Robert Kraft: Detektiv Nobody. Band VI
Detektiv Nobody's


Erlebnisse und Reiseabenteuer.


Nach seinen Tagebüchern bearbeitet

von


Robert Kraft.


6. Band.





1. Die Magnetinsel oder Der schlafende Tod

»Hier, mein lieber Nobody, das ist wieder etwas für Sie, da müssen Sie gleich hin.«
Mit diesen Worten reichte Mr. World seinem stillen und doch so tätigen Kompagnon eine Zeitung und deutete auf eine gewisse Stelle, die dieser lesen sollte.
Es war ein wöchentlich erscheinendes Blatt, auf rotem Papier gedruckt, das gleich seinen Inhalt kennzeichnete; denn es enthielt immer nur die sensationellsten Tagesneuigkeiten. Am bevorzugtesten waren grausige Morde, so blutrünstig wie möglich, von entsprechenden Illustrationen erläutert: wie ein Mann seine Frau im Bett mit Petroleum übergießt und anbrennt, wie eine Dame aus dem Luftballon stürzt und auf der Erde zerschmettert - und nun kann sich der Leser denken, was für eine Zeitung es war.
Um indes auch das höhere Ziel einer Zeitung im Auge zu behalten, um auch »bildend« auf das Publikum zu wirken, brachte dieses Wurstblättchen außer Koch- und Fettfleckenrezepten allwöchentlich unter der Rubrik »Die neuesten geographischen Forschungen aus aller Welt« einen besondern Artikel, der irgend eine sensationelle Entdeckung aus der Land- und Völkerkunde behandelte, und da stand heute folgendes zu lesen:
»Im Kalifornischen Meerbusen liegt eine kleine Insel, welche von den Schiffern ängstlich gemieden wird. Denn auf ihr erhebt sich ein Berg, der aus reinem Magneteisen besteht, und dessen Anziehungskraft so groß ist, daß nicht nur ein eiserner Dampfer, sondern sogar jedes hölzerne Segelschiff schon aus meilenweiter Entfernung unwiderstehlich angezogen wird, aus dem einfachen Grunde, weil doch die hölzernen Planken durch eiserne Nägel verbunden sind und auch sonst jedes Schiff immer eiserne Gegenstände an Bord hat. Die ganze Küste ist mit Schiffstrümmern bedeckt, und nur selten einmal gelingt es einem Schiffbrüchigen, sich wieder von der Insel freizumachen. Er muß sich zu diesem Zwecke ein Floß fertigen, welches er aber nur mit Stricken zusammenbinden darf. Kommt ein hölzernes Schiff zufällig in die Nähe der Magnetinsel und fühlt sich schon angezogen, so bleibt der Mannschaft nichts andres übrig, als in die Boote zu gehn, aus denen sie aber vorher alle eisernen Nägel entfernen muß, während ein eiserner Dampfer unrettbar verloren ist. Wie wir hören, läßt jetzt ein amerikanischer Kapitän ein hölzernes Fahrzeug bauen, bei dem nur kupferne Nägel verwendet werden - Kupfer wird bekanntlich nicht vom Magneten angezogen - um auf diese Weise ungefährdet die geheimnisvolle Magnetinsel erforschen zu können, und wir werden später ausführlich von dieser Expedition berichten.«
Nobody ballte das rosenrote Blatt zusammen und warf es in den Papierkorb.
»Horrender Unsinn!« knurrte er ärgerlich. »Wie nur eine Zeitung wagen kann, dem Publikum so etwas zu bieten!«
»Ja; und doch gibt's genug Leute, die das sogar für bare Münze nehmen!«
»Von wem wird denn das Schundblatt gelesen?«
»O, es hat in den einsamen Distrikten Amerikas eine gar große Verbreitung, es geht bis in die entlegenste Hinterwäldlerhütte. Jeder Goldgräber kauft sich, wenn er einmal in eine Ansiedlung kommt, das rote Blatt. Die wollen doch auch wissen, was draußen in der Welt passiert, und nun die blutigen Bilder, der blutige Stil, die ganze Ausstattung - das imponiert solchen Leuten, sie kaufen es, sie abonnieren sogar darauf.«
»Desto unverantwortlicher ist es, wenn man solchen Leuten, die in ihrer Einsamkeit wirklich wissenshungrig sind, so etwas auftischt! Da schadete eine polizeiliche Zensur wirklich nichts. Wie der Schreiber nur auf so ein Märchen gekommen ist?«
»Das hat er einfach so aus der Luft gegriffen, das Papier muß doch voll werden!« meinte der alte World.
»Nein,« sagte da Nobody mit Betonung, »alles hat einen reellen Hintergrund, wie jede mythische Sage, so auch jedes Märchen. Oder aber der Verfasser ist ein echter, ein gottbegnadeter Dichter, und das darf man wohl von diesem Skribifax, der in solch jämmerlichem, unbehilflichem Stile etwas wiedererzählt, nicht annehmen. Irgend etwas Wahres ist stets daran.«
Nobody griff wieder nach dem verächtlich fortgeschleuderten Blatte, faltete es auseinander und las jenen Artikel noch einmal, war dabei ganz in Gedanken versunken. Dann stand er auf, trat zu einer großen Wandkarte und wandte seine Aufmerksamkeit der Kalifornischen Halbinsel zu.
»Sie wollen wohl wirklich nach Kalifornien?« platzte Mr. World endlich heraus, nachdem er Nobody zuerst still beobachtet hatte.
Dieser drehte sich ihm wieder zu.
»Allerdings!« sagte er ernst.
»Um im Kalifornischen Meerbusen die unheimliche Magnetinsel aufzusuchen?!« lachte der alte Herr jetzt aus vollem Halse. »Mann, Nobody, Sie werden doch nicht auf solch ein Kindermärchen hereinfallen, das ist doch der purste Humbug!!«
»Na, na, Mr. World, nun seien Sie mal gefälligst still!« entgegnete Nobody. »Wenn jemand an solche Zeitungsenten immer geglaubt hat, dann sind Sie's doch gewesen, und ich habe Mühe genug gehabt, Sie von Ihrer Leichtgläubigkeit zu kurieren, und wenn es immer nach Ihnen gegangen wäre, dann hätte ich Geld genug umsonst verfahren, und wir beide hätten uns manchmal unsterblich blamiert. Oder ist's nicht so?«
Ja, so war es, und der alte Verleger schwieg beschämt. Es ist schon früher wiederholt erzählt worden, was für seltsame Ideen Mr. World manchmal hatte, wie er jedesmal, wenn die Zeitungen irgend ein Märchen auftischten, Nobody immer gleich hinschicken wollte. Es sei nur an den in Brasilien vergrabenen Hund der Donna Dingsda erinnert.
»Ja, ich werde allerdings einmal einen Abstecher nach jener Gegend machen!« fuhr Nobody fort. »Ich kenne Kalifornien zur Genüge, desgleichen Mexiko, aber noch nicht die zur Republik gehörige Kalifornische Halbinsel. Morning!«
Nobody hatte nach seiner Taschenuhr geblickt; nun ein leichtes Kopfnicken, und er ging.
Mr. World sah ihm nach. Wohin begab sich Nobody? Vielleicht saß er fünf Minuten später, so wie er jetzt war, auf der Pacificbahn und sauste quer durch Amerika hinüber an die Küste des andern Ozeans. Das war so Nobodys Weise, wenn er etwas vorhatte, darin hatte ihn sein Verleger nun schon kennen gelernt.
Aber diesmal sollte sich Mr. World geirrt haben. Wenigstens ging es jetzt nicht ganz so fix.
Nobody schlenderte sogar recht langsam die Straßen entlang, und er beschleunigte erst seinen Schritt, als er plötzlich über das Pflaster hinübersteuerte. Er mußte ein bestimmtes Ziel ins Auge gefaßt haben.
»Hallo, Wilhelm Petersen, wie geht's? Auch wieder einmal in New-York?«
Der Angeredete war ein noch junger, untersetzter Mann, mit ein paar Schultern, deren sich Herkules nicht hätte zu schämen brauchen, durch seine Kleidung wie durch sein ganzes Aeußere den Seemann verratend, und zwar den deutschen, der etwas auf sich hält.
Ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, musterte er mit seinen scharfen, blauen Augen den vor ihm stehenden, hocheleganten Herrn.
»Kenne Euch nicht!« lautete dann sein Urteil.
»Heliotrop, Kapitän Flederwisch - und der andre, der zur Kompanie gehört, das bin ich!«
Wie Sonnenschein flog es über das offne, wettergebräunte Gesicht.
»Ach, Mister ... weiß schon. Ihr wollt niemals gekannt sein. Das ist ja famos, daß ich Euch wieder einmal die Hand schütteln kann!«
Und die schwielige Arbeitshand schüttelte denn auch die schlanke, aber nicht minder kräftige des andern, als sollte der Arm ausgerenkt werden.
Es war zwei Jahre her, daß Nobody auf seiner eignen Jacht die Westküste Südamerikas befahren hatte. Es lag etwas Besondres vor, er hatte in alle Hafennester gucken müssen, hatte deshalb einen eignen Lotsen an Bord gebraucht. Ein deutscher Steuermann war gefunden worden, hier, der Wilhelm Petersen, welcher behauptete, die ganze Westküste wie seine Hosentasche zu kennen, und er hatte nicht geprahlt, es war an dem gewesen.
Nobody hätte um alles in der Welt gern den prächtigen Menschen für immer an sich gefesselt; aber es gelang ihm nicht. Wohl war Wilhelm Petersen ein internationaler Seezigeuner gewesen, dem solch ein abenteuerliches Vagabundenleben behagte; aber gerade nach Beendigung jener Reise war etwas dazwischengekommen, was seinem ganzen Leben eine andre Richtung gab. Sein kranker Vater, ein alter pensionierter Kapitän, hatte ihn nach Hause gerufen, und auf dem Sterbebett hatte ihm der Sohn das Versprechen gegeben, von jetzt ab ein zielbewußtes Leben zu beginnen, ein deutscher Kapitän zu werden, so wie es alle Petersens gewesen waren - und um Kapitän werden zu können, brauchte Wilhelm noch einige Jahre Seefahrtszeit, und auf dem deutschen Seemannsamt gilt nur die, welche unter deutscher Flagge geleistet worden ist.
Wilhelm erzählte, daß er erst gestern von einem deutschen Segler abgemustert worden sei, welcher wegen Reparatur hier in Dock gehn mußte.
»Habt Ihr schon wieder angemustert?«
»Behüte! Das war eine Höllenfahrt auf dem lecken Kasten, von der muß ich mich erst ein bißchen erholen.«
»Hm!« brummte Nobody nachdenklich. »Wart Ihr eigentlich auch schon in Nieder-Kalifornien? Die lange Halbinsel meine ich.«
»Na und ob und wie! Das heißt, ich kenne immer nur die Küsten und die Hafenstädte. Gerade an der Ostküste von Nieder-Kalifornien kenne ich jedes Loch, ebenso die gegenüberliegende Küste von Mexiko und das ganze Wasser, was dazwischen liegt. Ich bin da ein Jahr lang auf einem Marketenderschiffe gewesen, wir brauten den Pulk gleich an Bord und verkauften dieses köstliche Gesöff, das ungefähr wie faule Limonade schmeckt, an die mexikanischen Fischer.«
»Auf einem Marketenderschiffe seid Ihr gewesen? Donnerwetter, da allerdings müßt Ihr dort etwas erlebt haben. Hört, ich habe die Absicht, mir einmal diese Gewässer anzusehen. Wollt Ihr mich begleiten?«
Der junge Steuermann zögerte doch zuerst etwas.
»Als was? Auf Eurer Jacht? Hm, ich bin ...«
»Nein, mit der Pacificbahn, es ist nur eine Vergnügungstour, länger als zwei Monate darf sie nicht dauern; wir jagen mit der Pacific hin, und Ihr sollt mein Reisegesellschafter und mein Mentor sein.«
»Topp, da bin ich dabei!« rief Petersen jetzt erfreut.
»Gut, und da wollen wir gleich unsre Vorbereitungen treffen, dort ist ja ... einen Augenblick.«
Das Gespräch hatte vor dem großen Laden eines Buchhändlers stattgefunden, der auf seinem Firmenschilde betonte, daß er auch die obligatorischen Seekarten führe, und jetzt war der Moment eingetreten, wo Nobody zu handeln begann.
Er war in den Laden gesprungen, und als er wieder herauskam, hatte er eine große Spezialkarte von Süd-Kalifornien und eine nautische der kalifornischen Bucht erstanden. Die beiden Männer begaben sich in ein Hotel, wo sie ungestört über den Karten die Reise besprechen konnten, und der junge Steuermann wunderte sich nicht über diese Schnelligkeit. Er hatte Nobodys Wesen schon zur Genüge kennen gelernt und wußte, daß er jetzt nicht mehr erst lange den Koffer packen durfte.
Zunächst wurde mit Hilfe der Speziallandkarte die allgemeine Reisetour festgestellt.
»Was mich hauptsächlich dorthinzieht,« meinte Nobody, »ist das mexikanische Fischerleben, von dem ich schon so viel Interessantes gehört habe.«
»Das lernt Ihr am besten auf den Golfinseln kennen, dort gibt es überhaupt viel Sehenswertes.«
Gut, so wurden erst einmal die kleinen und großen Inseln vorgenommen, welche den kalifornischen Golf zu Hunderten erfüllen, und wenn Petersen sie auch nicht sämtlich kannte, so wußte er sich doch durch alle hindurchzufinden, das eben war für Nobody die Hauptsache; denn er gedachte ein eignes Boot zu benutzen. Auch sonst konnte der weitbefahrene Steuermann von den Inseln, welche er damals besucht hatte, viel Interessantes berichten.
»Hier geht eine sehr gefährliche Wasserstraße hindurch. Wir wollen doch lieber die Seekarte zur Hand nehmen -«
Bisher hatte man nur die Landkarte befragt, jetzt also wurde die ausgebreitet, welche sich nur mit den Wasser- und Küstenverhältnissen jener Gegend beschäftigte. Auf dieser sah alles ganz anders aus, die Inseln waren viel größer angegeben: in dieser Schifffahrtskarte durfte keine Klippe mit den nächsten Meerestiefen fehlen.
»Von der Angeles-Insel bis nach Tiboran nehmen wir am besten einen ...«
Der Steuermann wurde in seiner Erklärung unterbrochen.
»Die Magnetinsel!!« rief Nobody überrascht, auf einen Punkt deutend, welcher die Bezeichnung ›Isola magneta‹ trug.
Ja, die Magnetinsel war im Kalifornischen Meerbusen wirklich vorhanden! Also hatte Nobody in diesem Falle recht gehabt, wenn er gesagt, daß auch jener sinnlose Artikel in dem roten Blatte irgend einen reellen Hintergrund haben müsse. Freilich, etwa diese merkwürdige Insel aufzusuchen, um sich zu überzeugen, ob an dem Märchen wirklich etwas Wahres sein könne, daran hatte er nicht im entferntesten gedacht. Jener Artikel hatte ihn eben nur auf die Idee gebracht, einmal jene Gegend von Amerika zu besuchen, welche er noch nicht kannte, und er hatte jetzt auch gerade Zeit zu solch einer Reise.
»Ja, das ist die Magnetinsel!« bestätigte Petersen. »Nur ein kleines Ding, aber mit einem hohen Berge darauf. Auf der haben wir nichts zu suchen, sie ist völlig unbewohnt.«
»Weshalb unbewohnt?«
»Weil nichts darauf wächst,« war die einfache Antwort.
Nobody wollte vorläufig noch nichts von jenem sinnlosen Artikel sagen.
»Warum heißt sie Magnetinsel? Besteht der Berg vielleicht aus Magneteisenstein?«
»Gott bewahre!« lachte der junge Steuermann. »Ach, Ihr denkt wohl an die alte Sage von dem Magnetberg, der eiserne Schiffe anzieht und aus den hölzernen Schiffen wenigstens die eisernen Nägel? Das erzählen schon die Araber in Tausendundeiner Nacht, da erleidet Sindbad, der Seefahrer, Schiffbruch an solch einem Magnetfelsen, von dem er nicht wieder loskommt, und auch die deutsche Sage vom Herzog Ernst behandelt dasselbe Thema. Nee, so was gibt's nicht in der Welt. - Und doch,« fuhr Petersen, wieder ernst werdend, fort, »Ihr seht, daß diese Insel gleich mit drei Kreuzen markiert worden ist.«
»Das bedeutet, daß es ein für die Schiffer ganz gefährlicher Punkt ist.«
»Weil, wie Ihr seht, nicht nur die durch den Golf kreisende permanente Strömung von Norden her dagegenprallt, sondern auch noch eine seitliche, und so liegt die Insel in einem für Segelschiffe ganz gefährlichen Wirbel. Nur von Süden her könnte man sich ihr nähern; aber erstens hat ja niemand etwas auf der wüsten Insel zu suchen, und zweitens haben die mexikanischen Schiffer überhaupt einen höllischen Respekt vor der Magnetinsel, die nach der Volkssage anziehen soll, und daher ihr Name.«
Aha, jetzt kam es ja. Also eine Volkssage! Wie Petersen weiter erzählte, ging dort die Fabel, daß es nicht allein die nördlichen Strömungen seien, welche die Schiffe gegen die Insel trieben, sondern das geschähe auch von Süden her, also direkt dem Strome entgegen - natürlich eine durch gar nichts bewiesene Behauptung. Da diese aber nun einmal vorhanden sei und alles daran glaube, so könne eben die Insel selbst nur eine magnetische Anziehungskraft ausüben.
»Außerdem wird diese ganze Gegend« - Petersen beschrieb um den Punkt auf der Karte einen kleinen Kreis - »von den Schiffern und allem Volke der ›schlafende Tod‹ genannt. Die Schiffe hüten sich, in diese Region zu kommen. Wenn nämlich ein Schiff dahineingerät, so wird die ganze Mannschaft von einer unüberwindlichen Schlafsucht befallen. Vergebens wehrt man sich dagegen, man schläft ein, um nie wieder zu erwachen.«
»Nanu!« stellte sich Nobody erstaunt. »Woher kommt denn das?«
»Das kommt einfach daher, weil auf der magnetischen Insel eben der schlafende Tod herrscht,« lachte Petersen.
»Diese Insel wird ja immer geheimnisvoller!«
»Ja, die Leute dort unten wissen allem und jedem etwas Geheimnisvolles und Spukhaftes anzudichten, das wimmelt bei ihnen alles von Heiligen und Gespenstern.«
»Wie mag denn diese Sage von dem schlafenden Tode entstanden sein?«
»Quien sabe? Wer weiß es? Das ist nämlich die Antwort, die man dort unten fast auf jede Frage erhält. Quien sabe? Die Yankees nennen die Mexikaner in jener Gegend gleich die Quien sabe-Männer. Ein faules, nichtsnutziges Volk dort unten, wirklich stinkend vor Faulheit und Dummheit. Nicht einmal so weit können sie es bringen, auf der Magnetinsel einen Leuchtturm zu errichten, der die Schiffer vor der Gefahr warnt.«
»Wie? Nicht einmal ein Leuchtturm ist darauf?«
»Nein. ›Was hätte es für einen Zweck?‹ sagen sie. ›Das Schiff, welches in die Nähe der Magnetinsel kommt, ist doch sowieso verloren, es wird mit unwiderstehlicher Kraft angezogen, immer schneller und schneller, bis es an der felsigen Küste zerschellt: schon vorher fällt die ganze Mannschaft in einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt, und aus demselben Grunde könnte ja auch gar kein Leuchtturmwärter dort existieren, der schlafende Tod duldet nichts Lebendes auf der Insel, also man kann überhaupt gar keinen Leuchtturm dort errichten. Wer sollte ihn denn bauen? Wenn es wirklich jemandem gelingt, die Magnetinsel lebendig zu betreten, der ist doch noch nachträglich dem schlafenden Tode verfallen.‹ So wird einem erzählt, wenn man auf die Frage nicht das gewöhnliche ›Quien sabe‹ zu hören bekommt.«
»Das ist ja unglaublich! Da müßte doch die Regierung eingreifen.«
»Ach Gott, ach Gott, die Regierung der Republik Mexiko!« spottete Petersen. »Wenn dort unten keine Yankees wären, die den ganzen Handel in Händen haben und manchen Wandel schaffen - an der ganzen Küste des Kalifornischen Golfs gäbe es noch keinen einzigen Leuchtturm. Doch schließlich ist ein solcher auf der Magnetinsel auch gar nicht so nötig. Etwas nördlich davon liegt Santa Topina. Dieses Inselchen hat an der Südküste einen großen Leuchtturm; hier seht Ihr es ja verzeichnet, und dessen Licht reicht bei Nacht auch zur Orientierung für die umliegenden Eilande aus, zu denen die Magnetinsel gehört.«
Aufmerksam betrachtete Nobody die Seekarte.
»Hm. Aber die Isola magneta liegt doch gerade in der Mitte der Gruppe. Wenn die Yankees nun einmal die Erbauer der Leuchttürme sind, dann hätten sie doch einen auf der Magnetinsel errichten können. Diese energischen Leute werden sich doch nicht vor dem schlafenden Tode fürchten?«
»Santa Topina ist aber insofern günstiger, weil es eine sehr fruchtbare, bevölkerte Insel ist. Auf der Magnetinsel müßten die Leuchtturmwächter immer mit Proviant versehen werden, ganz abgesehen davon, daß es schwer halten würde, für diese Geisterinsel einen Leuchtturmwärter zu bekommen.«
»Und wie sind die andern umliegenden Inseln beschaffen?«
»Alle mit einer reichen Vegetation bedeckt, alle stark bevölkert.«
»Und auf der Magnetinsel wächst nichts?«
»Gar nichts! Sie ist völlig steril.«
»Wie kommt das?«
»Es muß wohl an Wasser fehlen.«
»Wenn es auf den benachbarten Inseln regnet, muß doch dieselbe Regenmenge auch auf die in der Mitte der Gruppe liegende Insel fallen.«
»Schon recht, aber die Bodenbeschaffenheit mag eine andre sein, das Regenwasser wird sich in Spalten verlaufen, denn deren gibt es dort genug. Kurz und gut, ich habe auf der Magnetinsel auch kein Grashälmchen entdecken können.«
»Was? Ihr seid wohl gar darauf gewesen?«
»Einmal, jawohl.«
»Und das sagt Ihr mir erst jetzt?«
»Jawohl, ich bin einmal darauf gelandet, im Boote, allerdings unfreiwillig, habe ein paar Stunden auf ihr zugebracht.«
»Und Ihr seid nicht eingeschlafen, um nicht wieder zu erwachen?«
»Nee, das weniger!« lachte Petersen. »Die Geschichte war so. Wir erspähten einen Walfisch - das heißt, keinen mächtigen Grönlandswal, sondern so eine kleinere Sorte, wie man sie im Kalifornischen Golf genug findet, Delphinwal wird er dort genannt; sein Fleisch schmeckt ganz gut. Immerhin ist es ein ansehnliches Tier, zu angeln ist er nicht, er muß harpuniert werden, und die Jagd ist nicht ohne Gefahr.
»Wir brauchten gerade frisches Fleisch, das eingesalzene konnten wir immer verkaufen, und so gingen fünf Mann ins Boot, ich als Harpunier. Es war eine heiße Jagd, der Wal ließ uns immer dicht herankommen, und dann war er wieder fort, bis ich ihn endlich doch an der Harpune hatte. Jetzt aber ging es mit Windeseile davon. Das Tier schleppte uns dem Norden zu.
»›Die Isola magneta, der schlafende Tod!‹ schreit da plötzlich ein Matrose, und ehe ich es hindern kann, hat er die Leine gekappt, und der Wal verschwindet mit meiner Harpune.
»Jawohl, da lag sie, seitwärts, ein niedriges Eiland, in der Mitte zu einem Berge aufsteigend. Und da merken wir auch schon, daß wir darauf zutreiben, wir sind bereits in der Ostströmung, und da hilft kein Rudern mehr, die Strömung ist stärker. Ja, ich sage Euch - wenn ich nicht gewesen wäre, die vier braunen Schufte wären über Bord gejumpt und hätten sich abgesoffen, nur aus Angst vor dem schlafenden Tode. Da habe ich einmal gemerkt, was die Einbildung tut. Wir befanden uns doch ganz einfach in einer Strömung - nein, diesmal war das keine Strömung, das mußte unbedingt die magnetische Anziehungskraft der Insel sein, die uns auf diese zutrieb, und weil ihnen nun das Märchen im Kopfe spukte, daß hier jeder von einer Müdigkeit befallen würde, die mit dem Tode endete, wollten die Kerle, weiß Gott, vor Angst einschlafen. Faktisch, so mächtig war die Einbildung!
»Aber ich hatte großen Einfluß auf sie, ich war auf dem Marketenderschiff, obgleich nur Matrose, der Hauptmatador, und so gelang es mir, sie wieder lebendig zu machen, daß sie in die Hände spuckten und sich über die Riemen beugten. Gegen die Strömung konnten wir nicht ankommen. Nur ließ ich das Boot so weit südlich wie möglich antreiben. Dann mußten wir es am Lande entlangziehen, bis wir außerhalb der Strömung waren.
»Da also bin ich eine Stunde auf der Insel gewesen. Es war absolut nichts zu erblicken, kein Grashalm und gar nichts. Eine schreckliche Oede! Zum Glück sahen wir in der Ferne unser Schiff treiben, bald waren wir wieder an Bord. Da hättet Ihr aber nun hören sollen, was die braunen Kreolen erzählten! Anstatt auszusagen, daß das mit der magnetischen Anziehungskraft und dem Einschlafen nur Mumpitz sei, schwuren sie hoch und heilig, von einer Strömung wäre gar keine Rede gewesen, der Magnetberg hätte sie angezogen, und nur weil sie zu ihren Heiligen gebetet hätten, seien sie nicht in den tödlichen Schlaf gefallen. Aber sie hätten schon kaum noch ihre Augen aufhalten können, sie wären von einer überwältigenden Müdigkeit befallen worden. - Seht,« schloß der junge Steuermann seinen Bericht, »auf solche Weise entsteht so eine Sage. Oder wenn die Fabel einmal da ist, dann wird schon dafür gesorgt, daß sie immer weiter verbreitet wird, indem man die Einbildung für Tatsache nimmt, und in so etwas leistet das unwissende, abergläubische Volk da unten ja großes.«
»Nun,« meinte Nobody, »wir werden auch einmal dieser Isola magneta einen Besuch abstatten.« -


Drohend ballten sich am Horizont die Wolken zusammen, ab und zu setzte ein heftiger Windstoß ein, der das kleine Dampfboot stark auf die Seite legte.
»Ohne Sorge, das wird ein kleines Gewitter, nichts weiter. Stürme gibt's hier gar nicht, die Berge fangen alles ab, und die ›Lucia‹ ist kenterfest.«
Dies rief der am Steuerrad stehende Petersen Nobody zu, weil dieser sorgenvoll den Himmel musterte.
Seit zwei Wochen befanden sich die beiden auf jener langgestreckten Halbinsel, welche man mit Süd- oder Niederkalifornien bezeichnet, nicht zu den Vereinigten Staaten, sondern zu der Republik Mexiko gehörend.
Sie hatten in diesem Lande, welches wegen seiner unglücklichen Regierungsverhältnisse - Bürgerkriege sind hier an der Tagesordnung - noch auf einer sehr tiefen Stufe der Kultur steht, schon manches Abenteuer erlebt, waren unter anderem auch einmal in der Postkutsche von Banditen angefallen worden; doch wir überspringen diese Abenteuer, da sie nicht mit dem Detektivberufe unsers Helden zusammenhängen.
Vor zwei Tagen hatte Nobody in einem Hafenstädtchen von einem reichen Privatmanne gegen Hinterlegung einer Kaution dieses Dampfboot, auf welchem er die hauptsächlichsten Inseln besuchen wollte, für billiges Geld gemietet. Er brauchte nur noch einen Heizer zu engagieren, genügend Kohlen und Proviant an Bord zu nehmen, und die Seereise konnte beginnen.
Die Schiffahrtsverhältnisse im Kalifornischen Golf sind sehr günstig. Es weht hier ständig ein und derselbe Nordwestwind, die zu beiden Seiten liegenden Bergketten halten jede andre Luftströmung ab, und selbst gegen den Wind kann ein Segelschiff leicht kommen, indem es die Strömung benutzt, welche den ganzen Golf umkreist.
Nur in der finstern Nacht ist die Fahrt gefährlich, wegen der zahllosen Inseln mit ihren Klippen und Untiefen. Für eine Reise quer über den Meerbusen kommen diese allerdings gar nicht in Betracht, denn der Golf ist an keiner Stelle breiter als fünfzehn Meilen, und die kann jedes Segelboot noch am hellen Tage zurücklegen. Aber die Fischerboote können nicht jedesmal am Abend einen Hafen anlaufen, der reichste Fischzug gelingt in der Nacht; außerdem liegt der ganze Handelsverkehr in dieser Gegend, die noch heute nichts von Eisenbahnen weiß, auf dem Wasser: ganz stattliche Dampfer befahren den Golf von Süden nach Norden und zurück; tiefe Häfen sind selten, und da rennt in finstrer Nacht mancher Dampfer auf ein Riff, läuft direkt auf den Strand, und das Verschwinden von Fischerbooten ist an der Tagesordnung.
Durch Errichten von genügend Leuchttürmen könnte hier leicht Abhilfe geschafft werden; aber es ist schon gesagt worden, wie faul es in der Republik Mexiko aussieht. Ja, es ist ganz offenbar, daß die Regierung die Gelegenheit zu Schiffbrüchen sogar begünstigt - wie es auch einmal an unsern deutschen Küsten gewesen ist, wo auch der Pfarrer den lieben Gott bat, er möge ›den Strand segnen‹.
In Mexiko ist es noch heute so. Alles, was antreibt, gehört den Küstenbewohnern. Strandet ein Schiff, so gehört ihnen Wrack und Ladung - vorausgesetzt, daß kein einziger mehr von der Mannschaft lebt. Sonst fällt den Küstenbewohnern nur der zehnte Teil zu.
Liegt da der Verdacht nicht nahe, daß die Strandbewohner die Schiffbrüchigen, die sich selbst retten wollen, auch noch kaltmachen? Nein, das ist kein Verdacht, sondern offenkundige Tatsache. Alle diese Insel- und Küstenbewohner sind professionelle Raubmörder!
Nun aber bezieht die Regierung von dem erbeuteten Strandgut in jedem Falle 25 Prozent. Da liegt wiederum der Verdacht sehr nahe - und diesmal wollen wir wirklich nur von einem Verdachte sprechen - daß die Regierung diesen Raubmord sogar privilegiert! Jedenfalls tut sie nichts, um die Gefahr der Schiffbrüche zu verringern, und dazu hat sie um so weniger Grund, als der Handel ausschließlich von englischen und amerikanischen Schiffen betrieben wird, und jedenfalls wird nur sehr, sehr selten einmal ein Strandbewohner, der einem noch lebenden Schiffbrüchigen mit der rettenden Hakenstange so von ungefähr den Garaus gegeben hat, vor Gericht zur Verantwortung gezogen, und dann ist noch immer zehn gegen eins zu wetten, daß der wegen Mordes zum Strange Verurteilte schließlich aus dem Kerker entspringt.
Nachdem Nobody alle diese Verhältnisse genauer erfahren hatte, interessierte er sich für die Magnetinsel aus einem ganz besondern Grunde.
Dieses Eiland wurde also auf zwei verschiedenen Seiten von zwei starken Meeresströmungen getroffen. Abgesehen davon, daß wohl hin und wieder direkt an der Magnetinsel ein Schiff scheitern würde, trotz aller ängstlichen Sorgfalt, mit der man der verhexten Insel aus dem Wege ging, so mußten die beiden Strömungen doch auch die Trümmer von anderwärts gescheiterten Fahrzeugen dort an die Küste werfen.
Was wurde nun aus den Planken, aus den Fässern, Kisten und aus alledem, was das Meer nach jedem Schiffsuntergange wieder ausspeit?
Nobody hatte an der Küste des Festlandes schon genug Fischer über die Isola magneta ausgefragt und im Grunde genommen nichts weiter erfahren, als was ihm Petersen erzählt hatte. Es sei noch einmal mit kurzen Worten zusammengefaßt:
Der auf der Insel befindliche Berg zog alles an, was sich ihm näherte, und die hiesigen Fischer machten hierbei keinen Unterschied zwischen Eisen und Holz, die Insel zog überhaupt alles an. Nur über die Weite der Anziehungskraft waren sie uneinig. Die einen sprachen von einer Meile, andre verstiegen sich bis zu vier Meilen!
Jedenfalls erreichte kein Mann des betreffenden Schiffes den Strand lebendig. So weit, wie die Anziehungskraft, wirkte auch der ›schlafende Tod‹. Sobald man in den Bereich der geheimnisvollen Anziehungskraft kam, wurde alles Lebendige von einer unwiderstehlichen Müdigkeit befallen, man schlief ein, in den Tod hinüber.
Das war der Kernpunkt der ganzen Sache, hierüber sagten alle dasselbe aus.
»Also kein einziger Mensch ist jemals von der Magnetinsel lebendig zurückgekommen?«
»Es kommt, wie ich bereits sagte, gar niemand lebendig hin, er schläft schon vorher ein, um niemals wieder zu erwachen.«
»Dann sind also in der Nähe der Magnetinsel schon Schiffe betroffen worden, deren ganze Besatzung tot war, ohne daß man ein Zeichen der Verletzung fand?«
»O nein, wie soll denn das möglich sein? Das Schiff mit der eingeschlafenen Mannschaft wird doch von der Insel angezogen, und jedem andern Fahrzeuge, das sich ihm nähert, würde es ja ebenso gehn.«
»Ja, mein lieber Freund, woher weißt du denn da das? Wo ist denn da ein lebender Zeuge?«
Gewiß, es gab lebende Zeugen, welche davon erzählen konnten. Aber hier fing auch die echte Fabel an.
Da war einmal ein alter Fischer gewesen, der war in seinem Boote eingeschlafen, und wie er erwachte - also aus einem natürlichen Schlafe - da sah er in der Ferne die Magnetinsel auftauchen und merkte auch gleich, wie sein Boot daraufzugetrieben wurde ...
»Ich denke, in solcher Nähe der Insel schläft jeder ein, um nie wieder zu erwachen?«
»Ja, aber der Mann hatte doch schon ausgeschlafen, bei dem ging es nun nicht mehr so schnell,« war die unverfrorene Antwort, und der glaubwürdige Berichterstatter fuhr fort zu erzählen, wie der Fischer die Jungfrau Maria angerufen hatte; wenn sie ihn rette, wolle er ihr seine Tochter weihen - das ist auch so echt mexikanisch: um sich zu retten, will er seine Tochter ins Kloster stecken! - Und richtig, da erschien die Jungfrau und lenkte das Boot vermöge ihrer Wunderkraft wieder aus der gefährlichen Nähe der Insel.
Dieser alte Fischer war freilich schon tot, aber da gab es auch noch einen jungen, der lebte heute noch. Der war auch einmal im Boot hingetrieben worden, und als er merkte, daß er einschlafen wollte, sprang er schnell über Bord ...
»Und was meint Ihr wohl, wohin er gesprungen ist?«
»Ins Wasser.«
»Nein.«
»Wohin denn sonst?«
»Quien sabe? - Wer weiß es?«
Nobody mußte erst wieder einmal in die Tasche greifen und dem Manne einen halben Piaster in die Hand drücken. Diese Fragerei kostete nämlich schrecklich viel Geld.
»Direkt auf den Rücken eines Delphins, der schwamm mit Pedro davon und brachte ihn in sein Heimatsdorf.«
»Aha! Warum aber wurde denn der Delphin nicht von der magnetischen Insel angezogen, wo Ihr doch vorhin gesagt habt, daß selbst die Fische die Insel ängstlich meiden?«
»Das war kein gewöhnlicher Delphin, der hatte das Leiden Christi auf der Nase.«
»Aha! Der hatte das Leiden Christi auf der Nase! Das ist freilich etwas andres! Wie kam denn aber dieser Delphin gerade zu dem bedrohten Manne?«
»Weil Pedro seinen Schutzheiligen angerufen hatte, den Sankt Peter.«
»Da sollten aber doch alle immer ihren Schutzheiligen anrufen, dann würde stets der Delphin mit dem Leiden Christi kommen und sie retten.«
»Nein, er würde nicht kommen.«
»Weshalb nicht?«
»Weil doch die meisten Menschen gottlos sind und ihr in der Todesangst gegebenes Gelübde niemals halten, und das wissen die lieben Heiligen im voraus. Pedro aber hatte schon immer täglich hundert Rosenkränze gebetet, und damals hat er gelobt, die Zahl auf täglich zweihundert zu erhöhen, das tut er denn auch, und das haben die lieben Heiligen schon im voraus gewußt.«
So wußten sich diese biedern Leute immer aus der Klemme zu ziehen, und wenn es einmal gar keinen Ausweg mehr gab, dann retirierten sie einfach zu ihren lieben Heiligen, und da war die Geschichte fertig.
»Also dieser Pedro lebt noch?«
»Jawohl.«
»Wo wohnt er?«
»Quien sabe?«
Der halbe Piaster mußte zu Hilfe kommen.
»Dort, in dem Dorfe da drüben.«
Nobody scheute die Mühe nicht, er suchte den Mann auf, der feste mit dem Rosenkranz arbeitete und dabei vergnügt mit seinen Spitzbubenaugen blinzelte, als er die Geschichte seiner Rettung ganz ausführlich erzählte - freilich nicht umsonst, der nahm dafür gleich fünf Piaster, und dazwischen kam immer einmal ein ›Quien sabe‹, was bei diesem aber einen Piaster kostete. Ja, diese braven Fischer verstanden es!
»Was wird denn nun aus den Kisten und Fässern, welche doch jedenfalls massenhaft an der Isola magneta stranden?«
Und diesmal kam für keinen halben, für keinen ganzen Piaster und auch nicht für drei etwas andres heraus. Die Fischer wußten es eben nicht, und schließlich fanden sie höchstens die Antwort:
»Alles, was auf der Isola magneta strandet, gehört dem schlafenden Tode.«
Gar kein Zweifel, auf der Magnetinsel konnte wirklich seit Menschengedenken niemand gewesen sein, sie war von keiner Forschungsexpedition besucht worden. So unerklärlich Nobody dies auch fand - er mußte es als Tatsache annehmen. Höchstens durch die Indolenz der Bewohner dieser Gegend mit ihrem ewigen ›Quien sabe‹ konnte er sich die Unkenntnis über diese geheimnisvolle Insel erklären.
Denn ein Geheimnis steckte dahinter, darüber war Nobody sich jetzt klar, und seitdem er dies erkannt hatte, brannte er darauf, der Magnetinsel einen Besuch abzustatten.
Daß er für diese Expedition keine Leute fand, welche ein größeres Segelboot oder ein Dampfer erforderte, wußte er von vornherein. Er hatte diese kleine Dampfpinasse aufgetrieben, die nur einen Heizer brauchte, und ein solcher war sofort gefunden, weil Nobody überhaupt zu niemandem über seine Absicht gesprochen hatte. Mochte der Mexikaner dann später, wenn er das Ziel erkannte, auch streiken, dann hätte Nobody eben einstweilen selbst aller Viertelstunden eine Schaufel Kohlen unter den kleinen Kessel geworfen.
Die Abfahrt hatte am frühen Morgen stattfinden sollen, dann hätte die ›Lucia‹ mit ihren acht Knoten gegen Mittag die Magnetinsel erreicht, aber infolge verspäteter Lieferung der Kohlen erfolgte der Aufbruch erst am Nachmittag, und so brach schon die Dämmerung an, als sich jene heftigen Windstöße bemerkbar machten, und man war noch wenigstens zwei Stunden von der Magnetinsel entfernt.
In der Nacht die so gut wie unbekannte Insel anzulaufen, das war ganz ausgeschlossen; man wäre unrettbar gestrandet oder auf ein Riff gelaufen. Das Dampfboot war hinten überdeckt, in der kleinen Kabine konnten die Polsterbänke in Betten verwandelt werden, eine Wache hätte genügt, aber man hatte ja gar nicht nötig, die Nacht auf offner See zu verbringen, da gab es überall bewohnte Inseln, in deren Buchten die kleine Pinasse eindringen konnte, und solch eine Insel lag direkt vor ihnen.
Es war ein sehr kleines Ding, was sich da aus dem Wasser erhob, aber dafür ziemlich hoch, mit steilen Wänden, und auf der südlichen Seite dicht am Rande stand ein ansehnlicher Leuchtturm. Das Ganze wurde von einer flachen Sandbank umgeben.
»Santa Topina, kalkuliere ich!« wandte Nobody sich an den Steuermann.
Dieser bestätigte es. Das war die Insel mit dem einzigen Leuchtturm in dieser Gegend. Nobody spähte hinter sich den Horizont ab, erkannte aber nur aus aufsteigenden Nebeln, daß dort noch andres Land liegen müsse. In der Nacht jedoch würde man das Licht dieses Leuchtturmes auf jenen Inseln und noch weit darüber hinaus ganz deutlich sehen können.
Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Leuchtturminsel zu.
»Hm. Nach Eurer Beschreibung habe ich mir ein ganz andres Bild von Santa Topina gemacht. Ihr spracht von einer fruchtbaren, stark bevölkerten Insel, und diese hier kann doch kaum eine Familie ernähren.«
»Fruchtbar ist sie, kommt nur drauf, und daß ich ›stark bevölkert‹ gesagt habe, ist mir nicht bewußt,« verteidigte sich der Steuermann. »Ich habe gemeint, daß diese Insel imstande ist, den Leuchtturmwärter und seine Familie zu ernähren, während, wenn der Leuchtturm auf der Magnetinsel stände, sein Wächter mit Proviant versorgt werden müßte.«
»Also nur die Familie des Leuchtturmwächters wohnt darauf?«
»Vor vier Jahren, als wir Santa Topina einmal wegen Trinkwassers anlaufen mußten, war als staatlich angestellter Wärter ein alter Mann darauf, mit seiner alten Frau, mit Söhnen und Töchtern, mit Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern und einer ganzen Menge kleinem Gewürm, zusammen vielleicht 30 Köpfe. Sie hatten ein paar Kühe, Ziegen und Schweine und trieben Landwirtschaft. Was sie an Nahrung brauchten, bauten sie selbst.«
»Dreißig Menschen - Donnerwetter, hätte nicht geglaubt, daß das Dingelchen so viel ernähren könnte!« brummte Nobody. »Kann die Dampfpinasse dort anlegen?«
»Ein Schiff von 300 Tonnen fände einen sichern Ankerplatz, gleich am Leuchtturm. Dort tritt die Sandbank zurück und bietet einen guten Hafen.«
»Dann, Lotse, tue deine Pflicht! Wir werden dort für die Nacht anlegen. Und wenn ich sonst noch etwas Wichtiges über die Magnetinsel und über den schlafenden Tod erfahren kann, so muß es doch von diesem Leuchtturmwächter sein, der die Magnetinsel ständig vor Augen hat.«
Eine halbe Stunde später steuerte die Dampfpinasse in den kleinen Hafen ein, unter Donner und Blitz. Ein heftiges Gewitter entlud sich, begleitet von einem Platzregen, während der anfängliche Sturm ganz nachgelassen hatte.
Schon von weitem hatte Nobody mit seinen Argusaugen bemerkt, daß die kleinen, runden Fensterchen des hohen Turmes mit Menschenköpfen besetzt waren, und jetzt, als die Pinasse einen Bogen beschrieb und direkt in den Hafen steuerte, zeigte sich auf der in halber Höhe um den Turm herumlaufenden Galerie die knochige Gestalt eines weißhaarigen Mannes. Mit einer abwehrenden Bewegung hob er wie drohend den Arm.
»Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?!« rief seine starke Stimme.
»Wir wollen hier für die Nacht anlegen!« überschrie Nobody das Donnern.
»Zurück!! Dies ist eine staatliche Leuchtturminsel und steht unter den Kriegsgesetzen, kein fremder Fuß darf sie betreten!«
»Und wenn uns nun der Proviant ausgegangen ist?«
»Wasser kommt genug vom Himmel, fangt es auf, und wenn ihr Proviant braucht, so will ich euch ...«
Der Alte wollte durch die Tür ins Innere des Turmes verschwinden, Nobodys weitere Worte bannten ihn an die Stelle.
»Und wenn ich nun im Auftrage der Regierung komme?«
Ein scharfer Blick, und wieder schüttelte der Alte drohend den Arm.
»Ihr lügt!« donnerte er herab. »Das ist kein Regierungsboot, sonst hättet ihr auch die Flagge gezeigt! Ihr seid ein Spion, zurück, oder ich ...«
Wahrhaftig, der Alte hatte ein Gewehr bei sich, er schlug es auf den vorn im Boote Stehenden an!
Aber Nobody fürchtete sich vor dem alten Feuerschloßgewehr sehr wenig, und jetzt änderte auch er sein Benehmen, jetzt streckte auch er gebieterisch die Hand aus.
»Fort die Waffe!! Fort, oder es ist dein Unglück!! Ich werde dir schriftlich beweisen, daß ich im Auftrage der Regierung hier bin!«
Das wirkte! Nobody sah ganz deutlich, wie das sonnenverbrannte Gesicht des alten Mannes plötzlich eine aschgraue Farbe annahm, und als er schnell im Turme verschwand, wußte Nobody ganz bestimmt, daß jener jetzt herabkommen würde, um den Besuch höflich zu empfangen.
»Was meint Ihr dazu?« wandte sich Nobody an den Steuermann. »Sieht das nicht fast gerade aus, als ob der Leuchtturmwächter ein recht schlechtes Gewissen hätte?«
»Nee!« meinte aber Wilhelm Petersen phlegmatisch. »Ganz genau so hat er uns auch vor vier Jahren empfangen, da durften wir kaum mit den Schöpfeimern an Land kommen, und so angeschnauzt hat er uns auch. 'S ist ein Grobian. Uebrigens ist er ganz im Recht, er darf niemanden Fremdes die Leuchtturminsel betreten lassen.«
»Als ich sagte, ich käme im Regierungsauftrage, verließ ihn plötzlich alle Farbe.«
»Natürlich, so ein hoher Besuch von Staats wegen ist doch immer etwas Unangenehmes, der kann doch eine Kündigung bringen, und es mag ja auf dem Leuchtturm auch nicht alles so in Ordnung sein, wie es sein soll.«
Petersen hatte recht, es lag kein Grund zu irgendwelchem Verdachte vor. Man mußte auch damit rechnen, daß man es mit einem einsamen Leuchtturmwächter zu tun hatte, für den die Insel seine Welt, die unter ihm stehenden Leute sein Volk waren, der sich wie ein kleiner König fühlte.
Die Dampfpinasse hatte dicht an einer Mauer beilegen können, an welcher außer einem kleinen noch ein außerordentlich großes Ruderboot lag, das bequem wohl fünfzig Mann fassen konnte. Es mochte dazu bestimmt sein, wenn einmal auf der Insel etwas passierte, die ganze Bevölkerung mit Hab und Gut aufzunehmen.
Von dieser niedrigen Mauer aus stieg der natürliche Felsen noch etwa acht Meter hoch empor, ganz steil, nur eine eiserne Leiter führte hinauf, und an dieser kam jetzt der alte Mann herab, an dem das Auffallendste die starke Habichtsnase und die funkelnden Augen waren.
»List und Habgier!« taxierte der an Land gesprungene Nobody.
Mit kriechender Unterwürfigkeit näherte sich der Alte ihm.
»Ich bin Lord Hamilton,« sagte Nobody von oben herab, »ein englischer Edelmann, ein Graf. Verstanden? Mache eine Studienreise. Will jetzt die Inseln im Kalifornischen Golf besichtigen. Hier mein Paß und der Regierungsbefehl, daß mir alle Beamten in jeder Weise entgegenzukommen haben, ausgestellt von der Präsidentschaft in Mexiko, beglaubigt vom Gouverneur.«
Der Regen hatte aufgehört, Nobody zog unter seinem Oelmantel ein Lederetui hervor, klappte es auf und ließ den Alten die beiden kleinen Dokumente sehen.
Der Paß war echt, nur der Inhaber nicht. Von dem berühmten englischen Geschlechte der Grafen Hamilton war eine Seitenlinie in den Vereinigten Staaten ansässig, Nobody kannte den einen Sohn sehr gut, den Lord Charles Hamilton, er hatte ihm einmal einen großen Dienst erwiesen, der Lord hatte ihm seinen Paß geliehen. Nobody brauchte sein Aeußeres gar nicht zu verändern, er trat als ein junger, vornehmer Gentleman auf, und das Signalement stimmte. Die Gefahr war ganz ausgeschlossen, daß die unberechtigte Führung des Passes herauskommen könne, der Lord war noch gar nicht in Mexiko gewesen, wohl keiner seiner Verwandten, obgleich die Hamiltons, die es in Amerika zu Geldfürsten gebracht hatten, sehr starke Gläubiger der verschuldeten mexikanischen Regierung waren.
Infolgedessen war man dem vermeintlichen Lord Hamilton sofort von der höchsten Seite aus mit der größten Unterwürfigkeit entgegengekommen. Er brauchte nur zu befehlen, alles gehorchte ihm.
Der Alte sah nur das große Siegel des Präsidenten - vielleicht noch mehr Eindruck auf ihn machte das kleine des Gouverneurs, dem diese Inseln unterstanden - und er knickte förmlich zusammen.
Daß der Besuch gar nicht, wie er gesagt, im Auftrage der Regierung hierherkam, vielmehr nur im Schutze derselben, das hatte nichts zu sagen, ja, das schien für den Alten eine große Erleichterung zu sein, man sah es seinem grinsenden Gesichte an.
»Wie heißt Ihr?«
»Lopez, Ew. Gnaden. O, Ew. Gnaden, o, Herr Graf, wie komme ich armer Schlucker, der nicht wert ist, daß ihn die Hunde an ...«
»Schon gut, schon gut! Ich werde also hier über Nacht bleiben.«
»O, Ew. herrliche Gnaden, wie konnte ich es wagen, Euch die Landung zu verbieten - habt doch die unendliche Güte, mir die Zunge aus dem Halse zu reißen und sie den Möwen vorzuwerfen ...«
In diesem Tone ging es weiter, ein ›Quien sabe‹ gab es jetzt nicht mehr, jetzt kam die ganze mexikanische Geschwätzigkeit zum Vorschein, und dabei wollte Lopez noch einmal die Kette des Dampfers lösen, um das Boot, welches den hohen Besuch gebracht, selbst festzulegen, wurde aber von dem Steuermann daran gehindert, und dann schlug er mit tausend Entschuldigungen vor, der Herr Graf dürfe doch nicht die steile Leiter hinaufklettern, wobei er sich die Hände schmutzig mache, dort oben sei doch ein Flaschenzug, der Herr Graf möchte sich doch in einen Korb setzen oder sich wenigstens eine Schlinge unter die Arme legen. Nobody aber hatte schon die Leiter benutzt.
Wir wollen in summarischer Kürze wiedergeben, was Nobody hier oben zu sehen und zu hören bekam.
Die Insel bildete ein ebenes Plateau, bedeckt mit Grasweide, Bäumen und Maispflanzungen. An der Ostseite entsprang dem Felsen eine frische Quelle. Die siebzig Acker reichten aus, um die aus achtunddreißig Köpfen bestehende Bevölkerung der Insel vollständig zu ernähren. Freilich kamen nur Mais und Kastanien in Betracht, welche in der Milch von drei Kühen gekocht wurden.
»Wahrhaftig, das ist ein kleines Königreich; solch ein Leuchtturmwächter ist zu beneiden!« rief Nobody enthusiastisch, nachdem er die ganze Insel umgangen hatte, was sein erstes gewesen war. »Was könnte ein Mensch hier nicht alles schaffen!«
Die Mexikaner hatten hier gar nichts zu schaffen gewußt. Gras und Kastanien wuchsen ja von selbst, beim Säen des Maises wurde der Boden nur leicht mit einem hölzernen Instrumente geritzt. Alles andre überließ man dem Himmel, der diesen faulen Menschen hier so überaus gnädig gesinnt ist. Der Leuchtturm und die eiserne Leiter waren fast das einzige, was von der Hände Arbeit zeugte, und die hatten die jetzigen Bewohner der Insel ja nicht einmal selbst gefertigt, das war noch das Werk der Yankees, welche diesen Leuchtturm erst angelegt hatten.
Auf der ganzen Insel gab es keinen einzigen Weg; diese Mexikaner konnten sich nicht einmal so weit aufraffen, von der Quelle eine Röhrenleitung nach dem Turme zu legen, lieber gingen sie täglich mehrmals mit dem Kruge die hundert Schritte hin und her, obgleich das doch eine Arbeit bedeutete; aber die war ja den Frauen überlassen. Bretter trieben genug an; mit Leichtigkeit hätte man für die paar Kühe und Schweine einen Stall errichten können - nein, wenn es die Witterung unbedingt verlangte, so wurde das Vieh einstweilen in einen untern Raum des Turmes getrieben, den für gewöhnlich eine Familie bewohnte. Die achtunddreißig Menschen waren überhaupt in dem Turme wie die Heringe zusammengequetscht, aber sie dachten nicht daran, sich Wohnhäuser zu bauen, wo doch alles dazu vorhanden war. Die nordamerikanischen Erbauer des Leuchtturms hatten diesen mit dem damals modernsten Spiegellicht ausgestattet. Zwischen großen Reflexspiegeln drehte sich eine mit Petroleum gespeiste Lampe. Leider hatten sie dann das Ganze der mexikanischen Regierung abtreten müssen. Und wer sollte denn jeden Tag diese vielen Spiegel putzen? Die waren schon längst erblindet, zertrümmert, die Drehvorrichtung funktionierte nicht mehr - jetzt hing man einfach die schmutzige Petroleumlampe an die Kette, das genügte ja, dieses Licht ward auch noch jenseits der Isola magneta gesehen, ausgenommen, wenn Nebel war. Dann sollten die Schiffer nur fleißig zu den lieben Heiligen beten.
Und so war es hier mit allem und jedem. Mexikanische Wirtschaft, mexikanische Faulheit und Indolenz.
»Bevor ich als dein Gast das Innere des Turmes betrete, möchte ich erst deine Familie kennen lernen. Kannst du sie mir nicht im ganzen vorstellen?«
Lopez verstand sofort, was jener wünschte, er steckte den Finger in den Mund und stieß einen eigentümlichen Pfiff aus, und aus dem Turmeingang quoll es heraus, Männlein und Weiber und Kinder.
Es war, als ob solch eine Massenvorstellung öfters erfolgte, oder vielleicht handelte es sich auch um eine Art von Manöver - so baute sich alles in einer Reihe vor dem Turme auf, und jeder wußte seinen Platz.
Lopez war schon Urgroßvater, hatte Söhne und Töchter von vierzig Jahren, und auch bei dem kleinsten Säuglinge erkannte Nobody dieselben Gesichtszüge wieder, welche List und Habgier ausdrückten.
»Wo bekommst du denn deine Schwiegersöhne und Schwiegertöchter her? Von den benachbarten Inseln?«
»Das ist nicht mehr nötig,« grinste der Alte, »schon seit zwanzig Jahren heiraten wir untereinander.«
Ja, daß dem so war, das hatte Nobody schon erkannt.
»Hier braucht nur noch ein Geschlecht zu entstehn,« wandte er sich auf deutsch an den Steuermann, »dann ist die schönste Degeneration fertig. Das Kind dort zeigt schon etwas Idiotismus. Solche Blutheiraten zwischen Geschwisterkindern läßt die Natur nicht unbestraft.«
»Sie sehen aber alle recht kräftig und wohlgenährt aus.«
»Lebt ihr denn nur von Mais und Kastanien?« fragte Nobody.
Wenn es auf die Regierung angekommen wäre, ja. Von dieser kam allmonatlich ein kleiner Dampfer, welcher den Insulanern nur einige Pfund Tabak, einige Meter Zeug, Kaffee und für den Leuchtturm Petroleum brachte. Sonst mußten die Insulaner für sich selbst sorgen. Im Jahre wurden ein halbes Dutzend Schweine geschlachtet, sonst war man auf Fische angewiesen.
»Strandet nicht ab und zu ein Schiff?«
»Hier, wo der Leuchtturm steht?« grinste der Alte. »Nein. Aber wir sehen oft im Strome etwas treiben, das holen wir, und da ist manchmal auch ein Faß Pökelfleisch dabei.«
Nobody begab sich in den Turm und besichtigte die Leuchteinrichtung, während Petersen von den an Bord befindlichen Vorräten die Abendmahlzeit bereitete.
Die Wolken hatten sich wieder verzogen, und von dem hohen Turm aus sah Nobody in der Ferne ganz deutlich eine bergige Insel liegen.
»Die Isola magneta?« fragte er den Alten.
»Die Isola magneta,« bestätigte Lopez und vergaß nicht, sich dabei zu bekreuzigen.
Nobody beachtete es nicht, er wollte hören, was der Leuchtturmwächter über diese Insel zu sagen habe, er stellte sich ganz unwissend.
»Ist sie bewohnt?«
Nobody besaß eine unglaubliche Geduld, daß er sich das mit der Magnetinsel verbundene Geheimnis wiederum ganz ausführlich erzählen ließ, nun wenigstens schon zum fünfzigsten Male. Wilhelm Petersen ergriff immer gleich die Flucht, wenn Nobody mit einem Fischer über die Magnetinsel zu reden anfing.
Neues bekam er von dem Leuchtturmwächter, der die Insel ständig vor den Augen hatte, nicht zu hören.
»Ihr wart noch nicht darauf?«
»Die heilige Jungfrau behüte mich!« war die erschrockene Antwort. »Wie wäre das auch möglich? Ist meine Erklärung nicht deutlich gewesen? Die Insel läßt nicht wieder los, was sie einmal angezogen hat, und noch ehe ein Mensch sie erreicht hat, ist er dem schlafenden Tode verfallen. Blickt durch das Fernrohr! Seht Ihr um den Berg Möwen flattern? Nein. Alle andern Inseln sind von Seevögeln belebt, aber auf die Insel des schlafenden Todes wagt sich kein Vogel, er würde mitten im Fluge betäubt ins Meer sinken, und das wissen die Vögel; ängstlich meiden sie den Magnetberg.«
Auch das war Nobody nichts Neues mehr, daß auf der Magnetinsel kein einziger Vogel horsten sollte, eine seltene Ausnahme, und das war es ganz besonders, was ihm so viel zu denken gab. Da mußte mit der Insel wirklich irgend ein Geheimnis verknüpft sein. Nobody wollte es lösen.
»Wie weit ist es von hier bis nach der Magnetinsel?«
»Es sind sechs Seemeilen.«
»Wie ich merke, geht die Strömung, welche sie trifft, auch hier vorbei.«
»Ja, Herr, das ist dieselbe Strömung.«
»Wie stark ist sie?«
»Ein vierriemiges Boot kann leicht dagegen ankommen, das heißt, nur etwa bis zur Hälfte dieser Entfernung, also etwa drei Seemeilen weit. Dann übt der Magnetberg seine Anziehungskraft aus, dann gibt es kein Rudern mehr, und je näher man der Insel kommt, desto schneller geht es.«
»Habt Ihr das schon einmal beobachtet?«
»Gewiß, schon oft.«
»Auf welche Weise denn?«
»Nun, es treiben doch oft Gegenstände vorbei, groß genug, daß man sie mit dem Fernrohr noch sehen kann, bis sie die Insel erreichen. Es ist erst vierzehn Tage her, da kam das Wrack eines großen Schoners vorüber, die ›Morbida‹ von Kuzil war es. Wie wir dann später erfuhren, war sie an einem Riff leck geschlagen worden, die Mannschaft hatte das Schiff verlassen, weil man glaubte, wenn es von dem Riff frei käme, würde es augenblicklich sinken. Wir gingen gleich ins Boot, konnten das Wrack aber nicht mehr rechtzeitig erreichen, und als es an die Grenze gelangte, wo die Anziehungskraft anfängt, mußten wir natürlich schleunigst umkehren. Da konnten wir sogar mit den bloßen Augen sehen, wie das Wrack schneller und immer schneller trieb, bis es die Insel erreicht hatte.«
Nobody richtete wieder das Fernrohr nach derselben. Er konnte größere Felsen unterscheiden, sonst nichts weiter.
»Dann müßte man doch eigentlich so ein Wrack sehen können.«
»O, Herr, die Schnelligkeit wird zuletzt so groß, daß selbst das stärkste Schiff im Augenblick der Strandung wie ein hohles Ei zerdrückt wird, und die kleinen Trümmer kann man auch nicht durch das beste Fernrohr erkennen, dazu ist die Entfernung doch zu groß.«
»Mit was war die ›Morbida‹ befrachtet?«
»Sie hatte hundert Tonnen Kupferdraht an Bord.«
»Was?« staunte Nobody. »Das sind doch ungefähr an Wert ... hunderttausend ... nein, zweimalhunderttausend Mark ... fünfzigtausend Piaster!«
»Mindestens. Das ist allein der Kupferwert.«
»Und das liegt jetzt dort herrenlos am Strande?«
»Freilich. Schiff und Ladung waren natürlich versichert. Den Schaden hat allein die Versicherungsgesellschaft.«
»Und diese tut nichts, um die kostbare Ladung zu bergen, zu retten, von der Insel abzuholen?«
»Ja, Herr, auf welche Weise denn? Es kommt doch niemand lebendig auf die Isola magneta, da kann doch auch niemand sie wieder lebendig verlassen.«
Für Nobody ward das Rätsel immer größer.
»Was ist denn das für eine Versicherungsgesellschaft? Eine mexikanische?«
»Nein, die New-Yorker Shipping-Bank. Ich hab's zufällig erfahren.«
Jetzt wußte Nobody gar nicht mehr, was er sagen sollte. Wenn es eine mexikanische Gesellschaft gewesen wäre, welche aus Aberglauben oder aus sonst einem Grunde die wertvolle Ladung einfach dort liegen ließ, Nobody hätte es, so unbegreiflich es auch war, schon eher verstehn können - aber eine von zähen, kaltblütigen, geldgierigen Yankees geleitete Gesellschaft, nein, das ... ging ihm wirklich über die Hutschnur!
»Da muß ja dort nach und nach eine wahre Goldgrube entstanden sein!«
»Ja freilich, was dort alles liegen mag! Vor etwa zehn Jahren verschwand in dieser Gegend ein Silberschiff, und ganz sicherlich ist es von der Magnetinsel angezogen worden und dort gescheitert. Da liegt nun das viele Silber.«
»Mann, ist es denn nur wirklich wahr - noch kein Mensch hat den Versuch gemacht, diese Schätze zu heben?!«
O doch! Und jetzt bekam Nobody etwas ganz Neues zu hören. Es hatte immer einmal Zeitperioden gegeben, wo Abenteurer sich einzeln und auch in Gesellschaft aufgemacht hatten, um die auf der Magnetinsel sich anhäufenden Schätze zu heben. Keiner von ihnen war zurückgekehrt. So war es auch vor zehn Jahren gewesen, als man das mit Silber befrachtete Schiff auf der Magnetinsel gescheitert wähnte. Da war ein großes Regierungsschiff nach der Insel abgegangen - man hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Und das mußte Tatsache sein, der Leuchtturmwächter konnte Namen und alles nennen.
Jetzt erkannte Nobody aber auch, daß er sich an die unrechte Quelle gewendet hatte, wenn er wegen dieser geheimnisvollen Insel immer nur Fischer und dergleichen Leute befragte. Er hätte sich gleich an mexikanische Gelehrte oder höhere Regierungsbeamte wenden müssen. Er hatte es nicht getan, weil er eben bisher geglaubt, alles beruhe nur auf einer Volkssage.
Nun aber liegt auch die Frage sehr nahe: Wie ist es möglich, daß solch ein sensationeller Fall nicht über die Grenzen eines Landes hinauskommt, daß sich nicht die ganze Welt mit diesem Geheimnis beschäftigt?
Doch, das war einmal geschehen! Aber zehn Jahre sind eine gar lange Zeit, besonders in Amerika, wo man sehr schnell vergißt, weil eine Sensation immer die andre jagt.
Uebrigens steht dieser Fall, daß auf einer Insel kein Mensch existieren kann, daß man sich auf ihr den unvermeidlichen Tod holt, nicht vereinzelt da.
Es ist noch gar nicht so lange her, im Jahre 1904 war es, als durch alle Zeitungen, also auch durch die deutschen, folgende Notiz ging: Nicht weit von der Westküste Australiens entfernt, ungefähr auf dem elften Breitengrade liegt die kleine Insel Kenningdy, nach ihrem Entdecker so benannt, ein wahrhaft paradiesisches Eiland. War sie bewohnt? Man wußte es nicht, kümmerte sich nicht um sie. Aber in den fünfziger Jahren kam sie in aller Mund. Damals wurden in Australien doch die unermeßlichen Goldfunde gemacht, Schiffe brachten das Gold nach England, und solch ein Goldschiff war nun einmal verschwunden, und das bestimmte Gerücht tauchte auf, die Mannschaft hätte gemeutert, den Dampfer an der Insel Kenningdy auflaufen lassen und das Gold dort einstweilen vergraben, um es erst später abzuholen; die ganze Mannschaft hätte aber ihren Tod gefunden.
Noch ehe ein englisches Kriegsschiff abging, waren schon viele Abenteurer unterwegs nach der Insel. Die wenigsten kamen zurück, und auch diese starben noch nachträglich an einem bösartigen Fieber. Das Kriegsschiff ›Albert‹ fand auf der paradiesischen Insel den vermuteten Goldschatz nicht, wohl aber eine Unzahl von menschlichen Skeletten, und als der ›Albert‹ nach England zurückkam, hatte er nur noch die Hälfte der Mannschaft an Bord, und noch viele seiner Besatzung starben im Hospitale.
Weshalb? Woran? Gewiß, das hat man gewußt, davon hat man damals viel gesprochen, aber in den fünfzig Jahren ist die Erinnerung daran verloren gegangen.
Bis zum Jahre 1904. Da nahm ein reicher, junger Engländer - Harry Worth hieß er, sein Vater ist ein bekannter Pillenfabrikant - das abenteuerliche Projekt wieder auf, wollte auf der Insel Kenningdy nach den verschwundenen Goldbarren suchen. Er fuhr mit seiner eignen Jacht hin und - gab gleich in der ersten Stunde, nachdem er das Land betreten hatte, seinen Geist unter entsetzlichen Schmerzen auf. Eine Giftschlange hatte ihn gebissen, und von solchen schwarzen Ottern wimmelt es auf dieser Insel! Unter der Mannschaft aber, die trotz der Schlangen nach dem vermeintlichen Schatze suchen wollte, brach schon am ersten Tage eine so furchtbare Dysenterie aus, daß die Leute kaum noch Dampf aufmachen und Segel setzen konnten, um von dieser teuflischen Insel fortzukommen, auf der ein großer Sumpf, die Brutstätte von Schlangen, Skorpionen, giftigen Fliegen und andren verderblichen Kreaturen, pestilenzialische Dünste aushauchte. Fünf Kameraden ließ man als Leichen zurück, gleich unbeerdigt, so eilig hatte man es; die Entkommenen wurden noch auf hoher See von der Malaria befallen, die unter ihnen tüchtig aufräumte, und wer einmal die Malaria in den Knochen hat, der geht noch nach Jahren am kleinsten Erkältungsfieber zugrunde. Außerdem waren sie samt und sonders mit dem schrecklichen Fadenwurm behaftet. -
Konnte bei der Magnetinsel nicht etwas Aehnliches vorliegen? Wie gesagt, Nobody sah zu spät ein, daß er sich an eine andre Auskunftei hätte wenden sollen. Doch um so besser, so würde er jetzt das Rätsel durch eigne Kraft lösen.
»Nun, da werde ich morgen einmal der Isola magneta meinen Besuch abstatten.«
Mit großen Augen blickte der Alte ihn an.
»Ew. Gnaden wollen doch nicht etwa ...«
»Jawohl, ich will! Gebt Euch keine Mühe weiter, mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Mit meinem schnellen Dampfboot fürchte ich die Anziehungskraft und mit meiner gesunden Leibeskonstitution auch den schlafenden Tod nicht.«
Wirklich, der alte Leuchtturmwächter machte gar keinen Versuch mehr, den vornehmen Besuch von diesem Vorhaben abzureden.
»Ich habe Euch die Wahrheit erzählt und Euch vor der Gefahr gewarnt, mich trifft dann keine Schuld,« sagte er nur noch.
»Gewiß, Ihr habt als Leuchtturmwächter und als Christ Eure Pflicht getan. Aber ich kann Euch auch die Versicherung geben, daß ich Euch morgen oder übermorgen erzählen werde, was aus den hundert Tonnen Kupferdraht geworden ist und was alles dort am Strande liegt.«
»Das haben schon viele gesagt, und keiner ist zurückgekommen,« meinte der Alte achselzuckend.
Für den Senor und seinen Steuermann war unterdessen ein Turmzimmer hergerichtet worden, und nicht lange währte es, so wurde an die Tür geklopft. Es war José, der Heizer von der Pinasse.
»Ihr wollt morgen nach der Isola fahren, Senor?« fragte der Mann finster.
»Jawohl, das ist meine Absicht!«
»Das habt Ihr mir nicht gesagt, als Ihr mich annahmt. Da fahre ich nicht mit!«
»Habt Ihr auch nicht nötig! Ihr solltet für jeden Tag einen halben Piaster erhalten - hier, ich bezahle Euch gleich für einen ganzen Monat.«
Solch eine Freigebigkeit hatte der Mann nicht erwartet, sein finsteres Gesicht klärte sich auf, und dann wollte er mit einem Wortschwall den vornehmen Senor von seinem Vorhaben abbringen, denn er ginge in seinen unabwendbaren Tod.
»Schon gut, schon gut! Ich danke Euch für Euern wohlmeinenden Rat, aber Ihr könnt mich in meinem Entschlüsse nicht wankend machen.«
Der Mann entfernte sich. Es war unterdessen finster geworden, dazu war noch eine Neumondnacht. Im Scheine einer Laterne verzehrten die beiden das selbstbereitete Abendbrot.
»Da müßt wohl Ihr morgen einmal heizen,« begann Nobody, »oder wenn Ihr am Steuerruder zu stehn habt, tue ich's.«
»Sollten wir es uns nicht erst reiflich überlegen, ehe wir die Fahrt antreten? Irgend etwas muß doch mit der Insel sein.«
Es sprach keine Furcht aus den Worten des jungen Steuermannes. Er hatte ganz recht. Ohne Grund konnte nicht so übereinstimmend über die Gefahr der Magnetinsel gesprochen werden.
Sie erwogen hin und her, was für ein Geheimnis das sein könne, welches niemanden die Insel wieder verlassen ließ.
»Morgen werden wir es erfahren!« schloß Nobody diese resultatlose Beratung. »Wir werden die Insel zuerst in respektvoller Entfernung umfahren und uns ihr dann von Süden her nähern, wo also keine Strömung herrscht, wir werden keine Vorsicht außer acht lassen. Das ist mein unumstößlicher Entschluß. Wollt Ihr mich begleiten, Petersen?«
»Ihr könnt noch fragen? Selbstverständlich! Als ob mir solch eine abenteuerliche Fahrt nicht selber Spaß machte! Und ich weiß, daß man sich mit Euch in jedes Abenteuer einlassen kann.«


