Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans Sebastopol.)
Erste Abtheilung:
Gaëta - Warschau - Düppel.
Vierter Band.
Königthum und Revolution. (Fortsetzung)


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Die Bärenjager.

Blutrache.

(Fortsetzung.)
Wir befrugen denselben jetzt noch einmal, es konnte kein Zweifel sein, die Männer, die der Bursche unweit der Stelle, wo er uns erwartet hatte, lagern gefunden, waren die Banditen, die uns auflauerten.
Wir beriethen eben, was am Besten zu thun sei, als ein Schuß aus einiger Entfernung allem Zweifel ein Ende machte. Die Kugel durchbohrte das Papier, das ich noch in der Hand hielt, hatte also offenbar mir selbst gegolten. Zugleich belehrte uns ein wildes Geschrei, daß die Bande uns entdeckt hatte und auf unseren Fersen sei.
Mit einem Sprung war die Albaneserin im Sattel. »Dorthinaus, Petros Aga!« - es war das erste Mal, daß sie mich direkt ansprach. Im nächsten Augenblick war ich an ihrer Seite - ich hörte Damas mit dem schreienden Pferdejungen hinter uns drein galopiren.
Zwei oder drei Schüsse wurden uns nachgesandt, -
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dann mußten vor der größeren Schnelligkeit der Pferde die Verfolger zurückstehen.
Sobald wir Nichts mehr von ihnen zu befürchten hatten, ritten wir langsamer. Der Suterrazzi kannte die Gegend genug, um uns zu führen, und auch den Ort, den Kapitain Barclay als die Stelle bezeichnet hatte, wo die Tartane uns aufnehmen sollte. Da die Landschaft aber, jemehr man sich der Küste näherte, desto felsiger und unwegsamer wurde und an der Küste selbst in einer Klippenreihe von ziemlicher Höhe endet, auch das weitere Behalten der Pferde und ihres Begleiters uns nur hinderlich war, ja selbst gefährlich werden konnte, machte Damas den Vorschlag, unseren Weg oder vielmehr unsere Flucht zu Fuß fortzusetzen und den Burschen mit seinen Thieren zu entlassen.
Dies geschah. Der Miethspreis der Pferde war bereits in Sajadu bezahlt und indem ich ihren Führer noch reichlich beschenkte, um sein Schweigen zu erkaufen, wiesen wir ihn an, so gut es gehen wolle, seinen Weg nach dem Hafen zu suchen, oder bis zum Morgen in einer Djeta zu übernachten. Wir nahmen unsere Jagdtaschen und Gewehre und setzten den Weg nach der Küste fort.
Es war jetzt heller Mondschein und wir konnten ungehindert vorwärts schreiten. Da wir ein Paar Mal die Richtung wechselten, glaubten wir auch vor jeder Verfolgung sicher zu sein. Damas kannte, wie gesagt, den uns bestimmten Platz. Es war der Phar eines ljaputischen Phis; wir beschlossen jedoch, uns erst am Morgen zu zeigen, wenn wir von der Höhe der Felsen die Tartane
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angekommen sähen, bis dahin aber die Nacht in einem Versteck zuzubringen. Ein solches, von trefflicher Beschaffenheit für unseren Zweck, boten die festen dicht am Ufer des Meeres auf hoher, fast unzugänglicher Klippe gelegenen Trümmer einer alten Kula aus Skanderbegs Zeit, wahrscheinlich früher der Aufenthalt eines Seeräubers, der in der kleinen, aber sichern Bucht daneben sein Fahrzeug barg, bis er zu einem Raubzug die Seegel lichten konnte.
Dorthin nahmen wir unseren Weg. Es waren jetzt fast drei Stunden vergangen, seit wir Narida getroffen hatten, aber das Mädchen blieb so schweigsam und zurückhaltend, wie zu Anfang. Der Aufruf zur Flucht waren die einzigen Worte, die sie an mich gerichtet - wahrscheinlich verstand sie auch nur wenige Ausdrücke des in den Küstenländern so verbreiteten Idioms, der Lingua franca. Aber auch ihrem Geliebten gab sie wenig Rede und Antwort und sprach überhaupt nur das Nothwendigste. Ich hätte geglaubt, daß ihr der Schritt, den sie gethan, bereits leid geworden, wenn ich nicht auf der andern Seite gesehen hätte, wie sie ohne Bedenken und Zögern unseren Marsch theilte und ihr leichter elastischer Schritt uns oft voran war.
Endlich hörten wir das Meer an seine Felsenwände brausen und sahen durch die Oeffnungen der Klippen den Silberschein des Mondes auf der ewig bewegten Fläche. Vor uns erhob sich auf der Felswand gegen den lichten Nachthimmel abstechend, die dunkle gespenstige Masse des zerstörten Thurms - rechts zwischen den Klippen mußte
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das ljaputische Dorf liegen, denn wir hörten von dort her das Heulen von Hunden.
Wir machten am Fuß der Höhe einen Augenblick Halt, um auszuruhen, bevor wir den steilen Weg antraten. Plötzlich sah ich das Mädchen sich lauschend nach der Richtung beugen, aus der wir gekommen waren, sich dann [auf]aufrichten und Damas einige Worte in ihrer Sprache sagen.
»Narida« berichtete dieser hastig, »hört das Nahen von Menschen - wahrscheinlich unserer Feinde. Lassen Sie uns schnell den Felsen ersteigen, Signor Principe.«
Wir hielten uns keinen Augenblick weiter auf, sondern eilten so rasch wir konnten nach unserem Zufluchtsort.
Ich bemerkte, daß die Wahl vortrefflich war. Das Gemäuer war geräumig genug, der untere Stock sogar noch ziemlich gut erhalten. Der Thurm stand unmittelbar am Abhang der Klippe, die sich hier fast senkrecht wohl an 60 bis 70 Fuß zu einem engen, nur vom Meere her zugänglichen Strandfleck niederstürzte.
Ein Zugang zu der Ruine fand nur auf dem von uns zurückgelegtem Wege statt, der wohl 20 Schritte auf einem schmalen offenen Felsengrat hinlief, also leicht von dem Thurm aus vertheidigt werden konnte.
Von der Höhe her, auf der wir uns jetzt befanden, konnte man die niederen Gründe ziemlich weit übersehen. In der That bewegte sich dort ein Trupp Menschen, Reiter darunter, eilig heran. Wenn es unsere Verfolger waren, so mußten wahrscheinlich die Pferde, die uns getragen, in ihre Hände gefallen sein. Wie ich später hörte, war dies
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wirklich geschehen, ja, der Bursche, der uns begleitet, hatte sie sogar aufgesucht, das was er aus unserer Berathung erlauscht hatte, ihnen mitgetheilt und die Flucht und Begleitung Narida's, die er sehr wohl erkannt hatte, verrathen. Die Kimarioten hatten sofort einen der Ihren zu Pferde abgesandt, um Adre-Beg aufzusuchen, die Anderen aber die Verfolgung fortgesetzt. Sie wußten jetzt, wo sie uns zu suchen hatten. Während Einige der Schurken vor den Klippen blieben, um umherzuspähen und uns den Weg dahin zu verlegen, zog der Rest nach dem Phar, wahrscheinlich in der Hoffnung, uns bereits dort zu finden.
Wir waren ihnen also entgangen und durften hoffen, daß unsere Feinde, wenn sie sich getäuscht sahen, bald wieder abziehen würden, um uns anderswo zu suchen, und daß wir, wenn am Morgen die Tartane erschien, ihr ein Zeichen unserer Nähe geben und den Bord ungehindert erreichen können würden.
Ich untersuchte jetzt die Ruine näher, während Damas und Narida am Eingang Wache hielten. Für die Nacht bot sie Schutz gegen den frischen, kalten Wind, der um diese Jahreszeit von der See herstrich. Eine der Oeffnungen nach dieser hin war vollständig erhalten und erhob sich grade über dem Grunde. Mit einer Strickleiter hätte man diesen auch bequem erreichen können und vielleicht war dies wehr als einmal der Weg der wilden Piraten gewesen. Jetzt blieb uns freilich Nichts übrig, als in Geduld die Nacht hier zuzubringen und die Ankunft der Tartane abzuwarten oder am Morgen den Versuch zu machen, durch Geld eine der Fischerbarken zu gewinnen, um uns über
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den hier höchstens zwei Seemeilen breiten Meeresarm zu setzen, der Corfu vom albanischen Festland trennt.
Da ich von der angreifenden Jagdpartie und dem Weg durch die Berge ziemlich müde war, machte ich den Vorschlag, daß wir beiden Männer abwechselnd die Wache halten sollten, um nicht etwa von unseren Feinden überrascht zu werden. Narida aber bestand mit festen kurzen Worten darauf, ihren Antheil zu haben und zwar wollte sie die ersten Stunden wachen.
Mir war es recht, - ich wickelte mich in meinen Poncho, eine Reisetracht und Gewohnheit, die ich noch von meinem Aufenthalt in Ecuador beibehalten und streckte mich auf den Boden. Einige Augenblicke sah ich noch das bleiche strenge Gesicht des Mädchens, wie sie am Eingang der Kula auf einem Stein saß, den Karabiner auf ihren Knieen, und den Worten ihres Geliebten zuhörte oder nicht zuhörte, denn ihr Antlitz, auf welches das Licht des Mondes durch die gegenüberliegende Maueröffnung fiel, blieb unbeweglich wie Stein.
Ich mochte vielleicht zwei Stunden geschlafen haben und es Mitternacht sein, als mich eine kalte Hand weckte, die über mein Gesicht fuhr.
Es war die Albaneserin.
»Palikari!« sagte sie leise und trat dann zurück zum Eingang. Ich wußte sogleich, was sie damit sagen wolle, und war im Augenblick an ihrer Seite. Sie wies auf den Felsengrat, auf dem im Mondlicht deutlich erkennbar ein Mann, die Flinte in der Hand, vorsichtig den Weg auch der Ruine suchte.
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Er schien noch keineswegs zu wissen, daß wir dort wirklich unsere Zuflucht gefunden hatten, und nur auf der Spähe begriffen, denn er blieb wiederholt auf dem gefährlichen Weg stehen, sah sich um und sprach mit tiefer und hinter ihm stehenden uns unsichtbaren Gefährten.
Endlich schien er doch beschlossen zu haben, sich die Ueberzeugung zu verschaffen, ob die Ruine auch wirklich leer sei, denn er wendete sich und schritt rascher auf uns zu.
Ich begriff, daß wir verloren waren, wenn er den Thurm betrat, und erhob meine Doppelflinte. Aber eine Bewegung des Mädchens drückte sie nieder; im Augenblick war ihr eigener Karabiner an der Wange und der Schuß knallte.
Ich sah den Klephten wanken und das Gewehr fallen lassen, das hinab zwischen die Felsen stürzte. Dann stieß er einen gellenden Schrei aus, dem eine wilde Verwünschung folgte, faßte mit der gesunden Hand nach dem zerschmetterten Arm und eilte zurück.
Die Felsen vor uns schienen förmlich lebendig zu werden, ein so wildes Geheul erhob sich von dem Aufgang her und fünf oder sechs Schüsse krachten gegen den Thurm.
Wir standen zum Glück ganz im Schatten und ich hatte das Mädchen sofort nach ihrem Schuß in das Gemäuer gezogen, so daß die Kugeln unschädlich an uns vorüber pfiffen. Aber sie bewiesen uns, daß der Verwundete nicht allein gewesen war und bald sollten wir uns überzeugen, daß eine weit zahlreichere Bande uns in wenig Minuten umlagert hielt, als anfangs auf unserer Verfolgung gewesen war.
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Später hörte ich, daß fast alle männlichen Bewohner des nahe liegenden Phar sich der Verfolgung angeschlossen hatten, theils auf Beute hoffend, theils weil - durch einen seltsamen Zufall - das Dorf, wo wir die Tartane erwarten wollten, grade die Heimath des erschossenen Zollwächters war, der dort eine zahlreiche Familie hatte, die nichts Eiligeres thun konnte, als sich gegen uns aufzumachen.
Damas - den die Müdigkeit gleichfalls überwältigt gehabt, - war bei dem ersten Schuß aufgewacht und natürlich sofort zu unserem Beistand geeilt. Nach der ersten Lection übrigens, welche die Klephten erhalten hatten, durften wir auf einige Ruhe hoffen, bis sie ihren Angriffsplan entworfen.
Unsere Lage war übrigens nichts weniger, als angenehm. Wir waren, hier in der alten Ruine abgesperrt und von einer Meute blutgieriger Schurken bewacht, nicht viel besser daran, Señor Coronel, als Sie in Ihrer Hangematte über den Anaconda's. Sicher paßten die schuftigen Palikaren so gut auf uns, wie das Reptil auf Sie, und zum Entrinnen war gleichfalls verdammt wenig Aussicht. Deshalb erinnerte ich mich vorhin bei Ihrer Erzählung meiner ähnlichen Lage.
Daß wir gut bewacht waren, bewies uns von Zeit zu Zeit ein Schuß, der aus irgend einem Versteck der Felsen auf den Zufall hin gegen die Ruine gerichtet wurde. Bald auch sahen wir unten im Grunde vor dem Aufgang zu den Klippen mehre Feuer lodern, an denen sich unsere
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Feinde lagerten, um so bequemer die ziemlich kalte Nacht zuzubringen.
Die Albanesen verstehen sich trefflich darauf, beim Kampfe jeden Vortheil des Terrains zu benutzen, sie suchen den Feind plötzlich zu überraschen und verstehen namentlich den Plänklerdienst. Offenbar hatten sie eine ganze Postenkette um unseren Zufluchtsort gezogen, und was auf der einen Seite uns schützte, hinderte auf der anderen jedes unbemerkte Entkommen.
Gleich den Wilden Amerika's sind die schipetarischen Buren in ihrer Kriegführung bei aller Tapferkeit doch auch vorsichtig und fechten lieber im Hinterhalt, als in offenem Vorgehen Aug' in Auge. Damas kannte genug die Sitten seiner Landsleute, um daher überzeugt zu sein, daß sie - wenn wir nur von Zeit zu Zeit unsere Wachsamkeit bewiesen, - sich hüten würden, in der Nacht einen Angriff über den gefährlichen Felsengrat hinweg auf den Thurm zu wagen, da unsere Kugeln sie so leicht erreichen konnten, während die Schatten des Gemäuers uns verbargen. Man wollte also nur unser Entkommen verhindern und dann beim Tageslicht den Angriff ausführen, wo - wer sich in den Oeffnungen des Gemäuers zu dessen Vertheidigung zeigte, - ihrem Feuer ausgesetzt war. Denn die meisten von ihnen sind vortreffliche Schützen, und mögen sie platt auf der Erde liegend oder hinter Steinen und Bäumen kauernd schießen, sie treffen jederzeit ihr Ziel.
So waren - mit einzelnen gegenseitigen resultatlosen Schüssen - wiederum fast zwei Stunden vergangen und der Mond senkte sich gegen die Berge Corfu's nieder, als
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ich nach jener Seite schauend seine Strahlen das dreieckige Seegel einer Tartane beleuchten sah, die in der Richtung von der Insel her ziemlich nahe dem Ufer herauf lavirte.
Konnte es vielleicht schon das Fahrzeug sein, das Capitain Barclay zu unserer Aufnahme zurücksenden wollte?
Wie ein Blitz schoß mir der Gedanke durch den Kopf und ebenso die Nothwendigkeit, eine Verständigung mit dem Schiff zu versuchen.
Aber wie?
Ich empfahl dem Suterrazzi, durch wiederholte Schüsse die Aufmerksamkeit unserer Feinde zu fesseln, dann machte ich aus Stücken unserer Kleidung und Papier einen Ballen, der ein Paar Minuten brennen konnte, steckte ihn auf die Spitze meines Hirschfängers und zündete die improvisirte Fackel mit einem Streichholz an. Indem ich mich so weit, als möglich aus der Oeffnung nach dem Meere zu legte, schwang ich den Brand hinter den Mauern.
Das Licht war zu schwach, um die Aufmerksamkeit unserer Gegner auf der Landseite zu erregen oder uns bloßzustellen, aber doch stark genug, daß man es am Bord des Schiffes bemerken mußte, wenn dieses wirklich die Absicht hatte, sich nach uns umzusehen. Ich wußte, daß wenn Baptist, mein Diener, sich an Bord befand, er sicher auf alles Außergewöhnliche achten würde.
Zwei Mal wiederholte ich den Versuch. Ich glaubte auch zu bemerken, daß das Fahrzeug seinen Lauf änderte, und näher zur Küste hielt.
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Sollte es wirklich Rettung sein, die uns von dieser Seite kam?
Noch zweifelte ich und wagte meinen beiden Gefährten kein Wort der Hoffnung zu sagen, als ich einen dunklen Gegenstand von dem Schiff her über die spiegelnde Wasserfläche sich nähern sah.
Einige Augenblicke noch, dann konnte ich deutlich erkennen, daß es ein Boot war.
Ich hielt, wie es die corsischen Fischer und Jäger zu thun pflegen, zwei Finger an den Mund und ließ mit aller Kraft der Lunge einen gellen Signalpfiff ertönen.
Baptist, mein Diener, war ein geborener Corse, er kannte mein Signal, das ich häufig statt der Klingel brauchte, sehr wohl. Ich lauschte durch das Geräusch der Brandung - richtig, da klang die Antwort herüber.
In der Hast, ihnen die Richtung der kleinen Felsenbucht zu zeigen, ließ ich ein Duzend Schwefelhölzer aufflammen und erschöpfte meinen ganzen Vorrath. Ich sah, wie das Boot jetzt durch die Brandung kam und den Eingang der Buchtung passirte; im nächsten Augenblick hörte ich eine bekannte Stimme: »Monsieur le Prince, vous voilà?«
Ich rief ihm die Antwort zu - das Boot lag am Strande!
Obschon wir nicht zu befürchten brauchten, daß unsere Feinde auf der andern Seite der Klippen diese glückliche Wendung unserer Situation bemerkt haben konnten, denn man übersah eben nur von der Höhe der Felsen das Meer, und die Klephten waren zu weit entfernt von uns, um unsere Stimme zu hören, galt es doch zu eilen, damit
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nicht ein Zufall sie aufmerksam mache oder vom Dorf her man die Tartans erblicke.
Aber wie an Bord derselben, oder zunächst in das Boot gelangen? Es gab nur einen Weg - den Felsen hinab!
»Habt Ihr ein Tau im Boot, Baptist?«
»Ja Herr!«
»Gut! Aufgepaßt!«
Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Jagdtasche ein Knäuel hänfener Schnur hatte. Rasch war sie hervorgeholt und aufgewickelt. Mit dem Hinzufügen unserer Gürtel und der Flintenriemen reichte sie hinunter.
»Knote das Tau fest!«
Es geschah und ich zog es empor. Es war eine dünne aber feste Schiffsleine, stark genug, das Gewicht eines Menschen sicher zu tragen. Ich schlang rasch einige Knoten hinein, während der Suterrazzi das Ende fest um einen schweren Stein des Gemäuers knüpfte und Narida einen Schuß des Feindes erwiderte.
In Zeit von zehn Minuten waren unsere Vorbereitungen zu Ende. Mit dem Tau ließ ich unsere wenigen Sachen, Poncho und Jagdtasche hinab.
»Fest, Baptist!«
»Fest, Herr!«
Ich hieß Damas das Mädchen auffordern, zuerst hinab zu steigen. Sie war jetzt zu uns getreten - die bleichen Strahlen des untergehenden Mondes beleuchteten ihr Gesicht. Ihre bisher so strengen kalten Augen zeigten ein
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seltsames Funkeln - auf ihren bisher bleichen Wangen brannten zwei rothe Flecken.
Damas wechselte einige Worte mit seiner Geliebten - eine energische Geberde deutete ihren Entschluß an, die Letzte zu sein, die sich dem schwankenden Wege vertraute. Sie machte mir ein Zeichen, hinabzusteigen, »Avanti, Signor!«
Es war keine Zeit, um über die Reihefolge zu streiten. Ich warf mein Gewehr über die Schulter, stieg aus dem Gemäuer und glitt vorsichtig, die kleinen Vorsprünge der Felsen für einen Anhalt der Füße benutzend an dem Tau hinunter. In zwei Minuten war ich unten, aufgefangen von den Armen meines wackern Baptist.
Ich hielt sofort mit ihm das Ende des Tau's, und rief meinen Gefährten zu, sich zu eilen.
Im nächsten Augenblick sah ich eine dunkle Gestalt in der Oeffnung der Kula erscheinen, den Strick fassen und langsam bis zum ersten Absatz, der etwa 10 Fuß unter dem Thurm lag, sich herablassen.
Dort hielt sie an und sprach hinauf nach dem Thurm, aus dem die zweite Gestalt sich hinaus neigte.
