühlte oben zwischen seinen Lumpen ... aber wo sollte man denn allen Ernstes die Leiche suchen, von welcher jene behaupteten, sie hätte hier gelegen?!
»Mr. Starke, wissen Sie etwas von dem Verbleib der Leiche?« wandte sich der Kapitän an den Steuermann.
Nein, dieser wurde vielmehr, als er den ganzen Sachverhalt nun erfuhr, daß also die Leiche des jungen Mädchens verschwunden war, nur noch perplexer als die anderen.
»Zuletzt nimmt man jetzt an, weil ich die Insel heimlich und ohne Erlaubnis betreten habe, ich hätte einen Leichenraub begangen,« meinte er in Vorahnung böser Verwicklungen.
Die Gegend, die ganze Insel wurde abgesucht, am sorgfältigsten spähte der dicke Matrose den Boden ab, begab sich auch an die Küste, wo des Steuermanns kleines Boot lag und traf dort mit diesem zusammen.
»Hört,« flüsterte Starke vertraulich, »zu eurer Komödie gehört doch nicht etwa, daß ihr die Leiche des Mädchens beseitigt habt?«
Dieser Verdacht lag gar nicht so fern, der Kapitän hatte doch verraten, daß er das Mädchen gekannt hatte. Auf diese Verdächtigung hin aber wurde der kleine Dickwanst wieder einmal saugrob, wenigstens anfangs, dann wußte er den Steuermann durch wenige Worte zu überzeugen, wie grundlos solch eine Annahme sei.
»Laßt nichts von dieser Eurer sinnlosen Vermutung merken,« warnte er, »sonst drehen wir den Spieß herum, und dabei dürftet Ihr den kürzern ziehen. Ihr versteht doch! - Nein,« setzte er dann ruhig hinzu, »wir sind ebenso unschuldig wie Ihr, hier liegt ein Rätsel vor. Werden's aber schon lösen.«
Sie begaben sich wieder nach dem Turme zurück.
»Ich muß gleich die Polizei benachrichtigen,« sagte Giuseppe, dessen große Augen noch größer geworden waren, und er machte, daß er fortkam.
Dieser Jüngling hatte schon einige Bravourstückchen in Sachen des Mutes geleistet, so war er im offenen Boot bis hinüber nach Afrika gesegelt, und an Gespenster glaubte er natürlich auch nicht - aber mit verschwundenen Toten wollte er lieber nichts zu tun haben, diese Sache war ihm zu neu.
Schon nach einer Viertelstunde kehrte er zurück, begleitet vom Polizeidirektor selbst und noch von einer ganzen Menge Herren, auch in Uniform.
Die Anwesenheit des maskierten Kapitäns und des Steuermanns war mit einigen Worten erledigt.
Man sah es den Herren an, daß keiner ernstlich auf den Verdacht kam, einer der fremden Besucher der Insel könne das Verschwinden der Leiche verschuldet haben. Für den jungen Steuermann bot schon der Name >Carnegie< die weitestgehende Garantie, und dann befanden sich gar tüchtige Detektivs darunter, welche in den Augen der Menschen zu lesen wußten, und wenn ein Unschuldiger bei einer verfänglichen Frage errötet und verlegen wird, das hat für einen tüchtigen Detektiven eben nichts zu sagen, der kennt schon seine Leute, so wie die Zollbeamten die ihren.
»Die Herren können sich wohl vorstellen,« sagte der maskierte Kapitän, »wie furchtbar unangenehm es mir ist, daß gerade ich diese Entdeckung herbeiführen mußte. Wenn hier kein Irrtum vorliegt, wenn die Leiche des Mädchens wirklich hier gelegen hat, dann - könnte es sich nicht vielleicht um einen Scheintod gehandelt haben? Das Mädchen ist wieder zu sich gekommen, hat den Turm und die ganze Insel verlassen.«
»Monsieur Hydrian, wann haben Sie die Leiche des Weibes zuletzt hier liegen sehen?« examinierte der Polizeidirektor. »Und wann Sie, Monsieur de Cigalgi?«
Zuerst gab der letztere an, daß es heute früh um acht Uhr gewesen sei, als er dem Totengräber das Essen gebracht hatte. Da habe er einmal in den Turm geblickt, dort neben dem alten Manne habe sie gelegen, vorn auf der Pritsche.
Nachdem man dem Totengräber lange genug ins Ohr geschrien hatte, brachte man aus ihm heraus, daß auch er die Leichen seit dieser Zeit nicht wiedergesehen hatte. Er hatte heute früh die Gräber ausgeworfen und seine Polenta dort auf der Klippe verzehrt.
»Monsieur Doktor Torre, sind Sie überzeugt, daß die junge Dame wirklich tot gewesen ist?« fragte der Polizeidirektor.
Der ebenfalls anwesende Arzt, welcher den Tod der beiden Selbstmörder konstatiert hatte, war ein cholerischer Charakter, und seitdem hier das erstemal das Wort >Scheintod< gefallen war, gebärdete er sich vollends ganz unwirsch.
»Ja, natürlich war sie tot!!« rief er jetzt aufs heftigste.
»Sie kann doch nur scheintot gewesen sein.«
»Scheintot - scheintot,« echote der Arzt in seiner nervösen Weise höhnisch nach, »bei Blausäure!! Wissen Sie denn überhaupt, mein Herr, was Scheintod ist? Wissen Sie denn überhaupt, was Cyanwasserstoff ist?«
Der Arzt brauchte sich hier auch gar nicht viel sagen zu lassen, und es war in Monaco gar nicht so leicht, seine Autorität anzufechten, da brauchte er seinen anderen Kollegen, die vielleicht auch noch mit ihm verschwägert waren, die Paten seiner Kinder usw., nur ein Frühstück zu geben.
Das sind ja eben die Mißstände, welche solch ein winziges souveränes Fürstentum mit sich bringt.
»Haben Sie denn eine Probe gemacht, daß der Tod wirklich von Blausäure herrührte, Monsieur Doktor?« wagte der Polizeidirektor noch einmal schüchtern zu fragen, welcher, ein Junggeselle, im Hotel Des Quatre Saisons speiste, dem allerbilligsten, weil er eben nicht glänzend gestellt war, während der Kasinoarzt, der auch seine Privatpraxis hatte, in einem der vornehmsten Hotels gleich ganz wohnte.
»Probe - Probe!« höhnte der nervöse Arzt denn auch wieder. »Wissen Sie denn überhaupt etwas, wie man auf Cyanwasserstoff prüft? Lackmuspapier und der spezifische Geruch genügten mir. In die Retorte konnte ich die Leichen natürlich nicht erst stecken, wenn sie gleich beseitigt werden sollten! Dafür machen Sie, wenn Sie etwas dagegen einzuwenden haben, gefälligst die Direktion des Kasinos verantwortlich, aber nicht mich! Es war Blausäure! Da, der Alte geht ja schon in Verwesung über!«
Allerdings, es roch hier bereits recht unangenehm. Die Leiche des alten Mannes war schon in Zersetzung begriffen.
Und nun kam auch noch unaufgefordert der Totengräber dem Arzte zu Hilfe. Er behauptete, die Leichen hätten bereits heute früh starke Spuren der Verwesung gezeigt, also auch die des jungen Mädchens, deshalb eben habe er sich nicht mehr um die Toten gekümmert.
Denn deswegen mußte der Alte ja hier auf der Insel ganz wohnen, er hatte die aufgebahrten Toten zu beobachten, falls doch einmal etwas passierte. Wenn aber erst die Zersetzung beginnt, dann kann von einem Scheintode nicht mehr die Rede sein, und der Alte hatte Erfahrung, und er war Beamter, er hatte auch einen Diensteid ablegen müssen, seine Aussage war kompetent!
Dann war die Leiche also gestohlen worden. Der Totengräber konnte darüber nichts angeben.
»Ich kann nicht hören, schon damals nicht, als ich hier als Wächter angestellt wurde, ich hab's gleich gesagt,« knurrte der alte Hydrian.
Der Alte war eigentlich gar nicht so dumm. Natürlich, das war jetzt auch noch die Schuld der vorgesetzten Behörde; warum hatte sie als Leichenwächter einen tauben Menschen angestellt?
Wie und warum die Leiche gestohlen worden war, das zu erforschen, war jetzt Sache der Kriminalabteilung und ihrer Detektivs.
Vor allen Dingen mußte sofort das Protokoll aufgenommen und nach Paris an das fürstliche Sekretariat geschickt werden.
Schon der damalige Fürst von Monaco, der Vater des jetzigen, hatte nämlich sein Sekretariat oder sein Ministerium, das alle Regierungsgeschäfte erledigt, in Paris, wo es auch noch heute ist.
Alles, was in Monaco passiert, muß nach Paris berichtet werden, und bittet jemand um die Schankkonzession, so wird dies im fürstlichen Sekretariat zu Paris entschieden.
Warum dies so ist, das ist ein Geheimnis. Ob da vielleicht auch die französische Regierung etwas mitzureden hat? Niemand weiß es. Die Monacas-cogner lachen darüber, wenn man solch eine Vermutung ausspricht. Der Fürst von Monaco ist vollkommen unabhängig, er will es eben so haben - fertig!
Und dennoch ... ganz merkwürdig ist es auch, daß dieser Minister niemals, niemals nach Monaco kommt; man kennt wohl seinen Namen, in Wirklichkeit aber ist er eine unsichtbare, mysteriöse Persönlichkeit.
Dieser geheimnisvolle Herr, der im Namen des Fürsten von Paris aus regiert, versteht von seinen Beamten keinen Spaß! Mit dem Protokoll war keine Minute zu verlieren, mit dem nächsten Zuge mußte es fort, und der kam in zehn Minuten, und wurde er verpaßt, so konnte der Polizeidirektor glücklich sein, wenn er mit einem tüchtigen Rüffel wegkam.
Bereits in fünf Minuten war das Protokoll aufgesetzt und von den Beamten unterschrieben fort nach dem Bahnhofe! Nach diesem Bericht war die Leiche der jungen Selbstmörderin, von der man schon gestern nacht nach Paris gemeldet hatte, von der Ile de Castelle entwendet worden. >Die Leiche hat sich schon im Zustande der Verwesung befunden< - die Recherchen über ihren Verbleib sind eingeleitet.
Ja, wo nun aber mit den Recherchen beginnen? Die Herren spazierten an den felsigen Küsten entlang, suchten nach Spuren, besonders ob irgendwo ein Boot gelandet sein könnte, debattierten viel und ergingen sich in den verschiedensten Vermutungen, welche, wenn sie der Wahrheit nahekommen sollten, sowieso abenteuerlich sein mußten, denn die ganze Sache war doch absonderlich genug.
Man sprach hauptsächlich von einem heimlichen Liebhaber, der sich wenigstens noch die Leiche des geliebten Mädchens gesichert habe, man redete auch von einem fremden Arzte, der die Tote zu Sezierzwecken gestohlen hatte. Nur davon sprach man nicht, daß der geheimnisvolle Kapitän seine Hand im Spiele haben konnte, und bei klarer Überlegung verwarf man auch den auftauchenden Verdacht, der Steuermann von Carnegies Jacht könnte an dem Vorfall beteiligt sein. Denn beide hatten die Entdeckung des Leichnams doch erst herbeigeführt, und - überhaupt, die ganze Sache lag so, daß auch der mißtrauischste Kopf gar nicht auf solch einen Verdacht kam, der ja auch in Wirklichkeit völlig unbegründet gewesen wäre.
Die Herren hielten sich beim Absuchen der Insel immer zusammen, wenigstens in großen Gruppen, der maskierte Kapitän und seine Ordonnanz bildeten ein besonderes Paar, während Steuermann Starke für sich allein die Insel abstrich.
Als dieser sich mitten in dem Gebüsch befand, gesellte sich plötzlich Wilm zu ihm, den er am andern Ende der Insel vermutet hatte.
»Pst, Steuermann,« begann der dicke Matrose in flüsterndem Tone, »ich habe etwas entdeckt, möchte aber nicht gern, daß es gerade von mir ausgeht, es paßt nicht gut zu meiner Brille, versteht Ihr?«
Des jungen Mannes Überraschung bei dieser geheimnisvollen Anrede war natürlich sehr groß; aber sein Denken war während der letzten halben Stunde nicht weniger mit dem rätselhaften Verschwinden der weiblichen Leiche als mit dem Geheimnis beschäftigt gewesen, welches mit dem maskierten Kapitän verknüpft war.
Von der sensationellen Verjüngungskur und allem anderen, was mit der Maske zusammenhing, hatte Starke ja schon gestern abend und heute früh genug zu hören bekommen, aber für ihn selbst ward die Sache erst von besonderem Interesse, als ihm vorhin gesagt worden war, auch Carnegie habe hierbei seine Hand im Spiele, der Steuermann würde von diesem selbst eingeweiht werden, und da schien es dem jungen Manne, als spiele dieser krummbeinige Dickwanst in Wirklichkeit eine ganz andere Rolle als die eines einfachen Matrosen.
Als er nun von der Ordonnanz so angeredet wurde, hatte er wiederum dieses eigentümliche Gefühl, über das er sich jetzt noch gar keine Rechenschaft geben konnte.
»Was für eine Entdeckung habt Ihr gemacht?« fragte er.
»Ich zeige es Euch. Ihr sollt diese blinden Maulwürfe von italienischen Detektivs darauf aufmerksam machen, weil sie sonst darüber stolpern. Aber habt Ihr mich vor allen Dingen verstanden? Die brauchen nicht zu wissen, daß ich eine ganz besonders geschliffene Brille trage.«
»Ich glaube eher, mein Freund, Ihr hättet sie gar nicht nötig.«
»Vielleicht habt Ihr recht. Wißt Ihr also, um was es sich handelt?«
»Ja, ich beginne wenigstens zu verstehen, und ich werde noch erfahren, was es mit Eurer Brille und mit der Maske Eures Kapitäns für eine Bewandtnis hat?«
»Heute abend sollt Ihr alles wissen. Mr. Carnegie selbst wird Euch reinen Wein einschenken. Jetzt seid mir behilflich, die Sache unauffällig ins klare zu bringen. Kommt, folgt mir!«
Wilm trat in die Büsche zurück, der Steuermann folgte ihm.
Die Unterhaltung hatte in flüsterndem Tone stattgefunden, und Starkes Erwartung war aufs höchste gestiegen.
Nur wenige Schritte waren nötig, da blieb Wilm stehen und deutete auf einen Ligusterstrauch.
»Was ist das?« fragte er in leisestem Tone.
Der Steuermann konnte nichts sehen.
»Mann, seid doch nicht blind! Hier, seht Ihr das nicht?«
Wahrhaftig, jetzt, da Wilm mit dem Finger zwischen zwei Zweigen einen Strich beschrieb, erblickte Starke den feinen, goldblonden Haarfaden, der sich von Ast zu Ast zog.
»Ihr meint doch nicht etwa, daß dieses Haar ...«
»Ganz sicher,« fiel ihm Wilm flüsternd ins Wort, »es gehörte jenem Mädchen an; aber ich habe noch viel mehr entdeckt, Fußspuren und vieles andere - ich weiß sogar schon, wo sich das Mädchen jetzt befindet ...«
»Was, Ihr wißt, wohin die Leiche gebracht wurde?« stieß der Steuermann bestürzt hervor.
»Ssst,« warnte wieder der Matrose. »Das ist nicht meine Sache, sondern die jener Beamten, und, wie gesagt, Ihr werdet später mehr erfahren. Jetzt tut, was ich Euch sage!«
Er gab dem Überraschten noch einige Instruktionen, dann entfernte er sich schnell, und als der Steuermann allein war, stieß er der Verabredung gemäß einige Minuten später einen lauten Ruf der Überraschung aus.
Zufälligerweise hatte sich von den übrigen Herren ein junger Beamter abgesondert, ein Detektiv, welcher als solcher noch gar nicht so lange im fürstlichen Regierungsdienst von Monaco angestellt war; eben deswegen führte er die Untersuchung mit besonderem Eifer. Dieser Mann hatte den Ruf Starkes gehört und eilte sofort herbei. Der Steuermann machte ihn auf das an dem Busche hängende Haar aufmerksam.
Es war nicht gerade sehr nett von dem italienischen Beamten, daß er die angedeutete Entdeckung sofort zu seiner eigenen machte, sich also mit fremden Federn schmückte. Ohne dem Steuermanne gegenüber ein Wort zu verlieren, eilte er sofort zu den andern Herren zurück, denen sich gerade auch wieder der maskierte Kapitän angeschlossen hatte.
»Was für Haar hat die Mademoiselle gehabt?« wandte sich der Detektiv kurz und direkt an diesen.
Wenn die Frage vielleicht eine Falle sein sollte, auf der Vermutung basierend, daß der Kapitän doch in irgend einer Beziehung zu der Leiche stehen könnte, so war sie überaus geschickt gestellt worden. Der Kapitän aber, der ja wirklich jenes Mädchen gekannt hatte, ging nicht auf den Leim.
»Was weiß denn ich!« rief er sofort. »Ich habe die junge Dame gestern zum ersten Male im Spielcasino gesehen.«
»Blond - hellblond - ein ganz auffallendes Goldblond!« erklang es von andern Seiten.
»Bitte, Messieurs, folgen Sie mir, ich habe etwas gefunden.«
Sie drangen ihm in das Gestrüpp nach, und selbst, daß der Steuermann noch neben dem Ligusterstrauch stand, hinderte den strebsamen Beamten nicht, sich nach wie vor im fremden Federschmuck zu zeigen.
Mit Wichtigkeit machte er die Herren auf >seinen Fund< aufmerksam.
»Ja, ein Haar,« sagte der Polizeidirektor unruhig. »Aber das braucht doch nicht gerade der Toten angehört zu haben.«
»Vielleicht dem alten Hydrian!« spottete ein höherer Beamter.
»Unter den Leichenräubern befand sich eben auch eine Frau.«
»Das ist das auffallende Aschblond der jungen Deutschen.«
»Ah so! Die Bahre mit der Toten ist einfach hier vorbeigetragen worden, dabei ist das Haar an diesem dornigen Strauche hängen geblieben.«
»Nein,« erklärte aber der Beamte, der wie immer auch heute nacht die Leichenträger nach der Teufelsinsel begleitet hatte, »hier kommen wir niemals durch, hier kann sich ja auch niemand mit einer Bahre durchzwängen.«
Herrgott, waren diese Menschen dumm, daß sie dem Polizeidirektor immer widersprachen! Sie schnitten sich ja nur in das eigene Fleisch!
»Dann ist es eben hierhergeweht worden!! Was soll es denn nun eigentlich mit diesem Haare?«
Da ertönte ein langer Ruf des jungen, strebsamen Detektivs; diesmal hatte er wirklich eine selbständige Entdeckung gemacht, wozu freilich auch jeder andere befähigt gewesen wäre, er hätte nur zufällig dieselbe Richtung einschlagen müssen. Das ganze Verdienst bestand darin, daß er sich von den anderen Herren wieder getrennt hatte ... doch der Erfolg ließ nichts zu wünschen übrig, diesmal standen die Herren, als sie dem Rufe Folge geleistet hatten, von Entsetzen gefaßt da und blickten sich scheu um, als ob sie Gespenster witterten.
In dem noch etwas feuchten, vom letzten Regenguß angeschwemmten und noch nicht von Vegetation bedeckten Schlammboden war scharf und deutlich ein kleiner, nackter Menschenfuß abgedrückt!
»Das ist - das ist - die Fußspur von einem Kinde,« flüsterte der Polizeidirektor, brachte es aber kaum noch hervor.
»Bitte, von welchem Kinde denn?« ließ sich der Detektiv in spöttischer Überlegenheit vernehmen. »Nein, das ist vielmehr der kleine Fuß eines erwachsenen Weibes!«
»Wie gesagt, dann war unter den Leichenräubern eben auch ein ...«
Der Polizeidirektor brach ab. Er gab seine Bemühungen auf, die Sache auf eine andere Weise zu erklären, als er selbst sie sich dachte. Etwas anderes fiel ihm mit Schrecken ein, hastig zog er seine Uhr.
»Ob das Protokoll schon ...«
Da kam bereits Giuseppe wieder, welcher es nach dem Bahnhofe gebracht hatte. Er konnte nur melden, daß er den Zug noch habe abfahren sehen, der jetzt das Protokoll unwiderruflich nach Paris an das fürstliche Sekretariat brachte.
Das war schlimm!! In dem Bericht war ein Leichenraub gemeldet; man hatte sogar versichert, die Leiche sei schon in Verwesung begriffen gewesen, und jetzt drängte sich allen die felsenfeste Gewißheit auf, daß das junge Mädchen gar nicht tot gewesen, sondern sich wieder erholt hatte und auf der Insel umhergelaufen war.
»Hunde her!« ließ sich ein höherer Kriminalbeamter vernehmen. »Monsieur Cigalgi, schaffen Sie Ihre Hunde herbei!«
Giuseppe verließ die Insel zum zweiten Male, aber während er die Hunde holte, wollte keiner der Herren die Insel weiter durchstöbern. In stummem Schreck blickte man sich an.
»Sie war nur scheintot. Sie muß hier irgendwo liegen, oder sie hat sich später noch ins Meer gestürzt.«
So wurde schon geflüstert, und noch scheuer spähten die Blicke umher, ob nicht eine Gestalt im Leichenhemd aus dem Gebüsche auftauche.
»Nein, sie war tot, denn sie hatte Blausäure genommen!!« rief da aber der Arzt mit einer Wut, die schon mehr an Tobsucht grenzte. »Das ist die Fußspur von einer anderen Person! Das Mädchen war tot!!«
Was sollte man dazu sagen? Es gibt eben Menschen, welche durchaus recht behalten müssen. Wenn sie auf einem Vulkan stehen, von dem sie behaupten, er könne niemals wieder Flammen speien, und sie fliegen mit dem Vulkane in die Höhe, so behaupten sie noch in der Luft: Und er ist dennoch erloschen! Hoffentlich hatte der Arzt mit seiner hartnäckigen Behauptung diesmal recht.
Giuseppe brachte seine beiden großen Neufundländer, deren ausgezeichnete Nasen bekannt waren. Aber die Hunde waren kaum zu bewegen, die Insel zu betreten. Sie fingen derartig zu heulen an und gebärdeten sich überhaupt auf eine solche Weise, daß den Herren erst recht die Haare zu Berge standen, und kaum hatte Giuseppe die Tiere losgelassen, als sich beide schon ins Meer stürzten und der Küste zuschwammen.
Da holte Giuseppe auch noch seinen Mops, ein sehr gelehriges und kluges Tier. Er fühlte sich auf der Toteninsel ganz behaglich und zeigte durchaus keine Scheu - aber der verstand wieder die Spur nicht zu verfolgen, dazu war die Mopsnase nicht fein genug. Das ist in eben das Merkwürdige bei den Hunden, und daß ein guter Hund heult - oder heulen kann - wenn im Hause ein Kranker bald stirbt, das ist durch zu viele Beispiele bewiesen, als daß man dies noch ins Reich der Ammenmärchen verweisen könnte. Das Tier ahnt nicht, sondern seine feine Nase riecht etwas - vielleicht das, was man den Todesschweiß nennt.
Wenn auch alle diese Männer nicht an Geister glaubten und sich sonst nicht vor Toten fürchten mochten - sie befanden sich auf einer Toteninsel, und wer sich auf einem Friedhof völlig frei von gewissen Gedanken fühlt, der ist nicht nur ein gefühlloser, sondern auch ein geistig beschränkter Mensch.
Hier aber lag noch etwas anderes vor. Das Benehmen der Hunde war auch nicht gerade ermutigend gewesen - und jetzt wurde es noch dazu dunkel.
Doch es half alles nichts, erst mußte die Insel schnell noch einmal abgesucht werden. Die Herren redeten einander vor, daß dies ihre Pflicht sei. Sie bildeten aber nur zwei Gruppen, deren eine wiederum aus dem Kapitän, seiner Ordonnanz und dem jungen Steuermann bestand.
Nach zehn Minuten trafen alle schon wieder zusammen. Die Nacht brach an und hätte jetzt auch ein Suchen mit Lichtern unmöglich gemacht.
Es mußte angenommen werden, daß die zum Leben Wiedererwachte den Tod im Meere gesucht und gefunden hatte. Wenn der Leichnam morgen nicht hier zwischen den Felsen eingekeilt gefunden wurde, so konnten die Fischer ganz genau bestimmen, wo er dann in den nächsten Tagen an der Küste angeschwemmt werden würde. So lange mußte man warten.
»Es ist nötig,« begann der Polizeidirektor, »daß wenigstens heute nacht außer dem Totengräber noch jemand von uns hier ...«
»Ich bleibe, nicht auf der Insel, nicht heute nacht und niemals mehr!« fiel sofort der alte Hydrian ein, der plötzlich das Gras wachsen hören konnte.
»Warum denn nicht?«
»Ich tu's eben nicht, und wenn mir auch alle Schätze ...«
»Dafür werden Ihnen gar keine Schätze geboten, sondern das ist ganz einfach Ihre Pflicht, und tun Sie's nicht, dann sind Sie entlassen!«
»Mir ganz egal. Ich bleibe nicht mehr auf der Insel. Vor toten Leichen fürchte ich mich nicht, aber wenn sie wieder lebendig werden ...«
»Elende Memme!!« rief der Direktor verächtlich und wandte sich dann, ohne sich weiter um dm Totengräber zu kümmern, an die andern Beamten: »Ich bin heute nacht leider verhindert, sonst würde ich selbst gern hierbleiben und die Wache übernehmen, Monsieur Chevalier, Sie haben wohl die Güte ...«
»Bedaure sehr, Herr Direktor,« rief der Angeredete schnell, »ich habe heute nacht Dienst im Kasino, und das geht vor.«
»Dann Sie, Herr Trombetti, Sie sind heute nacht frei, wollen Sie ...«
»Mit dem größten Vergnügen, Monsieur Direktor, aber meine Frau ist krank ...«
So wäre es wohl noch eine Weile weitergegangen. Auch den sonst so strebsamen Detektiv schien der Diensteifer völlig verlassen zu haben, als es sich darum handelte, unter den jetzigen Umständen auf der Teufelsinsel eine einsame Nachtwache zu halten, wenn nicht von anderer, unerwarteter Seite ein freiwilliges Angebot gemacht worden wäre.
»Bitte, Herr Polizeidirektor, lassen Sie mich diese Nacht hier wachen,« ließ sich plötzlich der maskierte Kapitän vernehmen.
»Sie? Aber wie können wir denn das von Ihnen verlangen?!« erklang es halb erstaunt, halb freudig und auch etwas mißtrauisch.
»Ganz einfach, es liegt in dieser einsamen Nachtwache auf der Toteninsel für mich ein großer Reiz. Es ist schauerlich, ich gestehe es, aber so etwas liebe ich gerade, es reizt mich.«
»Ich verstehe Sie ganz,« beeilte sich der Direktor zu erwidern, »denn ich huldige ganz denselben romantischen Schwärmereien. Ich bedaure aufs lebhafteste, unglücklicherweise gerade verhindert zu sein. Jammerschade! Vielleicht bleibt aber doch einer der Herren zu Ihrer Gesellschaft ...«
»Nein, nein, dann hätte es für mich gar keinen Reiz mehr. Entweder ganz allein oder gar nicht. Also auch weder Giuseppe noch meine Ordonnanz bleiben - ganz allein muß ich mich der schaurigen Einsamkeit hingeben können.«
»Wie Sie wünschen. Ihr Wunsch hat uns ja überhaupt Befehl zu sein,« entgegnete der Direktor höflich, und mit einem Male zeigten alle diese Herren eine außerordentliche Neigung für das Romantische und Grausige und verliehen ihrem Bedauern Ausdruck, nicht ebenfalls solch eine einsame Totenwacht auf der Teufelsinsel halten zu dürfen.
Der Kapitän wollte gleich hier in der Nähe des Turmes bleiben, und nachdem er seiner Ordonnanz Instruktionen gegeben hatte, was sie ihm sofort aus dem Hotel hierherzubesorgen habe, verabschiedeten sich die Herren von ihm mit einigen der Situation entsprechenden Worten.
»Und Sie, Monsieur Starke?«
Selbstverständlich mußte der Steuermann sich zur Rückfahrt seines Bootes bedienen, und so kam es, daß er erst noch einige Zeit, wenigstens einige Minuten mit dem Kapitän allein auf der Insel blieb. Dann fuhr auch er ab und begab sich direkt an Bord seiner Jacht zurück.
Was der junge Steuermann während der wenigen Minuten mit dem maskierten Kapitän gesprochen hat und was er an demselben Abend von Mr. Carnegie, in dessen Diensten er stand, erfuhr, das braucht der geneigte Leser nicht zu wissen - darf es nicht, denn das würde alle Illusionen zerstören.
Er spielt in unserer Erzählung auch weiter keine bedeutsame Rolle, wir lassen ihn sogar absichtlich weg, wir brauchten ihn nur einmal, um ihn ein Gespräch zwischen dem maskierten Kapitän und dessen Ordonnanz belauschen zu lassen, welches Gespräch in der Erinnerung zu behalten, wir den freundlichen Leser schon baten, und später soll noch einmal ein interessantes Gespräch angeführt werden, das bei einer anderen Gelegenheit zwischen diesem Steuermann und Nobody stattfand, wovon aber nichts in den Tagebüchern des letzteren steht, eben deswegen mußte der junge Steuermann einmal handelnd auftreten.
Im übrigen wird der Leser später selbst herausfinden, wie dies alles gemeint ist, und wer sich speziell dafür interessiert, dem sei nur noch eine Andeutung gemacht: diesem Steuermann Starke übergab der amerikanische Detektiv Nobody später seine Tagebücher. Er konnte auf Grund von mündlichen Mitteilungen die trocknen Notizen zu einem erzählenden Ganzen vereinen.
Hiermit sei diese Angelegenheit erledigt, und wenn man das ganze Leben als ein Theaterstück betrachten kann, so wollen wir in demselben wie der die Zuschauer sein, und als solche dürfen und wollen wir doch auch gar nicht wissen, was hinter den Kulissen vor sich geht.
Eiligst hatten die Herren dem Landungsplatze ihres Bootes zugestrebt, um nicht länger im Finstern hier herumtappen zu müssen.
Auch Monsieur Hydrian hatte sich ihnen angeschlossen, er verließ die Insel für immer.
»Die Leiche des Alten hätte aber wenigstens erst begraben werden müssen,« meinte Wilm, als sie ins Boot stiegen.
»Die muß bis morgen früh liegen, so ist es Vorschrift,« wurde ihm kurz geantwortet.
Als er den Strand erreicht hatte, trollte Wilm sich sofort nach dem Hotel de Paris und häufte in einem großen Korbe alles zusammen, was zu holen er beauftragt war, und schlecht wollte sein Kapitän während der Leichenwacht nicht leben, Küche und Keller hatten das Beste hergeben müssen.
Auf dem Rückweg nach der Bootsstation belauschte der Matrose ein interessantes Gespräch, dem wir einige Worte vorausschicken müssen.
Wie erwähnt, wird in Monaco ein Selbstmord aufs peinlichste verheimlicht, schon aus Geschäftsrücksichten, und eben deswegen spricht auch nicht der darum wissende Einheimische über so etwas, weil seine Existenz auf die eine oder andere Weise doch ganz von dem Kasino und dem Fremdenverkehr abhängig ist.
Der Vorfall auf der Teufelsinsel aber konnte nicht totgeschwiegen werden. Der war gar zu ungeheuerlich und auch dem Monacascogner zu neu, da mußte er im Café und vor der Haustür darüber schwatzen, und den Anfang darin hatte der entlassene Totengräber gemacht. Da konnte es natürlich nicht bei nüchternen Tatsachen bleiben.
Auf dem Boulevard de la Condamine gingen zwei junge Monacascognerinnen, zwischen sich einen Wäschekorb tragend. Sie ahnten nicht, daß ihre Unterhaltung belauscht würde.
»Jede Nacht muß er ein junges Mädchen auffressen, sonst wird er gleich wieder alt,« hörte der Lauscher die eine sagen.
»Nur das Blut saugt er ihr aus, denn er ist ein Vampir,« korrigierte die andere die Kollegin.
»Ja, aber dann frißt er sie auch noch vollständig auf, damit man gar nichts merkt,« verteidigte die erste ihre Ansicht, die selbstverständlich den geheimnisvollen Kapitän mit der Maske betraf.
»Juliette meinte doch, die Tote wäre wieder lebendig geworden.«
»Ach, was weiß denn Juliette!« erklang es verächtlich zurück. »Na ja, es mag schon sein, er versteht eben mit seinen Hexenkünsten die Mädchen, die schon tot sind, wieder lebendig zu machen, denn das müssen seine Opfer sein, wenn er ihnen das Blut aussaugt.«
»Wo mag denn aber die Tote jetzt liegen?« fragte die andere wieder.
»Die hat er einstweilen auf der Insel vergraben. Der taube Hydrian hat nur nichts davon gemerkt, und heute nacht holt der Kapitän sie wieder heraus und macht sie durch seine Höllenkunst wieder lebendig - siehst du, heute ist auch gerade Vollmond, den brauchen die Vampire immer.«
»Daß man ihn da nur auf der Teufelsinsel läßt!« schauerte das andere Waschmädel zusammen.
»Ja, wer weiß, wer das ist! Der hat hier eben zu befehlen.«
»Da ist man ja seines Lebens nicht mehr sicher!« flüsterte wieder die Ängstliche, scheu nach der eben auftauchenden Insel blickend.
»Ach, wir brauchen keine Angst zu haben,« tröstete die andere, »es muß allemal ein unschuldiges Mädchen sein.«
»Na, dann ist's wenigstens gut!« seufzte die Ängstliche erleichtert auf, wurde aber gleich von einem neuen Zweifel gequält: »Ja, woher soll er denn das aber wissen, das kann man einer doch nicht ansehen?«
»Das weiß der schon, dafür ist er ein Vampir, das ist doch kein gewöhnlicher Mensch, der hat sich dem Teufel verschrieben.«
»Daß aber so etwas erlaubt ist!« fing die andere wieder an.
»Na, wir werden noch etwas erleben! Wie die Mädchen hier verschwinden werden!«
»Wenn's aber nur unschuldige Mädchen sein sollen, wo will er die denn hier in Monaco herkriegen?« fragte die Ängstliche in gerechtem Zweifel.
»Nun ... nun ...«
Da die kluge Freundin keine Lösung dieser verwickelten Frage wußte, umging sie dieselbe ganz und gab der Sache eine andere Wendung, allerdings eine unklare.
»Zuerst holt er sie sich immer vom Friedhof,« sagte sie also. »Er gräbt sie aus. Wirklich lebendige sind ihm freilich lieber. Und weißt du, wer jetzt bei ihm zuerst darankommt?«
»Na? Doch nicht die Demoiselle Blanche, die aus dem Tabaksgeschäft?«
»Ah, die!« erklang es mit namenloser Verachtung. »Die ist ja schon Amme gewesen - und falsche Zähne hat sie auch. Nein, die Turandot, weißt du, die russische Prinzessin. Paß auf, was ich gesagt habe: das ist die erste, die lebendig verschwindet. Der saugt er erst das Blut aus - und dann frißt er sie natürlich, wie immer, ganz auf.«
So weit waren die beiden in ihrer Unterhaltung gekommen, als neben ihnen plötzlich eine dritte Person auftauchte, die ebenfalls einen Korb trug. Aber ein Waschmädchen war das nicht, vielmehr ein Matrose.
»He, ihr Jungfern, kommt ihr ein bißchen mit auf die Teufelsinsel?«
Die Matrosenmütze und die große Hornbrille sehen und aufkreischend davonjagen, das war eins. Denn diese X-Beine kannte man schon, sie brauchten gar nicht in Uniform zu stecken. Ein Wunder war es, daß die beiden Mädchen vor Schreck nicht gleich ihren Korb hatten fallen lassen. Da hatte man es ja! Da fing es schon an! Auch seine Matrosen mußten die Mädchen zu ihm locken, und das Schlimmste war dabei, daß der Vampir gar nicht so wählerisch zu sein schien, nämlich in Sachen der jungfräulichen Unschuld, wie die beiden Monacascognerinnen sich vorhin getröstet hatten.
Wilm kicherte leise vor sich hin und wanderte mit seinem Korbe am Ufer entlang, bis er wieder am Felsen der Arche Noah die Bootstation erreicht hatte, wo Giuseppe schon eine kleine Jolle bereithielt. Es ging sofort ab.
»Euer Kapitän ist ein mutiger Mann, daß er die ganze Nacht allein auf der Teufelsinsel bleiben will, noch dazu, wo gerade im Turm ein Leichnam liegt,« sagte Giuseppe unterwegs, »ein sehr mutiger Mann ist er.«
»Das wollte ich meinen!« entgegnete Wilm. »Gegen den sind wir alle zusammen Waschlappen, und wir - wir von der Heliotrop - wir sind doch lauter Jungens, welche sagen, daß sie mit ihrem Genick machen können, was sie wollen - und ein guter Kerl ist er dazu, unser Kapitän. - Oder, hm, glaubst du auch, daß unser Kapitän Leichen frißt?«
Der Jüngling ruderte im Stehen der Insel zu. Eben tauchte der Vollmond hinter den Bergkämmen der Seealpen auf; er beleuchtete ein lächelndes Gesicht.
