Wir wollen in der Erzählung der neuen Abenteuer Nobodys dem Berichte eines uns bisher noch nicht bekannten Mannes folgen, müssen aber, ehe wir ihn selbst in seiner schlichten Weise erzählen lassen, einen schnellen Blick auf seine Jugendjahre werfen, denn dieser Werdegang eines Menschen dürfte nicht nur ganz besonders für Eltern, sondern auch von allgemeinem Interesse sein.
In Papenburg, der kleinen, aber alten und soliden Hafenstadt, die unserm Vaterlande schon manchen tüchtigen Seemann, unsrer Kriegsmarine schon manchen hervorragenden Offizier geschenkt hat, lebte ein vermögender Schiffsmakler namens Max Hammer. Er war für dieses Geschäft, welches eine bedeutende Erfahrung verlangt, noch ziemlich jung, dafür aber in der Praxis seines Vaters aufgewachsen und hatte treue Berater zur Seite.
Einmal ließ er sich von dem alten Grohmann, Kapitän und Eigentümer der >Katharine<, zu einer gewagten Spekulation überreden. Es wurde gemacht. Peter Grohmann war doch schon Freund und Berater von Hammers Vater gewesen - und als das Geschäft mißglückte, war der Schiffsmakler ruiniert, total bankrott. Aber ein Bettler wollte und konnte der ehemals begüterte Mann nicht werden. Er ertrug den Schlag nicht, legte sich hin, und einige Tage später war er tot.
Der alte Kapitän der >Katharine< wurde von seinem eignen Gewissen freigesprochen. Der Mißerfolg war nicht vorauszusehen gewesen, und für solch ein Unglück kann niemand etwas. Er selbst war an dem Geschäft beteiligt gewesen und hatte schwere Verluste gehabt, nur daß er dadurch nicht gänzlich ruiniert wurde.
Er war ein Ehrenmann. Dem Toten war nicht mehr zu helfen. Aber er hatte eine Frau und unmündige Kinder hinterlassen, und dieser nahm sich der alte Kapitän jetzt und fernerhin an, als wenn es seine eignen wären.
Für uns nun kommt ein Knabe in Betracht, August Hammer.
August hatte damals gerade sein zehntes Jahr vollendet. Es war Ostern, er sollte die Bürgerschule verlassen und das Gymnasium besuchen. So war es die Absicht der Eltern gewesen.
Wäre es allein nach der ehrlichen Überzeugung des Kapitäns gegangen, so wäre hieraus nichts geworden. Der kleine, dicke Stöpsel war ein seelensguter Junge und das Muster eines wohlerzogenen Sohnes, hatte auf jeder Zensur auch regelmäßig fünf Einsen, nämlich in der Ordnungsliebe, in Fleiß und sittlichem Betragen, ferner im Turnen und Singen - aber in allen andern Fächern kam er niemals über die Drei bis Vier hinaus; zu Ostern wurde er jedesmal nur so mit Ach und Krach versetzt.
Wir wollen nicht sagen, daß August direkt schwachsinnig war. Durchaus nicht! Aber beschränkt war er. Wie soll denn auch so ein dicker Stöpsel mit solchem Vollmondgesicht, mit solchen semmelblonden Haaren und mit solchen wasserblauen Augen ein Genie sein! Und selig sind die Beschränkten, denn ihrer ist das Himmelreich. Und das sah man >Augusten< gleichfalls an.
August ist eigentlich ein schöner Name; so haben gar große und berühmte Männer geheißen. Aber es gibt auch noch einen andern August, und unsrer hier wurde es; an seinen Namen heftete sich der Fluch der Lächerlichkeit: er war und blieb unter seinen Schul- und Spielkameraden der dumme August.
Nun hatten die Eltern durchaus gewollt, daß ihr Goldjunge das Gymnasium und später die Universität besuchen, ein >Gelehrter< werden sollte, vielleicht gar Professor! Kann man solch eine Kurzsichtigkeit begreifen?
Du lieber Gott! Es mag wohl noch einige andre zehntausend Eltern geben, die an demselben Fehler leiden.
Der alte Kapitän Grohmann als Vormund litt nicht daran. Aber der noch lebenden Mutter Wunsch war es immer, ihren August dereinst als Professor zu sehen, war er doch so überaus fleißig, und der Kapitän setzte diesem Wunsche alle eignen Bedenken hintan.
Auf dem Gymnasium war es ganz genau dasselbe. In Ordnungsliebe, Fleiß, sittlichem Betragen, Turnen und Singen immer die Eins, sonst auf der Zensur überall ein >kaum genügend<. Er war der dumme August.
So würgte er sich mühsam bis zur Quarta durch. Hier blieb er sitzen, und von jetzt an schien er ganz und gar von Gott verlassen zu sein. Als Kapitän Grohmann einmal zu Ostern nach Hause kam, erfuhr er, daß August in der Quarta zum zweiten Male sitzen geblieben sei, trotzdem er wie ein Ochse gebüffelt hatte.
Wer zweimal in einer Klasse sitzen bleibt, muß die betreffende Schule verlassen.
Die Mutter war unterdessen gestorben; der Kapitän sprach mit dem Gymnasialoberlehrer, und es war so merkwürdig, wie dieser dem Knaben das brillanteste Zeugnis ausstellte und dem Vormund dennoch riet, ihn nicht erst wieder auf eine Schule zu bringen, wo er das Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis noch erlangen könnte.
»Der bekommt es doch nie. Lassen Sie den Jungen Handwerker werden oder Beamter oder Kaufmann. Der kann ergreifen, was er will, er wird es stets weit im Leben bringen, wenn er sich auch nie vor andern auszeichnen wird. Solch ein Fleiß und solch eine Ordnungsliebe und Pflichttreue stehen einzig da. Lassen Sie ihn in einem großen, soliden Geschäftshause als Lehrling beginnen, er wird sich emporarbeiten bis zum ersten Kassierer. Nur zum Disponenten eignet er sich nicht.«
Kapitän Grohmann nahm den vierzehnjährigen Knaben vor.
»Was willst du werden, August?«
August schaute den Frager mit treuherzigen Augen an und antwortete gehorsam: »Was du willst, Onkel!«
»Willst du Kaufmann werden?«
Im Augenblick sah August vor sich Fässer mit Mandeln und Rosinen.
»Ei ja, Onkel!« sagte er freudig.
»Oder willst du Handwerker werden? Handwerk hat goldnen Boden.«
Von einem goldnen Boden sah August nichts, wohl aber sich selbst schon als muntern Handwerksburschen auf der Walze, in der Nacht bei Mutter Grün kampierend und am Tage die Haustüren abfechtend, und solch ein Leben fand er nicht übel.
»Ei ja, Onkel!« erklang es also abermals.
»Was für ein Handwerk willst du da ergreifen?«
»Was du willst, Onkel,« lautete abermals die Antwort des Musterknaben.
»Vielleicht Fleischer?«
Jetzt wurde Augusts Geist von Leber- und andern Würsten umgaukelt.
»Ei ja, Onkel!«
Der alte Seemann dachte daran, was ihm Augusts Oberlehrer gesagt hatte, und etwas andres fiel ihm ein, etwas eigentlich sehr Naheliegendes.
Welche Nation liefert die besten Matrosen? Der Engländer ist ein ausgezeichneter Matrose, noch besser ist der Skandinavier, besonders der Norweger; aber der gesuchteste Matrose ist der Deutsche.
Wenn irgendwo in der Welt ein englischer Kapitän einen Matrosen braucht, und es melden sich Dutzende, lauter Engländer und Norweger, nur ein einziger Deutscher ist darunter, und dieser hat nur einigermaßen gute Papiere, so nimmt der englische Kapitän ganz sicher diesen Deutschen an Bord seines Schiffes.
Weswegen? Mut und Kraft wird als ganz selbstverständlich von jedem Matrosen verlangt. Die Pflichttreue ist es, die freiwillige Disziplin, die Verläßlichkeit, worin der deutsche Matrose unerreichbar ist, und das macht ihn am wertvollsten.
Dasselbe gilt natürlich von allen Gliedern der Besatzung bis hinauf zum Kapitän, und wenn es so ist, dann war unser August, der auch noch ein gar gewandter Turner war, zum Seemann wie geschaffen. Um aber das Kapitänsexamen bestehen zu können, dazu braucht man kein mathematisches Genie zu sein.
Jetzt sah der gefragte Junge vor seinen geistigen Augen bunte Papageien sich auf Palmen schaukeln und possierliche Affen und schwarze Männer mit Goldringen in der Nase, und seine stereotype Antwort lautete: »Ei ja, Onkel!«
Gut! August kam also als Schiffsjunge auf die >Katharine<, aber von jetzt an war sein Vormund nicht mehr der >Onkel<, sondern eben sein unnahbarer Kapitän, der den Knaben tüchtig unter die Fuchtel nahm.
Die >Katharine<, ein stattliches Vollschiff mit neunzehn Mann Besatzung, trat eine sogenannte wilde Reise an. Darunter versteht der Seemann eine Reise, bei welcher er nicht zugleich für die Rückfahrt nach dem Heimatshafen angemustert wird, weil das Schiff Ladung einnimmt, wo es eine solche bekommt.
Hierbei ist nämlich ein großer Unterschied. Der Matrose, welcher an Bord eines Schiffes mustert, geht laut der internationalen Seegesetze stillschweigend einen Kontrakt ein, auch wieder die Rückreise nach dem Heimatshafen als Matrose mitzumachen, er darf also das Schiff in keinem andern Hafen verlassen. Andrerseits ist die Reederei verpflichtet, falls die Reise aus irgend einem Grunde unterbrochen werden muß, den Matrosen wieder nach dem Hafen, in welchem er gemustert hat, frei zurückzubeordern.
Bei einer wilden Reise schreiben die Seegesetze andre Bedingungen vor. Hier wird ein Kontrakt auf Zeit gemacht. Der Matrose muß für eine gewisse Frist an Bord des Schiffes aushalten und wird nach Ablauf derselben im nächsten Hafen abgemustert, welchen dann das Schiff anläuft.
Die >Katharine< musterte die Mannschaft auf vier Jahre an. Erst segelte sie mit Stückgut nach Baltimore, von hier ging es mit Weizen nach Valparaiso, in Iquique wurde Salpeter nach London mitgenommen, von London ging es mit Geweben um die Südspitze von Afrika nach Hongkong, und als die >Katharine< hier eintraf, waren von dem Kontrakt erst drei Jahre vergangen.
Von unserm August ist während dieser ganzen Fahrt, bei welcher er viermal die Linie passierte, gar nichts weiter zu erwähnen, als daß er nach Beendigung des zweiten Jahres zum Leichtmatrosen befördert wurde. Das war nur recht und billig gewesen. Er tat gewissenhaft seine Pflicht, war auch ein ganz fixer Junge, zeichnete sich aber in keiner Weise aus. Daß er in dieser Zeit Englisch lernte, kam einfach daher, daß an Bord einige englische Matrosen waren, und deshalb im Mannschaftslogis viel Englisch gesprochen wurde.
Einmal, als sein Kapitän an Land einen alten Freund getroffen hatte, der auch den Vater Augusts gekannt, mußte dieser zufällig über sich ein Urteil hören, das für ihn zwar sehr ehrend war, aber doch einen recht bittern Beigeschmack hatte.
»Das wird einmal ein tüchtiger Kapitän, aber auch kein andrer, als wie es bereits Tausende gibt. Der muß bei einer Reederei immer ein und dieselbe Linie fahren. Selbständig darf er nie werden. Vor allen Dingen fehlt ihm jeder Unternehmungsgeist.«
Ja, so sah er auch aus. Noch immer war August ein kleiner, dicker Stöpsel, brennende Sonnenglut und eisiger Schneesturm hatten ihm nichts von seiner semmelblonden Bescheidenheit nehmen können, ein stiller, nüchterner Jüngling, mit dem man gar nicht in Streit kommen konnte, weil er niemandem widersprach - - ein Mensch, der zum Gehorchen geboren war.
Lassen wir ihn nun selbst erzählen. Bemerkt aber sei zuvor, daß er das Nachfolgende zwanzig Jahre später niederschrieb, als er es erlebte, und zwar nur zu dem Zwecke, um zu schildern, auf welch seltsame Weise er die Bekanntschaft jenes Mannes, unseres Nobody, machte, der dann so mächtig in sein Leben eingreifen sollte.
Seit zwei Tagen lagen wir in Hongkong und luden mit Hilfe von Kulis die Ballen aus. Am Abend dieses zweiten Tages war ich von der Freiwache und ging mit einigen Kameraden, nachdem wir uns vom Kapitän etwas Vorschuß hatten geben lassen, an Land.
Wir bummelten durch die Chinesenstadt, besuchten ein paar Wirtschaften und Kaffeehäuser, ohne des Guten zu viel zu tun. Um zehn mußten wir an Bord zurück sein, und Kapitän Grohmann konnte manchmal sehr streng werden. Mit dem Vorschuß war er auch niemals freigebig. Zeitig traten wir den Rückweg an, der uns erst durch eine kleine, schmutzige Vorstadt führte.
»Das ist eine chinesische Spielhölle, da müssen wir erst noch einmal hinein,« sagte ein Matrose, der schon einigemal in chinesischen Häfen und auch in Hongkong gewesen war.
Es war eine Holzhütte, von den andern nur dadurch unterschieden, daß die scheibenlosen Fenster mit blauen Gardinen verhangen und erleuchtet waren.
Man hörte drin ein Summen von Stimmen, aber keinen Lärm. Eben gingen zwei englische Matrosen hinein; ein paar Chinesen kamen ganz ruhig heraus - warum sollten wir da nicht auch einmal eintreten? Zu verlieren hatten wir ja nicht viel, und so etwas muß man doch auch einmal kennen lernen.
Wir gingen also hinein. Um einen großen Tisch, der fast den ganzen Raum einnahm, standen die Spieler, meist bezopfte Chinesen. Es ging höchst ruhig und anständig zu, und daß ab und zu ein Spieler ein winziges Täßchen heißen Arrak trank, welches ihm eine dicke, wackelnde Chinesin brachte, änderte hieran auch nichts.
Später wird das gewöhnlich anders. Der Chinese ist ein wahnsinnig leidenschaftlicher Spieler; aber vorläufig war davon noch nichts zu bemerken, denn das Spiel hatte eben erst begonnen.
Ueber dieses selbst will ich nur das eine sagen: In der Mitte des Tisches steht ein Topf, der eine Menge Blechmarken enthält, die mit verschiedenen Figuren bemalt sind. Vor dem Bankhalter liegt ein Bogen Papier, auf das in verschiedener Unordnung dieselben Figuren gemalt sind, meist Tierbilder. Ueber den Topf wird ein großer Hut gedeckt - die Spieler losen unter sich, wer daruntergreifen soll; er zieht eine Marke, und nach dem betreffenden Bilde werden die Einsätze, welche auf den einzelnen Figuren stehen, ausgezahlt. Die Berechnung dieser Auszahlung ist jedoch sehr schwierig.
Ich setzte nur ein einziges Mal einen Penny und erhielt dafür vom Bankhalter einen Schilling, also das Zwölffache, während meine Freunde immer nur das Doppelte gewannen - und verloren, bis sie nichts mehr zu verlieren hatten. Viel war es freilich nicht gewesen. Ich aber hatte sofort zu spielen aufgehört und hatte meinen Schilling fest in der Tasche.
Doch das nur nebenbei! Meine Aufmerksamkeit wurde bald durch etwas andres gefesselt, oder vielmehr ich selbst fesselte die Aufmerksamkeit eines andern, was mich sehr unangenehm berührte.
Mir gegenüber am Tisch stand ein alter Chinese mit runzligem Gesicht und lang herabhängendem Schnurrbart. Gleich bei meinem Eintritt hatte er mich mit seinen Schlitzaugen scharf angesehen - - sie alle wendeten ja die Köpfe und blickten uns an, aber dieser alte Chinese hatte einen so eigentümlichen Blick, daß ich ihn förmlich bis in die innerste Seele verspürte.
Wir standen vielleicht eine Viertelstunde an dem Tische, und die Augen dieses alten Zopfträgers ließen mich nicht wieder los. Der Kerl hatte es offenbar auf mich abgesehen. Sobald ich ihn fest anblickte, was ich oft genug tat, sah er schnell weg, aber kaum wandte ich mein Auge von ihm, so fühlte ich wieder seinen durchdringenden Blick auf mir ruhen. In diesem >Fühlen< lag nämlich das Eigentümliche! Sonst kann ich es gar nicht beschreiben. Hätte ich damals schon etwas von Hypnose gewußt, so wäre ich wahrscheinlich auf den Gedanken gekommen: dieser alte Chinese will dich mit seinen Schlitzaugen hypnotisieren!
Kurz und gut, mir ward immer unbehaglicher zumute. Was wollte der Kerl eigentlich von mir? Gehörte er mit zu der Bank und ärgerte es ihn, daß ich den gewonnenen Schilling nicht wieder einsetzte, um ihn schließlich doch zu verlieren? Wollte er mich durch seinen Blick, bei dem ich lebhaft an den eines Raubtierbändigers dachte, zum Gehorsam zwingen? Da gab es bei mir ja nun nichts! Und dennoch, immer deutlicher und immer deutlicher fühlte ich, wie dieser unbeschreibliche Blick sich bis in das Innerste meiner Seele einbrannte.
Wie eine Wohltat empfand ich es, als ich durch etwas andres von diesem Zauberbanne abgelenkt wurde. Wir entdeckten in einem Winkel der Hütte ein kleines Harmonium mit Orgelpfeifen und machten uns darüber lustig, wie ein solches seinen Weg in diese chinesische Spelunke gefunden hatte. Wunderbar war das ja eigentlich nicht. England versah schon damals alle Welt mit solchen billigen Instrumenten auf Abzahlung.
Während wir uns noch so über das Ding amüsierten, weil sich die Orgel in der schmierigen Spielhölle doch gar zu kurios ausnahm, näherte sich uns ein dicker Chinese, grinste, sprach auf uns ein, wovon wir aber kein Wort verstanden, und deutete dabei auf das Harmonium.
Was er verlangte, war ja ganz klar. Ob nicht Einer von uns spielen könnte!
»August, du kannst doch Klavier, spiel mal eins auf!« ermunterte mich mein Maat.
Ich hatte zu Hause Klavierspielen gelernt, sehr mittelmäßig, habe nie Begabung dazu gehabt, doch in Valparaiso hatte ich einmal in einer Wirtsstube meinen Kameraden und einer Bande Weiber zum Tanze aufgespielt, dazu langte es wohl. Nun reizte es mich ebenso, einmal auf einem Harmonium mit Blasebälgen zu spielen, was ich bisher noch nie probiert hatte, wie ich freudig die Gelegenheit erfaßte, um jenem faszinierenden Blicke des alten Chinesen zu entgehn.
Also ich schritt hin, setzte mich auf einen wackligen Stuhl, trat den Blasebalg und griff in die Tasten. Es ging famos, erst >Ein feste Burg ist unser Gott< und dann >Wir sitzen so friedlich beisammen<. Das paßte zu der chinesischen Spielergesellschaft wie die Faust ins Auge. Dabei spielte ich wie ein Bär. Ich hatte ja auch von der dreijährigen schweren Schiffsarbeit wahre Bärentatzen bekommen und griff immer fest daneben. Aber mit meinem Erfolge konnte ich zufrieden sein. Die langbezopften Söhne des himmlischen Reiches vergaßen das Spielen und staunten nicht schlecht. Dem Virtuosen Beifall zu zollen, verbot ihnen wohl nur der chinesische Anstand.
Ich dehnte den Kunstgenuß nicht allzulange aus. Bald stand ich auf und entfernte mich mit meinen Kameraden. Den alten Chinesen mit dem sonderbaren Blick hatte ich schon wieder vergessen. Ohne irgend ein Abenteuer erlebt zu haben, kamen wir an Bord zurück und gingen zur Koje.
Dennoch sollte mein Eintritt in die chinesische Spelunke einen Wendepunkt für mein ganzes Leben bedeuten.
Am andern Tage drehten wir wieder die Winde. Der Kapitän hatte viel zu tun, er wurde in seiner Kajüte fortwährend von weißen und gelben Geschäftsleuten besucht. Nachdem wir uns in den ersten Tagen nach langer, langer Seereise an dem Anblick fremder Menschen in moderner und fremdländischer Kleidung ergötzt hatten, achteten wir ihrer jetzt nicht mehr.
Da kommt der Steward aus der Kajüte an uns vorüber.
»Du, August,« fängt er zu mir gewendet an, »beim Käpten ist ein Herr, der will dich als Organist engagieren.«
»Nanu,« lache ich, und weil ich lache, lachen die andern mit, obgleich sie wahrscheinlich gar nicht wissen, was ein Organist ist.
»Ja,« fährt der Steward ganz ernst fort, »der Käpten hat auch gelacht, aber es ist wahrhaftig wahr; der Herr sagt, du wärst ein geborner Organist und gar nicht mit Gold zu bezahlen. Er wollte dich durchaus als Organisten haben, er wollte dich gleich mitnehmen.«
Der Steward hatte es eilig und mußte wieder fort.
»Ein Organist ist ein Kantor, der in der Kirche die Orgel spielen muß,« erklärte ein gelehrter Matrose, und ich selbst hätte auch keine andre Erklärung geben können.
Na, nun war es ja allen meinen Kameraden ganz klar. Jener Herr hatte mich, gestern abend Harmonium spielen hören oder nur vernommen, daß ich es könnte, es wurde hier für eine Missionsanstalt oder für so etwas Aehnliches ein Orgelspieler gesucht - da war ich gerade der rechte Mann dazu.
Nur mir selbst war das nicht ganz klar. Ich hatte doch nicht umsonst vier Jahre lang die Bänke des Gymnasiums gedrückt. Etwas andre Ansichten bekommt man da doch über die Zivilisation als solch ein Matrose, der Sohn von Fischern oder Arbeitern, so gut er auch sonst in der Welt Bescheid wissen mag.
Nein, so einfach war das denn doch nicht. Hier mußte ein Irrtum vorliegen. Jener Herr selbst konnte mich unmöglich haben spielen hören. Ich wußte gut genug, wie jämmerlich es mit meiner Kunst stand. Und wenn hier eine christliche Kolonie einen Orgelspieler brauchte, da war nicht erst nötig, an den chinesischen Spelunken zu lauschen und einen Matrosen von Bord zu holen. Einen Organisten kann man sich schnell genug verschreiben, in jeder Hafenstadt laufen genug stellenlose Kommis und sogar Schullehrer herum, die in so etwas perfekt sind.
»Du, August, da kannst du dein Glück machen,« hieß es, »wenn dich der Käpten nur gleich gehen läßt.«
»Ach, laßt mich zufrieden, das ist ja alles Unsinn!« entgegnete ich ärgerlich und drehte meine Winde weiter.
Nach einiger Zeit, während welcher zu meinem heimlichen Verdruß immer weiter von dem Kantor und Organisten geschwatzt wurde, kam wiederum der Steward vorüber.
»Ist denn der Herr noch da?« wurde er gefragt, aber nicht von mir.
»Nee, der ist schon lange fort. Der Käpten wollte ja Augusten nicht fortlassen, ein Jahr hätte er noch Kontrakt, und, damit basta.«
»Siehst du, August! Sprich nur gleich mit dem Käpten.«
»Ach, laßt mich in Ruhe!«
»Wahrhaftig!« beteuerte der Steward. »Wenigstens eine halbe Stunde hat der Herr mit dem Käpten über dich gesprochen, er wollte dich gleich mitnehmen, du wärst ein geborner Organist, der Käpten mußte alles haarklein über dich erzählen, und als er sagte, daß du in der Schule so dumm gewesen wärst, da - da ...« - jetzt fing der Steward plötzlich zu lachen an - »... da meinte der Herr, das schadete nichts, dann wärst du eben ein zweiter Alexander Humbug.«
Und lachend machte der Steward, der nichts weiter als Dummheiten im Kopf hatte, daß er fortkam, um die Bekanntschaft mit meinen Fäusten zu vermeiden.
Jetzt war die Sache fertig. Jetzt wußten auch die andern, daß der Steward nur einen Witz gemacht hatte, einen plumpen Matrosenwitz, dessen Entstehung man nur begreift, wenn man an Bord gelebt hat.
So geht's in der Welt! Ich selbst hatte mich dagegen gesträubt, und nun hatte ich den Schaden noch obendrein. Jetzt war ich wieder einmal der dumme August, über den sich alles amüsiert, und für die nächste Zeit würde ich wohl der Organist bleiben.
Aber es sollte ganz anders kommen.
Am andern Abend war ich wieder von der Freiwache. Verbissen schlich ich mich allein an Land, nur um dem Gespötte meiner Kameraden aus dem Wege zu gehen, die sich über den Kantor und Organisten immer noch nicht beruhigt hatten. Das bunte Treiben um mich her im Scheine der farbigen Papierlaternen hatte mich wieder etwas erheitert, als quer über die Straße ein Mann auf mich zugesteuert kam - ein feiner, patenter Herr mit langem, schwarzem Vollbart, aber noch jung.
»Habe ich das Vergnügen, Herrn August Hammer zu sprechen?« redete er mich auf deutsch an, dabei sogar den Hut ziehend.
Ich gestehe, daß ich ob solcher Ehre errötete. »Jawohl, der bin ich.«
»Dürfte ich Sie bitten, mir eine kurze Unterredung zu gewähren? Vielleicht hier im nächsten Kaffeehaus?«
Das ist der, der mich als Organisten anmustern will! schoß es mir durch den Kopf - und dann verwarf ich solch einen dummen Gedanken gleich wieder.
»O ja, warum denn nicht?« entgegnete ich, aber ich ungeschliffener Bengel sprach damals noch alles das aus, was ich dachte.
»Wozu denn? Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja gar nicht!« mußte ich also noch hinzusetzen.
»Makart ist mein Name. Es dürfte sich vielleicht um Ihr Lebensglück handeln. Wollen Sie mich begleiten?«
Gut, ich ging mit in das Hotel, vor dessen Tor wir gerade standen. Der Salon war ganz leer. Der Herr suchte sich trotzdem die entlegenste Ecke aus. Gefragt, was ich zu trinken wünsche, bestellte ich Kaffee, der Herr desgleichen. Das Gewünschte war sofort da; der Kellner wollte sich noch an unserm Tische herumdrücken.
»Lassen Sie uns allein!!« erklang es gebieterisch, und der befrackte Geist verduftete.
»Sie sind Leichtmatrose auf dem Papenburger Vollschiff >Katharine<, nicht wahr, Herr Hammer?« begann der Fremde das Gespräch.
»Das bin ich, und Sie sind der Herr, welcher gestern mit meinem Kapitän über mich gesprochen hat, nicht wahr?« fragte ich dagegen.
Es war gerade kein Stutzen, mit welchem mich der Mann anblickte, aber ich merkte doch gleich, daß ich das Richtige getroffen hatte.
»Woher wissen Sie das?«
»Das ist meine Sache. Wollen Sie mir nicht meine Frage beantworten?«
Ja, wer mich für schüchtern hielt, weil ich für gewöhnlich sehr bescheiden und still und wortkarg war, der irrte sich grimmig in mir. Ich konnte auch ganz energisch auftreten, es mußte nur einmal eine Gelegenheit kommen.
»Nein, ich selbst war es nicht, der mit Herrn Kapitän Grohmann über Sie sprach, es war ein andrer, aber er handelte in meinem Auftrage. Doch nun bitte ich Sie dringend, mir zu sagen, woher Sie von jener Unterredung Kenntnis bekommen haben. Der Kapitän hat nämlich sein Ehrenwort gegeben, Ihnen von dieser Unterredung nichts zu sagen.«
Ah, dann allerdings mußte ich Farbe bekennen.
»Der Steward hat diese Unterredung belauscht.«
Der Fremde verzog keine Miene.
»Und was wollte der Steward erlauscht haben?«
»Es wäre ein Herr da, der mich als Organisten engagieren wollte,«
»Als ... Organisten?«
Er hatte zwischen den beiden Worten eine lange Pause gemacht, dabei nur eine überlegende Miene ziehend.
»Das dürfte wohl ein andres Gespräch gewesen sein, welches der indiskrete Steward belauscht hat,« sagte er dann.
»Jener Herr hätte zum Kapitän gemeint, ich wäre ein geborner Organist, der nicht mit Gold aufzuwiegen sei. Es ist möglich, daß mich vorgestern abend jemand in einer chinesischen Spelunke hat Harmonium spielen hören, aber wie da jemand, auf die Idee kommen kann, ich sei ein Organist, das ist mir selbst ...«
Ich kam mit dem Satze nicht zu Ende. Plötzlich brach der Herr, der trotz all seiner Höflichkeit bisher eine unerschütterliche Ruhe bewahrt hatte, in ein schallendes Gelächter aus.
Doch schnell hatte er sich wieder gefaßt.
»Ich bitte um Verzeihung! Hier waltet ein Irrtum ob. In der Tat, jener Herr, der mich vertreten hat, unterhielt sich mit Kapitän Grohmann auch über Organisten, es handelte sich um eine Lieferung von Harmoniums, die von geübten Klavierspielern begleitet werden soll ... never[]mind! Nein, als Organisten will ich Sie nicht engagieren.«
Ich atmete erleichtert auf. Diesen infamen Organisten war ich wenigstens los.
»Als was sonst?«
»Als Matrosen für meine Jacht.«
»Sie haben eine Jacht?«
»Ja, eine eigne Jacht, nur zu meinem Vergnügen! Hätten Sie Lust, daraufzugehen?«
Vor allen Dingen begann ich immer mehr ein Geheimnis zu wittern. Eigentlich lag auch ganz klar auf der Hand, daß ein solches hier vorhanden war. Warum hatte sich dieser oder ein andrer Herr so lange mit meinem Vormund über mich unterhalten? Warum hatte der Kapitän sein Ehrenwort gegeben, über diese Unterredung nichts gegen mich verlauten zu lassen? Was schlängelte dieser mir gänzlich unbekannte Herr sich so an mich heran?
Und nun noch etwas andres! Ich sagte: gänzlich unbekannte Herr. Dabei aber ging es mir fort und fort durch den Kopf: Gott, wo hast du diesen Mann nur schon einmal gesehen?! Erst neulich?! Und - ich weiß gar nicht, wie ich auf die verrückte Idee kam - dabei mußte ich fortwährend an jenen alten Chinesen mit dem merkwürdigen Blicke denken!
Jetzt aber galt es erst zu antworten und auf eigne Faust zu forschen.
»O ja, zu einer Jacht hätte ich schon Lust. Was für Heuer geben Sie?«
»Was bekommen Sie jetzt?«
»Vierzig Mark im Monat.«
»Als Leichtmatrose?«
»Als Leichtmatrose.«
»Und was bekommen Sie später als Vollmatrose?«
»Da ist die Heuer auf deutschen Segelschiffen sechzig Mark.«
»Ich würde Sie sofort als Vollmatrosen annehmen und Ihnen monatlich achtzig Mark geben.«
Jetzt aber mußte auch er endlich einmal Farbe bekennen oder ich spielte nicht mehr mit!
»Herr Makart, wie kommen Sie eigentlich dazu, mir solch ein Angebot zu machen, wo Sie mich doch gar nicht kennen?«
»Ja, das ist es eben! Ich sehe mir meine Leute an, ehe ich sie auf meine Jacht nehme, und Sie gefallen mir. Ich weiß, daß Sie der tüchtigste Seemann sind, und ich habe mir auch schon von Ihrem Vormund und Kapitän Auskunft über Sie geholt.«
Wenn man die Sache recht besieht, so war das doch gar keine Antwort auf meine Frage. Das Rätsel blieb bestehn, wie und wo mich der Fremde zuerst kennen gelernt hatte. Doch jetzt begann er zu fragen, und nun geschah etwas Wunderbares, was ich aber, damals gar nicht als solches erkannte, sondern erst lange Zeit später, als ich mich dieser Stunde wieder erinnerte.
Das Wunderbare lag nämlich darin, wie dieser Mann mich auszufragen verstand. Von meiner frühesten Jugend an mußte ich ihm alles erzählen ... nein, nicht erzählen, sondern er fragte, und ich mußte antworten ... nein, er fragte auch nicht, sondern er holte mich aus, er krempelte förmlich das Innerste meines Leibes und meiner Seele nach außen ... und das Merkwürdige dabei war, daß ich gar nicht merkte, wie er dies in Wirklichkeit tat.
Ich weiß nicht, ob man versteht, was ich hiermit sagen will. Mit andern Worten ausgedrückt: dieser Mann war ein Virtuose im Interviewen; denn das ist eine Kunst, welche gar nicht gelernt werden, eine Gabe, welche man nur weiter ausbilden kann. Das ist es, weshalb die zum Interviewen geeigneten Journalisten von den großen Zeitungen fürstliche Gehälter bekommen. Ein solcher Mann läßt sich mit einem Diplomaten in eine leichte, harmlose Unterhaltung ein, und ohne daß letzterer es nur ahnt, werden ihm durch scheinbar ganz unverfängliche Fragen die tiefsten Geheimnisse entlockt.
Ich war kein Diplomat, und ich hatte auch keine Geheimnisse zu bewahren - und dennoch, hier lag ein noch viel schwierigerer Fall vor! Dieser Mann wußte jedes Fältchen meines Herzens aufzudecken, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte, daß er es tat. Das ist mir, wie gesagt, alles erst viel später zum Bewußtsein gekommen, und.als ich diesen Mann näher kennen lernte, da war mein Staunen darüber, was der mit mir gemacht hatte, grenzenlos!
Kurz und gut, der Herr verstand zu plaudern, daß mir die Stunden wie im Fluge verstrichen. Er hatte mich in einen Zauberbann geschlagen, dessen ich aber gar nicht bewußt wurde. Seltsam war nur, wie ich mich dabei immer, anstatt hier in dem eleganten Hotelsalon, in der schmutzigen Chinesenspelunke wähnte und den hypnotischen Blick aus den Schlitzaugen des alten Chinesen auf mir ruhen fühlte.
Das zehnmalige Schlagen der Wanduhr ließ mich emporschrecken.
»Ich muß an Bord zurück!«
Der Herr rief den Kellner und bezahlte.
»Ja, wie ist es aber nun mit Ihrer Jacht? War das wirklich Ihr Ernst?«
»Gewiß, wenn Sie damit einverstanden sind, so steht dem nichts im Wege.«
Da fiel mir ein, daß ich ja gebunden war.
»Ach, ich habe ja noch ein Jahr Kontrakt!«
»Ich weiß es,« lächelte jener. »Aber das macht nichts. Ich habe schon mit Ihrem Kapitän und Vormund gesprochen. Gehn Sie jetzt an Bord; morgen früh komme ich auf die >Katharine<, da werden alle Förmlichkeiten erledigt.«
Was wir sonst noch sprachen, ist nicht von Bedeutung. Es waren nur Abschiedsworte. Herr Makart begleitete mich ein Stückchen und erst als wir die Hafenlichter schimmern sahen, verließ er mich mit einem Händedruck und einem >Auf morgen!<
Ich sollte nicht lange Zeit haben, über das Erlebte nachzudenken. Obgleich ich schon die ganze Welt umsegelt und viermal die Linie passiert hatte, war mein Leben bisher ohne jedes Abenteuer ruhig wie ein träger Strom dahingeflossen. Hier in Hongkong sollte er sich in einen wildschäumenden Katarakt verwandeln. Der Zauberblick eines Hexenmeisters hatte mein Schicksal beschworen.
Nur noch eine dunkle Gasse trennte mich von dem Quai, an welchem mein Schiff lag. Da plötzlich lösten sich aus dem Häuserschatten schwarze Gestalten ab und sprangen auf mich ein. Mit Blitzesschnelle ward mir ein Sack über den Kopf geworfen, und ehe ich noch einen Schrei hatte ausstoßen können, erhielt ich einen Schlag vor die Stirn, der mir sofort die Besinnung raubte.
»Das war ein Gummischlauch!« war mein letzter Gedanke gewesen.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem engen Schiffsraume und bereits in voller Fahrt, wie ich deutlich genug an den Bewegungen der Planken verspürte; schäumte doch auch an den runden Fensterchen das Meer.
Ich war nicht der einzige, ich hatte noch zwei Leidensgefährten, von denen der eine noch bewußtlos war. Beide hatten gestern nacht den Sack und den Hieb mit dem Gummischlauch über den Kopf bekommen.
Einer von ihnen war ein alter Matrose, welcher mir gleich erklären konnte, was mit uns geschehen war. Ich wußte es überhaupt selbst, ich erkannte es gleich aus dem hier herrschenden Trangeruch. Wir waren auf einen englischen oder amerikanischen Walfischfahrer gepreßt worden.
Wenn ein Schiff noch Matrosen braucht, und es sind für Geld und gute Worte keine zu bekommen, dann werden solche nächtlicherweile in den Straßen der Hafenstadt mit Gewalt >gepreßt<. Es ist gar nicht nötig, daß die eigne Besatzung des Schiffes auf Menschenraub ausgeht, dafür gibt es besondere Preßkompanien. Zumal die Engländer haben darin Großes geleistet.
Das heißt, das war früher so. Heute ist das nicht mehr möglich. Da würde der Kapitän bald beim Schlafittchen genommen und wegen Menschenraubs, mindestens wegen Freiheitsberaubung streng bestraft werden.
Nur bei einer Kategorie von Schiffen wird das Pressen noch heute betrieben: bei den Walfischjägern.
Ueber diese Walfischfahrer wird besonders in Jugendschriften viel gefabelt. Vor allen Dingen ist ganz wenig bekannt, daß es für jeden Seemann eine Schande ist, auf einem >Trankocher< zu fahren. Jeder Walfischfänger hat nur seinen kleinen Stamm von Matrosen, die rohesten Gesellen, welche von der Geldgier dazu getrieben werden, sich jahrelang in dem entsetzlichsten Schmutze herumzusielen, bis sie sich endlich darin wohlfühlen. Bei dem Kapitän, den Steuerleuten und dem Harpunier ist das einfach Geschäftssache. Die übrige Mannschaft jedoch muß geworben werden, aber das brauchen gar keine Matrosen zu sein, es sind Arbeiter zum Tranauskochen - das Rudern bringt man ihnen schon bei - und so werden durch hohe Geldversprechungen Schuster, Schneider und Handschuhmacher angemustert.
Was kümmert sich die Aktiengesellschaft darum, ob diese armen Kerls schon in der ersten Woche über Bord springen oder nach und nach draufgehen? Um nun zu verhüten, daß jemand die Flucht ergreift, läuft das Schiff nicht eher wieder einen Hafen an, als bis es genug Wale erbeutet hat, um seinen Bauch mit Tran füllen zu können. Das dauert mindestens zwei Jahre, es können aber auch sechs Jahre daraus werden. Muß das Schiff inzwischen einmal Proviant einnehmen, so haben die Walfischjäger hierfür ihre besondern Stationen auf ganz einsamen Inseln, wo es kein Entweichen gibt. In jedem andern Hafen würde sofort die ganze Bande durchbrennen.
Verringert sich aber nun der Stamm der wirklichen Matrosen, und man bekommt auf gute Weise keine andern, welche zur Seetüchtigkeit des Schiffes unbedingt erforderlich sind, dann wird einfach gepreßt. Das Opfer, von dem man weiß, daß es ein wirklicher Matrose ist, der seinen Mann stellt, wird ausgesucht, und bei passender Gelegenheit bekommt er den Gummischlauch.
Was soll er tun? Wenn er nicht arbeiten will, wird er totgeprügelt, und Tote sind stumm. Ueber Bord springen und nach einem andern Schiffe schwimmen, das gerade vorübersegelt, das geht auch besser in gewissen Jugendschriften als in Wirklichkeit. Er arbeitet also. Dann nach Beendigung der erfolgreichen Jagdzeit erhält er seine hohe Heuer und seinen Anteil am Gewinn vorgezählt, und dabei ist nämlich wirklich etwas zu verdienen! Da hat schon mancher Matrose nach drei Jahren bare zehntausend Mark auf ein Brett bezahlt bekommen. Na, und wo ist denn der Matrose, der da nicht zugreift? Die Leidenszeit ist doch auch vorüber - - und nach Annahme seines Lohnes hat er das Recht verloren, sich vor Gericht zu beklagen. - -
Wir drei kamen vor den Kapitän, einen Novascotiaman, den rohesten der rohen Seeleute.
Jungens, seid vernünftig - Not kennt kein Gebot - friß, Vogel, oder stirb!
Das war der kurze Inhalt seiner Rede.
Ich fraß. Das heißt, ich fügte mich und arbeitete. Anstatt auf eine Jacht zu gehen, ging ich mit einem amerikanischen Trankocher, der in Hongkong seine Ladung verkauft und neuen Proviant eingenommen hatte, nach dem Südpol, um Potwale zu jagen.
Was ich sonst dachte, dabei will ich mich nicht aufhalten, und das um so weniger, weil ich noch nicht einmal ganze vier Tage professioneller Walfischjäger war.
Am vierten Tage - wir befanden uns noch in der Fukianstraße, welche vom chinesischen Festland und der Insel Formosa gebildet wird - schlug ich mit einem Eimer außenbords Wasser auf, es herrschte eine starke Strömung - - der Eimer riß mich mit hinab.
Es geschah wahrhaftig nicht mit Absicht. Hier, wo es von Haifischen wimmelt, springt niemand so leicht über Bord. Ich schrie vielmehr aus vollem Halse um Hilfe. Mein Sturz war an Deck nicht bemerkt worden, ich wurde nicht gehört, das Schiff segelte weiter.
Die Haifische ließen nicht lange auf sich warten. Am besten schützt man sich gegen diese Bestien durch Strampeln, und ich strampelte mit Armen und Beinen, wie nie wieder in meinem Leben.
Nach zwei Stunden näherte sich mir eine chinesische Dschonke, die mich auffischte. Trotzdem das Dutzend Zopfträger rechte Gaunergesichter hatte, was jedem ehrlichen Menschen gleich auffallen mußte, waren es brave Leute. Sie speisten mich und tränkten mich und kauderwelschten auf mich ein, wovon ich leider nichts verstand, bis sich endlich einer, der nur noch ein Auge, ein Ohr und im Munde nur noch einen Zahn hatte, erinnerte, daß er einige Brocken Englisch verstände. Ich antwortete, was die braven Leute wissen wollten - aber wohin sie mit ihrer Dschonke wollten, das erfuhr ich nicht.
Uebrigens mußten sie sich beeilen, mit ihrem gebrechlichen Fahrzeug, für welches das Wort >Schiff< wie ein Hohn wirkt, einen sichern Hafen anzulaufen, denn am Horizonte stieg es unheimlich schwarz auf.
Es war nicht schwer, hier irgendwo einen Zufluchtsort zu finden, denn wir befanden uns mitten in der Gruppe der Pescadoresinseln, welche die Fukianstraße ganz ausfüllen, und solch eine flach gebaute Dschonke kann überall zwischen den Klippen hindurch, welche die Passage sonst für größere Fahrzeuge unmöglich machen.
Nach einer Stunde steuerten wir denn auch mit geschwelltem Bastsegel auf eine Felseninsel zu, kamen aber nicht weiter als eine halbe Meile heran, denn da trat plötzlich völlige Windstille ein - die Windstille vor dem Sturme.
Ich brauchte nicht lange darüber nachzudenken, was die zerbrechliche Dschonke hier zwischen den Klippen bei einem ausbrechenden Sturme beginnen würde - mit einem Male tauchten hinter den Felsen zwei, drei, vier Prauen auf und ruderten mit Hast auf uns zu.
Erst dachte ich, es wären chinesische Piraten, die nur in solchen Ruderbooten angreifen; aber ich hatte mich geirrt. Die vier Prauen spannten sich ganz friedlich vor die Dschonke und schleppten sie in eine sichere Bucht.
Hier lagen nicht nur noch andre Dschonken und eine Menge Prauen, sondern auf dem felsigen Strande entwickelte sich auch ein recht hübsches Lagerleben mit Frauen und Kindern und Katzen und Hunden, und aus dem zerklüfteten Innern des Eilandes kamen immer mehr Familien hervorspaziert, um die neue Dschonke willkommen zu heißen. Auch ich wurde ein Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, meinetwegen entspann sich eine heftige Debatte.
Was ich nicht vom Gespräch verstand, das konnte ich mir aus Gesten deuten. Es handelte sich darum, ob ich als Gast auf der Insel bliebe oder ob man mich lieber vom Leben zum Tode befördern sollte. Der eine Chinese setzte schon mehrmals an, mir mit seinem krummen Sensenschwerte den Kopf zu spalten. Er wurde daran verhindert; aber ich wurde an Händen und Füßen gebunden, und weil ich mir das nicht gleich gefallen lassen wollte, bekam ich einen Faustschlag ins Gesicht, daß mir das Blut gleich aus Mund und Nase floß.
Nun ist wohl niemand mehr darüber im unklaren, wohin ich geraten war. Vom Regen in die Traufe! In die Gesellschaft von chinesischen Piraten, die hier auf dieser unzugänglichen Felseninsel ihren Schlupfwinkel hatten, und meine braven Lebensretter gehörten mit zu ihnen! Sie waren mit reicher Beute heimgekehrt.
Zunächst freilich war ich wirklich froh, auf der Pirateninsel eine Zuflucht gefunden zu haben, wenn man mich auch schmerzhaft gebunden in eine Höhle auf den nackten Boden warf; denn bald brach ein Taifun los, gegen den mehrere Orkane im Atlantischen Ozean und zwei Hurrikans in den Westindischen Gewässern, die ich bereits erlebt hatte, alle zusammengenommen eine Kleinigkeit gewesen waren. Und dabei befand ich mich auf festem Lande, noch dazu auf einer ziemlich flachen Felseninsel, wo der Sturm gar keinen Widerstand fand! Was mochte da erst ein Schiff auf offner See auszustehn haben!!
Doch ich muß noch erwähnen, was die Chinesen mit ihren Dschonken begannen, um sie vor dem drohenden Taifun zu schützen. Es kommt mir nämlich dabei für einen spätern Zweck hauptsächlich darauf an, die Bauart dieser chinesischen Fahrzeuge zu schildern.
Die Prauen wurden an Land gezogen und zwischen Felsen geborgen. Das war sehr einfach. Die Dschonken aber wurden auseinandergeschlagen und die einzelnen Balken und Bretter ebenfalls in Sicherheit gebracht. Später, als der Taifun vorüber war, holte man die Balken und Bretter wieder hervor, nagelte sie zusammen oder befestigte sie auch nur durch Klammern miteinander, sogar nur mit Stricken, stopfte ein bißchen Werg in die Fugen und schmierte Pech nach - und es dauerte kaum eine Stunde, so war solch ein Seefahrzeug schon wieder fix und fertig!
Das charakterisiert nämlich die chinesische Handelsschiffahrt. Der Bau dieser Dschonken geschieht nach gesetzlicher Vorschrift. Ein festeres Gefüge dürfen sie nicht haben!
Weswegen nicht? Das hängt eng mit der chinesischen Mauer zusammen. China will und wollte sich seit alters von aller Welt abschließen, und da gestattete das konservative Gesetz auch nur den Bau solcher Dschonken, auf denen es unmöglich ist, größere Reisen über die hohe See zu machen. Die Söhne des himmlischen Reiches sollen im Lande bleiben und sich redlich von Reis und Fischen nähren, sie mögen Küstenschiffahrt treiben und von Insel zu Insel fahren, aber sie sollen mit ihren Schiffen nicht hinaus in die Welt gehn.
Das ist der Grund, warum die Dschonken heute noch geradeso aussehen, wie vielleicht vor Tausenden von Jahren. Solch eine Dschonke gleicht von außen einem halbfertigen Dachgerippe; überall sehen die Balken hervor, und man hat immer Angst, daß es jeden Augenblick aus dem Leime gehn kann. - -
Ich will nicht des längern bei dem verweilen, was ich auf der Pirateninsel beobachtete und erlebte. Ich erwähne nur die Hauptsachen.
Als sich ein Mensch wieder im Freien aufrecht halten konnte, wurden meine Fesseln gelöst, aber nur, um einen starken Eisenring um mein rechtes Fußgelenk zu schmieden, was ein Chinese äußerst geschickt machte, ohne mich im geringsten zu verletzen. Dann wurde noch eine Kette darangeschmiedet, und so wurde ich wie ein Hund vor eine Höhle gelegt, die mir als Wohnung diente.
Hier lag ich einige Tage, ohne sonst über etwas zu klagen zu haben. Die Kette war nicht schwer, gestattete mir wenigstens zehn Schritte im Freien auf und ab zu gehen und hinderte mich nicht beim Liegen. Die Höhle war an sich trocken und der Boden mit Binsenmatten belegt. Als Kost erhielt ich reichlich Reis und Fische. Als mich im Anfang Frauen und Kinder sehr mit ihrer Neugier belästigten, wurden sie von ihren bezopften Männern mit Stockhieben davongetrieben.
Was hatte man mit mir vor? Ich sollte es bald erfahren.
Am dritten Tage nach jener Sturmnacht, als die See schon ziemlich wieder geglättet war, kamen zwei Chinesen eiligst angelaufen, banden mich los, aber ohne mich von der Kette selbst zu befreien, und trieben mich nach der Hafenbucht, welche ich von meiner Hundehütte aus ebensowenig sehen konnte wie das eigentliche Lager der Piraten.
An und auf der Bucht herrschte aufgeregtes Leben. Die meisten Prauen waren im Wasser und mit bezopften Ruderern bemannt, welche Dolche und vorsündflutliche Pistolen im Gürtel hatten, ich sah auch alte Luntenflinten, Schwerter und Aexte, ferner standen in jedem Boote Körbe mit tönernen Gefäßen.
Man bedeutete mir, in das größte Boot zu steigen, kettete mich an meinem Sitze fest, drückte mir ein Ruder in die Hand, und fort ging es; unser größtes Boot voran, fünf Prauen folgten, im Ganzen mit vielleicht 60 Chinesen bemannt.
Ich ruderte aus Leibeskräften. Was sollte ich auch anders tun? Nur der Probe halber stellte ich einmal das Rudern ein - und gleich hielt mir der Bootssteurer, dem ich gegenübersaß, mit drohender Gebärde seinen Dolch unter die Nase.
Rufe wurden laut, die Ruderer wendeten die Köpfe, ich tat's auch, und da sah ich sie - - eine unglückliche Dschonke, die trotz des kräftigen Windes mit ihrem Bastsegel wie eine Schnecke dahinkroch.
Ich kann nicht viel von dem Kampfe erzählen. Dennoch war es gräßlich - eben weil es gar nicht zum Kampfe kam.
Die wenigen Chinesen der Dschonke rannten an Deck hin und her. Ich hörte sie schnattern. Dann wurde es ganz still, und wie ich mich wieder einmal umdrehte, sah ich sie alle auf den Knien liegen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf vorgebeugt, als erwarteten sie schon den Todesstreich, der ihnen den Kopf vom Rumpfe trennte.
Und so kam es denn auch sehr bald. Das hatten sie beim Anblick der sechs Prauen gewußt, und da fügten sie sich ohne weiteres in ihr Schicksal. Ländlich, sittlich!
Der Steuerer meines Bootes war offenbar der Anführer der Bande. Er kletterte an Bord. Einige Piraten folgten, und gleich darauf flogen erst acht Köpfe und dann acht Rümpfe ins Wasser.
Die Dschonke wurde von den Piraten ins Schlepptau genommen und nach der Bucht bugsiert. Sie enthielt nur Steinkohlen, vielleicht 100 Tonnen, also etwa 2000 Mark an Wert, aber die Piraten schienen doch recht vergnügt über ihre Beute zu sein. Vielleicht hatten sie auch noch Geld gefunden.
Während, soweit ich beurteilen konnte, sämtliche Männer der Insel heranmußten, um die Dschonke sofort auszuladen, und unter der Last der Kohlensäcke nicht schlecht schwitzten, wurde ich wieder vor meiner Höhle angekettet, erhielt reichlich zu essen, konnte mich auf meinem Lager ausstrecken und zusehen, wie die Arbeiter an mir vorüberkeuchten.
Warum wurde ich so geschont oder doch nur zum Rudern verwandt? Was hatte man mit mir vor?
Ich hatte zwei Tage Zeit, um über dieses Rätsel und meine Zukunft nachzugrübeln, als abermals das Piratenlager in Aufregung kam, weil der Wachtposten von seinem erhöhten Standpunkte aus einen neuen Raub erspäht hatte.
Wieder wurde ich losgelöst und zum Rudern an einen Sitz des führenden Bootes angekettet. Diesmal war es eine bedeutend größere Dschonke, und es war auch eine ganz andre Besatzung darauf, freilich ebenfalls Chinesen, von deren Mut ich niemals eine große Meinung gehabt habe.
Sie wehrten sich und schossen ihre Luntenflinten ab. Manchem Piraten entfiel das Ruder, aber die Prauen kamen heran, sie wollten die Dschonke entern.
Anstatt jedoch nun zu Säbel und Pistole zu greifen, bewaffnete sich die Mannschaft der Dschonke mit langen Bambusstangen, und das hatte seinen guten Grund.
Ich habe schon die Binsenkörbe erwähnt, die die Piraten auch diesmal mitgenommen hatten. Aus diesen kamen kopfgroße, irdene Kugeln zum Vorschein, die man wie Handgranaten an Bord der Dschonke zu schleudern versuchte.
Diese schon in den Händen der Werfenden zu zerschlagen, war der Zweck der langen Bambusstangen; denn die Urnen waren nichts andres als die übelberüchtigten Stinktöpfe.
Auf einer Prau neben mir wurde solch ein Stinktopf glücklich zerbrochen, wir hatten den Wind vor uns und bekamen daher nur ein gelindes Düftchen zu riechen, aber es genügte, um mir den Atem dermaßen zu versetzen, daß ich zu ersticken drohte, ganz abgesehen von der nachfolgenden Üebelkeit. Die in der betreffenden Prau sitzenden Piraten schlugen sofort die Hände vors Gesicht und stürzten sich kopfüber ins Meer.
Der Inhalt dieser Stinktöpfe ist ein streng bewahrtes Geheimnis der chinesischen Piraten - der Piraten, nicht etwa aller Chinesen - und hieraus ersieht man auch, wie diese chinesischen Seeräuber eine besondre Kaste bilden müssen. Unsre heutige Chemie weiß, daß der wirksame Bestandteil dieses Stinktopfes Kakodyl ist, übrigens auch ein sehr giftiges Gas, aber unaufgeklärt ist noch, wie diese barbarischen Menschen scheinbar ohne alle Hilfsmittel diese chemische Verbindung in beliebiger Menge erzeugen, und zwar erst innerhalb der schon geschlossenen Tonkugeln.
Ein wohlgezielter Stinktopf zerplatzte endlich an Deck der Dschonke, und da war der merkwürdige Kampf beendet. Nur wenigen gelang es noch, die Bordwand zu erreichen und sich ins Meer zu stürzen. Sie wollten lieber eine Beute der Haifische werden, als diesen gräßlichen Gestank einatmen müssen - - die meisten kamen gar nicht so weit, sie stürzten hin und blieben betäubt liegen.
Die Piraten warteten einige Zeit, dann erkletterten sie das Deck, und wieder wanderten Köpfe und Rümpfe über Bord, wie man auch den schon ins Wasser Gesprungnen den Garaus gemacht hatte.
Die große Dschonke war voll mit Opium beladen, und dieses ist ein gar kostbarer Artikel. Anstatt aber nun hierüber Freude zu zeigen, schienen die Piraten über diese Art Beute äußerst ärgerlich zu sein, sie machten ihrem Unmut noch einmal an den Leichen in schändlicher Weise Luft, indem sie nach ihnen stachen und schlugen.
Wie kam das? Konnten sie denn das kostbare Opium nicht wieder verkaufen? Sie mußten doch eine Absatzquelle für ihre Beute haben! Merkwürdig war es schon, daß diese Chinesen, doch sicher der Abschaum ihrer Heimat, gar nicht dem Opiumgenuß frönten. Ueberhaupt, es herrschte eine Manneszucht unter ihnen, die ich nimmermehr zwischen solchen Seeräubern erwartet hätte. Ich hatte schon genug Erzählungen gelesen, welche von chinesischen Piraten handelten, und zwar nicht nur Phantasien, sondern sachliche Berichte, so z. B. den des Engländers Oliver Harrow, der neun Jahre von chinesischen Seeräubern gefangen gehalten wurde, und bei denen war es ganz anders zugegangen, das war eben ein rohes, wüstes Gesindel gewesen, vor allen Dingen auch dem Opiumgenusse ergeben.
Ich wurde wieder vor meiner Hundehütte angekettet. Die Piraten luden die schweren Opiumkisten aus und bargen sie in einer geräumigen Höhle, die dicht neben der meinen lag. So sah ich, wie jede Kiste plombiert war und wie ein Chinese gewissenhaft jede einzelne notierte.
Wieder einige Tage später - die Zeitrechnung hatte ich schon verloren - wurde das Piratenlager abermals sehr aufgeregt, ich blickte ebenfalls auf das Meer hinaus, wohin sie alle schauten, und sah erst eine Rauchwolke aufsteigen und dann ein Fahrzeug auftauchen, das ich beim Näherkommen als einen jener kleinen, aus starken Eisenplatten gebauten Dampfer erkannte, die man >Norweger< nennt. Denn die Norweger haben von allen seefahrenden Nationen die kleinsten Ueberseedampfer, weshalb diese außerordentlich stark gebaut sein müssen, um jeden Seegang bestehen zu können. Es ist dies durchaus nicht zweckmäßig, denn je kleiner die Schiffsverhältnisse, desto kostspieliger - aber die Norweger bevorzugen nun einmal solche kleine Dampfer.
Das Fahrzeug hielt auf die Insel zu. Schon dachte ich, es könnte ein chinesisches Kriegsschiff sein, das auf Piraten jagte; aber als ich das Betragen der letzteren beobachtete, und als der Dampfer nun gar Flaggensignale zeigte, welche auf der Insel jedenfalls erwidert wurden, konnte ich nicht mehr im unklaren sein, und ich wunderte mich nur, wie geregelt die Geschäftsverbindungen dieser chinesischen Seeräuber waren.
Das war einfach ein Handelsdampfer, der jetzt von Insel zu Insel fuhr und den Piraten ihre Beute abkaufte, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn auf dem Handelsdampfer, mochte er unter irgend einer Flagge segeln, englische Besatzung und ein englischer Kaufmann gewesen wären.
Ich sollte mich aber doch sehr getäuscht haben. Meine schon sehr merkwürdigen Vermutungen wurden noch weit übertroffen.
Die Piraten machten offenbar alles zu einem feierlichen Empfange bereit, und der Dampfer, dessen Rauch bei der völligen Windstille kerzengerade in die Luft stieg, verschwand hinter jenem Felsen, hinter welchem die Bucht lag, und dorthin strömten auch die Inselbewohner, aber nur Männer.
Bald kamen sie zurück. Meine >Freunde< kannte ich nun schon so ziemlich alle, jetzt waren Fremde bei ihnen, und zwar meist Japaner, wie ich sofort feststellte.
Das allgemeine Interesse galt zuerst meiner Person, und ich fand bald heraus, daß ich hier nicht bloße Handelsleute vor mir haben konnte, welche den Piraten die Beute abkaufen wollten.
Ein untersetzter Japaner, welcher sich von den andern zwar nicht durch seine Kleidung unterschied, wohl aber durch sein ganzes Auftreten und nicht zum mindesten durch seine intelligenten, sogar Geist verratenden Züge - ich will ihn den Kapitän nennen, und er war auch der von dem kleinen Dampfer - ließ sich von einem alten Chinesen, den ich schon gewissermaßen als Geschäftsführer der Insel kennen gelernt hatte, Bericht über mich erstatten.