Die letzten Strahlen des Mondes fielen auf sie - bei Gott, es war Narida, das Albanesenmädchen, und der am Seil hing, ihr Geliebter.
Ich hatte nicht Zeit, mir Rechenschaft zu geben, warum Damas das Mädchen nicht zunächst hatte herabsteigen lassen - das Geräusch der Brandung verschlang die Worte, die oben gewechselt wurden, dann - aufwärts blickend - sah ich im Mondstrahl eine blanke Klinge in der Hand des Weibes blitzen und hatte kaum Zeit, Baptist von dem Tau
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fortzureißen. Ein entsetzlicher Schrei, und an dem scharfen Gestein der Felsenwand aufschlagend stürzte eine dunkle Masse zwischen uns nieder auf den Boden.
Es war Damas, der Foscati, der Todfeind der Balsichiden.
Folgendes war auf der Höhe des Thurms geschehen, nachdem ich ihn verlassen hatte.
Damas, sobald er mich am Fuß des Felsens glücklich angekommen sah, forderte die Geliebte auf, das Tau zu fassen und sich in die Tiefe hinabzulassen.
»Geh voran!« sagte das Mädchen.
Vergeblich waren die Einwendungen des Suterrazzi, sie bestand auf ihrem Willen. Da er ihren festen energischen Charakter kannte, fügte er sich endlich und stieg hinab.
»Damasos!«
Der Suterrazzi stand, wie ich oben erwähnt, etwa zehn Fuß unter der Oeffnung auf einem schmalen Stein, als der Anruf seiner Geliebten ihn traf. Er hielt sich an dem Tau fest und sah empor.
»Was willst Du, Narida!«
»Damasos - sprich zu mir. Hat Narida, die Balsichide, Dir den Eid gehalten, den sie that, ehe ihr Bruder Arslan von Deiner Hand erschlagen ward, ihren Vater und ihre Familie zu verlassen, und Dir, dem Feinde ihres Stammes zu folgen?«
»Du hast es, und mein Leben soll Liebe zu Dir sein!«
»Du täuschest Dich, Damas, mein Geliebter. Narida's Schwur ist gelöst - jetzt hat sie nur eine Pflicht noch, den Tod ihres Bruders zu rächen. Der Fluch der schwarzen
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Schlange ist über ihrem Haupt. Narida's Hand giebt Dir den Tod und dem Phis der Balsichiden sein Recht. Stirb, Damas, mein Geliebter, von der Hand Narida's.«
Ein lauter Schrei des Entsetzens - derselbe den wir gehört - der Suterrazzi versuchte sich emporzuschwingen an dem Tau zurück zum Gemäuer, denn er sah die Klinge ihres Yatagans blitzen - -
»Nu vras!«1 Der Ruf, der nach altgeheiligter Sitte selbst den in gerechter Rache zum Todesstoß erhobenen Arm hemmt, kam zu spät - das scharfe Eisen des Yatagan hatte das Tau bis auf wenige Fädchen durchschnitten und der schwere Körper des Suterrazzi, den die Blutrache getroffen, stürzte an den Steinvorsprüngen hinab in den Abgrund.


Wir hoben den noch Lebenden, aber schrecklich Zerschmetterten auf und trugen ihn in das Boot, das die beiden Ruderer rasch abstießen, ohne auf mein Protestiren weiter zu achten, denn noch glaubte ich falsch gesehen zu haben, schrieb das Unglück einem Reißen oder einer schlechten Befestigung des Strickes zu und wollte das Mädchen nicht in Stich lassen.
Erst als wir den Unglücklichen an Bord der Tartane gehoben, die alsbald wieder ihre Segel spannte, kam er wieder zum Bewußtsein. Da erzählte er in abgebrochenen Sätzen, was ich vorhin Ihnen möglichst mit seinen eigenen Worten wiederholte.
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Sein Todeskampf war lang und schwer - Die volle Jugendkraft kämpfte gegen die furchtbaren Schmerzen der zerschmetterten Glieder. Aber kein Laut, kein Ton des Vorwurfs kam gegen seine Mörderin über seine Lippen. Die mit der Muttermilch eingesogenen Sitten und Anschauungen seines Volkes rechtfertigten sie. Er wußte zu gut, was die That ihr selbst gekostet haben mochte, - wie sie ihm den Eid gehalten, um seinetwillen ihren Stamm zu verlassen, - und wie nur der furchtbare Fluch, den ihr Vater am Abend vorher gesprochen und der jede Sühne der Krvina, des Blutpreises, abschnitt und die grauenvolle Pflicht auf ihr Haupt wälzte, sie zu der That gezwungen hatte.
Bis zum letzten Schritt auf vaterländischer Erde hatte sie ihr Wort gehalten - ihre Hand hatte die furchtbare Tscheta geübt, ohne ihn zu berühren, ohne sein Blut zu vergießen.
Kurz vorher, ehe wir Corfu erreichten, starb er. Auf den Rath des alten Schiffspatrons, der Weitläufigkeiten und Nachfragen der englischen Behörden fürchtete, denen schon unser Streit mit den türkischen Zollwächtern und sein unglücklicher Ausgang zu schaffen machen würde, - banden wir die Leiche an einen alten Anker und versenkten sie in's Meer.
Von Narida - ich sehe die Frage darnach in Ihren Augen, Señores, - habe ich Nichts wieder gehört. Ihre Kameraden, Señor Capitano, Master Barclay an ihrer Spitze, empfingen mich zwar mit aufrichtiger Freude und gingen selbst soweit, daß Lord Charles Welleslei, der Oberst des 53sten, sowie die Offiziere des 11. Regiments, die
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damals auf Corfu standen, mir ein solennes Diner gaben. Vielleicht war das mit die Ursache, als es in London bekannt wurde, daß ich zu Anfang März durch ein Rescript des Polizei-Inspektors Demetrio Zerro Namens des Lord-Ober-Commissars ersucht wurde, »aus politischen Gründen« die englische Gastfreundschaft aufzugeben und die Jonischen Inseln zu verlassen.
Sie sehen, Señores, aus meiner kleinen Jagdgeschichte, daß es auch außerhalb Corsica's noch die Vendetta giebt, und daß man - da Jedermann doch wohl einen Todfeind im Leben hat, - wohl daran thut, wie ich es gewohnt bin, eine Waffe bei sich zu tragen.«


Der Prinz hatte die letzten Worte in Betreff seiner Ausweisung aus Corfu nicht ohne gewisse Bitterkeit gesprochen. Wie um den Schluß seiner Erzählung zu illustriren, zog er aus seiner Tasche einen kleinen fünfläufigen Revolver und ließ die Schlösser spielen.
Kapitain Welmore hatte Takt und Verstand genug, die kleine Herausforderung seines Nationalgefühls unbeachtet zu lassen. Man wechselte verschiedene Bemerkungen über die blutige Sitte und über die That des albanesischen Mädchens.
»Warum lachen Sie, Señor Conde?« sagte der Mönch zu dem Grafen von Lerida. »Bei meinem Schutzheiligen, ich dächte, die Geschichte wäre doch schrecklich genug!«
»Caramba, hochwürdiger und frommer Herr« meinte spottend der Abenteurer. »Die Erzählung Seiner Hoheit
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hat mich um eine Erfahrung bereichert. Ich glaubte, auch einigermaßen das schöne Geschlecht zu kennen, das wilde und zahme, und habe immer gefunden, daß je schlechter man sie behandelt, desto ergebener und gehorsamer sind sie!«
»Pfui, Señor Conde!«
»Was wollen Sie, Señor Padre - es sind meine Erfahrungen. Ich könnte Ihnen auch eine Jagdgeschichte davon erzählen, die Sie überzeugen würde.«
»So thun Sie es - es ist ohnehin an Ihnen die Reihe!«
»Halt - ein Augenblick!« sagte der Wirth. »Wir wollen uns in die Halle setzen, denn hier draußen streicht der Wind ziemlich scharf von der Ebene her und wir werden morgen genug davon in den Schluchten des Maldabich haben. Die Weiber mögen uns die Krüge füllen und das Nachtessen und Ihre Lagerstätten bereiten, - so werden wir sie los; denn ich fürchte, die Abenteuer des Señor Coyde sind nicht immer für züchtige Frauenohren geeignet.«
Die Gesellschaft lachte, am ausgelassensten der Padre. Aber man beeilte sich, der Einladung des Wirthes zu folgen und trat in das Haus.
Das Hauptgebäude des Caserio war, wie bereits erwähnt, ein ziemlich langer einstöckiger Steinbau, zu dem einige Stufen hinauf führten. Die Mitte nahm die Küchenhalle ein, dieser wichtigste Theil aller spanischen Häuser. Ines und die Frauen und Töchter der Pächter Don Ramiro's, dessen Familie zu den Indiano's gehörte, d.h. zu den Nachkommen der alten Abenteurer, die unter Cortez und Pizarro ihr Glück in Amerika gesucht hatten,
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reich daher zurück gekommen waren und nach Ablegung ihrer Ahnenprobe als Basken von reinem Blut sich mit Erlaubniß der Provinzial-General-Junta Grundbesitz erworben hatten, - waren am Heerde mit der Bereitung der Borana, des nationalen in der Asche gebackenen Maisbrotes, beschäftigt. Der Hausherr aber führte seine Gäste in die rechts von der Küche gelegene Halle, die ihm gewöhnlich zum Aufenthalt diente.
Es war dies ein langes Gemach, dessen Decke die rohen Balken bildeten, mit einem breiten Kamin und wenigen einfachen Möbeln. An den weißgetünchten Wänden aber hing ein eigenthümlicher Schmuck, eine große Anzahl von Bärenfellen mit Kopf und Tatzen. Andere Felle lagen als Decken auf den Steinfließen des Fußbodens, das größte vor einem weiten, mit Leder beschlagenen Armstuhl an der Seite des Kamins, in dem bereits ein lustiges Feuer brannte.
Einige Gewehre, drei oder vier Hellebarden und starke Saufedern, Navajas von katalonischer Arbeit, und einer jener kurzen dreischneidigen Degen, deren sich die Matadores von Madrid und Sevilla bei den nationalen Stierkämpfen in der Arena bedienen, hingen zwischen den Jagdtrophäen, unter dem Degen der rothe Mantel des Stierkämpfers. Ziemlich schlechte lithographirte Portraits von Don Carlos und Zumala-Carréguy und ein schöner, glänzend polirter Säbel wechselten mit den erwähnten Jagd-Waffen ab. In einer Ecke des Gemachs brannte die ewige Lampe vor einer bunt bemalten mit Kränzen und Amuletten verzierten Statuette der heiligen Jungfrau, und in
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der andern, von einem bunten Zitzvorhang umgeben, befand sich das einfache Lager des Hausherrn.
Der Tisch in der Mitte war mit Wachslichtern, einer Schüssel gerösteter Maronen, Käse und verschiedenen Krügen Aepfelweins besetzt, den die Niederungen der baskischen Provinzen ganz vortrefflich liefern.
Die Fremden, welchen das Innere des Hauses noch unbekannt war, hatten mit vielem Interesse die Ausstattung des Gemachs betrachtet, die so sehr mit der Geschichte und den Gewohnheiten ihres Wirthes harmonirte. Nachdem er sie an seinem Heerde nochmals willkommen geheißen, und der Padre die Honneurs am Weinkruge gemacht hatte sich die ganze Gesellschaft bald auf niederen Rohrfesseln um den Kamin versammelt und ließ munter ihre Cigarren dampfen.
»Und nun Ihre Geschichte, mein Sohn,« sagte neugierig der Padre. »Sagen Sie uns, wie Sie dieselbe nennen wollen?«
Don Juan hatte sich bequem in seinen Sessel zurückgelegt. »Wenn Sie Nichts dawider haben, ehrwürdiger Vater,« bemerkte er, »will ich ihr einen sehr bescheidenen Namen geben, einen Namen, der Ihnen vielleicht auch schon vorgekommen ist bei Ihren Bemühungen um die geistliche Heerde. Er heißt:
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Das Bockschießen.

Ich meine nicht« fuhr der Abenteurer fort, »jene Böcke, die wir Alle mehr oder weniger, zwar oft nicht ohne großen Schaden, aber doch meist in aller Bequemlichkeit und sonder Gefahr schießen, sondern die Jagd auf den Springteufel der savoyischen Alpen, den nur noch dort in den höchsten und wildesten Regionen des Gebirges zwischen Gletschern und Abgründen hausenden Steinbock.«
Ich habe nie Gelegenheit gehabt, auf die Gemsen zu pürschen, bin überhaupt auch kein Jäger von Profession und sonderlicher Leidenschaft, nur die Anstrengung und Gefahr dabei hat mich immer gereizt und ich habe mir sagen lassen, daß die Gemsenjagd in den schweizer und tyroler Alpen Kinderspiel sei gegen die Jagd auf den Steinbock in den Felsen-Labyrinthen des Montblanc.
Einige von Ihnen, Señores, wissen und erinnern sich vielleicht, daß ich der Güte meines Oheims, des verstorbenen Viscount von Heresford eine kleine Besitzung am Golf von Nizza verdanke, die mir das Recht giebt, mich den Herrn von Roccabruna zu nennen!«
Eine leichte etwas spöttische Verbeugung gegen den französischen Offizier zeigte die Adresse der Andeutung.
»Ich war« fuhr Don Juan fort, »nach der Wiedereroberung von Delhi durch die Engländer nach Europa zurückgekehrt, im April 1858 in England eingetroffen und hatte dort die Erbschaftsangelegenheiten meines am 13. März, am Tage der Hinrichtung Orsini's, in Paris ermordeten
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Onkels, des Viscount von Heresford, mit meinem Vetter, seinem Nachfolger in der Pairie - der sich gegenwärtig so viel ich weiß irgendwo am Nordpol amüsirt, - geordnet. Während des Herbstes und Winters schmuggelte ich etwas mit meiner Yacht an der spanisch-französischen Küste, war in Marocco und kam im Frühjahr 59 zeitig genug nach Nizza zurück, um unter Garibaldi den Oesterreichern einige Scharmützel am Comer See liefern zu helfen. Die Schlachten von Magenta und Solferino waren geschlagen, der Frieden von Villafranca war geschlossen und die Garibaldiner konnten nach Hause gehen. Ich hatte mit einem derselben, Sta Lucia, Bekanntschaft gemacht, der Bursche gefiel mir, und da seine Heimath, Corsica, ihm verleidet war, lud ich ihn ein, das Moufflethier statt auf den Felsen des Monte-Rotondo in den savoyischen Alpen zu jagen und zuvor mit mir nach Roccabruna zu gehen, dessen Besitz mir mein Oheim hinterlassen hatte.
»Entschuldigen Sie, Señor Conde« sagte der Prinz, - »sprechen Sie von Sta Lucia dem berüchtigten Banditen von Ajaccio?«
»Gewiß mein Prinz! Warum sollte ich den ehrlichen Burschen nicht einladen? Ich bitte nur, ihn nicht zu verwechseln mit einem Namensvetter, der sich bei der Krimarmee umhertrieb. Der meine ist in seinem Leben kein Räuber und Spitzbube gewesen, sondern hatte blos das Unglück, seinen unschuldig auf die Galeeren geschickten Bruder an den achtzehn falschen Zeugen rächen zu müssen, die sich von einem spitzbübischen Advokaten hatten erkaufen lassen, um die Verurtheilung des armen Mannes
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herbeizuführen. Was wollen Sie mehr? Er schoß die achtzehn Halunken nach einander nieder oder verstümmelte sie, und versetzte endlich nach langem vergeblichem Bemühen, ihm zu begegnen, dem Anstifter am hellen Mittag auf der Schwelle der Kirche einen tüchtigen Dolchstoß. Dann durchschritt er die Menge, welche seine Rechtspflege für sehr gerecht erkannte und von der keine Seele daran dachte, ihn aufzuhalten, lief nach dem Meer und bestieg im Angesicht der ganzen Bevölkerung wieder die Barke, die ihn hergebracht. Ich lernte ihn, wie gesagt, bei Garibaldi kennen und bedauere noch heute lebhaft, daß er sich nicht der Mannschaft meiner Yacht anschließen wollte. Aber erzog es nun einmal vor, auf dem festen Lande zu bleiben. Vielleicht giebt ihm die Regierung eine Polizeistelle in Florenz oder Neapel.«
»Es kommt auf den Geschmack an, wie man seine Gesellschaft wählt« sagte lachend der Prinz, »und ich muß gestehen, Sie beschämen mich. Aber fahren Sie fort Señor Conde, wenn es Ihnen gefällig ist. Ich hoffe nach dem Anfang, wir werden einiges Interessante zuhören bekommen.«
»Täuschen Sie sich nicht, Altezza! meine Geschichte ist ziemlich einfach und ich erzähle sie eben nur, weil mir gerade eine Erinnerung daran in den Sinn kam.
Gut denn! es war zu Ende August und wir verlebten einige Tage auf meiner Villa Roccabruna, bis uns die Zeit lang wurde und Sta Lucia, der ein eifriger Jäger war, drängte, ihm mein Versprechen zu halten.
So machten wir uns alsbald auf, überstiegen die See-Alpen, die uns nicht hoch genug waren für unseren
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Zweck und quartierten uns unter'm Monte Viso ein, an dessen Felswänden der größte Fluß Italiens, der Po, seine Quellen hat.
Es war eine einsame Osteria an der Gränze, die wir zu unserem Hauptquartier gewählt hatten, das Gebäude - ein verlassenes Kloster - größer als die Wirthschaft selbst, obschon es dieser keineswegs an Verkehr fehlte, denn piemontesische und französische Schmuggler, Douaniers und Bergjäger verkehrten hier oft im besten Einverständniß, weil der Ostiere einen vortrefflichen Asti führte und eine schöne Tochter besaß.
Therese Leagroni war ein prächtiges Geschöpf, schlank und doch üppig gebaut, mit köstlichen braunen Haaren und vollen etwas aufgeworfenen Lippen. Eine Eigenschaft, welche die gewöhnlichen Besucher des Hauses abschrecken mochte, war ein gewisses keckes entschlossenes Wesen und ein Hochmuth, der mit dem schmutzigen Geiz und der Habsucht ihres Vaters in argen Conflict kam.
Wie gesagt, das Mädchen zog mich an und ich dankte dem Zufall, der mich hierher geführt. Während Sta Lucia sich mit den Schmugglern und Jägern unterhielt, die hier verkehrten und ihre mehr als einmal ausbrechende Eifersucht auf meine Erfolge bei der Gebirgsschönheit dämpfte, machte ich ihr den Hof.
Die schöne Therese schien übrigens an meiner Gesellschaft großes Gefallen zu haben, ja eine besondere Neigung zu mir zu fassen, die bald bei ihrem Charakter sich zur Leidenschaft steigerte und die sie ganz unvecholen zeigte. Ich weiß selbst nicht, wie es eigentlich kam und was mir einfiel, daß ich - sehr gegen meine sonstige Natur, - Sie
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sehen Caballero's, wie offen ich bin, - von diesem Siege keinen Gebrauch machte und statt ihn zu verfolgen, diesmal den Spröden spielte, ja sie ziemlich kalt und wegwerfend behandelte. Aber je ärger ich's trieb, und die Sache begann mir nach und nach Spaß zu machen, desto verliebter wurde sie. Es hätte mich ein Wort gekostet und sie wäre ohne Zaudern mit mir davon gelaufen, oder hätte sich mit Wonne jede Nacht in meine Arme gestürzt.
Wie gesagt, warum sollte ein Mann nicht eben so gut seine tugendhaften oder spröden Launen haben, wie eine Frau?
Wir waren schon mehrmals in den wilden Felsenklüften und auf den Bergwänden des Monte Viso auf der Jagd nach dem Moufflon aus gewesen, aber das seltene Wild, das sich nur hier noch und auf dem Monte Cenis in wenigen Paaren aufhält, war uns ein einziges Mal zu Gesicht gekommen, ohne daß uns ein Schuß gelang. Der Moufflon auf seinen Bergwänden ist fast scheuer und flüchtiger, als die Gazelle in der Wüste und nur selten gelingt es dem Schützen ihn zu beschleichen.
Um so mehr grollte es mich, als eines Abends ein Jäger von der französischen Seite des Gebirges - die Grenze lief keine 500 Schritt von der Osteria entfernt, - in die Halle trat, wo wir Alle um's Feuer sahen, beladen mit einem feisten Moufflethier, das er seiner prahlerischen Erzählung nach in der Höhe von 6000 Fuß geschossen hatte. Der Bursche war ein Anbeter der schönen Therese und that sich nicht wenig auf das Geschenk zu Gute, das er ihr brachte, und das wenigstens bei dem
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alten Ostiere großen Beifall fand, der sofort die Absicht kund gab, das wohl 200 Pfd. schwere Thier nach Turin zu schicken, um es dort zu Gelde zu machen.
