Ungefähr auf dem 22. Grade nördlicher Breite und auf dem 26. Grade westlicher Länge, etwa 400 Seemeilen von der marokkanischen Küste entfernt, liegt einsam und verlassen im Weltmeer die Insel der drei heiligen Könige, einfacher Dreikönigsinsel genannt. Es ist ein erloschener Vulkan, der sich jäh aus dem Meere emporhebt, nur ringsum mit einem niedrigen Plateau; das Ganze ist so klein, daß es in keinem Atlas angegeben ist, desto stärker ist der Punkt in den Seekarten als verderbenbringend für die Schiffer markiert. Wenn man dicht daran vorüberfährt, sieht das Ding freilich ziemlich mächtig aus, da bemerkt man oben auf dem Vulkan auch die zackigen Erhebungen, aus denen ein phantastischer Kopf drei Kronen gemacht hat, und daher der Name.
Selbstverständlich ist die Dreikönigsinsel von England annektiert worden, obgleich auf der völlig wasserlosen Klippe kein Mensch existieren kann, und da kann keine Festung, keine Kohlenstation angelegt werden, denn das Schiff findet keinen Ankergrund, viel weniger einen Hafen.
Bekannter ist die Dreikönigsinsel erst durch Alexander von Humboldt geworden, welcher sie, wie so viele einsame Inseln, gründlich durchforscht hat, und nähert sich ihr einmal ein Dampfer und setzt bei schönem Wetter und ruhiger See ein Boot aus - sonst kann man gar nicht landen - so ist sicher anzunehmen, daß der Dampfer einer wissenschaftlichen Forschungsexpedition angehört, welche die Richtigkeit der von Humboldt gemachten Entdeckung nachprüfen will, daß nämlich auf der Dreikönigsinsel zwei Arten von Insekten leben, welche sonst nirgends in der Welt vorkommen.
Denselben Zweck verfolgte auch die kleine, aber seefeste Jacht, die sich an einem sonnigen Morgen mit leichtgeschwellten Segeln dem Meeresberge näherte.
An der Bordwand stand der Besitzer, ein noch sehr junger Mann, Erno von Kufstein, neben ihm hatte sich ein mächtiger Neufundländer aufgerichtet, die Vorderpfoten auf der Reling, und betrachtete, wenn ihm auch sonst eine Mücke eben eine Mücke war, den aus dem Meere hervorragenden Berg mit gleichem Interesse wie sein Herr.
Wir müssen einen kurzen Blick auf die Vergangenheit des Besitzers dieser Jacht zurückwerfen. Es geht schnell genug.
Zum Offizier hatte er keine Neigung gehabt. Er hatte studiert, Zoologie und Botanik, hatte auch schon eigne Forschungsreisen gemacht, war aber bisher nicht aus Europa herausgekommen. Als sein Vater starb, hatte er tun können, was er wollte. Er wollte ein zweiter Alexander von Humboldt werden. Er war ein Hamburger, sah die Schiffe immer dicht vor der Nase, und da hatte er sich hier diese mit einer Hilfsmaschine ausgestattete Segeljacht, die ›Woge‹ gekauft. Einen tüchtigen Kapitän und Steuermann darauf, fünf Matrosen und zwei Heizer, von denen der eine ursprünglich Fleischer war, also auch jemandem das Fell über die Ohren ziehen konnte, und los ging es! So etwas kostet Geld, aber Erno von Kufstein hatte es dazu. Jetzt kam er von den kanarischen Inseln. Unten hatte er schon alles voll von eingemachten Schlangen und anderm Zeug, was da kreucht und fleugt und wächst. Ein glücklicher Mensch, wer's so haben kann! Dabei war Erno niemals ein Philister gewesen, er hatte neben seinen Studien das Leben schon zu genießen gewußt, und in Funchal auf Madeira hatte er sich auch ganz famos amüsiert.
Nun also war die Insel der heiligen drei Könige sein Ziel. Zu poussieren gab's da nichts, da wollte er nur die beiden Mückenarten untersuchen und etliche auf Nadeln gespießt mit nach Hause nehmen.
Die ruhige See gestattete eine Landung; ein Boot wurde ausgesetzt. Drei Matrosen stiegen hinein, Erno folgte nach, mit Schmetterlingsnetz und Botanisiertrommel bewaffnet, während ein Revolver mehr als Signalapparat dienen sollte, außerdem, um sich darauf setzen zu können oder ein Sonnendach zu bilden, statt eines Plaids seinen großen Burnus mitnehmend. Den Schluß bildete Sultan, der Neufundländer, der als seefester und weiterfahrener See ... hund das steile Fallreep rücklings hinabkletterte.
Das Boot stieß ab, strebte der Richtung zu, wo sich auf dem niedrigen Plateau eine ziemlich hohe Steinpyramide erhob, von frühern Forschern auf dem Platze an der Küste errichtet, wo ein Boot am leichtesten landen konnte.
Eine kleine Bucht nahm das Boot auf, gleich hier sah man viele Namen in die Felswände eingemeißelt, vor den meisten ein Dr. Aber Humboldts Name ist auf der Insel nicht zu finden, der hat ihn in andrer Weise verewigt. Auch Erno von Kufstein hatte im Boot Hammer und Meißel liegen.
Die Matrosen machten das Boot fest und stellten ein schattenspendendes Dach her, Erno haschte Mücken, Sultan freute sich, wieder einmal festes Land unter den Füßen zu haben, und tollte bellend umher.
Das Plateau war nicht so eben, wie es in der Ferne aussah. Es war ein Miniaturgebirge, bei jedem Schritte mußte man klettern, und dereinst hatte das Meer bis hier herauf gereicht, es hatte in die Felsblöcke tiefe Höhlen gewaschen.
Da stieß der unsichtbar gewordene Hund ein Bellen aus, welches von seinem bisherigen ganz verschieden war, das klang grimmig, er mußte etwas für ihn Unangenehmes aufgespürt haben. Ohne Zögern folgte Erno der Richtung, und bald sah er Sultan, der in drohender Stellung vor einem großen Felsblock stand, der sicher eine Höhle barg, in die der Hund wütend hineinkläffte.
Der junge Mann dachte nicht daran, zur Vorsicht erst seine Begleiter herbeizurufen, er zog nur seinen Revolver und näherte sich schnell jener Stelle.
Richtig, es war eine geräumige Höhle, und im Hintergrunde derselben, aber von der Sonne noch tageshell erleuchtet, da sah er ... da sah er ... ja, hatte er denn eine Vision? Träumte er wirklich nicht nur?
Da sah er ein Weib, ein junges Mädchen, keine Schwarze, sondern ihre Haut schimmerte weiß wie frischgefallner Schnee, und sie war völlig unbekleidet, man hätte denn ihr goldblondes Haar eine Bekleidung nennen müssen, welches sie wie ein Mantel einhüllte ... da sah er das schönste Weib, das er je auf Gottes schöner Erde gesehen hatte!
Sie zitterte an allen Gliedern, wollte sich völlig unter ihrem Haarmantel verkriechen, und nachdem Erno zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er hier auf der mitten im Ozean gelegenen Dreikönigsinsel wirklich nicht nur träume, erkannte er sofort, daß das Mädchen sich am meisten vor dem noch immer wütend bellenden Hunde fürchtete.
Er beruhigte ihn, wies ihn fort, und sogleich traf ihn ein hilfeflehender Blick aus den wunderbar blauen Augen, sie machte bittende Bewegungen - ein Zeichen doch, daß sie sich vor dem Manne nicht fürchtete.
Der junge Mann raffte sich auf. »Wer bist du? Wie kommst du hierher?« Er wiederholte dieselbe Frage auf englisch, auf französisch, italienisch. Keine Antwort. Sie hatte sich von dem Steine, auf dem sie bisher gesessen, erhoben, rutschte auf den Knien zu Erno hin, den einen Arm vor dem Busen, sich in das goldne Haar zu hüllen suchend, dabei mit dem andern Arm immer bittende Bewegungen machend; jetzt traten Tränen in ihre Augen, sie deutete auf ihren Mund ...
»Mein Gott sie ist stumm!!«
Noch einmal mußte sich Erno mit Gewalt aus seiner halben Betäubung emporrassen. Ja, wenn es ein schwarzes oder ein braunes Weib gewesen wäre! Aber das war doch eine Europäerin mit blendend weißer Haut, die er hier auf dieser weltverlassenen Insel fand, ohne jede Bekleidung ... das ging über seinen Verstand.
Er schoß den Revolver in die Luft ab. Ihren Herrn in Gefahr wähnend, kamen die drei Matrosen sofort herbeigeeilt.
Kaum hatte der eine das auf den Knien liegende Weib gesehen, als er mit allen Zeichen des Entsetzens rief: »Alle guten Geister - ein Meerweib!! Fort von hier - um des Himmels willen, Herr, fliehen Sie, es ist Ihr Unglück!!«
Er wollte Erno mit Gewalt fortreißen. Dieser stieß ihn kraftvoll von sich. Jetzt hatte die auf den Knien Rutschende ihn erreicht, sie umschlang seine Füße, angstvoll blickte sie zu ihm empor, und Erno wußte selbst nicht warum, plötzlich füllten sich auch seine Augen mit Tränen.
»Nein, nein, habe keine Angst, wer du auch bist, ich verlasse dich nicht,« sagte er tröstend, wobei er liebkosend über ihr prachtvolles Haar strich, das jetzt im Scheine der Sonne Funken sprühte, und wieder ging ein Zittern durch ihre schlanken und doch so üppigen Glieder, und noch fester preßte sie ihren Busen an seine Knie, nicht mehr darauf achtend, daß der goldne Mantel ihren jungfräulichen Leib entblößte.
Der furchtsame Matrose war wirklich vor dem vermeintlichen Meerweibe davongeflohen.
»Schnell,« wandte sich Erno an die beiden andern, »du kannst semaphorieren, Jürgen, signalisiere dem Kapitän zu ... oder fahrt beide hinüber, holt den Kapitän, ich brauche seinen Rat, und der Steuermann ist genug zur Sicherheit der Jacht. Oder nimm Moritz mit, du, Ernst, bleibst hier.«
Auch der zweite Matrose eilte davon.
Erno hatte gesehen, wie die Augen der beiden Matrosen auf dem nackten Weibe geruht hatten, der Gebliebene blickte es auch noch so an, und Erno nahm den Burnus vom Rücken, rollte ihn auf und deckte ihn über das Weib, das sich denn auch sogleich einzuwickeln suchte, aber ohne dabei Ernos Knie loszulassen.
Er versuchte sich mit sanfter Gewalt aus ihrer Umklammerung zu befreien, es gelang nicht, sie schmiegte sich nur um so fester an ihn.
»Ernst, durchsuche einstweilen die Umgegend, ob du etwas findest, und wenn es auch nur Spuren sind!«
Da der davongegangene Matrose nichts von sich hören ließ, konnte er wohl auch nichts finden. Unterdessen sprach Erno tröstende Worte zu dem Weibe, wie es der Augenblick ihm eingab, streichelte ihr Haar, wollte sie auch aufrichten, was ihm aber nur zur Hälfte gelang. Sie wollte durchaus zu seinen Füßen liegen und ihr Gesicht zwischen seinen Knien vergraben, wobei sie nur zitternde Seufzer ausstieß.
So mußte Erno in seiner Stellung verharren, bis der Kapitän kam. Er war schon ein älterer Seebär.
»Ich wollte es erst gar nicht glauben, was mir da erzählt wurde, und jetzt muß ich das Märchen mit eignen Augen schauen. Ja, was soll man denn nun dazu sagen?«
Nach und nach wich die Furcht etwas von dem Mädchen. Sie richtete sich auf, den Burnus eng um sich ziehend, aber noch jene zaghafte, halbgebückte Stellung einnehmend, wie etwa ein Mädchen, welches sich zum ersten Male in Männerkleidung präsentieren muß, bis sie auch darin freier wurde. Aber Erno brauchte nur eine Bewegung zu machen, als wolle er sie verlassen, so lag sie schon wieder zu seinen Füßen und umschlang stehend seine Knie.
Noch kein Wort war aus ihrem Munde gekommen. Stumm war sie auf alle Fälle. Aber nicht taub. Das hatte Erno konstatieren können, als der Hund einmal hinter ihr gebellt hatte, gar nicht so laut. Sofort war sie erschrocken zusammengefahren und hatte sich umgeblickt.
Der Kapitän sprach Spanisch, ein Matrose etwas Griechisch und Russisch. Zum ersten Male gab sie ein Zeichen, sie schüttelte den Kopf. Das heißt, sie verstand nicht, was man zu ihr sagte.
Der Kapitän betastete ihre Hände, was sie ruhig geschehen ließ, betrachtete ihre Füße.
»Feine Hände, hat niemals gearbeitet, hm. Und Hühneroogen hat sie ooch nich, hm.«
Für den alten Kapitän Höcker war nämlich jeder Mensch, der keine Hühneraugen hatte, ein Wunder. In der Tat aber besaß sie wunderbar feine, zarte Füße. Auch das duldete sie, daß der junge Mann ihren Fuß hob und über die Sohle strich.
»Nicht das geringste Horn, was sonst jeder Mensch hat. Sie hat nicht nur niemals beengendes Schuhzeug getragen, sondern sie scheint überhaupt niemals zu Fuß gegangen zu sein.«
»Ja, dann ist sie eben wirklich ein dem Meere entstiegenes Weib,« meinte der Kapitän.
Aber er meinte es nicht ernsthaft, er selbst machte sich sogleich auf die Suche nach Spuren.
»Warten Sie, nehmen Sie Sultan mit, wir wollen ihn erst einmal an sie riechen lassen.«
Es geschah, und als sie dabei in Ernos Armen lag, zeigte sie viel weniger Angst vor dem mächtigen Hunde, der herangezogen wurde, daß er das Mädchen beschnüffele.
Der Kapitän entfernte sich mit dem Neufundländer, welcher wirklich sofort die Nase auf den Boden senkte und anscheinend eine Spur verfolgte. Lange konnte ihn Erno nicht beobachten, er entschwand seinen Augen.
»Willst du ...?« fragte er dann, deutende Bewegungen hinaus ins Freie machend.
Nicht die deutschen Worte, sondern die Gesten hatte sie verstanden. Sie nickte und schmiegte sich an ihn, ihn dabei mit Augen ansehend, die mehr sagten als Worte.
Ja, sie wollte mit ihm gehn, wohin es auch sei, wenn nur er bei ihr bliebe.
Beim ersten Schritte, den sie zur Höhle hinausmachte, zuckte sie schmerzlich zusammen, wollte niederfallen. Erno dachte an ihre weichen Sohlen, und die Sonne hatte den Steinboden erhitzt - - er nahm sie auf seine kraftvollen Arme und trug sie die wenigen Schritte zum Boote hinab. Dieses und die naheliegende Jacht machte auf sie gar keinen Eindruck. Weshalb auch? Im Wasser spielende Meerfrauen sehen Boote und Schiffe genug.
Als er sie in das Boot gesetzt hatte, fand sich der Kapitän mit dem Hunde wieder ein.
»Es ist nichts. Sultan umkreist ein paarmal den Felsen mit der Höhle, dann geht er immer wieder an das Ufer, bis dicht ans Wasser und dann wieder zur Höhle zurück. Sie muß doch aus dem Wasser gekommen sein.«
»Schon möglich. Trotzdem, Herr Kapitän, suchen Sie die Insel weiter ab, besonders auch nach Schiffstrümmern. Sie wissen wohl, woran ich denke, und überhaupt, von alledem verstehn Sie mehr als ich. Ich bringe sie jetzt an Bord und schicke Ihnen dann das Boot zurück.«
Sie fuhren nach der Jacht. Das Mädchen saß auf derselben Ducht und schmiegte sich auch hier an ihn. Wovon hatte sie auf der Insel gelebt?
»Willst du etwas essen?« fragte Erno, nahm von dem mitgenommenen Proviant ein Biskuit und reichte es ihr.
Sie nahm es, ohne Hast: aber Erno hatte doch bemerkt, wie es freudig in ihren Augen aufgeleuchtet. Sie zog den Burnus auch über den Kopf, daß sie ganz unsichtbar wurde, und verzehrte so das Biskuit. Dann kam sie wieder zum Vorschein.
»Willst du noch eins?«
Er gab ihr eine ganze Handvoll, und ganz offenbar war dies ein verlegenes Lächeln der Scham gewesen, sie errötete auch dabei, als sie die vielen Biskuits nahm. Wieder verschwand sie vollständig unter dem Burnus, und als sie wieder hervortauchte, lächelte sie abermals so verschämt, und dabei traf ein Blick voll unendlicher Dankbarkeit den neben ihr sitzenden Mann.
»Hast du Durst?«
Er füllte ihr aus einer Lederflasche einen Becher mit gesüßtem Zitronenwasser, und wie oft er ihn auch füllte, jedesmal wurde er schnell geleert, wobei sie aber stets Kopf und Gesicht unter dem Tuche verbarg.
Gar kein Zweifel, das arme Mädchen war fürchterlich von Hunger und Durst gequält worden. Seltsam nur, daß sie davon gar keine Andeutung gemacht hatte, auch nichts gesagt hatte, als sie die offen in einem Korbe liegenden Biskuits gesehen, und dann, wie bescheiden sie es nahm, wie sie sich beim Essen und Trinken nicht den Blicken der rudernden Matrosen aussetzen wollte, während sie ohne Scheu immer wieder Ernos Hand zärtlich drückte!
Das Boot hatte die Jacht noch nicht erreicht, als Erno merkte, daß sie, sich an ihn schmiegend, eingeschlafen war. Sie wurde in einer herabgelassenen Hängematte an Deck gehievt, wobei es ohne Stöße nicht abging, ohne daß sie davon erwachte - wieder ein Zeichen, wie lange sie ohne Schlaf gewesen sei.
Erno brachte sie in seiner Kabine zu Bett, und fest überzeugt, daß sie nicht so bald wieder aufwachen würde, ließ er sich wieder nach der Insel hinübersetzen. Ein Matrose mußte vor ihrer Tür Wache halten, und sobald er drinnen etwas sich bewegen hörte, sollte ein Alarmschuß abgegeben werden, der Erno zurückrief. Der junge Mann hatte also schon mehr sein Meerweib im Kopfe als seine seltenen Mücken. Und das war begreiflich.
Auf der Insel wurde nichts gefunden, absolut nichts. Erno beschloß, den Vulkan zu besteigen - in wissenschaftlicher Absicht, wie er sich selbst sagte. Nebenbei konnte er von dort oben aus ja auch einmal mit dem Fernrohr eine allgemeine Rundschau halten.
Der Aufstieg war nicht schwer, hätte höchstens eine Stunde in Anspruch genommen - Erno kam nicht einmal zur Hälfte hinauf! Wenn sie nun jetzt erwachte und ihn nicht bei sich fand? Nein, hatte er das denn überhaupt alles nicht nur geträumt? Und wenn dieser schöne Traum jetzt ...
Der junge Mann stürzte den Weg so hastig zurück, daß er sich bald dabei den Hals gebrochen hätte, und ließ sich eiligst wieder übersetzen.
Gottlob, es war kein Traum! Sie selbst war ein Märchen! Wie schön sie war! Dieses Haar, diese im Schlafe halb geöffneten Lippen! Dieser Zauberduft, der von ihr ausging!
Da schlug sie die Augen auf, lächelte ihn an, breitete die Arme sehnsüchtig nach ihm aus und ...
Schon längst hatte die Jacht die Dreikönigsinsel hinter sich.
Die fremde Maid war Ernos Weib geworden. Ohne des Priesters Segen. Es hatte ja nicht anders kommen können.
Undine hatte er sie genannt. Ohne Zweifel war sie ja das Opfer eines Schiffbruches, der nur sonst keine Spur hinterlassen hatte, sie mochte lange geschwommen sein - aber für Erno war sie doch dem Meere entstiegen, um sein Weib zu werden. Sie war seine Undine.
Und sie waren glücklich in ihrer Liebe, so unaussprechlich glücklich! Dabei vergaß er keine Bemühung, das Rätsel zu lösen, um aus der märchenhaften Meerfrau doch noch ein irdisches Weib zu machen. Er beobachtete alles.
Es mußte für Kleider gesorgt werden. Zuerst hatte er ihr Männersachen aus seiner Garderobe angeboten. Sie hatte damit nichts anzufangen gewußt. Ein Matrose fertigte ihr schnell und geschickt Frauenkleider. Aber auch mit diesen wollte sie nicht zustande kommen. Jedenfalls fühlte sie sich darin zuerst höchst unbehaglich.
Als das erste Essen aufgetragen wurde, hatte sie mit den Fingern zugegriffen, gleich ins warme Gemüse hinein. Messer und Gabel handhabte sie sehr ungeschickt, wie ein kleines Kind, mußte es erst lernen.
Da lag die Vermutung, welcher Nation sie sei, sehr nahe. Denn mit einem unzivilisierten Wesen, das aus den Wolken gefallen war, hatte man es nicht etwa zu tun! Sie kannte den Spiegel und noch manches andre, sie wunderte sich überhaupt sehr wenig über alles, was sie an Bord der Jacht zu sehen bekam.
Da sie die Speisen mit den Händen zum Munde führt, wird sie eine Araberin oder Türkin sein, sagte sich Erno, wenn sie auch nicht im Aeußern einer solchen gleicht; sie braucht ja keine geborne Orientalin zu sein.
Doch er mußte diese Ansicht bald wieder fallen lassen. Er hatte an Bord eine auserwählte Bibliothek, Lexika der verschiedensten Sprachen, Reisebeschreibungen und dergleichen.
Er zeigte ihr die verschiedensten orientalischen Trachten. Sie wußte recht wohl, was man von ihr wissen wollte, aber verneinend schüttelte sie bei jedem Bilde den Kopf. Sie machte Bewegungen, als habe sie früher ein weites, wallendes Gewand getragen, und als sie einmal zufällig in einem Buche eine antik gekleidete Hellenin sah, bedeutete sie, daß auch sie sich so getragen habe - ungefähr, nicht ganz so.
Sie verstand eine Finger- und Gebärdensprache, welche sie anfangs oft unwillkürlich zu Hilfe nahm. An Bord war ein Matrose, der eine taubstumme Schwester gehabt hatte. Es war ein Deutscher, und dessen Zeichensprache verstand sie nicht, was leicht begreiflich war. Wenn jemand zu ihr sprach, so blickte sie immer aufmerksam auf dessen Mund.
Infolgedessen sprach ihr Erno aus seinen Wörterbüchern arabische, türkische und indische Worte vor. Sie beobachtete seinen Mund, aber die Worte waren ihr fremd. Sie konnte die in den heimatlichen Schriftzeichen wiedergegebenen Worte auch nicht lesen, und des Schreibens war sie überhaupt nicht kundig.
Von dort her, wo die Sonne aufging, stammte sie. Erno zeigte ihr einen Atlas. Den kannte sie gar nicht.
Nach und nach verstand Erno dennoch, was sie ihm erzählen wollte. Sie hatte ein sehr lebhaftes, ausdrucksvolles Gebärdenspiel.
Einen Tag hatte sie in der Höhle zugebracht, frierend, hungernd und durstend. In der Nacht war sie nach der Insel geschwommen.
Sie legte die Hände auf die Bordwand, deutete ins Meer hinab, machte Schwimmbewegungen.
»Du bist über Bord gesprungen?« fragte Erno, auch so tuend, als wolle er ins Wasser springen.
Sie nickte lebhaft und bedeutete, daß zur Zeit dieser Tat die Sonne nicht am Himmel gestanden hatte.
Weshalb war sie in der Nacht über Bord gesprungen? Erno konnte es von ihr nicht erfahren.
Das erste Schiff, welches die Jacht wieder in Sicht bekam, war ein Segler. Kaum hatte Undine das Segel am Horizont auftauchen sehen, als sie sich in der Kabine verbarg und nur verstohlen aus dem Fensterchen das sich nähernde Fahrzeug furchtsam beobachtete.
Aha, eine entsprungene Sklavin! Er tat, als ob er ihr die Hände fesseln wolle - und sie verstand ihn, was er meinte, aber sie schüttelte den Kopf. Nein, eine Sklavin oder dergleichen sei sie nicht gewesen.
Das zweite Schiff war ein großer Passagierdampfer mit zwei Schornsteinen. Wieder das furchtsame Verbergen und Beobachten.
Als dritten sah sie einen gewöhnlichen Frachtdampfer, und da äußerte sie keine Furcht mehr, sondern wahres Entsetzen, den wollte sie auch nicht beobachten, sie verkroch sich in den verborgensten Winkel, und das wiederholte sich, sobald die Jacht irgend einem andern Dampfer begegnete, und am größten war ihre Angst stets, wenn der Dampfer nur einen Schornstein hatte.
Wenn sie auch nicht von ihrer Vergangenheit erzählen konnte, so wußte sie doch durch Gebärden ihre Gedanken in ganzen Sätzen auszudrücken, und wenn sie sich angstvoll an Erno schmiegte, auf das Meer deutete, auf einen Dampfer, dann Handbewegungen in die weite Ferne und andre lebhafte Gesten machte, so hörte Erno sie ganz deutlich sagen: »Fort, fort von hier, fort von dem Meere, von solch einem Dampfer droht mir Gefahr, und wenn du mich liebst, wenn du willst, daß ich bei dir bleiben soll, so bringe mich dahin, wo es kein Meer gibt, wohin uns kein Schiff verfolgen kann. Dorthin laß uns zusammen fliehen, oder es ist mein wie dein Verderben!«
Diese Sprache war zu deutlich, als daß man sie hätte mißverstehn können.
Und Erno preßte die Zitternde an sich, küßte sie und rief: »Ja, Undine, ich will dich in Sicherheit bringen, dorthin, wo der uns nicht finden wird, den du fürchten mußt, und auch keine andre Macht der Erde soll dich mir wieder entreißen, es sei denn der Tod!!«
Sein Entschluß war gefaßt. Er hatte auf seiner ersten Forschungsexpedition etwas andres entdeckt als eine bisher noch unbekannte Pflanze, etwas Köstlicheres hatte er in Sicherheit zu bringen. Er lenkte den Klüver seiner Jacht wieder nordwärts.
»Ich kenne ein Land, welches von keinem Meere umspült wird, in welchem der rechtliche Mensch die höchste Freiheit und den höchsten Schutz genießt, dorthin will ich dich bringen. In der schönen Schweiz wollen wir uns ein warmes Nest bauen.«
Erno sprach mit dem Kapitän, ließ die ganze Mannschaft zusammenkommen.
»So und so steht die Sache. Ueber diesem dem Meere entstiegenen Weibe schwebt ein Geheimnis. Ihr seid die Mitwisser desselben, welches aufs strengste gehütet werden muß. Sie behauptet, daß sie in aller Welt gesucht werden würde, von einem Manne, der sie mir wieder entreißen will, und ich glaube es ihr. Leute, Seeleute, wollt ihr mit mir nach der Schweiz kommen? Ich weiß, was für ein Opfer ich von euch verlange. Es ist auch nur eine bittende Frage. Ihr sollt in meinem Hause wie meine Brüder mit mir leben. Sonst müßte ich zu Undines Schütze erst fremde Leute anwerben, und ich weiß nicht, ob sie mir treu ergeben sein werden. Von euch aber weiß ich, daß ich euch mein Kostbarstes anvertrauen kann. Wollt ihr?«
»Ja, Herr von Kufstein, wir wollen bei Ihnen bleiben!!« erklang es sofort einstimmig, und das in hellem Jubel.
Sie alle, alle hatten das liebreizende Wesen ja schon so unsäglich liebgewonnen. Was war es, das so mächtig aller Herzen bezwang? War es allein ihr kindliches Wesen, ihre Hilfsbereitschaft, die nichts von Stolz und dergleichen wußte? Wenn ein Matrose seine Kalkpfeife verlegt hatte, so half sie ihm eifrig suchen. Wenn der Kapitän die Sonne aufnahm und mit Logarithmen rechnete, wollte sie ihm durchaus dabei behilflich sein, in einer so kindlich ungeschickten Weise, daß sich alles vor Lachen wälzte. Wenn es zu regnen begann, brachte sie für die Mannschaft die Oelröcke an Deck geschleppt, ängstliche Gebärden machend, daß sich die Leute nur ja nicht erkälten sollten, und als sie den Steuermann einmal versehentlich etwas mit einer Schere geritzt hatte, gar nicht der Rede wert, kannte ihr eigner Schmerz keine Grenzen.
Nein, dies alles war es noch nicht. Schon allein der wundersame Zauber war es, der von dieser holdseligen Erscheinung ausging, und ein Zauber läßt sich nicht definieren. Sie alle, alle wären für sie durchs Feuer gegangen, das ist nicht nur bildlich gemeint. Als der servierende Matrose sie einmal mit dem heißen Teller gebrannt hatte, war er bereit, seine Hand ins Küchenfeuer zu stecken, wenn das ihre Schmerzen gelindert hätte.
»Eine Köchin brauchen wir nicht, die bin ich!« rief ein Matrose.
»Und ich mache das Dienstmädchen!«
»Und ich nähe ihr Kleider, daß sie auf die feinsten Bälle gehn kann, deswegen braucht keine Schneiderin zu uns ins Haus zu kommen.«
»Und ich mache ihr die Stiefel!«
Der junge Steuermann hatte schon immer mit Muße an einem Schiffsmodell arbeiten wollen, einer Erfindung, zu deren Ausführung er einige Jahre Zeit brauchte, er wollte den Geschäftsführer spielen, den Verkehr mit der Außenwelt vermitteln, und der alte Kapitän, desgleichen ein Junggeselle, hatte sich schon längst nach Ruhe gesehnt, und wenn neben dem Hause ein Gärtchen war, in dem er ›buddeln‹ konnte, dann war sein Ideal erreicht.
Trennen wollte sich Erno von der Geliebten überhaupt nicht mehr. Der intelligente Steuermann sollte schon in Gibraltar an Land gehn und nach der Schweiz vorauseilen, dort irgendwo eine passende Villa kaufen, während die ›Woge‹ langsam nach Nizza segelte und dort auf die Rückkehr des Steuermanns wartete.
Als der hohe Felsen von Gibraltar sichtbar wurde, sah Undine, seitdem sie sich auf dieser Jacht befand, zum ersten Male Land.
»Weißt du, was das ist?« fragte Erno.
Sie hatte schon gelernt, einige Worte von seinen Lippen abzulesen, sie verstand seine fragenden Gesten. Und sie nickte, ja, sie wußte, was das war, sie deutete auch auf ein kleines an Deck stehendes Böllergeschütz; das sei eine Festung, dort oben gäbe es viele, viele solche Kanonen, aber weit größere. Aber dort gewesen war sie noch nicht, sie hatte Gibraltar nur schon mehrmals von weitem gesehen.
Seltsam! Oder auch nicht seltsam. Erno war bereits zu der festen Ueberzeugung gekommen, daß Undine noch niemals an Land gekommen, sogar auf einem Schiffe geboren worden war. Das Plateau der Dreikönigsinsel war das erste feste Land gewesen, auf das sie ihren Fuß gesetzt hatte.
Sie tat in bezug auf Gibraltar auch noch andre Aeußerungen. Doch werden wir später, wenn ein Gewitzigterer, als es der junge Gelehrte war, seine Recherchen anstellt, darüber noch mehr erfahren.
In Nizza brauchte die Jacht nur einen Tag auf Reede zu liegen, da kam der Steuermann Richard Jansen schon an Bord. Alles in Ordnung. Eine schöne Villa in der Nähe von Genf, ganz allein auf einem isolierten Hügel liegend, mit großem Garten, das Ganze umringt von einer Mauer.
Die Jacht wurde einem Vermittler zum Verkaufe übergeben, die ganze Gesellschaft reiste nach der Schweiz.
Die einzige Schwierigkeit bereitete Undines Anmeldung. Sollte Erno der Behörde von dem Meerweibe erzählen? Man würde ihn auslachen, und außerdem war er etwas von Undines Furcht angesteckt. Nein, keinen einzigen fremden Menschen wollte er ins Vertrauen ziehn.
Er bediente sich einer - wir wollen den besten Ausdruck wählen - einer Täuschung. Jürgen Heinrich, der eine Matrose, war schon einmal verheiratet gewesen, seine Frau war bald gestorben, er hatte unter seinen Papieren noch den Trauschein, welcher der Schweizer Behörde genügte, eine persönliche Vorstellung war nicht nötig, und so wurde die Namenlose als Anna Heinrich angemeldet und galt für Jürgens Frau.
Diesem traute Erno vollkommen, und über alles andre war er erhaben. Wenn ihm Undine ein Kind schenkte, so würde er diesem schon später noch seinen Namen zu geben wissen. Uebrigens sei hierbei gleich erwähnt, daß er Undines Religion noch immer nicht hatte erforschen können. Eine Christin war sie nicht, auch keine Mohammedanerin, sie schien gar nichts anzubeten.
Es war ein überaus glückliches Leben in der Villa auf dem Hügel. Mehr braucht nicht gesagt zu werden. Höchstens noch, daß der junge Gelehrte in der Uebersetzung eines botanischen Werkes aus dem Englischen volle Beschäftigung und Zufriedenheit fand, und das galt von jedem andern.
Mochten die draußen denken, was sie wollten - über die hohen Mauern drang nicht einmal ein Hauch, der das Glück derer stören konnte, die sich einander zur Liebe lebten.
So verging nicht ganz ein Jahr, als für Undine eine schwere Stunde herannahte. Erno hatte sich darauf vorbereitet, mit seinem Gewissen war er sich einig, er riskierte es, und Gott war gnädig. Undine war eines gesunden Knaben genesen, und kein fremder Fuß war über die Schwelle gekommen; keine geschwätzige Hebamme konnte erzählen, daß die junge Frau stumm sei, und daß der gnädige Herr bei der Niederkunft der Frau eines seiner Diener so merkwürdig aufgeregt gewesen.
Die Geburt des Jungen wurde angemeldet. Dr. Erno von Kufstein schrieb, daß er Medizin studiert habe, was er auch hätte beweisen können, er sei selbst genug gewesen, und alles war in Ordnung.
Seltsam, der Knabe hatte ganz grüne Augen. Uebrigens war das nicht störend, er war von Geburt an ein liebreizendes Kind. Aber es war doch seltsam. Erno hatte schwarze, die Mutter tiefblaue Augen.
Stumm war der Junge nicht. Er schrie, wie jedes gesunde Kind schreien muß. Bei Undine hatte sich während des einen Jahres nichts geändert. Sie war auch nicht jener mißtönenden Laute fähig, welche sonst Taubstumme von sich geben können, sondern höchstens eines schwachen Seufzers. Sie war ja auch nicht taub, und die Taubheit ist ja schuld, daß die genannten Taubstummen gar nicht oder doch nur mangelhaft sprechen lernen. Undine vermochte überhaupt keinen Laut hervorzubringen, das lag an ihren Stimmbändern.
Nach und nach lernten sich die Gatten durch Ablesen der Worte von den Lippen und durch eine selbstgebildete Zeichensprache immer besser verstehn. Aber das galt doch nur für das, was innerhalb eines engen Gesichtskreises lag. Ueber ihr Herkommen konnte Undine noch immer nichts berichten. Ebenso war es mit dem Schreiben, welches ihr Erno mit unsäglichen Schwierigkeiten beibrachte, was er aber doch so gern tat. Uebrigens war die Vergangenheit hinter ihnen begraben. - - -
Der Knabe war drei Wochen alt. Ueber eine Taufe zerbrach sich Erno noch nicht den Kopf. Man nannte den Kleinen Harald, nach Ernos Vater.
Erno saß in seinem Schreibzimmer, der Steuermann war nach der Stadt gegangen, die Matrosen hatten im Hause zu tun, der alte Kapitän arbeitete mit Moritz im Garten, in dem sich auch die junge Mutter befand, welche ihr Kind selbst stillte.
Da plötzlich kam Moritz in das Studierzimmer gestürzt.
»Herr Doktor, Herr Doktor, in der Gartenlaube ist eine fremde Dame mit ganz grünen Augen und Haaren, die spricht mit Ihrer Frau ganz schnell mit den Fingern!!«
Moritz staunte, daß sein Herr bei dieser Botschaft so ruhig sitzen blieb. Im Stuhl zurückgelehnt, stierte er vor sich ins Leere. Er hatte plötzlich eine Vision. Es war ihm, als ob vor ihm ein großes Buch aufgeschlagen würde, und da war mit leuchtenden Buchstaben zu lesen:
»Seenixen und Meerfrauen gehn mit Menschen sehr gern Liebesverbindungen ein, aber sobald sie ein Kind haben, verlassen sie den Mann und gehn mit ihrem Kinde in ihr feuchtes Element zurück.«
So lautet die Sage. So steht's auch im Konversationslexikon. Und das dicke Buch, das eine unsichtbare Hand vor Ernos Augen aufgeschlagen hatte, sah gerade wie ein Lexikon aus.
Wie hatte er nur nicht daran denken können? Unsinn ...!
Die Vision hatte nur einen Augenblick gewährt, dann sprang er auf und stürzte in den Garten hinaus.
»Wo? In welcher Laube?«
»Dort, in der!« rief der nachkommende Matrose.
Ja, hier gewesen war Undine. Auf dem Gartentisch lagen noch ihr Handbeutelchen und ihr Taschentuch. Aber sie selbst war nicht zu sehen.
»Undine, wo bist du?«
»Wo bist du? Wo bist du?« spottete das Echo der nahen Berge nach.
Dort grub der alte Kapitän ein Beet um.
»Haben Sie meine Frau gesehen?«
»Die ist doch ... um Himmels willen, Doktor, was ist Ihnen? Sie sehen ja wie eine Leiche aus!«
»War nicht eine fremde Dame im Garten?«
»Eine fremde Dame? Nee. Wie soll die denn hereinkommen?«
»Jawohl, es war eine fremde Dame mit ganz grünen Augen und ganz grünen Haaren,« behauptete Moritz, »gerade solchen Augen, wie Harald hat. Eben jetzt war sie noch da, ich bin doch gleich zu Ihnen gerannt.«
Erno stürzte nach dem Gartentor, welches immer verschlossen sein mußte. Aber es war diesmal eben nicht der Fall, es war nur angelehnt, und Erno verzichtete sogleich darauf, Undine noch im Garten suchen zu wollen.
Draußen war kein Mensch zu erblicken, und die vorüberführende Hügelstraße war weit zu übersehen. Daß er einen Wagen rollen zu hören glaubte, konnte nur eine Einbildung sein.
Doch weit entfernt konnte sie sich noch nicht haben.
»Sultan!!« schrie er, einen schrillen Pfiff nachfolgen lassend.
Der Neufundländer war mit den Matrosen auf dem Boden gewesen, auf den Ruf seines Herrn kam er angehetzt. Erno ließ ihn an Undines Taschentuch riechen.
»Such, Sultan, such!«
Der Hund nahm denn auch die Spur sogleich auf, und das zornige Bellen, welches er zuvor ausstieß, zeigte an, daß wirklich ein fremder Fuß im Garten gewesen war.
Bis kurz vor das Tor verfolgte er die Fährte, dann wurde er unsicher, heulte, lief im Kreise umher.
»Sie ist getragen worden!!« schrie Erno in seiner Seelenangst. »O, Gott, gütiger Gott, gib dem Hunde Vernunft, daß er auch die fremde Spur verfolgt!«
Und das kluge Tier schien wirklich die Sprache seines Herrn zu verstehn, es verfolgte wieder eine bestimmte Richtung, offenbar die fremde Spur. Aber nur bis dahin, wo der Fußweg an die staubige Landstraße stieß, hier begann es wieder im Kreise zu laufen.
»Hier ist sie in einen Wagen gehoben worden!«
Ja, so würde es wohl gewesen sein, und die Radspur zu verfolgen, das konnte man von dem Hunde nicht verlangen. Zudem fuhren hier sehr viele Wagen hin und her.
Die Straße führte von Genf nach Montreuil. Erno rannte, wie er war, im bloßen Kopfe nach Genf, der Kapitän schlug mit einem Matrosen die andre Richtung ein. Es war vorauszusehen gewesen, daß es nutzlos sein würde. Geschlossene Equipagen hatte man überall genug vorbeifahren sehen.
Noch an demselben Abend meldete Erno die Entführung seiner Frau der Polizei. Jetzt, da die Katastrophe einmal geschehen, ließ er alle Rücksichten fallen, er gestand die Wahrheit. Eben deswegen aber schaute ihn der Polizeimeister mit so sonderbaren Augen an, ob er auch bei rechtem Verstande sei. Außerdem hörte der biedre Beamte vor allen Dingen nur eins heraus.
»Sie haben die Frau unter falschem Namen angemeldet? Das war Ihre Gattin? Die Anna Heinrich ist schon längst tot? Ja, Herr von Kufstein, da haben Sie sich einer sehr strafbaren Handlung schuldig gemacht, Sie haben auch noch den Jürgen Heinrich zu falschen Angaben verführt.«
Ja, die strafbare Handlung! Das war der Polizei jetzt die Hauptsache. Darüber vergaß sie die eigentliche Entführung. Immer hübsch eins nach dem andern, erst mußte die falsche Anmeldung erledigt und konstatiert werden, wer die Entführte eigentlich sei, wo und wann geboren usw.
So schlimm, daß Herr von Kufstein nun gleich in Untersuchungshaft genommen wurde, war die Sache ja nicht.
Schon am andern Tage übergab Erno die Verfolgung der Entführerin einem Genfer Privat-Detektiv-Institut. Leider bemerkte er nicht, wie die Augen des Direktors, als er erzählte, wie er das Meerweib gefunden habe, ungläubig auf ihm ruhten, und dann, als er das geforderte hohe Depositum bar auszahlte, so habgierig aufleuchteten.
»Die werden wir bald wiederhaben, verlassen Sie sich darauf, Herr von Kufstein, mein privilegiertes Institut ist das größte der Welt, ich habe überall Verbindungen - jawohl, die haben wir bald wieder!«
Zunächst wurde Moritz noch einmal vorgenommen, der einzige, welcher die fremde Dame gesehen hatte. Seine Behauptung, daß sie grüne Haare gehabt habe, nahm er zurück. Es konnte auch ein grüner Schleier gewesen sein, den sie hochgeschlagen hatte. Aber bei den grünen Augen blieb er. Ganz genau solche, wie sie der kleine Harald hatte. Eine feine, eine noble Dame! Auch ihr Kostüm konnte er ziemlich genau beschreiben. Wie alt? Na, jedenfalls älter als Undine. Ob sich die beiden ähnlich gesehen hätten, konnte er nicht sagen. Sie hatten sich durch eine Fingersprache unterhalten, ganz schnell, das war immer hin und her gegangen, und auf eine ganz andre Weise, als der Herr Doktor zu seiner Frau immer gesprochen hatte.
Es vergingen ungefähr vier Wochen. Die Privatdetektivs waren der grünen Dame immer dicht auf der Spur. ›Beinahe‹ hätten sie dieselbe in Paris erwischt, dann wieder war Undine mit ihrem Knaben in Konstantinopel gesehen worden, und ›beinahe‹ hätte man sie bekommen. Herr von Kufstein brauchte bloß noch einmal 1000 Francs zu zahlen, dann hatte man sie ganz bestimmt. Zahlen, zahlen, immer zahlen - das war ›beinahe‹ die Hauptsache.
Endlich gingen dem armen, genarrten Manne die Augen auf. Er konnte nur in ohnmächtigem Grimme mit den Zähnen knirschen. Was nun? Der Verzweiflung sich hingeben? Die hohe Polizei war noch nicht einmal mit ihrer ›strafbaren Handlung‹ fertig.
Da spielte der Zufall oder eine gütige Vorsehung dem schon Zusammengebrochenen ein kleines, englisches Blatt in die Hände. ›Worlds Magazine‹. Erno hatte schon einiges von jenem Detektiv Nobody gehört. Amerikanischer Schwindel! Der Mann existierte ja gar nicht, das war doch nur eine Romanfigur. Aber gesetzt nun den Fall, daß ...
Kurz und gut, Erno ging auf die Telegraphenstation. Hatte er schon so viele tausend Francs verpulvert, kam es auf ein paar mehr auch nicht an.
Am Kopfe des Blattes war die telegraphische Adresse angegeben.
»Worlds Magazine, New-York. Ist Mr. Nobody zu sprechen? Dringendste Angelegenheit. Drahtantwort erbeten. Erno von Kufstein. Genf. Schweiz. Hauptpostlagernd.«
Kaum hatte Erno das geschriebene Telegramm aus den Händen gegeben, als er es bereute. Was hatte es für einen Zweck? Da hätte er viel ausführlicher depeschieren oder besser schreiben müssen, gleich mit dem Versprechen einer Prämie, oder er hätte sofort Geld anweisen sollen. Die drüben warfen diese Depesche doch in den Papierkorb.
Na, egal, mochte sie hingehn. Nach einer postlagernden Drahtantwort aber brauchte er gar nicht erst zu fragen.
Nobody war zur Zeit Kontordiener in einem der größten Bankinstitute New-Yorks, fegte die Bureaus und machte Botengänge. Das tat er natürlich nicht zu seinem Vergnügen. Oder doch, er konnte es schon zu seinem Vergnügen machen. Für diese Ausfegerei bekam er täglich einen Lohn, wie ein Minister ihn aller Vierteljahre ausbezahlt bekommt, und wenn die Geschichte glückte, setzte es auch noch eine anständige Prämie. Es gab jemanden zu beobachten und zu konstatieren, wohin gewisse Papiere verschwunden waren.
Unterdessen lebte Nobody auch wie ein bescheiden besoldeter Bureaudiener, hatte ein kleines Garçonlogis genommen.
Das Telegramm aus der Schweiz wurde ihm sofort zugestellt.
»Der Erno von Kufstein!! Das ist ja der Laubfrosch, mit dem ich immer in die Elbe baden ging!«
Ja, er kannte Erno recht gut, wenn die beiden auch an Jahren weit auseinander waren.
Nobody erhielt jeden Tag Dutzende von Briefen und Telegrammen, die ihn als Privatdetektiv zu Hilfe riefen. Es war manchmal horrender Unsinn dabei. Wenn eine alte Jungfer ihren Fingerhut verlegt hatte, sollte Nobody kommen und ihn wieder herbeischaffen. Das soll nur die Kleinigkeiten andeuten, mit denen er belästigt wurde. Die meisten Briefe beantwortete er gar nicht.
Aber Erno, gewiß! Fort von hier konnte Nobody jetzt allerdings nicht. Es gab keine andre Möglichkeit, als erst einen brieflichen Verkehr, oder aber, wenn die Angelegenheit gar so dringlich war, dann mußte Erno eben zu ihm kommen. Und übrigens war auch ganz ausgeschlossen, daß Nobody sich jenem zu erkennen geben würde.
Noch in derselben Stunde, da er das Telegramm erhalten, durchlief die Antwort das unterseeische Kabel.
Erno war überzeugt, gar keine zu bekommen oder in einigen Tagen eine solche, welche vor allen Dingen Geld forderte; jedenfalls würde man ihm schreiben.
Wir wollen es nicht einen geheimnisvollen Trieb nennen, der ihn am andern Tage in der frühesten Morgenstunde, als das Telegraphenamt eben geöffnet wurde, nach Genf zu gehn zwang, auch nicht eine innere Stimme - sondern es war einfach die Hoffnung, die Verzweiflung des Ertrinkenden, der nach jedem Strohhalm greift.
Und wahrhaftig, der Beamte reichte dem seinen Namen Nennenden aus dem Schalter eine Depesche!!
Die Adresse bestand nur aus zwei Worten. Die drüben in Amerika machten es kürzer.
»Kufstein. Genf.«
Daß die Depesche aus Amerika auf das Hauptpostamt ging und dort liegen blieb, wenn es der andre so gewollt hatte, das war doch selbstverständlich.
Mit zitternden Händen riß Erno sie auf. Wiederum nur zwei Worte.
»Herkommen. World.«
War es diese Kürze, war es dieser mit zwei Worten gegebene kategorische Imperativ, was den schon verzweifelten Mann plötzlich mit der seligsten Hoffnungsfreudigkeit erfüllte? War es eine höhere Erleuchtung?
Kurz und gut - Erno wußte selbst nicht, wie er so plötzlich wieder in seine Villa gekommen war.
»Ich fahre nach New-York!«
So schnell ging das denn nun doch nicht. Erno nahm eine ruhige Rücksprache mit dem alten, erfahrenen Kapitän, und da hatte dieser einen guten Einfall.
»Hören Sie, Herr Doktor, ich denke mir, wenn wir die verschwundene Undine nicht unterm Wasser zu suchen haben, dann doch auf dem Wasser. Wenn Sie nun einmal nach New-York fahren wollen, dann nehmen Sie doch Ihre eigne Jacht. Die ›Woge‹ soll ja noch ganz in Ordnung sein, nehmen Sie uns mit, Ihnen kommt's doch nicht drauf an, und bei diesem Ostwinde, der jetzt noch lange so bleibt, sind wir in zwölf Tagen auch drüben. Und 's ist doch hübsch, wenn man immer gleich eine Jacht bei der Hand hat. Tun Sie's, Herr Doktor - mich zwickt so was in den Gliedern.«
Wenn es den alten Kapitän in den Gliedern zwickte, dann mußte es auch unbedingt gemacht werden!
Die in Nizza liegende Jacht war noch immer nicht verkauft worden. Jener Vermittler schien auch so ein spekulanter Gauner zu sein. An der Jacht war fortwährend etwas zu machen, immer Segel zu nähen und zu pinseln und an der Maschine zu schmieren, sonst mache sie keinen guten Eindruck und finde keinen Käufer, und der edle Mann zahlte in Südfrankreich Arbeitslöhne, schrieb wenigstens solche auf die Rechnung, wie man sie nicht einmal in Amerika kennt.
Erst neulich hatte er wieder geschrieben, der Herr ›Eindruck‹, wie ihn die Matrosen schon nannten. Da war ein Herr Levicohn oder Levisohn, der wußte einen jungen Herrn, der wollte einer Ballerine eine Jacht schenken; er habe sich die ›Woge‹ besehen, sie habe einen sehr guten Eindruck auf ihn gemacht, und sie sei ja sonst auch vollkommen in Ordnung, aber das letzte Wort gäbe doch die Balletteuse, und da sei es doch besser, wenn man erst den Schornstein noch einmal anstreichen lasse, dann mache das Ganze einen viel bessern Eindruck, und der erste Eindruck gebe doch immer den Ausschlag, und gerade bei Damen müsse man sehr mit dem ersten Eindruck rechnen ... und so weiter.
Jedenfalls also war die Jacht sonst völlig imstande. Der Herr ›Eindruck‹ wurde telegraphisch beeindruckt, einen Verkauf zu unterlassen, wozu Erno auch erst seine Einwilligung hätte geben müssen, telegraphisch wurden Kohlen und andres beordert, und die ganze Gesellschaft reiste wieder nach Nizza.
»Nun wissen Sie alles.«
Erno saß auf dem Sofa, in dem Stübchen das einzige Möbel, welches für Bequemlichkeit sorgte, ihm gegenüber Nobody, der den Erzähler bisher mit keinem Worte unterbrochen hatte.
»Das klingt wie ein Märchen.«
Erno lehnte sich zurück und schlug die Augen zur Decke empor.
»Wie ein Märchen!« wiederholte er träumerisch. »Ja, es war ein Märchen. Sie selbst war ein Märchen. Es lag etwas ... etwas ... Sklavenähnliches in ihr. Ja, ich konnte es ihr nicht abgewöhnen, daß sie mir bei jeder Kleinigkeit zu Füßen fiel. Und dennoch war es eine ideale Ehe. Sie war meine Mitarbeiterin. Sie war mein Glück. Und früh, wenn ich erwachte, begann mein Glück. Da hatte sie schon längst wachend gelegen - ganz still, um meinen Schlummer nicht zu stören - meine Atemzüge beobachtend - und schlug ich die Augen auf, so war sie schon geschäftig um mich herum, damit ich nur ja keinen Handgriff zu tun brauche - und beim Frühstück vergaß sie das Essen, um mich bedienen zu können - kein Auge verwandte sie von mir - und ehe ich nur einen wünschenden Gedanken gefaßt, da hatte sie ihn schon erraten und war mir zuvorgekommen - und durch ihre Stummheit wirkte dies alles doppelt rührend. Dann gingen wir im taufrischen Garten spazieren - Hand in Hand - da achtete sie auf jeden meiner Schritte, daß ich meine Stiefel nicht naß machte - und betraten wir das Haus, so war sie schon wieder mit den Schuhen da - sie kniete vor mir nieder - ich konnte es ihr nicht wehren, daß sie meine Füße küßte. Dann, wenn ich arbeitete, saß sie neben mir am Schreibtisch und malte emsig die ihr vorgeschriebenen Buchstaben nach - aber dabei dachte sie an mich, nur an mich. Wenn ich das Lineal suchte, eine neue Feder nehmen wollte - ich dachte nur daran, es tun zu wollen - so war sie schon meinem Handgriff zuvorgekommen. Und stiegen einmal Sorgen in mir auf, so lag schon ihre weiche Hand auf meiner Stirn - und dann lächelte sie mich an - lächelte - wie nur ein Märchen lächeln kann. Und so ging es bis zum Abend. Das Glück schien ewig währen zu wollen. Und dann kam das Kind. Da wurde das Glück zu groß - die Götter wurden neidisch - das Glück war zu groß für diese Welt - solch ein Glück gibt es ja gar nicht auf dieser Erde ... es - war - ein Märchen!«
Tränen entstürzten plötzlich den Augen des Sprechers; er neigte sich vor, legte die Arme auf den Tisch, sein Kopf verfehlte die Hände - dröhnend schlug die Stirn auf die harte Tischplatte, und so weinte Erno wie ein Kind.
Wie er auch aussah! Wer den jungen Mann vor vier Wochen gesehen hatte, der erkannte ihn jetzt nicht mehr.
Und Nobody? Wir haben den sonst so eisernen Mann, der auch rücksichtslos bis zum höchsten Grade sein konnte, schon wiederholt von einer andern Charakterseite kennen gelernt. Jetzt fühlte er zunächst das Bedürfnis, sich tüchtig die Nase zu schneuzen, dabei blickte er verstohlen nach dem Weinenden, ob er sich auch unbemerkt die Augen wischen könne, dann stand er auf.
»Na, nur den Kopf hoch!« sagte er tröstend, und seine Stimme zitterte dabei ganz merkwürdig, es war, als ob ihm etwas in der Kehle stecke. »Die kriegen wir schon wieder. Aber das sagt diesmal nicht der Genfer Privatdetektiv, sondern das sage Ich, der Nobody. Jawohl, jetzt will ich mich mal ins Zeug legen. Und bei mir pfeift's aus einem ganz andern Loch. Ei, das wäre ja der Deiwel, wenn ich die Seenixe der alten Meermutter nicht wieder aus den Flossen reißen könnte! Aber nur immer den Kopf hoch! Flennen hilft gar nichts. - Hier, mein lieber Erno ... von Kufstein, stecke ... stecken Sie sich erst einmal eine Zigarre an. Eine feine Sorte ist's nicht, die kann sich so ein armer Bureaudiener nicht leisten - aber wenn die Giftnudel nur qualmt, das ist die Hauptsache. Das bringt auf andre Gedanken. Und hier ist auch eine Pulle Rum. Warten Sie, jetzt wollen wir uns erst mal einen Grog brauen, der sich gewaschen hat. Mit Tee, nicht von einfachem Wasser. Gleich wird der Spirituskocher brennen. Hoho, da hat mir die Wirtin wieder mal den ganzen Spiritus ausgesoffen! Nevermind, da heizen wir eben mit Rum. Und hier ist der Zucker. Ha, was schimmert aus den dunklen Tiefen mir so goldiggelb entgegen?! Zitronen, weeß der Knobloch, Zitronen! Ha, das soll ein Göttertrank werden! Hier, helfen Sie mir. Halten Sie den Kochtopp einstweilen über die Petroleumlampe. Mit dem Rum heizen wir lieber innerlich. Passen Sie auf, wie schnell Sie auf andre Gedanken kommen, und dann werde einmal ich Fragen stellen.«
Geschäftig wie ein Hausmütterchen wirtschaftete Nobody in der Stube herum. Der Grog wäre gar nicht mehr nötig gewesen, schon vorher hob Erno wieder das Haupt empor und sah jenem lächelnd zu.
Das delikat duftende Gebräu war fertig, Nobody holte noch eine Briefmappe und Schreibzeug und setzte sich seinem ehemaligen Spielkameraden, der aber Alfred nicht erkannt hatte, wieder gegenüber.
»Prost! Auf das, was wir wünschen. »ah! Fein, was? Also jetzt geht die Geschichte los. Nun aber bitte ich Sie im voraus um eins: halten Sie mich nicht etwa für verrückt. Ich werde nämlich ganz seltsame Fragen an Sie stellen; besonders der unlogische Zusammenhang dieser Fragen könnte in Ihnen den Verdacht hervorrufen, daß ich geistig nicht ganz normal bin. Dem ist aber nicht so. Ich bin völlig gesund und ... prost. »ah! - Ich befolge nämlich bei so etwas mein eignes System. Ich bin ein Maler. Ich male an einem Bilde. Der Maler, der ein wirklicher Künstler ist, arbeitet, wenn er jemanden porträtiert, heute an einem Auge, und ist er heute nicht gerade dazu disponiert, oder das Licht ist nicht günstig, er kann den Blick nicht richtig fassen, so läßt er das Auge für heute liegen und widmet seinen Pinsel einstweilen der Hand. Geradeso arbeite ich an meinem geistigen Bilde. - Prost. »ah! - Nun also erzählen Sie mir noch einmal ausführlich, wie Sie Undine in der Höhle auf der Dreikönigsinsel fanden, bis dahin, als Sie sie nach dem Boote trugen.«
Während Erno seine erste Begegung mit dem Meerweibe erzählte, glitt Nobodys Feder flüchtig über den Briefbogen, eine Seite nach der andern füllend. Selbstverständlich machte er sich Notizen, schrieb das Gehörte möglichst wörtlich nach. So glaubte Erno. Wie erstaunt wäre er aber gewesen, hätte er lesen können und gesehen, daß der Brief an jenen Bankdirektor gerichtet war, in dessen Diensten Nobody jetzt stand, und absolut nichts mit der Affäre auf der Dreikönigsinsel zu tun hatte.
»So,« sagte Nobody, nach einem andern Briefbogen greifend. »Also Sie schossen Ihren Revolver ab, um die Matrosen herbeizurufen. Haben Sie beobachtet, ob die Meernixe bei diesem Schusse erschrocken ist?«
»Durchaus nicht. Erst allerdings glaubte ich, sie sei taub. Nein, sie war an Feuerwaffen gewöhnt, für ein Weib sogar außerordentlich. Bei nebligem Wetter ließ ich mehrmals das Böllergeschütz lösen, Undine stand dicht daneben - sie zuckte mit keiner Wimper, kümmerte sich gar nicht darum.«
»Das wollte ich nur wissen. Hatte sie Zahnlücken?«
Seltsame Frage! Jetzt begann Erno wirklich zu staunen.
»Bitte, antworten Sie mir! Ich stelle keine einzige Frage umsonst. Hatte sie Zahnlücken?«
»Nein.«
»Die Vorderzähne waren auch nicht gefeilt?«
Aha! Jetzt kam Erno auf den Trichter, wohinaus jener wollte.
»Nein, daß sie eine Neuseeländerin gewesen ist, das bezweifle ich.«
»Bitte, stören Sie mich nicht in meiner Malerei. Das, was Sie denken, denke ich übrigens nicht. Das brauchen Sie mir nicht übelzunehmen. - Prost. - Hatte sie ihre Vorderzähne gefeilt?«
»Sie hatte ein tadelloses Gebiß, die schönsten Zähne, die ich ...«
»Immer nur ja oder nein.«
»Nein.«
»Sie aß zuerst immer mit den Händen. Mit beiden Händen?«
»Ja.«
»Nun will ich Sie aber doch einmal zu Worte kommen lassen. Was schließen Sie daraus, daß sie sich beim Essen der Hände bediente?«
»Ich glaubte zuerst, sie sei eine Araberin oder Türkin, aber sie gab sich doch nicht den üblichen Betübungen ...«
»Weil sie mit den Händen aß, glaubten Sie zuerst, es sei eine Mohammedanerin, nicht wahr?«
»Ja.«
»Also auch mit der linken Hand führte sie die Speise zum Munde?«
»Da sehen Sie! Nie wird ein Mohammedaner die Speise, die er zu sich nehmen will, mit der linken Hand berühren. Die linke Hand ist des Teufels.«
Erno schwieg beschämt.
»Kannte sie Strümpfe?«
»Ja.«
»Frisierte sie ihr Haar?«
»Nein. Sie kämmte es nur lang aus und trug es offen.«
»Auch als sie entführt wurde?«
Das war solch ein unlogischer Sprung im Fragestellen - und schließlich doch ganz sachgemäß.
»Nein. Nach Modebildern lernte sie es, sich zu frisieren. Ich war ihr dabei behilflich. Hier ist ihre Photographie.«
»Jetzt noch nicht sehen,« wehrte Nobody ab und griff nach einem dritten Briefbogen.
Es trat eine kleine Pause ein. Erno sah dem Schreibenden zu.
»Sie schreiben ja jetzt mit der linken Hand?« rief er plötzlich, es erst jetzt bemerkend, daß Nobody die Feder in die andre Hand genommen hatte.
»Ja, zur Abwechslung.«
»Sie wollen Ihre Handschrift verstellen?«
»Dazu brauche ich nicht mit der linken Hand zu schreiben. Es ist ein Liebesbrief, der muß von Herzen kommen. Ja, richtig ...«
Suchend blickte sich Nobody im Zimmer um. Auf dem Kleiderschrank stand eine große Gipsbüste, der alte Hahnemann, der Begründer der Homöopathie. Nobody holte die Büste herab.
»So, denken Sie einmal, das wären Sie, und Sie selbst sind Undine. Verstanden? Ich will sehen, wie Ihre Frau Sie küßte. Los, legen Sie zärtlich die Arme um den Gips!«
Erno tat es, aber er konnte sich nicht helfen, er mußte herzlich lachen, als er die Arme um den alten Hahnemann schlang.
»Na, seien Sie doch ernsthaft! Wenn Sie Ihre Frau küßten, haben Sie doch auch nicht so gefeixt. Also los, machen Sie's mir genau so vor, wie Ihre Frau Sie küßte!«
Erno bezwang sich, zärtlich küßte er den alten Hahnemann, aber als Nobody beobachtend seine Nase fast dazwischen steckte, mußte er wieder zu lachen anfangen.
»Nischt weiter? Küßte sie nicht erst links und dann rechts?«
»Nein. Von so etwas habe ich niemals etwas gemerkt. Sie küßte so, wie jedes andre Mädchen in der Welt küßt.«
»Soooooo? Wissen Sie das so genau? Herr, da müssen Sie erst mal die höhere Küsserei studieren! Zwischen Kuß und Kuß kann ein Unterschied sein wie zwischen einer verdorbenen Essiggurke und einem überzuckerten Rosenblatt. - Biß Undine Sie manchmal?«
»Beißen? Wohin denn?« staunte Erno.
»In die Ohrläppchen, in die Nase.«
»Aber Mr. Nobody ...!«
»Sie glauben nicht, daß es solche Liebesbezeugungen gibt? Herr, da kommen Sie einmal nach dem malaiischen Archipel. Ich hatte einen Bootsmann an Bord, der hatte so ein rotes Böllergeschütz im Gesicht, und schnupfen tat der Kerl fürchterlich, die Sauce lief ihm immer aus beiden Nasenlöchern heraus - ich sage Ihnen, die malaiischen Mädels haben wie die Bienen dem seine Nase ausgezutscht.«
Erno schüttelte sich vor Grauen, er mußte schnell ein Glas Grog draufsetzen.
»Also in die Nase hat Ihre Frau Sie nicht gebissen. Schade! Haben Sie auf der Dreikönigsinsel Ihren Namen hinterlassen? Etwa eingemeißelt?«
Nein, daran hatte der junge Mann nicht mehr gedacht.
»Hat Undine von ihren Eltern gesprochen?«
»Sie hat niemals davon Andeutungen gemacht, ich konnte es auch nicht aus ihr herausbringen.«
»Von Geschwistern?«
»Auch nicht.«
»Ihre wissenschaftliche Reise auf eigner Jacht nach der Dreikönigsinsel ist doch weitern Kreisen bekannt geworden.«
Seltsam! Es lag eigentlich so nahe, und doch mußte ihn erst dieser Mann, der seine Fragen so planlos durcheinanderwarf, darauf bringen!
Ja, nun wußte er, wie man Undines Versteck gefunden haben konnte! Gewiß, er hatte zu Freunden davon gesprochen, eine Berliner wissenschaftliche Zeitung hatte darüber geschrieben, wie Dr. von Kufstein eine Expedition antrete, auf seiner eignen Jacht, der ›Woge‹, die Tier- und Pflanzenwelt einiger Inseln untersuchen wolle, darunter auch die Dreikönigsinsel, ... und der, dem Undine entflohen war und den sie fürchtete, war doch offenbar ein Seemann - er hatte den Namen ›Woge‹ gelesen - ihr Besitzer hieß Ernst von Kufstein - diesen Namen hatte Erno beibehalten - und das mußte der Seemann doch wissen, daß Undine in der Nähe der Dreikönigsinsel über Bord gesprungen war ...
Zu spät, solche Erwägungen jetzt anzustellen! Er wollte sich der führenden Hand dieses Detektivs anvertrauen.
Nobody fragte weiter; vom Hundertsten kam er ins Tausendste, bunt durcheinander, so bizarr wie möglich, scheinbar ohne jeden Sinn und Verstand.
Jetzt hatte er gefragt, ob Undine die National-Flaggen habe unterscheiden können, und seine nächste Frage lautete: »Haben Sie schon einmal eine Ligusterraupe gesehen?«
Erno wußte wirklich nicht mehr, was er davon denken sollte. Er wurde wirklich irre an dem gesunden Verstande dieses Mannes.
