Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans Sebastopol.)
Erste Abtheilung:
Gaëta - Warschau - Düppel.
Dritter Band.
Königthum und Revolution.


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Aus den Abruzzen.

1. Die Osteria.

Südlich vom Fuciner See, dort, wo das Sabiner und Volsker Gebirge zusammenstoßen, erheben sich wilde, schluchtendurchbrochene Berge der Abruzzen bis zur Höhe von 4 bis 5000 Fuß im Monte de Quadri, Monte Calvone und Folcone. Die immergrüne Eiche und die Fichte reicht bis hoch hinauf an ihre Gipfel, schäumende Bergwässer drängen sich an ihren Seiten durch enge Thäler und eilen zum See oder vom westlichen Abhang nach dem Meer, und am Fuß der Gebirgskette, oder vielmehr in dem breiten Thal, das der Garigliano bildet, zieht sich die Straße, welche von der italienischen Ostküste, von Ancona und Ascoli kommt, bei letzterem Ort aus dem Kirchenstaat tretend und in großen Windungen der Gränze der Sabina folgend, nach der westlichen Küste, nach Gaëta und Neapel.
Diesen Weg hatten die italienischen Truppen des General Cialdini eingeschlagen, um nach dem Kampf von Castelfidardo und der verrätherischen Einnahme von Ancona von Norden her die Verbindung mit der Armee Garibaldi's und dem Belagerungscorps vor Capua zu bewerkstelligen.
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Nur die ganz bestimmten Erklärungen des französischen Ober-Befehlshabers im römischen Gebiet hatten das Eindringen in die Comarca und Campagna verhindert und die sardinischen Generale bewogen, den beschwerlicheren Weg durch die Abruzzen zu nehmen und zu besetzen.
Es war an einem November Nachmittag, gegen Ende des Monats, als vor der Osterie des kleinen Fleckens Balzorano unter der Veranda zwei sardinische Offiziere bei einer Foglietta des dunklen Weins von Orvieto saßen, in lebhafter Unterhaltung den Rauch ihrer Cigarren in die heitere klare Luft blasend. Obschon die Jahreszeit vorgeschritten und der Ort ziemlich hoch über der Meeresfläche lag, war die Luft doch mild und angenehm, und die sonneverbrannte Kinderschaar, die auf dem Platz vor der Osteria spielend umherlungerte, bald die beiden Offiziere angaffend, bald den Posten unterm Gewehr, der vor einem gegenüberliegenden kleinen Gebäude auf und nieder schritt, schien weder Mütze noch Schuhwerk für nöthig zu halten. Auch ein junges Mädchen, das nur einige Schritte von der Veranda auf einem Stein saß und ein Kind schaukelte, trug nur die gewöhnliche leichte Kleidung des Landvolks der Campagna, war aber so ganz mit seiner Aufgabe beschäftigt, daß es auf nichts Anderes umher achtete. Die Donzella mußte entweder der Familie des Wirths oder zu einem der Nachbarhäuser gehören.
Das kleine Gebäude, das wir bereits erwähnt, war eine unbedeutende, aus Stein erbaute Kapelle, der heiligen Jungfrau geweiht, wie das Bild über dem Eingang zeigte. Das kleine sardinische Truppen-Kommando, das sich im
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Flecken einquartirt, schien aber wenig die Heiligkeit des Orts respektirt zu haben, vielmehr denselben jetzt zu sehr profanem Zweck zu brauchen, wie die Wache vor der Thür und von Zeit zu Zeit das Erscheinen eines stark bebarteten Manneskopfs an einem der beiden kleinen stark vergitterten Fenster der Kapelle bewies.
Der Gefangene rauchte eine jener langen, schlechten Strohcigarren, mit denen Italien überschwemmt ist, und schien nach dem ruhigen, sorglosen Ausdruck seines Gesichts, wenn es an dem Gitter erschien, sich wenig Kummer um seine Lage zu machen. Nur ein sehr scharfer Beobachter hätte bemerken können, daß er zuweilen einen schnellen, scharf beobachtenden Blick auf die umherschlendernden Soldaten warf und ein oder zwei Mal, wenn er sich ganz unbelauscht wußte, einen solchen Blick und einen kleinen Wink mit dem Mädchen, welches das Kind wartete, tauschte.
Das Kommando, das hier Quartier genommen, bestand aus etwa fünfzig Mann Infanterie und etwa einem Dutzend Bersaglieri, die sich sehr vortheilhaft in ihrer ganzen militairischen Haltung und ihrer Aufmerksamkeit auf Alles von den Infanteristen unterschieden. Viele der Letzteren trieben sich in dem Hof des Gehöftes oder auf der Straße umher, lungerten auf den steinernen Bänken, oder versuchten mit den Dirnen zu scherzen, die an einem von dem Bergwasser gespeisten Brunnen ihre Krüge und Kannen füllten.
Die Aussicht, die sich von der Veranda aus den beiden Offizieren bot, war eine zwar beschränkte, aber höchst romantische. Die Biegung der Straße nach Norden, die über
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Avezzano nach den Ufern des See's geht, verlor sich zwischen den wenigen Häusern des kleinen Fleckens. Man sah dort einen Wachposten ausgestellt, ebenso wie auf dem Weg nach Sora. Hohe Felsengruppen, um welche er sich wand, versperrten hier die Aussicht, darüber hinaus und vor ihnen aber thürmte sich der Gebirgszug des Calvone in rauhen Formationen terrassenartig auf, bis zur Höhe des Turchio und Folcone, über die im Süden der mächtige Gipfel des 6800 Fuß hohen Meta hinaus ragte.
Die beiden sardinischen Offiziere, von denen der eine die Uniform der Infanterie, der andere die eines Cavalerie-Majors trug, waren beide noch junge Männer, höchstens zu Anfang der Dreißige. Der Infanterist war groß, schlank, mit hübschen nur etwas verlebten Zügen, doch bewies die Farbe seines Gesichts, das blonde Haar und der gleiche Schnurrbart, daß er einer nordischeren Heimath angehörte, als der andere, der ganz den Typus eines Italieners und auf seiner Uniform neben einem sardinischen Orden und dem Croix d'honneur die Krim-Medaille trug, also schon zwei blutige Feldzüge mitgemacht hatte.
»Es war in der That liebenswürdig von Ihnen, Herr Graf,« sagte der Deutsche, denn ein solcher war der Infanterist und zwar, wie sich aus dem Verlauf des Gesprächs ergab, ein Preuße, »daß Sie sich hier herauf in dieses Raub- und Bergnest bemüht haben, um einen alten Freund aus besseren Tagen zu besuchen. Ah - beim Himmel! denken Sie noch an unsere kleinen Soupers mit den Ratten vom Ballet, damals bei Borchardt oder im Helgoländer
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Keller, und welches tolle Vergnügen wir auf dem letzten Maskenball bei Kroll hatten?«
»Ich habe die kleine schwarze Luisa nie vergessen!«
»Sie hat einen Bankier geheirathet - er war bis über die Ohren in sie verliebt und hatte dreimalhunderttausend Thaler!«
»Es sind Erinnerungen, wie sie uns nicht wiederkommen, mir aber zwischen all dem Blut und Elend, das ich seitdem gesehen, als heitere Blumen im Gedächtniß geblieben sind, die ich gern noch einmal pflücken möchte. Aber die leidige Politik der großen Herren läßt uns seit 6 Jahren nicht mehr zur Ruhe kommen. Als ich als Attaché unserer Gesandtschaft Sie damals in Berlin kennen lernte, war ich sechsundzwanzig Jahr und hatte noch kein Pulver gerochen, während ich jetzt Balaclava und Inkermann, Solferino und Castelfidardo hinter mir habe und kaum noch weiß, wie Esbouquet und Patschouli duften!«
»Aber Sie haben Carriere gemacht, Sie sind Major!« sagte der Andere betrübt.
»Cospetto - lassen Sie sich das nicht anfechten, wenn Sie auch einstweilen nur Oberlieutenant bei unserer Infanterie sind. Ich hörte unten in Sora, daß Sie Ihren Posten hier vortrefflich ausfüllen und sich schon ganz gegen die Kanaille acclimatisirt haben, hoffe also nächstens, Sie als Kapitain zu begrüßen. Die strenge Ordnung, die Sie im Preußischen Dienst gelernt haben, kommt Ihnen hier zu Statten, denn - beiläufig - es ist nicht viel Zucht unter uns, seit wir mit diesen Rothhemden Schulter an Schulter fechten. Dergleichen Verzögerungen des Avancements
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kommen immer vor beim Uebertritt in eine andere Armee und überdies würden Sie in Berlin kaum einen höheren Grad haben.«
»Aber ich stand bei der Garde!«
»Und - corpo di Baccho! ich weiß, was das heißen will. Ihre Garde ist eines der angenehmsten Corps, munter und Geld genug, wenn es auch von den Halsabschneidern kommt, und seit dem Tode Ihres Polizei-Präfekten nicht mehr in irgend welchen Vergnügungen beschränkt. Freilich muß man es nicht so toll treiben, wie Sie es gethan und in das Gebiet der hohen Diplomatie übergreifen!«
»Verdammt sei die Geschichte, und Sie können noch dazu lachen!«
»Per Baccho - es muß allerdings lächerlich genug gewesen sein, das Gesicht dieser fille de marbre oder Marmorbraut, wie Ihre Landsleute sie nannten, zu sehen, als Sie so plötzlich in das Kabinet hineindrangen, die Champagnergläser in der Hand und das Pärchen im Tête à Tête störten. Sagen Sie, amico, was zahlten Sie dem Kellner für die offene Thür?«
»Zwei Friedrichsd'or! daß sie ihm der Teufel gesegne!«
»Und erst der Marquis, als er in Ihrer Mitte seine alte Flamme, die Louis erkannte. Ich hörte, er habe sich von ihren absonderlichen geheimen Reizen nicht trennen können und sie nach Wien nachkommen lassen. Bitte, erzählen Sie mir noch einmal den kleinen Scandal!«
Der ehemalige Garde-Offizier wußte nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Klüglicher Weise that er das Erstere. »Die verdammte Lorette,« sagte er, »hatte den
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ganzen Streich aus Eifersucht angestiftet und, wir waren einfältig genug, hinein zu fallen, vor Allem ich, den sie im Stich ließen, nachher, als sie Unrath merkten. Der Marquis hatte zwar die Maske vorgenommen, als ich ihm den Nasenstüber applicirte, aber Einer oder der Andere muß ihn doch vorher erkannt haben. Kurz und gut, der Sylvesterball bei Kroll hatte die Folge, daß Frankreich seine Gesandten wechselte und ein gewisser Garde-Lieutenant seinen Abschied nehmen mußte. Es hat schon um geringere Dinge Krieg und Frieden gegeben. Denken Sie gefälligst an die Handschuhe und das Glas Wasser der Herzogin von Marlborough!«
»Und wie kamen Sie auf die Idee, in der sardinischen Armee Dienste zu nehmen?«
»Die Erklärung ist leicht. Unser Gut ist Majorat und ich bin nicht der Erbe. Ueberdies wissen Sie, daß ich - wenn ich auch etwas toll gelebt habe, - mit Leib und Seele Soldat bin. Ich dachte an Amerika - auch an den Eintritt in die päpstliche Legion. Aber ich bin Protestant und die Sache war von vorn herein eine verlorene. Zufällig hatte meine Mutter einige Verbindungen am sächsischen Hofe oder vielmehr bei der Frau Herzogin von Genua, und durch diese erhielt ich eine dringende Empfehlung an Ihren Kriegsminister, wobei mir das Italienisch, das ich als Knabe von unserem alten Koch lernte, zu Statten kam.«
»Ich freute mich aufrichtig,« sagte der Major, seinem kaum zwei Jahre jüngeren Kameraden die Hand reichend, »als ich durch Ihren Brief in Florenz von Ihrem
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Eintritt hörte und erkundigte mich sogleich nach Ihnen, als ich fand, daß Ihr Regiment in Sora stand. Es ist Schade, daß wir nicht schon vor Ancona zusammen getroffen sind. Wo ich Ihnen irgend gefällig sein kann, dürfen Sie auf mich zählen!«
»Dann helfen Sie mir, daß ich von diesem verdammten Kommando erlöst werde und zu dem Belagerungscorps vor Gaëta komme. Es ist wahrhaftig kein Vergnügen, hier den Straßenwächter zu spielen gegen Räuber und Banditen!«
»Briganten, lieber Freund, - beleidigen Sie die Brigantaggia nicht! überdies sind Sie sehr ungalant, denn wie ich höre, haben Sie das Glück, einer weiblichen Ausgabe des Fra Diavolo gegenüber zu stehen.«
»Der Teufel ist bei Ihnen in die Unterröcke gefahren. In Gaëta kommandirt die junge Königin und macht Ihnen nach Allem, was ich höre, tüchtig zu schaffen; hier narrt mich irgend ein Satan von Weibsstück, von der man die seltsamsten Dinge erzählt und die das dumme Bauernvolk wie eine Heldin verehrt. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich sie nicht noch fange und ihr und ihrem Gesindel all' den Aerger auszahle, den es mir macht!«
»Sie soll jung und hübsch sein und nicht einmal eine Italienerin!«
»So sagt man. La capitana Maria, wie man sie gleich der Königin nennt - muß drei Teufel im Leibe haben, wenn nicht irgend ein Betrug dahinter steckt. So viel taktische Schlauheit, kecke Wagniß, Vorsicht und wahres Genie für den kleinen Krieg wären ein wahres Wunder
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für einen Weiberkopf. Bei aller Vorsicht, und obschon ich Tag und Nacht auf den Beinen bin, spielt die Bande mir doch hundert Streiche. Von ihren Felsennestern da droben« - er wies nach den Höhen des Monte Turchio - »scheint sie jede meiner Bewegungen zu belauschen und wenn ich die Bande zu fassen glaube, sind sie auf und davon und ich habe das leere Nachsehen! Erst vor zwei Tagen ist, keine Stunde von hier, auf dem Weg von Avezzano ein Transport mit Waffen aufgehoben und die ganze Bedeckung niedergemacht oder in die Berge geschleppt worden. Es wird eine gute Nase geben, aber der Henker hole es, ich kann nicht überall sein!«
»Man kennt Ihren Eifer und weiß, daß Sie sich keine Vernachlässigung zu Schulden kommen lassen. Aber ich glaube, die Gegend hier ist bourbonisch gesinnt und die beste Hilfe für das Brigantenwesen, das bereits auch in der Gegend von Neapel überhand nimmt. Wir haben Chiavone dort, der noch schlimmer ist wie Ihre Capitana Maria!«
»Wir sind wie verrathen und verkauft hier. Alle diese kleinen Orte im Gebirge sind durch die faule päpstliche und bourbonische Wirthschaft seit alter Zeit nicht viel besser wie Räubernester. Jeder Ziegenhirt, jeder Bauer ist ein Spion. In dem ganzen Flecken ist Nichts als offenbarer Widerwille gegen uns und wir müssen fast Alles, was wir brauchen, mit Gewalt erzwingen. Wenn die Zeitungen von dem Enthusiasmus erzählen, womit man uns als die Befreier von dem alten Druck und Schlendrian
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begrüßt, so lügen sie ärger wie eine Kartenschlägerin, das wissen Sie so gut wie ich!«
Der Major lachte. »Sie haben Recht! Ihnen gegenüber kann ich's immerhin sagen. Mindestens das Landvolk will verteufelt wenig von dem neuen Regiment wissen und was Neapel betrifft -«
»Nun?«
»Per Baccho - da haben wir mit dieser Camorra zu thun, die ein so zähes Leben wie eine Katze hat, und außerdem ...«
»Warum halten Sie hinter'm Berg, Signor Conte?«
»Nun, gerade heraus: noch mehr mit Herrn Garibaldi und seinen Rothhemden!«
»Unseren Verbündeten? den Pionieren des Königs?«
»Die dabei ihre eigenen Zwecke verfolgen und selber die Herren spielen wollen. Im Vertrauen, amico, die Wirthschaft in Palermo mit den Herren Garibaldi, Mazzini, Ledru-Rollin und Conforten ist nicht mehr zu ertragen und es wird nächstens zu ernsten Erklärungen kommen. Dieser ganzen Komödie und dem republikanischen Fieber muß ein Ende gemacht werden. Von unserem lieben Verbündeten in Paris, dessen Flotte Gaëta vor der unseren beschützt, der uns Venedig escamotirte, als wir es im vorigen Jahr so gut wie in der Tasche hatten, und der trotz aller Versprechungen an die ganze Welt aus Rom nicht weichen will, weiß man nie, was man zu halten hat! Aber genug von der Politik, kommen wir auf Ihre eigene Lage zurück. Warum suchen Sie nicht dieser Bande mit einem Schlage ein Ende zu machen und greifen sie
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direkt an, statt sich auf die bloße Sicherung der Straße zu beschränken?«
»Das ist erstens gegen meine Instruktion und zweitens gehörte dazu mindestens ein Bataillon, wenn nicht noch mehr, statt der halben Compagnie, den fünfzehn Bersaglieri und dem Dutzend Reiter, die ich zu meiner Verfügung habe.«
»So ist die Bande stark?«
»Die Leute hier sprechen von Tausenden, doch weiß ich aus sicherer Quelle, daß sie nur 100 Köpfe zählte, und das ist schon mehr als genug. Mein Ostiere - der Einzige von dem ganzen Gesindel hier, der zu unserer Sache hält und nicht bourbonistisch gesinnt ist, - versichert mich, daß dieser weibliche Teufel nur eine bestimmte Zahl Leute aufnimmt, obschon die Vagabonden ihr von allen Seiten zuströmen. Doch scheint wirklich die Bande zahlreicher, oder das Vermögen zu haben, sich zu vervielfältigen; denn es vergeht kaum ein Tag, wo nicht auf der Strecke von Avezzano bis Sora, die in zwei Etappen getheilt ist - viel zu wenig für den langen Weg! - irgend ein mit militairischer Geschicklichkeit geleiteter Angriff oder eine andere Teufelei verübt wird.«
»Und ist Ihnen diese bourbonische Pücelle noch nicht selbst zu Gesicht gekommen?«
Der Preuße wies mit seiner Cigarre nach einem bestimmten Punkt der Bergwand.
»Sehen Sie - dort über die Kapelle gerade empor die rothe vorspringende Granitwand! - Beim Teufel -
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sie haben richtig wieder die Frechheit gehabt, sich dort festzusetzen!«
»Wer?«
»Wer anders als diese Banditen! Blicken Sie hin - haben Sie die Wand?«
»Der röthlich schimmernde Vorsprung? Die Abendsonne beleuchtet ihn. Ich glaube, ein Gemäuer dort zu sehen.«
»Es ist ein alter halb verfallener Thurm. Mir war vor acht Tagen verrathen worden, - denn für Geld finden sich überall Verräther, und in diesem gelobten Lande fehlt es wahrhaftig nicht daran! - daß die Bande dort eines ihrer Hauptnester habe. Trotz des Verbots der Instruktion war die Gelegenheit zu lockend, mich durch einen Schlag zu revangiren und ich organisirte in aller Heimlichkeit eine nächtliche Expedition dahin. Unser Spion, der auch den Führer machte, brachte uns wirklich auf allerlei geheimen Wegen, die ich mir bestens gemerkt, bis an den Fuß des Felsens, und wir würden sicher das Nest überrumpelt und ausgenommen haben, wenn nicht einem meiner Leute das Gewehr losgegangen wäre und uns so ihren Posten verrathen hätte.«
»Und dann?«
»Nun dann ging das Geknatter los! aus allen Felsenwinkeln begrüßten uns ihre verdammten Kugeln, und hätte ich nicht die wackeren Bersaglieri mit ihrem Sergeanten bei mir gehabt, der leider von einer der letzten Kugeln fiel, es würden schwerlich unserer viele zurückgekommen sein!«
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»Sie wurden also abgeschlagen?«
»Das gerade nicht. Wir gewannen wirklich die Höhe und erstürmten die Ruine! Aber fassen Sie das Gesindel bei Nacht, das mit allen Schlupfwegen vertraut ist. Was fanden wir? Ein niedergebranntes Feuer, ein Paar eiserne Pfannen und alte Decken und zwei erschossene Briganten, während sie auf und davon waren. Ich hatte das Doppelte an Leuten verloren und sechs Verwundete, so daß ich froh war, das alte Gemäuer zum Schutz zu haben, um mich bis zum Tageslicht halten zu können, bei dem wir ohne Resultat wieder abzogen.«
»Und sahen Sie bei dem Gefecht die Capitana?«
»Ich sah, als wir die Höhe der Felswand gewonnen und mit den Banditen fochten, in dem Gebüsch sich etwas bewegen, eine Gestalt es durchbrechen. Ich sprang zu und faßte danach, und auf Ehre - Sie wissen, ich verstehe mich auf dergleichen! - ich bin sicher, daß meine Linke einen Weiberrock ergriffen hatte, obgleich es an der Stelle so dunkel war, wie auf den berliner Straßen, wenn Mondschein im Kalender steht!«
»Sie hielten sie fest?«
»Kaum einen Augenblick. Es blitzte vor meinen Augen, ein Terzerolschuß knallte und das Pulver versengte mir die Brauen, während die Kugel mir das linke Ohr blutig riß, da - sehen Sie noch! Im nächsten Moment war meine Beute entwischt und ich hatte genug zu thun, mich gegen einen Burschen zu wehren, der sich mehr wie ein Fechtmeister schlug, als wie ein Bandit, und sicher ein französischer Soldat war, denn er stieß einen furchtbaren Fluch
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aus, als ich ihm endlich durch die Parade schlug und ihm meinen Säbel in die Rippen stieß!«
»Konnten Sie nach dem Gefecht sich nicht an dem Todten davon überzeugen?«
»Ich weiß nicht, ob er todt oder verwundet war, so viel aber weiß ich, daß keine Spur mehr von ihm gefunden wurde, außer der Blutlache, als wir endlich Herren des Platzes waren. Aber genug von der verunglückten Geschichte, die noch ein besonderes Nachspiel hatte; denn am zweiten Morgen darauf fand man den Mann, der unseren Führer gemacht und der hier im Orte wohnte, mit einem tüchtigen Messerstich gerade durchs Herz todt auf der Schwelle seines Hauses. Aber, was ich sagen will - haben Sie den Rauch bemerkt, der an der Seite des Thurms emporkräuselt?«
»Veramente - Sie haben Recht!«
»Ich habe ein scharfes Auge - Gott sei Dank, hat es mir der Kneifer nicht verdorben, da ich nur Fensterglas trug! Die Schurken haben also die Frechheit gehabt, trotz der erhaltenen Lection wieder ihr Quartier dort aufzuschlagen.«
»Es wäre zu verwegen, sie noch einmal dort anzugreifen - sie werden diesmal wachsamer sein!«
»Und bei Gott, ich will es dennoch thun, so wahr ich ein brandenburger Junker bin! Ich habe bei den Streifereien einen Weg entdeckt, der mich von einer anderen Richtung dahin führen kann. Als guter Jäger habe ich ein Auge dafür. Ich werde, sobald Lieutenant Morelli mit den Dragonern zurück ist und ich den Spitzbuben da
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drüben nach Sora transportiren lassen kann, um einen Succurs bitten, und dann die Bande bei Tage angreifen.«
»Wer ist der Gefangene dort?«
»Er will aus einem der Dörfer des Gebirges sein, aber ich habe starken Verdacht, daß er ein Spion ist oder gar zu den Briganten gehört. Eine Patrouille der Bersaglieri fing ihn etwa zwei Stunden vor Mittag in der Richtung von Trevi auf, und als der Kerl sah, daß er ihren Büchsen nicht entgehen konnte, setzte er sich kaltblütig an den Rand der Schlucht nieder, die sein Entkommen hinderte, und die Leute sahen, daß er ein Papier aus der Tasche zog, in kleine Stücke zerriß und diese in den Abgrund zerstreute.«
»Befrugen Sie ihn nicht darüber?«
»Er log mir mit merkwürdiger Frechheit Etwas vor und behauptete, es sei ein Ablaßzettel gewesen, den er nicht in die Hände der Ketzer habe fallen lassen wollen, was doch alle Piemontesen als Feinde des heiligen Vaters wären. Der Kerl trieb offenbar seinen Spott mit uns und deshalb hielt ich ihn fest!«
»Und kennt ihn Niemand hier?«
»Das ist's, was mir die Sache noch verdächtiger macht. Niemand will ihn kennen, obschon er behauptet, aus dem Gebirge zu sein. Selbst Giuseppe, mein Ostiere1 erklärt, ihn nicht zu kennen, aber -«
»Nun? Sie machen mich neugierig!«
»Einer der Soldaten behauptet, sein Gesicht wieder
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zu erkennen und es unter sehr seltsamen Umständen in der Nacht vor der Schlacht von Castelfidardo in einem Casale unfern des Orts gesehen und später gehört zu haben, daß der Mann sich als ein päpstlicher Spion erwiesen hätte.«
»Das ist allerdings bedenklich! Und was meinen Sie mit ihm zu thun?«
»Ich habe Vollmacht, dergleichen zweifelhafte Bursche, die sich nicht ausweisen können, aufhängen zu lassen - aber ich bin Soldat und kein Henkersknecht und dergleichen Exekutionen widerstehen mir. Ich denke ihn noch heute oder spätestens morgen früh mit einer Escorte und dem Mann, der ihn erkannt haben will, nach Sora zu schicken und dem Kriegsgericht die weitere Untersuchung zu überlassen.«
»Dann werde ich ihn da wiederfinden. Ich hörte allerdings von einem schlauen Streich, der General Cialdini dort gespielt worden sein soll, und es wäre merkwürdig - indeß es ist kaum anzunehmen - aber nach dem Geklingel der Maulthiere erhält unsere Osteria Besuch! Wer zum Teufel kann in dieser Kriegszeit noch auf dieser abgelegenen Straße reisen?«
Es war in der That der alte Kaleschwagen eines Vetturins, der auf dem Weg von Avezzano von zwei kräftigen Maulthieren gezogen die holperige Straße durch den Flecken entlang daher rumpelte, während der Kutscher lustig mit seiner Peitsche knallte und zu dem Mann neben ihm auf dem Bock schwatzte.
Der Wagen hielt gerade vor der Osteria und die
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beiden Offiziere sahen, daß er außer mit dem Diener auf dem Bock nur von einer Dame besetzt war.
Diese hatte den blauen Schleier, den sie über dem kleinen grauen Reisehut trug, zurückgeworfen. Die beiden Offiziere erkannten auf einen Blick, daß sie jung und schön war. Der weiße Teint ihres Gesichts, das schöne blonde Haar verkündete, daß sie wahrscheinlich eine Ausländerin war.
Die Offiziere hatten sich von ihren Plätzen erhoben.
Der Bediente war vom Bock gesprungen und mit dem Hut in der Hand an den Wagen getreten.
»Here is an inn of a good appearance, Mylady, will you alight here?« frug er.
»Ah - eine Engländerin!« sagte der Major - »ich hätte es mir denken können.«
Die Dame erwiederte einige Worte, die Jene nicht verstehen konnten, worauf der Diener sich umwandte, den Hut aufsetzte und mit den Händen in den Taschen seines langen Rocks auf die Offiziere zutrat.
[»]Seind you die Wirth von this Osterie?« frug er in gebrochenem Italienisch.
Der Ober-Lieutenant lachte ihm in's Gesicht. »Ich dächte,« sagte er auf Englisch, »das sollten Sie sehen, daß wir keine Herbergswirthe, sondern Offiziere sind. Der Wirth der Osterie ist nicht anwesend, aber hier kommt die Padrona.«
»Very well! ich danke Ihnen, Sir!« sagte der Diener erfreut. »Aber in diesem verteufelten Lande trägt Alles solche Narrenjacken, daß man Niemand unterscheiden kann.
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Kann meine Lady haben ein Apartement, um zu verweilen, bis dieser Schwätzer von Kutscher hat gefüttert seine Pferde, um zu fahren nach Sora?«
Die Hausfrau war in der That herbeigekommen und als ihr das Verlangen der Reisenden von dem Offizier verständlich gemacht worden, zuckte sie die Achseln. »Heilige Madonna, der Herr Offizier weiß am Besten, daß jedes Kämmerchen bis unter's Dach von den Herren Soldaten eingenommen ist, und daß Giuseppe und ich mit den Kindern in einem Verschlage schlafen. Es ist ein Elend mit dem Kriege, daß sich die Heiligen erbarmen mögen, denn man hat nicht einmal Gelegenheit, ein Paar Carlini zu verdienen.«
»Sagen Sie der Dame,« wandte sich der kommandirende Offizier zu dem Diener - »aber wer ist Ihre Lady, wo kommen Sie her und wo wollen Sie hin?«
»Damned, Sir - Sie sind sehr neugierig! Milady ist die Schwester von Master Horace Howard, Konsul Ihrer britischen Majestät in Neapel, und hat wegen Krankheit den Sommer und Herbst zugebracht in Arrezzano am See. Die Lady kehrt zurück zu ihrem Bruder, meinem Herrn. Wollen Sie unsere Papers haben? Sind Sie ein Gensd'arm oder ein Sbirr?«
»Es ist nicht nöthig, wenn Sie von Arezzano kommen,« sagte erröthend der junge Offizier. »Sagen Sie Ihrer Lady, daß allerdings schwerlich ein Zimmer in diesem Hause vacant ist, daß ich aber gern bereit bin, ihr das meine abzutreten, wenn sie ein Paar Stunden zu ruhen wünscht.«
Der Diener ging an den Wagen und berichtete seiner
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Herrin, die hierauf die Augen von dem Buch erhob, in dem sie bisher gelesen, ohne sich um die Ausführung ihres Auftrages zu kümmern, das goldene Lorgnon vor die Augen hielt und die Offiziere betrachtete.
»Oeffne den Schlag, John! ich will aussteigen!« Der Diener beeilte sich, zu gehorchen, aber als er der Dame behilflich sein wollte, kam ihm der Offizier zuvor, indem er galant die Stufen der Veranda hinunter sprang, mit einer Verbeugung zu der Kalesche trat und der Fremden die Hand bot.
»Erlauben Sie, Milady, daß ich den Wirth mache!«
»I thank you, Sir! ich bedarf keiner Hilfe!« Sie stieg langsam, den Arm ablehnend, aus dem Wagen und dann die Stufen der Veranda empor, wo die Wirthin ihr mit einem Schwall von Fragen und Anerbietungen entgegen trat.
Der Oberlieutenant schnitt diese mit der Wiederholung seines Anerbietens ab.
»Wer sind Sie, Sir? Sie sind mir nicht vorgestellt.«
»Ah - pardon! das ist wahr! Milady ...«
»Was?«
»Ich habe die Ehre, in Ermangelung eines Dritten, mich Ihnen als Herrn von Arnim, Oberlieutenant im zwölften Infanterie-Regiment Sr. Majestät des Königs von Italien vorzustellen.«
»Well, Sir!«
»Und erlauben Sie mir, Milady, Ihnen hier einen Freund, den Herrn Grafen Sismondi, Major im Generalstab, zu präsentiren.«
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»Well, Sir!«
Der Graf verbeugte sich, dem galanten Oberlieutenant den Faden der weiteren Unterhaltung überlassend, da er selbst nur wenig Englisch sprach.
»Ich hoffe,« fuhr der Preuße fort, »Milady werden jetzt nicht mehr anstehen, von meinem Anerbieten Gebrauch zu machen. Ich bedauere nur sehr, Milady nichts Besseres bieten zu können, als das ziemlich derangirte Zimmer eines Junggesellen.«
»John!«
»Milady!«
»Mein Buch!«
»Gleich, Milady!«
»Lege es dort hin, John, ich werde hier bleiben auf diesem Balkon!«
»Zu Befehl, Milady!«
»Cospetto, Freund Arnimio,« murmelte der Conte, »höflich ist sie gerade nicht!«
»John!«
»Milady!«
»Mein Flacon!«
Der Bediente ging nochmals mit sehr bedächtigen Schritten zu der Kalesche und holte das Verlangte.
Der Major hatte unterdeß wieder seinen früheren Sitz eingenommen, leerte zum Trost für die Behandlung sein Glas, und nahm seine Cigarre wieder zwischen die Lippen, die er fortgelegt.
»Sir!«
»Was beliebt?«
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»Ich glaube, Sie rauchen, Sir!«
»Yes!«
»Pfui, Sir - man raucht nicht in Gegenwart einer Lady!«
»Per Baccho - das ist wahr. »Excuse, Milady!« Jetzt war es der Oberlieutenant, welcher über die Abfertigung lachte.
»John!«
»Milady!«
»Hast Du den Vetturin gefragt, wann wir abfahren können?«
»Yes! - er will mindestens zwei Stunden Zeit haben, Milady!«
Sie sah nach der Uhr. Dann wandte sie sich zu dem Preußen. »Sir!«
»Milady!«
»Sie können sich setzen, Sir - ich erlaube es!«
»Ah!« Er nahm seinen Rohrstuhl wieder ein. Die Geschichte fing an, den beiden Offizieren wirklich Spaß zu machen, namentlich, da sich die Dame auch bei der näheren Betrachtung als jung und sehr hübsch erwies.
»Wie weit ist es nach Sora?«
»Acht Miglien, Milady!«
»Das verstehe ich nicht!«
»Zehn englische Meilen. Sie wollen noch diesen Abend nach Sora? Mit den abgetriebenen Pferden Ihres Vetturins werden Sie es schwerlich vor zehn Uhr erreichen!«
»Well!«
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»Und fürchten sich Milady nicht, bei Dunkel so allein unter den jetzigen Umständen zu reisen?«
»Warum?«
»Der Krieg hat manche Uebel im Gefolge. Keine Armee vermag zu hindern, daß Marodeure in ihrer Nähe sich herumtreiben. Ueberdies ...«
»Was?«
»Ueberdies haben wir da auch Briganten, welche die Gegend unsicher machen.«
»Briganten? was ist das?«
»Banditen, Milady, Räuber und Gesindel, das unter dem Vorwand, für den König Franz zu fechten, plündert und mordet.«
»Very well! Banditen! ich habe viel von Banditen gehört in Italien, aber ich habe noch nie einen gesehn, obschon ich Master Horace Howard, meinen Bruder, oft gebeten habe, mir einen Banditen zu zeigen!«
»Nun ich sollte meinen, in Neapel fehlte es an dergleichen Gesindel nicht.«
»Yes! yes! aber sie kommen nicht zu den Ladies. Also kann ich begegnen den Banditen auf der Straße nach Sora?«
»Teufel - Verzeihung! - wenn es Ihnen Spaß macht!«
»Ja, es würde mir viel Pleasure[Pleasure] machen!«
»Aber - Ihre Sicherheit Milady?«
»Bah! - dafür sind die Gensd'armen da! Mein Bruder würde sofort Beschwerde führen in London!«
Der Offizier lachte. »Das würde allerdings von
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ausgezeichneter Wirkung sein, indeß wahrscheinlich etwas zu spät kommen.«
»Warum sprechen Sie immer allein?« frug plötzlich die Dame sehr naiv. »Warum spricht dieser Herr nicht?«
»Der Herr Graf beneidet mich gewiß schon lange um das Vergnügen dieser Unterhaltung,« sagte der Offizier sarkastisch, »aber er spricht das Englische nicht sehr geläufig!«
»Ah - er ist also kein Gentleman?«
»Verzeihung, Milady!« der junge Offizier brach in ein herzliches Gelächter aus.
»Was zum Teufel sagte sie?« frug der Major, der dem Gespräch nur unvollständig gefolgt war.
»Sie meint, Sie wären kein Gentleman, da Sie nicht Englisch sprächen!«
»Cospetto - das ist stark! Wenn sie nicht so hübsch wäre, könnte ich ihr eine Impertinenz sagen. Sie sind immer ein glücklicher Kerl gewesen bei den Frauenzimmern, Kamerad!«
Die Dame wandte sich wieder an ihn. »Kann er vielleicht Französisch sprechen?« frug sie mit einem schauderhaft englischen Accent der pariser Sprache.
»Ich stehe zu Befehl, Madame,« bemerkte der Major selbst, »und hoffe Ihnen zu beweisen, daß ich Gentleman bin, auch wenn ich Ihre uns Italienern etwas schwere Sprache nicht so geläufig rede wie mein Herr Kamerad.«
»Wuyi! wuyi! ich spreche ser gern und ser kut französisch! - Saken Sie mir, Monsieur, was suaind das tort für ein Gebäude?«
Die Lady saß so, daß sie die Kapelle im Auge hatte.
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»Eine jener Kapellen, Madame, der heiligen Jungfrau geweiht, wie Sie deren tausende in Italien finden!«
»Sertenement! aber es steht eine Schildwach davorr. Warum steht die Schildwach davorr?«
»Der Raum muß einstweilen als Gefängniß dienen. Wir haben einen Burschen dort eingesteckt!«
»Einen Dieb?«
»Einen Dieb, oder Schlimmeres! wir haben Verdacht, daß der Kerl ein Spion oder Brigant ist!«
»Ein Bandit?«
»Wahrscheinlich - es ist wenig Unterschied zwischen einem Briganten und einem Banditen!«
Die Lady hatte sich erhoben - »Ihren Arm, Monsieur!« der arme Oberlieutenant schien ganz in das Hintertreffen ihrer Beachtung gekommen.
»Was befehlen Madame?« fragte galant der Major, jetzt seinerseits dem Freund einen triumphirenden Blick zuwerfend.
»Ich will sehen den Banditen! Führen Sie mich zu dem Banditen! Er muß sein trèss interessantt!«
Der Major vom Generalstab machte ein etwas verduztes Gesicht bei der unerwarteten Forderung der Lady, aber der Oberlieutenant lachte so malitiös, daß er die Achseln zuckte und das Sprüchwort: Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten! auf Italienisch murmelnd die junge Dame wirklich die Stufen der Veranda hinab führte.
Lieutenant von Arnim folgte ihnen.
Die Lady schritt gerade auf die kleine Kapelle zu, vor
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welcher der Soldat Wache hielt. Zufällig befand sich der Gefangene nicht am Gitter des Fensters.
»Ich will sehen den Banditen, Munsieur! Zeigen Sie mir Ihren Banditen!«
Der Major schlug mit der Säbelscheide an das eiserne Gitter. »He Bursche, steht einmal auf, kommt hierher!« befahl er in italienischer Sprache.
Am Gitter erhob sich das Gesicht des Mannes, das man schon vorhin häufig dort bemerkt hatte.
Der Gefangene schien etwa vierzig Jahr alt zu sein, hatte eine Habichtsnase und scharfe dunkle Augen. Den unteren Theil des Gesichts bedeckte ein schwarzer Bart. Er trug den Hut und - so weit man die kräftige Gestalt sehen konnte, die Tracht der Gebirgsbewohner.
Das Licht des scheidenden Tages fiel auf die Dame und ihren Begleiter, hinter welche neugierig der englische Diener getreten war.
»Was beliebt, Excellenza?« frug der Gefangene.
»Ei, Mann, hier ist eine Dame, die gern einmal sehen wollte, wie ein Kerl aussieht, ehe er gehangen oder erschossen wird; denn das wird zweifelsohne Euer Loos sein, ehe der morgende Tag vorüber ist!«
Der Gefangene warf einen scharfen Blick auf die Lady, die ihn durch ihr Lorgnon unverwandt anstarrte.
Ein leichter Spott zuckte um den Mund des Mannes. »Ich hätte nicht gedacht,« sagte er achselzuckend, »daß eine so schöne und junge Signora so grausam sein könnte, an dem Unglück eines Mannes Gefallen zu finden, der so unschuldig ist an dem schlimmen Verdacht, wie sie nur
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selbst sein kann. Ich hoffe Signor, man wird Gerechtigkeit üben und mich meiner armen Familie wiedergeben, die droben im Gebirge wohnt. Drei hungernde Kinder, Excellenza, und eine blinde Mutter! - Unterdessen ...«
»Was wollt Ihr?«
»Unterdessen wäre es doch grausam, wenn man - ehe ich erschossen oder freigegeben werde, wie es nun eben der Wille der heiligen Jungfrau ist, - wenn man mich bis dahin hier verschmachten lassen wollte. Ich habe seit dem Morgen, seit ich von Meta fortging, nicht einen Bissen Brot genossen und keinen Trunk gethan. Ein Topf Milch würde mir ein Labsal sein!«
»I thank you, Sir!« sagte die Lady, sich umwendend, »ich habe genug gesehen den Banditen, aber ich versteh' nicht, was er sagt.«
Der Major führte sie wieder zu ihrem Platz zurück, und übersetzte ihr die Worte, während der Oberlieutenant noch einen Augenblick zurückblieb und dem Mann verhieß, er werde sorgen, daß er einige Nahrung bekomme.
»Milch? warum soll der arme Mann nicht Milch haben? - John!«
»Milady!«
»Rufen Sie die Wirthin.«
Die Padrona erschien.
»Fragen Sie die Frau, ob sie frische Milch hat, und ob ich sehen kann, daß sie frisch kommt von der ... wie nennen Sie das, Sir?«
»Vaccha, - Madame!«
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»Von der Vaccha! ich will gehn in Ihre Milchkammer!«
Die Offiziere übersetzten lachend der Ostessa2 das Verlangen der Engländerin.
»Heilige Madonna, was diese vornehmen Damen für Einfälle haben. Die Kammer ist leider leer genug, aber ich habe zum Glück vor einer Stunde die Ziegen gemolken, eine Kuh haben wir schon lange nicht mehr! - Wenn's der Signora beliebt!« setzte sie mit einem ländlichen Knix hinzu.
Die Lady winkte ihr, voran zu gehen und folgte dann mit steifen Bewegungen in das Innere des Hauses.
»Per Baccho,« sagte lachend der Major, als er bemerkte, daß Master John zurückgeblieben war, »ich möchte eine Maus sein, um zu hören, wie die Beiden sich verständigen. Aber hübsch ist sie, bei all' ihren englischen Schrullen, das muß der Teufel ihr lassen!«
»Auf Ehre - sehr hübsch!«
»Ich glaube gar, Herr Kamerad, Sie haben schon wieder Feuer gefangen!«
Der Oberlieutenant seufzte. »Es ist der erste vernünftige Teint, den ich seit vier Wochen zu Gesicht bekommen. Haben Sie je ein schöneres blondes Haar gesehen? Und einen Mund - zum Küssen! Auf Cavalier-Parole - wenn die Dame nicht so abweisend wäre und länger hier bliebe, könnte ich mich ernstlich in sie verlieben.«
»Damit Ihnen die Gefahr aus den Augen gerückt
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wird, amico, werde ich die Dame, wenn sie weiter fährt, escortiren!«
»Wahrhaftig - ein Freundschaftsstück! Der Henker hole den Dienst, der mich hier bindet, sonst ließe ich mir's wahrhaftig nicht nehmen. Ich möchte nur wissen, wo Lieutenant Morelli mit den Reitern bleibt. Die Sonne ist am Untergehen!«
»Da kommt die Signora!«
Die Padrona war der Engländerin durch die Küche, welche nach Landessitte den Wohnraum der Familie und bei ungünstigem Wetter den allgemeinen Aufenthalt bildete, gefolgt. Im Vorbeigehen nahm die Frau Krug und Glas von der Heerdwand und öffnete dann die Thür eines Verschlages, der auf der einen Seite Wirthschaftsgeräthe und darunter den Milchbehälter, auf der anderen Seite den jetzt nur von einigen Ziegen besetzten Kuhstall enthielt.
»Wenn die Signorina sich denn mit Gewalt selbst bemühen wollen - hier ist mein Milchvorrath!«
»Die Lady hatte die Thür in der Hand und schloß sie langsam. Ihr Auge überflog den Raum - sie war allein mit der Padrona.
Im Nu veränderte sich ihr bisher so steifes abstoßendes Wesen.
»Kann uns hier Jemand hören oder sehen?« frug sie leise in zwar nicht fließendem aber doch verständlichem Italienisch.
Die Ostessa sah sie erstaunt an. »Heilige Madonna, Signora - Sie reden also unsere Sprache?«
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»Still! Sieh her!« sie zeigte ihr einen Gegenstand. »Kennst Du dies?«
»Si, Signora - es ist der Schlüsselbund meines Mannes!«
»Giuseppe schickt ihn Dir. In seiner Lade liegt ein zweiter Schlüssel zur Kapelle.«
»Ja - ich weiß!«
»Du wirst den Schlüssel nehmen und ihn mit diesem hier« - sie zog aus dem Busen ein kurzes Stilet und reichte es der Wirthin, - »in die Hände des Gefangenen bringen.«
»Santa madre di Dio - das ist unmöglich, Signora - diese piemontesischen Ketzer passen auf wie die Teufel!«
»Wirf Beides in den Krug mit Milch, nimm ein Stück Brot dazu und bring es dem Gefangenen.«
»Agnola soll es thun - wenn sie es merken, bin ich verloren.«
»Gehorche - es ist der Befehl Deines Mannes!«
»Aber erklären Sie mir, Signora ...[«]
»Tacito e precauzione! Bring mir ein Glas mit Milch und merke auf!«
Sie öffnete die Thür des Stalles und kehrte in den Hausflur zurück.
»Nun Milady,« sagte der Offizier, »war unsere Wirthin im Stande, Ihre Wünsche zu befriedigen?
»Yes, Sir - Sie wird mir die Milch bringen, aber es ist nicht Milch von der Kuh!«
»Das bedaure ich freilich, Milady, aber die Gebirgsbewohner behelfen sich größtentheils mit Ziegen und Eseln.«
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Die Padrona trat unter die Veranda, in einer Hand einen irdenen Teller mit einem Glase, in der anderen einen Krug bis an den Rand mit Milch gefüllt tragend.
Die Lady wies auf den Tisch vor sich hin. »Sagen Sie der Frau, daß sie mir einige Schnitte Brot bringt.«
Die Ostessa hatte den Teller mit dem Glase auf den Tisch gesetzt - er klirrte in ihrer Hand. Die Lady nahm das Glas und hielt es ihr hin zum Einschenken. Hätten die Offiziere ihre Wirthin scharf beobachtet, so würden sie gesehen haben, wie ihre Hand zitterte, als sie dies mit Vorsicht that.
Lieutenant von Arnim wiederholte ihr den Wunsch der Reisenden. »Ihr könnt ein Stück Brot für den Burschen da drüben mitbringen,« sagte er, »der arme Teufel braucht wenigstens nicht zu hungern und zu dürsten, wenn's auch wahrscheinlich eine Henkersmahlzeit ist. Wenn er die übrige Milch da nicht mag, soll er auf meine Kosten eine Bottiglia Eures Weins haben.«
Die Wirthin stellte den Krug neben die Dame auf den Boden, dann entfernte sie sich und kam bald mit einem Laib Brot zurück.
»Erlauben Sie, Mylady,« sagte der Major galant, »daß ich Sie bediene!« Er schnitt einen Streifen des weißen Brotes ab und präsentirte ihr denselben. Der Oberlieutenant, um nicht zurückzubleiben, griff nach dem Krug. »Darf ich nochmals Ihr Glas füllen?« frug er.
»Mille merci, messieurs!« eine hastige Bewegung wehrte der Artigkeit, »ich trinke nicht mehr! Diese Milch von den - wie heißt Ziege auf Italienisch?«
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»Capra, Milady!«
»Von den Capra ist schlecht. Schicken Sie den Krug dem Banditen da drüben -«
»Es soll geschehen, Milady! Bringt Brot und Milch hinüber, Padrona oder ruft die Schildwach her!«
»Mit Eurer Excellenza Erlaubniß kann es die Agnola thun, meine Schwester, die dort müßig sitzt; ich habe die Polenta am Feuer. He - komm hierher, Agnola, und trage den Krug und das Brot dem Gefangenen hin!«
Das junge Mädchen, das noch immer mit dem Kinde am Eingang der Veranda gesessen und mit jenem, den Italienern eigenthümlichen Müßiggang der Ankunft des Wagens und den anderen Vorgängen zugesehen hatte, trat herzu und gab der Padrona das Kind.
Ein Blick derselben empfahl ihr Aufmerksamkeit. Sie griff nach dem Krug und dem Brot.
»Halt da!«
Die Lady erbleichte leicht.
»Nicht das Messer da, Schätzchen,« sagte der vorsichtige Offizier. »Wir haben dem Burschen da drüben heute Mittag das seine abgenommen und wollen ihm nicht dafür ein anderes geben!« Er zog das Tischmesser aus dem Brot, in dem es stecken geblieben, und reichte ihr dann das letztere. »So, Kind, und nun geh! - Olà sentinella!«
»Si, signor!« antwortete der Posten von der etwa sechszig Schritt entfernten Kapelle.
»Oeffnet die Thür und laßt dem Gefangenen Brot und Krug reichen, aber Niemand zu ihm!«
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Die junge Bäuerin schritt über die Straße hinweg nach der Kapelle, vor deren Eingang sich mehrere Kameraden der Schildwach mit dieser unterhielten, wozu der Gefangene am Gitter zuweilen ungenirt mit sein Wort gab. Auch der Vetturin der Dame hatte sich unter die Soldaten gemischt und plauderte mit ihnen. Die Annäherung des jungen Mädchens wurde von den Soldaten mit allerlei Späßen und Reden begrüßt, die sie jedoch keiner Antwort würdigte. Der Soldat auf dem Posten zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete damit die starke Eichenthür.
»Hier, Galgenstrick! Der Signor Uffiziale schickt Dir Dein Abendbrod! - Gieb ihm den Krug, Mädchen - so, das genügt! hinein darfst Du nicht; Du kannst ihn morgen zurückholen, wenn das Nest leer! - Zurück Bursche, oder ich stoße Dir das Bajonnet durch den Leib!«
»Cospetto, Landsmann, Du wirst einem ehrlichen Kerl doch erlauben, für die Gabe zu danken! Sie kommt gewiß von der schönen Signora da drüben,« fuhr der Gefangene am Fenster fort, denn die Thür war bereits wieder verschlossen, - »die Signori hätten schwerlich an die Bitte eines armen Teufels gedacht. Sage ihr tausend Dank, Kind, und mögen die Heiligen mit ihr sein!«
»Vorerst wird sie sich mit dem Signor Uffiziale begnügen müssen,« meinte lachend einer der Soldaten - »unser Oberlieutenant ist ein Teufelskerl - die Weiber laufen ihm alle nach! Aber ein braver Soldat ist er, das muß man ihm lassen, obschon er kein Piemontese ist.«
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»Demonio!« meinte der Vetturin - »Ihr Herren aus dem Norden thut, als hättet Ihr allein alle Tapferkeit verschluckt. Ihr müßt uns Neapolitanern auch etwas übrig lassen. Haben wir nicht den Bombino verjagt und Euch den Weg geöffnet?«
»Ja, als die Rothhemden kamen. So lange habt Ihr Euch von dem Ré Bombino und seiner Bombina mit Füßen treten lassen und Euere Evviva's dazu geschrieen. Die Neapolitaner sind Nichts als lumpiges Gesindel, und wenn Ihr zufällig auch ein Kind des heiligen Januarius seid, thut mir's leid um Euch, aber ist es darum nicht anders!«
»Wir wollen nicht streiten darum - die Tyrannen sind verzagt und es lebe der Ré gentilhuomo. Jetzt werden uns wenigstens nicht mehr die Pfaffen und der Steuererheber cujoniren! Aber ich glaube, man ruft mich!«
Es war in der That Master John, welcher nach dem Vetturin schrie.
»Ich dachte schon, wir würden hier über Nacht bleiben können,« meinte der muntere Kutscher, »aber diese ketzerischen Engländer haben kein Erbarmen mit dem armen Vieh. Nun Addio, Signori - und Ihr da hinter dem Gitter laßt Euch die Zeit nicht lang werden; schon Mancher, der des Abends hinter Schloß und Riegel saß, war Morgens ein freier Mann!«
Er trollte sich davon, ohne die Meinung des Soldaten über seinen letzten Trost abzuwarten, und erklärte Master John auf dessen Frage, daß die Maulthiere ihr Futter
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genommen hätten und die Weiterfahrt somit stattfinden könne.
Die Nacht war unterdeß hereingebrochen. Der Vetturin schien sich auch gar nicht mit dem Anspannen seiner Thiere zu beeilen, jedenfalls hatte er nicht solche Eile, wie der kleine barfüßige Stallbube, der gleich darauf das Gehöft verließ, an dem Posten im Süden vorbeischlich und dann im vollen Lauf seinen Weg nach dem Gebirge nahm. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bevor die Maulthiere eingespannt, die Laternen des Wagens angezündet und Lady und Diener eingestiegen waren.
Der Conte Sismondi hatte gleichfalls seine Pferde befohlen, und sein Reitknecht hielt ein schönes Halbblutpferd neben der Kalesche am Zügel.
Die beiden Offiziere standen jetzt am Schlage des Wagens.
»Milady,« sagte der Oberlieutenant, »nur der Umstand, daß der Herr Graf hier das Glück Sie zu begleiten hat, entbindet mich von der Pflicht, anderweitig für Ihren Schutz zu sorgen, da Sie darauf bestehen, noch heute Sora zu erreichen, wo Sie allerdings größere Bequemlichkeiten zum Uebernachten finden, als in dieser armseligen Herberge. Ich hoffe, daß, wenn das Schicksal mich nach Neapel führt, Sie mir erlauben werden, mich nach der glücklichen Vollendung Ihrer Reise und Ihrem Befinden zu erkundigen.«
»Sir, mein Bruder, der Consul, wird sich freuen, Sie bei sich zu sehen. Ich danke Ihnen für Ihre Sorge, aber Sie werden sehen, daß sie unnöthig ist, und ich möchte nicht, daß Munsieur hier sich unnütze Last macht.«
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Die beiden Offiziere erschöpften sich in galanten Betheuerungen, dann schwang der Major sich in den Sattel, der Vetturin ließ seine Peitsche klatschen und das Schellengeklingel der Maulthiere verkündete die Abfahrt der Reisenden.
Der Preuße blickte dem Wagen einige Zeit nach, dann stieg er wieder zu der Veranda empor, zündete seine Cigarre an dem Licht der Papierlaterne an, welche die Wirthin aufgehangen, und verfiel in Gedanken.
Diese sollten jedoch nur kurze Zeit währen, denn es waren kaum zehn Minuten seit der Abfahrt des Wagens vergangen, als von der andern Seite her Hufschlag erklang, und die unter dem Kommando des Unterlieutenants schon am Vormittag ausgesandte Reiter-Patrouille auf derselben Straße zurückkehrte, welche die Engländerin gekommen war.
Der junge Offizier sprang vom Pferde und während die Reiter - Karabiniers - absaßen, mit den Kameraden, die sich schnell um sie her sammelten, plauderten und sich fertig machten, ihre Pferde in die Ställe zu führen, erstattete der Unterlieutenant seinem Vorgesetzten Rapport.
Dieser reichte ihm zum Willkomm die Hand. »Wo zum Henker, Signor, sind Sie so lange geblieben? Ich erwartete Sie schon vor zwei Stunden zurück, da Sie bloß bis Roveto patrouilliren sollten. Sie haben unterdeß Viel hier versäumt, wir hatten Besuch.«
»Besuch?«
»Und noch dazu - wie Sie mir einmal sagten, ein entfernter Verwandter von Ihnen, - Major Graf Sismondi vom Generalstab!«
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»Ein Vetter meiner Mutter - das bedauere ich sehr!«
»Den schöneren Theil des Besuchs aber haben Sie gesehen, Sie müssen ihm begegnet sein.«
»Wem?«
»Ei, Sie haben doch sonst Augen für dergleichen! Der Kalesche einer jungen Engländerin, Lady Howard, die von Avezzano kam. Sie müssen sie auf der Straße getroffen haben und haben sie sicher ein langweiliges Examen bestehen lassen.«
»Perdono, Signor - aber ich habe keinen Wagen auf dem ganzen Ritt gesehen!«
»Zum Henker - kommen Sie denn nicht von Civitella di Roveto?«
»Nicht ganz direkt. Ich wäre schon vor zwei Stunden hier eingetroffen, wenn man uns nicht genarrt hätte.«
»Wieso?«
»Bei der Rückkehr - etwa zwei Miglien von hier - gab mir ein zerlumpter Bursche, den ich traf, und der mir sagte, er sei auf dem Wege zu Ihnen, die Nachricht, daß im Wirthshaus eines kleinen Dorfes im Gebirg der berüchtigte Bandit Tonelletto mit drei Gefährten zeche und ohne Gefahr überrumpelt werden könnte.«
»Tonelletto?«
»Ja, Signor, wir haben das Signalement des Spitzbuben und er ist uns, wie Sie sich erinnern werden, als einer der schlausten und kühnsten Parteigänger der Bourbons geschildert, auf dessen Kopf selbst die römische Polizei seiner vielen Verbrechen wegen tausend Scudi gesetzt hat.«
»Ha, nun erkläre ich mir die Verzögerung. Sie
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suchten ihn aufzuheben? Aber sie hätten mir Meldung davon senden sollen, um Sie zu unterstützen. Doch - einen Augenblick, Signor - wir dürfen den Dienst nicht vergessen, um so weniger, da wir solche Burschen in der Nähe haben. Wahrscheinlich hängt das mit dem Rauch an dem Thurm des Monte Turchio zusammen. He da - schickt mir den Caporale Antonio her!«
»Zu Befehl, Signor Luogotenente! ich bin hier!«
»Lassen Sie das Signal zum Abendappell geben und die Wachen für diese Nacht verdoppeln. Schärfen Sie ihnen besondere Wachsamkeit ein, ich habe Anzeichen bemerkt, daß unsere Freunde, die Briganti, wieder in der Nähe, und ich hätte Lust ... Lassen Sie die Mannschaften antreten! Und nun weiter in Ihrem Rapport, Lieutenant Morelli!«
Der Unterlieutenant war ein noch sehr junger Mann, kaum achtzehn Jahr, der offenbar eine große Meinung von seiner Klugheit hatte und den kleinen Verweis sehr übelnahm.
»Ich glaubte, keinen Mann von der Patrouille entbehren zu können, Siguor, um den Schurken zu erwischen. So begnügte ich mich, mir den Ort genau beschreiben zu lassen, dem Burschen einige Lire zu geben, und ihn mit der Meldung, daß ich auf dem Wege sei, hierher zu senden.«
Das Signal des Hornisten klang durch den stillen Abend.
»Der Teufelsbraten hat es vorgezogen, das Geld in seinen Schnappsack zu stecken und sich davon zu machen, wenn er überhaupt nicht von vornherein die Absicht gehabt hat, Sie zu täuschen, was mir sehr der Fall scheint.«
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»Ich glaubte, meine Pflicht zu thun, Signor - wir streiften bis binauf nach Trasacco am See, fanden auch die Bergschänke, aber keine Spur von dem Banditen. Er muß gewarnt worden sein und sich bei Zeiten aus dem Staube gemacht haben.«
»Ich denke vielmehr, daß Sie zu leichtgläubig gewesen sind dem Gesindel hier gegenüber, das uns verräth und verkauft. Ha - was war das?«
»Es klang wie ein Schuß -«
»In der Richtung von Sora - und nicht weit!« Er sprang aus der Veranda. »Da wieder - zwei - drei Schüsse - zum Henker! es wird der Engländerin und Ihrem Vetter doch kein Unheil passiren? Lassen Sie Allarm blasen!« Er eilte in das Haus zurück, seine Waffen zu holen - das Signal des Hornisten ging aus der gewöhnlichen Fanfare zum dringenden Allarmruf über. Von allen Seiten stürzten die Soldaten herbei.
»Die Pferde wieder aus den Ställen!«
Man hörte noch einige Schüsse, die kaum eine Miglie entfernt sein konnten. Eben als der Oberlieutenant mit Säbel und Revolver aus dem Hause trat, donnerte der wüthende Galopp eines Pferdes die Straße von Sora herauf und bog um die Felsenecke, wo der Posten stand, ohne auf dessen Anruf zu stehen.
Im nächsten Augenblick war der Reiter vor der Osterie.
»Zu Hilfe! zu Hilfe! Die Briganti!«
»Hier, Kerl - schrei nicht wie eine Memme! Was ist geschehen?« Der Oberlieutenant hatte die Ordonnanz des Majors erkannt.
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»Ueberfall, Signor! Die Briganti haben uns überfallen - sie plündern den Wagen! sie ermorden Alles!«
»Wo? wo?«
»Eine Miglie von hier - wo ein Weg links abgeht!«
»Und Dein Herr?«
»Er wehrte sich wie ein Löwe - ich sah ihn stürzen - mein Beistand wäre vergeblich gewesen!«
»Lichter an die Fenster!« befahl der Offizier. »Wo sind die Pferde?«
»Hier!« Die zwölf Reiter zerrten die von dem Patrouillenritt noch müden Gäule herbei.
»Aufgesessen. Nehme Jeder einen der Bersaglieri hinter sich auf die Kruppe!« Er warf die Ordonnanz des Majors mehr aus dem Sattel, als daß er sie absteigen ließ, und schwang sich hinein. »Lieutenant Morelli!«
»Signor!«
»Lassen Sie den Caporale Antonio sofort mit dem Rest der Bersaglieri und zwanzig Mann so eilig als möglich uns folgen. Lassen Sie die Mannschaft unter Gewehr, bis ich Botschaft sende und bewachen Sie den Gefangenen genau. Vorwärts, Leute, daß wir noch zurecht kommen!«
Er sprengte mit dem ausgeruhten Pferd die Straße hinab, die Reiter folgten ihm so gut es ging mit der doppelten Bürde.
Der Ritt dauerte etwa zehn bis zwölf Minuten. Als die Reiter mit ihrer Last an die Stelle kamen, wo der Ueberfall der Briganten statt gehabt, fanden sie ihren Offizier bereits an dem Wagen, der dort hielt, während die Maulthiere mit abgeschnittenen Strängen unruhig davor standen.
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Der Oberlieutenant war dicht zu der Kalesche geritten und hatte sich hinein gebeugt - sie war leer - weder von der Lady noch ihrem Diener war eine Spur zu sehen, die Unordnung, in der sich Alles befand, bewies, daß man den Wagen ausgeplündert. Auch von dem Major war Nichts zu erblicken, bis einer der Bersaglieri, der abgestiegen war, auf einen dunklen Gegenstand zur Seite im Schatten der Felsen aufmerksam machte, der stöhnend und wild um sich schlug.
Da es hier finster und der Mond eben erst im Aufgehen war, zündete einer der Soldaten einige Streichhölzer an und man erkannte bei dem flüchtigen Lichtschein in einer Blutpfütze das Pferd des Conte, von einer Kugel durch den Kopf getroffen.
»Aber der Graf? wo ist die Lady? selbst der Vetturin ist fort!«
Ein jammernder Ton antwortete ihm. »Hier, Signor Uffiziale! Der heilige Januario erbarme sich mein!«
»Zum Henker, wo steckt Ihr, Kerl?«
»Unter dem Wagen, Signore! Die Schufte, die in der Hölle braten mögen dafür, haben mich gebunden!«
Die Soldaten zogen ihn am Kragen zwischen den Rädern hervor und lösten die Stricke, mit denen ihm Arme und Füße umschnürt waren, was beiläufig auffallend leicht ging. Dann wurde der Vetturin auf seine Beine vor den Offizier gestellt.
»Jetzt Kerl, antworte was ich Dich frage. Aber wahr und kurz, oder ich schieße Dir eine Kugel durch den Kopf,
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denn Ihr Vetturins steckt gewöhnlich mit dem Gesindel unter einer Decke! - Wo ist die Lady!«
»Fort, Excellenza - die Banditen haben sie mit sich geschleppt.«
»Und der Offizier, der sie begleitete? ist er ermordet?«
»Ich glaube nicht, Signore. Er wehrte sich verzweifelt und hat mehr als Einen verwundet. Aber sein Pferd stürzte mit ihm und sie fielen wie eine Meute darüber her!«
»Wie viel waren ihrer? Keine Uebertreibung, nur was Du wirklich gesehen!«
»So wahr mir die Heiligen in meiner letzten Noth helfen mögen. Ich konnte sie zählen, als ich unter dem Wagen lag. Es waren ihrer achtzehn oder zwanzig!«
»Dann, Leute, sind wir ihnen mehr als gewachsen. Welchen Weg nahmen die Räuber und wie lange sind sie fort?«
»Kaum fünf Minuten, Excellenza, erst als sie Ihre Hornsignale und den Galopp Ihrer Pferde hörten, rissen sie aus, die Unmenschen! Dort hinaus sind sie, den Weg nach dem Gebirge! Der Mond, der da drüben aufgeht, muß Sie die Schurken noch sehen lassen!«
Der Offizier trieb sein Pferd den hohen Feldrain hinauf, der hier den Weg begränzte.
Der Mond war jetzt voll aus den Bergen getreten und goß sein klares Licht über die rauhe Gebirgsgegend - in der Entfernung von etwa zweitausend Schritt bewegte sich ein dunkler Knäuel, offenbar eine Anzahl Menschen, eilig den Höhen zu.
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»Ha - Gott sei Dank, wir haben sie - dort, da hinauf sind die Schurken, ich sehe sie deutlich! Sergeant - wenn Ihr mit den Pferden den Pfad hier zur Linken verfolgt, der ziemlich weit hinauf gangbar ist, schneidet Ihr ihnen den Weg ab, ehe sie sich in das Buschwerk und das Gestein werfen können, indeß ich hier mit meinen braven Bersaglieri auf ihren Fersen bin. Es ist klar, daß sie ihren Weg wieder nach dem alten Thurm nehmen, wo wir neulich mit ihnen handgemein waren! Avanti, Sergeante!«
Die Reiter trabten, so eilig es der angegriffene Zustand ihrer Pferde erlaubte, in dem - einen Hohlweg bildenden - Seitenpfade weiter.
»Um der heiligen Jungfrau von Loretto willen, Signor Uffiziale,« jammerte der Vetturin, »was soll aber aus mir werden, wenn Ihr mich verlaßt, und die Bösewichter kommen zurück?«
»Damit hat es gute Wege, Narr - bleib' hier und rühre Dich nicht vom Fleck, bis eine Abtheilung meiner Leute kommt. Sage dem Caporale, was geschehen und daß wir auf ihren Fersen sind. Antonio kennt den Fußweg nach der Höhe, den ich neulich entdeckt. Er soll ihn einschlagen, dann faßt er die Bande von hinten, während wir sie im Gesicht angreifen. Vorwärts, meine Braven!«
Die Bersaglieri waren bereits auf der Höhe und folgten ihrem Offizier, der eben über eine Hecke setzte, um querfeldein so rasch als möglich die fliehenden Briganten zu verfolgen, und deshalb so lange es anging, zu Pferde blieb.
Die kleine, aber tapfere Abtheilung war ihm kaum
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aus Hörweite, als der Vetturin spöttisch auflachte und dazwischen ein Lied zu pfeifen begann, wobei er sich hastig damit beschäftigte, die Zugstränge der Maulthiere wieder in Ordnung zu bringen. Dies gelang ohne große Mühe, da sie mehr zum Schein zerschnitten waren, und als das Gefähr in Ordnung, sprang der Vetturin eilig auf den Bock und griff nach der Peitsche.
»Diavolo,« murmelte er - »es ist Zeit, ich höre die verdammten Ketzer kommen und es könnte ihnen am Ende gar einfallen, mich festzuhalten! Also vorwärts - denn der Tanz da unten wird auch gleich los gehen! Unser guter Freund, der Fittacuolo Bartolomeo, mag sich sein Gefähr morgen im nächsten Weiler abholen!«
Damit schnalzte er den Maulthieren, kitzelte sie mit der Peitschenspitze und jagte in vollem Galopp auf der Straße nach Sora weiter, ohne sich um die Abtheilung Soldaten zu kümmern, die dem ertheilten Befehl des Offiziers gemäß eben im Laufschritt zu seiner Unterstützung aus der Richtung des Fleckens daher kam und bald darauf rathlos an der Stelle des Ueberfalls Halt machte.
Aus der Richtung der Bergwand her knallten jetzt deutlich Schüsse.
Lieutenant von Arnim war, seine Leute aufmunternd, mit möglichster Schnelle über Hecken und Graben den Briganten gefolgt, die sich auf einem mehrfach gewundenen Fußsteig nach den Felswänden und schwer zugänglichen Schluchten des Monte Turchio zurückzogen. Ein oder zwei Mal war es ihm gewesen, als hörte er den Hilferuf einer Frauenstimme und dies diente nur dazu, seine
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Anstrengungen zu vermehren. Endlich, als die aufsteigende, von Felsgeröll und Strauchwerk bedeckte Fläche gänzlich unpassirbar wurde und nachdem sein Pferd schon mehrmal gefährlich gestrauchelt war, verließ er den Sattel, von dem aus er - in den wechselnden Schatten und hellen Stellen des Terrains die abziehende Bande leichter hatte im Auge behalten können, und, den Säbel in der Faust, führte er seine Jäger vorwärts.
Sie mochten den Briganten auf etwa dreihundert Schritt nahe gekommen sein, als diese plötzlich zwischen den Steinmassen Halt und Widerstand zu leisten Miene machten. Büchsenschüsse knallten hinüber und herüber und offenbar befanden sich die Feinde - von Stein zu Stein, von Strauch zu Strauch sich zurückziehend - im Vortheil, da sie ihr Feuer unbehindert auf die Verfolger richten konnten, während diese fürchten mußten, vielleicht die Gefangenen zu verwunden.
Einen Augenblick wandte der junge Offizier den Kopf in der Richtung nach der Osterie, da ihm däuchte, als höre er von dort gleichfalls entferntes Gewehrfeuer; da aber der Nachtwind vom Gebirge herkam und eben seine Reiter auf der Höhe sichtbar wurden, achtete er nicht weiter darauf, sondern wandte alle Aufmerksamkeit dem Gefecht zu, um die ungleichen Chancen seiner Minderzahl auszugleichen; denn die Reiter versuchten vergeblich den steilen Abhang zu erklimmen, auf den sich die Briganten zurückgezogen, bevor es ihnen noch gelungen war, ihnen den Weg zu verlegen.
Auch der Caporale Antonio hatte das Schießen auf
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beiden Seiten gehört und war in großer Verlegenheit, wohin er sich wenden sollte. Da er aber den bestimmten Befehl erhalten hatte, den Oberlieutenant zu souteniren und dieser offenbar nach dem Gebirge zu engagirt war, richtete er endlich seinen Marsch dahin. -
Wir müssen zunächst nach der Osterie zurückkehren.
Der junge Offizier, der jetzt dort das Kommando führte, hatte es nicht für nöthig gehalten, noch weitere Posten außer den beiden in der verschiedenen Richtung der Straße aufzustellen, und war eben im Begriff, die jetzt nur geringe Zahl der ihm gebliebenen Mannschaften wieder die Gewehre zusammen setzen zu lassen, als plötzlich - während er auf der obersten Stufe der Veranda stand, eine Kugel an seinem Ohr vorbeipfiff und in den nächsten Balken einschlug, wobei zugleich der Knall der Büchse ihn belehrte, daß der Schuß in ziemlicher Nähe aus der Richtung der Kapelle her gefallen war.
»Verrath!« schrie der Unterlieutenant und war mit einem Sprunge unten auf der Straße. »An die Gewehre, Leute! Hierher, sammelt Euch um mich!«
Ein gellender Pfiff ertönte - Schüsse fielen - wie finstre Nachtgespenster tauchten von allen Seiten wilde verwegene Gestalten aus dem Dunkel und stürmten gegen die Kapelle, vor deren Thür - da das Gebäude wenigstens einen Rückhalt gewährte, - sich die Soldaten sammelten, - während schreiend die Frauen in das Innere der Osterie flüchteten und die Thüren zu sperren suchten. Der junge Lieutenant, der bisher den Dienst ziemlich leicht genommen, zeigte sich jetzt ganz muthig und entschlossen. Nachdem er
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seinem Trupp, der noch immer an dreißig Mann zählte, den Rücken gedeckt, nahm er mit soldatischer Sicherheit das Gefecht auf und ließ das Feuer unterhalten, da es geglückt war, den ersten Anprall der Briganti abzuschlagen.
Diese schienen übrigens von einem sehr erfahrenen Führer kommandirt, benutzten jede Deckung und unterhielten von allen Seiten, so daß ihre Anzahl gar nicht zu übersehen war - ein so rasches und wohlgezieltes Feuer auf den gedrängten Trupp der Soldaten, daß diese begannen, muthlos zu werden. Der junge Offizier sah ein, daß er einen Fehler gemacht und ihre einzige Hoffnung darin bestand, das Gebäude der Osterie wieder zu gewinnen und hier den Angriff abzuwehren, bis die zur Verfolgung der Plünderer des Wagens abgesandten Abtheilungen zurückkehrten, was bei dem heftigen Feuern unmöglich lange dauern konnte. Er war daher schon im Begriff, auf jeden Verlust hin den Befehl zu geben, als der Anführer der Briganten ihm zuvor kam.
Ein Pfiff vereinte die wilden Gestalten zu einem Haufen. »En avant, mes braves! Gebt den Feinden der Kirche keinen Pardon - denkt an Castelfidardo! Auf sie!«
»Franzosen? höllischer Verrath! Wehrt Euch Leute, vertheidigt Euer Leben! Formirt Quar...«
Der Befehl wurde nicht vollendet. Die Thür der Kapelle flog plötzlich auf, ein Dolchstoß von kräftiger Faust zwischen die Schultern stürzte den jungen Mann kopfüber tödtlich getroffen zwischen die Seinen, die bestürzt aus einander fuhren. Eine kräftige Gestalt sprang über den Körper
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des Fallenden und warf sich unter sie. »A basso die Ketzer! Evviva il Ré Francisco! - Hierher, Camerati!«
»Evviva il capitano Tonelletto!« donnerte der Gegenruf, die Piemontesen erst belehrend, welchen wichtigen Fang sie am Mittag gemacht hatten. Der Namen verbreitete neuen Schrecken, ohne Pardon wüthete Messer und Kolben unter den durchbrochenen Reihen, und fast ohne Gegenwehr sich morden lassend, suchten die entsetzten ihres Führers beraubten Soldaten nach allen Seiten ihre Rettung in der Flucht, - verfolgt von den Kugeln der Briganten.
Tonelletto, denn es war allerdings der Banditenhäuptling, der hier befreit worden, schob den bluttriefenden Dolch in den Gürtel und reichte dem Anführer der Briganten die Hand. »Die Arbeit ist vorüber, denk' ich, Kapitain Chevigné! Tausend Dank, daß Sie mich nicht im Stich gelassen, denn Kugel oder Strick wäre mir sicher gewesen, wenn sie mich nach Sora hätten bringen können!«
»Es war ein Glück, daß wir in der Nähe waren und die Nachricht uns erreichen konnte,« sagte der Kapitain. »Aber da wir zu gering an Zahl waren, um sie anzugreifen, denn mehr als die Hälfte unserer Leute ist nach Iseria hinunter, wo die Rothhemden hausen, mußten wir uns der List bedienen, um sie zu trennen!«
»Und es ist vortrefflich gelungen,« meinte lachend der Andere, das Gewehr und die Patrontasche eines der Todten aufnehmend. »Cospetto di bacco! Es ist ein Teufelsmädchen, ich hätte es ihr kaum zugetraut, und auch Ihr Sergeant, Kapitain, spielte seine Rolle vortrefflich. Ich erkannte sie auf den ersten Blick und hätte diesen Piemontesen
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beinah in die Zähne gelacht, die sich so an der Nase herumführen ließen! Aber was nun, Kapitain, was soll geschehen?«
»Wir dürfen die Capitana vor Allem nicht im Stich lassen. Wenn Alles so geschehen, wie verabredet, müssen sie zwar das Gebirge erreicht haben, aber es sind nur achtzehn Mann bei ihr und sie könnte scharf verfolgt werden!«
»Und der Offizier der Ketzer ist ein tüchtiger Soldat,« sagte der Brigant. »Wir haben Proben davon und ich habe es heute wiederum gesehen. Ueberdies hat ein oberer Offizier aus Sora den Wagen begleitet - ich hatte Zeit und Gelegenheit genug, Alles zu beobachten, es müssen an fünfzig Soldaten jetzt auf ihren Fersen sein.«
»Villemain ist ein alter Fuchs und Ihr habt ihn in alle Schliche des Gebirges redlich eingeweiht. Er wird sie auf seiner Fährte halten wie der Hirsch die Jagdhunde und ihnen dann plötzlich die Hörner zeigen. Aber nichtsdestoweniger gilt es, ihnen Beistand zu leisten. Gebt das Signal, Capitano, und laßt uns aufbrechen - das Gesindel aus dem Dorf steckt bereits wieder die Nasen aus Thüren und Fenstern, und obschon sie gut päpstlich sind, ist es doch besser, sie nicht in unsere Karten sehen zu lassen! - Mögen sie indeß diese Todten begraben und morgen sehen, wie sie mit den Piemontesen fertig werden!«
Ein Signal Tonelletto's rief die Briganten zusammen, die unterdeß keinen Anstand genommen, den Todten und Verwundeten die Taschen zu räumen, und der Haufen,
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etwa 30 Mann stark, zog jetzt eilig ab dem Gebirge zu, den so schlau und kühn Befreiten an ihrer Spitze.
Kapitain Chevigné, die Büchse auf der Schulter gleich jedem andern Mitglied der Schaar, ging an seiner Seite.
»Wir erwarteten Euch seit zwei Tagen zurück, Capitano!« sagte er. »Seid Ihr so lange in Rom aufgehalten worden? und wie zum Henker hat ein Mann Eueres Schlages sich von diesen Burschen fangen lassen können!«
»Peste! das kann dem Besten passiren. Hinter mir zwei Büchsen und vor mir eine Schlucht von hundert Fuß Tiefe!«
»Ihr habt also unsere Leute nicht gesprochen?!«.
»Bah - den General und den Kardinal selbst. Santa madre - was der für Augen machte, als er seinen leiblichen Vetter, den er an den Galgen schlagen ließ, als Unterhändler sah! - Nein, Signore - es ist Alles bestellt und ich bringe beste Botschaft von Rom. Sodann aber komme ich von Gaëta!«
»Aus der Festung?«
»Si Signore! Aus der belagerten Festung, wo ich die Kugeln zur Genüge pfeifen gehört.«
»Und weshalb wäret Ihr in Gaëta?«
»Cospetto! ich wollte mir einmal die Geschichte in der Nähe ansehen und dieser Deutschen meine Reverenz machen. Veramente! sie ist wahrhaftig eine Königin!«
»Ihr habt sie gesehen?«
»Gesehen und gesprochen. Und ich kann Ihnen sagen, Kapitain, wenn Sie belieben sollten, die Sache Seiner Heiligkeit von der der rechtmäßigen Herrscher Neapels zu
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trennen, würde ich noch heute die weiße Fahne aufstecken und einen Ruf durch die Abruzzen ertönen lassen, der im Handumdrehen fünfhundert entschlossene Männer an meine Seite führte, eine bessere Schaar, als Chiavone sich ihrer rühmen kann!«
»Die Sache des heiligen Vaters ist eng verknüpft mit König Franz,« sagte der Franzose. »Sie haben einen gemeinsamen Feind und jeder Abbruch, der ihm geschieht, kommt Beiden zu Gute. Indem ich und meine Landsleute hier den Kampf gegen diese übermüthigen Piemontesen fortsetzen, dienen wir der Sache der Kirche. Aber sagt mir, wünscht man in Gaëta, daß wir in die Festung zu gelangen suchen?«
[»]Ohibò, Signore! Der König hat dort Soldaten genug, mehr als zuviel, und hat selbst die nicht ganz zuverlässigen Bataillone entlassen. Der Kriegsrath wünscht dringend die Fortsetzung der Brigantaggia und ich habe einen ganzen Pack von Proklamationen mitgebracht, welche das Landvolk zu den Waffen rufen!«
»Das hätte sicher Euch das Leben gekostet!«
Der Briganti machte jene verächtliche Geberde mit den Fingern, die beim Neapolitaner so beliebt ist. »Wie können Sie glauben, Signor Capitano, daß ein alter Fuchs wie ich, auch nur einen Augenblick daran denken wird, sich mit diesen Papieren zu schleppen! Sie werden morgen von Subiaco her unter dem Doppelfell einiger Ziegen von irgend einem barfüßigen Jungen in's Gebirge gebracht werden. Aber hören Sie das Knallen der Büchsen? Wir müssen in ihrer Nähe sein!«
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»Dort über die Bergwand hinweg - sie verbirgt uns die Aussicht. Fertig, Leute, macht Euch fertig - zum Angriff, mit Büchse oder Messer - Vorwärts! - Mille tonnerres! ich fürchte, wir kommen zu spät!«
Hinter der Bergwand her krachte eine Salve, dann das Hurrah der Piemontesen, das sich gleich darauf in das Triumphgeschrei des Sieges verwandelte.
Mit der Gewandtheit und der Eile flüchtiger Gemsen sprangen die Briganti den Berggrat hinauf.