Die Ordonnanz hatte zum Besorgen des Proviantes eine halbe Stunde gebraucht, und unterdessen mochte auch Giuseppe schon die abenteuerlichen Gerüchte über den mädchenfressenden Vampir zu hören bekommen haben.
»Ich weiß, was du meinst,« lächelte er. »Die Leute hier glauben an Vampire - weil nämlich unser Bischof selbst daran glaubt. Der hat sogar einmal von der Kanzel herab davon gesprochen und vor den Vampiren gewarnt. Es soll manchmal ganz gut sein, wenn das Volk seinen Popanz hat, wenigstens hier bei uns tut es oft sehr not, aber zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Ich glaube auch nicht daran, daß ein alter Mann wieder jung werden kann.«
»Neeee??« sagte der dicke Matrose, nichts weiter. Desto länger aber kratzte er sich dann, nachdem er die bewimpelte Mütze abgenommen hatte, hinter den Ohren.
Die Insel war erreicht. Wilm hatte bereits eine Blendlaterne angesteckt.
»Ich bleibe nicht lange, gebe nur den Korb ab,« sagte er, sprang ans Ufer und suchte sich seinen Weg durch die Büsche.
Er kam denn auch so bald wieder zurück, daß er mit seinem Kapitän nichts Besonderes hätte besprechen können, und wir lassen die beiden nun nach dem Strande zurückfahren, ohne uns weiter mit der dicken Ordonnanz zu beschäftigen, was wir später um so mehr tun müssen, und gesellen uns dem maskierten Kapitän bei.
Hatte dieser die einsame Totenwache auf der Teufelsinsel wirklich nur deshalb übernommen, um, wie es im Märchen heißt, das Gruseln zu lernen? Oder hatte er einen anderen Grund?
Nur das eine sei betont, daß er bei dem Verschwinden des Mädchens seine Hand nicht mit im Spiele hatte, daß ihm vielmehr das Ganze selbst ein geheimnisvolles Rätsel war - was er freilich diese Nacht zu ergründen gedachte.
Vorläufig allerdings ließ er sich von diesem Vorhaben noch nichts anmerken.
Als ihn der Matrose nach einigen gewechselten Worten wieder verlassen hatte, leuchtete der Kapitän einmal mit der Blendlaterne, die ihm Wilm gebracht, in den Korb, welcher neben dem Turme niedergesetzt worden war, wühlte darin, stopfte sich eine kurze Pfeife, brannte sie an, ging in das Gemäuer und setzte hier die Lampe so hin, daß ihr Schein dem Toten direkt in das weißbärtige Antlitz fiel. Sinnend blieb der Einsame einige Zeit vor der Leiche stehen, dann begab er sich wieder hinaus und begann vor dem Eingänge auf- und abzugehen - mit der Regelmäßigkeit eines Seemannes, dessen Spuren zuletzt in den Deckplanken zu sehen sind, so gleichmäßig setzt er die Füße und dreht immer auf demselben Punkte um.
So also tat auch der maskierte Kapitän, stopfte, wenn es nötig war, eine frische Pfeife, und jedesmal, wenn er bei seiner kurzen Wanderung an dem offenen Eingange vorüberkam, warf er einen Blick auf den Toten - alles ganz automatisch.
Trotz der duftenden Blüten war es keine von Leuchtkäfern erfüllte Sommernacht. Im Gegensatze zu dem warmen, sogar heißen Tage war es jetzt ganz empfindlich kalt, wenigstens hier auf der Insel. Daß drüben auf dem Festlande auch die zartesten Pflanzen - mit Ausnahme der äquatorialen - selbst im Winter Blüten treiben, das machen nur die dunklen Kalkwände des steilen Gebirges, welche am Tage die Sonnenwärme aufsaugen und in der Nacht wieder ausstrahlen. Das wirkt aber nicht bis hierher.
Als im Hafen von Monaco die Schiffsglocken der Jachten die zehnte Stunde glasten, unterbrach der Kapitän seinen Spaziergang. Zuerst musterte er den Himmel.
Der Vollmond erstrahlte noch in vollem Glanze, aber von dort, wo der leise Wind herkam, stiegen am Himmel dunkle Wolken auf, und das schien dem einsamen Totenwächter gar nicht recht zu passen.
»O weh,« murmelte er, »mit Wolken hatten wir für diese Nacht freilich nicht gerechnet!«
Doch sie schienen ihm sonst keine Sorgen weiter zu machen. Er holte aus dem Turme die Lampe, nur zu dem Zwecke, um wieder in den Korb hineinzuleuchten. Er packte aus, setzte sich auf einen Stein und hielt sein Nachtmahl, wobei es ab und zu auch anhaltend >gulkerte<.
Zum Essen und Trinken mußte er wohl die Maske abgenommen haben, aber dennoch saß er dicht neben der Blendlaterne mit ihrem einzigen Strahle in vollkommener Finsternis.
Als er nach beendeter Mahlzeit wieder in den Mondschein trat, hatte er die schwarze Maske wieder vor dem Gesicht. Er setzte die Laterne in den Turm zurück und nahm seinen alten Spaziergang wieder auf, nur daß er jetzt dem Himmel mehr Beobachtung schenkte als zuvor.
Dieser bewölkte sich immer mehr, und um so besorgter schien der Kapitän zu werden, bis seine Gedanken in Worten laut wurden.
»Teufel, in einer Viertelstunde steht vor dem Monde eine schwarze Wolkenwand, und die geht bis morgen früh nicht wieder weg. Was soll ich da tun? Soll ich dann die Lampe als Leuchtfeuer aufstellen, daß der Schwimmende den Weg im Wasser nach der Insel nicht verfehlt? Das könnte Verdacht erregen.«
Hiermit hatte sich der einsame Totenwächter ein klein wenig verraten. Er wollte also nicht die ganze Nacht allein auf der Insel bleiben, er erwartete einen Besuch, und zwar einen Mann, welcher schwimmend die Insel erreichen würde.
Plötzlich schlug sich der Kapitän vor die Stirn.
»Ach, ich Narr!« lachte er ärgerlich. »Er will ja erst um eins kommen, weil da der Mond schon wieder untergegangen ist, er will ja also gerade völlige Dunkelheit haben. Überhaupt, was braucht denn ein Nobody Licht, um sich schwimmeud hierherzufinden!«
Also kein anderer als Nobody war es, dessen nächtlichen Besuch der maskierte Kapitän hier erwartete, und zwar schwimmend würde er kommen!
Seit der Mahlzeit waren zwei Stunden vergangen, die tiefste Finsternis herrschte. Der Kapitän wanderte noch immer vor dem Turme auf und ab. Die Jachten glasten mit vier Schlägen Mitternacht; der einsame Nachtwandler blieb stehen.
»Die Geisterstunde hat begonnen,« flüsterte er. »Wenn es nur wirklich Geister gäbe, welche mich hier ...«
Erschrocken brach er ab, und auch jeder andere Mensch wäre von einem tödlichen Schrecken befallen worden, oder es wäre kein Mensch gewesen.
Ein unheimlicher Ton durchdrang die Nacht. Es war ein quiekendes Kreischen, durch Mark und Bein gehend, und hier in seiner dichtesten Nähe war es erschollen, förmlich an seiner Seite.
»Nobody, macht keinen ...«
Der Kapitän der Heliotrop mußte einen triftigen Grund haben, nicht glauben zu können, daß ihn der Erwartete mit Geisterspuk foppen würde, er schien den Gedanken an so etwas sofort aufzugeben.
Da noch einmal dieses entsetzliche Kreischen, das gar nichts Menschliches an sich hatte, und jetzt hatte es der Kapitän ganz deutlich gehört, es konnte nur aus dem Turme selbst kommen - und gespensterfrei war der Kapitän der Heliotrop, das zeigte sich schon daraus, daß in seiner Hand plötzlich der Lauf eines Revolvers blitzte, als er nach dem Eingange des Turmes sprang, um die Ursache des Geräusches zu erfahren.
»Wer da?«
Nichts! Still lag der Tote da. Die Lampe flackerte nicht, um den eingefallenen Zügen Leben zu verleihen, und der schauerliche Ton wollte sich nicht zum dritten Male wiederholen, wie der Maskierte auch wartete.
Aber hier drin mußte es gewesen sein, er hätte darauf schwören mögen.
Da ... diesmal ein Seufzer ... ganz vernehmlich ... und wiederum in diesem Raume!
Der alte Mann freilich regte sich nicht, der war tot!
»Wer da?«
Keine Antwort. Nur die Turmmauer gab dröhnend den Ruf wieder.
Der Maskierte nahm die Blendlaterne, leuchtete umher, auch unter die Pritsche - nichts war zu entdecken.
Doch da, gerade als er sich wieder aufrichtete, erscholl noch einmal in seiner dichtesten Nähe derselbe Seufzer!
Der Kapitän hatte sich gerade vor dem Toten befunden, ihn angeblickt - nein, von diesem konnte der ächzende Seufzer nicht kommen - hinter dem Kapitän war er erklungen. Blitzschnell wandte er sich um - wieder nichts zu sehen!
»Hier ist jemand!! Wer du auch seist, zeige dich!!!«
Vergebens, es erschien nichts, und jetzt wollte sich auch der Seufzer nicht wiederholen.
Courage hatte der Kapitän von der Heliotrop!
Im Turme selbst war der geisterhafte Laut auf alle Fälle erklungen, denn der schwache Seufzer hatte sogar ein leises Echo gehabt. Aber er konnte auch oben im Turme ausgestoßen worden sein; infolge der Akustik war er nur scheinbar hier unten erklungen. Der Kapitän stieg also die Wendeltreppe hinauf, in der linken Hand die Laterne, in der rechten für alle Fälle den schußbereiten Revolver.
Es sah hier oben gerade noch so aus, wie heute mittag. Der Totengräber hatte alle seine Habseligkeiten im Stich gelassen.
Schon wollte der Kapitän die zweite Treppe betreten, um auch in der unbenutzbaren Etage Umschau zu halten, als sein Fuß förmlich am Boden wurzelte.
Da erklang abermals der Seufzer, jetzt aber unten, lauter denn zuvor - jetzt mußte unbedingt etwas unten sein! - und da war auch schon wieder das entsetzliche schrille Kreischen - das Echo gellte nach ...
Zu allem entschlossen, eilte der Maskierte wieder die Treppe hinab. Jetzt mußte er etwas zu sehen bekommen, oder es war ein Trugspiel der Hölle - und er bekam es zu sehen ... und die Laterne entfiel seiner Hand!
Die Nacht rang noch mit dem grauenden Tage um die Herrschaft, als einige in Mäntel gehüllte Männer den Strand entlangschritten, gefolgt von vier Arbeitern, welche zwischen sich zwei große, lange Gegenstände trugen, und mochten diese auch noch so sorgfältig verhüllt sein, so erkannte man doch gleich, daß es nur zwei Särge sein konnten.
Neben Giuseppe wartete in der Felsenecke schon Wilm auf die Kommenden.
»Waren Sie schon drüben?« wurde er von dem Polizeidirektor gefragt.
»Nein. Warum? Der Kapitän könnte schlafen, und was soll ich ihn da stören.«
Die Särge, zur Aufnahme der beiden Leichen bestimmt, wenn auch die eine fehlte, wurden verladen. Die Beamten nebst Wilm bestiegen ein besonderes Boot und ließen sich schon vorher hinüberrudern.
Auf der spiegelglatten Meeresfläche sah man die Schatten der Nacht mit Blitzesschnelle zurückfliehen, ebenso schnell von dem Tageslicht verfolgt. Man kann dieses wundersame Schauspiel jeden Morgen ganz deutlich beobachten, und dann mit einem Male lag die taufrische Insel im Sonnenlichte da.
Sie stiegen an Land. Es war ein nasser Weg bis zum Turm. Dort stand der Korb mit geöffnetem Deckel, der Kapitän war nicht zu sehen.
»Monsieur Kapitän?!«
Keine Antwort.
»Er wird im Turme schlafen,« hieß es.
»Bei der verwesenden Leiche?«
»Er wird unten am Meere sein,« meinte Wilm.
»Ganz gewiß badet er sich, das liebt er bei Sonnenaufgang, und wenn er sich auch erst das Eis aufhacken muß.«
Der Polizeidirektor schritt schnell dem Turmeingange zu, hoffend, daß sich über Nacht die weibliche Leiche wieder eingestellt haben wurde.
Er kam nicht ganz hinein, nur einen halben Schritt, dann stand er wie eine Bildsäule da, nur daß seine Augen immer weiter herausquollen, bis sie die Höhlen verlassen wollten, und dann drehte er sich mit einem gellenden Schrei um, rannte einen Herrn gleich über den Haufen, stürzte selbst und brüllte, am Boden liegend, immer weiter.
Wer weiß, was geschehen wäre, wahrscheinlich wäre es zu einer allgemeinen, panikartigen Flucht gekommen, wenn nicht auch Wilm gleich in die Tür gesprungen wäre. Da aber nun der Matrose ruhig in dem Eingange stehen blieb, so konnte sich im Innern wohl kein wildes Tier oder etwas anderes Entsetzliches aufhalten, und so traten auch die übrigen Herren, freilich mit klopfendem Herzen, näher, um zu erforschen, wovor sich denn Monsieur le Directeur so entsetzt habe, denn der brüllte noch immer wie ein gefällter Stier aus Leibeskräften.
Da aber begannen auch den anderen Herren die Augen herauszuquellen; nur wenige waren noch fähig, vor ihrer Brust ein Kreuz zu schlagen, und dem Matrosen erging es nämlich nicht anders; auch Wilm stand wie vom Donner gerührt da.
»Heilige Jungfrau, stehe uns bei!!« ächzten die Franzosen und Italiener.
»Heiliger Klüverbaum und Bramsteng, kratzt mich denn nur der Affe?!« machte der dicke Matrose seinen Empfindungen Luft.
Auf der Pritsche lagen jetzt zwei Tote im Leichenhemd.
Aber nicht etwa, daß die verschwundene Leiche des Mädchens wiedergekommen wäre, sondern die zweite Gestalt, welche lang ausgestreckt neben dem alten Manne lag - das war ebenfalls ein Mann, mit einem mit einem langen Leichenhemd angetan, und auf diesem sah man einen großen, schwarzen Stempel, den Stempel des Polizeihospitals, welches die Leichenhemden für die Selbstmörder liefert.
Und was war denn das? - das schwarze Gesicht - und unter dem weißen Hemd blickten Stiefel hervor ...
»Kapitän - herrjeh nochmal! - konntet Ihr Euch denn gar keinen anderen Platz zum Schlafen aus ...«
Dem dicken Matrosen blieb das letzte Wort in der Kehle stecken.
Ja, warum aber hatte denn der Kapitän ein Leichenhemd angezogen? Und wie kam er denn überhaupt zu diesem Hemde? Und seltsam, wie er dalag! So starr! Selbst die Finger so steif ausgestreckt! Überhaupt eine ganz auffallende, unnatürliche Lage! Wie ein vom Starrkrampf Befallener!
»Kapitän - um Gottes willen! - was ist denn nur mit Euch los?!« hauchte Wilm mit bleichen Lippen.
Auf den Fußspitzen schlich er sich näher und beugte sich über den Regungslosen.
»Kapitän, schlaft Ihr denn nur so fest?« erklang es immer ängstlicher.
Da sah Wilm in den Löchern der Maske die Augen stier ins Leere gerichtet.
»Der Kapitän ist tot!!!«
Mit diesem gellenden Schrei prallte der Matrose zurück und blieb mit zitternden Gliedern an der Wand lehnen.
Jetzt war es der Arzt, welcher couragiert an die Pritsche trat, und auch er sah die starren Augen, er nahm die so seltsam ausgestreckte Hand ...
Das heißt, er wollte sie nehmen, er berührte sie nur - und in demselben Augenblicke, da seine Fingerspitzen die Hand berührten, schnellte der Kapitän, wie von einer Sprungfeder abgeschleudert, empor und stürzte im Leichenhemd hinaus, vor dem Turme wie ein Wahnsinniger auf- und abrennend, stöhnend, ächzend, brüllend, unzusammenhängende Worte ausstoßend.
»Das Leichenhemd ... das Leichenhemd ... so reißt mir doch nur das Leichenhemd ab!! ... Wo ist der Fürst ... ich muß gleich den Fürsten sprechen ... ich habe etwas Furchtbares zu berichten ... ich habe etwas Fürchterliches erlebt ... fort, fort von hier!!! ... So reißt mir doch das Leichenhemd ab, ich kann es ja nicht selbst!!!«
»Na, wenn der Kapitän nur wenigstens lebt, dann geht ja noch nichts schief!« jauchzte da plötzlich Wilm auf, sprang hinzu, packte das Hemd, es riß und blieb in seinen Händen zurück, gleichzeitig stürzte aber der Kapitän, wie von Furien gepeitscht, davon.
Wie die Herren plötzlich an den Landungsplatz der Boote gekommen waren, das wußte dann keiner mehr zu erzählen, und da sahen sie schon den maskierten Kapitän in jenem Boote, welches die Särge gebracht hatte, mit aller Macht dem Ufer zurudern, und als er dieses erreicht hatte, sprang er ebenso hastig heraus und stürzte davon, der Richtung nach Monte Carlo zu, ohne sich noch einmal umgeblickt zu haben.
Die eine der beiden Monacascognerinnen, deren Gespräch wir belauschten, hatte gemeint, die russische Prinzessin Turandot würde die erste sein, welche den blutdürstigen Gelüsten des mädchenfressenden Kapitäns zum Opfer fiele.
Wir müssen uns jetzt mit dieser russischen Prinzessin beschäftigen, welcher ein solch brillantes Sittenzeugnis ausgestellt worden ist, denn jene Monacascognerin hatte doch tröstend versichert, der Vampir könne zu seinen Zwecken nur unschuldige Mägdlein gebrauchen, und da sie nun auch noch hinzugesetzt, wie schwer solche Unschuldige in Monaco zu erlangen seien, auf dem Kirchhof unter der Erde müsse man sie suchen - gibt es denn da ein besseres Sittenzeugnis, als daß Prinzessin Turandot die erste sein würde, welcher der Vampir das Blut aussauge?
Ihr Vater war und ist noch heute ein russischer Fürst, dessen Name gerade jetzt in der Politik oft genannt wird. Wir aber möchten ihn an dieser Stelle lieber verschweigen, und wenn das Kind nun einmal einen Namen haben muß, so wollen wir ihn ... Alexjeff nennen!
Fürst Alexjeff, damals Statthalter einer asiatischen Provinz, war ein kinderloser Witwer. Die Kinderlosigkeit hatte aber nicht an ihm gelegen, denn seinem Verhältnis mit einer Tscherkessin, die wohl nichts anderes als eine Sklavin gewesen sein mag, war ein Mädchen entsprungen.
Wer Turandot nun in ihren jungfräulichen Jahren gesehen hat, der hält es für möglich, daß der alte Fürst schon in das kleine Kind seiner späten Liebe vernarrt war, daß er es zu adoptieren beschloß und diese Adoption auch durchsetzte.
Er mag dabei auf keine großen Schwierigkeiten gestoßen sein. Als der Zar die kleine Turandot sah, bestätigte er sofort die Adoption vollständig, und wer die Verhältnisse kennt, der weiß wohl, was das heißen will!! Denn durch diesen Ukas des Zaren wurde das uneheliche Kind einer tscherkessischen Sklavin eine tadellose Prinzessin, welche an jedem europäischen Fürstenhofe willkommen war und bei der Polonäse gleich hinter dem Herrscherpaar rangierte!
Hiernach mußte ihre Erziehung eingerichtet werden. Diese erhielt Prinzeß Turandot erst in Petersburg, den letzten Schliff sollte sie in einer Pariser Pension bekommen, welche nur Fürstentöchter aufnimmt.
Wie sich Prinzeß Turandot in Petersburg und in der Pariser Pension für Fürstentöchter betragen hat, hierüber ... schweigt des Sängers Höflichkeit. Der Sänger weiß es auch gar nicht, hat nichts davon gehört. Aber er ahnt es. Denn der Sänger hat sie gesehen, wie sie in Monte Carlo ankam, durchgebrannt aus der Pariser Pension für Fürstentöchter, mit nichts anderem, als was sie auf dem Leibe trug ...
O Turandot, o Turandot!!
Kehre wieder, holde Erinnerung, zaubere mich zurück nach Monte Carlo und zaubere sie mir noch einmal vor!
Hier sitze ich im kalten Norden, der Schneesturm rüttelt an den Fenstern meines Stübchens ... und plötzlich stehst du inmitten von Blumen und Palmen vor mir in deiner herrlichen Jugendpracht. Wild flattern die schwarzen Locken um dein Antlitz wie Milch und Blut, lachend blitzen mich deine Heidelbeeraugen an, und sehnsüchtig strecke ich die Arme nach dir aus ...
O Turandot, o Turandot, du Rose des Kaukasus!! So stolz und so frei, so zart und so kraftvoll, so wild und so sanft, so schön und so edel, so brav und so gut, so sittsam und so rein, so liederlich und so schmutzig ...
Ja, so liederlich und so schmutzig!!
Ja, du Rose des Kaukasus, Prinzeß Turandot - du warst ein Rüpel erster Klasse! Du warst ein - ein - na, ich weiß ja, du kannst nichts übelnehmen, deshalb frei herausgesagt: du warst ein richtiges kleines Ferkel!
Wenn nicht dein Kleid irgendwo aufgeplatzt war, dann hattest du wenigstens von einem Stiefel den Absatz verloren. Und wenn du nicht im Gesicht einen Rußstrich hattest, dann trugst du auf dem Rücken gleich eine ganze Wand mit dir herum. Und wenn es in Monte Carlo einmal Regenpfützen gab, dann kamst du mir immer wie eine junge Ente vor!
Doch genug, genug! Jetzt braucht wohl niemand mehr besondere Phantasie dazu, sich von dieser hoffähigen Prinzessin ein Bild zu machen, was die Feder nicht fertig bringt. -
Sie war also durchgebrannt und tauchte plötzlich in Monte Carlo auf. Weshalb? Na, es hatte ihr eben in der Pension zwischen den anderen Fürstentöchtern nicht mehr gefallen, in Monte Carlo sollte es doch so schön sein - juchhei, nach Monte Carlo gefahren!! Um sich das nötige Reisegeld zu verschaffen, hatte sie in Paris den Schmuck verkauft, den sie für gewöhnlich trug, und als sie in Monte Carlo ankam, hatte sie keinen Sou mehr und kein zweites Hemd, und statt eines Taschentuches hatte sie einen Fetzen blaue Gardine, den sie vom Coupéfenster abgerissen haben mochte.
Es sei hier gleich im voraus erledigt, wie man gegen den Flüchtling vorging. Sie machte aus ihrer Flucht durchaus kein Hehl; sie schrieb sofort aus Monte Carlo einen Brief - oder sie hatte wohl sogar in dem Pensionat einen zurückgelassen, in welchem sie >höflichst< mitteilte, daß ihr alle Gouvernanten mit sämtlichen Pensionaten den Buckel hinunterrutschen könnten, sie sei nun alt genug, um selbständig im Leben aufzutreten, und es sollte nur um Gottes willen niemand versuchen, sie wiederzuholen, der könne seine Augen in acht nehmen. Nur ihr Papa dürfe sie abholen, aber auch nur unter der Bedingung, daß er sie in ihre asiatischen Steppen zurückbrächte, wohin sie gehöre, und so lange bliebe sie in Monte Carlo - punktum!!
Es dauerte natürlich nicht lange, so waren die Gouvernanten aus Paris da, es kamen auch direkt aus Petersburg Haushofmeister, Kammerherren und Kammerdamen, um die Widerspenstige zu zähmen - allein, bei der Prinzessin Turandot war alles vergebens, die lachte alle aus und beharrte bei ihrem Entschluß. Es war mit dem widerspenstigen Mädchen absolut nichts anzufangen, und man hätte einmal versuchen sollen, sie mit Gewalt zurückzuschleppen! Sie hatte den Spitznamen >Kosak< nicht umsonst bekommen.
Dann mußte der fürstliche Vater andern Sinnes geworden sein, oder gegen den wilden Flüchtling wurde irgend eine wohlausgesonnene Intrige ins Werk gesetzt - kurz und gut, die Gouvernanten, Kammerherren und Kammerdamen reisten plötzlich sämtlich wieder ab, man ließ die durchgebrannte Prinzessin, die in einem Hotel feste Unterkunft gefunden hatte, vollständig in Ruhe.
Wie nun war das Verhältnis zu ihrem Vater?
Der Schreiber dieser Zeilen war dabei, als sie sich einmal hierüber äußerte.
Auf der Terrasse hinter dem Kasino saßen einige amerikanische Millionäre, Lord Hannibal Roger und andere Geldfürsten, da kam Prinzeß Turandot im aufgeplatzten Reitkleide angefledert, um wie gewöhnlich die Herren um ein paar tausend Francs anzupumpen, welche dann schleunigst verspielt wurden, und einer von ihnen stellte an sie die vorwurfsvolle Frage, was nun ihr Papa sagen würde, wenn er jetzt käme.
Da antwortete das tolle Ding wörtlich mit der größten Seelenvergnügtheit:
»Ach, der gibt mir bloß ein paar Ohrfeigen, dann kratze ich ihm mal ins Gesicht, und dann sind wir wieder gut zusammen.«
Diese Äußerung charakterisiert wohl am besten das Verhältnis, welches zwischen der hoffähigen Tochter und ihrem erlauchten Vater obwaltete. -
Zuerst aber hatte die durchgebrannte Pensionstochter in Monte Carlo gar keinen so leichten Stand gehabt. Nur der jugendliche Leichtsinn ließ sie die schwere Lage nicht empfinden, in die sie gekommen.
Bei ihrer Ankunft hatte sie sich frisch und froh in das erste beste Hotel begeben. Prinzeß Turandot, Tochter eines russischen Fürsten, der selbst nicht wußte, wie reich er war - wer zum Teufel sollte wagen, der die Tür zu weisen?!
Nun aber hat man gerade in Monte Carlo ganz eigentümliche Ansichten über Namen und Titel. Da sind schon gar zu viele Prinzen und Prinzessinnen gekommen, die sich hinterher als Schwindler entpuppt haben. Klingendes Geld, das ist hier immer die Hauptsache, und die durchgebrannte Pensionstochter sah einer Zigeunerin viel ähnlicher als einer russischen Prinzessin.
Kurz und gut, schon am Abend des zweiten Tages wurde die hoffähige Prinzessin, weil sie nicht gutwillig das Hotel verlassen wollte, vom Hausknecht mit gar nicht so sanfter Gewalt an die frische Luft gesetzt, und da in der Fremdenliste, die äußerst streng geführt werden muß, ihr Name während dieser Zeit nirgends zu finden ist, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die hoffähige Prinzessin diese Nacht in irgend einem offengelassenen Hausflur oder auf einer ungewaschenen Bank zugebracht hat.
Außerdem meldet der Polizeibericht von dieser Nacht, daß in jenem Hotel von bübischen Händen einige Fensterscheiben eingeworfen worden waren, und man darf wohl mit Sicherheit annehmen, daß diese bübischen Hände einer hoffähigen Prinzessin angehört haben. Rache ist eben süß.
Am anderen Tage fand sie in einem zweiten Hotel Unterkunft. Der Hotelier war gerade nicht anwesend, und dann behielt man sie auf Kredit, weil jetzt nach und nach die Gouvernanten, Haushofmeister und Kammerdamen angerückt kamen. In diesem Hotel spielte sich also der Kampf ab.
Dann rückten die Gouvernanten, Haushofmeister und Kammerdamen wieder ab, gleichzeitig aber wurden alle Bankiers instruiert, der Prinzeß keinen Kredit zu gewähren, ja, der alte Fürst erließ sogar eine öffentliche Bekanntmachung, in welcher er warnte, seiner hoffähigen Tochter etwas zu pumpen, er käme für gar nichts auf.
Das fuhr dem Hotelier in die Nase, und als sich das kleine Dämchen nicht mit höflichen Redensarten hinauskomplimentieren ließ, kam es zwischen der hoffähigen Prinzessin und einigen Hausknechten abermals zum offenen Kampf, der sich noch auf der Straße fortsetzte, und als sie auch hier von ihren Widersachern nicht abließ, immer wacker kratzte und biß, wurde sogar schon nach der Polizei gepfiffen, und aller Wahrscheinlichkeit nach hätte Prinzeß Turandots Abenteuerfahrt in der Kerkerzelle geendet, wenn da nicht ihr rettender Engel aufgetaucht wäre.
Dieser Engel hieß August Bierling und war Direktor des Riviera-Palast-Hotels.
Das neuerbaute Riviera-Palast-Hotel, auf der Höhe von Monte Carlo Supérieur stehend, mit eigener Haltestation der Zahnradbahn, war soeben erst dem Verkehr übergeben worden.
Ein amerikanisches Aktien-Unternehmen, 300 Zimmer, keins ohne eigenes Badekabinett, das billigste täglich 25 Francs, ohne Licht und Bedienung, und dieses billigste für täglich 25 Francs ist ein Dachzimmer hintenheraus - diese Angaben kennzeichnen das Riviera-Palast-Hotel wohl zur Genüge.
Damals sagten auch die kühnsten Spekulanten im Hotelfache: diese Yankees sind ja verrückt! Und man schien recht zu behalten. Das Hotel ging nicht. Aber heute geht's. Und wie geht's! Immer knallvoll! Das Geld scheint eben, wenn es sich um Luxus handelt, gar keine Rolle mehr zu spielen. Und nur der Ruf ist's, der Ruf allein!
Die amerikanischen Aktienunternehmer hatten sich freilich auch nach einem tüchtigen Direktor umgesehen, und ihre Wahl war auf Herrn August Bierling gefallen, der schon manches faule Hotel in die Höhe gebracht hatte. Er war eigentlich kein Deutscher, sondern ein Schweizer und ist später an Herzverfettung gestorben.
Daß dieser Hotelier aus einem ganz andern Holze geschnitzt war als seine Kollegen, zeigte er schon, als er zufällig Zeuge des Straßenkampfes zwischen der beißenden Zigeunerin und den drei Hausknechten wurde.
Er mischte sich als rettender Engel ein.
»Wollen Hoheit nicht im Riviera-Palast-Hotel logieren?«
Das Mädchen hörte die Stimme vom Himmel und ließ ab vom Kampfe.
»O ja, recht gern, aber das sage ich Ihnen gleich: mein Papa bezahlt nicht.«
»Bitte, davon wollen wir gar nicht sprechen, ich bin der Direktor des Palast-Hotels, und es ehrt mich sehr, wenn gnädigste Prinzeß bei mir logieren wollen.«
Na, die Zigeunerin ging natürlich mit und wurde eben wie eine richtige Prinzessin aufgenommen, die ihren ganzen Hofstaat mitbringt, obgleich diese hier nicht einmal ganze Strümpfe mitbrachte. Gleich vier Zimmer, lauter Prunksalons, daneben ein eigenes Dampfbad und ein kleines Schwimmbassin mit kaltem und heißem Wasser bekam sie, alles, was sie nur haben wollte, sie brauchte die Kleiderkünstlerinnen und Konfektioneusen nur zu bestellen, das nahm alles die Hoteldirektion auf sich, ohne ihr jemals eine Rechnung vorzulegen, und weil sie ein paarmal einen Kellner um das Fahrgeld anpumpte, wurde ihr für die Zahnradbahn gleich ein Abonnement erster Klasse gegeben.
Die Rechnung war ja auch eine ganz einfache. Wurde nicht bezahlt - na, was machte das diesem Riesenhotel aus! Die Zimmer standen doch sowieso leer. Ging das Hotel pleite - dieser blinde Pensionär war nicht daran schuld, und der fürstliche Vater würde schon für seinen geliebten Ruppsack bezahlen - und dann freilich sollte er eine gepfefferte Rechnung zu sehen bekommen! Außerdem gehörte das junge Mädchen zu jenen seltenen Menschen, welche ihre Hotelschulden auch noch nach späten Jahren bezahlen, wenn sie es gar nicht mehr nötig haben - eben deshalb, weil sie gleich sagte, daß nichts bezahlt würde.
Es war also eine ganz sichere Spekulation, die Monsieur Bierling da gemacht hatte. Ja, so hätten sich aber auch alle anderen Hoteliers sagen können, und sie hatten's eben nicht getan! Und nun wollen wir die Sache auch noch von einer andern Seite aus betrachten: dieser August Bierling war der gerissenste Geschäftsmann, der je die Riviera als Hotelier unsicher gemacht hat, und trotzdem war sein verfettetes Herz so gut und brav, wie nur je in eines Menschen Brust geschlagen hat, und er hatte eben an dem tollen Mädchen einen Narren gefressen, so wie ihn noch mancher andere an der Prinzeß Turandot gefressen hat, und wäre seine Spekulation schief gegangen, so hätte er, der einen Gehalt bezog, wie ihn kein Minister bekommt, die ganze Rechnung einfach aus seiner eigenen Tasche beglichen.
Andrerseits muß man der Prinzeß das Zeugnis ausstellen, daß sie den ihr gegebenen Kredit nicht mißbrauchte. Ganz im Gegenteil. Hierbei trat ihr Charakter wieder in ein schönes Licht. Vergebens versuchten ihr die Konfektioneusen die teuersten Toiletten aufzuschwatzen, während der Hotelier, lächelnd daneben stand, selbst sie zum Kaufen auffordernd - nein, das könne sie nicht, und wenn sie auch wisse, daß alles bezahlt würde, so oder so, das könne sie eben nicht, da geniere sie sich, denn Schulden seien es doch - und wenn sie hungrig war und nicht erst nach ihrem Hotel hinauffahren wollte, so ging sie in den ersten besten Bäckerladen, kaufte sich eine Semmel und verzehrte dieselbe wohlgemut gleich auf der Straße.
Freilich, wie ihr ganzes Wesen Exzentrizität war, so offenbarte sich das auch in Geldsachen. An Geld hatte sie niemals Mangel. Als sie einmal am Spieltisch zuschaute, bot ihr jemand sein Portefeuille an, unverzagt griff sie hinein, die andern Damen machten es ja auch so, und von nun an pumpte sie Gott und alle Welt an. Doch sie hätte sich nur auf einen kleinen Kreis zu beschränken brauchen. Durch Lord Roger ward sie in die Gesellschaft der Geldfürsten gebracht, und obgleich diese eigentlich gar nicht so fürs Geben sind, dauerte es nicht lange, so zupfte sie diesen die Tausendfrancsscheine nur immer so aus der Tasche, und ein amerikanischer Eisenbahnkönig, der sonst für gewöhnlich ein recht griesgrämiger Geselle ist, wäre vor Lachen über Prinzeß Turandot bald einmal mit dem Stuhle umgefallen. Na, und wenn sich solche Leute einmal richtig amüsieren können, dann lassen die sich's auch etwas kosten.
Nun dachte sie, das müsse so sein, das ginge hier eben so zu, und bettelte jeden an, der ihr in den Weg lief, immer gleich sagend, daß er sein Geld natürlich nicht wiederbekäme.
Was hier für ein Unterschied vorliegt, daß ist wohl klar. Im Hotel mußte bezahlt werden, das wußte sie, und da wollte sie möglichst wenig Schulden machen. Hiermit hängt auch zusammen, daß sie niemals daran dachte, ihre Hotelschulden mit dem geborgten Gelde zu bezahlen, das borgte sie überhaupt nicht, sondern das ließ sie sich schenken, und deshalb war es auch nur dazu da, um es zu verspielen oder es irgend einer fadenscheinigen Person heimlich in die Hand zu drücken.
Über ihren sittlichen Charakter haben wir aus dem Munde jener Monacascognerin das unparteiischste und schönste Urteil gehört.
Das schon zur Jungfrau erblühte Mädchen war noch das unschuldigste Kind.
Es war eine glückliche Natur. Wohl machte sie alles mit, es konnte ihr nie toll genug zugehen, aber wenn der Abend nahte, wurde sie müde. In der neunten Stunde schlummerte sie mitten im lautesten Lärm regelmäßig ein, gleich auf ihrem Stuhle, weg war sie mit einem Male, mußte wie ein Kind nach Hause und zu Bett gebracht worden, um dann wieder beim ersten Morgensonnenstrahl mit lachenden Augen zu erwachen.
Ja, es war wirklich merkwürdig. So etwas war in Monte Carlo noch nicht vorgekommen. Die philosophischen Beobachter fanden es unerklärlich: mitten in der tiefsten Sünde die reinste Unschuld, welche an dieser Sünde mit voller Lebensfreudigkeit teilnahm, ohne im geringsten von der Sünde befleckt zu werden. So war es. Anders läßt es sich nicht ausdrücken. Philosophen von Monte Carlo sprachen von einem >Genie der Unschuld<.
Allerdings hatte diese Unschuld, die durch nichts zu beflecken war, auch ihren Beschützer gegen die brutale Gewalt. Und wiederum war es ganz merkwürdig, wer sich dazu aufgeworfen hatte: der größte aller Sünder, der schon mit jungen Jahren in der Sünde ergraut war - kein anderer als Lord Hannibal Roger.