Aufmerksam hörte der Kapitän zu, die klugen Augen immer forschend auf mich geheftet.
Dann sprach er zu dem Chinesen, hierauf wandte er sich an mich. Nachdem er mich in seiner Sprache angeredet hatte, worauf ich nur ein Kopfschütteln hatte, fragte er mich in reinstem Englisch: »Was für ein Landsmann bist du?«
»Ein Deutscher.«
»Wie bist du hierher auf diese Insel gekommen?« begann da der Japaner plötzlich im geläufigsten Deutsch.
Ich war nicht wenig überrascht; doch ich dachte daran, daß sich jetzt mein Schicksal entscheiden würde, denn dieser Japaner hatte hier offenbar zu befehlen, man hatte nur seine Ankunft erwartet, um über mich zu Gericht zu sitzen. Bis dahin hatte man mich gut gepflegt und nur zum Rudern verwandt, aber mein Leben schonte man nicht; denn konnte ich nicht bereits von einer feindlichen Kugel getroffen worden sein?
Ich sagte kurz, daß ich über Bord gestürzt sei und von einer Dschonke aufgenommen wurde.
»Bist du hier gut behandelt worden?«
»Ja.«
»Hast du immer reichlich zu essen bekommen?«
»Ja.«
»Du hast rudern müssen. Hast du dich sonst über etwas zu beklagen?«
»Nein.«
»Dieser Mann hat dich doch mit dem Tode bedroht.«
Er deutete dabei auf jenen Chinesen, welcher Lust gezeigt hatte, mir mit seinem Schwerte den Kopf zu spalten.
Der Betreffende stand jetzt wie ein armer Sünder da; überhaupt herrschte unter den Piraten eine rechte Niedergeschlagenheit.
Ich bejahte die Frage.
»Dann bist du gebunden worden.«
»Ja.«
»Aber sonst ist dir nichts weiter widerfahren?«
»Man hat mich geschlagen.«
»Geschlagen? Wer?«
Ich kannte den Mann noch recht gut. »Der dort!«
Der Japaner wandte sich an den Bezeichneten, und stellte ihn jedenfalls zur Rede. Der Mann verteidigte sich, mochte sagen, es sei nicht wahr, andre ergriffen jedoch das Wort, und der Betreffende wurde überführt.
»Dieser Mann hat dich so geschlagen, daß dir das Blut aus Mund und Nase sprang?« wandte sich der Japaner auf deutsch wieder an mich.
»Ja.«
»Gut. Weißt du, wo du hier bist?«
»Auf einer Pirateninsel.«
»Hast du schon vom gelben Drachen gehört?«
»Nein.«
»Wir sind keine Seeräuber, sondern gehören zum Bunde des gelben Drachen, welcher gegen das jetzige China Krieg führt, und du sollst Zeuge werden, wie der gelbe Drache seine Gesetze handhabt. Der Mann, welcher dein Leben bedrohte, und der Mann, welcher dich schlug - sie sind beide des Todes!«
Mit diesen Worten zog er aus seinem Gürtel einen sehr langen, zweischneidigen Dolch und reichte ihn jenem zuerst genannten Chinesen, aber ohne zu ihm sonst noch etwas zu sagen.
Ich wurde nun Zeuge einer ebenso gräßlichen wie merkwürdigen Szene, ja, es lag sogar etwas furchtbar Gewaltiges darin.
Nur zögernd nahm der Chinese den gereichten Dolch; sein gelbes Gesicht wurde fahl wie Wachs, er begann zu zittern.
»Sieh den Feigling, wie er zittert!« sagte der Kapitän mit grenzenloser Verachtung, und zwar auf deutsch, also für mich bestimmt. »Er braucht erst ein Beispiel, um zu sehen, wie gehorsam ein Sohn des gelben Drachen stirbt.«
Er nahm jenem den Dolch wieder ab und winkte mit dem Finger nach rückwärts.
»Kanimo, Harakiri!«
Ein blutjunger, zierlicher, bildhübscher Japaner trat vor, legte seine rechte Hand auf den Kopf, was ich bei Chinesen und Japanern schon wiederholt als Zeichen des Gehorsams gesehen hatte, nahm aus des Kapitäns Hand den langen Dolch, ein funkelnder Blitz ... und er hatte sich den zweischneidigen Stahl in den Unterleib gestoßen. Ich sah ganz deutlich, wie er mit Absicht das jedenfalls haarscharfe Messer auch noch so weit als möglich nach oben zog, bis er sich den Leib ganz geöffnet hatte.
Einen Augenblick stand er so da - die zerschnittenen Eingeweide quollen ihm aus der fürchterlichen Wunde - dann stürzte er steif, wie er gestanden, rücklings zu Boden und blieb so liegen. Er war sofort tot.
Die Chinesen werden von uns verlacht, weil sie behaupten, der Mensch habe sein Herz im Unterleib, aber sie sagen überhaupt gar nicht >Herz<, sondern >Seele< und damit meinen sie das Leben. Ja, vielleicht haben sie gar nicht so unrecht. Erst unsre neueren Anatomen haben entdeckt, daß der Unterleib der Sitz eines Zentralsystems von den feinsten Nerven ist, und davon kann jeder erzählen, der schon einmal einen Stoß in den Magen bekommen hat. Solch ein Stoß an die richtige Stelle des Unterleibs lähmt sofort alle Herz- und Lungentätigkeit, was durchaus nicht der Fall ist, wenn ein weit stärkerer Stoß den Kopf, oder die Herzgegend trifft.
Daher ist es auch erklärlich, wie den vornehmen Japaner das Harakiri, das Bauchaufschlitzen, gelehrt werden kann, falls er zur Wiederherstellung seiner Ehre diese Manipulation einmal ausführen muß. In Praxis kann ihm das wohl schwerlich beigebracht werden. Nein, es wird ihm nur anatomisch erläutert, wo er den Sitz des Lebens hat, und wie er das Messer führen muß, um jene Nervenzentrale zu durchschneiden.
Geschieht dies, so tritt der Tod jedenfalls augenblicklich ein.
Mir aber ging die furchtbare Gewißheit auf, daß ich soeben Zeuge eines Gehorsams geworden war, von dem wir Europäer gar keine Ahnung haben. Der japanische Jüngling war sicher ganz unschuldig gewesen, hatte nichts durch seinen Tod zu sühnen gehabt - sein Kapitän brauchte nur ein Beispiel, um zu zeigen, wie ein mutiger Mann stirbt, und er winkte dem ersten besten aus seinem Gefolge - >Kanimo, Harakiri!< - und der gerufene Kanimo trat vor und schlitzte sich den Leib auf, ohne ein Wort verloren zu haben!
Ich war entsetzt. Weniger durch das blutige Schauspiel als durch jenen Gedanken, wie ein Mensch für nichts und wieder nichts so gehorsam in den Tod gehen kann! Das, was dann folgte, berührte mich gar nicht mehr.
Mit einem gellenden Schrei sprang der Chinese, der mich unrechtmäßig hatte köpfen wollen, auf den Toten zu, riß ihm das Harakiri-Messer aus den rauchenden Eingeweiden und stieß es sich in die eignen.
Weiter kam er nicht. Brüllend wälzte er sich in seinem Blute am Boden. Der japanische Kapitän erwies ihm den Liebesdienst, bückte sich kaltblütig, packte den aus dem Leibe hervorstehenden Griff des Messers und vollendete das Geschäft des Bauchaufschlitzens. Sofort lag der Mann mit entglasten Augen regungslos da.
»Nun du!«
Etwas andres mochte der Japaner wohl nicht zu dem Chinesen gesagt haben, der mich ins Gesicht geschlagen hatte, als er jetzt diesem das Messer gab, und der hatte den Kunstgriff besser abgesehen, er brauchte keine fremde Hilfe - drei Menschen lagen mit aufgeschlitzten Leibern da.
Eben wollte sich der Kapitän wieder an mich wenden, als ein Signal ertönte, welches ich nun bereits zweimal gehört hatte: eine Beute war in Sicht. Das war hier die Hauptsache, und soviel ich noch sehen konnte, trieb der japanische Kapitän die chinesischen Piraten zur Eile an und erklomm dann einen Hügel.
Seine Anwesenheit und alles das, was ich soeben erlebt hatte, schien an meiner Bestimmung nichts zu ändern. Ich wurde losgekettet und nach dem Hafen getrieben, wo man die Prauen ins Wasser schob. Wie immer mußte ich in das größte und führende Boot steigen - aber diesmal nicht um zu rudern, sondern der Bootssteurer und zugleich der Piratenführer forderte mich durch eine Handbewegung auf, mich neben ihn zu setzen, und schloß mich an diesem Sitze an.
Etwas hatte das Kommen des japanischen Dampfers an meinem Schicksale also doch geändert: ich brauchte nicht mehr zu rudern.
Aber wozu nur mußte ich überhaupt in einem der zum Kampfe ausrückenden Boote mitkommen? Mir ging schon eine Ahnung auf, daß es sich hier um einen Aberglauben handelte, ich mußte so etwa die Rolle eines Schutzpatrons spielen.
Wieder steuerten die sechs Prauen auf eine unglückliche Dschonke zu. Es war soeben Windstille eingetreten; die langbezopften Matrosen, die ich schon erkennen konnte, waren gerade dabei, das zerrissene Bastsegel herabzulassen, um es auszubessern, als sie die sechs Prauen angerudert kommen sahen.
Sofort ließen sie von ihrer Arbeit ab, liefen schnatternd wie eine aufgescheuchte Herde Gänse an Deck durcheinander, und nun wußte ich schon, wie alles kommen würde: Das war wieder solch eine Dschonke, deren Besatzung sich gar nicht erst auf einen Verteidigungskampf einließ. Die Piraten sehen und sich in ihr Schicksal ergeben, das war bei denen eins.
Richtig, unser erstes Boot war wohl noch hundert Meter von der Dschonke entfernt, als dort drüben alle Köpfe hinter der hohen Bordwand verschwanden. Jetzt also knieten die Feiglinge schon nieder und hielten, die Hände auf dem Rücken, den Kopf hin, um ihn sich abschlagen zu lassen.
Wir näherten uns wie immer der Beute, ein Boot dicht hinter dem andern, so eine langgestreckte Reihe bildend.
Da plötzlich flammte es an der Bordwand der Dschonke auf! Ein scharfer Knall folgte. Ich hatte gerade nach der hintersten Prau geblickt, und diese mußte von dem Geschoß getroffen worden sein. Die Ruderer sprangen auf und griffen nach den Schöpfeimern. Es mußte also eine größere Kugel gewesen sein, welche die dünnen Planken des Bootes unter der Wasserlinie durchlocht hatte ... aber ich hatte nur einen einzigen Augenblick Zeit, solche Betrachtungen anzustellen, denn fort und fort zuckten aus der Bordwand der Dschonke die Feuerstrahlen hervor, jeder von einem schmetternden Krachen begleitet, das aber eher an den scharfen Knall eines Revolvers erinnerte, als an das rollende Dröhnen eines Kanonenschusses, und jedesmal hörte ich über meinem Kopfe das Heulen eines Geschosses. Ich sah die Prauen hinter mir versinken. Und da war auch unser Boot getroffen worden! Wie ein Fontäne schoß das Wasser vorn und seitlich herein, und ein Pirat stürzte vom Sitz, sein Schenkel mußte schrecklich zerrissen sein, denn das Blut floß in Strömen.
Von lähmendem Entsetzen gepackt, ließen die Chinesen die Ruder sinken. Das alles hatte sich ja in viel kürzerer Zeit abgespielt, als sich hier erzählen läßt. Sie dachten gar nicht mehr daran, das Boot leerzuschöpfen.
Nur unser Steuermann behielt seine Besinnung. Ich sah, wie seine Augen starr auf mich gerichtet waren, und ich wußte schon alles, was er beabsichtigte, was er dachte, noch ehe er mit einem wilden Schrei aufsprang und seinen Dolch aus dem Gürtel riß - hier lag Zauberei vor, und an dieser mußte ich, der weiße Teufel, wie die Chinesen jeden Europäer nennen, schuld sein! - aber ich hatte keine Lust, mich abschlachten zu lassen, und ich war schneller als er. Plötzlich hatte ich eine Ruderstange in beiden Händen und ließ sie jenem auf den Schädel niederschmettern, daß es klang, als wenn ein irdener Topf berste.
Dann umspülte mich das Wasser - erst den Unterleib, dann die Brust, dann verlor ich den Boden unter den Füßen, ich mußte schwimmen. Die Prau war gesunken.
Es ist seltsam - aber gerade in dergleichen Augenblicken, wenn es sich um Leben und Tod handelt, hat man solche Gedanken - - ich wunderte mich, daß mich das sinkende Boot nicht mit herabzog, denn ich war doch durch eine Kette mit ihm verbunden.
Dem war eben nicht so! Ohne es zu wissen, war ich, um den Schlag zu führen, mit Vehemenz aufgesprungen und hatte dabei den hölzernen Sitz losgerissen, an dem meine Kette befestigt war.
Diese selbst war nicht schwer genug, um mich hinabzuziehen, und sie wurde ja auch am andern Ende von dem Holzbrette getragen. Jedenfalls konnte ich mich über Wasser halten. In solchen Situationen fehlt die Zeitberechnung. Wie lange ich schwamm, weiß ich nicht, auch nicht, was mir plötzlich die Besinnung raubte. Ich glaube, daß ich einen Schlag gegen die Schläfe bekommen habe, vielleicht vom Fuße eines schwimmenden Chinesen.
Lange kann ich im Wasser nicht bewußtlos gewesen sein, sonst wäre ich ertrunken, und während dieser kurzen Zeit bin ich von rettenden Händen aufgefischt und an Bord der Dschonke gehievt worden.
»He jüh, das ist ja ein ganz gewöhnlicher Europäer!!«
Das waren die ersten Worte, welche ich vernahm, auf deutsch gerufen, und man darf wohl glauben, daß sie mir wie Engelsmusik in die Ohren klangen, und als ich die Augen aufschlug, da sah ich, daß dieser deutschsprechende Engel wie ein Chinese gekleidet war und im Gesicht eine ungeheure Nase hatte - ein Monstrum von einer Nase, wie ich einer solchen noch niemals begegnet war - ich hatte überhaupt für gar nichts weiter Interesse, ich staunte nur immer diese ungeheuerliche Nase an, und dann bewunderte ich auch die kleinen, vergnügt blinzelnden Schweinsaugen und nicht minder die gewaltigen Elefantenohren, welche bei jedem Worte jenem phänomenalen Riechorgane Kühlung zufächelten.
»Das ist doch der ... der ... der Organist!?« hörte ich da eine andre Stimme gleichfalls auf deutsch im höchsten Staunen rufen. »Wahrhaftig, der Organist!!«
Was soll man nun dazu sagen? Man versetze sich nur in meine Lage. Hier auf der chinesischen Dschonke, die ich als Gefangener von chinesischen Piraten mit angreifen muß, werde ich gleich wieder der Organist genannt!
Der diese Worte gerufen hatte, war ein echter Chinese, was ich von dem größten Teile der übrigen Mannschaft nicht behaupten konnte. Warum soll es unter den Chinesen nicht auch schöne Männer geben? Dieser hier war ein solcher. Wohl waren es die wachsgelben Züge eines schlitzäugigen Mongolen mit hervorstehenden Backenknochen, aber dabei edel, alles wie von der Hand eines Bildhauers modelliert; diese Schlitzaugen, die jetzt so erstaunt auf mich gerichtet waren, feurig und kühn, und der lang herabhängende Schnurrbart verlieh dem noch jungen Mann erst recht einen Ausdruck von wilder Verwegenheit.
Er wandte sich an einen andern Chinesen, in dem ich aber trotz der chinesischen Kleidung, und obgleich sogar unter seiner Filzkappe ein langer Zopf hervorbaumelte, den Europäer erkannte, wenn nicht einen Deutschen, und er wurde ja auch auf deutsch angeredet.
»Hier, das ist der junge Mann, August Hammer, der uns in Hongkong abhanden kam. Zweifelt Ihr nun noch, Steuermann, daß es eine Fügung gibt? Meinetwegen nennt es Zufall, meinetwegen Schicksal - ich glaube an eine Bestimmung, der kein Mensch entrinnen kann.«
Was hatte ich da zu hören bekommen? Dieser Chinese kannte auch meinen richtigen Namen, und ich sollte ihm in Hongkong abhanden gekommen sein? Ich wußte gar nicht mehr, was ich von alledem denken sollte.
Ich will mich nicht zu sehr anf Einzelheiten einlassen, sonst dürfte der Leser ein falsches Bild von der Situation bekommen. Es ging alles Schlag auf Schlag, jetzt war keine Zeit zu Fragen und Erklärungen; die Dschonke hatte es immer noch mit den Piraten zu tun, wenn diese jetzt auch sämtlich im Wasser schwammen. Es galt, sie aufzufischen und an Bord zu nehmen.
Der junge Chinese, welcher offenbar der Kapitän war, hatte mich gesehen, hatte jenen erstaunten Ausruf getan, schnell jene Worte an den Steuermann gerichtet, und dann war er, Kommandos gebend, wieder davongesprungen, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.
Aber ich sollte an Bord der chinesischen Dschonke noch mehr Ueberraschungen erleben. Zunächst tauchte aus einer Luke ein Mann auf, der sich von der übrigen Besatzung dadurch unterschied, daß er kein chinesisches Kostüm, sondern einen blauen Monteuranzug trug, der zu seinem gutmütigen Germanengesicht auch viel besser paßte. Der Mann hatte mehrere Feilen in den Händen und machte einen so schmierig-öligen Eindruck, war auch schwarz genug, daß er viel eher aus dem Heizraum eines Dampfers, als aus dem Innern einer chinesischen Dschonke kommen konnte. Jedenfalls starrte ich ihn wie eine überirdische Erscheinung an.
»Wo ist der Mann, dem ich eine Kette durchfeilen soll?« fragte er einen Chinesen, und ich hörte denselben Dialekt, den ein Matrose der >Katharine< gesprochen hatte, und dessen Heimat Köln am Rhein gewesen.
»Dort sitzt er,« lautete die Antwort des Chinesen.
Also, wohlverstanden, seitdem man mich aus dem Wasser gezogen hatte, oder doch seitdem ich wieder zu mir gekommen, war höchstens eine halbe Minute vergangen, ich saß mit triefenden Kleidern noch immer auf der Taurolle, auf welche man mich gelegt hatte.
Der Schlosser kam auf mich zu und sah mich wohl erstaunt an, doch er sagte nichts, sondern ging gleich daran, den eisernen Ring zu prüfen, den man um meinen Fuß geschmiedet hatte, dann setzte er eine Feile an.
»Wo bin ich denn hier nur?« murmelte ich, noch ganz traumverloren.
»Was? Du bist auch ein Deutscher?« fragte der Schlosser, bei seiner Arbeit einmal aufblickend. »Wie kommst du denn unter die Räuberbande?«
»Ich war ihr Gefangener! Aber so sage doch nur, was für eine merkwürdige Dschonke ist denn das?«
»Das ist ... das ist ... das darf ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob's der Master haben will.«
»Der Master, wer ist das?«
»Das ist dort der Chinese mit dem langen Hängebarte. Eigentlich ist er gar kein Chinese, aber ... frage nichts mehr, ich antworte nicht.«
Der Mann begann mit Eifer zu feilen und sprach wirklich nichts mehr; ich hatte also nur erfahren, daß jener Chinese, der mich gleich beim Spitznamen genannt hatte, >Master< genannt wurde und eigentlich gar kein Chinese war, und so verließ ich mich auf meine eignen Augen.
Ich zählte an Deck einundzwanzig Mann, für eine Dschonke eine sehr starke Besatzung, und im Innern schienen noch mehr zu sein. Wohl sah ich darunter auch Chinesen, an deren Echtheit kein Zweifel aufkommen konnte, auch glaubte ich zwei Japaner unterscheiden zu können, aber die meisten hatten doch unverfälscht germanische Gesichtszüge. Außerdem wurde auch entweder Englisch gesprochen oder Deutsch.
Jetzt waren sie damit beschäftigt, die schwimmenden Piraten aufzufischen. Sie warfen ihnen Taue zu und reichten Stangen, zogen die sich Daranklammernden hoch, und sobald einer an Deck war, wurde er mit einer fabelhaften Geschwindigkeit an Händen und Füßen gebunden und wie ein Mehlsack durch eine Luke ins Innere der Dschonke befördert.
Wirklich, diese echten und verkappten Chinesen arbeiteten mit einer fabelhaften Geschwindigkeit, die mußten schon Uebung in so etwas haben!
Aber nicht alle im Wasser treibenden Piraten waren geneigt, die Rettungsleine oder die dargebotene Stange zu ergreifen. Sie mochten ahnen, was ihrer wartete, es waren eben Piraten, die diesmal das Spiel verloren hatten. Sehr viele zogen vor, nach ihrer Insel zurückzuschwimmen, auf die Gefahr hin, unterwegs die Beute eines Haifisches zu werden. Die Haie lieben solch ein Getümmel in ihrem Reiche nicht; jetzt zwar sah man keinen, aber dem einzelnen Schwimmer würden sie schon zu Leibe gehen. Trotzdem also wurde die Tour riskiert.
Da hatte nun die Besatzung der Dschonke ein originelles Mittel, um diejenigen, welche der Einladung keine Folge leisten wollten, dennoch an Bord zu bekommen. Ein Mann, welcher trotz seiner chinesischen Kleidung eher wie ein deutscher Steinetreiber aussah, produzierte sich als unübertrefflicher Lassowerfer. Er rollte ein ziemlich starkes Hanfseil zusammen, wirbelte die Schlinge um den Kopf und schleuderte sie nach einem der sich entfernenden Schwimmer. Die Schlinge legte sich kreisförmig um denselben, sie schien beschwert zu sein, sank sehr schnell unter, und nun konnte der Lassowerfer ganz genau den Zeitpunkt berechnen. Sobald er zuzog, hatte er jedesmal den Schwimmer mit unfehlbarer Sicherheit unter den Armen gefangen.
Während der Mann schon wieder nach einer zweiten Wurfleine griff, deren er eine ganze Menge handbereit liegen hatte, zogen die Matrosen den Gefangenen schnell heran und herauf an Bord - und in demselben Augenblick band ihm der eine die Hände auf den Rücken, ein andrer die Füße, dann hatten ihn schon zwei andre angepackt und transportierten ihn nach der offnen Luke, aus der sich vier Hände emporstreckten, um den Kerl in Empfang zu nehmen - es ging alles wie's Brezelbacken, und da wurde schon wieder ein mit dem Lasso Geangelter herangeschleppt.
Dabei wurde fröhlich gescherzt, was mir freilich ganz unverständlich blieb.
»Wieder tausend Taler,« hörte ich unten in der Luke sagen, als ein neuer Mann hinabbefördert wurde.
»Nee, nee, für den gebe ich bloß fünfhundert,« wurde dagegen protestiert. »Dem fehlen ja zwei Finger an der Hand!«
»Aber der hier, das ist ein Prachtkerl, der schafft für zwei.«
»Ja, für den gebe ich drei Taler mehr.«
Was sollte das? Das ging ja gerade wie auf dem Sklavenmarkte zu.
Nun hatten aber dennoch sehr viele Schwimmer das Weite gewonnen, ehe sie von der Wurfschlinge erreicht wurden. Da wußte sich die Besatzung der Dschonke, der es so viel darauf anzukommen schien, die Piraten gefangenzunehmen, in andrer Weise zu helfen.
An Deck lagen lange Ruder, sie wurden durch Löcher in der Bordwand gesteckt, je zwei Matrosen bewegten stehend ein Ruder, und so hatte sich die Dschonke in eine Galeere verwandelt.
Eigentlich liegt es überhaupt sehr nahe, daß man solche kleine Fahrzeuge, wie die Dschonken doch nur sind, wenigstens im Verhältnis zu andern Seeschiffen, mit Rudern ausrüstet. Die Dschonken haben in diesen Gewässern viel von Windstillen zu leiden. Sie sind manchmal schon dicht am sichern Hafen, da plötzlich hört der Wind auf, und sie können nicht weiter, sie werden unrettbar ein Opfer des der Windstille folgenden Sturmes.
Warum werden da nicht große Ruder angeschafft, welche doch Aussicht gewähren, noch den sichern Hafen erreichen zu können? Ja, das ist bei den Chinesen eben immer die alte Geschichte. Vor tausend Jahren hat es in China keine Dschonken gegeben, welche gerudert wurden, und da werden eben auch heute noch keine Ruder geführt. Man kennt es nicht. Vielleicht verbietet es sogar ein Gesetz. Hier war es anders. Es waren verkappte Chinesen, die sich einer Dschonke nur bedienten, um die Seeräuber anzulocken.
Mir hatte das Seebad nichts geschadet, und als ich von meiner Hundekette befreit war, sprang ich an eine Ruderstange, an der nur ein einziger Mann arbeitete, und legte mich mit Macht ins Zeug.
»Na, na,« lachte da der deutsche Matrose, »brich nur nicht das Ruder ab! Das geht hier bei uns doch alles allein! 'S ist bloß, daß wir rudern müssen, falls uns einer zuguckt.«
Ich verstand durchaus nicht, was der Mann meinte. Wir wollten doch die Schwimmer einholen, und solch eine plumpe Dschonke von 100 und mehr Tonnen ist kein leichtes Ruderboot, das von wenigen Menschen fortbewegt werden kann.
Da aber machte ich eigentümliche Wahrnehmungen. Wir kamen sehr schnell von der Stelle, waren gleich wieder mitten zwischen den Schwimmenden, von denen einer nach dem andern mit dem Lasso heraufbefördert wurde. Und mein schweres Ruder ging so merkwürdig leicht! Es schien im Wasser gar keinen Widerstand zu finden. Es war, als ob die Dschonke von ganz allein führe. Ich blickte nach den andern Matrosen - auch diese strengten sich gar nicht an, spielten nur so, ruderten womöglich nur mit einer Hand.
Die Vermutung lag also nahe, daß die Dschonke von einer starken Strömung getrieben wurde. Dann aber mußten doch auch die Schwimmer ...
Ich hatte nicht lange Zeit, über das Rätsel nachzugrübeln.
»Ein Dampfer - ein Norweger!« erscholl ein Ruf.
Ich sah ihn hinter der Insel hervorkommen; ich hörte den Kapitän, den sie hier den Master nannten, zu dem Steuermann seine Verwunderung darüber äußern, wie ein solcher Dampfer hierher käme, und da schien es mir an der Zeit, als ehemaliger Gefangener der Piraten handelnd aufzutreten.
»Der gehört mit zu den Seeräubern!« rief ich. »Er ist erst heute im Hafen der Insel angekommen; es sind auch viele Japaner an Bord, und die chinesischen Inselbewohner scheinen unter ihrem Befehle zu stehen.«
Meine Erklärung brachte bei der Mannschaft offenbar eine große Erregung hervor, bei dem Kapitän freilich am allerwenigsten. Er warf mir einen Blick zu, nickte, zog dann gelassen aus einem Futteral an seinem seidenen Gürtel ein Fernrohr, schraubte es lang und richtete es auf den Dampfer.
»Stimmt! Kapitän, Offiziere und viele der Matrosen sind Japaner. Aber ich kenne keinen. Haben Sie den Namen des Kapitäns gehört?«
Die Frage war offenbar an mich gerichtet.
»Den Namen des Kapitäns nicht, aber einen andern. Er befand sich mit im Gefolge des erstern und schien kein gewöhnlicher Mann zu sein. Kanimo wurde er gerufen, fast noch ein Knabe; es wurde ihm befohlen, sich freiwillig den Leib aufzuschlitzen, und er tat es sofort.«
»Kanimo! Den kenne ich, wenigstens dem Namen nach. Dann ist das der >Drachenkopf<, welcher die Inseln revidiert. Das können wir ja überhaupt gleich erfahren.«
Bisher war noch keiner der aufgefischten Piraten verhört worden, doch dem Chinesen, der jetzt befragt wurde, brauchte nicht erst die Pistole auf die Brust gesetzt zu werden, er beantwortete alle Fragen.
Es war nur ein sehr kurzes Verhör, und auch ich brauchte keine nähern Erklärungen abzugeben, es war jetzt keine Zeit dazu.
Länger währte die Beratung, welche zwischen dem Kapitän, einem andern Chinesen, dem Steuermanne und einem Japaner stattfand, wobei immer durch Fernrohre nach dem näherkommenden Dampfer gespäht wurde.
Die Unterredung wurde in chinesischer oder japanischer Sprache geführt, deshalb verstand ich nichts davon. Da streifte mich des Kapitäns Blick, er machte eine Handbewegung, und die andern verstummten sofort.
»Hätte ich doch die Hauptsache bald vergessen!« rief er. »Bitte, Herr Organist, wollen Sie sich hierher bemühen und an unsrer Beratung teilnehmen?«
Diese Anrede kam mir natürlich sehr spanisch vor, aber ich mußte der Aufforderung wohl Folge leisten.
»Haben Sie schon von dem gelben Drachen gehört?« begann der schwarzbärtige Kapitän, der ein so gutes Deutsch sprach und ja auch gar kein Chinese sein sollte, obgleich er genau wie ein solcher aussah. Im übrigen kann ich nur sagen, daß er mir ganz gewaltig imponierte, wenn ich auch gar nicht wußte, weswegen. Es lag eben in seinem ganzen Auftreten.
»Ich habe diesen Namen zum ersten Male von dem Japaner gehört, welcher der Kapitän jenes Dampfers ist,« entgegnete ich. »Auch er fragte mich, ob ich schon den gelben Drachen kenne. Als ich verneinte, erklärte er mir, die Piraten gehörten zum Bunde des gelben Drachen, welcher gegen China Krieg führe ...«
»Genug!« fiel mir der Chinese ins Wort, aber durchaus nicht unhöflich, wie er überhaupt von vollendeter Liebenswürdigkeit war. »Der gelbe Drache ist eben eine geheime Vereinigung, welche gegen die chinesische Regierung agitiert. Sie haben auch Seeräuber in ihren Diensten, welche Dschonken plündern müssen. Das ist ihre unerschöpfliche Geldquelle. An ihrer Spitze stehen meistens Japaner, auch solche in hoher Staatsstellung. Auf jenem Dampfer nun befinden sich solche japanische Führer des Bundes, deren wir gern habhaft werden möchten, weil wir vielleicht wichtige Geheimnisse von ihnen erfahren können. Wie machen wir nun das?«
Was sollte diese Frage bei mir, dem unerfahrnen, in Lumpen gehüllten Jüngling? Gut, ich wollte ihnen eine Antwort geben.
»Wenn Sie ihrer habhaft werden wollen, dann müssen Sie sie einfach fangen.«
»Bravo, das war die einzig richtige Antwort!« lachte der Kapitän. »Nun ist die Sache aber die, daß sich die Japaner nicht lebendig werden fangen lassen. Wir können den Dampfer entern, wir werden siegen, wir werden Chinesen und Japaner zu Gefangenen machen - aber die Männer, auf welche es uns gerade ankommt, weil sie uns etwas zu verraten haben, werden wir nicht lebendig bekommen, die werden noch im letzten Augenblicke Harakiri machen - Sie wissen, kchchch.« Er machte die Bewegung des Bauchaufschlitzens, während er mich mit seinen blitzenden Augen anlachte.
Ich war um die Antwort nicht verlegen.
»Dann muß ihnen die Möglichkeit genommen werden, sich vorher zu töten.«
»Ja, das ist leicht gesagt, aber das Wie! Wie ihrer erst habhaft werden!«
»Der Dampfer muß in den Grund gebohrt werben, daß er auf der Stelle sinkt. Sie müssen plötzlich im Wasser liegen und so mit dem Lasso herausgefischt werden wie diese Piraten hier,« entgegnete ich aufs Geratewohl, nur um nicht die Antwort schuldig zu bleiben.
Lebhaft wandte sich der chinesische Kapitän den andern wieder zu.
»Sehen Sie, mein junger Freund hier ist ganz derselben Ansicht wie ich,« rief er triumphierend, »und das soll den Ausschlag geben! Der Dampfer ist überhaupt sowieso für uns verloren. Sehen die Japaner, daß wir ihn kapern, sprengen sie ihn doch in die Luft und sich selbst mit. So aber verlieren wir nur das Schiff. Was tut's? So eins ist überall zu kaufen. Und was die wertvolle Fracht betrifft ... Steuermann, was für Meerestiefen sind hier?«
»Alles seichtes Gewässer, habe mich schon orientiert, nirgends tiefer als fünfzehn Meter,« entgegnete der Gefragte.
»Na also! Dann schicken wir Taucher hinab, und wenn wir nur die Papiere bekommen, so genügt das schon. Laßt die letzten Piraten an Land schwimmen, sie entkommen uns doch nicht. - Ruder ein!!! Klar zum Ramm!!!«
Was für ein Kommando war das? Klar zum Ramm? Diese elende, hölzerne Dschonke wollte den aus starken Eisenplatten zusammengefügten Dampfer rammen, um ihn in den Grund zu bohren?
Ich blickte mich um. Wohl sah ich an Deck und an der Bordwand Einrichtungen, welche man sonst nicht auf chinesischen Dschonken findet - übrigens war von keinen Apparaten und dergleichen die Rede, höchstens, daß in die Deckplanken feste Eisenboller und Eisenstäbe eingelassen waren - aber sonst war das Ganze doch auch nur so ein gebrechliches Balkengerippe, zusammengenagelt und mit Klammern zusammengehalten; ich prüfte die Ballen und Bretter mit meiner Hand - wurmstichiges Holz, nichts weiter.
Und diese Dschonke wollte dort den eisernen Dampfer in den Grund rammen? Ja, woher wollte sie denn überhaupt die dazu nötige Geschwindigkeit nehmen? Vielleicht daraufzurudern?
Ich hatte wiederum nicht viel Zeit zum Grübeln.
»Klar zum Ramm!!!« wiederholten die Matrosen, zogen die langen Ruder ein und befestigten sie sowie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit fieberhafter Eile an Deck. Dann legten sie sich alle platt hin, stemmten sich mit den Füßen fest und klammerten sich an die im Deck eingelassenen Eisenstangen, welche zu diesem Zwecke wie geschaffen waren.
Auf einen Wink des Kapitäns sprang der großnasige Matrose, übrigens ein sehr kleiner Wicht, der auch über ein Paar wunderbar krummer Beine verfügte, zu mir hin und leitete mich an, die gleichen Vorbereitungen zu treffen, um einen Stoß aushalten zu können.
Auch der chinesische Kapitän legte sich so hin, weit vorn im Schiff, entfernte vor sich ein Brett, und ich bemerkte, daß dort in das Deck ein kleines horizontales Steuerrad eingelassen war, dessen Speichen er erfaßte, während sonst die Dschonke nur eins der primitiven Hebelsteuer besaß.
Außerdem ragte aus dem Deck noch ein kurzes Rohr hervor, an welches der Kapitän seinen Mund brachte, während er durch eins der Löcher unten an der Bordwand die Meeresfläche vor sich überblicken konnte.
Durch ein solches Loch konnte auch ich den Dampfer beobachten. Er hatte sich uns schon so weit genähert, daß jeder Mann an Deck und die Offiziere auf der Kommandobrücke zu unterscheiden waren.
Sie hatten von der Insel ausgesehen, wie die Prauen von der Dschonke in den Grund geschossen worden waren, wie die Schwimmenden aufgefischt wurden, wie die Dschonke mit langen Riemen gerudert wurde - sie kamen nun, sich diese merkwürdige Dschonke näher anzusehen. Sie betrachteten sie natürlich als Feind, und wenn sie auch nicht wußten, wie das elende Holzding dem eisernen Dampfer etwas anhaben konnte, ließen sie doch keine Vorsicht außer acht.
An Deck waren zwei Geschütze postiert worden, welche zuvor sicher noch nicht dort gestanden hatten. Wohl die Hälfte der Matrosen war mit Gewehren bewaffnet, und ich konnte deutlich unterscheiden, daß es moderne Hinterlader waren. Jetzt wurden an sämtliche Leute auch noch schwere Entersäbel verteilt.
Als der Dampfer höchstens noch hundert Meter von uns entfernt war, griff der japanische Kapitän zum Sprachrohr und donnerte zu uns herüber. Bei uns aber kam kein Kopf über der Bordwand zum Vorschein.
»Oho, sie wollen ihr Revolvergeschütz an uns probieren!« meinte der Nasenkönig neben mir. »Na, gnade ihnen Gott, das dürfte ihnen schlecht bekommen, wir sind von Eisenholz gebaut.«
»Klar zum Ramm!!« kommandierte der Kapitän nochmals aber mit leiser Stimme und mehr in fragendem Tone.
»Klar zum Ramm!« bestätigten die Matrosen unisono.
Jetzt legte der Kapitän den Mund an das hinabführende Sprachrohr. »Volle Kraft voraus!!!«
Da ging ein Zittern durch die Planken, immer mehr und mehr, das Wasser schäumte durch die Ausgußlöcher, und ... ich kann es nicht beschreiben, mir schnürte etwas Entsetzliches, die Ahnung des Rätselhaften, das Herz zusammen.
Plötzlich sah ich einen Koloß vor mir - »Festgehalten!!!« erscholl der donnernde Ruf - dann ein furchtbarer Ruck, ein gellender Schrei, ein Krachen und Bersten und Gurgeln - - und alles war wieder still, auch das Zittern der Planken hatte aufgehört.
Ich sprang wie die andern auf. Ruhig schaukelte sich unsre Dschonke auf der nur leicht bewegten, aber stark schäumenden See, in der es von schwimmenden Menschen wimmelte. Aber der eiserne Dampfer war verschwunden.
Die hölzerne Dschonke hatte ihn glatt durchschnitten und war selbst vollkommen unbeschädigt geblieben!
Ich schildere zuerst, was ich zu sehen bekam.
Die Schwimmenden, von denen nur einige Verletzungen davongetragen hatten, obgleich es auch einige Tote gegeben haben sollte, die aber vorläufig von den Wellen verschlungen worden waren, wurden aufgefischt und an Bord gezogen, wieder arbeitete der Lasso fleißig, und bei dieser Art von Rettung hatte man es ganz besonders auf die kurzgeschorenen Kopfe von Japanern abgesehen.
Wieder hatte ein solcher die Wurfleine unter den Armen zugezogen bekommen, da machte er eine eigentümliche Bewegung, und als man ihn heraufzog, hatte er seinen Dolch im Herzen.
So sah ich noch mehrere Selbstmord begehen; selbst im Wasser schlitzten sie sich die Leiber auf, nicht nur Japaner, auch Chinesen. Es war die greulichste Szene, die ich je gesehen habe, und war mir damals ganz unverständlich, weshalb sich diese Männer auf solche Weise selbst abschlachteten.
Es kamen jedoch noch genug lebendig an Bord. Sie wurden gebunden und hinabbefördert. Unter ihnen erkannte ich auch den japanischen Kapitän, den man bewußtlos aufgefischt hatte.
Unterdessen hatte die Dschonke zwei Anker ausgeworfen, welche Grund fanden, eine Handpumpe wurde an Deck gebracht, und ein Mann zog schon den Taucheranzug an. Zugleich wurden auf der andern Seite gebogene Planken von Eisenblech zusammengeschraubt, und im Nu entstand unter den Händen der Matrosen ein seetüchtiges Boot.
Auch hierbei ging alles wieder mit einer geradezu fabelhaften Geschwindigkeit vor sich. Eine Disziplin herrschte an Bord dieser Dschonke, wie ich sie noch auf keinem Kriegsschiff beobachtet hatte, und dabei war kaum ein Kommando nötig, jeder Matrose schien ein Muster von Intelligenz zu sein, wußte genau, was er zu tun hatte, und arbeitete dem andern in die Hand.
Ich hatte an Bord dieser merkwürdigen Dschonke nun schon so viel Seltsames erlebt, daß es mich gar nicht mehr wunderte, daß in dem Taucherhelm ein kleines Telephon angebracht und durch grünumsponnene Drähte mit einem an Deck befindlichen Sprechapparate verbunden war, und daß in dem Blechboote, ehe man es in das Wasser hinabließ, ein kleines Revolvergeschütz montiert wurde.
»Herr Hammer, Sie möchten mir zum Kapitän folgen.«
So wurde ich von einem deutschen Matrosen in chinesischer Kleidung angeredet. Ich folgte ihm die steile Treppe hinab, mit der Ahnung, daß jetzt die Lösung aller Rätsel kommen würde, und infolgedessen schaute ich meine Umgebung unter Deck nicht besonders an, wunderte mich auch nicht sehr, als ich in eine zwar winzig kleine, aber höchst komfortable Kajüte eintrat, welche man in einer Dschonke nimmermehr vermutet hätte.
Erstaunter schon betrachtete ich den Mann, der mich hier stehend empfing. Auch er trug chinesische Kleidung, aber an Deck hatte ich ihn noch nicht gesehen; denn der blonde Lockenkopf mit den schönen, edlen, aristokratischen Zügen wäre jedem sofort aufgefallen.
Lächelnd blickte er mich an, als er auf das kleine Sofa deutete, welches neben dem Miniaturschreibtisch stand.
»Bitte, Herr Organist, wollen Sie Platz nehmen!«
Ich tat es, er ließ sich vor dem Schreibtisch nieder, noch immer mich lächelnd anblickend, und ich wiederum konnte mich nicht sattsehen an diesem Urbild eines jugendkräftigen Germanen in voller Mannesschönheit, wobei ich seine chinesische Kleidung ganz vergaß.
»Nun, Herr Organist, wie geht es Ihnen?« begann er das Gespräch.
»Ich kann nur staunen.«
»Sie kennen mich nicht?«
»Nicht im geringsten.«
»Ich bin der Kapitän dieser Dschonke.«
»Ich glaubte, der Kapitän wäre der Chinese mit dem langen Barte, der von den Matrosen der Master genannt wird.«
»Dieser Chinese und Master bin ich selbst.«
Er griff in ein Schubfach des Schreibtisches, brachte ein Bündel Haare zum Vorschein, wendete das Gesicht zur Seite, machte sich an seinem Kopfe zu schaffen, nur wenige Augenblicke - - und als er sich mir wieder zuwandte, sah ich wieder den langbezopften Kapitän mit dem herabhängenden Schnurrbart und den hervorstehenden Backenknochen.
Ohne ein Wort zu verlieren, nahm er die Perücke und den falschen Bart wieder ab und legte beides gleichgültig in das Schubfach zurück, und dabei sah ich, wie sich sein Gesicht plötzlich total veränderte, vor mir saß wieder der, den ich beim Eintritt hier gefunden hatte.
Ich hatte ihm selbst gesagt, daß ich nur staunen konnte.
»Das genügte wohl, um die Wahrheit meiner Behauptung zu beweisen. Haben Sie schon von einem gewissen Nobody gehört, Privatdetektiv und Berichterstatter von >Worlds Magazine«
Ich verneinte.
»Wenn Sie drei Jahre lang auf See gewesen sind, so ist das begreiflich. Sie haben doch in Hongkong mit einem schwarzbärtigen Herrn gesprochen, welcher Sie als Matrose für seine Jacht engagieren wollte.«
»Jawohl, Herr Makart hieß er.«
»Dieser Herr war ich.«
»Sie sehen ihm zwar nicht ähnlich, aber nach dem, was Sie mir soeben als Verwandlungskünstler vorgemacht haben, zweifle ich nicht daran, daß Sie es wirklich gewesen sind.«
»Dieses Vertrauen zu mir freut mich, das wird unser Gespräch sehr abkürzen. Können Sie sich ferner des alten Chinesen erinnern, der Sie in jener Spielhölle, die Sie mit einigen Kameraden betraten, immer so scharf anblickte?«
»Und ob ich mich seiner noch erinnern kann!«
»Das war ebenfalls ich.«
»Daran zweifle ich jetzt auch nicht mehr.«
»Ferner war ich auch derjenige, welcher mit Ihrem Vormund und Kapitän über Sie gesprochen hat. Zwar sagte Ihnen jener Makart, also ich selbst, er habe nur seinen Stellvertreter zu Ihrem Kapitän geschickt, aber dem war nicht so, ich selbst war es, jedoch wiederum in einer andern Maske, und ich sagte Ihnen diese kleine Unwahrheit nur, um Weitschweifigkeiten zu vermeiden. Jetzt wiederhole ich also meine Frage: wollen Sie in meine Dienste treten?«
»In was für Dienste? Was betreiben Sie?«
»Diese Frage gefällt mir von Ihnen. Sie beweist mir, daß Sie nicht in die Dienste eines jeden Menschen zu treten gewillt sind.«
»Allerdings nicht. Sie gaben sich für einen Mann aus, der sich zu seinem Vergnügen eine Jacht hält. Für diese wollten Sie mich anmustern.«
»Ich will Ihnen eine Erklärung geben, soweit eine solche jetzt in aller Kürze möglich ist. Ich habe mit der chinesischen Regierung einen Kontrakt abgeschlossen, wonach ich diese Gewässer von Seeräubern säubern soll und ... ja, mehr brauche ich eigentlich gar nicht zu sagen. Oder fragen Sie, wenn Sie noch etwas wissen wollen.«
Allerdings hatte ich da noch sehr viel zu fragen, und diese Gelegenheit dazu ließ ich mir nicht entgehen.
»Sie bedienen sich einer Dschonke und maskieren Ihre Mannschaft als Chinesen, um die Piraten auf sich zu locken und diesen dann selbst den Garaus zu machen. Ist es nicht so?«
»Ganz richtig. Davon sind Sie doch selbst Zeuge geworden.«
»Hat denn diese Dschonke eine Dampfmaschine?«
»Nein, aber einen sehr starken Petroleummotor, der ihr eine Geschwindigkeit bis zu 18 Knoten in der Stunde verleiht!«
»Einen Petroleummotor?« fragte ich, der ich noch nie so etwas gehört hatte.
»Sie sollen die Maschine dann zu sehen bekommen. Die Petroleummotore sind eine neue Errungenschaft der Technik. Ich sah eine große Jacht, welche statt mit einer Dampfmaschine mit solch einem Petroleummotor ausgestattet war, und ließ mir nach diesem Muster ein kleineres Fahrzeug auf einer Londoner Privatwerft bauen, unter der Garantie der Geheimhaltung, denn ich beabsichtigte eben, den chinesischen Piraten zu Leibe zu gehen, deshalb gab ich diesem Fahrzeug das Aussehen einer chinesischen Dschonke, scheinbar nur aus Balken und Brettern zusammengenagelt, während es in Wirklichkeit ein mit schweren Stahlplatten gepanzertes Schiff ist, vorn auch mit einem scharfen Rammer versehen. Nun begreifen Sie wohl auch, wie ich den eisernen Norweger so glatt durchschneiden konnte.«
Ja, das begriff ich, obgleich mein Staunen dadurch nicht geringer wurde.
»Immer fragen Sie nur, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,« ermunterte mich der Kapitän, der überhaupt von vollendeter Liebenswürdigkeit war.
Meine Fragen waren nicht geregelt, und die nächstfolgende diktierte mir nur die Neugier. »Darf ich fragen, was Ihnen die chinesische Regierung dafür zahlt, daß Sie gegen die Piraten auf eigne Faust Krieg führen?«
»Sie dürfen nicht nur fragen, sondern Sie sollen sogar fragen!« rief der Kapitän lebhaft. »Ich habe mir ausbedungen, daß ich die von mir gefangenen Piraten als meine Sklaven behalten kann.«
»Als Sklaven?!«
»Sagen Sie, wenn Ihnen dieses Wort nicht gefällt, als meine Arbeiter. O, die haben bei mir über nichts zu klagen. Bedenken Sie nur, daß Piraterie eigentlich bedingungslos durch den Tod am Galgen bestraft wird. Ich schenke ihnen mit Genehmigung der Regierung das Leben. Dafür müssen sie arbeiten. Lohn bekommen sie allerdings nicht, aber, wie schon gesagt, sie leiden keine Not. Jedenfalls stehen sich die Piraten bei mir zehnmal besser als in den Diensten des gelben Drachen, von dem sie unter der Maske eines patriotischen Zweckes doch nur ausgenützt werden.«
»Wo beschäftigen Sie die gefangenen Piraten?«
»Auf einer Insel, die mir die chinesische Regierung als Operationsbasis überlassen hat. Sie ist unser nächstes Ziel, und Sie werden selbst sehen, was wir dort treiben. Da ich aber meine Gefangenen verwenden kann wo und wie ich will, bediene ich mich ihrer auch noch zu einem andern Zwecke. Sie werden nach und nach in alles eingeweiht werden, denn ich denke doch, Sie bleiben von jetzt an bei mir. Nicht wahr, mein junger Freund?«
Mir wollte etwas durchaus nicht in den Kopf. Welchen Anlaß hatte dieser Mann, daß er mich so äußerst liebenswürdig behandelte? Wenn er mich gern als Matrose haben wollte, wie kam er dazu, daß er mich in alles einweihte, mich immer aufforderte, alles zu fragen, was ich wissen wollte? Das ist vor allen Dingen der Stellung eines Kapitäns nicht entsprechend.
»Sie wollen mich für diese Dschonke als Matrose anmustern?«
»Als meine Ordonnanz.«
Darunter verstand ich damals den Diener eines Offiziers, einen Stiefelputzer. Dieses Bild eines stiefelputzenden Soldaten im Drillichanzug hatte ich eben nun einmal in meinem Kopfe, und das gefiel mir gar nicht.
»Als Ihren Diener?« fragte ich und mag dabei ein sehr mißtrauisches Gesicht gemacht haben.
Der schöne Mann lächelte, als er sich in seinem amerikanischen Schaukelstuhle zurücklehnte.
»Einen Augenblick! Haben Sie schon von Utopia gehört?«
Als ehemaliger Gymnasiast kannte ich die Bedeutung dieses Wortes.
»Unter Utopia versteht man ein Land, welches gar nicht existiert, etwa das Phantasiegebilde eines Dichters, einen Zukunftsstaat - es ist das Land Nirgendwo.«
»Das Land Nirgendwo,« wiederholte der Kapitän langsam, und es klang sogar feierlich. »Ich bin Nobody, ein Niemand, ich habe dieses Reich Nirgendwo gegründet und herrsche darüber als König Niemand. Verstehen Sie?«
Nein, ganz und gar nicht! Ich sagte das nicht, aber er mochte es mir ansehn.
»Es freut mich, wenn Sie noch nichts von diesem Reiche Nirgendwo gehört haben,« sagte er, und dann plötzlich fuhr er mit einem schwärmerischen Enthusiasmus fort, dessen ich diesen Mann gar nicht fähig gehalten hätte:
»Es ist ein Land, welches nicht sichtbar auf dieser Erde existiert - es ist ein Reich, welches nicht gesehen, sondern nur verstanden werden kann - es ist ein Symbol für alle Geister, die es begreifen - es ist eine Verbrüderung von freien, starken und kühnen Männern - und der freieste, stärkste und kühnste Mann ist der König!«
Seltsam! Gerade diese dunklen Worte verstand ich! Ich fühlte, was jener meinte, und solch ein Fühlen kann man nicht mit Worten erklären.
»Und dieser König sind Sie?«
»Sie sagen es. Ich bin der König Niemand vom Reiche Nirgendwo.«
Die Feierlichkeit verließ ihn, er begann wieder zu lächeln.
»Haben Sie schon gehört, daß ein König eine Ordonnanz hat, die ihm die Stiefel putzen muß?« fragte er dann plötzlich.
Es war wiederum ganz seltsam, wie dieser Mann meine Gedanken erraten hatte!
»Nein. Das ist auch etwas ganz andres. Die Ordonnanz eines Königs ist ein hoher Offizier.«
»Nun, als solcher sollen Sie in meine Dienste treten - die Ordonnanz eines Königs - meine rechte Hand, mein Stellvertreter, der in meinem Namen spricht und handelt.«
Da dachte ich daran, daß ich August, der Leichtmatrose war, der auch noch Schiffsjunge hätte sein können - ich dachte an andres - und ich stand auf.
»Herr, was habe ich Ihnen getan, daß Sie mich so verhöhnen?«
Es war eine merkwürdige Frage, er aber verstand mich.
»Sie glauben es nicht? Oder zweifeln Sie an meiner Zurechnungsfähigkeit? Herr, lernen Sie mich erst kennen!! Ich sagte Ihnen damals, ich wollte Sie als Matrosen engagieren. Wieviel bot ich Ihnen den Monat?«
»Achtzig Mark.«
»Das war nur ein Scherz von mir. Ich mußte so sprechen, weil Sie mich sonst nicht verstanden hätten. Achttausend Mark im Monat, so muß es heißen! Wollen Sie in meine Dienste treten? Wenn Sie mich erst kennen gelernt haben, dann werden Sie nicht mehr so große Augen machen!« - -
Hiermit will ich unser Gespräch abbrechen, obgleich es noch sehr lange währte.
Doch zunächst etwas andres! Ich habe eine bewundernde und dennoch ganz unparteiische Biographie über den bekannten Cecil Rhodes gelesen. In dieser wurde er unter anderm genannt: ein Hypnotiseur auf politischem Gebiet, der phantastischste Privatmann und der nüchternste Staatsmann, der rücksichtsloseste Patron und der edelste Mensch; Cecil Rhodes ist das größte menschliche Rätsel unsers Jahrhunderts.
Ich habe mit Cecil Rhodes persönlich verkehrt und kann alles dies bestätigen. Aber ich habe einen Mann kennen gelernt, bei welchem alles dies in noch viel höherem Maße zutrifft, welcher ein noch viel größeres und noch heute unergründliches Rätsel war - dieser Mann hieß Nobody.
Ich bin nie wieder einem Menschen begegnet, der so aus lauter Widersprüchen zusammengesetzt war wie dieser Mann. Beständig ist sein Kopf von phantastischen Ideen erfüllt, die manchmal schon mehr an Wahnwitz grenzen, und dabei ist er der praktischste und nüchternste Mensch. Seine Hartherzigkeit grenzt oft genug an Grausamkeit, und dann wieder kann er beim Anblick eines leidenden Tieres weinen. Er glaubt an nichts, nichts ist ihm heilig, er fürchtet sich weder vor Gott noch vorm Teufel - und er zittert vor fremden Gewalten. Er scharrt Schätze wie ein Geizhals zusammen - und dem ersten besten Menschen, der ihm sein Leid klagt, wirft er sie in den Schoß. Nobody läßt sich durch nichts täuschen, sein Blick dringt in jedes Herz und schaut dort die innersten Gedanken; er ist allumfassend, er sieht voraus, woran noch kein Mensch denkt - und dann wieder ist dieser selbe Mann naiv und vertrauensselig wie ein kleines Kind. Und nun bloß noch eins: dieser Nobody, welcher so aus Widersprüchen zusammengesetzt ist, dessen Charakter man gar nicht ergründen kann, ist die Beständigkeit selbst!
Wie soll man solch einen Charakter definieren? Also genug hiermit!
Ich bleibe bei mir selbst, hierdurch ein Beispiel gebend.
Nobody streift, auf der Spur des gelben Drachen, als alter Chinese verkleidet in Hongkong herum. Da sieht er mich in jener Spielhöhle, sieht mich zum ersten Male. Ich mache einen großen Eindruck auf ihn - aber wodurch, das kann man eben nicht sagen, da fehlen die Worte. Nobody ist beständig auf der Jagd nach Menschen, die er für seine Zwecke geeignet hält, und welche er an sich zu fesseln sucht. Dabei aber kommt, wie er selbst sagt, eine gewisse Ahnung mit ins Spiel. Kurz und gut, sofort, als Nobody mich sieht, sagt er sich: Das ist gerade der Mann, den ich suche, den kaufe ich mir!
Jawohl, kaufen, das ist der richtige Ausdruck!
Er sieht, wie ich den Schilling gewinne, ihn einstecke und nicht weiterspiele, und nun ist sein Entschluß gefaßt. Diesen jungen Mann kaufe ich mir.
Er geht an Bord der >Katharine<, horcht den Kapitän auf eine ganz raffinierte Weise über mich aus und sagt endlich mit der größten Naivität: Sie verkennen diesen Jungen total, der ist durchaus nicht so dumm, wie Sie denken, das ist vielmehr ein geborener Organisator, der gar nicht mit Gold zu bezahlen ist.«
Diese Worte hatte also der Steward aufgeschnappt und aus dem >Organisator< einen >Organisten< gemacht.
Mein Vormund, der nüchterne Mann, lacht den Besucher als einen Narren aus. Was, ich, der dumme August, der unselbständige Mensch, ein geborener Organisator?
Der sonst unerschütterliche Nobody befindet sich wieder einmal in einer Laune, in der er sich gekränkt fühlt! Er verteidigt seine Behauptung. Er habe in mir auf den ersten Blick ein Genie entdeckt, das nur geweckt werden müsse, und als Beispiel führte er unter andern Männern auch Linné und Alexander von Humboldt an.
Der berühmte Botaniker Linné war bekanntlich in seiner Jugend so dumm, daß er aus der Schule genommen, und einem Schuster in die Lehre gegeben wurde, und der große Alexander von Humboldt, als Knabe der Schrecken aller Lehrer, seinen Mitschülern als Muster von Dummheit und Faulheit hingestellt, erzählt von sich selbst, daß es ihm eines Tages gewesen sei, als ob ihm ein Brett vom Kopfe weggenommen worden wäre. Der Steward hatte aus diesem Alexander von Humboldt einen Alexander Humbug gemacht.
Nun, Nobody legitimierte sich als Jachtbesitzer, wenn er sonst auch den Kapitän durchaus in nichts einweihte, und wußte diesen doch noch zu überreden, daß er mich von meinem Kontrakt entband und ihm überließ.
Hiermit aber ist wiederum ein Geheimnis verbunden, wie überhaupt Nobody gar nicht so viel auf seine >Ahnung< gibt, wie er immer tut. Da kommt noch etwas ganz andres in Betracht.
Es liegt im Blick dieses genialen Mannes. Alle Welt hatte mich stets für einen etwas beschränkten Menschen gehalten - Nobody erkannte beim ersten Sehen, daß in mir unscheinbarem Menschen etwas Besonderes stecke, und er vollzog sofort die Probe.
Ich habe hundertfache Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie dieser Mann zu hypnotisieren versteht. Er besitzt eine wunderbare Macht über die Menschen und auch über die Tiere. Ich habe noch keinen gesehen, der seinem Blick zu widerstehn vermochte.
Da traf er mich, es fiel ihm etwas an mir auf - was, das wußte er selbst nicht mit Bestimmtheit zu sagen, es lag in meinem Auge. - »Ich glaube, das ist einer, den ich nicht hypnotisieren kann« - so sagte er sich, er probierte es, fixierte mich mit seinem faszinierenden Blicke. Ich hielt ihm stand, erwiderte ihn sogar - »Wahrhaftig, das ist selbst ein Hypnotiseur, wenn er vielleicht auch noch keine Ahnung davon hat, der nimmt es sogar mit mir auf, den fessele ich an mich, dessen Energie kaufe ich mir.«
Nun, Nobody war mein Lehrmeister, er hat mich zu einem Hypnotiseur gemacht, der von sich sagen darf, daß ihm in seinem Leben nur vier Personen begegnet sind, die seiner magnetischen Kraft widerstanden haben. Auch ich habe Hunderte von Menschen auf den ersten Blick hypnotisiert.
Das darf man aber nicht mißverstehn. Ich habe die Leute nicht hingesetzt und angestiert und mit ihnen Manipulationen gemacht, bis sie in einen willenlosen Zustand kamen. Ja, wohl habe ich dies auch manchmal getan, wenn es sein mußte, aber das waren doch nur Ausnahmen. Ich meine eigentlich etwas ganz andres, ich spreche hier von einer Willensbeeinflussung, man mag es meinetwegen auch Überredungskunst nennen, obgleich man dabei ein ganz wortkarger Geselle sein kann, so wie ich einer bin.