2. Die sieben Todsünden.

Die Strahlen der über dem Monte Cavallo aufgehenden Sonne kämpften mit den dichten Nebeln, die aus den Thälern qualmend emporstiegen und im Morgenwinde phantastisch an den Berghängen umherwogten.
Auf dem Plateau, auf dem die alte Thurmruine stand, welche die Briganten schon mehr als ein Mal zu ihrem Hauptquartier gewählt, bewegte sich eine dunkte[dunkle] Gestalt in bestimmter Richtung hin und her, schlug die vom Nachtfrost erstarrten Arme über einander und summte zum Zeitvertreib ein französisches Liedchen. Eine zweite, die der weiße Mantel kaum von den Nebelwogen unterscheiden ließ, tauchte aus diesen jetzt empor und näherte sich der ersten.
»Qui vive?« [58]
»Gaëta! - Ah du bist's, braver Tourbillon. Nichts Ungewöhnliches passirt während Deiner Wache?«
»Nichts, Kapitain - außer -«
»Nun?«
»Ich kann mich getäuscht haben - aber vor einer Stunde dünkte mich's, als hörte ich Hornsignale da unten und bald darauf war mir's, als sähe ich durch die eben beginnenden Nebel eine Gluth, wie von einer Feuersbrunst. Wie gesagt, die dichter anschwellenden Nebel verhinderten es, Genaues zu sehen und ließen den Schall nicht weiter herauf dringen.«
»Unsere Posten stehen über fünfhundert Metres tiefer, sie würden jede Annäherung eines Feindes melden. Es war ein hartes Gefecht, diese Nacht, wackerer Tourbillon!«
»Sapristi - ich hätte nicht gedacht, daß die Bursche sich so gut schlagen würden! Ihr Offizier wehrte sich wie der leibhaftige Teufel, ehe er sich ergeben mußte.«
»Er ist ein Deutscher - ein Preuße, wie ich höre, und die Deutschen haben eine zähe Natur beim Raufen. Sie waren die Einzigen, die mit uns bei Castelfidardo Stand hielten, während -« der Sprecher senkte die Stimme - »das italienische Lumpengesindel davonlief.«
»Was Recht ist, ist Recht, Kapitain! Die Brigants haben sich diese Nacht nicht übel geschlagen!«
»Diese Gebirgsbewohner sind Männer anderen Schlages; überdies versteht Tonelletto seine Leute auszusuchen. Der arme Kerl wird mindestens vier Wochen mit seiner Wunde am Bein zubringen müssen.«
»Er verdiente, ein Franzose zu sein! Es war
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vortrefflich, daß Sie und er uns zu Hülfe kamen gerade im rechten Augenblick. Wir hätten die Felsenspalte, in die wir sie gelockt, wohl halten können, obschon wir schweren Verlust gehabt, aber die Bersaglieri sind keine zu verachtenden Gegner, und Sie selbst haben es empfunden, als Sie ihnen den Rückweg sperrten.«
Der Soldat deutete auf den linken Arm seines Offiziers, den dieser unter dem Mantel in einer Binde trug.
»Bah - ein Bajonnetstoß, der mich streifte. Tonelletto stieß dem Burschen dafür sein Messer durch die Kehle. Desto leichter wurden wir mit dem Trupp fertig, der zu ihrer Unterstützung herankam.«
»Mag sein, Kapitain! ich bedauere nur das Schicksal der Armen, die in ihre Hände fielen.«
»Sie sollen ihnen kein Haar krümmen, oder bei meiner Ehre - wie viel sind es ihrer?«
»Vier Leute Tonelleto's, doch glaube ich, daß zwei von ihnen tödtlich getroffen waren. Aber von den Anderen wissen wir, daß sie nur leicht verwundet waren, am Fuß, wie Sie, Capitain, was sie hinderte, uns so rasch zu folgen. Der schlimmste Verlust ist unser braver Sergeant!«
»Villemain! Wie zum Teufel kam es eigentlich, daß er, der sonst so umsichtig und tapfer, in die Hände der Piemontesen fiel? War er verwundet?«
»Nicht die Haut ist ihm geritzt, Kapitain, so viel ich weiß, wenn die Bayonnette und Säbel der Halunken nicht etwa nachher einige Löcher darein gemacht haben. Er kommandirte uns mit der größten Kaltblütigkeit und hatte den Offizier, den er so schlau am Wagen der Capitana
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fing, bereits durch die Felsenspalte tragen lassen und unsern Rückzug geordnet, als er am Rande der Steine ausglitt und wie ein Sack hinunter rollte gerade mitten unter sie hinein!«
»Wir hörten ihr Geschrei. Aber die Irländerin - wie verhielt sie sich während des Gefechts?«
»Sie wollte durchaus nicht von unserer Seite weichen, obschon Villemain darauf bestand, sie solle bei den Gefangenen bleiben. Als er selbst dazu wurde, wollte sie mit Gewalt uns zu einem Angriff bewegen, ihn wieder zu holen. Ich glaube, sie hätte sich allein zwischen ihre Büchsen gewagt, wenn ich sie nicht mit Gewalt zurückgeholt hätte. Aber es ging nicht, es wäre Wahnsinn gewesen, denn sie waren immer noch stärker, als wir, und ich mußte der Vernunft Gehör geben, als ich an die Stelle des Sergeanten trat.«
»Du hast recht gethan, Tourbillon! Aber wir hätten ihn sicher gerettet, als wir zehn Minuten später über sie herfielen und sie zwischen die Felsenwände einkeilten, wenn sie nicht die Vorsicht gebraucht, ihn zurück zu schicken. Doch sie werden es nicht wagen, unsern Leuten ein Haar zu krümmen, da sie wissen, daß wir schwere Revange üben könnten! Wie viel von den Bersaglieri haben wir![?]«
»Fünf und die beiden Offiziere!«
»Sie bürgen mit ihrem Leben für die Sicherheit der Unseren. Aber horch - es steigt Jemand den Berg herauf, und da ist der Anruf unserer nächsten Wache.«
In der That klang es aus einiger Entfernung durch den Nebel: »Chi va là?«
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Der Angerufene mußte das richtige Paßwort gegeben haben, denn er setzte ungehindert sein Heraufsteigen fort, und stand bald auf dem Plateau, auf welchem die Ruine sich erhob.
Der Nebel hatte sich unterdeß etwas gelichtet, die steigende Sonne drückte ihn zurück in die Thäler und Schluchten, und die Scene auf dem kleinen ebenen Bergvorsprung wurde sichtbarer.
Ringsum auf dem Boden lagerten in Mäntel und bunte Decken gehüllt wohl an vierzig Männer auf dem bloßen Felsen, ihre Büchsen und Waffen neben sich. Das unruhige Stöhnen einzelner, die blutigen Tücher um Kopf oder Arm zeigten, daß mehrere von ihnen in dem nächtlichen Gefecht verwundet worden, und drüben unter der Wand des Thurms streckten ein Arm - ein Fuß kalt und steif sich unter der darüber geworfenen Decke hervor, deren Bauschung verkündete, daß mehr als eine Leiche dort lag.
Der Anruf der Schildwach hatte viele der Schläfer erweckt, sie schüttelten den Nachtfrost von den Gliedern und kamen neugierig herbei.
Kapitain Chevigné war dem Ankommenden entgegen getreten. Es war einer der italienischen Briganten, er frug nach seinem Capitano.
»Laßt den Verwundeten ruhen,« sagte der Franzose, »er schläft wahrscheinlich noch und bedarf der Kräfte. Was habt Ihr zu melden?«
»Einer der Ziegenhirten war an der ersten Wache, Signor, und brachte die Nachricht, daß gegen Morgen, etwa um 5 Uhr, eine große Schaar Piemontesen von Sora her in Balzorano eingerückt ist.«
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»Ah - daher die Signale. Du hast recht gehört, Tourbillon. Und wie hoch schätzte der Mann ihre Zahl?«
»Fünf bis sechshundert, Signor. Es war eine Compagnie Bersaglieri dabei und eine Anzahl Carabinieri, wohl vierzig Pferde stark!«
»Diable - das ist uns zu viel, selbst wenn wir alle unsere Leute beisammen hätten. Wenn sie so stark sind, werden sie nicht anstehen, uns alsbald einen Besuch hier oben auf den Bergen zu machen, sobald nur Alles klar ist!«
»Das meinte der Mann auch,« bemerkte der Brigant - »deshalb eben sollte ich den Capitano warnen.«
»Und er muß jetzt gerade verwundet - und unfähig, zu helfen sein!«
»Das ist er nicht, mon Capitain, wenigstens nicht mit seinem Rath,« tönte eine helle Stimme hinter ihm. »Signor Tonelletto läßt Sie bitten, zu ihm zu kommen.«
»Ah la Capitana - unsere schöne Heldin und Primadonna im Intriguenstück,« sagte galant der Franzose, als er sich umwendend die Irländerin erkannte. »Und bereits wieder in vollem Kostüm! Darf ich fragen, wie Sie nach der Affaire von dieser Nacht geschlafen?« Er küßte ihre kleine Hand, die sie ihm freundlich reichte.
»Mir summte die ganze Nacht der Kopf, obschon es doch nicht das erste Mal war, daß ich die Kugeln so nahe pfeifen hörte,« sagte sie lächelnd, »und es war mir fortwährend, als hörte ich noch das Geschrei der Angreifenden! Aber es wird Zeit, daß wir ein Feuer anmachen, um etwas Warmes für unsere armen Burschen zu kochen; denn der Morgen war kalt und ihre Wunden konnten in der Dunkelheit nur schlecht verbunden werden.«
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»Und dennoch, Mademoiselle, werden wir weder zu dem Einen noch zu dem Andern Zeit haben,« meinte der Franzose. »Ich fürchte, wir werden sofort aufbrechen müssen, wenn wir nicht von überlegener Macht angegriffen werden wollen. Sehen Sie zu, was Sie für die arme Bursche thun können, indeß ich mit Tonelletto spreche!«
Er gab noch einige Befehle und ging dann in den Thurm.
Es war in der That die Schwester des tollen Irländers, die »Capitana Maria«, wie sie der Brigant in Civita nuova ausgerufen, welche noch immer bei der verwegenen Schaar verweilte, die den Piemontesen schon manchen empfindlichen Schlag beigebracht hatte, und die jetzt eifrig bemüht war, mit zarter Hand den rauhen blutigen Männern die Wunden zu verbinden, wobei ein alter Bandit, der einige Erfahrung darin hatte, ihr zur Hand ging.
Wenn man sie so sah, war es leicht begreiflich, daß jeder Einzelne der wilden Bande mit fanatischer Verehrung an ihr hing. Das Kostüm, das sie trug, war mit einer gewissen Koketterie und ziemlich phantastisch gewählt, paßte aber ganz zu der abenteuerlichen Stellung, die sie einnahm. Ein blauer faltenreicher Rock fiel bis über die Hälfte der wohlgeformten Wade. Hohe rothe Gamaschen umschlossen das Bein vom derben Gebirgsschuh aufwärts, und eine weiße Schärpe, die bourbonische Farbe, schlang sich in leichtem Knoten um die volle Hüfte, während die schöne Büste des jungen Mädchens durch die schwarze spanische Jacke mit den zahllosen Silberknöpfen vortheilhaft gehoben wurde. Einer jener kurzen Mäntel von weißem
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Ziegenhaar hing von einer Schnur gehalten über ihrer Schulter; die dicken in Schlingen aufgenommenen blonden Zöpfe deckte ein spitzer grauer Filzhut mit rother Feder. Als Waffen trug die junge Capitana in dem rothen Seidengürtel einen zierlichen Revolver und ein Mailänder Stilet mit Griff von Ebenholz und Silberbeschlag. Den leichten kurzen Karabiner, den sie führte, hatte sie eben bei ihrer Samariter-Beschäftigung an einen Stein gelehnt.
Man hätte glauben können, die zierliche Figur einer ersten Ballerina der großen Oper von Paris oder Berlin zu sehen, indem man die junge Irländerin im Kreise dieser wilden abenteuerlichen Gestalten erblickte, und dennoch war es keine Roman-, keine Balletfigur, sondern ein von aufopferndem Heroismus beseeltes weibliches Wesen, das seit Wochen willig die mühseligsten Anstrengungen getragen und durch ihren ewig heitern Muth, die Frische und Zierlichkeit ihres doch wieder ächt jungfräulichen Wesens selbst die rohesten Männer bezaubert und zu energischen Anstrengungen und Thaten ermuntert hatte.
Während die Capitana mit herzlichen Tröstungen die Verwundeten verbinden half und mehrere der Briganten mit Anfertigung von zwei oder drei improvisirten Tragbahren beschäftigt blieben, war der französische Kapitain in das Innere des halb verfallenen Thurms getreten und hatte sich einem Lager von Zweigen und Moos genähert, auf dem der Banditenhäuptling lag.
»Buon giorno, Capitano,« sagte der Franzose, dem Verwundeten die Hand reichend. »Es ist ein Unglück, daß die Kugel des schuftigen Piemontesen Euch treffen mußte,
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aber da die Knochen unverletzt sind, hoffe ich Euch bald wieder an unserer Spitze zu sehen. Jedenfalls ist das Unglück leichter zu ertragen, als ein hänfenes Halsband oder sechs Kugeln, was sicher Euer Schicksal gewesen wäre, wenn man Euch nach Sora gebracht hätte.«
Der Bandit drückte kräftig die Hand des Offiziers. »Das weiß ich Kapitain, und deshalb nochmals meinen besten Dank. Bei der heiligen Jungfrau, ich will Ihnen und Allen, die mitgeholfen, diesen Dienst nie vergessen. Aber ich hörte, daß Botschaft von unseren Posten gekommen ist?«
Kapitain Chevigné theilte ihm den Bericht des Mannes mit.
»Cospetto, Signor, dann müssen wir aufbrechen so rasch als möglich. Diese Stellung ist nicht eine halbe Stunde haltbar gegen einen ernstlichen Angriff.«
»Aber wohin soll unser Rückzug gehn?«
Der Verwundete sann einen Augenblick nach, dann richtete er fest seinen Blick auf den Franzosen.
»Haben Sie je von dem Kloster der Verdammten gehört, Signor Capitano?«
Der Franzose sah ihn befremdet an. »Nicht, daß ich es wüßte! Das Kloster der Verdammten? Wahrhaftig, ein seltsamer Namen!«
»Seltsam oder nicht - und ich sage Ihnen, Kapitain, daß schon der bloße Name genügt, um die Farbe manches wackern Mannes erbleichen zu lassen, - wir müssen dahin, - aus zwei Gründen!«
»Und die sind?«
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»Der erste wird Ihnen als Soldat genügen: weil es eine uneinnehmbare, vollständig sichere Position ist, wo schwerlich die Spürhunde der Piemontesen uns finden werden; der andere - -[«]
»Nun - und der andere?«
»Weil ich dahin muß - oder vielmehr Sie bitten muß, mir eine wichtige Botschaft abzunehmen!«
»Ich verstehe das Alles nicht recht, Capitano, und muß Sie ersuchen, mir einige nähere Mittheilungen zu machen!«
»Das soll geschehen, Signor. Haben Sie die Güte, den Mann dort am Eingang hinauszuschicken, und nachzusehen, ob wir hier auch ganz allein sind. Denn was ich Ihnen vertrauen will, darf kein anderes menschliches Ohr hören!«
Kapitain Chevigné schickte den Posten am Eingang des Thurms hinaus mit dem Auftrag, Niemand eintreten zu lassen, weil er in wichtiger Berathung mit dem Capitano begriffen sei. Dann sah er sich überall um in dem wüsten, leeren Raum, und kehrte zu dem Lager des Verwundeten zurück.
»Ihr könnt ungescheut sprechen, Capitano - wir sind unbelauscht!«
»Dann Signor, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß nie und unter keiner Bedingung über Ihre Lippen kommen wird, was ich Ihnen jetzt nothgedrungen, - da ich nicht selbst die Pflicht üben kann - zu sagen habe. Ich weiß, daß die Franzosen das Ehrenwort höher achten, als einen Schwur!«
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»Mein Ehrenwort dann, wie Ihr es verlangt!«
»Bene! Sie waren in Rom?«
»Ehe ich zur Armee ging - etwa vierzehn Tage lang.«
»Und Sie glauben, die Einrichtung der päpstlichen Regierung zu kennen?«
»Wie Jedermann. Sie ist herzlich schlecht, aber was ist gegen das Pfaffenthum zu machen? Das Kardinals-Kollegium entscheidet leider die Dinge, ob es etwas von der Sache versteht oder nicht! General Lamoricière hat leider Proben genug davon erlebt.«
»Das Kollegium der Kardinäle! - Hm! - Haben Sie nie von dem Consiglio di Tri gehört?«
»Von dem Rath der Drei? Was meinen Sie damit?«
»Ich habe mir erzählen lassen, daß in alter Zeit in der Republik Venedig außer dem großen Rath der Nobili ein Rath der Zehn zur Besorgung der Senatsgeschäfte bestand!«
»So ist es!«
»Und daß über diesem Rath wieder ein geheimer Ausschuß von drei Männern stand, die in letzter Instanz den Staat regierten, und deren Beschlüssen selbst der Doge mit seiner gehörnten Mütze sich fügen mußte?«
»Das war allerdings die geheime Verfassung der einst so mächtigen Republik.«
»Nun wohl! Was sich in Venetia bewährte, warum sollte es nicht auch noch anderswo existiren?«
»Ihr wollt damit sagen ...«
»Ich will damit sagen, daß Rom eben so gut seinen Rath der Drei hat, wie ihn Venedig hatte!«
»Aber das ist eine merkwürdige Behauptung, Capitano,
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die Ihr da aufstellt. Wie wollt Ihr das wissen? Der heilige Vater ist der entscheidende Souverain des Kirchenstaates!«
»Des Kirchenstaates - das mag sein! Aber nicht der Christenheit! Es ist das letzte Gericht über alle Personen, Männer und Frauen, die der Kirche angehören.«
»Und womit wollt Ihr die Existenz dieses geheimnißvollen Raths beweisen?«
»Weil ich vor ihm gestanden und einen Befehl erhalten habe!«
»Aber aus welchen Personen besteht diese geheime Instanz im Staat? Wißt Ihr das, und ist es Euch gestattet, darüber zu sprechen?«
»Warum nicht, Signor Capitano? Was ich weiß, weiß ich nicht von Jenen. Und Sie haben Ihr Ehrenwort gegeben, ich nehme also keinen Anstand, Ihnen zu vertrauen.«
»Bitte - sprecht!«
»Das Consiglio di Tri besteht, wie es heißt, seit dem Regiment der Borgia, und wurde damals zum Besten der Christenheit in einem geheimen Rath der frömmsten Kirchenfürsten festgesetzt.«
»Und wer sind die Drei?«
»Es besteht, wie man im Geheimen flüstert, denn Wenige wissen darum und Niemand wagt öffentlich davon zu sprechen, aus dem jedesmaligen Kardinal-Staatssecretair -«
»Also gegenwärtig Eurem leiblichen Vetter?«
»Aus dem Kardinal Antonelli, meinem leiblichen Vetter, aus dem General des Jesuiten-Ordens und ...«
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»Und der Dritte?«
»Aus einem Geistlichen von niederem Rang, den Niemand kennt, selbst der heilige Vater und seine Kollegen nicht.«
»Das ist seltsam!«
»Mag es sein, aber es ist so!«
»Und vor diesem Tribunal oder Concilium habt Ihr gestanden?«
»Vor zwei Tagen, als ich aus Gaëta zurückkam!«
»Ist es erlaubt, danach zu fragen, was diese geheimnißvolle Regierung, deren Macht, wie Ihr mir sagt, über die Personen größer ist, als die des heiligen Vaters selber - was mir allerdings manches Räthselhafte und manche Inconvenienz erklären würde, - was also dieser päpstliche Rath der Drei von Euch gewollt hat?«
»Das eben ist, Signor, was ich mit Ihnen besprechen möchte. Diese Wunde am Bein verhindert mich, den ertheilten Auftrag sofort selbst auszuführen. Ich mag keinem meiner Leute das Vertrauen schenken, - sie sind zu abergläubisch und unbedacht, und deshalb wende ich mich an Sie!«
»Aber der Auftrag? und wie soll dieser in Verbindung stehen mit dem Kloster, dessen unheimlichen Namen Ihr vorhin genannt habt?«
»Es ist dennoch so. Zunächst Signor, muß ich Ihnen von jenem Kloster sprechen.«
»Ich höre!«
»Es giebt deren zwei - eines, wie ich mir habe
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sagen lassen, für die Frauen, ein anderes für die Männer. Sie gehören dem strengsten Orden an!«
»Den Trappisten?«
»Ich weiß es nicht, Signore. Alles was ich Ihnen sagen kann ist, daß schwere Bußen dort geübt werden müssen, denn« - er senkte noch mehr die Stimme und sprach mit einem gewissen Schauder - »ich selbst hörte, als ich in der Nähe jenes Klosters lauschte, als käme es aus den Tiefen der Erde, ein Wimmern und Stöhnen, das mir das Mark in den Knochen gefrieren machte und mich eilig von dannen trieb. Jeder meiner Leute wird lieber in die Büchsenmündungen der Bersaglieri sehen, als sich in die Nähe jenes verrufenen Ortes wagen.«
»Es wird viel Aberglauben und Uebertreibung dabei sein. Wie Ihr vorhin sagtet, soll dennoch unser Marsch dahin gehen.«
»Wir werden am Fuße der Felsen, eine halbe Stunde von dem Ort entfernt, einen so sicheren Lagerplatz finden, wie wir ihn nur wünschen können.«
»Und ich soll eine Botschaft in das Kloster bringen?«
»Nicht in das Kloster selbst, Signore, aber dem Klausner, der auf dem Felsen wohnt. Er ist der Beichtiger des Klosters und hat große Macht, selbst über die Mutter Aebtissin. Er steht im Ruf eines Heiligen.«
»Also ist es das Kloster der Nonnen?«
»Ja, Signore!«
»Nun, wenn sie jung und hübsch sind, soll mir der Auftrag willkommen sein!«
»Sprechen Sie nicht so frevelnd, Kapitain. Wir im
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Römischen haben wahrlich gelernt, keine Kopfhänger zu sein und verachten die Pfaffenwirthschaft gründlich, und dennoch ...«
»Dennoch?«
»Dennoch Signore, giebt es eine Macht der Kirche, die über dem sündigen Treiben steht und gleich der Hand Gottes richtet und straft. Die Sünden der Menschen selbst dienen ihren ewigen Zwecken!«
»Das ist eine furchtbare Lehre, und wenn ich nicht wüßte, daß Ihr der muntere, wackere Capitano Tonelletto wäret, würde ich glauben, ich spräche mit einem Jünger des heiligen Loyola. Aber da ich einmal Soldat des heiligen Stuhls bin, werde ich mich nicht weigern, Euren Auftrag auszuführen - versteht sich auf meine Weise, denn mich schrecken die Geheimnisse eines Klosters nicht. Aber wir werden noch Zeit haben, davon zu sprechen! Was denkt Ihr, das wir mit den Gefangenen machen?«
»Sie müssen uns begleiten. Wie ich höre, sind einige der Unseren in die Hände der Piemontesen gefallen?«
»Leider! Vier von Euren Leuten fehlen - man hat sie verwundet oder gefangen in den Händen des Feindes lassen müssen. Ueberdies hat mein wackerer Sergeant Villemain, der so vortrefflich den steifen englischen Bedienten bei Eurer Rettung spielte, das gleiche Schicksal gehabt. Ich hoffe jedoch, sie sind am Leben und sicher, und wir werden sie auslösen können gegen die Gefangenen in unseren Händen!«
»Ich fürchte, Sie täuschen sich, Kapitain - und sollten diese Piemontesen bereits besser kennen gelernt haben.
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In diesem Guerillakrieg wird auf beiden Seiten wenig Pardon gegeben werden, und es sollte mich wundern, wenn die armen Bursche nicht bereits ein Loth Blei im Gehirn oder einen Strick um den Hals hätten!«
»Diantre - das wäre entsetzlich! Aber bei meiner Ehre - sie sollten es büßen!«
»Wir haben die Erwiderung in der Hand,« sagte der Bandit mit finsterm Lächeln. »Aber hören Sie Kapitain, was ist das für ein Geschrei?«
In der That ließ sich draußen auf dem Platz das Klagegeschrei einer weiblichen Stimme hören.
»Ich werde zusehen, Kapitano und zugleich die nöthigen Befehle wegen des Aufbruchs geben. Ich habe eine Tragbahre fertigen lassen, um Euch bequemer fortzubringen!«
»Tausend Dank, Signor, für Ihre Sorge.«
Der Kapitain trat aus dem Thurm und fand auf dem Vorplatz desselben Alles in lebhafter Bewegung. Die Männer hatten sich zum Theil um ein junges Weib in der Tracht der Bergbewohner gesammelt, die weinend und händeringend mit der ganzen Leidenschaftlichkeit einer Neapolitanerin etwas erzählte, während andere, die Hand am Dolch oder mit dem Schloß ihrer Büchsen spielend, Blicke voll Haß und Drohung nach der Seite hin warfen, wo in einem Kellergewölbe des Thurms die piemonteschen Gefangenen von zwei Soldaten bewacht wurden.
Die junge Irländerin kam bleich und auf's Höchste erregt dem Franzosen entgegen.
»Um der heiligen Jungfrau willen Kapitain, helfen
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Sie - retten Sie! Es wäre entsetzlich, wenn man sie mit kaltem Blute ermordete!«
»Was ist geschehen, Signora? was bedeutet dies Geschrei?«
»Vendetta! vendetta! Tod den verfluchten Ketzern! Rache für unsere Brüder!«
Der Kreis um die fremde Frau öffnete sich plötzlich - die Büchsen, die Messer schwingend stürzte der größere Theil der Schaar nach der Seite des improvisirten Gefängnisses.
Die Miß streckte stehend die Hände nach dem Kapitain. »Barmherziger Gott - sie ermorden sie!«
»Halt! - Zurück sag' ich!«
Kapitain Chevigné war vor die beiden Schildwachen gesprungen. »Den Ersten, der den Posten anzurühren wagt, schießt über den Haufen! - Jetzt - was bedeutet das? was wollt Ihr?«
»Die Ketzer! die Piemontesen!« heulte es aus der Menge.
»Ihr werdet sie zeitig genug hier haben, wenn Ihr nicht Vernunft annehmt. Gebt Antwort, denn die Augenblicke sind kostbar. Was bedeutet der Lärmen?«
Die Frau oder das Mädchen brach sich Bahn durch den Haufen - sie warf sich auf die Knie - ihre Augen flammten, das lange Haar flog wirr im Winde.
»Gebt sie heraus,« schrie sie - »ich will Rache für ihn, den sie gemordet haben, die Unmenschen!«
»Von wem sprichst Du, Mädchen?«
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»Von wem anders als von Tommaso, meinem Bräutigam!«
»Tommaso? - unter den Leuten des Kapitano Tonelletto ist ein Tommaso - aber ich sehe ihn nicht!«
»Er war unter Denen, die diese Nacht von den Piemontesen gefangen wurden!« meinte finster ein alter Brigant.
Der Kapitain begann zu begreifen. »Und Tommaso ist getödtet worden?«
Das Mädchen sprang empor, faßte seine Hand und riß ihn an den Rand der Felsen. »Sehen Sie dort unten, Excellenza?«
»Was meinst Du?«
»Sie sehen die Häuser von Balzorano. Können-Sie die Osterie sehen, an der Sie gestern Abend den Kapitano befreiten?«
Die Strahlen der höher gestiegenen Sonne hatten jetzt vollständig die Morgennebel bewältigt, der scharfe Wind, der das breite Thal heraufstrich, sie vertrieben. Man konnte deutlich in der Tiefe die ersten Häuser des Fleckens sehen.
Der französische Offizier wandte die Blicke nach der Stelle, wo der kleinen Kapelle gegenüber das Wirthshaus stehen mußte. Er hob die Hand über die Augen - Nichts - ein leichter Rauch kräuselte sich von der Stelle empor.
»Hölle und Teufel! was ist das?«
»Trümmer, Signore, rauchende Trümmer - das ist Alles, was von der Stätte übrig geblieben ist, wo gestern noch glückliche Menschen wohnten!«
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»Die Mordbrenner! wer hat das gethan?«
»Wer anders, als die verfluchten Ketzer, die den heiligen Vater von dem Thron San Pietro's stürzen wollen. Sie haben das Haus meiner Schwester geplündert diesen Morgen und es angezündet, weil sie behaupten, wir hätten den Briganten geholfen, ihre Leute zu überfallen. Aber Schlimmeres - Entsetzlicheres - sehen Sie dort, Signor - die Kapelle der Madonna?«
Kapitain Chevigné hatte seinen Feldstecher aus der Tasche gezogen und ihn auf jenen Ort gerichtet. Trotz der bedeutenden Entfernung konnte er deutlich die rauchenden Schutthaufen der Osterie erkennen, um die sich Menschen bewegten.
»Die Kapelle steht noch - sie haben wenigstens Scheu vor dem Heiligthum gehabt.«
Das Mädchen, die Schwester der armen Ostessa, lachte grell auf. »Das Heiligthum, Signore! an den Eisenstäben seiner Fenster hängen zwei Leichname - heilige Madonna, hattest Du keine rächenden Blitze, daß Du den Frevel duldetest? Es ist Tommaso, mein Geliebter, Tommaso, mein Alles, den sie gemordet!«
Sie sank in Verzweiflung nieder und raufte ihr Haar, während glühende Thränenströme über ihre braunen Wangen rannen.
Die Männer standen schweigend auf ihre Büchsen gestützt, ihre finsteren Blicke, die sie selbst auf den tapferen Bundesgenossen warfen, drohten nichts Gutes.
Kapitain Chevigné war tief erschüttert; die Irländerin an seiner Seite schluchzte laut.
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»So haben sie es wirklich gewagt, sich an dem Leben der Gefangenen zu vergreifen?« frug der Offizier endlich. »Wer kann mir nähere Auskunft geben, denn diese Aermste ist außer Stande dazu.«
Agnola schob mit einer raschen Bewegung der Hand die dunklen Flechten aus ihrem Gesicht, das plötzlich eine gewaltsam erkämpfte Ruhe, drohender, gefährlicher als vorhin der wahnsinnige Ausbruch ihres Schmerzes annahm.
»Ich bin gekommen, um zu sprechen mit Ihnen, Signor, und mit Tonelletto. Fragen Sie, ich werde antworten!«
»Gut denn, armes Kind, ich traue Dir die Kraft zu. Wann sind die Piemontesen in Balzorano eingerückt?«
»Um 5 Uhr diesen Morgen. Die Flüchtigen haben Lärm in Sora gemacht, es war ein General dort, der sofort ein Bataillon absandte.«
»Wer kommandirt den Trupp - hast Du dies zufällig gehört?«
»Ein hoher Offizier, der Generalmajor Pinelli!«
»Pfui Teufel - der Henker von Ascoli! Und was geschah?«
»Der Ort wurde besetzt - Niemand durfte bei Todesstrafe das Haus verlassen. Darauf forderten sie meine Schwester vor, da Giuseppe, ihr Mann, wie Sie, Signore, am Besten wissen werden, - noch immer abwesend ist, und gaben ihr Schuld, bei dem Ueberfall ihrer Truppen durch Verrath geholfen zu haben. All unser Bitten und Leugnen half Nichts. Man jagte uns mit den Kindern aus dem Hause und zündete es allen Ecken an - zur
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Warnung für Jeden, wie sie sagten, der es mit der Brigantaggia halten werde!«
»Die Mordbrenner - sich an Weibern und todten Dingen zu rächen! Weiter, Donzella!«
»Dann, Signore,« - ihr Gesicht färbte sich noch tiefer unter der krampfhaften Anstrengung, die sie machte, ruhig zu bleiben - »dann brachte man die Gefangenen, die sie bei dem Gefecht der Nacht gemacht hatten. Es waren ihrer vier - der fünfte war unterwegs verschieden, der vierte so schwer verwundet, daß sie ihn auf den Gewehren herbei trugen.«
Es herrschte eine tiefe Stille im Kreise bei der Erzählung des unglücklichen Mädchens.
»Dann sah ich,« fuhr sie fort - »wie unter ihnen, gebunden, daß die Riemen in das Fleisch seiner Gelenke einschnitten, Tommaso, mein Geliebter, stand. Ich wollte zu ihm, aber man stieß mich zurück. Irgend einer der Schurken bezeugte, ich hätte mit dem Capitano in der Kapelle gesprochen und ihm Nahrung gebracht. Das genügte, um gerade ihn zu verurteilen. Ich hörte, wie der Wütherich, der Tyrann, das Urtheil sprach. Zwei von ihnen sollten zur Stelle hängen als Beispiel, und wenn der Offizier, den Ihr gefangen haben sollt, nicht sofort ausgeliefert wird, sollen - noch eh' die Sonne wieder aufgeht - die beiden Andern sterben!«
»Villemain, mein braver Sergeant!«
»Was kümmert mich Villemain oder sonst ein Mann der Welt! Ich hörte die schrecklichen Worte, ich sah, wie sie ihn fortführten und ihm den Strick um den Hals legten.
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Vergeblich wand ich mich zu den Füßen des Ketzers, ich flehte ihn an bei den Leiden der heiligen Jungfrau, bei Allem, was mir die Verzweiflung eingab! - Vergebens! - Diese Hände« - sie hob die noch mit Blut befleckten in die Höhe, - »diese Hände zerrissen seine Sporen, als ich des Generals Füße, um Gnade wimmernd, umklammerte. Als ich wieder mich aufrichten konnte, war das Entsetzliche geschehen!«
Sie verhüllte schluchzend das Gesicht.
Die Stirn des Kapitains hatte sich finster zusammen gezogen. Erst nach einer langen Pause that er die Frage: »Wer war der Zweite, den sie ermordet?«
»Ich weiß seinen Namen nicht - er war verwundet - ein Mann aus dem Gebirge!«
»Und die beiden Letzten?«
»Der wilde Offizier schwor, daß der Eine ihm den Weg zu Eurem Lager zeigen oder sterben solle, wie ein Hund. Den Andern, einen Francese, wollen sie nach Sora bringen, um ihn dort zu richten! - Ha, Signore - man wagt nur, uns Italiener zu morden! Wo ist der Kapitano? ich will zu ihm! Er wird ein Herz haben für mich, er wird Tommaso zu rächen wissen!«
»Vendetta! vendetta!« klang es in dem Haufen. »Blut für Blut!«
Der Kapitain fühlte, daß er in Gefahr war, diesen wilden Charakteren gegenüber sein Ansehn zu verlieren, den Ruf der Unparteilichkeit, wenn er noch einen Augenblick zögerte.
»Tourbillon!«
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»Hier, mein Kapitain!«
»Drei Mann von den Unseren!« Der Befehl wurde französisch gegeben. »Holt die Gefangenen! Laßt Keinen sie anrühren!«
Der ehemalige Voltigeur strich sich den rothen Bart. »Sapristi! - ich wollte es Keinem rathen!« Er machte Kehrt.
»Wo ist die Trage für den Kapitano?«
»Hier!«
»Dann hinein zu ihm, hebt ihn sorgfältig auf und bringt ihn hierher. Führt das Thier der Signora herbei und macht Alles fertig zum Aufbruch.«
»Und das Blut Tommaso's?« schrie das Mädchen. »Soll es ungerächt bleiben? Seid Ihr Männer? seid Ihr Neapolitaner?«
Die Hand von mehr als Einem lag am Griff des Dolches, am Kolben der Pistole.
»Still, Weib! - Hier kommt der Kapitano Tonelletto!« - Zwei der Briganten trugen auf der Bahre von Zweigen und Stangen den Banditenhäuptling in den Kreis. Die Schwester der Wirthsfrau warf sich neben ihn nieder und schrie mit flammenden Worten nach Rache zu ihm - die Italiener unter der Schaar drängten sich um ihn her und stießen wilde Drohungen aus.
In diesem Augenblick klang der militairische Schritt der sechs Franzosen - der vier, welche der Offizier so eben beordert, und der beiden Wachen. Sie führten in ihrer Mitte die fünf Gefangenen herbei. Es waren die beiden Offiziere und drei Bersaglieri. Nur der Major war ohne
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Wunden, obschon der Zustand seiner Uniform bewies, daß er mit aller Kraft sich gewehrt, als man sich seiner bemeistert hatte.
Der Lieutenant von Arnim hatte einen leichten Hieb über die Stirn, - um den rechten zerrissenen Aermel der Uniform unterhalb der Schulter war sein blutiges Taschentuch geschlungen. Die drei Bersaglieri waren kräftige, kecke Burschen, der eine fast noch ein Kind.
Den Augenblick, daß Aller Aufmerksamkeit den Gefangenen zugewendet war, benutzte die Irländerin, sich an den Kapitain zu wenden.
»Was haben Sie vor, Herr? Sie werden die Unschuldigen nicht ermorden lassen!«
Der Franzose zuckte die Achseln. »Es ist ein schlimmer Krieg, Mademoiselle, wo die Vergeltung ihr Recht fordert! Machen Sie sich gefaßt auf das Unvermeidliche!«
»Barmherziger Gott - und ich habe sie in den Tod gelockt!«
»Die Gefangenen, Kapitain!« meldete der Voltigeur. Es war Alles still geworden in dem Kreise. Die kochenden Leidenschaften wurden mit Gewalt zurückgedrängt.
Diese Pause benutzte der piemontesische Offizier, zu sprechen.
»Sie sind der Anführer dieser Räuberbande, Herr?« sagte er finster.
»Ich bin der Kapitain Chevigné im Dienst der zersprengten römischen Armee, Signor, und kommandire in diesem Augenblick in Ordre meines Generals dies Freicorps.«
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»Wir wollen nicht streiten um den Ausdruck, Herr Kapitain,« sagte mit leichtem Hohn der Piemontese. Genug - ich bin durch eine gut gespielte Komödie, der wie es scheint, selbst der Theatercoup aus dem Ballet Die Banditenbraut nicht fehlen soll, in Ihre Hände gefallen, während meinen Kameraden hier dies wenigstens ehrenvoller im Gefecht geschehen ist. Ich bitte Sie, unser Lösegeld sobald als möglich zu bestimmen, denn man hat uns hier als Kriegsgefangene schlecht genug behandelt!«
»Nicht schlimmer, Signor, als General Cialdini die Gefangenen von Castelfidardo. Ich wiederhole Ihnen, daß Sie in den Händen von Kriegern, nicht von Räubern sind, von einem Lösegeld also nicht die Rede sein kann.«
»Dann hoffe ich, daß Sie erlauben werden, unsere Auswechselung zu betreiben. Ich bin der Major Graf Sismondi vom Stabe des General Menabrea, dies ist Oberlieutenant von Arnim. Es kann unmöglich Ihre Absicht sein, uns als Gefangene mit im Gebirge umher zu schleppen!«
»Das wird von General Pinelli abhängen, Signor, der jetzt diesen Herrn,« er grüßte höflich nach dem jüngeren Offizier - »dort unten ersetzt. Zwei von Ihnen werden jedenfalls hier zurückbleiben.«
»Ich verstehe Sie nicht, Herr Kapitain. Ich denke, ich spreche mit einem Franzosen und Offizier!«
»Ich habe Ihnen und der Welt noch nie Ursach gegeben, anders von mir zu denken,« sagte der Franzose stolz. »Klagen Sie nicht uns an, sondern Ihren eignen Landsmann, wenn er uns zur Wiedervergeltung zwingt!«
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»Wie meinen Sie das?«
»Vier unserer Kameraden sind in dem Gefecht dieser Nacht in die Hände der Ihren gefallen. Der Offizier, der zur Corrigirung der kleinen Niederlage, die wir Ihnen beizubringen das Vergnügen hatten, kommandirt ist, hat es für Kriegsrecht befunden, zwei der Gefangenen aufhängen zu lassen!«
Der Graf konnte eine Bewegung des Schreckens bei dieser furchtbaren Nachricht nicht bemeistern.
»Signor - Sie wollen doch nicht - -«
»Keine Besorgniß, Herr Major. Ich weiß, was ich Soldaten schuldig bin. Ich bewillige Ihnen die Kugel statt des Stricks!«
Ein Triumphgeschrei voll fanatischen Hasses begleitete die Worte; Agnola preßte wie dankend die gefaltenen Hände über die Brust.
»Das ist gegen alles Völkerrecht - Das ist Mord wehrlosen Gefangenen gegenüber!«
»Richten Sie darüber mit Generalmajor Pinelli dort unten, der uns das Beispiel giebt,« sagte der Franzose kalt. »Ich erinnere mich dabei nicht einmal meiner Landsleute, die auf den Wällen von Ancona von den Kugeln des Generals Cialdini massakrirt wurden, nachdem sie längst schon die weiße Fahne aufgesteckt hatten!«
»Blut um Blut! Leben um Leben! Das ist das Gesetz des Gebirges!« sagte die tiefe Stimme Tonelletto's. »Ich danke Ihnen, Kapitain, für die Entscheidung.«
»Donner und Doria,« rief der Preuße, der bis zu
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dem furchtbaren Ausspruch des Kapitains nur Augen für die schöne Erscheinung der Irländerin gehabt hatte, dem höheren Offizier die Unterhandlung überlassend, - »ich möchte schwören, daß dies unser Gefangener von gestern ist, gerade wie die sorella Diavolina hier unsere schöne Miß, um deren Befreiung willen ich in die Patsche fiel. Hol' der Henker die Sorge meiner gnädigsten Mutter, daß sie mich Englisch lernen ließ!«
Der um die gefährliche Lage, in der er sich befand, unbekümmerte Humor des Preußen gefiel dem Banditenchef.
»Sie hätten das diese Nacht bereits sehen können, Signor Uffiziale,« sagte er, »wenn der Hieb da über die Stirn und die Dunkelheit nicht Ihre Augen getrübt hätten. La capitana Maria hat Ihren ergebensten Diener Tonelletto vor dem Schicksal bewahrt, das General Pinelli so unverständig unseren Kameraden bereitet hat!«
»Tonelletto - der berüchtigste Bandit des Gebirges?« rief der Major. »Eine saubere Gesellschaft für einen französischen Edelmann!«
Kapitain Chevigné wollte eine heftige Antwort geben, aber der Vetter des Kardinal-Staatssecretairs legte ihm mit einer Bewegung der Hand Stillschweigen auf. »Das ist meine Sache, Kapitain! He - wo ist mein Hut?«
Einer der Briganten reichte ihm den alten Filz, den er in der Kapelle getragen.
Der Bandit zog seinen Dolch, kehrte das Innere des Hutes nach Außen und begann den Filz aufzuschneiden, der wie sich zeigte, von doppelter Lage war. Er zog daraus
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zwei Papiere, von denen er das eine, ein gefaltenes Blatt, mit einem bedeutsamen Blick auf den französischen Offizier in seinen Brustlatz schob, das andere offen dem Piemontesen hinreichte.
»Sehen Sie selbst, Signor - ein Patent Seiner allerchristlichen Majestät, des Königs beider Sicilien, Don Franzisco secundo, ausgestellt vor drei Tagen in Seiner Majestät Festung Gaëta für Luigi Antonelli, genannt Tonelletto, als Kapitain einer für den König und die Kirche fechtenden Freicompagnie!«
Der Piemontese zuckte verächtlich die Achseln, indem er sich bei dem Evviva il Ré! Evviva il capitano Tonelletto! der Briganten umher auf die Lippen biß. Der Oberlieutenant aber war einen Schritt näher zu dem Verwundeten getreten. »Teufel,« sagte er - »welche Unvorsichtigkeit von mir, Sie nicht besser untersuchen zu lassen. Was für einen schönen Fang hätte ich da gemacht und die Kapitains[-]Epauletten wären mir sicher gewesen!« Er warf einen anklagenden Blick auf die schöne Irländerin.
»Sie hätten mehr gefunden, als sie ahnen können! Aber trösten Sie sich, Signor Uffiziale, es sind schon schärfere Augen und bessere Nasen wie die Ihren an einem alten Gebirgsfuchs, wie ich, zu Schanden geworden. Im Ganzen thut es mir leid um Sie, denn Sie sind nicht grausam mit mir verfahren, als Sie das Kommando hatten, und thaten im Grunde nur Ihre Pflicht. Hätte General Pinelli nicht so voreilig gehandelt, so sollten Sie gesehen haben, daß wir nicht die blutgierigen Wölfe sind, die Ihr
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Piemontesen aus uns machen möchtet. Aber ich kann's nicht ändern, - der Donzella hier muß ihr Recht werden!«
»Rache für Tommaso! Leben um Leben!«
»Sie hören es selbst! Das Mädchen hier brachte mir den Schlüssel und den Dolch in der Milch, die es mir möglich machten, bei meiner Befreiung zu helfen. Ich darf also Ihr gerechtes Verlangen nicht zurückweisen. Machen Sie sich bereit, wie Männer zu sterben.«
»Das muß ein Soldat in jedem Augenblick sein. Noch eine Frage, Capitano. Wie lange haben wir Frist, um einige kleine Bestimmungen zu treffen, und was ist aus meinen Leuten in Balzorano geworden?«
»Das ist die Frage eines wackern Offiziers,« sagte der Brigant, sich zu dem Franzosen kehrend. »Nun, wenn das Ihre letzten Augenblicke beruhigen kann, so darf ich Ihnen sagen, daß sie sich im Ganzen geschlagen haben wie brave Burschen. Ihr Kamerad, der freilich anfangs bei dem wohlüberlegten Ueberfall des Kapitains dort etwas den Kopf verlor und die Stellung in der Osterie preis gab, fiel von meiner Hand, und ich glaube, daß nicht Viele unseren Dolchen und Büchsen entkommen sind; aber immerhin noch genug, um uns diesen blutdürstigen General mit seinem Regiment alsbald auf den Hals zu hetzen und deshalb - so leid es mir thut, bei der heiligen Jungfrau von Loretto! - deshalb können wir Ihnen nur zehn Minuten Frist bewilligen, denn es ist die höchste Zeit, daß wir aufbrechen.«
»Ich protestire gegen diesen Mord!« sagte heftig der piemontesische Offizier.
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»Protestiren Sie, wo Sie wollen, Signor, aber machen Sie sich fertig zu sterben! Wo ist das Thier unserer Capitana? Sie braucht nicht Zeuge dessen zu sein, was hier geschieht, obschon Sie gestern wie ein Mann den Kugeln gegenüber gestanden hat!«
Die, von der er sprach, hatte unterdeß den französischen Offizier bei Seite gezogen. Sie beschwor ihn mit Thränen, mit den flehendsten Worten, welche die Aufregung ihr auf die Lippen legte, die grausame That zu verhindern. Sie schwor, daß sie ewig Gewissensbisse empfinden, keine Ruhe mehr haben würde, wenn man die Männer, die sie durch ihre kleine Komödie in den Hinterhalt gelockt, sterben müßten. Vergebens suchte er sie zu beruhigen und ihr klar zu machen, daß in diesem Kampf das Recht der Wiedervergeltung aufrecht erhalten werden müsse, und der Handlungsweise der sardinischen Truppen gegenüber, welche ohne alle Kriegserklärung, die garibaldinischen Freischaaren voran, in den Kirchenstaat und Neapel eingefallen wären und das Volk auf das Gewaltsamste tyrannisirten, sich vollkommen vertheidigen lasse, - daß noch zwei der Ihren in den Händen des blutigen Pinelli wären - das erregte Mädchen beschwor ihn, wenigstens den Versuch zu machen, die Gefangenen zu retten.
Der dumpfe, entfernte Knall einer Büchse aus dem Thal herauf, dem alsbald der Schall einer starken Salve folgte, machte all' den Verhandlungen ein Ende.
»Hören Sie, Kapitain! Die Piemontesen rücken an! Das war die Büchse unsers Wachposten, der auf sie schoß. Was geschehn soll, muß sofort geschehen!«
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Der französische Offizier hatte sich losgemacht von der Irländerin und war an den Felsenrand geeilt, wo er mit seinem Glas das Thal observirte. »In der That, eine starke Kolonne hat Balzorano verlassen und zieht gegen das Gebirge - in einer Stunde können sie hier sein!«
»Ihre Plänkler noch eher. Bindet die Gefangenen, Leute! Sie gehören Euch - macht ein kurzes Ende mit ihnen!«
»Halt!« donnerte die Stimme des Kapitains.
Der Brigantenführer hob sich auf seinem Arm empor. »Wie Signor, was soll das heißen? Sind wir einig oder nicht?« Die dunklen Brauen zogen sich finster zusammen.
»Wenn sie denn sterben müssen zur Sühne für die Unseren, sollen sie wenigstens nicht ermordet werden, sondern dem Recht und Gesetz zum Opfer fallen, das wir Alle gelobt uns zu halten, als wir die Freischaar bildeten. Macht einen Kreis, Leute!«
Die früheren Soldaten von Castelfidardo waren die Ersten, die gehorchten. Die Anderen folgten unwillkürlich dem Beispiel - der Kreis der Männer schloß sich um die beiden Offiziere, die beiden Frauen und die fünf Gefangenen.
»Jetzt, Leute, soll jeder frei seine Meinung kund geben. Was geschehen, wißt Ihr. Diese Männer sind im Gefecht in unsere Hände gefallen. Zwei der Unseren in gleicher Lage haben ihre Kameraden ohne Barmherzigkeit aufgehängt. Die Mehrzahl der Stimmen soll jetzt über ihr Schicksal entscheiden. Wer dafür stimmt, daß auch sie sterben müssen, der erhebe die Hand!«
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Es war nicht Einer im Kreise, dessen Hand zurückgeblieben wäre.
»Sie sehen, daß Sie einstimmig zum Tode verurtheilt sind - ich selbst muß, so ungern es geschieht, dafür stimmen. Aber man soll nicht sagen, daß in Gegenwart des Kapitain Chevigné eine Ungerechtigkeit geübt worden, die zum Morde werden würde. Nach der Aussage dieses Mädchens sind zwei der Unseren von General Pinelli hingerichtet worden. Wir wollen nicht schlimmer handeln als er - zwei Opfer genügen! Die drei Andern folgen uns als Gefangene auf dem Rückzug und bürgen mit ihrem Leben für das unserer beiden Kameraden, die noch in den Händen jenes Mannes sind, der zuerst die Gesetze der Menschlichkeit gebrochen. Sie fallen - wenn jene das Leben verlieren!«
Die anwesenden Franzosen riefen der Entscheidung des Kapitains Beifall; von den Italienern, deren Fanatismus und Blutdurst erregt war, wollten zwar mehrere widersprechen, aber ihr eigener Führer winkte ihnen gebietend Schweigen.
»Die Entscheidung ist gerecht, Kapitain,« sagte der Brigant - »ich schließe mich ihr an. Sie sollen loosen, wer für die Unseren büßt. Wer hat Würfel zur Hand?«
»Hier, Capitano!« Zehn Hände fuhren in die Taschen und brachten die »Knochen des Teufels«, wie sie in der Volkssprache heißen, zum Vorschein.
Der neue Freischaaren-Capitano nahm eines der Spiele und hielt die drei Würfel dem piemontesischen Major hin. »Ihr Rang giebt Ihnen das Vorrecht,
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Signor! Unterdeß, da wir keine Zeit zu verlieren haben, - sind die Todten, die Ihr mitgenommen, in das Grab gelegt, das ich zu machen befahl? Nicolo - trage Sorge dafür!« Der Aufgerufene entfernte sich offenbar nur ungern mit zwei oder drei Anderen aus dem Kreise, um die Leichen von dem Winkel am Gemäuer nach dem Gebüsch zu schaffen, wo man ihnen am Morgen in dem felsfreien Waldboden die letzte Stätte gegraben.
Tonelletto hielt noch immer dem Major die Würfel hin. »Nehmt Signor,« sagte er ungeduldig. »Es ist nicht zu ändern!«
»Ich weigere mich dessen. Thut was Ihr vor Gott und Menschen verantworten wollt - die Soldaten des Königs werden meinen Tod zu rächen wissen!«
»Nichts da - was dem Einen recht, ist dem Andern billig. Wenn Sie nicht selbst werfen wollen, so soll es dies Mädchen thun, die am meisten dabei betheiligt ist!«
Agnola stürzte sich auf die Würfel. Sie kniete auf den Boden und indem sie einen Blick voll triumphirenden Hasses auf den Offizier richtete, that sie hastig den Wurf.
Die Würfel rollten auf dem flachen Gestein weit auseinander - dann gellte eine wilde Verwünschung aus dem Munde des Mädchens.
»Achtzehn!«
»Diavolo, Signor Maggiore! - Sie haben Glück. Wenn's nach der Dirne da gegangen, wären Sie sicher nicht durchgeschlüpft! Nun, Lieutenant - die Reihe ist an Ihnen. Ich wünsche Ihnen dasselbe Glück.«
Der Preuße senkte das eine Knie auf den Boden und
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raffte die Würfel zusammen. In dieser Stellung wandte er sich an die Irländerin und bot ihr die Würfel. »Wollen Sie mir die Gunst erweisen, Milady, daß Ihre Hand mein Schicksal bestimmt?«
Sie wandte sich schaudernd ab.
»Dann muß ich freilich es selbst wagen. Sie wissen, Graf, bei Borchardt, wenn wir um den Champagner spielten, oder im Jockey-Club, ehe der seelige Hinkeldey uns sprengte, waren Würfel und Karten mir selten günstig!«
Er warf ohne hinzusehen.
»Nur Sieben!« murmelte der Brigant nicht ohne Theilnahme. »Armer Bursche - ich hätte es ihm lieber gegönnt, als dem Andern!«
Lieutenant von Arnim war zurückgetreten, - sein Gesicht war etwas blaß, aber kein Zeichen von Furcht oder Schwäche sonst an ihm bemerkbar. Er zog mit der unverletzten Hand eine Brieftafel aus der Tasche und näherte sich damit der Irländerin, die aus dem Kreise um das schreckliche Spiel geflüchtet war.«
»Milady,« sagte er ernst aber freundlich, - »um in unseren Rollen zu bleiben, erlaube ich mir, Sie mit diesem Titel anzusprechen! - Da Sie mir die so eben erbetene Gunst abgeschlagen, darf ich eine andere, die letzte Bitte an Sie thun?«
»Wie, Sir - Sie hätten ...«
»Ich habe so wenige Augen geworfen, daß keine Aussicht für mich ist. Die Verwundung meines Arms erschwert mir einigermaßen das Schreiben und ich möchte gern meiner Mutter in der fernen Heimath noch einige Worte des
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Abschieds sagen. Wollen Sie mir erlauben, dieselben in diese Brieftafel zu schreiben und sie dann in Ihre Hände niederzulegen, damit Sie die Güte haben, durch kurze Beifügung der Umstände die Nachricht meines Schicksals zu vervollständigen und sie - sobald es die Gelegenheit erlaubt - an die preußische Gesandtschaft in Rom zur Weiterbeförderung zu senden?«
Die Thränen stürzten aus den Augen des jungen Mädchens. »Oh Sir, Sie müssen mir fluchen! ich bin schuld an Ihrem Tode!«
»Nicht doch, Miß Mary - Maria - so heißen Sie ja wohl, wie die Königin, für die Sie kämpfen! Es ist das Loos eines Soldaten, was mich trifft, und was ein ziemlich unnützes Leben endet. In diesem Augenblick freilich fühle ich, daß ich das Geschenk Gottes besser hätte nutzen sollen. Indeß - solche Betrachtungen kommen zu spät und helfen Nichts. Wollen Sie meine Bitte erfüllen?«
Sie schluchzte hinter den vorgehaltenen Händen. »Alles! Alles! o daß ich Ihr Leben mit dem meinen erkaufen könnte!«
»Dann erlauben Sie!«
Er legte die Brieftafel auf den Sattel ihres Reitthiers, neben dem sie stand, und beschrieb eines der Blätter.
»Signor uffiziale! Signore Prussiano!«
Die Stimme des Briganten-Hauptmanns klang freudig erregt.
»Soll es so rasch geschehen? - nur noch wenige Augenblicke, dann bin ich bereit!«
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Der Major kam hastig auf ihn zu. »Das Glück ist Ihnen günstig gewesen, Kamerad,« sagte er leise. »Einer der Bersaglieri hat fünf geworfen - der letzte Sieben wie Sie! Sie dürfen noch einen Wurf thun. Gott gebe, daß er besser ausfällt.«
Der junge Offizier griff mit der Hand nach der Stirn. Das Blut stieg ihm heiß vom Herzen hinauf in die Adern der Schläfe und einen Moment lang flirrte es schwarz vor seinen Augen und er mußte sich gewaltsam zusammen nehmen, um nicht zu wanken, als der Graf ihn fortzog.
»Kommen Sie - man wartet Ihrer!«
Jetzt hatte er sich gefaßt, jetzt war er wieder Herr seiner selbst, bereit, noch einmal das schreckliche Gefühl zu überwinden, das aus den Fingerspitzen erkältend bis in sein Herz gezuckt war, als er vorhin die Würfel ergriff.
»Corragio, Signor!« rief der Brigant - »Sie haben noch eine Chance, und das ist viel, wenn man schon mit einem Fuß unter der Erde stand, wie Sie!«
Unwillkürlich hatte diese Wendung der schrecklichen Entscheidung selbst in den rohesten Mitgliedern der Bande ein gewisses Interesse für den kecken Kommandanten des Postens von Balzorano erweckt, dessen Thätigkeit und Umsicht ihnen doch so manchen Schlag versetzt hatte. Als der Oberlieutenant in den Kreis trat, waren alle Augen mit Spannung auf ihn gerichtet.
Er warf einen flüchtigen Blick umher.
Der Bersaglieri, der einen hohen Wurf gethan und sich so vorläufig vor dem Tode gerettet hatte, stand zur
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Seite und suchte seinen minder glücklichen Kameraden zu trösten.
Es war dies ein kräftiger, rothhaariger Bursche, von etwa dreißig Jahren, mit dem Kreuz von Solferino dekorirt. Er hatte die Hände geballt, die Lippen fest aufeinander gebissen, um die verhaßten Feinde umher nicht die Gefühle seines Innern sehen zu lassen, und blickte starr vor sich hin.
Die Augen des Offiziers wandten sich mitleidig von ihm ab, - sie fielen auf den Soldaten, der mit ihm um die furchtbare Entscheidung zu ringen hatte.
Er war noch ein halbes Kind und zählte höchstens achtzehn Jahre. Er lag auf Händen und Knieen im Kreise und sein todtenblasses Gesicht war mit dem Ausdruck entsetzlicher Angst erhoben und auf den Offizier gekehrt, der in den Kreis trat. Die Zähne klapperten ihm auf und nieder, als wolle er sprechen, und doch vermochte kein Ton aus der von Todesfurcht zusammengeschnürten Kehle sich Bahn zu machen.
Der Offizier - wie sehr auch sein eigenes Leben auf dem Spiel stand, sah mit aufrichtiger Theilnahme auf das Bild der Todesangst.
»Fassung, Kamerad,« sagte er, sich zu ihm beugend und ihn auf die Schulter klopfend - das Glück kann Ihnen noch immer wohl wollen!«
Die einzige Antwort war ein tiefes Stöhnen. Dann zuckte der junge Mensch plötzlich zusammen, als hätten ihn schon die Kugeln der Briganten getroffen. Unten aus dem
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Thal war wieder der Knall von Schüssen herauf gedröhnt - hörbar näher als die ersten.
Der Capitano Tonelletto hatte sich auf seiner Bahre aufgerichtet: »Vorwärts - es muß zu Ende gehen!«
»Der Preuße hatte die Würfel genommen - er bot sie dem jungen Soldaten: »Wollen Sie zuerst werfen, Kamerad?«
»Nein - Nein - Signor! ich kann nicht - werfen Sie - oh! ich bin noch so jung!«
Der Ausdruck, mit dem er das flüsterte, war herzzerreißend.
Lieutenant von Arnim wiegte einige Augenblicke die Würfel in der Hand, dann - ohne sich zu bücken, - ließ er sie auf den Boden fallen.
»Sieben!«
Wer die verhängnißvolle Zahl genannt - ob Einer, ob Alle - Niemand wußte es! Es war eine athemlose Stille in dem Kreise - Alle standen wie starr vor dem seltsamen Zufall. Wenn die Piemontesen in diesem Augenblick einen Angriff gemacht hätten, sie würden kaum einen Widerstand gefunden haben.
Der Briganten-Chef murmelte einen Fluch. »Die Reihe ist an Dir, Bursche! Hole der Teufel solch' Mißgeschick!« Er winkte einen der Männer in seine Nähe und flüsterte ihm einige Worte in's Ohr.
Der junge Soldat hatte einen tiefen Athemzug gethan, es fiel ihm wie eine Last von der Brust, ein rother Fleck trat auf seine bleichen Wangen, sein Auge leuchtete in selbstsüchtiger Freude auf und glitt wie triumphirend
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über die wilden Gesichter, von denen er fühlte, daß sie alle ihm dies Glück nicht gegönnt hatten.
Dann griff er hastig nach den Würfeln, schüttelte sie lange in den beiden hohlen Händen und ließ sie auf den Felsen rollen.
Die Augen schienen ihm aus den Höhlen zu treten, wie er ihr Rollen verfolgte - plötzlich fiel er mit einem leisen Seufzer lang hin auf das Gesicht.
Er hatte einen Pasch geworfen - drei Einer - Drei! die verhängnißvolle Todeszahl.
»Heilige Jungfrau, ich danke Dir für Deine Gnade!« flüsterte eine Stimme.
Der Offizier wandte sich rasch um - sein Gesicht war dunkel geröthet.
Es war die Irländerin, die ihm gefolgt war und hinter ihm stand. Ihre schönen blauen Augen waren dankbar zum Himmel gerichtet und doch war ihre Freude mit einem andern Leben erkauft. So egoistisch ist selbst das edelste Herz.
Die Worte der Capitana schienen die allgemeine Erstarrung gelöst zu haben. Aus dem dichten Menschenknäuel, in den jetzt der Kreis sich auflöste, hörte man durch die lauten Reden der Männer nur einen wilden Fluch. Es war der zum Tode verurtheilte Bersaglieri, der vergebens sich mühte, den Strick zu zerreißen, mit dem man auf den Befehl Tonelletto's sogleich nach der Entscheidung von rückwärts die Arme der beiden dem Tode Geweihten zusammengeschnürt hatte.
Kapitain Chevigné, der sich während der ganzen
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letzten Scene entfernt gehalten hatte, trat jetzt wieder hinzu. Er war zum Aufbruch gerüstet und hatte ein beschriebenes Blatt Papier in der Hand. Ohne einen Blick auf die Drei zu werfen, die wenigstens für einige Zeit das Leben gerettet, wandte er sich zu den Männern.
»Unsere Posten müssen sogleich hier sein. Habt Ihr die nöthigen Befehle ertheilt, Signor Tonelletto?«
»Ja, Capitain!«
»So lasset uns aufbrechen. Corporal Tourbillon, Ihr sorgt für die Gefangenen. Sie stehen unter meinem Schutz. Aber bei'm geringsten Fluchtversuch schießt sie nieder!«
Er wandte sich zu der Irländerin. »Mademoiselle, wenn es Ihnen gefällig ist!«
Sie ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, in den Sattel des Esels heben, den sie auf den Hin- und Herzügen der Freischaar durch das Gebirge zu reiten pflegte. Zwei der Briganten hatten die Bahre ergriffen, auf der ihr verwundeter Anführer lag; der Zug ordnete sich rasch. Hinter dem neuen Capitano des König Franz ritt die Irländerin. Zwischen den ehemals päpstlichen Soldaten, von dem Korporal Tourbillon sorgfältig überwacht, schritten die drei Gefangenen. Um ihnen und sich den Schmerz zu ersparen, hatten sie nur mit einem Wink von den beiden Verurtheilten scheiden können.
Der Kapitain Chevigné blieb zurück. Sechs der Briganten waren auf den Wink ihres Anführers bei ihm geblieben. Sie standen ihre Büchsen im Arm mit finsterm Blick um die beiden Gefangenen.
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»Ihr kennt Eure Ordre,« sagte der Kapitain. »Sobald die beiden Posten von dem Wege angelangt sind, folgt Ihr uns mit ihnen, nachdem ...«
Er ergänzte seine Rede durch einen Blick auf die Verurtheilten.
Die Männer, rauhe, wilde Söhne des Gebirges, ohne Barmherzigkeit in den finstern Gesichtern, begnügten sich, durch ein stummes Nicken anzudeuten, daß sie den Befehl verstanden hatten.
»Keine unnütze Grausamkeit! - Drei Kugeln für Jeden, dort an der Wand des Thurms. Dies Papier auf die Brust der Todten, damit sie es finden!«
Er reichte dem Aeltesten das Papier. Auf dem Blatt stand mit Bleistift geschrieben:
»Wiedervergeltung für die Hinrichtung zweier Kämpfer des Königthums.
»Wird den Gefangenen, die sich in den Händen des General Pinelli befinden, ein Haar gekrümmt, so sterben die Drei - darunter zwei Offiziere der piemontesischen Armee - die noch in unserer Gewalt sind.
»Wer das Kriegsrecht gegen uns nicht achtet, hat keinen Anspruch auf unsere Nachsicht. Leben um Leben!
                La capitana Maria.«
Die junge Irländerin hatte gewiß damals in Civita nuova nicht geahnt, als sie sich zur Gefährtin der Brigantaggia machte, welche blutigen Thaten ihr Name decken sollte!
Als der Kapitain das furchtbare Dokument dem Manne übergeben hatte, wandte er sich hastig, den traurigen Platz zu verlassen.
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»Du hier?« sagte erstaunt und mißbilligend, als er die Schwester der Ostessa an dem Eingang des Thurms erblickte. »Das ist kein Anblick für Weiber - fort mit Dir!«
»Ich mußte Tommaso sterben sehen,« erwiederte die Italienerin finster, - »jetzt will ich sehen, daß er gerächt wird, und dann über die Anderen wachen, daß Keiner der Vergeltung entgeht!«
Ohne ein Wort gegen ihren schrecklichen Entschluß zu verlieren, ohne sich umzusehn, schritt der französische Offizier hastig über den Platz und stieg den engen und steilen Pfad hinan, welchen die Schaar eingeschlagen.
Nach etwa zehn Minuten hatte er sie eingeholt, trieb die Nachzügler zum raschen Marsch an und schritt dann, finster an den gefangenen Offizieren vorübergehend, an die Spitze des Zuges, wo er neben der Bahre des verwundeten Brigantenführers herging.
Niemand hatte gewagt, eine Frage an ihn zu richten. Die Irländerin saß blaß und bei dem geringsten ungewöhnlichen Geräusch erbebend in ihrem Sattel und wagte nicht, rückwärts zu schauen.
Der Weg, den die Brigantenschaar nahm, stieg steil an dem Berge empor zwischen Gestrüpp und Gestein und war höchstens für Ziegen oder Holzsucher geeignet. Die Enge, zu dem sich häufig die Felswände zusammen drängten, gab wenigstens das volle Gefühl der Sicherheit, denn wenige entschlossene Männer mußten an diesen Stellen genügen, das ganze Regiment des blutigen Generals aufzuhalten. Die beiden piemontesischen Offiziere sahen dies
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leicht ein und gaben jede Hoffnung auf, sich durch den Anmarsch ihrer Kameraden befreit zu sehen.
Kapitain Chevigné war kaum die Zeit bei der Kolonne, welche er gebraucht, sie zu erreichen, als aus der Gegend, die sie verlassen, eine Salve von Büchsenschüssen erdröhnte, der gleich darauf eine zweite folgte.
Der Zug hielt unwillkürlich still - die rauhen Männer bekreuzten sich - Jeder wußte nur zu gut, was der Ton zu bedeuten hatte.
Marie O'Donnell fühlte einen kalten Schauer ihr Inneres durchrieseln - sie mußte die Hand an die Lehne des Sattels legen, um nicht zu fallen, und hastig wandte sich - zum ersten Mal - ihr Blick rückwärts und suchte die Gefangenen, gleich als traue sie noch immer nicht, daß nicht sie es gewesen, denen jener schreckliche Schall gegolten. Erst nach einer Weile und auf den Zuruf des Kapitains setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
Als er noch eine Strecke weit die Höhe erklommen, wandte er sich über ein ödes Steinfeld zur Seite hinein in einen Fichtenwald und stieg, dem Lauf eines kleinen Gebirgswassers folgend, niederwärts. Hier war es, wo die zurückgebliebenen sechs Briganten den Zug ihrer Kameraden wieder einholten. Mit ihnen kamen zwei Andere, die Posten auf dem Weg vom Thal zur Thurmruine auf dem Bergplateau und das Mädchen, das sich ihnen angeschlossen. Als sie an den Gefangenen vorüber ging, warf sie ihnen einen Blick voll dämonischer Freude und wildem Haß zu und schüttelte ein blutiges Tuch.
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Selbst die rohen Männer wandten sich ab vor diesem Ausdruck unversöhnlichen Grolls.
Die beiden Schildwachen waren zu den Offizieren gegangen, um ihnen Rapport zu erstatten. Die Piemontesen waren in der That gegen den Monte Turchio im Anrücken gewesen und sie hatten Schüsse mit deren Vorhut gewechselt, ehe sie sich zurückzogen.
Von dem blutigen Akt, der das Drama oben am Thurm beendet, sprach Niemand ein Wort - Niemand befrug sie darum.
Es war hoher Mittag, als die kleine Schaar, nachdem sie auf der Ostseite des Monte Turchio unterhalb Gioja das Thal der Sangro passirt hatte, der sich durch die ganze wilde Bergkette der abruzzesischen Apenninen windet und bei Langlano in das adriatische Meer ergießt, auf den Abhängen des Monte Folcone Halt machte, um sich zu dem weiteren Marsch zu stärken, von dessen Ziel bisher nur zwischen den beiden Capitani's die Rede war.
Obschon naturgemäß noch immer eine gewisse Spannung zwischen den drei Gefangenen und ihren Siegern obwaltete, die namentlich durch die schroffe Haltung des Conte aufrecht erhalten wurde, der es nicht vergessen konnte, so schlau überlistet worden zu sein, - war seit der Gewißheit des Falls der beiden unglücklichen Opfer blutiger Wiedervergeltung doch förmlich eine Last von Aller Seele genommen, und selbst die junge Irländerin schaute weniger traurig und bedrückt und schenkte der rauhen Schönheit der Wildniß, durch die sie zogen, ihre Aufmerksamkeit.
Der Preuße war zu dem Brigantenchef gerufen worden,
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der großes Gefallen an ihm zu finden schien, und mit dem gewissen Leichtsinn, der ihm neben manchen trefflichen und ächt soldatischen Eigenschaften anhaftete, plauderte er, die gefährliche Situation vergessend, in der er sich noch immer befand, mit jenem und erzählte ihm von seiner entfernten Heimath und wie er dazu gekommen sei, in fremden Kriegsdienst zu treten.
Selbst der ernstere französische Offizier fand Gefallen an dem Wesen des früheren Gardelieutenants, dessen chevalereske Passionen mehr zu seiner eigenen Anschauung und Vergangenheit stimmten, als das wenn auch offene und launige, doch rauhe und bei den ungezügelten Leidenschaften dieser Männer nicht zu berechnende Wesen des alten Banditenhäuptlings, der manche Erzählung aus seinem Leben zum Besten gab. Da Lieutenant von Arnim überdies am Nachmittag vorher von dem Grafen über den Stand der politischen Ungelegenheiten und des Kampfes zwischen der Invasionsarmee und den treu gebliebenen Truppen des König Franz unterrichtet worden, konnte er die Nachrichten leicht vervollständigen, welche der Brigant von seinem kecken Besuch der belagerten Festung mitgebracht hatte.
Es ist hier die Zeit, einen kurzen Rückblick auf die weitere Entwickelung der Verhältnisse und den Sieg der Revolution in Italien zu werfen zur Vervollständigung der bereits bei früheren Gelegenheiten erwähnten Ereignisse.


Der Leser wird sich - wenn nicht aus dem ersten Kapitel dieses Buches, so doch aus seiner Zeitungslektüre -
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erinnern, daß General Garibaldi nach dem Sieg der Revolution in Sizilien am 19. August unter amerikanischer Flagge mit 5000 Mann in Melito in Calabrien gelandet war, das Fort von Reggio sich ohne Gegenwehr ergeben und am 23sten die beiden neapolitanischen Brigaden Melendez und Briganti feig die Waffen gestre[c]kt hatten.
Vergebens hatte der junge König, selbst von seinen Verwandten verlassen, ja verrathen, durch Concessionen an die liberale Partei die Revolution zu beschwören versucht. Sein Fall war eine im Cabinet Cavour längst beschlossene Sache und die europäischen Monarchen sahen ihr ruhig zu. Zu spät erkannte er wenigstens die eine Schlange am eigenen Heerd und wies den Grafen von Aquila, seinen Oheim, der sich thöricht das Haupt der Verschwörung glaubte, während er nur ihr Werkzeug war, aus Neapel - die schlimmere, gefährlichere nährte er an seinem Busen in der Person des Ministers des Innern, Liborio Romano!
Die Revolution hat diesen Namen gefeiert als einen antiken Charakter, - sein eigenes Gewissen hat ihn längst verurtheilt und ihn gleich einem Ahasver von dem Schauplatz seines Verraths gejagt in die Welt. Indem er bei der Bildung des Ministeriums das Portefeuille des Innern übernahm, heuchelte er dem jungen Monarchen gegenüber die Gesinnungen eines Moderado's und der Treue und Anhänglichkeit an den Thron der Bourbonen, während er im Stillen ein fanatischer Republikaner, einer der innigst Verbündeten Garibaldi's war und jene Stellung nur annahm, um diesen von allen Vorgängen zu unterrichten, ihm den Weg zu bahnen in das Herz des Landes, den arglosen
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jungen - ohnehin nicht sehr scharfsichtigen - Monarchen zu falschen Schritten zu treiben und ihn schließlich zur Flucht zu drängen.
Der Aufstand am 28. Juni, in welchem die zwölf Polizei-Kommissariate von Neapel gestürmt, die Akten verbrannt und mehre Beamte ermordet wurden, war nicht ohne seinen Willen ausgebrochen und er wußte sehr wohl, daß nach dieser Erregung der Leidenschaften des Volkes selbst die Verkündigung der mehr als liberalen Konstitution vom Februar 1848 nur Wasser auf einen heißen Stein sein konnte.
Wie eine Feuersbrunst in einem Magazin von Zündstoffen mit jedem Schritt weiter schwillt und wächst, rollte die Lavine der garibaldischen Freischaaren gegen Neapel aus dem Süden heran - freilich nicht so gefährlich durch sich selbst, als durch den Verrath und die Feigheit Derer, welchen Ehre und Pflicht geboten hatten, sie zurückzutreiben. War doch der größte Theil der niedern Soldaten bereit, für ihren König zu fechten, und nur die Infamie, die Erbärmlichkeit der meisten Offiziere vermied und hinderte den Kampf, löste bei dem Anrücken oft ganz unbedeutender Streitkräfte die Corps auf, übergab das Kriegsmaterial, und zwang die Soldaten, um nicht zu verhungern, gleich Räuberbanden plündernd das Land zu durchziehen oder zu den Rothhemden überzugehen.
Damals war es, wo jener furchtbare Akt der Vergeltung geübt wurde, den die turiner Zeitungen zu leugnen oder zu entstellen suchten: daß, als General Briganti, der schimpflich kapitulirt hatte, in Mileto durch das Lager der
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entlassenen Truppen ritt, sie unter dem Wuthschrei: »Traditore!«3 ihn vom Pferde rissen, mit Füßen traten und buchstäblich in Stücke zerfleischten!
Doch der vereinzelte Racheakt war vergeblich - zu tief war das durch allerdings jahrelanges schlechtes Regiment, die Priester- und Geldherrschaft demoralisirte Volk bereits von dem spekulativen Verrath umgarnt, der die Leidenschaften der Masse zu entflammen, die Beamten, die Offiziere der Armee, der Flotte bestochen hatte.
Die Börse von Neapel - jüdische Bankiers - hatten 25 Millionen Franken, garantirt von dem sardinischen Ministerium mit 8 Procent Zinsen und 2 Procent Prämie, zu diesen Zwecken vorgeschossen. Mit diesen Summen war die Flotte der Art bestochen, daß sie sich weigerte, den Hafen von Castellamare zu verlassen und der König genöthigt war, um Truppen nach Kalabrien gegen die Landung der Freischaaren zu senden, acht französische Handelsdampfer zum Transport zu miethen.
Wer hat - wenn ihn ein glückliches Geschick nicht selbst einmal in jenes irdische Paradies geführt, das man den Golf von Neapel nennt! - nicht wenigstens von der entzündbaren, ewig gährenden Natur dieses Volkes gehört, wo die geringste Anregung die Leidenschaften erhitzt, wo Leichtsinn und Gedankenlosigkeit nach einem ewigen Wechsel der Eindrücke haschen, ein Volk mit der Leichtgläubigkeit und dem Gemüth eines Kindes, und der Gefährlichkeit eines Tigers. In dieses Volk, seit Jahrhunderten sich
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bewegend in Conspirationen und Revolutionen, gewöhnt an das öffentliche Geschrei, das Schaffot, das Nichtsthun und den Kerker, - ausgesaugt bis zum Blut durch bestechliche, tyrannische Beamte, geknechtet und erbittert durch übermüthige Priesterherrschaft - entwöhnt alles Rechtsbewußtseins durch feile, schleppende Justiz - mußten die von den geheimen Comité's unter dem Schutz des verrätherischen Polizeiministers zu Tausenden verbreiteten Proklamationen des kühnen Vorkämpfers der Revolution wie Brander in das dürre Holz fahren. Wen hätten unter solchen Umständen jene flammenden Worte der Proklamation vom 24. August nicht bethören sollen:
»Der Mann, der über Euch regiert, heißt nicht Franz II., nein, sein Name ist Niedertracht, Haß hieß sein Vater, Verrath sein Großvater, Lüge sein Urgroßvater !
Neapolitaner, es ist schon allzulang, daß Ihr auf Euren Gassen den deutschen Ruf: Werda? hört und antwortet: Sclaven!
Es wird Zeit, daß der Ruf ertönt: Chi va là? und Ihr antworten könnt: Bürger!
An allen Enden Gewehrfeuer, an allen Enden der Ruf: Es lebe Italien!
Ihr allein scheint taub und stumm zu sein.
Reggio, Potenza, Bari, Faggia sind in vollem Aufstand, Ihr allein betrachtet den allgemeinen nationalen Brand mit ruhigem Auge.
Neapolitaner! fürchtet zu spät zu kommen; fürchtet, daß, wenn Ihr endlich kommt, die Lombardei, Sicilien, die Basilicata mit Donnerstimme Euch zurufen:
Zurück, Bastarde Italiens, Ihr seid nicht mehr unsere Brüder, Ihr gehört nicht mehr der heiligen Familie an!
Neapolitaner, zu den Waffen!«
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Und diesem gährenden Vulkan gegenüber ein junger, von seiner Stiefmutter in steter Abhängigkeit erhaltener, mit dem Leben fast unbekannter Mann von 24 Jahren, König seit fünfzehn Monaten, - umgeben von dem eigennützigen Haß seiner nächsten Verwandten, von der Untreue seiner Diener, von den Ränken und der rachsüchtigen Spekulation der englischen und der französischen Diplomatie! - diesem gährenden Vulkan gegenüber eine junge, neunzehnjährige Königin, eine Fremde in diesem Lande, angefeindet und belauert von Denen, die sie schützen sollten, mit warmem Herzen geschlagen in die kalten Ehebande der Politik, - verhaßt und verdächtigt einem Volke, das sie beglücken möchte, und dem gegenüber ihr einziges Verbrechen war, daß ihre Wiege jenseits der Alpen gestanden hatte.
Vom Bord eines sardinischen Kriegsschiffs, das im Hafen von Neapel ankerte, schleuderte der abtrünnige General Nunziante an die königliche Armee seines Landes die Aufforderung, ihren Eid zu brechen: piemontesische Bersaglieri überfielen in den Straßen der Stadt die Garden des Königs, und als sie dabei verwundet wurden, erpreßte der sardinische Gesandte Villamarina dafür 20,000 Lire Entschädigung. Mazzinistische Komite's lauerten in den Straßen auf das Erscheinen des jungen Königpaars, um an ihnen mit Orsini-Bomben den der Revolution erlaubten Meuchelmord zu üben!
General Viale stand mit 12000 Mann königlicher Truppen bei Monteleone, und als die Garibaldianer unter Cosenz in Novo anrückten, legte er sich zu Bett, meldete
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sich krank und sandte seine Entlassung. Am 30. August kapitulirte General Ghio und überlieferte den Freischärlern 10,000 Gewehre, 12 Geschütze und 600 Pferde.
Von der jungen Königin angefeuert, deren Kraft und Energie mit der Noth und Gefahr zum Heroismus zu wachsen schien, beschloß der König, sich selbst an die Spitze seiner noch treu gebliebenen Truppen, der Garden und der deutschen und schweizer Regimenter zu stellen, und vor Salerno zum Schutz der Hauptstadt eine entscheidende Schlacht zu liefern; - seine jüngeren Brüder, kaum dem Knabenalter entwachsen: der Graf von Tram, der Graf von Caserta, selbst der vierzehnjährige Prinz Gaëtan verlangten, sich an die Spitze der Regimenter zu stellen und sie gegen die Rebellen zu führen.
Damals war es, wo der Verräther Liborio Romano ewige Schande in den Augen jedes Biedermanns auf seinen Namen heftete, daß selbst die Sardinier sich verächtlich später von ihm wandten und nur deutschen Zeitungen die Ehre überlassen blieb, seine Niederträchtigkeit zu feiern! wo er und seine Creaturen im Ministerium unter den erbärmlichsten Schmeicheleien den unglücklichen König dazu drängten, Neapel, das Land zu verlassen; wo man ihm vorlog, die Garden, die fremden Soldtruppen wären im Aufruhr; wo man die Königin, die in die Kaserne der Garden eilen wollte, mit Gewalt daran hinderte und der Gesandte des stolzen prahlenden Englands sich nicht scheute, in all' die Lüge und den Verrath einzustimmen, um dem Enkel des Fürsten, der einst als der einzige Bundesgenosse Albions dem großen Schlachtenkaiser Trotz bot, die Krone
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zu rauben - blos damit der Schwefel in Sizilien für die englischen Krämer billig und der Manchester-Export zollfrei werde!
So viel Schande, so viel Verrath, Lüge und Treubruch herrschte in jenen Tagen um die Königsburg von Neapel, daß ein Jahrhundert die Schmach nicht von der Nation abwaschen mag. Welches ehrliche Soldatenherz wird auf Generationen hinaus noch Schulter an Schulter mit einem jener Eidbrüchigen im Kampfe stehen mögen?
Am Abend des 6. September verließ der verrathene Monarch mit seiner Königin auf einem einfachen Dampfer die Stadt. Niemand kümmerte sich um ihn, Niemand von allen Denen, die ihm bei seiner Thronbesteigung entgegengejauchzt, trauerte um ihn. Nur wenige Getreue waren in seiner Begleitung - zwei spanische Fregatten gaben ihm das Geleit nach Gaëta, der Meeresfeste, wohin sich bei den Stürmen von Achtundvierzig auch Papst Pius zurückzogen hatte.
Es ist ein trauriges eigenthümliches Verhängniß, welches dies Jahrhundert über das Königsgeschlecht der Bourbonen gebracht hat. Vertrieben von der Revolution aus der Heimath, verlassen sie den glänzenden Thron und gehen in die Verbannung, da sie nicht das Geschick haben, für ihn und auf ihm zu sterben.
Gott rächt die Sünden der Väter bis in's dritte und vierte Glied - Frankreich, - Parma - Neapel - wie bald auch der Thron, jenseits der Pyrenäen, ihr letzter!
Es ist eine furchtbare Tragik um verendende
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Königsgeschlechter, selbst um jene, die nicht die Krone des Märtyrers oder der Lorbeer des sterbenden Helden schmückt.
Der Protest aber, den der sinkende Königsthron von Neapel an diesem 6. September an die legitimen Throne von Europa in schlichten ergreifenden Worten erließ, sie mahnend an die Gefahr, die in ihm sie alle bedrohte, - er fand an dem Egoismus der Politik keinen Wiederhall. Wohl mochte manche Hand am Schwert liegen, aber das eifersüchtige Mißtrauen hielt sie zurück, und ruhig sahen die Monarchen zum sechsten Mal seit dreißig Jahren der Entthronung eines der Ihren »von Gottes Gnaden« durch die Hand der Revolution zu.
»Mene Tekel upharsin!« -
Kaum hatte der König die Hauptstadt verlassen, so telegraphirte sein treuer Polizei-Minister Liborio Romano an den »unbesiegbaren General«, daß Neapel mit Ungeduld den Erlöser Italiens erwarte, und am 7ten Mittags zog Garibaldi allein in Neapel ein und empfahl mit etwas süßsaurer Miene, wenn das Volk doch einmal einen König haben müsse, das »Muster der Fürsten«: Victor Emanuel.
Seine erste Verordnung löste die dem König treu gebliebene Marine-Infanterie auf und übergab die Flotte dem Geschwader des Admiral Persano, das bereits im Golf auf die Beute lauerte. Der treue Liborio Romano wurde der Premier-Minister des Diktators, - der neue Kriegsminister Cosenza forderte die Offiziere der königlichen Armee zum Treubruch auf und verhieß ihnen Beförderung, wenn sie ihre Soldaten in's Lager der Revolution führten.
Aber bald empfand der »große Patriot Italiens«, daß
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auch er an der Leine eines Klügeren ging und Neapel nur den Namen seines Herrschers gewechselt haben sollte. Vergeblich knirschte er gegen die Schlinge, vergeblich hatte er schon im Juni die von Cavour zu seiner Ueberwachung nach Sicilien gesandten Emissaire La Farina und Torreorsa bei Nacht ergreifen und nach Turin zurückspediren lassen; - vergeblich setzte er jetzt die blutige Diktatur des Mazzinisten Mordini in Palermo ein - der schlaue Minister, der für den Verkauf von Nizza und Savoyen die Erlaubniß des damals noch allmächtigen Napoleoniden besaß, seinen Herrn zum »König von Italien« zu machen, hatte seine Agenten und sein Gold bereits über das ganze Land gesäet, und neben dem Namen Garibaldi brüllte das Volk, schrieen die entlaufenen Mönche und Nonnen, das Heer der feilen Beamten überall ihre Evviva's »Vittorio Emmanuelo!«
König Franz hatte sich nach Gaëta zurückgezogen, - dorthin folgten ihm die Gesandten einiger Mächte; von Gaëta aus erließ er unter'm 8. September eine Proklamation an den ihm treu gebliebenen Theil der Truppen, noch immer 60,000 Mann, und concentrirte sie an der Volturno-Linie zum entscheidenden Kampf.
Bis dahin hatte Sardinien noch nicht offen sich zu den Eroberungen der Revolution bekannt, wenn auch ganz Europa wußte, daß es mit hundert jedem Völkerrecht, selbst der bürgerlichen Ehrenanschauung hohnsprechenden Mitteln sie unterstützt hatte.
Der Augenblick, die Maske abzuwerfen, war gekommen.
Wie die Geschichte auch einst über Victor Emanuel
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und die Politik von Turin urtheilen wird, so viel läßt sich nicht läugnen, daß der König ein tüchtiger Soldat und ein nach Ruhm dürstender Fürst ist, der in einer tapfern Armee die Hauptkraft seines Landes und in der Vereinigung Italiens unter seinem Scepter auf dem Weg der Eroberung ein wohl entschuldbares, selbst zu rechtfertigendes, nationales Ideal sah, dem er nachstrebte. So viel läßt sich schon in der Gegenwart nicht leugnen, daß Graf Cavour ein für die Größe seines Herrn, für die Größe seines Landes mit allen Kräften strebender Minister, ein Mann von hoher Klugheit war, der General eines politischen Jesuitenordens freilich, dem jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes genehm blieb.
Auf den königlichen Wappenschild von Savoyen fällt ein unverwischbarer Flecken, die Verschacherung seines treuen Geburtslandes; - von dem Grafen Cavour hat Niemand Ehre, Redlichkeit und Rechtsgefühl in der Verfolgung seiner Politik erwartet.
Eine Lehre aber klang den Fürsten Europa's aus den Geschicken Italiens in's Ohr: Die Aera der »Bürgerkönige« paßt nicht in diese Zeit, der Fürst, der seinen Thron bewahren will, muß der erste Soldat seiner Armee, die Armee muß die Stütze des Throns sein und streng vor den Einflüssen der Revolution gewahrt bleiben! Das Offiziercorps aber ist das Mark jeder Armee, und wo der Adel eines Landes nicht mehr seinen Stolz darin sucht, in der Armee des Landes zu dienen, sondern sich zum Commis der Eisenbahnspekulanten macht und mit den Börsenjobbers
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in Aktien und den Beinen der Tänzerin rivalisirt - da ist es schlimm bestellt.
Der Himmel erhalte den deutschen Fürsten die Einsicht, daß die Armee die Blüthe und die Kraft des Landes sein muß, - das hindert die Entwickelung der Völker nicht, sondern schützt sie. Die Helden der Tribüne und der Vereine marschiren nicht gegen die Batterien, und die Armeen der Revolution schrecken heutzutage nur Feiglinge oder Verräther.
Das sollte auch der große Vorkämpfer der Revolution, General Garibaldi am Volturno erfahren.
Es ist über den Kampf am Volturno so viel von der revolutionairen Presse gelogen worden, daß es sich wohl ziemt, in unserer Darstellung ihm einige Worte zu widmen.
Wie bereits erwähnt, hatte die königliche Armee die Volturno-Linie besetzt, der linke Flügel sich an Cajazzo und das Gebirge, der rechte sich an's Meer und die Sümpfe lehnend, die Mitte durch die Festung Capua gedeckt, jenes Capua, nach Sueton und Plinius die Stadt des Capys, eines Gefährten des Aeneas, auf deren üppigen Fluren Hannibal nach der siegreichen Schlacht von Cannä mit seinen Karthagern in Ueppigkeit und Weichlichkeit versank.
Der Gouverneur der Festung, General Pinedo war, wie so viele Andere, ein Verräther und hatte mit den Leitern der Revolution den geheimen Vertrag geschlossen, daß General Garibaldi am 19. September mit einem Theil seiner Truppen einen Scheinangriff machen, daß aber die Besatzung keinen Widerstand leisten und selbst die
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Zugbrücken zum bequemen Einmarsch der Feinde herablassen sollte. Die Artillerie sollte drei Salven mit blinden Patronen thun.
Der schändliche Verrath war von den höheren Offizieren abgekartet worden. Nur wenige ausrangirte Geschütze standen in den Batterien, das ganze Glacis blieb mit Gebüsch und hohen Bäumen bewachsen.
Da thaten sich heimlich die treu gebliebenen braven Unteroffiziere und Soldaten der Besatzung zusammen, sie fertigten ohne Wissen der Offiziere ein Schreiben an den königlichen Kriegsherrn, in dem sie mit schlichten ergreifenden Worten die Gefahr und den Stand der Dinge schilderten, und sandten einen der Ihren damit nach Gaëta.
Am Abend des 16. September traf plötzlich und den Verräthern unerwartet der König von Gaëta in der Festung ein. General Pinedo, der Verräther, wurde sofort arretirt und General Salzano zum Kommandanten der Festung ernannt. Die Thore wurden geschlossen, die strengste Wache auf den Wällen gehalten, Niemand durfte die Festung verlassen, um damit die Spionage zu verhindern, dem Feinde Nachricht zu geben.
Wer der Zeitgeschichte seit 1848 gefolgt ist, wird vielfach unter den Agitatoren der Revolution den Namen Rüstow gefunden haben, - den Namen leider eines, sehr befähigten, preußischen Offiziers!
Man wird sich erinnern, daß der damalige Lieutenant Rüstow unter Bruch seines Wortes von der Festung entwich, und seitdem ein Partisan der Revolution mit That und Schrift gewesen ist. Ein wenig verständige Nachsicht
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damals, als die Wogen der Gemüther so hoch und unzurechnungsbar gingen, hätte vielleicht dem König und Staat einen sehr befähigten Mann erhalten. Das Blut eines Rüstow auf dem Schlachtfelde von Königgrätz hat die Untreue des Anderen gesühnt.
Traurig ist es, sagen zu müssen, daß, während der republikanische Pöbel Italien's gegen die Deutschen wüthete, ein Deutscher, ein Preuße: jener Rüstow! es war, der eine Freischaaren-Expedition zur Unterstützung der Rothhemden organisirte, und damit der Armee Lamoricière's durch eine Landung an der adriatischen Küste in die Flanke fallen wollte. Die piemontesische Regierung, mißtrauisch gegen jedes deutsche Element, schickte ihn statt dessen nach Sicilien, Garibaldi machte den ehemaligen Lieutenant als Oberst zum Generalstabschef und übertrug ihm die Ueberrumpelung von Capua.
Es liegt der Welt eine Darstellung des Obersten Rüstow vor, der aus diesem Versuch eine Heldenthat der Rothhemden und ein noch nie da gewesenes Wunder von militairischer Umsicht ihres Führers macht, während in Wahrheit die Sache eine klägliche Niederlage voll Beweise der größten Feigheit der republikanischen Soldaten und der gänzlichen militairischen Unfähigkeit ihres Führers war, - eine Thatsache, die sich bei den Theoretikern der Revolution schon sehr oft bekundet hat.
Im Vertrauen auf den durch den Verrath gesicherten Erfolg, ohne Ahnung von dem veränderten Stand in der Festung, rückte Oberst Rüstow am 19. September Morgens 6 Uhr mit den Brigaden-Milano, Puppi und la Masa von Santa Maria, dem alten Capua, auf der Straße nach
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Capua vor. Seine Flanken deckten zwei Colonnen unter Ebers und Spangaro. Die Rothhemden waren zwischen 5 bis 6000 Mann stark.
Die Königlichen - 6 Bataillone, 4 Schwadronen und und 1 Feldbatterie zählend, - hatten ihre Vorposten bis zur Taverne Virilasci vorgeschoben und zogen sich nach kurzem Gefecht über die Esplanade in die Thore von Capua zurück.
Die Rothhemden folgten, theils im Gefecht, theils in den Waggons der Eisenbahn bis unter die Wälle der Festung, triumphirend über den leichten und blutlosen Sieg.
Da plötzlich eröffneten die schweren Bastionsgeschütze einen vernichtenden Eisenhagel auf die Eisenbahn und die Kolonne auf der Esplanade.
Die Kartätschen schlugen in die dichtgefüllten Waggons, die Vollkugeln zwischen die Reihen der im Gefühl ihrer Sicherheit so tapferen Eroberer des Glacis. Ein furchtbarer Schrecken bemächtigte sich der ganzen Schaar. Unter dem Ruf: »Verrath! Verrath!« machten die Legionen Kehrt und - die Brigade Puppi voran, die mit dem Tode ihres Führers gänzlich desorganisirt war, - rannten kopfüber, verfolgt von den Kartätschen der Wälle und einem Ausfall der wackern Garnison bis hinter das Kapuzinerkloster zurück, - ja - nach dem eigenen Geständniß ihrers Führers, der trotzdem seinen »Schein-Angriff« einen »in der Geschichte einzig dastehenden« nennt und aus Erbitterung, daß er dafür nicht zum General ernannt worden, die Sache der Freiheit verließ! - ein großer Theil der Rothhemden hielt sich selbst außer dem Bereich der Kugeln noch nicht
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sicher, lief bis zur nächsten Eisenbahnstation und dampfte von dort zurück bis Neapel!
Der berühmte Generalstabschef und militairische Schriftsteller, der über alle Kriege der Neuzeit und ihre Feldherren mit großem Aplomb in dicken Büchern geurtheilt, und auf den man, wie er schreibt, »hätte stolz sein sollen«, hatte zwar die Genugthuung, am Nachmittag sich des - von seiner Besatzung in Verfolgung einer zurückgeschlagenen feindlichen Abtheilung verlassenen - Postens auf dem linken Flügel der königlichen Stellung (Cajazzo) zu bemächtigen, ließ dagegen auf der Esplanade der Festung seine zwei Feldgeschütze im Stich.
Eine bessere Benutzung des Sieges durch einen allgemeinen Ausfall der königlichen Truppen hätte diesen wahrscheinlich den Weg wieder nach Neapel geöffnet, aber leider versäumte man durch Zögern die günstige Gelegenheit. Am zweiten Tage darauf jedoch erstürmten die drei Jägerbataillone Colonna's, die beiden jüngern Brüder des Königs mit dem Degen in der Faust voran, das seitdem von den Garibaldianern stark besetzte Cajazzo, dessen Bewohner gut königlich gesinnt waren, und richtete die ganze Besatzung der Art zu, daß kaum noch 500 Flüchtlinge im Lauf der folgenden Tage das Gros der Revolutions-Armee wieder erreichten.
Die Lektion von Capua und Cajazzo hielt den raschen Siegeslauf der Rothhemden nach Rom und Venedig gewaltig auf, und unthätig blieben sie verschanzt vor der Festung stehen, in deren Schutz die Königlichen jetzt selbst einen Angriff vorbereiteten. Leider aber fehlte ihnen die
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feste kriegserfahrene Hand der einheitlichen Leitung, und der Plan dazu wurde so offen verhandelt, daß die Gegner längst vorher von jedem Punkt des Angriffs auf ihre starken Verschanzungen und Positionen unterrichtet waren.
Dieser erfolgte am Morgen des 1. Oktober. Trotz der ungünstigsten Umstände, des Zwiespalts der Führer und des Mangels energischer Leitung, obschon es dem Obergeneral Nitucci nicht an persönlicher Bravour fehlte, erstürmten die Neapolitaner die meisten Punkte, warfen die Rothhemden bis in das stark verschanzte Centrum ihrer Stellung zurück und nahmen St. Angelo. Nur die tapfere Vertheidigung des Capuciner Thors, eines antiken Bauwerks aus der Römerzeit, durch den französischen Hauptmann de Flotte mit seinen 62 Mann rettete die Stellung Garibaldi's.
Ihre Macht in den einzelnen siegreichen Angriffen zersplitternd, versäumten die königlichen Truppen ihre Erfolge zu benutzen und gewährten dem Gegner Zeit, sich zu sammeln. In aller Eile ließ Garibaldi seine Reserven von Caserta mit der Eisenbahn herbeiholen, und der tapfere Türr führte sie in's Gefecht. Während der Sieg um Mittag unzweifelhaft in den Händen der königlichen Truppen war, wurden sie jetzt, jeder Reserve entbehrend, aus den genommenen Positionen wieder zurückgedrängt und zogen um 7 Uhr Abends wieder in ihre alten Stellungen, ohne daß eine der beiden Parteien einen nennenswerthen Vortheil errungen.
Das war die von der sardinischen und demokratischen
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Presse mit solchem Triumph posaunte Schlacht am Volturno.
Zum ersten Mal - ohne jede Kriegserklärung gegen den jungen König - trat hierbei eine piemontesische Colonne offen in den Kampf und wendete sein Schicksal.
Einer Episode wollen wir an dieser Stelle noch gedenken, wie wir der tapfern Vertheidigung des Capuanischen Thors durch den französischen Freischärler ehrenvoll erwähnt haben.
Oberst Perrone, von Cajazzo mit 3000 Mann vordringend, hatte am Tage der Schlacht den linken Flügel der Garibaldiner angegriffen und die Colonne Bronzetti am Nachmittag gezwungen, das Gewehr zu strecken. Verwegen gemacht durch diesen Erfolg, beschloß er, sich Bahn zu brechen in den Rücken der Feinde bis Caserta und so die Revolutionsarmee von Neapel abzuschneiden. Seiner Bravour gelang es in der That, noch am Abend die Höhen von Caserta vecchia zu nehmen - aber ohne Verbindung und Unterstützung wurde seine kühne That ihm selbst verderblich. Umzingelt und angegriffen am andern Tage von allen Seiten durch die Colonnen Garibaldi's, Bixio's, Sacchi's und die Piemontesen mußte sich das tapfere Häuflein gefangen geben. -
Die Schlacht am Volturno hatte jedoch die kühnen Siegeshoffnungen der Revolutionsarmee gebrochen, Garibaldi hatte die Unzuverlässigkeit der Rothhemden im offenen Gefecht genügend erkannt und beeilte sich, sie hinter Verschanzungen zu sichern.
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Der Triumphzug der Revolution kam in's Stocken, das Spiel drohte sich zu wenden.
Es war die höchste Zeit, einzutreten, um die Eroberung der Freischaaren für die Krone Sardinien zu sichern und den Sieg des Mazzinismus, d.h. die rothe Republik zu verhindern. Das begriff die Politik Cavour und warf jetzt offen auch an dieser Stelle die Maske ab.
Am 6. Oktober erklärte Graf Cavour mit der Logik des I. Napoleon dem noch immer in Turin verweilenden neapolitanischen Gesandten Winspeare, daß, da König Franz seine Hauptstadt verlassen, er damit in den Augen des Volks abgedankt habe, und König Victor Emanuel es für seine Pflicht halte, in Neapel geordnete Verhältnisse zu schaffen, und - damit Italien von dem Siege der rothen Republik verschont bleibe - auf Wunsch vieler an ihn ergangenen Aufforderungen ein Armeecorps in das neapolitanische Gebiet einrücken lassen werde.
Der Protest des Gesandten gegen diesen Akt, mit dem die anerkannte alte Monarchie erliegen müsse, aber zugleich mit ihr auch alle Rechte, alle Gesetze, alle Grundsätze, auf denen bisher die Unabhängigkeit und Sicherheit der Nationen beruhte, - war natürlich vergeblich. Winspeare verließ Turin, und am Tage nachher, am 8ten, veröffentlichte das sardinische Ministerium ein Dekret, wodurch die Volkskomité's des neapolitanischen Festlandes auf den 21. Oktober zusammenberufen wurden, um über folgendes Plebiscit mit Ja oder Nein abzustimmen:
»Das Volk will ein einiges und untheilbares Italien mit Victor Emanuel als constitutionellen König für sich und seine legitimen Nachfolger.«
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Ein Manifest des Königs an die Monarchen entschuldigte den Schritt als eine Nothwendigkeit und Pflicht, um den Plänen der republikanischen Faction ein Ende zu machen.
Garibaldi, mit dem aut-aut bedroht, dekretirte am 15. Oktober, daß die beiden Sicilien einen Theil des »einigen und untheilbaren Italiens« ausmachen sollten und daß er seine Diktatur in die Hände des Königs Victor Emanuel niederlegen werde.
Gleichsam zur Beruhigung der mazzinistischen Partei dafür, daß vorläufig ihre Hoffnungen noch nicht erfüllt werden könnten, erfolgte jene schändliche, jedes ehrenhafte Herz in ganz Europa empörende, selbst die besseren Klassen in Neapel zur energischen Mißbilligung erregende Proklamation der Rechtmäßigkeit und Löblichkeit des Königsmordes!
Durch Dekret setzte nämlich die Direktorial-Regierung der Mutter des Soldaten Agesilao Milano, Mazzinist, welcher bei einer Truppenparade am 11. Dezember im Jahr 1856 aus Reih und Glied einen Meuchelmordversuch gegen seinen König Ferdinand II. verübt hatte und dafür am 13ten hingerichtet worden war, eine monatliche Pension von 30 Dukati und jeder seiner beiden Schwestern eine Mitgift von 2000 Dukati als Nationalbelohnung aus4.
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Die Cromwellisten von 1649, die französischen Republikaner von 1793 hatten wenigstens noch für nöthig gefunden, den Königsmord mit der Farce eines Tribunals zu entschuldigen, - noch niemals in der Geschichte war der Meuchelmord offiziell als Heldenthat proklamirt worden, - das blieb dem Italien des 19. Jahrhunderts überlassen. Die entsetzliche Lehre sollte bald auch im Norden in der Form der Hängegensdarmen ihre Früchte tragen.
Während diese Scenen in Neapel spielten, rückte die piemontesische Armee, durch die Kapitulation Ancona's am 30. September frei geworden, auf den Straßen von Loretto über Langlano und Avezzano gegen Capua. Auf die Nachricht davon hatte König Franz versucht, den General Scotti-Douglas mit 8000 Mann dem Einmarsch in den Gebirgspässen entgegen zu stellen, aber die ungenügende Macht wurde am 20. Oktober bei Isernia geschlagen, und um nicht zwischen den Druck zweier an Streitkräften überlegenen Armeen zu kommen, sahen sich die Königlichen genöthigt, die Volturno-Linie zu räumen und sich hinter den Garigliano zurückzuziehen, ihre rechte Flanke durch das Meer gedeckt, wo die französische Flotte die Angriffe des Admiral Persano gegen die Königlichen zu hindern versprochen hatte. -
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Am 25. Oktober war König Victor Emanuel, von Ancona kommend, über Isernia beim Corps Cialdini's angelangt und am nächsten Morgen erfolgte sein Zusammentreffen mit Garibaldi. Der Diktator begrüßte ihn zum ersten Mal als »König von Italien«, nachdem die Volksabstimmung in Neapel bei einer Bevölkerung von 7 Millionen mit 1,310,226 Stimmen ein »Ja« gegeben.
Der große Meister an der Seine hatte gelehrt, wie man ein Plebiscit zu Stande bringt; was seinen Kunststücken etwa noch fehlte, ersetzte in Neapel das Bayonnet und der Dolch. Auch an komischen Scenen hatte es dabei nicht gefehlt. Der Demokrat Rüstow selbst erzählt, daß als die Südarmee - bekanntlich zum größten Theil aus ganz Italien und der revolutionairen Propaganda anderer Länder zusammengelaufen, abstimmen mußte und als die 15. Division an die Reihe kam, der Stab derselben 167 Stimmzettel mit Ja abgab, während das ganze Personal desselben nur aus 51 Personen bestand, die nicht einmal alle in Caserta anwesend waren! - In einer neapolitanischen Stadt, Sorrent, wartete der Bürgermeister an der Wahlurne den ganzen Tag vergeblich auf einen Wähler. Zuletzt ging ihm die Geduld aus, er meinte: Wer schweigt, sagt ja! nahm den ganzen Haufen Wahlzettel mit Ja - die für die Wähler bereit lagen, warf sie in die Urne und schickte sie der revolutionairen Behörde ein!
Doch genug des Humors dem traurigen Ernst gegenüber! Am 3ten schlugen die Sardinier unter Victor Emanuel die Neapolitaner am Garigliano mit Hilfe der Flotte, nachdem General Cornet feigherzig die Festung
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Capua nach kurzem Bombardement, von dem nur 20 Schuß die Stadt erreichten, übergeben hatte und Admiral Barbier de Tinan - gegen seinen Willen dem Befehl von Paris: nur den König in Gaëta zu schützen! gehorchend - die Küste dem sardinischen Geschwader geöffnet hatte. Von allen Seiten drängten die Piemontesen vor gegen die sich unter der Kanonade von der Land- und Seeseite zurückziehende neapolitanische Armee. Nur einem Theil derselben gelang es, sich nach Gaëta durchzuschlagen, General Ruggiero wurde mit 22,000 Mann, 5000 Pferden und 40 Geschützen in die Gebirge gedrängt, trat am 5. November auf das römische Gebiet bei Terracina über und legte auf das Verlangen des französischen Kommandanten General Goyon vor den Franzosen die Waffen nieder. Dem Anerbieten, in die sardinische Armee zu treten, folgte kaum der dreißigste Mann - zahlreiche Trupps mit ihren Offizieren warfen sich in die Gebirge und begannen einen Guerilla-Krieg, wie ihn Kapitain Chevigné und der ehemalige Bandit bereits seit einem Monat führten.
Am 7. November hatte König Victor Emanuel, an seiner Seite im Wagen Garibaldi, unter dem Jubel des Pöbels seinen Einzug in Neapel gehalten, am 8ten ihm der General das Resultat der Plebiscit-Komödie überreicht. Garibaldi verlangte dafür auf ein Jahr das General-Gouvernement über das Königreich beider Sicilien, aber die sardinische Herrschaft fühlte sich jetzt sicher genug, seine Hilfe entbehren zu können. Der Soldat im König empörte sich gegen die Gemeinschaft der Freischärler, er verweigerte es selbst, bei deren ihm zu Ehren veranstalteten Parade zu erscheinen,
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und die Forderung ihres Führers wurde verweigert. Die angebotenen Ehrenbezeigungen - das Großkreuz des Annunziata-Ordens und ein königliches Schloß aus dem Raub wies der ehrliche Flibustier des Umsturzes zurück und verließ grollend und mit der Drohung, im nächsten Jahre wieder zu erscheinen, Neapel, um sich nach der kleinen, ihm gehörenden Insel Caprera in der Straße St. Bonifacio zwischen Sardinien und Corsica zurückzuziehen.
Der Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan, - der Mohr konnte gehen!
Dies war der Stand der politischen Ereignisse, an dem wir unsere nähere Erzählung wieder aufnehmen können.