»Herr, Ihr geht in Euern Tod!«
So sprach der alte Leuchtturmwächter nochmals, als am andern Morgen bei Sonnenaufgang seine beiden Gäste Anstalten trafen, ihre Pinasse zu besteigen. Er hatte doppelten Grund, ihnen ein langes Leben zu wünschen, denn Nobody hatte die Gastfreundschaft mit einem sehr reichlichen Geldgeschenk belohnt.
»Ich bin darauf gefaßt, und Euch wird deswegen kein Vorwurf treffen.«
Mit diesen Worten begab Nobody sich in den Kesselraum und machte Feuer an, während der Steuermann die Pinasse auf ihre weitere Seetüchtigkeit prüfte, daß nicht etwa unberufene Hände über Nacht mit oder ohne böswillige Absicht irgend etwas berührt hätten, was während der Fahrt von schlimmen Folgen sein konnte. Nein, alles war in Ordnung.
Das Kesselwasser war noch warm gewesen, nach einer Viertelstunde war der nötige Druck vorhanden, das Boot dampfte aus der Bucht. Am Rande derselben standen die Insulaner, mit stumpfsinnigen Gesichtern den Abfahrenden nachblickend. Da aber, als die Pinasse das offne Fahrwasser erreicht hatte, erscholl vom Ufer her ein höhnisches Lachen.
»Laßt nur,« meinte Nobody, mit dem Kopfe aus der Luke blickend, als Petersen Worte des Unwillens hatte, »das ist so die Art dieser Leute, und wenn sie nicht schadenfroh wären, dann wären es doch auch keine Mexikaner.«
Es war nicht nötig, daß Nobody als Heizer immer in dem winzigen Kesselraum steckte. Als das Kohlenfeuer im Gange war, konnte er sich die meiste Zeit an Deck aufhalten, denn das Manometer befand sich oben am Schornstein, und auch von hier aus konnte man das Feuer und das Wasserstandsglas beobachten.
Von einer starken Strömung getrieben, einen frischen Wind im Rücken, schoß der kleine Schraubendampfer wie ein Pfeil dem Süden zu. Schnell wuchs der Magnetberg aus dem Wasser empor. Nach einer halben Stunde konnte man die Brandung mit bloßen Augen gewahren.
»Wir wollen einmal die Schnelligkeit der Strömung feststellen.«
Es ist dies, da man sich doch selbst auf einem von der Strömung fortgetragenen Objekt befindet, eine schwierige Berechnung. Aber der Seemann hat dafür seine Beobachtungen und Exempel. Nachdem ein weit über Bord geschleudertes Stück Holz beobachtet worden war, welches schnell zurückblieb, wurde erst geloggt, dann ließ man die Pinasse, deren Geschwindigkeiten unter verschiedenem Atmosphärendruck man ganz genau kannte, mit Volldampf zurückgehn, sie wurde gewendet, fuhr mit wechselnder Kraft dem Strome entgegen, das Exempel war fertig.
»Sapristi, die Strömung macht wenigstens acht Knoten in der Stunde, gerade so viel wie unser Boot! Ja, dann freilich ist das ein gefährliches Wasser, dann müssen wir machen, daß wir herauskommen, sonst erleiden wir wirklich an der Magnetinsel Schiffbruch.«
Wenn also das Dampfboot auch mit voller Kraft dem Strome entgegenging, so kam es doch schon gar nicht mehr von der Stelle, und wenn es Tatsache war, daß die Strömung nach der Insel zu immer mehr an Schnelligkeit zunahm - was Nobody und auch Petersen freilich bezweifelten, weil dies den Naturgesetzen zuwiderlief - so mußten sie unter allen Umständen der Insel zugetrieben werden.
Doch so weit war es noch nicht. Der Schraubendampfer ging einfach seitwärts gegen die Strömung, und wieder eine Viertelstunde später trieb er mit ihr an der Insel vorbei.
Die Entfernung von der Küste betrug etwa zwei Kilometer; so konnte man ihre Formationen genau studieren und hatte auch Zeit dazu, schoß nicht schnell vorüber, denn man konnte ja das Boot manchmal rückwärts gehn lassen und so die Fahrt wenigstens verlangsamen.
Die Größe der Insel mochte vielleicht vier bis sechs Quadratkilometer betragen. Sie war sehr niedrig und völlig eben, bis auf den Nordrand, wo sich ziemlich steil ein Berg erhob, dessen Höhe sofort mittels Instrumenten auf rund 260 Meter bestimmt wurde. Aus seiner kegelförmigen Gestalt und der abgeplatteten Spitze konnte nicht nur auf vulkanischen Ursprung geschlossen werden, sondern auch darauf, daß er einst selbst ein tätiger Vulkan gewesen war, oben mußte sich noch der offne Krater befinden.
Aber die Kegelgestalt war keine vollkommene mehr. Seit Jahrhunderten, vielleicht seit ungezählten Jahrtausenden, war die gewaltige Meeresströmung auf der Nordseite des Berges angeprallt, sie hatte gewaschen und gewaschen, eine große Höhlung war entstanden, in dieser arbeitete die Brandung, wusch kleinere Höhlen aus, und so kamen ab und zu Perioden, in denen die Decken der Höhlen zusammenstürzten, es entstanden ganze Bergrutsche, und die Strömung hatte einen neuen Angriffspunkt für ihre zerstörende Tätigkeit.
Schon mit bloßem Auge konnte man erkennen, was für ein Chaos dort an der Nordseite des Berges herrschte; wilde Felstrümmer türmten sich übereinander, und mit dem Fernrohr konnte man auch genug Schiffsplanken und andre Ueberreste von Schiffbrüchen unterscheiden.
Die in das Höhlenlabyrinth wie in eine Sackgasse hineingeratene Strömung mußte doch auch wieder herauskommen, und da war es nach den hydrostatischen Gesetzen ganz selbstverständlich, daß sie jetzt nicht dicht an der Küste um die Insel herumging, sondern eine südwestliche Richtung einschlug. Nun kann man bei jedem schnell fließenden Flusse beobachten, besonders deutlich unmittelbar hinter einem Wasserfall oder auch nur hinter einer Stromschnelle, wie sich dort das Wasser dicht an den Ufern langsam der eigentlichen Strömung entgegenbewegt, bis es wieder von derselben erfaßt wird, und so treibt ein dort ins Wasser geworfener Gegenstand immer im Kreise, bis er irgendwo am Ufer hängen bleibt.
Genau so war auch hier eine leichte Gegenströmung vorhanden, und was von den Trümmern glücklich aus dem Nordstrudel herausgekommen war, das hatte sich noch nachträglich hier festgesetzt. An der zerrissenen Küste war alles mit Planken und Masten bedeckt.
»Ja, du lieber Gott,« meinte Nobody, das Fernrohr vor dem Auge, »wie soll man denn auch hier landen können? Da ist es begreiflich, wie die Insel in den Verruf gekommen ist, einen Magnetberg zu besitzen, der sogar Holz anzieht; und wenn selbst ein Dampfer mit kräftiger Maschine seine Not hat, aus der verderbenbringenden Strömung wieder herauszukommen, da darf ein Segelschiff gar nicht wagen, sich der Insel zu nähern.«
»Und das Fehlen aller Vegetation?« fragte Petersen. »Und warum keine einzige Möwe, die sonst hier jede Insel bevölkert?«
»Hm!« brummte Nobody. »Faktisch, das Rätsel bleibt bestehn.«
»Ein Segel!!« rief Petersen.
Soeben hatte Nobody behauptet, daß kein Segelschiff wagen würde, sich dieser Insel zu nähern, und im nächsten Augenblick wurde seine Ansicht widerlegt. Die Pinasse war noch nicht vollständig um die Insel herum, aber diese war so niedrig, daß man über sie hinweg auf der Südseite zwei Mastspitzen mit Segeltakelage emporragen sah.
»Wahrhaftig, ein Segler! Das müssen wir wissen, was der dort zu suchen hat!«
Die Pinasse ging, um die Geschwindigkeit zu beschleunigen, noch einmal in die südliche Strömung zurück und wieder heraus, und dann hatte sie die Insel umfahren, befand sich auf der Südseite derselben.
Es ist schon früher gesagt worden, daß auf die Insel auch von Osten her eine Strömung traf. Diese war weit schwächer als jene von Norden, aber auch ihr mußte von der Insel eine andre Richtung vorgeschrieben werden, und wieder war es eine Folge der hydrostatischen Gesetze, daß sie nun nicht direkt an der Küste entlangging.
Infolgedessen mußte auf der Südseite der Insel ein rückwärtsgehendes Stauwasser herrschen. Das war auf der Seekarte auch alles ganz genau angegeben. Die Ausdehnung desselben betrug ungefähr eine Quadratmeile. Alles, was dahineingeriet, mußte, also den eigentlichen Strömungen direkt entgegen, auf die Insel zugetrieben und an der Südküste abgesetzt werden. Da ließ sich die Fabel von der magnetischen Anziehungskraft der Insel erst recht erklären. Aber das galt doch nur für jeden toten Gegenstand, der keine eigne Kraft besaß. Nobody konstatierte sofort, daß diese Gegenströmung so schwach war, daß jeder Schwimmer sie überwinden konnte.
Da nun, wie schon früher gesagt, im Kalifornischen Golf der Wind beständig von Nordwesten herkommt, so bestand auch für ein Segelschiff gar keine Gefahr, mit Ausnahme etwa, wenn es ...
»Das Schiff ist steuerlos, es dreht sich im Kreise!!« rief Petersen.
Nobody hatte es schon längst erkannt. Es war ein stattlicher Kutter mit zwei Masten, hatte alle Segel gesetzt, aber dadurch, daß es nicht mehr dem Steuer gehorchte, war das Schiff nichts andres als ein totes Stück Holz, welches der größern Triebkraft gehorcht, und da die Segel nicht so gestellt waren, daß sie dem Winde die größte Fläche boten, war in diesem Falle die Wasserströmung, so schwach diese auch an sich war, die größere Kraft, und so wurde das sich langsam im Kreise drehende Fahrzeug dem Winde entgegengetrieben, also direkt auf die Insel zu.
Doch aus welchem Grunde war es steuerlos? Von einem Wrack war keine Rede, alles war in bester Ordnung, die Boote eingeschwungen. Ob sich an Deck Menschen befanden, war von der niedrigen Dampfpinasse aus nicht zu sehen, denn der Kutter, überhaupt sehr hoch gebaut, war mit einer hohen Bordwand umgeben, und das Steuerrad befand sich hinten in einem kleinen Häuschen.
Das Schiff war vielleicht noch 500 Meter von der Küste entfernt, es wurde ganz, ganz langsam darauf zugetrieben, aber auch mit unfehlbarer Sicherheit, wenn das Steuerrad nicht bald mit fester Hand ergriffen wurde.
Es mußten sich indes doch Menschen darauf befinden, denn aus dem Schornstein der Kambüse, wie das auf Deck stehende Häuschen genannt wird, in dem sich die Küche befindet, stieg ein leichter Rauch auf.
»Vorwärts! Dieses Rätsel wollen wir bald gelöst haben!«
Nobody sprang in den Heizraum, warf einige Schippen Kohlen nach und kam wieder an Deck. Bald war man in Rufweite.
»Hallo!!«
Alles Rufen nützte nichts, kein Mensch zeigte sich.
Da wurde Nobodys Arm berührt.
»Mister Nobody,« flüsterte Petersen, »denkt Ihr daran ...?«
»An den schlafenden Tod? Jawohl, ich denke daran. Fühlt Ihr Euch müde?«
»Nicht im geringsten.«
»Ich auch nicht. Also hin, dieses scheinbar ausgestorbene Schiff müssen wir näher untersuchen!«
Nochmals, ehe das Dampfboot den Kutter erreicht hatte, warf Nobody Kohlen unter den Kessel, dann legte die Pinasse unter Petersens Steuerung längsseit. Von der hohen Bordwand hing ein Tau herab, Nobody ergriff es und schwang sich hinauf.
Der Anblick, der sich ihm bot, war danach angetan, ihm das Blut in den Adern erstarren zu lassen.
An Deck lag ein halbes Dutzend mexikanischer Matrosen wie tot, und man bemerkte gleich, daß sie mitten in der Beschäftigung, mitten in der Bewegung vom Tode überrascht worden waren. Der eine hatte ein langes Tau aufrollen wollen - er lag neben dem Bündel, das Tau noch in der Hand; zwei andre hatten offenbar die Enden einer Raa auf den Schultern gehabt, als sie plötzlich umgefallen waren, um nicht wieder aufzustehn; der Kapitän, durch seine Kleidung als solcher erkenntlich, hatte noch das Fernrohr in der Hand, und so lag auch in dem Ruderhaus ein Matrose neben dem Steuerrad, beide Hände noch an den Speichen.
Nobody raffte sich empor. Dann mußte der Tod sie erst vor ganz kurzem mitten im frischen Leben überrascht haben, mit der Schnelligkeit eines Herzschlages; selten einmal aber findet man einen Toten, der die Augen geschlossen hat, und dies war bei diesen allen der Fall.
Nobody kniete vor dem nächsten nieder - er erschrak förmlich, daß der vermeintliche Leichnam noch ganz warm war. Nein, das war ja gar kein Leichnam, der Mann schlief nur! Herzschlag und Atem gingen noch, allerdings außerordentlich langsam. Das war kein natürlicher Schlaf. So schwach ist die Herz- und Lungentätigkeit nur bei einer Ohnmacht.
»Petersen,« rief er, an seinen Begleiter denkend, der unten auf dem Dampfer des Bescheides wartete, »das Märchen wird zur Tatsache, hier liegen ...«
Das Wort erstarb ihm im Munde. Was war das? Der kerngesunde Nobody wurde, wie er sich so niederbeugte, plötzlich von einem Schwindel ergriffen, wie Blei wollten ihm die Augenlider zufallen.
»Mister Nobody,« erklang es in diesem Augenblicke unten, »ich weiß gar nicht, mir wird mit einem Male so ...«
Ein dumpfer Fall folgte.
Da hatte Nobody die furchtbare Gefahr erkannt, in der er selbst schwebte. Diese Erkenntnis als jäher Schreck ließ ihn die plötzlich auftretende Müdigkeit überwinden; er sprang empor, sah Petersen, der neben dem Steuerrade zusammengebrochen war, sprang mit einem Satze über Bord ins Wasser, ergriff beim Auftauchen den niedrigen Rand der Pinasse und hatte sich bald an Deck geschwungen.
Nicht etwa, daß er einen falschen Sprung getan und aus Versehen ins Wasser gestürzt wäre, sondern er hatte in aller Geschwindigkeit erst ein erfrischendes Bad genommen.
»Kommt zu Euch, Steuermann! Dampf auf, fort von der Insel, wir sind in der Region des schlafenden Todes, und wenn wir einschlafen, erwachen wir nie wieder zum Leben!!!«
Aber der junge Steuermann hörte schon nicht mehr, er schlief sanft; Nobody mußte allein handeln.
Und es war eine schöne Tat, die er vollbrachte. Nein, allein der erste Gedanke, der ihn durchzuckte, war es, der dem Charakter dieses Mannes, der oft so rücksichtslos sein konnte, ein herrliches Zeugnis ausstellte.
Nur eine Drehung des Ventils, und der kleine Dampfer wäre davongeschossen, und einmal davon, hätte wohl niemand mehr gewagt, in jene Zone zurückzukehren, in welcher einem der Tod in Gestalt eines heimtückischen Schlafes nahte.
Aber Nobody hatte eben erst einen andern Gedanken als an seine eigne Rettung. Er schlug das von dem Schiffe herabhängende Tau um einen Böller des kleinen Dampfers, dann erst stürzte er nach dem Ventil, und als der Dampf schon zischte, nach dem Steuerrad.
Wußte Nobody vielleicht schon, was hier vorlag? Kannte er die Ursache dieses todähnlichen Schlafes bereits?
Es war nämlich recht merkwürdig, daß Nobody nicht direkt nach Süden floh, um sich auf dem kürzesten Wege so schnell wie möglich von der Insel zu entfernen - nein, er drehte den Dampfer bei, steuerte nach Westen, von wo jetzt ungefähr der Wind kam.
Es schien auch wirklich, als ob er das beste getan hätte, was er hatte tun können. Obgleich er dadurch gar nicht so schnell von der Insel fortkam, merkte er doch sehr bald, wie die Müdigkeit wieder von ihm schwand, und je tiefer er Atem schöpfte, desto freier fühlte er sich wieder. Dabei ist zu bedenken, daß der kleine Dampfer auch noch das große Schiff hinter sich schleppte, also viel langsamer aus dem Bereiche der Insel kam.
Die Strömung war erreicht, jetzt ging es schnell dem Süden zu.
»Oooooaaaahhhhh,« gähnte der am Boden liegende Petersen aus voller Lunge und dehnte sich, als wenn er im weichsten Bette läge.
»Guten Morgen!« sagte Noboby gemütlich. »Ausgeschlafen?«
»Na, wenigstens aufgehört. Aber ich habe einen kuriosen Traum ge ...«
Der Steuermann hatte sich halb erhoben, mit weitaufgerissenen Augen blickte er um sich.
»Ich denke, ich bin noch in dem Leuchtturm?!«
»Nee, meerschdendeels sind wir schon unterwegs nach der Magnetinsel!«
Die Besinnung kehrte ihm zurück; der Steuermann sprang empor.
»Bei Gott, ich habe geschlafen - ja, ich wurde plötzlich so furchtbar müde, ich muß auf der Stelle umgefallen sein!«
»Caracho!« fluchte da eine fremde Stimme. »Was ist denn das für ein Dampfer?«
Oben über der Bordwand des Kutters zeigte sich ein Matrose, der sich schlaftrunken die Augen rieb und dann verwundert auf den kleinen Dampfer herabstierte, als ob er nur ein Traumgebilde zu sehen wähnte.
Es gesellten sich ihm noch andre bei, auch der Kapitän. Nobody begab sich hinüber an Bord, und er brauchte sich nicht zu verantworten, wie er dazu kam, mit seinem kleinen Dampfer das große Schiff wegzuschleppen. Die Besinnung stellte sich bei den Leuten sehr bald wieder ein, und sie wußten recht gut, was mit ihnen vorgegangen, und daß sie von dem Kapitän der Dampfpinasse vom sicheren Tode errettet worden waren. Das Entsetzen darüber stellte sich bei ihnen noch nachträglich ein, und dann erst konnten sie erzählen.
Der ›Toreador‹, mit Stückgut beladen, hatte quer über den Golf segeln wollen. Kurz vor Anbruch der Morgendämmerung war es sehr neblig geworden, so daß das Leuchtfeuer von Santa Topina nicht mehr zu sehen gewesen war. Damit hörte aber auch jede Orientierung auf. Doch dies hatte schließlich nichts zu sagen. Von der gefährlichen Magnetinsel wußte man sich südlich, und so brauchte man sich nur noch etwas weiter in dieser Richtung zu halten, so kam man in respektvoller Entfernung an der Insel vorüber.
Aber bei dem dichten Nebel war doch ein Irrtum möglich, und man hatte einen solchen begangen. Als die Luft durchsichtig ward, stand die Sonne schon ziemlich hoch, und da befand man sich zwar südlich von der Magnetinsel, aber in ungeahnter Nähe von ihr.
Schnell setzte man Segel, um aus der unheimlichen Nachbarschaft zu kommen. Der letzte Matrose war soeben aus der Takelage herabgeklettert, als plötzlich jeder von einer unüberwindlichen Müdigkeit befallen wurde.
»Das ist der schlafende Tod! Herr, nimm meine arme Seele in Gnaden auf!«
Das war der letzte Gedanke eines jeden gewesen, bevor er in jenen Schlaf sank, aus dem es kein Erwachen geben sollte - und das wäre in der Tat eingetreten, wenn Nobody nicht zur rechten Zeit gekommen wäre.
Als der Schlaf die Leute überwältigt hatte, war es früh um acht gewesen, da hatten sie sich in der Strömung befunden. Dann war das steuerlose Schiff nach dem Rande der Strömung zu und herausgetrieben worden. Die rückwärtsgehende Strömung hatte es in Empfang genommen und nach der Magnetinsel getrieben. Die Pinasse war anderthalb Stunden später gekommen.
Was wäre sonst ihr Los gewesen? Auf alle Fälle hätte das Schiff die Küste erreicht, wäre wahrscheinlich gestrandet. Bei den Mexikanern aber herrschte kein Zweifel darüber, daß sie vorher schon in den Tod hinübergeschlummert wären.
»Und wie denkt Ihr hierüber?« fragte der Steuermann seinen Herrn und Meister. »Was ist denn nun die Ursache dieser Müdigkeit?«
»Der Krater jenes Berges atmet offenbar ein giftiges Gas aus.«
»Ein giftiges Gas?« staunte Petersen. »Das so einschläfert?«
»Es dürfte Kohlensäure sein.«


Die Erzählung der geretteten Mannschaft des ›Toreador‹ war in aller Munde, und Nobody wandte sich in dieser Sache zum ersten Male an einen gebildeten Mann, an einen ehemaligen Kapitän.
»Gewiß, der Berg auf der Isola magneta enthält eine starke Kohlensäurequelle. Und Kohlensäure wirkt nicht nur dadurch schädlich auf den Menschen, weil ihm der zum Leben unbedingt notwendige Sauerstoff fehlt, sondern Kohlensäure kann auch als ein direktes Gift angesehen werden, indem sie, durch die Lungen ins Blut gebracht, eine Art von Starrsucht hervorruft, der eine große Müdigkeit vorausgeht. Da aber nun beim Längerverweilen im Kohlensäurestrom die zum Atmen nötige Luft fehlt, so muß unbedingt der Erstickungstod eintreten.«
»Wissen denn auch die hiesigen Fischer, daß die Ursache dieser Müdigkeit ein von der Insel ausgehender Kohlensäurestrom ist?« fragte Nobody.
»O ja, sie wissen es. Wenigstens wissen sie, daß es irgend ein unatembares Gas ist.«
Wolle sich nun der geneigte Leser ebensowenig wie Nobody darüber wundern, daß selbst die aufklärendsten Zeitungen Mexikos beim Bericht über diesen Vorfall niemals von einer Vergiftung durch Kohlensäure, sondern immer nur vom »schlafenden Tode« erzählten, der wieder einmal beinahe viele Opfer gefordert haben würde, wenn nicht Lord Charles Hamilton sie rechtzeitig gerettet hätte.
Wir haben nämlich in Deutschland einen ganz ähnlichen Fall. Wenn in einem Bergwerk eine Explosion erfolgt ist, so berichten unsre Zeitungen doch niemals von der »Explosion einer Mischung von Kohlenwasserstoff mit atmosphärischer Luft«, sondern sie sprechen nur von einem »schlagenden Wetter«. Das ist doch ganz geläufig, und jeder weiß, was darunter zu verstehn ist. Ganz genau dasselbe war es hier mit dem Ausdrucke »schlafender Tod«.
Ferner, wenn unsre deutschen Bergleute, die doch gewiß heutzutage alle eine Schulbildung genossen haben, das Entstehen der schlagenden Wetter noch immer bösen Erdgeistern und Grubenkobolden zuschreiben, welche die Menschen hassen, weil diese in ihr Reich eindringen - übrigens eine gute, deutsche Sage, die man nicht lächerlich finden soll - dann ist es wohl begreiflich, daß die vom Aberglauben durchseuchten Mexikaner, von denen unter hundert kaum einer lesen und schreiben kann, sich diesen »schlafenden Tod« als einen bösen Geist vorstellten, der auf jener öden Insel herrschte und den vorüberfahrenden Schiffen seinen Gifthauch zusandte.
Hiermit ist wohl erklärt, weshalb Nobody immer nur vom schlafenden Tode und niemals von einer Kohlensäurequelle zu hören bekommen hatte. Dieser ›schlafende Tod‹ war eben ein vollkommen geläufiger Ausdruck, selbst unter den Gebildeten, auch wenn diese sich darunter etwas ganz andres vorstellten als einen bösen Geist.
»Es sind Versuche genug angestellt worden, um das Phänomen zu ergründen,« fuhr der Erklärer fort. »Die Quelle liegt oben auf dem Berge - ganz richtig, wie Sie sagen, es ist der Krater des einst tätig gewesenen Vulkans. Das Ausströmen der Gase erfolgt permanent, obgleich das nicht so scheint. Denn oft kann ein Schiff ganz dicht an die Insel herankommen. Das hängt einfach mit der Windrichtung zusammen. So ständig in dieser Gegend der Wind auch ist, immer von Nordwesten her - etwas dreht er sich doch, manchmal mehr nach Osten, manchmal mehr nach Westen, respektive nach Süden, und da treibt er denn den Kohlensäurestrom stets hin.
»Daß die Wirkung des Gases nur in der Nähe der Insel zu spüren ist, das ist nicht wunderbar. Kohlensäure ist ganz bedeutend schwerer als die atmosphärische Luft, der Strom liegt also dicht auf dem Wasser und wird von diesem begierig absorbiert. Anderthalb Seemeilen von der Insel entfernt hat man noch nie mehr Kohlensäure in der Luft konstatieren können, als diese für gewöhnlich enthält.
»Sie haben einen Freund, der eine Stunde lang auf der Magnetinsel verweilt hat? Noch dazu auf der Ostseite? Da hat Ihr Freund ein großes, großes Glück gehabt. Da hatte sich eben der Nordwestwind einmal stark nach Süden gedreht. Es ist ja überhaupt schon häufig vorgekommen, daß Menschen die Isola magneta betreten haben, als Schiffbrüchige oder mit Absicht. Das Volk schreibt dann ihre glückliche Errettung immer den Heiligen zu.
»Die Isola magneta ist kein so großes Hindernis für die Schiffahrt, wie im Auslande angenommen wird - vorausgesetzt, daß dorthin überhaupt einmal eine Kunde davon dringt. Die Schiffer hier nehmen es als ein unvermeidliches Uebel hin, sie kennen die Zone des schlafenden Todes und meiden sie, wozu für die Nacht der Leuchtturm von Santa Topina genügt, wenn er auch etwas besser sein könnte. Aber bei starkem Nebel hilft überhaupt kein Leuchtfeuer mehr.
»Dann sind auch die Tage der Magnetinsel gezählt, wenigstens die des Magnetberges mit seiner giftigen Kohlensäurequelle. Das heißt, es können auch noch Jahrhunderte vergehn, die aber in der Geschichte der Erde doch nur Tage bedeuten. Die Nordströmung wäscht unermüdlich, sie wird einst bis in den Kern des Berges dringen und die Hauptader der Kohlensäurequelle bloßlegen. Dann allerdings kann einmal eine Katastrophe erfolgen, indem ein kolossaler Strom von Kohlensäure südwärts der Insel alles Lebendige erstickt. Dabei aber findet die Quelle selbst ihren Tod, wird von dem eindringenden Meere erstickt. Vielleicht aber geht es auch ohne Katastrophe ab, und außerdem sind wir schon an Erdbeben und andre Erdrevolutionen gewöhnt.
»Ja, Sie haben recht - was da alles auf dem Strande liegen mag! Aber wie soll man es abholen? Es ist schon genug, daß hin und wieder ein kühner Forscher wagt, das Eiland aus wissenschaftlichen Gründen zu betreten, denn wenn er auch noch so gut den Wind berechnet hat, so kann ihn doch jeden Augenblick der Kohlensäurestrom treffen, der ihn bewußtlos zu Boden wirft, ihn erstickt, und so mancher hat denn auch schon sein Wagnis mit dem Leben gebüßt. Da müßte erst ein Apparat erfunden werden, welcher dem Menschen ständig atmosphärische Luft zuführt, so daß er sich wie ein Taucher in der giftigen Kohlensäure bewegen kann.«
Hoch horchte Nobody auf. Eine Frage brannte ihm auf den Lippen, aber er unterdrückte sie. Sie hätte gelautet: ›Habt ihr hier denn noch gar nicht gehört, daß ein solcher Apparat soeben in New-York erfunden worden ist?‹
Dem war so. Kurz bevor Nobody New-York verließ, hatte ein Amerikaner ein Patent angemeldet und gleichzeitig auch schon das Modell seiner Erfindung einer Versammlung von Herren vorgeführt, welche sich dafür interessierten, und dazu hatte auch Nobody gehört. Es handelte sich um einen neuen Tauchapparat, welcher den Taucher unabhängig von dem Schlauche macht, der ihm von außen frische Luft zuführt. Der Apparat bestand der Hauptsache nach aus einer helmartigen Kopfbedeckung, wie sie auch jetzt noch die Taucher haben, und aus einem auf den Rücken zu schnallenden Ranzen, welcher komprimierte Luft enthielt, von der durch eine sinnreiche Vorrichtung dem Taucher nicht mehr und nicht weniger zugeführt wird, als er zum Atmen braucht, während die ausgeatmete Kohlensäure durch ein andres Ventil entweicht.
Bei der Vorführung hatte sich der Erfinder, angetan mit seinem Apparat, in ein großes Faß mit Wasser gesetzt, hatte stundenlang darin ausgehalten. Trotzdem eignete sich der Apparat nicht für den Taucher, d. h. nicht für den Tiefseetaucher. Denn je tiefer man unter Wasser geht, desto mehr nimmt der Druck zu, und zwar in ganz gewaltigem Maße, und da funktionierte noch nicht die Luftzufuhr und Abfuhr, die Ventilation regulierte sich nach dem verschiedenen Drucke noch nicht selbsttätig. Wohl aber leistete dieser Apparat in andrer Weise schon unschätzbare Dienste, z. B. der Feuerwehr, wenn sie in brennende Gebäude dringen muß, in mit Rauch erfüllte Räume, bei Rettungsarbeiten in Bergwerken mit Stickluft, bei Brunnengasen und dergleichen.
Nobody hatte sich für den Apparat höchlichst interessiert, er selbst hatte sich eine halbe Stunde in das Wasserfaß gesetzt, es war sofort bei ihm beschlossen gewesen, Geld und eignen Scharfsinn daranzusetzen, um den Apparat so weit zu vervollkommnen, daß man ihn auch in der Meerestiefe verwenden konnte.
Der phantasievolle Nobody sah schon, wie sich sein Detektivberuf auch auf den Meeresboden erstreckte.
Aber zu dem, was er jetzt vorhatte, war ja der Apparat schon wie geschaffen, da brauchte er gar nicht erst verbessert zu werden. Der Erfinder garantierte für eine Wirksamkeit von zehn Stunden, und die Granate mit komprimierter Luft konnte immer wieder durch eine neue ersetzt werden, ohne daß man den Helm zu lösen brauchte. In den Handel gekommen waren die Apparate noch nicht, doch der Erfinder besaß einige perfekte Modelle, Nobody hatte sie ausgestellt gesehen.
Er sagte also nichts hiervon, er suchte sofort Petersen auf, erzählte demselben, was ihm soeben mitgeteilt worden war, sowie von den Tauchapparaten.
»Ich frage telegraphisch an, ob solch ein Apparat zu haben ist, und wenn alles klappt, kann er in vierzehn Tagen hier sein.«
»Hm. Und ich? Da müßte ich doch eigentlich auch so ein Ding auf dem Kopfe haben,« meinte Wilhelm Petersen nachdenklich.
»Das ist es ja eben, was ich fragen wollte!« rief Nobody erfreut. »Also Ihr wollt mich wiederum begleiten?«
»Selbstverständlich! Wir müssen auf der Insel gewesen sein, bevor die andern Wind von diesen Apparaten bekommen. Ich nehme einen großen Sack mit, wo ich alle die Dukaten hineinstopfe, die ich in den Schiffswracks finde. - Das heißt ... ich weiß nicht recht ...«
Plötzlich drückte das ehrliche Gesicht des jungen Steuermannes, der eben noch so enthusiastisch von dem Unternehmen gesprochen hatte, das größte Mißtrauen aus.
»Na, was gibt es? Was habt Ihr für ein Bedenken?«
»Zehn Stunden hält die Luftzufuhr aus?«
»Zehn Stunden.«
»Und so lange muß man in dem Helme stecken?«
»Nun, wenn der Erfinder für zehn Stunden garantiert, so werden wir uns zur Sicherheit wohl mit der Hälfte begnügen. In fünf Stunden kann man schon viel ausrichten, ich werde mich auch mit genügend Reserve-Bomben versehen, und natürlich machen wir erst ausgiebige Proben.«
»Hm - fünf Stunden - das ist auch schon lange genug - unter so einem verflixten Helme zu stecken ... kann man denn da wenigstens rauchen?«
Jetzt merkte Nobody, wovor sich der junge Steuermann, der sonst die Verwegenheit selber war, bei diesem Unternehmen am allermeisten fürchtete, und er mußte aus vollem Halse lachen.
»Nee, Petersen, das tut mir leid, aber das hilft nichts - Euern Kalkstummel müßt Ihr für die fünf Stunden einmal aus den Zähnen nehmen!«
Das niedergeschlagene Gesicht des Mannes zeigte, wie hart ihm solch eine Bedingung ankam. Doch dann erschien wieder etwas wie Hoffnungsfreudigkeit.
»Und ... und ... priemen darf ich in der Helmtute auch nicht?«
»O, ja,« lachte Nobody. »Ihr könnt Euch beide Backentaschen mit Tabak vollpfropfen, könnt den ganzen Helm mit ›swarten Krusen‹ auspolstern, müßt nur dafür Sorge tragen, daß Ihr den Tabak mit der Zunge erreichen könnt.«
Jetzt war es eitel Sonnenschein, der sich auf dem braungebrannten Germanenantlitze mit dem weißblonden Bärtchen zeigte.
»Na, dann ist ja alles gut, dann komme ich natürlich auch mit!« rief Petersen mit wahrer Herzenserleichterung. »Das heißt, mitgekommen wäre ich ja überhaupt, aber so ist es doch bedeutend schöner.«
»Nur ausspucken dürft Ihr nicht,« setzte Nobody noch hinzu, »sonst wird das Guckfenster blind. Ihr müßt die Sauce immer hinterschlucken.«
»Das tue ich sowieso immer.«


Drei Wochen später durchschnitt abermals ein Dampfboot die Wellen des Kalifornischen Golfs. Nobody hatte es sich gekauft, als Seefahrzeug zwar immer noch klein zu nennen, aber doch bedeutend größer als die ›Lucia‹. Denn man gedachte es mit allem zu belasten, was des Mitnehmens von der Insel wert war. Eine gewisse Größe durfte das Boot nicht überschreiten, sonst würde bei der Bedienung durch nur vier Hände seine Manövrierfähigkeit gelitten haben.
Auf seine telegraphische Bestellung hatte Nobody von dem Erfinder drei Tauchapparate erhalten. Vorher hatte er sorgfältige Prüfungen angestellt. Der beste Apparat hielt vierzehn Stunden aus, der minderwertigste noch immer elf. Zur Reserve waren zehn jener Stahlbomben mitgesandt worden, welche die komprimierte Luft enthielten, und schon war ein neuer telegraphischer Auftrag unterwegs, daß der Erfinder noch mehr solcher Luftbomben anfertige und nachschicke. Denn das waren natürlich nicht solche ungefüge Granaten, wie man sie etwa bei Bierdruckapparaten anwendet, sie mußten mit ebensolcher Festigkeit eine große Leichtigkeit verbinden, hatte man sie doch auf dem Rücken zu tragen.
Nobody beabsichtigte nicht nur diese eine Fahrt, sondern wollte sein Boot so oft wie möglich mit den Strandgütern beladen, die er auf der Insel vorfinden würde - oder wir können auch gleich von Schätzen sprechen; denn wenn er auch nur den Kupferdraht barg, so hatte er schon dadurch ein Vermögen verdient.
Hierbei dürfte der geneigte Leser ein Rätsel verspüren, und das mit Recht. Nobody hatte es doch gewiß nicht nötig, sein Leben zu riskieren, in einen Kohlensäurestrom zu tauchen, wenn er auch statt Kupferdrahtes Goldbarren finden würde. Etwas andres war es vielleicht bei dem jungen Steuermann, dem konnte man es nicht verdenken, wenn er einmal sein Leben riskierte. Der brauchte bei dieser abenteuerlichen Fahrt nur 100.000 Mark zu verdienen, dann war er ein gemachter Mann, konnte als Kapitän sein eignes Schiff fahren. Wahrscheinlich aber würde er hier noch eine ganz andre Summe verdienen.
Deshalb hatte Nobody aber noch immer nicht nötig, sich und seinen Begleiter solch einer Gefahr auszusetzen. Der junge Steuermann war doch sein Freund, und Nobody, dessen Geschäftsunternehmungen wir verfolgt haben, hätte gar nicht so tief in die Tasche zu greifen brauchen, um jenem ein ganzes Schiff mit allem, was dazu gehört, einfach zu schenken.
Nein, hier lag ein ganz andrer Beweggrund vor, und wir wollen zur Erklärung ein Gleichnis heranziehen: Wenn Nobody die Wahl gehabt hätte, in einem Tage durch eine Spekulation eine Million zu gewinnen - oder aber es wurde ihm ein gesunkenes Schiff gezeigt, mit Kohlen befrachtet, 10.000 Mark an Wert, sie gehörten ihm, wenn er sie durch Tauchen heraufbeförderte ... Nobody hätte die Million fahren lassen und hätte getaucht, hätte vierzehn Tage lang gearbeitet, daß ihm sogar noch unter Wasser der Schweiß von der Stirn getropft wäre.
Es war also der Reiz der Gefahr, der Reiz am gefährlichen Gewinn. Hier so das gestrandete Gut von der geheimnisvollen, herrenlosen Insel abzuholen, jeden Augenblick mit dem Tode bedroht, und kein einziger Mensch auf der Erde wußte davon, dann vielleicht noch die Gefahr, später deswegen mit der Regierung in Konflikt zu kommen, wo Nobody natürlich nicht nachgegeben hätte, in diesem Falle sollte man etwas von ihm zu hören bekommen - das war so etwas für ihn! Und was den jungen Steuermann betrifft, so gehörte Wilhelm Petersen zu jenen Männern, welche sich nicht gern beschenken lassen.
Von der sonstigen Ausrüstung der ›Kohlensäure-Taucher‹ sei nur noch ein Apparat erwähnt, nicht gerade Nobobys eigne Erfindung, aber doch erst auf Grund von dessen chemischen Kenntnissen angefertigt. So einfach der Apparat zum Messen der in der Luft vorhandenen Kohlensäure auch war, so kompliziert würde doch seine genaue Beschreibung sein. Der Hauptsache nach war es ein Glasfläschchen, durch dessen Kork eine Röhre lief, die oben in einer Glaskugel endigte, welche mit klarem Kalkwasser gefüllt war. Wurde ein Hahn geöffnet, so lief etwas von dem Kalkwasser in die Flasche, und in diese führte noch eine zweite Glasröhre, welche am Ende einen Gummiball trug. Mittels dessen konnte Außenluft in die Flasche gepreßt werden, und wenn es nun Kohlensäure war, so entstand in der klaren Flüssigkeit augenblicklich ein Niederschlag von unlöslichem kohlensauren Kalk, sonst nicht, oder das Kalkwasser wurde nur etwas getrübt. Dies mag genügen, wir werden sehen, wie Nobody diese Meßflasche, wie wir den Apparat einfach nennen wollen, wiederholt anwendete. - -
Im Norden stieg der Magnetberg auf. Der Steuermann bestimmte die geographische Lage, in der sich das Dampfboot zur Zeit befand.
»Höchstens noch fünf Minuten, und wir befinden uns in der Region des schlafenden Todes,« sagte er dann, und er sagte es schon ganz geläufig.
Der Wind kam gerade von der Insel her, aber Nobody brauchte nicht erst den Meßapparat zu Hilfe zu nehmen, man merkte schon am freien Atmen, daß noch keine Kohlensäure in der Luft sein konnte.
Trotzdem legten die beiden schon jetzt die Kostüme an, in denen sie wirklich wie Taucher aussahen, nur daß sie noch auf dem Rücken einen umfangreichen Tornister trugen, während der wasserdichte Anzug und die schweren Stiefel mit den Bleisohlen fehlten, denn es genügte, daß der Glockenhelm am Halse mittels eines Kautschukstreifens luftdicht abgeschlossen wurde. Ferner ist erwähnenswert, daß dieser Helm nicht für Tauchversuche unter Wasser hergestellt worden war, er hatte also auch keine kompakte Form, das Glasfenster war nicht so dick, und so konnten sich die beiden recht gut verstehn, wenn sie etwas laut sprachen.
Mit voller Fahrt ging es durch das Stauwasser auf die Insel los, das Meer war hier so klar, daß man schon von weitem jedes unterseeische Hindernis erkennen konnte, und erst dicht am Ufer wurde die Fahrt immer mehr verlangsamt, bis man eine kleine, aber tiefe Bucht gefunden hatte, in welcher die Pinasse bequem anlegen konnte.
Bevor Nobody das Land betrat, ließ er einen atmosphärischen Luftstrom durch das Kalkfläschchen gehn - sofort entstand ein dicker, weißer Niederschlag!
Hier also mußte man sich schon in fast reiner Kohlensäure befinden, die nichts Lebendiges duldet, und danach sah es auch auf dem Strande aus!
Den großen Haufen von Schiffstrümmern aller Art hatte Nobody wohl erwartet, nicht aber so zahlreiche menschliche Skelette!
Das Boot wurde mittels einer Kette befestigt, die man um einen mit dem Boden verwachsenen Stein schlang, dann ließ Nobody es sich nicht nehmen, als erster an Land zu springen, worauf ihm Petersen die zehn Reservebomben reichen mußte, die an Land aufgestapelt wurden, so wie auch der dritte Tauchapparat von Bord an Land wanderte.
Denn, gesetzt nun den Fall, sie verloren durch irgend einen Zufall das Dampfboot? Dann hätten sie, von jetzt an gerechnet, nur noch neun Stunden Zeit gehabt, um sich aus den Schiffstrümmern ein Floß zu bauen, und kamen sie auf diesem nicht eher aus der Todeszone heraus, als bis ihr Tornister die letzte Luft abgegeben hatte, so waren sie unrettbar verloren.
»Woher kommen die menschlichen Skelette?«
»Die gehören jedenfalls zum größten Teil jenen Schätze suchenden Abenteurern an, welche es wagten, die Insel zu betreten, oder vielmehr schon vorher erstickten, im Boote wurden ihre Leichen hierhergetragen, es wurde von der Flut an Land gehoben und zerfiel mit der Zeit - da liegen die Schatzsucher. Dann können ja auch solche Fälle eingetreten sein, wie beinahe mit dem ›Toreador‹. Eigentliche Schiffbrüche kommen hier wohl schwerlich vor, und was sonst antreibt, das kommt sicher alles von der Nordseite, falls es sich dort zu lösen vermag.«
Soeben kamen längs der Ostküste mit der Strömung wieder einige morsche Holzplanken angeschwommen. Aber nach wertvollen Sachen brauchte man nicht zu suchen. Ein Schiffbruch war jedenfalls schon seit langer Zeit hier nicht vorgekommen, und es gibt doch wenig Stoffe, welche auf die Dauer dem Zahne der Zeit widerstehn - eigentlich nur die Edelmetalle und sogar von den Steinen wiederum nur die Edelsteine.
Sowohl Nobody, wie Petersen nahm eine Reserve-Luftbombe unter den Arm und schlugen den Weg quer über die Insel nach dem Berge ein. Wie sich Nobody mehrmals durch den Meßapparat überzeugte, befanden sie sich ständig in einem Kohlensäurestrom, dessen Höhengrenze mit der Hand nicht zu erreichen war.
Die Oberfläche der Insel war völlig eben und ganz steril. Doch nein, nicht eigentlich steril, darunter versteht man etwas andres, zum Beispiel steinharten oder salzigen Boden - hier aber hatte sich eine starke und doch lockere Humuserde gebildet, man stieß auch auf einen klaren Bach, dieser bildete sogar einen Sumpf, und doch war kein einziges Grashälmchen zu entdecken. Das machte die Kohlensäure-Atmosphäre, welche kein Tier und auch keine Pflanze duldet.
Hierbei sei eine Frage berührt, welche Petersen auch wirklich aufwarf, und die von Nobody ausführlich beantwortet wurde.
Die Pflanze braucht zu ihrer Existenz Kohlensäure, so wie die Tierwelt den Sauerstoff. Aber in einer reinen Kohlensäure-Atmosphäre geht jede Pflanze ebenso zugrunde, wie jedes Tier im reinen Sauerstoff verbrennen würde - (wenn auch ohne Flamme). Jedes Uebermaß schadet eben. Nun darf man allerdings mit Sicherheit annehmen, das kann man sogar direkt beweisen, daß in der Urzeit der Erde die Atmosphäre viel mehr Kohlensäure enthielt als jetzt, und das ist den damaligen Pflanzen und Tieren doch sehr gut bekommen. Ganz gewiß, aber das waren damals auch ganz andre Pflanzen als die jetzigen, die bedurften eben zu ihrer Existenz mehr Kohlensäure, ebenso wie die Lungen der vorsintflutlichen Tiere anders beschaffen waren.
Bald war der Fuß des Berges erreicht; der Aufstieg bot keine Schwierigkeiten, in zehn Minuten waren sie oben, standen an dem Rande eines Kraters von höchstens sechs Metern Durchmesser, dessen Tiefe sich so ohne weiteres aber nicht bestimmen ließ, indem man in ein schwarzes Loch blickte.
Daß dieses unbedingt die Kohlensäurequelle sein mußte, das zeigte der Meßapparat an.
Doch die höchste Höhe des Berges war noch nicht erreicht. Hinter dem Krater erhob sich noch einmal ein Kegel von etwa zehn Meter Höhe, und dessen Gipfel war Nobodys nächstes Ziel, denn von dort oben mußte man noch eine bessere Aussicht haben, zumal nach der Nordseite, welche der Kegel verdeckte.
Auch dieser wurde leicht erklommen, und er war oben genügend abgeplattet, daß einige Menschen nebeneinander stehn konnten.
Von hier aus konnten die beiden die ganze Insel überblicken, sie konnten auch direkt hinabsehen, dorthin, wo der Nordstrom alles antrieb, was in seine Gewalt geriet, und da allerdings türmten sich zwischen den Steinen die Trümmer von eisernen und hölzernen Schiffen turmhoch auf, und dazwischen wimmelte es von Kisten und Kasten und Fässern und Ballen.
»Sieht das dort nicht gerade aus, als wäre das ein ganz frischer Schiffbruch?« fragte Petersen, nach Westen deutend.
Auch dort hatten sich Schiffstrümmer aufgestaut, das hatten die beiden ja schon vor drei Wochen durch das Fernrohr erkennen können, aber jetzt lag dort auch noch das Wrack eines großen, eisernen Dampfers von wenigstens 1000 Tonnen, noch ganz gut erhalten, aber ein vollständiges Wrack, und das hätte den beiden damals nicht entgehn können.
»Gewiß, der hat vor drei Wochen noch nicht dort gelegen,« bestätigte Nobody, »und der kann nicht schon als Wrack durch die Strömung angetrieben worden sein, das ist ein direkter Schiffbruch.«
»Ja, als wäre der Dampfer mit voller Kraft gerade auf den Strand gelaufen.«
Petersen hatte sein Taschenfernrohr gezogen.
»Wahrhaftig!« rief er. »Da liegen auch Menschen, natürlich Leichen, aber noch vollständig angezogen!«
»Ist an dem Schiffe der Name zu erkennen?«
»Nein.«
»Nun, wir werden dann zuerst dorthinabsteigen,« meinte Nobody, der jetzt seine Aufmerksamkeit dem Krater zuwendete und sich mit der Meßflasche beschäftigte, während der Steuermann das Wrack weiter durch das Fernrohr betrachtete, seine Entdeckungen erzählend.
»Nur der Vordersteven ist eingerannt ... aber was ist denn das? Das sieht ja gerade aus, als ob in der Mitte alles herausgehoben wäre. Aha, da ist ein Kessel explodiert! Natürlich, wenn so ein ...«
Plötzlich ließ Petersen das Fernrohr fallen, daß die Gläser auf dem Steinboden zersplitterten, er machte mit den Händen hastige Bewegungen in der Luft herum, dann war es, als ob er den Helm losschrauben wollte.
»Mein Apparat funktioniert nicht!« erklang es röchelnd in dem Helm. »Ich ersticke, ich ersticke!«
Nobody hatte schon die verdächtigen Bewegungen gesehen, sprang hin, schraubte schnell seines Begleiters Helm los, nahm ihn ab und ... tief schöpfte der Steuermann Atem!
Erst nachträglich kam ihm zum Bewußtsein, daß dies doch nicht mit rechten Dingen zugehn könne, erstaunt blickte er Nobody an - da aber hatte auch dieser seinen Helm schon abgenommen.
»Guten Tag. Hob' die Ehr'!« scherzte Nobody, seinen Helm schwingend.
»Ja, was ist denn das?« staunte Petersen. »Das ist doch ganz frische Luft?!«
Nobody deutete nur auf die Krateröffnung unter sich, und bald hatte auch Petersen erkannt, was hier vorlag.
Von hier oben konnte man ganz deutlich beobachten, wie die Kohlensäure aus dem Krater hervorquoll, in einer zwei bis drei Meter dicken Schicht den Berg hinabkroch und sich von seinem Fuße aus über die ganze Insel verbreitete. Die Grenze zwischen der schweren Kohlensäure und der leichteren Luft war ganz scharf gezeichnet, obgleich es sich doch um zwei vollständig durchsichtige und farblose Gase handelte.
Hieran ist gar nichts Wunderbares. Dies kann man schon im kleinen beobachten, wenn man ein mit Aether gefülltes Glas gegen die Sonne hält, da sieht man auch ganz deutlich, wie der Aether verdampft, ohne sich sofort mit der atmosphärischen Luft zu mischen. Das kommt daher, weil jede Gasart das Licht anders bricht.
»Wir stehn hier auf einer Insel,« erklärte Nobody, zunächst nicht an des Steuermanns defekten Apparat denkend, »rings umgeben von Kohlensäure, denn sie quillt auch hinter diesen Kegel herum, aber hierherauf kann sie niemals kommen; denn wir sind jetzt im heißesten Monat, es ist Mittagszeit, heißer kann die Sonne überhaupt nicht brennen, und so kann sich die Kohlensäure auch nicht mehr ausdehnen, also auch nicht noch höher steigen, selbst, kalkuliere ich, wenn sich die Ausflußmenge einmal verdreifachen sollte. Hier oben brauchen wir also keinen Helm zu tragen.«
»Das ist ja famos!« rief Petersen, froh, daß er einmal außerhalb des fatalen Helmes frische Luft schnappen konnte. »Nee, das ist wirklich fa ...«
Klirr! ging es - und Wilhelm Petersen hatte in seiner Freude mit der Hacke in die Glasscheibe von Nobodys Helm getreten, den dieser einstweilen an den Boden gelegt hatte.
Nobody wußte gewiß im Augenblick, was der Steuermann getan hatte, in welch fatale, in welch schreckliche Lage sie durch diesen unvorsichtigen Tritt kommen konnten - und was sagte er?
»Das ist wirklich famos,« wiederholte er ganz gemütlich, und dann war es auch fast mehr Humor als Aerger, als er noch hinzusetzte: »Zum Deibel, habt Ihr denn hier oben nicht genug andern Platz zum Herumtrampeln? Was müßt Ihr denn gerade in mein Schaufenster reintrampeln?«
Jetzt schien auch Petersen die Situation zu begreifen, er verfärbte sich plötzlich.
»Es geschah wirklich nicht mit Absicht!« konnte er im ersten Schrecken nur hervorstammeln.
Da brach Nobody auch noch in ein herzliches Gelächter aus.
»Wirklich nicht? Ihr seid ein guter Kerl! Aber mit dem Absatz seid Ihr hineingetreten! Na, da müssen wir eben aus den beiden halben Apparaten einen ganzen zusammenflicken, und dann geht einer hinunter und holt den dritten Apparat. Das wäre aber eine nette Geschichte, wenn wir jetzt nicht den Reserve-Apparat mithätten!«
Nobody setzte sich hin und untersuchte erst des Steuermanns Apparat. Den Defekt fand er, er lag in der Luftzuführung, im Ranzen, aber von einer Reparatur konnte keine Rede sein, an dem komplizierten Mechanismus war etwas gebrochen.
»Dann bleibt richtig nichts andres übrig, als die beiden Teile zusammenzuflicken, meinen Ranzen und Euern Helm - so, das geht ja auch, hier schraubt man los - nun dies hier ... sakra, das sind ja zwei ganz verschiedene Modelle!!!«
Noch einmal probierte Nobody, dann stand er phlegmatisch auf, stemmte die Arme in die Hüften und drehte sich langsam im Kreise herum.
»Schöne Aussicht. Wirklich sehr schöne Aussicht hier oben!«
»Um Gott!« stammelte der Steuermann. »Wir sind doch nicht etwa ...«
Er wagte den Gedanken gar nicht auszusprechen. Nobody kam ihm zu Hilfe.
»Natürlich sind wir. Wir können jetzt Robinsons spielen. Bloß daß unsre Insel nur drei Schritte lang und zwei Schritte breit ist. Ja, da hilft nun alles nichts - ans Meer hinab können wir nicht mehr. Uns umgibt anstatt Meerwasser Kohlensäure.«
»Und ich ... und ich ...«
»Bah, macht Euch keine Vorwürfe. Ja, Ihr habt mir sogar eine große Gefälligkeit erwiesen. In so einer Patsche sitzen, wie in dieser hier, das ist gerade so nach meinem Geschmack. Mensch, bist du Gottes Sohn, dann hilf dir ... selber wieder heraus. Solch eine famose Gelegenheit kommt nur leider so selten. Denn etwa, wie in diesem Falle, den Tauchapparat mit Absicht zerbrechen - nein, das tue ich denn doch nicht, das finde ich ... gotteslästerlich. Aber daß Ihr nur so aus Versehen in den Helm getrampelt seid, nachdem schon der andre Apparat in die Brüche ging, das finde ich nun wirklich ausgezeichnet, ich bin Euch für Eure Tolpatscherei wirklich dankbar. - Na, Steuermann, nun strengt mal Euern Gehirnkasten an. Wie kommen wir unter solchen Verhältnissen wieder hinab an unser Boot und hinaus aus der Zone des schlafenden Todes?«
Es war wunderbar, wie erfrischend solche Worte wirkten. Auch der leichte Ton trug viel mit dazu bei. Der Steuermann hatte die Lage nun vollständig erkannt, sie war trostloser, als sie auf der nacktesten Felsenklippe sein konnte. Dort hätte man sich wenigstens ins Meer stürzen können, man hätte einen kühlen Tod gefunden - hier mußte man entweder in der Sonnenglut langsam verschmachten oder freiwillig ersticken. Wirklich, wenn Petersen allein gewesen, er hätte sich lieber gleich dort den Felsen hinabgestürzt; er gestand es dann ganz offen, so trostlos war ihm seine Lage erschienen.
Jetzt, auf diese ermunternden Worte hin, überlegte er kaltblütig, und er entsann sich, daß er doch schon einmal die Insel betreten hatte, ohne Atemnot verspürt zu haben.
»Ja, damals habt Ihr Glück gehabt. Wie der Wind jetzt weht, bestreicht der Kohlensäurestrom die ganze Insel. Und wenn der Wind nun tagelang so bleibt, was für gewöhnlich auch der Fall ist? Wo habt Ihr wenigstens Trinkwasser, um bei dieser Sonnenglut abzuwarten, bis sich der Wind dreht?«
Es war der einzige Rettungsgedanke gewesen, den Petersen hatte finden können, und er war sofort widerlegt worden.
»Aber Ihr wißt einen Ausweg?«
»Ja, ich weiß einen.«
»Nobody, die Neugier ist sonst nicht gerade meine Schwäche, aber in diesem Falle bitte ich Euch herzlich, mich nicht erst lange raten zu lassen.«
Nobody deutete auf den Krater.
»Seht! Die Höhe des Kohlensäurestromes schätze ich auf zwei und einen halben Meter. Hätte ich die Möglichkeit, mir lange Stelzen zu fabrizieren, so würde ich durchstelzen. Aber wir haben kein Holz und nichts dergleichen. Es bleibt uns nichts andres übrig, als daß einer abwechselnd auf des andern Schultern steht oder doch sitzt ...«
»Auf den Schultern stehn?« staunte der Steuermann. »Und was wird denn da aus dem unteren? Der muß doch ersticken!«
»Abwechselnd, sagte ich. Eine halbe Minute Ihr auf mir, eine halbe Minute ich auf Euch. Das muß alles fix gehn. Immer runter, immer rauf' Könnt Ihr das? Nein. Ihr seid kein Zirkusclown. Dann müssen wir die Nacht abwarten. Da können wir bequemer auf den Schultern reiten, haben sogar große Aussicht, daß wir einfach aufrecht gehn können. Weshalb in der Nacht? Weil es in der Nacht kälter ist als am Tage, in dieser Gegend sogar ganz bedeutend. Hitze dehnt aus, Kälte zieht zusammen, und bei Gasen ist der Unterschied immerhin beträchtlich. Auf alle Fälle wird die Kohlensäureschicht in der Nacht viel niedriger, und nicht nur deshalb, weil sie durch die Zusammenziehung tiefer sinkt, sondern ganz sicherlich entquillt in der Nacht dem Krater auch viel weniger Gas, als wenn die Sonne darauf brütet. Also wir müssen hier oben geduldig die Nacht abwarten, und dann, so gegen zwei herum, wenn's am kältesten ist ... Hurrah, mit Gott, für Ferscht und Vaterland! ... dann geht die reitende Gebirgsmarine zur Attacke vor.«
Der Steuermann konnte sich nicht helfen, er mußte herzlich lachen. Aber er wurde gleich wieder sehr ernst.
»Und wenn wir auf diese Weise das Boot erreichen?«
»Dann springt der oberste schnell von den Schultern des andern herunter und stülpt sich in aller Fixigkeit den Helm des dritten Apparates über, schnallt sich den Ranzen auf den Buckel - so, nun ist er feine raus, nun hat er Zeit, nun macht der in aller Gemütlichkeit Feuer unter dem Kessel an, und dann dampft er dem Winde entgegen.«
»Und der andre, der untere, der schon seit einer halben Minute nicht mehr geatmet hat? Was macht der?«
»Der klettert in aller Geschwindigkeit auf den Signalmast, und so klein der auch sein mag, höher ist er doch als zwei Menschen übereinander, und wenn er also dort oben keine frische Luft hat, dann erreichen wir ihn überhaupt gar nicht.«
»Hm,« brummte Petersen, »und wenn der dritte Apparat nun nicht funktionieren sollte? Wenn da nun auch wieder etwas bricht?«
»Mein lieber Steuermann! Ihr kennt doch die Geschichte von dem Hunde, der den Hasen nicht bekommen hatte? Ja? Na also! Wenn der Himmel einfällt, dann sind alle Spatzen tot. Verlaßt Euch darauf, das ist der einzige Ausweg aus dieser Klemme.«
Ja, Petersen sah es ein, und als er sich alles noch einmal recht überlegte, konnte er nur über die kühne Genialität oder geniale Kühnheit dieses Mannes staunen, den er seinen Freund nennen durfte.
Also wenigstens bis zur Mitternacht warten! Mit der Möglichkeit, daß man auf der Insel den Helm abnehmen konnte, hatte Nobody nicht gerechnet, ihr Aufenthalt wäre ja sowieso nur ein beschränkter gewesen, und so hatten sie auch weder Wasser noch Proviant mitgenommen, sie hatten sich vor dem Anlegen des Tauchapparates noch einmal satt gegessen und getrunken.
Aber verschiedenes andre hatte Nobody mitgenommen, so zum Beispiel Hammer und Meißel, und er begann jetzt in den Stein seine Initialen einzuhauen. Während dabei die Splitter spritzten, hatte er immer etwas zu erzählen.
»Wißt Ihr, Steuermann, warum ich hier so kräftig haue? Ich könnte mir doch Zeit nehmen, brauchte nicht so furchtbar zu kloppen!«
»Nun?«
»Ich bilde mir ein, dieser Stein ist der Erfinder der höllischen Tauchapparate, den bearbeite ich.«
Das soll nur eine Probe sein, wie Nobody seinem Leidensgefährten und sich selbst die Zeit durch Scherze zu vertreiben wußte.
Die Stunden vergingen. Die schrägstehende Sonne brannte womöglich noch fürchterlicher auf das kleine Plateau herab, in welches Nobody noch immer meißelte. Petersen konnte nicht mehr liegen und sitzen, er kletterte auf dem Kegel herum, soweit es die Zone des Todes gestattete.
Es war gegen vier Uhr, als er wieder einmal auf das Plateau kam. Eine Zeitlang sah er schweigend dem Meißelnden zu.
»Ich bin ein Mensch,« begann er plötzlich mit heiserer Stimme.
Mit scheinbarer Verwunderung blickte Nobody auf.
»Ich dito. Da habt Ihr keinen Vorzug vor mir.«
Aber der Scherz wirkte jetzt nicht mehr. In des jungen Steuermanns Augen glühte es unheimlich.
»Ich bin kein Schwächling ...«
»Wollt Ihr mir sagen, daß Ihr Durst habt?«
»Das ist's!« platzte Petersen heraus. »Mich quält ein furchtbarer Durst!«
»Und ich habe Euch gesagt, daß ich ebenfalls ein Mensch bin - mir geht's nicht anders!«
Nobody stand auf, deutete mit der Hand in die Richtung des Kraters.
»Dort unten fließt Wasser.«
Er mußte die Stelle näher beschreiben, ehe Petersen das Wasser entdeckte, so ausgezeichnete Augen der Seemann auch besaß.
Es war nur ein Gerinnsel, welches dort unten über den schrägen Steinboden floß, zwar breit, aber von einer Tiefe konnte man gar nicht reden, und die Hauptsache war, daß es sich noch weit unterhalb des Kraters befand.
»Ja, jetzt sehe ich die fließende Pfütze. Was nützt uns die? Es wäre besser, Ihr hättet sie gar nicht erst entdeckt, um mit ihr mir den Mund wässerig zu machen.«
Nobody zog ein reines Taschentuch hervor, faltete es auseinander; es war sehr groß.
»Dieses Tuch müssen wir dort unten mit Wasser tränken. Anders läßt sich dasselbe nicht schöpfen.«
Starr blickte der Steuermann hinab. Das Wasser befand sich wenigstens zwanzig Meter tief - man bedenke, etwa vier Stockwerke!
»Ja, aber wie soll ein Mensch da hinunterkommen?«
»Tauchen,« lautete die lakonische Antwort.
»Bis da hinab, das Tuch tränken, und wieder herauf? So lange den Atem anhalten? Das bringt kein Mensch fertig!« rief Petersen mit Ueberzeugung.
»Es ist die einzige Möglichkeit, um Wasser zu erhalten, und ich will's riskieren. Nein, ich will's versuchen. Zu viel riskieren darf ich nicht, denn einer allein wäre hier oben unrettbar dem Tode verfallen, dann würde heute nacht das Reittier fehlen. Ich kann den Atem bequem eine Minute anhalten, bringe es auch zu anderthalb Minuten. Dabei ist nämlich zu bedenken, daß ich mit dem Körper kräftig zu arbeiten habe, wodurch die Lunge vielmehr Sauerstoff verbraucht, als bei völliger Ruhe. Also ich zähle in Gedanken sekundenweise bis dreißig, und habe ich bis dahin das Wasser nicht erreicht, dann muß ich umkehren - Euretwegen, und dann müssen wir eben bis zur Nacht ohne Wasser aushalten. Aber ich kalkuliere, ich werd's vollbringen.«
Ohne ein Wort weiter zu verlieren, stieg Nobody, das Taschentuch in der Hand, den Kegel hinab, bis ziemlich an den Krater. Hier blieb er stehn, natürlich noch außerhalb der tödlichen Zone, schöpfte tief Atem - und dann sah der Steuermann ihn springen. Aber wie er sprang! Nein, das war kein Springen, das war ein Stürzen, nur daß der Stürzende dabei das Gleichgewicht behielt. Am Rande einer schiefen Ebene duckte er sich plötzlich mitten im Sprunge zusammen und schoß so, zur Kugel zusammengekauert, mit der zunehmenden Geschwindigkeit eines fallenden Steines auf der glatten Fläche hinab - und dann hatte er die Wasserstelle erreicht.
Schnell wischte er mit dem Tuche am Boden hin und her, und Petersen wunderte sich, daß er dabei immer nach oben blickte. Das Tuch hatte sich vollgesaugt. Nobody trat den Rückweg an, und jetzt verwandelte er sich in einen Steinbock mit ehernen Füßen und federnder Schnellkraft. Auch hier konnte das Auge seinen Bewegungen kaum folgen, es schien unmöglich zu sein, daß ein Mensch die schiefe Ebene auch wieder hinaufkam, wo sich dem Fuße doch nicht der geringste Anhalt bot, und doch brachte er es fertig - und dann war er wieder oben!
Nur ein einziger tiefer Atemzug und ...
»Mach's Maul auf!« erklang es in gemütlichem Tone.
Der junge Steuermann, wirklich dem Verschmachten schon nahe, bückte sich, kniete gleich nieder, bog den Kopf zurück und öffnete den Mund, und Nobody, das Tuch ausringend, ließ in den geöffneten Mund geschickt eine grauweiße Sauce laufen.
»Ah, das schmeckt!« atmete Petersen auf, als Nobody im Ausringen eine Pause machte.
»Das glaube ich wohl, das ist auch eine vortreffliche Suppe - da ist doch die Stärke vom ganzen Taschentuch drin.«
Doch Petersen war jetzt nicht für Witze empfänglich, er dachte zunächst auch an den, der ihm diesen Labetrunk spendete.
»Und Ihr?«
»Was?«
»Soll ich Euch nicht das andre aus dem Tuche in den Mund ringen?«
»Mir? Nee! Nee!« Und Nobody tat, als schüttelte er sich vor Grauen. »Für mich weiß ich etwas Besseres. Ich habe nämlich von unten gesehen, wo das Wasser herkommt - natürlich immer von oben - und da bildet es einen kleinen Wasserfall, gar nicht weit von hier, und da werde ich mir meinen Trunk lieber von dort holen.«
Nobody sprach's, hatte Petersens Helm ergriffen und war wieder vom Plateau verschwunden, diesmal aber einen andern Weg nehmend.
Wenn gesagt wurde, diese höchste Erhebung sei ein Kegel, so sollte nur ungefähr seine Form beschrieben werden. So ganz glatt war der Kegel nicht, er besaß Klüfte und Vorsprünge genug, besonders in der Nähe des Kraters, also schon in der Kohlensäurezone, und hinter solch einem Vorsprung verschwand Nobody.
Zu der Taucherausrüstung gehörte auch eine Uhr, an einem ledernen Armband getragen; zufällig hatte Petersen daraufgesehen, wie Nobody abermals hinabsprang; der Sekundenzeiger hatte soeben eine neue Umdrehung begonnen.
Eine halbe Minute verstrich, Nobody kam noch nicht wieder zum Vorschein. Dreiviertel Minute, eine Minute! Jetzt aber wurden die Sekunden für den Wartenden zu Minuten, er zählte:
»69 - 70 - 71 - 72 ...«
Petersen trat an den Rand des Plateaus.
»Nobody, um Gottes willen, Nobody!!«
Unterdessen waren anderthalb Minuten vergangen, und länger konnte Nobody es doch ohne Luft nicht aushalten!
»Nobody! Nobody!!!«
Alles totenstill, und der junge Steuermann fühlte, wie ihm am ganzen Körper plötzlich der Angstschweiß hervorbrach.
Die zweite Minute war voll geworden.
»Gott im Himmel, sei gnädig ...«
Ein keuchender Laut hinter ihm, und Nobody war wieder auf dem Plateau. Er war von der andern Seite heraufgekommen. Aber den Helm hatte er nicht wieder mitgebracht. Furchtbar arbeitete seine Brust. Doch es währte nicht lange, dann hatte er sich wieder etwas beruhigt; er erhob sich.
»Sapperlot, jetzt wär's mir bald an den Kragen gegangen!« keuchte er ruckweise hervor. »Ich hatte mich verlaufen, das heißt, ich sah eine Höhle - aber hinten offen - hielt es für den nächsten Weg - hatte mich geirrt - kam nicht durch das Loch - mußte wieder umkehren ... na, die Hauptsache ist, daß ich wieder oben bin!«
»Und der Helm?«
»Der läuft unterdessen voll. So fix geht das nicht!«
Während er seine Lungen sich beruhigen ließ, nahm er aus dem Blechranzen des Steuermannes den unbrauchbar gewordenen Mechanismus heraus.
»Wohin wollt Ihr? Ihr wollt doch nicht etwa ...«
»Ganz gewiß. Wasser will ich holen, erst den Helm, und da setze ich gleich wieder den Blechkasten darunter, daß der einstweilen volläuft. O, jetzt ist keine Gefahr mehr dabei, jetzt kenne ich den Weg, und die Quelle ist gar nicht weit von hier.«
Fort war er wieder, und richtig, schon nach einer halben Minute brachte er den mit Wasser gefüllten Helm zurück, und da es keine besondere Leistung ist, den Atem eine halbe Minute anzuhalten, so konnte er jetzt nach Belieben Wasser holen.
Es schmeckte köstlich, war mit Kohlensäure gesättigt, und wenn es nicht perlte, so kam es nur daher, weil es eiskalt war.
»Magnetwasser. Wer diese Quelle auszubeuten versteht, wird im Handumdrehen ein Millionär.«
Jetzt ließ es sich hier oben recht gut aushalten. Petersen griff zu Meißel und Hammer, um auch seinen Namen einzugraben, und Nobody zog sein Notizbuch und begann offenbar zu zeichnen. Er blickte dabei oft nach dem Steuermann.
»Was zeichnet Ihr da? Doch nicht mich?«
»Jawohl. Und ich komme auch mit darauf. Ich verewige die Situation, wie Ihr vorhin die Stärkekleistersuppe schlucktet.«
Nobody konnte ausgezeichnet skizzieren. Das hier war eine Karikatur, aber mit deutlichen Köpfen. Petersen lag auf den Knien, zurückgebeugt, den Rachen unmenschlich weit aufgerissen, die Zunge weit heraus, und Nobody stand über ihm und rang unter furchtbarer Anstrengung ein Taschentuch aus, schon mehr ein Handtuch - rang, daß ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, und zwar ebenfalls in Petersens Mund hinein. -
Die Nacht brach an, eine finstere Nacht ohne Mond und mit bedecktem Himmel. Im Norden flammte der Leuchtturm von Santa Topina auf, hin und wieder sah man die Topplaterne eines Dampfers oder das rote und grüne Seitenlicht eines Seglers sich bewegen, aber immer sehr weit von der Magnetinsel entfernt.
Stundenlang beschäftigte Nobody sich damit, zu konstatieren, wie nach und nach die Kohlensäureschicht immer mehr fiel. Für jeden Versuch genügten stets wenige Tropfen seines großen Vorrats an Kalkwasser, und um die Wirkung sehen zu können, benutzte er seine Benzintaschenlampe.
Petersen hatte sich oben hingelegt, um bis Mitternacht zu schlafen, denn eher wollte Nobody den Versuch, das Plateau zu verlassen, nicht wagen, aber er fand keinen Schlaf, und so beobachtete er das Lichtchen, welches unter ihm sich hin- und herbewegte, anscheinend auch immer tiefer hinabging.
»Donnerwetter, sieht denn das nicht bald aus, als ob sich Nobody schon unterhalb des Kraters befände?« brummte Petersen. »Freilich kann man sich bei solcher Finsternis auch sehr täuschen.«
Da kam das Lichtchen wieder herauf, Nobody betrat das Plateau.
»Petersen, ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sagte er flüsternd, und es klang fast feierlich.
»Und das wäre?«
»Aus dem Krater quillt keine Kohlensäure mehr.«
Mit gleichen Füßen sprang der Steuermann empor.
»Da können wir also jetzt nach dem Dampfboot zurückkehren, ohne gegenseitig auf den Schultern zu reiten?« rief er.
»Jawohl, das können wir! Aber versteht Ihr nicht, was hier vorliegt? In der Nacht haucht der Krater überhaupt keine Kohlensäure aus, da versiegt die Quelle gänzlich, jede Nacht!«
»Nicht möglich! Woher wollt Ihr das wissen?«
»Durch meine Beobachtungen. Schon als die Sonne sich dem Horizonte näherte, sank die Kohlensäure Zoll für Zoll, und noch schneller ging es, als die Sonne untergegangen war und die Kühle der Nacht anbrach. Ja, ja, es ist so! Und das ist nicht etwa einmal eine Ausnahme! Das Ausdehnungsvermögen der Gase bleibt doch immer dasselbe. Nur in der Tageswärme, und ganz besonders, wenn die Sonne direkt hineindringt, entströmt dem Krater die Kohlensäure, eben infolge ihrer Ausdehnung durch die Wärme; und am kühlen Abend tritt sie langsam wieder zurück, bis sie gar nicht mehr den Rand des Kraters erreicht. - Petersen, begreift Ihr, was ich ... was wir entdeckt haben?! Wir beide sind die ersten Menschen, welche um dieses Geheimnis wissen! Schon seit Jahrhunderten, seitdem der Mensch die Isola magneta kennt, hält er sie für unbetretbar, weil auf ihr ein Kohlensäurestrom, weil auf ihr der schlafende Tod herrscht. Petersen, wir haben den schlafenden Tod besiegt, wir haben diese verzauberte Insel von ihrem Banne befreit; durch uns wird man sie betreten können, und wenn auch nur bei Nacht, so genügt das doch, um alles Strandgut in Bequemlichkeit zu bergen und, wenn man will, diese Insel als ein Hindernis der Schiffahrt in die Luft zu sprengen! Petersen, wißt Ihr nun, was für einen kolossalen Erfolg unsre abenteuerliche Fahrt gehabt hat?«
Nobody befand sich in einer ganz ungewöhnlichen Aufregung, doch sie war berechtigt, und auch Petersen als Seemann verstand jetzt, was sein Begleiter da für eine hochwichtige Entdeckung gemacht hatte. Der erste Mensch, welcher erkannt hatte, daß die Todesinsel während der Nacht nicht zu fürchten sei! Freilich dachte der junge Steuermann jetzt mit mehr Vergnügen an die Aussicht, nun wieder an Bord des Dampfers zurückkehren zu können, ohne dabei wie die Clowns auf den Schultern voltigieren zu müssen.
Unverzüglich traten beide den Rückweg an. Nobody sandte einen hellen Blendstrahl voraus, und noch oft genug zog er den Meßapparat zu Rate. Keine Spur mehr von überschüssiger Kohlensäure in der Luft.
»Hierhin müssen wir, dort liegt unser Dampfer,« sagte Petersen am Fuße des Berges.
»Nein, wir wollen erst einmal zu dem gescheiterten Wrack, es ist ja auch nur ein kleiner Umweg, und wenn Ihr Hunger habt, findet Ihr auch dort etwas zu essen. Wir werden überhaupt jetzt immer die Nächte ausnützen und am Tage schlafen, und anstatt der Tauchapparate müssen wir uns große Blendlaternen anschaffen.«
Sie waren noch auf der Mitte des Berges, als plötzlich beide wie angewurzelt stehn blieben.
Was war das? Dort, wo der gestrandete Dampfer liegen mußte, huschten kleine Lichtchen hin und her!
»Die Toten stehn wieder auf!« brachte der Steuermann mit zitternder Stimme hervor.
»Unsinn,« knurrte Nobody ärgerlich, »das werden Strandpiraten sein. Verdammt, da ist mir doch schon jemand mit der Entdeckung, daß man die Insel bei Nacht betreten kann, zuvorgekommen! Vorwärts, ich muß wissen, wer das ist!«
Sie hatten nur nötig, die kleine Laterne zu verlöschen, und unentdeckt konnten sie sich so dicht heranschleichen, daß sie die Gesichter erkennen konnten.
Sie zählten neun Laternen, welche sich teils an Deck, teils an Land herumbewegten, es konnten jedoch auch noch mehr sein, ab und zu verschwand eine im Innern des Schiffes, und die erste Gestalt, die sie in ihrer vollen Größe erkannten, war die Lopez', des alten Leuchtturmwächters!
»Verflucht, wer hätte das gedacht!« knirschte Nobody.
Mit was die Männer beschäftigt waren, das hörte man aus ihrer Unterhaltung.
»Hier liegt noch einer.«
»Das ist der englische Kapitän.«
»Aha, endlich haben wir ihn gefunden!«
»Gold hat er nicht in den Taschen.«
»Aber die Schiffskasse ist voll, Juan ist schon beim Zählen. Hei, das war ein Fang!«
»Ich bekomme seinen Ring nicht runter.«
»Schneide doch den Finger ab!«
Ein andrer Laternenträger näherte sich den Leichenplünderern. Er war, wie sich gleich ergab, sozusagen der technische Leiter des Unternehmens.
»Besser konnte der Dampfer gar nicht aufrennen, Vater,« sagte er. »Ich denke, wir lassen es jetzt bei dieser falschen Peilung.«
Die beiden Lauscher hatten ruhig beobachtet, wie hier Marodeure die Leichen plünderten; daß Finger abgeschnitten wurden, wenn der Ring nicht abging, ließ auch den jungen Steuermann nicht besonders zusammenschauern, man hatte eben Strandpiraten vor sich; aber als das Wort ›falsche Peilung‹ fiel, da zuckten sie beide zusammen, ihre Hände suchten sich, und wenn sie sich auch nicht sahen, so fühlten sie doch förmlich, wie sie einander mit entsetzten Augen anblickten. Denn beide waren Seeleute und wußten, was eine falsche Peilung zu bedeuten hat. Wir werden es gleich kennen lernen.
Sie beobachteten weiter, wie die Insulaner das Schiff ausplünderten, sich wenigstens zuerst an das kostbarste Gut hielten, welches sie in das große Ruderboot verluden, das Nobody damals am Leuchtturm hatte liegen sehen.
Noch weit vor Tagesanbruch ruderten sie davon, um sicher nächste Nacht wieder zurückzukehren, und auch Nobody mußte daran denken, sich von der Insel zu entfernen; denn bei Sonnenaufgang würde wieder die Kohlensäurequelle in Tätigkeit treten.
Sie begaben sich nach ihrem Dampfboot und fuhren davon. Nobodys Entschluß war gefaßt.