Aber das Project wurde ihm schon im Keim verdorben durch den Eigensinn seiner schönen Tochter.«
»Bitte Señor Conde« unterbrach ihn der spanische Oberst, »ich habe viel von dem Moufflon gehört, aber ihn nie vor das Rohr, ja nicht einmal zu Gesicht bekommen. Sie würden mich verbinden mit einer kurzen Skizze des Wildes.«
Der Abenteurer verbeugte sich höflich. »Mit Vergnügen Señor, wenn nicht Seine Hoheit die Beschreibung übernehmen will, der jedenfalls von der Natur des Wildes mehr weiß als ich, da es eigentlich nur noch in Corsica zu Hause ist.«
»Der Moufflon oder Mouflon« sagte der Prinz - »ist das wilde Schaaf, hat aber mit unseren geduldigen Merinos wenig gemein. In früheren Jahrhunderten mag er auf den hohen Gebirgen von ganz Süd-Europa gehaust haben, jetzt findet man ihn nur noch in Heerden auf den kahlen Felsgebirgen Corsicas, und vereinzelt auf den savoyischen Alpen wie ich mir habe erzählen lassen und uns eben unser junger Freund belehrt hat. Der Mouflon gleicht in seinem Wesen mehr der Ziege als dem Schaaf. Er ist scheu, überaus gewandt im Klettern, stark, wild und unbändig. Sein Vließ ist gewöhnlich gelb gefärbt, theils in Kastanienbraun, theils in Grau übergehend, die Rückenlinie entlang dunkler, am Kopf aschgrau, an der Schnauze, am Bart, an den innern Seiten der Glieder und am
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Rande des Schwanzes rein weiß. Seine Länge beträgt gewöhnlich 3\frac12 Fuß, die Schulterhöhe 2\frac14 Fuß, doch giebt es auch bedeutend stärkere Thiere. Die Hörner sind wie im Halbmond gebogen und fast 2 Fuß lang und kräftig. Für den Jäger ist er nicht blos ein schwer zu erlegendes Wild, sondern auch gefährlich genug in seiner Wildheit. Ich weiß mehr als ein Beispiel aus Corsica, daß der Mouflon, aufs Aeußerste getrieben, sich auf seinen Verfolger stürzte und ihn mit sich hinabriß in den Abgrund! Sein Wildpret ist vortrefflich und dem des Rothwilds bei Weitem vorzuziehen!
»Wir hatten Gelegenheit, es an dem Abend zu probiren« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort. »Die schöne Therese also protestirte gegen das Projekt ihres Papa's, reklamirte Kopf und Fell für sich, und ließ das Fleisch zur Küche bringen. Dabei sprach sie viel von dem Glück des Jägers und daß nur die Franzosen verständen, sich galant zu beweisen. Sie wären unzweifelhaft die geschicktesten und muthigsten Jäger des Gebirges.
Ich machte mir in der That Nichts aus dem Mädchen, aber die Prahlereien fingen mich an zu verdrießen und so trat ich denn zu dem Tisch, an dem der Franzose seine Heldenthat zum Besten gab und Theresella neben ihm saß und spöttische und herausfordernde Blicke nach mir warf.
»Ich hoffe, Monsieur Ladreux« sagte ich so laut, daß alle Anwesenden unser Gespräch verstehen konnten, - »ich hoffe, daß Ihre ausgezeichnete Flinte für uns arme Piemontesen noch einiges Wild am Monte Viso übrig gelassen hat.«
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»Oh, Monsieur,« sagte unverschämt der Franzose, »Sie werden davon noch genug finden, wenn Sie nur die Spur zu verfolgen verstehen. Es ist freilich etwas mühselig für einen Herrn Ihres Schlages.«
»Eben deshalb erbitte ich mir Ihren weisen Rath. Die Moufflons sind also sehr schwer zu beschleichen?«
»Allerdings - sehr schwer - es ist Nichts für Sonntagsjäger. Das Thier geht bis an den Rand der Eisregion.«
»Aber nicht darüber hinaus?«
»Nein - der Mouffle liebt die Schneeregion nicht, und nur die Einsamkeit der Felsen.«
»Aber giebt es denn am Monte Viso kein Wild zwischen den Gletschern?«
»O gewiß, den Steinbock! Aber er ist noch schwerer zu schießen, als selbst das Moufflethier.«
»Und haben Sie Spuren des Steinbocks entdeckt?«
»Ich habe einen sogar gesehen. Auf dem Col du Midi. Aber warum fragen Sie danach?«
»Blos, weil wir beabsichtigen, morgen auf die Jagd des Steinbocks zu gehen, da schon Leute wie Sie genügen, einen Moufflon zu schießen!«
Der Franzose sprang auf. Es war ein stämmiger, von Wind und Wetter abgehärteter Bursche. »Wollen Sie mich etwa beleidigen, Monsieur?«
»Einen Kerl wie Sie? - nein - dergleichen Züchtigungen überlasse ich meinem Begleiter.«
»Ho, Monsieur, das sollen Sie mir büßen!« und er griff nach seinem Gebirgsstock. Aber Sta Lucia, der nur
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auf diesen Augenblick gewartet hatte, streckte ihn mit einem Schlage zu Boden. »So, mein Bursche,« sagte er, - »ich werde Dir den Sonntagsjäger anstreichen!«
Theresa schrie erschrocken auf, die Anwesenden sammelten sich sofort um uns, in zwei Parteien getheilt, denn obschon ich, wie gesagt, durch den Vorzug, den mir die schöne Wirthstochter bewiesen, wenig Freunde unter den gewöhnlichen Besuchern der Osterie zählte, kam doch hier das Nationalgefühl in's Spiel.
Ein Kampf war unvermeidlich und nach der Sitte des Gebirges mußte er mit den Kampfstöcken ausgefochten werden. Das war es, was ich gewollt hatte, denn ich wußte, daß Sta Lucia im Stockspiel ein Meister war.
Auf den Ruf der Versammlung hatte der Ostiere alsbald die üblichen Waffen herbeigebracht.
Ladreux hatte sich unter wüthenden Drohungen vom Boden erhoben und stand jetzt scheltend und tobend unter seinen Freunden. Es machte mir Vergnügen, mit einem Mann der Gegenpartei, einem alten französischen Schmuggler alle Regeln des unblutigen, aber keineswegs ungefährlichen Zweikampfs auf's Beste zu ordnen und dann stellten wir die Kämpfer einander gegenüber, wobei ich nicht unterlassen konnte, Mamsell Therese einen spöttischen Blick wiederzugeben.
Das Mädchen hatte vollkommen unsere Absicht begriffen. Sie hielt ihre etwas wolfsartigen hübschen Zähne fest auf die Unterlippe gebissen und sah mich mit einem Blick an, als hätte sie mich am liebsten verschlungen.
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Die kleine Scene machte mir großen Spaß. Ich klatschte in die Hände und rief: En avant!
Monsieur Ladreux war kein zu verachtender Gegner. Er wirbelte seinen, in der Mitte gefaßten Stock mit vieler Geschicklichkeit um das Haupt und griff meinen Banditen, der einen halben Kopf kleiner war, mit großer Heftigkeit an. Aber ich wußte, was ich an Sta Lucia hatte. Der Bursche besaß ein Bein, das von Stahl, und Armmuskeln, die von Schmiedeeisen waren. Er begnügte sich eine lange Zeit, die Hiebe seines Gegners zu pariren und warf ihn dann, wie die Katze die Maus mit einem Schlage nochmals zur Erde.
Seine Sekundanten sprangen sofort zu, hoben ihn auf und suchten ihm Ruhe zu predigen. Aber Monsieur Ladreux hatte sich jetzt in die blindeste Leidenschaft hinein gearbeitet, und noch bevor das Zeichen gegeben war, stürzte er auf seinen Gegner los, ließ den Stock bis zum Ende durch seine Hand gleiten und that einen furchtbaren Schlag nach dem Feinde, der diesem wahrscheinlich den Schädel zerschmettert hätte, wenn er ihn getroffen. Aber Sta Lucia hatte sich mit der Schnelligkeit des Blitzes auf sein linkes Knie geworfen, ließ den Schlag über sich wegsausen und begann jetzt, seinen Gegner mit einem solchem Wirbel von Hieben auf Arme, Brust und Leib zu bedienen, daß dieser an Pariren gar nicht mehr denken konnte. Zuletzt schlug er ihn mit einem Hieb von unten den Unterkiefer fast entzwei, daß der arme Kerl drei Zähne mit einem Strom von Blut ausspuckte und fast unfähig, noch ein Glied zu rühren, in die Arme seiner Partei fiel, die ihn zu ihrem
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großen Aerger für besiegt und vollkommen befriedigt erklären mußte.
Von diesem Augenblick an, waren Sta Lucia und ich die Helden unserer sauberen Gesellschaft von Schmugglern und Wilddieben.
Ich benutzte sofort die Gelegenheit zur Verfolgung des Coups.
»Signor Legroni!«
»Was befehlen, Excellenza?«
»Sie werden zwanzig Bouteillen Ihres besten Asti, von der Sorte, die ich trinke,« sagte ich mit Herablassung, »aus Ihrem Keller holen, damit diese Herren den Braten des Moufflon nicht trocken genießen. Ich bitte Sie um die Ehre, meine Gäste zu sein!«
Die schöne Theresa zitterte vor Aerger bei dem Evviva, das man mir brachte.
»Und nun, Signori,« fuhr ich fort, »wer hat Lust, zehn Napoleons zu verdienen?«
Die Lust hatten natürlich Alle, wie die allgemeine Frage wofür? bewies.
»Sie haben gehört,« fuhr ich fort, »daß wir morgen den Steinbock auf dem Monte Viso jagen wollten, dazu brauchen wir einen kundigen Führer. Wer den Dienst übernehmen will und uns das Wild binnen zwei Tagen zum Schuß bringt, sei die Jagd auch noch so gefährlich, erhält die genannte Belohnung.
Die Kerle steckten die Köpfe zusammen und beriethen sich. Zweihundert Franken waren ein Verdienst, der ihnen
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nicht alle Tage geboten wurde. Zuletzt wurden sie einig und ein alter Wilderer erhob sich.
»Wir müssen bekennen, Signor,« sagte er, »daß Ladreux allerdings Derjenige gewesen wäre, der am besten Ihren Wunsch hätte erfüllen können. Nachdem Sie ihn aber so zugedeckt, daß der arme Teufel in den nächsten acht Tagen seine Gliedmaßen nicht gebrauchen kann, bin ich der Mann, welcher Ihnen am Ersten dienen kann, da ich am Monte Viso geboren bin. Ich bin bereit, Sie zu führen, und mein Bestes zu thun. Mehr kann kein Mensch!«
»Und mehr braucht es auch nicht und die zehn Napoleons sollen auf jeden Fall die Euren sein. Sorgt, daß wir morgen bei Zeiten aufbrechen können, und nun zu Tische, Messieurs!«
Den zerschlagenen Ladreux hatte man in eine Zelle gebracht. Als ich nach zwei sehr lustig verlebten Stunden in mein Zimmer ging, reichte mir die schöne Theresa das Licht.
»Signor Giovanni,« sagte sie. »Sie wollen also wirklich die gefährliche Jagd unternehmen?«
»Dazu bin ich hierher gekommen.«
»Und wenn Sie das Wild schießen, werden Sie es mir bringen?«
»Mit Vergnügen!«
»Gratia, Signor. An dem Abend des Tages wird die Thür meines Schlafzimmers für Sie unverschlossen sein!«
Ich pfiff durch die Zähne. »Vielleicht! Nous verrons!«


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Am andern Morgen bei Zeiten brachen wir auf nach dem Hochgebirge, Sta Lucia, ich und Andrea der Führer, mit unseren Büchsen, Steigeisen, Stricken, Decken und Lebensmitteln versehen, denn wir mußten darauf rechnen, mindestens eine Nacht auf den Schneefeldern des Monte Viso kampiren zu müssen.
Wir stiegen höher und höher und immer einsamer wurde es um uns, und immer tiefer lagerte die andere Welt unter uns. Andrea war ein vortrefflicher Führer und kannte die Wechsel des Wildes sehr wohl. Die Schluchten und Abhänge, die er uns führte, hatten wir auf unseren eigenen Jagdstreifen noch niemals betreten, und in der That sahen wir am Nachmittag in der Höhe von etwa 6000 Fuß auf einem steilen Felsengrät ein kleines Rudel Moufflethiere.
Sta Lucia wollte sie beschleichen, während ich den Weg nach dem Col du Midi, einer der höchsten Felsenspitzen des Monte Viso fortsetzen wollte, wo Andrea mir gesagt, daß er bei seiner letzten Jagd die Spuren eines Steinbocks gefunden hätte.
Wir theilten darum unsern Proviant, und nachdem wir eine der weithin sichtbaren Felsenwände als den Ort des Rendezvous verabredet hatten und Andrea meinem Gefährten verschiedene Rathschläge gegeben, trennten wir uns.
Der Monte Viso ist 11,800 Fuß hoch, nach dem Mont-Pelvoux die höchste Spitze der Cottischen Alpen, deren Züge sich zwischen der Isère, dem Arc, der Rhone und Durance ausdehnen. Am Nachmittag hatten wir eine Höhe von 8000-Fuß erreicht und befanden uns in
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der Schneeregion. Es ist ein wüstes wildes Felsengebirge, dessen Steinmassen nur an einzelnen Stellen von Gletscherfeldern unterbrochen werden. Je höher wir stiegen - wir hatten uns jetzt nach der savoyischen Seite gewendet, deren Bergwände bis zum Mont Cenis und weiter hinauf nach den ewigen Eisgipfeln des Montblanc laufen, - desto wilder wurde die Natur. Ich bin an Gefahren gewöhnt und habe sie zu Land und zur See bestanden, wo das Leben an einem Zucken des Auges, an einem Zufall hing, - aber Nichts prüft die Nerven und die Muskeln eines Mannes der Art, wie ein Jagdgang zwischen den eisigen Fernern und den Felswänden der Hochalpen, an denen nur der Adler kreist, die Gemse springt und der Mensch oft keinen Raum findet, seinen Fuß zu setzen.
Zwei Mal hörten wir im Lauf des Nachmittags den Knall einer Büchse. Andrea mit der Erfahrung der Alpenjäger, behauptete, daß die Schüsse nicht aus demselben Gewehr gekommen seien, daß also außer uns noch eine zweite Partie in dem Hochgebirge jagen mußte, wahrscheinlich von der französischen Seite her, denn jede andere aus Piemont würde nicht versäumt haben, in der Osteria des alten Legroni vorzusprechen. Wir kümmerten uns aber wenig darum und setzten unseren Weg nach der Felsenwand fort, an welcher wir das Rendezvous mit Sta Lucia bestimmt hatten.
Eben als wir sie erreichten, verließen die letzten Sonnenstrahlen die höchsten Spitzen des Berges und statt des glühenden Rosenroths derselben sank tiefe Nacht auf unsere Umgebung nieder. Wir mußten also unsern weitern
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Marsch einstellen, obschon wir jene Bergwand noch nicht ganz erreicht hatten, da der Weg zu derselben an dichten eisbedeckten Abgründen hin allzu gefährlich im Finstern gewesen wäre. Andrea vertröstete mich auf die frühe Morgendämmerung, daß diese uns sicher zum Schuß bringen würde, da er die untrüglichen Spuren gefunden hatte, daß sich hier das gesuchte Wild aufhielt.
Während wir unter einem überhängenden uns einigermaßen gegen den Wind schützenden Felsen unser Nachtlager bereiteten und Andrea aus dem spärlichen Knieholz, das er vorsichtig mit hier herauf geschleppt, ein Feuer anmachte sahen wir an der mehrerwähnten Bergwand ein ähnliches auftauchen. Sta Lucia mußte also bereits den Ort erreicht haben und kampirte dort.
Wir verzehrten unser Abendbrod, tranken einen tüchtigen Schluck Kirschwasser und streckten uns in unsere Decken gehüllt mit den Füßen gegen das Feuer gekehrt auf dem Felsboden aus.
Der Tag graute noch nicht, als mich Andrea aufrief.
Ich war rasch auf den Füßen und nach wenig Augenblicken waren wir marschfertig.
Es war die halbe Dunkelheit einer Sommernacht und im Osten, über den Ebenen und Hügelketten Piemonts tauchten die milden Farben der Dämmerung empor, die dem Aufsteigen des Tagesstirns vorangeht.
Mein Führer stieg mir rüstig voran - in einer Stunde hatten wir die Felswand erreicht, wo Sta Lucia übernachtet haben mußte. Wir fanden noch die Kohlen des Feuers, das am Abend angezündet worden war, aber
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keine Spur mehr von der Person des Banditen. Vielleicht hatte er sich selbst aufgemacht, uns zu suchen.
Andrea bestand jedoch darauf, vorwärts zu gehen, denn jetzt, wo die Sonne eben empor stieg, war die glücklichste Zeit zur Belauschung des Wildes.
Wir stiegen, Fuß um Fuß den gefährlichen, oft kaum handbreiten Weg um eine Bergwand, während zu unserer Rechten ein Abgrund in's Bodenlose zu fallen schien, als plötzlich der Savoyarde meine Schulter berührte.
»Still, Signor - keinen Laut« flüsterte er. »Bücken Sie sich unter diesen Stein, damit er Ihrer nicht ansichtig wird. Dort steht er!«
Er deutete nach einem hoch über uns vorspringenden schmalen Felsengrat, den wir eben umklimmen wollten.
Richtig, dort oben, scharf und dunkel gegen den lichten Morgenhimmel abgezeichnet stand ein großes kräftiges Thier mit zusammengezogenen Beinen, den Kopf mit den langen halb gebogenen elastischen Hörnern, auf die es sich bei seinem kaum glaublichen Springen in die Tiefe stürzt, nach allen Seiten windend.
Ich machte mich, hinter den Felsblock gebückt, fertig zum Schuß, die Büchse auf das Gestein stützend - er konnte mir nicht entgehen, - und war im Begriff loszudrücken, als der Bock eine plötzliche Wendung machte und dann einen furchtbaren Sprung empor von dem Felsengrat und herab.
In demselben Augenblick hörte man von der andern Seite des Grates das Krachen eines Büchsenschusses.
Der Bock war etwa in horizontaler Linie mit uns
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auf ein kleines Felsenplateau gesprungen, ich sah deutlich, wie er auf seine Hörner aufschlug, dann sich emporraffte und einen neuen Sprung versuchen wollte, der ihn aus unserem Bereich bringen mußte. Ich lag im Anschlag und meine Kugel - ich hatte auf den Kopf gezielt, - warf ihn zu Boden.
Mit einem Jubelruf eilten wir Beide den gefährlichen Weg vorwärts, darauf gefaßt, bei dem Bock bereits unseren Gefährten zu finden.
Das Wild lag, als wir es fanden, bereits verendet auf der Steinplatte. Es war ein großer Bock, wohl drittehalb Centner schwer und mit Hörnern, die über 3 Fuß maßen, also ein wahres Pracht-Exemplar, das gewiß kein Jäger im Stich gelassen hätte. Meine Kugel war ihm von hinten in den Kopf gedrungen und hatte augenblicklich seinen Tod herbeigeführt, aber dieser wäre auch so sicher gewesen, denn wie ich mich überzeugte, hatte die erste Kugel seine Weichen durchbohrt und die Lebenstheile verletzt.
Es ist die alte Sitte des Gebirges, daß kein Jäger auf das bereits von einem Andern angeschossene Wild schießt, es sei denn, daß er sich überzeugt hat, es sei nur unbedeutend verwundet. In diesem Fall jedoch schadete der Bruch dieser alten Jägerregel Nichts, da ja der Schütze unser Freund und Gefährte war.
Aber vergebens warteten wir auf das Erscheinen Sta Lucia's!
Wir ließen endlich unseren lauten Ruf ertönen, der weit hin durch die dünne Luft der Höhe klang, und als
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er keine Antwort fand, pfiff mein Gefährte auf jene durchdringende Weise, mit der sich die Gemsenjäger ein Zeichen zu geben pflegen.
Einige Augenblicke darauf war es uns, als hörten wir aus weiter Ferne oder aus der Tiefe den leisen Klang einer Antwort. Sollte Sta Lucia durch irgend einen Umstand verhindert gewesen sein, seine Beute zu verfolgen?
Wir beschlossen, ihm entgegenzugehen, bedeckten das Wild gegen die bereits in der Höhe kreisenden Adler mit unseren Decken und machten uns auf den Weg, den Felsgrat zu umschreiten. Mit einiger Mühe gelang es uns, und auf der andern Seite angekommen, hatten wir einen ziemlich freien Ueberblick über Felsgeröll und Eisfelder.
Plötzlich hörten wir in geringer Entfernung das vorhin gegebene Signal jetzt weit stärker wiederholen, ohne daß wir doch entdecken konnten, woher es kam.