»Wenn sich irgend zwei Menschen begegnen,« sagte Nobody später einmal zu mir, »so kann man sich zwischen ihnen eine Wage denken, die sich augenblicklich in Bewegung setzt. Einer von ihnen ist der Willensstärkere, dessen Wagschale sinkt, die des andern wird hinaufgehoben. Der eine ist der Hammer, der andre der Amboß. Der eine mag noch so viel und noch so gewandt sprechen, während der andre stumm zuhört - dieser leitet dennoch das Gespräch, ohne daß jener davon etwas weiß. Dasselbe gilt für jede Gesellschaft, auch für die größte. Der eine herrscht kraft seines überlegenen Willens, dem alle andern gehorchen. Aber um befehlen zu können, muß man erst gehorchen gelernt haben. Das ist bei Ihnen der Fall, und Sie sind zum Hammer geboren, wie auch schon Ihr Name sagt.«
Mögen diese Andeutungen genügen!
Ich schreibe dies zwanzig Jahre nach dem Erlebnis selbst nieder. Damals, als ich mit dem rätselhaften Manne in der kleinen Kajüte jener Dschonke saß, ließ er sich nicht auf solche Erklärungen ein. Ich hätte ihn ja doch nicht verstanden, ich hatte ja noch nicht einmal etwas von Hypnotik gehört.
Dieser Mann ging stets seine eignen Wege, und eine Eigentümlichkeit von ihm war es, wie er sich selbst ausdrückte, alles von hinten anzufangen. Auch bei mir verfuhr er so.
Sein Entschluß hatte bei ihm von Vornherein festgestanden, mich zu seinem Stellvertreter zu machen. Daß ich in jener Nacht auf den Walfischfahrer gepreßt worden, über Bord gefallen war und nun hier als Gefangener der chinesischen Piraten, die seine Dschonke angriffen, wieder sozusagen in seine Hände lief, das machte nun gar einen kolossalen Eindruck auf ihn, das bestärkte ihn erst recht in seiner Ansicht: diesen jungen Mann mußt du um jeden Preis an dich fesseln, den hat das Schicksal für dich bestimmt.
Ein andrer, der Großes in mir vermutet, hätte mich doch von klein anfangen lassen und mich, wenn ich die Prüfungen bestanden, nach und nach zu immer höheren Stellen befördert. Nobody aber stellte mich, den unerfahrnen Knaben von siebzehn Jahren, sofort an seine Seite, erkannte mich als Gleichberechtigten an, gab mir über seine Leute und über alles, worüber er selbst verfügte, unumschränkte Vollmacht.
Freilich sagte er mir dies nicht direkt, aber er tat es. Wie dies gemeint ist, wird gleich gezeigt werden. - - -
Unsre Unterhaltung wurde durch zwei Matrosen unterbrochen, welche einen kleinen Panzerschrank in die Kajüte trugen.
Nachdem der eine Bericht erstattet hatte, daß nach Ansicht des wieder hochgekommenen Tauchers, welcher auch diesen Stahlschrank unten abgelöst hatte, der Dampfer wirklich hoffnungslos wrack sei, und daß er nur wenig Reis und sonst Ballast enthalte, entfernten sich die Männer wieder.
»Sehen Sie, das ist ein Vexierschloß, welches auf ein bestimmtes Wort eingestellt werden muß, dann kann man den Schrank öffnen,« sagte Nobody, sich mit der runden Scheibe beschäftigend, welche an der Panzertür angebracht war und viele verstellbare chinesische Buchstaben zeigte.
Er erklärte mir, wie ein solches Vexierschloß funktioniert, und von jetzt an erklärte er fort und fort mit unermüdlicher Geduld, und wenn ich einmal nicht mehr fragte, weil ich glaubte, sie müsse doch endlich erschöpft sein, so forderte er mich gleich wieder auf, über alles, was mir unklar sei, Aufschluß von ihm zu verlangen.
»Wissen Sie, woher mir das Vexierschloß bekannt ist?«
Nein, woher sollte ich das wissen?
»Haben Sie schon von der Hypnose gehört?«
So kurz wie möglich, aber auch vollkommen deutlich, erläuterte er mir das Wesen dieses rätselhaften Zustandes, und was ich nicht in Jahren aus dicken Büchern hätte lernen können, wußte mir dieser Mann in drei Minuten beizubringen.
»Ich habe,« fuhr er dann fort, »einen der gefangenen Japaner hypnotisiert, den ich ganz richtig für einen in die Geheimnisse des gelben Drachen Eingeweihten hielt, und er hat mir denn auch im hypnotischen Zustande die wichtigsten Geständnisse gemacht. Die Hauptsache war, daß ich erfuhr, wo sich in dem gesunkenen Dampfer dieser Panzerschrank befand, welcher Papiere und Instruktionen des gelben Drachen enthält. An diesem Panzerschrank waren nicht nur Selbstschüsse und andre Vorrichtungen angebracht, um ihn gegen fremde Hände zu schützen, sondern es war auch eine Dynamitpatrone vorhanden, und ein leichter Schlag hätte genügt, um den stählernen Schrank samt Inhalt in Atome zu zerschmettern. Das war für den Fall, daß der Dampfer einmal in feindliche Hände geraten sollte. Sie sehen, wie vorsichtig die Mitglieder dieses Geheimbundes sind, und daß der, welcher den Schlag hätte führen müssen, selbst mit in die Luft geflogen wäre, das hat für einen Japaner gar nichts zu sagen. Dadurch, daß ich den Dampfer in den Grund rammte, ist dies alles vereitelt worden und sind mir diese geheimen Instruktionen in die Hände gefallen.«
Der Schrank war geöffnet. Mich blendete vor allen Dingen das viele Gold, welches eine Kassette enthielt; ferner zählte Nobody gegen 60.000 Mark in englischem und amerikanischem Papiergeld, am wichtigsten aber waren für ihn die vorgefundenen Briefe und Dokumente, und er ließ sich nicht verdrießen, mir alles zu übersetzen.
So wurde ich nach und nach in alles eingeweiht, was diesen Geheimbund des gelben Drachen betraf, und nebenbei begann ich spielend, ohne daß ich es eigentlich merkte, die chinesische Sprache zu lernen.
Dieser Mann besaß eine wunderbare Gabe, einem so etwas beizubringen.
Dann begaben wir uns an Deck. Das Boot war schon nach der Insel abgefahren. Jetzt lichtete die Dschonke die Anker und fuhr selbst nach dem Hafen.
Unterwegs erkundigte sich Nobody nach meinen Erlebnissen bei den Piraten, doch viel konnte ich ja nicht erzählen.
Nobody wußte, warum ich verhältnismäßig ganz gut behandelt worden war und immer im ersten Boote hatte sitzen müssen; er gab eine Erklärung dafür. Ich selbst hatte es ja geahnt und habe es auch schon angedeutet.
Hierbei kam ein Aberglaube in Betracht, der unter den chinesischen Piraten herrscht. Alles, was in und auf dem Meere schwimmt, ist nach ihren Begriffen ihr Eigentum, und der Schiffbrüchige, den sie lebendig aus dem Wasser fischen, soll ihnen nach alten Ueberlieferungen großes Glück bringen. So galt ich als ein Talisman, den man, da er nicht gut um den Hals gehangen werden konnte, einstweilen, wenn man ihn nicht brauchte, vor einer Höhle an die Kette legte. Dann mußte ich jedesmal mit in das erste Boot der eine Dschonke angreifenden Piraten. Der heilige Schiffbrüchige sicherte ihnen den Sieg.
Jener Chinese, der mich mit dem Tode bedroht hatte, war schon etwas aufgeklärter gewesen als seine Genossen und hatte von solchem Aberglauben nichts wissen wollen.
Da brachte der Dampfer die inspizierenden Japaner, welche in dem Geheimbunde des gelben Drachen eine führende Rolle spielten. Obgleich nun diese jedenfalls gebildeten Männer am allerwenigsten an die Zauberkraft solch eines lebendigen Talismans glaubten, ist doch gerade der gelbe Drache darauf bedacht, die alten Überlieferungen der Chinesen in voller Reinheit zu bewahren, und sei es auch der gröbste Aberglaube.
Jener Chinese, der an dem uralten Glauben seiner Vorfahren gezweifelt hatte, war des Todes - desgleichen der, der mich geschlagen hatte. Zugleich sollte ein sensationelles Beispiel des unbedingten Gehorsams statuiert werden - jener junge Japaner schlitzte sich freiwillig den Leib auf.
»Ja, das sind die Japaner!« sagte Nobody. »Es gibt übrigens noch ein andres Volk, aber auch nur noch ein einziges, bei dem man denselben fanatischen Gehorsam findet. Das sind die Russen. Rußland ist freilich groß. Ich denke nur an die sogenannten Stockrussen, vor allen Dingen an die Kosaken. Die opfern sich auch in blindem Gehorsam auf einen Wink ihres Gebieters.«
Er erzählte als Beispiel eine Anekdote, die aber, wie ich später erfuhr, auf Tatsache beruhen soll. Ich gebe sie hier wieder, sie ist es wert.
Peter der Große besucht in Berlin den preußischen König Friedrich den Ersten. Im Gefolge des Zaren befindet sich eine Leibgarde von Kosaken. Eines Tages stehn die beiden auf dem Söller eines Kirchturmes, der König zeigt seinem fürstlichen Gast Berlin aus der Vogelperspektive. Da gerät das Gespräch auf die Disziplin unter dem Militär, welche Friedrich noch mehr durchführen will, als schon sein Vater getan.
Peter der Große hört schweigend zu, plötzlich winkt er einem seiner Kosaken, deutet in die Tiefe und sagt: >Spring!<
Der Kosak sieht seinen Kaiser an, salutiert und ... springt hinab in die Tiefe.
»Hat mein königlicher Bruder auch solche gehorsame Soldaten in seinem Lande?« wendet sich Peter der Große an Friedrich.
Der König blickt lange hinab, wo der Kosak mit den zerschmetterten Knochen liegt, dann schüttelt er langsam den Kopf und entgegnet: »Nee, Gott sei Dank, solche dumme Kerls gibt's in meinem Preußen nicht!« -
Nobody blickte nach Norden, dorthin, wo das asiatische Festland lag, und es klang feierlich, was er sprach:
»Es wird eine Zeit kommen - sie muß kommen - da Rußland mit Japan um die Herrschaft in Asien ringen wird, und es wird der fürchterlichste Ringkampf werden, den die Weltgeschichte jemals gesehen hat. Und man wird sich irren. Nicht das kleine Japan ist es, welches gegen Rußland kämpft, sondern ein gelber Drache geht gegen einen Bären los. Und dann - ich sehe noch weiter in die Ferne - wird eine Zeit kommen, da es nur drei große Reiche auf der Erde gibt, und diese drei Reiche werden heißen: Germania, Slavia, Mongolia - und sie werden miteinander um die Herrschaft über die Erde ringen.« -
Wir waren im Hafen der Felseninsel angelangt, wo auch schon das Eisenboot der Dschonke lag. Ich vermißte kein einziges Fahrzeug der Piraten; sie hatten also nicht die Gelegenheit benutzt, um die Flucht zu ergreifen.
Die Zurückgebliebenen hatten beobachtet, wie die sechs Prauen in den Grund geschossen worden waren, wie sich die hölzerne Dschonke wie ein Widder auf den eisernen Dampfer geworfen und ihn mitten durchgeschnitten hatte, und da waren sie alle von einem lähmenden Entsetzen gepackt worden.
Nobody hatte das zwar vorausgesehen, war aber doch hocherfreut, daß es auch wirklich so gekommen war. So blieb das Geheimnis seiner mysteriösen Dschonke bewahrt, wie er es bisher zu wahren gewußt hatte.
Die Bootsbesatzung hatte die sämtlichen Piraten, welche sich mit Frauen und Kindern zumeist in Höhlen versteckt hatten, bereits aufgespürt - es gab auch genug Verräter unter ihnen - sie wurden zusammengetrieben und gezählt. Es waren 38 Männer, lauter Chinesen, 53 Weiber und nicht weniger als 165 Kinder.
Nobody, wieder als Chinese maskiert, hielt eine Ansprache, welche eine freudige Erregung hervorzurufen schien. Er hatte ihnen, wie er mir dann erklärte, versichert, daß ihr Leben geschont würde; vorläufig blieben sie hier auf der Insel, bis sie abgeholt würden, um dann mit einer leichten Arbeit beschäftigt zu werden, und bis dahin sollten sie den Wachtposten gehorsam sein, die er bei ihnen zurücklassen würde. Jeder Ungehorsam freilich würde sofort mit dem Tode bestraft.
Diesen letzten Satz wußte Noboby durch einen zu mildern, worauf die gefangenen Chinesen, wie auch die Frauen und Mädchen in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Wiedergeben kann ich diesen Witz nicht; er hing damit zusammen, daß die Gefangenen, auch wenn sie von der Insel fortmußten, nicht von ihren Ehehälften getrennt würden.
Jedenfalls bewies Nobody hiermit, daß er mit solchem Gesindel und überhaupt mit Chinesen umzuspringen wußte. Verzweifelte oder stumpfsinnige Menschen, welche den Tod erwarteten, hatte ich vorgefunden - und als wir gingen, hörte ich noch lange ihr kreischendes Gelächter.
»Was wäre sonst das Los der Frauen und Kinder?« fragte ich.
»Der Tod,« lautete die ernste Antwort. »Auch die Angehörigen der Inselpiraten werden gehenkt, weil sie um das Treiben der Männer gewußt haben, so aber sind auch sie laut Kontrakt mit der Regierung meine Sklaven, auch sie nehme ich mit mir und beschäftige sie, ohne sie von den Männern zu trennen. Es ist ein gutes Werk, was ich tue.«
Wir besichtigten die auf der Insel aufgespeicherte, ganz beträchtliche Beute, wobei ich nicht von Nobodys Seite weichen durfte und er unermüdlich im Erklären war.
Das eiserne Boot ward wieder auseinandergeschraubt und an Bord der gepanzerten Dschonke genommen, welche den schönen Namen >Fatschul< führte, das ist nämlich auf deutsch >Popanz<. Als Wachtposten blieben zwölf Mann zurück, welche sich in den chinesischen Dschonken, nachdem diese gereinigt worden, was sehr nötig war, häuslich einrichteten, stark bewaffnet und außerdem mit zwei Revolvergeschützen versehen. Sie sollten die Piraten und deren Familien bewachen, bis ein größeres Fahrzeug käme, um alle abzuholen.
Der >Popanz< hatte von den Prauen 37 Mann gefangen genommen, dann von dem Dampfer noch 15 Chinesen und 7 Japaner ausgefischt; diese blieben als Gefangene an Bord, als die Dschonke am Abend die Anker lichtete und unter Motorkraft davonfuhr.
So sehr Nobody auch darauf bedacht war, mich in alles einzuweihen, so erklärte er mir doch nur stets das, was meine Augen eben sahen. Ich erfuhr nicht einmal das Ziel unsrer nächtlichen Fährt, während der keine Lichter ausgesteckt wurden. Ich hörte nur, daß der >Popanz< sich bloß in der Nacht seiner Motorkraft bediente und dann stets ohne Lichter fuhr, während er am Tage immer nur das Bastsegel oder höchstens, aber auch schon als seltene Ausnahme, die Ruder zum Vorwärtskommen benutzte. Wurde dabei dennoch die Motorkraft gebraucht, so durfte das doch von keinem Beobachter bemerkt werden.
Um was es sich hierbei handelte, liegt wohl klar auf der Hand. Es war ein genialer Einfall gewesen, den Nobody gehabt, als er sich zum Kampfe gegen die chinesischen Piraten ein gepanzertes Fahrzeug bauen ließ, welches äußerlich ganz einer Dschonke glich, und es auch noch mit einem Motor ausstattete. Alle die, welche durch die Räubereien der chinesischen Piraten zu leiden haben - und das sind nicht zum mindesten europäische Kaufleute - hätten eigentlich selbst auf diese Idee kommen können. Aber das ist eben die alte Geschichte vom Ei des Kolumbus.
Solch ein Fahrzeug mußte in Wirklichkeit bald zum Popanz aller Piraten werden. Keine Prau durfte ja noch wagen, irgend eine harmlose Dschonke anzugreifen, aus Furcht, sie könne sich als der schreckliche, feuerspeiende Popanz entpuppen, der die stärksten Eisenplatten wie Butter durchschnitt, und die Furcht vor jeder Dschonke mußte um so größer sein, weil dieses Fahrzeug, wie ich selbst später häufig genug sah, oftmals sein Aussehen veränderte. Somit also wäre der chinesischen Seeräuberei in diesen Gewässern überhaupt gleich ein Ende bereitet gewesen.
Hieran aber war Nobody durchaus nichts gelegen. Ganz im Gegenteil! Mehr noch als um die Beute, welche er den Piraten wieder abnahm, war es ihm um die Gefangenen selbst zu tun - zu einem Zwecke, den wir bald kennen lernen werden - Nobody betrachtete eben diesen ihm von der Regierung konzessionierten Kriegszug gegen die chinesischen Piraten, ganz einer Kaperei entsprechend, als eine unerschöpfliche Quelle von Kapital und billiger Arbeitskraft - so lange unerschöpflich, wie er das Geheimnis seiner Dschonke zu wahren wußte, und bisher war ihm das auch gelungen.
Eine weitere Erklärung ist wohl nicht nötig. -
Als ich am andern Morgen nach einigen Stunden Schlafes in einer komfortablen Koje wieder an Deck kam, gewahrte ich hinter mir in weiter Ferne einen Gebirgszug, während sich die Dschonke in einem Labyrinth von kleinen Felseninseln befand.
Nobody leitete immer noch als chinesischer Kapitän selbst die schwierige Passage durch die schmalen Wasserstraßen, wobei beständig gepeilt werden mußte. Als er meiner ansichtig wurde, winkte er mir sofort, an seine Seite zu kommen.
»Sehen Sie dort hinten den Gebirgszug? Er gehört zur Insel Formosa, welche wir heute nacht umfahren haben. Formosa ist der Schlüssel zu China. Wer sich einst in den Besitz von Formosa setzt, wird der Herr über China sein. Und die Japaner werden es sein. Darüber aber kann noch lange Zeit vergehen, vielleicht ein paar hundert Jahre. Vorläufig ist so gut wie ganz Formosa, einige befestigte Hafenplätze abgerechnet, in der Gewalt von chinesischen Riffpiraten, denen unter den jetzigen Verhältnissen, da sich die chinesische Regierung noch keine Vorschriften zu machen braucht, gar nichts anzuhaben ist. Diese Felseneilande hier gehören noch zu der Gruppe der Pescadoresinseln, ebenfalls alles unbestrittenes Eigentum der Piraten, wenn sie deswegen auch nicht im Grundbuche eingetragen sind. Eine der größten dieser Felseninseln nun habe ich mir, wie ich Ihnen schon sagte, als Operationsbasis für meine Züge gegen die Piraten abtreten lassen. Aber das war nur pro forma, für mich hat diese Insel, die Sie bald zu sehen bekommen werden, noch eine ganz andre Bedeutung.«
Nobody begann nun, mir von einem Gaukler namens Tsin Hei zu erzählen, wie dieser an jener Insel Perlmuscheln ausgesät hatte, wie Nobody mit ihm in Verbindung kam, und wie die beiden acht Jahre lang Gefangene des Taotai von Hangtscheu gewesen waren.
Dem Leser ist dies alles schon ausführlich bekannt, und nun füge ich noch hinzu, was ich mit eignen Augen zu sehen bekam und im Laufe der Zeit erfuhr.
Nicht Nobody selbst, sondern sein Kompagnon, bekannt unter dem Namen Kapitän Flederwisch, hatte als moderner Abenteurer bei der chinesischen Regierung um die Erlaubnis gebeten, unter den genannten Vergünstigungen auf eigne Faust einen Vernichtungskampf gegen die Piraten führen zu dürfen.
Es liegt hier überhaupt ein eigentümliches Verhältnis vor. Wenn Nobody allerdings auch der Mann war, von dem alles ausging, der die Pläne entwarf und zuerst alles arrangierte, so war Kapitän Flederwisch doch eigentlich der Hauptmacher. Nobody war der Kopf, Flederwisch war sein Arm. Sobald Nobody wußte, daß - wie er sich selbst ausdrückte - sein Schlitten lief, überließ er die Leitung einem andern und kümmerte sich nicht mehr darum, steckte nur noch seine Prozente ein. So hat Nobody stets gehandelt, tat es also auch jetzt. Selbst daß er jetzt als Kapitän der Motordschonke einen Beutezug gegen die südlichen Piraten gemacht hatte, das war eigentlich nur ein Privatvergnügen für ihn gewesen.
Vorläufig aber war er doch noch an Ort und Stelle seines neuen Unternehmens, das er, wie immer, einfach als ein gewinnbringendes Geschäft betrachtete, und auch noch, da er gerade nichts andres vorhatte, selbst mit in diesem Geschäfte tätig war.
Nach längern Verhandlungen hatte Kapitän Flederwisch die gewünschte Erlaubnis erhalten. Damals aber verfügten die beiden Kompagnons nur über die nach Art eines Torpedojägers gebaute >Wetterhexe<, und als sie nun die Gegend genauer sondierten, welche demnächst ihr Operationsfeld sein würde, und sich alles noch einmal reiflich überlegten, kamen sie zu der Ueberzeugung, daß sie da noch ganz andre Vorbereitungen treffen müßten, wenn sie zu ihrem Ziele kommen wollten. Ein großes Hindernis war schon, daß die ziemlich große >Wetterhexe< nicht in die seichten, von Riffen starrenden Wasserstraßen eindringen konnte. Es kamen aber auch noch ganz andre Verhältnisse in Betracht. Es war zu bedenken, daß sich in China auch unter den höchsten Verwaltungsbeamten Personen befinden, welche selbst mit zum Geheimbunds des gelben Drachen gehören. Verhindern konnten sie freilich nicht, daß dem Kapitän Flederwisch die Erlaubnis gegeben wurde, gegen die Piraten vorzugehen, aber sie würden im geheimen schon ihre Gegenminen legen; dessen durfte man sicher sein, denn sie waren doch eben mit den Piraten im Bunde.
So hielt man es für das Beste, alles, was man zur Ausführung des Unternehmens brauchte, so entfernt wie möglich von hier anzuschaffen, und daher dampfte die >Wetterhexe< erst noch einmal nach England zurück.
Während Nobody und Flederwisch in London einkauften, machten sie die Bekanntschaft des Lords Hannibal Roger. Hier sahen sie auch dessen Petroleum-Motorjacht, Nobody faßte den Plan, sich nach dem Muster derselben eine chinesische Dschonke mit innrer Panzerung bauen zu lassen. Zuerst hatte er nur an kleine, flachgehende Dampfer gedacht, die er sich allerdings auch noch verschaffte, aber doch nur zu Hilfszwecken.
In dieser Zeit der Vorbereitungen, als sie selbst zur Untätigkeit verurteilt waren, machte die ganze Gesellschaft einen Abstecher nach der Riviera, wobei sich Kapitän Flederwisch als der maskierte Prinz von Monte Carlo die >Heliotrop< verdiente - aber doch immer nur durch die Vermittlung Nobodys. Uebrigens trat jetzt auch Lord Hannibal Roger, der ja auf dieser schönen Welt ebenfalls nichts weiter zu tun hatte, als Abenteuern nachzugehn, als tätiger und kapitalkräftiger Teilhaber mit in die Firma Nobody und Kompanie ein.
Jetzt ging es mit der >Wetterhexe< und der >Heliotrop< wieder zurück nach China, an Bord die auseinandergenommene Dschonke, eine Menge Geschütze jedes Kalibers, Munition und sonst alles, was man zu gebrauchen gedachte.
Ohne weitere Umstände wurde Besitz ergriffen von der Felseninsel, welche den unternehmungslustigen Abenteurern von der chinesischen Regierung zugesprochen worden war. Daß diese nicht wußte, wie in der Umgebung der betreffenden Insel durch die Aussaat jenes alten Gauklers im Laufe der Zeit unterseeische Felder von Perlmuscheln entstanden waren, braucht wohl nicht erst erklärt zu werden.
Wie schon gesagt: der sonst so nüchterne Nobody glaubt an eine Fügung, an eine Bestimmung, an ein Schicksal, oder wie man es sonst nennen mag, dem kein Mensch entrinnen kann. Es ist dies eine Eigentümlichkeit, die er mit der ganzen Nation der Yankees teilt, wie Nobody überhaupt viel Yankeehaftes an sich hat - im besten Sinne gemeint.
Und er hat auch ganz recht, wenn er sich scherzhaft einen konzessionierten Felsenmaulwurf nennt. Es ist wirklich ganz seltsam.
Um sich aus der Meeresfeste von Hangtscheu zu befreien, meißelte Nobody innerhalb von 8 Jahren einen 40 Meter langen Tunnel. Zu dieser Arbeit hatte er sich ganz unbewußt schon vorgebildet, denn Nobody hat, wie er selbst erzählt, von klein auf eine merkwürdige Vorliebe für Felsenhöhlen und Tunnels gehabt. Das >Robinson-Spielen< genügte ihm nicht, er hat sich als Kind mit Hammer und Meißel immer in die Felsen einbohren müssen, wozu er in seiner Heimat die beste Gelegenheit hatte. Das war ihm sein liebstes Vergnügen gewesen, so, wie Kapitän Flederwisch erzählt, daß sich jeder Tisch, auf den er sich setzte, in seiner Phantasie in ein Schiff verwandelte, auf dem er nach unentdeckten Erdteilen ausfuhr.
Während Nobody sein Abenteuer in Aegypten am Birket el Kerun besteht, wird er als Blinder von jenem Mädchen in eine Wohnung von Kammern geführt, welche in die Felsen hineingehauen sind.
Dann kommt Nobody nach Monte Carlo - da läßt ihn das Schicksal in Gestalt der Prinzeß Turandot ein ganzes System von unterirdischen Tunnels finden, welche der >konzessionierte Felsenmaulwurf< schleunigst erweitern muß.
Ja, auch jenes englische Schloß, Red Castle, dessen Keller in den Felsen gehauen waren, kann hierzu gerechnet werden, und man braucht wirklich nicht abergläubisch zu sein, um in diesem Zusammentreffen etwas wie eine Fügung zu erkennen.
Nobody nun denkt hierüber noch anders. Er widerstrebt diesem Schicksal nicht, sondern kommt ihm auch noch mit seinem gewöhnlichen Humor entgegen. Er hat es seitdem auf solche Wohnungen geradezu abgesehen.
»Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, und die meisten Menschen haben ihr Steckenpferd,« äußerte er sich einmal bei Gelegenheit. »Der eine sammelt Schmetterlinge, der andre sammelt Briefmarken, der dritte sammelt alte Stiefeleisen. Well, ich sammle originelle Menschen und Felsenlöcher.«
Auch auf jenem quadratkilometergroßen Felseneiland, welches von den chinesischen Schiffern San-Le genannt wird, sollte sich wiederum sein Schicksal erfüllen. Nobody fand darauf ebenfalls ein ganzes System von Felsenkammern, nicht in die Wände gehauen, sondern kellerartig in den Boden hinein.
Zu verwundern war das in diesem Falle allerdings nicht. Nobody wußte bereits, daß diese Felseninsel ein Heiligtum des gelben Drachen war, wo die führenden Mitglieder ihre geheimen Versammlungen abhielten, wo nach dem Glauben des Volkes der gelbe Drache wirklich als feuerspeiendes Ungetüm hausen sollte, bis er dereinst alle >weißen Teufel< auffressen und die bezopften Söhne des himmlischen Reiches zur alten Herrlichkeit zurückführen würde - und die Japaner setzten noch hinzu: als Herren der ganzen Erde.
Die unterirdischen Gänge und Kammern waren vollkommen leer und nackt. Nobodys scharfer Blick aber erkannte, daß es noch vor kurzem hier anders ausgesehen hatte. Vor allen Dingen hatten hier Postamente gestanden, auf denen jedenfalls Götzen ruhten. Ein Geruch nach getrockneten Fischen verriet, daß hier auch Proviant aufgespeichert gewesen war, und dann zeigten auch die mitgebrachten Hunde ein ganz eigentümliches, ängstliches Verhalten.
»Ich kann es nicht behaupten, aber ich glaube bestimmt, daß hier zu gewissen Zeiten Menschenblut vergossen wurde,« sagte Nobody, als er mich auf der Insel herumführte, mir alles und jedes erklärend.
Die Piraten oder vielmehr die Geheimbrüder des gelben Drachen waren demnach in Kenntnis davon gesetzt worden - was nur von ganz oben herab geschehen sein konnte - daß die Regierung diese Insel einem >weißen Teufel< zur Verfügung gestellt hatte; man hatte alles schnellstens fortgeschafft.
Also da hatte der gelbe Drache, der sich seiner Allmächtigkeit rühmt, so ohne weiteres das Feld geräumt, noch dazu vor einem >weißen Teufel<, von dem es bekannt war, daß er gegen die Bundesgenossen des gelben Drachen, gegen die chinesischen Piraten, einen Vernichtungskrieg führen wollte?
Nobody traute denn auch dem Braten nicht recht und ... fand richtig in einer versteckten, sehr tief angelegten Felsenkammer eine allermodernste Dynamitmine, welche genügt hätte, die ganze Insel in die Luft zu sprengen!
Aber dieses >Finden< ist leichter gesagt, als es in Wirklichkeit war. Es hatte eine Spürnase dazu gehört, wie sie nur dieser Privat-Detektiv besaß, um das zurückgelassene Andenken des gelben Drachen aufzufinden und die Gefahr noch rechtzeitig zu beseitigen. Denn das mußten gar geriebene Köpfe und gar geschickte Hände gewesen sein, welche diese Torpedomine, schon mehr eine Art von Höllenuhr, gelegt hatten! Nur ein einziger unvorsichtiger Tritt oder Handgriff desjenigen, welcher die harmlos aussehende Kiste untersuchte, hätte genügt, die ganze Insel in einen feuerspeienden Vulkan zu verwandeln. Außerdem war die furchtbare Höllenmaschine durch einen elektrischen Draht mit einer andern, weitentfernten Felsenklippe verbunden, dort brauchte bei passendster Gelegenheit nur ein Hammerschlag geführt zu werden, um die ganze Gesellschaft in die Luft zu sprengen.
Ich will nicht des längern dabei verweilen. Die Gefahr wurde beseitigt; Nobody verfolgte auch das unterseeische Kabel und tat sein möglichstes, aber es gelang ihm leider nicht, den Feind, welcher auf jener Felsenklippe gegebenenfalls die Mine entzündet hätte, zu fassen. Die Piraten waren gewarnt.
Seit zwei Monaten wurde auf San-Le das Tauchen nach den Perlmuscheln betrieben, und der gelbe Drache hatte noch nicht das geringste Zeichen von sich gegeben. Friedlich konnten die Leute ihrer Arbeit nachgehn.
Trotzdem sagte mir Nobody selbst, daß sich diese Leute auf einem verlornen Posten befänden, und gegen den Angriff des gelben Drachen, der über kurz oder lang doch noch erfolgen würde, würden alle seine Sicherheitsmaßregeln nichts nützen. Er unterschätzte die Macht des gelben Drachen durchaus nicht.
In Anbetracht alles dessen, was ich zu hören bekommen hatte, machte die Insel, so lebhaft es auch darauf zuging, einen sehr niederschlagenden Eindruck. Es war ja auch nur ein nacktes Felseneiland.
Die Besatzung bestand aus 42 Europäern, von denen sehr viele Deutsche waren, nur ausgesuchte Männer, die Nobody und Flederwisch nach und nach um sich versammelt hatten, und aus etwa der doppelten Anzahl Chinesen, lauter gefangenen Piraten, welche Frondienste verrichten mußten.
Zuerst waren an Stellen, von denen aus man die ganze Insel und die weitere Umgebung beobachten konnte, aus losgesprengten Bruchsteinen zwei massive Forts errichtet worden, die man mit großen und kleinen Geschützen stark armiert hatte. Sie dienten mehr zur Verteidigung der Insel, falls der gelbe Drache einmal als moderner Angreifer erscheinen sollte, als um einer Meuterei der gefangenen Chinesen zu begegnen.
Diese wurden so vortrefflich verpflegt und behandelt, daß sie mit ihrem Schicksal ganz zufrieden waren. Eine Flucht von der Insel ward schon durch die zahlreich sie umschwimmenden Haifische unmöglich gemacht, dann waren auch eine Menge Wachthunde da, welche bei Nacht die Küsten abstreiften.
Das Einsammeln der Perlmuscheln auf dem Meeresgrunde geschah nur durch Europäer im Taucherkostüm, während den Chinesen das Durchsuchen der am Lande aufgeschichteten Muscheln, die schnell faulen und dann einen gräßlichen Gestank verbreiten, überlassen blieb. Obgleich dabei nur oberflächlich verfahren wurde, war die Ausbeute an Perlen doch eine ganz enorme. Eine Angabe des Wertes durch Zahlen ist hierbei unmöglich. Jedenfalls mußte die Firma Nobody und Kompanie bald eine der reichsten der Welt sein.
In einer Bucht lagen außer einigen Dschonken auch zwei kleine, eiserne Dampfer. Kurz vor unsrer Ankunft waren deren aber fünf hier gewesen. Drei waren bereits abgegangen, um die auf der Pirateninsel gefangenen Chinesen abzuholen.
Auf welche Weise man hier schon davon erfahren hatte, daß die drei Dampfer bereits unterwegs waren? Durch Brieftauben. Auf dieser Insel war eine Station von Brieftauben, der >Popanz< hatte solche an Bord gehabt. Es war eine ganz eigentümliche Art von Tauben, die ich zu sehen bekam, zierlich, gelb, mit einem weißen Federkrönchen, und Nobody erklärte mir, daß es arabische Tauben seien, Selmas genannt, die er hier eingeführt habe, weil sie sich, wenn es einmal gelungen sei, sie abzurichten, als die trefflichsten Briefbeförderer erwiesen, vor allem aber jedem vierbeinigen und jedem geflügelten Räuber entgingen.
Mir lag die Frage nahe, ob die Brieftaubenpost nur zwischen dieser Insel und den von hier abgehenden Schiffen bestände. Ganz sicher gab es auch noch andre Stationen. Und wohin wurden denn die Perlen gebracht? Wohin die vielen gefangenen Piraten? Mich beschäftigten überhaupt noch sehr viele andre Fragen, aber ich unterdrückte sie standhaft, weil ich immer deutlicher merkte, wie mich Nobody nur in das einweihen wollte, was ich zur Zeit mit meinen eignen Augen sah.
Als Oberbefehlshaber der Insel wurde mir ein Japaner namens Keigo Kiyotaki vorgestellt, derselbe, welchen Nobody einst in London vom Fallbrett des Galgens gerettet hatte. Dieser führte mich auch in das Innere der Forts ein, und als ich bei der staunenswerten Armierung - ich sah sogar zwei Dreißigzentimetergeschütze - fragte, wie man denn da die Piraten noch zu fürchten habe, und sei der gelbe Drache auch noch so mächtig, sie könnten sich dieser Insel doch nur in kleinen Fahrzeugen nähern - für die Nacht waren sogar Scheinwerfer vorhanden - da wurde mir statt aller Antwort etwas gezeigt, was wiederum einen sehr niederschlagenden Eindruck auf mich machte.
In einer der unterirdischen Kammern war ein vollständiges Laboratorium eingerichtet. Soeben war ein Herr, der mir als Dr. Abendrot vorgestellt wurde, damit beschäftigt, eine Probe Reis, die er einem großen Sacke entnommen, einer chemischen Untersuchung zu unterziehen, und gleichzeitig bekam ein Hund einen Teller mit gekochtem Reis zu fressen.
»Ich halte den Reis für giftfrei,« lautete dann die Erklärung.
Also Gift war es, was man hier mehr fürchtete als Pulver und Dynamit. Alle Nahrungsmittel, die man den Piraten abnahm, wurden auf Gift untersucht. Denn es war nicht möglich, sich vom Festlande aus mit Proviant zu versehen, und wenn der gelbe Drache auch noch nicht das Geheimnis der Motordschonke kannte, so wußte man doch, daß die Bewohner dieser Insel einen Kaperkrieg gegen die Piraten führten, woran ab und zu auch die kleinen Dampfer teilnehmen mußten, und wenn man den Geheimbund des gelben Drachen kannte, so hatte man vor allen Dingen mit Gift zu rechnen, welches dem Proviante von Dschonken beigemischt wurde, die vielleicht schon dazu bestimmt waren, sich von den >weißen Teufeln< kapern zu lassen.
Da konnte das Eiland trotz aller seiner Perlenschätze kein angenehmer Aufenthalt sein, und ich war herzlich froh, als ich vernahm, daß wir schon am Nachmittage die Insel wieder verlassen würden.
Die Motordschonke blieb hier, um fernerhin Razzias gegen die Piraten zu veranstalten. Wir benutzten zur Weiterfahrt einen der beiden kleinen Dampfer, und auf diesen wurden auch die gefangenen Chinesen und wenigen Japaner untergebracht, die wir aus dem Wasser gefischt hatten. Sie blieben an Händen und Füßen gebunden, wurden aber sonst sehr bequem untergebracht. Auch wenigstens die Hälfte der Besatzung der Dschonke kam mit hinüber auf den Dampfer, vorläufig noch als Chinesen verkleidet. Unter ihnen befand sich auch der kleine, krummbeinige Nasenkönig, den ich nun schon als eine gewichtige Persönlichkeit kennen gelernt hatte. Ferner nahm der Dampfer alle seit Wochen gesammelten Perlen mit, einen ansehnlichen Sack voll.
Wir verließen die Bucht noch am hellen Tage und hatten bei Anbruch der Dunkelheit die gefährlichsten Wasserstraßen hinter uns. Es wurde die ganze Nacht gedampft, und als ich am andern Morgen an Deck kam, wußte ich noch immer nicht unser Ziel.
Einige Stunden später erhob sich vor uns aus der See ein dunkler Gegenstand. Ich kann nicht schildern, wie sich dieser nach und nach zu einem imposanten Felsplateau entwickelte, welches mit schroffen Wänden aus dem Meere stieg.
Zu Mittag speiste ich allein mit Nobody in dessen kleiner Kajüte, wurde von ihm immer nicht nur wie ein angesehener Gast, sondern wie ein vertrauter Freund behandelt, ohne daß ich mir noch klar werden konnte, woher diese liebenswürdige Zuvorkommenheit stammte, und als ich dann wieder mit ihm das Deck betrat, präsentierte sich mir der abgeplattete Felsenberg in seiner gewaltigen Majestät. Er war so geformt, daß er große Aehnlichkeit mit der Insel Helgoland hatte; wie eine Kiste lag er auf dem Meere, aber von weit mächtigeren Dimensionen und vor allen Dingen auch viel höher. Helgoland gleicht einer auf der breitesten Seite liegenden Zigarrenkiste. Hier war die Zigarrenkiste auf ein Kopfende gestellt.
»Kennen Sie diesen Berg?« fragte mich Nobody.
Solch ein schroff aus dem Meere steigendes Felsengebilde ist stets ein wichtiges Seezeichen für die Schiffer und auf allen Seefahrtskarten vermerkt, aber es gibt deren zahllose. Der am einsamsten im Weltmeer liegende Berg ist das englische Assuncion.
Ich verneinte die Frage.
»Es ist der Mountain of sulphur, der Schwefelberg. Als Seewahrzeichen kommt er nur wenig in Betracht.«
»Wem gehört er?«
»Mir!« lautete die lakonische Antwort.
»Ihnen?« wiederholte ich erstaunt.
Ich hatte doch gemeint, ob er den Engländern oder den Chinesen gehöre.
»Unter englischer Flagge steht er, aber er ist dennoch mein oder unser Eigentum. Als England ganz Australien und die polynesischen Inseln okkupierte, wurde das alles durch Lose an die englischen Lords verteilt. Das ist gegen Entschädigung wieder zurückgenommen worden, doch es gibt noch Ausnahmen. Der Eigentümer dieses Schwefelberges nebst der darumliegenden Inseln ist Lord Hannibal Roger; er hat sich erst vor kurzem in diesem Besitze parlamentarisch bestätigen lassen und darauf die Schwefelinseln samt diesem Berge mir oder vielmehr der Firma Nobody & Kompanie rechtskräftig abgetreten.«
Erst jetzt gewahrte ich eine Inselgruppe, welche sich um den Berg, herum lagerte. Die Eilande, obwohl ebenfalls bergig, verschwanden gegen den Meeresriesen, welcher selbst immer mächtiger hervortrat.
»Wie groß ist der Schwefelberg?«
»Acht englische Meilen im Umfang.«
»Nicht möglich!«
»Doch. Wir sind noch weit ab, und da kann man sich sehr irren.«
»Und wie hoch?«
»Etwa tausend Meter. Aber das ist nur indirekte Messung. Bestiegen hat ihn noch kein Mensch.«
»Weshalb nicht?«
»Weil er eben unersteigbar ist. Wie soll man da hinaufkommen?«
»Ich erkenne doch treppenartige Terrassen.«
»Ja, aber wie hoch diese Stufen sind!« lachte Nobody. »Da kann man keine Leitern anlegen. Die Terrassen sind auch nicht so regelmäßig, wie sie von hier aus erscheinen.«
»Ist es ein erloschener Vulkan?«
»Sicher nicht. Gerade hier ist der Boden gar nicht vulkanisch. Das Plateau ist jedenfalls völlig eben.«
»Aber deutet Schwefel nicht immer auf vulkanische Eruptionen hin?«
»Sie meinen wegen des Namens Schwefelberg und Schwefelinseln? Diese Inseln heißen wahrscheinlich deshalb so, weil auf ihnen der Schwefel fehlt. Man sagte, einige Quellen sollten Schwefel enthalten. Ich habe daraufhin sämtliche Quellen und Bäche untersuchen lassen, aber auch nicht die geringste Spur von Schwefel darin gefunden.«
»Ich sehe Vögel zu- und wegfliegen.«
»Sehen Sie wirklich? Donnerwetter, haben Sie gute Augen!« bewunderte mich Nobody, der das Fernrohr zur Hand genommen hatte. »Sie sehen ja bald noch schärfer als ich. Was schließen Sie daraus, daß dort oben Vögel leben?«
»Dann muß es dort oben auch Wasser geben.«
»Ist nicht nötig. Es können auch Seevögel sein, Möwen, die dort oben nur nisten, die brauchen kein frisches Wasser.«
»Nein, ich unterscheide auch Landvögel.«
»Können Sie das wirklich unterscheiden? Ich bewundere Sie. Nun ja, es mag sich auf dem Plateau Regenwasser ansammeln.«
»Wie kommt es nur, daß England aus diesem Meeresfelsen kein zweites Gibraltar schafft?«
»Ich sagte Ihnen doch schon, daß der Felsen unersteigbar ist.«
»Es gibt gar keinen Felsen, keinen Berg, keine Felsenwand, die unersteigbar ist; die menschliche Ausdauer, verbunden mit unsrer heutigen Ingenieurwissenschaft, überwindet jedes Hindernis, sie erklimmt auch die steilste Wand und bringt auch die schwersten Geschütze hinauf. Warum schafft England hier nicht eine unüberwindliche Seefeste, wie es sonst seine Gewohnheit ist?«
Ich muß hierbei nochmals bemerken, wie Nobody immer direkt wollte, daß ich an ihn Fragen stellte, er wollte meine Ansichten hören, er verlangte es. Daran hatte ich mich nun schon gewöhnt, daß ich es ganz von selbst tat.
»Sie haben recht,« entgegnete er jetzt. »Auch ich lasse bereits einen Pfad in den Felsen hauen, auf welchem ich dann als erster Mensch diesen jungfräulichen Berg besteigen werde, um ihn danach >Nobodys Mountain< zu taufen. Kanonen lassen sich da freilich noch lange nicht hinausschaffen, das kostet vielleicht die Arbeit von hundert, von einigen hundert Jahren. Ich kenne das. Bringen Sie nur einmal kleine Geschütze einen gewöhnlichen Alpenpaß hinauf! Uebrigens hat dieser Felsenberg für eine Seemacht besonders deshalb gar keine Bedeutung, weil auf drei Seiten zu seichtes Fahrwasser für größere Kriegsschiffe ist, und auf der vierten Seite gibt es auch keine Inseln, da hebt sich die Felswand vollständig senkrecht aus dem Meere.«
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt auf eine der Inseln gelenkt, der wir uns unterdessen so weit genähert hatten, daß von den andern nichts mehr zu sehen war. Wir liefen in einen von Quaimauern geschützten Hafen ein, in dem außer Dschonken und kleineren Fahrzeugen auch zwei ziemlich große lagen, das eine davon wie ein großes Torpedoboot aussehend. Das waren die >Heliotrop< und die >Wetterhexe<.
An den Ufern sah ich Hunderte von Chinesen beschäftigt, meist mit Mauerarbeiten, sie waren Sklaven, wurden aber von keiner Sklavenpeitsche angetrieben - überall erblickte ich nur heitere und zufriedene Gesichter.
Nahe am Hafen erhob sich eine stattliche Häuserstadt, daran grenzten Fluren und Wälder, wie ich die ganze Lieblichkeit dieser im gesegnetsten Klima gelegenen Insel auch schon von weitem hatte bewundern können, und einige von Kanonen starrende Bastonaden störten diesen friedlichen Eindruck nicht.
Noch hatten wir den Dampfer nicht befestigt, als ein Boot sich längsseit legte, und ich war nicht wenig überrascht, daß zwei Frauen die ersten waren, welche das Deck betraten. Das heißt, von einem >Betreten< kann eigentlich nicht die Rede sein, sie stürzten vielmehr gleich auf Nobody zu, der sich jetzt aber nicht mehr als Chinese präsentierte.
Die eine hätte ich bald für eine Müllerin gehalten, sie hatte so ein weites, weißbestäubtes Sacktuch um, desgleichen um den Kopf, während die andre, ein schwarzer Lockenkopf, in dem kurzen Reitkleid mit Ledergamaschen einen mehr amazonenhaften Eindruck machte, aber zugleich auch einen etwas zigeunerhaften, denn an ihrem Kostüm flatterten einige Fetzen.
»Alfred!«
»Gabriele, Turandot!«
Die eine, die Müllerin, lag an Nobodys Brust, die andre, die Zigeunerin, hing sich ihm, weil sie vorn keinen Platz mehr hatte, hinten auf den Rücken.
Hiermit wollen wir August Hammers persönlichen Bericht abbrechen, obgleich er in Wirklichkeit noch weitergeht.
Der Zweck war, dem Leser so kurz wie möglich zu schildern, was Nobody in China treibt, und wie er sich auf der Insel, die er einmal seine zukünftige Heimat nannte, eingerichtet hat.
Daß längere Zeit bei dem Schwefelberge verweilt wurde, hat seine besondere Bedeutung, wie später erkannt werden wird. Er sollte in Nobodys Leben noch eine große Rolle spielen.
Es sei nun bloß noch einer Person in Kürze gedacht, bei der sich Hammers Bericht zu lange aufhält.
Das ist Gabriele. Hammer sieht sie zwar schon an Deck des Dampfers und denkt, es ist eine Müllerin, weil sie so einen staubigen Kittel anhat, lernt sie aber erst richtig in ihrem Bildhaueratelier kennen, wo sie von einem italienischen Künstler, den Nobody direkt aus Rom >bezogen< hat, unterrichtet wird, soweit sie noch eines Unterrichtes bedarf, um das Höchste in der Bildhauerei zu erreichen.
Daß wir das junge Mädchen, oder jetzt vielmehr die junge Frau, welche noch vor kurzem als Jussuf el Fanit die libysche Wüste unsicher machte, jetzt auf einer einsamen Insel als Bildhauerin wiederfinden, ist durchaus nicht wunderbar.
Wolle sich der geneigte Leser nur entsinnen, wie Nobody als vorgeblicher Blinder in der Felsenkammer des Geiergebirges die aus Stein gehauene Badewanne mit der plastischen Skulptur, badende Nymphen darstellend, bewunderte, und was damals über die französischen Journale gesagt wurde, welche solche in Mode gekommene Badewannen abbildeten.
Das war ganz einfach aus Gabrieles eigner Hand hervorgegangen, das und noch manches andre, was Nobody dann noch später zu sehen bekam. Sie hatte es nicht gelernt, niemand hatte es ihr gezeigt, sie konnte es. Das ist das Genie. Ein innerer Drang hatte ihr, wenn sie sich in die Einsamkeit zurückzog, immer wieder Hammer und Meißel in die Hand gegeben. Die Vorlage zu jenen badenden Nymphen hatte sie einem französischen Journal entnommen.
»Seelenverwandtschaft,« sagte Nobody in seiner trocknen Weise, wenn das Gespräch daraufkam, »das ist Fügung, daß wir beide für alles schwärmen, was von Stein ist. Nur ein kleiner Unterschied ist dabei: meine Frau macht Figuren, und ich mache Löcher.« -
Der Mann, der ein Fürstentum im Stich gelassen, hatte sich im Handumdrehen ein neues Reich geschaffen, über das er unumschränkter als jeder Monarch herrschte. In der Welt war er ein Niemand, hier aber sollte seine Heimat sein. Hier auf dieser Insel schleppte er alles zusammen, was er bei seinen Abenteuern draußen in der Welt schön und stark und groß und edel fand, und was ihm nicht gefiel, durfte nicht in sein abgesperrtes Reich hinein - was wohl kein andrer Fürst durchsetzen kann.
Aber es lag nicht in Nobodys Charakter, sich nun auf seinen Lorbeeren auszuruhen und den allmächtigen Gewalthaber zu spielen. Dazu war er viel zu unruhig, er mußte wieder hinaus, neue Abenteuer zu bestehn, das war geradezu eine Sucht bei ihm; dabei sammelte er Schätze, das heißt vor allen Dingen Menschen, die ihm gefielen, die >kaufte< er sich, brachte sie mit nach seiner Insel oder schickte sie hin, und wenn es nötig war, so mußte ihm alles behilflich sein, um seine Pläne auszuführen oder sein Ziel zu erreichen.
So werden wir die Hauptpersonen, welche wir bereits aus Nobodys Tagebuch näher kennen lernten, ab und zu immer wieder irgendwo auftauchen sehen, um gemeinsam mit Nobody zu operieren, und hierzu gehört auch die gefangene Prinzeß Marguérite.
Was für ein Unternehmen Nobody nun gleich nach dem Betreten seiner Insel vorbereitete, das ist das abenteuerlichste und kühnste zugleich, auf das sich ein Mensch wohl jemals eingelassen hat, und zwar ist es die Einleitung zu einem furchtbaren, historischen Drama, welches gerade jetzt alle Welt beschäftigt.
2. Vorbereitungen
Der Leser kennt das Märchen von den sieben Zwergen, die in sieben Bettchen schlafen.
So lagen sie da, aber nicht sieben Zwerge, sondern sieben erwachsene Japaner, von einem Graubart an bis zum bartlosen Jüngling, und sie lagen nicht in weichen Bettchen, sondern auf Pritschen, die allerdings mit Matratzen belegt waren, aber oben und unten an dem starken Brette waren eiserne Ringe eingelassen, und an diese waren Hände und Füße mit kurzen Ketten geschlossen.
So lagen die Gefangenen auf dem Rücken da, wie die geprellten Frösche, unfähig, ein Glied zu rühren. Sie trugen noch dieselben japanischen, stark mitgenommenen Kleider, in denen man sie aus dem Wasser gefischt hatte, denn es waren die Japaner von dem in den Grund gerammten Dampfer, die gerettet worden waren, obwohl sie es gar nicht gewollt hatten.
Alle hatten die Augen geschlossen; ihre Brust ging ruhig.
Die sieben Pritschen standen in einem geräumigen, sonst leeren Zimmer, durch dessen Mitte ein weicher Teppichläufer ging, und auf diesem wanderte mit geräuschlosem Schritt ein in einfache Seemannstracht gekleideter Mann auf und ab, am Gürtel den Entersäbel und zwei Revolverfutterale. Es war der Wächter.
Die Tür ging auf. Der uns schon bekannte Mr. Hawsken, Nobodys Sekretär, trat ein, gefolgt von Hammer und einigen andern Männern, welche rauchende Speisekessel, Teller und andres Geschirr trugen.
Beim Anblick der sieben Japaner schien Hawsken zu stutzen; fragend sah er den Wächter an.
»Die sind ja gefesselt!? Wer hat das angeordnet?«
»Mr. Paulsen.«
»Hat das der Master befohlen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Unsinn! Das kann er nicht gewollt haben, denn wen der Master einschläfert, der liegt fester als in Fesseln. Zum Essen müssen sie sich auch frei bewegen können. Hole den Schlüssel! - Auf meine Verantwortung!«
Während der Matrose gehorchte, ging Hawsken von einem der noch immer wie schlafend Daliegenden zum andern, setzte jedem zwei Fingerspitzen auf die Augen und schob so die Lider in die Höhe. Bei allen sah er von den Augen nur das Weiße, so waren die Pupillen nach oben verdreht.
»Alles in Ordnung; sie schlafen wie die Gelenkpuppen.«
Schon war der Schlüssel zur Stelle; die Fesseln wurden aufgeschlossen.
Hawsken hieß die Männer mit ihren rauchenden Schüsseln zurücktreten, er selbst blieb in der Mitte des Zimmers stehn. Man sah, wie er sich sammelte, seine Willenskraft konzentrierte.
Das Nächstfolgende war nur denen verständlich, welche Japanisch sprachen. Wir können es natürlich nur auf deutsch wiedergeben.
»Tausendeins!!« rief Hawsken, nicht besonders laut, aber energisch.
Wie von einer Viper gestochen, zuckte der erste Japaner von links zusammen, blieb aber noch liegen.
»Tausendeins! Hörst du mich sprechen?«
Keine Antwort! Hawsken warf einen ängstlichen Blick nach der Tür und machte ein Gesicht, als habe er eine Dummheit begangen.
»Tausendeins! Du wirst mir gehorchen, ich befehle es dir!«
»Ich gehorche dir,« murmelte jetzt der Schläfer dumpf.
»Steh auf!«
Der Japaner stand mit geschlossenen Augen von der Pritsche auf.
»Setze dich!«
Der Hypnotisierte setzte sich auf den Rand der Pritsche.
»Tausendzwei!!«
Jetzt zuckte der zweite Schläfer zusammen.
»Tausendzwei! Du wirst mir gehorchen, ich befehle es dir!«
»Ich gehorche dir.«
Und so ging es weiter, bis alle sieben Japaner auf ihren Pritschen saßen. Es war ihnen auch schon ein gemeinsames Stichwort suggeriert worden, auf welches sie alle zusammen reagierten, und durch dieses wurden sie zum Essen kommandiert wie eine Reihe Soldaten. Also sie wurden nicht etwa von fremder Hand gespeist, sondern sie selbst aßen, nur, daß alles nach Kommando geschah, wenn es auch durchaus keinen automatischen Eindruck machte. So etwas kann man ja bei jeder Vorstellung über Hypnotik sehen, und wer da glaubt, das Medium des Hypnotiseurs stelle sich nur so und esse die rohe Kartoffel mit Hochgenuß als einen Pfirsich, weil es dafür bezahlt wird, dem ist eben nicht zu helfen.
Diese sieben Japaner aber bekamen keine rohen Kartoffeln zu essen, sondern gekochte, und dazu noch Reis und Hammelbraten mit Curry, was sie auch im wachen Zustande nicht verschmäht hätten - wenn sie nicht den Tod der leckersten Gefangenkost vorzogen.
Hawsken schien es sehr eilig zu haben; er sah beständig nach der Taschenuhr, und kaum hatte einer der Japaner seine Teller geleert, als ihm durch das persönlich geltende Stichwort befohlen wurde, sich zu entkleiden, immer weiter und weiter, bis er völlig nackt dastand.
Der Hypnotiseur besah sich den nackten Menschen von hinten und von vorn und machte sich Notizen. Jedes Muttermal, jede Narbe am Körper wurde gewissenhaft verzeichnet.
Unterdessen waren schon andre Vorbereitungen getroffen worden. Arbeiter hatten einen Meßapparat hereingebracht, wie er zum Messen der Körperlänge von Rekruten gebraucht wird, der Japaner mußte sich darunterstellen, dann maß ihm ein andrer mit der Schusterlade die Länge seiner Füße, ein dritter die der Hände, ein vierter nahm das Maß des Brustumfanges und der einzelnen Glieder.
Es ging also noch viel genauer zu als bei einer Rekrutenaushebung, und so wurden alle sieben Japaner behandelt.
»Der Master kommt!« ging es da flüsternd von Mund zu Mund.
Er kam, der Herr und König, jetzt wirklich unnahbar wie ein Tyrann auftretend! Aber das war nur scheinbar. Das kam nur daher, weil er seine ganze Aufmerksamkeit auf die sieben nackten Japaner richtete, deshalb für seine Untergebenen gar keinen Blick hatte; wie wenig sich diese aber daraus machten, sah man aus ihrem ungezwungenen Verhalten auch bei Anwesenheit des Gebieters.
Hinter Nobody schritt ein junger Araber in orientalischem Kostüm. Er trug mit gewisser Feierlichkeit ein Tischchen, das aus lauter kleinen Kästen und Schubfächern zusammengesetzt zu sein schien. Dann kam noch ein andrer Mann, ein Neger, welcher einen großen Wandspiegel trug. Die beiden, der Braune und der Schwarze, waren sich voll und ganz bewußt, was für wichtige Dinge ihnen anvertraut waren.
Nobody schritt die Reihe der nackten Japaner ab, jeden einzelnen von oben bis unten mit durchbohrenden Blicken musternd, und schenkte dann dieselbe Aufmerksamkeit ihrer Rückseite. »Was meinen Sie, Mr. Hawsken, wen soll ich wählen?« wandte er sich nach seiner Untersuchung an den Sekretär.
»Diesen hier, tausendsechs, denn seine Gesichtsbildung ist der Ihren am ähnlichsten, auch Größe und Schultermaß stimmen fast ganz genau, und der Schnurrbart wird Sie doch nicht stören.«
»Aber die Füße, lieber Hawsken, die Füße!! Meine Latschen sind ja drei Meter länger als die des Mannes!«
Dabei hatte Nobody selbst sehr kleine Füße. Allerdings ist die ganze japanische, wie die malaiische Rasse durch besonders zierliche Füße ausgezeichnet.
Der Größenunterschied brauchte jedoch nur ein auffallender, wenn auch noch so geringer zu sein, so genügte das für Nobody, um den vorgeschlagenen Mann als unbrauchbar für seinen Zweck zu verwerfen.
»Der dort scheint mir geeigneter. Was für eine Nummer ist das?«
»Tausendvier. Der ist aber bedeutend dicker.«
»Voller, wollen wir sagen. Schadet nichts, ich bin im strapaziösen Dienste des gelben Drachen etwas abgemagert.«
»Dabei aber nicht so breitschultrig.«
»Arbeit macht breite Schultern.«
»Die Stirn tritt stark vor.«
»Die habe ich mir eingerannt. - Jawohl, den nehme ich! Eine Hauptsache ist, daß er gerade solche große Latschen und Pfoten hat wie ich, und daß er bartlos ist, ist mir auch sehr angenehm.«
Es waren nur zwei bartlose Japaner vorhanden, der eine fast noch ein Kind, der andre ein junger Mann, vielleicht, nach unsern Begriffen geschätzt, zwischen zwanzig und dreißig.
Nach Hawskens Angaben wäre es ein dicker, aber dabei schmalschultriger und womöglich noch engbrüstiger Mensch mit einem Wasserkopfe gewesen, und Nobody gab ihm auch noch Elefantenfüße und Bärentatzen.