»Eine ... Ligusterraupe? Ich?«
»Bitte, antworten Sie mir! Sie werden später einmal erkennen, wie wichtig diese Frage für mich gewesen ist, um Ihrer geraubten Frau auf die Spur zu kommen. Nun?«
»Ja. Ich bin doch Zoologe.«
»Haben Sie in Ihrer Villa auf dem Hügel eine Raupensammlung gehabt?«
»Nein.«
»Gut!«
Inzwischen hatte Nobody immer Briefe geschrieben. Jetzt kuvertierte und adressierte er sie einzeln, nur den letzten nicht, einen vierseitigen. Er hielt ihn in einiger Entfernung seinem Gegenüber hin
»Sehen Sie diesen Brief?«
»Ich sehe ihn.«
»Ich falte den Brief zusammen, stecke ihn in ein Kuvert, klebe es zu, jetzt nehme ich Siegellack ... haben Sie ein Petschaft bei sich?«
»Hier ist mein Familiensiegel.«
»Streifen Sie den Ring ab, halten Sie ihn handbereit ... so ... jetzt drücken Sie Ihr Siegel ein ...«
Nobody hatte auf die Rückseite des Kuverts Lack tropfen lassen, Erno drückte den Ring hinein.
»So, danke. Jetzt stecke ich diesen Brief, den Sie selbst versiegelt haben, in ein andres Kuvert, ferner diesen zweiten Brief als Begleitschreiben. Bitte, wollen Sie lesen ...«
Erno überflog es. Die Depositen-Abteilung der New-Yorker Kreditbank wurde gebeten, den beiliegenden versiegelten Brief in ihren Stahlkammern niederzulegen.
»So, ich lege also dieses Begleitschreiben ebenfalls bei und schließe das Kuvert, adressiere es nach der New-Yorker Kreditbank. Sie selbst sollen dereinst den Brief abholen und das Siegel erbrechen. Wissen Sie, was darin steht?«
»Nein, keine Ahnung,« lächelte Erno, aber doch etwas klopfenden Herzens.
»Darin steht,« entgegnete Nobody phlegmatisch, »wer Undine in Wirklichkeit ist, woher sie stammt, wie sie auf die Dreikönigsinsel gekommen ist, welcher Nationalität, wer ihr Vater ist, was dieser treibt, wo wir Undine zu suchen haben. Dann sollen Sie diesen Brief öffnen, und Sie werden sehen, daß ich alles vorausgewußt habe, wie es kommen wird - - aus den für Sie wahrscheinlich sinnlosen Fragen, die ich an Sie gestellt habe.«
Erno war starr.
»Mann, wer sind Sie?! Sie wissen schon, wo sich Undine befindet?« rief er, vor plötzlicher Aufregung zitternd.
»Nein, das freilich weiß ich nicht. Wir müssen sie erst suchen. Aber ich weiß, wo ich sie zu suchen habe. Alle Rätsel ihrer geheimnisvollen Herkunft und so weiter sind für mich bereits gelöst. Ist das vielleicht nichts? Ich weiß genau, wohin wir uns jetzt zuerst zu wenden haben, um mit der Frage anzuklopfen, ob sich Undine dort befindet.«
Erno war aufgesprungen, er breitete beide Arme aus.
»O, schaffen Sie mir meine Undine, mein Weib, mein Kind und mein Glück wieder!« rief er leidenschaftlich. »Fordern Sie von mir, was Sie wollen, mein halbes, mein ganzes Vermögen, es gehört Ihnen! Nur bringen Sie mir mein Weib und mein Kind wieder!«
»Ueber meine Belohnung sprechen wir später,« entgegnete Nobody kaltblütig, während er alle Briefe bis auf einen mit Marken versah. »Ihr halbes Vermögen soll Ihnen die Geschichte jedenfalls nicht kosten, auch nicht ein Viertel davon. Sie haben doch Ihre Jacht mit, nicht wahr, Herr von Kufstein?«
»Sie liegt am vierten Quai.«
»Ist sie seetüchtig, oder bedarf sie einiger Reparaturen?«
»Sie ist in tadelloser Ordnung.«
»Haben Sie Waffen an Bord?«
»Für jeden Matrosen Schuß- und Hiebwaffen, von allem das beste, wir nehmen es mit jedem arabischen Seeräuber auf.«
»Auch Geschütze?«
»Einen Mörser, den ich mit gehacktem Blei füllen kann.«
»Kein gezogenes Geschütz?«
»Ein Bretowsches Maximgeschütz.«
»Ah, eine Bretowsche Entenflinte?! Das ist ja famos!«
»Das Ding taugt gar nichts. Deshalb hat es sich auch nicht eingeführt.«
»Wer sagt, daß das Bretowsche Maximgeschütz nichts taugt?«
»Davon habe ich mich selbst überzeugt. Ich habe es oft genug probiert. Es streut viel zu sehr. Das ist das allgemeine Urteil aller Sachverständigen.«
»Ja, mein lieber Mann, mit dieser Entenflinte zu schießen, das muß gelernt werden. Ist es in gutem Zustande?«
»Vollkommen, noch ganz neu!«
»Haben Sie das Stativ dazu?«
»Eigens für die ›Woge‹ gearbeitet.«
»Munition?«
»Granaten, Spitzkugeln und Schrotpatronen - alles massenhaft vorhanden.«
Nobody steckte die Briefe ein. Nur den einen ohne Marke ließ er liegen. Er schien für die Wirtin bestimmt zu sein.
»Haben Sie genug Kohlen an Bord?«
»Genug, um zweimal über den Ozean dampfen zu können. Ich habe Steinkohlen als Ballast genommen.«
»Proviant?«
»Für ein halbes Jahr.«
»Trinkwasser?«
»Für drei Monate. Alle Tanks sind voll.«
Nobody bückte sich, zog unter dem Sofa einen großen Lederkoffer hervor; beim Wiederaufrichten nahm er einen Hut vom Nagel und setzte ihn auf.
»Na, da wollen wir mal,« erklang es gemütlich.
Verdutzt blickte Erno den Mann an, der plötzlich so reisefertig vor ihm stand.
»Was? Wohin wollen Sie?«
»Nun, an Bord Ihrer Jacht. Jetzt müssen wir zunächst zurück nach der Dreikönigsinsel. Nehmen Sie Ihren Hut, ich puste die Lampe aus. Pfffft.«
Ja, hier bei diesem Privatdetektiv pfiff der Wind aus einem andern Loche.
Zum zweiten Male sahen die heiligen drei Könige die Masten der kleinen Jacht im Sonnenschein auf sich zukommen.
Nur die letzten Tage hatten wieder schönes Wetter gebracht, sonst war es eine stürmische Fahrt gewesen, auch hatte der fremde Mann, der mit Einverständnis des Besitzers als unumschränkter Gebieter der Jacht auftrat, die Matrosen in Atem zu halten gewußt.
Er hatte für ununterbrochene Arbeit gesorgt. Während die Maschine gegen den Oststurm arbeitete, waren die drei hohen Masten abgesägt und wieder aufgerichtet worden, aber so, daß sie jetzt in Scharnieren standen, daß man sie fernerhin nach Belieben umlegen und wieder aufrichten konnte. Es war eine Heidenarbeit gewesen, dabei immer bis zum Halse im Wasser stehend! Aber der fremde Mann, den sie Master nennen mußten - obgleich sie seinen eigentlichen Namen kannten und doch nicht kannten - war immer mit gutem Beispiel vorangegangen, hatte immer selbst mit Hand angelegt, immer Scherze machend, daß die Arbeit zur Spielerei wurde, und Fritz, der Schiffszimmermann, hatte vor Nobodys technischen Berechnungen und praktischer Handfertigkeit, die jede Schwierigkeit zu überwinden wußte und das Unmöglichste fertigbrachte, einen ganz gewaltigen Respekt bekommen.
Dann, wenn das Wetter etwas besser gewesen war, daß man sich wenigstens an Deck aufrecht halten konnte, hatte er die Mannschaft mit Gewehr und Entersäbel eingedrillt, hatte Manöver geleitet und den Leuten mit Schuß- und blanker Waffe Kunstkniffe beigebracht, von denen auch die Matrosen, die schon in der Kriegsmarine gedient hatten, noch keine Ahnung gehabt, und daß sie dabei von Nobody mit dem stumpfen Rapier vertobakt wurden, bis sie am ganzen Körper blau waren, das nahmen sie gern mit in Kauf, denn alles ging unter Lachen und Scherzen ab.
»So eine fidele Reise haben wir noch nicht gemacht,« hieß es.
»Es ist gerade, als ob er uns zu Seeräubern machen wollte,« hatte ein Matrose gesagt, und die andern stimmten ihm bei.
Nobody selbst beschäftigte sich sehr viel mit dem sogenannten Bretowschen Maximgeschütz. Dieses bestand aus einem fast drei Meter langen Rohre, das auf ein Stativ aufgeschraubt wurde, auf dem es in Kugellagern spielend leicht nach allen Richtungen hin, sowie auch um seine eigne Achse gedreht werden konnte. Für seine Länge war es sehr dünn, es schoß zweizöllige Granaten. In dieses Rohr konnte man ein zweites einschieben, welches Patronen mit Spitzkugeln oder großem Schrot aufnahm. Und in dieses Rohr konnte man wieder ein andres einschieben, welches ganz kleine Spitzkugeln schoß, etwa sechsmillimetrige Teschingkugeln.
Wie gesagt, von der neuen Schußwaffe war erst eine große Reklame gemacht worden, aber sie hatte sich nicht bewährt, man hatte sie schon wieder vergessen. Am wenigsten eignete sie sich für ein schwankendes Schiff. Hinten an dem Rohre war ein hölzerner Bügel, in den man die Schulter stemmte, aber man wußte gar nicht, wie man das Ding ruhig halten sollte, es ging gar zu leicht in den Kugellagern, und daß es sich sogar um die Seelenachse drehte, das war das allerdümmste dabei. Kurz und gut, ein ruhiges Zielen war ganz undenkbar. Hatte man sich an die kolossale Flugkraft gewöhnt, und man glaubte, den Kernpunkt gefunden zu haben, dann ging die Kugel immer wieder in die Wolken hinauf, und das nächste Mal schlug sie wieder dicht vorm Schiff ins Wasser. Außerdem war die Visiervorrichtung bei dem sonst so sauber gearbeiteten Geschütz die denkbar plumpste, wie bei einer Fünfgroschenpistole. Da hatte sich der Erfinder endlich selbst über das dumme Ding geärgert, es war ihm die Lust vergangen, auch noch eine gediegene Zielvorrichtung auszugrübeln.
Wie erstaunt aber waren die Matrosen, als Nobody, nachdem er einige Schüsse abgegeben hatte, auch noch die Zielvorrichtung abschraubte und jetzt mit jedem Schusse eine flüchtige Möwe nach der andern aus der Luft herabholte, nicht mit Schrot, sondern mit den kleinen Kugeln, und dabei ließ er das Rohr sich auch noch ständig hin und her bewegen.
»Ja,« sagte er dann, »mit diesem Geschütz will nicht gezielt, sondern getroffen werden! Das ist etwas für einen Cowboy! Der zielt auch nicht mit dem Revolver, wenn er einem tanzenden Manne die Stiefelhacken abschießt. Beim Revolver liegt der Witz in der Drehung des Handgelenks und hier in der Drehung der Schulter. Wenn dieses Geschütz eingeführt würde, und es wären immer Leute da, die es zu behandeln verstehn, dann müßten die Kriegsschiffe eine neue Art von Panzerung bekommen.«
Die Bedeutung dieser Worte sollte den Matrosen bald klar werden.
Wieder erlaubte die ruhige See ein Landen. Aber ob Nobody überhaupt landen wollte, darüber hatte er noch kein Wort verloren. Er hatte sich bisher über alles, was diese Expedition anbetraf, in das tiefste Schweigen gehüllt, und so tat er auch noch jetzt.
Seit die drei Spitzen des Berges aufgetaucht waren, hatte er das Fernrohr noch nicht vom Auge genommen.
»Kapitän Höcker,« wandte er sich jetzt an diesen, »umdampfen Sie die Insel, ganz langsam, nur zwei bis drei Knoten in der Stunde, so nahe am Lande, wie Sie es nach den Seekarten und nach Ihrem Gewissen zulassen können. Alle Matrosen, welche Sie nicht zum Loten brauchen, bewaffnen sich mit Ferngläsern und suchen das Meer ab. Jede auftauchende Mastspitze wird mir sofort gemeldet.«
Es geschah. Langsam umdampfte die Jacht die Insel. Nobody selbst hatte wieder zum Fernrohr gegriffen, spähte aber nicht den Horizont ab, sondern unausgesetzt nach dem Berge, oder vielmehr, da er das Fernrohr tief hielt, nach dem Plateau, welches zum Teil sehr steil anstieg und bizarre Felsbildungen mit tiefausgewaschenen Höhlen aufwies, in denen trotz der sonst ruhigen See das Meer mächtig brandete.
So verging eine halbe Stunde; die Insel war erst zur Hälfte umsegelt.
Nach was aber sollten die Matrosen ausspähen? Hierher verirrte sich kein Dampfer. Dieselben haben ihre bestimmten Fahrlinien, die sie nie verlassen, und die Segelschiffe halten sich weit entfernt von dem gefährlichen Felsenberge, vor dessen Nähe in der Nacht kein Leuchtfeuer warnt. ›Weit‹ bedeutet aber auf der unermeßlichen See Hunderte und Tausende von Meilen.
Diese Bemerkung hatte auch der Kapitän leise zu Erno gemacht. Die feinen Ohren des entfernt stehenden Detektivs hatten sie trotzdem vernommen.
»Sooo?« sagte er spöttisch. »Wie ist denn da Undine hierhergekommen? Ist die, als sie über Bord gesprungen, vielleicht Hunderte und Tausende von Meilen geschwommen, bis sie hierherkam?«
Es war das erstemal, daß Nobody sich auf etwas, das mit der verschwundenen Undine zusammenhing, einließ, und die Zweifler verstummten und taten ihre Pflicht.
»Stopp!« kommandierte da Nobody, und die Maschine wurde abgestellt.
Es mußte die große Höhle sein, auf welche Nobody es abgesehen hatte, außer ihrer Größe vor den andern noch dadurch ausgezeichnet, daß es in ihr nicht zischte und schäumte.
»Die Jacht bleibt hier liegen, sie kann treiben. Es wird immer Dampf gehalten. Die Jolle aussetzen. Herr Kapitän, Sie begleiten mich mit Jürgen und Fritz. Alles mitnehmen, was zum Loten nötig ist, auch für jeden Mann eine Hakenstange. Die an Bord Zurückbleibenden beobachten unausgesetzt den Horizont!«
So befahl Nobody kurz, und alle gehorchten nicht nur willig, sondern sogar freudig. Auch Erno fühlte sich nicht im geringsten verletzt, daß er so gänzlich unbeachtet blieb, eine Null. Er wußte, daß dieser Mann nur Ernos Bestes im Auge hatte und alles daransetzte, um so schnell wie möglich zum Ziele zu gelangen, und die andern, die Seeleute, hatten den überlegenen Geist erkannt und beugten sich vor ihm. Vielleicht kam auch das Geheimnisvolle hinzu, mit dem Nobody alle seine Handlungen umgab.
Das Boot stieß ab und steuerte jener Höhle zu. Bald war sie erreicht. Die in ihr herrschende Ruhe des Wassers kam daher, daß die Höhle von außen mit Riffen umgeben war, welche die Brandung abfingen. Aber zwischen ihnen war seitwärts eine ziemlich breite Oeffnung, durch welche das Boot hindurchkonnte. Ob für das kleine Fahrzeug eine Gefahr bestand, auf Grund zu laufen oder sich an einem spitzen unterseeischen Felsen den Rumpf aufzuschlitzen, dazu hätte schon die Sondierung mit einer Stange genügt, aber Nobody ließ sofort mit dem Senkblei loten. Ueberall war die Tiefe eine beträchtliche, auch in der sehr geräumigen Höhle selbst.
Prüfend schaute Nobody sich in derselben um.
»Bitte, Herr Kapitän Höcker, nun geben Sie Ihr Urteil ab, ob die Jacht mit umgelegten Masten hier eindringen und liegen kann. Groß genug, um die Jacht aufzunehmen, ist die Höhle, jener Zugang breit genug, und auch die Tiefe scheint überall eine genügende zu sein. Es handelt sich nur darum, ob es auch bei einem Sturm hier so ruhig ist, und ob wir bei jedem Wetter mit der Jacht aus der Höhle wieder herauskönnen. Sie sind Fachmann - geben Sie Ihr Urteil.«
Nobody zeigte dem Kapitän gegenüber durchaus keine selbstherrliche Ueberlegenheit, hatte es nie getan.
Aufmerksam beobachtete der alte Kapitän den draußen an den Riffen spielenden Wogenschlag, es dauerte lange, ehe er sein Urteil abgab, aber dann klang es um so bestimmter.
»Ich garantiere dafür, soweit ein Mensch betreffs der Elemente garantieren kann, daß wir die Jacht bei jedem Wetter hier auch wieder herausbringen können. Das Dingelchen ist so leicht, wir zehn Mann haben es sogar nur mit Hakenstangen vollkommen in unsrer Gewalt.«
»Famos!« rief Nobody erfreut. »Dann wollen wir sofort ans Werk gehn!«
Noch einmal schaute sich der Kapitän im Boote, welches wieder zur Hälfte draußen lag, prüfend um. Die Höhle war tief in einen vorspringenden Felsblock mit steilen Wänden hineingewaschen.
»Es ist nur - wir können von dieser Höhle aus nicht an Land gelangen, dann muß das Boot doch immer erst hinaus und einen großen Weg machen, und dazu muß sehr ruhige See sein.«
»Nicht an Land? O doch! Dort oben wird ein Eisen eingetrieben und daran eine Strickleiter befestigt. Zeit genug haben wir zu dieser Arbeit, vielleicht bleiben wir monatelang hier liegen, bis uns der ausgehende Proviant zur Abreise zwingt. Zurück an Bord!«
Mit leichter Mühe wurde die Jacht in die Höhle bugsiert, welche sie vollständig aufnahm. Als die hohen Masten umgelegt wurden, fiel Erno eine Frage ein. Aber auch noch andre hatten daran gedacht, und sie alle waren auf die Antwort gespannt.
»Sind Sie denn schon einmal hier gewesen?« wandte sich Erno an Nobody.
»Ich? Noch niemals.«
»Sie kannten die genaue Topographie dieser Insel aus einer Beschreibung?«
»Auch nicht. Ich habe noch gar nichts von einer Dreikönigsinsel gehört.«
»Aber ich bitte Sie - Sie ließen doch schon unterwegs die Masten so umarbeiten, daß man sie umlegen kann - da mußten Sie doch auch schon wissen, daß Sie hier solch eine Höhle finden würden, welche die Jacht aufnehmen kann.«
»Durchaus nicht! Ich wußte es nicht, ich hoffte nur, solch eine Höhle zu finden. Daß das Ufer sehr ausgewaschen war, hatten Sie mir erzählt, und da hoffte ich eben, und in dieser Hoffnung, die mich denn auch nicht betrogen hat, ließ ich gleich die Arbeit an den Masten vornehmen. Was schadet es? Die halten mit den Scharnieren noch ebenso jedem Sturme stand, als wenn sie aus einem Stück wären.«
Diejenigen, welche das hörten, standen vor einem Rätsel. Das heißt, sie fühlten es mehr heraus, als daß sie es wußten.
Man sagt, daß dieses Rechnen mit Eventualitäten und Schwierigkeiten, die nur in der Phantasie existieren, die aber doch möglich sein könnten, und die Vorbereitung, sie zu besiegen, also zunächst ganz zwecklose Vorbereitungen - daß dieses es gewesen ist, was Napoleon I. zum unüberwindlichen Feldherrn seiner Zeit gemacht hat.
Und auch an Schillers herrliches Gedicht ›Kolumbus‹ kann man hier denken:
Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen,
Und der Schiffer am Steuer senken die lässige Hand.
Immer, immer nach West! Dort muß die Küste sich zeigen,
Liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem Verstand.
Traue dem leitenden Gott, und folge dem schweigenden Weltmeer!
Wär' sie noch nicht, sie stieg' jetzt aus den Fluten empor.
Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde;
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.
Nobody gab an, wo das Eisen für die Strickleiter einzuschlagen sei, auch sonst konnten noch Eisen eingetrieben werden, um die Jacht zu befestigen, welche Arbeiten er dem Kapitän überließ. Vorläufig war das Plateau von hier aus noch nicht zu erklettern, aber betreten wollte Nobody es jetzt, so ging er mit zwei Matrosen wieder ins Boot, und diesmal lud er auch Erno ein, ihn zu begleiten. Sultan wurde an kurzer Leine mitgenommen.
»Nach der Steinpyramide, wo ihr das vorige Mal gelandet seid!«
Nobody hatte die Anweisung zurückgelassen, daß ein Matrose immer nach dem Meere hinausblicke, soweit das der Eingang der Höhle gestatte, der Detektiv tat vom Boote aus dasselbe, nur daß er hier einen viel freieren Blick hatte.
Zum zweiten Male betrat Erno das Land, auf welchem er sein Glück gefunden hatte, um es so bald wieder zu verlieren. Eine gewisse Scheu schnürte ihm und den mitgekommenen Matrosen das Herz zusammen. Warum hatte der seltsame Mann, der sich in ein undurchdringliches Schweigen hüllte, augenblicklich beschlossen, diese einsame Insel wieder aufzusuchen? Was für ein Geheimnis würde sich hier offenbaren?
Aengstlich blickten sie um sich, jeden Moment glaubten sie hinter den bizarren Felsblöcken irgend etwas Rätselhaftes auftauchen zu sehen; eine Bande bewaffneter Männer wäre noch das wenigste gewesen, sie glaubten gespenstische Gestalten verschwinden zu sehen, obgleich doch die Sonne, die sich nicht mit Gespenstern verträgt, so freundlich am Himmel lachte.
Zu dieser Scheu mochte beitragen, daß Sultan so wütend kläffte und sich von der Leine losreißen wollte. Aber er hatte auch schon von Bord aus den auftauchenden Berg bellend als einen alten Bekannten begrüßt.
Nobody, welcher das kluge Tier an Bord zur Genüge studiert hatte, blickte einmal aufmerksam nach ihm, dann kümmerte er sich nicht mehr um den Hund.
»Es ist nichts. Nur die Erinnerung beschäftigt ihn. Sonst würde er sich anders betragen. Ist nun unterdessen wieder ein Forschungsreisender auf der Insel gewesen?«
Er wandte sich dem Felsen mit der abgeplatteten Fläche zu, in welchen seit Humboldts Zeiten alle wissenschaftlichen und sonstigen Besucher dieser Insel Initialen und das Datum eingemeißelt hatten, 's war nichts Neues dazugekommen, und ein andrer Gelehrter oder ein mit seiner eignen Jacht reisender Engländer hätte wohl nicht, wie Erno, dem das Meerweib gleich im Anfange den Kopf verdreht hatte, vergessen, sich hier zu verewigen.
Nobodys Augen blickten suchend am Boden umher.
»Sie liefern Ihrer Mannschaft doch alles frei, was sie braucht. Auch die Streichhölzer?«
»Die Streichhölzer wie den Tabak,« bestätigte Erno.
»Was für Streichhölzer waren es, die Sie damals hatten?«
»Schwedische, aus Hamburg mitgenommen.«
»Rot sahen sie aus,« ergänzte ein Matrose, und Nobody hatte dieselben zur Begleitung erwählt, welche auch damals das Boot gerudert hatten. Nur einer fehlte davon.
»Habt ihr damals hier geraucht?«
»Ja.«
»Stimmt! Ich sehe dort zwei rote Streichhölzer liegen. Hat nicht einer von euch solche aus weißem Holz bei sich gehabt, die er hier benutzte?«
Streichhölzer sind an Bord ein so wichtiger, vielbegehrter Artikel - weil sie nämlich feucht werden, und man daher auch bei großem Vorrat immer auf der Suche nach einem trocknen Hölzchen ist - daß die beiden Matrosen schwören konnten, sie hätten keine weißen ›Schweden‹ gehabt.
»Auch keine runden Phosphorstreichhölzchen?«
»Nein, nur rote, vierkantige Schweden.«
Nobody bückte sich und zog aus einer Felsenspalte ein weißes Hölzchen hervor, besah es aufmerksam, roch daran.
»Hm. Das ist kein Schwede, das ist kein Phosphor, das ist türkisches Monopol, die Schachtel einen halben Piaster. Aber zu schließen ist daraus leider nichts. Solches Kienholz hält sich sehr lange bei jedem Wetter, und ihr wißt doch auch nicht, ob es schon damals hier gelegen hat.«
»Ganz offenbar ist doch unterdessen jemand hier gewesen,« nahm Erno jetzt erregt das Wort, »und zwar derjenige, dem Undine entflohen ist. Die Flucht geschah in der Nacht, der Seemann mußte wissen, in welcher Gegend er sich befand, nur diese Insel kam in Betracht, daß die Schwimmende sie erreicht haben könnte, und da hat er die Insel doch jedenfalls abgesucht.«
Nobody sah den Sprecher an; über sein Gesicht zuckte es eigentümlich.
»Ja, ja, so wird's wohl gewesen sein,« brummte er dann, »aber das ist nun zu spät, das ist nun schon ein Jahr her.«
Erno merkte, daß er etwas recht Ueberflüssiges gesagt hatte, und schwieg.
Die beiden Matrosen mußten sich mit dem mitgenommenen Proviant und dem Wasserfäßchen beladen; sie erklommen den Berg, nachdem Nobody zuvor nach seiner Uhr gesehen hatte.
Die höchste der drei Kronen war abgeplattet, und trotz des schwierigen Weges, und obgleich die Matrosen schwer zu tragen hatten, waren, wie Nobody konstatierte, nur 48 Minuten zum Aufstieg nötig gewesen.
Beide Matrosen sollten von hier oben aus wiederum unausgesetzt den Horizont nach einem Segel oder Schornstein abspähen, wozu sie das Fernrohr erhielten.
»Sobald ihr irgend etwas Auffälliges bemerkt, läuft einer von euch hinunter und meldet es. Seht ihr dort unten den Felsen, der rechts wie eine menschliche Hand herausragt? Das ist der hohle Felsen, in dem die Jacht liegt. Ruft nur, wenn ihr in Hörweite kommt, wir hören es schon. Zu trinken und zu essen habt ihr. Regen geniert euch nicht. Hier habt lhr Zigarren. Aber seid auf der Wacht! Ihr werdet rechtzeitig abgelöst. Später wird hierherauf eine elektrische Klingelleitung gelegt, da habt ihr es bequemer. Also seid wachsam. - Kommen Sie, Herr Doktor, wir wollen uns erst einmal den Krater besehen; er muß mehr dort drüben liegen.«
Während sie über die Steine kletterten, konnte sich Erno einer Frage nicht enthalten. Sie quälte ihn nun schon so lange.
»So sagen Sie mir nur, Mr. Nobody, was beabsichtigen Sie? Auf was für ein Schiff warten Sie hier? Erlösen Sie mich doch endlich von meinem furchtbaren Zweifel.«
Nobody blieb stehn und blickte jenen ruhig an.
»Ich erwarte hier das Schiff, auf dem ich erfahren werde, wo wir Ihre Frau und Ihr Kind zu suchen haben. Genügt Ihnen das nicht, Herr von Kufstein?«
Ja, diese mit solcher Zuversicht gesprochenen Worte genügten dem unglücklichen Mann, sie richteten ihn wieder auf.
»Dann, bitte, stellen Sie keine solche Fragen mehr an mich! Denn wenn ich sprechen wollte, dann würden bei Ihnen erst recht die Zweifel beginnen - dann würden Sie gar nicht mehr an mich glauben; denn es ginge über Ihre Begriffe, was Sie erführen. Mit eignen Augen müssen Sie sich erst davon überzeugen, sonst glauben Sie gar nicht, daß so etwas möglich ist! - Genug, wenn Gott es nicht anders beschließt, so werden Sie Ihre Gattin und Ihr Kind wiederfinden.«
In Wirklichkeit hatte aber Nobody auch noch einen andern Grund, daß er den ehemaligen Jugendfreund in völliger Unkenntnis über seine Pläne ließ. Er wollte ihm gegebenenfalls die furchtbare Enttäuschung ersparen. Ja, selbst Nobody konnte sich in all seinen Kalkulationen vollkommen getäuscht haben, so sicher er auch sonst seiner Sache zu sein glaubte. Aber Nobody war ein Mensch, und Irren ist menschlich.
Sie hatten den Rand des Kraters erreicht, blickten in eine von spitzen Lavazähnen starrende Tiefe. An ein Hinabsteigen war unter jetzigen Verhältnissen nicht zu denken.
»Gesetzt nun den Fall,« meinte Nobody, »wir entdeckten dort unten den zusammengehäuften Goldschatz von Seeräubern? Die einsame Insel hier wäre die Ablagerungsstätte von Raubschiffen, dieser erloschene Vulkan ihr Geldschrank? Das wäre etwas, nicht?«
Starr blickte Erno den Sprecher an.
»Sie meinen doch nicht etwa ... und doch, jetzt geht mir eine Ahnung auf! ... daß Undine ... die Tochter ... eines Seeräubers ist?«
Aber Nobody ließ ein verächtliches Lachen hören.
»Seeräuber! Was meinen Sie wohl, mein lieber Freund! So was gibt's ja heute gar nicht mehr! In den indischen Gewässern malaiische und arabische Küstenräuber, ja. Aber so, wie Sie sich die Sache wohl vorstellen, mit einem Dampfer auf Piraterie ausgehn - Hurra, geentert, das Feldgeschrei sei: hoch lebe die Seeräuberei! - nee, so was ist heutzutage ganz undenkbar. Nein, Ihr Herr Schwiegerpapa ist ein solider Handelskapitän, der nur einen besondern Grund hatte, seine Tochter vor der Welt zu verbergen und sie also auch nicht von Bord zu lassen. Und doch, nehmen wir einmal den Fall an, Undines Vater wäre so ein Seeräuber von altem Schrot und Korn, der die Mannschaft des geenterten Schiffes eigenhändig köpft und das Blut vom Säbel leckt, was dann?«
Erno wußte, was jener meinte, und er blickte zum Himmel empor.
»Und wenn ihr Vater und ihre Mutter und ihre Geschwister die größten Verbrecher wären - Undine ist ein Engel, und sie hätte auch nicht von den Schandtaten ihrer Familie gewußt.«
»Na, dann ist's ja gut,« meinte Nobody trocken, »mit solcher Seeräuberei ist's nichts. Und das vorhin mit dem Goldschatz war auch nur Spaß von mir. Davon habe ich in meiner Prophezeiung nichts geschrieben. Dieser Krater hier wird schon oft genug durchforscht worden sein, und wenn sich hier von Zeit zu Zeit viele Menschen zu schaffen machten, das würde ich schon an hinterlassenen Spuren merken.«
Die Kajüte der Jacht war mit einem elektrischen Klingelwerk ausgestattet, die kleine Batterie ließ auch ein Telephon funktionieren. Nobody hatte an Bord 1000 Meter umsponnenen Kupferdraht gefunden, welchen Erno seinerzeit mitgenommen, um akustische Experimente unter See anzustellen. So war alles vorhanden; oben das Plateau, auf welchem Tag und Nacht zwei Wächter mit dem Fernrohr den Horizont abspähen mußten, wurde mit der in der Höhle liegenden Jacht telephonisch verbunden, der Apparat funktionierte sehr gut.
Man konnte jetzt von der Jacht aus direkt das Ufer erklettern; Nobody ließ am Heck die Namen entfernen, er ließ einige Veränderungen an der niedergelegten Takelage vornehmen, den Schornstein anders anstreichen, so daß man die ›Woge‹ gar nicht wiedererkennen konnte.
Aber sie sollte die Höhle nicht so bald verlassen, obgleich Tag und Nacht auf Dampf gehalten wurde. Es vergingen zwei Wochen, es gab nichts mehr zu tun, und Erno war wieder einmal der Verzweiflung nahe.
Wo war jetzt Undine mit ihrem Kinde? Wurde sie ihm nicht immer weiter entführt? Auf was wartete man denn nur hier?
Vergebliche Frage! Der rätselhafte Mann wollte keine Aufklärung geben. Laut stellte Erno die Fragen auch gar nicht an ihn, er legte sie nur in seine bittenden Blicke; aber Nobody blieb davon ungerührt.
Der Mannschaft ging es nicht viel anders. Es wäre gar nicht nötig gewesen, daß Nobody demjenigen eine Geldprämie zugesichert hatte, der zuerst einen Mast oder in der Nacht ein Feuer melden würde. Die Matrosen kamen sich wie Schiffbrüchige vor, welche auf nackter Felsenklippe unausgesetzt nach dem rettenden Schiffe ausspähen, und da sich immer nichts zeigen wollte, kamen auch sie der Verzweiflung nahe.
Es war die sechzehnte Nacht, die man hier verbrachte. An Bord lag alles schlafend in der Koje. Denn geheizt brauchte in der Nacht nicht zu werden, am Morgen war immer noch genügend Dampf vorhanden. Auch brauchten die Matrosen sich nicht angekleidet niederzulegen, so weit trieb Nobody seine Vorsicht nicht. Die oben auf dem Plateau wachenden Matrosen wurden aller acht Stunden abgelöst. Man hatte hier schon einen tüchtigen, tagelangen Sturm durchgemacht, jetzt war wieder besseres Wetter geworden.
Gegen Mitternacht war es, als plötzlich die elektrische Klingel schrillte.
Mit einem Satze stand Nobody, der noch eben im tiefsten Schlafe gelegen hatte, am Telephon. Ebenso schnell waren alle andern aus der Koje; der elektrische Strom, der nur die Klingel in Bewegung setzte, war allen gleich durch den Körper gegangen. Erno zitterte vor Aufregung.
»Was gibt es?« fragte Nobody.
Es knackerte erst lange in dem Telephon, ehe die Antwort kam.
»Ein weißes Feuer, Nord-Nord-Ost ein Viertel Ost,« lautete dann die Meldung, die nach dem oben befindlichen Kompaß gegeben wurde.
Nobody kletterte auf das Plateau, am aufgewickelten Draht das Telephon mitnehmend. Der Kapitän und Erno folgten ihm.
»Kommt nur alle mit!« sagte Nobody gutmütig zu den nachblickenden Matrosen. »Ihr könntet mir inzwischen vor Ungeduld sterben, und ich hoffe, euch gerade jetzt recht lebendig gebrauchen zu müssen. Ja, Herr Doktor, ich kann Ihnen noch nicht das Versprechen geben, daß unsre Zeit des Wartens jetzt vorüber ist. Es ist nur eine Hoffnung von mir, nichts weiter. Vielleicht nähert sich ein Expeditionsschiff oder ein Vergnügungsdampfer der Insel, und solche sind es nicht, was ich erwarte.«
Wenn es ein weißes Feuer war, d. h. ein weißes Licht, so konnte es nur die Topplaterne eines Dampfers sein. Die bezeichnete Richtung konnte man von dieser Seite des Berges aus überblicken. Die Nacht war ruhig und finster, aber das Licht nicht zu sehen. Die dort oben hatten eben eine weitere Fernsicht.
Nobody schien es gar nicht so eilig zu haben.
»Nein, wir bleiben unten. Bei dieser Stockfinsternis könnten wir uns den Hals brechen. Ist es das Licht, welches ich hier erwarte, so werden wir es schon noch zeitig genug in Sicht bekommen.«
Er fragte wiederholt durchs Telephon.
»Ja, es ist noch da, aber näher kommt es nicht, es scheint, sich gar nicht von der Stelle zu bewegen,« war die stereotype Antwort, und Nobody machte ein zufriedenes Gesicht.
Zwei Stunden verstrichen.
»Da - da - da!« erklang es.
Jetzt war das Lichtchen auch für die Untenstehenden sichtbar.
Wieder vergingen zwei Stunden, und da hatten die Seeleute sich ihr Urteil gebildet.
»Das sieht ja gerade aus, als ob der Dampfer still läge. Oder er kriecht nur wie eine Schnecke.«
Wenn man einen Dampfer von so weiter Ferne aus beobachtet, so scheint er sich ja allerdings sehr langsam zu bewegen, und wäre es der schnellste. Aber die Seeleute beobachten doch so viele Schiffe auf dem Meere, wo es sonst keine festen Haltepunkte für das Auge gibt, daß sie hierüber ein sicheres Urteil haben.
Der Dampfer dort kroch wirklich wie eine Schnecke - oder wurde nur von einer Strömung getrieben.
Nobody sagte nichts; unentwegt blickte er nach dem gelben Lichte, welches der Seemann ein ›weißes Feuer‹ nennt, zum Unterschied von den roten und grünen Seitenlichtern eines Segelschiffes.
Endlich kam Leben in die Statue, er brachte das Telephon an den Mund.
»Kommt herunter, bringt nur das Fernrohr und den Kompaß mit, alles andre laßt oben!«
Soeben rötete sich der Horizont; in einem Moment war es tageshell, und dort in der Ferne zeigten sich die schattenhaften Umrisse einer Takelage. Der Rumpf des Dampfers befand sich noch unter dem Horizont.
»An Bord!! Dampf auf!! Wir wollen einmal sehen, was für ein langsamer Kasten das dort ist!«
Noch machte Nobody keine Andeutung, daß es das Schiff sei, welches er hier erwartet hatte, aber die Aussicht, die verfl ... Höhle endlich verlassen zu dürfen, genügte schon, um der Mannschaft einen Feuereifer einzustoßen.
Die beiden Matrosen waren herabgekommen, und obgleich die See etwas brandete, gewann doch die Jacht ohne Schwierigkeit das offne Fahrwasser.
Nobody ließ die Jacht erst um die Insel herumdampfen, was gar nicht nötig gewesen wäre, und dann beschrieb er immer noch einen großen Bogen, ehe er auf den Dampfer direkt zuhielt, sich ihm aber mehr von hinten nähernd. Die ›Woge‹ dampfte 12 Knoten; schnell wurde der Dampfer größer, jetzt konnte man an Deck einen Menschen erkennen, jetzt den Namen am Heck, wenn auch erst durch das Fernrohr.
City of Vienne - Liverpool.
Also ein englischer Dampfer, von vielleicht 5000 Tonnen.
»Hier riecht's aber gut nach Gänsebraten,« meinte ein Matrose.
Ja, dem war auch so. Die ganze Atmoshpäre war mit einem Dufte von Gänsebraten erfüllt, der von jenem Dampfer ausging.
Das war aber nicht das einzige, was an dem Schiffe auffiel.
Die außerordentliche Langsamkeit mußte jetzt jeder erkennen. Es dampfte höchstens zwei Knoten in der Stunde, das ist viel langsamer als die Schnelligkeit eines Fußgängers, und gegen eine Strömung hatte er hier nicht anzukämpfen. Daß an Deck nur ein einziger Mensch zu sehen war, hatte sonst nichts weiter zu sagen. Wenn die Matrosen gerade nichts an Deck zu tun haben, sieht solch ein Schiff immer wie ausgestorben aus. Die Offiziere stehn auf der Kommandobrücke geschützt hinter Leinwand, das Steuerrad befindet sich im Ruderhaus, und so ist sehr oft kein Mensch an Deck sichtbar.
Falls das mit Dampf getriebene Steuer im Ruderhaus einmal nicht funktioniert, befindet sich immer noch hinten am Heck ein großes Handrad, und an diesem stand der einzige Mensch, der an Deck zu sehen war.
Daraus mußte man also schließen, daß das andre Steuerrad gebrochen war, und ferner aus der Langsamkeit, daß es dem Dampfer an Heizern fehlte. Wahrscheinlich waren Matrosen vor den Feuern angestellt, aber auch noch nicht in genügender Anzahl.
Der Mann am Steuer hatte unterdessen die Jacht bemerkt, und wie kein Zweifel mehr obwaltete, daß diese auf den Dampfer zuhielt, machte er heftige, winkende Bewegungen. Ob er abwinkte oder heranwinkte, war noch nicht zu unterscheiden.
Hinter dem aufmerksam beobachtenden Erno erklang ein qualvolles Stöhnen. Wie er sich umwandte, sah er ein Gesicht, wie von einem Schmerz so furchtbar verzerrt, daß er Nobody kaum wiedererkannt hätte. In demselben Augenblick aber, da Nobody sich beobachtet sah, war es auch wieder verschwunden.
»Herr von Kufstein, haben Sie feste Nerven?« fragte er ruhig.
»Ja. Was ist denn los? Was ist denn mit diesem Dampfer?«
»Sie werden's gleich erfahren. Meine Kalkulation war richtig; das ist die erste Zwischenstation auf dem Wege zu Ihrer Frau; auf diesem Dampfer werden wir uns nähere Informationen holen, wo sie zu suchen ist.«
Mehr sagte Nobody nicht, er ließ den jungen Mann als Beute seiner furchtbaren Spannung. Erno wurde immer unheimlicher zumute.
Die Jacht war von hinten in die dichte Nähe des Dampfers gekommen. Es roch, als ob die Heizer mit Gänsefett feuerten.
»Hallo!!« rief Nobody, während der Kapitän die Jacht langsam fahren ließ.
Da ward über der Bordwand der Oberkörper eines Mannes sichtbar, und es war ein leichenfarbenes Gesicht, welches sich herabbeugte.
»Macht, daß ihr fortkommt,« röchelte eine Grabesstimme, »wir haben die Pest an Bord.«
»Alle guten Geister, Gott sei uns gnädig!!!« schrie Kapitän Höcker und stürzte nach dem in den Maschinenraum führenden Sprachrohr.
Nicht minder entsetzt bei dieser Offenbarung waren alle Matrosen. Mochten sie sich sonst auch nicht vor Gott und Teufel fürchten - aber die Pest an Bord?! Der Seemann kennt die Bedeutung dieses Wortes. Wenn die Pest einmal ausgebrochen, schon ein Todesfall vorgekommen ist, dann ist einfach die ganze Besatzung verloren. Und der Pesthauch, den das Schiff verbreitet, steckt meilenweit an.
Doch mit einem Satze war Nobody an des Kapitäns Seite, und ehe dieser den Befehl zum Gegendampf geben konnte, hatte er ihn mit eiserner Faust vom Sprachrohr zurückgedrängt.
»Halt!!« donnerte er. »Wir bleiben!! Die Christenpflicht gebietet uns, den Unglücklichen Hilfe zu leisten! Ich habe ein untrügliches Mittel gegen die Pest!«
Ungläubig blickte der Kapitän den so Sprechenden an. Nein, das glaubte er nicht, daß jener ein Mittel gegen die Pest besaß; aber er gehorchte. Dieses Mannes Augen waren es, die ihn zum Gehorsam zwangen.
»Bleibt im Kielwasser des Dampfers! Verstanden?«
»Ay, ay, Sir,« murmelte der alte Kapitän betroffen.
Nobody ging wieder nach vorn, um weiter mit dem Manne mit dem entstellten Leichengesicht zu sprechen. Dieser verstand offenbar nicht Deutsch, und in deutscher Sprache hatte Nobody jenen Befehl gegeben, sonst hätte jener wohl gleich nach jenem Gegenmittel gefragt, ob die Jacht es an Bord habe.
»Wo kommt Ihr her?«
»Fort, fort,« röchelte drüben abermals die Grabesstimme, »wir haben die Pest an Bord!«
»Ich hab's schon gehört. Ich fürchte die Pest nicht. Ich bin Arzt. Wo habt ihr euch die Pest geholt?«
Wenn sich die dort unten vor dem Pestschiff nicht fürchteten, dann konnte sich der Mann wohl auch mit jenem unterhalten. Er hatte gewarnt.
»In Lissabon, an Bord starben Ratten, da brach sie aus.«
»Ihr dampft doch noch. Wer heizt?«
»Ein Heizer und zwei Matrosen, und auch sie können sich kaum noch aufrecht halten.«
»Alle andern sind tot?«
»Alle.«
»Seid Ihr der Kapitän?«
»Der zweite Steuermann.«
»Wohin dampft Ihr?«
»Nach Osten, ich lasse das Schiff irgendwo an Land laufen. Nun macht, daß Ihr fortkommt, überlaßt uns unserm Schicksal, Ihr könnt uns nicht helfen, auch wenn Ihr ein Arzt seid, und wenn Ihr jetzt von der Pest schon angesteckt seid, ich habe keine Schuld, ich hatte Euch gewarnt, nicht so nahe an uns heranzukommen.«
Der schrecklich aussehende Mann, der immer mit jener Grabesstimme geröchelt hatte, wollte wieder verschwinden, um das Steuerruder zu bedienen.
»He, hallo, noch ein Wort!«
Noch einmal erschien die gespenstische Gestalt. Sie stand dicht neben der Flaggenstange. Die Augen der Matrosen waren starr auf sie gerichtet, denn das war ja der leibhaftige Tod; deshalb sahen sie nicht, wie Nobody, der sich schnell gebückt und das Ende einer dünnen Taurolle aufgehoben hatte, in dieses hinter seinem Rücken eine Schlinge knüpfte.
»Was gibt's noch?«
»Was habt Ihr denn dort oben am Fockmast schwabbeln?«
Der Mann drehte sich um, er wollte sehen, was jener meinte - in demselben Augenblick schwirrte die Seilschlinge als Lasso aus Nobodys Hand, legte sich über die Flaggenstange, zugleich aber auch um den Mann, ein Ruck, er war an der eisernen Stange festgeschnürt, und wieder im nächsten Moment hatte Nobody sich selbst an dem Seile an Deck des Dampfers geschwungen.
»Mir nach!« rief er leise hinab, während er schon die Arme um den Pestkranken geschlungen hatte.
Die Matrosen waren erst vor Staunen und Schrecken wie gelähmt. Sie konnten gar nicht begreifen, was da eigentlich vor sich gegangen war.
Doch seine Aufforderung brauchte Nobody nicht zu wiederholen. Der Schiffszimmermann war der erste; er stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus, der aber zu der Situation paßte - das heißt, es war ihm ganz egal, ob dort oben die Pest herrschte oder nicht - auch er schwang sich hinauf, ihm nach der Steuermann, alle Matrosen kletterten wie die Katzen hinauf, und da wollte auch Erno dabeisein. Nur der Kapitän, der schnell die herabhängende Leine um einen Böller schlang, blieb an Deck zurück.
»Da, seht euch den Kerl an!« flüsterte Nobody. »Fällt euch an dem Pestkranken nicht etwas auf?«
Dem Manne waren auch die Arme an der Flaggenstange festgeschnürt; entsetzt stierte er den Fremden an, der das so plötzlich fertiggebracht hatte. Ueber sein Aeußeres ist nichts weiter zu sagen, als daß er kreideweiß im Gesicht war.
»Der hat ja sein Gesicht ganz voll Kreide geschmiert?!« platzte da ein Matrose heraus.
Da kam in den Erstarrten Leben, er riß an seinen Banden.
»Der Tod über euch!!« schrie er, jetzt mit einer andern Stimme. »Wenn ich die Pest nicht habe, dann ...«
Mitten im Wort verstummte der Mann, er behielt den Mund weit geöffnet; plötzlich verdrehten sich seine Augen ganz nach oben, daß nur noch das Weiße zu sehen war, und so blieb er regungslos stehn.
Dieses mit Schlemmkreide vollgeschmierte Gesicht, die verdrehten Augen, der weit heruntergeklappte Unterkiefer ... es war ein Anblick, daß die Matrosen fühlten, wie sich unter ihren Mützen die Haare sträubten. Dazu kam ja nun auch noch, daß sie absolut nicht wußten, was hier eigentlich vorlag. Sie befanden sich eben auf einem ausgestorbenen Schiff, auf dem irgend etwas Entsetzliches sich ereignet hatte, noch etwas ganz andres als die Pest mußte hier gehaust haben, dieses Schiff war einfach verhext!
Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, wodurch Nobody den Mann plötzlich zum Verstummen und in diese Starrsucht gebracht hatte - nur durch einen einzigen Blick - aber Nobody selbst kümmerte sich nicht mehr um ihn, hastig drehte er sich um, überflog das Deck, musterte den Horizont.
»Jungens,« sagte er, immer noch flüsternd, »es sind noch drei Männer unten vor den Feuern - am besten wäre es, wenn sie gar nicht erführen, daß wir hier gewesen sind - aber haltet eure Messer bei der Hand - ich will erst einmal allein unter Deck und aushorchen, was die treiben - inzwischen späht unausgesetzt den Horizont ab - sobald ein Schiff in Sicht ...«
Er brach ab. Ein Matrose hob die Hand und deutete nach der Richtung, in welche auch Nobody starr blickte. Dort im Osten tauchte die oberste Hälfte einer Takelage auf, und die Seeleute erkannten sofort, daß sie nur einem Frachtdampfer angehören konnte.
»Zu spät, da kommt er schon!« zischte Nobody zwischen den Zähnen. »Well, vielleicht desto besser! Jetzt betet, Jungens, betet, daß wir uns mit der Jacht wieder hinter der Insel verstecken können, ehe einer der Heizer an Deck kommt und uns sieht. Hinab! Den Steuermann nehmen wir mit! Der ist einfach über Bord gefallen.«
Handbewegungen sagten mehr als Worte. Alle sprangen Hals über Kopf wieder hinab. Nobody blieb bis zuletzt oben, löste den regungslosen Steuermann von der Flaggenstange ab, umschlang ihn mit dem Seile und ließ ihn so auf das Deck der Jacht hinunter, sprang nach und warf einstweilen über den wie tot Daliegenden ein Segel.
»Zurück nach der Insel!! Heizt, Jungens, heizt, hängt euch an die Ventile!! Die höchste Spannung, welche der Kessel zuläßt, wenn wir dabei nur nicht in die Luft fliegen!!«
Obgleich an Bord der Jacht eine vollkommene Kopflosigkeit herrschte, wurde doch den Befehlen mit Blitzesschnelle nachgekommen. Was sollte man auch von alledem denken? Noch niemand hatte eine Ahnung davon.
Mit dreizehn Knoten Fahrt entfernte sich die Jacht von dem Dampfer, dessen Steuermann man mitgenommen hatte, welcher jetzt also führerlos war, so daß sein Steuer planlos hin und her ging, ohne daß die unten die Kessel heizenden Leute - nur drei sollten es sein - etwas davon wußten.
Soeben mußten sie Feuerungsmaterial nachgeworfen haben, aus dem Schlote stieg eine graue Wolke auf, und wieder erfüllte ein appetitlicher Duft nach Gänsebraten die Atmosphäre. Kein Zweifel, wenn die nicht mit Gänsen oder geräucherten Gänsebrüsten feuerten, so gossen sie doch jedenfalls Gänsefett auf die Kohlen - ein ausgezeichnetes, wenn auch etwas kostspieliges Brennmaterial. Wahrscheinlich hatte der englische Dampfer als Fracht viel Gänsefett an Bord, für afrikanische Juden bestimmt. Die orientalischen Gänse sind sehr mager; für England und Holland ist Gänsefett ein ganz bedeutender Exportartikel.
Der Dampfer hatte eine Richtung eingeschlagen gehabt, daß er in einiger Entfernung an der Dreikönigsinsel vorübergekommen wäre. Das mußte auch jetzt noch der Fall sein, wenn er sich auch wegen des losen Steuers sehr im Zickzack bewegte. Nur wenn hier eine Strömung geherrscht hätte, welche das freie Steuer zur Seite lenkte, hätte sich der Dampfer unter Umständen im Kreise drehen können. Das war aber nicht der Fall, vielleicht wurde er nur etwas nach Norden abgelenkt, und das war ganz gut, dadurch wurde er nicht zufällig auf die gefährliche Insel zugetrieben.
Nobody stand am Heck und beobachtete unausgesetzt den verlassenen Dampfer, von dem er sich also unbemerkt wieder entfernen wollte. Wäre einer der Heizer oder Matrosen an Deck gekommen, so war zehn gegen eins zu wetten, daß sein erster Blick dem Manne am Steuer gegolten hätte, und wenn er bemerkt, daß das Rad frei spielte, so wäre er sofort hingesprungen.
Die Jacht erreichte die Insel, umdampfte sie, war geborgen, und an Deck des Dampfers hatte sich kein Mensch gezeigt, das Steuerrad war noch immer ohne Aufsicht.
»Geglückt!« sagte Nobody tiefaufatmend, als er das Fernrohr sinken ließ. »Auch jener andre Dampfer hat uns nicht gesehen.«
Das war ganz ausgeschlossen. Von diesem zweiten Dampfer waren erst die Mastspitzen zu erblicken; von dort aus konnte die kleine Jacht, welche die Masten umgelegt hatte, noch nicht gesehen werden, während man hier bereits beobachten konnte, daß jenes zweite Schiff ebenfalls auf die Dreikönigsinsel zuhielt.
Als die Jacht hinter der Insel verschwunden war, ließ Nobody stoppen. Er betrachtete die zerrissene Küste. An dieser Seite konnte kein Boot landen.
»Und doch muß jemand an Land, um ungesehen die beiden Dampfer zu beobachten und uns zuzurufen, was sie treiben. Einen Haifisch habe ich hier noch nicht gesehen. Jungens, wer wagt es, Rittersmann oder Knapp. Wer von euch ist der beste Schwimmer?«
Das Gedicht wurde hier zur Wahrheit.
Und ein Edelknappe, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg ...
Der Moritz war's, und er schnallte auch schon den Gürtel ab und zog die Teerjacke aus. Keck war er also, das stimmte - nur nicht so sehr sanft. »Gottverdammichewig, wenn's weiter nischt is!«
Moritz erhielt seine Instruktionen, sprang über Bord und schwamm nach der Insel. Die spitzen Klippen wurden einem hölzernen Boote viel gefährlicher als einem schwimmenden Menschen, die Brandung war eine sehr mäßige, und auch nur die erste Riffkette brauchte überwunden zu werden. Moritz kam glücklich hinüber, man sah ihn ans Ufer klettern, er entschwand den Blicken. Aber man wußte genau, wo er sich verborgen hatte, um die beiden Dampfer zu beobachten und nach der Jacht Signale zu geben.
Die Jacht feuerte die beste Anthrazitkohle, welche fast gar keinen Rauch gab, so daß auch dieser nicht zum Verräter werden konnte.
Jetzt erst hob Nobody wieder das über den Mann gebreitete Segel auf.
»Kommt alle her, ihr sollt alle Zeugen werden von dem, was dieser Mann mir über den ausgestorbenen Dampfer zu erzählen hat. Ich will eure Herzen etwas hart machen, daß ihr dann danach handelt.«
Der Mann, ein großer, starker Mensch, der unter der Kreidekruste jedenfalls eine braune, ganz gesunde Hautfarbe hatte, lag noch immer in derselben Stellung da, den Mund weit geöffnet, die Augen nach oben verdreht, und die Matrosen, die noch nichts von Hypnose wußten, wurden bei dem Anblick von neuem Entsetzen gepackt.
Nobody lehnte ihn in sitzender Stellung an ein Faß.
»Mache den Mund zu, blicke mich an!« befahl Nobody.
Zum Staunen der Matrosen gehorchte der Mann; er war also der Bewegung fähig und verharrte dennoch ganz ruhig in seiner Stellung. Dann aber war doch sein Auge so seltsam starr.
»Wie heißt du?«
»William ... Prescott,« lallte der Mann mit schwerer Zunge.
»Sprich deutlicher, ich befehle es dir! Bist du ein Engländer?«
»Nein.«
»Ein Yankee?«
»Ja.«
»Bist du wirklich Steuermann?«
»Kapitän.«
»Du hast dein Kapitänsexamen gemacht?«
»Ja.«
»Warst du auch an Bord der City of Vienne Kapitän?«
»Nein.«
»Was sonst? Sprich ausführlicher!«
»Ich war - als - zweiter Steuermann angemustert.«
»Wo hat die City of Vienne angemustert?«
»In Liverpool.«
»Wann?«
»Vor - zwei Monaten.«
»Wie hieß der Kapitän?«
»Fred - Keen.«
»Wohin war die City of Vienne bestimmt?«
»Nach Kapstadt.«
»Was hattet ihr geladen?«
»Stückgut - Kautschuk - konservierte Nahrungsmittel - Portwein - Spezereien - sehr viel Arzneimittel,« zählte der Mann auf.
»Auch Chinin?«
»Ja, sehr viel Chinin.«
»Wieviel Chinin?«
»Zwei Tonnen.«
»Donnerwetter, dann lohnt es sich!« murmelte Nobody.
Es ist schon früher einmal erklärt worden, wie es sich mit dem Chinin verhält. Jetzt, da man dieses Fiebermittel auf chemischem Wege herstellt, ist es sehr billig. Damals aber, als es noch aus dem Extrakt der Chinarinde bereitet wurde, hatte es einen außerordentlichen Wert. Diese zwei Tonnen Chinin repräsentierten zum Engrospreise mindestens eine halbe Million Mark, dafür nahm jeder Zwischenhändler sie ab.
»Hatte der Kapitän auch bares Geld an Bord?«
»Ja.«
»Wieviel?«
»Dreißigtausend Pfund Sterling - in Gold.«
»Wozu diese große Summe in bar?«
»Sie sollte - dem Schiffsagenten in Kapstadt abgeliefert werden.«
Nobody erkundigte sich nach dem Namen dieses Schiffsagenten und nach andrem, was wir überspringen können.
»Wann brach bei euch an Bord die Pest aus?«
»Die - Pest?« wiederholte der Hypnotisierte mit sichtlicher Verwunderung.
In diesem Traumzustande wußte er ja nicht mehr, was er früher gesagt hatte. Hier gab es nur die ungeschminkte Wahrheit.
»Es sind außer Euch nur noch drei Menschen an Bord?« fragte Nobody zunächst.
»Ja - zwei Matrosen - und ein Heizer.«
»Aus wieviel Köpfen bestand die Mannschaft der City of Vienne?«
»Aus - einunddreißig Köpfen.«
»Wo sind sie jetzt?«
»Tot.«
»Woran sind sie gestorben?«
»Wir - haben sie alle - vergiftet.«
»Allmächtiger Gott!« stöhnte Erno, und unter den Umstehenden war kein einziger, dem vor Entsetzen nicht plötzlich der Herzschlag stockte. Dieses Geständnis wirkte um so schrecklicher, weil der Hypnotisierte wie im Vollgenuß einer schönen Erinnerung dabei so widerlich grinste.
»Nein, nein,« schrie Erno, »das kann nicht die Wahrheit sein. Sie haben den Mann hypnotisiert, er befindet sich unter einer fremden ...«
»Still!« gebot Nobody und gab seiner Aufmerksamkeit eine andre Richtung.
Obgleich mit dem Hypnotisierten beschäftigt, war er der einzige gewesen, welcher zugleich an den an Land geschwommenen Matrosen gedacht hatte. Dieser tauchte jetzt hinter seinem Felsversteck auf, machte Zeichen, daß er etwas mitzuteilen habe. Nobody hob die Hand, und der Dampfer mußte weit entfernt von der Insel sein, sonst hätte der intelligente Matrose mit den Armen semaphoriert und nicht so laut gerufen:
»Die Heizer sind an Deck gekommen, jetzt haben sie herausgefunden, daß der Steuermann weg ist!« schrie er herüber.
»Wie faßten sie es auf?« fragte Nobody zurück, die Hände vor dem Mund.
»Sie suchten überall an Deck, gingen unter die Back, dann suchten sie mit dem Fernrohr das Meer ab. Die glauben, er ist über Bord gefallen.«
»Das sollen sie auch. Was taten sie weiter?«
»Dann deuteten sie auf den andern Dampfer, der schnell näher kommt. Es ist, als ob sich die beiden Dampfer hier treffen wollten.«
»Das wird auch schon so sein. Signalisieren sie?«
»Jawohl. Einer ging gleich wieder unter Deck, wahrscheinlich um weiterzufeuern, der andre stellte sich ans Steuerrad, der dritte zog erst ein Notsignal hoch, dann ging auch er wieder in den Kesselraum.«
So hatten sich die Heizer also mit dem Gedanken abgefunden, daß der Steuermann über Bord gestürzt sei. Vor allen Dingen schien ihre ganze Aufmerksamkeit jetzt dem zweiten Dampfer zu gelten.
»Ihr müßt etwas weiter hierherfahren, sonst bekommt der zweite Dampfer die Jacht in Sicht!« fuhr der Matrose fort.
Das war ja auch die Hauptsache, weshalb der Mann dort postiert war. Hier handelte es sich um eine Art von Versteckspiel. Der Matrose gab mit der Hand Anweisungen, wohin sich die Jacht begeben sollte, dann verschwand er wieder, um die beiden Schiffe weiter zu beobachten, und Nobody kehrte, wie die übrigen, zu dem Hypnotisierten zurück.
»Woran sind sie gestorben?« wiederholte er, um es nochmals zu hören.
»Wir haben sie vergiftet.«
»Wer - wir?«
»Wir - Liguster.«
Hier horchte Erno auf. »Haben Sie schon einmal eine Ligusterraupe gesehen? Haben Sie in Ihrer Villa eine Raupensammlung gehabt?« So hatte der Detektiv ihn damals gefragt, was er für so sinnlos gehalten hatte. Und hier dieser amerikanische Seemann hatte soeben ›wir Liguster‹ gesagt.
Doch Nobody gab jetzt keine Erklärung, Erno sollte sie erst später erhalten.
»Du bist ein Liguster?«
»Ja.«
»Und die drei andern Ueberlebenden auch?«
»Ja.«
»Mit was habt ihr die Mannschaft vergiftet?«
»Mit - Ligustin.«
»Ligustin, was ist das?«
»Es erzeugt die Ruhr.«
Schnell hatte Nobody herausgebracht, daß der Steuermann selbst nicht wußte, was Ligustin ist. Ein Mittel, welches die Ruhr erzeugt.
»Du hattest dieses Gift bei dir, als du an Bord der City of Vienne gingst?«
»Ja.«
»Wer hatte dir dieses sogenannte Ligustin gegeben?«
»Kapitän Barker.«
»Wer ist dieser Kapitän Barker?«
»Ein Liguster.«
»Nun, hierüber werden wir uns noch ein andermal unterhalten. Jetzt will ich von dir erst die Hauptsache wissen. Wie brachtet ihr der Mannschaft das Gift bei?«
»Im Essen. Der Koch schüttete es in den Reis, den Heizern, welche auf Wache waren, in den Kaffee.«
»Ist der Koch einer von den beiden Matrosen, welche jetzt feuern?«
»Ja.«
»Wann geschah das?«
»Gestern mittag.«
»Und da brach die Ruhr aus?«
»Ja, sofort.«
»Alle starben?«
»Am Abend waren alle tot, wir warfen sie über Bord.«
Ein neues Schaudern ging durch die Reihen der umstehenden Seeleute. Für diese war das Gehörte noch etwas viel Schrecklicheres, als dieses Verbrechen einem Landbewohner deuchte. Wie oft liest man nicht in der Zeitung, daß eine ganze Familie vergiftet wurde - aber an Bord des Schiffes, eine kleine Welt für sich, wenn da der Koch das Essen vergiftet - - entsetzlicher Gedanke!
»Teert den Hund und brennt ihn an!!« ließ sich eine drohende Stimme vernehmen.
Nobody gebot Ruhe.
»Sind die Liguster eine geheime Verbindung von Verbrechern?«
»Nein - ich weiß nicht - ich glaube nicht.«
Nobody schien gar nicht überrascht zu sein, daß dies nicht der Fall war, oder daß der Mann dies nicht einmal wußte, und wir werden später sehen, weshalb er nicht überrascht war.
»Ihr solltet mit den drei andern Ligustern die City of Vienne hierherdirigieren, in die Nähe der Dreikönigsinsel?«
»Ja.«
»In wessen Auftrag? Wen erwartest du hier?«
»Den ›Bilbao‹ von Boston.«
»Aha, dieses Ligusterschiff kenne ich. Kapitän Harrison?«
»Ja.«
»Hat dieser Dampfer mit euch in Liverpool gelegen?«
»Ja. Er wollte zwei Tage nach uns abfahren.«
Nobody machte im Fragen eine Pause, holte tief Atem, warf dabei einen Blick auf Erno. Es schien, als ob jetzt für ihn die Hauptsache kommen solle.
»Gibt es noch mehr Liguster-Kapitäne, welche auf diese Weise die Mannschaften von andern Schiffen vergiften lassen, um sie dann zu berauben?«
»Ja.«
»Wieviel?«
»Ich kenne noch vier.«
»Ihr arbeitet zusammen?«
»Nein - ja, manchmal.«
»Ist unter diesen vier Liguster-Kapitänen, welche du kennst, vielleicht ein Perser?«
Die Antwort blieb lange aus, und dann lautete sie verneinend. Aber Nobody hatte schon gemerkt, daß der Mann seiner Sache nicht ganz sicher war.
»Sind die vier Liguster-Kapitäne, mit welchen ihr manchmal zusammen arbeitet, alle ein und derselben Nationalität, fahren sie unter derselben Flagge?«
»Zwei Amerikaner, ein Spanier und ein Chiote.«
»Ein Chiote!!« rief Nobody, und es klang triumphierend. »Ist es ein Segelschiff?«
»Ein Dampfer von 3000 Tonnen.«
»Unter welcher Flagge segelt er?«
»Unter türkischer.«
»Und der Kapitän, wie heißt er?«
»Jezdegerd Hormuz Hormidas,« sprach der amerikanische Steuermann den ungewöhnlichen Namen geläufig aus.
»Jezdegerd Hormuz Hormidas,« wiederholte Nobody, »ein persischer, ein echt persischer Name.«
Und dann wandte er sich an Erno.
»Triumph!!« rief er jetzt wirklich aus. »Jetzt sind wir Ihrer Gattin auf der Spur, und meine Kalkulation war richtig! Wie heißt das Schiff, welches Hormidas führt?«
»Karabelle.«
»Hat oder hatte der Kapitän seine erwachsene Tochter an Bord?«
»Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht.«
Nobody fragte nicht erst nach einer Frau, einer Mutter, er merkte sogleich, was hier vorlag.
»Kommt ihr mit der Karabelle manchmal zusammen? Arbeitet ihr gemeinschaftlich in eine Tasche?«
»Nein. Wenn wir uns hier treffen, so ist das nur Zufall.«
»Aha! Auch der Hormidas schickt Leute von seiner Bande auf andre Schiffe, läßt deren Mannschaft vergiften und das erbeutete Schiff dann hierher nach der Dreikönigsinsel dirigieren, um es hier ungestört zu plündern und dann zu versenken. Ist es nicht so?«
»So ist es. Aber er hat es nur auf türkische und arabische Schiffe abgesehen. Ich bin ihm hier zweimal begegnet.«
Auf dem Plateau machte sich wieder der Matrose bemerkbar. Er rief, daß der zweite Dampfer herangekommen sei und sich dem erstern nähere, die drei Heizer wären an Deck und schienen nur auf jenen zu warten.