»St. Lucia - wo seid Ihr?«
Ein Fluch antwortete und eine Stimme »Zum Teufel ihr Narren! kommt hierher!«
Der Ton kam dumpf wie aus der Tiefe. Wir eilten nach dem vor uns liegenden Schnee und Eisfeld und entdeckten nach wenigen Schritten die Ursache.
Quer durch das Feld in verschiedenen Windungen zogen sich mehr oder weniger breite Spalten und Riffe. Aus einer derselben klang uns der Zuruf und der ziemlich herrische Befehl, dem Rufenden heraus zu helfen. In der That fanden wir auch bald den Ort und sahen in einer etwa 20 bis 30 Fuß tiefen Spalte, deren Grund mit Schnee bedeckt war, einen Jäger.
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Aber es war nicht Sta Lucia, sondern ein Fremder. »Nun zum Teufel« schrie der Mann, offenbar derselbe, der den ersten Schuß auf den Steinbock gethan - »was steht Ihr da und habt Maulaffen feil, statt mir heraus zu helfen? Caramba - schafft einen Strick herbei und zieht mich hinauf!«
»Lente, lente, amice!« sagte kopfschüttelnd der alte Bergjäger. - »Ich dächte, Ihr könntet Eurem Schutzheiligen danken, daß überhaupt Jemand in dieser Einöde ist, der Euch Beistand leisten kann. Wir werden natürlich keinen Christenmenschen in solcher Noth länger als nöthig ist, stecken lassen, aber wir müssen doch unsere Vorbereitungen treffen und während der Zeit könnt Ihr immer etwas höflicher sein, das kostet Nichts!«
Der Fremde lachte und murmelte ein Paar Worte, die wir nicht verstehen konnten. Während der Zeit hatte ich Gelegenheit, mich zu überzeugen, wie er in die fatale Lage gekommen war, in der wir ihn gefunden, und die ohne unsere Dazwischenkunft leicht für ihn hätte sehr verderblich werden können.
Er hatte wahrscheinlich bei dem Schuß, den er auf den Steinbock gethan, dicht am Rande des Eisrisses gestanden, und durch die Erschütterung des Knalls in dieser dünnen Luftschicht ein Theil der Schneedecke oder des Gesteins sich gelöst und war ins Rutschen gekommen. Mit diesem Geschieb war er ausgleitend in die Spalte gestürzt. Indem er sich mit seinem Gewehr, einer schönen Doppelbüchse zu halten versuchte, war diese am Schaft abgebrochen. Der Fremde war ein mittelgroßer kräftiger Mann,
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sein Gesicht aber wegen des Schmuzes und Blutes, mit denen es bedeckt war, nicht zu erkennen und nur ein langgedrehter Schnur- und Knebelbart zu sehen.
Unterdeß ich diese Betrachtungen anstellte, hatte Andrea gehandelt, den Strick, den er um den Leib gewunden trug, abgewickelt und ihn mit einer Laufschlinge hinab in die Spalte geworfen.
»Da Ihr Himmelsackermenter« rief er - »bindet's Euch um den Leib und dann laßt uns wissen, ob Ihr dabei helfen könnt, oder ob Ihr etwa ein's Eurer Glieder gebrochen habt!«
»Nichts davon Alter, ich bin mit einigen Schrammen davon gekommen,« lautete die Antwort, »und nun zieht los, Ihr da oben!«
Wir zogen aus allen Kräften, weil er ein schwerer Mann war. Weil er aber möglichst durch Anstemmen an den Seiten half, gelang es uns endlich, ihn über den Rand der Eisspalte emporzuheben.
Er blieb nur einen Augenblick auf dem Schnee liegen, wie um von der gewaltigen Anstrengung wieder Athem zu schöpfen, der wie in einem Blasebalg die kräftige hohe Brust auf und nieder wogen machte, dann sprang er empor.
»Pest und Doria - wo ist der Bock, Leute, und wer zum Teufel hat es gewagt, nach dem Thier zu schießen, nachdem ich es getroffen?«
»Ich Signor - aber es geschah, weil ich glaubte, der Schuß sei von einem unserer Freunde gethan. Ich kenne das Waidmannsrecht der Gebirge zur Genüge, um Ihnen
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zu sagen, daß das Thier zu Ihrer Disposition steht. Auf der andern Seite des Grats liegt es!«
»Das war Euch gerathen!« Der Fremde strich sich wiederholt den Knebelbart, während er mich scharf betrachtete. Es war, wie gesagt, ein Mann von mittelgroßer, aber sehr kräftiger Gestalt, der ganz zur Ertragung großer körperlicher Strapatzen, sei es bei Krieg oder Jagd gemacht schien. Er trug eine gewöhnliche Bergjoppe und die Ausrüstung eines Alpenjägers.
»Cospetto - was starrt Ihr mich so an? Ich mag freilich schön aussehn vor Dreck und Blut. Reicht mir etwas Schnee her, alter Bursche, damit ich Toilette mache. Euer Gesicht muß ich schon im Leben gesehen haben, Mann!«
Die letzte Frage oder Anrede galt mir, während er sich mit dem Handvoll Schnee, den ihm Andrea reichte, das Gesicht abrieb.
»Es geht mir eben so mit Ihnen! - ich bin der Kapitain von Roccabruna, bis jetzt Offizier im Garibaldinischen Corps.
»Ah - zum Teufel! ich erinnere mich jetzt!« Er kehrte in diesem Augenblick das gereinigte Gesicht nach mir hin und ich prallte erschrocken zurück. »Und ich bin der Herr von Villafranca, das nicht weit von Roccabruna liegt, obschon wir uns als Nachbarn nicht gekannt haben. Was thun Sie hier?«
Ich war auf der Jagd nach dem Moufflon und dem Steinbock, Si...
»Pest und Doria! Haben Sie mich nicht verstanden?
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- Da können Sie lange laufen, ehe Sie einen Steinbock finden werden. Es war das einzige Thier noch hier am Col und ich bin schon seit einer Woche hinter ihm her. Was brauchen Sie meine Steinböcke hier zu schießen?«
»Ich hatte es einer Dame versprochen, einer jungen hübschen Savoyardin.«
»Einem Frauenzimmer? Caramba - das ist was Anderes! Aber Sie sollen mir die Geschichte nachher erzählen. Jetzt kommen Sie zu dem Thier und dann wollen wir frühstücken, denn ich habe einen gottverfluchten Appetit.«
Auf einen Wink ging der alte Andrea voran, der das Wesen des fremden Jägers mit wiederholtem Kopfschütteln betrachtet und noch immer vergeblich auf ein Dankeswort von ihm gewartet hatte.
Die Sache fing an mir Vergnügen zu machen, und ich folgte daher, die Entwickelung abwartend, stillschweigend dem fremden Jäger, der sich sofort als ein sehr rüstiger Bergsteiger und Kletterer erwies.
Sobald wir auf den Platz, wo das Wild lag, gekommen waren, eilte er zu diesem, besah es genau und begann es sofort kunstgerecht auszuwaiden. Er nickte bloß mir zu und sagte auf den Kopf deutend: »Ein guter Schuß! aber er war nicht nöthig!«
»Cospetto,« murmelte der alte Andrea unwillig, »dann hättet Ihr Euren Bock suchen können drunten im Rivetti-Abgrund, wo Ihr wahrscheinlich keinen Knochen mehr ganz von ihm gefunden hättet. Ihr seid ein seltsamer Bursche Fremder, und ein undankbarer Kerl dazu!«
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Ich wollte der allzu offenherzigen Rede des alten Jägers Einhalt thun, aber der Herr von Villafranca winkte abwehrend. »Meinst Du Alter?« sagte er rauh. »Nun, ich hoffe, Du bekommst eine bessere Meinung von mir, ehe wir von einander gehn.«
»Das müßte seltsam sein, mit einem Eures Namens!«
»Pest und Doria! Was willst Du damit sagen?«
»Na - was soll ich damit sagen, als daß der Name schlechten Klang hat bei jedem Italiener. Teufel noch einmal, unser Alter hat sich da gut von den Franzosen und den Weißröcken über den Löffel barbieren lassen, und die Parlevous über der Gränze prahlen, wir würden noch Alle französisch werden. Haben doch selbst der Cavour und der Garibaldi dem König-Ehrenmann den Handel aufgekündigt!«
Der Fremde hatte seine blutige Arbeit einen Augenblick unterbrochen, um dem Alten zuzuhören. Seine Stirn faltete sich anfangs, doch gewann bald die gute Laune über sein Jagdglück wieder die Oberhand. »Dummkopf!« sagte er lachend, »was versteht ein Kerl wie Du davon!«
»Olà!« rief der Alte, der ein sehr eifriger Katholik war, »und den heiligen Vater wollen sie auch schinden und plündern, als wären sie keine Christenmenschen! Aber er wird's ihnen heimgeben, und sie nächstens in den Bann thun, die ganze Gesellschaft, wie der fromme Pater Vincentio drüben auf dem Sanct Bernard sagt.«
»Dein Bernhardiner scheint ein kluger Mann zu sein,« meinte philosophisch der Jäger. »Aber nun Kinder laßt
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uns ans Frühstück denken und besprechen, wie wir das Thier hier fortschaffen.«
Andrea zog aus seinem Ranzen die Reste unsers Abendbrods und da es uns hier an jedem Material zu einem Feuer mangelte, mußten wir uns damit und einem tüchtigen Schluck Kirschwasser begnügen, dem der Fremde so gut wie wir zusprach. Dabei frug er uns in seiner barschen Weise aus, woher wir kämen, und als ich ihm von unserem Gefährten Sta Lucia und seinem Stockkampf am vorvergangenen Abend erzählte, lachte er herzlich, bedauerte, nicht dabei gewesen zu sein und frug auf das Genaueste nach der Osteria und ihren Besuchern.
Da der Transport des ganzen Bocks aus dieser umwegsamen Höhe zu beschwerlich gewesen wäre, beschlossen wir, ihn abzuhäuten, zu zerlegen und nur die besten Stücke mit uns zu nehmen. Ich nahm dabei die Gelegenheit wahr, unsern neuen Gefährten zu fragen, wohin wir ihn begleiten sollten.
»Mich begleiten? Zum Henker, glaubt Ihr, daß ich eine Stadtratze bin, die im Hochgebirg nicht aus noch ein weiß? Nichts da, Niemand braucht mich zu begleiten, aber ich will Euch Beide begleiten, um die Bekanntschaft des wackern Herrn Lucia und des Ostiere Legroni nebst seiner spitzbübischen Gesellschaft zu machen. - Vielleicht auch« und er warf mir einen sarkastischen Blick zu, - »um mich zu überzeugen, ob die schöne Theresa es wirklich verdient, daß man auf den Felsenwänden des Monte Viso nach einem Steinbock für sie herumkriecht. Vorwärts denn, an's Werk!«
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»Hört Mann,« sagte der alte Gebirgsjäger - »Ihr hättet wirklich besser zu einem Corporal gepaßt, als zu einem Jägersmann!«
»Wer weiß, Mann, vielleicht zu Beiden. Ich meine, ich hätte Euch überdies bewiesen, daß ich kein ganz schlechter Jäger bin. Auch haben wir ja in der Armee ein ganzes Bataillon Alpenjäger bei Herrn Garibaldi, obschon gewiß viele der Schurken die Alpen nur aus ihren Betten gesehen haben und die ganze Bande herzlich wenig taugt! - Pest und Doria, oder standen Sie etwa selbst bei den Alpenjägern, Signor?«
[»]Ich verneinte.[«]
»Optime! Dann habe ich Sie nicht beleidigt und Villafranca und Roccabruna brauchen sich deshalb nicht zu schlagen. Aber an's Werk nun, meine Herren!«
Die Sache war übrigens bald gethan.
Wir beluden uns mit den Keulen, dem Ziemer und der Haut des Bocks, an der Kopf, Hörner und Hufe hingen, und machten uns dann auf den Rückweg, wobei der Herr von Villafranca, unser neuer Gefährte, es sich durchaus nicht nehmen ließ, sein Theil mitzuschleppen.
Wir mochten etwa eine Stunde bergab gestiegen sein nach der Richtung von Delfino, als uns ein weit hinschallender Jägerruf begrüßte. Wir antworteten, und bald sahen wir von einer ganz entgegengesetzten Seite Sta Lucia mit einem ausgeweideten Mufflethier um den Nacken eine Bergwand herabklimmen. Daß er es nicht gewesen, sondern der fremde Jäger, dessen Feuer wir an dem Platz des Rendezvous gesehen, hatten wir bereits erfahren. Sta Lucia
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war bei der Verfolgung des Wildes in eine ihm gleichfalls ganz unbekannte Gegend des Hochgebirges gekommen, hatte das Thier zwar erlegt, aber dann nicht mehr den Weg zu dem verabredeten Ort gefunden und deshalb so wie wir unter einem Felsen übernachtet. Der Herr von Villafranca schien hohes Gefallen an dem Corsen zu finden und ließ sich von ihm des Genauesten seine Thaten erzählen. Als wir endlich die erste Sennhütte erreicht, wurde Halt gemacht und von Lucia's Thier ein tüchtiger Braten geröstet, dem wir Alle mit großem Appetit zusprachen.
Während des Mahls schien der Herr von Villafranca etwas nachdenklicher zu werden, ohne indeß seine gute Laune zu verlieren; endlich nahm er aus seinem Jagdranzen ein kleines Reiseschreibzeug, schrieb einige Zeilen auf ein Blatt seiner Brieftafel und siegelte das Billet mit einem Ring, den er am Finger trug.
»Wie weit ist es auf gradem Weg nach Revello?« frug er den alten Gebirgsjäger.
»Zehn Miglien, Signore!«
»Hast Du Lust, - abgesehen von dem Dank, den ich Dir sonst schulde - ein Zwanzig-Liresstück zu verdienen?«
»Teufel, das kommt nicht oft! Warum sollte ich nicht?«
»Nun gut, so wirst Du da, wo unsere Richtungen sich scheiden, uns verlassen und diesen Brief nach Revello bringen. Kannst Du lesen?«
»Dio! was denken Sie! ich bin kein Gelehrter!«
»Thut nichts - umgekehrt desto besser. Du brauchst blos dem ersten gut gekleideten Mann, den Du in den
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Straßen triffst, nach der Adresse zu fragen und er wird sie Dir sagen. Jetzt stecke den Brief in Deinen Ranzen!«
Der Alte that, wie ihm befohlen war. Zugleich frug er: »Aber wer soll hier die Haut des Steinbocks tragen, wenn ich fort bin?«
»Oh - es wird sich ein Sennbub' finden lassen. Haben Sie Geld bei sich, Herr von Roccabruna?«
Ja Si... - Signor!
»Bitte, dann leihen Sie mir einige Gold- und Silberstücke, ich glaube, ich habe wahrhaftig keine fünf Lires in meiner Tasche.«
Ich zog mein Portemonnaie und überreichte es ihm. Unser seltsamer Gefährte nahm es, ohne es zu zählen, gab Andrea einen Napoleond'or und bezahlte die Sennerin reichlich. Dann forderte er uns auf, unseren Weg fortzusetzen.
Zwei Stunden später, als wir uns dem Thal näherten, verließ uns Andrea, nachdem wir in einer Sennhütte einen starken Burschen gefunden hatten, der es über sich nahm, den größten Theil unserer Jagdbeute zu tragen.
Wir näherten uns jetzt der einsamen Gebirgsherberge, in der wir unser Quartier aufgeschlagen hatten, doch von einer anderen Seite, als wir sie verlassen und Sta Lucia machte unseren Gefährten darauf aufmerksam.
»Pest und Doria,« sagte er lachend, »dann ist es Zeit, daß wir unsere Rollen vertheilen. Wie ist es, Signor Roccabruna, hängt Ihr Herz sehr daran, der schönen und wie Sie dieselbe beschreiben, etwas koketten Theresa den Beweis Ihres Meisterschusses zu Füßen zu legen?«
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»Weder mein Herz noch meine Sinne sind dabei im Spiel. C'est pour passer le temps!«
»Gut, so behalte ich, was mir gehört, oder noch besser, wir wollen nicht verrathen, wer den Bock erlegt hat. Dann kann sie es rathen und es macht desto mehr Spaß. Zum Teufel, man hat ohnedem so wenig Unterhaltung und Vergnügen, daß ich mir's wohl gönnen kann. Der Herr von Villafranca wird also sich das Plaisir machen, heute Abend in einer Schmuggler- und Wildschützenherberge mit Ihnen um die Gunst eines hübschen Bergmädels zu rivalisiren. Haben Sie mich verstanden?« -
Ich verbeugte mich zustimmend. Sta Lucia sah mich mehrmals erstaunt und mit offenem Munde an, als er mich so gefügig sah, mich in die Launen unseres Jagdkameraden zu schicken.
Jetzt hatte man uns in dem alten Klostergebäude bemerkt; Meister Legroni, der Ostiere und sämmtliche Einwohner und Gäste kamen heraus und winkten uns jubelnd zu, was zu meinem Staunen unser Gefährte mit einem tüchtigen Alpenjodler erwiederte.
Als wir näher kamen, erkannte ich, daß einige der verrufensten Wildschützen und Schmuggler sich unter den Gästen befanden. Unter dem Portal des alten Gemäuers stand Theresa und ich sah, wie sie in die Hände klatschte, als unser Sennerbub jetzt die Haut des Steinbocks mit den langen Hörnern jubelnd um den Kopf schwang. Im nächsten Augenblicke waren wir von der ganzen Gesellschaft umringt, die neugierig und theilnehmend unsere Abenteuer hören wollte; denn die Erlegung eines Steinbocks war in
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der That selbst für diese an alle Gefahren der Jagd gewöhnten Männer ein Ereigniß.
Theresa hatte sich mir genähert. »Nun,« fragte sie etwas ironisch, »darf man dem Sieger gratuliren?«
»Zu was?«
Ein Feuerstrahl ihrer dunklen Augen traf mich zürnend. »Ich meinte, zu der Erlegung des Thiers!«
»Des Moufflon?«
»Nein - des Steinbocks!«
Ich begnügte mich, die Achseln zu zucken.
»So hat ihn Signor Sta Lucia erlegt?«
»Der Teufel soll mich holen, wenn ich's that!«
»Also der fremde Herr?«
Ich bemerkte, wie die Blicke unsers Jagdgefährten mit offenbarer Bewunderung das schöne Mädchen betrachteten und gar nicht von ihr ablassen wollten.
»Frage ihn selbst!«
»Haben Sie den Steinbock geschossen, Signor?«
»Ich that einen Schuß danach - Signor Roccabruna den andern, schöne Signorina.«
»Aber wer hat getroffen?«
»Wir Beide!«
»Das ist Nichts gesagt,« sprach sie ärgerlich. »Dieser Signor war seines Schusses gewiß und hatte mir seine Jagdbeute versprochen.«
»Wir machen uns vielleicht das Vergnügen,« sagte der Herr von Villafranca, »Ihnen Beide das Fell zu Füßen zu legen. Einem so hübschen Kinde gebührt der Preis und ich
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wollte dafür noch ganz andere Dinge thun, als einen Steinbock auf den Spitzen des Monte Viso zu jagen.«
»Das ist wenigstens artig gedacht und gesprochen, Signor, anders wie dieser Herr da! Aber kommen Sie herein Signori und nehmen Sie, was unser Haus bietet!«
Sie war offenbar sehr ärgerlich über meine Gleichgültigkeit und suchte mir es auf alle mögliche Weise zu zeigen und mich zur Eifersucht zu reizen, um so eifriger, je mehr ich lachte. Sie setzte sich zu dem Fremden und scherzte und schäkerte mit ihm, was diesem offenbar sehr gefiel; denn der Herr von Villafranca benutzte alsbald meine Börse, um den Ostiere eine Tracht Wein nach der andern auftragen zu lassen, mit der er die ganze Gesellschaft bewirthete. Der Wein stieg bald in ihre Köpfe und machte ihre Zungen sehr lebendig. Ein wildes Abenteuer nach dem andern kam zum Vorschein und unser Jagdkamerad schien sich überaus in der Gesellschaft zu amüsiren, rauchte seine Pfeife und trank und schwatzte mit der lärmenden Bande.
Meister Legroni erinnerte sich nicht, je zwei so einträgliche und lustige Tage gehabt zu haben, wie den heutigen und seinen Vorgänger.
Der Herr von Villafranca mochte etwa 39 bis 40 Jahr zählen und konnte für einen stattlichen Mann gelten. Sein etwas herrisches Gesicht hatte durch die tolle Lustbarkeit, der er sich hingab, den Ausdruck von Strenge verloren und man sah ihm an, daß er sich köstlich unter diesen wilden gesetzlosen Charakteren amüsirte.
Ich hatte mich etwas abseits gesetzt und hing verschiedenen
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Gedanken nach, als Therese eine Gelegenheit wahrnahm, sich mir zu nähern!«
»Woran denken Sie, Signor?« frug sie.