Natürlich handelte es sich hierbei nur um feine Unterschiede im Gegensatz zu Nobodys Proportionen. In Wirklichkeit war es ein Mann vom harmonischsten Körperbau, vom vollendetsten Ebenmaß, und dieses Gesicht war tatsächlich schön und edel zu nennen, die Nase stolz gebogen, die Backenknochen so wenig hervortretend, daß man kaum den Mongolen erkannte. Aber wenn wir auch schon öfters hervorgehoben haben, daß auch Nobody edle, aristokratische Züge besaß, so war es trotzdem ein vollkommen andres Gesicht, so verschieden wie Schwarz und Weiß. Der eine war eben ein Mongole, der andre ein Germane.
»Mr. Hawsken, lassen Sie die andern sich wieder anziehen!«
Der betreffende Japaner, welcher hier die Nummer tausendvier erhalten hatte, mußte stehnbleiben. Nobody trat zurück, ging um ihn herum und musterte ihn so von allen Seiten aufs eingehendste. Dann riß er aus seinem Notizblock ein Blatt, schrieb etwas darauf und gab es dem jungen Araber, den wir schon einmal kennen gelernt haben, damals an Bord der Wetterhexe[>Wetterhexe<], wo er seinem Herrn beim Umkleiden behilflich sein mußte. Hassan lief davon.
Jetzt wiederholte Nobody die Manipulation, die wir ihn schon einmal bei der hypnotisierten Marguérite haben machen sehen; er griff dem Japaner in den Nacken, gar nicht so sanft. Wie Nobody damals seinem Freunde erklärt hatte, erzeugte er dadurch eine besondere Art von Starrkrampf. Freilich war dazu wohl ein besondrer Griff nötig.
Ein augenblicklicher Erfolg desselben war jedoch nicht zu bemerken.
»Du hast mir zu gehorchen, verstehst du?!« sagte Nobody im schärfsten Tone.
»Ich gehorche dir,« murmelte der Hypnotisierte.
»Oeffne deine Augen!«
Langsam schoben sich die Lider hinauf, aber von den Augen war nur das Weiße zu sehen.
»Blicke mich an!«
Da kehrten die Augen in ihre natürliche Stellung zurück.
Der Japaner mußte nach einem Fenster marschieren, wobei Nobody ihn immer scharf beobachtete, er brachte ihn in das beste Licht, und Nobody studierte so lange des Hypnotisierten Züge, bis der Araber zurückkam.
Er brachte ein Paket, dem Nobody zwei vollständige japanische Kostüme entnahm, die Kleidung eines Vornehmen, eins genau wie das andre.
Das eine Kostüm legte er handbereit auf einen Stuhl neben dem Japaner.
»Du bist ja nackt! Kleide dich an!«
Der Hypnotisierte gehorchte, und er bedurfte durchaus keiner weitern Kommandos, brauchte auf nichts aufmerksam gemacht zu werden, er legte ganz sachgemäß ein Kleidungsstück nach dem andern an. Auch von schwerfälligen Bewegungen, wie sie die Hypnotisierten sonst zeigen, war gar nichts zu bemerken. Es war eben wiederum eine andre Art der Hypnose. Ein uneingeweihter Zuschauer hätte den Mann überhaupt gar nicht für hypnotisiert gehalten.
»Zieh dich wieder aus!«
Der Japaner tat es.
»Zieh dich wieder an!«
Und so mußte sich der Hypnotisierte noch zweimal an- und wieder ausziehen, von Nobody immer scharf beobachtet.
Jetzt entkleidete sich dieser schnell selbst und legte dafür das zweite japanische Kostüm an. Aber das tat er in ganz eigentümlicher Weise. Er stand dabei vor dem Spiegel, der an die Wand gelehnt worden war, blickte immer hinein, auch schon, während er die gelbseidenen Beinkleider anzog, hielt inne, zog die Hosen wieder aus, wieder an, stockte, fing wieder von vorn an, ebenso wollte er mit den andern Kleidungsstücken nicht fertig werden, und am meisten Arbeit hatte er mit einem ärmellosen Jäckchen. Das zog er wohl ein halbes Dutzendmal an und wieder aus.
»War's so richtig, Mr. Hawsken?«
»Da wage ich wirklich kein Urteil abzugeben.«
»Das sollten Sie aber eigentlich. Herr Hammer, Sie haben doch zugesehen, wie sich der Japaner anzog.«
»Ja.«
»Zog ich mich mit genau denselben Bewegungen an wie der Japaner?«
»Nee, bei dem ging's ein bißchen fixer,« lautete die treuherzige Antwort.
»Tausendvier! Zieh dich aus!«
Der Japaner tat es, doch ließ es Nobody diesmal nur bis zu der ärmellosen Jacke kommen, diese mußte jener aber auch gleich dreimal hintereinander aus- und wiederanziehen.
»Jetzt habe ich seine eigentümliche Bewegung dabei heraus,« sagte Nobody, als er, immer in den Spiegel blickend, die Weste endgültig anlegte.
Der Japaner mußte sich setzen, so daß ihm das Licht voll ins Gesicht fiel; Nobody setzte sich ihm gegenüber; zwischen beide wurde das Tischchen gestellt. Ein Druck, und an der Platte richtete sich ein Spiegelchen auf. Nobody strich sich mit den Fingern durch die blonden Locken.
»Hassan! Abschneiden! So kurz wie der dort. Schnell!«
Da mußten gar viele Locken fallen, denn der Japaner trug sein schwarzes Borstenhaar sehr kurz.
»Was?!« rief Hawsken erschrocken, als der Araber aus seinem Kaftan schon eine lange Schere gezogen hatte. »Ihr Haar wollen Sie deshalb abschneiden lassen? Kann es denn nicht wie immer eine Perücke tun?«
»Nein. In diesem Falle nicht. Das hier wird für die Dauer. Wenn ich aus diesem Hanswurstkostüm wieder heraus bin, kann man mir wieder Zöpfe flechten.«
Während die Schere klapperte, war Nobody nicht untätig. Er blickte über den Spiegel hinweg den Japaner an und begann dabei sein Gesicht mit den Händen zu massieren. Dann öffnete er verschiedene Kästchen des Tischchens und arbeitete mit Puderquaste und Farbepinsel.
»Schwarz,« sagte er, als er über die Schulter dem Friseur ein Fläschchen reichte, mit dessen Inhalt sein Haar eingesalbt wurde.
Es ging sehr schnell. Nach zehn Minuten war die ganze Toilette beendet. Nobody stand auf.
Nobody? Unter den im Zimmer befindlichen Männern war kein einziger, der den Verwandlungskünstler nicht schon mehrmals bei seinen Maskierungen, wenn er Toilette machte, beobachtet hätte, August Hammer ja nicht ausgeschlossen, und doch war das Staunen jedesmal das gleiche, immer wieder mochte man so etwas gar nicht für möglich halten.
Dort stand ganz genau derselbe Japaner, der dort auf dem Stuhle saß - ganz genau derselbe! Der Ausdruck, daß sie sich ähnelten wie ein Ei dem andern, hätte ihnen noch gar nicht genügt. Nein, das waren eben vollkommen dieselben.
Nur Nobody selbst fand noch etwas an der Ähnlichkeit auszusetzen. Der Japaner mußte sich neben ihm vor den Spiegel stellen, Nobody verglich lange, massierte seine Lippen und die Nase, dann faßte er mit den Fingerspitzen die Haut neben seinen Augen; hüben und drüben entstanden Fältchen, er nahm die Hände zurück, und die Fältchen blieben stehn.
Hierauf untersuchte er die Finger des Japaners, griff zur Schere und verschnitt jenem die sehr langen Fingernägel.
Noch eine Generalmusterung - endlich war er zufrieden. - -
In einem Gemach, welches halb einem Damenboudoir, halb einem Künstleratelier glich, saß Gabriele und arbeitete mit dem Modellierholz an einem zum menschlichen Kopfe bestimmten Tonklumpen.
Es klopfte, und nach ihrem >Herein< trat Hawsken ein.
»Der Master bittet, Ihnen eine Ueberraschung bereiten zu dürfen,« war die höfliche Anmeldung für den Gatten.
»Er soll nur hereinkommen,« lautete die weniger zeremonielle Antwort, und Gabriele fing gleich von vornherein zu lachen an; denn sie kannte doch ihren Mann! Und in Ueberraschungen war der groß. Wenn Nobody auf der Insel weilte, so war es überhaupt manchmal, als wenn er nichts weiter als Unsinn im Kopfe hätte, und wenn er sich dann ausgetobt hatte und mit ernsthafter Miene sagte: >jetzt will ich erst ein Viertelstündchen regieren< - so klang das erst recht urkomisch aus seinem Munde.
Es sollte hiermit auch angedeutet werden, wie ahnungslos Gabriele war.
Der Sekretär ging wieder zur Tür und öffnete sie weit.
»Tausendvier!« rief er im Kommandotone. »Komm herein!«
In gleichem Takt marschierten zwei junge, pompös gekleidete Japaner herein, einer wie der andre, die siamesischen Zwillinge, nur daß sie nicht zusammengewachsen waren.
»Halt!« kommandierte Hawsken, und die beiden standen wie die Soldaten.
»Missis möchten sagen, wer von den beiden Nobody ist.«
Gabriele lachte immer noch, als sie zur Prüfung schritt. Zuerst wollte sie sich auf ihren Künstlerblick verlassen, aber der ließ sie im Stich.
»Wirklich, ich finde auch nicht den geringsten Unterschied,« begann sie jetzt zu staunen. »Ich könnte ja untersuchen, wer von den beiden eine Perücke hat, aber das will ich nicht, ich will nur ...«
Sie trat vor die beiden hin und verglich ihre Hände. Die des einen waren etwas schmäler und länger als die des andern. Wir brauchen nicht zu wissen, wem diese angehörten, Gabriele mußte doch die Hand ihres Mannes kennen, und sie war ihrer Sache sicher.
»Hier, das ist der Mann meiner Wahl!«
»Soooo?« ließ sich da plötzlich der andre Japaner vernehmen. »Ich denke, der bin ich?«
Die junge Frau hatte trotz aller ihrer Kenntnis falsch gewählt, und während sie ganz verblüfft dastand, die Hand des einen Japaners noch in der ihren, ging der andre lachend auf sie zu und schloß sie in seine Arme.
»Nein, Gabriele, zwischen uns gibt es keinen Unterschied; du konntest nur raten, und du hast zufälligerweise falsch geraten!«
Er machte gegen den Sekretär eine leichte Verbeugung, dieser ging.
Der echte Japaner war steif in der Stube stehn geblieben.
»Tausendvier!« kommandierte Nobody. »Komm hierher, setze dich hierhin!«
Der Japaner gehorchte. Er bewegte sich zwar ganz natürlich, aber ... der Blick der Bildhauerin mochte doch noch etwas andres erkennen, dieses Kommandieren war ja überhaupt auffällig.
Mit scheuen, sogar ängstlichen Augen blickte sie nach dem Manne.
»Der ist wohl hypnotisiert?« fragte sie leise.
»Gewiß, alle sieben befinden sich in hypnotischem Schlafe. Auch in den festesten Ketten würden sie sich noch den Kopf einzurennen wissen.«
»Ach, bitte, Alfred, laß ihn doch nicht hier bei mir, ich ...«
Nobody warf einen Blick auf Gabriele, die plötzlich sehr bleich geworden war, sprang schnell nach der Tür und rief Hawsken zurück. Dieser hatte den Hypnotisierten bald wieder hinausbugstert.
»Entschuldige, ich dachte nicht daran, daß dich so etwas erschrecken könnte.«
Nobody küßte Gabriele zärtlich die Hand und ließ sich in einem Fauteuil nieder. Sie setzte sich wieder an ihren Arbeitstisch, faltete aber die Hände im Schoß.
»Nein, erschrecken durchaus nicht, aber ... mir, dem in wilder Freiheit aufgewachsenen Weibe, ist schon der Gedanke entsetzlich, daß der Wille eines Menschen so beeinflußt werden kann, bis er nur noch ein Automat ist. Ich weiß nicht ... ich kann mich nicht ausdrücken ... ich fühle es ... solch ein Hypnotisierter wirkt auf mich fast nervenlähmend.«
»Ich verstehe dich vollkommen,« entgegnete Nobody, »und ich teile ja ganz deine Ansicht, wie ich dir schon oft gesagt habe. Ich beweise meinen Widerwillen gegen die Hypnose auch durch die Tat. Es wäre mir doch ein leichtes, Margarete durch einen posthypnotischen Befehl von ihrem unglücklichen Wahne zu heilen, aber es empört mich, einen Menschen so für sein ganzes Leben zum Sklaven eines fremden Willens zu machen. Doch was soll ich mit diesen sieben geretteten Japanern anfangen? Wie gesagt, ich könnte sie binden und knebeln, wie ich wollte, sie würden doch noch ein Mittel finden, Selbstmord zu begehn. Ein eigentümliches Volk, die Japaner! Das hängt mit ihrer buddhistischen Religion zusammen, welche die Wiedergeburt predigt. Was tut's, wenn ich sterbe? Ich komme immer wieder. Was täte es, wenn unsre ganze Nation durch einen Krieg aufgerieben würde? Mann für Mann werden wir wiederkommen, bis der Sieg unser ist. Denn der Japaner ist kein Indier. Dieselbe Lehre von der Wiedergeburt, welche den Indier zum jämmerlichen Weichling entnervt hat, entflammt den Japaner zu den heroischsten Taten. Ich aber denke anders über den Selbstmord. Es geht gegen mein Gewissen, Japans edelste Söhne freiwillig sterben zu sehen, weil sie zufällig in meine Gefangenschaft geraten sind.«
»Japans - edelste Söhne?« wiederholte Gabriele staunend. »Du sprichst doch nicht von jenen sieben Japanern?!«
»Gewiß, eben von diesen. Hast du es denn noch nicht vernommen? Ich glaubte, Flederwisch, dem ich ausführlich berichtete, hätte es dir erzählt. Nur drei von den Aufgefischten sind gewöhnliche Matrosen. Der Kapitän ist eigentlich auch nichts weiter, spielt nur eine hohe Anführerrolle im gelben Drachen. Aber von den drei andern ist der eine, der Graubärtige, Korvetten-Kapitän in der japanischen Kriegsmarine - der, den du eben gesehen hast, dessen Maske ich jetzt angenommen, das ist Baron Nogi, Leutnant im Gardedragonerregiment, Adjutant des Fürsten Tikono. Und weißt du, wer der Jüngling ist? Das ist Prinz Manimuri, der Neffe des Mikado.«
Gabriele war außer sich vor Staunen. Sie wollte es erst gar nicht glauben.
»Ja, wie kommen die denn aber nur auf den Dampfer, der doch mit der chinesischen Piratenbande zusammenarbeitete?«
»Na, die gehören eben alle mit zum Geheimbunde des gelben Drachen. Ich habe dir doch schon gesagt, daß dieser unter seinen Mitgliedern die edelsten und sogar die mächtigsten Männer Japans zählt.«
»Ja, wie können aber nur aktive Offiziere gemeinschaftliche Sache mit einem Piratenkapitän machen, ganz offen mit ihm auf den Raub auszugehn?!«
»Nun, so ist es allerdings nicht. Ich habe ja alles aus ihnen heraushypnotistert. Eine Inspektionsreise nach den Pirateninseln wollten sie schon einmal mitmachen! Da haben die Herren Offiziere eine Segelregatta verabredet und sich vom >Drachenkopf< von einer gewissen Insel abholen lassen. Nur einmal für einen oder zwei Tage! Nun kannst du dir aber denken, wie denen jetzt zumute ist! Als Besatzung eines Piratenschiffs gefangen! Sechzehn Japaner waren drauf, vier sind bei dem mörderlichen Zusammenstoß getötet worden, fünf haben sich gleich im Wasser den Leib aufgeschlitzt oder sich den Dolch ins Herz gestoßen, lauter Offiziere oder hohe Staatsbeamte, wenn auch nicht gerade Prinzen und Barone. Die sieben hier würden sich doch ebenfalls sofort töten. Was bleibt ihnen denn auch andres übrig? Zurück können sie nicht wieder.«
»Kannst du nicht ruhig mit ihnen sprechen? Du sicherst ihnen deine Teilnahme zu, gibst ihnen dein Ehrenwort, nichts zu verraten, sie haben bei der Segelregatta Schiffbruch erlitten, du hast sie auf deine Jacht aufgenommen ...«
»Höre auf, Gabriele! Wenn du so sprichst, dann kennst du die Japaner noch nicht. Bei den Matrosen ginge das vielleicht, aber doch nicht bei den Offizieren. Das sind stolze Samurais. - Na, lassen wir das jetzt! Ich werde doch noch ein Mittel finden, sie wieder in allen Ehren nach ihrer Heimat zurückschicken zu können, und bis dahin müssen sie eben schlafen. - Ich wollte jetzt mit dir über etwas sprechen, Gabriele, ich wollte mir deine Erlaubnis zu etwas einholen!«
»Meine Erlaubnis?« lächelte die junge Frau. »Seit wann hast du denn die nötig?«
»Bitte, es kann doch einmal der Fall eintreten. Die Sache ist die: endlich ist es mir gelungen, ein führendes Mitglied des gelben Drachen lebendig in meine Hände zu bekommen ...«
»Und nun willst du, nachdem du dich über alles orientiert hast, dich selbst in chinesischer oder japanischer Maske in die Höhle des gelben Drachen wagen und die Rolle eines Anführers spielen,« fiel ihm Gabriele gleichmütig ins Wort. »So geh doch!«
Es war eine ehemalige Wüstenräuberin, die so sprach, und sie wußte, daß sie keinen Spießbürger, sondern den Detektiv Nobody geheiratet hatte.
»So geh doch, dazu brauchst du meine Erlaubnis doch nicht!«
»Gestatte mal gütigst, daß ich vorläufig noch ein bißchen hier bei dir bleibe!« scherzte Nobody, es klang aber etwas gezwungen. »Nein, ich denke an etwas andres. Da käme nur der Piratenkapitän in Betracht, und das ist ein kleiner Mehlsack, in dessen Haut passe ich nicht. Außerdem beabsichtige ich, mit den Piraten, soweit sie im Dienste des gelben Drachen stehn, Frieden zu schließen. Das sind gar keine so unrechten Kerls. Vor allen Dingen gefällt es mir, daß sie alles Opium, was sie den Dschonken abnehmen, ins Meer versenken. Gern und freiwillig tun sie es ja nicht, sondern der gelbe Drache befiehlt es ihnen, und dieses Vieh ist es ja auch, das ich ganz gern etwas poussieren möchte. Trotzdem will ich noch immer in seine Höhlengeheimnisse dringen. Ich will noch mehr wissen, als ich als Piratenkapitän erfahren kann, und jetzt ist gerade die beste Gelegenheit, um mit demselben Schlage auch noch eine andre Fliege zu klatschen. Da ist der Baron Nogi, wie gesagt, Leutnant beim Leibregiment, Adjutant des japanischen Generalfeldmarschalls - soll ein höllisch schneidiger Kerl sein, der Baron Nogi nämlich - und klug dazu - ist schon im Generalstabe gewesen - außerdem ist es ganz bestimmt, das habe ich alles aus ihm heraus-hypnotisiert, daß er nächstens in geheimer Mission nach Petersburg geschickt wird, wird dort der japanischen Gesandtschaft beigesellt - da gäbe es für mich noch etwas andres auszuspionieren als nur die Geheimnisse des gelben Drachen, da handelt es sich um die höchste und allerhöchste Politik ...«
Nobody brach ab.
Nur der Blick seiner Frau hatte ihn verstummen lassen. Auch er war Mensch. Und eine Frau ist immer eine Frau.
»Alfred ... du willst ... doch nicht ... etwa ...?«
»Ja, ich will sehr stark,« nickte Nobody.
»Die Maske ... dieses japanischen Barons ... annehmen?«
»Habe ich bereits angenommen. Du, meine eigne Frau, hast mich ja nicht einmal von ihm unterscheiden können.«
»Du willst ... als dieser Baron Nogi ... nach Japan gehen?«
»Jawohl, nach Tokio.«
»Als Baron ...«
»Jawohl, ich habe auch Zutritt bei Hofe. Ei gewiß, ich bin immer einer von den ersten mit - ich bin doch der persönliche Adjutant des Fürsten Tikono - und mein Papa ist Schatzkämmerer des Mikado.«
»Als japanischer Offizier ...«
»O, ich will meine Dragoner schon auf dem Exerzierplatze drillen - bis sie rauchen.«
»Und du willst doch nicht etwa nach ...«
»Nach Petersburg? Ei freilich, das gibt ja gerade den Hauptspaß. Jawohl, ich gehe als geheimer Kurier nach Petersburg. Na, was denn? Nogi, Nobody - das klingt schon ganz ähnlich, wir fangen alle beide mit No an und hören mit i auf, und ich will überall durchkommen. Nur die japanische Kriegsschule fehlt mir; diese Kenntnisse kann ich nicht aus ihm heraushypnotisieren, aber sonst alles, was ich brauche. Mir soll einmal jemand nachweisen, daß ich nicht wirklich der Baron Nogi wäre.«
Gabriele schüttelte erst den Kopf, dann blickte sie zum Himmel empor. Dort oben sah sie vielleicht schon die fürchterlichsten Verwicklungen, die ihrem Manne drohten.
Dann aber, als sie sich ihm wieder zuwandte, sagte sie ganz gelassen: »Wenn du das Unternehmen für angebracht hältst, und wenn du glaubst, daß es dir gelingen wird, so tue es doch! Was brauchst du dazu meine Erlaubnis?«
Der eiserne Nobody wußte dann später nicht mehr, was mit ihm eigentlich vorgegangen war. Er kannte sich selbst nicht mehr. Wie gesagt, er war eben auch nur ein Mensch, und vor ihm saß seine Frau - noch dazu seine junge Frau.
Jetzt tastete er immer an der rechten Seite seiner gelben Pluderhose herum, und da er dort keine Tasche fand, fand er auch sein Taschentuch nicht, und er hätte sich doch so gern einmal die Nase geschneuzt.
»Ja, siehst du ... es ist wegen ... die Sache ist die ... du hast doch schon von der Baronin Nogi gehört?«
Nobody kam es vor, als ob er einen Frosch im Halse sitzen habe.
»Du meinst die Mutter des Barons? Nein, wie soll ich die kennen?«
»Nicht die Mutter, sondern ... sondern ...«
»Seine Frau? Ach so, er ist wohl schon verheiratet?«
»Ja, natürlich ist er schon verheiratet!« platzte Nobody heraus und war froh, daß es ihm endlich gelungen war. »Warum soll er denn nicht verheiratet sein?!« setzte er noch förmlich entrüstet hinzu. »Er ist doch alt genug dazu?!«
Es kam etwas ganz andres, als er erwartet hatte.
»Hat er schon ein Kind?« fragte Gabriele lebhaft,
Es war der erste Gedanke einer jungen Frau gewesen.
»Ei freilich ... ei gewiß ...«
»Einen Jungen?«
»Ei ... einen Jungen ... jawohl, ich glaube, 's ist ein Junge ... und ... und ...«
»Und ein Mädchen?«
»Jawohl, zwei ... zwei ... das heißt, eigentlich sind's zwei ... zwei Dutzend!«
Gott sei Dank, nun war's überstanden!
Gabriele aber machte natürlich große Augen.
»Was? Habe ich dich recht verstanden? Dieser Baron Nogi hätte schon vierundzwanzig Kinder?«
»Jawohl - vierundzwanzig - oder zwei Dutzend - zwei Dutzend oder vierundzwanzig, das ist doch ganz genau dasselbe, nicht wahr? Na, warum soll er sie denn nicht haben? Der hat eben jung angefangen.«
»Aber ich bitte dich, vierundzwanzig Kinder! Dieser Japaner ist doch noch keine dreißig!«
»Nee, das nicht, aber ... aber ...,« jetzt tastete Nobody krampfhaft an der linken Hälfte seiner gelben Seidenhose herum, ohne eine Tasche finden zu können. »Na, du kennst doch die japanischen Verhältnisse, er hat eben neben seiner ersten Frau noch fünf andre, das sind zusammen sechse - von jeder hat er also viere, sechsmal vier ist vierundzwanzig, und ... und ... das ist doch gar nicht zu viel? Meinst du nicht?«
Gabriele antwortete nicht, sie sah ihren Mann nur starr an - lange Zeit.
»Ah so, jetzt beginne ich erst zu verstehn, was du eigentlich willst,« begann sie dann zu flüstern, immer noch mit jenen starren Augen. »Du willst ja diesen Baron Nogi vorstellen, seine Kinder werden dich Vater nennen, seine Frau und seine Kebsweiber werden die deinen sein ...«
Plötzlich erhob sich Gabriele; hoheitsvoll stand sie vor ihm, als sie ihm die Hand hinhielt. »Also dazu willst du meine Erlaubnis haben? Du bedarfst ihrer nicht, denn ich kenne dich. Ich weiß, daß du mich liebst, und ich weiß, daß du ein Mittel finden wirst, um mir treu bleiben zu können.«
Auch Nobody war aufgesprungen, nahm hastig die dargebotene Hand, beugte sich tief darüber, küßte sie und eilte wortlos hinaus.
Als er in seinem Ankleidezimmer das japanische Kostüm mit seinem gewöhnlichen Anzuge vertauschte, wußte er, wie schon gesagt, selbst nicht, was mit ihm passiert war, daß er seiner Frau gegenüber so vollständig die Fassung verloren hatte. »Nur die verfluchte Pluderhose ist schuld daran,« murmelte er, als er diese abriß. »Ein Glück nur, daß die japanischen Offiziere schon europäische Uniformen tragen.«
Als er das Haus verließ, stieß er mit Kapitän Flederwisch zusammen.
»Hallo, Alfred! Hast du schon mit deiner Frau darüber gesprochen?«
»Ueber was?« fragte der Stehngebliebene ganz harmlos.
»Daß du die Rolle des Barons Nogi spielen willst?«
»Ja, ich habe es Gabriele mitgeteilt.«
»Nun, hat sie es dir erlaubt?«
»Erlaubt? Was erlaubt?« stellte sich Nobody ganz erstaunt. »Was hat mir meine Frau zu erlauben?«
»Na, zum Teufel, hast du ihr denn auch gesagt, daß der Japaner eine ganze Menge Frauen und Kinder hat, bei denen du nun den Gatten und den Vater vertreten mußt?«
»Ja, natürlich habe ich ihr das gesagt! Was ist da weiter dabei?«
»Und sie ist so ohne weiteres damit einverstanden?!« rief Flederwisch in ehrlichem Staunen.
Jetzt war es Nobody, der sich hoheitsvoll emporrichtete.
»Wenn du so sprichst, so kennst du meine Gabriele noch lange nicht! Es ist ein herrliches Weib! Ich wußte, daß sie nicht im geringsten an meiner Treue zweifelt, und sie weiß, daß ich der Mann bin, um aus jeder Lage einen Ausweg zu finden, und deshalb durfte ich ihr ganz frei und offen mit drei Worten sagen, was ich beabsichtige, und ich brauchte sie nicht erst um irgend welche Erlaubnis zu bitten, was du Pantoffelheld wahrscheinlich getan hättest. Nur dreier Worte bedurfte ich. - Mahlzeit!«
Ohne ob dieser kolossalen Flunkerei etwas errötet zu sein, drehte sich Nobody stolz um und ging seiner Wege.
»He, Alfred, noch einen Augenblick!«
Nobody blieb noch einmal stehn, Flederwisch war ihm nachgekommen.
»Na, was denn?«
»Wieviel Würmer hat dieser Japaner, die du jetzt deine eignen nennen mußt?«
»Würmer? Ich bitte, von meinen Nachkommen etwas respektvoller zu sprechen. Vorläufig vierundzwanzig.«
»Das sind gerade zwei Dutzend.«
»Dumme Bemerkung!«
»Du, Alfred, ich habe eine große Bitte an dich - - wenn du nun einmal so viele Kinder hast, da kommt es dir auf ein paar mehr doch auch nicht an - - ich habe nämlich drei unerzogene Kinder, kleine Schwarze, die laufen in Afrika nackt mang die Brombeeren herum - die könntest du doch eigentlich adopt ...«
»Alberner Kerl!« sagte Nobody und ließ jenen stehn.
»Und in Hinterindien habe ich auch noch viere!« schrie Flederwisch ihm nach.
Nobody hörte nicht.
»Und in Honolulu habe ich sechse auf den Affenbrotbäumen herumklettern!!«
»Wa - was?! Du hast sechs Kinder auf Honolulu?«
Ach du großer Schreck! Der lange Flederwisch knickte so zusammen, daß die kleine Turandot ihn bequem beim Ohrläppchen nehmen konnte.
»Aber, meine Turandot, das war doch nur ...«
»Und in Hinterindien hast du vier?«
»Aber, mein bestes Turandottel,« jammerte Flederwisch, schon beim Ohrläppchen davongeschleift, immer mit geknickten Knien.
»Und in Afrika laufen von dir drei Kinder nackt mang die Brombeeren herum? Komm mal mit, beichte mal weiter!«
»Aber, mein allerliebstes Turandottelchen ...«
»Schon gut, komm mal mit!«
An die Ausführung des kühnen Unternehmens konnte nicht sofort gedacht werden.
Fast ununterbrochen, von früh bis abends stellte Nobody an den hypnotisierten Japaner Fragen, denn dieser erzählte nicht von selbst, es mußte alles aus ihm herausgeholt werden, und hierbei kam die ganze Kunst des Interviewers zum Vorschein.
Eine Woche hatte Nobody hierzu angesetzt. Wollte man diese Fragen und Antworten aufschreiben, so würden sie dicke Bände, eine ganze Bibliothek füllen, und dann hätte Nobody alles dies auswendig lernen müssen, denn so etwas behielt doch auch das fabelhafteste Gedächtnis nicht.
Was hätte Nobody nicht alles wissen müssen, um wirklich als der zurückgekehrte Baron Nogi auftreten zu können, daß ein Mißtrauen gegen seine Echtheit gar nicht aufkam! Das ist ja überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit. Das geht vielleicht bei einem seit vielen Jahren Verschollenen, der in die Heimat zurückkehrt, aber doch nicht so wie hier in diesem Falle, wo Nogi gleich wieder seine alten Beschäftigungen und Gewohnheiten aufnehmen mußte.
Nur eine Möglichkeit hätte es gegeben: Der bei der Segelregatta Verunglückte stellte sich etwas geistesgestört. Dann hätte er sich nach und nach in die Verhältnisse hineinfinden können. Dann aber wäre ihm alles das entgangen, worauf es ihm hauptsächlich ankam. So z. B. wäre der Baron Nogi doch nicht mehr als geheimer Kurier nach Petersburg geschickt worden, wenn er nur ein einziges Mal das leiseste Zeichen von Geistesgestörtheit verraten hätte.
Aber für unsern Nobody lag ja auch der Hauptreiz darin, sich aus eigner Kraft überall durchzuhelfen. Mitten hineingestürzt und nun los! Hier, ich bin der Baron Nogi, Leutnant bei den Gardedragonern, Adjutant des Generalfeldmarschalls Tikono - melde mich zur Stelle, Exzellenz!
Was brauchte er die Namen seiner vierundzwanzig Kinder zu wissen? Wenn er nur zwei beim Namen rufen konnte, so genügte das schon, die andern erfuhr er nach und nach von selbst.
Aber z. B., ob es dem Gardeleutnant erlaubt war, sich von einer japanischen oder sonstigen Zeitung, über sein Abenteuer bei der Segelregatta interviewen zu lassen, das mußte er wissen! Und so etwas brauchte er sich doch nicht zu notieren. Also alles, was er nicht im Kopfe behalten konnte, brauchte er auch gar nicht erst zu fragen. Er notierte sich einige Adressen, nichts weiter. Er konnte sich doch kein Nachschlagebuch anlegen, das er in Tokio fortwährend zu Rate zog.
Trotzdem nun gedachte er nicht weniger als eine Woche zu gebrauchen, um durch zahllose Fragen nur einigermaßen Einblick in die Verhältnisse zu bekommen, in denen sich Baron Nogi bisher bewegt hatte.
Nicht vergessen darf werden, daß er den Hypnotisierten auch schreiben ließ, was dieser in seinem Zustande genau so konnte wie im Wachsein, und der geniale Detektiv, welcher das Japanische in Wort und Schrift vollkommen beherrschte, malte die Zeichen sofort genau so nach, daß sie von denen seines Doppelgängers gar nicht zu unterscheiden waren.
»In Japan soll doch ein weitverbreitetes Spionagesystem herrschen,« meinte Gabriele einmal bei Gelegenheit.
»Ja, im Spionieren sind die Japaner groß. Die Regierung hat überall ihre Spione, ein zweites System geht vom gelben Drachen aus, und in die Geheimnisse dieses Ungeheuers glaube ich eben als Baron Nogi eindringen zu können.«
»Unterhält Japan auch im Auslande Spione?«
»Ganz gewiß. Man kann annehmen, daß die Hälfte aller jener galanten Jüngelchen, die in unsern Kulturstädten studieren oder als Volontäre Stellung nehmen, von der Regierung besoldete Spione sind.«
»Ich denke immer, wenn Baron Nogi als Spion nach Petersburg geschickt und dort der japanischen Gesandtschaft beigesellt wird, so soll er Spionagedienste verrichten.«
»Das denke ich auch.«
»Wie stellst du dich dazu? Wirst auch du spionieren?«
Nobody hielt lange die Schultern emporgezogen.
»Ich weiß, was du meinst; aber Spionage muß sein und ist durchaus kein unredliches Gewerbe. Ich will dir ganz offen meine Meinung sagen: wenn es einmal zum Kriege zwischen Rußland und Japan kommt, was über kurz oder lang geschehen muß, so stelle ich mich unbedingt auf Seite Japans. Denn diese Insel steht unter englischer Oberhoheit, das muß ich anerkennen, und England wird sich mit Japan verbünden, wenn nicht direkt, dann im geheimen.«
»Weshalb?«
»Weil der Zankapfel zwischen Rußland und Japan Korea ist, und wenn sich Rußland dort festsetzt, so hat England sein Indien verloren. Da ich nun gegenwärtig unter dem Schutze der englischen Flagge stehe, werde ich auch nicht gegen das Interesse Englands handeln. - Dann zweitens: Ich bin geborner Deutscher. Ich bin ein Germane. Der Todfeind des Germanen ist aber nicht der Japaner, nicht der Mongole, sondern der Slave, und der Träger des Slaventums ist der Russe. Der Rassenhaß der Slaven gegen die Germanen wird charakterisiert durch den Nationalhaß der Tschechen gegen die Deutschen. - Also ich sympathisiere, arbeite und fechte niemals für Rußland, sondern für Japan.«
»Es gibt eine Art von Spionage, welche Verrat oder doch Vertrauensbruch ist.«
»Wie weit ich da gehn darf, das überlasse ich meinem Gewissen. Wenn ich die japanische Uniform angezogen habe, so bin ich nicht mehr der Detektiv Nobody, sondern der japanische Leutnant Baron Nogi, und ich habe mich auch genug mit ihm unterhalten, um zu wissen, daß er ein Ehrenmann ist, mag er auch mit chinesischen Piraten unter einer Decke stecken; das hängt alles eng mit seiner glühenden Vaterlandsliebe zusammen, und jedenfalls werde ich stets so handeln, daß Baron Nogi dereinst als braver Offizier und als Ehrenmann in sein Vaterland zurückkehren kann.«
»Ja, aber was soll inzwischen mit ihm geschehen?«
Da waren die beiden wieder bei dem toten Punkt angelangt.
Man konnte es auch von den Hypnotisierten zu hören bekommen. Für sie gab es nur noch eines: den Tod. Sobald sie nur eine Hand frei und in dieser ein Messer hätten, würden sie sich den Leib aufschlitzen, und auch in Ketten würden sie sich an der nächsten Wand den Kopf zerschmettern. Man brauchte ihnen nur eine einzige Minute die Willensfreiheit zu geben.
Man konnte sie ja jahrelang im hypnotischen Schlafe halten. Das geht. Das ist schon gemacht worden. Aber wenn sie dann erwachten, und sie erinnerten sich an alles, so war es immer wieder die alte Geschichte, die Heimat war ihnen verschlossen, nun erst recht, so suchten sie lieber den Tod, oder aber sie erwachten und erinnerten sich an nichts mehr, sie waren Kinder, Tiere, Blödsinnige, und da war der Tod denn doch besser.
»Ich wüßte ein Mittel,« meinte Nobody sinnend, »um die kuriosen Käuze, die ich aber doch hochachte, dem Leben zu erhalten. Man muß sie in eine andre Welt versetzen. Ich denke an eine einsame Insel. Das wäre auch ein höchst interessantes Experiment. Man bringt die Hypnotisierten hin, weckt sie und verschwindet schnell. Sie haben keine Ahnung, wo sie sind. Ich wette zehn gegen eins, daß sie da nicht mehr an Selbstmord denken, sondern an Erhaltung ihres Lebens, wozu natürlich Gelegenheit geboten sein muß. Aber wo solch eine Insel hernehmen?«
»Nun, da gibt es doch im Stillen Ozean eine Unmenge,« entgegnete Gabriele, »wir haben sie doch hier ganz dicht in der Nähe, sie sind bewässert und fruchtbar, etwaige Bewohner werden entfernt ...«
»O nein, das ist nichts,« fiel ihr Nobody ins Wort. »Die sieben japanischen Robinsons würden schnell Mittel und Wege finden, solch eine Insel wieder zu verlassen, und es brauchte ihnen nur zum Bewußtsein zu kommen, daß sie dies können, daß sie die Möglichkeit haben, in die Welt zurückzukehren, so ist auch schon wieder die Selbstmordlust des buddhistischen Japaners da. Nein, ich meine etwas ganz, ganz andres. Ich denke eben an eine für sich abgeschlossene Welt.«
Eine Lösung dieser Frage sollte auf wundersame Weise geschehen.
Trotz seiner Beschäftigung mit Nogi hatte Nobody auch noch für andres Interesse, und vor allen Dingen ließ er sich immer Bericht erstatten, was sein Schützling August Hammer trieb.
Dieser war dem Sekretär Hawsken zugeteilt worden, arbeitete an dessen Seite im Bureau, von dem aus die Inseln verwaltet wurden.
Es war nichts besonders Erfreuliches, was Nobody über seinen Schützling zu hören bekam, wenigstens hatte er sich betreffs des jungen Mannes ganz andre Hoffnungen gemacht.
Wohl war dieser ein überaus fleißiger und ordnungsliebender Arbeiter, aber im übrigen - ein unverbesserlicher Träumer!
Die Arbeitszeit auf der Insel war eine sehr mäßige, doch anstatt nun seine Freizeit dazu zu benutzen, sich das Inselleben zu betrachten und sich mit allem vertraut zu machen, saß August, sobald er abkommen konnte, stundenlang auf einem ins Meer vorspringenden Felsenriff und blickte unverwandt nach dem hohen Schwefelberge. Wenn man ihn einmal brauchte, so wußte man ganz bestimmt, daß man ihn dort fand. Für alles andre hatte er nicht das geringste Interesse. Was gab es an dem nackten Felsenberge zu sehen? Einige Chinesen meißelten unter Anleitung eines Ingenieurs Stufen hinein. Die Arbeit schritt äußerst langsam vor sich, denn es lag in der Natur der Sache, daß auf dem schmalen Wege nur sehr wenige Hände beschäftigt werden konnten; es vermochten ja kaum zwei Menschen nebeneinanderzustehn, die andern mußten nur den Schutt wegräumen.
Schon drei Monate wurde an diesem Gemsenwege gearbeitet, und die Stufen waren kaum 100 Meter hinaufgekommen. Schätzte man die Höhe des Berges auf 1000 Meter, so bedurfte es also einer Arbeitszeit von dreißig Monaten oder zwei und ein halbem Jahr, um das Plateau zu erreichen.
Was tat es? Es war ein Werk für die Ewigkeit. Dann wollte Nobody als erster Mensch, der den jungfräulichen Berg betreten, oben eine Flagge aufpflanzen und vielleicht auch einen Leuchtturm errichten.
Allerdings konnte das Plateau auch in bedeutend kürzerer Zeit erreicht werden, innerhalb weniger Tage. Unersteigbar ist ja keine Felsenwand. Es mußten hohe Leitern angelegt werden, am obern Ende wurden Eisen in die Wand getrieben, sie dienten wieder als neue Stützpunkte der Leiter, und sobald eine Terrasse erreicht war, konnte der darunter liegende Weg mit Leichtigkeit verbessert werden. Freilich wäre es eine furchtbar gefährliche Kletterpartie gewesen, und Nobody hatte so wenig Interesse an dem nackten Felsenplateau, daß er nicht an so etwas dachte.
Was nun hatte der junge Mann beständig die an der Treppe arbeitenden Chinesen zu beobachten? Er war eben ein unverbesserlicher Träumer, und das war das, was der tatkräftige Nobody am allerwenigsten leiden konnte, und das hätte er auch nicht von dem jungen Matrosen erwartet. Irren ist menschlich, und Nobody hatte sich eben geirrt.
Aber es sollte anders kommen.
Es war am vierten Tage, seitdem sich August Hammer auf der Insel befand, als er sich früh am Morgen dem Master melden ließ.
Nobody war gerade mit dem Japaner beschäftigt.
»Ich habe keine Zeit. Was will er?«
»Danach habe ich ihn nicht gefragt,« entgegnete der Diener, welcher sich, falls Nobody einmal etwas brauchte, immer mit in dem Zimmer befand, in welchem der Hypnotisierte vorgenommen wurde.
»Jedenfalls will er die Insel wieder verlassen, er ist der Sache schon überdrüssig geworden. Er soll heute mittag wiederkommen.«
Der Diener ging, kam wieder.
»Herr Hammer läßt sich nicht abweisen. Er sagt, er hätte Ihnen eine wichtige Entdeckung mitzuteilen, die er gemacht habe.«
Nobody stutzte. Das war etwas, was ihm gefiel.
Hammer mußte eintreten.
»Es ist wegen des Schwefelbergs,« begann er. »Da oben kann kein nacktes Felsplateau sein, sondern der Berg ist hohl, bildet ein Tal, und dieses Tal hat Vegetation und ist mit einer Tierwelt belebt.«
Und der junge Matrose begann für seine Behauptungen den Beweis zu führen. Schon mit bloßen Augen hatte er auf dem Berge spezifische Landvögel erkannt, deren Namen er aufführte. Sie flogen nicht von und nach dem Berge, sondern sie waren früh und abends da; dort oben war ihre Heimat. Auch Raubvögel schwebten hoch in der Luft und stießen mit Vehemenz herab, also auf eine erspähte Beute.
»Sie stoßen auf kleinere Vögel.«
»Ich habe einen Adler gesehen, welcher, als er wieder aufstieg, etwas zwischen den Fängen trug. Ich hatte ein Fernrohr bei mir - es war ein vierfüßiges Tier, vielleicht ein Fuchs oder ein Hase.«
Mit immer größern Augen betrachtete Noboby den jungen Mann, welcher so still und bescheiden vor ihm stand und dennoch seine Ansichten auf das bestimmteste zu verfechten wußte.
»Es ist ja möglich, daß auf dem Plateau eine Vegetation entstanden ist. Es ist sogar möglich, daß es dort oben in 1000 Meter Höhe vierfüßige Tiere gibt, wenn es mir auch nicht ganz klar ist, wie die hinaufgekommen sein sollen, wie aber kommen Sie zu der Ansicht, daß der Berg ein Tal enthalten könne?«
»Gestern, am Sonntag, habe ich eine Segelpartie um den ganzen Berg herum gemacht. In der Nacht zuvor hatte es stark geregnet, auch gestern rieselte es den ganzen Tag, und ich habe auf keiner Seite des Berges einen Wassersturz herabkommen sehen. Das Regenwasser fließt nach innen ab.«
Da plötzlich sprang Nobody auf und blickte zur Decke empor.
»Nun sind wir schon drei Monate hier und haben den Schwefelberg tagtäglich vor Augen gehabt,« rief er, »und wir alten, erfahrenen Männer müssen uns erst von diesem Jungen auf das Phänomen aufmerksam machen lassen, daß von dem vermeintlichen Plateau kein Wasser abfließt!!«
»Ich hätte Sie nicht gestört und Ihnen meine Mitteilung erst heute mittag gemacht,« fuhr Hammer fort, »wenn ich nicht gehört hätte, daß noch heute vormittag der Fesselballon geprüft werden soll, und dann geht er doch gleich ab nach der Perleninsel.«
Das war auch wieder etwas, woran selbst Nobody nicht gedacht hatte.
Es war ein Luftballon angeschafft worden, der auf der Perleninsel gefesselt angewendet werden sollte, um die ausgiebigsten Muschelbänke auf dem Meeresgrunde ausfindig zu machen, so daß die Taucher nicht erst lange zu suchen brauchten. Je höher man sich nämlich befindet, desto tiefer kann man in das Wasser hinabblicken. Wenn von Deck eines ankernden Schiffes aus gar nichts vom Grunde zu sehen ist, so braucht man nur auf eine Raa zu steigen, um ganz deutlich den Anker und den ganzen Grund zu erkennen, und je höher man steigt, desto klarer wird alles. Natürlich gibt es dabei eine Grenze, und schlammig darf das Wasser auch nicht sein.
Der Fesselballon war erst gestern hier angekommen, heute sollte er geprüft werden, wozu schon die Vorbereitungen getroffen wurden. Auf den Inseln waren Kohlen gefunden worden; man bereitete sich bereits sein eignes Leuchtgas, und nach der Felsenklippe sollte solches in komprimiertem Zustande mitgenommen werden. Aber daran, den Ballon zu benutzen, um einmal auf den Schwefelberg hinaufzukommen, hatte Nobody wirklich nicht gedacht. Allerdings hatte er bisher auch kein besonderes Interesse dafür gehabt.
»Ja, mein lieber Freund, da sind Sie wohl im Irrtum. Sie kennen die Beschaffenheit eines Fesselballons nicht. 1000 Meter steigt der nicht, höchstens 200. Weiter reicht das Seil nicht.«
»Ohne Fesselleine, meine ich.«
»Ach so, eine freie Fahrt! Ob der Ballon 1000 Meter Höhe erreicht?«
»2000 Meter und noch mehr, und die Fesselleine ist so schwer, daß der Ballon noch stark belastet werden muß, sonst würde die Abfahrt nicht gelingen, der Ballon wäre gar nicht zu halten und würde gleich wie eine Kanonenkugel emporschießen.«
»Woher wissen Sie das?« fragte Nobody überrascht.
»Ich habe mich bei dem Ingenieur erkundigt.«
»Sie haben dem Ingenieur von Ihren Beobachtungen erzählt, wie Sie der Ansicht sind, daß der Schwefelberg ein Tal enthält?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»So etwas tue ich nicht. Ich habe niemandem gesagt, was ich beobachtete und was ich dachte, und als ich meiner Sache ganz sicher war, wollte ich zuerst zu Ihnen gehn. Was brauchen die andern zu wissen, was ich treibe und denke? Wenn Sie es wollen, werden es die andern schon schnell genug zu erfahren bekommen. Ich habe den Ingenieur scheinbar aus Neugierde ausgefragt, wie hoch so ein Ballon steigen kann, wenn kein schweres Tau daranhängt.«
Nobody warf dem Sprechenden einen langen Blick zu, dann sah er zum Fenster hinaus nach dem aufsteigenden Rauch und den über den Schwefelberg streichenden Wolken. »Es ist gerade Südwind, der Ballon würde von dem Berge wegtreiben, und meine Wetterbeobachter erklären, daß dieser Südwind noch einige Wochen anhalten wird.«
»In zwei Stunden haben wir direkten Nordwind,« sagte Hammer.
Ueberrascht blickte Nobody ihn an. »Woher wollen Sie das wissen?«
»Ich sah vorhin Delphine schwimmen, nach Süden, sie änderten ihre Richtung immer mehr, beschrieben förmlich einen Bogen, bis sie ihre Tour direkt nach Norden fortsetzten, und wenn die Delphine das tun, dann springt stets der Wind innerhalb zwei Stunden um.«
»So? Das müßten meine Seeleute doch auch wissen, und die haben mir noch nichts gesagt.«
»Das glaube ich schon.«
»Das glauben Sie schon?«
»Ja, mir hat es doch auch niemand gesagt.«
»Woher haben Sie es denn erfahren?«
»Das habe ich in den drei Jahren, die ich auf See fuhr, immer an den Delphinen beobachtet. Sie schwimmen stets gegen den Wind.«
»Ja, das weiß ich auch. Und wenn sich der Wind dreht, so wenden sie sich ihm eben immer wieder entgegen.«
»Aber sie ändern ihre Richtung schon immer ungefähr zwei Stunden vorher,« beharrte Hammer. »Wie sie wissen können, woher zwei Stunden später der Wind kommen wird, das kann ich freilich auch nicht sagen, das ist wohl Instinkt. Aber 's ist so, ich habe es wohl hundertmal beobachtet.«
»Haben Sie diese Beobachtung Ihrem Kapitän oder sonst jemandem mitgeteilt?«
August zögerte etwas, ehe er Antwort gab. »Nein,« sagte er dann kleinlaut.
»Weshalb nicht?«
»Man hätte mich ausgelacht, und dann braucht man das ja bei der Segelschiffahrt auch gar nicht zu wissen, da richtet man eben die Segel so, wie man es gerade braucht, um den Wind am besten ausnützen zu können.«
»Wenn Sie recht haben,« sagte Nobody mit Nachdruck, und es klang sogar feierlich, »wenn in zwei Stunden der Wind wirklich von Norden kommt, dann sollen Sie ... gehn Sie zu der Ballonstation und sagen Sie den Ingenieuren, sie sollen den Ballon zu einer freien Fahrt fertig machen!«
In des jungen Mannes Augen blitzte es auf, als er zur Tür schritt.
»Halt!«
Jener blieb stehen.
»Wissen Sie, was für einen Beweis ich Ihnen soeben gegeben habe?«
»Ja.«
»Nun?«
»Dadurch, daß Sie den Ballon schon klar zu einer freien Fahrt machen lassen, was sehr viel Arbeit erfordert, zeigen Sie, daß Sie nicht an der Richtigkeit meiner Behauptung zweifeln. Sie schenken mir Vertrauen.«
»Gut gesagt, und so ist es. Jetzt gehn Sie, ich komme sofort nach.«
Der Wind drehte sich wirklich, bis er nach zwei Stunden direkt aus Norden kam und so blieb.
Jetzt erst machte Nobody einem andern Menschen Mitteilung, wie richtig sein Schützling prophezeit hatte, auch von den Beobachtungen, daß sich auf dem Schwefelberg kein Plateau befinden könne, und zwar war es seine Frau, der er zunächst alles erzählte, und Nobody sprach mit triumphierenden Worten.
»Und habe nicht auch ich recht gehabt?« setzte er dann mit womöglich noch größerm Triumph hinzu. »Ich weiß wohl, auch ihr habt euch heimlich belustigt, weil ich in diesem dummen August so Großes erkennen wollte, geradeso wie auch Kapitän Grohmann mich auslachte. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und das bin ich! Dieser so stille Junge ist ein Pfiffkopf, auf den ein Dutzend kluge Schwätzer gehn; was der spricht und tut, das hat alles Hand und Fuß, denn sonst spricht er eben nicht, und das habe ich ihm gleich auf den ersten Blick angesehen. Na, nun sage nichts mehr - auch du hast gedacht, ich hätte mich nur in den Wahn verrannt, in dem Jungen müßte durchaus etwas Großes stecken. Jawohl, ich werde allerdings noch etwas Großes aus ihm machen!« -
Unter Leitung des Mr. Mitchell, Ingenieurs und speziellen Aeronauten, war der große Ballon gefüllt worden und harrte der Befreiung von seinen Fesseln.
Da er dazu bestimmt war, ein 200 Meter langes, sehr starkes Hanfseil zu tragen, welches 18 Zentner wog, so mußte mindestens ebensoviel Sand als Ballast mitgenommen werden. Der Wind würde den Ballon sofort gegen den sich in nächster Nähe erhebenden Schwefelberg treiben, aber das schadete nichts ... Die Luftbewegung war nur schwach, und die Felswände waren so glatt, daß sie der starken Seidenhülle nichts anhaben konnten; auch die Gondel würde jeden Anprall aushalten, gerade weil sie nur aus elastischen Bambusstäben zusammengesetzt war.
Außer Nobody und Mitchell sollte auch August Hammer die Fahrt mitmachen. Obgleich man nur einmal über den Berg hinwegtreiben wollte, wurden für alle Fälle auch Waffen und genügend Proviant und alles sonst Nötige mitgenommen, um selbst eine lange Ballonfahrt aushalten zu können.
Alles war fertig. Der freigelassene Ballon schoß in die Höhe und ging dann in schräger Richtung gegen die Felswand los, sprang wie ein Gummiball ab, dann klatschte die Korbgondel daran, und das wiederholte sich immer wieder.
Es gab tüchtige Püffe, nichts weiter.
Zehn Minuten waren vergangen, man näherte sich dem Ende der Felswand. Zum Glück war der Grat überall abgerundet.
Aufkreischend flogen Möwen und andre Vögel davon, auch bunte Papageien, kehrten aber sofort wieder nach dem Plateau zurück und verschwanden. Wohin, das mußte man in den nächsten Augenblicken erfahren.
Doch der Ballon hatte zu steigen aufgehört, er kam in die Schwebe. Er selbst befand sich schon über dem Grat, die Gondel noch darunter. Da verlor der Ingenieur seinen Hut, er fiel in die Tiefe, und schon die Verminderung um dieses geringe Gewicht veranlaßte ein merkliches Steigen.
Nun bloß nach[noch] ein Säckchen Sand über Bord geschüttet, und der Ballon riß die Gondel in die Höhe! Frei schwebte diese nach Süden über den Berg dahin.
»Sapristi!!« erklang es erstaunt.
Man mußte sich beeilen, um nur einen allgemeinen Ueberblick zu gewinnen. Denn weht auch nur ein schwacher Wind, so legt ein solcher doch noch mindestens 10 Meter in der Sekunde zurück, so schnell segelt dann auch der Ballon; da waren die 4000 Meter, welche man vor sich hatte bis zum andern Ende des Berges, gar rasch durcheilt.
Nicht ein Plateau sah man, auch keine Einsenkung, sondern das Innere des Berges war hohl; er bildete also einen Kessel, welcher von einer natürlichen Mauer umschlossen war, die sich auch nach innen jäh hinabsenkte, nicht einmal Vorsprünge zeigend, noch weniger Terrassen.
So ganz regelmäßig war die Mauer freilich nicht. Die Breite des obern Randes wechselte schon auf dieser Seite vielleicht zwischen 5 und 30 Metern, aber auf der andern Seite schien die Wand durchweg sehr dünn zu sein. Dieser obere Teil der Felsenmauer, der sich aber auch etwas nach innen neigte, so daß alles Regenwasser ebenfalls in das Innere des Berges abstießen mußte, war dicht mit Vogelnestern bedeckt.
Was für ein wundersames Naturspiel war das? War das ein erloschener Krater? Das sah gar nicht so aus.
Man hatte jetzt keine Zeit, solche Fragen zu beantworten, nicht einmal sie aufzustellen, der Blick mußte sich beeilen, und er wanderte hinab in die Tiefe.
Und was bekam das Auge zu sehen? Tief, tief dort unten wucherte eine üppige Vegetation; die hervortretenden Spitzen mußten mächtige Bäume sein, durch grüne Triften schlängelten sich Bäche als silberne Fäden, sie endigten im glänzenden Spiegel eines Sees ...
»Was tun Sie?« schrie der Ingenieur erschrocken.
Nobody hatte die Leine des Ventils gezogen, augenblicklich begann sich der Ballon, der sich gerade in der Mitte des Kessels befand, zu senken.
»Ich will mir die ummauerte Insel dort unten näher ansehen; diese Gelegenheit lasse ich mir doch nicht entgehn,« war die gelassene Antwort.
»Wir kommen nicht wieder heraus, wir sitzen in einer Falle!!«
»Das lassen Sie meine Sorge sein! Bringe ich Sie hinein, so bringe ich Sie auch wieder heraus. Regulieren Sie das Ventil, daß nur eben so viel Gas entweicht, wie zum langsamen Abstieg nötig ist.« Der Ingenieur gehorchte. Leider mußte, da jetzt gerade die Sonne hinter einer Wolke hervortrat und auf den Ballon brannte, etwas mehr ausgelassen werden, als sonst nötig gewesen wäre.
Da hier innerhalb der himmelhohen Mauern eine vollständige Windstille herrschte, senkte sich der Ballon mit der Gondel schnurgerade hinab. Nach physikalischen Gesetzen mußte sich der Fall immer mehr beschleunigen - wenn auch nicht mit dem freien Falle eines Steines vergleichbar - doch schon das Auswerfen einiger Hände voll Sand genügte, um das wieder aufzuheben.
Eine Patrone, welche Nobody über Bord warf, fiel gerade auf eine Waldblöße, nur von wenigen Bäumen bestanden, und da die Gondel genau dieser Richtung folgte, und man das Sinken des Ballons vollständig in seiner Gewalt hatte, so mußte es eine ideale Landung werden, wie ein Luftballon sie nur selten gehabt hat. Die Gondel strich an den Zweigen einer riesenhaften Platane vorbei, welche an Höhe mit einigen Bäumen Kaliforniens und Australiens wetteiferte - Bäume, von denen wir uns gar keine Vorstellung machen können - in den Aesten suchte schnatternd eine Herde Affen das Weite - dann versank die Gondel in einem grünen Grasmeer.
Nur ein ganz sanfter Stoß erfolgte. Mr. Mitchell hatte Zeit gehabt, den Landungsplatz zu mustern und Instruktionen zum Manöver zu erteilen. Auch Nobody ließ sich von dem erfahrenen Aeronauten anstellen.
Sofort, als die Gondel aufstieß, zog Mitchell das Ventil, um noch etwas Gas herauszulassen. Unterdessen waren Nobody und Hammer schon herausgesprungen, jeder eilte mit einer Leine dem nächsten ihm bezeichneten Baume zu, um das Seil daran zu befestigen. Dann folgte ihnen der Ingenieur mit einem dritten.
Aber das war eine schwere Arbeit! Nämlich durch dieses Gras zu kommen. Drei Meter war es mindestens hoch. Dabei waren die Halme gar nicht so stark, nicht etwa wie Rohr, wie das Präriegras, sondern ganz dünn und weich. Trotzdem oder gerade deswegen legte es sich wie Schlingen um die Beine, und die Füße wurden förmlich von einem Grasfilz umstrickt. Doch sie kamen durch; den Standpunkt der Bäume hatten sie sich genau gemerkt; der noch faltenlose, wenn auch schon viel kleiner gewordene Ballon war gefesselt.
Ein Hase war vor Nobody aufgesprungen; ein wildes Huhn hätte er bald totgetreten; ein riesiger, prachtvoller Schmetterling mußte wirklich den Tod durch Nobodys Fuß erleiden. Langgeschwänzte Affen, Opossums, weiße Eichhörnchen und andre Baumtiere schauten aus den Zweigen den Arbeitern zu.
Sie trafen sich an der Gondel wieder.
»Na, was sagst de denn dazu,« fing Nobody mit dem Refrain eines allbekannten Gassenhauers an.
»Man möchte es gar nicht glauben,« meinte der Ingenieur.
Hammer äußerte gar nichts. Es war auch von hier aus nicht viel zu sehen, nicht einmal der nächste Baum. Viel mehr als der riesige Graswuchs mit tropischen Blumen, auf denen sich prachtvolle Schmetterlinge schaukelten, von Käfern aller Art belebt, war nicht zu bewundern. Dann entdeckte man noch oben an den Grashalmen das winzige Nestchen eines Kolibris.