Die Erregung war eine kolossale, nicht nur unter den mexikanischen Fischern, nicht nur im ganzen Lande Mexiko, sondern unter allen seefahrenden Nationen, und am stärksten vielleicht in England.
Es wurde von gar nichts andrem mehr gesprochen als von der Behauptung, mit welcher der berühmte und so geheimnisvolle Detektiv Nobody wieder einmal an die Oeffentlichkeit getreten war - und von der Konstatierung, daß seine schier ungeheuerliche Behauptung auf buchstäblicher Wahrheit beruhte.
Diese Behauptung, die er nicht nur der Regierung von Mexiko vorgelegt, sondern die er gleich in die ganze Welt geschleudert hatte, lautete:
»Der Leuchtturmwärter von Santa Topina im Kalifornischen Golf verändert manchmal in der Nacht das ihm anvertraute Leuchtfeuer! Er bringt die große Petroleumlampe auf einem an der entgegengesetzten Seite der Insel stehenden hohen Baume an. Dadurch ergibt sich natürlich für die Schiffe, welche sich nach dem Feuer des vermeintlichen Leuchtturms richten, eine falsche Peilung, und zwar müssen alle die Schiffe, welche zwischen Santa Topina und der lsola magneta hindurchfahren, direkt auf letztere laufen und dort scheitern. Das liegt natürlich in der Absicht des Leuchtturmwächters und seiner Sippschaft, denn diese wissen, wie auch ich konstatiert habe, daß in der kühlen Nacht die Kohlensäure aus dem Krater zu fließen aufhört, und so fahren sie unter dem Schutze der Dunkelheit im Boote nach der Magnetinsel und plündern die gestrandeten Schiffe, deren Mannschaften wohl in der Nacht am Leben blieben, mit Tagesanbruch aber stets dem Kohlensäurestrom zum Opfer fielen.«
Das war die Behauptung, welche Nobody in die Welt schleuderte. Und die Aufregung, zumal in den verantwortlichen Beamtenkreisen, war eine so große, daß gar niemand mehr daran dachte, daß dieser amerikanische Detektiv sich zuerst doch für den Lord Hamilton ausgegeben hatte.
Im Augenblick seiner Verhaftung beging der alte Lopez Selbstmord, er zerschmetterte seinen Schädel an der Mauer des Leuchtturms. Sein Tod hatte nichts zu sagen, vielleicht war dieses Zeugnis seiner Schuld sogar gut, denn um so geständiger waren jetzt seine Kinder und Kindeskinder, und diese wußten alles - nur eins nicht, was für den Richter auch nicht von Belang war, aber doch ein großes Geheimnis, welches der Alte nun mit sich in den Tod hinübergenommen hatte.
Woher hatte der alte Leuchtturmwärter gewußt, daß die Magnetinsel während der Nacht gefahrlos zu betreten war?
»Unser Großvater war der Herr des schlafenden Todes!«
Etwas andres bekam man aus der Sippschaft nicht heraus. Hier war eben wieder Aberglaube im Spiel, wie die Kinder und Kindeskinder dem Alten überhaupt eine beinahe abgöttische Verehrung zollten.
Wie gesagt, für den Richter hatte das ja auch nichts zu bedeuten. Als vor etwa vierzig Jahren dieser Leuchtturm gebaut worden war, hatte man Lopez als Wächter vereidigt; er war mit seiner jungen Frau auf Santa Topina gezogen, und so weit sich die Kinder, jetzt aber auch schon gesetzte Männer, entsinnen konnten, waren sie mit dem Vater in mondlosen Nächten hinübergefahren nach der Magnetinsel und hatten sich angeeignet, was Schiffbruch und Strömung an Land gebracht, sich wenigstens das Wertvollste davon aussuchend, und so war es jahraus, jahrein gegangen, und wenn sich die Söhne von andern Inseln Weiber holten und Schwiegersöhne gebraucht wurden - man war gar vorsichtig in der Wahl gewesen - dann wurden sie eingeweiht, und sie waren gern zufrieden, Mitbesitzer des Geheimnisses zu werden. Später brauchte dasselbe gar nicht mehr Fremden preisgegeben zu werden, die Geschwisterkinder heirateten untereinander.
Es war ein gefährliches Geschäft, welches sie ohne Erlaubnis der Regierung nächtlicherweile trieben. Zwei kräftige Männer hatten im Laufe der Zeit dabei ihr Leben eingebüßt. Denn auf den andern Seiten der Magnetinsel trieben fast nur Holzplanken an, der eigentliche Hauptreichtum lag dort, wo der Nordstrom anprallte und die Brandung wütete, und dabei begnügten sich die Insulaner doch damit, nur oberflächlich die Schiffstrümmer zu durchsuchen, an ein Bergen der schweren Kisten und Fässer war bei ihren primitiven Hilfsmitteln gar nicht zu denken, sie suchten nur nach der Schiffskasse und nahmen den Leichen die Ringe ab und das Geld aus der Tasche, fanden wohl auch einmal eine Uhr, besonders wenn ein größeres Schiff angetrieben worden war, nicht nur ein armseliges Fischerboot, obgleich sie auch immer den Fischern goldene und mehr noch silberne Ringe abnehmen konnten, denn der ärmste Mexikaner opfert den letzten Piaster, um sich wenigstens mit einem halben Dutzend silberner Ringe schmücken zu können.
Auf Santa Topina fand man einen versteckt angelegten Keller, der förmlich vollgepfropft war mit goldenen und silbernen Ringen, Uhren, buntseidenen Tüchern und dergleichen Tand. Was sie damit machten? Verkauft wurde nichts. Da hätte doch ein Zwischenhändler eingeweiht werden müssen. Die Insulaner dachten überhaupt gar nicht an ein Verkaufen. Sie schmückten sich auch nicht damit, trugen gar kein Verlangen danach. Diese Insulaner waren eben samt und sonders vom Geizteufel besessen, und dem Geizigen genügt es doch, seine Schätze zu zählen und zu vermehren, ohne daß er einen Vorteil davon hat.
Dann fand man noch einen andern Keller, in dem wohlgeordnet Anzüge, Stiefel, Hüte und andre Garderobestücke aufgeschichtet lagen, und schließlich kam man auch zu einem unterirdischen Geldschrank, der Gold-, Silber- und Kupfermünzen aller Länder barg, ungefähr 26.000 Mark an Wert. Vierzig Jahre lang war an dieser Summe gesammelt worden, und dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die Schiffe selten große Summen an Bord haben, wenigstens nicht in bar, und Papiergeld hatten die Insulaner niemals beachtet. Auch von diesem baren Gelde hatten sie durchaus keinen Vorteil gehabt, es genügte ihnen, ihre Schätze durch die Finger laufen zu lassen und immer wieder neu zu ordnen. Der einzige direkte Nutzen, den sie aus den gestrandeten Schiffen zogen, bestand höchstens einmal aus einem Fasse Pökelfleisch, einer Dose Biskuits, aus Wein und Schnaps, ohne daß sie dabei unmäßig wurden.
So hatten sie es bis vor einem halben Jahre getrieben, also ohne ein eigentliches Verbrechen zu begehn. Aber es hatte nur der Versucher gefehlt.
Einem Matrosen von dem kleinen Dampfer, der monatlich Petroleum und den Lohn in Naturalien brachte, hatte es eine schöne Insulanerin angetan. Nein, man wollte keinen Fremden auf der Insel haben, ebensowenig einen Mitwisser fortlassen, und das Mädchen war gehorsam. Aber der Matrose verunglückte einmal beim Anlegen, er mußte zurückgelassen werden, wurde gepflegt, man gewöhnte sich an ihn und erkannte, daß José recht gut zu der Sippschaft paßte. So heiratete er das Mädchen und blieb auf der Insel.
Die Insulaner konnten wohl ein Boot rudern, aber Seeleute waren sie nicht, während José ein richtiger Seemann war. Der kam bald auf eine sehr gute Idee.
»Was auf der Isola magneta strandet und angetrieben wird, das sind meistenteils doch nur Fischerboote und andre armselige Fahrzeuge, und ihr könnt nicht einmal dazu. Ihr müßt große Dampfer nach der Magnetinsel locken, daß sie dort scheitern. Wie man das macht? Ganz einfach, indem man das Leuchtfeuer verändert, so daß das Schiff falsch peilt. Ich will es euch zeigen.«
Und der geriebene Matrose, der oft genug, wenn er am Steuerrad gestanden, die Steuerleute beobachtet hatte, machte eine indirekte Peilung.
Ein Leuchtfeuer ist nicht nur dazu da, um dem Schiffer in finsterer Nacht zu sagen: hier ist eine gefährliche Stelle - sondern es dient dem Schiffer zugleich als ein Orientierungsmittel, um sich um ein Hindernis herum und durch Klippen hindurchzuwinden, das Leuchtfeuer spielt die Rolle eines künstlichen Sternes, der in Verbindung mit den Fixsternen am Himmel ein Sternbild ergibt.
Wie man sich zu orientieren hat, das ist alles ganz genau auf der Seekarte und in Handbüchern angegeben. Der Schiffer zieht im Geiste eine Linie zwischen dem Leuchtfeuer und einem gewissen Stern, und indem er seinen Kompaß gegen diese Linie in einen gewissen Winkel bringt, windet er sich, alle Vorschriften genau befolgend, zwischen den dichtesten Klippen hindurch. Diese Operation ist es, welche man Peilung nennt.
Nun stellte sich José vor, er befände sich draußen auf See auf einem Schiffe, und rechnete so aus, wo sich das Leuchtfeuer von Santa Topina befinden müsse, wenn sein Schiff nach der vorschriftsmäßigen Peilung direkt auf die Magnetinsel zurennen solle, anstatt sicher zwischen den beiden Inseln hindurchzugleiten.
Ungefähr hatte er das bald herausgefunden, auf alle Fälle kam eine der hohen Pinien, welche zum Schutze gegen den Wind auf der Nordseite der Insel angepflanzt waren, für seinen Zweck in Betracht; nach einer nochmaligen Berechnung wählte er eine bestimmte, und als sich einmal die Topplaterne eines vorüberfahrenden Dampfers zeigte, wurde die Petroleumlampe von dem Leuchtturm herabgenommen und an dem Baume bis zur Spitze emporgehißt.
Konnte diese Ortsveränderung des Leuchtfeuers von dem Dampfer aus nicht beobachtet werden? Gott bewahre! Solch ein einfaches Leuchtturmfeuer, aus weiter Ferne betrachtet, ist nur ein schwaches Lichtchen, scheint überhaupt immer hin und her zu tanzen. Man hätte ja auch die brennende Lampe an einem Drahte vom Turm nach dem Baume ziehen können, oder sie wenigstens auf einer hohen Stange forttragen - aber das war alles gar nicht nötig.
Und der intelligente José hatte eine ausgezeichnete, eine todsichere Berechnung entworfen! Der große englische Dampfer, welcher zwischen den beiden Eilanden hindurch wollte, rannte mit einer Wucht auf der Magnetinsel auf, daß gar nicht erst am andern Morgen die Kohlensäure zu kommen brauchte, es war sofort alles tot.
Ja, das war einmal Beute! Zwar Ringe kamen nicht viel in die Sammlung, aber desto mehr Uhren und vor allen Dingen bares Geld, und dann hatte man auch hier das Ausplündern so gemütlich.
Selbst der Himmel schien, entsetzt ob solch eines Frevels, einen zweiten Fall nicht dulden zu wollen. Bei derselben nächtlichen Fahrt verunglückte José tödlich, und am andern Tage ward jener Baum von einem Blitze gespalten.
Aber jetzt war in den Herzen der Insulaner noch eine ganz andre Gier erwacht, jetzt wußten sie in dieser Beziehung nichts mehr von Aberglauben.
Als sich wieder in einer mondlosen Nacht ein Dampfer zeigte, wurde die Lampe einfach am nächsten Baume in die Höhe gezogen.
Nun ist es aber mit der Peilung eine eigentümliche Sache. Da ist es geradeso wie mit dem Schießen. Die Visierlinie braucht nur ein wenig nicht zu stimmen, und der Schuß geht daneben. Kurz und gut, jenes Schiff schlug allerdings eine falsche Richtung ein, aber es kam in unbewußtem Glück an der Magnetinsel vorüber, und so geschah es immer wieder, so sehr sich die braven Insulaner auch Mühe gaben, die vorbeifahrenden Schiffe auf die Magnetinsel auflaufen zu lassen, und obgleich sie mit mehreren andern Bäumen Versuche machten.
Aber durch Fleiß, Ausdauer und Beobachtung kamen sie schließlich doch noch dahinter, sie fanden den richtigen Baum, wieder war es ein englischer Dampfer gewesen, der gestern Nacht sich an der Magnetinsel den Leib eingerannt hatte - und gerade da war Nobody hinter die Schurkerei gekommen!
Ein Glück, daß die Leute ein halbes Jahr Zeit gebraucht hatten, um die Teufelei wiederholen zu können, und ein Glück, daß Nobody nicht später gekommen war! Wer weiß, wie viele Schiffe die Unholde sonst noch auf den Strand gesetzt hätten, und niemand hätte eine Ahnung davon gehabt, kein Kläger wäre aufgetaucht - die Kohlensäure schläferte alles ein.


Alle erwachsenen Männer von Santa Topina wurden gehenkt, die Frauen kamen als Hehlerinnen ins Zuchthaus, die Kinder in die Korrektionsanstalt.
Nobody war wieder einmal der Held des Tages. Mit dem Erbeuten des Strandgutes war es nun allerdings nichts mehr. Aber er hatte es geschickt angefangen, gleich seinen und seines Begleiters Vorteil zu wahren. Die Entdecker erhielten von der durch die Regierung erzielten Ausbeute 30 Prozent, und es sei nur erwähnt, daß Wilhelm Petersen schon als vermögender Mann nach Hause zurückkehrte; und seine Dividenden liefen noch viel länger.
Die Bergungsarbeiten wurden des Nachts betrieben. Nobody beteiligte sich nicht daran, er benutzte den dritten Tauchapparat, der sich als dauernd brauchbar erwies, um sich vielmehr des Tages über auf der Insel herumzutreiben, mitten in dem tödlichen Kohlensäurestrom, zum Schrecken der andern.
Nobody war nun einmal in das Studium dieser Kohlensäuregeschichte hineingeraten, und nun trieb er es auch weiter, und zwar mit seiner gewöhnlichen Gründlichkeit. Bewaffnet mit Thermometer, Barometer, Hydrometer und mit andern ...metern drang er gleich bis auf den Grund des Kraters, operierte mit Fröschen und Kaninchen und Hunden. Er selbst schluckte Kohlensäure bis zur Bewußtlosigkeit und kontrollierte bis zum letzten Augenblick seinen Pulsschlag, und was er so beobachtete, mußte er doch notieren, und die Notizen mußten doch geordnet werden, und so entstand nach und nach ein ganzes Buch daraus.
»Was schreibt Ihr denn da immer?« fragte Petersen einmal.
»Ich schreibe meine Dissertation zum Kohlensäuredoktor,« lautete Nobodys scherzhafte Antwort.
Er ließ das Werkchen denn auch wirklich drucken, gab es in New-York heraus - nicht in Worlds Verlag, für den war das nichts, mit den Abenteuern auf der Magnetinsel hatte die Broschüre gar nichts zu tun, nur Kohlensäure, nichts als Kohlensäure - aber er reichte sie auch keiner Universität ein, so viel Aufhebens machte er von seinem Geistesprodukt gar nicht. Er übergab sie einem Verleger, und damit fertig, und wenn die Broschüre in einer Bibliothek ihren Platz fand, so hatte sie ihren Zweck erreicht.
Und gerade dieses trockne, wissenschaftliche Schriftchen sollte es sein, welches so gänzlich umwälzend in Nobodys Leben eingriff.

2. Die Kette der Inkas

Der deutsche Passagierdampfer ›Rheingold‹ steuerte aus dem englischen Kanal; es war das schönste Sommerwetter, die See spiegelglatt, und eben deshalb drohte die Reise gleich am Anfang langweilig zu werden. Die Passagiere der ersten Kajüte saßen auf dem Promenadendeck, man beobachtete die hier noch häufigen Schiffe, unterhielt sich, und mehr noch unterdrückte man ein Gähnen und wartete auf das Glockenzeichen, welches zur Tafel rief und wieder einmal eine Abwechslung brachte.
»Ein blinder Passagier!« erscholl da der Ruf. »Man hat in den Kohlenbunkern einen blinden Passagier gefunden!«
Solch ein Mann, der sich auf dem Schiff versteckt hat, muß natürlich zuerst vor den Kapitän gebracht werden, und da dieser verpflichtet ist, die Passagiere der ersten Kajüte als seine Gäste zu betrachten und für ihre Unterhaltung zu sorgen, wurde der entdeckte Strolch gleich auf dem Promenadendeck empfangen, um hier in Gegenwart der sich langweilenden Herrschaften examiniert zu werden. Von allen Seiten drängten sie sich schnell herbei, ein dichter Kreis war gebildet.
»Ach, das ist ja noch ein zartes Kind!« rief da auch schon eine Dame in bedauerndem Tone.
»Aber wie schmutzig!« meinte eine andre mit verzogenem Gesicht.
»Wie der Junge ausstaffiert ist!«
»Der hat doch eine Pistole im Gürtel!«
»Ja, und ein richtiges Patronenkoppel.«
»Und da in der Scheide hat er ein langes Küchenmesser stecken.«
»Und die merkwürdigen Schuhe!«
»Still, der Herr Kapitän will mit ihm sprechen!«
So scholl es durcheinander.
Es war ein halbwüchsiger, schmächtiger Junge, der von dem Heizer, der ihn zwischen den Kohlen gefunden hatte, und einem Matrosen in den Kreis vor den Kapitän geführt wurde. Man mußte sich erst an die dicke Kohlenschicht gewöhnt haben, ehe man etwas Näheres entdecken konnte. Da unterschied das Auge des Kenners zunächst, daß der ganze Anzug aus gegerbtem Leder bestand: er schmiegte sich eng an die schmächtigen Glieder an, und nicht minder auffallend war es, daß die hackenlosen Schuhe mit Perlen und ehemals bunten Stickereien besetzt waren. Um die Hüften hatte das unternehmende Bürschchen einen langen Lederriemen vielmals gewickelt; daran hing ein Futteral, aus dem der Kolben einer Pistole hervorsah - keines Revolvers, sondern einer Teschingpistole, und zwar einer fünfmillimetrigen, wie man aus den Patronen sah, die in einem Gürtel steckten, welcher quer über die Brust lief. Auf der andern Seite hing eine Lederscheide, aus welcher der hölzerne Griff eines großen Messers blickte.
Verstand man die Kohlenmaske weiter zu durchschauen, so gewahrte man ein hübsches, rotwangiges Kindergesicht, die struppigen Haare hatten offenbar eine hellblonde Farbe.
Unbefangen stand der Junge vor seinem Richter; trotzig wanderten die blauen Augen im Kreise umher, und die Dame, welche von einem ›zarten Kinde‹ gesprochen hatte, bekam einen zornigen Blick der Verachtung zugeschleudert.
Was hier vorlag, das war ja ganz klar, und der Kapitän konnte nicht lange sein strenges Richtergesicht beibehalten.
»Du bist wohl zu Hause durchgebrannt, um in Amerika Indianer zu werden?« lachte er.
Stolz richtete sich der Kleine auf.
»Nein!« rief seine helle Kinderstimme, welche Verneinung man nicht erwartet hatte.
»Was denn sonst?«
Der Kleine richtete sich noch stolzer empor.
»Indianerhäuptling!« war dann die prompte Antwort.
Nun stelle man sich den kleinen Wicht vor - ein einstimmiges Gelächter erfüllte das Promenadendeck.
Aber unerschütterlich stand der Junge in der Mitte, und jetzt war es strafende Verachtung, mit der er seine Augen umherschweifen ließ, und mit möglichst tiefer Stimme brachte er pathetisch hervor:
»Hugh, was lachen die Blaßgesichter? Der graue Bär verachtet sie!«
Das hatte nun gerade noch gefehlt. Es wurde wie in einem Tollhause gelacht. Seltsamerweise aber waren es gerade die Herren, welche über diesen Witz, den das indianerspielende Bürschchen da lieferte, am meisten lachten. Besonders unter den jüngeren der eleganten Damen gab es einige, welche gar nicht den Humor zu empfinden schienen, welche vielmehr mit dem größten, gespanntesten Interesse auf den kleinen Ausreißer herabblickten.
Woher dieses schweigende Interesse jener Damen? Was dachten sie wohl dabei? Wenn dieser abenteuerliche Junge sechs Jahre älter war, und er verstand aus sich etwas zu machen, wußte sich zu bewegen - mit dem konnten sich die romantisch veranlagten Dämchen einmal besser amüsieren als mit jenen faden Frackschwänzen, wie sie jetzt, die Hände in den Taschen, brüllend vor Lachen umherstanden.
»Der graue Bär, das bist du wohl selbst?« lachte der Kapitän.
»Mein weißer Bruder sagt es!« erklang es in unerschütterlichem Ernst zurück, was nur neues Gelächter hervorrief.
Jetzt versuchte der Kapitän wieder eine strenge Miene aufzusetzen.
»Na, nun mal Spaß beiseite! Wie heißt du? Wo bist du zu Hause? Wer ist dein Vater? Wie kommst du hier an Bord?«
Allein das Wechseln des Tones nützte bei dem phantastischen Jungen nichts, der hatte sich während seines zweitägigen Aufenthaltes im finstern Kohlenbunker schon ganz in seine Rolle als Indianerhäuptling hineingelebt.
»Ich bin der graue Bär, dem alle Siouxstämme lauschen, wenn er am Beratungsfeuer spricht,« war die stolze Antwort des Kleinen.
Der Kapitän hätte, schon zur Unterhaltung der Passagiere, auf diesen Ton eingehn, hätte den Jungen aushorchen sollen, wie er sich seinen Empfang in Amerika und die ganze Indianergeschichte dachte. Aber er fühlte sich nicht fähig, dabei ernst zu bleiben, und so konnte er jetzt auch keine ernsten Fragen stellen.
»Na,« sagte er zu den beiden Leuten, sich die Augen trocknend, »nehmt ihn mit, steckt ihn erst einmal in ein Bad, seift ihn ab. Dann wollen wir weiter zusammen sprechen. Ja, ja, Schlingel, mitnehmen müssen wir dich nun freilich, über Bord werfen können wir dich nicht, aber arbeiten mußt du für die Ueberfahrt, und von New-York aus wirst du gleich wieder nach Hause geschickt.«
Der Matrose und der Heizer wollten den Jungen bei den Armen packen.
Wohl kein einziger der Umstehenden bemerkte, was der durch die Lektüre von Indianerschmökern hirnverbrannte Junge vorhatte, daß er sich nämlich dieses Anfassen nicht gefallen lassen wollte, daß es bald zu einer Katastrophe gekommen wäre, indem der kleine Indianerhäuptling eine schnelle Bewegung nach seinem Messer machte, um dieses zu ziehen.
Es wurde dies nicht bemerkt, und das trotzige, zu allem fähige Kerlchen kam deshalb nicht zur Ausführung seines Vorhabens, weil in diesem Augenblick eine andre Hand auftauchte, eine feine, schlanke, aber muskulöse Hand, die sich schnell auf die schwarzen Finger und zugleich auf den hölzernen Messergriff legte.
»Herr Kapitän erlauben wohl, daß ich mich dieses kleinen Indianerhäuptlings annehme?«
Der Dazwischengetretene war ein feiner, schwarzgekleideter Herr, und ehe einer der Umstehenden nur einen Gedanken fassen konnte, hatte dieser den Jungen schon davongeführt, war mit ihm im Kajüteneingang verschwunden.
Und der Kapitän? Der zuckte nur die Schultern, als er sich von seinem Richterstuhl erhob.
»Well, wenn Mr. Ryland will ... ich habe nichts dagegen,« meinte er nur noch. »Er hat ja eine zweischläfige Salonkabine allein inne. Es wird wohl ein Missionar sein, und wenn er sich des Jungen annehmen will - mir kann's nur lieb sein.«
Hiermit schien die Sache erledigt. Das Verhalten des Kapitäns war aber doch recht eigentümlich. Allerdings hatte er einen Grund, gegen diesen Herrn sehr zuvorkommend zu sein.
Mr. Jonas Ryland aus New-York - so trug er sich ins Kajütenbuch ein, nichts andres - hatte in Hamburg auf dem ›Rheingold‹ schon einige Tage vor der Abfahrt für sich und einen Begleiter eine Luxuskabine bestellt, die einzige, welche es auf dem ›Rheingold‹ gab, eigentlich eine ganze Einrichtung, bestehend aus Schlafkabine, Salon, Badezimmer und eignem Klosett. Kostenpunkt für die Fahrt von acht Tagen 5000 Mark. Waren schon bezahlt.
Mr. Ryland kam kurz vor der Abfahrt des Dampfers an Bord, nicht aber sein Begleiter. Er fragte, ob er nicht eine billigere erstklassige Kabine bekommen könne, denn für sich selbst brauche er solch eine Masse kostbare Zimmer nicht. Er wolle ja gern Reugeld zahlen.
»Tut mir leid!« entgegnete der Kapitän. »Was gemietet ist, ist gemietet, und was bezahlt ist, ist bezahlt. Es müßte sich denn gerade jemand noch finden, der Ihnen die Luxuskabinen abnimmt. Sonst aber müssen Sie dieselben behalten, können sich dafür gleich in zwei Luxusbetten legen, sich bei Tafel auf zwei Stühle setzen und für zwei Personen essen.«
Dem Kapitän tat es wirklich leid, so sprechen zu müssen. Aber er mußte es eben. Er hatte die Interessen seiner Dampferlinie zu wahren, in deren Diensten er stand. Aber das tat ihm tatsächlich leid, das hätte er gern ungeschehen gemacht, daß er damals etwas barsch gesprochen hatte. Es war ein regnerischer Abend gewesen, der Fremde hatte einen alten Wettermantel getragen, sah recht verwogen aus, und wegen des um ihn herrschenden Lärmes hatte er schreien müssen, weswegen der Kapitän, obgleich er, weil er dieses Lärmen gewöhnt war, auch eine ruhige Stimme gehört hätte, ihn auch so angeschrien hatte.
»Nevermind, da behalte ich sie eben für mich selbst, es war ja nur eine Frage, es ist mir sogar viel lieber so, ich dachte nur, ein andrer Passagier könnte die Luxuszimmer wünschen, dann wäre ich gern zurückgetreten,« hatte Mr. Ryland ruhig entgegnet, und dann hatte sich aus dem Wettermantel ein so feiner, aparter Herr entpuppt. Der Kapitän war die Verlegenheit selbst gewesen.
Oder war noch etwas andres dabei, als nur die Rücksicht auf jenes Vorkommnis, daß der Kapitän den Jungen so ohne weiteres von seinem Richterstuhl hatte wegführen lassen? Ja, dem alten Seebären ging es wohl ebenso wie allen andern Passagieren. Da jener Herr sich immer schwarz kleidete, einen geschlossenen Stehkragen und einen breitrandigen Filzhut trug, hielt man ihn für einen Missionar, aber für so einen, der es nicht nötig hatte, der nur der edelsten Neigung seines Herzens folgte; danach war auch sein ganzes Benehmen geschaffen - so ernst, so würdevoll, so freundlich und doch so unnahbar - - und nun noch die drei Luxuszimmer für 5000 Mark!! - - und dabei wußten die Herrschaften selbst nicht, daß es allein diese ernsten Augen waren, die alle wie in einem Zauberbanne gefangen hielten!
Nicht anders schien es dem trotzigen Knaben zu gehn. Als er von den Matrosen unsanft gepackt worden war, hatte er doch, zu allem entschlossen, die Hand aufs Messer gelegt. Der ›Indianerhäuptling‹ wollte sich nicht wie ein Gefangener fortführen lassen, er war ein ›freier Mann‹ - aber dieser fremde Herr hatte ihn nur anzusehen brauchen, und sofort war er dem sanften Zuge der Hand gefolgt.
Erst in der Salonkabine ließ der Herr ihn wieder los, und da freilich erinnerte sich der Junge auch gleich wieder, daß er ›eigentlich‹ doch der graue Bär sei, der große Häuptling, dessen weiser Rede am Beratungsfeuer sämtliche Siouxstämme lauschten.
»Bitte, setzen Sie sich,« sagte Mr. Ryland mit zuvorkommender Höflichkeit, auf das kleine Sofa deutend.
Oder nennen wir den Herrn doch lieber gleich bei seinem richtigen Namen. Es war kein andrer als Nobody. Er hatte eine fürstliche Person nach Amerika begleiten wollen, im letzten Augenblick war daraus nichts geworden.
Aber der Junge wollte nicht Platz nehmen, und da hatte er auch ganz recht, auf solche Weise tut das kein echter Indianerhäuptling.
»Der graue Bär wird stehn, er kennt das Blaßgesicht nicht, in dessen Wigwam er geführt worden ist!« erklang es würdevoll.
Nun, Nobody verstand besser als der Kapitän, mit solch einem phantastischen Jungen umzugehn, dessen Köpfchen durch Indianergeschichten verdreht worden ist. Nur ein leises Zucken ging über seine Züge, als er sich umdrehte, aus einem Ständer eine schon gestopfte türkische Pfeife nahm, und dann ließ er sich ohne weiteres mit untergeschlagenen Füßen mitten auf dem Teppich nieder.
Nur eine einladende Handbewegung, und richtig, jetzt hatte sich der kohlenbedeckte graue Bär ihm gegenüber ebenfalls gleich niedergekauert.
Die Pfeife brannte. Nobody zog mächtig, blies eine endlose Wolke zu den Nasenlöchern heraus, und dann reichte er die Friedenspfeife dem andern großen Krieger; alles schweigend, denn schweigend muß es bei dieser feierlichen Zeremonie zugehn.
Und mit schweigender Gravität nahm der kleine Siouxhäuptling in spe die lange Pfeife, führte sie schweigend zum Munde, nahm schweigend einige Züge, wollte husten, aber der über alle menschlichen Schwächen erhabene Krieger bezwang sich, und als er das Kalumet wieder hinreichte, sagte er feierlich:
»Mein weißer Bruder ist mein Freund!«
Worauf Nobody, die Pfeife nehmend, mit gleicher Feierlichkeit entgegnete:
»Und meine schwarze Schwester ist meine Freundin!«
Der graue Bär schien plötzlich einen Hexenschuß zu bekommen, der tapfere Krieger fiel überhaupt gänzlich aus der Rolle. Der Junge neigte sich weit vor; unter der Kohlenschicht wurde das Gesicht erst purpurrot, dann ganz weiß, dann wieder dunkelrot, und so stierte er Nobody an.
»Wa-wa-was?« konnte er nur stotternd hervorbringen.
»Ja, mein Fräulein, Sie sind erkannt!« sagte Nobody, sich schon wieder von seinem kauernden Sitz erhebend. »Wie heißen Sie denn, mein Fräulein?«
Auch der rußbedeckte Junge hatte sich erhoben - nein, der graue Bär, der große Krieger und Häuptling, bewaffnet mit Donnerbüchse und Skalpiermesser - so stand er da mit gesenktem Kopfe und flüsterte verschämt:
»Ich heiße Gretchen.«
Es war ein Bild, so köstlich, daß sich Nobody schnell herumdrehen mußte, um mit Hilfe des Taschentuchs sein Lachen zu ersticken. Erst dieses indianerkriegsmäßige Auftreten des kohlschwarzen, mit Waffen bespickten Jungen, und wie das nun so zimperlich herauskam:
»Ich heiße Gretchen.«
Da wurde hinter ihm mit dem Fuße aufgestampft, und trotzig erklang es:
»Und ich gehe doch unter die Indianer und werde doch noch ein Indianerhäuptling, wenn nicht als Junge, dann als Mädchen!!!«
Nobody hatte getan, als wolle er sich nur versichern, daß die Tür geschlossen sei, und schnell wandte er sich wieder um.
»St, nicht so laut!« warnte er. »Sie können auch ganz gut als Knabe gehn, niemand ahnt, daß Sie ein Mädchen sind, und woher ich es sofort erkannt habe, das werde ich Ihnen dann sagen. Aber nur nicht so laut!«
Bessere Worte hätte Nobody gar nicht gebrauchen können, um sofort das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen. Nun war er der alleinige Mitwisser ihres Geheimnisses, und damit hatte er gewonnenes Spiel. Es kam aber noch besser.
»Woher aber wissen Sie gerade ...«
»Weil ich ein Detektiv bin - das heißt ein Detektiv an der Indianergrenze, schon mehr Indianerspion, und meinem Auge entgeht nichts - jawohl, ich bin auch so ein halber Indianer, und so etwas gefällt mir, ich helfe Ihnen durch. Sie kommen gleich mit mir nach der Indianergrenze ...«
Ach, dieses freudige Staunen, das sich in dem schmutzigen Gesichte malte! Nobody bedauerte schon jetzt, daß er sie nicht wirklich gleich mit unter die Indianer nehmen konnte, daß er ihr das dann durch seine Ueberredungskunst austreiben mußte, um sie von einem Wahne zu heilen.
»Sie sind wirklich ...«
»Still! Auch ich will hier nicht gekannt sein. Nun, Kamerad, nicht etwas essen? Oder wohl erst schnell ein Bad? Unterdessen lasse ich geräucherten Bärenschinken und frischen Büffelrücken auftischen, denn so etwas wird's im Kohlenbunker wohl nicht gegeben haben.«
Gleich war aus dem phantastischen Mädchen wieder der Indianerhäuptling fertig, und - der darf nicht gleich schreien, wenn er einmal hungrig ist.
»Der graue Bär kennt keinen Hunger und Durst, er wird warten, bis sein weißer Bruder am Lagerfeuer ißt.«
»Dann also erst ein Bad.«
Nebenan war das luxuriöse Badekabinett; in das Marmorbecken konnte sowohl warmes und kaltes Seewasser als auch Frischwasser eingeleitet werden. Aber der graue Bär verachtete alles warme Wasser, und da hatte das Mädchen ja auch ganz recht, denn was so ein echter Indianerhäuptling ist, der darf niemals in ein warmes Bad steigen. Nur dafür sorgte Nobody, daß wenigstens kaltes Frischwasser einlief, denn Seewasser spottet aller Seife, das gibt nur eine Schmiere.
Nachdem sich Nobody überzeugt hatte, daß alles vorhanden war, ließ er sie allein, bestellte beim Steward eine ausgiebige kalte Mahlzeit, und dann setzte er sich, um einen Plan auszugrübeln, wie er diesem tollen Mädchen die Liebe für Indianer austreiben könne. Denn das mußte es, ganz heraus mußte diese Tollheit aus dem romantischen Köpfchen! Was hatte das für einen Zweck, das Mädchen wieder nach Hause zu schicken? Dann brannte es eben nochmals durch.
Nein, diese Weiber! Diese Mädels! Wenn die verrückt werden, werden sie's zuerst immer im Kopfe!
Uebrigens stand das gar nicht so ohne Gegenstück da. Nobody hatte es in seiner Jugend erlebt, in seiner Heimat. Da war in dem Städtchen ein ›Wilder West‹ mit Indianern und Cowboys aufgetreten, auch ein paar ›Roughgirls‹ waren dabeigewesen, wilde Präriereiterinnen, und da waren einige langbezopfte Bürgermädchen ganz toll geworden. Die wollten auch solche Amazonen werden; den Jungen wurden Indianergefechte geliefert, statt der Skalpe schnitten sie einander die Zöpfe ab, und weil es keine Pferde zu stehlen gab, hatten sie wenigstens Strohbauers Kuh gemaust, desgleichen Hühner und Gänse, und sie am Spieße gebraten - die Kuh freilich nicht - und das war so ein ganzes Jahr fortgegangen, bis ... na, bis die verrückten Mädels eben älter wurden und an etwas andres dachten.
Hier lag nun freilich ein ganz andrer Fall vor. Er war nur derselben Idee entsprungen. Jene Mädchen wären ja auch am liebsten gleich durchgebrannt, wenn sie nur gewußt hätten, wie nach Amerika zu kommen - aber diese Idee wirklich auszuführen, durchzubrennen, sich in einem Schiff zwischen Kohlen zu verstecken, ein Mädchen in Männersachen, um Indianerhäuptling zu werden ... nein, das war wirklich unerhört! Nobody konnte nur immer den Kopf schütteln und mußte dabei heimlich lachen.
Und dennoch! Dieses Mädchen imponierte ihm. Nicht nur deshalb, weil es die abenteuerliche Idee überhaupt ausgeführt hatte - nein, es war auch noch etwas andres dabei, was Nobody bewunderte. Ihr ganzes Auftreten war es. Der war der Kopf jedenfalls von Indianerlektüre verdreht worden, davon hatte sie auch die Ausdrucksweise, die hatte sie förmlich studiert. Aber nun so in einem Kreis von fremden Herren und Damen zu stehn, aller Augen auf sich gerichtet zu sehen und sich keck und dreist für einen zukünftigen Indianerhäuptling auszugeben, diese blumenreiche Sprache auch noch angesichts dieser fremden Leute beizubehalten, ein Mädchen, ein blondes Gretchen ...!
»Bei Gott, das ist nicht nur eine geborene Schauspielerin, sondern das Mädel hat auch Energie! Wenn es nun einmal durchaus unter die Indianer gehn will, wenn sich seine ganze Phantasie nun einmal mit den Rothäuten beschäftigt, könnte man das nicht auf eine verständige Weise ausnützen?«
Nobody dachte an einen weiblichen Indianer-Missionar. Er wußte nicht, ob es unter den Rothäuten schon eine Missionarin gäbe, und eine solche müßte allerdings viel Erfolg haben. Doch ebenso schnell hatte er diesen Gedanken wieder verworfen. Nein, nein, da gab es andre, die zu so etwas berufen waren, amerikanische Mädels, die in der Wildnis auf dem Pferde aufgewachsen waren!
Aber so ohne weiteres durfte die kleine Abenteurerin nicht wieder nach Hause geschickt werden. Erst mußte sie einmal den amerikanischen Boden betreten - gut, man ging auf ihre Ideen ein - und da brauchte man gar nicht erst in die Wildnis, nur einen Tag mit der Eisenbahn von New-York entfernt, da bekam sie schon Indianer genug zu sehen, freilich was für welche! - ein faules, diebisches, verkommenes, mit Ungeziefer bedecktes Gesindel - aber solche Indianer sollte sich die Idealistin gerade einmal ansehen - und dann nur so eine kleine Trappertour, nur eine einzige Regennacht im Freien verbringen - au au!! Dem jugendlichen Körper schadete solch eine nasse Nacht nichts, und das Herz und die Phantasie waren kuriert für immer. Nobody wollte deshalb einmal den Kapitän sprechen, wie der kleine Ausreißer an Land zu bringen war ...
Der eintretende Steward machte Nobodys Grübeleien ein Ende. Er servierte das reichliche Mahl, und als er sich wieder entfernt hatte, machte sich auch schon der graue Bär bemerkbar, der drüben genug geplätschert hatte.
Sie trat ein, frisch gewaschen - wirklich ein blondes Gretchen. Aber sie konnte auch recht gut als ein Junge durchgehn. Als Knabe war es ein hübsches Mädchengesicht, als Mädchen hatte sie frische, trotzige Knabenzüge. Nun aber diese schmächtige, schwächliche Gestalt! Wie konnte so ein Mädel nur solche Pläne fassen! Nein, die hielt nicht einmal so eine Regennacht aus.
Sie war schon wieder vollkommen kostümiert, mußte aber auch gleich ihren gelben Lederanzug gewaschen haben.
»Jawohl, den habe ich gleich mitgewaschen,« lachte sie auf Nobodys Frage.
Sie gab, als Mädchen erkannt, jetzt etwas ihre Indianerausdrücke auf, nur manchmal geriet sie noch hinein, und Nobody bediente sich jetzt des ›du‹. Es war ja auch noch ein vollkommenes Kind.
»Aber der Anzug ist ja ganz naß.«
»Was tut das?«
»Du wirst dich erkälten.«
»Ein Indianerhäuptling und erkälten!« klang es da schon wieder trotzig zurück. »Bah, in der Wildnis hat man noch etwas ganz andres auszuhalten, besonders wenn man auf der Kriegsfährte ist. Und Bob hat seinen Jagdanzug überhaupt niemals ausgezogen, Bob hat ihn auch immer gleich auf dem Leibe gewaschen.«
Bob war jedenfalls ihr Lieblingsheld aus einer Indianererzählung, und Nobody unterdrückte sein Lächeln. Sie ließ sich nicht lange nötigen, setzte sich, langte wacker zu und erzählte mit kauenden Backen. Erwähnt sei nur noch, daß sie sich beim Essen nicht der Gabel und des Tischmessers bediente, sondern ausschließlich ihres ›Skalpiermessers‹, und das war bei einem Indianerhäuptling ja auch selbstverständlich.
Gretchen Seidel hieß sie, war geboren und erzogen in Ebstorf, einem kleinen Städtchen mitten in der Lüneburger Heide, aus dem sie niemals herausgekommen. Ihr Vater war Schneidermeister gewesen, sie bekam eine Stiefmutter, und als der Vater starb, heiratete jene wieder einen Schneidermeister. Aber sie hatte es bei den Stiefeltern gar nicht so schlecht gehabt; man hatte ihr immer viel Freiheit gelassen.
»Sobald ich konfirmiert würde, sollte das natürlich aus sein. Ich sollte mit in der Schneiderstube arbeiten. Da gab's bei mir nun freilich nichts. Ich wollte Indianer werden. Und als ich nun konfirmiert wurde ...«
»Wann war denn das?«
»Na, das war doch vor ... nein, was haben wir denn heute für einen?«
»Den 17. April.«
»Und am 13. April bin ich konfirmiert worden, und an demselben Tage noch bin ich ausgerückt.«
»Wohin?«
»Nach Hamburg, um mich da auf einem nach Amerika gehenden Schiffe zu verstecken. O, ich hatte mich vorher über alles ganz genau erkundigt und dabei doch so heimlich, daß niemand auch nur eine Ahnung von meinem Vorhaben hatte.«
»Du bist mit der Eisenbahn gefahren?«
»Nu nee! Ich hatte doch schon mein Jagdkostüm hier an, als ich von zu Hause fortmachte, das war doch alles schon längst vorbereitet. Auf der Eisenbahn hätte man mich doch gleich beim Schlafittchen genommen.«
»Also zu Fuß?«
»Freilich! Abends um neun Uhr gingen meine Eltern schlafen, ich auch, stand leise wieder auf, schlich mich hinaus, wo ich den Lederanzug und meine Waffen versteckt hatte. Um zehn Uhr marschierte ich ab. Na, ich will lieber gleich sagen: ich rannte ab; denn ehe es hell wurde, wollte ich in Hamburg sein. Wenigstens in der Nähe davon. Den Weg hatte ich mir auf der großen Landkarte beim Lehrer genau angesehen. Schließlich brauchte ich auch nur die Richtung zu wissen, das genügte mir schon. Es ging immer quer über die Felder, achtmal bin ich durch Flüsse geschwommen. Einmal war der Fluß so furchtbar breit, wollte gar kein Ende nehmen. Da war ich aus Versehen in einen Teich geraten, schon mehr ein See. Es war stockfinster, dazu ein Hagelwetter. Dieses lange Schwimmen hat mich besonders aufgehalten. Trotzdem sah ich früh um fünf die Lichter von Hamburg leuchten. Ich versteckte mich am Tage über in einem Wald, vergrub mich unter das Laub, am andern Abend bin ich in die Stadt geschlichen; daß in derselben Nacht der ›Rheingold‹ abfuhr, das wußte ich auch schon; ich fand ihn, ohne fragen zu müssen, schlich mich hinauf und zwischen die Kohlen hinein. Ei, schleichen kann ich, da nehme ich's mit Bob auf.«
Fest blickte Nobody die kauende Erzählerin an.
»Wie weit ist es denn von Ebstorf bis nach Hamburg?«
»Zehn Meilen. Das heißt, in der Luftlinie.«
Das konnte wohl stimmen. Nobody hatte die Karte sehr gut im Kopfe.
»Ich bin ja auch die Luftlinie immer gelaufen,« setzte das Mädchen lachend noch hinzu. »Immer durch dick und dünn und durchs Wasser. Nur Städte und Dörfer habe ich umgangen.«
»Und du bist in derselben Nacht noch in Hamburg angekommen?«
»Noch in derselben Nacht. Früh um fünf Uhr war es.«
»Du hast zu diesen zehn Meilen Luftlinie nur sieben Stunden gebraucht?«
»Jawohl, nur sieben Stunden.«
»In der Nacht? Bei dem Regenwetter, wie es damals geherrscht hat? Bist dabei durch Flüsse geschwommen, in Sümpfe geraten u.s.w.?«
Noch fester blickte Nobody das Mädchen an. Doch das hielt unbefangen den Blick aus.
»Sie glauben's wohl nicht?« fragte sie dann treuherzig. »Ach, wenn's weiter nichts ist! Wenn man es unter den Indianern zu etwas bringen will, da muß man noch etwas ganz andres können. Der Bob hat einmal in einem Tage 80 Meilen zurückgelegt, zu Fuß, als er auf der Flucht war. Das ist freilich ein bißchen viel, man sollte es kaum glauben. Ich denke mir immer, in Amerika rechnen sie mit ganz andern Meilen. 20 Meilen, das könnte stimmen, das bringe ich auch fertig. Ja, ja, Sie brauchen mich nicht so anzusehen. Ich hab's sogar probiert, ob das stimmen könnte. Ich bin auch einmal in der Lüneburger Heide 20 Meilen weit gerannt, immer im Kreise, im großen Kreise, hatte es mir genau ausgerechnet, und habe dazu nur zwölf und eine halbe Stunde gebraucht.«
Ja, Nobody machte ein ganz seltsames Gesicht.
»Mädchen, Mädchen, sprichst du denn nur im Ernst?!« stieß er hervor.
Jetzt war es Gretchen, die ein langes Gesicht machte. Und dann lachte sie.
»Ach so. Sie denken wohl, ich kann nichts weiter, als was ich in der Schule gelernt habe, und dann vielleicht noch so ein bißchen nähen? Und da will ich nach Amerika gehn und bei den Rothäuten gleich Häuptling werden? Na, hören Sie, was denken Sie denn eigentlich von mir? Nein, ich habe alles gelernt, was Bob konnte. Der hat einmal, als ihn der weiße Wolf verfolgte - Sie wissen doch, das war der erste Häuptling von den Apachen, ein ganz tüchtiger Kerl, aber ich konnte ihn nie leiden, er hatte eine gespaltene Zunge - ja, wie der dem Bob den Skalp nehmen wollte, da mußte Bob sich einmal auf der Flucht im Wasser verstecken, in einem Flusse, und so hat er ganze acht Stunden lang in dem kalten Wasser gekauert, nur mit dem Kopfe herausgeguckt. Donnerwetter, dachte ich, ob du das auch aushältst? Das mußt du, sonst kannst du nicht Häuptling werden. Und da habe ich mich an einem Sonntage, im März war's, das Wasser bitterkalt, in den Bach gekauert, nur den Kopf heraus, und wissen Sie, wie lange ich's ausgehalten habe? Zehn Stunden lang! Jawohl, zehn Stunden lang! Wenn's sein müßte, hätte ich's auch noch länger ausgehalten. Was heißt überhaupt ausgehalten! Freilich war ich dann nicht schlecht steif gefroren, und noch lange Zeit hinterher hat's mich tüchtig abgeschüttelt. Ich bekam auch lauter rote Flecken am ganzen Körper, schlafen konnte ich auch nicht mehr, ich träumte immer, ich säße im kalten Wasser und quälte mich fürchterlich ab. Die Leute sagten alle, ich hätte das Fieber. Aber ich habe mir nichts merken lassen und sie alle ausgelacht. Und nach vierzehn Tagen war alles vorbei, und da habe ich mich gleich wieder zehn Stunden ins kalte Wasser gesetzt, und da hat's mir auch nichts mehr geschadet.«
Immer starrer ruhte Nobodys Auge auf der kleinen Sprecherin, welche auch dadurch einem ›echten‹ Indianerhäuptling alle Ehre machte, daß ihr Appetit schon mehr ... Gefräßigkeit zu nennen war.
»Es - ist - doch - nicht - möglich!« konnte Nobody nur hervorbringen.
»Was ist nicht möglich? Daß man zehn Stunden im Wasser aushalten kann? Ich habe gelesen, daß Schiffbrüchige tagelang im Wasser gelegen haben, an den Ohren Eiszapfen, und sie haben es doch überstanden, ohne daß es ihnen etwas geschadet hat. Da ist ja auch gar nichts weiter dabei, da muß man eben nur aushalten. Um unter die Indianer zu gehn, muß man noch etwas ganz andres können, da muß man wirklich etwas gelernt haben, alles, was Bob konnte. Wie der zum Beispiel schoß - passen Sie mal auf ...«
Sie hatte vom Tisch den Kork einer Limonadenflasche genommen, war schnell aufgesprungen, eilte nach der Wand, in der sich das runde Fensterchen befand, bei dieser ruhigen See geöffnet, stellte den Kork in diese Oeffung, rannte zurück durch den sechs Meter langen Salon, drehte sich an der Tür schnell um; während dieser Umdrehung riß sie die Teschingpistole aus dem Futteral, fast in demselben Augenblick knallte auch schon der Schuß, und der Kork war aus dem Fenster verschwunden. Der staunende Nobody hatte ganz deutlich gesehen, daß ihn die kleine Kugel mitgenommen hatte.
»Und das, glaube ich, kann ich auch so gut wie Bob ... kann ich hier das alte Brett nehmen?«
Es war ein kleiner, aber starker Kistendeckel, auf der einen Seite mit Buchstaben bemalt. Nobody hatte, ganz geistesabwesend, genickt; sie nahm ihn, stellte ihn gegen die Lehne des Sofas, sprang wieder an die andre Wand, zog das lange Messer, nahm die Spitze zwischen die Finger, hob den Arm etwas und zielte.
»Passen Sie auf, gerade den I-Punkt will ich treffen ...«
Schwirrend entflog das große Messer ihrer Hand, seltsamerweise aber drehte es sich nicht wiederholt um sich selbst, was eigentlich stets der Fall ist, wenn man so ein an der Spitze gefaßtes Messer schleudert, sondern es machte nur eine Dreivierteldrehung und dann durchschnitt es so, die Spitze voraus, pfeifend die Luft, ein Klapp, und es steckte im Brett, genau auf der bezeichneten Stelle, in dem Punkte über dem i.
»Nun sollten Sie mich aber erst den Lasso werfen sehen!« triumphierte da auch noch die kleine Waffenmeisterin. »Schade, daß es hier nicht geht, es ist zu eng! Mit meinem Lasso nehme ich auf zehn Meter Entfernung jede Blindschleiche vom Boden weg, sie braucht nur einmal den Kopf etwas zu heben, und das konnte nicht einmal Bob; da war ihm Biberschwanz über, nur der konnte beim Wettspiel mit dem Lasso eine Schlange fangen, und da habe ich mich so lange geübt, bis ich's auch konnte.«
Nobody war nach dem Sofa gegangen, nahm das Brett, es gehörte eine ansehnliche Kraftanstrengung dazu, um das Messer wieder daraus zu entfernen, mit solcher Wucht war es in das Holz gedrungen; er betrachtete das einfache Küchenmesser ehrfurchtsvoll, und noch ehrfurchtsvoller wandte er seinen Blick dann wieder der Kleinen zu.
»Mädchen, Mädchen - wer hat dich denn das nur gelehrt?«
»Gar niemand. Ich habe mich acht Jahre lang in so etwas geübt, bis ich alles konnte, was man braucht, um unter die Indianer gehn zu können.«
»Acht Jahre lang?« wiederholte Nobody, schon wieder ungläubig.
»Jawohl, acht Jahre lang. Ich war sechs Jahre, als ich damit anfing.«
Sie setzten sich wieder; Gretchen, um weiterzuessen, wobei sie aber immer erzählen mußte, und jetzt wurde sie durch Nobodys Fragen unterstützt, welcher ein abgeschlossenes Lebensbild bekommen wollte, das wir hier wiedergeben:
Gretchen war von klein auf ein schwächliches, aber ein sehr aufgewecktes Kind gewesen. Mit dem sechsten Jahre, als sie in die Schule kam, hatte sie schon vollständig schreiben und lesen können, und zufällig hatten ihre erste Lektüre des verstorbenen Bruders Indianerbücher gebildet. Das war aber auch ausschlaggebend für ihren ganzen weiteren Werdegang gewesen.
Sie hatte Indianerschmöker aufgetrieben, wie und wo sie nur konnte, ihre außerordentlich lebhafte Phantasie hatte sich immer mehr daran erhitzt, sie hatte mit den Jungen Indianer gespielt, und von vornherein hatte in ihr der Entschluß festgestanden: ich will auch einmal so ein rothäutiger Indianerheld werden! Acht Jahre alt war sie gewesen, als sie mit diesen Worten vor ihre Stiefeltern getreten war: Ich will Indianerhäuptling werden. Oder man hatte sie wohl einmal gefragt, was sie dereinst lernen wolle - gar nichts, Indianerhäuptling will ich werden!
Man kann sich denken, was das für ein Gelächter gegeben hatte. Das achtjährige, so überaus schwächliche Mädchen, das von jedem Windhauch umgeblasen wurde, wenigstens Schnupfen und Husten bekam. Das ganze Städtchen lachte über den kleinen ›Indianerhäuptling‹.
Und das achtjährige Kind sah ein, daß man es mit Recht auslachte - es sah ein, wie schwach es war. Aber trotzdem wollte es Indianerhäuptling werden.
Und das achtjährige Kind unterzog sich nach eigener Ueberlegung einer Kräftigungskur. Von einer systematischen Ausbildung vom Kleinen zum Großen war dabei keine Rede. Vielmehr war das dabei befolgte System ganz solch einem phantastischen Kindescharakter entsprechend. Also, wie man sagt, eine Pferdekur. Eine Anleitung dazu gaben ihr höchstens die Indianerbücher. So ein ›echter‹ Indianer schläft auf der harten Erde ebensogut wie auf dem weichen Bärenfell. Und das Kind wartete des Abends, bis die Eltern eingeschlafen waren, dann stieg es leise aus dem Bett und legte sich daneben hin auf die nackte Diele. Ein roter Jäger muß auch auf dem Schnee schlafen können. Und Gretchen verließ in der Winternacht das Haus und legte sich draußen im dünnen Hemdchen auf den Schnee hin, mit dem Vorsatz, so die ganze Nacht zu schlafen.
Was daraus wurde, das heißt im Anfang, kann man sich denken. Am andern Tage lag das schwächliche Mädchen im Sterben. Aber es wurde gerettet, und es hatte die kolossale Energie, solche haarsträubende Experimente fortzusetzen, was natürlich ganz heimlich geschehen mußte, und ... da war die Pferdekur eben gelungen! Auf diese Weise wurde aus dem einst so schwächlichen Geschöpfchen ein Mädchen, daß sich ungestraft zehn Stunden lang in ein kaltes Wasserbad setzen konnte.
Gretchen wollte ›Indianer‹ werden. Dabei blieb es. In ihren Indianerbüchern stand viel von Märschen und andern Strapazen. Das mußte sie alles aushalten können. Und sie begann sich zu trainieren. Auf der Lüneburger Heide hatte sie Platz genug dazu. Fast ist es selbstverständlich, daß das phantastische Kind immer alles übertrieb. Es marschierte und rannte, bis es mit blutrünstigen Füßen ohnmächtig zusammenbrach. Aber dem schon gestählten Körper konnten alle diese Ueberanstrengungen nichts mehr schaden, und wenn sich das Kind wieder erhob und mit den wunden Füßen den Marsch oder die Renntour fortsetzte, so kam zu der schon vorhandenen Energie der Seele neue hinzu.
Nobody, der immer nur den Kopf schütteln konnte, befühlte ihre Glieder, wie ein Sportsman ein Pferd auf Knochen und Muskeln prüft, und er durfte es, es war noch ein vollkommenes Kind. Und auch Nobody konnte sich täuschen. Fleisch hatte das schlanke Mädchen nicht viel auf dem Körper, daher waren auch keine Muskeln vorhanden, aber sonst war der Körper, der einen so schwächlichen Eindruck machte, wie von Stahl gebaut.
»Was sagten denn nun die Eltern, die andern Leute, wie du es so triebst?«
»Gar nichts. Sie lachten über mich. Ich hätte ein Junge werden sollen. Den Hans hatten sie mich schon immer genannt, daraus wurde dann der tolle Hans.«
»Und als du dich zum Beispiel damals die zehn Stunden ins Wasser gesetzt hattest - erfuhr man das?«
»Ja, es kam gleich am andern Tage heraus. Ein Hirtenjunge hatte mich dabei gesehen.«
»Und was sagten die Leute da?«
»Sie lachten. Sie konnten's nicht begreifen. Ich wäre verrückt.«
Ja, die Leute lachten. Sie lachten, lachten, lachten. Hiermit sind aber nicht jene Leute aus Ebstorf gemeint. Bei denen ist das zu verzeihen, dieses Städtchen liegt noch heute meilenweit von der Bahn entfernt. Es gibt aber auch in Großstädten genug Leute, zahllose Leute, sehr gebildete Leute, von denen man jeden Augenblick hören kann: ›Das ist mir unbegreiflich.‹ Diese Leute sind wenigstens so ehrlich, gleich selbst ihr geistiges Unvermögen einzugestehn.
Nun aber weiter: Sie mußte doch auch eine Donnerbüchse haben. Wenn kein Gewehr, dann wenigstens eine Pistole. Sie kaufte sich eine solche, diese hier. Das Geld dazu gewann sie hauptsächlich durch Sammeln von Heidelbeeren und Pilzen, nicht minder durch Fangen von Eidechsen, Schlangen, Schmetterlingen und dergleichen, wie das Kind, wenn es nicht in der Schule war, ja überhaupt schon immer ein fast vollkommenes Jägerleben geführt hatte.
Und wie schlau das zehnjährige Mädchen es angefangen hatte, um unbemerkt in den Besitz einer Schußwaffe zu kommen! Denn das Kind konnte doch nicht etwa nach Lüneburg in einen Waffenladen gehn und sich dort eine Pistole kaufen.
Erst wurde ausgekundschaftet. In Ebstorf lebte ein pensionierter Militär, der im Garten manchmal mit einer Pistole nach der Scheibe schoß. Gleich wurde Bekanntschaft mit ihm gemacht. Gretchen hatte noch keine andre Pistole gesehen, wenn sie auch wußte, daß es noch andre Konstruktionen gebe. Sie hatte doch nicht umsonst ihre Indianergeschichten studiert. Nun wollte sie aber auch gerade eine solche haben, mit welcher der alte Mann öfters ins Schwarze traf und hin und wieder sogar einen Sperling erlegte. Also Teschingpistole hieß so ein Ding, eine fünfmillimetrige, sie war in Lüneburg gekauft worden, bei dem und dem Waffenhändler, hatte zehn Mark gekostet, hundert Patronen dazu eine Mark.
Gut. Als das nötige Geld zusammen war, schrieb Gretchen einen Brief, mit recht dicker, steiler Handschrift, in dem der unterzeichnete Herr bat, der Ueberbringerin dieses für beiliegendes Geld eine fünfmillimetrige Teschingpistole mitzugeben, dazu hundert Patronen - die Patronenschachtel recht gut versiegelt.
Nobody konnte immer wieder nur staunen, was für ein raffiniertes Mädel er da vor sich hatte.
»Ich habe Patronen genug verbraucht. Dafür hole ich aber auch jeden Sperling aus der Luft herunter.«
»Und das Messerwerfen?«
»Das habe ich ebenso gelernt. Wie Bob mit dem Pferde gestürzt ist, er liegt darunter und kann sein Gewehr nicht bekommen, da schleudert er doch sein Messer in die Brust des ›Kriegsadlers‹, der ihn verfolgt, und da muß ich doch auch so etwas können. O, wenn man sich nur ein paar Wochen lang Tag für Tag in so etwas übt, da bringt man's schon zu etwas.«
»Diesen Anzug und diese Schuhe - pardon, diese Mokassins, wollte ich sagen - das hast du dir wohl alles selbst gefertigt?«
»Alles, alles!« war die stolze Antwort.
»Das ist Rehleder, sehr fein gegerbt, aber ...« Nobody befühlte das Leder, stülpte an der Jacke einen Aufschlag um, daß er das Innere zu sehen bekam, »... auf eine Weise gegerbt, die in Deutschland nicht üblich ist. Wie bist du dazugekommen?«
»Na, das habe ich einfach selbst gegerbt.«
»Selbst gegerbt? Woher hast du denn das gelernt?«
»Es gibt doch Indianerbücher genug, wo es ganz genau beschrieben ist, wie das die indianischen Squaws machen, waschen und mit Fett einreiben und mit dem Messer abschaben und immer wieder waschen und einfetten, und das habe ich so lange gemacht, bis es ganz gut wurde, und nähen konnte ich ja.«
»Woher hast du denn die Rehfelle dazu bekommen?«
Da mit einem Male wurde das sonst so kecke Mädel ganz verlegen, es wollte sprechen, konnte nicht, fing an zu stottern.
»Ich habe sie ... ich bekam sie ... herrje, wie das nun eben so ist.«
»Hast du die rohen Felle vielleicht ...« kam ihr Nobody zu Hilfe, aber vollendete ebenfalls nicht, sondern machte nur eine bezeichnende Handbewegung, so von hintenherum, was nicht mißzuverstehn war.
Da aber fuhr die Kleine plötzlich mit hochrotem Gesicht und funkelnden Augen empor.
»Stibitzt? Sehe ich etwa aus wie ein Dieb? Gewilddiebt habe ich sie!«
O, Kindermund, wie oft spricht aus dir nicht unbewußt eine Wahrheit, für die der gereifte Denker vergebens eine Erklärung sucht!
In ein und demselben Atemzuge verwahrte sich das Kind mit Entrüstung dagegen, jemals etwas gestohlen zu haben, gab aber gleichzeitig ganz offen, sogar mit Stolz zu, Wilddieberei getrieben zu haben.
Wilddieberei ist dem Gesetze nach nichts andres als ein besonderer Diebstahl. Tief im Herzen des Volkes indes schlummert die unbewußte Ueberzeugung, daß dem nicht so ist. Deshalb bringt man dem Wilddieb, der sich selbst übrigens Wildschütz nennt, sogar Sympathie entgegen, in der Literatur sowohl als in Wirklichkeit. Ganz dasselbe gilt ja vom Schmuggeln. Hier geht es sogar noch viel weiter, das ist viel alltäglicher. Stolz präsentiert die von einem Besuche aus England zurückgekommene Hausfrau ihren Gästen den köstlich duftenden Tee mit den Worten: ›Den habe ich selbst durchgeschmuggelt.‹ Stolz präsentiert der Hausherr eine Kiste Havannas: ›Und die habe ich im Aermel durchgepascht.‹ Beide haben dem Gesetze nach Diebstahl begangen, mindestens Unterschlagung. Der Moral nach sind beide Diebe, dem Herzen nach - die ehrlichsten Menschen.
Und Nobody beugte sich vor, in seinem Gesicht zuckte es, als er langsam fragte:
»Du - kleine - Hexe - hast - auch gewilddiebt?«
Na und wie! Jetzt erst kam es ans Tageslicht, was für ein Leben das Mädel eigentlich geführt hatte. Ein Jägerleben! Schon mehr die gefahrvolle Existenz eines professionellen Wildschützen! Und was sie erlegte, besonders Hasen, Rebhühner und Wassergeflügel, wurde immer gleich am Spieße gebraten. Dabei war von einer zwingenden Notwendigkeit keine Rede. Zu Hause hatte sie satt zu essen bekommen. Nur der Romantik wegen.
»Ja, nun aber wieder die Rehfelle - gibt es denn in der Lüneburger Heide auch Rehe?«
»Genug.«
»Davon ist mir wirklich nichts bekannt. Dort in deiner Gegend?«
»Jawohl. Das heißt - aber - ich meine ... Sie dürfen's nicht verraten.«
»I wo, ich verrate nichts.«
»Sagen Sie weiß Gott - aber nicht Weißkopp!« erklang es naiv nach Kinderart.
»Weiß Gott, ich verrate nichts,« entgegnete Nobody denn auch prompt.
»Die Rehe waren eingezäunt,« kam es nun etwas verschämt heraus, aber auch mit listigem Augenblinzeln.
»Aha! Wem gehörten sie denn?«
»Dem Grafen Illfeld.«
»Und in dessen Wildpark bist du nächtlicher Weile eingebrochen und hast Rehe geschossen?«
So war es. Auch hier fehlte wieder das Bewußtsein, daß dies sogar Einbruchsdiebstahl war. Ja, auch hier liegt wieder das innere Gefühl zugrunde, daß alles Wild der ganzen Menschheit gehört und speziell demjenigen, der es zu erlegen versteht, und gegen dieses Allgemeinrecht schützt es nicht, wenn jemand ein Wild auch einsperrt. Etwas ganz andres ist es, wenn jemand ein Wild seinem Willen dienstbar macht, wodurch es also zum Haustier wird; etwas andres ist es, wenn ein Wild im zoologischen Garten im Käfig gehalten wird, wo es zur Belehrung dient. Doch das ist ein Thema, auf welches man gar nicht weiter eingehn soll, es ist ein gefährliches Thema.
Daß sie ein Unrecht begangen hatte, war ihr ja auch bewußt. Sie hatte deshalb nur zwei Rehe geschossen, deren Felle sie zur Herstellung dieses Kostüms und ihres Lassos gebraucht hatte.
»Ich konnte mir doch keinen Jagdanzug aus den Fellen von Heidschnucken machen!« setzte sie zu ihrer Verteidigung noch hinzu.
Am meisten interessierte sich Nobody jetzt für die kleinkalibrige Pistole, mit welcher das Mädchen auch die beiden Rehe in der Nacht erlegt haben wollte, jedes auf den ersten Schuß, durchs Auge. Wollte? Nobody zweifelte nicht daran, er zweifelte überhaupt an gar nichts mehr. Er hatte sie ja schießen, das Messer schleudern sehen, und mehr noch vielleicht imponierten ihm diese stählernen Glieder des so schwächlich aussehenden Mädchens.
Dann kam er zu der Frage, die ihm schon lange auf der Zunge brannte. Aber auch hierzu brauchte er eine Einleitung.
»Bist du niemals bei dieser Wilddieberei erwischt worden?«
»Niemals!«
»Auch nicht, wenn du Hasen und Wasservögel schossest?«
»Auch nicht. O, ich trieb es sehr heimlich, und die Lüneburger Heide ist ja groß. Und rennen kann ich! In einer halben Stunde war ich immer schon eine Meile weit von der Stadt entfernt in der einsamen Heide, wo ich meine Sachen versteckt hatte. Niemand wußte auch nur, daß ich eine Pistole hatte.«
»Und auf deinen abenteuerlichen Expeditionen trugst du dann diesen ledernen Jagdanzug?«
»Nein. Ich ging immer in meinen Mädchenkleidern. Herhalten mußten die freilich. Diesen Anzug und die Mokassins fertigte ich nur heimlich in einem Hünengrab, das ich gefunden hatte. Der Eingang dazu war unter der Erde. Ach, war das schön, wenn ich da so in meinem Wigwam saß - so nannte ich nämlich die unterirdische Höhle, aber für mich war es ein indianischer Wigwam aus Fellen, und das kann ich mir nun alles so recht lebhaft einbilden, auch wenn ich gar keine Felle sehe, nur Erde - aber ich sehe vor meinen Augen ganz deutlich die bemalten Felle, mit den indianischen Waffen daran und ...«
»Ja, ja, ich verstehe dich schon, mein Kind, ich bin nämlich so ziemlich aus demselben Holze geschnitzt wie du. Erzähle nur weiter, wie du den Anzug nähtest! Warum zogst du ihn nicht gleich an?«
»Weil ich mir den aufheben wollte, bis ich wirklich nach Amerika unter die Indianer ginge. Ach, das war so schön, wenn ich so nähte und stickte und dabei von der Zukunft träumte! Es war mir immer, als wenn jemand mir zuriefe: ›Harre aus, hebe dir diesen Jagdanzug auf, aber sage niemandem etwas davon, dann wird dir auch alles gelingen.‹ So hörte ich immer ganz deutlich sagen.«
»So hast du also niemals davon gesprochen, daß du wirklich noch unter die Indianer gehn wolltest?«
»Niemals wieder, zu keinem Menschen! Man hatte mich doch damals, als ich acht Jahre war, ausgelacht. Und das war ganz recht. Aber furchtbar gekränkt hatte es mich doch. Da nahm ich mir vor, niemals wieder zu einem Menschen davon zu sprechen. Und ich wurde doch auch älter und verständiger und sah ein, daß ich etwas ganz Ungeheuerliches vorhatte. Das hätte mir doch gar niemand geglaubt. So etwas gab's ja gar nicht. Ich sollte also Schneiderin werden, bei den Eltern zu Hause. Ich kann nämlich auch sehr gut schneidern. Gut, dachte ich, bis zu deinem vierzehnten Jahre hältst du in der Schule aus, bis dahin lernst du alles, was du unter den Indianern brauchst, und wenn du konfirmiert wirst, wenn du also etwas werden sollst - dann wirst du auch etwas, aber nicht etwa Schneiderin, wie die sich das denken - nee, dann wirst du Indianer. Na, und am Tage meiner Konfirmation bin ich denn auch ausgerückt. Amerika wollte ich schon erreichen.«
Nobody hatte hiermit etwas zu hören bekommen, was ihm an diesem Mädchen am allergewaltigsten imponierte. Diese zielbewußte Energie war es! Mit immer leuchtenderen Augen blickte er auf das Mädchen, welches mit der tollsten Phantasie die nüchternste Energie verband. Ja, Nobody sah in diesem Kinde sich selbst wieder.
Endlich war Gretchen gesättigt, sie schob die Teller zurück.
»Aber,« sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung und dabei trotzig, »nach Hause zurückschicken lasse ich mich nicht wieder, so was gibt's nicht bei mir, lieber springe ich ins Wasser und schwimme nach Amerika!«
Da legte ihr Nobody die Hand aufs Haupt, dessen Haar sie sich vor der Flucht abgeschnitten hatte, und feierlich erklang es:
»Mein Kind! Wer dich jetzt noch nach Hause zurückschicken wollte, in deine alten Verhältnisse zurück, etwa gar in die Schneiderstube - der würde an dir ein Verbrechen begehn!«