Er sorgte dafür, daß die auf dem Stuhle Eingeschlafene in ihr Hotel gebracht und von den Zimmermädchen in Empfang genommen wurde, und er sorgte dafür, daß das jungfräuliche Mädchen in Monte Carlo doch nicht alles zu sehen bekam, weil selbst ein Kind darüber erschrocken wäre.
Was hatte er vor? Hatte der abgelebte Lebemann diese aufknospende Rose des Kaukasus für sich bestimmt? Wollte er nur das Erwachen des Weibes abwarten, um diese köstliche Rose dann zu pflücken?
Jeder Mensch mochte hierüber denken, wie er wollte - keiner wagte eine laute Äußerung.
Denn Lord Hannibal Roger gehörte zu jenen seltenen englischen Ausnahmen, welche das Duell für erlaubt halten, und der Besitzer des vierten Teils von London kümmerte sich im Auslande verdammt wenig um die Gesetze seiner Heimat, und die Sünde hatte noch nicht seine elegante Hand zitternd gemacht und sein kaltes Auge geschwächt. Lord Hannibals langgezogenes Pistolenpaar war überall bekannt in der Welt, wo man um der Ehre willen Pistolenhähne knacken läßt, und er trug in sein Jagdbuch den durch das Herz geschossenen Gegner ebenso kaltblütig ein wie den in den indischen Dschungeln erlegten Königstiger.
Die Zeit würde lehren, was Lord Hannibal Roger mit dem Kosaken für Absichten hatte.
Ja, der Kosak!
Gleich, als sie in Monte Carlo aufgetaucht war, hatte sie diesen Spitznamen wegbekommen.
Aber die von Monte Carlo, welche denselben aufgebracht hatten, durften das nicht als ihre Erfindung patentieren lassen. Da war auch wieder so etwas Eigentümliches dabei. >Kosak< war das unbändige Mädchen schon in Petersburger Kreisen genannt worden, in der Pariser Pension war sie der Kosak geblieben, und dann später stellte sich heraus, daß auch der fürstliche Vater von ihr seit ihrer frühesten Kindheit nur als von >Seinem Kosaken< gesprochen hatte.
Wie kam diese Übereinstimmung, welche, wenn man der Sache nachging, immer ganz selbständig entstanden war? Weil sie die Tochter einer Tscherkessin war?
Nein, nicht nur das. Das wilde, übermütige Mädchen war und blieb eben immer ein richtiger Kosak!
»Wünsche Eurer Hoheit untertänigst einen guten Morgen. Wie haben gnädige Prinzeß zu ruhen geruht?«
Frisch wie eine aufgebrochene Mairose war sie soeben aus dem Hotelportal getreten, an welchem zufällig auch Monsieur Bierling stand - vielleicht auch nicht so ganz zufällig, denn hier und auf diese Weise begrüßte er seinen zahlungsunfähigen Gast jeden Morgen.
Der joviale Hotelier hatte eben einen Narren an diesem seinem Gast gefressen, keine Gelegenheit ließ er sich entgehen, wenn er sich mit der kleinen Prinzessin herumnecken konnte, wobei er scheinbar immer die größte Ehrfurcht wahrte.
Der Kosak hatte keine Zeit, den Morgengruß zu erwidern, noch viel weniger, Rechenschaft, darüber zu geben, wie sie >zu ruhen geruht< habe.
»Monsieur Bierling, haben Sie es denn schon gehört?!« platzte sie sofort wie mit einer Kanone losgeschossen heraus.
Der Hotelier hatte ja keine Ahnung, was sie eigentlich meinte, aber er hatte das Mädchen doch nun schon kennen gelernt, und danach richtete er seine Antwort ein.
»Nein, gnädige Prinzeß, das ist mir ganz neu, und das ist ja äußerst interessant!« stellte er sich also erstaunt.
»Der Eremit von La Turbie hat gestern nachmittag die Spielbank gesprengt!«
Jetzt wußte der Hotelier, was sie eigentlich meinte, und hiervon hatte er natürlich schon gehört, kannte alle Einzelheiten, jetzt aber mußte er seine Taktik ändern, denn das Mädchen wollte ihm doch nun selbstverständlich alles als das Allerneueste erzählen, und er hörte es ja auch so gern noch einmal aus ihrem liebreizenden Plaudermäulchen.
»Was Sie nicht sagen!! Der Eremit von La Turbie? Die Spielbank hat er gesprengt? I, das ist ja gar nicht möglich!!«
»Sie glauben's nicht? Nun weiß Gott! Ich will auf der Stelle tot umfallen und nie wieder aufstehen, wenn's nicht wahr ist!«
Mit diesen Worten fing die hoffähige Prinzessin ihre ausführliche Erzählung an, bei welcher die kleinste Aufschneiderei die war, daß sie aus der Viertelmillion, welche der Eremit gewonnen und verbrannt hatte, vier Millionen machte, und jeder Zweifel, wie jeder Ruf des Staunens seitens des Zuhörers ermunterte sie zu neuer Aufschneiderei, bis sie endlich nichts mehr aufzuschneiden hatte und ihren Bericht mit den Worten schloß:
»Und denken Sie sich nur: kaum war er hinaus, da hoben eine ganze Menge Herren und Damen auch ihren linken Arm in die Höhe! Als ob sich das Glück dadurch zwingen ließe! So eine Dummheit hält man doch nicht für möglich!«
»Ja, der Aberglaube, der liebe Aberglaube!« beseufzte Monsieur August Bierling diese blinde Welt, die Hände über dem Bauche gefaltet. Aber er wußte schon ganz genau, was jetzt kommen wurde, und richtig ...
»Ich hab's natürlich auch getan,« setzte der Kosak eilfertig hinzu. »So lange, wie ich's aushalten konnte, hielt ich den linken Arm hoch, fast ganze fünf Minuten lang, es war eine entsetzliche Qual, ich wollte immer gern in Ohnmacht fallen, aber es war kein Platz da, wo ich hinfallen konnte - und wahrhaftig, es ist doch etwas dabei ...«
»An dem Armhochhalten?« fragte der Hotelier jetzt interessiert, als sie, wie gewöhnlich, wenn es spannend wurde, eine Pause machte, um deswegen gefragt zu werden.
»An dem Armhochhalten.«
»Gnädige Prinzeß haben am Spieltisch Glück gehabt?«
»Ein furcht-furcht-furchtbares Glück!«
»Sie haben viel gewonnen?« fragte der Hotelier jetzt mit wirklichem Interesse.
»Gewonnen? Nee, das nicht. Aber ich habe dadurch gestern auch bloß 2.000 Francs verloren. Wie ich mich freilich auch angestrengt habe!! Der Arm tut mir jetzt noch ganz riesig weh. Mir ist immer, als wäre er eingeschlafen. Ich muß ihn egal schlenkern ...«
»Auuutsch!!« machte Monsieur August Bierling, knickte etwas zusammen und legte schnell beide Hände auf sein Bäuchlein.
Denn die Prinzeß hatte wirklich den eingeschlafenen Arm geschlenkert und hatte ihn gerade gegen Monsieur August Bierlings Bäuchlein geschlenkert, daß es knallte.
Ach, war das arme Kind tödlich erschrocken!
»O, ich konnte wahrhaftig nichts dafür, ich tat's weiß Gott nicht mit Absicht,« bedauerte sie und begann, ehe es der Hotelier hindern konnte, sanft dessen malträtierten Bauch zu streicheln, »kommen Sie, ich will einen Kuß drauf geben, dann tut's nicht mehr weh ...«
Aber zum Küssen seines Bauches ließ es Herr August Bierling denn doch nicht kommen. »Da - da - da - da ist ja der Eremit von La Turbie!«
»Wo?!«
»Ach so, es ist der Bäckerjunge, der die Semmeln bringt, ich dachte, es wäre der Eremit von La Turbie.«
Gleich war alles andre vergessen, schnell drehte sich die Prinzeß dem Gebirge zu.
»Ja, man soll doch seine Höhle von hier unten aus sehen können? Ach, mein lieber Bierling, holen Sie mir doch einmal das Fernrohr heraus, aber bitte, recht schnell, ich kann's gar nicht erwarten.«
Und der über das furcht-furcht-furchtbare Glück seiner zahlungsunfähigen Pensionärin enttäuschte Hotelier erwies der, die ihm soeben in den Bauch geboxt hatte, auch noch diese Gefälligkeit, holte das große Fernrohr, schraubte es am Stativ fest und richtete es auf den menschlichen Felsenhorst. Auch in diesem guten Fernrohr war nichts weiter zu erkennen als an der nackten Felswand ein grüner Fleck, obgleich man doch sogar die Pflanzen bestimmen und unterscheiden konnte. Es blieb immer noch bei dem grünen Fleck.
Das Treiben des Einsiedlers war schon seit langer Zeit nicht mehr beobachtet worden, und jetzt sah man nur noch das Resultat seiner sechsjährigen Arbeit. Offenbar hatte er das Felsplateau mit einer hohen Mauer umzogen, und von dieser herab hingen grüne Schlingpflanzen. Außerdem sah man noch auf dieser grünen Mauer eine große Stange emporragen.
Von dem Eremiten hatte die Prinzessin gestern abend schon zur Genüge zu hören bekommen, jetzt tauchte ein andrer Wunsch in ihr auf.
»Da muß ich hinauf, da muß ich hinauf!! Wie weit ist das von hier?«
»So kleine acht bis zwölf Stunden,« entgegnete Herr Bierling, aber es zuckte dabei um seine Mundwinkel. »Am besten ist es, Euere prinzliche Hoheit brechen morgens beizeiten auf, übernachten in einer Schneehütte ...«
»Hören Sie, Monsieur Bierling,« wurde er entrüstet unterbrochen, »wenn Sie jetzt nicht endlich aufhören, mich zu veralbern, dann bezahle ich augenblicklich meine Rechnung und verlasse Ihr Hotel! Das ist doch kaum eine Stunde!«
Auf diese fürchterliche Drohung hin gestand der Hotelier, daß sie recht habe. Weiter als eine Stunde war es auch nicht.
Sie hatte nicht einmal nötig, erst die Zahnradbahn zu benutzen, denn der alte Steinbruch wurde jetzt wieder ausgebeutet, und wenn sie den neuangelegten Weg nach diesem verfolgte, konnte sie ihr Ziel gar nicht verfehlen, das war schon von hier aus zu beurteilen. Nur mußte sie dann erst nach Condamine hinab.
»Aber haben Prinzeß auch einen Bergstock und eine lange Rettungsleine?«
»Meinen Sie, daß man das braucht?« fragte das Mädchen harmlos.
»Ganz gewiß! Auch Schneeisen sind für alle Fälle gut. Warten Sie einen Augenblick, ich werde alles zu Ihrer Zufriedenheit besorgen!«
Monsieur Bierling entfernte sich, und richtig, bald brachte er einen Bergstock, eine zusammengerollte Waschleine und außerdem auch noch ein paar Bergschuhe angeschleppt, für einen Riesen berechnet, unten mit einigen Pfund Nägeln beschlagen. Schlittschuhe hatte er im Hotel leider nicht auftreiben können, sonst hätte er die für Schneeeisen ausgegeben.
Bergstock und Waschleine nahm die Prinzeß, die Schuhe wies sie zurück. Wären sie noch etwas größer gewesen, so hätte sie einen gleich als transportable Unterkunftshütte mitnehmen können.
Hätte aber Herr Bierling geahnt, was der Kosak vorgehabt, er hätte das Mädchen nicht so zum Spaß mit Bergstock und Rettungsleine ausgerüstet!
Ja, nach La Turbie hinauf ist es allerdings nur ein Spaziergang, ganz ungefährlich, aber wenn man den gebahnten Weg verläßt und Kletterabenteuer sucht, so hat man zahlreiche Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen, und Prinzeß Turandot hatte denn auch nichts anderes vor, als einmal ihr schlankes Hälschen zu riskieren.
Dann nahm Monsieur Bierling noch aus der Hand eines pfiffig grinsenden Kellners ein kleines Paket und ein größeres Kistchen.
»Ich würde Eurer Hoheit sehr raten, doch auch eine Reiseapotheke mitzunehmen. Hier ist eine Korbflasche mit Rotwein und Wasser, hier ist ein sogenanntes gebratenes Huhn - gallina rostica in der Apothekersprache - beide Medikamente nehmen gnädige Prinzeß innerlich ein, wenn oben die Luft zu dünn wird, wenn Sie sich flau fühlen - so hier in der Magengegend herum - Prinzeß wissen schon - und hier ist echt persisches Insektenpulver, das nehmen Prinzeß ein, wenn Sie einmal ...«
Der Kosak hob den Bergstock und stach damit den unverbesserlichen Spötter in den Bauch - tat wenigstens so, als wollte sie es tun - dann hing sie sich die Feldflasche über die Schulter, die Waschleine über den Rücken, band das eingewickelte Brathuhn oben an den langen Stock, schulterte diesen, und so marschierte sie ab.
Monsieur August Bierling blickte ihr nach, so lange er ihr mit den Augen folgen konnte: die Kellner glaubten, ihr Chef sei verrückt geworden, weil er plötzlich gar so unbändig zu lachen begann - und dann ging er frühstücken. In den letzten Jahren hatte der Mann mit dem verfetteten Herzen an chronischer Appetitlosigkeit gelitten. Was hatte er nicht schon an sich herumgedoktert! Was hatte er nicht schon für Summen für Ärzte, Pillen und Tränklein ausgegeben - hatte alles nichts genutzt - seit er diese zahlungsunfähige Pensionärin in seinem Hotel hatte, konnte er wieder essen! -
Wir begleiten die Prinzeß.
Vorläufig also ging es nicht hinauf, sondern mit der Zahnradbahn hinab und dann mit der Pferdebahn, die jetzt natürlich von der Elektrischen verdrängt ist, die fünf Minuten hinunter nach dem Marktplatz von Condamine, wo die Fußtour begann.
Das Mädchen mit dem Bergstock und der Rettungsleine erregte überall die größte Sensation. Nicht etwa, daß man ihre Ausrüstung lächerlich gefunden hätte - ganz im Gegenteil! Die beabsichtigte doch jedenfalls, die höchsten Gipfel zu erklettern, die man von hier unten aus sieht, fast immer in Wolken gehüllt, und dazu gehören allerdings Bergeisen - und eben deswegen, weil man dieses Vorhaben bei ihr vermutete, von ihrer verwogenen Ausrüstung irregeführt, deshalb staunte man sie an.
Daß sie nicht einmal beabsichtigte, nur bis nach La Turbie hinaufzuklettern, das durfte sie freilich niemandem verraten, sonst hätte man sie mit ihrer Waschleine gehörig ausgelacht.
In Condamine, das ist also die untere Stadt von Monaco, fragte sie nach dem Wege von La Turbie, und gleich, als sie die hohe Eisenbahnbrücke überschritten hatte, ging es steil bergauf, zuerst immer zwischen Villen; aber von einem Fahren gibt es hier schon nichts mehr. Der asphaltierte Weg ist eine Rampe, unterbrochen auch schon von steilen Treppen. Dann kommen Bauernhäuser mit der Kultur der Rebe, der Olive und des Feigenbaumes. Die Häuser und Hütten hören auf, der wilde Oliven- und Feigenbaum tritt in sein Recht. Aber noch prangt alles in üppigster Fruchtbarkeit, und wo der Mensch den Boden bearbeitet, da schafft er in einem halben Jahre ein Paradies.
Hinter der einsamen Restauration >Bellevue< begann die richtige Klettertour. Es ist ein abscheulicher Weg, wie mit großen Kanonenkugeln gepflastert, die nicht einmal zur Hälfte in der Erde liegen, und obwohl dieser Weg schon mächtige Zickzacklinien beschreibt, um die Steigung zu überwinden, geht doch das Maultier auf diesem Wege auch noch immer im Zickzack, so steil ist er. Für eine kletterlustige Person liegt die Versuchung sehr nahe, diese langweiligen Krümmungen durch direktes Emporklimmen abzukürzen.
Unser Kosak tat es selbstverständlich. Abstürzen kann man hier nicht, das ist ganz unmöglich; aber den Fuß und auch das Nasenbein kann man sich jeden Augenblick brechen. Der ganze Abhang ist nämlich mit mannshohen Felsblöcken bedeckt, über welche man mühsam klettern muß, und jeden einzelnen kann man mit einem kleinen Miniaturgebirge vergleichen, mit Schluchten, Kämmen und spitzen Zacken.
In dieser Gegend hier wuchert die Wolfsmilch, hier fühlt sich auch der Johannesbrotbaum wohl, mit dessen langen, schwarzen Schoten hierzulande besonders die Pferde gefüttert werden, und wo sich Erde angesetzt hat, da gedeiht auch die dunkelgrüne Olive und die wilde Feige.
Im übrigen ist es eine trostlose Gegend, und dennoch verlangen auch hier noch die Besitzer des Grund und Bodens für den Quadratmeter 20 bis 50 Francs. Und es brauchen auch nur Terrassen angelegt zu werden, dann gedeiht mit Hilfe der Wasserleitung, die von obenher überall zugeführt wird, hier alles in üppigster Fruchtbarkeit. Selbst die in den Boden gesteckte Kokosnuß treibt in vier Wochen einen armlangen und armdicken, etwas gebogenen Keim, gerade wie ein grüner Elefantenzahn aussehend, der wie die zarteste Zuckerschote schmeckt.
Und nun, wenn man sich umblickt! Es läßt sich nicht beschreiben. Dieses Monte Carlo, diese Küste, dieses Meer! Dort in südöstlicher Ferne der Nebelstreifen - das ist Korsika. Dort im Westen die Inselgruppe, aber greifbar deutlich - das sind die Lerinischen Inseln, darunter St. Marguérite, mit einem Turme, in welchem zwölf Jahre lang der Mann mit der eisernen Maske gefangen gehalten wurde, wohl nicht ein Sohn Ludwig des Vierzehnten, wie oft behauptet wird, sondern wahrscheinlich der Minister Mattioli.
Die Szenerie der oberitalienischen Seen, des Lago Maggiore und des Como, ist ohne Zweifel viel lieblicher; aber eine abwechslungsreichere Romantik als hier an der Riviera di Ponente gibt es auf der ganzen Erde nicht. Und steigt man aus dieser wilden Felseneinsamkeit, in der man jedoch überall mit leichter Mühe sein eigenes kleines Paradies schaffen kann, die wenigen Minuten hinab, so ist man in Monte Carlo, im Zentrum des glänzenden Gesellschaftslebens. Und nun schließlich noch dieses Klima hier! Im Winter kein Schnee, den Sommer durch die Seebrisen ganz erträglich, im ganzen Jahre nur 50 Regentage, sonst ein ewig blauer Himmel, und dennoch eine fabelhaft wuchernde Vegetation, weil jede Nacht reichlichen Taufall bringt.
Es gibt eben nur ein einziges Monaco-Monte Carlo, es ist die von der Natur gesegnetste Gegend auf der ganzen Erde, und das wußte der alte Seeräuberkapitän Grimaldi, als er für seine Dienste, die er mit seiner Piratenflotte den Genuesen geleistet hatte, dort den schroffen Meeresfelsen mit dem umgebenden Lande verlangte.
Seeräuber!!
Es ist nämlich ganz merkwürdig! Hier muß etwas in der Luft liegen. Vielleicht sind es Bazillen - Seeräuber-Bazillen.
Seit uralten Zeiten haben hier Seeräuber geherrscht. Die Ligurer, die ersten Bewohner, von der uns die Geschichte meldet, nährten sich schlecht und recht vom Seeraub. Dann siedelten sich hier Sarazenen und Mauren an, bei denen Seeräuberei etwas ganz Selbstverständliches ist. Die alten Grimaldis waren sämtlich Piratenanführer, das darf man ruhig sagen, denn das steht auch in der Chronik, die man in Monaco zu kaufen bekommt, und da ist ja auch gar nichts weiter dabei, diese Ritter plünderten eben nicht die Kaufleute auf der Landstraße, sondern sie spähten von ihren Seefesten nach Kauffahrteischiffen aus, und später boten sie ihre Piratendienste seefahrenden Nationen an, sie kaperten unter Konzession. Na, und wie ist es denn heute? Hier wird noch immer lustig weiter geräubert, mit voller internationaler Konzession, nur modern! Und auch der jetzige Fürst von Monaco lebt ganz auf dem Wasser.
Linkerhand war der Steinbruch und dort oben an der nahen Felsenwand der grüne Fleck, von dem jetzt aber schon mehr zu unterscheiden war.
Um da hinaufzukommen, mußte der Weg sowieso verlassen werden, und daß die Prinzessin bloß noch auf den Brandsohlen lief, das hatte für sie als den Kosaken nichts zu sagen.
Noch zwanzig Minuten eines hier wirklich halsbrecherischen Kletterns, und sie stand auf derselben Stelle, auf welcher vor sechs Jahren der zukünftige Eremit zu dem Adjutanten gesagt hatte: >Das ist das Fleckchen Erde, welches ich mir von der Gnade des Fürsten erbitte.< Die Lage des durch Schluchten isolierten Berges, nur rückseitig mit dem Gebirge zusammenhängend, ist schon genau beschrieben worden. Das Mädchen stand auf der rechten Seite, durch die acht Meter breite Schlucht davon getrennt.
Zu überspringen ist solch eine Weite nicht, und man hätte auch gar nicht gewußt, wohin man hätte springen sollen. Von dem Plateau war nämlich nichts mehr zu sehen, der Eremit hatte richtig ringsherum eine drei Meter hohe Mauer aus Bruchsteinen aufgeführt, dicht am Rande, und von oben hing Mauerpfeffer und andres Felsengewächs herab.
Aber einen Zugang gab es, gerade auf dieser Seite. Durch das Fernrohr hatte man doch auf der grünen Mauer eine hohe Stange emporragen sehen. Hier in der Nähe gewahrte man den Irrtum. In die Mauer war ein breites Brett eingelassen, diese noch um Meter überragend. Solch eines langen Brettes hatte der Eremit ja auch schon bedurft, um die Schlucht zum ersten Male überschreiten zu können - demnach handelte es sich hier auf jeden Fall um eine Art Zugbrücke. Weil man aber von Monte Carlo aus nur die schmale Kante des Brettes sah, glaubte man, es sei eine Flaggenstange.
Da nun diese Brücke aufgezogen war, mußte der Einsiedler wohl zu Hause sein, und wenn er ging, mußte er sie unten lassen, denn es war schwer erklärlich, wie er das Brett von hier draußen wieder herunterbekommen wollte.
»Eremit!! - Monsieur Schmidt!! - Hol über!!«
So und mit andern Worten rief der Kosak lange Zeit, und dann erinnerte sie sich eines besonders schönen Ausdruckes; den sie erst jüngst von italienischen Fischern vernommen hatte, um jemanden aufmerksam zu machen, den wir aber hier nicht wiedergeben können, doch die kindliche Prinzessin wußte ja trotz all ihrer Hoffähigkeit gar nicht, was dieses Wort bedeutete, sie gebrauchte es eben, und dann lachte sie, daß die Felswände sich lachend mit ihr freuten.
Aber die Fallbrücke senkte sich nicht herab, kein menschlicher Kopf erschien über der Mauer. Oder konnte der Eremit das Brett von hier aus herunterholen? Dazu gehörte eine mindestens acht Meter lange Stange. Das Mädchen blickte sich suchend um. Nein, hierherum war nichts zu verstecken. Der Eremit mußte die Hakenstange geradezu immer mitnehmen, wenn er einmal ausging. Aber ein echter Eremit darf eigentlich gar nicht spazierengehen, er war ja auch in den sechs Jahren noch niemals wieder gesehen worden - gestern zum ersten Male.
Vielleicht schlief er. Mit Rufen hielt sich die ungeduldige Prinzeß nicht mehr lange auf, sie griff zu Steinen, deren es hier genug gab, und warf sie donnernd gegen das Brett.
Da - bei jedem Steinwurfe bewegte sich die Tür! Das Brett drehte sich unten in Angeln, wie es ja auch bei einer Zugbrücke sein muß. Aber dann wackelte es auch noch immer lange hin und her, ehe es wieder zur Ruhe kam. Also brauchte man wirklich nur eine genügend lange Stange, um die Brücke ...
Halt! Eine geniale Idee! Wozu hatte sie denn die Waschleine mitgenommen? Die Tscherkessen kennen zwar keinen Lasso, aber die in der Pension für Fürstentochter erzogene Turandot hatte schon genug Indianerschmöker gelesen, um wenigstens die Theorie des Lassos zu kennen.
Also die Leine auseinandergerollt, in das eine Ende eine Schleife geknüpft, das andere durchgezogen, und der Lasso wurde kunstgerecht geschleudert.
Gleich der erste Wurf glückte, das Brett war gefangen, und schon bei einem leisen Anziehen senkte es sich willig herab.
Der Lasso hatte nur eine Ecke gefaßt, und als die Brücke eine gewisse Neigung überschritten hatte, glitt die Leine wieder ab, aber jetzt legte sich das Brett vollends über die Schlucht, und ohne Zögern betrat der Kosak die schmale, ganz bedenklich schwankende Brücke, schwindelfrei in den unter sich gähnenden Abgrund blickend.
Sie merkte nicht, wie sich das Brett, als sie auf der andern Seite heruntertrat, sofort von selbst wieder hob. Erstaunt stand sie da. Sie hatte nicht erwartet, hier oben solch einen reizenden Garten zu finden.
In sechs Jahren kann hier selbst auf dem nacktesten Felsen etwas wachsen, wenn man nur den Boden zu bearbeiten und zu behandeln versteht. Gepulvertes Urgestein, mit Sägespänen vermischt, liefert in einem Jahre einen Boden von unerschöpflicher Fruchtbarkeit. So ist ganz Malta urbar gemacht worden. Malta war eine sterile Felseninsel, dort wird noch heute der Felsboden gepulvert.
Üppig wuchernde Büsche mit duftenden Blüten bildeten schon ganze Lauben, die Gemüsebeete ernährten einen Menschen, dazwischen Blumen, und die einst Schatten spendenden Bäume erreichten bereits bald die Mauerhöhe, und wenn das Plateau auch nur von einer dünnen Schicht Erde bedeckt war, für die Bäume brauchte nur ein geräumiges Loch eingemeißelt und mit Erde gefüllt zu werden, dann schafften sich die Wurzeln später schon allein Platz, die zerbrachen dann den härtesten Felsen.
»O, ist es hier schön! Hier möchte ich wohnen!« jubelte das Mädchen in heller Freude, an den Besitzer gar nicht denkend.
Am allermeisten aber staunte sie den Springbrunnen an, der in der Mitte des Gartens plätscherte, das Bassin aus dem Steine herausgehauen. Das Wasser ergoß sich durch eine schmale Rinne erst noch einmal in ein bedeutend größeres und tieferes Bassin, sicherlich zum Baden dienend, und verließ dann das Plateau auf der andern Seite durch ein Loch in der Mauer.
Woher kam denn das Wasser? Die Mauer hatte in Brusthöhe einige Löcher. Das Mädchen spähte hinaus und sah den Bach, dessen Rauschen sie auch schon gehört hatte, sich von oben herab in die jenseitige Schlucht stürzen, und da war aus Bambusrohren eine komplizierte und schließlich doch ganz einfache Vorrichtung angebracht. Ein Teil des Bachwassers wurde mit einem primitiven Trichter aufgefangen und erst hier nach dem Plateau und durch den Springbrunnen geleitet. Die an Stricken hängende Hauptröhre brauchte nur etwas zurückgezogen zu werden, so hörte der Springbrunnen zu fließen auf.
Nachdem sich Turandot mit dem Ein- und Ausschalten der Fontäne einige Zeit amüsiert hatte, spähte sie weiter um sich.
In der hinteren Felswand befanden sich auch Fenster, doch zu hoch für die Augen der kleinen Person. Aber da war ja auch eine Tür, das heißt, ein viereckiges Loch. Unverzagt trat der Kosak ein, am Bergstock immer noch das gebratene Huhn, die wieder aufgerollte Waschleine in der Hand. Wenn der Eremit dennoch hier war, oder wenn er plötzlich kam, so wollte sie wegen des Hausfriedensbruchs schon mit ihm fertig werden.
Es war eine kleine Felsenkammer. Außer einigem Hausgerät war hier alles von Stein. Die wenigen Bücher standen auf einem steinernen Sims, und der offene Kleiderschrank war ebenfalls in den Felsen hineingehauen.
Eine Öffnung führte in eine zweite solche Kammer. Hier schliff der Eremit die optischen Gläser. Tisch und Sitz waren stehen gebliebene Felsen. Hier konnte man nichts beiseite rücken. Von Bequemlichkeit keine Spur, kein Bett, kein Polster, kein Kissen, keine Decke.
Von da aus ging es in eine dritte Kammer, dann in eine vierte. Durch die kleinen Fensterchen sah Turandot den Wasserfall, also war sie schon außerhalb des Plateaus, und jetzt kam gar ein großer Saal.
Himmelherrgottsapperment!! Der Kosak konnte noch ganz anders fluchen, aber das klingt nicht schön aus dem Munde eines Mädchens - oder man mußte es selbst von der Prinzessin frischen Kinderlippen hören, dann verlor der Fluch seine Bedeutung - hatte der Eremit hier gearbeitet!!
Eine Kammer folgte der andern, es wurden Säle daraus, aber alle ganz leer, und da gab es überall auch Türen, welche seitwärts ins Finstere führten, und es blieb nicht nur bei den Türen, da kamen auch immer mehr Treppen, die führten hinauf und hinab ...
Der ganze Berg war ja ausgehöhlt! Die Prinzeß hatte keine der finsteren Türen geöffnet, keine der steilen Treppen betreten, sie hatte sich immer da gehalten, wo durch die Löcher in den dicken Felswänden Licht drang, aber hinausblicken konnte sie nicht, und sie wußte schon jetzt nicht mehr, wo aus und ein, wo sie sich befand, es wurde ihr unheimlich zumute, sie dachte an das Labyrinth des Minotaurus, aus welchem niemand den Rückweg findet.
Nein, das konnte doch unmöglich das Werk eines einzigen Menschen sein, und hätte er auch ein ganzes Leben lang daran gearbeitet! Plötzlich erschrak sie furchtbar. Wie sie um eine Ecke bog, standen mit einem Male vor ihr zwei gepanzerte Riesen.
Lange währte ihr Schreck nicht, dann aber staunte sie um so mehr. So viel hatte sie in den Pensionen gelernt, um gleich zu erkennen, daß diese Steinfiguren gewappnete Sarazenen darstellten, vielleicht aus dem Anfange des Mittelalters. Des Mädchens Blick glitt zwischen den beiden Wächtern hindurch, es sah eine weite Halle, von den sonderbarsten Gestalten gefüllt, und diese steinernen Krieger konnten ihr doch nichts tun, sie trat einen Schritt vorwärts, ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf - hier hatte sie ein Werk der alten Mauren vor sich, ein andres Alhambra, nur mitten in einem Berge angelegt, der Eremit hatte es zufällig entdeckt - oder schon vorher darum gewußt und sein Geheimnis für sich bewahrt - und in demselben Moment, da sie dies dachte und den Schritt tat, um zwischen den beiden Steinwächtern hindurchzugehen, da wich plötzlich unter ihren Füßen der Boden, sie stürzte in die Tiefe - und über ihr schloß sich die Steinplatte wieder.
Die Steinfiguren hatten getreulich Wacht vor dem ihnen anvertrauten Heiligtume gehalten!
Seit der Kosak die schwankende Brücke überschritten hatte, war noch keine halbe Stunde vergangen, als auf derselben Seite gegenüber dem ummauerten Plateau ein älterer Herr erschien, höchst elegant gekleidet bis auf die Lackstiefel - nur schade, daß diese bloß noch aus Fetzen bestanden, wie sich unten auch schon die Hosen, vornehmer >Pantalons< genannt, ausfransten.
Erst mußte er sich auskeuchen, dann trocknete er den Schweiß von der Stirn, blickte sich um und setzte die Hände trichterförmig an den Mund.
»Monsieur Eremiiit!« Es war eine sehr schwache Stimme, mit der er das piepste. Doch es war gehört worden. Fast augenblicklich senkte sich das Brett herab, und in der Mauerspalte stand der Eremit.
»Willst du mich sprechen? Komm herüber!« sagte die metallharte Stimme.
Ach, du lieber Gott! Der alte Geck mit den zerfetzten Lackschuhchen und den ausgefransten Pantalons blieb schon fünf Schritte von dem Rande entfernt, hinter welchem er ganz richtig etwas Tiefes vermutete.
Es hätte aber auch ein kühner und schwindelfreier Durchschnittsmensch sein können, er hätte es sich doch erst sehr überlegt, ehe er die Brücke betrat.
Bei der russischen Prinzessin paarte sich jugendlicher Leichtsinn mit angeborener Verwegenheit, sie war einfach, ihr Ziel im Auge habend, hinübergegangen, deshalb ist vorhin gar nichts von der Gefährlichkeit der Passage gesagt worden.
Eigentlich war diese ja auch nicht gefährlich. Das Brett war doch fest und einen halben Meter breit, wie kann man da fehltreten, und ob sich das Brett nun einen Meter oder hundert Meter über dem Erdboden befindet, das ist doch ganz egal ...
Na, kurz und gut, das ist eben nicht so ganz >egal<, sonst könnte wohl jeder Mensch das Turmseil besteigen, und auch auf solch einem Brette balanciert nicht so leicht ein gewöhnlicher Europäer über eine acht Meter breite Spalte, besonders wenn der Grund unten von der Seite her tageshell erleuchtet ist, so daß man ihre gewaltige Tiefe ganz deutlich erkennen kann.
Dieser elegante Europäer hier machte lieber gleich noch einige Schritte rückwärts anstatt vorwärts.
»Aber - aber - aber Monsieur Eremit - aber ...,« stotterte er.
»Komm herüber, wenn du mich sprechen willst!« erklang es zurück.
»Ach - ach - ach nein - ich möchte Sie wirklich nicht in Ihrer Häuslichkeit stören - bitte, kommen Sie doch lieber zu mir herüber - ich bitte Sie sehr - ich möchte Sie wirklich nicht stören. Rau - rauchen - rauchen Sie vielleicht eine gute Zigarre? Havanna Deckblatt mit Felix Brasil Einla ...«
Der Eremit drehte sich um, und der Kavalier, das Zigarrenetui in der Hand und es schon hinhaltend, als könne jener mit seinem Arm über die ganze Schlucht langen, sah ihn verschwinden.
»Monsieur Eremit, ich bitte, ich bin ein alter Mann -,« erklang es nach einer Weile im kläglichsten Tone.
Vergebens. Das Brett blieb unten - der Eremit verschwunden.
Nachdem der alte Stutzer mit seinen zerrissenen Lackschuhchen und seinen aufgefransten Höschen noch eine Zeitlang unruhig herumgetrippelt war, aber immer in respektvoller Entfernung von der verfl ... Schlucht, zündete er sich selbst eins Zigarre an, und es sah schon ganz aus, als wolle er den Rückweg von der fruchtlosen Expedition antreten, als er plötzlich stutzte. Schnell klemmte er das Monokel ins Auge, und als er erkannt hatte, was da den Berg heraufgekrabbelt kam, legte er sich schnell unter einen großen Wolfsmilchstrauch, der hier sein einsames Dasein fristete, blies den Rauch vor sich hin, spielte den Gleichgültigen.
Jetzt erschien auf der Bildfläche eine elegante Dame, untenherum auch schon etwas zerlumpt, Stammgast von Monte Carlo.
»Ah, bon jour, Mademoiselle!« näselte der alte Kavalier, erstaunt tuend, als bemerke er die Kommende erst jetzt, stand auf und lüftete den Hut.
»Ah, der Herr Baron!«
Wegen ihrer Kleidung untenherum brauchten die beiden einander keine Entschuldigungen zu machen, und es wäre auch komisch gewesen, hätten sie etwa mit schön gedrechselten Redensarten ihrer Freude Ausdruck gegeben, sich so ganz zufällig hier oben zu treffen.
»Ist der Eremit zu sprechen, Herr Baron?«
»Gewiß - ohne weiteres - er wartet immer nur auf Besuch. Bitte, wollen Sie sich hinüberbemühen, Mademoiselle?« Er machte eine einladende Handbewegung nach der Brücke.
Die Dame warf dem Brette einen mehr als mißtrauischen Blick zu.
»Waren Sie denn schon drüben, Herr Baron?«
»Ich? Gewiß - nu gewiß doch - ich war schon drüben. Zweifeln Sie daran? Das war doch natürlich gleich mein erstes, deshalb kam ich doch hier herauf.«
»Was sagte er denn?« flüsterte die Dame erregt, während der Herr Baron seine Stimme nicht erst zu dämpfen brauchte, denn sein Piepsen hörte man überhaupt nur in allernächster Nähe.