»Wenige Schritte von hier ist ein ziemlich breiter, aber seichter Bach, in dem können wir marschieren,« sagte Mitchell, aus der Gondel ein großes Messer mit schwerer Klinge nehmend, zum Kappen der Taue bestimmt.
»Jawohl, dort drüben an meinem Baume fließt er vorüber,« bestätigte Hammer, »ich habe auch schon viel Fische drin gesehen.«
»Was wollen Sie mit dem Kappmesser?« fragte Nobody.
»Uns einen gangbaren Weg durch das Gras hauen,« entgegnete der Ingenieur; »wir werden es noch oft brauchen; ich sah von oben auch Schlingpflanzen zwischen den Bäumen hängen.«
»Nein,« entschied jedoch Nobody, »es wird kein Weg gebahnt! Was wir niedertreten, richtet sich schnell wieder auf, doch abgeschnittenes Gras bleibt lange sichtbar, und ich will dieser ummauerten Wildnis ihre Jungfräulichkeit lassen. Dagegen werden wir Waffen mitnehmen, wir könnten auch mit Raubtieren zu rechnen haben.«
Sie bewaffneten sich mit Gewehren und Revolvern, und nachdem sie einmal den breiten, aber seichten Bach erreicht hatten, konnten sie in demselben schnell fortkommen, bekamen auch mehr von der Vegetation und Tierwelt zu sehen.
Die drei Männer, welche schon in allen Weltteilen gewesen waren, wurden sich einig, daß sich hier die indische Flora und Fauna mit der australischen vermischte. Besonders die Insekten gehörten Indien an, die sehr zahlreichen weißen Eichhörnchen speziell Java, das Opossum, kleine Känguruhs und andre Beuteltiere hatten ihre Heimat in Australien. Aber auch Amerika und Europa kamen in Betracht. Die überall herumschwärmenden Kolibris, nicht viel größer als Hummeln, wie Diamanten schillernd, sind nur in Amerika zu Hause; nur in Südamerika kommen Affen mit Wickelschwänzen vor. Die Hasen, von denen es hier wimmelte, erinnerten an Europa, desgleichen die im Wasser spielenden Forellen. Dasselbe galt von der Pflanzenwelt. Neben dem australischen Gummibaum stand der indische Baobab mit Brotfrüchten. Um das riesige Farnkraut von Neuseeland schlang sich die Vanille, und am Stamme eines deutschen Apfelbaumes gedieh die westindische Ananas.
Das war aber doch nur dem Anscheine nach der Fall.
Nobody fing einen der blitzschnellen Kolibris mit der Hand, ein Kunststück, welches ihm so leicht keiner nachmacht, und untersuchte das winzige Tierchen, das gleich am Herzschlag verendet war.
»Nein, das ist kein amerikanischer Kolibri,« erklärte er. »Es ist nur ein sehr kleiner und sehr bunter Vogel; er baut sein Nest auch an Grashalmen, aber sonst hat er mit dem amerikanischen Kolibri keine Aehnlichkeit, es ist eine ganz andre Art. Dasselbe gilt von den Affen. Das sind indische Affen, bei denen sich hier nur Klammerschwänze ausgebildet haben, und das sind auch keine nordeuropäischen Hasen, das sind keine Gebirgsforellen, obwohl sie so aussehen. Betrachten Sie sie nur näher! Die haben ja die Augen ganz oben am Kopfe und das Maul weit unten.«
Ebenso war es mit den Pflanzen. Der Apfelbaum glich in den Blättern ganz seinem deutschen Vetter, aber in der Frucht fand man einen Steinkern. Die Ananas enthielt eine milchige Flüssigkeit.
Die Sache war die: diese von einer natürlichen Mauer eingeschlossene Insel besaß in der Tier- und Pflanzenwelt ihre eignen Spezies, die sich im Laufe der Jahrtausende selbständig entwickelt hatten.
Das steht durchaus nicht ohne Seitenstück da. Es gibt vielmehr eine ganze Menge von Inseln, deren jede ein besonderes Insekt, Reptil, Raubtier oder sonst etwas hat, was nirgends anderswo in der Welt zu finden ist, und diese Inseln sind von keiner Mauer abgeschlossen.
Das stärkste Beispiel aber liefern die Gallopagos-Inseln, die Heimat der riesigen Lederschildkröten, die nur hier ihre Eier ablegen. Alexander von Humboldt hat auf diesen Gallopagos-Inseln mehr als hundert neue Arten von Insekten, Muscheln und Vögeln gefunden, welche sonst nirgends auf der Erde anzutreffen sind, nirgends fortkommen!
Wer löst dieses Rätsel? Humboldt hat es nicht vermocht. In ihre tiefsten Geheimnisse, in die der Schöpfung und was damit zusammenhängt, läßt sich die Natur nicht blicken.
Warum gibt es in Irland keine Frösche und Eidechsen? Was für Anstrengungen haben nicht schon Gelehrte und Gartenbesitzer gemacht, wegen der vielen Schnecken die überaus nützliche Kröte in Irland einzubürgern! Schiffsladungsweise hat man sie aus Frankreich importiert! Alles vergeblich! Die Tiere sterben, obgleich das feuchte Irland mit seinem frischen Gras der Existenz dieser Lurchen doch so günstig zu sein scheint - nach menschlichem Ermessen!
Sinnend betrachtete Nobody das tote Vögelchen in seiner Hand, sinnend die mächtigen Farnwedel, die so dünne Stengel hatten, das mit den schlanken Halmen so ungeheuer emporgeschossene Gras, und dann blickte er zum Himmel empor, wo die Wolken von einem stärker gewordenen Winde gejagt wurden, während sich hier unten auch nicht das leiseste Lüftchen regte.
»Wie diese Tiere hierhereingekommen oder wie sie sonst hier entstanden sind, weiß ich nicht,« sagte er, »aber das eine steht fest: nur hier können sie existieren, nirgends anders, und vergebens würde man versuchen, sie lebend von hier fortzubringen! Schon der kleinste Windhauch würde auf sie wie ein tödliches Gas wirken!«
Im übrigen zerbrach sich Nobody nicht weiter den Kopf über die Rätsel der Weltschöpfung. Er nahm alles, wie es war. Etwas andres aber fiel ihm ein.
»Seltsam, ganz seltsam!« murmelte er. »Da mußte Flederwisch auf mein Geheiß den Kokotten in Monte Carlo etwas von einer Insel an der afrikanischen Küste vorphantasieren, von einem Felsenberge, der in seinem Innern ein Paradies berge, von dem kein Mensch etwas wisse - und hier im Stillen Ozean finde ich in Wirklichkeit solch eine Felseninsel. Seltsam!«
Sie wateten weiter in dem Flüßchen, bis sie den kleinen See erreichten. Von Schlangen und Raubtieren hatten sie bisher noch keine Spur bemerkt, aber überall flohen Hasen und hühnerähnliche Laufvögel vor den Herren der Schöpfung.
»Mir kommt es fast vor,« meinte Mr. Mitchell, »als hätten die Tiere doch schon einmal unangenehme Bekanntschaft mit Menschen gemacht, sie sind gar so scheu!«
»Hören Sie,« entgegnete Nobody, »daß im andern Falle die Tiere dem Menschen freudig entgegenspringen, das halte ich für einen faulen Schwindel. Ich habe ein Buch des französischen Afrikareisenden Leblanc gelesen; darin schildert er, wie er in eine Oase gekommen ist, die noch von keinem menschlichen Fuße betreten worden war, und wie da die Gazellen ihm aus der Hand fraßen, die Vögelchen sich ihm gleich auf den Kopf setzten und ihm die Läuse absuchten. Wenn dieser Monsieur Leblanc so etwas erzählt, dann glaube ich fast, daß er überhaupt nicht in Afrika gewesen ist. Ich war auch in Gegenden, von denen ich bestimmt weiß, daß ich der erste Mensch dort gewesen bin, aber alles, was da kreucht und fleugt, riß vor mir wie Schafleder aus. Teufel noch einmal, soll so ein Hase auch nicht erschrecken, wenn solch ein zweibeiniges Ungeheuer anspaziert kommt?«
Da auch der beste Ballon aus der stärksten Seide immer Gas ausläßt, konnte der Aufenthalt auf der Insel nur von kurzer Dauer sein, und Nobody wollte ihn dazu benutzen, zu untersuchen, ob es irgend eine Stelle gebe, wo die Felswand von innen zu ersteigen sei.
Den See mühsam umgehend, fand man einen zweiten Bach, den man aufwärts verfolgte, bis man auch wirklich die steile Felswand erreichte. Aber immer an dieser entlangzugehn, das war wegen der Dichtigkeit der Vegetation, und besonders wegen der Schlingpflanzen, wenn man kein Messer gebrauchen wollte, unmöglich, und da das Terrain neun bis zehn Quadratkilometer umfaßte, so hätte man doch wenigstens einen Tag gebraucht, um sich mit dem Messer einen Weg zu bahnen.
So gaben die Herren ihren Vorsatz vorläufig auf. Sie fanden einen dritten Bach, der ebenfalls einer Felsspalte entsprang, und machten sich auf den Rückweg, zunächst wieder nach dem See.
»Wie ich vom Ballon aus gesehen habe,« sagte der Ingenieur, »befindet sich an der östlichen Seite ein noch viel größerer See.«
»Dort, wo die äußere Felswand so ganz steil ohne Terrassen in das Meer hinabstürzt?« fragte Nobody.
»Ja, er grenzt dicht daran, sein Wasser spült daran, und auf der andern Seite das Meer. Es ist dort so tief, daß es auch für die größten Schiffe fahrbar ist, und gerade dort scheint die Mauer sehr dünn zu sein. Wenn da gesprengt würde, und der Niveauunterschied zwischen See und Meer ist nicht zu groß, was wir mit dem Barometer leicht feststellen können, so ließe sich hier eine unüberwindliche Festung mit sicherm Hafen schaffen.«
»Hm, daran habe ich auch schon gedacht. Aber wozu alles in eine Festung verwandeln und mit Kanonen spicken? Nein, mit diesem ummauerten Paradiese habe ich etwas andres vor. Das ist ja gerade, was ich mir gewünscht habe. Hierher kommen meine sieben Japaner, und diese als Robinsons in ihrer Entwicklung beobachten zu können, das ist auch etwas, was noch nicht dagewesen ist. Brauchen wir aber eine Festung, so kann das noch immer im Handumdrehen ...«
»Mr. Nobody!« rief da Hammer, der etwas vorausgegangen war.
Er hatte das Ufer des Sees schon erreicht; dort stand er, noch im Wasser des Baches, und deutete mit ausgestrecktem Arme auf das Land.
Schnell waren die beiden andern an seiner Seite, und was sie da zu sehen bekamen, das war allerdings dazu angetan, ihre Bestürzung zu erregen.
Das Ufer des Sees war mit kurzem Grase bestanden; an einer Stelle war dieses niedergetreten, und hier lagen viele Muschelschalen, mit Gewalt erbrochen, ferner Gräten und Köpfe von Fischen, und zum Ueberfluß waren in dem weichen Sande dicht am Wasser auch noch große Spuren abgedrückt.
»Ein menschlicher Fuß!!« rief der Ingenieur.
»Und was für mächtige Quadranten hat der Kerl!« setzte Nobody in seiner trocknen Weise hinzu; dann fuhr er fort: »Geht barfuß, hat sehr lange Nägel an den Zehen, ißt Muscheln und Fische roh. Ob er kein Feuer besitzt oder solches überhaupt nicht kennt, ist deshalb noch die Frage.«
Er hob einige Muschelschalen auf und betrachtete sie aufmerksam.
»Die hier scheint er aufgerissen zu haben, aber an diesen beiden hier sind die Spuren von Zähnen zu erkennen. Daraus wäre zu schließen, daß es ein vollkommener Wilder ist, der nicht einmal ein Steinmesser besitzt. Gibt es aber einen solchen Wilden? Nein. Nun, wir werden uns den Burschen gleich näher besehen, die Spur ist noch ganz frisch. Habt ihr Stricke oder Riemen bei euch? Nein? Dann schnallt eure Patronengürtel ab!«
Sofort begann Nobody, das Auge an den Boden geheftet, am Ufer des Sees entlangzugehen, bis er in das Gebüsch drang. Die Nachkommenden konnten die geringe Spur im Grase, welcher Nobody so schnell und sicher folgte, nicht bemerken. Außerdem wußte sich dieser viel geschickter durch die Schlingpflanzen zu winden, als sie, so daß sich der Abstand von seinen Gefährten immer mehr vergrößerte.
Weit sollte er nicht zu gehn brauchen. Er hatte eine kleine Waldblöße erreicht, über welche sein scharfes Auge die Spur im Grase deutlich hinweglaufen sah, und wenn er auch seine Umgebung beobachtete, so war sein Hauptaugenmerk doch auf diese Spur gerichtet, als er plötzlich hinter sich ein heiseres Brüllen vernahm, und ehe er sich umwenden konnte, wurde sein Hals von riesenhaften Fingern umklammert.
Seine Begleiter hatten gesehen, wie sich das furchterregende, haarige Ungeheuer von hinten auf ihren Master geworfen hatte und ihn zu erdrosseln, ihm wohl auch die Zähne in den Hals zu schlagen suchte.
»Ein Gorilla!!« schrie der Ingenieur und sprang mit gezogenem Jagdmesser seinem Herrn zu Hilfe.
Aber Nobody brauchte diese nicht. In dem Augenblick, als er die Finger an seinem Halse fühlte, drehte er, obgleich sein Kopf wie in einen Schraubstock eingespannt war, sich um, packte mit der einen Faust die haarige Kehle des Ungeheuers, die andre Faust führte in dessen Bauch einen furchtbaren Boxer-Hieb, den auch kein Gorilla hätte aushalten können.
Das haarige Ungeheuer, welches den Menschen wohl um Kopflänge überragte, ließ denn auch sofort sein Opfer los, schloß die Augen, stöhnte auf gräßliche Weise und taumelte zurück - da war Nobody schon wieder bei ihm, umschlang ihn, hob ihn aus, schmetterte ihn zu Boden, und zwar so, daß er auf den Bauch zu liegen kam, und als der Ingenieur zur Stelle war, kniete Nobody schon, zwischen seinen Zähnen Lederriemen, auf dem Rücken des Ungetüms und preßte ihm hinten die Arme zusammen.
»Bindet ihm die Füße, ich übernehme die Hände!!«
Das Fesseln war schnell geschehen, so sehr sich die menschliche Bestie auch wand, was aber eher von Magenkrämpfen infolge des Fausthiebes herrühren mochte, denn sie stöhnte und rang nach Atem.
Sobald Nobody mit dem Binden der Hände fertig war, sprang er auf und verfolgte noch einmal die Spur. Denn er hatte diese ja vor sich gehabt, und der Affenmensch war ihm von hinten angesprungen.
Allein bald überzeugte er sich, daß der Wilde hinter der Waldblöße im Gebüsch um diese herumgeschlichen war, um dem Manne, der ihn verfolgte, heimtückisch in den Rücken zu fallen, was ihm freilich schlecht bekommen war.
»Es ist nur der eine,« sagte Nobody, wieder aus dem Gebüsch tretend, »und ich bezweifle sehr, daß es noch ein andres solches Wesen auf der Insel gibt.« Die beiden Zurückgebliebenen waren soeben erst mit dem Fesseln der Füße fertig geworden. Staunend betrachteten sie das Ungeheuer, von dem sie vorläufig allerdings nur den Rücken sehen konnten, und mit keinem geringeren Staunen heftete der Ingenieur dann seine Augen auf den zurückkommenden Nobody.
»Das war ein Meisterstück, wie Sie diese Bestie überwältigten! Jeder andre wäre verloren gewesen.«
»Es ist kein Affe, es ist ein Mensch,« sagte Hammer.
»Ja, und ich halte ihn nicht für einen wirklichen Wilden, sondern für einen verwilderten Menschen. Hierbei ist nämlich ein großer Unterschied. Nun, betrachten wir ihn von der andern Seite!«
Sie rollten ihn herum, daß er auf den Rücken zu liegen kam. Keiner von den dreien hatte bisher das Gesicht sehen können.
Es war ein sehr großer Mann, etwas über zwei Meter groß, hager, aber breitschultrig, sehnig und muskulös. Der ganze Körper war mit rotbraunem Haar bedeckt, mit Ausnahme der obern Partie des Gesichtes, der Knie, der Hände und der Füße. Dieses Körperhaar war nicht allzu lang. Dagegen reichte ihm das Haupthaar fast bis an die Kniekehlen, und von Mund und Wangen wucherte ein rotbrauner Bart bis hinab auf den Leib.
Und das Gesicht selbst? Wohl machte es einen schrecklichen Eindruck, aber das kam daher, daß es jetzt vor Furcht verzerrt war; die blutunterlaufenen Augen rollten in wilder Angst von einem der Männer zum andern. Die gelbbraune, lederartige Haut kam noch dazu; aber sonst waren es menschliche, ganz normale Züge: kein hervortretendes Kinn, was besonders den Tiermenschen charakterisiert, nicht einmal aufgeworfene Lippen, keine abstehenden Ohren.
»Das ist ein Kaukasier, ich erkenne es aus der Schädelbildung,« sagte Nobody, »ich halte ihn sogar den Zügen nach für einen Germanen.«
Er beugte sich über ihn.
»Sprechen Sie deutsch? Speak English? Parlez-vous français? Parla ...«
Er hatte ihm den Kopf streicheln wollen. Da schnappte das Ungeheuer nach Nobodys Hand, wobei ein wahrhaftes Wolfsgebiß zum Vorschein kam.
»Das Luder beißt,« sagte Nobody, nahm noch einen Lederriemen und schlang ihn dem Wilden um Kinn und Kopf, daß er den Mund nicht mehr öffnen konnte.
»Nachdem wir hier schon Wunder genug zu schauen bekommen haben,« nahm der Ingenieur das Wort, »ist da die Annahme zu kühn, daß wir es hier mit einem menschenähnlichen Wesen zu tun haben, welches die von aller Welt abgeschlossene Insel ebenfalls selbständig erzeugt hat?«
»Nein, das will mir nicht recht in den Kopf,« entgegnete Nobody. »So ganz unmöglich wäre es ja nicht, aber dann, dem werden Sie doch beistimmen, müßte es auch noch andre solche Geschöpfe hier geben, vor allen Dingen auch weibliche. Geboren worden muß der Kerl doch sein. Nein, das ist ein Mensch, der sich hierherein verirrt und den Ausweg nicht wieder gefunden hat, sich nicht zu helfen wußte und so nach und nach zum Tiere herabgesunken ist. Solche verwilderte Menschen sind oft gefunden worden, besonders in den großen Wäldern Amerikas und Sibiriens, und immer war ihr Körper mit dichten Haaren bedeckt. Die Natur gibt ihnen als Ersatz für die verlorne Kleidung einen Pelz.«
»Ja, wie soll er aber hierhergekommen sein?« meinte der Ingenieur.
»Das weiß ich vorläufig auch noch nicht.«
»Sollte es ein Loch in der Felswand geben, durch das man kriechen kann?«
»Das wäre mir sehr fatal, und das bezweifle ich auch.«
»Dann hätte dieser Mann, der doch sicher schon jahrelang hier haust, den Ausgang doch auch wieder gefunden.«
»Das denke ich ebenfalls,« entgegnete Nobody, der aber sonst seinen eignen Gedanken nachzuhängen schien.
»Oder sollte es möglich sein, außen an der Felswand emporzuklettern?«
»Nein, das ist ganz und gar ausgeschlossen, daraufhin habe ich diese selbst schon zu genau untersucht.«
»Ja, wie soll er aber sonst über die himmelhohe Mauer gekommen sein?«
»Das ist das erste Rätsel, welches es jetzt zu lösen gilt, und mir auch ganz unerklärlich.«
August Hammer hatte dieser Unterhaltung still zugehört. »Ich wüßte wohl, wie er über die Felswand kommen konnte,« ließ er sich plötzlich vernehmen.
Lebhaft wandte Nobody sich ihm zu.
»Nun?«
»Was heißt, ich meine nur, so ganz unmöglich ist es doch nicht.«
»Sprechen Sie nur Ihre Ansicht aus! Wie konnte er hierhereingelangen?«
»Einfach geradeso wie wir - mit einem Luftballon!«
Der Ingenieur brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Dieser nackte Wilde - in einem Luftballon - hahaha!«
»Na na, was gibt es denn da zu lachen?« sagte aber Nobody sehr ernst. »Lächerlich ist vielmehr, daß wir es für eine Unmöglichkeit halten, über die Felswand zu kommen, da wir uns doch selbst hier befinden, und warum sollte es denn so ganz ausgeschlossen sein, daß auch dieser Mann einst einen Luftballon benützt hat? Er wird ein gebildeter Mensch gewesen sein, ich glaube es sogar ganz bestimmt. Auch er hat, wie dieser junge Mann hier, an dem Schwefelberge merkwürdige Beobachtungen gemacht, ist auf die Vermutung gekommen, daß hier oben kein flaches Plateau sein könne; sein Wissensdurst hat ihn einen Luftballon besteigen lassen, er gelangte in dieses Tal, aber nicht wieder heraus, der erschöpfte Ballon trug ihn nicht mehr. Warum soll das nicht möglich sein? Merkwürdig freilich wäre der Zufall, wenn wir Luftschiffer hier einen Kameraden getroffen haben sollten. - Mr. Mitchell, bleiben Sie hier, bewachen Sie den Gefangenen! Ich werde die rückwärtsführende Spur des Mannes verfolgen, vielleicht finde ich noch etwas, woraus ich Schlüsse über ihn ziehen kann. Hammer begleitet mich.«
Nobody hatte darauf gehalten, daß die Umgebung des Platzes, auf welchem man die Ueberreste der Mahlzeit gefunden hatte, nicht zertreten worden war. Jetzt untersuchte er diesen und hatte im Grase bald die Fährte gefunden, welche der Affenmensch zurückgelassen hatte, als er zuerst hierhergekommen war.
Von dem jungen Matrosen begleitet, welcher freilich in dem kurzen Grase nichts von einer Spur zu unterscheiden vermochte, verfolgte Nobody diese.
Sie führte erst in das Dickicht, dann wieder an den See zurück, und um diesen herum, wo man den Fußabdruck im weichen Sande wahrnehmen konnte.
Es kam vor, daß manchmal mehrere Spuren nebeneinanderherliefen oder sich kreuzten, aber Nobody vergewisserte sich, daß sie immer nur von ein und demselben Manne herrührten, was besonders im Schlamm sehr leicht zu konstatieren war, weil jenem Affenmenschen der Nagel der linken großen Zehe halb abgerissen war und dies bei jeder Spur immer wieder zum Vorschein kam.
Nach etwa einer Stunde dachte Nobody an die Rückkehr. Er war überzeugt, daß sich auf der Insel nur dieser einzige Mensch befand. Derselbe kannte kein Feuer, nährte sich von Muscheln und Fischen, fing auch Hasen und Vögel, jedenfalls nur im Sprunge mit den Händen; das Fleisch verzehrte er roh, riß es aus dem Balge heraus. Hiervon hatte Nobody Spuren gefunden, und ferner, was ihm sehr wichtig war, ein Nachtlager auf ebner Erde. Größere Raubtiere konnte es hier also nicht geben, jedenfalls auch keine Schlangen, sonst hätte der Affenmensch für die Nacht ganz sicher einen Baum erstiegen.
»Hier liegt ein flaches Stück Holz, Master!« rief da der etwas zurückgebliebene Matrose.
Nobody kehrte um, sah jenen mit ausgestreckter Hand dastehn, gewahrte auch schon das längliche, flache, viereckige Holz; aber Hammer stand davon noch etwa fünf Schritte entfernt und deutete nur darauf, wodurch er in Anbetracht seiner Bemerkung einen etwas dämlichen Eindruck machte.
Da lag eine Frage sehr nahe. »Warum heben Sie das Holz nicht auf?«
In dieser Frage fehlte ein Wort, das Wörtchen >denn<, welches wohl schwerlich jemand vergessen hätte.
»Ich wollte es nicht anrühren, Sie könnten doch etwas Besondres daran bemerken, vielleicht nur, wie es liegt, was mir entgeht.«
Nobody warf dem Sprecher schweigend einen seiner langen Blicke zu. Dann ging er langsam auf das Holz zu, den Boden und seine Umgebung musternd, sogar nach oben blickend, wo sich die Zweige der Bäume über ihm wölbten, und hob es auf. Das Stück Holz glich einem kurzen, dicken Lineal, in der Mitte lief der Länge nach eine Rille, die in einem Loche endete. Ferner bemerkte Nobody zu beiden Seiten der Rille vertiefte Striche.
»Ein Thermometer. Oder doch das Brett eines Thermometers. Was für ein System? Fahrenheit. Das läßt auf einen Engländer oder Amerikaner schließen.«
Als er die andre Seite betrachtete, fand er zwei Buchstaben eingeschnitten: R. S. »Und was für Holz ist das? Das ist ja ...« Erst hatte er es mit dem Fingernagel ritzen wollen, und als das nicht ging, probierte er es mit dem Taschenmesser; aber auch das konnte kaum eindringen.
»Das ist eisenhartes Teakholz. Demnach ist der Mann wirklich ein wissenschaftlicher Forscher. Denn dieses Holz, welches sich weder in Hitze noch Kälte wirft, wird nur für die feinsten Instrumente verwendet, diese werden aber dadurch sehr teuer, weil es sich so außerordentlich schwer bearbeiten läßt. - Doch halt, wir wollen nicht voreilig sein! Jener verwilderte Mensch könnte auch nur der Begleiter, der Diener des Mannes gewesen sein, der dieses Thermometer einst benutzte. Nun, auf dieser ummauerten Insel kann ja nichts verloren gehn, was nicht verwest; von einem hier Verstorbenen müßten wir wenigstens das Skelett finden.«
Dies war auch der Grund, warum Nobody jetzt jede weitere Untersuchung aufgeben wollte. Auf dieser Insel konnte ihnen ja nichts entgehn, und es war Zeit, an die Rückfahrt mit dem Ballon zu denken.
Der Affenmensch sollte gleich mitgenommen werden.
Nobody teilte dem Ingenieur mit, was er gefunden hatte, dann wollte man den behaarten Mann nach dem Ballon tragen. Als er sich wehrte, was auch den drei Männern kaum möglich machte, ihn aufzuheben, wurde ein junger Baumstamm gefällt, wobei das Kappmesser sehr zustatten kam, der Gefangene daran gebunden, dann nahm Nobody das eine Ende über die Schulter, vorn trugen die beiden andern, und so wurde in dem seichten Bache zurückgewatet.
Noch eine Biegung, und der Ballon mußte ihnen zu Gesicht kommen. Das war auch der Fall, aber ...
»Der Ballon läßt Gas aus!!« rief der Ingenieur erschrocken.
Noch stand die ovale Hülle aufrecht, noch war keine Falte zu bemerken, aber sie hatte doch ganz bedeutend an Umfang abgenommen.
Der Ballon hatte noch keine Prüfung bestanden; diese Fahrt hierher war sie gewesen, und die Seidenhülle erwies sich als nicht ganz dicht. Denn wenn auch stets etwas Gas entweicht - schon nach zwei Stunden darf eine solche Abnahme des Gases nicht bemerkbar sein. Trotzdem glaubte der Aeronaut, wie er versicherte, daß man noch über die tausend Meter hohe Felsenwand gelangen könne, selbst unter Mitnahme des sehr schweren Affenmenschen. Natürlich mußte dementsprechend Ballast zurückgelassen werden.
Allein Mr. Mitchell schien beim Anblick des schwindsüchtigen Ballons und bei Erwägung der Aussicht, hier unter Umständen eingekerkert zu sein, etwas den Kopf verloren zu haben. Als wissenschaftlich ausgebildeter Aeronaut hätte er nicht nur >glauben< dürfen, sondern gleich eine sichere Berechnung über die noch vorhandene Tragkraft des Ballons anstellen müssen, was er aber nicht tat.
Hals über Kopf wurde der Affenmensch in die Gondel geworfen, die drei Männer sprangen nach und begannen einen Sandsack nach dem andern auszuladen. Jeder wog 25 Pfund, 70 hatte man mitgenommen gehabt, 67 waren noch vorhanden. Der Sandsäcke wurden immer weniger, doch weder Gondel noch Ballon wollte sich rühren.
»Hören Sie, Mr. Mitchell,« meinte Nobody, »wenn der Ballon auch ohne Sand nicht in die Höhe geht, dann wollen wir den schönen Sand doch lieber gleich in der Gondel lassen.«
»Er muß, er muß,« versicherte der Ingenieur, dem der Schweiß von der Stirne perlte. »So weit erschöpft ist der Ballon noch lange nicht, daß er nicht vier Menschen tragen kann. Das sind wenigstens noch zehn Zentner Ballast.«
»Na, wenn er muß, dann mal weiter!«
Endlich, es waren nur noch 18 Säcke in der Gondel, begann diese leicht zu schaukeln. Von einem Erheben aber war noch gar keine Rede.
Unterdessen hatte der Ingenieur seine Ruhe wiedergefunden; er ließ die Arbeit einstellen, er wollte die Tragkraft des Luftschiffes berechnen. Er maß den Umfang des Ballons, wobei er auch hinaufklettern mußte. Dann, als er in seinem Notizbuch gerechnet hatte, machte er ein sehr besorgtes Gesicht.
»Es ist keine Möglichkeit vorhanden, daß wir über die Felsenwand kommen.«
»Nette Geschichte das!« meinte Nobody. »Wenn wir nun diesen schweren Kerl zurücklassen?«
»Den habe ich gar nicht mitgerechnet.«
»Wieviel trägt denn der Ballon noch?«
»Mit fünf Zentnern würde er gut aufsteigen. Aber jetzt steht die Tragfähigkeit zur Abnahme des Gases in einem ganz andern Verhältnis als vorher, drei Zentner müssen wenigstens nach und nach abgegeben werden, um zwei Zentner in 1000 Meter Höhe zu bringen.«
»Aha, ich verstehe. Wenn aller Ballast heraus ist, können wir drei aufsteigen, können sogar den Kerl dort mitnehmen.«
»Jawohl. Aber Sie würden nicht weit kommen.«
»Sie nicht, wohl aber ich.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ganz einfach: ich nehme Sie, Herrn Hammer und den dort als Ballast mit, werfe nach Bedarf einen nach dem andern über Bord. Würde ich dann über die Felswand kommen?«
»Ja, dann allerdings,« lachte der Ingenieur, aber sein Lachen kam nicht recht vom Herzen.
»Na, dann nehme ich anstatt Menschen eben Sand als Ballast mit.«
»Was wird aber aus uns?«
»Sie bleiben einfach hier. Ja, das hilft doch nichts. Nur einer kann wieder heraus, und ich erlaube mir, hierzu mich selbst vorzuschlagen. Ich habe auch die meiste Berechtigung dazu. Ich muß unbedingt heraus. Ich muß mich als Baron Nogi dem Mikado zur Stelle melden. Mein Urlaub ist abgelaufen. Ich muß als geheimer Kurier nach Petersburg. Auf mich warten sechs Frauen. Ich habe vierundzwanzig hungrige Kinder zu Hause. Nur ich bin derjenige, welcher!«
Nobody hatte dies in einer Weise gesagt, daß auch der sonst so stille Hammer in ein schallendes Gelächter ausbrach. Nur der Ingenieur stimmte nicht in dieses ein.
»Na,« lachte auch Nobody, als er Mitchell auf die Schulter klopfte, »machen Sie mal nicht so ein trübseliges Gesicht. Daß ich Sie hier nicht in der Mausefalle sitzen lasse, können Sie sich wohl denken, und drei Jahre, bis die Chinesen mit der Steintreppe fertig sind, brauchen Sie auch nicht zu warten. Wenn Sie innerhalb von drei Tagen nicht wieder heraus sind, dann ... will ich diesen Luftballon, aber knallvoll, als Pille verschlucken. Unterdessen können Sie hier wie im Schlaraffenland leben; es wächst Ihnen ja alles in den Mund, die gebratenen Hasen laufen herum, und Decken haben Sie auch, um sich ein Nachtlager zu bereiten. - Also vorwärts!«
Die Vorbereitungen wurden getroffen, daß Nobody allein abfuhr, und bald sollte es sich zeigen, wie gut es gewesen, daß nicht der Ingenieur allein in die Höhe gestiegen war, um Hilfe zu holen. Denn der wäre trotz aller seiner aeronautischen Weisheit nicht über die Felswand gekommen, und dann wäre es ein für allemal zu spät gewesen, sich durch eigne Kraft zu befreien.
»Der Affenmensch wird gut gepflegt, bleibt aber gebunden und wird immer von einer Person bewacht,« war Nobodys letzte Anordnung. »Fertig?«
Die Taue wurden gekappt; mit 14 Sandsäcken ging der Ballon in die Höhe.
Jetzt lagen aber, wie schon gesagt, ganz andre Verhältnisse vor als bei der Abfahrt.
Um nur die Hälfte des Weges zurückzulegen, hatte Nobody schon 7 seiner Sandsäcke opfern müssen. Da aber der Ballon augenblicklich noch immer stieg, glaubte er beim Auswerfen des letzten Sackes die Felswand bequem überfliegen zu können, denn das mußte geschehen, sobald Ballon und Gondel über den Rand des Plateaus hinauskamen, wo sie von dem frisch wehenden Winde erfaßt wurden. Aber das sollte nicht gelingen. Das ahnte Nobody schon, als er nur noch einen einzigen Sack Ballast zur Verfügung hatte.
Der Ballon war, wenigstens noch 10 Meter unterhalb der Windzone, und 25 Pfund wollten jetzt gar nicht mehr viel bedeuten. Wohl schnellte der Ballon etwas empor, sank aber ebenso schnell immer wieder hinab. Ob nun Nobody diesen Sack hinauswarf oder andre schwere Gegenstände, die sich noch in der Gondel befanden, wie z. B. ein Taubündel, das war gleichgültig. Jetzt war alles Ballast. Nobody hob Sack und Taurolle auf den Rand der Gondel, stürzte sie gleichzeitig hinab - hoch flog der Ballon, berührte schon mit seinem obern Rande die fast greifbar deutliche Windzone - - da sank er wieder.
Ein kleines Faß mit Wasser folgte nach, ein Gewehr ... beides hatte kaum einen sichtbaren Erfolg. Jetzt merkte der schlaffgewordene Ballon es eben nicht mehr, wenn nur ein Hut davonflog, jetzt kamen schon Zentner in Betracht.
In der Gondel war nichts mehr, nur noch der Luftschiffer selbst, und stetig sank der Ballon. Da zog Nobody seinen Nickfänger aus der Tasche, klappte ihn auf, nahm ihn zwischen die Zähne, sprang in das Netzwerk, hing sich in die Knie, verstrickte sich mit den Füßen, und so, den Kopf nach unten, durchschnitt er sämtliche Stricke, welche die Gondel hielten - und wie diese in die Tiefe stürzte, so sauste der Ballon hoch in die Luft.
Noch im Kniehang schwebte Nobody über den schmalen Felsgrat und erblickte 1000 Meter unter sich den Meeresspiegel. Dann richtete er sich auf, setzte sich in den Stricken zurecht und ließ noch etwas Gas aus.
In schräger Richtung ging es hinab, und wenige Minuten später schaukelte der erschöpfte Ballon wie eine riesige Schwimmblase auf den Wogen des Stillen Ozeans. Nobody hatte kurz vorher, um nicht unter dem Ballon im Strickwerk verwickelt zu werden, einen Kopfsprung gemacht.
Als er wieder auftauchte und seinen Blick dem Schwefelberge zuwandte, sah er hinter diesem eine Rauchwolke vorkommen.
Seine Hoffnung sollte nicht getäuscht werden. Auf der Insel war der Schwefelberg nicht aus den Augen gelassen worden; man hatte den Abstieg des kühnen Luftschiffers und Trapezkünstlers beobachtet, und sofort ging ein kleiner Dampfer ab, um ihn und den Ballon aufzufischen.
3. Feuerproben
»Boot ahoi!!«
Der Schiffsjunge hatte es im unsichern Scheine der Morgendämmerung zuerst bemerkt, und dann bekam er für seine Aufmerksamkeit von einem Matrosen noch eine Ohrfeige, weil man auf diese Weise ein Boot wohl anruft, aber nicht meldet.
»Und 's ist ja gar kein Boot, 's ist nur ein Floß.«
Auf der Kommandobrücke des englischen Dampfers >Stag< standen der Kapitän und der zweite Steuermann. Jetzt hatten auch diese das fragliche Fahrzeug erspäht; sie richteten die Fernrohre darauf.
»Es ist ein Floß,« sagte der Steuermann.
»Soll der Teufel das Floß holen!« knurrte der Kapitän.
»Nur aus zwei Baumstämmen zusammengebunden.«
»Soll der Teufel die beiden Baumstämme holen!«
»Es ist ein Notsegel errichtet.«
»Soll der Teufel das Notsegel holen!«
»Der Mann winkt.«
»Soll ihn der Teufel frikassieren!«
»Ich glaube, es ist ein Chinese, er trägt solch eine Kleidung.«
Jetzt machte der liebenswürdige Kapitän seinem Aerger in fürchterlichen Flüchen Luft. Wenn es ein Schiffbrüchiger war, warum hatte ihn das Meer nicht gleich verschlungen? Warum mußte der gottverfluchte Halunke auch gerade den >Stag< in Sicht bekommen? Der Kapitän war nämlich mit Dividenden an der Fahrt beteiligt, und die Zeitversäumnis, die er wegen dieses verdammten Kerls hatte, fühlte er in seiner eignen Tasche. Ja, wenn es wenigstens ein zahlungsfähiger Mensch gewesen wäre! Aber ein elender Chinese, ein Kuli ...
Die edle Nächstenliebe und der aufopfernde Todesmut der Seeleute, wenn es gilt, in Seenot Befindliche zu retten, werden eben oft nur von den eisernen Seegesetzen diktiert.
Nach einer kurzen Beratung hielt man es für besser, d. h. für eine Ersparnis an Zeit und Kohlen, direkt hinzufahren und den Mann an Bord zu nehmen, anstatt erst ein Boot auszusetzen und das Floß heranzubugsieren.
Der Signalapparat klingelte, Ruderkommandos - der Dampfer drehte bei, beschrieb einen Bogen und bald lag das Floß längsseit.
Ueber dasselbe ist nicht viel zu sagen. Es bestand aus zwei ungleich langen, roh behauenen Baumstämmen, mit Stricken zusammengebunden, in der Mitte war eine kurze Stange errichtet und an dieser aus einem bunten Seidentuche ein Notsegel angebracht, welches den leichten Wind ausnützen sollte.
Der Steuermann, welcher das Manöver des Anlegens leitete, sah aber auch noch andres. Ihm fielen schon die Knoten auf, und es ist gar nicht so leicht, eine Stange nur mit Stricken zwischen zwei Balken so festzubinden, daß sie aufrecht steht und imstande ist, ein vom Wind geblähtes Segel zu tragen.
»Wenn er das selber gemacht hat, so ist das ein Seemann, und zwar ein fixer. Ja, das ist aber auch kein Chinese, sondern ein Japaner!«
Der seefahrende Engländer unterscheidet seit alters zwischen einem Chinesen und einem Japaner wie wir etwa zwischen einem faulen, lügnerischen Polen und einem fleißigen biedern Pommern. Ein chinesischer Matrose ist ganz undenkbar. Japanische Seeleute aber werden immer mehr gesucht, der Japaner ist sogar das Ideal eines Matrosen. Man muß ihn freilich zu behandeln verstehn.
»Könnt Ihr allein heraufklettern?« rief der Steuermann hinab.
»Warum nicht?« erklang es von unten. Der Mann erfaßte das ihm zugeworfene Tau und schwang sich gewandt an Deck.
Wir brauchen ihn nicht näher zu beschreiben, wollen nur noch angeben, daß sein japanisches Kostüm sehr mitgenommen war.
»Volldampf voraus!« kommandierte der Kapitän auf der Brücke; der Dampfer setzte sich wieder in Bewegung und ließ das improvisierte Floß hinter sich auf dem Wasser zurück.
Lange würde es nicht mehr auf den Wellen schaukeln. Die Rettung des Passagiers hätte nicht mehr lange auf sich warten lassen dürfen.
Noch war die See ziemlich glatt, aber am Horizont ballten sich Wolken zusammen, immer stärker wurde der Wind, und einem nur einigermaßen bewegten Seegange hätte das zusammengebundene Floß nicht standgehalten.
»Was ist Euch passiert?« fragte der Steuermann den Japaner, der schon bewiesen hatte, daß er Englisch verstand.
»Schiffbruch,« war die lakonische Antwort. »Was für ein Dampfer ist das?«
»Der englische >Stag<, Kapitän Marrow. Was war's für ein Schiff, mit dem Ihr untergingt?«
»Eine Segeljacht. Wohin geht ihr?«
»Nach Tokio.«
»Das ist gut.«
»Der Kapitän winkt. Geht auf die Brücke!«
Der Japaner folgte der Aufforderung.
Der Kapitän empfing ihn als unnahbarer Kommandant seines Schiffes. Aber Marrow war gar kein solcher Grobian, wie man aus seinen ersten Aeußerungen hätte schließen müssen, denn es wirkte auf ihn schon versöhnend, in dem Schiffbrüchigen - oder in dem >Aufgepickten<, wie der Seemannsausdruck lautet - keinen in aller Welt verachteten Chinesen, sondern einen Japaner zu erkennen, und schließlich sah er auf den ersten Blick, daß er keinen gewöhnlichen Mann vor sich haben konnte. Trotzdem aber war er jetzt der unumschränkte Monarch.
»Wer sind Sie?«
»Baron Nogi, Gardeleutnant in der japanischen Armee.«
Vor allen Dingen war der Kapitän froh, daß er einen zahlungsfähigen Passagier bekommen hatte, wenn er sich das auch nicht anmerken ließ.
»Haben Sie Schiffbruch erlitten?«
Der Japaner erzählte. Er hatte mit Freunden, fast lauter Offizieren, eine weite Partie auf einer Segeljacht gemacht, sie waren von einem Unwetter überrascht worden, waren gescheitert. Nogi hatte sich auf ein Felsenriff gerettet, auf dem er neun Tage verbrachte. Er bekam wohl einige Schiffe in Sicht, konnte sich ihnen aber nicht bemerkbar machen.
Am neunten Tage, gestern früh, waren zwei Balken an das Riff getrieben, auch ein Mast mit Tauwerk, also die Planken eines untergegangenen Schiffes.
Nogi hatte die beiden Ballen zusammengebunden und ein Notsegel errichtet; gestern nachmittag hatte er die Felsenklippe verlassen und war die ganze Nacht umhergetrieben. Heute bei Tagesanbruch sichtete er den Dampfer, wurde bemerkt und aufgenommen.
»Sind Sie der einzige Gerettete?«
»Ich war allein auf der Klippe.«
»Sie haben nichts wieder von Ihren Gefährten gesehen?«
»Nein.«
»Wieviele waren an Bord?«
»Die Gesellschaft bestand aus fünfzehn Herren, die Mannschaft aus acht Matrosen.«
»Und die Herren waren meistens japanische Offiziere?«
»Ja. Unter ihnen befand sich auch der Prinz Manimuri, der Neffe des Mikado.«
»Glauben Sie, daß niemand weiter gerettet ist?«
»Ich fürchte nein. Es war, so weit das Auge reichte, die einzige Klippe, auf welche mich die Götter warfen.«
Kapitän Marrow befuhr ständig diese Gewässer, er kannte die Japaner, und daher wunderte er sich nicht, daß dieser hier dies so gleichmütig sagte, daß in dem edlen Antlitz keine Muskel zuckte. Es war eben ein Japaner, dessen erste Tugend die teilnahmlose Selbstbeherrschung ist.
»Das ist allerdings fürchterlich. Sie sind nicht besonders erschöpft.«
»Auf der Klippe nisteten viele Seevögel, ihre Eier dienten mir als Speise und Trank zugleich, ich nahm auch als Proviant welche mit.«
»Das war Ihr Glück. Sie scheinen doch auch praktische seemännische Kenntnisse zu besitzen, das bewies mir Ihr Floß.«
»Ich bin zwischen Inseln geboren worden und habe mich im Jachtsport ausgebildet.«
»Sie begeben sich in Ihre Heimat zurück und werden das Unglück melden?«
»Selbstverständlich! Ich vernahm schon von jenem Herrn, welcher wohl ein Offizier ist, daß Ihr Dampfer nach Tokio geht.«
»So ist es. Herr, ich möchte freilich nicht an Ihrer Stelle sein. - Nun, ich denke, Sie haben nicht nötig, für die Passage zu arbeiten!«
Es war ein zarter Wink mit dem Zaunspfahle - eigentlich war es, da sich der Japaner nicht nur als Edelmann, sondern sogar als Armeeoffizier vorgestellt hatte, sogar eine Beleidigung, aber dem englischen Kapitän war das gleichgültig, und der Japaner blieb regungslos.
»Augenblicklich bin ich mittellos. Da wir selbst die Segel bedienten, hatte ich Uhr und Fingerringe abgelegt, sie ruhen auf dem Meeresgrunde; aber in Tokio werde ich Ihren Forderungen sofort nachkommen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
»Schön! Nun, mein Dampfer ist auch zur Mitnahme einiger Kajütenpassagiere eingerichtet. Bitte, der Steward steht zu Ihrer Verfügung!«
Baron Nogi war vom Allmächtigen entlassen. Er begab sich wieder die Treppe hinab, um den Steward aufzusuchen.
Auf der Kommandobrücke hatte ein Matrose Messing geputzt und war kurz vor dem Japaner hinabgegangen.
Natürlich wurde er von seinen Kameraden sofort ausgefragt, wer der schiffbrüchige Japaner sei, was er sonst dort oben zu hören bekommen habe.
Baron Nogi schritt eben dem Kajüteneingange zu, der ganz hinten an Deck gelegen war, da plötzlich hörte er etwas, was auf ihn wie ein Blitz aus heiterm Himmel wirken mußte.
Sein Weg führte ihn an zwei Matrosen vorüber, welche an der Bordwand standen.
»Das ist ja der Nobody!« sagte der eine.
»Wahrhaftig, der Nobody!!« rief der andre, sprang nach hinten zu dem Kajüteneingange und steckte den Kopf zur Tür hinein.
»He, Mister - Mister Dingsda!« schrie er. »Kommen Sie schnell rauf, der Nobody ist da!«
Des jungen Japaners Fuß stockte nicht, keine Muskel zuckte in dem gelben Antlitz. Nur sein Auge wanderte durchbohrend von einem der beiden Matrosen zum andern. »Es sind beides englische Matrosen. Ich kenne sie nicht, sie sind mir nie begegnet. Woher haben die mich erkannt? Hat sich mein Gesicht verändert? Trage ich nicht mehr die Maske eines echten Japaners? Hat mich meine Kunst verlassen? - Nein, hier muß irgend ein Rätsel, ein Zufall vorliegen.« Das waren die Gedanken, welche blitzschnell durch den Kopf des Japaners jagten, von dem der Leser weiß, wer es in Wirklichkeit ist.
Noch hatte er den Kajüteneingang nicht erreicht, als aus diesem eine Gestalt hervorgeschossen kam, und vor dem Japaner stand ein kleiner, sehr dicker Kerl mit Bartkoteletten, nur im Hemd, auf dem Kopfe eine Zipfelmütze, an den Füßen Pantoffeln und machte sein respektables Maul so weit als möglich auf.
»Ach, mein lieber Nobody, endlich habe ich Sie wiedergefunden! Sehen Sie, ich kann's schon!«
Und jubb! Die Pantoffeln sausten durch die Luft; der kleine, dicke Mann stand plötzlich auf den Händen und marschierte so an Deck herum.
Nun hatte er aber, jedenfalls direkt aus dem Bett gesprungen, nur ein Hemd an, und das war nicht am Leibe festgeklebt, sondern es fiel herab und stülpte sich ihm über den Kopf.
Tableau! Die Matrosen kollerten sich vor Lachen an Deck. Und unser Nobody hätte sich so gern mitgekollert!
Er durfte es nicht, durfte sich nur verwundert umsehen. Da erblickte er den Steuermann, wie dieser bedeutungsvoll mit dem Finger gegen seine Stirn klopfte und dann die Schultern zuckte.
Für Nobody war das Rätsel überhaupt schon erklärt gewesen. Ein merkwürdiger Zufall diese Begegnung!
Der wunderliche Handläufer hatte sich wieder auf die Beine gestellt, wodurch auch sein Hemd wieder in Ordnung kam; Matrosen brachten ihm seine Lederpantoffeln zurück.
»Nur mit der Zunge will's noch nicht recht gehn ...«
Das dicke Kerlchen reckte die Zunge heraus, packte sie mit beiden Händen und zog daran, freilich ohne sie weiter hervorzubekommen.
»... und mit der tiefen Rückenbeuge ist's auch noch faul, da ist mir immer der Bauch im Wege. Aber mein Taschentuch kann ich schon mit Leichtigkeit auffressen. - Na, mein lieber Mr. Nobody, wie ist es Ihnen denn immer ergangen?«
»Sie verkennen mich, mein Herr!«
Der dicke Hemdenträger machte sein Maul auf und machte es wieder zu.
»Sie sind nicht Mr. Nobody?«
»Nein. Baron Nogi ist mein Name!«
»Sie sind wirklich nicht der Nobody? Nee? Schade.«
Jetzt begann der kleine Dicke, breitbeinig vor dem Japaner hingepflanzt, in der Brustgegend an seinem Hemd herumzutasten.
»Cerberus Mojan!« schnarrte er. »Wo ist denn mein Notizbuch? Ach so, ich bin noch im Hemd. Entschuldigen Sie. Never[]mind, Geschäft ist Geschäft - Cerberus Mojan, Schmieröl, Schwefel, Schokolade! Sie kennen doch die weltberühmte Firma Cerberus Mojan und Ko. in London? Für die reise ich. - Na, Herr Baron, wie wär's denn mit etwas Schmieröl? Geben Sie mir einen Auftrag, es wäre heute mein erster. Nur ein Fäßchen! Haben Sie nicht eine Nähmaschine zu Hause? Sie können's auch innerlich nehmen. Ihnen schadet es überhaupt nichts. Sie haben nämlich die Würmer, das sehe ich gleich Ihrem ...«
»Wahrschau!« riefen ein paar Matrosen, die über Deck ein langes Tau schleppten, Mr. Cerberus Mojan geriet in eine Schleife und endete in einem Wasserfasse.
Der Steuermann hatte dem bedrängten Japaner zu Hilfe kommen wollen, er konnte ihm wenigstens noch eine Aufklärung geben.
»Es ist ein Passagier, den wir in Singapore an Bord genommen haben, außerdem hat er im Schiff noch eine eigne große Ladung von Schmieröl, Seife und Schokolade. Der gute Mann ist etwas spleenig. Wenn er nicht von seinen Artikeln spricht, dann schwatzt er von dem Detektiv Nobody, den er aufsuchen will, um ihm zu zeigen, wie er schon auf den Händen laufen und sein Taschentuch in den Mund pfropfen kann.«
Lachend hatte es der Steuermann gesagt, während er den unfreiwilligen Passagier unter Deck führte, und er nahm sich auch des Hilfsbedürftigen weiter an, indem er ihn mit Kleidern und Wäsche aus seiner Garderobe versorgte, ohne darum gebeten worden zu sein.
Die Kabine, welche der Japaner vom Steward angewiesen bekommen hatte, lag dicht neben der des Steuermanns, so ging dieser, nach und nach die Kleidungsstücke bringend, immer hin und her, und Nobody ließ sich die Gelegenheit nicht entgehn, um noch weitere Erklärungen zu verlangen, soweit jener solche geben konnte.
Daß Mr. Cerberus Mojan wieder einmal auf der Suche nach Nobody war, um von ihm den spiritistischen Apport zu erlernen, und nun in jedem Menschen, ganz gleich, wie er aussah, den Verwandlungskünstler vermutete, das lag ja klar auf der Hand. Die Matrosen wußten um die Manie des spleenigen Engländers und hatten sich den Jux gemacht, zu behaupten, der auf dem Floß angekommene Schiffbrüchige sei der gesuchte Nobody.
Für diesen aber kam es darauf an, zu erfahren, wie Mr. Mojan ihn überhaupt in dieser Gegend vermuten könne.
Der mitteilsame Mann hatte daraus gar kein Hehl gemacht, er erzählte vielmehr jedem, der es hören wollte - und Nobody bekam es während der Fahrt noch oft genug zu hören - wie er nun, nachdem er auf den Händen laufen konnte, sich in New-York bei Mr. World nach Nobodys jetziger Adresse erkundigt habe, aber nur erfahren konnte, daß sich dieser in China aufhielte - und nun war Mr. Mojan eben auf gut Glück hier, um den Hexenmeister zu suchen. -
Sonst ist über die Reise nichts zu berichten. Der Pseudo-Baron Nogi amüsierte sich weidlich über Mr. Mojan, welcher an Bord der einzige Passagier war, wie der ihm von Nobody vorschwärmte, ihm von dessen spiritistischen >Abtritt< erzählte, ab und zu auf den Händen lief, sein Taschentuch auffraß, auch zeigte, wie weit er es schon in der tiefen Rückenbeuge gebracht hatte, wobei er das Taschentuch nur von einem Tisch aufheben wollte, gegen den er sich mit dem Rücken stellte, aber das Tuch verfehlte und, auch noch von einer Bewegung des Schiffes befördert, mit dem Kopfe rücklings in eine große Schüssel Spinat fuhr.
Erwähnt sei nur noch, daß es kein Zufall war, daß der vorgebliche Schiffbrüchige gerade von einem Dampfer bemerkt und aufgenommen worden war, welcher nach Tokio fuhr, das auch Baron Nogis Ziel sein mußte.
Nobody hatte eben Erkundigungen eingezogen, welche Dampfer die Fukienstraße zu jener Zeit, da er von einem solchen aufgenommen zu werden wünschte, passierten, und da die Dampfer ihre ganz bestimmte Linie einhalten, so war es ihm ein leichtes, es so einzurichten, daß er von seinem Floß an Bord eines Schiffes kam, welches ihn gleich direkt nach Tokio brachte.
Am dritten Tage lief der >Stag< in die große Bucht ein, an welcher Tokio, die Gartenstadt von zwei Millionen Einwohnern, liegt.
Bei dem schönen Wetter und der ruhigen See war die Bucht sehr von Booten belebt, in denen sich besonders die Frauen der wohlhabenden und vornehmen Japaner mit ihren Kindern spazieren rudern ließen.
Die Familienboote waren zwar mit einem Baldachin bedeckt, aber sonst offen, und so konnte man sehen, daß die meisten geradezu von Kindern wimmelten, während sich stets nur eine einzige Frau darin befand.
Diese einzige Japanerin benahm sich den vielen Kindern gegenüber wie eine Mutter, das konnte man bei jeder Gelegenheit sehen, und hätte man sie gefragt, so würde sie auch stolz erklärt haben, daß alle diese Kinder, deren Zahl in den Booten zwischen einem und wohl fünf Dutzend schwankte, ihre eignen seien.
Natürlich wäre das eine Unmöglichkeit gewesen. Es waren ja auch so viele gleichaltrige Kinder darunter, so eine Frau hätte ja in jedem Jahre Vierlinge haben müssen.
Diese stolze Behauptung der Frauen, die vielen Kinder wären ihre eignen, bedarf einer Erklärung.
Der Japaner lebt in Monogamie, hat also nur eine Frau; aber er darf sich neben dieser rechtmäßigen Gattin noch so viele halten, wie er ernähren kann. Das wird unter Umständen zur Bedingung, nämlich, wenn die rechtmäßige Gattin kinderlos bleibt. Denn Kinderlosigkeit ist die größte Schande des Japaners. Da ist auch der ärmste Tagelöhner gezwungen, noch mehr zu arbeiten, um noch eine Nebenfrau ernähren zu können, mit der er Kinder zu zeugen hofft.
Ist aber Kinderlosigkeit die größte Schande, so ist Kinderreichtum der größte Stolz des Japaners - und der Japanerin! Je mehr Kinder, desto angesehener ist sie. Auf ihrem Kimono, dem weitärmligen Oberkleid, drückt sie die Zahl ihrer Kinder durch Streifen aus, und je mehr Streifen, desto ehrfurchtsvoller wird sie von den Männern gegrüßt, desto neidischer blicken ihr andre Frauen nach.
Doch die Japanerin schmückt sich mit fremden Federn. Die Nebenfrau des armen Arbeiters muß ihre Kinder der kinderlosen Gattin abtreten, die Frau des Reichen und Vornehmen, der sich vielleicht ein Dutzend Nebenweiber hält, gibt deren sämtliche Kinder für ihre eignen aus, zeigt sich mit ihnen stolz in der Oeffentlichkeit. Auf Grund dieser seltsamen Zustände ist auch das Familienleben des Japaners ein überaus glückliches, nicht zu vergleichen mit dem türkischen Haremsleben. Eifersucht gibt es gar nicht. Im Gegenteil, die rechtmäßige Gattin hält den Mann ja erst an, sich möglichst viele Kebsweiber zuzulegen, um mit deren Kindern zu prahlen, und die Frau, die ihr die meisten liefert, ist ihr die liebste, und was der unebenbürtigen Mutter in der Oeffentlichkeit abgeht, das wird ihr zu Hause durch Aufmerksamkeit und Hochachtung ersetzt.
Von der sittlichen Moral dieser merkwürdigen Verhältnisse wollen wir lieber nicht sprechen. Ländlich, sittlich. Gott sei mir Sünder gnädig! Besser offen als in der Heimlichkeit! Aber von der nationalökonomischen Bedeutung dieses Verhältnisses wollen wir sprechen.
Kinder sind ein Segen des Himmels. Dieses Bibelwort ist und bleibt wahr - trotz aller verdammenswürdigen Zeitungsannoncen. Die Juden erkennen die Wahrheit dieses Spruches noch heute an; wollten die Christen ihnen doch hierin nachahmen! Alle Ausgaben, welche die Eltern für ihre Kinder haben, sind Ersparnisse, welche dereinst den Eltern tausendfache Zinsen bringen - und dabei brauchen sie die Kinder nicht auf hohe Schulen zu schicken, brauchen ihnen nicht Klavierunterricht geben zu lassen - vorausgesetzt wird aber, daß sie die Kinder zu liebevollem Gehorsam und zur geschwisterlichen Eintracht zu erziehen verstehn. Und je mehr solcher Kinder, desto fester, desto unerschütterlicher steht solch eine Familie da. Aus einer derartigen Gemeinschaft, in der alle fest und treu zusammenhalten, kommt jeder einzelne vorwärts im Leben, und die ganze Familie selbst, und je zahlreicher die Familie, desto weiter bringt sie es!
Man schaue daraufhin nur einmal um sich! Es ist nicht nötig, deswegen aufs Land zu gehn, wie da ein paar Bauernfamilien, welche alle den Namen des armen Holzhackers tragen, von dem sie abstammen, nach und nach das ganze Dorf aufkaufen, bis sie zuletzt den Rittergutsbesitzer hinausschmeißen. Es ist auch nicht nötig, deswegen nach den fünf Brüdern Rothschild zu blicken.
Und was von der Familie gilt, das gilt vom ganzen Volke.
Landwirtschaft, Bergbau und Industrie machen ein Volk wohlhabend - aber Kinderreichtum ist die Kraft des Volkes! Und dieser Kinderreichtum, dieser Stolz, möglichst viel Nachkommen zu haben, die in Gehorsam und zur glühendsten Vaterlandsliebe erzogen werden, das ist es, was Japan zu einem furchtbaren Gegner macht, der sich nicht niederringen läßt - und die hiermit verbundene Expansionsfähigkeit des japanischen Volkes ist es, die uns Abendländern dereinst gefährlich werden kann. Der Gegensatz zu Japan in dieser Hinsicht ist Frankreich. Die absichtliche Kinderarmut ist Frankreichs Unglück, ist sein Niedergang, kann noch sein Verderben werden. - -
Einige Boote hatten sich bei der ruhigen See sehr weit hinausgewagt, und es drohte ihnen ja auch gar keine Gefahr.