Die Nacht war angebrochen. Der Dampfer war in ein unruhiges Fahrwasser gekommen, ein heftiger Wind hatte eingesetzt, das Schiff schlingerte stark, nur wenige der Passagiere waren von der ausbrechenden Seekrankheit verschont geblieben, und der kalte Wind hatte auch die andern von Deck getrieben.
Hinten auf diesem stand ein einsamer Mann, in einen Wettermantel gehüllt, und blickte hinab in die phosphoreszierende Flut und blickte empor zum sternenbesäten Himmel.
Fort und fort ging ihm ein Gedicht durch den Kopf, er wußte nicht, von wem es war, nicht, wo er es gelesen, er kannte sogar nur die ersten beiden Verse, und diese flüsterte er immer wieder vor sich hin.

    »Kindertraum, Kinderspiel,
    Wollet sie nicht verspotten ...«
Ach, wenn doch die Eltern die Spiele und die Neigungen ihrer Kinder besser beobachten und sich bei der Wahl des Berufes danach richten wollten! Na gäbe es in der Welt weniger unzufriedene und unglückliche Menschen!
Der Schreiber dieses kannte einen Mann. Er war Oberlehrer an einem Gymnasium, hatte ein sehr reiches Mädchen geheiratet, machte ein großes Haus. Sie hatten einen Sohn. Und der kleine Junge kannte kein größeres Vergnügen, als, wenn Gäste im Hause waren, bei der Tafel zu servieren, die Teller zu schwenken, herumzureichen, die Serviette unterm Arm - also den Kellner zu spielen. Dann ging er mit in die Küche, kletterte auf einen Stuhl und half, die Mayonnaise mit Petersilie und Radieschen zu garnieren. Das war ihm das liebste Vergnügen. Vor allen Dingen aber hinter dem Stuhle stehn und die Speisenden bedienen. Es wurde über den kleinen Kerl viel gelacht. ›Was willst du denn einmal werden?‹ - ›KelIner!‹ war die prompte Antwort, und es wurde noch mehr gelacht. Da sagte auch einmal ein Freund zu dem Oberlehrer: ›Laß doch den Jungen als Kellner lernen, das wird ein tüchtiger Hotelier.‹ Um Gottes willen! Kellner! Gastwirt! Weiter fehlte nichts! Bei dem wohlhabenden Gymnasialoberlehrer war es doch ganz selbstverständlich, daß sein einziger Sohn studieren mußte. Und es war auch wirklich ein aufgeweckter Junge, hatte besonders Sprachentalent. Er kam aufs Gymnasium, und wenn man ihn fragte, ob und was er studieren werde, so antwortete er mit niedergeschlagenen Augen: ›Philologie.‹ - Da mischte sich das Schicksal ein. Der Vater bekam einen Schlaganfall, verlor beim Zusammenbruch einer Bank sein ganzes Vermögen, die Verhältnisse lagen so, daß der Sohn, welcher schon die Obersekunda besuchte, fremde Unterstützung brauchte. Er bekam zum Vormund einen sehr vernünftigen Mann. ›So und so, es wäre vielleicht besser, wenn du etwas Praktisches lerntest. Hast du zu etwas Lust?‹ - ›Ach ja,‹ jauchzte da der Obersekundaner, ›ich möchte so gerne Kellner werden!‹ - Gut, er kam als Kellnerlehrling in eine große Restauration, erhielt für den Mittag das verlassenste Revier ... und nach einem Vierteljahre hatte er den andern Kellnern alle Mittagsgäste weggeholt! Alle wollten von dem schneidigen Pikkolo bedient sein! Dann nach der Lehrzeit hinaus in die Welt, nach Paris, nach London, nach Petersburg - immer Geld wie Heu verdient - und heute ist der noch junge Mensch in der italienischen Schweiz der Besitzer eines der größten Hotels, in dem Fürstlichkeiten absteigen! Und was wäre aus ihm geworden, wenn das Schicksal nicht zur rechten Zeit dazwischengeschlagen hätte? Schulmeester! Lehrer zu sein ist gewiß ein hochedler Beruf: aber man muß es auch mit vollster Hingabe sein, mit freudigstem Herzen, sonst ist man kein Lehrer, sondern eben ein Schulmeester, dessen Attribut der Stock ist. Und wie oft hätte wohl dieser hier, wenn er in der Restauration saß, nicht heimlich geseufzt: ›Ach, hätte mich mein Vater doch lieber Kellner lernen lassen!‹
Hier nun freilich lag ein ganz andrer Fall vor, eine ganz andre Neigung und Kinderspielerei. Und dennoch!
Nobody blickte zum Himmel empor. Da sah er eine große, weißleuchtende Sternschnuppe fallen, und mit dieser Sternschnuppe war ihm die Idee gekommen.
Was ist eine Idee? Wie entsteht sie? Nämlich die Idee, welche den Künstler, den Dichter, nicht minder den Kaufmann und Gewerbetreibenden zum Schaffen von etwas Großem inspiriert. Da kann auch das Genie nicht sagen: ›Ich will!‹ Da hilft es auch nichts, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen. Die geniale Idee kommt, sie ist plötzlich da, wenn man sie am wenigsten erwartet. Einen Blechkopf freilich kann der Genius schütteln, wie er will, da klingt es immer nur nach Blech.
Bei Nobody war die geniale Idee mit der leuchtenden Sternschnuppe gekommen, eine Idee, was mit diesem phantastischen Mädchen zu beginnen sei, und schnell hatte er die Idee zum kühnen Plane umgeformt - ein Plan, ganz eines Nobody würdig.
Erst aber müssen wir wissen, was Nobody zur Zeit vorgehabt hatte, ehe ihm der ›Indianerhäuptling‹ aus der Lüneburger Heide dazwischengekommen war.
Nobody hatte wieder einmal einen Brief erhalten, in dem ihm ein Schatzsucher seine Dienste anbot. Wieder einmal! Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen es gibt, die irgendwo in der Welt einen Schatz verborgen wissen, über und unter der Erde, in Vulkanen und auf dem Meeresgrunde und Gott weiß sonstwo; es fehlt ihnen nur an den Mitteln, um dorthinzugelangen und den Schatz zu heben. Ihre Zahl ist Legion. Dabei sind die spanischen Kriegskassenschwindler noch gar nicht mit eingerechnet. Es sind überhaupt gar keine Schwindler. Höchstens die Opfer eines Selbstbetrugs. Es ist eine Manie, ähnlich wie beim Erfinden. Die deutsche Herberge in London in der Lemanstreet ist zum Beispiel ein Zusammenkunftsort von solchen verkannten Erfindern. Da gibt es keinen ehrlichen Handwerksburschen und keinen Gauner, der nicht sein Patentchen hat, d. h. seine Erfindung, für die er einen Abnehmer sucht oder doch wenigstens einen Dummen, der sie patentieren läßt. Natürlich wird da nur ganz geheimnisvoll gesprochen, nur in Andeutungen, aber auch über nichts weiter. Dann gibt es wieder andre Löcher, in denen besonders alte Seeleute verkehren, auch entlassene englische Soldaten, die in den Kolonien gedient, und die haben wieder alle irgendwo einen verborgenen Schatz, zu dem sie nur jemanden brauchen, um ihn heben zu können.
Innerhalb der letzten Woche hatte Nobody nicht weniger als achtzehn Briefe mit solchen Angeboten bekommen, an jedem Tage drei. Er war eben in den Ruf gekommen, daß er sich auf so etwas einließ, und wurde nun mit derartigen Angeboten überschwemmt. Gold, Diamanten, Elfenbein, Perlmuscheln oder doch wenigstens Perlmutter, gesunkene Schiffe massenhaft, ab und zu auch eine verschwundene Kriegs- oder andre Kasse; Salpeterlager, Guano und andern Mist - aber aus allem war bares Geld zu machen, und das war so einfach, man brauchte nur hinzugehn und das Zeug auszugraben, vorausgesetzt, daß ...
In einem der letzten Briefe nun hatte ihm ein Spanier, namens Diego Alcala, hoch und heilig versichert, er wisse ganz genau, wo seinerzeit, als Pizarro Peru eroberte, die Priester der Inkas die goldene Kette und die andern Tempelschätze im Titicaca-See versenkt hätten. Er sei in den Besitz eines Dokumentes gekommen, auf welchem die geographische Strichzeichnung und auch die Lage der betreffenden Stelle nach Breiten- und Längengraden genau bis zur Sekunde angegeben sei. Zum Heben dieser Schätze brauche man natürlich Geld und noch besondere Mittel. Er, Diego Alcala, habe gehört, daß der amerikanische Detektiv einen ganz eigentümlichen Tauchapparat besäße, und so wende er sich zunächst an ihn, ob Nobody sein Kompagnon werden wolle. Er befände sich zur Zeit in großer Not - also erst einmal 1000 Dollar Vorschuß, dann Teilung des Gewinns, der pro Mann doch so ungefähr 100 Millionen bar betragen würde, und da seien 1000 Dollar Vorschuß doch eine sehr bescheidene Forderung u.s.w.
Die Sache stimmte. Nämlich die mit der goldenen Kette und den im Titicaca versenkten Tempelschätzen der alten Inkas. Man kann in jedem Konversationslexikon darüber lesen.
Als Francisco Pizarro im 16. Jahrhundert Peru eroberte, machte er in jeder Stadt unermeßliche Beute an Gold und Silber, hauptsächlich in Cuzco, der Hauptstadt des damaligen Inkareiches. Was er aber hier fand, das sollte noch gar nichts sein gegen die Goldschätze, welche in den heiligen Tempeln von Titicaca aufgespeichert seien. So vernahm Pizarro und machte sich gleich auf den Weg nach dort.
Der Titicaca ist ein großer Landsee, auf einem Plateau 4000 Meter über dem Meere gelegen. Er enthält zahlreiche Inseln, wovon die eine, die südlichste, Titicaca heißt, und nach dieser ist der See genannt worden. ›Titicaca‹ bedeutet in der peruanischen Sprache nichts weiter als ›heilig‹ oder ›gefeit‹, ganz dem neuseeländischen ›tabu‹ entsprechend.
Pizarro fand bei seiner Ankunft in Peru ein auf einer schon hohen Kulturstufe stehendes Volk vor, das besonders in der Baukunst und nicht minder in der Goldschmiedekunst Außerordentliches leistete. Das konnte doch nicht immer so gewesen sein. Der Sage nach waren vor vielen Jahrhunderten die ursprünglichen Peruaner ein wildes, barbarisches Jägervolk, als eines Tages die Sonne, welche die Peruaner liebte und sie bedauerte, ihre beiden Kinder zu ihnen hinabschickte. Die beiden Sonnenkinder, ein Mann und eine Frau, Manco Capac und Oellotzuaca, stiegen also vom Himmel herab und betraten die Erde auf einer Insel jenes Sees. Von hier aus lehrten sie die Peruaner, die Erde zu bebauen, Wolle zu spinnen und zu weben, Metalle zu bearbeiten, Städte zu erbauen, und führten anstatt des rohen Fetischismus den Sonnendienst ein; hier auf dieser Insel erbauten sie den ersten Sonnentempel.
Sie begründeten die Dynastie der Inkas, der Sonnenkönige, und seitdem war dieser See mit seinen sämtlichen Inseln ›titicaca‹, d. h. also heilig, und nicht nur diese eine Insel, sondern alte wurden mit Tempeln besetzt. Und hier nun hatten seit Jahrhunderten die Peruaner alles zusammengeschleppt, was das Land an Schätzen barg, und was aus den Händen der Goldschmiede Bewundernswertes hervorgegangen war.
So sollte unter anderem quer vor dem Hafen der Titicaca-Insel, des Hauptheiligtums, eine goldene Kette gespannt gewesen sein, welche bei der Stärke eines Mannesschenkels 233 spanische Ellen oder rund 200 Meter lang war.
An den Erzählungen von dieser ungeheuren Goldkette muß unbedingt etwas Wahres sein. Ein spanischer Gefangener, der nach Titicaca gebracht worden und von dort wieder entwichen war, wollte sie auch gesehen haben. Wenn man außerdem bedenkt, was für andre Goldschätze Pizarro damals in diesem Lande aufgebracht hatte, so ist auch gar nichts Wunderbares daran. Als Pizarro die Hauptstadt Cuzco schon vollständig ausgeplündert hatte, bot ihm der gefangene Inka Atahualpa für seine Freilassung ein Lösegeld, und zwar wollte er das große Gemach, in dem er sich gerade befand, so hoch, wie er mit der Hand reichen könne, mit Gold füllen. Pizarro glaubte es nicht, in der Stadt war nichts mehr vorhanden. Allein die Einwohner brachten auf Befehl des Inkas noch immer angeschleppt, und am andern Tage war der ganze Saal mit goldenen Gefäßen gefüllt.
Aber der Hauptschatz sollte doch auf den Tempelinseln des Titicaca liegen. Pizarro marschierte hin. Er fand nur noch leere Tempel vor. Die Priester hatten alles schon in Sicherheit gebracht, im See versenkt, auch die goldene Kette.
Pizarro und seine Leute mögen nicht schlecht gefischt haben. Es haben noch andre Leute nach ihm jahrhundertelang gefischt. Die ›goldene Kette vom Titicaca‹ war schon zu wiederholten Malen ein Schlagwort, welches alle Abenteurer der Welt in Flammen setzte und nach Peru lockte. Man hat niemals auch nur einen goldenen Becher herausgefischt!
Aber drin in dem See liegen diese Tempelschätze heute noch ganz bestimmt - aus dem einfachen Grunde, weil die Priester gar keinen sichereren Versteck hätten finden können als den See.
Man bedenke doch: dieser See umfaßt 260 deutsche Quadratmeilen, ist also ungefähr so groß wie das Königreich Sachsen. Tief ist er überall, man hat große Flächen mit 200 und mehr Metern Tiefe gemessen. Dahinab kommt kein Taucher. Dessen Grenze ist schon vierzig Meter. Oder mit Netzen und Haken absuchen? Man stelle sich einen Blinden vor, der im Königreich Sachsen herumtappt, um einen irgendwo liegenden Goldschatz zu suchen. Das ist genau dasselbe Verhältnis.
Und nun also wollte jener Spanier, der sich Diego Alcala nannte, jedenfalls ein Abenteurer und professioneller Schatzsucher, ein altes Dokument besitzen, auf welchem genau die geographische Lage verzeichnet war, an welcher Stelle des Titicaca-Sees die Goldsachen versenkt worden seien. Woher hatte der denn dieses Dokument? Wer hatte diese geographische Ortsbestimmung denn aufgezeichnet? Vielleicht die Sonnenpriester? Nur schade, daß man damals noch gar nichts von geographischen Breiten- und Längengraden gewußt hat. Nein, mit diesem Schwindel kam der Spanier ein Jahrhundert zu spät. Jetzt dachte kein vernünftiger Mensch mehr an die goldene Kette vom Titicaca, und bei Nobody kam er da nun gerade an den Unrechten. Der war gegen diese Schatzsucher schon ganz abgebrüht.
Aber dieser Brief hatte ihm doch eine Anregung gegeben. Die großartigen Tempel auf jenen Inseln sind noch vollständig erhalten. Das muß wirklich sehenswert sein. Aber es ist äußerst schwierig, sie zu besichtigen. Weshalb, werden wir gleich sehen. Der letzte, der sie besucht und beschrieben hat, ist der Engländer Pentland gewesen, im Jahre 1844. Seitdem hat wohl schwerlich ein Mensch diese geheiligten Inseln wieder betreten. Da ist nämlich sowohl Politik, als Aberglauben mit im Spiele. Deswegen werden die Inseln mit ihren Tempeln äußerst scharf bewacht. Nun, Nobody wollte schon durchschleichen und Umschau halten.
Gedacht ... und abgereist! So hieß es bei Nobody. Er hatte in Hamburg zu tun gehabt, gegenwärtig nichts weiter vor - also schnell einmal einen kleinen Abstecher nach dem Titicaca-See gemacht! Zuvor noch möglichst viel Bücher gekauft, welche sich mit jener Gegend beschäftigen, auch ein englisches Lehrbuch der peruanischen Sprache, und dann an Bord des ›Rheingold‹, auf dem er sich sowieso wieder nach New-York hatte einschiffen wollen. Er hatte in Hamburg die Bekanntschaft einer fürstlichen Person gemacht, die in Gesellschaft des berühmten Detektivs New-York hatte besichtigen wollen - Nobody war sehr froh, daß nichts daraus wurde, so konnte er während der Ueberfahrt mit Muße studieren. Das hatte er denn auch während der ersten beiden Tage getan.
Eine nette Gegend, die sich die Sonnenkinder zum Landen auf der Erde ausgesucht hatten! Vom April bis September am Tage eine alles zerschmelzende Hitze, und in der Nacht bedeckt sich der See mit einer dünnen Eiskruste. Vom September bis April sind die Tage zu zählen, an welchen kein furchtbares Gewitter wütet, dem in der Nacht regelmäßig ein Schneefall folgt. Das macht die Nähe des Aequators bei einer Höhe von 4000 Metern, dazu noch umgeben von den mit ewigem Schnee bedeckten Gipfeln der Kordilleren. Auf der ganzen Puna, wie das Plateau heißt, dessen Mitte der Titicaca-See einnimmt, gedeiht kein einziger Baum. Alles nur Gras und Kakteen.
Aber großartig muß es doch sein, eines Gottes würdig. Donner und Blitz, Eis und Schnee, alles an einem Tage. Und gesund, gesund! Hundertjährige Greise findet man überall unter den Eingeborenen.
Die am See wohnenden Indianer nähren sich ausschließlich vom Fischfang, die weiter auf der Puna verstreuten, welche auch Pferde züchten, von der Jagd auf die hier allein noch wild lebenden Lamas, auf Huanacos und Alpacos, aus deren Haaren sie auch ein Gewebe zu fertigen wissen, auf Punahirsche und andres Wild.
Es sind zwei große Hauptstämme. Nördlich vom See wohnen die Quichuas, südlich die Aymaras. Beide behaupten, echte Nachkömmlinge der alten Inkas zu sein. Ein Stamm nennt den andern Cholos, d. h. Bastarde, und das ist es, worauf es uns hier ankommt.
Jeder der beiden großen Indianerstämme nimmt die heiligen Inseln für sich in Anspruch. Da aber nun von diesen absolut nichts zu holen ist, so bleibt jeder den Tempelinseln fern. Denn wenn nur einer wagen würde, eine Insel zu betreten, so würde sofort der blutigste Krieg zwischen den beiden Stämmen entbrennen, während sie sonst ganz friedlich zusammenleben. Da sind kleine innere Fehden viel häufiger. Aus demselben Grunde aber kann auch kein Fremder diese Inseln betreten, oder er setzt seinen Kopf aufs Spiel.
Zu welchem Staate gehört die Puna mit dem Titicaca-See? Er liegt auf der Grenze von Peru und Bolivia. Peru zählt ihn zu seinem Gebiete. Bolivia tut dasselbe, und in dieser Annahme sind beide Staaten glücklich. Wegen des Titicaca-Sees und der angrenzenden Puna ist es noch zu keinem Streite gekommen. Wie gesagt, es ist ja von dort nichts zu holen - höchstens Haue von den waffengeübten Indianern, die sich in solch einem Falle schnell verbinden würden.


So weit war Nobody mit seinem Studium gekommen, als der kleine Indianerhäuptling mit den blonden Haaren als blinder Passagier aus den Kohlenbunkern aufgetaucht war.
Gleich nach dem Essen war Gretchen auf dem Sofa eingeschlafen, das heißt, Nobody hatte sie aufgefordert, zu schlafen, denn die Kohlen konnten kein sanftes Ruhebett gewesen sein. Er hatte noch dafür gesorgt, daß sie, da ein baldiges Schlingern des Schiffes zu erwarten war, nicht herabfallen konnte, und hatte sich an Deck begeben.
Und jetzt hatte ihm die fallende Sternschnuppe die geniale Idee gebracht, sowohl in bezug auf den Titicaca-See, wie auf dieses Mädchen.
Er begab sich wieder hinab in seinen Salon, ließ beim Eintreten das elektrische Licht aufflammen. Gretchen lag noch so auf dem Sofa, wie er sie verlassen hatte, aber sie mußte in demselben Augenblicke, da das Licht ihre Augen getroffen, erwacht sein.
Sie sprang auf, taumelte, wurde von einer Schiffsbewegung gegen die Wand geschleudert, wankte zurück, griff mit den Händen in der Luft herum, und plötzlich wurde ihr Gesicht schneeweiß.
Nobody sah die Katastrophe kommen, er wollte verhüten, was noch zu verhüten war, um dann Reinigungsarbeiten zu ersparen, sprang hin und faßte sie am Arme.
»Schnell hierherüber!«
Aber sie riß sich von ihm los, klammerte sich nur an einem Schranke an.
»Sie glauben wohl gar, ich werde seekrank?« fragte sie trotzig; dann preßte sie die Lippen zusammen und blickte ihn mit ebenso trotzigen Augen an. Nobody hörte auch ihr energisches Zähneknirschen.
Und das Wunder geschah! Nobody hatte genug auf See gelegen, um alle Stadien dieser heimtückischen Krankheit zu kennen, bei welcher sich der Mensch nichts sehnlicher als den Tod herbeiwünscht, während er von andern ausgelacht wird. Es gibt Leute, welche wohl von der Seekrankheit befallen werden, aber nicht seekrank werden wollen - nicht wollen!!! - und kraft dieses Willens ist das furchtbare Unwohlsein besiegt, ein für allemal! Aber unter zehntausend Passagieren findet man einen, der solch eine Energie besitzt.
Dieses kleine Mädchen hier brachte es fertig.
»Ich - habe - aber - einen - merkwürdigen Traum - gehabt,« brachte sie mit bleichen, zitternden Lippen hervor, noch ein kurzes Ringen, dann war es vorbei. Schon kehrte die gesunde Gesichtsfarbe zurück.
»Bravo! Bravo!!« rief Nobody in aufrichtiger Bewunderung.
»Na, was denn?« wollte sie sich erstaunt stellen.
»Schon gut, schon gut!« lachte Nobody. »Das war wirklich eine Leistung, würdig einer Rothaut, die am Marterpfahl mit einem Spottlied auf die Feinde stirbt. Meine Hochachtung! Du mußt aber trotzdem seekrank sein, freiwillig.«
Er erklärte ihr, was er beabsichtigte. Es ging nicht anders, es mußte eine kleine Lüge angewandt werden, und schließlich war es gar keine. Gretchen sollte an Bord der Junge bleiben, Hans Seidel. Am besten war es, sie kam überhaupt niemals an Deck, und da mußte eben vorgegeben werden, der kleine blinde Passagier läge in der Salonkabine schwer seekrank, und wenn der Steward einmal drin zu tun hatte, mußte Hans auch wirklich in der Koje liegen. Alles andre wollte schon Nobody übernehmen.
»Und wenn ich nun in Amerika bin?«
»Dann kommst du mit mir unter die Indianer,« lächelte Nobody.
»Sie sagten doch, Sie wären so ein Indianeragent, von denen ich auch schon gelesen habe. Ist das wirklich wahr?«
»Hast du schon von Nobody gehört?«
Nein, diesen Namen kannte das Mädchen aus der Lüneburger Heide nicht.
Und Nobody begann zu erzählen, von sich selbst. Aber um die Ansichten des Kindes nicht zu verwirren, gab er sich nicht für einen Detektiv aus, sondern eben für einen Indianeragenten, für einen im Dienste der Regierung stehenden Indianerspion, also auch eine Art von Detektiv, und er schilderte, wie er bei sehr vielen Stämmen Nordamerikas in hohem Ansehen stehe, bei ihnen einen besonderen Ehrennamen führe, auch den Rang eines Häuptlings einnehme - und nun verstand ja Nobody zu erzählen, und mit immer leuchtenderen Augen hörte ihm das phantastische Mädchen zu.
»Ei, so ein Leben möchte ich auch führen!« rief sie zuletzt. »Das ist noch viel schöner als nur so ein Indianerhäuptling von einem bestimmten Gebiete zu sein, wo man dann nicht wieder herauskommt. Ja, so in ganz Amerika herumstreifen zu können, überall von den roten Kriegern als Freund empfangen zu werden, immer neue Abenteuer erleben, das wäre etwas für mich!«
»Well, du sollst mich begleiten. Wir fangen in Südamerika an, und dort sind die Rothäute nicht schlechter als in Nordamerika, vielleicht noch besser, und die haben sich auch noch ihre Freiheit zu wahren gewußt.«
»Jawohl, wie die Penchuenchen in den Pampas!«
»Gehn wir erst einmal zu den Nachkommen der alten Inkas.«
Und jetzt weihte Nobody das Kind rückhaltlos in seinen abenteuerlichen Plan ein, und immer mehr strahlten die Augen des Mädchens, das mit halb geöffnetem Munde lauschte, manchmal auch recht kluge Fragen stellend, und sie beide merkten nicht, wie der Tag die Nacht verdrängte und draußen ein furchtbarer Sturm die See aufwühlte und das Schiff wie eine Seifenblase tanzen ließ. -
Nobody brauchte keine Entschuldigung für seinen Schützling. Die anfangs so gute Fahrt ward die denkbar stürmischste, die Passagiere durften gar nicht an Deck kommen, und der Kapitän hatte andres zu tun, als nach dem blinden Passagier zu fragen. Der Besitz einer Salonkabine berechtigte dazu, daß die Mahlzeiten in dieser selbst serviert wurden, und so blieben die beiden ganz ungestört. Sofort begann der Unterricht in der peruanischen Sprache, Nobody war der mitlernende Lehrer, Gretchen eine ebenso fleißige, wie talentvolle Schülerin, und in den Ruhepausen konnten die beiden durch einen Zufall zusammengeführten und in gewisser Beziehung so verwandten Menschenkinder nach Herzenslust ihren bizarren Phantasien nachhängen. Wirklich, in diesem kleinen Mädchen hatte Nobody einmal jemanden gefunden, der es mit ihm im Aushecken von tollen Plänen, auf die ein andrer Mensch gar nicht kommt, aufnahm.
Es ist nicht leicht, unbemerkt von Bord eines Ueberseedampfers an Land zu kommen. Dazu gehört ein ganz raffinierter Mensch, der alle Verhältnisse und Schliche schon kennt. Der kleine Indianerhäuptling wäre mit seinen drei Talern natürlich nicht an Land gelassen worden, es war ja überhaupt noch ein unmündiges Kind, und die Entdeckung des blinden Passagiers stand im Schiffsjournal, welches sofort von der Polizeibehörde geprüft wurde, noch ehe ein Fuß von Bord kommen durfte. Aber für Nobody war ja das alles ganz Nebensache, der wußte sich auf seine Weise zu helfen.
Im Zwischendeck, wo immer eine Art von Trödelmarkt abgehalten wird, erstand er einen Knabenanzug mit langen Hosen; den mußte Gretchen anziehen, das Lederkostüm wurde in Nobodys Koffer gepackt.
Der Dampfer fuhr in den Hafen von New-York ein. Dort näherte sich schon der Zolldampfer, und wer hätte da Zeit gehabt, sich um Mr. Ryland und seinen Schützling zu kümmern! Das Dampfboot setzte die Zollbeamten an Bord, und gleich hatte Nobody den höchsten mit Beschlag belegt. Nur ein leises Wort, und der Beamte ließ sich willig beiseiteziehen, ein Flüstern, nur ein neugieriger Blick nach dem hübschen Knaben, den Nobody an der Hand hielt, ein Nicken, einige leise Worte zu einem andern Beamten, und dieser führte die beiden hinüber auf den Zolldampfer, Nobodys Koffer nachtragend. Der Zollkutter wartete nicht erst, bis die Beamten fertig waren, er fuhr gleich wieder zurück, jetzt zwei blinde Passagiere an Bord, welche ohne weiteres das Land betreten konnten. Nobody hatte diesen amerikanischen Zollbeamten, welche er alle persönlich kannte, schon ganz andre Dienste erwiesen, als daß er nicht so eine kleine Gegenleistung fordern durfte, wobei das Auge des Gesetzes einmal ein bißchen zugedrückt werden mußte. Der Kapitän würde einige Unannehmlichkeiten haben, aber das war seine Sache, und wenn es geschehen war, so war es eben vorbei.
Nobody nahm das Mädchen erst mit in ein Hotel, fast nur, um das Telephon zu benutzen, sie blieben eine halbe Stunde da, dann wurde Nobody wieder angerufen, worauf sie nach längerer Wagenfahrt, die über die Brooklyner Brücke ging, ein schloßähnliches Gebäude erreichten, das in einem mächtigen Parke lag.
Wir wollen nur mit Gretchens Augen sehen.
»Das ist deine vorläufige Heimat, hier wirst du dich erst, wie ausgemacht, zur sattelgewandten Pampasindianerin ausbilden,« hatte Nobody gesagt, als der Wagen in den Park einfuhr.
Das Haus war bewohnt, der große Pferdestall neben der Reitbahn vollbesetzt, und Nobody schien nicht der Besitzer zu sein. In einem der luxuriösen Zimmer wurden sie von einem Gentleman empfangen, Nobody schüttelte ihm die Hand, sie sprachen Englisch zusammen, der vornehme Herr streichelte dem Mädchen im Knabenanzug das Haar, lachte und sagte einige Worte deutsch - dann bekamen die beiden eine Flucht von Zimmern angewiesen, einige weibliche und männliche Diener zu ihrer Verfügung und hatten mit allen andern gar nichts mehr zu tun. Es waren zwei Mietsparteien in ein und demselben Hause mit gemeinsamer Benutzung des Gartens und von allem, was dazu gehörte.
Während das entzückte Kind in dem Park umherstrich, der dicht an das Meer grenzte, schrieb Nobody Briefe und schickte ein Telegramm nach dem andern ab. Darunter war auch ein Brief, der nach Deutschland an Gretchens Stiefvater ging. War dieser mit allem einverstanden, gab er jedes Anrecht an das Kind auf, so konnte er bei einem Lüneburger Bankier sofort 5000 Dollar erheben. Wenn nicht, so bekam er gar nichts und - es war ganz genau dasselbe. Der kleine Schneidermeister würde das Geld schon nehmen. Es machte ihn zum Hausbesitzer und in dem Städtchen zum reichen Manne.
Am andern Tage kam ein Herr, dessen bartlose Physiognomie dem Mädchen wohl auffiel, ohne daß es aber erkannt hätte, was das wohl für ein Mann sein möge. Der moderne Anzug mußte sie irreführen.
»Hier, das ist ein echter Indianer, ein südamerikanischer Penchuenche,« stellte Nobody ihn vor, »welcher, als er noch seinen Renner durch die Pampas lenkte, den Kopf von so manchem Bleichgesicht auf seine Lanze gespießt hat. Jetzt geht er dem friedlicheren Berufe eines Reitlehrers nach, er wird auch der deine sein.«
Der Reitunterricht begann sofort, und das Mädchen lernte noch andres von dem Penchuenchen, was er zwar noch konnte, worin er aber in der Weltstadt keinen Unterricht gab, so zum Beispiel das Schleudern der Bola und der Bolette. Der südamerikanische Indianer bedient sich nicht, wie sein nördlicher Bruder, des Lassos, der Wurfschlinge, sondern der Bola. Das ist ein langer Lederriemen, an dessen Ende sich drei oder mehr bleierne Kugeln befinden. Diese werden um den Kopf gewirbelt, nach dem Ziele geschleudert, wirbelnd sausen sie durch die Luft und umschlingen den Gegenstand, das Bein des verfolgten Tieres. Meist wird dasselbe dabei zerbrochen, was bei einem Wilde ja nichts zu sagen hat. Soll ein Pferd gefangen werden, das nicht verletzt werden darf, so bekommt die Wurfschleuder anstatt der bleiernen Kugeln hölzerne, wegen des Gewichtes viel größere, und das ist dann die Bolette. Von der Wurfschleuder kann ein viel ausgiebigerer Gebrauch gemacht werden als von dem Lasso, vor allen Dingen läßt sie eine viel größere Wurfweite zu, die schweren Bleikugeln ziehen die leichte Lederschnur doch nach sich. Dann gibt es noch die Brakone, eine einzelne Bleikugel an einem kurzen Riemen. In der Hand eines Pampasindianers gibt diese Waffe einer Pistole an Leistungsfähigkeit wenig nach. Auf hundert Schritte trifft er den Gegner mit der Wurfkugel zwischen die Augen, zerschmettert ihm die Stirn.
In allen diesen Künsten wurde das Mädchen unterrichtet, dem in Südamerika noch eine besondere Rolle zugedacht war. Dann erschien noch ein älterer Herr, welcher, obgleich er nie in Peru gewesen, das Peruanische wie seine Muttersprache beherrschte, er kam jeden Tag wieder, um Gretchen zu unterrichten, und als noch eine Dame zum Führen des Haushalts da war, hatte Nobody sein Haus bestellt, er nahm Abschied.


Mr. World war nicht im Bureau. Statt seiner saß der ehrliche Paddy, die Säbelbeine hochgezogen, auf dem Drehstuhl und studierte die Zeitung.
Die Tür wurde geöffnet, ein hochgewachsener, bärtiger Mann trat ein, das klassische Gesicht überschattet von einem verwogenen Schlapphut.
»Morning!«
Den Mann sehen und vom Drehstuhl herunter, das war bei Paddy eins. Mit einem Sprunge stand er in der offnen Nebentür, welche zum eigentlichen Bureau führte.
»Fffffffffffffffffffffff - Ffffffffffff« fing er wie eine Dampfmaschine zu zischen an, trampelte auch aus Leibeskräften mit den Füßen, aber es half nichts, er brachte das erste Wort nicht heraus. »Fffffffffffff -«
»Singen,« erscholl drüben der Männerchor des Kommis, »singen, Paddy, immer singen!«
Und Paddy hörte auf zu zischen, stellte sich in Positur und begann zu singen, die Melodie eines neuen Gassenhauers, wozu auch getanzt wurde, und auch Paddy tanzte dabei mit seinen Türkenbeinen:

           »Papa, Mama,
    Schrum widebum widebum,
    Der Flederwisch ist da,
    Schrum widebum widebum,
    Der Flederwisch ist da.
    Juchheirassassassa!«
Flederwisch kannte den armen Kerl zur Genüge. Daß der Stotterer jetzt, wenn er etwas zu bestellen hatte, immer singen mußte, wobei sein Sprachfehler schwand, war ihm neu, und es sah gar drollig aus, wie das Kerlchen aus voller Brust sang und dazu tanzte, aber Flederwisch verzog keine Miene.
»Wo befindet sich jetzt Nobody?«
Paddy hatte sich dem ihm wohlbekannten Besuch zugewandt.
»Nnnnnnnnnnnnnnnnnnnn ...«
»Singen, Paddy, immer singen!« erklang es drüben wieder.
Gut, konnte geschehen, und Paddy sang und tanzte den zweiten Vers nach seinem eignen Text:

           »Papa, Mama,
    Schrum widebum widebum,
    Der ist am Titicaca,
    Schrum widehum widebum,
    Am Titititicaca
    Cacacacacacaca
    Juchheirassassassa!«
Jetzt freilich mußte sich Flederwisch das Lachen mit Gewalt verkneifen. Auch sein ehrliches Staunen war ihm dabei behilflich.
»Am Titicaca-See ist er? Was macht er denn dort?«
Paddy brauchte keine Aufforderung mehr, er begann von allein zu singen. Aber er hatte nicht etwa nötig, immer ein und dieselbe Melodie zu benutzen - nein, sein Repertoir[e] war gar groß, und er dichtete auch aus dem Stegreif.
So tanzte er diesmal nicht, es hätte nicht dazu gepaßt, vielmehr nahm sein sommersprossiges Gesicht einen salbungsvollen Ausdruck an, er faltete die Hände über der Brust, verdrehte die Augen nach oben und begann mit näselnder Methodistenstimme:

    »Und wenn ich das auch wüßt',
    Hallewuuuujaaahhh,
    so darf ich's doch nicht sagen,
    Sonst nimmt er mich beim Kragen,
    Aaaaaaaaaaameeeeeeeeeen!«
Und von drüben, wo die Schreiberseelen saßen, kam vielstimmig ein leises, melodisches Echo:
»Aaaaaaaaaameeeeeeen!«
Und der biedere Paddy hatte ganz recht, wenn er knurrte:
»Llllllllllllll...ausejungs!«


Flederwisch bekam sehr bald ein Schreiben zugestellt, in dem er in Nobodys neuestes Vorhaben eingeweiht wurde. Auch er sollte dabei mitwirken.
Ja, Nobody befand sich bereits am Titicaca-See, allein, als Kundschafter, um sich für die spätere, eigentliche Expedition vorzubereiten, wo er dann wieder in einer ganz andern Gestalt auftreten würde. Das war so Nobodys Eigenart, daher auch seine verblüffenden Erfolge.
Auf dieser seiner ersten Expedition nach dem Titicaca wollen wir ihn, so abenteuerreich diese auch war, nicht begleiten, sondern nur wenige Worte darüber sagen.
New-York - Colon - Panama - Arequipa. Das war die erste Reiseroute. Arequipa liegt in Peru, eine ansehnliche Stadt, zehn Meilen von der Küste entfernt, mit der Hafenstadt Quilca durch Eisenbahn verbunden. Von Arequipa nach dem westlichen Ufer des Titicaca-Sees sind es genau 24 deutsche Meilen. Das heißt auf der Landkarte, mit dem Zirkel gemessen! Nobody hatte den schneidigsten Führer, sie hatten die besten Maultiere unter sich, diese wurden nicht geschont, die Reise erlitt keine Unterbrechung, kein räuberischer Ueberfall und dergleichen - und dennoch gebrauchte Nobody zu dieser Tour von 24 Meilen nicht weniger als dreizehn Tage. Dabei ist eine Straße vorhanden, von den alten Inkas angelegt, noch ganz wohlerhalten. Die ganze Straße ist in den Felsen hineingemeißelt. Aber beim Reisen auf derselben kommen Schwierigkeiten in Betracht, welche gar nicht zu beschreiben sind. Man muß auch bedenken, daß dabei die Kordilleren in einer Höhe von 6000 Metern zu überwinden sind, und das ist noch ein tiefer Sattel - und zwar ein richtiger Sattel, auf dem ein Fußgänger, der kein Seiltänzer ist, lieber reitet. Zum Hinübergleiten, die Beine in den Abgrund hinabhängen lassend, würde er vielleicht acht Tage brauchen. Das schwindelfreie Maultier balanciert in zwei Tagen hinüber und muß in der Nacht stehend schlafen, sich dabei an eine Wand quetschend.
Als Nobody nur noch eine Meile - der Landkarte nach! - von dem Plateau der Puna entfernt war, da kam erst noch der fürchterliche ›Engpaß der fünfzehntausend Stufen‹. Es mögen noch einige Stufen mehr sein. Und was für Stufen! Das war keine bequeme Treppe! Zur Ueberwindung dieses Passes wurden drei Tage gebraucht.
Während dieses Marsches erkannte Nobody den Grund, wie es am Titicaca-See überaus reiche Silberminen geben kann; das reinste Silber liegt in den von alten Peruanern hergestellten Gängen zutage, welche nicht ausgenützt werden. Das Silber würde einfach durch den schwierigen Transport viel zu teuer.
Nun könnte ein kritisierender Leser fragen, wie denn da die alten Peruaner das Silber herabgeholt haben. Darauf wäre einfach zu antworten, daß die Inkas das Silber ja nicht als Tauschmittel, als Geld betrachteten, sondern es nur zu Kunstgegenständen verarbeiteten, und dann war damals doch auch eine ganz andre Zeit, da mußten eben Sklaven und Kriegsgefangene heran. Die Sache ist aber auch noch anders. Damals ging noch ein andrer Weg nach diesem Hochplateau, nördlich über Cuzco, ein ganz bequemer, den auch Pizarro benutzte. Den gibt es aber heute nicht mehr. Dort war auch einst ein großer Strom, der heute gar nicht mehr existiert. Die fleißigen Peruaner hatten ihn eingedämmt, während die faulen Nachkommen der Spanier nicht einmal imstande waren, die Dämme zu erhalten. Sie sind gebrochen, der Strom hat ein Gebiet von vielen hundert Quadratmeilen in einen undurchdringlichen Sumpf verwandelt. Vielleicht hatten auch schon die Peruaner solch eine Katastrophe erwartet, daß sie hier noch diesen zweiten Weg quer durch die Kordilleren angelegt hatten, ein kolossales Werk, vor dem der heutige Techniker mit all seinen Hilfsmitteln staunend steht.
Drei ganze Monate hielt sich Nobody auf dem Hochplateau auf. Er fischte mit den Seeindianern, er jagte mit den Punareitern, und keine Wachsamkeit konnte ihn daran hindern, die meisten der Tempelinseln zu besuchen, ohne daß dadurch böses Blut verursacht wurde. Niemand wußte es. Was Nobody dabei für Entdeckungen machte, werden wir später erfahren. Aber eines sei gleich hier bemerkt: selten hatte Nobody von seiner hypnotischen Kraft so viel Gebrauch gemacht, wie während dieser drei Monate zwischen den Punaindianern.
Dann schüttelte der weiße Mann, der so manchen ehrenvollen Beinamen erhalten hatte, seinen neuerworbenen Freunden die Hand, die roten Krieger bedauerten schmerzlich, daß es ein Abschied auf Nimmerwiedersehen sein sollte - und sie ahnten nicht, wie bald Nobody wieder bei ihnen sein würde, freilich in ganz andrer Gestalt und ohne sich zu erkennen zu geben.
Als der fürchterliche Paßweg überwunden war, nahm Nobody seine weitere Rücktour nicht wieder über die Landenge von Panama, sondern über San Francisco, die Pacific führte ihn quer durch das in Eis und Schnee liegende Nordamerika, und zur Weihnachtszeit war er wieder in jenem Hause, in dem er Gretchen zurückgelassen hatte.
Auch das scharfe Auge des Detektivs hätte sie bald nicht wiedererkannt. Das vor einem halben Jahre noch so magere Mädchen, deren spitze Knochen gefährlich werden konnten, hatte volle Glieder mit abgerundeten Formen bekommen - es war während des halben Jahres zur Jungfrau erblüht, und das bringt auch in den Zügen eine große Umwandlung mit sich. Nach den früheren Strapazen, die sie sich freiwillig auferlegt hatte, mochte die jetzige ruhige Lebensweise, wenn diese auch mit Sportübungen verbunden war, viel zu dieser schnellen und etwas frühreifen Entwicklung beigetragen haben. Außerdem hatte sie sich wieder das Haar lang wachsen lassen, auf Nobodys Anordnung, und da war es erst recht mit dem struppigen ›Indianerhäuptling‹ vorbei. Die knospende Jungfrau versprach eine Schönheit zu werden. Und sonst?
»Wie geht's?«
»Ich kann schon auf dem galoppierenden Pferde auf dem Kopfe stehn,« war die freudestrahlende Antwort.
Na, dann geht's ja gut, dachte Nobody zufrieden.
Aber lange war seines Bleibens hier nicht. Er hatte seine Ankunft vorher telegraphisch mitgeteilt, schon von Peru aus, und in dieser Zeit hatten die, welche damit beauftragt waren, alles schon fertig gemacht, daß Gretchen sofort abreisen konnte. Drei Monate hatte Nobody auf dem peruanischen Hochplateau verschwendet, hier hatte er keine drei Minuten Zeit.
Die Wagen des Pacificzuges, mit dem er gekommen, waren noch nicht losgekoppelt, als er schon wieder einen andern bestieg, welcher eine halbe Stunde später dieselbe Tour quer durch Amerika westwärts antrat, wieder ging es zehn Tage lang durch verschneite Prärien und vereiste Felsengebirge, diesmal aber in Begleitung eines jungen Dämchens.
Es war Weihnachtszeit, aber in San Francisco schien der ewige Frühling zu lachen; wieder wenige Tage später wurden sie unter dem Aequator auf dem Dampfer gebraten, und das blieb so, denn auf der südlichen Hälfte der Erdkugel war jetzt Hochsommer.
In Quilca stiegen sie in einem Hotel ab.
»Logiert hier ein Senor Cochrane?«
Ja, ein Herr dieses Namens hielt sich schon längere Zeit hier auf.
Er kam, ein Zeichen, und der Spanier hatte seinen Herrn und Meister erkannt.
»Nun?«
Der Spanier hatte in Nobodys Zimmer sofort eine Karte ausgebreitet, auf der um den Titicaca-See mit Tinte ein großes Quadrat gezeichnet war.
»Alles in Ordnung, das ist das Terrain!«
»Kostet?«
»Dreimalhunderttausend Peseta, billiger konnte ich den Kauf nicht machen.«
»Verflucht, das ist teuer!« brummte Nobody, als er die dargereichte Kaufurkunde nahm, auf den Namen Rodrigo Cochrane ausgestellt von der peruanischen Regierung in Lima.
Für 300.000 Peseta oder 400.000 Taler hatte Nobody ein Terrain von rund tausend deutschen Quadratmeilen erworben. Der ganze Titicaca-See samt Inseln und Tempeln und Fischen gehörte dazu, nahm davon nur den vierten Teil ein.
Ob er da billig oder teuer gekauft hatte, das kommt darauf an, von welcher Seite aus man es betrachtet. Um ein Beispiel zu zeigen, würden in den Vereinigen Staaten von Nordamerika 1000 Quadratmeilen Regierungsland zweiter Klasse - das ist solches, welches nur zur Weide dienen kann oder sonst künstlicher Bewässerung bedarf - rund fünfzehn Millionen Dollar kosten. Der Acker anderthalb Dollar, das ist eine feste Norm; erstklassiges Land zweiundeinhalb Dollar. Das ist nun freilich eine ganz andre Summe. In Brasilien dagegen würde man für 300 000 Dollar recht wohl 1000 Quadratmeilen erhalten, und zwar das fetteste Land, in dem alles wächst, was man hineinsteckt. Nur um das Wo handelt es sich. In der Nähe einer Stadt, einer Eisenbahn, eines schiffbaren Flußes und einer Küste natürlich nicht. Mitten drin in Zentralbrasilien. Und was will man denn dort mit der Ernte oder mit dem Fleische der Tiere machen? Man müßte es selber essen, man findet nicht einmal Arbeiter, und da ist keine Aussicht vorhanden, daß sich das jemals ändern wird.
Nobody hatte für diese lächerlich kleine Summe sogar reiche Silberminen erhalten, wo man das Edelmetall mit dem Taschenmesser herauskratzen konnte. Hatte alles keinen Wert. Daß bei Verwertung der Montanschätze, also beim Bergwerksbetrieb, die Regierung zehn Prozent erhielt, das war nur die übliche Klausel. Wenn nur die immer Geld brauchende Regierung von Peru recht viel solche Dumme fände!
Dann noch eins: die Regierung hatte dieses Land zum freien Wiederverkauf abgetreten ›für ewige Zeiten‹. In jenen südamerikanischen Ländern werden alle Urkunden auf ›ewige Zeiten‹ ausgestellt; diesen Ausdruck findet man immer wieder. Das haben sie England nachgeahmt. Und morgen bricht die Revolution aus, übermorgen ist aus der Republik ein Kaiserreich geworden, und alle vorher abgeschlossenen Verträge und Verkäufe sind ungültig! Außerdem hatte Peru gar kein so definitives Recht, dieses Hochplateau mit dem See zu verkaufen, auch Bolivia machte ja Anspruch darauf ...
Nobody hatte, das Dokument in der Hand haltend, zufällig zum Fenster hinausgeblickt, jetzt beugte er sich hinaus.
»Mr. Frank, ich bin da, kommen Sie herauf!«
Nach wenigen Minuten trat ein Herr mit eckigem Yankeegesicht ein. Eine flüchtige Begrüßung, und er zog bedächtig eine Brieftasche hervor.
»Ich komme direkt aus Santa Cruz.«
»Nun, Erfolg gehabt?«
»Sofort gingen sie darauf ein.«
»Kostenpunkt?«
»Hundertachtzigtausend Peseta.«
Nobody erhielt eine zweite Urkunde - er hatte auch jenes Hochplateau von Bolivia gekauft, dieses hatte es bedeutend billiger gemacht. Nun mußte er nur noch sehen, wie er mit den dortigen Indianern fertig wurde, das war der schwierigste Punkt, und das war es ja eben, weswegen dieser Besitz gar keinen Wert hatte und die Regierungen ihn um jeden Preis losschlugen.
»Meine Herren, wir gehn jetzt sofort zum Notar, um diese junge Dame, Miß Margarete Seidel, als Besitzerin eintragen zu lassen.«


Einige Tage später lief in Quilca ein Schiff ein, wie man ein solches hier nie gesehen hatte. Der Dampfer sah aus wie eine riesige Zigarre. Wir kennen ihn, es war die nach Art eines Torpedojägers gebaute ›Wetterhexe‹.
Sie nahm nur Kohlen ein, dann stach sie wieder in See, aber auch noch zwei Passagiere mitnehmend.
»Wird der Nordwind so bleiben?« fragte Nobody seinen Freund.
»Er fängt sich schon zu drehen an; heute abend haben wir direkten Westwind, und der steht dann einige Tage,« versicherte Flederwisch.
Als das Schiff außer Sicht des Landes war, begann an Bord ein geheimnisvolles Treiben. Aus den Luken kamen Röhren und mächtige Schläuche zum Vorschein, mit dem einen Ende blieben sie unter einem unförmlichen Gegenstand, um den ein Gerüst aufgeschlagen wurde, die verschiedensten Instrumente und Apparate wurden aufgestellt. Der Leiter des ganzen war ein Mann mit mongolischen Gesichtszügen, offenbar ein Japaner; Nobody, der besonders einen Windmesser beobachtete, führte mit ihm oft lange Gespräche.
»8 - 7 - 8 - 8,« las der Japaner an dem Windmesser ab, »jetzt verändert sich die Windstärke auch nicht mehr.«
»Dann bin ich in sieben Stunden drüben,« meinte Nobody. »Sieben Stunden und dreizehn Tage, das ist ein Unterschied!«
Der Wind hatte sich wirklich gedreht, es wehte ein frischer West. Die Nacht brach an, an Bord flammte elektrisches Licht auf, und im Scheine desselben sah man vom Deck der ›Wetterhexe‹ etwas Unförmliches aufwachsen, immer höher und immer dicker, ein Ungeheuer, eine Riesenbirne, bis gegen Mitternacht über dem Dampfer am kurzen Tau ein geschwellter Luftballon mit Gondel schwebte.
»All right?«
»Alles fertig. Bitte einzusteigen.«
Nobody, in einen Mantel gehüllt, schüttelte einigen die Hand, zuletzt Flederwisch.
»Auf baldiges Wiedersehen!«
»Ja, als Kapitän der Gebirgs-Marine,« lachte Flederwisch. »Na, Alfred, was du noch alles aus mir machen willst!«
An die Gondel trat die junge Dame, die Nobody mitgebracht hatte. Man hatte sie wenig an Deck gesehen. Auch sie war vom Kopf bis zu den Füßen in einen Mantel gehüllt. Als sie sich anschickte, in die Gondel zu steigen, glitt ihr der Mantel von den Schultern, und die Matrosen hatten einen seltsamen Anblick.
Sie sahen ein kurzes, buntes Röckchen, eine Art Mieder, alles bunt und mit Flittertand besetzt, sie sahen aufgelöste Haare, mit Korallen- und Goldschnüren durchflochten, nackte Füße, die Sandalen kreuzweise mit roten Lederriemen befestigt ...
Mehr sahen sie nicht, es war nur wie eine Vision gewesen, wie ein Bild im Kaleidoskop. Denn schnell hatte sich das Mädchen gebückt und den Mantel wieder umgeworfen, wobei sich auch zeigte, daß dieser mit Pelzwerk dick gefüttert war.
»Die sah doch gerade aus wie so eine rauchende Indianerin auf dem Zigarrenkistendeckel?« flüsterte ein Matrose.
»So gingen früher die Frauenzimmer bei den Inkas,« belehrte ein andrer Matrose.
»Guck, guck, wie die in die Gondel springt! Als wäre sie eine gelernte Seiltänzerin.«
»Na, eine gewöhnliche Dirne wird Nobody wohl auch nicht mitnehmen.«
Auch Nobody schwang sich in die Gondel.
Die Winde ließ den Ballon etwas höher schweben.
»Fertig!«
Der Japaner legte um das starke Seil einen blanken Kupferdraht, der in einen an Deck stehenden Kasten lief, legte seinen Finger auf einen Knopf.
»Time.«
»Let go!« erklang es von oben zurück.
»One - two - three!!«
An dem blanken Kupferdraht ein knisternder Funke, ein kleiner Feuerregen, ein brenzlicher Geruch, das Ende des durchgebrannten Seiles fiel zu Boden, und verschwunden war der Ballon. Wie eine Kanonenkugel war er zum finsteren Himmel emporgeschossen.
Kapitän Flederwisch blickte mit zurückgeneigtem Kopfe hinauf.
»Da geht er hin und singt nicht mehr,« sagte er.
Gott weiß, wie dieses geflügelte Wort entstanden ist, was es eigentlich bedeuten soll. Besonders von Seeleuten kann man es sehr oft hören.
»Da geht er hin und singt nicht mehr.« War der unsichtbare Ballon noch in Hörweite? Hoch oben aus der finsteren Nacht erklang noch einmal Nobodys volle, tiefe Bruststimme:

    »Im tiefen Keller sitz' ich hier ...«
Es verklang wie ein Echo, nur noch einmal hörte man in den Lüften ein silbernes Lachen, und unten an Deck erscholl ein dröhnendes aus rauhen Matrosenkehlen.


Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Weltenraume, und in diesem finsteren Weltenraume erscholl irgendwo ein herzhaftes Gähnen.
»Guten Morgen! Ausgeschlafen?« fragte eine männliche Stimme.
Die Antwort blieb aus, es krabbelte und raschelte nur im finsteren Weltenraume.
»Herrje, haben Sie mich aber mit Pelzen zugedeckt, ich finde mich ja gar nicht wieder heraus!« sagte dann eine helle Stimme.
»Das war aber auch sehr nötig. Vor einer halben Stunde passierten wir den Kamm der Kordilleren in einer Höhe von 9000 Metern, ich glaube, ich habe dabei mein linkes Ohrläppchen erfroren, und das mitten im tropischen Sommer. Von meiner Nase hängen noch jetzt zwei Eiszäpfchen herunter. Ich will sie nicht abbrechen, 's wäre schade darum ...«
»Herr Nobody! Herr Nobody!!«
»Was denn?«
»Ich habe auch schon zwei Eiszäpfchen an der Nase!«
»Siehst du?« lachte Nobody.
»Wie hoch sind wir denn jetzt?«
»Ich lasse den Ballon ständig fallen, werde gleich einmal nachsehen.«
Ein Lichtstrahl blitzte auf, beleuchtete einen Barometer und erlosch wieder.
»5740 Meter über dem Meere, aber wie hoch über der Erde, zu dieser Bestimmung fehlt jeder Anhaltepunkt. Doch die Sonne muß in wenigen Minuten aufgehn, da werden wir es gleich sehen.«
»Wenn wir nun in dieser Finsternis an ein Gebirge rennen?«
»Na, so fix geht das nicht!« lachte Nobody. »Die Nähe der Erde würden wir schon am Geruche erkennen, und die eines hohen Gebirges, das mit ewigem Schnee bedeckt ist, an der Kälte.«
In der Unterhaltung entstand eine Pause. Kein Aeronaut hätte in dieser Dunkelheit bestimmen können, ob sich der Ballon bewegte oder nicht. Und wenn er von einem Orkan fortgejagt worden wäre, mit einer Geschwindigkeit von 30 Metern in der Sekunde, scheinbar hätte er doch stillgestanden.
»Lichter!« rief Gretchen.
Auch Nobody hatte schon dort unten die winzigen Feuerchen gesehen.
»Das sind Lagerfeuer von Pampasindianern.«
»Wir bewegen uns also nicht.«
»Doch! Und ich glaube sogar, sehr schnell. Die Entfernung täuscht.«
Wieder eine längere Pause. Da in der finsteren Nacht ein zuckender Blitz, im Osten ein roter Streifen, und gleich darauf rollte dort die goldene Sonnenscheibe empor.
Es war ein Anblick, der sich nicht beschreiben läßt. Ja, hinter ihnen lagen die hohen Ketten der Kordilleren, noch höher erscheinend durch eine darüber schwebende schwarze Wolkenwand mit phantastischen Zacken, unter ihnen dehnten sich die endlosen Pampas aus, vor ihnen erglänzte der Spiegel des Titicaca-Sees, alles übergossen von goldenem Morgensonnenlicht. Aber das ist keine Beschreibung, das erklärt nicht, warum das Mädchen, an dem Nobody bisher noch keine besondere Naturschwärmerei beobachtet hatte, plötzlich auf die Knie sank und zu weinen begann.
Auch Nobody brauchte lange Zeit, ehe er Worte fand, und dann war er wieder nur der praktische Erklärer. Zunächst mußte er auch eine besondere Freude haben.
»Hurra, da ist der Titicaca!!«
Der See war sein Ziel, und der Ballon wurde gerade daraufzugetrieben. Das war ein großer Zufall. Schon die Berechnung beim Aufstieg war eine ganz unsichere gewesen; nur eine kleine Winddrehung, und man hätte vielleicht zehn Meilen entfernt an den Ufern des Sees vorbeitreiben können.
Jetzt war das Ziel gesichert, der Ballon flog direkt darauf zu, verfolgt von einer schweren Gewitterwolke. Die Entfernung von der Erde betrug mehr als tausend Meter, und Nobody ließ den Ballon nicht mehr fallen, im Gegenteil, er warf noch Ballast aus.
»Wir treiben in einem heftigen Sturme, mindestens 15 Meter in der Sekunde; die deutsche Meile machen wir also in kaum 10 Minuten. Aber ohne Sorge, daß wir eine schwierige Landung haben! Der Sturm herrscht nur hier oben, dort unten ist es vielleicht ganz windstill. Die Puna liegt nach drei Seiten vollständig geschützt, nur ein Südsturm kann sich hineinverirren.«
Die Höhe war eine zu große, um mit bloßen Augen auf der Erde etwas unterscheiden zu können. Die beiden nahmen die Fernrohre zur Hand.
»Ich sehe Pferdchen,« rief Margarete, »auch Männerchen!«
»Die sind schon auf unserm Gebiet.«
»Ob die den Luftballon sehen können?«
»Sicher, wenn sie zufällig in die Höhe blicken.«
»Was die dazu sagen werden?«
»Die werden vor Staunen Nase und Mund aufsperren und dann sich wahrscheinlich zu Boden werfen, die Nase in die Erde stecken und zu ihrem Pachacamac und ihren andern Göttern beten. Na, wenn wir erst zu ihnen vom Himmel herabkommen, das wird kein schlechtes Hallo geben.«
Nobody musterte hinter sich den Horizont. Die Gewitterwolke war doch noch schneller als der Ballon, sie kam immer näher. Außerdem bilden sich ja, wenn einmal genug Feuchtigkeit in der Luft vorhanden ist, neue Wolken von selbst; der ganze Himmel begann sich zu bedecken.
Noch eine halbe Stunde, dann befand sich der Ballon über dem Wasserspiegel, und zwar nahe am Südrande.
»Ach, die kleinen Inselchen, und die kleinen Häuserchen darauf, gerade wie aus einer Spielschachtel!« jubelte Gretchen und klatschte in die Hände.
Seitdem sie wirklich eine Berechtigung hatte, sich einen ›Indianerhäuptling‹ zu nennen, hatte sie ihren blumenreichen Indianerstil ganz aufgegeben. Denn jetzt wußte sie, was für eine humoristische Rolle sie damals gespielt hatte, jetzt gab sie sich, wie sie war, und sie war doch noch immer dem Charakter nach ein naives Kind.
»Warte nur, bis wir unten sind,« entgegnete Nobody, »was das für kolossale Baukästen sind.«
»Auf welcher Insel landen wir denn?«
»Ja, wenn ich das wüßte, dann würde ich mir gleich selbst das Diplom als Meisterschafts-Aeronaut ausstellen! Wollen will ich wohl, aber am Vollbringen wird's fehlen. Wenn wir nur nicht im Wasser landen müssen.«
Er zog kräftig das Ventil, rasch fiel der Ballon schräger Richtung hinab, er stürzte förmlich, ohne daß dies in der Gondel unangenehm empfunden wurde. Die schräge Richtung ließ sehr bald nach, unten herrschte also ein viel schwächerer Wind.
Jetzt konnte man dort am Ufer des Sees die Menschlein unterscheiden, und auch sie hatten das Ungeheuer in der Luft erblickt. Plötzlich wimmelte es dort unten wie in einem aufgestocherten Ameisenhaufen, sie deuteten in die Höhe, man hörte ihr Schreien, sie verschwanden in Zelten und Erdlöchern, kamen wieder zum Vorschein, warfen sich zu Boden, heulten.
Nobody hatte keine Zeit, die aufgeregten Indianer zu beobachten. Ja, er hatte nicht einmal für das Interesse, was er dort weiter im See so wundersam golden leuchten sah - er spähte nach den kleinen Inseln hinab, auf deren einer er landen zu können hoffte, allerdings ein großes Wagestück, zu dessen Gelingen noch größeres Glück gehörte.
»Jetzt oder nie, ich riskier's!« murmelte er und zog die Ventilleine, während er mit der andern Hand nach einem Eisengewicht von zehn Kilo griff; er hatte außer Sandsäcken auch solche Gewichte als Ballast mitgenommen.
Das Manöver, welches Nobody jetzt ausführte, hätte der tollkühnste Aeronaut nicht gewagt. Er hätte eben ein Gelingen nicht für möglich gehalten.
Nobody hatte so viel Gas herausgelassen, daß der Ballon förmlich wie ein Stein hinabsauste, und zwar gerade auf eine Insel zu. Unfehlbar mußte die Gondel samt Insassen auf der Erde zerschmettern - nein, eben nicht. Nobodys Auge hatte sich nicht getäuscht; noch zwanzig Meter vor der Insel schlug die Gondel klatschend ins Wasser - in demselben Augenblick schleuderte Nobody das schwere Gewicht über Bord - noch einmal schoß der Ballon in die Höhe, befand sich plötzlich über Mauerwerk - wieder hinab, die Gondel schleifte auf der Erde, der Ballon quetschte sich zwischen zwei Säulen, kam hindurch und ... lag plötzlich in einer großen Halle festgedrückt gegen die gewölbte Decke, der Boden der Gondel nur einen Fuß vom Boden entfernt!
»Glück wie immer!« rief Nobody, als er ohne weiteres aus der Gondel heraussprang, auch ohne noch einmal Gas herausgelassen zu haben. Der Ballon war ja gefangen, durch die Decke konnte er nicht.
Nein, Nobody war gar zu bescheiden, wenn er nur von seinem gewöhnlichen Glücke sprach. Wohl war es ein Zufall, daß der Ballon gerade in diese Halle getrieben worden war, das hatte Nobody allerdings nicht berechnen können - aber sonst war es wirklich das Meisterstück einer Ballonlandung gewesen, das ihm so leicht kein Aeronaut nachgemacht hätte. Daß er keinen Moment den Kopf verlor, daran hatte es gelegen, und dann - dem Kühnen gehört eben die Welt! Und das sollte sich jetzt auch noch in einem zweiten Falle bewahrheiten, den Nobody ebenfalls nicht zu erhoffen gewagt hätte.
Er war vor die Halle getreten, blickte sich um und ...
»Die Titicaca-Insel, wahrhaftig, wir sind gerade auf der heiligen Insel gelandet!«
Auch das war ein Zufall. Nobody war zwar schon auf ihr gewesen, vor einem Monat, aber von so hoch oben aus hatte er die einzelnen Inseln nicht unterscheiden können, da sieht alles ganz anders aus. Er hatte gar keine Zeit gehabt, dieselben so genau zu mustern, hatte ja überhaupt als Landungsplatz die wählen müssen, die gerade in der Windrichtung lag.
Und als wollte der Himmel bestätigen, daß die von ihm Herabgekommenen wie dereinst die beiden Sonnenkinder als erste Inkas auf der heiligen Insel gelandet seien, so zuckte jetzt ein greller Blitz über das dunkle Firmament, begleitet von einem krachenden Donnerschlag, und das war die Ouvertüre zu dem nun folgenden Konzert gewesen. Blitz zuckte auf Blitz, die ganze Welt schien in Flammen zu stehn, ein ununterbrochener Donner ließ die Luft erzittern. Aber das fürchterliche Gewitter war von keinem Regenguß begleitet.
»Jetzt heißt es, die Trümpfe, die wir in der Hand haben, ausspielen!« rief Nobody. »Komm aufs Dach hinauf, wirf den Mantel weg, daß dich alle als Sonnentochter bewundern können!«
Gretchen präsentierte sich in ihrem phantastischen Kostüm, das zum Teil schon beschrieben wurde. Jener Matrose hatte ganz recht gehabt: sie glich einem jener Indianermädchen, wie sie häufig auf den Deckeln der Zigarrenkisten abgebildet sind, zumal sie jetzt auch noch einen bunten Federschmuck auf den Kopf setzte. Ein gelbes Röckchen, ein rotes Mieder, das Arme und Nacken freiließ und vorn etwas ausgeschnitten war, an den Füßen Sandalen, mit roten Lederstreifen befestigt, welche kreuzweise das ganze Bein umschlangen, die offnen Haare mit Korallen-, Perlen- und Goldschnüren durchfiochten, auch sonst alles so bunt wie möglich und mit Flittertand behängen - jedenfalls war es eine ganz reizende Erscheinung.
Nun muß eine wichtige Einschaltung gemacht werden.
Obgleich, wie sich Nobody genau orientiert hatte, auch mit Hilfe seiner hypnotischen Kraft, unter den mehr oder weniger echten Nachkommen des alten Inkavolkes keine Sage oder Prophezeiung existierte, daß noch einmal vom Himmel Sonnenkinder herabkommen würden, um etwa das Inkareich in alter Herrlichkeit auferstehn zu lassen, so war die Erinnerung an jene alte Glanzzeit unter den jetzigen Indianern noch lebhaft vorhanden. Das zeigte ja auch schon der Streit zwischen den einzelnen Stämmen um die Echtheit der Nachkommenschaft, die Eifersucht, mit welcher sie gegenseitig die Unverletzlichkeit der heiligen Inseln überwachten.
Es wäre für Nobody ein leichtes gewesen, zumal da sich der Zufall und alle Elemente mit ihm verbunden hatten, das Mädchen und dadurch sich selbst unter den Indianern mit einem Schlage zu einer Machtstellung gelangen lassen. Sie waren vom Himmel herabgekommen, unter Blitz und Donner auf der heiligen Insel gelandet - Manco Kapac und Oellotzuaca waren von neuem erschienen, sie wären von den Indianern angebetet worden! Daran war ja gar kein Zweifel. Nobody hätte auch noch mehr Hokuspokus machen können; in der Gondel des Ballons verwahrte er auch eine elektrische Batterie, er hatte Feuerwerk bei sich und noch andres.
Allein er hütete sich vor so etwas. Soweit gingen seine Pläne nicht.
Die Zeiten haben sich unterdessen doch recht geändert. Er konnte ja hier kein Indianerreich gründen. Da wäre Politik dazwischengekommen. Und das Ende der Komödie wäre doch nur eine ungeheure Blamage gewesen. Denn da brauchte nur ein Europäer zu kommen - hier, Farbe bekennen, beweist mal, daß ihr andre Menschen seid als ich und diese Indianer! Und die Pampasindianer lassen sich schließlich auch aufklären, die können auch mit dem Luftballon fahren.
Nein, vor so etwas hütete sich Nobody. Gewiß, es war Schauspielerei und Sensation dabei, das hatte er beabsichtigt: aber es mußte alles waschecht sein. Aus diesem Grunde hatte er das sonst so herausstaffierte Mädchen auch nicht gefärbt. Ihre Haut war etwas von der Sonne gebräunt, aber nicht etwa mit Nußfarbe gebeizt. Das wäre Schwindel gewesen, da hätte man sie einmal abwaschen können.
Im übrigen werden wir bald sehen, wie Nobody auftreten wollte, und wir werden auch gleich erkennen, wie angebracht seine Vorsicht war.
Er selbst trug einen modernen, nur schon etwas strapazierten Jagdanzug, für diese Gegend der Pampas berechnet, und zeigte sich als junger, bartloser, stattlicher Mann, er zwang sich keine Maske auf, während er vor einem Vierteljahr hier als älterer Mann mit schwarzem Vollbarte erschienen war.
Sie stiegen eine steinerne Treppe hinauf, befanden sich auf dem Dach des Gebäudes, welches später noch genauer beschrieben werden soll, erkletterten einen mächtigen Quaderwürfel und konnten von hier aus nach allen Seiten freie Umschau halten.
Diese heiligste der heiligen Inseln, genau einen Quadratkilometer groß, liegt im südlichsten Teile des Sees und ist vom Ufer durch eine 800 Meter breite Wasserstraße getrennt.
Dort drüben erhob sich ein großes Zeltlager. Deutlich konnte man unterscheiden, wie die Häute der einen Zelte mit blauen, die der andern mit roten Bildern bemalt waren, meist Tiere darstellend. Die blaue Farbe führen die Quichuas, die rote die Aymaras. Aber nicht etwa, daß jede Farbe für sich stand, vielmehr waren die verschiedenartigen Zelte bunt durcheinandergewürfelt.
So groß ist eben die Eifersucht der beiden sich eigentlich hassenden Indianerstämme, welche sich als Wächter der heiligen Insel berufen glauben, daß sie die verschiedenen Gebräuche und selbst den Haß ganz außer acht lassen, daß sie sogar untereinander wohnen, nur damit einer den andern beobachten kann, ob er Gelüste zeigt, die heiligen Inseln betreten zu wollen; und so leben sie scheinbar ganz friedfertig beieinander, ein Feind geht neben dem andern dem Fischfang nach.
Dies gilt freilich nur für die Seeindianer. Wenn Pampasindianer dieser beiden verschiedenen Stämme zusammentreffen, so kommt es regelmäßig zum Kampf.
Das Zeltlager glich noch immer einem aufgestocherten Ameisenhaufen. Aus dieser Entfernung waren auch deutlich die Menschen zu erkennen, und ihre Aufregung, ihre offenbare Furcht kam nicht von dem Gewitter, daran waren die Indianer hier gewöhnt - an noch ganz andre. Sie deuteten auf die Insel, sie schrien, und als sich jetzt die beiden Gestalten, besonders das bunte Mädchen, auf dem platten Dache zeigten, da erreichte die Aufregung ihren höchsten Grad, und ... da war es auch schon!
»Manco Kapac - Oellotzuaca!!« erscholl es unausgesetzt durcheinander.
»Ja, kommt nur herüber, so gehört sich's - wir kommen nicht!« sagte Nobody.
Dann brachte er mit einem Rufe der Ueberraschung schnell das Fernrohr vors Auge.
»Was ist denn das? Unter den halbnackten Indianern sind doch einige ... wahrhaftig, das sind Gestalten, die nicht unter die Indianer gehören - und da auch ein weißes Käsegesicht - hallo, da haben wir wohl gar schon Konkurrenz bekommen! - Jetzt springt der Kerl in ein Boot ...«
Am Strande dort drüben lagen sehr viele Boote, es war ja ein Fischervolk. Sie waren mit Indianern besetzt; diese wollten offenbar herüber, aber sie wagten es nicht oder wurden zurückgehalten, man war eben unschlüssig, wie man sich zu den vom Himmel herabgekommenen Wesen stellen sollte. Das charakteristische Kleidungsstück der Indianer dieses Hochplateaus ist eine Art von Mantille oder kurzem Mantel aus Guanacofell, schon mehr Pelz. Er reicht nur bis zum Leib; legen sie ihn ab, so sind sie nackt bis auf den Schurz. Hier herrscht ja auch im Sommer wie im Winter tagsüber eine tropische Hitze. Kommt aber einmal der Wind von den schneebedeckten Gipfeln der benachbarten Berge herab, wird die Luft, einem physikalischen Gesetze folgend, herabgedrückt, so entsteht gleich eine eisige Kälte, die auch stets Schneefall bringt. Dann kauern sich die Indianer nur nieder, in jener eigentümlichen Weise, wie man es auf den altperuanischen Bildern sieht, ähnlich wie die Türken und doch wieder ganz anders; sie schmiegen sich förmlich an den Boden an, und die an sich so kurze Mantille hüllt sie vollständig ein.
So kostümiert waren auch alle jene Indianer dort - nackt in der Pelzhülle. Dazwischen waren aber auch einige - Nobody hatte ungefähr ein Dutzend gezählt - welche zwar indianische Gesichter zeigten, soweit das zu erkennen war, doch vollständige Jagdanzüge trugen. Das mußten Fremde sein. Auch sie wollten ein Boot besteigen, um nach der Insel hinüberzurudern, und zwar wurden sie dabei von einem Manne getrieben, dem man den Engländer oder den Yankee gleich kilometerweit ansah, wurden aber von den Indianern daran gehindert, ihr Boot wurde mit Gewalt festgehalten, es kamen dabei drohende Bewegungen vor.
Da stieß ein kleines Boot ab; in diesem saß allein jener Europäer, der zuerst das Wort geführt hatte. Einsehend, daß er auf diese Weise nicht zum Ziele kam, hatte er sich unbemerkt beiseite gemacht und war so in ein Boot gekommen.
Kräftig handhabte er das Ruder, unbekümmert um das, was hinter ihm vor sich ging, und da er nun einmal unterwegs war, wurde er auch nicht weiter gehindert, kein Boot eilte ihm nach.
»Gretchen, du bleibst hier oben, behältst die dort drüben im Auge und die ganze Wasserfläche. Nähert sich ein Boot, dann pfeifst du. Ich muß den Gentleman unten empfangen, daß er mir nicht an meinem Luftballon herumstänkert. Ich habe so eine Ahnung.«
Das Mädchen faßte es als eine Ehre auf, hier als Wachtposten aufgestellt zu sein, zog eine lange Knochenpfeife aus dem Busen, und Nobody begab sich hinab.
Zuerst besichtigte er noch einmal den Ballon, der wohlgeborgen war und auf diese Weise in seinem engen Gefängnis das Gas noch lange halten mußte, nahm etwas aus der Gondel, und da hörte er auch schon Schritte kommen.
Es war ein Mann mittleren Alters mit glattrasiertem Yankeegesicht. Mit seinem karierten Sportanzug - Pumphosen, Kniestrümpfe und gelbe Schnürstiefel - hätte er sich auf jeder Promenade sehen lassen können, an dem Sporthemd fehlte auch nicht die seidene Schnur, ja Nobody konstatierte, daß jener sich soeben erst rasiert und dabei auch das Pudern nicht vergessen hatte.
Jeder andre hätte ihn für einen recht harmlosen Durchschnittsmenschen gehalten. Hinter den Gläsern des Klemmers, den er trug, blickten die hellblauen, wässerigen Augen recht blöde in die Welt.
Nobody ließ sich nicht beirren, sein Urteil lautete anders:
»Der weiß, was er will, und was er will, setzt er auch durch, und zur Erreichung eines Zieles scheut er vor nichts zurück.«
Nicht wenig imponierte Nobody auch, daß jener zwischen den schmalen Lippen eine lange, schwarze Virginiazigarre hielt, die er sich erst beim Betreten dieser Insel angezündet haben konnte. Man bedenke nur, was der Mann beabsichtigte - er hatte den Ballon landen sehen, wußte nicht, mit wem er es zu tun bekommen würde, und phlegmatisch hatte er sich nach Verlassen des Bootes eine Zigarre angebrannt.
Nobody war aus der Halle getreten. Schon verzog sich das Gewitter nach Osten, im Westen begann wieder der blaue Himmel zu lachen. Der Fremde blieb in einer Entfernung von zehn Schritten stehn, nahm die lange Zigarre aus dem Munde und den Zwicker von der Nase. So stand er steif da, und zu dieser Steifheit der Bewegungen paßte auch die näselnde Stimme.
»Maximus Wilken, Philadelphia.«
»Richard Bärmann, Hamburg,« stellte sich Nobody seinerseits vor.
»Sehr angenehm!«
»Gleichfalls!«
Mr. Maximus Wilken tat einige Züge aus seiner Zigarre, dann verringerte er die Entfernung von Nobody mit bedächtigen Schritten um die Hälfte.
»Ehem. Sie sind mit dem Ballon gekommen?«
»Ja.«
»Ehem. Absichtliche Landung?«
»Absichtlich.«
»Aus welchem Grunde?«
»Aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafür?« war Nobodys ungeschminkte Gegenfrage.
Wieder ein ›Ehem‹ und Mr. Maximus Wilken zog ein rotes Taschentuch von ungeheurem Format hervor und begann umständlich seinen Klemmer zu putzen.
»Ehem. Ich bin sehr kurzsichtig. Gestatten Sie, daß ich meinen Kneifer aufsetze?«
»Bitte sehr!«
Die wichtige Handlung des Klemmeraufsetzens wurde mit der nötigen Bedachtsamkeit ausgeführt, und daß oben das Mädchen, welches alles hören konnte, ein Kichern nicht unterdrücken konnte, war entschuldbar. Die Züge des Yankees blieben unbeweglich.
»Ehem,« fing er dann wieder an. »Es ist doch ein ganz außergewöhnlicher Fall ... und ... ehem ... wir beide sind innerhalb von einigen tausend Quadratmeilen die einzigen Europäer ... und ... ehem ...«
Nobody verstand, was jener meinte, und er mußte ihm recht geben. Wenigstens etwas wollte er aus seiner Reserve heraustreten. Auch er mußte dann ja fragen, was dieser Herr hier zu suchen hatte. Was er jetzt sagte, das hatte er natürlich mit seiner Begleiterin alles schon verabredet.
»Ich bin Aeronaut und von einer Dame beauftragt, dieselbe im Ballon hierherzubringen.«
»Welche Dame?«
»Die sich mit mir im Ballon befand. Es sollte mich wundern, wenn Sie dieselbe vorhin nicht auf der Plattform dieses Gebäudes haben stehn sehen.«
»Das war eine Indianerin.«
»Miß Margarete Seidel ist eine unverfälschte Deutsche.«
Der bedächtige Yankee brauchte nur einen Augenblick Ueberlegung und einen Zug aus der Zigarre, dann hatte er das Rätsel gelöst.
»Weshalb hat sie sich als Indianerin kostümiert?«
»Geschmacksache.«
So, nun wußte Mr. Ehem, daß seiner Neugier Grenzen gesetzt waren.
»Ich möchte die Lady sprechen.«
»Bedaure. Die Lady hat mich beauftragt, mit Ihnen zu unterhandeln.«
Auch gut. Der Yankee nahm alles geduldig hin, sein Gesicht blieb unbeweglich.
»Außerdem,« setzte Nobody noch hinzu, »sprechen Sie Deutsch?«
»Nein. Nur Englisch.«
»Und Miß Seidel spricht nur Deutsch. Eine persönliche Unterredung wäre also überhaupt unmöglich. Wollen Sie mit mir unterhandeln?«
»Unterhandeln, ehem - das ist das richtige Wort. Darf ich fragen?«
»Bitte! Und ich werde unter der Bedingung antworten, soweit ich kann, daß auch Sie dann meine Fragen beantworten, weshalb Sie sich hier aufhalten.«
»Das werde ich Ihnen alsbald ausführlich erzählen. Unser Zusammentreffen unter solchen Verhältnissen, daß Sie gerade mit einem Luftballon kommen, ist wirklich ein sehr merkwürdiges. Was beabsichtigt die Dame hier?«
»Miß Seidel ist eine sehr reiche und - und ... eine etwas abenteuerlich veranlagte junge Dame. Verstehn Sie, was ich hiermit sagen will?«
»Ich verstehe. Habe nicht gewußt, daß es auch unter den Deutschen solche Damen gibt. Aber freut mich! Und?«
»Sie hat vom Titicaca-See und seinen Inseln mit den uralten Ruinen gehört, wollte sie besichtigen. Sie hörte auch von dem schauderhaften Wege. Sie hatte eine Idee. Kann man die Kordilleren nicht mit einem Luftballon überfliegen? Sie wandte sich an mich, den sie als Aeronauten kannte. Wir haben nicht die erste Luftballonfahrt zusammen gemacht. Gewiß, das geht. Und die junge Dame kann es sich leisten. So nahmen wir einen Luftballon mit. Gestern nacht stiegen wir in Quilca auf.«
»Konnte der Ballon denn in Quilca gefüllt werden? Ich weiß zufällig, daß dieses Hafenstädtchen kein Leuchtgas besitzt. Bitte, wollen Sie versichert sein, daß ich nicht aus Neugier frage! Ich werde Ihnen dann die Erklärung für mein Interesse geben.«
»So muß ich allerdings genauer sein. Nicht direkt in Quilca stiegen wir auf. Die Dame hat eine eigne Jacht. Auf derselben ist alles vorhanden, um Wasserstoffgas zu erzeugen und den Ballon zu füllen. Dies geschah also diese Nacht in der Nähe von Quilca an Bord der Jacht.«
»Sie werden diese Gegend auch wieder im Ballon verlassen?«
»Hoffentlich werden wir es können.«
»Können Sie denn den Ballon noch benutzen?«
»Er ist unbeschädigt geblieben; natürlich muß er aber erst wieder gefüllt werden.«
»Wie wollen Sie das bewerkstelligen? Haben Sie alles Nötige mit, um den Ballon gleich wieder hier zu füllen?«
»Nein. Der Apparat und die Chemikalien wiegen viele Zentner. Die Mannschaft der Jacht wird dies alles hier heraufbringen, muß dazu natürlich den Landweg benutzen, und darüber dürften drei Wochen vergehn.«
»So! Ehem. Die Dame will nur die Ruinen besichtigen?«
»Wie ich sagte.«
»Sonst nichts weiter?«
»Was sonst?«
»Hm. Sie haben doch gewiß schon von der Kette der Inkas gehört, ehem?«
»Gewiß! Well, ich will Ihnen gegenüber ganz offen sein. Die junge Dame hat es allerdings auch auf die Tempelschätze abgesehen, welche die Priester seinerzeit in diesem See versenkt haben, und wenn wir dieselben finden sollten, nehmen wir sie natürlich mit, und eben dieser Schätze wegen, die auf dem Grunde des Sees ruhen, haben wir uns besonders auch zur Herreise eines Luftballons bedient. Ist Ihnen bekannt, daß man um so tiefer in das Wasser hinabblicken kann, je höher man sich über demselben befindet?«