»Dann ist es Zeit,« sagte Nobody. »Das Boot aus! Herr von Kufstein, Sie begleiten mich, auch Sie, Herr Kapitän. Sie sollen Zeuge davon werden, was für eine Szene sich jetzt dort abspielt. Die Jacht bleibt unterdessen unter Dampf liegen, läßt sich aber nicht blicken.«
Das Boot wurde ausgesetzt, sie stiegen ein, Nobody setzte sich ans Steuer. Ueber der ganzen Mannschaft lag ein drückendes Schweigen. Es war etwas zu Entsetzliches gewesen, was sie zu hören bekommen hatten.
»Und ich kann's nicht glauben,« sagte der alte Kapitän einmal, als Nobody der Insel zusteuerte, »ich kenne einen Liguster-Kapitän, das ist ein gar braver Mann, wenn er auch seine Schrullen hat.«
»Sie verkennen vollständig, um was es sich handelt,« entgegnete Nobody. »Unter den Liguster-Kapitänen mag es noch viele brave Leute geben. Sie werden die Aufklärung von mir später erhalten.«
Auch der finster vor sich hinbrütende Erno mochte von drückenden Fragen geplagt werden, aber er schwieg.
Nobody ließ das Boot um die Insel herumrudern, aber ohne daß er von einem der beiden Dampfer gesehen werden konnte, bis er ein geeignetes Versteck gefunden hatte, von welchem aus man dieselben heimlich zu beobachten vermochte. Die Entfernung war keine so große, auch ohne Fernrohr konnte man jeden Menschen an Deck genau erkennen.
»Wahrhaftig, es ist der ›Bilbao‹,« knurrte der Kapitän. »Auch ich kenne den Harrison, diesen elenden Mucker. Aber daß er zu solchen Schandtaten fähig sei, das hätte ich ihm doch nicht zugetraut. Und ich glaub's immer noch nicht!«
»Sie werden es mit eignen Augen sehen. Wieviel Knoten dampft der ›Bilbao‹?«
»Zehn Knoten.«
»Nicht mehr? Wissen Sie das ganz genau?«
»Ganz genau. Höchstens zehn Knoten.«
»Das ist sehr günstig für uns, da werde ich mit dem ›Bilbao‹ einmal Katze und Maus spielen.«
Jetzt lagen die beiden großen Dampfer nebeneinander, Matrosen verbanden sie mit Tauen, der Kapitän des ›Bilbao‹ schwang sich hinüber und ... schüttelte den dreien einem nach dem andern herzlich die Hand.
Jawohl, das Bubenstück, für welches man gar keinen Ausdruck findet, war ja geglückt!
Zuerst mußte natürlich berichtet werden, und wenn die versteckten Beobachter auch kein Wort verstehn konnten, so sprachen Kopfschütteln und andre Gesten doch deutlich genug. Dem Kapitän wollte es vor allen Dingen nicht in den Kopf, daß der Steuermann noch in letzter Stunde verschwunden war, über Bord gestürzt sein sollte. Bei dieser ruhigen See! Auch nach der Insel wurde lebbaft gedeutet.
»Alle Teufel, wenn die jetzt hierherkämen!« knirschte Kapitän Höcker und tastete an seinem Körper dorthin, wo er sein Messer wußte.
»Möglich, daß sie der Insel dann einen Besuch abstatten, um zu sehen, wo der Steuermann geblieben ist,« meinte Nobody. »Erst werden sie aber wohl die kostbare Beute in Sicherheit bringen, und dann muß das ausgestorbene und ausgeplünderte Schiff so schnell wie möglich verschwinden.«
So geschah es denn auch. Die Winde begann zu arbeiten. Kisten und Säcke wurden aus dem Innern des verlassenen Dampfers gehoben und verschwanden im Innern des ›Bilbao‹. An eine vollständige Löschung war natürlich nicht zu denken, selbst wenn der ›Bilbao‹ nur Ballast an Bord hatte und durch Auswerfen desselben Raum schaffte. Das hätte viele, viele Tage in Anspruch genommen. Nur der wertvollste Teil der Ladung wurde übernommen, hauptsächlich wohl die Medikamente, in denen ein großer Wert steckte, vielleicht auch noch der Kautschuk. Auch einige Weinfässer sah man hinüberwandern. Und das bare Geld würde der Kapitän wohl auch zu finden wissen.
Drei Stunden währte diese Arbeit, dann traf das Raubschiff Anstalten, den ausgeplünderten Kameraden zu verlassen. Man sah, wie ein Mann in einer Luke verschwand; nach zehn Minuten kam er wieder zum Vorschein, eiligst kletterte er hinüber, eiligst wurden die Dampfer getrennt, eiligst entfernte sich der ›Bilbao‹. Dabei sah man sein Heck. Er hatte den Namen nicht verändert. Wozu auch? Das war ein durchaus solides Handelsschiff.
»Jetzt wird er in die Luft gesprengt,« sagte der alte Kapitän, der am ganzen Körper zitterte.
»Das bezweifle ich,« meinte aber Nobody. »Diese Ehrenmänner halten auf ein so reines Gewissen, daß sie nicht einmal einen lauten Knall hören können, und nach einer Explosion treiben doch immer viele Schiffstrümmer umher. Das Schiff in die Luft zu sprengen, ist doch auch gar nicht nötig, schon ein einfacher Hammer und ein Durchschlag, der durch die Kielplatten getrieben wird, genügt, um den Kasten ganz gemächlich und ohne häßliches Geräusch auf den Grund hinabschaukeln zu ...«
Ein schwacher Knall erscholl, nicht einmal so laut wie ein Revolverschuß.
»Ja freilich, eine Dynamitpatrone ist noch bequemer, und die hört man auch nicht weit. Und jetzt ist es für uns Zeit, als deus ex machina zu erscheinen, und zwar in einer fürchterlichen Gestalt!«
Nobody hatte das Zeichen gegeben; die Jacht dampfte heran, nahm schnell das Boot auf und fuhr um die Insel herum. Es dauerte noch einige Zeit, ehe man den abfahrenden Dampfer zu Gesicht bekam, und unterdessen erzählten die Matrosen ihren Kameraden hastig, was sie geschaut hatten.
»Bei welchem Gericht müssen wir nun dieses fürchterliche Verbrechen auf See anzeigen?« wandte sich Erno leise an Nobody.
Es war eigentlich merkwürdig, daß die Leute unter sich noch gar keine solche Frage aufgeworfen hatten. Nobody benutzte diese Gelegenheit.
»Ja, Jungens, das muß ich euch nun fragen, auch Sie, Herr Kapitän, Herr Steuermann. Wir sind Zeugen eines Verbrechens geworden. Wir müssen das anzeigen. Aber ich kann euch gleich versichern, daß wir da in einen Monsterprozeß verwickelt werden und vielleicht ...«
Nobody konnte den Satz nicht beenden.
»Anzeigen?«
Und auf der kleinen Jacht erscholl aus rauhen Matrosenkehlen ein heiseres Hohngelächter - und in diesem Augenblick kam sie hinter der Insel hervor.
Was die Männer an Bord des ›Bilbao‹ dachten, wie sie plötzlich in ihrer Nähe die Jacht auftauchen sahen - Gott mag es wissen, und vielleicht der Höllenfürst, ihr Verbündeter.
Sie alle standen zu Statuen erstarrt da, und auch ohne Fernglas konnte man ihre vor Schreck verzerrten Gesichter sehen, denen alles Blut aus den Wangen gewichen war.
Es entstand ein allgemeines Durcheinander, dann traten sie zur Beratung zusammen.
Nobody wird später erklären, warum er es so weit hatte kommen lassen, und wir wollen nur eins erwähnen, was über die Mannschaft des ›Bilbao‹ das vernichtende Urteil sprach: Dort trieb noch der Dampfer, dem Aeußern nach vollständig unverletzt, die Dynamitpatrone konnte kein großes Loch gerissen haben, von einem Sinken war noch nichts zu bemerken, aber er würde sinken ... und das war es also, was die Mannschaft jenes andern Dampfers als stummer Zeuge ihres Verbrechens furchtbar anklagte!!
Waren sie von der Jacht beobachtet worden? War nicht eine Entschuldigung, war nicht noch eine gütige Auseinandersetzung möglich?
Nobody machte ihrem Erwägen ein Ende, er richtete den hypnotisierten Steuermann empor, stellte ihn aufrecht, hielt ihn auch noch wie eine Puppe mit ausgestreckten Armen hoch empor, und die Matrosen waren es, welche auch noch dazu eine überflüssige Erklärung gaben.
»Wir wissen alles, ihr Schufte,« schrien sie hinüber, »und ihr sollt unsrer Rache nicht entgehn!!«
Der Anblick des Steuermanns rief dort eine Desperation hervor. Jetzt war alles verraten, jetzt gab es nur noch eins. In der nächsten Minute stieg aus dem Schlote eine mächtige Rauchwolke empor, man hörte den Signalapparat klingeln, und dann schoß der große Dampfer wie ein Widder auf die Nußschale von Jacht zu, um sie in den Grund zu rammen. Aber ein Zwischenraum von wenigstens 500 Metern war doch noch zu durchmessen, und auf der Jacht wußte man alles, alles, und man hatte sich darauf vorbereitet.
Mit zischenden Ventilen floh die kleine Jacht vor dem gewaltigen Gegner, und wieder sah man dort drüben die helle Verzweiflung ausbrechen, als man gewahrte, daß die Jacht schneller sei als der Dampfer.
»Bringt mir das ...«
Nobody brauchte den Befehl nicht auszusprechen, von selbst brachten zwei Matrosen das Bretowsche Maximgeschütz angeschleppt, schnell wurde es montiert, andre Hände speicherten schon die Granaten und Spitzkugeln auf.
Da blitzte es drüben aus zahlreichen Gewehrläufen auf, man sah einen Kugelregen ins Wasser fallen. Die Entfernung war eine zu große.
»Gelobt sei Gott! Gelobt sei Gott!!« jubelte der alte Kapitän Höcker aus vollem Herzen auf - nämlich darüber, daß jene die Gewalttätigkeiten begonnen hatten.
»Ob sie großes Geschütz an Bord haben?«
»Ohne Sorge, das ist doch kein Raubschiff, das ist doch ein solider Handelsdampfer,« entgegnete Nobody hohnlachend, »und was braucht denn ein solcher großes Geschütz an Bord, das würde ihn doch nur kompromittieren.«
Ein Feuerstrahl entfuhr seiner mächtigen Entenflinte, wie er das Geschütz immer nannte; drüben der Mann am Steuer machte einen Bocksprung und war verschwunden. Ein andrer Matrose sprang hin - in demselben Augenblick traf auch ihn die tödliche Kugel. Wieder trat die Mannschaft zur Beratung zusammen, und eine platzende Granate dezimierte sie.
Und das Spiel der Katze mit der Maus begann. Nein, diesmal spielte die Maus mit der Katze, und die kleine Maus war schneller und hatte gar spitze Zähne, während die große Katze alt und blind war und nicht mehr beißen konnte.
Eine weiße Flagge ging hoch, sie wurde seitens der Jacht mit einem erneuten Hohngelächter begrüßt.
»Was für Bedingungen stellt ihr?« wurde herübergeschrien.
»Daß ihr euch dem Henker ausliefert, oder noch besser, daß ihr euch gleich selbst an den Rahen aufhängt,« lautete die Antwort.
Was dann weiter geschah, war wohl für den schreckensbleichen Erno ein Rätsel, es mag auch für manchen Leser vorläufig noch ein Rätsel sein - aber für den Seemann war es etwas ganz Selbstverständliches.
Bald zogen sich alle Mann unter Deck zurück, nicht lange währte es, so hörte man ein wüstes Singen, es dauerte eine Viertelstunde, und dann ein furchtbarer Knall, eine Feuergarbe stieg zum Himmel empor, und als der angebohrte Dampfer langsam hinabschaukelte auf den Grund des Meeres, das zur Mördergrube gemacht worden, war auch der ›Bilbao‹ von der Meeresoberfläche verschwunden.
Trümmer und fürchterlich zerrissene Leichen - nach Menschen, welche die Katastrophe überlebt hatten, brauchte die Jacht gar nicht zu suchen.
Die, welche ihr unvermeidliches Schicksal besiegelt sahen, hatten sich in der Pulverkammer eingeschlossen, den Schlüssel zum Bollauge hinausgeworfen, hatten sich sinnlos betrunken - und ehe der letzte umfiel, feuerte er noch einmal seinen Revolver ab.
Die ›Woge‹ segelte schon weiter nach Südosten, nach Afrikas Küste, und in der kleinen Kajüte saßen Nobody und Erno. Ersterer berichtete folgendes:
Als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der irische Pater Theobald Mathew mit seinen Mäßigkeitsbestrebungen so kolossale Erfolge aufzuweisen hatte, in aller Welt, so daß Bierbrauer und Schnapsbrenner mit einer pessimistischen Phantasie schon ihren Bankrott vor Augen sahen - welche Befürchtungen sich nun freilich nicht verwirklicht haben - da erstreckte sich der Bekehrungseifer der Temperänzler vor allen Dingen auch auf die trunkenboldenhaftigen Matrosen.
In London wurde der erste Seemannsverein gegründet, dessen Mitglieder auf Ehrenwort versprachen, kein alkoholisches Getränk mehr über die Lippen zu bringen; er gewann bald eine internationale Bedeutung. Als Abzeichen trugen diese Temperänzler von der See im Knopfloch ein buntgeschecktes, raupenförmiges Stück Plüsch, und bald waren die ›Ligusterraupen‹ fertig, welchen Spottnamen sie schließlich mit Stolz akzeptierten, woraus dann kurz die ›Liguster‹ wurden.
Heute sieht man die bunte Plüschraupe nicht mehr. Der Temperanzverein der Liguster ist von der blauen Liga verdrängt worden, deren Mitglieder, hauptsächlich Seeleute, ein blaues Bändchen im Knopfloch oder an der Mütze tragen.
Aber der Name der Liguster existiert trotzdem heute noch, nur hat er eine ganz andre Bedeutung bekommen.
Das einer Reederei gehörige Schiff wechselt nur den Kapitän niemals oder doch sehr selten. Sonst wird bei jeder neuen Reise die ganze Mannschaft, vom ersten Steuermann an bis zum letzten Schiffsjungen, neu angemustert, und ist die Reise beendet, muß das Schiff erst wieder eine Fracht suchen, so wird die ganze Mannschaft wieder entlassen. Bei der neuen Anmusterung kommt auch die alte Besatzung nicht wieder in Betracht, denn diese hat, da man nicht so schnell eine Fracht bekommt, das Schiff oft auch für längere Zeit in Dock gehn muß, unterdessen schon eine andre Heuer gefunden, hat sich in alle vier Winde zerstreut.
Diese jedesmalige An- und Abmusterung, wie sie noch heute allgemein üblich ist, hat ihre starken Schattenseiten, worunter die dunkelste vielleicht der moralische Nachteil ist, den die Matrosen davon haben, indem sie nämlich mit einem Male viel Geld in die Finger bekommen, dieses in unsinniger Weise vergeuden, und dann, wenn sie nichts mehr haben, fallen sie regelmäßig Heuerbasen oder Stellenvermittlern in die Hände, welche ihnen auf Kredit so lange Kost und Logis geben, bis sie ihnen eine neue Heuer verschafft haben, natürlich gegen wucherische Zinsen und Provision.
Deutschen Reedereien gebührt die Ehre, diese alte, schlechte Sitte zuerst abgeschafft zu haben. Der Bremer Lloyd und die Hamburger Paketfahrt-Aktiengesellschaft begannen damit, für ihre Dampferlinien einen festen Stamm von Seeleuten zu bilden, welche auch nach und nach befördert werden. Bei diesen regelmäßigen Linien, deren Passagierschiffe niemals auf eine Fracht erst zu rechnen brauchen, ist das Risiko schließlich ja auch kein großes. Aber auch andre Reedereien, deren Schiffe sich stets eine Fracht suchen müssen, also manchmal monatelang untätig im Hafen liegen, haben dieses System eingeführt, daß sie immer dieselbe Besatzung an Bord behalten, sie auch in der arbeitslosen Zeit mit durchschleppen, und wenn sie etwas weniger Heuer zahlen, so ist das nur recht und billig. Aber was macht das denn schließlich bei einem großen Schiffe aus, welches, auch wenn es ruhig und ohne Besatzung im Hafen liegt, jeden Tag Hunderte kostet, denn allein das Ankergeld ist ganz beträchtlich. Ein Auswandererdampfer von 20.000 Tonnen hat für die Stunde ungefähr 250 Mark zu zahlen! Da kommt der Tagelohn und die Kost der Besatzung ja gar nicht in Betracht. Dafür aber hat dann der Kapitän eine Mannschaft an Bord, von der er jeden einzelnen von Grund auf kennt, und von dem er weiß, was er von ihm in der Stunde der Not verlangen kann, und die Matrosen betrachten das Schiff nicht mehr als einen vorübergehenden Aufenthalt, sondern als ihre ständige Heimat, für deren Erhaltung sie bis zum letzten Atemzuge kämpfen.
Dieses neue System ging von Deutschland aus nach England und Amerika, wurde besonders gern auch von selbständigen Kapitänen mit eignem Schiff akzeptiert - aber in England und Amerika trieb dieses sonst doch sehr vernünftige System bald exzentrische Blüten.
Zumal jene selbständigen Kapitäne waren es, die zu ihren Matrosen sagten: ›Ich mag nicht, daß ihr das schöne Geld, welches ich euch auszahle, an Land ausgebt. Ihr braucht überhaupt nicht an Land zu gehn. Wenn ihr euch besaufen wollt, so besauft euch an Bord, wo ihr dann keine Dummheiten machen könnt, wo man euch bindet, wenn ihr alles kurz und klein schlagen wollt; das ist euch doch nur recht, dann kommt ihr nicht ins Kittchen und habt nichts zu bereuen, und wenn ihr poussieren wollt, dann laßt die Mädels an Bord kommen.‹
Das sind die Schiffe, Kapitäne und Matrosen, welche man mit dem Gesamtnamen ›Liguster‹ bezeichnet. Woher dieser Name, obgleich sie keine raupenähnlichen Abzeichen tragen, entstanden ist, das ist leicht zu erraten.
Die ehemaligen, jetzt vergessenen Liguster, die Temperanz-Matrosen, waren nach und nach in einen sehr schlechten Ruf gekommen. An Land gingen sie in die Kirche, und in verborgenen Winkeln ihres Schiffes tranken sie sich heimlich toll und voll. Es waren also scheinheilige Mucker. Dasselbe behauptete man nun auch von den neuen Ligustern - ganz mit Unrecht, denn diese hatten doch gar kein Versprechen der Mäßigkeit abgelegt. Sie sollten nur nicht an Land ihren während der langen Seereise zurückgehaltenen Leidenschaften frönen, wodurch sie mit der Polizei in Konflikt kommen konnten. Aber sie hatten den Namen nun einmal bekommen, er wurde verächtlich ausgesprochen, vielleicht mehr noch mit Neid.
Wie Nobody auf den Verdacht gekommen war, daß es an Bord von einigen Liguster-Schiffen nicht mit rechten Dingen zugehn könne, darüber sprach er sich nicht aus. Nobody ließ sich überhaupt niemals in seine Karten blicken, er spielte nur die Trümpfe aus. Ferner ist zu bedenken, daß dieser Detektiv an allen Plätzen der Welt seine Spione unterhielt.
Den Verdacht der Vollführung dunkler Taten auf sämtliche Liguster-Schiffe auszudehnen, wäre ungerechtfertigt gewesen. Es gab, wie schon erwähnt, unter den Liguster-Kapitänen sehr ehrenwerte Männer, welche auch einen höhern Zweck verfolgten, welche an Bord ihres Schiffes keine Orgien duldeten, dafür aber eine Bibliothek eingerichtet hatten, welche die Matrosen mit sich ins Theater nahmen und ihnen andre geistige oder doch harmlose Genüsse boten.
Dann freilich gab es auch einige Liguster-Schiffe, welche im bösesten Rufe standen. An Land kamen nur der Kapitän und vielleicht noch seine Ordonnanz, die Matrosen feierten mit Erlaubnis des Kapitäns an Bord die wildesten Orgien; die dazu eingeladenen Frauenzimmer konnten davon erzählen, wie es dabei zuging. An Land kam kein einziger von den Seeleuten.
Da mußte bei einem phantasievollen Kriminalbeamten sehr leicht ein Verdacht entstehn. Was konnte solch ein Schiff auf der unendlichen See nicht für menschenscheue Taten treiben! Schmuggeln war noch der leichteste Fall. Kein Mensch konnte erzählen, was die Leute trieben, nur sie selbst konnten es in der Trunkenheit ausplaudern. Aber wenn sie nur an Bord zechten, so war es ganz ausgeschlossen, daß ein fremdes Ohr etwas von ihren Schandtaten erfuhr. Denkt man hierbei nicht auch daran, daß der kein braver Mann ist, der niemals einen Rausch gehabt hat? Die raffinierten Virtuosen im Verbrechertum betrinken sich überhaupt niemals, oder sie tun es nur, wenn absolut keine Gefahr droht, daß sie sich im trunkenen Zustande verraten können - sie frönen ihren Lüsten hinter verschlossenen Türen.
Vielleicht hatte auch Nobody schon etwas über ein Liguster-Schiff erfahren, das seinen besondern Verdacht hatte wecken müssen, etwa daß ein Kapitän und seine Matrosen sich mehr leisteten, als es der Verdienst des Schiffes mit sich brachte, vielleicht hatten sie den Frauenzimmern zu wertvolle Geschenke gegeben - kurz und gut, jedenfalls hatte Nobody schon längst auf die Liguster-Schiffe ein Auge gehabt, und als er nun von jenem Weibe hörte, das offenbar auf dem Schiffe zu Hause und noch nie auf festes Land gekommen war, da hatte ihm seine weitere Kombination gesagt, daß es sich hier wahrscheinlich um ein Liguster-Schiff handle, welches irgend einen lichtscheuen Grund hatte, ab und zu die einsame Dreikönigsinsel, welche von andern Schiffen so ängstlich gemieden wird, aufzusuchen.
Wir können der Gedankenreihe des Detektivs nicht folgen - jedenfalls war seine Kalkulation eine richtige gewesen, obgleich er durchaus nicht den Kapitän Harrison hier erwartet hatte, so wenig, wie er gewußt, daß hier auf solch teuflische Weise mit Gift gearbeitet wurde.
Noboby hatte den Steuermann im hypnotischen Zustand weiter ausgefragt, nun wußte er alles, und er teilte es Erno mit.
Der ›Bilbao‹ war also auch ein Liguster-Schiff, ging aber für gewöhnlich als Handelsdampfer einem ehrsamen Erwerbe nach. Nur wenn eine günstige Gelegenheit das mit sich brachte, verwandelte es sich in ein Raubschiff - oder wie man das nun sonst nennen mag.
Wer einmal solch eine verbrecherische Handlung mit begangen hatte, durfte natürlich auch nicht wieder herunter von Bord. Es gab aber doch einige Leute, welchen der Kapitän wegen ihrer Nüchternheit und ihres sonstigen Charakters unbedingtes Vertrauen schenken durfte. Diese versuchten, sich auf das betreffende Schiff anmustern zu lassen, auf welches man es wegen seiner kostbaren Ladung, und weil auch sonst alle Gelegenheiten günstig waren, ein gleicher Kurs usw., abgesehen hatte.
Dabei war es nicht nötig, daß sie sich auf dem fremden Schiffe in der Stellung anmusterten, welche sie hätten bekleiden können. Wenn sie nur an Bord kommen konnten, als was, das war ganz egal. Am besten war es, wenn einer als Koch gehn konnte. So war denn auch der Matrose, der als Koch gegangen war, der dann zuletzt geheizt hatte, in Wirklichkeit Steuermann; William Prescott selbst, der nur als Steuermann angekommen, war schon Kapitän, einer der beiden Heizer hätte als Maschinist fahren können.
Das sogenannte Ligustin, dessen wirksamen Bestandteil der Steuermann nicht kannte, war nichts weiter als ein stark abführendes Mittel, welches aber auch die weniger harmlose Eigenschaft besaß, daß es auch noch die Eingeweide zerfraß, wahrscheinlich Quecksilbersublimat. Solche geheime Verbrechergesellschaften müssen doch für alles ihre besondern Namen haben, und so hatten sie dieses höllische Mittel eben ›Ligustin‹ genannt. Das war viel vorsichtiger, als wenn der Koch in das Essen Arsenik oder ein andres schnell und direkt wirkendes Gift getan hätte. Begegnete das Schiff kurz nach der Tat einem andern, einer der sich dem Tode nahe Fühlenden hatte noch die Kraft, um Hilfe zu rufen oder zu signalisieren, das andre Schiff kam heran, so hätte doch nur konstatiert werden können, daß hier die Ruhr oder die Dysenterie in fürchterlicher Weise ausgebrochen war; an eine Prüfung auf Gift hätte wohl niemand gedacht, und dann hätte man auch nichts gefunden. Die Beute war dann freilich verloren, das andre Schiff hätte das bis auf drei ausgestorbene ins Schlepptau genommen, aber man war doch vor einer Entdeckung gesichert.
War die schreckliche Tat geglückt, waren die Leichen über Bord geworfen, so wurde es bei zufälliger Annäherung eines andern Schiffes so gehandhabt, wie wir es gesehen haben. Der Bescheid: »Wir haben die Pest an Bord!« genügte, um jedes fremde Schiff in eilige Flucht zu schlagen.
Es wurde immer so eingerichtet, daß die Tat in möglichst einsamen Gewässern geschah, und da der ›Bilbao‹ fast ausschließlich die Westküste Afrikas befuhr, hier in der Nähe der Dreikönigsinsel; die übriggebliebenen Männer, also die Liguster, dirigierten dann das Schiff direkt hierher, wohin niemals ein andres unnötigerweise kam, und der ›Bilbao‹ konnte es in aller Ruhe ausplündern und versenken.
Auf diese Weise hatte Kapitän Harrison schon fünf Schiffe vergiftet, beraubt und versenkt, und zwar alle hier bei der Dreikönigsinsel. Es muß aber betont werden, daß dies nur ein Nebengeschäftchen war, sonst nahm der ›Bilbao‹ wie jedes andre Handelsschiff Frachten an; nur wenn alles gerade einmal paßte, wurde der Trick ausgeführt. Die erbeutete Fracht wußte man immer geschickt an den Mann zu bringen, die Beute wurde dem Range nach verteilt, wofür sich die Mannschaft dann das Leben schön machte - aber immer nur an Bord!
Einen Kompagnon hatte der ›Bilbao‹ nicht. Doch edle Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande - oder in diesem Falle gleichgeartete Seelen.
Zufällig traf der ›Bilbao‹ hier einmal einen andern Dampfer, welcher ebenfalls ein Schiff ausplünderte und versenkte. Es war der ›Freyman‹ von New-York, Kapitän Barker. Der machte ganz genau dasselbe Geschäft mit der Massenvergiftung, alles ganz genau so, auch hier war die Dreikönigsinsel der Treffpunkt und das umliegende Gewässer die Mördergrube, ohne daß zwischen den Schiffen irgendwelche Korrespondenz bestanden hätte. Es war dies dieselbe Sache, wie eben manchmal große Erfindungen an verschiedenen Punkten der Erde gleichzeitig gemacht werden. Das liegt in der Luft.
Nun, keine Krähe hackt der andern die Augen aus, und wenn die beiden dunklen Ehrenmänner fernerhin auch keine Kompanie machten, so tauschten sie doch gegenseitig geschäftliche Mitteilungen aus, ohne jeden Konkurrenzneid. So hatte Kapitän Harrison früher mit Strychnin gearbeitet, und erst Kapitän Barker hatte ihm das von ihm selbst erfundene Ligustin gegeben, das also viel ›harmloser‹ wirkte. Dann hatte sich ein Steuermann von dem ›Freyman‹ selbständig gemacht, er führte jetzt die ›Tyne‹ von Newcastle, arbeitete gleichfalls mit Ligustin und schleppte seine Beute hier nach dem Treffpunkt der Hautevolee der modernen Seepiraten.
»Schließlich wickelt auch noch ein spanischer Dampfer hier seine Nebengeschäfte ab,« schloß Nobody seinen Bericht, »und der macht gemeinschaftliche Sache mit der ›Karabelle‹, einem griechisch-türkischen Dampfer von der Insel Chios, deren Eigentümer und Kapitän, von Geburt ein Perser, ich für Ihren Schwiegerpapa halte.«
Starr blickte Erno den so leichthin Sprechenden an.
»Auch dieser ist ... solch ein ...«
Er wagte das fürchterliche Wort gar nicht auszusprechen.
»Auch solch ein Halunke im allgemeinen und Giftmischer im besondern?« ergänzte Nobody. »Mitnichten! Wenn der hypnotisierte Steuermann zuerst erklärt hatte, auch ein Spanier und ein Chiote gehörten mit zu der Verbrechergesellschaft, so hatte er mich nicht richtig verstanden. Nein, solche Verbrecher sind diese beiden, der Spanier und der Chiote oder Perser, denn doch nicht. Ja, als Orientale treibt er meines Erachtens nach sogar ein ganz ehrenwertes Geschäft, mag es nach internationalen Beschlüssen auch verboten sein. Haben Sie eine Ahnung, was das sein mag?«
»Sklavenhandel?!«
»Richtig!« nickte Nobody. »Nun seien Sie vernünftig, regen Sie sich deshalb nicht auf. Der Engländer, der den Sklavenhandel abgeschafft hat, soll sich an seiner eignen Nase zupfen, hat doch derselbe Engländer den fluchwürdigen Opiumhandel Chinas in Händen. Vorläufig müssen Sklaven sein, abgeschafft ist dieser Ebenholzhandel nur auf dem Papiere; Westindien kann noch nicht ohne afrikanische Arbeiter existieren, und die Sklaven haben da ein viel besseres Los denn als freie Männer in ihrer Heimat, ein besseres Los als die meisten unsrer europäischen Arbeiter. Ja, wenn er schwarze Mädchen in die orientalischen Harems verkaufte, das wäre vielleicht ehrenrührig, aber daß er nach Südamerika Arbeitskräfte liefert, das halte ich für ein ganz ehrenwertes Geschäft, mag es auch verboten sein.«
Nobody schilderte nun, wie die ›Karabelle‹ dies betrieb, soweit ihm der Steuermann davon berichten konnte und er es selber zusammenkombiniert hatte.
Die ›Karabelle‹ hatte also ihren Heimatshafen auf Chios, welche Insel zwar zu Griechenland gehört, aber unter türkischer Oberhoheit steht. Der stattliche Dampfer fuhr ständig die Westküste Afrikas ab, machte hauptsächlich Tauschgeschäfte mit Palmöl und Elfenbein. Daß er unter türkischer Flagge fuhr und die Chioten Mohammedaner sind oder sich doch für solche ausgeben können, erleichterte den Verkehr mit den Eingebornen ungemein. Nebenbei wurde auch Sklavenhandel getrieben. Der Kapitän sollte - genau konnte jener Steuermann es auch nicht sagen - ein oder mehrere eigne Küstenfahrzeuge oder Flußdampfer besitzen, welche die kriegsgefangenen Sklaven weiter im Innern des Landes aufkauften und sie dann draußen auf offner See an Bord des großen Dampfers brachten.
Bei dieser Art von Geschäft drohte dem soliden Handelsdampfer wenig Gefahr einer Entdeckung. Es handelte sich bloß noch darum, die Sklaven wieder zu verkaufen, und das ist das schwierigste bei diesem Geschäft. Daß die ›Karabelle‹ deshalb selbst nach Südamerika ging, das war ganz ausgeschlossen, da hätten die englischen Kriegsschiffe bald Witterung bekommen und fernerhin ein scharfes Auge auf den türkischen Dampfer gehabt.
Es war noch ein Kompagnon vorhanden, ein spanischer Dampfer, welcher ständige Fahrten zwischen Lissabon und Westindien machte. Wenn die ›Karabelle‹ ihren Leib mit lebendigem Ebenholz gefüllt hatte, wurde die ›Santa-Fé‹ durch eine geheime Depesche verständigt, die beiden Dampfer trafen sich an der weltverlassenen Dreikönigsinsel, wo die Sklaven gegen bares Geld ausgetauscht wurden. Hierbei waren die beiden Schiffe einmal von der ›Bilbao‹ beobachtet worden, alle drei hatten nähere Bekanntschaft gemacht, wiederum nach der alten Regel, daß eine Krähe der andern kein Auge aushackt.
Dann konnte die ›Santa-Fé‹ die menschliche Ware unbehindert in Westindien absetzen, niemand schöpfte Verdacht, daß der von Lissabon kommende Dampfer Sklaven an Bord haben könne.
»Einer der großen Handelshäfen an der Westküste, welchen Hormuz Hormidas regelmäßig anläuft, ist Loando. Dorthin segeln wir jetzt, und ist er mit seinem Schiffe nicht da, so erfahren wir dort, wo er sich zur Zeit befindet, oder wir warten, bis er wiederkommt.«
Erno hatte noch gar viel zu fragen.
»Sie haben in jenem Schreiben, das ich versiegeln mußte, niedergelegt, daß Undines Vater ein Perser ist?«
»Ja. Und noch mehr! Ich habe außerdem darin behauptet - allerdings mit Vorbehalt - daß ihre Mutter eine Chiotin ist, daß der ganze Dampfer mit Chioten bemannt ist, und noch andres mehr.«
»Woraus haben Sie denn das schließen können?«
»Aus Ihren eignen Schilderungen. Das mit beiden Händen essende Mädchen ist offenbar in der persischen Zend-Religion erzogen worden, deren Glauben darin besteht, daß sie an gar nichts glaubt. Das heißt, nach der Zend-Religion ist Gott so groß, daß er die Anbetung von uns Menschlein gar nicht braucht. Doch für meine Ansicht sprechen noch viele andre Dinge mit; aber es würde zu weit führen, wollte ich Ihnen das alles auseinandersetzen. Und die Mutter? Grüne Augen kommen auf der Insel Chios sehr häufig vor, besonders unter den edlen Geschlechtern. Haben Sie davon gehört, daß die alten Hellenen behaupteten, der Himmel sehe grün aus? Ich will nicht sagen, daß deswegen die alten Griechen grüne Augen gehabt haben, aber Tatsache ist, daß sich in den jetzt türkischen Chioten der Typus der alten Hellenen mit ihrem goldgelockten Haar am reinsten erhalten hat, während die jetzigen Griechen ja nur Bastarde von Türken mit Romanen, Rumänen, Armeniern und andern sind. Ferner sprechen die Chioten eine Sprache, welche halb griechisch, halb türkisch, halb arabisch ist, aber in einer Mischung, daß weder Grieche noch Türke noch Araber sie versteht. Da ist es auch leicht begreiflich, daß Undine keine der in Ihren Wörterbüchern enthaltenen Vokabeln verstand, und schreiben hat sie eben nicht gelernt.«
»Weswegen wurde sie aber an Bord des Schiffes förmlich gefangen gehalten?«
»Da kommt wohl zunächst die alles seligmachende und manchmal doch so niederträchtige Liebe in Betracht. Ich nehme an, daß dieser persische Kapitän ein bildhübscher, verwegener Kerl ist. Eine vornehme Chiotin hat sich in ihn verguckt, vielleicht hat er sie entführt. Sie ist eifersüchtig, sie geht nicht von seiner Seite, und nun kommt auch in Betracht, daß ab und zu Sklavenhandel getrieben wird; da sind Geheimnisse zu bewahren. Das gilt vor allen Dingen für die Frucht der Liebe, für jenes Mädchen, welches Sie Undine genannt haben. Die Frau will weder den Mann noch das Kind verlassen, also muß auch das Kind ständig an Bord bleiben. Wahrscheinlich hat man dem Mädchen verheimlicht, was für Geschäfte der Papa manchmal treibt. Da wurde sie einstweilen immer in die Kajüte gesperrt. Aber das Mädchen sehnte sich an Land, nach der Gesellschaft andrer Menschen, die sie immer nur von weitem sah. Diese Sehnsucht war stärker als die Liebe zu den Eltern. Da sagte Undine sich einmal: Wenn ich das nächste Mal Land sehe, springe ich über Bord und schwimme hinüber. Unglücklicherweise war es gerade die einsame Dreikönigsinsel, wo das Mädchen verschmachtet wäre, wären Sie nicht zufällig gekommen, und so wurde der unglückliche Zufall für Sie ein Glück.«
»Mein Glück!« seufzte Erno. »Wissen Sie denn aber nun auch, daß sich Undine wirklich wieder an Bord der ›Karabelle‹ befindet?«
»Nu sicher!« sagte Nobody leichthin und hatte einen Vorwand, schnell an Deck zu eilen - und auch fernerhin, wenn Erno diese oder eine ähnliche Frage stellte, wußte Nobody ihm immer auszuweichen.
Loando war erreicht. Da die ›Woge‹ am Heck einen falschen Namen führte, im Hafen aber Papiere hätte vorlegen müssen, so blieb sie draußen auf der sichern Reede liegen, wo man für gewöhnlich keine Ausweise verlangt.
Nobody und Erno ließen sich von zwei Matrosen im Boot an Land rudern, und die Dunkelheit war bereits angebrochen, als sie den Hafen durchquerten.
»Da liegt sie, die ›Karabelle‹,« flüsterte Nobody, auf einen großen Dampfer deutend, der mit erleuchteten Bollaugen - das ist der Name der kleinen, runden Fensterchen - dicht am Quai lag.
Der Schein der Backlaterne eines andern Schiffes fiel auf ihr Heck, so daß man den Namen lesen konnte.
Ach, welche Gedanken stürmten auf den unglücklichen Erno ein, der noch nicht einmal wußte, ob hinter einem dieser erleuchteten Bollaugen jetzt das Liebste, was er auf Erden besaß, seiner gedenke, und war es an dem, so wußte er doch noch immer nicht, wie er es wiedererlangen könne; denn freiwillig würde der Sklavenhändler seine Tochter wohl nicht ausliefern. Vor Ernos geistigen Augen türmten sich unermeßliche Schwierigkeiten auf.
Aber er stellte keine diesbezügliche Frage mehr, der Detektiv hatte sich schon seit langer Zeit wieder in sein undurchdringliches Schweigen gehüllt.
Sie verließen das Boot. Nobody gab den Matrosen wegen des Wartens Instruktionen, und als ob er hier zu Hause wäre, führte er seinen Begleiter geradeswegs in ein englisches Hotel, das einzige am Platze.
An der Portiersloge stand ein schöner, schwarzbärtiger Mann, den Fez auf dem Kopfe, erkundigte sich, ob ein gewisser Herr zu sprechen sei.
Nach dem verneinenden Bescheid entfernte er sich wieder.
Gewiß, es gibt eine Ahnung! Beim Anblick dieses Mannes hatte Ernos Herz sich zusammengeschnürt, er hätte sogleich auf ihn zugehn und sagen können: Du bist es! Gib mir deine Tochter, gib mir mein Weib und mein Kind wieder!
Nobody fragte nach zwei nebeneinanderliegenden Zimmern und erhielt sie.
»Wer war jener Herr vorhin?« fragte er so nebenbei. »Er kam mir recht bekannt vor.«
»Mr. Hormidas,« lautete die Antwort, »ein Türke, der Kapitän von der ›Karabelle‹.«
Die Ahnung hatte also nicht getrogen!
«Logiert er hier?«
»Nein, der wohnt an Bord.«
Nobody blinzelte Erno zu, sich durch nichts zu verraten. Wie ausgemacht, trugen sie sich unter falschem Namen ein, dann begaben sie sich in ihre Zimmer, dem Kellner Bestellung für eine Mahlzeit gebend, an welcher Nobody aber nicht teilnehmen wollte.
»Ich suche jetzt sofort den Kapitän auf und fühle ihm auf den Zahn, ob oder ob nicht. Daß Sie hier wie auf Kohlen sitzen, weiß ich, deshalb werde ich mich beeilen. Lassen Sie es sich gut schmecken und seien Sie guten Mutes, ich werde meine Sache schon machen, mein Name ist Nobody. G'n Abend.«
Da saß Erno, den Kopf in die Hände gestützt, und ließ sich den Duft der warmen Speisen in die Nase steigen, ohne etwas zu berühren.
Die Sicherheit, mit welcher Nobody gesprochen hatte, vermochte nicht, eine Hoffnungsfreudigkeit in dem jungen Gelehrten wachzurufen. Jener wußte ja selbst noch nicht, ob sich Undine überhaupt an Bord der ›Karabelle‹ befinde. Daß die Frau mit den grünen Augen Undines Mutter gewesen sei und sie zum Vater auf das Schiff zurückgebracht habe, das alles war ja nichts weiter als eine Vermutung.
So hing Erno trüben Hirngespinsten nach, ohne zu wissen, daß darüber schon eine Stunde vergangen war.
Da plötzlich öffnete sich die zum finstern Nebenzimmer führende Tür, auf der Schwelle stand der zurückgekommene Nobody.
»Nun, Herr von Kufstein, Sie haben doch feste Nerven? Daß Sie mir vor Schreck nicht etwa umfallen!«
Das war in einem Tone gesprochen worden, daß es schon ein verklärtes Lächeln des Glückes war, mit welchem sich Erno halb von seinem Stuhle erhob.
»Ich bringe nämlich etwas Großes mit,« fuhr Nobody fort, »gleich die ganze ›Karabelle‹.«
»Gleich - gleich - den - den - ganzen Dampfer?!« stammelte Erno.
»Nee, den nicht - der geht nicht ins Zimmer. Aber Ihre Frau, die Sie Undine genannt haben - die heißt eigentlich Karabelle.«
Nobody trat zur Seite. An ihm vorbei schwebte oder flog eine vermummte Gestalt, sie hatte auch etwas Vermummtes auf dem Arme, und Nobody sah das Folgende schon kommen, beim Vorbeifliegen nahm er ihr mit einem geschickten Griff das Kind ab, und das war gut, sonst wäre es vielleicht erdrückt worden.
Während die Glücklichen, die sich wiedergefunden hatten, einander am Herzen lagen, hatte Nobody also das Kind auf dem Arme, das unterdessen vier Monate älter geworden war - aber nicht lange, das Kind fing an zu schreien, und plötzlich machte Papa Nobody ein höchst mißtrauisches Gesicht, er nahm das Kind zwischen beide Hände, hielt es mit ausgestreckten Armen von sich, blickte an sich hinab und ... richtig, Nobody hatte seine Belohnung schon weg!
Der seelischen Erregung der jungen Mutter war eine tiefe Erschöpfung gefolgt; sie schlief mit ihrem Kinde im Nebenzimmer, vor dessen nach dem Korridore führende Tür Erno erst noch ein Sofa gerückt hatte. In dem andern Zimmer aber saßen die beiden Männer bei einigen Flaschen Wein lange in traulichem Gespräch.
Natürlich sollte Nobody zuerst erzählen, was er an Bord des türkischen Dampfers erlebt hatte; aber Nobody war äußerst fideler Laune, und in solcher Stimmung war immer schwer etwas aus ihm herauszubringen, wenn er auch tat, als wenn er erzählen wollte.
»O, ein sehr gebildeter, netter Mann, dieser Jezdegerd Hormuz Hormidas! Und einen griechischen Wein setzte er mir vor - prachtvoll! Was er zu mir sagte, als ich mit meinem Anliegen herausrückte? Na, er sagte ganz einfach: Jawohl, ich habe mir meine Tochter wieder an Bord geholt. Ihr Mann, dem ich einen Enkel verdanke, will sie wiederhaben? Sie wollen sie gleich mitnehmen? Bitte sehr, hier ist sie, das Kind können Sie auch gleich mitnehmen ... Ueberhaupt, ein feiner Mann, dieser Perser! Ja, was so ein richtiger Perser ist!«
Auf diese Weise mußte Erno sich noch eine Weile hinhalten lassen, bis Nobody endlich einen andern Ton anschlug.
»Na, nun gestatten Sie mir erst einmal eine Frage. Ich habe doch schon ziemlich bestimmt vorausgewußt, daß Undines Vater ein Perser und Kapitän eines mit Chioten besetzten Dampfers ist. Glauben Sie mir das, oder müssen Sie deswegen erst den versiegelten Brief öffnen?«
»Das glaube ich Ihnen auch so, die Richtigkeit ist ja schnell genug bewiesen worden.«
»Ferner rechnete ich mit einem türkischen Schiff, und einen solchen Dampfer, den ein persischer Kapitän kommandiert und der Chioten an Bord hat, den muß man doch sehr leicht ausfindig machen.«
»Das ist sicher.«
»So hätte ich mich doch gar nicht erst auf der Dreikönigsinsel auf die Lauer zu legen brauchen.«
»Hm, ich ahne schon, wohinaus Sie wollen,« brummte Erno nachdenklich.
»Wenn ich ihn aber nun ausfindig gemacht, was hätte ich da zu ihm sagen sollen? Höre, guter Freund, ich kenne einen Herrn, der hat auf der Dreikönigsinsel ein stummes Weib gefunden, es ist ihm wieder gestohlen worden, und ich nehme an, daß es deine Tochter ist ...«
»Aha, ich verstehe! Er hätte Sie einfach ausgelacht. Beweise!«
»Na also. Nun ahnte ich aber ganz bestimmt, daß ich auf der Dreikönigsinsel etwas Besonderes über diesen persischen Kapitän erfahren würde, ich müßte nur geduldig warten. Und richtig, es kam denn auch. Daß ich freilich solche mit Gift arbeitende Mordbuben dabei ... doch das gehört jetzt nicht hierher. Ich erfuhr also auf jener Insel näher, weshalb ihre Umgebung damals von der ›Karabelle‹ aufgesucht wurde und es noch manchmal wird. Sklavenhandel! Und da habe ich denn vorhin dem edlen Perser die Daumschrauben angelegt. Höre, alter Junge, so oder so - hattest du vielleicht früher ein stummes Mädchen an Bord, das dir entflohen ist? Hast du es wieder an Bord?«
»Und da? Was sagte er?«
»Zuerst gar nichts, und er brauchte es auch nicht, ich las die bejahende Antwort aus seinem Gesicht ab. Das wurde plötzlich so weiß wie das von unserm Pestkranken, und dabei rollte er mit den Augen, als suche er ein Plätzchen, wohin er dieselben einstweilen verstecken könne, um mich nicht ansehen zu müssen.«
»Und dann?«
»Dann setzte ich die Daumschrauben noch etwas fester an, und da fletschte er die Zähne. Aber es half alles nichts, er mußte mir Ihre Frau und Ihr Kind wieder herausgeben.«
»Ich bewundre Ihre Kühnheit. Das hätte für Sie gefährlich werden können.«
»Sie denken an einen Dolchstich, der mich für immer beseitigt hätte? Natürlich deutete ich an, daß ich nicht allein sei.«
»Und was sagte die Mutter?«
»Gar nichts!«
»Gar nichts?«
»Kein Sterbenswörtchen. Die ist nämlich tot. Die hat die Schweizer Luft nicht vertragen können, hat sich dort einen tödlichen Schnupfen geholt. Das erleichterte die Sache nun ungemein, denn der Papa scheint gar nicht so an seiner Tochter zu hängen. Ihre Schwiegermama hatte die Hosen an, soll überhaupt eine Hexe gewesen sein.«
Nobody erzählte ausführlicher und mit etwas weniger drastischen Worten. Es wäre kaum nötig gewesen, denn es war, als ob er einen Sehergeist besessen hätte. Es war eben alles so gewesen, wie er es vorausgesagt hatte. Nur Undines Entführung bedarf noch einer Erklärung.
Die ›Karabelle‹, nach der die an Bord wie eine Gefangene gehaltene Tochter genannt worden war, hatte bei der Dreikönigsinsel wieder einmal an das spanische Schiff Sklaven abgegeben. Am folgenden Morgen, als der Dampfer aber schon wieder eine weite Strecke zurückgelegt hatte, wurde das Mädchen vermißt. Anfangs glaubte man nicht anders, als das oft melancholisch gestimmte Mädchen sei auf offner See über Bord gesprungen, um sich den Tod zu geben. Das Wasser wurde nach ihrer Leiche abgesucht. Erst dann dachte man an die Dreikönigsinsel, man kehrte zurück. Unterdessen aber waren zwei Tage verstrichen, die ›Woge‹ hatte die Insel schon wieder verlassen.
Auf dieser Insel wurden Streichhölzer gefunden, ferner in angesetztem Schlamm die Spuren eines großen Hundes. Man schloß ganz richtig, daß das Schiff einer wissenschaftlichen Expedition vor einigen Tagen hier gewesen sein müsse. Ob diese Leute das Mädchen gefunden hatten, davon hatte man freilich keine Ahnung, aber jedenfalls hieß es jetzt auf dieses Schiff fahnden.
In jedem Hafen, den die ›Karabelle‹ anlief, wurde nach einem Schiffe gefragt, welches beabsichtigt hätte, die Dreikönigsinsel zu besuchen, das einen großen Hund, an Bord gehabt - ein halbes Jahr erfolglos, bis die ›Karabelle‹ zufällig einmal Funchal auf Madeira anlief.
Dort war auch Erno gewesen, hatte von seiner Absicht gesprochen, und so erfuhr Hormidas endlich den Namen jenes Schiffes.
Nun war es nicht mehr schwer, festzustellen, wo die ›Woge‹ sich jetzt befand. Sie lag in Nizza zum Verkauf. Dorthin begab sich die Mutter, eine gebildete Chiotin, die während ihres langen Aufenthaltes an Bord noch nicht ihr Französisch und alle Lebensart vergessen hatte, wenn sie davon auch nichts der Tochter beigebracht.
In Nizza hatte es nicht verschwiegen bleiben können, daß sich die ganze Besatzung der ›Woge‹ nach der Schweiz begeben hatte. Dann war ja auch der Agent da, der mit dem Besitzer der ›Woge‹ korrespondierte.
Nun war die Frage, ob Karabelle verraten hatte, was ihr Vater für ein heimliches Handwerk trieb. Schwerlich! Sie war stumm, konnte nicht schreiben, verstand nur das wenig bekannte Chiotisch. Außerdem hatte sie, wenn die Sklaven an Bord genommen und wieder abgegeben wurden, nie die Kajüte verlassen dürfen. Und wenn sie ihren Vater verraten hätte, und der, bei dem sie sich befand, wollte gegen jenen vorgehn, so hätte dies doch schon längst geschehen sein müssen.
Trotzdem, das wie eine Sklavin behandelte Mädchen mußte so bald wie möglich seinem jetzigen Besitzer wieder entführt werden.
Die Chiotin mit den grünen Augen hüllte sich tief in einen Schleier, fuhr nach Genf, nahm einen Wagen, dessen Kutscher sie mit einer reichlichen Geldsumme bestach, begab sich nach der Villa auf dem Hügel. Das Gartentor war offen, sie sah ihre Tochter in der Laube sitzen, ein Kind an der Brust.
Die Mutter enthüllte ihr Gesicht, sprach mit der Tochter, und wenn diese auch schon eine Entführung ahnen und ihr Schreck furchtbar groß sein mochte - um Hilfe rufen konnte sie ja nicht, und der sklavenähnliche Gehorsam der Tochter gegen die Mutter war ein solcher, daß sie auch nicht entfloh, gar keine Kraft dazu hatte, vielmehr der Aufforderung gehorchte, ihr folgte, wenigstens bis zum Gartentor. Hier wurde sie von dem starken Weibe aufgehoben und in den Wagen getragen; es ging nach Genf, nach Nizza, wo schon die ›Karabelle‹ bereitlag.
Es lag im Charakter und in der Erziehung der griechischen Orientalin, daß sie sich in ihr Schicksal fügte. Sie hoffte, daß sie den Mann, den sie liebte, wiederfinden würde, und darin hatte sie sich ja auch nicht geirrt.
Die Mutter hatte schon immer den Keim einer tödlichen Krankheit in sich gehabt, sie erlag bald den Anstrengungen der letzten, ungewohnten Landreise, fand ein Seemannsgrab im Ozean, Und mit dem Vater hatte Nobody sehr leichtes Spiel gehabt. Der persische Kapitän war schon längst der lästigen Fesseln überdrüssig, die ihm ein maßlos eifersüchtiges Weib während zwanzig Jahren auferlegt hatte. Wenn der allwissende Mann, der so tief in seine Karten geblickt hatte, ihm zuschwor, nichts zu verraten, so gab er gern die Tochter und deren Kind wieder her. Andernfalls tötete er alle beide und sich selbst, denn dann war er sowieso ruiniert; auf den Sklavenhandel steht der Galgen.
»Ich habe die geforderten Schwüre geleistet. Mit der Besatzung Ihrer Jacht werde ich noch sprechen. Und ich hoffe, daß auch Sie mir Ihr Ehrenwort geben, nicht zu verraten, was für ein dunkles Nebengeschäft Ihr Schwiegervater treibt oder getrieben hat. Ich glaube, er gibt es auf. Der Schreck vor meiner Allwissenheit ist ihm gar zu sehr in die Glieder gefahren.«
Wie gern gab Erno sein Ehrenwort!
»Nun machen Sie, daß Sie von hier fortkommen,« schloß Nobody. »Von Ihrem Schwiegervater haben Sie nichts mehr zu fürchten, kein Mensch wird Ihnen wieder Undine und das Kind entführen wollen, aber ... halten Sie fest, was Sie haben, verduften Sie!«
In überströmendem Danke streckte Erno ihm beide Hände hin.
»O, wie soll ich Ihnen danken! Dafür fehlen mir die Worte. Ja, Sie sprachen doch von einer Belohnung ...«
»Von einer Belohnung,« fiel Nobody ihm ins Wort, einen Blick an seinem Anzug hinabwerfend, der noch deutliche Spuren von einer kindlichen Katastrophe zeigte. »Allerdings fordre ich eine Belohnung. Ich möchte Ihnen das tiefste Geheimnis meines Lebens anvertrauen, und Sie sollen mir Ihr Ehrenwort geben, es im Busen bewahren zu wollen.«
»Mehr fordern Sie nicht? Sie haben mein Ehrenwort!«
»Akzeptiert. Passen Sie auf. Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war einmal ein kleiner Laubfrosch ...«
»Ein - kleiner Laubfrosch?« wiederholte Erno erstaunt. Wußte dieser amerikanische Detektiv denn, daß er, Erno, als Junge von seinen Spielkameraden den Spitznamen ›Laubfrosch‹ bekommen hatte?
»... der schwamm eines Tages lustig in der Elbe bei Blankenese. Da kam ein Kahn angegondelt; in demselben saß ein nur mit einer Badehose bekleideter Jüngling von 17 Lenzen. Und der kleine Laubfrosch schwamm unbemerkt hinter den Kahn, faßte ihn und kippte ihn um, daß der Jüngling von 17 Lenzen ebenfalls schwimmen mußte. In diesem Augenblick fuhr dicht ein Raddampfer vorbei; der kleine Laubfrosch hatte es nicht bemerkt, er kam in den Wellenschlag, schluckte Wasser, und da half ihm all seine Schwimmkunst nicht - der kleine Laubfrosch sackte wie ein Stein auf den Grund. Ein Glück war es, daß der Jüngling von 17 Lenzen gut tauchen konnte, er holte den kleinen Laubfrosch wieder herauf ... na, was gibt's?«
Erno hatte sich halb erhoben; starr waren seine Augen auf den Sprechenden geheftet, und da tauchte ein andres Gesicht vor ihm auf, und doch waren es dieselben schönen, stolzen, immer so überlegen lächelnden Züge ...
»Alfred! Mein Lebensretter!!«
»Ja, Erno, und jetzt habe ich dir Frau und Kind wiederverschafft. Das kostet dich eine Pulle Sekt.«
Erno hatte mit Frau und Kind Loando verlassen, mit einem Dampfer. Auch die ›Woge‹ war abgesegelt. Wohin, davon meldet Nobodys Tagebuch nichts.
Vorher hatte der gefangene Steuermann Selbstmord begangen. Es war das beste gewesen, was er hatte tun können; die Aussagen eines Hypnotisierten gelten ja vor Gericht nichts.
So wollte Nobody jetzt noch einmal von vorn beginnen; auf die beiden andern Schiffe hatte er es abgesehen, welche Giftmischer ausschickten; einen handgreiflichen Beweis für ihr verbrecherisches Tun wollte er liefern.
Aber es sollte nicht so weit kommen. Hatten sie auf irgend eine Weise Lunte gerochen? Oder war es ein Zufall? Sowohl die ›Freyman‹ wie die ›Tyne‹ waren plötzlich spurlos verschwunden; Nobody hat nicht herausbringen können, wo die beiden Schiffe mit der Besatzung geblieben sind.
An wen sollte Nobody sich jetzt halten? Sollte er den Gerichten erzählen, was er einst erlebt hatte? Für das Gewesene gibt der Jude nichts. Und auch das hätte wenig Zweck gehabt, daß er jetzt noch die Besatzung der ›Woge‹ als Zeugen aufrief, woran er aber gar nicht dachte.
So war Nobody diesmal um allen Ruhm gekommen. Seine einzige Belohnung hatte ihm Ernos Kindchen gegeben.
Belohnung? Noch niemals hatte Nobody sich so reich belohnt gefühlt! Nicht nur, daß er die Welt von vielen Bestien in Menschengestalt befreit, sondern er hatte auch ein direktes Glück gezimmert.
Er weiß, wo dieses Glück, welches in seinem eignen Herzen nachwirkt, wohnt, er kennt das Haus, aus dem ein gar berühmtes wissenschaftliches Werk hervorgegangen ist, er weiß, daß der zweite Junge Alfred genannt worden ist, er korrespondiert mit diesem Glück - aber in seinem Tagebuch steht die Adresse nicht.
2. Little Pet.
Es war eine Vormittagsstunde. Mr. World saß in seinem Bureau über ein Schreiben gebeugt, als die Tür aufgerissen wurde und Nobody mehr hereinstürzte denn hereintrat. Er hatte in Chicago zu tun gehabt, war lange Zeit fortgewesen, konnte soeben erst zurückgekommen sein, sah seinen Prinzipal und Kompagnon jetzt zum ersten Male wieder, und doch hatte er nicht einmal Zeit zu einem Morgengruß.
»Schnell, Mr. World,« sprudelte er hervor, »ich brauche Geld, Geld! Was haben Sie in bar da? Her damit!«
Wenn der kaltblütige Nobody, der sonst niemals seine Ruhe verlor, es so eilig hatte, dann allerdings mußte etwas ganz Besonderes vorliegen. Der alte Herr verlor etwas den Kopf, er war nach dem Geldschrank gesprungen und wollte ihn mit dem aus der Tasche gezogenen Hausschlüssel aufschließen.
»Ein Glück, ich habe vorhin 25 000 Dollar hereinbekommen, Paddy sollte sie nachher auf die Bank ...«
»25.000 Dollar?« fiel ihm Nobody jubelnd ins Wort. »Famos! Her damit, her damit!! Hei, das wird ein Geschäft, das soll uns etwas einbringen!«
Unterdessen hatte Mr. World bemerkt, daß der große Hausschlüssel nicht in das kleine Schloß ging, hatte das richtige Schlüsselbund gefunden. Es waren lauter einzelne Tausenddollarnoten, welche er einer Kassette entnahm, er wollte die Scheine zählen; Nobody riß sie ihm aus der Hand und pfropfte sie ungezählt in seine Tasche.
»Nun brauche ich aber hauptsächlich auch kleines Geld,« fuhr er fort, immer in höchster Eile. »Sie müssen doch kleine Kasse haben!«
»Nein, Sie wissen doch, daß ich jeden Abend alles Geld mit nach Hause nehme ...«
»Na, was haben Sie denn in der Tasche?«
Mr. World entleerte sie; auf den Schreibtisch rollten Gold-, Silber- und Kupfermünzen, wiederum kam der alte Herr nicht zum Zählen, Nobody kratzte alles zusammen und ließ es verschwinden.
»Hier in der Brieftasche habe ich noch drei Hundertscheine.«
»Her damit, her damit!! Sonst nichts weiter? Ich brauche Geld, kleines Geld! Ich bin total ausgeplündert worden!«
»Sie ausgeplündert? Wer hat denn das fertig gebracht?«
»Natürlich mit Absicht. Ich habe mich ausplündern lassen. Es handelte sich um einen Trick. Haben Sie nichts weiter? Ich muß viele Hände mit Gold und Silber füllen, und das sofort, sofort! Dann wird das ein Geschäft!«
Mr. World eilte zur Nebentür, welche in das größere Bureau führte, in dem neun Kommis saßen.
»Kommen Sie mal herein! Mr. Nobody braucht kleines Geld, können die Herren ihm aushelfen? Geben Sie alles her, was Sie haben!«
Der alte Herr war von der Hast seines Kompagnons angesteckt worden, und das Wort, daß Nobody ihr Geld brauche, wirkte wie eine Zauberformel auf die Beamten; der erste Buchhalter wie die andern Schreiber drängten sich herein, jeder wollte zuerst seine Taschen, in denen sie nach englischer Sitte ihr Geld lose trugen, auf den Schreibtisch entleert haben.
Die Summen mochten zwischen fünf und zwanzig Dollar betragen, Nobody hielt sich nicht mit Zählen auf, er kratzte zusammen.
»Hier noch eine Fünfzigdollarnote.«
»Danke, danke! Sonst nichts?«
»Hier zehn Dollar!«
»Hier ein Doppeladler!«
»Einen Augenblick, gleich mache ich die mexikanische Goldmünze von meiner Uhrkette los.«
»Hier ist mein Sparkassenbuch; die 200 Dollar können Sie sofort erheben.«
»Darf ich Ihnen meinen goldnen Bleistift anbieten? Ich habe bei Isaak Kohen schon einmal drei Dollar drauf Vorschuß bekommen.«
Es war geradezu rührend, wie sich die Kommis überboten, ihren vielgeliebten Nobody mit Geld zu versehen. Das Sparkassenbuch und den Bleistift nahm er nicht, er brauchte nur bares Geld, und dazu rechnete er auch die von der Uhrkette abgerissene Goldmünze, die er in seiner Tasche verschwinden ließ. Ebenso schlug er auch den ihm von Mr. World angebotenen Scheck ab.
»Nur bares Geld, nur bares Geld! Sonst nichts weiter?«
Da kam Paddy mit seinen Säbelbeinen angelaufen. Er hatte noch nachträglich gehört, daß Mr. Nobody kleines Geld brauche.
»Ssssssssssssss,« fing er wie eine Lokomotive zu zischen an, trampelte dabei wie ein Dromedar mit beiden Füßen, hielt sich aber nicht weiter dabei auf, den angefangenen Satz zu beenden, sondern begann plötzlich, seine Hose auf- und abzuknöpfen.
Da zeigte es sich, daß Paddy um den Leib eine Art von Wurst trug, einen wirklichen Schweinsdarm, eine dünne, sehr lange Knackwurst, er löste sie ab, brach sie auseinander ... auf den Tisch rollten eine Unmenge von silbernen Zehncentstücken, und die Wurst war erst zur Hälfte geleert.
Der originelle Kauz hatte sein ganzes Vermögen in Zehncentstücken angelegt, die er in einem langen Knackwurstdarm auf dem Leibe trug. Das heißt, das war bisher sein Geheimnis gewesen, erst jetzt war es ans Tageslicht gekommen.
»Ssssssssssss ... ie können die ganze Wurscht bekommen!«
»Danke, danke, mein Lieber, und daß Sie die Wurst in etwas längerem Zustande wieder bekommen, wissen Sie doch,« sagte Nobody, harkte die kleinen Silberstücke zusammen, schüttete sie in die Tasche, und den unverletzten Teil der Knackwurst, immer noch einen halben Meter lang, ließ er in seinem Hosenbein verschwinden.
»Sonst nichts weiter? Danke, mo'in!«
Hastig wandte sich Nobody der Tür zu.
»Halt, halt!« schrie der erste Buchhalter. »Da ist ja noch die Briefmarkenkasse!!«
Nobody kehrte noch einmal zurück, griff in die ihm dargereichte Schatulle, sie enthielt ein ansehnliches Sümmchen, schüttete alles in seine Jackettasche, pfropfte auch noch sämtliche Briefmarken nach und rannte wieder nach der Tür.
»Danke! Mo'in!«
Diesmal kehrte er nicht wieder zurück. Die Geschäftszimmer des Verlagsbuchhändlers waren an barem Gelde vollständig ausgeplündert worden.
»Was mag er nur vorhaben?« brummte Mr. World, als er sich hinsetzte, um einen Scheck auszuschreiben, den Paddy beim Bankier in bare Münze verwandeln sollte. Das Geschäft konnte doch nicht ohne einen roten Cent sein.
Unterdessen waren drüben die Kommis in einen Streit geraten. Wie gesagt, Nobody hatte das Geld aus ihren Taschen doch sofort in aller Hast in seiner eignen verschwinden lassen.
»Und ich wette,« sagte der eine Kommis, »Nobody weiß ganz genau bis zum letzten Cent, wieviel jeder einzelne von uns ihm gegeben hat. Weil er das Geld nicht gezählt hat? Bah, dieser Nobody sieht mit einem einzigen Blicke mehr und genauer, als wir langsam auszählen können. Dafür ist er eben Nobody.«
»Ich weiß selbst gar nicht genau, wieviel ich eigentlich bei mir gehabt habe. So um die zehn Dollar herum mag es gewesen sein.«
»Aber ich weiß ganz genau, wieviel ich in der Tasche gehabt habe. Acht Dollar sechsundvierzig Cents sind's gewesen.«
»Und ich behaupte, daß Nobody dies ebenfalls ganz genau weiß. Wer wettet dagegen?«
Gut! Es wurden kleine Wetten abgeschlossen.
So waren noch keine fünf Minuten vergangen, Mr. World war mit dem Ausschreiben des Schecks noch nicht einmal fertig, weil er dabei bedächtig eine Prise genommen hatte, als wiederum die Tür aufgestoßen wurde und abermals Nobody eintrat.