Ein solches, durch die vergoldeten Verzierungen wie durch die reiche Tracht der beiden Ruderer als das Privatboot eines Vornehmen gekennzeichnet, hatte sich durch Unachtsamkeit der letztern zu weit dem großen Dampfer genähert, es kam in das Bereich des von der Schraube aufgewühlten Kielwassers, wurde von dem Koloß wie von einem Magneten angezogen, die Ruderknechte wollten es absetzen, sprangen gleichzeitig nach einer Seite, ein einziger gellender Schrei, und das Boot war gekentert!
Der Schrei fand ein Echo an Deck des Dampfers. Außer den zwei Männern und einer Frau fünfzehn Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren in dem von der Schraube aufgewühlten Kielwasser - schon der Gedanke daran war entsetzlich, noch entsetzlicher der Anblick; auch der gefühlloseste Matrose erstarrte im ersten Augenblick vor Schreck, um dann laut aufzuschreien.
Doch sollte es noch gut ablaufen, dank der Besonnenheit und Kühnheit der Zuschauer. Gleichzeitig mit dem gellenden Schrei hatte auf der Kommandobrücke der Signalapparat geklingelt, die Maschine stoppte im Moment, es konnte kein Mensch in die sich noch drehende Schraube hineingeraten sein.
In die erstarrten Matrosen kam Leben; schnell ließen sich diejenigen, welche gute Schwimmer waren, von den andern an ihren Gürteln Seile befestigen, so sprangen sie hinab, die meisten der Kinder waren noch nicht untergesunken, andre eben erst im Untersinken begriffen, paarweise wurden sie an nachgeworfenen Tauen festgebunden und so hinaufgezogen, und die beiden japanischen Schiffer halfen auch brav mit.
Nobody hatte in seiner Kabine gesessen, als der furchtbare Schrei sein Ohr traf, und das nachfolgende Kindergezeter sagte ihm alles.
Wie er an Deck gestürzt kam, sah er viele kleine Kinder, mit denen man sich beschäftigte, während sich im Wasser nur noch einige Matrosen befanden, welche zu tauchen suchten, woran sie aber durch die Seile gehindert wurden.
Der Dampfer, der zuletzt nur ganz langsam gefahren, war mit vorsichtigen Schraubenumdrehungen wieder etwas zurückgegangen.
»Wie viele Kinder sind gerettet?« war Nobodys erste Frage.
»Eins - zwei - drei - dreizehn,« wurde gezählt.
»Wie viele waren es?«
»Die Muschi fehlt,« jammerte einer der japanischen Ruderer, »und sie hatte zwei Kinder im Arm, sie ist gesunken ...«
Der Mann wollte sich wieder über die Bordwand stürzen, Nobody hielt ihn mit Gewalt zurück. »Fort dort unten!« schrie er hinab. »Wenn sie gleich gesunken ist, so muß es auf einer andern Stelle geschehen sein!«
Die Matrosen gehorchten, ließen von ihren fruchtlosen Bemühungen ab. Der an der Bordwand stehende Nobody war gleichzeitig mit dreierlei beschäftigt. Er ließ sich von dem Steuermann beschreiben, an welcher Stelle das Boot gekentert sein mochte, beobachtete die weitere Umgebung dieser Stelle mit starren Augen und entledigte sich gleichzeitig seines Rockes und seiner Stiefel.
Da quoll in einer beträchtlichen Entfernung vom Schiff eine Luftblase empor, zu groß, als daß sie aus der Lunge eines Menschen kommen konnte, es war die von den Frauenkleidern gefangene Luft, und mit einem weiten Hechtsprung über die Bordwand war Nobody im Wasser verschwunden.
Die Sekunden verstrichen. Das Unglück war von den andern Booten gesehen worden, sie eilten herbei, bildeten um den Ort, da man das Auftauchen erwartete, einen weiten Halbkreis, wurden von den Matrosen gewarnt, weiter heranzukommen, und die Männer und Frauen und Kinder blickten in ängstlichem Schweigen auf die glatte Wasserfläche.
Und die Sekunden verstrichen. Es wurde eine halbe Minute daraus. Eine halbe Minute? Nein, für die Zuschauer war schon längst die Ewigkeit angebrochen!
Da kräuselte sich die glatte Wasserfläche; der schwarze Kopf eines Japaners hob sich zuerst empor; tief holte er Atem, dann folgte der Kopf einer jungen Japanerin, dann erschienen ab und zu zwei kleine Köpfe, die aber immer wieder unter dem Wasser verschwanden - doch noch ehe ein Boot zu Hilfen kommen konnte, hatte an Bord des Dampfers ein Matrose geschickt ein Seil geschleudert, Nobody hatte es sofort in seiner Hand und auch schon um das Gelenk gewickelt. Er wurde nach dem Dampfer gezogen. Dadurch kamen auch die Köpfe der beiden kleinen Kinder, welche die bewußtlose Frau krampfhaft in ihren Armen hielt, in jedem eins, über Wasser. Vom Dampfer waren Fallreeps ausgeworfen worden, Strickleitern mit hölzernen Sprossen; an diesen kletterten die Matrosen wie die Katzen hinab, nahmen Frau und Kinder in Empfang und beförderten sie mit vereinten Kräften hinauf; Nobody folgte langsam nach.
»Kata Nogi banzai!!« erscholl es da aus einem Boote.
Und >Kata Nogi banzai, banzai, banzai!!!< erklang es hundertstimmig aus Männer-, Frauen- und Kinderkehlen nach, und enthusiastisch wurden Filzkappen und seidene Tücher geschwenkt; jubelnd klatschten die Kinder in die Hände. »Banzai, banzai, banzai!!!«
Er war erkannt worden, der Baron Nogi, dem der japanische Hurraruf galt, der Liebling des Mikado, der Liebling der ganzen Hauptstadt.
Konnte Nobody mehr verlangen? Nicht einmal das Bad hatte ihm etwas von seiner Maske abgewaschen.
Aber es sollte noch ganz anders kommen.
Die ersten aus dem Wasser gezogenen Kinder hatten sich wieder erholt, eben beugte sich Nobody über die junge, schöne Frau, die er dem nassen Tode entrissen hatte, und die zwar ohnmächtig war, bei der aber keine Wiederbelebungsversuche gemacht zu werden brauchten, als sich den Banzai-Rufen noch andre Laute beimengten.
»Papa, Papa!!« erscholl es jauchzend, und plötzlich wimmelte es um ihn herum von kleinen Geschöpfen in nassen Seidengewändern, plötzlich umklammerten einige Dutzend Aermchen seine Beine, die Händchen packten zu, was sie nur fassen konnten.
»Papa, Papa, mein guter Papa!!«
Diese japanischen Kinder sagten wirklich >Papa<.
Denn ob Deutscher oder Spanier, ob Eskimo oder Botokude oder Buschneger, ob Tunguse oder Kalmücke oder Japaner - der Kinder erstes Lallen ist überall ein gleiches, es gibt kein einziges Volk auf der Erde, bei welchem der Vater nicht Papa und die Mutter nicht Mama genannt wird.
Für die Namen der Eltern wenigstens ist von den Kindern die internationale Weltsprache erfunden worden!
»Papa, mein guter Papa!!«
Dann stürzten sie zu der bewußtlosen Frau, nannten sie Mama, küßten sie zärtlich und hingen sich von neuem an den Mann, den sie für ihren Vater hielten.
»So wecke doch die Mama auf! Sie freut sich doch so sehr, daß du wieder da bist! Sie hat uns nur immer von dir erzählt. Sie hatte schon solche Angst, weil du gar so lange ausbliebst ...«
Da kam es dem Manne zum Bewußtsein, daß er Baron Nogis Frau und Kinder gerettet hatte ... doch nein, das wußte er schon lange, dazu hatte es nur des ersten >Papa< bedurft ... nein, seine Kinder, seine eignen waren es, die er dem Tode entrissen hatte, seine eigne Frau... . Nobody wußte nicht, was plötzlich in ihm vorging - es stieg ihm so siedendheiß zum Herzen empor - und noch höher hinauf - aus seinen Augen kam etwas Nasses, das sich mit den Salzwassertropfen verwischte ...
Da schlug die junge, schöne, jetzt so blasse Frau, der man sanft die Kinder aus dem Arme genommen hatte, die Augen auf, sie sah den Mann, sie lächelte verklärt, und verlangend streckte sie die Arme nach ihm aus. »Kata Nogi, Sayadamona,« flüsterte sie glücklich und spitzte den kleinen Mund zum Kuß.
Sayadamona - ich sehe dich wieder, ich habe dich wieder - aber in einem Worte geschrieben - eine Art von Vergißmeinnicht - und ihr Name selbst war Sayadamona!
Und Nobody? Er wäre ein abscheulicher Barbar gewesen, hätte er gezögert. Ja, jetzt erst wäre er zum Lügner geworden, hätte er es nicht getan!
Während die Kinder den vermeintlichen Vater mit Liebkosungen überhäuften, die sich vorzüglich auf seine Beine erstreckten, und während von den Booten, wo man wußte, daß Kata Nogi seine eigne Frau und seine Kinder gerettet hatte, noch immer die Banzai-Rufe erschollen, beugte sich Nobody überquellenden Herzens über die junge Frau, schloß sie in seine Arme und küßte sie, küßte sie immer wieder - und Gabriele hätte dabeisein können, es waren Küsse der reinen Menschenliebe.
»Meine Sayadamona, meine Muschi!« - -
Sie hatte sich nur noch nach den Kindern erkundigt, und als sie erfahren, daß alle gerettet, und nachdem sie sich nochmals überzeugt hatte, daß dies wirklich ihr schon vermißter Gatte sei, war sie mit einem glücklichen Seufzer wieder in eine wohltätige Ohnmacht gefallen.
Man legte sie in des Kapitäns Bett, weil dieses an Bord des Schiffes das einzige war. Sonst gab es nur Kojen, in die man hineinkriechen muß.
Die neue Ohnmacht währte nur kurze Zeit, und als Sayadamona erwachte, saß ihr vermeintlicher Gatte neben ihr.
Wieder alles ein Glück und eine Seligkeit, als sie nur seine Hand ergreifen durfte, um sie mit Innigkeit an ihre Lippen zu pressen!
»Wo bist du nur so lange gewesen? Ach, was ich für Angst ausgestanden habe! Ist euch ein Unglück zugestoßen?«
Noboby erzählte - dasselbe, was er dem Kapitän über den Untergang der Jacht berichtet. Wenn Sayadamona bei dem Tod der vielen Offiziere, darunter sogar der Neffe des Mikado, ganz ruhig blieb, so war das keine Herzenskälte, sondern die anerzogene Teilnahmlosigkeit der Japanerinnen gegen alles, was nicht die Familie betrifft, in der sie ganz aufgeht - und wenn sie dennoch Schreck zeigte, so war dies nur der Gedanke, daß dadurch ihrem allein zurückkehrenden Manne Unannehmlichkeiten erwachsen könnten.
Nobody wußte sie zu beruhigen. Jetzt berichtete sie ihm, daß es den andern fünf Frauen und neun Kindern zu Hause gut ginge, wie sich alle nach dem Vater sehnten, dann legte sie sich in die Kissen zurück und schloß die Augen.
»Küsse mich!«
Wie leicht wäre es dem Manne geworden, dies zu umgehn, ohne sie deshalb zurückzustoßen. Er hätte einfach von einem Gelübde gesprochen, welches er den Göttern abgelegt, wenn sie ihn aus dem Schiffbruche retteten - von einem Gelübde, nicht eher seine Frau wieder zu umarmen und zu küssen, als bis alle >weißen Teufel< aus Japan hinausgetrieben worden wären - oder sonst etwas Aehnliches - das hatte sich Nobody ja auch vorgenommen, hatte es Gabriele gesagt - aber wäre diese anwesend gewesen, sie selbst hätte sicherlich verlangt, daß er diese junge Frau, die ihn für ihren Gatten hielt, küßte, denn es wäre eine zu fürchterliche Grausamkeit gewesen, jetzt dieser armen Frau einen Wunsch zu versagen.
Ja, Nobody hatte ein gewisses Anrecht auf sie bekommen, die er gerettet, und wäre der wirkliche Baron Nogi jetzt, als er sie geküßt hatte, in die Kabine getreten, er hätte ihm frei ins Auge blicken können.
Die Liebesszene sollte auch nicht allzu lange dauern.
»Was ist das?« stutzte Nobody plötzlich, als er zufällig einen Blick durch das runde Fensterchen geworfen hatte, auch schon durch Kommandos und durch das Laufen der Matrosen an Deck aufmerksam gemacht. »Wir gehn ja zurück?!«
Er eilte an Deck. Der Dampfer hatte gewendet, fuhr zurück, der Kapitän fluchte wieder einmal wie ein Haiducke.
»Warum dampfen wir denn zurück, anstatt in den Hafen einzulaufen?«
»Die Halunken haben mir zusignalisiert, daß ich auf Reede gehen soll, ich darf nicht in den Hafen, und dagegen ist nichts zu machen.«
»Weshalb dürfen Sie denn nicht in den Hafen?«
»Das zu sagen haben die großnasigen Japaner nicht nötig. Aber ich weiß schon, warum. In Waisin munkelte man etwas von der Pest, man hatte tote Ratten gefunden. Nun mag unterdessen die Pest dort wirklich ausgebrochen sein, und da ist ein Schiff natürlich pestverdächtig. Daß mich auch der Teufel reiten mußte, erst noch einmal in Waisin anzulegen, um ein paar Faß Stockfische mitzunehmen. Jetzt kann ich für acht Tage in Quarantäne liegen.«
Der Kapitän schimpfte weiter wie ein Rohrsperling, als aber die japanischen Sanitätsbeamten kamen, war er gegen sie von äußerster Liebenswürdigkeit. Denn in deren Macht stand es, die achttägige Quarantäne auf drei Tage abzukürzen oder sie auch auf acht Wochen zu verlängern.
Als sie den Passagier sahen, welcher des Steuermanns Sommeranzug trug, nahmen sofort alle Beamten militärische Haltung an, und als die Pflicht erledigt war, näherte sich der erste von ihnen, der Offizierrang einnahm, dem vermeintlichen Baron Nogi und gratulierte ihm mit respektvoller Kameradschaftlichkeit zu dem Glück, daß es gerade der heimkehrende Vater gewesen war, der Gattin und Kinder gerettet hatte. Denn die zurückgekehrten Boote hatten unterdessen schon alles erzählt.
Nobody kannte nicht einmal die Namen der Beamten, wußte sich aber geschickt abzufinden. Im übrigen ging es nicht anders zu, als zwischen europäischen Offizieren, wie die Beamten ja auch solche Uniformen trugen.
»Darf ich den Herrn Baron fragen, wie die Segelpartie ausgefallen ist?«
Nobody hätte es gern erst an vorgesetzter Stelle gemeldet, aber da er es schon dem Kapitän erzählt, war es zu spät.
Er berichtete mit kurzen Worten; der Schreck der Beamten war grenzenlos, und sie brauchten diesen jetzt nicht zu verbergen, im Gegenteil, sie mußten ihrem Entsetzen möglichsten Ausdruck geben, denn durch den Tod des Prinzen, kam auch die geheiligte Person des Mikado mit in Betracht, sein Leid war das Leid aller Japaner.
Die Beamten hatten noch an Bord zu tun, und Baron Nogi wurde von einem Matrosen zu seiner Gattin berufen, welche plötzlich zu sterben meinte.
Das weiter hinausgefahrene Schiff war in die bewegte See gekommen, schaukelte stark, und Sayadamona war von der Seekrankheit gepackt worden, zum ersten Male in ihrem Leben, und da war es begreiflich, daß sie gleich zu sterben meinte. Auch die Kinder fühlten sich mehr oder weniger unwohl.
Hier waren tröstende Worte vergebens, Nobody begab sich wieder an Deck und fragte den Sanitätsbeamten, ob er mit Frau und Kindern gleich sein großes Boot zur Fahrt an Land benutzen könne.
Dem Beamten schien diese Frage, die schon mehr Wunsch war, sehr unangenehm zu sein, bis er offen sagte, daß überhaupt niemand das pestverdächtige Schiff verlassen dürfe.
»Sie, Herr Baron, als Passagier erst recht nicht, auch wenn Sie nur unterwegs aufgenommen worden sind. Sie sind schon drei Tage an Bord.«
»Aber meine Frau, meine Kinder - die sind doch eben erst an Bord gekommen, für sie kann die Quarantäne doch nicht gelten!«
»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, und das sofort.«
Der Sanitätsbeamte, der auch seemännisch ausgebildet war, ließ mit Flaggen nach der Seewarte signalisieren, daß sich an Bord des >Stag< die Frau und fünfzehn Kinder des Baron Nogi befänden, ob diese die Quarantäne brechen und das Land betreten dürften.
Da auch auf der Seewarte der Unfall schon bekannt geworden war, konnte die Meldung sehr abgekürzt werden, wiederholte Verstandenzeichen forderten dazu auf.
Ferner meldete der Sanitätsbeamte, daß die Baronin Nogi ganz bedenklich erkrankt sei, ein längerer Aufenthalt auf dem Schiffe sei lebensgefährlich, von der eigentlichen Ursache, der Seekrankheit, sprach er gar nicht, da der Sanitätsbeamte aber zugleich Arzt war, war seine Aussage kompetent. Auf alle Kinder zugleich konnte er diese kleine Unwahrheit aus Gefälligkeit zu dem Baron freilich nicht ausdehnen.
»Warten!« hieß es auf dem Turme der Seewarte.
Man mußte ziemlich lange warten, ehe die Antwort kam.
»Frau Nogi an Land.«
»Die Kinder auch?« ließ der Beamte nochmals fragen.
»Nein. Schluß!«
Sayadamona wurde in das Boot gebracht. Die Seekranke befand sich in einem derartigen Zustande, daß sie die Trennung von Gatten und Kindern gar nicht empfand. Sie wollte sterben. Sobald sie das Land betrat, würde das vorbei sein, aber dann war es zu spät, und an Bord des pestverdächtigen Schiffes durfte sie auch nicht wieder. Doch schließlich war es ja nur eine vorübergehende Trennung, über die man später lachen würde.
Nobody aber empfand das Dazwischenkommen der Seekrankheit mit der unfreiwilligen Trennung aus leicht begreiflichen Gründen als eine große Wohltat.
Das erste Wiedersehen war vorüber, und traf er dann mit seiner Frau zusammen, in seinem eignen Hause, so konnte er ihr viel eher etwas von einem Gelübde oder dergleichen vorerzählen.
Auch daß er sich nun einige Tage mit den Kindern allein befand, war sehr günstig. Die konnte er leicht über alle Hausverhältnisse ausfragen.
Der Abend war angebrochen, wieder ruhige See bringend. In der Nacht wurde Nobody durch ein Klopfen an seine Kabinentür geweckt.
Ein Offizier sei gekommen und wünsche den Herrn Baron zu sprechen, er warte in der Kajüte.
Schnell kleidete sich Nobody an. Jetzt mußte er jedenfalls Bericht erstatten.
Der junge Offizier, der mitten in der Nacht, in Begleitung zweier Sanitätsbeamten die weite Ruderfahrt gemacht hatte, roch schon von weitem nach Karbol, man hatte ihn schon desinfiziert, ehe er das pestverdächtige Schiff betrat.
»Baron Nogi?« fragte er kurz.
Dem Detektiv fiel sofort etwas auf. Dieser Offizier trug die Uniform eines in Tokio stationierten Regiments. Sollte er da den Baron Nogi, den Adjutanten des Generalfeldmarschalls, nicht kennen, daß er sich erst davon überzeugen mußte, ob es wirklich der Baron Nogi war?
Es konnte ja sein, daß er erst seit einigen Tagen in Tokio war. Dann hätte Nobody es wagen können, ihn erst nach dem Namen zu fragen, ihn als neuen Kameraden zu begrüßen. Nein, der Detektiv wußte ganz bestimmt, daß dieser Offizier, ihn schon kannte, diese Kürze war Instruktion, er sah sogar den mißtrauischen Blick, der auf ihm ruhte.
Was lag hier vor? Gleichgültig, Baron Nogi ließ sich nicht beirren.
»Bin ich! Was gibt's?«
»Auf Befehl des kommandierenden Generals: Sie sollen den Bericht aufsetzen!«
»Welchen Bericht?«
»Ueber die Segelpartie mit der Jacht, über den Schiffbruch.«
»Ist das dem kommandierenden General schon bekannt?«
»Auf Befehl des kommandierenden Generals: Sie sollen diesen Bericht aufsetzen!« wiederholte der junge Offizier in schneidendem Tone.
»Jetzt sofort?«
»Jetzt sofort! Ich warte hier und nehme ihn gleich mit.«
Gut, konnte geschehen! Nobody ließ sich Papier und Feder besorgen und begann zu schreiben. Die Formalitäten kannte er. Aber daß der junge Offizier inzwischen in der Kajüte auf und ab ging und manchmal dem Schreibenden über die Schulter blickte, das gehörte sich auch nicht. Doch Noboby achtete nicht darauf.
Nach einer Stunde war der ausführliche Bericht fertig, der Offizier nahm ihn mit sich, und der Pseudo-Baron ging wieder in seine Kabine, entkleidete sich, legte sich zur Koje und schlief im nächsten Augenblick wieder den Schlaf des Gerechten.
Was hätte es auch für einen Zweck gehabt, über das merkwürdig schroffe Verhalten des Offiziers sich den Kopf, zu zerbrechen? Mensch, ärgere dich nicht! Nobody würde den Grund schon noch früh genug erfahren.
Am nächsten Morgen sehen wir an Bord des auf Reede ankernden Schiffes eine reizende Szene. Schnell war der Anfall von Seekrankheit vorübergegangen, die fünfzehn Kinder waren wieder mobil, und da es draußen etwas regnete, mußte ihnen die große Kajüte als Tummelplatz dienen.
In Tokio war ein europäischer Zirkus mit Menagerie gewesen, die Kinder hatten ihn besucht, sie wollten >wilde Tiere< spielen.
Papa Nobody war der Raubtierbändiger, sperrte sie zwischen Stühle ein und fütterte die heulenden, knurrenden, fauchenden, kratzenden und beißenden Bestien mit Zucker und Biskuits, trieb die Löwen und Tiger und Bären in einen Käfig zusammen, ließ sie über den Stock und durch den Reifen springen, auf dem Schwebebaume balancieren und auch ab und zu in seine Waden beißen.
Dann kam die Zirkusvorstellung daran. Am meisten hatte den kleinen Japanern das stehende Reiten auf ungesatteltem Pferde imponiert, und das ungesattelte Pferd war Papa Nogi, alias Nobody. Also er galoppierte auf Händen und Knien wiehernd im Kreise herum, und die kleinen Kunstreiter und Kunstreiterinnen machten auf seinem Rücken die schwierigsten Sachen. Die festgeschraubten Tische zeigten sich zum Stafettenreiten wie geschaffen, das ungesattelte Pferd galoppierte unten hindurch, und die auf dem Tische stehenden Künstler sprangen ihm auf den Rücken, daß Nobody die Rippen krachten.
Die japanischen Kinder werden so zum Gehorsam erzogen, daß es auch die vornehmste Japanerin für eine Schande hält, beim Spazierenführen der ganzen Bande eine Gouvernante oder sonst eine beaufsichtigende Person mitzunehmen. Die Kinder müssen der Mutter auf einen Augenwink gehorchen.
Ferner dürfte bekannt sein, daß die Japaner Meister im Ringen sind, es wird, wie das Fechten mit blanken Waffen, mit Leidenschaft ausgeübt, in England und Nordamerika gibt es auch viele japanische Lehrer der Ringkunst. Dieses Ringen ist ein ganz andres als das bei uns übliche; ein professioneller Ringkämpfer würde die Herausforderung eines Japaners gar nicht annehmen, weil es sich dabei nur um hinterlistige Kniffe handelt, was jedoch zu entschuldigen ist, da diese Kampfesweise als Verteidigung in der Notwehr betrachtet wird, und wirklich fabelhaft ist es, wie solch ein kleiner, zierlicher Japaner den größten und stärksten Kerl mit einem einzigen Ruck und Zuck zu Falle bringt. In diese Geheimnisse werden in Japan schon die kleinen Knaben eingeweiht, aber sonst sind sich prügelnde Kinder in Japan genau so unbekannt wie in China.
Hier aber zeigte es sich, daß es nur der Gelegenheit bedurfte, um aus den unnatürlich artigen japanischen Kindern genau solche wilde, unbändige Jungen und Mädels zu machen, wie man sie sonst in aller Welt findet.
Als so ein kleiner Strolch gar zu sehr über den Strang haute, zögerte Papa Nobody nicht lange, legte das Kerlchen übers Knie und verwackelte ihm den Hintern, daß es Zeter und Mordio schrie.
Da hatte Papa Nobody aber etwas Schönes angerichtet!
»Mich auch! Mich auch einmal!!« erklang es jubelnd im Chor, und es half alles nichts, der gute Papa mußte einen nach dem andern übers Knie legen und ihn auspochen, die Jungen wie die Mädels, freilich nicht gar zu derb, aber Nobody rann doch der Schweiß von der Stirn, und wer recht artig war, durfte noch einmal drankommen.
Die japanischen Kinder kannten das >Uebersknielegen< noch nicht, und das machte ihnen nun ein Teufelsvergnügen, besonders, daß sie dabei so recht nach Herzenslust brüllen konnten. Eigentlich hätte Nobody das gar nicht tun dürfen, dadurch hätte er sich verraten können, denn das war eben nicht japanisch.
»Papa, das hast du wohl auf der einsamen Insel gelernt, wo du die Vogeleier gegessen hast?«
Jawohl, und Papa Nogi hatte als Schiffbrüchiger auf der weltverlassenen Vogelklippe für seine Kinder auch noch ein andres Spielchen ausgegrübelt. Er hatte auf der Vogelklippe eben geniale Gedanken gehabt. Da man nun einmal beim Hauen war, wurde das edle >Schinkenklopfen< arrangiert.
Nobody setzte sich auf einen Stuhl, ein Kind legte den Kopf in seinen Schoß, die andern vierzehn Kinder stellten sich im Halbkreise herum, nacheinander schlug jeder den Betreffenden auf sein Hinterteil, bis das Opfer erriet, wer ihn geschlagen hatte, worauf nun dieser eine mehr oder minder große Portion Prügel über sich ergehn lassen mußte. Ach, war das ein Jubel! Und Papa Nogi lachte, daß ihm die Tränen über die Backen kollerten.
Als das edle Spielchen im besten Gange war, wurde es leider unterbrochen.
»Es sind ein paar Herren gekommen, die Sie sprechen wollen,« meldete ein Matrose.
Nobody beschwichtigte die Kinder und begab sich hinaus. In dem Vorraum zur Kajüte standen ein nobel gekleideter Herr und zwei handfeste Männer, lauter Japaner.
»Was wünschen Sie?«
»Sind Sie Baron Nogi, Leutnant im ersten Garderegiment?«
»Der bin ich.«
»Im Namen des Mikado: Sie sind verhaftet!«
Der Herr zog ein Pergament hervor, welches er jenem ausgebreitet zum Lesen hinhielt. Die japanische Schrift legitimierte den Inhaber als Kaiserlichen Kriminalkommissar, welcher beauftragt war, den an Bord des englischen Dampfers >Stag< befindlichen Baron Kata Nogi zu verhaften und ins Untersuchungsgefängnis abzuliefern.
Unserm Nobody war das überhaupt höchst gleichgültig, das versprach ihm nur ein interessantes Abenteuer, das nicht in seiner Berechnung gelegen hatte, so etwas liebte er ja, und als Japaner durfte er keine Unruhe zeigen.
Fragen aber war ihm gestattet. »Weshalb?«
»Dies zu erklären halte ich nicht für nötig, auch wenn ich es wüßte.«
»Ist in Ihrer Begleitung ein Offizier?«
»Nein.«
»Ich bin Offizier, ich kann nur von einem Offizier verhaftet werden.«
»Aber nicht, wenn es sich um eine kriminelle Verhaftung handelt. Ich verhafte Sie auf Kaiserlichen Befehl. Wollen Sie mir folgen?«
»Ich gehorche dem Kaiserlichen Befehl. Lassen Sie mich nur noch einmal zu meinen Kindern gehn.«
Die Beamten warteten draußen, während Nobody in die Kajüte ging und den Kindern sagte, er wolle nur die Mama holen, käme gleich wieder.
In seiner Kabine hatte er nichts mehr zu tun, bekam auch den Kapitän nicht wieder zu sehen. Bei dem Steuermann bedankte er sich, sagte, es würde alles in Ordnung gebracht, dann folgte er den Männern ins Boot, in welchem sich auch ein Sanitätsbeamter befand, der zur Begleitung nach dem pestverdächtigen Schiffe unerläßlich war.
Während der Ueberfahrt nach dem Lande hing Nobody keinen Grübeleien nach. Er würde es ja sehr bald erfahren, warum er, noch dazu auf solch brüske Weise, wie ein Verbrecher, verhaftet worden war.
Zuerst wurde er nach einer Sanitätsstation gebracht, wo er ein desinfizierendes Bad nehmen mußte. Die ihn bedienenden Japaner waren gegen den Baron Nogi von aufmerksamster Unterwürfigkeit; er erhielt einen neuen Anzug, in dem sich jeder Gentleman sehen lassen konnte, und als er sich dem Kriminalkommissar wieder zur Verfügung stellte, wurde die Fahrt in einem geschlossenen Zweispänner mit zugezogenen Fenstergardinen fortgesetzt. Den Kommissar über sein Schicksal zu befragen, mußte Baron Nogi und überhaupt ein Japaner unter seiner Würde halten.
Der Wagen hielt vor einem großen Gebäude; eine Zelle nahm den Untersuchungsgefangenen auf.
»Wann komme ich vor den Richter?« fragte er den Beamten, der ihn begleitet hatte.
»Spätestens innerhalb 24 Stunden, doch kann ich Ihnen sagen, daß die richterliche Untersuchungskommission sofort zusammentritt.«
»Ich komme doch vor ein Militärgericht?«
»Nein, vor das bürgerliche.«
Das war es, was Nobody am meisten frappierte. Er hatte seinen Urlaub nur um einige Tage überschritten. Deswegen wollte er sich verantworten, aber das ging doch nur seine vorgesetzte Militärbehörde etwas an. Was konnte er dafür, daß jene Offiziere und der Neffe des Mikado ihren Tod bei der Segelpartie gefunden hatten? Da konnte doch immer wieder nur ein Militärgericht von ihm Rechenschaft fordern. Oder hatte der wirkliche Baron Nogi etwas auf dem Kerbholz, was ihn vor den Staatsanwalt brachte? Nobody zweifelte daran.
Jedenfalls nahm Nobody diesen unberechneten Zwischenfall durchaus nicht tragisch, ganz im Gegenteil, er wollte sich schon durchhelfen, und wenn er nun einmal die Rolle des wegen irgend etwas angeklagten Baron Nogi spielte, so wollte er diesen herausbeißen, daß jener seine Freude an ihm gehabt hätte.
Er brauchte nicht lange zu warten, so öffnete sich wieder die Zellentür, Nobody wurde von zwei Männern in die Mitte genommen und nach Passieren einiger Korridore in einen Saal geführt.
Hinter Tischen saßen einige alte Japaner in Nationaltracht, die zur Seite auf Stühlen Sitzenden trugen entweder militärische Uniformen oder moderne Kleidung. Die Galerien waren leer, das Publikum hatte zu dieser Voruntersuchung also keinen Zutritt. Es ging alles sehr schnell. Der mittelste Richter blätterte noch einmal in seinen Akten und erhob sich.
»Wie heißen Sie?«
»Baron Kata Nogi.«
»Was sind Sie?«
»Leutnant im Kaiserlichen Gardedragonerregiment.«
»Lebt Ihr Vater noch?«
»Ja.«
«Was ist er?«
»Schatzkämmerer am Hofe des Mikado.«
»Haben Sie dies geschrieben?«
Nobody bekam den Bericht zu lesen, den er diese Nacht geschrieben hatte.
»Ja.«
»Gut. Wir sind nicht mehr im unklaren, wer Sie sein wollen. Sie sind verhaftet worden und stehn vor dem Untersuchungsrichter, weil behauptet worden ist, daß Sie gar nicht dieser Baron Kata Nogi sind.«
Au weh!! Das hätte freilich nicht kommen dürfen! Jetzt konnte er nur gleich die ganze Komödie aufgeben.
Die brauchten ja nur zu verlangen, er solle die Einrichtung seines Wohnzimmers beschreiben, oder wie die Fassade seines Hauses aussah. Das konnte er schon nicht. Auf so etwas war Nobody nicht geeicht. Aber er beschloß im Augenblick, erst einmal die beleidigte Unschuld zu spielen. Vor allen Dingen wollte er erfahren, wie man auf den Verdacht gekommen war, daß er nicht der echte Baron Nogi sei, wo ihn doch sogar Frau und Kinder als solchen anerkannt und er sich bisher noch nicht die geringste Blöße gegeben hatte.
So war sein grenzenlos erstauntes Gesicht ganz der Situation entsprechend.
»Was?! Ich - wäre - nicht - der - Baron Nogi?!«
»Eine große Aehnlichkeit, nichts weiter. Ich gestehe, daß auch ich Sie für den Baron Nogi halten könnte.«
»Na, ich werde doch am besten wissen, wer ich bin, hahaha!«
»Mäßigen Sie sich, Sie stehn vor dem Richter.«
Nobody wurde wieder ernst.
»Wer wagt denn zu behaupten, daß ich nicht der Baron Nogi wäre?«
»Zunächst die Sanitätsbeamten, welche Sie gestern zuerst an Bord des englischen Dampfers sahen.«
»Gerade diese haben mich zuerst als Baron Nogi begrüßt.«
»Ja, wie sollten sie aber auch gleich auf den Verdacht kommen, daß sich ein andrer für Baron Nogi ausgeben könnte? Sie haben den Argwohn erst hinterher gefaßt.«
»Was für einen Argwohn?«
»Daß Sie nicht der Baron Nogi sind.«
»Ja, aber worauf fußt dieser Argwohn?«
»Das werden Sie gleich dann erfahren.«
»Ich berufe mich auf das Zeugnis meiner Kinder und meiner Frau, welche mich als Vater und Gatten erkannt haben.«
»Gerade die Frau Baronin Nogi ist die Hauptklägerin, daß Sie nicht ihr Gatte sein können.«
Jetzt wurde Nobody doch äußerst betroffen, und er verlieh seinem ersten Gedanken lauten Ausdruck. »Hier wird eine Intrige gegen mich gesponnen!!« rief er mit schallender Stimme.
»Sie stehn hier vor dem unparteiischen Richter,« war die würdevolle Ermahnung. »Außerdem ist diese Handschrift hier, die wirklich von Ihnen stammt, gar nicht die des Barons Nogi.«
Oho! Nobody wußte ganz bestimmt, daß die beiden Handschriften niemand, auch nicht der geübteste Sachverständige voneinander unterscheiden konnte.
»Baron Monio Nogi!« rief der Richter.
Einer derjenigen im Kreise Sitzenden, welche japanische Kostüme trugen, ein würdiger Greis, erhob sich.
»Angeklagter, kennen Sie diesen Mann?« wendete sich der Richter zuvor wieder an den in der Box Stehenden.
Nobody stutzte. Was sollte das? War dieser japanische Richter wirklich so dumm, daß er erst einen Mann mit Namen aufrief und hinterher den, welchen er greifen wollte, fragte, wer das sei?
Oder war es eine Falle? Gleichgültig, Nobody beschloß, mit Absicht hineinzugehn, um sich dann wieder herauszuhelfen.
»Das ist mein Vater. - Vater, bin ich dein Sohn, oder bin ich es nicht?«
Der Alte musterte ihn, dann schüttelte er das graue Haupt.
»Er sieht meinem Sohne wohl sehr ähnlich, aber er ist es nicht, ich höre es gleich an der Stimme.«
Jetzt wurde Nobody wirklich ganz perplex. So war dies also tatsächlich sein Vater? Und der Richter hatte ihn erst darauf aufmerksam gemacht? Er wußte gar nicht mehr, was er davon denken sollte.
Offiziere und Zivilisten wurden aufgerufen, sie betrachteten den Untersuchungsgefangenen von allen Seiten und gaben dann einstimmig dasselbe Urteil wie der alte Schatzkämmerer ab, daß jener dem Baron Kata Nogi wohl sehr ähnlich sehe, daß aber doch ein gewisser Unterschied vorhanden sei. Nein, das wäre der Baron Kata Nogi nicht.
»Ich berufe mich auf das Zeugnis meiner Frau, daß ich es doch bin!« beharrte Nobody trotzig.
Eine Seitentür öffnete sich, eine Japanerin ward hereingeführt - Sayadamona. Sie sah sehr bleich aus, mit der größten Angst hafteten ihre Augen an dem Manne, der in der Box stand.
»Sayadamona,« begann Nobody sofort, »ich, der ich gestern dich und zwei unsrer Kinder gerettet habe, ich frage dich ...«
»Ruhe!« gebot der Richter. »Sayadamona Nogi, erkennst du in diesem Mann deinen Gatten, den Baron Kata Nogi?«
Lange blieb die Antwort aus, immer ängstlicher blickte die junge Frau den ihr bezeichneten Mann an.
»Nun?«
»Nein!!« kam es da gellend von ihren Lippen, und gleichzeitig brach sie zusammen, sie mußte hinausgetragen werden.
Und sie hält mich dennoch für ihren Gatten, sagte sich Nobody, ich weiß es ganz bestimmt, es ist ihr befohlen worden, mich zu verleugnen, und ebenso sind alle andern überzeugt, daß ich wirklich der Baron Nogi bin, sie zeugen wider ihr besseres Wissen gegen mich. Was in aller Welt ist das nur für eine Intrige, die man gegen mich oder vielmehr gegen Baron Nogi vorhat?
»Der Unterschied in der Handschrift hätte auch schon genügt, um zu beweisen, daß Sie nicht Baron Kata Nogi sind,« fuhr der Richter fort.
»Na, wer soll ich denn da eigentlich sein?« nahm Nobody jetzt zum Spott seine Zuflucht.
»Sie sind der Mann, welcher in der letzten Minute, ehe Baron Nogis Jacht in See ging, noch an Bord kam und die Fahrt mitmachte.«
»Das ist mir ganz neu.«
»Leugnen Sie es nicht, Sie sind erkannt worden.«
»Von wem?«
»Von zwei Matrosen.«
»Und als wen haben die mich denn erkannt? Wer soll ich denn eigentlich sein?«
Da hob der Richter seinen Arm gegen den Angeklagte und sagte, jedes Wort betonend: »Sie - sind - der - amerikanische Detektiv - Nobody!«
Bombenelement! Nobody glaubte wirklich, er höre eine Bombe platzen. Noch lieber aber hätte er geglaubt, daß er nur träume.
Wie konnten die wissen, daß ...
Da sah er über die Schulter des Richters plötzlich einen Kopf mit einem pfiffigen Gesicht auftauchen, dieser Kopf nickte ihm nochmals energisch zu - und Nobody ließ seine Blicke im Kreise umherwandern, überall bemerkte er ein leises Augenblinzeln, auch von andern wurden die Köpfe ganz heimlich bejahend bewegt ...
Da ging Nobody eine Ahnung auf.
»Gestehn Sie, daß Sie dieser Nobody sind?« fragte der Richter.
»Ja denn, ich gestehe es!«
»Führt den Angeklagten wieder in seine Zelle zurück!« -
Nobody war wieder in seiner Zelle und mit seinen Gedanken allein. Rastlos wanderte er auf und ab, und es ward ihm schwer, in diese auf ihn einstürmenden Gedanken Ordnung zu schaffen - viel schwerer als ihm eine Flucht von hier werden würde.
Sollte er abwarten, wie sich das noch weiter entwickeln würde, oder sollte er sich noch heute nacht den Weg zur Freiheit bahnen?
Dazu mußte er erst das Gitterfenster untersuchen, aber da die Zellentür ein Fensterchen besaß, durch welches er jeden Augenblick beobachtet werden konnte, so wollte er erst den Anbruch der Dunkelheit abwarten.
Die Dunkelheit brach an - da kam der Schließer und brachte eine brennende Petroleumlampe. Das war fatal.
»Ich brauche keine ...«
Nobody verstummte. Dem Schließer war noch ein andrer Mann in die Zelle gefolgt, ein alter Japaner in Nationaltracht. Nobody erkannte ihn sofort wieder: das war der alte Baron Monio Nogi! Dann kam vielleicht jetzt unter vier Augen auch die Lösung der Rätsel. Oder wollte der Alte nur Näheres über das Schicksal seines Sohnes erfahren, den er für tot hielt?
Der Schließer hatte die Lampe auf den Tisch gesetzt und war wieder gegangen. Baron Monio blickte sich zuerst einmal nach dem Fensterchen um.
»Wir sind hier ganz ungestört; bei Todesstrafe darf uns niemand beobachten oder gar belauschen.«
Dann schlich er zu Nobody hin und klopfte ihm mit freundlichem Lächeln auf die Schulter.
»Sehr gut gemacht, mein Sohn, das hast du sehr gut gemacht.«
War das wieder eine jener Fallen, in denen die Japaner so groß sind?
Nein, Nobody konnte dem Menschen durch das Auge ins Herz blicken, und in dem Herzen dieses alten Mannes las er nur väterlichen Stolz auf seinen Sohn.
Trotzdem konnte er ja die Probe machen, auch er konnte eine Falle stellen.
Mit einer abwehrenden Handbewegung trat er zurück.
»Nennen Sie mich nicht Ihren Sohn! Ich bin ein Gefangener, Sie sind ein freier Mann.«
Der Alte tat etwas erstaunt.
»I, sei doch nicht so komisch,« sagte er dann beschwichtigend. »Freilich ist ein furchtbarer Fehler begangen worden, durch welchen du schwer gedemütigt wurdest, und wodurch alles hätte mißglücken können, aber deine Klugheit und rasche Fassungsgabe hat ja alles wieder gutgemacht.«
Nobody horchte hoch auf, und jetzt konnte er auch fragen:
»Was für ein Fehler?«
»Es war doch Leutnant Timitti, welcher heute nacht zu dir kam und dir den schriftlichen Bericht abforderte?«
»Jawohl, es war Leutnant Timitti,« bestätigte Nobody dreist.
»Es hatte aber Leutnant Dimodi sein sollen, der war beauftragt, dich in alles einzuweihen, verstehst du? Es war eine Namensverwechslung, und wie die Verwechslung sonst zustande kam, will ich dir später erklären. Anstatt daß dich nun Leutnant Dimodi in alles einweihte, hat dich Leutnant Timitti schon für den Betrüger gehalten, der sich für den Baron Kata Nogi ausgibt, hihihi.«
Der Alte kicherte vor sich hin, und Nobody ging jetzt eine Ahnung auf, daß er sein Spiel doch noch nicht verloren hatte.
»Aahh so!« sagte er langgedehnt, obgleich er in Wirklichkeit noch gar nichts wußte, und dann durfte er hinzusetzen: »Ja, in was sollte mich denn Leutnant Dimodi eigentlich einweihen?«
»Nun, daß du dich eben für einen falschen Baron Nogi ausgeben sollst, und daß du ... nein, ich verstehe schon, du kannst noch von gar nichts wissen. Hier, setz dich her, ich will dir ausführlich erzählen.«
Sie setzten sich, und Nobody war nicht wenig gespannt auf das, was er nun zu hören bekommen würde. Die Sache schien ja immer verwickelter zu werden.
»Es war dir doch schon im Vertrauen mitgeteilt worden, daß du nächstens in geheimer Mission nach Petersburg gehn solltest,« begann der Alte.
»Jawohl, wenigstens im Vertrauen wurde es mir gesagt.«
»Oberst Kaluno hatte es dir verraten.«
»Ganz richtig, Oberst Kaluno. Wie geht es dem eigentlich?«
»Der ist doch schon seit drei Monaten tot!!« rief der Alte erstaunt.
»Ach so - ja - ich dachte an den andern! Nun, und?«
»Unterdessen hat es sich etwas geändert, oder aber, wir haben alles erst jetzt richtig erfahren. Im russischen Kriegsministerium zu Petersburg ist der Plan ausgearbeitet worden, wie Rußland die Mandschurei besetzen will und sich bei Einmischung von andern Mächten diesen gegenüber verhalten wird, speziell zu Japan. Daß dieser Plan mit Erwägung aller Kriegseventualitäten fix und fertig ausgearbeitet im geheimen Kabinett liegt, wissen wir hier bestimmt. Jetzt handelt es sich darum, in diesen Kriegsplan Einblick zu nehmen, ihn womöglich zu kopieren. Hierzu warst du von vornherein ausersehen. Kein Mensch in Japan kann diese Aufgabe so gut lösen wie du. Aus einem ganz besondern Grunde! Aber gerade bei dir ist ein Hindernis vorhanden. Kennst du die Gräfin Anita Urlewsky?«
Wenn die Frage so gestellt wurde, durfte Nobody getrost verneinen.
»Anita Urlewsky, eine geborene Italienerin, ist die geschiedene Frau des Grafen Urlewsky. Sie hat überhaupt eine dunkle Vergangenheit hinter sich, sie ist eine Abenteurerin gewesen und ist es schließlich noch heute. Das hindert aber nicht, daß das Haus des ebenso schönen wie geistvollen und nicht minder kapriziösen Weibes der Mittelpunkt der schöngeistigen und besonders auch der politischen Welt Petersburgs ist. Dies kommt mit daher, weil sie die ausgehaltene Maitresse des verwitweten Grafen Alexei Petrof ist, des russischen Kolonialministers. Obgleich dieser ganz genau weiß, daß ihm die Gräfin Anita durchaus nicht treu ist - es ist stadtbekannt, daß sie sich jedem Abenteurer hingibt - liegt er doch wie ein Sklave zu ihren Füßen. Außerdem vertraut er ihr vollkommen, sie ist so gut wie seine Sekretärin, seine Mitarbeiterin, und in die tiefsten politischen Geheimnisse eingeweiht. Verstehst du nun, um was es sich handelt? Der mußt du den Kopf verdrehen, daß sie dir den geheimen Kriegsplan ausliefert.«
Hui, dachte Nobody, ist denn der Baron Nogi als solch ein gefährlicher Don Juan bekannt? Davon hat er mir in der Hypnose gar nichts verraten.
»Nein, ich verstehe nicht so ganz,« entgegnete er jetzt. »Du gibst mir von dieser Frau ein unklares Bild. Du sagst, es sei stadtbekannt, daß sie sich jedem Abenteurer hingibt, und in demselben Atemzuge sagst du auch, sie sei die Vertraute eines Ministers, von dem sie in die tiefsten Geheimnisse eingeweiht würde. Wie reimt sich das zusammen? Dem würde die Regierung doch bald einen Dämpfer aufsetzen.«
»Und ich könnte dem entgegnen: das liegt eben in den russischen Verhältnissen. Alles ist von oben bis unten bis ins Mark verfault, und der Beamte, der am meisten stiehlt, tut seine Pflicht am besten. In diesem Falle trifft das aber gar nicht zu. Die Gräfin ist ein ganz rätselhaftes Weib. Sie ist eine Sphinx. Du wirst sie ja noch genau kennen lernen, und an höherer Stelle wirst du auch noch nähere Offenbarungen erhalten. Ja, wohl schwärmt sie für Exzentrizitäten aller Art, jeder Abenteurer ist ihr willkommen, je toller, desto besser, aber ... sie ist dem Manne, der sie aushält und der sich ihr anvertraut, treu. Das heißt, nicht in bezug auf die Liebe - über solche veraltete Ansichten ist die Gräfin Urlewsky erhaben - aber in bezug auf die Geheimhaltung dessen, was man ihr anvertraut. Da ist sie treu wie Gold. Ein ganz außergewöhnliches Weib, diese Urlewsky! Wer sich ihr anvertraut, den verrät sie nicht, da läßt sie lieber ihr Leben. Hierfür hat sie auch schon einen Beweis geliefert.«
»Sie war bereit, ihr Leben zu opfern?«
»Mehr noch, wenigstens für eine Frau, welche weiß, daß sie schön ist und bewundert werden will. Der kleine Finger an ihrer linken Hand ist verkrüppelt. Es war im letzten russisch-türkischen Kriege. Sie war damals fast noch ein Kind. Da fiel sie bei der Belagerung einer Festung den Feinden in die Hände. Sie sollte das Losungswort sagen, welches das Festungstor öffnete. Ein türkischer Offizier setzte ihr die Pistole vor die Stirn. Ein Wort konnte sie retten. Da legte die kleine Anita ihre Hand auf eine glühende Ofenplatte, neben der sie stand, und während ihre Hand fast briet, schaute sie lächelnd den Türken an, der ihr mit der Pistole drohte. Davon ist ihr der verkrüppelte Finger geblieben.«
»Großartig, einfach großartig!!« rief Nobody und sah dabei ganz verklärt aus. »Und was sagte der türkische Offizier?«
»Was der sagte? >Schade, daß du kein Türke bist!< Und mit Ehrenbezeugungen überschüttet, ward Anita zurück in die belagerte Festung gebracht.«
Den Kriegsplan werde ich den Japanern verschaffen, sagte sich Nobody sofort, aber nicht durch die Vermittlung dieses heldenhaften Weibes, die soll meinetwegen keinen Treubruch begehn. Kaufen werde ich sie mir trotzdem, die muß mir gehören, koste sie, was sie wolle, die muß mit nach meiner Insel.
Und laut fragte er:
»Wenn das aber solch ein Weib ist, wird es mir denn da gelingen, die Gräfin so weit zu bringen, daß sie mir den geheimen Plan ausliefert?«
»Dir?« lächelte der alte Schatzkämmerer. »Wenn du so sprichst, dann kennst du dich ja selbst noch nicht einmal. Sieh doch nur, wie dir hier alle die weißen Frauen nachrennen! Die sind ja alle ganz vernarrt in dich! Da ist die Tochter des russischen Gesandten, die kannst du doch auch um den Finger wickeln, während sie sonst von keinem ihrer weißen Landsleute etwas wissen will. Das liegt in deinem Blick, in deinem Auftreten, in deinem ganzen ritterlichen Wesen, du entstammst eben dem berühmtesten Geschlecht der Samurais. Ach, das wird ja so einfach! Mag die exzentrische Gräfin bisher die Liebe auch nur als eine Spielerei betrachtet haben, du zwingst sie doch noch nieder und bändigst sie, wie du noch jedes Weib gebändigt hast, bis es gehorsam zu deinen Füßen lag.«
Hui, dachte Nobody wiederum, seht einmal diesen Baron Nogi an, was das für ein Schwerenöter ist! Und dessen Rolle muß ich nun spielen! Es ist doch gut, daß meine Frau von dieser Eigenschaft meines Doppelgängers nichts weiß.
»Nun ist es selbstverständlich,« fuhr der Alte fort, »daß ein Baron Kata Nogi so etwas nicht unternehmen kann. Ich meine, nicht unter seinem Namen. Du bist verheiratet, und wenn man das auch dort noch nicht weiß, so wird man es doch schnell genug erfahren, du kannst dich der Maitresse des Ministers nicht mehr als glühender Verehrer nähern, und überhaupt, als Baron Nogi, als Adjutant des Generalsfeldmarschalls, und wo du auch schon eine politische Rolle gespielt hast, da würde man bei unserm gespannten Verhältnis mit Rußland sofort Verdacht schöpfen ...«
»Ich verstehe, ich verstehe,« fiel ihm Nobody ins Wort, »als Baron Kata Nogi kann ich mich nicht auf dieses Unternehmen einlassen. Ah, ihr wünscht also, daß ich vorgeblich mit bei dem Schiffbruch der Jacht meinen Tod gefunden haben soll?!«
»Mein Sohn, du bist scharfsinnig wie immer,« zollte ihm der Alte Beifall. »So ist es. In geheimen Sitzungen wurde schon immer beraten, wie man dich wegen jener Sache nach Petersburg schicken könne, ohne daß du als Baron Nogi erkannt wirst. Das ist gar nicht so einfach. Eine Maskierung würde da nichts helfen. Du, der Günstling des Mikado, bist auch der Liebling des ganzen japanischen Volkes, du kannst nicht so einfach verschwinden; unsre Zeitungen würden förmlich gezwungen werden, deine Abwesenheit zu motivieren, und da genügte nicht, so einfach zu sagen, man hätte dich ins Ausland geschickt. Das Volk würde Rechenschaft verlangen, wohin, wozu, und so würden die Zeitungen die Sache breittreten. Ueberdies werden unsre japanischen Zeitungen auch in Petersburg genau gelesen. Kurz, man hätte sich mit deinem Verschwinden beschäftigt und wäre sehr leicht auf die Spur gekommen, daß der Abenteurer, der sich um die Gunst der Gräfin Urlewsky bewirbt, und Baron Kata Nogi ein und dieselbe Person sind.
»Da verbreiteten die von der Spazierfahrt zurückkommenden Boote, die Kunde, wie die Baronin Nogi und ihre Kinder verunglückt waren und kein andrer als der eigne Gatte und Vater sie gerettet habe. Du warst also von der Segelpartie zurückgekehrt. Wir vermuteten aber, die ganze Gesellschaft befände sich an Bord des englischen Dampfers. Solch ein furchtbares Unglück konnte ja niemand ahnen. Die Sanitätsbeamten kamen an Bord, sie brachten deine Erzählung mit zurück, du seist der einzigste der die Katastrophe überlebt hätte!
»In Waninos klugem Kopfe tauchte zuerst der Plan auf. Er eilte zum Minister. Schnell wurde eine geheime Sitzung abgehalten.
»Da kam auch die Anfrage des Sanitätsbeamten, ob deine Frau und Kinder das pestverdächtige Schiff verlassen dürften. Jawohl, wenigstens deine Frau mußte man ins Vertrauen ziehen.
»Der Entschluß wurde gefaßt. Freilich war es unterdessen Abend geworden, ehe man sich über alles klar ward. Leutnant Dimodi sollte dir den Bericht abfordern, die Hauptsache aber war, daß er dir Instruktionen betreffs dessen gab, was man mit dir vorhatte, was du vor dem Richter auszusagen hattest.
»Es war folgendes beschlossen worden: Du bist ein Abenteurer, ein Hochstapler. Seit einiger Zeit hast du die Bekanntschaft des Barons Kata Nogi gemacht und sein Vertrauen zu erwerben gewußt. Du siehst ihm sehr ähnlich und schließt dich der Segelpartie an. Ihr erleidet Schiffbruch. Alle gehn unter. Auch Baron Nogi siehst du in den Wellen versinken. Nur du rettest dich auf eine Vogelklippe. Da kommt dir der Gedanke; du willst die Rolle des Barons Kata Nogi spielen! Das kannst du um so eher, weil du dich wenig in der Öffentlichkeit hast sehen lassen, niemand weiß, daß du mit Kata Nogi verkehrt hast. Aber sonst bist du imstande, seine Rolle zu spielen. Nun wird auch noch das Unglück der Frau und Kinder dein Glück, zufällig mußt gerade du es sein, der sie rettet. - Uebrigens wieder eine Tat, wie sie nur mein Sohn fertig bringt,« setzte der Alte hinzu.
»Es lag im Ratschluß der Götter, die mir stets gnädig gesinnt waren, schon dadurch, daß sie mich den Sohn solch eines vorzüglichen Mannes werden ließen,« wehrte der japanische Nobody bescheiden ab. »Dies also sollte mir Leutnant Dimodi mitteilen.«
»Jawohl. Aber in der Eile, mit welcher gehandelt werden mußte, entstand - durch die ähnlich lautenden Namen eine Verwechslung. Leutnant Dimodi wurde durch ein Versehen zurückgehalten, statt seiner ging Leutnant Timitti ab, der aber nur wußte, daß er dir den Bericht abfordern solle und irrtümlich, weil er nur etwas davon gehört hatte, der Meinung war, daß du wirklich ein falscher Baron seiest.«
»Ja, das merkte ich an seinem Betragen. Und wofür hält mich Sayadamona? Glaubt auch sie, ein falscher Baron hätte sie gerettet und sie geküßt?«
»Nein. Sayadamona ist eingeweiht worden, und Sayadamona ist im Gehorsam erzogen. Aber es ward ihr schwer, dich öffentlich zu verleugnen, es griff sie so an, daß sie in Ohnmacht fiel.«
»Weiß sie, weshalb ich nach Petersburg gehe, daß ich dort ein schönes Weib verführen soll?«
Nobody interessierte sich im Augenblicke mehr für die junge Frau seines Doppelgängers als für alles andre.
»Nein, das braucht sie nicht zu erfahren, wir haben ihr etwas andres erzählt, du müßtest eben auf eine geheimzuhaltende Reise. Und was wäre schließlich dabei, wenn sie wüßte, zu welchem Zwecke du nach Petersburg gehst? Was hat sich eine Japanerin um das Tun und Lassen ihres Mannes zu kümmern? Sayadamona aber ist eine echte Japanerin.«
Trotzdem! Nobody, der viel mehr Herz hatte, als er vorgab, empfand es als eine Wohltat, daß Sayadamona nichts hiervon erfuhr.
»War der Richter eingeweiht?« fragte er dann weiter.
»Ja, wir alle, die Ankläger und Zeugen, gehörten sämtlich zum gelben Drachen.«
Aha! Also auch der gute Papa war Mitglied dieser gefährlichen Verbindung.
Das war aber auch der Beweis, daß Nobody jetzt keine Falle mehr zu fürchten hatte, er wurde wirklich für den echten Baron Kata Nogi gehalten. Denn Nobody konnte in gewissen Fällen überaus mißtrauisch sein.
»Da aber,« fuhr der Alte fort, »ging uns eine fatale Erkenntnis auf. Erst im letzten Augenblick, als wir schon im Gerichtssaale saßen und du vorgeführt werden solltest, erfuhren wir zufällig, daß du überhaupt gar nicht vorbereitet worden warst! Das war eine schöne Geschichte! Zum Glück machte der Richter seine Sache sehr gut, er legte dir die Antworten immer in den Mund - aber noch besser, mein Sohn, hast du deine Sache gemacht. Ist es denn nur möglich, ahntest du denn gleich, was wir mit dir vorhatten?«
Der Alte konnte sich nicht enthalten, dem Sohne liebevoll den Kopf zu streicheln, auf welchen dieser nicht gefallen war.
»Natürlich, natürlich! Eine Ahnung ging mir gleich auf, ich sah doch auch euer Kopfnicken, wenn ich auch noch nicht im geringsten wußte, wohinaus ihr eigentlich wolltet. - Ja, was ist denn das aber für einer gewesen, den ich vorstellen sollte, der ... der ... wie war gleich der Name?«
»Nobody,« kam der alte Schatzkämmerer dem Sohne zu Hilfe.
»Ja, Nobody! Wie kamt ihr gerade auf den?«
»Hast du noch nichts von diesem Nobody gehört?«
Diese Frage war vortrefflich! Denn Nobody hätte nicht so ohne weiteres wagen dürfen, seine Unkenntnis zu verraten. »Nein.«
»Das ist ein amerikanischer Detektiv, der seine Abenteuer in einer New-Yorker Zeitung beschreibt; >Worlds Magazine< heißt das Blatt.«
»So, so. Und dieser Nobody soll ich sein?«
»Ja. Es hatte jemand diesen Einfall gehabt. Dieser Detektiv macht gerade jetzt sehr viel von sich reden, und irgend jemand mußte es doch sein.«
»Aber wie leicht hätte herauskommen können, daß ich nicht dieser Nobody bin! Wenn der nun jetzt aufgetreten wäre, euch zur Rechenschaft gezogen hätte, wie ihr einen Mann, den ihr als Abenteurer, Hochstapler und Betrüger anklagt, mit seiner ehrenwerten Person identifiziert?«
»I, dieser Nobody existiert doch gar nicht,« kicherte der Alte.