»Und nun, Capitano,« sagte der Franzose, da wir jetzt allein sind, denn unser Gefangener scheint sich sehr eifrig mit der Signorina zu beschäftigen, die vergnügt ist, einmal wieder nach Herzenslust ihre verteufelte Muttersprache reden zu können, möchte ich gern etwas Näheres von dem Ausfall Eurer Mission in Nom wissen, und wie es in Gaëta steht?«
»Mit Vergnügen, Signor. Ihrer Anweisung gemäß habe ich den Rest des Geldes bei dem Banquier Torloni erhoben und dafür Munition für uns und Waffen für die achtzig Mann des Major Boretti bezahlt, die jetzt in den Vol[k]sker-Gebirgen lagern. Die Zahl der Soldaten des General Ruggiero, die nach der Entwaffnung in Terracina sich in die römischen und neapolitanischen Berge geworfen, soll
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nach dem was ich hörte, über dreitausend Mann betragen. Es sind wackere Burschen darunter und auch tüchtige Offiziere, die den Piemontesen zu schaffen machen werden, und ich bedauerte herzlich, daß ich all' die Anerbietungen, sich mit uns zu vereinigen, zurückweisen mußte.«
»Ihr werdet einsehen, daß ich Recht habe, und daß wir mit einer geringen aber leicht beweglichen Zahl entschlossener Männer dem Feinde größeren Schaden zufügen können, als mit einer vier oder fünffach größeren Truppe. Freilich, wenn wir vor vier Wochen sie gehabt hätten, hätte sich ein Streich thun lassen, der der guten Sache mit einem Mal den Sieg verschafft hätte.«
»Sie meinen die Entführung des Königs Victor Emanuel auf dem Weg nach Isernia?«
Der Franzose nickte: »Die Escorte war zu stark für uns und überdies erfuhren wir's zu spät. Schade darum - der Krieg wäre mit einem Schlage zu Ende gewesen.«
Der ehemalige Bandit lächelte. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, Signor,« sagte er. »Lassen Sie mich nur erst wieder meinen Fuß gebrauchen können, und dann mag sich der Piemontese hüten. Vor Allem gilt es, gute Spione in ihrem Lager zu haben.«
»Wie steht es mit der Munition, die Ihr in Rom gekauft? die unsere ist beinahe zu Ende.«
»Sie ist bereits in Subiaco und die Bauern werden sie herüber schaffen aller Bewachung zum Trotz.«
»Ihr spracht den Kriegsminister Monsignore Merode?«
»Er war es, der mir den Auftrag an Sie gab, hier auszuhalten, statt wie der französische Gesandte, Herzog
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von Grammont den Legionairen räth, nach Gaëta zu gehen, was leicht genug wird, da die Verbindung zur See mit Civitavecchia vollkommen frei ist.«
»So giebt man in Rom die Hoffnung nicht auf?«
»Man ist des besten Muthes und rüstet im Stillen auf's Neue. Es sollen zwei Zuaven-Regimenter gebildet werden und Monsignore bewahrt das Kommando eines Bataillons für Sie auf.«
»Ich danke Euch für die Nachricht.«
»Der heilige Vater bedarf um so nöthiger einer ergebenen und zuverlässigen Truppe, als die Agitation der Mazzinisten in Rom überhand nimmt. Man hat bestimmte Nachricht, daß ein Geheimbund besteht und an verschiedenen Stellen der Stadt geheime Waffenlager existiren. Es ist stark davon die Rede, daß der heilige Vater Rom verlassen will.«
»Wohin? nach Frankreich!«
»Im Gegentheil, - nach Deutschland auf die dringende Einladung der Bischöfe, und das ist, was der Kaiser fürchtet und um jeden Preis verhindern will. Unterdeß zankt man sich in Rom über die berüchtigte Depesche des Herzogs von der französischen Hilfe gegen Piemont, die General Lamoricière in's Unglück führte.«
»Aber wie kommt Ihr zum Staatssecretair und nach Gaëta?«
»Sie haben von der Unterredung Cialdini's mit dem General Salzano gehört?«
»Am 26. Oktober in Cajanello - von dieser schändlichen That der Piemontesen! Sie haben sich vor ganz
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Europa ihren Soldatenruf damit geschändet. Vicomte de Sayve, mein Vetter, wurde mit der Escadron berittener Jäger, welche die Escorte bildete, während der Unterredung in Trano von ihnen überfallen und zum Gefangenen gemacht! Der brave Salzano selbst soll von dem Schuft Cialdini mit Verhaftung bedroht worden sein, weil er sich weigerte, seinen Aufforderungen zum Treubruch Gehör zu geben!«
»La - la! Kapitain. Es ist nicht Alles Gold, was glänzt!«
»Was soll das heißen?«
»Daß die Anerbietungen General Cialdini's doch sehr verführerisch gewesen sein müssen und General Salzano, mein alter Kamerad, so gut Komödie zu spielen versteht, wie unsere junge Capitana!«
»Sprecht deutlicher, was ist mit dem braven Salzano?«
»Nichts weiter, als daß der brave Salzano am 12ten mit den Generalen Barbalonga und Colonna den König verlassen hat!«
»Das ist unmöglich!«
»Ich würde sagen auf Banditen-Ehre, wenn diese nicht dabei in's Gedränge käme! Man wußte in Rom, daß unter den Truppen, die dem König nach Gaëta gefolgt waren, noch immer ein guter Theil Verräther war, und wollte ihn deshalb warnen. Da ich nun zufällig gerade zur Hand war, und gar Manches weiß von der Vergangenheit dieser Herren, - wenn ich auch nicht alt genug bin, um unter Fra Diavolo gedient zu haben, wie der brave Salzano in seiner Jugend, - wählte man mich
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dazu, die Warnung zu überbringen nebst den hunderttausend Scudi, die der Kardinal dem König sandte, dem es mehr an Geld fehlt, als uns!«
»Und der König?«
»Er erließ am 14ten eine Bekanntmachung, daß Jeder bis zum Schluß des Jahres die Festung verlassen könne, der nicht freiwillig an der Vertheidigung Theil nehmen wolle. Das war die Antwort auf die Schmach vom Zwölften!«
»Wie versteh' ich das?«
»Ich kam mit der Warnung um einen Tag zu spät. Am Tage vorher hatten die edlen Offiziere ihr Entlassungsgesuch dem Könige eingereicht. - Barbalonga, Colonna -«
»Colonna, der so tapfer Cajazzo erstürmte, der Vertraute der Prinzen?«
»Es ist eben wenig mehr zu holen bei König Franz, Kapitain. Der gute junge Herr war so kahl wie eine Kirchenmaus an baarem Geld. Hätten die Herren freilich von meinen hunderttausend Scudi gehört, so würden sie wohl noch einige Tage gewartet haben mit ihrem Abfall, bis sie ihren Theil daran erhalten gehabt!«
»Aber Salzano - Colonna!«
»Der Letztere ging wie ein Schuft, denn er wagte es, dem armen Herrn zu schreiben, wenn sein Gesuch nicht genehmigt werde, würde er seine Soldaten zum Feinde führen!«
»Pfui der Schande!«
»Er war wenigstens noch ehrlicher, als der Lump Pianelli, der Oberst des fünfzehnten Jäger-Bataillons. Dieser
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führte das Bataillon vor dem Thor den Piemontesen entgegen und ließ es das Gewehr strecken!«
»Und sie schossen ihn nicht nieder?«
»Von den tausend Mann kehrten nur hundert, von den fünfunddreißig Offizieren acht in die Festung zurück. Oberst Pianelli aber ging in das Hauptquartier Cialdini's, um sich seinen Lohn auszubitten. Was ließ sich anders erwarten! Er ist der Bruder des Generals, der mit dem Patrioten Liborio und General Nunziante den König in Neapel so lange in Täuschung hielt!«
Der tapfere Legitimist stützte traurig den Kopf in die Hand. »Wo ist noch Ehre und Treue zu suchen in diesem Lande! Was sage ich - in diesem Lande? - nein, in der ganzen Welt! Wo Diejenigen, welche Gott für die Kronen bestimmt hat, selbst zum Verräther an ihren heiligen Rechten werden und mit der Revolution buhlen - wen wundert's da noch, wenn die Throne stürzen! Wo sind Grundsätze, Ehre, Treue in dieser Zeit - verweht wie die Spreu im Winde!«
»Sucht sie im Lager der Banditen, Kapitain, sucht sie bei den Bauern der Abruzzen und der Basilicata, die General Cialdini durch seinen Wütherich Pinelli zu Dutzenden erschießen läßt, wenn sie nicht rufen wollen: Evviva Vittorio Emanuele!«
Der französische Offizier saß lange, das Gesicht in seine Hände vergraben, in tiefem Schmerz. »Wo der Adel mit so traurigem Beispiel voran geht,« sprach er endlich, »kann man sich nicht wundern, wenn auch das Volk jeden Begriff des Rechts verliert.«
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»Und dennoch, Kapitain,« sagte der Bandit mit Würde, »dennoch sind es Lazzaroni gewesen, welche vor fünf Tagen noch auf dem Molo von Neapel zwischen den Bayonnetten der Piemontesen gerufen haben: Es lebe König Franz!5 Aber trösten Sie sich, Kapitain - man muß die Zeit nehmen, wie sie ist - es kommt auch eine andere, und bis dahin schlägt man sich so gut man kann, und den Gegner mit seinen eigenen Waffen. Ich bin ein Mann nur aus dem Volk und die Klinge meines Dolchs zeigt vielleicht manchen schlimmen Flecken. Auch hab' ich Vieles gegen die Wirthschaft in Rom - aber ich will ewig im Fegefeuer braten, wenn ich in der Gefahr meinen Souverain verlasse. Und daß es überall noch Kämpfer für altes Recht giebt, das zeigt die Reihe der Namen aus Nah und Fern unter den Kämpfern von Gaëta!«
Der Kapitain blickte auf. »Hörtet Ihr französische Namen nennen, Tonelletto?«
»Mehr als einen, Kapitain. Ich war zum Beispiel auf der Fremden-Batterie, die der Schweizer-Hauptmann Sury kommandirt und hörte unter ihren Offizieren die Namen Charette, Vauthier, Chesnaye, Saint Bris nennen!«
Der Legitimist drückte ihm die Hand. »Gott sei Dank - es lebt doch noch ein besserer Geist in der französischen Jugend! Ihr habt mich wieder erhoben mit Eurem Wort, Kapitano, mit Eurem Wort aus all' dem Meer von Schmuz und Schlamm. Aber hörtet Ihr Nichts von der Diplomatie
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- wie verhalten sich die europäischen Mächte zu diesem Kronenraub? Was thut die Familie des Königs?«
»Graf Trapani ist nicht dem schändlichen Beispiel des Grafen von Syracus gefolgt. Er ist bei seinem Neffen, dem König, und die Grafen von Trani und Caserta, seine jungen Brüder, stehen wie Helden zu ihm! Die Königin Mutter, die Oesterreicherin, hat zwar mit den jüngsten Kindern am 10ten auf dem spanischen Schiff Alava die Festung verlassen und war schon in Rom, als ich dorthin kam, aber es ist gut, denn sie ist wenig beliebt und die edle Königin kann jetzt frei und ohne Zwang ihrem braven Herzen folgen. Per Baccho, Kapitain, das ist eine brave Frau, diese kleine Deutsche, und wir werden noch Dinge an ihr erleben, wenn wir überhaupt das Leben behalten.«
»Aber die Diplomatie?«
»Bis jetzt sind sie noch in Gaëta, wenigstens sah ich keinen von ihnen mit dem Dahome abfahren, der vor vier Tagen die abtrünnigen Offiziere und Soldaten mit vielen Familien nach Civitavecchia führte. Ich hörte sagen, daß die Gesandten von Oesterreich, Rußland, Preußen und Sachsen noch in Gaëta waren, von dem spanischen, dem Marquis de Lema weiß ich es gewiß, denn ich sah ihn selbst. Und nun, Kapitain, die beste Nachricht von allen, General Bosco ist seit zwei Tagen in der Festung!«
Der Franzose sprang empor von dem Stein, auf dem er gesessen. »Hurrah! das ist ein Wort, das das Herz erfreut. Wißt Ihr es gewiß?«
»Er kam am Morgen des Tages, an dem ich Gaëta
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verließ, mit dem Dampfer von Marseille und wurde mit Jubel begrüßt. Während der Emeute von Neapel lag er schwer erkrankt in der Stadt und Garibaldi zwang ihn, sein Wort zu geben, zehn Wochen lang nicht für den König zu fechten. Hätten sie ihn am Volturno gehabt, die Rothhemden wären sicher wieder über den Kanal gejagt worden.«
»Jetzt,« sagte der Kapitain, »hege ich wieder Hoffnung. Aber wie fandet Ihr die Festung selbst?«
Der Brigant zuckte die Achseln. »Hm - was die Festung betrifft, so ist sie stark genug. Ich verstehe nicht viel von den Dingen und weiß nur, wie man zwischen den Bergen sich schlägt, aber es gefällt mir nicht, daß sie die Borga6 so ohne Widerstand dem Feinde überlassen und die Höhe von St. Agatha nicht besetzt haben. Die Piemontesen stehen bis an den Fuß des Glacis und haben einen festen Halt an der Vorstadt. Doch da kommt die Capitana mit ihrem Gefangenen und es ist die höchste Zeit, daß wir aufbrechen!«
In der That hatte die junge Irländerin das Gespräch mit dem Preußen endlich abgebrochen, zu dem sich schließlich auch Graf Sismondi gesellt, und näherte sich den Kapitains, während ein allgemeiner Aufbruch sich bemerklich machte.
»Die Sonne ist im Sinken, Capitano Tonelletto,« sagte die Miß - »denken Sie noch heute unseren Lagerplatz zu erreichen?«
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»Sie haben Recht, Signorina, mich zu erinnern. Aber wenn wir uns daran halten und den Mondschein benutzen, werden wir um 8 Uhr an Ort und Stelle sein.«
»Die Leute fragen um die Richtung und den Ort, wohin unser Weg geht.«
»So sagen Sie Ihnen: nach dem Kloster der Verdammten!«
Eine Bewegung des Schreckens lief durch die Reihen, die sich, zum Aufbruch fertig, herangedrängt hatten.


Dort, wo sich die Monti Quadri, die Vormauer des Meta, erheben und die Scheidewand zwischen dem Flußgebiet des Sangro und des Garigliano bilden, von denen der erste östlich, der zweite westlich des Fuciner See's in den Gebirgen entspringen und der Sangro in die Adria, der Garigliano unterhalb Lanciano in das mittelländische Meer münden, - oder auch zwischen den beiden Straßen von der Ostküste über Avezzano und über Isernia nach dem Westen, erhebt sich eine hohe Reihe von Felsgebirgen, deren Charakter an Rauhheit und Unzugänglichkeit zunimmt, je mehr sie sich dem hohen Bergriesen der Abruzzen nähern.
So zaudernd auch der Schritt der sonst so kühnen und nichts weniger als zaghaften Männer war, und mit so viel seltsamlichen und abenteuerlichen Geschichten auch der Aberglaube der eingebornen Gebirgsbewohner die Kameraden anderer Heimath über die Geheimnisse des Klosters unterhielt, - Niemand wagte doch, der Weisung des
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alten Banditenchefs ungehorsam zu sein, und der Marsch der Truppe endete in der That am späten Abend in der Nähe des verrufenen Klosters.
Einen gewissen Trost gewährte es freilich, daß man sich durch eine schroffe hohe Bergwand davon getrennt wußte.
Selbst wenn der Brigant nicht anderweite geheime Gründe gehabt hätte, diesen Ort zum Ziel seines Rückzugs vor einem ernsteren Angriff der Piemontesen zu wählen, hätte doch seine natürliche Beschaffenheit ihn dazu empfohlen.
Eine auf dem zweiten der vier Berge etwa dreihundert Fuß hoch sich schroff erhebende Felswand begränzte ein Plateau, dessen Zugang nur an einer Seite möglich war und also leicht vertheidigt werden konnte. Die Wand selbst war vielfach zerklüftet und einer der breiten Risse diente zum Wege auf die Höhe und nach der Senkung von dort abwärts nach Süden. Diese Senkung war keineswegs eben und leicht passirbar. Schluchten und wilde phantastische Felsengruppen stiegen vielmehr von der Höhe zu dem Thale nieder, und in einer der obersten dieser Schluchten lag das Kloster der Büßerinnen in einer so trostlosen Abgeschiedenheit und Steinöde, daß man zweifeln mußte, was Fels, was Kloster, - und daß ein so rauher und wilder Ort überhaupt zum Aufenthaltsort menschlicher Wesen dienen konnte.
Mehrere halb verfallene Hütten auf der ersten kleinen Bergebene, zwischen den Felsen und an diese lehnend und die Höhlungen derselben zu ihrer Erweiterung benutzend,
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bewiesen, daß der Platz schon öfter von den im Gebirge von jeher hausenden Banden zum Versteck benutzt worden war. Der religiöse Respekt und der unheimliche Ruf, in dem es stand, schützte dabei das Kloster zur Genüge, und es herrschte zwischen den Bewohnern desselben und den Banditen das beste Einverständniß - so weit bei der geheimnißvollen Strenge der Ordensregel überhaupt ein Verkehr stattfand.
Der verwundete Capitano wurde nach seiner Bestimmung in eine der größeren Hütten gebracht, den drei Gefangenen eine andere zum Aufenthalt angewiesen, und da mehrere Frauen und Mädchen, die Weiber und Geliebten der Banditen aus den passirten einsamen Gebirgsdörfern sich jetzt dem Trupp angeschlossen hatten, herrschte bald ein reges Leben auf dem Platz und einige Feuer flackerten lustig hier und da, an denen die Kessel brodelten.
Die beiden Schildwachen am Aufgang und weiter oben an der Felsenspalte, die den Weg zur Höhe der Wand bildete, waren genügend, jeden Fluchtversuch der Gefangenen zu verhindern, selbst wenn diese gewußt hätten, wohin sie sich in diesem Felsenlabyrinth wenden sollten.
Der Irländerin, die wie der französische Offizier zum ersten Mal sich in diesem Zufluchtsort befand, war eine besondere Hütte bei der Campirung bewahrt worden, die sie zunächst mit einer jungen Bäuerin, der Frau eines der gegen Isernia gesandten Briganten, theilte.
Nachdem der Kapitain einige Nahrung zu sich genommen, erinnerte er selbst den Brigantenchef an seinen Auftrag.
»Ich fürchtete, Sie würden von unserem schweren
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Marsch zu müde sein, Signor,« sagte Tonelletto, »um jetzt noch den Weg anzutreten und hätte mich daher bis zum Morgen gedulden müssen, obschon es mich - offen gestanden - drängt, meinen Auftrag los zu werden.«
»Und wie weit ist es noch zu dem Kloster?«
»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihnen zu sagen, brauchen Sie nicht zu dem Kloster selbst niederzusteigen, wo Sie ohnehin nicht Einlaß finden würden, sondern zu der Clausura des Bruder Eremiten, die auf dieser Felswand liegt und nach beiden Seiten niederfieht.«
»Das wäre also höchstens eine Viertelstunde Weges!«
»Stark gemessen, Kapitain, da der Pfad schroff aufwärts geht und sich windet und dreht. Der helle Mondschein wird es jedoch möglich machen, ihn noch zu dieser Stunde zu passiren.«
»Gut, ich fühle mich noch keineswegs zu müde, um ihn zu machen. Die Nacht ist so schön, das Spiel des Mondlichts in diesen grotesken Felsen so malerisch, daß der Gang eher ein Vergnügen wäre, wenn ich nicht fürchten müßte, den Weg zu verfehlen.«
»Ich werde Ihnen einen meiner Leute mitgeben, der Sie so weit führen wird, bis dies nicht mehr möglich ist. Weiter würde er sich freilich um keinen Preis wagen.«
»Das genügt, und Euer Auftrag?«
Der Banditenhäuptling zog aus dem Hut, wo er es mit dem Patent des Königs verborgen gehabt, ein zusammengefaltetes Papier und übergab es dem Kapitain. Der Kienspahn, der in der Hütte brannte, gewährte genug
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Licht, um zu sehen, daß es keine Aufschrift trug, ja daß es überhaupt ganz unbeschrieben war.
»Aber parbleu - da ist weder Adresse noch Schrift, - was soll ich mit dem Papier machen?«
»Das ist nicht unsere Sorge, Signore. Ich habe den Befehl, es so schleunig als möglich in die Hände des Fra Gerardo niederzulegen und ihm zu sagen, ich stände zu seinem Befehl.«
Der Kapitain schüttelte den Kopf. »Das fängt in der That an, ziemlich abenteuerlich zu werden. - Welcher Heiligen ist denn dieses geheimnißvolle Kloster gewidmet?«
»Der Santa Maddalena!«
»Parbleu - das klingt fast nach Meyerbeer und Robert dem Teufel. Ich würde Nichts dawider haben, wenn eine schöne Helena da wäre, um mich zu verlocken und wahrlich mich nicht so lange sträuben, wie der heilige Herr Robert von der Normandie.«
»Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen, Signor, aber kann Sie versichern, so furchtlos ich auch bin, es gäbe keinen Preis der Welt, für den ich eine Nacht in der Kirche der heiligen Maddalena zubringen möchte!«
Der Franzose lachte. »In guter Gesellschaft - warum nicht! Aber nun denk ich, ist es Zeit, daß ich aufbreche, meine Uhr weist auf halb Zehn.«
Der Brigant pfiff und befahl dem eintretenden Mann, seinen Kameraden Filippo zu rufen.
»Er hat früher schon den Weg bei Tage gemacht und ist der Einzige, der den Muth hat, ihn bei Nacht zu finden. Der Bursche war einmal Laienbruder in Rom, bis er eines
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schönen Abends bei irgend einer Hure einem Maler das Messer zwischen die Rippen stieß und deshalb in die Berge lief!«
Der Gerufene trat alsbald ein.
»Höre, Filippo,« sagte der Briganten-Führer, »der Mond scheint so hell, daß man einen Bajocci auf dem Wege finden würde, um wieviel mehr ein Zwanzig Liresstück!«
»Den Teufel, Capitano, ich bin der Letzte, der es liegen lassen würde!«
»Das dachte ich mir. Nun, Du sollst es für den Weg erhalten, den Du sogleich den Signor Capitano führen wirst.«
»Mit Vergnügen - wohin?«
»Zur Clausura des Padre Gerardo.«
»Heiliges Kreuz, Kapitano - jetzt bei Nacht soll ich nach dem verfluchten Kloster? Das ist unmöglich!«
»Narr! nur so weit, daß der Signor nicht fehl gehen kann zur Klause des Eremiten.«
Der ehemalige Laienbruder bedachte sich einen Augenblick. »Das ist etwas Anderes,« meinte er, »und für zwanzig Lires kann ich Innocenza manch schönes Band kaufen und manche Foglietta guten Weins! In einer Stunde habe ich ohnehin die Wache auf dem Wege abzulösen.« Er schlug ein Kreuz und rückte sich den Dolch im Gürtel zur Hand. »Andiamo, Signore!«
Der Kapitain war sogleich bereit. Er hing die Büchse über die Schulter, drückte mit bedeutungsvollem Wink dem Brigant die Hand und folgte seinem Führer.
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Die Leute Tonelletto's hatten aus den Dörfern genug Wein mitgenommen, um sich nach dem Marsch eine tüchtige Stärkung zu bereiten, dennoch lagerten sie auffallend still um die Feuer und horchten der Erzählung Eines oder des Andern, der sie mit irgend einer Erfindung seiner Phantasie von dem nahen Kloster unterhielt und so ihren Aberglauben noch vermehrte.
Der Kapitain mit seinem Führer, nachdem sie das kleine Lager verlassen hatten, stiegen rüstig in dem Hohlweg empor, der zur Höhe der Felsenwand führte, passirten den Posten, der hier aufgestellt war und hatten bald um sich nur die heilige Stille der Nacht.
Der Weg, meist aus rohen, sichtlich wenig benutzten Stufen bestehend, war allerdings geeignet, auf die einsamen Wanderer jenen Eindruck zu üben, der die Seele für das Ueberirdische, Geheimnißvolle empfänglich macht. In den Wipfeln der Pinien, die aus dem Grunde emporwuchsen, rauschte der Nachtwind feine Melodien und der Mond, der voll über den klaren Himmel zog, warf phantastische Lichter und Schatten auf den Weg.
Schon nach den ersten Minuten schwiegen beide Wanderer und überließen sich still den Eindrücken der Umgebung.
Plötzlich tönte der helle Klang eines Glöckchens durch die Stille und unwillkürlich blieben Beide stehen.
»Es ist der Padre, der die Nachtglocke läutet, Excellenza,« sagte der Brigant, »und wenn Sie Nichts dawider haben, so werde ich hier Halt machen. Der Klang
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der Glocke wird Sie in zwei Minuten zur Klause führen. Ich hoffe, daß Excellenza meiner nicht weiter bedürfen.«
»Nein, Mann - ich denke, den Rückweg allein zu finden, wenn der ehrwürdige Herr nicht so gastfreundlich sein sollte, mir ein Nachtlager anzubieten. Und hier ist Euer versprochenes Trinkgeld.«
Der Laienbruder steckte den Napoleond'or mit einer Hand in die Tasche seiner abgeschabten Manchesterhose und bekreuzte sich mit der andern.
»Wie, Excellenza, Sie wollen diese Nacht in der Klause des Padre Gerardo zubringen? Aber wissen Sie denn nicht, daß um Mitternacht die Messe der heiligen Maddalena stattfindet?«
»Nun, was ist da weiter dabei? findet nicht in jedem Kloster eine Nachtmesse statt, wenigstens soll es nach den Kirchenregeln geschehen. Aber ich glaube, daß an den meisten Orten die guten Brüder und Schwestern zu bequem sind, um sich viel darum zu kümmern, und lieber in ihrem warmen Bette bleiben.«
Der Bandit drängte sich an ihn. »Sprechen Sie nicht so, Signore. Es ist die einzige Messe, die in dem Kloster der Verfluchten gelesen wird.«
»Die einzige?«
»Ja - weil, wie das Volk erzählt, keine der Nonnen das Tageslicht wieder sehen darf.«
»Die armen Geschöpfe! Aber nun, Meister Filippo, kümmert Euch nicht weiter um mich, haltet hübsch da unten Euren Mund, statt neue Mährchen zu verbreiten
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und macht Euch auf den Weg, indeß Ihr mich den meinen fortsetzen läßt.«
Er grüßte kurz seinen Begleiter und stieg weiter zur Höhe empor, indeß Jener, so schnell seine Beine und der Zustand des Pfades es gestatteten, zurück rannte.
Der scharfe Ton der kleinen Glocke schallte noch immer durch die Oede und wies dem Wanderer den Weg. Nach wenigen Minuten befand er sich auf der Höhe der Felswand und blieb von dem Anblick, der sich ihm bot, ergriffen, eine Weile stehen.
Der Felsgrat, auf dem er jetzt verweilte, war kaum dreißig Schritte breit und senkte sich nach Norden und Süden ziemlich steil nieder. Obschon rechts und links das Hochgebirge sich erhob und die Aussicht sperrte, bildeten die vier Bergreihen hier doch einen niederen Sattel, gleichsam eine Einsenkung, von der aus der Blick nach Norden und Süden hin weit über die gebirgige Gegend reichte, die zu den Füßen des Beschauers lag. Die phantastischen Schleier des Mondlichts lagen über Wald, Feld und Thal und schienen alles farbige Leben eingesogen zu haben in das einsame Grau. Mit unheimlichem Glühen leuchteten aus diesem auf der Seite nach Mitternacht die Feuer des kleinen Brigantenlagers herauf, als trieben die Gnomen der Berge dort ihre nächtigen Schmieden und Hochöfen, und die dunklen kleinen Gestalten, die lautlos oft an dem Feuerschein vorbeihuschten, erhöhten die Täuschung.
Mit größerem Interesse aber schaute der Kapitain nach der anderen Seite des Abhangs.
Dort vermochte der Blick, dem Thal des Sangro
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folgend, weiter hinaus zu schweifen in's Land. Felsenspitzen von grotesker Gestalt stiegen aus der Tiefe terrassenartig empor, und lange suchte das Auge des Offiziers vergeblich zwischen ihnen eine Spur des geheimnißvollen Klosters, das nach der Beschreibung hier liegen mußte, bis ein matter Lichtschein ihm die Stelle bezeichnete. Näher dem Abhang tretend bemerkte er jetzt in der Tiefe einige dunkle Baulichkeiten, die sich gleichsam mit dem Felsen zu verschmelzen schienen, und sah nun, daß jener Schein durch das Mondlicht hervorgebracht wurde, welches sich an den Fenstern einer kleinen, mit einer der breiten Seiten an die Felswand lehnenden Kirche brachen. Wenige dunkle Gebäude und hohe Mauern umgaben sie, während die Wipfel mächtiger Fichten und Tannen aus der Tiefe über diese Mauern emporragten und so auch beim Tageslicht den Anblick des Klosters den Thalbewohnern oder den wenigen Reisenden am fernen Ufer des Flusses entziehen mußten.
Trotz der mangelhaften Beleuchtung begriff doch der Offizier mit militairischem Takt die Sicherheit, welche die von Tonelletto gewählte Stellung der Brigantenschaar gewähren mußte.
Unterdeß hatte das Geläut des Glöckchens längst aufgehört und Kapitain Chevigné hatte jetzt einige Mühe, die Klause zu finden.
Diese von Stein gebaut, ziemlich gerade über dem Kloster, steckte zwischen dem Gestein und nur der Schein einer Lampe durch daß enge spaltenartige und glaslose Fenster ließ ihn sie endlich finden.
Der Offizier, den ein eintöniges Murmeln und der
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dumpfe Klang von Schlägen dahin leitete, klopfte an die kleine Thür, um sich dem Bewohner bemerklich zu machen.
»Wer ist es, der zu dieser Stunde noch einen Ort aufsucht, an dem die Glücklichen der Welt vorüber gehen?« frug nach einer Weile eine tiefe melancholische Stimme. »Nur der Sünder, der bereut und Buße thut, findet hier den Weg zum Heil - darum kehre zurück Mann des Blutes und der Gewalt, wenn Du es bist, wie ich vermuthe, der mich heimsucht.«
»Ich bin zwar auch ein Mann des Blutes und der Gewalt, wie jeder Soldat, hochwürdiger Bruder,« antwortete der Kapitain, »aber schwerlich der, welchen Ihr zu erkennen glaubt, denn ich bin zum ersten Mal in dieser Einöde, die allerdings besser für einen heiligen Klausner paßt, als für einen munteren und noch sehr lebenslustigen Soldaten. Aber wenn Ihr der Klausner Fra Gerardo seid, habe ich eine dringende Botschaft für Euch.«
»So tritt ein und warte, die Thür ist unverschlossen.«
Dann begann der murmelnde Ton auf's Neue und wiederum klatschte es wie von den Schlägen einer Peitsche auf einen hohlen harten Gegenstand.
Der Offizier, der mit spöttischer Miene diesen Tönen noch einige Augenblicke zuhorchte und der Meinung war, daß der Klausner seine Annäherung bemerkt hätte und ihn hier mit irgend einer religiösen Komödie zu täuschen für gut fände, öffnete die Thür und trat ein.
Wie wir bereits bemerkt haben, war die Klause von Stein gebaut, ein ziemlich enger Raum, dessen niedere Deckenwölbung mit der Hand zu erreichen war. In
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der Mitte dieser Wölbung öffnete sich ein kleiner niederer Thurmbau, in dem die Glocke hing, welche vorhin in Bewegung gesetzt worden war.
Der innere Raum der Eremitage war etwa zehn Schritte lang und sieben bis acht breit. Das matte Licht einer Lampe, die vor einem großen, aus dunklem Eichenholz gezimmerten Kreuz brannte, erhellte den Raum nur sehr ungenügend. Dies Kreuz mit einem jener Christusbilder, wie sie so häufig an den Wegen in katholischen Ländern stehen, erhob sich über einem kleinen Altar von rauhem Gestein, mit einer Binsenmatte bedeckt, der die Mitte der breiten Wand der Zelle einnahm. Der übrige Raum entbehrte jedes Schmucks, denn die Wände der Klausur waren nicht einmal getüncht, sondern zeigten den rohen Stein. Ein Holzklotz an einer Seite bot die einzige Gelegenheit zum Sitzen, während auf der anderen Seite eine leichte Aufschüttung von getrocknetem Haidekraut und Moos mit zwei Ziegenfellen bedeckt das ärmliche und harte Lager des Klausners andeutete.
Merkwürdiger Weise hing über diesem Lager an einem zwischen die Steine getriebenen Nagel ein Bild, eine ziemlich schlechte Lithographie, das Portrait des früheren Königs Louis Philipp von Frankreich darstellend.
Vor dem schlichten Altar auf dem bloßen Felsboden kniete der Einsiedler. Die gebeugte demüthige Haltung ließ wenig von seiner Persönlichkeit sehen. Die braune Kutte, die er trug, war von dem Oberkörper zurückgeworfen und zeigte diesen entblößt, einen hagern Leib, Haut und Knochen, mit Striemen und Schwielen bedeckt.
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Auch jetzt wieder, während die Lippen des Mannes Gebete murmelten, war seine Rechte beschäftigt, diese Wunden zu erneuern; denn sie schwang eine lange Geißel, deren einzelne Stränge von geflochtenem Leder gebildet und an den Spitzen mit kleinen eisernen Widerhaken versehen waren, die sich bei den wiederholten Schlägen über den Rücken häufig in das wenige Fleisch eingruben, und bei dem Zurückziehen höchst schmerzhafte Wunden rissen.
Kapitain Chevigné, der anfangs bei diesem Abenteuer an eine Begegnung mit einer Wiederholung des berühmten Bruder Tuck aus Walter Scott's »Ivanhoe« gedacht, sah jetzt wohl ein, wie sehr er sich geirrt, und daß er entweder einen jener Fanatiker des Glaubens vor sich hatte, die gleich den indischen Fakirs in der wüthendsten Selbstpeinigung den Dienst ihres Gottes suchen, oder einen Unglücklichen, der Sühnung für schwere Sünden darin findet.
Er blieb deshalb - da der Klausner nach der Erlaubniß zum Eintritt, die er gegeben, sich nicht weiter um ihn kümmerte, sondern in seiner schrecklichen Andachtsübung fortfuhr, - still an dem Eingang der Zelle stehen, bis jene beendet war, was übrigens bald der Fall.
Der Klausner zog die braune rauhe Kutte über seine blutenden Schultern, legte die Geißel zu den Füßen des Altars nieder, und nachdem er den Todtenschädel, der unter dem Kreuz lag, geküßt und sich demüthig bekreuzigt hatte, erhob er sich und wandte sich zu seinem nächtlichen Besuch.
Obschon die Kaputze der Kutte halb über den Kopf gezogen und das Licht der Lampe nur sehr matt war, konnte der Kapitain doch ein abgezehrtes Gesicht mit kühn
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gebogener Nase und dunklen feurigen Augen erkennen, das wahrscheinlich einst von aristokratischer Schönheit gewesen sein mußte. Trotz des ascetischen Lebens und der schweren Bußübungen, denen der Mann sich unterwarf, und die ihre Falten auf seine Stirn gezeichnet, konnte er doch nicht älter als höchstens sechszig Jahre sein. Seine Gestalt war groß und hager und die Hand, mit der er das Zeichen des Kreuzes zum Gruß gegen seinen unbekannten Besucher machte, war weiß und schmal.
»Gegrüßt seist Du Maria!«
»In Ewigkeit, Amen!«
»Dominus vobiscum! Wer bist Du und wo kommst Du her, um in so später Stunde, die dem Versucher der Menschen gehört, die Andacht eines armen sündigen Mannes zu stören? Wenn Du Schätze und Raub suchst, Du findest hier nichts als ein armseliges fluchbeladenes Leben, das nach der Erlösung des Herrn dürstet.«
Der Kapitain trat aus dem Schatten, in dem er bisher unter der Thür gestanden, näher in den Lichtkreis der Lampe. »Ich komme im Auftrage des Capitano Tonelletto!«
»Dann kommst Du von einem großen Verbrecher, wenn er auch sonst einige gute Eigenschaften besitzen mag, der nicht an das Heil seiner Seele denkt, wie er doch große Ursache zu thun hätte. Aber wer bist Du selbst?«
»Ich bin der Kapitain Raoul de Chevigné, Offizier in der Armee des päpstlichen Stuhls und gegenwärtig Führer eines Freicorps in diesen Gebirgen.«
»Chevigné? Raoul de Chevigné?« sagte mit tiefer zitternder Stimme der Eremit, dessen Gestalt wie von
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einer jähen Erschütterung erbebt hatte unter der Nennung dieses Namens, - »dann bist Du ein Franzose?«
»Ich rühme mich es zu sein, ehrwürdiger Vater.«
»Aus Paris, dem Pfuhl aller Sünde?«
»Nicht gerade aus Paris, das Ihr mit einem so schlimmen Titel belegt, sondern aus der Vendée, aber ich habe lange genug in diesem übel beleumundeten und doch so reizenden Gomorrha gelebt, um für einen Pariser gelten zu können.«
Der Klausner schien auf den frivoleren Ton, den der Offizier anzuschlagen versuchte, nicht zu achten und in tiefes Nachdenken versunken, während seine Lippen leise das Gebet des Herrn murmelten: Ne nos inducas in tentationem!
Dann erhob er den Kopf und sagte, - während er bisher in italienischer Sprache geredet - im besten Französisch: »Welcher Auftrag führt Sie zu mir, Herr Kapitain?«
»Ah - Sie sprechen französisch, hochwürdiger Herr?«
»Ich lernte es in meiner Jugend, als ich noch der Welt gehörte. Ich bitte Sie, meine Frage zu beantworten.«
»Der Auftrag ist allerdings etwas eigenthümlich, da er so zu sagen, in Nichts besteht. Capitano Tonelletto, der die italienische Abtheilung unserer Freicompagnie kommandirt, lagert auf der anderen Seite des Gebirges am Fuß dieser Felsenwand.«
»Ich habe die Feuer diesen Abend gesehen.«
»Er ist gestern in einem Gefecht, das wir mit den
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Piemontesen hatten, am Fuß verwundet worden und so verhindert, selbst zu Ihnen zu kommen.«
»So wünscht er meinen geistlichen Trost und die geringe Kenntniß der Wundarzneikunde, die ich mir im Lauf der Jahre erworben? Ich bin sogleich bereit, Sie zu begleiten.«
»Es wird ihm ohne Zweifel sehr lieb sein, Sie zu sehen, hochwürdiger Herr,« sagte lächelnd der Kapitain, »aber es hat dies nicht solche Eile, da die Wunde keineswegs gefährlich ist und ihn nur für kurze Zeit an der Benutzung des Fußes verhindert. Aber er hatte einen Auftrag an Sie, der auf das Schleunigste ausgeführt werden sollte.«
»Von wem? woher?«
»Von wem kann ich Ihnen eigentlich nicht sagen. Er erhielt ihn in Rom!«
»In Rom?«
»So ist es - er war vor zwei Tagen noch dort und empfing von einem geistlichen Oberen, wie er mir sagte, den Befehl, Ihnen dies leere Blatt zu überbringen und sich ganz zu Ihrer Disposition zu stellen.«
Die Aufmerksamkeit des Klausners schien plötzlich sehr rege geworden. Entgegen der bisherigen finstern Ruhe griff er hastig nach dem Blatt, öffnete es und besah es von allen Seiten. Dann wandte er sein dunkles scharfes Auge auf den Offizier.
»Können Sie mir wirklich nicht näher sagen, Herr von Chevigné, woher Tonelletto dies Blatt erhielt?«
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»So viel er mir vertraute, von einem geistlichen Rath.«
»Dem Consiglio ...?«
»Dem Consiglio di Tri!«
»Ah Sie wissen darum - Sie sind ein Vertrauter? Dann wissen Sie zu schweigen!«
Er ging nach der Ecke der Klause, zog einen losen Stein aus der Mauer, und nahm eine kleine Phiole heraus.
»Entschuldigen Sie, mein Sohn,« fuhr er fort, »daß ich Ihnen in diesem armen Raum keinen anderen Sitz anbieten kann, als jenen Baumstamm. Ich selbst benutze ihn nie, da mein Platz die Erde ist, außer wenn ich die Beichte einer bedrängten Seele hören muß, die Trost und Hilfe bei Einem sucht, der selbst der Fürbitte der Heiligen und der Vergebung Gottes so sehr bedarf, wie irgend ein Mensch auf Erden.« Er wies nach dem Holzblock am anderen Ende der Klause und der Offizier setzte sich dorthin, indem er fortfuhr, das Gebahren des Eremiten sorgfältig, aber mit allem Anschein der Gleichgültigkeit zu beobachten.
Der Klausner nahm einen alten Blechnapf aus dem Winkel, füllte ihn zur Hälfte mit klarem Wasser aus einem irdenen Krug und goß dann einige Tropfen aus der Phiole in den Napf.
Der Offizier bemerkte, daß sofort ein leichter Dampf aus der Schaale emporstieg. In diese Flüssigkeit tauchte der Eremit das erhaltene Blatt und zog es dann auf beiden Seiten über die Flamme der Lampe.
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Das scharfe Auge des Offiziers bemerkte, daß sofort auf beiden Seiten des Papiers eine schwarze Schrift sichtbar wurde.
Nachdem der Klausner das Blatt getrocknet, begann er diese Schrift, die in Chiffern bestand, zu lesen.
Er hatte zu diesem Zweck die Kapuze, die bisher seinen Kopf verhüllt, zurückgeschlagen und der Kapitain fand, daß er sich in seinen Schlüssen über das Aussehen des Eremiten nicht getäuscht hatte. Die Stirn war hoch und kräftig, von einem Kranz ergrauender Haare umgeben, der die Tonsur zeigte. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und schwere Falten auf den hageren Wangen. Es war etwas in dem Gesicht, was eine große Trauer, eine ewige innere Unruhe des Geistes verkündete, während der untere Theil, das knochige Kinn, der Mund auf gewaltige Leidenschaften schließen ließ, die nur durch schwere Kämpfe des Geistes unterjocht schienen. Dem Kapitain war es wie jenes dunkle Träumen der Erinnerung oder der Zukunft, als müsse ihm dies Gesicht schon vor langen langen Jahren begegnet sein.
Der Gegenstand dieser Beobachtungen hatte das Lesen des Blattes beendet, die Kapuze wieder über seinen Kopf gezogen und lehnte sich ohne ein Wort zu sagen in tiefem Nachdenken an die Steinwand seiner Klause. Der Franzose empfand, daß es sich offenbar um eine wichtige Botschaft handelte und wagte es daher nicht, die Stille zu unterbrechen.
Endlich stieß der Geistliche einen schweren Seufzer
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aus, neigte sich vor dem Kreuz, an seine Brust schlagend, und wandte sich zu dem Kapitain.
»Der Wille Derer, die im Namen der Kirche zu gebieten haben, muß geschehen,« sagte er mit traurigem leisen Ton, »wenn auch das schwache Auge des Dienenden seine Weisheit nicht zu erkennen vermag. Gott und die Heiligen mögen geben, daß es nicht selbst zum Schaden der Kirche ausschlage. - Ich muß Sie verlassen, mein Sohn, denn eine dringende Pflicht gebietet es, und doch hätte ich so gern noch mit Ihnen gesprochen, da es seit Jahren das erste Mal ist, daß ich einen Franzosen wiedersehe, einen Sohn des Landes, das ich in meiner Jugend kannte. Wenn ich auch längst abgeschlossen mit jener Welt da draußen, während selten eine Nachricht aus ihr in unsere Abgeschlossenheit dringt, wo wir nur der Reue und Buße leben, möchte ich doch nicht die Gelegenheit versäumen, einige Fragen zu thun.«
»Dann, hochwürdiger Herr, erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen.«
»Sprechen Sie, mein Sohn!«
»Wir haben heute einen starken Marsch gemacht und ich fühle mich doch etwas ermüdet. Ueberdies könnte ich mich - da ich meinen Wegweiser zurückgeschickt habe, - bei der Rückkehr in unser Lager in diesem Felsenlabyrinth leicht verirren. Wenn Sie mir also sagen wollen, wann Sie zurückkehren und mir die Bewachung Ihrer Wohnung unterdeß anvertrauen wollen, würde ich gern hierbleiben und mich ein wenig ausruhen.«
Der Klausner lächelte trübe bei diesem Vorschlag:
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»Sehen Sie sich um, mein Sohn, und fragen Sie sich selbst, ob dieser Raum Ihnen irgend eine Bequemlichkeit bieten kann? Nicht einmal eine Erfrischung bin ich im Stande, Ihnen anzubieten; denn ich lebe nur von dem Wasser des Bergquells und einer Hand voll Mais.«
»Bah! ich bin Soldat und an ein hartes Lager gewöhnt. Ueberdies habe ich bereits tüchtig zur Nacht gegessen.«
»So sei es - wie Sie wollen. Ich werde unter zwei bis brei Stunden nicht zurückkehren und wenn es Ihnen nicht zu hart dünkt, bitte ich Sie mein Lager zu benutzen. Morgen bei Sonnen-Aufgang nach dem Frühgebet werde ich Sie selbst in das Lager dieses blutigen Mannes zurück bringen.«
»Ich bin damit einverstanden und bitte Sie, um mich sich weiter keine Sorge zu machen.«
»Dann nehme der Herr Sie in seinen Schutz!«
Er machte das Zeichen des Kreuzes gegen ihn, und als der Offizier, der sich erhoben hatte, um seine Büchse in einen Winkel der Klause zu stellen und sich's bequem zu machen, jetzt sich wieder umsah, war der Einsiedler verschwunden.
»Hollah,« sagte der Kapitain, »ich habe nichts davon gehört, daß die Thür geöffnet wurde, was doch jedenfalls hätte geschehen müssen, wenn nicht Hexerei oder ein Taschenspielerstück dabei ist. Da aber ein guter Soldat stets die Sicherheit seines Lagers prüft, werde ich mit Seiner Hochwürden Erlaubniß zunächst dasselbe thun.«
Er nahm die Lampe und leuchtete vorsichtig an den
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Wänden umher. Als er in die Nähe des Steinaltars kam, machte ein Luftzug die Flamme erzittern und löste ihm alsbald das Räthsel.
Hinter dem Altar und von diesem verdeckt zeigte die Felswand eine dunkel gähnende Oeffnung, so breit und hoch, daß gerade ein Mensch sie passiren konnte. Unregelmäßige Stufen, die in die Tiefe führten, zeigten ihm, daß hier ein Gang in das Innere des Felsens lief.
»Parbleu!« brummte der Kapitain, »der Weg dort hinunter steht sicher mit einem nähern Ausgang nach dem Kloster in Verbindung, und wenn ich nicht Gelegenheit gehabt hätte, mich zu überzeugen, daß es diesem seltsamen Eremiten Ernst ist mit seiner Reue und Buße, würde mir dieser Weg zu seinen Beichttöchtern etwas verdächtig erscheinen. Aber zum Henker, was geht's mich an, ich habe nicht danach zu fragen und will einstweilen den Anachoreten spielen und mich auf dies allerdings etwas harte Lager strecken. Wenn ich nur erst wüßte, wo mir dies Gesicht schon vorgekommen!«
Er that wie er gesagt, und die Hand am Griff seines Revolvers schlief er erschöpft bald ein. -
Der Offizier mochte etwas mehr als eine Stunde geschlafen haben, wobei es ihm träumte, er sei in der großen Oper zu Paris und höre den Gesang des Chors, als er erwachte.
Er rieb sich erstaunt die Augen und blickte umher - über ihm das öde Steingewölbe, im matten Schein der Lampe das riesige Kreuz mit dem bleichen Bilde des Heilands - er befand sich noch immer in der Klause des
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geheimnißvollen Eremiten. Aber wenn ihn auch der Sinn des Gesichts nicht täuschte, so schien dies desto mehr mit dem des Gehörs der Fall. Der ganze Raum schien erfüllt von wunderbaren Klängen, die ernst und feierlich an sein Ohr drangen. Es war das Miserere Domine - der Psalm Ex profundis clamor ad Te - gesungen von unsichtbaren Sphärenstimmen, die ihn zu umschweben schienen und sich an dem niedern Gewölbe brachen, so trauernd, so klagend, daß der starke Mann seine Seele erbeben fühlte.
Er sprang von seinem Lager empor und schaute sich um, den Zauber zu lösen, ohne doch die Lösung finden zu können, ja es war ihm, als kämen all' diese klagenden Töne von dem Kreuz her, an dem sich das Christusbild in dem flackernden Licht der Lampe zu regen schien. Endlich zuckte ihm ein Gedanke durch den Sinn, er sprang nach der Oeffnung in der Felswand und überzeute sich sofort, daß aus dieser die Klänge des Gesanges mächtig emporschwollen, fast als müßten sie in großer Nähe ihren Ursprung haben.
Es war ihm alsbald klar, daß sie aus der Kirche des Klosters kommen müßten, und da er sich erinnerte, daß die Seite der ersteren an die Felswand sich lehnte, erklärte er sich das Räthsel dahin, daß der unterirdische Felsengang wahrscheinlich sich in das Schiff der Kirche öffnete und die eigenthümliche Beschaffenheit des Gesteins für die Resonnanz günstig, ja verstärkend sie bis auf die Höhe des Felsens trug. Eine unbezwingliche Neugier war in ihm erwacht, sich davon zu überzeugen, und da kein Verbot des Bewohners der Klause ihn von Nachforschungen zurückhielt, ergriff er hastig die Lampe und trat, sie mit der Hand
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gegen den Luftzug schützend, in die gähnende Oeffnung der Felswand.
Je tiefer er vorsichtig auf den rohen unebnen Stufen hinabstieg, desto mächtiger schwollen ihm die Töne entgegen. Uebrigens wurde der in dem Felsen gehauene Gang schon nach einigen Schritten etwas breiter und höher, so daß er sich leicht und ungebückt darin bewegen konnte. Die Luft war trocken und rein und er überzeugte sich leicht, daß dieser Weg in häufigem Gebrauch sein mußte. Als er etwa dreißig bis vierzig Stufen niedergestiegen war, theilte sich der Gang in zwei verschiedene Richtungen; von dem Gesang geleitet, folgte er aber dem Hauptweg. Seltsamer Weise wurden jedoch, je weiter er jetzt kam, die Töne immer schwächer, ja sie schienen endlich gänzlich zu ersterben, und er glaubte schon, der nächtliche Gottesdienst müsse zu Ende sein, oder er habe dennoch die falsche Richtung eingeschlagen, als sie plötzlich mit voller Kraft und ganz nahe wieder an sein Ohr schlugen. Er blieb stehen und sah in der Wand zur Seite eine Oeffnung gleich der in der Zelle des Klausners, welche auf die gemauerten Stufen einer Wendeltreppe führten, während vor ihm der schon seit einiger Zeit eben fortlaufende Gang sich im Dunkel verlor.
Sei es, daß er die Lampe vor dem Luftzug aus der Tiefe nicht genug beschützt, oder daß das Docht zu Ende war - das Flämmchen zuckte noch einmal empor und verlosch dann.
Aber während er sich erschrocken anfangs in undurchdringliche Finsterniß gehüllt glaubte, bemerkte er bald vor sich einen bleichen Schein.
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Sich vorsichtig an den Wänden haltend, tappte er weiter, fühlte, daß der Gang hier eine Wendung machte und, einige Stufen emporsteigend, sah er sich plötzlich in einem Raum, der von zwei Seiten matt erhellt war.
Noch einige Schritte vorwärts und er erkannte die Ursach.
Schmale fensterartige Oeffnungen wölbten sich nach beiden Seiten, wie er bei einer genaueren Betrachtung sehen konnte von Außen durch die Schnörkel und Verzierungen des Baues gebildet und halb verborgen. Er befand sich auf der Höhe der schmalen Wand der Kirche und blickte von der einen Seite in deren Schiff hinab, von der anderen in einen Ort, dessen Anblick in dem gespenstigen Licht des Mondes noch unheimlicher schien, als selbst die halbfinftere Kirche.
Es war das Campo Santo des Klosters, der Begräbnißplatz der geheimnißvollen Bewohnerinnen. Von hohen Mauern auf zwei Seiten umschlossen, während die dritte die Felswand, die vierte die Kirche bildete, war es ein Oblongum von etwa zwanzig Schritten Länge und verhältnißmäßiger Breite. Große grabsteinartige Steinplatten bedeckten den Boden, in dessen Mitte sich die runde Granitschaale eines Springbrunnens etwa anderthalb Fuß über dem Boden erhob. Ein riesiger steinerner Todtenkopf von weißem leuchtenden Marmor, aus dessen hohlen Augen und gezahnten Kiefern sich rauschend das Wasser ergoß, bildete das Mittelstück des Bassins.
Rings um diesen Raum lief mit erhöhter Stufe ein
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zur Seite offener schmaler Bogengang, dessen Rückwand von Feld zu Feld mit stehenden Grabsteinen belegt war.
Diese Grabsteine waren gleichfalls von weißem Marmor und enthielten statt der Inschrift ein großes schwarzes Kreuz, unter dessen Fuß sich eine lateinische Zahl befand. Alles hatte ein schauerliches, vermodertes Aussehen und machte den Eindruck eines verfallenen Grabes. Das Auge des Kapitains, wie es gefesselt von diesem Eindruck über die trostlose Oede des Ortes lief, zählte vierzehn solcher Grabsteine.
Die verhallenden Töne zu seiner Linken zogen endlich seine Blicke von diesem Orte ab und in das Schiff der Kirche.
Das Innere derselben war nicht viel größer als die Begräbnißstätte auf der andern Seite der Mauer. Ihm gegenüber befand sich eine kleine Orgel, unter ihm das einfache Hochaltar mit dem Chor, das durch ein schweres Eisengitter von dem Schiff getrennt war. Das Gitter war jetzt geöffnet und innerhalb desselben bemerkte der Offizier eine Reihe dunkler tief verhüllter Gestalten knien.
Mitten im Chor, nur von vier Kerzen beleuchtet, stand ein offener Sarg, - in dem Sarg lag auf einem schwarzen Sergetuch ein Gerippe als furchtbare Mahnung an den Tod.
Vor dem Altar kniete der Einsiedler, jetzt mit Stola und Scapulier geschmückt, hinter ihm eine in dunkle Nonnengewänder gehüllte Frau, während vor den Stufen des Altars eine Bahre mit einer geringen Matratze stand. Auf dieser lag, offenbar in den letzten Stadien der
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Krankheit, in der Agonie des Todes, eine Frau - eine Nonne, deren bleiches, eingefallenes Gesicht noch die Spuren der Jugend und Schönheit trug. In ihren abgemagerten Händen hielt sie ein Crucifix.
Noch einmal erhob sich der Gesang von den auf dem Orgelchor und im Schiff der Kirche unsichtbaren Sängerinnen und verhallte in einem Eleison.]
Dann murmelte der Priester am Altar die Litanei:
»Sancta Maria, ora pro ea!«
und der Chor der Betenden murmelte respondirend: »Ora pro ea!«
»Suspice Domine servam tuam in locum sperandae sibi salvationis a misericordia tua!«
»Amen!«
Und als der Priester schloß:
»Ut vinculis carnis exutus, pervenire mereatur ad gloriam regni coelestis: praestante domino nostro Jesu Christo: Qui cum Patre et spiritu sancto vivit et regnat in saecula saeculorum«
und der Chor sein Amen! geantwortet, kamen aus dem Schiff der Kirche vier kräftige, in grobes Leinen gekleidete Weiber, auf deren unverschleierten finstern Gesichtern keine Spur von Mitleid und Theilnahme sich ausprägte, traten in das Chor und hoben die Bahre mit der Sterbenden auf. Dann schritten sie langsam mit ihrer Last an dem Hochaltar vorüber, von dessen Stufen der Priester der Leidenden seinen Segen spendete, und hinter ihnen drein reihte sich der Zug der tief verhüllten Nonnen und anderer Frauengestalten, gekleidet wie die Trägerinnen. So machte
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der Zug den Umgang im Chor, verließ dasselbe alsdann und verschwand im Schiff der Kirche durch eine Thür, die in das Innere der Klostergebäude führen mußte.
Nur der Priester und die Aebtissin, die Nonne, die am Hochaltar gekniet, blieben in der einsamen Kirche zurück.
Der Einsiedler zog sich einige Augenblicke zurück hinter das Hochaltar, um die Gewänder des Gottesdienstes abzulegen, dann kam er in seine rauhe Kutte gehüllt zurück.
»Schwester Barbara,« sagte er, »Du hast den Befehl des heiligen Rathes gehört, sprich, was Du beschlossen hast.«
Die Aebtissin hatte sich erhoben, es war eine hohe Gestalt, fast so groß wie der Klausner selbst. »Ich habe im Gebet gerungen während dieser Zeit,« sagte sie in italienischer Sprache, der gleichen, in welcher der Klausner die Frage gethan hatte. »Die Hirtin hat keine Macht über die Heerde, wenn der Herr sie fordert. Die Tiefen der Gräber mögen sich öffnen und ihre Todten herausgeben, die Hölle aufthun ihren Schlund, daß die Sünde und der Fluch auf's Neue treten an das Licht der Sonne - was kümmert's uns!«
»So hast Du gewählt?«
»Sechs! - ich finde die siebente Sünde nicht unter Denen, welche noch die Welt mit ihrem Odem verpesten können. Komm!«
Sie schritt ihm voran hinter den Hochaltar, und der Offizier, der zwar nicht alle Worte, aber doch genug verstanden hatte, um seine größte Aufmerksamkeit zu fesseln
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und ihn auf alle Gefahr hin zum längeren Verweilen zu veranlassen, hörte unter sich eine Thür schließen.
Gleich darauf traten die Beiden in den umschlossenen Raum des Camposanto.
Das Licht des Mondes erhellte noch immer denselben mit jenem farblosen Schein, der Ruinen und alte Gebäude so gespensterhaft erscheinen läßt.
Die Aebtissin hatte sich auf den Rand des Brunnens gesetzt und winkte ihrem Begleiter, neben ihr Platz zu nehmen. Der lauschende Offizier konnte jetzt ihr Gesicht sehen. Es war von einer Blässe und Härte, die mit dem Marmor des Todtenkopfs wetteifern konnte, und hatte den Ausdruck gefühlloser Strenge. Zwei große schwarze Augen blickten durchbohrend, wenn sie aufgeschlagen sich auf einen Gegenstand richteten, während sie für gewöhnlich an den Boden geheftet blieben.
»Ich glaube, die Zahl wird genügen, obschon der Befehl lautet: die sieben Todsünden! Die jüngsten und schönsten!«
»Die Jüngsten und Schönsten!« wiederholte die Aebtissin mit spöttischem Ton. »Ich sollte meinen, daß Jugend und Schönheit in diesen Mauern nicht lange dauern!«
»Die großen Sünden der Menschheit erneuern sich ewig, wie die Wellen der Brandung. Ist es gestattet, Dich zu fragen, Schwester Barbara, welches die Sünderinnen sind, die für die Zwecke des heiligen Kollegiums ihre Buße unterbrechen und in die Verlockungen der Welt zurückkehren sollen?«
»Du weißt, Fra Gerardo, daß die Frauen, die in
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dieses letzte Asyl der Schuldigen kommen, selbst für uns keine Namen haben dürfen. Ihre Sünden sind Dir bekannt aus der Beichte.«
Der Geistliche senkte das Haupt. »Es sind seit den zehn Jahren, die ich dieses Asyl bewohne zur Strafe für die Vergangenheit, wie auch Du Schwester Barbara, der Sünderinnen so viele an diesen Ort irdischer Strafe und irdischer Sühne gesandt worden, daß ich mich ihrer einzelnen Thaten nicht erinnern mag. Auch verbietet mir es mein Priestereid. Von was ich rede, das ist, was der Welt bekannt geworden und Dich veranlaßt hat, sie zu wählen!«
Die Klosterfrau warf einen raschen funkelnden Blick aus ihn. »Jeder von uns hat seine Vergangenheit - es ist nicht gut daran zu rühren, und ich habe nie nach der Deinen gefragt, obwohl ich wissen kann, daß nur die Büßung für schweres Verbrechen gegen Gott und die Menschen Dich zu diesem Amte bestimmt haben kann. Aber höre!«
»Ich höre!«
Die Aebtissin wies mit der Hand nach einem der Grabsteine an der Mauer der Arkaden. »Die Hoffart!« sagte sie.
»Die Schwester Giuliana!«
»Sie glaubt aus dem Blut eines Königs zu stammen. Ihr Stolz hat ein großes Land in schwere Kämpfe gestürzt und Ströme von Blut sind durch sie geflossen. Es ist gut, daß die Weisheit des Vatikan ihrem Leben ein Ziel gesetzt hat.«
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»Wird dieser Kampf sich nicht erneuern?«
»Nein - sie ist gestorben für die Welt; in der Fürstengruft ihrer Ahnen steht ein leerer Sarg.«
»Leider haben selbst die strengsten Bußen ihren starren Sinn nicht gebeugt, der noch immer an irdischer Eitelkeit hängt. - Die nächste der Todsünden ist der Geiz!«
»Der Geiz und die Habsucht - sie sind Brüder. Konnte ich eine bessere wählen, als die Schwester Martina? Das Schaffot wartete ihrer, als sie sich der heiligen Kirche in die Arme warf. Sie hat zwei Gatten vergiftet und ihr eigenes Kind, um ihr Erbe zu gewinnen!«
»Das Scheusal - ihre Reue ist eine Heuchelei. - Du nennst die dritte nicht, die Unkeuschheit!«
»Es ist die Sünde der Welt - sie gehört Allen!«
»Aber die Schwester Elena ist ihr erster Dämon. Mit fünfzehn Jahren verführte sie als Novize den Beichtiger des Klosters und floh mit ihm von Neapel nach Paris. Als sie nach drei Jahren unter dem Schutz eines englischen Ketzers zurückkehrte, war sie die Königin der Wollust und alle Sünder Roms und Neapels lagen zu ihren Füßen.«
»Aber das erklärt nicht, Schwester Barbara, warum sie hier ist, da sie damals noch nicht das Gelübde gethan.«
»Eine freche Wette in Rom zog ihr die Strafe zu. Sie hatte mit einem Grafen aus Florenz gewettet, drei Kardinäle in ihre verfluchten Netze zu ziehen!«
»Die Frevlerin!«
Wieder fiel ein durchbohrender höhnischer Blick der Oberin auf den Klausner.
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[»]Man sagt, daß es ihr bei Zweien gelang. Der Florentiner starb plötzlich - wie es heißt an Gift. Auf der Flucht wurde sie ergriffen und in das Gefängniß der Inquisition gebracht.«
»Sie ist würdig der Aufgabe, die ihr geworden. Möge dieser Ort für immer von ihr befreit sein. Aber die Todsünde der Völlerei?«
»Wer könnte sie würdiger repräsentiren, Fra Gerardo, als eine Tochter Deines eigenen Landes.«
»Vor dem Altar des Herrn giebt es nicht Franzosen, nicht Italiener oder Deutsche - nur bereuende Christen.«
»Theresa ist eine Tochter des Gomorrha Paris. Die halbe Welt hat der frechen Bänkelsängerin zu Füßen gelegen und Millionen sind in Ueppigkeit und Laster durch sie verschwendet worden. Wer zählt die Thoren, die sich um sie ruinirt?«
»Und wie kam sie hierher?«
»Die Hand eines Mächtigen, der einst zu ihren Liebhabern gezählt und dessen Geheimnisse sie kennt, soll dabei im Spiel sein. Sie folgte der französischen Armee nach Italien, denn die Courtisane, die so lange jedes Gefühl verhöhnt, war in wilder Leidenschaft für einen jungen Offizier entbrannt, der sie verachtete. Als ihr die Nachricht wurde, er sei bei Solferino gefallen, nahm sie den Schleier.«
»Die Unglückliche fiel also in ihre Laster zurück?«
»Das, Fra Gerardo, muß ihr Beichtiger besser wissen als ich!«
»Du weißt, Schwester Barbara, was die strengen
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Regeln dieses Klosters bestimmen. Das Grab hat sich über jenen Unseeligen geschlossen und nur einmal des Jahres gewährt die heilige Kirche ihnen Trost unter Vorsichtsmaßregeln, die selbst die Beichte beschränken.«
»Man sagt, daß wenige Monate darauf durch Zufall in die Mauern ihres Klosters die Nachricht drang, daß jener Offizier nicht gefallen, sondern nur verwundet worden. Da erwachte der Teufel auf's Neue in ihrem Herzen und sie versuchte drei Mal aus dem Kloster zu entfliehen, indem sie das letzte Mal das Refectorium in Brand steckte, wobei zwei der Schwestern in den Flammen umkamen.«
»Die Gnade der Heiligen sei mit ihren Seelen und erlöse sie bald aus dem läuternden Feuer. Es ist eine furchtbare Reihe von Verbrechen, die diese Mauern verbergen.«
»Dort ist der Neid! Die Schwester Matilda ist nicht jung mehr, aber ihr Herz ist voll Haß gegen Alles was lebt, und den Schein der Sonne genießt.«
»Sie ist eine Fremde in diesem Lande!«
»Man brachte sie aus Polen hierher. Sie vergiftete die Seele ihrer Schwestern mit den schändlichsten Ketzereien und reizte sie zu offenem Widerstand. Der Priester Czerski, jener Abtrünnige von Rom, soll ihr Lehrer sein.«
»Nur in dem unbedingten Gehorsam gegen die Kirche ist der Frieden der Seele zu finden.«
»Die Inquisition hat sie verurtheilt. Vor dreihundert Jahren hätte sie den Scheiterhaufen bestiegen.«
»Dreihundert Jahre, Schwester Barbara,« sagte der Priester nachdenkend - »sind eine lange Zeit und die
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Anschauungen der Menschen wechseln, wie die Geschicke der Völker.«
»Aber die Lehren der heiligen katholischen Kirche sind unwandelbare Felsen, an denen alle Wogen zerschellen müssen, die an ihr zu rütteln versuchen.«
»Du nennst die Sechste nicht!«
Ein Blitz des Hasses zuckte über das Marmorgesicht der Oberin, als sie die Hand nach der letzten Zelle in der Reihe ausstreckte.
»Die Trägheit,« sagte sie mit tiefem Ton, der selbst zu dem Ohr des Lauschers verständlich drang, während er von dem andern Theil der Unterredung nur Weniges verstanden hatte. »Schwester Carlotta!«
»Die Jüdin?«
»Die getaufte Jüdin - die ehemalige Sängerin.«
»Und ihr Verbrechen?«
»Sie ist zu träge zur eigenen Sünde, deshalb war sie das Werkzeug ihrer Umgebung. Eine Familie auf einem der katholischen Throne Europa's ist durch sie in schwerer Gefahr gewesen, - ein Selbstmord, von dem die Welt redet, war durch sie veranlaßt.«
»Aber das Recht des heiligen Consiglio an ihr?«
»Sie ist eine Abtrünnige, die sich wieder dem Judenthum zugewendet, und den Sohn, den sie geboren, ihrem von Gott verfluchten Stamm übergeben hat, weil sie nicht die Kraft besaß, dem Drängen ihrer Verwandten zu widerstehen.«
»Gar viele Sünde kommt aus der Schwäche. Du
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hast die Hauptsünde vergessen, die den Mord in die Welt gebracht: den Zorn!«
»Wer von Jenen hätte nicht den Mord auf sich geladen? In den Adern der Töchter des Südens rollt ein feuriges Blut und die Rache ist ihre Natur. Ich kann nicht wählen unter den Sünderinnen, wo - wie Du weißt durch das Geheimniß der Beichte - ich selbst die größte war!«
»Gott hat Dir Deine Sünden vergeben Schwester durch den Mund des heiligen Vaters selbst,« sagte traurig der Klausner, indem er demüthig das Haupt beugte und über die eigene Brust das Zeichen des Kreuzes schlug. »Der Zorn ist eine böse Leidenschaft in dem Herzen der Menschen und die Heiligen mögen Jeden davor bewahren, denn schlimme Thaten entspringen aus ihm.«
Die Klosterfrau ließ fest ihre dunklen Augen auf ihm haften. »Ich büße das Blut, das ich vergossen,« sagte sie leise, »mit dem schweren Amte, das die Hand der heiligen Kirche mir auferlegt hat, und das mich von Allem geschieden, was einst das Leben groß und werth machte!«
Der Klausner reichte ihr die Hand: »Arme Fürstin - arme Schwester!« sagte er mit Gefühl. »Aber glaube mir, denn auch ich habe die Größe und Herrlichkeit der Höfe gesehen, alle Macht, aller Reichthum ist nur die Verführung, uns desto unvorsichtiger den schlimmen Leidenschaften unseres Innern zu überlassen, und den Mächten der Finsterniß Gewalt zu geben über uns. Nur in der Armuth und in dem Gehorsam liegt die Ruhe. Härter als Dich trifft mich der Befehl der Oberen; denn ich bin es, der jenen
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Unglücklichen auf's Neue die Pforten der Sünde öffnen soll; aber wenn auch meine blöden Augen den Zweck nicht erkennen, die Pflicht des Gehorsams beruhigt mein Gewissen.«
Die Aebtissin hatte sich erhoben, die augenblickliche Aufregung, die sie überwältigt, hatte der früheren steinernen Ruhe Platz gemacht.
»Wann soll es geschehen?« frug sie.
»Um die nächste Mitternacht. Der Morgen muß sie weit von hier finden, damit sie nicht wissen, wo sie gewesen.«
»Und wie sollen sie ihren Weg finden?«
»Ich werde darüber nachdenken in dieser Nacht. Die große Straße nach Neapel ist nur zehn Miglien von hier. In Rionero können sie dieselbe erreichen. Vielleicht mag Tonelletto, ohne Näheres zu wissen, uns Beistand leisten. Ich werde ihn morgen früh besuchen.«
»Wiederhole mir nochmals den Befehl, Fra Gerardo!«
Der Klausner zog das geheimnißvolle Blatt aus der Kutte und hielt es gegen das Mondlicht, das hell und klar genug war, ihn die Chiffern erkennen zu lasien[lassen].
»... nach Ponte Corvo zu senden an den Bürger Nicolo Valdieri, ihren Lastern sie zu überlassen, nachdem die Schrecken des Todes ihren Gehorsam verbürgt! Der Fluch ihrer Sünden gehe vor ihnen her und folge ihnen nach.«
Der Klausner verbarg das Blatt wieder, nachdem er die schrecklichen Worte gelesen. »Es müssen schlimme Dinge draußen vorgehen in der Welt, Schwester Barbara,« sagte er kopfschüttenld[kopfschüttelnd], »daß man zu solchen Mitteln greift, auf
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die Menschen zu wirken. Es kommen selten Nachrichten in unsere Einsamkeit.«
»Die letzten, die Eufemia, die Laienschwester, von den Bauern des Gebirges brachte, bei denen sie die geringen Einkäufe des Klosters besorgt, sprachen von schwerer Kriegsnoth, die über dem Lande liegt und die Macht der heiligen Kirche bedroht. Du weißt, daß es verboten ist, ein Zeitungsblatt in diese Mauern zu bringen.«
»Aber die strengen Regeln Deines Ordens schließen doch nicht die Ohren. Es ist ein französischer Offizier bei der Bande, ein Soldat des Papstes, und ich halte es für Pflicht, mich nach dem allgemeinen Stande der Dinge zu erkundigen, damit Nichts geschieht, was dem Befehl von Rom zuwider wäre.«
»Thue, wie Du willst - es ist Zeit, in meine Zelle zurückzukehren! Deinen Segen, Vater. Wenn die Schwester Angelika ihre sündige Seele dem Herrn zurückgegeben hat, werde ich es Dir melden und ihr Grab hier bereiten lassen.«
Sie beugte das Knie vor ihm und er ertheilte ihr den Seegen. -
Dies war der Augenblick, wo der französische Offizier, mit seinen Händen an den Wänden sich den Weg suchend, eilig seinen Lauschort verließ und in den Gang zu der Klause nieder und diesen dann emporstieg. Er hatte sich auf dem Weg genau die Beschaffenheit des Ganges gemerkt, und sich stets zur Linken haltend, gelang es ihm, freilich nicht ohne einige Beulen und Quetschungen, den Eingang der Zelle wieder zu erreichen. Er stellte die
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Lampe an ihren Platz und warf sich hastig auf das Mooslager im Winkel.
Obschon er sich vorgenommen hatte, bis zum Wiedererscheinen des Eremiten wach zu bleiben und er in der That Stoff genug zum Nachdenken hatte, verwirrten sich doch bald die Bilder seiner Gedanken und seiner Phantasie, und lange vorher, ehe der Klausner den öden Raum betrat, tanzte in seinen wirren Träumen das Gerippe der Kirche mit der strengen Aebtissin eine Polka und die Capitana Maria enthüllte sich als der ehrwürdige Klausner, der zwischen den Gräbern der Nonnen ein lustiges Räuberlied sang. -
Das Tageslicht glänzte bereits durch die Scharten der Wand, als die Hand des Einsiedlers leise den Arm des Schläfers faßte und ihn weckte. Mit der Uebung des Soldaten sammelte augenblicks der Franzose seine Gedanken und richtete sich auf dem Lager empor.
»Parbleu, hochwürdiger Vater,« sagte er, »ich habe lange und fest geschlafen und Sie wahrhaftig während der ganzen Nacht Ihres Lagers beraubt.«
»Machen Sie sich keine Sorge darum, mein Sohn« erwiederte der Klausner, »ich hätte doch nicht geruht, denn ich habe den Rest der Nacht im Gebet zugebracht. Es hat meinen Geist gestärkt und mir Kraft gegeben, eine schwere Pflicht zu erfüllen. Leider kann ich Ihnen Nichts anbieten zu Ihrem Frühstück, als was ich selbst habe, einen Trunk des frischen Bergwassers und ein Stück hartes Brot, wie es mir die Hirten des Gebirges bringen.«
»Machen Sie sich keinen Kummer deshalb, Vater, ich bin
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Soldat und der heitere Sonnenschein läßt mir alle Dinge wieder in anderem Lichte erscheinen, während der Schlaf bleiern auf meiner Seele lag und mir die unsinnigsten Träume vorführte. Vraiment, der Capitano Tonelletto hat nicht so unrecht gehabt, mir einige Furcht einzujagen vor diesem Ort, denn ich habe wirklich, wenn auch nur im Traum, allerlei schwarze Gespenster gesehen.«
»Ich bemerkte, als ich von der Frühmesse zurückkam, daß Sie unruhig schliefen,« sagte der Klausner, ohne näher auf die Bemerkung des Offiziers einzugehen, »und deshalb nahm ich mir die Freiheit, Sie zu wecken. Ich hatte diese Nacht nur wenig Zeit und Gelegenheit, mit Ihnen zu sprechen, und wenn Sie draußen an der Quelle Ihre Soldatentoilette machen wollen, werde ich Sie begleiten und Sie bitten, mir dabei Einiges von den Vorgängen draußen in der Welt zu erzählen. Sie sprachen, wenn ich nicht irre, von einem Gefecht, das Sie mit den Piemontesen gehabt hätten?«
»Der König Victor Emanuel belagert Gaëta und wir führen, wie zwanzig andere Freicompagnieen, den Krieg gegen den neuen Eroberer Italiens.«
»Heiliger Gott - so ist es doch wahr, was die Landleute erzählten, daß der Thron von Neapel umgestürzt und der heilige Vater in Gefahr ist? Aber man sagte mir doch, daß seit der schrecklichen Katastrophe von Achtundvierzig eine französische Besatzung Rom und den päpstlichen Stuhl beschütze und der Kaiser Napoleon im Norden dieses Landes den Frieden wieder hergestellt habe?«
Der Eremit hatte seinen nächtlichen Gast aus der
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Klause in's Freie geführt - Kapitain Chevigné bemerkte jedoch, daß er sorgfältig die Richtung vermied, und ihn nach der anderen Seite führte, von der aus man wohl die Aussicht auf das Thal des Sangro aber nicht nach dem Kloster hatte. Hier wies der Klausner dem Offizier einen aus dem Gestein sprudelnden klaren Quell, der sich in kleinen Cascaden nach der Tiefe ergoß, und setzte sich in dessen Nähe auf einen Stein.
Der Kapitain berichtete ihm auf seinen Wunsch kurz die neuesten Ereignisse, den Zug Garibaldi's nach Palermo und Neapel, den Sturz des Königthums, den Einfall der Piemontesen in die Marken und die Schlacht von Castelfidardo, so wie das, was er selbst von Tonelletto und dem piemontesischen Offizier erfahren hatte: den Kampf am Volturno und den Rückzug des Königs nach Gaëta.
Aber mehr als alles dies schien den Eremiten der Antheil zu interessiren, den Frankreich an all' diesen Ereignissen genommen. Er frug wiederholt nach den Persönlichkeiten am Hofe des Kaisers, nach dem Kampf der Parteien und dem Schicksal der Mitglieder und Anhänger der Dynastie Orleans.
»Ich war bei dem Sturz derselben noch wenig über zwanzig Jahr alt,« sagte der Kapitain, »und die Tendenzen meiner Familie, die den alten Traditionen des Faubourg St. Germain angehört, hielten mich fern von den Kreisen des Bürger-Königthums. Aber ich erinnere mich noch sehr gut der Vorgänge, die seinem Fall vorangingen und ihn beschleunigten, jener schändlichen Corruptionsprozesse, des Prozesses Praslin und der schlimmen Beispiele, welche der
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Adel gab, der weder den Muth hatte, den Folgen der Revolution von 1830 als Soldat mit den Waffen in Algerien Rechnung zu tragen, noch der Treue für das verbannte Königshaus zu leben. Der Finanzbaron begann damals wieder in Frankreich sein Haupt zu erheben und er hatte den Vortheil vor den Generalpächtern des Herrn Colbert und Ludwig XV. voraus, daß er sich nicht in die Kreise des alten Adels zu drängen brauchte, sondern daß dieser sich um ihn bemühte.«
»Der Herzog von Orleans war ein Soldat und ein Edelmann« - bemerkte der Klausner - »sollten nicht Manche aus seiner Umgebung ein billigeres Urtheil verdienen?«
»Ich muß gestehen, ich habe als Jüngling für ihn geschwärmt und hätte gern unter ihm in Algier gedient, wenn meine in ihren politischen Ansichten sehr strenge Mutter es erlaubt. Sein Tod raubte der Familie Orleans jede Sympathie des Volkes und das Ende ihrer Aera war nur noch eine Frage der Zeit.«
»Sie waren also bei den Februartagen gegenwärtig in Paris, mein Sohn?«
»Nein, hochwürdiger Herr. Meine Mutter stammt von ihrer Großmutter her aus der Familie der Choiseul, und das Aufsehen, das der Mordprozeß des Herzogs von Praslin im August des Jahres Siebenundvierzig gemacht hatte, und das auf allen Gliedern der Familie Choiseul lastete, bewog sie damals, Paris zu verlassen und sich auf unser Schloß in der Vendée zurückzuziehen.«
»So haben Sie jenen unglücklichen Mann, den
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Herzog von Praslin, gekannt?« frug der Eremit mit leiser Stimme.
»Ich erinnere mich nur, ihn ein einziges Mal gesehen zu haben und auch da nur flüchtig. Er war der Kammerherr des Herzogs von Orleans und ein großer Günstling des Königs Louis Philipp. Aber warum nennen Sie den Mörder der Herzogin, seiner Frau, einen Unglücklichen statt einen Verbrecher, wie er es verdient? Waren Sie damals in Frankreich, hochwürdiger Herr?«
»Ich war es, habe es aber bald darauf verlassen und seinen Boden nie wieder betreten. Jener Mann hat seine Schuld gebüßt und ich wiederhole es, daß ich ihn - gleich vielen Anderen - mehr für unglücklich, als für einen bewußten Verbrecher halte. Es ist ein ernstes Wort, mein Sohn, das Wort des Herrn: Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet. Die Sünde des Zorns ist eine schlimme und hat schon Manchen zu Thaten verleitet, die ungeschehen zu machen, er im nächsten Augenblick wahrscheinlich willig sein Leben gegeben hätte. Möge Gott ihm die schwere Missethat vergeben haben.«
»Er hat wenigstens den Muth gehabt, seine Familie nicht durch das Schaffot zu entehren, auf das ihn die Feinde der Orleans gar zu gerne geschleppt hätten. Doch was kümmert uns der Verbrecher und sein unseliges Ende, hochwürdiger Herr, in einer Zeit, wo Raub und Mord auf dem Thron und alle Grundpfeiler der Gesellschaft wanken, weil jene Epoche sie untergraben hat, wie einst die Sittenlosigkeit der Pompadour und die Lettres de Cachet Ludwig XV. die Guillotine auf dem Grêve-Platz
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vorbereiteten. Die Throne wanken und die Revolution siegt, weil der Adel der Nationen zum Börsenspieler und zum Schmeichler der blinden Menge herabgesunken ist. Wo hat der Ruf Jahrhunderte alter edler Geschlechter eine ärgere Schmach auf sich geladen, als auf dem Boden, auf dem wir stehen, in Rom und Neapel?«
Der hochherzige Franzose, der Hände und Gesicht in der kühlen Quelle gebadet, hatte sich erhoben. »Und jetzt, hochwürdiger Herr, haben wir genug von der Politik - jetzt erzählen Sie mir Ihrerseits etwas von Ihrer eigenen Umgebung, lassen Sie mich das Kloster der heiligen Magdalene sehen und erläutern Sie mir, wie es zu dem schlimmen Ruf gekommen ist, in dem es steht.«
»In welchem?«
»Ei parbleu! daß es mehr von Dämonen und höllischen Geistern bevölkert ist, als von frommen Nonnen mit Fleisch und Bein, und daß der Teufel darin seinen Sabbath hält!«
Er hatte bei seinen Worten den Priester scharf in's Auge gefaßt, aber dieser war mit dem Tageslicht ein ganz veränderter Mann und von der religiösen Extase, in der er ihn bei der ersten Begegnung am Abend vorher überrascht, keine Spur mehr zu bemerken. Nur eine tiefe Traurigkeit lag noch immer auf seinem ganzen Wesen,
»Es ist nicht gut, mein Sohn,« sagte er, während er neben ihm herging, »das abergläubische Geschwätz armer unwissender Leute zu wiederholen. Das Kloster der heiligen Magdalena, das Sie dort unten sehen, gehört dem strengsten Orden der Büßerinnen, und die Schwestern, die sich
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vor den Sünden der Welt dorthin geflüchtet, leben in tiefer Abgeschlossenheit, so daß sie selbst die heilige Messe nicht in Gemeinschaft mit den Profanen hören. Es sollte die strenge Regel, die sie bindet, eher ein Gegenstand der Hochachtung als müßiger Erfindungen sein.«
Der Offizier schwieg und begnügte sich, von der Stelle, zu der ihn der Klausner geführt, die Aussicht auf das Thal des Sangro und die majestätischen Massen des Monte Majari und der vier Berge zu genießen und in dem schluchtenreichen steilen Abhang des Berggrats, auf dem sie standen, die Lage des Klosters zu suchen.
Der Morgen war nebelfrei und die Sonne strahlte in vollem Glanz auf diese öden und einsamen Höhen. Erst als der Offizier gerade zu seinen Füßen in die Tiefe sah, unterschied er zwischen dem gelbgrauen Gestein die wenigen Klostergebäude von gleicher Farbe, die er nur verschwimmend am Abend vorher im Licht des Mondes bemerkt hatte. Er erkannte die an die Bergwand gelehnte Kirche mit dem daran stoßenden Campo santo, dessen Einblick ihm jedoch die Bildung der Arkaden nicht gestattete, und bemerkte, daß die hohe, das Kloster umgebende Mauer die Schlußwand der kleinen Begräbnißstätte bildete. Das Kloster se[l]bst bestand aus einem durch einen Flügel mit der Kirche in Verbindung stehenden niedern uralten Steingebäude von düsterem halb verfallenen Aussehen, das gleich der Klause auf dem Berge nur schmale schartenartige Fenster hatte.
Kein menschliches Wesen war in den Gebäuden und auf den engen Höfen zu bemerken, eine tiefe grabähnliche Stille lag auf dem ganzen Ort.
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Der Anblick verfehlte selbst auf das zum Spott und zu weiteren Nachforschungen geneigte Gemüth des Franzosen nicht seine Wirkung; er gedachte der schrecklichen Leiden und Peinigungen, denen hier vielleicht noch junge, dem Licht der Sonne entgegenschlagende Herzen für menschliche Verirrungen und Sünden freiwillig oder gezwungen unterworfen waren, und beschloß, diese Felsen nicht zu verlassen, ohne den Versuch gemacht zu haben, einige ihrer dunklen Geheimnisse aufzuklären.
»Wollen und dürfen Sie mir sagen,« frug er, sich mit Gewalt diesen Gedanken entreißend, wo der Weg von dieser Höhe in's Thal und zu dem Kloster hinabführt? Ich frage nicht aus Neugier, sondern als Soldat, der gern seine Position kennt.«
»Der Weg, den Sie durch die Schlucht herauf genommen, läuft in einem Fußsteig hinter jenem Stein abwärts nach dem Kloster und an seinen Mauern vorüber den Berghang hinab bis etwa auf die Mitte desselben, wo er sich mit dem breiteren Weg aus dem Thal verbindet, der auf jener Seite zu dem Haupteingang des Klosters führt und von den wenigen Landleuten benutzt wird, die an den Festen der Heiligen der Messe in dieser Kirche beiwohnen. Ich bediene mich jenes Fußsteigs oder eines Felsenganges, der direkt aus meiner Klause zur Kirche niederführt; denn Sie müssen wissen, daß das Innere dieses Berges mehre solche Gänge enthält, die in dem weichen trocknen Gestein schon vor vielen Jahrhunderten, wahrscheinlich schon zur Zeit der ersten Christenverfolgungen, ausgegraben worden sind und den heiligen Märtyrern zum
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Zufluchtsort gedient haben mögen, wie die Katakomben Rom's. Ein solcher Gang kürzt auch den Weg bedeutend ab, der auf der andern Seite des Bergrückens zu dem Lagerplatz des Capitano führt, jenes Mannes, der bei all seinen Uebelthaten doch in vieler Beziehung Vertrauen verdient. Das erinnert mich übrigens, daß ich ihm vielleicht einen Dienst erweisen kann, indem ich ihn noch auf einen zweiten, zwischen den Felsen verborgenen Ausweg von seinem Lagerplatz aufmerksam mache, der selbst nur wenigen Hirten des Gebirges, schwerlich ihm selbst bekannt ist, obschon er jene Stätte schon öfter für sich und seine schlimmen Gefährten zum Zufluchtsort gewählt hat. Und wenn es Ihnen genehm ist, mein Sohn, so will ich Sie jetzt zurückführen zu Ihrem Lager, damit Sie etwas Besseres zu Ihrem Frühmahl erhalten, als ein armer bußfertiger Klausner Ihnen bieten konnte.«
Er führte darauf den Kapitain, nachdem dieser seine Büchse aus der Zelle geholt, den Weg zurück, den derselbe am Abend vorher genommen hatte. Jetzt bei hellem Sonnenschein konnte der Offizier die seltsamen Formationen der Felsen und die Schwierigkeiten der Passage besser beurtheilen, als es am Abend vorher der Mondschein gestattet. Das Interesse für seinen Begleiter wurde übrigens auf diesem Wege immer höher, wie er mehr und mehr aus den wechselnden Gegenständen des Gesprächs erkannte, daß er ein Mann von hoher geistiger und gesellschaftlicher Bildung war, und in den höchsten Kreisen sich bewegt haben mußte, obschon sein Urtheil jetzt, von mehr als knechtisch religiösen
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Anschauungen befangen, in vielen Beziehungen sehr einseitig war.
Wiederholt empfand Kapitain Chevigné große Lust, eine indiskrete Frage über die Vergangenheit an seinen Begleiter zu thun, aber der Takt des Gentleman hielt ihn immer wieder davon zurück und so begnügte er sich mit der stillen Beobachtung, daß der räthselhafte Eremit, der auf schlechten Sandalen an seiner Seite den rauhen Felsenpfad hinabschritt, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit das Gespräch auf Frankreich zurückführte, dessen Sprache er mit der vollkommenen Eleganz eines geborenen Franzosen redete.
Sie waren bereits an dem Posten vorübergekommen, den Tonelletto auf diesem Wege hatte aufstellen lassen, als der Klausner seinen Begleiter auf eine Schlucht zur Seite aufmerksam machte. »Sehen Sie, Herr Kapitain,« sagte er, »hinter jenem vorspringenden Stein und bedeckt von den Ranken der wilden Stauden befindet sich eine unscheinbare, kaum menschengroße Oeffnung in dem Felsen und in sie mündet der Gang aus, der von der Höhe meiner Klause in die Tiefe führt. Daher auch zum Theil der Aberglaube ungebildeter Leute, wenn sie mich zuweilen in ihrer Mitte erscheinen sahen, ohne daß man mich gesehen hatte von den Felsen niedersteigen. Wenn Sie gezwungen sind, einige Tage hier zu verweilen, wollen wir zusammen einmal den Gang durchwandern; denn ich hoffe, daß es Ihnen nicht zu unangenehm sein wird, einige Stunden mit einem alten Priester in dieser Einöde zuzubringen, mit dem Sie - so
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arm und leidend er auch ist - doch von dem schönen Frankreich sprechen können.«
Der Kapitain reichte dem Eremiten die Hand statt der Antwort. So kamen sie auf den Lagerplatz der Freischaar, wo wieder die Kessel an den Feuern brodelten und Alle munter und guter Dinge waren bis auf die unglückliche Braut des gehenkten Brigants und den piemontesischen Major.
Der Offizier hatte bereits Gelegenheit genommen, dem Geistlichen unterwegs die Details des Gefechtes mit den Piemontesen und die Gefangennahme der beiden Offiziere, sowie von der Anwesenheit der jungen Irländerin bei dem Trupp zu erzählen. Als der Pater Gerardo mit dem Franzosen auf dem Plateau erschien, eilten Männer und Frauen herbei, seinen Segen zu empfangen und seine Hand oder seine grobe Kutte zu küssen; denn durch die Abgeschlossenheit seines Lebens und die ascetische Strenge seiner Bußübungen, die den Gebirgsbewohnern nicht unbekannt waren, genoß er großes Ansehen unter ihnen und stand in dem Ruf der Heiligkeit.
Der Neapolitaner mit seiner warmen empfanglichen Natur liebt die Uebertreibung aller Gefühle, und seine Begeisterung ist zwar eben so leicht verrauscht wie entstanden, aber wo er sie zollt: überschwänglich.
Die Frauen und Mädchen, die jetzt bei dem Trupp waren, flehten ihn an, ihre Beichte zu hören und der Klausner versprach dies für die Abendstunde zur Zeit des Ave Maria. Mit großer Freundlichkeit begrüßte er die junge Irländerin, die sich gleichfalls ihm mit jener Verehrung
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genaht, welche ihr Glaube den Priestern der Kirche zollt, und mit einigen Worten - sie auf den Trost der Kirche bei der heiligen Handlung am Abend verweisend - suchte er Agnola's leidenschaftlichen Schmerz zu lindern. Dann, von der ganzen Schaar geleitet, ging er zu der Stelle, wo Capitano Tonelletto vor einer der Hütten im Sonnenschein mit dem Preußen saß.
Den sehr unwürdigen Vetter des berühmten Kardinal-Staatssekretairs Seiner Heiligkeit hatte die ihm inwohnende Unruhe und Thätigkeit nicht mehr auf dem Lager gelassen. Der Verband, den ihm unterwegs einer der mit den Kräften der Kräuter wohlbekanntem Gebirgshirten auf das verwundete Bein gelegt, hatte über Erwarten trefflich gewirkt, und er fühlte sich bereits wieder soweit gekräftigt, daß er mit Hilfe seiner Büchse oder eines Stockes umherhumpeln konnte. Er erhob sich daher bei der Annäherung des Priesters und des Offiziers, der ihm seine lebhafte Freude über die Besserung zu erkennen gab, und begrüßte ehrerbietig den Priester, der ihm seinen Segen ertheilte.
Ein fragender Blick des Capitano wurde von dem Klausner mit einem bejahenden Wink beantwortet, dann sagte der Erstere lächelnd: »Erlaubt hochwürdiger Vater, Euch einen unglücklichen Ketzer in diesem jungen Offizier vorzustellen, an dem Ihr ein gottgesegnetes Werk vollbringen würdet, könntet Ihr ihn in den Schoos der heiligen Kirche zurückführen, da er außerdem ein ganz kapitaler Bursche ist. Die Heiligen haben ihn ohnehin in ihre ganz besondere Gunst genommen, denn er stand schon mit einem Fuß im Grabe, in das ein Anderer nun für ihn sich legen
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mußte, und weder ich, noch der Kapitain hier hätten ihn vor dem Schicksal bewahren können, das ihn bedrohte und leider noch bedroht, wenn dieser piemontesische Henker uns zwingt, das Gesetz des Gebirges anzuwenden: Aug um Aug und Zahn um Zahn!«
»Das sind frevelhafte Worte, mein Sohn,« sprach der Priester streng, »und unwürdig eines Christen. Das Gebot des Heilands ist, auch dem Feinde zu vergeben.«
»Cospetto! hochwürdiger Herr, das mag ganz vortrefflich sein, wenn es sich nur nicht um Piemontesen handelt, die dem heiligen Vater den Stuhl unterm Sitzfleisch wegziehen möchten. Aber ich hoffe mit Sankt Peters Hilfe und unseren guten Burschen, daß es nicht soweit kommen wird.«
Der Eremit schüttelte unwillig das Haupt. »Mann des Blutes und der Gewalt,« sagte er streng, »Ihr seid immer noch der alte Frevler, nicht blos mit der That, sondern auch mit dem Wort. Geht in Euch und thut Buße, ehe der Herr Euch straft. Sie aber, Signor, scheinen nicht einmal ein Sohn dieses Landes. Wie kommt es, daß Sie auf seinem Boden den heiligen Rechten der Kirche und des Thrones gegenüber stehen?«
»Soldatenloos, hochwürdiger Herr. Ich bin ein Preuße und konnte als Protestant nicht in die päpstliche Armee treten.«
»Ihr Name, mein Sohn?«
»Oberlieutenant von Arnim!«
»Ihr Vater war im Jahre 1847 Minister Ihres Königs?«
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»Nicht mein Vater - Sie meinen den Grafen Arnim-Boytzenburg, - eine andere Linie unserer zahlreichen Familie.«
»Ich hoffe, daß Ihnen nicht wirklich Gefahr droht - dieser schreckliche Krieg fordert ohnehin Blut genug.«
»Wie Gott will und General Pinelli thut, hochwürdiger Herr. Der Bote, den diese Herren hier, die über mein Leben zu entscheiden haben, auf dem Wege hierher auf unsere Bitte an General Pinelli sandten, um eine Auswechselung zu bewirken, hat noch Nichts von sich hören lassen. Im Uebrigen habe ich mich über die Behandlung, die mir geworden, und über das Loos, das mich trifft, nicht zu beklagen - und selbst im schlimmsten Fall würde ich meinem wackern Wirth hier und altem Gegner von Herzen vergeben und als Christ sterben, auch wenn ich in Ihren Augen ein Ketzer bin.«
»Der Erlöser ist für Alle gestorben. Leben Sie wohl, mein Sohn, ich hoffe Sie noch zu sehen, ehe ich in meine Klause zurückkehre.«
Er winkte dem Capitano nach der Thür der Hütte und ging ihm voran. Der Eremit und der Bandit blieben fast zwei Stunden lang dort eingeschlossen in geheimer Unterredung. Als sie endlich wieder erschienen, führte der Geistliche den Banditen und wanderte mit ihm langsam um das ganze Plateau, an der entgegengesetzten Seite des Aufgangs ziemlich lange verweilend.
Es war unterdeß die Mittagszeit herangekommen und die ganze Schaar lagerte um den Kessel am Feuer. Die Frauen und Mädchen boten dem Einsiedler von ihren
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einfachen Speisen, aber er nahm Nichts an, als ein Stück grobes Brot und einen Trunk aus der frischen Waldquelle. Er hatte sich dem sardinischen Obersten genähert und mit ihm ein angelegentliches Gespräch angeknüpft, in das der Piemontese anfangs ziemlich barsch und zurückweisend einging, während es später sein ganzes Interesse zu fesseln schien.
Als es zu dunkeln begann, erinnerte Pater Gerardo selbst die Frauen, sich zu dem heiligen Akt der Beichte bereit zu halten. Man hatte dazu eine der Hütten eingeräumt, die in die Spalten und Risse der Felswand hineingebaut waren, und nicht allein mehrere der Frauen und Mädchen, sondern auch einige der Banditen nahmen die Gelegenheit wahr, ihr Gewissen vor dem frommen Mann zu erleichtern und aus seinem Munde die Absolution zu empfangen.
Es war dem französischen Offizier nicht unbemerkt geblieben, daß Tonelletto nach seiner geheimen Unterredung mit dem Pater eine an ihm sehr auffallende, ernste und nachdenkende Stimmung zeigte. Er bemerkte ferner, daß der wackere Capitano alsbald die Schildwach vor der Hütte der drei Gefangenen einzog; aber theils widerstrebte ihm selbst der Gedanke, daß diese jetzt noch das Loos einer schlimmen Vergeltung treffen könnte, theils gaben ihm die Ereignisse der vorhergegangenen Nacht und das Wesen des Klausners soviel zu denken und Pläne zu entwerfen, daß er selbst versäumte, die Position, die sie inne hatten, noch mehr durch einige militairische Vorsichtsmaßregeln zu sichern.
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Maria O'Donnel[l] war die erste der Beichtenden gewesen, die Verlobte des gehenkten Briganten die letzte.
Sie kniete noch neben dem Klausner in der dunklen Hütte, als bereits längst nach der kurzen Dämmerung die Schatten der Nacht sich auf die Berghöhe gelagert.
Pater Gerardo hatte ihr eben die Absolution ertheilt und sie wollte sich erheben, als seine Hand sie zurückhielt.
»Ich habe mit Dir zu reden, Tochter!«
»Sprecht, hochwürdiger Herr!«
»Du heißest Agnola Frangoni und bist aus Subiaco?«
»Si vossignoria reverendissima!«
»Dein Vater ist im Gefängniß zu Rom wegen zweier Mordthaten?«
»Heilige Madonna, er ist ein so guter Christ wie Einer. Er kam mit dem Spitzbuben, unserem Nachbar, der ihm Geld geborgt und es wieder haben wollte, in Streit, und hatte das Unglück, ihn und seinen Vetter zu erstechen, die geizigen Menschen!«
»Dein Vater erwartet sein Urtheil und wird am nächsten Feste durch die Garotte sterben.«
»Si - so sagt man, wenn es ihm nicht vorher gelingt, das Gefängniß zu verlassen. Die heilige Jungfrau schütze ihn.«
»Du liebst Deinen Vater?«
»Die Madre sagt, ich sähe ihm ähnlich!«
»Und willst Du etwas zu seiner Rettung thun?«
»Ahi, - warum nicht, reverendissimo! wenn es
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nicht zu viel Mühe macht und mich in meiner jetzigen Pflicht nicht hindert!«
»Und die ist?«
»Was kann es anders sein, als Tommaso, meinen Bräutigam, an diesen verfluchten Ketzern zu rächen.«
»Die heilige Kirche hat Dir bereits die Sünde der Rachsucht verwiesen und nur unter der Bedingung der Besserung Dir durch meinen Mund die Absolution ertheilt.«
»Es ist schlimm, Hochwürden, wenn unsere Natur mit der Kirche im Zwiespalt ist. Niemand kann für die seine. Gott und die Heiligen haben mich so erschaffen!«
»Es ist die Pflicht des Kindes, seine Eltern zu lieben,« sagte der Geistliche streng, »und Alles zu thun für die Erhaltung ihres Lebens. Diejenigen, welche es nicht thun, werden im Fegefeuer dafür büßen.«
»Aber, Reverendissimo, was kann ein armes, unglückliches Mädchen wie ich dazu thun?«
»Das Gebot befolgen, welches ich Dir jetzt geben werde, und ich bürge Dir dafür, daß das Todesurtheil Deines Erzeugers nicht vom heiligen Vater unterschrieben werden wird.«7
»Sprecht, Hochwürdigster? Was soll ich thun? Soll ich auf bloßen Knieen die Stufen von Sanct Peter hinaufrutschen und die Füße des Papstes küssen? Aber ich bin
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ein armes Mädchen, die Schweizer werden mich nicht in den Vatikan lassen.«
»Du sollst Deiner Rache entsagen!«
»Meiner Rache für Tommaso? Nimmermehr! ich müßte nicht die Tochter meines Vaters sein, wenn ich's thäte. O, Reverendissimo, man sagt, Sie wären aus einem fremden Land weit über der See, wo es kalt und immer Winter ist, Sie können unsere Gefühle nicht verstehen!«
»Die Leidenschaften der Menschen bleiben sich überall gleich, meine Tochter, unter dem ewigen Eis der Alpen wie auf der Lava des Vesuvs. Ich bin aus einem Lande, das einen so glücklichen Himmel über sich hat wie das Deine, und dennoch sage ich Dir, es muß sein.«
Die junge Gebirgsbewohnerin preßte heftig die Hände auf das rothe Mieder. »Es ist unmöglich, Padre! Ueberdies sind es Ketzer!«
»Ich sage nicht, daß Du Deinem Haß entsagen sollst, sondern nur der schlimmen und unsinnigen That, zu der Du hier die Männer reizest. Ueberdies ist ein Opfer der Sühne bereits für den armen Tommaso gefallen.«
»Aber ich hasse sie Alle, Alle!« rief die Italienerin leidenschaftlich. »Wenn ich sie Alle verderben könnte, die ihm den Tod gegeben, ich würde es thun und stände meine Seligkeit auf dem Spiel!«
»Frevle nicht mit solchen Worten. Höre mich wohl an, ich wiederhole Dir, daß Du nicht Deinem Haß, sondern nur einer unnützen That entsagen sollst. Die heilige Kirche selbst öffnet Dir den Weg zu einer höheren Vergeltung
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gegen Deine Feinde, die auch die ihren sind. Denke selbst nach. Haben die beiden Offiziere, welche die Gefangenen Tonelletto's sind, etwas zu dem Tode Deines Verlobten gethan? Sie waren Beide längst gefangen, als er starb.«
»Das ist wahr, Reverendissimo, aber sie gehören zu ihnen.«
»Und wenn Du Dich nun, statt an diesen drei Männern, an ihnen Allen, an all' diesen Ketzern, Deinen und der Kirche Feinden, an den oberen Führern, die den Tod Deines Verlobten befohlen, rächen könntest, indem Du als Werkzeug des gerechten Gottes die Strafe für ihre Frevel über sie bringen hilfst - wenn Du damit das Leben Deines Vaters rettest und Dein Vaterland selbst - würdest Du noch zaudern zu gehorchen, was durch meinen Mund Die heilige Kirche Dir befiehlt?«
Wäre es nicht so dunkel in der Hütte gewesen, er hätte ihre weit geöffneten, feuersprühenden Augen sehen müssen, wie sie seine Worte zu verschlingen schienen.
»Wie, Reverendissimo! was sagen Sie da? - und das Alles könnte ich thun - ich könnte sie Alle, Alle verderben, auch jenen grausamen Wütherich, der ohne Barmherzigkeit mich von sich stieß, der mit dem Eisen seiner Füße meine Hände blutig riß?«
»Auch ihn!«
»Sprecht, Padre - sagt mir, was soll ich thun?«
»Den Befehlen der Kirche blinden Gehorsam leisten, ohne zu fragen, ohne zu deuteln.«
»Ich bin bereit.«
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»Dann gelobe es mir bei dem Andenken des Todten, für den ich Dir vorspreche, zehn Seelenmessen zu lesen!«
»Die heilige Jungfrau lohne Euch dafür - ich bin ein armes Mädchen und habe kein Geld, sie zu bezahlen. Ich schwöre es, Padre, ich werde gehorchen!«
»Mir und Denen, die später im Namen Tommaso's sprechen. Kennst Du den Weg nach Ponte Corvo?«
»Ich war mit meinem Vater einmal dort - aber ich werde ihn finden!«
»Vorerst wird es kaum nöthig sein. Du warst bereits auf der Höhe dieses Berges, wie mir der Capitano Tonelletto sagte?«
»Es ist ein Jahr her, Hochwürdigster, als sich der Capitano wegen irgend eines Streits mit der Regierung in diese Berge zurückziehen mußte. Ich begleitete damals Tommaso, der einer seiner Getreuesten war, und ich muß gestehen, die Neugier trieb mich mit ihm in die Nähe Eurer Klause, um das Kloster der Verdammten zu sehen!«
»Erinnerst Du Dich eines Weges, eines schmalen Fußsteigs, der in der Nahe der Quelle in das Thal führt, an der äußeren Mauer des Kirchhofs vorüber?«
»Tommaso zeigte ihn mir.«
»Gut - Du wirst diese Nacht ihn gehen!«
»Heilige Madonna - nicht um alle Schätze der Welt! Man sagt, daß die Verfluchten aus ihren Gräbern aufstehen und die jungen Mädchen zur Tarantella zwingen, bis sie sich zu Schatten getanzt haben, wie sie selber sind!«
»Das ist Aberglauben - auch sollst Du nicht allein gehen!«
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»Das ist etwas Anderes, Padre - dann werde ich mich weniger fürchten. Aber wer soll mich begleiten?«
»Der piemontesische Offizier!«
»Der mit dem blonden Haar - der Amante der Capitana Maria?«
»Schäme Dich der Verleumdung! Nein, der Andere, der Graf Sismondi!«
»Ah - der Schwarze, mit dem hochmüthigen Auge und dem finstern Gesicht?«
»Derselbe. Du wirst ihm zur Flucht verhelfen!«
»Ich - zur Flucht?«
»Denke an Dein Gelöbniß. Es könnte irgend eine Nachricht die wilden Leidenschaften dieser Männer erregen, und während sein Tod Nichts nutzen kann, wird sein Leben vielleicht der guten Sache einen wichtigen Dienst leisten. Er ist darauf vorbereitet und wird Dir Gold bieten. Weigere es, aber lasse Dich von seinen Worten anscheinend bewegen, damit er Dir Dank schuldig ist und Dich mit sich nimmt. Du wirst ihm sagen, daß Du in dem Kloster der heiligen Magdalena Einverständnisse hast und einige der Novizen der strengen Regel des Klosters entfliehen wollen, um das Leben der neuen Freiheit zu genießen.«
»Aber das wäre Klosterschändung?«
»Die Kirche hat die Macht zu binden und zu lösen. Klügle nicht, sondern gehorche in dem großen Zweck, den Du vor Augen hast.«
»Er wird mir nicht glauben - er hat gehört, wie ich seinen und seines Kameraden Tod verlangt, wie ich um Tommeso geweint habe!«
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»Welches Weib vermag nicht die Augen auch des klügsten Mannes zu täuschen!« sagte mit einem Seufzer und mit mehr Welterfahrung als Moral der Eremit. »Der Capitano hat mir gesagt, daß Du bei all' Deiner Leidenschaftlichkeit und Deinem heftigen Charakter doch klug und schlau bist. Feßle den Conte durch die Pflicht der Dankbarkeit oder welches Band Du willst, an Dich und bewirke vor Allem, daß er Dir gestattet, ihn in das Lager der Piemontesen vor Gaëta zu begleiten. Wir wissen, daß er dem General Cialdini sehr nahe steht, und wenn es Dir gelingt, sein Vertrauen zu erwerben, hast Du die Vergeltung für Tommaso und die Rettung eines Thrones in Deiner Hand.«
»Ich verstehe Euch noch nicht ganz, hochwürdiger Herr,« sagte nachdenkend das Mädchen, »aber ich bin bereit, Eurem Willen zu gehorchen. Aber was soll ich ihm sagen wegen der Novizen, von denen Ihr spracht?«
»Was ich Dir vorhin sagte, daß die Regeln des Klosters ihnen zu streng, daß Du eine Verwandte unter ihnen hast, und daß sie mit Deiner Hilfe die Pförtnerin bestochen haben und Euch auf Eurer Flucht begleiten müßten. Du bist klug genug, jeden Verdacht in ihm einzuschläfern.«
»Heiliger Antonio - so soll ich mich in das Kloster wagen?«
»Eine Stunde nach Mitternacht wirst Du die Flüchtigen an der Stelle finden, wo der Fußweg vom Berg sich mit dem größeren Wege aus dem Thal zu dem Thor
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des Klosters vereinigt. - Es ist der Wille der Kirche, daß die flüchtigen Weiber mit Dir nach Ponte Corvo und in das Lager der Ketzer gelangen. Vielleicht daß durch den Pfuhl der Sünden und das Unglück, in das sie sich zu stürzen bereit sind, ihre Augen der Erkenntniß und ihre Herzen der Buße geöffnet werden, und sie einst reuig zurückkehren zu dem Asyl, das sie jetzt verlassen. - Aber es ist Zeit Tochter, daß Du Deine Vorbereitungen triffst und ich zu meiner Klause zurückkehre. Eine Stunde vor Mitternacht wird die beste Zeit sein zur Ausführung Eurer Flucht - die Art derselben muß Deiner Klugheit überlassen bleiben.«
Er erhob sich und verließ die Hütte, in der nachsinnend das Mädchen zurückblieb. -
Nach einer kurzen Unterredung noch mit dem Capitano und dem französischen Offizier und indem er im Vorübergehen dem piemontesischen Conte einen bedeutsamen Blick zuwarf, kehrte der Pater Gerardo zurück nach seiner Klause.
Bald darauf begegnete Agnola dem Conte und setzte sich an einen einsamen Ort. Nach wenigen Minuten saß der Major an ihrer Seite und sprach eifrig mit ihr. Das Mädchen schien ihn erst unwillig abzuweisen, allmälig aber seinen dringenden Vorstellungen Gehör zu schenken.
Unterdessen saß an dem Feuer des Capitano die Irländerin bei dem preußischen Offizier und unterhielt sich mit ihm, während der Brigantenhäuptling den Kopf auf den Arm gestützt auf seinem Tragbett dabei lag und
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über seine Unterredung mit dem Klausner nachdachte. Die ganze Schaar war in ihren gewöhnlichen Beschäftigungen, dem Kochen, Trinken, Spielen und dem Putzen ihrer Waffen über den ganzen Platz in Gruppen zerstreut.
»Es ist seltsam,« sagte endlich aufblickend der Capitano, »daß wir immer noch keine Nachricht von unseren gefangenen Kameraden auf die Botschaft an General Pinelli haben. Das Ding will mir nicht gefallen. Wie denken Sie darüber, Signor Capitano?«
Indeß der französische Offizier antwortete nicht, er hatte schon vor einiger Zeit den Kreis verlassen.
Miß O'Donnell warf einen besorgten Blick auf den Mann, der mit seinen beiden Gefährten die Geißel für die beiden Briganten in den Händen des blutdürstigen piemontesischen Generals bildete. Sie hatte seit ihrem Aufenthalt bei der Schaar bereits Italienisch genug gelernt, um sich ziemlich gut ausdrücken und die Sprache ihrer etwas wilden Genossen noch besser verstehen zu können, und die plötzliche Frage des alten Banditen machte daher um so mehr ihre früheren Besorgnisse rege, als Kapitain Chevigné nicht zugegen war, auf dessen Ritterlichkeit und Menschlichkeit sie mehr vertraute, als auf die gute Laune Tonelletto's.
»Der Bote ist vielleicht unterwegs auf ein Hinderniß gestoßen oder hat uns nicht auffinden können, Capitano,« sagte sie einlenkend. »Vielleicht auch ist ihm der Weg zu weit gewesen, da er nicht zu Ihren Leuten gehört. Sie wollten mir von meinem Bruder erzählen, Capitano?«
»Eins nach dem Andern, Signora!« sagte der Brigant. »Was nun den ersten Gegenstand betrifft, so kennen
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Sie unsere Gebirgsbewohner schlecht, wenn Sie glauben, ein Weg von zehn oder fünfzehn Miglien würde ihnen zu viel sein, wenn es gilt, mir einen Dienst zu erweisen. Hier der Signor Uffiziale weiß, daß wir aus Balzorano stets die schnellsten Nachrichten hatten, sei es durch irgend einen barfüßigen Jungen, ein hübsches Mädchen oder auch einen Bauern. Der Bursche, den Ihr Kamerad mit dem Briefe wegen der Auswechselung an den General Pinelli gesandt, ist ein zuverlässiger und treuer Mann und hat nur die Schwachheit, gern einige Bajocchi zu sehen, und noch lieber einen Scudo. Da der Conte ihm deren zwanzig versprochen, wenn er gute Botschaft zurückbrächte, hätte er sicher in einem solchen Fall den Athem und seine Ziegenbeine nicht geschont.«
»Sie haben ihm doch genau den Ort bezeichnet, wo er uns finden kann?«
»Daß ich ein Narr wäre, Signor Prussiano. Ein alter Fuchs wie ich wird doch nicht so unvorsichtig sein! Nein, es sind zwei Stationen unterwegs, wo er die Richtung erfragen muß, die wir genommen. He - Filippo! komm einmal hierher, Bursche!«
Der Brigant näherte sich.
»Sage meinem Lieutenant Antonio, daß er die Posten auf dem Weg bergabwärts verdoppeln und den Leuten strenge Wachsamkeit anbefehlen soll. Wie gesagt, die Sache gefällt mir nicht und ich wünsche aufrichtig, Signor Prussiano, daß Sie wieder bei den Ihren wären und wir nicht nöthig haben, Ihnen trotz Ihrer glücklichen Sieben eine Kugel vor den Kopf zu schießen.«
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»Aber Sie wollten von meinem Bruder erzählen, Capitano,« fiel die Irländerin rasch ein.
»Das ist wahr, Signorina! Nun, Sie wissen bereits, daß ich ihn im ersten Hôtel von Rom am Platz Colonna einquartirt fand, höchst mürrisch und unzufrieden über all' die Seide und Daunen, zwischen die man ihn gepackt, und das Leben wie ein Cardinal, das die Signora ihn zu führen zwingt. Es war beiläufig doch gut, daß einige unserer Soldaten auf dem Rückzug von Castelfidardo noch den Vetturin der Engländerin erwischten und ihm einige Sachen fortnahmen, mit denen der Halunke sonst sicher das Weite gesucht hätte. Sie würden sonst schwerlich so trefflich die reisende Engländerin haben spielen können, die dem Signor hier eine Nase drehte.
Nun corpo di Baccho, Signora - Ihr Bruder ist ein prächtiger Bursche und wäre der beste Gesellschafter für den Signor Uffiziale hier! Er erkannte mich auf der Stelle wieder und wir lachten herzlich über den Streich, den wir dem General Cialdini gespielt haben. Nur das verdammte Pferdefleisch konnte er nicht aus den Gedanken bringen und jammerte darüber, daß ich es zu Schanden geritten. Peste - als ob ich viel darnach fragen konnte, als mir die piemontesischen Reiter im Nacken saßen und unter der Stute Schwanz die Ordre des Generals nach Ancona bringen mußte. Schade nur, daß sie uns nicht mehr helfen konnte.«
Er begann dem jungen Offizier das Abenteuer zu erzählen, bis ihn die Irländerin unterbrach. »Aber die
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Wunde meines Bruders - ist er denn noch immer nicht genesen?«
Der Capitano lachte. »Erstens, Signora, hat er sich einen tüchtigen Rückfall zugezogen, weil er eines Tages, als der Kapuziner und die Lady irgend einen Winkel des alten Roms besichtigten, sich eine anständige Batterie Champagner-Flaschen in sein Zimmer bringen ließ, die sämtlichen Kellner des Hôtels und wer sonst Lust hatte, zu Gaste lud und so lange zechte, bis die Heimkehrenden ihn im schlimmsten Fieber fanden. Sodann -«
»Nun?«
»Seit der Rückfall endlich glücklich durch die Kunst eines deutschen Arztes beseitigt ist, stellt er sich, wie ich glaube, kränker als er ist.«
»Aber warum?«
»Peste! bloß um sich nicht verheirathen zu lassen! Ich muß gestehen, Signorina, jeder andere vernünftige Mann, der seine fünf Sinne zusammen hat, würde mit Vergnügen einer so schönen und reichen Lady nachgeben, die sich nun einmal die Heirath in den Kopf gesetzt hat, aber der Signor ist ein Eigensinn und will sich nun einmal nicht zwingen lassen. Wissen Sie, was er von mir verlangte?«
»Hoffentlich nichts Unehrenhaftes!«
»Den Teufel auch! Er wollte, ich sollte ihm dazu behilflich sein, aus dem Hôtel zu entwischen. Aber es wird ihm schwer gelingen, der Kapuziner hält strenge Wacht über ihn!«
»Welcher Kapuziner?«
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»Ei, derselbe, der ihm bei Rochetto auf dem Sattel des Pferdes das Messer in die Rippen stieß. Sie sind die besten Freunde trotzdem, und wenn es dem Padre gelingt, Miß Juditha in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen, sehe ich nicht ein, warum die Heirath nicht zu Stande kommen sollte.«
»Aber was sprach mein Bruder von mir?«
Der Brigant kraute sich am Ohr. »Liebes und Gutes, Signorina, das ist Alles, was ich sagen kann. Er hat großes Verlangen nach Ihnen und die Signora Juditha trug mir auf, da ich keinen Brief mit mir nehmen wollte, daß sie Sie so bald als möglich in Rom erwarte, denn dies Herumziehen in den Bergen sei einer Lady Ihres Ranges nicht sehr würdig.«
»Aber ist sie uns nicht selbst allein nach Rom nachgereist?«
Der Capitano lachte. »Sehen Sie, Signorina, jedes Ding sieht ganz anders aus, wenn es uns selbst, oder wenn es einen Anderen angeht. Sie hat wenigstens die Entschuldigung der Liebe für sich. Und in der That, Signorina, wenn Sie meine aufrichtige Meinung hören wollen, - so lieb ich Sie habe - der Krieg in den Bergen taugt nicht mehr für eine Dame - Ihr Gemüth ist zu weich dazu, um solche traurigen aber nothwendigen Scenen ertragen zu können, wie gestern Morgen auf der Höhe von Balzorano!«
Miß Mary hatte die Augen zu Boden gesenkt bei dieser ernsten aber freundlichen Mahnung. Sie fühlte selbst mehr und mehr das Unhaltbare ihrer abenteuerlichen
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Stellung ohne das stützende, sichernde Anschmiegen an einen festeren Stamm. Als sie jetzt die Augen aufschlug, trafen sie auf den scharfen erwartungsvollen Blick des Preußen.
Die junge Irländerin erröthete tief. »Ich glaube auch, daß Sie Recht haben Capitano,« sagte sie endlich mit einer Stimme, die dem Weinen nahe war, »aber Sie wissen selbst, welche unglücklichen Zufälle mich veranlaßten, diese Zuflucht anzunehmen, die Ihre freundliche Sorge und Aufmerksamkeit allein so lange möglich gemacht hat. Ich habe erfahren, wie unter einer rauhen Hülle, wie selbst unter Denen, die das Gesetz der Menschen ächtet, warme Herzen und Charaktere sein können, die jedem Gentlemen der besten Gesellschaft Ehre machen würden. Dennoch fühle ich, daß ich Sie verlassen muß, da sich mir ein anderes Asyl bietet. Ich bin ein armes, heimathloses Mädchen und wünschte, ich hätte meine Mutter nicht so früh verloren!«
Sie legte ihre kleinen hübschen Hände vor das Gesicht und die zwischen ihren Fingern sich hervordrängenden Thränen bewiesen, wie schwer ihr sonst so leichtes und heiteres Herz geworden.
»Sie ist ein wackeres braves Mädchen« flüsterte der Brigant dem Preußen zu, »und ich liebe sie, wie meine Tochter. Ich will in Ewigkeit nicht aus dem Fegefeuer erlöst werden, wenn nicht Der eine schlimme Stunde haben sollte, der sie zu beleidigen und ihr Vertrauen zu mißbrauchen wagte! - Aber nun, Signorina,« fuhr er lauter fort - »trösten Sie sich und zeigen Sie wieder ihren alten frischen Muth und seien Sie versichert, daß so lange
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Luigi Antonelli die Ehre hat, Ihr Lieutenant zu sein trotz seiner Kapitainscharge, Sie im Lager der wilden Briganten eben so sicher sind, wie wir im Hôtel ihres Bruders zu Rom. In einigen Tagen, wenn wir wieder an der römischen Gränze sind, werde ich dafür sorgen, Sie in sicherer Begleitung nach Rom zu senden. - Was thust Du da, Dirne? und was schleppst Du für ein Packet?«
Die letzten Worte galten Agnola, die mit einem Packete aus der Hütte trat und in ihrer Nähe leise vorüber schlich.
»Heilige Mutter Gottes von Loretto« sagte das Mädchen - »thut Ihr nicht, als ob ich eine Diebin wäre, indeß ich bloß den Mantel des Signor Francese geholt habe, um das Loch zu flicken, das er hinein gerissen. Wenn Ihr Nadel und Zwirn zu führen wißt, so macht es selbst!«
»Nun nun nicht so hitzig Signorina« sagte lachend der Brigant. »Weiß Gott, die Frauenzimmer bleiben sich doch überall gleich, immer oben aus! Mach daß Du fortkommst, Donna, und mach Deine Sache gut, denn es wird schon verteufelt kalt in den Nächten. - Und nun Signorina geht auch in Eure Hütte; denn der Klausner da oben auf dem Berg hat schon lange seine Nachtglocke gezogen, und Sie Signor Uffiziale haben vielleicht die Güte, bevor Sie sich in ihren offnen Prison zurückziehen, mir ein wenig zu helfen, mein Lager zu erreichen.«
Der Preuße sprang willig herbei, ihm Arm und Schulter zu bieten, denn auch er fand großen Gefallen an dem schlauen und muntern Capitano.
Auch die junge Irländerin bot ihre Hülfe an und da
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in der That die Besserung seiner Wunde bedeutend zugenommen, gelangte er ohne besondere Anstrengung in die Hütte, die er mit Kapitain Chevigné theilte.
Dieselbe war jedoch leer, der Offizier nicht dort.
»Der Kapitain ist ein tüchtiger Soldat« meinte der Brigant, »und wahrscheinlich macht er noch einmal die Runde, oder ist auf den Berg hinauf gestiegen, um mit dem Pater zu schwatzen, obschon dieser mundfaul genug ist. Er sprach vorhin davon. »Nun Gutenacht, Kinder, und ich hoffe, Signor Prussiano, daß morgen gute Botschaft für Sie eintrifft!«
Der Oberlieutenant und die Irländerin verließen den kleinen Raum; beide gingen eine kurze Strecke schweigend nebeneinander her, bis sie in der Nähe ihrer Hütten waren.
»Gute Nacht Milady« sagte der Preuße - »und seien Sie versichert, wa[s] uns auch das Schicksal bestimmt haben mag, ich werde nur mit Verehrung Ihrer gedenken.«
»Hier - nehmen Sie Sir!«
»Wie - Milady - Ihre Waffe?«
[»]Sie drängte ihm den Revolver auf. »Sie dürfen nicht ohne das Mittel sein, Ihr Leben zu vertheidigen« sagte sie hastig. »Ich weiß nicht, mir liegt es so bang und schwer auf der Seele, wie die Nähe eines großen Unglücks. Ich bin Schuld an dem Ihren, ich will wenigstens gut machen, was ich kann. Nehmen Sie!«
»Eine Waffe ist eine Sache, die niemals ein Soldat verschmäht« sagte er lächelnd, »und ich glaube, daß ich sogar mit Ihrem Revolver schon nähere Bekanntschaft gemacht habe, damals bei meinem ersten Angriff auf den
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Thurm am Monte Turchio. Es ist zwar mehr ein Spielwerk, man hat aber immer größeres Vertrauen auf sich selbst, wenn man die Mittel zur Vertheidigung hat, und so danke ich Ihnen von Herzen, Milady, und hoffe, daß wir uns noch an weniger gefährlichen Orten wiedersehen werden, wo ich nicht der Capitana Maria, sondern der Lady O'Donnell meine Verehrung bezeigen kann!«
»Die heilige Jungfrau möge es lenken, daß Sie der Waffe nicht bedürfen. Leben Sie wohl, Sir!«
Sie verschwand in dem kleinen zerfallenen Blockhaus, in dem sie mit den Frauen das Nachtlager genommen, während der junge Offizier seinen Weg fortsetzte und von verschiedenen Gedanken bewegt, noch ein Paar Mal an den Feuern auf und niederging, um welche die Briganten lagerten.
Als er das letzte Mal dabei sich der Stelle näherte, wo sich der Aufgang zu der Berghöhe befand, sah er von der Hütte, die den drei Gefangenen angewiesen worden, den Kapitain Chevigné in seinen weißen Mantel gehüllt, herkommen. Eine Frauengestalt glitt vor ihm her.
Er trat auf den Verhüllten zu.
»Wenn Sie mich suchten, Monsieur le Kapitain, Ihr Gefangner ist hier und wollte nur noch ein Paar Minuten die Stille der Nacht genießen. Der Kapitano glaubte Sie auf einem Besuch bei dem Einsiedler!«
Der Mann im Mantel murmelte einige Worte und wollte an ihm vorüber.
»Was denken Sie, Kapitain Chevigné - werden
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wir morgen Antwort ... aber zum Teufel, das ist unmöglich der Kapitain!«
Der Verhüllte, so gedrängt, ließ den Mantel fallen.
»Still - machen Sie die Leute nicht aufmerksam. Es handelt sich um unser Leben.«
»Ah! Graf Sismondi? Sie selbst?«
»Gewiß! ich habe Gelegenheit, zu entkommen, und Sie werden es verständig finden, daß ich sie benutze. Die erste Abtheilung unserer Truppen auf die ich stoße, führe ich hierher, um Sie zu befreien. Der Bersagliere wird Ihnen das Nähere berichten.«
Der Oberlieutenant that einen Schritt zurück. »Ah - ich verstehe! Geniren Sie sich nicht und glückliche Reise Don Sismondi.«
Der Major wollte etwas erwiedern, aber er besann sich, und setzte rasch seinen Weg fort. Der Oberlieutenant sah, daß sich die Frauengestalt, die er vorhin bemerkte, ihm anschloß und Beide den Weg nach der Berghöhe einschlugen.
Ein tief bitteres Gefühl über dies unkameradschaftliche selbstsüchtige Verfahren erkältete sein Herz; dann aber raffte er sich auf und suchte den alten frischen Muth wieder zu gewinnen. »Bah« murmelte er vor sich hin - »er ist ein Italiener und Jedem das Nächste, für sein eigenes Leben zu sorgen. In neunundneunzig Fällen von hundert würden Andere eben so handeln. Ueberdies hatte er ein Recht dazu, denn er warf die höchste Zahl, und ich habe ja jetzt das Mittel zur Vertheidigung, wenn man etwa seine Flucht an mir rächen will.«
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Er wandte sich zu der Hütte, die ihm zum Aufenthalt angewiesen worden und streckte sich nach einer kurzen leisen Unterredung mit dem Bersagliere auf die wollene Decke, die allein das Lager auf dem harten Felsboden bildete.
Der Soldat legte sich quer vor die feste Thür.