»An Dich natürlich, schönste Alpenrose!«
»Sie lügen Signor! Würden Sie sonst so leicht den Preis Ihrer Jagd aufgegeben haben?«
»Den Preis?«
»Nun ja! Erinnern Sie sich nicht dessen, was ich Ihnen versprochen? Ich liebe Sie - ich mache kein Hehl daraus und bin bereit mein Wort zu halten. Wer hat den Steinbock geschossen?«
»Wir Beide!«
»Heilige Madonna, was ist dieser Mann langweilig und eigensinnig. Wer hat das Recht auf das Thier - ich muß es haben, schon um Ledreux damit zu ärgern, der heute Morgen wie ein geprügelter Hund davonschlich.«
»Willst Du es wirklich wissen?«
»Bei allen Heiligen - ja!«
»Und Du versprichst dem Deine Liebe, der den Bock geschossen?« Sie sah mich mit einem zärtlichen Blick an.
[Absatz]»Ich habe es bei der Madonna gelobt!«
»Bene! so kannst Du es diese Nacht erfahren, wenn Du das Zimmer besuchst, vor dessen Thür Du die Haut findest!«
[Absatz]Sie sah mich starr an. - »Ich habe versprochen, Ihnen meine Thür offen zu lassen!« sagte sie drohend - »wissen Sie, daß ein Weib nicht zwei Mal einem Manne ein solches Wort sagt, und daß eine Italienerin auch eine Beleidigung zu rächen versteht?!«
»Bah - ich bin zu müde, Kleine, um den Weg durch
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den langen Klostergang zu machen. Es ist unbescheiden von Dir, ein solches Opfer von Jemand zu fordern, der heute Morgen noch auf den höchsten Cols des Monte Viso war.«
Ich sah, wie sie ihre kleinen Zähne vor Zorn zusammenbiß und ihre Augen wie Dolchstiche Blitze warfen. »Ich werde kommen, Signor« sagte sie leise - »aber wehe Ihnen, wenn - -«
Ich unterbrach ihre Drohung, und horchte nach dem Fenster.
»Da kommen noch Gäste! ich höre das Klingeln von Maulthieren.«
In der That vernahm man dies Zeichen, was um so befremdlicher erschien, als der Abend bereits vorgeschritten war, und gleich darauf sah ich durch die kleinen halbblinden Fensterscheiben zwei Reiter vor der Thür der Herberge halten.
Meister Legroni war sogleich bei der Hand, ein solches Glück war ihm lange nicht passirt, und während er mit dem Knecht schalt, daß dieser nicht rasch genug von der Bank aufkommen konnte, rannte er hinaus, um den neuen Gast, der nicht zu Fuß, sondern wie wir, zu Pferde ankam, zu begrüßen und ihm den Steigbügel zu halten.
Therese war zu unserm Jagdgefährten zurückgekehrt, der sich herzlich wenig um den neuen Besuch zu scheeren schien, sondern zu trinken und mit den Schmugglern Karten zu spielen fortfuhr.
Ich sah auf die Thür, die sich jetzt öffnete. Rückwärts
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hinein mit tiefen Bücklingen kam der Wirth mit seiner Laterne in der Hand, hinter ihm, dicht in seinen Mantel gehüllt, ein fremder Mann von mittelgroßer Gestalt, den Hut auf dem Kopf, von dem ich anfangs nur sehen konnte, daß er ein rundes volles Gesicht hatte und eine Brille trug. Hinter ihm drein kam Andrea, der als Wegweiser gedient zu haben schien und sich jetzt sehr still und ohne viele Begrüßung seiner Kameraden in eine Ecke der Wirthsstube zurückzog.
»Hier Excellenza, hier ist der Herr, nach dem Sie fragen« sagte sehr geschmeidig der Wirth - »ein vortrefflicher Herr, ein ausgezeichneter Jäger, der heute einen großen Bock geschossen!«
»Ich zweifle keinen Augenblick daran, amico!« sagte der Fremde, indem er näher trat und seinen Mantel öffnete. »Und was ich sehe, bestätigt mir's!«
Unser Jagdkumpan hatte sich endlich bequemt, sich einmal umzudrehen, um den Fremden in Augenschein zu nehmen. Die Stimme desselben schien ihm aufzufallen und als Jener jetzt den Mantel öffnete und den Hut abnahm, brach er in ein schallendes Gelächter aus.
»Hol' mich der Teufel« schrie er, die Karten auf den Tisch schleudernd, - »Camillo?! Pest und Doria, Mann, wie kommst Du hierher in dies abgelegene Spitzbubenloch? Mensch - mach' nicht ein solches Gesicht und verdirb mir die Laune nicht! Du weißt, Du hast kein Recht mehr, den Vormund zu spielen!«
»Ich komme« sagte der Fremde höflich, fast ehrerbietig, um Sie, Si...«
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»Um Signor Villafranca aufzusuchen« unterbrach ihn der Jägersmann. »Es ist der frühere Verwalter meines kleinen Gutes, Kinder, drunten in der Ebene, und er hat wahrscheinlich gehört, daß ich mich auf der Jagd in den Bergen herumtrieb, als er mich besuchen wollte[.] Warst Du wirklich auf dem Wege es zu thun, Camillo, dann sei mir herzlich gegrüßt!«
Er reichte ihm die Hand, die der Andere leicht berührte.
»Ich war auf der Durchreise in Saluzzo« sagte dieser, »als ich erfuhr, - daß Ihre Ankunft in Rovello zu erwarten stand. Deshalb war ich dort anwesend, als Ihr Bote die Ordre brachte.«
»Ja - an den Kaufmann, der mir gewöhnlich das Wild abnimmt.«
»Und da meine Reise Eile hatte, erlaubte ich mir hierher zu kommen.«
»Das ist schön von Dir amico! Aber nun nimm erst etwas Speise und Trank zu Dir, dann werd' ich Dir wohl zu Diensten stehen müssen, obschon ich bei allen Schutzheiligen im Kalender gehofft hatte, ich würde bis morgen Ruhe haben. He Theresella, ist noch ein Stück von dem Moufflebraten für meinen Freund hier da? und Du doppelkreidiger Abt und Kellermeister dieser alten Mönchsspelunke - bring' eine frische Flasche vom Besten! - Ich hoffe, Du wirst für meinen Freund hier noch irgend eine Zelle mit Bett ohne allzuviel Ungeziefer frei haben?«
»Oh Signore - wie können mich Euer Excellenz so beleidigen?« - »Ich danke jeden Falls für das Nachtlager« sagte mit bestimmtem Ton der Fremde. »Um 12 Uhr
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geht der Mond auf und ich gehe noch diesen Abend zurück nach Revello, vorausgesetzt, daß Ihr mir Euren Knecht mitgeben könnt, um mir diese verdammten engen Bergpfade zu zeigen, denn der Alte dort wird zu müde sein.«
Andrea richtete sich von der Bank, auf der er ruhte, empor.
»Wenn Sie mich meinen, Excellenza, so sorgen Sie darum nicht. Wenn ich auch die Sechszig auf dem Rücken habe, ich werde jeden Augenblick bereit sein, Sie zu begleiten.«
Der Fremde lächelte, er schien sehr wohl die Habsucht seiner Landsleute zu kennen, welche einem Anderen nicht gern ein Verdienst gönnen, das sie selbst machen können.
»Gut - so legt Euch auf das Ohr und schlaft bis dahin. In zwei Stunden brechen wir auf. Ich muß morgen früh in Saluzzo sein, um den ersten Zug nach Turin zu benutzen, und ich hoffe, daß andere Leute eben so verständig sein werden.«
Der Herr von Villafranca lachte ihm in's Gesicht. »Meinst Du mich?« - und als Signor Camillo sich begnügte, die Achseln zu zucken, fuhr er fort: »Ich bin in der besten Gesellschaft hier, und muß doch meinen Jagd-Kameraden Dich vorstellen. Herr von Roccabruna, noch vor Kurzem Offizier ...«
Aber der Herr von Roccabruna hatte es für gut gefunden, einige Augenblicke vorher sich zu entfernen, und auf seinen Wink war ihm Sta Lucia gefolgt.
Draußen vor der Thür rief ich diesen zu mir.
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»Sind unsere Pferde in Stand, Signor Lucia?« frug ich.
»Gewiß Signor - wie meinen Sie dies?«
»Dann bitte ich Sie, dafür zu sorgen, daß sie morgen um 5 Uhr gesattelt sind und wir abreisen können.«
»Wie - ich dachte, Sie wollten noch einige Tage jagen?«
»Es ist besser, Signor Lucia, glauben Sie mir, daß wir sobald als möglich die Gesellschaft dieser Herren meiden, selbst auf die Gefahr hin, keinen Bock geschossen zu haben!«
Herr Sta Lucia fand es zweckmäßig, zu gehorchen, vielleicht, weil er sich erinnerte, daß wir sehr nahe der französischen Grenze waren und daß Corsica zu Frankreich gehört, und ich zog mich nach meinem Zimmer zurück.
Dasselbe lag eine Treppe hoch neben dem, in welches man am Nachmittag unseren Jagdgenossen einlogirt hatte. Ich war etwa eine halbe Stunde auf meinem Zimmer, als ich die Stimme des Herrn von Villafranca hörte, der mit seinem Besuch den Gang herauf kam, um in sein Zimmer zu gehen.
Kaum aber war dies geschehen, als sich eine ganz eigene Erscheinung meinem Gehörssinn bot, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte, da in den Nächten vorher die benachbarte Zelle leer geblieben war.
Es war mir nämlich, als befänden sich die Personen, die ich eben in das Nebenzimmer hatte gehen hören, in meinem eigenen, als würde jedes Wort, das sie redeten, dicht vor meinen eigenen Ohren gesprochen, als hörte ich
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jede, auch ihre kleinste Bewegung, - obschon ich wußte, daß eine dicke Mauer die beiden, ziemlich großen und geräumigen Gemächer von einander schied und obschon mein Bett an der entgegengesetzten Wand stand.
Diese Erscheinung machte mich anfangs bestürzt und ich suchte vergeblich, sie mir zu erklären. Ich erinnerte mich des Echos am Grab der Metella in der Campagna von Rom, das einen ganzen Hexameter wiederholt, des Echos von Rosneath in Schottland und auf dem Schloß Simonetta bei Mailand - ich rief mir alle Lehren der Akustik in's Gedächtniß zurück, die ich früher gehört, - ohne eine genügende Lösung finden zu können. Zuletzt erinnerte ich mich jener furchtbaren Geschichte von dem Echo der Kirche Santa Barbara in Neapel, das ihrem Baumeister den Tod brachte, und von dessen seltsamer Wirkung ich mich selbst überzeugt hatte, - aber dies Alles erklärte mir noch nicht die gegenwärtige Erscheinung, denn dort war überall freier Raum, nicht wie hier eine dicke Mauer dazwischen, vom Fußboden bis zum Gewölbe.
Ha - Gewölbe!
Mit dem Gedanken, mit dem Wort fiel mir die einzige denkbare Lösung ein.
Ich hatte, wenn ich im Bett lag, vor dem Aufstehen oder Einschlafen nach Gewohnheit die Augen oft nach der Decke gerichtet und dabei bemerkt, daß die beiden Gemächer eine gemeinschaftliche Kuppelwölbung besaßen. Sie hatten wahrscheinlich in früheren Zeiten ein Ganzes, vielleicht eine Art Saal oder Refektorium gebildet. Die Schallwellen mußten
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sich durch irgend ein akustisches Geheimniß an der vielleicht aus Topfgewölben bestehenden Decke fortpflanzen.
Ich wollte anfangs aufstehen und anklopfen, um nicht ein unwillkommener Mitwisser von - vielleicht gefährlichen - Geheimnissen zu werden, aber einerseits kam der Entschluß nach dem Anfang der Unterredung schon zu spät, dann hinderte mich ein anderer Umstand daran, den ich jetzt übergehen will, und drittens - ich muß es gestehen, erregte der Inhalt dieser Unterredung mein höchstes Interesse.
Ich sagte mir, ich hätte Nichts gethan, um ihr beizuwohnen, - wenn die Personen, die sie hielten, nicht verständen oder für ihr eigenes Interesse hielten, so wichtige Dinge besser zu bewahren, - habe kein Dritter Veranlassung, diese Sorge zu übernehmen.«
»Und muß diese Unterredung,« sagte der spanische Oberst, als der Erzähler hier eine Pause machte, »für uns ein Geheimniß bleiben, oder glauben Sie, dieselbe mittheilen zu können? denn ich muß gestehen, die Persönlichkeiten Ihrer beiden Nachbarn haben mich etwas neugierig darauf gemacht.«
»Oh porque? - nichts weniger als das - ich bin bereit sie aus dem Gedächtniß zu wiederholen, so gut es mir möglich ist, - wenn - -«
»Nun?«
»Wenn Seine Hoheit hier Nichts dagegen zu erinnern hat!«
»Ich? - wie sollte ich dazu kommen?«
»Um Verzeihung, Altezza, ich meinte nur, weil mitunter darin von einem hohen Verwandten von Ihnen die
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Rede ist, dem dabei nicht gerade Schmeicheleien gesagt wurden.«
Der Prinz lachte herzlich. »Ich bitte Sie dringend, Herr Graf, thun Sie sich meinetwegen keinen Zwang an, wenn Sie etwa meinen Vetter den Kaiser meinen!«
»Dann« - meinte lächelnd der Abenteurer, »erlaube ich mir um so lieber fortzufahren, als die Mittheilung jetzt unsere Zeitgeschichte nicht mehr ändern kann, sondern nur Einiges erklären mag, dessen Zeuge wir waren.
Freilich - hätten damals Se. Majestät der König Franz von Neapel oder Se. Heiligkeit der Papst Pius IX. an der Stelle Ihres ganz ergebenen Dieners sein können, so brauchte der Eine wahrscheinlich heute nicht in Gaëta seine Königin Artilleriekapitain spielen zu lassen und der Andere zöge vielleicht noch seine Steuern aus Umbrien und den Marken.
Hier haben Sie die Unterredung!«

Jescze Polska nie zgin ela!

Ueber die öde polnische Gränzsteppe fegte der Nordost und trieb den scharfen Schneestaub wie Nadelspitzen trotz der Mantel- und Pelzumhüllung in die Gesichter der beiden Reisenden.
Es war am Mittwoch den 2. Januar 1861 und bitter kalt geworden. Der Schlitten, der die beiden Reisenden trug, war eine auf Kufen gestellte schlecht verwahrte Post-Kalesche und kam mit zwei Extrapostpferden bespannt auf der Chaussee von Posen nach Warschau, die seit der Eröffnung der Eisenbahn über Krakau ziemlich einsam war, und zwar von der vorletzten Station vor der Gränze, Wreschen, in scharfem Trabe her,[.] Die beiden Insitzenden des Wagens waren ein älterer Herr von etwa 50 Jahren mit ernstem verständigem Gesicht von polnischer Nationalität, der andere viel jünger, mit breiter Stirn, etwas vorstehenden Backenknochen, blasser Gesichtsfarbe und einem langen hübschen Schnurrbart. Der polnischen Nationalität gehörte er offenbar gleichfalls an.
Die Unterhaltung wurde in französischer Sprache geführt, obschon der Postillon wie sie ein Pole war und
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unter dem Hut eine warme wollene Mütze tief über die Ohren gezogen trug.
»Wie weit haben wir noch bis Strza kowo, Graf?«
»Noch eine Meile, Kapitain - es sind 3 Meilen von Wreschen bis dahin. In einer halben Stunde biegen wir nach meinem Gute ab und ich hoffe, daß wir vorher unseren Mann treffen.«
»So glauben Sie also wirklich« frug der jüngere der Reisenden, derselbe, den der andere Kapitain genannt hatte, »mich auf diese Weise am Leichtesten über die Gränze schaffen zu können?