»Existiert gar nicht?«
»I wo, das ist doch nur eine vorgebliche Person, eine Phantasiegestalt, die ihre erfundenen Abenteuer in jener Zeitung veröffentlicht, um die Leser zu unterhalten.«
Wartet, dachte der gar nicht existierende Nobody, ich will euch noch einmal einen Beweis davon geben, daß diese Phantasiegestalt wirklich leibt und lebt - einen Beweis, daß euch die Haare zu Berge stehn sollen!
»Aber,« fuhr der Alte fort, »das Publikum glaubt, wie es so oft mit Romanfiguren passiert, wirklich an seine Existenz. Der chinesische Gesandte ist auch so einer, der sich für so etwas interessiert, der erzählt uns viel davon, und daher sind wir über diesen amerikanischen Detektiv, obgleich er gar nicht lebt, genau orientiert. Nun wird er auch als ein großartiger Verwandlungskünstler hingestellt, der sein Gesicht und wohl gar seine Nase verändern, eben das Aussehen jedes Menschen annehmen kann, und das paßte alles so vortrefflich für unsre Zwecke, und da wollten wir eben das Gerücht aussprengen, der falsche Baron Kata Nogi sei jener Nobody, und daraufhin solltest du auch vorbereitet werden.«
Na wartet, dachte der gar nicht lebende Nobody wiederum, ihr sollt mich noch einmal zur Genüge kennen lernen!
»Ja, wir dachten sogar daran, ob du dich nicht als dieser Nobody bei der Gräfin Urlewsky einführen könntest. Denn die schwärmt für alles Abenteuerliche und Sensationelle. Was meinst du, willst du die Rolle dieses Romanhelden in Wirklichkeit spielen?«
Jetzt hätte Nobody dem Alten so gern einmal ins Gesicht gelacht.
Nobody tritt als Baron Nogi auf, und jetzt soll der falsche Baron Nogi den echten Nobody spielen! Das war ja köstlich!
Aber Nobody war nicht sogleich bereit, das mußte er sich wenigstens noch reiflich überlegen, und vorläufig wußte er eine Ausrede.
»Da wäre doch ein großes Hindernis vorhanden.«
»Welches?«
»Wenn dieser Nobody, von dem ich jetzt zum ersten Male höre, ein so geschickter Verwandlungskünstler sein soll, der jede Maske annehmen kann, und die Gräfin Urlewsky verlangt nun einmal von mir, ich soll ...«
»Da hast du allerdings recht,« fiel ihm der alte Japaner ins Wort. »Das war ja auch nur ein Gedanke von uns, das bleibt überhaupt vollkommen dir überlassen. Die Hauptsache ist, daß du deinem Vaterlande den Kriegsplan bringst, den Rußland für die Mandschurei ausgearbeitet hat, schon in der Voraussetzung, daß es dort noch einmal mit Japan feindlich zusammentrifft. Was für einen Wert dieser Kriegsplan für uns hat, brauche ich dir, dem geschulten Taktiker, nicht erst zu sagen, und ebenso weißt du, daß der Plan nicht einfach entwendet werden oder daß man sonst eine Ahnung haben darf, ein Fremder könnte Einblick in ihn genommen haben. Dann würde einfach ein neuer Kriegsplan ausgearbeitet werden.«
»Selbstverständlich! Es muß eine geheime Kopie davon genommen werden.«
»Und dann mußt du die leidenschaftliche Gräfin so in deine Gewalt bekommen, bis sie dir gutwillig den Schlüssel zum Geheimkabinett gibt,« ergänzte der brave Japaner. »Auf jeden Fall aber gebe ich dir den Rat, dich bei ihr als so ein verwegener Abenteurer einzuführen. Sie schwärmt eben für solche Naturen, weil sie selbst eine ist. Schon mancher Abenteurer verdankt ihr sein dauerndes Glück, und es kann ihr gar kein noch so verrücktes Projekt gemacht werden, sie geht darauf ein, schießt die Kosten dazu vor.«
»Was für ein verrücktes Projekt? Kennst du ein Beispiel?«
»O ja. Da erzählen die Europäer, besonders die Spanier, von einem verschollenen Goldlande, das in Südamerika gelegen haben soll. Eldorado nennen sie es. Es sind schon viele Expeditionen aufgebrochen, um es zu suchen, natürlich immer vergebens, denn es existiert nur in der Phantasie von leichtgläubigen Köpfen, und das war auch früher, jetzt denkt niemand mehr an die wirkliche Existenz dieses fabelhaften Goldlandes. Da aber verirrt sich ein spanischer Abenteurer nach Petersburg, lernt die Gräfin Urlewsky kennen, schwatzt ihr von seinen Träumen vor - - und wahrhaftig, sie gibt ihm die Mittel, daß der Schwindler eine Expedition nach Südamerika ausrüsten kann.«
»Und weiter?«
»Na, der Kerl ist gar nicht nach Südamerika gegangen, er hat das Geld in Paris verpraßt.«
»War sie da nicht von ihrer Vorliebe für solche Abenteurer kuriert?«
»Durchaus nicht. Gleich darauf fiel sie auf ganz dasselbe herein, sie gab die Mittel her, um von einem Abenteurer das sagenhafte Ophir entdecken zu lassen. Das war ebenfalls ein Schwindler. Und so hat sie schon Unsummen für solche Zwecke ausgegeben.«
»Woher nimmt sie die Mittel? Ist sie vermögend?«
»Nein. Aber die Kasse Alexei Petrofs steht ihr zur Verfügung, und der allerdings ist immens reich.«
»Ist das nicht ein Zeichen der Beschränktheit, daß sie immer wieder das Opfer von Betrügern wird?«
»Beschränktheit? Die ist nicht beschränkt! Nein, sie sagt es selbst, das macht ihr Vergnügen, sie liebt solche unternehmungslustige Personen, welche ihrer nüchternen Mitwelt Hohn sprechen, und vor Betrügern kann sich niemand schützen. Es sind doch auch nicht alle solche. Da ging einmal durch die Zeitungen die Notiz, im nördlichsten Sibirien existierten noch Mammuts, die Eingebornen erzählten von solchen haarigen Ungeheuern - und wenn die Zeitungen das auch nur nacherzählten - warum sollte es nicht möglich sein? Es gibt im nördlichen Sibirien Gegenden, die noch gänzlich unerforscht sind, und das Mammut könnte dort oben wohl noch sein Fortkommen finden. Da meldete sich bei der Gräfin Urlewsky ein junger Russe, ein Bauernbursche, aber schon ein erfahrener Bärenjäger. Der macht sich anheischig, nach jenen Gegenden zu gehn, und wenn er ein Mammut findet, es lebendig mitzubringen. - Jawohl, der Junge erhielt alles, was er zu seiner Expedition brauchte.«
»Nun, und hat er ein lebendiges Mammut mitgebracht?« lachte Nobody.
»Nein, ein lebendiges nicht, aber ein totes, noch ganz wohlerhalten. Es war in Eis eingefroren und hatte sich während Jahrtausenden konserviert. Die Hunde konnten noch das Fleisch fressen. Die Gräfin schenkte diese in der Welt einzig dastehende Seltenheit dem Petersburger Museum. Außerdem entdeckte der Junge noch ein ungeheures Lager von Mammutzähnen, besser als Elfenbein, das brachte der Regierung großen Gewinn, und das alles hat man nur dem abenteuerlichen oder sage meinetwegen verrückten Sinne dieser Gräfin zu verdanken.«
»Gut, jetzt weiß ich, mit wem ich es zu tun haben werde, und diese exzentrische Gräfin gefällt mir immer mehr. Ja, da allerdings werde auch ich als ein verwegner Abenteurer auftreten.«
»Aber nicht als Japaner!«
»Nicht als Japaner?« wiederholte Nobody verwundert.
»Das wäre zu gefährlich. Die Russen werden stets mißtrauisch gegen einen Japaner sein.«
»Als was denn aber sonst?«
»Nun, du bist doch oft genug für einen Franzosen gehalten worden. Wenn sie dich in französischer Uniform sahen, wollten es Fremde gar nicht glauben, daß du ein Japaner seist. Das ist es ja, wovon ich schon oft genug zu dir gesprochen habe. Wir aus der Kaste der Samurais haben eine außerordentliche Aehnlichkeit mit den Südfranzosen. Laß dir einen Knebelbart stehn, wie ihn alle die weißen Teufel tragen, wenn sie recht keck aussehen wollen, und mit deinem vollendeten Französisch kannst du dich getrost für einen echten Franzosen ausgeben.«
»Dann werde ich also als französischer Abenteurer auftreten, und ein Glück ist es, daß ich auch das Russische beherrsche.« Denn das hatte Nobody aus dem Baron heraushypnotisiert; solche Sachen mußte er unbedingt wissen.
»Sonst hätte man dich wohl auch nicht für solch eine Mission ausgewählt,« lachte der Alte. »Nun aber,« fuhr er ernst fort, »berichte mir zunächst über eure Fahrt auf dem >Drachenkopf<. Was ist da Furchtbares passiert? Haben denn nur wirklich alle Samurais ihren Tod gefunden? Berichte mir, ich werde es dann gleich weitermelden, es warten genug mit namenloser Spannung auf deinen wahren Bericht.«
Das konnte geschehen. Nobody hatte Zeit genug gehabt, um sich darauf vorzubereiten. Die Wahrheit erzählte er natürlich nicht, sondern die alte Geschichte, nur mit einer Variation und mit andern Namen.
Eben nicht die Segeljacht, sondern jener Dampfer, der >Drachenkopf<, welcher die vornehmen Geheimbündler aufgenommen hatte, um mit dem Piratenkapitän die Inseln der chinesischen Seeräuber zu inspizieren, war das Opfer eines Sturmes und der Brandung in unbekannter Gegend geworden, und außer Baron Nogi war kein Mann dem Tode entgangen. Nur dieser hatte sich auf eine Vogelklippe gerettet, war von dem englischen Dampfer aufgenommen worden.
Diese Schilderung war vollkommen glaubwürdig. Der alte Japaner war furchtbar erschüttert. Eine lange Pause trat ein.
»Wie gesagt,« nahm er dann wieder das Wort, »ich kann dir nur mitteilen, was ich so ungefähr gehört habe; ich soll dich nur vorbereiten. Von höherer Stelle wirst du ausführliche Instruktionen für deine Mission erhalten.«
»Instruktionen, wie ich mich der Gräfin zu nähern habe, um von ihr den Kriegsplan zu bekommen?«
Der Alte hatte das Unbehagen herausgehört.
»Mißverstehe mich doch nicht! Wie kann man dir deswegen Instruktionen erteilen? Du mußt doch noch Bestimmteres erfahren. Nein, sonst wird man dir vollkommen freie Hand lassen.«
»Wie lange habe ich Zeit, um den Kriegsplan zu kopieren?«
»Zehn Jahre.«
»Wie lange?«
»Zwanzig Jahre. Ich will damit sagen, daß die Zeit gar keine Rolle spielt, wenn du den Plan nur drei Monate eher bringst, als es zum Kriege zwischen Rußland und Japan kommt, wozu ja aber vorläufig gar kein Grund vorhanden ist. Da müssen die Russen erst die Mandschurei besetzen.«
»Und wenn ich nun meine Aufgabe gelöst habe?«
»Kommst du natürlich als Baron Kata Nogi zurück, und ich denke, der Baron Nogi wird in dem zukünftigen Kriege gegen die Russen noch eine Hauptrolle spielen.«
»Wo soll ich da inzwischen gewesen sein?«
»Das wird sich schon finden. Auch der wirkliche Nogi ist eben dem Schiffbruch entgangen, auch er hat sich auf eine einsame Insel gerettet; er braucht nicht darauf geblieben zu sein, er ist etwa von einem Schmugglerschiffe, das seine Geheimnisse zu wahren hat, aufgenommen worden, konnte nicht wieder herunter, ist irgendwo im Auslande abgesetzt worden, bis ihm endlich die Flucht und die Rückkehr in seine Heimat gelangen. Da findet sich doch stets ein Ausweg. Dann wirst du natürlich mit allen Ehren empfangen. Oder dann kann es ja auch bekannt werden, daß du es gewesen bist, der mit der Entwendung des russischen Kriegsplanes seinem Vaterlande einen unschätzbaren Dienst erwiesen hat.«
Famos, sagte sich Nobody, das paßt ja alles in die Pläne, die ich mit meinen gefangenen Japanern vorhabe!
In Gedanken versunken, malte der alte Japaner mit der Fingerspitze Kreise auf den Tisch, und sofort erriet Nobody diese Gedanken, denn es war kein Zufall, daß der Alte solche Zeichen malte, es war vielmehr eine Unvorsichtigkeit. Diese Kreise bildeten mit ein Erkennungszeichen der Geheimbündler des gelben Drachens. Hierüber hatte sich Nobody von dem hypnotisierten Japaner zur Genüge orientieren lassen, hierüber hatte er auch aus den Papieren des gesunkenen Dampfers einen tiefen Einblick gewonnen.
»Du weißt doch, daß in sechs Tagen Neumond ist,« begann da der Schatzkämmerer wieder.
»Ja, das weiß ich.«
Nobody wußte auch, was jener meinte, aber er wollte ihn lieber selbst sprechen lassen, um ja keinen Fehler zu begehn.
»Da müssen wir im Drachennest sein. Kommst du mit?«
»Vorläufig sitzt im Drachennest noch ein andrer,« lautete die etwas spöttische Antwort. Denn mit dem >Drachennest< war nichts andres als die heilige Insel, die Perleninsel gemeint.
»Hast du auf dem Drachenkopfe etwas davon gehört?«
»Nein. Was?«
»Was wir vorhaben.«
»Nein.«
»Was für Vorbereitungen an der Küste von Formosa schon seit langem getroffen werden.«
»Nein, ich habe nichts darüber vernommen. Was für Vorbereitungen sind das?«
»So höre denn!«
Der Alte begann zu erzählen, und Nobody bekam allerdings etwas zu hören! Es gehörte seine ganze Selbstbeherrschung dazu, um nicht zu erschrecken, um sich nicht zu verraten.
Der alte Japaner hatte sich in Eifer geredet, zuletzt sprang er wie ein Jüngling auf, und wenn er auch mit vorsichtig gedämpfter Stimme sprach, so glühten seine Augen doch in unheimlichem Feuer, und drohend hatte er die Hand erhoben.
»Ihr Maß ist voll! Nicht lange mehr sollen die frechen Eindringlinge sich im Drachenneste wärmen können! Sie sollen den gelben Drachen kennen lernen! Und noch andre sollen ihn sehen! Ganz China soll davon erzählen, wie ein feuerspeiender Drache über das Land und über das Meer gegangen ist, und wie sein Feuer die weißen Teufel verzehrt hat, welche es gewagt haben, in die Höhle des gelben Drachen zu dringen! Dann gehört das uralte Heiligtum wieder uns.«
Von der ungewohnten Aufregung erschöpft, hatte sich der Alte wieder gesetzt, er rang nach Fassung. Nobody ließ ihm nur kurze Zeit dazu.
»Und wie ist es mit mir? Ich habe keine Lust, hier lange gefangen zu sitzen.«
»Du mußt ausbrechen.«
»Dazu brauche ich vor allen Dingen Feilen.«
»Die habe ich dir schon mitgebracht.«
Der alte Japaner blickte einmal vorsichtig nach dem Fensterchen, dann brachte er unter seinem Kaftan ein kleines Päckchen zum Vorschein und ließ es dem Sohne in die Hand gleiten. »Uhrfedersägen und Feilen, alles was du brauchst. Morgen erfährst du, wann du ausbrechen kannst.«
»Weshalb erst morgen?«
»Es müssen doch erst Vorbereitungen getroffen werden, sonst würden die Posten dich erschießen.«
»So müssen sie eingeweiht werden?«
»Natürlich.«
»Das ist gefährlich. Es wäre besser, es würde niemand weiter ins Vertrauen gezogen.«
»Das ist auch nicht nötig. Wenigstens sind es nur solche vom gelben Drachen. Es wird dafür gesorgt, daß morgen nacht nur Drachenbrüder Wache stehn; wir haben ja auch unter den gewöhnlichen Soldaten genug Anhänger zu unsrer Verfügung. Die müssen aber erst instruiert werden.«
»Wie ist hier die Oertlichkeit beschaffen?«
Der Vater konnte ihm das erklären. Das Haupthindernis war eine sechs Meter hohe Mauer. Niemand hätte sie übersteigen können, ohne von den zahlreichen Wachtposten bemerkt und von ihnen festgehalten, im Notfalle erschossen zu werden. »Doch ich muß jetzt gehn, morgen werden wir das Nähere besprechen, auch ob du noch einmal vor ein öffentliches Gericht kommen sollst, wo du alles ausführlich gestehst, so daß es das Publikum hört, damit es von deiner Schuld überzeugt ist.«
»Ist das unbedingt nötig?«
»Nein, nicht unbedingt. Deine Flucht wäre schon Beweis genug, daß du nicht der echte Baron Nogi sein kannst.«
Der Vater verabschiedete sich; zärtlich küßte er den Sohn, seinen Stolz.
Nobody war allein. Er blies die Lampe aus und lauschte. Nichts war zu hören. Der Korridor war erleuchtet, aber das durch das Fensterchen hereinfallende Licht genügte nicht, um den Raum zu erhellen.
»Ihr allmächtigen Götter,« erklang es da leise in der finstern Zelle, »ihr seid dem Manne, welcher nichts mehr zu verlieren hat, stets gnädig gewesen, und deshalb bete ich euch an, die ihr das Schicksal des Menschen in eurer Hand habt. So seid auch diesmal mit mir, daß es mir gelingt, meine Freunde noch rechtzeitig vor dem sichern Untergange zu retten!«
Nobody konnte während dieses Gebetes nicht auf den Knien gelegen haben, er mußte gehandelt haben, denn schon im nächsten Augenblick erscholl in der finstern Zelle ein leises, knirschendes Geräusch.
Der Gefangene hatte den Tisch an das Fenster gerückt und war schon dabei, die Eisenstäbe durchzusägen.
Die Sägen und Feilen waren gut, japanische Arbeit, und der alte Schatzkämmerer hatte an alles gedacht, auch ein Fläschchen mit Oel war in dem Paket gewesen.
Nobody wollte also nicht bis morgen warten. Er hatte einen triftigen Grund dazu, schon heute nacht seine Freiheit wiederzuerlangen. Was schadete es auch? Ob morgen oder heute, durch seine Flucht gab er den Beweis, daß er ein Betrüger war, und das war es ja, was man haben wollte; in der heutigen Nacht konnte er sogar einen noch viel überzeugenderen Beweis geben. Denn dort unten patrouillierten Wachtposten mit scharfgeladenen Gewehren auf und ab, und sie waren noch nicht instruiert, wohl viel Lärm zu machen, aber auf einen Flüchtling, welcher dort durch das Fenster kommen würde, nicht zu schießen, sie sollten ihm vielleicht gar noch über die Mauer helfen.
Die starken Eisenstäbe waren durchgefeilt. Die letzte Sichel des Mondes, der aber manchmal hinter einer Wolke verschwand, beleuchtete ab und zu einen geräumigen Hof, der von einer sehr hohen Mauer umschlossen war.
An der Innenseite dieser Mauer patrouillierten die Wachtposten, zwar einer vom andern weit entfernt, aber doch so, daß auf einer Seite des Gebäudes niemals nur ein einziger Soldat war.
Jetzt trat der Mond wieder hinter eine dunkle Wolke, und da hing Nobody schon außerhalb des Fensters, welches sich in der ersten Etage befand, und man hatte dem Gefangenen wohl mit Absicht eine der am niedrigsten gelegenen Zellen gegeben, morgen würde man ihn auch mit Stricken versehen haben, um sich hinablassen zu können.
Doch Nobody bedurfte ihrer nicht.
Ahnungslos wandelte ein japanischer Soldat die Mauer entlang. Da vernahm er einen dumpfen Fall. Erschrocken fuhr der Mann empor. Schon sah er etwas mit großen Sätzen auf sich zukommen; aber noch ehe er daran denken konnte, sein Gewehr herabzureißen, stand dieses Etwas schon mit dem Sprunge eines Panthers auf seinen Schultern - doch nur für einen Moment, die Schultern dienten nur als Sprungbrett - der Soldat fühlte kaum den Absprung - und mit einem mächtigen Satze war Nobody über die Mauer hinweg.
Es war das Kunststück eines Akrobaten oder eines Clowns gewesen, wie man es nur im Zirkus zu sehen bekommt.
Der japanische Soldat dachte noch immer nicht an sein Gewehr, nicht einmal daran, einen Schrei auszustoßen. Er stand wie vom Donner gerührt da und glaubte, nur eine Vision gehabt zu haben.
Nobody war auf der andern Seite zwar zusammengebrochen, schnellte aber wie eine Sprungfeder wieder empor und eilte weiter, ohne den Kopf zu verlieren.
Hinter ihm wurde es laut, Stimmen schrien, ein Gewehr krachte, jetzt donnerte auch ein Alarmschuß.
Was machte es? Das war noch hinter der Mauer; und kam er nur um die Ecke, so wollte Nobody in Sicherheit sein. Es wäre gar nicht nötig gewesen, daß von gewisser Seite schon Maßregeln getroffen wurden, den entsprungenen Gefangenen nicht wieder zu ergreifen.
Es war erst die neunte Abendstunde, und die Straßen, in denen sich Nobody bereits befand, waren noch sehr belebt; aber in dem Manne, der sich sorglos unter die Menge mischte, hätte niemand einen soeben dem Kerker Entsprungenen vermutet. Das war ja auch kein Japaner, sondern ein Europäer, dem Gesicht mit dem hervortretenden Kinn nach ganz sicher ein Engländer, und der graue Sommeranzug des Steuermanns war nicht auffallend, einen solchen trugen andre auch.
Lange hielt sich Nobody freilich nicht damit auf, so gemächlich durch die Straßen zu bummeln. Er bog in ein Seitengäßchen ein, und jetzt beflügelte er seinen Schritt. Bald hatte er den Hafen erreicht.
An einer Quaitreppe lag ein elegantes Boot, zwei Matrosen saßen darin und schienen auf jemanden zu warten.
Nobody stieg die Treppe hinab.
»Ist Lord Roger an Bord?«
»Nein, an Land.«
»Wo befindet er sich da?«
»Im englischen Klub.«
»Einer von euch rudert mich zur >Sunbeam<, der andre holt den Lord, er soll sofort an Bord seiner Jacht kommen.«
Nobody war schon ins Boot gesprungen. Den beiden Matrosen kam das natürlich etwas spanisch vor, sie kannten den Herrn ja gar nicht.
»Wer sind Sie denn?«
»Gehn Sie zu Lord Roger und sagen Sie ihm nur das Wort >Labyrinth<, dann weiß er, wer ich bin, und er wird sofort kommen! Er soll zur Ueberfahrt nach seiner Jacht ein andres Boot benutzen.«
»Labyrinth, schön, ich werde es mir merken!«
Der eine Matrose sprang davon, der andre ruderte den ihm fremden Mann nach der stattlichen Jacht, welche in der Mitte des Hafens lag.
Als eine Viertelstunde später Lord Hannibal sein Schiff erblickte, sah er aus dem Schornstein eine feurige Garbe auflodern, dort wurde mit Macht unter den Kesseln geheizt, ohne daß der Eigentümer der Jacht hierzu Befehl erteilt hätte. Aber der Lord wußte nun schon, wer jener fremde Herr war, von dem ihm der Matrose erzählt hatte, und wieder fünf Minuten später steuerte die >Sunbeam< mit Volldampf zum Hafen von Tokio hinaus.
Die finsterste Nacht lagerte über der kleinen Felseninsel, auf welcher am Tage die vom Meeresgrunde losgerissenen Muscheln nach Perlen durchsucht wurden. Kein Licht brannte. Auch die im Hafen liegenden Fahrzeuge hatten keine Lampen angesteckt. Es war dies Befehl des Masters, welcher nicht wollte, daß vorüberkommende chinesische Dschonken - denn andre Fahrzeuge würden diese seichten Gewässer wohl kaum aufsuchen - auf diese Felseninsel aufmerksam gemacht würden.
Auch keine Wache war ausgestellt. Die zahlreichen Hunde genügten, und wenn sie sich jetzt auch zum Schütze vor dem kalten Ostwinde, welcher von Formosa herüberwehte, hinter Felsblöcke gelegt hatten, so ließen sie ihre Pflicht doch nicht außer acht.
Wehe dem Chinesen, welcher, die ihm gewährte Freiheit mißbrauchend, es gewagt hätte, die ihm angewiesene Schlafstelle zu verlassen, um an den Strand zu schleichen, denn in diesem Falle konnte er nur an Flucht denken, und sobald er sich des Nachts außerhalb der Felsenkammer zeigte, wäre er von den Bluthunden augenblicklich in Stücke zerrissen worden.
Ebenso aber zeigten die wohldressierten Tiere jedes Lichtchen an, welches sie weit draußen im Meere erblickten, sie taten es schon von selbst, aus Instinkt, weil sie nichts Fremdes in ihrem Reviere duldeten, und auch ohne Lichter hätte sich kein Fahrzeug dem Eiland unbemerkt nähern können, ihre feinen Nasen hätten es schon von weitem gewittert.
Was waren da also menschliche Wächter nötig? Man brauchte die Kraft der ausgeruhten Arbeiter am andern Tage nötig genug.
Da knurrte ein Hund drohend: plötzlich schlugen sie alle zusammen grimmig an; wie wahnsinnig stürzten sie dem Hafen zu, und fast gleichzeitig erschienen an Deck der Fahrzeuge angekleidete Matrosen und kamen aus den Felsenkammern bewaffnete Männer herbeigeeilt. Denn wenn es auch keine Wachtposten gab, so doch eine abgeteilte Wachtmannschaft, die auch unter Deck oder in ihrem Quartier immer bereit sein mußte, einen von den Hunden gemeldeten Feind zu empfangen.
So gut diese Mannschaft aber eingeschult sein mochte, so entstand in der undurchdringlichen Dunkelheit doch einige Verwirrung. Es war absolut nichts zu sehen, man wußte nicht, warum die Hunde anschlugen, ein Mann rannte gegen den andern.
»Lichter an! Die Scheinwerfer in Tätigkeit gesetzt!« ertönte das Kommando.
»Keine Lichter, keine Scheinwerfer!!« schrie eine heisere Stimme.
Ein schmetterndes Krachen folgte diesem Rufe nach, es kam von dort, wo der Hafenrand eingemauert war, aber schräg ins Wasser laufend, daß man ohne Anstrengung Boote hinein- und herausschieben konnte - dann ein Knall, ein blitzähnlicher Lichtschein erhellte für einen Augenblick die finstre Nacht - und in diesem Lichtschein hatte man dort auf jener schrägen Stelle einen Trümmerhaufen gesehen, der vorhin noch nicht dort gelegen - dann glühte dort plötzlich ein großes Kohlenfeuer, jetzt sah man deutlicher, daß der Trümmerhaufen aus verbogenen Eisenplatten bestand, das kaum noch erkennbare Wrack eines kleinen Dampfbootes, das mit großer Gewalt die schiefe Ebene hinaufgerannt und dabei aus den Fugen gegangen war, die glühenden Kohlen waren das herausgeschleuderte Kesselfeuer - dann sah man einen Mann, welcher mit jeder Hand einen Hund bei der Kehle gepackt hatte und die andern, die wütend auf ihn los wollten, durch Fußtritte von sich abzuhalten suchte ...
»Zurück, Leo - kusch dich, Arion - kennt ihr Bestien euern Herrn und Meister nicht?!«
Ja, die Bluthunde kannten ihn, und zwar nicht nur an seiner Stimme; winselnd krochen sie ihm zu Füßen, und jetzt hatten auch die Inselbewohner ihn erkannt.
»Der Master!« ging es erstaunt von Mund zu Mund.
»Ich bin's. Wo ist Mr. Zeel?«
»Hier,« meldete sich der von Nobody eingesetzte Kommandant der Insel, dem die eventuelle Verteidigung oblag, ein geborener Holländer und ehemaliger Artillerieoffizier, der als Instrukteur nach China gegangen war.
»Alle Mann in die Forts!!« schrie Nobody, den man gar nicht wiedererkannte, so aufgeregt war er. »Alle Mann an die Geschütze!! Kein Licht, kein Licht!«
Alles stob auseinander; aber die Unordnung war nur eine scheinbare. Jeder Mann eilte an seinen Posten, und so entwickelte auch Nobody nur seine höchste Schnelligkeit, trieb die Leute zur größten Eile an. Das war noch keine Aufregung.
Nobody war in ein Fort geeilt, welches mit dem zweiten telephonisch verbunden war, er gab Kommandos, und was in dem einen geschah, wurde auch in dem andern ausgeführt.
Ohne zu erklären, was für eine Gefahr denn drohe, noch weniger, wie er plötzlich hierherkäme, ließ er die sämtlichen Geschütze nach Osten richten, und zwar die Mündung nach oben, als gelte es, in einem großen Bogen zu schießen, er selbst stellte sich an ein außergewöhnlich langes, aber dünnes Rohr, welches kleine Granaten schoß, stemmte den ausgeschnittenen Bügel an der Schulter fest.
»Ich schieße zuerst!!« schrie er, und es ward auch in dem zweiten Fort gehört. »Immer zwei bis drei Meter über ...«
Doch diese Erklärung sollte nicht erfolgen.
Ein gellender Schrei des Entsetzens übertönte das Kommando.
»Der gelbe Drache, der gelbe Drache!!« heulten die aus den Felsenkammern hervorgekommenen Chinesen und warfen sich platt an den Boden, preßten das Gesicht gegen den Stein, nur um das Schreckliche nicht sehen zu müssen, was ihnen im nächsten Augenblick den Tod bringen mußte.
Aber auch die weiße Mannschaft der Insel schrie vor Schreck laut auf, und wer keinen Laut hervorbrachte, dem sträubte sich vor Entsetzen das Haar auf dem Kopfe.
Urplötzlich war vor ihnen, vielleicht hundert Meter in der Luft, eine Lichtmasse aufgetaucht, ein feuriges Ungeheuer, ein kolossaler Drache, der ein intensiv gelbes Licht ausstrahlte.
Deutlich konnte man jedes Glied an ihm erkennen, den aufgerissenen, von furchtbaren Zähnen starrenden Rachen, die glühenden, tellergroßen Augen, die mächtigen Pranken, den langen Schweif ...
Es braucht nicht näher beschrieben zu werden. Es war eben ein schreckenerregender, feuerspeiender Drache, welcher hoch in der Luft mit ziemlicher Schnelligkeit auf die Insel zuschwebte - und zwar direkt auf sie zu! Denn jetzt senkte er sich herab.
Dem gellenden Schrei war eine Todesstille gefolgt. Was nicht mit dem Gesicht auf der Grde lag, das stierte mit entgeistertem Auge zu dem Ungeheuer empor, von ihm den feurigen Tod erwartend.
»Er muß ins Meer stürzen, ehe er über der Insel schwebt, sonst sind wir verloren!!« durchdrang da Nobodys Kommandostimme die Todesstille. »Aber nicht auf den Drachen selbst schießen, zwei bis drei Meter darüber halten!!!«
Ein Feuerstrom entfuhr dem langen Geschütz, welches seinen Namen Feuerschlange mit Recht führte, das repetierende Rohr wurde von Matrosen mit Granaten bedient, ein Schuß krachte nach dem andern, und plötzlich kam das glühende Ungetüm in eine schaukelnde Bewegung.
»Getroffen! Drei Meter über den Kopf halten! Feuer!!!«
Jetzt feuerten auch andre Geschütze, man hörte ein zischendes Pfeifen in der Luft, und schnell senkte sich der Drache herab, er fiel in das Wasser. Das von ihm ausgehende Licht ward immer schwächer, bis es ganz verlöschte.
»In die Boote!! Den Scheinwerfer in Tätigkeit gesetzt!!«
Hals über Kopf stürzten die hierzu bestimmten Matrosen in die Boote, und als sie abstießen, leuchtete ihnen bereits der blendende Strahl eines elektrischen Scheinwerfers voraus.
Der Höllenspuk hatte überhaupt schon durch den Erfolg der Kanonenschüsse seine ganze Zauberkraft auf die Gemüter verloren, und ... da lag er, der Drache, im tageshellen Scheine des elektrischen Lichtes erst recht alles Märchenzaubers beraubt ... eine Theaterdekoration, ein mit Leinewand überklebtes Gerippe aus Bambusstäben, dem die Granaten und Hartkugeln übel mitgespielt hatten!
»Vorsicht!« warnte Nobody. »Unten an dem Drachen ist eine Dynamitbombe befestigt, grade genügend, um uns alle wegzublasen, wenn sie auf die Insel gefallen wäre. Ich selbst will sie versenken.«
Sein Boot mußte dicht an das Ungeheuer heranrudern, er suchte mit den Händen unter Wasser, zog sein Messer und schnitt Stricke durch.
Nur die schwere Granate hatte die hohle Figur aufrecht gehalten. Als das Gewicht versank, legte sich der Drache auf die Seite, so daß die Leute durch ein großes Loch Einblick in das Innere bekamen.
An den Bambusstäben waren überall kleine Oellämpchen von gelbem Glase angebracht. Sie waren teils von den Geschossen zersplittert worden, teils infolge des Luftdruckes verlöscht.
Außerdem war im Innern noch eine Art von Korbstuhl angebracht.
»Hier schwimmt ein Mann!« erscholl es aus einem andern Boote.
»Haltet ihn fest, bindet ihn, ehe er Selbstmord begeht!!« schrie Nobody.
»Das ist der Japaner, welcher in dem Drachen saß und uns die Bombe auf den Kopf werfen sollte, wenn der Drache über unsre Insel hinwegstrich«, setzte Nobody, sich an den in seinem Boote befindlichen Zeel wendend, erläuternd hinzu.
»Ja, durch welche Kraft aber wurde denn der Drache in der Luft gehalten und fortbewegt?« fragte der Holländer.
»Der hing einfach an einem Luftballon, und die Fortbewegungskraft war der Wind. Nur daß der Ballon gerade hierher kam, das ist nicht so einfach - diese japanischen Pfiffköpfe verstanden den Wind meisterhaft zu berechnen, dieser Ballon kommt nämlich von Formosa her, und doch verstand der Luftschiffer ihn ohne jedes Steuer und ohne jeden sonstigen Apparat ganz genau nach dieser Insel zu lenken, nur durch Berechnung aus freier Hand, wo an der Küste von Formosa er den Luftballon aufsteigen lassen mußte, um gerade hier über diese Insel hinwegzustreichen. Und zwar war es ein wirklicher Luftballon - nicht mit Gas, nur mit Luft gefüllt, die erhitzt wurde, wodurch sie sich verdünnte und so den leichten Drachen und den Mann trug.«
»Von Formosa bis hierher?« fragte der Offizier in aufrichtigem Staunen.
»Jawohl. Schließlich warum auch nicht? Die Montgolfiers hatten zuerst auch keine andern Luftballons, und die haben noch ganz andre Fahrten gemacht. Von Formosa bis hierher sind es etwa sieben Kilometer, dazu brauchte der Ballon bei diesem Winde nur eine halbe Stunde. Die Luft wurde erst stark mit einem Holzfeuer angeheizt, so daß der Ballon sehr hoch stieg, dann führten ihm die vielen Flämmchen durch eine besondere Leitung noch genügend heiße Luft zu, daß er sich in der Schwebe halten konnte. Ich bewundere nur, wie dieser Japaner so genau die Flugrichtung berechnen konnte.«
Der Offizier hätte gern gefragt, woher Nobody dies alles so genau wußte, er mußte doch selbst an Ort und Stelle gewesen sein, wo der Drachenballon aufstieg, aber er unterließ es. »Wie konnte der Drache plötzlich so aufleuchten? Erst war doch gar nichts von ihm zu bemerken?«
»Sehen Sie an jeder Glaslampe unten ein kleines, schwarzes Bündelchen? Das ist ein zusammengerolltes schwarzes Tuch. Ein Zug an einer Leine, und sämtliche Lampen sind verhüllt, und ebenso plötzlich leuchten sie wieder. Eine gerade durch ihre Einfachheit überaus ingeniöse Konstruktion. Die Brüder vom gelben Drachen haben aber auch länger denn zwei Monate daran gearbeitet, ehe sie dieses Ungeheuer, ihr Symbol, fertig hatten, welches uns mit einer Dynamitbombe beschenken sollte.«
Mr. Zeel schauerte leicht zusammen. Erst jetzt kam ihm voll und ganz zum Bewußtsein, was aus ihnen geworden, wäre Nobody nicht wie ein Schatten der Nacht im letzten Augenblicke als rettender Engel erschienen.
Denn hätte wohl jemand daran gedacht, auf den feurigen Drachen zu schießen? Es hätte überhaupt niemand auch nur einen Gedanken gefaßt. Sie waren ja alle vor Entsetzen wie gelähmt gewesen - sie wären sämtlich vom Erdboden weggefegt worden!
»Ja, wo ist denn nun aber der eigentliche Ballon?« fragte Mr. Zeel wieder.
Auch Nobody hatte schon um sich gespäht, er hob die Hand, mitten im elektrischen Lichtschein stehend, winkte, daß der Scheinwerfer vom Fort aus die weitere Meeresftäche absuchte.
Aber nichts war zu sehen.
»Von dem Winde kann er noch nicht so weit fortgetrieben worden sein. Die zerschossene Hülle hat sich vollgesaugt und ist gesunken.«
»Die seidene Hülle?«
»Seidene Hülle? Der ganze Ballon war bloß von Papier. Ja, darin haben die Japaner auch etwas los. Aber das mit dem Papier haben sie erst von den Chinesen, nur ist es von ihnen noch mehr vervollkommnet worden.«
Der schwimmende Japaner war aufgefischt und derart mit Stricken umwunden, daß er eher einem Taubündel glich als einem Menschen, in Nobodys Boot abgeliefert worden. Der erlegte Drache wurde als Trophäe ins Schlepptau genommen, es ging wieder dem Lande zu, wo jetzt, nachdem Nobody die Erlaubnis hierzu gegeben hatte, überall Lichter aufflammten.
»Das ist das Beiboot von Lord Rogers Jacht,« sagte Nobody beim Aussteigen zu Zeel, auf den Trümmerhaufen von Eisenplatten deutend, neben dem noch immer das ausgeschüttete Kesselfeuer glühte. »Ich bin nämlich zum Japaner geworden, bin auch schon in alle Mysterien des gelben Drachen eingeweiht worden, der nächstens hier seine jährliche Zusammenkunft abhalten wollte, und da mußten doch zuerst die in dem Heiligtume hausenden weißen Teufel hinausgejagt oder besser gleich vernichtet werden.
»Ich hörte also von dem Anschlage, vernahm alle Einzelheiten; in Tokio lag Lord Rogers Jacht, alles auf Verabredung, die benutzte ich, um hierherzujagen. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit. Aber wie ich auch gefahren bin! Zuletzt mußte ich in diesen seichten Wasserstraßen das kleine Beiboot der Jacht benutzen. Kein Matrose hatte Zeit, mir nachzuspringen. Fort ging es! Wie eine Hasenjagd! Dort liegt es! Ich konnte nicht mehr stoppen, es schusselte gleich die Mauer hinauf.«
Mehr erfuhr der Offizier nicht von Nobody, und es genügte auch. Den ausführlichen Bericht würde man dereinst lesen können.
Diese Worte waren nicht von dem gefangenen Japaner vernommen worden. Auf Nobodys Geheiß hatte man ihn schon in eine der unterirdischen Felsenkammern gebracht und auf eine Matratze gelegt.
Lange brauchte er nicht zu warten, so trat Nobody ein, in seiner eigentlichen Gestalt - wenn dieser Mann eine solche hatte. Jedenfalls war er jetzt kein Japaner mehr, sondern ein Europäer. Sein kurzgeschorenes und schwarzgefärbtes Haar hatte er mit einer Mütze verdeckt.
Forschend betrachtete er den auf der Matratze liegenden Japaner, einen Mann mittleren Alters, mit sehr intelligentem Gesicht.
Jener rührte sich nicht, er schloß unter dem Blick die Augen.
»Was würden Sie tun, wenn ich Ihnen jetzt die Fesseln löste?«
Keine Antwort.
»Wer sind Sie?«
Keine Antwort. Der Japaner regte sich nicht.
»Jetu Mijako!«
Da zuckte der Gebundene zusammen und öffnete erschrocken die Augen.
»Ja, ich kenne Sie,« fuhr Nobody fort. »Sie sind Kapitän bei der Luftschifferabteilung in Nagasaki.«
Der Japaner riß die Augen noch weiter auf.
»Im übrigen sind Sie ein kühner Mann, den ich bewundere. Die unter Ihnen explodierende Dynamitbombe hätte auch Sie getötet.«
»Woher ...« Der Mann brachte kein Wort heraus, so erschrocken war er darüber, daß er beim Namen genannt wurde.
»Woher ich Sie kenne? Ich weiß noch mehr. Sie handelten auf Befehl des rechten Auges vom gelben Drachen, und dieses sogenannte rechte Auge heißt für gewöhnlich Mota Musane und ist für gewöhnlich japanischer Staatssekretär. Oder ist es nicht so?«
Jetzt prägte sich im Antlitz des Gefangenen ein förmliches Entsetzen aus, ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. »Ein weißer Teufel, und er weiß alles!!«
»Ich weiß wahrscheinlich vom gelben Drachen noch viel mehr als Sie.«
»Ein weißer Teufel!!« wiederholte der Japaner stöhnend.
»Ja, ein weißer Teufel, aber auch ein guter Teufel,« lächelte Nobody. »Wollen Sie mir jetzt gefälligst antworten, was ich Sie frage? Geheimnisse will ich nicht von Ihnen erfahren, das habe ich nicht nötig.«
»Fragen Sie!«
»Was würden Sie tun, wenn ich jetzt Ihre Fesseln löse?«
»Dann seien Sie edel und geben Sie mir ein Messer!«
»Um sich den Leib aufzuschlitzen?«
»Ja. Ich muß!«
»Das werden Sie aber nicht tun!«
»Der Weg zur Heimat ist mir verschlossen, für mich gibt es nur noch den Tod!«
»Sie werden sich vielmehr sofort zu Mota Musane begeben und ihm melden, wie Ihre Drachenexpedition mißglückt ist.«
Für solch ein Ansinnen hatte der Japaner nur ein Lächeln.
»Und werden ein Schreiben an ihn mitnehmen,« fuhr Nobody fort.
»Was für ein Schreiben?«
»Hören Sie: ich bin der Mann, der den Krieg führt gegen die Piraten, welche harmlose Dschonken überfallen und plündern und die Besatzung niedermetzeln, und diese Piraten werde ich weiter bekämpfen. Aber ich will Frieden schließen mit dem gelben Drachen, welcher nicht will, daß England China mit Opium vergiftet, in dieser Hinsicht will ich ein Freund und Verbündeter des gelben Drachen werden, ich will auch diese Insel freiwillig zurückgeben, und die Bedingungen, unter welchen ich dies tue, sollen Sie mitnehmen und dem Staatssekretär, einem Oberhaupte des gelben Drachen, übergeben. - Haben Sie da ein Recht, aus gekränktem Ehrgeiz sich das Leben zu nehmen? Nein, Ihre erste Pflicht ist, dieses Schreiben zu überbringen. Sehen Sie das ein?«
»Wenn es so ist, ja,« erklang es ohne Zögern.
»Gut, und ich traue Ihnen. Haben Sie Waffen bei sich?«
Der Japaner blieb die Antwort schuldig.
»Ihr Schweigen ist auch schon eine Bejahung. Aber antworten Sie offen! Haben Sie Waffen bei sich?«
»Ja.«
Nobody zog sein Messer. »Ich zeige Ihnen dadurch Vertrauen, daß ich Ihnen die Banden löse, ohne Ihnen vorher die Waffen zu nehmen. Sie könnten mich töten; aber Sie würden einen Freund des gelben Drachen töten.«
Er durchschnitt die Stricke. »Sie sind ein freier Mann, Sie sind mein Gast!«
Der Japaner stand auf und dehnte die Glieder. -
Noch in derselben Nacht wurde er von Matrosen in einem Boote nach einer der Küste von Formosa nahen Felseninsel gebracht, von welcher aus er sich den auf ihn wartenden Mitgliedern des gelben Drachen bemerkbar machen konnte.
4. Ein Staatsauftrag
»Nun weißt du alles.«
Nobody sagte dies zu Lord Hannibal Roger, während sich dessen Jacht auf der Rückfahrt nach Tokio befand.
»Und was tust du jetzt?«
»Jetzt melde ich mich wieder als Baron Nogi zur Stelle. Natürlich nicht öffentlich. Baron Nogi ist ja tot, und ich bin als Betrüger entlarvt. Ich suche einfach meinen Vater auf, den alten Nogi, und von dem werde ich schon erfahren, an wen ich mich zu wenden habe, um weitere Instruktionen zu erhalten.«
»Wo willst du aber unterdessen gewesen sein?«
»Einfach auf der Flucht vor Verfolgern. Da erfinde ich schon irgend ein Märchen.«
»Da läufst du immer noch einmal Gefahr, als Pseudo-Baron entlarvt zu werden.«
»Sei ohne Sorge um mich! Ich habe die Feuerprobe bestanden - auch die Wasserprobe.«
»Und dann begibst du dich nach Petersburg?«
»Nein. Zunächst müßte ich mir einen Vollbart stehen lassen, und während dieser Zeit soll ich, soviel ich bis jetzt von dem gehört habe, was alles mit mir geplant ist, eine Reise als Kundschafter durch die Mandschurei machen, also wollen wir sagen, nach Petersburg den Landweg einschlagen. Diese Kundschaftstour durch die Mandschurei hängt natürlich eng mit jenem Kriegsplan zusammen, den ich erbeuten soll. Aber ich werde das nicht tun.«
»Was sonst?«
»Zunächst, wie ich dir schon gesagt habe, lasse ich mir wohl Ratschläge und Vorschläge erteilen, aber keine direkten Instruktionen, ich muß immer ganz freie Hand haben, und das ist mir ja auch schon zugesichert worden. Die Reise durch die Mandschurei freilich muß ich wohl machen, die trete ich auch an, dann aber ... werde ich verschwinden. Eines Tages wird man den Baron Nogi irgendwo als Leiche finden - oder doch seinen Tod bestätigen hören.«
Verständnislos blickte Lord Hannibal den Sprecher an.
»Höre ich recht? Nachdem du schon den echten Nogi hast aus der Welt verschwinden lassen, willst du nun auch als falscher Baron Nogi sterben? Nein, so ist es nicht - - du bist ja eigentlich der echte Baron Nogi - - oder eigentlich nicht - - also du willst nun auch der falsche Pseudo-Baron Nogi ... mir wird ganz konfus im Kopfe.«
»Ja, die Sache wird immer komplizierter,« lachte Nobody. »Die Hauptsache ist die: ich lasse mich als Baron Kata Nogi durch die Mandschurei nach Petersburg schicken, werde aber mein Ziel nicht erreichen, sondern unterwegs verunglücken und dafür Sorge tragen, daß mein Tod denen, die mich geschickt haben, und in deren Auftrag ich sonst handle, bekannt wird.«
Der Lord staunte immer mehr.
»So willst du überhaupt gar nicht nach Petersburg?«
»Doch. Ich werde der Gräfin Urlewsky die Kur schneiden, werde den Kriegsplan erbeuten - aber nicht als Baron Nogi.«
»Als wer denn sonst?«
»Als irgend ein andrer Mensch, nur nicht als Baron Nogi.«
»Aber warum denn nur nicht?«
»Dazu habe ich meine besondern Gründe, die ich dir gleich offenbaren werde. Zunächst jedoch etwas andres, wobei du mir behilflich sein sollst! Kurzum, ich habe einen triftigen Grund, daß ich als Baron Nogi auf der Reise nach Petersburg tödlich verunglücke, um dann in Petersburg wieder als ein andrer auftreten zu können. Meinen Tod müßte auch Sayadamona erfahren. Das ließe sich nicht ändern. Aber das möchte ich dem armen Weibe nicht antun. Ich will die beiden wieder vereinen, den jungen Baron auch wieder mit seinen Kindern. Verstehst du?«
»Ganz und gar nicht.«
»Weil du ein Schwachkopf bist,« sagte Nobody, und die Freundschaft zwischen den beiden ging wohl schon so weit, daß er so sprechen durfte, und der englische Lord hatte gegen diesen >Schwachkopf< auch gar nichts einzuwenden.
»Du weißt doch, was ich mit den sieben Japanern vorhabe,« fuhr Nobody fort.
»Das hast du mir ausführlich genug erzählt.«
»Nun wirst du die Güte haben, während ich mich meinen Vorgesetzten zur Disposition stelle, dich meiner Frau und der vierundzwanzig Kinder zu bemächtigen, die ganze Gesellschaft nach den Schwefelinseln zu bringen und sie gleichzeitig mit den sieben Japanern in den hohlen Berg zu sperren.«
Lord Roger sprang auf.
»Hölle und Teufel, sprichst du denn nur im Delirium?! Was hast du nun wieder vor? Was soll ich tun?«
»Dich meiner Frau und meiner vierundzwanzig Kinder bemächtigen,« wiederholte Nobody gleichmütig, »und sie mit dem echten Gatten und Vater wieder vereinen. Was ist weiter dabei? Du gibst ihnen einen Schlaftrunk ein, den ich dir präparieren werde, sie erwachen erst wieder in dem ummauertem Paradiese und werden die sieben Japaner vorfinden, die ich, wenn ich selbst nicht zugegen sein kann, gleichzeitig von Mr. Hawsken durch ein Stichwort aus ihrem hypnotischen Schlafe erwecken lasse, und dann ist die ganze Familie wieder hübsch zusammen - und hat außerdem noch sechs kräftige Männer als Gesellschafter, die der großen Familie in ihrer ummauerten Lage weiterhelfen können.«
»Ja, was um Gottes willen soll denn aber nun daraus werden?« rief der Lord. »Die erzählen sich doch nun alles!«
»Natürlich erzählen sie sich alles.«
»Und das stimmt doch alles nicht!«
»Was stimmt nicht?«
»Nun, zum Beispiel - der Baron Nogi erzählt doch jetzt seiner Frau, daß er gar nicht in Tokio gewesen ist, und Sayadamona versichert ihm, daß er sie und ihre beiden Kinder aus dem Wasser gerettet hat, wovon jenem gar nichts bewußt ist. Wo um Gottes willen soll denn das nur hinaus?!«
Nobody schnalzte verächtlich mit den Fingern.
»Mir ganz gleichgültig. Ende gut, alles gut!«
»Aber das nimmt kein gutes Ende! Die müssen ja auf der Stelle wahnsinnig werden!«
»Und ich versichere dir: sie werden nicht wahnsinnig - auf der Stelle nicht und später nicht! Bedenke doch nur: die aus ihrem langen, hypnotischen Schlafe erwachten Japaner haben ja überhaupt gar keine Ahnung vom >Wo bin<; - wenn sie sich noch auf etwas entsinnen können, so ist es das, daß der eiserne Dampfer, auf dem sie sich befanden, von einer hölzernen Dschonke in den Grund gerammt wurde, denn ich habe sie sofort, als sie aus dem Wasser gefischt wurden, in hypnotischen Schlaf versetzt.
»Nun sehen sie sich plötzlich in einem Paradiese, das von einer himmelhohen Mauer umschlossen ist, sehen ganz fremde Tiere und Bäume, sehen eine Frau und eine Menge Kinder, in denen der eine Japaner seine eignen erkennt - i, die denken ja, sie sind gestorben und befinden sich jetzt im Paradiese des Jenseits! Es sieht nur etwas anders aus, als ihnen die Buddha-Religion erzählt hat.«
»Und Sayadamona?«
»Die denkt ganz genau dasselbe. Die befindet sich ja jetzt schon in einem Traume. Nimm doch nur an, was die arme Frau in letzter Zeit alles durchgemacht hat! Erst kommt ihr Mann nicht wieder von der gefährlichen Segelpartie nach Hause, dann fällt sie ins Wasser, ihr Mann rettet sie, dann soll das gar nicht ihr Mann sein, dann ist er es doch wieder, dann ist er es immer wieder nicht, er bricht doch aus dem Gefängnis aus, dazwischen einmal seekrank ... i, die weiß ja schon jetzt nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, die wird glücklich sein, wenn sie erst im Himmel ist ...«
Nobody wurde plötzlich tiefsinnig. »Da möchte ich wahrhaftig dabeisein, wenn die alle zusammen erwachen,« murmelte er vor sich hin. »Wenn die Kinder jetzt verlangen, Papa Nogi soll mit ihnen im Himmel Schinkenklopfen spielen, was da Papa Nogi für ein Gesicht machen wird ...«
Aufblickend schnalzte Nobody wieder mit den Fingern.
»Gleichgültig, es wird gemacht! So dumm sind die Japaner nicht, daß sie nicht schnell genug merken, daß sie noch nicht im Nirwana sind, sondern noch auf der Erde; das Rätsel müssen sie ergründen, deshalb begehn sie auch keinen Selbstmord, das ist mir vorläufig die Hauptsache, und ferner, daß ich das nicht auf dem Gewissen habe, der unschuldigen Frau und den Kindern den Gatten und Vater geraubt zu haben. Ich bin eben ein Gemütsmensch.«
»Was nun Sayadamona und die Kinder anbetrifft,« fuhr Nobody nachdenklich fort,»so will ich bei denen noch eine besondere Vorsicht gebrauchen, um ihnen die letzte Zeit ihres irdischen Daseins wunderbar erscheinen zu lassen. Es wäre mir, als dem vermeintlichen Baron Nogi, ja ein leichtes, sie nach den Schwefelinseln zu locken, aber ich möchte gar nicht mehr mit ihnen in Berührung kommen, auch ihr Verschwinden aus dieser Welt muß sensationell sein. Und ich habe schon meinen Plan. Sayadamona wird nach wie vor, wenn das Wetter schön ist, ihre tägliche Spazierfahrt mit den Kindern auf der Bucht machen ...«
»Nachdem ihr das Unglück passiert ist?« fiel der Lord ein.
»Wenn du daran zweifelst, dann kennst du die Japaner schlecht. Diese Gondelpartien gehören überhaupt zur Anstandspflicht jeder vornehmen Japanerin, so wie es bei jedem gebildeten, bessersituierten Europäer Anstandspflicht ist, aller drei bis vier Wochen ein frisches Hemd anzuziehen ...«
»Oho!!« lachte Lord Hannibal.
»Unterbrich mich nicht immer, zügele deine Zunge, sonst binde ich sie dir fest!« warnte Nobody, der heute ausgezeichneter Laune zu sein schien. »Ja - von was sprachen wir gleich? - ach so, von den Fixsternen. Ja, mein lieber Hannibal, da bin ich nicht deiner Ansicht, daß unser Sonnensystem ...«
»Da mußt du doch erlauben, daß ich dich nochmals unterbreche,« lachte der andre wieder, »wir sprachen nicht von Fixsternen und Sonnensystemen, sondern von Sayadamona und ihren Kindern.«
»Ach so, richtig. Ja, ich kann sie und sämtliche Kinder wohl auch noch etwas weiter aufs Meer hinauslocken, das kann ich schon noch, vielleicht eine Vergnügungsfahrt nach einer Insel, und da plötzlich muß ein japanischer Pirat kommen, so ein Frauenseeräuber oder Seefrauenräuber, der kapert sie, packt sie, trichtert der ganzen Gesellschaft meinen Schlaftrunk ein - und wenn sie erwachen, denken sie, der Kerl hat sie abgemorkst, jetzt sind sie im Paradies - schrumm.«
»Hm,« brummte der Lord, »mir kommt die Sache etwas spanisch vor; aber du hast schon verrücktere Ideen gehabt, und dann, wenn du sie wirklich ausgeführt hattest, waren sie immer gut gewesen. - Da mußt du aber erst einen japanischen Frauenseeräuber oder Seefrauenräuber dazu finden.«
»Habe ich schon gefunden.«
»Aber keinen echten.«
»Einen ganz waschechten. Du kennst ihn sogar gut.«
»Ich soll ihn kennen?«
»Sogar sehr gut.«
»Wie heißt er denn?«
»Lord Hannibal Roger heißt er, und dort sitzt er,« sagte Nobody, in den Spiegel deutend, daß sich der Lord selber sah. »Na, nun tue mal bloß nicht so! Mit deiner zerknutschten Krawatte siehst du nicht viel anders aus, als ein Seebandit, und gewaschen scheinst du dich heute morgen auch noch nicht zu haben.«
»Und du scheinst heute morgen in recht vergnügter Stimmung zu sein.«
»Mein Gott, ich bin froh, daß mir gestern nacht nicht die große Dynamitbombe auf den Kopf gefallen ist. Soll man da nicht vergnügt sein? Also du wirst die Rolle dieses japanischen Seeräubers übernehmen, wirst deine Matrosen maskieren, und damit basta!«
Nobody setzte seinen Plan weiter auseinander, und Lord Hannibal griff sich während des Zuhörens mehrmals an seine zerknutschte Halsbinde.
»Du, das kann gefährlich werden,« meinte er dann.
»Wenn's nicht wäre, dann machte es ja gar keinen Spaß.«
»Ja, wenn ich aber dabei gefaßt werde?«
»Dann geschähe dir Tölpel ganz recht.«
»Dann macht man mich einen Kopf kürzer.«
»Und das geschähe dir ebenfalls ganz recht. Was machte das überhaupt? Du wirst immer wieder geboren.«
»Du, an diesen Zauber glaube ich nicht.«
»Du hast aber daran zu glauben!!« donnerte Nobody ihn an. »Wenn du in meinem Auftrage die Rolle eines japanischen Seeräubers spielst, dann bist du eben auch ein Japaner, dann bist du auch ein Buddhist, und als solcher hast du an eine Wiedergeburt zu glauben, das ist deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, und deshalb hast du dir auch ganz ruhig den Kopf abhacken zu lassen, ohne hinterher noch eine Beschwerde anzubringen. Verstanden?!«
»Ich gehorche,« murmelte Lord Hannibal dumpf und sank wie gebrochen in seinen Stuhl zurück - aber nicht etwa, daß ihn Nobody hypnotisiert hätte.
So ging das zwischen den beiden Freunden noch eine Weile weiter, das war so ihre gewöhnliche Weise, wenn sie sich unterhielten. Denn bei Lord Hannibal Roger war es ja ganz selbstverständlich, daß er auf so etwas sofort einging.
Dann kam Nobody auf das ursprüngliche Thema zurück.
»Warum ich nicht als Baron Nogi nach Petersburg gehn will, und weshalb ich dann als Baron Nogi meinen Tod finden muß? Hierzu habe ich die verschiedensten Gründe. Ich will dir nur die drei handgreiflichsten anführen, die feinern würdest du doch nicht verstehn.
»Erstens: ich habe keine Lust, auf Schusters Rappen die ganze Mandschurei zu durchqueren, was die von mir verlangen werden, das kann ich später vielleicht einmal machen, wenn ich erst die Kopie des Kriegsplanes in der Tasche habe, aber jetzt halte ich solch eine Kundschaftsreise überhaupt zu verfrüht. Vielleicht können noch Jahrzehnte vergehn, ehe es zwischen Rußland und Japan zum unausbleiblichen Kriege kommt, und wer weiß, wie es dann in der Mandschurei aussieht. Dann schießen die Tungusen die jetzt noch ihre Fitschepfeile haben, vielleicht schon mit elektrischen Kanonen ...«
»Oder mit elektrischen Fitschepfeilen,« ergänzte der Lord.