»Was er sagte? Ja, das ist eben - ich weiß auch noch nichts - es müssen nämlich immer zwei auf einmal kommen - mindestens zwei, jedem einzelnen will er das Geheimnis nicht erzählen - das macht zu viel Umstände, wissen Sie - und da hat er mich einstweilen wieder herübergeschickt, ich sollte hier auf die zweite Person warten. Nun, bitte ...«
Wieder die einladende Handbewegung nach dem Brette, begleitet von einem höflichen Lächeln - jetzt aber traf der mehr als mißtrauische Blick der Dame den Herrn Baron, der so zum Betreten der gefährlichen Brücke einlud.
»Gut, gehen Sie voraus, Herr Baron!«
»Nein, nein, niemals,« wehrte aber der Herr Baron energisch ab, »die Damen haben stets den Vortritt.«
»Schwindlig bin ich gerade nicht,« meinte Mademoiselle, sinnend das ekelhafte Brett betrachtend, »aber ... Herr Baron, gehen Sie lieber zuerst hinüber.«
»Nein, niemals, niemals,« wurde der galante Baron wegen solch eines Ansinnens jetzt förmlich entrüstet, »da verlangen Sie wirklich zu viel von mir, ich kann einer Dame nicht den Vortritt wegnehmen, das ist mir eine Unmöglichkeit, das geht gegen meinen Charakter - besonders, wenn die Dame so jung und so schön ist, wie Sie, Mademoiselle,« setzte er mit einer Verbeugung hinzu.
Allein auch diese Schmeichelei wollte den Zweck nicht erreichen.
»Herr Baron, ich - ich glaube gar nicht recht, daß Sie wirklich dahinüber balanciert sind,« stiegen denn jetzt auch der Dame gerechte Zweifel auf.
»Wie?! Was höre ich?! Ich nicht?!« rief der süße Baron so empört, wie es sein Charakter einer Dame gegenüber erlaubte. »Meine Gnädige wissen doch, ich habe die Jungfrau bestiegen!! Und Sie brauchten nur zu winken, so würde ich auch ein Turmseil besteigen!!«
»Die Jungfrau - hm - aber ein Turmseil? Na, da machen Sie es mir doch erst einmal hier bei dem Brette vor! Ich winke also, ich bitte Sie darum.«
Der Baron hatte sich eine starke Blöße gegeben und war arg in die Klemme gekommen, aber in solchen Gesprächen war er sattelfest, da konnte er stundenlang quasseln und sich drehen und wenden, um Ausflüchte war er nie verlegen - und so wäre das zwischen den beiden noch eine Schraube ohne Ende geworden, wenn nicht noch zwei andere Personen erschienen wären, ein Herr und eine Dame, welche gleichfalls von dem Eremiten den Stein des Weisen zu erlangen wünschten, nämlich das unfehlbare System. Es kamen immer mehr hinzu, es bildete sich eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen, alle mehr oder weniger untenherum zerlumpt, und so konnte sich der Baron unlädiert aus dem Haupttreffen zurückziehen.
Um das System zu erfahren, hätten sich wohl alle dem Teufel verschrieben, aber über das schmale Brett da hinüberbalancieren - das war doch eine andere Sache, da konnte sie der Teufel am Ende ganz umsonst bekommen.
»Ssst, Miß Fidderly kommt,« hieß es da flüsternd. »Passen Sie auf, die geht gleich hinüber, die riskiert alles.«
Auf der Schaubühne erschien in schwerer, schwarzer Seide eine ältere, hagere Dame, noch nicht so sehr alt, noch nicht vierzig, aber eben eine alte Jungfer, das konnte man ihr schon von weitem ansehen.
Miß Fidderly hätte herrlich und in Freuden leben können, ihr Bruder war Großkaufmann und sie Teilhaberin am Geschäft, aber - sie war eben vom Spielteufel besessen. Nur wegen des Spielens hatte sie nicht geheiratet, sie hatte keine Zeit dazu gehabt. Ein Glück war es, daß ihr großes Vermögen im Geschäft festgelegt war und nicht belastet werden konnte, sonst wäre es schon längst mit ihr alle gewesen.
Weil Miß Fidderly einmal einen unverschämten Droschkenkutscher mit dem Regenschirm geschlagen hatte, mußte sie nach Ansicht dieser Herrschaften großen Mut besitzen - >Die riskiert alles!< - dann mußte sie auch über die gefährliche Brücke hinüberbalancieren, und energisch war die alte Jungfer jedenfalls, die ließ sich im Spielsaale ihren Stuhl nicht wegnehmen, wenn sie einmal aufstand und hinausging.
»Ist der Eremit drüben?«
»Jawohl, gnädige Miß. Sie können ohne weiteres hinübergehen.«
Das Brett wurde durch die Lorgnette am ellenlangen Stiele beäugelt, und bald war der Entschluß gefaßt. Eine ganz einfache Idee, und alle die andern mußten sehr beschränkt sein, daß sie nicht darauf gekommen waren.
»Ich bitte die Gentlemen, sich umzudrehen!« erklang es befehlerisch.
Erst erstaunte Gesichter, man vorstand ja gar nicht, was die da verlangte, nach und nach folgten die Herren der wiederholten Aufforderung, sie drehten sich um, wendeten aber natürlich bald die Gesichter nach der alten Richtung zurück, um zu sehen, was hinter ihrem Rücken vorging.
Ganz einfach - so einfach, wie Kolumbus das Ei stehen ließ.
Aufrecht hinüberzugehen, dazu hatte Miß Fidderly auch nicht ganz den Mut. Aber das wurde auch gar nicht verlangt, und da gab es noch etwas Mindergefährliches.
Sie blickte sich einmal nach den Herren um, da das aber die steife Engländerin sehr langsam tat, so hatten diese noch Zeit, durch Drehen ihrer Köpfe schnell wieder Diskretion zu heucheln, und als sich die alte Jungfer vor lüsternen Männeraugen gesichert sah, raffte sie, vor den Mitschwestern sich nicht genierend, ihr seidenes Kleid hoch - noch etwas höher - immer noch ein bißchen höher - kniete nieder, setzte sich rittlings auf das Brett, und so rutschte sie hinüber. Drüben kroch sie ans sichere Ufer und verschwand, ohne sich noch einmal umgeblickt zu haben, mit wieder züchtig herabgelassenen Kleidern hinter der Mauer.
Es war alles beobachtet worden, und nicht nur von den Damen.
Naaah! Das war wahrhaftig das Ei des Kolumbus! Das nachzuahmen, dazu hatten die meisten den Mut.
Das Brett blieb unten, und wenn nur immer eine einzelne Person hinüberkommen sollte, um Belehrung zu empfangen, wie man die herauskommende Nummer stets im voraus weiß, so hätte der Eremit die Brücke doch wieder hochziehen können - also rutschte immer ein Herr nach dem andern in vorgemachter Weise hinüber, natürlich, daß immer nur einer auf dem sich doch etwas biegenden Brette war, sonst hätte es knacken können.
Eine Dame machte vorläufig den Versuch noch nicht. Einmal befanden sich an dieser Seite der Schlucht noch immer einige Herren, und diese drehten sich ja doch um, und man hatte vorhin bei der alten Jungfer doch etwas gar zu viel gesehen - wenn auch mehr Knochen als Fleisch - und wenn man sich auch in Monte Carlo befand, in der Öffentlichkeit waren es doch schließlich alle anständige Damen, mußten es sein - und außerdem konnte man ja erst abwarten, was die Zurückkommenden erzählen würden. Unterdessen wurde viel gelacht, und einstweilen gesellten sich wieder neue Ankömmlinge hinzu, vom Wissensdurst, von der Neugier und ... vom Wahnsinn heraufgeführt, darunter auch ein vornehmes Pärchen, welches wir zu kennen bereits die Ehre haben.
Soeben erschien jenseits der Schlucht Miß Fidderly wieder, und die trotz ihrer Freiheit so keusche Engländerin schien jetzt keine Zeit zu haben, die Herren erst zum Umdrehen aufzufordern, sehr eilig traf sie ihre Vorbereitungen zum Rückritt.
»Was macht denn die da driem eegentlich?« sang die schöne Sächsin an des Offiziers Arm. »Nu, hat die denn gar keene Schämichte?! Nee awwer so was!«
Die hagere Dame saß rittlings auf dem Brette und begann die Rutschpartie.
»Nee, nu gucken Se mal bloß, Herr Graf, was die for därre Beene hat!!!«
Ob die Zuschauer dieses Deutsch nun verstanden oder nicht - jedenfalls kollerten sich alle vor Lachen.
»Was sagte er? - Verrät er es? - Wie macht man es?«
Mit diesen und mit andern Fragen wurde die zurückgekehrte Engländerin von allen Seiten bestürmt.
Aber Miß Fidderly würdigte die ganze Gesellschaft keiner Antwort, gar keines Wortes, sie hatte nichts gehört, ordnete ihr Kleid und trat die Klettertour nach unten an. Sie schien gar nicht recht zufrieden zu sein.
In der Mauerspalte erschien der erste Herr und rutschte wieder herüber, ein zweiter stand schon bereit, ihm zu folgen.
»Ja, er hat sein System erklärt, und ich glaube wohl, daß es geht. Es bedarf allerdings einiger persönlicher Vorbereitungen, es ist mystisch; verstehen Sie, meine Damen, um was es sich im Grunde genommen handelt? Die erste Hauptbedingung zum Gelingen ist die, daß man nichts davon verraten darf, sonst verliert das Geheimnis sofort seine Kraft. Es ist okkult, verstehen Sie, meine Damen? Er nimmt jeden persönlich vor. Bitte, meine Damen, rutschen Sie nur hinüber, Sie werden es erfahren. Es ist nämlich geradezu wunderbar! Es streift wirklich ans Übersinnliche. So etwas ist mir auch in meinen kühnsten Träumen nicht eingefallen. Nicht wahr, Monsieur Vendom? Rutschen Sie nur hinüber, Mademoiselle, es ist ja gar keine Gefahr dabei.«
So erklärte der erste Herr, und fast ganz genau so sprachen alle die andern Herren, welche nacheinander wieder herüberkamen.
So groß die Neugier und selbst die Erregung auch war, vorläufig fand sich noch keine der Damen dazu bereit, die Rutschpartie anzutreten; die Geschichte war ihnen doch etwas zu >genierlich<, es würde sich schon eine passendere Gelegenheit dazu finden, und einer der Herren würde schon schwatzen, man kannte doch die Herren der Schöpfung, man konnte vielleicht auch einmal die Delila spielen, die nur Simsons Kopf in den Schoß zu nehmen brauchte, um alles von ihm zu erfahren, und dann würde es sich ja zeigen, ob sich die Rutschpartie auch wirklich lohnte.
Nur einige der Herren, die bisher noch gezögert hatten, sich dem schwankenden Brette anzuvertrauen, riskierten es jetzt doch - natürlich immer rittlings.
»Nee, das mache ich nich, so gemeene bin ich nich, ich will ja ooch gar nich wissen, wie man beim Schpiehln egal gewinnt, das hawe ich ooch gar nich neetj, ich will mir nur emmal den seine Wohnung ahnguhken. Gomm Se, mei liewer Graf, awwer mir gehn glei uffrecht niewer.«
Die Balletteuse war also in dem Wahne befangen, um das Geheimnis zu erfahren, dazu dürfe man über das Brett nicht gehen, sondern man müsse unbedingt rutschen, das gehöre mit dazu - und da stand die elegante Ballerine auch schon mitten auf der schwankenden Brücke, dort drehte sie sich noch einmal gelassen um, wedelte sich mit dem Fächer Kühlung zu und sagte mit bezauberndem Lächeln:
»Was meenen Se denn nu, mei liewer Graf, wenn der jetzt mit eenem Male das Bräht wegziehn tähte, wo ich grade druffstehe. Wirden Se mir glei nachhubben?«
Und fächerwedelnd, mit gelassenem Schritte, setzte die schöne Balletteuse ihre Promenade fort. Die fühlte sich auf dem schwankenden Brette zu Hause.
Der sonnenverbrannte Offizier blickte einmal in die Schlucht, und dann war er mit acht meterlangen Schritten ebenfalls drüben.
»Awwer dahier isses scheene!«
Die beiden wurden eben noch Ohrenzeugen, wie der Eremit den Rutschreitern das große Geheimnis preisgab, aber nicht jedem einzeln, sondern er verfuhr summarisch.
»Wenn ihr imstande seid, aufrecht zu mir zu kommen, dann seid ihr fähig, die erste Lektion zu hören.«
So sprach der Eremit - und die Herren konnten wieder zurückrutschen.
Jene ersten hatten also ein Komplott gemacht. Sie wollten mit ihren geheimnisvollen Andeutungen die Damen veranlassen, über das Brett zu rutschen, das wäre ja nun für die Herren so ein Gaudium gewesen, dann hätten sie die Kletterpartie doch nicht gänzlich umsonst gemacht. Und die Herren, welche jetzt den Rückzug antraten, waren nun auch ohne weitere Verständigung gleich eingeweiht, was sie drüben zu sagen hatten, vielleicht gelang es dennoch, eine neugierige Evastochter aufs Brettl zu locken.
Aber fort mußten die Rutschkünstler jetzt, das half alles nichts.
Der letzte, welcher über das Brett zurückritt, war der alte Geck, der Baron. Auch er hatte schließlich zum Hinweg den Mut gefunden, und nun, da er sah, daß die Sache doch gar nicht so gefährlich sei, schwoll ihm der Kamm, und das Renommieren lag nun einmal in seiner Natur.
Wie er also in der Mitte des Brettes angekommen war, blieb er sitzen, klammerte sich mit den Händen an den Kanten fest und schlenkerte kühn mit den Beinen.
»Nirgends ist mir wohler als zwischen Himmel und Erde. Sehen Sie, meine Damen, so sitze ich immer zu Pferde.«
»Sie sitzen wohl auf dem Pegasus?« wurde gelacht. »Sie fangen ja sogar schon an zu dichten.«
Der Baron baumelte weiter mit den Beinen, bis sich mit einem Male das Lachen der Herren in ein Brüllen verwandelte, während die Damen plötzlich laut aufkreischten und sich meistenteils schnell wegwandten und auch noch das Gesicht mit Händen und Taschentüchern bedeckten, um das gräßliche Unglück nicht sehen zu müssen.
Es war nämlich etwas gebrochen - aber nicht das Brett, es erfolgte auch kein Sturz in die Tiefe.
»So sitzen Sie immer zu Pferde, Herr Baron?« brachte einer unter Lachen mühsam hervor.
»Jawohl, immer, immer. Na, was haben Sie denn eigentlich zu lachen? Nehme ich mich nicht sehr gut aus?«
»Sehr gut, sehr gut!!!« erklang es jetzt einstimmig, immer brüllend vor Lachen. »Photographieren! Wer hat einen Apparat da?!«
Eine kurzsichtige Französin wagte sich etwas näher an die Schlucht, bog sich vor, brachte die Lorgnette vor Augen, um zu erkunden, weswegen denn eigentlich so gelacht wurde, was es da zu sehen gäbe, und eine ebenfalls kurzsichtige Engländerin nahm gleich das Opernglas zu Hilfe.
»Iiiiiiiihh, fi donc!« quiekte die Französin.
»Shocking!« bellte die Tochter Albions.
Beide flohen entsetzt zurück und gesellten sich ihren weitsichtigeren Schwestern bei, die aber jetzt ganz hörbar zu kichern anfingen, während die Herren vor Lachen zu ersticken drohten.
Da mit einem Male ging dem alten Baron eine furchtbare Ahnung auf, es wurde ihm plötzlich so kühl am Leibe, er bekam einen unerlaubten Luftzug - und ein Glück war es nur, daß er das feste Land gewann, ehe ihn vor Schreck und Scham das Bewußtsein verließ ...
Die Hose war ihm an der Stelle, die beim Reiten am straffsten angespannt ist, total aufgeplatzt! -
Sofort, als der Baron von der Brücke herunter war, ging diese von ganz allein in die Höhe. Der Eremit schien wenigstens nichts zu tun, denn er stand ganz ruhig da. Aber ein großes Geheimnis brauchte nicht dahinterzustecken. Das Brett drehte sich am unteren Ende in Achsen, auch waren Seile daran befestigt, diese verschwanden am Boden in einem Loche, jedenfalls hingen Gegengewichte daran, alles war ausbalanciert, und da gehörte wahrscheinlich nur ein unmerklicher Griff dazu, um die Brücke zu heben.
»Du willst wissen, woher mir bekannt war, in welches Fach die Kugel immer fallen würde?« wandte sich der Eremit sofort an den Herrn. »Die Sache ist ganz anders. Die Kugel fiel stets dahin, wohin ich sie fallen lassen wollte. Die Kugel gehorchte meinem Willen! Auch du kannst ihr befehlen. Höre, Mensch: Besiege dich selbst, und die Naturkräfte müssen dir gehorchen!«
Der deutsche Offizier war ganz und gar nicht überrascht, hier so etwas zu hören. Ja, er war, als er einiges über den Einsiedler vernommen hatte, von vornherein fest überzeugt gewesen, daß der Eremit diese Worte oder solche mit ganz demselben Inhalte sprechen würde, er wäre jede Wette eingegangen.
Sei vollkommen Herr über dich selbst, und du bist Herr der ganzen Natur, die Elemente müssen dir gehorchen, du kannst Tote wieder lebendig machen, es ist dir eben gar nichts unmöglich.
Es ist die uralte Lehre, in sämtlichen Hauptreligionen enthalten, am intensivsten ausgesprochen im Buddhaismus: die Abtötung des Fleisches.
Der Eremit behauptete, es darin schon so weit gebracht zu haben, daß die kleine Elfenbeinkugel seinem Willen gehorchte. Das ist bereits ein recht ansehnlicher Erfolg.
Der philosophisch gebildete Offizier wunderte sich also nicht, und ebensowenig verlangte er von dem Weltüberwinder einen Beweis seiner Wunderkraft. Der wäre ihm natürlich versagt worden, und das Warum wäre ihm bewiesen worden.
Es ist ja ganz einfach. Wer es so weit in der Abtötung des Fleisches gebracht hat, der ist auch in der Erkenntnis Gottes - Gott ist ein persisches Wort und bedeutet >das Unfaßbare< - so weit gekommen, daß er sich in die Gesetze der Natur nicht einmischt, er gehorcht ihnen freiwillig. Würde solch ein Mensch seine Kraft zu irgend einem egoistischen Zwecks benützen, indem er etwa eine geliebte Person vom Tode erweckt - in diesem Augenblicke hat er seine Kraft auch wieder verloren. Er wird es aber überhaupt gar nicht tun. Indem er das Walten des Schicksals in seiner Weisheit erkennt, greift er diesem nicht vor, um die ewige Harmonie nicht zu stören, und wenn der Mensch die Macht hat, alle Schätze der Erde zu erlangen, so haben diese Schätze keinen Wert mehr für ihn; wenn er also so weit ist, sie zu erreichen, dann wird er sie nicht mehr erstreben. Eins hängt immer vom andern ab. -
Doch genug hiervon! Es gibt hierüber eine Menge Bücher; von den theosophischen Vereinen bekommt man sie geschenkt.
Der Eremit allerdings sprach zu dem deutschen Offizier, in dem er einen Kopf erkannte, der ihn verstand, was ihm wohl selten passierte, noch länger davon - wir aber halten es mit der schönen Ballerina, welche diese Unterhaltung wenig interessant fand und sich lieber die Wohnung des Eremiten >ahnguhkte<.
Sie sah nicht mehr als Prinzeß Turandot - aber viel weniger!
»Erlaum Se giedigst,« sagte sie und betrat die erste Felsenkammer, blickte sich darin um, das war die Wohnung des Eremiten, dieser bestätigte auch ganz zuvorkommend auf ihre Frage, daß er dort auf der nackten Steinbank schlafe.
»Nu awwer uff so'n nackjen Schteene wird 'ch nich schlafen,« meinte sie und betrat den zweiten Raum.
Hier schliff er also die optischen Gläser, der dritte war seine Vorratskammer - und dann mußte die Dame wieder umkehren, mehr Zimmer hatte der Einsiedler in den Felsen nicht eingemeißelt, es war weiter keine Tür vorhanden - und das war das Merkwürdige an der Sache!
Die Prinzeß, welche die Behausung in des Eremiten Abwesenheit betreten, war stracks durch eine Öffnung in eine vierte Kammer und immer weiter gegangen - und von dieser Öffnung war jetzt nichts mehr zu bemerken!
Als die Neugier der Balletteuse befriedigt war und sie zurückkehrte, hörte sie gerade, wie ihr Galan den Eremiten fragte, was die erste Bedingung sei, welche er von seinen Schülern fordere.
Die Antwort des Eremiten lautete:
»Gib alles, was du hast, den Armen - dann komme wieder zu mir, dann will ich weiter mit dir sprechen.«
Die Entgegnung auf diese Forderung kam nicht aus dem bärtigen Munde des Offiziers, sondern von den schönen Lippen seiner Begleiterin:
»Nee, heern Se, das tun mir nich. Mir mehrschtenteels nich. Nu, so dumm! For was bezahln mir denn Armschteiern? Adje, läm Se wohlriechend!«
Der Offizier fand höflichere Worte, machte sich aber auch schleunigst davon, und als sich beide noch auf dem wieder herabgesenkten Brette befanden, sagte die Ballerina nach rückwärts zu ihrem Begleiter:
»Heern Se, Herr Graf, der hat ooch ennen Biebmatz in Gobbe. Ich gloowe iewerhaubt, hier in Mondegarlo ham se alle Biebmätze. Mir gehn liewer wo andersch hin, sonstens kriegen mir ooch noch een!« -
Nach und nach kamen noch mehr Herren und auch Damen, welche aufrecht über die gefährliche Brücke gehen konnten. Sie alle hörten dasselbe, das A und das O aller seligmachenden Religionen, die erste Hauptbedingung, um sich freizumachen von seelischen Sklavenketten:
»Gib alles, was du besitzt, den Armen, wirf alles von dir - dann erst bist du überhaupt reif, den Geist meiner Lehre zu verstehen!«
Auch Monsieur de Haas erfuhr es, er hätte gar nicht nötig gehabt, deshalb einen besonderen Abgesandten zu dem Eremiten zu schicken, und er war beruhigt. Er lächelte mitleidig.
Mein braver Eremit, da hast du dich sehr geirrt, da kennst du das Publikum von Monte Carlo noch lange nicht!
Und daß er dreimal hintereinander die Nummer wußte, in welche die Kugel fiel? Einfach Zufall. Und wenn er sie ein dutzendmal hintereinander riet, so ... hatte er eben immer richtig geraten. Zufall, nichts weiter! Denn wenn in einer Staatslotterie, in welcher es so viele Tausende von Losen gibt, ein Mann, wie es schon vorgekommen ist, zweimal hintereinander den Haupttreffer zieht, so kann jemand in der Roulette mit nur 37 Nummern viel leichter ein dutzendmal hintereinander richtig raten.
Nein, von dieser Seite aus hatte die Spielbank von Monte Carlo nichts zu fürchten. Aber in einer andern Sache irrte sich Monsieur de Haas trotz aller seiner Welt- und Menschenkenntnis.
Höre, Leser: Stecke die wahnwitzigste Idee heraus, die du ersinnen kannst, und kleide sie in eine Lehre, behaupte etwa, du seist Adam, der Stammvater aller Menschen, der vor sechstausend und einigen Jahren gelebt hat - und wenn du nicht gläubige Jünger findest, welche dich als den wirklichen Adam anerkennen und dir Weihrauch streuen, dann will der Schreiber dieser Zeilen -... dein zweiter Jünger werden und dich anbeten! Dein erster wird er freilich nicht, das überläßt er einem andern, und dann ist er von seiner Verpflichtung frei, und vorausgesetzt wird auch, daß du ein geschickter Geschäftsmann bist, der Reklame zu machen versteht.
Denn die Gläubigen werden nicht alle, und der Dummen werden immer mehr. Das beweist täglich der Annoncenteil jeder Zeitung.
Ein stattlicher, alter Herr verließ die vor dem Riviera-Palast haltende Zahnradbahn und begab sich direkt in das Hotel.
»Ist der Hotelier zu sprechen?« wandte er sich an den Portier.
»Ich glaube. Wen darf ich melden?«
Der alte Herr zog schweigend eine Karte hervor - es war der Papa, der seine Kosakentochter holen wollte - wir nennen ihn also Fürst Alexjeff.
Er wurde sofort in ein für solch hohen Besuch bereitgehaltenes Zimmer geführt. Nach zwei Minuten trat unter mehreren Bücklingen Monsieur Bierling ein.
»Sie kennen mich! Ist meine Tochter hier?« hub ohne weiteres der Fürst in gereiztem Tone an.
»Prinzeß können jede Minute von einem Ausfluge zurück sein, den sie in die Berge zu machen beliebte,« entgegnete der Hotelier devot.
Der alte Papa war sehr erregt, sprang plötzlich vom Stuhle auf und deutete mit einer wilden Gebärde vor sich auf den Boden.
»Hier auf den Knien wird sie mir Abbitte leisten!!« rief er.
Da erwiderte Monsieur Bierling, zwar noch immer sehr devot, aber doch mit einer Dreistigkeit, die zuerst ganz unerklärlich war:
»Bitte, Durchlaucht, wollen Sie Ihrer Tochter nicht in andrer Weise wiederbegegnen?«
Der alte Fürst war denn auch zuerst ob dieser Ermahnung ganz starr, dann fuhr er empor und musterte den Sprecher von oben bis unten.
»Herr, wer sind Sie, daß Sie mir so etwas zu sagen wagen?! Sind Sie nicht der Hotelier?« fragte er in schneidendem Tone.
Da aber richtete sich auch der Gastwirt hoch empor, er war plötzlich ein ganz andrer.
»Ja. Und nicht einmal das, ich bin nicht einmal der Besitzer, sondern nur der angestellte Direktor von diesem Hotel. Aber ich habe Ihre Tochter auch nur als meinen persönlichen Gast aufgenommen, weil ich nicht sehen konnte, wie das junge Mädchen auf der Straße hätte schlafen müssen; denn nachdem sie aus zwei Hotels ausgewiesen worden war, hätte sie hier kein Obdach mehr gefunden - nur noch auf der Polizeiwache!«
Wenn wir von einem guten Herzen, verbunden mit echter Manneswürde, die hier wirklich vorlag, absehen, wenn wir diese Worte vom rein geschäftlichen Standpunkte aus betrachten, so war das eine überaus feine Spekulation des Hoteliers, daß er plötzlich so auftrat.
Er kannte den alten Fürsten nicht, aber die Tochter hatte ihm genug erzählt vom guten Papa, und er sah es dem alten Manne ja auch gleich an, daß diese Barschheit nur Verstellung war, der >gute Papa< konnte es ja gar nicht erwarten, seinen geliebten Kosaken wieder in die Arme zu schließen.
Doch es war keine Geschäftsspekulation, sondern es war Herrn Bierlings Charakter gewesen, der so gesprochen hatte!
Der Fürst wischte sich denn auch gleich die Augen, und dann reichte er jenem, der ihm so unverblümt die Wahrheit gesagt hatte, gerührt die Hand.
»Sie sind ein edler Mann, ich danke Ihnen. Ja, ich hatte schon gehört, daß man sie aus einigen Hotels hinausgewiesen hat, ich wollte sie auch strafen, zog meine Hand zurück, aber so - das habe ich nicht gewollt, das habe ich wirklich nicht gewollt! Na, wenn Sie sich ihrer angenommen haben, dann ist ja alles gut, verdient hat sie das gar nicht, die Karbatsche sollte sie eigentlich doch bekommen - jawohl, die Karbatsche! Na, was will man denn dagegen machen, sie ist nun einmal so, wie sie ist, 's ist eben ein wilder Kosak. Aber natürlich die Rechnung, die Rechnung, die bitte ich mir aus. Ach, und kann ich mir inzwischen nicht einmal ihr Zimmer ansehen?«
»Gewiß, Durchlaucht,« bejahte der Hotelier ebenso den Wunsch nach Besichtigung des Zimmers, wie den nach der Rechnung. Denn wenn der Fürst diese verlangte, dann konnte er sie natürlich auch für seine Tochter bezahlen, so übrig hatte es Monsieur Bierling denn doch nicht, und dann vor allen Dingen mußte er die Interessen derer wahren, in deren Brot und Lohn er stand.
»Werden Durchlaucht hier logieren?« fragte er noch auf dem Fahrstuhl.
Na, wer solch ein Ansinnen vorher an den alten Fürsten gestellt hätte, in dem Hotel zu wohnen, wo sich seine durchgebrannte Tochter aufgehalten hatte, der hätte aber eine Grobheit zu hören bekommen!
»Sicherlich, sicherlich,« beeilte er sich jetzt zu sagen. »Ich habe meine Sachen einstweilen im Hotel Metropole unterstellen lassen, die können dann gleich herbesorgt werden.«
In Wirklichkeit also hatte er schon ein Hotel, sein Diener war auch bereits dort. Aber der alte Diplomat hatte hier in diesem Hotelier einen Rivalen gefunden, der ihm in gewisser Hinsicht über war.
Himmel, sah es in den Zimmern aus, in denen der Kosak hauste!
Sie waren noch nicht in Ordnung gebracht worden, und ... es sah eben gräßlich liederlich darin aus! Ein Zimmer genügte ihr noch nicht, sie brauchte vier, um ihre Siebensachen überall am Boden ausstreuen zu können.
»Ja, hier wohnt meine Tochter,« erklärte der Papa mit gerührter Zufriedenheit, woraus man erkannte, daß er diese Unordnung mit ganz andern Augen betrachtete, vielleicht mit russischen Augen. »Das sehe ich gleich daran, weil auf der Wasserflasche ein Hut hängt und auf dem Sofa schmutzige Stiefeln liegen. Das macht meine Tochter immer so. Sie ist überhaupt sehr ordnungsliebend, weiß ihre Sachen immer gleich zu finden.«
Monsieur Bierling mußte sich bei dieser Äußerung väterlichen Stolzes krampfhaft auf die Lippen beißen, um nicht laut herauszulachen.
»Na, was hat sie denn nun eigentlich hier die ganze Zeit getrieben?«
Etwas hatte der Alte ja schon erfahren, sogar von der Polizei, aber dieser Hotelier konnte ihm doch die beste Auskunft geben, und Monsieur Bierling, welcher den >guten Papa< nun schon zur Genüge erkannt hatte, hielt nicht hinterm Zaun zurück, er schenkte ihm gänzlich reinen Wein ein, so beschrieb er unter anderm ganz ausführlich die Prügelszenen mit den Hausknechten, und der russische Papa freute sich wie ein Schneekönig über seinen ungeratenen Kosaken.
»Wirklich, gekratzt und gebissen hat sie - wirklich gebissen hat sie den Hausknecht?« schmunzelte er händereibend. »So ein Blitzmädel - ja, so war sie immer, im Kratzen und Beißen hatte sie was los.«
Etwas Übles war über den Wildfang ja in Wirklichkeit nicht zu berichten.
Dann schlug der Papa einen noch vertraulicheren Ton an, wurde zugleich aber auch etwas ängstlich, er kam so langsam von hintenherum, Turandot wäre doch kein Kind mehr, und hier in dem verführerischen Monte Carlo ...
I, Gott bewahre. Nicht nur er, der Hotelier, hätte alle Hände über sie gehalten, auch noch andere, vor allen Dingen Lord Hannibal Roger, für dessen Ehrenhaftigkeit er, August Bierling, die Garantie übernehmen wolle.
»Überhaupt,« setzte Monsieur Bierling noch hinzu, »die Prinzeß ist trotz ihrer kindlichen Naivität schon so selbständig, daß man sie getrost ihre eignen Wege gehen lassen könnte.«
Das war wieder etwas, was dem alten Herrn gar nicht recht zu gefallen schien.
»Ja, sie kann sehr selbständig sein, sehr selbständig,« seufzte der Minister, der aber in Familienangelegenheiten auch nur ein Mensch war. »Na da geben Sie mir einmal die Rechnung, daß die Vergangenheit gleich gestrichen wird.«
Die Rechnung war schon fertig, der Oberkellner brachte sie.
Die Prinzeß war noch gar nicht so lange hier, die Rechnung war auch gar nicht so lang - zwei Wochen volle Pension mit vier Zimmern und was dazu gehört - 2448 Francs 60 Centimes - - Riviera-Palast-Hotel - dankend quittiert.
Der Papa blickte sich nur noch einmal in den Zimmern um, dann steckte er die Rechnung ein, ohne eine Miene zu verziehen, sie war angenommen, er würde sie für seine Tochter Prinzeß Turandot bezahlen. Eine lächerliche Kleinigkeit für ihn, und so logiert eben eine Tochter des Fürsten Alexjeff!
Aber noch vor einigen Minuten, als er das Hotel betreten hatte, um seine ungeratene Tochter zu holen - da hätte ihm diese Rechnung nicht präsentiert werden dürfen, da hätte der Hotelier Gelegenheit gehabt, einen groben Russen kennen zu lernen.
»Gut, mein lieber Wirt, ich bezahle dann gleich. Wenn mein Kosak solche Schulden hat, da muß ich aber doch erst einmal zum Bankier. Mich freut es nur, daß sie hier bei Ihnen so gut aufgehoben war, nehmen Sie noch einmal meinen besten Dank entgegen, ich ...« der russische Fürst griff wie zufällig an das oberste Knopfloch seines Rockes - » ... werde Ihnen demnächst auch eine Freude bereiten. - Ja, was ich noch sagen wollte - könnte man gegen die beiden Hoteliers, welche meine Tochter, von der sie doch wußten, wer sie war, so rücksichtslos hinausgewiesen haben, nicht klagbar werden? Die verdienten doch eine exemplarische Strafe.«
Nein, das ging nicht. Klagen konnte man wohl, aber dann würde der Papa noch mehr als nur den Spott obendrein haben. Das brachte Monsieur Bierling dem alten Herrn mit gewandten Andeutungen bei, und der Fürst sah das auch schnell genug ein.
»Na, wenn die in Rußland wären, ich wollte sie ... bei uns in Rußland herrscht nämlich Gerechtigkeit,« meinte er nur noch, und dann fiel ihm etwas andres ein, die Hauptsache: »Ja, wo steckt sie denn eigentlich?«
Seit ihrem Abmarsch nach der Behausung des Eremiten waren nun schon vier Stunden vergangen, sie hätte wieder zurück sein können.
Doch zu Sorgen war vorläufig noch kein Anlaß. Der Leibdiener, welcher seinen Herrn auf der weiten Reise von Petersburg begleitet hatte, kam mit dem Gepäck. Der Fürst ward einquartiert, die erste Rechnung wurde bezahlt, ein halbes Stündchen geschlummert - und der Kosak war immer noch nicht da.
Vielleicht war sie schon im Kasino? Die gab nichts auf Toilette, und bei einer echten Prinzessin sieht auch der Anstandsmeister nicht so streng aufs Äußere, sonst wäre der Kosak niemals in die Spielsäle gekommen.
Der Vater wollte gleich selbst hinab, um seine Tochter zu suchen; er konnte es nicht erwarten, sie wiederzusehen, und Monsieur Bierling begleitete ihn, weil er am schnellsten Erkundigungen einziehen konnte, die Prinzeß brauchte sich ja auch nicht gerade im Kasino aufzuhalten.
Nein, Prinzeß Turandot war in ganz Monte Carlo nirgends gesehen worden.
Die Zeit verging. Der Fürst wurde dem Lord Roger und andern Herren vorgestellt, von denen er schon wußte, daß seine leichtsinnige Tochter bei ihnen tief in Schulden stecke - ach wo, Schulden!! Man war doch hier in Monte Carlo! Wenn hier nur jeder wirkliche Spaß so billig zu haben wäre!
Dann bekam der Fürst in Gesellschaft dieser Herren auch gleich die interessante Neuigkeit von dem maskierten Kapitän und dem Eremiten zu hören - aber dies alles brachte seine Tochter nlcht zur Stelle - und es wurde schon dunkel, die Nacht brach an!
Es waren heute also schon viele Personen oben an der Klausnerwohnung gewesen, sie wurden befragt - niemand hatte Prinzeß Turandot im Gebirge gesehen, und wenn man die Zeit nachrechnete, so mußte sie die erste gewesen sein, welche dem Eremiten einen Besuch abgestattet hatte.
Ein Monacascogner, welcher den Weg nach dem alten Steinbruch auch im Finstern fand, wurde hinaufgeschickt. Sehr bald kam er zurück.
Auf sein Rufen war der Eremit in der Mauerspalte erschienen und hatte willig Rede und Antwort gestanden. Die Erscheinung des Mädchens war leicht zu beschreiben, sie war auffallend, dazu der Bergstock, die Leine, die Korbflasche - in Condamine hatte sie nach dem Wege von La Turbie gefragt, man hatte sie am Gasthaus >Bellevue< vorbeigehen sehen, aber der Eremit wollte nichts von solch einem Mädchen wissen.
So war es zehn Uhr geworden. Es wurde Mitternacht, und die Prinzessin war noch immer nicht zurück!
Heute war nichts mehr zu machen. Warten! Die Gefühle des alten Vaters sind nicht zu schildern. Immer wieder mußte man ihm versichern, es sei ja gar kein Gedanke daran, daß sich die Prinzeß vor der Rückkehr des Vaters so gefürchtet habe, um Selbstmord begehen zu können. In dieser Nacht merkte der alte Mann, daß auch ein Fürst die Freundschaft des geringsten Hausknechts suchen kann, nur um ein tröstendes Wort von ihm zu hören.