Wir müssen zum Kapitain Chevigné zurückkehren.
Der Offizier hatte während des ganzen Tages seine Absicht nicht aus den Augen verloren, den nächtlichen Vorgängen im Kloster der heiligen Magdalena der Egyptierin beizuwohnen, auf welche die einzelnen von ihm aus der Unterredung zwischen dem Klausner und der Aebtissin verstandenen Worte hingedeutet hatten. Er sagte sich zwar selbst, daß die Sache ihn Nichts angehe und offenbar nur mit den von Tonelletto aus Rom überbrachten, von ihm beförderten Anweisungen der geistlichen Oberen des Klosters in Verbindung stand, und daß ein Belauschen seiner als Gentlemen unwürdig sei; indeß waren die einzelnen Andeutungen, die er gehört, zu seltsam und abenteuerlich, als daß sie nicht sein Interesse, seine Neugier auf's Höchste hätten reizen sollen, und er entschuldigte sie vor sich selbst mit der Pflicht, die Sicherheit seines Trupps in jeder Beziehung überwachen zu müssen.
So traf er denn seine Vorbereitungen, die vorzüglich darin bestanden, aus den geringen Vorräthen der Briganten ein Paar Enden Wachskerzen - die wahrscheinlich aus einer Kirche oder Kapelle herrührten, - und ein Feuerzeug sich zu verschaffen, und indem er Büchse und Mantel zurückließ,
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begnügte er sich mit dem Revolver im Gurt, hängte den Säbel fest ein, damit er ihn nicht durch sein Klirren verrathen möchte, und machte sich, als er den Capitano am Feuer in Gespräch mit den jungen Leuten sah und der Nachtwind die Töne der Glocke der Einsiedlei niedertrug, auf den Weg nach der Felswand.
Wir haben bereits erwähnt, daß die Mündung des unterirdischen Ganges, die ihm der Klausner am Morgen gezeigt hatte, sich diesseits der Stelle befand, wo die Posten der Briganten aufgestellt waren, daß er also diese nicht zu passiren brauchte, um zur Höhe des Berges zu gelangen.
Ohne daß er eine Ahnung davon hatte, wurde dieser Umstand doch sehr günstig für die Flucht des piemontesischen Offiziers mit seiner Begleiterin; die Schildwach, den weißen Mantel des Offiziers sehend und von dem Mädchen mit einigen Worten angesprochen, hielt ihren Begleiter für den Kapitain und begnügte sich, im Stillen eine Verwünschung über die Leichtfertigkeit der Weiber zu murmeln, die so rasch den alten Geliebten vergäßen und mit einem andern Mann in der Nacht umherliefen, hütete sich aber wohl aus Respekt vor dem Kapitain diese Bemerkung laut werden zu lassen.
Nach einigem Suchen beim Mondlicht entdeckte der französische Offizier auch glücklich die Oeffnung des Ganges, schlüpfte in diese hinein und zündete nun sein Licht an.
Im Schein der kleinen Flamme sah er, daß der Klausner ihn wirklich nicht getäuscht, und daß er sich in einem anfangs sehr schmalen und niedern Felsengang befand, der sich aber bald erweiterte und in dem er ungehindert
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fortschreiten konnte. Dies that er denn auch, ohne sich um die durch das Licht hin und wieder aufgeschreckten Fledermäuse und Vampyre zu kümmern, die sich bereits zum Winterschlaf in den Spalten des Gesteins aufgehängt hatten. Der Weg lief in Windungen, in denen ihn zuweilen ein frischer Luftzug aus einer nach oben offenen Felsenspalte anwehte und auch einmal sein Licht verlöschte, theils eben, theils auf rohen Stufen, ziemlich steil, aber doch nicht unbequem nach oben, und nach einer Viertelstunde des Steigens erkannte der Kapitain zur Seite die Abzweigung, welche zu der Klause des Einsiedlers führte.
Hier vernahm er bereits wieder den von der andern Seite herauf schallenden melancholischen Chor der Nonnen aus der Klosterkirche, der ihn in der Nacht vorher erweckt hatte.
Er verweilte einige Augenblicke an der Seitenöffnung, that auch einige Schritte hinein, um zu horchen, ob etwa ein Geräusch die Anwesenheit des Klausners in seiner Zelle verkünden möchte, und als dies nicht der Fall war, setzte er, jetzt niedersteigend seinen Weg mit Vorsicht fort.
So erreichte er die Stufen, welche zu dem offenen Raum auf der Emporkirche und der Wand des Campo santo führten.
Kapitain Chevigné vernahm hier wieder deutlich den Gesang aus der Kirche, nur daß er ihm heute noch ernster, trauriger erschien, und als er jetzt in die verborgene Loge trat, nachdem er sorgfältig sein Licht ausgelöscht, erkannte er alsbald die Ursache.
Der schon tiefer als gestern stehende Mond beleuchtete
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nur noch zum Theil den Steinboden des kleinen Begräbnißplatzes, und der Springbrunnen mit seinem unheimlichen Monument rauschte im Schatten. In dem noch hellen Theil aber sah der Offizier eine der großen Quaderplatten aufgehoben und an ihrer Stelle ein dunkles Grab gähnen.
Ein Blick in die Kirche hinab zeigte ihm, wozu es bestimmt war.
Noch stand der offene Sarg im Chor, von den vier Kerzen beleuchtet, aber statt des furchtbaren Bildes des Todes lag darin eine Todte selbst, die Nonne, welche man am Abend vorher auf der Bahre in ihrem letzten Kampf der Nachtmesse hatte beiwohnen lassen.
Der Offizier war gerade zur rechten Zeit auf seinem Lauscherposten eingetroffen, um den Exequien beizuwohnen.
Da lag das arme blasse Weib mit den starren Zügen und den gefalteten Händen auf dem groben dunklen Gewand - überstanden die Sünden, überstanden die Buße, und eingegangen zu Dem, bei dem ewig Gnade sein wird den harten Herzen der Menschen gegenüber.
Ja, viel und schwer hatte sie wohl gefehlt in ihrem Leben, vielleicht vom allzuheißen Blute verlockt, vielleicht von Noth und Armuth oder der Schlechtigkeit der Menschen, - denn nur schwere Sünden konnten sie hierher geführt haben an diesen Ort schrecklicher Buße! - aber was war alles Urtheil der Menschen gegenüber dem, das Gott gesprochen, indem er sie zu Sich gerufen. Der Frieden des Todes lag auf dem blassen hagern Gesicht und sprach: Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet!
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Die dumpfen Töne des Psalms: De profundis clamavi ad te Domine drangen herauf zu ihm und verhallten in dem engen Gewölbe - dann nahte der Priester dem Sarge und segnete die Todte ein zum ewigen Schlaf, und herauf klang es erschütternd:
Libera nec Domine de morte aeterna, in die illa tremenda, quando coeli movendi sunt et terra - und der Chor respondirte murmelnd die schreckliche Verkündigung des jüngsten Gerichts: Dies illa, dies irae, calamitatis et miseriae, dies magna, et amara valde.
Thörichte Menschenkinder, wollt Ihr dem Tode noch neue Schrecken nachsenden und glaubt doch an die Barmherzigkeit Gottes? -
Die vier robusten finstern Laienschwestern, die der Kapitain schon in der Nacht vorher gesehen, hoben den Sarg jetzt empor, und der Priester ging ihm, die Gebete der Kirche murmelnd voran, während die Nonnen ihm mit Kerzen in der Hand folgten.
Der Kapitain bemerkte erst jetzt, daß in der Wand des Chors unter ihm die Pforte zum Campo geöffnet war.
Dort hinaus bewegte sich der Zug und nahm seinen Umgang drei Mal um den kleinen Platz, bis der Sarg an der offenen Gruft niedergesetzt wurde. Dann verschwand das bleiche Gesicht unter dem dumpf aufschlagenden Deckel und die Klosterdienerinnen senkten den Sarg in die Gruft.
Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris!
Und unwillkürlich senkte der Blut und Tod gewohnte
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Offizier mit den Büßerinnen drunten das Knie und murmelte mit ihnen den letzten Gruß des Lebens an die Todte:
Requiem aeternam dona ei Domine!
Requiescat in pace!
Als er wieder aufblickte nach dem kurzen Gebet, das er für die ihm unbekannte Todte gesprochen, war das Leichengefolge verschwunden.
Alles war still und dämmernd um das noch immer offen gähnende Grab - nur unter den Arkaden schienen ihm dunkle gespenstige Schatten umher zu gleiten, - von Grabstein zu Grabstein drangen Laute durch die Stille, als würden schwere Schlüssel in knirschenden Schlössern umgedreht.
Der Mond war hinter die Berghohen im Westen getreten - Schatten lagen auf dem Campo, auf dem Kloster, auf dem ganzen Berghang.
Plötzlich hörte der Offizier es über sich rasseln und schwirren - es klang wie Räderwerk unheimlich durch die Nacht und dann erbebte der erste Schlag der Mitternachtsstunde auf der - wie er jetzt bemerkte - in der Wand über ihm befindlichen Thurmuhr.
Als der letzte der Schläge verzittert, glaubte er ein Echo zu hören - es dröhnte gleich schweren Schlägen von unten herauf - sechs Mal - an verschiedenen Stellen. Der dumpfe Ton kam von den Arkaden her.
Die Nächte im Süden sind meist von einer größeren Klarheit als in nördlicheren Regionen der Fall ist - wenn auch nicht genau, wie im Licht des Mondes, kann
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man doch im Allgemeinen die Umrisse der Gegenstände leicht unterscheiden.
Ein seltsamer traumartiger Vorgang entwickelte sich vor seinen Blicken.
Unter den Arkaden schien es sich zu regen und lebendig zu werden.
Die weißen Grabsteine an den Mauern bewegten sich, dunkle schattenartige Gestalten schlichen stumm zwischen ihnen hervor, schweres Stöhnen, als hole eine belastete Brust wieder zum ersten Mal freien Athem, klang geheimnißvoll durch das Dunkel.
Dann plötzlich erhob sich von dem Rand des Bassins, wo er sie bisher im Schatten gar nicht bemerkt hatte, eine schwarze hohe Frauengestalt.
»Töchter der Sünde - Verfluchte von Gott und Menschen - die Pforten Eurer Gräber haben sich noch einmal aufgethan für Euch. Tretet näher und hört mich!«
Es war die Stimme der Aebtissin, die er am Abend vorher vernommen.
Aus dem Dunkel der Arkaden hoben sich sechs schwarz verhüllte Gestalten und schlichen scheu herbei, um das Bassin einen Kreis bildend, wortlos, ohne sich eine der anderen zu nähern.«
»Ihr wißt,« fuhr die Stimme der Aebtissin fort, »daß Jede von Euch für ihre Sünden und Frevelthaten ausgestoßen worden von der geistlichen Gemeinschaft, ja aus dem Kreise der Lebendigen, und daß Ihr mit Recht verurtheilt worden, für den Rest Eures Lebens abgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft, ja selbst aus dem Kreise
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Eurer büßenden und bereuenden Schwestern in diesem Kloster lebendig todt der strengsten Entsagung und Buße zu leben, bis Ihr eingeht - nicht zum ewigen Leben, sondern zur ewigen Verdammniß für den zehnfachen Bruch Eurer Gelübde?«
»Wir wissen es!« klang es im Kreise; nur eine der Verhüllten machte eine Bewegung, als wolle sie Widerspruch erheben, aber eine strenge Geberde der Aebtissin wies sie zurück.
»Die Wege Gottes sind unerforschlich,« sagte diese. »Die Vorsehung bedient sich zu ihren Zwecken selbst der Frevler und Sünder. Ein Höherer denn wir Alle, das Gericht, das Euch verurtheilt, befiehlt, daß Ihr in's Leben zurückkehrt, nicht zu dem Leben in den Mauern eines Klosters, sondern in das Leben der sündigen Menschen, als hättet Ihr nie die kirchlichen Gelübde der Armuth, der Keuschheit und der Demuth abgelegt und gebrochen. Nur das des Gehorsams bleibt in unveränderter Kraft.«
Eine wilde Bewegung machte sich im Kreise der Verhüllten bemerklich. Weiße Hände fuhren aus den dunklen Gewändern, als wollten sie die Hüllen zerreißen. Ein lauter Schrei, ein Schluchzen, ein wildes Jauchzen drang aus den Kapuzen hervor - zwei oder drei der Verdammten stürzten nieder vor der Oberin und versuchten ihre Knie zu umfassen.
»Still! noch seid Ihr in meiner Gewalt. Erhebt Euch, Elende! Ehe Ihr die Freiheit kostet und zurückkehrt zu Eurem sündigen Leben, müßt Ihr noch einmal den Eid des Gehorsams leisten!«
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»Wir schwören! wir schwören!« gellten sechs Stimmen durcheinander.
»Nicht also! Hier auf das offene Grab einer Sünderin, ähnlich Euch, die strenge Buße gethan und in gläubiger Reue gestorben ist, leistet den Schwur des blinden Gehorsams unter den Willen Derer, deren Macht Euch noch einmal dem Leben zurückgiebt, und bedenkt, daß keine von Euch Verruchten dieser Macht entfliehen kann und ginge sie bis an's Ende der Erde. Sie wird Euch finden, wenn Ihr abweicht von dem Wege, der Euch vorgezeichnet ist, und Euch zurückführen in diese Mauern zu einer Strafe, zehnmal schlimmer als die, welche Ihr jetzt erduldet!«
»Wir schwören!«
»Du, die Du bisher nur als die Zahl Eins gelebt - tritt vor, leiste den Eid und empfange Deinen Namen zurück, Giuliana!«
Eine hohe, selbst im dunklen Büßerhemd noch schlanke und stolze Gestalt trat vor bis an das offene Grab.
»Ich schwöre! nicht aus Gehorsam, sondern weil ich den Tod Deiner Geißel vorziehe!«
»Möge die Hoffart Dein Fluch sein! Leiste den Eid, Zahl Drei, Martina!«
Eine Verhüllte schlich heran, scheu um sich blickend, - und sagte hastig: »Ich schwöre!«
»Dir wäre besser, Du bliebest hinter Stein und Riegel; denn Unheil genug hat schon das Gold in die Welt gebracht. - Nummer Vier - Elena, Buhlerin - schwöre!«
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»Warum sind Sie so streng gegen mich, hochwürdige Frau?« sprach eine süße einschmeichelnde Stimme. »Wir sind ja alle Sünderinnen gewesen, auch Sie, wenn Sie sich nur erinnern wollten!«
»Schweige Natter!«
»Die Liebe ist so süß! - ich schwöre!«
»Sieben!«
Ein ungewohnter Laut in diesen Mauern, der Triller einer ausgelassenen Tarantella machte Alle erstaunen. »Hier, Hochwürdigste! Ich gelobe der heiligen Magdalena zehn armdicke Kerzen für die Erlösung aus diesem Fegefeuer, und schwöre, was Sie wollen!«
»Denk' an Dein Ende, Frevlerin! Fort von mir! Matilda - Neun!«
»Wenn diese Alle frei werden, warum sollte ich es nicht! Freiheit ist die Macht, unsere Leiden an der undankbaren Welt zu rächen! ich schwöre!«
»Die Letzte denn von Euch - Eilf! Carlotta - Abtrünnige!«
Eine schwere, volle Gestalt näherte sich. »Meinetwegen denn - ich schwöre!«
»Ihr werdet Alles erhalten, was Euch zum Verlassen dieses Ortes nothwendig ist. Eine Laienschwester wird Euch zu dem Ort geleiten, wo Ihr eine Führerin findet. Es ist der Befehl Eurer Richter, daß Ihr ungesäumt nach Ponte Corvo zieht - bei einem Mann Namens Valdieri werdet Ihr die weiteren Befehle erhalten. Ihr werdet die Vergangenheit vergessen, wie Ihr diesen Ort der Strafe vergessen müßt. Ein neues Leben liegt vor Euch - nur
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Eure Schuld ist's, wenn Ihr zurückfallt in die Sünden des alten!«
Ein lautes Gelächter antwortete dieser Ermahnung.
»Unverbesserliche Sünderinnen, die Ihr seid - möge dies stille Haus niemals, niemals Euch wiedersehen!«
»Niemals! niemals!«
»Wir wollen bestens dafür sorgen!«
»So überliefere ich Euch denn Eurem Geschick und mögen Eure Sünden wenigstens den Feinden der Kirche zum Verderben werden! - Apage Satanas! Ihr Mägde, thut wie Euch befohlen!«
Unter dem Gelächter, unter dem Jauchzen der Befreiten verließ die Aebtissin hastigen Schrittes das Campo. Im Augenblick, wo die Thür der Kirche hinter ihr in's Schloß fiel, flammten an den Vierecken des Hofes große Pechbecken auf und verbreiteten volle Helle über den engen Raum.
Zugleich erschienen die vier dienenden Laienschwestern, große, robuste Gestalten, mit brutalen, häßlichen Gesichtern.
Zwei von ihnen trugen einen Korb mit Wein und Speisen, die beiden anderen sechs Kleider-Packen, die sie auf den Rand des Marmorbeckens ausbreiteten.
»Da nehmt, eßt und trinkt, und reinigt und kleidet Euch. Pater Gerardo, der fromme Mann, hat's so befohlen, ehe Ihr fort müßt. Er betet drinnen vor dem Altar für Eure Besserung, Ihr Teufelsbraten!«
»Evviva il padre Gerardo! Herunter mit dem Plunder, Schwestern, und dann einen Rundtanz um das
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edle Symbol der raschen Vergänglichkeit des Lebens, das uns mahnt, es zu genießen!«
Die Hände Theresa's rissen von ihren Schultern das braune Büßerhemd und schleuderten es auf den Boden. »Verflucht seist Du, daß Du mich um ein Jahr meines Lebens gebracht hast!«
Nach allen Seiten flogen die rauhen Gewänder der Buße, runde weiße Arme, volle Busen glühten nackend im Feuer der Pechflammen.
»Hierher, alter Nickel - sieh zu, wie Deine letzte verfluchte Geißelung meine zarte Haut zerfleischt hat! Möge der Teufel Dich hundert Jahr dafür braten!«
»Ja, ja - sie führte eine schändliche Peitsche. Wir wollen sie in's Wasser werfen dafür!«
»Satansdirnen, die Ihr seid,« sagte die bedrohte Laienschwester, »wißt Ihr wohl, wie stark wir sind? Da - nehmt und trinkt!«
Sie reichte ihnen offene Flaschen hin, auf die sich die Schwestern Theresa und Martina stürzten, die eine aus Lust am Schwelgen, die andere in dem Verlangen, ihren Antheil nicht von Anderen nehmen zu lassen.
Theresa war eine mittelgroße, schlanke Gestalt mit kleinen Füßen und kleinen Händen. Sie hatte röthliches Haar, ein dunkles, übermüthiges Auge und eine kurze, leicht gebogene Nase. Der Mund war trotz der jetzt blassen Farbe und der Abmagerung ihres Gesichts voll und schön, und in ihrem ganzen Wesen lag etwas Uebermüthiges, Herausforderndes, das selbst die harten Geißelungen, deren
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Spuren ihr nackter Rücken zeigte, nicht hatte unterdrücken können.
Sie hatte das wohlgeformte Bein, auf dem der grobwollene Unterrock bis über das Knie zurückgefallen war, auf den Rand des Bassins gesetzt, den halbnackten Oberkörper mit der kräftigen Brust weit zurückgebogen und hielt die Flasche hoch an den Mund. Theresa konnte etwa 24 Jahre alt sein.
»Den Teufel,« sagte sie nach einem Trunk, - »das schmeckt nach der langen Entbehrung. Es ist wahrhaftig, Malvasier! Es lebe der Padre, der ein Kenner sein muß!«
Martina war zwei bis drei Jahre älter. Sie war von kleiner Gestalt, mager und blaß, hatte aber ein Paar wundervolle schwarze Augen, gleich denen der Klapperschlange. Als sie ein wenig getrunken, steckte sie die Flasche in ihr Gewand, denn sie allein hatte die Kutte der Büßerinnen nicht von sich geworfen, sondern sich begnügt, die Kapuze zurückzuschlagen.
»Teufelsbraten, der Du bist!« sagte die erste Klosterdienerin zu Theresa - »was wirst Du für Unheil in der Welt anrichten, wenn Du wieder frei bist. Ich bin froh, daß wir Dich los werden! Aber nun kämmt Euch, wascht Euch, macht Euch schön, Wasser ist hier, dort liegen Kleider und Spiegel. Schaut, Nummero vier ist bereits daran!«
Trotz der widersprechenden Gefühle, welche die ganze Scene in dem geheimen Belauscher derselben angeregt, der - so wenig sich auch die wilde Gesellschaft jetzt genirte, - doch immer nur Einzelnheiten verstehen konnte, hafteten seine Augen, durch das scharfe Glas unterstützt, doch mit
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einer gewissen Aufregung auf der Nonne, welche die Dienerin als Nummer vier bezeichnet und die Oberin Elena genannt hatte.
Sie hatte sich ganz entkleidet, und trotz der Frische, ja Kälte des Wassers ihren nackten Leib in das Bassin getaucht. Als sie sich jetzt aus dem im Feuer der Pechfackeln glühenden Wasser erhob, glaubte der arme Kapitain die griechische Mythe sich erneuern zu sehen, welche Venus an den Gestaden der Felseninsel Cerigo dem Meerschaum entsteigen läßt.
Selbst zwanzig Monate der unmenschlichen Gefangenschaft hatten diesen, die Venus vulgivaga beschämenden Körper nicht seiner die Sinne bethörenden Reize, des Zaubers der Wollust, der über ihm lag, zu berauben vermocht. Wie sie in dem Wasser der Fontaine den Schmuz des Kerkers in raschen Bewegungen von sich streifte, deren jede neue Reize enthüllte, wie sie auf dem Rande sitzend von einer der Dienerinnen ihre runden Glieder trocknen ließ und mit einem Kamm durch die schon wieder bis zum Nacken gewachsenen blonden Locken strich, war sie wunderbar schön, die Eva, die dem Menschengeschlecht die Sünde gegeben, in deren Flammenpfuhl es sich immer und immer mit sehnendem Auge stürzt und von der es nimmer lassen mag, selbst wenn die Natur schon Halt gebietet.
Die schöne Elena betrachtete sich in dem Handspiegel, den ihre Linke hielt, und ihre blauen, schmachtenden Augen strahlten in dem Genuß der eigenen Schönheit. Dann ließ sie Spiegel und Kamm fallen und griff mit beiden Armen, den Kopf zurückgebogen, hinaus in die Luft, als
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wolle sie einen unsichtbaren Gegenstand erfassen und an die warme Brust drücken.
Wer das wunderbare Bild Coreggio's in der Bildergalerie zu Berlin gesehen hat, das glücklicher und wunderbarer Weise noch allen vandalischen Restaurationsgelüsten entgangen ist, - Io mit der Wolke - kann einen Begriff haben von dieser Scene!
Die Schönheit dieses Körpers blieb so wunderbar verschieden von der Gruppe ihr gegenüber, wie der poetisch-berauschende Schaum des Champagners von dem schweren Schaum des Biers, wie die Poesie von der Wirklichkeit, wie der Rosenduft von der schwülen Athmosphäre der Gewürzläden ist. Und dennoch war das Weib, das sich dort mit träger Behaglichkeit den Händen der beiden letzten Dienerinnen überließ, die ihr die Gewänder von dem üppigen, fast zu vollen Körper streiften, die blauschwarzen Haare in ein rothes Netz zwängten und mit Salben und Oelen die vor der Kälte des Wassers schauernden Glieder strichen, kaum minder schön. Der weiße, zarte Teint dieses Kopfes wurde gehoben durch die starken dunklen Bogen der Brauen, die sich über zwei großen, mandelförmigen Augen wölbten, deren tiefe Schwärze, wir möchten sagen, eine Art phlegmatischen Feuers zeigte, eine Art stillen Verzehrens, was nicht in einem Gluth- und Wolluststrom, sondern langsam, wie der Vampyr, die Kraft und das Leben seines Opfers in sich saugt und davon anschwillt.
Es lag der unverkennbar breite orientalische Typus in diesem Gesicht, aber es war sehr schön, von jener Schönheit, die viele Männer der geistigen lebenswarmen vorziehen.
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Die schöne Carlotta konnte, obwohl sie - wie die Aebtissin gesagt - bereits einem Prinzen einen Sohn geboren - doch eben nicht mehr als zwanzig Jahre zählen. Während sie ihre Glieder waschen und reiben und sich die Kleider anlegen ließ, that die schöne Carlotta dem nächtlichen Imbiß, den die Laienschwestern herbeigetragen, behaglich sein Recht an.
Die wilde Theresa hatte ein rothes Tuch den Händen Martina's entrissen und sich gleich einer phrygischen Mütze um den Kopf gewunden.
»Auf, Schwestern - ich kenne Euch zwar nicht, wir haben nie einander gesehen draußen im reizenden Leben, aber daß wir uns hier begegnen, bürgt mir dafür, daß die Hölle Euch in den Klauen hatte wie mich! Es lebe die Lust! es lebe die Freiheit!«
»Einen Augenblick noch - Schwestern der Nacht! Nicht ohne Ursach schickt man Dämonen wie uns wieder hinaus in die Welt. Man will also unsere Sünden, unsere Verbrechen! Wohlan denn, so laßt uns einen Bund der Sünderinnen schließen zum Verderben der Menschen, die uns für Fehler, welche die Natur uns auf den Weg gegeben, so harter Strafe unterwerfen konnten, wie wir getragen! Keine Schwachheit! keine Reue! Der Weg, den man uns weist, ist kein Zwang, weil er uns paßt, freiwillig wollen wir ihn gehen, so lange es uns gefällt. Was kümmert uns das Ende? Es lebe die Sünde!«
»Es lebe die Sünde!« jubelte fanatisch im halben Rausch der Kreis.
Die Flaschen des feurigen Weins liefen von Hand zu
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Hand, immer mehr und mehr glichen die dem Grabe Entstiegenen dem Chor der Mänaden!
Die tolle Theresa gellte die üppige Melodie eines pariser Cancan durch die Stille der Nacht, die Hände faßten sich, halb bekleidet zum Theil, mit entblößten Busen, mit fliegenden Haaren und gerötheten Wangen tanzte der wilde Reigen um das Bassin, um das offene Grab.
Selbst die finsteren, rohen Klostermägde, die Scherginnen dieser furchtbaren Zucht und Buße, verzogen das Gesicht zum widrigen Gelächter.
Keuchend, erschöpft blieben die Rasenden stehen.
»Schwestern,« sagte die Polin Matilda, »wir müssen eine Capitana wählen, die Königin der Sünderinnen!«
»Mir gebührt es - in meinen Adern rollt königliches Blut!«
Ein schallendes Gelächter, antwortete dem stolzen Anspruch der Spanierin. »Zugestanden! Zugestanden! Es lebe die Königin aller Sünden und aller Laster der Frauen!«
»Laßt uns trinken, tanzen, lieben, Schwestern der Nacht! Es lebe das Bacchanal, es lebe die Freude!«
Die erste Klosterdienerin schwang die Peitsche über den Köpfen der Mänaden. »Teufelsweiber! werdet Ihr endlich aufhören? Legt Eure Kleider an, oder bei der heiligen Schutzpatronin des Hauses, wir peitschen Euch nackt hinaus auf die Landstraße!«
Ein Hohngeschrei antwortete dem Befehl, aber die Drohung der robusten Arme erzwang Gehorsam. In Hast, unter hundert frivolen, frechen, obscönen Scherzen wurde die Toilette der ländlichen Garderobe vollendet.
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»Bei dem heiligen Kardinals-Kollegium, seht her Kinder, gleiche ich nicht auf ein Haar der hübschen Zerline im Fra Diavolo?«
»Diavolo! Diavolo! Diavolo!« antwortete der Chor.
»Ach die Männer, die Männer! wir wollten zufrieden sein für die Nacht, und wenn es nur Banditen wären. So ein verteufelter Mörder muß ganz magnifique lieben!«
»Hinaus mit Euch! Schwester Beatrice, öffne die Pforte!«
»Beatrice di Tondi! ein Teufelsweib! Stimmt an Schwestern den Rundgesang des Auszugs aus Egypten. Das Trinklied aus Lucretia!«
Die Sängerin Carlotta intonirte mit ihrer herrlichen Stimme das übermüthige Lied Orsini's, aber drei vier Stimmen schrien dazwischen; »Nichts da - evviva la libertá! - Die Garibaldi-Hymne! die Marseillaise! ein Pereat Magdalenen der Büßerin und ihrem Kloster!«
Unter frivolem Gelächter und dem Gesang der Garibaldi-Hymne zog, von der Laienschwester getrieben, die wilde Schaar durch die enge Maurerpforte des Kirchhofs.
Mit Abscheu wandte sich der französische Offizier von dem Anblick der Letzten, die eine frivole unsagbare Geberde nach dem Kloster machte - sein Blick fiel zur andern Seite hinab in die Kirche.
In dem Dämmerlicht der ewigen Lampe kniete vor dem Hochaltar eine Gestalt in brünstigem Gebet.
Es war der Klausner, der für die Sünderinnen betete.
Plötzlich fuhr der Kapitain lauschend auf -
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Das war Gewehrrasseln - -
»Ferma!«
Ein Schrei des Schreckens - herein auf's Neue in den Kirchhof fluthete der Haufen der Vertriebnen Nonnen - hinter ihnen Bayonette, bärtige Gesichter, Jubel und Gelächter.
»Greift sie! Das ist treffliche Beute! Subito! presto! es lebe die lustige Schwesterschaft!«
An die Mauerpforten des Klosters donnerten gewichtige Kolbenschläge. »Aufgemacht, oder wir stecken das ganze Nest in Brand!«
Ein Schuß knallte.
»Heiliges Kreuz Million - wer ist der Tölpel? Es wird sie vor der Zeit aufmerksam machen! Vorwärts, Leute, schlagt die Thüren ein! Das ist lockere Beute, die Euch nicht entgeht!«
Das Geschrei der Weiber, weniger vor Schrecken, als Gelächter und Kreischen unter den handgreiflichen Zärtlichkeiten der Soldaten, mischte sich mit dem Lärmen der einbrechenden Schaar.
»Zur Höhe des Berges, Signor Capitano« sagte eine gebietende Stimme - »wir müssen die Schufte überraschen, ehe die Klosterleute ihnen Nachricht geben. Lassen Sie alle Ausgänge sperren!«
Der Kapitain starrte hinunter - diese Stimme hatte er noch vor wenig Stunden gehört - der piemontesische Major - Graf Sismondi -
»Höll und Teufel! woher der Verrath?«
Die Thür vom Campo in das Schiff der Kirche flog
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gesprengt aus dem Schloß - dort, vom Hochaltar her durch das Schiff der Kirche floh die Gestalt des Klausners!
»Haltet ihn auf! Nieder mit dem Pfaffen, wenn er nicht steht!«
Wieder blitzte ein Schuß - der Eremit stürzte in die Knie - dann raffte er sich empor. »Heilige Jungfrau erbarme Dich meiner und gieb mir Kraft!«
»Avanti! avanti!«
Ihre Eile war vergeblich - in dem dunklen Raum war Niemand mehr zu sehen.
»Bringt die Fackeln her! Sucht den Priester! schlagt die Thüren ein!«
Der französische Offizier hatte endlich sich von der jähen Ueberraschung ermannt. »Das sind die Piemontesen - es gilt uns!« er sprang die Stufen hinunter in den Gang, er griff sich fort an den Wänden, ohne sich Zeit zu nehmen, Licht zu zünden.
Dann hörte er ein Stöhnen vor sich. »Heilige Madonna - noch wenige Augenblicke Leben und Kraft, daß ich sie warne!«
»Halt - wer dort?«
»Gnade Gottes - Kapitain Chevigné!«
»Pater Gerardo!«
»Bei Allem was Ihnen heilig ist, Monsieur, wie Sie auch hierher kommen - helfen Sie mir in meine Zelle, ich kann nicht weiter!«
Der Offizier hatte den an der Wand niedersinkenden Mann umfaßt und schleppte ihn fort. Warm quoll es über seine Hand!
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»Sie sind verwundet Pater?«
»Wer Blut vergossen, des Blut soll wiedervergossen werden! Gott sei einem großen Sünder gnädig!«
»Dem Himmel sei Dank - dort ist das Licht Ihrer Klause!« Er schleifte den Verwundeten mehr, als er ihn trug, in das Innere.
»Dort! dorthin! - der Strick -«
Da der Offizier nicht sofort verstand, schleppte sich der Sterbende bis zur Stelle, wo der Strick von der Glocke niederhing und klammerte sich mit der letzten Kraft daran. - Die Glocke schrillte Mordio durch die Nacht.
»Fort! Fort! Retten Sie die Streiter der Kirche! - Grüßen Sie Frankreich von einem Todten!«
In der Aufregung dachte der Kapitain kaum an den unterirdischen Gang - er wußte, daß er dort nur langsam vorwärts kommen würde und stürzte aus der Thür der Klause.
»Avanti! avanti!«
Ueber das Plateau der Bergwand sprangen bereits die Gestalten der piemontesischen Soldaten, immer neue tauchten zwischen den Steinen empor.
Heiliger Gott - das geübte Ohr konnte ihn nicht täuschen! Von der andern Seite herauf, aus der Schlucht, krachte gleichfalls schon Gewehrfeuer. - Das Lager mußte von beiden Seiten angegriffen sein!
Der Kapitain war mit einem Sprung in die Klause zurück - wie ein schriller Ton verhallte eben der letzte Schwung der Glocke - lang ausgestreckt am Boden lag der Einsiedler.
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»Gnadenreiche Mutter der Schmerzen, steh mir bei und bitte an Gottes Thron für mich Sünder!«
Der Offizier - vergessend Alles umher - hob den Sterbenden empor, um ihn niederzulegen auf sein Lager, aber dieser streckte die Hand nach dem Kreuz.
»Zu den Füßen meines Heilandes, Sohn - laß mich sterben in französischem Arm! - Da - nun - das Blut der Choiseul ist in Deinen Adern! - Dort - hinter dem Bild - Gott sei mir Sünder gnädig!«
Die Hand streckte sich aus und sank dann schwer nieder, der Kopf fiel zurück auf den Arm des Franzosen -
Er war todt!
Gewehre klirrten umher - rings in der Klause Soldaten - er riß den Revolver aus dem Gürtel und schlug ihn auf die nächsten an.
»Keine Thorheit, Kapitain Chevigné - jeder Widerstand ist vergebens und würde Ihr Loos nur erschweren. Ehrliche Kriegsgefangenschaft, ich bürge mit meinem Wort!«
Es war der Major Sismondi, der sie bot. Ein Blick umher belehrte den tapferen Franzosen, daß keine Hoffnung war, sich durchzuschlagen. Er ließ die Waffe fallen, zog den Säbel aus dem Gehenk und reichte ihn dem Conte.
»Ich bin Ihr Gefangener, Signor. Ist es erlaubt, an den Armen hier, der den Kugeln Ihrer Leute zum Opfer gefallen, ein Andenken mitzunehmen?«
»Es wird wenig des Aufhebens Werthes hier sein. Ich hindere Sie nicht!«
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Der Franzose ging zur Wand und nahm aus dem ärmlichen Rahmen die schlechte Lithographie mit dem Portrait des Juli-Königs!
»Cospetto Signor - ich wußte nicht, daß Sie Orleanist sind!«
Ohne Antwort rollte der Offizier das Papier zusammen, auf dessen Rückseite ein altes Zeitungsblatt geklebt war, und schob es in die Brusttasche seiner Uniform.
»Jetzt, Signor Conte, stehe ich zu Ihrem Befehl!«


Es war eine Stunde nach Mitternacht - zur selben Zeit, in welcher drüben auf der anderen Seite des Berges die Klostermägde der Orgie ein Ende machten und die Entarteten hinaustrieben, als der wackere Brigantenchef von einem lauten Hundegebell erwachte.
»Zum Teufel - das Geheul sollte ich kennen,« brummte er unwillig. »Das ist die Stimme Pluto's! Wer zum Henker hat die Bestien freigelassen in dem Dorf, wo ich sie untergebracht!«
Es waren zwei riesige Abruzzen-Hunde, die heulend und winselnd vor Freude über die Nähe ihres Herrn an der Thür der Hütte scharrten.
Der alte Bandit erhob sich mühsam und fluchend von seinem Lager und humpelte an dem Stock zur Thür. »Sieh, sieh - der Kapitain ist auch noch nicht da! Die Gesellschaft des Paters scheint ihm besser zu passen, als die meine. - Ruhig Pluto, alter Bursche - nieder sag ich! Du bist die beste Spürnase im ganzen Gebirge, daß du
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Deinen Herrn hier aufgefunden hast! - Nieder mit dir Bursche und zerre nicht an meinem wunden Beine! - Heilige Jungfrau, was ist das?«
Der Wiederhall eines Büchsenschußes[Büchsenschusses] klang herauf aus dem Grunde - von dort her, wo der Wachtposten der Briganten stand.
Eine Salve krachte in der Tiefe, dann ein zweiter Büchsenschuß - ein gellender, deutlich hörbarer Pfiff!
»Höll und Teufel - das ist Ueberfall! Zu den Waffen, Kameraden! An die Büchsen Leute!«
Die Wunde am Fuß schien vergessen -
An den niedergebrannten Feuern hoben sich die Schläfer, aus den Hütten und Höhlen stürzten sie herbei.
Es brauchte nicht viel Fragens - eine zweite Musketensalve drunten im Pinienwald ersparte es. Jetzt kam die militairische Ordnung, die Kapitain Chevigné in die Truppe gebracht, dem Anführer und ihr selbst trefflich zu Statten. In wenig Minuten war sie kampffertig; noch ehe der äußere Posten - blutend - den Kameraden hatten die piemontesischen Kugeln niedergestreckt; - die Höhe erreichen und Rapport bringen konnte von dem Andringen der Feinde, waren zwanzig treffliche Büchsen ihm schon entgegen, warfen sich rechts und links zwischen die Steinklüfte des engen Weges, der aus dem Waldthal heraufführte und hielten mit wohlgezielten Kugeln den Vortrab der Feinde zurück.
»Maledetta bestia!« fluchte der verwundete Brigant, als er jetzt zu dem Anführer heran keuchte, - »ich dachte mir fast, daß Gefahr in der Nähe sei, als die Hunde an
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mir vorüber stürmten. Bis an dem Fuß des Berges müssen sie sie am Leitseil gehabt und dann losgelassen haben! Der Teufel hat ihnen die Hunde verrathen, daß sie die Thiere brauchen konnten, unsern Weg zu finden!«
»Wie stark die Schaar?« frug der Capitano.
»Der Satan mag es in dem Dunkel wissen. Es wimmelt schwarz von ihnen im Walde - seit sie sich entdeckt sahen, wirbeln die Trommeln und tuten die Hörner ungenirt!«
»Das ist General Pinelli, der Bluthund, der sich seinesgleichen bedient hat, uns die Antwort zu bringen! - Verdammt, daß ich dem Pfaffen nachgegeben und Einen aus dem Garn gelassen - aber lebendig sollen sie die Anderen nicht haben! - Zurück Signor - in Ihre Hütte, und rühren Sie sich nicht, wenn Sie nicht eine Kugel durch's Gehirn haben wollen!«
Der rauhe Befehl galt dem Preußen, der sich durch die finster ihn messenden Männer gedrängt hatte.
Die Irländerin zog ihn hastig zurück. »Um Himmelswillen, Signor, halten Sie sich jetzt ihnen aus dem Wege!«
»Einen Mann vor ihre Hütte, Filippo!« befahl der Anführer - »einen der Unsern, der keine Umstände macht mit dem Messer, wenn es gilt. - Wo zum Teufel der Kapitain steckt? - Laßt die Weiber rasch zusammenpacken, was möglich und sich auf dem Weg zum Kloster zurückziehen. Ich denke, wir können sie hier bis zum Morgenlicht aufhalten. Leihe mir Einer von Euch den Arm als Stütze - so - das wird gehen!«
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Immer heftiger wurde das Schießen unten im Grund und kam näher.
»Cospetto - ich glaube, die Schufte treiben die Unseren zurück und dringen vor! Nun bei meinem Schutzpatron, so lange wir den Rücken frei haben in diesem Felsennest, soll es ihnen nicht viel nützen. Nimm noch fünf von den Leuten, Filippo, und komm ihnen zu Hilfe!«
Der Befehl wurde sogleich erfüllt. Die zitternden Weiber der Bande, denen die Irländerin Muth einsprach und mit gutem Beispiel voranging, hatten die wenigen Habseligkeiten, die Decken und Pfannen zusammengepackt und waren im Begriff, den Weg nach dem Kloster anzutreten, als plötzlich durch die Nacht von der Höhe der Felswand die Glocke der Einsiedelei in wilden unregelmäßigen Schwingungen erklang.
»Höll' und Satan! da ist etwas los - der Padre läutet die Glocke nicht umsonst zu so ungewöhnlicher Zeit, - es ist ein Warnungszeichen, das er oder der Kapitain geben! Corporal Tourbillon!«
»Hier, Kapitano!«
»Uebernehmt den Befehl in Abwesenheit des Offiziers. Nehmt Eure Franzosen und deckt den Paß, wenn der Teufel dort sein Spiel haben sollte. Fort! - und die Weiber hierher!«
Der Korporal, an Gehorsam gewöhnt, war bereits wit seinen Leuten dem Aufgang zugelaufen. Schreiend, lhre Schutzheiligen anrufend, rannten die Weiber jetzt umher.
»Haltet das Maul, Kanaillen!« donnerte der alte Bandit - »plärrt Eure Litaneien, wenn wir aus der Klemme
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sind! - Ha - daß ich hier mich nicht von der Stelle rühren kann!«
»Hier Kapitano - das kann Euch den wunden Fuß ersetzen - steigt auf!«
Es war die Irländerin, welche die Geistesgegenwart gehabt, alles Gepäck von ihrem Esel zu werfen und das Thier herbeizuführen.
»Brava, Signora! Ihr habt das Herz und den Kopf auf dem richtigen Fleck. Das wird gehen - ich danke Dir Signorina! - Helft mir hinauf und dann möge der Teufel mein Bein holen, wenn es mich noch hindern will! - Was ist los?«
[»]Filippo läßt Dir sagen, daß es nicht möglich ist, sie aufzuhalten - sie sind so zahlreich wie die Heuschrecken, und für Jeden der fällt, versuchen zehn Andere, den Weg zu erklimmen!«
»Heilige Madonna - ich hatte Recht! Jetzt bricht das Feuer auch dort oben los!«
In der That knallten Büchsen- und Musketenschüsse aus der Schlucht, die zur Höhe des Berges emporführte.
Plötzlich fuhr eine Erinnerung dem tapfern Brigantenführer durch den Kopf.
»Per Baccho! daß ich es vergessen mußte! - Sage Filippo, daß er jeden Zoll breit halten muß, bis ich ihm Botschaft sende! - Hierher, Gasparino!«
Es waren nur drei Männer noch um ihn außer den jammernden Frauen.
Der Capitano lenkte das Thier, auf dem er saß, zur Rechten, wo die Felswand jäh niederzufallen schien, zu der
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Stelle, zu der ihn am Nachmittag der Klausner geführt. Als der störrische Esel nicht gleich gehorchen wollte, kam ihm der Reiter mit der Spitze seines Messers zu Hilfe, daß er bockend ausschlug, aber bald die Gewalt des Reiters anerkennen mußte.
Als sie nahe am Ende der kleinen Ebene waren, ertheilte der Capitano dem jungen Brigant einen kurzen Befehl. Dieser verschwand in dem Gebüsch, kam aber nach ein Paar Minuten, während deren das Feuer immer heftiger fortdauerte, zurück.
»Alles wie Du sagst, Capitano!«
»Und drüben die Steinplatte?«
»Ich habe selbst auf ihr gestanden, sie hält!«
»Vittoria! Dann wollen wir diesen piemontesischen Schuften eine Nase drehen. Jetzt vorwärts und schaffe vor Allem die Weiber hinüber!«
Der Esel, von dem Messer gestachelt, galopirte zurück zu der Stelle, wo die Frauen sich um die Irländerin drängten, theils in Schluchzen und Klagen, theils mit wilden Verwünschungen auf die Gefangenen, deren Befreiung offenbar der so wohl gelungene Ueberfall galt, die beiden Banditen aufreizend, die der Befehl des Anführers hier noch zurückgehalten.
Die Befehle, die Tonelletto jetzt gab, waren kurz und umsichtig. Jedes Wort bewies, daß er zum Anführer geboren war und in einer militairischen Karriere vielleicht durch Klugheit und Muth hohen Ruhm erworben haben würde. Aber auch die ganze Wildheit der Banditennatur war erwacht. Die beiden Männer wurden mit der Ordre
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an die Vertheidiger des oberen und unteren Weges gesandt, sich langsam zurückzuziehen und die Zahl der Schützen zu vermindern, bis das Signal des Kapitano's auch die Letzten zur eiligen Rückkehr rufen würde. Genau wurde ihnen der Platz bestimmt, an dem sie sich zu sammeln hatten.
Gasparino mußte zu diesem die Frauen voraus führen. Es blieb jetzt nur Tonelletto selbst und der Mann auf dem Platz, der vor der Hütte der Gefangenen Wache hielt. -
Schon nach wenigen Minuten zeigten sich die Folgen der ertheilten Befehle. Das Büchsenfeuer auf beiden Seiten wurde schwächer, man hörte das triumphirende Geschrei der vordringenden Soldaten, die aufmunternden Befehle ihrer Führer.
Dunkle Gestalten eilten über den Platz, bald einzeln, bald in Gruppen von zwei und drei. Sie sammelten sich um den Capitano, der mit ihnen sprach, während sie auf's Neue die Büchsen luden. Auf seinen Befehl eilte ein Theil nach dem Ort, wo bereits Gasparino und die Frauen verschwunden waren und wohin jetzt langsam der größere Haufe sich zurückzuziehen begann.
»Rache! Rache, Capitano!« klang es in dem Haufen - »wir dürfen die Gefangenen nicht lebend zurücklassen! Sie müssen sterben für unsere Brüder!«
»Bei meinem Schutzpatron, sie sollen es! Sind meine Befehle vollführt?«
»Der Balken liegt in den Klammern vor der Thür!«
»So zündet das Nest an allen vier Ecken an, während
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ich das Signal gebe! Die Flamme wird die Schufte blenden, daß sie nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen!« - Er hielt zwei Finger an den Mund und that einen gellenden Pfiff.
Sogleich schwieg das Feuer der Vertheidiger des Platzes - von beiden Seiten kamen die Letzten, die Büchse in der Hand, über den Raum gelaufen.
»Dorthin, Kameraden - dort nach dem Buschwerk! Das Netz hat ein Loch!«
»Aber Kapitain Chevigné - wir dürfen den Kapitain nicht verlassen!« rief der wackere Tourbillon, sich das Blut von der Wange wischend, die eine Kugel gestreift.
»Narr - wenn der Kapitain nicht todt oder gefangen, wäre er hier! Vorwärts - zieht Euch zurück! - Ha - ein Schuß aus der Hütte? Auch dort Verrath!«
Ein Revolverschuß hatte einen der Banditen getroffen, welche die grimme Rache der Ueberfallenen ausführen sollten, aber den anderen beiden war desto besser das schreckliche Werk gelungen - an dem dürren Fichtenholz züngelte mit Windesschnelle die Flamme empor ...«
»Jetzt ist der Augenblick, - dort sind die Ersten! - Die Hälfte Feuer gegen sie und dann fort! Einer hinter dem Andern - die Letzten halten sie mit ihren Kugeln zurück!«
Zehn Schüsse krachten gegen die Soldaten, die von beiden Seiten das Plateau zu erstürmen begannen und jetzt - von dem Licht geblendet, - von den Kugeln aus dem Dunkel begrüßt, - nicht wußten, wohin sie ihren Angriff richten sollten.
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Durch den Pulverdampf flog eine leichte zierliche Gestalt - -
»La capitana!«
»Unsinnige - wo kommen Sie her! was wollen Sie hier noch? fort mit Ihnen!«
»Mörder! Dein Werk soll nicht gelingen - ich rette ihn!«
Der Brigant warf das Thier ihr in den Weg. »Zurück sag' ich - oder bei allen Teufeln - - faßt sie! schleppt sie mit Euch!«
Das junge Mädchen blieb stehen und hob den Karabiner an ihre Wange. »Zurück Du selbst, Mörder, oder Du stirbst von meiner Hand!«
Im nächsten Augenblick eilte sie wieder der Hütte zu, in der die Kraft der Verzweiflung gegen die Thür donnerte, deren Oeffnen nach außen durch einen festen, in starken Krampen liegenden Balken unmöglich wurde - auf allen Seiten stand das Holzwerk in lichten Flammen.
»Hier bin ich, Sir! ich rette Sie oder sterbe mit Ihnen!«
Ihre schwachen Hände mühten sich, den Balken aus seinen Fugen zu heben - was der Andrang von Innen ihr wiederum unmöglich machte - Kugeln pfiffen um sie her - die Soldaten stürmten jetzt über den Platz oder feuerten auf Gerathewohl nach der Richtung, aus der noch immer einzelne Büchsenschüsse ihnen antworteten.
»Heilige Jungfrau, gieb mir Kraft! Hierher, hierher, oder Eure Freunde sterben den Feuertod! - Zurück, zurück von der Thür, oder ich vermag den Riegel nicht zu heben!«
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Im nächsten Augenblick, mit Aufbietung all' ihrer Kräfte gelang es ihr - die morsche Thür flog auf und schleuderte sie zu Boden - halb erstickt, mit versengtem Haar und Bart, die Kleider glimmend von der entsetzlichen Gluth, Brandwunden an Händen und Gesicht, stürzten die beiden Gefangenen in's Freie.
Der Oberlieutenant beugte sich nieder zu dem zerschlagenen Mädchen, umschlang ihren Leib und trug sie aus der Nähe der Flammen und des zusammenstürzenden Gebälks. »Oh Miß - Ihnen dank' ich meine Rettung!«
Sie sah wild umher -: »Aber der Dritte? wo ist der Graf?«
»In Sicherheit, wohin er sich bei Zeiten gebracht,« sagte der Offizier - »und wahrhaftig -«
Der Major, den er eben nicht ohne Bitterkeit erwähnt, kam aus dem Soldatenhaufen auf die Gruppe zu: »Gott sei Dank, Herr Kamerad, daß ich Sie lebendig wiederfinde - wir kamen also zur rechten Zeit, Sie zu befreien!«
Der Preuße trat etwas kühl zurück: »Ist das wirklich Ihr Verdienst, Signor Conte?«
»Nein bei Gott - ich will mich dessen nicht rühmen, obschon ich sicher hoffte, Ihnen Beistand bringen zu können und nicht aus diesen Bergen gewichen wäre, bis es geschehen. Ich glaubte aber erst in Isernia die Unseren zu finden, und war um so glücklicher, als plötzlich an einer Stelle des Weges vom Kloster in's Thal, den mich das wackere Mädchen, meine Retterin führte, der Anruf unserer Soldaten uns festhielt und ich mich von den Unseren umgeben sah. Es war die Tête einer Kolonne, die General
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Pinelli auf die Nachrichten, die er zu erpressen verstanden, abgeschickt hatte, um aus dem Thal des Sangro her den Bergrücken zu ersteigen und dies Banditennest auszunehmen, während er selbst mit der Hälfte des Bataillons den Spuren der Briganten gefolgt war und von Norden her ihren Schlupfwinkel angegriffen hat. Ich stellte mich an die Spitze der Kolonne und führte sie über die Berghöhe den Weg zurück, den ich zwei Stunden vorher gemacht. Das ist die Lösung des Räthsels, daß wir so zur rechten Zeit gekommen. Aber das Feuer hat ganz geschwiegen, das Gefecht muß also zu Ende sein! Da kommt Kapitain Rocca, der Anführer des Kommando's! Nun, Kamerad - wie viel Gefangene, und ist der Spitzbube Tonelletto darunter?«
»Keinen einzigen, Major!«
»Höll' und Brand - sind Sie denn der Schurken noch nicht Herr? ich höre doch nicht mehr schießen!«
»Sie sind verschwunden, wie weggefegt von der Erde - das Bellen der Hunde, ein Krachen und Stürzen war Alles, was unsere ersten Tirailleurs hörten - keine Spur mehr von ihnen! Sie müssen sich selbst in den Abgrund gestürzt haben, als sie keine Rettung mehr vor sich sahen!«
»Vierzig Mann? - das ist unglaublich - ich kenne meine Landsleute im Süden. Dieser Tonelletto ist ein Teufel an Schlauheit. Wo stand zuletzt das Gefecht?«
»Dort an dem wilden Gerank, wo die Felswand fast senkrecht niederfällt.«
»Die Sache muß untersucht werden, ehe der General
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kommt. Er wird rasend sein darüber. He! nehmt einige Brände und leuchtet!«
Mehre der Soldaten ergriffen brennende Holzscheite und begleiteten die Offiziere nach dem Ende des Platzes, wo noch immer die piemontesischen Soldaten umher suchten und ihre Haubayonnette in das Gestrüpp stießen.
Die improvisirten Fackeln verbreiteten genug Licht, um das zertretene, durchbrochene Gebüsch zu durchforschen - einige alte Decken, das Kopftuch einer Bäuerin - eine zerbrochene Pfanne -
»Halt - dort geht offenbar ein Weg - zündet das Gestrüpp an, Leute, und haltet die G[e]wehre bereit!«
Die Brände flogen in das Dickicht, die trockenen Zweige und Schlingpflanzen loderten wie Zunder auf - keine Spur von den Briganten - als in wenig Minuten das ganze Buschwerk verzehrt war, sah man bloß den nackten Felsgrund, den die schroff niedersteigende Bergwand begränzte.
Man hatte jetzt bessere Fackeln herbeigebracht, Alles stand neugierig umher - selbst der Preuße war der Menge gefolgt und auf seinen Arm gestützt die junge Irländerin.
»Ha - endlich! Dort wird die Lösung des Räthsels sein! Dort in der dunklen Spalte des Felsens bewegt sich Etwas - avanti! Leute, und schleppt die Schufte hervor. Keinen Pardon, wenn sie es wagen, einen Finger zu erheben!«
Mehre der Kühnsten sprangen zu der zerklüfteten Felswand und zerrten aus einer dunklen Oeffnung am Boden einen zappelnden, schlagenden Gegenstand.
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Als es endlich gelungen war, ihn herauszuziehen, sprang der unbekannte Feind auf seine vier Beine, drehte sich im Kreise um und ein lautes Jah! überschrie das Gelächter der Soldaten.
»Ein Esel!«
»Es ist das Thier dieser Dame hier!« sagte der Major streng. »Wo sind Ihre Kameraden, Mademoiselle?«
Der von Natur so heitere, muthwillige Charakter der Irländerin hatte trotz der Mißlichkeit ihrer Lage, der furchtbaren Ereignisse, die sie soeben erlebt, und der Schmerzen, die sie noch von dem ungestümen Fall empfand, über das Alles die Oberhand gewonnen und sie lachte mit den Andern wie toll. Der Major mußte drohend seine Frage wiederholen.
»Aber Monsieur, ich habe noch nicht gelernt, die Sprache der Esel in diesem Lande zu verstehen! Fragen Sie ihn selbst - ich weiß es nicht!«
»Nehmen Sie sich in Acht, Mademoiselle, Ihr Uebermuth könnte Ihnen theuer zu stehen kommen. General Pinelli macht wenig Umstände mit Landstreicherinnen, woher sie auch kommen!«
Der Oberlieutenant ließ den Arm des Mädchens los und machte eine Bewegung, als wolle er sprechen - aber der Graf ließ ihn nicht zu Worte kommen.
»Die Fackeln hierher - das ist offenbar der Eingang einer Höhle, - wir müssen sie untersuchen!«
Alles drängte und leuchtete um die niedere, etwa drei Fuß hohe und eben so breite Oeffnung am Boden der Felswand.
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»Schießt einige Kugeln hinein!«
Drei, vier Musketen wurden in den Schlund abgeschossen, nur ein hohles Echo des Knalls antwortete.
»Dem muß ein Ende gemacht werden! Kapitain Rocca, haben Sie die Güte, das Nöthige zu befehlen!«
»Die beiden ältesten Unteroffiziere vor!«
Zwei Männer sprangen vor.
»Untersuchen Sie die Höhlung - vorsichtig - das gespannte Gewehr vor sich, der Zweite eine der Fackeln!«
Der erste Unteroffizier, ein Veteran aus der Krim, warf sich auf das Knie und kroch, das Gewehr vorgestreckt in die Höhle -
Man erwartete jeden Augenblick die Salve der Versteckten und gab die kühnen Männer verloren.
Aber auch der Schein des Lichts verschwand in der Höhle, ohne daß ein anderer Laut erfolgte.
Eine Minute lang tiefe Stille - dann erscholl der Ruf aus der Höhlung: »Sie sind auf und davon! Der Felsen hat einen natürlichen Durchbruch!«
»Höll' und Teufel!« Der Offizier kroch selbst in die Oeffnung - als er nach wenigen Minuten zurückkam, zuckte er ärgerlich die Schultern.
»Die Spitzbuben sind uns richtig entwischt. Dies Felsenloch ist kaum fünf Schritte lang, an der anderen Seite ein tiefer Abgrund, über den eine Steinplatte, oder eine Balkenlage geführt haben muß - aber sie ist hinunter gestürzt - das war das Krachen, das Ihr hörtet. Drüben, so viel im Fackelschein erkennbar, ein leicht
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passirbarer Abhang - ich hörte aus der Ferne noch das Bellen der Hunde!«
»So kann der General sie vom Fuß des Berges aus verfolgen - geben Sie rasch Nachricht. Oder vielleicht können wir den Uebergang wiederherstellen?«
Der Offizier schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich - der Gang ist krumm, die Balken wären nur von jener Seite zu legen. Ehe der General in der Nacht die Verfolgung etablirt, sind sie längst in Sicherheit. Wir müssen uns damit begnügen, hier den Herrn Kameraden aus ihren Händen befreit zu haben. Kommt, Leute - wir wollen den Rest der Nacht hier bivouacquiren, indeß unser Soutien droben bei den Nonnen sich gütlich thut!« -
Bald darauf flammten die Feuer wieder lustig empor und ihr Schein blinkte hell auf den Waffen der Piemontesen.


Die Novembersonne war mild und freundlich aufgegangen, ihre Strahlen vergoldeten die Wipfel der Bäume im Thal, die Kuppen der Felsen, die grauen Mauern des Klosters der heiligen Büßerin.
Die Thore und Pforten dieser Mauern standen jetzt weit geöffnet, ebenso die der Kirche. Ueberall zerschlagene Fenster, herausgeschleppte Bänke und Möbel - Spuren brutaler Zerstörung. In der Kirche, auf den engen Höfen, dem Vorplatz, im Refectorium lagerten piemontesische Soldaten, selbst auf dem kleinen Kirchhof hatte man sich nur damit begnügt, den aufgehobenen Stein unordentlich wieder über die Gruft der armen Dulderin zu schließen, und dann
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ein Bivouak daraus gemacht. An einem Feuer auf den Quadern brodelte ein Kaffeekessel, Weinschläuche lagen mit Waffen und Gepäck gemischt auf dem Rand des Brunnens, und ein Federhut saß auf dem Schädel des Todtenkopfes, dem die Soldaten mit Kohle dicke Augenbrauen über die wassersprudelnden Höhlen gemalt hatten.
Gelächter und Lärmen überall - mitten unter den Offizieren und Soldaten bewegten sich dreist und kokettirend die sechs vertriebenen Schwestern - mit andern trieben die Soldaten ihre Kurzweil und ängstigten die alten und frommen, oder neckten und jagten in den Gängen die jüngeren, von denen gar Manche froh schien, die scharfe Klosterzucht einmal durchbrochen zu sehen.
Auf einem Stein im Vorhof des Klosters saß der französische Kapitain in finsterer Stimmung. Er hatte sein Ehrenwort gegeben, keinen Fluchtversuch zu unternehmen und er blieb deshalb unbewacht. Der Kapitain hatte ein Papier in der Hand, das er mehrfach auf- und wieder zusammenfaltete und las, und jedes Mal stützte er dann den Kopf in die Hand und verfiel in tiefes Nachdenken.
Das Blatt in seiner Hand war die Lithographie des von der Februar-Revolution vertriebenen Bürgerkönigs - auf die Rückseite war ein Ausschnitt einer Nummer des Constitutionel geklebt.
Das Fragment datirte vom Jahr 1847 und enthielt den Abdruck der Rede, welche der Kanzler Pasquier in der Pairskammer gegen Charles Laurent Hugues, Herzog von Choiseul Praslin, Ober-Kammerherrn des Königs, angeklagt des Gattenmordes, geschleudert hatte.
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Immer und immer wieder hafteten seine Augen an der furchtbaren Stelle:
»... ein ewiges Denkmal der Schlechtigkeit eines der ärgsten Verbrecher, die jemals gelebt haben ...«
und dann dachte er unwillkürlich an die Worte, die am Morgen vorher der arme, alte Klausner gesprochen, der jetzt kalt und todt, noch unbegraben droben in seiner Steinzelle lag.
»Sollte es möglich sein - man sprach davon - - aber nein, es kann nicht sein! Man hat die Leiche recognoscirt. Und dennoch - -«
Er versank wieder in Gedanken, aus denen ihn ein leichter Schlag auf die Schulter weckte.
»Geben Sie sich nicht trübem Nachdenken hin, Kapitain Chevigné,« sagte die heitere Stimme des Oberlieutenants, »die letzten zwei Tage haben bewiesen, wie rasch das Waffenglück wechselt, und das Loos der Gefangenschaft trifft auch den Tapfersten. Ich hoffe, Ihre Sache wird sich leicht arrangiren und zwar bald, denn General Pinelli muß jeden Augenblick eintreffen.«
»Aber unsere liebe Capitana hier?« Er wies auf die Irländerin, die den Preußen begleitet hatte.
»Oh - meine Lebensretterin steht unter meinem Schutz, Wenn man Sie auf Ihr Ehrenwort, sich in Civitavecchia einzuschiffen, entläßt, werden Sie sie mit nach Rom nehmen. Je rascher die Donna aus dieser verpesteten Nähe kommt, - sehen Sie sich um, man athmet förmlich Moderhauch! - desto besser!«
»Ach - jene Weiber! - ich könnte Ihnen eine
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Geschichte darüber erzählen Herr Kamerad, doch es ist besser, daß sie das Grab deckt.«
»Es sind ein Paar darunter« flüsterte der Lieutenant, als er bemerkte, daß die Irländerin zurückgetreten war, »die unseren Offizieren in den wenigen Stunden schon förmlich den Kopf verdreht haben. Sismondi und der Kapitain ... sehen sich an wie ein Paar Kampfhähne. Und ich muß gestehn, in der That, dies Weib ist göttlich schön!«
»Par Dieu« meinte der Franzose mit einem Blick nach der Irländerin, »ich glaubte grade Sie vor allen solchen Eindrücken geschützt.«
Der Lieutenant legte mit einer halb komischen Miene die Hand auf's Herz. »Auf Ehre - ich glaube es vollkommen zu sein! Was doch den Menschen nicht Alles passiren kann! - Aber da wirbeln die Trommeln zum Antreten!«
In der That rollte der Appell. - Alles strömte auf dem Vorplatz des Klosters zusammen, die Offiziere und Soldaten, um sich in Reih' und Glied zu ordnen, die Bewohner des Klosters aus Neugier.
Der Offizier, dem der General en chef Cialdini die Unterdrückung des Aufstandes in den Gebirgen übertragen hatte, und der nicht bloß mit eiserner Strenge, sondern mit einer wahren Grausamkeit verfuhr, gegen welche das Regiment Haynau's in Schatten trat, - Generalmajor Pinelli kam mit einem Adjutanten den Weg herauf. Er hatte den Pfad zu Fuß über den Bergrücken gemacht und erst auf der Stelle, wo gestern der Graf und
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seine Begleiterin auf die Avantgarde der piemontesischen Colonne gestoßen waren, wieder das Pferd bestiegen. Sein hartes Gesicht war so finster wie eine Gewitterwolke, und Jeder seiner Umgebung scheute sich, ihm zu nahe zu kommen.
Der General hielt vor dem Thor, wo die beiden Compagnien aufmarschirt standen, die das Kloster besetzt hielten. Major Sismondi trat ihm entgegen und bewillkommnete ihn.
»Ah Signor Conte! Ich hörte in Balzarano, in welche alberne Falle Sie gegangen - Sie und der Offizier des Kommandos, der sich sehr unfähig des Postens gezeigt hat. Es that mir leid, Ihren Wunsch nach der Auswechselung nicht erfüllen zu können, aber ich mußte auch die beiden Anderen füsiliren lassen, des Beispiels halber, nachdem ich von ihnen das Nöthige erfahren. Ich zog es vor, Sie mit unseren Bayonetten aus der Klemme zu ziehen!«
»Euer Excellenza wären sicher damit zu spät gekommen,« sagte der Graf sehr kühl, »wenn wir unsererseits nicht vorgezogen hätten, uns selbst aus der Klemme, wie Sie es zu nennen belieben, zu befreien!«
»Richtig - ich hörte davon, durch Frauenzimmer! Es war immer Ihre starke Seite, Herr Graf, nicht wie bei unsereins, der von der Muskete auf gedient hat, ohne die Protektion einer anderen Dame, als höchstens seiner Waschfrau. - Aber zum Dienst, Herr Graf. Kapitain Pirano!«
»Signor Generale!«
Der Offizier war vorgetreten.
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»Sie hatten das Kommando der südlichen Expedition?«
»Zu Befehl, Excellenza!«
»Was Besonderes passirt dabei?«
»Ein Priester wurde dabei erschossen, als er durch einen geheimen Gang aus der Kirche nach der Höhe des Berges flüchten wollte, um den Banditen ein Warnungszeichen zu geben.«
»Ah - ein geheimer Gang! die alte Wirthschaft. Aber ich will den priesterlichen Vampyr zerquetschen, auf daß die Freiheit glorreich hervorgehe!«8
»Desgleichen trafen wir einen Trupp Frauenzimmer, die eben das Kloster verlassen wollten.«
»Und Sie nahmen sie in Empfang! meine Lämmer kennen das. Haben Sie später das ganze verruchte Nest ausgenommen und die Vögel fliegen lassen?«
»Die Aebtissin und zehn der Nonnen weigern sich, das Kloster zu verlassen.«
»So mögen sie bleiben in Teufelsnamen. Sie werden alt genug sein, um der Welt Nichts mehr zu nützen.«
»Signor Generale - man hat schändliche Kerker in diesem Kloster gefunden, Höhlen, in denen die Unglücklichen verdammt waren, allein zu vermodern, ohne je das Licht der Sonne wieder zu sehen! Wir haben fünf solche Unglückliche befreit. Wie es scheint ist dies Kloster eine strenge Pönitenz-Anstalt, ein geistliches Zuchthaus!«
»Sind diese Klöster überhaupt etwas Anderes, als
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Zuchthäuser oder Nester der Faulheit, der Völlerer? Ich werde nachher mit dieser Mutter Aebtissin ein ernstes Wort sprechen. Und das Klostervermögen?«
»Signor Generale - es ist Nichts da!«
»Wie - kein Geld, keine Kleinodien und Gold- und Silbergefäße?«
»Nichts, Excellenz, es scheint wirklich das Gelübde der Armuth streng bewahrt. Kaum, daß wir in den Kellern einige Schläuche geringen Weins fanden.«
»Bah! Sie werden schlecht gesucht haben. Ich werde das selbst besorgen und die Mutter Aebtissin wird eine schlimme Stunde haben. Was haben Sie mit dem Weibervolk gemacht?«
»Sie wollen die Kolonne begleiten, bis sie in Sicherheit sind, nicht etwa von den Bauern wieder eingefangen oder todtgeschlagen zu werden. Sie erklären, nach Ponte Corvo zu wollen, oder in's Hauptquartier!«
»Was zum Teufel! wir haben des Weibervolks schon mehr als zu viel da, - an ihrer Spitze die tolle Gräfin della Torre. Jeder Offizier hat jetzt seine Maitresse im Lager und bei den Soldaten ist's kaum besser! Haben Sie noch etwas zu rapportiren, Kapitain? Sie sind zur rechten Zeit angekommen und ich bin zufrieden mit Ihnen!«
»Danke, Excellenza! indeß -«
»Nun?«
»Es ist auf der Höhe des Berges bei dem erschossenen Klausner oder Priester ein französischer Offizier gefangen genommen worden!«
»Ein Franzose?«
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»Ja, General! ein Offizier General Lamoricière's, derselbe, welcher einen Theil der Brigantenschaar kommandirte!«
»Diavolo! etwa dieser Kapitain Chevigné, wie er sich nennt, der die Unverschämtheit hatte, mir mit dem Banditen Tonelletto den Brief wegen der Auswechselung zu schreiben? Ha - das wäre ein trefflicher Fang!«
Der piemontesische Offizier begnügte sich mit einer Handbewegung, durch welche er den Franzosen einlud, vorzutreten.
Kapitain Chevigné näherte sich ruhig und fest, das Auge unerschrocken auf den General gerichtet.
»Wie?« brauste dieser erstaunt auf - »ungebunden - ohne Fesseln?«
»Ich bin Gefangener auf Ehrenwort, Signor!«
»Sie sind ein Brigant, ein Bandit! solchen Leuten nimmt man kein Ehrenwort ab, sondern schnürt ihnen die Arme auf den Rücken, bis man sie mit fünf Kugeln oder einem Strick abfertigt!«
»Das mag bei Ihnen Sitte sein, General,« sagte der Kapitain empört, »aber nicht in der französischen Armee. Ich bin Offizier in der Armee Seiner Heiligkeit, Adjutant des General Lamoricière's, und habe mich Soldaten des Königs Victor Emanuels als Kriegsgefangener ergeben, indem ich nur der Uebermacht wich. Fragen Sie diesen Herrn!« er wies nach dem piemontesischen Offizier.
Dieser bejahte stumm.
»Ich habe von meinem Comandant en chef,« fuhr der Franzose unerschrocken fort, »die Ordre, mit meinen
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Leuten den Gebirgskrieg gegen Ihre Truppen zu führen. Von einem Friedensschluß des Königs Victor Emanuel mit Sr. Heiligkeit dem Papst ist mir Nichts bekannt - ich bin demnach in meinem vollen Recht und verlange die Behandlung als Kriegsgefangener, wie sie unter civilisirten Nationen Sitte ist!«
»Sie haben in Gesellschaft von Räubern und Banditen gewegelagert« schrie der General wüthend.
»Signor - ich habe das Recht mir meine Gesellschaft zu wählen, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß jeder französische Edelmann die des Capitano Tonelletto der Ihren vorziehen wird!«
Diese kühne Beleidigung reizte den General auf's Aeußerste; er trieb unter den heftigsten Drohungen sein Pferd gegen den Wehrlosen und hätte diesen sicher über den Haufen geritten, wenn der Graf Sismondi ihm nicht in die Zügel gefallen wäre. Er flüsterte dem Erbitterten einige Worte zu, aus dem der scheu zurückgetretene Kreis der Umgebung nur die Namen »der Kaiser! - General Cialdini - der König« verstand, die aber ihren Eindruck nicht zu verfehlen schienen; denn General Pinelli begnügte sich, die Zügel mit einem Ruck frei zu machen und, einen Fluch über die verwünschten Franzosen murmelnd, dem Kapitain zu winken, er könne zurücktreten.
»Kapitain Rocca!«
»General!«
»Sie haben Ihre Sache schlecht gemacht - Sie haben diese Schurken entwischen lassen!«
»Euer Excellenza wollen sich erinnern, daß meine
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Ordre lautete, auf allen Verlust hin die Stellung der Briganten zu stürmen und sie daraus zu vertreiben. Ich habe meine Pflicht erfüllt - mein Verlust beträgt zehn Todte und vierzehn Verwundete.«
»Nun dann sind Sie gut dabei weggekommen und das wird Ihren Onkel den Herrn Marschall freuen« sagte der General höhnisch. »Aber Ihre Aufgabe war, diese Bande zu vernichten oder zu fangen, damit an ihr ein Beispiel statuirt werde!«
»General« sagte der Kapitain vor innerem Zorn bebend, - »ich habe meine Schuldigkeit gethan - Niemand kann mir gerechter Weise einen Vorwurf daraus machen, daß ich bei Nacht, auf einem ganz unbekannten Terrain die Schlupfwinkel der Eingeborenen nicht errathen konnte!«
»Gleichviel - Sie konnten wenigstens Gefangene machen - aber nicht einen Einzigen!«
»Nicht einen Einzigen,« sagte der Offizier barsch, »denn ein Weib zählt nicht!«
»Ein Weib? was für ein Weib?«
Der Kapitain schien seine Worte zu bereuen - er zögerte mit der Antwort.
»La capitana Maria!« rief eine Stimme aus dem Kreise.
»La capitana Maria? Die Metze des Banditen Tonelletto und seiner Kameraden? Und das sagt man mir jetzt erst? Wo ist das Weibsstück?«
Der Oberlieutenant von Arnim trat hastig einen Schritt vor, als wollte er sich dazwischen werfen, - sein Gesicht war dunkelgeröthet. Die Hand des Kapitain
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Chevigné faßte jedoch seinen Arm und zog ihn zurück. »Um Gotteswillen schweigen Sie, Herr Kamerad - Sie reizen den Wütherich noch mehr.«
»Wo ist die Metze, die Landstreicherin?« brüllte der General.
Der Kreis hatte sich scheu geöffnet - Maria O'Donnell stand vor dem Erbitterten, der wenigstens ein Opfer suchte.
»Also diese ist's - eine Seiltänzerin - eine Landstreicherin! Und von solchem Komödienschanz haben sich Soldaten schrecken lassen? Nun, wir wollen ein Beispiel executiren. Ruthen herbei!«
Selbst die Soldaten sahen sich erstaunt, erschrocken an.
»Nun? wird es? Wo ist der Profoß? Er soll der Dirne die Röcke über'm Kopf zusammen schnüren und ihr eine Tracht Hiebe geben, - das wird ihr das Komödienspielen verleiden!« Er lachte wild auf.
Das Mädchen stand todtenbleich vor ihm - sie hatte nicht die Kraft, eine Geberde zu machen.
»General!«
»Was beliebt?«
»Es ist eine Dame aus gutem Stand, Signor,« sagte der Conte Sismondi. »Ich habe mich gewiß am meisten über sie zu beklagen, aber solche Strafe wäre in der That zu hart. Ich bitte um Gnade für sie.«
»Herr Major - ich habe mich einmal Ihrem unerbetenem Rath gefügt, weil - weil höhere Interessen es forderten. Hier bin ich Herr und werde doch wohl noch
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das Recht haben, eine Vagabondin züchtigen zu lassen wie mir beliebt. Wo ist der Profoß?«
Der Unteroffizier trat vor.
»Nehmt Eure Gehilfen und thut wie ich gesagt. Dort auf die Bank!«
»Nur ein Nichtswürdiger wird eine solche Handlung gegen ein Weib begehen. Kein Offizier darf das dulden!« rief Kapitain Chevigné laut.
Der wüthende Blick des Generals traf ihn. »Nehmen Sie sich in Acht Herr,« sagte er grimmig, »daß ich Sie nicht wegen Aufreizung zur Meuterei ergreifen lasse!«
Noch immer stand die junge Irländerin unbeweglich - todtenblaß - mit starren Augen - selbst der rohe Soldat zögerte, sich ihr zu nähern.
Der Preuße hatte sich los gerissen - er sprang vor das Pferd.
»General - ein Wort!«
»Was wollen Sie?«
»Diese Dame hat für das Leben der Erschossenen gebeten! Sie ist den Briganten nicht gefolgt, um mit eigener Gefahr zwei Ihrer Soldaten aus dem Flammentod zu retten, mich und jenen Mann dort! Es ist ein Weib - ein schuldloses Mädchen - General - Gnade für sie!«
»Es bleibt bei meinem Befehl!«
»Excellenza - es darf nicht geschehen - bei Ihrer Ehre - rächen Sie sich nicht an einem Weibe!«
»Ihre Landsleute, mein Herr Deutscher,« sagte voll Haß der Piemontese, »haben in meiner Heimath das Beispiel gegeben. Was General Haynau in Brescia an den
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edelsten Frauen that, thue ich hier gegen eine Landstreicherin - sonst Nichts! Geben Sie Ihren Säbel ab, Oberlieutenant, Sie sind Arrestant für Ihre unverschämte Einmischung.«
Der Offizier sah mit einem drohenden entschlossenen Blick umher, eine tiefe Blässe verdrängte die Farbe der Erregung. Langsam zog er den wieder angelegten Säbel aus der Scheide, setzte die Klinge auf den Boden, den Fuß darauf, und zerbrach sie.
Die Stücke warf er vor die Füße des Pferdes. »Ich bin ein preußischer Edelmann,« sagte er mit tödtlicher Ruhe - »ich fordere meinen Abschied aus einer Armee, wo Männer wie Sie kommandiren!«
»Profoß!«
Der General wies zitternd vor Wuth nach dem Mädchen - der Unteroffizier winkte seinen Gehilfen und trat auf sie zu.
In diesem furchtbaren Augenblick schien sich die krampfhafte Starrheit der Unglücklichen zu lösen - sie fiel auf die Knie und streckte flehend die Hände aus.
»Den Tod! - lassen Sie mich erschießen - aber entehren Sie mich nicht!«
»Für liederliche Weiber ist die Peitsche! Vorwärts.«
Der Profoß legte die Hand auf ihre Schulter - sie streckte die Arme nach dem deutschen Offizier: »Retten Sie mich! - den Tod!«
Ein Revolverschuß knallte - einen Augenblick, dann färbte ein Blutfleck die Brust der Irländerin - sie fiel vorn über.
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»Jetzt, Profoß,« sagte der Preuße, indem er den noch dampfenden Revolver fallen ließ - »legen Sie die Hand an mich! ich bin Ihr Gefangener.«
General Pinelli, ohne ein Wort zu sprechen, wandte sein Pferd und galopirte den steilen Weg hinunter.
Um das Mädchen drängte sich eine dichte Gruppe - Männern und Frauen, selbst alten rauhen Soldaten liefen die Thränen in den Bart - der Bersagliere, den sie oben auf der Felsenhöhe aus dem Flammengrab geholt, schluchzte Wie ein Kind.
»Um Gott - was haben Sie gethan, Herr Kamerad!« rief der Hauptmann Rocca. »Aber mein Oheim soll den Hergang wissen!«
»Ich bin nicht mehr Ihr Kamerad, Signor,« sagte der Preuße stolz. »Sie hat mir das Leben gerettet - ich ihr die Ehre!« Er setzte sich traurig auf die Bank, die zu der schändlichen Exekution hatte dienen sollen.
Plötzlich öffnete sich das Gedränge um die Sterbende. Langsam, hoch aufgerichtet, schritt die hagere Gestalt der Aebtissin in ihren dunklen Gewändern durch die Reihe - gefolgt von den vier Laienschwestern, das Crucifix in der Hand.
»In manus tuas, Domine, commendo spiritum suum!«
Sie legte das Kreuz auf die blutende Brust - die Augen der Sterbenden suchten, schon halb verdunkelt, nach dem Mann, der noch zwei Tage vorher sie gebeten, die Nachricht seines Todes in die ferne Heimath zu senden.
Jetzt ging sie ihm voran.
Ein bereits nicht mehr der Erde angehöriges Lächeln verklärte ihr Gesicht, als die brechenden Augen ihn gefunden.
»I thank you, my dear friend!«
»Suspice Domine servam tuam in locum sperandae sibi salvationis a misericordia tua!«
Und die Menge umher murmelte »Amen!« -
Sonnenschein ringsum - in den Wipfeln der Fichten, über die Felsen rauschte leise der Wind. Ein lieblicher reiner Geist schwebte empor zum Vater - frei und frech ging die Sünde hinaus in die Welt!
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Der Hofbanquier!