»Zweitens: Als Baron Nogi, von dem hier bekannt ist, was er in Petersburg treibt und beabsichtigt, könnte mir auf die Finger gepaßt werden, und das behagt mir nicht. Und nun drittens ... das ist die Hauptsache!«
Nobody lehnte sich in dem Stuhle zurück, schlug die Beine übereinander, kreuzte die Arme und nahm eine sehr gravitätische Haltung an, warf sogar die Nase etwas in die Luft.
»Sieh, Hannibal,« fuhr er dann fort, »es ist dir doch bekannt, daß ich unwiderstehlich bin.«
»Manchmal auch unausstehlich. Meinst du, daß dir kein Weib widerstehn kann?«
»Ja, das behaupte ich sogar.«
»Na, na, senke die Nase nur wieder etwas! Beweise von dieser deiner Unwiderstehlichkeit habe ich wenigstens noch nicht viel zu sehen bekommen.«
»Und ich gehe jede Wette mit ein, daß mir am dritten Tage, nachdem ich Petersburg betreten habe, diese Gräfin Anita Urlewsky zu Füßen liegt.«
»Das soll sie ja wohl so ziemlich bei jedem Abenteurer tun, wie du mir schon erzählt hast. Die Hauptsache aber ist, daß du von ihr die Kopie des Kriegsplanes bekommst.«
»Ich gehe jede Wette mit ein, daß ich am dritten Tage auch den Kriegsplan von ihr habe.«
»Gut, wetten,« sagte der Engländer sofort. »Ich glaube nicht, daß es so schnell geht. Was gilt die Wette?«
»Nein, lassen wir das! Ich bin meiner Sache zu sicher, und da zu wetten, ist nicht fair. Außerdem hat die Sache einen bösen Haken.«
»Welchen?«
»Ich habe schon eine Frau, und an dieser habe ich genug - übergenug!«
»Daran aber hättest du zuvor denken sollen, ehe du dich auf dieses Abenteuer einließt.«
»Und ich habe auch noch eine andre an meinem Halse hängen, du weißt, wen ich meine - Margarete. Dann bekäme ich noch eine dritte: Diese kapriziöse Gräfin Urlewsky verliebt sich in mich, dann werde ich die auch nicht wieder los. Außerdem mag ich das meiner Frau nicht antun, denn mit der Gräfin müßte ich doch kräftig poussieren, um ihr den Kriegsplan abzulocken. Trotzdem aber will ich sie auf meine Insel haben, denn nach allem, was ich von ihr gehört habe, gefällt mir diese Gräfin, die muß eine der Unsrigen werden.«
»Ja, wie läßt sich das aber alles miteinander vereinen?«
»Da muß einfach ein andrer von uns die Rolle des glühenden Liebhabers übernehmen, und ich stecke dahinter, daß alles klappt.«
»Das ginge!« rief der Lord. »Wen würdest du dazu vorschlagen? An wen denkst du?«
»Ich habe meinen Mann schon dazu bestimmt.«
»Wer ist es?«
»Dort sitzt er.« Nobody deutete wiederum in den Wandspiegel, daß Lord Roger sich selber sah.
»Alfred, ich bitte dich ...«
»Ja, Hannibal, das hilft dir alles nichts - mein Entschluß ist ganz bestimmt gefaßt, und du wirst ihn mir nicht zerstören: Du mußt die Gräfin Urlewsky heiraten! Basta!«
Noch faßte Lord Roger diesen befehlerischen Vorschlag nur als Scherz auf.
»Nun, auf eine kleine Liaison käme es mir nicht an. Es soll doch ein recht hübsches, ansehnliches Weib sein!«
»Liaison?« tat aber Nobody entrüstet. »Du hörst doch, daß sie auf unsre Insel soll! Dann kann sie mir auch ruhig den Kriegsplan ausliefern, dann gehört sie eben nicht mehr Rußland an, sondern sie gehört zu uns, und wir werden einst zu Japan halten. Und du sprichst von einer Liaison? Auf unsrer Insel? Du, da kämst du aber bei meiner Frau schön an!«
»Na, Alfred,« begann Hannibal jetzt zu lächeln, »du verlangst doch nicht etwa, daß ich die Gräfin Urlewsky heiraten soll?«
»Und warum denn nicht?«
»So eine Abenteurerin!«
»Und was bist denn du?!« wurde Nobody jetzt grob.
Da richtete sich der junge Lord stolz empor.
»Weißt du, wer ich bin?«
»Na, wer denn?«
»Ich bin ein englischer Lord und Peer!«
»Weiter nischt? Und weißt du, wer ich bin?«
»Ein hinausgeschmissener Prinz.«
»Jawohl, und das ist etwas ganz andres als ein englischer Lord, denn dafür, daß du's bist, kannst du gar nichts, in die Lordschaft bist du ohne Verdienste hineingeboren worden, mir aber hat es Mühe genug gekostet, ehe man mich aus meiner Herrlichkeit hinauswarf!«
Der Lord lachte. Es war überhaupt sehr die Frage, ob seine stolze Entrüstung vorhin ernst gewesen war. Dann aber schüttelte er den Kopf, an dessen Schläfen sich das Haar bedenklich lichtete.
»Nee, Alfred, nee - wenn ich durch den Niagarastrudel schwimmen soll, dir zuliebe will ich's tun - aber heiraten? - nee, Alfred, nee - ich habe meine Haare in Ehren verloren!«
»Hannibal, sei kein Frosch,« begann Nobody wieder. »Du mußt mich doch nun kennen. Wenn ich so etwas vorhabe, dann mache ich doch auch etwas ganz Besonderes daraus. Die leitenden Personen, welche mich zum bestimmten Zwecke nach Petersburg schicken, denken, ich soll mich der Gräfin als liebegirrender Schwerenöter nähern, als galanter Ritter ohne Furcht und Tadel und so weiter und so weiter, bis ich sie besiegt habe und mit ihr machen kann, was ich will. Aber das ist doch für mich nichts. Das kann jeder, der nur ein bißchen das Zeug in sich hat. So eine Liebesgeschichte mit endlichem Sieg kann man in jedem Romane lesen, aber ein Nobody wird das ganz anders anfangen. Das muß etwas Großartiges, etwas Sensationelles, Phänomenales, Pyramidales werden, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Abenteuer muß sich an Abenteuer reihen, daß ich dann später etwas für meine Zeitung zu erzählen habe - und darauf kommt es mir nämlich hauptsächlich an. Nun höre zu, was ich vorhabe!«
Nobody begann seine Pläne dem Freunde auseinanderzusetzen, und dieser lauschte wie ein Mäuschen, und immer mehr leuchteten die sonst so kalten Augen des phlegmatischen Lords auf, und wenn er manchmal den Sprecher unterbrach, so waren es Rufe der Begeisterung.
»Wahrhaftig, das ist endlich einmal etwas in diesem langweiligen Leben, das machen wir!!« rief er zuletzt enthusiastisch.
»Na, sagte ich es nicht, daß du ein Frosch bist? Du mußt nur erst einmal galvanisiert werden.«
Gleich darauf aber wurde der Lord wieder nachdenklich.
»Also nur als mein Diener willst du dabei auftreten?«
»Nur als der gehorsame Diener des verrückten Lord Roger.«
»Aber im Grunde genommen bist du doch der Hauptmacher und auch in Wirklichkeit immer die handelnde Person.«
»Natürlich, du hast nichts weiter zu tun, als mir nur zu befehlen, und was du mir zu befehlen hast, sage ich dir erst.«
»Gesetzt aber nun den Fall, diese Gräfin, von der du mir ein immer sympathischeres Bild entwirfst, tut es mir wirklich an, ich hätte wirklich starke Absichten auf sie ... nun bist aber doch du da, der eigentliche Herkules - da muß sich die Neigung der Gräfin doch ganz natürlich dir zuwenden. Wie willst du denn das nur verhindern?«
Nobody stand auf. »Warte eine Minute! Etwas Maskengarderobe habe ich ja auch hier an Bord. Ich will dir wenigstens ein ungefähres Bild davon geben, wie ich mich der Gräfin präsentieren werde.«
Er ging hinaus, kam, wie versprochen, schon nach einer Minute wieder herein, ein vollkommen andrer. Nobody hatte sich seinem Freunde gegenüber gezeigt, wie er in Wirklichkeit war, als ein ideal schöner Mann; von dem Japaner hatte er im Gegensatz zu seinem eigentlichen Aussehen nur noch das schwarze, kurz geschorene Haar behalten. Wie er nun wieder hereinkam, hatte er auf dem Kopfe eine mächtige Perücke, einen Wulst von schwarzen Haaren, die sich nach allen Richtungen sträubten, so eine Frisur à la Papua, auch à la Wahnsinn genannt. Das Gesicht wurde von einem schwarzen, struppigen Barte eingerahmt, welcher aber das Kinn frei ließ.
Und nun dieses Gesicht selbst!
Es war von einer abschreckenden Häßlichkeit. Der Verwandlungskünstler, der jede Gesichtsmuskel vollkommen in der Gewalt hatte und sie beliebig bewegen konnte, verstand es, sein Kinn weit vorzuschieben. Schon dadurch erhielt das Gesicht einen tierischen Ausdruck.
Nun aber kamen noch ein Paar kleine, bösartig funkelnde Augen hinzu, dann ein Paar wulstige Bratwurstlippen, welche von einem Ohr bis zum andern zu reichen schienen ... kurz, eine Physiognomie von abschreckendster Häßlichkeit, welche gar nicht zu beschreiben ist.
Lord Roger fand einen Ausdruck dafür.
Nachdem der phlegmatische Engländer den vor ihm Stehenden zur Genüge betrachtet hatte, ohne ein Wort zu verlieren, zog er bedächtig einen goldenen Klemmer aus der Westentasche, putzte bedächtig die Gläser, setzte ihn bedächtig auf, und dann endlich kam es bedächtig aus seinem Munde:
»Alfred, du siehst gerade aus wie 'n böser Affe!«
Der böse Affe öffnete die Bratwurstlippen, fletschte die Zähne, grunzte und wackelte mit den Ohren.
»Pfui Deibel!! Höre auf, mir graut vor dir!«
Das Zähnefletschen ward eingestellt.
»Glaubst du, Hannibal, daß ich unter dieser Maske das Wohlgefallen der schönen Gräfin erregen werde?«
Lord Roger setzte lange an, ehe er Worte fand. »Alfred, wenn du mit diesem Aussehen auch nur das Herz einer fettduftenden Hottentottin betören kannst, dann ... sollst du fernerhin Lord Roger sein - und ich dein Sklave!«
An Deck liefen Schritte hin und her.
»Mylord Kapitän!« erklang es oben.
Lord Roger eilte hinaus, zu sehen, was es gäbe.
Schattenhaft verwandelte sich das Gesicht des Zurückgebliebenen, es waren nur noch die Haare des Affenmenschen, und ein Lächeln umspielte die feingeschnittenen Lippen, als Nobody wie warnend den erhobenen Zeigefinger nach der Türe schüttelte, welche sich hinter Lord Roger geschlossen hatte.
»Hannibal, Hannibal,« sagte er leise, aber jedes Wort betonend, »wenn es eine Wette gälte, so hättest du verspielt. Du willst die Frauenherzen studiert haben, aber du kennst sie noch lange nicht! Und darauf eben kommt es mir an: ich will dir einmal beweisen, wie sehr du dich irrst in den Frauenherzen - ich böser Affe, wie du mich genannt hast, will es sein, der die schöne Gräfin zwingt - bis sie dem häßlichen Affen zu Füßen liegt und ihn um seine Liebe anfleht!«
Wir wollen nicht die Ereignisse in Tokio verfolgen, sondern nur erwähnen, daß die Aufregung groß war, als es bekannt wurde, wie ein fremder Abenteurer es versucht hatte, die Rolle des auf einer Segelfahrt verunglückten Barons Kata Nogi, des Lieblings des Volkes, zu spielen.
Leider war der falsche Baron, dem sein Betrug bald geglückt wäre, seiner Strafe durch Flucht aus dem Untersuchungsgefängnisse entgangen.
Es mußte übrigens ein verwegener Mann sein, dieser Abenteurer, er hatte seine Flucht unter den schwierigsten Umständen ausgeführt, und dabei trotz aller Sicherheitsmaßregeln mit der wunderbarsten Leichtigkeit.
Natürlich, es sollte ja auch kein andrer gewesen sein als jener Nobody, der amerikanische Detektiv.
So begann man sich jetzt sogar in Japan für Nobody zu interessieren - diesem durchaus nicht zum Schaden, nur mußte er sich später von diesem falschen Verdachte, der durch eine seltsame Verkettung von Zufällen entstanden war, in Wirklichkeit aber den Tatsachen entsprach, wieder zu reinigen wissen.
Noch größer war die Aufregung in Tokio, als sich mit Blitzesschnelle die Nachricht verbreitete, daß die Baronin Sayadamona Nogi nebst sämtlichen Kindern das Opfer einer Gondelpartie geworden sei.
Sie hatte mit ihren 24 Kindern, von zwei Knechten gerudert, eine ungewöhnlich weite Bootsfahrt angetreten. Eine entfernte Insel sollte das Ziel sein! Keiner der Bootsinsassen kehrte wieder zurück.
Am andern Tage fand man auf offner See eine japanische Gondel treiben, welche als die der Baronin erkannt wurde. Von den Insassen fehlte jede Spur.
Man durfte nicht ohne Grund annehmen, daß die Baronin ein freiwilliges Ende gesucht und gefunden hatte, sie mochte ihren Mann nicht überleben, und mit sich in den Tod hatte sie ihre vaterlosen Kinder genommen - und wenn das auch einer Japanerin unähnlich sah, besonders in bezug auf die Kinder, so hatte man doch in letzter Zeit an der bedauernswerten Frau Zeichen von Schwermut bemerkt, und ein krankhafter Geist bricht alle Schranken, die ihm Erziehung auferlegt hat.
Aber es waren doch auch zwei Ruderer dabeigewesen! Diese konnte die zarte Frau doch schwerlich mit in den beabsichtigten Tod genommen haben.
Nein, hier lag ein Unglücksfall vor, der noch der Aufklärung bedurfte - aber nie aufgeklärt wurde.
Auf den Verdacht, daß ein Frauen- oder Kinderraub vorliegen könnte, kam man gar nicht. Lord Hannibal Roger hatte seine Sache als japanischer Seeräuber also sehr gut gemacht.
Rasselnd, fauchend, stöhnend fuhr der Eilzug aus dem Osten in die Bahnhofshalle ein, und sofort entwickelte sich jenes aufgeregte und aufregende Durcheinander, das stets mit der Ankunft eines Fernzuges verbunden ist. Hier in St. Petersburg aber machte es sich doppelt bemerkbar.
Schrille Pfeifensignale übertönten die Rufe der Bahnbeamten, das Krachen der aufgerissenen Coupétüren und das Geschrei, mit denen Packträger und Lohnkutscher den Reisenden ihre Dienste anboten. Dazu kam, daß den Wagen des Zuges eine wahre Musterkollektion von Volkstypen des unermeßlichen Zarenreiches entstieg, daß man neben dem schmutzigen, schlitzäugigen Baschkiren, der einmal, vielleicht zum ersten Male, die heilige Newastadt betrat, die hochelegante, französische Kokotte gewahrte, neben dem ordengeschmückten General den einfachen Dorfschulzen mit dem im Nacken glattverschnittenen Haar.
Trotzdem also Neugierige genug andres zu schauen gefunden hätten, war doch alsbald zu bemerken, daß die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf zwei Menschen richtete, die ebenfalls dem Zuge entstiegen waren.
Es waren zwei Männer, und zwar erkannte jeder, der einmal ein illustriertes Witzblatt durchgeblättert hatte, in dem ersten den gebornen Engländer, nicht nur an der charakteristischen Reisekleidung, welche diese Nation zu tragen liebt, sondern auch an dem steifen, gemessenen Benehmen und an der unerschütterlichen Gleichgültigkeit, mit der er die gaffende Menge durchquerte. Das war der englische Lord, wie er im Buche steht.
Das leise Lächeln und das laute Gelächter aber, das sein Anblick hervorrief, erstarb, als man des Dieners ansichtig wurde, der mit der Reisetasche seines Herrn beladen, hinter diesem einherschritt.
War das überhaupt ein Mensch oder war es ein halb gezähmter Affe?
Wie ein solcher sah er wahrhaftig aus mit dem papuamäßig vom Kopfe abstehenden, buschigen Haar, dem krausenähnlichen Bart, der die wulstig aufgeworfenen Lippen des fürchterlich breiten Mundes freiließ, und vor allem mit den bösartig funkelnden Augen, die tückisch den Neugierigen ins Gesicht starrten.
War das ein Ungetüm! Gar mancher bekreuzigte sich heimlich, aber merkwürdig, trotz alles Grauens, das ihnen der Anblick dieses Tiermenschen einflößte, konnte keiner die Augen von ihm lassen. Gar manche schöne und vornehme Dame, schaute wie gebannt auf die abscheuliche Mißgeburt, von der ein geheimnisvoller Zauber auszugehn schien.
»Lord Hannibal Roger! Lord Hannibal Roger!« schrie da eine laute Stimme.
Ein uniformierter Telegraphenbeamter tauchte in dem Menschengewühl auf. In der Rechten hielt er ein zusammengefaltetes Papier hoch - eine Depesche.
Einen einzigen Blick warf der steife Engländer auf seinen häßlichen Diener. Im nächsten Moment tauchte neben dem erschrockenen Beamten ein zähnefletschendes Ungetüm auf und entriß ihm mit der plumpen Tatze das Telegramm.
Eine Sekunde später stand der Affenmensch schon wieder vor seinem Gebieter und überreichte ihm demütig das Papier.
Lord Hannibal Roger steckte es gleichmütig in die Tasche seines gelben Staubmantels - auch in St. Petersburg war es Sommer geworden - und stelzte gravitätisch davon.
Als der Telegraphenbeamte sich von seinem Schrecken erholt hatte, war das seltsame Paar bereits in dem Gewühl verschwunden. Nur hier und da tauchte noch einmal der graue Zylinder des Engländers auf. Unter dem Gelächter der Umstehenden kehrte der verblüffte Beamte in sein Bureau zurück.
»Zum Hotel Pierre le Grand!« rief vor dem Bahnhofsgebäude der häßliche Diener dem nächsten Lohnkutscher zu. Der Lord stieg ein. Der Affenmensch legte das Gepäck neben ihn, schwang sich auf den Rücksitz, und fort ging's durch die Straßen der Newastadt, bis der Wagen vor dem Gasthause oder vielmehr vor dem protzigen Palast hielt, der sich als Hotel bezeichnen ließ.
Neues Erstaunen, neues Lächeln beim Hotelpersonal, vom Direktor herunter bis zum Portier, dann neuer Schrecken beim Anblick des Dieners! Aber hier war der Name Lord Rogers bekannt. Eine ganze Reihe teurer Zimmer war auf seinen Namen von Tokio aus telegraphisch bereits bestellt, und so geleitete der Chef selbst ehrerbietig seinen schwerreichen Gast in die für ihn bestimmten Appartements. »Befehlen Euer Herrlichkeit -« dienerte dort der Direktor.
»Allein sein!« kam es kurz aus dem Munde des Lords. Der Affenmensch fletschte die Zähne, und unter vielen Verbeugungen zog sich der Hotelgewaltige zurück.
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, griff Lord Hannibal in die Tasche, brachte das Telegramm hervor, hielt es seinem Diener hin.
»Hier, Alfred!«
Die Mißgeburt mit dem schönen Namen ließ rücksichtslos das Gepäck zu Boden fallen, nahm die Depesche, erbrach sie und überflog sie.
»That's a business! Das ist ein Geschäft!« sagte er. Gleichzeitig hatte er schon ein Kursbuch gezogen, blätterte darin, rechnete schweigend einige Sekunden.
»Das klappt! Entschuldige, Hannibal, daß ich dich für kurze Zeit allein lassen muß. Ich habe einen kleinen Weg zu besorgen.«
»Nanu!« rief Lord Roger erstaunt. »Wohin willst du denn?«
»Vorläufig nach Hamburg!« entgegnete Nobody.
»Vorläufig? Was dann?« fragte sein Freund.
Nobody zuckte die Schultern.
»Was weiß ich? Vielleicht nach Amerika, nach Kalifornien!«
»Nach Kali - for - nien?«
»Nach Kalifornien mang die Goldgräber!« erwiderte Nobody.
»Und die Urlewsky?«
»Reißt uns nicht aus!«
»Ja, mein Gott, was - was willst du denn in Hamburg? Was hast du denn so Dringendes dort zu tun?«
»O, nichts. Ich will nur einen guten alten Freund dort besuchen!«
Lord Roger machte ein unsagbar dummes Gesicht.
»Und da läßt du alles im Stich?« fragte er.
»Warum denn nicht, wenn's bezahlt wird? Doch Scherz beiseite!« fügte er hinzu. »Mr. World braucht mich. Er hat unbändige Sehnsucht nach mir. Bitte, überzeuge dich!«
Nobody reichte dem Lord die erbrochene Depesche.
Gespannt nahm derselbe sie entgegen, aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, da rief er:
»Damn't! Das soll der Teufel lesen!«
»Nee, du!« erwiderte der Detektiv trocken.
»Aber ich kann's nicht. Das ist ja chiffriert!«
»Na, meinst du vielleicht, daß Mr. World ein Millionengeschäft in klaren Worten abschließt, he?«
»Ein Millionengeschäft?« wiederholte Roger, und dann setzte er hinzu: »Ich bitte dich, Alfred, kläre mich auf. Ich verstehe von alledem noch gar nichts!«
Nobody, der auch jetzt noch die Rolle als Affenmensch weiterspielte, verzog den breiten Mund zu einem häßlichen Grinsen, das ein Lächeln vorstellen sollte, nahm das Telegramm wieder an sich.
Es enthielt folgende Hieroglyphen:
»Da steht ja ganz deutlich,« sagte er, »folgendes: >Nobody sofort Hamburg Indian Bill Goldfelder suchen. Staatsauftrag World.< »Wenn du das nicht lesen kannst, dann laß dir dein Schulgeld wiedergeben, Hannibal!«1
Lord Roger starrte seinen Freund jedoch, ohne ein Wort zu sprechen, verwundert an. Endlich murmelte er, mehr vor sich hin als zu Nobody gewendet: »Goldfelder suchen? Indian Bill? Staatsauftrag? Mir wird ganz dumm dabei im Kopfe. Soll ich da etwa wieder mit?«
»Daß du dich's nicht unterstehst!« fuhr der Detektiv auf. »Du bleibst hier, bis ich zurück bin, und daß du nichts ausplaudern darfst, das brauche ich dir wohl nicht erst zu sagen.«
»Du sprachst von einem Geschäft,« sagte Lord Roger.
»Freilich! Oder meinst du etwa, ich suchte umsonst verschwundene Goldfelder? Nee, ein Milliönchen muß da schon herausspringen!«
»Von verschwundenen Goldfeldern steht doch aber nichts in der Depesche!«
»Ist auch gar nicht nötig!« grinste Nobody.
»Woher weißt du es denn?«
»Daher!« Noboby tippte mit einem Zeigefinger an seine Stirn.
»Aber Goldfelder, die einmal entdeckt sind, können doch gar nicht wieder verschwinden!« beharrte Se. Herrlichkeit.
»Woher weißt denn du das?« versetzte jetzt der Detektiv.
»Das ist doch ganz ausgeschlossen, daß jemand, der eine Goldmine entdeckt hat, dieselbe nicht wiederfindet!«
»Sooo? Wenn du so sprichst, kannst du allerdings von derartigen Vorkommnissen nichts wissen, und da mir noch genügend Zeit bleibt, so will ich dir einige besonders markante derartige Fälle erzählen, die verbürgt und amtlich bestätigt sind.«
Nobody, der inzwischen gleich Lord Roger Platz genommen hatte, lehnte sich bequem in seinem Sessel zurück und sagte dann:
»Vor einigen Jahren erschien im Fort Hickson, in den Shawangunk-Bergen gelegen, ein Bursche, der alle Taschen voll roher Goldklumpen hatte. Er erzählte von einem Goldfelde, das er entdeckt habe, das aber so verborgen läge, daß niemand es finden könne, es sei denn durch einen wunderbaren Zufall. Man schenkte ihm natürlich keinen Glauben. Wie sollte solch ein Goldfeld den umherspionierenden Schatzgräbern verborgen bleiben können! Der Bursche machte sich noch besonders dadurch lächerlich, daß er mehrere Millionen Dollar von dem verlangte, dem er den Ort verriet. Ein Sergeant des Forts ließ sich verführen, mit dem Manne zu gehn. Ihm wurden die Augen verbunden, und fort gings. Drei Tage später kamen die beiden zurück und brachten einen Goldklumpen von hundertundsechs Pfund Gewicht mit, im Werte von zwanzigtausend Dollar. Der Sergeant konnte nicht genug von dem unermeßlichen Reichtume erzählen, den seine Augen zu schauen bekommen hatten. Ein reicher englischer Kaufmann erwarb den Goldklumpen und schickte ihn als Merkwürdigkeit nach London in das britische Museum, wo er noch jetzt zu sehen ist.2
»Nun wurde eine Expedition ausgerüstet; dem Entdecker, Mac Dudley hieß er, sollte der fünfte Teil der Ausbeute zufallen. Doch noch im Hof des Forts wurde Dudley durch den Huf eines ausschlagenden Pferdes vor die Brust getroffen, so daß er augenblicklich tot war. Der Sergeant, ein Spanier, namens Cesare Losana, erbot sich als Führer. Er hoffte, das Goldfeld wiederfinden zu können. Aber er und seine Begleiter haben monatelang umsonst gesucht, das Goldfeld war und blieb verschwunden. Losana wurde darüber wahnsinnig und starb später im Irrenhaus zu Carson im Staate Nevada.
»Ferner: An einem Julimorgen erschien in Los Angeles ein Mister Smith mit einer Anzahl Maulesel, mit Quarz beladen, das pro Tonne fünfhundert bis achthundert Dollar Gold enthielt. Der Glückliche, von allen Seiten bestürmt, die Lage der neuentdeckten Mine anzugeben, erklärte sich schließlich dazu bereit, vermochte sie jedoch trotz der genauesten Merkmale nicht wieder aufzufinden. Ein Betrug seinerseits scheint ausgeschlossen zu sein, denn aus Verzweiflung über die Fruchtlosigkeit semer Bemühungen fiel Smith in tiefste Melancholie und hat sich selbst erhängt.
»Ein dritter Fall: Im Cheyenne River sollte eines Tages Gold entdeckt worden sein. Niemand glaubte daran. Ein Dutzend Burschen aber, die sehr geheimnisvoll taten, bildeten eine Expedition und reisten ab. Lange Zeit hörte man nichts wieder von ihnen, bis man endlich ihre skalpierten Leichname fand; neben ihnen lagen schwere Massen von Quarz, die zur Hälfte Gold enthielten. Die Unglücklichen waren auf der Rückreise überfallen und niedergemacht worden. Von wo sie das Gold geholt haben, ist bis auf den heutigen Tag ein Rätsel geblieben. In jener Gegend hat man nie welches gefunden.
»Der letzte Fall ist der seltsamste, doch einen direkten Beweis von seiner Wahrheit kann ich leider nicht erbringen. Zwei Jahre nach dem letztgeschilderten Vorfall gelangten drei Goldgräber, Galt, Ulrich und Stamfort nach mehrwöchentlichem Marsche an den Yukon. Eines Tages sahen sie einen See, in dem sich eine kleine Insel erhob, deren Quarzgestein von Gold glitzerte. Sie schwammen nach der Insel, die sie mit reinen Goldnuggets wie übersät fanden. Innerhalb sechs Wochen wollen sie 10.000 Pfund reines Gold gesammelt haben. Dann wurden sie von Indianern überfallen, Stamfort getötet, Ulrich und Galt zur Flucht gezwungen.
»Was aus Ulrich wurde, ist unbekannt. Galt erschien in völlig erschöpftem Zustande, aber, wie die Zeugen ausdrücklich versichern, in geistesnormaler Beschaffenheit in Bonners Ferry, erzählte sein Abenteuer und wollte nach dem Winter eine Expedition nach diesem Eldorado führen. Er hat es nicht wiedergefunden und lebt noch jetzt im Irrenhause von San Franzisko, von einer Insel schwatzend und mit Kieselsteinen spielend, die er für Gold hält. Alle diese verbürgten Fälle ergeben, daß es sehr wohl möglich ist, eine Goldmine zu finden und wieder zu verlieren.«
Nobody schwieg und strich dabei wie spielend über seine Hände. Die groben, plumpen Tatzen des Affenmenschen verwandelten sich - die aristokratisch feine Hand des abgedankten Prinzen kam wieder zum Vorschein.
Lord Roger achtete nicht darauf. Ihn beschäftigten die abenteuerlich klingenden Geschichten, die er eben gehört hatte.
»Wenn mir das jemand anders erzählt hätte als du,« sagte er endlich, »würde ich ihn für einen Aufschneider mit ausgezeichneter Phantasie halten - aber so! Und hier handelt es sich um ein derartiges Goldfeld, das entdeckt wurde und nicht wiedergefunden werden konnte?«
»Keinesfalls!« antwortete der Detektiv gelassen.
»Um was denn?«
»Das gehört nicht hierher. Ich kann es mir zwar denken, aber dir nichts sagen.«
»Wer ist denn dieser Indian Bill?« fragte der Lord.
»Den kennst du nicht?«
»Nein, habe noch nie von ihm gehört.«
»Aber von Buffalo Bill?«
»Vom Oberst Cody - ja.«
»Nun, Indian Bill ist gleich dem Colonel ein Westmann. Vermutlich gibt er in Hamburg mit einer Truppe Vorstellungen.«
»Du bist schon mit ihm zusammengetroffen?«
»Ja,« entgegnete Nobody kurz.
Lord Roger merkte, daß sein Freund ihm über Indian Bill keine weitere Auskunft geben würde, daher lenkte er das Gespräch auf ein andres Gebiet und fragte: »Was bedeutet denn das Wort >Staatsauftrag«
»Daß Uncle Sam Geld braucht und ich es ihm verschaffen soll.«
Nobody erhob sich. Ohne nach seiner Uhr zu sehen, wußte er, daß es Zeit war, sich nach dem Bahnhof zu begeben.
Wenige Striche mit den Fingern genügten, um seine schlanken Hände wieder in die Affentatzen zu verwandeln. Er nahm den Hut vom Tische, setzte ihn auf die Papuaperücke und wendete sich der Tür zu.
»Euer Herrlichkeit möge sich die Zeit nicht lang werden lassen,« sagte er zu dem erstaunten Lord.
Dieser sprang auf.
»Alfred!« rief er. »Du willst wirklich fort?«
»Wie du siehst!«
»Nach Hamburg?«
»Nach Hamburg,« wiederholte Nobody, und wieder verzerrte sich sein breiter Mund zu einem Grinsen.
»Nach Kalifornien?«
»Nach Kalifornien!«
»Und ich? Was soll ich sagen, wenn man mich über deinen Verbleib fragt?« stöhnte der Lord.
»Du hast dein einziges Taschentuch zu Hause gelassen, und ich muß es dir holen,« lachte Nobody, und hinaus war er.
In einer Troika fuhr er zum Bahnhof, löste die Karte, stieg in den Zug und dampfte nach Westen, um >ein Geschäft zu machen<, um ein >Milliönchen< zu verdienen und nebenbei einem raffinierten Verbrecher auf die Spur zu kommen.
Die alte Hansastadt Hamburg hatte seit einigen Tagen ihre große >Anziehungskraft< - >great attraction<, wie der Amerikaner sagt.
Indian Bill, der verwegene Westmann, über den tausend abenteuerliche Geschichten im Volke umliefen, war mit einer zahlreichen Truppe von Indianern, Cow-boys, Jägern, mit Pferden und Büffeln eingetroffen und hatte auf einem freien Platze in der Nähe des altbekannten Vergnügungsortes St. Pauli seine Zelte aufgeschlagen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war der eingezäunte Raum von Tausenden Neugieriger umlagert. Heute sollte die erste Vorstellung stattfinden, und in langen, schwarzen Massen strömten die Leute zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde aus der Stadt, um derselben beizuwohnen.
Die Reiter waren besonders Sportsmen und Offiziere in Zivil und in Uniform. Sie interessierte das verwegene Reitervolk, das im Sattel aufgewachsen war, ja ganz besonders.
Der Platz war wie eine Rennbahn eingerichtet: ringsum der eingezäunte Raum für Fußgänger, in der Mitte der Sattelplatz für Reiter und Wagen, an einer Seite die Tribüne. Das bunteste Bild bot der Sattelplatz. Hier tummelten sich in besondern Hürden die halbwilden Mustangs, die freien Rosse der Prärie, dazwischen die halbnackten, phantastisch bemalten und federgeschmückten Rothäute, seltsam abstechend gegen die Herren in eleganten Sommeranzügen und gegen die Offiziere in Uniform.
In der Mitte wurde ein prachtvoller Rotschimmel, ein Hengst andalusischer Abstammung, mit dem mexikanischen Sattel belegt, daneben stand Indian Bill, umringt von Offizieren und Sportsleuten.
Der Colonel war eine auffallende Erscheinung, ein Mann, in dem jedes Weib ein Ideal von Männerschönheit erblickt hätte.
Wohl über sechs Fuß hoch und breitschultrig, besaß er doch einen schlanken Wuchs, der die Stärke der Eiche mit der Elastizität des Rohres vereinigte. Auf den breiten Schultern saß ein Kopf, wie er schöner nicht gedacht werden konnte. Der breite Rand des Hutes beschattete ein tiefbraunes Gesicht, lange kohlschwarze Locken quollen darunter hervor, bis auf den Rücken fallend, ebenso schwarz war auch der wohlgepflegte Bart, und die großen, blauen Augen blickten kühn und durchdringend. Aber merkwürdig, diesem Antlitz war ein tiefer, melancholischer Ernst eigen.
Indian Bill trug einen Anzug von schwarzem Samt, dessen Beinkleider unten fast unförmlich weit waren; statt des Kragens schlang sich ein Seidentuch lose um den muskulösen, ebenfalls tiefgebräunten Hals; die Zipfel ließen noch etwas das buntgestreifte Hemd sehen.
»Ich halte die Wette,« lächelte der Colonel, liebkosend den Hals des Rosses klopfend. »Wer von den Herren dieses Tier einmal um den Sattelplatz zu reiten vermag, dem gehört es.«
»Nicht möglich, Sie scherzen!« erklang es von allen Seiten.
»Sie können es nach der Vorstellung probieren. Ich will Ihnen erst zeigen, was Darling leisten kann.«
»Sie sprachen von einer Wette,« meinte ein Dragoneroffizier, ein Sportsman, »was sollen wir dagegen setzen?«
»Nichts als Ihre Ehre. Zwingen Sie Darling einmal um den Platz, trete ich ihn Ihnen ab. Im andern Falle bekennen Sie, ihn nicht reiten zu können.«
»Es gilt! Ich werde ihn bezwingen. Er soll einmal die Schenkel eines deutschen Offiziers zu spüren bekommen. Schonen werde ich ihn nicht, das versichre ich Ihnen.«
»Er wird Sie abwerfen.«
»Oho!«
Auf den Gesichtern der Umstehenden spiegelte sich ungläubiges Lächeln wider. Der Offizier war als der beste und tollkühnste Reiter bekannt, der nicht aus dem Sattel zu bringen war, wenn sich das Tier nicht wälzte, und der erst kürzlich die Rutschbahn in einem Steinbruch mit seinem Tier benutzt hatte, um einen Weg zu sparen.
Die Herren wetteten untereinander, die meisten hielten gegen Indian Bill.
Dieser achtete nicht mehr darauf. Er schwang sich, ohne den Steigbügel zu berühren, mit vollendeter Grazie in den Sattel seines edlen Rosses.
Die Vorstellung begann, arrangiert und beaufsichtigt von Indian Bill, der vorläufig noch nicht daran teilnahm.
Aus einer entfernt liegenden Hütte stürmten durch aufsteigende Raketen, geschwungene Tücher und Lärm erschreckt, eine Herde Büffel, hinter ihnen her gegen hundert berittene Indianer, mit Flinten, Lanzen, Pfeil und Bogen bewaffnet, in sausender Karriere, die Mustangs zu immer schnellerer Gangart antreibend. Die Indianer, mit befransten Lederhosen bekleidet, saßen auf den nackten Rücken der Rosse, nicht einmal der Steigbügel bedienten sie sich, und als Zügel benutzten sie einfache Halfter.
Ihre Haltung war durchweg eine schlechte, den Spott der des Reitens kundigen Zuschauer erweckend. Sie hingen förmlich auf den Rücken der Pferde und klammerten sich an deren Mähne fest.
Schnell hatten die Rothäute die Herde eingeholt, umzingelt, gellendes Geheul erfüllte die Luft, und nun begann ein Schauspiel, das jeden Spott verstummen ließ und auch den Mutigsten erbeben machte.
Unbekümmert um ihre eigne Person warfen sich die Reiter zwischen die höckrigen Ungetüme, Lanzen wurden geschwungen und stachen, Pfeile zischten, Gewehre krachten.
Ein Büffel nach dem andern stürzte, Pferde brachen zusammen und wälzten sich unter fürchterlichen Zuckungen am Boden. Im Nu aber waren die Reiter wieder auf den Beinen, warfen sich auf ein lebendiges Pferd, dessen Besitzer schon im Grase lag, oder sprangen vom stürzenden Roß auch gleich auf die Büffel, wie auf einer lebenden Brücke darüber hinwegeilend, dabei aber immer Pfeil auf Pfeil absendend oder die Lanze gebrauchend.
Nachdem die wilde Jagd einmal die Runde gemacht, war alles mit toten Büffeln, Pferden und Indianern bedeckt; einige der letztern schleppten sich fort, die Seite haltend, wo das mächtige Hörn eines Stieres sie getroffen hatte; reiterlose Pferde irrten umher, andre wälzten sich noch und gaben jene entsetzlichen Schmerzenslaute von sich, deren das Pferd fähig ist.
Nur wenige Zuschauer gab es, die in alledem das Spiel erkannten. Dies mußte ja blutige Wahrheit sein; Büffel, Pferde und Indianer lagen ja tot da oder waren dem Sterben nahe; eine blutende Rothaut schleppte sich mit vor Schmerz entstellten Zügen an der Barriere vorüber.
»Sind denn die wirklich tot?« flüsterte eine Dame mit stockendem Atem neben dem alles beobachtenden Indian Bill.
»Möglichst viel Büffel zu töten, ist ja eben der Zweck der Jagd, mein Fräulein,« lächelte dieser. »Auf den Verlust von Pferden kommt es nicht an; die Indianer fangen sich neue, wie Sie dann sehen werden, und einige Menschen müssen bei solchen Jagden immer das Leben lassen, das ist der Kampf ums Dasein.«
Da - auf ein unmerklich gegebenes Zeichen sprangen plötzlich alle die Totgeglaubten, Tiere und Menschen, gleichzeitig auf und trotteten wohlgemut nach ihren Stationen, die Tiere in die Hürden an die Krippen, die Indianer nach dem Sattelplatz, um mit tiefem Ernst die Friedenspfeife zu rauchen.
Nicht alles war freilich unblutig verlaufen. Einige der Westmänner zeigten blutende Risse, andre hinkten, aber das schien sie nicht im geringsten zu genieren.
Mit wunderbarer Gewandtheit hatten sie sich den tödlichen Huftritten der über sie hinwegstürmenden Pferde und Büffel zu entziehen gewußt.
Stürmischer Beifall und nicht enden wollende Bravorufe belohnten die kühnen Männer.
Der zweite Teil der Vorstellung zeigte das Einfangen, Bändigen und Zureiten wilder Pferde. Wieder raste die tolle Jagd um den Platz, diesmal hinter Mustangs her; auch die Cow-boys beteiligten sich jetzt daran; die Lassos wirbelten durch die Luft und legten sich mit unfehlbarer Sicherheit um den Hals des ausgewählten Pferdes, das Sattelpferd stand, ein Ruck, und der Gefangene wurde zu Boden geschleudert.
Im nächsten Augenblick waren des Mustangs Hufgelenke zusammengekoppelt; dabei hatte man ihm doch Zeit gelassen, daß er sich aufrichten konnte; er wurde gesattelt, die Trense ihm ins Maul gezwängt, und wenn die Koppeln durchschnitten wurden, saß der Reiter auf dem Rücken des Tieres.
Ein furchtbarer Kampf zwischen Roß und Mann begann. Doch alles Bocken und Bäumen des erstern war vergebens, der Reiter saß wie angegossen, Sporen und Peitsche gebrauchend. Das Pferd suchte zu beißen, allein stets traf die eiserne Faust des Bändigers es auf die Nüstern. Mit voller Wucht warf es sich rücklings zu Boden, im Nu stand auch der Reiter auf den Füßen, und sprang es auf, so saß er ihm wieder auf dem Rücken.
Zehnmal wälzte es sich, und zehnmal tauchte der tollkühne Pferbebändiger unbeschädigt aus der Staubwolke wieder auf.
Dann wollte das Roß entfliehen, in voller Flucht ging es dahin, immer mehr noch angetrieben. Jetzt mußte es den Kopf an dem Kugelfang zerschmettern; aber da riß der Cow-boy den breitrandigen Filzhut vom Kopf und verdeckte dem Tiere die Augen - ein gewaltiger Seitensprung, und das Hindernis war vermieden.
Nicht immer ging es so glatt vonstatten. Manchmal stürzte nicht das gefangene Tier, sondern durch den Ruck wurde der Reiter aus dem Sattel geschleudert; in mächtigem Bogen flog er durch die Luft, und doch kam er stets auf die Füße zu stehn.
Kein Akrobat konnte genauer die Umdrehung des Körpers berechnen, als ein solcher Cow-boy, und das mußte er auch, denn kam er zu Falle, so wurde er zu Tode geschleift.
Der Cow-boy aber stemmte die mit drei Zoll langen Sporen bewaffneten Hacken auf den Boden, legte sich weit hintenüber und ließ sich so weiterschleppen, daß er tiefe Furchen wie mit einem Pfluge in den Rasen zog, bis das Pferd erschöpft dastand.
Dann griff der Mann sich Hand über Hand nach ihm hin, saß ihm mit einem Sprung auf dem Rücken, nötigte ihm den spanischen Zaum, den er über der Schulter trug, ins Maul und ritt es auch ohne Sattel zu.
Der spanische Zaum ist ein Marterwerkzeug. Der Reiter ist imstande, damit dem Tiere die Kiefern zu zermalmen.
Anders versuchten es die Indianer, vielleicht noch unbarmherziger.
»Der Mann des Ostens,« heißt es in Amerika, »reitet sein Pferd, bis es zusammenbrechen will; im Westen wird es gemartert, bis es tatsächlich zusammenbricht; der Indianer aber peitscht das gestürzte Pferd wieder auf und läßt nicht eher nach, als bis es unter ihm verendet.«
Der Spott war den zuschauenden Offizieren vergangen. Derartiges konnten sie freilich nicht leisten.
Diejenigen, die gegen Indian Bill gewettet hatten, bangten für den Verlust ihrer Einsätze.
Freilich ritt der Colonel keinen eben erst gebändigten Mustang, sondern ein wohldressiertes, andalusisches Pferd. - -
Dann wurden Kämpfe zwischen Indianern und Cow-boys vorgeführt. Ueberfälle von Auswandrern und Wagenzügen durch Indianer und ähnliches, wie es auch manchem Leser zu sehen gegönnt gewesen ist.
Hier zeigte sich wieder die außerordentliche Dressur der Pferde.
Wie sie sich kurz vorher noch als vollkommen ungebändigt erwiesen hatten, waren sie jetzt wieder die Gelehrigkeit selbst. Der auf sie gerichtete Schuß streckte sie nieder, sie wälzten sich, wieherten den Todesschrei und blieben still liegen, bis das Zeichen zum Schluß alles wieder ins Leben rief.
Noch verharrte Indian Bill auf dem Andalusier wie eine aus Erz gegossene Statue. Ein kaum merklicher Wink, ein Pfiff genügte, um alles zu ordnen und zu leiten, einer Ausschreitung Schranken zu setzen.
Dem Platze, wo Cow-boys und Indianer friedlich rauchend auf Sätteln beieinander saßen oder auf dem Boden umherlagen, schritt ein Mann zu.
Er trug einen leichten, hellen Sommeranzug und einen Strohhut. In der Rechten hielt er ein dünnes Spazierstöckchen. So glich der Fremde also ganz den geschniegelten Modeherrchen, die drüben noch den Vorführungen der Wild-Westtruppe zusahen.
Nur ins Gesicht durfte man dem Gigerl nicht blicken, denn das paßte nicht zu dem Anzug. Es war tiefgebräunt von Sonne und Luft; die Züge waren scharf, doch edel geschnitten, und die Augen blickten kühn und wagemutig. Einen Bart trug der Mann nicht. Der energisch gezeichnete Mund war frei, und seltsam stach der fast rotbraun gebrannte Nacken von dem blendend weißen Leinenkragen ab.
Musternd ließ der Mann seine Blicke über die Leute des Indian Bill schweifen, dann schien er den Gesuchten gefunden zu haben. Rasch näherte er sich demselben. Es war eine echte, verwetterte Trappergestalt, wie wir sie aus Coopers Indianererzählungen kennen. Er rauchte aus einer abgebrochnen Tonpfeife, einem >Nasenwärmer<, süßlich riechenden, amerikanischen Plattentabak.
Der hellgekleidete Fremde trat neben den Alten - ein Griff - er hatte die Pfeife aus dessen Munde genommen und in seinen geschoben, so stand er da - die Hände in den Hosentaschen, den Stock unter dem linken Arm.
»Hölle und Teufel!« fluchte der Trapper aufspringend.
Im nächsten Moment funkelte dem frechen Gigerl der Lauf eines >Sixshooters<, eines sechsschüssigen Revolvers entgegen, neben dem Bowiemesser die beliebteste Waffe der Westmänner.
»'Ne feine Sorte, Charly!« lachte der Fremde ihn an. »So, da hast du deinen Nasenwärmer wieder!«
Kaltblütig gab er dem Trapper die Pfeife zurück.
Dieser hatte die schußbereit erhobene Waffe sinken lassen.
Wie entgeistert starrte er den Sprecher an. Endlich kam es über seine Lippen:
»Bless my eyes! Wenn das nicht Cutting Knife ist, soll mich der Satan mit Haut und Haaren holen!«
»Das tut er schon, wenn's Zeit ist, alter Junge!« lachte der Fremde, den der Westmann >Cutting Knife< genannt hatte, das >schneidende Messer<. »Brauchst übrigens nicht so zu schreien, daß alle es hören.«
»Du bist's also wirklich?« rief Charly freudestrahlend. »Wir glaubten alle, du seist tot!«
»So schnell geht's mit dem Sterben nicht!« lachte Cutting Knife.
»Bst! Nicht so laut!« warnte da der Trapper mit gedämpfter Stimme. »Wenn Indian Bill hört, daß du hier bist, würde er wohl ein ernstes Wörtchen mit dir reden!«
»Ich will aber eben zu ihm!«
»Wie? Hast du denn ganz vergessen, daß -«
»Daß er mir einst ans Leben wollte?« vollendete Cutting Knife gleichmütig.
Charly nickte stumm.
»Na, sorg' dich nur meinetwegen nicht! Ich werde auch mit Bill noch fertig. Kannst ja zusehen!«
Mit kurzem Gruße entfernte sich der seltsame Gigerl und begab sich direkt nach der Arena, wo mittlerweile ein anderes Schauspiel sich entwickelt hatte.
Mit mächtigem Satze war ein kohlschwarzer Hengst über die Barriere der Arena gesprengt und umkreiste in rasendem Laufe den weiten Platz.
Das edle Tier trug einen Damensattel, und in diesem saß Mercedes de Barrameda, die tollkühne Gefährtin Indian Bills, eine wunderbar schöne Mexikanerin. Das mit reichen, bunten Stickereien verzierte, nur bis an das Knie reichende Kleid aus gelbem Hirschleder schloß sich eng an die graziöse, herrlich gewachsene Gestalt; der im Mokassin steckende kleine Fuß war mit einem gefährlichen Sporn bewaffnet.
Mit der Büchse auf dem Rücken, den Revolver an der Seite, den geschwungenen Lasso in der Hand, mit den wie im Sturm flatternden, schwarzen Locken glich auch sie einem jener verwegenen Cow-boys, nur daß alles von ihr mit einer unbeschreiblichen Grazie ausgeführt wurde.
Mit ihrer kleinen und doch gestählten Faust wußte sie das unbändige Roß zu regieren. Donnernder Applaus begrüßte die verwegene Reiterin.
Doch das kühne Reiterstücklein war nur ein Vorspiel gewesen. Indian Bill setzte ihr nach; nun begannen Evolutionen, bei denen sich das Haar der Zuschauer vor Entsetzen sträubte.
Diesen beiden war nichts unmöglich. Es war ihnen gleichgültig, ob sie den Sattel verloren, sie standen auf dem nackten Rücken des Pferdes, wechselten mit katzenartiger Behendigkeit die Tiere, schossen nach den ihnen gegebenen Zielen, ohne je zu fehlen; sechs Nägel, nur leicht in ein Holz gesteckt, wurden durch ebensoviel Revolverschüsse auf dreißig Meter Entfernung vom jagenden Pferde herab bis an den Kopf ins Brett getrieben, und in der Handhabung des Lassos kamen ihnen weder Cow-boys noch Indianer gleich.
Sie bestimmten, um welchen Fuß des fliehenden Pferdes sich die Schleife schlingen würde, und die Berechnung versagte nie, stets war der betreffende Fuß gefangen, mitten im Lauf traf ihn der Lasso.
Wer von den beiden dem andern an Kraft und Gewandtheit im Reiten, Schießen und Lassowerfen über war, konnte man nicht beurteilen. Auch die Cow-boys und Indianer, welche doch nichts andres kennen als derartige Uebungen, staunten immer wieder über die beiden.
Wie überall, so erscholl auch auf dem Sattelplatze donnernder Zuruf, als endlich Indian Bill und Mercedes aus den Sätteln glitten.
Man umringte sie und machte ihnen Komplimente. Bill wurde nicht weniger stürmisch von den Damen bewundert, als Mercedes von den Herren.
Kühl wies sie jedoch deren Lobeserhebungen zurück.
»Wenn Sie wie ich von klein auf mit Pferden und Waffen umgegangen wären, würden Sie es mir gleichtun,« sagte sie. »Was ist das überhaupt hier auf ebnem Rasen, wo weder Felsen noch Ströme zu überwinden sind!«
»Aber auch die Cow-boys üben sich von Jugend auf in derartigen Ausführungen,« wandte jemand ein, »und ihre Leistungen verschwinden doch gegen die Ihrigen.«
»Das kommt einfach daher, weil ich einen bessern Lehrmeister gehabt habe.«
Die Vorstellung hatte stundenlang gewährt. Es war später Nachmittag, aber noch fern von Sonnenuntergang. Die Zuschauer auf den Fußwegen verliefen sich, die Herrschaften auf dem Sattelplatz blieben, auch viele der Inhaber der Tribüne begaben sich zu ihnen. In mehreren Zelten war für Erfrischungen gesorgt.
»Colonel, ich erinnere Sie an Ihre Wette,« wandte sich der Dragoneroffizier an diesen.
»Haben Sie wirklich noch Lust, Darling zu reiten?«
»Oho, Sie werden beleidigend! Ich gebe zu, keinen Mustang bändigen zu können, wohl aber einen eingerittenen Gaul zum Gehorsam zu zwingen. Er ist doch gut eingeritten?«
»Vollkommen. Darling ist ein Luxuspferd, hat nie die Freiheit gesehen, ist ja auch beschlagen.«
Der Andalusier war zuletzt bei den wildesten Manövern nicht verwendet worden, hatte sich also schon wieder verschnauft und erholt.
»Wie wollen Sie ihn gesattelt haben?«
»Englischer Sattel, Trense und Kantare, falls er daran gewöhnt ist.«
»So ist er zugeritten worden, ich reite ihn stets so, nur bei den Vorstellungen benutze ich den mexikanischen Sattel, weil der englische zu nüchtern aussieht. Und dann darf ich Sie wohl bitten, so lange Darling noch mein ist, keine Sporen zu gebrauchen!«
»Weder Sporen noch Peitsche, ich bringe ihn doch in jede gewünschte Gangart.«
Auf des Amerikaners Befehl ward der Andalusier gesattelt. Als der Cow-boy aus dem Stall heraustrat, ließ er ihn los, und lustig wiehernd trabte das edle Roß auf Indian Bill zu. Dieser ging hin und her, und das Pferd folgte ihm wie ein Lamm.
»Ich erkläre also nochmals,« nahm er dann das Wort, »wenn jemand der Herren oder Damen dieses Pferd in irgend einer Gangart von der Stelle bringt - sagen wir von hier bis nach dem dort stehenden, vielleicht fünfzig Meter entfernten Pfahl - so gehört das Pferd ihm oder ihr.«
»Sie behaupten also. Sie allein könnten das Tier reiten?«
»Auf der ganzen Welt allein ich und Senora Mercedes, nicht, weil ich es ihr besonders zugeritten habe, sondern weil sie es eben imstande ist. Sie ist mir ebenbürtig darin.«
Er wandte den Kopf nach Mercedes, welche ein leises Zischen hatte hören lassen.
»Ah so, ich habe an etwas nicht gedacht,« fuhr er fort, »es gibt noch jemanden auf der Welt, dem ich es zutraue, daß er Darling zu reiten vermag. Wir sind also unsrer drei.«
»Wer ist das?«
»Er kommt nicht in Betracht, denn er ist nicht hier.«
Es war ein großer Kreis gebildet worden, welcher noch den bezeichneten Pfahl einschloß.
Indian Bill sprang in den Sattel und ritt das Pferd schulgerecht in den verschiedensten Gangarten mehrmals im Kreise.
»Es ist kein Geheimnis dabei,« sagte er, absteigend. »Darling ist aber so empfindlich, daß er nur den Reiter trägt, an dessen Hand er den Meister erkennt. Ich habe ihn sehr verwöhnt. Senora, wollen Sie ihn reiten?«
Wie eine Feder schnellte Mercedes auf den Herrensattel, nach Damenart darauf Platz nehmend, und lenkte das prächtige Roß durch Zungenschlag und Zügel in gleicher Weise wie Bill mehrmals um den Platz.
»So, Herr Leutnant, nun kommen Sie daran!«
Der Aufgeforderte hatte schon die Sporen abgeschnallt und die Reitgerte weggeworfen. Wie er sich aufschwang und mit einem Griff die Zügel ordnete, erkannte man den vollendeten Reiter.
Atemlos harrte die Menge. Viele bedauerten bereits Indian Bill, daß er das schöne Tier verlieren würde.
Da - durch den schlanken und doch überaus kräftigen Körper des Rosses ging ein leises Zittern, das Gesicht des Leutnants färbte sich plötzlich dunkelrot - das Pferd hatte dem leisen Zügelruck und dem Druck des Schenkels nicht gehorcht.
Jetzt wandte er mehr Kraft an, man sah, wie er die Schenkel zusammenpreßte.
Darling bäumte sich, schlug aus, doch der Reiter saß fest, konnte es aber ebensowenig von der Stelle bringen. Plötzlich krümmte sich das Pferd wie ein Aal zusammen, streckte sich blitzartig aus - und der Leutnant saß mit einem unbeschreiblich verdutzten Gesicht im Grase.
»Himmeldonnerwetter, so etwas ist mir doch noch nicht passiert!« platzte er endlich unter dem schallenden Gelächter der Umstehenden heraus.
»Hat noch jemand Lust, sein Glück zu versuchen?« fragte Indian Bill.
Ein zweiter Offizier flog beim ersten Bocken aus dem Sattel, ein andrer kam überhaupt nicht zum Sitzen, er fiel gleich wieder auf der andern Seite herab, obgleich er vorher das Pferd beruhigt hatte.
»Das wäre doch der Teufel,« ließ sich ein baumlanger Mann mit Reitgamaschen vernehmen, durch sein ganzes Aussehen den Landwirt verratend, »wenn ich den Racker nicht zum Gehn brächte! Erlauben Sie?«
»Bitte, versuchen Sie es!«
»Aber das sage ich Ihnen, ich quetsche dem Vieh die Luft ab oder zerbreche ihm die Rippen!«
»Immerzu, wenn Sie es vermögen!« lächelte der Colonel.
Die Beine des neuen Reiters waren so lang, daß sich die Stiefelhacken unter dem Bauche fast berührten.
Der Mann entwickelte eine ungeheure Kraft, das Pferd keuchte, es war, als wenn sein Leib zusammengeschnürt würde, und doch brachte es den Reiter mit einer ganz neuen, blitzschnellen Bewegung aus dem Sattel, ohne sich gewälzt zu haben.
Es wurden Cow-boys und Indianer gerufen.
Sie weigerten sich anfangs, weil sie Darling doch nicht vom Fleck brächten; sie wüßten es schon, sagten sie und mußten erst durch Geldgeschenke gewonnen werden, aufzusteigen.
Da sie den glatten Sattel nicht gewöhnt waren, rutschten sie hin und her, aber abzuwerfen waren sie doch nicht. Ebensowenig aber gelang es ihnen, das Pferd auch nur einen Schritt vorwärtszubringen, obgleich man ihnen ansah, wie sie alle ihre Kraft und Kunstfertigkeit gebrauchten.
»Es ist eben ein Geheimnis dabei!« rief der Dragoner.
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß dies nicht der Fall ist,« sagte Indian Bill ernst. »Existiert noch ein Reiter, der uns drei Erwähnten gleicht, so wird Darling ihm gehorchen. Auch die Sporen können seinen Trotz nicht brechen. Er würde lieber sich verbluten und zusammenbrechen, als nur einen Schritt tun, wenn er die kundige Hand nicht fühlt. Es ist wohl genug, Herr Leutnant?«
»Ich bekenne hiermit, daß ich dieses Pferd nicht zu reiten vermag,« kam der Offizier seinem Versprechen nach.
»Führt Darling in den Stall!«
»Halt, Herr Colonel!« ließ sich da eine Stimme hören. »Ich möchte Darling reiten!«
Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, wendete Indian Bill sich dem Sprecher zu.
Unsägliches Erstaunen prägte sich einen Moment in den dunklen Augen des Obersten aus, dann aber flackerten sie fast drohend auf.
»Cutting Knife!« kam es leise, niemandem sonst vernehmbar, über die Lippen Bills.
»Still!« gab der andre ebenso leise zurück. »Persönliches können wir später verhandeln - ich nenne mich jetzt Nobody.«
»Nobody, der Detektiv von Worlds Magazine?« rief Indian Bill, von neuem staunend.
»Nun, Herr Oberst, ist es mir erlaubt, das Pferd zu reiten?« fragte Nobody laut.
»Bitte, versuchen Sie Ihr Heil!« erwiderte der Gefragte, aber dann setzte er nochmals flüsternd hinzu: »Wozu das? Ich weiß ja, daß Sie Darling reiten können! Und dann - haben Sie Mercedes nicht gesehen?«
»Gerade ihretwegen will ich das Pferd reiten!« entgegnete Nobody ruhig, schritt zu dem Andalusier, streichelte ihm den schlanken Hals und schickte sich an, in den Sattel zu klettern.
Anders war der Vorgang nicht zu bezeichnen, denn der Unbekannte verfuhr mit einem außergewöhnlichen Phlegma.