»Am Leichtesten und am Sichersten. Sie werden in Begleitung preußischer Beamten und Zollwächter an die Gränze gehen, und von den russischen Gränzwächtern selbst in bester Form bis Gollin oder Konin spedirt werden, - ich weiß nicht gleich, wohin diesmal Freund Jokef seine Direktion nehmen wird.«
»In der That« sagte der Kapitain lachend, »ich hätte nicht gedacht, als ich von Dresden abreiste, daß mich auf diese Weise die Herren Kosacken selbst nach Polen führen würden, höchstens mit Eisen an Händen und Füßen auf dem Weg nach Sibirien.«
»Das kann jenseits der Gränze noch immer geschehen« bemerkte der Aeltere ernst, »wenn Sie nicht die strengste Vorsicht anwenden. Die Polizei in Warschau ist sehr aufmerksam, und Sie wissen, wie stark seit der letzten Anwesenheit des Kaisers die Emigration durch die Verhaftung von Asnick und die faisirten Papiere kompromittirt ist.«
»Eben darum ist es nothwendig, mit dem so lange
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verschobenen Vorgehen zu beginnen. Hätte das Centralcomité in Paris die Vorbereitungen beendet gehabt, so hätte in diesen Tagen die Erhebung diesseits und jenseits der Gränze beginnen können. Für Posen wäre keine glücklichere Gelegenheit gewesen, denn ein Thronwechsel hat immer in der ersten Zeit Schwanken und Unentschlossenheit in der Regierung, und Bereitwilligkeit zu allen Concessionen zur Folge.«
»Der arme Herr! Gott schenke ihm sein himmlisches Reich - ich beklage ihn von Herzen!«
»Wie, Graf, Sie - einen Feind Polens? einen Unterdrücker Ihres Volkes?«
»Junger Mann« sagte der Andere, - weiland König Friedrich Wilhelm IV. war König von Preußen, aber nicht ein Feind und Unterdrücker unserer Nation, die ihm manchmal gerade nicht sonderlich gedankt hat. Er war einer der besten und edelsten Menschen, die ich je gekannt habe, und sein Charakter erinnert an Marc Aurel, deswegen ist er auch kein großer König gewesen. Die Preußen werden erst jetzt nach seinem traurigen Ende erkennen lernen, was er war. Wir aber, seine Unterthanen polnischer Nationalität - ich wähle diesen Ausdruck mit allem Bedacht, - denn er hat Polen nicht getheilt, nicht unterdrückt, sondern dies Land als Erbe überkommen, - haben zahllose Beweise seiner Güte und Milde und seines Wohlwollens für unsere Nationalität erhalten.«
»Sie sprechen Herr Graf, als hätten Sie nicht Achtundvierzig gegen ihn gefochten!«
»Daß ich es that, wird mir immer leid thun«
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erwiederte sehr ernst der alte Edelmann. »Das war damals keine Erhebung eines unterdrückten Volkes, wie im Jahr dreißig drüben in Warschau, sondern nicht viel besser als Meineid und Verrath, und ich bedauere aufrichtig, daß ich mich durch meine Liebe zu Polen hinreißen ließ, an einem so undankbaren, nutzlosen und durch die Grausamkeiten der fanatisirten Masse, wie durch die Unfähigkeit und Jämmerlichkeit des Führers verwerflichen Unternehmen Antheil zu nehmen.«
»Puh!« sagte der Kapitain - es ist heute doch sehr frostig!«
[Absatz]Der Graf lächelte. »Wenn Sie die Witterung meinen, so glaube ich allerdings, daß Sie einen schweren Unterschied zwischen den sonnigen Fluren Italiens und den Flächen zwischen der Wartha und Weichsel finden werden. Bezog sich aber Ihre Aeußerung auf meine Gesinnung - so irren Sie sich. Der Thermometer meines Patriotismus hat noch nie auf dem Gefrierpunkt gestanden, ich bin ein Pole von Herz und Seele, wie ich einer von Geburt bin; denn ich bin geboren, als Polen wenigstens den Namen der Selbstständigkeit hatte - jedenfalls sein Sie versichert, Herr Kapitain, daß der Graf Czatanowski nie ein Verräther an der Sache Polens sein wird, so wenig, wie er sie durch falschen Eifer und nutzlose Phrasen zu kompromittiren wünscht.«
»Verzeihen Sie, Herr Graf« sagte nach einer Pause der junge Mann mit sichtlicher Beschämung, - »ich habe Sie nicht beleidigen wollen. Aber ich bin an die Sprache der Clubs gewöhnt, und glaubte, daß ein Mann, dem Graf Dzialinski meine Sicherheit anvertraute und der um
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die Zwecke meines Unternehmens wußte, sich anders äußern würde.«
»Sie werden noch manche Ihre Begeisterung verletzende Erfahrung machen, Herr Kapitain« sagte der Graf, »während Sie Ihren gefährlichen Weg verfolgen. Aber ich wünsche und hoffe, daß diese Erfahrungen nicht Ihre Begeisterung ertödten, sondern nur in die richtige Bahn lenken werden. Patriotismus und Fanatismus sind zwei sehr verschiedene Dinge, und ein grauer Kopf denkt anders wie einer, den noch das schwarze Haar der Jugend umwallt. Ich halte eine Volkserhebung im russischen Polen zum Schutz unserer immer mehr bedrohten und tyrannisirten Nationalität, unseres Rechts, in der Reihe der Nationen zu existiren, für gerechtfertigt, ja für nothwendig, und wenn Ströme von Blut dafür fließen müssen. Ich würde mit Freuden Leben und Habe dafür opfern, ein freies, selbstständiges Polen unter eigenen Fürsten wieder hergestellt zu sehen, und gelänge dies in Warschau, zweifle ich keinen Augenblick, daß binnen Kurzem auch die Landestheile von Posen und Westpreußen, die wirklich noch unserer Nationalität angehören, diesem freien selbstständigen Polen von den preußischen Herrschern durch Vertrag zurückgegeben werden würden. Denn Preußens Mission geht nicht nach Osten, es braucht dort vielmehr eine starke Vormauer gegen die vordringende Russifizirung, sie ist ganz deutsch, sie ist die Erstarkung und Einigung Deutschlands unter preußischem Scepter oder mindestens preußischem Schirm zum alten aber festeren deutschen Kaiserthum, und diese Mission wird sicher erfüllt werden über kurz oder lang! Aber
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eine bewaffnete Erhebung gegen unsere jetzige - ich wiederhole es, angeerbte - in jeder Beziehung loyale und achtungswerthe Regierung halte ich für so unzweckmäßig wie ungerechtfertigt.«
»Was Sie von Preußens deutscher Mission sagen, Herr Graf« sprach nach einigem Sinnen der Kapitain - »mag seine Wahrheit haben, obschon ich - als Republikaner aus Ueberzeugung - diese Wendung nicht wünsche. Aber warum hat denn der in der vergangenen Nacht verstorbene König, als ihm vor eilf Jahren die deutsche Kaiserkrone angeboten wurde, und selbst wir Polen damit einverstanden waren, nicht zugegriffen?«
»Weil er zu klug war, um nicht zu wissen, daß jedes Wahlreich auf eine polnische Wirthschaft hinaus läuft, die Ursache, an der Polen zu Grunde gegangen ist. Ein Parlament selbst ehrlicher begeisterter Schwätzer kann kein großes Deutschland, keinen Kaiser von Deutschland machen, dazu gehört die Hand Gottes, und glauben Sie mir, sie wird sich zeigen zu rechter Zeit, so auch bei uns. Es thut mir leid, Ihrem republikanischen Utopien widersprechen zu müssen, aber ich bin Aristokrat und Monarchist durch und durch. Doch fürchten Sie nicht, Kapitain, daß für die wenigen Stunden, die Sie bei mir zubringen können, Sie durch meine allerdings etwas stark von unseren Freunden in Posen, Dresden, Frankfurt und Paris abweichenden Ansichten gelangweilt oder verletzt werden sollen - Sie finden in meinem Schloß die Ihren leider allzureichlich vertreten.«
»Sie haben Familie, Herr Graf?«
»Zwei Söhne und eine Tochter. Mein ältester Sohn
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ist Offizier in einem schlesischen Regiment, mein Jüngster, Gymnasiast in Trzemeszno, augenblicklich zu Hause.«
»Und Ihre Frau Gemahlin?«
»Ich habe leider meine Gattin verloren, statt ihrer leitet meine verwittwete Schwägerin mein Hauswesen, eine Gräfin Oginska aus Polen.«
»Aus dem jenseitigen! - Darf ich fragen, ob sie ein Verwandte unseres unglücklichen Sängers ist?«
»Eine Nichte von ihm, und eine enragirte Polin, die leider Einfluß genug auf meine jüngeren Kinder gehabt hat. Kasimira schwärmt zuweilen für die Wiederherstellung Polens, und Walery gefällt mir mit seinem finstern störrischen Patriotismus noch weniger.«
»Und Ihr ältester Herr Sohn?«
»Er ist preußischer Offizier!«
Wieder schwieg der Begleiter des Grafen, als überlege er sorgfältig einen Gedanken. Dann frug er:
»Und wenn nun eines Ihrer Kinder der Erhebung beitreten würde?«
»Jeder ist seines Schicksals Schmied, und Patriotismus wie Liebe sind eigene Gefühle des Herzens, über die keine andere Stimme zu gebieten hat. Nur Eins ...«
»Nun?«
»Wäre einer meiner Söhne Soldat und verließe als solcher hinterlistig seine Fahne, um überzutreten zur Revolution, so wäre er nicht mehr mein Sohn und sein Namen dürfte vor mir nicht genannt werden. - Uebrigens habe ich noch ein Mitglied, zwar nicht meines Haushalts aber doch eine Person vergessen, deren Bekanntschaft Sie
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jedenfalls machen werden, den Probst auf meinem Gut, Czalinski. Er übt bedeutenden Einfluß aus, und ich habe viel zu thun, ihn in Ruhe und Frieden mit dem Gesetz zu halten.«
Der Kapitain antwortete nicht, er zog es vor, noch darüber zu schweigen, daß er an diese Person Briefe bei sich führte, er lehnte vielmehr sich aus dem Schlitten und sagte dann: »Da vor uns fährt ein Frachtwagen.«
»Das ist sicher Jokef! Bitte - halten Sie sich im Schlitten und ziehen Sie Ihre Reisemütze über die Augen, während ich mit ihm verhandle. Es ist unnöthig, daß der Fuhrmann Sie sieht.«
Der Schlitten erreichte in der That jetzt einen jener großen Frachtwagen, die mit Leinwand in weitem Bogen überspannt, sonst auf allen Heerstraßen daher zogen und jetzt durch die Eisenbahnen so selten gemacht worden sind. Vier Pferde mit klirrenden Kummetgeschirren zogen den in der Kälte knarrenden und quitschenden Wagen, und der nebenhergehende in seinen schmuzigen Schaafpelz bis über die Ohren gehüllte Fuhrmann schimpfte und wetterte, als er das Signal des Posthorns hörte, das ihn zum Ausweichen zwang.
Aus der zugezogenen Plane aber streckte sich neugierig ein bärtiges Judengesicht.
»Ah, Jokef, bist Du's? Dzien dobry, Jokef!«
Der Graf hatte sich aus dem Schlittenkasten herausgelegt und befahl dem Postillon zu halten.
Wie ein Blitz war der Jude aus dem Wagen, um den vornehmen Herrn zu begrüßen; aber der Graf war rasch aus dem Schlitten gesprungen und einige Schritte
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zur Seite getreten. Jokef nahte sich ihm in tief gebückter Haltung, er schien fast auf dem Boden zu kriechen, als er das Padanmedonec, den Gruß der Niederen, machte und den Zipfel seines Rocks küßte.
»Gott der Gerechte, welche Ehre! welche Auszeichnung, daß der gnädige Herr Graf kennen auf der Landstraße den armen unbedeutenden Jokef! Womit hab' ich verdient das Glück?«
»Jokef,« sagte der Edelmann, - »ich habe einige Worte mit Dir zu reden. Wenn es Dir recht ist, können unsere Wagen langsam voran fahren und wir schlendern hinterdrein!«
»Ob es mir recht ist? Wie können der Herr Graf thun solche Frage! Ich wünschte, ich könnte gehn fünfundzwanzig Stunden im Tage hinter so einem vornehmen und edlen Herrn her. - Ignaz!« - schrie er dem Kutscher zu, - »Du wirst fahren langsam weiter, hinter dem Schlitten von dem gnädigen Herrn, und daß Du ihm nicht kommst zu nah, oder ich werde kürzen Dein Trinkgeld!«
Der Graf lachte. »Es ist keine Gefahr, daß Dein Frachtfuhrwerk den tüchtigen Postgäulen auf die Hacken tritt.« Dann gab auch er dem Postillon seine Anweisung, und während die beiden Fuhrwerke sich wieder in Bewegung setzten, der Schlitten jetzt voran, blieb das ungleiche Paar einige Augenblicke zurück.
Soweit es die Pelze und dicken Winterröcke erlaubten, konnte man ihre Personen jetzt erkennen, obschon der Abend rasch heraufkam.
Der Edelmann war kaum von mittlerer Größe, von
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feiner, hagerer Gestalt - eben so sein Gesicht, das einen ernsten, milden Ausdruck hatte, ja der Zug um Augen und Mund hatte etwas Leidendes. Sein spärliches feines Haar war von einem warmen Bashlik umhüllt, der vortrefflichen tscherkessischen Tracht, die von Rußland zu uns herüber zu kommen begann und bestimmt war, die Gefährlichkeiten der verrückten Frauenmoden wieder einigermaßen auszugleichen und Doctor und Apotheker, - ja selbst dem Todtengräber manches ihnen sonst verfallene Leben zu entreißen. Der Graf trug einen eleganten Biberpelz und Stiefeln mit gleichem Besatz.
Der jüdische Kaufmann war von der Natur weit reicher begabt. Es war eine hohe, nicht breitschultrig aber kräfig gebaute Gestalt, um mindestens einen Kopf größer als der vornehme Herr. Wenn diese Figur, die jetzt gebückt, demüthig sich neben dem Grafen herwand, immer einen Schritt zurück und bei Seite, sich aufgerichtet hätte, würde sie etwas Imposantes, Königliches gehabt haben. Und dazu hätte auch vollkommen die Bildung und der Ausdruck dieses Kopfes gepaßt. Ein schönes Oval von langen schwarzen Locken umgeben, die vor den Ohren gleich den Liebeslocken der alten Cavaliere zu Carl I. Zeit bis auf die Brust niederfielen; eine schmale gebogene Nase, unter der gleichen hohen weißen Stirn, ein Paar große funkelnde Augen, deren schwarzer Strahl, vom Ausdruck der Demuth oder der schlauen Berechnung, bis zum funkelnden Befehl des Feldherrn in der Schlacht, wechseln konnte; Wangen und Kinn von bleicher, feiner Farbe, mit einem prächtigen schwarzen Bart bedeckt, der bis auf die Brust reichte, oben
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aber nur von einem sehr schmalen, pechschwarzen Streif abgeschlossen war und den feinen, breiten Mund mit den schmalen Lippen und den weißen, weit auseinanderstehenden Zähnen, frei ließ.
Das war Jokef, der Kaufmann, der Sohn des in Polen mehr noch als sonst wo verachteten Volkes, aber ein Sohn aus dem Stamme, in seiner noch unverfälschten, unvermischten Nationalität, von dem die heilige Schrift mit Recht schreibt: »Der Löwe Juda's!« nicht das Kind eines feigen durch den Druck der Jahrtausende verkrüppelten, unschönen Geschlechts.
Wer die wirkliche Schönheit der jüdischen Race sehen will, der muß nach dem Orient gehen, wo sie unvermischt ist. Auch in Polen giebt es viele solcher Proben - selbst die Kreuzung mit dem romanischen Blut hält diese Schönheit aufrecht - nur die Vermischung mit dem germanischen scheint beiden Racen zu schaden. Darum sollten sie einander fern bleiben, Gott selbst hat sie geschieden!
In der ächten Race liegt aber immer etwas Selbstständiges, Mächtiges, Schönes, Aristokratisches.
So war es mit der Erscheinung Jokefs; der Kaufmann war ein prächtiges Exemplar, geistig und körperlich, von jenem Stamm, der die Makkabäer zeugte! - Der polnische Aristokrat, als er auf den demüthig neben ihn her Schreitenden sah, mochte dies unwillkürlich fühlen, es mochte ihn trotz seiner Erziehung und der jahrelangen Gewohnheit der Ueberhebung ein gewisses Gefühl der Achtung überkommen, denn er blieb einen Augenblick stehen und sagte: »Es freut mich, Jokef, daß grade Du es bist, den
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ich treffe! Ich weiß, in Deinen Händen ist das Geschäft gut aufgehoben, das ich Dir anvertrauen möchte.«
Der Jude richtete sich einen Augenblick empor und legte die Hand auf das Herz. »Der gnädige Herr werden den Jokef gefunden haben immer als Einen, der scharf ist aufs Geschäft, aber als einen ehrlichen und pünktlichen Mann. Ihnen, gnädiger Herr, wird der Jokef stets bereit sein zu dienen, nicht allein mit seinem Gut, sondern selbst mit seinem Blut, weil er hat Liebe und Achtung vor Ihnen und Sie ihm lassen sein Recht. - Was soll es sein, Herr Graf? Wollen Sie verkaufen die nächste Schur oder das nächste Korn? Ich werde zahlen den höchsten Preis, den geben kann ein Kaufmann bei jetziger Zeit.«
Der Graf lächelte. »Nein Jokef, Gott sei Dank, meine Verhältnisse sind so geordnet, daß ich Deines Beutels nicht nöthig habe, obschon ich weiß, daß er die Güter meiner halben Nachbarschaft baar bezahlen könnte!«
»Herr Graf - Gnädiger Herr - - -«
»Still, Freund! Ich will Dich um einen Dienst bitten, der eher das da, als Deinen Geldbeutel in Anspruch nimmt!« und er deutete mit dem Finger auf den Kolben einer Pistole, der bei den Bewegungen des Körpers sich aus den Brustfalten des seidenen Kaftans hervorgeschoben hatte, den der Kaufmann unter dem schmuzigen Pelz trug. »Vor Allem, Jokef, sei so gut und setz Deinen Hut auf wenn wir weiter reden sollen, denn es ist schlimm kalt heute Abend!«
Der Jude ergoß sich in allerlei Danksagungen für diese Gunst, und suchte damit seine Verlegenheit zu
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verbergen über die Entdeckung der Waffe, während er den Filzhut auf sein bis dahin nur von einem schwarzseidenen Käppchen bedecktes Haupt setzte. Mit dem Aufsetzen des Hutes behielt er übrigens seine aufrechte freiere Haltung bei.
»Ich weiß nicht, was der Herr Graf meinen, daß ich Ihnen kann dienen mit dem alten Pistol, das ich gekauft habe für alt Eisen bei einem von unsere Leut' in Posen.«
»Setze Dich nicht selbst herab, Mann« sagte der Graf ernst. »Ich weiß, daß Deine Hand sehr wohl mit der Waffe da umzugehen weiß, wenn es gilt, Deine Freiheit und Dein Eigenthum zu vertheidigen gegen die Habsucht der russischen Strazniks.«2
»Soll mir Gott, gnädiger Herr - ich würde es nur thun in der höchsten Noth. Ich will gern geben gute Prozente, wenn sie mich lassen in Frieden bei meinem Handel. Aber es ist ein schlechtes Volk!«
Der Graf wies nach dem Wagen vor ihnen. »Sollen die Waaren die Rogatka3 passiren, oder wirst Du sie schmuggeln?«
Der Kaufmann warf ihm einen halb schlauen, halb furchtsamen Blick zu.
»Wie kann ein ehrlicher Mann bezahlen die schreckliche Steuer, die doch kostet viel mehr, wie die Waare selbst. Wie könnt' ich verkaufen meinen Taback, meinen Zucker, meinen Kaffee und die Waaren von Seide und Tuch an die Herren Edelleute und die Bauern und die Bürger zu vernünftigem Preis, wie meine Concurrenten, wenn ich es
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nicht machen wollte wie sie, sondern bezahlen 300 Prozent Steuer an den Staat, statt 50 Prozent an die Herren Kosacken. Lassen Sie machen ein vernünftiges Gesetz bei uns in Polen, wie Sie haben bei kluger und gerechter Obrigkeit hier in Preußen, es wäre eine Freude am Handel und Wandel, und Niemand würde schmuggeln die Waaren!«
»Bei den Deinen hast Du einen Artikel vorhin vergessen.«
»Was meinen der gnädige Herr?«
»Das Pulver!«
Der Kaufmann schrak zurück. »Der Herr Graf wissen doch sicher, daß es verboten ist bei schwerer Kerkerstrafe zu handeln mit Pulver und Waffen ohne besondere Erlaubniß von der kaiserlichen Statthalterschaft in Warschau!«
»Jokef!«
»Herr Graf!«
»Du bist ein Pole?«
Der Kaufmann legte die Hand auf das Herz. »So wahr ein Gott ist im Himmel, Herr Graf, der Jokef hat ein polnisches Herz. Glauben Sie, daß ich nicht sollte lieben das Land meiner Väter im zehnten Grad, weil ich bin ein Jude, und meine Väter im zwanzigsten Grad haben vielleicht gewohnt unter den gesegneten Palmen, statt unter den Kiefern dieses Landes? O Herr Graf, auch der Jude hat ein Vaterland, das nicht heißt Palästina, und er liebt die Erde, wo er ist geboren und wo seine Eltern begraben sind, so gut wie der Christ!«
»Ich weiß es, Mann, und ich achte Dich deshalb.« Er reichte ihm die Hand, die der jüdische Kaufmann küßte.
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»Höre, Jokef, eben weil Du ein Pole bist, sollst Du mir einen Gefallen thun. In jenem Schlitten befindet sich ein Mann, der direkt von Paris kommt und nach Warschau gehen muß. Ich verberge Dir die Gefahr nicht - es ist ein Emigrant und er kommt in politischen Angelegenheiten. Kannst Du helfen ihn sicher, und unbeobachtet über die Gränze bringen?«
Der Jude sah ihn fragend an. »Haben der gnädige Herr vielleicht schon einen bestimmten Plan?«
»Du bringst Deine Waaren nach Strza kowo und willst sie in gewöhnlicher Weise über die Gränze schmuggeln lassen?«
»Ja gnädiger Herr!«
»Wann?«
»Es ist für heute zu spät, - sie müssen erst umgepackt werden im Dorf. Ich werde senden morgen früh an den Herrn Kapitain von die Kosacken nach S upce und werde handeln mit ihm. Wenn er sich läßt billig finden für sechszig Pferde, können wir schaffen morgen Nacht die Waaren nach Gollin, wo ich habe ein Lager bei vertrauten Leuten.«
»Du begleitest den Zug?«
»Ich werde nicht verlassen mein Eigenthum.«
»Gut - ich weiß, daß Du dann gewöhnlich einen Knecht oder Begleiter mitnimmst. Kannst Du in Stelle desselben nicht den Mann nehmen, den ich Dir empfohlen, und für dessen Sicherheit ich mich verbürgt habe?«
Der Kaufmann sann einige Augenblicke nach. »Es könnte gehn! Aber der Herr müßte sich verkleiden als
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mein Knecht, der Levi Schmuel, der hat rothe Haare und ist grade keine Schönheit von Gesicht, aber ein treues Herz.«
»Ich werde für seine Verkleidung sorgen!«
»Es ist nicht wegen meiner Sicherheit, aber wegen ihm selbst und der edlen Sache, der er dient. Die Herren Kosacken betrügen wohl die Regierung um den Zoll, aber sie würden nicht einwilligen, durchzulassen einen fremden Mann, von dem sie glauben, er sei politisch. Auch würden es die Königlich preußischen Behörden nicht zugeben. Der Herr Graf wissen so gut wie ich, daß sie auf dem Haupt-Zoll-Amt unterstützen die Ausfuhr im Stillen, wenn sie es auch nicht können thun öffentlich. In Preußen ist man vernünftig und hilft dem Handel und Wandel, statt ihn zu bedrücken, und darum blüht das Land und Jedermann ist stolz darauf zu sein ein Preuße. Aber ich darf nicht wagen, zu mißbrauchen, wenn sie schließen die Augen und geleiten mich bis an die Gränze. Ich werde den Levi Schmuel behalten im Dorf und ihn schicken zurück nach Wreschen, um zu besorgen noch einen Auftrag. Er hat einen Paß und kann in zwei Tagen kommen in aller Offenheit über die Gränze. Der Herr, den Sie mir empfohlen, soll haben das Pferd, das ich lasse kommen von den Kosacken für ihn, und mich begleiten, wenn er will bis Gollin, vielleicht kann ich ihm helfen weiter.«
»Er will zunächst nur bis Kazimierz.«
»Ich versteh', zu dem Herrn von Wo awski. Gut - er soll morgen Abend sein Punkt neun Uhr verkleidet vor dem Krug im Dorf, wo werden stehen meine Wagen, und
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ich werde sorgen für seine Sicherheit, als wäre es mein Bruder.«
»Ich werde ihn selbst dahin bringen. Ich denke dem Ober-Inspektor oder dem Postmeister einen Besuch zu machen. Er soll meinen Schlitten fahren und kommt so unbemerkt nach dem Krug, wo er ausspannt. Das ist ein Dienst, Jokef, für den ich Dich natürlich nicht belohnen kann, denn man bezahlt Niemandem den Kopf, den er in die Schlinge steckt. Aber Deine Auslagen muß ich Dir wenigstens vergüten und ein Trinkgeld für Deinen Knecht Levi.«
Er griff nach der Börse, aber der Jude hielt seine Hand zurück. »Herr Graf,« sagte er bittend, »Sie haben mich immer behandelt als einen zuverlässigen Kaufmann. Ich bitte Sie, mir zu machen die Freude, mich auch zu behandeln als einen guten Patrioten. Lassen Sie hierbei sein keine Rede von Geld zwischen dem Herrn Grafen Czatanowski und dem Jokef!«
»Du hast Recht - so nimm wenigstens noch einmal meine Hand, aber ohne sie zu küssen, sondern mit einem Händedruck, wie ihn der Mann dem Manne giebt. Abschlagen aber wirst Du einem alten Bekannten und Geschäftsfreunde doch nicht, im Frühjahr auf seinem Gut einzusprechen, um sich nach feiner Wolle zu erkundigen. Wenn ich etwa in Berlin sein sollte zum Landtag, wird doch mein Amtmann die nöthige Anweisung haben.«
»Verlassen Sie sich darauf, gnädigster Herr, der Jokef wird kommen, denn das ist sein Geschäft, und zahlen den möglichst besten Preis! - Gott der Gerechte, wenn doch
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wollten sein alle Edelleute so wie Sie, oder wenn doch wollten sein die Verhältnisse bei uns wie bei Ihnen, es wären alle die Heimlichkeiten nicht nöthig, und wir wollten lieben den Kaiser in Petersburg als König von Polen, so gut wie Sie Herr Graf, der Sie doch auch sind ein guter Pole, lieben mögen den König von Preußen in Berlin als den Großherzog von Posen!«
»Der arme Herr!« sagte der Graf - »er meinte es wirklich ehrlich und gütig mit unserer Nation! - Du weißt doch die traurige Nachricht, Jokef?«
»Von seiner Krankheit?«
»Nein - Gott der Herr, der die Prüfung über ihn verhängte, hat ihr ein Ziel gesetzt und ihn in vergangener Nacht in sein Himmelreich aufgenommen. Der Telegraph brachte heute Morgen die Nachricht nach Posen.«
»Gott Israels - was muß ich hören? ich habe kein Wort geahnt davon, als die Christen feierten gestern so lustig noch ihr Neujahr. Herr Graf, ich möchte weinen auf seinem Grab, denn wenn ich auch bin geboren jenseits der Gränze, hab' ich doch viel Verkehr in seinem Land gehabt, so lange ich handle, und das sind jetzt zwanzig Jahr. Er ist gewesen ein Salomo und ein gerechter Mann, in dessen Angesicht war Milde und Güte; denn ich hab' es zwei Mal gesehen, wie er gewesen ist in Posen und hat gesprochen so freundlich mit dem gemeinen Mann und auch mit den Leuten von meinem Volk, als ob er nicht wäre ein gewaltiger Fürst. Ich muß weinen, Herr Graf, als wär gestorben ein König von Zion, und wenn ich komme nach Hause zu meinem Weib und meinen Kindern,
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werd' ich sie Schiwe sitzen lassen alle für ihn und beten das Todtengebet. Der Gott der Christen und der Juden, und aller Menschen schenke ihm die ewige Seligkeit!«
»Amen! - und nun Jokef, lebe wohl bis morgen, ich verlasse mich ganz auf Dich!«
Der Graf reichte dem Kaufmann zum dritten Mal die Hand und ging von ihm ehrerbietig begleitet zu dem Schlitten, der auf seinen Ruf gehalten hatte und mit dem die dampfenden Pferde nun lustig davon trabten, während der Jude wieder unter seine Plane kroch und langsam nach dem Gränzamt weiter zog.