Am andern Morgen wurden in Monaco möglichst viele ortskundige Leute geworben, sie durchstrichen das Gebirge nach allen Richtungen, ohne eine Spur von der Vermißten zu finden.
Jetzt mußte mit Bestimmtheit angenommen werden, daß das junge Mädchen verunglückt war. Ja, dann mußte es aber immer noch gefunden werden, und wenn es nur die Leiche war!
Am zweiten Tage wurden die Nachforschungen in noch größerem Maße eingeleitet. Der Kommandeur des französischen Forts Tête de Chien, welches auf hohem Felsen über Monaco wacht, stellte eine Kompagnie terrainkundiger Artilleristen zur Verfügung, auf den Generalstabskarten der führenden Offiziere war jeder Winkel verzeichnet, die meilenweite Umgebung wurde wie ein Schachbrett in Felder eingeteilt und so abgesucht, eine sehr hohe Prämie brachte die männliche Bevölkerung von ganz Monaco auf die Beine, jede Spalte wurde sondiert - nein, auch nicht verunglückt konnte sie im Gebirge sein.
Weiter konnte aber auch auf das bestimmteste konstatiert werden, daß sie keine Fahrgelegenheit benutzt hatte, um das kleine Fürstentum zu verlassen.
Jetzt wurde das Verschwinden der Prinzeß Turandot rätselhaft!
Der unglückliche Vater saß in einem Hotelzimmer, teilnahmlos, nur noch auf die Botschaft wartend, daß man die Leiche seines einzigen Kindes endlich gefunden habe - dann hatte er wenigstens Gewißheit.
Im Zimmer befand sich auch sein Diener, ein schon älterer Mann, trotz seines glattrasierten Gesichtes gleich den Stockrussen verratend, wenn es ihm auch lieber war, wegen seines guten Französisch und seiner Weltgewandtheit für einen Franzosen gehalten zu werden.
Er machte sich immer noch im Zimmer zu schaffen, ohne etwas darin zu tun zu haben, aber sein Herr wollte nicht aufmerksam werden.
Endlich war der Entschluß des Mannes gefaßt, offen trat er hervor.
»Durchlaucht!«
»Was willst du, Paul?« fragte der Fürst mit müder Stimme, ohne den Kopf aus der Hand zu nehmen und jenen anzublicken.
»Die hiesigen Leute sind gar nicht recht für das Suchen nach der gnädigen Prinzessin interessiert.«
Es lag hauptsächlich im Tone, welcher etwas Geheimnisvolles erst einzuleiten schien, daß jetzt der Fürst aufmerksam den Kopf nach dem Diener wendete.
»Was soll das heißen? Sind die dreitausend Francs Prämie nicht genug? Sie mögen verzehnfacht werden, wenn es nur Erfolg hat!«
»Durchlaucht verzeihen mir - ich glaube, daß auch das Hundertfache nicht den Eifer der Leute am Suchen beleben würde.«
»Weshalb nicht? Jetzt sprich offen, Paul, halte mich nicht hin!«
»Es geht hier ein Gerücht um - ein Gerücht - es ist die reine Torheit ...«
»Was für ein Gerücht? Nun heraus mit der Sprache, was es auch sei!«
Der Fürst hatte sich vor Spannung erhoben, er war auf alles gefaßt.
»Es fällt mir schwer ... glauben Durchlaucht an ... an ... Vampire?«
»An ... Vampire!« echote der Fürst mit bleichen Lippen nach.
Die Russen sind noch weit zurück. Der Glaube, daß sich böse Menschen zeitweilig in reißende Tiere verwandeln können, besonders die Sage vom Werwolf, ist in Rußland ungemein stark verbreitet, und nicht nur in den unteren Schichten des Volkes. Wie es in den oberen aussteht, das bemerkt man am meisten bei den heiligen Festen, am Neujahrstage, bei Kindtaufen usw., da huldigen in Rußland auch die gebildetsten Kreise dem gröbsten Aberglauben, und wenn man den Hokuspokus auch lachend vornimmt, weil man daran ja gar nicht glaubt - es wird eben doch getan, und das genügt schon, mehr verlangt ja der Aberglaube gar nicht.
Paul war von der Existenz des menschlichen Werwolfes, der es ebenfalls hauptsächlich auf unschuldige Mädchen abgesehen hat, fest überzeugt. Er hatte nämlich einmal >Etwas erlebt<, worüber er allerdings niemals sprach, nur immer schauerliche Andeutungen machte. Die Sage von Vampiren kennt man in Rußland gar nicht, dort mag es den menschlichen Blutsaugern zu kalt sein, die verwandeln sich dort lieber in Wölfe mit zottigem Fell. Aber Paul war gebildet genug, um davon zu wissen, und wenn es Menschen gibt, die sich in Wölfe verwandeln können, warum sollen sie in andern Gegenden nicht auch andre Gestalten annehmen?
Der alte Fürst glaubte im Grunde genommen weder an den Vampir noch an seinen einheimischen Werwolf noch an sonst etwas dergleichen; aber er hatte als Kind doch so viel davon hören müssen, daß dies jetzt, in Verbindung mit seiner verschwundenen Tochter gebracht, einen gewaltigen Eindruck auf ihn machte. Dazu kamen nun noch die schlaflosen Nächte, die seine Nerven beeinflußten.
»Nein, ich glaube nicht an dieses Märchen von blutsaugenden Vampiren in Menschengestalt. Doch was ist's, Paul, sprich offen, ich befehle es dir!«
»Die Leute behaupten, es triebe hier ein Vampir sein Wesen ...«
»Unsinn! Aberglaube!«
»Durchlaucht befahlen mir, ganz offen zu sprechen.«
»Du hast recht. Fahre fort!«
»Man sollte doch lieber alles in Betracht ziehen.«
»Das werde ich auch tun. Was also sagen die Leute hier? Erzähle!«
»Durchlaucht haben schon den schwarzmaskierten Herrn gesehen? Es soll ein Vampir sein, und nach dem, was sich auf der sogenannten Teufelsinsel abgespielt hat, auf welcher hier die Selbstmörder begraben werden, kann man das auch annehmen. Selbst einer seiner Matrosen hat schon junge Mädchen zu ihm zu locken versucht, und zwar unter ganz erschwerenden Umständen. Nun ist hier von vornherein gesagt worden - woher das die Leute wissen wollen, das ist mir freilich unbegreiflich - und es fällt mir schwer, Eurer gütigen Durchlaucht noch mehr Sorge zu bereiten ...«
»Er hätte es auf meine Tochter abgesehen?« kam der Fürst dem Stockenden zu Hilfe, und er war ganz gefaßt dabei, was freilich sehr unnatürlich erschien.
»Durchlaucht sagen es. Das erste Mädchen, welches aus Monte Carlo verschwände, würde die Prinzeß sein - sein erstes Opfer - so hat es allgemein in ganz Monaco geheißen - die Leute hier sind gar nicht verwundert, daß die Prinzeß plötzlich verschwunden ist - und gerade unter solchen Umständen - denn der Maskierte ist gesehen worden, wie er bei nächtlicher Weile im Gebirge umherstrich - und es war Vollmond ...«
Wir wollen nicht weiter zuhören, was der Diener erzählte.
Auf dem Tische lag eine kleine Zeitung, >Die Maske<, in Monte Carlo ganz neu erschienen. Sie berichtete einzig und allein, wie schon ihr Name anzeigte, über den maskierten Kapitän und was mit diesem zusammenhing.
Monsieur Girard hatte für gut befunden, deswegen täglich eine besondere Zeitung herauszugeben. Dafür aber kostete die winzige Nummer auch einen ganzen Franc, den Preis der offiziellen Fremdenzeitung hätte er nicht erhöhen dürfen, und es war eine glückliche Spekulation gewesen, die Nummern gingen ab wie die warmen Semmeln und fanden ihre Verbreitung noch weit außerhalb der Grenzen des >Reiches<.
Zur Herausgabe der Zeitung brauchte er die polizeiliche Erlaubnis, die hatte er erlangt, und man wunderte sich nur, was in der >Maske< alles erzählt wurde, ohne daß die Polizei jemals eine Nummer konfiszierte.
Es konnte nur sein, daß die >Regierung< selbst wünschte, das >Volk< würde über die mysteriösen Vorfälle aufgeklärt. Das tat diese Zeitung nun freilich nicht, sie verdunkelte durch geheimnisvolle Andeutungen nur noch mehr.
Die erste Nummer hatte die Unterhaltung zwischen dem Kapitän und dem Journalisten wörtlich wiedergegeben, und wenn der Maskierte einmal während des Gespräches ein Papiermesser vom Tisch genommen hatte, so stand das auch mit drin. Das war also nichts weiter, dagegen hatte die hohe Polizei nichts einwenden können.
Dann war auch schon das Elixier untersucht worden, und jetzt wurde die Sache etwas interessanter.
Es war, wie der vereidigte Chemiker mit Bestimmtheit konstatieren konnte, der Hauptsache nach eine konzentrierte Lösung von Ambra in Alkohol. Dann waren noch andere Zersetzungsprodukte organischer Substanzen darin, gerade solche Zersetzungsprodukte kann man aber sehr schwer bestimmen, so weit ist die organische Chemie noch nicht; der Chemiker glaubte, dem Geruch nach nur behaupten zu dürfen, daß es sich um Reptilien und Krustentiere handle.
Also doch! Wirklich Schlangen, Eidechsen und Krebse! Der vereidigte Chemiker von Monaco hatte es gesagt!
Für die Sensationslust des Publikums waren die Schlangen und Eidechsen natürlich die Hauptsache, da schauerte man so schön zusammen.
Aber die Zeitung verfehlte nicht, auch auf eitle andre Tatsache hinzuweisen.
Ambra löst sich in Alkohol so leicht und in derselben Menge wie Zucker in Wasser. Es war aber eine konzentrierte Ambralösung, und das Gramm Ambra kostete in der Apotheke fünf Francs.
Wenn der Kapitän jeden Tag nur einen Teelöffel voll von dem Elixier eingenommen hatte, so hatte er täglich für mindestens 20 Francs Ambra verschluckt! Sapristi, das war eine teure Medizin, und die zwölf Jahre lang täglich genommen!! Ja, dann freilich war der Indier auch gar nicht so teuer gewesen, als er für seine Kur 100.000 Rupien verlangt hatte. Fast die Hälfte davon hatte ja der Kapitän allein an Ambra verschluckt!
Dann weiter in derselben Nummer: Das weiße und das schwarze Haar stammte von ein- und derselben Person, die verschiedene Farbe hatte dabei nichts zu sagen, die Struktur und alle Eigenschaften waren dieselben, an diesem Gutachten eines Sachverständigen war nicht zu rütteln!
Nun konnte jeder über die Verjüngungskur denken, was er wollte. Die >Maske< stellte nur die Tatsachen fest.
Schon die nächste Nummer aber beschäftigte sich mit dem Doppelselbstmord in der Pension Blond, mit dem rätselhaften Verschwinden der Leiche des jungen Mädchens und mit den Vorgängen auf der Teufelsinsel.
Doch konnte die Zeitung nur das erzählen, was die Augen der Beamten dort gesehen hatten. Monsieur Girard hatte täglich Zutritt zu dem Kapitän, aber was dieser in jener Nacht erlebt hatte, darüber wollte er sich mit keinem Worte auslassen, daß müsse er erst nach andrer Stelle berichten.
Übrigens werden wir Monsieur Girard selbst begleiten, wenn er sich nach jener Schreckensnacht auf der Teufelsinsel zu dem maskierten Kapitän begibt, jetzt wollen wir bei den Zeitungen bleiben, welche vor dem Fürsten Alexjeff aus dem Tische lagen.
Als einzige Tatsache konnte die >Maske< nur angeben, daß jenes Leichenhemd, welches der jedenfalls vom Starrkrampf befallene Kapitän angehabt hatte, wirklich das des jungen Mädchens gewesen war, daran war kein Zweifel, also ...
Und nun konnte Monsieur Alfons Napoleon Bonaparte Girard in seiner kühnsten Phantasie allein weiterschwelgen, und das gesamte Publikum schwelgte mit ihm.
Ach, was ließen sich da nicht für Hypothesen aufstellen!!
Daß das kein Starrkrampf gewesen war, das war ja ganz klar! Der maskierte Kapitän war einfach schon tot gewesen, also er hatte schon in der Todesstarre gelegen, aber es hatte nur die Berührung einer warmen Hand bedurft - die des Arztes - um ihn wieder dem Leben zurückzugeben, und gar kein Zweifel, jede Nacht fiel dieser Vampir, der sich mit Leib und Seele dem Teufel verschrieben hatte, in solch einen >unnatürlichen Todesschlaf<, und dann ...
Doch genug! Wir haben uns schon von den >Tatsachen<, welche Monsieur Girard berichtete, zu den Gerüchten verirrt, die unter dem Publikum zirkulierten, und wenn wir erst hiermit anfangen wollten, da würden wir überhaupt niemals fertig. Weil wir nun aber einmal dabei sind, so wollen wir uns mit eigenen Augen ansehen, was der Prinz von Monte Carlo treibt.
In sinnloser Furcht hatte er die Teufelsinsel verlassen. Doch konnte das ebensogut eine sehr große Erregung gewesen sein, die er schon ziemlich wieder bemeistert hatte, als er in Condamine die Pferdebahn bestieg. Auch das Hotelpersonal merkte dann dem Kommenden nichts weiter als nur eine große Hast an.
Zwei Stunden hielt er sich in seinem Zimmer auf. Unterdessen war auch seine Ordonnanz zurückgekommen, diese konnte durch das eigene Zimmer zum Herrn Kapitän gelangen, und nach den zwei Stunden sollte sie Monsieur Girard holen. Der quälte schon seit langer Zeit die Kellner mit neugierigen Fragen, und ob es denn gar nicht möglich sei, vorgelassen zu werden.
Er wurde vom Kapitän empfangen.
»Fragen Sie mich nichts, ich antworte nicht!« rief ihm der Maskierte gleich entgegen. »Ich habe in diesem Fürstentums etwas erlebt, worüber ich nicht sprechen darf, so lange ich nicht die Erlaubnis dazu habe. Verstehen Sie mich?«
Es blieb dem Redakteur wohl nichts andres übrig, als zu bejahen.
»Können Sie mir die genaue Adresse des Fürsten geben?« fuhr der Kapitän fort.
Ja, das konnte Monsieur Girard. Der Fürst von Monaco hielt sich zur Zeit mit seiner Jacht in Christiania auf, mit Beginn des Sommers wollte er noch höher nach Norden hinauf. Man munkelte sogar etwas von einer kleinen Nordpolexpedition - woraus dann freilich nichts geworden ist.
Auf dem Tische lag ein versiegeltes, umfangreiches Kuvert, der Kapitän setzte sofort die angegebene Adresse darauf. Er hatte unterdessen also wirklich an den Herrn dieses Landes über den Vorfall berichtet, und das ging nicht erst nach Paris. Auch hatte er schon Toilette gemacht.
»Hängt es vielleicht mit der Familiengeschichte des Fürsten zusammen?« fragte der Journalist, so ungefähr an eine weiße Frau denkend.
»Monsieur Girard, wenn Sie diese Sache noch einmal mit einer einzigen Frage berühren, dann sind wir für immer geschieden. Ich brauche Ihnen ferner wohl nicht erst zu sagen, wie unangenehm es den Fürsten berühren würde, wenn Sie solch einen Verdacht, wie Sie ihn eben andeuteten, veröffentlichten, und was das vielleicht für Folgen für Sie haben könnte ...«
Nein, das würde der Redakteur auch nicht tun, so klug war er allein. Von den Familienangelegenheiten des Fürsten steht in ausländischen Zeitungen mehr, als man in Monaco davon weiß.
»Kann ich dem Herrn Kapitän sonst mit etwas dienen?«
»Ja, ich hatte Sie hauptsächlich auch wegen etwas ganz andern zu mir bitten lassen, des Fürsten Adresse hätte ich auf der Post ja auch erfahren. - Ich fühle mich im Hotel nicht wohl. Ich will mir so schnell als möglich eine eigene Wohnung anschaffen. Können Sie mir behilflich sein, ein Haus zu kaufen?«
Ja, das konnte Monsieur Girard. Gelegenheit dazu war genug vorhanden: denn in Monte Carlo und Umgegend sind immer von drei Häusern zwei zu verkaufen, meist vollständig möbliert, darunter auch Schlösser und Paläste, das >à vendre< hängt überall im Fenster.
Das steht in enger Beziehung mit der Spielbank. Ein reicher Mann kommt zum ersten Male nach Monaco, er ist von dieser Szenerie entzückt - >hier bleibe ich oder hierher komme ich doch jedes Jahr, hier muß ich ein Haus haben!< - entweder kauft er sich eins, die Auswahl hat er, oder er läßt sich gleich eins nach seinem Geschmack hinbauen - eines Tages hat er von der Geschichte die Nase voll bekommen - >nee, nee, hier bleibe ich lieber nicht!< - à vendre, zu verkaufen.
Der Herausgeber des >Le Monte Carlo< schien sich auch mit Häuservermittlung abzugeben, er hatte sämtliche Kaufobjekte von Monaco im Kopfe und wußte auch ihren Preis, auf dem Tische hatte schon eine große Karte von Monaco ausgebreitet gelegen, so konnte er immer gleich die Lage des betreffenden Hauses bezeichnen.
Die Preise schwankten zwischen 50.000 und einer Million Francs. Es gibt aber auch noch teurere, denn schon zu einer Villa gehört doch ein größerer Garten, man will doch hier Palmen und Orangen haben, und in der besseren Lage Monte Carlos ist das Quadratmeter nicht unter 800 Francs zu haben. Sogar am öden Strande von Monaco, wo die Sonne alles verbrennt, kostet er noch 200 Francs.
Aber dem maskierten Kapitän schien keines der Angebote zu behagen.
»Ich habe schon von der Gaumates-Schlucht gehört. Wie sieht es dort aus?«
Die Gaumates-Schlucht trennt also die Neustadt Condamine von Monte Carlo. In der Nähe des Strandes ist hiervon nichts zu bemerken, aber besonders auf dem Boulevard du Nord, wo die beiden Städtchen zusammengrenzen, jedoch durch eine 45 Meter hohe Brücke voneinander getrennt, dort gewinnt man einen großartigen Blick in diese dicht mit Häusern besetzte Schlucht.
»O, das ist nichts für Sie, Herr Kapitän.«
»Warum nicht?«
»Einmal sind dort nicht Pferd und Wagen unterzubringen, welche Sie sich doch, wie Sie vorhin sagten, anschaffen wollen ...«
»Das hätte nichts zu sagen, die könnten anderswo eingestellt werden.«
»Und in der Gaumates-Schlucht sind keine Häuser zu verkaufen,« ergänzte der Redakteur seinen begonnenen Satz.
»In der Welt ist alles zu verkaufen.«
»Doch nicht, Herr Kapitän. Entschuldigen Sie, wenn ich hierin zu widersprechen wage. Sämtliche Häuser in der Gaumates-Schlucht gehören Herrschaften, welche es nicht nötig haben, zu verkaufen. Vielleicht wohnen sie niemals drin, aber sie werden auch niemals vermieten. Hier handelt es sich eben um eine Kuriosität, wie es eine solche sonst nirgends in der Welt gibt.«
Der erfahrene Redakteur sprach die Wahrheit, aber der Kapitän war eigensinnig oder glaubte, mit seinem Golde alles durchsetzen zu können.
»Ich will doch zuerst in der Gaumates-Schlucht Umschau halten,« beharrte er, »jetzt machen Sie mich gerade lüstern. - Ordonnanz, einen Wagen!«
Er wollte auf der Stelle hinfahren, Monsieur Girard möchte ihn begleiten, und es war einmal eine große Ausnahme, daß die Ordonnanz nicht mitkam.
Sie hätten auch die Pferdebahn benutzen können. Man steigt auf der belebten Hauptstraße aus, geht nur hinüber auf die andre Seite und betritt vom Trottoir aus die Gaumates-Schlucht, welche ja von Monte Carlo, respektive von Condamine rings eingeschlossen ist.
Das ist nun wieder so etwas, was sich nicht beschreiben läßt, und wenn es ein Maler bildlich wiedergibt, wie es in dieser Schlucht aussieht, so würden die meisten Menschen sein Bild für die Ausgeburt einer wahnsinnigen Phantasie halten; denn so etwas kann es ja gar nicht in der Welt geben.
Links vom Eingange zur Schlucht - also immer mitten in der Stadt! - ist die Restauration Terminus mit der feinsten Austern-Bar, rechts hält der Gambrinus Wache, ein Lokal mit fidelem Tingeltangel. Noch einige Schritte - nur vier große Schritte - und man befindet sich in der wildromantischen Schlucht und steht vor einer reizenden Kapelle, von durchgegangenen Liebespärchen, denen aber zur ehelichen Vereinigung sonst nichts im Wege liegt, stark zu Trauungen benutzt. Hinter dieser Kapelle aber fängt gleich die richtige Wildnis an, eine wilde Schlucht, wie sie im Buche steht, wie sie nur ein phantasiebegabter Knabe in seinen Indianerträumen sich ausmalen kann, ein Paradies für Rinaldo Rinaldini. Im Hintergrunde stürzt der schon erwähnte Bach, dem auch der Eremit Wasser entnahm, 70 Meter hoch herab; er durchfließt in noch mehreren Fällen und Kaskaden die vielleicht 12 Meter breite Schlucht, und da gibt es Höhlen und Felsklippen und alles mögliche, überwuchert mit Büschen und Schlingpflanzen, und wenn man nur an den Bach will, da stürzt man ganz sicher ab und bleibt tot liegen - und niemand verbietet dieses Vergnügen!
Und das ist keine künstliche Dekoration à la Weltausstellung. Natürlich ist die Schlucht in der Mitte der Stadt mit Absicht so wild gelassen worden. So etwas ist eben nirgends anders möglich als nur in dem einzigen Monte Carlo! Denn Monte Carlo hat keine Einwohner, Monte Carlo hat nur Fremde, die in Hotels wohnen. Hier gibt es keine Straßenjugend, die von Monaco und Condamine darf nicht nach Monte Carlo herein, und so ist hier kein Verbot angeschlagen, man kann tagelang in den Höhlen zubringen, sich ein Feuer anzünden, wie ein Wilder leben - niemand kümmert sich darum - und abends geht man nebenan ins Tingeltangel.
Nur kann man, wenn man so in der wilden Einsamkeit träumend daliegt, eine kalte Dusche oder aber auch etwas andres auf den Kopf bekommen. Oben in einer Höhe von 45 Metern führt nämlich über die Schlucht hinweg eine Brücke, und zwar ist das eine belebte Hauptstraße, jetzt fährt dort oben auch die Elektrische. Das Pflaster wird immer gesprengt, da verirrt sich manchmal ein Wasserstrahl über das Geländer hinaus, dort oben sitzen Streichholz- und Orangenverkäuferinnen, dort oben flanieren die vornehmen Herren und Damen und - spucken der romantischen Wildnis da unten einmal auf den Kopf. O, es ist herrlich hier unten, wenn einem auch manchmal auf den Kopf gespuckt wird!
Nun ist aber diese wildromantische Schlucht, in der man sich in einer richtigen, jungfräulichen Wildnis fühlt, auch dicht mit Häusern besetzt.
Kann der geneigte Leser sich dies zusammenreimen? Wohl schwerlich. Und doch ist es so. Nur zu beschreiben ist das nicht, das muß man selbst sehen, um es glaubhaft zu finden, also kann es nur beim Versuch bleiben, dieses seltsame Bild der Widersprüche beschreiben zu wollen.
Die Häuser ziehen sich nämlich zu beiden Seiten dicht nebeneinander die steilen Felswände hinauf. Aber nun wie sie das tun!! Es gibt wohl Felsvorsprünge, doch als Fundament für ein Haus ist keiner zu benutzen. Alles ist nur so drangeklebt. Solch ein Haus ist mit 15 bis 20 Stockwerken an die 50 Meter hoch, ragt also noch weit über die Brücke hinaus, ein New Yorker Wolkenkratzer, und dabei hat es nur 5 Meter Front und die noch nicht einmal. Es ist alles in den Felsen hineingemeißelt. Da hängen überall in der Luft kleine Gärtchen mit herrlichem Blumenflor, oben im Himmel wachsen riesige Palmen, da ragt aus der nackten Felswand ein horizontaler Block in der Größe eines Quadratmeters hervor, auf dem steht ein Mann und begießt sein Gemüsegärtchen, das er auf diesem im Himmel schwebenden Quadratmeter Land angelegt hat, und wohl sieht man überall halsbrecherische Treppchen, aber man sieht keinen Ein- und Ausgang, und da kann man stundenlang liegen und mit den Augen suchen, man entdeckt immer wieder etwas Neues, etwas Wunderbares, und man weiß gar nicht, wie die Bewohner der Häuser eigentlich in diese hineinkommen können! Hier geht eben alles von hintenherum, die Felsen sind mit Tunnels durchsetzt wie die Ameisenhaufen, und das hängt alles so hoch oben, daß man die Gitter gar nicht sieht.
Die Bewohner dieser Häuser können in einer Minute am Meere sein, die betreffenden Türen sind natürlich unten, aber sie worden selten oder überhaupt gar nicht benutzt, denn auf diesem kurzen Wege durch die Schlucht kann man erst einigemal wie in den Alpen abstürzen. Deshalb klettern die Bewohner lieber zum Dache hinaus, ihre Häuser reichen ja aus der jungfräulichen Wildnis bis in das lärmende Treiben von Monte Carlo Supérieur hinauf, haben also den Haupteingang mit Portal und mit Räumen für Pferde und Wagen oben auf dem Dache, die Bodenkammer unten im Keller ...
Die ganze Geschichte ist so kompliziert, daß hiermit der Versuch aufgegeben wird, sie zu beschreiben. Das muß man sich selbst ansehen.
Aber die Tatsache bleibt bestehen: wenn man dort unten träumend in der einsamsten Wildnis liegt, sieht man direkt über sich im Himmel eine ganze Stadt hängen.
Die Equipage hielt neben der Kapelle, weiter konnte sie nicht fahren.
»Ah, hier ist es herrlich!« rief der Kapitän entzückt, nachdem er wenige Schritte getan hatte. »Solch ein Haus muß ich haben!«
Der Franzose schwatzte noch lange davon, daß hier leider nichts zu verkaufen sei, sich immer entschuldigend, als könne er etwas dafür, während der Kapitän schon Umschau hielt, welches der gefährlichen Felsennester am meisten seinem Geschmack entspräche, um es dann zu kaufen, ob der Besitzer damit einverstanden war oder nicht. Solch einen Eindruck machte diese Häuserschau wenigstens, im übrigen war sie ja ganz zwecklos.
Die linke Seite schien dem Kapitän nicht zu gefallen, mit der war er schnell fertig. Desto länger verweilte er bei der rechten Felswand. Er hatte einen Krimstecher umgehängt, den nahm er, setzte sich auf einen Stein und begann eins der Häuser nach dem andern zu mustern.
Aber wie er das tat! Jedes Fenster einzeln! Was der Mann für eine beispiellose Geduld hatte! Der lebhafte Franzose verzweifelte bald, und er wagte trotzdem nicht zu gehen, etwas zu sagen, es hätte ja doch auch keinen Zweck gehabt, der seltsame Kapitän wäre doch nicht aus seiner Ruhe zu bringen gewesen, Monsieur Girard kam sogar dem Hungertode nahe ...
Es sei kurz erklärt, warum Monsieur Alfons Napoleon Bonaparte Girard bald verzweifelte und sogar dem Hungertode nahe kam.
Um elf Uhr hatten die beiden die Schlucht betreten - und nachmittags um fünf Uhr, also sechs Stunden später, saß der Kapitän immer noch auf demselben Steine, den Krimstecher vor der Maske und musterte jedes einzelne der zahllosen Fenster aufs genaueste, und während dieser sechs Stunden hatte er kein einziges Wort gesprochen, sein Begleiter existierte nicht für ihn.
Sechs Stunden auf demselben Flecke sitzen, ohne sich zu rühren, immer den Krimstecher vor den Augen!! Findet man Worte? Nein, Monsieur Girard hatte von phlegmatischen Engländern schon manches erlebt, aber so etwas wie bei diesem internationalen Kapitän, der sich einen über neunundsiebzig Untertanen herrschenden König nannte, denn doch noch nicht! So etwas war ihm ganz neu! Das war keine Ausdauer mehr, das war - etwas anderes. Denn das war auch nicht mehr ein harmloser Spleen, wenn man einen andern Menschen dabei bald des Hungers sterben läßt. Der höfliche Franzose, der heute früh zum Kaffee erst ein Brötchen genossen hatte, wagte sich ja nicht zu entfernen, dieses maskierte Ungeheuer hatte doch einen vom Fürsten eigenhändig geschriebenen Passepartout und hörte ja überhaupt gar keine Frage!
Doch endlich, endlich nach diesen sechs Stunden, die Dämmerung des Februartages brach schon an, setzte der Kapitän den Krimstecher ab und sagte in ruhigem Tone, auf einen bestimmten Wolkenkratzer deutend:
»Dieses Haus gefällt mir am besten.«
Ja, das war ihm zu glauben! Das bizarrste hatte er wenigstens endlich herausgefunden. Dieses Haus, nicht einmal 5 Meter breit, stieg sogar im Zickzack zum Himmel hinauf, und in den zahllosen Winkeln überall Gärtchen und Treppchen und verdeckte Brückchen - eben ein Wunder der Phantasie.
Aber hatte der Kapitän denn nur wirklich sechs Stunden dazu brauchen müssen, um endlich herauszufinden, daß dieses Haus, welches hier nicht seinesgleichen hatte, seinem Geschmacke am meisten entspräche? O, dem Manne mit dem schönen Namen Alfons Napoleon Bonaparte standen die Augen schon längst voll Tränen, er weinte über seinen knurrenden Magen.
Dabei hatte das lange Suchen dieses Ungeheuers nicht einmal Zweck gehabt!
»O, Monsieur Kapitän, die Mäander-Burg ist gerade am wenigsten verkäuflich!« hatte der Journalist sofort gerufen.
»Mäander-Burg? Dieser Name paßt ausgezeichnet. Wem gehört sie?«
»Seiner Herrlichkeit dem Lord Roger, und der ...«
»Dem Lord Hannibal Roger?!« wurde er hastig unterbrochen, und mit einer schnellen Bewegung hatte sich der Kapitän ihm zugewandt. »Logiert der nicht im Hotel de Paris?«
»Ja, aber wenn er dieses Haus auch nicht mehr bewohnt, weil er sich an dem Spielzeug übersättigt hat - verkaufen wird er es niemals, denn er hat dieses phantastische Ding selbst entworfen, hat den Bau selbst geleitet, sogar selbst mit daran gearbeitet, mit Meißel und Kelle, und Lord Hannibal Roger ist vielleicht der reichste Mann von England, und ...«
»Schon gut, schon gut,« unterbrach der Kapitän mit nachlässiger Handbewegung den Redefluß des Franzosen. »Und ich bin der Mann, welcher hier nicht so lange vergebens seine Auswahl getroffen haben will. - Nun, mein lieber Monsieur Girard,« fuhr es dann hinter der Maske in heiterem Tone fort, »Sie haben wohl inzwischen etwas Appetit bekommen?«
Appetit? Jetzt wurde der Malefizkerl auch noch ironisch. Aber der Chefredakteur des >Le Monte Carlo< war ein höflicher Franzose.
»O, so schlimm ist es gerade nicht,« lächelte er, während sich schon seine Tränen der Verzweiflung in solche der Freude verwandelten, weil er endlich von seiner Qual erlöst werden sollte. »Es hat ein wenig lange gedauert, es ist unterdessen dunkel geworden, aber wenn man ein Haus kaufen ...«
»Dunkel? Nennen Sie das wirklich dunkel? Ich finde das noch ganz hell. Sehen Sie dort am Rande des Baches die drei einzelnen Blumen?«
Plötzlich hatte der Kapitän etwas Blitzendes in der Hand, und ehe der Redakteur noch ahnte, was das sein könne, donnerten in der engen Schlucht drei Revolverschüsse, ein hundertfältiges Echo gebend.
»Weg sind sie! Da kann es doch noch nicht dunkel sein. Nun will ich gleich diesen Lord Roger aufsuchen. Diese Mäander-Burg muß ich haben.«
Ob er die drei Blumen wirklich weggeschossen hatte, das wußte Monsieur Girard nicht - er wußte überhaupt nur eins: sein Begleiter hatte dreimal mit dem Revolver geschossen! - hatte in Monte Carlo geschossen!! - in Monte Carlo war geschossen worden, ohne daß es einen Selbstmord gab!! Himmel, stürz ein! - Monsieur Alfons Napoleon Bonaparte war schon eingestürzt! Wie er dann nach dem Wagen gekommen war, wußte er später nicht mehr zu sagen.
Der Leser wundert sich, er fragt, was für ein ungeheuerlicher Fall hier denn eigentlich vorläge, daß so lange dabei verweilt wird?
Man nehme doch nur an, jemand besieht sich das Kaiserliche Residenzschloß, und wie er ins Allerheiligste geführt wird, zieht er aus der Tasche einen Revolver und fängt an, aus dem Fenster nach Spatzen zu schießen!
Ungefähr derselbe Fall lag hier vor. In dieser Schlucht ist alles, alles erlaubt - aber nur nicht schießen! Das beleidigt in Monte Carlo die Ohren gar zu sehr! Eine Ausnahme bilden nur die Tage, an welchen das große Taubenschießen abgehalten wird.
Dieses maskierte Ungeheuer aber hatte geschossen, sogar dreimal hintereinander! Es kam denn gleich ein pompös uniformierter Wächter der Ordnung, und der Mann war ganz verstört, obgleich er an der Brust zwei Orden für Tapferkeit im Nachtdienst baumeln hatte.
»Monsieur Girard, um Gottes willen, haben Sie nicht drei Schüsse fallen hören?« brachte der Dekorierte nur mühsam heraus, als er den Redakteur erkannte, und er zitterte dabei an allen Gliedern.
Der Kapitän hatte hinter dem Wagen gestanden, er trat schnell hervor.
»Die werde wohl ich fallen gelassen haben nur zu meinem Privatvergnügen, ich entlud meinen Revolver.«
Der Anblick der mit dem fürstlichen Passepartout konzessionierten Maske bewirkte Wunder. Der Polizist klappte die Hacken zusammen, daß es knallte, und legte salutierend die Hand an die Tressenmütze.
»Pardon, Monsieur Kapitän, Ihre Schüsse waren mir sehr angenehm - wirklich sehr angenehm,« sagte er und war wieder verschwunden.
Das herzliche Lachen des Kapitäns folgte ihm nach.
Es ging nach dem Hotel de Paris zurück. Lord Roger war anwesend. Der namenlose Maskierte ließ sich als Kapitän der Heliotrop anmelden, wurde sofort empfangen und verschwand in des Lords Salon.
Monsieur Girard bedauerte nicht, daß er nicht dabeisein durfte, denn der arme Mann starb bald vor >Appetit<. Er stürzte in die Restauration.
Den Ausgang der Unterredung wußte er sowieso. Keine Ahnung, daß der Lord sein niedliches Spielzeug, das er sich in den Himmel gebaut hatte, verkaufen würde, und so etwas wie vermieten gibt es bei solchen Leuten auch nicht.
Der Mensch denkt, und ... diesmal hatte der geheimnisvolle Kapitän gelenkt, nämlich das Herz des Lord Roger.
Schon nach einer Viertelstunde erschien der Kapitän wieder, begleitet vom Lord. Dieser schickte einen Mann mit einem Auftrage nach dem Elektrizitätswerke und ließ eine Taschenlampe mit Benzin füllen. Wieder erhielt ein Wagenlenker als Ziel die Kapelle in der Schlucht angegeben, die beiden fuhren davon, nur daß diesmal der Kapitän von seiner Ordonnanz begleitet wurde.
Das sah aus, als wollte der auf sein Spielzeug stolze Lord dasselbe dem geheimnisvollen Kapitän heute abend noch zeigen, wie es ja auch die Kinder machen, sie müssen noch einmal aus dem Bett, um den Besuch ihre Puppe bewundern zu lassen, sonst können sie nicht schlafen.
Der Lord wollte den Kapitän von unten in das romantische Haus einführen, denn dieser Eingang war auch wieder so romantisch, daß man es nicht für möglich hält, wenn man es nicht gesehen hat.
Ein Monteur vom Elektrizitätswerk erwartete die Herren schon und meldete, daß die betreffende Leitung eingeschaltet sei. Er hatte außer einigem Handwerkszeug auch eine große Laterne mit, und die konnte man hier besser gebrauchen als die kleine des Lords.