Ein in plärrenden Tönen auf und nieder wogendes Murmeln füllte das Gemach - es war das Schema Israel, das Gebet am Sterbelager, das die Anwesenden sprachen und dessen Worte sich mit dem Stöhnen des Leidenden vermischten.
Der Arzt war vor kaum einer Viertelstunde fortgegangen - er hatte der Familie offen gesagt, daß die Auflösung noch vor dem Abend erfolgen werde. Jetzt war nur die Familie mit dem Sterbenden allein - blos von Zeit zu Zeit steckte ein kleiner buckliger Mann mit scharf geschnittenen orientalischen Zügen, die blaue Brille zwei scharfe beobachtende Augen verbergend, den Kopf durch die Falten der Portière.
Das Gemach war prächtig möblirt und doch nicht elegant, wie man es häufig jetzt in den wohlhabenden jüdischen Familien findet. Die Benutzung zur Krankenstube hatte die Unordnung noch erhöht - kostbare, theure Möbel, Vorhänge, Teppiche - nirgends die ordnende Hand eines feinen guten Geschmacks, die selbst das einfachste Möblement so ansprechend und zierlich machen kann.
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Die seidenen, oben von einem vergoldeten Seraph gehaltenen Vorhänge eines breiten Himmelbettes waren jetzt zurückgeschlagen. Auf den schwellenden Matratzen, unter der rothen Seidendecke lag zusammengekrümmt die fleischlose, skelettartige Gestalt eines alten Mannes. Es war selbst in der Majestät des Todes etwas Kleinliches, Schäbiges in dieser Figur, das ihr den Charakter aufprägte, als gehöre sie nicht in die luxuriöse Umgebung, als würde dem Mann das Sterben dann um so schwerer, wenn er an die Verschwendung dachte, die man für sein Todtenlager aufgewendet.
Der Mann war sehr alt - nicht eine Krankheit endete dies zähe Leben, sondern das Ausgehen der Kräfte. Deshalb war sein Athem kurz, kaum hörbar, und während die Finger in jenem schrecklichen Delirium der Nerven, das man das »Flockensuchen« der Sterbenden nennt, auf der Decke umherspielten und zerrten, und so das letzte Stadium des scheidenden Lebens jedem kundigen Auge hinlänglich bewiesen, fuhr doch von Zeit zu Zeit ein Strahl vollen Bewußtseins aus den seinen, und die blauen eingefallenen Lippen ließen Worte aus dem zahnlosen Mund dringen, die bekundeten, daß all' die alten Leidenschaften und Gedanken des Lebens noch die scheidende Seele beschäftigten.
Die Umgebung des Sterbenden bestand aus vier Personen - aber nur eine von ihnen schien aus vollem Herzen Theil zu nehmen an dem alten Mann, und doch waren es alle seine nahen Verwandten.
Diese Theilnehmende war seine Gattin, eine Greisin wie er, wenn auch wohl zehn oder fünfzehn Jahre jünger.
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Das faltenreiche, gewiß einst schöne Gesicht der in einen bequemen schwarzseidenen Ueberrock gekleideten Frau, das Haar von einer weißen Haube bedeckt, war nach dem Leidenden gerichtet und beugte sich oft zu ihm nieder, ihm Worte des Trostes zuflüsternd. Wie sie so da saß auf einem Lehnstuhl dicht am Bett, hatte sie wirklich ein ehrwürdiges, Theilnahme erweckendes Aussehen, wenn auch der ganze Ausdruck des Gesichts etwas Apathisches, Mattes zeigte. Es war, als habe der Kampf eines langen Lebens alle Energie in ihr aufgezehrt und sie gleichgültig gegen die meisten Eindrücke gemacht. Und in der That war das lange Leben an der Seite dieses jetzt sterbenden Mannes Nichts gewesen, als eine fortlaufende Kette von Kämpfen ihres ursprünglich guten und freundlichen Gemüths gegen Geiz, Habsucht, und Arglist, die nur ein Ziel gekannt - das Geld!
Dennoch - jetzt am Ende dieses Kampfes - hatte dies unter tausend Verletzungen verstumpfte Herz die ewige Theilnahme des Weibes für den Vater ihrer Kinder bewahrt, und Thräne auf Thräne stahl sich aus den grauen Wimpern und rollte über die gefurchten Wangen, wenn ihre zitternde Hand dem Kranken einen der Liebesdienste leistete, die jene furchtbare Stunde tragen helfen.
Dieser Geist der Liebe schien jedoch wenig ihre Kinder zu beseelen.
Das ziemlich große Gemach - das Wohn- und Schlafzimmer seiner Mutter - auf und nieder, wobei der weiche Teppich jedoch seine Schritte unhörbar machte, ging der Sohn des Sterbenden. Auch er war bereits ein Mann
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von etwa 45 bis 48 Jahren, eine kurze Gestalt mit behäbigem Embonpoint und dickem Kopf mit hoher Glatze, während die Seiten noch von dichtem krausem, schwarzem Haar, das von Oelen und Pomaden glänzte, umgeben war. Die scharf gebogene Nase, das runde feste Kinn hatte er vom Vater, aber die Physiognomie war im Ganzen gemeiner, platter, und unter den dickbuschigen Brauen lagen ein Paar Augen, deren Ausdruck jetzt Hochmuth und Aerger war. Auch seine Finger spielten, aber nicht mit den Flocken des Todes, sondern mit den Berlocques der Uhrkette, um das Blitzen der Diamanten sehen zu lassen, die über das weiße dicke Fleisch vortraten, zu seinem eigenen Vergnügen; denn wenn ihn die rothen und grünen Strahlen erfreut, hoben sich die Winkel des dicklippigen Mundes und er warf einen weniger ärgerlichen Blick auf die beiden Frauen, die mit ihm das Gemach theilten, oder nach der Portière, durch deren Spalt alle Viertelstunden der schmale spitze schlaue Kopf erschien und ihn fragend ansah.
Dann zuckte Herr Moritz Cahn, der Hofbanquier ungeduldig die breiten, festen Achseln, warf einen Blick nach dem Sterbebett und schüttelte das in der eigenthümlichen Racenart eingesetzte Haupt als Zeichen, daß der alte Mann noch immer nicht sterben wolle.
Der fürstliche Hofbanquier trug einen feinen blauen Frack mit blanken Knöpfen und dunklem Sammetkragen, weiße Weste über dem kleinen Spitzbauch und äußerst feine Wäsche. Es fehlte nur Eines bei dem comfortablen Kostüm, das ihm erlaubt hätte, direkt vom Sterbebett nach Hofe zu fahren und die befohlene Summe dem Herrn Leibkammerdiener
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Serenissimi in blanken, unbeschnittenen Friedrichsd'oren oder guten preußischen Kassenanweisungen zu überbringen - das kleine rothe, grüne, blaue oder gemischte Bändchen, oder besser der bunte Cordon um den Hals, nach dem sein Herz schon so lange und so sehnsüchtig schmachtete, fast sehnsüchtiger noch als nach dem Adels- und Baronsbrief, den seine glücklicheren Geschäftsfreunde, die Rothschilde, Sina's, Eskele's und Erlanger doch schon so lange besaßen.
Hätte er das Ordensband gehabt, er hätte es gewiß getragen an diesem hochwichtigen Tag.
Den Verdruß, der die Stirn des künftigen Freiherrn faltete, machte ihm seine leibliche Schwester, eine der Damen, die wie zwei bauchende Katzen in den beiden Sopha-Ecken saßen; denn zu seiner Gemahlin, der anderen, sah er nur mit einer gewissen Bewunderung auf. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn Madame Elvire Cahn, geborne Lessing, stammte aus einer ästhetischen Judenfamilie in Berlin, sprach Italienisch und Englisch, war eine Freundin Ludmilla Assing's und einiger anderen verläumdeten Emancipationen aus dem Thiergarten oder der Potsdamer Straße, und hatte bereits eine Novelle und verschiedene Gedichte unter dem Titel »Politische Erynnien« und dem Namen »Miriam« geschrieben. Sie war eine sehr kleine und zarte Erscheinung, die viel Essig trank, um einen recht blassen Teint zu bewahren, mit zwei langen, schwarzen Hängelocken nach Art der Cavaliere aus der Zeit Carl's I. von England, um ihr an und für sich nicht unschönes schmales und nur durch eine zu dicke Nase gezeichnetes Gesicht
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einzurahmen. Die tiefbraunen, schmachtenden Augen hielt sie entweder mit den langen Wimpern geschlossen, oder schlug sie melancholisch zur Decke empor, wobei der feine schwarze Pinselstrich auf dem unteren Lide ihre feurige Melancholie oder ihr melancholisches Feuer noch hob. Jedenfalls aber vermied sie consequent, damit ihre Schwägerin in der andern Sopha-Ecke anzuschauen. Wir haben vergessen, anzuführen, daß die Dichterin der »Politischen Erynnien« ein in rothem Maroquin mit Goldschnitt gebundnes Exemplar von Heine's Gedichten in der Hand hielt und von ihrem schwarzen Seidenkleide mit halber Stuartkrause das goldene Lorgnon an der gleichen Kette mit den zahlreichen Medaillons sich sinnig abhob.
Aber obschon sie in halber Wendung ihrer Schwägerin den Rücken kehrte, schienen deren giftige Blicke doch magnetisch auf ihre Nerven zu wirken und diese in peinlicher Unruhe zu halten. Die Schwägerin der Frau Hofbanquier, die einzige Tochter des sterbenden Mannes, war eine ihr ganz entgegengesetzte Persönlichkeit. Breit auseinander gegangen, wie sehr häufig die orientalischen Frauen in der Ehe werden, saß sie fest und energisch auf ihrem Platz. Ihr volles Gesicht zeigte trotz der etwas hängenden Wangen noch eine gewisse Schönheit, und der ziemlich deutlich auf der Oberlippe sichtbare schwarze Bartflaum den kräftigen selbstständigen Geist. Ihre dunklen herrischen Augen fuhren mit einer gewissen mühsam verhaltenen Erbitterung von einer Hälfte des ihr so nahe verwandten Ehepaars zur anderen und sahen dann wieder ungeduldig alle fünf Minuten auf die Uhr.
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Der Kranke regte sich in seinem Bett und stöhnte lauter als vorher. Sogleich beugte sich die alte Frau über ihn. »Wie geht es Dir Itzig - leidest Du sehr? Gott wird Dir beistehn!«
Der alte Mann murmelte einige unverständliche mürrische Worte, allmälig wurden sie vernehmlicher. »Vier Perzent - er ist ein Narr, das Kaptal is doch verloren, er wird uns noch ruiniren der Moritz mit seine vornehme Freunde, und hätte doch machen können fünfundzwanzig Perzent! - Weh geschrien über mein Geld - wo ist der Moritz, Rebecca, ich muß reden mit ihm, - ich will reden mit Euch Allen, denn Ihr werdet sein Bettler, wenn Ihr treibt die Verschwendung so fort!«
Er hatte sich mit Hilfe der alten Frau aufgerichtet in den Kissen, über die er ärgerlich mit der Hand strich.
»Seide und Flaum? Wie kommst Du dazu, mich zu legen auf seidene Kissen, Rebekka? Hab' ich darum gespart achtzig Jahr, daß ich noch soll verderben ä kostbares Bett mit meinem todten Leib? Wo ist der Moritz, mein Sohn?«
Auf den Wink der Mutter war der Hofbankier näher getreten - auch die Tochter hatte sich erhoben.
»Was giebt's? was soll's?«
Der Alte starrte ihn mit gläsernen Augen an. »Der Wievielste ist heute?«
»Der Siebenundzwanzigste, Aette!«
Er machte eine vergebliche Anstrengung, die Hand zum Kopf zu erheben.
»Bei'm Wasser Mosis - Du wirst haben kein Geld
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zu bezahlen am Ultimo, wenn Du giebst unser sauer Erworbenes an die Gojim, blos weil sie sind vornehme Herren! Der Nulandt ist klüger wie Du!«
Der Sohn zuckte ungeduldig die Achseln. »Wir haben gesehn, wer's aushält - ich oder Er! Kümmert Euch nicht mehr um's Geschäft und sterbt in Frieden!«
»Wie soll ich erwarten ruhig den Dalles, wenn ich seh' mein Geld verschwenden umher? Was thust Du mit der Ehre, wenn Du verlierst Dein Geld? Ich nehm' zurück den Verkauf, ich will noch weiter ändern das Testament hier, wenn Du nicht thust, wie ich will!«
Die Tochter schob den Bruder bei Seite und drängte sich vor das Bett, die Hände in die Hüften gestemmt.
»Testament? - also ist doch gemacht ein Testament. Warum, wofür? Warum weiß ich Nichts davon? Aber ich will's nicht leiden - ich will haben mein Recht und gleichen Theil und Du sollst nicht sterben, bis ich weiß, was steht im Testament!«
Der elende Greis sah sie wild an. »Was will die Närrin? hat sie nicht gekriegt genug? Sie ist die ärgste Verschwenderin von Euch - Sie und ihr Mann! Hab' ich doch verloren an seinem Bankrott zwei Mal mein Geld - dreißigtausend Thaler baar!«
»Es ist nicht die Hälfte von dem, was mir gebührt! Ich will sehn das Testament, eh' Ihr sterbt, ich will wissen, ob meine Kinder betrogen sind!« Sie wollte mit Gewalt an das Bett, um die Kissen zu durchwühlen, unter denen, wie der Sterbende unwillkürlich angedeutet, wahrscheinlich ein Testament
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verborgen war. Die alte Frau rang jammernd die Hände - Herr Moritz Cahn zerrte mit aller Macht die Zeternde am Kleid und den Haaren zurück, doch wäre es ihm kaum gelungen, wenn eine drohende Bewegung des Kranken ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre.
Der alte Wucherer schien noch einmal die Gewalt über seine Glieder bekommen zu haben, er hielt den hagern scelettartigen Körper aufrecht ohne die Hilfe seiner Frau und schüttelte den dürren Arm gegen die Tobende. »Willst Du haben die Verwünschung, meinen Fluch, über Dein Haupt bis in's zehnte Glied, Du schlechtes Weib? Aus meinen Augen mit ihr - werft sie hinaus - ich -« Er fuhr plötzlich mit den Händen durch die Luft und fiel röchelnd zurück.
»Gott Israels - er stirbt!«
Das Gefühl des Sohnes schien doch durchzubrechen durch den Panzer von Eitelkeit und Habsucht, der ihn gleichgültig gemacht gegen die schwere Stunde seines Erzeugers. Der Hofbankier hielt den Sterbenden in seinen Armen. Eine Minute lang starrten die Augen aus den tiefen Höhlen umher, ein Zittern lief durch den alten abgenutzten Leib, dann krallten die hagern Finger um einen der vergoldeten Knöpfe des blauen Fracks - der Mund schnappte nach Luft.
»Moritz mein Sohn - lauf - hol' ein schlechtes Gewand, dem nicht schadet der Krie[Krié] - ich fühl's - das ist der Tod, der holt sein Prozent -«
Der Unterkiefer klappte nieder mit dem letzten Wort
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- wie Frost schüttelte es die ausgemergelte Hülle - noch ein Stöhnen - der alte Mann war todt!
Die Tochter des eben gestorbenen Mannes war vor der Drohung der Verfluchung erschrocken zurückgewichen bis an's Ende des Gemachs und hatte einen Augenblick lang das Gesicht mit den breiten fleischigen Händen bedeckt. Als sie von dem Aufschrei der Matrone erschreckt, wieder emporsah und näher eilte, war es zu spät. Der Hofbankier zog eben seine Rechte aus der Brusttasche seines Fracks zurück, während seine Linke den hagern Körper des Greises in die Kissen zurücksinken ließ. Ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine dicken Lippen. »Er ist hinüber gegangen in Frieden, laßt uns beten das Schema Israel.«
Die Mahnung des Sterbenden - in der sich mit dem letzten Athem des gebrechlichen Körpers noch sein Geiz aussprach, der seit Jahren so viele harte Kämpfe in der Familie verursacht, war überflüssig gewesen. Herr Moritz Cahn dachte nicht daran, das alttestamentarische Gebot des Krié - des Zerreißens aller Kleider auf dem Leibe bei dem Tod eines Angehörigen - zu vollziehen, eben so wenig wie Schiwe sitzend die Todtengebete zu sprechen oder gar Asche auf sein Haupt zu streuen. Das Leben hatte viel zu viel Anforderungen an ihn, und als er jetzt, um doch in Rücksicht auf die strenggläubige alte Frau, die wehklagend über dem Bett des Todten lag, sich auf eines der Kissen niederließ und langsam den Gebetriemen hervor zu suchen begann, nachdem er sich begnügt, sein Taschentuch zu zerreissen, that er einen tiefen Athemzug, wie ein Mann,
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der von einer großen Sorge und Last befreit ist, und in seinem Auge funkelte es wie die Sicherheit einer goldenen Zukunft.
Die Tochter des Hauses hatte sich gleichfalls auf den Boden niedergelassen, doch waren auch ihre Gedanken wenig bei der Andacht, die ihre Lippen verrichteten. Hätte sie es gewagt, die Mutter anzurühren, sie würde sie fortgezogen haben von dem Bett, um es nach dem Testament zu durchwühlen, von dem der Alte gesprochen. Die Gleichgültigste bei der ganzen traurigen Scene war sicher die nervöse Gattin des Hofbanquiers. Sie blieb sehr ruhig im Sopha sitzen, mit einem gewissen hochmüthigen Mitleid die vom jüdischen Gesetz vorgeschriebenen Ceremonieen ihrer Verwandten betrachtend, und ihr einziges Zeichen der Theilnahme war, daß sie das Buch fortlegte, sich dann erhob und hinaus ging, um dem Hauspersonal den Tod ihres Schwiegervaters zu verkünden, in Wahrheit aber, um der ihr unangenehmen Scene zu entweichen.
Das Sterbezimmer füllte sich alsbald. Der Erste, der erschien, war der bucklige Buchhalter, ein Inventar des Hauses. Er wußte in seiner Theilnahme so geschickt zu manövriren, daß er zwischen die Tochter und den Sohn kam. Der Herr Hofbanquier schien trotz der blauen Brille den fragenden Blick des kleinen Mannes zu fühlen, denn er zog aus der Brusttasche des Fracks, doch so, daß es die Schwester nicht sehen konnte, die Ecke eines Couverts, worauf der Buchhalter sich auf die Erde setzte und die gewöhnlichen Sterbegebete begann.
Das andere Dienstpersonal, das nach ihm eintrat,
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bestand aus der Kammerjungfer der Frau Hofbanquier, einer Französin, die sich micht[nicht] länger aufhielt, als um ihre Neugier zu befriedigen, und dann wieder verschwand, - der robusten Köchin, einem Hausmädchen, dem Bedienten und dem Kutscher.
Alle diese waren Christen.
Es ist eine sehr merkwürdige und bezeichnende Erscheinung, daß die Juden fast nur christliche Dienerschaft in ihr Haus aufnehmen; - sehr selten findet sich ein jüdisches Dienstmädchen, ein jüdischer Diener in ihren Häusern, es sei denn ein altes Inventarienstück, das zum Dienen herabgesunken. Schon Moses hat von den Kananitern zum auserwählten Volke gesagt: sie sollen Deine Knechte sein und für Dich arbeiten im Schweiße ihres Leibes! und noch heute, nach vierunddreißighundert Jahren betrachtet sich der Jude als der Herr und macht den Christen zu seinem Kananiter.
Die anderen Mitglieder der Dienerschaft waren unbedeutende gewöhnliche Personen, die auf ihre Herrschaft schimpften, ihre Religion verspotteten und doch ihr Geld nahmen. Am Besten bezahlt - ja sogar sehr gut und eine gewisse Diktatur im Hause ausübend - war die Köchin, denn sie kochte vortrefflich, und die Juden sind lecker.
Ueber dies Niveau erhob sich allein das Hausmädchen.
Sie hieß Friederike und war eine geborene Berlinerin. Eine große, schlanke und proportionirte Figur, mochte sie etwa 20 bis 22 Jahre zählen, hat ein feines, hübsches Gesicht und große, sanfte, braune Augen, um die freilich tiefe Schatten lagen. Ueberhaupt war das Gesicht trotz der
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Jugend und sonstigen Frische des Mädchens blaß und leidend. Sie trug ihr schönes, reiches Haar zierlich und glatt gescheitelt, und ihre ganze Kleidung, wenn auch sehr einfach und gering, war sauber und nett.
Während die anderen Dienstboten an der Thür stehen blieben und gedankenlos die Hände falteten, ging Friederike durch das Zimmer, kniete einige Augenblicke an dem Bett des Todten nieder, ihr Vaterunser zu sprechen, und richtete dann unter liebreichen, von einer gewissen Bildung zeugenden Worten die jammernde alte Frau auf und brachte sie zurück in ihren Lehnstuhl.
Als sie so zu dem verständigen und liebevollen Samariterdienst durch das Zimmer ging, den weder Sohn noch Tochter geleistet hatten, warf der Hofbanquier im Vorüberkommen einen sehr wenig der Trauer entsprechenden Blick auf die elastische, schöne Gestalt.
Indem hörte man unten einen Wagen rollen und vor dem Hause halten.
»Ah! Gott sei Dank,« sagte die Tochter des Hauses, »die Eisenbahn ist angekommen. Das ist mein Mann!«
Der Hofbanquier hatte sich erhoben. »Willst Du ihm nicht entgegen gehen, liebe Marianne?«
Sie sah ihm scharf in die Augen. »Ich? nein! Friederike, sieh zu, wer gekommen ist.«
Der Banquier lächelte spöttisch. »So will ich es selbst thun. Bleibe bei meiner Mutter, Mädchen, und bringe sie womöglich zur Ruhe.«
Er hatte kaum das Zimmer verlassen, als die Tochter die Dienstleute fortschickte, nach dem Sterbebett eilte und
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ohne sich um den Todten zu kümmern, hastig die Kissen des Lagers zu durchwühlen begann, ja, als sie hier Nichts fand, fühlte sie überall unter den Betten und zwischen den Matratzen umher.
Aber ihre Mühe war umsonst - von einem Testament war keine Spur vorhanden. Bestürzt stand sie da und wurde so von ihrem Bruder und Mann getroffen, die mit mit einander in's Zimmer traten.
Der Letztere war klein, mager und sehr beweglich. Er mochte einige 30 Jahre zählen, hatte den kahlen Schädel unter einer eleganten Haartour von Lohsé verborgen und trug sich nach der neusten Mode. Seine Frau war offenbar mehre Jahre älter als er.
»Gott der Gerechte,« sagte er mit einem gewissen Lispeln, das er für fashionable hielt, - »welch' schweres Unglück hat uns betroffen! Der alte würdige Herr, der beste Freund, den ich hatte, ein wahrer Vater für mich, daß er so früh sterben mußte! Ich hoffe, mein Engel, Du hast wenigstens mit in Empfang genommen seinen Seegen für mich! Ich habe auf die erste Nachricht Alles im Stich gelassen, obschon übermorgen ist der Ultimo an der Börse und heute singt die göttliche Trebelli von den Italienern mit einer neuen Sängerin, Signora Piccolomini, ich sage Ihnen, Schwager, piekfein! Hätt' ich können geben dem Frankfurter Schnellzug die Geschwindigkeit vom Telegraphen, bei Gott, ich hätt's gethan - und nun komm ich doch zu spät. Aber was steh' ich da und schwatze und hab' noch nicht begrüßt unsere würdige Mutter, die Krone vom Hause I. M. Cahn und Compagnie. Gott, was müssen Sie
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gewesen sein betrübt, zu verlieren den Mann, mit dem Sie gelebt haben sechszig Jahr als ein Musterbild für die Welt!«
Er küßte der alten Frau die Hand, die indeß nicht besonders erbaut schien von ihrem Schwiegersohn, ihm nur einige Worte sagte und dann von dem Hausmädchen, welche unterdeß die Vorhänge des Sterbebettes geschlossen hatte, sich fortführen ließ.
Der berliner Börsenagent, denn ein solcher war Herr Nathan Schlesinger, der Gatte der Tochter des Hauses, wandte sich jetzt wieder an diese.
»Ich hoffe, mein theurer Engel, all' die großen Anstrengungen in der Pflege des alten Herrn werden nicht geschadet haben Deiner kostbaren Gesundheit. Gott, was sollte werden aus mir und unsern Kindern, den süßen Geschöpfen, wenn Du krank würdest und zusammenbrächst von all' den Sorgen und Mühen! Ich würde mir raufen die Haare aus vor Verzweiflung.«
»Das wirst Du wohl bleiben lassen, Nathan,« sagte die Dame sehr ruhig, »denn so viel ich weiß, hast Du nicht viele mehr. Auch sehe ich nicht aus, als ob ich so zerbrechlich wäre, das wollen wir der Schwägerin überlassen. Aber nun genug des Unsinns, dazu bist Du nicht hierher gekommen. Hier, frage diesen Mann, wie es mit unserer und unser Kinder Erbschaft steht und ob der Vater ein Testament hinterlassen hat oder nicht? Ich wenigstens habe Nichts finden können.«
Der Hofbanquier lächelte. »Wenn Du Dir damit Mühe gegeben hast, liebe Schwester, so war sie vergeblich.
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Hättest Du mich gefragt, so würde ich Dir gesagt haben, daß unser Vater schon vor sechs Jahren ein Testament gemacht und bei dem Gericht rechtsgültig niedergelegt hat.«
»Wenn Du das weißt, wirst Du auch seinen Inhalt kennen,« sagte die Frau heftig. »Du warst von jeher ein Schleicher, Moritz, ein falscher Mensch. Ich kenne Dich! Was steht in dem Testament? Ich sage Dir, ich werde mich nicht betrügen lassen um mein Erbtheil, wenn auch der hier schweigt, weil er ein leichtsinniger Mann ist und voll Schulden, der in Deinen Händen steckt!«
Der Börsenagent schob die goldene Brille auf die Stirn. »Gott der Gerechte, mein Engel, wie kannst Du sein so ungerecht mit mir? Ich, ein leichtsinniger Mann? Schwager - Sie wissen, sie meint's nicht so in ihrer Heftigkeit. Als ob ich nicht wüßte, daß Sie nicht der Mann sind, um den Kindern Ihrer Schwester auch nur für einen Thaler - was sag' ich, für einen Thaler? für einen Pfennig zu kurz zu thun?«
»Der?«
Der ganze jahrelange Familienhaß lag in der einzigen Sylbe. Dann wandte sie sich nochmals zu dem Bruder.
»Willst Du mir sagen, wie das Testament lautet?«
»Ich weiß es nicht!«
»Du weißt es nicht? Das mache einer Anderen weiß.«
»Und doch ist es so. Das Original ist bei'm Gericht deponirt, aber eine Abschrift hat unser Meier in Händen, wohl versiegelt mit dem Pettschaft des Vaters und des Notars. Keiner von uns weiß, was es enthält.«
Der kleine verwachsene Buchhalter bekam auf einmal
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in Folge dieser Nachricht ein besonderes Gewicht in den Augen des Ehepaars. Die Frau schoß auf ihn zu und faßte ihn bei den Schultern. »Ist das wahr, Meier, sprechen Sie?«
»Der Herr Hofbankier hat Recht. Der alte Herr hat mir geschenkt das Vertrauen. Er wußte, daß er sich auf mich verlassen konnte.«
»Und Sie haben das Testament seit sechs Jahren in den Händen und haben mir nie ein Wort davon gesagt?«
Der Verwachsene zuckte die Achseln. »Madame Schlesinger waren in der Zeit so selten hier und ich niemals in Berlin. Ueberdies hatte es mir der selige Herr streng verboten, davon zu sprechen.«
»Aber der da wußte es doch,« sagte die Frau, mit dem Finger auf ihren Bruder zeigend. »Hüte Dich, Kleiner, daß Du nicht auch gegen mich ein schlechtes Spiel führst!«
»Wie können Sie glauben - -«
»Geh' und hole das Testament!«
»Mein Engel,« sagte der berliner Agent, »ich weiß, wie sehr Dir das Wohl unserer Kinder am Herzen liegt, aber Du wirst einsehen, daß dies nicht ist die Zeit und der Ort, um vorzunehmen eine so wichtige Familienhandlung, wo doch dabei sein muß die Mama. Ueberdies ...«
»Nun, was noch?«
»Ueberdies ist gekommen mit mir ein Fremder, welcher dringende Geschäfte hat mit dem Schwager. Ich schlage vor, daß wir kommen morgen früh zusammen, um
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zu verlesen das Testament, bis wohin uns der Herr Meier den Gefallen thun wird, es bei sich zu behalten.«
Nach einigem Nachsinnen willigte Frau Schlesinger in dies Arrangement. Es war ihr selbst darum zu thun, ihren Mann vorher unter vier Augen zu sprechen.
»Wer ist der Herr, der mit Dir gekommen ist?«
»Du kennst ihn nicht - er ist ein feiner Mann, der Doktor Straußthal aus London. Er hat vorzuschlagen dem Schwager und mir ein Geschäft.«
»Gewiß wieder einer von den Schwindlern an der Börse, mit denen Du reingefallen bist noch jedes Mal. Aber ich sage Dir, Nathan, nicht einen Groschen sollst Du haben von meinem Geld mehr für Deine Spekulationen und für's Verthun. Du hast Frau und Kind und brauchst nicht zu scharwenzeln hinter den Sängerinnen von der Oper und hinter den Tänzerinnen vom Ballet, die doch blos lachen hinter Dir her!«
Die würdige Familie verließ hierauf das Sterbezimmer, in dem der Todte allein zurückblieb, bis der Rabbiner und die Leichenfrauen eintraten.


Etwa eine Stunde später saßen die beiden Schwäger mit einem Dritten in dem Arbeitskabinet des Hofbankier Cahn. Der Fremde war ein Mann von etwa 40 Jahren, von festem gedrungenem, selbst etwas beleibtem Körperbau und einem äußerst charakteristischen Kopf. Die Stirn, im Bogen zurückweichend, war hoch und massiv, das ganze Gesicht, obschon in einigen Zügen die orientalische Abstammung verrathend, hatte einen bei dieser ungewöhnlichen
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Ausdruck von Kraft und Energie. Die Nase war fest und breit, die Lippe unter dem kurzen Schnurbart etwas aufgeworfen, das Kinn massiv, aber leicht zurücktretend. Das Gesicht war voll, das Haar braun und kurz gelockt, das Auge fest, ruhig, nachdenkend. Das Ganze war eine Persönlichkeit, die wenn auch nicht Zutrauen, so doch Achtung gebot und welcher der Stempel einer energischen geistigen Thätigkeit aufgedrückt war.
Die Herren rauchten treffliche Cigarren, auf dem Tisch, um den sie - der Fremde und der Hofbankier im Sopha, Herr Schlesinger ihnen gegenüber - saßen, stand Chateau Lafitte und eine kleine Collation.
»Sie würden also Seine Hoheit den Herrn Herzog nicht vermögen können, sich an die Spitze einer Aktienbank zu stellen?«
Der Hofbankier zuckte die Achseln. »Der vortreffliche Herr ist zu Allem bereit, er protegirt die Kunst und den Nationalverein, er stellt sich mit Vergnügen an die Spitze von Turn- und Schützenvereinen, er schwärmt für das einige Deutschland und für Schleswig-Holstein meerumschlungen, - was heißt meerumschlungen? davor giebt die Börse nicht ein Viertel Prozent! Aber was ist das Reelle, das Solide - er hat keinen Sinn für's Geld und es ist Nichts zu machen mit ihm!«
»Aber er wird doch eben so gut eine Million brauchen können, wie jeder Andere!«
»Was heißt eine Million, mein bester Herr Straußthal? Die Millionen liegen heutzutage nicht auf der Straße!«
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»Erlauben Sie, da bin ich anderer Meinung. Das Geld liegt allerdings sehr auf der Straße, nur muß dieselbe jetzt anstatt mit Steinen mit Eisenbahnschienen gepflastert sein. Ich habe den Kopf voll Projekte und bin von London expreß nach Deutschland gekommen, um Seiner Hoheit anzubieten, sich an die Spitze der Eisenbahn-Bewegung zu stellen, die über kurz oder lang kommen muß. Man hat Sie mir als seine rechte Hand in Finanzsachen gerühmt, als einen Mann von großer Einsicht und Klugheit. Da ich gewohnt bin, rasche Entschlüsse zu fassen, habe ich Ihren Herrn Schwager hierher begleitet und ich kann nur bedauern, daß Sie mir so gänzlich jede Hoffnung benehmen; denn es versteht sich von selbst, daß wir das Geschäft in Compagnie gemacht hätten.«
»Aber warum bestehen Sie darauf, gerade Seine Hoheit an die Spitze zu stellen? Ich will Ihnen im Vertrauen sagen, daß das Privatvermögen des Herzogs nicht gerade sehr bedeutend ist. Ich muß das wissen, da ich es verwalte. Und was die Staatsgelder anbetrifft, so übt der Landtag strenge Controlle.«
»Wollen Sie in der That wissen warum?«
»Es muß ein tieferer Grund sein, den ich nicht beurtheilen kann.«
»Nun wohl, Herr Cahn, was ich Ihnen hier sage, geschieht im Vertrauen. Ich hoffe, daß, wenn auch dieser Plan fehlgeschlagen ist, wir doch in Verbindung bleiben und vielleicht manches Geschäft mit einander machen werden.«
»Lassen Sie hören!« Der Banquier blies den Rauch
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seiner Cigarre in Ringeln in die Luft und lehnte sich bequem in die Sophaecke zurück.
»Zunächst ist es mir nicht im Traum eingefallen, daß Ihr Herzog auch nur einen Thaler einschießen sollte.«
»Ah!«
»Was ich brauche, das ist Namen! vornehme Namen, die Kredit haben beim Publikum. Sie wissen, daß das erste Geheimniß im Börsenspiel ist: zu wagen! Es giebt nichts Dümmeres, als das Publikum. Es wird niemals einsehen, daß die Hunderttausende, die in Spekulation gewonnen werden, zuletzt doch immer aus seiner Tasche stammen. Die berliner Börse ist auf dem besten Wege, das endlich zu begreifen, was man in Paris und Wien schon längst gethan hat. Aber wenn ich heute komme - der unbekannte Doktor Straußthal - und verlange vom Publikum seine Ersparnisse oder von der Regierung eine Conzession, so lacht man mich aus. Anders aber ist es, wenn einige Herzöge und Grafen an der Spitze stehen. Da mag das Project noch so gewagt, noch so gefährlich sein, das Publikum wird Aktien kaufen und die Regierungen werden die Conzessionen geben; denn hohe Herren haben überall ihre Verbindungen und eine Hand wäscht die andere.«
»Aber sie werden den Löwenantheil verlangen!«
»Bewahre. Die hohen Herren haben immer ihre Passionen: die Pferde, das Spiel, die Maitressen! sie brauchen also immer Geld und ein gescheuter Geschäftsmann weiß das zu benutzen. Sollte diese Wahrheit Ihnen so unbekannt sein?«
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Der Banquier begnügte sich zu schweigen.
»Also man muß die Herzöge und Grafen in die Gründungs-Comité's nehmen. Die Verwaltung selbst wird man ihnen mit leichter Mühe aus der Hand spielen; dahin gehört die zweite Kathegorie, auf die ich nachher zu sprechen komme. Indem der vornehme Adel spielt an der Börse, giebt er das Beispiel aller Welt und hat nichts mehr voraus vor dem Kaufmann, der über kurz oder lang sein Herr sein wird, weil er klüger ist und das Geschäft besser versteht als jener. In fünfzig Jahren, Herr Cahn, darf es keinen Adel der Geburt mehr geben, sondern nur noch eine Aristokratie des Beutels.«
»Sie gehen zu hastig, lieber Freund,« meinte der Banquier. »Es ist doch Etwas, ä gewisser nobler Hauch um die vornehme Gesellschaft. Man thut fühlen, daß man zu was Besserem geboren ist, als umzugehen mit dem Pöbel.«
»Nun, Ihnen kann es ja nicht schwer werden, sich nobilitiren zu lassen. Sie sind reich genug und ein Paar Ordensbänder sind für einen klugen Mann leicht zu haben. Wenn Ihnen das Spaß macht, warum nicht?«
»Ich möchte mir eine Bemerkung erlauben,« schob der Börsenagent ein. »Unser Adel in Preußen ist sehr zurückhaltend und es wird schwer sein, ihn für ein solches Project zu gewinnen!«
»Bah - das ist meine Sache! Geld braucht Jeder heute, und Jeder will es so leicht als möglich erwerben. Ich würde das auf mich nehmen. Man wirft zuerst einen Zopf hin, etwa eine Unterstützung des Grundbesitzes,
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eine Bank zu socialen Zwecken! Man bemächtigt sich der Prinzipien des Herrn Schulze Delitzsch in nobleren Formen. Hat der Löwe erst Blut geleckt, so kommt der Appetit im Essen! Aber dies kann Alles nur der Anfang sein. Unser Ziel muß bleiben, die Aristokratie in Eisenbahn- und Bankenspeculation zu verwickeln[.] Die Gegenstände dazu brauchen keineswegs im Lande zu liegen, je entfernter, desto besser, dann können die Aktionaire den Unternehmer desto weniger controlliren. Die Börse, der Unternehmungsgeist muß dem Staat die Prämien-Anleihe aus der Hand nehmen, es ist unnöthig, daß dieser so bedeutende Vortheile zieht. Eisenbahnen, Banken und Prämien-Anleihen müssen alles Vermögen in die Hände der großen Speculation bringen, dann erst kann diese einem Lande wirklich nützen und industrielle Unternehmungen beginnen, mit welchen den Leuten Arbeit und Brod geschaffen wird. Ich denke keineswegs inhuman, ich will jeden Arbeiter anständig verdienen lassen, aber die Hand darf nicht den Kopf regieren wollen, und wir sind auf dem besten Wege in unserer politischen Entwickelung, daß dies geschieht.«
»Aber die Beamten Herr Doktor - es ist eine eigensinnige gefährliche Race und schlimmer herumzukriegen, als der Adel!«
Darauf will ich eben noch zurückkommen. Ich rede hier nicht von dem untergeordneten Volk, sondern nur von Personen die wirkliche Bedeutung haben, die Minister, die Geheimräthe! Warum soll man sie nicht verdienen lassen, wenn sie uns nützen? Die berliner großen Geldinstitute
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sind schon seit lange zu der Einsicht gekommen. Ein Geheimrath oder anderer hoher Beamter im Verwaltungsrath einer Bank, einer Eisenbahn, irgend einer industriellen Unternehmung ist gar nicht mit Gold zu bezahlen. Zunächst erfährt man durch diese Quelle Alles, was uns zu wissen nützlich und nothwendig ist, eher als das Publikum davon Kenntniß erhält. Zweitens sind sie die Personen welche das durchsetzen müssen, was im Interesse der Aktienunternehmungen ist, die Concessionen, die Expropriationen, die Zinsgarantien und die Ausgabe der Prioritäten. Denken Sie sich zwei oder drei Geheimräthe aus dem Handelsministerium als Mitglieder von Eisenbahn-Verwaltungen, zwei oder drei aus dem Finanzministerium als Mitglieder großer Geldinstitute! Werden sich die fünf oder sechstausend Thaler, die jeder da bekommt, nicht hundertfach rentiren? - Leider sind sie noch nicht ganz so weit in Berlin, aber der Einfluß der Börse ist doch bereits in allen Branchen des Lebens deutlich erkennbar. Die neue Aera bricht mit dem alten Preußischen System. In einem Staate ist für die liberale Partei nur dann etwas zu machen, wenn der Staatshaushalt ein Defizit zeigt. Es giebt Gott sei Dank auch in Preußen kein Ministerium mehr, in dem nicht unsere Leute - denn wenn ich mich auch habe taufen lassen, habe ich doch Nationalgeist! - bereits ihren Fuß haben. Die Rechtsanwaltschaft ist zum großen Theil, die Presse mit wenig Ausnahmen in unserer Hand. Wir haben tüchtige Vertreter im Gemeinderath und im Abgeordneten-Haus, die Klubs und Vereine gehören uns, wie auch der Einzelne gegen die Juden schreien mag! Das
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Theater - unser! Der Häuserbesitz - fragen Sie unter den Linden, in den fashionablen und lukrativen Stadttheilen nach, wie viel uns gehört! Indem wir das Geld an die Börse locken, entziehen wir es dem Grundbesitz und auch er muß durch Hypothekennoth in unsere Hände fallen. Wie gesagt - ich denke nicht inhuman, aber ich halte die Herrschaft des Kapitals, das ist: des Verstandes - für nothwendig!«
»Ich wundere mich,« sagte der Banquier, »daß bei solchen großen Plänen Sie sich nicht Wien zum Schauplatz ausgesucht haben. Es wäre ein Feld für Sie!«
»Nicht mehr! Andere sind uns dort zuvorgekommen, der Adel und die Beamten gehören bereits der Börse, aber das große Publikum ist noch nicht reif genug. Es ist zu katholisch oder zu roh. Wir riskiren den Hals. Oesterreich ist für einen klugen Mann gut, um die gewonnenen Kapitalien sicher anzulegen, nicht aber um solche zu erwerben. Für einen Mann von Genie giebt es jetzt nur ein richtiges Feld, und das ist Berlin. Deshalb, Herr Cahn, wundere ich mich, daß ein Mann wie Sie in diesem kleinen thüringschen Städtchen, wenn es auch eine sogenannte Residenz ist, versauert, statt sich einen größeren Wirkungskreis zu suchen.«
»Auf Ehre, ich habe auch schon daran gedacht,« sagte der Bankier geschmeichelt. »Aber meine Geschäfte hier - sie sind solide, sie lassen sich nicht so rasch abwickeln.«
»Also auf Wiedersehen in ein oder zwei Jahren in Berlin. Auch ich werde schwerlich eher dort mein Domizil nehmen!«
Die drei Börsenmänner stießen darauf an.
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»Bis dahin haben Sie Zeit, über die neuen Eisenbahnpläne nachzudenken, die ich Ihnen vorschlug: Berlin - Wien über Görlitz, Petersburg - Warschau - Leipzig - Frankfurt, Hamburg - Paris, Wien - Constantinopel, Berlin - Cöln als Konkurrenz gegen das Monopol der Potsdamer Bahn!«
Der Bankier lachte behaglich. »Dazu würde doch schon von Anfang etwas mehr gehören, als das Haus I. M. Cahn und Comp. einschießen kann!«
Der Doktor begriff sofort. »Glauben Sie doch Verehrtester, daß ich die erste Regel unserer Kunst begriffen habe. Ein Bankier schießt niemals eigenes Geld ein, er schlägt nur um und macht davon seine Prozente. Die englischen Versicherungsbanken haben Geld genug disponibel und sind damit nicht sehr ängstlich. Ich könnte Ihnen Beispiele erzählen! Ein Bankerott in England hat noch weniger auf sich, als, der Humanität sei Dank! schon in Deutschland der Fall ist. Ueberdies wäre das englische Geld, was wir in deutschen Spekulationen verbrauchten, eigentlich nur eigenes Gut; denn der Deutsche ist so gutmüthig, daß er sich von dem englischen Schwindel immer kirren läßt. Sehen Sie z. B. die Lebensversicherungen an! - In früheren Zeiten zahlte England Subsidien zu den Kriegen, heute zu den Eisenbahnen!«
Er erhob sich.
»Und nun, verehrtester Freund, da wir uns wenigstens über einige allgemeine Prinzipien verständigt haben und ich Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht, will ich mich Ihnen empfehlen. Ich gehe morgen nach Berlin und
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London mit dem Mittagszug zurück. - Apropos - Sie haben in Ihrem Geschäft ja wohl einen Herrn Jakob Meier?«
»Ja wohl,« sagte der Bankier einigermaßen erstaunt. »Was ist's mit ihm?«
»O - nicht viel. Er scheint mir ein ganz intelligenter Mensch - er hat eine kleine verunglückte Spekulation an der berliner Börse in Südamerikanern gehabt, - aber ich bin sehr gern bereit, sie zu übernehmen für das vortreffliche Memoir, das er mir durch Ihren Schwager hier zugehen ließ, über eine Operation der nordamerikanischen Anleihe. Sie werden vielleicht die Güte haben, ihn morgen Vormittag in die drei Mohren zu schicken, wo ich logire.«
Der Hofbankier machte ein sehr merkwürdiges Gesicht bei der Nachricht, daß sein Buchhalter ein Genie sein sollte und auf eigene Hand spekulirte. Das Erste war ihm zwar nicht ganz unbekannt, er glaubte es aber doch nur in seinem eigenen Interesse entwickelt, das Zweite aber consternirte ihn gewaltig und er warf einen sehr fragenden Blick auf seinen Schwager, den Agenten.
Herr Schlesinger that jedoch überaus unschuldig und hielt die Augen fest auf den Rubin in seinem Weinglas gerichtet.
»Ich werde nicht ermangeln,« sagte der Bankier endlich, »wir haben zwar morgen eine kleine Familien-Conferenz - Sie wissen, mein Vater ist heute gestorben, der alte Mann, trotz alles Schmerzes für uns ein wahrer Seegen für ihn - aber es wird sich immer noch dazu Zeit finden. Darf ich vielleicht wissen, was die Differenz
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beträgt von Joseph Meier? und werde ich nicht mehr die Ehre haben, Sie zu sehen?«
»Oh - was die Differenz betrifft, eine Lumperei, fünftausend Thaler. In Beziehung der zweiten Frage - ich bin zwar sehr beschäftigt, wenn Sie mir aber etwas Besonderes noch mitzutheilen haben sollten -«
Der Börsenagent mischte sich in das Gespräch: »Schwager, Sie wissen, was wir morgen vorhaben - sollte es nicht gut sein, für alle möglichen Fälle - wenn vielleicht eine kleine Controverse sich erheben sollte - die Marianne ist unberechenbar! - einen Unparteiischen dabei zu haben, der zur Sühne redet? Der Herr Doktor würde vielleicht die große Güte haben, der Verlesung des Testaments beizuwohnen!«
»Wenn ich Ihnen oder Herrn Schlesinger einen Dienst damit erweisen kann, mit vielem Vergnügen. Ich werde mich danach einrichten. Um welche Uhr wünschen Sie?«
Der Hofbankier schnitt ein sehr verlegenes Gesicht, - der Vorschlag war ihm offenbar höchst unangenehm und er wäre am Liebsten seinem würdigen Schwager dafür an die Kehle gefahren - indeß er konnte, ohne sich blos zu stellen, nicht mehr ausweichen, und so murmelte er denn eine Wiederholung der Einladung.
»Gut« sagte der Spekulant - »Sie haben also die Güte, Herrn Meier mir um 9 Uhr nach dem Hôtel zu schicken, und ich werde ihn hierher zurück begleiten. Und jetzt, gute Nacht meine Herren!«
Der Bankier begleitete ihn höflich bis zur Treppe, entschlossen seinem Schwager seine ganze Mißbilligung
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auszudrücken über die unpassende Einleitung. Als er aber in das Zimmer zurückkam, hatte sich dieser bereits salvirt.
Herr Cahn trank ärgerlich den Rest der Flasche aus, denn er war ein viel zu guter Geschäftsmann, um so trefflichen Lafitte in die Bedientenstube gehen zu lassen, dann schellte er.
Die Thür wurde geöffnet, aber statt des Bedienten, erschien Friederike, das Hausmädchen. Als sie den Herrn allein sah, blieb sie unter der Thür stehen und behielt diese in der Hand.
»Was befehlen der gnädige Herr?«
»Wo ist Johann?«
»Die gnädige Frau hat ihn fortgeschickt nach der Modehandlung wegen der Trauer.«
»So komm doch herein und mach die Thür zu, es ist kalt.«
Das Mädchen gehorchte zögernd, aber es blieb in der Nähe der Thür stehen.
»Wo ist der Meier?«
»Ich glaube, Madame Schlesinger hat ihn zu sich rufen lassen!«
»Ah - immer besser! Wenn er herunterkommt, soll er sogleich zu mir kommen. Hörst Du?«
»Ja, gnädiger Herr!«
Der Banquier war aufgestanden und ging einige Mal in dem Zimmer auf und nieder.
»Haben der gnädige Herr noch Etwas zu befehlen? Mamsell Lisette hat nach mir gerufen.«
Er blieb dicht vor ihr stehen und betrachtete sie mit
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mit einem Blick, der ihr blasses Gesicht mit dunkler Röthe überzog.
»Ich habe vorhin einen Brief von Berlin bekommen?«
»Wegen meiner Eltern?«
»Ja - die Sache ist unangenehm - Du mußt es wissen, aber ich habe jetzt keine Zeit; um zwölf Uhr, wenn Alles ist im Schlaf, wirst Du kommen zu mir!«
Sie faltete die Hände und sah ihn flehend an. »Ach, gnädiger Herr, wenn Sie die Güte haben wollten, mir es jetzt mitzutheilen - oder morgen!«
»Dummheiten - morgen ist es zu spät. Ich muß bereits morgen früh schreiben! Du kommst - ich befehle es Dir - sonst trage die Folgen. Dumme Trine, sich noch so zu zieren! Also um zwölf, die Thür bleibt offen!«
Das Mädchen ließ die Hände sinken, zwei große Thränen rollten über ihre Wangen, ohne ein Wort weiter zu sagen, drehte sie sich um und ging hinaus.
Der Hofbankier rieb sich die Hände, was überhaupt seine Gewohnheit war, schon um die Brillanten an den kurzen dicken Fingern zu zeigen. »Die einfältige Dirne - aber es soll das letzte Mal sein, ich glaube es ist Zeit, daß sie wird geschafft aus dem Hause! - Der Meier, der Schuft! wie hat er sich doch verstellt gegen mich und was wird er machen morgen für Augen! Bei Gott, ich wollte geben zehn - fünf Louisd'or an die Sammlung für die Abgebrannten in der Zeitung, wenn die Sache erst wäre vorüber.«
Er griff nach der berliner Nationalzeitung, die auf dem Tisch lag, um die Course zu studiren.


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Während der Unterredung der drei Börsenmänner in dem Parterre des Hauses, hatte eine andere unter vier Augen im zweiten Stock stattgefunden.
Dort waren die Fremdenzimmer, also auch die Wohnung der Tochter des Hauses, die längst darin eine Fremde war. Wir haben bereits gehört, daß Madame Schlesinger dahin den kleinen buckligen Buchhalter citirt hatte.
Sie saß auf dem Sopha, die Lampe auf dem Tisch mit ihrer Lichtseite nach dem Stuhl gekehrt, auf welchem der kleine Mann ihr gegenüber hockte, offenbar in sehr unbehaglicher Stimmung.
»Und Sie wissen wirklich nicht Meier, wie das Testament lautet?«
»Ich schwör's Ihnen zu mit zehn Eiden. Ich weiß Nichts davon, nicht einmal von mir selber. Der alte Herr hat nur gesagt, daß er mich gesetzt hat auch in's Testament für meine treuen Dienste, und daß ich würde zufrieden sein mit ihm.«
Madame Schlesinger sah ihn scheel an - diese Aussicht schmälerte offenbar die Erbschaft. Aber sie besann sich und anstatt des barschen herrischen Wesens wurde sie auf einmal zuckersüß.
»Meierchen,« sagte sie, »Sie wissen, was ich immer auf Sie gehalten habe, seit Sie ins Haus kamen, als ich noch ein kleines Schicksel war. Es sind jetzt sechsundzwanzig Jahre her - eine lange Zeit und ich habe viel Unglück gehabt in derselben. Meine Männer haben mich schlecht behandelt und ich wäre gewesen ein elendes Weib, wenn mir der Himmel nicht hätte gegeben Kraft und
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Ausdauer. Sie wissen, daß der Vater war sehr geizig und daß mein Bruder ist schlecht gegen mich. Was hab' ich gekriegt? Nichts als Siebentausend und eine lumpige Aussteuer, wenn ich mir dagegen ansehe die Pracht und die Verschwendung, die herrscht in diesem Hause. Ach Meier, ich bin gestraft worden hart genug!«
»Sie haben geheirathet gegen den Willen des alten Herrn. Marianne - Madame Schlesinger, wenn Sie hätten verstanden zu schätzen ein treues Herz, das voll Liebe schlug für Sie, statt zu sehen auf die grade Figur, wir könnten sein die ersten Leute in der Stadt, die Compagnons vom Hause I. M. Cahn und Comp.«
»Unsinn, Kleiner - kommen Sie nicht auf die alten Geschichten zurück. Aber ich denke, wenn jetzt redlich getheilt wird, auch wenn eine anständige Summe abgeht für Sie - wie viel meinen Sie denn, daß der Alte ausgesetzt hat vor Sie?« unterbrach sie ihre Betrachtung.
»Ich habe gedient dem Hause sechsundzwanzig Jahre treu und redlich, zuerst um ein Hundegeld, und viel mehr ist's auch später nicht geworden, denn der Alte und auch der Herr Hofbankier haben mich immer vertröstet auf die Zukunft. So bin ich treu geblieben dem Hause I. M. Cahn und Comp., wie ich bin treu geblieben meiner ersten Liebe und hab' mir versagt die Freuden der Ehe, um mir zu ersparen Etwas für meine alten Tage. Wenn ich rechne, daß der alte Herr gedacht hat an die sechsundzwanzig Jahr und hat geschrieben: ich will dem Meier geben tausend preußische Thaler für jedes Jahr, - wird es dem Geschäft keinen Eintrag thun, und ich werde Etwas haben,
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wenn die Zeit kommt, von der man sagt: sie gefällt mir nicht!«
Das Gesicht der Dame verzog sich gewaltig, als sie von den Sechsundzwanzigtausend hörte. Der Kleine schien trotz des Schattens, in dem sie saß, etwas davon zu merken, denn er beeilte sich, sogleich hinzuzufügen: »Im Grunde ist's doch nur geborgtes Geld, denn wenn ich sterbe, wem könnte ich's anders vermachen als den Kindern von meiner Liebe!«
Frau Schlesinger schien auf die späte Aussicht nicht viel zu geben. Sie meinte: »Wenn ich mir's recht bedenke - der Aette hat zusammengeschlagen was in seinem Leben, er war ein reicher Mann. Das Geschäft allein ist werth unter Brüdern seine zweimalhunderttausend Thaler. Wenn der Moritz macht Sperenzien, werd' ich darauf bestehen, daß es abgeschätzt wird. Sie müssen's wissen am Besten.«
Der kleine Buchhalter sah sie höchst erstaunt an. »Aber meine beste Madam Schlesinger - das Geschäft -«
»Nun ja, das Geschäft! Ich weiß wohl, daß ich nicht darauf bestehen darf, baar ausgezahlt zu werden, weil das dem Geschäft hieße entziehen das Kapital. Im Vertrauen Meier will ich Ihnen auch sagen, daß mir Nichts dran liegt, denn der Nathan, mein Mann, würd' es am Ende verspekuliren als Bulle an der Börse und giebt mir viel zu viel aus, weil er sich einbildet, er wär' ein großer Beschützer von der Kunst, der Narr! Aber der Moritz muß mir's verzinsen mit sechs und ein halb Prozent, macht im Jahr sechstausend fünfhundert Thaler ohne das Andere!«
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Der Buchhalter war noch immer sehr betroffen. »Wenn Sie sich nur nicht täuschen, beste Madam Schlesinger,« sagte er endlich.
»Was? - sollte das Geschäft nicht so viel werth sein? Von was macht mein Bruder denn das Haus? Von der Elvire, meiner Schwägerin, hat er doch nicht mehr mitgekriegt als zehntausend Thaler, das weiß ich gewiß, und er hat sie viel zu theuer dafür, die verrückte Person!«
»Aber hat Ihnen denn der Herr Schlesinger nicht gesagt - er weiß es doch - -«
»Was?« Sie klatschte mit der breiten fleischigen Hand auf den Tisch.
»Daß der Herr das Geschäft schon vor sechs Jahren verkauft hat an den Herrn Hofbankier!« würgte endlich der in die Enge getriebene Buchhalter heraus.
Die Frau sprang auf, als wäre sie von einem elektrischen Strahl berührt. Der kleine Buchhalter mußte zufassen, sonst wäre die Lampe vom Tisch gefallen.
»Verkauft? - das Geschäft verkauft?«
»Ich dachte, Sie wüßten's längst. Aber freilich, Sie sind nicht hier gewesen seit vier Jahren! Es war zur Zeit, als der seelige Herr gemacht hat das Testament und niedergelegt in meine Hand. Er ist seither nur gewesen der Disponent im Geschäft von I. M. Cahn u. Comp.«
»Und das erfahre ich jetzt erst? Das hat gewußt der Nathan, der Lump, mein Mann, und hat mir Nichts gesagt davon?«
Der Bucklige begnügte sich, die Achseln zu zucken, er hatte offenbar Furcht vor der Frau, die puterroth mit
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zuckenden Händen vor ihm stand, als wolle sie ihm jeden Augenblick in die Haare fahren.
Sie faßte sich endlich gewaltsam. »Was thu' ich damit,« sagte sie. »Der Vater ist gewesen der Herr und er war nicht der Mann, der verkauft hätte billig und wär's sein eigener Sohn. Wie viel hat der Moritz gegeben dafür?«
Der Kleine zuckte wieder die Achseln. »Ich weiß Nichts davon, es steht im Testament?«
»Wo ist das Testament? her mit dem Testament! ich will wissen, woran ich bin!«
Herr Meier suchte sie zu beruhigen. »Beste Frau Schlesinger, machen Sie kein Lärmen. Morgen wird sich ja Alles finden. Gewiß kann die Kaufsumme nicht klein sein, ich weiß es am Besten, was es einbringt, und Sie werden Ihren guten Theil erhalten davon.«
»Nichts da - ich geh' hinunter auf der Stelle, ich werde sie zur Rede sehen, den Moritz und den Lump, meinen Mann, der mir verschwiegen hat die Sache!«
Der kleine Buchhalter warf sich verzweifelt vor die Thür. »Ich lasse Sie nicht hinaus in der Aufregung! Marianne, schönste Madam Schlesinger, bedenken Sie, was Sie wollen thun! Sie machen mich unglücklich, denn der Herr Hofbankier wird glauben, ich hätte geklatscht, ich wollte Sie aufhetzen gegen ihn!«
»Mir egal!«
»Aber nicht mir! Bedenken Sie um Gotteswillen den Skandal vor den Leuten! Der alte Herr ist kaum kalt ...«
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»Was kümmert's mich! er hat gehandelt wie ein Rabenvater an seinem Kind!«
»Sie wissen's nicht, Sie können Nichts sagen davon! - Bedenken Sie die alte Mama, Ihre Mutter, die würdige Frau, sie hätte den Tod davon in der Stunde, und sie ist doch gewesen Die, welche immer gehalten hat auf Sie und zur Sühne gesprochen.«
Der kleine Buchhalter hatte den einzigen Punkt getroffen, der die wüthende Frau im Zaume halten konnte. Die Mutter - die in der That ehrwürdige und treffliche Matrone - war unantastbar für die Tochter wie für den Sohn. So egoistisch und schmuzig die beiden Charaktere auch sonst sein mochten, - die unbedingte Verehrung für die alte Frau, die Scheu, ihr zu nahe zu treten, war ein glänzender Lichtpunkt in diesem Bild von Habsucht und Neid. Zugleich kam dem Buchhalter ein anderer Umstand zu Hilfe, die erbitterte Frau von ihrem Vorhaben abzulenken.
Herr Nathan Schlesinger trat eben nach dem Abschied von dem Doktor, die Arie der Zerline: »Fürwahr, mein Wuchs ist nicht übel« trällernd, in's Zimmer.
Auf ihn fuhr die Frau, die wenigstens einen Gegenstand haben mußte, ihren Grimm auszulassen, als auf den am Ersten berechtigten los und der kleine Meier benutzte schnell die Gelegenheit, sich aus dem Staube zu machen, indem er durchaus nicht den Wunsch hegte, der ehelichen Scene beizuwohnen.
Im Hausflur unten nahm er Hut und Mantel vom Nagel, da er gleiche Absichten auch in Betreff seines Herrn
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Prinzipals hegte, und verschwand für den Abend aus dem Hause, in dem er in der Nähe des Comtoirs ein kleines Stübchen bewohnte, noch bevor das Hausmädchen Friederike das Zimmer des Bankiers verlassen hatte.


Es war Mitternacht! Im Hause des Hofbankiers war Alles ruhig - nur aus einer Kammer im Hinterhause blinkte ein matter Lichtschein - die Leichenwächterinnen wachten dort bei dem Todten, um den kein anderer Mensch trauerte, als die alte Frau, der vielmehr allen Anderen längst zu lange gelebt hatte.
Frau Elvire hielt auf Anstand und vornehmen Brauch und ihr Schlafzimmer befand sich getrennt von dem ihres Gatten auf der entgegengesetzten Seite des Hauses neben dem Zimmer der beiden zarten Sprößlinge ihrer Ehe, bei denen die französische Kammerfrau schlief, die zugleich der Ersparniß halber das Amt der Bonne versah, die Kleinen spazieren trippeln ließ und mit sehr schlechtem Französisch aus der Kommunalschule von Neufchatel fütterte. Dem Herrn Cahn schien die Einrichtung ganz genehm, - den Grund werden wir wahrscheinlich noch erfahren.
Jetzt lag der Hofbankier in seinem französischen Himmelbett mit der breiten elastischen Doppelmatratze, dem Rollkissen zu Füßen und den zarten Daunen unter'm Kopf und las, diesen auf den Arm gestützt, in einem Roman von Paul de Kock bei dem Licht der beiden Wachskerzen auf dem eleganten Nachttisch, von Zeit zu Zeit nach der
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brillantenbesetzten goldenen Ankeruhr sehend, die zwischen den Lichtern mit einigen Papieren und Briefen lag.
»Es ist zwölf Uhr - ich glaube wahrhaftig, die Närrin kommt am Ende nicht. Das sollte sie büßen!« Er griff unter das Kopfkissen und zog ein Couvert hervor.
»Das verdammte Codizill! was da drin stehen mag! Zum Henker, ich brauch' es ja blos zu öffnen und wenn mir's nicht gefällt, es zu verbrennen. Selbst der kleine Halunke, der Meier, weiß nur davon, daß ein Papier existirte - ich durfte es ihm nicht verschweigen, da sicher der alte Mann ihm davon gesprochen hat. Aber wer kann mir beweisen, daß es nicht ein gleichgültiges Blatt, ein letzter Brief an mich war? Ist es doch nur an die Mutter adressirt!«
Er sann einige Augenblicke nach, dann machte er hastig eine Bewegung, als wolle er das Siegel brechen.
Aber er stand wieder davon ab.
»Nein,« sagte er leise, »es ist besser, ich thu's verbrennen ungelesen. Wenn ich nicht weiß den Inhalt, kann es nicht beschweren mein Gewissen. Als der alte Mann gemacht hat das Testament, ist er gewesen bei vollem Verstand, wie kann bezeugen der Advokat. Was kann ich davor, wenn er hat geändert seinen Sinn, - es war doch Alles abgemacht, schwarz auf weiß. Ich kann nicht leiden darunter -«
Er hob die Hand und näherte das Couvert, auf dem eine einfache Adresse von der zitternden Hand des Verstorbenen geschrieben war, der Flamme der Kerzen - aber es war, als ob mit dieser Bewegung der Schatten des alten Mannes
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sich drohend vor ihm erhoben - er sah sein runzelvolles blasses Gesicht, er fühlte den durchbohrenden Blick seiner Augen.
Der erhobene Arm sank nieder.
»Nein - es könnte mir verschwarzen die Hand,« murmelte er feig - »die ich legte an das Papier. Ich will es doch lieber öffnen - vielleicht ist es nicht schlimm und ich kann spielen den Großmüthigen, indem ich zeige das Codizill.«
Sein Entschluß schien gefaßt, er öffnete vorsichtig das Couvert und ließ es auf den Nachttisch fallen. Dann schlug er den zusammengefalteten Bogen auseinander und begann hastig zu lesen.
Aber der Inhalt schien wenig seinen Beifall zu haben. Sein Gesicht verzerrte sich - seine Zähne knirschten und er ballte krampfhaft das Papier zusammen. »Gott soll mir vergeben die Sünde, der Narr, der Lump - will er mich noch betrügen im Grabe? Rückgängig der Verkauf - ich soll geben mein gutes Geld dem leichtsinnigen Weib meiner Schwester? - Nimmermehr - nimmermehr!« und wieder hob er das Blatt nach der Flamme - die Erbschaft der Madame Schlesinger war sehr in Gefahr!
Aber - wiederum schien der Schatten zwischen ihn und den Frevel zu treten - da drüben - dort an der Thür stand es - die dunkle Gestalt mit dem weißen gespenstigen Gesicht; - die wenigen Haare, die der Hofbankier noch hatte, begannen sich zu sträuben und seine Augen quollen aus den Höhlen, wie er mit offenem Mund auf die Erscheinung starrte, die eine Bewegung machte -
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Sie hatte die Thür hinter sich geschlossen, sie wandte sich um - es war das Mädchen, Friederike -
Das Ah! kam wie ein Ruf der Freude aus seiner zusammengepreßten Kehle, es fiel wie eine schwere Last von seiner Brust.
»Ah - Du bist's! Wie kannst Du mich erschrecken, einfältiges Ding!«
Das Mädchen blieb an der Thür stehen, ihr angenehmes Gesicht war blaß und verweint. Sie trug ihr gewöhnliches Hauskleid und ein großes dunkles Tuch um den Kopf geschlagen. In der Hand, mit der sie es zusammenhielt, hatte sie ein Papier - einen Brief.
»Sie haben es befohlen, Herr Cahn, sonst hätte ich Sie nicht gestört,« sprach sie leise. »Ich bitte Sie, darf ich wieder gehen?«
Er bedachte sich einen Augenblick. »Nein!« sagte er dann hart. »Ich habe mit Dir zu reden. Riegle die Thür ab, und dann komm hierher! - Es hat Dich doch Niemand gesehen?«
»Niemand!«
Während sie sich umwandte, den Befehl zu erfüllen, faltete er das Papier in seiner Hand wieder zusammen und legte es vor sich auf den Tisch. Er bemerkte oder beachtete es nicht, daß die Zugluft bei der Oeffnung der Thür das Couvert, aus dem er es vorher so vorsichtig genommen, vom Rand der kleinen Marmorplatte niedergeweht hatte auf den Teppich vor dem Bett.
»Komm her!«
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Das Mädchen kam langsam näher - es war, als hinge eine Centnerlast bei jedem Schritt an ihren kleinen, nur mit Strümpfen bekleideten Füßen.
In kurzer Entfernung blieb sie stehen.
»Herr Cahn - haben Sie Mitleid mit mir! - Sie wollten mir Nachricht geben von meinen Eltern - von meinem alten Vater, von meiner Mutter! O mein Gott, welche Schande bringe ich über ihre weißen Haare!«
Der Hofbankier hatte sich halb aufgerichtet von seinem schwellenden Lager, seine vorstehenden Augen überflogen jetzt mit ganz anderem Ausdruck, als sie vorhin gezeigt, die schöne hohe Gestalt des Mädchens.
»Warum kommst Du angezogen hierher, als wolltest Du machen eine Visite außer'm Haus? Ist das ein Kostüm für ein Uhr Nachts und wenn man kommt zu einem guten Freund?«
Das Mädchen trat einen Schritt näher und warf sich auf die Knie vor dem Bett, indem sie die Hände siehend emporstreckte. Dabei fiel ihr Tuch von Kopf und Schultern und enthüllte die schöne Form des ersteren, das weiche Haar, das jetzt fessellos das hübsche blasse Gesicht umgab und auf die vollen Schultern niederfiel.
»Haben Sie Mitleid mit mir, Herr Cahn,« wiederholte sie flehend. »Sie wissen, zu was Sie mich gemacht haben, und warum ich es geworden bin. Was wollen Sie mir sagen von meinem Vater? ich ängstige mich so sehr!«
Der Hofbankier sah mit Vergnügen in die großen braunen Augen, die so nahe vor ihm stehend zu ihm erhoben waren. Er strich ihr das schöne braune Haar aus
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der Stirn und begann dann die Knöpfe des einfachen Kleides über der vollen Brust zu lösen, das sie züchtig bis hoch an den weißen Hals hinauf geschlossen trug.
Die Unglückliche ließ es schaudernd aber ohne Widerstand geschehen.
»Meine Eltern? Wie ist es mit ihnen?« sagte sie nur.
Statt der Antwort langte der Bankier nach dem Papier, das sie in der Hand hielt. »Was hast Du da?«
»Einen Brief von meinem Bruder, dem Unteroffizier bei der Garde - Sie wissen ja von ihm!«
»So - und woher hast Du den Brief bekommen? Ich hab' ihn doch nicht bemerkt unter den Briefen, die der Johann holt alle Tage von der Post? Alle Briefe in mein Haus gehen doch durch meine Hand.«
»Herr Meier gab mir ihn vorgestern!«
»Ah! der Meier! - Und was schreibt Dir Dein Bruder?«
Das Mädchen reichte ihm den Brief. Der Bankier zog ihn aus dem Couvert und überflog rasch den Inhalt.
Der Brief war in fester markiger Handschrift geschrieben. Er war nur kurz, aber wohl geeignet, das Herz des armen Mädchens mit Kümmernissen zu erfüllen.
Der Bruder schrieb ihr, daß er in letzter Zeit Vater und Mutter oft in auffallend trauriger Stimmung getroffen. Die alten Leute hätten ihm aber durchaus nicht sagen wollen, wodurch ihre Ruhe gestört sei. Es läge ihm schwer auf dem Herzen und so hielte er's denn für das Beste, sie gäbe ihren Dienst, in den sie ohnehin gegen
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seinen Willen gegangen, auf und kehre zu den Eltern zurück um sie zu pflegen und aufzuheitern.
Der Hofbankier faltete den Brief wieder zusammen, legte ihn auf den Tisch und sah eine kurze Weile vor sich hin, während das noch immer vor dem Bett knieende Mädchen mit ängstlicher Spannung zu ihm empor sah.
»Also Du willst fort, nach Hause, nach Berlin?«
Ein ängstlicher Seufzer hob die entblößte Brust des Mädchens. »Ich möchte wohl,« sagte sie leise, »aber -«
»Du meinst Deine Dienstzeit ist nicht um?« unterbrach sie der Bankier. »Aber das thut nichts - Du kannst zu meiner Frau sagen, Deine Mutter sei plötzlich krank geworden. Ich werde dafür sorgen, daß Dir kein Hinderniß gelegt wird in den Weg und Du sollst den Lohn haben für das ganze Quartal und noch Reisegeld dazu, wenn Du Dich gut beträgst!«
»Aber meine Eltern, um Himmelswillen, gnädiger Herr - Sie wissen, was die alten Leute so schwer bedrückt! Wie ist es mit der Hypothek - Sie sagten mir heute Abend, daß Sie eine schlimme Nachricht bekommen hätten.«
»Ja so! Das ist wahr. Laß uns die Geschichte einmal ausführlich besprechen. Aber komm herein zu mir - was liegst Du hier auf den Knieen und betest mich an wie das goldene Kalb?«
»Nein, nein! Ich beschwöre Sie - sprechen Sie!«
Das Mädchen war sehr schön in ihrer Angst, wie die zarte Farbe ihrer Wangen sich leicht röthete. Der Hofbankier tätschelte plump mit den kurzen dicken Fingern
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zwischen ihren weichen Haaren, auf dem vollen weißen Nacken, seine Augen fingen an, von lüsterner Gier zu funkeln.
»Warum ist Dein Vater, der Schuhmacher Krause, auch so eigensinnig, das Haus, die alte Kajüte, behalten zu wollen,« sagte er. »Heutzutage wohnt ein kleiner Handwerker besser zur Miethe.«
»Das Häuschen ist unsere ganze Habe,« stöhnte das Mädchen. »Wir Beide sind darin geboren, auch der Vater, schon dem Großvater selig hat es gehört. Es würde der Tod des alten Mannes sein, wenn er es verlassen müßte.«
»Bah - das sind Narrheiten! Das verstört gegen die Mobilisirung des Grundeigenthums, und die moderne National-Oekonomie. Wenn der alte Schuster solche Schrullen hatte, hätte er keine Schulden darauf machen sollen.«
»Ich habe es Ihnen gesagt, Herr, die Hypothek ist noch aus der Kriegszeit, wo es den Bürgern so schlimm ging!«
»Ja - die erste - zu sechstausend Thalern, und das mag die alte Bude wohl werth sein, wenigstens der Platz. Aber die zweite - die dreitausend Thaler - das ist ein sehr unsicheres Geld und der Aaron Hirsch will nicht länger sein Geld stehen haben auf so unsicheren Füßen, wo er kann machen jeden Tag auf der Börse mit Vergnügen seine acht, zehn Prozent!«
»Barmherziger Gott,« stöhnte das Mädchen, »so wäre es wirklich wahr? Aber ich weiß, Herr Meier, der durch Ihre gütige Verwendung bei dem Unglück, das den Vater
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traf, das Geld vorschoß, hat regelmäßig seine Zinsen bekommen!«
»Fünf Prozent - lumpige fünf Prozent!«
»Es sind ja doch christliche Zinsen und mehr zu nehmen, wäre Wucher! Es wohnen ordentliche Leute in dem Hause, die pünktlich Miethe zahlen und ich weiß, daß das Haus mehr werth ist, als darauf steht, man hat dem Vater früher zwölftausend Thaler dafür geboten.«
»Das muß lange her sein, - heutzutage ist das Geld rar,« sagte der Bankier, immer gieriger die Gestalt des Mädchens betastend und das Kleid gewaltsam von ihren Schultern zerrend, wogegen sie sich nur schüchtern zu sträuben wagte. »Jetzt ist eine zweite Hypothek ein unsicher Ding. Wenn Nichts darauf stände auf dem Hause als die Sechstausend, wollte ich Nichts sagen, obschon man immer mehr verdienen kann mit seinem Geld. Häuser und Güter besitzen gehört nur für die reichen Leute.«
»Sie wissen so gut wie ich, Herr Cahn,« flehte das Mädchen, die zügellosen gierigen Hände des Hofbankiers mit tiefem Erröthen zurückdrängend, - »daß der Vater Nichts für das Unglück kann, das ihn vor zwei Jahren traf.«
»Nichts davor kann? - was braucht er zu sein ein Narr und sich zu verbürgen für andere Leut?«
»Es war ein Kriegskamerad vom Vater - sie haben zusammen geblutet in den großen Schlachten. Er stellte Kaution für ihn mit der zweiten Hypothek.«
»Ja - und als der saubere Herr Rendant plötzlich gemacht den Defekt und ihm gefehlt das Geld in der
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Kasse, hat der Freund, der Handwerksmann, bluten müssen für ihn und verloren die Hypothek.«
Das Mädchen starrte, die Hände in einander geschlungen, vor sich hin. »Gott im Himmel allein weiß es, wie das gekommen. Herr Härtung war ein so ehrlicher, braver Mann, der keinem Menschen auch nur einen Pfennig Werth entfremdet hätte. Ein halbes Jahr später wollte er in Pension treten und da hätten meine Eltern das Geld wieder bekommen - da geschah das Schreckliche - da fehlten die achtzehnhundert Thaler - es war ein Glück, daß Gott den alten Herrn bald zu sich nahm - er überlebte es nur wenig Tage!«
»Ein Glück - Du hast Recht - sonst hätt' er doch geendet im Zuchthaus!«
Noch immer beharrte das Mädchen in seiner Stellung. »Der arme Fritz,« flüsterte sie.
»Fritz? wer ist der Fritz?«
»Sein unglücklicher Sohn, Herr!«
»Ah - der Lüderzahn! der wahrscheinlich gestohlen hat seinem Vater das Geld und dann auf und davon gegangen ist in's Weite.«
Diesmal flammten die Wangen des Mädchens purpurn auf und ihr sonst so sanftes Auge blitzte wie drohend auf den Bankier. »Das ist nicht wahr, Herr - Fritz war kein schlechter Mensch, kein Dieb - wenn er auch seinem Vater schweres Herzeleid gemacht hat, weil er der neuen Zeit anhing und Achtundvierzig schon als Knabe mit dem Volk auf den Barrikaden gefochten hat. Ich weiß es wie heute noch, als sie ihn in unser Haus brachten mit dem
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Hieb über die Stirn - das Gesicht mit Blut überströmt. Ich war damals ein zehnjähriges Kind und meine Thränen vermischten sich mit seinem Blut. Nein, nein - der Fritz war kein Dieb!«
»Schau,« sagte der Bankier spöttisch, »das Jüngferchen wird ja ordentlich beredt, wenn es die Vertheidigung gilt von dem Taugenichts, seinem Jugendfreund. Vielleicht gar so 'ne kleine Amourschaft, he?«
»Was ich auch für ihn gefühlt haben mag,« sprach das entwürdigte Mädchen mit einem tiefen Ernst, indem sie sich mit einer hastigen Bewegung der Berührung des Bankiers entzog - »das ist eine Sache zwischen mir und Gott und vorbei für diese Welt. Sie, Herr, wissen das am Besten. Als ich vor zwei Jahren in Ihr Haus kam, da war ich rein und seiner Liebe noch würdig, obschon ich gerade, um ihn zu meiden, das väterliche Haus verließ und in Dienst ging, weil schon damals der Erwerb der Eltern gering war und ich nicht unthätig ihr Brod essen wollte. Bald darauf geschah das Unglück - die ältesten Kinder des Herrn Härtung, um deren Erziehung er gedarbt hatte, damit sie etwas werden sollten im Leben, der Geheim[-]Secretair und die reiche Rentierfrau - sie weigerten sich, die Schuld zu bezahlen und die Caution einzulösen nach dem Tode des Vaters. Damals war es, wo der jüngste Bruder nach einem schrecklichen Streit mit seinen Geschwistern auf und davon ging in die weite Welt. Aber ein Dieb ist der Fritz nicht gewesen; - und nun Herr, sagen Sie mir, was ist es mit meinen Eltern, was ist es mit der Schuld?«
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»Du weißt, daß ein Geschäftsfreund von mir in Berlin, der Herr Aaron Hirsch übernommen hat die Hypothek auf meine Bitte, damit das Haus nicht verkauft wurde von der Behörde, die haben mußte ihre Caution. Ich wollte Dir zeigen, daß ich besitze ein weiches Herz, das nicht widerstehen kann den Thränen aus ein Paar hübschen Augen, wie sie stehen in Deinem Gesicht.«
Das Mädchen schauderte zusammen. »Ja - ich weiß es - ich habe es theuer genug erkauft! Als damals die Mutter mir schrieb voll Verzweiflung und Jammer - und meinte, ich hätte ja einen so reichen Herrn, der vielleicht ein gutes Werk thun würde an ehrlichen Leuten, wo er Nichts zu riskiren hätte, sondern gute Sicherheit und ehrlichen Zins, da bat ich Sie auf meinen Knieen darum, hier in diesem Zimmer; denn ich wußte, daß es der Tod des Vaters sein würde, wenn er das Haus verlassen müßte. Und dennoch ...«
»Hab' ich nicht gleich gethan nach Deiner Bitte?« unterbrach sie der Hofbankier hastig, - »hab' ich etwa eine Belohnung dafür gefordert, daß ich gethan ein gutes Werk und bewogen meinen Freund Aaron Hirsch, zu kaufen die zweite Hypothek?«
»Damals nicht,« sagte sie schaudernd - »aber die Zeit sollte kommen! O gewiß - Vater und Mutter hätten lieber ihr graues Haupt auf einen Stein in der Haide gebettet unter Gottes freiem Himmel, als daß sie zugelassen hätten, mit was ich ihre Ruhe später erkaufen mußte!«
»Was kann ich dafür,« meinte Herr Moritz Cahn
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philosophisch, »daß der Aaron Meier[Hirsch] ist ein strenger Geschäftsmann, der sieht auf seinen Vortheil. Er hat gekauft die zweifelhafte Hypothek theuer genug!«
»Ja - für weniger als zwei Drittheil ihres Werths! Und wäre es nur das gewesen - aber der Vater mußte überdies ausstellen einen Wechsel auf die ganze Kaufsumme, der alle Vierteljahre erneuert werden sollte. Ich verstehe nicht viel von dergleichen Dingen, aber es scheint mir denn doch, daß das nicht nöthig war, wo er die Hypothek selbst hatte, und daß doppelte Zinsen Wucherzinsen sein müssen, die göttliche und menschliche Gesetze verbieten.«
Der Hofbankier zuckte die Achseln. »Was verstehn die Weiber vom Geschäft! Die Wuchergesetze sind ein Unsinn, sie werden auch einmal abgeschafft werden in Preußen über kurz oder lang. - Man kann es dem Aaron nicht verdenken, wenn er will haben doppelte Sicherheit für sein Kap'tal und nicht Schaden leiden an den Zinsen. Freilich - er ist mitunter zu hart!«
»Warum kauften Sie damals nicht selbst die Hypothek, wie ich Sie bat, da Sie doch ein so reicher Herr sind?«
Herr Cahn schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich mache niemals ein Geschäft in Hypotheken,« sagte er. »Das ist gegen mein Prinzip im Handel und Wandel. Aber nun komm hierher - ich hab' es satt, und mach' keine Sperenzien, die nicht mehr am Ort sind zwischen uns, oder es sollte mir leid thun um Deine Eltern!«
»Meine Eltern? Sprechen Sie, Herr Cahn - ich beschwöre Sie!« Sie hatte sich unwillkürlich hastig wieder
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dem Bett genähert. Der Bankier ergriff sie an dem halb entblößten Arm und zog sie mit Gewalt zu sich auf das Bett, wo er wie ein wildes Thier über die Unglückliche herfiel.
»Der Aaron Meier[Hirsch],« keuchte er - »hat gekündigt die Hypothek, - er will haben sein Geld - die Klage ist bei Gericht -«
Ein Jammerschrei des Mädchens antwortete ihm.
»Wenn Du bist vernünftig, will ich helfen noch einmal - Still! Mach' mich nicht bös - Dein Vater ist ruinirt, wenn ich will -«
Ein halb erstickter Seufzer war die einzige Antwort -
Es war ein schauriges Schweigen in dem Gemach - kein Wort weiter - nur zuweilen ein röchelndes Stöhnen.


Eine halbe Stunde darauf - nur eine der Kerzen brannte noch - die andere war umgestürzt auf den Boden gefallen und hatte ein Loch in den kostbaren Teppich gesengt - erhob sich das Hausmädchen von dem Lager des Hofbankiers. Sie war noch blässer denn vorhin, als sie eintrat. Schweigend, zuweilen wie von einem Frost durchschauert, legte sie die halb zerrissenen Kleider wieder an.
Herr Moritz Cahn hatte sich auf den Ellbogen gestützt, er athmete schwer - die Glotzaugen lagen jetzt in tiefen Höhlen.
»Verlaß Dich drauf, Kind - ich werde sorgen noch einmal dafür, daß dem Alten Nichts passirt,« sagte er schwach. »So - Riekchen, wenn Du bist fertig, geh'
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dahin zu dem Wandschrank neben meinem Secretair und mach' auf die Thür. In dem mittelsten Fach steht eine Karaffe - bring' sie her und ein Glas!«
Das Mädchen gehorchte schweigend. Sie setzte die mit rubinglühendem Burgunder gefüllte Crystallflasche auf die Platte des Nachttisches vor den Hofbankier, der mit zitternder Hand einen Pokal von venetianischem Glase füllte und ihn ohne abzusetzen austrank.
Der feurige Wein schien seine erschlafften Nerven wieder zu beleben.
Er füllte den Pokal noch einmal zur Hälfte, trank noch einen Schluck und reichte das Glas dann dem Mädchen.
»Da - trink!«
Sie wies schweigend den Trank zurück und fuhr fort, sich anzukleiden.
»Dummes Ding - was soll die Ziererei! - Na, wie Du willst. Du wirst also morgen oder übermorgen nach Berlin zurückkehren. Ich besuche Dich dort einmal.«
Friederike schlug die Hände vor das Gesicht, ihre Thränen drangen heiß durch die schlanken Finger.
Endlich ließ sie, wie erschöpft von ihrem Schmerz, die Arme sinken.
»Ach Herr Cahn - wie soll ich nach Hause zurückkehren zu meinen unglücklichen Eltern - denen ich meine Schande nicht verbergen kann? Sie wissen nicht, wie unglücklich Sie mich gemacht haben. Ich fürchte, ich bin - -«
Er ließ sie nicht ausreden. Er griff hastig nach seinen
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Beinkleidern und zog aus der Tasche das Portemonnaie, das er öffnete.
»Dummheiten,« sagte er - »da - hier nimm, es ist das Reisegeld, es sind zwei Louisdor, - das Agio steht fünfzehn ein Halb! - Hier, nimm Deinen Brief und geh' - es ist schon spät!«
Sie ließ das Geld auf dem Tisch liegen, auf den er es gelegt, und griff nur nach dem Brief ihres Bruders, des wackeren braven Soldaten, der nicht wußte von der Noth der Eltern, die sie allein kannte durch die Mutter, - am Wenigsten von dem schrecklichen Opfer, das sie gebracht. Ihr Fuß trat auf ein Papier am Boden, sie hob es auf, das Couvert ihres Briefes, und schob es mit dem Brief in den entweihten Busen.
Der Hofbankier hatte ihr gleichgültig zugesehen, - plötzlich schien ihm eine gute Idee zu kommen.
»So,« murmelte er - »das geht - es ist nicht meine Hand, die treffen würde am Ende ein Fluch! - Du kannst mir noch einen Gefallen thun, Kind,« sagte er laut, »damit ich nicht erst aufzustehen brauche vom Bett. - Hier, nimm diese Papiere und das Licht« - er zog das Codizill des Vaters, das er bei ihrem Eintritt unter dem Leuchter geborgen, unter diesem hervor, überzeugte sich, daß es das richtige Papier war und drückte es ihr, mit dem nebenliegenden Couvert zu einer Kugel zerknüllt, in die Hand. »Thu' mir den Gefallen, und verbrenne das, ehe Du gehst, da drüben dort in dem Kamin.«
Sie sah ihn etwas überrascht an, fügte sich aber in das seltsame Verlangen. Die Augen des Bankiers
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verließen ihre Hand mit dem Papier nicht einen Moment, wie sie zu dem offenen feuerlosen Kamin ging, sich niederbeugte, das Papier an der Flamme der Kerze von mehren Seiten anzündete und es zwischen die Stahlböcke warf, wo es rasch zu leichter Asche verbrannte.
Erst als er sich davon überzeugt, athmete er hoch und schwer auf.
»So - schön Dank! Nu kannst Du gehen, Kind!«
Sie wandte sich ohne Gruß, das Tuch wieder um den Kopf geschlagen, nach der Thür. Erst dort blieb sie stehen und kehrte sich, ehe sie den Riegel zurückschob, wieder nach dem Mann, der bereits behaglich sich auf seinem Lager dehnte.
»Herr Cahn - gnädiger Herr - erfüllen Sie mir eine Bitte!«
»Was ist's? Du hast liegen lassen das Geld - ist's der Prinzessin nicht gewesen genug zur Fahrt nach Berlin?«
»Ich will nicht Ihr Geld, aber -«
»Nu?«
»Bitte, - begleiten Sie mich bis an die Treppe und bleiben Sie dort stehen, bis ich durch den Gang an dem Comtoir vorüber bin.«
»Du bist meschucke, Mädchen! Ich soll hinausgehn im Hemd an die zugige Treppe und mir holen den Schnupfen? Was ist das für eine verrückte Idee - was soll das bedeuten?«
»Herr Meier könnte mich sehen - er ist so oft auf in der Nacht!«
»Unsinn! Du bist nicht gescheut! Und dann sollte ich
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mich etwa compromittiren vor dem buckligen Schuft! - Der Meier liegt längst in den Federn, es ist Alles still im Haus. Wenn Dich Einer bemerkt, - was schadt's - Du kannst sagen, daß Du kommst von der Frau oder den Leichenwächtern - aber ich ... Ich bitt' Dich, mach, daß Du kommst fort!«
Er legte sich zurück zwischen die Daunen und griff nach dem silbernen Löscher, um ihn auf die Kerze zu stülpen.