Wie schon gesagt, war es eine Sternschnuppe, welche Nobody auf die geniale ›Idee‹ gebracht hatte. Wir müssen etwas näher auf diese Ideenverbindung eingehn.
Nobody war von vornherein entschlossen gewesen, bei einem Besuche des Titicaca-Sees auch nach jenen Schätzen zu forschen, wozu er einen von ihm selbst verbesserten Taucheranzug, wie er einen solchen schon auf der Magnetinsel benutzt, und den er unterdessen bedeutend vervollkommt hatte, mitnehmen wollte. Freilich konnte ebensogut ein blindes Huhn eine Perle finden wie ein Taucher auf dem Grunde des mächtigen Sees jene Schätze. Nobody wollte auch einige Indianer dieser Gegend hypnotisieren, es war ja möglich, daß hier ein Geheimnis gewahrt wurde - aber gesetzt den Fall, er bekam wirklich die Stelle beschrieben, so bot es doch immer noch die größten Schwierigkeiten, den Schatz zu heben. Er wollte wohl die Inseln besuchen, keine Bewachung der Heiligtümer sollte ihn daran hindern, da wollte er sich schon durchschleichen - aber daß er dann unbemerkt die Hebungsarbeiten vornehmen konnte, daran zweifelte auch Nobody, obgleich er doch sonst alles fertig brachte. Er hatte sich eben schon sehr gut darüber orientiert, wie scharf diese Inseln und der ganze See von den hiesigen Indianern bewacht wurden.
Da sah er, nach der Unterredung mit dem abenteuerlichen Mädchen, die leuchtende Sternschnuppe fallen. Und die Idee war da.
Manco Kapac und Oellotzuaca - die beiden ersten Inkas sind vom Himmel herabgekommen - das müssen wir auch - auf welche Weise? - Natürlich mittels eines Luftballons!
Das war die Ideenverbindung, und alles andre kann sich der Leser selbst erklären. Nobody glaubte also ein sicheres Mittel gefunden zu haben, unangefochten die heiligen Inseln besuchen zu können, obgleich er, wie schon ausführlich erklärt wurde, nicht beabsichtigte, das Mädchen und sich selbst anbeten zu lassen, überhaupt einen Humbug zu treiben.
Nun aber weiter!
Es dürfte im Binnenlande nicht so allgemein bekannt sein, daß man um so tiefer in ein Gewässer hinabblicken kann, je höher man sich darüber befindet. Das Wasser scheint sich zu klären, durchsichtiger zu werden. Allerdings hat das eine Grenze, gar zu hoch darf man nicht stehn, auch darf das Wasser nicht direkt schlammig sein. In einem Schwimmbad, welches eine Galerie hat, kann man die Probe machen. Steht man unten, so ist der Grund an der tiefen Stelle nicht zu sehen, oben von der Galerie ist er und jeder im Wasser befindliche Gegenstand deutlich zu erkennen.
Die Seeleute haben von alters her dieses optische Gesetz zu benutzen verstanden. Wenn ein Schiff im Hafen oder an einer seichten Stelle einen Anker verloren hat, so sucht man ihn erst von einer Raa aus zu erspähen, meist mit Erfolg. Besonders auch die amerikanischen Austernfischer suchen auf diese Weise den Meeresboden ab, ehe sie das Schleppnetz auswerfen. Jetzt geht man sogar mit dem Gedanken um, die Schiffe mit Fesselballons auszustatten, eben aus diesem Grunde, jedes Taucherschiff hat schon einen.
Damals aber dachte man noch nicht an die Benutzung von Ballons zu diesem Zwecke. Das war bei den Seeleuten nur so eine Art von ›Hausmittel‹, Nobodys Idee war wirklich Original.
Die Sternschnuppe hatte ihn also auf den Luftballon im allgemeinen gebracht, dann hatte er daran gedacht, diesen gleich zum Absuchen des Seebodens zu benutzen. Uebrigens ist schon etwas angedeutet worden - Nobody hatte doch im See bereits etwas golden glänzen sehen - da er aber selbst zu seiner Begleiterin hiervon nichts gesagt hatte, wollen auch wir der Erzählung nicht vorgreifen. - -
»Ich weiß es, wie man aus der Höhe in tiefes Wasser hinabblicken kann,« entgegnete der Yankee auf die an ihn gestellte Frage. »Aber Sie können sich die Mühe ersparen.«
»Welche Mühe?«
»Den ganzen ungeheuren See nach dem Schatze vom Ballon aus abzusuchen. - Sie können auch gleich den schweren Gasapparat an Bord des Schiffes lassen.«
»Was wollen Sie damit sagen? Wieso könnte ich mir diese Mühe ersparen?«
»Weil mir die Stelle bekannt ist, wo die Inkapriester die Kette und die Tempelschätze versenkt haben.«
Nobody war natürlich nicht wenig überrascht, wenn ihm davon auch nichts anzumerken war. Und dieser Yankee sah gar nicht danach aus, als ob er ein Phantast sei. Aber was beabsichtigte der eigentlich?
»Dann sind Sie wohl der einzige Mensch, der dieses Geheimnis kennt?«
»Nicht doch. Ich habe dieses Geheimnis erst gekauft.«
»Von wem?«
»Wollen wir uns nicht setzen?« fragte Mr. Wilken, veränderte zum ersten Male seine Stellung, setzte sich auf einen behauenen Block, wie solche hier zahlreich umherlagen, und Nobody ließ sich ihm gegenüber nieder.
»Ich habe einen besonderen Grund, mich Ihnen zu offenbaren, welchen Sie dann von allein als richtig anerkennen werden. Ich will mich so kurz wie möglich fassen. Ich bin in Philadelphia, wenn nicht in ganz Amerika, als ein Mann bekannt, der sich in jedes Geschäft einläßt, mit dem Geld zu machen ist - sagen wir: in jedes abenteuerliche Unternehmen. Mein letztes Werk war die Wasserversorgung der Stadt Breston ...«
»Ah, das waren Sie?!« rief Nobody in aufrichtiger Ueberraschung.
»Das war ich. Breston litt immer unter Wassermangel, ein Mensch, der sich Ingenieur nannte, behauptete, Breston besitze eine reiche Wasserader, man müsse nur bohren. Es war schon genug gebohrt worden, bis 600 Meter tief, immer ohne Erfolg. Jener Mensch war ein Phantast, der mit der Wünschelrute arbeitete. Er wandte sich auch an mich, ich hörte ihn geduldig an - es war doch etwas daran, was mich stutzig machte. Kurz, ich nahm die Bohrungen wieder auf - aber, um mich gegebenenfalls nicht zu blamieren, unter dem Namen einer fingierten Firma - bei 750 Meter Tiefe entsprang der Erde ein dicker Wasserstrahl. Dies nur nebenbei. Es ist vier Monate her, ich bohrte noch, als mich eines Tages in meiner Wohnung ein Mann aufsuchte. Ein Spanier mit einem Abenteurergesicht, zerlumpt, verhungert. Er wollte einen Plan des Titicaca-Sees besitzen, in dem die Stelle eingezeichnet sei, auch mit genauer geographischer Ortsangabe, wo die Priester seinerzeit die goldene Kette und die andern Tempelschätze versenkt hätten.«
Der Erzähler machte eine Pause, als erwarte er jetzt eine Zwischenfrage, und Nobody hatte denn auch nicht schlecht aufgehorcht.
»Bitte, wie hieß der Mann?«
»Aus welchem Grunde interessieren Sie sich für seinen Namen?«
»Ich dürfte den Mann kennen oder doch von ihm gehört haben. Hieß er vielleicht Diego Alcala?«
Der Yankee zog nur die Brauen etwas hoch, nichts weiter.
»Stimmt! Woher kennen Sie ihn?«
»Hat der Mann Ihnen vielleicht gesagt, daß er sein Geheimnis schon einmal einer andern Person angeboten hatte, erst kurz vorher?«
»Ja. Dem New-Yorker Detektiv Nobody.«
»Dieser Nobody ist mein Freund, er erzählte mir von dem Briefe des Spaniers mit seinem Angebot.«
»Well,« fuhr der Yankee gleichmütig fort, »Nobody hat ihm nicht geantwortet. Nach einiger Zeit wandte sich Alcala an mich. Den Plan wollte er mir nicht zeigen. Nun, ich weiß solche mißtrauische Leute zu behandeln. Fort konnte ich damals auch gar nicht, ich beschäftige mich niemals gleichzeitig mit zwei Unternehmungen. Ich unterhielt den Mann inzwischen. Uebrigens traute ich ihm; denn alles, was er mir erzählte, hatte Hand und Fuß.«
»Wieso?«
»Zuerst lachte ich ihn aus, nannte ihn einen Narren. Wer sollte denn die geographische Ortsbestimmung mit Breiten- und Längengraden bis zur Sekunde aufgenommen haben? Etwa die Priester der Inkas?«
»So fragte Nobody auch.«
»Und deshalb also wollte Nobody gar nichts von dem Manne wissen?«
»Nobody läßt sich überhaupt auf so etwas nicht ein, hat's nicht nötig.«
»Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Alcala erzählte mir eine ganz glaubwürdige Geschichte. Haben Sie gehört, wie vor zwei Jahren ein französischer Gelehrter den südamerikanischen Kontinent mit dem Luftballon durchqueren wollte?«
Wie Schuppen fiel es plötzlich von Nobodys Augen. Mit einem Male wußte er, woher die geographische Ortsbestimmung stammen konnte.
»Dr. Jérôme Girard!« rief er. »Er stieg mit seinen beiden Begleitern in Lima auf, wollte über das unbekannte Brasilien hinwegfliegen. Man hat von ihm und seinen beiden Begleitern nie wieder etwas gehört.«
»Es war noch ein vierter dabei, ein Führer, eben Diego Alcala, welcher sich zeit seines Lebens in Südamerika herumgetrieben hat.«
»Und der Ballon ist über den Titicaca-See hinweggegangen?«
»So ist es. Und da sahen sie in der Tiefe des Sees die Tempelheiligtümer liegen. Alcala spricht von ganzen Bergen von Gold. Aber den gelehrten Geographen war die Erforschung Brasiliens wichtiger als alles Gold der Welt. Nur die geographische Lage wurde bestimmt, was leicht geschehen konnte, da der Ballon bei dem schwachen Winde ganz langsam flog. So konnten sie den Schatz ja auch noch später heben; aber daraus sollte nichts werden. Der erschöpfte Ballon mußte in einer wilden Gegend landen, die Insassen der Gondel wurden von Botokuden angegriffen und erschlagen. Nur Diego Alcala entkam. Er nahm jene Zeichnung mit. Ein Jahr lang ist er unter unsäglichen Gefahren im Innern Brasiliens umhergeirrt, ehe er wieder bewohnte Gegenden erreichte. Der Zufall führte ihn nach New-York, ein Schiff brachte ihn hin, von dort wendete er sich schriftlich an jenen Nobody, von dem er schon gehört hatte, besonders auch, daß derselbe einen Tauchapparat besitze; da er keine Antwort erhielt, kam er zu mir. Nun, solche Tauchapparate kann ja jetzt jeder bekommen, die sind schon im Handel.«
Hätte der Spanier von seiner Luftballonfahrt gesprochen, Nobody würde dem Briefe mehr Beachtung geschenkt haben, dann würde auch er wohl ... doch solche Erwägungen hatten jetzt keinen Zweck mehr.
»Haben Sie den Plan gesehen?«
»Ja. Ich zählte dem Spanier tausend goldene Adler bar auf den Tisch, außerdem machten wir einen Kontrakt, nach dem wir den Gewinn teilten; für diesen Preis ging der Plan in meinen Besitz über. Als die Wasserbohrung von Erfolg gekrönt war, machte ich mich auf die Reise nach hier.«
»Diego Alcala begleitete Sie?«
»Selbstverständlich.«
»Er ist also ebenfalls hier?«
»Nein.«
»Wo befindet er sich denn jetzt?«
»Wir hatten eine sehr stürmische Seefahrt, Alcala wurde von einem Brecher über Bord gespült.«
Fest blickte Nobody den Sprecher an. Er hätte viel darum gegeben, wenn er diesen Mann jetzt hätte hypnotisieren können, um von ihm die Wahrheit über Alcalas Ende zu erfahren. Aber Nobody wußte sofort bei jeder Person, der er ins Auge sah, ob sie leicht oder schwer zu hypnotisieren sei, und so erkannte er auch ohne weiteres, daß dieser Yankee zu jenen seltenen Ausnahmen gehörte, welche seinem magnetischen Blicke trotzten. Er wußte es, er brauchte es gar nicht erst zu probieren.
»So! Da haben Sie also die Expedition zu Lande allein angetreten?«
»In Arequipa engagierte ich zehn Mestizen - oder Chulos, wie man hier die Mischlinge nennt. Ich bin mit allem versehen, was ich brauche, auch mit zwei solchen Tauchapparaten, deren Brauchbarkeit ich schon in Philadelphia probiert habe, ich habe Geschenke für die Indianer massenhaft bei mir ... und nun sitze ich hier fest.«
»Weshalb heben Sie die Schätze nicht, wenn Sie deren Lage kennen?«
»Die Sache hat einen Haken.«
»Welchen? Aha, Sie haben wohl die geographische Ortsbestimmung, aber Sie selbst können die Berechnung nicht ausführen.«
»Doch, ich verstehe mit dem Sextanten umzugehn, habe Logarithmentafeln und alles bei mir; aber jener Spanier hat mir etwas verschwiegen oder wußte es selbst nicht. Ich bin nun schon vierzehn Tage hier, und die Indianer lassen mich nicht auf die Inseln, nicht einmal auf den See, das ist alles heilig bei ihnen, wir können nicht einmal in ein Boot kommen. Wir werden wie Gefangene bewacht.«
»Ja, ja, das ist so. Darüber hätten Sie sich vorher auch orientieren können. Sie und Ihre Leute werden als Gefangene behandelt?«
»Das nicht. Ich könnte jederzeit den Rückweg antreten. Nur in ein Boot lassen sie uns nicht, darin werden wir überwacht, auf welcher Seite des Sees wir uns auch befinden mögen.«
»Sie sind doch jetzt im Boot herübergekommen.«
»Ich benutzte die allgemeine Verwirrung. Ich riskierte es auf die Gefahr hin, eine Bleikugel nachgeschossen oder nachgeschleudert zu bekommen. Aber ich mußte Sie unbedingt sprechen.«
»Ja, mein Herr, weshalb eigentlich wollten Sie das? Warum erzählen Sie mir das alles, machen mich zum Vertrauten Ihres Geheimnisses?«
Die Zusammenkunft der beiden hatte an einer Stelle stattgefunden, von welcher aus das jenseitige Ufer nicht zu erblicken war. Aber die Stimmen der aufgeregten Indianer waren bis hierher hörbar.
»Manco Kapac! Oellotzuaca!« erscholl es jetzt lauter denn zuvor.
»Hören Sie?« fragte der Yankee.
»Ich höre.«
»Wissen Sie, was diese beiden Namen bedeuten?«
»Gewiß weiß ich es. Das waren die Namen der ersten beiden Inkas, eines Mannes und einer Frau, welche einst hier auf diese Insel vom Himmel herabkamen und zu Wohltätern der alten Peruaner wurden.«
»Eine ähnliche Rolle wollen Sie jetzt mit der jungen Dame spielen?«
»Wer sagt Ihnen das?«
»Natürlich! Weswegen hätte sich denn sonst die Dame so kostümiert, und Sie wären doch auch ein ... wären sehr unvernünftig, wenn Sie die Vorteile, die Sie nun einmal haben, nicht ausnützen wollten.«
»Ja, mein Herr, ich frage Sie nun noch einmal: Was bezwecken Sie eigentlich mit Ihrem Besuche?«
»Mich mit Ihnen zu verbinden. Die Indianer werden Sie als einen Gott anbeten. Ihnen wird man keine Schwierigkeiten in den Weg legen, sämtliche Inseln zu besuchen und sich auf dem ganzen See nach Belieben zu bewegen, Taucherarbeiten zu betreiben und so weiter. Und ich kenne die Stelle, wo die Tempelschätze versenkt sind. Well, machen wir Kompanie gegen Teilung des Gewinnes. Sie nehmen mich unter Ihren Schutz, ich führe Sie nach jener Stelle.«
Nobody nahm einen möglichst abweisenden Gesichtsausdruck an.
»Ich habe keine Ursache, auf dieses Kompaniegeschäft einzugehn,« sagte er kalt; »denn ich hätte nicht den geringsten Vorteil davon, nur Sie hätten ihn. Sie vergessen wohl, daß in drei Wochen der Apparat dasein wird, um den Ballon wieder zu füllen, und daß ich dann in der Lage sein werde, jene Stelle im See selbst ausfindig zu machen.«
Der Yankee warf den Zigarrenstummel fort und stand langsam auf.
»Well! Ehem! Well! In diesem Falle werde ich die Quichuas und die Aymaras aufklären, was ein Luftballon ist, und daß sie es mit irdischen Menschen zu tun haben, welche nur die Tempelschätze der alten Inkas entführen wollen, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich meine Sache gut machen werde. Dann wollen wir einmal sehen, wie weit Sie mit dem maskierten Mädchen und mit Ihrem Ballon kommen.«
Na endlich! Endlich zeigte sich dieser Yankee in seiner wahren Gestalt.
Auch Nobody war aufgestanden.
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können,« sagte er ruhig, »und im übrigen fordere ich Sie hiermit auf, sich von dieser Insel zu entfernen.«
»Ich darf mich ebensogut oder ebensowenig hier aufhalten wie Sie,« meinte Mr. Maximus Wilken und zog schon wieder sein langes Zigarrenetui.
»Verlassen Sie diese Insel oder ich gebrauche mein Hausrecht!«
»Was wollen Sie gebrauchen?«
»Mein Hausrecht. Ich stehe hier im Namen von Miß Seidel, und Miß Margarete Seidel hat diesen ganzen See nebst Ufer in einer Breite von vierzig englischen Meilen von der Regierung gekauft, und ich fordere Sie hiermit auf, dieses Terrain mit Ihren Leuten bis morgen mittag verlassen zu wollen. Befinden Sie sich bis dahin noch innerhalb dieser Grenzen, so habe ich nach den Gesetzen dieses Landes das Recht, Sie wie einen tollen Hund niederzuschießen. Verstanden?«
Einer Bewegung der Ueberraschung war der phlegmatische Engländer doch fähig, und dann lachte er höhnisch auf.
»Na, wenn die Indianer zu hören bekommen, daß Sie sich als Eigentümer ihres Landes aufwerfen wollen, dann habe ich überhaupt keine Konkurrenz zu fürchten; denn dann wird Ihr Kopf und der jener Dame bald auf den Lanz ...«
Mitten im Worte brach er ab.
Nobody hatte schon immer bedauert, zu der Besprechung gerade diese Stelle gewählt zu haben, von der aus er das Indianerlager nicht überblicken konnte. Denn dort mußte doch etwas Besonderes vor sich gehn. Einmal wurde gemurmelt, dann geschrien, dann war wieder alles totenstill, dann wieder ein jubelndes »Hau, Hau!«, das Beifallszeichen dieser Pampasindianer, dann wieder Totenstille, dann neuer Jubel, und so ging das abwechselnd immer weiter. Offenbar wurden dort beratende Reden gehalten.
Nun, man konnte ja den Erfolg abwarten, und Nobody wußte oben auf dem Dache die Wächterin, die würde schon rechtzeitig melden, wenn ein Eingreifen ihres erfahrenen Begleiters notwendig war.
Jetzt mit einem Male war wieder nach einem vorhergehenden Lärmen solch eine Totenstille eingetreten, in dieser erfolgte ein scharfer Knall, ein Gewehrschuß, und das Seltsamste war eigentlich, daß auch nach diesem Schuß die Totenstille noch anhielt.
In demselben Augenblick, da der Schuß fiel, machte Nobody einen Sprung, und dieser war nötig, um ihn seitwärts von der Mauer zu bringen, die bisher die Aussicht verdeckt hatte. Er warf nur einen Blick nach dem Indianerlager, dann sah er schnell hinauf nach der Erhöhung des Daches - und wahrhaftig, er durfte seinen scharfen Augen trauen, das Mädchen in dem bunten Röckchen, den Kopf mit einer Federkrone verziert, welches dort drüben vor den Zelten am Ufer stand, von einem Halbkreis halbnackter Rothäute umringt, das war wirklich keine andre als seine Begleiterin, welche heimlich ihren Wachtposten verlassen und das Boot des Yankees benutzt hatte, um auf eigne Faust sich nach dem Indianerlager hinüberzubegeben. Nobody hatte von seinem Standpunkte aus davon nichts bemerken können.
Sie stand mit zurückgeneigtem Oberkörper da, den silberbesetzten Kolben ihrer Büchse, eines Geschenkes Nobodys, des besten, was er hatte auftreiben können, an der Wange, den Lauf direkt nach oben gerichtet, und alle Indianer blickten mit zurückgeneigtem Kopfe gleichfalls gen Himmel.
Nobodys Augen folgten derselben Richtung, er sah hoch oben im wieder blaugewordenen Aether einen dunklen Punkt schweben, jedenfalls ein Raubvogel.
»Sie wird doch nicht ...« dachte er erschrocken, gar nicht wagend, den Gedanken auszudenken.
Er kannte die ans Wunderbare grenzende Treffsicherheit dieses Mädchens, er kannte die Leistungsfähigkeit der Pirschbüchse - aber der im Aether kreisende Vogel war eben nur ein Punkt, die Höhe gar nicht zu taxieren, und Nobody wußte, was es bei den Indianern heißt, einen Schuß vorher ankündigen und dann nicht treffen, mit so etwas muß man äußerst vorsichtig sein, da sind die südamerikanischen Indianer nicht minder empfindlich als die nordamerikanischen, solch ein Fehlschuß kann den berühmtesten Jäger um den ganzen Respekt bringen, er wird als Prahlhans gleich aus der Liste der Krieger gestrichen.
Der Schutz war also soeben erst gefallen, die Laufmündung rauchte noch, in atemloser Spannung blickte alles nach oben. Konnte denn überhaupt eine Kugel so hoch gehn? Unmöglich!
Da in der Höhe ein schriller Laut, der Punkt im Aether schwankte, und dann kam es wie ein Stein herabgestürzt.
Und da brach ein Jubel los, der gar nicht zu beschreiben ist.
»Kalan, Kalan!! - Getroffen, getroffen!! - Wa menkere! - Ohne zu zielen!«
Das waren die Rufe, welche aus dem allgemeinen Lärmen am deutlichsten hervorklangen, und der amerikanische Detektiv verwandelte sich in einen enthusiastischen Jäger, der ein deutsches ›Hurra!!‹ hören ließ.
Der Adler war in nicht allzuweiter Entfernung vom Ufer in den See gestürzt, und schon vorher, als man nur die Richtung des Falls erkannte, waren die Rothäute im Nu in die Boote gesprungen, ein Wettrudern zwischen einem Dutzend Boote, bedeutend größer als die nordamerikanischen Kanus, entspann sich, und wiederum war ein Wunder dabei: in friedlichem Wetteifer ruderte in ein und demselben Boote der rot tätowierte Indianer neben dem mit blauen Totems angemalten. Sie waren in die Fahrzeuge gesprungen, wie sich eben die Gelegenheit geboten hatte - ein Ereignis, welches unter den sich hassenden Stämmen, wenn sie auch manchmal, wie hier, dicht beisammen wohnten, sonst ganz ausschlossen war.
Das erste Boot hatte den Vogel erreicht, er wurde emporgehoben.
»Matu ne kalani, der Kopf ist ihm abgeschossen!« erklang es abermals jauchzend, und ›matu ne kalani!!‹ wurde auch am Ufer in unzähligen Wiederholungen gejubelt.
Die Boote erreichten wieder das Ufer; der Vogel ward von einigen alten Indianern besichtigt und dann dem buntgekleideten Mädchen zu Füßen gelegt, und wiederum war eine Totenstille eingetreten, in schweigendem Staunen blickte alles auf das fremde Mädchen.
Gretchen hielt offenbar eine Ansprache, sie hatte ja dank ihres vortrefflichen Lehrmeisters in dem einen halben Jahre das Peruanische vollkommen beherrschen gelernt; was sie sagte, konnte Nobody nicht verstehn, nur der Erfolg ihrer Rede war ersichtlich. Wieder brach, als sie geendet, wobei sie nach der heiligen Insel gedeutet hatte, ein unermeßlicher Jubel aus, sie wurde auf eme Art von Tragbahre gehoben und so nach den Booten, obgleich es nur wenige Schritte bis dahin waren, getragen, und es schien kein Zufall zu sein, daß die vier Träger zum Teil Quichuas, zum Teil Aymaras waren. Eine Bootsflotille strebte der heiligen Insel zu, voran im Triumph das phantastische gekleidete Mädchen, nicht anders als eine Königin - die Huldigungsfahrt der Kleopatra.
Nobody wandte sich an den neben ihm stehenden Yankee.
»Haben Sie es gesehen?«
Mr. Maximus Wilken mußte es wohl gesehen haben, er hatte sogar seinen Kneifer aufgesetzt, und er wußte sofort, was jener meinte, schien auch die Sitten der Indianer zu kennen, das zeigte seine Antwort.
»Hm. Ehem. Das war ein verteufelt glücklicher Sackschuß,« knurrte er.
»Sackschuß oder nicht - nun gehn Sie hin und sagen Sie, daß die vom Himmel Herabgekommenen auch nur irdische Menschen, sogar Betrüger seien - gehn Sie hin, aber hüten Sie sich, daß Sie nicht selbst gelyncht werden! Denn wer andern eine Grube gräbt, fällt gewöhnlich selbst hinein.«
Der Yankee zuckte nur die Achseln, wandte sich um und schlug sich seitwärts zwischen die Mauern, er mußte vorläufig noch auf der Insel bleiben, denn das Mädchen hatte ja sein Boot benutzt, und das war der Grund, weshalb sich auch Nobody nicht von dem Eingange zu jener Halle, die den Ballon barg, entfernte. Er fürchtete, der Yankee könnte sich mit bübischer Hand etwas an dem Luftballon zu schaffen machen.
Mehr als der Klang von Stimmen verriet das Plätschern der Ruder und ein Knirschen auf dem Sande, daß die Boote an der Insel gelandet waren. Zuerst kam Gretchen allein, und zwar hatte sie eine recht würdevolle Haltung angenommen.
»Die Tochter des Blitzes heißt ihren weißen Bruder willkommen, sie führt ihm ihre roten Krieger zu,« sagte sie in feierlichem Tone.
Aber das hielt nicht lange an, gleich brach aus ihr wieder der mutwillige Backfisch hervor. Sie lachte, und dann erzählte sie:
»Seien Sie mir nicht böse - Ihre Unterredung mit dem Herrn dauerte mir zu lange, Sie wurden ja gar nicht fertig, und das war so langweilig, und die Indianer winkten mir immer, ich winkte auch, und weil die nicht kommen wollten, habe ich des Herrn Boot genommen und bin hinübergefahren.«
»Gretchen, das war sehr unvorsichtig!« sagte Nobody etwas vorwurfsvoll.
»Ach was! O, ich habe aber auch verstanden, mich gleich einzuführen. Ich war noch ein gutes Stück vom Ufer entfernt, da sah ich einen alten Indianer stehn, einen Häuptling, die Pfeife im Munde, er vergaß sie vor Staunen ob meiner Erscheinung herauszunehmen - ›Se tu talameio!‹ rief ich ihm zu - ›Paß auf, deine Pfeife!‹ - und schrum! hatte ich sie ihm mit einer Wurfkugel aus dem Munde gerissen. Die Indianer hatten wohl gemerkt, was ich beabsichtigte, ich hatte die Bleikugel am Riemen auch lange genug um den Kopf wirbeln lassen, ehe ich sie abschwirren ließ, und ich sage Ihnen, die Kerls sperrten Maul und Nase auf, und ich lachte aus vollem Halse.«
Und so war es weitergegangen. Während sich Nobody mit dem Yankee eine Viertelstunde lang unterhalten hatte, immer in der festen Ueberzeugung, Gretchen befände sich oben auf der Plattform des Hauses, hatte sie sich unterdessen bei den Indianern einzuführen gewußt, nach dem Geschmacke einer Rothaut, hatte ihnen alle ihre Künste vorgemacht, in denen sie es zur Meisterschaft gebracht, hatte sogar inzwischen ein halbwildes Pferd gebändigt und von dessen nacktem Rücken herab mit unfehlbarer Sicherheit die Bola, die Bolette und die Brakone geschleudert, hatte auch das Messer geworfen, was bei den Indianern ein noch größeres Staunen hervorgerufen hatte, da diese hier eine solche Verwendung des Messers noch gar nicht kannten.
Aber diese kriegerischen Uebungen hatten auch eine Unterbrechung erlitten.
»Kennen Sie die Geschichte,« fragte Gretchen, »wie die beiden Kandidaten ihre Antrittspredigt halten wollen, wie der eine nichts gelernt hat ...«
»Ja, ja, ich kenne sie,« lachte Nobody, nun auch schon wissend, wohinaus Gretchen wollte, was sie hinter seinem Rücken getan hatte.
Die Geschichte ist folgende. Zwei Kandidaten der Theologie haben sich um die Pastorstelle einer Dorfkirche beworben, sie werden aufgefordert, eine Predigt zu halten, der beste, der am meisten zu Herzen spricht, wird dann von den Bauern gewählt. Auf der Reise nach jenem Dorfe treffen die beiden zufällig in einem Gasthause zusammen, in dem sie übernachten. Aber sie kennen sich nicht, wissen nicht, daß sie Nebenbuhler sind. Ihre Schlafkammern liegen nebeneinander, nur durch eine dünne Bretterwand getrennt. Der eine, Müller, hat sich sorgfältig eine Predigt einstudiert, eine so rührende, daß er bestimmt weiß, wenn er auch an zweite Stelle kommen sollte, die Bauern werden ihm unbedingt den Vorzug geben. Und noch einmal hält er in seiner Kammer mit lauter Stimme die Antrittspredigt. Drüben ist der andre Kandidat, Schulze, ein leichtsinniger Studiosus, der noch keine Ahnung hat, was er morgen von der Kanzel herab sagen soll. Was hört er da drüben? Ist das nicht eine Predigt? Jawohl, und was für eine schöne! Schnell Papier und Bleistift zur Hand und alles nachstenographiert, was der da drüben spricht, bis zum Amen. Schulze lernt die ganze Nacht auswendig, reist ganz früh ab - wer zuerst ankommt, predigt auch zuerst - und wie nun der fleißige Müller in der Kirche sitzt, hört er den Nebenbuhler von der Kanzel herab seine eigne Predigt halten, so daß er nun nichts mehr auf dem Repertoire hat! - -
Nobody hatte sich eine wohlgesetzte Rede einstudiert, die er, wenn er vom Himmel herabkam, den Indianern halten wollte, hatte sie in Gegenwart Gretchens wiederholt gehalten, immer wieder daran verbessernd.
»Du hast doch nicht etwa ...?«
»Ich habe!« nickte Gretchen gravitätisch. »O, mir flossen die Worte wie Honigseim mit Schmierseife von den Lippen.«
»Was hast du gesagt?«
»Na, eben alles das, was Sie immer hergebetet haben. Ich konnte es ja so auswendig, daß es mir schon zum Halse raushing. Wie wir keine Götter seien, sondern ebenfalls Menschen, und wenn auch unsre Hautfarbe anders sei, so wären wir doch alle zusammen Brüder und Schwestern, erst recht unter den Indianern selbst dürfe keine Uneinigkeit herrschen, sie wären allesamt echte Nachkommen der alten Inkas, und wenn sie einig seien, würden wir ihnen auch genug Fleisch und andres geben, daß sie nie mehr Hunger zu leiden brauchten ... und so weiter und so weiter - alles habe ich ihnen gesagt.«
»Und was sagten sie da?«
»Hau, hau! haben sie gebellt, und vor Freude haben sie sich auf die Schenkel geklatscht. Na, ich hatte sie ja sowieso in der Tasche. Was ich ihnen da vormachte, das hat ihnen ganz schrecklich imponiert.«
»Hast du ihnen auch gesagt, daß dieses ganze Land dir gehört?«
»Natürlich, das war doch auch in Ihrer Predigt drin.«
»Daß du es von den Regierungen der Republiken Peru und Bolivia gekauft hast?«
Gretchen machte ein erstauntes Gesicht.
»Nee, davon hatten Sie doch auch niemals etwas gebetet! Dieses Land hier gehört mir, ihr seid meine Untertanen, und damit basta!«
»Und da?«
»Na, da heulten sie wieder vor Vergnügen wie die jungen Hunde. Natürlich, wenn man so vom Himmel herunterplatzt, da ist es doch ganz selbstverständlich, daß man wie die liebe Allmacht selbst angebetet wird, wenn man ihnen auch gleich sagt, daß man es gar nicht haben will. Sie sehen ja, ich bringe mein ganzes Volk gleich mit, und wenn es unter den Roten und Blauen noch eine Eifersucht gibt, so ist es nur deshalb, weil sie sich streiten, wer von ihnen uns auf der heiligen Insel bedienen darf.«
»So hast du ihnen auch gesagt, daß wir auf den heiligen Inseln wohnen werden?«
»Alles, alles.«
»Daß wir die goldenen Tempelschätze der Inkas heben wollen?«
»Alles, alles.«
»Und?«
»›Juhu, hau, hau!‹ haben sie geschrien. »Es ist doch überhaupt ganz selbstverständlich, daß das alles jetzt mir gehört - den Indianern wenigstens ist es selbstverständlich, das habe ich deutlich gemerkt.«
»Ehem,« ließ sich eine Stimme vernehmen, und Nobody drehte sich um.
»Mr. Maximus Wilken,« sagte er scharf, »am Strande befinden sich jetzt Boote. Benutzen Sie eins, um die Insel wieder zu verlassen, und bis zum Abend werde ich Sie und Ihre Leute vom Ufer dieses Sees aus nicht mehr erblicken können. Good bye!«
Der Yankee blieb die Antwort schuldig. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte in der Richtung des Strandes davon. Nobody blickte ihm nach.
»Wir werden uns doch wohl wiedersehen,« murmelte er, »und nicht im guten, oder ich hätte einmal einen Menschen falsch taxiert. Der gibt nicht so ohne weiteres sein Ziel auf.«
»Erst hinterher,« plauderte das Mädchen weiter, das diesem Abschiede gar keine Beachtung geschenkt hatte, »forderte man mich auf, ich sollte doch auch einmal mit meinem Donnerrohr schießen. Na, da konnte man ja von mir etwas zu sehen bekommen, das hatte ich mir auch mit Absicht bis zuletzt aufgespart. Ich blickte mich nach einem Ziele um, da sah ich hoch oben über mir einen Vogel schweben, nur wie einen Punkt ...«
»Kind, Kind, da hast du aber viel aufs Spiel gesetzt! Du konntest doch gar nicht visieren, wußtest nicht einmal, ob die Büchse auch so weit trug. Und weißt du, was geschehen wäre, wenn du den Vogel nicht beim ersten Schusse heruntergeholt hättest?«
»Freilich, es war auch nur ein Sackschuß, aber ... aber ... ich wußte eben bestimmt, daß ich den Punkt treffen würde, ich wußte es, hob das Gewehr und platzte los - und da kam er herab.«
Man mag daran glauben oder nicht - jeder Jäger, jeder Schützenbruder kennt solche Sackschüsse, d. h. Schüsse, Treffer, die man mit einem Sacke über dem Kopfe, mit einer Binde vor den Augen abfeuern könnte. Eine innere Stimme flüstert einem zu: »Schieße, du triffst!« - Man braucht diese innere Stimme, die Sokrates seinen ›Dämon‹ nannte, gar nicht zu hören - man weiß, daß man trifft - und man trifft! Dabei ist nicht gerade gesagt, daß man ins Schwarze treffen muß. Man könnte die Stelle auf der Scheibe genau bezeichnen, in welche die Kugel einschlagen wird.
»Man hat mir auch schon einen Namen gegeben,« triumphierte das Mädchen heiter. »Einer der Häuptlinge hielt eine Rede, gar nicht so dumm, das hatte alles Hand und Fuß, ebenso alles doppelten Sinn. Früher wären die Wohltäter der armen Indianer als Kinder der Sonne gekommen, aber sie hätten nicht standhalten können vor den weißen Kindern des Wassers, die auf schwimmenden Häusern gekommen seien, und der Blitz sei stärker als die Sonne und stärker als das Wasser. Das wußte der alte Häuptling alles so zu beweisen, daß man es fast glauben möchte ...«
»Und da haben sie dich Metatetle genannt, die Tochter des Blitzes!«
»Woher wissen Sie ...?«
»Ich habe dieses Wort vorhin wiederholt rufen hören, und außerdem kann ich mir das auch so lebhaft denken.«
»Ja, und Sie werden mich fernerhin also Metatetle nennen oder meinetwegen auch nur Meta, was dann nur ›Blitz‹ bedeutet, den ich ja bei mir führen soll ...«
»Oder einfach auf gut deutsch Blitzmädel,« mußte Nobody einschalten.
»Oho! Mal keine Beleidigung! Und Ihnen hat man auch schon einen Namen gegeben.«
»Mir? Mich kennen sie doch gar nicht. Was denn für einen?«
Das Mädchen mußte erst eine krampfhafte Anstrengung machen, um ihr Lachen zu unterdrücken, ehe sie ernsthaft fortfahren konnte.
»Ich habe den Indianern doch gesagt, daß wir mit dem Luftballon gekommen sind, und ihnen so ein bißchen erklärt, was ein Luftballon ist, so ein großer Sack, der mit Luft gefüllt ist, aber mit einer besonderen Luft, welche fliegt. Dann habe ich doch auch von Ihnen gesprochen, Sie seien so einer, der den Luftballon lenken und durch die Luft stiegen kann, und gleich hatten Sie Ihren Namen bekommen - ›Aroakepelotle‹ heißen Sie jetzt.«
»Aroakepelotle,« wiederholte Nobody. »Was ist denn das? Aroakan ist fliegen - aroakep das Partizip davon, also fliegend - lotle ist der Sack ...«
»Der fliegende Sack!!« lachte jetzt das Mädchen aus vollem Halse, und Nobody, der ›fliegende Sack‹, stimmte herzlich mit ein.
»Wo bleiben denn aber deine Untertanen?« fragte er dann.
»Ich muß sie erst holen, die wagen doch die heilige Insel nicht zu betreten, dazu brauchen sie erst meine Erlaubnis. Ja, jetzt kann ich mich wirklich einen Indianerhäuptling nennen!«
Und sie holte sie, brachte in ihrer Begleitung zuerst einen alten Häuptling, der seine ruhige Würde zu bewahren wußte, während die ihm folgenden Indianer mit sichtlicher Scheu ihren Fuß auf die seit Jahrhunderten nicht betretene, geheiligte Erde setzten.
Wir wollen die bei der Begrüßung stattfindenden Zeremonien nicht beschreiben. Zwischen Nobody und einem Häuptling der Quichuas, wie einem der Aymaras, fand eine Unterredung statt, welche viele Stunden währte. Das wollen wir dem Leser ersparen, es würde auch gar zu viele Seiten füllen.
Kommen wir noch einmal auf jene Anekdote zurück. Jede Erzählung muß doch einen moralischen, einen befriedigenden Schluß haben, sonst taugt sie nichts, und wenn der arme Student durch einen leichtsinnigen Pfiffkopf um die Frucht seines Fleißes geprellt worden, das wäre doch nicht schön gewesen, dann hätte ja das Böse über die Tugend gesiegt - wie es zwar oft genug im Leben geschieht, aber in der Fabel darf so etwas nicht vorkommen, und schließlich bleibt es doch immer auch im Leben wahr: zuletzt triumphiert die Tugend doch noch über das Böse, trotz alledem.
Nein, so begaunert sollte der ehrliche Müller von dem genialen Leichtfuß nicht werden. Auch Müller war nämlich ein Pfiffkopf, der besonders die Bauern zu nehmen wußte. Als Schulze mit Müllers Predigt fertig war, die wirklich eine großartige Wirkung erzielt hatte, da mußte also Müller zum Wettstreit die Kanzel besteigen, und da verkündete er der Gemeinde, er habe sich zwar eine Predigt einstudiert, aber die sei lange nicht so gut wie die seines Vorgängers, und so könne er nicht umhin, sein Herz triebe ihn dazu, dieselbe Predigt noch einmal zu halten. - Und so geschah es. Er haspelte dieselbe Predigt, seine Predigt, noch einmal ab, Wort für Wort dasselbe, und ... die Bauern waren einfach baff, und, wie die Bauern nun einmal sind, sie staunten am meisten über dieses Gedächtnis. - ›Den müssen wir haben, der so eine Predigt Wort für Wort gleich noch einmal halten kann, das ist ein gescheiter Kerl!‹ - So wurde also Müller zum Pastor erwählt, und der andre mußte mit ›keuhle Feut‹ abziehen.
Es wäre unverantwortlich gewesen, wäre zu dem Anfang der Erzählung nicht auch der Schluß hinzugefügt worden. Nobody aber hatte nicht nötig, die ihm von Gretchen geraubte Rede noch einmal zu halten. Die beiden, das Blitzmädel und der fliegende Sack, waren ja auch keine Konkurrenten, arbeiteten vielmehr in Kompanie.
In der stundenlangen Unterredung erläuterte Nobody nur noch, und es waren zwei gar intelligente Häuptlinge, welchen er seine Pläne auseinandersetzte. Wir wollen uns nun mit einigen Worten mit diesen Südamerikanern beschäftigen, welche hier für uns in Betracht kommen - mit den südwestamerikanischen Indianern der Pampas und der Punas.
Sie stehn den nordamerikanischen Rothäuten, den Lieblingen unsrer Jugend, an nichts nach, weder an Tapferkeit, noch an Ausdauer, noch an Spürsinn, noch an Treue für den Gastfreund, noch an todesverachtendem Trotz am Marterpfahl - kurz, an allen jenen Tugenden, welche den nordamerikanischen Indianer zum Helden der lesewütigen Jugend machen. Diesen südamerikanischen Pampasindianern fehlt nichts weiter als ein Fenimore Cooper, der sie verherrlicht. Dann würden unsre Jungens nicht mehr ›Sioux und Mohikaners‹ spielen, sondern ›Penchuenchen und Quairibis‹, und das mit Recht, denn diese südamerikanischen Indianer sind noch ganz andre Kerle, vor allen Dingen bessere Jäger und Fährtensucher als die nordamerikanischen.
Ein erwachsener Mann, welcher sich dafür interessiert, hat schon deshalb mehr Hochachtung vor den südamerikanischen Indianern, weil sie sich bis auf den heutigen Tag ihre Unabhängigkeit zu wahren gewußt haben, und dann, weil sie die Weißen überhaupt nicht brauchen. Uebrigens hängt eins mit dem andern eng zusammen. Die Tage der letzten amerikanischen Rothaut sind gezählt. Das hilft nun alles nichts. Und der Sioux oder Pawnee, oder wie er nun heißen mag, von heute kann ohne Gewehr und Decke gar nicht mehr existieren. Das wird ihm von der Regierung der Vereinigten Staaten alles kontraktmäßig in das Indianerterritorium geliefert. Der heutige rote Krieger hätte keinen Tomahawk mehr, wenn derselbe nicht in einer Maschinenschmiede hergestellt würde.
Ganz anders in den niedrigen Pampas und auf der hohen Puna Südamerikas. Von hier ist nichts zu holen, was den Europäer reizen könnte. Hier weiden keine unübersehbaren Herden von Büffeln, zwischen die der Jäger bloß immer so hineinzuschießen braucht, um den niedergemetzelten Tieren nur die wohlschmeckende Zunge und das beste vom Rücken auszuschneiden, auch gibt es hier keine Wälder, in denen es wie in Nordamerika von jagdbarem Wild aller Art wimmelt. Hier braucht jeder Stamm ein unermeßliches Gebiet, und gar schwer ist es, den Hunger der Frauen und Kinder zu stillen; da gibt es haarsträubende Ritte hinter jedem einzelnen Wilde her, da müssen der Hirsch und die Antilope noch ganz anders beschlichen werden als in den hohen Prärien, und eben aus diesem Grunde sind die südamerikanischen Indianer noch ganz andre Jäger, Reiter, Läufer und Fährtensucher als die nordamerikanischen. Was solch ein Penchuenche an einem Tage zu Fuße zurücklegt, nur eine Kokanuß dabei kauend, das glaubt man nicht, wenn man nicht einmal Zeuge davon geworden ist.
Der Tabak hat sich die ganze Welt erobert. Das ist aber auch das einzige, was der Punaindianer, bei dem wir jetzt speziell bleiben wollen, von den Weißen braucht. Schußwaffen sind natürlich seine höchste Schwärmerei, eine Donnerbüchse und ein recht schöner Revolver das Ideal seiner Träume, aber er kann sie schließlich entbehren.
Diese hier am See lebenden Indianer waren so arm, daß sie sich nur selten einmal den Genuß einer Pfeife Tabak leisten konnten. Wild gab es in der Nähe des Sees fast gar nicht mehr, oder die Jagd lohnte sich nicht. Sie waren nur auf den Fischfang angewiesen, und auch der fiel kümmerlich genug aus, obgleich der Titicaca-See von Fischen wimmelt. Wohl hatten sie immer genug Fische zu essen; aber um gegen getrocknete Fische Tabak, Waffen, Pulver und Blei eintauschen zu können, hätten sie ihre Lamas, vorausgesetzt, daß sie solche besaßen, hochbepackt jeden Monat einmal den schrecklichen Weg nach der Küste hinabschicken müssen, wo die Fische doch auch schon billig genug waren. So trieben sie nur einen Tauschhandel mit den von der Jagd lebenden Stämmen. Diesen lieferten sie getrocknete Fische und erhielten Felle und etwas getrocknetes Fleisch dafür, und schon wegen dieses Tauschhandels mußten sie Tag und Nacht dem Fischfang obliegen, welcher ausschließlich mit Angel, Wurfspeer oder Harpune und mit der Brakone, der Schleuderkugel, betrieben wurde. Das beste Fischgerät, das Netz, kannten sie nicht, was uns nicht zu wundern braucht, da den alten Germanen ursprünglich das Fischnetz ebenfalls unbekannt war, seine Erfindung wurde einem Gott zugeschrieben und als ein hochwichtiges Ereignis gepriesen.
Dann gab es noch Wassergeflügel; aber in sehr spärlicher Menge. Es wurde nur als Leckerbissen betrachtet; denn es waren nur solche Zugvögel, welche sich einmal vor Müdigkeit hier niederließen, um gleich weiterzuwandern. Es behagte ihnen nicht, weil sie an den Ufern des Sees das ihnen unbedingt notwendige Schilf vermißten.
Schutz gegen die nächtliche Kälte gewährte den Indianern das Fell der Guanacos und der Lamas. Aber das hatte wiederum einen bösen Haken. Guanacos sind nicht zu zähmen, sie kommen nur in den Hochgebirgen der Kordilleren vor, und es ist eine gar schwierige Jagd. Für die Zucht der Lamas ist die Puna scheinbar die geeignetste Gegend; aber gerade hier grassiert unter diesen Herdentieren eine böse Krankheit, welcher die Lamas manchmal ausgesetzt sind. Es ist ein Hautausschlag; zuerst verlieren die Tiere die Wolle, die Haut wird wie Leder, die Lamas gehn regelmäßig zugrunde, gleich die ganze Herde, das Fleisch ist nicht mehr genießbar, nicht einmal das durchlöcherte Fell ist zu gebrauchen. Das einzige Gegenmittel ist Fett, mit dem die erkrankten Tiere eingerieben werden. Vielleicht, man könnte es annehmen, springt die Haut in der überaus trocknen Luft, welche auf dem Hochplateau herrscht, auf, und so entsteht eine Entzündung. Es mag aber auch eine andre Ursache vorliegen. Nicht jedes Fett ist als Heilsalbe verwendbar. Fischtran zum Beispiel nützt gar nichts, ebensowenig das ausgelassene Fett von vierfüßigen Tieren, das heißt von denen, welche auf der Puna vorkommen. Auch das Fett der Wasservögel hat wenig Erfolg. Am wirksamsten ist das der Raubvögel, speziell das des Kondors. Die Lamas, welche monatlich nur einmal mit Kondorfett eingerieben werden, bleiben von dieser Krankheit verschont. Tschudi, der berühmte Amerikaforscher, hat dies als Tatsache bestätigt, hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, ohne die Ursache dieser Krankheit und der seltsamen Wirkung, welche gerade das Fett des Kondors dagegen ausübt, gefunden zu haben.
Aber wie sollten die Punaindianer diese Raubvögel in genügender Anzahl erlegen? Selbst mit den besten Gewehren wäre ihnen wenig geholfen. Nur die ältesten Leute konnten sich noch erinnern, daß man früher Lamas gehalten hatte, welche Milch, Fleisch, Wolle und Felle spendeten, und die Erzählung der Alten klang wie ein Märchen, wie ein Märchen vom verlorenen Paradies. Die letzte große Epidemie hatte sämtliche Lamas auf der Puna hinweggerafft. Nur in den östlichen Kordilleren wurden sie noch gezüchtet, hier dagegen machte man gar keinen Versuch mehr. -
Nobody kannte dies alles bereits. Er hatte sich jetzt nochmals ausführlich darüber berichten lassen.
»Ich habe ein Mittel gegen den Zibot, welcher eure Herden vernichtet hat.«
Da der weiße Mann kein Fett von Raubvögeln meinen konnte - hatten sie doch zur Genüge über die Schwierigkeit der Beschaffung desselben gesprochen - so waren die ungläubigen Gesichter der beiden Häuptlinge begreiflich.
Nobody zog aus der Tasche ein Blechschächtelchen, öffnete es und ließ die beiden ein flüssiges, weißes Fett sehen.
»Was ist das?«
»Das Fett eines Tieres, welches ihr nicht kennt, und für welches ihr daher auch keinen Namen habt.«
»Eines Vogels?«
»Eines vierfüßigen Tieres.«
»Und das soll den Zibot vertreiben?«
»Handelt euch aus den Bergen von euren roten Brüdern Lamas ein, und keins wird mehr am bösen Zibot sterben. Nehmt ihnen nur die Milch und die Wolle, und jedes Jahr wird sich die Anzahl verdoppeln, bis auf eurem Gebiet Tausende von Lamas weiden werden.«
Alle Indianer besitzen eine lebhafte Phantasie, und der weiße Mann sprach so zuversichtlich - die beiden konnten kaum ihre Erregung unterdrücken.
»Wieviel Fische kostet die Medizin?«
»Sie kostet euch gar nichts.«
»Gar nichts?«
»Ihr züchtet die Tiere selbst, deren ausgelassenes Fett die Medizin ergibt.«
»Woher bekommen wir diese Tiere?«
»Meine Freunde, welche in drei Wochen kommen, bringen einige mit, und diese Tiere sind äußerst fruchtbar, sie verfünffachen sich jedes Jahr, und ihr Fleisch könnt ihr essen.«
»Wir sind zu arm, um von den Kimoros lebendige Lamas eintauschen zu können.«
»Metatetle wird euch begleiten, und Metatetle ist reich.«
Die beiden ernsten roten Männer, welche nach jeder Frage und Antwort eine lange Pause machten, hingen wieder ihren Träumen nach.
Dann blickten sie empor. Es war plötzlich dunkel geworden, in der Luft erscholl ein eigentümliches, melodisches Singen. Ein ungeheurer Schwarm von Schwänen, die Sonne verdunkelnd, kam von Süden hergeflogen. Man konnte deutlich bemerken, wie sich die weiße Wolke senkte, die Vögel beabsichtigten, sich an dem Wasserrande niederzulassen; aber sie taten es nicht, jäh stiegen sie wieder empor. Der Strand, nur mit kurzem Grase bewachsen, behagte ihnen nicht, sie konnten sich nicht verstecken.
Einige Schüsse fielen, Nobody unterschied auch den Knall von Gretchens Büchse. Die Schwäne waren noch nicht über dem Wasser gewesen, ein halbes Dutzend stürzte auf die Steppe nieder, die Kinder eiferten im Wettlauf, um sie zu holen, und mit den nur lahmgeschossenen großen Vögeln gab es noch manchen Kampf.
Des Mädchens Hinterlader holte noch einige herab, die wenigen Indianer, welche alte Donnerbüchsen besaßen, kamen gar nicht mehr zum Schuß, schnell schwebte die weiße Wolke davon.
Man brauchte kein Gedankenleser zu sein, um zu wissen, was die beiden Häuptlinge dachten, wie sie so melancholisch den Schwänen nachsahen. Was bedeuteten die wenigen Schwäne, die sie erbeutet hatten, für den Stamm von vielen Hunderten von Männern, Frauen und Kindern? Wo lag das glückliche Wasser, an dem sich die Vögel niederließen, um wenigstens ihren Durst zu löschen? Warum ließ Pachacamac, der doch seine roten Kinder, die er geschaffen hat, lieben muß, nicht auch hier Schilf wachsen?
An dieses dachten diese Indianer allerdings nicht, sie kannten ja gar kein Schilf. Aber sie wußten doch den Grund, weshalb die Wandervögel nicht in ihrem Gebiete blieben.
»Nächstes Jahr wird es an den Ufern von Schwänen, Gänsen, Enten und andern Wasservögeln wimmeln,« sagte Nobody.
Wieder nur begreiflicher Unglauben.
»Dann mußt du das Gras hoch wachsen lassen, so hoch wie ein Mann.«
»Ich werde es so hoch wachsen lassen.«
»Wenn du das kannst, dann bist du ein Gott.«
»Ich bin ein Mensch wie ihr; aber ich habe viel gelernt, und der Gott, den ihr anbetet, und den auch ich anbete, nur daß ich für ihn einen andern Namen habe, dieser Gott hat mir befohlen, zu euch zu gehn und euch zu zeigen, wie man die kranken Lamas gesund machen und die öden Ufer des Sees mit Vögeln beleben kann und noch vieles andre mehr. Zeigt mir die Angeln, mit denen ihr Fische fangt!«
Der weiße Mann, der so gut die Sprache der Eingeborenen redete, wollte noch nie hier gewesen sein, er ließ sich Angelgerätschaften zeigen. Die Angelhaken waren teils besondere Fischgräten, teils kunstvoll aus Knochen geschnitzt. Für große Fische wurden sie an dünnen Lederschnuren, für kleinere an zusammengedrehten Pferdehaaren befestigt.
Bisher hatte sich der weiße Mann immer nur in Versprechungen ergangen, in für die Indianer ganz ungeheuerliche Versprechungen. Jetzt zog er eine Schachtel aus der Tasche, zeigte den Indianern stählerne Angelhaken der verschiedensten Größen und Formen, ohne dabei ein Wort zu sagen.
Er brauchte auch gar keine Erklärung zu geben. Obgleich kein einziger dieser von aller Welt abgeschlossenen Indianer jemals solch einen modernen Angelhaken aus Metall gesehen hatte, wußten sie doch sofort, was das war, sofort erkannten sie die Bedeutung; ihre sonst so ehrlichen Physiognomien, die etwas von Melancholie hatten, nahmen einen förmlich habgierigen Ausdruck an, sie boten dem weißen Manne für solch einen kleinen Angelhaken ein ganzes Zelt, einer verstieg sich sogar bis zu Frau und Tochter, was Nobody dem Manne gar nicht so übelnahm; es waren eben Indianer, und es ist nicht im Altertum geschehen, auch nicht im Mittelalter, daß Fürsten mit weißer Haut ihre Landeskinder kompagnieweise verschacherten, um Geld für ihre Maitressen zu haben, und als Nobody den Indianern die Angelhaken schenkte und sagte, sie würden bald so viel bekommen, wie sie haben wollten, da kannte ihr Entzücken keine Grenzen, auch die würdevollste Rothaut fiel aus der Rolle.
Darauf brachte Nobody mehrere Bündel eines durchsichtigen Garnes zum Vorschein, jedes Knäuel hatte eine andre Stärke, wiederum sagte er dabei kein Wort, und wiederum wußten die Eingeborenen sofort, was das war, um was es sich handelte. Sie bestrichen die Angelschnuren aus Lederriemen doch nicht umsonst mit einem weißen Ton, die weißen Pferdehaare, welche sie von den Jagdstämmen eintauschten, waren doch nicht umsonst die teuersten. Augenblicklich tauchten sie das englische Seegarn ins Wasser und gewahrten mit staunender Freude, daß es hier so gut wie unsichtbar war, augenblicklich stellten sie Festigkeitsproben an, und wenn ihnen das dünnste Garn, das sie zu zerreißen suchten, das Fleisch der Hände bis auf die Knochen durchschnitt, so schrien sie nicht vor Schmerz, sondern vor Freude.
Dann sah Nobody den Yankee mit seinen Chulos abziehen.
»Wir werden uns wiedersehen,« murmelte der Nachblickende abermals, »und solltest du mich wirklich hier in Ruhe lassen, was ich aber nicht glaube, so werde ich dich noch dereinst in Philadelphia aufsuchen, um mit dir weiter über den Verbleib jenes Spaniers zu sprechen, der über Bord gewaschen sein soll. Mir kommt diese Sache doch nicht so ganz geheuer vor.«
Der Yankee hatte, um die Freundschaft der Indianer zu gewinnen, reiche Geschenke an Tabak, Waffen, Schmuckgegenständen, Zucker und andern Sachen, welche Herz und Magen eines Indianers erfreuen, mitgebracht gehabt. Dankbar hatten dieselben alles angenommen. Als sie aber hörten, daß es der weiße Mann auf die heiligen Inseln abgesehen, hatten sie alles wieder zurückgegeben, bis auf den wenigen Tabak, den sie schon verraucht, und auch den hatten sie durch einige Felle ersetzt.
Bei dem andern weißen Manne, der mit dem Mädchen gekommen, war es etwas ganz andres. Den hatte ihnen Pachacamac geschickt, das war der zweite Manco Kapac, alles stand ihm offen, sie ordneten sich ohne weiteres seinem Willen unter.
Nobody richtete sich in einem Tempel auf der Titicaca-Insel häuslich ein, nachdem er mit Kennerblick zwei junge Indianer ausgesucht hatte, einen Quichua und einen Aymara, die ihn bedienen sollten; mit diesen hauste er allein auf der Insel. Denn noch in derselben Stunde, da Mr. Wilken nach Westen zog, brach eine stattliche Anzahl von Quichuas und Aymaras nach Osten auf, um von den am Abhange der Kordilleren hausenden Kimoros Lamas einzuhandeln, und an der Spitze des Zuges befand sich das buntgekleidete Mädchen, aus der Gondel des Ballons reichlich mit geeigneten Tauschobjekten versehen.
Es war ein weiter Weg, zumal da er zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Diese Seeindianer haben keine Pferde. Dasjenige, auf welchem Gretchen ihre Reiterkunststücke zum besten gegeben, hatte zu Wilkens Karawane gehört.
Das abenteuerlustige Mädchen wollte doch nicht die alten Tempelruinen studieren, auch die goldenen Schätze konnten sie gar nicht reizen - sie hatte eben unter die Indianer gewollt, Abenteuer wollte sie erleben. Und Nobody wußte sie unter ihren roten Begleitern gut aufgehoben. Aufgehoben? Das hätte er dem Mädchen nicht sagen dürfen! Wie kann man denn auch einen Indianerhäuptling oder eine Amazone ›aufheben‹.
Nobody hatte sein eignes Boot aus Leder mit, dessen Form durch ein dünnes Holzgerippe bestimmt wurde; die stärkste Bambusstange der Gondel ergab den Mast, das war alles danach eingerichtet. Das Boot wurde mit Proviant und andern Sachen bepackt, und staunend sahen die auf der Insel Zurückbleibenden und die Indianer am Ufer den weißen Mann mit geschwelltem Segel abfahren; denn sie kannten kein Segel, und da war das wiederum so eine Art von Zauberei.
Ja, Nobody hatte es vom Ballon aus in der Tiefe des Sees golden leuchten sehen. Aber wo? Er konnte es nicht mehr sagen. Alle seine Sinne waren zu sehr mit der schwierigen Landung beschäftigt gewesen. Dann muß man bedenken, daß er sich da noch immer einige hundert Meter über der Erde befunden hatte, in der Nähe einer Insel war es jedenfalls nicht gewesen, und da konnte man sich aus solcher Höhe gleich um Kilometer irren.
Er mußte warten, bis Flederwisch kam, vom Ballon aus war jene Stelle sofort wieder zu erspähen. Jetzt hatte Nobody ein andres Ziel im Auge, etwas noch Edleres als Edelmetall und Edelgestein wollte er suchen.
Vom günstigen Winde immer nach Norden getrieben, kam er im Laufe des Nachmittags an vielen größeren und kleineren Inseln vorüber, alle dicht besetzt mit noch wohlerhaltenen Tempeln und andern Gebäuden, Priester- und Arbeiterwohnungen und dergleichen. Nobody legte an keiner an, er konnte der Wissenschaft auch keinen Dienst erweisen; diese Ruinen aus der alten Inkazeit sind schon sehr genau beschrieben worden. Erwähnt sei nur, daß es immer viereckige Gebäude sind, etwas pyramidenartig, aber bei weitem nicht so wie bei den ägyptischen Pyramiden. Staunenswert sind die kolossalen Steinquader, aus welchen die Tempel aufgeführt sind, und wer es nicht weiß, der begreift nicht, wie die alten Peruaner, die keine Winden und dergleichen besaßen, diese gewaltigen Blöcke dahinaufgebracht haben. Da ist, wie auch beim Erbauen der ägyptischen Pyramiden, die schiefe Ebene angewendet worden. An der emporwachsenden Mauer wurde Erde aufgetragen, immer höher und immer länger, auf dieser schiefen Fläche wurden die Blöcke hinaufgewälzt. Dann, wenn das Gebäude fertig war, trug man die Erde wieder ab.
Als die Sonne unterging, nahm Nobody dieselbe noch einmal mit dem Sextanten auf, danach die geographische Lage berechnend, dann steuerte er der nächsten Insel zu, schlief in der Nacht auf einer Steinplatte und setzte am folgenden Morgen seine Segelpartie fort.
Das Aussehen der Inseln begann sich zu ändern.
Die Tempel wurden seltener. Auf einigen Inseln, gerade auf sehr großen, stand nur ein kleines Häuschen.
Wir werden gleich sehen, was die alten Peruaner auf diesen Inseln getrieben haben, auf welchen jetzt nur das kurze, harte Ichy-Gras der Puna wächst.
Es war gegen Mittag, als Nobody zum letzten Male die Sonne aufnahm. Wenn er allein war, legte er sich keinen Zwang an, und er zeigte eine auffallende Unruhe.
»Dort ist sie,« murmelte er, nach Norden spähend, wo wieder eine Insel auftauchte. »Ob es geglückt ist? Ja, weshalb nicht? Wenn es aber nun doch nicht der Fall ist? Dann wäre ich um alle meine Hoffnungen betrogen.«
Er nahm das Fernrohr. Es blieb die ziemlich umfangreiche Insel mit einem kleinen Haus darauf. Nobody machte ein sehr enttäuschtes Gesicht.
»Nichts zu erkennen. Nein, es ist nicht geglückt. Ich müßte es schon sehen. Oder doch noch nicht? Da - da!« jauchzte er plötzlich auf. »Vögel, wahrhaftig, Vögel!!«
Nun, Vögel konnte er an andern Stellen des Ufers und auf andern Inseln auch sehen, wenn auch nicht so massenhaft wie an beschilften Seen, und das waren hier auch nur wenige.
Nobody mußte aber doch irgend einen Grund haben, sich so zu freuen. Kein Lüftchen wehte mehr, es wäre Zeit zur Siesta gewesen, am Nachmittage würde sich der gewöhnliche Südwind auch wieder einstellen; doch Nobody mußte hin nach jener noch weit entfernten Insel, er griff zu den Rudern, das an sich leichte Boot war durch die vielen Ballen schwer geworden, und Nobody arbeitete unter der glühenden Sonne, daß ihm der Schweiß wirklich wie Wasser vom ganzen Leibe floß.
Jetzt konnte er es schon mit bloßen Augen erkennen, und seine sehnsüchtige Hoffnung hatte ihn nicht betrogen.
»Hurra, es ist gewachsen!!«
Nämlich das Schilf, welches dort einen Teil der Inselküste bedeckte. Das war Nobodys Werk, das hatte er gesät, auf die Gefahr hin, dabei zu ertrinken, von den das Ufer des Festlandes bewachenden Indianern gelyncht zu werden.
Als er vor einem halben Jahre zum ersten Male nach dem Titicaca aufgebrochen war, hatte er Schilfsamen mitgenommen. Das war natürlich nicht so von ungefähr gewesen. Die letzten Tage in New-York hatte Nobody alle Reiseberichte gelesen, welche es über den Titicaca-See nur gibt, und sein rastloser Kopf hatte simuliert und simuliert. ›Ist da nicht etwas zu machen? Wie kann ich es machen?‹
Ueber das Fehlen der Wasservögel am Titicaca-See berichten schon Reisende aus dem siebzehnten Jahrhundert. ›Das kommt daher, weil kein Schilf vorhanden ist.‹ So sagte jeder. Nobody aber konnte nicht verstehn, wie jemand, der am Titicaca-See gewesen ist, so etwas so leichthin sagen kann. Es war eben Nobody - der Nobody, der schon als Junge die Haare an einem Pferdeschwanz gezählt hatte.
Und der Detektiv wurde zum Botaniker, der nebenbei auch Geographie nach den Witterungsverhältnissen trieb. Freilich mußte das bei ihm fix gehn. In einer durchstudierten Nacht hatte er herausgebracht, daß für den Titicaca dreierlei Schilfsorten in Betracht kamen: eine, die an den Gebirgsseen des Himalaja vorkommt, eine, die in Patagonien gedeiht, und dann wollte er es auch mit einer mexikanischen Schilfart versuchen. Das größte Zutrauen hatte er zu der patagonischen.
In den botanischen Versuchsstationen ist alles zu haben. So dachte wenigstens Nobody. Jawohl, selectrus hopax spacii, und wie das Zeug alles hieß, wurde auch gezüchtet. Aber Samen gab es nicht, nicht für einen Dreier und nicht für drei Dollar, und noch weniger wurden die reifen Samendolden verkauft. Die waren ja der Stolz des botanischen Gartens!
Nobody hätte sie ja schließlich bekommen, aber da wäre trotz aller hohen Gönner erst eine ewige Schreiberei nötig gewesen, dann hätte er doch auch seine Absicht kundtun müssen, und das wäre nun das letzte gewesen, was er getan hätte. Nobody wußte einen kürzeren Weg, der zum Ziele führte. Als Nobody hatte er sich schon bei seinem ersten Bittgesuch nicht zu erkennen gegeben, und jetzt zog er einen andern Anzug an, setzte eine andre Visage auf, ging nochmals in den botanischen Garten und ... mauste dasjenige, was er gerne haben wollte!
Und dann, auf der andern Hälfte der Erdkugel, auf dem Hochplateau von Peru, war er von Insel zu Insel geschwommen, um hier auf dieser mit liebevoller Hand den Schilfsamen der Erde anzuvertrauen.
Jetzt sah er den Erfolg. Der selectrus hopax spacii aus Patagonien hatte sein Vertrauen getäuscht, der war nicht aufgegangen; mit dem mexikanischen war auch nicht viel los; aber der vom indischen Himalaja war prachtvoll gediehen, weit über manneshoch, hatte sich durch Wurzelausläufer schon weit ausgebreitet, und ... unter seinem Schutze fütterte ein Wildentenpaar seine hier ausgebrüteten Jungen groß!
Doch der schwimmende Detektiv und Botaniker hatte noch andres bei sich gehabt als nur Schilfsamen.
Nobody betrat das Land, aus dem Boote eine Hacke mitnehmend. Weshalb schlug sein Herz so erwartungsvoll? In der Nähe des kleinen Hauses konnte man am Boden eine Stelle bemerken, die vor einiger Zeit jedenfalls aufgewühlt und vom Grase befreit worden war. Wohl war sie wieder mit Gras bedeckt, das aber einen ganz andern Eindruck machte als das ringsum stehende, es war jünger, und dazwischen erhoben sich kleinere und größere Blattbüschel.
Und der Schatzgräber begann zu hacken - vorsichtig, ganz vorsichtig - und er beförderte aus dem Schoße der Erde einen goldenen ... nein, eine rote Möhre, ein prachtvolles Geschöpf, dem alsbald eine dicke Runkelrübe folgte, und nun ein kleiner Ruck, ein langgezogenes ›Aaaahhhh!‹, wozu Nobody auch allen Grund hatte, denn seine erhobene Hand hielt nichts weniger als einen Kartoffelstrunk mit großen, dick und voll angesetzten Knollen, und dabei sah er aus, wie ein andrer Mensch aussieht, wenn er das große Los gewonnen hat.
»Aaaaahhhh! Eine ganz neue Sorte Erdäppel. Nobodia Titititikakakakja.«
Es war noch nicht alles. Als er um das kleine Haus herumgegangen war, stand er vor einer Quadratrute Land, das mit meterhohen, grünen Halmen bedeckt war, an denen Aehren hingen, der Reife nahe, und ein neuer Freudenlaut entschlüpfte Nobodys Lippen.
Korn und Weizen waren nicht aufgegangen, oder das junge Grün war der nächtlichen Kälte erlegen. Aber der Hafer war prächtig gediehen - der Hafer, dem der Gebirgsschotte seine Bärenknochen und seine Muskelkraft verdankt.
Weshalb sollen Kartoffeln, Rüben und gewisse Getreidearten nicht auch auf der Puna gedeihen? Die Kartoffel ist überhaupt ein peruanisches Gewächs, oder vielmehr, die alten Peruaner haben zuerst die Kartoffel kultiviert, aus einer besonderen Art des giftigen Nachtschattens haben sie die genießbare Kartoffel zu züchten verstanden, welche dann später nach Europa gekommen ist.
Man hat auf den Inseln des Titicacasees genug Steinplatten gefunden, in welche menschliche Figuren eingemeißelt sind, wie sie verschiedenen Beschäftigungen nachgehn. Die menschlichen Figuren sind recht unbeholfen - wie Kinder sie zeichnen, mit viereckigen Oberkörpern und statt der Arme und Beine nur Striche - aber man kann doch deutlich erkennen, was sie treiben, daß sie z. B. Kartoffeln hacken und Kraut abschneiden, und so ist weiter zu schließen, daß hier auf diesen Inseln, auf denen immer nur ein kleineres Haus steht, dereinst solcher Gemüsebau getrieben wurde, für die Priester die tägliche Nahrung liefernd. Wohl auch Hülsenfrüchte, besonders Bohnen, wurden gebaut, dann eine Getreideart, die mit der Hirse Aehnlichkeit zu haben scheint.
Warum waren jetzt auf der Puna diese nährenden Pflanzen nicht mehr vorhanden? Ihre Kultur war einfach verloren gegangen. Wenn man eine Kartoffel steckt und kümmert sich nicht mehr darum, so findet man nach drei Jahren keine Knollen mehr daran, die kultivierte Pflanze verwandelt sich wieder in den knollenlosen Nachtschatten, das kräftiger gedeihende Unkraut zieht alle Nahrungsstoffe an sich, die Kulturpflanze wird selbst wieder zum sogenannten Unkraut, die Pflanze, wenn sie nicht ursprünglich hier zu Hause ist, verschwindet auch ganz, und so hatte auch hier das einheimische Ichygras alles wieder erstickt, und niemand war gekommen, um die Eingeborenen auf dem weltverlassenen Plateau von neuem zu beglücken.
Nobody war auf das platte Dach des Hauses gestiegen; hier stand er lange, lange Zeit, und immer verklärter ward sein Auge, sein ganzes Antlitz, und wir brauchen wohl nicht die Gedanken näher zu erläutern, die ihn beschäftigten, die ihn beseligten, als er so seine Blicke über die weitere Umgegend schweifen ließ; er sah in die Zukunft, und was er dachte, das machte sich zuletzt in den Worten kund, welche feierlich über seine Lippen kamen:
»Da ich nicht selbst ein Gott bin, so bin ich doch ein Werkzeug Gottes!«


Wir kommen nun zu dem eigentlichen Abenteuer, welches Nobody am oder im Titicaca-See erlebte, ein ganz seltsames, ans Wunderbare grenzende Abenteuer, über welches Nobody niemals etwas veröffentlicht, niemals etwas gesprochen hat, auch nicht zu seinem besten Freunde. Desto ausführlicher hat er es in seinem Tagebuche behandelt, und da der Bearbeiter desselben aus einem besonderen Grunde, der dem Leser bald einleuchten wird, in bezug auf dieses merkwürdige Erlebnis jede Verantwortung ablehnen möchte, so soll diesmal mit Nobodys eignen Worten erzählt werden.