»Good morning, Mr. World! How do you do?«
Na, der alte Verlagsbuchhändler hatte sich im Laufe der Jahre von seinem Kompagnon schon manchen Scherz gefallen lassen müssen, er verzog also keine Miene, war nur gespannt, was Nobody jetzt wieder herausstecken würde, und dasselbe galt von den Kommis, welche sich auf ihren Drehstühlen vorbeugten, um durch die offne Nebentür spähen zu können, und schon fingen sie an zu kichern.
»Danke sehr, Mr. Nobody! Und wie ist Ihr Befinden?«
»Immer fidel! Aber vor allen Dingen geben Sie mir doch mal 50 Cents, draußen steht ein Gepäckträger, den will ich erst ablohnen, und ich habe kein kleines Geld einstecken.«
Das war eigentlich ein bißchen stark - nein, das war ein dummer Witz! Oder wie wollte er denn da noch eine Pointe hineinbringen?
»Mr. Nobody, wenn Sie aus uns ausgequetschten Zitronen auch nur noch einen Cent herauspressen können, dann will ich Mops heißen.«
Nobody stellte sich, als ob er von nichts wisse, blickte den alten Mann mit großen Augen an.
»Wie meinen Sie? Sie sollen mir mal 50 Cents geben, Mr. World?«
»Ach, lassen Sie mich ungeschoren!« knurrte der Herr verdrießlich und malte weiter auf dem Scheck.
»Nanu, was ist Ihnen denn heute in die Krone gefahren? Oder wo und wie lange haben Sie denn gefrühstückt?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, trat Nobody in die offene Tür zum Nebenzimmer.
»Will mir einer der Herren einmal 50 Cents pumpen? Bitte!«
Nur ein allgemeines Kichern antwortete ihm.
Nobody blickte auf die sich über ihre Schreibereien Beugenden, beobachtete sie.
»Bitte, kann mir einer der Herren 50 Cents leihen?« wiederholte er dann.
Das Kichern wurde lauter, jetzt brach der jüngste Schreiber in ein schallendes Gelächter aus.
Nobody schüttelte den Kopf und blickte zurück nach Mr. World.
»Zum Teufel, bin ich denn hier in ein Narrenhaus geraten?«
Neben dem Schreibtisch stand Paddy, vor Vergnügen im ganzen Gesicht grinsend.
»Hier,« sein Herr gab ihm den Scheck, »hundert Dollar, möglichst einzeln. Oder aber,« Mr. World wandte sich im Drehstuhl zu Nobody, »Sie könnten das Geld nun wieder herausgeben, Sie brauchen es ja doch nicht, wie ich merke, und ich habe es wirklich sehr nötig, ich habe mit den 25.000 Dollar dann etwas zu bezahlen, deshalb ließ ich sie mir heute kommen.«
Der im Türrahmen stehende Nobody beugte sich etwas vor.
»Was?«
»Ja - was!« echote Mr. World ärgerlich.
»Was sprechen Sie da von 25.000 Dollar?«
»Die ich Ihnen vorhin gegeben habe. Ich brauche sie sehr nötig.«
»Sie - hätten - mir - 25 000 Dollar gegeben? Wann denn?«
»Ach, machen Sie doch keine Witze!«
»Bitte, Mr. World, ich, glaube, der Witz ist auf Ihrer Seite. Wollen Sie mich veralbern? Wann hätten Sie mir 25.000 Dollar gegeben?«
Er war an den Schreibtisch getreten und machte dabei ein Gesicht, daß Mr. World doch stutzig wurde. Allerdings dachte er noch immer, daß Nobody ihn nur düpieren wolle, aber ... es wurde ihm doch schon etwas unbehaglich zumute.
»Sie waren ja vor fünf Minuten hier und haben uns alle bis zum letzten Cent ausgeplündert.«
»Ich - vor fünf Minuten - hier gewesen?« wiederholte Nobody nur, so stockend wie vorhin. »Ich Sie - bis zum letzten Cent - ausgeplündert? Ja, zum Henker, was soll denn das nur heißen?!«
»U-u-u-u-u-u-und meine Wurscht haben Sie mir auch abgenommen,« platzte jetzt Paddy heraus; »a-a-a-a-a-a-a-aber da hatten Sie einen viel höheren Zylinder auf dem Kopfe.«
Nobody sah den Stotterer mit starren Augen an, stieß einen langen Pfiff aus, und da mit einem Male waren seine Züge wie von Eisen geworden.
»Well, jetzt merke ich, daß hier ein Irrtum vorliegt. Ich erkläre Ihnen auf mein Ehrenwort, daß ich von Ihnen heute keine 25.000 Dollar erhalten habe, daß ich heute überhaupt noch nicht hier gewesen bin.«
Diese Worte waren in einem Tone gesprochen, der jeden Zweifel beseitigte, und mit seinem Ehrenwort trieb Nobody auch keinen Scherz.
»Nicht?!« schrie Mr. World nur noch einmal.
»Nein! Sie sind das Opfer eines Betrügers geworden, der mir jedenfalls sehr ähnlich gesehen hat. Ich habe nichts damit zu tun.«
Jetzt erst kam die eigentliche Wirkung dieser Erklärung. Mr. World wäre beinahe vom Stuhle gefallen, in der Tür drängten sich die Kommis, alle den Mund vor Schreck geöffnet, aber Paddy war der einzige, der einen Laut hervorbrachte.
»Ssssssssssssssssss ... o eene Gemeenheet, a-a-a-a-ach nee!!« jammerte er, knöpfte schnell dte Hose auf und suchte nach seiner Knackwurst. Aber die lange Knackwurst war ffffffffff ... utsch!
»Nun, berichten Sie mir so kurz wie möglich und doch ausführlich, was sich hier zugetragen hat,« sagte Nobody, der seine Taschenuhr gezogen hatte.
Jetzt ging der Spektakel los, denn jeder wollte erzählen.
»Ruhe!« kommandierte Nobody. »Mr. World, berichten Sie zuerst! Vor allen Dingen, wann ist der Mann hier eingetreten, wann ist er wieder gegangen?«
Diese Zeiten konnte der zweite Buchhalter ziemlich genau angeben, er hatte beim Eintritt des vermeintlichen Nobody gerade nach der Uhr gesehen, höchstens drei Minuten hatte derselbe sich hier aufgehalten, so schnell war alles gegangen, so eilig hatte jener es gehabt, und seit vielleicht nur fünf Minuten war er wieder fort.
»Fünf Minuten genügen, um in New-York zu verschwinden,« sagte Nobody ruhig, »da habe ich nun auch noch länger Zeit. Wie sah er aus?«
Eben ganz genau wie Nobody. Ganz, ganz genau so! Und Nobody präsentierte sich jetzt in seiner eigentlichen Gestalt. Er trug einen schwarzen Gehrockanzug, mit einem solchen war sein Doppelgänger ebenfalls bekleidet gewesen, auf irgendwelchen Unterschied konnte man sich nicht besinnen, und nur Paddy behauptete, daß jener einen höheren Zylinder als jetzt der echte Nobody gehabt habe.
»Gut! Er hat sich also für mich ausgegeben. Was haben Sie ihm nun ausgehändigt?«
Es wurde aufgezählt, von den fünfundzwanzig Tausenddollarnoten an bis zu den Briefmarken.
»Au-au-au-au-au-auch meine Wurscht,« ergänzte Paddy.
»Was für eine Wurst?«
Weil Paddy gar zu lange zischte und mit den Füßen trampelte, gab sein Prinzipal für ihn die Erklärung ab.
»So ein infamer Halunke! Na, warte, dich will ich kriegen! Hat er nicht auch einen Scheck bekommen?«
»Nein, den wollte er nicht haben, ich bot ihm sogar einen an.«
»Aha! Also so weit geht die Doppelgängerei nicht, daß er auch meine Unterschrift nachzuahmen wagt. Aber sonst doch ein sehr intelligenter Bursche! Na, da werde ich mich einmal auf die Suche nach meinem Doppelgänger machen.«
Nobody ging, seinen gewöhnlichen Schritt um nichts beschleunigend. Draußen stand ein Arbeiter, noch auf ein Trinkgeld wartend. Nobody wollte sich jetzt nicht damit aufhalten, erst eine Silbermünze aufzutreiben, er mußte vor allen Dingen mit seinen Gedanken allein sein. So griff er in die Westentasche und gab dem Ueberraschten einen Goldfuchs.
Dieser Arbeiter aber sah denselben Herrn, den er hierherbegleitet hatte, und das war ein ganz andrer als der jugendschöne Lockenkopf, der sich vor Mr. World und den Kommis gezeigt hatte.
In demselben Augenblick, da Nobody die Klinke ergriffen hatte, um die Tür zu öffnen, war es wie ein Schatten über sein Gesicht gegangen, dieses schrumpfte förmlich zusammen - und ohne Zuhilfenahme eines falschen Bartes war ein alter Herr fertig, der also mit dem vorigen Nobody auch nicht mehr die geringste Aehnlichkeit hatte. Das lockige Haar wurde von dem nach hinten geschobenen Zylinderhut vollkommen verdeckt.
Während Nobody die Treppe hinabstieg, befestigte er in seinem Knopfloch zwei künstliche Blumen, die er in der Tasche gehabt hatte, ein rotes Röschen und ein blaues Alpenveilchen, und dann umbrauste ihn die Brandung der New-Yorker Geschäftsstraße.
Während er sich durch die Menge wand, überlegte er. Doch wir wollen seinem Gedankengange nicht folgen, was auch sehr schwierig wäre, denn wir haben einmal in der vorigen Erzählung gezeigt oder doch angedeutet, in welch bizarren Sprüngen sich die Kalkulationen dieses Detektivs gefielen.
Außerdem wurde sein Gedankengang sehr bald durch etwas unterbrochen, was diesem eine ganz andre Richtung gab.
Ein junger Herr, durch sein nachlässiges Benehmen den sich langweilenden Pflastertreter verratend, trat ihm in den Weg.
»I beg your pardon,« redete er von oben herab den alten Herrn an. »Können Sie mir den Weg nach der Angelostreet sagen?«
Eine Angelostreet gibt's in New-York nicht. Aber ein Stichwort war das, durch welches sich der junge Mann als ein in Nobodys Diensten stehender Detektiv legitimierte, und erkannt hatte er seinen Herrn und Meister an dem roten und blauen Blümchen im Knopfloch.
»Angelostreet? Hm, kommen Sie mal hierher!« quetschte der gutmütige alte Herr heraus, als ob er keine Zähne im Munde hätte.
Sie traten in einen Torweg, und nach einem vorsichtigen Blick hatten sie sich vergewissert, daß sie ungeniert reden durften.
»Was gibt's?« fragte Nobody leise.
»Sind Sie vor einer Viertelstunde durch die Wallstreet, über den Georgesplace und weiter durch die Grillstreet gegangen?«
Nobody zog sofort seine Uhr, gab aber keine direkte Antwort.
»Weshalb? Haben Sie mich dort gesehen?«
»Ja und nein. Ich wurde irre. Ich glaubte Sie als Nummer eins zu sehen. Aber Sie hatten die Locken, welche etwas unter dem Zylinder vorsahen, dunkelbraun gefärbt. Ebenso trugen Sie einen gleichfarbigen, sehr starken Schnurrbart. Mich wunderte, daß Sie als Nummer eins einen nicht dazu passenden Schritt annahmen. Ferner fiel mir gleich auf, daß Sie den Schnurrbart recht ungeschickt befestigt hatten.«
Aha!! Das war der erste Anhaltepunkt! Bemerkt muß hierbei werden, daß ›Nummer eins‹ Nobody in seiner eigentlichen Gestalt war, so wie er gewöhnlich Mr. Worlds Bureau betrat, um sich nicht weiter legitimieren zu müssen. Wir werden gleich noch andre Zahlen hören, welche aber wohl keiner weitern Erklärungen bedürfen. Nobody hatte mit seinen Hilfskräften ein vollkommenes System ausgearbeitet, um viele Worte zu ersparen.
»War der Bart so befestigt, daß man ihn sofort als einen falschen erkannte?«
»Nein. Das Publikum wohl nicht. Auch mancher Kriminalbeamte wäre getäuscht worden. Ich aber sah sofort, daß es ein falscher Bart war, und eine solche Nachlässigkeit wunderte mich eben von Ihnen. Ich schöpfte Verdacht, ich folgte dem Manne. Leider muß ich gestehn, daß er mir in der belebten Grillstreet verloren ging.«
Nobody hatte deswegen kein Wort des Tadels. Mr. Burn war sonst ein ausgezeichneter Detektiv mit scharfem Blick, wie er ja auch soeben bewiesen hatte.
»Schade!« sagte Nobody nur. »Wie war sein Gang?«
»Nummer vier, sieben und acht, und dann noch eine Annäherung an Nummer sechzehn.«
»Vier, sieben, acht und etwas sechzehn,« wiederholte Nobody. »Und die Armbewegung beim Gehn?«
»Das war die ausgeprägteste elf, direkt zur sieben harmonierend.«
»Gut! Anzug?«
»Wie der Ihre! Etwas länger, zwei Knöpfe weniger, der Zylinder vielleicht einen halben Zoll höher.«
»Sonst das Ganze mir als Nummer eins sehr ähnlich?«
»Mit Blond und ohne Bart zum Verwechseln ähnlich.«
»Gut. Suchen Sie den Mann! Festhalten! Hundert Dollar Prämie! Fort!«
Der Hilfsagent verschwand in der Menschenmenge, und Nobody betrat bald darauf in einer Seitenstraße, die aber auch noch sehr belebt war, ein stattliches Haus, an welchem in der Höhe der ersten Etage ein riesiges Schild folgende Aufschrift trug:
›Veritas‹
Internationales Detektiv-Institut
Filialen an allen Plätzen der Welt
Tag und Nacht geöffnet!
Dieses Institut ›Veritas‹ war eine Schöpfung Nobodys, war sein Eigentum, und Tatsache war auch, daß es in allen größern Städten der Welt Filialen besaß. Damit aber hatte es seine eigne Bewandtnis.
Im Laufe der Jahre hatte Nobody sich nach und nach in allen Hauptstädten, Eisenbahnzentren und größern Hafenplätzen ein Zimmer gemietet, hatte es tun müssen, um darin seine Masken vorrätig zu halten. Dann, als seine Praxis größer wurde, als er Helfershelfer brauchte, hatte er in jedes solches Garçonlogis einen eignen Detektiv hineingesetzt, mit dem er jederzeit in telegraphische Verbindung treten konnte.
Bald aber wurde ihm das zu kostspielig, zumal, da immer mehr Mietszimmer mit Hilfskräften hinzukamen, deren Unterhaltung sich nicht mehr lohnte, und die er doch oft genug brauchte. Da war er auf die Idee gekommen, ein internationales Privat-Detektiv-Institut zu gründen, und so war die ›Veritas‹ entstanden. Das heißt, Nobody selbst kümmerte sich um den Geschäftsbetrieb fast gar nicht, dafür hatte er seine bezahlten Direktoren, und nur die Allereingeweihtesten wußten überhaupt, daß Nobody der alleinige Inhaber war. Am wenigsten hatten hiervon hatten die Kommis der großen Filialen eine Ahnung, schon eher die der kleinen, wo nur ein oder zwei Mann in einem Zimmerchen auf vertrauensselige Klienten lauerten.
Zu verdienen war mit dem Institut nicht viel. Die großen Filialen in New-York, San Francisco, London, Paris, Berlin, Wien usw. gingen sehr gut, aber die zahllosen kleinen Filialen fraßen den Verdienst wieder auf. Einahme und Ausgabe hoben sich am Jahresschluß immer gerade wieder auf. Nobody aber hatte als einzelner Privatdetektiv den unermeßlichen Vorteil, eine kolossale Maschinerie zu besitzen, welche die ganze Welt umspannte und ihn so gut wie nichts kostete. Dazu kam noch, daß die ›Veritas‹ wegen ihrer Zuverlässigkeit immer mehr als geschäftliches Auskunftsbureau benutzt wurde, besonders auch, da das ›Filialen an allen Plätzen der Welt‹ sich als kein Schwindel erwiesen hatte, von Tee-, Kaffee-, Korn-, Baumwollen- und andern Spekulanten, welche täglich außer den amtlichen auch die intimen Börsenberichte von sämtlichen Handelsplätzen der Welt wissen wollen, und Nobody brauchte diesen Depeschen, die er bezahlt bekam, nur ein ausgemachtes Stichwort anzuhängen, so durchlief seine Frage oder sein Befehl die ganze Erde, ohne daß dies ihn etwas gekostet hätte. Ferner wurde das Institut auch schon stark von der Kriminalpolizei benutzt, Nobody bekam doch manchmal etwas zu erfahren, was ihm sonst verborgen geblieben wäre ... und so bot ihm diese Einrichtung noch eine ganze Menge andrer Vorteile. - -
In dem Wartezimmer saßen ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts verschiedensten Alters und aus allen Gesellschaftsklassen. Die meisten Frauen wollten ihre Ehemänner und die meisten Männer ihre Ehefrauen heimlich beobachten lassen - wegen ihres Lebenswandels - wegen einer Scheidung. Es ist ja bekannt, wozu solche Detektiv-Institute am häufigsten benutzt werden. Wiederholt war es schon vorgekommen, daß sich hier im Wartezimmer ein mißtrauisches Ehepaar getroffen hatte; einmal war es sogar passiert, daß ein solches das Wartezimmer versöhnt wieder verlassen - eine Partei hatte vor der andern nichts vorausgehabt.
Der Portier, der Nobody die Entreetür öffnete, war einer von den Allereingeweihtesten. Die blau-roten Blümchen im Knopfloch sagten ihm, wen er vor sich habe. Doch ehe er den dringlichen Klienten melden konnte - alles, um den Schein zu wahren - öffnete sich die Tür des Bureaus, der Direktor zeigte sich mit der stereotypen Einladung:
»Die nächste Partei, wenn ich bitten darf!«
Da fiel sein Blick auf den alten Herrn mit den blau-roten Blümchen.
»Ah, Mister ... bitte, kommen Sie herein - treten Sie einstweilen in mein Privatbureau!«
Der Direktor schloß die Tür wieder.
»Ist etwas von Wichtigkeit passiert?« fragte Nobody, während er schon durch das Empfangszimmer nach der Nebentür schritt.
»Gar nichts, Sir! Alles nur Kleinigkeiten!«
»Gut! Ich habe eine halbe Stunde hier zu arbeiten.«
Es war also sein eignes Bureau, welches Nobody betrat. Dasselbe glich eher einer Garderobe als einem Schreibzimmer; alle Wände voll Kleiderschränke und Schubfächer, welche die zu seinen Maskierungen nötigen Bärte, Perücken und dergleichen Artikel enthielten.
Aber auch ein Schreibtisch war vorhanden, Aktenschränke, desgleichen ein Telephon, welches in direkter Verbindung mit Worlds Bureau stand. Denn jeder, der ein Anliegen an den Privatdetektiv Nobody hatte, mußte sich erst an die Redaktion von ›Worlds Magazine‹ wenden, das wurde hierherberichtet, und hier, in der Zentrale der ›Veritas‹, wußte man stets, wo Nobody sich zur Zeit befand.
Nobody setzte sich, und das, was er schrieb, betraf die Auffindung jenes Mannes, der seinen Kompagnon und die Kommis vorhin um etwa 26.000 Dollar geprellt hatte.
Das war ja allerdings eine Summe, um deren Wiederherbeischaffung es sich lohnte, einen Teil der gewaltigen Maschinerie in Bewegung zu setzen. Zunächst mußten die Bahnhöfe New-Yorks und der umliegenden Städte mit instruierten Beobachtern besetzt werden, die abgehenden Schiffe wurden kontrolliert usw.
Aber es hätte sich gar nicht um solch eine Summe zu handeln brauchen - es genügte schon, daß ein andrer sich für Nobody ausgegeben hatte, und dieser war bereit, den ganzen Mechanismus in Bewegung zu setzen, und wenn ihn das auch Hunderttausende gekostet hätte; er selbst wäre bis ans Ende der Welt gejagt, um dieses Mannes habhaft zu werden, der seinen Namen mißbrauchte und ... der ihm so ähnlich sehen sollte!
Ein Doppelgänger, der ihm als Konkurrent gefährlich werden konnte, war es ja nicht. Sein Gesicht in andre Falten legen konnte jener Mensch nicht. Aber immerhin, wenn er Nobody in seiner eigentlichen Gestalt so ähnlich sah, was für Unheil konnte er da nicht anrichten, was für Possen konnte er da nicht Nobody spielen, er konnte ihn um sein ganzes Renommee bringen, und dieser Doppelgänger war ja auch zu allem fähig, und er hatte auch das Zeug dazu, denn diese unverschämte Keckheit, so ohne weiteres in das fremde Bureau zu dringen, sich für Nobody auszugeben und die sämtlichen Menschen vom Prinzipal an bis zum Markthelfer auch gleich bis zur letzten Briefmarke auszuplündern, innerhalb von drei Minuten ...
»Weiß Gott, ich bewundere den Kerl fast! Aber unschädlich muß der gemacht werden, und das schleunigst, sonst pfuscht er mir noch mehr ins Handwerk und blamiert mich vor der ganzen Welt. Ein Gauner ist's zwar, aber vielleicht läßt er sich noch in Güte dressieren, und dann nehme ich ihn als meinen Doppelgänger, wie ich einen solchen immer gesucht habe, bisher ohne Erfolg, in meine Dienste.«
Wir haben zu diesen Ausführungen viel längere Zeit gebraucht, als Nobody bedurfte, um seine Maschinerie in Bewegung zu setzen. Fünf Minuten nachdem er von jenem Detektiv auf der Straße angehalten worden war, hatte er schon vor dem Schreibtische gesessen, und wieder fünf Minuten später war sein Protokoll oder wie man es sonst nennen mag - es enthielt sehr viel Zahlen - fertig: es wanderte hinüber in die große Schreibstube, wurde dort vervielfältigt und durch Boten den betreffenden Hilfsdetektiven zugestellt oder wurde weiter telegraphiert oder telephoniert.
So, nun mußte erst der Erfolg abgewartet werden. Die halbe Stunde ruhige Arbeitszeit hatte Nobody nur gefordert, um unterdessen ungestört eine Zigarre rauchen und die Zeitung lesen zu können, und wenn die halbe Stunde verstrichen, war es Zeit zu dem, was er sich für heute vorgenommen und worauf er sich schon seit einigen Tagen gefreut hatte.
Es handelte sich dabei um nichts weiter als um ein Vergnügen. Wir haben schon früher davon gesprochen, daß Nobody zwar rastlos arbeitete, aber auch gern das Leben mit vollen Zügen schlürfte, sich kein Vergnügen entgehn ließ, ohne dabei jedoch seine Arbeit zu vernachlässigen. So wollte er jetzt eine Vorstellung besuchen, von der seit einigen Tagen ganz New-York sprach, überall waren die Plakate angeklebt.
Auf Longisland gab eine Schautruppe Vorstellungen: ›Australisches Buschleben‹. Das war wieder einmal etwas andres als das ewige ›Wild-West‹ mit seinen Rothäuten, die man ja hier bei sich zu Hause hatte.
Zuerst wurden auch dabei Pferde gebändigt und Rinder mit dem Lasso gefangen, nur daß es hier anstatt der Cowboys Squatters taten, das sind australische Farmer, dann aber war auch eine ganze Bande echter Australneger dabei, welche ihre hölzernen Speere und den Bumerang nach wildgemachten Känguruhs schleuderten, und die Hauptanziehungskraft bildete das Auftreten der ›echten‹ Bushrangers.
Diese australischen Rangers - sprich Rähndschers - sind ausgebrochene Sträflinge oder unaufgegriffene Verbrecher, welche in den undurchdringlichen Busch flüchten, sich zusammentun und ein echtes, rechtes Räuberleben führen.
Hier nun wurde gezeigt, wie sie harmlose Farmen überfallen, wie sie von der weißen und schwarzen Buschpolizei verfolgt werden, ihr Lagerleben usw.
Die Schauspielertruppe hatte zum Besuche des amerikanischen Kontinents eine sehr glückliche Zeit gewählt. Gerade damals kam man zu der Ansicht, daß Amerika doch immer zahmer würde, die Zeiten der echten Rothäute ohne Furcht und Tadel, wie Fenimore Cooper sie verherrlicht hat, sind längst vorbei und lassen sich nicht mehr zurückrufen, man sah sich nach etwas anderm um. Solch eine wechselnde Stimmung zeigt sich besonders in der Literatur. Die Jugendschriftsteller fütterten schon seit einigen Jahren die Hoffnung Amerikas mit australischen Bushrangergeschichten, anstatt wie bisher mit den abgedroschenen Lederstrumpferzählungen. Ein vigilanter Verleger gab eine endlose Serie solcher australischen Räuberpistolen heraus, deren Held der Sohn eines alten Verbrechers und Bushrangers war, ein zwölf- bis vierzehnjähriger Junge von den ihm gehorchenden Buschräubern ›Little Pet‹ genannt - was auf deutsch ungefähr bedeuten würde: der kleine Liebling.
Hier hatte die Phantasie ja nun freien Lauf. Der kleine Buschräuber führte das Menschenunmögliche aus, was irgend ein Räuberhauptmann nur jemals fertiggebracht hat, und er war nicht allein der unüberwindliche Held der australischen Wildnis, der nur die Farmen plünderte, sondern er machte ab und zu auch die Städte als Einbrecher und Raubmörder unsicher, und da war ihm kein Fenster zu hoch und kein Panzerschrank zu fest, alles nur so unwahrscheinlich wie möglich, die Hauptsache ist, daß dabei das Blut recht knüppeldick fließt, das behagt dem amerikanischen Geschmack.
Der Inhalt nur einer einzigen dieser Erzählungen soll hier skizziert werden: Der zwölfjährige Little Pet, von seinem Vater zum Buschräuber erzogen und in alle Geheimnisse der Wildnis eingeweiht, begibt sich nach Adelaide und läßt sich als verwahrloster Knabe in ein Waisenhaus aufnehmen, das wegen seiner drakonischen Strenge berüchtigt ist. Es dauert nicht lange, so hat Little Pet eine Meuterei angezettelt; eines Nachts werden die Lehrer gebunden, der Herr Direktor wird noch besonders verhauen, die Jungen nehmen die Schulkasse und andres mit, überfallen einen Eisenbahnzug, knebeln den Lokomotivführer, dampfen auf eigne Faust bis zur letzten Station, von der aus es direkt in den Busch geht, und hier nun werden die Kinder durch Little Pet zu regelrechten Buschräubern erzogen, die sich durch die hinterlistigsten Gaunerstreiche und durch die blutigsten Metzeleien unsterblichen Ruhm erwerben.
Mag dieses Beispiel genügen, um zu zeigen, was die amerikanische Jugend liebt. - -
Bei der Schautruppe auf Longisland war nun auch ein halbwüchsiger Junge, der wie ein Gott ritt und mit jedem Schusse vom galoppierenden Pferde herab eine tönerne Taube aus der Luft herabholte, und wenn er auch nur mit Schrot schoß - die Hauptsache war doch, daß er traf, und auch sonst machte er seine Sache ganz gut.
»Das ist der echte Little Pet, das ist derjenige, welcher!«
So behauptete der Direktor, so verkündeten alle Zeitungsannoncen und Straßenplakate.
Daran konnte natürlich kein Gedanke sein. Die Serie ›Little Pet‹ lief schon seit etwa sechs Jahren, es war bereits das 300. Heft erschienen, und der kleine Held durfte nicht älter als höchstens 14 Jahre werden; das war doch überhaupt nur die Phantasiegestalt eines Jugendschriftstellers, und nun bedenke man, was dieser kleine Räuber schon alles auf dem Kerbholze hatte ... na, es bedarf wohl keiner Worte mehr, um zu glauben, daß dies nicht der ›echte‹ Little Pet war. Ebenso war unter den ›echten‹ Bushrangers wohl kein einziger, der schon einen regelrechten Mord auf dem Gewissen hatte, sonst wäre ihm auf Longisland die Polizei wohl schnell genug auf den Pelz gerückt.
›Echt‹ war dieser Little Pet nur insofern, als der hübsche, verwegene Junge ein Liebling der amerikanischen Damenwelt war, die ja ganz besonders für alles Außergewöhnliche schwärmt, und Little Pet würde wohl nicht lange mehr Tontauben treffen können, er bekam ganz bedenklich den Tatterich und würde wohl demnächst an der Schwindsucht sterben.
Wie dem auch sei - die hoffnungsvollen New-Yorker Kinder mausten dem Vater das Geld aus der Tasche, um den echten Little Pet sehen zu können, ihr Ideal, dem sie nacheifern wollten, und die Eltern gingen auch mit.
Im übrigen sollten die Vorstellungen wirklich ein anschauliches Bild von dem australischen Buschleben geben. Nobody war schon mehrmals in Australien gewesen, aber nur in den größern Hafenstädten: in das wilde und menschenleere Innere war er noch nicht gekommen, und so war schon in Chicago sein Entschluß gefaßt gewesen, gleich nach seiner Rückkehr nach New-York einer australischen Känguruhjagd auf Longisland beizuwohnen.
Ehe er sich auf den Weg machte, hatte er also noch eine halbe Stunde Zeit. Aber es sollte ihm nicht vergönnt sein, diese in Ruhe zu verbringen.
Er hatte kaum die Zigarre angebrannt und die Zeitung zurechtgelegt, als drüben die Telephonklingel schrillte, und gleich darauf meldete sich sein eignes Telephon. Das konnte nur die Redaktion von ›Worlds Magazine‹ sein. Dort hatte jemand nach dem Detektiv Nobody gefragt, da mußte erst dieses Zentralbureau antelephoniert werden, und da sich Nobody hier befand, setzte ihn der Direktor gleich in direkte Verbindung.
Nobody trat an das Telephon.
»Wer ist dort?«
Es war Mr. World selbst.
»Hier ist Mr. H. A. C. R. Kell. Kennen Sie den?«
»Nee.«
»Was? Sie kennen die Firma H. A. C. R. Kell nicht?«
»Zum Deiwel, neeee!«
»Die Limonadenfabrik an der Ecke vom Cornwallgarden!«
»Ist mir gänzlich unbekannt.«
»Aber die kennt doch jedes Kind!« erklang jetzt Mr. Worlds Stimme in bedauerndem Tone aus dem Telephon.
»Mr. World, wollen Sie mich eigentlich veralbern?!«
»Ich? Bewahre! Wie kommen Sie denn auf diesen Verdacht?«
»Himmelbombenelement!!« fing Nobody jetzt zu fluchen an. »Nun frage ich Sie zum letzten Male: was wollen Sie eigentlich von mir?«
»Der Mr. H. A. C. R. Kell ist hier und möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.«
»In was für einer dringenden Angelegenheit?«
»Seine Tochter hat heute Hochzeit.«
»Ich gratuliere! Weiter nischt?«
»Ja, aber der Bräutigam ist nicht zur Hochzeit gekommen.«
»Das ist sehr bedauerlich,« meinte Nobody und mußte sich auf die Lippen beißen, denn das Telephon hatte das gar so drollig herausgebracht.
»Wo ist denn der Bräutigam?«
»Der ist eben verschwunden.«
»Und nun soll ich ihn wohl wieder zur Stelle schaffen, daß die Hochzeit noch stattfinden kann?«
»Jedenfalls! Der Mr. Kell will nicht recht mit der Sprache herausrücken. Er sagt nur immer, er wäre ein tiefgebeugter Vater, und weinen tut er egal, daß hier schon die ganze Stube schwimmt. Wirklich, Nobody, tun Sie ihm den Gefallen, und gewähren Sie ihm eine Unterredung! Bei dem alten Herrn ist etwas nicht in Ordnung, da muß wirklich irgend ein Geheimnis dabeisein ...«
»Schon gut! Schon gut! Sagen Sie ihm, er soll nach Hotel Ritchie kommen und nach Mr. Dickens fragen, jetzt sofort!«
»Ich notiere: Hotel Ritchie, Mr. Dickens, jetzt sofort!«
»Richtig, Schluß!«
»Nobody, Nobody,« erklang es noch einmal, ehe dieser ausschalten konnte.
»Was gibt es noch?«
»Haben Sie es schon gehört?«
»Nein, was denn?«
»Es steht doch in allen Zeitungen. Professor Humback hat ein riesiges Fernrohr konstruiert, mit dem hat er auf dem Planeten Mars elektrische Feuersignale entdeckt, die Marsbewohner wollen mit uns telegraphieren, es ist Tatsache, da müßten Sie doch gleich einmal ...«
»Schluß! Schluß, sage ich, oder ich schieße Sie tot!!! - Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, gefährlich ist der Skorpion, jedoch das Schrecklichste der Schrecken ist Mister World am Telephon,« zitierte Nobody mit Variation, als er die Kurbel drehte.
Er hatte schon so manchen außergewöhnlichen Fall erlebt, aber daß am Hochzeitsmorgen der Bräutigam fehlte, und daß er den Auftrag erhielt, ihn schnell noch herbeizuschaffen, das war doch wieder etwas ganz Neues; diesen Fall wollte er sich einmal näher vorlegen lassen. Er hatte ja auch noch eine gute halbe Stunde Zeit, und dann brauchte er den Auftrag ja gar nicht anzunehmen, was er wohl auch schwerlich tun würde.
Also er begab sich nach Hotel Ritchie, in derselben Maske, die er jetzt angenommen, verlangte als Mr. Dickens ein Zimmer, ein Herr würde ihn zu sprechen begehren, und bald stellte sich Mr. Kell ein, ein alter, würdiger Herr, der denn auch wirklich tiefgebeugt und unsäglich vergrämt aussah.
»Ich bin der Privatdetektiv Nobody. Vertrauen Sie sich mir an!«
Der alte Herr fing gleich zu weinen an.
»Ach, meine arme Tochter - ich wage es ihr gar nicht zu sagen - und ich kann es auch gar nicht glauben, daß Parcy wirklich ein so schlechter Mensch ist - er muß plötzlich von Sinnen geworden - sonst hätte er nicht so mein Vertrauen täuschen können ...«
Es dauerte einige Zeit, ehe Nobody den alten Mann zu einem offnen Geständnis brachte. Er mußte versichern, daß er den Fall durchaus geheimhalten würde. Es war etwas an dem Gebaren des alten Mannes, das sofort Nobodys Mitleid erregte, und er war von vornherein entschlossen, jenem seine Hilfe nach besten Kräften zuteil werden zu lassen.
Wir wollen die Erzählung in zwei Abschnitte gliedern, wie es auch Mr. Kell tat; erst ein allgemeiner Ueberblick, dann die Einzelheiten, wodurch der vorliegende Fall immer geheimnisvoller wurde.
Es war jetzt neun Jahre her, daß der Limonadenfabrikant, als er eines Tages ins Geschäft kam, seine Brieftasche vermißte. Er hatte soeben vom Bankier 3000 Dollar erhoben, hatte sie in das Portefeuille gesteckt, dieses in die Brusttasche, hatte sich unterwegs eine Zeitung gekauft, sie ebenfalls in dieselbe Brusttasche gesteckt, hatte sie noch einmal hervorgeholt, und dabei mußte er die Brieftasche herausgerissen haben.
Sein Schreck war ein furchtbarer. Die Firma stand damals noch nicht so wie heute da. Mr. Kell hatte kurz vorher durch eine unglückliche Spekulation sein ganzes Vermögen verloren, hatte mit dieser Limonadenfabrik soeben erst wieder ganz klein begonnen, fast nur mit Kredit, diese 3000 Dollar waren heute zu bezahlen - - kurz und gut, Mr. Kell war ruiniert, und diesmal für immer, er hatte mit der Brieftasche sogar seine Ehre verloren. Denn welcher Gläubiger glaubte ihm denn, daß er die 3000 Dollar verloren habe! Das wäre nichts andres als ein betrügerischer Bankrott gewesen.
In der Brieftasche waren Visitenkarten mit der Adresse des Eigentümers gewesen, der Verlust wurde natürlich sofort der Polizei angezeigt - aber um hoffen zu können, daß in New-York eine gefundene Brieftasche mit 3000 Dollar abgeliefert wird, dazu gehört eine große Portion Vertrauensseligkeit, da muß man schon an Wunder glauben.
Nun, der verzweifelte Mann setzte seine Hoffnung auf ein Wunder - Mr. Kell gestand jetzt ganz offen, daß er damals in seinem kleinen Bureau auf den Knien gelegen und den lieben Gott gebeten habe, seine Allmacht in New-York doch einmal dadurch zu beweisen, daß die Brieftasche von dem Finder wieder abgeliefert werde.
Und das Gebet sollte erhört werden!
Eine Stunde lang mochte Mr. Kell auf den Knien gelegen haben, als der Kommis ihn in seinem Gebet störte. Ein Junge wolle Mr. Kell sprechen.
»Ich wußte es, wußte es ganz bestimmt, daß der gnädige Gott mein Flehen erhört hatte,« sagte der alte, fromme Herr, und dann mußte er erst wieder weinen, ehe er fortfahren konnte.
Es war ein kleines, schmächtiges Bürschchen, sonnenverbrannt, bäurisch gekleidet, sogar etwas zerlumpt, die Schuhe defekt.
»Sind Sie auch wirklich Mr. H. A. C. R. Kell?« fragte er erst vorsichtig, seine Jacke über einen Gegenstand haltend.
Der zitternde Herr wußte den Frager davon zu überzeugen.
»Dann ist das wohl Ihre Brieftasche? Wieviel hatten Sie drin? 3000 Dollar? Ja, das stimmt! Und was sonst noch? Ja, stimmt! Hier haben Sie sie wieder. Ich habe sie in einem dunklen Durchgang gefunden.«
Na, damals weinte Mr. Kell Freudentränen, er hätte am liebsten den Jungen hergenommen und wäre mit ihm im Zimmer umhergetanzt.
»Deine Belohnung ist dir sicher. Wer bist du? Kann ich sonst etwas für dich tun?«
»Ich heiße Parcy Mitchall, bin aus dem Staate Illinois. Meine Eltern waren Tagelöhner. Sind beide tot. Ich habe bisher Schweine gehütet. Bin zu Fuß nach New-York gelaufen, habe schon so viel davon gehört - ich möchte auch so ein reicher Herr mit einem Zylinder werden. Können Sie mich nicht in Ihrem Geschäft anstellen? Ich bin zu jeder Arbeit willig.«
Der Retter der Firma brauchte nicht erst als Laufjunge anzufangen. Lesen und schreiben konnte er, wenn auch nicht anders, als man es von einem Bauernjungen verlangen kann - Mr. Kell nahm ihn in die Schule, betrachtete ihn überhaupt gleich als seinen Sohn, den er für das Geschäft anlernte - und mit dem kleinen Parcy Mitchall war in der Limonadenfabrik das Glück eingekehrt!
Doch nein, es war kein Glück! Intelligenz und Tatkraft waren es, welche die kleine Fabrik schnell zu so hoher Blüte emporbrachten! Aber der ehemalige Bauernbursche war es, von dem das alles ausging.
Der alte Geschäftsmann, in eine schöne Erinnerung versunken, verweilte bei diesem Punkte etwas länger.
Weshalb soll ein Bauernjunge nicht einmal eine geniale Idee haben? Und solch eine Idee, irgend eine Kleinigkeit ist es doch oftmals nur, welche für ein Geschäft zur Goldquelle wird.
Parcy war erst ein halbes Jahr im Bureau tätig. Das Lesen von Zeitungsannoncen hatte ihn daraufgebracht. Gerade in Amerika ist die Bleichsucht sehr weit verbreitet, und das junge Mädchen, welches nicht wirklich bleichsüchtig ist, glaubt es zu sein und probiert alle die Mittel, welche in allen Zeitungen in zahllosen Reklamen angekündigt werden. Der Hauptbestandteil ist immer Eisen.
»Mr. Kell, wie wäre es denn mit einer Eisenlimonade?«
Das war eine Idee, auf die jeder andre Mensch hätte kommen können. Aber es war eben noch niemand darauf gekommen.
Die Sache wurde gemacht und ... in kurzer Zeit beschäftigte die Limonadenfabrik statt der ersten vier Arbeiter deren vierhundert! Noch heute ist Kells Eisenlimonade auf dem amerikanischen Kontinent in jedem Hotel, in jeder Restauration und in jeder Trinkbude zu haben.
Wir brauchen uns wohl nicht dabei aufzuhalten, was für eine Stellung da der arme Bauernbursche in dem Geschäft einnahm. Wir wollen nur sagen, daß Mr. Kell, der ein ganz vorzüglicher Mensch war, ihn wirklich als seinen Sohn betrachtete. Parcy wohnte also in dem Hause seines Pflegevaters, und er rechtfertigte das Vertrauen, indem er auch sonst das Muster eines Knaben und dann eines Jünglings und Mannes gewesen war. Solid, fleißig, gewissenhaft, bescheiden - ganz im Geschäft aufgehend und seine Freizeit bis in die späten Nachtstunden dazu benutzend, um seine mangelhafte Schulbildung zu ergänzen, und da er immer mehr einsah, was alles dazu gehört, um als Mitglied einer gebildeten Familie gelten zu können, sich auch um Kunst und andre Dinge kümmernd, welche sonst nicht zum Erwerbsleben nötig sind.
Mr. Kell hatte nur ein Kind, eine Tochter. Carryl war vier Jahre jünger als Parcy. Sie wuchsen wie Geschwister auf, aber bei den Eltern war es ganz selbstverständlich, daß die beiden ein Paar werden mußten. So geschah es denn auch, es hatte ja gar nicht anders kommen können.
Die beiden liebten sich. Sie gestanden es den Eltern. Ein halbes Jahr waren sie öffentlich verlobt gewesen und hatten in glücklichen Zukunftsplänen geschwelgt. Und heute sollte die Hochzeit sein ...
Der alte Herr konnte vor Tränen nicht weitersprechen.
»Nun, und? Warum findet sie nicht statt?«
»Diese Schande - diese Schande!« jammerte der alte Mann händeringend. »Und als ichs entdeckte - ich wollte es ja nicht glauben - die Hochzeitsgäste sind noch alle in meinem Hause versammelt ...«
»Parcy ist nicht da?«
»Verschwunden - verschwunden ...«
»Er wohnte auch noch zuletzt in Ihrem Hause?«
»Ja - und er ist diese Nacht nicht nach Hause gekommen - sein Bett war heute früh unberührt ...«
»Das ist ja allerdings höchst bedauerlich, aber dem jungen Manne wird gestern abend etwas zugestoßen sein.«
»Nein, er ist dennoch in der Nacht in meinem Hause gewesen und ... und ...«
»Und was? Sprechen Sie sich doch offen aus, meine Zusicherung der Verschwiegenheit haben Sie ja!«
»Er hat mich bestohlen - beraubt - wie ein Einbrecher hat er meine Wohnung ausgeplündert!!« brach es jetzt jammernd hervor.
Nobody hatte gar keinen Grund, diese Sache nicht ganz kaltblütig aufzufassen, und außerdem dachte er recht lebhaft an einen ähnlichen Fall, an den des Erasmus Sörensen; da war der Verdacht des Diebstahls auch auf einen gänzlich Unschuldigen gefallen, weil dieser das Haus zufällig in der Nacht verlassen hatte.
»Bitte, erzählen Sie mir ausführlicher!«
So ganz sachgemäß konnte der Alte nicht berichten, dessen war er jetzt nicht fähig. Zuerst hatte er gesagt, Parcy wäre in der Nacht nicht nach Hause gekommen. Das war aber der Fall gewesen - Kell hatte gemeint, er habe nur nicht im Hause geschlafen, well das Bett unberührt geblieben.
Gestern abend war Parcy noch einmal ausgegangen. Man hatte gar nichts davon gemerkt. Er hatte schon Gutenacht gesagt, vielleicht gegen zehn Uhr. Im Hause war ein Portier angestellt, welcher zwar nicht zu wachen brauchte, der aber doch merkte, daß der junge Herr nachts gegen drei Uhr nach Hause kam. Er benutzte den Hausschlüssel.
»Davon wußte ich heute früh noch nichts. Ahnungslos kamen wir um sieben zum Frühstück zusammen, meine Frau, meine Tochter und ich. Wir wunderten uns nur, daß der sonst so pünktliche Parcy noch nicht unten war, gerade heute nicht. Alles, was die Hochzeit anbetrifft, wird ja von fremden Händen vorbereitet, wir brauchen uns gar nicht darum zu kümmern, aber immerhin, die Aufregung an solch einem Tage ist doch groß. Wo nur Parcy bleibt? Nun, wir wollten ihn noch schlafen lassen. Ich muß bemerken, daß ich wegen des Hochzeitstages die Fabrik nicht geschlossen habe. Da wird mir Mr. Drake gemeldet, das ist mein alter Kassierer. Mit schreckensbleichem Gesicht stand er vor mir. - ›Mr. Kell, im Hauptbureau ist diese Nacht eingebrochen worden, der Geldschrank ist ausgeplündert!!‹ - So rief Drake. Meinen Schreck können Sie sich denken. Im Hauptbureau ist immer eine große Kasse. Und das war es nicht allein. Ich habe gestern 50.000 Dollar hereinbekommen, aus Privathand, hatte sie mit nach Hause genommen und wollte sie heute früh dem Geschäft übergeben. Ich hatte sie einstweilen in meinen Sekretär geschlossen. Als mir nun Drake den Einbruch meldete ... ich weiß nicht, ich war vor Schreck ganz von Sinnen ... ich wußte im ersten Augenblick wirklich nicht mehr, ob ich dieses Geld schon eingezahlt hatte oder ob es noch im Sekretär war ... ich springe also schnell nach dem Schrank, will ihn aufschließen, merke gleich, daß ich den Schlüssel nicht umdrehen kann, daß die Klappe also schon aufgeschlossen ist ... in diesem Moment höre ich meine Frau rufen: ›Mein Schreibtisch ist erbrochen worden!!‹ ...«
Der Erzähler machte eine Pause; mit gerungenen Händen blickte er stier vor sich hin, von der Erinnerung an den ersten Schreck überwältigt.
»Nun? War das Geld noch in Ihrem Sekretär?«
»Fort, alles fort!« flüsterte der alte Mann. »Und ich hatte die 50.000 Dollar noch drin gehabt und noch mehr - zusammen über 60.000 Dollar - meine Privatkasse - alles fort ...«
»Und der Schreibtisch Ihrer Gattin?«
»Ebenfalls mit Gewalt erbrochen - alles daraus entwendet - wir hatten ja wegen der Hochzeit viel Geld im Hause - meine Frau hatte in ihrem Schreibtisch etwa tausend Dollar in bar gehabt.«
»Der Sekretär und der Schreibtisch waren mit Gewalt erbrochen worden?«
»Das Schloß meines Sekretärs war wohl mit einem Dietrich geöffnet worden, die Spuren waren deutlich zu sehen - aber das Schloß des Schreibtisches war mit Gewalt herausgerissen worden.«
»Und Mr. Parcy Mitchall?«
»Ich hatte ja noch keine Ahnung. Mir war der nächtliche Einbruch in meine Wohnung völlig unerklärlich. Ich mußte es gleich Parcy mitteilen. Er hatte im ersten Stock drei Zimmer inne. Ich ging hinauf! Parey war nicht da - sein Bett unberührt ...«
Nobody gestattete dem alten Herrn die längern Pausen, die er immer machte. Seine Erschütterung mußte noch eine furchtbare sein.
»Da lenkte sich Ihr Verdacht auf den jungen Mann?«
»Ja - nein - ich wollte das Entsetzliche noch immer nicht glauben. Es war ja rein unmöglich. Da kam der Portier und sagte mir, daß der junge Herr heute nacht erst um drei nach Hause gekommen sei ...«
»Betrunken?«
»Parcy war Abstinenzler.«
»Deshalb könnte er doch einmal betrunken gewesen sein.«
»Nein, er war es nicht. Der Portier wenigstens hat nichts davon bemerkt.«
»Und jetzt brachten Sie auch den Einbruch in das Bureau mit Parcy zusammen?«
»Ja, wer soll es denn anders gewesen sein? Außer mir besitzt nur noch Parcy die Hauptschlüssel zu sämtlichen Räumen und Fächern. Und dann der Kassierer. Aber dem alten Drake ist so etwas nicht zuzutrauen, und außerdem doch auch zugleich der Einbruch in meine Wohnung ...«
»Ich verstehe schon. Also der Geldschrank im Bureau war mit dem Schlüssel geöffnet worden?«
»Mit den Schlüsseln.«
»Wieviel ist denn daraus entwendet worden?«
»Zum Glück waren nur 14.000 Dollar darin. Doch was spreche ich da von Glück, wenn der eigne Schwiegersohn ...«
Nobody ließ den Alten weinen und machte auch in seinen Fragen eine Pause. Daß hier etwas ganz Besonderes vorlag, war ja klar. Nobody mußte nur noch das Rätselhafte herausschälen, ehe er sich ein klares Bild machen konnte.
»Bitte, Mr. Kell, was ist nun Ihr eignes Urteil über die ganze Sache? Wie hat der junge Mann den doppelten Einbruch ausgeführt?«
Der alte Herr raffte sich aus seiner Verzweiflung empor.
»Gestern abend, nachdem wir uns schon Gutenacht gesagt hatten, ist Parcy noch einmal ausgegangen, zum ersten Male hat er es getan ...«
»Wie?« mußte der Detektiv gleich wieder unterbrechen. »Sie wollen hiermit doch nicht etwa behaupten, daß der junge Mann während der neun Jahre niemals des Abends ausgegangen ist?«
»Nie! Nie!!« versicherte Mr. Kell. »Und Parcy hat vom ersten Tage an bei mir gewohnt, hat niemals Geschäftsreisen gemacht. Ich sage Ihnen, er war der solideste Mensch, der mir jemals im Leben begegnet ist. Des Abends war er unablässig für seine geistige Ausbildung tätig. Er trieb auf seinem Zimmer alle mögliche Studien. Wohl ging er einmal aus, aber doch nur mit uns, ins Theater, ins Konzert, in eine Gesellschaft, aber nie, niemals allein. Gestern abend war es das erstemal. Heimlich entfernte er sich. Und da ist ihm etwas in den Kopf gestiegen, er hat einen plötzlichen Anfall von Wahnsinn gehabt - und da hat er erst mein Bureau und dann meine Wohnung ausgeplündert.«
»Aber ich bitte Sie ...« konnte Nobody nur sagen, und Mr. Kell verstand dann auch sofort, was jener meinte.
»Nicht wahr? Sie möchten lieber mich für wahnsinnig halten als den jungen Mann? Und doch ist es so! Und eben deswegen komme ich zu Ihnen; denn ich habe schon so viel von Ihrem vorurteilsfreien Scharfsinn gehört. Wollen Sie doch nur eins bedenken: Parcy hat mein völliges Vertrauen besessen, er war mein Kompagnon. Auch er hatte ein Scheckbuch, und seine Unterschrift war gültig. Und die Firma H. A. C. R. Kell steht glänzend da. Es hätte ihn nur einen Federzug gekostet, und er hätte auf der New-Yorker Kreditbank eine halbe Million Dollar abheben können - zu jeder Zeit - zu jeder! - also auch gestern - kein Mensch hätte Argwohn geschöpft ...«
»Und er hat keinen Scheck ausgeschrieben?« fiel Nobody dem Sprecher mit Spannung ins Wort.
»Er hat es nicht getan. Ein innerer Drang hat ihn dazu getrieben, seine Maske plötzlich fallen zu lassen und sich in seiner wahren Gestalt zu zeigen - als ein professioneller Einbrecher, der die Wertpapiere, die ihn verraten können, liegen läßt und nur nach dem baren Gelde greift.«
Da plötzlich stand Nobody schnell auf.
»Mr. Kell,« rief er, »Sie verheimlichen mir etwas! Sie sagen mir nicht alles, was Sie über diesen jungen Mann wissen!!«
Schon dem Gesicht des alten Herrn war anzusehen, daß Nobody die Wahrheit getroffen hatte, und nach einer Weile begann Mr. Kell zu erzählen.
»Ja, er war mir von jeher ein Rätsel gewesen. Es war etwas Unnatürliches an ihm. Nicht etwa, daß ich irgend einen Verdacht geschöpft hätte. Durchaus nicht! Sein Gesicht war ein so unschuldiges, sein Auge blickte so treuherzig - das konnte unmöglich lügen. Und er hatte mir doch auch die gefundene Geldtasche gebracht. Und trotzdem! Doch ich will lieber einige Beispiele erzählen, dann werden Sie eher verstehn, was mich manchmal so stutzig machte.
Er wollte also ein Waisenknabe sein, der im Staate Illinois noch als Schulkind Schweine gehütet hatte - nicht auf einer Farm, sondern in einer sogenannten Fettfabrik, Sie wissen, eine Brauerei oder Brennerei, welche zur Verwertung des Abfalls nebenbei Schweine mästet, die aber auch täglich ausgetrieben werden müssen. Als er aus der Schule entlassen wurde, hatte er sich nach New-York gewendet.
Ich hatte nicht den geringsten Grund, diese Angaben zu bezweifeln, und in Amerika fragt man doch nicht nach Papieren. Und der ehrliche Junge war mein Retter. Ich habe auch später niemals Erkundigungen eingezogen.
Parcy war ein halbes Jahr bei mir, als ich mir in meinem Garten einen Pistolenstand bauen ließ. Eines Tages forderte ich Parcy auf, auch einmal nach der Scheibe zu schießen. Vergebens, der Junge war durchaus nicht dazu zu bewegen, die Pistole auch nur in die Hand zu nehmen. Er fürchtete sich einfach.
Mit dieser Aengstlichkeit stand auch sein sonstiges Wesen und sein ganzes Aussehen im Einklang. Für 14 Jahre war er ein kleiner, schmächtiger Junge; mit der Stadtkleidung verschwand das Bäurische vollkommen, da machte er sogar einen schwächlichen Eindruck. Außerdem nun noch so still, so bescheiden, so fleißig ... kurz, ein echter, rechter Junge war er eigentlich gar nicht.
Nun, zum Schweinehüten gehört ja auch keine besondere Courage, und daß in dem Jungen etwas Besonderes, etwas Feineres steckte, hatte er ja eben dadurch bewiesen, daß er nach New-York gepilgert war, um Kaufmann zu werden.
Da aber sollte ich etwas erleben, was alle meine Urteile über den Haufen warf.
Seit jenem Tage, da ich Parcy wegen seiner Furchtsamkeit vor einer Pistole ausgelacht hatte, waren zwei Wochen vergangen. In meiner Fabrik drohte ein Streik auszubrechen. Eines Morgens, als ich mich ganz allein im Bureau befinde, dringen vier betrunkene Arbeiter herein, stellen unverschämte Forderungen, und ehe ich noch um Hilfe rufen kann, bin ich schon zu Boden geworfen. Der eine Kerl kniete auf mir, der zweite hatte den Stiefel auf meine Kehle gesetzt, die beiden andern wollten das Bureau plündern. Ich gab mich für verloren, da plötzlich sah ich in dem Zimmer eine fünfte Person, den kleinen Parcy, und ... was eigentlich passierte, wie alles kam, ich weiß es nicht. Es ging wie der Blitz. Und es war furchtbar! Den einen meiner beiden Gegner sah ich plötzlich mit zerschmetterter Kinnlade zusammenbrechen, der andre erhielt einen Fausthieb hinters Ohr, daß er wie ein Ochse niederstürzte - da lag auch schon der dritte da - der vierte riß einen Revolver hervor und schlug ihn auf den Knaben an - ein Knall, ein Feuerstrom - da aber hatte Parcy den Mann schon unterlaufen und die Waffe in die Höhe geschlagen gehabt, ihm mit einem einzigen Griff den Revolver aus der Hand gewunden - und da lag der starke Mann mit einem Schädelbruch, erzeugt von dem Kolben seiner eignen Pistole, die sich aber jetzt in des Knaben Hand befand.
Doch ich kann es gar nicht erzählen. Alles hatte sich in einem Moment abgespielt. Ich war schon aufgestanden, und ich glaubte noch immer zu träumen. Da lagen die vier Männer, blutüberströmt, bezwungen von einem zarten Knaben, und dort stand dieser selbst. Aber das war nicht mehr der stille Parcy mit dem unschuldigen Kindergesicht - sondern ich sah ein in wildem Triumphe gerötetes Antlitz, und ich hörte ein wildes, höhnisches, verächtliches Lachen ... und im nächsten Augenblick war er wieder der dienstbeflissene Knabe, der mir die Kleider ausklopfte.«
Der Erzähler machte eine Pause.
»Forderten Sie denn Erklärungen von ihm?« fragte Nobody.
»Nein! Was für Erklärungen? Ich konnte nur staunen. Parcy war eben schon als Kind ein in jeder Weise ausgezeichneter Mensch. Uebrigens hatte ich schon vorher, so beim Heben von schweren Gegenständen, wiederholt Proben bekommen, daß der Junge trotz seiner schmächtigen Gestalt eine ganz außerordentliche Kraft besaß. Dann später hatte ich einmal Gelegenheit, ihn unbekleidet zu sehen, und da allerdings war ich grenzenlos erstaunt, was für eine fabelhaft entwickelte Muskulatur dieser schmächtige, fast zierlich gebaute Knabe besaß. Doch es gibt solche Gestalten, in denen man sich so täuschen kann.
Nein, dies war es noch nicht, was mein eigentliches Mißtrauen erweckt hätte, daß mein Schützling mir etwas aus seinem Vorleben verschwieg. Wenn ich mir alles recht überlegte, so paßte auch dieses plötzliche, energische Vorgehn, wie er mir zu Hilfe kam, ganz zu seinem sonstigen Charakter. Denn während er sonst immer still und bescheiden war, selbst denen gegenüber, über welche ich ihn gesetzt hatte, so konnte er doch auch, wenn es sein mußte, höchst energisch auftreten. Schon als vierzehnjähriger Junge! Aber nicht etwa, daß er dabei heftig wurde oder gar fluchte - nein, immer freundlich, und dabei doch in einer Weise, die keinen Widerspruch duldete und jeden zu besiegen wußte. Auch darin war er ein Muster, eine Art von Wunderkind.
Etwas andres war es, das in mir einen Argwohn aufsteigen ließ. Mir kam es manchmal vor, als ob der Junge damals, als er zu mir kam, nicht erst vierzehn Jahre alt gewesen sein könne. Er war ja klein, er war ... kurz und gut, ich wurde das Gefühl nicht los, daß Parcy mir sein wahres Alter verheimlichte, daß er in Wirklichkeit zwei bis vier Jahre älter sein müsse. Dazu kam auch noch, daß ihm in seinem sechzehnten Jahre plötzlich ein blonder Schnurrbart wuchs, der sehr schnell in einen recht stattlichen Vollbart überging. Und ich weiß, daß er diesen so frühzeitigen Bartwuchs lange Zeit zu verheimlichen suchte.
»Nun aber die Hauptsache - ein Geheimnis, für welches es keine natürliche Erklärung gibt. Ich reite gern. Als ich es mir leisten konnte, hielt ich mir wieder Pferde. Parcy konnte nicht reiten; lachend erklärte er, er habe die Säue nur zu Fuß gehütet. Irgend ein Vergnügen und eine Erholung mußte der Junge doch haben, ich forderte ihn auf, reiten zu lernen. Er wollte nicht, habe keine Freude daran. Schließlich, als ich ihn drängte, wollte er es doch probieren. Er benahm sich schrecklich ungeschickt dabei - er, der schon viele Proben einer ungemeinen Körpergewandtheit gegeben hatte. Er kam nicht in den Sattel, fiel herunter, klammerte sich um den Hals des Pferdes, und da half kein Zureden und keine Anweisung - er benahm sich in einer geradezu lächerlich ängstlichen Weise. Dann tat er einen schweren Sturz, wäre bald getreten worden, und da wurden die Versuche aufgegeben. Er hatte genug, ich auch. In dieser Hinsicht habe ich niemals solch einen ungeschickten Menschen gesehen.
Es ist drei Jahre her. Parcy war also zwanzig Jahre alt. Ich fahre mit Frau und Tochter und ihm in unsrer Equipage spazieren. Der Kutscher verliert die Zügel, die Pferde gehn durch. Wir sind in einer Gegend, wo an ein Herausspringen nicht zu denken ist. Irgend eine Katastrophe war unvermeidlich. Da steht Parcy auf, springt auf den Sitz, auf den Bock, voltigiert auf ein Pferd, hat es im Nu in seiner Gewalt, hat ebenso schnell das andre gebändigt und ... wir waren gerettet!«
Der Erzähler schwieg, die Erklärung dem andern überlassend.
»Der Junge hatte wohl nicht Schweine, sondern Kühe und Pferde gehütet - er war ein Cowboy gewesen oder doch zwischen Cowboys aufgewachsen.«
»Das war jetzt auch meine Ansicht,« entgegnete Mr. Kell. »Warum er mir das verheimlichte? Dazu hatte er allerdings einen Grund. Sie kennen doch die amerikanischen Cowboys. Wohl werden sie in einer gewissen Literatur verherrlicht, sie sind die Lieblinge unsrer Jugend, wohl bewundern auch wir Erwachsene sie als Reiter und Kunstschützen in jenen Vorstellungen, die jetzt immer mehr Mode werden, sonst aber sind doch die Pferdebändiger der Prärie maßlos verachtet, und wir wissen ganz genau, was für rohe, verdorbene, von allen Lastern geplagte Menschen sie in Wirklichkeit sind.
Parcy ist also ursprünglich ein Cowboy gewesen. Der intelligente Junge mag sich wirklich nicht wohlgefühlt haben bei dem wüsten Treiben, es steckt doch überhaupt etwas Besonderes in ihm, er wußte, wie verächtlich wir über die Cowboys urteilen - und so hat er sich eben bei seiner Ankunft in New-York für einen harmlosen Farmerjungen ausgegeben, der höchstens Kleinvieh hütete, und hat seinen ehemaligen Beruf immer zu verleugnen gewußt.
Konnte ich ihm dies verübeln? Nein! Er hatte bisher immer seine Pflicht getan, sich als der bravste Mensch betragen, und das gibt den Ausschlag. So forderte ich auch keine Erklärung von ihm, wie er plötzlich ein so gewandter Reiter und Pferdebändiger werden könne. Parcy selbst meinte gleichgültig, das sei noch lange kein Reiten gewesen, und meine Frau und Tochter glaubten ihm.
Genug! Er war zum zweiten, wenn nicht zum dritten Male mein, unser aller Lebensretter geworden. Vor einem halben Jahre feierte Carryl ihre Verlobung mit ihm. Die beiden waren glücklich. Heute hat die Hochzeit sein sollen. Nicht die geringste Ahnung war vorhanden, daß etwas dazwischenkommen könne.
Sie wissen wohl, daß seit einigen Tagen auf Longisland eine Schautruppe gastiert, die das australische Leben im Busch zeigt. Es ist geradezu eine Pflicht für jeden New-Yorker, einmal dortgewesen zu sein; wir hatten uns schon mit einer befreundeten Familie verabredet, gestern früh gingen auch wir hin, Parcy mit ...«
»Verzeihung, ich muß Sie unterbrechen! Wußte Parcy, daß Sie diese Vorstellung besuchen würden, und sträubte er sich nicht, mitzugehn?«
»Allerdings! Nicht, daß er sich sträubte - aber er wollte eine sehr notwendige Arbeit vorschützen. Carryl jedoch bat ihn so herzinnig, daß ihm gar nichts andres übrigblieb, als uns zu begleiten. Ich selbst - ich muß es gestehn - war gespannt darauf, was für einen Eindruck es auf den ehemaligen Cowboy machen würde, wenn er wieder solch ein wildes Reiterleben sah, zwar nicht von Cowboys in der amerikanischen Prärie - aber schließlich mußte es doch ganz dasselbe sein. - Ach,« seufzte der alte Herr, »hätte ich doch nicht diese unglückselige Idee gefaßt! Es kam so, wie ich gedacht - als die Squatters mit ihren Lassos die wilden Rinder einfingen und die Rosse bändigten, als sie miteinander kämpften, da erwachte in dem ehemaligen Cowboy die Erinnerung mit Macht. Wohl versuchte er, sich zu beherrschen, die andern merkten nichts davon, ich aber, der ich um sein Geheimnis wußte, ich sah, wie sein Auge immer mehr leuchtete, wie sich seine Nasenflügel blähten; wie er sogar leise zu zittern begann. Ich amüsierte mich über ihn, nichts weiter. Sonst war ich ahnungslos, und ich blieb es ... bis heute früh.«
Der alte Mann verbarg sein Gesicht im Taschentuch.
Mit der größten Spannung hatte Nobody der Erzählung gelauscht. Ja, das war wieder einmal ein Fall, dem er sein ganzes Interesse entgegenbrachte, denn hier handelte es sich um ein menschliches Rätsel, welches es zu lösen galt, und er wußte, was jetzt in dem Herzen des alten Mannes vor sich ging. Mit tiefstem Mitleid blickte er auf den Weinenden.
»Weiß Ihre Familie schon davon?« fragte er leise.