Die Thür öffnete sich leise - ein kurzer Lichtstrahl fiel hinaus auf den Flur und in ihm wankte das unglückliche Opfer der Lust und der Verrätherei des reichen Mannes hinaus. Das Gesicht des armen Mädchens war todtenbleich, große schwere Thränen rannen über ihre Wangen, als sie so, nachdem sie die Thür hinter sich geschlossen, mit trostlosem Blick hinaus starrte in das Dunkel des Treppenflurs.
Hinter ihr klang der Ton des Vorschiebens eines Nachtriegels. Das weckte sie aus ihrer Erstarrung. Sie schauerte zusammen und lauschte dann ängstlich umher, aber Nichts rührte sich in dem stillen Hause, Alles schien in festem Schlaf - ihre Schuld und ihr Elend hatten keine Zeugen.
»Allmächtiger Gott - wie soll das enden? Es bleibt mir Nichts als der Tod!«
Leise, unhörbar, schlich sie bis an das Geländer der Treppe, faßte es mit der Hand und glitt auf den teppichbelegten Stufen geräuschlos hinunter. Die Unglückliche -
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sie mußte den entsetzlichen Weg schon oft gemacht haben, - denn sie hatte Uebung darin ...
Auf der untersten Treppenstufe blieb sie lauschend stehen - sie wußte, daß sie den schlimmsten Theil noch zu machen hatte, denn ihr Weg führte an den Comptoirs vorbei durch einen Corridor nach dem Hinterflügel des Hauses, wo im Halbgeschoß ihr kleines Zimmer lag.
Ein tiefer Athemzug der Befriedigung glitt über ihre Lippen - nirgends war eine Spur von Lichtschein, nirgends ein Geräusch. Das arme Mädchen trug keine Schuhe, auf den Strümpfen war sie den traurigen Gang geschlichen, - jetzt eilte sie mit beflügeltem unhörbarem Tritt den Corridor entlang; noch wenige Schritte, und sie war am Fuß der schmalen Stiege, die hinauf zu ihrer sicheren Kammer führte.
Plötzlich stieß sie einen halblauten Ruf des Schreckens, des Entsetzens aus.
»Still, Närrchen!«
Eine kalte feuchte Hand hatte die ihre gefaßt, gerade über dem Gelenk und zog sie an sich.
»Du thust doch sein ein undankbares Geschöpf, daß Du nicht willst geben wenigstens das Dessert von der Tafel an einen guten Freund,« flüsterte eine widerlich süße Stimme. »Kommen Sie herein, Riekchen - der Herr Hofbankier ist heute gewesen sehr ungenügsam - hab' ich doch schon lange gewartet auf Sie!«
»Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Meier, lassen Sie mich gehen!«
»Unsinn, Kindchen, Unsinn! Der bucklige Meier hat
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bei Tage kein Glück bei den Schickselchen - soll er sich entgehen lassen das Vergnügen, was er kann haben bei Nacht umsonst blos für sein Schweigen und daß er Nichts gehört hat und Nichts gesehen? - Oder« - fuhr der Verwachsene mit drohenderem Tone fort - »soll ich vielleicht rufen laut, wer da umherschleicht durch den Gang, daß der Johann und der Hausknecht erwachen und Sie sehen? Dann können Sie geben Antwort und sich verdefendiren, was Sie gemacht haben oben im ersten Stock um ein Uhr in der Nacht. Nun - wie ist's?«
Er hatte ihre Hand losgelassen, - sie hätte fliehen können, aber sie blieb stumm, bebend stehen.
Wieder hatte er ihren Arm gefaßt und zog sie in die geöffnete Thür seines Schlafzimmers, das sich neben dem Kassenzimmer und den Comtoirs befand. Mechanisch folgte sie ihm, nur ein Schluchzen der Verzweiflung drang aus der Tiefe ihrer Brust.
Als der verwachsene Buchhalter die Thür geschlossen, den Schlüssel inwendig umgedreht und in die Tasche seines alten Schlafrocks gesteckt hatte, ging er nach dem Tisch, und man hörte ihn ein Zündholz nehmen.
Aber die Hand des Mädchens faßte jetzt seinen Arm.
»Nein! kein Licht!« sagte sie dumpf. »Nehmen Sie mich, wenn es denn nicht anders sein kann und Sie die Gewaltthat verantworten wollen an einem unglückseligen Geschöpf - aber das Licht ersparen Sie mir, das meine Schande und meine Sünde bescheint. Ich wollte, ich läge, wo die Spree am tiefsten ist!«
»Närrchen, das Sie sind! Wir könnten leben so gut
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zusammen und so vergnügt - Sie und Moritz Cahn und Compagnie. Ich schwör's Ihnen, so soll es in Wirklichkeit heißen, eh' ein Jahr vergeht!«
Es folgte eine Scene, so schrecklich und empörend, daß die Feder den Dienst weigert, sie näher zu beschreiben.
Oder glaubst Du vielleicht, Leser, es ist Uebertreibung, der abscheuliche Druck, der moralische Zwang, der boshafte Uebermuth, mit dem von den jetzigen Herren der Welt das arme dienende, arbeitende Christenmädchen geknechtet und zur Fröhnung ihrer Lüste gepreßt wird?
Dann gehe hin in die großen Städte, Berlin, Wien, wo sie dominiren, dann lege das Ohr an die Werkstätten der Arbeit, von der Fabrik, wo der Dampf saust und die Spule sich dreht, bis hin zum eleganten Modemagazin, wo Seide und Sammet rauscht, und Schönheit und Alter sich Reize kaufen.
»Ich habe sonst keine Beschäftigung - keine Arbeit!«
Das ist der Schlüssel des neuen furchtbaren Drucksystems, bei dem die Arbeiterin zwar nicht gezwungen ist, den Lohn in Kleidern, in Kaffee und Brod zu nehmen, wie vor fünfundzwanzig Jahren die christlichen Fabrikherrn der Berg'er Lands und des Riesengebirges so trefflich zu arrangiren verstanden, - wo aber in der modernen liberalen Aera die künftige Mutter der Familie mit ihrem jungen Leib das schmale Lohn, das Recht der Existenz von der Lüsternheit erkaufen muß - vom untersten Personal aufwärts - oder bis zu ihm hinab!
Und noch schlimmer, widriger ist es, wo nicht der Druck der Arbeit, der Lebensexistenz das Mädchen entehrt,
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- wo die raffinirte moralische Spekulation das Weib in ihre unzerreißbaren Schlingen zu ziehen versteht.
Freilich bedarf es bei Vielen nur des leisen Winks - die gute alte ehrbare Zucht der Erziehung verschwindet immer mehr, die Geilheit wird auf den Straßen und in den Theatern gepredigt wie sonst die Religion von den Kanzeln, Alles was sonst dem Menschen werth und heilig war, wird von der jüdischen Presse in den Staub gezerrt und verhöhnt, - die christliche Obrigkeit schützt nicht mehr die Sitte, sondern begnügt sich mit den Steuern, und der rasend steigende Luxus wirbelt mit den Bedürfnissen die Lust danach zum tollen Tanz empor, der das Glück der Familie in seinen Kreisen zerreißt!
Und was ist die Ursache dieses rapiden Fortschritts, dieser Zersetzung aller alten Fundamente der bürgerlichen Gesellschaft?
Die Herrschaft des Geldes!
Und wer hat das Geld?!


Als nach einer halben Stunde Friederike Krause, die Tochter des alten Schuhmachermeisters in Berlin, des Veteranen von 1813 - das Hausmädchen im Hause des reichen fürstlichen Hofbankiers - wieder an der Thür des Zimmers stand, in das sie der verwachsene Buchhalter gezerrt hatte, waren ihre Thränen versiecht - eine gewisse finstere Abgestumpftheit gegen Schmerz und Schmach hatte sich ihrer Seele bemächtigt.
»Geben Sie den Schlüssel, Herr Meier, oder schließen
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Sie selbst auf! - Gott sei Dank, es ist das letzte Mal - morgen verlasse ich dies Haus!«
Der kleine Buchhalter in seinem adamitischen Kostüm war ihr gefolgt. »Wie, Mamsell Riekchen,« sagte er nicht ohne Theilnahme, - »Sie wollen fort?«
»Der Herr Hofbankier hat es mir endlich gestattet heute Nacht,« sagte sie ruhig, indem sie seine letzten Zärtlichkeiten unwillig von sich abschüttelte. »Ich bitte, lassen Sie mich - Sie und Er haben Ihr Theil erhalten, was wollen Sie noch mehr von mir? - Sie wissen, was mich in's Verderben gebracht hat - dort oben hin - und hier unten her - hoffentlich bald noch tiefer! - Ich möchte meine Eltern gern noch einmal sehen - der Herr Hofbankier hat mir gesagt, daß sein Freund, der Herr Hirsch in Berlin, die Hypothek nicht mehr länger stehen lassen wolle, - daß er ihn höchstens noch bewegen könne zu einem Termin.«
Der kleine bucklige Buchhalter schwieg einige Augenblicke. »Es thut mir leid, Mamsell Riekchen,« sagte er dann. »Beim Gott Abrahams, - ich wollt', ich könnt' helfen selbst Ihrem Alten, denn es ist keine Gefahr bei dem Geschäft, aber ich hab' Unglück gehabt an der berliner Börse mit den Amerikanern und muß mich erst wieder raffen empor. - Bleiben Sie noch einen Augenblick! - Es ist vielleicht nicht recht, was ich gethan habe an Ihnen, aber was wollen Sie, Jeder muß benutzen sein Kapital, sei es Geld oder sein Witz, um zu gewinnen und sich zu machen das Leben angenehm. Was wollen Sie, glauben Sie, daß der kleine Meier nicht auch hat Blut? Ich wär'
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gewesen ein Narr, wenn ich mir die Entdeckung mit dem Herrn Cahn nicht hätte gemacht zu Nutzen. Aber ich bin gewesen erst der Zweite, - nicht der Erste, und - so wahr ich lebe - ich möchte nicht sein der Erste! - Wenn der Herr Moritz Cahn helfen will, kann er's selbst am Besten. Er läßt mich zwar nicht leicht sehn in seine Privatgeschäfte in Berlin - aber glauben Sie denn wirklich, daß der Herr Aaron Hirsch gekauft hat die Hypothek von seinem Geld? Der Aaron Hirsch ist doch wie Wachs in der Hand vom Herrn Cahn.«
»Ich dachte es mir fast,« sagte sie leise, »aber ich habe nicht geglaubt, daß die Menschen so schlecht sein könnten, daß man sich eine Wohlthat bezahlen lassen könnte mit dem Unglück eines armen Geschöpfes.«
»Handel und Wandel,« meinte Herr Meier philosophisch. »Aber ich will Ihnen was sagen, Mamsell Riekchen, - wenn ich auch nicht bin viel besser, wie der Herr Cahn, bin ich doch noch nicht ganz so schlimm. Ich habe gehabt ein Paar schöne Stunden durch Sie, wozu sonst nicht kommt ein Mensch wie ich, und die ich behalte in der Erinnerung, wenn es auch gewesen ist Unrecht und für Sie Leid und Verdruß. Wenn morgen - oder vielmehr heute - eröffnet wird das Testament, bin ich nicht mehr abhängig vom Herrn Cahn und kann thun, was ich will. Ich werde kommen nach Berlin und mich überzeugen von dem Werth vom Haus, und wenn Ihr Vater geben will sieben Perzent, werd' ich nehmen die Hypothek für fünf Jahr. Wenigstens will ich sorgen dafür, daß nicht doppelt bezahlt wird die Hypothek und der Wechsel, was ist eine faule Geschichte.
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Apropos - da ist noch gekommen mit der Abendpost ein Brief für Sie - ich hab' ihn an mich genommen aus der Posttasche, ehe sie durchsieht der Herr Cahn - nehmen Sie und jetzt gehen Sie fort!«
Er hatte ihr leise die Thür aufgeschlossen und griff nach ihrer Hand - sie ließ sie ihm einen Augenblick, es war etwas in den Worten des kleinen verwachsenen Juden gewesen, was doch wie ein Thautropfen gefallen war auf ihr gebrochenes erstarrtes Herz.
Dann schlich sie eben so leise hinaus und die schmale Stiege hinauf zu ihrem Zimmer.
Der kleine Jacob Meier zündete sich ein Licht an, um sein Lager wieder in Ordnung zu bringen für die Stunden der Nacht, die ihm noch blieben, und murmelte dabei verschiedene Dinge in den Bart.
Als er sich dabei umwandte, fiel sein Auge auf zwei Papiere am Boden - es war der Brief des Unteroffiziers von der Garde und das Couvert, die das Mädchen, nachdem ihr Peiniger das Schreiben gelesen, droben unter ihr Brusttuch geschoben hatte.
»Sie hat verloren ihren Brief - ich bin doch gewesen zu ungestüm mit ihr!« Die bezeichnende Neugier seines Volks bewog ihn, die Papiere näher einzusehen, zuerst hielt er, um sich zu überzeugen, daß der Brief auch an das Mädchen sei, das Couvert an's Licht, aber er hatte kaum einen flüchtigen Blick darauf geworfen, als er aufschrak, das Couvert dichter zum Licht hielt und die Aufschrift mit größter Aufmerksamkeit las.
»Soll mich Gott - was ist das - überschrieben an
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die alte Frau - »zu eröffnen nach meinem Tod!« - und hier - das Siegel ist gebrochen, aber ich thu' kennen das Petschaft - was der alte Mann immer gehabt hat an seiner Uhr! - Ich will verschwarzen, wenn es nicht ist das Papier, das der Moritz Cahn heute genommen hat aus den Kissen vom Bett, als der Alte ist gestorben, und das er mir gezeigt hat nachher. - Es ist gewesen darin das Codizill, nach dem gesucht hat vergeblich die Marianne - und richtig -« er hatte es sorgfältig aus einander geschlagen - »hier steht's, geschrieben von der Hand des alten Mann's auf der innern Seite, deutlich und klar: Ein Codizill zu meinem Testament, zur Nachachtung für meine Erben! Richtig - so steht's - wie kommt die Friederike dazu, denn das hier ist nicht das richtige Papier, das ist ein Brief von dem Kriegsmann, ihrem Bruder.«
Er dachte einige Augenblicke nach, aber die Lösung des Räthsels lag für ihn sehr nahe.
»Es kann nicht anders sein - sie war oben bei ihm, sie hat ihm vielleicht gezeigt den Brief und verwechselt durch einen Zufall die Couverts.« Sein scharfer Verstand, seine schlaue Combinationsgabe errieth sofort den richtigen Hergang. »Bei dem Gotte Abrahams und Jakobs, meines Aeltervaters - der Herr Hofbankier Moritz Cahn und Comp. ist in meiner Hand, wenn es gilt zu beweisen, daß vorhanden gewesen ein Codizill. Aber was heißt? Warum soll ich sprechen davon, eh' ich weiß, was steht in dem Testament Gutes vor mir? Der alte Cahn war ein boshafter Mensch, er könnte ebenso gut zu Nichte gemacht haben meine Aussichten durch das Codizill! - Wenigstens
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will ich sprechen mit dem Mädchen, damit ich kann beweisen, woher ist gekommen das Couvert! Es kann auch gut sein für sie!«
Er fuhr in seine Unaussprechbaren, hüllte die verschrobenen Glieder wieder in den alten schmuzigen Schlafrock und öffnete, nachdem er sein Licht ausgelöscht, leise die Thür. Es war das erste Mal, daß er es wagen wollte, an die Schlafzimmerthür der Unglücklichen zu pochen. Aber er hatte kaum die Schwelle des eigenen übertreten, als er einen Laut, wie einen entfernten Schrei und dann einen dumpfen Schlag hörte. Es wurde ihm unheimlich dabei in dem finstern Corridor - er fürchtete, daß Personen im Hause bereits wach sein müßten, vielleicht im andern Seitengebäude, wo der Todte lag, und er schlüpfte eiligst wieder in seine Stube, die er sorgfältig verschloß, worauf er in das Bett kroch und über die Ereignisse des Tages und der Nacht nachdachte.


Jener leichte aber schrille Schrei - jener Schlag war aus dem kleinen ofenlosen Zimmer des unglücklichen Mädchens gekommen, das ziemlich abgesondert lag und das sie allein bewohnte. Als sie sich zurückgeflüchtet dahin von dem traurigen Wege, den sie diese Nacht gegangen, sank sie erst an ihrem ärmlichen Bett nieder, über dem, wie sie wußte, ein Paar Photographieen ihrer alten Eltern hingen, drückte das Gesicht in die Kissen und schluchzte laut. Erst, nachdem längere Zeit die bitteren Thränen ihrem Herzen Luft gemacht hatten, erinnerte sie sich des erhaltenen Briefes, machte Licht und las ihn.
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Es war eine ungelenke grobe Handschrift, sehr unorthographisch, aber sie kannte sie wohl. Sie war die ihres Vaters.
Schon die ersten Sätze machten sie erbeben. Der alte Schuhmacher schrieb:
      »Geliebte Tochter! mein gutes Kind!
Gott der Herr hat jedem Menschen seine Zeit zugemessen auf Erden! Deine Mutter und ich glauben, daß die unsere gekommen ist. Weine nicht darüber, wenn es geschieht - unser Seegen wird immer mit Dir sein, mit Dir und dem Wilhelm. Wir hätten Dich gern noch einmal gesehen vor unserem Ende, aber es würde uns doch das Herz zu schwer machen. Der arme Junge - es wird ihn schwer treffen, wenn er hört, daß das Haus, in dem er geboren, versubhastirt werden soll - hoffentlich giebt es, wie es schlimme und böse Menschen giebt, auch noch gute Leute, die ein Gebot thun, von dem Euch was übrig bleibt. Denn wenn es auch klein ist, so ist die Gegend doch gut, der Laden vorn zahlt dreihundert Thaler Miethe und wir hätten es oft gut verkaufen können. Zu den schlimmen Menschen gehört sicher der Herr Aaron Hirsch. Aber vielleicht braucht er wirklich sein Geld und ich thu' ihm Unrecht und das möcht' ich doch gern keinem Menschen thun vor dem großen Wege, der vor uns liegt. Aber Du wirst einsehen, daß wir unmöglich erleben können, wie es in den vielen Zeitungen steht und im Gericht in der Jüdenstraße, daß das Haus des alten Schuhmachermeisters und Unteroffiziers Krause öffentlich verauctionirt wird, weil er seine Schulden nicht bezahlen kann. Das ist doch gar zu schwer, nachdem man so lange redlich und ehrlich gelebt und gearbeitet hat. Aber die Zinsen waren zu hoch für die Hypothek und den Wechsel, Alles doppelt gegen ehemals, und das Geschäft ging schlecht, da ich nicht mehr recht fort kann mit der Arbeit und der Aufsicht über den
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Gesellen von wegen meiner Augen. So ist es denn vielleicht das Beste für Euch und uns.
Und so leb' denn wohl mein Kind und tröste den Wilhelm, der unsere Lage nicht kennt, wie Du, denn ich hab' es ihm immer verheimlicht. Gott segne Dich dafür, was Du gethan durch Deinen guten Herrn, das Unglück wenigstens so lange als möglich aufzuschieben, und der Himmel lohne es auch ihm und Allen, die Dir Gutes gethan. Und jetzt, liebes Kind, liegt mir noch etwas schwer auf dem Herzen, das ist, daß ich hart gegen Dich war mit dem Fritz Härtung, weil er ein Demokrat geworden und seinem alten Vater Kummer machte, und mir auch. Denn ich hatte den Jungen gern, wie er klein war und er hätte sich sollen ein Beispiel nehmen an dem Wilhelm in der Treue für unseren König. Aber jetzt, vor dem letzten großen Marsch in die Ewigkeit, sieht man das Ding doch anders an, nicht wegen der Treue und dem Gehorsam, denn die müssen bleiben, so wie für Gott, so für den König, denn sie halten die Welt zusammen. Aber es mag unter dem vielen schlechten Gesindel doch auch gute Demokraten geben, die nur mit manchen Gesetzen und Einrichtungen nicht zufrieden sind, zum Beispiel, daß man einem ehrlichen Mann, der redlich die Zinsen bezahlt und noch mehr, das Haus über'm Kopf wegnehmen kann. Ich will daher Niemand verdammen wegen seiner Meinung, mit der es ist, wie mit der Religion. Wenn daher der Fritz Härtung wieder kommen sollte - sie sagen, er sei in Amerika, - und ist sonst ein ehrlicher Mann geblieben, so hast Du unseren Seegen dazu, und Deine Mutter, die arme Frau, die mich nicht allein läßt im Leben wie im Sterben, denkt wie ich. Und nun liebe Tochter, leb' wohl, denn ich hab' seit meiner Jugend keinen so langen Brief geschrieben wie diesen und alle Dinge haben ihr Ende, nur Gott nicht, auf dessen Gnade wir hoffen, ich und Deine Mutter, die neben mir sitzt und weint. So lebe denn wohl, bis wir uns wiedersehen am Tage der
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Verheißung und unser Seegen sei mit Dir jetzt und immerdar - in Ewigkeit! Amen!«
Verschwommene Flecken mit verlöschter Dinte standen unter dem Brief - - sie hatte ihn gelesen, mit unendlicher Kraft - bis zu Ende, und mit einem schrillen, aus der Tiefe ihrer zerrissenen Seele quellenden Schrei fiel sie ohnmächtig auf den Fußboden der kalten Kammer.
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Das Testament.

Im Winter wird es spät Tag. Herr Jacob Meier war sonst gewöhnlich schon vor 9 Uhr auf dem Comtoir, aber er benutzte diesmal die Gelegenheit, daß das Comtoir wegen des Todesfalls im Hause geschlossen bleiben sollte, und als der Hofbankier, der nach dem Beispiel der vornehmen Herren seiner Bekanntschaft spät aufzustehen pflegte, ihm durch den Diener sagen ließ, er solle sich um 9 Uhr bei dem Fremden im Gasthof zu den drei Mohren einfinden, zuvor aber noch zu ihm kommen in's Schlafzimmer, - machte er sich eilig auf den Weg, ohne dem letztern Befehl Folge zu leisten.
Er hätte gern noch vorher die Friederike gesprochen, aber es gelang ihm nicht, denn als er nach ihrer Kammer schlich und die unverschlossene Thür öffnete, war sie nicht mehr dort, nur ihr kleiner Koffer stand verschlossen mitten in der Stube, und ein Päckchen darauf - in die Zimmer des ersten Stocks aber, wo sie um diese Zeit zu thun hatte, mochte er sich nicht wagen, um nicht doch noch seinem Chef in die Hände zu laufen.
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So trollte er sich denn die Straße hinab nach dem Marktplatz, wo der Gasthof zu den drei Mohren liegt, und frug nach dem Doktor Straußthal.
Der Portier wies ihn nach dem ersten Stock, wo der Gesuchte die beiden besten Zimmer inne hatte. Der Herr Doktor Straußthal mußte ein sehr reicher Mann oder ein sehr gerissener Reisender sein, denn er schien durch sein Auftreten der ganzen Dienerschaft des Hôtels bereits eine hohe Meinung von sich eingeflößt zu haben, so daß der Oberkellner den kleinen, obschon in der Stadt wohlbekannten Buchhalter des Hauses I. M. Cahn u. Comp. nicht so ohne Weiteres eintreten ließ, sondern ihn erst anmeldete.
Er kam übrigens sogleich zurück mit der Meldung, daß Herr Jacob Meier willkommen sei.
Der Kleine trat nicht ohne Herzklopfen ein.
Der Londoner Spekulant saß halbliegend im Sopha, hatte noch das Kaffeeservice vor sich und rauchte eine feine Cigarre.
»Ah - Herr Jacob Meier? erster Buchhalter und Disponent im Hause Cahn?«
»Ich habe die Ehre! - Der Herr Doktor haben befohlen!«
»Nur gebeten, Herr Meier, - nur gebeten! - Herr Nathan Schlesinger hat Sie mir empfohlen und mir ein Memoir von Ihnen anvertraut, wegen dessen ich gern mit Ihnen sprechen möchte. Aber bitte - nehmen Sie den Fauteuil dort, - und hier sind Cigarren. Bedienen Sie sich!«
Der Doktor ließ die Glocke klingen. »Eine Flasche
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Pale-Sherry,« befahl er dem eintretenden Kellner. »Zwei Gläser, aber ich bitte Sie, ein wenig schnell!«
Der Garçon sprang davon. Der Bucklige verbeugte sich sehr geschmeichelt und hockte sich auf den Fauteuil. Für die nochmals angebotenen Cigarren dankte er, - er rauche nicht.
»Sie sind schon lange bei Herrn Cahn im Geschäft?«
»Sechsundzwanzig Jahre!«
»Eine schöne Zeit - so lange und treue Dienste muß ein Haus gewiß auf das Beste anerkennen.«
Herr Meier begnügte sich, die Achseln zu zucken.
»Sie haben sich da,« fuhr der Doktor fort, »mit einem, sonst ganz gescheuten Mann in eine verkehrt angefangene Spekulation eingelassen?«
Der Kleine war sehr trübselig. »Fünftausend Thaler!« stöhnte er jammervoll.
»Trösten Sie sich - Herr Schlesinger verliert Zehn. Merken Sie sich das - man darf in fremden Papieren nie auf Hausse, sondern nur auf die Baisse speculiren. Ich wünsche den Südamerikanern alles mögliche Glück, aber als Spekulationspapier sind die Nordamerikaner besser.«
»Ich habe das zu spät erkannt!« sagte seufzend der Kleine.
»Und Ihr Memoir darüber ist vortrefflich. Es wäre schade, wenn all' die guten Rathschläge für die nordamerikanische Anleihe verschwendet werden sollten, die sich ohnehin durch die demokratischen Zeitungen Bahn bricht. Das benutzt sich besser für spätere Spekulationen, denn ich gestehe Ihnen, Sie verrathen einen sehr praktischen
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Einblick und große Vertrautheit mit den Verhältnissen und Personalien unserer Börsen. Beiläufig - über wie viel reelles Kapital commandirt das Haus Cahn aus eigenen Mitteln bei seinen Operationen?«
»Zweimalhundert dreißig,« sagte der Kleine geschmeichelt von dem gezeigten Vertrauen.
»Das ist nicht viel! Aber das Privatvermögen des Herzogs, das Sie verwalten? Wissen Sie, daß ich geneigt bin, Ihnen jenes Memoir abzukaufen?«
»Sie sind sehr gütig!«
»Natürlich unter der Bedingung, daß seine Fingerzeige und Vorschläge zu meiner Disposition bleiben. Wie viel beträgt doch Ihre Differenz am Ultimo?«
»Nach dem bisherigen Cours fünftausend! Aber er kann sich doch ändern in den Tagen.«
»Unsinn - nicht ein Viertel Prozent wird er in die Höhe gehen. Schlesinger verliert Zehn - Sie fünftausend. Ich bin bereit, den Betrag auf meinen Bankier zu übernehmen, natürlich auf meine Bedingungen.«
»Herr Doktor, Sie nehmen mir vom Herzen einen Stein! Ich weiß zwar, daß ich decken kann den Ultimo, - das Testament vom seeligen Itzig Cahn, das heute wird publizirt, wird mich nicht lassen im Stich. Aber es ist doch hart, zu erleiden solchen Verlust.«
»Das sollen Sie nicht. Auf mein Wort. Wie hoch berechnen Sie das Privatvermögen Seiner Hoheit des Herzogs?«
»Das kann ich Ihnen sagen ganz genau. Im Grundbesitz zwei Millionen und Siebenmalhunderttausend Thaler,
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und in den flüssigen Fonds nicht mehr als fünfmalhunderttausend!«
»Das giebt für das Vierfache Kredit. Also es ist abgemacht, ich betrachte das Memoir als mein Eigenthum, und Sie sind von heute ab in meinem Dienst.«
Der Kleine wußte wahrhaftig nicht, ob er erschrocken oder vergnügt lächeln sollte. »Aber das Haus I. M. Cahn und Comp.? - Bedenken Sie, geehrter Herr!«
»Ueberlassen Sie das mir. Ich denke nicht daran, Sie Ihren bisherigen Geschäften zu entziehen, aber Sie haben von diesem Augenblick an Tausend Thaler Gehalt von mir, die Sie quartaliter durch Herrn Schlesinger beziehen können, ohne seinen Schwager zu verlassen. Wenn ich Sie ganz brauche, werd' ich mich schon melden. Einverstanden?«
Der kleine Buchhalter legte erregt die magere Hand in die seines neuen Prinzipals. »Der Herr Doktor haben über mich zu befehlen,« sagte er.
»Sagen Sie mir beiläufig,« fuhr dieser harmlos fort, »wie verhält es sich mit den Erbschafts-Aussichten der Familie Schlesinger?«
Nach dem Vorhergegangenen hatte der Kleine alle sonst gewohnte Vorsicht vergessen. »Ich fürchte, es wird geben heute bei der Eröffnung des Testaments einen kleinen Skandal. Der verstorbene Itzig Cahn ist gewesen in seinem Eigensinn unberechenbar.«
»Und der Herzog? Ihr Chef muß doch kennen seine kleinen Schwächen. Ich hörte von einer gewissen Bouillinska?«
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»Was thu ich mit der Bouillinska?« rief der Kleine giftig. »Sie hat uns doch gekostet genug Geld! Main - was thu ich mit dem Engagement, wo doch ist blos Körper und keine Kunst. Seine Hoheit der Herzog von Braunschweig liebt wenigstens Kunst und Natur zugleich! Wir wollen nicht mehr sehn die Bouillinska und sie ist gegangen nach Berlin, wo sie logirt im Hôtel du Nord.«
»Aber welchen Weg, wenn nicht durch die Frauen, würden Sie vorschlagen, um Einfluß bei Hofe zu gewinnen? Die Politik?«
Der Bucklige bemerkte den scharfen spähenden Blick nicht, den der Andere bei der Frage auf ihn richtete. Er nickte heftig mit dem Kopf und sagte: »Das ist's! Die Politik ist das Steckenpferd höchsten Orts. Großdeutsch, nur großdeutsch!«
»Aber wohin neigt man sich? Zu Oesterreich oder zu Preußen?«
Wieder zuckte der Kleine die Achseln und wiederholte: »Großdeutsch! Nationalverein - was weiß ich?«
»Der Erbprinz von Augustenburg befindet sich häufig bei Seiner Hoheit, wie ich gehört habe?«
»Die hohen Herrn sind doch sehr befreundet, er ist doch oft hier zur Jagd. Unser Haus besorgt doch seine Geldgeschäfte.«
»Hören Sie, Herr Meier,« sagte der Doktor, »Sie mögen vielleicht kein Vergnügen an der Politik haben, das ist aber nicht bei allen Leuten der Fall. Ich beschäftige mich sehr viel mit Politik, bin selbst eine Art Journalist, und es ist mir für meine künftigen Operationen nothwendig,
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im voraus zu wissen, wie die Verhältnisse in Deutschland liegen, schon um den rechten Zeitpunkt zu bestimmen, wann ich nach Berlin übersiedeln kann. Sie werden also die Güte haben, von allen Finanzoperationen mit dem Privatvermögen Seiner Hoheit, namentlich aber wenn Herr Cahn von der Familie Augustenburg oder von Berlin Aufträge erhält, mir davon ohne Zögern im Stillen Nachricht zu geben.«
Der kleine Buchhalter wurde etwas roth, er begriff, in welche Falle er gegangen, aber es war zu spät, sich zu widersetzen, auch hatte er den gebotenen Vortheilen gegenüber wenig Lust dazu.
Er verneigte sich also sehr gehorsam vor dem festen Blick seines geheimen Prinzipals und begnügte sich, zu fragen, ob er ihm die Nachrichten durch Herrn Nathan Schlesinger zugehen lassen solle?
Der Doktor lachte. »Nein, nein, das wäre sehr verkehrt. Herr Schlesinger ist ein sehr brauchbarer Mensch für gewisse Dinge und hat allerlei Verbindungen in der berliner Presse, - aber hiervon braucht er Nichts zu wissen, so wenig wie überhaupt von unserem Engagement. Hier« - er nahm eine Karte aus seinem Portefeuille - haben Sie meine Adresse in London, unter der Sie mir schreiben können. Was die Differenz Ihrer Südamerikaner am Ultimo betrifft, so werden Sie einfach durch Herrn Schlesinger den Posten auf mich übertragen lassen und ich trete in Ihre Verbindlichkeit. Dafür behalte ich das Memoir mit der Bedingung, daß ich seiner Zeit dasselbe für
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die Verbreitung anderer Papiere benutzen kann, statt es jetzt an die Nordamerikaner zu verschwenden.«
Der Buchhalter erklärte sein bestes Einverständniß.
»Und nun sagen Sie mir, um wie viel Uhr die Testamentseröffnung bei Herrn Cahn stattfinden soll.«
»Um eilf Uhr!«
»Dann haben wir noch eine Stunde Zeit. Darf ich eine andere Flasche kommen lassen?«
Herr Jacob Meier dankte tausend Mal und war im Begriff, sich unter sehr tiefen Bücklingen rückwärts zu entfernen, als ihn - schon an der Thür, - der Doktor noch einmal aufhielt.
»Apropos - einen Augenblick noch, mein Lieber - es fällt mir da Etwas ein. Erwähnten Sie nicht vorhin, daß Ihr Haus die Geldgeschäfte der Familie Augustenburg besorgt?«
»Größtentheils, Herr Doktor.«
Dieser blätterte in einem Notizbuch. »Wie heißt Ihr Bankier in Hamburg?
»Salomon Meier und Sohn.«
»Und durch diesen werden gewisse Apanagen in Kiel und Altona eingezahlt?«
Der Kleine sah ihn erstaunt an.
»Wissen Sie mir die Namen zu nennen?«
»Ich muß sie in meinen Notizen haben.« Der Buchhalter war wieder eingetreten, hatte eine große, aber sehr schmuzige Brieftasche hervorgezogen und blätterte eifrig darin.
»Die Herren F. - L. - v. B.«
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»Hm! Das Geld ist wenigstens gut angewendet. Aber wie werden die Zahlungen nach Kopenhagen vermittelt?«
Diesmal war Herr Jakob Meier wirklich in großem Erstaunen. Das war ein Geschäftsgeheimniß, das nur ihm und dem Chef des Hauses bekannt sein konnte.
»Wie, Herr Doktor - Sie wissen ...«
»Mein lieber Freund, ein geschickter Mann erfährt Alles, wenn er zur rechten Zeit und am rechten Ort den rechten Schlüssel zu brauchen weiß. Reellen Vortheilen widersteht heut zu Tage keine Partei, das werden Sie bald lernen, wenn Sie es noch nicht an Sich wissen. Also heraus mit der Sprache. Welche Vermittelung und welche Personen?«
Der Kleine sprach einige Worte und nannte einige Namen.
Der Doktor schlug ein lautes Gelächter auf. »Bei den drei Erzvätern - das ist stark, aber ich hätte es mir denken können. Man operirt immer am Sichersten auf dem Terrain der Gegner, das ist eine andere Lehre, die sich die preußische Taktik einmal merken kann. Die Sache erinnert mich an einen Umstand aus der wiener Rebellion von Achtundvierzig. Erinnern Sie sich derselben und der damaligen Erschießung des Parlaments-Mitgliedes Robert Blum?«
»Gewiß! ich war damals zweiter Commis im Hause I. M. Cahn und Comp.«
»Die Rettung Blum's sollte durch Flucht aus dem Gefängniß erfolgen - es wurden für deren Begünstigung 6000 Gulden gefordert, eine Lumperei, aber die Demokratie
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des Frankfurter Parlaments vermochte nur 2000 aufzubringen. Doch auch damit hoffte man die Schließer bestechen zu können. Es galt nur, das Geld rasch nach Wien zu schaffen, das damals unter strengstem Militairkommando stand. Man wandte sich zu dem Zweck an Rothschild, aber der Millionenfreiherr wollte Nichts mit der Sache zu thun haben. Er wollte sich nicht kompromittiren. Endlich ließ er sich herbei, den Unterhändlern einen Rath zu geben und eine Person in Wien als den einzig möglichen Vermittler zu bezeichnen. Und wer meinen Sie wohl, daß diese Person war? - Niemand anders, als der Prior des Redemptoristen-Klosters! - Sehen Sie, die Familie Augustenburg hat das Genie des Herrn von Rothschild und macht es ebenso in Kopenhagen.«
Der Kleine begriff zwar - etwas passiv in Betreff der dänischen Politik und der Verhältnisse am Kopenhagener Hofe - nicht ganz die Anspielung, aber er war doch neugierig genug, um sich zu erkundigen, warum alsdann dennoch - so viel er sich erinnere, - der Parlamentsdeputirte Blum in Wien erschossen worden sei?
»Das Geld,« sagte der Doktor, einen frischen Zug aus seiner Cigarre thuend, »kam um einen Tag zu spät. Der Fürst Windischgrätz hatte einen Wink erhalten und den armen Mann, der wirklich ein ehrlicher Phantast war, vierundzwanzig Stunden vorher erschießen lassen. Ich erwähnte die Sache nur, weil sie mir gerade bei dieser Gelegenheit einfiel, und so viel ich weiß, ziemlich unbekannt ist. Aber nun glaube ich, lieber Freund, daß es Zeit ist, daß Sie sich zu Herrn Cahn begeben, bei dem über unsere
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kleine Unterhaltung sich auszuweisen ich Ihnen überlassen muß. In einer halben Stunde bin ich dort.«
Der Buchhalter empfahl sich, hielt es aber draußen noch nicht für geeignet, dem Rathe des Herrn Doktor Straußthal Folge zu geben, denn er spazierte in sehr wichtigen Gedanken durch die Straßen und zwar in der Nähe der Wohnung des Rechsanwalts und Notars Dr. Bamberger umher, und erst als er diesen sein Haus verlassen und sich mit seinem Aktenstück nach der Wohnung des Hofbankiers begeben sah, folgte er ihm in einiger Entfernung nach, um so jeder vorläufigen Erörterung enthoben zu bleiben.
Doktor Straußthal aber nahm, als kaum der Kleine das Zimmer verlassen hatte, sofort seine Schreibtafel zur Hand und notirte sehr eifrig einige Namen und Sätze. »Ich hoffe,« murmelte er, »man wird in London mit meinen Nachrichten zufrieden sein, und die Südamerikaner werden sich bei der ersten Niederlage der Union verwerthen lassen.


Als Herr Jakob Meier in das Haus seines Prinzipals trat, sagte ihm der Bediente, daß dieser schon wiederholt nach ihm gefragt habe, aber jetzt mit den Familien-Mitgliedern sich bereits im Salon befinde, wo der Buchhalter sich sogleich einfinden solle, wenn er nicht etwa erst mit dem fremden Herrn zurückkäme. Meier nickte zustimmend und ging nach seiner Stube. Unterwegs begegnete ihm Friederike, das Hausmädchen.
Der kleine Bucklige schrak unwillkürlich zusammen vor
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ihrem Aussehen. Die gewöhnliche zarte Blässe des Mädchens hatte sich zu einer wahren Todtenfarbe verwandelt, die Augen lagen hohl in dunklen Tiefen und starrten wie geistesabwesend gerade aus. Auf der Stirn bemerkte er eine große blutrünstige Brusche wie von einem schweren Stoß oder Fall.
Das Mädchen wäre an ihm vorüber gegangen, ohne ihn zu sehen, wenn er sie nicht gegrüßt hätte. Ohne den Gruß zu erwiedern wandte sie den starren Blick auf ihn und blieb stehen.
»Wann geht der nächste Eisenbahnzug nach Berlin, Herr Meier?« frug sie tonlos.
»Um 2 Uhr, liebe Friederike! Aber sind Sie krank?«
»Zu spät! zu spät!« hörte er sie murmeln, während sie ohne auf seine eigene Frage zu antworten weiter ging.
Es fuhr ihm unheimlich über den Rücken - er wünschte, die Scene der Nacht wäre eine andere gewesen. Aber das Geschehene war nicht zu ändern und so ging er nach seinem Zimmer, schloß sorgfältig seinen Schreibtisch auf, nahm aus diesem ein Kästchen, das er mit dem Schlüssel, den er an der Uhrkette trug, öffnete und holte ein vielfach versiegeltes dickes Couvert heraus, das er in seine Brusttasche steckte.
Dann strich er sich mit dem nassen Handtuch über das vom reichlichen Frühstück etwas erhitzte Gesicht, rückte sich vor dem Spiegel Haar und Cravatte in Ordnung und verließ mit einem tiefen Athemzug das Zimmer, um sich nach dem Salon zu begeben.
Johann stand an der Thür, er hatte sie so eben dem
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Doktor Straußthal geöffnet, und der kleine Buchhalter benutzte die Gelegenheit, um möglichst unbemerkt in den Salon zu schlüpfen.
Der Salon des Herrn Hofbankier Cahn war ein ziemlich großes dreifenstriges Zimmer mit blauen Sammet-Tapeten und verschiedenen Oelgemälden, die theils der alte Itzig für ein Hundegeld den Künstlern oder Besitzern in früherer Zeit abgepreßt oder die der jüngere Chef der Firma als Mäcen der schönen Künste und um der ästhetischen Richtung seiner Gemahlin Rechnung zu tragen, für schweres Geld gekauft hatte. Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, daß während jene Bilder werthvolle Meisterwerke waren, die leider nur durch die ungünstige Farbe der Tapete ihr Ansehen verloren, mit den jüngeren Acquisitionen Herr Moritz Cahn durch die Kunsthändler schrecklich geleimt worden war, und daß sie aus zum Theil ganz werthlosen Kopieen bestanden. Dafür befanden sich in den beiden Fensterecken auf zwei grauen Marmorsäulen die Alabaster-Statuetten - Größe Nummero 5 - der medicäischen Venus, die so bescheiden einfach ihre Reize verdeckt, und des belvederischen Apoll; an der breiten Rückwand des Salons aber, um den zwei Fensterpfeilern das Gleichgewicht zu halten, zwei prächtige Marmorkamine unter großen Trümeaux, auf deren breiten Consols neben den goldenen Pendülen ein wahrer Jahrmarkt von Kunst- und Nippsachen aufgestellt war. Die Mitte zwischen den beiden Kaminen nahm ein großer antiker Bücherschrank ein von geschnitztem Eichenholz aus der Fabrik von Löwinson in Berlin, mit prächtigen Einbänden gefüllt, da Frau Elfriede
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Cahn, geborene Lessing, den Salon zugleich zur Bibliothek erklärt hatte und dort ihre dramatisch-literarischen Theegesellschaften gab, in denen Shakespeare und Schiller mit Vertheilung der Rollen während der Wintersaison vorgelesen wurde.
Jetzt jedoch hatte der Salon keineswegs ein literarisches, sondern ein feierliches geschäftsmäßiges Aussehen. Um den ovalen Eichentisch - das ganze Möblement war natürlich, gleich dem Bibliothekschrank, in der unbequemen Form des Mittelalters und zwei große Harnisch-, Eisenhandschuh- und Flamberg-Gruppen über den beiden Thüren bekundeten den Anspruch der Familie auf das künftige Wappenschild - waren mehrere Sessel gereiht, und auf einem derselben saß der Advokat und Notar Dr. Bamberger, verschiedene Papiere, Dinte und Feder und eine große Papierscheere vor sich, und sich mit Frau Marianne Schlesinger unterhaltend, die ihm gerade gegenüber Platz genommen und sehr ungeduldig auf dem gelben Seidenpolster ihres Sessels hin und her rückte.
Der Advokat war ein Mann von einigen dreißig Jahren, mit scharfgebogener schmaler Nase, braunen listigen Augen und sehr schmuziger Wäsche. Er affectirte in seinem Auftreten eine gewisse Derbheit, wo nicht Grobheit, die ihm das Vertrauen weniger des städtischen Publikums als der ländlichen Bevölkerung erwarb, obschon der Bauer sonst nicht gern mit den Leuten seiner Nationalität zu thun hat. Die Hauptgeschäfte des Advokaten bestanden daher auch in ländlichen Besitzstreitigkeiten, Hypothekenklagen und Subhastationen, und es war bekannt, daß er
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zur Mobilisirung des Grundeigenthums im Fürstenthum sehr Viel beigetragen und so die Tendenzen der neuen Aera eifrig unterstützt hatte.
Es ist ein eigenes Ding um das Studium der Jurisprudenz Seitens der jüdischen Staatsbürger in einem bisher christlichen Staat, dem freilich eben der Drang der Juden diesen Charakter zu nehmen in der Presse und auf der Tribüne immer mehr sich bemüht, ohne deshalb von ihrem Staat im Staate etwas verlieren zu wollen. Fern sei es von uns, eine Verdächtigung auf die Rechtlichkeit des Einzelnen werfen zu wollen, aber der Mensch ist Mensch und wird nie seine angebornen Schwächen, Neigungen und Fähigkeiten verlieren. Die Jurisprudenz aber ist ein Gebiet, was dem spekulirenden kritisirenden Talent des jüdischen Stammes ein ebenso großes Feld bietet, wie die Medizin. Deshalb, nicht weil es das einzige durch die bisherigen bürgerlichen Verhältnisse ihnen unbehinderte Fachstudium war, sehen wir die jüdischen Studenten die Medizin und die Jurisprudenz wählen, während in Wirklichkeit doch auch alle anderen Gebiete ihnen längst offen standen. Die Advokatur entspricht ihren rabulistischen und gewinnliebenden Neigungen; der Jude ist ein geborener Advokat, er preist die besten Seiten seiner Waare, sucht den größten Vortheil daraus zu schlagen und den Käufer dafür zu gewinnen. Eine charakteristische, nicht zu unterschätzende, sondern wohl zu beachtende Erscheinung ist es, daß der jüdische Advokat in den politischen Prozessen stets der Anwalt des Liberalismus, und daß seine sonstige Praxis hauptsächlich auf Handelssachen und Besitzansprüche, nicht
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die Vertheidigung desselben beschränkt ist. Nicht darin liegt das Bedenkliche, wenn das jüdische Element die Richterbank einnimmt, daß der Jude - wie unpassend es auch ist - den christlichen Eid abnimmt, sondern daß aus der Auffassung des Gesetzes der christliche Geist schwinden und die Rabulisterei an ihre Stelle treten wird, die kein Unrecht thut und doch Unrecht begeht! - -
Der alte Itzig Cahn mußte in dem Doktor Bamberger manche für ihn sehr schätzenswerthe und nutzbare Eigenschaften entdeckt haben, denn er rieb sich sehr vergnügt bei seinen Grobheiten die Hände und beschäftigte ihn sehr viel. Der verstorbene Herr Itzig Cahn war ein arger Menschenkenner, das hatte er wiederholt in der Beurtheilung seiner Kinder bewiesen.
Der Hofbankier war nebst seinem sehr diensteifrigen und aalglatten Schwager noch mit der Begrüßung des englischen Agenten beschäftigt, als der Advokat seinen goldenen Chronometer zog und barsch sagte: »Zehn Minuten über Eilf. Ich muß bitten die Herrschaften zum Geschäft zu kommen, denn meine Zeit ist gemessen!«
Der Hofbankier hatte eben den Buchhalter gesehen und beehrte ihn mit einem sehr mißbilligenden Blick. »Wo haben Sie doch gesteckt die ganze Zeit?« sagte er eifrig, »ich habe doch schon geschickt drei Mal nach Ihnen, und nie sind Sie zu finden. Wir werden nachher davon sprechen.«
»Herr Meier ist leider durch mich aufgehalten worden,« entschuldigte ihn der Fremde; der Hofbankier aber wandte sich zu dem Advokaten: »Sie sollen gleich zufrieden
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gestellt werden, lieber Freund, ich geh holen die alte Frau, meine Mutter.«
Er verschwand durch die eine Thür, während der Doktor Straußthal durch den Börsenmakler der Dame des Hauses vorgestellt wurde, die ihn neben sich Platz zu nehmen einlud und ihn frug, ob er Currer-Bell und Boz-Dickens persönlich kenne. Bald darauf öffnete sich die Thür wieder und Herr Moritz Cahn führte seine Mutter herein.
Die ganze Gesellschaft am Tisch erhob sich, sie zu empfangen.
Der Schritt der alten Frau war schwankend und ihre Gestalt sichtlich gebrochen. Auf ihrem faltenreichen Gesicht lag ein tiefer Schmerz, es schien seit dem vorigen Tage noch um zehn Jahr gealtert, aber dieser Schmerz hatte etwas so Mildes, Ehrwürdiges, daß er selbst in dem Herzen des mit ganz anderen Dingen als einer Theilnahme für die Familien-Verhältnisse des Hauses beschäftigten Fremden ein achtungsvolles Interesse erweckte. Er verbeugte sich fast ehrerbietig vor der alten wie am vorigen Tage in einen schwarzen Oberrock und weiße Spitzenhaube gekleidete Frau und versuchte einige Worte des Trostes an sie zu richten.
»Herr Doktor Straußthal, ein Freund des Hauses I. M. Cahn und Compagnie,« sagte vorstellend der Hofbankier. »Er will uns die Ehre erweisen, als Zeuge der Eröffnung des Testamentes unseres verstorbenen Vaters beizuwohnen, und da der Herr aus London ist und morgen wieder dahin zurückkehrt, ist keine Besorgniß, daß die Kenntniß vom Testament kann schaden unserem Interesse. Herr
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Doktor, haben Sie bewundert meine Gemälde-Galerie? Ein echter Salvato Rossa und der Niederländer Mierus ist zwei Mal vertreten darin.«
»Wo ist das Testament?« unterbrach ihn barsch der Advokat.
Der Hofbankier sah sich nach dem Buchhalter um. »Holen Sie sich dort das Tambouret, Meier,« befahl er, »und setzen Sie sich neben den Schlesinger. Sie gehören gleichsam mit zur Familie und ich hoffe, daß wird abfallen auch etwas Gutes für Sie. Sie müssen wissen, Herr Doktor, daß mein Vater manchmal gehabt hat seine Launen. So hat er gegeben eine Abschrift von seinem Testament in Verwahr dem hier anwesenden Jakob Meier, Buchhalter des Hauses I. M. Cahn und Compagnie, statt mir dem Sohn.«
»Ich habe den geehrten Anwesenden Folgendes vorzutragen,« sagte in trockenem Geschäftston der Advokat. »Hier ist ein Protokoll, von mir, herzoglichem Rechtsanwalt und Notar, aufgenommen am 6. Januar 1854 in meiner Amtsstube Hierselbst, woraus klar und bündig hervorgeht, daß der Bankier Herr Itzig Cahn zu jener Zeit über sein Vermögen testirt und daß von ihm in aller Form niedergeschriebene Testament bei dem herzoglichen Kreisamt nach den gesetzlichen Vorschriften niedergelegt hat, so wie daß besagter Herr Cahn eine von ihm selbst gefertigte und wohl verschlossene Copie dieses Testaments, nachdem ich zu dem privaten Verschluß mein Amtssiegel gefügt, in meiner Amtsstube dem hier anwesenden Buchhalter Herrn Jakob Meier zur Verwahrung anvertraut hat, damit diese Abschrift
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am Tage nach seinem Tode in Gegenwart der Familien-Mitglieder geöffnet und verlesen werde, weil in diesem seinem letzten Willen auch verschiedene Bestimmungen über die Beisetzung seiner Leiche enthalten sind, die bei der amtlichen Eröffnung des zu Gericht deponirten Exemplars zu spät kommen möchten. Verlangt einer der geehrten Anwesenden das Protokoll des Näheren einzusehen?«
Alle machten das Zeichen der Verneinung.
»Der Herr Buchhalter Jakob Meier,« fuhr der Advokat fort, »hat in diesem Protokoll über den Empfang der siebenfach versiegelten Testaments-Abschrift quittirt. Haben Sie?«
»Zu dienen, Herr Notar!«
»So fordere ich Sie auf, mir dies Dokument behufs der Eröffnung im Familienkreise zurückzugeben.«
Der Kleine zog aus seiner Tasche ein eingeschlagenes Päckchen, löste die Emballage und übergab ein starkes siebenfach versiegeltes Couvert.
»Hier,« sagte der Advokat, »ist die Aufschrift: Abschrift meines Testaments vom 6. Januar 1854, zu eröffnen am Tage nach meinem Tode, gezeichnet Itzig Cahn. Die fünf Privatsiegel des Verstorbenen sind wohl erhalten und hier die beiden Notarialssiegel unverletzt. Wünschen die Anwesenden sich davon zu überzeugen?«
»Geben Sie her!« schrie Frau Nathan Schlesinger.
Der Notar zog es jedoch vor, das Dokument zunächst der Wittwe zu überreichen.
Die alte Dame begnügte sich, die Aufschrift anzusehen,
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an ihre Lippen zu führen und zu küssen, wobei eine Thräne sich über ihre Wangen stahl.
Desto genauer untersuchten die beiden Geschwister das Couvert, drehten es von allen Seiten und prüften die Siegel.
»Oeffnen Sie, damit wir endlich was erfahren,« sagte keuchend die Tochter.
»Geduld! Hier geht Alles nach Recht und Form, Madame!«
Der Notar nahm die große Papierscheere, schnitt die eine Seite des Couverts auf und zog die zusammengefalteten Bogen hervor.
»Geben Sie das Couvert her,« rief wieder Frau Schlesinger, deren Luchsaugen jeder Bewegung gefolgt waren. »Da steht Etwas eingeschrieben.«
»Das ich nicht wüßte!« fuhr sie der Notar an - erröthete aber im nächsten Augenblick über dies unvorsichtige Zugeständniß von seiner Kenntniß des Inhalts. »Uebrigens fordert es meine Pflicht, im Interesse der Miterben jede Inschrift zuerst zu lesen, wenn eine solche wirklich vorhanden sein sollte. - In der That - hier finden sich unter dem Deckel einige Worte.« Er öffnete vorsichtig das Couvert auch auf der Nebenseite und las: »Codicille vorbehalten. Itzig Cahn.«
»Aha!«
Ueber das wohlgenährte Gesicht des Hofbankiers hatte ein kurzer Blitz der Verlegenheit gezuckt, doch faßte er sich sogleich wieder, als er sah, daß die Blicke seiner lieben Schwester mit großer Schärfe auf ihn gerichtet waren.
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»Es ist dies ein gerechter und nothwendiger Vorbehalt. Aber es hat sich bis jetzt gefunden kein solches Codicill. Oder ist Ihnen von einem solchen bekannt, Herr Doktor?«
»Das ich nicht wüßte! ich muß vielmehr die Erben auffordern, wenn sich ein solches in den Papieren des Herren Itzig Cahn vorfindet, es zur Stelle zu bringen.«
»Wir werden sehen! wir werden sehen!« sagte die Frau, ihre breiten Hände in fieberischer Unruhe auf den Tisch pflanzend.
»Gott, wie ungenteel!« flüsterte die schöne Elfriede ihrem Nachbar zu. »Wie kann man sich so haben um das Bischen Geld!«
»Ich habe Kinder, so gut wie Sie, Frau Schwägerin,« sagte spitzig die Tochter des Hauses, deren scharfes Ohr die Worte vernommen, »und bin immer hier gekommen zu kurz. Ich werde wahren mein Recht, wenn es nicht thut die Schlafmütze oder der falsche Mensch, mein Mann!«
»Geliebte Marianne ...«
»Still!« herrschte die barsche Stimme des Notars. »Ich muß mir jede Unterbrechung ernstlich verbitten. Nachher zanken Sie sich, so viel Sie wollen. Soll ich das Verlesen beginnen?«
»Ja!«
Der Advokat entfaltete das Papier, wies nach, daß es ein Stempelbogen sei und begann die Verlesung mit den üblichen Eingangsformeln:
An Geist und Körper noch ungeschwächt mich fühlend u. s. w.
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Dann kam die Erbeinsetzung und ein Paragraph, dem Alle mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten:
»Nach dem mit meinem Sohn Moritz am 15. Juni 1852 geschlossenen Contrakt habe ich demselben mein damaliges ganzes Vermögen, Mobilien und Immobilien ohne Ausnahme, für die Summe von fünfundzwanzigtausend Thaler und einige andere Gegenleistungen nebst der Firma und den Geschäften des Hauses I. M. Cahn u. Comp. überlassen und abgetreten. Mein gegenwärtiges Vermögen besteht daher außer den erwähnten Gegenleistungen nur in den gedachten 25,000 Thalern, die ich in dem auf meinen Sohn übergegangenen Bankiergeschäft I. M. Cahn und Comp. zu stehen habe.«
Wie ein Gewitterzucken war es bei dem Anhören dieses Paragraphen über das dunkel geröthete Gesicht der Tochter geflogen und Jeder erwartete einen Ausbruch ihrer bekannten Heftigkeit. Aber sie bezwang sich gewaltsam, stemmte halb erhoben, die fleischigen Hände auf den Tisch, wendete die dunklen Augen auf ihren Bruder Moritz, und nur die Worte: »Fünfundzwanzigtausend Thaler? - Na - weiter! weiter!« zischten zwischen ihren Zähnen hervor.
Der Börsen-Agent neigte den Mund an das Ohr des Dr. Straußthal und flüsterte: »Bemerken Sie wohl, der Verkauf ist gewesen zur Zeit der großen englischen Krisis!«
Der Notar begnügte sich, der Frau Schlesinger einen warnenden Blick zuzuwerfen und fuhr dann fort:
»§ 4. Meine Tochter und Erbin Marianne, verehelichte Schlesinger, hat bereits bei ihrer ersten Verheirathung ein baares Kapital von fünftausend Thaler und eine standesgemäße Ausstattung im Werthe von fünfzehnhundert Thalern erhalten. Außerdem habe ich ihrem ersten Mann Adolph Lion Wechsel discontirt im Betrage von 4500 Thalern,
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die ich bei seinem Bankerott verloren habe, da er nur 10 Prozent im Akkord bezahlt hat, ohne daß ich auch diesen Betrag erhalten habe; - und ferner bei dem Bankerott ihres zweiten Mannes, Emil Goldschmidt, verloren wiederum 7800 Thaler, was mit den Zinsen und den kleineren Anleihen, die meine Tochter bei mir fortwährend gemacht, nahezu dreißigtausend Thaler beträgt ...«
»Falsch! falsch!« kreischte die Frau.
[»]Ich verordne und bestimme also demnach, daß besagte Vorschüsse, doch nur in Höhe von achtzehntausend achthundert Thalern als das Erbtheil meiner Tochter auf die oben erwähnten 25,000 Thaler in Anrechnung zu bringen sind, doch ohne daß sie den Ueberschuß zu verzinsen oder herauszuzahlen hat. Es soll vielmehr mein Sohn Moritz gehalten sein, meiner Tochter Marianne während ihrer Lebzeit alljährlich eine Rente von zweihundert Thalern auszuzahlen, die er nach seinem Willen mit viertausend Thaler Kapital ablösen kann, wodurch alle weiteren Ansprüche meiner Tochter Marianne an mein Erbe getilgt sind. Sollte meine besagte Tochter jedoch sich einfallen lassen, diesen meinen letzten Willen anzufechten, so soll diese Rente wegfallen und sie vielmehr noch gehalten sein, das Haus I. M. Cahn u. Comp. mit den ihm zustehenden zehn Prozent an dem Bankerott ihres ersten Mannes Adolph Lion nebst Zinsen zu befriedigen.«
Das Gekreisch einer wilden Katze ist melodisch gegen den Zeter, den die getäuschte Erbin erhob. Die bittersten Verwünschungen sprudelten von ihren Lippen, auf den Verstorbenen, auf ihren Bruder, auf ihren Mann, der ruhig dabei sitze, während sie betrogen würde! und einige Minuten lang mußte die weitere Verlesung des Testaments unterbrochen werden, bis schließlich der Notar mit der Hand auf den Tisch schlug und sehr grob und energisch
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erklärte, er werde sofort den Salon und das Haus verlassen, wenn nicht augenblicklich Ruhe einträte.
Die Begierde, zu erfahren, was noch kommen werde, vermochte endlich, mehr als die Drohung, Madame Schlesinger einstweilen zur Ruhestellung ihrer Zunge zu bewegen, und sie begnügte sich unterdeß mit den heißen Thränen der gekränkten Unschuld.
Die weiteren Paragraphen des Testaments enthielten nur unwesentliche Bestimmungen in Betreff des von dem Haupterben zu leistenden Unterhalts der Wittwe, derer mit - bei dem Charakter des Verstorbenen - auffallend liebevollen und ehrenden Worten gedacht war, und über die Bestattung seiner Leiche. Nur einer der Paragraphen erregte noch die Aufmerksamkeit Aller und wandte die Blicke auf die betreffende Person.
Der Paragraph lautete:
»In Betracht der langjährigen und getreuen Dienste, welche mir mein Buchhalter Jakob Meier geleistet hat, und des guten Vernehmens, in welchem derselbe mit meinem ganzen Hause gelebt hat, so wie in der Hoffnung, daß derselbe nach meinem Tode auch fernerhin mit der gleichen treuen und uneigennützigen Gesinnung meinem Hause seine schätzbaren Dienste widmen wird, empfehle ich seine weitere Existenz meinem Sohne Moritz, überzeugt, daß es dieser Empfehlung nicht erst weiter bedarf!«
Der Hofbankier nickte sehr wohlwollend und vornehm dem mit dieser Empfehlung bedachten Buchhalter zu, Frau Schlesinger aber schlug ein hysterisches Lachen auf. »Sind Sie zufrieden, Meierchen, sind Sie zufrieden mit den Sechsundzwanzigtausend?«
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Der kleine Mann wandte verstört bei dem unerwarteten Schlag gegen alle seine Hoffnungen die Augen von Einem zum Andern, bis sie dem fest und bedeutsam auf ihm haftenden Blick des Fremden begegneten. Die Farbe wechselte mehrmals auf seinem Gesicht und er preßte die Hände krampfhaft zusammen, aber er sagte kein Wort.
Die Verlesung war geschlossen, der Notar faltete das Papier zusammen und legte es vor sich nieder, den strengen Blick auf die Frau Nathan richtend, deren Gesicht puterroth vor Aufregung war.
»Ansprüche und Reklamationen,« sagte er laut, »können natürlich erst nach der Eröffnung des gerichtlich deponirten Originals erhoben werden und ich verweise darauf. Mein Geschäft hier ist zu Ende.«
Aber der Mann des Rechts hatte seinen ebenbürtigen Gegner in der in ihrem Heiligsten - dem Geldbeutel - schwer gekränkten Frau gefunden.
»Nein, bleiben Sie - wir sind noch lange nicht zu Ende!« kreischte sie. »So kommen Sie nicht weg, Sie haben eben so gut gewußt um das Testament, wie der da, der Schuft, der Betrüger, der sich nicht schämt, zu berauben seine einzige Schwester, daß es eine Schande ist vor Gott und der Welt! Sie haben gemacht den niederträchtigsten Kontrakt über den Verkauf. Viertausend Thaler? Ich soll nehmen viertausend Thaler für mein Recht? Ich stoße das Testament um, ich werde schreien auf der Gasse, in der Zeitung über den Betrug! Es muß sein ein Codicill! Schaffen Sie das Codicill! ich will kehren das Haus von oberst zu unterst, der alte Mann kann nicht gestorben sein
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mit solcher Ungerechtigkeit, oder er hätte betrogen sein eigen Blut. Aber ich habe gehört mit meinen eigenen Ohren, wie er hat gedroht auf seinem Sterbelager, er wolle noch weiter ändern das Testament! Wo ist die erste Aenderung? Das muß sein das Codicill! Mein Bruder Moritz hat gestohlen das Codicill!«
»Marianne!«
»Liebe Frau -«
»Halt's Maul!« schnob die erbitterte Frau den Börsenmakler an. »Hat er Dich nicht auch betrogen, so gut wie mich? Hast Du Kinder oder nicht, wenn sie auch nicht sind alle von Dir? Willst Du Dir gefallen lassen das Testament?«
»In der That,« sagte Herr Nathan mit etwas langem Gesicht, »ich muß gestehen, wir sind nicht behandelt, wie es sein sollte, da doch meine Frau das gleichberechtigte Kind des Verstorbenen ist, und -« er unterbrach sich, denn er hatte die drohend zusammengezogene Stirn des Hofbankiers gesehen, der ihm einen sehr bösen Blick zuwarf - »indeß, ich hoffe, daß die wackere Gesinnung und die brüderliche Liebe des geehrten Herrn Schwagers aus freien Stücken nicht zulassen wird ...«
»Der?« schnitt ihm mit Hohn die wüthende Frau das Wort ab. »Der was herausgeben von seinem Raub, was er nicht muß? Aber ich will nicht still schweigen zu der Schande, ich will meinen Staub schütteln von den Füßen in diesem Haus im Augenblick, auf der Stelle, ich will mir suchen einen Advokaten in Berlin, der macht keine betrügerischen Kaufverträge ...«
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»Madame!«
Sie hatte mit einem Griff die Testaments-Abschrift vor ihm weggerissen, ballte sie zusammen und steckte sie an den sehr umfangreichen Ort, wo sonst Damen die Ausdrücke zarter Liebe zu verbergen pflegen. »Ich werde schon finden den rechten Advokaten, Juden oder Christ, das ist mir gleich, und den Zeitungsschreiber dazu, für Geld ist in Berlin Alles zu haben, ich will Staub werfen auf das Haus I. M. Cahn und Compagnie ...«
»Marianne!«
Es war eine leise, klanglose, ernste Stimme, die der ehrwürdigen Frau; ihre Hand legte sich leicht auf den Arm der Erbitterten. »Marianne, Du vergißt Dich! Dich und mich!«
Ein Thränenstrom, der fluthete wie ein Bach über das breite rothe Gesicht, machte dem Herzen der Erbitterten in weiblicherer Weise Luft, als durch Schimpfen und Toben.
»Main! Mutter - sagen Sie selbst - bin ich nicht betrogen? sind meine Kinder nicht auch Ihr Blut? Haben Sie es leiden können, daß mir solch Unrecht geschehen?«
»Ich habe Nichts gewußt von diesem Testament, Tochter, so wahr mir Gott helfe in meiner Todesstunde,« sagte traurig die alte Frau. »Aber Dein Vater hat das Vermögen erworben und war der Herr, und wir dürfen sein Andenken nicht verunehren durch Ungehorsam und öffentlichen Streit.«
»Aber bedenken Sie doch, Mutter - das Geschäft? es ist das Zwanzigfache werth - Sie müssen es bezeugen,
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Sie und der Meier. Er wird sagen die Wahrheit, denn ihm ist mitgespielt so schlecht wie uns. Was thut er mit dem bloßen Lob, wenn er kriegt kein Geld? - Jakob Meier - - wo ist der Meier?«
Alles sah nach dem Platz des kleinen Buchhalters, - aber Herr Meier war verschwunden, schon mit den letzten Worten der Verlesung.
In diesem Augenblick erschien er wieder. Sein Gesicht war etwas geröthet, seine schmalen Lippen waren zusammengepreßt und er ging schweigend zu einem der Kamine und lehnte sich mit dem Rücken daran.
Hinter ihm drein kam das Hausmädchen Friederike, mechanisch, todtenbleich, wie er sie vorhin getroffen. Sie trug, wie es von den Dienern vornehmer Häuser geschieht, einen Brief auf einem silbernen Teller.
Der kleine Buchhalter wies ohne ein Wort zu sagen mit dem Finger auf die Matrone. Ebenso stumm - als handle sie ohne Bewußtsein, ohne Gefühl, - ging die Dienerin um den Tisch und reichte den Brief der alten Frau.
»Für mich?«
»Ich fand ihn!«
»Wo?«
»Im - im Schlafzimmer des gnädigen Herrn!«
Eine leichte - flüchtige Röthe zog über ihre Stirn, verschwand aber eben so rasch. Sie wendete sich um und schritt ebenso mechanisch, gespensterhaft wieder aus dem Zimmer, wie sie gekommen.
Die alte Frau hatte mit Erstaunen den Brief von dem Teller genommen, und indem sie ihre Brille aufsetzte,
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besah sie ihn von vorn und hinten und las dann die Aufschrift.
»Wirklich an mich - von der Hand des Vaters!«
Eine tiefe Aufmerksamkeit hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt - wer den Hofbankier jetzt zufällig angesehen hätte, statt die alte Frau, würde bemerkt haben, daß seine Farbe sich in's Fahle veränderte und seine dicken Lippen zitterten.
»Erlauben Sie, Mama, - ich will ...«
Eine gebietende Bewegung der Hand wies ihn zurück. »Er ist an mich[«] - Sie öffnete das Papier. »Wie, ein leeres Couvert - nur leicht zugeklebt! Was soll das heißen? Aber - hier inwendig stehen auch einige Worte ...«
Die alte Frau hatte sich von dem Sopha erhoben und war zu dem Fenster getreten. Noch einmal wollte Herr Moritz Cahn ihr nach, aber der Fremde legte auf einen Augenwink des kleinen Buchhalters die Hand auf seinen Arm.
»Ich glaube,« sagte der Doktor, »Sie werden am Besten thun, der alten Dame ihren Willen zu lassen.«
Die Matrone hatte der Versammlung am Tisch, während sie am Fenster stand und las, den Rücken zugewendet. Die Worte, die sie las, schienen sie tief zu erschüttern, ihr ganzer Körper zitterte, und sie drückte einige Augenblicke die Hände vor das Gesicht. Plötzlich, als hätte sie volle Kraft und Fassung gewonnen, richtete sie sich auf und wendete sich um.
»Mutter, um Himmelswillen, was ist Ihnen?« Eine energische Bewegung wies die Tochter zurück. Das
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Gesicht der alten gebrochenen Frau hatte einen Ausdruck von Ernst und Strenge angenommen, den die Familienmitglieder bisher nie an ihr bemerkt.
»Moritz Cahn!«
»Was wünschen Sie, Mama?«
»Ich habe mit Dir allein zu sprechen! - Geh' voran!«
»Wohin Mama?« Der Hofbankier wechselte fortwährend die Farbe - eine innere Unruhe schien alle seine Glieder zu bewegen.
»Wohin sonst, als zu Deinem Vater. Komm!«
Der Notar hatte gleichfalls nicht ohne eine gewisse Theilnahme der eigenthümlichen Scene beigewohnt und von Einem auf den Andern geblickt. Jetzt nahm er seine Papiere zusammen und sagte: »Dann erlauben Sie wohl, Madame, daß ich zuvor mich Ihnen empfehle. Mein Geschäft hier ist zu Ende.«
»Ich hoffe, noch nicht, Herr,« sagte die alte Frau mit fester Stimme. »Ich bitte Sie und die Anwesenden, hier unsere Rückkehr wieder erwarten zu wollen.« - Ein gebieterischer Wink hieß den Sohn vorangehen.
Der Hofbankier wagte nicht zu widerstreben - er öffnete die Thür und ging seiner Mutter voran.


In dem Corridor hatte Herr Moritz Cahn zwei Mal vergeblich versucht, die alte Frau anzusprechen, ein stummer Wink bedeutete ihn nur, weiter zu gehen.
So kamen sie bis zu dem Zimmer, wo die Leiche des
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alten Mannes jetzt allein auf einer Bettstelle lag, des Sarges harrend, und nur von einem Laken bedeckt.
Der Hofbankier öffnete nur zögernd die Thür und ließ die Matrone an sich vorüber gehen.
»Schließe die Thür!«
Er that, wie sie befohlen.
Sie stand neben dem Todten. Die kleine gebrechliche alte Frau schien gewachsen bei dem Richteramt, das sie jetzt übte.
Mit fester Hand hob sie das Tuch von dem Antlitz des Todten.
»Moritz Cahn - blicke hierher. - Dieser Brief,« sie hob das Couvert in die Höhe, »ist von der Hand Deines Vaters geschrieben an mich. Wo ist sein Inhalt?«
Der Hofbankier, der künftige Reichsbaron, hatte alle seine Kraft zusammen gerafft. »Was soll das heißen?« zankte er. »Was wollen Sie von mir? Wie soll ich wissen den Inhalt von jedem alten Couvert, das sich umher treibt im Kehricht vom Haus und das die dumme Gans, die Friederike hat gefunden und macht ein Wesens daraus!«
»Du lügst! Das Couvert ist in Deinem Schlafzimmer gefunden - es ist geöffnet, und Du bist der Thäter. Wo ist das Codicill?«
Die Zähne des Hofbankiers klapperten hörbar zusammen. »Was soll ich wissen von einem Codicill? Wo soll sein das Codicill? ich hab' keins gesehn, es hat keins existirt oder es müßte sein zu finden. Ich will's verschwören, wenn ich ...«
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»Schurke!«
Der Chef des Hauses I. M. Cahn u. Comp. schrak trotz aller Frechheit unwillkürlich zusammen bei dem verurtheilenden Wort aus dem Munde der sonst so milden, stillen Frau. Er heftete die Augen auf den Boden und wagte kein Wort zu erwidern.
»Hier,« sagte die Matrone und öffnete das Couvert - »steht geschrieben: Ein Codicill zu meinem Testament, zur Nachachtung für meine Erben![«]
Er machte einen halben Versuch, sich des Couverts zu bemächtigen, aber ein Blick der alten Frau genügte, seine Arme herabfallen zu machen.
»Wo ist das Codicill?«
»Verbrannt!« stammelte er.
»Und sein Inhalt?«
»Ich kenne ihn nicht!«
»Lügner!«
»Beim Gott Abrahams - bei dem Todten vor uns, ich habe ihn verbrannt, Mutter!«
»Gut - ich will Dir glauben - sein und mein Fluch würde auf Dir ruhen, wenn Du die Unwahrheit sprächst. Und was denkst Du zu thun?«
Die Augen des Hofbankier fuhren unstät umher, ohne dem Blick seiner Mutter begegnen zu können.
»Dein Vater,« sagte die alte Frau, »hat offenbar das Unrecht gefühlt, das er begangen, und es wieder gut zu machen gesucht. Für welchen anderen Zweck hätte er sonst ein Codicill gemacht? - Ich will die Marianne nicht
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vertheidigen, sie ist ein thörichtes und heftiges Weib, aber sie ist sein Kind so gut wie Du und hat gleiches Recht mit Dir, und wenn sie sagt, daß der Verkauf des Geschäfts ist ein Betrug an ihr, so hat sie Recht!«
»Ich versichere Sie, Mutter, Sie täuschen sich über den Werth ...«
Die alte Frau machte eine ungeduldige Bewegung. »Ihr werdet gut machen das Unrecht, das ihr gethan ist, Er und Du, noch ehe diese Hand voll Staub vom Staube gedeckt wird. Doktor Bamberger ist noch anwesend, die Verhandlung soll sofort in meiner Gegenwart aufgenommen werden. Ich will Dich nicht hindern,« fuhr sie mit einem Zuge ernsten Spottes fort, »dabei den Großmüthigen zu spielen, um Deine Ehre zu retten. Was mich anbetrifft, so bin ich für die wenigen Tage, die Gott mir noch gewährt, mit den Bestimmungen einverstanden. Aber das Unrecht an dem armen Meier muß gleichfalls gesühnt werden.«
»Er ist ein falscher Verräther,« schnob giftig der Bankier. »Er hat gespielt den Streich, daß gekommen ist das Papier da in Ihre Hände. Er soll sofort aus dem Haus!«
»Ich denke, Du wirst Dir dies noch überlegen,« meinte ruhig die Matrone, »Du würdest größeren Schaden haben davon als er; - und wenn die Marianne damals nicht so thöricht gewesen wäre und ihn vor zwanzig Jahren zum Mann genommen hätte, statt mit dem christlichen Lieutenant davon zu laufen, - es wäre besser gewesen für Alle. - Und jetzt kennst Du meinen Willen und wirst ihn
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befolgen - damit der da friedlich in seinem Grabe ruhen mag - wenigstens mit diesem Unrecht nicht belastet. Ich wünschte, ich könnte alles andere auch ebenso von seinem Gedächtniß nehmen.«
Sie deckte die Leinwand wieder über den Todten und verließ das Zimmer. Hinter ihr, wie ein Hund mit hängenden Ohren, dem der Knochen eben entrissen ist, giftig und furchtsam zugleich, folgte der Hofbankier, indem er sich im Stillen schwor, wenigstens an der unschuldigen Ursache seiner Niederlage, dem unglücklichen Hausmädchen, eine eklatante Rache zu nehmen, denn an den kleinen Meier wagte er sich nicht. Der Buchhalter kannte zu viel von den Geheimnissen des Geschäfts. - -
In dem Salon hatte während dieser kurzen Scene die zurückgebliebene Gesellschaft sich in Gruppen aufgelöst: Frau Schlesinger machte ihrem Mann Vorwürfe, der Doktor führte ein schöngeistiges Gespräch mit der sensiblen Elfriede, welche die Gelegenheit wahrnahm, ihm aus dem großen Bücherschrank ein schön gebundenes Exemplar der Erynnien zu verehren, und der Notar hatte den kleinen Buchhalter in der Scheere, ohne doch von diesem mehr erfahren zu können, als er gerade sagen wollte.
So trafen sie die beiden, von Allen mit gespannten Blicken erwarteten Zurückkehrenden.
Die Matrone nahm ihren Platz auf dem Sopha wieder ein, ihre Hand spielte noch immer mit dem jetzt zusammen gefalteten Couvert.
Herr Moritz Cahn winkte den Zeugen der Testamentseröffnung, wieder Platz zu nehmen - er hatte jetzt
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überwunden und beschlossen, die fatale Klemme wenigstens möglichst zu seinem Vortheil zu wenden.
»Nach einer Berathung mit unserer hochverehrten Mutter,« begann er - »und da ich fürchte, liebe Schwester und lieber Schwager, daß unser lieber Vater, dem der Gott unserer Väter eine seelige Urstätt schenke, doch etwas zu parteiisch gewesen ist gegen mich, auch das Geschäft I. M. Cahn u. Comp. sich sehr gehoben hat in Umfang und Werth seit dem Kauf, - habe ich mich entschlossen, das Legat unseres Vaters angemessen zu erhöhen, natürlich unter der Voraussetzung, daß alsdann kein Widerspruch mehr erfolgt gegen das Testament.«
»Wieviel?« gellte die Stimme der Frau Schlesinger.
[Absatz]»Herr Doktor Bamberger,« fuhr der Hofbankier fort, ohne sich durch die brüske Frage seiner Miterbin stören zu lassen, »ich hoffe, Sie haben Stempelpapier bei sich, damit wir die Sache festmachen können auf der Stelle, wie sich's für Leute von's Geschäft gehört.«
»Das versteht sich von selbst,« sagte der Advokat rauh. »Ich werde doch mein Handwerkszeug bei mir haben. Was soll ich aufnehmen?«
»Einen Vertrag, wenn's Ihnen beliebt. Ich bitte also, schreiben Sie: Moritz Cahn, in Firma I. M. Cahn und Comp., verpflichtet sich, seiner Schwester Marianne Schlesinger, geborene Cahn, statt der in dem Testament ihres Vaters ihr ausgesetzten lebenslänglichen Rente eine solche von - von ...[«]
»Zweitausend Thalern,« klang die feste Stimme der alten Frau.
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Der Hofbankier schnitt ein Gesicht, wie ein Mensch, der Essig verschluckt, wagte aber nicht zu widersprechen und fuhr würgend fort: - »von zweitausend Thalern zu zahlen, dergestalt, daß der Betrag halbjährig Post ...«
»Pränumerando« sagte entschieden die betheiligte Dame.
»Pränumerando zu Berlin an sie gegen Quittung von ihr und ihrem Manne gezahlt wird.«
»Sollte Frau Schlesinger, geborene Cahn,« fügte der Börsen-Agent hinzu, »unglücklicherweise vor ihrem Mann mit Tode abgehen, so soll diese Rente für seine Lebzeit auf besagten Mann übertragen werden, resp. nach seinem Ableben auf die Kinder besagter Ehe.«
»Was denkst Du da an meinen Tod?« rief die Frau zornig, »ich werde noch leben Dir viel zu lang. Aber was haben wir für eine Sicherheit für die Rente? Der Moritz kann machen Bankerott oder sterben morgen, so gut wie ein Anderer, und ich habe Nichts mit meinen Kindern.«
»Moritz,« sagte die alte Frau, »beabsichtigt, Dir ein Kapital zu sichern für den Fall seines Todes.«
»Dreißigtausend!«
»Ich will nicht haben dreißigtausend - ich will haben meinen Antheil am Geschäft!«
»Schreiben Sie fünfzigtausend, Herr Notar,« sagte der Hofbankier, sich den Schweiß von der Stirn trocknend - »und verklausuliren Sie es wohl für meine Schwester und deren Kinder.«
Der Notar concipirte den Paragraph und las ihn vor. Der Hofbankier blickte mit einer gewissen Angst auf seine
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Mutter, während er fortfuhr: »Von diesen fünfzigtausend kommen in Abzug ...«
»In Abzug? was für ein Abzug?«
Der berliner Börsen-Agent rutschte etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her, als sein Schwager fortfuhr: »In Abzug die 36,570 Thaler, die nach letzter Abrechnung Herr Nathan Schlesinger an das Haus I. M. Cahn und Comp. schuldet.«
Die Bombe war geplatzt, der unglückliche Schuldner zuckte die Achseln und ergab sich in sein Schicksal, das auch nicht säumte in Gestalt seiner Gattin.
»Sechsunddreißigtausend Thaler? hör' ich recht? - Und die hat gemacht Schulden der erbärmliche Mensch hier mit einfältigen Bullen und liederlichen Weibspersonen von der Oper und von's Ballet, ohne zu denken an Frau und Kind! - Aber er mag werden eingesperrt, ich bezahle keinen Pfennig für ihn - ich muß haben die fünfzigtausend Thaler ohne Abzug, oder ich fechte an das Testament!«
Der Mäcen der berliner Künstlerinnen verschwand fast in seiner Cravatte und sandte aus dieser Tiefe einen flehenden Blick auf seine Schwiegermutter.
»Herr Schlesinger,« sagte begütigend der fremde Zeuge der Verhandlung, »hat Unglück gehabt an der Börse. Das Blatt wird sich wenden und er den Verlust doppelt wieder einbringen. Ich bürge dafür.«
»Bürgen hin, bürgen her! Er soll sich unterstehen, und noch einen Fuß setzen auf die Börse oder in's Theater. Was ist er schuldig - Differenz oder Wechsel?«
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»Sechsundzwanzigtausend Thaler Wechsel, das Andere Differenz,« erläuterte der Hofbankier.
»So mögen sie ihn rausschmeißen für die Differenz, die er nicht kann bezahlen von der Börse wie einen Lump,« resümirte sehr philosophisch die Gattin. »Wenn er ist Makler, warum läßt er nicht reinfallen blos Andere, statt sein eigen Geld? Für die Wechsel mögen sie ihn einsperren, bis sie's werden müde - ich bezahle keine Alimente für ihn.«
»Moritz,« sprach die Matrone, »wird die Schuld übernehmen als einen Theil Deines Erbes.«
Es wäre schwer zu entscheiden gewesen, wer ärgerlicher zu dieser Bestimmung sah, der Hofbankier, oder die zärtliche Gattin. Nach verschiedenem Hin- und Herreden und nachdem ihm Schlesinger gelobt, nicht mehr auf eigene Rechnung den Bullen zu machen, mußten aber Beide zustimmen. Nur bedang sich Madame Schlesinger nochmals, daß die fünfzigtausend Thaler auf ihre Person geschrieben und die Schuld ihr persönlich cedirt werden müßten, ohne daß ihr Eheherr irgend eine Disposition darüber beanspruchen könne.
Herr Moritz Cahn machte Miene, sich zu erheben. »So wären wir denn zu einem glücklichen Einverständniß gelangt,« sagte er - »freilich durch schwere Opfer von meiner Seite. Meine geliebte Schwester wird das zu würdigen wissen und vor dem Herrn Notar erklären, daß sie anerkennt den väterlichen Willen und sich begiebt jedes Einspruchs.«
Eine Art bissiges Knurren antwortete ihm. Weiteres konnte Madame nicht über sich gewinnen, selbst unter dem
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ernsten Auge der Mutter. Herr Schlesinger aber, sehr erfreut, so leichten Kaufs fortzukommen, betheuerte mit Hand und Mund, daß er seine eheherrliche Zustimmung gebe und daß das Haus I. M. Cahn und Comp. in jeder Lage auf ihn rechnen könne, eine Versicherung, die dem Hofbankier für den Preis von sechsunddreißigtausend Thalern etwas theuer erkauft zu sein schien. Er wollte deshalb eiligst die Verhandlung schließen, als Frau Schlesinger, die jetzt Nichts mehr zu gewinnen oder vielmehr zu verlieren hatte, seinen Arm faßte. »Einen Augenblick noch, Bruder Moritz,« sagte sie zärtlich, »wie ist es mit dem Meier? Das Meierchen kann doch ausgehn nicht ganz leer!«
»Ich behalt ihn in meinem Geschäft und geb' ihm die Procura!«
»Die hat er schon längst, wie hätt' er sonst spielen können mit meinem Mann, dem leichtsinnigen Menschen an der Börse, und verlieren fünftausend in Südamerikanern.«
Frau Schlesinger mußte das Gardinenrecht in vergangener Nacht sehr gut benutzt haben, daß sie so vertraut war mit dem Stand der Dinge.
»Meinetwegen,« grollte der Hofbankier. »Ich werde übernehmen für ihn die Differenz.«
»Es thut mir leid, Herr Cahn,« bemerkte der Doktor, »daß ich Ihrer Generosität schon zuvorgekommen bin. Ich habe die Sache bereits ausgeglichen für dies treffliche Memoire, das ich unserem kleinen Freunde dafür abgelaust.«
»Gut - so werd' ich ihm geben ...«
»Der Meier,« fiel die uneigennützige Schwester rasch ein, die an die versprochene Erbschaft dachte, »ist gewesen
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sechsundzwanzig Jahr in unserem Haus und hat ihm treu gedient. Der Vater würd' ihm gewiß ausgesetzt haben tausend Thaler Gratifikation für jedes Jahr, wenn er gedacht hätte, daß der Meier sich wünscht ein eigenes Vermögen.«
»Aber er wünscht es nicht, er ist zufrieden mit seiner Lage,« schrie äußerst zornig der Hofbankier. »Was mengst Du Dich darein in Dinge, die Dir nischt angehn!«
»Ich vertrete so gut die Ehre des Hauses wie Du,« sagte diesmal sehr ruhig die Schwester. »Frage ihn selbst, ob er wünscht oder nicht, und frage die Mutter, die dem Vater gewinnen geholfen das Vermögen.« Sie appellirte sehr schlau an diese, weil sie bemerkt hatte, daß die alte Frau auf eine ihr noch unklare Weise einen bedeutenden Einfluß auf die Willfähigkeit ihres Sohnes übte.
Der Hofbankier wandte einen sehr kläglichen Blick auf die Mutter, und dieser wurde noch unwirscher, als die alte Frau das Papier in ihren Fingern wie zufällig erhob und dazu nickte. Seine letzte Hoffnung war auf den neuen Erben selbst beschränkt. »Ist es wahr, Meier, daß Sie verlangen baares Geld?«
Der kleine Buchhalter krümmte sich wie ein Wurm unter dem drohenden Auge des Prinzipals. »Wenn es auch nicht ist baares Geld,« sagte er, »ich werde Staatspapiere nehmen zum Tagescours, wenn der Herr Hofbankier belohnen wollen meine kleinen Verdienste.«
Herr Moritz Cahn schlug mit der kurzen fleischigen Hand auf den Tisch, daß das Dintenfaß klirrte. »Schreiben
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Sie sechsundzwanzigtausend für Jakob Meier,« herrschte er dem Notar zu.
»Gott, meine armen Kinder!« stöhnte die schöne Elvire. »Wie kannst Du mich erschrecken so ungenteel!«
Aber Herr Cahn war diesmal nicht in der Laune, der Dichterin der Erynnien die gebührende Verehrung zu beweisen, sondern schnauzte sie an. »Halt den Mund! Was schwatzt Du von ungenteel? ich denke, ich habe mich benommen in dieser Affaire wie ein Gentleman, der ich bin. Oder nicht?«
Er blickte stolz um sich - die anwesenden vier Herren beeilten sich ihm zu erklären, daß er es in jeder Beziehung gethan.
Das stolze Bewußtsein, das um hundert Prozent stieg, als die Matrone das zusammengefaltete Couvert wie zufällig fallen ließ und er es hastig aufgehoben und in die Hosentasche geschoben hatte, war auch das Einzige, was ihn belohnte, als er mit kräftigem Federzug jetzt die kostspielige Verhandlung unterschrieb und die Feder weiter reichte zur Unterzeichnung der Zeugen.
Aber der Becher, der ihm heute beschieden, war noch nicht ganz geleert.
Schon während des Schlusses der Verhandlung, die Dr. Straußthal als Zeuge unterschrieb, hatte sich draußen in den Gängen eine gewisse Unruhe, ein Hin- und Herlaufen bemerklich gemacht. Jetzt öffnete Johann, der Diener, die Thür und trat mit verstörtem Gesicht ein.
»Das Dejeuner ist servirt, gnädige Frau, aber ...«
»Was giebt's?«
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»Die Friederike, die arme Person ...«
»Was ist's mit ihr?« frug die Stimme der Hausfrau unwillig. »Sie kann Dir noch aufwarten helfen bei Tisch, ehe sie geht.«
»Sie liegt seit einer Viertelstunde in Krämpfen, seit der Soldat gekommen. Es wäre wohl am Besten, einen Doktor zu holen.«
»Was soll das heißen von so einer Person,« rief die sentimentale Hausfrau mit scharfem Ton. »Wie kann sie krank werden, nachdem sie gekündigt hat den Dienst und fort will Knall und Fall. Wer ist der Soldat?«
Die Antwort wurde dem Diener erspart. Die Matrone, die Einzige, die ein theilnehmendes Herz und Besorgniß für das erkrankte Mädchen besaß, vielleicht mit Ausnahme des kleinen Meier, hatte sich bereits erhoben und war nach der Thür gegangen, um selbst nachzusehen. Aber bevor sie noch dieselbe erreichte, wurde sie geöffnet und - gewiß eine seltene Erscheinung in diesem Salon - ein großer stattlicher Mann in der Uniform eines Unteroffiziers der Preußischen Garden trat ein.
Der Soldat, der an der Thür stehen blieb und militärisch grüßte, hatte ein ehrliches ernstes, jetzt von dem Ausdruck der Sorge und des Schmerzes getrübtes Gesicht, seine Haltung war stramm und straff, er ganz das Musterbild eines festen Soldaten.
»Verzeihen Sie, meine Herrschaften, wenn ich störe,« sagte er mit leicht vibrirender Stimme, »aber Noth kennt kein Gebot. Wo finde ich den Herrn oder die Frau des Hauses?«
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Die Farbe des Hofbankiers war womöglich noch fahler geworden, als vorhin, da seine Mutter ihm den Beweis seines Diebstahls am Todtenlager seines Erzeugers wies. Galt es doch damals höchstens einen Angriff auf sein Geld, - hier fürchtete er Schlimmeres. Er ahnte, wer der Fremde sei und hatte sich hinter einen der Lehnsessel retirirt.
Die schöne Elvire war vorgetreten. »Wer sind Sie? was wünschen Sie? ich bin die Frau vom Hause.«
»Madame,« sagte der Soldat - »ich bin der Unteroffizier Krause, der Bruder des Mädchens, das seit zwei Jahren in Ihren Diensten steht. Ich bin vor einer halben Stunde mit der Eisenbahn von Berlin angekommen, um meine Schwester auf einen schweren Schlag vorzubereiten, der uns Beide betroffen, und sie nach Berlin zu holen. Aber es hat die Aermste so angegriffen, daß sie von einer Ohnmacht in die andere fällt. Ich bitte um die Erlaubniß, einen Arzt holen lassen zu dürfen und bedauere die Unruhe, die wir Ihnen machen umsomehr, als wie ich höre, Sie das gleiche Unglück betroffen hat.«
»Das gleiche Unglück - uns?« meinte hochmüthig Frau Elvire.
»Den Vater zu verlieren, nur daß wir zugleich vater- und mutterlos geworden sind.«
»Bedauere recht sehr, Herr Unteroffizier,« sagte die Dame des Hauses. »Sobald Ihre Schwester sich erholt hat, können Sie dieselbe mit sich nehmen, sie hatte bereits ihre Entlassung und wollte zurück nach Berlin.«
Sie nickte vornehm zum Zeichen des Abschieds.
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»Lieber Himmel,« fügte Madame Schlesinger bei - »Sie haben mich gemacht besorgt, Herr Unteroffizier. Ist denn etwa ausgebrochen eine ansteckende Krankheit in Berlin, daß Ihr Vater und Ihre Mutter gestorben sind alle zwei?«
»Es ist ein Unglück geschehen, Madame. Man fand die beiden alten Leute gestern Morgen todt in ihrem Bett - an Kohlendunst. Sie haben unvorsichtig wahrscheinlich zu früh am Abend den Ofen geschlossen. - Ich will Sie nicht länger stören!«
Die Matrone hatte den Salon bereits verlassen, um hinunter zu gehen zu der Kranken.
Auch der kleine Meier war verschwunden. Er war anfangs gleichfalls sehr erschrocken gewesen über die Ankunft des großen Soldaten, aber jetzt eilig fortgelaufen, um selbst einen Arzt zu holen.
Frau Elfriede Cahn fand das Unglück sehr bedauerlich, aber erklärlich, weil die Leute mit Kohlen heizten statt mit Holz; - dem Herrn Hofbankier war ein großer Stein vom Herzen gefallen und er empfahl seiner Gattin, als die Gesellschaft jetzt zum Dejeuner in den Speisesaal ging, für den königlich preußischen Herrn Unteroffizier ein Glas Wein und ein belegtes Butterbrod hinunter in die Küche zu schicken.

Die Bärenjager.