3. Das Unfaßbare

Es war nachmittags gegen zwei Uhr, die Sonne brannte so fürchterlich, daß ich beinahe glaubte, mein Gehirn müsse schmelzen.
Ich beschloß, ein Bad zu nehmen, doch kein gewöhnliches, sondern ich wollte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und zwar in doppelter Hinsicht: ich wollte zum ersten Male im Titicaca-See mein Taucherkostüm probieren, das ich im Boote mitgenommen hatte.
Ich meine, zum ersten Male wollte ich auf den Grund des heiligen Sees hinabsteigen. Probiert hatte ich den selbsttätigen Tauchapparat schon, den ich für meine eigne Erfindung hätte ausgeben dürfen, wenn ich auch keinen Anspruch darauf machte. Ich hatte an jenem Apparat, wie ich ihn auf der Magnetinsel benutzte, fast ein ganzes Jahr gearbeitet, viel verbessert, viel Neues hinzugebracht - er hatte nur in seinem Aeußeren noch Aehnlichkeit mit jener Erfindung des amerikanischen Ingenieurs. Vor allen Dingen bin ich es gewesen, der diesen Apparat zum Gebrauch unter Wasser verwendbar gemacht hatte, indem sich jetzt die Luftzufuhr bei wechselndem Druck selbsttätig regulierte. Ich hatte dem Ingenieur Mr. Harry Bulwer meine Erfindung mitgeteilt, ohne Anspruch auf ein Patent zu erheben. Nevermind.
Außerdem hatte ich an meinem eignen Apparat noch einige andre Verbesserungen angebracht: die Luftbombe speiste zugleich eine Petroleumlampe mit intensivem Scheinwerfer; trotzdem lieferte die Bombe jetzt für fünfzehn Stunden Luft; ich konnte die Bleiplatten durch einen Federdruck von den Stiefelsohlen ablösen, um sie an Land einstweilen in die Hand zu nehmen; durch Schließen des Ausstoßventils wurde ich sofort in die Höhe gehoben und hatte inzwischen dennoch atembare Luft - und die Hauptsache war doch schließlich die, daß ich mich auf meinen selbstgefertigten Apparat mit absoluter Sicherheit verlassen konnte. Er gestattete das Erreichen einer Tiefe wie die gewöhnlichen Tauchapparate am Luftschlauch, also eine solche von dreißig Metern, höchstens bis zu vierzig Metern, wie das ja überhaupt ganz auf die Konstitution des Tauchers ankommt. Doch sei bemerkt, daß ich in diesem See noch etwas tiefer dringen konnte, weil derselbe ja 4000 Meter über der Meeresoberfläche liegt, so daß also auch der Luftdruck auf den Wasserspiegel ein viel geringerer ist. Allerdings konnte der Unterschied nur wenige Meter betragen.
Ich hatte die Proben im New-Yorker Hafen ausgeführt, der wegen seines schlammigen Wassers berüchtigt ist. Sonst hatte ich bisher noch keine Gelegenheit gehabt, meinen Apparat praktisch zu verwerten. Aber nun hier am Titicaca! Wenn ich auch nicht hoffen durfte, etwas Besonderes zu entdecken - an die Tempelschätze dachte ich gar nicht - so brannte ich doch vor Begierde, auf dem Grunde des heiligen Sees spazieren zu gehen - - und dabei wurde in dem kühlen Wasser zugleich auch das Brennen meines Kopfes gelöscht.
So packte ich das Kostüm aus und legte es an, über den Anzug, nicht einmal der Stiefel brauchte ich mich zu entledigen, auch sie blieben in einem Gummiüberzug vollkommen trocken.
Die Luftzufuhr funktionierte; ich schritt dem Wasser zu, es schlug über meinem Kopfe zusammen.
O, dieses Gefühl, welches der Taucher hat, wenn er über den Meeresgrund dahinwandelt, dahinschwebt! Es läßt sich mit nichts vergleichen. Der Flugapparat muß erst erfunden werden, und ich kann mir nicht denken, daß dieses Fliegen in der Luft ohne große Kraftanstrengung und ohne viel Schweiß abgehn wird. Aber im Wasser, da verwandelt sich der Mensch wirklich zum Vogel in der Luft! Und mich behindert kein Luftschlauch, keine Signalleine!
Mit sprungartigen Schritten strebte ich vorwärts, auf ebenem Grunde, bergauf und bergab. Verschwunden war das irdische Gewicht, der schwere Taucheranzug war zum leichten Flügelkleide geworden. Ein tiefes Tal senkte sich jäh hinab. Ich brauchte nicht zu klettern, ich hätte die hundert Meter hinabspringen können, aber auch das war nicht nötig. Ich setzte einfach meinen Weg geradeaus fort, um den jenseitigen Hügelkamm zu erreichen. Wie ich in der Mitte des Tales hoch über dem Abgrunde schwebte, erblickte ich unter mir auf dem Grunde etwas Quadratisches, ich dachte an einen Sarg - ich mußte es besichtigen - gut, ich ließ einfach etwas überschüssige Luft ausströmen, und sofort sank ich wie ein Stein hinab.
Es war nur ein unbehauener Steinblock, nichts weiter. Jetzt behielt ich überschüssige Luft zurück; sofort stieg ich wieder empor, bis ich, mich in gleicher Höhe mit dem Hügelkamm befindend, meinen unterseeischen Weg in der Luft fortsetzte.
»In der Luft,« sage ich. Nämlich das Gefühl, ein Fisch zu sein, hat man weniger. Man kommt sich mehr wie ein im Aether schwebender Vogel vor.
Allerdings muß dieses Schweben gelernt sein. Schon das Gehn auf festem Grunde bietet viele Schwierigkeiten. Der Neuling schnellt bei jedem Schritte trotz der schweren Bleisohlen viele Meter hoch empor und kommt doch nicht von der Stelle; es ist ein ganz eigenartiges Gehen dazu nötig, und erst recht will das Vorwärtsschweben gelernt sein, wenn man gar keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Da müssen die Hände mit einer eigentümlich drehenden Bewegung mithelfen.
Nun, ich konnte es, ich hatte es schon genug geübt.
Das Wasser dieses Bergsees ist äußerst klar. Wie ich ausmaß, konnte ich auf eine Entfernung von dreißig Metern noch jeden Gegenstand unterscheiden, und das will unter Wasser etwas heißen. Wenn man oben vom Boot aus so wenig tief blicken kann, so kommt das daher, weil der Boden überall schwarz ist und alle Lichtstrahlen absorbiert. Ich meine also die horizontale Durchsichtigkeit, welche so groß ist. Und als ich von einer Tiefe von hundert Metern sprach, in welcher ich den Steinblock liegen sah, den ich für einen Sarg hielt, so war das nur eine Täuschung. So tief konnte ich ja auch gar nicht sehen. Das waren kaum zehn Meter gewesen.
So dürftig wie auf der Puna war auch der Pflanzenwuchs hier unten, und das im Verhältnis von der Erde zum Wassergrund. Hohe Pflanzen, wie sie besonders den tropischen Meeresgrund schmücken, fehlten hier ganz. Nur mit einer Art von Moos war der schwarze Boden überzogen. Ebenso waren Muscheln sehr spärlich vertreten. Dagegen umschwärmten mich Fische in überreichlicher Fülle, betrachteten mich neugierig und schossen wie ein Blitz davon, vom Gründling an bis zum größten Lachs.
Hierbei sei für den, welcher Tauchapparate kennt, bemerkt, daß das Glas in meinem Helm nicht konvex war, wie es sonst bei den Taucherhelmen der Fall ist, infolgedessen der Taucher eine Sardine für einen Haifisch ansieht, bis er sich daran gewöhnt hat, seine vor das Glas gehaltene Hand in Riesengröße zu erblicken. Ich sah alles in natürlicher Größe.
Immer weiter ging es über Berg und Tal. Es war herrlich, so in dem kühlen Wasser über den moosbedeckten Boden dahinzuschweben. Ich spielte wie ein Kind, wie ein flügge gewordener Vogel, der sich zum ersten Male aus dem Neste wagt.
Ein Blick nach der wasserdichten Uhr am Handgelenk belehrte mich, daß ich nun schon zwei Stunden unter Wasser war. Wo befand ich mich? Ich war immer nach Osten gewandert, das sagte mir der am Gürtel in horizontaler Lage hängende Kompaß. Aber wie weit ich mich schon von jener Insel entfernt hatte, das wußte ich nicht. Was hatte das auch zu sagen? Um mich zu orientieren, brauchte ich mich nur zu erheben und den Kopf über die Wasserfläche zu stecken. Und wenn ich nun da keine Insel mehr sah?
Du lieber Gott, an solche Fragen dachte ich gar nicht! Ich hatte ja noch gute dreizehn Stunden Zeit zur Rückkehr, und ich bin überhaupt kein solch sorgenschwerer Charakter, der sich durch ängstliche Fragen den Genuß des Augenblickes verderben läßt.
Also immer weiter gewandert, geschwebt, geflogen! Der Grund wurde eben, nur daß er sich etwas senkte. Ich amüsierte mich mit riesigen Sprüngen, kam außer Atem. Da merkte ich, wie dieser mir recht schwer ward, in meinen Ohren begann es zu sausen. Wie tief war ich denn? Am Gürtel hing das Manometer, das nach dem Luftdruck eine sofortige Ablesung der Wassertiefe gestattete, eingestellt auf Null für die Höhe des Wasserspiegels des Titicaca.
Donnerwetter, 37 Meter tief! Ganz unbemerkt war ich so tief geraten, die leichte Senkung der Ebene täuschte. Daß es um mich herum immer dunkler geworden war, hatte ich nicht bemerkt, weil sich meine Augen an die langsame Zunahme der Dunkelheit gewöhnten. Ich konnte noch ebenso sehen wie zuerst.
In einiger Entfernung vor mir, wie ich im Zwielicht gewahrte, öffnete sich eine Schlucht, und in diese wollte ich erst noch einmal hinabblicken, ehe ich den Rückweg aus dieser gefährlichen Tiefe, die mir schon Beklemmung verursachte, antrat. So lange hielt ich es schon noch aus.
Mit wenigen Sprüngen hatte ich den Rand erreicht. Es war eigentlich keine Schlucht, wenn man unter einer solchen eine Bodensenkung mit jähen Wänden versteht. Sie senkten sich mit mäßiger Steilheit hinab, dann freilich in unergründlichem Dunkel verschwindend.
Aber mein Auge versuchte nicht, dieses Dunkel zu durchdringen; wie gebannt hing es an einer Stelle, die etwa nur vier Meter unter mir lag - denn da - heiliger Gott! - wie diese dicke Schlange auch noch in dem Zwielichte glänzte und gleißte ... ich hatte die goldene Kette der Inkas gefunden!!
Es war ihr Anfang oder ein Ende. Ich sah die gelbe Schlange noch weiter hinablaufen, bis sie sich im Dunkel verlor. Was ich in diesem Augenblicke der Entdeckung dachte, vermag ich nicht zu schildern. Der Herzschlag stockte mir. Schnell war ich die wenigen Meter hinab, ich bückte mich, meine Hände befühlten sie - es war keine Vision!
Sie war vollkommen blank. Schlamm fehlte hier gänzlich; auf dem Golde hatte sich kein Mooshälmchen, keine Muschel angesetzt. Von dieser goldenen Kette, welche die Hafeneinfahrt zu der heiligen Insel gesperrt haben sollte, existiert keine nähere Beschreibung. 200 Meter lang und so dick wie ein Mannesschenkel - so geht die Sage. Infolgedessen hatte ich mir ein falsches Bild von ihr gemacht, hatte sie mir nur aus einzelnen, zusammenhängenden Gliedern, gedrehte oder runde Ringe, vorgestellt, und nun sah ich, daß sie aus einer vierfachen Reihe von Gliedern bestand! Eine überaus kunstvolle Arbeit!
Was diese goldene Kette von 200 Meter Länge wert war? Das Pfund Münzgold kostete zurzeit 1000 Mark. Und schlechtes Gold werden die alten Inkas zur Fertigung ihres Heiligtums wohl nicht verwendet haben. Zur Schätzung des Wertes der ganzen Kette mußte ich wenigstens das Gewicht eines gewissen Teiles kennen, eines Meters.
Aber vergebens mühte ich mich ab, auch nur das letzte Ende der Kette zu heben. Bewegen konnte ich es, doch nicht heben, obgleich das Gewicht eines Gegenstandes im Wasser viel geringer wird. Schon die ersten der vierfachen Glieder mußten viele Zentner wiegen.
Angenommen nun, ein einziger Meter wog acht Zentner, so wäre die ganze Kette 150 Millionen Mark wert gewesen. Wahrscheinlicher aber betrug der Wert das Doppelte, das Dreifache! Und das hier war kein imaginärer Wert, wie ihn Perlen und Edelsteine schließlich doch nur besitzen, das war wirklich so gut wie bares Geld! 150 ... 300 Millionen!!
Aber vielleicht noch mehr erregte mich schon das Wort »die Kette der Inkas«. Ich, ich hatte sie gefunden! Und wäre dieses mysteriöse Heiligtum aus Eisen gewesen, mich hätte jedenfalls keine geringere Erregung gepackt. Ich hatte es gefunden! Doch immerhin, ich bin ein Mensch, und die zivilisierte Menschheit hat von jeher alle käuflichen Werte nach Gold abgeschätzt und wird es wohl auch bis zur Vernichtung dieser Erde tun. Gold ist das Universaltauschmittel, mit welchem der Jüngling seine frohe Genußsucht befriedigt, mit welchem sich der Mann Ehre einhandelt, der Greis Ruhe. Gold ist die größte Macht dieser Erde, in der Hand des Bösen zum Fluche gereichend, in der Hand des Guten und Weisen zum Segen.
Ich war erschüttert. Ich war von Sinnen. So von Sinnen war ich, daß ich wissen mußte, ob die Kette wirklich so lang sei; ich wollte sie verfolgen, ihr andres Ende sehen - und indem ich weiter hinabstieg, war ich verblendet.
Da leuchtete es unterhalb meiner Füße noch in andrer Weise auf - ein Goldberg war es, der mir entgegengleißte - und das war auch nicht etwa die Kette, die hier zusammengerollt dagelegen hätte - nein, ich unterschied einzelne Gegenstände - einen Eimer - oder vielleicht einen großen Kelch - und das dort war offenbar die goldene Statue eines Götzen ... ich hatte die Stelle gefunden, wo die alten Peruaner ihre Tempelschätze versenkt hatten!!
Zum Glück für mich war mein Gefühl stärker als meine Vernunft. In dem Augenblick, da es mir zum Bewußtsein kam, die goldenen Heiligtümer zu sehen, fühlte ich, wie mir das Blut zum Kopfe stieg, ich glaubte, es müsse mir aus den Augen spritzen; es war mir, als ob mein Kopf von eisernen Schrauben zusammengepreßt würde - und da erkannte ich die Gefahr, ich erschrak, ich hatte keine Zeit, erst das Ventil zu schließen, mit weiten Sätzen entfloh ich der Tiefe, deren furchtbarer Druck mich zusammenzuquetschen drohte.
Wie tief ich mich schon befunden hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls fühlte ich die Erleichterung, die bei jedem nach oben führenden Sprunge eintrat, außerdem ging es so, wenn ich mich bei jedem Tritt vom Boden abstoßen konnte, viel schneller, als wenn ich durch die Hebekraft der Luft emporstieg. Bald hatte ich den Rand der Schlucht wieder erreicht, und ...
Ich erstarrte zur Statue. Da stand auf dem Boden des Sees noch ein andrer Mensch, ein andrer Taucher! Zwischen uns war eine Entfernung von vielleicht nur sechs Metern, und das war gering genug, daß ich ihn ganz deutlich sehen konnte. So unbeweglich wie ich stand er da, ganz genau so wie ich war er gekleidet, ganz genau dasselbe Taucherkostüm, ganz genau dieselben Apparate am Gürtel und schließlich ganz genau dasselbe ...
Ich brach unter meinem Helm in ein herzliches Lachen aus. Das war ja nichts weiter als mein Spiegelbild! Sah ich doch auch hinter der Glasscheibe, so dick diese auch war, mein eignes Gesicht.
Doch schnell wich das Lachen dem Staunen, dieses dann dem Nachdenken.
Wie in aller Welt kam dieses Spiegelbild denn zustande? Das mußte mit einer Brechung der Sonnenstrahlen zusammenhängen - aber auf welche Weise, das war mir ein Rätsel.
Ich hob den Arm - mein Spiegelbild natürlich ebenfalls. Ich ließ den Arm wieder sinken - und mein Spiegelbild ...
Ich überlasse dem, welcher dereinst mein Tagebuch in die Hände bekommt, darüber zu denken, was er will. Ich versichere nur, daß ich hier kein Märchen erdichte, sondern meine wahren Erlebnisse niederschreibe. Außerdem werde ich dann später eine Erklärung geben, die übrigens sehr nahe liegt, wenigstens was diese Erscheinung hier anbetrifft. Dann werde ich auch noch von andern Sachen berichten, für welche mein Menschenverstand keine Erklärung findet, da kann es nur heißen: ich glaube. Ob es der einstige Leser meines Tagebuches glaubt oder nicht, ist mir ganz gleichgültig.
Also mein vermeintliches Spiegelbild behielt die Hand oben, welche ich wieder gesenkt hatte, und mit dieser Hand winkte es mir.
Man stelle sich vor - es ist ja unmöglich, aber man stelle es sich einmal vor, so etwas passiere einem vor dem Spiegel, und es braucht nicht gerade um Mitternacht in einer einsamen Kirche zu sein, wird es einem da nicht eiskalt ans Herz greifen? Nun, ich befand mich so gegen fünfunddreißig Meter unter der Wasseroberfläche, nur von Fischen umgeben, in grüner, unheimlicher Beleuchtung, und bei mir wurde das Unmögliche zur Tatsache, ich träumte doch nicht, ich war vollkommen bei Bewußtsein - und deshalb darf man glauben, daß auch mir eine eiskalte Hand ans Herz griff.
Die Gestalt winkte wieder, und als fände sie es ganz selbstverständlich, daß ich ihr folge, wandte sie sich um und schritt mit dem schwebenden Gange des Tauchers davon.
Ich raffte mich auf. Gespensterfurcht und alles war gewichen. Das war ganz einfach ein Mensch, der ein ebensolches Taucherkostüm wie ich besaß. Daß ich mein eignes Gesicht gesehen haben wollte, war nur Täuschung gewesen. Die Glasscheibe war sehr dick, das Wasser grün, dieses Zwielicht - und ich hatte eben zuerst an mein Spiegelbild gedacht.
Ich folgte. Eine Stunde lang ging es immer an dem Rande der Schlucht entlang, dem Norden zu, ich immer sechs Schritte hinter dem andern her.
Solch eine Stunde ist eine gar lange Zeit, und in dieser habe ich gar viele Entschlüsse gefaßt - ohne sie auszuführen. Ich wollte auf jenen zueilen, was doch auch sehr nahe lag, ihn anhalten, ihn fragen. Ich tat es nicht. Einmal hätte ich mich schwerlich mit ihm verständigen können, die dicke Glasscheibe in dieser Tiefe dämpfte jeden menschlichen Laut, eine Schreibtafel hatte ich nicht bei mir, und ... ich wollte eben sehen, wohin der Kerl mich führen würde, was daraus noch werden sollte.
Einmal, gleich im Anfang, ich gestehe es ganz offen, wandelte mich die Lust an, nein, eine förmliche Wut, mich auf meinen Führer zu stürzen und ihn zu töten, ihm mein Messer in den Rücken zu stoßen. Denn der wußte natürlich auch von der Kette der Inkas und den Tempelschätzen.
Die Wut wurde mannhaft wieder gebändigt. Ich folgte.
Es ging langsam wieder bergauf, und bei einer Tiefe von ›nur‹ zwanzig Metern - man denke dabei an ein vierstöckiges Haus - wurde die ›Gegend‹ hügeliger, und plötzlich tauchten vor mir Gebäude auf, in jener pyramidenähnlichen Form gehalten.
Es ist ja ausgeschlossen, daß die alten Peruaner solche Gebäude unter Wasser aufgeführt haben. Wohl aber kann man an ein vulkanisches Ereignis denken oder an eine Unterspülung - jedenfalls hatten diese Häuser dereinst auf einer Insel gestanden, waren im See versunken.
Ich sagte: sie tauchten plötzlich vor mir auf. Sogar sehr plötzlich. Man konnte ja eben nur dreißig Meter weit sehen.
Da blieb mein Führer vor einem Eingange stehn, wandte sich zum ersten Male nach mir um, erhob winkend die Hand und war in dem Hause verschwunden.
Jetzt erst fiel mir etwas auf - wiederum ein Rätsel. Also zum ersten Male hatte er sich nach mir umgewandt. Wie hatte er denn wissen können, ob ich ihm auch wirklich immer folgte?
Doch ich grübelte jetzt nicht über die Lösung dieser Frage nach. Auch ich betrat den Eingang, aus meiner Blendlaterne einen Strahl voraussendend.
Wie ich jetzt erkannte, war es kein eigentliches Haus, sondern nur ein überbauter Gang, wie ihn alle diese peruanischen Tempel besitzen, mehr oder weniger lang. Man muß ihn erst wie einen Tunnel passieren, ehe man in das Innere des Tempels gelangt.
Meinen unterseeischen Führer sah ich nicht mehr. Ich beschleunigte die Schritte, allein er wollte nicht wieder in den Bereich des Blendstrahls kommen. Trotzdem setzte ich meinen Weg in dem Tunnel fort, kam an eine Treppe, stieg hinauf, sie brach ab, ich bekam Sand unter die Füße, es wurde heller und immer heller, und mit einem Male steckte ich meinen Helm über die Wasserfläche empor.
Im Scheine der sich dem Horizonte nähernden Sonne watete ich vollends ans Ufer, sofort erkennend, wo ich mich befand. Es war eine Insel, die ich schon bei meinem vorigen Besuche des Titicaca betreten hatte, sie als Zwischenstation auf meiner Schwimmtour benutzend. Sie war noch weniger als andre Inseln zum Ausstreuen der Pflanzensamen geeignet gewesen, denn sie war über und über mit Steintrümmern bedeckt. Gerade auf dieser Insel hatten die einstigen Gebäude im Laufe der Zeit am meisten gelitten, oder wahrscheinlicher waren sie von Menschenhänden zerstört worden. Von Ruinen konnte man gar nicht mehr sprechen, die mächtigen Quaderblöcke lagen bunt durch- und übereinander.
Wo aber war mein unterseeischer Kamerad? Nicht zu erblicken. Wenn er die Insel betreten hatte, so konnte er keinen andern Weg genommen haben, der Tunnel besaß keine seitlichen Abzweigungen, darauf hatte ich geachtet.
Vor allen Dingen mußte ich nach Spuren suchen, und da das dicke Glas mein Auge doch sehr behinderte, so schraubte ich den Helm los und nahm ihn ab.
Augenblicklich fiel mir ein Geruch nach gebratenen Fischen auf, ich hörte auch ein Zischen, ich wandte den Kopf und ...
»Gott mit dir, mein Bruder,« begrüßte mich auf englisch eine tiefe, wohllautende Stimme.
Nur wenige Schritte seitwärts von mir, unter einem Dache, das von einer über zwei Quadern liegenden Steinplatte gebildet wurde, saß ein Mann. Ich will ihn erst beschreiben, was auch ganz angebracht ist, da sich mir sein Aeußeres und seine Umgebung im ersten Augenblicke unauslöschlich einprägten.
Es war ein arabischer Beduine. Zu diesem Urteil kam ich nicht etwa durch den weißen Burnus, den er trug; der beeinflußte mich gar nicht. Aber diese edlen, stolzen Züge des braunen Gesichtes, dabei so ruhig, sogar sanft, auch etwas melancholisch - diese Adlernase, diese runden, schwarzen Augen mit dem Adlerblick - das war der Beduine Arabiens aus dem Stamme der Beni Kader, aus dem die Kalifen hervorgehn, der die direkten Nachkömmlinge der Stuten Mohammeds besitzt. Ich kannte diesen Stamm, ich hatte unter ihnen gelebt, und das war solch ein Beduine, oder alles trügte. Er war noch im Vollbesitze seiner Kraft, obschon der schwarze Schnurrbart und das kurze Kopfhaar grau durchzogen waren.
Wie in aller Welt kam der Sohn Arabiens hierher?
Zunächst machte ich noch andre Entdeckungen, die mich nicht minder überraschten.
Er kauerte nicht nach orientalischer Art, sondern saß auf einem stuhlhohen Steine. Vor ihm am Boden stand ein eiserner Dreifuß, darauf eine große Pfanne, in der er Fische briet, und in dem Augenblick, als er mich mit jenen Worten begrüßte, war er damit beschäftigt, zwei irdene Teller, die neben ihm standen, aus der Pfanne mit Fischen zu füllen.
Doch was für eine Flamme war das, welche die Pfanne erhitzte? Sie kam gelbleuchtend in Fingerstärke aus einer Spalte des Bodens hervor, nicht anders als eine Gasflamme, sich unter der Pfanne verbreiternd, auch noch darüber zusammenschlagend, so kräftig war sie.
Diese aus dem Boden kommende Flamme war mir vielleicht das allergrößte Rätsel, mehr noch als der arabische Beduine auf einer Insel des Titicaca-Sees. Nun, er ließ ja mit sich sprechen, jetzt winkte er mir auch. Ich trat näher.
»Gott mit dir, mein Bruder!« wiederholte er, die geleerte Pfanne vom Dreifuß nehmend, so daß die Flamme jetzt frei in die Höhe ging, etwa einen halben Meter hoch. Dann deutete der Beduine, ohne aufzustehn, auf einen ihm gegenüberliegenden Stein, auf den er den zweiten Teller mit Fischen gestellt hatte.
»Komm, setze dich, du wirst Hunger haben, teile mit mir mein Abendessen!«
Aber ich folgte der Einladung noch nicht. Man kann sich vielleicht denken, was in mir vorging. Ich sah mich immer mehr vor etwas Unfaßbarem stehn.
»Wer bist du?«
»Ein Mensch wie du.«
»Wie kommst du hierher?«
»Ich befinde mich schon lange auf dieser Insel.«
»Was machst du hier?«
»Ich habe auf dich gewartet.«
»Auf mich? Auf mich?!« konnte ich nur wiederholen.
»Auf dich.«
»Weißt du denn, wer ich bin?«
»Ein Mann ohne Namen - ein Niemand - ein Nobody.«
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß noch mehr von dir.«
»Was?«
»Ich weiß noch mehr über dich, Prinz Alfred.«
Himmel! Hier auf einer Insel im weltverlassenen Titicaca-See, ein Beduine!
»Und du hast mich hier erwartet?«
»Du sagst es.«
»Woher weißt du, daß ich mich hier befinde?«
»Gott hat es mir gesagt.«
»Was für ein Gott?«
»Es gibt nur einen Gott.«
»Du bist ein Araber.«
»Ich bin ein Mensch.«
»Du betest nicht zu Allah?«
»Ich bete denselben Gott an, den du anbetest - Gott, den Unfaßbaren!«
Woher wußte dieser Mann auch meinen Lieblingsausdruck für jenes Etwas, mit welchem ich jedem religiösen Gespräche ausweiche?
»Weshalb erwartest du mich hier?«
»Um dir etwas zu sagen.«
»Was?«
»Du wirst es erfahren, wenn du mein Gastfreund gewesen bist. Setze dich, laß die Fische nicht kalt werden, welche uns Gott gegeben hat.«
»Wo ist der andre?«
»Welcher andre?«
»Der Taucher, welchen ich auf dem Meeresboden sah, der mich hierhergeleitete.«
»Das warst du selbst.«
»Ich selbst?«
»Dein zweites Ich.«
»Es war nicht mein Spiegelbild. Ich hob die Hand - er auch. Ich ließ den Arm wieder sinken - er aber winkte mir mit der Hand, ihm zu folgen.«
»Es war nicht dein Spiegelbild, sondern dein zweites, dein besseres, dein geistiges Ich, welches Gott, der Unfaßbare, aus dir heraustreten ließ, auf daß es dein Führer wäre, um dich vom Verderben zu erretten, dem du verfallen warst, als du die goldenen Tempelschätze der Inkas erblicktest, welche den Menschen vorenthalten sind. Und nun fordere ich dich zum dritten und letzten Male auf: komm und iß. Ein viertes Mal erfolgt meine Aufforderung nicht!«
Eine Ruhe überkam mich, eine ganz seltsame Ruhe. Ich konstatierte, daß meine Uhr ging und mit dem Stande der Sonne übereinstimmte, ich konstatierte, daß ich Hunger empfand - kurz, ich konstatierte, daß ich nicht träumte, sondern wachte, ohne mich dabei in die Nase oder sonst wohin zu kneifen, und ich entledigte mich der schweren Bleisohlen, ging hin, setzte mich dem rätselhaften Manne gegenüber und langte zu, mich wie der Araber nur der Hände bedienend, was bei den gebratenen Fischen keine Schwierigkeit bot.
Trotzdem kann ich nicht behaupten, daß er nach orientalischer oder richtiger mohammedanischer Art aß. Vor allen Dingen riß er dabei nicht den Mund so unmenschlich weit auf, wenn er die Bissen hineinsteckte, weil die Lippen von der Speise nicht berührt werden dürfen, und dann nahm er dabei ja auch die linke Hand zu Hilfe, welche nach dem Glauben der Moslems des Teufels ist. Und hatte er überhaupt nicht schon gesagt, daß er gar kein echter Mohammedaner sei?
Mir kam es eher so vor, als wenn er keine Eßgerätschaften besäße. Der Dreifuß, die Bratpfanne, die beiden irdenen Teller und ein Näpfchen mit Salz schienen die ganze Hauseinrichtung auszumachen. Wenigstens konnte ich weiter nichts sehen. Auch der Araber hatte sonst nichts bei sich. Keine Waffen, gar nichts, nur den Burnus.
Nun, ich konnte ja auch wohl während des Essens fragen.
»Wie darf ich dich nennen?«
»Nenne mich deinen Freund!«
»Hast du sonst keinen Namen?«
»Ich will keinen haben, so wenig wie du!«
Mit dieser Erklärung mußte ich mich wohl begnügen.
»Was ist das nur für eine seltsame Flamme, die hier aus der Erde quillt?«
»Weißt du nicht, wo du dich befindest?« entgegnete er.
»Auf einer heiligen Insel der Inkas.«
»Hast du nicht gehört, daß auch dem Gott Pachacamac eine besondere Insel geweiht war?«
»Wohl stellten sich die alten Inkas diesen Gott vor, aber er war ihnen zu hoch, als daß sie ihn anbeteten; er brauchte ihre Anbetung gar nicht. Pachacamac war gewissermaßen die Schöpfungskraft.«
»Trotzdem räumten sie dieser sinnbildlichen Schöpfungskraft, die auch die Sonne, welche die alten Peruaner anbeteten, erschaffen hat, ein Heiligtum ein, in dem sie dieselbe sich wohnend dachten - auf dieser Insel hier, auf welcher Flammen aus dem Boden lodern.«
»Das habe ich noch nicht gewußt, noch nicht gesehen, und ich bin doch auch schon auf dieser Insel gewesen.«
»Ich weiß es. Die Flammen lodern nicht immer aus den Spalten der Erde; nur manchmal, jeder Regen verlöscht sie; dann flackern sie wieder auf, ganz entsprechend den heiligen Feuern von Baku, welche von den Feueranbetern verehrt werden.«
Ich verfiel in Nachdenken. Wer war dieser Mann nur? Er kannte die Feuer von Baku am kaspischen Meer? Er wußte, daß ich schon einmal hier gewesen war? Ich hatte nichts von seiner Anwesenheit bemerkt.
Aus meinem Sinnen erwachend, bemerkte ich, daß mein Teller geleert war, und wie mich mein Gegenüber erwartungsvoll anschaute. Ich schob den Teller zurück, der Augenblick war gekommen.
»Ich bin gesättigt. Nun erkläre dich mir!«
»Frage!«
»Du sagtest, du hättest mich hier erwartet. Aus welchem Grunde?«
»Um dir zu sagen,« erklang es ruhig, »daß du hier dein Leben beschließen wirst.«
Oho!! Aber dabei lächelte ich nicht ungläubig, sondern ich mag den so Sprechenden wie eine Geistererscheinung angestarrt haben.
»Ich soll hier meinen Tod finden?«
»Du sagst es.«
»Woher weißt du das?«
Aber mit der Frage wollte ich nicht etwa wissen, ob dieser Mann vielleicht in einen Plan eingeweiht sei, der gegen mein Leben ginge - ich konnte ja auch an jenen Yankee denken - sondern ich ahnte schon, daß ich eine ganz besondere Antwort erhalten würde, und dem war denn auch so.
»Dem Leben eines jeden Menschen ist ein Ziel gesetzt,« entgegnete er mit seiner hoheitsvollen Ruhe, »und auch du bist nur ein Mensch!«
»Ja, ich weiß, daß auch ich einmal sterben werde. Aber wenn dir im voraus bekannt ist, daß ich hier am Titicaca-See meinen Tod finden soll, so bist du kein Mensch.«
»Sondern?«
»Dann bist du ein Gott.«
»So gehörst du zu denen, welche neben den einzigen Gott noch andre Götter setzen?« erklang es unwillig.
Ich weiß nicht - mich überkam etwas wie Scham.
»Dann bist du ein Prophet.«
»Ja, und ich bin ein Mensch, der den Tod überwunden hat.«
Seltsam, daß ich gar keinen Unglauben hegte. Ich hörte ihn ganz gelassen an, als erzähle er mir da etwas Alltägliches.
»Wie werde ich meinen Tod finden?«
»Frage erst, weswegen! Denn jeder Abschluß eines Lebens hat eine Ursache.«
»Nun, weswegen?«
»Weil du der einzige Mensch bist, welcher die Schätze dieses Sees gesehen hat, die, seitdem sie vor Jahrhunderten versenkt worden sind, kein Auge eines Irdischen mehr erblicken sollte. So steht es im Buche des Schicksals verzeichnet. Schon zweimal hast du die Heiligtümer geschaut. Das erstemal gestern von dem Ballon aus, als du eine Landungsstelle suchtest. Das zweitemal vorhin, und wenn das auch wieder andre waren, so gehörten doch auch sie zu den Heiligtümern, welche das Unfaßbare mit einem Fluche beladen hat - zum dritten Male wirst du sie nicht erblicken - dein Tod ist bestimmt!«
»Ich glaube nicht an solch ein Schicksal.«
Es war gegen meine Ueberzeugung gesprochen, und doch auch wieder nicht.
»So wirst du daran glauben lernen müssen.«
»Und wenn ich nun sofort diese Gegend verlasse, mich davor hütend, daß ich auch nur den Grund des Sees zu sehen bekomme, niemals wieder nach dem Titicaca komme?«
»Das ist etwas andres. Der Mensch ist frei, er kann über seinen Willen verfügen. In diesem Falle bleibst du leben.«
Das war es! In diesem Punkte konnte ich mit ihm übereinkommen. Wohl glaube ich, daß jeder Mensch sein Schicksal hat, dem er nicht entgehn kann - aber an jenes Kismet des Mohammedaners, das den freien Willen des Menschen überhaupt ganz unterbindet, daran glaube ich nicht. Auf den Unterschied kann ich mich hier nicht einlassen.
Aber auch noch gegen die Vorherbestimmung meines Schicksals bäumte sich mein Trotz auf. Wenigstens nicht aus dem Munde eines Menschen wollte ich es hören, und sei dieser Mensch auch ein wirklicher Prophet!
»Ich werde dennoch hierbleiben, die Schätze wiederfinden und heben!«
»Höre mich an, mein Sohn,« erklang es da mild, und ebenso mild konnte auch das Adlerauge blicken. »Ich bin hierhergeschickt, um dich zu warnen, um dich zu retten. Wer mich geschickt hat? Ich weiß es nicht. Das Unfaßbare, eine innere Stimme. Ich bin nicht allwissend, aber ich weiß manches, was andre Menschen nicht wissen. Und ich will dir überzeugende Beweise geben, so daß du meinen Worten Glauben schenkst.«
»Gut, ich höre!«
»Zum ersten: Diego Alcala war ein Betrüger!«
»Diego Alcala?« wiederholte ich erstaunt, weil ich am wenigsten vermutet hatte, daß er seine Beweise mit diesem Manne beginnen würde. »Was weißt du von dem?«
»Er hat vor zwei Jahren einen französischen Gelehrten namens Dr. Jérôme Girard bei einer Luftballonfahrt durch Südamerika begleitet.«
»Das stimmt!«
»Als der Ballon über diesem See schwebte ...«
»Haben die Insassen die goldenen Tempelschätze auf dem Grunde des Sees liegen sehen,« fiel ich ihm ins Wort.
»Nein. Habe ich dir nicht gesagt, daß du der einzige Mensch bist, welcher diese Heiligtümer nach ihrer Versenkung erblickt hat?«
»Nun, was haben jene sonst gesehen?«
»Eine Insel mit besonders interessant aussehenden Tempeln darauf.«
»Ah, ich beginne zu verstehn!« rief ich. »Nur die geographische Lage dieser Insel haben die Gelehrten im Ballon berechnet?!«
»So ist es. Nichts weiter. Der Ballon verunglückte. Diego Alcala entkam dem Tode, nachdem er sich die Zeichnung und andres angeeignet hatte. So weit beruhte seine Erzählung auf Tatsache. Es war von vornherein seine Absicht gewesen, mit dieser Zeichnung Mißbrauch zu treiben, er wäre fähig gewesen, die Reisenden deswegen zu ermorden. Aber ihr Tod war schon vorher im Buche des Schicksals verzeichnet gewesen. Der Spanier kannte das optische Gesetz, nach welchem man aus der Höhe tief in das Wasser hinabblicken kann. Die Zeichnung und die geographische Ortsbestimmung sollten die Lage der im Titicaca-See versenkten Schätze angeben. Diesen betrügerischen Plan hatte er sich von vornherein zurechtgelegt. Er suchte einen Gläubigen. Zuerst wandte er sich an dich, darauf an einen Mann namens Maximus Wilken. Du kennst ihn. Dieser wurde ein Opfer des Betruges und zugleich das Werkzeug der ewigen Gerechtigkeit.«
Wenn dieser Araber nicht allwissend war, so befand er sich doch auf dem laufenden.
»Wieso wurde dieser Yankee ein Werkzeug der Gerechtigkeit?«
»Er kaufte dem Spanier den Plan ab, unter der Bedingung, daß Diego ihn auch nach dem Titicaca begleite, und das war schon deshalb selbstverständlich, weil die beiden ja die gefundenen Schätze teilen wollten. Und Diego begleitete ihn auch deshalb, weil es bei ihm bereits beschlossen war, den Amerikaner zu töten und ihm das zur Ausrüstung der Expedition mitgenommene Geld abzunehmen. Maximus Wilken aber erhob dieses Geld erst in Quilca, und das schadete nichts, in Südamerika hielt sich der Mörder - denn in Gedanken war er schon zum Mörder geworden - für sicherer, und so begleitete er den Mann erst recht gern.«
»Woher weißt du das alles?«
»Ich weiß es!«
»Nun, weiter?«
»Maximus Wilken kam den Anschlägen Alcalas zuvor. An Bord der ›Kassandra‹, in einer stürmischen Nacht, hat er dem Spanier das ihm ausgezahlte Geld wieder abzulocken gewußt, nur für einen Augenblick, er wollte nachsehen, ob kein falsches darunter sei - und hat den Spanier mit einer klaffenden Todeswunde über Bord in das tobende Meer geschleudert.«
»Daß dies der Yankee getan hat, daran zweifle ich nicht - nur darüber wundere ich mich, woher du das alles so genau weißt.«
»Ich habe es gesehen.«
»Ohne dabeigewesen zu sein? Von hier aus?«
»Du sagst es.«
Wenigstens ein offnes Geständnis, daß ich es mit einem Fernseher und Propheten zu tun hatte. Aber ehe ich ihn bitten konnte, mir weitere Enthüllungen zu machen - ob diese auf Tatsachen beruhten, würde ich ja dann später zu erfahren bekommen - nahm dieser schon selbst wieder das Wort, und er kam auch meinen Fragen zuvor.
»Aber auch dieser Mörder wird seiner Strafe nicht entgehn, und sein Schuldbuch ist schon übervoll. Jetzt wird zusammengerechnet und der Schluß gemacht. Ich sehe ihn; er befindet sich auf dem Wege durch den Engpaß nach Peru zurück. Dort will er mehr Leute anwerben, um dir deinen Besitz streitig zu machen, um es mit den Indianern aufnehmen zu können, wenn sie ihn nicht auf den See lassen wollen. Auch andres hat er noch vor. Er hat den Rückmarsch nicht nötig, bis er in bewohnte Gebiete kommt, wo er genug Schurken findet. Schon vorher trifft er mit einem großen Trupp peruanischer Soldaten zusammen, welche mit ihrem Offizier desertiert sind. Sie wollen über die Puna nach Bolivia hinüber, haben ihre Waffen und genügend Proviant bei sich, auch lebendes Vieh. Es sind fast zweihundert Mann. Maximus Wilken spricht mit dem Offizier, weiht ihn ein, die beiden wollen gemeinschaftliche Sache machen, natürlich zuletzt wieder die Soldaten betrügen. Zunächst will Maximus Willen Rache an dir nehmen -«
»Das kann ich mir wohl denken!« lachte ich.
»... und dich auch deshalb beseitigen, weil du ihm hinderlich bist. Nach seiner Anweisung bleibt eine Anzahl der Soldaten an einer versteckten Stelle des Engpasses zurück.«
Der Sprecher machte offenbar eine Kunstpause, und ich wurde deshalb auch gleich stutzig. Weshalb hatte er das ›versteckt‹ so betont?
»Warum bleiben sie in dem Engpaß zurück?«
»Du erwartest doch noch jemanden hier.«
»Einen Freund.«
»Mit der Besatzung seiner Jacht. Sie bringen den Apparat nach, um den Ballon wieder füllen zu können, und ein ziemlich großes Boot, auseinandergenommen, welches du hier oben wieder zusammensetzen willst, denn du brauchst doch ein schweres Fahrzeug, an dem du den Ballon befestigst, wenn du den See absuchst ...«
»Alle Wetter!!« fuhr ich da empor. »Ich Tor habe ja dem verfluchten Yankee selber davon erzählt - jetzt weiß ich, auf was die Bande im Engpaß lauert - da muß ich schnell ...«
Ich griff nach dem Taucherhelm, drehte mich um, wollte davoneilen - es galt, meinen Freund Flederwisch, die ganze Besatzung der ›Wetterhexe‹ vor dem Untergang zu retten ... da erklang hinter mir ein spöttisches Gelächter, und wie gebannt blieb ich stehn, ich drehte mich wieder um.
Der Araber saß noch auf seinem alten Platze, und in seinen Zügen war nichts von dem Hohne jenes Gelächters zu merken, es war überhaupt eine ganz andre Stimme gewesen, die seine klang würdevoll wie immer.
»O Mensch, glaubst du wirklich, wenn im Buche des Schicksals der Tod deiner Freunde beschlossen wäre, du könntest noch etwas daran ändern? Denn es ist die Stimme des Schicksals, des Unfaßbaren, die durch meinen Mund zu dir spricht. Doch nein, der Tod deiner Freunde ist noch nicht beschlossen, sie werden die Puna erreichen, und alle deine Zukunftspläne werden in Erfüllung gehn. Wende dich um, o Mensch, und schaue dein Werk!«
Ich wandte mich um und ... da hatte ich eine Vision!
Wie soll man eine solche mit der Feder beschreiben? Ich will es versuchen.
Ich stand nicht mehr auf der Insel, ich schien hoch in der Luft zu schweben, unter mir lag der See, aber auch die ganze Puna konnte ich überblicken, alles war so klein und zierlich, aber doch konnte ich alles ganz deutlich erkennen.
Aber wie hatte sich alles verändert! Der See war belebt von Booten und sogar von Dampfschiffen, Indianer und Weiße fischten mit Schleppnetzen, die Beute wurde auf den Dampfern verstaut. Die Sekunden wurden zu Stunden, ich sah, wie die Fische ausgenommen und in Fässer verpackt wurden, und die Dampfer fuhren davon und legten vor einer Stadt an; ich erkannte sie wohl, das war das in Ruinen liegende Puno, die Stadt der alten Peruaner am westlichen See, aber wieder aufgebaut; ich hörte die Kirchenglocken läuten, ich sah die Kinder aus der Schule kommen, und ich wußte, daß die eine Schule ein Gymnasium sei. Ringsherum sah ich wogende Felder und Triften, große Herden von Pferden und Rindern und Lamas, und ich blickte in die Gehöfte der Bauern und sah Hühner und Schweine ...
»O Mensch!« erklang da eine donnernde Stimme hinter mir, mächtiger und schrecklicher als der Donner des furchtbarsten Gewitters. »O Mensch, du hast das Schicksal besiegt, du hast den Fluch von diesem See genommen, und deshalb sollst du leben bleiben! Die goldenen Schätze aber, auf denen der Fluch ruhte, soll kein irdisches Auge mehr schauen, auch das deine nicht!«
So sprach der Donner, und da plötzlich sah ich es wie Feuer aus der Erde schießen, ich sah einen mächtigen Wald in Flammen stehn, ich wußte ganz bestimmt, daß es ein Kiefernwald war, das Feuer drang mir bis zum Herzen, es schlug mir aus den Augen, die Besinnung schwand mir.


Ein quälender Durst ließ mich erwachen. Ich glühte am ganzen Körper, aber ohne dabei zu schwitzen. Um mich herum herrschte die schwärzeste Finsternis. Wo befand ich mich? Ich lag weich, und ich fühlte, daß es nur Lamafelle sein konnten, auf denen ich gebettet war. Der Durst war entsetzlich, schrecklicher, als ich ihn einmal auf einer Wüstenwanderung durchgemacht hatte, wo ich dem Verschmachten nahe gewesen war.
»Pachacamac!« rief ich mit heiserer Stimme.
Wie ich darauf kam, den Namen dieses Gottes zu nennen, weiß ich nicht.
Da wurde mir ein irdener Krug an die Lippen gesetzt, wobei eine Hand in meinem Gesicht tastete. Ich hatte mich etwas aufgerichtet, was mir recht schwer fiel, mit langen Zügen trank ich das frische Wasser.
»Wo bin ich?« fragte ich dann tief aufatmend.
»Herr, bist du erwacht?« erklang es da freudig.
Himmel, diese Stimme! Das konnte doch kein andrer sein als ...
Da ertönte das schmetternde Krähen eines Hahnes, ein Quieken folgte, das nur von einem Dutzend kleiner Ferkel stammen konnte.
»Sind die Schweine schon wieder aus dem Stall gekommen?« fragte draußen eine Stimme, wenigstens nahm ich an, daß eine Mauer dazwischen war. »Wir müssen sie auf eine andre Insel schaffen, dort können sie frei herumlaufen.«
»O, Golly, Golly!« jauchzte der schwarze Sam, der Steward von der ›Wetterhexe‹.
»Willst du Schlingel gleich's Maul halten?!« wurde er angeschnauzt.
»O, Golly, Golly, der Massa lebt ja noch!!«
»Was, ist er erwacht?«
»Jawohl, Pomuchelskopp hat er mich genannt,« hörte ich Moritz erklären.
So und noch anders drang es an mein Ohr, nur wie im Traume. Dann kamen Schritte, Schritte von Lederstiefeln, ein grünes Licht flammte auf, ich sah es wohl, es war eine elektrische Glühbirne, mit einem grünen Tuche verhangen, und ich blickte in das ernste Gesicht des Herrn Rockstroh, des Schiffsarztes der ›Wetterhexe‹.
»Wie befinden Sie sich?«
Ich stierte ihn nur wie eine Geistererscheinung an, und ich sah, daß ich mich immer noch in einem peruanischen Tempel befand.
Dr. Rockstroh ergriff meine Hand, fühlte den Puls. Jetzt - ich weiß es genau - begann ich zu lächeln, nämlich über diesen seltsamen Traum.
Da sah ich die hohe Gestalt Flederwischs auf den Fußspitzen herbeischleichen.
»Wie steht es mit ihm?«
»Jetzt kommt die Krisis, seine Hand fühlt sich schon feucht an, und bricht er in Schweiß aus, dann ist er gerettet.«
»Gelobt sei Gott!«
Da sah ich ein andres Gesicht auftauchen, mit ängstlichen Augen - Gretchen, um den Kopf ein blutiges Tuch, den einen Arm in der Binde, sogar geschient ... in diesem Augenblick fiel mir auf, daß meine Hand so seltsam in der des Arztes lag, ich hatte ein so merkwürdiges Gefühl dabei, ich blickte hinab auf meine Hand - eine Hand? Ich sah nur die Knochenfinger eines Skelettes, bedeckt mit einer faltigen, zusammengeschrumpften Haut ... ich fiel in eine neue Ohnmacht.
Als ich wiederum erwachte, fühlte ich, daß ich in Schweiß gebadet war. Noch öffnete ich die Augen nicht. Es war auch noch ein Halbschlaf, obschon ich wußte, daß um mich herum viele Personen standen, und ich fühlte, daß es Freunde waren: wie ein kräftigender Hauch ging es von ihnen aus, mir unsägliches Glück und Frieden einstoßend, und ich war so kraftlos, und das alles war so köstlich, daß ich mich gar nicht entschließen konnte, die Augen zu öffnen, fürchtend, dann könnte dieses herrliche Gefühl entschwinden.
Wer einmal schwer krank gewesen ist, und er kommt wieder zu sich, er fühlt, daß er den Tod überwunden hat und jetzt der Genesung entgegengeht, der weiß, in was für einem Zustand ich mich befand, den ich sonst nicht beschreiben kann.
»Still,« wurde geflüstert, es war Dr. Rockstroh, »gleich wird er erwachen, er hat geseufzt!«
Eine Hand ergriff vorsichtig die meine, und ich schlug die Augen auf.
Eine Menge Menschen umstand mein Lager, weiße, schwarze, braune und gelbe, alle von der ›Wetterhexe‹, dazwischen aber auch peruanische Indianer, so meine beiden Diener, dann auch der eine Häuptling.
Im Augenblick sah ich nur Gretchen, immer noch mit verbundenem Kopfe, den linken Arm geschient, und dann Flederwisch. Jetzt beugte er sich über mich und strich sanft mit der Hand über mein vom Schweiße nasses Haar.
»Na, alter Junge, was machst du denn für Geschichten?« lächelte er; aber es klang so eigentümlich, und seine Augen lächelten nicht. »Ich dachte immer, du könntest gar nicht krank werden!«
»Ich war - krank?« flüsterte ich.
»Und wie! Diesmal wärst du beinahe hops gegangen.«
Ich hob meine Hand; nur mühsam brachte ich es fertig - ja, diese mit einer faltigen Haut überzogene Skeletthand war wirklich die meine - ich befühlte mit ihr mein Gesicht - alles nur Knochen, die Nase war ganz lang geworden.
»Wie lange - war ich krank?«
»Kannst du dich des Datums entsinnen, wann du diese Insel im Boote verlassen hast? Die befragten Indianer wissen ja nur von so und so viel Sonnenaufgängen zu sprechen, und sie könnten sich doch irren.«
»Es war - am 5. Februar, als ich hier mit dem Ballon landete, und an demselben Tage bin ich abgesegelt.«
»Stimmt! Dann haben mir die Indianer doch recht berichtet. Drei Tage später wurdest du ohnmächtig aufgefunden. Heute ist der 2. März.«
»Der - zweite - März?« konnte ich nur stockend hervorbringen, und ich glaube, auch mein Herzschlag stockte.
»Der 2. März,« bestätigte Flederwisch. »Ja, ja, 25 Tage hast du Sünder bewußtlos gelegen, dich höchstens im Fieberdelirium bewegend, und wie! Mich hast du einmal dabei auf die Nase gehauen, daß sie jetzt noch geschwollen ist. Künstlich ernähren mußten wir dich.«
»Wir dürfen ihn nicht zu sehr aufregen,« warnte der Arzt, welcher sah, wie furchtbar betroffen ich über diese Erklärung war.
»Ich bin nicht aufgeregt. Ich fühle mich ganz wohl. Nur die Ungewißheit wäre mir jetzt schädlich. Wo hat man mich bewußtlos aufgefunden?«
»Nun, in deinem Boote.«
»In - meinem Boote?«
»Gewiß doch! Die beiden Indianer, die du als Diener angenommen hattest, fanden dich bewußtlos darin liegen.«
»Wo denn? Wo war das Boot?«
»Hier an dieser Insel. Du hattest wohl gerade noch die Kraft, es anzubinden, dann muß dich die Besinnung verlassen haben.«
Starr sah ich den Sprecher an. Weshalb sollte er mir ein Märchen erzählen? Dann raffte ich mich zusammen, erklärte dem Arzt, ich sei kräftig genug, habe mit dem Kapitän etwas allein zu besprechen, auch die beiden Indianer möchten hierbleiben, die andern sollten sich entfernen.
So geschah es. Ich wandte mich an Lapotle, den ich für den intelligenteren von beiden hielt.
»Erzähle mir ausführlich, wie du mich in dem Boote gefunden hast!«
Ich bekam nichts andres zu hören, als was ich schon von Flederwisch erfahren hatte. Am 5. Februar nachmittags war ich von der Titicaca-Insel, auf der ich mich auch jetzt befand, abgefahren, ohne Angabe meines Zieles. Am andern Tage hatte ich die Insel erreicht, auf welcher ich jene Pflanzen gesät, nun kam das seltsame Abenteuer - und am 8. Februar war ich wieder hier gewesen.
Bei Tagesanbruch waren die beiden Indianer aufgestanden, da hatten sie mein Boot in der kleinen Bucht liegen sehen, an einen Pfahl angebunden, und ich selbst lag besinnungslos am Boden des Fahrzeuges, neben mir das Taucherkostüm mit dem Helm und den Bleiplatten, nichts fehlte.
Mehr wußten die Indianer nicht anzugeben, und ich kann erst recht nichts darüber sagen. Ich weiß nicht, wie ich wieder nach der Insel zurückgekommen bin, mir ist es heute noch ein Rätsel.
Ich suchte meine Aufregung zu beherrschen. Flederwisch mußte mir aber doch etwas anmerken.
»Du weißt wohl gar nicht mehr, wie du eigentlich wieder hierhergekommen bist?«
Ich hatte diese Frage erwartet und mir die Antwort schon zurechtgelegt. Verraten wurde nichts. Man hätte es mir ja doch nicht geglaubt, und ich wiederum konnte nicht an einen Traum glauben. Es war alles gar zu natürlich gewesen - höchstens bis zuletzt auf die Vision.
»Nein,« entgegnete ich also, »ich muß schon unterwegs vom Fieber befallen worden sein und kann das Boot nur ganz mechanisch bis hierher gelenkt haben.«
»Das ist wohl möglich,« meinte Flederwisch. »Solche unbewußte Handlungen führt man im Fieber aus, besonders ehe dasselbe richtig ausgebrochen ist. Mir ist es einmal ähnlich gegangen, auf dem Amazonenstrome. Ich hatte mich von unserem Lager - wir sammelten Kautschuk - allein in einem Boote entfernt, wollte noch etwas schießen, fuhr wenigstens drei Meilen stromaufwärts, legte am Ufer an und blieb bis zur Nacht dort liegen. Die Müdigkeit überwältigte mich, ich schlief ein. So mußte ich wenigstens glauben. Und dann haben sie mir im Lager versichert, ich sei kurz nach Mitternacht angerudert gekommen, habe mein Boot selbst angebunden, abgetakelt und sei ganz ruhig in mein Zelt gegangen. Ich wollte es durchaus nicht glauben; denn ich hatte nicht die geringste Ahnung davon. Und an demselben Tage noch bekam ich das schönste Fieber.«
Dieser Bericht hätte mir eine Erklärung für meinen Fall geben können, aber er tat es doch nicht. Nein, so einfach war das bei mir nicht. Ich war ja einen Tag hingesegelt, da mußte ich doch auch einen Tag zurückrudern. Immer im Schlafe? Aber ich sagte nichts zu Flederwisch.
»Was ist mit Gretchen? Sie hat doch den Kopf verbunden und den Arm geschient?«
»Ja, Mensch,« fing Flederwisch in seiner Seemannsmanier wieder an, »weißt du denn wirklich nicht, was unterdessen alles passiert ist?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Hast du denn nicht wenigstens im Traume die Kanonenschüsse gehört?«
»Kanonenschüsse?«
»Wir haben mit Kartätschen geschossen. Wir haben unterdessen eine Schlacht geschlagen.«
»Schlacht geschlagen?« wiederholte ich geistesabwesend.
Ich füge hier kurz zusammen, was ich zu hören bekam.
Die beiden Indianer hatten mich gebettet, so gut sie konnten, und dann ihre Kameraden am Ufer über meinen Zustand benachrichtigt. Die angesehensten Indianer kamen herüber, und nun wurde der allgemeine Schrecken erst recht groß. Unterdessen war nämlich bei mir das Fieber ausgebrochen, ich raste im Delirium, und auf der hochgelegenen Puna ist das Wechselfieber ganz unbekannt. Ja, Wundfieber und dergleichen kommt wohl oft genug vor, wo man auch im Schlafe spricht und um sich schlägt, aber das Wechselfieber, in dem man einmal vor Hitze zu zergehn droht, und dann wieder vor Kälte mit den Zähnen klappert, das ist auf der Puna eine unbekannte Erscheinung, eigentlich sogar ein Ding der Unmöglichkeit.
Das ist auch wieder so etwas Merkwürdiges, das konnte nur mir passieren. Ich habe mich in den verpestetsten Fiebergegenden herumgetrieben, habe mitten in den Tod aushauchenden Sümpfen viele Nächte im Freien zugebracht. Jeder akklimatisierte Eingeborene wäre am nächsten Tage dem Fieber erlegen, und ich habe niemals etwas von Malaria und dergleichen gewußt. Hier auf der kerngesunden Puna, wo die Leute nur an Altersschwäche sterben oder eines unnatürlichen Todes, werde ich vom denkbar schwersten Wechselfieber befallen!
Vielleicht war es zu meinem Glück. Es mag mir schon lange im Blute gesteckt haben. Dieser Ausbruch kann wie eine Art Impfung betrachtet werden; denn seitdem bin ich nie wieder davon befallen worden, später auch nicht in einer Sumpfgegend, wo die Menschen wie die Fliegen um mich herum starben.
Kurz, die Indianer standen vor mir wie vor einem geheimnisvollen Rätsel. Ich war in ihren Augen nicht krank, sondern ein Zauberer, der im Schlafe mit seinem Gott sprach. Es mag mein Glück gewesen sein, daß ihr Medizinmann nicht mit mir seine Experimente machte; doch wurden der nach den östlichen Kordilleren abgezogenen Karawane schnelle Läufer nachgeschickt, um meine Begleiterin zurückzuholen.
Es vergingen zwei Tage, ohne daß ich zum Bewußtsein erwacht wäre. Ich schwatzte, tobte oder lag apathisch da. Ich wurde mit Wasser getränkt. Von einer flüssigen Nahrung verstanden diese Indianer nichts. Wie ich mich selbst verzehrte, das zeigte mein Aussehen. Meine Begleiterin kam nicht zurück, auch nicht die nachgeschickten Läufer.
Am Morgen des dreizehnten Tages erschienen auf der Puna viele Soldaten. Sie wurden gezählt, es waren hundertzweiunddreißig Mann, alle gut bewaffnet, aber nur achtzehn von ihnen waren beritten, und diese Pferde gehörten Maximus Wilken und dessen Chulos, welche die Soldaten begleiteten. Dann trieben sie ziemlich viel Rinder und auch Lamas mit sich, jedenfalls die Beute eines räuberischen Ueberfalls auf ein peruanisches Dorf.
Ein Offizier trat als Imperator auf, noch mehr der Yankee. Sie wollten mich sprechen. Die Indianer sagten gar nichts von meinem Zustande, sondern verboten eben den Bleichgesichtern, die heilige Insel zu betreten, durch den geheimnisvollen Kranken noch heiliger geworden.
Wäre ich nicht zu beschützen gewesen, so wäre es den Soldaten schlecht ergangen. Die Indianer hätten sich vor den Feuergewehren in die unermeßliche Puna zurückgezogen und die Feinde nach und nach durch fortwährende Ueberfälle aufgerieben.
So aber entstand sofort ein Kampf um die Insel, in dem die Indianer Sieger blieben, das heißt nur insofern, als sie in ihren Booten die Insel zuerst erreichten. Es hatte vielen von ihnen das Leben gekostet.
Am andern Tage schritten die Soldaten zum Sturm. Sie hatten noch Boote genug erbeutet. Befand sich auch auf der Insel die doppelte Anzahl von Indianern, so war deren Schicksal doch besiegelt. Gegen die Hinterlader konnten sie nichts ausrichten, und die Peruaner stehn ihren Ahnen, den Spaniern, an Tapferkeit nicht nach. Daß sie sich zur offnen Feldschlacht nicht eignen, das ist etwas andres, das macht der Mangel an Disziplin, sie können sich niemals bezähmen. Aber zum Stürmen sind sie so geeignet wie die türkischen Janitscharen.
Hierbei sei bemerkt, daß es den Soldaten, respektive dem Yankee, hauptsächlich darauf ankam, erst einmal Herr der Situation zu werden. Unterdessen wurde von den zurückgebliebenen Soldaten im Engpaß der Transport unter Kapitän Flederwisch abgefangen. Schließlich brauchte man ja den Apparat gar nicht, um den Ballon wieder zu füllen. Maximus Wilken glaubte die Stelle zu kennen, wo die Tempelschätze auf dem Grunde des Sees lagen, aber immerhin mußten doch meine Freunde vernichtet werden, ehe sie mir zu Hilfe kommen und die Hebeversuche zunichte machen konnten. Dann hieß es immer noch so schnell wie möglich zu arbeiten, man mußte fertig sein, ehe sich die Kunde von dem Ueberfall unter den andern Stämmen verbreitet hatte, denn diese würden sich dann doch natürlich sammeln und den Soldaten mit Uebermacht zu Leibe rücken, nicht eher ruhen, als bis der letzte der Rache zum Opfer gefallen war.
Das war den beiden Kompagnons, dem Offizier und dem Yankee, ja ganz recht, die Soldaten mußten doch sowieso daran glauben, wenn sich die beiden nur mit ihren erhofften Schätzen rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten. Und dann hätte sich Mr. Maximus Wilken ebenso selbstverständlich noch seines Kompagnons entledigt.
Es sollte anders kommen. Die Soldaten umringten in ihren Booten die Insel, schossen auf alles, was sich sehen ließ und zogen den Kreis immer enger. Schon ordneten sie sich zum Sturm von allen Seiten, der das Schicksal der ganz ungenügend bewaffneten Indianer und auch das meine besiegelt hätte, als plötzlich ein donnernder Krach ertönte und zwischen die nördlichen Boote eine Kartätschenkugel einschlug, Tod und Verderben anrichtend.
Wenn die peruanischen Soldaten den Satan in leibhaftiger Gestalt erblickt hätten, sie wären nicht entsetzter gewesen als jetzt, da sie dort plötzlich ein gepanzertes Kanonenboot unter vollem Dampf ankommen sahen, hoch oben auf dem Titicaca-See!!
Diese Panzerung war allerdings eine Täuschung. Das überdeckte Fahrzeug war aus Holz und nur grauschwarz angestrichen. Diese Ausstaffierung und Farbe war freilich auch Berechnung gewesen. Kurz, die Soldaten, welche schon alle unten an der Küste wirkliche Kanonenboote mit Panzerung gesehen hatten, hielten es für ein solches, und diese Erscheinung auf der 4000 Meter hohen Puna wirkte auf sie wie ein Schreckgespenst.
Hals über Kopf ruderten oder schwammen sie dem Ufer zu - - da kam wie eine Wetterwolke eine wilde Reiterschar herangebraust, voran auf ungesatteltem Roß eine phantastisch gekleidete Mädchengestalt. Aus der verderbenschwangeren Wetterwolke zuckten auf zitternden Bambusschäften die Lanzenspitzen wie Blitze, aber statt des nachfolgenden Donners erscholl der gellende Kriegsruf der Kimoros!
Ein Gemetzel entstand, wie Flederwisch es mir gar nicht schildern konnte. Nicht ein einziger der Soldaten entging dem Tode. Das war eigentlich schade, denn nun konnte niemand mehr sagen, wohin sich Maximus Wilken unterdessen begeben hatte. Dieser fehlte nämlich unter den Toten, er hatte auch an dem Sturme gar nicht teilgenommen, konnte daher also auch nicht auf dem Grunde des Sees ruhen.
»Aber das hatte ich wenigstens erfahren,« fuhr Flederwisch nach dieser Schilderung des Kampfes fort, »daß nicht alle Soldaten gefallen waren, daß vielmehr noch gegen fünfzig Mann unter Anführung eines Offiziers auf diesem Ende des Engpasses versteckt lagen, um meinen Transport abzufangen. Ich brach sofort mit der Hälfte meiner Mannschaft und mit genügend Indianern auf. Sie wurden vollkommen überrascht. Es kam zu gar keinem Kampfe. Ich lasse sie unter scharfer Bewachung auf einer Insel gefangen halten. Entscheide du darüber, Alfred, was aus den Deserteuren werden soll, ob wir sie ihrer Regierung ausliefern oder nicht. Ich sage dir, als sie nun erfuhren, daß wir diejenigen seien, auf die sie es abgesehen hatten, da glotzten sie uns wie Gespenster an. Daß wir auf die Puna gekommen sind, ohne den Engpaß benutzt zu haben, das ist bei ihnen einfach Hexerei. Freilich, wären wir mit dem schweren Gepäck durch den Engpaß marschiert, so wären wir auch rettungslos in den Hinterhalt der Soldaten gelaufen. Das wäre unser letztes Stündlein gewesen; denn diese Bluthunde hätten uns doch nicht geschont.«
»Ja, wie seid ihr denn sonst hierheraufgekommen, wenn nicht durch den Engpaß?« staunte ich.
Und da blickte mich Flederwisch nicht minder erstaunt an.
»Durch den Sumpf. Du hast mir doch einen Führer zugeschickt!«
»Ich dir - einen - Führer - durch den Sumpf?!«
»Na, Alfred,« lachte jetzt Flederwisch, »du kannst doch nicht auch im Fiebertraum gelegen haben, als du mir diesen Zettel zuschicktest! Bei Aufsetzung der Geheimschrift mußt du doch wenigstens bei voller Vernunft gewesen sein!«
Mit diesen Worten hatte er seine Brieftasche gezogen, er reichte mir einen Zettel, der aus meinem Notizblock stammte, mit Zahlen bedeckt.
Wir beide haben eine aus Ziffern bestehende Geheimschrift verabredet, nur wir besitzen den Schlüssel dazu, und da sich die Zahlenanordnung immer ändert, ist eine Auflösung durch Fremde ganz und gar unmöglich.
In der Uebertragung lauteten die Worte.
»Kapitän Flederwisch. Vertraue dem Manne, den ich dir sende, er führt dich auf einem geheimen Pfade durch den Sumpf. Nobody.«
Es soll jemand versuchen, meine Handschrift, von mir geschriebene Zahlen nachzuahmen. Alles, was ich besitze, gebe ich dem, dem ich nicht sofort die Fälschung nachweise. Und diese Zahlen waren von mir geschrieben!!
»Na, Mensch, was machst du denn für ein Gesicht? Hast du den Zettel nicht etwa selbst geschrieben?«
»Gewiß habe ich den Zettel geschrieben und dir den Mann zugeschickt - ich - fand ihn - ein andermal erzähle ich es dir,« murmelte ich und heuchelte eine Schwäche - oder ich brauchte sie gar nicht zu heucheln, sie befiel mich wirklich. -
Ich habe niemals über dieses rätselhafte Wunder gesprochen. Ich habe zugegeben, daß ich selbst jenen Mann geschickt hätte. Ganz selbstverständlich! Wer denn sonst? Um alles zu wissen, was vorgegangen war, hypnotisierte ich bei der ersten Gelegenheit den Steuermann von der ›Wetterhexe‹ und erfuhr von ihm folgendes:
Am andern Tage nach meinem Aufstieg im Ballon war die ›Wetterhexe‹ nach Quilca zurückgekehrt. Flederwisch fuhr per Eisenbahn mit zweiundzwanzig Mann nach Arequipa, alles mitnehmend, was man mir auf das Hochplateau nachbringen sollte, vor allen Dingen also das in einzelne Teile zu zerlegende Dampfboot und den Gasapparat. Nur Kohlen brauchten nicht mitgenommen zu werden, die gab es ja hier oben im Ueberfluß, und darauf gründete sich ja meine ganze Siedelungsidee.
(Hierzu muß bemerkt werden, daß Nobody bei seinem ersten Besuche des Titicaca ein reiches Kohlenlager gefunden hatte; im Norden der Insel, in der Nähe des Ufers traten die Kohlen zutage, sie brauchten nur abgeschürft zu werden. Sie waren bisher unbenutzt geblieben, die Indianer wußten nicht einmal, daß der schwarze Stein brannte. Nobody hatte die Lage der Kohlenfelder geographisch bestimmt. Flederwisch wußte also schon, wo sie lagen.)
Natürlich mußten auch viele Träger angemustert werden, und so vergingen vier Tage. Am 5. Februar nachts war ich aufgestiegen, am 6. kam Flederwisch in Arequipa an, am 10. war die Karawane fertig zum Aufbruch nach dem furchtbaren Engpaß der 12.000 Stufen, zu dessen Ueberwindung ich allein per Maultier 13 Tage gebraucht hatte, und so war es nicht zuviel, wenn ich für die große Karawane mit dem schweren Gepäck drei Wochen rechnete.
Eben wollte die Karawane von Arequipa aufbrechen, als vor Flederwisch ein staubbedeckter Indianer erschien, der ihm jenen Zettel von mir überbrachte. Der Steuermann konnte mir über den Mann nichts weiter mitteilen, als daß er sich Zokakane genannt habe und der zuverlässigste Führer durch den Sumpf gewesen sei. Nach seiner Beschreibung sei es der 6. Februar gewesen, da ich seine Bekanntschaft gemacht habe. Er hätte von meinem Vorhaben gehört, er gehöre zu den wenigen, welche einen festen Weg durch den Sumpf von Cuzco kenne und habe sich erboten, die Karawane hindurchzuleiten. Nur vier Tage habe er zu dem Wege gebraucht, freilich immer im Hundetrab.
Die Geheimschrift mußte bei Flederwisch jedes Bedenken heben. Gut, man folgte dem Führer. So ging es erst nordöstlich, durch einen sehr bequemen Paß, der nur leider in jenem undurchdringlichen Sumpfe endigt - undurchdringlich für jeden andern Menschen!
Unter den Füßen des Führers war immer fester Boden. Wohl ging es stets in Windungen und im Zickzack, aber ohne sonstige Schwierigkeiten, kein Lastträger, kein Tier versank, und schon nach sieben Tagen erblickten sie den Spiegel des Titicaca.
Das Fahrzeug und die Maschine wurden schnell zusammengesetzt, Kohlen gehackt und eingenommen, man durchquerte den See, um den auf der Insel belagerten Indianern und mir noch rechtzeitig zu Hilfe zu kommen. Denn was hier vorging, das hatte man nun schon von andern See-Indianern gehört, die sich bereits zum Rachezug rüsteten. Während man mit diesen verhandelt hatte, war der Führer verschwunden, war nicht wiedergekommen.
So viel hatte ich aus dem hypnotisierten Steuermann herausgebracht.
Was ich über diesen Fall dachte, kann ich nicht schildern. Schließlich grübelte ich selbst gar nicht mehr darüber nach. Es hätte so wenig Zweck gehabt, wie wenn ich die Sterne zählen wollte.
»Wie bist du denn zu dem Manne gekommen?« fragte mich dann Flederwisch. »Wußtest du denn nicht schon vorher, daß es einen Weg durch den Sumpf gibt? Du hattest doch schon genug Indianer in der Hypnose ausgefragt!«
Mit Flederwisch war ich bald fertig. Ich blieb dabei, daß alles mit natürlichen Dingen zugegangen sei. Ich hatte eben vorher nichts erfahren, jenen Zokakane hatte ich getroffen, ihm von meinem Vorhaben erzählt; er kannte einen Weg durch den Sumpf und erklärte sich bereit, die Karawane auf demselben zu führen - und damit basta! Ich lasse mir nicht in meine Karten blicken, auch von Flederwisch trotz aller sonstigen Freundschaft nicht, in gewisser Beziehung halte ich mich ganz separiert. Und seit Flederwischs Ankunft hatte ich in den folgenden Tagen, als ich noch bewußtlos dagelegen, nichts mehr im Traume gesprochen, und die Indianer hatten mein Englisch nicht verstanden. Mit Pachacamac hätte ich mich unterhalten, sagten sie.
Nun aber weiter. Ich genas schnell, meine abgemagerten Glieder rundeten sich zusehends. Und was tat ich, sobald ich nur wieder stehn konnte? Ich stieg in die Gondel des wieder gefüllten Ballons, um von dieser aus hinabzuschauen auf den Grund des Sees nach der goldenen Kette - trotz alledem und alledem! Mochte mich, wenn ich die goldenen Tempelschätze zum dritten Male sah, der Tod in irgend einer Gestalt ereilen - ich trotzte der Prophezeiung! Ich wollte eben sehen, wie noch alles kommen würde.
Der Fesselballon wurde von dem Dampfer nordwärts geschleppt, ich gab die Richtung an, zwischen jener Insel, auf der ich die Pflanzen gesät, und der des Pachacamac hindurch. Ungefähr konnte ich ja die Stelle bestimmen, wo die Kette gelegen hatte, und indem ich den Ballon immer höher steigen ließ, hatte ich eine weite Umschau auf dem Seeboden, auch die tiefste Stelle war deutlich erkennbar.
Aber wohlgemerkt, ich habe zu niemandem etwas davon gesagt, daß ich es schon bei meiner ersten Landung im See so golden hatte leuchten sehen, daß ich dann gar die goldene Kette in der Hand gehabt - ich sprach von dem so wenig wie über jenes Abenteuer mit dem Araber.
Jetzt gab ich eben nur die Richtung an, wie der See abgesucht werden sollte.
Hier hätte es ungefähr sein können. Ich sah in dem dunklen Boden eine Schlucht sich hinziehen, und so tief sie auch war, wir drei - Flederwisch, der japanische Ingenieur und ich - konnten bis hinabblicken, aber ich sah von Gold ebensowenig etwas wie die andern.
Wie ich so über dem Gondelrand lehne und hinabspähe, da ... bei Gott! ... nein, das kann wiederum nur eine Vision sein ...
Da wird mein Arm von Flederwisch krampfhaft gepackt, und auch der japanische Ingenieur deutet hinab in die Tiefe, in die ich starre.
»Ein Mensch! Ein Mann! Ein Taucher!«
Na, wenn es auch die beiden sahen, dann konnte es doch keine Vision sein!
Dort unten, neben dem kegelförmigen Steine, dem ich schon früher auf dem Meeresboden begegnet war, und zwar gerade dort, von wo aus ich die goldene Kette gesehen hatte, stand ein Taucher, in demselben Kostüm, wie ich eins besaß, hatte den Kopf etwas zurückgeneigt, betrachtete unser Boot!
Mein Doppelgänger oder nicht - ich mußte ihm zu Leibe, und diesmal durfte er mir nicht entgehn, und sollte ich mein zweites, mein geistiges und besseres Ich beim Schopfe fassen!
Wie ich die Strickleiter hinab und an Deck gekommen bin, weiß ich nicht. Die Leiter war etwas zu kurz, ich mußte noch ein gutes Ende hinabspringen. Die Mannschaft schrie laut auf, alle glaubten, ich hätte mir sämtliche Knochen im Leibe gebrochen, so hatte es gekracht.
Dem war aber nicht so. In das Taucherkostüm hinein und über Bord gejumpt!
Nur wenige Schritte von dem Taucher entfernt kam ich auf den Boden nieder. Er rührte sich nicht, blickte immer noch nach oben. Ich ihm zu Leibe. Er rührte sich nicht. Ich packte ihn bei der Brust. Da fiel der Kerl um - tot. Er hatte nur an dem schrägen Steine gelehnt, sein Gürtel war von einem Vorsprung festgehalten worden, so hatte der Tote aufrecht stehn können.
Ich hatte keine Laterne mitgenommen; er hatte auch keine. Durch das Glas sah ich nur ganz verschwommene Züge, es war zu dunkel. Ich machte Zeichen nach oben, die im Ballon konnten mich ja ganz deutlich sehen; man verstand meinen Wunsch, ein Seil ward herabgelassen.
Ich band den Taucher fest, hinauf ging es.
Dann lag er an Deck. Er trug fast dasselbe Taucherkostüm wie ich. Außerhalb des Wassers kann man durch das nasse Glas nicht so gut sehen wie unter Wasser, vor allen Dingen nicht hinein. Es waren immer noch verschwommene Züge. Wir schraubten den Helm ab. Wer war es?
Der Yankee! Mr. Maximus Wilken! Ich hatte es geahnt, der Tauchapparat hatte es mir gesagt. Die Luftbombe war zwar leer, aber der Apparat hatte bis zuletzt funktioniert. Wir nahmen einen Schlaganfall an, den er sich in der beträchtlichen Tiefe geholt. Jedenfalls war er schon seit einigen Tagen tot, der Leichnam ging schon stark in Verwesung über, obgleich diese unter Wasser langsamer eintritt, zumal der Körper so gut geschützt war.
Der Yankee hatte also die Soldaten Soldaten sein lassen und war auf eigne Faust auf die Suche nach den goldenen Schätzen gegangen. Wir fanden dann später sein Boot an meiner Gemüse-Insel.
Wie aber war er gerade hierhergekommen, wo auch ich die goldene Kette gesehen hatte?
Ich visitierte die Taschen seines Anzugs, den er unter dem Kautschukkostüm trug. Unter anderem fand ich einen Plan, jene Zeichnung, welche er von Diego Alcala erhalten hatte, angefertigt von dem französischen Gelehrten, auch mit einer geographischen Ortsaufnahme.
Und nun kommt für mich das Allerunfaßbarste.
Ich nahm sofort die Sonne wieder auf und ... die Berechnung ergab ganz denselben Ort, wo auch ich die goldene Kette hatte liegen sehen, in der Hand gehabt, wo auch Wilken seinen Tod gefunden hatte!
Aber hatte jener Prophet, den ich doch wirklich für einen Hellseher halten mußte, nicht gesagt, daß jene französischen Gelehrten überhaupt kein Gold gesehen, sondern nur die Lage einer Insel bestimmt hätten? Und wie kam es denn, daß ...
Doch ich will mir nicht den Kopf zerbrechen! Ob ich geträumt habe oder sonst was - mir ganz egal. Die Hauptsache ist, daß ich noch lebe und dies niederschreiben kann. Eigentlich hätte ich's gar nicht tun sollen; nun ist es aber einmal geschehen.
Von der goldenen Kette habe ich freilich auch nichts wieder gesehen, so viel ich auch mit dem Ballon auf dem See herumgegondelt bin, und ebensowenig habe ich auf der Pachacamac-Insel meinen Araber wieder getroffen, habe nichts von einer Flamme, einem Dreifuß oder sonst etwas dort gefunden.


Hier wollen wir Nobodys eignen Bericht schließen, ohne irgend etwas hinzuzusetzen. Mag der geneigte Leser selbst entscheiden, ob es glaubhaft klingt oder nicht. Jedenfalls ist nicht die geringste Renommisterei dabei.
Nobody war ja nicht an den Titicaca-See gekommen, um nur nach den goldenen Tempelschätzen zu suchen. Sein Ziel war ein viel edleres. Auf seine Anordnung hatte Flederwisch eine Menge Hühner und auch fünf Schweine mitgebracht, die Nobody vorher selbst ausgewählt hatte. Eine Sau hatte während ihres Hierseins schon Junge geworfen, und es mußte eine sehr fruchtbare Gegend hier oben sein - vierzehn Stück waren es geworden.
Eins der Lamas, welche die Soldaten mitgebracht, war bereits vom Zibot befallen, einige andre angesteckt worden. Sie wurden mit Schweineschmalz eingerieben, und an demselben Tage noch sah man, wie der rote Hautausschlag unter der Wolle zurückging.
Wie bescheiden Nobody ist, geht daraus hervor, daß er ausdrücklich betont, dies sei nicht seine Erfindung. Er will in einer alten Reisebeschreibung aus dem 17. Jahrhundert gelesen haben, daß Schweineschmalz das bewährteste Mittel gegen diese Krankheit der Lamas sei, und auch Tschudi spricht davon.
Allein was nützt das Schreiben und Sprechen und Lesen? Diese Punaindianer wußten nichts davon, die kannten überhaupt gar keine Schweine. Nobody war es, der sie bei ihnen einführte, sie gediehen, sie bannten den Zibot von der Puna; außerdem wurden sie bald zum Jagdwild.
Noch sechs Wochen blieb Nobody dort oben, dann trat er mit Flederwisch und der Mannschaft den Rückweg an - durch den Engpaß, denn von einem Wege durch den Sumpf war nichts zu finden gewesen, Regengüsse hatten alle Spuren der Karawane verwischt.
Den Ballon nahmen sie mit, nicht aber den kleinen Dampfer. Zwei von der Mannschaft blieben zurück, zufällig beide Deutsche - sie gingen auf Nobodys Vorschläge ein, wollten hier oben die ersten weißen Kolonisten werden, das Werk fortsetzend, das Nobody schon begonnen hatte. In den Ruinen des alten Puno bauten sie aus den vorhandenen Steinen das erste Haus nach europäischem Muster auf.
Gretchen schmollte. Diese Kolonisation war gar nicht nach ihrem Geschmack. Aber der Abschied war doch ein herzlicher. Was hatte es auch für sie zu sagen? Sie kehrte mit den von der Jagd lebenden Kimoros in die weite Puna zurück. Jetzt sollte bei ihr ja erst das wilde Jägerleben richtig losgehn. Uebrigens glaubte Nobody, daß es dem jungen Mädchen solch ein brauner Bursche angetan habe.
Die gefangenen Soldaten wurden freigelassen. Sie wollten nach der bolivischen Grenze hinübergehn, erreichten aber ihr Ziel nicht, sondern wurden von Punaindianern niedergemacht.
In den peruanischen Hafenstädten sah sich Nobody nach deutschen Kolonisten für sein neues Unternehmen um, und obgleich er ihnen klarmachte, was sie finden würden - ein von aller Kultur abgeschlossenes Leben - meldeten sich genug. Später ließ er aus Deutschland direkt Bauernfamilien kommen, setzte auch für die erste Unterhaltung eine Summe aus, deren Höhe nicht in seinem Tagebuch steht.
Vier Jahre später reiste Nobody selbst einmal hinauf, um sich mit eignen Augen von dem Fortschreiten seines Werkes zu überzeugen. Aus den Ruinen des alten Puno war eine neue Stadt emporgestiegen, aber noch denselben Namen führend, ringsherum blühende Felder, Rinder- und Lamaherden, Hühner und Schweine; die einst so öde Puna begann sich mit Kiefernwald zu bedecken. Die Kolonie war vollkommen auf sich selbst angewiesen, abgeschnitten von aller Welt - und gerade deswegen war sie wahrscheinlich so glücklich.
Nobody nennt die Gründung dieser Kolonie die größte Tat seines Lebens.
Gretchen war schon seit langer Zeit verschwunden.
Dem abenteuerlichen Mädchen mußte auch noch die weite Puna zu eng geworden sein, es hieß, sie sei mit einigen von ihrem Stamme ausgestoßenen Indianern nach den südlichen Pampas gewandert.
Nobody sollte ihr noch einmal begegnen, als er es am wenigsten erwartete.