Zuerst mußte nämlich der wild rauschende Bach passiert werden, auf einem ungehobelten Brette, und dann ging es in eine stockfinstere Höhle, in der sich Fledermäuse amüsierten - das war der Eingang zu dem Hause, dessen innere Pracht der Kapitän gleich sehen sollte, und das war keine künstliche Höhle, die war so echt, wie die in ihr hausenden Fledermäuse, es war auch gar nichts zu ihrer Verschönerung getan, von ihren Wänden tropfte das Wasser. -
Nur immer so bizarr und verrückt wie möglich! Dieser Wahlspruch wird immer beliebter. Bei London hat sich ein englischer Krösus einen ganzen Palast aus Glas unter Wasser bauen lassen, die zum Atmen nötige Luft muß hineingepumpt werden, die Ventilationsrohre laufen oben in Wasserlilien aus. Ein anderer Engländer hat in der Nähe von Leytenstone einen Raubtiergarten angelegt, ein ungeheurer Käfig, gefüllt mit Bestien aller Art, welche sich bei geeigneter Vegetation in der Freiheit zu befinden glauben, überall sind Türme mit Sicherungen angebracht, durch unterirdische Gänge miteinander verbunden, da setzt sich der Mann hinein, raucht gemütlich seine Zigarre und sieht zu, wie der Tiger die Antilope beschleicht und sie niederreißt, wie die verschiedenen Bestien sich gegenseitig befehden.
Das sind zwei Engländer. Wenn aber erst der Yankee an so etwas Geschmack findet, der kann in der Verrücktheit noch etwas ganz anderes leisten! -
Im Hintergrunde dieser Höhle befand sich eine ganz kleine Eisentüre. Der Lord hatte dazu den Schlüssel in der Tasche gehabt, man mußte gebückt hindurchkriechen. Der Monteur hatte hier das elektrische Licht gelegt, unter seiner kundigen Hand flammte es auf - und der Kapitän sah sich in einem luxuriös eingerichteten Raume, obgleich dies nur das Entree mit dem kleinen Fahrstuhle war, dessen elektrischer Antrieb jetzt von dem Monteur probeweise in Tätigkeit gesetzt wurde. Alles war in Ordnung, der Elektriker wurde entlassen. Der Lord schloß hinter ihm die Höhlentür ab, er war mit dem Kapitän und dessen Ordonnanz allein - und wir wollen die drei auch allein lassen.
Eine Stunde später war alles bekannt.
Lord Hannibal Roger hatte sein niedliches Spielzeug dem geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop für zehn Millionen Francs verkauft, mit allem, wie es stand und ... hing. So muß es wohl in diesem Falle heißen.
Es hieß, ein Diener jener vornehmen Herren hatte etwas davon verlauten lassen - der Kapitän hätte das Geheimnis der Teufelsinsel mit in den Kaufpreis geben müssen, was er gestern nacht da erlebt habe; aber die Hauptsache waren doch jetzt die zehn Millionen Francs. Wieder wurde ganz Monaco-Monte Carlo darüber halb wahnsinnig.
Wer mag es nur sein, dieser Maskierte? So fragten zehn Prozent, und die andern neunzig Prozent sagten: Wenn ich nur wüßte, wie auch ich mich dem Teufel verschreiben könnte!
Der Kapitän trat sein Besitztum sofort an. Er bezahlte im Hotel de Paris seine Rechnung, verteilte Trinkgelder wie ein echter Märchenprinz, dann mußten die drei Matrosen das Gepäck nach Monte Carlo Supérieur hinaufbringen, jetzt wurde der andre Eingang oben im Boulevard du Nord benutzt, wo auch der Lord wieder herausgekommen war, und die vier Mann verschwanden in der Mäander-Burg, um für längere Zeit ein recht zurückgezogenes Leben zu führen.
Dann sah man von der Brücke aus einige Fenster in dem seltsamen Gebäude erleuchtet. Ein Steward machte bei einem Weinhändler, beim Fleischer, Bäcker, Gemüsehändler und in andern Geschäften der Nahrungsmittelbranche Einkäufe, und nicht nur, daß er laufende Bestellungen aufgab, sondern Leute mit schwerbepackten Körben mußten ihm direkt an die Mäander-Burg folgen, kamen natürlich nicht weiter als bis ins Portal.
Auch darüber waren die Neugierigen orientiert, daß der Kapitän seit heute morgen noch nichts gegessen hatte, und ein Koch war nicht mit hineingenommen worden, also würde einer der Stewards, vielleicht ein gelernter Koch, die Küche führen, und dabei würde es wohl bleiben. Er wollte eben keinen fremden Menschen mit in sein Haus nehmen, geradeso wie niemand vom Hotelpersonal sein Schlafzimmer hatte betreten dürfen, nur in jener ersten Stunde, als der alte Kapitän es als junger Mann mit einer Maske wieder verlassen hatte, war einmal eine Gelegenheit dazu gewesen, dann wurde es wieder verschlossen und von den Matrosen in Ordnung gehalten.
Natürlich, wenn man sich dem Teufel verschrieben hat, da hat man seine Geheimnisse, und warum trug der Mann denn sonst eine Maske? -
Dies alles hatten die Nummern der >Maske< berichtet, welche vor dem russischen Fürsten auf dem Tische lagen. Nun hatte der Diener doch gesagt, der maskierte Kapitän, der beim Volke im Verdachte eines Vampirs stand, sei nächtlicherweile im Vollmondscheine im Gebirge gesehen worden. Auch hiervon erzählte die Zeitung, aber nur, daß der Kapitän bei einer Mondscheinpromenade in den Bergen beobachtet worden sei; er mochte solche nächtliche Spaziergänge lieben - sonst waren weiter keine Andeutungen gemacht worden, so wenig wie Monsieur Girard sich mit den blutsaugenden Eigenschaften des Kapitäns beschäftigt hatte. Dazu war er zu klug; derartiges konnte er auch getrost der Phantasie des Publikums überlassen.
Wir selbst wollen den Kapitän auf diesem nächtlichen Spaziergang begleiten und etwas beobachten und erlauschen, was sonst kein andrer Mensch erfuhr. Die Erklärung des geheimnisvollen Vorganges erfolgt später.
Es war noch an demselben Abend, da der Kapitän die Mäander-Burg bezogen hatte, um die elfte Stunde, als oben aus der Türe des Hauses eine in einen langen Mantel gehüllte Gestalt heraustrat, den breitkrempigen Filzhut tief in die Augen gedrückt, vor dem Gesicht ein Taschentuch, und das Heraustreten war mit einer Wendung so schnell geschehen, daß es niemand gemerkt hätte, der nicht gerade hinblickte. Hier oben war auch die beste Gelegenheit für einen Mann, der die Mäander-Burg unbemerkt verlassen wollte. Denn obgleich die Februarnacht kühl war, promenierten unten auf dem Boulevard de la Condamine doch noch sehr viele Menschen, meist Einheimische, Frauen und Mädchen mit ihren Männern und mehr noch mit ihren Liebhabern, während hier oben der vornehme Boulevard du Nord schon wie ausgestorben war.
Der Vermummte brauchte nur einige Treppen zwischen Häusern hinaufzusteigen, so befand er sich schon auf dem einsamen Wege nach La Turbie. Aber das war ein anderer Weg als der, welchen Prinzeß Turandot benutzt hatte, das hier war der von Monte Carlo hinaufführende, einen dritten gibt es nicht.
Die Nacht war durch den Vollmond fast tageshell, selbst ein Unkundiger konnte den Weg nicht verfehlen. Rüstig stieg der Vermummte bergauf, und die Rauheit des Weges konnte die Elastizität seines Schrittes nicht mindern.
Auf dieser Seite kommt man an zwei Osterien vorüber, kleine Wirtschaften, in denen Weinhüter und Steinbrucharbeiter verkehren, und hier war es, wo der Kapitän der Heliotrop erkannt wurde.
In der einen Wirtschaft waren noch Gäste, und wenn der Vermummte auch seinen Schritt beschleunigte, wieder das Taschentuch vor das Gesicht preßte und nach der andern Seite blickte - die scharfen Augen der Bergbewohner, die auch oft genug nach Monaco hinunterkamen, hatten genug gesehen.
»Wer war denn das?« hieß es erstaunt.
»Der hatte doch etwas Schwarzes vorm Gesicht!«
»Ja, es war eine Maske, wie sie sie beim Karneval in Nizza tragen.«
»Dann war es auch kein andrer als der Kapitän von der Heliotrop.«
»Natürlich war er es, ich habe ihn schon einmal gesehen und ihn gleich an seinem Schritte wiedererkannt.«
»Was hat denn der um diese Zeit noch im Gebirge zu suchen?«
»Na, habt ihrs denn noch nicht gehört von der Teufelsinsel ...«
Und nun gingen die Schauergeschichten los über den Vampir, der jetzt im Vollmondschein nach neuen Opfern suchte, und dazu wurden Kreuze geschlagen. Wir wollen die Schauergeschichten nicht hören, wir begleiten den Kapitän. Auch dieser Weg stößt hinter dem Steinbruche mit jenem andern zusammen, die letzte Klettertour begann, und der Kapitän stand im Vollmondschein vor der Schlucht des Eremiten.
Die tiefste Stille herrschte, kein Lichtschein drang über die Mauer.
»Eremit!« rief der Kapitän mit unterdrückter Stimme, nachdem er vorsichtig um sich gespäht und sich überzeugt hatte, daß kein Beobachter in der Nähe war.
Er wiederholte mehrmals den Ruf, immer lauter - es kam keine Antwort, nichts regte sich, der Einsiedler mochte schlafen.
Zuletzt bückte sich der Kapitän und hob einen Stein auf, um, wie der Kosak, durch Werfen gegen die Tür den Bewohner des Felsenhorstes aufmerksam zu machen.
Er richtete sich wieder auf und ... warf den Stein nicht! Hoch oben auf der Mauer neben dem aufgezogenen Brette stand plötzlich, vom Mondlicht umflossen, die hagere Gestalt des Kuttenträgers.
»Was willst du, Betrüger?« fragte die metallharte Stimme.
Mit solch einem beleidigenden Titel gleich empfangen zu werden, das hatte der Besuch wohl nicht erwartet. Der Kapitän fuhr erschrocken zusammen und sah sich schnell um, als ob er dächte, jemand könne dieses Wort gehört haben.
»Wie wagst du mich zu nennen?« fragte er dann gereizt, aber mit vorsichtig gedämpfter Stimme zurück.
»Einen Betrüger,« wurde drüben gleichmütig wiederholt.
Der Kapitän hob die Hand, welche noch den aufgenommenen Stein hielt.
»Ich hätte Lust, dir einen Denkzettel zu geben, ich habe ihn in der Hand.«
»Recht so, füge deinen verbrecherischen Lügen auch noch Tätlichkeiten hin zu!«
Die zum Wurfe erhobene Hand mit dem Steine sank wieder herab.
»Mein lieber Heiliger,« erklang es jetzt spöttisch hinter der Maske hervor, »mir kannst du mit deiner Allwissenheit gar nicht imponieren. Du hast etwas läuten hören, weißt aber nicht, woher der Ton kommt. Ich dagegen kenne die Quelle deines Wissens. Verstanden? Ich wollte dir eine höfliche Visite machen, aber du zwingst mich, anders gegen dich aufzutreten. - Laß das Brett herab!!«
Soweit im Mondlicht zu erkennen war, blieben die eingefallenen Züge des Eremiten ebenso unbeweglich wie die ganze Gestalt.
»Du willst mir drohen? Womit?« erklang es verächtlich auf der Mauer.
»Verlange lieber nicht, daß ich es laut sage, es könnte dir wenig angenehm sein, und auch der tote Felsen hat manchmal Ohren. Lasse das Brett herab, ich will dich drüben sprechen. Das Brett herab, ich befehle es dir!!!«
»Dich plagt der Wahnsinn!« hohnlachte es auf der andern Seite. »Was willst du eigentlich von mir? Ich mag mit Lügnern und Betrügern nichts zu tun haben, und du gehörst zu ihnen!«
Wieder blickte sich der Maskierte, ehe er eine Antwort gab, schnell und vorsichtig um, dann trat er bis an den äußersten Rand der Schlucht, beugte auch noch den Oberkörper weit vor - er, der Seemann, kannte nichts von Schwindel.
»Gut denn!« kam es jetzt in zischendem Tone über seine Lippen. »Wenn du mich einen Lügner und Betrüger nennst, der ich nicht bin, so will auch ich dir einen Namen geben, dessen Nichtigkeit ich aber beweisen könnte und unter Umständen auch beweisen werde - Leichenräuber!!!«
Die Wirkung dieses Wortes zeigte sich sofort, es mußte getroffen haben.
So plötzlich, wie der Eremit aufgetaucht war, so schnell war er wieder von der Mauer verschwunden, und gleich darauf senkte sich das schmale Brett herab. Mit festem Fuße überschritt es der maskierte Kapitän.
Wir kehren zurück zu dem alten Fürsten und seinem Diener.
Ja, er hatte genug schon von dieser mysteriösen Persönlichkeit des Kapitäns der Heliotrop gehört, hatte auch alles gelesen, und jetzt stand er erregt auf, mit einer Bewegung, welche zeigte, daß sein Entschluß gefaßt war.
»Paul, meinen Hut! Jetzt gehe ich erst zur Polizei und frage, wer dieser maskierte Mann eigentlich ist, und wenn man mir dort die genügende Erklärung vorenthält, so spreche ich erst einmal selbst mit dem geheimnisvollen Herrn. Und wenn ich mit dessen Erklärung nicht zufrieden bin, dann werden einmal Wir, Fürst Peter Alexjeff, die Frage auswerfen, wie weit diese geheiligte Majestät von Monaco eigentlich ...«
Der alte Herr vollendete den Satz nicht, den er mit der größten Energie in Worten und im Tone begonnen hatte.
Es hatte an der Tür geklopft, der Zimmerkellner brachte eine Karte.
Seine Herrlichkeit der Lord Hannibal Roger ließ sich melden. Fürst Alexjeff hatte ihn also schon kennen gelernt und empfing den Besuch natürlich sofort, hoffte er doch noch immer auf eine Nachricht über seine Tochter.
Seine zaghafte Hoffnung sollte wirklich in Erfüllung gehen.
»Durchlaucht, Prinzeß Turandot ist gefunden worden,« rief der Lord noch auf der Türschwelle. »Sie ist wohlbehalten.«
Der gebeugte Vater hob beide Hände empor, Tränen entstürzten plötzlich seinen Augen; das hatte ihn überwältigt, weil er es nicht mehr zu hoffen gewagt.
»Gelobt sei Gott, der Allmächtige und Allgütige!!«
Er bekam aber seine Tochter noch nicht gleich zu sehen. Sie war von allein aus dem Gebirge zurückgekehrt, hatte sich, von dem Hiersein des Vaters nichts wissend, zuerst zu Lord Roger begeben, mit dem sie immer die beste Kameradschaft gehalten, und jetzt bat dieser den Vater erst um eine Unterredung unter vier Augen, bevor er ihm die Tochter zuführte.
Und der Vater bekam etwas zu hören, was er sich auch nicht hatte träumen lassen. Er hatte sein einziges Kind wiedergefunden, um es für immer zu verlieren.
Wir betrachten alles wieder mit eigenen Augen, um einen Überblick zu gewinnen, gewissermaßen aus der Vogelperspektive.
Der Kosak war nach dreitägiger Abwesenheit wieder da.
Aus den Bergen mußte die Prinzeß gekommen sein, woher denn sonst! Und plötzlich befand sie sich mitten in Monte Carlo.
Sie sah danach aus, als wenn sie in den drei Tagen etwas in den Bergen erlebt hätte! Ihr Kleid bestand nur noch aus zusammenhängenden Fetzen, desgleichen die Schuhe, gewaschen konnte sie sich in den drei Tagen auch nicht haben.
Natürlich, wenn man in eine Gletscherspalte oder sonst in eine Schlucht stürzt, da hört die Toilette auf, und solche Gebirgsabenteuer kann man, wie schon erwähnt, in der dichtesten Nähe von Monte Carlo erleben, man braucht nur die gebahnten Wege zu verlassen.
Merkwürdig aber, daß sie gar nicht von der Sonne gebräunt war. Sie sah sogar bleich aus, etwas leidend, angegriffen.
Doch warum sollte das merkwürdig sein? Sie hatte eben die drei Tage in einer Spalte gesessen, in welche die Sonne nicht hineinkam, war trotz allen Suchens nicht gefunden worden, hatte sich selbst wieder daraus befreit, den Alpenstock und die lange Leine brachte sie wieder mit, und es war nur ein Glück gewesen, daß sie diese Gebirgsausrüstung und etwas Proviant bei sich gehabt.
So wurde einstweilen gesprochen, bis man das Weitere erfahren würde, was sie denn eigentlich in Wirklichkeit erlebt hätte.
Sie hatte sich sofort ins Hotel de Paris begeben und Lord Roger zu sprechen begehrt, welcher anwesend war. Durch diesen also erfuhr sie jedenfalls erst von der Ankunft des Vaters. Mit dem Lord war sie eine halbe Stunde zusammengewesen, dann hatten sich die beiden mit der Zahnradbahn nach dem Palast-Hotel begeben. Hier aber verlangte der Lord den Vater erst allein zu sprechen, die Tochter blieb einstweilen in einem ihrer Zimmer, und sie hatte mindestens eine Stunde warten müssen, ehe sie vor den Vater kommen durfte.
Was sollte man zu alledem sagen?
Daß der Vater der schon totgeglaubten und so inniggeliebten Tochter nicht gleich entgegengestürzt war, um sie an sein Herz zu drücken, das war doch ganz, ganz merkwürdig! Denn von einer Erbitterung, weil sie aus der Pariser Pension durchgebrannt war, konnte jetzt ja keine Rede mehr sein. Nein, hier mußte ein ganz besonderer Fall vorliegen, natürlich mit ihrem dreitägigen Verschwinden zusammenhängend.
Was war nun die einfachste Erklärung? Der maskierte Kapitän hat als Vampir sie zwischen seinen Klauen gehabt; sie ist nur eben mit dem Leben davongekommen. Er ist doch auch im Gebirge bei Vollmondschein gesehen worden.
Das heißt, so wurde mehr unter den Einwohnern von Monaco gesprochen als in dem gebildeten Monte Carlo, hier glaubten die meisten denn doch nicht an diese Vampirerei, obschon ... es mußte mit dem zurückgekehrten jungen Mädchen doch eine eigne Bewandtnis haben.
Der, welcher die erste nähere Auskunft geben konnte, war Monsieur Bierling. Er mußte seinen Gästen Rede und Antwort stehen, er hatte auch Freunde, trank sein Glas Wein doch nicht nur im eignen Hotel, und da wurde das so weitergebracht und machte die Runde.
Viel war es freilich auch nicht, was der Hotelier erzählen konnte, wie das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter stattgefunden hatte.
»Es war wohl Freude, die Tochter unversehrt wiederzusehen, aber es war auch offenbar Kummer dabei. Eine ganze Stunde hat die Prinzeß warten müssen, ehe sie zum Vater kommen durfte. Da hat der Lord ihn doch offenbar auf etwas vorbereitet, hat irgend etwas gutmachen müssen, und ich habe den alten Fürsten weinen sehen. Ich habe ihn aber auch mehrmals lachen hören! Das ist das Seltsame dabei! Wie reimt sich das zusammen? Und das junge, fröhliche Mädchen ist plötzlich eine ganz andere geworden. So ruhig, so ernst, so - so - so würdevoll! Denn traurig oder ängstlich war sie nicht etwa! Aber jedenfalls war sie gar nicht wiederzuerkennen. Die muß etwas ganz Besonderes erlebt haben. Ich glaube, sie reisen ab. Bezahlt ist schon alles.«
So erzählte der Hotelier. Mehr wußte auch er nicht.
Aber sie reisten nicht ab. Sie fuhren nur mit der Zahnradbahn die drei weiteren Minuten bis La Bordina hinauf, nicht ein Dörfchen mit einer Station, sondern eine Station mit einem Dörfchen, und in der Umgebung viele Villen.
Die Prinzeß war wieder in Toilette, aber - wie schon gesagt, es war eine ganz andere geworden. Das war kein toller Kosak mehr, immer zu übermütigen Streichen aufgelegt, übersprudelnd vor Lebenslust. Würdevoll - das war der richtigste Ausdruck für ihr jetziges Auftreten. Außerdem war es wirklich auffallend, wie bleich und angegriffen sie aussah. Die mußte in den drei Tagen wirklich etwas durchgemacht haben!
In La Bordina verließen der ernste Vater und die noch ernstere Tochter bald die gebahnten Wege und schlugen sich seitwärts in die Feigenbüsche. Hier aber braucht man nicht den Hals zu riskieren, hier ist das Terrain eben, strotzend von einer südlichen Vegetation.
Bald erschienen sie wieder, der Vater kehrte einmal in einem kleinen Gasthause des Dörfchens ein, und als er wieder herauskam, begleitete ihn ein Arbeitsmann mit einem großen Schlüssel, sie drangen abermals in den Busch, und dann fuhren Vater und Tochter in das Hotel zurück.
Jetzt wurde Monsieur Bierling ins Vertrauen gezogen. Dieser empfahl einen ehrenwerten Vermittler für dergleichen Geschäfte, und nun erfuhr man es: Fürst Alexjeff hatte bei La Bordina zirka tausend Quadratmeter Bauland gekauft, der Agent hatte die geforderten 75.000 Francs gleich auf 50.000 herabgedrückt. Das hätte der russische Fürst freilich nicht fertig gebracht, auch nicht Monsieur Bierling. Dazu muß man ein die Verhältnisse kennender Italiener sein - oder ein Chinese, welcher bekanntlich zehn Armenier betrügt, obschon ein Armenier wieder zehn Juden übers Ohr hauen kann.
Dieses Bauland war eigentlich ein Garten mit einer Hütte und gehörte einem Tagelöhner. Der hatte vielleicht schon seit zwanzig Jahren auf einen >Dummen< gelauert. In dem Garten wucherten die Orangen und Feigen nur so, aber was bringt denn das hier ein? Keine zehn Francs im Jahre. Der Mann ließ das wachsen und faulen und wartete eben auf einen >Dummen<. Jetzt war ein solcher endlich gekommen, jetzt war der arme Tagelöhner plötzlich ein wohlbestellter Rentier, welcher den ganzen Tag im Café liegen und Domino spielen konnte.
Alle Sachverständigen sagten trotzdem, daß der Fürst einen ausgezeichneten Kauf gemacht habe. Das Terrain brauchte nicht erst geebnet zu werden, und der größte Vorteil war, daß das Grundstück eine eigne Quelle hatte. Wenn der Fürst, der sich also hier ansiedeln wollte, etwas Hübsches vorbaute, so konnte er das jederzeit wieder verkaufen und noch ein gutes Geschäft dabei machen, ohne einen >Dummen< suchen zu müssen.
Ja, wie aber hing dieser Grundstückskauf mit der dreitägigen Abwesenheit der Tochter und dem ernsten Verhalten des Vaters zusammen?
Hierüber unterhielten sich noch Eigentümer und Geschäftspersonal eines italienischen Ladens, so ein Bachchal, in dem alles mögliche zu haben ist, als plötzlich die Prinzessin Alexjeff in eigner Person eintrat - und auch wieder so ernst, so hoheitsvoll und doch so demütig.
»Ach, bitte, haben Sie Samen?« wandte sie sich mit niedergeschlagenen Augen an den herbeispringenden Prinzipal.
Das ganze Personal kam außer Rand und Band.
»Wünschen durchlauchtigste Prinzessin Vogelsamen? Vielleicht Kanarienfutter? Oder Ameiseneier? Auch Mehlwürmer kann ich Ihnen empfehlen.«
»Ach nein, ich meine solchen Samen, den man in die Erde steckt, dann wächst's, und wenn's reif ist, dann esse ich's auf.«
Ein Glück war es, daß die Italiener, wenn es sich darum handelt, etwas zu verdienen, von gutem Verstehstdumich sind.
Aha!! Jetzt wurde schon für den Garten gesorgt! Das war auch sehr vernünftig. Wenigstens ein Teil des zukünftigen Villagartens konnte vor den Stiefeln der Maurer geschützt werden, und wenn man jetzt etwas säte, hatte man im Sommer schon etwas im Garten.
Von den Samensorten >welche man in die Erde steckt, und wenn's reif ist, kann man's aufessen< waren vorhanden und wurden empfohlen: Tomaten, Melonen, Gurken, verschiedenes Gemüse ...
»Ach nein,« wehrte die prinzliche Pensionstochter ab, »bitte, haben Sie nicht Hafergrütze?«
»Hafergrütze?« wiederholte der Italiener etwas perplex, weil er sich nicht recht vorstellen konnte, wie es im Köpfchen von solch einer Pensionstochter aussieht, ob diese nun durchgebrannt ist oder nicht.
»Jawohl, Hafergrütze. Sie muß also noch keimkräftig sein. Wieviel Hafergrütze brauche ich etwa, um so ein Stück Land zu bestellen, ungefähr von hier bis dorthin?«
Aha! Jetzt kapierte der italienische Geschäftsmann, und er verzog keine Miene. Wieviel Hafergrütze sie brauchte, um solch ein Stück Land zu bestellen? Nun, vielleicht drei Pfund. Und die drei Pfund Hafergrütze wurden ihr eingepackt - Quakers Oat.
Das ist nicht etwa ein Witz! Daß die höhere und allerhöchste Pensionstochter glaubte, wenn sie Hafergrütze säte, dann ginge Hafergrütze auf, das ist verzeihlich. Wie viele gebildete Menschen mag es nicht geben, welche nicht wissen, was Graupen sind, was Hirse, was Sago. Es ist sogar schon vorgekommen, daß italienische Makkaroni als Senker in die Erde gesteckt worden sind!
Aber daß der italienische Geschäftsmann die drei Pfund Hafergrütze wirklich einpackte, ohne eine Miene zu verziehen, das ist unverzeihlich, und das charakterisiert das ganze italienische Geschäftsprinzip, wie es auch in Griechenland herrscht, im ganzen Orient.
Man will etwa Rosinen kaufen, man macht den Leuten klar, daß man Kuchen backen will, das wird ganz genau verstanden, aber man verwechselt die fremden Worte und fordert aus Versehen Hosenknöpfe - und der Kaufmann hat keine Rosinen, wohl aber Hosenknöpfe - dann packt der unter der Ladentafel ganz kaltblütig die Hosenknöpfe ein und sagt, es wären Rosinen zum Kuchen backen.
Und genau so ist es im Großhandel. Man frage nur einen Importeur, etwa einen Weinhändler, der mit Italien und der Levante arbeitet.
»Nun gewiß auch noch Blumensamen?« fragte der Prinzipal.
»Nein, von Blumen will ich nichts wissen, aber - Seife. Haben Sie Seife? Bitte geben Sie mir welche, aber ganz gewöhnliche.«
Der Verdacht, daß sie die Seife in die Erde stecken wollte, ist wohl ausgeschlossen - sogar bei einer höheren Pensionstochter.
Merkwürdig war es nur, daß sie keine Toilettenseife, sondern ordinäre Waschseife haben wollte. Jetzt brauchte der Italiener doch einige Zeit, ehe er das kapierte.
Endlich hatte Turandot die Seife, welche sie haben wollte.
»Wieviel wiegt solch ein Stück?«
»Ein halbes Pfund.«
»Dann gleich einen Zentner - also 200 Stück, wenn ich bitten darf.«
Oho, was hatte denn die vor?! Und nun kaufte sie auch noch eine Waschleine, Klammern, Zwirn und was sonst noch zur Wäsche und zum Hausstande gehört, ferner einen Spaten, eine Hacke und noch vieles andre mehr, was alles in diesem Laden zu haben war - aber andres, was man vermutet hätte, kaufte sie wiederum nicht. Zum Beispiel wollte sie von Kochgeschirr nichts wissen.
Was wollte sie denn nur mit dem Zeug? Sie mußte in den drei Tagen wirklich etwas ganz Merkwürdiges erlebt haben!
»Bitte, schicken Sie alles ins Gasthaus von La Bordina hinauf, die Rechnung in das Riviera-Palast-Hotel an meinen Papa.«
Als sie gegangen war, klopfte sich der höfliche Geschäftsmann in Gegenwart des Ladenpersonals ganz ungeniert vor die Stirn.
»Die muß etwas wegbekommen haben!«
Hierauf betrat die Prinzeß das teuerste Kleidermagazin. Kredit hatte sie jetzt überall, die Konfektioneuse war wie ein Ohrwürmchen.
»Bitte, ich möchte ein Kostüm haben, nach Maß, so ein - so ein - so eine Kutte, Sie wissen, wie die Nonnen sie tragen, so ein Kostüm für die Einsamkeit, wenn man von der ganzen Welt nichts mehr wissen will. Ganz, ganz einfach, furchtbar einfach - aber natürlich auch ein bißchen elegant - man muß sich darin auch vor den Leuten sehen lassen können.«
Schön, konnte sie haben. Nächstens war in Nizza Karneval, und wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre - ganz egal, immer nur bestellen, was man wünscht.
Also auch die französische Kleiderkünstlerin verzog keine Miene, sie legte der gnädigen Prinzeß Stoffproben für eine elegante Nonnenkutte vor.
»Nein, ach nein, so etwas nicht,« wehrte aber der Kosak ab, sogar in etwas entrüstetem Tone, »ich will so etwas - so - so ...«
In dem Laden lag gerade ein großer Ballen, in Sackleinwand eingenäht, darauf stand mit drei Zoll großen Buchstaben: Monaco via Lyon.
»Da, solche echte Packleinwand, die meine ich, daraus machen Sie mir ein Eremitenkostüm, so ein echtes, wie der von La Turbie eins hat.«
Auch gut. Nur immer frisch herausgesagt, was man haben will.
»Wünschen Hoheit den Frachtstempel auch mit auf das Kostüm?«
Der Kosak wurde nachdenklich. Wer die Wahl hat, hat die Qual.
»Hm. Monaco via Lyon. Glauben Sie, daß mir das gut stehen würde?«
»Gewiß, Hoheit, ganz vorzüglich, und das ist auch originell.«
Aber der Kosak hatte immer seinen eignen Kopf, und mit der Wahl war auch die Qual beendet.
»Nein, doch lieber nicht. Es braucht ja auch nicht gerade dieses Stück zu sein, nehmen Sie andre Pack- oder Sackleinwand - aber es muß auch wirklich echte sein, sie kann kosten, was sie will, wenn es nur echte Sackleinwand ist.«
Schön, wurde alles besorgt. Gleich drei solcher Nonnenkostüme aus echter Sackleinwand wurden bestellt, das erste würde schon morgen fertig sein.
Billig wurde solch eine echte Nonnenkutte aus echter Sackleinwand, angefertigt in diesem vornehmen Kleidermagazin natürlich nicht! Solche Schrullen müssen bezahlt werden! Für das Geld hätte sich manch arme Ladenmamsell eine pompöse Balltoilette taufen können.
Mit diesen Einkäufen hatte die Prinzessin ihr Vorhaben schon etwas verraten. Sie wollte es ja auch gar nicht verheimlichen, denn die Ausführung folgte auf dem Fuße nach, doch als es geschah, da wollte man es nicht für möglich halten - und es war ja doch schon zur greifbaren Wirklichkeit geworden!
Das Grundstück, welches der Fürst gekauft hatte, war mit einer drei Meter hohen Mauer aus Bruchsteinen umgeben. In diesen Gegenden wird nämlich alles mit solchen Mauern umfriedet, auch ganze Felder. Das charakterisiert die südfranzösische und italienische Landkultur. Es geschieht zum Schutze der Pflanzen gegen den bösen Mistral, einen kalten Westwind, und ebenso zum Schütze gegen die Hunde, welche in diesen Gegenden allerlei Feldfrüchte fressen, besonders auch, wie die Füchse, Weintrauben; ein paar Hunde weiden in einer Herbstnacht einen ganzen Weinberg ab.
In der Mitte des Grundstücks stand eine zweiräumige Hütte, abermals umschlossen von einer hohen Umfassungsmauer, und dies alles war wohl von den Steinen einer kleinen Ruine ausgeführt worden, vielleicht einer ehemaligen Kapelle, deren letzte Reste gleichfalls noch in dem innern Ringe lagen, jetzt also abgetragen bis auf die Grundmauern.
Hier wimmelt ja alles von Ruinen aus der Römer- und Sarazenenzeit, man sieht sie nur nicht immer, es ist alles zu überwuchert. Mancher Villenbesitzer hat eine Burgruine in seinem Garten und weiß gar nichts davon, bis der Gärtner einmal ein Gebüsch in Ordnung bringen will, und er findet alte Grundmauern.
Es soll dies keine Belehrung sein, sondern der geneigte Leser wird später noch erkennen, wie eng dieser Hinweis auf die zerstörten Bauten von alten Völkern, welche einst in dieser Gegend gehaust haben, mit unsrer Erzählung zusammenhängt - wie es nötig ist, dies zu wissen.
Die Mauern und die Hütte mußte der Fürst natürlich erst abtragen lassen ...
Nein, es geschah eben nicht!! Die leere Hütte wurde bezogen, und zwar augenblicklich - und das allein von der Tochter, von Prinzeß Turandot!
Man vernahm das Abkommen, welches mit dem Wirte des Gasthofes von La Bordina getroffen worden war, und nun wußte man alles, und man konnte nicht mehr an das Unmögliche zweifeln, weil es schon geschehen war.
Prinzessin Turandot zog sich mit Einverständnis des Vaters in die Einsamkeit zurück - für immer! Eine moderne Anachoretin, eine Weltentsagerin, eine Weltüberwinderin! Und der Eremit von La Turbie konnte an die Strenge ihrer klösterlichen Observanz nicht >tippen<. Der hatte in seiner Einsiedelei doch wenigstens einen Petroleumofen, auf dem er sich seine vegetabilischen Gerichte kochte, und er hatte auch Auswahl in seinen Speisen! Aber die weltentsagende Prinzessin wollte von solchem Luxus nichts wissen.
Die elende Hütte war >unmöbliert< gewesen, einfach zwei nackte Räume. Zufällig hatte sich ein alter Tisch darin befunden, der konnte gleich darin bleiben, und dann nahm sie nur noch einen einzigen Stuhl mit hinein, auf den sie sich setzen konnte, wenn sie die Beine nicht mehr trugen und sie sich nicht gleich an den Boden legen wollte. Sie wollte in dieser Hütte ganz wohnen, auch schlafen, aber von einem Bett war keine Rede. Auf der nackten Erde wollte sie jede Nacht liegen, und der einzige Luxus bestand in einem großen Steine als Kopfkissen.
Wovon fristete sie ihr Leben? Bis sie sich dereinst von der Körnerfrucht ernähren konnte, bis sie im Schweiße ihres Angesichts selbst baute - (zunächst also geschrotete Hafergrütze) - mußte ihr jener Gastwirt täglich ein Pfund Brot über die Mauer werfen. Das sollte ihre einzige Speise sein.
Als persönlichen Schutz waren für das einsam lebende Mädchen zwei große, billige Köter angeschafft worden; die nahm sie hinter die Mauer und legte sie zunächst an die Kette. Die Tiere brauchten aber doch Futter. Das mußte der Gastwirt gleichfalls täglich über die Mauer werfen lassen.
Nun noch die Schaufel und die Hacke zum Bearbeiten des Gartens, den Zentner Seife zum eigenhändigen Waschen der Garderobe, ein Nähzeug, wenn etwas zu flicken war - so konnte das Einsiedlerleben losgehen!
Wie war die Prinzeß denn nur auf solch eine verrückte Idee gekommen? Hing dies vielleicht mit ihrem dreitägigen Verschwinden zusammen?
Ganz gewiß. Soweit es die fürstliche Atmosphäre des Vaters, welcher vorläufig im Palast-Hotel wohnen blieb, gestattete, wurde dieser mit Fragen bestürmt. Eine bequemere Quelle war Lord Roger, der doch darum gewußt hatte, als er die Wiedergekommene dem Vater zuführte, und wenn es sich um seinen Schützling handelte, wurde der sonst so zurückhaltende Lord stets mitteilsam, und so erfuhr man nach und nach alles.
Turandot hatte im Gebirge ein Abenteuer erlebt. Sie war in eine Schlucht gestürzt, war lange bewußtlos gewesen. Da hatte sie eine Vision gehabt, hatte ein menschliches Skelett gesehen, behangen mit seidenen Gewändern und mit Flittertand, geschmückt mit Ringen und mit Juwelen, der grinsende Totenschädel schön frisiert und sogar gepudert und geschminkt, und dieses geputzte Damengerippe hatte dem Mädchen eine Geschichte erzählt von der Nichtigkeit des Daseins - memento mori, es ist alles eitel!
(Hier dürfte der geneigte Leser fragen: wo bleibt denn aber die Erzählung von dem Abenteuer in der Wohnung des Eremiten, wie der Kosak sich in dem Labyrinth verirrte, die beiden Steinriesen sah und plötzlich im Boden verschwand? Ja, davon erzählte die Prinzeß eben nichts, das verschwieg sie, und der geneigte Leser wird noch sehen, wie überhaupt alles ganz anders kommt und was das alles zu bedeuten hat. Wir wollen jetzt nur das wissen, was damals ganz Monaco erfuhr - und glaubte.)
Die Prinzessin war also nach ihrer eigenen Aussage in eine Schlucht gestürzt und hatte in ihrer Bewußtlosigkeit jene Vision gehabt.