»Meine Frau, ja,« erklang es schluchzend, »aber meine Tochter nicht. Um alles in der Welt darf Carryl nichts davon erfahren. Es wäre ihr Tod!«
»Wie haben Sie es ihr zu verheimlichen gewußt?«
»Daß bei mir und im Bureau eingebrochen ist, weiß sie. Nun glaubt sie, Parcy sei sofort nach der Polizei gelaufen, habe sich wohl selbst auf die Verfolgung des Einbrechers gemacht. Dasselbe glauben die Hochzeitsgäste. Und da es sich um ganz beträchtliche Summen handelt und man annimmt, daß der Bräutigam sich dicht auf den Fersen des Flüchtlings befindet, so ist ja sein Ausbleiben selbst am Hochzeitstage entschuldbar. Die Trauung muß eben verschoben werden, die Hochzeitsgäste werden sich schon hineinfinden.«
»Und wer weiß sonst noch darum?«
»Der Kassierer. Auch der Portier. Sie hatten eine Ahnung, und ich offenbarte ihnen alles, ehe ich zu Ihnen ging. Doch diesen beiden treuen Seelen kann ich vertrauen, die verraten nichts.«
»Ja, mein lieber Herr, was soll ich nun aber in dieser Sache tun? Dieser junge Mann ist offenbar, wenn ich nicht ganz und gar irre, schon früher auf einer verbrecherischen Bahn gewandelt, er ist nach einer Pause darauf zurückgekommen.«
»Ich weiß, ich weiß!« jammerte der Alte. »Zwischen einem Cowboy und einem raubenden Wegelagerer ist ja eigentlich gar kein Unterschied. Doch bin ich nicht selbst schuld, daß er in sein früheres Treiben zurückgefallen ist? Sie finden diesen meinen Vorwurf vielleicht lächerlich. Und doch, und doch! Er war neun Jahre lang der denkbar bravste Mensch, er wäre der zärtlichste Gatte und Vater geworden. Da muß ich ... da muß er ... nein, ich weiß ja gar nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Was, was er getan hat, ist auf jeden Fall verzeihlich! Das hat er getan, als er nicht bei klarem Verstande war, in einem Anfall von temporärem Wahnsinn!«
»Mr. Kell, Sie sind ein edler Mensch,« sagte Nobody, »und wenn Sie dem ... Durchbrenner verzeihen, dann hat ihn überhaupt kein andrer Mensch zu verurteilen. Die Sache ist nur die: wenn ich den Ausreißer dingfest mache und ihn zurückbringe, in aller Gemütlichkeit, und Sie empfangen ihn wieder mit aller Liebe - - wer garantiert Ihnen dafür, daß er seinen temporären Wahnsinn nicht zum zweiten Male bekommt? Ich nicht! Ein Sprichwort sagt: Einmal ist keinmal. Das ist aber ein fluchwürdiges Sprichwort, das man mit Feuer und Schwert ausrotten sollte. Gewöhnlich ist einmal ein für allemal.«
»Freilich, freilich!« weinte der Alte. »Und Parcy ist auch nicht der Mann, der seine Tat verziehen haben will. Verloren ist er jetzt wohl auf ewig für uns. Und doch ... die Hoffnung, daß noch alles wieder gut werden könnte ... ach, ich weiß ja gar nicht, wo mir der Kopf steht ... ich rannte ganz planlos gleich nach Worlds Bureau, um Sie zu Hilfe zu bitten ... und die Hauptsache ist mir, daß nur meine arme Tochter nichts davon erfährt ...«
»Wissen Sie was?« unterbrach ihn Nobody. »Erst will ich den jungen Mann einmal festnehmen und selbst sprechen, dann können wir noch immer überlegen, ob er wieder in Gnaden aufzunehmen ist oder nicht, und inzwischen mögen die andern glauben, er selbst sei auf der Verfolgung des Einbrechers begriffen. Lassen Sie mich das nur machen, das werde ich schon alles arrangieren.«
Mr. Kell sah das Vortreffliche dieses Vorschlages ein, und er traute der Kunst dieses Detektivs, von dem er schon so viel gehört hatte.
»Einen Abschiebsbrief hat er doch nicht etwa hinterlassen?«
»In der ersten Aufregung habe ich nichts gefunden ...«
»Ich bezweifle auch, daß er noch einen schreiben wird. Ich kenne solche gezähmte Räubernaturen schon etwas, die sind nicht fürs Briefschreiben eingenommen, so wenig wie für Schecks. Apropos - hat er denn außer dem baren Gelde sonst noch etwas mitgenommen? Irgendwelche Kostbarkeiten?«
»Nein, eben nicht, und das war es auch, was mich zuerst ganz verwirrt machte. In dem Schreibtisch meiner Frau hatte Carryls Brautschmuck gelegen, gleich neben dem baren Gelde, auch der kostbare Schmuck meiner Frau. Aber Juwelen und alles Geschmeide hat er nicht berührt.«
»Stimmt! Das Bild, das ich mir von dem jungen Manne mache, wird immer richtiger.«
»Aber in einem Falle hat er sich doch an Juwelen vergriffen. Ich hatte in meinem Schreibsekretär einen Revolver liegen, ein kostbares Schaustück, mit Gold plattiert, der Kolben mit einigen Edelsteinen besetzt - den hat er mitgehn heißen.«
»Das wundert mich nicht, das sieht einem Cowboy ganz ähnlich. Nun, Mr. Kell, nur noch eine Frage: Sie haben von dem jungen Manne doch gewiß eine Photographie ...«
»Ich habe sie sogar bei mir,« sagte Mr. Kell, zog aus der Brusttasche ein Lederetui, welches einige Photographien enthielt, nahm die eine heraus.
Das Brustbild zeigte einen jungen Mann mit edlen Zügen, die von einem ziemlich langen Vollbart umrahmt waren.
Nobody nahm das Bild, schien nur einen flüchtigen Blick daraufzuwerfen, und während er es einsteckte, stand er auf.
Er sagte zu Mr. Kell nur noch einige beruhigende Worte, er werde sein möglichstes tun, die Sache würde schon noch ein gutes Ende nehmen usw.
»Das Zimmer ist bereits bezahlt, bleiben Sie noch einige Minuten hier, während ich jetzt schon gehe. Sie werden bald wieder etwas von mir hören. Good bye.«
»Himmelbombenelement!!!«
Das sagte Nobody in einer Korridornische, in die er gleich nach dem Verlassen des Zimmers getreten war, um noch einmal die Photographie zu betrachten, und das konnte er jetzt im besten Lichte, ein Sonnenstrahl fiel gerade darauf.
Als er vorhin das Bild genommen und vor dem Einstecken nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte, da hatte Mr. Kell dem kaltblütigen Detektiv nichts davon angemerkt, daß dieser wie vom Donner gerührt gewesen war, und auch kein andrer Mensch hätte das gesehen.
Und doch war Nobody wie vom Donner gerührt gewesen!
Es ist bekannt, wie anders man aussieht, wenn man den bisher getragenen Vollbart abnimmt. Nobody aber hatte nur einen einzigen Blick gebraucht, um sofort zu erkennen, daß dieser junge Mann, wenn er den Vollbart abnahm, er selbst war, Nobody, und zwar mit jenen Gesichtszügen, die er ›Nummer eins‹ nannte.
»Himmelbombenelement!!! Das nennt man eine Ueberraschung! Dieser Parcy Mitchall ist ja mein Doppelgänger, der vorhin unter meinem Namen Mr. World ausgeplündert und Paddy die Knackwurscht abgenommen hat!!!«
Hier in der Nische konnte Nobody nicht stehn bleiben. Unten auf der Straße machte er seine Kalkulation, und wir wollen sie mit seinen eignen Worten wiedergeben:
»Der Junge hat seine erste Erziehung unter amerikanischen Banditen und Wegelagerern genossen, und das mögen schon ehemalige Cowboys gewesen sein. Vielleicht befanden sich Kapazitäten darunter, die das Räuberhandwerk auch in den Straßen der Städte ausübten. Da hat der kleine Parcy reiten und schießen gelernt, desgleichen, wie ein einzelner Mann vier Gegner auf einmal überwältigt, und vielleicht auch, wie man ein Schloß mit dem Dietrich öffnet. Ein tüchtiger Junge, gewiß! Aber ein eigentlicher Räubercharakter war es nicht. Es kam ihm zum Bewußtsein, daß er etwas Unrechtes täte. Da hat er die Bande verlassen, hat sich nach dem fernen New-York gewendet, wollte dort ein ehrlicher Mensch werden. Zufällig fand er die Brieftasche. Zufällig? Oder hat er sie Mr. Kell erst aus der Tasche gezogen, um so Einführung in ein solides Haus zu bekommen? Vielleicht, vielleicht auch nicht! Gleichgültig! Mr. Kell nahm ihn auf, der Junge, durch sein ganzes Leben schon weit über sein Alter gereift, sah, in was für ein Haus er gekommen, und betrug sich danach. Das war ja überhaupt von vornherein sein Vorsatz gewesen. Um sich nicht als verachteten Cowboy zu verraten - denn was soll aus einem solchen noch Gutes werden! - will er nicht reiten und schießen können. Oder aber, er hatte immer eine geheime Furcht, ein Pferd zu besteigen und einen Revolver nur zu berühren - er hatte Angst, das könne einen unheilvollen Einfluß auf ihn ausüben - so etwa, wie ein geheilter Trunkenbold gar keine Flasche mehr anzugreifen wagt, oder - harmloser und in diesem Falle noch treffender - wie ein Komödiant, so ein halber Zigeuner, der in eine solide Familie geheiratet hat, gar nicht wieder ins Theater zu gehn wagt, weil er selbst fürchtet, er könnte gleich wieder die ganze Solidität an die Wand werfen und, Frau und Kind im Stiche lassend, zurückkehren zum fahrenden Volk, welches ohne Hunger und Lumpen sich nun einmal nicht glücklich fühlt.
Neun ganze Jahre lang hat Parcy sich so aufgeführt. Tadellos, einfach musterhaft! Jetzt glaubte er selbst, daß die Vergangenheit schon längst hinter ihm begraben sei. Er liebte die Tochter seines väterlichen Freundes. Daß er das Mädchen wirklich innig liebte, daran zweifle ich keinen Augenblick.
Morgen soll die Hochzeit sein. Heute wollen sie alle zusammen noch einmal jene wilde Schaustellung besuchen. Daß sich der junge Mann gar so sehr gegen den Besuch gesträubt hat, mag ich nicht recht glauben. Das wird von Mr. Kell eine nachträgliche Einbildung gewesen sein, als er erkannte, was er angerichtet hatte.
Und der Teufel beginnt sein Spiel. Die Reiter auf den wilden Rossen jagen dahin über die blumige Prärie, die Revolver knattern, die Männer ringen im Kampfe miteinander - und des ehemaligen Cowboys Wangen röten sich immer mehr, seine Augen blitzen, er möchte so gern mit einspringen und zeigen, daß er es noch besser kann, und ...
Ja, was dann weiter in dem jungen Manne vorgegangen ist, das gehört nicht in die Kalkulation eines Detektivs, das ist die Sache eines Dichters. Und ich bin ein sehr schlechter Dichter. Jedenfalls hat er sich mit aller Macht zu bezähmen gesucht. Er ist mit nach Hause gegangen, hat mit Abendbrot gegessen, hat von der bevorstehenden Hochzeit gesprochen. Als er in sein Zimmer ging, glaubte er sich besiegt zu haben. Aber es war nicht der Fall. Als er allein war, begannen seine Gedanken wieder zu arbeiten. Dabei wanderte er rastlos auf und ab. Er war Abstinenzler. Als Räuber ist er es jedenfalls nicht gewesen, schon als Junge mag er den Brandy flaschenweise hinter die Binde gegossen haben, und ich bin fest überzeugt, daß er in seiner Aufregung etwas getrunken hat. Wenn er keinen Branntwein auf seinem Zimmer gehabt hat, dann vielleicht Eau de Cologne, und was so ein richtiger Cowboy ist, der säuft auch Spirituslack. Und da war es vorbei mit ihm, nach dieser langen Enthaltsamkeit! Die Sehnsucht wurde zum Willen und der Wille zur Tat.
Er wollte noch einmal fort. Er mußte es. Wenn er den Weg nicht an dem Portier vorbei nahm, dann ist er aus dem Fenster gesprungen. Nur einmal noch, nur einmal noch!! Morgen war er ein Ehemann, dann war alles für immer vorbei. Und einmal ist ja keinmal. Jawohl, so hat ihm der Teufel zugeflüstert. Ich bin fest überzeugt, daß er wüste Gesellschaft aufgesucht hat, wo er sich noch einmal so recht austoben wollte. Und er tat es. Und da hatte der Teufel die letzte Schranke niedergerissen, er triumphierte!
's gibt kein schöner Leben, als ein Räuberleben! ... Es gibt kein persönliches Eigentum! Dem Stärksten gehört alles, und dem Kühnen die Welt! Er ist in das Geschäft gegangen und hat den Geldschrank geplündert. War das gar so niederträchtig? Nein. Er hatte ein Scheckbuch, er hatte Kredit. Er wollte ein für allemal mit seinen Wohltätern brechen - oder mit seinen soliden Freunden, deren Wohltäter ja eigentlich er war - er wollte sich unmöglich machen, die Brücke hinter sich abbrechen. Das war der Grund. Und der einfache Diebstahl im Bureau genügte ihm noch nicht. Dazu hatte er ja nur seine Schlüssel gebraucht. Er ging zurück in die Wohnung, keck an dem Portier vorbei und ... vollendete den Abbruch der Brücke.
Unmöglich? Nicht für mich! Auch der Löwe kann seinen Wärter, der ihn täglich im Käfig besucht, ehrlich und innig lieben. Daran zweifle ich nicht. Aber der Wärter braucht nur zufällig einmal aus einem kleinen Hautriß zu bluten, und der Löwe leckt zufällig das Blut - ritsch, da liegt er, der geliebte Mensch, und der Löwe verspeist ihn mit Wohlbehagen. Auch an den Komödianten kann man hierbei denken. Und Parcy hat diese Tat nur begangen, um sich in den Augen seiner Braut verächtlich zu machen, um sich den Rückweg ein für allemal abzuschneiden.
Am andern Morgen läßt sich der verkappte Ehrenmann, der nun wieder ein ehrlicher Räuber geworden ist, den Vollbart abnehmen. Er hat auch schon mich gesehen, den Nobody, als Nummer eins, wenigstens im Bild. Wie er sich im Spiegel sieht, ohne Bart, da denkt er: du siehst doch ganz genau so aus wie dieser Nobody?! Und gleich ist der geniale Plan fertig - so ein echter, rechter Räuberstreich - frisch, fromm, fröhlich, frei! - geht hin in mein Bureau und plündert alles im Handumdrehen bis auf den letzten Cent aus ... ei die Dunnerwetter! Meine Hochachtung! So etwas gefällt mir noch an einem Räuber! Da nehme ich den Hut ab!«
Und Nobody nahm wirklich den Hut ab - allerdings nur, um sich die Stirn zu trocknen.
Während dieses Selbstgespräches war er an den Hafen gekommen und bestieg einen Dampfer, der ihn nach Longisland hinübersetzte. Er wollte sich doch noch die Schaustellung ansehen, die bei einem Menschen eine so zauberhafte Umwandlung hervorgebracht hatte, wenn er auch etwas zu spät kommen würde.
Aber er kam doch noch nicht zu spät. Wohl hätte die Vorstellung schon seit einer halben Stunde in vollem Gange sein müssen, aber sie hatte eben noch nicht begonnen, und trotzdem amüsierte sich das an den Barrieren sich drängende Publikum köstlich. Die weißen und schwarzen Buschleute gaben eine Vorstellung eigner Art, sie schrien und sangen und johlten auf dem Platze herum, ohne daß man zunächst wußte, was die Kerle da eigentlich trieben. Man mußte sich erst darüber belehren lassen.
»Die sind ja alle besoffen,« hörte Nobody neben sich sagen, noch ehe er sie zu Gesicht bekommen hatte, und dann, als er sie sah, konnte er das nach seinem eignen Urteil nur bestätigen.
Wir wollen uns nicht bei der Schilderung aufhalten, wie sich australische Squatters und Buschneger benehmen, wenn sie betrunken sind, wir wollen nur erwähnen, daß der Kunstreiter der Gesellschaft, wenn er von der einen Seite auf sein Pferd steigen wollte, auf der andern immer wieder herunterfiel, und einige Australneger waren damit beschäftigt, einer ihrer schwarzen Schwestern, die sich anstandshalber in einem Rocke präsentieren mußte, diesen über dem Kopf zusammenzubinden.
Da Nobody von den lachenden Zuschauern keine Aufklärung erhalten konnte, woher die ganze Bande schon am Morgen so voll des süßen Weines war, hatte er sich gleich an den Impresario wenden wollen. Aber der war nicht zu sprechen, der gute Mann verstand den Witz nicht, daß sich das Publikum über die betrunkene Horde weit besser amüsierte, als über die regelrechte Vorstellung, er wollte seine Zöglinge mit Peitschenhieben wieder zur Räson bringen.
Nobody ging weiter, schlenderte zwischen den Stallungen hindurch, und hier sah er einen alten Squatter, welcher bedächtig mit dem Taschenmesser seine Holzpfeife auskratzte. Der Mann war offenbar nüchtern.
»Was ist denn hier eigentlich los?«
Ohne sich in seiner Pfeifenkratzerei stören zu lassen, hob der Mann lange die Schultern.
»Alles besoffen!« lautete dann seine lakonische Antwort.
»Ja, das merkt man! Aber wie kommt denn das?«
»Noch von gestern abend.«
»Hier, wollt Ihr Euch von mir eine Pfeife stopfen?«
Daß der fremde Herr ihm seinen Tabaksbeutel bot, der noch dazu ein ganz vorzügliches, aromatisch duftendes Kraut enthielt, machte den Alten gleich redselig, Nobody brauchte gar mcht mehr zu fragen.
Nicht gestern abend, sondern um Mitternacht war es gewesen. In den primitiven Wohnungen der Schaubuden schlief schon alles, nur die wenign Männer nicht, welche bei den Pferden wachen mußten. Da war in den Stall ein fremder Herr gekommen, hatte die Männer gleich gefragt, ob sie einen trinken wollten - ei gewiß! - die Wirtsleute in der nahen Restauration wurden herausgeklopft, und nun ließ der Nachtschwärmer, der seine Zechkumpane verloren hatte und andre suchte, anfahren, was die Leute wünschten. Die andern erwachten von dem Lärm, und wer nicht von selbst kam, der wurde geholt, und es entstand eine wüste Zecherei.
Der fremde Herr blieb nur zwei Stunden da, aber als er ging, standen die vollen Butteln noch haufenweise da, und so wurde denn fortgezecht, bis jetzt. An eine Vorstellung war gar nicht zu denken. Auch Little Pet hatte daran mit teilgenommen, der Junge lag jetzt in einem todähnlichen Schlafe.
»Wer ist denn der Herr gewesen?«
Plötzlich wurde der Squatter unwirsch.
»Ihr seid doch nicht etwa ... Detektiv?«
»Ich?« lachte Nobody. »I wo! Ich bin ein New-Yorker Geschäftsmann. Wie kommt Ihr denn auf die Vermutung, daß ich ein Detektiv sein könnte?«
»Wißt, mit dem jungen Manne kam es mir nicht ganz geheuer vor. Ich habe sein Geld auch nicht angenommen.«
»Geld hat er den Leuten gegeben?«
»Er hat mit den Goldstückchen um sich geworfen. Na, gar so viel war's ja nicht, aber so gegen 100 Dollar mag er doch verschenkt haben.«
»War es vielleicht dieser hier?« fragte Nobody, plötzlich die Photographie hervorziehend und jenem hinhaltend.
»Jawohl, der war es!«
»Dachte ich's doch! Na, dann beruhigt Euch. Das ist nämlich mein Kompagnon. Der macht manchmal solche nächtliche Streiche. Und der kann sich's leisten. Weil er heute nicht ins Geschäft kam, ging ich mal in seine Wohnung. Zu Hause war er auch nicht, aber ich hörte, daß er gestern abend noch einmal nach Longisland gefahren wäre. Was hat er denn hier nun wieder alles aufgestellt?«
Diese Erklärung beruhigte den alten Squatter, der wohl schon gefürchtet hatte, daß die ganze Bande und er selbst mit der Polizei in Konflikt kommen könnte.
»Na, wenn's so ist! Euer Kompagnon ist wohl lange in Australien gewesen? Nee, er muß ein geborener Australier sein, im Busche aufgewachsen. Der wußte dort noch viel besser Bescheid als wir, und mit den Schwarzen unterhielt er sich in der Baribarisprache.«
Jetzt war es Nobody, der die Ohren spitzte.
»Ei freilich, der ist im australischen Busch zu Hause. Hat er euch nicht etwas vorgeritten?«
»Das nicht! Aber so merkwürdige Fragen hat er gestellt. Wieviel Morde jeder von uns schon auf dem Gewissen hatte, und wir ... wir ...«
»Und ihr seid doch gar keine Bushrangers, sondern ganz ehrliche Farmknechte und Schafscherer,« kam Nobody dem Stockenden zu Hilfe.
»Nu freilich,« gestand der alte Mann mit verschämtem Lächeln. »Aber bei Eurem Freunde hätte man fast glauben mögen, das sei noch so ein Bushranger von altem Schrot und Korn - Himmel, wie der überall im Busch Bescheid wußte - und die alten Lieder konnte er - und dann lachte er immer so verächtlich, daß mir manchmal ganz unheimlich wurde ...«
Der Squatter wurde vom Direktor gerufen. Nobody brauchte auch nichts mehr zu hören. Jetzt hätte er wieder sein ›Himmelbombenelement‹ sagen können. Der vermeintliche Cowboy hatte sich in einen australischen Bushranger verwandelt. Wie war der vierzehn- bis sechzehnjährige Junge nach New-York gekommen? Dieses Rätsel zu lösen, war Sache des Detektivs.
Jedenfalls wußte Nobody nun, wo er seinen Doppelgänger zu suchen hatte: nicht in den amerikanischen Prärien, sondern im australischen Busch. Denn daß jenes Mannes Sehnsucht, die erst durch eine Vorstellung des australischen Buschlebens so mächtig nach dem frühern Schauplatz seiner Tätigkeit erregt worden, sich wieder nach Australien wenden würde, das war doch ganz gewiß.
Freilich konnte Nobody nun nicht den nächsten Dampfer besteigen, der nach einem australischen Hafen ging. Da mußte er erst abwarten, ob seine Agenten den Gekennzeichneten nicht schon eher erwischten.
Zu Mr. Kell wollte er sich heute nicht mehr begeben. Er besah sich nur einmal dessen Haus. Von einer Hochzeitsfeierlichkeit war nichts mehr zu bemerken. Dann war es ja gut, die Eingeladenen waren eben wieder gegangen.
Nobody hatte als Detektiv immer zu tun. Den Nachmittag verbrachte er mit Tätigkeit aller Art, und am Abend suchte er in der Verkleidung eines jungen Matrosen die berüchtigten Hafenstraßen des östlichen New-York auf. Auch hierbei hatte er ein Ziel, was uns aber nicht weiter interessiert.
Er war schon in einer Matrosenspelunke gewesen, ohne zu finden, was er suchte, und betrat eine zweite. An einem Tische wurde Karten gespielt, von vielen Zuschauern beobachtet; Nobody stellte sich mit hin und amüsierte sich, auf welch plumpe Weise der eine Spieler die drei andern immer betrog, ohne daß es diese und die Umstehenden bemerkten.
»Skandal will ich hier nicht anfangen,« dachte er; »aber dann werde ich einmal mit diesem Gauner ein Kartenspielchen machen und ihm sein ganzes Geld wieder abnehmen - zum Vorteil für die andern.«
Da legte sich ihm von hinten eine schwere Hand auf die Schulter.
»Good evening!«
Nobody drehte sich um, sah in ein verwittertes Seemannsgesicht, kannte es nicht. Aber der Hohn darin gefiel ihm gar nicht.
»Good evening,« grinste der Kerl nochmals.
»Was wollt Ihr von mir?«
»Komm mal mit raus!«
Und ohne sich um den jungen Matrosen zu kümmern, die Hände in den Hosentaschen, schritt der alte Seemann der einzigen Tür zu, als sei es ganz selbstverständlich, daß der andre ihm folge.
Nobody tat es denn auch. Er wurde offenbar mit jemandem verwechselt, und er wollte wissen, mit wem.
Daß er aber auf der einsamen Straße von einem halben Dutzend Burschen umringt wurde, das gefiel ihm gar nicht. Nun, Nobody wußte, wie er sich seiner Gegner entledigen konnte, er mußte sich nur den Rücken freihalten.
»Na?« sagte wieder der alte Seemann, nichts weiter.
»Ihr verkennt mich, ich bin ...«
»Nee, nee, mein Junge! Du hast doch heute früh Handgeld bekommen. Warum bist du noch nicht an Bord?«
»Mann, das ist ein Irrtum ...«
»Dann muß ich eine andre Sprache ...«
Der Seemann hatte eine verdächtige Bewegung gemacht, Nobody sah etwas durch die Luft herabgesaust kommen, er erkannte den Gegenstand nicht, aber er wußte ganz genau, daß es der berühmte Gummischlauch war, jenes famose Instrument, welches keinen weichen Kinderkopf einschlägt und doch den stärksten Ochsen betäubt zu Boden wirft - also, dürfen wir wohl behaupten, auch Nobody.
Aber der Gummischlauch sollte dessen Kopf nicht berühren. Des Bootsmanns Handgelenk wurde aufgefangen, es knackte, und brüllend vor Schmerz lag der vierschrötige Kerl am Boden.
»Dann freilich muß auch ich eine andre Sprache reden,« sagte Nobody phlegmatisch, und die umstehenden Männer wagten sich nicht zu rühren, denn sie blickten in die Mündungen zweier auf sie gerichteten Revolver.
Einer hätte zwar auch schon genügt, aber zwei imponierten doch etwas mehr.
»Ich erkläre also, daß ihr im Irrtum seid, und wenn ihr noch eine einzige verdächtige Bewegung macht, lasse ich den Konstablerpfiff ertönen und euch hinter Schloß und Riegel setzen, weil ihr mir mit dem Gummischlauch gedroht habt!«
Das wirkte! Niemand rührte sich. Nur der alte Bootsmann erhob sich und untersuchte seinen Arm, konstatierend, daß dieser nicht ausgerenkt war.
»Klüverbaum und Bramsteng, das habt Ihr weg! So schnell ist mir noch keiner gekommen. Ihr seid wohl ein Detektiv?«
»Nehmt an, daß ich einer bin!«
»Aber Ihr seid es dennoch gewesen, den ich heute morgen für die ›Astoria‹ als Kohlentrimmer anmusterte, und dem ich 10 Dollar Handgeld gab.«
»Hahn in Ruh!« kommandierte Nobody, steckte den einen Revolver in die Hosentasche und brachte mit derselben Hand einen Haufen blitzender Goldstücke zum Vorschein.
»Sieht das aus, als ob ich ein Kohlentrimmer bin, der 10 Dollar Handgeld braucht?«
Nobody kannte stets seine Leute, und danach handelte er. Wenn das Gauner gewesen wären, hätte er ihnen natürlich nicht das blitzende Gold gezeigt. Aber er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß das ehrliche Seeleute waren, wenn es sonst auch rohe Patrone sein mochten. Denen mußte man zeigen, daß man Geld in der Tasche hatte, das imponierte ihnen noch mehr als die Revolvermündungen.
»Also ein Detektiv! Und ich könnte doch gleich schwören, daß Ihr's gewesen seid.«
»Und ich möchte wissen, wem ich so zum Verwechseln ähnlich sehe. Kommt mit zu der Fatjen-Mine, da ist der Porter am besten.«
Bei der Fatjen-Mine erfuhr Nobody alles, was er wissen wollte.
Der Beruf der Kohlenzieher auf Dampfern ist der schwerste, den es auf der Erde gibt. Besonders in Nordamerika, wo es für jeden Tagelöhner, der nur arbeiten will, lohnende Arbeit gibt, sind die Heizer und Kohlenzieher wie die Goldkörner gesucht.
Heute morgen nun waren der Bootsmann und ein Maschinist von der ›Astoria‹ auf der Suche nach zwei noch fehlenden Ziehern oder Trimmern gewesen. Auf die Heuerbureaus brauchten sie gar nicht erst zu gehn; sie klepperten die Hafenkneipen ab. Endlich meldete sich einer.
»Wie sah er aus?«
»Na, genau so wie Ihr.«
Nobody nahm die Mütze ab. Er hatte zu dieser Kostümierung als Seemann wenig mehr getan, als sich sein Lockenhaar schwarz gefärbt.
»Auch schwarze Locken?«
»Jawohl. Ueberhaupt ganz genau so. Auch so schmächtig wie Ihr. Ich wollte ihn erst gar nicht nehmen, so notwendig wir auch noch einen Mann brauchten. Dann hatte er auch so feine Hände - das heißt, wohl schmutzig, aber mir kam es vor, als hätte er sie erst einmal in Ruß gesteckt. Ich dachte erst, es wäre so ein Durchbrenner, der nach Australien wollte, und wenn er dann an Bord ist, kann er nicht arbeiten und will gefüttert sein. Als ich ihm sagte, er wäre zu schwach, lachte er mich aus und hob einen schweren Eichentisch mit gestreckten Armen hoch. Ich fühlte ihn an - ja, da freilich - alles wie von Stein und Stahl - der muß auch gerade so eine Bärenkraft besitzen wie Ihr.«
Nobody zweifelte nicht, daß es sein Doppelgänger war, der den blonden Schnurrbart abgenommen und dafür sein lockiges Haar schwarz gefärbt hatte.
Dann hatte der Bootsmann ja auch noch etwas andres erwähnt.
«Er wollte nach Australien?«
»Er wollte erst wissen, wohin die ›Astoria‹ ginge, und als ich es ihm sagte - nach Sydney - da war er sofort dabei.«
Kein Zweifel, das war Parcy Mitchall gewesen!!
»Wie war er gekleidet?«
»So wie Ihr - mehr wie ein Matrose als wie ein Heizer.«
»Und er ist nicht an Bord gekommen?«
»Bis jetzt noch nicht! Er wollte Geld haben, um sich noch Zeug zu kaufen. Ich sagte ihm, daß er spätestens heute nachmittag um vier an Bord sein müsse; denn wir wollten um sechs in See gehn. Er ist nicht gekommen, der Halunke. Nun gingen wir aber noch nicht ab, wir wollen erst die Mitternachtsflut benutzen, und da machte ich mich noch einmal auf die Suche nach dem Burschen.«
Wenn der Flüchtling nicht um sechs an Bord der ›Astoria‹ gewesen war, so würde er sich auch nicht bis Mitternacht einfinden. Denn daß der Dampfer nicht abgehn würde, hatte er nicht wissen können. So brauchte Nobody also nicht erst die Abfahrt des Dampfers abzuwarten.
Ein ganz eigentümlicher Charakter! Welcher Durchbrenner, der fast 100.000 Dollar in der Tasche hat, kommt auf den Gedanken, zu seiner Sicherheit die Flucht als Kohlenzieher anzutreten? Dazu gehört etwas! Denn jeder Hafenstadtbewohner weiß, was es mit dem Kohlenziehen auf sich hat. Schon dieser Entschluß setzt eine gute Portion Energie voraus.
Hatte nun Parcy diesen Vorsatz aufgegeben? Es konnte sein, es konnte auch nicht sein. Nobody dachte schon an etwas andres.
Im Hafen von New-York liegen immer Schiffe, welche nach Australien gehn wollen. Sollte der Schuldbewußte nicht den Dampfer bevorzugen, der zuerst abging? Vielleicht hatte er, nachdem er schon für die ›Astoria‹ gemustert, nachträglich erfahren, daß ein andrer Dampfer die Anker noch eher lichtete, auch dieser brauchte noch Leute, und da war er eben schnell auf diesen gegangen. Das Ziel brauchte ja nicht durchaus Sydney zu sein.
Nobody wollte sich erkundigen, welche Schiffe heute nach australischen Häfen abgegangen waren. Dann mußte er in den Kneipen Umschau halten, in denen diese Dampfer etwa noch fehlende Mannschaft angemustert hatten; denn das wird in Amerika alles in den Kneipen abgemacht.
Nobody brauchte nicht lange zu suchen. Er war erst in der dritten Wirtschaft, als er von einem jungen Manne angehalten wurde, einem verkommenen Schreiber, der sich als Angestellter eines Hafenbureaus von Matrosen traktieren ließ.
»Hallo, was machst du Heiducke denn noch hier? Du bist nicht an Bord gegangen?«
Nobody legitimierte sich als Doppelgänger, er erfuhr alles, seine Kalkulation war wiederum richtig gewesen.
Halb elf hatte Parcy Mr. Worlds ausgeplündertes Bureau verlassen. Um elf hatte er sich für die ›Astoria‹ anmustern lassen. Dann hatte er erfahren, daß schon mittags um zwölf Uhr der Passagierdampfer ›Philadelphia‹ nach Melbourne abging, auch dieser suchte noch Mannschaften - Parcy Mitchall hatte sich unter dem Namen Henry Douglas als Kohlenzieher auf diesen anmustern lassen. Dadurch kam er nicht nur sechs Stunden eher von dem Boden weg, der ihm jetzt unter den Füßen brannte, sondern er erreichte das Land seiner Sehnsucht auch noch zwei Wochen früher als mit der ›Astoria‹.
Schnell nahm Nobody den Dampfer-Fahrplan zur Hand.
»Der nächste Passagierdampfer nach Melbourne acht ... morgen früh um vier ... ah, der Schnellpostdampfer ›Präsident Washington‹, und der ist ... hurra, der ist noch zwei Tage eher in Melbourne als die ›Philadelphia‹!! Nun, da werde ich ja meinen Doppelgänger in Melbourne persönlich begrüßen und ihm einen Empfang bereiten, wie er solch einem tüchtigen Kerl gebührt!«
So dachte Nobody. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt!
Mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit traf der ›Präsident Washington‹ in Melbourne ein. Also konnte die ›Philadelphia‹ noch nicht da sein und war es auch wirklich nicht.
So hatte Nobody voraussichtlich noch zwei Tage Zeit, sich auf Parcys Empfang vorzubereiten. Für jenen war es ganz selbstverständlich, daß er die Polizei nicht ins Vertrauen zog. Dagegen machte er die nähere Bekanntschaft des betreffenden Arztes von der Sanitätspolizei, welcher als erster das ankommende Schiff betreten würde, das so lange auf Reede liegen bleiben mußte, bis an dem Gesundheitszustande der Passagiere und Mannschaft nichts auszusetzen war.
Diesem Beamten gab er sich als der berühmte und doch so märchenhafte Privatdetektiv Noboby zu erkennen, und er konnte sich auch legitimieren, indem Nobody auch in Melbourne eine große Firma besaß - kurz, es gelang ihm, die Freundschaft des in gewisser Beziehung allmächtigen Polizeiarztes zu gewinnen; er bat ihn, bei Einlaufen der ›Philadelphia‹ gleich mit an Bord kommen zu können, er habe da ein besonderes Geschäft zu erledigen, heikler Natur, wovon er vorläufig noch nicht sprechen dürfe; es wurde ihm gewährt, und so würde Nobody Gelegenheit haben, seinen Doppelgänger noch an Bord unter vier Augen zu sehen. Die Möglichkeit, daß Parcy an Land entschlüpfen konnte, war ganz ausgeschlossen.
Die zwei Tage vergingen, am Mittag des dritten wurde die ›Philadelphia‹ auf Reede signalisiert. Nobody stieg mit in das Sanitätsboot.
Wie üblich gratulierte der Beamte dem ihm auch schon bekannten Kapitän zur glücklich zurückgelegten Reise, dann fragte er, wie der Gesundheitszustand sei.
»Alles wohlauf! Aber einen Todesfall hatten wir im Logbuch zu verzeichnen. Oder vielmehr den Abgang eines Mannes. Ein Kohlenzieher ist unterwegs über Bord gesprungen.«
»Wie hieß der Mann?« stieß Nobody hervor, gleich von einer Ahnung befallen.
»Er nannte sich Henry Douglas. Er meldete sich in New-York noch in der letzten Minute. Ein tüchtiger Arbeiter, aber - melancholisch, sagten dann seine Kollegen. Etwa acht Tage hätten sie nichts davon bemerkt, dann hätte er angefangen, auf Freiwache immer zu schreiben. Das muß wohl auch wahr sein, denn man fand dann, als er vermißt wurde, in seiner Koje ein dickes Paket, an mich adressiert. Als ich es öffnete, waren darin zwei andre Pakete und die Mitteilung, daß er aus Lebensüberdruß über Bord springen würde, und ich möchte doch dafür sorgen, daß jedes der beiden Pakete in die Hände des Adressaten gelange. Das eine ist an einen Limonadenfabrikanten Mr. Kell in New-York adressiert, das andre - und jetzt kommt das Merkwürdige von der Sache! - an den Privatdetektiv Nobody, per Adresse Mr. World in New-York ...«
»Mr. Nobody selbst,« stellte der Arzt seinen neuen Freund vor.
Die drei befanden sich allein in der Kajüte.
Nobody befahl seinen Händen, nicht zu zittern, als er das ihm überreichte Paketchen öffnete. Fünfundzwanzig Tausenddollarscheine, einige kleinere, etliche Gold- und Silberstücke, eine Unmenge von Zehncentstücken, der zusammengeballte Darm einer riesigen Knackwurst und dann ein kurzes Schreiben:
»Sir! Seien Sie großmütig, verzeihen Sie einem Unglücklichen. Das Nähere können Sie von Mr. H. A. C. R. Kell in New-York erfahren, dem ich ausführlich gebeichtet habe.
Tom Taylor,
genannt Little Pet.«
»Little Pet!« flüsterte Nobody geistesabwesend.
Daß es einmal einen echten Little Pet gegeben hatte, von dem der Junge in jener Schautruppe nur eine Nachahmung war, davon hatte er schon gehört; aber daß dieser Parcy Mitchall, sein Doppelgänger, der Little Pet sein könne, das war ihm auch nicht im Traume eingefallen.
»Little Pet!« wiederholte der Kapitän erstaunt.
»Little Pet!« echote der Australier ebenso. »Jawohl, den hat es einmal gegeben, ein Junge, der so vor einem Dutzend Jahren als Bushranger die Wangon-Hügel unsicher machte - jawohl, und sein eigentlicher Name war Tom Taylor, ich entsinne mich noch ganz genau.«
Nobody war berechtigt, auch das an Mr. Kell adressierte Paket zu öffnen, aber ehe er es tat, nahm er den beiden Männern ihr Ehrenwort ab, das, was sie jetzt erfahren würden, für alle Zeiten geheimzuhalten.
Das schwere, umfangreiche Paket enthielt gegen 80.000 Dollar in Papier, Gold und Silber, einen Revolver, an dem auch ein Juwelier seine Kunst ausgeübt hatte, und dann ein viele Seiten langes Schreiben.
Wir können es hier nicht wiedergeben. Der Leser würde auch sehr wenig Neues erfahren. Nobodys Genius hatte ihm fast alles schon vorauserzählt.
So soll nur das herausgegriffen werden, was der Leser noch nicht weiß.
Bei seiner frühesten Jugend fing die Beichte an. Traumhafte Blicke in die wüsten Spelunken einer australischen Großstadt. Dann, als das Bewußtsein erwachte, sah er sich im australischen Busch, im ›Scrub‹, der nur mit Gebirge und mit Sandwüste abwechselte. Seine Gesellschaft waren entflohene Sträflinge und unbestrafte Verbrecher. Man sagte ihm, er hieße Tom Taylor. Seinen Vater kannte er nicht. Seine Mutter sei in einer Schnapsspelunke erstochen worden. Man habe den hilflosen Jungen mitgenommen.
Eine Stute hatte gerade Milch. Man hatte sie nicht gemolken, sondern der kleine Tom hatte an ihrem Euter gelegen.
Ist es da zu verwundern, daß er, ehe er noch fest auf den Füßen stand, schon reiten konnte? Und als die Kraft eines Fingers noch nicht langte, drückte er mit beiden Händchen den Revolver los - zum Jubel der Bushrangers, die ihn ihren ›Little Pet‹ nannten.
Ach, es war ein herrliches Leben gewesen! Nein, er war niemals zum Mörder geworden. Getötet hatte er freilich genug Menschen. Aber wer wagt denn, den Soldaten, der im Kriege das Gewehr auf seinen Nächsten abdrückt, der ihm nie etwas zuleide getan hat, einen Mörder zu nennen? Und der Soldat weiß vielleicht gar nicht, warum er in den Kampf geschickt wird! Little Pet aber wußte, wofür er kämpfte. Um sein Leben, um seine Freiheit, die ihm andre nicht gönnten. Und seine Unwissenheit bestand darin, daß er nicht wußte, warum ihm andre nach dem Leben trachteten.
Den Bushrangers gesellte sich ein pfiffiger Kopf bei, ein mit der Kasse durchgebrannter Handlungsgehilfe. Jetzt ging es auch in die Städte; Geldschränke wurden erbrochen und andres, was man zuschließt. War das etwa Sünde? Es ist leichter, einem Affen das Stehlen abzugewöhnen, als einem Anthropophagen klar zu machen, daß es Sünde ist, einen Menschen aufzufressen. Was ist überhaupt Sünde?
Aber es ist doch ein eigentümliches Ding mit dem Gewissen. Oder war es, daß Little Pet das Leben in einem Farmhause beobachtete und sich fragte, warum auch er sich nicht des Abends so sorglos in ein weiches Bett legen könnte, warum man gerade ihn wie ein wildes Tier hetzte? Oder war es doch das Gewissen, welches erwachte und ihm zuflüsterte: was du tust, ist unrecht?
Doch wir wollen nicht philosophieren. Kurz und gut, eines Tages verließ Little Pet heimlich seine Sippschaft.
Er kam an eine Küste, er kam in eine Hafenstadt. Man hatte ihn nicht unbehelligt gelassen.
»Little Pet, das ist Little Pet, fangt ihn, schlagt ihn tot!«
Dort drüben über dem großen Wasser sollte es noch ein andres Land geben. Amerika hieß es. Ob man ihn dort auch gleich erkennen würde?
Little Pet verkroch sich auf einem Schiffe, kam nach San Francisco.
Er pilgerte mit staunenden Augen in die ihm fremde Welt hinein. Ach, wie schön es hier war, und wie gut die Leute! Hier hetzten sie ihn nicht, jeder nahm ihn gastfreundlich auf. Warum aber nur in den Ansiedlungen, nicht in den Städten?
»Du mußt arbeiten, mein Junge,« hieß es.
Als er das Wort ›arbeiten‹ begriff, war er schon, freilich oft genug als blinder Passagier, auf der Eisenbahn mitfahrend, im Staate Illinois angelangt. Er hatte tatsächlich die Schweine gehütet.
Nun muß man aber bedenken, daß Little Pet im Grunde genommen doch ein ganz geriebener Junge war. Nein, das war nichts für ihn. Er fühlte, daß er zu etwas Besserem geschaffen war. So ein Gentleman mit hohem Zylinder wollte er werden.
Er pilgerte nach New-York, und ... wir haben eigentlich fast gar nichts mehr zu erzählen, Nobody hat es schon alles vorausgesagt. Nur darin hatte er dem Jungen unrecht getan, daß er glaubte, jener hätte Mr. Kell die Brieftasche erst aus dem Rocke gezogen. Nein, er hatte sie wirklich in einem dunklen Durchgange gefunden.
Dann also kam der kritische Tag, der Tag vor der Hochzeit, da er die australische Schautruppe besuchte. Ach, er hatte sich ja schon so oft danach gesehnt, wieder einmal sich auf ein Pferd zu schwingen; jede Pistole übte eine wahre Anziehungskraft auf ihn aus, und als er nun die wilden Gestalten über die grüne Fläche jagen sah ... doch wir brauchen es wirklich nicht zu wiederholen.
Nur einmal noch hatte er seine frühern Kollegen sprechen wollen. Die Zecherei war nicht beabsichtigt gewesen. Das aber brachte ihn um den Verstand. Und dann tauchte eine andre Frage in ihm auf: war er, ein ehemaliger Räuber und Mörder, denn berechtigt, ein unschuldiges Wesen an sich zu ketten? Konnte er nicht doch noch einmal erkannt werden?
Also floh er lieber gleich jetzt. Hauptsächlich aber, der Schreiber gestand es ganz offen, war es doch die unbändige Sehnsucht nach seinem frühern Leben in zügelloser Freiheit, nach dem australischen Busch.
Er brauchte Geld. Er ging in das Geschäft und räumte den Geldschrank aus. Nun war das Eis gebrochen. Der Löwe hatte Blut geleckt. Er begab sich noch einmal nach der Wohnung, erbrach den Sekretär und den Schreibtisch, beim Anblick des prächtigen Revolvers geriet er vollends in einen wollüstigen Taumel.
»Ich war von Sinnen, ich wußte nicht, was ich tat. Dabei drängte mich etwas, die Brücke hinter mir vollends abzubrechen, auf daß die, die mich bisher geliebt hatten, verächtlich von mir denken sollten.«
Das waren also genau dieselben Worte, deren sich Nobody bedient hatte, als er diese Handlungsweise definierte.
Auch im übrigen hatte Nobody richtig kalkuliert. Parcy ließ sich den Vollbart abnehmen, da gewahrte er, wie ähnlich er doch jenem bekannten Detektiv sah, und da führte er jenen Gaunertrick aus - nein, keinen Gaunertrick, sondern ein echtes, verwegnes Räuberstückchen. Nur allein die Gefahr war es, die ihn dazu reizte. Er hoffte, daß ihn jener Detektiv verfolgen würde.
Zu seiner Sicherheit wollte er die Ueberfahrt nach Australien als Kohlenzieher mitmachen.
Während der schweren Arbeit kam er wieder zur Besinnung, er sah, was er in einem Augenblicke der blinden Leidenschaft alles verloren hatte, der grenzenloseste Jammer erfaßte ihn, und ...
»Euch wage ich nicht einmal um Verzeihung zu bitten. Ich gehe jetzt, um vor den Richterstuhl Gottes zu treten.«
Hiermit ist unsre Erzählung aus. Nobody konnte wieder nach New-York fahren und dem Mr. Kell das Ende seines einstigen Schwiegersohnes in spe melden.
Aber auf Nobody machte dieser unerwartete Schluß einen ganz besondern Eindruck.
»Armer Kerl, ich hätte ihn so gern gerettet.«
Dieser Gedanke war es, der ihn während der ganzen Rückfahrt beherrschte, und ... der sonst so heitere Nobody schien ein schwermütiger Mensch werden zu wollen.
Er wußte selbst nicht warum, er fühlte sich mit jenem unglücklichen jungen Manne in so verwandtschaftlicher Beziehung, dem Charakter nach, und nun eben hatte dieses Ende seines Doppelgängers einen ganz gewaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen.
Jedenfalls war Nobody während der ganzen Reise für keinen Menschen zu sprechen, er floh nach dem einsamsten Teile des Schiffes, um die aus dem Salon schallende heitere Musik nicht hören zu müssen, sie war ihm eine Qual.
Mr. Kell sah er nicht mehr. Er teilte ihm alles schriftlich mit. Wie er hörte, verkaufte Mr. Kell sehr bald die Limonadenfabrik und siedelte mit seiner Familie nach dem Innern über, wohl auf ein Landgut.
Einige Jahre später las Nobody in der Zeitung, daß sich Miß Carryl Kell mit einem New-Yorker Arzte vermählt habe, und dann sah er sie einmal selbst, zum ersten Male, als junge Mutter, sie sah sehr glücklich aus, und die Mama als Schwiegermutter des berühmten Arztes sehr stolz.
Sie schienen den Fall also nicht besonders tragisch genommen zu haben. Jedenfalls hatten sie alles vergessen. Der alte Kell war unterdessen gestorben. Wohl ihnen!
3. Die Todeskarte.
Ganz London befand sich seit Wochen in größter Erregung, und zwar aus einem doppelten Grunde, und am meisten war die vornehme Gesellschaft davon betroffen, ja, selbst der Hof blieb nicht verschont. Und welche Ursachen lagen dieser Aufregung zugrunde?
Mr. World reichte seinem Kompagnon Nobody, der eben erst aus Australien zurückgekommen war, wo er eins der schwierigsten Probleme gelöst hatte, die es für einen Detektiv geben kann, die letzten Nummern der ›Daily News‹ sowie mehrerer andrer großer englischer Zeitungen. Blaue Striche bezeichneten die betreffenden Artikel. Nobody las die Ueberschriften, den Inhalt selbst würdigte er keines Blickes.
»Also um zwei Personen dreht sich das alles,« sagte er, mehr zu sich als zu Mr. World sprechend. »Ein Engländer, der nach jahrelanger Abwesenheit nach London zurückgekommen ist und dort den Nabob spielt, ist die eine, die andre ein geheimnisumgebener Dieb, der die Herren und Damen des Hochadels aufs frechste geplündert, ohne daß die Polizei auch nur eine Spur von ihm zu entdecken vermochte. Beim Herzoge von Ormont hat er sämtliches Gold- und Silbergeschirr mitgehn heißen. Die Lady Merryman vermißt ihren kostbaren Diamantschmuck. Seiner Herrlichkeit dem Lord Carring ist sogar ein wertvolles Rennpferd aus dem Stalle gestohlen worden. Hm, da fehlt bloß noch - ah, da ist sie schon - eine Jacht hat der Kerl auch gemaust - die ›Stormy Petrel‹ der Marchioneß of Dukefield! Teufel, der Mann versteht's!«
Nobody schwieg, legte die Zeitungen weg, stand auf, dehnte sich seufzend.
»Na, denn mal los! Dem alten Freunde wollen wir schleunigst auf die Finger kloppen! Aber wissen Sie, Mr. World, hübsch ist das nicht gerade!«
»Was denn? Daß der Mann wie ein Rabe maust?«
»Nee, daß er es gerade jetzt tut! Himmelsackerment, was muß denn nur meine Frau denken! Ich werde wahrhaftig nicht mehr warm zu Hause! Am besten ist's, ich komme ihr gar nicht erst zu nahe, fahre gleich ab. Weiter wär's also nischt? Nee? Na, dann leben Sie wohl, Mr. World!«
Hinaus war er, und zwei Stunden später dampfte der ›Great Star‹ von New-York nach Osten, an Bord unter andern Passagieren auch einen würdevoll aussehenden alten Herrn mit weißen Locken, sorgfältig rasiertem Gesicht, ganz in Schwarz gekleidet, der echte, rechte Professor, wie er im Buche steht. ›Professor Wischnu‹ nannten ihn die Mitreisenden erster Kajüte, denn bei jeder Gelegenheit hielt der alte Herr den Herren und Damen langatmige Vorträge über die Mythologie der Indier, und vor allem über die dreieinige Gottheit Brahma, Wischnu und Schiwa, das schaffende, erhaltende und zerstörende Prinzip, und erwähnte dabei auch, daß er nur zu dem Zwecke nach London reise, um jenen Engländer aufzusuchen, der kürzlich aus Indien zurückgekehrt sei und so viel von sich reden mache. Die unerreicht vollständigen Sammlungen an indischen Altertümern, Manuskripten und dergleichen, die dieser Nabob besaß, lockten den gelehrten Sanskritforscher wie das Licht die Motte.
Viel konnten die Mitreisenden dem Professor Wischnu auch nicht über den reichen Engdländer erzählen. Was sie wußten, das hatten sie aus den Zeitungen, und die meisten interessierten sich weniger für die Antiquitäten, die jener besaß, als für seine immensen Reichtümer.
Der ›Great Star‹ erreichte Liverpool ohne Zwischenfall. Die Passagiere zerstreuten sich nach allen Richtungen. Der alte Gelehrte wanderte nach dem Telegraphenamt, nannte dem Beamten seinen Namen und empfing eine Depesche.
»Geheimnisvoller Mord in Hughesberry. Sofort aufklären. Andres nebenbei - später. World.«
So lautete das Telegramm. Der alte Herr steckte es aus Versehen in den Regenschirm anstatt in die Rocktasche, nahm dann den etwas unmodernen Zylinder ab, zog ein mächtiges rotseidnes Taschentuch hervor und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.
»Ein Hansom, Sir?« ward er angeschrien.
»Hm, ja! Ich danke! Wo haben Sie es denn?« fragte Professor Wischnu.
Der Kutscher guckte den Herrn vielsagend an. Die Sorte kannte er schon. Daher packte er ihn ohne weiteres beim Arm, zog ihn mit sich und schob ihn in das Cab.
Merkwürdig, daß der Mann seinen Fahrgast nicht fragte, wohin dieser wolle. Es ging eben fort, durch Haupt- und Nebenstraßen bis in ein einsames Square. Vor einem Gartenhause hielt der Wagen. Der Gelehrte stieg aus, vergaß das Bezahlen, der Kutscher mahnte ihn auch nicht, blieb aber da, als wenn er im voraus wüßte, daß jener bald wiederkommen würde.
In dieser Erwartung sah er sich freilich betrogen, denn der Professor kam nicht wieder zum Vorschein, wohl aber ein brünetter junger Mann mit schwarzem Haar und einem ebensolchen Bart nach der Mode Heinrich IV. Auch sonst wies das ganze Aeußere, das Benehmen auf die französische Abstammung hin, am entschiedensten jedoch der Akzent, als er den Kutscher auf englisch fragte, ob er frei sei.
Der Schwarze wartete die Antwort nicht ab, stieg gleich ein, brachte eine Zeitung aus der Tasche und versenkte sich in die Lektüre. Ein Ziel nannte auch er nicht. Das Cab fuhr nach dem Bahnhof, der Franzose stieg aus, nickte dem Kutscher zu, begab sich in das Gebäude, trat zum Billettschalter, verlangte eine Karte zweiter Klasse nach London und suchte sich ein leeres Abteil in dem bereitstehenden Zuge. Gemächlich in die Polster zurückgelehnt, rauchte der Reisende eine feine Zigarre, dabei immer lesend, und so verging die Zeit.
»Hughesberry!«
Der Franzose stieg aus. Er war der einzige Passagier für diesen Vorort gewesen; er hatte ja auch das Billett bis London.
Auf dem Perron stand ein Gepäckträger, musterte mißvergnügt den Reisenden, der nicht einmal einen Koffer bei sich hatte, ward aber sofort umgestimmt, als der Schwarzbärtige zu ihm trat und sagte: »Ich möchte zum Boardinghouse der Mrs. Angeline Bourne. Können Sie mich führen?«
»All right, aber« - der Dienstmann kratzte sich hinter dem Ohre. »Wollen Sie etwa dort mieten?«
Der Fremde bejahte.
»Da gehn Sie lieber anderswohin, zu Fredericks oder Kinlochs.«
»Warum?«
»Hm, da ist - Sie sind wohl von weither gekommen?«
»Allerdings! Direkt aus New-York!«
»Na, freilich, da können Sie nichts wissen. Die Sache ist die, daß überhaupt niemand mehr bei Mrs. Bourne wohnen will. Es hat eben jeder nur einen Hals.«
Jetzt stutzte der Reisende.
»Sie sprechen in Rätseln, Mann! Was meinen Sie? Erklären Sie sich!«
Der Gepäckträger zog eine Flasche aus der Tasche, hielt sie gegen das Licht, schüttelte betrübt das Haupt, steckte sie wieder ein, mit ihr zugleich einen Sixpence, der ihm irgendwie in die Hand geraten war.
»Man kann bei Mrs. Bourne ums Leben kommen. So!«
Eine Bewegung, als wenn er einen um seinen Hals gelegten Strick zusammenzöge, der Mann steckte die Junge weit heraus und verdrehte die Augen. Nobody verstand.
»Wer?« fragte er kurz.
»Miß Kate Worthwent!«
»Wann?«
»Gestern nacht.«
»Gestern nacht?« wiederholte der Fremde, und bei sich fügte er hinzu: »Das ist verflucht schnell gegangen! Ich wünschte fast, es gäbe kein Kabel von England nach New-York. Was kümmert mich die alte Schachtel, der irgend jemand die Luft abgedreht hat?«
Nun, Nobody - er war der Franzose, wie er auch der Professor Wischnu gewesen war - täuschte sich hier doch einmal. Der Fall, den er in Hughesberry aufklären sollte, war ganz und gar einer von der Art, wie der berühmte Detektiv sie sich wünschte, und wie nur er sie lösen konnte. Jetzt freilich war er noch recht ungehalten über Mr. World, weil dieser ihn hierherschickte. Eine kurze Schilderung des Mordes hatte Nobody bereits in der Zeitung gelesen, aber daraus nur wenig entnehmen können.
In der elften Stunde der vergangenen Nacht waren die Bewohner der Narrowstreet - wie schon der Name besagt, eine enge Gasse - durch den schrillen Ruf einer Frauenstimme aus dem Schlummer geschreckt worden, dem sie sich nach Kleinbürgerart spätestens um zehn Uhr abends überließen.
»Mörder! Zu Hilfe! Mörder!«
Aus den aufgerissenen Fenstern fuhren die Köpfe der Neugierigen.
Gott sei Dank, da war ja schon Mr. Peppercorn, der eine der beiden Polizisten, die unter Leitung eines rotnasigen Wachtmeisters, der sich aber Inspektor nennen ließ, darüber wachten, daß kein Bettler die Bewohnerschaft von Hughesberry belästigte. Einen Dieb hatten die drei noch nicht hier zu sehen bekommen, und nun sollte gar ein Mord - i wo - das Frauenzimmer mußte oben nicht ganz richtig sein.
Mr. Peppercorn verwies die Ruhestörerin energisch wegen ihres Geschreis, er wollte es vielmehr, er kam nämlich nicht dazu. Die ehrenwerte Mrs. Bourne sank ihm ohnmächtig in die Arme. Ja, und da stand Nehemia Peppercorn wie betöppert da, wußte sich nicht zu helfen und war heilfroh, als die Dame vernünftig genug war, von selber einzusehen, daß ein Schutzmann kein Frauenarzt ist.
»Hilfe! Mörder!« kreischte sie gleich wieder.
»So schreien Sie doch nicht so! Sie verjagen ja bloß den Mörder!«
Dieser großartige Einfall verfehlte seine Wirkung nicht. Mrs. Bourne verstummte, zog aber den Policeman mit sich fort bis zu ihrem Hause, sich immer verzweifelt an ihn anklammernd. Es ging durch die Hintertür, die Dienstbotentreppe hinauf, in die Küche. Dort lag auf dem Boden lang ausgestreckt Mary Wood, das Hausmädchen.
»Ich sehe ja gar kein Blut!« brummte Nehemia Peppercorn.
»Dort! O, mein Gott!« wimmerte Mrs. Bourne, auf eine Tür deutend, die weit offen stand.
Der Polizist nahm all seinen Mut zusammen, ging hin und sah nun allerdings ein schreckliches Bild.
In einem Lehnstuhl saß mit ausgestreckten Gliedern eine alte Dame, um den Hals eine geflochtene Schnur, die starren Augen weit aufgerissen, den Mund offen, auf dem entstellten, blassen Antlitz den Ausdruck furchtbaren Entsetzens. Daß hier ein grausamer Mord vorlag, konnte ein Kind sehen, und obwohl Nehemia Peppercorn keine große Lust dazu hatte, mußte er doch den Tatbestand feststellen, Mrs. Bourne und die Dienerin, die inzwischen wieder zum Bewußtsein gekommen war, über ihre Wahrnehmungen befragen. Er erfuhr nicht viel. Sie waren gegen halb elf Uhr nach Hause gekommen, hatten noch Licht im Zimmer der alten Dame gesehen, das hatte sie stutzig gemacht. Hinauf! Das Weitere läßt sich denken. Vom Täter keine Spur! Die Türen verschlossen, kein Fenster offen. Der Arzt konstatierte, daß die Unglückliche gegen zehn Uhr gewaltsam erdrosselt worden war. Das war alles. Die weitern Ermittlungen waren einem aus der City herbeigerufenen Kriminalkommissar übertragen worden. Die Zeitungen wußten nichts weiter, verbreiteten sich nur über Nebensachen, namentlich über die Persönlichkeit der Ermordeten, ihre Lebensgewohnheiten. Diesen Klatsch hatte Nobody gar nicht gelesen, er hielt es nicht für der Mühe wert.
»In der Narrowstreet wohnt Mrs. Bourne?« fragte er den Dienstmann. »Ich werde mein Glück doch mal versuchen. Das Boardinghaus ist mir warm empfohlen, und abergläubisch bin ich nicht, fürchte mich auch nicht vor dem Geiste der Ermordeten. Lassen Sie nur! Ich finde den Weg schon. Der Ort ist ja nicht groß!«
Nobody grüßte, ging die Straße hinunter, als wenn er in Hughesberry bekannt sei, und stand nach zwei Minuten vor dem Hause, in dem der Mord verübt worden war.
Mrs. Bourne empfing den Wohnungsuchenden mißtrauisch, taute aber auf, als er sich auf eine gute Freundin von ihr berief, bedauerte freilich, daß sie ihn nicht aufnehmen könne, sie selber möchte am liebsten heute fort anstatt morgen. Der Detektiv wußte sie zu überzeugen, daß ein männlicher Schutz im Hause nicht zu verachten sei, und durfte nicht nur bleiben, sondern die Dame gab ihm auch den Schlüssel zum Mordzimmer.
»Miß Worthwent befindet sich noch drin,« sagte sie dabei schaudernd. »Nicht einmal von der Leiche befreit man mich!«
»Desto besser!« dachte Nobody, laut aber entgegnete er: »Das wird seine guten Gründe haben, vielleicht sucht man noch nach Angehörigen, die die Tote rekognoszieren sollen - jedenfalls werde ich mir das Zimmer einmal ansehen. Solche Sachen interessieren mich, ich habe schon als Junge am liebsten Mordgeschichten gelesen.«
Die englische Polizei hat in Kriminalfällen eine besondere Praxis, die schon an andrer Stelle in diesen Erzählungen ausführlich geschildert worden ist. Nobody kannte sie genau, wußte aber auch, daß die Erfolge, die durch sie erzielt wurden, mit wenigen Ausnahmen nur ganz unbedeutend, oft sogar geradezu kläglich gewesen waren. Vor allem aber liegt die Schuld, daß so viele Verbrechen - auch bei uns - ungesühnt bleiben, daran, daß jeder Fortschritt in der Untersuchung, jede neu aufgefundene Spur sofort durch die Zeitungen brühwarm den Lesern mitgeteilt und dadurch den Tätern natürlich auch zugänglich wird, so daß sie immer genau wissen, ob sie sich in Sicherheit bringen müssen.
Nobody schloß die Tür auf, trat über die Schwelle, blieb erstaunt stehn. Die Leiche beachtete er zunächst nicht, die Ausstattung des Zimmers fesselte seine ganze Aufmerksamkeit. Die Tote mußte bei Lebzeiten etwas exzentrisch gewesen sein.
Der Raum war in einem lichten Meergrün gehalten. Diese Farbe zeigten nicht nur die Gardinen an den beiden Fenstern, sondern auch die Wände waren unter meergrünen Vorhängen verborgen, die Möbel wiesen ebensolche Ueberzüge auf, die beiden Kronleuchter waren bis zu den Brennern mit grüner Seide verhüllt, trugen grüne Lichtschirme und grüne Glasprismen, die Holzteile der Stühle waren grün angestrichen, die Bilderrahmen grün lackiert. Der den Boden bedeckende kostbare Teppich hatte natürlich auch keine andre Farbe, und als Nobody nun nach der Toten hinüberblickte, da wunderte er sich nicht im geringsten, daß sie ein meergrünes Seidenkleid trug, darin aber einen grotesken Anblick bietend, denn die Ermordete, die mindestens fünfzig Jahre zählte, und deren Haar bereits ergraut war, war in großer Toilette. Der magere Hals und die eckigen Schultern waren ebenso entblößt wie die spindeldürren Arme. Das Gesicht mit dem bereits beschriebenen Ausdruck hatte infolge des durch die grünen Gardinen strömenden Lichtes eine geradezu gespensterhafte Farbe, und es gehörten die starken Nerven eines Nobody dazu, um sich ungeniert zu der Ermordeten zu begeben und sie genau betrachten zu können.
Auf einem Tische vor der Toten lag ein Spiel Karten ausgebreitet, immer acht Blätter nebeneinander ohne Rücksicht auf die Farbe und den Wert, so, wie man die Karten bei Patiencen zu legen pflegt oder wie Kartenschlägerinnen sie ausbreiten.
In der dritten Reihe fehlte eine Karte. Sie lag im Schoße der Ermordeten.
Nobody stutzte.
»Schellenaß!« murmelte er vor sich hin. »Die Todeskarte!«
Er kannte also die abergläubischen Bräuche, die beim Kartenlegen gelten, wo jedes zählende Blatt eine besondere, ganz bestimmte Bedeutung hat.
Nobody zählte nach: Sieben, acht, neun, zehn, Unter, Ober, König, Daus, wiederholte das zweimal - als er zum dritten Male aufs Daus kam, war das an der Stelle, wo die Karte fehlte - der Zufall hatte gewollt, daß es das Schellendaus war, und wer es zuerst zog, dessen wartete nicht nur ein baldiger, sondern auch gewaltsamer Tod.
Dort lag die Ermordete - in ihrem Schoße die ominöse Karte!
War hier wirklich nur ein Zufall in Betracht zu
Der Detektiv betrachtete die übrigen Karten, beugte sich plötzlich nieder und drückte mit einem Zeigefinger etwas ganz feine Asche breit, die am Rande des Tischchens lag. Auf den Teppich darunter war auch noch welche gefallen.
Nobody hielt sich nicht weiter dabei auf, warf nur einen flüchtigen Blick auf die Schnur, die noch um den Nacken der Toten geschlungen war, trat zum Fenster. An einer der Gardinen fehlte die haltende Schnur, und zwar an der, die das Fenster hinter der Leiche verhüllte. Der Mörder hatte das Werkzeug zu seiner schaurigen Tat an Ort und Stelle genommen, wo er es gerade fand.
Unweit davon lag auf dem Teppich eine halb aufgerauchte Zigarette, die Nobody aufhob, genau betrachtete und sorgfältig in einem silbernen Etui unterbrachte. Auf einem Tischchen stand eine Weinflasche mit zwei Gläsern.
Ins Nebenzimmer führte eine Tür, die offen stand. Er warf einen Blick hinein, es war das Schlafgemach. Das Bett war abgedeckt, aber unbenutzt. Die Ausstattung war die gewöhnlich in England übliche. Hier hatte Miß Worthwent ihre Vorliebe für die meergrüne Farbe nicht betätigt.
»So,« sagte Nobody, indem er sich auf einen der Stühle niederließ, »jetzt wäre der Anfang gemacht. Er ist zwar vielversprechend, aber das hier vorliegende Rätsel läßt sich damit noch lange nicht ergründen. Der Fall ist wahrlich interessanter, als ich glaubte. Mr. World hat auch mal eine feine Spürnase gehabt.
»Also die Sache liegt so. Miß Worthwent ist eine alte, kokette, abergläubische Jungfer. Sie pflegt sich die Karten zu legen, wollte wissen, ob sie noch einen Mann kriegt. Ein solcher war gestern bei ihr, ein guter Bekannter, sonst hätte er nicht rauchen dürfen, sie hätte sich umgedreht, als er hinter ihren Stuhl an jenes Fenster trat. Sie zog das Schellenaß, die Todeskarte, lehnte sich erschrocken zurück, und ihr Freund machte das Orakel wahr, indem er sie erdrosselte.