Der Bahnhof von Pamplona ist sehr einfacher Natur - eine offene Halle, in der die Majo's und Señorita's in der Erwartung des ankommenden Zuges promeniren, die Bewohner der alten Pompejopolis, der Stadt der Basconen, der Hauptstadt des spanischen Navarra den Abgang der Züge erwarten, um nach Saragossa und Barcelona, nach Burgos und Madrid, oder gen Norden nach Irun und Bayonne auf den Flügeln des Dampfes davon zu fliegen.
Im Ganzen ist der Verkehr jedoch eben nicht groß, der Spanier besitzt nicht mehr die Wanderlust seiner Väter, die ihn Welten entdecken und Welten erobern machte und liebt es, in der Heimath zu bleiben, so schlecht die Verhältnisse auch dort geworden sind.
Der Schnellzug, der am Mittag von Saragossa eintrifft, wurde erwartet, die Halle war gefüllt mit Menschen; denn wenn, wie gesagt, der Spanier auch nicht mehr liebt, zu reisen, liebt er es doch zu flaniren und müßig sich umherzutreiben, wo es irgend etwas zu sehen giebt. Das ist fast die einzige Eigenschaft, die er mit seinem
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verhaßten Feinde, dem Gavaccho - dem Franzosen - gemein hat.
Deshalb waren Offiziere und Soldaten der Garnison, Kloster- und Weltgeistliche, Frauen und Mädchen, Müßiggänger aller Art, Handwerker und Maulthiertreiber, Limonenhändler und Landleute hier versammelt. Unter den letzteren bemerkte man noch häufig die alte baskische Tracht, die rothe Jacke, die langen weiten Beinkleider mit der braunen Leibbinde, die spitze Mütze zum Unterschied von der Basquina der Soldaten und der französischen Basken, und die Alpargatas, die mit bunten Bändern befestigten Sandalen.
Ein in dieser Weise nach der uralten Landessitte gekleideter Mann, der ruhig an einem der hölzernen Pfeiler lehnte und die lange schwarze Cigarre rauchte, erregte nicht blos die Aufmerksamkeit der niederen Personen, die ihn mit einer achtungsvollen Vertraulichkeit grüßten, sondern auch der besseren Klassen. Er schien trotz seines einfachen rauhen Aeußern und Wesen eine sehr bekannte Persönlichkeit, und selten ging eine Mutter mit ihren Sprößlingeil in seiner Nähe vorüber, ohne auf ihn zu deuten und ihnen zu sagen: el cazador de osos.
Der Mann war nicht mehr jung, er mochte wohl schon sechszig Jahre zählen, aber seine hohe schlanke Figur von athlethischem Bau war ungebeugt und schien dem Alter, allen Anstrengungen und Mühseligkeiten zu trotzen. Er trug die baskischen weiten Beinkleider, aber statt der rothen Jacke ein offenes weites Wams von starkem braunem Leder und in dem rothen Gürtel, der seine schmalen Hüften
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einschnürte, steckte in lederner Scheide ein langes katalonisches Messer mit einem Griff von Ebenholz, in den eine Anzahl silberner Knöpfe eingeschlagen waren. Statt der üblichen leichten Sandalen hatte der Mann Stücken von ungegerbtem Leder um die Füße geschlagen und über den Knöcheln zusammengebunden.
Die offenen Falten des Hemdes, das nur am Hals von dem Tuch mit dem nationalen Knoten zusammengehalten wurde, zeigte einen starken Haarwuchs auf der kräftigen Brust, der jedoch an zwei Stellen wie von breiten Narben gelichtet war, und sich mit dem langen grauen Bart vermischte, der Kinn und Wangen des Mannes umgab. Die Farbe des Gesichts war tief gebräunt von dem fast steten Aufenthalt im Freien und den Einwirkungen des Wetters wie der heißen Sonnenstrahlen. Ohnehin ist die Hautfarbe der Basken von unvermischtem Blut dunkler als die der anderen Spanier mit Ausnahmen etwa der Nachkommen der Morisken. Graue Augen von festem durchdringendem Blick belebten das kräftige noch im Alter stattliche Gesicht, dessen eine Hälfte jedoch von einer furchtbaren Wunde entstellt wurde. Es war dies eine tiefe Narbe, welche fast die ganze linke Wange bedeckte bis zum Mund und sich hier in den Bart verlor, indem sie einen Theil der Oberlippe verzogen oder vielmehr fehlen machte, so daß man die kräftigen weißen Zähne des alten Mannes durch die Barthaare wie Elfenbein schimmern sah. Es mußte eine furchtbare Wunde, die ganze Wange herausgerissen oder zerfleischt gewesen sein, deren Spuren diese
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Narbe, oder vielmehr diese Zusammensetzung von Narben zeigte.
Der »Cazador« oder Jäger, als welchen ihn die Frauen bezeichnet hatten, trug auf der einen Seite einen ledernen Sack um seine Schultern, der einem Jägerranzen glich und in der That auch diesen Beruf erfüllte, und hatte eine lange Flinte von großem Kaliber und grober aber solider Arbeit in der Hand, während er mit einem jungen Mann sich unterhielt, dessen Aeußeres in jeder Beziehung gerade das Gegentheil des seinen war.
Es wird genügen, zu sagen, daß diese Person der junge Graf von Lerida war, Don Juan, oder wie man will, der Kapitain Waterford, El Tuerto, und welche sonstige Namen bei Gelegenheit zu führen ihm beliebte.
Don Juan trug wie der Jäger das baskische Kostüm, nur statt der Alpargatas hohe bis zum Knie reichende und dort die Beinkleider aufnehmende Stiefeln von ungeschwärztem Leder und die rothe Baskina statt der spitzen Mütze. An dem Gürtel hing in silberner Kette ein starker tunesischer Dolch, anscheinend seine einzige Bewaffnung. Beide Männer rauchten ihre Cigarro's und bliesen während der Pausen ihrer Unterhaltung den Rauch hinaus in die blaue Luft. -
»So habe ich also Ihr Wort, Señor Don Romero Castillos,« sagte der Graf, »daß ich und der Freund, den ich erwarte, morgen Abend die gewünschten Posten erhalten werden?«
Don Castillos, denn es war in der That der berühmte Bärenjäger der navarresischen Berge - neigte den Kopf.
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»Ich hatte ihn eigentlich für mich bestimmt, Condesito, indeß Sie wissen, daß ein Baske einem Manne Ihres Geschlechts nie einen Wunsch verweigern wird. Aber dieser Franzose wird einen schweren Stand haben, wenn Sie ihn nicht mit Ihrem sicheren Blick und Ihrer festen Hand unterstützen. Ich kenne nur einen der Gavaccho's und er ist es dazu nur ein halber, den ich Aug' im Aug' mit dem Oso9 der Pyrenäen nicht die Farbe habe wechseln sehen.«
»Und wer ist das?«
»Sie werden es sehen, denn es ist der Grande, den ich hier erwarte. Er ist gestern in Barcelona gelandet und hat mich durch den Telegraphen benachrichtigen lassen, daß er heute hier eintreffen wird. So sagt mir wenigstens Ines, denn Sie wissen, daß ich selbst nicht lesen kann.«
»Caramba - das ist wahr,« erwiederte lachend der Graf, »und es ist gefährlich, mit Ihnen zu correspondiren, da Alles durch Weiberhände geht. Aber Sie werden damit Ihre rechte Hand verlieren, da Doña Ines Sie morgen verläßt.«
»Ihre Heirath mit Tommaso ist kein Verlassen,« entgegnete der Baske, »ihr Haus ist nicht weit von dem meinen und sie wird täglich wohl ein Paar Stunden übrig haben für die Geschäfte ihres alten Oheims.«
Der Graf dachte einige Augenblicke nach, dann sagte er in baskischer Sprache: »Gewiß, ich traue der Doña Ines die vortrefflichsten Eigenschaften zu, aber ist es nicht in der That gewagt, einem so jungen Mädchen oft so wichtige politische Geheimnisse anzuvertrauen?«
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»Ines ist wenigstens vom Vater eine Baskin. Keine Escolduna10 wird die Ihren verrathen.«
»Ich fürchte auch nicht Verrath, sondern eine Unvorsichtigkeit. Jeder Mensch hat seine schwachen Augenblicke - Niemand weiß das besser als ich. Wäre dem nicht so, Papa Romero, so würde Deine Junta ganz andere Dinge zu berathen haben, als jetzt der Fall ist. Wann soll die Versammlung stattfinden?«
»Mit Aufgang des Mondes.«
»Der Platz?«
»Die heilige Eiche von Guipuzcoa.«
»Und Du fürchtest keinen Verrath? Seit der Aufhebung der Fuero's wimmeln die Provinzen von den Schergen Herrera's.«
Der Baske richtete sich stolz empor. »Das Statut des Königs Alfons macht jeden Beamten der Spanier, der sich ohne Erlaubniß der Junta-General innerhalb der Grenzen der drei Provinzen blicken läßt, vogelfrei und erlaubt ihn zu tödten. Kein Alguazil oder Spion wird es wagen, sich der heiligen Eiche zu nahen.«
»Quien sabe!« meinte der Graf philosophisch, indem er den Rauch seiner Cigarre in die frische Luft blies. »Das war vor Zeiten. Marschall Narvaez und Espartero haben die Fuero's vernichtet, wie Du schon aus der Anwesenheit dieser Caballero's« - er wies auf einen Trupp Soldaten, der auf dem Bahnhof umher lungerte - »ersiehst. Denn so viel ich weiß, dürfen nach den alten Rechten königliche Soldaten nur in San Sebastian weilen.«
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»Wir werden unsere Fuero's wieder nehmen!« murmelte ingrimmig der Bärenjäger.
»Richtig - wenn Ihr Don Carlos auf den Thron Spanien's gesetzt habt, eher nicht. Um dies zu erreichen, gilt es aber nicht blos Muth und Einigkeit, sondern auch Vorsicht, und für eine solche Vorsicht halte ich es, daß Señor Ramiro Castillos, ein Hidalgo vom reinsten Blut, verschiedene spanische und andere Herren zur Bärenjagd geladen hat, welche dazu dienen sollen, die Zusammenkunft der Häupter der Karlisten zu verbergen.«
Der Baske, der von dem scharfen Blick des jungen Mannes seine Absichten so richtig durchschaut sah, stieß unwillig den Kolben seiner Flinte auf den Boden.
»Traurig genug, Señor Conde, daß es so ist. Hinge unsere Jugend mehr an den heiligen Sitten der Väter, statt sich an den liederlichen Höfen von Madrid und Paris umherzutreiben oder Königin Isabella zu dienen, es stände anders mit dem Schicksal Biskaya's.«
Wiederum lachte der junge Mann. »Wenn Deine Bemerkung auf mich gemünzt ist, Don Ramiro, so verliert sie ihren Stachel. Du weißt, daß ich in einem anderen Lande erzogen bin, und ich sage Dir, - wenn der Teufel nicht vor wenig Tagen in Gestalt eines hübschen Weibes wieder sein Spiel getrieben hätte, würde ich allein mehr für die Wiedereinsetzung der alten Königsfamilie gethan haben, als alle Eure Junta's und Conspirationen, die im Grunde nicht mehr sind wie Flohstiche. Aber da kommt der Zug und wir müssen unser weiteres Gespräch über den Gegenstand verschieben. Jedenfalls will ich bei
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der Versammlung sein, wenn ich meinen Bären erlegt habe und mir nicht ein Paar hübsche Augen eine bessere Unterhaltung versprechen.«
»Nimm Dich in Acht, Graf,« sagte ärgerlich der alte Mann. »Dergleichen magst Du meinetwegen im Palácio Real treiben, aber nicht in den Bergen von Biscaya. Du weißt, daß die Escolduni keinen Spaß darin verstehen. Es ist ein Elend, daß Männer wie Du ihr Leben an solche Dinge hängen, und wüßte ich nicht, daß Du sonst ein baskisches Herz hast, und wäre ich nicht der Freund Deines Vaters gewesen, würde ich nimmer Dir gestattet haben, Deinen Fuß über die Schwelle meines Hauses zu setzen. Aber hüte Dich und denke an Dein Wort.«
»Ich habe es Dir verpfändet, daß jede Bewohnerin desselben von meinen Galanterien verschont bleiben soll,« bemerkte hochmüthig der Conde, »und ein Lerida hat einem Mann noch niemals sein Wort gebrochen. Jetzt laß mich sehen, ob ein Pariser das seine hält.«
Das Andrängen der Versammelten nach der Haltestelle des daher schnaubenden Zugs war jetzt größer geworden und verhinderte jeden weiteren Austausch von Bemerkungen. Die beiden Basken zogen es vielmehr vor, sich etwas weiter zurückzuziehen, um die Aussteigenden desto bequemer beobachten zu können.
Der Zug hält in Pamplona - man hat es überhaupt in Spanien mit der Eisenbahn nicht so eilig - eine Viertelstunde, ehe er nach Alsasua und Tolosa weiter geht, und die Reisenden stürzten sich aus den Waggons.
»Willkommen, Monsieur le Marquis,« sagte
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vortretend der junge Abenteurer, »ich habe die Ehre, Sie auf spanischem Boden zu begrüßen!«
»Ah, Mylord von Lerida,« erwiederte höflich der junge Franzose, denn es war in der That der Ordonnanz-Offizier des Kaisers, der Vetter der schönen Bretagnerin. »Sie sehen, daß ich Wort gehalten. Wahrhaftig, ich hätte Sie fast nicht erkannt in dieser neuen Verwandlung. Erlauben Sie, Hoheit, Ihnen meine Hand zu reichen!« Mit diesen Worten wandte er sich höflich nach dem Waggon zurück, um einem älteren Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein, wohl mehr um so einer vertrauteren Begrüßung mit seinem Gegner zu entgehen.
Der Aussteigende war ein Mann von etwa 45 Jahren, mittlerer Figur, etwas zum Embonpoint geneigt, aber sonst rüstig und kräftig. Sein Gesicht war braun, der Bart leicht ergrauend, das Profil erinnerte an eine historische Person.
»Pesthe!« sagte er lachend, »was denken Sie, Marquis! Ich komme von der Jagd der wilden Bergschaafe, um trotz meiner Gicht in den Pyrenäen nach Bären herumzuklettern, und Sie bieten mir Ihren Arm! Es wäre doch zu viel von einem Republikaner, wie ich, verlangt, sich auf die kaiserliche Armee stützen zu wollen.«
Er sprang mit leichtem Schwung aus dem Waggon, hielt zwei Finger an den Mund und ließ einen grellen Pfiff erklingen, der dem der Lokomotive Nichts nachgab. Ein baumlanger Mensch in Jägerlivree drängte sich sogleich zu seinem Herrn.
»Was befehlen Altezza?«
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»Sorge, daß mein Gepäck im Bahnhof untergebracht wird, bis auf die Gewehre und das Felleisen, und sieh Dich um nach einer Carozella.«
»Sie werden sie nicht nöthig haben, Hoheit,« sagte die tiefe Stimme des Basken hinter ihm. »Es ist für Alles Sorge getragen.«
»Ha, Signor Ramiro! Es freut mich, alter Freund, Dich wieder zu sehen, obschon Du meine Einladung nach Ajaccio verschmäht hast. Was machen Deine Feinde, die Bären?«
[»]Sie warten auf Ihr Blei, Hoheit. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Sohn unserer Berge vorzustellen, der sich auch zur Jagd eingefunden, den Grafen Juan von Lerida, einen etwas wilden Burschen, aber tüchtigen Jäger zu Wasser und zu Land.«
»Mein alter Kamerad vergißt, Ihnen meinen Namen zu nennen,« bemerkte der Fremde auf den fragenden Blick des jungen Mannes. »Ihr Freund, mein Reisegefährte von Saragossa her, wird vielleicht die Güte haben, es nachzuholen.«
»Seine Hoheit der Prinz Peter Bonaparte,« stellte der Marquis de la Houdinière vor.
»Verzeihung, Hoheit, daß ich Sie nicht erkannte. Es war vor einigen Tagen das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, am kaiserlichen Hof zu sein.«
»Sie würden mich auch schwerlich dort gefunden haben,« meinte lachend der Prinz, indem er dem jungen Mann auf die Schulter klopfte. »Mein Vetter, der Kaiser, und ich sind gerade keine besonderen Freunde und ich liebe
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das Schranzenwesen nicht. Aber nun, Ramiro, wie kommen wir nach Deiner Höhle?«
»Beim Kreuz von Montserrat,« brummte der Alte, »ich hielt schon meine Vorstellung für überflüssig, weil ich glaubte, ein wilder Teufel müsse den anderen kennen. Aber Altezza sollten wissen, daß es in unseren Bergen keine Staatskarossen giebt und daß, wer sich nicht auf seine Beine verlassen kann, mit den vieren eines Maulthieres zufrieden sein muß.«
»Ich ziehe die letzteren vor,« sagte lachend der Prinz, »denn die anderen wirst Du ohnehin genug strapaziren. Aber unser Gepäck?«
»Ein Gebirgskarren hält vor dem Bahnhof. - Die Thiere stehen dort!«
»Adelante!«
Es hatten sich noch zwei Theilnehmer der Jagd zu der Gesellschaft gefunden, der eine ein englischer Offizier der Garnison von Malta mit seinem Gastfreund, einem als eifrigen Jäger bekannten Oberst des Lanzier-Regiments, das in Pamplona und Saragossa in Garnison liegt. Mauro erwartete seine Herren bei den Arriero's, und nachdem die Diener der beiden Franzosen für Unterbringung des Gepäcks gesorgt, brach die kleine Cavalcada aus etwa zwölf Reitern einschließlich der Diener bestehend auf, um sich nach der Casa Castilla auf den Weg zu machen.
Der kaiserliche Ordonnanz-Offizier benutzte die erste Gelegenheit, die der oft sehr schmale und rauhe Weg bot, sich seinem Gegner anzuschließen.
»Sie sehen, Herr Graf,« sagte er ernst, »daß ich Ihrem
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Wunsche gefolgt bin. Aber diese ganze Sache gewinnt mehr den Anschein einer Lustpartie, als der ernsten Entscheidung, die wir verabredet, und ich will nicht hoffen, daß Sie mit mir Ihren Scherz getrieben haben.«
»Ohne Sorge, Herr Marquis! Die Partie, zu der wir gehen, wird für die Spieler ernst genug sein und Sie zufrieden stellen.«
»Aber ich sehe nicht ein, wie es zu einem Rencontre zwischen uns Beiden kommen soll?«
»Haben Sie nur die Güte, mich in dem, was Sie mich diesen Abend thun sehen, zu unterstützen. Bis dahin, Herr Marquis, lassen Sie uns plaudern als gute Bekannte, was Ihre Einladung rechtfertigen muß; denn ich will Ihnen offen gestehen, daß die Franzosen hier sonst nicht sehr gern gesehen sind. Wir sind Beide jung, und Sie werden Gelegenheit haben, hier Manches zu sehen, von dem Sie in den Salons von Paris bei Ihrer Rückkunft erzählen können, vorausgesetzt, daß diese erfolgt, was ich von Herzen wünsche.«
Der Franzose verbeugte sich mit kalter Höflichkeit.
»Und nun, wie haben Sie die Schönheiten am Hof von Madrid gefunden? - Oder, - wenn Ihnen das besser behagt, wenden Sie Ihren Blick auf die todten Schönheiten unseres Landes, und sagen Sie mir, ob diese Kette von rauhen Felsen und aufsteigenden Bergen nicht auch ihre Reize hat, die so ergreifend auf den Geist wirken, wie nur immer ein Paar blaue oder schwarze Augen auf das Herz?!«
Und in der That war der Anblick wohl geeignet, die
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Aufmerksamkeit zu fesseln. Der Weg, den die Gesellschaft genommen, war eine kurze Strecke der Straße nach Ostiz gefolgt und hatte sich dann zur Linken gewendet, dem Ufer eines Bergwassers folgend, das von der Höhe des Maldabich, der riesigen Scheidewand der Flußgebiete der Bidassoa und des Ebro herabbraust, dem letzteren zugewendet. Je weiter sie kamen, desto rauher und wilder wurde die Gegend. Im Westen streckte sich die Kette der Cantabrischen Gebirge und im Nordosten erhoben sich die Riesenwand des Maldabich und die wenigen mit Schnee bedeckten Häupter der Mittel-Pyrenäen. Während die nördliche Abdachung der mächtigen Gebirgskette von Wäldern und Weiden begrünt ist, bildet die den heißen Winden ausgesetzte Südseite schroffe und öde Granitwände, nur von niederem Strauchwerk und magern Weiden unterbrochen, in düstere Klüftungen sich zerspaltend und enge Gaven oder Flußthäler hinuntersendend in das Land.
Die rauhere Beschaffenheit des Gebirges und der bis hierher fühlbare Hauch der afrikanischen Wüstenwinde ist die Ursach, daß diese Seite der Bergkette von den Raubthieren, die sie noch bewohnen: dem Luchs, der wilden Katze, dem Wolf und dem Bären, mehr gesucht ist, als die cultivirtere Nordseite.
Ein großartiges Bergtheater, von Tolosa bis zum Salazaro reichend, bot sich anfangs den Blicken der Reisenden; aber je weiter sie in die Gave eindrangen, desto enger begränzt wurde es und drängte sich oft zu engen Felsenschluchten zusammen, bis dieselben wieder zu geräumigen Plateau's führten, von denen der Blick nach Süden
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das weite Flußgebiet des Ebro und der Arga schweift. Obschon der Col oder Puerto, der Gebirgspaß, der von St. Jean Pied de Port nach Pamplona führt, in nächster Nähe östlich gelegen war, wurde der Bergbildung wegen die Straße nur selten sichtbar.
Einen dieser Punkte bildete die Hochterrasse, die sie nach einem etwa zweistündigen Ritt erreichten und auf der sich die Wohnung des berühmten Bärenjägers befand. Die Wohnungen der baskischen Landbewohner stehen selten in Dörfern zusammen, sie bilden einzelne zwischen den Bergen zerstreute Gehöfte, wie die Höfe der westphälischen Colonen, mit denen der Baske überhaupt manchen Lebens- und Charakterzug gemeinsam hat und in dem starken hohen Körperbau und der Farbe der blonden Haare ähnelt. Nur ist er von Natur aus jähzorniger, hitziger, eiteler und fröhlicher, dabei ebenso gastfrei, zäh, treu und arbeitsam.
Die Casa Castilla war wie alle die Häuser der meist wohlhabenden Bewohner ein langes einstöckiges Gebäude unter dem Schatten gewaltiger Nußbäume, mit Maisstroh gedeckt, zur Seite der landesübliche Kalkofen, worin der Kalk zum Düngen der Maisfelder gebrannt wird. Die Wirthschaftsgebäude hatten jedoch nur eine geringe Ausdehnung, da der Besitzer sich eben weniger mit dem Landbau beschäftigte. Wie in den Alpen der kühnste und glücklichste Gemsenschütze einen durch das ganze Land verbreiteten Ruf hat, so in den Pyrenäen noch heutigen Tages der kecke Jäger, der die Spur des zottigen Bären aufzufinden und ihn in seiner Höhle anzugreifen wagt.
Als die kleine Cavalcade die Höhe erreichte, sah sie
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den Platz vor dem Hause bereits von einer Gesellschaft besetzt, die ihrer Ankunft bei Spiel und Tanz harrte. Die Pfeife und die baskische Trommel, diese alleinigen Instrumente der rohen Landesmusik, waren in voller Thätigkeit und die Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die tanzenden Paare, oder die Ballonschläger mit ihren breiten Scheiten. Die Tafel unter den Bäumen war mit kräftigen Speisen, Bärenschinken, Lammsvierteln und Maiskuchen bedeckt, und obschon der Baske im Ganzen sehr mäßig ist, fehlte es doch nicht an Krügen mit dem edlen, über das Gebirge gepaschten Wein von Roussillon oder mit dem starken katalonischen Branntwein.
Der Graf von Lerida erinnerte sich, daß es der Abend vor der Hochzeit der Nichte des Hausherrn war, und da er die baskischen Sitten genügend kannte, erzählte er seinem Gefährten, daß die benachbarten Landleute sich versammelt hatten, um nach altem Herkommen dem jungen Paar die ganze Ausstattung seiner Wirthschaft zu bringen.
Ein Rudel großer gelbbrauner zottiger Hunde begrüßte mit wildem Geheul zuerst die Gesellschaft. Zwei der Thiere von wahrhaft riesigem Wuchs stürzten mit weiten Sätzen ihren Kameraden voran und sprangen an dem Thier ihres Gebieters in die Höhe, während ein Veteran dieser Hundekolonie, ein alter grauer Bursche, langsam daher kam, gleich als halte er es unter seiner Würde, dem wilden Spiel seiner Nachkommenschaft sich anzuschließen. Dennoch war er es, den zuerst der Bärenjäger begrüßte.
»Willkommen Negro, alter Bursche,« sagte der Hausherr, indem er sich von dem Sattel seines Maulthiers
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beugte und den Kopf des Hundes klopfte. »Es ist verständig von Dir, daß Du Deine Kräfte für morgen sparst, denn hier bringe ich Dir Gesellschaft, vor der Du Deinem Hause Ehre machen mußt. Hier Tomaso, nimm die Zügel des Thiers, indeß ich meine Gäste auf der Schwelle meines Hauses nach alter Sitte willkommen heiße. Ich hoffe, Du hast über Tanz und Spiel nicht die wichtigeren Geschäfte vergessen.«
Die Worte galten einem hochgewachsenen jungen Mann von etwa drei- bis vierundzwanzig Jahren mit ausdrucksvollem Gesicht in der Landestracht, einen Blumenstrauß in dem Knopfloch der Jacke tragend, der eben beschäftigt war, die Hunde von dem Fremden zu verjagen.
»Ohne Sorge, Vater,« sagte der junge Baske, - »es ist Alles geordnet und ich habe mich noch diesen Morgen überzeugt, daß die Spuren frisch waren.«
Der alte Jäger hatte sich aus dem Sattel geschwungen und war in den Kreis seiner Landsleute getreten, die ihn mit Handschlag begrüßten. Er selbst verneigte sich ehrerbietig vor einem Mönch, der den Vorsitz am Tisch gehabt und sich weniger der Mäßigkeit befleißigt zu haben schien, als die anderen Gäste, denn die Farbe seiner feisten Wangen und der breiten Nase war ziemlich glühend.
»Wie geht es Dir, Pater Antonio? ich habe Deine Aufträge in Pamplona besorgt, die Briefe abgegeben und bringe Dir ein Pfund ächten Portorico mit.«
»Du sollst meinen Seegen haben dafür, Sohn Ramiro,« sagte mit salbungsvoller Stimme der Mönch. »Du bist stets eine gute Stütze der Kirche gewesen und es thut
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mir wirklich leid, daß ich Dein Haus verlassen muß. Aber ein armer Geistlicher, dessen Kloster die heidnischen Progressisten geschlossen haben, hat keinen Willen und muß froh sein, wenn seine Oberen sich seiner noch erinnern.«
In dem schlaffen aufgedunsenen Gesicht des Mönchs lag ein unangenehmer Zug, der mehr auf Egoismus und eine gewisse niedere Schlauheit, als auf die gerühmte Demuth und Armuth schließen ließ. Bei der hohen und unbedingten Verehrung, welche das baskische Volk jedoch für Alles, was den geistlichen Namen trägt, hat, konnte ein Mißtrauen gegen die Worte des Pfaffen in der ehrlichen Seele des Bärenjägers und seiner Umgebung nicht aufkommen. Seine Antwort war daher, daß sein Haus bereit sei, ihn auch noch fernere Jahre zu beherbergen, damit er ihm und den Nachbarn die Wohlthaten der Kirche spende, und daß, wenn es ihm in Madrid nicht gefallen sollte, er lieber in ihre rauhen Berge zurückkehren möge. Dann aber wandte sich der Hausherr nach der Gruppe seiner Landsleute und winkte seiner Nichte, die dort schon mit einem Krug und einem hölzernen Teller bereit stand, und ging seinen Gästen entgegen, die ihre Thiere verlassen hatten und näher traten.
»Señores,« sagte er, den baskischen Dialekt mit der spanischen Sprache vertauschend, »Sie sind willkommen in dem Hause eines Escaldunac. Was ich habe, ist Ihr Eigenthum. Nehmen Sie das Brot und Salz der Gastfreundschaft und die heilige Jungfrau segne Ihren Ein- und Ausgang.«
Zugleich bot das Mädchen dem Prinzen den Teller,
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auf dem kleine Stücken Maisbrod und ein Häuschen Salz lagen. Der Prinz nahm ein Stück, tauchte es nach der Landessitte in das Salz und aß einen Bissen davon.
»Cospetto, Freund Castillo's,« sagte er munter, mit der Linken das Kinn des Mädchens erhebend, - »Deine Nichte ist verteufelt herangewachsen und hübsch geworden, seit ich das letzte Mal in Deiner Bärenhöhle war, was beiläufig gesagt, sieben Jahre her sind. - Nun, nun, Schätzchen,« fuhr er zwanglos fort, als das Mädchen, eine feine schlanke Gestalt mit der Röthe des Unwillens auf den Wangen, einen Schritt zurücktrat, »Du brauchst vor mir keine Besorgniß zu haben, wie etwa vor jenen jungen Herren dort, denn ich schaukelte Dich mehr als einen Abend auf den Knieen. Ueberdies bin ich versehen und ganz zufrieden mit meinem Kinde aus dem Volk, und beneide daher den glücklichen Bräutigam nicht, der Dich morgen heimführen soll. Aber Ihr müßt gestatten, daß ich mich den Nachbarn anschließe und meinen Antheil zu Euerer Ausstattung beitrage.«
Damit zog er eine seidene Börse aus der Tasche, durch deren Maschen Gold- und Silberstücke schimmerten, und reichte sie dem Mädchen, das darin nach Landesbrauch durchaus keine Beleidigung fand, sondern den Beutel aus der Hand des Gebers empfing und diese dafür küßte.
Es genügt, das Haupt oder die vornehmste Person der Gäste in dieser Weise willkommen zu heißen, und der Hausherr nahm daher nur die Kanne aus der Hand seiner Nichte, füllte einen Becher mit dem dunklen Wein von Roussillon und trank auf das Wohl der Fremden, worauf
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er sie einlud, es sich bequem zu machen und Speise und Trank zu sich zu nehmen.
Da die meisten seit dem Morgen Nichts oder nur wenig genossen hatten, ließen sie sich die Einladung nicht wiederholen und bald saß die aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzte Jagdgesellschaft um den roh gezimmerten Tisch von dem Holz der Steineiche und langte wacker zu.
Der junge Franzose hatte mit Aufmerksamkeit das schöne Mädchen betrachtet, das jetzt die Pflichten der Wirthin übte. Sie trug zwar die gewöhnliche Kleidung der baskischen Frauen, das anschließende dunkle Leibchen mit engen Aermeln und den kurzen faltigen, bis über die Waden reichenden Rock, so wie das Pannelo, das bunte fezartig um das Haar mit den zwei langen Zöpfen gewundene Tuch; aber dies Haar war nicht blond, sondern von einer blau schillernden Schwärze, die Gestalt nicht hoch und kräftig, wie die der mit großem Muth und Stolz begabten Töchter des Landes, sondern klein und zierlich und Hände und Füße waren von auffallender Feinheit. Auch das Gesicht, obschon die dunkle Färbung dieselbe, ja vielleicht noch einige Schatten tiefer war, zeigte nicht den Schnitt der Eingeborenen, sondern war schmal und wies eine eigenthümliche Schönheit, große schwarze, mandelförmig geschnittene Augen von träumerischem Ausdruck, wenn die langen Wimpern sich zufällig hoben, und einen zwar nicht kleinen, aber mit wunderschönen Zähnen besetzten Mund.
»Sie sehen nach Inez, Monsieur,« sagte der Mönch
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in schlechtem Gränz-Französisch zu seinem Nachbar, dem Marquis; denn obschon er bereits eine stattliche Mahlzeit eingenommen, hatte er doch nicht versäumt, sich wieder mit an den Tisch zu setzen, - »und wundern sich wahrscheinlich, daß sie so ganz anders aussieht, als unsere Mädchen, die dort mit den Burschen den Bolero tanzen. Aber Inez ist nur zur Hälfte eine Baskin und stammt mit der anderen aus heidnischem Blut.«
»Aus heidnischem Blut?«
»Nun Monsieur, ich will damit nicht sagen, daß ihre Mutter nicht eine gute Christin gewesen sei, aber sie war zweifelsohne eine Moriska!«
»Eine Maurin?«
»Still Señor Caballero, sprechen wir nicht so laut. Don Castillos hört es nicht gern, daß sein jüngerer Bruder, der Stierkämpfer, eine Tochter Granada's zur Frau genommen, wo in den Thälern der Sierra Nevada noch viele Familien von alter heidnischer Abkunft leben sollen, zwar Gott und der heiligen Inquisition sei es Dank, schon seit vielen hundert Jahren den Klauen des Teufels entrissen und zur allein seelig machenden katholischen Kirche bekehrt, aber doch immer noch das Blut der Ungläubigen in ihren Adern.«
»Und warum befindet sich die Señora Inez hier und nicht bei ihren Eltern?« frug der kaiserliche Ordonnanzoffiziers der mit großer Theilnahme den Bewegungen des Mädchens folgte.
»Bah - er starb in seinem Beruf. Ein andalusischer Stier spießte ihn in der Arena von Madrid auf
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seine Hörner, da er - sonst die beste Espada Spaniens - fehlstieß, man sagt, verwirrt und betrübt über den in der Nacht vorher erfolgten Tod seines Weibes. Es sind zwölf Jahre her. Es war bei den Festen, damals als der Rebell Espartero nach Madrid von Marschall Narvaez zurückgerufen wurde und das thörichte Volk sich vor Freuden nicht zu lassen wußte.«
»Und Don Castillos nahm alsdann die Waise zu sich?«
Der Mönch sah sich vorsichtig um, ehe er antwortete. »Es war ein Jahr später, Monsieur. Sie müssen wissen, daß Don Castillos ein alter Karlist ist, der schon in seiner Jugend unter Merino und Zumala-Carréguy gegen die Regierung focht. Im Jahre Achtundvierzig war er mit Cabrera thätig und nur die allgemeine Amnestie rettete seinen Kopf. Damals war er das einzige Mal in seinem Leben in Madrid, um die Waise seines Bruders zu holen. Das Kind war etwa sechs Jahr alt, als er es hierher brachte, und es ist von ihm seitdem streng in den Sitten des Landes erzogen worden, wie sehr sich auch das andalusische Blut dagegen empören mochte.«
»Und der Bräutigam?«
»Er ist ein ziemlich wackerer Bursche, der Sohn eines alten Waffengefährten Don Ramiro's, zwar nicht der klügste Kopf, aber ein tüchtiger Landbauer und Jäger. Dort unten sehen Sie das Haus, das er morgen mit seiner jungen Frau beziehen wird. Er bleibt als Pächter auf der Besitzung des alten Castillos, der Geld genug in seiner Truhe hat, um zehn Nachbarn auszustatten. Aber sehen
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Sie, Señor, da giebt es ein Schauspiel, das wir nicht versäumen dürfen.«
Er wies nach dem freien Platz unter den Bäumen, wo die jungen Leute der Nachbarschaft ihre ländlichen Tänze ausgeführt hatten. Jetzt waren alle um die Braut versammelt und bestürmten sie mit der leidenschaftlichen Vorliebe für den Tanz, welche diesen Bergvölkern eigen ist, einen solchen auszuführen. Lange sträubte sich Inez, denn sie wußte, daß der Oheim die Tänze ihrer südlicheren Heimath, zu der sie eben die Gefährtinnen aufgefordert, nicht gern sah, - aber die junge Schaar plagte den alten Jäger der Art und versprach dafür, morgen bei der Jagd ihr Bestes zu thun, damit der Bär nicht durch ihre Posten schlüpfen sollte, daß er endlich - halb aus Eitelkeit, den Fremden die Talente des Mädchens zu zeigen - nachgab und der schönen Moriska die Erlaubniß ertheilte, den Fandango zu tanzen.
Schnell wie der Blitz verschwanden die jungen Mädchen in dem Hause und kamen bald darauf mit Guitarren, Tambourins und Castagnetten zurück.
Inez hatte die Gelegenheit benutzt, ihr Pannelo, das baskische Kopftuch, mit dem kleidsamen Rebozo, dem schwarzen, auf die Schulter fallenden Schleier, zu vertauschen.
Trommel und Pfeife mußten alsbald einem Tambourin und der Guitarre Platz machen. Die ganze Tischgesellschaft hatte sich erhoben und bildete einen weiten Kreis um die drei Paare, die sich zum Tanz aufgestellt hatten. Tomaso war, wie sich von selbst versteht, der Tänzer seiner Braut,
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zwei junge Männer der Nachbarschaft standen den beiden andern Mädchen gegenüber.
Jetzt klangen die Schellen des Tambourins, die schwirrenden Töne der Guitarre fielen ein und das Klappern der Castagnetten bezeichnete den rechten Takt.
Die rechte Fußspitze vorgestellt, die linke Hand mit dem Schleier erhoben, den zierlichen Körper halb nach vorn geneigt, begrüßte die schöne Moriska ihren ziemlich plumpen und unbeholfenen Tänzer.
Die Stellung war so reizend und graziös, daß der Prinz in die Hände klatschte und alle Andern lebhaft in den Applaus einstimmten.
Erst rauschte die herausfordernde Melodie, bald klagend, bald übermüthig neckend, - wer kennt ihn nicht auch im Norden aus den üppigen Schlangenwindungen Pepita's und der Gamara's, den feurigen liebedürstenden und liebebringenden Tanz des Südens, den Fandango mit seinem Fliehen und Locken, seiner Grazie und seiner Leidenschaft, seinem Necken und Hingeben.
Nur wenige Minuten hatte der Tanz gedauert, als Tomaso den jüngsten und gewandtesten seiner Mittänzer an die eigene Stelle schob und die beiden andern Paare den Tanz aufgaben und sich unter die Zuschauer zurückzogen.
Die schöne Moriska schien diese stillschweigende Anerkennung ihres Sieges gar nicht zu bemerken und sich ganz der Leidenschaft des Tanzes hinzugeben. Ihre Wangen rötheten sich tiefer, das sonst so träumerische Auge blitzte voll Muth und ihre Bewegungen wurden feuriger, stürmischer. Kaum vermochte ihr junger Gegentänzer ihnen
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zu folgen und als er jetzt auf einem Knie vor ihr lag, die Arme bittend und verlangend zu ihr erhoben, und sie kokett um ihn schwebte, nicht das einfache Landmädchen der Gebirge, sondern die graziöseste Ballerina, brach das Bravo der Zuschauer auf's Neue los. Auf dem zierlichen Fuß sich hebend, in der Hüfte den geschmeidigen Oberkörper halb rückwärts wendend, neigte sie sich über den Knienden, den Schleier um ihn zu schlingen, und ihr feuchter, liebespendender Blick suchte den Bräutigam, der ihr gerade gegenüber zufällig neben Don Juan, dem Grafen von Lerida, stand.
Plötzlich erbleichte ihre Wange, sie fuhr mit beiden Händen zum Herzen und wäre kraftlos zu Boden gesunken, wenn ihr Tänzer sie nicht aufgefangen hätte.
»Oje malo!« seufzte das Mädchen. »Die heilige Jungfrau beschütze mich!«
Im ersten Augenblick glaubten die Umstehenden in dem Zusammensinken der schönen Tänzerin ein reizendes Schlußpas zu sehen und applaudirten auf das lebhafteste, - erst als sie länger als nöthig in dem Arm ihres Tänzers liegen blieb und dieser bemüht war, sie wieder aufzurichten, eilten ihre Gespielinnen und Tomaso herbei, und der Hausherr schalt sich selbst, daß er den Bitten nachgegeben und dem jungen Mädchen den aufreizenden und anstrengenden Tanz gestattet hatte.
Die schöne Moriska erholte sich übrigens bald wieder, doch weigerte sie sich zu sagen, was ihre plötzliche Ohnmacht veranlaßt hatte, und schob sie gleichfalls auf die Anstrengung des Tanzes. Auf den Befehl des Oheims zog sie sich alsbald in das Haus zurück, um das Nöthige zum
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Nachtmahl und zur Beherbergung der Fremden einzurichten.
Die Sonne war jetzt untergegangen und der Mond, der schon hoch am Himmel stand, warf sein glänzendes weißes Licht auf die mächtigen Formen der Berge und die zur Ebene niedersteigenden Felsterrassen.
Die Gesellschaft der Männer hatte sich, ihre Cigarren rauchend, auf dem freien Platz versammelt und besprach die Aussichten und die Vorbereitungen der morgenden Jagd. Etwas abseits von den Aelteren lehnte an dem Stamm eines der Nußbäume der Graf von Lerida.
Unter einer Gesellschaft eingefleischter Jäger bildete natürlich das Hauptgespräch die Jagd und da die meisten derselben in mehr als einem fremden Welttheil gewesen waren, schlug der Hausherr vor, daß jeder von ihnen eines seiner Jagdabenteuer aus der Ferne zum Besten geben solle.
»Unter der Bedingung, Señor Don Ramiro,« sagte der spanische Oberst, »daß Sie uns später Etwas aus Ihren Pyrenäen erzählen und wie Sie zu der schlimmen Narbe da auf Ihrer Wange gekommen sind. Sie wissen, daß ich noch kein Jahr in Pamplona in Garnison stehe, da der Marschall11 uns erst zur Zeit der letzten Unruhen aus Marocco zurück und hierher schickte, aber ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß es die Tatze eines Ihrer guten Freunde, der Bären, war, die Ihnen die schlimme Wunde beibrachte. Ich hoffe, daß der Bursche sich nicht lange dessen gefreut hat.«
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»Sein Pelz liegt vor meinem Lager,« sagte finster der Jäger, »und seit sechsundzwanzig Jahren tritt ihn mein Fuß, so oft ich mich niederlege oder erhebe mit einer Verwünschung aus der Tiefe meiner Seele. Dreiundfünfzig seiner Kameraden haben seitdem gebüßt, Sie können Ihre Köpfe oder Klauen in dem Hause sehen.«
»Diavolo - das ist eine hübsche Zahl, um die ich Sie beneide. Und Ihre Geschichte?«
»Ich will Sie Ihnen mittheilen, obschon sie, so alt ich bin, mit ihren Erinnerungen mir das Herz schwer macht. Aber lassen Sie mich dieselbe bis zuletzt aufsparen, denn ich schwöre Ihnen, Caballero's, daß sie nicht dazu taugt, eine Gesellschaft zu erheitern.«
»Muy bien!« sagte der Oberst, indem er seine Cigarette wegwarf und sich eine neue drehte, »so will ich selbst beginnen. »Was wollen Sie hören? Ich war auf den Philippinen und in der Havannah. Ah - die Havannah! gut, daß ich daran denke, ich kann Ihnen da gleich erzählen, wie ich die Ehre hatte, mit Kapitain Welmore hier bekannt zu werden, denn ich fürchte, daß ihn sonst seine Bescheidenheit verhindern würde, von dem wichtigen Dienst zu sprechen, den er mir geleistet.«
»By Jove,« sagte der Engländer, »es ist nicht der Mühe werth, davon zu reden, was ein Mann dem anderen im Feldlager oder in der Einöde thut.«
»Das mag von dem Gläubiger gelten, Señor Capitano,« erwiederte der Spanier stolz, »aber nicht von dem Schuldner. Hören Sie also, Caballero's.«
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Die Unterhaltung wurde in spanischer Sprache geführt, die Alle bis auf den Ordonnanz-Offizier des Kaisers verstanden.

Die Schlangenbucht.

»Es sind fünf Jahre her,« begann der Oberst, »ich stand damals als Kapitain der Lanziers in der Havannah, als ich von dem Gouverneur den Auftrag erhielt, da ich fertig Englisch spreche, wegen irgend einer kleinen politischen Verhandlung nach Trinidad zu gehen. Die Engländer hatten eines unserer Schiffe unter dem Verdacht, Sclaven transportirt zu haben, mit Beschlag belegt und weigerten sich, es herauszugeben. Das war wenigstens der Vorwand, die Hauptsache aber waren einige geheime Verhandlungen zum Schutz gegen die amerikanischen Flibustiere, welche unter dem geheimen Schutz des demokratischen Präsidenten die Revolution nach der Insel trugen. Sie werden sich der Zeit erinnern, denn ein Paar Monate vorher hatte das Pronunciamento O'Donnell's und Serrano's stattgefunden und Marie Christine war von dem Ministerium Espartero gefangen gesetzt oder wenigstens internirt worden.
Genug - die Verhandlungen waren bald günstig beendet, da man damals schon in England mit mißtrauischen Blicken auf die amerikanischen Intriguen in Mexiko und auf den Antillen zu sehen begann, und ich hatte daher
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Zeit genug, vor meiner Rückkehr mich meiner Leidenschaft für die Jagd hinzugeben.
Ich hatte so viel von der üppigen Vegetation und dem Thierleben der Ufer des gewaltigen Orinocco gehört, daß ich beschloß, einen oder zwei Monate in den Tiefen seiner Wälder zuzubringen. Allen Jagdbedarf hatte ich bei mir und so schiffte ich mich denn eines Morgens in Port Spam ein und war am vierten Tage in der Boca di Navios, der Hauptmündung des Riesenstroms. Bis zur Insel Tortola und Guiana ging damals allmonatlich das Dampfschiff und nachdem ich mich am letzteren Ort in dem Hause des Kaufherrn Salvedra, an den ich Empfehlungsbriefe von Trinidad hatte, zwei Tage aufgehalten und mit den nöthigen Vorräthen versehen, miethete ich eine Pirogue mit sechs indianischen Ruderern, und in Begleitung meines Burschen und eines Schwarzen trat ich den Weg in den Urwald an.
Der Führer der Barke gehörte einem den Europäern befreundeten Stamme der Tupi an und war nach der Versicherung meines Gastfreundes ein zuverlässiger Mann, der schon mehrfach Expeditionen von Jägern, Naturforschern und Abenteurern in das Innere des Landes und selbst über die großen Katarakten des Orinocco hinaus geführt hatte. Aber während diejenigen Reisenden, welche den beiden ersten Kategorieen angehört hatten, meist glücklich von ihm zurückgebracht worden, war noch niemals einer der dritten Art zurückgekehrt. Das verderbliche Goldfieber, das sie angetrieben, das nach der Sage jenseits der großen Bergketten am ebenso sagenhaften See Parime
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liegende fabelhafte El Dorado aufzusuchen und sich unter die wilden Stämme der Ureinwohner zu wagen, hatte ihnen allen den Tod gebracht.
Da ich, wenn auch vielleicht Abenteuerlust genug, doch keineswegs Zeit hatte, mich auf eine so gewagte und hoffnungslose Unternehmung einzulassen, hatte ich Turapui, so hieß der Indianer, nur gedungen, mich bis jenseits Bolivar und der Mündung eines Seitenflusses zu bringen und konnte also seiner Aufmerksamkeit und Treue sicher sein; denn ich muß bemerken, daß die Sage von jenem Gold- und Diamantenland, von dem Orellano, der Begleiter Pizarro's fabelt, ein Engländer gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts sogar eine Karte herausgab, und zu dessen Aufsuchung nicht blos einzelne Glücksritter, sondern selbst viele wohlgerüstete Expeditionen ausgezogen sind12, - eben nicht blos unter den golddürstigen Weißen sich erhalten hat, sondern daß sie auch unter den Stämmen der Eingeborenen selbst existirt und daß diese höchst ungern und widerwillig sehen, wenn ein Versuch zur Auffindung des fabelhaften Landes gemacht wird.
Mein Bursche Miguel war ein tüchtiger, wachsamer und zäher Soldat, ein Katalonier, und von erprobtem Muth, der Neger Pompejo ein kräftiger, gewandter, nur etwas furchtsamer Bursche.
So ausgerüstet verließen wir in der Mitte des April Guiana und waren binnen vierundzwanzig Stunden in die Tiefen des Urwalds vergraben.
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So viel ich weiß, kennt Niemand von Ihnen mit Ausnahme des Kapitain Welmore die Tropen. Denken Sie sich Alles, was man von der Ueppigkeit ihres Pflanzenwuchses und dem Reichthum ihres Thierlebens erzählt, an den Ufern des Orinocco vereinigt. Dichte Wände des kolossalen Baum- und Strauchwuchses, von den Netzen der Lianen selbst dem Beil und Jagdmesser undurchdringlich gemacht, schlossen oft stundenlang die Ufer des Flusses ein und wechselten mit offenen Sümpfen, in denen der Alligator und der Tapir haust, mit Savannen, in deren smaragdgrünem, bis zu 6 Fuß hohem Grase der Hirsch und das Reh sich tummelt, bis das Schnauben des Cuguars oder des gefleckten Panthers sie schreckt, - oder mit hallenartigen Gängen des offenen majestätischen Urwalds, wo in den Aesten der Zamangbäume Heerden von Affen schnatterten und sich übersprangen.
Schaaren bunter Papageien wiegten sich in den Wipfeln der Bäume, der Kakadu und der Arara ließ seinen uns wohlbekannten Ton in der Freiheit der Wildniß erschallen und die bunte Schaar der Kolibri gaukelte wie im Sonnenschein funkelnde Diamanten an den bunten Kelchen der Lianen und den wunderbaren Blüthen der Orchideen umher.
Es war ein wunderbarer Anblick für den träumenden Reisenden, ein eben so köstlicher, verlockender für den Jäger.
Sie können denken, daß ich den Zweck meiner Fahrt nicht vergaß. Gar oft während des Tageslichts wurde die Einsamkeit der Ufer durch den Knall meiner Büchsflinte unterbrochen, und selbst in der Nacht, - während unsere Pirogue fünfzehn bis zwanzig Schritt vom Ufer lag, um
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vor der Annäherung der Raubthiere gesichert zu sein - fuhr oft der tödtende Blitz aus meinem Rohr nach der Stelle hin, wo sich zwei grüne Feuerkugeln im Dunkel der Gebüsche gezeigt hatten, und der Todesschrei eines Puma verkündete, daß die Kugel ihr Ziel getroffen. Freilich, wenn wir dann am Morgen landeten, um unsere Beute zu suchen, fanden wir diese meist von den Coyoten schon bis auf die Knochen verzehrt.
Dennoch hatte ich bereits in meiner Pirogue eine hübsche Sammlung von Jagdtrophäen aller Art aufzuweisen. Wiederholt waren wir in Creeks und die Mündungen kleinerer sich in den Riesenstrom ergießender Flüsse ein- und eine Strecke darin fort in das Innere gefahren, weil ich gefunden hatte, daß sich hier - in der Tiefe des Urwalds - die beste Jagdbeute holen ließ, als mir - nachdem ich schon für den nächsten Tag den Antritt unserer Rückfahrt beschlossen hatte - ein Abenteuer begegnete, das leicht mich der Mühe derselben hätte überheben können.
Wir waren in die Mündung des Coroni, eines großen Seitenstroms des Orinocco auf dessen rechtem Ufer, eingefahren, der aus dem Panda-Gebirge kommt. Schon lange hatte mich die Lust angewandelt, eine Nacht auf dem Lande, mitten im Urwalde zu verbringen, um allen jenen seltsamen und wunderbaren Stimmen, welche die Dunkelheit mit sich führt, in unmittelbarer Nähe zu lauschen. Vergeblich warnte mich der alte Führer der Pirogue, ich bestand auf meinem Sinn, und als wir am Nachmittag des zehnten Tages unserer Fahrt uns am Eingang eines
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jener sumpfigen Creeks befanden, die sich von den Ufern der Flüsse eine Strecke weit in das Land hinein zu ziehen pflegen, beschloß ich meinen Willen auszuführen. Pompejus, der Neger, und einer der indianischen Ruderer sollten mich begleiten, um meine Gewehre, meine Hangematte, den Poncho und einigen Mundvorrath zu tragen, Miguel aber in der Pirogue zurückbleiben, die mich an der anderen Seite des Creeks erwarten mochte, den ich umgehen wollte. Die Erfahrung hatte mich bereits belehrt, daß dies gewöhnlich durch einen Marsch von vier bis fünf Stunden geschehen konnte.
So machte ich mich denn, es mochte ungefähr Nachmittag gegen 4 Uhr sein, also nachdem die größte Hitze vorüber war, trotz aller Warnungen des alten Tupi und der Bitten Miguels, ihn mit mir zu nehmen, auf den Weg. Ich zog es vor, einen sicheren Mann an Bord der Pirogue zu lassen, um der Vollziehung meiner Befehle gewiß zu sein.
Ich trug über die Schulter gehängt meine Büchsflinte bei mir und im Gürtel meines ledernen Jagdhemdes einen sechsläufigen kurzen Revolver. Pompejus führte außer der Tasche mit dem Schießbedarf und einem Korb mit den Mundvorräthen eine leichte Jagdflinte, während der Indianer die von den Fasern der Aloe geflochtene Hangematte und die wollenen Decken trug.
Wir waren so bereits mehr als drei Stunden weit marschirt, immer tiefer in den hier leicht passirbaren Urwald eindringend und ich hatte bereits mehre treffliche Schüsse gethan, als der sinkende Abend uns daran erinnerte, bald an eine Stelle zu denken, wo wir unser
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Nachtlager aufschlagen konnten. Ich hatte mich wieder dem Creek genähert, aber gefunden, daß dieser sich tiefer hinein in das Land erstreckte, als ich vermuthet hatte, und wahrscheinlich in mehrere Arme sich theilte; denn als wir endlich ein Ende desselben umgangen hatten, fand es sich, daß wir uns auf einer Art Landzunge befanden, deren fester Boden hinein lief in den Sumpf und auf zwei Seiten von demselben umgeben war. Obschon der Ort mir wenig gefiel und ein überaus unheimliches Aussehen hatte, auch die Nähe des Sumpfes mit seinen Mosquito's und zahllosen Insekten keine angenehme Nachbarschaft war, mußte ich mich doch entschließen, hier Halt zu machen, denn wir waren schon seit einer Stunde unter den Schatten des Waldes im Halbdunkel marschirt und meine Uhr wies mir, daß die Sonne in wenig Minuten untergehen werde und ich wußte, daß die volle Dunkelheit dem sofort folgen würde.
Es galt also, diese wenigen Minuten noch zu benutzen, um einen möglichst günstigen Ort für unser Nachtlager zu wählen.
Der hohe Urwald trat auf beiden Seiten bis dicht an die mit dichtem Schilf und Rohr bedeckten Ufer des Sumpfes heran. In der Mitte jedoch war der gleich einem Hügelrücken gebildete feste und leicht ansteigende Boden nur von wenigen, zum Theil bereits abgestorbenen oder absterbenden Bäumen besetzt. Verfaulende Stämme lagen auf dem Boden umher und waren dicht von Lianen umwuchert. Obschon ihr Moder reichen Nachwuchs erzeugt hatte, war doch das üppige Gesträuch an vielen Stellen zertreten und niedergedrückt, was mich darauf schließen ließ,
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daß an dieser Stelle viele der wilden Thiere des Waldes zur Tränke kommen mußten. Dahin deutete auch der Umstand, daß das Schilf und Geröhr an mehreren Stellen auf gleiche Weise wie die Büsche niedergedrückt war, so daß sich förmliche Wege gebildet hatten, in denen ein Kahn leicht hätte zum Ufer gelangen können.
Ein Umstand, der mir damals zwar auffiel, den ich aber erst später beachtete, war, daß ein Theil der in der Nähe des Ufers stehenden Bäume bis zu einer gewissen Höhe ihrer Rinde oder wenigstens der unteren Zweige beraubt war, ein Umstand, der sich leicht wieder dem Wechsel der wilden Thiere zuschreiben ließ und zugleich die Ursache sein mochte, daß so viele von ihnen abgestorben waren. Nur die dem Mimosengeschlecht, namentlich den wilden Akazienarten angehörenden größere und kleinere Dornen tragenden Bäume oder Cactus-Sträucher waren verschont und im üppigsten Grün. Sie werden wissen, daß einzelne dieser Gewächse mehr als fußlange sehr scharfe und starke Stacheln tragen.
Zwei dieser Bäume standen etwas höher hinauf in mäßiger Entfernung von einander und ihre Aeste reichten so dicht zusammen, daß sich bequem zwischen ihnen eine Hangematte aufschlagen ließ.
Alle diese Eigenthümlichkeiten des Platzes, die ich rasch erfaßte, bewogen mich noch mehr hier mein Lager aufzuschlagen. Ich rechnete dabei darauf, daß mir beim Anbruch des Tages, wo gewöhnlich die Raubthiere der sonst unzugänglichen Wildniß zur Tränke gehen, einige schönen Exemplare trefflich zum Schuß kommen würden. Ich beabsichtigte
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daher, am frühen Morgen noch vor Anbruch der Tagesdämmerung einen der Bäume zu ersteigen oder mich im Gebüsch zu verbergen, um hier einen bequemen und sicheren Stand zum Schuß zu haben, bis dahin aber, da ich in der That sehr ermüdet war, einige Stunden zu ruhen.
Ich ließ deshalb meine Hängematte aufschlagen und - theils weil ich nicht etwa ein in der Nacht umherschleichendes Thier verscheuchen wollte, theils weil die Aeste dort bequemer waren, mußte Hurah-nee, so hieß der Indianer, indem er auf die Schultern des Negers stieg, die Matte so hoch aufschlagen, daß sie über Mannshöhe vom Boden hing und ich nur auf gleiche Weise hinein gelangen konnte. Mehre Schritte entfernt davon, dem Zugang des Creeks entgegen, wurde ein Feuer angemacht, das meine beiden Begleiter wenigstens während der ersten Hälfte der Nacht abwechselnd unterhalten sollten, theils um die wilden Thiere solange von dem Platze abzuhalten, theils um durch feinen Rauch, der gerade auf meine Lagerstätte zukam, die lästigen Moskitos zu verscheuchen.
Nachdem wir unsere Gewehre und Taschen an den nächsten Bäumen aufgehangen und verwahrt hatten, um sie vor dem Thau der Nacht zu schützen, machten wir uns baran, unser Abendbrod an dem Feuer zu bereiten, indem wir die Stücken eines von uns auf dem Wege geschossenen Hirsches brieten und zu einem Becher Paraguay-Thee verzehrten. Dann, nachdem ich noch meinen Begleitern gute Wache empfohlen und bestimmt hatte, daß sie mich eine Stunde vor Tagesanbruch wecken sollten, damit ich
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alsdann diese Wache übernehmen und meine Vorbereitungen treffen könnte, stieg ich auf die breiten Schultern des Negers und kroch in meine Hängematte.
Von tiefer Müdigkeit befallen, die selbst meine kaum halb gerauchte Cigarrette meinen Lippen entfallen ließ, sah ich noch undeutlich durch den Rauch des Feuers, wie der Neger und der Indianer einiges trocknes Holz zusammentrugen, sich an dem Feuer niederkauerten und nach kurzer Besprechung der Indianer sich wicher erhob und nach einem der rindenlosen Bäume ging, während der Schwarze behaglich den Wollkopf auf die Knie gesenkt neben den glühenden Bränden hocken blieb.
Darüber sanken mir die Augenlider zu und ich fiel in einen tiefen Schlaf.
Er konnte indeß noch nicht Stunden gewährt haben, als mich plötzlich ein so gellender, entsetzlicher Schrei emporschreckte, daß ich fast die Balance in meiner Hängematte verloren hätte und herausgestürzt wäre. Ich drehte mich indeß mühsam um nach dem Feuer, dem ich des Rauches wegen den Rücken gekehrt hatte, und richtete meine Blicke nach der Stelle, von woher unzweifelhaft jener Schrei gekommen war.
Ein eben so seltsamer als furchtbarer Anblick bot sich mir dar.
Das Feuer war total erloschen, nur glühende Kohlen leuchteten noch und verbreiteten einiges Licht in ihrer nächsten Umgebung. Wahrscheinlich war der Neger auf seinem Wachposten eingeschlafen und hatte versäumt, die Flammen mit neuen Reisern zu nähren.
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Ich sah deutlich seine dunkle Gestalt, wie sie neben dem glimmenden Heerde kniete, etwas zurückgebeugt, die Hände wie abwehrend vorgestreckt, ja ich konnte selbst genau sein Gesicht erkennen, dessen Farbe von der Schwärze des Ebenholzes fast zum Aschgrau übergegangen war, und den Ausdruck des höchsten Entsetzens zeigte. Die weißen Augäpfel waren weit vorgequollen, der Mund weit geöffnet, das Wollhaar auf seinem Schädel schien sich zu sträuben.
Und was war die Ursache dieses Entsetzens? - ich kannte die Furchtsamkeit des Burschen und vermuthete im ersten Augenblick keine sonderliche Gefahr. Dennoch begann ich, mich in meiner Hängematte aufzurichten, um nöthigenfalls herunter zu springen und ihm zu Hilfe zu eilen. Zunächst wollte ich wissen, was ihn denn so sehr erschreckt.
»Was ist's - was giebt's, Pompejo? warum schreist Du?«
»Padre de Dios! zu Hilfe Sennor - Pompeje sein ein todter Mensch!«
Der arme Bursche schien die Antwort kaum aus der Kehle würgen zu können. Ich blickte noch einmal genauer hin - aber ich konnte noch Nichts sehen, als einige dunkle, hin und her sich bewegende, und dann im Schein der Kohlen metallisch funkelnde Linien.
Ich war im Begriff, mich herunter zu lassen, als ein Ruf aus der Luft mich zurückhielt und mich erbeben machte.
»Alto, S~enor! - bleiben zurück Señor, wenn Dir Leben lieb ist! Serpientes!13
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Es war die Stimme Hura[h]-nee's, des Indianers. Sie kam aus den Aesten eines Baumes, den er erstiegen, um vorsichtig dort die Stunden zu verschlafen, bis die Reihe der Wache an ihn kam.
Ich erschauderte bei seinen letzten Worten, denn ich hatte von jeher einen großen Abscheu vor allen Schlangen empfunden.
Dennoch wäre ich dem armen Neger zu Hilfe geeilt, wenn nicht in diesem Augenblick sein furchtbares Schicksal bereits entschieden worden wäre, von dem menschliche Hilfe ihn nicht mehr zu retten vermochte.
Die Bewegung, die er bei dem Ruf gemacht, vielleicht der Ton unserer Stimmen, hatte den scheußlichen Reptilen das Signal gegeben. Das schreckliche Rasseln ihrer Klappern, das ich hörte, das Warnungssignal, das die Hand Gottes ihnen angeheftet, verdoppelte sich, ich sah die dunklen Windungen der Schlangen auf ihn losschießen, an ihm haften bleiben!
Der Schlangen!
Ja Caballero's, erst jetzt bemerkte ich, daß der Unglückliche nicht von einer oder zwei der schrecklichen Geschöpfe bedroht war. Ueberall, rings im Kreise zischte und wand es sich, wohin mein Auge, das sich an die Dunkelheit gewöhnte, auch sah, überall kroch und schlang es sich am Boden, hob sich und züngelte giftig nach dem Leben.
Der Unglückliche war bei dem ersten Stich, dem ersten Biß emporgesprungen, er hatte versucht, seinen Feind von sich abzuschütteln, sich des giftigen Gewürms zu erwehren.
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Er kämpfte mit Händen und Füßen dagegen, er versuchte zu fliehen.
Aber wohin er schlug, wohin er trat, wimmelte es am Boden von den glatten, feuchten Körpern. Sie krümmten und wanden sich um seine Glieder, schlugen ihre scharfen spitzen Zähne in seine Adern, glitten an seinen Kleidern, an seinem Leibe empor. Noch höre ich sein dem Brüllen wilder Thiere gleiches Schmerzens- und Angstgeschrei, noch sehe ich sein Winden und Ringen - bis zu meiner eigenen Todesstunde wird es vor meiner Seele stehen.
Drei oder vier Schritte sich im Kreise drehend machte der Unglückliche, dann glitt sein Fuß auf den glatten Körpern, womit der Boden förmlich bedeckt war, aus; er stürzte nieder und wälzte sich auf seinen Feinden bis in die noch glühenden Kohlen, die umher stoben.
Ich war so entsetzt von dem furchtbaren Anblick, daß ich kein Glied rühren, nicht einmal das Auge von dem scheußlichen Schauspiel abwenden konnte - selbst der Laut blieb in der Kehle stecken - gelähmt, stumm sah ich dem Kampfe zu; ich wußte, daß jeder Versuch der Hilfe vergebens war, daß es sich nutzlos in einen gräßlichen Tod stürzen hieß.
Der Kampf dauerte etwa zehn Minuten - mit jedem Moment wurde die Kraft des armen Opfers schwächer, sei es, daß bereits die Wirkung des furchtbaren Giftes durch seine Adern rann, sei es der Schmerz, der Blutverlust, der hundertfach sich um ihn windende, seine Glieder umschlingende Gegner, der die Stärke des sonst so kräftigen Mannes
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so bald erlahmen ließ, - der Körper lag quer über der Feuerstätte, nur einzelne Zuckungen noch bewegten ihn - endlich hörten auch diese auf - er lag still.
Aber um ihn und über ihn kroch und ringelte und zischte und klapperte ein unheimliches Leben. Der ganze Körper des Todten war bedeckt von den scheußlichen Reptilen, die jetzt unter einander in Hader und Streit zu gerathen schienen. Der ganze Boden unter mir bis zum Creek hin schien ein wimmelndes Schlangennest, bedeckt von den eklen zischenden Würmern.
Ich saß noch immer lautlos, ohne Bewegung in meiner Hangematte. Bisher hatte die herrschende Dunkelheit mich nur einen Theil des Schauspiels, nur unbestimmte Formen und Windungen erblicken lassen - aber das Grauenhafte sollte sich noch steigern.
Der Mond ging auf und trat bald über die Einfassung des Creek's und der Lichtung. Das Mondlicht unter den Tropen ist so hell und klar, daß es fast einem trüben Tage gleicht und jeden Gegenstand deutlich erkennen läßt. In diesem Schein lag die Lichtung jetzt vor meinen Blicken - ich sah ihn sich spiegeln in dem trüben Wasser des Sumpfes, ich sah ihn blitzen und zittern in den sich windenden Leibern der Reptile.
Hunderte von Schlangen wälzten und ringelten sich auf dem Boden der Lichtung. Es schienen Lurche verschiedener Gattung, von der dunklen Wasserschlange, der in Süd-Amerika so häufigen Corallen-Schlange bis zur giftigsten Viper, der Horn- und der graubraunen Klapperschlange mit ihren Ringeln und Häuten.
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Alles was ich bisher gelesen und gehört über das einsame Leben der Lurche war hier in das Gegentheil verkehrt. Ich konnte damals und auch später bei ruhigerem Nachdenken mir diesen Widerspruch und das gräuliche Schauspiel vor mir nur dadurch erklären, daß es die Begattungszeit dieser widrigen Geschöpfe sein mußte, oder daß besondere örtliche Umstände obwalteten, welche ihr Erscheinen in solcher Menge gerade an dieser Stelle veranlaßten. Später habe ich von den Indianern gehört, daß die Reptile wegen des Fehlens der Augenlider das helle Sonnenlicht scheuen und es lieben, im Mondschein auf dem Boden zu spielen. Der Ort, an dem wir leider unser Nachtlager aufgeschlagen, war überdies durch das Geröhr, das dichte Buschwerk und die verfaulenden Holzstämme, welche überall umher lagen, sehr günstig für den Aufenthalt ihrer Brut.
Bisher hatten der Indianer und ich nach seinem ersten Anruf, der mir offenbar das Leben gerettet hatte, weiter kein Wort gewechselt; die Nerven des armen Burschen mochten in keinem anderen Zustand, als die meinen sein, und ich hatte wahrhaftig keine Neigung zu einer Unterhaltung, obschon mir das Bewußtsein der Nähe eines anderen menschlichen Wesens einige Beruhigung gewährte. Ich begann jetzt nachzudenken über die Lage, in der wir uns befanden.
Die Schlangen hatten den todten Körper verlassen. Ich wußte aus Büchern und Erzählungen, daß sie niemals todte Körper zu verzehren suchen, daß überdies die Bildung ihrer Kiefern und Zähne ohnehin nicht erlaubt, einzelne
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Stücken Fleisch abzureißen und zu verzehren, sondern nur einen ganzen Körper hinunter zu würgen. Der Körper des Neger lag also bis auf die zahlreichen Bisse, die ihn getödtet, unverletzt da, seine Augen waren weit geöffnet und die Leiche gewährte einen furchtbaren Anblick, der sich von Viertelstunde zu Viertelstunde steigerte, wie sie von dem Gift aufzuschwellen und eine - wie im Mondlicht schien - fast bläuliche Färbung anzunehmen begann.
Der nächste Gedanke war, ob mich das Gewürm erreichen könne.
Ich wußte, daß wenn auch im Ganzen die Lurche ein träges Geschlecht sind, doch mehrere Schlangenarten auf die Bäume kriechen können.
Nach einiger Ueberlegung hielt ich mich aber für gesichert vor dieser Gefahr. Keine der Schlangen, die auf dem Boden unter mir spielten und sich ringelten, war über 4 bis 5 Fuß lang. Sie konnten also nicht die dicken, wohl 4 Fuß im Durchmesser habenden Bäume, zwischen denen meine Matte aufgehängt war, umschlingen, um sich hinauf zu winden. Ich befand mich mehr als 6 Fuß hoch über dem Boden, - ich war also außer ihrem Bereich.
Ich war überdies zweifelhaft, ob sie mich bemerkt hatten, denn das Gehör der Schlangen ist sehr mangelhaft. Jedenfalls schienen sie mich nicht zu beachten und setzten ihre Spiele ungestört fort, wobei sie sich namentlich um den Feuerplatz drängten. Sie lieben die Wärme, und die noch heiße Asche schien ihnen wohl zu thun. Wahrscheinlich war die von dem Feuer ausgegangene Wärme auch der Grund, daß sie so zeitig ihre Schlupfwinkel verlassen
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und den schlafenden Neger umgeben hatten. Hätte er sich nicht gerührt oder wäre er nicht erwacht und hätte durch seine Bewegungen die Lurche gereizt, so wäre er vielleicht gar nicht von ihnen angefallen worden, denn für gewöhnlich fliehen die Schlangen die Nähe des Menschen und greifen ihn nicht an.
Alle diese Betrachtungen gaben mir die Ueberzeugung, daß es am Besten sein würde, mich ganz ruhig zu verhalten. Ich fühlte nach meinem Jagdmesser, das ich mit herauf genommen zu haben mich deutlich erinnerte, und fand es. Im Begriff, mich wieder in der Hangematte auszustrecken, fühlte ich etwas Hartes unter mir. Ich griff darnach - und ein Gefühl der Freude durchzuckte mich, es war der sechsläufige Revolver, den ich bei mir führte.
Sie werden Alle schon das Gefühl der Sicherheit und des wiederbelebten Muthes empfunden haben, das jedem Mann der Besitz einer vertrauten Waffe giebt. So ging es auch mir. Obschon der Revolver, ja selbst meine gute Büchsflinte, die da drüben am Baum hing, gegen die Menge der Reptile gänzlich unzureichend gewesen wäre, fühlte ich mich doch ruhiger und sah jetzt selbst mit einem gewissen Interesse, so weit es der Ekel erlaubte, den mir die Lurche einflößten, auf ihr Spiel und Treiben am Boden. Nur auf den todten Körper durften meine Augen nicht fallen, denn jedesmal durchschauerte es mich dann bis auf das Mark der Knochen.
So mochten bereits mehr als zwei Stunden vergangen und der Anbruch des Tages konnte nicht mehr fern sein. Schon hörte ich das Klappen des Pico's, des
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grünen Spechts der tropischen Urwälder und das Pfeifen der blaugefiederten Amsel zwischen dem Brüllen der Ochsenfrösche.
In der Ferne heulte ein Jaguar - drüben über dem Creek antwortete ihm ein anderer.
Das Leben des Urwalds begann zu erwachen!
Das war die Zeit, die ich meinen Leuten bestimmt hatte, mich zu wecken, um meinen Theil von diesem erwachenden Leben zu nehmen.
Dios la sabe! - wie war Alles ganz anders gekommen! ich kam mir vor, als sei ich selbst jetzt das gefährdete Wild!
In der That sollte dies Gefühl bald zur Wahrheit werden! Ich blickte wieder hinab auf den Boden - die Schlangen waren fast alle verschwunden, die letzten schlüpften eben mit größter Eile über den Boden hinweg in ihre Schlupfwinkel.
Zugleich ließ sich in dem dichten Gebüsch des Ufers ein Rauschen und Brechen hören, als drängten mächtige Körper sich hindurch. Die schlankeren Bäume, die dort standen, schienen in eine wellenförmigere Bewegung zu gerathen und hin und her zu schwanken. Da aber der Mond bereits auf der anderen Seite der Lichtung hinter die mächtige Waldwand getreten und die Morgendämmerung, oder vielmehr, da es eigentlich keine Dämmerung giebt, der Tagesanbruch noch zu wenig vorgeschritten war und der Urwald jetzt düstere Schatten warf, konnte ich Nichts deutlich erkennen. Aber wiederholt hörte ich das Rauschen und Brechen.
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Von Minute zu Minute wurde es aber heller. Ich setzte mich jetzt aufrecht in die Hängematte, um meinem Gefährten, dem Indianer auf dem Baum zuzurufen. Ich konnte bereits deutlich seine Gestalt zwischen der Gabel der Aeste des abgestorbenen Zamangbaumes sehen, in die er sich eingeklemmt und wo er die schreckliche Nacht zugebracht hatte. Er mußte meine Erhebung bemerkt haben, denn zu meinem Erstaunen machte er allerlei telegraphische Zeichen und Grimassen, aus denen ich nur entnehmen konnte, daß ich mich ruhig verhalten und wieder niederlegen sollte.
Was bedeutete dies? War eine neue Gefahr vorhanden?
Jetzt bei dem beginnenden Licht des Tages fühlte ich mich gekräftigter, muthiger - ich konnte der Gefahr in's Auge schauen, welcher Art sie auch sei. Nur auf den geschwollenen Körper des Negers, der wenige Schritte von mir lag, konnte ich nicht ohne Aufregung sehen und vermied es daher, meine Blicke dahin zu richten.
Das Rauschen in den Büschen hatte aufgehört, dagegen begann das tausendschmettrige Conzert der Vögel in dem Walde, welche das Emporsteigen der Sonne verkündeten und begrüßten.
Ich erinnerte mich des ersten Zwecks der Wahl unseres Nachtlagers. Hätte ich mein treues Gewehr zur Hand gehabt, ich wäre jetzt fast ganz wieder beruhigt und der beobachtende besonnene Jäger auf dem Anstand gewesen, und fast war ich entschlossen, trotz der Warnung des Indianers meinen Platz zu verlassen, um mich der Waffe zu bemächtigen. Nach einiger Ueberlegung beschloß ich jedoch
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noch eine halbe Stunde zu warten, und legte mich, den erhobenen Kopf in die Hand gestützt, wieder in die Schlingen der Matte.
Die Sonne mußte sich über den Horizont erhoben haben, denn es wurde wie mit einem Schlage hell. Zugleich erhob sich drüben im Urwald ein Geräusch, - das meinen Jägerohr wohl vertraut war. Es war das Galopiren eines Rudels Wild über den Boden.
Also trotz seiner scheußlichen Bewohner diente der Ort unseres Nachtlagers dennoch zur Tränke der Thiere des Waldes.
Ich bedauerte jetzt um so mehr mein Gewehr nicht zur Hand zu haben, jedoch ein Ton, den ich alsbald hörte, störte meine Erwartung. Es war das heisere Brüllen eines Puma. Zugleich konnte ich deutlich sehen, wie in einiger Entfernung ein Rudel der kleinen Tropenhirsche durch den Wald flüchtete, verfolgt von zwei, dem Katzengeschlecht angehörigen Raubthieren. Die Erfahrung der bisherigen Jagdtage belehrte mich, daß es Puma's sein mußten, welche das Rudel Wild auf dem Weg zur Tränke abgelauert hatten und die Jagd nach ihrem Morgenfraß hielten.
Die Ruhe war in wenigen Minuten wieder hergestellt - der Feind mußte sich weit entfernt haben, denn bald darauf hörte ich auf's Neue das Geräusch sich nähernder Thiere.
Obschon der Wind vom Creek her in den Wald stand, mußten die Ausdünstungen des Sumpfes doch unsere Witterung überwiegen, denn die sonst so scheue und vorsichtige Gesellschaft, es war ein Tapir mit seinem Weibchen und
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zwei Jungen, trottete unbesorgt aus der Tiefe des Urwaldes heran, um den Tag in ihrem Lieblingselement, dem Wasser und Schlamm, zuzubringen. Ich war ganz unglücklich darüber, die schöne Gelegenheit versäumen zu müssen, denn trotz aller Bemühungen war ich auf meiner Fahrt bisher nie zu einem glücklichen Schuß auf das überaus scheue Wild gekommen.
Die Dickhäuter kamen schnaubend und grunzend heran; einen Augenblick blieben sie bei dem Leichnam des Negers stehen und berochen ihn, da sie aber Pflanzenfresser sind und ihnen der Geruch wahrscheinlich zuwider war, eilten sie, sich in das Wasser zu stürzen.
Plötzlich, noch ehe der vorderste Tapir, das Männchen, das Ufer erreicht hatte, schoß aus dem Dickicht gleich einem bunten Strahl ein langer dicker Streif und umwand das arme Thier.
Es war das Werk eines Moments! Ich hörte das jämmerliche Aufschreien des Thieres, ich sah gelbbraune, dicke Ringe sich hoch über dasselbe wegbäumen und eng zusammenziehen, ich sah einen eiförmigen platten Kopf sich erheben, eine lange gespaltene Zunge aus dem widrigen Rachen sich ausstrecken - madre de Dios! ich war aus der Scylla in die Charybdis gerathen, - das Gewühl der Nattern und Vipern war ich los um es mit der Nähe der furchtbaren Anaconda, der Cucuriuba der Brasilianer zu vertauschen.
Und nicht genug an dem einen Feinde! Am Boden hin schoß und huschte eine zweite gelbbraune Gestalt nach der Beute; es war die Zeit der Paarung - dem Männchen
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folgte das Weibchen - zwei der entsetzlichen Riesenschlangen, von denen ich verkümmerte Exemplare bisher nur in den Menagerien gesehen, wanden sich unter mir am Boden.
Für gewöhnlich lebt die Boa gleich den meisten Schlangenarten, einsam in den Tiefen des Urwaldes und ihr Charakter ist träg und phlegmatisch. Nur der Hunger treibt sie aus diesem Zustande und die Zeit, wo das Weibchen des Reptils das Männchen sucht, zeigt beide in einem Zustande gewisser Reizbarkeit und macht sie im höchsten Grade gefährlich.
Der Sprung der Ungethüme nach ihrer Beute war übrigens verfehlt. Das Tapirmännchen, obschon von dem Anprall und der ersten Umschlingung zu Boden geworfen, stand bald wieder auf seinen plumpen Füßen und stürzte sich mit dem Instinkt, den ihm die Natur eingepflanzt, nach dem Wasser. Vergeblich versuchte die Cucuriuba es daran zu hindern. Bei der ersten Berührung mit dem Wasser löste die Schlange ihre Ringe, da die Boa niemals in's Wasser geht, und schnellte sich zurück nach dem Lande, um dem zweiten Tapir den Weg zu verlegen. Aber das trotz seiner Ungestalt äußerst bewegliche und rasche Thier, hatte bereits die gefährliche Wendung seines plumpen Körpers gemacht, und galopirte zurück in den Urwald, an der zweiten Schlange vorbei, die sich auf eines der Jungen geworfen und das quickende Ferkel bereits ganz mit ihren Ringen umwunden hatte. Auch das zweite Junge entkam, indem es in das Geröhricht sprang.
Die wilde Scene des tropischen Thierlebens ging
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übrigens rascher vorbei, als ich sie hier zu erzählen vermochte. Sie hatte trotz aller Schrecklichkeit und Gefahr etwas so Aufregendes für mich, daß ich mich so weit als möglich aus der Hangematte lehnte, wodurch diese natürlich in ein Schwanken kam.
Durch diese Bewegung schien die erste Schlange, welcher der Tapir entronnen, aufmerksam zu werden und mich zu erblicken. Niemals werde ich den grünen Strahl des Auges vergessen, das sie mit erhobenem Kopf jetzt auf mich richtete. Mit einem wellenförmigen Aufsprung schnellte sie bis dicht vor mein luftiges schwankendes Lager hin und versuchte ihren Oberleib in die Höhe zu richten.
Aber obschon sie wohl an 4 Fuß sich erhob und ihr weiter rother Rachen mich giftig und drohend angähnte, vermochte sie mich nicht zu erreichen. Nur die ägyptische Brillenschlange vermag sich in ihrer ganzen Länge zu erheben und aufrecht zu erhalten.
Ich hatte den Revolver gefaßt, um - so wie der Kopf des Unthiers mir nahe kam, - ihr die Ladung in den Rachen zu schießen, aber ich sparte den Schuß, als ich mich überzeugte, daß die Boa nicht näher zu kommen vermochte.
Es war eine der größten ihrer Art, wie ich nachher erfuhr ein Weibchen, die bei den Lurchen größer und stärker sind, als die Männchen. Sie mochte nach meiner Schätzung 20 bis 22 Fuß messen und hatte die Dicke eines Mannesschenkels. Die männliche Boa, die sich in diesem Augenblick unbekümmert um meine Anwesenheit und um die Wuth ihrer Gefährtin mit der Hinunterschlingung
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des jungen Tapirs beschäftigte, konnte wohl 5 Fuß kürzer sein.
Es war ein ekler widerwärtiger Anblick, wie der in entsetzlicher Weise erweiterte Rachen der Schlange das kleine trotz dem Zerbrechen aller Knochen noch lebende und sich sträubende Thier von hinten her in sich aufzunehmen und zu verschlingen begann. Ich hatte bei meinem Widerwillen gegen alle Reptile, stets vermieden, einem solchen Experiment in den Menagerieen mit Kaninchen, Hühnern und anderen kleinen Thieren beizuwohnen, - und mußte jetzt in der Wildniß der mitgefährdete Zeuge ihrer eklen Mahlzeit sein.
Die Anakonda fuhr indessen fort, sich auf und nieder zu wälzen. Oft fuhr sie wie ein Blitzstrahl in förmlichen Sätzen über den ganzen Platz, oft ringelte sie sich in einen Kreis und schnellte dann mit Gewalt empor - aber die Beute, die sie suchte, das heißt meine werthe Person, war und blieb aus ihrem Bereich. Das Mißlingen des Versuchs auf den Tapir, dem ihre Umschlingung wahrscheinlich mehrere Rippen gebrochen hatte und dessen klägliches Stöhnen ich aus dem Sumpf wiederholt hörte, so wie mein Anblick schien die Wuth des Ungeheuers bis zum Aeußersten zu steigern. Der Riesenwurm fuhr jetzt auf den nächsten der absterbenden Bäume los, wickelte sich in Spiralen um seinen Stamm bis zur Höhe meines Lagers und versuchte dann sich gegen dieses hin zu schnellen. Aber die Entfernung war zu weit, die Schlange fiel jedesmal auf der Hälfte des Raumes zur Erde.
Anfangs befürchtete ich, daß sie einen der beiden
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Bäume ersteigen würde, deren Aeste meine Hangematte trugen, wo sie an jenen sich hinwindend leicht dies gefährliche Lager hätte erreichen können. In der That machte sie auch ein oder zwei Mal den Versuch, aber ihr Instinkt sagte ihr, daß derselbe ihr Verderben sein würde, denn die starken Stacheln des Holzes mußten sich in ihren Leib bohren.
Dies erklärte mir auch, weshalb die beiden Dornbäume frisch und grün geblieben waren, während die meisten anderer Gattungen ringsum ihrer Rinde beraubt waren.
Die gräulichen Lurche oder einer von ihnen, hatten offenbar seit langer Zeit ihr Lager an dieser Stelle und trieben hier ihre Spiele und Mördereien.
Ich hatte bisher vermieden, den Indianer auf seinem Baume anzurufen. Die Anakonda's schienen ihn noch nicht wahrgenommen zu haben, und ich fürchtete, durch einen Anruf oder durch Zeichen ihre Aufmerksamkeit dahin zu richten. Jetzt aber schoß die Schlange gerade auf den Baum los, auf dem er sich befand und begann sich an seinen Stamm empor zu winden.
Der Baum befand sich etwa fünfzehn bis zwanzig Schritt von mir entfernt.
Der arme Bursche hatte kaum den Besuch bemerkt, der ihn bedrohte, als er alle Fassung verlor und ein klägliches Geschrei nach Hilfe erhob. Die Anakonda schien erst jetzt seiner ansichtig zu werden, sie löste den Kopf von dem Stamm, legte ihn weit zurück und züngelte hinauf nach ihrer Beute. Dies war mehr, als ich ertragen konnte.
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Ich erhob den Revolver und feuerte rasch hinter einander zwei Kugeln gegen das Ungeheuer.
Sei es, daß eine derselben trotz der ziemlich großen Entfernung sie verletzt hatte, sei es, daß blos der Knall des Schusses ihrer Wuth eine andere Richtung gegeben, die Schlange löste ihre Ringe, schnellte von dem Baum fort und wieder auf mich los.
Ich rief dem Indianer zu: »Rette Dich!«
Hurah-nee benutzte den Augenblick. Er fuhr an dem Stamme herunter, der bisher sein Versteck gebildet, plumpte in den seinen Fall brechenden Moder und entrann mit aller Kraft seiner Beine hinein in den Wald. Vergeblich schoß die Schlange ihm nach, - er war bereits außer ihrem Bereich.
Ich war jetzt allein!
Die Sonne war höher gestiegen, und zu der ohnehin schrecklichen Lage, in der ich mich befand, gesellten sich noch andere fast ebenso schlimme Plagen.
Mein Hut war bei meinen letzten Bewegungen hinunter gefallen. Die Anaconda schoß auf ihn zu und bald war er eine formlose Masse. Ich hatte jetzt Nichts zum Schutz meines Kopfes gegen die immer brennender werdenden Sonnenstrahlen, als den leichten Schleier, mit dem ich mich am Abend gegen die Stiche der Moskito's geschützt hatte, und mein Tuch.
Ich versuchte, mir daraus eine Art Turban als Kopfbedeckung zu machen.
Durch die Gluth der Sonne begann ferner die Verwesung des Körpers des Negers reißende Fortschritte zu
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machen. Sie wissen vielleicht, daß unter den Tropen die Zersetzung der animalischen Stoffe mit solcher Schnelligkeit vor sich geht, daß die Todten schon nach wenigen Stunden beerdigt werden müssen.
Ein pestilenzialischer Geruch erhob sich von dem Leichnam des unglücklichen Negers, - er war so unerträglich, daß es mich am Athmen hinderte.
Noch ein Mal schoß ich auf die Schlange, als sie mir nahe kam. Aber - selbst wenn ich bei dem schwankenden Standpunkt getroffen haben mochte, - welche Wirkung konnte die unbedeutende Revolverkugel auf den gewaltigen Leib hervorbringen?
Während all' dieser Zeit lag die männliche Boa fast unbeweglich auf dem Platz. Sie hatte das ganze Tapir-Ferkel hinunter gewürgt und sonnte ihren aufgeschwellten Leib jetzt behaglich zur Verdauung, zu der sie Tage, vielleicht Wochen nöthig hatte, ohne sich von der Stelle zu rühren.
Sie würde also an diesem Ort bleiben!
Dennoch wußte ich, daß von dieser Bestie nach dem Fraß mir weniger Gefahr drohte. Sie war unbehülflich geworden und konnte mich schwerlich verfolgen.
Mein Feind war die weibliche Boa, die der Hunger, die verfehlten Angriffe, die Verwundungen nur unermüdlicher, nur noch zorniger gemacht zu haben schienen.
Sie fuhr mit einer Schnellkraft über den Boden, von Baum zu Baum, die wahrhaft entsetzlich war. Die Stämme, um die sie sich ringelte, schwankten hin und her und bogen ihre Wipfel.
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Es hatte etwas Teuflisches, wie die beiden Schlangen wenn sie still lagen, mich mit ihren erweiterten grünen Augen anstarrten. Mir schien es, als läge darin der Ausdruck triumphirender Gewißheit, daß ich zuletzt doch ihre Beute werden müsse.
Mit aller Gewalt hielt ich meinen immer mehr sinkenden Muth aufrecht. Ich gab mich der Hoffnung hin, daß es dem Indianer gelungen sein werde, obschon er ohne Vertheidigungswaffen war, durch den Urwald entweder zurück zu der Stelle zu gelangen, von der wir am Nachmittag vorher ausgegangen waren, oder zu der anderen Seite des Creek's, wo die Pirogue mich erwarten sollte. Ich wußte, daß der Soldat Miguel sicher seinen Herrn nicht im Stich lassen werde, und da er wenigstens noch mit Schießgewehr versehen war, mit Hilfe der Indianer eine Diversion zu unserer Befreiung machen würde. Es galt also nur, mich in Geduld zu fassen und zu warten.
Zu warten allerdings in einer fürchterlichen Lage!
Ay mi! die Sonne brannte so heftig auf mich nieder, daß sie mir das Gehirn zu versengen drohte. Dazu die pestilenzialischen Dünste, der Durft, der mir die Zunge am Gaumen kleben ließ. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren - die rastlosen Sprünge und Bewegungen der Boa schienen mir zu hundert ähnlichen Geschöpfen sie zu vermehren. Ich glaubte mich[]in die überstandene Nacht zurück versetzt, und statt der Vipern die ganze Lichtung mit den gräulichen Gestalten der Anaconda's erfüllt zu sehen.
In lichteren Augenblicken betete ich zu Gott und den Heiligen, mir wenigstens meine Besinnung zu erhalten,
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und berechnete die Aussichten auf Rettung, die mir etwa noch blieben.
Denn Stunde auf Stunde war verronnen seit der Flucht des Indianers, ohne daß sich ein Laut von der Annäherung meiner Befreier hören ließ.
Wie leicht konnte der arme Bursche auf seinem Wege das Opfer eines der im Urwald unbehindert umherschweifenden Raubthiere geworden sein? Wie leicht konnte er sich verirrt und die Pirogue nicht gefunden haben! Und selbst wenn er sie angetroffen, würden die nur mangelhaft bewaffneten Bootsleute es wagen, meinem Diener zur Rettung seines Herrn zu folgen, den Kampf mit den gefurchtsten Cucuriuba's aufzunehmen? Und allein konnte der treue Bursche Nichts unternehmen, er war hilflos ohne Führer in den Wirrnissen des Urwaldes.
All' dieses ging mir durch das erhitzte Gehirn, während die Stunden flohen und die Sonne bereits stark im Sinken war.
Barmherziger Gott - sollte ich etwa noch eine solche Nacht zubringen, wie die vorige, in der verpesteten Luft, umgeben von dem Hexentanz der zahllosen Lurche?
Lieber den Tod!
Ich faßte den Entschluß auszuharren, bis die Schatten der Bäume im Westen die Lichtung deckten, um dann auf alle Gefahr hin den Versuch zu machen, zu entfliehen. Ich hatte noch zwei Kugeln in meinem Revolver, eine sollte dem Ungethüm gehören, die andere mir selbst, ehe es mich erreichte.
Eine Aussicht, daß die Boa's die Lichtung bei
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einbrechender Nacht verlassen würden, war nicht vorhanden. Der männliche Lurch lag träg und unbehilflich, das Weibchen würde ihn sicher nicht verlassen, selbst wenn seine Wuth sich gelegt hatte.
Die Schatten wuchsen!
Ich überlegte nochmals alle Chancen, die mir blieben - ob ich nach dem Baum eilen könnte, an dem unsere Waffen hingen, ob ich meine Flucht geradezu in das Dickicht oder das Wasser nehmen sollte? Eins war so schlimm und gefährlich, wie das andere. Im Schlamm des Sumpfes versinken war eine so schreckliche Todesart, als in der Umarmung der Boa zu ersticken.
Die Schatten wuchsen!
Mir war wie dem zum Tode Verurtheilten; wäre ich in einer Kirche meines Glaubens gewesen, so hätte ich gebeichtet und mich zum Tode vorbereitet, so vermochte ich nur mit mir selbst über das vergangene Leben zu rechten.
Und immer noch keine Spur der ersehnten Hilfe:
Ich hatte mich jetzt entschlossen, auf alle Gefahr hin den Versuch zu machen, den Baumstamm zu erreichen, an dem die Gewehre hingen. Meine Büchsflinte war auf beiden Läufen geladen, - es war wenigstens Aussicht, daß ich mich vertheidigen konnte. Ohne Waffen und Munition mußte ich ohnehin in der Wildniß untergehen, wenn ich mich dort verirrte, im Falle selbst meine Flucht gelang.
Es waren etwa noch zwei Ellen Raum zwischen den Spitzen der Schatten und der Stelle, deren Erreichung ich mir als den unvermeidlichen Zielpunkt der Ausführung meines Entschlusses bestimmt hatte.
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Ich begann meine Vorbereitungen zu treffen so vorsichtig als möglich, um die Aufmerksamkeit und den Zorn der Boa nicht zu reizen, die jetzt um denselben Stamm sich geringelt hielt, der während der Nacht dem Indianer zur Zufluchtstätte gedient hatte. Verschiedene meist zufällige Versuche während des Tages hatten mich belehrt, daß das Ungethüm, dessen Augen mich kaum einen Moment verließen, sobald ich eine Bewegung nach einer Seite hin machte, stets nach dieser Richtung hin zu schießen pflegte und dort sich um den nächsten Baum wand, um von dieser Stütze aus den Sprung nach mir zu thun.
Indem ich sie also nach der entgegengesetzten Seite jagte, konnte es mir vielleicht gelingen, meine Waffen zu erreichen und mich zur Wehr zu setzen, ehe die Anaconda, die stets den verwesenden Körper des Negers vermied und einen Umweg nahm, nach dieser Seite zurückkehrte.
Eine Moment noch, und der höchste Schatten der Baume erreichte die Stelle, die ich ihm bestimmt hatte.
Ich richtete ein kurzes Gebet an die heilige Jungfrau und empfahl mich ihrem Schutz. Dann ließ ich meine Füße aus der Hangematte gleiten, stützte mich mit der Rechten auf den Strick derselben und machte mich bereit, mich hinabzuschwingen.
Der Schatten hatte den Punkt erreicht.
Ich machte eine rasche Bewegung nach der entgegengesetzten Seite.
Die Anaconda schoß wie ein Blitz dahin und wickelte ihr Schwanzende zwei, drei Mal um den Stamm.
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Es war der Moment! ich schlug rasch ein Kreuz, warf mich nach der andern Seite und dann - - -
Cielo! das waren Menschenstimmen!
Ich warf mich zurück, ich klammerte mich an die Hängematte fest, die ich schon halb verlassen - nur mit Mühe konnte ich wieder Halt in ihr gewinnen.
»Hoi ho! Halloh, Capitano!«
Die Stimmen kamen vom Creek her.
Ich schoß den Revolver in die Luft, ich schrie so laut ich konnte.
Das Ungethüm unter mir schien Gefahr zu wittern, die Anaconda rollte hin und her - ihr geöffneter Rachen fletschte nach allen Seiten.
»Hier! hier!«
In das Geröhricht, in die offene Gasse der Creek, die von den wilden Thieren gebildet war, schoß mit kräftigen Ruderschlägen ein Kahn, - zwei Indianer lenkten ihn, einer davon, der alte Uthi - drei Europäer, die Flinten in der Hand, standen darin; Miguel, mein treuer Diener, darunter.
Der Nachen hielt einige Schritte vom Ufer - ein großer, stattlicher Mann im Jagdhemd übersah mit einem Blick die Situation. »Halten Sie sich ruhig, Sir!« rief er - »das ist unsere Sache! Feuer, Ihr Männer, auf die Bestie dort!«
Drei Flinten knallten fast zu gleicher Zeit - die Kugeln - wenigstens die eine oder die andere derselben - mußte getroffen haben. Die Anaconda bäumte sich in die Höhe - ihr Kopf züngelte hin und her, ihr Schweif peitschte den Boden. Dann, ihren Gefährten im Stich lassend,
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schoß sie in das Gestrüpp, das noch weit hin unter ihrer wilden Flucht sich bog.
Ohne die andere Schlange, die unbehülflich sich hin und her krümmte, und gleichfalls sich fort zu winden suchte, zu fürchten, sprang der Fremde im Jagdhemd an's Land, gefolgt von seinen Gefährten. Er schien mit der Natur der scheußlichen Reptile besser bekannt, denn er näherte sich sofort der männlichen Boa von hinten, setzte ihr den zweiten Lauf seiner Doppelflinte fast auf den Kopf und zerschmetterte ihn mit einem Schuß. Dann sprang er rasch zur Seite, um von den convulsivischen Schlägen des Riesenleibes nicht getroffen zu werden.
Miguel, mein Bursche, war sofort zu mir geeilt, mit seiner Hilfe verließ ich die Hängematte. Aber ich fühlte mich jetzt so krank und schwach, daß ich mich kaum auf den Füßen erhalten konnte.
Der Fremde trat auf mich zu und nahm meine Hand. »Gott sei Dank, Sir, daß wir noch zu rechter Zeit gekommen sind. Aber nun eilen Sie, diesen Ort zu verlassen. Wir wollen mit dem Nachen an einer andern Stelle landen, wo Sie sich in reiner Luft und entfernt von dieser schrecklichen Umgebung erholen können.«
Ich war außer Stande, meinem Retter zu antworten, ich konnte ihm nur die Hand drücken, - wie ich es jetzt thue!«
Der spanische Oberst hatte schon längst während der Erzählung seine Cigarre ausgehen lassen, er warf sie jetzt fort und reichte Capitain Welmore die Hand, die ihm dieser herzlich schüttelte.
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»Dies ist der Mann,« fuhr er fort, »dem ich mein Leben danke und dessen Schuldner ich lebenslang bleiben werde.«
»Sie hätten dasselbe für mich gethan,« sagte einfach der Engländer.
»Ich hoffe es zu Gott! - Doch um unseren Freunden hier weiter zu erzählen, wie es gekommen, erlauben Sie mir, lieber Kamerad, noch einige Worte hinzuzufügen. Hurah-nee war in der That seine Flucht geglückt. Er hatte sich bald mit dem gewöhnlichen Scharfsinn des Indianers in dem Urwald zurecht gefunden und nach angestrengtem Lauf die Stelle wieder erreicht, von der wir am Nachmittag vorher ausgegangen waren. Zufällig fand er unsere Pirogue noch an dem Platz, der alte Bootsführer hatte uns nicht so zeitig zurück erwartet, um nach dem andern Ufer des Creeks zu legen.
Mit fliegenden Worten berichtete Hurah-nee, was geschehen, natürlich mit allen Uebertreibungen, die ihm die Furcht eingegeben, und nach denen ich schon Zehn Mal von den Boas mit Haut und Haar verspeist sein mußte. Vergeblich verlangte Miguel, daß man sich aufmachen solle, wenigstens meine Ueberreste zu suchen, der Alte verweigerte jeden Schritt, nachdem er gehört, daß der Platz des Ereignisses der berüchtigte Schlangen-Creek sei, von dem die Einbildung derEingebornen die fabelhaftesten Dinge erzählte, und dem sie wissentlich um keinen Preis zu nahe gekommen wären.
Bei der gänzlichen Unkenntniß der Eigenthümlichkeiten des Urwaldes vermochte der arme Bursche nicht allein
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mir zu Hilfe zu kommen, obschon er den besten Willen dazu hatte.
So mußte er sich denn in den Beschluß des alten Bootsmanns fügen, nach der letzten Niederlassung zurückzukehren, um von dort vielleicht Beistand zu holen.
Aber die Pirogue hatte noch keine halbe Stunde auf dem Rückwege zurückgelegt, als ihnen ein anderes Fahrzeug begegnete, das Europäer trug.
Es war Capitain Welmore, der damals im britischen Guiana in Garnison stand, und gleich mir in Begleitung eines Dieners auf einem Jagdausflug am Orinoco begriffen war. Er wollte oder sollte dabei bis Bolivia hinauf gehen und traf zufällig mit meinen Flüchtlingen zusammen.
Als Miguel jetzt Europäer vor sich sah, rief er sie an und theilte seine Noth und die Lage der Dinge mit. Sofort beschloß der brave Capitain, meine Spur aufzusuchen und nöthigte durch Drohungen meine Bootsleute, wieder mit ihm umzukehren. Zum Glück hatte die Pirogue des Capitains ein leichteres Kanöe bei sich, dessen man sich bedienen konnte, um in den Creek einzufahren, statt den weiten Weg durch den Urwald zurückzulegen. Man war erst in einen falschen Arm des Creeks gekommen, ehe man die wirkliche Richtung fand. So war es ihnen gelungen, noch im letzten Augenblick zu meiner Rettung herbeizukommen.
Dies Alles erfuhr ich, während wir auf der anderen Seite des Creeks an einer kleinen Quelle im Urwald lagerten, indeß bei einem behaglichen Feuer das Wild briet, das der Begleiter des Capitains erlegt hatte. Nichts
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erinnerte mich mehr an die so furchtbar verlebten Stunden, als der Körper der Anaconda, den unsere Indianer nicht versäumt hatten, hinter der Pirogue herzuschleifen, und den sie jetzt an dem hohen Ast eines Baumes aufgehängt hatten, um die feinschuppige Haut abzustreifen.
Damals schlossen wir, der Britte und der Spanier, die beiden Nationen, die schon so oft »Schulter an Schulter« gefochten, Freundschaft, die hoffentlich für das Leben dauern wird.
Am andern Morgen, wo ich, neugestärkt und frisch erwachte, kehrten wir nach der Mündung des Creeks zu unserer Pirogue zurück. Der Capitain fuhr nach Westen gegen Bolivia, ich kehrte zurück nach Tortola und gleich darauf nach der Havannah. Ich hatte vollständig genug von den Tropen! Ein Jahr darauf ging mein Regiment nach Spanien zurück. Dies, Señores, ist die Geschichte von meiner Jagd am Orinoco!«
»Erlauben Sie mir, noch hinzuzufügen,« sagte der Engländer, »daß ich bei meiner Rückkehr nach Georgetown in meiner Wohnung die Haut der Anaconda mit einem silbernen, mit Edelsteinen statt der Augen und Zähne besetzten Kopf vor meinem Lager fand. Sie hat noch in meiner Wohnung zu Malta den Ehrenplatz unter so manchen alten und lieben Erinnerungen.«
Nochmals reichten sich die beiden Freunde die Hand.