Der Graf wandte sich zu seinem Begleiter.
»Es ist Alles in Ordnung, Herr, und morgen Abend werden Sie sicher über die Gränze kommen und während der Nacht Kasimierz erreichen.
»So hat der Mann eingewilligt?«
»Ja. Jokef ist ein wackerer Bursche und hat ein patriotisches Herz wie Sie und ich, das warm und aufopfernd für Polen schlägt. Beleidigen Sie ihn also nicht durch ein Anerbieten von Geld, sondern reichen Sie ihm die Hand, das wird ihn mehr freuen. Und nun noch Eins. Hier biegt unser Weg ab nach Slawice, dessen Dächer zwischen den kahlen Bäumen liegen, die Sie bereits da drüben sehen. Es ist deshalb nöthig, daß ich Sie mit meiner Hausordnung bekannt mache. Deren erste Regel ist, daß ich nie mit meiner Familie oder in deren Gegenwart über Politik spreche und eben so nicht dulde, daß meine Familie in meiner Gegenwart es thut, nicht blos mit mir, sondern auch mit Dritten. Es hat dies manchen
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schweren Kampf gekostet, aber ich mußte es durchsetzen, um bei den verschiedenen Meinungen und weil der Mund überfließt, wessen das Herz voll ist, mir den häuslichen Frieden zu bewahren. Ich bitte Sie also Herr Kapitain, sich danach zu richten. Das Zweite ist der Rath, auch wenn Sie das beste Vertrauen zu den Meinen gewinnen, vorsichtig mit der Nennung Ihres Namens zu sein, denselben besser ganz zu verschweigen. Ich habe zwar nur ordentliche zuverlässige Leute in meinem Dienst und hier auf preußischem Boden würde Niemand Sie belästigen, aber eine Unvorsichtigkeit ist oft schädlicher, als der Verrath und man darf dem Zufall keine Handhabe bieten.«
»Ich danke Ihnen, Herr Graf, nur wird es nicht möglich sein, ganz Ihrem Rath zu folgen, denn ich habe Briefe an Czalinski, in denen ich genannt bin.«
»Das ist dann seine Sache. Und nun noch einen letzten Rath und eine Bitte, für den Fall wir nicht wieder Gelegenheit haben sollten, ausführlich mit einander zu sprechen. Ich wünsche Ihrem Unternehmen von Herzen Glück und meine Sympathieen werden ihm folgen und es, so weit es sich mit den Grundsätzen, die mir Verstand und Pflicht zur Richtschnur gegeben haben, unterstützen. Wollen Sie aber ein gutes Ziel erreichen, so beschmutzen Sie eine heilige und erhabene Sache nicht mit schlechten Mitteln, die Ihrem Kampfe nur die Sympathieen aller Bessern auch des Auslandes rauben müssen, und zu denen leider eine Partei zu greifen sehr bereit scheint, die auch schlimmer Weise schon zu uns ihre Fäden gestreckt hat. Hüten Sie sich auch vor Mieroslawski, dessen maßlose
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Eitelkeit und Leichtfertigkeit unserer Sache schon unsägliches Unheil gebracht hat und bringen wird, und vor Allem auch vor einer Verbindung mit den russischen Sozialisten. Glauben Sie mir, die russische Revolution, die näher vor der Thür steht, als man in Petersburg sich träumen läßt, verfolgt ganz andere Zwecke, als die Wiederherstellung Polens und würde unser Vaterland eben so bereit knechten und unterdrücken, wie der schlimmste moskowitische Autokrat.«
»Ich danke Ihnen, Herr Graf!« -
Die Hunde auf dem Gutshof schlugen an, durch das offene Parkthor fuhr der Schlitten in das jetzt laublose Gehölz, das einzige auf weiter Runde, das nicht aus Kiefern und Fichten bestand, sondern aus schönen Eichen und anderen Laubhölzern, und der Postillon maltraitirte nach Kräften die Melodie »Fordre Niemand mein Schicksal zu hören«, um die Ankunft des Gutsherrn anzuzeigen und sich in der Küche ein heißes Glas Thee mit Rum zu sichern. Als der Schlitten auf der Rampe vorfuhr, war die Thür bereits weit geöffnet und zwischen den leuchtenden Dienern und dem Hausgesinde hindurch drängte sich eine junge Dame, welcher ein etwa sechszehnjähriger junger Mann folgte.
Im Hausflur stand eine große etwas corpulente Dame von sehr aristokratischer Haltung und sehr strengem Aussehen, hinter ihr ein magerer ältlicher, etwas schmutzig ausschauender Mann im schwarzen Priesterrock mit den weißen Bäfschen.
»Willkommen Papa! Gott grüß Dich Papa, die Heiligen segnen Deinen Eingang zum neuen Jahr!«
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Der Graf sprang zuerst aus dem Schlitten, umarmte das blühend hübsche Mädchen und küßte es herzlich auf Stirn und Mund. Dann reichte er dem ernst fast finster herankommenden Sohn die Hand. »Gott grüß Euch, Kinder, auch ich wünsch' Euch von Herzen ein gutes und gesegnetes Neujahr und so auch Ihnen, Frau Schwägerin und Ihnen ehrwürdiger Herr! - Danke, danke, Kinder!« fuhr er zu den Dienstleuten fort, die sich um ihn drängten, den Zipfel seines Rocks zu küssen. - »Kusch Nero! warte bis nachher. - Hier Kinder, bringe ich einen Gast. Sie finden hier gleich meine ganze Familie zusammen, Herr Doktor!«
Die junge Comtesse, die bisher am Halse des Vaters gehangen, trat etwas verlegen zurück, als sie jetzt den Fremden bemerkte, und diese Pause benutzten die Herren, um ihre Pelze und Pelzstiefeln in der Halle abzulegen, die über den in sie mündenden Thüren mit Elenn- und Hirschköpfen geschmückt war, sonst aber den Styl der Rococcozeit wies.
»Herr Doktor Ebel« sagte der Graf, seinen Begleiter vorstellend, »der leider die Gastfreundschaft von Slawice nur auf eine Nacht in Anspruch nehmen will. Gieb der Schließerin Befehl, Mira, das blaue Zimmer heizen zu lassen, und nun Schwägerin - wie stehts mit unserem Nachtessen, denn wir sind hungrig und erfroren. Es ist heute eine verteufelte Kälte!«
»Die Tafel ist servirt, Herr Schwager, wenn's gefällig!«
Die Dame hatte die Vorstellung bei Nennung des anscheinend deutschen Namens nur mit einem kurzen
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vornehmen Kopfnicken erwiedert, doch ließ sie ihren Blick prüfend an der eleganten männlichen Gestalten des Fremden einige Sekunden haften. Die Prüfung schien ihr doch nationale Züge zu weisen und ihre hohe Miene wurde etwas freundlicher.
»Wo speisen wir?«
»Im obern Saal, Herr Schwager. Da Sie uns nicht die Ehre Ihrer Gegenwart am Neujahrstage schenkten, feiern wir ihn heute.«
»Ich hätte das gemüthliche Parterre vorgezogen. Aber gut, daß Sie mich daran erinnern. Jozef - sorge dafür, daß der Koffer und die Pappschachteln von dem Schlitten genommen und in das grüne Kabinet neben dem Speisesaal gebracht werden - es ist Etwas für Euch Alle darin. - Ihren Arm, Frau Schwägerin! - Ah - mein wackerer Werthmann!« - er ließ noch einmal den Arm der Dame des Hauses los und reichte seine Hand einem älteren halb ländlich gekleideten Mann von sehr treuherzigem Ansehen. »Ich habe Sie gar nicht gesehen und dachte Sie bereits bei den Ihren. Wissen Sie, ich bringe eine sehr traurige Nachricht mit.«
»Um Gotteswillen Herr Graf, es ist Ihnen doch nichts Unangenehmes passirt?«
»Der König ist in vergangener Nacht gestorben!«
Die Nachricht schien einen sehr verschiedenen Eindruck zu machen. Die alte Gräfin hörte sie mit gleichgültigem Achselzucken, Werthmann aber, der Amtmann und Verwalter der weitläufigen Gutsherrschaft war sichtlich ergriffen.
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Er faltete die Hände und ein Paar große Thränen rannen ihm über die gefeuchteten Wangen.
»Gott der Herr gebe ihm eine freudenvolle Ruhestatt« sagte er - »er hat viel Unruh und Leid in seinem Leben getragen. Ich sah ihn noch als Knaben fast, - nicht viel älter, wie hier der junge Graf, bei Bar-sur-Aube, als das prinzliche Brüderpaar neben dem königlichen Vater im französischen Kugelregen hielt.«
»Das war, wo auch Sie Ihr Kreuz holten als junger Freiwilliger. Nun, beklagen Sie ihn nicht - der Tod hat ihn wirklich erlöst, und es war fast zu wünschen bei so unheilbarem Leiden.«
»Ich warte, Herr Schwager!«
»Ah - pardon! - Lieber Doktor - der Arm meiner Tochter ist der Ihre!«
Er reichte nochmals seiner Schwägerin den Arm und führte sie die breite Steintreppe hinauf, die in Doppelwindung mit schönen vergoldeten Eisengeländern nach dem ersten Stockwerk führte. Ueberall Täfelung an den Wänden, Arabesken und Schnitzereien, aber bei der Fahrlässigkeit, mit der im Polnischen selbst bei den reichsten Familien verfahren wird, - überall auch die sichtbaren Spuren der Vernachlässigung. Wie der Gast am andern Tage fand, hatte der Hausherr mit seinem besseren Geschmack und mehr deutschem Ordnungssinn in einem modernen, villaartigen Anbau an der Gartenseite des alten Hauses sich eine besondere Wohnung geschaffen, wo er seinen Lieblingsstudien, der Astronomie und Mathematik lebte, während er aus
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Pietät die Zeichen des frühern Glanzes in dem alten Wohnsitz seiner Vorfahren möglichst aufrecht hielt.
Zwei Diener in reich bordirter Livree, aber mit ungekämmten Haaren warfen die Flügelthüren des Saales auf, in dessen mächtigem Kamin ein Feuer von ganzen Holzkloben brannte, zu dem sich alsbald Nero, ein prächtiger Hühnerhund und der Liebling des Grafen, niederlegte. Lederne mit verblindeten Gold-Arabesken verzierte Tapeten bedeckten die Wände, an denen eine Reihe von Ahnenbildern, Frauen und Männer, in ihrer die verschiedenen Zeitepochen spiegelnden oft sehr malerischen Tracht hingen. Da waren ein General aus den napoleonischen Kriegen, Hofkostüme aus der Zeit August des Starken und des Versailler Hofes, ritterliche Kleidungen aus der Regierung Heinrichs von Valois, Krieger unter Kosziusko und Sobieski, alte Starosten und finstere bärtige Gestalten bis zur Zeit der Piasten zurück. Man sah, daß es ein altes edles Geschlecht war, das dies Haus gebaut, und daß ihm viele Krieger, Staatsmänner, Würdenträger der Kirche und schöne Frauen entsprossen waren.
Eine überreich mit Silber beladene Tafel war quer vor dem Kamin gedeckt. Die schweren silbernen Armleuchter trugen zahlreiche Wachskerzen, selbst die Teller waren Silber und zeigten das Familienwappen, den mit dem Säbel bewehrten geharnischten Arm. Aber keine einzige Blume unterbrach freundlich den Glanz der Tafelaufsätze, und der ganze Saal mit seiner dunklen geschnitzten Holzdecke, die mehrere sehr bedenkliche Risse zeigte, hatte trotz des Reichthums etwas Kaltes, Ungemüthliches.
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Die Mitglieder des Haushalts schienen das jedoch - etwa mit Ausnahme des Grafen selbst - weniger zu fühlen durch die Macht der Gewohnheit. Der Graf hatte seine Schwägerin zu dem oberen Sitz des Tisches geführt, der mit einem kostbaren - an zwei Stellen noch ungestopfte Schnittlöcher zeigenden - Damasttuch bedeckt war, und den Sessel zur Rechten eingenommen. Der angebliche Doktor Ebel erhielt seine Stelle zur Linken zwischen der Dame und der Tochter des Hauses und der Sohn nahm den Platz neben dem Vater und dem Propst.
Der Kapitain konnte jetzt sehen, daß nach dem Familiengebrauch, wenigstens wenn nicht größere Gesellschaft da war, noch eine Anzahl Hausgenossen zur Tafel gehörte.
Es war dies außer dem Amtmann Herrn Werthmann, einem Deutschen, den das Vertrauen und der strenge Wille des Grafen gegen alle die zahlreichen, kleinlichen Anfeindungen seiner polnischen Umgebungen und selbst der Familie - mit einer Ausnahme - hielt, und der seit achtzehn Jahren den Gutsbetrieb leitete: der Unterinspektor, ein Mann von etwa 30 Jahren, und ein verbissener Pole mit finsterem unheimlichem Gesicht, - einer jener untergeordneten Edelleute oder Slachczyczen, die theils aus alter Verwandtschaft, theils aus früherem Vasallenthum in älteren Zeiten noch mehr als jetzt zu jeder vornehmen polnischen Familie gehörten, - die frühere Gouvernante, jetzige Gesellschafterin der Comtesse, Mademoiselle Petitpierre, aus Lausanne, - und der Hauslehrer, ein evangelischer Predigtamts-Kandidat, der die Studien der beiden jüngeren Kinder des Grafen geleitet hatte, bis Comtesse Kazimira
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in eine vornehme Genfer Pension, und Hr. Walery als wohlbestallter Tertianer auf das Gymnasium zu Inowraclaw kamen, wo er es nach zweieinhalbjährigem Studium wirklich bis zur Sekunda gebracht hatte.
Der Graf hatte Herrn Lindener, einen ernsten, fleißigen, etwas hohlwangigen Mann von sieben bis achtundzwanzig Jahren, der ein warmes, edelmüthiges, aber vom Leben vielgeprüftes Herz und sehr geringe Aussichten hatte, im Hause behalten zum großen Aerger der Gräfin und ihrer Creatur, des fanatischen Propstes, theils weil er wenigstens einen wissenschaftlich gebildeten Mann um sich haben wollte, mit dem er ernstere Unterhaltungen genießen konnte, theils weil er dem gedrückten bescheidenen Mann, dem Sohn eines armen Handwerkers in Berlin, aufrichtig wohlwollte und ihm das Pastorat einer evangelischen Kirche auf einem seiner Güter zugedacht hatte, das zum größeren Theil von deutschen Bauern bewohnt, und dessen jetziger Pastor ein kränklicher Greis war; theils auch, um dem jungen, sehr trägen, sehr unnützen und sehr widerspänstigen Herrn während der häusigen Ferien und Feiertage als Repetitor und Instructor zu dienen, - eine Beschäftigung, die dem unglücklichen Kandidaten noch mehr den tiefen, tückischen Haß des boshaften Burschen zugezogen hatte, als das schon früher der Fall war.
Herr Lindener hatte außer seinem Gönner nur einen Beschützer im Hause, wie der Kapitain alsbald bei der Unterhaltung merkte, aber einen mächtigen, der energisch seine Partei nahm.
Nachdem die ersten Speisen aufgesetzt waren, - das
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Essen begann nach polnischer Sitte mit der Herumreichung starker Liköre und einer Schüssel scharfen Heringssalats - nahm als letzte Person noch die Wirthschafterin an dem Tisch Platz, gleichfalls eine Deutsche, aber eine augendienerische Person, die sich in allen Sympathien und Antipathien der älteren Dame des Hauses angenehm zu machen suchte.
Der Kapitain hatte jetzt Gelegenheit, sich auch die Mitglieder der Familie etwas näher anzusehen.
Die Gräfin Oginska mochte etwa 50 Jahre zählen, und war eine stattliche, imponirende Erscheinung. Die polnischen Damen verstehen wohl, sich anzuziehen, aber nicht Toilette zu machen, erscheinen daher auch bei möglichster Einfachheit am Vortheilhaftesten. Die Gräfin trug ein schwarzes, hoch zum Hals gehendes und dort mit einer brüsseler Spitzenkrause geschlossenes Kleid, eine schwere, goldene Kette und viele Ringe, auf der Brust aber eine große Medaillenbroche mit dem Portrait des General Chlopicki.
Die böse Welt sagte, daß der unglückliche Diktator ihr in ihrer Jugend einmal die Cour gemacht habe.
Das Gesicht der Dame war überaus vornehm und herablassend; sie aß mit ächten pariser Glaceehandschuhen, die freilich an mehreren Stellen aufgeplatzte Näthe zeigten.
Natürlich und unbefangen, eine wirklich reizende Erscheinung war die junge Comtesse in ihrem einfachen schwarzen Seidenkleid. Sie trug dazu einen rothen Korallenschmuck, und das schöne, dunkelblonde Haar in zwei breiten Flechten über der Stirn diademartig zusammengelegt, während rechts und links zahlreiche kurze Locken bis unter die Wange herabfielen. Es war eines jener lebensvollen, von
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dem Blut unter der feinen Haut gefärbten Gesichter, auf denen der Ausdruck so rasch wechselt und jede Stimmung und Bewegung sich kund giebt. Braune lebendige Augen, und eine Reihe von schönen Zähnen in dem nicht zu kleinen Mund erhöhten den frischen Reiz ihrer Erscheinung. Ihre Gestalt war eher unter Mittelgröße, aber zierlich und beweglich.
Von Walery, dem angehenden Studenten, haben wir bereits gesprochen.