»Vor allem, wer verkehrte bei Miß Worthwent? Wer war sie selber? Ist sie bestohlen worden? Mrs. Bourne wird es mir sagen können.«
Nobody begab sich zu seiner jetzigen Wirtin, bat sie, ihm zu erzählen, was sie von der Ermordeten wisse. Der Fall interessiere ihn.
»Ich weiß nichts von ihr, weder, woher sie kam, als sie sich bei mir einmietete, noch ihre sonstigen Verhältnisse, noch ob sie mir ihren wahren Namen nannte.«
In England kennt man allerdings keine polizeiliche Anmeldung der Mieter, nicht einmal bei den im Hotel absteigenden Fremden ist dieselbe vorgeschrieben. Es ist ihre Sache, ob sie dem Wirte einen falschen oder ihren wahren Namen nennen. Das gehört eben mit zur persönlichen Freiheit. Der Engländer wird nicht wie der Deutsche fortwährend behördlich beaufsichtigt und mit all dem Wust der Meldevorschriften belästigt. Nobody konnte also nicht etwa zur Polizei gehn und dort für fünfundzwanzig Pfennig Auskunft holen, woher Miß Worthwent gekommen sei, wo sie zuletzt gewohnt habe. Das mußte er auf andre Weise herausfinden.
»Seit wann wohnte sie bei Ihnen, Mrs. Bourne?«
»Seit 1. Juli.«
»Sie brachte die Ausstattung des Wohnzimmers mit?«
Jawohl, das stimmte.
»Welche Firma stand an dem Möbelwagen?«
»Keine. Er gehörte ihr, war ganz meergrün angestrichen.«
Holla, das war wieder sonderbar! Wer sich einen eignen Möbelwagen hielt, der mußte ja ein förmliches Nomadenleben führen. Außerdem sagte der Detektiv sich, daß die Ermordete schwerwiegende Gründe gehabt haben müsse, dadurch, daß sie einen eignen Wagen benutzte, jede Nachforschung nach ihrer letzten Wohnung unmöglich zu machen. Nur den Kutscher konnte die alte Dame nicht selbst spielen.
»Haben Sie den Mann, der die Möbel brachte, nicht ausgefragt? Es mußte doch in Ihrem Interesse liegen, etwas über Ihre neue Mieterin zu erfahren.«
»Der Mann war taubstumm!« erwiderte Mrs. Bourne prompt.
»Da hört aber doch der Gurkenhandel auf!« sagte Nobody zu sich selber. »Die hat es ja geradezu raffiniert verstanden, ihre Geheimnisse zu wahren. Hat sie schließlich selber was auf dem Kerbholz gehabt? Oder hatte sie Feinde, vor denen sie auf der Hut sein mußte, so daß sie gezwungen war, oftmals die Wohnung zu wechseln? Geld hat sie jedenfalls genug besessen, sonst hätte sie sich nicht einen eignen Möbelwagen halten können.«
»War Miß Worthwent geizig?«
»Nein. Ich könnte mich wenigstens nicht beklagen. Sie zahlte mir doppelt so viel, wie ich für die beiden Zimmer verlangte.«
»Unter der Bedingung, daß sie dieselben nach ihrem Geschmack einrichten dürfte?«
»Ja, und außerdem sollte stets die Haustür verschlossen sein. Ich mußte Miß Worthwent alle Hausschlüssel übergeben.«
»So öffnete sie ihren Besuchern selbst?«
Die Frau sah den Frager groß an.
»Die Dame empfing überhaupt keinen Besuch, verließ auch ihre Wohnung nie.«
Das wurde ja immer rätselhafter! Jetzt wußte auch Nobody beinahe nicht mehr, was er denken sollte.
»Miß Worthwent rauchte Zigaretten?« fragte er dann.
»Nie! Ich hätte das auch nicht geduldet. Ich mag keine emanzipierten Frauen!«
Wenn das stimmte, so war also doch ein Mann bei der jetzt Ermordeten gewesen.
»Die Tote trägt große Toilette, als wenn sie jemanden bei sich erwartet hätte!«
Mrs. Bourne deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Stirn.
»So, so! Sie hatte also ein Rädchen zuviel, wie man zu sagen pflegt,« meinte der Detektiv nachdenklich, »deshalb war sie auch so abergläubisch. Was wollte sie denn eigentlich aus den Karten erfahren?«
Diese Frage hatte Nobody nur so nebenbei gestellt, er hoffte nicht etwa durch die Antwort eine neue Spur zu entdecken, daher war er um so mehr überrascht, als Mrs. Bourne sofort erwiderte: »Sie wollte wissen, ob sie eines gewaltsamen Todes sterben würde.«
»Nu nee!« rief Nobody unwillkürlich.
»Haben Sie denn die Todeskarte in dem Schoße der Miß Worthwent nicht gesehen?«
Der angebliche Franzose antwortete nicht. Sein Geist arbeitete fast fieberhaft an der Lösung des hier vorliegenden Rätsels. Die Ermordete fürchtete, daß sie durch Gewalt sterben würde, legte deswegen die Karten, hatte angeblich mit niemandem verkehrt, und doch war jemand bei ihr gewesen, dem sie volles Vertrauen geschenkt, und der sie darauf kalten Blutes umgebracht hatte. Zu welchem Zwecke? Aus welchem Anlasse?
»Ist die Tote bestohlen worden?« fragte Nobody endlich nach längerer Pause, während der Mrs. Bourne ihn scharf beobachtet hatte. Jetzt antwortete sie ihm nicht sogleich.
»Sie sind Detektiv?« wollte sie wissen.
»Nicht berufsmäßig und in Staatsdiensten,« entgegnete Nobody, »ich beschäftige mich lediglich zu meinem Vergnügen mit der Aufklärung schwieriger Kriminalfälle, bin auch nicht wegen des Mordes allein zu Ihnen gekommen. Ich hätte mich nicht im geringsten um die Tat gekümmert, wenn nicht ein Geheimnis mit derselben verknüpft wäre.«
»Jawohl, ein Geheimnis ist dabei,« bestätigte Mrs. Bourne, »und bestohlen worden ist sie auch.«
»Schmuck?«
»Diamanten, kostbare Steine in alter Fassung, Erbstücke vermutlich. Sie trug sie jeden Abend, nachdem sie sich auch sonst festlich geschmückt und sämtliche Lichter angezündet hatte.«
»Das tat sie jeden Abend?«
»Jawohl.«
»Und wo waren Sie gestern?«
»Im Theater. Miß Worthwent schenkte mir und Mary die Karten.«
Aha! Das war endlich etwas. Sie hatte also die Wirtin und das Dienstmädchen aus dem Hause haben wollen, um ungestört Besuch empfangen zu können.
»Schenkte Miß Worthwent Ihnen öfter Billetts zu Vergnügungen?«
»O ja! Ich sagte ja, geizig war sie nicht.«
»Als Sie gestern nach Hause kamen, waren alle Türen und Fenster wie gewöhnlich sorgfältig verschlossen?«
Mrs. Bourne nickte.
»Auch die vordere Haustür?«
»Die erst recht. Dazu hatte ja niemand einen Schlüssel außer Miß Worthwent. Der, den sie immer benutzte, muß noch in ihrer Kleidertasche stecken.«
Nobody war schon aufgestanden, in das grüne Zimmer geeilt, griff in die Tasche der Toten, nahm den Hausschlüssel heraus und probierte ihn unten an der Tür. Gerade als er sie öffnete und auf die Narrowstreet hinausschaute, kam der Briefträger mit der Abendpost.
»Für Mrs. Bourne!« sagte er, Nobody vier Briefe übergebend. Dieser sah sofort, daß sie sämtlich von Damenhand adressiert waren, stieg die Treppe wieder hinauf, nachdem er die Tür verschlossen hatte, und händigte die Post der Dame aus. Sie bat ihn, noch zu bleiben, öffnete die Schreiben, reichte eins nach dem andern schweigend dem Detektiv. Fast alle hatten denselben Inhalt.
»Die Dame mit dem grünen Zimmer wohnte von - bis - bei mir unter dem Namen -«
Die Zeitangaben differierten selbstverständlich, aber sie stimmten darin überein, daß stets nur sechs Monate angegeben waren. Die jetzt Ermordete hatte nirgends länger gewohnt. Stets unter anderm Namen, stets das Doppelte des geforderten Preises bezahlend. Die Vermieterinnen hatten sie erkannt, weil in den Zeitungen das grüne Zimmer genau beschrieben war.
Nobody zog ein Notizbuch hervor, schrieb die verschiedenen Daten, Wohnorte und die angenommenen Namen der Ermordeten genau der Reihenfolge nach auf und sagte dann: »Vor zwei Jahren begann sie die Wanderung unter dem Namen Wentworth. Wentworth - Worthwent - Wenthrow - Throwten - Twenworth - immer die gleichen Silben, nur umgestellt! Wie hieß sie wirklich? Vermutlich Wentworth.«
Mrs. Bourne hatte ruhig zugehört. Jetzt sagte sie: »Wentworth heißt ein Gut in der Nähe von Townsend.«
»Hm!« brummte der Detektiv. »Kann sein! Also ausgerissen ist sie vor jemandem! Sie hat gefürchtet, ermordet zu werden - durch wen?«
Er entschuldigte sich bei der Wirtin und zog sich in seine Zimmer zurück, kam auch nicht wieder zum Vorschein, als in der Nacht noch eine Gerichtskommission eintraf, nochmals eingehende Untersuchungen anstellte, die Leiche fortschaffen ließ, das Mordzimmer versiegelte. Dagegen war er bereits vor Tagesanbruch auf dem Bahnhof, fuhr nach London, verschaffte sich ein Verzeichnis sämtlicher Pfandleiher, die auch Juwelen kauften, und begann seinen Rundgang bei Isac Natanson. Jawohl, der Jude hatte tags zuvor ein altertümlich gefaßtes Diamantenkollier gekauft, von einem jungen Manne, blond, mit kleinem Barte. John Kennedy hatte er sich genannt, wohnte in dem Temple.
Nobody wußte vorläufig genug, sagte aber nichts von dem Raube in Hughesberry, fuhr vielmehr nach Townsend. Unterwegs dachte er über den Fall nach.
»Allem Anschein nach ist dieser Kennedy der Mörder. Dann ist er aber ein Stümper in seinem Handwerk, muß noch viel mehr lernen - ein erfahrener Verbrecher hätte die Diamanten einzeln verkauft und auch nicht in London, hätte sie nach Holland oder nach Frankreich gebracht. Herrgott, sind diese Polizisten Dummköpfe! Die brauchen voraussichtlich noch Wochen, ehe sie eine Spur finden.«
Von Townsend bis Wentworth waren zwei Meilen, also etwa eine Stunde zu gehn. Nobody brach sofort auf, kehrte im Dorfwirtshaus ein und rauchte gemütlich eine Zigarre.
»Wenig Leben hier,« sagte er, zum Wirt gewendet. »Man sieht ja keinen Menschen.«
»Leider! Ihr seid der erste Fremde seit vielen Wochen. War früher besser!«
»Wieso?«
»Als der gnädige Herr noch lebte! Gott hab' ihn selig, den armen Mann! Den Mörder haben sie heute noch nicht!«
Nobody horchte auf, ließ sich aber äußerlich nichts anmerken.
»Den Mörder?« sagte er. »Wie ging denn das zu?«
Der Wirt holte sich auch ein Glas Wein, setzte sich zu seinem Gaste und sagte: »Ja, ja, das ist schon lange her - 15 Jahre - seit man den Esquire Wentworth - das Dorf heißt nach ihm - ermordet im grünen Zimmer fand. Er hatte ein Messer mitten im Herzen, auf dem Griff stand der Name Algernon, ein guter Freund des Esquire, wohnte damals im Schlosse, wollte die Nichte heiraten, war aber noch eine Schwester da, die ihn auch liebte. Na, er hat keine gekriegt. Sie zeigten ihm das Messer. Ja, das gehörte ihm. Er war noch kurz vorher bei dem Mr. Wentworth gewesen, hatte einen Streit mit ihm gehabt. Die Nichte hatte ihn aus dem grünen Zimmer kommen sehen, geht selbst hinein, da ist der arme Herr schon tot. Algernon sollte gehängt werden, aber sie konnten ihm doch nichts nachweisen, setzten ihn lebenslänglich fest. Vor zwei Jahren ist er ausgerissen, sie haben ihn noch nicht wieder, und das ist recht. Ich glaube nicht, daß er der Mörder war, kannte ihn zu genau. Den richtigen finden sie nun auch nicht mehr.«
Also in Wentworth gab es auch ein grünes Zimmer, und in diesem war ebenfalls ein Mord geschehen! Nobody ärgerte sich fast, daß die Rätsel, die er hatte lösen wollen, gar so einfach waren. Nein, das stimmte doch nicht ganz, denn welchen Zusammenhang gab es zwischen dem Morde vor fünfzehn Jahren und dem von vorgestern? Ganz klar! Vor zwei Jahren war der Mörder des Esquire Wentworth aus dem Gefängnis entflohen, und gerade zu derselben Zeit begann Miß Wentworth ihre Wanderung mit dem meergrünen Möbelwagen. Sie hatte also die Rache Algernons gefürchtet, der auf ihr Zeugnis hin verurteilt worden war, unschuldig, wie der Wirt sagte. War der Mann also noch kein Verbrecher gewesen, so war er es geworden, indem er Miß Wentworth erdrosselte. Wo war er jetzt?
Jawohl, als wenn diese den Menschen, den sie sehr fürchtete, daß sie von Ort zu Ort vor ihm floh, zu einem Plauderstündchen eingeladen hätte, ihm so Gelegenheit gebend, sie in aller Gemütlichkeit umzubringen! Das Diamantkollier hatte auch nicht Algernon verkauft, sondern Kennedy, und endlich, warum schleppte die alte Dame ihre meergrünen Möbel, die offenbar in jenem Zimmer gestanden hatten, wo der Esquire ermordet wurde, fortwährend im eignen Möbelwagen mit sich herum? War das nicht geradezu ein Wink mit dem Zaunspfahl für Algernon, wenn dieser sie tatsächlich suchte?
»Die Geschichte ist verzwickter, als ich dachte,« sagte Nobody zu sich selber, »ich will sie aber bald klar haben.« Laut fragte er: »Der ermordete Esquire hinterließ keine Erben außer seiner Schwester?«
»Schwester? Die starb ja bald darnach.«
»Aus Gram, weil der Mann, den sie liebte, zum Mörder geworden war?«
»Es mag wohl so gewesen sein,« gab der Wirt zu. »Kränklich war sie allerdings schon immer. Vielleicht hätte sie auch sonst nicht mehr lange gelebt.«
»Warum wollte Algernon sie denn nicht heiraten? Er wußte doch jedenfalls, daß sie reich war?«
»Ja, wer kann das sagen! Ich denke mir, daß der Liebe niemand gebieten kann.«
»Richtig! So wurde also Miß Wentworth, die Nichte, die einzige Erbin?«
»Jawohl.«
»Kannten Sie die Dame?«
»Natürlich. Sie wohnte ja bis - ja - bis vor zwei Jahren im Schlosse.«
»Zeitungen lesen Sie wohl nicht?« fragte Nobody etwas unvermittelt.
Der Mann hatte offenbar noch keine Ahnung von dem gräßlichen Ende der alten Miß Wentworth. Er wunderte sich auch nicht weiter über die Frage. Nein, er las keine Zeitungen. Was in der Nachbarschaft passierte, erfuhr er sowieso, das andre, was in der Welt draußen vorging, interessierte ihn nicht. Er war ein glücklicher Mensch in seiner Beschränktheit! Freilich Nobody beneidete ihn nicht.
Gemächlich, gar nicht, als wenn sein Geist rastlos arbeitete, blies der Detektiv den Rauch seiner Zigarre in kunstvollen Ringen in die Luft, bestellte sich noch ein Glas Wein und sagte dann so beiläufig: »Ich hätte fast Lust, mir das Schloß einmal anzusehen. Wer bewohnt es denn jetzt?«
»Miß Ellinor Gregham, eine entfernte Verwandte der Miß Wentworth. Sie wird wohl mal alles erben!«
Aha, das war wieder etwas, wieder ein Schritt vorwärts. Wenn das Mädchen ein Interesse daran hatte, daß die Erblasserin recht bald starb -!?
»Andre erbberechtigte Verwandte sind nicht da?«
»Doch, ein Großneffe, ein Doktor! Der will aber Miß Ellinor heiraten. Er ist übrigens selber vermögend.«
Wieder nichts! Ein reicher Mann erdrosselt seine Erbtante nicht!
»Wenn Sie sich Wentworth ansehen wollen,« fuhr der Wirt fort, »so können Sie es ruhig tun. Miß Gregham ist froh, wenn einmal jemand zu ihr kommt, was selten genug der Fall ist. Viel Sehenswertes gibt es freilich da nicht. Die alte Miß Wentworth ist furchtbar geizig, läßt lieber alles zugrunde gehn, als daß sie Geld zu Reparaturen hergibt.«
Und Mrs. Bourne hatte gerade das Gegenteil behauptet! Eine geizige Alte bezahlt doch auch nicht freiwillig die doppelte Miete! Wie reimte sich das wieder zusammen?
Nobody stand auf, zahlte und schlug den Weg ein, den der Wirt ihm gezeigt hatte. Nach zehn Minuten bereits stand er im Parke von Wentworth-House und stellte fest, daß derselbe vollkommen ungepflegt, fast ganz verwildert war. Zwischen den Stufen der Freitreppe, die zum Schlosse emporführte, wuchs Gras. Die steinernen Figuren, die einst das Geländer geziert, waren von den Sockeln gestürzt oder auf ihnen zerbrochen, die Sonnenläden vor den Fenstern geschlossen.
Der Detektiv stieg die Stufen empor, wollte dann um die eine Ecke des Gebäudes biegen, das, wie in tiefen Schlaf versunken, in lautloser Stille dalag, prallte fast mit einer Dame zusammen und zog, sich verbeugend und entschuldigend, den Hut. Er heiße Laforet, der Wirt im Dorfe habe ihm von Wentworth erzählt, daß man es besichtigen dürfe, wenn er jedoch störe -!
Nobody hatte, während er so sprach, die Dame genau angesehen. Es war eine auffallend schöne Blondine, vielleicht achtzehn Jahre alt, aber schon etwas zur Fülle neigend, wie man dies oft bei blonden Damen findet, jedenfalls geeignet, Männerherzen zu entflammen, namentlich durch den sprechenden Blick ihrer großen Augen, die Nobody für dunkelblau hielt. Sie konnten aber auch schwarz sein.
Miß Ellinor Gregham freute sich, dem Fremden das Schloß zeigen zu dürfen. Sie selbst wollte ihn führen.
»Sie werden allerdings kaum befriedigt sein. Außer dem grünen Zimmer bietet es nichts Interessantes. Der Wirt hat Ihnen wohl -«
»Von dem Morde erzählt? Jawohl, das hat er. Deswegen kam ich her.«
»Dann bitte, treten Sie ein, hier ist es schon.«
Die junge Dame war vorausgegangen, öffnete im Korridor des Parterres eine Tür, und Nobody sah sich in einem Räume, der jenem in der Narrowstreet zu Hughesberry bis ins kleinste glich, nur war dieser hier größer. Miß Wentworth hatte nicht immer die Zimmer ausmessen können, die sie mietete.
»Merkwürdig!« sagte Nobody laut, daß Ellinor, dle gerade die Läden zurückschlug, es hören mußte. »Das ist ein eigenartiges Zusammentreffen!«
Die junge Dame wendete sich ihm sofort zu, schaute ihn erstaunt und fragend an.
»Ich komme aus Hughesberry, wo vorgestern eine alte Dame ermordet worden ist. Sie wohnte in einem Zimmer mit genau derselben Ausstattung wie hier, und sie hieß auch Wentworth!«
»Ermordet?« stieß Miß Gregham hervor. Sie war plötzlich leichenblaß geworden und zitterte so sehr, daß sie sich setzen mußte. »Mein Gott, so hat sie doch richtig geahnt!«
Nobody wendete keinen Blick von dem Mädchen, das so sehr über die Todesnachricht erschrocken war. Er spielte vorläufig noch seine Rolle als zufällig in die Gegend gekommener Tourist.
»Ihre Tante ahnte, daß sie ermordet werden würde?« fragte er, sich erstaunt stellend, obwohl ihm ja bereits Mrs. Bourne dasselbe gesagt hatte. »War sie denn so abergläubisch?«
Miß Gregham hatte sich etwas von ihrem Schreck erholt.
»Mein Gott!« seufzte sie. »Das ist ja schrecklich!«
»Sie haben nichts von dem Morde erfahren, bis ich es Ihnen sagte?« fragte Nobody, dabei aber hatte er diese Frage durchaus nicht nötig, denn ein einziger Blick auf Miß Ellinor Gregham hatte ihm gezeigt, daß sie sich nur unwissend stellte. Warum tat sie das? Jedenfalls hätte jeder andre Mann sich durch diese Schauspielerei täuschen lassen.
»Ich hörte das erste Wort darüber aus Ihrem Munde,« antwortete das Mädchen leise.
»Wußten Sie, daß Miß Wentworth in Hughesberry wohnte?«
»Nein! Sie teilte mir nie ihre Wohnungen mit.«
»Sie mußten doch aber in geschäftlichem Verkehr mit ihr bleiben.«
»Die Korrespondenz ging durch den Rechtsanwalt Brown in London. Doch warum fragen Sie mich das? Sind Sie Polizist, Detektiv?«
Nobody hatte sich inzwischen dahin entschieden, daß er seine Rolle als Tourist fallen lassen und seinen Beruf eingestehn wollte.
»Sie haben es erraten,« erwiderte er daher. »Ich bin hier, um nach den Spuren des Mörders zu suchen, und ich kalkuliere, Sie werden mir dabei helfen, Miß Gregham.«
»Ich? Ich weiß nichts! Ich kenne den Täter nicht!«
»Das ist schade,« bemerkte Nobody trocken, »aber es ließ sich denken, da Sie ja nicht einmal wußten, wo Ihre Tante wohnte, geschweige denn in persönlichem Verkehr mit ihr standen. Sie hatten sie wohl nicht besonders gern?«
»Ich wüßte nicht weshalb,« entgegnete das Mädchen. »Miß Wentworth war eine richtige alte Jungfer, launisch, boshaft, geizig. Wenn ich nicht so arm wäre, ich hätte sie nicht gebeten, mir zu helfen, sie hätte es auch nicht getan, wenn damals nicht Algernon entsprungen wäre.«
»Vor zwei Jahren?«
»Ja. Er hatte, als er verurteilt wurde, geschworen, daß er sich an ihr blutig rächen würde, sobald er wieder freikäme.«
»Dann könnte er also der Mörder der Miß Wentworth sein? Er hat sie aufgespürt und seinen Rachedurst an ihr gestillt.«
Nobody sagte diese Worte wider besseres Wissen, denn wie schon erwähnt, hätte Miß Wentworth den entsprungenen Sträfling nicht ins Haus gelassen. Sie würde sofort bei seinem Anblick entsetzt aufgeschrien haben, und wenn er sie trotzdem getötet, so hätte er die Tat gleich unten an der Haustür ausführen müssen. Der Detektiv wollte nur hören, ob Miß Gregham den naheliegenden Ausweg ergreifen und die Schuld auf Mr. Algernon schieben würde. Er stutzte doch über die Antwort, die er empfing.
»Algernon ist an dem Tode der Miß Wentworth genau so unschuldig, wie an dem des unglücklichen Mannes, der in diesem Zimmer erstochen wurde,« sagte das junge Mädchen mit einer Bestimmtheit, die frappierend wirken mußte. Nobody mußte sich zusammennehmen, daß ihm nicht ein Fluch entschlüpfte. Jetzt hatte er anstatt eines Mordes zwei aufzuklären, aber gerade weil die Sache so verwickelt erschien, steigerte sich das Interesse des Detektivs.
»Wie kommen Sie zu dieser Ueberzeugung, Miß Gregham?« fragte er ruhig.
»Ich kann eben nicht glauben, daß ein Mann wie Algernon zum Mörder wird, auch in der höchsten Erregung nicht,« erwiderte sie ebenso. »Er beteuerte bis zuletzt seine Unschuld, behauptete, daß die Schwester des Ermordeten von ihm das Messer geliehen habe unter einem Vorwande, ja, er ging so weit, daß er sie der Tat zieh. Das glaubte ihm natürlich niemand.«
»Er entfloh aber -«
»Um seine Unschuld beweisen zu können!« versetzte Miß Ellinor sofort, und Nobody mußte zugeben, daß diese Vermutung nahelag.
»Man hat nie wieder etwas von Algernon gehört? Er wendete sich doch ganz bestimmt hierher, wo er seine Feindin zu finden hoffte.«
»Miß Wentworth verließ das Schloß sofort, nachdem sie erfahren hatte, daß Algernon entflohen war.«
»Wer überbrachte ihr diese Nachricht?«
Miß Gregham wußte es nicht, gab dies wenigstens vor.
Eine Weile saßen die beiden sich schweigend gegenüber. Nobody schien fest entschlossen, das zu vollbringen, was der ganzen Londoner Polizei nicht geglückt war. Er wollte Algernon finden, den er im ganzen Leben noch nicht gesehen hatte, und wenn es in Wentworth-House auch schließlich ein Bild des unglücklichen Mannes gab, so hatte doch die fünfzehnjährige Haft ihn sicher so verändert, daß es ihm nicht mehr glich. Die einzige maßgebende Beschreibung Algernons konnte Nobody nur in der Strafanstalt erhalten, aus welcher jener entflohen war. Für den Mörder Miß Wentworths hielt ihn der Detektiv nicht.
»Was meinen Sie, wer den Esquire umbrachte?« fragte er.
Miß Gregham zuckte die Achseln.
»Ich weiß es nicht. Entweder die eine oder die andre.«
»Sie meinen die Schwester oder die Nichte?«
»Ja, sie liebten beide denselben Mann.«
Allerdings, und die, die er verschmähte, hatte ihn als Mörder seines Freundes verhaften und verurteilen lassen. Das aber war Miß Kate Wentworth gewesen, die jetzt selbst das Opfer eines Verbrechens geworden war.
Nobody hätte nun fragen können, ob Algernon ein schöner Mann war, er tat es nicht. Das kam gar nicht in Betracht.
»Also Sie wußten nichts von dem Tode Ihrer Tante?« wendete er sich nochmals an Miß Gregham. Diese sah ihn prüfend an.
»Bringen Sie mich etwa mit dem Morde in Verbindung?« fragte sie mit bebender Stimme. »Wenn Sie das tun, sind Sie auf einer ganz falschen Spur.«
»Das überlassen Sie gefälligst mir, mein Fräulein!« sagte Nobody zu sich selber. Laut setzte er hinzu: »Keineswegs! Ich sagte Ihnen noch nicht, daß die Tote beraubt wurde!«
»Man hat ihren Schmuck gestohlen!« rief Miß Ellinor erbleichend.
»Wie kommen Sie darauf?« Nobodys Stimme klang scharf.
»Weil - die Tante trug den Schmuck alle Abende.«
»So ist es! Der Mörder nahm ihn, verkaufte ein Kollier davon und verriet sich dadurch. Ich kenne bereits seinen Namen.«
Ellinor war einer Ohnmacht nahe.
»Ein Kollier?« stieß sie kaum vernehmbar hervor. »Wer -?«
Sie konnte nicht weitersprechen. Angstvoll blickte sie den Detektiv an.
»Der Mann heißt John Kennedy!« erwiderte er, jedes Wort scharf betonend und das junge Mädchen unausgesetzt beobachtend.
»John Ke -!« schrie es auf und sank dann bewußtlos zurück.
»So! Da haben wir die Bescherung!« sagte Nobody, stand auf, ohne zunächst der Ohnmächtigen zu Hilfe zu eilen, sah sich rasch im Zimmer um und trat dann an das offenstehende Fenster.
»He, alter Freund, bringen Sie mir doch mal etwas frisches Wasser!«
Nobody rief es einem Manne zu, den er im Parke erblickte, anscheinend ein Landarbeiter, grauhaarig, ärmlich gekleidet.
Anfangs machte der Mensch eine Bewegung, als wolle er entfliehen. Der Fremde im Mordzimmer mochte ihm unheimlich vorkommen; dann aber näherte er sich dem Hause, verschwand darin, kam gleich wieder, einen Blechtopf in der Hand, den er Nobody durchs Fenster reichte. Dabei sah er die Ohnmächtige, lachte mißtönend und fragte dann mit heiserer Stimme: »Haben Sie sie -?« Er führte eine Bewegung aus, wie wenn er jemanden erstäche. »Das ist recht! Hier können Sie es tun. Hier erwischt Sie niemand. Hahaha! Wo ist denn das Messer? Ich sehe auch kein Blut!«
Diesen Redereien nach war der Greis offenbar nicht ganz zurechnungsfähig. Er mochte schon zur Zeit des ersten Mordes in Wentworth-House beschäftigt gewesen sein, die Bluttat vielleicht mit angesehen oder nur die Leiche seines Herrn erblickt und darüber den Verstand verloren haben.
Nobody warf schnell einen Blick auf Miß Gregham, sie war noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen, und eben wollte er eine Frage an den Wahnsinnigen richten, da kam dieser ihm zuvor, deutete auf das junge Mädchen, beugte sich weit vor und raunte dem Detektiv mit geheimnisvoller Miene zu: »Seid Ihr verliebt in sie? Tut das nicht! Sie hat einen andern, zwei andre, den einen sticht sie tot. Das ist immer so. Hu, Blut! Blut!«
Kreischend rannte der Alte die Stufen hinunter und verschwand im verwilderten Parke. Nobody schaute ihm mit sonderbarem Ausdruck nach. Es lag etwas Ueberlegenes darin, als wenn Nobody sagen wollte: »Wenn ihr mich anführen wollt, so müßt ihr's gescheiter anfangen.« -
»Holla, Miß Gregham, da sind Sie ja wieder zu sich gekommen. Was hat Sie denn nur so alteriert?«
Die junge Dame sah ihn noch etwas verwirrt an, dann stieg eine Blutwelle in ihre Wangen, ihrer Brust entrang sich ein Seufzer. Als ihr jedoch die volle Erinnerung zurückkehrte, zwang sie sich mit bewundernswerter Willenskraft zur äußerlichen Ruhe.
»Sie sagten, Sie hätten den Täter bereits gefunden,« versetzte sie, und ihre Stimme war fest, »Sie nannten auch seinen Namen, John Kennedy. Dieser Herr aber ist mein Verlobter und -«
»Nun begreife ich Ihren Schrecken,« vollendete Nobody.
»Er ist unschuldig an dem Morde!« beteuerte Miß Gregham.
»Wie kam er dann zu dem Halsband?«
»Auf rechtmäßigem Wege, John Kennedy stiehlt und mordet nicht.«
»Aber er kann mit dem wirklichen Täter zusammengekommen sein, sagen wir, mit Algernon, und hat von diesem den Schmuck empfangen!«
Nobody merkte deutlich, wie diese anscheinend ohne Absicht gesprochenen Worte ihren Zweck nicht verfehlten. Die junge Dame erblaßte abermals, entgegnete jedoch sofort: »Wie können Sie John Kennedy mit einem Mann zusammen nennen, dessen Aufenthalt niemand weiß, den die Polizei seit Jahren vergeblich sucht, der demnach vermutlich schon längst gestorben ist?«
»Ich brauchte ihn nur so zum Beispiel,« sagte Nobody gleichmütig, »im übrigen glaube ich nicht, daß Algernon tot ist, sondern sich ganz im Gegenteil in dieser Gegend herumtreibt!«
»Um Miß Wentworth zu ermorden, wenn er sie gefunden hätte?« fragte Miß Gregham leise.
»Nein, um sie zu zwingen, seine Ehre wiederherzustellen,« versetzte der Detektiv. »Jetzt aber,« fuhr er fort, »will ich Sie nicht weiter stören. Sie können mir ja doch keinen Aufschluß geben, denn Sie haben Wentworth-House in den letzten Tagen nicht verlassen, kannten den Wohnort Ihrer Tante auch nicht und können sich nicht denken, wie Ihr Verlobter in den Besitz des geraubten Schmuckstückes kam -«
»Werden Sie ihn deshalb befragen und gegebenenfalls verhaften?« stieß die junge Dame mit sichtlicher Anstrengung hervor.
»Seien Sie ohne Sorge. Erstens bin ich kein Polizist, zweitens halte ich John Kennedy nicht für den Mörder!«
»Nicht? O, mein Gott, was für ein sonderbarer Mensch sind Sie! Wenn es jemandem gelingt, das Geheimnis zu ergründen, das diese beiden Mordtaten umgibt, dann sind Sie es. Fast möchte ich glauben, Sie seien der berühmte Nobody!«
»Ihr Vertrauen ehrt mich, Miß Gregham, ich werde es zu rechtfertigen suchen,« entgegnete er und entfernte sich, nachdem er sich noch bedankt hatte.
Den Wahnsinnigen bekam er beim Durchschreiten des Parkes nicht wieder zu Gesicht.
Die Leser werden zugeben, daß Nobody hier vor einer Aufgabe stand, deren Lösung mehr als menschlichen Scharfsinn und eine fast übernatürliche Kombinationsgabe erforderte. Dem Detektiv selbst kam das schon jetzt nicht mehr so vor. Er hatte seine bestimmte, schon oft geschilderte Methode, und diese wendete er auch hier an, indem er zunächst alle Nebenumstände ausschaltete.
Jeder andre an seiner Stelle hätte darauf geschworen, daß der Mord in Wentworth-House mit dem in Hughesberry in direktem Zusammenhang stehe, und zwar durch die Person des unglücklichen Algernon, dessen Racheschwur ja allgemein bekannt war. Nobody dagegen hielt die beiden Verbrechen scharf auseinander. Er ließ sich auch nicht dadurch irritieren, daß John Kennedy am Tage nach dem Morde das Halsband der Toten verkauft hatte, denn so offen konnte das nur ein Mensch mit vollkommen reinem Gewissen tun. Nein, diese Spuren wollte Nobody erst dann anscheinend verfolgen, wenn er den wahrer Täter entdeckt hatte und ihn in Sicherheit wiegen wollte.
Als solcher kam für ihn nur noch eine Persönlichkeit in Frage, die ein materielles Interesse am Tode der Miß Wentworth haben mußte - also ein Erbe. Da gab es aber nur zwei: Miß Gregham und den vermögenden Doktor.
»Miß Gregham hat, aus Gründen, die ich vorläufig noch nicht durchschauen kann, in mehrfacher Hinsicht nicht die Wahrheit gesagt. Sie wußte, wo ihre Tante lebte und daß dieselbe ermordet worden war, ebenso ist ihr genau bekannt, daß Algernon noch lebt, und wo er sich verborgen hält. Wenn ich nicht der Nobody wäre, dann würde ich sagen, daß Miß Gregham im Verein mit Kennedy und Algernon ihre Tante ermordete und beraubte. So aber ist jener Doktor der nächste Erbe, und da sie ihn nicht heiraten will, wird sie Wentworth-House verlassen müssen. Sie hätte sich also selbst ihrer Existenz beraubt. Nein, das ist nichts. Der Schlüssel zu dem Geheimnis liegt ganz wo anders - im Zimmer der Ermordeten!«
So dachte Nobody, während er nach Hughesberry zurückkehrte. Dort angelangt, begab er sich zum Theater, dessen Kasse schon geöffnet war, kaufte ein Billett, trat aber noch nicht ein, sondern begann ein Gespräch mit dem Portier, fragte, wie lange derselbe schon im Dienst sei, er müsse doch fast die gesamte Bewohnerschaft der Gegend kennen.
Ja, das war der Fall. Der Mann lachte selbstgefällig.
»Unsereins sieht manches, was andre gar nicht oder erst viel später merken. Sagten Sie nicht, daß Sie auf Wentworth-House waren? Haben Sie da Miß Ellinor Gregham gesprochen? Ja? Ein schönes Mädel, was? He? Hat's aber faustdick hinter den Ohren!«
»So?« machte Nobody zweifelnd. »Das habe ich ihr nicht zugetraut!«
»Na, freilich. Sie! Da muß man schon mehr Menschenkenntnis besitzen. Ich weiß, was ich weiß!«
»Darf man fragen?«
»Eigentlich sollte ich ja den Mund halten,« entgegnete der selbstbewußte Türsteher, »doch Sie sind fremd hier - man hört's an der Sprache - da kann ich schon reden. Diese Miß Gregham hält es nämlich gleich mit zwei Liebhabern. Vorgestern bin ich dahintergekommen, hahaha. Erst kam der eine - ein gewisser Kennedy, John Kennedy; der hatte einen Platz ganz vorn, und er kam auch pünktlich. Gegen halb neun traf dann der zweite ein, Dr. Jeremias Shutter -«
»Woher wissen Sie denn, daß die beiden Herren zu Miß Gregham gehörten, von ihr bestellt waren?« fragte hier Nobody, ohne natürlich zu verraten, wie diese Mitteilungen des Portiers ihn interessierten.
Dieser guckte ihn von der Seite an, mochte ihn für sehr dumm halten. »Es fragte doch jeder von ihnen, ob Miß Gregham schon da sei!«
»Diese kam aber erst später?«
»Es schlug gerade neun.«
»Und zu wem setzte sie sich?«
»Zu mir!« lachte der Portier. »Sie wollte kein Aufsehen erregen, weil die Vorstellung schon begonnen hatte; sie saß neben mir an der Tür bis halb elf.«
»Sie ging nicht wieder fort?«
»Nein. Es gab mir Spaß, wie der Doktor sie suchte!«
»Hat er sie gefunden?«
»I wo! Sie ging am Schluß mit John Kennedy fort. Na, habe ich recht? Die hat's doch hinter den Ohren!«
»Es scheint so!« nickte Nobody, trat dann ins Haus, nahm seinen Platz ein, versank sofort in Nachdenken.
In der Mordnacht war also Miß Gregham in Hughesberry gewesen, hatte sich mit John Kennedy getroffen, war aber erst um neun ins Theater gekommen. Den Doktor hatte sie keineswegs bestellt, jedenfalls aber war das Zusammentreffen sonderbar - es fehlte nur noch Algernon, dann waren alle Personen, die als Täter in Frage kommen konnten, in der Mordnacht in Hughesberry gewesen, hatten aber gleichzeitig den Beweis ihrer Unschuld erbracht, denn wenn sie erst halb elf das Theater verließen, konnten sie nicht um zehn die alte Miß Wentworth erdrosselt haben. Wieder blieb als einziger Verdächtiger Algernon übrig.
»Der Mann muß her. Ich werde ihn morgen finden,« sagte Nobody zu sich selber. »Vorher aber will ich mal mit John Kennedy sprechen.«
Bereits in den Morgenstunden des nächsten Tages führte Nobody diesen Vorsatz durch, fand den Verlobten Miß Greghams nicht zu Hause, ward aber einstweilen in dessen Zimmer geführt, wo er warten sollte.
Der Raum war wie die meisten Garçonwohnungen ausgestattet, nicht besser und nicht schlechter, aber das geübte Auge des Detektivs sah doch auf den ersten Moment, daß der Inhaber desselben nicht mit Glücksgütern gesegnet sei.
»Oho!« sagte Nobody plötzlich. »Ein Brief, die Adresse von Damenhand! Der ist sicher aus Wentworth! Miß Gregham hat ihren Liebhaber gewarnt, nein, ihn von meinem Besuch unterrichtet. Ich habe das vorausgesehen, und ich habe nichts dagegen, daß er mich sofort erkennt - oder halt! Noch ist es Zeit - er soll Isac Natanson bei sich finden!«
Mit gewohnter Schnelligkeit bewirkte Nobody seine Umwandlung in den jüdischen Pfandleiher; er brauchte dazu keine andre Perücke, nur die Nase mußte etwas fleischiger werden, die Unterlippe herabhängen - fertig!
Schritte kamen die Treppe herauf. Nobody hörte, daß die Wirtin ihren Mieter von dem Besuch unterrichtete, dann trat dieser herein, stutzte und fragte ungehalten, was Mr. Natanson wünsche. Er mochte den jüdischen Pfandleiher am allerwenigsten bei sich erwartet haben.
»Werden Sie verzeihen, daß ich bin gekommen hierher,« antwortete derselbe. »Sie haben mir verkauft einen Schmuck, was ist gestohlen, was rührt her von einem Raubmord. Puh, was sagen Sie nu? Soll ich gehn zur Polizei oder wollen Sie wiederhaben das Halsband?«
Der junge, wirklich hübsche Mann, dessen ganzes Auftreten und Benehmen etwas Einnehmendes hatte, lächelte.
»Mr. Natanson,« sagte er dann, »daran glauben Sie doch selber nicht! Wenn ich das Halsband auf unrechte Weise erlangt hätte, dann würde ich Ihnen wohl schwerlich meinen wirklichen Namen genannt haben!«
»Sollen Sie haben recht,« gab der vermeintliche Jude zu, »aber gehört hat es der Miß Wentworth, wo ist gestorben eines so grausamen Todes.«
»Jawohl, es hat ihr gehört oder nein, sie hat es besessen,« erwiderte Kennedy ruhig und ohne Zögern.
Ein böses Gewissen besaß er nicht, das merkte Nobody, und er verstand auch sofort, was jener meinte, indem er sagte: ›sie hat es besessen!‹
»Wie ist es gekommen in Ihre Hände?« fragte er trotzdem weiter.
»Das kümmert Sie nichts. Niemand wird es von mir erfahren!«
»Auch nicht das Gericht?«
»Nein! Doch - was ist - das? Sie sind ja gar nicht Mr. Natanson! Sie sind jener -«
»Jener Detektiv, dessen Ankunft Ihnen von Miß Gregham angekündigt wurde. Jawohl, das stimmt! Ich wollte Sie nur mal ein bißchen auf die Probe stellen, war eigentlich nicht nötig.«
John Kennedy staunte immer noch. Das war doch wirklich Isac Natanson gewesen, und daß jetzt ein ganz andrer Mensch hier im Zimmer stand, das ging sicher nicht mit rechten Dingen zu.
Nobody ließ dem jungen Manne nicht Zeit, sich diese Verwandlung zu erklären.
»Miß Gregham gab Ihnen das Halsband der Miß Wentworth, als Sie sich vorgestern abend im Theater trafen,« sagte er lächelnd.
Kennedy prallte einen Schritt zurück.
»Woher wiss - ah - Miß Gregham war gar nicht in Hughesberry!«
»So? Dann hat sie eine Doppelgängerin, die genau an dem Tage, der in Frage kommt, um 6 Uhr 30 Minuten in Wentworth ein Billett zweiter Klasse nach Hughesberry kaufte, um neun ins Theater kam, und auch Sie müssen durch die Aehnlichkeit mit Ihrer Braut getäuscht worden sein. Sie haben halb elf mit der Dame das Theater verlassen. Machen wir keine langen Umstände! Miß Gregham gab Ihnen das Halsband, damit Sie es verkaufen und aus Ihren Geldsorgen herauskommen könnten!«
»Aber gestohlen hat sie es nicht! Sie ist unschuldig an dem Morde!«
»Selbstverständlich! Sonst hätte sie nicht schon um neun in dem Theater sein können.«
Wieder staunte John Kennedy den Mann, der alles zu wissen schien, fast entsetzt an.
»Herr, wer sind Sie?« stieß er dann hervor.
»Das ist vorläufig Nebensache, Sie erfahren es noch zeitig genug. Was halten Sie von dem Morde? Wissen Sie etwas von einem Mr. Algernon?«
»Der ist unschuldig, schon seit Jahren spurlos verschwunden.«
»Aber Sie kennen ihn?«
»Kennen? Ich habe ihn noch nie gesehen!«
»Warum halten Sie ihn für unschuldig?«
»Weil - Miß Gregham erzählte mir die näheren Umstände des Mordes in Wentworth-House.«
»Gut! Sie wissen nicht, wo Mr. Algernon sich verborgen hält?«
Nein, John Kennedy hatte keine Ahnung, fühlte sich aber durch die Fragen Nobodys offenbar beunruhigt, was diesem natürlich nicht entging.
»Haben Sie der Polizei gemeldet, daß ich das Kollier verkaufte?«
»Ich habe nichts mit ihr zu tun. Angst brauchen Sie auch nicht zu haben, Sie können ja Ihr Alibi nachweisen.«
Nobody wandte sich zum Gehn, blieb aber neben der Tür stehn.
»Wen halten Sie für den Mörder?«
Der Gefragte zuckte die Achseln. Keine Ahnung!
»Sind Sie öfter in Wentworth-House gewesen?« fragte Nobody noch.
»Früher! In letzter Zeit nicht mehr!«
»So! Aber den alten Wahnsinnigen haben Sie dort gesehen, der immer von Blut und Mord redet?«
Kennedy zögerte merkwürdigerweise etwas mit der Antwort, bejahte aber dann die Frage, hinzufügend, er habe sich nicht gleich erinnern können.
Nobody kehrte in das Haus der Mrs. Bourne zurück, fand dort einen Besucher vor: Dr. Jeremias Shutter, den die Polizei herbeigerufen hatte, die Leiche als die der Miß Wentworth zu rekognoszieren. Der Arzt machte einen guten Eindruck, sprach eben mit der Vermieterin über den Mord, wußte aber auch keine Erklärung.
»Die Zimmer sind wohl wieder entsiegelt worden?« fragte Nobody, der sich wieder Laforet nannte.
»Jawohl, ich bin ja der gesetzmäßige Erbe. Ich will alles da drin verkaufen lassen,« antwortete Dr. Shutter.
»Was wollen Sie dafür haben?« fragte Nobody ganz überraschend.
Der Arzt lachte belustigt.
»Sie haben doch nicht etwa ernste Absichten?«
»Doch! Ich sagte schon Mrs. Bourne, daß ich mich für geheimnisvolle Verbrechen interessiere. Ich mochte das grüne Zimmer erstehn!«
»Eine sonderbare Liebhaberei! Mir kann es freilich nur recht sein. Was bieten Sie?«
»Zwanzig Pfund!«
»Hahaha! Das ist das Zeug doch nicht wert! sollen Sie etwa die Möbel nach verborgenen Schätzen durchsuchen? Da werden Sie nichts finden!«
Nobody ging nicht auf diese Worte ein, zog eine Zwanzigpfundnote hervor.
»Also der Kauf ist perfekt?«
»Aber natürlich! So viel bekomme ich doch nicht wieder geboten.«
Dr. Jeremias Shutter steckte schmunzelnd das Geld ein und gab dafür den Schlüssel zu dem grünen Zimmer heraus. Nobody begab sich sofort hinüber, mochten die beiden von ihm denken, was sie wollten. Wären sie ihm gefolgt, sie hätten ihn gemütlich rauchend in dem unheimlichen Raume sitzend gefunden. Dabei sagte er sich in Gedanken: »Vierundzwanzig Stunden will ich noch dranwenden, länger nicht. Dann muß ich den Mörder gefunden haben. Den Algernon habe ich schon. Dem soll die verlorne Ehre bald zurückgegeben werden. Er verdient's, noch mehr aber John Kennedy. (Wie Nobody diese beiden zusammenbringen konnte, wird sich bald aufklären.) Rekapitulieren wir noch einmal, was den Mord betrifft!
Miß Kate Wentworth hat ein schlechtes Gewissen, weil sie einen Unschuldigen ins Zuchthaus brachte. Derselbe entkommt. Sie flieht vor ihm. Damit sie aber niemals die ihr drohende Gefahr vergißt, stattet sie ihr Zimmer genau so aus wie jenes Mordzimmer in Wentworth-House. An dem betreffenden Abend hat sie Mrs. Bourne und die Dienerin aus dem Hause gebracht, um ungestört einen Besucher zu empfangen. Gegen ihren Willen hat sich auch Miß Gregham eingestellt, hat sie gezwungen, das Halsband herauszugeben. Wem gehörte es?«
Nobody lächelte in der ihm eignen Weise.
»Es gehörte Miß Wentworth, der Schwester des ermordeten Esquire, und diese empfing es als Geschenk von Mr. Algernon, ihrem Verlobten. Als sie starb, nahm die Nebenbuhlerin als Erbin auch das Halsband an sich, obwohl sie es dem Geber hätte zurücksenden müssen. Miß Gregham wußte das und auch, daß das Schmuckstück dem, dem es mit Recht gehörte, aus großer Not helfen könnte. Sie ging also zur Tante und forderte es. Die geizige alte Jungfer weigerte sich; da drohte die entschlossene junge Dame mit Algernon. Sofort empfing sie das Halsband, ward aber auch schon zur Tür hinausgeschoben und gab es an John Kennedy - als den Erben oder Rechtsnachfolger des unglücklichen Algernon. Wenn derselbe schon einmal verheiratet gewesen wäre, würde ich sagen, daß Kennedy sein Sohn wäre. Na, das wird er mir ja ohne weiteres eingestehn.
Eine ausgezeichnete Zigarre! Das ist ein wahrer Genuß! Hm, aber Miß Wentworth erwartete einen Besucher, hielt Wein für ihn bereit. Der Mann hatte sich also angemeldet und verlangt, daß er allein mit ihr sei. Jedenfalls hat er Geld gebraucht, er muß ihr also verwandt oder gut befreundet gewesen sein. Sie hat es ihm abgeschlagen, und er hat sie erwürgt. Es bleiben demnach nur noch zwei Fragen: Wer war der Besucher? Wie kamen die Karten auf den Tisch?«
Nobody stand auf, trat zum Papierkorb, schüttelte den Kopf.
»Nicht einmal den haben sie geleert! Und das will einen Mörder finden!«
Er setzte sich direkt auf den Teppich, stülpte den Papierkorb um und untersuchte jedes einzelne Blättchen, mochte es noch so klein sein, sehr sorgfältig.
»Wahrhaftig, ich kenne Beschäftigungen, die interessanter sind, als den Papierkorb einer alten Jungfer durchstöbern zu dürfen oder vielmehr zu müssen. Wenn doch Mr. World mich hier sähe! Dann würde er wenigstens merken, wie mühsam ich mir meine paar Groschen verdienen muß.«
Ein Blättchen Karton fiel ihm in die Hände, an einer Ecke verbrannt, gerade dort, wo der Name gestanden hatte. Desgleichen fehlte die Anrede, wenn es eine gegeben hatte, sowie die erste Zeile. Das betreffende Stück war weggeschnitten worden, entweder beim Oeffnen des Kuverts oder später. Der noch vorhandene Text war freilich vollkommen genügend. Er lautete in deutscher Uebersetzung etwa:
»- ich, mir am Dienstag dieser Woche, abends neun Uhr, eine Unterredung unter vier Augen zu gewähren, Mrs. Bourne und das Mädchen entfernen Sie wohl? Algernon ist in der Nähe!!! Sofort verbrennen!
Ihr tr ...«
»Na also!« lächelte Nobody, zufrieden damit, daß seine scharfsinnige Annahme sich bestätigte. Daß der Name des Schreibers fehlte, ärgerte ihn nicht, was aus den Worten hervorging, die der Detektiv weiter zu sich selber sprach. Er sagte nämlich: »Eigentlich brauche ich nun nicht mehr vierundzwanzig Stunden, um den Schuft beim Kragen zu packen, der auf die raffinierteste Art verstand, den Verdacht, den Mord verübt zu haben, auf unschuldige Menschen zu lenken. Der Elende hat freilich nicht damit rechnen können, daß ihm der Nobody auf den Hals geschickt werden würde, und ganz durchschaue ich den seinem Verbrechen zugrunde liegenden Plan auch noch nicht, aber das ist das wenigste.«
Er stand auf, dehnte die steif gewordenen Glieder, gähnte laut, griff im nächsten Moment auf den Tisch, auf dem noch das Tablett mit der Weinflasche und den Gläsern stand, und hielt ein Stückchen Pappe in der Hand.
Es war eine Rückfahrkarte III. Klasse von Wentworth nach Hughesberry, gelöst am Mordtage.
»Miß Gregham ist zweiter gefahren, auf eine einfache Fahrkarte, Mr. Kennedy kam von London hierher, er hat sie also auch nicht verloren, und in Wentworth gibt es keinen Menschen sonst, dem der letzte Aufenthalt der alten Jungfer bekannt war. Diese Fahrkarte ist übrigens erst später hierhergelegt worden, heute, denn im andern Falle hätte ich sie bei meiner ersten Anwesenheit hier finden müssen, und selbst den Augen der Gerichtspersonen wäre sie schwerlich entgangen. Ja, ja, allzu klug ist manchmal auch dumm!«
Nobody steckte die Karte und das Schreiben in seme Brieftasche, verließ das Mordzimmer, dessen Ausstattung ihm nun gehörte, verschloß es sorgfältig und fuhr zum zweiten Male nach Wentworth hinaus.
Der Stationsvorsteher erkannte den vermeintlichen Franzosen sofort wieder, fragte, ob er wieder nach Wentworth-House wolle. Ja, Laforet - Nobody hatte aber etwas gefunden, das er erst hier an der richtigen Stelle abgeben wollte, am Billettschalter. Viel Wert habe es ja nicht - er brachte die Fahrkarte hervor und zeigte sie dem Beamten.
Der Mann lachte belustigt auf.
»Die haben Sie gefunden? Da möchte ich wissen, wie der Alte nach Hause gekommen ist!«
»Welcher Alte?« fragte Nobody, als wenn er es nicht schon längst wüßte.
»Sie müssen ihn doch gesehen haben, er ist hier nicht ganz richtig.«
»Aha, der Verrückte von Wentworth-House! Der hat die Karte gelöst? Was hat denn der auf der Eisenbahn zu suchen?«
»Habe mich auch gewundert!« versetzte der Beamte. »Noch mehr aber darüber, daß er abends mit dem letzten Zuge nicht zurückkam. Er muß in Hughesberry übernachtet haben!«
»Dann ist er vielleicht bei einem Verwandten geblieben!«
»Er hat keine. Er weiß ja nicht einmal mehr seinen Namen. Der Verrückte von Wentworth-House, anders nennt ihn niemand. Machen Sie sich nur den Spaß, geben Sie ihm die Karte wieder, Mr. Laforet, und erzählen Sie mir dann, was für ein Gesicht der Alte gemacht hat.«
Nobody versprach's, verabschiedete sich und langte wieder nach zehn Minuten an dem verfallenden Landsitze an. Dem Wahnsinnigen begegnete er zwar im Parke, redete ihn aber nicht an, sondern ging sofort ins Haus, ließ sich bei Miß Gregham melden und bat sie, mit ihm ins grüne Zimmer zu kommen.
Die junge Dame schien den Detektiv nicht gerade gern wiederzusehen, aber das genierte natürlich Nobody nicht.
»Mein wertes Fräulein,« sagte er tadelnd zu ihr, »hoffentlich belügen Sie andre Leute nicht auch so wie mich!«
»Belügen?« wollte sie auffahren. Doch Nobody lächelte überlegen.
»Ja, Sie haben mich belogen, danken Sie Gott, daß ich kein Polizist bin, sonst säßen jetzt sowohl Sie als auch Ihr Bräutigam in Untersuchungshaft, des Mordes an Miß Wentworth verdächtig. Sie kannten nämlich nicht nur die Wohnung Ihrer Tante, sondern waren auch an ihrem Todestage dort, zwangen sie, ein Diamanthalsband herauszugeben, das Mr. Algernon seinerzeit der Schwester des Mr. Wentworth schenkte. Sie drohten der Tante, Algernon die Wohnung seiner Feindin zu verraten. Das Schmuckstück übergaben Sie Ihrem Verlobten, damit er es verkaufe. Er tat es im Bewußtsein des guten Rechtes, denn - Miß Gregham - er heißt nicht John Kennedy, sondern - John Algernon, ist der Sohn jenes unschuldig Verurteilten!«
Miß Gregham schaute den Sprecher geradezu entsetzt an, unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen.
»Nun, mein Fräulein,« fuhr dieser ruhig fort, »wollen Sie mir nicht sagen, wo ich den alten Mr. Algernon finden kann?«
»Ich - ich - weiß es nicht!«
»Aber ich!« entgegnete Nobody scharf. »Schauen Sie, bitte, zum Fenster hinaus! Dort drüben steht er!«
Mechanisch folgten die Blicke Miß Greghams der deutenden Hand.
Dort drüben stand der - Wahnsinnige.
Das junge Mädchen war nahe daran, abermals ohnmächtig zusammenzusinken, doch schon fuhr Nobody fort: »Das ist also Mr. Algernon, der Vater Ihres Verlobten; als er dem Zuchthause entflohen war, kam er direkt hierher - wie ich schon erwähnte, nicht um seine Rachgier zu befriedigen, sondern um seine Unschuld zu erweisen. Doch Miß Wentworth war schon fort, und Sie nahmen ihn auf, nachdem er sich seinem Sohne zu erkennen gegeben hatte. Sie rieten ihm, sich wahnsinnig oder geistesschwach zu stellen, und es gelang Ihnen wirklich, auf diese Weise alle Welt zu täuschen, nur mich nicht! Denn, Miß Gregham, Sie fürchteten sich nicht vor dem angeblichen Verrückten und seinen grauenhaften Mordphantasien, und dadurch verrieten Sie sich!
»Nein,« wehrte er ab, »unterbrechen Sie mich nicht, Sie werden mich gleich als einen ganz andern Menschen kennen lernen, als wie Sie mich jetzt beurteilen. Mr. Algernon senior war am Abende, an welchem der Mord vollbracht wurde, in Hughesberry - hier seine Fahrkarte, die noch nicht abgelaufen ist - ich fand sie im Zimmer der Ermordeten!«
Da konnte Miß Gregham doch nicht mehr an sich halten. Sie sank weinend auf einen Stuhl, und schluchzend stieß sie hervor: »Der Unglückliche! Er ist kein Mörder, und doch fällt auch jetzt wieder der Verdacht auf ihn! O, haben Sie Erbarmen, mein Herr, lassen Sie mich hinaus, ihn zu warnen. Er muß fliehen!«
Nobody drückte die Weinende, die aufstehn wollte, sanft wieder in den Stuhl zurück.
»Wer sagt Ihnen denn, daß Mr. Algernon bei Miß Wentworth war, daß er dort sein Billett verloren hat? Den wahren Mörder habe ich ja schon entdeckt. Ich lasse ihn noch heute verhaften. Ja, den Namen erfahren Sie schon noch, auch Mr. Algernon, aber fassen Sie sich jetzt, Sie müssen mir noch helfen!«
Miß Gregham war nun doch aufgestanden, hatte die Hände des Detektivs ergriffen, sah ihm lange und tief in die Augen und sagte dann mit bebender Stimme: »Lohn's Ihnen Gott! Und jetzt - womit kann ich Ihnen dienen?«
Nobody sann einen Moment schweigend nach, sah sich dann rings um, schüttelte den Kopf und sagte: »Schläft Mr. Algernon hier im Hause? Ja? So bitte, führen Sie mich hin. Genieren Sie sich nicht, ich weiß schon, wie es im Zimmer eines Wahnsinnigen aussehen muß. Gerade deswegen werde ich darin auch finden, was ich suche!«
Der Raum, den sie betraten, lag im Kellergeschoß, hatte nur ein Fenster, enthielt Bett, Tisch und Stuhl und in einer Ecke hinter ersterem einen Haufen zerlumpter alter Kleidungsstücke. Im übrigen war Schmutz genug vorhanden, so daß ein Unbefangener wohl glauben konnte, sich im Zimmer eines geistig unzurechnungsfähigen Menschen zu befinden.
Nobody schritt sofort auf das Bett zu und schob die Lumpen hinter demselben mit dem Fuß auseinander.
Ein lauter Aufschrei ertönte. Miß Gregham hatte ihn ausgestoßen, als ihr aus dem Versteck, das Nobody aufgedeckt hatte, die diamantenbesetzten Schmuckstücke der Ermordeten Miß Kate Wentworth entgegenschimmerten.
»Um Himmels willen, wer hat das getan?«
Der Detektiv zog die Brieftasche hervor, öffnete sie, nahm jenes Schreiben heraus, das er im Papierkorbe der Ermordeten gefunden hatte, zeigte es der Fragerin.
»Wer hat das geschrieben?«
Miß Gregham verstand nicht, wie der Mann auf diese Frage kam, warf aber doch einen prüfenden Blick auf die Schrift und sagte sofort: »Mr. Jeremias Shutter!«
»Ganz gewiß?«
»Ganz gewiß! Ich kann es beschwören!«
»Dann bitte, lesen Sie!«
Das junge Mädchen nahm das Blatt, überflog seinen Inhalt, ließ die Hände wieder sinken, starrte Nobody ungläubig an und rief darauf fast schreiend: »Er - er ist der Mörder der Unglücklichen! Jetzt wird mir alles klar!«
Nobody steckte das Schreiben wieder zu sich und sagte gleichmütig: »Mr. Jeremias Shutter ist der Mörder der Miß Wentworth. Er tötete sie, weil er Sie liebte, besitzen wollte. Miß Gregham! Sie verstehn mich nicht? Das wundert mich! Er hatte einen Nebenbuhler, John Kennedy, wußte, daß dieser der Sohn Algernons sei, hatte auch diesen erkannt und baute darauf seinen teuflischen Plan. Wenn man Miß Wentworth ermordet fand, mußte sich der Verdacht auf den unglücklichen Algernon lenken. Dr. Shutter begnügte sich jedoch noch nicht damit, er wollte positive Beweise schaffen. Daher sandte er Ihnen und Mr. Kennedy Karten fürs Theater -«
»Er sandte sie tatsächlich. Doch woher -«
»Lassen wir das! Sie mußten Wentworth-House verlassen, denn sonst hätte auch der alte Mr. Algernon nicht fortgekonnt. Er wollte aber nach Hughesberry, denn er hatte einen anonymen Brief erhalten, daß Miß Kate Wentworth ihn in eigner Angelegenheit bei sich zu sehen wünsche. Was konnte sie da andres wollen, als ihm das Geheimnis des Mordes an dem Esquire erklären? Der Alte verschaffte sich das Reisegeld, löste sich eine Fahrkarte, war auch in der Narrowstreet, umschlich das Haus, wagte sich nicht hinein, weil er Sie es betreten sah, ging Ihnen nach, um zu sehen, wo Sie blieben, und dann - war es Zeit zum letzten Zug. Schweren Herzens eilte er zum Bahnhofe, fand das Billett nicht mehr, hatte auch kein Geld, ein neues zu kaufen, suchte vergebens überall dort, wo er gewesen war, benutzte endlich die Nacht zur Heimkehr und sagte auch Ihnen und seinem Sohne nichts von seinem heimlichen Ausfluge, erst recht nicht, als er den Mord erfuhr. Inzwischen hatte der Doktor Shutter die Tat vollbracht, er war bei Miß Wentworth, machte ihr Angst, daß Algernon kommen würde. Sie erschrak, fragte schnell die Karten, zog das Schellenaß - die Todeskarte - und da erdrosselte er sie, wartete, daß Algernon kommen sollte. Da kehrten Mrs. Bourne und das Dienstmädchen zurück. Der Mord war entdeckt. Shutter mußte sich, weil er nicht hinaus konnte, in der Küche verbergen, floh dann durch die offne Hintertür, brachte die Diamanten hierher und wartete das Weitere ab. Sobald Algernon wegen des neuen Mordes verhaftet wurde, wäre der Doktor gekommen und hätte Sie gefragt, ob Sie den Sohn eines Doppelmörders heiraten wollen. Verstehn Sie nun?«
Miß Gregham schlug beide Hände vor das Gesicht.
»Schrecklich!« stöhnte sie.
Nobody ließ ihr eine Weile Zeit, sich zu beruhigen, faßte sie dann sanft am Arme und sagte: »Kommen Sie jetzt! Sie sollen auch erfahren, wer den Esquire tötete. Dann können Sie meinetwegen Algernon alles mitteilen.«
Sie kehrten in das grüne Zimmer zurück. Nobody schritt sofort zu dem einen Fenster, griff an den Vorhang, der dort angebracht war, zog eine Schere hervor, schnitt in die Seide und zog aus der Oeffnung ein vergilbtes Schreiben.
»Nach meinem Tode zu öffnen!« lautete die Aufschrift.
»Die Schreiberin, Miß Kate Wentworth ist tot. Die Nemesis hat sie ereilt, sie hat ihre Schuld gebüßt. Dieses hier ist ihr Bekenntnis, daß sie ihren Onkel ermordete, um den Mann zu verderben, der sie verschmähte.«
Und so war es. Die näheren Umstände der Tat selbst brauchen hier nicht geschildert zu werden, jedenfalls genügte das Geständnis der Mörderin, um Algernons Ehre wiederherzustellen.
Mit Freudentränen in den Augen eilte Miß Gregham auf Nobody zu.
»Wir sind Ihnen unendlichen Dank schuldig, Mister - Mister Laforet - oder nein - das ist nicht Ihr wahrer Name - Sie sind Mr. Nobody!«
»Stimmt!« gab dieser vergnügt zu. »Ich kann Ihnen nur noch sagen, daß es mich freute, Ihnen und Mr. Kennedy zum verdienten Glücke helfen zu können. Ich gratuliere der Herrin von Wentworth-House.«
Verständnislos schaute das junge Mädchen ihn an.
»Ja, ich spreche im Ernste - oder meinen Sie, daß man den Dr. Shutter nicht henken wird? Er feiert eine andre Hochzeit, als er sich erträumte. Also nochmals meinen Glückwunsch!«
Nobody verbeugte sich und ging. Er hatte schon die Türe erreicht, da rief Miß Gregham ihn nochmals an.
»Bitte, Mr. Nobody, wie fanden Sie dieses Schreiben hier?«
Der Detektiv lächelte.
»Ich habe, Gott sei Dank, gute Augen und sah schon bei meiner ersten Anwesenheit die dunkle Stelle. Das übrige ist mir dann im Schlafe eingefallen. Also bei der Hochzeit das erste Glas!«.
Nun ging er wirklich. Der Bericht an Worlds Magazine war schon fort, wurde bereits gesetzt oder gar gedruckt. Zwei Stunden nachdem Nobody Wentworth-House verlassen hatte, empfing jedoch Mr. World noch ein Telegramm.
»Dr. Shutter bei Anblick der Polizei erschossen!«
Das war das Ende!