So sehr originell war diese gerade nicht. Die Hauptsache aber war, daß Turandot diesen Traum für Wirklichkeit nahm. Sie behauptete, sich mit dem Skelett ganz vernünftig unterhalten zu haben.
Als die Erscheinung wieder verschwunden war, gelang es ihr, sich mit Hilfe der Waschleine aus ihrer Lage zu befreien. Wie alle solche Geister, suchte sie, ehe der Entschluß gereift ist, die Einsamkeit auf, sie wußte, daß sie gesucht würde, aber sie versteckte sich absichtlich, wich den Suchenden aus, irrte im wilden Gehege umher, sich nur von Wurzeln nährend - bis die Vision verdaut und ihr der felsenfeste Entschluß entstanden war.
Vanitas, vanitatum vanitas.
Es ist alles eitel. Das Leben hat nur einen einzigen Zweck: ihm zu entsagen. Also entsage ich!
Das mußte sie wohl erst ihrem Vater schreiben; aber ob der nun damit einverstanden war oder nicht - gemacht wurde es doch!
Auf dem Rückweg nach Monte Carlo kam sie an einem ummauerten Gehöft vorüber. Daß es zu verkaufen war, stand an einer Tafel, und es mußte wohl eine höhere Eingabe gewesen sein, welche den Kosaken veranlaßt hatte, auf einen Johannesbrotbaum zu klettern und über die Mauer zu blicken.
»Ja, das wäre gerade für eine Einsiedelei geschaffen, vielleicht kauft mir's Papa, und wenn nicht, dann werde ich auch ohne ihn fertig.«
Sie kletterte wieder herunter von dem Baum, welcher den Namen dessen führt, den sie sich zum Vorbild genommen hatte - daher jedenfalls auch die >höhere Eingabe< - und setzte ihren Weg fort.
In Monte Carlo begab sie sich gleich zu ihrem besten Freund, dem jungen Lord Roger - >das ist gerade so ein verrückter Knopp wie ich, der wird mir schon helfen< - um erst mit diesem die geschäftlichen Angelegenheiten in der Weltüberwindung zu besprechen.
Da erfuhr sie, daß ihr Vater angekommen war! An ihrem Entschluß änderte das nichts. Nun mußte erst Lord Roger hin, um den Vermittler ihres bizarren Wunsches zu machen. Sie wartete den Erfolg ab.
»Und der Vater hat es erlaubt?« fragten erstaunt die Zuhörer.
Der erzählende Lord Roger zog die Schultern bis an die Ohrläppchen und behielt sie eine ganze Weile dort oben, ehe er sie wieder herunterließ.
Vor allen Dingen waren besondere Verhältnisse zu bedenken, mit denen man hier zu rechnen hatte - nationale und religiöse Charakterverhältnisse.
Der Fürst war ein griechisch-katholischer Russe. Wenn seine Tochter, sein einziges Kind, den Wunsch geäußert hätte, einen Nonnenorden zu stiften, vielleicht verbunden mit einer Erziehungsanstalt, mit Krankenpflege, - solch ein nützlicher Zweck dabei war aber auch gar nicht nötig - und sie selbst wollte sich als Priorin für immer in dieses Kloster zurückziehen - der Vater wäre sofort mit Freuden darauf eingegangen, er hätte sein halbes, vielleicht auch sein ganzes Vermögen diesem Zweck geopfert, und dabei brauchte er durchaus nicht fromm zu sein, konnte der größte Freidenker sein. Aber seine Tochter als Stifterin eines sanktionierten Klosters zu sehen, diesem als Priorin selbst vorstehend - das hätte dem russischen Edelmann zur höchsten Ehre gereicht, das wäre das Glück seines Lebensabends gewesen.
Das sind eben besondere nationale Ansichten. Angedeutet sei nur noch, daß dies damit eng zusammenhängt, daß der Zar in Rußland zugleich auch das Kirchenoberhaupt, der Papst ist.
Im übrigen hat jedes Land und jedes Volk seine eigenen Ansichten in gewissen Sachen, man muß sich nur danach umschauen.
Zum Beispiel: ein großer englischer Kaufmann hat nur einen Sohn, den er für sein Geschäft erzogen hat. Derselbe berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, nebenbei ist er ein ausgezeichneter Kricketspieler, unüberwindbar im Ballschlagen, und eines Tages sagt er: Papa, was meinst du, ich ergreife das Kricketspiel als Profession.
Ist der Vater ein echter Engländer, so gibt er alle Geschäftsprojekte auf und läßt seinen Sohn gehen, damit dieser als Ballschläger in aller Welt die Ehre Old-Englands verteidigt - wobei allerdings zu bedenken ist, daß man in England für die besten Kricket, Lawn-Tennis und Fußballspieler Nationalsubskriptionen ausschreibt und ihnen sogar öffentliche Denkmäler setzt.
In Deutschland ist so etwas nicht möglich, aber lächerlich darf man das durchaus nicht finden. Wir wollen uns erinnern, daß die herrlichen Statuen des Altertums Athleten darstellten, also geschaffen zu einer Zeit, als Griechenland auf der höchsten Stufe der Kunst stand, und auch bei diesen Griechen, von denen einst dreihundert Mann die Thermopylen gegen die ungeheure, persische Heeresmacht verteidigten, waren die Sieger in olympischen Spielen frei von allen Staatssteuern!
Der Engländer, noch mehr der Yankee, begreift wiederum nicht, warum in Deutschland der Offizier und der Beamte vor anderen Menschen einen Vorzug genießen. Das ist ihm völlig unverständlich. -
Daß seine Tochter sich also in die Einsamkeit vergraben wollte, auf der nackten Erde schlafen und trocken Brot essen - das gefiel dem fürstlichen Vater ganz und gar nicht, das war einfach eine Verrücktheit. Über diese Schrulle seiner Tochter hatte er gelacht, geschimpft und endlich auch geweint.
Und dennoch, es ist schon angedeutet worden, daß so etwas gar nicht so gänzlich außerhalb des Ideenkreises eines russischen Orthodoxen liegt.
Ja, was sollte er denn auch dagegen machen? Der alte Mann konnte seine Tochter ebenso wenig in die Pension zurückbringen, wie sie ihrem neuen Entschluß abtrünnig machen. Er erntete, was er gesät hatte. Er hatte eine Tscherkessin geliebt - hier hatte er die Frucht dieser wilden Ehe, auch noch gemischt mit russischer Halsstarrigkeit. Hier hörte die Macht der Erde auf. Gewaltmittel? Der Kosak lachte ja über so etwas. Die sprang aus dem Coupéfenster des Schnellzuges, die sprang mitten im Meere über Bord, um an Land zu schwimmen, und im Hungerturm hätte sie das heimlich zugesteckte Brot dem Wärter geschenkt.
Der junge, kühl denkende englische Lord hatte die Sachlage gleich ganz richtig erkannt und dem Vater so lange zugeredet, bis auch dieser die Richtigkeit des Vorschlages einsah.
Einfach nachgeben! Auf alles eingehen! Hier hast du deine Einsiedelei, und nun mach, was du willst. Ich bin in aller Liebe damit zufrieden.
Wie lange würde es denn dauern? Ihr ganzes Leben lang nicht; aber vielleicht vierzehn Tage. Dem romantisch angehauchten Backfisch war nun einmal durch die Geschichte mit dem Eremiten das kleine Köpfchen verdreht worden, die Vision war erst nachträglich hinzugekommen - wenn sie überhaupt eine gehabt hatte und nicht nur mit so etwas ihr phantastisches Vorhaben rechtfertigen wollte, zugleich der ganzen Sache ein hübsches Mäntelchen umhängend. Auch wegen der kärglichen Nahrung brauchte man sich keine Sorgen machen. Eben weil die Prinzeß so kerngesund war, würde sie es bei Wasser und Brot nicht lange aushalten. Sie bekam schon wieder einmal Appetit nach einem gebratenen Beefsteak, und noch eher würde sich das Verlangen nach Schokolade einstellen. Das kannte man doch. Dann würde sie grimmig alles gegen die Wand werfen und sich selbst verschämt lachend in die Arme des Väterchens. Man kannte doch den Kosaken!
Schließlich gab es auch noch etwas anderes, um die überspannte Phantasie wieder zur Räson zu bringen. Der alte Vater hatte dabei pfiffig mit den Augen geblinzelt, als er einmal hierüber eine Andeutung gemacht hatte - nur eine Andeutung, nichts weiter. Aber da braucht man wohl nicht lange zu raten. Der Kosak kam jetzt gerade in die Jahre. Die Liebe, die Liebe! Die mußte erst einmal kommen, und da konnte man vielleicht auch ein bißchen nachhelfen - natürlich in allen Ehren. Das war alles zu arrangieren.
Jedenfalls - das hatte der Vater nun auch schon eingesehen - war es viel, viel besser, die phantastische und eigensinnige Prinzessin sehnte sich nach trocken Brot und einem Nachtlager auf der Erde, als wenn sie plötzlich gesagt hätte: Papa, ich liebe den schönen Johann im Pferdestall, ich will meinen Johann mit dem gewichsten Schnurrbart heiraten! - Da war dies doch tausendmal besser, jetzt konnte man in dieser Beziehung ihre Zukunft lenken.
Der russische Diplomat hatte ein halbes Jahr Erholungszeit, er blieb im Palasthotel wohnen - Lord Roger führte ihn in die exklusiven Millionärskreise ein, der alte Herr fühlte sich darin recht behaglich, traf Landsleute und sogar alte Freunde, spielte seinen Whist und L'Hombre, machte auch einmal ein Jeuchen am grünen Tisch, und sonst beobachtete er das Treiben seiner weltüberwindenden Tochter, die dem Papa gütigst erlaubt hatte, sie täglich zu einer gewissen Stunde in ihrer beschaulichen und erbaulichen Einsamkeit zu besuchen.
Vorläufig aber war und blieb es Tatsache! Ihre Hoheit, die hoffähige Prinzeß Turandot putzte die Fenster, scheuerte die Hütte, bearbeitete mit Spaten und hacke den Garten - von der Hafergrütze war sie doch abgekommen, jetzt steckte sie lieber Erbsen und Bohnen, nur hatte sie zuerst gelbe Erbsen genommen - sie wusch ihre Wäsche selbst und hing sie zum Trocknen auf, flickte Risse und Löcher, schlief auf dem kalten Estrich, unter ihrem Kopfe wie weiland Vater Erzvater Jakob einen Stein, und aß täglich nur ein einziges Pfund Brot.
In Monte Carlo war die Sensation groß. Die eleganten Damen und Herren fuhren nach La Bordina hinauf, um sich das Wunder anzusehen.
Vergebliches Bemühen - Eintritt verboten!
Ein breiter Streifen außerhalb der Umfassungsmauer gehörte mit zu dem Terrain, auf diesem Streifen hatten Bäume gestanden, wie einen solchen ja auch die Heimkehrende benutzte, um ihre zukünftige Eremitage zu besichtigen, aber die hatte sie aus Vorsicht gleich umhauen lassen. Sie wollte in ihrer Einsamkeit nicht beobachtet werden, und das konnte man ihr nicht verdenken. Von den weiter entfernt stehenden Bäumen aus war die hohe Mauer nicht zu überblicken. Ein Schlüsselloch gab es wohl, aber das war von innen verhängt. Zu hören war auch nichts anderes als ununterbrochen ein wütendes Hundegebell, solange ein Mensch in der Nähe war.
So konnten die Neugierigen nur die rebenumsponnene Mauer von außen bewundern, das erzählten sie unten, und trotzdem kamen immer mehr Menschen herauf.
Ein dreister Zeitungsschreiber erschien einmal mit einer Leiter, legte sie an und kletterte hinauf. Er sah nur den äußeren Garten, das Allerheiligste wurde von einer noch höheren Mauer umschlossen, und zwischen dieser und jener tobten die entfesselten Hundeköter, nur darauf wartend, daß der jedenfalls delikat schmeckende Zeitungsmensch zu ihnen herabkäme - und wie dieser noch so über die Mauer lugte, bekam er plötzlich eine Ladung Seifenwasser mit Soda ins Gesicht, daß ihm vollends Hören und Sehen verging und er nicht erst wieder langsam die Leiter hinabzusteigen brauchte, er war von ganz alleine heruntergekommen, nur durch die Anziehungskraft der Erde.
Der Vater durfte sie also täglich besuchen, doch auch nur für eine Viertelstunde, zu einer ganz bestimmten Zeit. Am dritten Tage nun nahm er einen alten Russen mit hinein, den die Prinzeß kannte und zu dessen Besuch die Weltüberwinderin ihre hohe Erlaubnis gegeben hatte. Am folgenden Tag wurde der Vater von Lord Roger hinter die Mauer begleitet, und so sah man, daß der Eintritt wohl gestattet sei, aber immer nur in Gesellschaft des Vaters, und jetzt wurde dieser mit Anträgen bestürmt, bis es denn auch dem Berichterstatter einer großen Zeitung gelang, die Erlaubnis zu erhalten.
Es war aber im Heiligtum nichts anderes zu sehen, als was man schon wußte. Still und mit gesenkten Blicken begrüßte die junge Einsiedlerin in härener Kutte den fremden Herrn, sie zeigte, wie sie schon im Garten gearbeitet hatte, sie war gerade beim Wäscheaufhängen, und sie zeigte, wo sie des Nachts schlief - dort auf dem nackten Estrich, jener große Stein diente ihr als Kopfkissen.
Dem Herrn wurde ganz feierlich zumute. So jung, so schön, so hold, so reich - und ... schlief hier auf der nackten Erde!
Dieser Zeitungsmensch hatte eigentlich gar kein so gefühlvolles Herz, aber er war noch ziemlich jung, und er konnte sich nicht helfen - der Menschheit ganzer Jammer packte ihn einmal an, und zwar dermaßen, daß er sich die Nase schneuzen mußte.
Und bei der Weltentsagerin kam nicht einmal die Religion in Betracht! Turandot war in dem Glauben des Vaters erzogen worden, und sie mochte auch einen frommen Kindesglauben bewahrt haben - aber sonst hatte diese Weltentsagung mit trocken Brot und aller Wäscheflickerei absolut nichts mit Frömmelei zu tun. Sie betete sich nicht die Knie wund, geißelte sich nicht, man sah nichts von Erbauungsschriften - nicht einmal mit dem sonst unumgänglichen Totenschädel war die Höhle dieser modernen büßenden Magdalene dekoriert.
Freilich hätte man auch vergebens darüber nachgegrübelt, wegen welcher Schuld denn diese kindliche Magdalene, genannt Kosak, hätte büßen sollen. Es war einfach die Erkenntnis, ihr in einer überirdischen Vision beigebracht, daß in dieser Welt alles, alles eitel sei! Man soll sich mit dem zum Leben Unumgänglichsten zufrieden geben, und wenn man wirklich damit zufrieden ist - das ist das höchste Glück, welches das Leben gewähren kann, und diese Zufriedenheit muß eine dauernde sein, weil man überhaupt nichts mehr verlieren oder beweinen kann.
»Und glauben Sie nicht, daß man seinen Mitmenschen eine nutzbringende Arbeit schuldig ist?« examinierte der Interviewer weiter.
Das Mädchen deutete hoheitsvoll auf die umgegrabenen Beete.
»Das ist meine Antwort auf Ihre Frage. Es gibt nichts Nützlicheres auf der Erde, als das, was man ißt, im Schweiße seines Angesichts selbst zu bauen. Das ist nützlicher, als Kanonen zu gießen oder Schokolade zu fabrizieren oder das Publikum mit Geschichten zu unterhalten. Führen Sie nicht an, daß man Besseres tun könnte, wenn man mehr gelernt hat. Das kann man alles noch nebenbei betreiben, und wenn mich diese Arbeit nicht mehr vollauf beschäftigt, so werde ich auch noch eine andere nützliche aufnehmen.«
Der gebildete Mann konnte vor solchen Ansichten der kleinen Philosophin nur den Hut ziehen. Zu bestreiten geht freilich mit Wort und Feder alles.
»Und Sie sind wirklich glücklich?«
»O, Sie ahnen nicht die beseligenden Gedanken, welche mich erfassen, wenn ich mich des Abends, ermüdet von harter Arbeit, dorthin auf die Erde lege! O, Sie können nicht wissen, wie reich ich mich fühle, dadurch, daß ich gar nichts mehr habe, gar nichts mehr brauche. - Ja, ich bin wahrhaft glücklich!«
Und doch, und doch, der Zeitungsmensch mußte sich wieder die Nase schneuzen, noch kräftiger als das erste mal, so gerührt war er.
Über die Mauer kamen Kotelettenknochen, abgenagte Hammelrippchen, Hühnerbeine und andere Delikatessen geflogen. Die während des Besuchs angeketteten Hunde heulten vor freudiger Erwartung. Dann nahm denselben Weg durch die Lüfte auch noch ein Paket - ehe es den Boden berührte, hatte es sich auch schon aus dem Papier gewickelt, und zwischen dem Hundefutter lag ein kleiner Brotlaib.
»Wenn dies der Mensch täglich hat, dann soll er zufrieden sein,« sagte die Prinzessin demutsvoll, hob das Brot auf, verwischte das daran hängengebliebene Hundefutter mit der Gartenerde zu einer Schmiere und legte es auf den Tisch. Das war ihr Futter ... pardon, ihre Speise.
Armes Kind! Zum dritten Mal wurde der Zeitungsschreiber von der Menschheit ganzem Jammer angefaßt, zum dritten Mal mußte er sich die Nase schneuzen, und diesmal pustete er dabei, um seiner Rührung Herr zu werden, wie ein den Fluten entsteigendes Nilpferd.
Ja, hierbei war aber ein Geheimnis - das heißt, nicht mit dem Naseschneuzen, sondern mit dem Brotlaib, mit der Speise der Weltentsagerin.
Die Prinzeß hätte bei einer Nahrung von täglich nur einem Pfund Brot jetzt schon ganz abgemagert sein müssen - und statt dessen blühte sie nicht nur wie eine Rose, sondern sie war in letzter Zeit merklich dicker geworden
»Sie kennen doch die Geschichte von Daniel in der Löwengrube,« entgegnete sie jetzt wie stets, wenn sie über dieses Wunder befragt wurde. »Die anderen Jünglinge magerten bei den köstlichen Gerichten ab, welche sie von der Hoftafel erhielten; Daniel dagegen gedieh bei der kärglichsten Kost. Sehen Sie, gerade so ist es auch bei mir. Es kommt eben nicht darauf an, was der Mensch ißt, sondern was für Gedanken er dabei hat. Die Menschen, welche glauben, sie müssen bei so wenig Brot verhungern, weil sie es in Büchern gelesen haben, die werden auch dabei verhungern. Ich aber denke anders - und ich werde dick und fett dabei.«
Hatte das die Prinzeß gelesen oder stammte diese Weisheit wirklich aus ihrem eigenen kleinen Köpfchen? Denn eine tiefe Weisheit steckte wirklich dahinter, welche das Gros der >aufgeklärten< Menschen vergebens totzulachen sucht.
Es fehlte nicht an bösen Zungen, welche behaupteten, der Vater brächte der Tochter heimlich bessere Nahrungsmittel, hier wolle sich jemand nur mit dem Nimbus der Heiligkeit schmücken. Für solch eine Behauptung war auch schon einmal eine kräftige Ohrfeige gefallen. Und dann mußte dieser Verdacht bald wieder verschwinden. Der Vater nahm doch stets eine andere Person mit hinein zur Tochter, oftmals eine ihm ganz fremde. Dann machte der Fürst auch einmal einen Ausflug von mehreren Tagen. Wer versorgte denn da die Hungerkünstlerin mit anderer Nahrung? Die Umgebung der Mauern konnte nicht nur Tag und Nacht beobachtet werden, sondern es gab auch Menschen, welche dies wirklich taten, und deren unparteiisches Urteil ging dahin, daß der Einsiedlerin nichts zugesteckt würde.
Oder teilte die hoffähige Prinzessin vielleicht mit ihren Kötern das Futter? Nein, auf solch einen Verdacht kam nicht einmal der gemeinste Charakter, und überhaupt, wer auf der nackten Erde schläft, als Kopfkissen einen Stein, der gibt auch nicht nur vor, trocken Brot zu essen - die Prinzeß lebte wirklich nur von trocken Brot und Wasser.
Schließlich gab es ja auch für dieses körperliche Wohlbefinden bei solcher Kost eine Erklärung, ohne an ein Wunder glauben zu müssen. Jeder kann es an sich selbst probieren. Das zierliche Mädchen brauchte eben täglich nicht mehr als ein Pfund Brot. Das bekam ihr nach der bisherigen Lebensweise, die nicht schlecht gewesen war, sogar ganz ausgezeichnet. Dabei konnte sie noch >dick und fett< werden. Einmal tritt dann freilich die Reaktion ein. Die Folgen dieser ungenügenden Nahrung würden sich schon noch bemerkbar machen. -
Lord Roger war es gewesen, der ihr oder dem Vater den Vorschlag gemacht hatte, sie solle für die Besuche doch Eintrittsgeld erheben, zehn Francs, hundert Francs, tausend Francs! Die Eintrittskarten wurden verauktioniert! Man war doch hier in Monte Carlo! Das Geld konnte sie dann zu mildtätigen Zwecken verwenden.
Nein, das sähe aus, als wenn sie bewundert werden wolle, und das wünschte sie durchaus nicht! Aber eine andere Absicht hatte sie, durch welche sie dasselbe erreichte, sogar in noch viel großartigerem Maßstab.
Eines Tages erschien sie zum ersten Mal wieder in der Außenwelt. Das schwarze Lockenköpfchen in frommer Betrachtung tief gesenkt, durchwandelte sie in ihrer sauberen, mit roter Borte eingefaßten Kutte die Straßen von Monte Carlo, jetzt trug sie auch keine Stiefel oder Schuhe mehr, sondern an den nackten Füßen elegante Badesandalen - denn einfachere waren hier nicht zu haben gewesen - zierlich mit roten Riemen befestigt, und das alles paßte so zusammen, und die unverschleierte Nonne war überhaupt eine so liebreizende Erscheinung, daß der erste Fremdenjüngling, der ihr begegnete, sofort wie ein Besessener nach Hause rannte und gleich zu dichten anfing.
Sie betrat das Bosamentiergeschäft und verlangte Wolle und Stricknadeln. Waren ihre Strümpfe durchgelaufen, das sie jetzt keine mehr trug?
Nein, diesen Luxus der Kultur verachtete sie, aber für andere wollte sie diese angenehmen Bekleidungsstücke verfertigen, in der Pension hatte sie Handarbeitsunterricht genossen, und überhaupt trat ihr Eremitenleben jetzt in ein ganz anderes Stadium ein. Sie hätte gar nicht mehr nötig gehabt, daß der Papa für sie Brot und Hundefutter bezahlte - ja, sie hätte ihm die 50.000 Francs zurückerstatten können, mit einer Hand.
Mit der Wolle und den Stricknadeln verschwand sie wieder hinter ihren Mauern, und bald war es bekannt: der Kosak strickt Strümpfe! Der Papa soll den Verkauf übernehmen. Der Erlös gehört den Armen und Kranken. Der Kosak strickt Strümpfe! Himmel, hast du keine Flinte!
Aber es war Tatsache! Und sie war überaus fleißig gewesen. Schon am nächsten Tage gingen aus der Einsiedelei ein paar Kinderstrümpfchen hervor - das heißt, es konnte auch etwas anderes sein. Es waren kleine Säckchen, oben mit einem Loch drin. Man behauptete aber, daß es Kinderstrümpfchen seien.
Der alte Fürst fühlte sich nicht als Auktionator berufen. Von den Herren, welche die Sache in die Hand genommen hatten, wurde ein Pariser Schokoladenfabrikant vorgeschoben, der größte der Welt, dessen bekannter Name hier aber nicht genannt werden soll, sehr reich, sehr gutmütig und sehr ... und im übrigen zu denen gehörend, derer das Himmelreich ist.
Der bewaffnete sich mit einem großen Fleischhammer; in einem Hotelgarten fand die Auktion statt.
Der Schokoladenonkel war auf einen Stuhl geklettert, er betrachtete die gestrickten Dinger und legte los:
»Ein paar Waschlappen, selbstge ...«
»Kinderstrümpfchen!« wurde er entrüstet unterbrochen.
Der Schokoladenonkel war nicht vollständig eingeweiht worden, er wußte nur, daß er diese Dinger hier verauktionieren sollte, er hatte sie für Waschlappen gehalten, und jetzt merkte er nur, daß er wieder einmal irgendeine Dummheit begangen hatte, er hatte aber auch nicht richtig verstanden, was man ihm zugerufen - und so setzte er bedächtig seinen Klemmer auf und betrachtete aufmerksam die Dinger.
Richtig, wie sich der Mensch doch irren kann, das waren doch ...
»Ein Paar Fausthandschuhe, selbstgestrickt von ...«
»Kinderstrümpfchen, Kinderstrümpfchen!« erklang es jubelnd im Chor.
Der Schokoladenonkel setzte nochmals den Klemmer auf und betrachtete nochmals kopfschüttelnd die Dinger von allen Seiten. Was sollte das sein? Na, wenn es alle sagten, dann mußten es wohl wirklich Strümpfe sein, und der Schokoladenonkel fügte sich.
»Ein Paar Kinderstrümpfchen, selbstgestrickt von der heiligen Prinzessin von La Bordina. Wer sie trägt, darf die Eremitin jeden Tag besuchen ...«
»Tausend Francs!« rief Lord Roger.
»Tausend Francs zum ersten ...«
»Zweitausend Francs!« erklang es, aber es war kein andrer als wiederum Lord Roger, der sich selbst überbot, und alles lachte.
»Zweitausend Francs zum ersten ...«
»Dreitausend Francs!« erscholl es von einer anderen Seite.
»Viertausend Francs!« überbot jetzt der Lord den anderen.
»Fünftausend Francs!«
Es ging noch weiter. Die Summe soll nicht genannt werden, für welche die Kinderstrümpfchen schließlich losgeschlagen wurden. Im Rahmen einer Erzählung würde es doch nicht geglaubt. Da muß es erfunden sein - und natürlich furchtbar übertrieben - so etwas glaubt doch kein Mensch!
Deshalb soll hier einmal außerhalb unserer Erzählung ein Geschichtchen berichtet werden, welches zeigt, wie es dort unten manchmal zugeht, was dort für ein Geist herrscht, und wer an der Wahrheit der Erzählung verzweifelt, der kann sich durch Nachfragen an Ort und Stelle leicht von der Wahrheit überzeugen.
Im Februar des Jahres 1901 lag Gordon Bennett, der bekannte Besitzer des >New-York-Herald< mit seiner Dampfjacht im Hafen von Nizza. Solch eine Dampfjacht ist ein großes Ozeanschiff, 50 Mann Besatzung drauf.
Mr. Bennett ist ein schon älterer Herr, aber immer noch galant - er hat eine französische Schauspielerin zu sich an Bord eingeladen. Die beiden machen auf der Jacht eine Spazierfahrt, die Küste entlang, nach Monte Carlo zu.
Es war am Kap St. Boron, in der Nähe der Villa Smith, wo sich das Nachfolgende ereignete. Die Küste ist hier mit wildromantischen Felsen eingefaßt. Das mit Geröll bedeckte Ufer steigt sanft an, dicht am Meer ist eine Kirschenplantage, gleich dahinter die Landstraße.
Die beiden stehen an Deck und betrachten diese schöne Szenerie.
»Haben Sie schon einmal einen Schiffbruch erlitten, Mr. Bennett?« fällt es da der Dame bei Anblick der wilden Felsen, denen sie sehr nahe sind, zu fragen ein.
»Jawohl, meine Gnädige.«
»Ach,« flötet da die Schauspielerin, »ich möchte auch einmal einen Schiffbruch erleben.«
»Sofort, meine Gnädige.«
Und Gordon Bennett schiebt den Matrosen vom Steuerrad, dreht es um - >Volldampf!< - und der große Dampfer schießt in voller Fahrt zwischen die Felsen, schusselt über das Geröll weg, kommt vollkommen aufs Trockene und kippt in der Kirschenplantage um. Das Vorderteil lag noch halb auf der Landstraße.
»Da haben Sie einen Schiffbruch, meine Gnädige,« sagte Gordon Bennett, der auf einem Kirschbaum saß.
Der Dampfer war natürlich wrack. Was sonst noch alles passiert war, das erfuhr man nicht, das wurde alles mit Geld vertuscht; aber das Wrack konnte nicht dort oben liegen bleiben, das mußte wieder ins Wasser geschafft werden, und das allein schon soll gegen 150.000 Francs gekostet haben, und das ist zu glauben. Alle in Nizza liegenden Dampfer spannten sich mit Stahltrossen vor, und als ihre Kraft noch nicht reichte, kamen aus Marseille noch vier Dampfer, und das kostet schweres Geld! Schließlich ist das alles nur Reklame, alles für die Zeitung, das kommt alles wieder ein, aber im Übrigen
Wenn man nun einen Romanhelden aus Galanterie zu seiner Angebeteten solch einen Streich ausführen lassen wollte, würde ein Leser glauben, daß so etwas in Wirklichkeit geschehen könne? Nein und abermals nein! Da ist die Phantasie des Romanciers durchgegangen. Und doch ist's passiert, Gordon Bennett hat es gemacht!
Eine wirkliche Unwahrscheinlichkeit aber wäre es, wenn man jetzt behaupten wollte, jene Schauspielerin wäre noch einmal mit Gordon Bennett spazieren gefahren.
Das Bieten auf die merkwürdigen Kinderstrümpfchen ging also weiter.
Lord Roger schien sie durchaus haben zu wollen, hatte aber einen schweren Stand gegen die Bella Cobra, eine Kokotte, deren Name schon erwähnt worden ist. Diese hatte nämlich am Arm einen neuen Liebhaber, einen blutjungen Menschen, einen amerikanischen Dandy, zwischen dessen Zähnen man beim Sprechen immer die eingesetzten Diamanten blitzen sah - damals die allerneuste Errungenschaft des amerikanischen Dandytums.
»George, ich muß die Kinderstrümpfchen haben, ich muß, sonst bin ich unglücklich,« schmachtete an seinem Arme die Kokotte, eine ehemalige Schlangendame, mit liebeverheißendem Blick, und der amerikanische Jüngling schien gewillt zu sein, sich wegen der Kinderstrümpfchen zu ruinieren.
Das mußte wohl auch auf alle Fälle geschehen, wenn er den Bitten der Sirene Gehör schenkte, und Lord Roger gab nicht nach, und mit Geld war der Besitzer des vierten Teiles von London nicht totzumachen.
»Hören Sie auf, mich zu überbieten, Mr. Kock, diese ersten Strümpfe müssen mir gehören, ich habe sie gerade sehr nötig, ich habe schon seit acht Jahren keine mehr an, ich lasse mich nicht überbieten - hören Sie lieber auf!« warnte er mit leiser Stimme, die fast drohend klang, und machte dann in seinem letzten Angebot gleich einen gewaltigen Sprung.
»George - und tausend - sage doch, mein George - und tausend Francs mehr!« flüsterte die schöne Schlange an seinem Arm mit heißem Atem.
»Und dann könnte ich vielleicht aufhören, vielleicht!« setzte Lord Roger lächelnd hinzu, aber mit seinen kalten Augen den Gegner ansehend.
Und unter diesem kalten Blicke ernüchterte sich der Yankee plötzlich, er kam zur Besinnung, und er tat wahrscheinlich das Beste, was er überhaupt hätte tun können - er riß sich nicht nur von dem Arme seiner Begleiterin los, sondern er nahm gleich ganz Reißaus, ging im Galopp davon, rannte um eine Ecke - und man sah ihn niemals wieder. Der nächste Zug hatte ihn für immer aus Monte Carlo entführt.
Wohl dem, der wenigstens noch im letzten Augenblick eine solche Kraft besitzt! Dann forderte dieses Höllenparadies manches Opfer weniger.
» ... zum dritten und zum letzten!« rief der Schokoladenonkel und ließ den hölzernen Fleischhammer dröhnend auf den Tisch fallen.
Die sehr, sehr kostbar gewordenen Kinderstrümpfchen wurden also dem Lord Roger zugesprochen, er nahm sie in Empfang.
War das eine sinnlose Geldverschwendung? Es handelte sich ja um einen wohltätigen Zweck. Da gibt es noch ganz andere Geldverschwendung.
»Gott sei Dank, nun habe ich endlich wieder Strümpfe anzuziehen,« sagte der Lord trocken, als er sein Scheckbuch hervorholte, und das Gelächter über diese Worte vermischte sich mit dem über den davon galoppierenden Jüngling, und nicht minder lachte man darüber, mit was für einem Gesicht die Kokotte dastand, wie vom Donner gerührt, und dann begriff sie, daß sie nicht nur träumte, daß ihr der Galan wirklich durchgebrannt war, auf solch eine unerhörte Weise, richtig durch die Lappen gegangen, sie war unsterblich blamiert, und nun machte sich die Wut der ehemaligen Schlangendame in Worten Luft - in Worten, welche schließlich hier nicht allzu selten sind - es bedarf nur einmal eines leichten Regenschauers, und die leichte Tünche ist abgewaschen.
Plötzlich verstummte Lachen und Schimpfen. Mit einem Mal gewahrte man den maskierten Kapitän, der mitten unter den Anwesenden stand. Infolge der durch die tolle Auktion erzeugten Spannung hatte man ihn übersehen.
»Wissen Sie schon, Herr Kapitän?« wandte sich Lord Roger sofort an ihn, durch den Verkauf der Mäander-Burg ja mit ihm bekannt geworden, und triumphierend hielt er die Strümpfchen in die Höhe. »Selbstgestrickt von der Prinzeß ...«
»Ich kam leider im letzten Augenblick, der Hammer war schon gefallen, sonst hätte auch ich mich an dieser Auktion beteiligt, und ich hatte bereits große Pläne mit dieser Seltenheit vor,« erklang es lachend hinter der Seidenmaske.
Der Lord blickte prüfend auf seine Stiefel hinab und dann an der hohen Gestalt des Kapitäns hinauf.
»Ich bemerke eben,« sagte er dann, »daß mir die Strümpfchen eine Nummer zu klein sein dürften, Ihnen paßten Sie eher. Darf ich Ihnen die Kleinigkeit als Präsent überreichen, Herr Kapitän?«
Ohne Zaudern wurde das Geschenk angenommen.
»Danke bestens, ich werde mich bei Gelegenheit revanchieren.«
Jetzt hatte der maskierten Mann die Kinderstrümpfchen in der Hand, und im Augenblick ging durch die Menge eine Ahnung, daß an diesem Kinderstrümpfchen der Fluch der Lächerlichkeit klebe, wenigstens jetzt hier unter dem Publikum; der Lord war ganz ersichtlich froh, daß er sie schnell wieder losgeworden war, denn schließlich hatten sie ja auch gar keinen Wert.
Was sollte denn nun der Kapitän mit den Kinderstrümpfchen anfangen? Nämlich jetzt hier auf der Stelle! So einfach in die Tasche stecken?
Mit Spannung sah alles nach ihm hin, wie er sich aus der Patsche helfen würde, und keiner hätte in seiner Haut stecken mögen. Die mit zartem Empfinden fühlten schon die fremde Schamesröte in den eigenen Wangen.
Es sollte ganz anders kommen, als jemand erwartet hatte.
»Danke bestens, Mylord,« wiederholte der Maskierte, »ich weiß ein solches Geschenk zu würdigen.«
Sprach's, riß den verbindenden Faden durch, befestigte das eine Strümpfchen an seiner Uhrkette, hatte eine Nadel in der Hand, trat plötzlich auf die Bella Cobra zu, steckte ohne weiteres und ohne ein Wort zu verlieren das andre Strümpfchen an ihrem Busen fest, lüftete artig den Hut und ging schnellen Schrittes davon.
Und sprachlos stand das Publikum da und staunte ihm nach. Worüber es staunte? Das läßt sich nicht mit Worten wiedergeben. Es staunte ein Genie an. Ganz gewiß, hier handelte es sich auch um eine Art von Genie, welches gleich kann, was selbst das Talent niemals lernt.
»God damn't,« ließ sich da ein alter Engländer vernehmen, »wenn der Prinz von Wales der erste Gentleman von der Welt ist, dann ist der Prinz von Monte Carlo der zweite!«
Aus der Einsiedelei kamen noch mehr Strümpfe hervor, auch andere als nur Kinderstrümpfchen, jeden Tag ein Paar, und dazu gehörte etwas, die kleine Eremitin war erstaunlich fleißig, sie mußte Tag und Nacht stricken, und die Strümpfe wurden immer länger und immer vollkommener, und jeden Tag wiederholte sich die Auktion.
Wenn man auch nicht mehr solch ungeheure Preise erzielte, wurden sie doch noch immer mit Summen bezahlt, die man sonst nicht für Strümpfe ausgibt, auch wenn sie von der kostbarsten Seide und mit Blumen gestickt sind, und man riß sich noch immer um sie - und die Herren hingen sich den erstandenen Strumpf an die Uhrkette, die Damen befestigten ihn sich an der Brust, und wer keinen Strumpf aufweisen konnte, den die heilige Prinzessin selbst gestrickt hatte, der galt nicht für fashionabel, und je länger der Strumpf, umso fashionabler war man, oder für desto origineller hielt man sich, und an den Uhrketten und an den Busen baumelten schon ellenlange Strümpfe.