Das interessante Abenteuer hatte die Theilnahme aller Mitglieder der Jagdgesellschaft gefesselt, selbst Don Juan
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war näher getreten und hatte mit großem Interesse zugehört. Jetzt wurde der Hergang lebhaft besprochen und der Graf von Lerida warf manche Bemerkungen über die Natur der Tropen ein.
»Wie, Señor Compatriote,« sagte der Graf erstaunt, »es scheint, daß Sie auch die Tropen besucht haben?«
»Ich habe sie an zwei Stellen gesehen,« erwiederte gleichgültig der Abenteurer, und zwar in Südamerika, als ich die Antillen besuchte, und auf der Rückkehr von Ostindien in Sumatra.«
»Der Señor Conde ist ein Seemann,« bemerkte der Hauswirth, wie alle Escalduni, die an der Küste geboren werden. Ich habe alte befahrene Männer ihm das Zeugniß eines tüchtigen, entschlossenen und umsichtigen Seemanns geben hören.«
Der Oberst verbeugte sich. »Das ist etwas Anderes« sagte er verbindlich, »es ist sonst etwas Seltenes, die Liebe zum edlen Waidwerk mit der zum Salzwasser verbunden zu sehen. Das giebt drei Elemente, aus der Sie Ihre Beute holen können, Señor Conde, die Luft, die Erde und das Wasser.«
»Fügen Sie das Feuer hinzu« sagte ein anderer der Gäste, »so haben Sie gleich alle vier und das Rechte getroffen. Don Juan de Lerida steht in dem Ruf, das Feuer schöner Augen zu suchen, um dort gleichfalls Jagdbeute zu machen!«
Alle lachten, selbst der Graf. »Caramba, Señor - woher wissen Sie das so genau?«
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»Eine sehr heilige Person hat es mir noch gestern geklagt.«
»Und welche, wenn ich bitten darf?«
»Ay! ich brauche ihren Namen nicht zu verschweigen. Se. Gnaden der Herr Bischof von Tarragona.«
Der junge Abenteurer blies eine Rauchwolke in die Abendluft. Er wußte jetzt, daß der Prälat seinen Brief erhalten, der jenem das Scheitern seines Unternehmens gemeldet hatte. »Quien sabe!« meinte er trocken. »Ich habe nicht geglaubt, daß ich Seiner Gnaden je schon in's Gehege gekommen wäre.«
Diesmal hatte er die Lacher auf seiner Seite bis auf einige der älteren Basken, die mit fanatischer Verehrung an den geistlichen Würdenträgern hängen. Pater Antonio rieb sich vergnügt die Hände, als er trotzdem salbungsvoll sein: »Pu Sennor Conde!« ertönen ließ.
»Schöne Augen« sagte der Prinz, »sind für einen Jäger oft sehr gefährlich und verlockend. Ich habe es selbst an mir erfahren und das Abenteuer hatte einige Aehnlichkeit mit dem Ihren, Señor Coronel, nur daß die Schlangen, von denen ich auf meiner einsamen Warte bewacht wurde, die wilden Söhne vom Pindus mit ihren langen Flinten waren.«
»Albanesen?«
»So ist ihr allgemeiner Name, doch hält jede Völkerschaft, vielmehr jeder Bezirk, stark auf seinen besonderen. Was mir passirte, geschah in den acroceraunischen Gefilden des Acheron und Phlegeton, und es hätte nicht viel
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gefehlt, daß ich selbst zu den Unterirdischen hinab gestiegen wäre.«
»Altezza dürfen sich der allgemeinen Pflicht nicht entziehen, ein Abenteuer zum Besten zu geben« sagte verbindlich der spanische Offizier. »Wie wäre es, wenn Sie sich entschlössen, uns die Geschichte vom Acheron mitzutheilen?«
»Por mi causa! es ist eine so gut wie die andere,« sagte der Prinz, obschon mich diese da unverdient in schlimmen Ruf gebracht hat. So hören Sie denn, Caballeros. Wir wollen mein Abenteuer nennen:

Blutrache.

Der Prinz rück[t]e behaglich seine breite Figur auf dem Steinsitz, den er eingenommen, und begann.
Ich war in meiner Jugend ein etwas wilder Bursche und habe von meiner Familie vielleicht noch das meiste corsische Blut in den Adern. Jedenfalls liebte ich stets die Unabhängigkeit und kannte wenig Furcht, weder vor göttlichen noch menschlichen Gesetzen. Sie sehen, daß ich mich nicht besser mache, als ich bin, oder vielmehr war; denn das Alter hat mich doch etwas zahm gemacht und mir andere Ansichten gebracht.
Es war in den ersten Monaten des Jahres 1838. Da ich 1815 geboren bin, ist es unmöglich, mich wie die Damen jünger zu machen, weil ich die Ehre habe, im
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Almanache diplomatique zu stehen, - war ich damals 23 Jahr, und wie gesagt, ein etwas wildes Blut. Mein Vater Lucian, der einzige der Brüder, der bekanntlich den Muth hatte, die ihm gebotene Krone von Spanien und Italien auszuschlagen und sich mit der Ehre zu begnügen, am 18. Brumaire als Präsident des Rathes der fünfhundert seinen Bruder gerettet zu haben, - hatte in meiner Jugend wenig Zeit, sich um mich zu bekümmern. Die Bonapartes waren damals das gehetzte Wild, Italien, England, Amerika, die Schweiz abwechselnd ihre Zufluchtsstätten. Auch der Fürst von Canino spielte den ewigen Juden. Meine Mutter, die schöne Laurence de Bleschamp, der Wittwe Jouberthon, war zu gut, um mir ernste Schranken zu setzen, und so mußte die Welt die Erzieherin meines stürmischen, unruhigen Characters sein. Vielleicht wissen Sie, daß man mir Schuld gab, schon 1831 mich bei dem Aufstand in der Nomagna betheiligt zu haben, bei dem Vetter Louis seine ersten sehr zweifelhaften Lorbeeren pflückte und seinen Bruder bei Rimini im Stich ließ. Genug, ich, der sechzehnjährige Knabe mußte für den Namen Bonaparte büßen und wurde sechs Monate in Livorno gefangen gehalten, ehe man mich losließ und nach Amerika verbannte. Dort sah ich meinen Oheim Joseph und half als achtzehnjähriger Cavalerie-Major im Dienst der Republik Neu-Granada General Flores und die Truppen von Ecuador schlagen. Sie sehen, Señor Coronel, daß auch ich meine tropischen Studien gemacht. Aber die Hetzhunde der europäischen Diplomatie ließen mir auch dort keine Ruhe, und ich kehrte im Jahre 34
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nach Italien zurück, wo ich mit meinem jüngeren Bruder Antoine auf den Gütern von Canino lebte.«
»Eine schlimme Zeit, Altezza,« sprach der alte Baske. Ich hörte mehr als einmal von Ihnen sprechen im Lager des Infanten Don Carlos.«
»Ich weiß, was Du meinst, Ramiro, und leugne es nicht. Es war allerdings eine tolle Zeit. In den wilden Einöden der Apenninen an der toskanischen Grenze nur mit Banditen, Schmugglern und Wilddieben als Nachbarn und Umgang wird man gerade nicht zahmer. Aber das Mißtrauen und die Chikanen der Oestreicher hätten auch eine mildere Natur wild machen können. Man beschuldigte uns, ein revolutionaires Freicorps errichten zu wollen und unter dem Vorwand, daß ich dem Banditen Saltamachione, einen der größten und gefährlichsten Schurken in ganz Italien und deshalb Protegé des päpstlichen Stuhls bei einer seiner Schandthaten über den Haufen geschossen, ließ man mich wie einen Verbrecher durch päpstliche Sbirren im Kaffeehaus während des Frühstücks überfallen. Vielleicht erzähle ich einmal Einem oder dem Andern von Ihnen die Geschichte näher. Genug - wer kann es mir verdenken, daß ich mich nicht geduldig fangen ließ wie ein Lamm, sondern den Sbirren-Offizier über den Haufen stieß und noch einen zweiten Häscher hors de combat setzte, ehe man mich überwältigen konnte. Trug ich doch selbst eine starke Wunde davon. Man schleppte mich nach Rom in den Kerker und machte mir den Proceß. Am 26. September 1836, also 21 Jahr alt, wurde ich zum Tode verurtheilt. Aber Seine Heiligkeit Papst Gregor XVI., der
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mich durch seine Sbirren fangen ließ, begnadigte mich zum Exil, und ein zweites Mal zog ich über den atlantischen Ocean nach dem freien Amerika.
Es würde zu weit führen, Ihnen zu erzählen, warum ich es wieder verließ. Genug - ich kehrte nach Europa zurück und damals war es, im Januar 1838, wo ich mich in Corfu aufhielt.«
Der Prinz machte eine kleine Pause in seiner Erzählung, dann fuhr er fort.
»Sie werden sich erinnern, daß mein älterer Bruder Paul Marie an dem Befreiungskampf der Hellenen Theil nahm und auf der von ihm kommandirten Fregatte Hellas, als Lord Cochrane im Hafen von Nauplia zwei türkische Schiffe angriff, durch einen unglücklichen Zufall, indem sein eigenes Pistol sich gegen ihn entlud, fiel. An der Küste von Navarino liegt er begraben, französische Soldaten gruben sein Grab und setzten ihm den Stein.
Dieses Grab wollte ich mit besuchen, als ich eines Tages auf der Esplanade mit einigen Offizieren der Garnison plaudernd, meine Absicht kund gab, am andern Morgen über die Meerenge zu setzen und einen Jagdausflug in den Epirus zu unternehmen.
Daß alle Welt mich sofort vor dem Wagestück warnte, ließ mich natürlich desto mehr auf meinem Entschluß bestehen. Man schilderte mir den Charakter der wilden, räuberischen, von keinem Gesetz gebändigten Bewohner des weißen Landes mit den schlimmsten Farben und malte mir die Gefahren, denen ich mich aussetzte. Noch wenige Tage vorher war Master Barclay, einer der Offiziere des
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11. Regiments, das damals in Corfu garnisonirte, bei einem ähnlichen Jagdausflug von mehreren albanesischen Räubern überfallen und gefangen genommen worden und sie hatten ihn in ihre Berge geschleppt, um ein bedeutendes Lösegeld zu erpressen, worüber noch unterhandelt wurde. Ich blieb fest und sagte ihnen Lebewohl mit dem Versprechen, die Entführung ihres Kameraden, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, den Räubern heimzuzahlen.
Daß mich außer der Lust, das seltsame verrufene Land zu durchstreifen und in seinen Schluchten und an den Ufern seiner Seen meiner Jagdlust zu fröhnen, auch noch ein anderer Grund antrieb, fand ich nicht für nöthig, zu verrathen.
Dennoch war dies der Fall.
Es herrschte damals im Ganzen wenig Verkehr zwischen den unter der ziemlich hart gehandhabten Botmäßigkeit der britischen Regierung stehenden jonischen Inseln und der gegenüberliegenden Küste des Festlandes, der türkischen Provinz Albanien. Wenn ich es eine türkische Provinz nenne, so meine ich eben nur den geographischen Namen. In Wahrheit war gerade damals die türkische Herrschaft so gut wie Null. Seit der Ermordung des Löwen von Janina, des berühmten Ali Tebelin, die Alexander Dumas seine Haydee im Monte Christo so interessant erzählen läßt, - im Jahre 1822, - seit dem kaum 8 Jahre vor meiner Ankunft beendeten griechischen Freiheitskampf und der schändlichen Ermordung der Arnauten-Chefs durch den Großvezir Mehemed-Reschid auf dem Bankett zu Monastir und den daraus hervorgegangenen Kämpfen, war es der
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Pforte noch nicht gelungen, das Land zu beruhigen und ihre Herrschaft weiter zu sichern, als durch die Besatzungen einiger elenden Küsten-Forts. Von Skadar herunter bis Arta hält im Innern des Landes jeder Beg14 sich für unabhängig genug, der Herrschaft in Constantinopel zu trotzen.
Viele von Ihnen, Señores, werden das kühne, stolze Volk der Albanesen aus eigner Anschauung kennen. Nur der Krieg, der Raub und die Jagd dünkt den meisten ihrer Phis oder Stämme die einzig würdige Beschäftigung des Mannes. In Tunis, - in Malta, - in Cairo, - in Constantinopel findet man sie, so lange ihr Contrakt währt treue, aber so wilde und grausame wie tapfere Soldaten.
Nicht besser sind sie in der Heimath. Der Stamm- und Familienzwist, der Ehrgeiz und die Eifersucht macht alle heldenmüthigen Thaten für ihre Freiheit nutzlos und zersplittert ihre Macht. Der schlaue, zähe Türke trägt zuletzt den Sieg davon über den stolzen Palikaren.
Sie haben bereits gehört, daß noch ein geheimer Grund mich veranlaßte, den beabsichtigten Jagdausflug nicht aufzugeben.
Einige Tage vorher stand ich auf den Felsenwällen der prächtigen Citadelle von Corfu, die rechts einen weiten Blick in die reichbewaldeten Thäler des alten Corcyra bis zu der Quelle der Cressida bietet, wo die schöne Nymphe Nausika den Ulysses zu fesseln suchte - links nach der felsigen Küste des Epirus. Ich hatte mich eben nach
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dieser Seite gewendet, als ich einige Schritte von mir entfernt einen jungen Mann gleich mir erblickte, der auf der Mauer saß und sehnsüchtig hinüberblickte nach dem weißen Lande.
Ein tiefes Stöhnen, das aus seiner Brust herauf über die schmalen Lippen drang, ließ mich erkennen, mit welchen Gefühlen er nach den Bergen seiner Heimath hinsah, denn wie seine Kleidung mir zeigte, war er ein Albanese. Er trug den Phistan15, die rothen, bis zum Knie reichenden Gamaschen und den Abas, den Mantel von Ziegenhaaren. Dagegen hatte er die in seiner Heimath nothwendiger Weise zu seiner Tracht gehörenden Waffen abgelegt. Ein strenges Verbot des Generalgouverneurs untersagte den Fremden das Tragen derselben.
Es war ein hübscher Bursche mit den charakteristischen Zügen der Arnauten von reinem Blut, der hohen schlanken Gestalt mit der breiten Brust, dem langen, freien Hals und dem schmalen Gesicht, dessen leicht gebräunte Farbe nur der lange, pechschwarze Schnurrbart zu beiden Seiten des Mundes und das kleine, aber feurige schwarze Auge unterbrachen.
Ich wußte sofort, daß er ein albanesischer Flüchtling war, der aus irgend einer Ursache die Heimath verlassen hatte und über den Kanal gekommen war, um hier Schutz zu finden. Er konnte etwa in meinem Alter sein.
Ich empfand sofort ein gewisses Interesse an ihm und
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beschloß, ihn anzureden. Der junge Arnaut sprach Italienisch, und so konnte ich mich leicht mit ihm unterhalten.
Ich erfuhr, daß er, ähnlich dem sanften Heiligen, von dessen Wunderthaten und Tod noch heute der Pliack16 an seinem Heerde zur Laute singt, wenn die Buren17 seines Phis um ihn versammelt sind, oder der Fremde in seiner Palanka18 weilt, Damas hieß und auf der Insel war, um sich für ein englisches Regiment anwerben zu lassen, oder Gelegenheit zu suchen, nach Cairo zu gelangen.
Das Alles erklärte mir aber seine tiefe Traurigkeit nicht.
Ich sagte ihm im Laufe des Gespräches, daß ich beabsichtige, in den nächsten Tage nach dem Epirus zu gehen.
Sofort überflog eine helle Röthe sein Gesicht. »Ich wünschte, Signor,« sagte er, »ich könnte Sie begleiten! Sie sind glücklich, daß Sie den Adler schießen und die weißen Berge betreten werden.«
Und warum gehst Du nicht selbst, wenn Du solche Sehnsucht nach dem Lande da drüben hast?
»Ich darf es nicht betreten. Ich habe Unglück gehabt in der Tscheta und so lange die Krvono kolo19 nicht gesessen, bin ich vogelfrei. Mein Stamm hat nicht die Macht mehr, mich zu schützen und ich bin zu arm, die
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kivina20 zu zahlen. Ich kann mein Wort nicht halten und niemals Narida sehen!«
»Wer ist Narida?«
»Meine Geliebte, Franke, die Rose der weißen Berge,« sagte der junge Albanese stolz. »Aber ihr Vater ist der Beg der Balsichiden, der meine war Wasil Foscati, der letzte Buluk-Baschi der Sulioten, die Ali von Janina vor zwanzig Jahren von dem Ufer des Irac in die Berge der Tosken versetzte. Es herrschte die Tscheta21 zwischen unsern Familien, und ich habe das Unglück gehabt, Arslan, den letzten Bruder meiner Geliebten, zu tödten.«
Siehe da - da hatte ich ein ganzes Stück Romantik vor mir - Romeo und Julia und den erschlagenen Tybald.
Nur, daß es sich hier nicht um den zahmen Kampf der Montecchi und Capuletti handelte, dem der Fürst von Verona mit leichter Mühe Halt gebot, sondern um Blutrache, gegen die unsere corsische noch eine Kinderspiel ist.
Ein näheres Gespräch ergab Folgendes. Der junge Mann stammte aus einer der Philatis, der hellenischen Gemeinden von Epirus, sein Großvater war damals, als Ali von Janina die Sulioten vernichtete, nach Acroceraunien verbannt worden und hatte dort seine Kula22 im Chimära Gebirge in der Nähe eines der eingebornen Phis erbaut, dessen Haupt sein früherer Waffenbruder gewesen war. Ich weiß nicht mehr durch welchen Umstand bald
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nachher Feindschaft zwischen ihnen entstanden war, eine jener Tschetas, die Albanien mehr verwüstet haben, als der Säbel der Türken, die trügerischen Versprechungen der Russen und die Habgier Oesterreichs. Sie müssen wissen, das diese Tscheta's, unter den verschiedenen Völkerschaften Albaniens, den Mirditen, Ghegen, Ljapen und Schapuren, mit einer Erbitterung ausgefochten werden, die wie ich schon erwähnt, selbst über die Blutrache der Corsen und die Kämpfe der Indianer geht. Die kämpfenden Pahre rauben einander die Heerden, zerstören ihre Häuser, entwurzeln ihre Fruchtbäume - nur die Kirchen und die Weiber werden verschont. In Mitten der wüthendsten Tschetas bleibt das Weib geheiligt, das oft genug selbst am Kampfe und an der Rache Antheil nimmt, und kann unangefochten von einem Ort zum andern gehen.
Fällt der Feind lebendig in ihre Hände, so wird er - wenn eben nicht die Tscheta sein Blut fordert - zum Sclaven gemacht. Dem Todten schneidet der Sieger den Kopf ab, salzt ihn ein und pflanzt ihn in seinem Dorfe auf einem Spieße auf. Dieser Brauch wird nicht nur von den muselmännischen und griechischen, sondern selbst von den katholischen und den lateinischen Buren geübt.
Wenn zwei Albanesen von verschiedenen Clans einander begegnen, so fragen sie einander: »Kuin phis?«, das heißt: welches Stammes? indem sie die Hand an dem in einer Spitze auslaufenden, reich mit Silber beschlagenen Griff ihrer Pistole haben, denn Jeder argwohnt, der Andere könne einem Stamme angehören, dem der seine einen Kopf schuldig ist. Der nächste Verwandte des Ermordeten
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hat die Verpflichtung, denselben zu rächen, ja wenn einer von zwei Brüdern seinen Vater ermordet, so muß der andere seinen leiblichen Bruder dem väterlichen Schatten opfern. Thut er es nicht, so vererbt sich die Verpflichtung zur Rache auf seinen Sohn und so fort bis auf den letzten Sprößling des Stammes. Auf dem Todtenbett noch zählt der Pliak, der Greis, die Köpfe zusammen, die seinem Phis fehlen, und macht es seinen Söhnen zur heiligen Pflicht, dieselben zu rächen.
Genug, zwischen den beiden Pharen, dem Sulioten Foscatis und dem Schamuren Adre-Beg herrschte eine solche Tscheta, die schon manches Leben gekostet hatte. Aber Señor's, wie leicht wir Männer auch darüber denken, die Liebe geht wie ein versöhnender Engel selbst durch den blutigen Streit und frägt nicht nach Freund und Feind. Damas, der Foscati, liebte die schöne Narida, die Tochter des Balsichiden und sie hatte ihm gelobt, ihre Familie zu verlassen und ihm zu folgen, wenn er sie rufen würde, um ihn in fremde Lande zu begleiten, denn Damas war seines Gewerbes nach einer der Suterrazzi, der berühmten Wasserkünstler Albaniens, die schon vor 2000 Jahren die merkwürdigen oft 20 französische Meilen langen Wasserleitungen erbauten, welche die Städte des Orients und selbst des europäischen Südens mit dem nothwendigen Element versehen. Ein alter Argyriner, der bei seinem Vater Schutz und Unterkommen gefunden, hatte ihn die merkwürdige Kunst gelehrt. Sein Unterhalt war daher auch in der Fremde gesichert.
Der Kampf zwischen den beiden Familien hatte einige
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Zeit geruht, da ein Theil ihrer jungen Leute mit ihren Bannern, der eine nach Constantinopel, der andere nach Cairo, Ibrahim zu Hilfe, gezogen war, als unglücklicher Weise, etwa zwei Monate vor meiner Ankunft in Corfu Damas mit dem Bruder seiner Geliebten, dem jungen Arslan zusammengetroffen war, den der alte Beg in seiner Heimath behalten, weil er der einzige ihm noch von Krankheit und Schlachtfeldern gelassene Sohn war. Der junge Arslan war sehr heißen Blutes, und da er eine Ahnung von dem Verhältniß der beiden Liebenden haben mochte, überfiel er den ruhigeren, wenn auch nicht weniger entschlossenen Damas erst mit Worten, dann mit den Waffen und zwang ihn zum Kampf. Damas hatte das Unglück, seinen Gegner, den Bruder seiner Geliebten, durch einen Schuß seines Djeferdane23 zu tödten und entwich an die Küste und von dort nach Corfu, da sein Phis zu geschwächt war, um ihn zu schützen.
Das war die Geschichte des jungen Paars. Ich frug den Suterrazzi, ob er seitdem keine Nachricht von seiner Geliebten erhalten habe und ob er glaube, daß sie trotz der Blutthat noch immer an ihm hänge, und er meinte dies mit Bestimmtheit bejahen zu können, da sie ihm geschworen, ihm aus dem väterlichen Hause zu folgen, wenn er sie rufen würde. Eine Gelegenheit, in Verbindung mit ihr zu treten, hatte er freilich noch nicht gefunden.
Ich hatte Gefallen an dem jungen Albanesen und traf am Abend wieder mit ihm zusammen.
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Damas gab mir eine Menge Rathschläge für mein Unternehmen und rieth mir, mich an Adre-Beg zu wenden, da dieser der mächtigste und einflußreichste Häuptling grade in der Gegend war, die ich besuchen wollte, um den Adler und den Wolf zu schießen. Der Beg war selbst in seiner Jugend ein berühmter Jäger gewesen, liebte noch die Jagd, und als sein Gast hatte ich Nichts auf meinen Ausflügen zu befürchten. Zugleich konnte ich hier am Besten für die Befreiung des englischen Offiziers wirken, wenn diese noch nicht erfolgt sei, denn dieser war sicher von kimariotischen Räubern entführt werden, und Adre-Beg hatte bedeutenden Einfluß auf dieselben. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich denn auch, daß die türkischen Khawassen der Küste, die Sicherheits- und Steuerbeamten, sehr häufig mit diesen Räuberhorden unter einer Decke spielen, indem sie ihnen die Gelegenheit zu einem Streich nachweisen, und dann die Beute mit ihnen theilen. Im Laufe des Gesprächs während wir eine Bottiglia griechischen Weines tranken, machte ich dem Foscati den Vorschlag, mich zu begleiten und ich versprach, ihm beizustehen, sich in den Besitz seiner Geliebten zu setzen.
Der Gedanke, den ich anfangs nur flüchtig hingeworfen, elektrisirte ihn. Er wurde hin und her überlegt, und kurz und gut, wir beschlossen, daß er mich, gehörig entstellt und verkleidet, als Diener begleiten sollte. Damas sollte die Rolle eines Corfuaners spielen, der der schipetarischen und griechischen Sprache mächtig sei und den ich daher als Dolmetscher und Begleiter engagirt hätte. Ein falscher Bart nach dem Abschneiden des seinen und
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europäische Kleidung mußten ihn leicht unkenntlich machen. Mein wirklicher Diener sollte zwar gleichfalls mit, aber in Sajadu mit der von mir gemietheten Tartane bleiben und meine Befehle erwarten, da es leicht möglich war, daß wir nicht über den belebten Hafenort zurückkehren konnten, sondern an einen andern Punkt der Küste uns einschiffen müßten, wenn es Damas gelang, seinen Zweck zu erreichen.
Ich verschaffte mir von dem britischen Gouverneur einen Schutzbrief an den Ajan, den türkischen Gouverneur von Sajadu, der mir um so williger ertheilt wurde, als ich mich erbot, die Verhandlungen wegen Befreiung des Kapitain Barclay persönlich zu betreiben, und am Morgen nach jenem Abschied von den Offizieren machten wir Drei uns wirklich auf den Weg. Ich hatte erst beabsichtigt, nicht in dem offnen Hafen, sondern oberhalb desselben in einer der Skalomas, der zum Ausladen der Schaluppen bestimmten kleinen Buchten zu landen, zu denen die Ljapis die wenigen Produkte ihres Landes bringen, um sie gegen die aus Kalabrien herüberkommenden Waffen, groben Tücher und Mäntel zu vertauschen, aber einige Flintenschüsse, mit denen wir von den türkischen Steuerbeamten begrüßt wurden, veranlaßten mich, in Sajadu selbst einzulaufen. Ich zeigte meinen Schutzbrief vor und erhielt die Erlaubniß, auf meine Gefahr in's Innere des Landes zu gehen. Ueberzeugt, daß wenn ich mich nicht beeilte, das Schicksal Kapitain Barclay auch das meine sein würde, miethete ich sofort durch Damas drei Pferde und machte mich mit meinem Jagdgepäck auf den Weg,
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angeblich, um mich in die Gegend von Janina zu begeben. Doch jenseits des Ortes änderte ich sofort die Richtung nach Norden. Als Begleiter der Pferde hatten wir einen türkischen Burschen mitgenommen, und da für die Thiere hinreichende Sicherheit geleistet war und ihm ein gutes Bakschis versprochen wurde, schien ihm die Richtung, die er einschlug, sehr gleichgültig, obschon ich mich später überzeugte, daß dies nicht der Fall war.
Wir ritten demnach in die Einöden des Kondowunigebirges, an zahlreichen der alten verfallenen oder gesprengten Kula's vorüber, und obschon in den Djetas die Männer, Frauen und Kinder uns trotzig und drohend genug anschauten, kamen wir doch ungehindert vorwärts.
Dem Suterrazzi war jeder Fuß breit Landes in dieser Gegend wohl bekannt, obschon er sich natürlich hütete, es merken zu lassen. Wir nahten uns jetzt dem Theil, wo seine väterliche Kula stand und auf dem Felsengipfel der nächsten Höhe die seiner Feinde, aber die Nacht war bereits herangekommen und wir mußten in einem einsamen Hane Halt machen. Wir hatten beschlossen, am andern Tage erst gegen Mittag aufzubrechen, um nicht vor dem Abend an dem Ziel unserer Reise anzukommen, denn Damasos wünschte eine genaue Prüfung zu vermeiden, ehe er sich mit dem Mädchen verständigt hatte. Ich nahm also, da ich früh am Morgen auf meinem Lager - ein Paar Schaffelle, die einfach auf den harten Erdboden gebreitet waren, - erwachte, meine Flinte und ging in die Berge, um vielleicht ein Wild zu unserem Morgenmahl zu schießen.
Ich mochte etwa eine Stunde herumgewandert sein,
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hatte auch bereits ein Paar der rothen Rebhühner erlegt, als ich über mir den Schrei eines Adlers hörte. Der mächtige Vogel mußte durch irgend Etwas von seinem Felsenhorst aufgescheucht sein, und kreiste in weiten Ringen über der Stelle durch die blaue Luft. Obschon die Entfernung sehr weit war, konnte ich mich nicht enthalten, einen Schuß nach ihm zu thun.
Fast in demselben Augenblick oder wenigstens unmittelbar nachher, knallte in geringer Entfernung ein zweiter Schuß.
Der Adler taumelte in der Luft, er versuchte vergeblich, sich auf seinen Schwingen zu halten, und flatterte endlich schwerfällig zu Boden, aber nicht, wie ich erwartet hatte, in meiner Nähe, sondern in einiger Entfernung auf die andere Seite eines Felsenvorsprungs, der mir seinen Anblick verbarg.
Ueberzeugt, daß meine Kugel den stolzen Vogel erlegt habe, eilte ich, mich meiner Beute zu versichern und die Stelle zu erreichen, wohin er gefallen sein mußte. Als ich dazu um einen vorspringenden Felsblock bog, sah ich auch den Adler am Boden liegen, im Todeskampf mit seinen mächtigen Flügeln die Erde schlagend. Aber neben ihm stand bereits ein anderer Schütze, ein alter Arnaut von hohem Wuchs und einem achtunggebietenden Aussehen, die Arnaüka in der Hand, die lange wohl 12 Pfund schwere albanesische Flinte, deren Lauf mittels 30 Ringen aufgeschäftet ist. Er war eben beschäftigt, sie wieder zu laden und achtete weder des Vogels noch meiner Annäherung. Dieser Umstand schien mir ein Beweis, daß er selbst nicht
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glaubte, mit seinem plumpen ungeschickten Gewehr den guten Schuß gethan zu haben, und um so mehr war ich geneigt, auf meinem Anrecht zu bestehen.
Ich näherte mich also dem alten Jäger mit selbstbewußter Miene und sagte den türkischen Gruß: Salem aleikum!
Der Alte hatte eben die Kugel in den Lauf gestoßen, sah mich ohne Verwunderung an und sagte dann in der Lingua franca: »Du irrst Dich, Franke, ich bin ein Christ.«
Destoweniger bemerkte ich, wirst Du einem Glaubensgenossen sein erlegtes Wild mißgönnen. Meinetwegen magst Du übrigens den Adler behalten, ich wünsche ihm nur einige Schwungfedern als Zeichen meines Schusses auszuziehen.
»Die Federn sind das Zeichen des Schützen« sagte der Alte stolz. »Niemand anders darf sie berühren.«
»Cospetto, dann gehören sie mir.« Ich beugte mich nieder, um die Jagdtrophäe aus dem Flügel des jetzt verendeten Vogels zu ziehen, aber der Albanese setzte den Fuß auf denselben.
»Nicht so rasch, Franke,« sagte er. »Die Söhne der weißen Berge sind nicht gewohnt, auf ihrem eignen Boden sich von den Fremden berauben zu lassen.«
Ich sah ihn erstaunt an, - zum ersten Mal kam mir ein gelinder Zweifel, ob ich auch wirklich den Adler geschossen hätte. »Aber zum Henker, Mann« sagte ich ruhig, »glaubst Du denn wirklich, mit Deinem plumpen Dinge da einen solchen Schuß gethan zu haben?«
Der Schipetare hob den Vogel in die Höhe und schlug
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einige Rückenfedern zurück. Ich sah, daß die Kugel den ganzen Körper des Adlers durchbohrt hatte, und am Rücken wieder hinaus gegangen war. Ein spöttischer Blick, den der Alte dabei auf meine Flinte warf, vermehrte meinen Aerger.
»Glaubt der junge Franke wirklich,« sagte er, »daß sein Djeferdane24 den Adler in solcher Höhe treffen konnte?«
»Ich denke doch,« erwiederte ich, »daß meine französische Flinte weiter trägt, als Deine plumpe Muskete!«
»Laß uns sehen!«
Er sah sich einen Augenblick um. Auf einer beinahe 300 Schritte von uns entfernten Felsenfläche weidete eines der schwarzen Schaafe, welche die Heerden der Gebirgsbewohner bilden. Nicht weit davon bei den anderen Thieren saß der Hirt, ein stumpfsinniger Ljape und blies auf dem Lituus, der selbstverfertigten hölzernen Flöte.
Der alte Arnaut hob sein Gewehr, zielte einen Augenblick und schoß. Das schwarze Schaaf stürzte unter schmerzlichem Geblök zusammen und fiel von dem Felsen, der Hirt aber erhob ein großes Geschrei.
Ich trat beschämt von dem Adler zurück, ich wußte zu gut, daß meine Flinte ihre Kugel kaum die Hälfte dieser Strecke mit Sicherheit getragen hätte.
»Du bist kein Ingles, Franke?« fragte der Albanese, offenbar um mir das Zugeständniß meines Irrthums zu ersparen.
»Warum glaubst Du das?«
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»Die Inglesi verschwenden ihr Pulver nicht. Du scheinst auch keiner der Weißröcke zu sein[.] Was willst Du hier?«
»Ich bin ein Franzose, der sich zufällig auf Corfu aufhält, und hier herüber gekommen, um einige Tage in den Bergen und an den Seen zu zagen.«
Das ernste, fast finstere Gesicht des Schipetaren erheiterte sich sichtbar. »Wenn Du ein Franzose bist« sagte er zu meiner Verwunderung in französischer Sprache, »so sei willkommen in dem Lande der Schipetaren. Ich liebe die Francese. Und Dein Gesicht kommt mir bekannt vor, als hätte ich es schon gesehen.«
Ich erinnerte mich, daß man mir oft gesagt, ich habe einige Aehnlichkeit nicht bloß mit meinem Vater, sondern auch mit meinem Oheim. »Warst Du je in Frankreich oder in Italien?«
»Niemals!«
»Dann ist es nicht möglich.«
»Und dennoch muß es sein. Ich weiß, daß ich Dein Gesicht gesehen habe vor vielen vielen Jahren, als ich noch jung war. Wie ist Dein Name, Franke?«
»Pierre Bonaparte!«
Der alte Schipetare ließ sein Gewehr auf den Boden fallen. »Bonaparte? Du bist der große Sultan der Franzosen, dem ich den Brief brachte in Iskendria mit meines Vaters Tartane von Kephalonia her?«
Ich mußte unwillkürlich lachen, daß der Albanese einen Zeitraum von fast 39 Jahren so leicht übersprang, denn ich erinnerte mich allerdings von meinem Vater Lucian
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gehört zu haben, daß er im Jahre 1799 seinem Bruder Napoleon von Kephalonia aus durch einen griechischen oder albanesischen Seeräuber jene Nachricht durch die englische Blokade-Eskadre nach Alessandria schmuggeln ließ, welche diesen veranlaßte, die ägyptische Armee zu verlassen und heimlich sich nach Frankreich einzuschiffen.
»Du übersiehst die Zeit mein Alter« sagte ich freundlich. »Es sind seitdem 39 Jahre vergangen, und Der, dem Du die Depesche durch die Engländer hindurch zutrugst, war mein Oheim, der spätere Kaiser der Franzosen Napoleon Bonaparte, derselbe, den später die Engländer auf einer öden Felseninsel im Meere zu Tode gebracht haben. Wenn Du jener kühne und unerschrockene Arnaut bist, der ihm den wichtigen Dienst leistete, so nimm die Hand eines Bonaparte! Du mußt damals noch jünger gewesen sein, als ich es bin.«
Der alte Schipetare öffnete die Jacke auf seiner Brust und zog ein auf derselben an einer Haarschnur hängendes Ledersäckchen hervor, das er sorgfältig öffnete. Es enthielt eine alte goldene Uhr mit einer gleichen Kette. Ich nahm sie in die Hand - auf der Rückseite standen in der That die beiden Buchstaben eingravirt N. B.
»Er schenkte sie mir« sagte der alte Mann stolz, »und fünfzig goldne Mamudiehs dazu. Ich habe sie stets auf meiner Brust getragen, in mehr als hundert blutigen Gefechten. Die heilige Mariamme sei gesegnet, daß sie mir vor meinem Ende noch nach vielem Leid das Glück gewährt, das Blut des großen Sultan der Franken, der auch unser Land von den Venetianern und den Weißröcken befreit
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hat, in meiner Kula zu sehen. Du wirst Adre-Beg nicht die Schmach anthun, Dein Haupt, so lange Du in den weißen Bergen weilst, an einem andern Ort nieder zu legen, als in seinem Hause.«
»Wie, Du bist Adre-Beg?«
»Ich bin es. Die Kula meines Phis ist kaum zwei Stunden von hier. Es ist zwar kein Haus der Freude und die Todtenklage ist darin erklungen seit der Mond zwei Mal gewechselt. Aber Adre-Beg's Name ist noch immer gefürchtet in den Bergen. Die Vögel des Himmels und die Thiere des Waldes gehören Dir, und kein Schipetare wird es wagen, die Hand gegen Dich zu erheben.
Es erregte mir ein unangenehmes Gefühl, daß der Mann, dem ich doch gewissermaßen sein letztes Kind stehlen helfen wollte, derselbe war, der in seiner Jugend meiner Familie einen so bedeutenden Dienst erwiesen hatte, und der mir jetzt so vertrauensvoll Gastfreundschaft anbot; in einem Augenblick dachte ich daran, den Suterrazzi nach Corfu zurückzuschicken oder ihn seinem Schicksal zu überlassen. Im nächsten aber erinnerte ich mich, daß ich ihm mein Wort gegeben, und daß ich ihn sein Heil versuchen lassen könne, ohne mich darein zu mischen.
»Du ladest mich also selbst in Dein Haus, wackerer Adre-Beg?« frug ich.
[Absatz]»Ich rechne es als eine Gunst, die Du mir erweisen wirst, Herr!«
»Nun gut, ich nehme es an auf einige Tage, denn ich wollte ohnehin Dich aufsuchen in einer anderen Angelegenheit. Aber ich bin nicht allein.«
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»Wen Du auch in mein Haus führst, Herr, er wird mir willkommen sein,« erwiederte einfach der alte Palikare.
Ich ergriff die Gelegenheit, um mich, wenigstens vor mir selbst, der Verantwortlichkeit zu entziehen. »Nein,« sagte ich, »ich will Dir offen sagen, daß ich für meine Begleiter nicht stehen kann. Der eine ist der Führer unserer Pferde, der andere ein Grieche, den ich erst vor einigen Tagen in Corfu engagirt habe und der meinen Dolmetscher machen sollte, was, wie ich jetzt gesehen, nicht nöthig ist. Ich habe gehört, daß die Bewohner dieses wilden Landes einander selbst wenig trauen, es ist also Deine Sache die Augen offen zu halten. Ich stehe in keiner Weise für meine Begleiter, nur muß ich verlangen, daß sie eben so ungefährdet Deine Phar25 verlassen werden, wie sie dieselbe betreten haben.« Der Beg lächelte ein wenig. »Weisheit der Vorsicht taugt wenig zu einem schwarzen Haar wie das Deine,« sagte er. »Aber beruhige Dich, Herr, Adre[-]Beg ist alt genug in seinem Hause, um es vor dem bösen Blick und schlimmen Menschen zu schützen. Aber jetzt gestatte mir, nach Hause zu eilen und Alles zu Deinem Empfang vorzubereiten. Wenn die Sonne sich zum Untergang neigt, erwarte ich Dich auf der Schwelle meiner Kula.«
Er reichte mir nochmals die Hand, schüttelte sie herz[lich] und nahm dann sein Gewehr wieder empor, worauf er alsbald zwischen den Felsen verschwand.
[»]Ich kehrte in tiefes Nachdenken versunken jetzt in den
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Hain zurück, nachdem ich den Hirten reichlich für sein Schaf entschädigt hatte; ich muß gestehen, mir war doch nicht ganz wohl bei der Sache zu Muthe.
Damas erwartete mich bereits vor der Thür der schmutzigen Lehmhütte. Ich theilte ihm sofort mit, was geschehen war, es ihm überlassend, ob er mir weiter folgen wolle oder nicht, aber die Hoffnung, seine Geliebte zu sehen überwand alle Bedenken.
Nachdem wir einen Theil des erlegten Schafes verzehrt, das der Hirt auf meine Weisung in die Hane gebracht, machten wir uns wieder auf den Weg.
Wir ritten langsam, wie es in dieser weglosen steinigen Einöde allein möglich war, etwa zwei Stunden vorwärts, als der Suterrazzi an meine Seite kam.
»Excellenza,« sagte er, - »sehen Sie dort die weißen Häuser auf der Höhe des Berges?«
»Es ist der Phar der Foscati. Mein Vater und meine Verwandten wohnen dort. - Und hier« - er wies nach einer breiten zweistöckigen Thurm, der sich auf der andern Seite der Schluchten erhob, »das ist die Kula Adre-Beg's des Balsichiden.« Er hatte die Worte kaum geendet, als rechts und links vor uns Schüsse knallten. Ich war anfangs erschrocken, denn ich glaubte, daß sie uns galten, - aber, wenn dies auch der Fall, überzeugte ich mich doch bald, daß es nicht in feindlicher Absicht war, sondern eine Ehrenbezeugung, mit welcher der alte Arnaut meine Ankunft feierte.
Er hatte seine Phis-Angehörigen zusammen gerufen
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und die Männer an dem Wege aufgestellt, den wir kommen mußten. Mit dem Abschießen ihrer Djeferdanes und ihren Flinten zeigten sie unsere Ankunft an, sowie wir uns Jedem näherten, und schlossen sich dann unserem Zuge an.
In der Begleitung von etwa dreißig dieser Schützen erstiegen wir den Felsenhügel, auf dessen Plateau die Kula stand, während sich auf der anderen Seite der Phar, das Dorf des Clans, in einer Schlucht ausbreitete.
Ich habe bereits erwähnt, daß die Burg des Stamm-Oberhauptes aus einem von Steinen gebauten viereckigen und zweistöckigen Thurm bestand, von sehr rohem Aeußeren, aber geräumig genug, um im Fall der Noth die sämtlichen männlichen Mitglieder des Stammes zu fassen. Der Bau rührte offenbar noch aus älterer Zeit her und war der Zerstörung entgangen, welche vor zwanzig Jahre der grausame Pascha von Janina über alle diese kleinen Feudalschlösser verhängt hatte und deren Spuren wir genugsam auf unserem Wege getroffen.
Ein Paar schuppenartige Gebäude in der Nähe des Thurms dienten für die Heerden des Beg's. Pferde besitzen die Arnauten nur wenige, da sie ihnen in den Gebirgen nicht viel nützen würden. Sie verlassen sich auf die Kraft ihrer Beine.
An der Schwelle seiner Kula erwartete uns Adre-Beg, umgeben von den Aeltesten des Phis und seiner Familie. Diese bestand aus den Kindern seiner älteren Söhne und seiner Tochter Narida. Ein wildes Freudengeschrei erhob sich bei unserer Ankunft, eine Salve von Schüssen und
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das Zusammenschlagen ihrer Yatagans begrüßte mich, als ich den Fuß aus dem Bügel hob.
Adre-Beg selbst war herbeigetreten, um ihn mir zu halten. Dann nahm er mich bei der Hand und führte mich zu dem Halbkreis. »Söhne der Beschitaren, unserer tapfern Väter,« sagte er, »dies ist ein Sohn des großen Sultans der Franken, von dessen Thaten gegen die Osmenli, die Inglese und die Weißröcke selbst die Piesmen26 unserer Berge erzählen. Ehret ihn und die mit ihm sind, als die Gastfreunde Adre-Begs und unseres Phis und vertheidigt sie mit Eurem Blut gegen alle Feinde.«
Dann nahm er - wie auch uns heute nach guter alter Sitte der Begrüßung durch unseren Freund hier geschehen ist, - aus der Hand seiner Tochter einen hölzernen Teller mit Salz und streute dieses vor uns her auf den Boden.
Jetzt waren wir seine Gastfreunde; - es ist kein Beispiel bekannt, daß ein Beduine oder ein Albanese je das heilige Gesetz der Gastfreundschaft gebrochen hätten. Der Letztere - wenigstens was die südlicheren Völkerschaften betrifft, - übt sie überdies nur selten und nur mit großer Vorsicht aus, da er im Allgemeinen den Fremden mit Mißtrauen betrachtet.
Ich hatte die Gelegenheit benutzt, die von Damasos gerühmte Schönheit seiner Geliebten zu prüfen.
In der That, das Mädchen konnte sich mit den stolzesten Schönheiten Englands, dem Lande schöner Frauen, messen.
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Sie war von hoher, königlicher Gestalt, die durch den dunklen, von vier flatternden bunten Schürzen umgebenen Rock gehoben wurde. Der der Tracht der Männer gleiche von vergoldeten Knöpfen und bunten Seidenstickereien glänzende Ueberrock, vielmehr eine bis an die Hüften reichende Jacke mit aufgeschlitzten Aermeln, ließ vorne ihre offene Brust sehen. Der rothe, im Gegensatz zu der gehörnten gleichen Kopfbedeckung der Männer über und über mit Münzen und Tressen verzierte rothe Fez bedeckte einen üppigen Haarwuchs, welcher in drei langen Strähnen über ihre Schultern fiel. Ihre Füße waren unbekleidet und nur mit rothen Saffianschuhen versehen.
Ich habe, wie gesagt, selten ein edleres weibliches Gesicht gesehen. Es hatte den Typus ihres Volkes, die schmale gebogene Nase, die etwas flache Stirn und das ausdrucksvolle nur von schmaler dunkler Braue überspannte Auge. Aber Mund und Kinn drückten einen ungemein entschlossenen und festen Willen aus. Ihre Blicke waren auf mich gerichtet und sie beachtete meinen Begleiter kaum. Es war also nicht anzunehmen, daß sie Damas erkannt hatte, der kühn und glücklich in seiner Verkleidung den Augen der Männer trotzte.
Dennoch war es der Fall gewesen; ein einziger Blick hatte genügt für die Jungfrau, ihren Verdacht zu erregen und ihren Geliebten zu erkennen.
Aber kein Zeichen verrieth es weder ihm noch ihrer Umgebung.
Ich wurde nunmehr über die etwa in Manneshöhe angebrachten leiterartigen und transportablen Stufen in
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das Innere des Thurms geführt, der aus einem einzigen weiten Raum bestand, dessen Wände roh und nur mit einigen Fellen, Decken und Waffen behängen waren.
Selbst Kleidungsstücke waren nur wenige vorhanden. Obschon die Albanesen sonst Putz und Reinlichkeit lieben, ist es doch eine sehr schmutzige Sitte, daß sie ihren Phistan, die aus 122 schräg geschnittenen Streifen bestehende oft mit Seidenstickerei geschmückte Fustanelle so lange tragen, bis er in Stücken fällt. Der Bure thut sich etwas darauf zu Gute, nur einen zu besitzen und ihn ohne Wechsel so lange zu tragen, bis er in Stücken fällt, während der Grieche diese schöne und kleidsame Tracht häufig wechselt. Der Albanese bedarf auch sehr weniger Bequemlichkeiten zu seinem Lager. Er breitet eine Matte von Palmblättern oder auch einen oft sehr kostbaren, von einem Kriegszug in den Städten Asiens erbeuteten Teppich auf den bloßen Boden, benutzt seinen Abas als Kopfkissen und schläft darauf in seiner vollen Kleidung. Da ich Ihnen einmal eine kleine Skizze seiner Sitten gegeben habe, will ich auch gleich bemerken, daß der vorhin erwähnte leiterartige Aufgang in keinem Hause fehlt, um durch seine Fortnahme dasselbe desto leichter zu einer kleinen Festung umschaffen zu können, wozu es ohnehin die schießschartenartigen Fenster machen.
In der That haben ihre Sitten und Gebräuche viel Aehnliches mit denen Corsika's.
Nach der Landessitte war Alles zu meinem Empfang vorbereitet. Der ganze Phis schien seine Decken und Teppiche zusammengebracht zu haben, und um den offenen
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Heerd neben dem Thurme waren die Frauen und Mädchen des Clans beschäftigt, den Kotsche zu bereiten, das ganze gebratene Schaf, welches unzertheilt den im Kreise sitzenden Buren aufgetragen wird, die es mit ihren Dolchen zerschneiden, sowie den Pilaw und die Jahni27, die Nationalgerichte. Ich wurde im Innern des Thurms zu dem Ehrenplatz geleitet und sofort begann das Mahl, bei dem der starke Slibowitza und einheimischer Wein die Runde machten.
Ich benutzte die Gelegenheit, um meinen Wirth zu fragen, ob er mit dem Stamm der Berg-Kimarioten, denn ein anderer Theil dieser Räuberhorde wohnt am Strande unfern des Vorgebirges Chimerium und ist berüchtigt durch seine Seeräubereien, - in Verbindung stehe, oder leicht in Verbindung treten könne.
Der Beg warf mir einen etwas mißtrauischen Blick zu. »Was will der junge Aga aus dem Blut des großen Sultan der Franken mit den Räubern des Gebirges?«
Ich sagte ihm den Grund und daß ich es übernommen hätte, wegen der Auslösung des Kapitain Barclay bei meiner Anwesenheit im Epirus zu verhandeln.
»Ist der Gefangene Dein Freund?«
Ich mußte die Frage verneinen. »Ich habe ihn in meinem Leben nicht gesehen!«
»Was kümmerst Du dich da um sein Schicksal? Die Buren des Gebirges brauchen wahrscheinlich Kleider und Waffen. Er ist ein Inglese, die Schipetaren hassen die
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Männer mit den weißen Haaren, die ihren Tartanen die Inseln versperren und sie ohne Ursache in Grund schießen mit ihren Kanonen.«
Die leichte Manier, wie der alte Klephte von dem Recht der Seeräuberei sprach, welcher die Engländer allerdings scharf auf die Finger sahen, amüsirte mich. Ich erklärte ihm jedoch, daß ich das Versprechen gegeben hätte, für die Befreiung des Offiziers thätig zu sein, obschon er nicht mein Landsmann wäre, und daß der Gouverneur in Corfu gedroht habe, eine Compagnie Truppen auf der albanischen Küste landen und die nächste Phare ohne Rücksicht niederbrennen zu lassen, wenn Kapitain Barclay nicht binnen 3 Tagen wohlbehalten nach Corfu zurückgekehrt sei.
Mehr als diese Drohung schien jedoch die Mittheilung zu wirken, daß ich eine Summe von fünfzig Guineen bei mir habe, welche ich bei der Freigebung des Kapitains zahlen wolle. Die Räuber hatten zwar mehr als das Zehnfache gefordert, der Gouverneur aber kannte seine Leute und erklärte, nicht einen Schilling darüber hinaus bewilligen zu wollen.
Ich erhaschte im Fluge einen Blick, den der alte Klephte mit einem der Buren austauschte, der mir nach verschiedenen Wahrnehmungen nicht zum Phis zu gehören, sondern gleich mir ein Gast zu sein schien.
Gleich nach dem Mahle, während die Frauen die Schibuks brachten und anzündeten, entfernte sich übrigens Adre-Beg mit dem Mann auf einige Minuten aus dem Thurm und als er zurück kam, war er allein. Ich frug
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ihn nochmals, ob er mir bei der Befreiung des Offiziers behilflich sein könne und wolle? Er antwortete: »Wir wollen sehen! Vorläufig hat der junge Aga Zeit und mag morgen mit uns auf die Jagd gehen an die Ufer des Sees und in die Wildniß, wo die Wölfe hausen. Die drei Tage, welche der Ajan der feuerspeienden Feste bestimmt hat, sind noch nicht vorüber.«
Nach der Mahlzeit räumten die Frauen das einfache hölzerne Geschirr fort und sie brachten jetzt zu meinem Erstaunen große silberne Krüge, reich vergoldet, von köstlicher Arbeit und antiker Form, mit leichtem griechischen Wein gefüllt zum Vorschein und gossen ihn in eben solche Becher, die offenbar noch aus der Zeit der venetianischen Herrschaft in diesem Lande herstammten.
Während die Becher die Runde machten, sah ich die schöne Tochter des Hauses sich ihrem Vater nähern, der nach Art der Türken mit gekreuzten Beinen auf seinem Teppich saß, und ihm die mirditische Laute reichen.
Er sah sie erstaunt an, auf mich deutend, aber sie erwiederte ihm einige Worte, die, wie ich später von Damas hörte, die Aufforderung enthielten, dem Fremdling die Thaten des Stammes zu singen. Dies ist eine, den Buren zu willkommene Aufforderung, als daß er sie verweigern sollte, und der Pliak rührte mit raschem Schlag die klirrenden Saiten und begann, von den Thaten und Abenteuern aus alter und neuer Zeit und den Helden seiner Nation - dem tapfern Skanderbeg, Iwo dem Schwarzen und dem blutigen Ali-Pascha zu erzählen, dessen grausame Herrschaft trotzdem jeder echte Schipetare sehnlich
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zurückwünschte, gegenüber dem Regiment der Türken von Stambul.
Diese Rhapsoden -, denn sie wurden zu den einfachen Akkorden der Laute in gehobnem Ton mehr gesprochen als gesungen, - wurden natürlich in der Landessprache vorgetragen, die ich nicht verstand; aber einer der alten Krieger, der lange in einem neapolitanischen Regiment gedient hatte und das Italienische vollkommen sprach, wiederholte mir nach jedem Gesang den Inhalt. Ich will Sie natürlich nicht damit ermüden, sondern gehe sogleich ...«
Der spanische Oberst unterbrach den Erzähler.
»Verzeihen Sie, Altezza, aber in der That, man hat so selten Gelegenheit aus den europäischen Zeitungen Etwas von diesem interessanten Volk zu hören, daß ich Sie wohl bitten möchte, Ihre Skizze auch dahin auszudehnen.«
»Muy bien, Señor Colonel! so will ich mir erlauben, Ihnen wenigstens den Inhalt eines dieser Piesmen oder Volksgesänge mitzutheilen, der zeigen wird, daß die heldenmüthigen Kämpfe jener Volksstämme gegen die Türken, die seit Jahrhunderten dauern und achselzuckend von dem gesitteten Europa übersehen werden, bis in unsere Zeiten hinein währen. Die Katastrophe, die ich erwähne, erinnert lebhaft an die Vernichtung der Janitscharen auf dem Atmeidan von Constantinopel durch Sultan Mahmud und der Mamelucken Bey's auf der Burg von Cairo durch Mehemed Aly.
Im Jahre 1828 hatte die immer zweideutige russische Politik Mustapha, dem Wessier von Skadar die Zusage gemacht, ihn als unumschränkten Herrn von ganz
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Albanien anerkennen zu wollen, wenn er ihnen beistehen würde gegen die Türken. Alsbald empörten sich die muselmännischen Ghegen und Mirditen gegen das türkische Joch; als es aber zum Frieden von Adrianopel kam, gedachte der Czar mit keiner Sylbe Albaniens, und die Pforte hatte nach Beendigung des Krieges gegen Griechenland Zeit, sich gegen die albanesischen Stämme zu wenden, die ihr doch so wichtige Dienste in diesem Kampfe geleistet hatten.
Mit orientalischer Schlauheit suchte sie zuerst die muselmännischen und christlichen Begs von einander in dem Kampf für die gemeinsame Freiheit zu trennen, und die Parteien einzeln zu vernichten, wie sie Ali von Janina vernichtet hatte.
Aus der inneren Oligarchie des Landes war nach manchem blutigen Streit ein Triumvirat aufgetaucht, das die Erbschaft Mustapha's und Ali's übernommen hatte: Weli-Beg, Seliktar-Poda und sein Schwiegersohn Arslan-Beg. Der schlaue Seliktar gebot in Mittel-Albanien, sammelte die Ueberreste von Ali's Anhang und den toskischen Pharen, die den Verlust ihrer Freiheiten nicht verschmerzen konnten und überdies entrüstet waren, daß sie bei ihrem Eintritt in den Nizam28 die geliebte Fustanella mit den fränkischen Hosen vertauschen sollten. Weli-Beg gebot über Janina, Mezzowo, Arta und den Hafenplatz Prevesa, denn der neunzehnjährige Pascha von Janina, Emin Sadrazam Zadeh, wurde von ihm in dem
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noch bewohnbaren Theil des Palastes des »alten Löwen« gefangen gehalten. Die Augen aller Patrioten aber waren vor Allem auf Arslan-Beg, den mächtigsten der Triumvirn gerichtet. Arslan, ein Sohn des Meuchardars29 Ali-Paschas, 25 Jahr alt, schön, tapfer, begeistert für Ruhm und Poesie, verdankte seinen Ruf dem kühnen Zuge, den er an der Spitze von 5000 Albanesen bis mitten nach Griechenland unternommen hatte, um den in Attika und Negroponte eingeschlossenen Türken Luft zu machen. Aber bald hatte die Pforte diesen Dienst vergessen, ihn des Paschaliks Zeituni entsetzt, und Mahmud, der Pascha von Larissa, ihn vertrieben.
Um die unter sich streitenden Albanesen zu unterwerfen, zog der Großwessier Mahmud Reschid-Pascha jetzt drohend heran. Da erst versöhnten sich die drei Rivalen und besetzten gemeinschaftlich die Pässe gegen den herannahenden Feind. Die Einigkeit schien ihre Früchte zu tragen, denn der Divan erließ eine völlige Amnestie für alle Klephten und ihre Führer und Mahmud Reschid lud alle Stammesältesten und Begs ein, ihre Aussöhnung mit der Regierung durch ein großes Banket bei Monastir zu besiegeln.
Fünfhundert Buren, die Blüthe der muselmännischen Albanesen, an ihrer Spitze Arslan und Weli Beg, waren erschienen und freuten sich der gewonnenen Freiheiten und Rechte. Das Fest war glänzend, zum Schluß des Mahles spielte die türkische Militairmusik europäische Melodieen, -
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fremde Töne für die Ohren der Schipetarenhäuptlinge, - während ein nach fränkischem Zuschnitt organisirtes Regiment des Nizam sich wie eine Ehrenwache rings um sie her in doppelten Neihen aufgestellt hatte. Bald aber ertönte die Trommel zum Angriff. Arslan ward zuerst den Fallstrick gewahr und rief dem Weli-Beg zu: »Freund, wir haben Koth gegessen!« Weli aber mit unerschütterlicher Zuversicht in die Redlichkeit des Großveziers erwiederte: »Das Alles gehört noch zur europäischen Kriegskunst.« Da plötzlich schmetterte ein allgemeines Gewehrfeuer die glänzende Ritterschaft Albaniens nieder, und ein Bajonnetangriff gab denen, die noch lebten, den Todesstoß. Weli sank, von neunzehn Kugeln durchbohrt; nur Arslan entkam, indem er sein muthiges Gebirgsroß über die Bajonnette der Soldaten hinüber springen ließ. Aber der Pascha Khior-Ibrahim, noch besser beritten als er, verfolgte den Fliehenden, holte ihn nach einer Stunde Weges ein und tödtete ihn im Zweikampf.
Die Köpfe aller dieser edlen Klephten, der letzten Hoffnung des muselmännischen Albaniens, wurden abgeschnitten, eingesalzen und von den Tataren nach Stambul gebracht, ihre Leiber aber fielen den Hunden und Adlern zur Beute.
Zu spät sahen die christlichen Phare ein, daß der erst bejubelte Untergang der muselmännischen Begs ihr eigner war. Jene waren die Vormauer des Landes, nachdem sie gebrochen, wandte sich der treulose Großvezier mit seinen Taktikis30 gegen Mustapha von Skadar, die Christen selbst
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lieferten die Geldmittel dazu und 300 christliche Epiroten erstürmten das von ihren Brüdern, den Mirditen, gegen das ganze türkische Heer vertheidigte Kloster. Aber schon eine Stunde nachher mußten sie - als Belohnung ihres Sieges - das griechische Dorf bei dem geplünderten Kiuprili mit ihrem Blut gegen die Türken vertheidigen, die weder Weib noch Kind schonten, und als erst die hohe Skadar-Veste Rosapha gefallen war, wurden alle Klephtenburgen des Landes, die alten Bollwerke seiner Freiheit, auf Befehl der Pforte gesprengt und die Ritterschaft des Landes vernichtet.
Nur wenige, wie die Kula meines alten Freundes Adre-Beg, entgingen der Vernichtung.
Das geschah im Jahr 1832; Reschid hatte es vielleicht gut gemeint mit dem Lande und den Christen; aber er wurde abberufen nach Syrien zum Kampf gegen Ibrahim Pascha von Aegypten, in dem er allen Ruhm wieder einbüßte. In Albanien versank sofort Alles in grauenvolle Anarchie, Aufstand folgte auf Aufstand gegen die türkische Bedrückung, Räuberhorden verwüsteten das Land und der Schipetar wünschte »die glücklichen Zeiten Ali-Pascha's« wieder. »Wenigstens,« sagten die Tosken, »hatten wir doch damals nur einen Tyrannen. Der Himmel gebe ihn uns wieder, und wir wollen den Staub von seinen Füßen küssen!«
Das, Señores, war der Zustand des Landes, als ich damals meinen Jagdzug in die Berge des alten Epirus unternahm.
»Aber lassen Sie mich fortfahren in meiner Erzählung,
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die schon zu lange gedauert und sicher interessantere Mittheilungen verzögert hat.«
Während der alte Beg seine Piesmen vortrug, hatte ich bemerkt, daß die schöne Tochter desselben den Thurm verlassen hatte und daß ihr bald darauf Damasos gefolgt war, was Niemand auffallen konnte, da der größere Theil der Stamm-Angehörigen draußen bei angezündeten Feuern lagerte und die Reste der Mahlzeit verzehrte, welche die Familienhäupter in dem Innern der Kula gehalten hatten.
Erst spät kehrte er zurück. Ein Blick sagte mir, daß es ihm gelungen war, sich mit seiner Geliebten zu verständigen.
Am andern Morgen brachen wir, wie am Abend verabredet worden, zeitig auf, um in den Schluchten des Kondovuni-Gebirges den Wolf zu jagen und den Adler zu schießen. Es würde langweilig sein, unsere Jagdabenteuer zu beschreiben. Bei dem öden verwüsteten Zustande des Landes fehlte es an Raubthieren nicht, und ich hatte das Glück, zwei Wölfe zu erlegen, was meine französische Flinte in den Augen Adre-Beg's wieder zu einigen Ehren brachte.
Es war am Nachmittag, als wir an einem kleinen Gebirgssee lagerten, der von zahllosen wilden Enten bedeckt war. Während wir dort ein Mahl einnahmen, sah ich plötzlich den Arnauten zwischen den Felsen und Büschen erscheinen, der am Abend vorher meine Aufmerksamkeit erregt hatte, und auf uns zukommen. Adre-Beg ging ihm entgegen und hatte eine lange und wie es mir schien, oft sehr lebhafte und heftige Unterredung mit ihm. Endlich
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schienen sie sich verständigt zu haben und mein Gastherr kam zu mir.
»Freund,« sagte er, »bestehst Du noch darauf, den Aga der Inglese aus seiner Gefangenschaft zu erlösen?«
»Gewiß. Hast Du Nachricht von ihm? Wo ist er?«
»Er ist hier - dort hinter jenem Felsen!«
Ich wollte sogleich dahin, aber der Beg hielt mich zurück. »Warte,« sagte er. »Ich habe einige Verbindungen unter den Kimarioten, und da ich Dir gern einen Dienst leisten wollte, weil Du aus dem Blute Dessen bist, deß Gabe ich auf meiner Brust trage, habe ich mit ihnen verhandelt. Sie wollen ihren Gefangenen frei lassen, wenn Du Dich dazu verstehst, das Doppelte der Summe zu geben, die Du gestern geboten hast.«
Ich war froh, so leichten Kaufs davon zu kommen und die Befreiung Kapitain Barclay's zu vermitteln. Auf den Rath Adre-Beg's wurde abgemacht, daß ich die fünfzig Goldstücke sofort bei der Auslieferung des Gefangenen erlegen und daß die andere Hälfte der Summe in Sajadu bezahlt werden sollte, wohin zwei der Palikaren den Kapitain begleiten würden.
Die Räuber waren ganz unbesorgt für ihre Sicherheit, sie bauten auf unser Wort und wußten überdies, daß es ihnen an Freunden und Genossen an der Küste nicht fehlte.
Als dieser Punkt geordnet war, gab der Kimariote durch einen schrillen Pfiff ein Zeichen, und sofort erschienen in den Felsen zwei andere Palikaren, den Engländer in ihrer Mitte und geleiteten ihn auf uns zu.
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Kapitain Barclay, den ich bei dieser Gelegenheit, wie erwähnt, zum ersten Mal sah, befand sich übrigens auf freiem Fuß und schien unbesorgt über sein Schicksal. Die Räuber hatten ihn nur seiner Waffen, seines Geldes, der Uhr und einiger Ringe beraubt, von denen er den einen, auf welchen er besonderen Werth legte, später auf meine Vermittelung und gegen eine kleine Summe sofort wieder erhielt.
Ich eilte ihm sogleich entgegen, stellte mich ihm vor und brachte ihm die Grüße seiner Freunde und Kameraden. Er dankte mir auf das Herzlichste für die wenige Mühe, die ich gehabt hatte, und nahm munter an unserm Mahl Theil. Nach Beendigung desselben machten wir uns Alle auf den Weg und kehrten nach der Kula meines Wirths zurück. Die drei Räuber begleiteten uns.
Ich hatte Damas mit dem Pferdejungen dort zurückgelassen, war übrigens entschlossen, mochte er nun sein Ziel erreicht haben oder nicht, am andern Tage gleichfalls aufzubrechen und nach der Küste zurückzukehren. Ich hatte so viel von dem albanesischen Leben gesehen und gehört, um es zur Genüge zu haben.
In dem Thurm des Beg fanden wir Alles wieder zu einer festlichen Aufnahme bereitet. Ein vorausgesandter Bote hatte die Vermehrung unserer Jagdgesellschaft angezeigt, und auf dem Heerde briet der Kotsche und schmorte der Jahni.
Sobald wir zurückgekommen waren, suchte ich Gelegenheit, mit dem Suterrazzi allein zu sprechen, was sich leicht thun ließ. Ich habe bereits erwähnt, daß es mir
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unangenehm war, mich in die Sache eingelassen zu haben, aber ich hatte ihm mein Wort gegeben und mußte es halten selbst auf jede Gefahr hin für meine Person. Ueberdies war ich jung wie er, fühlte deshalb mit ihm und hatte genug gesehen, daß der alte Palikare, so ehrenwerth er sich auch gegen mich benommen, doch im Grunde auch Nichts besser war, wie ein Räuber und an der Gefangenhaltung des englischen Offiziers seinen guten Theil haben mochte. Wahrscheinlich hatten nur die alten Erinnerungen, die in ihm erweckt worden, mich vor einem gleichen Schicksal bewahrt.
Damas erzählte mir, daß es ihm vollkommen gelungen sei, sich mit seiner Geliebten zu verständigen. Trotz seiner Verkleidung hatte sie ihn auf den ersten Blick erkannt, und ihm bald Gelegenheit gegeben, sich ihr zu nähern. Sie hatte eingewilligt, ihrem früheren Versprechen gemäß die Ihren zu verlassen und ihn zu begleiten. Es war deshalb zwischen ihnen verabredet worden, daß an dem Tage, an welchem ich die Kula ihres Vaters verlassen und wobei mich der Beg mit seinen Buren nach der Sitte des Landes wahrscheinlich eine Strecke begleiten würde, sie die Gelegenheit benutzen solle, um sich aus dem Phar der Ihren unter einem Vorwande zu entfernen und uns dann an einem bestimmten Punkte zu treffen; wir wollten dann so rasch als möglich unsern Weg nach Sajadu fortsetzen und uns einschiffen. Zu dem Ende wollte ich Kapitain Barclay, den ich so wenig als möglich in die Geschichte hineinzuziehen wünschte, ersuchen, meinen Diener zu benachrichtigen.
Nachdem dieser Plan flüchtig besprochen war, an dessen
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Ausführung ich keinen andern Antheil haben wollte, als daß ich den beiden Flüchtigen meinen Schutz gewährte, kehrte ich in den Thurm zurück.
Der Abend verging wie der vorige; ich erkärte Adre-Beg, daß ich ihn am andern Tage verlassen und von Sajadu einen weitern Ausflug auf der gewöhnlichen Straße über Philates nach Janina und Suli machen wolle, da ich es nicht wagen könne, quer durch das Gebirge und das unruhige Land meine Richtung dahin zu nehmen. In der That beabsichtigte ich dies auch, sobald ich mich erst von dem Paare befreit hätte. Es wurde verabredet, daß Adre-Beg mit seinen Männern mich am andern Morgen noch in eine sehr wildreiche nach dem Thal von Delvino und den Quellen der Wojutza hin belegene Gegend begleiten sollte, wo ihm befreundete Stämme wohnten, um dort einige Stunden den Berghirsch und das Geflügel zu jagen. Da dies der Richtung unseres Weges nur wenig Abbruch that, konnten wir hoffen, dennoch am Spätabend den Hafen zu erreichen.
Nachdem diese Bestimmungen und Verabredungen getroffen waren und Adre-Beg Boten ausgesandt hatte, um in der Nachbarschaft ein Reitthier für Kapitain Barclay aufzutreiben, bildete der Kreis sich wie gestern um den Weinkrug und die Erzählungen und Piesmen der Krieger begannen.
Auch die Chimarioten, die Räuber und Wächter des Offiziers nahmen daran Theil. Von ihm hörte ich, daß man ihn während seiner Gefangenschaft, die er hauptsächlich dem Verrath der türkischen Küstenwächter zuschrieb,
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ziemlich gut behandelt hatte, daß er aber unzweifelhaft in Kurzem erschossen worden wäre, gleich den Gefangenen der Banditen in den Abruzzen, wenn man sich geweigert, seine Auslösung zu bewirken. Nur dem Einfluß Adre-Beg's glaubte er es übrigens zuschreiben zu dürfen, daß er so wohlfeilen Kaufs fortgekommen sei. Den Rest der Summe konnte er leicht in dem Hafenort bei einem griechischen Kaufmann, der Geschäftsverbindungen nach Corfu hatte, aufbringen. Ich händigte ihm, da man ihn dessen beraubt, den sonst ziemlich werthlosen Schutzbrief des Gouverneurs ein und bat ihn, sofort meinen Diener aufzusuchen und ihm die nöthigen Instruktionen zu geben.
Dann horchten wir den Gesängen der Klephten.
Es waren wilde, blutige Thaten, welche die Palikaren sangen, Thaten, die dem civilisirteren Europäer oft genug mit Grausamkeit und schauderhafter Treulosigkeit besteckt erscheinen, in den Augen dieses Volkes jedoch nichts Unehrenhaftes haben. Als einer der Männer - es waren, wie ich schon früher bemerkt habe, meist nur ältere noch im Phis anwesend, - ihrem Oberhaupt die Laute reichte, lehnte er sie ab. Sein Wink rief Narida herbei, und er befahl ihr, von den Frauen von Suli zu singen.
Es war die furchtbare Erzählung, die das Mädchen in der eintönigen, von Zeit zu Zeit durch einen gellenden Aufschrei unterbrochenen Weise vortrug, von den weiblichen Bewohnern des Dorfes, die sich an den Ufern des Mauropotamos, des schwarzen Flusses, des Acheron der Alten in der Nähe der Ruinen von Kassiopea, von den Türken verfolgt, einander die Hände reichend, lieber gemeinsam in
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den tiefen Abgrund stürzten, als in die Gewalt der gierigen Sieger zu fallen.
Es wird vielleicht von Interesse für Sie in der Beurtheilung dieses Volkes sein, wenn ich an dieser Stelle bemerke, daß gleich wie hier unter dem Bergvolk der Basken auch unter den Albanesen und Griechen die strengsten Begriffe von Sittlichkeit unter den Frauen herrschen. Die den wirklichen Orientalen entlehnten Neigungen der Männer weichen dem wohlthätigen Einfluß der Ehe; selbst diejenigen, welche sich zum Islam bekennen, haben nur ein Weib. Unzucht ist in diesem Lande etwas Unerhörtes, und ließe sich ein Weib oder Mädchen einen Fehltritt zu Schulden kommen, sie würde sammt ihrem Verführer unfehlbar ermordet. Ungeachtet dieser strengen Sitten ist der Albanese keineswegs von Eifersucht geplagt; er läßt seine Frau und Töchter allenthalben frei und unverschleiert umhergehen, überzeugt, daß ihre Energie und Körperkraft jeden Angriff zurückzuweisen im Stande ist.
Ich habe diese kurze Bemerkung auch für nöthig gehalten, um einem irrigen Urtheil über die Handlungsweise des jungen Mädchens vorzubeugen, die treu ihrem Liebesschwur bereit war, das Haus ihres Vaters zu verlassen und dem Geliebten zu folgen.
Das schöne Mädchen hatte sich bei ihrem Gesang neben ihren Vater auf den Teppich gekauert, sie blieb jetzt dort sitzen gegen die sonstige Gewohnheit der Familie. Ich begriff sehr wohl, was in ihr vorging.
Der nächste der Sänger erzählte von dem furchtbaren Vrokolak, den Vampyren und Blutsaugern.
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Es ist merkwürdig, daß diese Sage unter so vielen Völkern eine hervorragende Rolle spielt.
Der Vrokolak der Albanesen ist übrigens nicht der Wukodlak der Serben und Bulgaren. Der Bewohner der Donauufer versteht darunter den Todten, der im hellen Mondschein aus dem Grabe steigt und dem Schläfer das Leben mit seinem dämonischen Kuh aussaugt. Der Vrokolak der Albanesen ist ein unvergänglicher Geist. Er kommt aus der Erde hervor in Gestalt einer schwarzen Schlange, um den Menschen, der auf dem Nasen schläft, zu stechen. Ein Schwur bei dieser Schlange gilt für den furchtbarsten Fluch. Der tapfere Krieger der weißen und schwarzen Berge hängt mit aller Kraft an seinem Aberglauben. Wenn der Albanese eine längere Reise antritt, näht ihm sein Weib in die Kleider einige Stücke von ihren eigenen Gewändern, so wie sie ihrerseits das bei sich behält, was ihrem Gatten am theuersten ist. Diese Gegenstände hat sie immer unter den Augen, um daraus eine Vorbedeutung zu entnehmen. Bellt des Nachts, ohne besondere Veranlassung, sein großer Molosserhund, so ist sie in der bängsten Sorge, denn sie glaubt, daß er die Wehklagen seines Herrn erwiedere, der eben in der Sandwüste von Tunis, oder im fernen Damaskus gefangen genommen, vielleicht gar ermordet wird!
Die Stimmung der Gesellschaft wurde, trotz der kreisenden Weins, von all' diesen schaurigen Gesängen immer düsterer und schon wollte ich sie unterbrechen und das Gespräch auf mildere Gegenstände leiten, als der Hausherr die Hand erhob.
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»Singe die Piasme vom Schicksal Adre-Beg's,« sagte er zu dem Barden des Stammes, dem Schipetaren, welcher fertig die italienische Sprache redete und uns bisher das Vorgetragene verdollmetscht hatte. »Singe es in der Sprache, der ihre Ohren geöffnet sind, - die unseren bedürfen der Worte nicht, denn was geschehen, ist blutig eingegraben in unsere Herzen. Aber unsere Gäste sollen wissen, warum die jungen Zweige eines alten Stammes nicht hier sind, um mit ihnen den Adler, den Wolf und den Bären zu jagen.«
Ich erschrak bei dieser Wendung der Unterhaltung. Ein Blick auf den Suterrazzi, der mit Anderen hinter dem Mädchen stand, zeigte mir, daß er die Farbe wechselte. Nur Narida selbst zeigte nicht eine Spur von Bewegung, ihr schönes Gesicht blieb so ernst und ruhig wie immer.
Der alte Beg zog den Handjar aus seinem Gürtel, entblößte die Klinge und legte sie vor sich nieder; alle seine anwesenden Stammesgenossen thaten dasselbe.
Eine schreckliche Besorgniß erfaßte mich. Sollte der Hausherr eine Ahnung von der Anwesenheit seines Todfeindes, sollte er die Verkleidung entdeckt, sollte das Mädchen ihren Geliebten verrathen haben?
Aber ich sah, daß Damas sich wieder gefaßt hatte und ruhig blieb, und ich dachte mir, daß die Entblößung der Waffen eine Sitte des Volks sei, wie es in der That der Fall ist, wenn von einer Blutschuld geredet wird, die noch der Sühnung harrt.
Der Schipetare, der eigentliche Barde des Stammes, begann seinen monotonen Sang. Er schilderte die
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Jugend des Bez, sein Leben in den Bergen und auf der trügerischen See, - jene Fahrt durch die Schiffe der Inglese nach dem fernen Allessandria zu dem großen Sultan der Franken, seine ferneren Kriegsthaten in Aegypten, in Syrien, gegen die feindlichen Nachbarn seines Landes.
Dann kam er auf seine Söhne.
Der alte Beg hatte deren drei gehabt. Den ältesten, der zu den Leibwächtern Ali-Paschas gehörte, ließ der grausamen Tyrann von Janina wegen eines ungerechten Verdachtes hinrichten. Aber er war der Herr - es war Kismet des Ermordeten. Der zweite Sohn, Boris mit Namen, fiel unter den Sulioten vor Missolunghi in der Nacht, als Marko Bozzaris versuchte, sich durch das türkische Lager zu schlagen und den Heldentod fand.
Dann sprach der Sänger von dem jüngsten Sohn, von Arslan, den sein Feind, der Grieche Damasos tödtete.
Er beschrieb ihn als einen jungen Buren von kühnem Herzen und schönem Antlitz, den Stolz des Vaters und die Hoffnung seines Stammes. Weil er der einzige war vom Geschlecht der Balsichiden31, hatte ihn der Vater zurückbehalten von dem Egypterzug, zu seinem Unheil, daß er dem Danois begegnen und von seiner Kugel fallen mußte, zur Zeit als der Tschete der Stämme ruhte. Er beschrieb die glänzenden Eigenschaften, die Großmuth, die Tapferkeit, die Klugheit des jungen Beg und häufte Verwünschungen
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auf das Haupt seines Gegners, dessen Tücke ihm hinterlistig den Tod gegeben.
Mit einem wilden Schrei schloß der Gesang und die Männer ringsum wiederholten ihn, schlugen die Klingen gegen einander und stimmten dann den fürchterlichen Brokovalos an, den Kriegsgesang, den schon die Gefährten Skanderbeg's beim Beginn der Schlacht sangen, und der wahrscheinlich noch aus Pyrrhus' Zeit stammt.
Der Eindruck war wahrhaft schreckenerregend!
Sie können denken, was ich dabei empfand, ich der Einzige, der das Geheimniß der beiden Liebenden vor mir theilte. Ich konnte mich nicht enthalten, sie anzusehen.
Der Suterrazzi zitterte - ich konnte das Beben seiner Glieder sehen, während er auf das Mädchen blickte.
Sie hielt das Haupt niedergebeugt, was ich von dem Gesicht sehen konnte war bleich wie Wachs.
Dann erhob einer der älteren Buren seine Stimme und sagte:
»Das Blut eines Balsichiden ist vergossen - noch raucht es auf der Erde. Hat vielleicht der krveno kolo auf dem Hügel gesessen und haben die Glocken der Phare geläutet, damit zwölf Mütter vom Stamme des Schuldigen sich, ihre Säuglinge im Arm, den Richtern des krveno kolo32, zu Füßen werfen und nach der Krivina fragen?«
Die Stimmen der Männer antworteten im Chor:
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»Die Glocken haben nicht geläutet, die Krvina ist nicht gezahlt worden!«
»Und niemals würde ich sie annehmen - ich schwöre es drei Mal bei der schwarzen Schlange!« rief Adre-Beg mit heiserer Stimme.
Bei diesem furchtbarsten Schwur, den der Albanese kennt, sah ich jetzt auch das Mädchen erbeben. Sie wußte jetzt, daß jede Hoffnung auf eine Aussöhnung vergeblich war.
»Und warum ist denn der Mord nicht gerächt?« frug wieder der alte Palikare. Ein Bure wartet auf das Blut seines Mörders! Hat der Stamm der Balsechiden[Balsichiden] keine Krieger mehr, die seine Feinde vernichten![?]«
»Die jungen Buren des Phis« erwiderte der Beg, »sind ausgezogen zum Heere des Sultans von Kairo.«
»Hat Arslan-Beg keinen Sohn, keinen Bruder, keinen Neffen, welche die Tscheta übten?«
»Arslan war jung - keine Wittwe trauert um ihn. Die Söhne seines Bruders sind Knaben. Die Arnaüka ist für ihre Hand noch zu schwer.«
»Hat Arslan-Beg keine Schwester?«
Der Schlag war gefallen - Aller Augen wandten sich auf das unglückliche Mädchen.
»Arslan-Beg« sagte der Hausherr mit festem Ton, hat eine Schwester, Adre-Beg hat eine Tochter. Die Hand Narida's weiß die Waffe so gut zu führen wie ein Mann! Aber der Mörder ist geflohen - fort über das Meer! Wäre es anders, so würde mein Fluch Die treffen, die Arlans Blut zu rächen haben.«
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Narida hatte ihr Haupt verhüllt; - obgleich ich von Herzen und vom Blut - wenn auch nicht von Geburt - ein Corse bin und der Corse die Blutrache übt wie der Albanese, vermochte ich doch die Scene nicht länger zu ertragen. Ich sprang auf und bat den Hausherrn um die Erlaubniß, mich zur Ruhe begeben zu dürfen.
Als sich Alle erhoben hatten und ich mich wieder umsah, war Narida verschwunden.
Ich sah sie diesen Abend nicht wieder, auch Damasos suchte sie, wie er mir später vertraute, vergeblich außerhalb des Thurms, um noch einige beruhigende Worte mit ihr zu sprechen.
Unsere Lagerstätte war in dem obern Geschoß des Thurms bereitet und wir legten uns bald zur Ruhe. Aber so ermüdet ich auch von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages war, ich vermochte nur wenig zu schlafen.
Ich dachte fortwährend an das Mädchen, und ob sie wirklich denn[dem] Suterrazzi ihr Wort halten würde.
Erst lange nach Mitternacht schlief ich ein; mit Anbruch des Tages weckte uns der Hausherr.
Alle Anstalten zu unserer Abreise waren getroffen. Die drei Chimarioten harrten mit einem kleinen Bergpferde des Kapitains, unsere eigenen Pferde waren bereit.
Obschon der Kapitain allein den Weg mit den drei Banditen zu machen hatte, war doch keine Gefahr für ihn dabei. Es lag nahe, daß sie selbst für seine Sicherheit sorgen würden, um den Rest der versprochenen Summe zu erhalten. Ich wiederholte dem Kapitain nochmals meinen Auftrag in Betreff meines Dieners und meiner
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Tartane und mahnte ihn dann zur Eile. Mit einem Händedruck schieden wir, in der Hoffnung, uns nach einer oder zwei Wochen in Corfu wieder zu treffen.
Bald darauf brachen auch wir auf. Narida war erschienen, um uns das Frühstück zu bereiten, und an der guten Laune des Suterrazzi konnte ich bemerken, daß er mit dem Mädchen gesprochen haben mußte und daß sie trotz der schauerlichen Scene am Abend bereit war, ihr Versprechen zu erfüllen und ihn zu begleiten. Es fiel mir auf, daß ihr Antlitz, während sie die Geschäfte der Hausfrau erfüllte, fast so bleich war, als ich es bei dem Schwur ihres Vaters gesehen hatte, niemals den Blutpreis anzunehmen und den Tod seines Sohnes zu rächen, aber ich schrieb es der natürlichen Erregung zu, für immer von ihrer Familie und der Heimath scheiden zu sollen. Nur ein einziges Mal sah ich, daß ihr Auge lang und forschend auf mich gerichtet war.
Ich beschenkte die Kinder und die Frauen der Kula reichlich, so weit es meine Mittel erlaubten, grüßte die Tochter des Hauses und dann brachen wir auf. Adre-Beg und drei Bewohner des Phars begleiteten uns.
Der Verlauf unserer Jagd ist Nebensache. Wir setzten sie auf dem Gebiet und in Gesellschaft der Jäger eines befreundeten Stammes bis zum Mittag fort, und dann trennte ich mich von meinem Gastfreund, seine weitere Begleitung ablehnend, da die Jäger erklärten, daß die Gegend, die wir zu durchziehen hatten, um auf den Weg nach Sajadu wieder zu gelangen, ohne Gefahr passirt werden könne.
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Es war, als ob das Schicksal die Flucht des jungen Paars begünstigen wolle, denn Adre-Beg hatte beschlossen bei seinen Freunden bis zum andern Tage zu verweilen.
Damas war sehr redselig auf dem Wege, obschon ich ihm wenig Antwort gab. Mir kam es immer noch vor, als hätte ich erhaltene Gastfreundschaft schlecht vergolten und dies Gefühl verstimmte mich.
Die Sonne neigte sich stark zum Untergang, als wir endlich den freilich kaum erkennbaren Weg nach Sajadu erreichten. Wir ritten eine Strecke weit fort, da die Stelle, wo ihn nach der Behauptung des Suterrazzi das Mädchen erwarten wollte, noch weiter hin lag. Ich gestehe, ich wünschte von Herzen, daß sie ihren Sinn geändert haben und ich Nichts von ihr zu sehen bekommen möchte.
So weit ich sehen konnte, war kein weibliches Wesen zu erblicken. Nur ein Albanese, den Karabiner in der Hand, in Fustanelle und Abas saß eine Strecke weiter auf einem Stein am Wege.
Als wir näher kamen, erhob er sich - es war ein junger unbärtiger Mann, mit ernstem bleichem Gesicht - im nächsten Augenblick bei den letzten Strahlen der Sonne erkannte ich ihn - es war Narida selbst.
Ich rief Damas, der eben seiner Geliebten entgegenstürzen wollte, einige warnende Worte in italienischer Sprache zu, mit den Augen auf unsern Pferdediener deutend und er verstand den Wink. Er wechselte nur einige kurze leise Reden mit dem Mädchen, das - wie ich bemerkte - auffallend einsylbige Antworten gab, dann
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befahl er dem Burschen, ab- und hinter ihm aufs Pferd zu steigen, während Narida dessen Platz einnahm. Ohne Aufenthalt ritten wir dann so rasch als der Weg und die jetzt schnell hereinbrechenden Dunkelheit erlaubten, weiter.
Wir konnten etwa noch eine Stunde von Sajadu entfernt sein, als eine kleine dunkle Gestalt uns in den Weg trat, die meinen Namen nannte.
Ich hielt erstaunt an.
»Bist Du der Aga, der den Inglese-Offizier von den Räubern des Gebirges geholt hat?« frug der Knabe.
»Wahrscheinlich bin ich derselbe, den Du meinst. Von wem kommst Du?«
»Der Kaufmann Stephanos Arotolus schickt mich mit einem Briefe des englischen Capitano. Ich sollte näher an der Stadt auf Dich warten, aber ich zog es vor, hierher zu gehen, da dort zehn Klephten auf Euch an der Straße lauern.«
»Teufel! das war sehr freundlich von Dir Bursche, und Du sollst dafür belohnt werden. Gieb schnell den Brief.«
Ich war vom Pferde gestiegen, das ich dem Knaben zu halten gab. Zum Glück hatte ich mein Taschenfeuerzeug bei mir, in dem sich ein Endchen Wachslicht befand. Ich zündete es sofort an und las in dem Schutz meines Pferdes vor dem Luftzug den Brief.
Der Inhalt war nicht sehr erfreulich.
Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen erzählt habe, wir hätten bei dem Versuch, an der Küste zu landen, ein Rencontre mit den türkischen Küstenwächtern oder Zollbeamten
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gehabt, bei dem einige Kugeln gewechselt worden waren. Ich wußte nicht, welche Wirkung unsere Flintenschüsse gehabt hatten, die wir als Erwiderung der ihren im Morgennebel gethan, aber wie es schien, hatte eine der Kugeln einen der Räuber und Diebe, denn etwas Anderes ist das ganze Gesindel an der acroceraunischen Küste nicht, getödtet. Kurzum, als Kapitain Barclay nach Sajadu kam, war - während sonst kein Hahn um den alten Schurken gekräht hätte, - ein Mordlärmen darüber entstanden, blos weil die türkischen Behörden sich damit von der Verantwortlichkeit befreien wollten, daß ein englischer Offizier unter ihren Augen von den Klephten entführt worden war. Mein Diener hatte auf einen erhaltenen Wink mit der Tartane eiligst wieder die See und die Küste von Corfu suchen müssen und der Esel von Ajan33 hatte unsere Verhaftung befohlen, sobald ich nach Sajadu zurückkehrte. Wahrscheinlich war er es aber selbst gewesen, der meinem Burschen den nöthigen Wink hatte zukommen lassen, uns aus dem Staube zu machen. Kurzum, bei der fanatischen Aufregung des muselmännischen Pöbels am Ort drohte uns Gefahr und der Kapitain warnte mich, den Hafen zu betreten. Dagegen versprach er, sofort dafür in Corfu zu sorgen, daß mein Diener mit der Tartane alsbald wieder unter Seegel gehn und mich an einer von ihm genau bezeichneten Stelle oberhalb Sajadu in einer der zahlreichen dort belegenen Felsenbuchten erwarten solle. Diese Nachricht war allerdings ein starker Strich durch
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unsere Pläne und gefährdete das flüchtige Paar fast nicht weniger als mich. Ich rief daher Damas und das Mädchen zu mir und theilte ihnen mit, was geschehen.
Während ich ihnen den Brief vorlas, fiel mir noch eine Nachschrift auf der andern Seite des Blattes in's Auge.
Der Kapitain schrieb noch, daß der Erschossene einem Stamme der Kymarioten angehört und daß er gehört habe, die drei Klephten, welche ihn nach Sajadu gebracht und dort den Rest des Lösegeldes in Empfang genommen hatten, hätten sich wahrscheinlich blos aus räuberischen Absichten plötzlich ihrer Abstammung und Blutsfreundschaft erinnert und beschlossen, mich unterwegs aufzuheben, wenn nicht zu tödten. Kapitain Barclay hatte dies Alles von dem griechischen Agenten gehört, der ihm das Geld vorgeschossen und ihn sofort in seinem eignen Fahrzeug nach Corfu bringen lassen wollte. Der Mann hatte auch den Boten besorgt und den Knaben erwählt, um möglichst jeden Verdacht zu vermeiden.

Footnotes:

1Wirth.
2Wirthin.
3Verräther.
4Mögen die Worte hier Platz finden, mit denen der Minister des jungen Königs Casella am 6. Oktober aus Gaëta auf diese Europa entehrende Handlung antwortete. Seine Note an die Mächte lautet:
»In keinem Lande war die Revolution noch bis zu diesem Grade von Verkehrtheit und Anarchie gekommen; bis heute hatte man den Königsmord noch nicht als eine heilige Sache ehren, den Mord öffentlich belohnen und so zur Hinmetzelung der Fürsten auffordern sehen. Die Dictatur, welche im Königreich beider Sicilien herrscht, hat dieses betrübende Schauspiel geboten. Diese Verherrlichung des Mordes hat stattgehabt in einer Stadt, welche von piemontesischen Truppen besetzt ist, und durch einen Condottiere, welcher im Namen des Königs von Sardinien handelt, während dieser seit vier Monaten jede Verantwortlichkeit ablehnt und behauptet, daß man seinen Namen und seine Fahne mißbraucht.«
5Es fanden mehre solche Aufstände in Neapel statt.
6Vorstadt von Gaëta.
7Die Art, wie der Papst die Begnadigung der zum Tode verurtheilten Verbrecher ertheilt, indem er das drei Mal vorgelegte Urtheil zurückgiebt, ohne es unterzeichnet zu haben.
8Worte seiner Proklamation.
9Bär.
10Namen, den sich die Basken geben.
11O'Donnell.
12z. B. Philipp v. Hutten 1541, der Spanier Antonio Santos 1780.
13Die Schlangen.
14Das Oberhaupt des Phis oder Stammes; die Begs bilden gleichsam den Adel des Landes.
15Die um die Hüfte getragene bis über das Knie reichende, einem faltigen Weiberrock ähnliche Fustanelle.
16Der Hausherr.
17Die Krieger.
18Das Haus der Wohlhabenderen.
19Die Versammlung, welche über die Fehden der Stämme richtet.
20Das Blutgeld.
21Blutfehde.
22Ein befestigter Thurm, der Wohnsitz des Stammhauptes, gleichsam die Ritterburg des Abendlandes.
23Der Karabiner der Albanesen.
24Eigentlich: das Pathengeschenk. So heißt der beliebte Karabiner der Albanesen.
25Jeder Phis (Stamm) hat ein Hauptdorf: Phar, oder Djeta genannt.
26Die Volksgesänge.
27Ein Ragout von gekochtem Fleisch mit trockenen Erbsen.
28Die regulaire türkische Armee, im Gegensatz zu den Redif's, dem Landwehraufgebot oder Landsturm.
29Siegelbewahrer.
30Soldaten.
31Jede der albanesischen Familien hat ihr Wappen und Banner. Einer der toskischen Stämme führt seinen Namen nach dem alten normannischen Herrschergeschlecht der Stadt Avlona, welche die Normannen auf ihren Kreuzzügen gründeten.
32Die »Blutrunde«, das Gericht von 12 bis 24 Greisen, welche die Stammesfehden unter gewissen Ceremonien entscheiden und die Krvina, den »Blutpreis«, bestimmen.
33Gouverneur.




Werke von Sir John Retcliffe