4. Der Mann mit den Teufelsaugen.
Durch die im Dunkel der Nacht liegenden Straßen der Eingebornenstadt von Tientsin schritt lautlos auf weichen Filzsandalen ein Mann in chinesischer Tracht. Er hatte die Hände übers Kreuz in die weiten Aermel seiner blauen Jacke gesteckt, das Haupt hielt er nachdenklich gesenkt. Den Weg, den er einschlagen mußte, schien er genau zu kennen, und lange Zeit war er der einzige Mensch auf der Straße. In den elenden Häusern war allerdings ganz gegen die sonstige Gewohnheit noch Leben, eine seltsame, unheimliche Unruhe, und plötzlich huschten wie auf ein geheim gegebenes Zeichen aus allen Türen männliche Gestalten, eilten schweigend dahin, verschwanden um die Ecke und sammelten sich dort vor einem Hause.
Der einsam zurückbleibende Wanderer fragte einen halbwüchsigen Bengel nach der Ursache. Der bückte sich, hob einen Stein auf, schleuderte ihn durch das nächste Fenster und brüllte laut:
»Kueidzu! Kueidzu!« und »Kueidzu! Kueidzu!« heulte, schrie der fanatisierte Pöbel; ein Steinregen prasselte gegen alle Teile des Gebäudes, Feuerbrände flogen auf das Dach und setzten es in Brand, aber niemand kam zum Vorschein. Die Bewohner mußten abwesend sein. Sie würden bei der Heimkehr nur noch die Brandstätte mit den verkohlten Trümmern finden, die fremden Teufel, die Kueidzu.
Der Frager beteiligte sich nicht an dem Zerstörungswerk. Er bog in eine Seitengasse, stutzte, eilte dann aber um so rascher vorwärts. Ein Hilferuf, ein dumpfer Fall - ein lautes, triumphierendes »Kueidzu!«, darauf der Jammerruf einer Frauenstimme.
Der Heraneilende sah am Boden einen dunklen Körper, daneben ein Weib, bedroht von dem Messer eines Chinesen, das alles blutrot beleuchtet vom Feuerschein.
»Mörder!« Das Mädchen warf sich mutig auf den Angreifer, taumelte sofort zurück, in der linken Schulter verwundet. Der Dolch schwebte bereits zum zweiten Stoße in der Luft, da traf ein Faustschlag das Kinn des Schurken und schleuderte ihn zu Boden. Nur einen Moment, dann raffte der Mann sich auf, rannte brüllend zur Ecke, und im Nu wälzte sich die Masse blutgieriger Menschen gegen den Retter und seinen Schützling. Er wollte fliehen, sich dem andern Ende der Gasse zuwenden - da kamen mehrere Chinesen heran - umringten kreischend ihre Opfer und schnatterten wie wütende Gänseriche.
Der Bedrohte hatte keine andre Waffe als seine Fäuste, und an deren freiem Gebrauch hinderte ihn das junge Mädchen, das ihn zitternd umklammerte. Sie waren verloren. Schon streckten sich ein Dutzend Fäuste gegen sie aus, packten und zerrten die Gewänder der Unglücklichen, und - wie durch Zaubermacht sanken die erhobenen Arme herab, verstummte das wütende Geschrei. Der befehlende Klang einer Stimme hatte dieses Wunder bewirkt. Inmitten des wütenden Pöbels stand ein hochgewachsener Chinese von äußerst würdevollem Aussehen. Er sprach noch einige Worte, ließ seine Augen im Kreise herumgehn, da löste sich der Knäuel erst langsam, dann schneller, und endlich stoben die Feiglinge in wilder Flucht davon.
»Der Mann mit den Teufelsaugen!« Einer hatte es geschrien, andre wiederholten es - dann war die Gasse leer, noch ehe die Bedrohten verstanden, daß sie gerettet waren. Der Hochgewachsene beugte sich zu dem auf der Erde liegenden Körper, legte ihm eine Hand auf die Brust, hob ihn auf, trug ihn seitwärts in den Schatten der Häuser, wendete sich wieder zu den beiden und sah nun, daß das Mädchen bewußtlos in den Armen seines Beschützers ruhte. Diesem winkte er, schritt zu einer der nächsten Türen, klopfte dreimal dagegen und wartete schweigend, bis ein Schieber geöffnet wurde.
»Es gibt nur eine Sonne!« sagte er leise.
»Aber viele Sterne!« tönte es ebenso zurück, und der Eingang ward freigegeben. Sie traten in einen finstern Flur, kamen zu einer andern Tür, diese öffnete sich. Ein uralter Chinese mit mumienartigem Gesicht, auf einen Stock gestützt, empfing den Hochgewachsenen mit tiefer Verbeugung, tauschte einige geflüsterte Worte mit ihm, klatschte darauf in die Hände und überwies der eintretenden Dienerin das gerettete Mädchen, entfernte sich aber auch selber mit ihnen. Die beiden Männer blieben allein und sahen sich schweigend eine Sekunde an; aber alsbald senkte der jüngere die Lider. Er konnte den Blick des andern nicht ertragen. Das waren Augen, die förmlich durch ihn hindurchdrangen, ›Teufelsaugen‹!
»Du bist ein Deutscher?« wendete der Hochgewachsene sich an den Befreiten, und zwar in deutscher Sprache, und dieser war doch ganz entschieden ein echter Sohn des himmlischen Reiches, ebensogut wie der Frager, und trotzdem sagte er sofort ja.
»Walter Barby, Führer des chinesischen Zollkutters Ha-no-schie?«
»Ich bin's, Herr!«
»Kennst du mich?«
»Ich hörte vorhin Euern Namen. Ihr seid der Mann mit den Teufelsaugen!«
»So nennen mich die Chinesen, wie aber die Europäer?«
»Ihr seid der amerikanische Detektiv Nobody,« antwortete Walter Barby.
»Stimmt!« gab der andre zu. »Und wenn heute der Zufall Sie mir nicht in den Weg geführt hätte, würde ich Sie morgen zu mir haben rufen lassen.«
»Mich? Sie haben mich ja noch nie gesehen!«
Nobody lächelte in seiner eigenartigen Weise, deutete mit der Hand auf einen Stuhl, setzte sich selbst, zog Zigaretten hervor, und jeder brannte sich eine an. Ohne auf den Ausruf Walter Barbys zu achten, fuhr der Detektiv dann gleichmütig fort: »Es geht Ihnen nicht besonders, Herr. Wollen Sie sich fünftausend Pfund verdienen? Sie sollen mich auf einer Reise ins Innere begleiten.«
»Und dafür fünftausend Pfund bekommen?«
»So ist es! Haben Sie Lust?«
Der deutsche Chinese machte kein geistreiches Gesicht.
»Ich verstehe Sie nicht!« stieß er endlich hervor.
Nobody lächelte wieder, griff unter seine blau-seidne Jacke und brachte einen schwarzen, ellenlangen Stab zum Vorschein, der über und über mit chinesischen Schriftzeichen bedeckt war.
»Was ist das?« fragte er.
Ja, wenn Barby die Bedeutung dieses Stabes gekannt hätte!
»Haben Sie jemals von den drei Alten vom Berge gehört?«
Freilich, das waren die Obersten eines religiösen Geheimbundes, die in einem Lamakloster in Tibet lebten, und denen die abergläubischen Chinesen übernatürliche Kräfte und Kenntnisse zuschrieben. Das sagte Barby.
»Sie haben recht, doch gibt es gegenwärtig nur zwei Alte vom Berge, der dritte ist spurlos verschwunden, ich aber besitze seinen Stab!«
Der Deutsche schaute sich ängstlich um.
»Seien Sie ohne Sorge!« beruhigte Nobody ihn. »Noch weiß niemand, daß ich ihn besitze, sonst allerdings - doch genug! Wissen Sie auch, warum ich der Mann mit den Teufelsaugen bin?«
»Weil ein Blick von Ihnen genügt, jeden Menschen zu hypnotisieren!«
Der Detektiv lachte.
»Was ist Hypnose? Sehen Sie her!«
Er nahm von einem Nebentischchen eine gefüllte Wasserflasche, schüttete ein gewöhnliches Trinkglas bis zum Ueberlaufen voll und brannte eine Kerze an.
»Geben Sie acht! Beobachten Sie mich genau und erklären Sie mir dann, was Sie gesehen haben!«
Schnell ließ er einen Tropfen flüssiges Wachs auf das Wasser fallen, auf dem derselbe schwamm, dann zählte er langsam bis zwanzig, und dabei verschwand das Wasser aus dem Glase, bis es leer war.
»Ueberzeugen Sie sich, daß kein Tropfen mehr drin ist, aber rühren Sie es nicht an! So! Nun passen Sie nochmals auf!«
Nobody zählte von zwanzig rückwärts, und das Wasser erschien wieder, bis das Glas voll war und der Wachstropfen wieder obenauf schwamm.
»Wenn Sie es jetzt untersuchen wollen, bitte!«
Barby untersuchte das Glas, fand nichts, was den rätselhaften Vorgang erklärt hätte, und gestand das offen. Nobody lächelte.
»Sie waren hypnotisiert! Das Wasser ist nicht aus dem Glase herausgekommen. Aber lassen wir diese Spielereien, gehn wir zum Geschäft! Hören Sie mich an! Ich besitze allerdings nach der Meinung unwissender Menschen verschiedene anscheinend übernatürliche Fähigkeiten, und ich verdanke dieselben einem Buddhistenpriester, mit dem ich auf Ceylon zusammentraf. Er konnte mich freilich bloß in die Anfangsgründe einweihen, mir sozusagen lediglich den Schlüssel zum System geben. Er wies mich an einen chinesischen Kaufmann in Kalifornien, der in die Geheimnisse jener Sekte eingeweiht sei, von der ich vorhin sprach. Ich fand ihn nach langem Suchen und zahlte ihm für jedes Wort, das er mir sagte, ein Pfund. Der Weg, den er mir zeigte, führte mich nach Montevideo, nach der Goldküste, nach Nischnij-Nowgorod, nach Sydney, und dort endlich erlangte ich - durch Gewalt diesen Stab. Er hatte dem spurlos verschwundenen dritten Alten vom Berge gehört, und ich kann mich nicht weiter über das aussprechen, was die Schriftzeichen zu bedeuten haben. Sie enthalten aber noch nicht das volle Geheimnis. Dieses kann ich nur in jenem Lamakloster in den Bergen holen. Sie sollen mich begleiten, denn Sie leben seit Jahren in China, sprechen die Landessprache, beherrschen die Sitten, sind an die Tracht gewöhnt, und allein kann ich meiner Rolle gemäß nicht reisen.«
Walter Barby, ursprünglich deutscher Seemann, hatte nach vergeblichen Bemühungen, ein Schiff als Kapitän zu bekommen, schließlich in der Verzweiflung die Stelle auf dem chinesischen Zollkutter angenommen und sich allmählich eingewöhnt. Wohl fühlte er sich aber nicht unter den schmierigen Zopfträgern.
»Und dafür, daß ich Sie begleite, bekomme ich 5000 Pfund Sterling? Da muß doch ein Haken dabeisein!«
»Natürlich! Es gilt, unser Leben einzusetzen,« lächelte Nobody. »Wenn man uns durchschaut, sind wir verloren!«
»Man erkennt Sie doch sofort an den Augen! Ihr Ruf wird auch nach Tibet gedrungen sein!«
Schweigend zog der Detektiv eine Brille hervor, in welcher die Gläser durch große Scheiben aus geschliffenem Bergkristall ersetzt waren, schob sie auf die Nase und schaute den Zweifler an. Da war das Gesicht auf einmal das eines ehrwürdigen, alten Chinesen. Barby traute seinen Augen nicht; aber schon war die Brille wieder weg. Nobody saß in seiner früheren Maske da.
»Nun?« lächelte er. »Jetzt sind Sie wohl zufriedengestellt? Ich reise als Oberpriester des Buddhatempels von Hankau - Sie sahen den alten Herrn eben - Sie sind mein Geheimschreiber.«
»Sie wollen Ihr Leben wagen, um die Geheimnisse einer religiösen Sekte zu erforschen? Sind diese dessen denn wert?«
»Sicher! Doch das ist meine Sache! Wollen Sie mit?«
Barby überlegte sich etwas.
»Hm! Die 5000 Pfund nutzen mir verflucht wenig, wenn ich nicht aus dem Innern zurückkehre!«
»Dann können sie Ihren Erben zufallen!«
»Ah, ich bekomme den ganzen Betrag voraus?«
Nobody antwortete nicht, zog aber ein Büchelchen hervor, schrieb etwas, riß das Blatt ab, gab es dem Deutschen. Es war ein Scheck über 5000 Pfund, und der Deutsche konnte noch immer nicht mit seinem Erstaunen fertig werden; dafür aber lockte ihn das Geld, von dessen Zinsenertrag er im Falle der glücklichen Rückkehr sorgenlos leben konnte. Er wollte sie natürlich in der Heimat verzehren. Das himmlische Reich war ihm längst über.
»Ist denn das nicht zu viel?« fragte er.
»Ich habe schon gegen 20.000 Pfund für diesen Zweck ausgegeben - der Stab allein kostet gegen 10.000,« erwiderte Nobody lächelnd. »Ich kriege das schon wieder herein, und verdienen will ich doch auch noch was!«
Nun, wir wissen, welche Summen der berühmte Detektiv allein von Mr. World erhielt, was er sonst noch von seinen Auftraggebern bekam, und diese Einnahmen verdankte er zum großen Teile mit dem Geheimnisse, das er in dem Lamakloster unter vielfacher Lebensgefahr und mit unsäglicher Mühe an sich brachte. Seine ans Wunderbare grenzenden, oft geradezu unglaublichen Taten, die die staunende Bewunderung der ganzen zivilisierten Menschheit wachriefen, konnte Nobody jedoch erst nach der abenteuerlichen Fahrt vollbringen, die hier genau nach seinen Tagebuchaufzeichnungen erzählt werden soll. -
Walter Barby erbat sich keine Bedenkzeit mehr.
Er war bereit. Das Leben hatte er oftmals für weniger gewagt, für ein Nichts, und wer sagte denn, daß sie ertappt und als fremde Teufel erkannt werden würden?
»Wann soll es fortgehn?« fragte er, nachdem er seine Zustimmung gegeben hatte.
»Ich werde Sie rechtzeitig benachrichtigen lassen. Gehn Sie jetzt, doch legen Sie Ihre chinesische Kleidung ab! Hier ist ein Anzug von mir, der Ihnen passen wird. Ziehen Sie sich rasch um. Eine Erklärung erhalten Sie später! Und noch eins! Sie geben mir Ihr Ehrenwort, keinem Menschen auch nur ein Wort von unsern Abmachungen zu verraten?«
»Sie haben es!«
»So ist es gut!«
»Und das Mädchen?« fragte Barby noch.
»Lasse ich zu seinem Schwager nach Schanghai bringen!« erwiderte Nobody ruhig.
»Wie? Sie kennen die Dame? Bei Gott, sind Sie denn -«
»Allwissend? Nein! Sie ist die Tochter des englischen Missionars Wood. Ich kannte ihn! So! Good bye! Glück auf den Weg!«
Der Detektiv schob den Deutschen mit sanfter Gewalt zur Tür hinaus, und wie im Traume schritt dieser seinem Heim zu, unterwegs immer einmal nach dem Scheck in der Brusttasche greifend. Ein sonderbarer Mensch, dieser Nobody, dieser Mann mit den Teufelsaugen, die so freundlich blicken konnten! Es dauerte lange, ehe Walter Barby auch wieder auf die Gegend achtete, in die er geraten war.
Horch! Kam da nicht jemand hinter ihm her?
Richtig! Ein Chinese! Derselbe folgte ihm. Barby stellte das schnell fest. Er blieb stehn; jener auch. Er bog in eine Nebengasse, jener auch. Doch er kam nicht näher als auf fünfzig Schritte. Na, wenn es ihm Vergnügen machte, der Deutsche kümmerte sich nicht darum. Furcht vor den feigen, gelben Gesellen kannte er nicht. Kurz vor seiner Wohnung zog sich rechts an der Straße ein Bretterzaun hin, durch den eine enge Pforte führte. Barby schaute zurück, öffnete sie rasch und verschwand. Eine Minute später kam der Chinese vorbei, ging noch ein Stück weiter, kehrte dann um und tauchte nicht wieder auf. Da huschte Barby aus seinem Versteck und erreichte ohne weiteren Zwischenfall seine Wohnung, wo er sich sofort entkleidete, sich niederlegte und bald in einen unruhigen Halbschlummer verfiel.
Plötzlich erwachte er mit dem unklaren Gefühl, daß jemand Fremdes in dem Zimmer sei. Am Rande seines Bettes hockte tatsächlich ein Chinese!
Sofort richtete der Ueberraschte sich halb auf, griff mit der Rechten unter das Kopfkissen nach dem Revolver, fand ihn aber nicht. Der Mann mochte ihn schon an sich genommen haben.
»Was willst du hier?«
»Folge mir zu dem, mit dem du vorhin sprachst!« entgegnete der Eindringling und stand auf. »Er wartet auf dich!«
»Jetzt schon?« fragte Barby verwundert, kleidete sich aber auch schon an und folgte dem Chinesen auf die Straße. Dort stand ein Palantin bereit. Der Deutsche stieg ein. Die Träger setzten sich in Bewegung und machten nach einer halben Stunde Halt, im Hofe eines ihm unbekannten Gebäudes. Barby stieg aus, ward von einem Kuli in das Haus geführt. Der Flur war ganz dunkel, kein Laut zu hören als das Geräusch ihrer Schritte.
Da fühlte Barby sich auf einmal von hinten am Nacken gepackt. Ein Knebel ward ihm in den zum Schrei geöffneten Mund geschoben, und gleichzeitig fesselten unsichtbare Hände seine Arme auf den Rücken. Er kam nicht einmal zum Versuch einer Verteidigung, sah sich im nächsten Moment in einem hellerleuchteten Raum drei gelb gekleideten Chinesen gegenüber, auf deren Nasen kolossale Brillen thronten, und hier nahm der Führer ihm den Knebel aus dem Munde. Was in dem unglücklichen Gefangenen vorging, erübrigt sich zu schildern.
»Wie ist Euer Befinden?« fragte der mittelste der drei Chinesen, als wenn es sich um einen ganz alltäglichen Vorgang handle, und Barby antwortete äußerlich ruhig, daß er sich wohl fühle.
»Was für ein Geschäft habt Ihr mit Nobody?«
Ei verflucht! Das konnte gut werden! Am Ende war der ganze Plan bereits verraten, ehe noch an die Ausführung gedacht werden konnte.
»Wer ist Nobody?« fragte Barby jedoch, sich unwissend stellend.
»Der, den Ihr heute nacht besucht habt! Was habt Ihr mit ihm gesprochen?«
Na, wenn sie es denn wußten!
»Wir wollen ein Handelsgeschäft in chinesischer Seide abschließen!« entgegnete der Deutsche.
»Ihr lügt!«
»Mehr kann ich nicht sagen!«
»Gut! Wir werden die Wahrheit auf andre Weise erfahren!«
Auf einen Wink erschien ein Kuli mit starken Ketten und eigentümlich geformten Holzringen. Barby wußte, was ihm bevorstand, und er kannte die chinesischen Foltern. Er hatte sie oft genug gesehen. Jetzt sollte er ihre Wirkung am eignen Leibe verspüren.
»Was wißt Ihr von Nobody?« fragte der mittelste abermals und wiederholte diese Frage noch zweimal, ohne daß der Gefangene antwortete. Da ein neuer Wink - einer jener Holzringe ward ihm um den Hals gelegt, er selbst rückwärts zu Boden geworfen. Eine Schraube zog den Ring enger und enger zusammen. Barby atmete bereits stöhnend und mühsam.
»Was wißt Ihr von Nobody?«
Der Gemarterte wollte sprechen, sagen, daß er nichts wüßte, er brachte kein Wort hervor. Er sah nur, daß der Chinese, der ihn befragt hatte, aufstand und zu ihm trat. Zu seinem Erstaunen ward er jedoch nicht vollends erdrosselt, im Gegenteil, der Ring ward entfernt, und die Fesseln wurden gelöst.
»Stehn Sie auf, Mr. Barby! Fürchten Sie nichts!«
»Mr. Nobody, Sie!?« stammelte der Deutsche.
»Jawohl,« lächelte der Detektiv. »Eine etwas sonderbare Art, Sie auf Ihre Verschwiegenheit zu prüfen, nicht? Geschadet hat's Ihnen wohl nichts? Nein? Das ist gut; denn in ein paar Stunden brechen wir auf.« -
Am frühen Morgen des nächsten Tages verließ eine kleine Kavalkade Tientsin. Voraus ritt auf struppigem einheimischen Pony ein älterer, höchst ehrwürdiger Chinese in kostbaren Gewändern, mit dem Abzeichen der Oberpriesterwürde auf Brust und Rücken und dem entsprechenden Knopf auf der Mütze. Hinter ihm, einige Meter zurück, kam ein zweiter Chinese, weniger reich, aber immer noch vornehm gekleidet, und dann folgten Kulis mit Packpferden.
Schweigend suchten die Männer ihren Weg durch die trostlose Sandwüste, welche sie passieren mußten, um von Tientsin nach Peking zu gelangen. Erst nach geraumer Zeit lenkte der zweite Reiter sein Pferd neben das des ersten.
»Mr. Nobody, gestatten Sie mir eine Frage!«
»Bitte, Mr. Barby!«
»Sie sind gegenwärtig Oberpriester des Buddhatempels in Hankau. Dieser Mann ist doch sicher vielen Chinesen bekannt.«
»Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihm ganz genau gleiche.«
»Das meine ich nicht. Sie sagten mir, daß wir zunächst in das Lamakloster zu Peking müßten, wo Sie das Paßwort erfahren könnten, welches Ihnen allein die Tore jenes tibetanischen Klosters öffnet. Man erwartet in Peking den Oberpriester.«
»Ganz recht! Er ist auch schon unterwegs!« versetzte Nobody gleichmütig.
»Ja, wenn er aber unmittelbar nach uns ins Kloster -«
»Ohne Sorge! Er kommt nicht! Er gelangt höchstens bis Tientsin. Von dort tritt der fromme Herr eine kleine Lustfahrt aufs Meer an, von der er erst zurückkommt, nachdem wir unsern Zweck erreicht haben.«
»Aber das Verschwinden eines Oberpriesters wird Aufsehen erregen. Man wird nach ihm forschen.«
»Warum? Ich bin ja da! Mich hält man ja für jenen. Und wenn ich studienhalber in die Berge reise, so ist das doch meine Sache!«
»Und Sie kennen alles, was ein buddhistischer Priester wissen muß?« fragte Barby noch, schwieg aber beschämt, als Nobody ihn lächelnd anschaute. Dieser würde schwerlich ein so gefährliches Wagnis unternommen haben, wenn er nicht alles beherrschte, was zu der Rolle gehörte, die er spielte.
Am Abend machten die Reisenden in einer Herberge Rast, in tiefster Ehrerbietung empfangen vom Wirt, aber auch umdrängt und belästigt durch eine Menge Bettler. Alle empfingen aus der Hand Barbys eine kleine Münze und entfernten sich. Nur einer blieb und forderte frech mehr. Da genügte ein Wink Nobodys. Die Kulis packten den Zudringlichen, schleppten ihn in den Hof und gaben ihm dort die Bastonade. Unter tückischen Drohworten schlich der Mann sich fort.
In dieser Nacht fand Barby keinen Schlaf. Er wälzte sich ruhelos auf den Matten umher, die ihm als Lager dienten, und endlich stand er auf, um in dem engen Zimmerchen auf und ab zu wandern; denn er durfte natürlich als Sekretär nicht in einem Raume mit der geweihten Person des Oberpriesters schlafen. Dieser ruhte nebenan.
»Wer hat denn zu dieser Stunde noch etwas auf dem Korridor zu tun?« fragte der Deutsche sich selbst, als er leise Schritte draußen zu vernehmen glaubte. Er schritt zur offnen Tür, spähte vorsichtig hinaus und sah einen Mann auf allen vieren daherkriechen. Sofort schöpfte er Verdacht, schlich sich hinter jenem her und packte ihn mit eisernem Griffe, als er eben in das Zimmer Nobodys schlüpfen wollte. Der Kerl war nackt, hatte sich überdies noch am ganzen Leibe mit Oel oder mit Fett eingerieben, und es war schwer, ihn festzuhalten. Endlich aber kniete Barby ihm doch auf der Brust und schnürte ihm mit einer Hand die Kehle zu.
In diesem Moment erschien Nobody mit einer brennenden Fackel in der Hand auf dem Korridor, beleuchtete die Kämpfer und lachte: »Aha, der Mann wollte sich für die empfangene Bastonade bedanken!«
Es war in der Tat der gezüchtigte Bettler. Auch die herbeieilenden Hausbewohner erkannten ihn. Der Wirt wollte ihn gefesselt fortführen lassen, doch Nobody gebot ihm Halt. Er blickte dem Schurken fest ins Gesicht und sagte dann: »Oeffne den Mund!«
Jener gehorchte.
»So!« bemerkte würdevoll der falsche Oberpriester. »Zur Strafe für deine schändliche Absicht wirst du ihn nicht wieder schließen können. Versuch's!«
Furchtbare Seelenangst malte sich auf dem Gesicht des Bettlers, der sich vergebens bemühte, den Mund zu schließen. Mit ehrfürchtigem Staunen aber schauten die Chinesen auf den heiligen Mann, der solche Zauberkraft besaß, und dieser sagte weiter mit scharf klingender Stimme: »Schließe die Augen! Du kannst fortan nicht mehr sehen, und dazu bist du stumm und taub!«
Das war zuviel für den Mann. Er stürzte vor Nobody nieder und wollte ihn um Gnade anflehn, doch er brachte nur gurgelnde, unverständliche Laute hervor, und Entsetzen befiel die Zuschauer. Nobody sah es mit Befriedigung, er brauchte den Scherz nicht weiterzutreiben.
»Steh auf!« sagte er. »Du wolltest mich töten, aber ich will dich schonen. Du sollst wieder sehen und hören und deinen Mund bewegen können, doch hüte dich! Sobald du deine Tat wiederholen willst, wirst du auf der Stelle taub und blind sein. Geh!«
Der Mann eilte davon, so schnell seine Beine ihn trugen, und auch die Zuschauer machten, daß sie schnell aus der Nähe des Heiligen kamen. Dieser kehrte langsam in sein Zimmer zurück, drehte sich, ehe er es betrat, zu dem Deutschen um.
»Bei erster Gelegenheit werde ich Ihnen den schuldigen Dank abtragen!« versetzte er halblaut, dann verschwand er und kam erst bei Sonnenaufgang wieder zum Vorschein. Nach dem Frühstück ward die Reise fortgesetzt, unterwegs eine kurze Mittagsrast gehalten, und gegen vier Uhr nachmittags sahen die Reiter die Stadtmauer von Peking vor sich auftauchen, jenes weltberühmte, kolossale Bauwerk mit den zahllosen für Kanonen bestimmten Schießscharten, aus denen aber nie ein Geschützlauf hervorragte. Durch eine Nebenpforte lenkte Nobody sein Pferd in ein schmutzstarrendes Eingebornenviertel, zahlte den Zoll und mietete einen Jungen als Führer zu dem Hause des Chinesen, bei dem er nach vorher gefaßten Planen übernachten wollte.
Das Ziel war bald erreicht, und nach kurzem Klopfen ward die Tür geöffnet. Ein riesiger Chinese erschien auf der Schwelle und fragte barsch: »Was wünscht Ihr?«
»Das, was allein Frieden geben kann,« erwiderte Nobody.
Da beugte der Mann sich fast bis zur Erde und sagte demütig: »Eure Heiligkeit werden seit langem erwartet. Erweiset meiner Armut die Ehre, unter mein niedriges Dach zu treten! Alles, was mein Haus enthält, gehört Euch!«
Er ließ die vornehmen Gäste an sich vorüber und geleitete sie dann in zwei Zimmer, in denen er sie allein ließ, um für eine Abendmahlzeit zu sorgen. Nobody benutzte die Zeit, um seinem Begleiter noch einmal einzuschärfen, wie er sich zu verhalten habe, und nachdem sie gegessen, legten sie sich zum Schlummer nieder, der diesmal durch nichts gestört ward. Am zeitigen Morgen aber sammelte sich vor dem Hause bereits eine ganze Karawane von Reitern und Fußgängern, die dem heiligen Mann das Ehrengeleit zum Lamakloster geben wollten.
Um die Gefahr ganz zu verstehn, der Nobody und Barby entgegengingen, muß man bedenken, wie sehr die Chinesen den Europäern feindlich gesinnt sind, und daß sie zwar für gewöhnlich ihren Groll bezähmen müssen, niemand sie jedoch zur Verantwortung ziehen und bestrafen kann, wenn sie einen ›westlichen Teufel‹ erschlagen oder zu Tode martern, der verkleidet in ihre Tempel oder Klöster einzudringen wagte. Verriet Nobody sich nur durch das geringste Versehen, gab er sich eine noch so geringe Blöße in bezug auf die Kenntnis buddhistischer oder schamanischer Religionszeremonien, so war er verloren und sein Begleiter mit ihm. Gerade diese bedrohlichen Aussichten aber lockten den verwegnen Mann erst recht an. Furcht kannte er keinesfalls, und so schritt er würdevoll wie ein wirklicher Oberpriester an den knienden Chinesen vorüber zur Sänfte, nahm in dieser Platz und gab dadurch das Zeichen zum Aufbruch. Der Deutsche folgte seinem Herrn zu Pferde zu dem Lamatempel von Peking, der, in einer Vorstadt gelegen, Europäern vollständig unzugänglich ist. Es ist ein mächtiges steinernes Gebäude, das aber einen unheimlichen Eindruck macht, weil alles Leben in ihm erstorben zu sein scheint. Auch als die Kulis heftig an das geschlossene Tor pochten, ließ sich lange niemand sehen, bis endlich eine Stimme von innen nach dem Begehr der Klopfenden fragte. Geöffnet ward jedoch trotz gegebener Auskunft auch jetzt noch nicht, bis Nobody vortrat und einige Worte mit gedämpfter Stimme sagte. Da flogen sofort die Torflügel auseinander. Der Weg ins Lamakloster stand den kühnen Männern offen, und schon nahte sich ehrerbietig ein Diener, der nicht einmal die Augen zu dem heiligen Manne zu heben wagte.
Nobody warf den chinesischen Begleitern eine Handvoll kleine Münzen zu, wandte sich dann zu dem Diener und fragte, ob auch sein Sekretär mit eintreten dürfe. Das ward erlaubt, und die beiden folgten nun dem Führer über eine lange Treppe in einen geräumigen Saal, in dem sich eine wohl zwanzig Meter hohe Buddhastatue erhob, aus Holz geschnitzt, prächtig geschmückt und in jeder Hand eine große Lotosblume haltend. Im übrigen funkelte und gleißte es in diesem Tempel überall von Gold und Silber und Edelmetallen, doch dürfte eine genaue Beschreibung des Klosters die Leser wenig interessieren.
Nobody erhielt mit seinem Begleiter zwei nebeneinanderliegende Zellen angewiesen, und sie blieben den Tag über allein. Nur daß ihnen ein Diener die Mahlzeiten brachte. Am folgenden Morgen weckte das Dröhnen eines Gongs die beiden aus dem Schlafe. Sie erhoben sich und warteten auf den Ruf zur Audienz beim Abte des Klosters. Endlich wurden sie in die große Halle gerufen, und kaum hatten sie diese betreten, da erschienen auf der Treppe zwei noch junge Mönche, die einen mindestens achtzigjährigen Greis die Stufen herabführten. Alle drei waren in die gleichen groben Stoffe gekleidet, und ihre Köpfe waren vollkommen kahl geschoren. Der Alte trug einen langen, schlohweißen Vollbart und hielt die Augen zugekniffen, als könne er schlecht sehen. Mit zitternder, seltsam hoher Stimme fragte diese menschliche Ruine: »Wollt ihr mir sagen, aus welchem Grunde ihr unsre Gastfreundschaft anrieft?«
»Ich bin der Oberpriester des Buddhatempels in Hankau,« entgegnete Nobody sofort mit großer Würde, »und weshalb ich hier bin, wissen die am besten, die mich herriefen.«
»Woran soll ich dich erkennen?«
»Wenn der Mond untergegangen, scheinen die kleinen Sterne!«
»Das wohl, aber die Morgendämmerung läßt sie alle erbleichen. Und wenn du der bist, den wir seit drei Wochen erwarten, so hast du andre Mittel, dich auszuweisen.«
Da brachte Nobody aus einer Innentasche seiner prächtig gestickten Jacke jenen Stab mit der goldnen Schrift hervor, und kaum hatte der Alte ihn erblickt und mit den Fingern betastet, da fiel er auf die Knie und küßte demütig den Saum des oberpriesterlichen Gewandes.
»Jetzt weiß ich, daß deine Heiligkeit einer der Herren über Leben und Tod ist. Betrachte dieses Kloster und was darin ist als dein Eigentum! Wir sind deine Sklaven.«
Darauf erhob er sich und ward von den beiden Mönchen fortgeleitet. Nobody aber kehrte mit seinem Begleiter in die ihnen angewiesenen Zellen zurück, und dort rief er frohlockend: »Gelungen! Er hat keinen Verdacht geschöpft. Morgen wird er mir das Paßwort sagen, das mir Zutritt ins Kloster der Alten vom Berge verschafft!«
Walter Barby atmete erleichtert auf. Es war ihm bei der Audienz durchaus nicht wohl zumute gewesen. Er verstand ja immer noch nicht, welchen Wert jenes Geheimnis besitzen sollte, um dessentwillen Nobody schon 20.000 Pfund geopfert hatte und nun sogar sein Leben noch aufs Spiel setzte. Der Deutsche konnte eine gewisse bange Unruhe nicht aus seiner Seele bannen. Er ahnte eine Gefahr und hätte viel darum gegeben, wenn er erst wieder außerhalb der Klostermauern gewesen wäre, und er suchte sich zu zerstreuen, indem er die verschiedenen Gebäude durchschritt. So gelangte er auch in einen großen Saal, in dem mehrere Hundert Mönche ihre Freizeit verbrachten. Die meisten saßen in Gruppen beisammen und lauschten einem Geschichtenerzähler.
Um jeden Verdacht zu zerstreuen und sich gleichzeitig selbst zu prüfen, nahm Barby in einer solchen Gruppe Platz und begann selbst in tadellosem Chinesisch ein Märchen vorzutragen. Aufmerksam hörten ihm alle zu, doch plötzlich war es dem Deutschen, als wenn einer der Mönche, ein Kerl mit einem echten Verbrechergesicht, ihn verstohlen mit tückischen Blicken musterte, und je genauer er seinerseits den Mann betrachtete, desto mehr kam er zu der Ueberzeugung, daß er denselben schon früher gesehen habe. Unwillkürlich stockte er im Erzählen, verlor den Faden und erhob sich endlich mit einer Entschuldigung. Er wagte nicht mehr, jenen Mönch anzusehen, und so gewahrte er nicht, daß dieser, als er an ihm vorüberging, rasch den einen Fuß etwas vorschob. Barby stolperte, stürzte zu Boden und blieb einen Moment wie betäubt liegen. Da war auch schon der Mann bei ihm und faßte ihn, als wenn er ihm aufhelfen wollte, am linken Handgelenk.
Sofort war der Deutsche auf den Beinen, stieß jenen zurück und eilte in seine Zelle, wo er Nobody vorfand.
»Wir sind verraten!« rief er diesem zu. »Einer der Mönche hat mich erkannt!«
Ruhig schaute der Detektiv auf, als wenn nicht auch sein Leben in Gefahr sei.
»Erzählen Sie!« sagte er.
»Als ich in Schanghai wohnte,« berichtete der Deutsche hastig, »versuchte man nachts bei mir zu stehlen, ich aber ertappte den Dieb, es kam zum Kampfe, und er stach mich ins linke Handgelenk. Dann entfloh er. Ich habe die Narbe heute noch, und vorhin habe ich den Einbrecher als Mönch in diesem Kloster wiedergefunden.«
Bald wußte Nobody alles, und nach kurzem Nachdenken sagte er: »Das ist allerdings schlimm; denn der Mann wird seine Entdeckung dem Abte mitteilen, und dieser wird Ihr Handgelenk untersuchen. Findet er die Narbe, so sind wir tote Leute.«
»Wir müssen fliehen!« rief Barby.
»Die Tore des Klosters sind geschlossen und werden scharf bewacht. Sie haben es gesehen, als wir Einlaß begehrten. Nein, fort können wir nicht. Ich verlasse dieses Haus auch nicht eher, als bis ich das Paßwort weiß.«
»Aber man wird uns zu Tode martern!«
Nobody lächelte.
»Wenn wir keinen rettenden Ausweg finden! Keinesfalls wird der Abt die Anklage vor morgen früh erheben. Uns bleibt also die Nacht, und die wollen wir benutzen. Fürchten Sie sich, allein hierzubleiben? Nein? Dann ist es gut! Verlassen Sie unter keinen Umständen die Zelle! Auf Wiedersehen!«
Ehe Barby noch eine Frage an Nobody richten konnte, war derselbe bereits hinausgeeilt. Der Deutsche blieb allein zurück, und es läßt sich denken, daß ihm durchaus nicht behaglich zumute war. Er hatte keine Ahnung, was der Detektiv zu ihrer Rettung tun wollte, und so verstrichen ihm die Stunden in qualvollster Langsamkeit. Weiter und weiter schritt trotzdem die Zeit. Bald mußte der Tag anbrechen, und wenn Nobody dann noch nicht zurück war -!
Ah, da kamen leise, schleichende Schritte näher! Die Boten des Abtes, die den Deutschen zum Gericht holen wollten!
»Mr. Nobody!« klang es jubelnd aus Barbys Munde, und er war es - der kühne Mann war wieder da. Er hatte einen fremden Chinesen mitgebracht. Ohne vorläufig eine Erklärung abzugeben, forderte er den Deutschen auf, seine Kleider mit denen des Unbekannten zu vertauschen, dann ließ er beide nebeneinander niederknien und begann seine Arbeit am Gesicht des Chinesen. Nach kaum fünf Minuten war dasselbe nicht mehr von dem Barbys zu unterscheiden, und da drangen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont. Es war höchste Zeit gewesen, aber Nobody hatte den einzigen Weg zur Rettung gefunden.
In seinem Tagebuche finden wir die Erklärung. Er hatte sich unter dem Schutze der Nacht auf die Umfassungsmauern des Klosters geschlichen, an eine Stelle, wo sich jenseits ein Baum erhob. An diesem war er zu Boden geklettert, hatte aus dem umzäunten Raum, wo die Ponys untergebracht waren, eins herausgeholt, war nach Peking gejagt und hatte unter unsagbarer Anstrengung die Stadtmauer erklettert. Jenseits führte eine Treppe hinab. Nobody schnell hinunter, will um die Ecke, da tritt ihm ein chinesischer Soldat entgegen. Schweigend drückt Nobody ihm mehrere Goldstücke in die Hand und kann passieren. Er eilt zum Hause Laoyungs, eines befreundeten Chinesen, findet ihn nicht, sucht ihn in mehreren Spielhöllen, entdeckt ihn endlich in einer Opiumspelunke, schleppt den halb Bewußtlosen mit fort, bringt ihn zur Ernüchterung und sagt ihm, um was es sich handelt. Für hundert Pfund ist Laoyung bereit. Sie klettern wieder über die Stadtmauer. Der Chinese besteigt das Pferd, Nobody rennt nebenher, und so kommen sie noch vor Tagesanbruch ins Kloster zurück. - -
Der Gong dröhnte und rief nicht nur die Mönche, sondern auch den falschen Oberpriester und seinen Sekretär in die große Halle. Barby mischte sich unerkannt unter die zu den Toren hereinströmenden Bettler. So konnte er von weitem der Gerichtssitzung beiwohnen. Er sah, wie der Abt auf einem erhöhten Stuhle Platz nahm, neben ihm Nobody, und dann trat der Ankläger vor; sicher und schadenfroh war seine Aussage. Darauf erhob sich Nobody.
»Lügner!« rief er mit schneidender Stimme. »Du verdächtigst aus teuflischer Bosheit meinen treuen Diener; aber ich sage dir, du wirst der verdienten Strafe nicht entgehn! Tritt vor, mein Taotse!« (So nannte er seinen Sekretär.)
Laoyung näherte sich demütig dem Abte, und noch einmal wiederholte der Mönch seine Anklage. Dann stand der Greis auf, schaute den Verklagten lange an, sagte endlich: »Komm mit!« und führte ihn hinaus in einen Nebenraum. Eine halbe Stunde verstrich in fast lautlosem Schweigen, und unbeweglich saß Nobody als Oberpriester da. Niemand hätte ihm anzumerken vermocht, daß diese Minuten über sein Leben entschieden.
Da kehrte der Abt mit Laoyung zurück, setzte sich wieder und sprach.
»Ich habe diesen Mann geprüft und keine Schuld an ihm gefunden. Es geschehe der Wille des gerechten Gottes! Deine Heiligkeit sage die Strafe!«
Langsam stand Nobody auf.
»Tritt näher zu mir, Elender!« und als jener gehorcht hatte, fuhr er fort: »Das Gift deiner Seele ist übergeflossen in deiner falschen Anklage. Du warst ein Dieb und wolltest ein Mörder werden. Darauf steht der Tod! Stirb!«
Das letzte Wort stieß er mit so furchtbar klingender Stimme hervor, daß es den Hörern durch Mark und Bein ging, und ein halbunterdrückter Schreckensruf ward laut, als der Mönch, wie vom Blitze getroffen, leblos zu Boden stürzte.
Ehrfurchtsvoll schaute der Abt auf den heiligen Mann, zitternd die versammelte Menge.
»Er ist gerichtet! Er ist tot!« begann Nobody da wieder. »Aber er soll morgen um diese Stunde wieder erwachen und sein elendes Leben weiterschleppen in steter Angst vor der Strafe der Götter, deren Liebling ich bin!«
Wie auf ein Kommando fielen alle Anwesenden auf die Knie nieder; der Abt aber stand auf und rief, daß alle es hören konnten:
»Du bist wahrhaftig der, den wir erwarteten. Befiehl deinem Knechte, er wird dir gehorchen.«
»Laß uns allein miteinander reden!« entgegnete Nobody und verließ mit dem Abte den Saal, während die Menge sich zerstreute und Laoyung in die Zelle Barbys zurückkehrte. Dieser gelangte unbemerkt ebenfalls dorthin, tauschte schnell die Kleider wieder mit dem Chinesen, und nachdem dieser sein Gesicht von der Schminke gereinigt, sowie die 100 Pfund empfangen hatte, entfernte er sich, ohne daß jemand ihn aufhielt.
Nobody erschien erst nach mehreren Stunden wieder. Sein Antlitz strahlte.
»Mr. Barby,« rief er freudig, »es ist gelungen! Ich habe alles erfahren. Ich kenne das Paßwort und ebenso den Weg zum Kloster. Morgen brechen wir auf, sobald es Tag wird!«
Daß er eben mit knapper Not dem Tode entronnen war, und daß ihm auf dem weiteren Wege noch die schlimmsten Gefahren drohten, daran dachte der kühne Mann nicht, und seine Furchtlosigkeit übertrug sich auf den Deutschen. Nobody hätte, wenn er als Feldherr an der Spitze einer Armee gestanden hätte, alle seine Soldaten zu Helden gemacht.
Beim ersten Tagesgrauen verließen er und Barby das Lamakloster in der Richtung nach dem Gebirge zu. Eine Schar Kulis mit Packpferden folgten ihnen in einiger Entfernung. Der Detektiv war in bester Laune, fiel aber trotzdem nicht ein einziges Mal aus der Rolle, die er als Oberpriester zu spielen hatte. Was er mit seinem Begleiter sprach, konnten die Chinesen ja nicht verstehn, weil sie zu weit zurück waren. Er erzählte dem Deutschen, wie er Laoyung in das Kloster gebracht habe, und entwickelte seine Zukunftspläne, soweit er sie verraten durfte.
»Nein, Mr. Barby,« sagte er unter anderm »der Zufall und ich, wir haben nichts miteinander gemein. Was ich tue, das will ich tun, und deshalb, allein deshalb geschieht es. Wenn ich mir vorgenommen hätte, einen bestimmten Menschen ausfindig zu machen, und derselbe flöhe vor mir von Erdteil zu Erdteil, er könnte sich verbergen, wo er wollte, ich würde ihn doch finden! Jetzt will ich ein Geheimnis ergründen, das nur zwei Menschen außer mir kennen, und ich bin sicher, daß ich mein Ziel erreiche -«
»Oder zuvor sterbe!« unterbrach der Deutsche ihn.
Nobody lachte halblaut.
»Dazu verspüre ich noch durchaus keine Lust, ebensowenig wie Sie!«
Am dritten Tage nach dem Aufbruch aus Peking erreichten die Reisenden das Gebirge und drangen auf ziemlich guten Pfaden in dasselbe ein. Bisher war ihnen keinerlei unliebsamer Zwischenfall zugestoßen, man hatte in allen Dörfern, die passiert wurden, dem priesterlichen Kleide die höchste Ehrerbietung gezollt. Die Nächte verbrachte man in am Wege stehenden Wirtshäusern, erst am Abend des vierten Tages mußte Nobody mit seinen Begleitern die Gastfreundschaft eines kleinen Bergklosters in Anspruch nehmen, das außer dem Vorsteher nur von fünf Mönchen bewohnt wurde. Diese geleiteten den vermeintlichen Oberpriester und seinen Sekretär in die in einem Nebengebäude gelegenen Gastzimmer, von denen aus der Hof zu übersehen war.
Nach eingenommener Abendmahlzeit hatten Nobody und Barby sich Pfeifen gestopft und angebrannt und saßen rauchend am Fenster, als noch zwei berittene Chinesen ankamen. Sie stiegen im Hofe aus dem Sattel und wollten die Pferde eben zum Brunnen führen, da gewahrte der eine von ihnen den Oberpriester. Sofort wendete der Mann sichtlich betroffen sein Gesicht ab und trug Sorge, daß Nobody dasselbe nicht mehr sehen konnte. Dadurch zog er natürlich des Detektivs Aufmerksamkeit gerade erst recht auf sich, aber derselbe verriet keinerlei Erregung, sagte auch seinem Begleiter kein Wort, sondern legte sich, nachdem es vollkommen dunkel geworden, zum Schlafe nieder - freilich nur zum Schein, denn kaum vernahm Nobody die regelmäßigen Atemzüge Barbys, so erhob er sich, schlich sich lautlos hinaus und rings um das Haus.
»Ich dachte es mir,« murmelte er leise vor sich hin, dann huschte er schnell unter die Fensteröffnung, aus der ein spärlicher Lichtschimmer ins Freie drang. In dem fast ganz kahlen Räume lag auf einer Matte jener Chinese, der Nobodys Verdacht erregt hatte. Jetzt erkannte dieser das Gesicht. Es war einer von den Dienern Laoyungs. Nobody hatte den Mann in jener Nacht gesehen, als er aus dem Lamakloster nach Peking geeilt war. Was wollte der Mensch hier? War er ihnen heimlich gefolgt, um sie bei passender Gelegenheit zu verraten? Das schien unmöglich, denn noch hatte niemand die Maske Nobodys durchschaut und erkannt, daß er ein Kueidzu war, ein westlicher Teufel. Jedenfalls mußte der Mann scharf beobachtet werden.
Nobody wollte eben in sein Zimmer zurückkehren, denn er konnte vorläufig nichts weiter tun, da sah er einen zweiten Chinesen in den Raum treten und sich niedersetzen.
»Wir haben Glück gehabt,« sagte der Mann ziemlich laut, »denn wir haben sie gefunden. Sie argwöhnen nichts, und wenn wir morgen abend den Ming-jan aus dem Kloster der Alten vom Berge treffen, dann werden wir ihm den Brief übergeben und haben die versprochene Belohnung verdient.«
»Aber den Stab müssen wir auch in unsre Hände bringen,« entgegnete der andre. »Wenn wir ohne ihn nach Peking zurückkehren, sind wir des Todes!«
»Unser wartet dort die höchste Ehre, die fremden Teufel aber werden zu Tode gemartert werden.«
»Wie sie es verdient haben! Ich wollte nur, ich könnte die Folterung mit ansehen.«
»O, ich auch! Die Klosterleute haben Martern erfunden, die wir uns nicht einmal träumen lassen. Aber wir dürfen nicht hinein, weil wir das Paßwort nicht wissen. Es ist nur gut, daß Laoyung verraten hat, was die Kueidzus von ihm verlangten. Aber sie werden den Tod dafür erleiden.
»Doch sag! Wo treffen wir Ming-jan?«
»Am Flußübergang in den Bergen!«
»Woran werden wir ihn als Boten der Alten vom Berge erkennen?«
»Er reitet auf einem Kamel mit rotem, silbergesticktem Sattel, hat nur einen Arm, den linken, und eine große Narbe quer über die Stirn.«
»Und er wartet nur auf uns?«
»Keineswegs! Er kommt monatlich einmal herab, um Nachrichten und Briefe für seine Herren zu holen. Morgen ist sein Tag. Er wird diese Botschaft von uns mitnehmen.«
Der Sprecher zog eine kleine, sorgfältig verschnürte Papierrolle hervor, zeigte sie seinem Kameraden und verbarg sie dann wieder. Darauf fuhr er fort: »Doch jetzt wollen wir ruhen, daß wir morgen bei Kräften sind, wenn die großen Dinge geschehen.«
Die Lampe ward ausgeblasen, und Nobody verließ seinen Lauscherposten, legte sich in seinem Zimmer auf das Bett und schlief so ruhig wie nur je in seinem Leben. Er erwachte frühzeitig, weckte Barby, hieß ihn sich zur Weiterreise fertig machen, sagte ihm aber kein Wort von seiner Entdeckung. Eine Stunde später setzte sich die kleine Kavalkade bereits wieder in Bewegung und drang weiter in das Gebirge ein. Gegen Mittag ward eine Karawanserei passiert und dort ein Mahl eingenommen; dann ging es weiter. Kaum aber waren die Gebäude außer Sicht, da wendete Nobody sich an seinen Begleiter: »Hier in der Nähe, links vom Wege, liegt ein Dorf. Ich werde jetzt dorthinreiten. Den Zweck erfahren Sie später. Sie werden Ihren Weg fortsetzen und auf einen Fluß stoßen. Sie warten an dessen Ufer, bis jenseits ein Mann auf einem Kamel erscheint, das einen roten, silbergestickten Sattel trägt. Er ist ein Bote aus dem Kloster, welches wir aufsuchen wollen. Sie geben ihm diesen Brief und dieses Geld, warten, bis er Ihnen aus den Augen gekommen ist, und folgen ihm in genügender Entfernung. Treffen Sie unterwegs auf einen geeigneten Lagerplatz, so warten Sie dort, bis ich zu Ihnen stoße!«
Wieder ließ Nobody seinen Begleiter, ohne ihm eine nähere Erklärung zu geben, zurück, und Barby hatte auf dem weitern Ritt Muße genug, darüber nachzugrübeln, was für ein Rätsel hier wieder vorlag. Er fand natürlich keinen Schlüssel zu dem Geheimnis und mußte sich in Geduld fassen. Er erreichte den Bergfluß, befahl den Kulis, hinter einem Felsenvorsprung zu bleiben, und lagerte sich selbst am Ufer. Er hatte keine Ahnung, daß die beiden Verräter ihm, allerdings in weiter Entfernung, folgten, und so war er ohne ernstliche Besorgnisse.
Lange brauchte er auf den Boten nicht zu warten. Derselbe erschien schon nach einer halben Stunde, genau so, wie Nobody ihn beschrieben hatte, und ohne Zögern trieb Barby seinen Pony ins Wasser, das kaum bis an den Sattel reichte. Drüben stieg er ab, näherte sich dem Einarmigen und verbeugte sich tief.
»Ich erwarte hier einen Boten der großen Alten vom Berge,« sagte er. »Bist du der, den ich suche?«
»Wer schickt dich?« lautete die Gegenfrage.
»Der Priester des Lamaklosters in Peking! Ich bringe einen wichtigen Brief.«
»Zeige ihn!«
Barby gab dem Kamelreiter den Brief. Der Bote prüfte das Siegel und die Aufschrift sehr sorgfältig, nickte befriedigt.
»Es ist in Ordnung, allein ich muß hier warten, bis die Nacht hereinbricht.«
»Die Botschaft ist wichtig. Ich soll dir dieses Geld geben, damit du sie schnellstens deinen Herren überlieferst!«
Der Einarmige nahm das Geld, wunderte sich offenbar darüber, sagte aber: »Ich bleibe hier, bis die Nacht hereinbricht. Eher reite ich nicht zurück.«
Da Barby, wie gesagt, keine Ahnung der ihm drohenden Gefahr hatte, so erhob er keinen Einspruch mehr, sondern streckte sich neben jenem am Flußufer aus.
Tiefer und tiefer sank die Sonne und verschwand endlich hinter den schneebedeckten Bergen. Niemand hatte sich jenseits des Wassers gezeigt, und so stieg der Einarmige endlich wieder in den Sattel.
»Willst du mich begleiten?« fragte er den Deutschen.
»Ich muß hier auf meinen Herrn warten.«
Da ritt der Bote schweigend davon, und nach einiger Zeit rief Barby die wartenden Kulis durch das verabredete Zeichen zu sich. Sie durchritten den Fluß ebenfalls ohne Mühe, und nachdem sie gelandet, führte Barby sie an einen Platz am Eingang einer Schlucht, den er als Lagerstätte auserkoren hatte. Dieselbe lag abseits vom Wege, und während die Leute das Abendessen zubereiteten, kehrte der Deutsche zurück, um Nobodys Rückkehr zu erwarten. Doch er erschrak nicht wenig, als plötzlich aus dem Dunkel der Kamelreiter von neuem auftauchte. Hatte der Mann irgend einen Verdacht geschöpft?
Barby hatte keineswegs die Absicht, sich zu verbergen. Er wartete, bis der Mann bei ihm war.
»Dicht neben Ihnen liegen einige große Felsblöcke!« sagte da der Einarmige mit Nobodys Stimme. »Verbergen Sie sich dahinter, und halten Sie Ihren Revolver schußbereit. Wenn Sie sehen, daß ich Ihres Beistandes dringend bedarf, so kommen Sie mir zu Hilfe, eher nicht!«
»Sie sind's!« stieß Barby in höchstem Erstaunen hervor. »Was hat das alles zu bedeuten? Waren Sie auch der vorige Kamelreiter?«
»Nein, der war echt!« entgegnete Nobody leise. »Doch jetzt ist keine Zeit zum Reden. An Ihren Platz!«
Schweigend legte der Deutsche sich an dem ihm bezeichneten Platz nieder, den Revolver schußbereit in der Rechten. Nobody aber ritt bis unmittelbar an das Wasser, und als er es erreichte, da tauchten jenseits dunkle Gestalten auf, schwammen und ritten durch den Fluß, und einer von ihnen trat, sich entschuldigend, zu Nobody. Die Pferde seien unterwegs erkrankt, dadurch seien sie aufgehalten worden. Dann fragte der Mann, ob schon eine andre Kavalkade den Fluß passiert habe.
»Jawohl,« antwortete der Kamelreiter, »sie irren jetzt vermutlich irgendwo im Gebirge umher, denn sie fragten mich nach dem Wege, und ich wies ihnen den falschen.«
»Wieviel Männer waren es?«
»Fünf! Die Teufel, die in den Bergen wohnen, mögen sich ihrer bemächtigen! Uebrigens - wer seid ihr?«
»Wir kommen von Peking mit Briefen vom Abte des Lamaklosters an die Alten vom Berge. Zwei westliche Teufel haben sich ins Kloster geschlichen, nachdem sie den Oberpriester von Hankau ermordet, und einer spielt die Rolle des Toten. Es waren jene Männer, welche du in die Irre geschickt hast!«
Da lachte Nobody gehässig auf.
»Sie werden nicht mehr weit kommen. Ihre Herzen werden den jungen Adlern zum Fräße dienen. Was habt ihr mir sonst zu sagen?«
Der Chinese brachte einen zusammengerollten Brief zum Vorschein und händigte ihn dem vermeintlichen Boten ein.
»In diesem Schreiben steht alles.«
»Gut! Ich werde es bestellen. Jetzt aber verlaßt diesen Platz, denn die Geister der Abgründe steigen in stillen Nächten empor, und wer sie erblickt, der muß sterben!«
Nobody wendete sein Kamel, und die Chinesen ihrerseits beeilten sich, über den Fluß zurückzukommen. Sie verschwanden bald in der Finsternis, und nun verließ Walter Barby sein Versteck und trat zu Nobody, der ihn erwartete.
»Mein Gott, was hatte denn das nur zu bedeuten? Wir sind abermals verraten worden?«
»Leider! Doch Sie haben ja gehört und gesehen, daß man einem Nobody nicht so leicht den Weg verlegt. Dieser Zwischenfall hat uns im Gegenteil nur genützt, denn jetzt glaubt man, uns unschädlich gemacht zu haben.«
»Aber der echte Bote aus dem Bergkloster?«
»Hat von Ihnen den Brief empfangen, in welchem den Alten vom Berge die Ankunft des frommen und hochgelehrten Oberpriesters von Hankau gemeldet wird. Das verräterische Schreiben besitze ich. Sie können es nachher in Muße lesen.«
Darauf erzählte Nobody kurz, wie er die beiden Chinesen belauscht hatte. Er hatte sofort seinen Plan gefaßt, den Pferden der Boten ein langsam, aber sicher wirkendes Gift beigebracht, sich in dem Dorfe ein Kamel, sowie einen roten, silbergestickten Sattel gekauft, sich äußerlich jenem erwarteten Boten ähnlich gemacht und im übrigen damit gerechnet, daß die Verräter erst lange nach Sonnenuntergang an dem Flusse anlangen konnten, so daß er sie dort zu empfangen vermochte. Er hatte seine Rolle trefflich genug gespielt, daß jene nicht den geringsten Argwohn gefaßt hatten und nach ihrer Heimkehr gewiß triumphierend meldeten, daß die westlichen Teufel ihre verdiente Strafe erhalten hätten.
Dies alles brachte Nobody so gleichmütig vor, als handle es sich um irgend etwas, was ihn persönlich gar nichts anginge; und doch hatte es sich hier abermals um Leben und Tod für ihn gehandelt.
Sie begaben sich zu den Kulis, die inzwischen ein Feuer angezündet und eine Mahlzeit bereitet hatten, aßen und schliefen und setzten am frühen Morgen die Reise fort. Immer tiefer drangen sie in das unwirtliche Gebirge ein, das vor ihnen noch kein Europäer betreten hatte, immer stärker ward die Kälte, und endlich setzte ein so gewaltiger Schneesturm ein, daß selbst Nobody nicht mehr wußte, wo sie sich befanden. Drei Tage irrten sie in den Felseneinöden umher, und als am vierten Morgen das Unwetter sich legte, da begruben die beiden kühnen Männer den letzten Kuli ihrer Begleitung unter dem Schnee; die armen Kerle waren ebenso wie die Pferde erfroren.
Nobody mußte allein mit Barby den Weitermarsch antreten und zunächst den verlornen Pfad wieder suchen. Er fand ihn nicht; abermals verstrichen zwei Tage unter unsagbaren Strapazen, doch Nobody verlor den Mut nicht. Er dachte nicht an Umkehr - entweder - oder!
Hungernd erhoben sie sich aus dem Schnee, als der neue Tag anbrach. Sie hatten nichts mehr zu essen, und wenn sie heute das Kloster nicht zu Gesicht bekamen, dann war alles vergebens gewesen, dann hatten sie nutzlos allen Gefahren getrotzt.
»He, Barby,« sagte Nobody lachend, »ich glaube, jetzt wären wir beide zufrieden, wenn wir eine Portion Essen aus der schmutzigsten chinesischen Volksküche hätten! Zum Teufel, daß der Mensch so sehr der Sklave seines Magens ist!«
Er hatte den Humor also noch nicht verloren. Das war viel wert, und als er nun von einem Felsblock aus Umschau hielt, da winkte er plötzlich Barby.
»Na, wer sagt's denn? Dort liegt das Kloster!«
Ja, da lag es oder vielmehr ragte es, auf einem mindestens 1000 Meter hohen, isolierten Felsen stehend, in den Himmel empor, und zwischen ihm und den beiden Männern zog sich ein tiefes Tal hin - kein Pfad führte hinab - überall nur die fürchterlich steile Wand. Wie sollten sie das Ziel erreichen, von dem sie kaum noch auf Büchsenschußweite entfernt waren?
»Jetzt könnte ein Vogel Greif kommen und uns als Fraß für seine Jungen davontragen, ich wäre ihm nicht böse: das heißt, wenn das Kloster dort drüben kein Horst wäre. Ja, mein lieber Barby, das hilft nischt, wir müssen klettern. Runter kommen wir auf alle Fälle! Uebrigens müssen die drüben uns bereits gesehen haben. Sie werden sich eins feixen, wenn wir noch länger so dastehn wie Ochsen am Berge. Also los! Seine Heiligkeit der Oberpriester von Hankau wird sich mit aller ihm eignen Würde bemühen, mit ganzem Hosenboden vor den Alten vom Berge zu erscheinen!«
Der Deutsche mußte trotz der fatalen Situation laut auflachen; dann aber beeilte er sich, seinem Herrn zu folgen, der bereits in den furchtbaren Abgrund hinunterkletterte, ohne daß man sah, wo und wie er einen Halt für Hände und Füße fand. Es war im vollen Sinne des Wortes eine wagehalsige Kraxelei, aber das Glück war auch hier wieder dem Mutigen hold. Die beiden kühnen Männer kamen glücklich auf der Sohle der Schlucht an. Die Hosen hatten sie sich auch nicht zerrissen, und daß das Blut aus den zerschundenen Fingern quoll, hatte nichts zu sagen. Ohne sich aufzuhalten, näherte Nobody sich dem Felsen, auf dessen Plateau sich das mächtige Kloster erhob, und suchte nach einem Wege, der in die Höhe führte. Nirgends war einer zu entdecken, und zu erklimmen war diese Wand nicht.
»Wer seid ihr, daß ihr euch unsrer Felsenwohnung naht?«
Eine sanfte, wohltönende Stimme fragte es von irgendwoher.
»Ich bin der, dessen Ankunft euch gemeldet ward!« antwortete Nobody ohne Zögern.
»Tretet unter jenen Felsvorsprung links und wartet!«
Die beiden gehorchten, ohne daß sie wußten, wo sie den geheimnisvollen Sprecher zu suchen hatten; und während sie sich noch vielsagend anschauten, stand auf einmal unmittelbar neben ihnen ein so seltsames Wesen, wie auch Nobody es schwerlich je in seinem Leben schon gesehen hatte. Das war eine Art Puttfarken ins Chinesische übersetzt. Ein Kerlchen, kaum meterhoch, riesig breite Schultern, Beine, so krumm, daß er auf den Fußkanten gehn mußte, und ein unförmlicher Kürbis, an dem aber auch ein Zopf baumelte, als Kopf.
»Eure Heiligkeit belieben mir zu folgen!« piepste dieser chinesische Puttfarken, dem bloß noch Jochens Rüsselnase und Elefantenohren fehlten, wendete sich um und verschwand in einem Loche, das die beiden nun erst entdeckten, und durch das sie alsbald in eine große Höhle gelangten. Sie war von Fackellicht erhellt, und an jeder Seite standen noch je ein Dutzend solcher possierlicher Männchen, einander so sehr ähnelnd, als wenn sie allesamt auf Bestellung gefertigt worden waren. Jedenfalls boten sie in dem blutroten Lichtschein einen fast unheimlichen Anblick, der auch nicht dadurch gemildert ward, daß sie sich tief verbeugten und dann mit den Fackeln sorgsam die Felsentreppe zu beleuchten suchten, welche in zahllosen Windungen Tausende von Stufen emporführte.
Jetzt erst konnten Nobody und Barby ganz ermessen, was sie wagten, indem sie in dieses Felsenkloster eindrangen. Hier mußten ihrer noch ganz andre Abenteuer warten als in dem Kloster zu Peking, und wenn man hier ihre Verkleidung durchschaute, dann gab es wohl kaum noch eine Möglichkeit zu entfliehen; denn sie gelangten endlich an eine mächtige, verschlossene Eisentür, die den Eingang, aber auch den Ausgang versperrte. Ein dahinterstehender Wächter öffnete sie auf das Klopfen des führenden Zwerges. Es ging einige Schritte eben fort, dann kam wieder eine Treppe; die aber mitten in einer mächtigen natürlichen Halle von mehr als fünfzig Meter Höhe zu einer Art Plattform führte. In einer Wand befand sich eine Oeffnung, mit einer roten Glasscheibe verschlossen, durch die ein schauriges Halblicht hereindrang.
Während die andern Zwerge am Fuße der Treppe zurückblieben, geleitete der Führer Nobody und Barby zur Plattform empor, bedeutete ihnen, oben angelangt, stehn zu bleiben, und nun verstrich eine geraume Zeit in lautlosem Schweigen. Es ward ganz unvermittelt unterbrochen durch eine sanfte Musik, die allmählich anschwoll und wieder erstarb. Als der letzte Ton kaum verklungen war, öffnete sich rechts und links je eine Tür, und eine Schar schwarz gekleideter Gestalten, Kapuzen mit Augenlöchern über den Köpfen, die Hände verborgen in weiten, über der Brust gekreuzten Aermeln, schritt herein. Die unheimlichen Gestalten stellten sich in bestimmter Ordnung rechts und links auf, warfen sich dann wie auf Kommando schweigend nieder und blieben so liegen, die Stirn gegen den Steinboden gepreßt.
Eine Viertelstunde verstrich, ohne daß einer der Vermummten sich rührte; dann erhoben sie sich und entfernten sich in ebenso lautloser, feierlicher Prozession, wie sie gekommen waren.
Nobody schaute sich um. Auch der Zwerg war von ihrer Seite verschwunden. Die beiden waren allein.
»Was in aller Welt hat denn das zu bedeuten?« flüsterte Nobody dem Deutschen zu. »Warum nimmt uns niemand in Empfang?«
»Bei Gott, ich komme mir vor wie ein Angeklagter vor dem Femgericht,« antwortete Barby ebenso leise.
»Still! Man kommt!« unterbrach Nobody ihn.