Verrückt, nicht wahr?
Nun wollen wir einmal den Fall bei einem anderen Lichte betrachten.
Der Prinz von Wales hatte einmal seine Schlipsnadel falsch angesteckt - und ein halbes Jahr später hatte die ganze Männerwelt - nein, die ganze Herrenwelt die Nadel schief im Schlipse sitzen.
Der Prinz von Wales ließ sich seine Hosen oben eng und unten weit machen - und gehorsam trug die ganze Herrenwelt die Hosen oben eng und unten weit.
Der Prinz von Wales kommandierte: Hosen oben weit und unten eng! - Und die ganze Welt gehorchte.
Weiß man denn, daß in den englischen Clubs Wetten abgeschlossen werden, wie lange es dauert, bis auf der Berliner Friedrichstraße alles in dem hohen Stehkragen herumläuft, der in London diktiert wird?
Ja freilich, nach der darwinschen Theorie stammt der Mensch vom Affen.
O, es ist eine Schmach! Und der Deutsche, welcher bei seinem schlichten Umschlagekragen und seinem einfachen Krawattchen bleibt, nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern aus einsichtsvollem Stolz, weil er dem englischen Pfiff nicht gehorchen will, der wird womöglich auch noch ausgelacht.
Und liest man die Zeitung, da wird gegen Engländer geschimpft und gewettert und gehöhnt, da wird von deutschem Stolze geschwärmt - und nun sieht man die Verfasser dieses Artikels - und da läuft dieser Kerl, der den patriotischen Deutschen herausstecken will, genau so wie ein lackierter Affe, gekleidet, wie es die Londoner Mode vorschreibt ... o, es ist eine Schmach!
Vorläufig aber ist es so. Der Prinz von Wales, der jetzige König von England, wird von seinem Volke ganz mit Recht >the first gentleman of the world< genannt, denn er schreibt die Mode vor, und bedingungslos gehorcht ihm die ganze Welt.
Jener alte Engländer hatte den Prinzen von Monte Carlo, wie der maskierte Kapitän nun einmal genannt wurde, als den zweiten tonangebenden Gentleman bezeichnet, und er hatte Recht.
Der Prinz von Monte Carlo hatte sich den Strumpf an die Uhrkette gehängt, den anderen dem Weibe an den Busen gesteckt, und wer das jetzt nicht mitmachte, der war in Monte Carlo nicht fashionable, nicht gesellschaftsfähig. -
Mit dem >Kosak< war es für immer vorbei. Es war daraus eine heilige Prinzessin geworden. Es gab auch Leute genug, welche wirklich Grund hatten, sie als ihre Schutzpatronin zu verehren. Der Vater hatte viel zu tun, die einkommenden Gelder mit weiser Hand zu verteilen. Es gab aber auch Leute, welche keinen pekuniären Vorteil davon hatten, und welche dennoch zu ihr wie zu einer Heiligen aufblickten, trotz einer verschiedenen Religion.
Eine alte Frau, eine vornehme, war die erste gewesen, welche die heilige Prinzessin beim Rockzipfel erwischt und einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf gedrückt hatte, und immer mehr wurde die echte Sackleinwand geküsst, verstohlen und offen, wenn die kleine Heilige sittsam mit gesenktem Köpfchen durch die Straßen nach dem Bosamentierladen pilgerte, und sie mußte die Ehrfurchtsbezeugungen dulden, sie konnte es ja beim besten Willen nicht verhindern, und außer beim Gange nach Wolle zeigte sie sich ja auch niemals in der Öffentlichkeit, sie wollte nicht bewundert werden.
So hatte sie auch immer nur eine kurze, ganz bestimmte Zeit, zu welcher man sie in ihrer Einsamkeit aufsuchen durfte. Da zeigte sie sich nach wie vor mit stiller Bescheidenheit, wie sie im Garten arbeitete, wo sie in der Nacht auf der nackten Erde schlief, sie zeigte das kleine Brot, mit dem sie ihr tägliches Leben fristete, und sie zeigte die klare Quelle, zu der sie sich zum Trinken niederbeugte, und auf dem Tische lag immer der Strickstrumpf.
»Alles, alles, ist eitel, nur in der Entsagung liegt das höchste Glück.« Und dabei blieb sie.
Das war nun ganz besonders etwas für die Damen! In der Hütte von La Bordina ward geseufzt und geschwärmt und bemitleidet und so manche schmerzliche Träne vergossen - nämlich von den weiblichen Besuchern, die in Scharen herbeiströmten. So jung, so schön, so reich - und hier in der Einsamkeit lebt sie bei trocken Brot und Wasser und schläft auf der nackten Erde, das Köpfchen, das auf seidenen Pfühlen zu ruhen gewohnt, auf einen harten Stein gebettet!
Armes, armes Kind! Ja, ja, sie hatte ganz recht - 's ist alles nischt!!
So stimmten die Damen immer wieder und immer mehr bei, und dabei seufzten sie sehnsuchtsvoll.
Und merkwürdig, gerade die Kokotten und die anderen zweifelhaften Damen, darunter solche von sehr hohem Range und in bester Lebensstellung, welche sich aber am wenigsten eines tugendsamen Lebenswandels befleißigten - gerade diese fühlten sich von der jungen Weltentsagerin am meisten angezogen, wie von einer geheimnisvollen, magnetischen Kraft.
In der Gesellschaft spotteten sie wohl darüber, machten schlechte Witze über die Einsiedlerin - und dennoch pilgerten sie immer wieder hinauf, um in der Hütte von La Bordina unter den ehrlichsten Tränen über die Nichtigkeit des Daseins zu jammern.
Das heißt, für den, der die Welt und die besonderen Verhältnisse kennt, ist das ganz und gar nicht merkwürdig. Es ist vielmehr selbstverständlich, daß sich gerade diese Damen am allermeisten von der weltentsagenden Prinzessin angezogen fühlten.
»Paßt auf,« flüsterten die sachverständigen Philosophen von Monte Carlo, »wir erleben noch etwas. Das wird noch interessant.«
Nun, wir werden später sehen, was daraus noch wurde - wir werden mit dem ehemaligen Kosaken und der jetzigen heiligen Prinzessin noch etwas ganz Seltsames erleben.
»Da - da - da ist es wieder - fort ist es - jetzt ist's am Ufer - jetzt schwebt es zurück ...«
»Jetzt ist sie gerade dort, wo ihr Vater begraben liegt,« erklärte der alte Hydrian, welcher die Ortsverhältnisse auf der Teufelsinsel am besten kannte und sie auch von weitem beurteilen konnte.
An dem Strand der westlichen Bucht drängte es sich Kopf an Kopf, der Garten der Arche Noah war dicht besetzt, desgleichen links der Felsen von Monaco, und wenn es noch nicht heute Nacht geschehen war, weil man noch nicht sicher gewesen, ob der Spuk sich wiederholen werde, so würden morgen Abend die Fenster aller Häuser gegen schweres Geld vermietet sein, von denen man die Teufelsinsel aus erblicken konnte.
Denn auf der Teufelsinsel spukte es!
Gestern Nacht gegen ein halb ein Uhr hatte zuerst die Schildwache oben auf Monaco das Lichtchen auf der Teufelsinsel hin und her huschen sehen, dann sahen es noch mehrere von selbst, andere erfuhren es, und als die Restaurationen geschlossen wurden, beobachteten es einige hundert Menschen.
Es war ja nicht durchaus gesagt, daß es eine leuchtende Seele sein mußte, welche im Grabe keine Ruhe fand, es konnte ja auch ein lebendiger Mensch sein, der auf der Teufelsinsel um Mitternacht mit der Laterne spazieren ging - aber viel näher lag für das abergläubische Volk doch die Vermutung, daß das flackernde Lichtchen mit der jungen Selbstmörderin zusammenhing, deren spurloses Verschwinden, tot oder lebendig, immer noch ein unaufgeklärtes Geheimnis war und bleiben zu wollen schien.
Die Teufelsinsel hatte keinen Hüter mehr. Jetzt sollte wirklich der Teufel darauf wohnen. Der alte Selbstmörder war an jenem Tage begraben worden, Polizisten und Kriminalbeamte statteten der Insel noch mehrere Besuche ab, aber immer nur am hellen Tage - man mußte ja nach der verschwundenen Leiche suchen - doch alle Bemühungen waren vergebens, sie wurde nicht auf der Insel gefunden, war nicht zwischen den Klippen eingekeilt, wurde weder hier noch am Festland angetrieben.
Inzwischen war noch kein Selbstmord wieder passiert, also war auch niemand zu begraben gewesen. Trotzdem brauchte die Insel einen Wächter, das forderten die Gesetze. Man verzieh dem alten Hydrian - allein der war nicht zu bewegen, die Insel wieder zu betreten.
Die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben, man suchte unter der Hand, man verdoppelte den Gehalt und stellte die günstigsten Bedingungen - alles vergeblich, es wurde kein neuer Totengräber gefunden, der zugleich auf der Insel wohnen sollte, wie sein Amt es unbedingt verlangte.
Die Schuld hieran trug hauptsächlich der alte Hydrian. Dieser hatte sofort, als er wegen Pflichtversäumnis entlassen worden war, die grausigsten Geschichten von der Teufelsinsel erzählt, was er da schon früher Entsetzliches erlebt, was für ein Seufzen und Stöhnen er da schon früher bei nächtlicher Weile gehört habe, und er verstand die Spukgeschichten ganz hübsch auszuschmücken.
Wie er sich widersprach, das lag ja ganz klar auf der Hand. Hätte er schon früher etwas Unheimliches auf der Insel erlebt, so hätte er doch auch schon früher das Hasenpanier ergriffen, das bewies er ja eben jetzt, und daß er behauptete, vor Toten und deren Seelen fürchte er sich nicht, aber wenn Tote wieder lebendig würden und als verweste Leichname auf der Insel herumliefen, mit so etwas wolle er nichts zu tun haben, so war das doch erst recht Unsinn. Nein, der Mann wollte sich nur für seine Entlassung rächen, und das war ihm denn auch gründlich geglückt. Er brachte die Regierung dadurch, daß sie infolge seiner Spukgeschichten keinen Nachfolger für ihn fand, in die schwerste Verlegenheit.
Zu erzählen, was für Gerüchte über das Verschwinden der Leichen zirkulierten, das wollen wir uns ersparen. Erwähnt sei nur, daß der Fall dadurch wirklich ganz mysteriös wurde, daß jener Arzt und Leichenbeschauer hartnäckig bei seiner Behauptung blieb, es habe eine absolut tödliche Blausäurevergiftung vorgelegen. Hydrian versicherte überdies, die Leiche des jungen Mädchens hätte schon starke Spuren der Verwesung gezeigt, und doch hatte man Merkmale gefunden, die darauf hinwiesen, daß die Selbstmörderin später noch auf der Insel herumgelaufen war.
Wenn sie dann aber ihren Tod im Wasser gesucht und gefunden, so hätte ihr Körper angeschwemmt werden müssen, so etwas wissen die hiesigen Fischer, die oft genug Leichen bergen, ganz genau, und da dies aber nicht geschah, so konnte es sich nur um einen nachträglichen Raub handeln, begangen an einer Leiche oder an einer Wiedererwachten.
Kurz und gut, man kam zu keiner Erklärung, bei diesen Versuchen drehte man sich immer nur im Kreis herum, und das Volk wollte ja überhaupt den Fall nicht auf natürliche Weise erklärt haben. So entstanden immer ungeheuerlichere Spukgeschichten ... aber sie hingen eng mit dem geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop zusammen.
Dieser ließ, seit er die Mäander-Burg bezogen hatte, wenig mehr von sich hören. Er war nur einmal im Kasino gewesen und hatte viel verloren. Pferd und Wagen waren immer noch nicht angeschafft worden, wie er zu Monsieur Girard gesagt hatte. Er schien durchaus keine fremden Leute in sein Haus nehmen zu wollen, vielleicht hatte er Pferdekundige auf seiner Jacht, deren Rückkunft er abwartete, und es mochte auch sein, daß ihm das lange Ausbleiben der Jacht große Sorge bereitete.
So hielt er sich immer in seiner Felsenburg auf, suchte keine Gesellschaft und führte mit seinen drei Matrosen ein richtiges Junggesellendasein. Niemand wußte, was er eigentlich in seiner Behausung trieb.
Zehrte er immer noch an der Leiche der jungen Selbstmörderin? Viele meinten, daß es mit dieser eine ganz andere Bewandtnis habe, da hätte sich der Vampir vielleicht einmal in dem erspähten Opfer geirrt. Er war doch selbst so furchtbar entsetzt gewesen, und wo hatte er denn das Leichenhemd des jungen Mädchens herbekommen? Warum hatte er es angehabt? Weshalb hatte er es selbst nicht wieder ausziehen können, so daß es ihm abgerissen werden mußte? Was war damals überhaupt geschehen? Was hatte er an den Fürsten von Monaco berichtet?
Mit der Prinzeß schien man ihm damals doch Unrecht getan zu haben. Oder auch nicht! Wo war die denn die drei Tage gewesen? Sah das nicht gerade so aus, als ob sie jetzt Buße tue für das, was sie gesündigt hatte? Wenn auch gesündigt wider ihren Willen! Sie war ganz einfach dem Vampir begegnet und und hatte zu ihrer Errettung aus seinen Klauen ein Gelübde getan.
Das heißt, so sprachen die Monacasgogner hin und her, welche nicht gerade auf einer sehr hohen Stufe der geistigen Aufklärung stehen. Das gebildete Publikum von Monte Carlo dachte über den Fall auch gebildeter. Aber jedenfalls war dies alles doch so interessant, daß Ostende und die anderen Sommerfrischen ganz vergessen wurden, und selbst Geschäftsleute noch blieben, deren Zeit hier schon längst abgelaufen war. Jeder Tag konnte ja die Lösung aller dieser geheimnisvollen Rätsel bringen, die Berichterstatter der großen Zeitungen waren jetzt doch sicherlich mit Volldampf dahinterher, wenn sie vorläufig auch noch nicht davon sprachen, sie wollten ein Resultat bringen, und das mußte man denn hier an Ort und Stelle abwarten.
Nun kam noch der Mitternachtsspuk auf der Teufelsinsel hinzu! Würde er sich heute Nacht wiederholen? Alles war auf den Beinen.
Richtig, punkt zwölf tauchte dort drüben ein Lichtchen auf und begann auf der Insel hin und her zu schweben!
Unter den Fremden gab es natürlich genug, auch Damen, welche einem Gespenst sofort auf den Leib gegangen wären, wenn sie nur einmal eins zu sehen bekommen hätten. Dagegen ganz allein eine Nacht an solch einem Ort wie dieser Selbstmörderinsel zuzubringen, dazu gehörte schon etwas anderes, da liegt etwas Geheimnisvolles im menschlichen Herzen, und wer darüber spottet, der beweist von vorneherein, daß er ein Renommist ist. Aber sich vor Gespenstern fürchten - Furcht vor ihnen haben! - das ist wiederum etwas ganz anderes. Ein >Ausreißen< gibt es eben nicht - wenigstens nicht bei dem Menschen, welcher sich wirklich als Mensch und als Herrn der Erde fühlt.
»Da macht sich jemand einen Witz.«
»Ich fahre hin. Wer kommt mit?«
Lord Rogers Boot war zuerst klar, obgleich es von seiner Jacht aus noch mit Fackeln und anderen Leuchtkörpern ausgerüstet wurde. Er hatte sich in einer >besseren< Gesellschaft von Herren und Damen befunden, sie alle gingen in das große Boot mit vier Ruderern, niemand schloß sich aus, und andere Bootsführer wurden von verschiedenen Seiten angetrieben, sich zu beeilen. Diese Boote lagen alle in der eigentlichen Bucht von Monaco, auf der anderen Seite hob Graf Cigalgi nur die Fahrzeuge von wohlhabenden oder doch sportliebenden Bürgern auf, und von diesen hatte kein einziger Lust, das tanzende Licht näher zu untersuchen.
So mußte von hier aus erst der weit vorspringende Felsen von Monaco umrundet werden, und zwanzig Minuten waren doch vergangen, ehe Lord Rogers Boot die Teufelsinsel in Sicht bekam.
Die See war spiegelglatt, der Himmel bewölkt, nur ab und zu erhellte das letzte Viertel des Mondes die stille Nacht, so still, daß man trotz der weiten Entfernung das Murmeln der am Strande versammelten Menge hören konnte - und dort auf der Insel huschte das Lichtchen herum!
»Ich halte auf die Seeseite der Insel zu,« flüsterte Lord Roger, welcher am Steuer saß. »Nach dem Lande kann kein Boot entkommen, ohne gesehen zu werden, und wir beobachten die Seeseite.«
»Sie denken, es ist jemand mit einem Boot auf der Insel gelandet?«
»Ja, irgendein Mensch muß doch darauf sein, die Laterne, oder was es sonst ist, geht doch da nicht allein spazieren, und wie soll er denn sonst hinübergekommen sein, wenn nicht in einem Boote?«
»Er ist hinübergeschwommen.«
»Au,« sagte ein Herr, der die Hand ins Wasser getaucht hatte, »das ist verflucht kalt - pardon, meine Damen!«
»Mister Arnold badet den ganzen Winter hindurch.«
»Das tue ich auch.«
»Sie, Mr. Janken?« wurde besonders von den Damen spöttisch gelacht. »Sie wären gerade der rechte!«
»Ich meine natürlich in der geheizten Badewanne.«
So flogen die Scherzreden hin und her. Man sieht also, von Gespensterfurcht wurde diese Gesellschaft nicht geplagt, und das war auch kein Galgenhumor, mit dem sie einander Mut machen wollten, sondern grundechter.
»Ja, was mag das aber nur sein?« hieß es dann wieder.
»Wir werden dieses >Das< schon fassen,« versicherte Lord Roger.
»Weg ist es wieder - und jetzt scheint das Lichtchen für immer verschwunden zu sein.«
Das Boot war noch hundert Meter von der Insel entfernt; in einer halben Minute mußte es diese Strecke durcheilt haben.
Es war gerade wieder finster geworden und von dem flackernden Lichtchen schon seit einiger Zeit nichts mehr zu sehen.
Der steuernde Lord Roger bat die Gesellschaft um Ruhe, die Riemen arbeiteten geräuschlos in den Gabeln, nur am Bug plätscherte das Wasser etwas. Noch immer war das Murmeln der Menge ganz deutlich zu vernehmen. Und mit einem Male verwandelte sich dieses unbestimmte Murren in deutliche Worte:
»Da - da - eine weiße Gestalt! - das ist sie! - Jesus, Maria und Joseph, dort steht sie wirklich!«
So erscholl es vom Ufer her. Aber vom Boot aus war nichts Auffallendes zu bemerken, es näherte sich ja auch der Insel von der Seeseite.
»Wo - wo?« erklang es aufgeregt im Boot.
Da plötzlich zerriß die Wolkenhülle, der Mond übergoß mit schwachem Licht die Insel, und in diesem sah man auf einem Felsenvorsprung eine weiße Gestalt stehen, die Arme ausgebreitet - sie bewegte dieselben, schien abwehrende Zeichen zu machen, und gleichzeitig hörte man klagende Töne.
Dieser unvermutete Anblick bewirkte, daß allen der Herzschlag stockte.
Doch kaum drei Sekunden hatte man den Anblick der weißen Gestalt, da erscholl ein furchtbarer Donnerschlag, und verschwunden war die Erscheinung.
»Was war das?« hauchten Lippen, welche vor Erregung bleich geworden waren.
Die Matrosen hatten die Ruder aus dem Wasser genommen, aber das Boot befand sich noch in voller Fahrt. Lord Roger, der Einzige, der keinen Augenblick die Besinnung verlor, hatte sich aufgerichtet, und es war ein Bravourstückchen der Geistesgegenwart, welches er im nächsten Augenblick ausführte. Die Felsenwände gaben noch das Echo des rätselhaften Donnerschlags wider, der das Verschwinden der weißen Gestalt begleitet hatte, als der Hand des Lords ein Feuerstrahl entfuhr, er zeichnete in der Luft einen glühenden Streifen, das Ende blieb in der Höhe stehen, ein schwacher Knall - und ein blendend weißer Lichtregen übergoß die kleine Insel mit Tageshelle.
Es war eine Magnesiumrakete gewesen, aber Zweck hatte sie nicht gehabt. Man sah ganz deutlich jeden Baum auf der Insel, nur die weiße Gestalt nicht mehr, und sie hatte hoch auf einer nackten Klippe gestanden, und selbst wenn sie schnell zurück zwischen die Büsche gesprungen wäre, man hätte sie doch sehen müssen, so schnell war der Lord mit seiner Rakete zur Hand gewesen.
Wenn man nicht an ein Gespenst glauben wollte, das sich unsichtbar machen konnte, so hatte sich die Gestalt geradezu ins Meer stürzen müssen.
»Nichts,« sagte Lord Roger phlegmatisch, sich wieder setzend. »Aber, meine Herschaften, deswegen brauchen Sie noch immer nicht an Geistererscheinungen zu glauben, dort in der See ist ein rotes und ein grünes Licht, das ist ein Dampfer, er will in den Hafen von Monaco, hat einen Kanonenschuß gelöst - und gleichzeitig trat der Mond hinter eine Wolke - deshalb sahen wir den Geist plötzlich verschwinden - und meine Rakete kam eben doch noch etwas zu spät. Da ist gar nichts Unerklärliches dabei.«
Er hatte Recht. Dort fuhr wirklich ein Dampfer, jetzt nahm man auch den Pulvergeruch wahr. Nur das Zusammentrffen aller dieser Ereignisse war merkwürdig - schließlich eben ein Zufall.
Ja, was für eine Bewandtnis aber hatte es nun mit der weißen Gestalt?
»Es war ein Weib!«
»Jawohl, und sie hatte blonde Haare, ich konnte es deutlich erkennen.«
»Das sah gerade aus, als ob sie ein weißes langen Hemd anhabe.«
»Gewiß, es war ein Leichenhemd.»
»Na, es kann auch ein Nachthemd gewesen sein.«
»Und sie wimmerte und stöhnte.«
»Das waren gar keine menschenähnlichen Töne.«
So flüsterte es durcheinander, bis das Boot an der Insel landete.
Bei dieser glatten See konnte es überall anlegen, und unter den Aussteigenden war wohl keiner, der nicht eine kleine Gänsehaut hatte und immer ängstlich darauf wartete, daß plötzlich irgend etwas Weißes auftauchte, obgleich Lord Roger durch Fackeln modernster Konstruktion sofort ein tageshelles Licht verbreiten ließ. Gleich darauf kamen in Zwischenpausen noch mehr Boote, deren Insassen ebenfalls die weiße Frau gesehen hatten, eine geschlossene Bootsflotille brachte auch viele Uniformen.
»Die ganze Armee von Monaco ist mobil gemacht worden, zwölf Soldaten und vierundzwanzig Generale,« konnte der Herr doch noch scherzen.
Es sind zwar etwas mehr Soldaten und etwas weniger Offiziere, aber die Gesamtsumme stimmt, das ist die Armee von Monaco - ach so, noch eine große Musikkapelle kommt hinzu - und das beste ist, daß diese Krieger immer über sich selbst schlechte Witze machen!
»Wenn es mal zum Völkerkrieg kommt, wenn wir uns da einmischen! Ihr denkt wohl, wir können mit unseren Gewehren nicht schießen? Oho! Wenn wir nur Patronen hätten, wir wollten schon schießen ...«
Endlich bekamen die fetten Zierpuppen einmal etwas zu tun. Auch die hatten Beleuchtungskörper mitgebracht, sollten die Insel absuchen und bis auf weiteres Wache stehen, bis sich der mysteriöse Fall aufgeklärt hatte.
Wie man aber auch suchte, es wurde nichts gefunden, diesmal auch nicht der Abdruck eines nackten Fußes im weichen Boden.
Der Mensch braucht nun einmal für alles eine Erklärung.
Mochten sich nun auch hier auf der Insel Leute befinden, welche die natürliche Erklärung der Erscheinung in der Annahme von etwas Übernatürlichem sehen - (das ist wohl ganz richtig ausgedrückt) - so wagten sie als gebildete oder doch als gebildet gelten wollende Menschen in Gegenwart von anderen dieses doch nicht auszusprechen, sie stimmten der Ansicht jener >Aufgeklärten< bei.
Danach mußte die junge Selbstmörderin doch nur scheintot gewesen sein; es war sehr die Frage, ob sie überhaupt Blausäure genommen hatte, es konnte auch nur von dem Inhalt des Giftfläschchens sich etwas über ihr Kleid gegossen haben, wodurch sie so charakteristisch gerochen hatte, und der vermeintliche Tod war nur eine vorübergehende Herzlähmung gewesen, hervorgerufen durch den Schrecken beim Anblick des vom Stuhle gestürzten Vaters - wie dem auch sei, jedenfalls war sie auf der Insel wieder zu sich gekommen, hielt sich jetzt dort auf, verbarg sich aber vor den Menschen.
Freilich, wo sie sich verborgen hielt, daß sie nicht zu finden war, und wie sie sich ernährte, das war vorläufig noch ein unergründliches Rätsel. Aber es war doch wenigstens eine Erklärung auf natürliche Weise.
Außerdem mußte man mit Sicherheit annehmen, daß es eine Wahnsinnige war, die sich vor den Menschen versteckte. Das konnte man schon aus den Tönen vernehmen, wie sie auch abwehrende Bewegungen gemacht hatte, man solle sich ihr nicht nähern. Der Schreck, das Erwachen im Leichenhemd neben dem Vater, hatte eben ihren Verstand umnachtet, und gerade Wahnsinnige zeigen in gewissen Fällen eine außerordentliche Schlauheit, und zwar ganz besonders, wenn sie sich verbergen wollen.
»Ich bitte die Herren,« ließ sich da ein junger Herr von der Monaco-Armee vernehmen. »Die Gestalt hat doch ein Leichenhemd angehabt.«
»Jawohl, es war ein Leichenhemd!« wurde ihm sofort beigestimmt.
»Nun, jenes Leichenhemd hat aber damals bei der geheimnisvollen Affäre der maskierte Kapitän über seinem Anzug getragen, und dieses Leichenhemd liegt jetzt auf dem Polizeiamt unter Siegel und Riegel, und es ist dasselbe Leichenhemd, welches das Hospital für die Selbstmörderin geliefert hat, daran kann kein Zweifel aufkommen, es ist gestempelt und mit laufender Nummer versehen. - Bitte, wie ist nun dies zu erklären?«
»Es braucht ja kein Leichenhemd gewesen zu sein, was wir gesehen haben, es war eben ein anderes langes, weißes Hemd oder Gewand,« wurde dem Frager jetzt von anderer Seite geantwortet.
»Woher soll sie dieses andere Hemd oder Gewand bekommen haben?«
»Na, einfach aus der Garderobe des Totengräbers, der hat doch all seine Sachen auf der Insel im Turm zurückgelassen.«
»Bitte,« nahm der junge Offizier wiederum ebenso höflich wie bestimmt das Wort, »ich gehe jede Wette mit ein, daß der alte Totengräber unter seinen Lumpen kein solches langes, weißes Gewand gehabt hat. Wir brauchen den Mann deswegen ja nur zu fragen.«
»Dann hat sie es eben woanders her,« wurde dem Zweifler jetzt ungeduldig entgegnet. »Oder Sie glauben doch nicht etwa, daß es wirklich ihr Geist gewesen ist, bekleidet mit einem Astralhemd?«
»Nein - das glaube ich nicht - ich dachte nur, die Herren wüßten hierfür eine Erklärung, die ich nicht finden kann.«
Der junge Offizier war jedenfalls der gescheiteste von allen und hatte, mochte er nun glauben, was er wollte, mit seinem Spott, der bei aller Höflichkeit durchklang, durchaus Recht.
Wenn der Mensch etwas scheinbar Übernatürliches auf natürliche Weise erklären will, was geradezu zu einer Sucht ausarten kann, so kommt er in seinem Eifer oftmals auf Sachen, die erst recht >übernatürlich< sind, da wäre es gewöhnlich viel einfacher, gleich an ein Wunder zu glauben. Der hier vorliegende Fall war noch ein ganz harmloser. Aber zum Beispiel die Gegner des Spiritismus, die haben sich manchmal >eklig verrasselt<. Denn ehe man die Behauptungen glaubt, die sie aufstellen, um die Phänomene auf natürliche Weise zu erklären, da glaubt man doch lieber ganz einfach an Gespenster.
Außer den Soldaten blieben heute Nacht noch andere Personen als freiwillige Wache zurück, sogar Damen, welche ein grausiges Gefühl genießen wollten, auch wenn sie nicht an Geister glaubten. Die meisten der tapferen Krieger der einheimischen Armee dachten allerdings ebenso wie ihre am Strand versammelten Brüder und Schwestern von Monaco.
Diese wollten von einer lebendigen Wahnsinnigen nichts wissen. Für sie war das sehr klar, diese Leute brauchten sich deshalb auch nicht den Kopf zu zerbrechen, woher das weiße Gewand stammen könnte. Für sie spukte >ganz einfach< auf der Teufelsinsel die Seele der unbegrabenen Selbstmörderin, und daß sie spuken mußte, das hing wiederum >ganz einfach< mit dem geheimnisvollen Kapitän zusammen, der sich >ganz einfach< dem Teufel verschrieben hatte.
Die Leute am Strand hatten auch noch etwas anderes beobachtet, was denen auf der Insel zunächst entging, weil ihnen der Überblick fehlte, weshalb sie es erst nachträglich erfuhren.
Ja, in gewisser Beziehung war sogar das abergläubische Volk am Strand viel vorurteilsfreier als die Freidenker auf der Insel.
Man hatte auch von hier aus die weiße Gestalt auf dem Felsvorsprung stehen sehen, nicht so deutlich, wie es die in den Booten beobachten konnten, aber immer noch deutlich genug, um ein Weib mit hellblonden Haaren unterscheiden zu können.
Trotz der furchtbaren Erregung, die jeden befiel, hatten sich sofort einige, einer inneren Eingabe folgend, umgewandt. Von hier aus konnte man nämlich gerade in die Gaumates-Schlucht blicken, man sah auch die Mäander-Burg, welche oben mit einem kleinen Türmchen gekrönt war - und richtig, dort oben in diesem Türmchen erglühten abwechselnd farbige Lichter!
In demselben Augenblick, da man zur Erkenntnis kam, daß der geheimnisvolle Kapitän aus seiner neuen Wohnung mit dem Geisterlichte korrespondierte - denn was anders konnte es denn sein! - ertönte der Donnerschlag, welcher das Gespenst sofort zum Verschwinden brachte.
Diese kundigen Küstenbewohner aber hörten sofort den Kanonenschuß heraus, mit dem ein kommendes Schiff sich anmeldete, unwillkürlich schweiften die Augen über das Meer - richtig, da war das rote und das grüne Seitenlicht, sowie die Toplaterne eines Dampfers. Jetzt signalisierte dieser ebenfalls mit farbigen Feuern, und dort oben auf der Mäander-Burg in dem Turm, welchen Lord Roger extra wegen seiner Jacht als Signalstation eingerichtet hatte, ging das Farbenspiel weiter - also konnte es nur die endlich zurückkehrende Heliotrop sein - und das alles hing natürlich dort mit dem Inselgeist zusammen, es war ja alles fast auf ein und denselben Moment gefallen.
Von der Insel kamen schon wieder Personen zurück, welche nur erzählen konnten, daß dort drüben weder von einem Geist zu bemerken wäre, noch von einem lebendigen Menschen, der den Spuk inszeniert hätte, und so zog die vor Spannung zitternde Menge jetzt vor, schnell nach der anderen Bucht zu strömen, in welche die Heliotrop einlaufen mußte. Dabei konnte noch immer die Wohnung des Kapitäns im Auge behalten werden.
Die Motorjacht, welche elektrisch erleuchtet war, damals noch eine große Seltenheit, steuerte langsam in den Hafen ein, und noch ehe die Anker fielen, wurde ein kleines Motorboot ausgesetzt. Das alles konnte man im schwachen Mondlicht erkennen, nur nicht die Einzelheiten.
Auf dem Quai stand an der Anlegestelle, welche für die Boote der Heliotrop reserviert war, der x-beinige Matrose, er sollte also den Kapitän vertreten, und Wilm streckte denn auch seinen Bauch noch etwas weiter heraus als sonst.
Daß der Kapitän nicht selbst kam, das war freilich sehr auffällig; ja, das war nach Seemannsbegriffen sogar ... unanständig! So etwas gehört mit zu der sogenannten Schiffsroutine. Wenn ein Schiff nach vierzehntägiger Fahrt wieder in den Heimathafen zurückkehrt, so geht auch der stolzeste Reeder sogleich an Bord, schüttelt dem Kapitän die Hand, gratuliert ihm und dankt ihm, daß er ihm sein Schiff wieder zurückgebracht hat, das ist im Seewesen eine selbstverständliche Höflichkeit, und da entschuldigt kein Zipperlein und keine Hochzeit, der Kapitän ist kein Lokomotivführer, wie ein Schiff auch keine Lokomotive ist, deren Weg durch Schienen vorgeschrieben wird, und ein Jachtbesitzer hat ebenfalls diese Anstandspflicht oder er muß zum Empfang eine andere Person schicken, die ihn wirklich vertreten kann, aber doch nicht einen Matrosen, so wie eine große Aktien-Reederei zu diesem Zweck einen besonderen, hoch bezahlten Repräsentanten hält, welcher den zurückkommenden Kapitän begrüßen und ... mit ihm zechen muß.
Da nun der Kapitän der Heliotop nicht selbst kam, so mußte man geradezu annehmen, daß er sterbenskrank sei; denn in der Mäander-Burg befand er sich, sie wurde ja von den Neugierigen nicht aus den Augen gelassen, und was sich schickt, das wußte der ebenfalls, markierte er doch den Seemann in jeder Weise, hatte sich z. B. die blauen Anzüge alle nach Seemannschnitt fertigen lassen. War er aber nicht krank, dann ... hatte er eben etwas mit dem Teufel zu tun.
Das Motorboot kam heran. Außer einem Offizier und einigen Matrosen sah man darin am Boden einen langen, dunklen Gegenstand liegen.
Es landete. Der erste Offizier von der Heliotrop sprang an Land.
»Alles wohl an Bord! Der Kapitän wohnt jetzt dort, von wo aus uns zusignalisiert wurde, in den Hafen einzulaufen?«
»Zu Befehl!« entgegnete Wilm, eine militärische Haltung einnehmend, was bei seiner Figur freilich sehr possierlich aussah, ein >Hacken zusammen< gab es bei diesen X-Beinen natürlich nicht.
»Wo ist der Kapitän?« fuhr der erste Steuermann fort.
»Er ist krank.«
»Schlimm?«
»Weiß nicht. Er liegt im Bett. Jedenfalls kann er beim besten Willen nicht kommen, sonst wäre er doch hier, euch zu begrüßen. - Hm! Habt ihr es mit? Der Kapitän lauert nämlich darauf. Kann's gar nicht erwarten.«
»Wir haben es mit. Ist die Wohnung des Kapitäns weit von hier?«
»Gleich in der Nähe, drei Minuten!«
»Ladet aus,« wandte sich der Steuermann zurück, »aber vorsichtig!«
Vier Matrosen hoben den langen, mit einem schwarzen Tuche verhüllten Gegenstand aus dem Boot - ganz unverkennbar ein Sarg!
Durch die Reihen der Umstehenden ging ein Murmeln der schauerlichen Genugtuung.
Da hatte man es ja! Also daher kam es, daß in Monaco und Umgegend kein junges Mädchen mehr verschwand. Der Vampir bezog einfach seine Opfer, die er zur Erhaltung seiner künstlichen Jugend brauchte, von auswärts, seine Jacht mußte zu diesem Zweck weite Seereisen machen.
Wie so etwas nur erlaubt sein konnte! Wie nur, auch der Fürst von ... doch nein, was der tut, das ist wohl getan!
Es trat aber doch jemand auf, der solche Heimlichkeit nicht guthieß.
Ein Herr näherte sich der einstweilen an den Boden gesetzten Kiste, in deren Seiten die Matrosen eben Tragstangen einschoben. Das zeigte also, daß es kein leerer Sarg war, er war schwer zu heben, und was anderes als eine Leiche kann denn in einem Sarge sein?
»Wollen Sie diese Kiste an Land bringen?« fragte jener Herr.
»Gewiß,« entgegnete der Steuermann. »Sie ist ja schon an Land.«
»Ich meine, die Kiste soll im Fürstentum Monaco bleiben?«
»Jawohl, sie wird in die Wohnung des Kapitäns der Heliotrop gebracht, und dort wird sie auch bleiben. Sonst noch etwas gefällig?«
»Bitte, wollen Sie die Kiste öffnen!« erklang es jetzt kurz.
Der Steuermann blieb bei diesem Befehl ganz gelassen, er setzte jedoch den Fuß auf die Kiste, als wolle er