4. Um ein Millionenhalsband

Ganz Petersburg sprach von dem sensationellen Ereignis, das sich am vergangenen Abend beim Hofball im Winterpalais abgespielt hatte.
Fürst Boris Lubanow hatte angesichts der ganzen Gesellschaft, die natürlich aus der Elite Petersburgs gebildet wurde, von dem englischen Baronet Francis Kingworth eine schallende Ohrfeige erhalten.
Man bedenke - auf dem Hofball eine Ohrfeige - Fürst Boris Lubanow, einer der reichsten Großgrundbesitzer Rußlands, Kämmerer Sr. Majestät des Zaren, Ritter des St. Andreasordens und Inhaber vieler andrer Auszeichnungen - ein Mann, der im Kabinett des Zaren fast jederzeit Zutritt hatte, und der längst Minister gewesen wäre, wenn er nur die geringste Lust gezeigt hätte, diesen in Rußland so überaus gefährlichen Posten anzunehmen!
Aber auch die Person dessen, der zu der kräftigen Ohrfeige ausgeholt und sie mit so furchtbarer Gewalt gegeben hatte, verstärkte die Sensation; denn auf ganz besonderen Wunsch des Zaren war Baronet Kingworth mit seiner jungen Gemahlin zu den Winterfestlichkeiten in Petersburg eingetroffen. Er befand sich also als Gast des Zaren in der nordischen Hauptstadt.
Nicht zum ersten Male besuchte Baronet Kingworth Petersburg. Er hatte viele Jahre hier gelebt, und zwar in seiner Eigenschaft als Attaché der englischen Botschaft.
Damals war er freilich noch unverheiratet gewesen. - Fünf Jahre waren seitdem vergangen.
Baronet Kingworth hatte sich stets der größten Gunst des Zaren erfreut, und zwar ganz besonders der ausgezeichneten Geschicklichkeit wegen, die er auf der Jagd zu beweisen pflegte.
Zar Alexander war ein passionierter Jäger, den längst nicht mehr die zahme Jagd befriedigte, sondern der mit Vorliebe sein Leben in die Schanze schlug, um irgend ein gefährliches Raubtier zu erlegen.
Da er nun selbst in Rußland über Raubtiere erster Klasse - wir sprechen hier von vierbeinigen - nicht ausgiebig verfügte, denn mit den paar Bären und Auerochsen war er längst fertig geworden, die tötete er mit unfehlbarer Sicherheit - so hatte er in einem Walde bei Tiflis Tiger und Leoparden aussetzen lassen, auch ein paar gute Löwenexemplare.
Der Wald war mit einem hohen, galvanisierten Drahtnetz umgeben, dem selbst die Raubtiere nichts anhaben konnten.
In diese gewiß nicht ungefährliche Wildnis begab sich Zar Alexander von Zeit zu Zeit, um dem Löwen entgegenzutreten oder den Tiger zu belauern, und bei diesen Jagdabenteuern war Baronet Kingworth sein unzertrennlicher Begleiter gewesen.
Aber durch welchen Umstand sich der Zar gerade am Beginn der Wintersaison, von der hier die Rede sein soll, an seinen Jagdfreund erinnerte, das wußte man nicht. Nur das stand fest, daß Kingworth, der sich damals in London befand, durch den russischen Botschafter aufgefordert wurde, sich am kaiserlichen Hofe einzufinden.
Kingworth wurde bald der Mittelpunkt aller Festlichkeiten, und da er in hohem Ansehen beim Zaren stand, so bemühte sich jedermann um ihn, und selbst die russischen Adligen, welche sonst Fremden unnahbar sind, öffneten ihm ihre Salons und betrachteten es als eine Ehre, seinen Besuch zu empfangen.
Es war vielleicht nicht so sehr die Persönlichkeit des Baronets, die diesem alle Wege ebnete, vielleicht war es auch die schöne Gattin, die er nach Petersburg mitgebracht hatte.
Lady Ruth war eine vollendete Schönheit, eine Erscheinung, die jedem Fest, auf dem sie erschien, einen besonderen Reiz verlieh.
In Petersburg gaben ihr die Hofkreise allerdings sogleich einen Beinamen. Sie wurde die ›bleiche Lady‹ genannt, weil ihre Haut so weiß wie Marmor war.
Dazu denke man sich große, dunkle, bildschöne, auf blauem Grunde ruhende Augen, die unter herrlich geschwungenen Brauen bald schmachtend blickten, bald leidenschaftlich erstrahlten, ferner eine Gestalt von solcher Formenschönheit, daß kein Bildhauer dieselbe aus der Phantasie reizvoller hätte gestalten können, und man wird begreifen, daß Baronet Kingworth um dieses junge Weib allgemein beneidet wurde.
Schade! - Man hätte ersterem zu alledem nur gewünscht, daß sein Vermögen größer gewesen wäre. Denn es war eine bekannte Tatsache, die auch dem Hofe von Rußland nicht verborgen geblieben war, daß sich Baronet Kingworth in höchst mißlichen Vermögensverhältnissen befand.
Er war zwar der Sprosse eines alten englischen Geschlechts, aber sein Großvater und sein Vater hatten so leichtsinnig gewirtschaftet, daß dem armen Baronet nur ein einziges Gut von allen geblieben, welche die Familie einst besessen hatte.
Trotz alledem machte auch Kingworth ein großes Haus, lebte wie ein Grandseigneur und sorgte natürlich auch dafür, daß seine entzückende Frau im entsprechenden Rahmen, das heißt umflossen von wunderbaren Toiletten, erscheinen konnte.
In Petersburg hatten die Kingworths für den Winter ein kleines Palais gemietet, das am Newsky-Prospekt lag und mit großer Pracht ausgestattet war.
Weshalb hatte nun Baronet Kingworth dem Fürsten Lubanow die Ohrfeige gegeben, welche in Petersburg so großes und berechtigtes Aufsehen erregte, und die unfehlbar das Signal zu einem fürchterlichen Duell sein mußte?
Denn es war ja nicht anzunehmen, daß Lubanow diese tödliche Beleidigung so ruhig ertragen werde. Einem Manne, der von seinem Gegner öffentlich in das Gesicht geschlagen wird, bleibt nichts andres übrig, als diesem eine Kugel ins Herz zu jagen. -
Der Hofball verlief wie immer glänzend. Der Zar hatte soeben Cercle gehalten und dabei sowohl den Baronet Kingworth, als auch Fürst Lubanow durch huldvolle Ansprachen ausgezeichnet.
Ganz besonders gnädig war der Zar gegen Lady Ruth gewesen, welcher er mit lauter Stimme versichert hatte, daß ihre Schönheit seinen Festen erst den wahren Glanz verleihe. Dann hatte er noch etwas andres getan, was Lady Ruths Ansehen wiederum steigerte.
Diejenigen, die sich in der Nähe des Zaren befanden, hatten genau gehört, wie er zu der englischen Dame sagte:
»Sie tragen da ein Brillantkollier, Lady Kingworth, welches würdig ist, an Ihrem weißen Halse zu prangen. Wahrhaftig, ich habe selten schönere und prachtvollere Brillanten gesehen.«
Lady Ruth verneigte sich tief. Ein flüchtiges Rot überflog dabei ihre Wangen.
»Wie viele Brillanten sind zu diesem Kollier vereint?« fragte der Zar weiter.
»Majestät,« antwortete die Engländerin, »es enthält in drei Reihen je neunzehn Brillanten.«
»Das macht also im ganzen siebenundfünfzig,« lachte der Zar. »Mögen Ihnen noch ebenso viele Jahre zu leben vergönnt sein und an Ihnen selbst die Gesetze der Natur zuschanden werden, daß Ihnen, wie diese Brillanten nie Glanz und Feuer verlieren, auch niemals Ihre unvergleichliche Schönheit schwinde.«
Der Zar ging weiter. - Neidisch blickten die Höflinge auf die durch eine so huldvolle Ansprache ausgezeichnete Fremde.
Schon war übrigens Baronet Kingworth an der Seite seiner Gemahlin, nahm ihren Arm und war eben im Begriff, mit ihr zur Polonäse anzutreten, die sich im großen Muschelsaale ordnete, als ganz plötzlich Fürst Lubanow vor dem englischen Ehepaar stand.
»Haben Sie die Güte, Baronet Kingworth,« stieß der Russe, der sehr bleich und erregt schien, hervor, »mit mir einen Moment auf die Seite zu treten.«
»Verzeihen Sie, Fürst Lubanow,« antwortete der Engländer, »wie Sie sehen, will ich gerade meine Gattin zur Polonäse führen. Später stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung.«
»Nein jetzt!« rief der Fürst hastig aus, und die Blässe seines von einem schwarzen Vollbart umrahmten Gesichtes vertiefte sich noch mehr. »Jetzt habe ich mit Ihnen zu reden, und wenn Sie mir diese Unterredung nicht gewähren, so werde ich vor Ihrer Frau Gemahlin sprechen.«
Da wandte sich der Baronet schnell an Ruth:
»Du hast wohl die Güte, dich in den Nebensaal zu begeben. Ich werde in wenigen Minuten wieder bei dir sein.«
Ein leichtes Lächeln erhellte die Züge der schönen Frau, sie warf ihrem Gatten noch einen Blick voll Liebe zu und schritt in der Haltung einer Königin in den anstoßenden Raum.
»Fürst Lubanow,« wandte der Engländer sich jetzt an den Russen, »ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß die Art, in der Sie mich gezwungen haben, mich von meiner Gattin zu entfernen, etwas Herausforderndes hat!«
»Ich bitte, meine Erregung zu entschuldigen,« entgegnete Lubanow einlenkend. »Sie werden dieselbe vielleicht begreifen, sobald ich Ihnen meine Frage vorlege.«
»Eine Frage? Bitte!«
»Bei welchem Juwelier kauften Sie das Brillantenkollier, das Ihre Gemahlin trägt?«
Der Engländer trat einen Schritt zurück. Sein bartloses Gesicht rötete sich dunkel.
»Muß ich Ihnen auf diese Frage eine Antwort geben, Fürst Lubanow?«
»Wenn Sie mir die Antwort schuldig bleiben, so werde ich wissen, was ich von Ihnen zu halten habe.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Damit will ich sagen,« schrie der Russe, der nicht länger lm sich halten konnte, »daß dieses Brillantenhalsband, dieses unvergleichliche Kleinod, mit dem sich Ihre Gemahlin schmückt - gestohlen ist!«
»Gestohlen?! Nehmen Sie das Wort zurück!«
»Gestohlen! Gestohlen!« brüllte der Russe. »Gestohlen! Und zwar nicht einer Lebenden, sondern einer Toten!«
Im nächsten Augenblick hob der Engländer die Hand auf. Der Russe wollte sich ihm entgegenstürzen, aber schon brannte der entehrende Schlag auf seiner Wange.
Man eilte herbei. Die Freunde rissen den vor Wut sich wie rasend gebärdenden Fürsten zurück. Baronet Kingworth verschwand.
Wenige Minuten später hatte er mit der Lady den Saal verlassen.
Der Zar zog sich gleichfalls augenblicklich zurück, sobald er von dem Vorfall Kenntnis erhalten, und selbstverständlich waren die Hofschranzen sofort bereit gewesen, dem Herrscher alles haarklein zu erzählen, denn die Gelegenheit warf ja im großen und ganzen auf den Baronet ein höchst ungünstiges Licht, und man wünschte nichts sehnlicher, als den Engländer in Ungnade fallen zu sehen.
Am nächsten Morgen schon standen sich die beiden Gegner in einem kleinen Wäldchen an der Newa, in welchem gewöhnlich Meinungsdifferenzen mit Pistolen und Degen ausgefochten zu werden pflegten, gegenüber.
Der Ausgang des Duells konnte nicht zweifelhaft sein. Baronet Kingworth war einer der brillantesten Schützen Europas.
Er hatte einmal einer Brieftaube, die man hatte aufsteigen lassen, eine Kugel nachgesendet und auf Verabredung das rote Siegel des Briefes, den man der Taube um den Hals gebunden hatte, durchschossen.
Die Sekundanten des Fürsten Lubanow hielten diesen mithin für einen Todeskandidaten.
Er hatte als Beleidigter den ersten Schuß. Er zielte auf das Herz des Engländers, streifte ihn aber nur an der linken Schulter.
Die Wunde war ganz unbedeutend, der Arzt hatte nicht einmal nötig, einen Verband anzulegen.
Unter lautloser Stille erhob jetzt Baronet Kingworth seine Pistole. Lubanow hatte eine Zigarre in den Mund gesteckt und die Hände auf dem Rücken verschränkt. Er erwartete nichts andres als den Tod.
Zum größten Erstaunen der Sekundanten Francis Kingworths trat dieser jedoch ein wenig zur Seite, zielte und rief:
»Gestatten Sie, daß ich Ihnen Feuer gebe?«
Ein Schuß krachte. Dem Fürsten war die Zigarre aus dem Munde fortgerissen worden - ein Meisterschuß ohnegleichen.
Damit war das Duell beendet, da nur ein Waffengang verabredet war.
Kingworth lüftete den Hut und schritt den Fußpfad hinan, an dessen Ende sein Wagen wartete.
Lubanow wollte nacheilen. Seine Sekundanten suchten ihn zurückzuhalten.
»Was wollen Sie, Fürst?« rief Graf Schuwalow. »Ihr Gegner hat Ihnen ja vollkommene Genugtuung geleistet!«
»Laßt mich, laßt mich!« schrie der Russe, indem er sich aus den Händen seiner Sekundanten zu befreien suchte. »Ich muß ihn fragen - das Diamanthalsband - ich muß, ich - ha - es ist gestohlen - ich behaupte es noch einmal - gestohlen einer Toten!«
Nur mit Mühe besänftigte man den Erregten.
Graf Schuwalow brachte ihn nach Hause, und in seinem Arbeitszimmer angekommen, brach Fürst Lubanow in einem Sessel zusammen und begann bitterlich zu schluchzen.
»Warum weinst du?« fragte ihn Graf Schuwalow. »Zum Teufel, du wirst dir doch nichts aus der Ohrfeige machen, die der Mann dir offenbar in einem Anfall von Geistesgestörtheit versetzt hat!«
»Nein, laß mich weinen!« rief Lubanow. »Du weißt nicht, wie wehe mir der Mann getan hat! Ich muß - ich will zu ihm! Ich habe gestern unrecht getan, daß ich so schroff Aufklärung von ihm verlangte, aber ich will auf die Knie niedersinken und ihn bitten, sie mir doch noch zu geben.«
»Welche Aufklärung?« forschte Schuwalow.
»Er soll mir nur sagen, woher Lady Ruth das Diamanthalsband hat, das sie gestern auf dem Hofball trug.«
»Nun gut! Ich halte es für das beste, wenn du zu ihm fährst,« entschied Graf Schuwalow. »Wenn du ruhig zu ihm sprichst, wird er gewiß zu jeder Aufklärung bereit sein. Gestatte mir, daß ich dich begleite. Meine Gegenwart wird vielleicht von heilsamem Einfluß auf dich sein.«
Lubanow nickte, dann klingelte er und befahl, seine besten Pferde vor den Schlitten zu spannen.
Eine Viertelstunde später hielt dieser mit den beiden Herren vor dem Palais Kingworths am Newsky-Prospekt.
Der Türhüter trat ihnen entgegen, doch als Lubanow diesen aufforderte, ihn und den Grafen Schuwalow beim Baronet Kingworth zu melden, antwortete der Mann:
»Es tut mir leid, dem Wunsche des gnädigen Herrn nicht entsprechen zu können, denn Baronet Kingworth und Gemahlin sind vor einer halben Stunde abgereist, sie haben Petersburg verlassen.«
»Wohin haben sie sich gewendet?«
»Nach London.«
Eine Stunde später ging folgendes Telegramm an Nobody ab:
»Bitte, möglichst bald in Petersburg einzutreffen, zwecks Konsultation in hochwichtiger, rätselhafter Angelegenheit.
Honorar \frac 12 Million Rubel bei Erfolg, 100.000 bei Mißlingen. Erbitte herzlichst größte Eile.
               Fürst Boris Lubanow.«


Detektiv Nobody saß dem Fürsten Lubanow im Arbeitszimmer des letzteren gegenüber. Auf dem Schreibtische brannte die Lampe unter einem Schleier und erfüllte das luxuriös ausgestattete Gemach mit gedämpftem Licht.
Fürst Lubanow sah leidend aus, und bei diesem athletisch gebauten Körper konnte es wohl nur ein Seelenschmerz sein, der ihm in der letzten Nacht den Schlaf geraubt zu haben schien.
»Mister Nobody,« stieß Lubanow mit bewegter Stimme hervor und streckte dem berühmten Detektiv beide Hände entgegen, »nehmen Sie vor allen Dingen meinen Dank an, daß Sie so schnell gekommen sind!«
»Ich komme entweder sofort oder überhaupt nicht; denn wenn es hier irgend etwas zu entdecken gibt, so war keine Zeit zu verlieren. An sich klärt sich jedes Geheimnis leichter, wenn man es frisch in die Hand bekommt. Nur veraltete Fälle machen Schwierigkeiten.«
»Mister Nobody, es handelt sich um ein Verbrechen, das wohl selten verübt wurde. Haben Sie schon von dem Streit gehört, der -«
»Zwischen Ihnen und dem Baronet Kingworth? Allerdings,« antwortete Nobody, »davon habe ich gehört, und ich habe mir auch schon gedacht, daß meine Berufung damit zusammenhängen würde. Sie beschuldigen den Baronet Kingworth, seiner Gemahlin ein Brillanthalsband geschenkt zu haben, das gestohlen worden ist?«
»Das habe ich getan,« rief Lubanow, »und halte diese Behauptung vollständig aufrecht!«
»Es handelt sich um jenes Brillanthalsband, welches Lady Ruth auf dem Hofball trug?«
»Um dieses handelt es sich!«
»Nun gut, Fürst Lubanow, sagen Sie mir, worauf stützen Sie Ihre Behauptung, daß dieses Kollier aus Diebeshänden an den schönen Hals der englischen Lady gelangt ist?«
»Hören Sie mich an, Mr. Nobody,« rief Lubanow, »ich will Ihnen kurz erzählen, was mir geschehen ist, und Sie werden mir beipflichten, daß ich mit meiner Behauptung recht hatte.
»Vor fünf Jahren war ich noch der glücklichste Mensch auf der Welt! Daß ich reich bin, wissen Sie, so reich, daß, wenn alle meine Güter zusammenlägen, ich über ein Gebiet verfügen würde, um das mancher regierende Fürst mich beneiden könnte! Meine Goldbergwerke im Ural machen mich noch heute alle Tage reicher; meine Petroleumgruben in Baku liefern mir ungeheure Erträgnisse; aber was bedeutet das alles gegen den Schatz, den ich begraben mußte! Ein Weib war mein, Mr. Nobody, wie es kein schöneres in Rußland gab! Ich habe es nämlich - im Spiele gewonnen!
»Eines Tages besuchte ich eine meiner Petroleumgruben in Baku. Dort traf ich mit meinem größten Konkurrenten zusammen, dem Grafen Szienkiewicz, einem Polen, der für ungeheuer reich galt, mit Unrecht, denn der Mann hatte sein Vermögen in Paris verschwendet, seine Maitressen hatten es an sich gerissen, und er stand jetzt vor dem Bankerott.
»›Lubanow,‹ sagte er zu mir, als er mich eines Abends besuchte, ›du kannst mich retten - borge mir eine Million Rubel!‹
»›Das werde ich nicht tun,‹ antwortete ich ihm, ›aber ich mache dir einen andern Vorschlag, Szienkiewicz. Ich werde dir eine Million Rubel schenken, gib mir dafür deine Tochter Helena!‹
»Er schüttelte den Kopf.
»›Für eine Million Rubel ist mir meine Tochter nicht feil,‹ antwortete er.
»›So will ich dir einen andern Vorschlag machen,‹ unterbrach ich ihn, ›ich setze fünf Millionen Rubel um die Hand deiner Tochter; wir spielen eine Partie Ecarté darum. Gewinnst du, so hast du fünf Millionen Rubel und behältst deine Tochter, verlierst du, so hast du nur nötig, mir Helena zu geben!‹
»›Einverstanden!‹ rief Szienkiewicz, und wir setzten uns sogleich an den Spieltisch.
»In fünf Minuten war alles erledigt. Ich hatte gewonnen, Helena war mein!«
»Und war Komtesse Helena mit dieser Art, über ihre Zukunft zu disponieren, einverstanden?« fragte Nobody.
»Das weiß ich nicht, das ging mich auch nichts an! Als gute Tochter hatte sie die Spielschuld ihres Vaters zu bezahlen! Sie tat es und wurde mein Weib!«
»Und wie gestaltete sich die Ehe?«
»Die Ehe? Wenn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann! Wir waren im ganzen nur sieben Wochen miteinander verheiratet, und Helena kränkelte immer während dieser Zeit, so daß ich ihr nicht die geringste Zärtlichkeit erweisen durfte. Indes muß ich sagen, unsre Ehe war gut. Meine Frau hat mir niemals den geringsten Vorwurf gemacht, und sie nahm alles, was ich ihr zu Füßen legte, willig entgegen. Nun, Sie können sich denken, Mr. Nobody, daß ich mit Aufmerksamkeiten nicht geizte; ich überschüttete sie mit Geschenken. Unter anderem erstand ich für sie das schönste Stück, das der berühmte Juwelier Tiffany in New-York damals zu vergeben hatte.
»Es war ein Brillantenhalsband, aus siebenundfünfzig erlesenen Steinen bestehend, einer so schön wie der andre, so rein, so hell, so feurig. Das Halsband kostete mich eine halbe Million Rubel! - Ich hätte auch zwei Millionen bezahlt, denn ich wünschte, daß meine Frau sich mit dem Schönsten schmücken könnte, was es auf Erden gab.
»Und sehen Sie, Mister Nobody, bis dahin hatte eigentlich nichts, was ich ihr geschenkt hatte, sie gefreut. Als ich ihr aber dieses herrliche Kollier überreichte, drückte sie mir die Hand und sagte: ›Ich danke dir!‹ Sie fragte mich sogar, was das Präsent gekostet habe.
»›Eine halbe Million Rubel,‹ antwortete ich ihr. ›Aber das bedeutet wenig! - Doch lies diesen Brief! Tiffany versichert mir in demselben, daß ein kostbareres Stück aus seinem Atelier niemals wieder hervorgehn werde. ›Du siehst also, meine teure Helena, daß du über einen Schmuck verfügen wirst, wie ihn kein zweites Weib auf Erden besitzt!‹
»Sie lächelte wieder, erhob sich, legte das herrliche Halsband an und beschaute sich im Spiegel.
»›Jetzt ist sie mein,‹ sagte ich zu mir, ›jetzt habe ich ihr Herz gewonnen, wenn es bisher nicht mir gehört hat!‹
»Ich irrte mich! Vielleicht mag sie den Willen gehabt haben, mich mit ihrer Liebe zu beglücken, aber sie konnte denselben leider nicht mehr ausführen! Am nächsten Tage schon begann sie zu fiebern, und als ich die Aerzte kommen ließ, schüttelten diese den Kopf und meinten, sie stünden vor einem Rätsel. Sie könnten mir nicht sagen, was meiner Frau fehle, aber krank sei sie - sehr gefährlich krank!!
»›Hunde,‹ schrie ich die Aerzte an, ›fordert von mir, was ihr wollt, aber rettet mir mein Weib, rettet mir Helena!!‹ Dann ließ ich die berühmtesten Professoren kommen aus Moskau und Dorpat, ich telegraphierte nach Berlin, Wien, Paris, aber - als die Herren eintrafen - war meine teure Helena schon tot! - Nein, nein, ich will mir diesen Moment nicht wieder ins Gedächtnis zurückrufen, in welchem ich bei der Leiche meines Weibes stand! Ha, ich glaubte ja wahnsinnig werden zu müssen! Und wie schön sah sie noch als Leiche aus! Noch waren ihre Wangen rosig, noch zeigte sich nicht die geringste Veränderung an ihr, nur die Hände, die ich in den meinen hielt und mit Küssen bedeckte, waren eiskalt!!«
»Der Tod ist doch wohl konstatiert worden?« fragte der berühmte Detektiv ganz leichthin.
»Alle Professoren konstatierten ihn! Trotzdem ordnete ich an, daß Helena vier Tage lang aufgebahrt bleiben sollte. Dann wurde sie in einen Sarg gelegt, wie er kostbarer vorher in Petersburg niemals hergestellt worden war, und ich ließ sie im Erbbegräbnis meiner Vorfahren feierlich beisetzen. Im letzten Moment aber, als man schon den Sargdeckel schließen wollte, legte ich selbst das kostbare Brillantenkollier, über das sie sich so sehr gefreut hatte, um ihren Hals. Sie soll es mit in die Gruft nehmen! sagte ich zu mir. Es wird zwar Leute geben, die mich für wahnsinnig halten werden, daß ich eine halbe Million Rubel auf diese Weise fortwerfe, aber - sie hat gelächelt, als ich ihr das Halsband gab, sie war einen Moment lang glücklich - es möge denn also mit ihr begraben werden!!«
Fürst Lubanow machte eine kleine Pause in seiner Erzählung. Er wischte sich mit einem seidenen Tuche verstohlen ein paar Tränen aus den Augen.
In diesem Menschen lag eine seltsame Mischung von Brutalität und Weichheit, von Sentimentalität und Berechnung - eine Mischung, wie man sie nur im Charakter der Russen findet.
»Fünf Jahre sind vergangen, seit Helena begraben ist!« fuhr Fürst Lubanow fort. »Ich habe mein Weib seitdem nicht vergessen!! Mein Arbeitszimmer schmückte ich mit ihren Bildern, und oft schloß ich mich tagelang in diesem Raume ein. Dann betrachtete ich wehmütig die Bilder meiner Frau und sprach mit ihnen, wie wenn Helena noch lebend vor mir stände. Ich habe seitdem kein Weib berührt - ich werde niemals eine andre lieben, denn ich habe die Schönste, die es auf der Welt gab, in die kalte Erde legen müssen. - Oft wandelte mich die Lust an, mir den Sarg noch einmal öffnen zu lassen, um Helena auch im Tode zu betrachten - aber dazu fehlte mir der Mut! Nein, ich wollte nicht die Züge, die mir so teuer waren, da sie in Lebensherrlichkeit blühten, im Verfall der Verwesung wiedersehen. -
»Vor einigen Tagen besuchte ich den Hofball. Da hörte ich, wie Majestät der Lady Kingworth einige Artigkeiten sagte. Dann richteten sich seine Blicke plötzlich auf den Hals der Lady, von dem ein ganzes Feuermeer aus herrlichen Brillanten strahlte. Ich vernahm, wie der Zar diese Brillanten lobte! - Auch ich blickte nunmehr auf das Halsband der Lady, und - ich erkannte sofort das kostbare Kleinod wieder, das ich meinem Weibe - meiner Helena mit in den Sarg gegeben hatte!«
»Haben Sie sich nicht geirrt?« unterbrach ihn Nobody. »Glauben Sie wirklich, daß es das Halsband der Toten war?!«
»Ich habe mich nicht geirrt!! - Es waren siebenundfünfzig erlesene Brillanten, einer so groß wie der andre, und dann - auch das Schloß besaß ein besonderes Merkmal. Auf ihm befand sich nämlich der Stempel Tiffanys und, wie es bei diesem Juwelier üblich, eine Nummer, und zwar Nummer 7311!!
»Ich trat dicht hinter die Lady! - Ich heftete meine Blicke fest auf das Schloß und las die Nummer ohne jede Schwierigkeit! Jetzt war ich meiner Sache sicher, und ich zögerte nicht, Baronet Kingworth darauf aufmerksam zu machen, daß seine Gemahlin ein Kleinod trage, das einer Toten geraubt worden! Kingworth sah darin eine Beleidigung und ließ sich zu einer Tat hinreißen, die er gewiß jetzt selbst bedauert!«
»Woraus schließen Sie das?«
»Weil er mich in dem Duell, das der Beleidigung natürlich folgte, mit Absicht nicht getötet hat! - Er schoß mir nur die Zigarre aus dem Munde!«
»Und das ist alles?« fragte Nobody nach einer kleinen Pause.
»Alles!! O, Mister Nobody!« rief der Fürst, indem er aufsprang. »Schaffen Sie uns das Halsband wieder und entlarven Sie den Verbrecher, der seine gierige Hand nach dem Schatze der Toten ausgestreckt hat. Sie sind der einzige Mensch auf Erden, der das Rätsel, das mit diesem Diebstahl verbunden ist, zu lösen vermag!!«
»Ich werde tun, was ich kann,« antwortete Nobody; »vorher aber muß ich mich überzeugen, ob Ihr Verdacht auch wirklich begründet ist!
»Sind Sie bereit, Fürst, mir den Sarg Ihrer verstorbenen Gemahlin öffnen zu lassen?!«
Lubanow seufzte und holte schwer Atem.
»Ich wußte, daß Sie das verlangen würden,« antwortete er. »Es ist ja leider auch unbedingt notwendig, daß es geschieht! Wohlan, besteigen wir einen Schlitten und fahren wir nach dem Erbbegräbnis meiner Väter hinaus!«
»Wo befindet sich dasselbe?« fragte Nobody.
»Kennen Sie die Insel, auf welcher die Peter-Paulsfestung liegt?« fragte Fürst Lubanow, und als Nobody diese Frage mit einem Kopfnicken bejahte, fuhr jener fort: »Katharina die Große hatte die seltsame Laune, auf derselben Insel, auf welcher sich das berüchtigte Gefängnis befindet, einen Friedhof anlegen zu lassen, auf welchem jedoch nur gewisse Familien des Adels ihre Toten bestatten durften und noch dürfen. Unter diesen Familien befindet sich auch die meinige!«
»Dann werden wir unsre Fahrt nach dem Friedhof aufschieben müssen,« erklärte Nobody. »Denn bei hellichtem Tage können wir die Angelegenheit nicht betreiben! Ich will alles vermeiden, was in Petersburg die Nachricht von meiner Anwesenheit verbreiten könnte. Ich bin in einem kleinen Hotel unter falschem Namen abgestiegen. Aber wenn es Ihnen beliebt, so treffen wir heute nacht elf Uhr an der Stelle zusammen, von der aus wir nach der Peter-Paulsfestung über den Fluß fahren müssen! - Wird Ihnen das Betreten dieser Insel zu jeder Zeit gestattet?!«
»Ich habe einen Paß, der mir und meinem Begleiter zu jeder Zeit das Landen auf der Peter-Paulsinsel erlaubt, und ich werde dafür sorgen, daß ein Boot bereitliegt - ebenso werde ich einen Schlosser mitbringen, der den Sarg öffnen kann!«
»Das letztere ist nicht nötig!« rief Nobody. »Ich werde mich mit Werkzeugen versehen und die Arbeit selbst verrichten! Also heute nacht elf Uhr!«
»Mein Boot wird an der Brücke liegen, die an der Isaaks-Kathedrale über die Newa führt!«
»Ich werde pünktlich sein!« rief Nobody und verließ den Fürsten.


Nachts um elf Uhr stand ein Mann, den man für einen gewöhnlichen Arbeiter halten konnte, unter der Isaaksbrücke und wartete.
Es dauerte nicht lange, so fand sich ein zweiter zu ihm: Fürst Boris Lubanow.
Er blickte sich zuerst forschend um, und es schien ihm unangenehm, daß dieser Arbeiter sich hier unter der Brücke aufhielt.
Endlich schritt dieser auf ihn zu und flüsterte ihm zu:
»Ich bin es, Fürst Lubanow! Kommen Sie also, dort liegt das Boot, steigen wir ein!«
Die beiden Männer fuhren über die Newa, deren Eisdecke von der ersten Frühlingswärme bereits wieder aufgetaut war.
Nobody selbst führte das Steuer. Sie landeten an einer Stelle der Insel, wo sonst selten angelegt wurde.
Nobody sprang aus ziemlicher Entfernung an den Strand und zog das Boot mit großer Kraft heran, so daß auch Lubanow es verlassen konnte.
Kaum hatten sie jedoch einige Schritte in die Insel hineingetan, als ein Gewehrlauf vor ihnen aufblitzte und eine rauhe Stimme ihnen zurief:
»Halt oder ich schieße!«
»Sieh her, Kosak!« antwortete Lubanow und zeigte dem Wachposten seinen Paß.
»Es ist gut, Väterchen, du kannst passieren!« sagte der Posten und salutierte.
»Sehen Sie dort drüben die weißen Kreuze leuchten?« flüsterte Lubanow seinem Begleiter zu. »Das ist der Friedhof auf der Peter-Paulsinsel, wir werden ihn in fünf Minuten erreicht haben.«
»Und dort das graue Gebäude ist jedenfalls das berüchtigte Gefängnis?« fragte Nobody. »Sagen Sie mir, Fürst, ist es wahr, was man von der Peter-Paulsfestung erzählt? Schmachten wirklich so viele Unglückliche in derselben? Sind die Kerker in der Tat so schrecklich, wie man sie schildert?«
Fürst Lubanow bekreuzigte sich.
»Möge Gott jeden frommen Christen davor behüten, mit der Peter-Paulsfestung Bekanntschaft zu machen,« antwortete er. »Doch - wir sind an der Pforte des Friedhofes angelangt! - Treten wir ein!!«
Der Fürst besaß einen Schlüssel zu dem Tore. Er öffnete es, und durch den Schnee schritten sie bis zu einem aus Marmor errichteten Bau.
»Das ist das Erbbegräbnis der Lubanow!« rief der Fürst mit einem leichten Schauder. »Hier werde auch ich einst zu Staub vermodern!«
Wieder zog er einen Schlüssel hervor, die beiden Männer stiegen eine Anzahl Stufen hinunter, die zu dem Standort der Särge führten.
Nobody hatte seine kleine Blendlaterne hervorgezogen und angezündet.
Moderluft wehte ihnen entgegen, der Hauch des Todes umgab sie. Und als sie unten angelangt waren, blieb Fürst Lubanow plötzlich stehn, drückte die Hände an die Schläfen und stöhnte:
»Ich bin dem Wahnsinn nahe! Ich soll sie wiedersehen, sie, die ich geliebt habe, die ich noch immer liebe, Helena, mein teures, unvergeßliches Weib!!«
»Welches ist der Sarg?« fragte Nobody kurz. »Ich vermute, es ist der dort mit den verwelkten Rosengirlanden.«
»Es ist der Goldsarg,« antwortete Lubanow, »alle Beschläge daran sind aus echtem Golde gefertigt.«
Nobody zuckte die Achseln, er schien die ganze Nichtigkeit dieser Worte zu durchschauen und sich innerlich zu sagen: »Ein paar Bretter, leicht zusammengefügt, tun dem Toten denselben Dienst!«
Aber er war nicht der Mann, mit unnützen Worten Zeit zu versäumen, er trat an den Sarg, zog unter seiner Bluse Werkzeuge hervor und begann die Schrauben zu lockern, welche den Sargdeckel festhielten.
Bei jeder Schraube, die er hervorzog, ächzte Lubanow auf und zitterte am ganzen Körper.
Ebenso beseitigte Nobody die Verlötung und hob den Sargdeckel empor. Er legte ihn neben sich auf den Boden.
»Werfen Sie einen Blick auf die, welche Sie so sehr geliebt haben, Fürst Lubanow!« sagte der Detektiv mit ruhiger Stimme. »Hier liegt alles, was von Ihrem Weibe auf Erden noch übriggeblieben ist!«
Lubanow neigte sich bebend über den Sarg, seine wie im Wahnsinn funkelnden Augen hefteten sich auf die Tote - ein heiserer Schrei entrang sich seinen Lippen.
»Die Leiche ist beraubt!« rang es sich von seinen Lippen. »Sehen Sie, Mister Nobody - das Halsband ist fort. - Ich habe mich nicht geirrt. Man hat meinem armen Weibe nicht einmal die Ruhe des Grabes gegönnt. - Man ist eingedrungen in diese Gruft und hat mit frechem Griffe das Diamantenkollier vom Halse der Toten gestohlen.
»O, meine arme Helena, du mein einziggeliebtes Weib. - Ich werde dich rächen, ich werde den Grabschänder vor Gericht ziehen, und Sie, Nobody, Sie müssen mir helfen!«
»Sie sind sehr aufgeregt,« antwortete dieser. »Es wäre besser, wenn Sie mich für einige Minuten mit der Leiche allein ließen. Ich habe wichtige Untersuchungen anzustellen, und es würde Ihnen schmerzlich sein, mich dabei zu beobachten.«
»Sie mögen recht haben,« stöhnte Lubanow, »der Anblick der Leiche meiner Frau macht mich fast wahnsinnig.«
Nobody geleitete den Zitternden bis zur Treppe, Fürst Lubanow schwankte dieselbe schweren Schrittes hinauf.
Schnell kehrte der Detektiv zum Sarge zurück und leuchtete in denselben hinein.
Aufmerksam betrachtete er die mumienhafte Leiche, er schüttelte den Kopf, als wenn ihm etwas nicht richtig erscheinen wollte.
Schließlich hob er eine Hand leicht empor, betrachtete sie genau, ließ sie aber sogleich wieder auf die Brust der Leiche zurücksinken.
»Es ist kein bestimmtes Zeichen mehr mit Sicherheit festzustellen,« murmelte er. »Seltsam - der Sarg schien unverletzt, die Lötung war vollkommen in Ordnung. Aber - das beweist nichts - die Räuber, die hier gearbeitet haben, sind jedenfalls mit Ruhe vorgegangen. Sie brauchten nicht zu fürchten, daß andre sie hier unten störten. Sie können den Sarg auch wieder verlötet haben.«
Nobody zog ein Vergrößerungsglas hervor und untersuchte den Hals der Leiche.
»Eins steht fest,« sagte er sich. »Der Raub des Brillantenkolliers muß fast unmittelbar nach der Bestattung der Fürstin stattgefunden haben, sonst hätten die schweren Brillanten unbedingt einen Eindruck im Fleische des Halses erzeugen müssen. Sie hätten in demselben Male hinterlassen.«
Dann leuchtete Nobody im ganzen Erbbegräbnis umher, um irgendwo Spuren zu finden, welche die Grabschänder hinterlassen haben könnten; aber es herrschte eine musterhafte Ordnung in dem unterirdischen Grabgewölbe. Keiner der hier aufgestellten Särge war im geringsten beschädigt oder aus seiner Lage verrückt, an keinem der Särge fehlten die Beschläge, die vielfach aus Gold oder Silber waren.
Jedenfalls war es den Räubern nur auf das Brillanthalsband angekommen.
Als Nobody wenige Minuten später wieder ins Freie trat, sagte er zu dem Fürsten Lubanow:
»Entweder Sie haben recht, das Brillanthalsband der Lady Ruth ist das, welches Sie Ihrer verstorbenen Gemahlin mit in den Sarg gegeben haben, oder aber - Tiffany hat nicht Wort gehalten und zwei gleiche Schmuckstücke angefertigt.«
»Das ist nicht der Fall,« antwortete Fürst Lubanow, indem er ein Telegramm hervorzog. »Ich habe mich sogleich, nachdem ich das Kleinod am Halse der Lady entdeckt hatte, telegraphisch an Tiffany gewendet und angefragt, ob aus seiner Werkstätte ein Halsband hervorgegangen wäre, welches dem mir gelieferten auch nur ähnlich gewesen wäre. Ueberzeugen Sie sich selbst, Mister Nobody, Tiffany hat mir geantwortet: ›Es gibt kein ähnliches Halsband auf Erden!‹«
»Er lügt nicht,« antwortete Nobody, »der Ruf seiner Firma geht ihm über alles. Nun gut, Fürst Lubanow, haben Sie die Güte, mir vier Wochen Frist zu geben, und ich werde dieses Rätsel gelöst haben. Bis dahin dürfen Sie sich um die Angelegenheit nicht kümmern. - Sprechen Sie mit niemandem darüber und betreiben Sie keine Nachforschungen auf eigne Faust!«
Lubanow leistete dieses Versprechen, und Nobody reiste am nächsten Tage aus Petersburg ab - nach London.


Der erste Schritt, den Nobody in der Angelegenheit des Fürsten Lubanow unternahm, bestand darin, daß er sich ganz genau nach den Vermögensverhältnissen des Baronets Francis Kingworth erkundigte.
Auch er erfuhr, daß die finanzielle Lage des Baronets eine sehr, sehr kritische sei. Derselbe hatte zwar Hoffnung, einen alten Onkel zu beerben, welcher große Reichtümer besaß; aber vorläufig hielt dieser mit jeder Unterstützung zurück, und so war der Baronet lediglich auf seine eignen Hilfsmittel angewiesen.
Diese waren schmal genug, sie reichten kaum hin, die Kosten des Haushalts des Baronets zu bestreiten, und Nobody ermittelte weiter, daß sich der Baronet sehr oft in den fürchterlichsten Geldverlegenheiten befand.
Ja, Nobody stellte sogar fest, daß Kingworth die Familienkleinodien verkauft hatte, die sicherlich sehr teuer waren.
Kingworth hatte außerdem Schulden bei reichen Londoner Geschäftsleuten. Diese liefen ihm das Haus ein und verklagten ihn sogar, aber er bezahlte sie nicht, oder doch nur sehr, sehr langsam.
»Warum,« fragte sich Nobody, »befreit sich der Baronet nicht aus all diesen Verlegenheiten dadurch, daß er das kostbare Brillanthalsband seiner Gattin veräußert? Man würde ihm wahrscheinlich eine bedeutende Summe dafür zahlen, da die Preissteigerung, welche Brillanten in letzter Zeit erfahren haben, auch den Wert dieses Kleinodes fast auf das Doppelte emporgeschnellt hat.«
Andererseits stellte Nobody fest, daß sich in ganz London vielleicht kaum ein einziges Ehepaar befand, das so glücklich miteinander lebte, wie Francis Kingworth mit seiner durch Schönheit, Anmut und Tugend ausgezeichneten Frau.
Die beiden Leute liebten einander innig. Der Baronet trug seine Frau auf Händen, er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und erfüllte ihr denselben, auch wenn er sich damit noch größere finanzielle Sorgen auferlegte.
Die Lady dagegen, die um ihrer Schönheit willen viel umworben wurde, und welcher Männer huldigten, die ihr ein königliches Vermögen hätten zu Füßen legen können, wankte niemals in ihrer Treue. Sie schien ihrem Gatten so ergeben zu sein, daß sie nicht ohne ihn leben konnte.
Das ist fatal, sagte sich Nobody. Baronet Kingworth hat kein Geheimnis vor seiner Frau. - Da wird sich schwer etwas ermitteln lassen.
Trotzdem verlegte sich Nobody darauf, hinter ein Geheimnis der Eheleute zu kommen. Denn er nahm ohne weiteres an, daß auch sie ein solches hätten, wie fast jeder Mensch auf Erden.
Acht Tage lang stand Nobody immer in einer andern Verkleidung in der Nähe des Palais, welches Kingworth in Westend bewohnte. Bald war er als Bettler verkleidet, bald als Arbeiter, bald als polnischer Jude, bald als Polizist, bald als Soldat. Er verfolgte Kingworth und seine Frau, wohin sie auch immer gingen, ob zusammen oder einzeln, doch niemals konnte er etwas Unrechtes entdecken.
Eines Tages sollte er trotzdem hinter ein kleines Geheimnis der Lady kommen.
Es war an einem ziemlich nebligen Tage, als dieselbe gegen fünf Uhr nachmittags allein und zwar zu Fuß das Palais verließ.
Nobody, der diesmal als vornehmer, weißbärtiger Herr mit goldener Brille verkleidet war, ließ die Lady nicht aus den Augen, blieb aber immer in genügender Entfernung hinter ihr.
Lady Kingworth verließ Westend und begab sich hinüber nach der City.
Vor einem kleinen Drogengeschäft, das sich in einem alten Hause der Circusstreet verbarg, machte sie Halt.
An der Ladentür blickte sie sich noch einmal nach allen Seiten um, als fürchte sie beobachtet zu werden, dann aber trat sie schnell ein.
»Also doch ein Geheimnis!« sagte sich Nobody.
»Nur Geduld, wir werden schon dahinterkommen.« Er wartete geduldig, bis die Lady den Laden wieder verließ. Sie rief einen Cabman an und befahl ihm, sie nach einer Straße in der Nähe ihres Palais in Westend zu fahren.
Wenige Minuten später trat Nobody in das Drogengeschäft ein. Ein kleiner, buckliger Mann kam ihm entgegen und fragte nach seinen Wünschen.
Nobody zog seine Brieftasche hervor, legte eine Fünfpfundnote auf den Ladentisch und sagte zu dem Verkäufer: »Geben Sie mir auch das Bewußte!«
»Ja, was meinen Sie denn? - Was wollen Sie eigentlich haben?«
»Nun, Sie wissen schon,« lächelte Nobody ihn an. »Die Dame, welche Sie soeben besuchte, hat es mir empfohlen. Man spricht nicht gern darüber.«
»Welche Dame?« fragte der Drogist mißtrauisch.
»Tun Sie doch nicht so, als ob Sie nicht soeben den Besuch einer vornehmen Dame empfangen hätten. Nun, ich will Ihnen sagen, wer sie war: Lady Ruth Kingworth.«
»Ah, Sie kennen die Lady?«
»Ich bin ein guter Freund ihres Gatten,« antwortete Nobody. »Kürzlich kam einmal das Gespräch darauf - nun, Sie wissen doch - auf das Bewußte! - Und da gestand mir die Lady nach einigem Zögern, daß sie den Bedarf bei Ihnen decke. Ich möchte nun auch davon haben. Aber es muß ebensogut wirken wie bei der Lady.«
Der kleine Drogist betrachtete Nobody aufmerksam, dann sagte er: »Sie waren früher offenbar schwarz! - Ihr Haupthaar, sowie Ihr Bart müssen schwarz gewesen sein!«
»Ganz richtig!« rief Nobody, der jetzt schon Bescheid wußte. »Und ich frage Sie: Können Sie mir helfen?«
»Nichts leichter als das, mein Herr!« antwortete der Drogist. »Mein Haarfärbemittel wirkt unbedingt sicher. Auch ist es unschädlich.«
»Ja, das hat mir schon die Lady versichert,« sagte Nobody. »Geben Sie mir also genau dasselbe, was die Lady von Ihnen bezieht.«
»Dasselbe? - Ja, Sir, das wird nicht gut möglich sein. Sie müssen bedenken, bei der Lady handelt es sich darum, ihr wunderbar goldblondes Haar schwarz zu färben, während Sie für Ihr früher schwarzes Haar ein Mittel brauchen.«
Nun wußte Nobody, was er hatte wissen wollen. Die Lady färbte ihr blondes Haar schwarz.
Weshalb tat sie das? - Was zwang sie dazu, einen so wunderbaren Haarschmuck, wie ihr goldblondes Haar bildete, verschwinden zu lassen? War hier nur Eitelkeit im Spiele oder lag ein andrer Grund vor?
»Also geben Sie mir eine Flasche von Ihrem Haarfärbemittel,« sagte Nobody, und als der Drogist ihm dasselbe eingehändigt und ihm versichert hatte, daß die Gebrauchsanweisung dabeiliege, blickte der Detektiv plötzlich wie überlegend drein und sagte: »Lieber Freund, ich möchte Sie noch eins fragen. Ich bin überzeugt, daß mein weißes Haar infolge Ihres Mittels wunderbar schwarz werden wird. Wie aber, wenn ich eines Tages des Haarfärbens überdrüssig würde! Werde ich die Farbe dann wieder von demselben herunterbekommen?«
»Nichts leichter als das. - Ich gebe Ihnen eine zweite Flasche. Wenn man mit dem Inhalt derselben sich das Haar gewaschen hat, erscheint die natürliche Farbe wieder.«
»Ah, das ist gut! Bitte gleich um drei Flaschen! - Was kosten sie?«
»Mit der Fünfpfundnote, die Sie mir soeben eingehändigt haben, ist alles bezahlt.«
»Gut denn, auf Wiedersehen!«
Nobody eilte auf die Straße hinaus, nachdem er die Flaschen in seinem Ueberrock geborgen hatte. Er zweifelte nicht daran, daß er heute einem Geheimnis der Lady auf die Spur gekommen sei. Dieses Färben der Haare konnte nicht bloß eine Laune sein - dahinter steckte mehr!
Hatte diese Frau eine dunkle Vergangenheit, hatte sie einen Grund, sich denen, unter welchen sie jetzt lebte, anders zu zeigen, als sie früher ausgesehen?
Nobody sprang in einen Wagen und befahl dem Kutscher, ihn zu Lifton & Co. zu fahren.
Lifton & Co. besaßen damals das größte Auskunftsbureau in London.
Ihre Auskünfte waren mustergültig, erschöpfend, und was vor allem das wichtigste ist, man konnte sich unbedingt auf sie verlassen. Auch gewährten Lifton & Co. ihren Kunden den großen Vorteil, daß diese nicht erst auf Erhebung der Auskünfte zu warten brauchten, nein, jede Persönlichkeit, die nur einigermaßen interessierte, hatte bei ihnen ihr Aktenstück, und aus diesem war ihre ganze Vergangenheit zu ersehen.
Nobody war mit dem Chef der Firma eng befreundet, denn er hatte ihm selbst schon wesentliche Dienste geleistet, für die er sich niemals hatte bezahlen lassen. So wurde er sogleich ins Privatkontor des Chefs geführt, und dieser empfing ihn herzlich und liebenswürdig wie sonst immer.
»Womit kann ich heute dienen, lieber Nobody?«
»Mit einer schnellen und präzisen Auskunft. Was wissen Sie über Lady Ruth Kingworth? Ich wünsche ihre Vergangenheit zu erfahren, und zwar bis zu dem Augenblicke, da sie Lady Kingworth wurde.«
Lifton berief durch einen Glockenton einen seiner Angestellten in das Kontor und beauftragte ihn, die Vorakten der Lady Ruth Kingworth zu bringen.
Wenige Minuten später lag das Heft auf dem Schreibtisch; Lifton reichte es Nobody und sagte: »Lesen Sie selbst, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse!«
Aus dem Aktenstück war jedoch herzlich wenig zu ersehen.
Es war selbst der Firma Lifton & Co. nicht gelungen, über die Vergangenheit der Lady Genaueres zu erfahren.
Kingworth hatte sich als Attaché in Petersburg aufgehalten, so meldete das Aktenstück, hatte dann drei Monate in Paris gelebt, und als er nach London zurückkehrte, war er bereits mit Lady Ruth vermählt gewesen.
Man vermutete indes, daß diese identisch sei mit der Tochter einer reichen Plantagenbesitzerin auf Jamaika.
Die Damen hatten sich zur Zeit, als Kingworth in Paris weilte, in der französischen Hauptstadt aufgehalten.
Kingworth war sehr oft in Gesellschaft der beiden Damen gesehen worden; man hörte zwar nichts davon, daß eine Verlobung zwischen der schönen jungen Dame aus Jamaika und ihm stattgefunden hatte, indes verschwanden die beiden Damen genau an demselben Tage, an dem auch Kingworth die französische Hauptstadt verließ.
Es wird also gefolgert, schlossen die Darlegungen in dem Aktenstück, daß die Mutter wieder nach Jamaika zurückgekehrt, während die Tochter, die Kingworth wahrscheinlich in irgend einer kleinen Dorfkirche Frankreichs angetraut worden war, mit ihm nach London gegangen sei.
Das war alles, was Nobody über Lady Ruth bei Lifton & Co. erfuhr.
Aber schon reifte im Gehirn des erfindungsreichen Detektivs ein Plan, von dem er sich das beste versprach, mittels dessen er prüfen wollte, wie es um das Gewissen der schönen Lady Ruth Kingworth stünde.


»Lord Chesterfield gibt sich die Ehre, Ew. Herrlichkeit nebst Gemahlin zu der heute nacht stattfindenden spiritistischen Seance einzuladen. Der berühmteste Spiritist der Welt, der Italiener Svengali, wird in meinem Hause vor einer geladenen Gesellschaft die Vermittlung zwischen den Anwesenden und der Geisterwelt herstellen.«
»Nun, was meinst du, Ruth?« rief Francis Kingworth aus. »Sollen wir die seltsame Seance besuchen? Ich halte nicht viel vom Spiritismus, da derselbe lediglich gewissen gewinnsüchtigen Personen für ihre Zwecke und Pläne dient. Aber da Lord Chesterfield diesen Spiritisten einführen will, muß an dem Manne schon etwas sein.«
»Ich bin sehr begierig, einmal einer spiritistischen Sitzung beizuwohnen,« antwortete Lady Ruth. »Aber sprich, Francis, glaubst du wirklich, daß es auch nur im entferntesten möglich ist, Verstorbene aus ihrem Grabe erstehn zu lassen?«
»Ich kann das nicht annehmen, mein liebes Weib,« antwortete der Baronet; »der Körper eines Verstorbenen wird immer und ewig in seinem Grabe liegen bleiben, beziehungsweise in demselben vermodern. Die Spiritisten behaupten auch nur, daß das unsterbliche Teil, welches uns innewohnt, die Seele, die nach unserem Tode den Körper verläßt, noch einmal, ja, sogar ganz nach Wunsch zu den Lebenden zurückkehren könne. Nun, jedenfalls werden wir die Sitzung besuchen, und ich bitte dich daher, dich um elf Uhr fertig zu halten, damit wir nach dem Hause des Lords fahren können.«
»Was macht man denn da für Toilette?« fragte Ruth. »Ich weiß zwar sehr gut, was mich für einen Ball, für einen Theater- oder Konzertbesuch kleidet, für eine Landpartie oder für eine Promenade; aber für eine spiritistische Seance -«
»Schwarz natürlich, schwarz,« rief Francis lächelnd. »Schwarz in Schwarz!«
Dann küßte er sein junges Weib auf die Stirn und wollte das Zimmer schon verlassen, als er sich noch einmal umwandte und Ruth zurief: »Apropos! Die Lady Chesterfield hat mich kürzlich gebeten, dein berühmtes, wir müssen jetzt leider sagen dein berüchtigtes Diamantenhalsband sehen zu dürfen.«
»Mein Skandal mit jenem Fürsten Lubanow,« die Stimme Kingworths erzitterte leicht, als er den Namen des Fürsten aussprach, wahrscheinlich war es der Grimm über die unverschämte Behauptung, der noch in ihm nachtobte, »dieser unselige Skandal ist leider allgemein bekannt geworden, und nun will die ganze Welt deine Brillanten sehen. Tu mir also den Gefallen und lege das Halsband heute an.«
»Wenn du es wünschest, lieber Mann,« rief Ruth, die noch einmal in seine Arme geeilt war und jetzt das Köpfchen an seine Schultern legte, um zärtlich zu ihm aufzuschauen, »wenn du es wünschest, daß ich das Brillantenkollier trage, so will ich es tun!«
»Tust du es denn nicht gern?«
Ein leiser Schauer flog über die holdselige Gestalt der Lady.
»Du fragst noch? Wie könnte ich diese Brillanten nicht gern tragen? Sie sind ja mein bester, eigentlich mein einziger Schmuck, nachdem ich alles andre hingegeben habe, damit wir uns über Wasser halten können. Doch, Geliebter, ist denn gar keine Aussicht, daß sich unsre Lage einmal ändern wird?«
»Warum sollte ich dich täuschen?« antwortete der Baronet. »Die Aussichten sind sehr trübe. Mein Oheim, der Lord Ravenhorst, lebt trotz seiner achtzig Jahre sehr vergnügt, und obwohl ich mich mit verzweiflungsvollen Briefen an ihn gewendet, ihn gebeten habe, er möge mir beistehn, mir schon bei Lebzeiten einen Teil meines Erbes übergeben, vermag sich dieser vom Geiz wie von einem Wahnsinn besessene Mann doch nicht von einem noch so kleinen Teil seines Vermögens zu trennen.«
»So möchte ich dir einen Vorschlag machen, Geliebter! Verkaufe das Diamantenhalsband. Glaube mir, es wäre besser, wenn es aus dem Hause käme: dann werden wir vielleicht mehr Glück haben. Die Erinnerung an eine vergangene Zeit ruht wie ein Fluch auf uns.«
»Wie? Du willst dich von diesen herrlichen, strahlenden Steinen trennen, meine Ruth?« stieß Francis hervor und küßte sein Weib auf Stirn und Wange. »Ich wagte dir niemals diesen Vorschlag zu machen; da du ihn jedoch nun selbst aussprichst, nun, so werde ich die Diamanten veräußern.«
»Mein höchstes Kleinod ist deine Liebe!« antwortete das treue Weib und bot ihre rosigen Lippen noch einmal ihrem Gatten zum Kusse an.
Dann verließ Francis seine Gemahlin, und diese eilte in ihr Boudoir.
Hier öffnete sie einen kleinen geheimen Wandschrank. In diesem befand sich in einem Kasten, auf blauen Samt gebettet, das aus siebenundfünfzig herrlichen Steinen bestehende Kollier.
Sie nahm den Kasten heraus und betrachtete mit seltsamen Blicken der Juwelen Pracht.
»Die einzige Erinnerung!« flüsterte sie. »Fort, fort! - Ich will euch nicht mehr sehen, ihr gleißenden Steine. - Ihr seid das letzte, was mich an jene Zeit meines Lebens mahnt, die für mich begraben ist - begraben in des Wortes wahrster Bedeutung! Heute abend will ich euch zum letzten Male tragen und dann - niemals wieder.«
Sie schloß das Diamantenhalsband wieder in den geheimen Wandschrank. Dann ging sie mit der Kammerfrau in ihr Boudoir, um ihre Toilette für die spiritistische Sitzung vorzubereiten.


In dem herrlichen Hause Lord Chesterfields in der Nähe der Westminsterabtei war eine erlesene Gesellschaft versammelt.
Selbst der Prinz von Wales war erschienen. Auch er hatte von dem berühmten Italiener gehört, dessen Manifestationen aus der Geisterwelt bereits das Staunen der höchsten Kreise in Madrid und Rom erregt hatten, und der sich jetzt auch den Norden erobern wollte.
In der aus vierzig Personen bestehenden Gesellschaft befand sich nicht ein einziges Mitglied, das nicht mindestens eine Pairskrone auf seiner Visitenkarte hätte vorweisen können.
Lord Chesterfield versammelte seine Besucher zuerst in dem sogenannten japanischen Salon und empfing sie wie immer auf das gastfreundlichste.
Als Francis Kingworth mit seiner Gattin eintrat, ging ein leises Flüstern durch die Gesellschaft! So schön hatte die junge Lady noch niemals ausgesehen.
Ein mit Perlenschmuck besetztes schwarzes Kleid umschloß ihre Gestalt und verlieh derselben einen ätherischen Hauch, als wäre Ruth selbst aus der Geisterwelt gekommen.
An ihrem Halse blitzten und funkelten die Brillanten.
Der Prinz von Wales selbst zog Baronet Franeis Kingworth und seine Gemahlin sogleich ins Gespräch.
»Also auch Sie, Mylady,« lächelte der Thronfolger die schöne junge Frau an; »also auch Sie glauben an die Möglichkeit, mit Geistern Abgeschiedener zu verkehren? Nun, in mir erblicken Sie eigentlich einen unverbesserlichen Skeptiker. Ich kann mir nicht denken, daß ein Mensch, der schon begraben ist, wieder aufleben kann!«
Da blickte Lady Ruth den Thronfolger mit ihren großen, dunklen Augen lange und träumerisch an und erwiderte dann mit leiser Stimme:
»Das ist möglich, königliche Hoheit! - Man kann begraben sein und doch wieder zur Erde emporsteigen!«
In diesem Momente wandte sich Lord Chesterfield an seine Gäste mit den Worten:
»Darf ich die Herrschaften bitten, mir in das Gemach zu folgen, in welchem die Experimente stattfinden sollen? Signor Svengali erwartet uns bereits!«
Die Stimmung wurde plötzlich sehr ernst, ja gedrückt. Selbst die Spötter fingen an, sich zu fragen, ob es nicht doch möglich sei, daß sie in dem Gemache, in das sie geführt wurden, Uebernatürliches sehen würden.
Lautlos, von unsichtbaren Händen geöffnet, erschlossen sich die Türen vor dem Zuge, dem Lord Chesterfield an der Seite des Prinzen von Wales vorausschritt. Dann ging es eine Anzahl Stufen hinab - und man befand sich in der Hauskapelle.
Diese war sehr geschmackvoll erbaut. Sechzehn Säulen aus karrarischem Marmor trugen die Decke, geschmückt mit herrlichen biblischen Gemälden, die ihre Entstehung der Hand eines Meisters verdankten.
Die Bänke, die sich sonst in der Kapelle befanden, waren hinausgeräumt, dafür standen hier in ziemlicher Enge vierzig Sessel.
In der Mitte dieser Sessel erhob sich ein Podium, über das eine schwarze Decke gebreitet lag. Es gab keine schwarzen Wände, keine Kästen, keine Tische, keinen Nebenraum, in welchem irgend etwas hätte verborgen werden können. Das Podium lag frei und offen angesichts der Gäste und konnte von allen Seiten beobachtet werden.
Hinter den Säulen trat plötzlich ein hochgewachsener, schlanker Mann hervor - der Italiener Svengali.
Sein Gesicht war wachsgelb. Nachtschwarze Locken fielen ihm in die Stirn. Ein kurzer, schwarzer Vollbart umrahmte sein Antlitz. Seine großen, dunklen Augen blickten starr und tränenschwer.
Lord Chesterfield führte ihn auf das Podium. Dann sagte er, indem er sich tief vor dem Prinzen von Wales verbeugte:
»Wollen Königliche Hoheit und Sie, meine verehrten Gäste, gestatten, Ihnen Signor Svengali aus Rom vorzustellen? Der Mann hat einen tiefen Blick in die Geisterwelt getan und ist bereit, einige Beweise seiner mystischen Begabung zu liefern.«
Lord Chesterfield verließ darauf das Podium, auf dem nun der Italiener allein stehn blieb.
»Meine verehrten Herrschaften,« begann dieser mit sonorer Stimme, »ich bitte Sie vor allen Dingen, jeden Argwohn zu bannen! Ich bin kein Taschenspieler, und ich werde Ihnen keine derartigen Kunststücke zeigen. Ebenso werde ich auf jeden Vortrag verzichten und nicht mit Worten versuchen, auf Sie zu wirken. Nur bitte ich Sie um das eine, falten Sie jetzt die Hände und beten Sie leise einige Worte.«
Selbstverständlich erfüllte die Gesellschaft den Wunsch des Spiritisten. Leise Gebete wurden gemurmelt. Eine Orgel hob an zu klingen und zu tönen, eine gedämpfte, wehmütige und doch ausdrucksvolle Weise.
»Das rote Licht!« rief Svengali plötzlich aus, während er dastand, als wäre eine Erstarrung über ihn gekommen. »Das rote Licht ist da - es verkündet mir, daß die Geister mit uns in Verbindung treten wollen!«
An der Decke der Kapelle flammte plötzlich ein rotes Licht auf - nicht intensiv, es war, als erstrahlte die ganze Decke von einem rosigen Scheine. Dieses rote Licht verdüsterte sich, bis es einen roten Stern bildete, und der stand gerade über dem Haupte Svengalis.
»Ich bitte, mir jetzt zu sagen, welchen Geist ich herbeirufen soll!«
Aller Blicke waren natürlich auf den Thronfolger gerichtet, und dieser antwortete mit kräftiger Stimme:
»Ich wünsche den Geist jenes Königs Karl von England zu sehen, dessen Blut ungerecht und gewaltsam durch Cromwell vergossen wurde!«
Kaum hatte der Thronfolger diese Worte gesprochen, als plötzlich ein Donner über das Haus hinrollte und ein Erdbeben die Mauern des Palais erbeben machte.
Unmittelbar darauf folgte eine tiefe Stille. Svengali hatte sich auf die Knie niedergeworfen, er streckte die Arme hoch empor. Sein Gesicht war bleich und verzerrt. - Die Augen traten ihm förmlich aus den Höhlen heraus und waren von furchtbarer Starrheit.
Lady Ruth schmiegte sich fest an ihren Gatten, der neben ihr saß.
»Fürchte dich nicht, mein Lieb!« flüsterte Francis ihr zu. »Du magst mir glauben, es geht alles mit rechten Dingen zu. Wir folgen der interessanten Darstellung eines Gauklers, nichts weiter.«
In demselben Moment rang sich über die Lippen des Thronfolgers ein heiserer Schrei.
Von der Wand her war ein schräges weißes Licht auf das Podium gefallen, und gerade dort, wo dieses das schwarze Tuch desselben berührte, erhob sich jetzt eine schattenhafte Gestalt.
Diese war keineswegs weiß, wie man sich Geister gewöhnlich vorstellt, nein, grau, wie aus Nebel gewoben; aus Dunst und Hauch schien sie zu bestehn. Aber in wenigen Minuten verdichtete sich die nebelhafte Gestalt, so daß dieselbe immer deutlicher wurde. Ein Körper war es, bekleidet mit schwarzem Wams, mit Pluderhosen und hohen Reitstiefeln, und diesem Körper fehlte der Kopf.
»König Karl von England, ich grüße dich!« rief Svengali mit gepreßter Stimme.
Die Nebelgestalt erhob die Hand.
»Antworte mir, Geist des edlen Königs!« rief Svengali weiter. »Bist du in jenen Sphären, in denen du jetzt weilest, demjenigen begegnet, der dir hier auf Erden so wehe getan hat?«
Der Geist antwortete nicht. Svengali begann zu bitten, zu flehen, zu weinen, zu schluchzen, er geriet in Verzückungen. Aber der Geist zerfloß langsam vor den Blicken der Zuschauer in Nebel.
In demselben Augenblick, in welchem der Geist auf dem Podium nicht mehr zu sehen war, flammte das rote Licht über dem Haupte des Italieners wieder auf.
Alle Anwesenden waren tief ergriffen. War dies ein Gaukelspiel, so war es doch mindestens sehr geschickt, daß man auf das höchste interessiert werden konnte. Indes fand sich unter den vierzig Gästen Lord Chesterfields kaum einer, der an Gaukelei dachte und nicht überzeugt war, daß man es hier wirklich mit übernatürlichen Dingen zu tun hätte.
Lady Chesterfield, die Dame des Hauses, wünschte den Geist ihrer verstorbenen Mutter zu sehen.
Diesmal mußte Svengali länger beschwören, aber schließlich erschien auf dem Podium wieder eine Gestalt, die jedoch ganz weiß war.
»Der Geist Ihrer Mutter ist da, Lady Chesterfield!« rief Svengali aus. »Richten Sie an ihn eine Frage!«
Die Lady war indes so tief ergriffen, daß sie anfangs kein Wort hervorstoßen konnte. Endlich raffte sie sich zu der Frage auf:
»Hast du, teure Mutter, auch im Jenseits mir deine Liebe bewahrt?«
Der Geist blieb stumm.
»Fragen Sie noch einmal, wenn ich bitten darf, Mylady!«
Die Lady wiederholte ihre Frage. Aber der Geist schüttelte nur traurig das Haupt, und als sie zum dritten Male eine solche an ihn richtete, verschwand er.
Der Oberrichter Lord Courzon bat jetzt Svengali, einen gewissen Tom Hewkins zu zitieren.
Dieser Tom Hewkins war kürzlich unter dem Vorsitze des Lordoberrichters zum Tode durch den Strang verurteilt worden, weil er einen abscheulichen Mord an seiner Gattin vollführt haben sollte.
Man beschuldigte ihn nämlich, seine Frau durch das Fenster des dritten Stockwerkes seiner Wohnung auf das Pflaster geschleudert zu haben, während er behauptete, daß seine Gattin - allerdings nach einem heftigen Streite mit ihm - sich freiwillig aus dem Fenster auf die Straße geworfen hätte, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.
Tom Hewkins hatte bis zum letzten Momente hartnäckig seine Unschuld beteuert, ja selbst als der Henker von London ihm den Strick um den Hals gelegt, hatte er noch ausgerufen:
»I am innocent! - Ich bin unschuldig!«
Der Geist Tom Hewkins ließ sich ziemlich lange bitten, bis er das Jenseits verließ, um sich noch einmal auf dieser schönen Welt zu produzieren. Er wollte und wollte nicht kommen, und es bedurfte der ganzen Kraft Svengalis, ihn herbeizuziehen.
Doch plötzlich stand Tom Hewkins zum Entsetzen aller Anwesenden, von denen einige der Hinrichtung beigewohnt hatten, leibhaftig vor ihnen auf dem Podium.
Bei diesem Geist konnte man sogar ganz genau die Gesichtszüge unterscheiden. Es war das hagere, eingefallene Gesicht eines zum Tode Verurteilten, mit verzerrten, ganz stieren Augen; genau so hatte Tom Hewkins ausgesehen, als er zum Galgen geführt worden war.
Lord Courzon standen große Schweißtropfen auf der Stirn. Er vermochte kaum seine Besinnung zu bewahren, und als Svengali ihn aufforderte, an den Geist eine Frage zu richten, schnappte er förmlich nach Luft, und es wäre ihm lieber gewesen, wenn der Hingerichtete dort geblieben wäre, wohin er ihn selbst geschickt hatte.
»