Ein Vorhang, der eine dritte Tür verhüllte, rauschte seitwärts. Ein Vermummter erschien, verbeugte sich und winkte den beiden, ihm zu folgen. Sie taten es, kamen in einen langen Gang mit vielen Zellen an beiden Seiten, durchschritten denselben und gelangten in einen mit schießschartenähnlichen Oeffnungen versehenen Raum, ihre Wohnung während des Aufenthaltes im Kloster. Der Führer entfernte sich sofort wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
»Da wären wir also!« sagte Nobody. »Es handelt sich nur noch darum, das Geheimnis zu erlangen, das ich suche, und dann wieder hinauszukommen.«
»Eins erscheint mir so unmöglich wie das andre,« entgegnete Barby, und er schien recht zu haben. Doch Nobody lächelte in der ihm eignen Weise, sagte aber nichts mehr, sondern versank in tiefes Nachdenken, in dem der Deutsche ihn nicht zu stören wagte. Er zog es vor, sich im Schlafe von den Anstrengungen des Marsches zu erholen; so vergaß er auch den Hunger, der ihn marterte.
Nobody weckte ihn. Es war finster geworden.
Eine brennende Fackel stak in einem Eisenringe an der Wand. Auf dem Holztische stand eine mächtige Schüssel.
»Unsre Mahlzeit!« sagte Nobody. »Die Löffel hat man freilich vergessen.«
Es war eine dünne Suppe ohne sichtbare feste Bestandteile, aber Nobody zog einen zusammenlegbaren Becher aus der Tasche, füllte und leerte ihn zweimal.
»Auf Krankenkost sind wir schon gesetzt,« brummte Nobody, ehe er sich wieder niederlegte. »Ein Grund mehr, daß wir unser Geschäft schnell zu Ende führen.«
Kaum hatte er ausgesprochen, da erschien in der Türöffnung ein Mann in gewöhnlicher chinesischer Tracht, eine brennende Fackel in der erhobenen Rechten.
»Kommt!« sagte er. »Die Alten vom Berge erwarten euch!«
Er führte die beiden wieder durch Gänge und über Treppen in einen großen Raum, dessen Eingang von einem Mönche bewacht wurde. Hier mußten sie warten. Sie wurden angemeldet, durften endlich in das nächste Zimmer und sahen vor sich auf hohen Stühlen zwei Gestalten in Kapuze und Kutte, so daß die Gesichter verborgen waren. Barby blieb neben der Tür stehn. Nobody aber schritt vor, verbeugte sich und wartete auf die Anrede.
»Wer bist du, daß du unsre Einsamkeit störst?« fragte der eine der Vermummten, aufstehend.
»Der aus Hankau, den du erwarten sollst!«
»Kannst du dich ausweisen?«
»Du empfingst den Brief des Abtes vom Lamakloster, und hier, sieh diesen Stab!«
»Was forderst du von uns?«
»Die letzte Erkenntnis, die ihr allein hütet.«
»Es ist gut!« sagte der Mann und setzte sich.
Doch sofort stand der andre Vermummte auf und fragte: »Bist du gefaßt auf alles, was deiner wartet?«
Nobody bejahte es.
»Du kennst keine Furcht?«
Nein, die kannte der Gefragte nicht.
»Du bist ein Eingeweihter?«
»Ja; aber ich kenne das letzte Geheimnis noch nicht.«
»Es ist gut! Morgen nacht sollst du geprüft werden!«
Der Mönch erschien wieder und geleitete Nobody und Barby in ihre Zellen zurück; doch so gern der Deutsche hier Nobody gefragt hätte, ob er sich der bevorstehenden Prüfung gewachsen fühle, er kam nicht dazu, denn Nobody schlief bereits den Schlaf des Gerechten, ehe noch die Schritte des Führers auf dem Flur verhallt waren. Ebensowenig gab er am folgenden Tage eine Erklärung, was er tun wollte, und so kam die verhängnisvolle Nacht. Jeden Augenblick konnte der Bote der Alten vom Berge erscheinen. Und er kam - kurz vor Mitternacht. Es war der Zwerg. Er führte sie diesmal noch mehr kreuz und quer, deutete endlich auf eine Oeffnung im Boden, aus der eine Leiter hervorragte. Nobody mußte hinunterklettern. Der Zwerg folgte. Barby mußte zurückbleiben. Er bekam nicht einmal eine Fackel. Tiefe Finsternis umgab ihn, und in banger Sorge lauschte er - es war nichts zu hören.
Stunde auf Stunde verstrich, ohne daß Nobody zurückkehrte. Bestand er die Prüfung - und welcher Art war dieselbe? Ward er bereits in das Geheimnis eingeweiht, dessentwegen er so viel Geld geopfert hatte und nun zum dritten Male sein Leben aufs Spiel setzte? Die Ungewißheit war schrecklich, und zu gern wäre Barby seinem Herrn gefolgt, um ihm im Notfalle beistehn zu können - es war unmöglich. Der Zwerg hatte die Leiter entfernt.
Endlich, endlich tauchte in der Tiefe wieder ein matter Lichtschein auf, es ward heller und heller, und dann kam Nobody die Leiter empor, ruhig, unbewegten Gesichtes wie immer, hinter ihm der Zwerg. Nichts verriet, ob das Wagnis geglückt war oder nicht. Schweigend ging es wieder in die Zellen zurück.
»Mr. Barby,« sagte Nobody, als sie allein waren, »ich kann Ihnen nicht erzählen, was ich erlebt habe, ich will nur wünschen, daß nichts Schlimmeres nachfolgt!«
Wenn dieser Mann solche Worte brauchte, dann mußte die Prüfung allerdings schrecklich gewesen sein.
»Sie haben aber bestanden?« fragte der Deutsche.
»Morgen wird man mich feierlich zum dritten Alten vom Berge ernennen,« antwortete Nobody ausweichend und doch genügend, dann drehte er sich auf die Seite und schlief bald ein, um erst spät am Morgen zu erwachen. Er rührte das Essen nicht an, sagte auch nichts, sondern beschäftigte sich mit seinen Gedanken, bis gegen Mittag der Zwerg beide in jene große Halle führte, wo sie bei ihrer Ankunft die Mönchsprozession gesehen hatten. Der mächtige Raum war durch unzählige Fackeln erleuchtet, und im Hintergrunde erhoben sich dicht nebeneinander drei thronartige Sessel. Wieder ertönte die Musik. Die Mönche erschienen und warfen sich zu Boden. Dann öffnete eine unsichtbare Hand eine Seitentür. Die Zwerge traten ein, hinter ihnen andre Mönche, dann Priester mit langen grauen Bärten und endlich die beiden Alten vom Berge, die auf zweien der Sessel Platz nahmen.
Die Feierlichkeiten begannen. Sie brauchen hier nicht geschildert zu werden. Sie endeten damit, daß die beiden Alten vom Berge sich Nobody näherten und seine Hände erfaßten, um ihn zu dem dritten Stuhle zu geleiten.
Sie kamen nicht dazu. Eine seltsame Unruhe entstand plötzlich. Zwei Mönche führten einen sichtlich erschöpften Mann herein, und dieser warf sich vor den Thronsesseln nieder.
»Wie darfst du wagen, uns zu stören?« fragte einer der Alten vom Berge.
»Erbarmen, Herr! Ich konnte nicht anders,« keuchte der Mann.
»Wer bist du, und was willst du?«
»Ich bin der Oberpriester des Buddhatempels zu Hankau, und ich fordere Gerechtigkeit!« schrie jener.
Nobody trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Barby ward totenbleich. Jetzt war alles verloren - verloren in zwölfter Stunde.
»Der Oberpriester von Hankau steht hier,« sagte der Alte vom Berge und deutete auf Nobody.
»Er ist es nicht. Er ist ein fremder Teufel, der mich überwältigen und auf ein Schiff bringen ließ, damit er an meiner Stelle eure Geheimnisse erforschen möge. Er ist ein Betrüger! Ich entkam meinen Wächtern, eilte nach Peking, erfuhr alles, und nun bin ich hier. Der dort - wißt ihr, wer er ist? Es ist der Mann mit den Teufelsaugen!«
Em Tumult schien ausbrechen zu wollen. Dieser Name war selbst hier bekannt und gefürchtet.
»Nein, er lügt!« rief da Nobody, und seine Stimme zitterte nicht. »Ich sandte euch den Brief des Abtes vom Lamakloster! Ich bin der, der zu euch kommen sollte. Ich habe den Stab!«
»Ich besitze ebenfalls ein Schreiben von ihm,« sagte der echte Oberpriester und reichte es dem Alten vom Berge, der es nahm und las. Dann flüsterte er seinem Genossen etwas zu, stand wieder auf und befahl Nobody, vorzubringen, was er zu seiner Verteidigung zu sagen hätte. Dieser aber antwortete nur: »Ihr habt mich geprüft und habt mich würdig befunden, in euern Bund aufgenommen zu werden. Kann ein Kueidzu wissen, was ich weiß? Vermag er zu tun, was ich vor euern Augen tat?«
»Nun wohl, wenn du der Oberpriester des Buddha bist, so mußt du seinen Tempel genau kennen. Welche Inschrift trägt die goldne Tafel an der Wand der Vorhalle?«
»Die Götter lenken die Wege der Menschen und wissen allein, was diesen nützt!«
Eine Bewegung, die der Alte vom Berge machte, zeigte, daß Nobody das Richtige getroffen hatte. Barby atmete erleichtert auf. Vielleicht -!
»Und welche Worte sind in die Stufen eingemeißelt, die zum Tempel emporführen?«
»Mein Friede möge dich umfangen!« antwortete Nobody, ohne zu zögern.
»Jetzt weiß ich, wer von euch beiden der Betrüger ist,« rief der Alte mit scharfer Stimme. »Du bist es! Zum Tempel des Buddha in Hankau führen überhaupt keine Stufen empor! Schafft ihn hinweg! Bewacht ihn gut! Morgen früh sollen er und sein Begleiter den Tod erleiden, den sie verdient haben!«
Schweigend verbeugte Nobody sich, wandte sich um und schritt, begleitet von vier handfesten Mönchen, hinaus. Ihm folgte Barby unter derselben Bedeckung.
Das Spiel war zu Ende, und die kühnen Männer hatten es verloren. An eine Flucht war nicht zu denken. Sie konnten nichts tun, als sich auf das furchtbare Ende vorzubereiten. Sie durften nicht einmal ein Wort miteinander sprechen, aber selbst in dieser schrecklichen Lage verlor Nobody die Fassung nicht eine Minute. Kein Zug seines Gesichtes verriet, was in ihm vorging, ob er sich in sein Schicksal ergeben hatte oder noch auf Rettung sann. Es war natürlich das letztere der Fall. So schnell verzagte ein Nobody nicht, er war in seinem bewegten Leben schon in weit gefährlicheren Situationen gewesen, und vor allem - er glaubte an seinen Glücksstern! Sollte ihn dieser verlassen, wo er nun endlich in den Besitz des so lange ersehnten Geheimnisses gelangt war!?
Barby seinerseits war gefaßt auf alles, und er wunderte sich nur über eins, daß man ihnen nicht die falschen Zöpfe abgerissen und sie so tatsächlich als Europäer entlarvt hatte. Das wäre doch ein viel besserer Beweis gewesen, als er durch die Fragen nach der Einrichtung jenes Tempels erlangt werden konnte.
Die Nacht verstrich - die letzte Nacht, die den beiden zu leben vergönnt war. Noch vor Tagesanbruch erschienen Mönche, um die Verurteilten abzuholen, die noch nicht wußten, auf welche Art man sie hinrichten würde. Sie sollten es bald erfahren.
Eine Tür tat sich vor ihnen auf - eisigkalte Luft strömte ihnen entgegen, das grelle Licht der eben über die Gipfel emporsteigenden Wintersonne blendete sie, dann aber erkannten sie, daß sie auf einem kleinen Plateau standen. Vor ihnen öffnete sich ein dunkler Abgrund, und dicht an demselben standen die Alten vom Berge, neben ihnen der echte Oberpriester.
»Fremde Teufel,« sagte der eine der Alten feierlich, »ihr seid Betrüger! Ihr müßt sterben! Habt ihr uns noch etwas zu sagen?«
Nobody schüttelte mit stolzer Bewegung das Haupt; da schwieg Barby ebenfalls. Was sollten sie denn auch sagen? Ihr Leben war verwirkt.
»So bereitet euch zum Tode!«
Sie mußten etwas zurücktreten. Die Tür ward abermals geöffnet. Wieder wälzte ein Schar Mönche sich daraus hervor - sie führte einen Gefangenen in ihrer Mitte, einen ihrer Brüder. Anscheinend sollte er zuerst gerichtet werden, damit die westlichen Teufel noch mehr Todesangst ausstehn müßten.
Kaum merklich wendete Nobody den Kopf, während der Verurteilte vor die Alten vom Berge geführt ward. Ein einziger Blick überzeugte den Detektiv, daß das ins Kloster führende Tor nicht wieder verschlossen worden war, dann schaute er seinen Leidensgefährten bedeutungsvoll an.
Barby verstand. Ihr Leben stand sowieso auf dem Spiele, da konnten sie auch einen Fluchtversuch wagen. Gelang er nicht, dann blieb ihnen wenigstens noch die Möglichkeit, sich bis aufs äußerste zu wehren und kämpfend zu sterben. Sie brauchten sich nicht wie Verbrecher abschlachten zu lassen. Gefesselt waren sie nicht. Das hatte niemand für nötig gehalten, und das kam ihnen nun natürlich sehr zustatten.
Der Mönch stand vor seinen Richtern. Aller Augen richteten sich auf ihn, schon jetzt hätte Nobody forteilen können - er tat es nicht.
»Du hast deinen Bruder ermordet,« redete der vorige Sprecher den am ganzen Körper zitternden Menschen an, und diesmal klang seine Stimme hohl, als wenn sie aus einem Grabe käme. »Hast du einen Grund vorzubringen, der deine Tat entschuldigt?«
Anstatt zu antworten, warf der Unglückliche sich plötzlich heulend und schreiend vor den beiden Alten vom Berge zu Boden. Die Mönche sprangen vor, um ihn zurückzureißen. Die allgemeine Aufmerksamkeit lenkte sich ihnen zu, da wendete Nobody sich blitzschnell um und jagte in weiten Sätzen dem Tore zu, dicht hinter ihm Barby.
Es war ein tollkühnes Wagnis, denn die Flüchtlinge mußten ja durch das ganze Kloster, in dem jeder sie kannte, jeder wußte, daß sie zum Tode verurteilt waren, und wenn ihnen auch niemand begegnete, niemand sie aufhielt, dann war es doch noch eine große Frage, ob sie den Weg wiederfanden, den die Zwerge sie bei ihrer Ankunft geführt hatten. Gelang ihnen aber auch das, dann mußten sie immer erst den Wächter an der eisernen Tür überwältigen, ehe sie ins Freie gelangen konnten. Und dann? Gab es einen andern Ausweg aus dem Tale als den, der über die steile Felswand führte?
Einen Moment waren die Mönche wie gelähmt vor Bestürzung, als sie ihre Gefangenen in wilder Flucht davoneilen sahen, dann aber rafften sie sich auf und rannten schreiend, einander hemmend hinter ihnen her. Wenn die im Kloster Zurückgebliebenen diesen Lärm nicht hörten und nicht dadurch stutzig wurden, so war das als ein Wunder zu betrachten.
Nobody erreichte das Tor, ließ seinen Gefährten an sich vorbei, schmetterte dann mit Riesenkraft die beiden Flügel zu und schob die schweren innern Riegel vor.
»So!« lachte er zufrieden. »Nun mögen sie die Tür mit den Schädeln einrennen. Uns kriegen sie nicht so bald wieder!«
»Nur weiter, weiter!« drängte Barby. »Wir sind noch nicht in Sicherheit!«
»So was!« entgegnete Nobody mit leichtem Spott. »Gefiel's Ihnen etwa draußen besser? Nur hübsch langsam! Wenn wir durch die Gänge dahinstürmen, müssen wir den Verdacht jedes Mönches erregen, der uns in den Weg kommt. Schreiten wir aber so recht gemächlich einher, dann möchte ich den sehen, der uns für Flüchtlinge hält, die eben den Henkern entronnen sind.«
Draußen polterten die Ausgesperrten gegen das verschlossene Tor, und hier stiegen die beiden kühnen Männer langsam die in tiefem Dunkel liegende Treppe empor, kamen auf den Gang, an dem ihre Zellen lagen, schritten an denen der Klosterbewohner vorüber, ohne daß ihnen jemand begegnete, und erreichten die große Halle. Nun waren sie schon sicherer.
»Jetzt schnell! Wir brauchen uns nicht mehr zu verstellen,« raunte Nobody dem Deutschen zu.
»Und der Wächter?«
»Bah, den nehme ich auf mich!«
Jeden Augenblick in Gefahr, die steile Treppe hinabzustürzen und sich den Hals zu brechen, stürmten beide dieselbe hinunter, kamen glücklich unten an. Der Wächter trat ihnen mit drohender Gebärde entgegen. Ein Faustschlag Nobodys streckte ihn nieder. Der Schlüssel ward dem Bewußtlosen entrissen, die Tür geöffnet- und wieder verschlossen. Der Weg zur Freiheit stand den Flüchtlingen offen. Nach einigen Minuten erreichten sie die Höhle, welche den Eingang bildete, und rannten das Tal entlang, so schnell ihre Füße sie trugen, bis sie endlich einmal stehn bleiben mußten, um Atem zu schöpfen.
Nobody spähte an den Felswänden empor, die zu beiden Seiten emporragten.
»Dort hinauf!« sagte er dann. »Wir müssen uns verstecken, können nur nachts unsre Flucht fortsetzen!«
Sie klommen mit letzter Kraft den Hang hinauf, duckten sich hinter einem Felsenvorsprung, den das scharfe Auge des Detektivs entdeckt hatte, auf das Gestein und warteten in höchster Spannung das Weitere ab.
»Sie kommen!« flüsterte Nobody nach etwa einer Stunde, und gleich darauf wurden unten im Tale die Schritte und Stimmen der Verfolger hörbar. Sie eilten an dem Versteck vorüber.
Wieder verstrich eine Zeit in peinlichster Erwartung. Die Flüchtlinge zitterten vor Kälte, aber sie spürten dieselbe nicht. Ihre Pulse flogen, und da kamen die Mönche zurück, schritten wieder ahnungslos vorüber, verschwanden.
Eine Weile verharrten die Flüchtlinge noch regungslos, dann erhob sich Nobody.
»Weiter!« sagte er lakonisch, kletterte wieder ins Tal hinab, Barby folgte, und fort ging die wilde Jagd. Sie gönnten sich keine Ruhe, bis die Natur selber ihnen Halt gebot. Das Tal war zu Ende. Eine hohe, aber nicht besonders steile Felsenmauer schloß es ab. Sie mußte erstiegen werden.
Ein ziemlich dichter Wald erhob sich oben. Unter seinen Stämmen sanken die beiden Männer todmüde zu Boden, und eine Minute später war Barby vor Ermattung in einen an Bewußtlosigkeit grenzenden Schlaf gesunken - Nobody wachte. Seine eiserne Natur hätte noch ganz andre Strapazen ohne Mühe ertragen.
Die Nacht war längst hereingebrochen. Der Deutsche schlief noch immer, aber plötzlich ward er unsanft aufgerüttelt.
»Rasch empor! Hunde!«
Weiter sagte der Detektiv nichts. Es genügte ja auch. Sie kannten beide die Berghunde, die so groß und gefährlich wie Wölfe waren. Im Kloster mußte es welche geben. Man hatte sie auf die Spuren der Flüchtlinge gesetzt, und erreichten die bösartigen Tiere sie, dann waren sie doch noch verloren, dann wurden sie von den Zähnen der Bestien zerfleischt.
Es war ein fürchterlicher Weg durch den in tiefster Finsternis liegenden Wald. Mehr als einmal stürzten die beiden über Baumwurzeln, rafften sich wieder auf, rannten weiter, lauschten auf das immer naher kommende Gebell, und vorwärts, nur immer vorwärts ging's in rasender Eile.
»Wasser! Gott sei Dank, Wasser!« keuchte Nobody.
Am Fuße des Berges schoß ein reißender, breiter Bergstrom dahin. Ohne einen Moment zu zögern, sprangen die beiden in die eiskalten Fluten und wurden im Nu von ihnen fortgerissen; aber sie blieben dicht nebeneinander, und hinter sich vernahmen sie das wütende Geheul der Bestien, welche die Spur verloren hatten. Ehe die Mönche an den Strom kamen, waren die Flüchtlinge weit fort. Jetzt konnten sie sich als gerettet betrachten.
Der Tag brach an. Die Sonne beschien die blassen Gesichter der beiden Schwimmer. Gestern um dieselbe Zeit hatten sie den Tod vor Augen gesehen, und heute?
»Ans Ufer!« schrie Nobody. »Ans Ufer! Vor uns liegt ein Wasserfall!«
Allerdings! Jetzt hörte auch Barby das Tosen und Brüllen des über die Felsen hinabstürzenden Stromes; aber vergebens kämpfte er gegen die reißenden Fluten. Er ward unaufhaltsam vorwärtsgerissen. Nur wenige Meter trennten ihn noch vom Abgrunde, da sah er vor sich zwei dicht nebeneinanderliegende Klippen auftauchen.
Wenn er sich daran anklammern konnte! Sie waren schlüpfrig, aber mit der Kraft der Verzweiflung krallte er sich an einem Zacken fest, schwang sich empor und stand unmittelbar über dem Abgrunde, umtost von der dahinschießenden Flut.
Wo war Nobody? Ah, er war ans Ufer gekommen. Dort oben stand er. Jetzt winkte er mit beiden Armen und hob einen vom Sturm entwurzelten Baum auf, schleppte ihn an den Strom, ließ ihn ins Wasser gleiten.
Barby verstand sofort, wie das gemeint war.
Wenn es ihm gelang, den treibenden Stamm festzuhalten, so daß derselbe sich quer vor die beiden Klippen legte, dann mußte das andere Ende bis ans Ufer reichen und dort einen Halt an den vielen Vorsprüngen des Felsenhanges finden, so eine gefährliche, aber immerhin benutzbare Brücke bildend.
Weit beugte Barby sich vor, den Stamm erwartend.
Da war er schon - jetzt - er drehte sich im Kreise, richtete sich für einen Moment fast senkrecht auf und stürzte dann in den brodelnden Kessel des Falls hinunter.
Doch Nobody gab sein Vorhaben noch nicht auf. Ein andrer Stamm mußte in das Wasser - diesmal glückte es - er lag vor den Klippen, von der reißenden Flut so fest gegen dieselben gedrückt, als wenn er mit Eisenketten darangebunden wäre.
Langsam glitt der Deutsche von dem Felsen herab, setzte sich rittlings auf den Stamm und rutschte vorsichtig hinüber.
Am Ufer stand Nobody, hielt ihm einen großen Ast entgegen, Barby packte ihn, kam ans Land und - brach bewußtlos zusammen.
Drei Wochen später trat der leitende Arzt des englischen Hospitals in Schanghai an das Bett eines Kranken, der, wie ihm gemeldet worden, seit dem Morgen das Bewußtsein wiedererlangt hatte. Es war Walter Barby, und der Doktor erzählte ihm kurz, daß Mister Nobody ihn hier abgeliefert hätte. Hier den Brief hätte er zurückgelassen. Derselbe lautete:
»Werter Mister Barby! Das war ein verteufeltes Stück Arbeit, Sie zu transportieren - erlassen Sie mir die Beschreibung - daß es mir gelungen ist, Sie in vollkommene Sicherheit zu bringen, merken Sie ja sowieso, wenn Sie dies lesen. - Warten, bis Sie genesen waren, konnte ich nicht. Man braucht den Nobody zu notwendig. So leid es mir tut, muß ich das himmlische Reich verlassen. Es muß sich fortan ohne den »Mann mit den Teufelsaugen« behelfen, und ich glaube schwerlich, daß mir jemand eine Träne nachweint. Sie aber werden gut daran tun, sofort nach Europa zurückzukehren - die Hand der Alten vom Berge reicht weit. Sie verstehn!? Mich packt sie freilich nicht mehr. Auf Wiedersehen, falls ich Sie nochmals brauchen sollte.
Ihr Nobody.«
Das war alles, und es braucht zum Schlusse nur noch gesagt zu werden, daß Walter Barby keine Lust hatte, noch einmal Nobodys Gefährte zu sein. Er kehrte in seine Heimat zurück, wo er noch heute als angesehener Mann lebt. Nobody hat er nicht wieder getroffen, aber jede Nummer von Worlds Magazine trifft sofort nach Erscheinen pünktlich bei ihm ein, und wenn er die schier unglaublichen Taten liest, die der Detektiv vollbringt, dann schüttelt Barby den Kopf.
Es muß sich doch gelohnt haben, daß wir wegen jenes Geheimnisses unser Leben wagten. Besäße Nobody es nicht, dann wären ihm solche Sachen unmöglich, denn mit rechten Dingen geht das nicht zu!«
Ist es nötig, das Geheimnis der Alten vom Berge hier zu verraten? Findet es der aufmerksame Leser von »Nobodys Taten und Erlebnissen« nicht selbst heraus? Sagt Nobody nicht oft in seinem Tagebuche, daß er nur mit natürlichen Kräften arbeitet!?
Womit erzielte er seine Riesenerfolge? Er hatte seinen Geist und Körper in einer solchen Gewalt, wie kein andrer Mensch, und vermochte mit dieser seiner Willensstärke andre in einer Weise zu beeinflussen, die allerdings ans Unnatürliche grenzt!
Darin bestand sicher ein Hauptteil des Geheimnisses der Alten vom Berge, die heutige Wissenschaft nennt es - Hypnose!
5. Mit Gordon Cumming.
Kurze Zeit nachdem Cecil Rhodes die ersten Diamanten gefunden hatte, wimmelte schon ganz Südafrika von Abenteurern, welche mit Hacke und Schaufel den Boden aufwühlten.
So leicht wie in Brasilien, wo der Diamant höchstens metertief lagert, ging das hier aber nicht. Nur in den allerseltensten Fällen und nur in sehr wenigen Gebieten findet man den Kapdiamanten in geringer Tiefe oder gar gleich an der Erdoberfläche, in andres Gestein eingesprengt.
In Afrika beginnt die sogenannte ›rote Erde‹, die Lagerungsstätte des Diamanten, erst sehr tief unter der Oberfläche, alles andre muß abgebaut werden, und da kann ein einzelner nichts mehr machen, da reicht auch nicht mehr das Kapital eines Privatmannes aus, da können nur noch Aktien-Gesellschaften etwas schaffen. Man wolle bedenken, daß die Diamantbergwerke in Südafrika die tiefsten der Erde sind, noch tiefer als der Kohlenschacht bei Shaffold in England, der schon bis unter den Meeresgrund getrieben worden ist, und da sind Bohrungen und Maschinerien nötig, gegen welche alles, was wir von deutschen Bergwerken kennen, Spielerei ist.
Eins der ersten in solch großem Maßstabe betriebenen Diamantbergwerke war die Koulyeld-Mine, nahe bei dem weit in die Wildnis vorgeschobenen Städtchen Graaftburg, welches durch eine provisorische Eisenbahn Anschluß nach Kapstadt bekommen hatte.
Während des englischen Transvaal-Krieges, den wohl jeder noch in lebhafter Erinnerung hat, ist so viel über diese südafrikanischen Diamantminen und ihre Betriebsweise geschrieben worden, daß wir uns eine ausführliche Schilderung derselben ersparen können. So wollen wir, ohne auf Einzelheiten einzugehn, bei der Koulyeld-Mine nur bei dem verweilen, was jeder, der an den Rand des Kessels trat, auf den ersten Blick sah. Bemerkt sei bloß noch, daß es in dieser Gegend viele solche Ausschachtungen gab, welche alle zusammen mit dem Namen Koulyeld-Minen bezeichnet wurden. Wir wenden uns der größten zu, ersteigen einen Damm, stehn vor einem eisernen Geländer und blicken direkt hinab in einen trichterförmigen Kessel von wenigstens hundert Meter Tiefe, also, um einen Maßstab zu geben, etwa fünfmal so hoch oder tief wie ein vierstöckiges Haus.
Dieser Kessel enthält denn auch wirklich in treppenartigen Absätzen fünf Etagen. Auf dem untersten Absatz bemerkt man in der roten Wand ein Loch, von hier oben aus gesehen wie ein Bienenflugloch. Das ist einer der Hauptzugänge zu dem eigentlichen Schacht, der jetzt bereits 600 Meter tief unter die Erde reicht.
In dieses Förderloch führt eine Kette ohne Ende, an der kleine Eimer befestigt sind; leer gehn sie hinein, mit roter Erde gefüllt kommen sie wieder heraus, wandern 20 Meter hoch nach der ersten Etage, werden an eine andre Kette gehängt, welche sie nach der zweiten Etage befördert, und so fort, bis die Eimer oben über den Damm laufen und auf dem ›Screen‹ ausgeschüttet werden, wo Neger die rote Tonerde nach den funkelnden Steinen durchsuchen - natürlich unter den nötigen Sicherheitsmaßregeln.
Uns interessieren hauptsächlich die Etagen. Diese Terrassen, mit Ausnahme der obersten, sind mit Hütten dicht besetzt, und des Abends, wenn Schicht gemacht ist, entwickelt sich hier ein regelrechtes Dorfleben - nur daß Frauen und Kinder fehlen.
Hier wohnen nämlich die Neger und die weißen Aufseher, welche im Bergwerk selbst beschäftigt sind, und diese kommen während der Zeit, für welche sie sich verpflichtet haben, für ein bis drei Jahre, überhaupt nicht mehr an die Erdoberfläche. Die Sortierer und die andern, welche oben beschäftigt sind, müssen jeden Abend aufs gründlichste untersucht werden, auf eine menschenunwürdige Weise; jeden Abend erhalten sie ein kräftiges Abführmittel, und wo man den eventuell gestohlenen Diamanten sucht, das läßt sich wohl denken. Das alles kann man sich bei den Erdarbeitern ersparen. Es ist ganz unmöglich, daß sie von unten auf eigne Rechnung einen Diamanten heraufschmuggeln können. -
»Waih geschrien, wie haißt unmöglich?«
Auf dem Damme an dem Eisengeländer stand ein Mann im Tropenanzuge, die Daumen in den Westenärmellöchern, den Bauch herausgereckt und blickte mit sattem Lächeln in den Trichter hinein.
Was sonst sein Aeußeres betrifft, so wollen wir nur noch erwähnen, daß er eine edelgebogene Nase und etwas wehmütig geschweifte Beine hatte.
Das war der Direktor der Koulyeld-Kompanie, von deren Diamantminen diese hier also nur eine einzige war, Mr. Veit Lazar, ein englischer Jude, Inhaber der Hälfte aller Aktien, an sich schon ein vierzigfacher Millionär.
Ja, dieser krummbeinige Jude konnte aber auch etwas! Zum Beispiel hatte er die ursprünglichen Aktienbesitzer so übers Ohr gehauen, daß die meisten von ihnen jetzt immer noch nicht aus den Augen sehen konnten und ein halbes Dutzend von ihnen Selbstmord begangen hatte.
Also mit sattem Lächeln blickte das gutmütige Gesicht hinab in den Trichter, in dem einige hundert schwarze und weiße Menschen arbeiteten, die sich ihm für ein bis drei Jahre mit Leib und Seele verkauft hatten. Auch das Sonnenlicht hatte er ihnen für diese Zeit abgekauft, das Recht auf die Erde - ja, sogar das Innere der Arbeiter hatte dieser Jude gekauft. Denn er konnte es nach Belieben umkehren, konnte ihnen jeden Darm aus dem Leibe ziehen und ihn untersuchen, ob vielleicht ein gemauster Diamant drinsteckte.
Aber wie sollte denn hier ein Diamant entwendet werden? Das war ganz unmöglich.
»Waih geschrien, wie haißt unmöglich?«
Mr. Veit Lazar hatte eigentlich gar keinen Grund zu seinem satten Lächeln.
Seit einiger Zeit kamen auf den Diamantenmarkt geschliffene und ungeschliffene Steine, von denen die Koulyeld-Kompanie ganz bestimmt sagen konnte, daß sie aus ihren Minen stammten, daß sie dieselben aber nicht bezahlt bekommen hatte. Wie die Herren das bestimmen konnten, das ist hier nicht zu erklären, das versteht nur der Fachmann. An den ungeschliffenen Steinen, die auf den Diamantmärkten von Amsterdam und London feilgeboten wurden, konnten sie das nun ganz, ganz bestimmt erkennen. Außerdem hatte die Kompanie beim Geschäftsabschluß dieses Jahres fünf Millionen Dividende weniger verteilen können als letztes Jahr, und noch immer war die Ausbeute überhaupt nicht so, wie sie laut Urteil aller Sachverständigen sein sollte.
Kurz und gut, hier wurden Diamanten haufenweise gestohlen, und gerade die größten, schon seit langer Zeit und jetzt noch!
Na, sattessen konnte sich Mr. Veit Lazar deswegen schon noch, und dieses satte Lächeln war nun einmal seine Gewohnheit - aber immerhin, das durfte nicht mehr so fortgehn, dieses schier unergründliche Rätsel mußte endlich einmal gelöst werden. Erst waren hundert Pfund Sterlings Prämie für Entdeckung der Art, wie der Diebstahl ausgeführt wurde, ausgesetzt gewesen, die Prämie wurde immer gesteigert, jetzt waren es schon zehntausend Pfund - zweimal hunderttausend Mark.
Diese außerordentliche Summe lockte viele abenteuerliche Pfiffköpfe aus aller Welt hierher. Aber da waren schon genug Beamte da, welche Tag und Nacht Auge und Ohr offen hielten und über das Problem nachgrübelten, und wenn diese, die aus jahrelanger Erfahrung Land und Leute kannten und schon in alle Tricks eingeweiht waren, das Problem nicht lösen konnten, dann brauchten jene Pfiffköpfe nicht erst zu kommen, die noch nicht einmal eine Diamantmine gesehen hatten. -
Zwei Herren näherten sich dem Damme.
»Dort oben steht Mr. Lazar,« sagte der eine, lüftete den Strohhut und ging wieder zurück.
Der andre, offenbar ein Fremder, mußte einen Paß besitzen, daß er bis hierher geführt worden war, denn er befand sich bereits innerhalb der Grenzen des Heiligtums, das kein fremder Fuß betreten darf.
Er begab sich hinauf, näherte sich dem Allmächtigen, zog den Hut.
»Habe ich die Ehre, Herrn Veit Lazar zu sprechen?«
Der Jude drehte nur den Kopf auf dem dicken Halse etwas herum und musterte den Fremden durch den Zwicker, den er auf der Nasenspitze balancierte.
»Na? Was woll'n Se?«
»Eduard - Kappel - ist mein Name,« sagte der Fremde mit Betonung.
»Wie haißt, Eduard Kappel,« mauschelte der Jude weiter, ohne seine Stellung zu ändern. »Kenn ich doch keinen Eduard Kappel. Werden Se sagen, was Se woll'n von mir?«
»Ich hatte Ihnen doch mitgeteilt, daß ich mich Ihnen unter dem Namen Eduard Kappel vorstellen würde. Sollten Sie den Brief ...«
Mit einiger Lebhaftigkeit drehte sich Mr. Veit Lazar auf seinen Türkenbeinen herum, das satte Lächeln kam wieder zum Vorschein.
»»hh, drrr Nobody!!« schnarrte er, aber ohne seine Daumen aus den Westenärmellöchern zu nehmen. »Schon rrrecht, schon rrrecht. Ham Se mitgebracht Ihre Garderobe und Ihre andern Sachen, daß Se werden uns vormachen können Ihren Hokuspokus?«
Teufel, dachte Nobody, was ist denn das für ein sonderbarer Kauz?
Nobody hatte sich nicht etwa angeboten, diesen rätselhaften Fall aufzuklären, sondern Mr. Veit Lazar hatte durch Worlds Redaktion sehr höflich angefragt, ob er ihn, Nobody, nach Koulyeld, respektive nach Graaftburg einladen dürfe, wann er ihn gegebenenfalls erwarten könne, selbstverständlich sei er sein Gast.
Daraufhin hatte Nobody brieflich geantwortet, er würde in etwa sechs Wochen dort eintreffen. Eine weitere Korrespondenz hatte nicht stattgefunden, und da der Diamantendiebstahl noch immer nicht aufgeklärt war, die Prämie noch bestand, so mußte der berühmte Privatdetektiv doch hochwillkommen sein.
»Mr. Lazar hatten mich doch aufgefordert ...«
»Schon recht, schon recht, und es freit mich sehr, daß Sie sind gekommen gerade heite. Heit abend wird' ich geben ein kleines Fest ... klein for mich,« erläuterte er mit einer Handbewegung, dann aber schnell wieder den Daumen in das Westenarmloch steckend, »und werden Sie da doch machen Ihre Verwandlungen und Ihre Zauberkunststückchen und den andern Hokuspokus, weswegen Sie sind so berühmt?«
Hallo!! Jetzt aber merkte unser Nobody etwas!
Also nicht als Detektiv, sondern als Hokuspokusmacher war er hierherbeordert worden!
Am liebsten hätte er dem Juden ins Gesicht gelacht oder ... ihm eine Antwort gegeben, die sich jener nicht aufgeschrieben und hinter den Spiegel gesteckt hätte! Denn die Behandlung, die der reiche Jude ihm zuteil werden ließ, zeigte ja ganz offenbar, daß er ihn als einen Possenreißer, als einen Jahrmarktskünstler betrachtete, und danach behandelte er ihn.
Aber Nobody tat keins von beiden, was er so gern getan hätte - weder lachte er Mr. Lazar ins Gesicht, noch haute er ihm eine herunter, auch klärte er ihn nicht über seinen Irrtum auf, sondern ... Nobody zog seinen Hut.
»Zu viel Ehre für mich,« sagte er ernst mit tiefer Verbeugung. »Ich bin Ihr ergebener Diener und hoffe, Ihnen und Ihren werten Gästen einen genußreichen Abend verschaffen zu können.«
»Schon recht, schon recht. Hab' schon gehört viel von Ihnen. Und was wird kosten die Geschicht'?«
»Ich rechne für die Privatvorstellung gewöhnlich ein ... einhundert Pfund.«
Nobody hätte beinahe ein Pfund gesagt. Aber so ein berühmter Taschenspieler konnte für eine Privatvorstellung doch nicht nur zwanzig Mark verlangen.
»Hundert Pfund?« meinte Mr. Veit Lazar mit hochgezogenen Brauen. »Das ist viel Geld, viel Geld for einen Abend. Da ist natürlich inbegriffen die Fahrt her und auch die wieder zurück.«
»Mr. Lazar,« wagte der Hokuspokusmacher bescheiden einzuschalten, »obgleich ich im Zwischendeck gefahren bin, kostet die Fahrt von New-York bis hierher mich doch zwanzig Pfund, ebensoviel zurück, da blieben mir nur noch sechzig Pfund, und die muß ich doch auf fast zehn Wochen verrechnen, da kommt auf die Woche doch nur sechs Pfund, und wenn ich ...«
»Schon recht, schon recht! Ich werde Ihnen geben hundert Pfund und die Hin- und Herfahrt extra, ich bin ein nobler Mann, aber Sie müssen geben sswai Vorstellungen.«
Nobody drückte Dank und Zusicherung zugleich durch eine tiefe Verbeugung aus.
»Natürlich Zwischendeck!«
»Meine Mittel haben mir nie erlaubt, eine andre Klasse zu benutzen.«
Mr. Veit Lazar blickte sich wie vorsichtig um, und dann fuhr er in leiserem Tone fort: »Ich werde Ihnen geben noch fünf Pfund extra ...«
»O, Sir, Sie sind die Freigebigkeit selbst!«
»... wenn Sie meinen Gästen werden sagen, daß ich Ihnen bessahle for diese eine Vorstellung tausend Pfund Sterling, so man Sie wird fragen deshalb.«
Nobody wußte gar nicht, was das eigentlich war - wie eine geheimnisvolle Gewalt, die ihm die rechte Hand nach hinten zog, auf daß er sie auf die feiste Wange des vierzigfachen Millionärs legen möge, und das nicht allzu sanft. Aber Nobodys Wille war stärker als die geheimnisvolle Gewalt, es knallte nicht. Wieder eine tiefe Verbeugung!
»Wie Euer Gnaden befehlen!«
»Und dann werden Sie sagen, ich hätte bessahlt for Sie noch extra die Hin- und Herfahrt von New-York erster Kajüte.«
Himmel, was war das nur für eine geheimnisvolle Gewalt, die partout wollte, daß es knallte? Aber wieder nur eine tiefe Verbeugung.
»Dann können Sie gehn jetzt in die Tavern, welche Sie sehen dort. Es verkehren dort nur weiße Aufseher und andre solide Leit. Sie können essen und trinken dort, was Sie werden wollen, Sie werden auch schlafen dort, es sollen sein sehr saubere Betten mit nur sehr wenig Wanzjes und andres Vieh, und ich werde bessahlen alles, ich bin ein nobler Mann, und ich waiß, daß Sie ssain ein anständiger Mann, welcher nicht leben wird über seine Verhältnisse. Heit abend um sechs werden Sie ssain dann in meinem Palais in Graaftburg; jedes Kind kann Ihnen ssaigen das Palais des rraichen Veit Lazar, welcher ist Direktor vons Ganze. Haben Sie mitgebracht einen Frack?«
»Einen Frack habe ich wohl im Koffer, aber er ist ...«
»Aber er wird ssain schäbig. Waiß schon, waiß schon. Sie müssen gekleidet sein anständig, wenn Sie kommen in mein Haus, und sind heit abend bei mir nur hochfeine Leit, englische Lords und Baronets mit ihren Schicks ... mit ihren Damen und andres hochfeines Volk, Sie werden bekommen einen Frack von einem Diener von mir.«
Ein gnädiges Kopfnicken, der ›Hokuspokusmacher‹ war bis auf weiteres entlassen. Und Nobody ging bescheiden davon. Er hatte überhaupt die letzten Worte des Juden, wenn er sie auch verstanden, nur noch mit halbem Ohre gehört. Seine Gedanken waren zuletzt mit etwas andrem beschäftigt gewesen.
Gerade als er sich dem Direktor vorgestellt hatte, war es elf Uhr gewesen, um welche Zeit die eine Schicht im Bergwerk ihr Mittagessen einnahm. Schon vorher war unten aus dem Bienenflugloche ein Trupp Arbeiter hervorgekommen, das waren die Köche, welche jetzt für ihre hungrigen Kameraden schnell das Essen zubereiteten. Ueberall vor den Hütten flackerten Feuer auf.
Dann strömte aus dem Schacht ein großer Schwarm von schwarzen Arbeitern, sie verteilten sich auf den einzelnen Etagen, an gefährlichen Leitern hinaufklimmend, mit Hast verzehrten sie das, was ihnen die Köche vorgesetzt hatten.
Was das für eine Speise war, konnte Nobody von hier oben aus natürlich nicht erkennen, und doch war es für ihn von Wichtigkeit, und er beobachtete dabei noch etwas andres, was ihn höchlichst interessierte, was wir aber erst später erfahren dürfen, um der Erzählung nicht vorzugreifen.
Nobody hatte eigentlich keine Erlaubnis, sich auf diesem Damme aufzuhalten, der also schon mit zum Heiligtum gehörte, weil er sich aber nun einmal da befand, wies ihn auch niemand hinaus, keiner der ihm begegnenden Beamten hielt den Fremden an, obgleich dieser auch noch ein Fernrohr aus der Tasche gezogen hatte und durch dieses angelegentlich in den Kessel hinabspähte, langsam um diesen herumgehend.
Er hielt einen Kaffer an, der es nicht so eilig zu haben schien, gab ihm eine Zigarre.
»Speak english?«
»Yes, Massa.«
»Was gibt es denn dort unten zum Mittagessen?«
»Durramus mit Hammelfleisch.«
Der über die Zigarre erfreute Neger erklärte weiter, daß die Hammel abends geschlachtet würden, alles dort unten, abends gab es auch die Hauptmahlzeit, und nur was übrigblieb, wurde mittags mit Durramus aufgewärmt.
»Und es bleibt immer genug Fleisch übrig?«
»O, Massa, viel Fleisch, sehr viel Fleisch.«
Natürlich, das Hammelfleisch war ja hier fast billiger als das Brot.
»Wann essen die andern?«
»Um zwölf, es wird geklingelt.«
Nobody hatte nichts mehr zu fragen, er setzte seinen Weg fort, rund um den Kessel, bis er an den Eingang zurückkam, durch welchen er den innern Ring betreten hatte. Er durfte ohne weiteres passieren, denn dort, wo es etwas zu stehlen gab, konnte er nicht gewesen sein.
Sein Ziel war ein isolierter Hügel, schon mehr ein kleiner Berg, der sich in einer Entfernung von etwa einem Kilometer nördlich von dieser Mine erhob.
Es ging sehr lebhaft in den Koulyeld-Minen zu, man glaubte sich mitten in ein überfülltes Fabriketablissement versetzt; die Arbeiter hatten auch ein ansehnliches Dorf mit Läden, Wirtshäusern und dergleichen entstehn lassen, aber wie sie in Wirklichkeit einsam mitten in der Wildnis lagen, das zeigte eine Antilope, welche vor Nobodys Füßen aufsprang, als er kaum den äußern Ring überschritten hatte, und auf dem felsigen Berge, den er nach einer Viertelstunde erreichte, hausten noch Paviane.
Er erkletterte ihn, ohne von den Affen, welche sehr gefährlich werden können, belästigt zu werden, er hütete sich eben, sie zu reizen, und ein Mensch war ihnen nichts Neues mehr, sie kannten vielmehr schon den Herrn der Schöpfung und die unheimliche Donnerbüchse.
Auf einem vorspringenden Felsen, von dem aus er die Mine überblicken konnte, faßte Nobody Posto, und hier blieb er unbeweglich stehn, immer das Fernrohr vor dem Auge.
Nicht lange, so vernahm er ein helles Läuten, das war die Glocke welche die zweite Schicht zum Essen rief - und da plötzlich ließ Nobody das Fernrohr sinken, riß einen Revolver aus der Tasche, feuerte ihn über sich in die Luft ab; dem Knalle folgte das heisere Krächzen eines Raubvogels, und alles war wieder still.
Mr. Veit Lazar konnte seine Villa in Graaftburg mit Recht ein Palais nennen. Nur betreffs der Gäste, die er heute bewirtete, hatte er etwas renommiert.
Es waren etwa zwanzig Herren, welche aber weniger zur englischen Aristokratie, als vielmehr zu den Börsenjobbern gehörten, wenn auch einige adlige Namen darunter waren. Im übrigen freilich doch hochangesehene und sogar weltbekannte Männer.
Sie machten auf der Privatjacht eines Börsenfürsten eine Reise um die Erde, jedenfalls mit geschäftlichem Hintergrunde, es galt wahrscheinlich wieder eines jener riesigen englischen Aktienunternehmen, welche die ganze Welt umspannen, sie wußten aber mit dem Geschäft auch das Vergnügen zu verbinden.
Jetzt hielten sie sich in Südafrika auf, hatten eingehend alle Bergwerke besichtigt, zuletzt die Koulyeld-Minen, waren schon seit einiger Zeit Gäste des mit ihnen im Bunde stehenden Veit Lazar.
Nobody, der dem englischen Juden nur als Zauberkünstler bekannt zu sein schien, war gerade zur rechten Zeit gekommen, denn heute abend fand ein Fest statt zu Ehren eines gar berühmten Mannes, der sein Erscheinen zugesagt hatte, und um diesen Mann einmal näher kennen zu lernen, ihn in einer Gesellschaft zu beobachten, deshalb hatte sich Nobody gedemütigt und war wirklich gekommen, um sich als Hokuspokusmacher zu produzieren, allerdings nicht in einem geliehenen Frackanzuge, sondern in seinem eignen.
In dem bekannten Werke ›Brehms Tierleben‹ läßt der Verfasser bei Schilderung der südafrikanischen Fauna sehr häufig einen gewissen Gordon Cumming sprechen, besonders wenn es sich um selten gewordene Tiere handelt, welche sich aus dem Bereiche der Feuerwaffe immer weiter ins Innere zurückgezogen haben; dann bei Beschreibung von Elefantenjagden zitiert Brehm immer Gordon Cumming, bei der Streitfrage über die Wanderungen der rätselhaften Springböcke läßt der gewissenhafte deutsche Naturforscher, obgleich er Afrika aus eigenster Anschauung kannte, das Urteil dieses englischen Jägers als kompetent gelten.
Der Name Gordon Cumming ist auch in jedem Konversations-Lexikon zu finden. Da heißt es gewöhnlich nur, daß Gordon Cumming, ein Engländer, in Südafrika das ist, was Jules Gerard in Nordafrika, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, der sich auch durch sein Werk ›Fünf Jahre Jägerleben im Innern Südafrikas‹ einen bekannten Namen gemacht hat.
In Wirklichkeit ist das nicht so einfach, und soll hier mit kurzen Strichen das Leben dieses seltsamen Charakters skizziert werden.
Sir Roualeyn Gordon Cumming war als der zweite Sohn eines Lords englischer Baronet, ein sehr reicher Mann mit großem Grundbesitz in der Grafschaft Suffolk.
Schon von frühester Jugend an war er ein passionierter Jäger gewesen. Er hatte ja auch Gelegenheit genug, dieser Leidenschaft zu frönen, bei Fuchshatzen und dergleichen, und da er nicht auf den Ertrag seiner Güter angewiesen war, hatte er das ganze Areal von einigen tausend Ackern in einen Wildpark verwandelt oder es vielmehr einfach verwildern lassen und Hochwild aller Art hineingesetzt, dessen Jagd seinen Lebenszweck bildete.
Das genügte aber dem leidenschaftlichen Nimrod noch nicht. Des Nachts jagte er auf fremdem Gebiete, der schwerreiche Lord wurde zum unverbesserlichen Wilddieb. Erwischen konnte man ihn nie dabei, doch die Nachbarn wußten ganz genau, daß es kein andrer als Sir Cumming war, der des Nachts unter ihrem Tierbestande aufräumte, das konnte man ihm auch indirekt beweisen.
Auf Wilddieberei steht in England die Tretmühle, das heißt Zuchthaus. Na, ins Zuchthaus wollte man den englischen Baron wegen seiner dummen Streiche doch nicht bringen. Cumming mußte zahlen, immer zahlen - bis er eines Nachts den gesamten Tierbestand des neu angelegten Wildparkes seines Nachbars niederknallte. Da zeigte ihn dieser an, verlangte die ganze Strenge des Gesetzes.
Sir Gordon Cumming hatte keine Lust, im Zuchthaus das Rad zu treten, er ließ alles im Stich, floh nach Afrika, und ward nicht mehr gesehen.
Als nach fünf Jahren sein Vergehen verjährt war, kam er in Kapstadt wieder zum Vorschein. Er hatte die ganze Zeit im Innern Afrikas ein Jägerleben geführt; die Frucht seiner Erfahrungen war jenes Werk, dem Alfred Brehm die Auszüge entnommen hat, welches in England selbst in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet ist.
Er kehrte nicht wieder nach England zurück. Er führte sein Jägerleben weiter, verschwand wieder im Innern, ganz allein, kam aber nach Jahresfrist wieder in die südlichen Kolonien, jetzt von einer Negerkarawane begleitet, die seine Jagdbeute trug, Elefantenzähne, Wildhäute und dergleichen. Diese machte er zu Geld, und dann kehrte er abermals in das Innere Afrikas zurück.
Und so hat er es noch zweiunddreißig Jahre lang getrieben. Der Wert seiner Jagdbeute betrug immer 2000 bis 4000 Mark; für dieses Geld lebte er acht Tage in einem Hotel als Gentleman, der aber sein von Blut und Schmutz starrendes Lederkostüm, das er selbst angefertigt, niemals auszog, trank den teuersten Champagner, rauchte Zigarren das Stück zu fünf Mark; jeder, der sich ihm nahte, mußte mittrinken, die Hauptsache war, daß in acht Tagen das ganze Geld alle war, und wenn er das glücklich fertig gebracht hatte, dann schulterte er wieder seine Büchse und marschierte ab in das unbekannte Innere Afrikas, ganz allein, um nach zehn bis zwölf Monaten mit einer neuen Karawane zurückzukommen.
Also zweiunddreißig Jahre hat er es so getrieben! Und nun muß man dabei bedenken, daß er ein schwerreicher Mann war, der so etwas nicht nötig hatte! Sein Vermögen in England wurde auf rund 500.000 Pfund Sterling oder 10 Millionen Mark geschätzt. Wohl war es einmal konfisziert gewesen, aber als die Strafe verjährt, war es wieder freigegeben worden. Doch Gordon Cumming hat sich nie wieder darum gekümmert, wollte gar nichts mehr davon wissen. Er wollte nur noch von seiner Büchse leben.
Im Jahre 1886 blieb der vierundsechzigjährige Greis zum ersten Male aus, er ist nie wieder aus dem Innern Afrikas zurückgekehrt. Man fand nur seine Spur auf, Buschmänner konnten von seinem Tode erzählen. Ein angeschossenes Rhinozeros hatte ihn zu Brei zertreten.
In sein riesiges Vermögen, zu dem die 10 Millionen unterdessen angewachsen waren, und über welches er auch letztwillig nicht verfügt hatte, teilten sich lachende Erben, die Gordon nie gekannt hatte. -
Wieder einmal war Gordon Cumming mit einer Karawane, die seine Jagdbeute schleppte, aus dem Innern Afrikas zurückgekehrt, er hatte alles gleich in Graaftburg verkaufen können, zahlte die schwarzen Lastträger ab, und was ihm nun noch übrigblieb, verzehrte er als splendider Gentleman in Graaftburg, in welchem wegen der Minen, die von manchem reichen Manne besucht wurden, ein sehr komfortables Hotel entstanden war.
Wenn es einmal gelang, den merkwürdigen Sonderling zu fassen, über den die tollsten Anekdoten zirkulierten, so war er stets der Mittelpunkt der Gesellschaft. Mr. Lazar hatte ihn persönlich aufgesucht, ihn eingeladen, und Gordon Cumming hatte zugesagt. Da allerdings würde der eitle Jude seinen Gästen etwas bieten, was eine Erinnerung für ihr ganzes Leben bedeuten würde. Mit dieser tatsächlichen Berühmtheit, mit dem weit- und geldverachtenden, menschenscheuen und weiberhassenden Gordon Cumming an einem Tische gesessen zu haben, das machte in England jeden selbst zur berühmten Person.
Das hatte Nobody erfahren, und eben deswegen folgte auch er als ›Hokuspokusmacher‹ der Einladung. Es wäre ihm ja vielleicht nicht schwer geworden, die persönliche Bekanntschaft dieses gewaltigen Nimrods in andrer Weise zu machen, aber vor allen Dingen war es für ihn von größtem Interesse, diesen Sonderling einmal in einer glänzenden Gesellschaft beobachten zu können.
Ja, es war wirklich eine solche, die sich in der luxuriösen Villa versammelt hatte. Wenigstens die Damen verbreiteten Glanz. Es waren dies zum Teil Offizierswitwen und andre Damen, wie man sie in jeder englischen Kolonie zahlreich vertreten findet, selbst ganz außerhalb der Zivilisationsgebiete, wenn nur ein Hotel oder ein Offizierszelt vorhanden ist. Sie gehören nicht gerade zur halben Welt, aber auch nicht zur ganzen - in England geschiedene Frauen und dergleichen, die schon das Kolonialleben gekostet haben und nicht wieder davon lassen können. Es ist dies eben eine nicht näher zu schildernde Spezialität Englands, das in aller Welt seine außerordentlich hochbezahlten Wegebauingenieure, Offiziere und Pionier-Kaufleute hat, und diese Damen sind dazu da, jenen das einsame Leben in der Wildnis zu verschönern, sie folgen ihnen überallhin.
Sehr jung war keine von ihnen, aber reizvoll und pikant waren sie alle, und sie alle waren in tiefdekolletierten Toiletten und mit Juwelengeschmeide erschienen, daß sie sich bei jeder Hoffestlichkeit hätten sehen lassen können.
Der Flirt zwischen den blitzenden Weibern und den alten Sündern war bereits im besten Gange, als Nobody erst auf der Bildfläche erschien.
Mr. Veit Lazar nahm ihn in Empfang, ohne ihn nach der Herkunft seines tadellosen Frackanzuges zu fragen. Er griff ihm in den Westenausschnitt und zog ihn in die Mitte des Saales.
»Drrr Nobody,« stellte er ihn vor, wie man etwa seinen Gästen einen dressierten Hund vorführt, »drrr Nobody aus New-York, welcher ist so ein großer Taschenspieler. Ich habe ihn geladen ein zu mir von New-York, daß er soll ssaigen, was er kann.«
Der weltgewandte Nobody wußte sich schnell aus dieser unangenehmen Situation zu befreien; sofort war er es, der die befrackten Herren und die fächerklappernden Damen beherrschte, und dann war der alte Lazar sehr erstaunt, wie diese dem ›Hokuspokusmacher‹ entgegenkamen, ihn umdrängten, ihm Komplimente machten, förmlich um seine Gunst buhlten.
Ja, er wußte, daß dieser ›Hokuspokusmacher‹ auch ein Privatdetektiv war, aber ... er hatte sich eben noch gar nicht darum gekümmert, ein Bekannter hatte ihm nur erzählt, was für erstaunliche, ans Ueberirdische grenzende Kunststückchen er von diesem Nobody einmal gesehen habe.
Jetzt also hörte er zum ersten Male, daß dieser Mann auch solch ein scharfsinniger Detektiv sein sollte, der schon die rätselhaftesten Fälle gelöst hatte. Aber ihn deshalb wegen der Diamantenangelegenheit zu Rate zu ziehen, daran dachte Lazar nicht im entferntesten. Dazu waren Berufenere da.
»Sie kommen gewiß hierher, um die Entwendung der Diamanten aufzuklären?« fragte eine Dame.
»Waren Sie schon in Südafrika, Mr. Nobody?« fragte gleichzeitig eine andre, und so wurden in demselben Moment noch zwanzig andre Fragen an Nobody gestellt.
Er beantwortete nur die zweite.
»Nein, meine Gnädige, Südafrika ist mir gänzlich unbekannt. Von Afrika kenne ich überhaupt nur den Norden.«
Veit Lazar verzog den Mund. Er hatte genug gehört.
Das Interesse für den berühmten Detektiv schwand vorläufig, als endlich der erwartete Gordon Cumming erschien.
Gordon Cumming war ein kleiner, schmächtiger Mann, aber sehnig, überhaupt nur aus Sehnen und Knochen bestehend. Sein Kopfhaar war schon schneeweiß, doch in merkwürdigem Gegensatze dazu hatte der lange Vollbart seine ursprüngliche, rotbraune Farbe behalten.
Auch in diese Gesellschaft kam er in dem Lederanzuge, der zwar nicht gerade von Blut und Schmutz starrte, der aber doch die Spuren der Strapazen von einigen Jahren aufwies, und man durfte der Behauptung wohl glauben, daß der zehnfache Millionär dieses selbstgefertigte Jagdkostüm so lange trug, bis es ihm vom Leibe fiel.
An dem Gürtel hing ein langes Messer in der Scheide, ein großer Beutel für Tabak und einige kleinere, alles von Leder.
Ueberhaupt der ganze Kerl war von Leder. Lederartig war das schwarzgebrannte Gesicht, lederartig die faltigen Hände, zäh wie Leder mußte er selbst sein, und auch in der Gesellschaft war er ledern.
»Es freit mich unendlich, daß Sie mir geben die Ehre, zu sein mein Gast,« begrüßte ihn Mr. Veit Lazar.
Die scharfen, blauen Augen Cummings wanderten im Kreise umher.
»Ist hier Mr. Nobody?« erklang es dann kurz.
»Drrr Nobody ist hier ...«
»Ah, dann ist es gut! Ich hörte, daß Mr. Nobody hier anwesend sein würde. Ich möchte den Herrn kennen lernen, sonst wäre ich gar nicht gekommen.«
Sprach's, und von diesem Augenblicke existierte die ganze Gesellschaft nicht mehr für ihn, er hielt sich nur an Nobody.
Voriges Jahr, als er in einer Hafenstadt gewesen, war ihm zufällig eine Nummer von ›Worlds Magazine‹ in die Hände gekommen, in der Nobody eine amerikanische Büffeljagd beschrieben hatte. Aus den übrigen Spalten erfuhr er, was dieser Nobody sonst für ein Mann war.
»Ich habe das ganze Jahr, als ich am Garib auf Kafferbüffel jagte, lebhaft an Sie gedacht. Denn aus jeder Ihrer Zeilen sprach Leben und Wahrheit, Sie hatten das Benehmen der amerikanischen Bisons, wenn sie gejagt werden, ihre Todesnot in einer Weise beschrieben, wie ich es sonst noch nie gelesen habe, und ich zog immer Vergleiche zwischen dem Bison und dem Kafferbüffel.«
Bei diesen Vergleichen blieb es auch. Er verglich das amerikanische Tierleben mit dem afrikanischen, wobei sich aber zeigte, daß der blutdürstige Jäger auch der liebevollste Beobachter des kleinsten Vögelchens sein konnte.
Denn ein blutdürstiger Jäger war Gordon Cumming. Man lese nur in ›Brehms Tierleben‹ nach, wie er einen Elefanten fesselte und ihm an den verschiedensten Stellen zahllose Schüsse beibrachte, mit der Begründung, er habe die verwundbarste Stelle herausfinden wollen, und wie er dann kaltblütig berichtet, daß zuletzt aus den Augen des gemarterten Tieres große Tränen hervorgequollen seien. Brehm ist empört über solch eine Grausamkeit. Ja, und dennoch - Gordon Cumming war eben der wissenschaftliche Vivisektor unter den Jägern, und jetzt merkte Nobody, wie er auch in harmlosester Weise das Leben jedes Tierchens studierte.
Unterdessen konnten die Herren und Damen beobachten, wie sich ein Pfundmillionär an der Tafel benimmt, der dreißig Jahre lang im Urwald, in der Steppe und in der Kalihari-Wüste zugebracht hat.
Nun, er betrug sich nicht anders als am Lagerfeuer. Er setzte sich, unbeachtet der Tafelordnung, neben Nobody, warf den auf seinem Teller liegenden Blumenstrauß über die Schulter hinter sich, zog sein Jagdmesser und legte los. Als einmal, während er aufmerksam Nobodys Auseinandersetzungen zuhörte, eine Fliege sich seinem Teller näherte, hob er, in Gedanken versunken, langsam sein Messer - schwubb, die Fliege war auf dem Tischtuche halbiert, und dann aß er weiter.
Die Tafel wurde aufgehoben, und jetzt wurde der ›Hokuspokusmacher‹ von dem Gastgeber nicht dazu befohlen, sondern, vorwiegend seitens der Damen, mit Bitten bestürmt, doch einige seiner Taschenspielerkunststückchen, von denen man schon so viel gehört, zum besten zu geben.
Gut, Nobody war bereit dazu. Als er nach Südafrika gereist war, hatte er sich allerdings nicht auf so etwas eingerichtet, aber am Nachmittag einige Vorbereitungen getroffen, hatte auch einen kleinen Handkoffer mitgebracht.
Nur ein einziger Zauberapparat hatte ihn von New-York hierherbegleitet - und zwar ein ganz merkwürdiges Instrument, von dem später die Rede sein wird.
Natürlich ging Nobody nicht erst einmal hinaus, um in seinem Koffer zu kramen, er hatte ja schon gewußt, wie alles kommen würde, und was er zu den nächsten Experimenten brauchte, das hatte er schon alles bei sich, in den Taschen, in den Aermeln, in den Achselhöhlen, in den Schäften seiner Stiefeletten und Gott weiß wo, und auch schon manchen Gegenstand in diesem Zimmer und in andern hatte er heimlich präpariert.
Er produzierte sich als Salontaschenspieler. Es sei über seine Kunststückchen nur gesagt, daß die Zuschauer eins unerklärlicher fanden als das andre und aus dem Staunen gar nicht herauskamen.
Wie Nobody dabei verfuhr, sei bloß bei seinem letzten Experiment in diesem Genre ausführlicher beschrieben.
»Ich bitte um ein frisch gelegtes Ei. Es muß von einer weißen Henne mit blauen Augen sein. Kann ich ein solches bekommen?«
Ein schwarzer Diener brachte auf silbernem Teller bald das gewünschte Ei. Ob es nun gerade von einer weißen Henne mit blauen Augen frisch gelegt worden, das war sehr die Frage, aber Nobody, der es gegen das Licht des Kronleuchters hielt, erklärte es für das richtige.
Während er noch so dastand, die erhobene Hand mit dem Ei gegen den Kronleuchter ausgestreckt, erzählte er mit gewandten Worten eine Geschichte, was für eine merkwürdige Bewandtnis es mit solchen Eiern habe - und da plötzlich, durch eine eigentümliche Fingerbewegung in Rotation versetzt, begann das Ei auf seiner Fingerspitze zu tanzen, lief über seine Hand hin, über seinen Arm, hinten um seinen Nacken herum, kam auf dem andern, wagerecht gehaltenen Arm wieder zum Vorschein, tanzte über den Arm hin, bis Nobody das Ei in seiner linken Hand hatte.
Es war ganz unbegreiflich, wie er das Ei sich so drehen lassen konnte, daß es sich so lange auf die Spitze stellte, einen solchen Weg zurücklegte, auch noch hinter seinem Nacken herum.
Das heißt, dieses Jongleurstückchen gehörte nicht zum eigentlichen Experiment - scheinbar nicht! - er wollte eben das Ei in die andre Hand nehmen, und da, wie er erzählte, jonglierte er es so nebenbei auf diese eigentümliche Weise hintenherum, ließ es über seine Arme laufen. Solche Gelegenheiten, wenn er seine fabelhafte Gewandtheit zeigen konnte, ließ er sich überhaupt nie entgehn.
Das war aber eine Täuschung des Publikums. Derartige Jongleurkunststückchen waren oftmals die Hauptsache, um die staunenden Anwesenden zu zwingen, ihm zuzusehen, und in diesem Augenblicke machte er irgend etwas andres, bereitete den eigentlichen Trick vor. In diesem Falle hatte er das ihm gebrachte Ei gegen ein andres, das er vorher präpariert hatte, vertauscht, ohne daß das Publikum eine Ah