Nachdem der Graf sich erkundigt, was etwa auf der Herrschaft und in der Umgegend während seiner sechstägigen Abwesenheit Neues vorgefallen sei, welche Besuche gemacht und empfangen worden waren, und welche Arbeiten in der Wirthschaft nach den Weinachtstagen wieder begonnen worden, wobei er dem angeblichen Doktor Ebel von einigen landwirthschaftlichen Maschinen, die er auf den Gütern angeschafft, und von der diesmaligen Feldjagd erzählt hatte, - richtete er sein Auge auf den Sohn.
»Nun, Walery - bist Du recht fleißig gewesen?«
»Gewiß!« sagte vorbeugend die Tante. »Ich finde es sehr unrecht, daß die jungen Leute nicht einmal in den Ferien Ruhe haben. Die Professoren sind in der That zu streng - Sie sollten wirklich einmal mit dem Direktor sprechen, Herr Schwager!«
»Sicher! - aber wenn es geschieht, soll es einen ganz anderen Zweck haben. Ich habe da in Posen ganz seltsame Dinge gehört und man ist dort besser unterrichtet, als wir, kaum vier Meilen davon. Warum hast Du Nichts von
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alledem gesagt, Schlingel, was auf dem Gymnasium vorgegangen ist?«
»Ja, Du! Oder glaubst Du etwa, mich darüber täuschen zu können, daß Du dabei warst, wahrscheinlich sogar der Rädelsführer?«
»Ich weiß von Nichts!« murmelte der Bursche verstockt.
»Aber, um aller Heiligen willen, was giebt es denn eigentlich.«
»Die Jungen fangen an, ihre deutschen Lehrer auszutrommeln und Demonstrationen zu machen.«
»Weiter Nichts?!«
»Ich dächte, das wäre genug! Soll denn dieses Land nie zur Ruhe kommen, die es so sehr braucht zu einem verständigen, gesetzlichen Ringen für unsere Nationalität gegenüber den deutschen Einflüssen, deren Mächtigkeit wir nicht leugnen können? Aber freilich, wenn die Kanzel und die Schulbank dazu benutzt werden« der Graf warf einen sehr verständlichen Blick auf den Probst, - »von Jugend auf die Gemüther auf falsche Wege zu leiten und in die Politik zu drängen, dann kann der beste Wille der Regierung nicht helfen.«
»Die Kanzel, Herr Graf« sagte salbungsvoll der Probst, »ist dazu da, unsere heilige katholische Religion gegen die Ketzerei zu schützen, die uns schon so Vieles genommen hat - und sich selbst in die Erziehung der Kinder polnischer Familien drängt.«
Den Blick, den er warf, war nicht erst nöthig, um zu zeigen, wohin die Spitze des Pfeils ging.
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»Unsinn!« sagte der Graf. »Es denkt kein Mensch daran unseren Glauben zu beeinträchtigen und es giebt in ganz Europa kein paritätisches Land, wo die katholische Kirche so viel Macht und Einfluß hat, als in Preußen. Ja in vielen katholischen Staaten wird der Geistlichkeit nicht so viel nachgesehen. - Daß man uns die Bettelklöster aufgehoben hat, diesen saugenden Schwamm am Mark des Landes, war eine wahre Wohlthat, und ich bedauere von Herzen, daß man in neuerer Zeit wieder der Errichtung von Klöstern nachgiebt. Sie fangen wieder an, wie die Pilze aus der Erde zu schießen. Was aber die Erziehung unserer Kinder betrifft, so beklage ich, daß tüchtiges Wissen bei uns nur in den Jesuiten-Kollegien zu finden ist, und daher mir einen Erzieher zu holen hatte ich gar keine Lust. Unsere gewöhnliche Landgeistlichkeit - natürlich mit Ausnahmen, liebster Probst« - er machte eine ironische Verbeugung - »beschränkt ihr Latein auf die Messe und das Brevier und ist nicht über den Magister Mattheseos hinausgekommen, wenn überhaupt bis dahin.«
»Um Gott und den Heiligen richtig zu dienen, braucht man kein Mathematiker, kein Euklid, Hindenburg oder Newton zu sein.«
»Richtig, da haben Sie Recht, hochwürdiger Herr« sagte lachend der Graf, der sich gern mit seinem Seelsorger zu streiten schien, - »Sie haben mich mit dieser Probe Ihrer Gelehrsamkeit geschlagen. Freilich, man braucht zu einem guten Christenthum weder der Erfinder der combinatorischen Analysis, noch der Infinitesimalrechnung zu sein.
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Aber man wird natürlich auch damit keine neuen Welten entdecken und keine Dampfmaschinen construiren.«
»Ich wüßte nicht, was da für ein großes Unglück dabei wäre, Papa« sagte munter die Comtesse, »wenn unser Korn noch mit den Flegeln der Bauern ferner gedroschen wird, als mit einer Dampfmaschine, die aller Augenblicke einer Reparatur bedarf!«
»Bah - sehen Sie lieber Doktor« bemerkte der Graf heiter, - »da bin ich grade in meinem Steckenpferd tüchtig aufs Haupt geschlagen. Aber das kommt davon, wenn man von seinen altbewährten Grundsätzen selbst abgeht und bei Tische über Politik und Religion spricht. Apropos, lieber Lindener, ich kann Ihnen vielleicht bald eine gute Nachricht geben. - Wie ist's, haben Sie mit dem Burschen da eine kleine Prüfung vorgenommen? - Sein voriges Zeugniß war kläglich genug. Ich will hoffen, daß das Rebellern ihn nicht gehindert hat, seitdem etwas bessere Studien zu machen! Wie steht's mit seinen Kenntnissen?«
Der junge Grafensprößling warf seinem ehemaligen Präceptor einen bitterbösen Blick zu. Aber der Propst legte sich zu seinen Gunsten in's Mittel.
»Ich finde, daß Herr Walery sehr fleißig ist. Nur Neid und Mißgunst kann ihm die vortrefflichsten Anlagen bestreiten. Ich habe ihn mehrfach befragt, und bin erstaunt, daß man ihn noch nicht befördert hat. Dergleichen ist ein schlimmes Beispiel, und ich wundere mich nicht, wenn der Adel Anstand nimmt, seine Söhne dem Gymnasium zu Trzemeszno anzuvertrauen.«
Der Graf seinerseits schien wenig Vertrauen zu diesem
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Urtheil zu haben, sondern beharrte bei seiner Frage an den früheren Hauslehrer.
»Was sagen Sie, Herr Lindener?«
Der gutmüthige Kandidat befand sich in Verlegenheit, denn er wußte sehr wohl, daß der würdige Gymnasiast einer der faulsten, widerwilligsten Schüler war, aber ein bittender Blick der Comtesse bewog ihn, einen Ausweg zu suchen.
»Herr Walery hat in der That Fortschritte gemacht, Herr Graf!«
»Nun, das soll mir lieb sein, um so mehr, als ich mir somit nicht die Freude zu verderben brauche. Lassen Sie den Tisch abräumen, Frau Mandel, und Du Mira, laß von Vincenz und Antony den Koffer und die Cartons herbeiholen, die ich mitgebracht. Eure Neujahrsgeschenke sind darin.
Die längst erwartete Nachricht brachte allgemeines Leben in die Gesellschaft; denn Alles kannte das gute Herz des Grafen und wußte, daß er bis auf die Bedienten hinab Niemanden in dem Haushalt vergessen haben würde. - Das Tischtuch war mit wunderbarer Eile beseitigt, der gewöhnliche Teppich wieder über die Tafel gebreitet und von den Dienern wurden die bezeichneten Gegenstände hereingebracht und geöffnet.
»Und nun, Frau Schwägerin, bescheeren Sie Jedem sein Theil. Sie finden an Allem die Zettel.«
In der That war das Neujahrsgeschenk sehr reichlich ausgefallen und Jeder bedacht worden. Die Gegenstände bestanden theils in Schmuck- und Putzsachen, theils in Büchern,
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Nippes und dergleichen, aber mit freundlicher und sinniger Aufmerksamkeit war auf die Neigungen und Bedürfnisse eines Jeden geachtet. Die Gaben an die Personen, welche, wie er wußte, die Gräfin eben nicht mit besonderer Gunst beehrte, vertheilte der Graf selbst.
»Hier, lieber Werthmann, ist ein neuer Meerschaum aus Wien, damit Sie das Vergnügen haben, ihn so schön wie den vor zwei Jahren anzurauchen« sagte er, »und dies Packet machen Sie gefälligst erst auf, wenn Sie bei Ihren Töchtern sind. - Und Sie, lieber Lindener, Gelehrten kann man nur mit ihrem Handwerkszeug einige Freude machen. Da - einige Werke, die sich besser studiren als lesen lassen! - Aber Sie, Herr Doktor, sollen Sie denn ganz zu kurz kommen?«
»Ich bin ein Fremder, Herr Graf, und freue mich der Freude, die ich um mich her sehe.«
»Nein - so leer ausgehen sollen Sie doch nicht. Da - dies Etui wird für Sie passen, da Sie doch gezwungen sind, so viele Reisen zu machen.«
Er reichte ihm ein zierliches Etui, das, als der angebliche Doktor es öffnete, einen überaus präcis gearbeiteten so kleinen Revolver enthielt, daß man die gefährliche Waffe leicht in der Hand verbergen konnte.
Ein bezeichnender Blick und eine Verbeugung dankte dem Spender für das bedeutungsvolle Geschenk.
Die Gesellschaft hatte sich erhoben. Die Comtesse war noch immer mit ihren Geschenken beschäftigt, die sie von Mademoiselle Petitpierre und der Haushälterin bewundern ließ. -
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»Sie sind zu streng mit Walery, Herr Schwager,« sagte die Gräfin. »Ich finde es ganz recht, daß die jungen Leute unsere Nationalität nicht wollen unterdrücken lassen. Das Gymnasium ist ein polnisches und es dürfte nur polnisch dort gesprochen werden!«
»Ich liebe es nicht, wenn Schuljungen Politik treiben wollen.«
»Ein junger Edelmann ist kein Schulknabe. Bei Grochow und Praga fochten junge Kavaliere, die jünger waren als Walery.«
»Und sie halfen nur nutzlos den Boden mit Blut düngen, und manche tüchtige Knospe am Baum wurde da leider zerstört. Wenn Walery ein Mann ist und einen Bart trägt, mag er demonstriren - jetzt aber soll er erst lernen, was dies bedeutet. Es bleibt dabei - höre ich noch einmal von solchen Geschichten, so schicke ich ihn auf ein Gymnasium in Berlin!«
Die Comtesse unterbrach das Gespräch.
»Wie schade Papa, daß ich mit all' den schönen Dingen morgen mich nicht putzen kann!«
»Morgen?«
»Ja - die Postmeisterin Bandtke drüben in Strza kowo hat uns eingeladen zum Thee und da wird sonst immer getanzt.«
»Die Nachricht von der Landestrauer wird die Gesellschaft wohl absagen lassen.«
»Bah - was geht uns der Tod des kranken Mannes an,« sagte die Gräfin. »Warum sollte Kazimira sich deshalb ein Vergnügen versagen? - Der Umgang mit der
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Postmeisterfamilie ist zwar unter ihrem Stand, aber die Postmeisterin hat wenigstens gutes polnisches Blut. Ich werde mit ihr hinüberfahren.«
»Ich habe Nichts dagegen - wir sprechen noch weiter darüber, Schwägerin, aber auf den Ball dürfte Mira verzichten müssen. Ich zweifle, daß die Herren Offiziere sich einfinden werden!«
»Es gilt die Wette, Papa,« sagte die Comtesse schelmisch. »Was giebst Du mir, wenn sie kommen?«
Der Graf murmelte Etwas von unlieb sein, wollte aber auf das Thema nicht weiter eingehen und sprach mit seinem Amtmann über einige Einrichtungen.
Die kleine Familienunterhaltung hatte der Kapitain benutzt, um sich dem Propst zu nähern.
»Der Herr Graf war so gütig, mich Herrn Czalinski vorzustellen. Ich irre mich doch nicht, Herrn Severin Czalinski, früher im Convict zu Krakau?
»Ganz recht Pan!«
»Dann habe ich Ihnen zwei Briefe zu übergeben.«
»Sie - ein Deutscher - ein Protestant, mir?«
»Ich bin weder Deutscher noch Protestant. Der eine der Briefe ist aus Rom vom Pater Sachnowski - der andere aus Dresden von meinem Freunde Mazurkiewicz!«
»Der Geistliche starrte ihn mit offenem Munde an. Von Sachnowski, von Mazurkiewicz? Bei unserer Frau von Czenstochau, wie kommen Sie dazu? was soll ich davon denken?«
»Daß ich dieselben Gefühle hege, wie Propst Czalinski:
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Ich bin im Auftrag des Central-Comité's auf dem Wege nach Warschau!«
»Still - sprechen Sie leise! Und der Graf?«
»Der Herr Graf weiß darum - aber wünscht es nicht zu wissen.«
»Immer die alte Halbheit, die verwerfliche Lauheit gegen Vaterland und Religion. Aber wer bürgt mir dafür, daß Sie kein Spion, kein falscher Freund unserer Sache sind?«
»Mein Name!«
»Und der ist?«
»Für Sie selbst kein Geheimniß. Ich bin der Kapitain Marian Langiewicz!«
»Langiewicz? - der Längsterwartete! Welches Glück - ich eile, es der Frau Gräfin zu verkünden!«
Der Offizier hielt ihn zurück. »Einen Augenblick noch - es ist unnöthig, daß man hier meinen Namen kennt.«
»Ohne Sorge - Sie sind hier so sicher, wie im Hôtel Czartoryski!«
Er näherte sich der Gräfin und sprach einige Worte mit ihr. Der Kapitain bemerkte, wie sie eine leichte Bewegung des Erstaunens machte und dann scharf nach ihm herüber sah.
Auch der Graf hatte seine Beobachtungen gemacht und seine Verfahrungsweise beschlossen.
»Herr Doktor« sagte er - »wir pflegen in unserem Hause, wenn wir unter uns sind, bis zum Thee, der um 9 Uhr genommen wird, zu plaudern oder Musik zu machen. Wollen Sie sich auf diese Weise mit den Meinen
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unterhalten, so wird es diese gewiß freuen, andern Falls lassen Sie sich das Bibliothekzimmer oder Ihre Stube zeigen. Vor Allem kein Geniren, und deshalb erlauben Sie auch mir, mich mit meinem Amtmann auf eine Stunde zurückzuziehen, um einige Geschäfte zu erledigen.«
Der Kapitain verbeugte sich. »Wenn den gnädigen Damen meine Gegenwart nicht lästig werden dürfte -«
»Keineswegs, Herr Doktor« fiel die Gräfin ein. »Ich bitte, Sie wollen es sich gefallen lassen, mit mir und dem hochwürdigen Herrn in meinem Zimmer den Kaffee einzunehmen.« Sie ertheilte einige Befehle und rauschte dann voran.
Der Propst winkte seinem neuen Bekannten. »Kommen Sie!«
»Aber die Comteß?«
»Sie gehört nur halb zu uns, - wenn sie ihre patriotische Laune hat, wird sie schon erscheinen, sonst nicht!«
Comteß Kazimira hatte sich an das Pianino gesetzt, das am Ende des Salons stand und begann, ihre schönen Hände über die Tasten gleiten zu lassen, während die Französin neben ihr Platz genommen.
»Ihre Tante, Comteß, entführt uns den fremden Herrn!«
»Er ist nicht, was er scheint!«
»Glauben Sie? und warum?«
»Papa hat uns getäuscht. Das ist kein deutscher Doktor! Willst Du den Beweis sehen?«
»Ich wäre neugierig!«
Der Kapitain wollte eben, dem Propst folgend, die
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Schwelle der Thür überschreiten, als die gewandten Finger der Comteß aus den tändelnden Opernmelodien mit rascher Wendung in die klagenden schwermüthigen Töne des berühmten polnischen Nationalliedes übergingen:
Jeszcze Polska nie zgin ela,
Polska my zyemi!
Der Offizier blieb auf der Schwelle stehen und wandte sich hastig um - sein flammendes Auge traf die schöne Klavierspielerin, die ihn lächelnd betrachtete und ihm jetzt zunickte. Die Röthe des Aergers, daß er so leicht sich hatte fangen lassen, überflog sein Gesicht, er legte die Hand aufs Herz, verbeugte sich gegen die scharfsinnige Virtuosin und folgte dann erst dem Propst, der ihn bereits erwartete.
Comteß Kazimira lachte. »Siehst Du wohl, daß ich Recht hatte? Er ist ein Pole, und zwar einer von ächter Farbe. Ich wußte es gleich, und wollte mich nur überzeugen. Aber wozu die Geheimnißkrämerei? Warum hat der Graf Czatanowski nöthig, in seinem eignen Hause die Anwesenheit eines Landsmanns zu läugnen?«
Die heitere neckende Stimmung, in der sie begonnen, hatte im Nu einem stolzen Zorn Platz gemacht. »Sind wir schon so weit gesunken, daß wir uns in unseren eigenen Häusern vor Spionen fürchten müssen?«
Sie hatte die Worte, wie die früheren, die sie mit ihrer Gesellschafterin gewechselt, französisch gesprochen, in der schnell erwachten unwilligen Erregung so laut, daß man sie hören mußte.
Ein schmerzlicher Seufzer, fast ein Stöhnen antwortete ihnen.
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Die Comteß wandte sich blitzschnell um, ihre Augen flogen umher, bis sie auf die hagere Gestalt des Kandidaten trafen, der in geringer Entfernung in einer Fensternische lehnte, halb verborgen von den schweren damastnen Vorhängen.
Einen Augenblick leuchtete es wie verstärkter Unwille über das schöne Gesicht der Comtesse, aber schon im nächsten gewann ihre Herzensgüte die Oberhand. Sie streckte, mit der Linken fortpräludirend die Rechte dem angehenden Geistlichen entgegen und sagte freundlich in deutscher Sprache: »Kommen Sie, Herr Lindener, und geben Sie mir die Hand zum Beweise, daß Sie überzeugt sind, ich konnte Sie nicht damit gemeint haben.«
Der blasse Kandidat kam aus seinem Versteck hervor, nahm schweigend die gebotene Hand und küßte sie. Die Comtesse fühlte etwas Warmes, wie einen Thautropfen himmlischer Freude darauf.
Aber rasch ließ er die Hand los, denn das seelige Gefühl des Dankes wurde schwer verletzt.
»Und warum nicht? Der Herr Kandidat ist doch auch ein Deutscher und liebt uns Polen nicht!«
»Ah - Meister Valer -« sagte die Comtesse, »Du bist auch noch da? Ich dachte, Du wärst mit der Tante gegangen.«
»Ich halte es für besser, wenn ich hier bleibe!«
»Und warum, wenn ich fragen darf?«
»Damit Nichts Ungehöriges vorfällt, was sich für eine Gräfin Czatanowska nicht schickt!«
Eine dunkle Röthe flammte über das schöne Gesicht
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des jungen Mädchens. »Bube!« sagte sie - »danke Gott und dem Gefühl, daß ich Deine Schwester bin - wenn ich dem Vater nicht von Deinem Benehmen spreche.«
Der junge Bursche kreuzte die Arme und sah ihr frech ins Gesicht.
»Ich weiß freilich nicht« sagte er höhnisch, »ob ich einen armen Schulmeister, oder einen pauvren preußischen Lieutenant als Schwager vorziehen würde, doch da beide Deutsch sind wird es auf Eins heraus kommen!«
Der Kandidat war todtenbleich geworden bei der frechen Rede seines ehemaligen Schülers, die ein Gefühl so schonungslos blos legte, das er sich kaum selbst zu gestehen gewagt hatte. Kaum wagte er einen Moment lang seinen Blick zu der jungen Gräfin zu erheben.
Die Comteß hatte sich von ihrem Stuhl erhoben. Ihr schönes Gesicht hatte eine so ungewohnten Ausdruck von finstrer, entschlossener Drohung angenommen, daß selbst die Frechheit des jungen Menschen zurückwich.
»Bitte sofort um Verzeihung!«
»Ich - wen? - wofür?«
»Herrn Lindener und mich für die Beleidigung, die Du uns angethan.
Der junge Graf lachte höhnisch auf. »Ich denke nicht daran!«
»Bitte um Verzeihung!«
»Nein!«
»Gut! - so soll der Vater erfahren, wer am Weihnachtsabend das Feuer im deutschen Dorfe angelegt hat.«
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Sie schickte sich langsam aber mit fester Ruhe an, den Saal zu durchschreiten.
Der junge Mensch - jetzt fast noch bleicher, als vorhin der Kandidat - war von seinem Sessel aufgesprungen und hatte sich ihr in den Weg geworfen. »Schwester - Mira - Du wirst doch nicht? Es ist nicht wahr, es ist erlogen!«
»Das mache vor dem Vater oder besser vor dem Kreisgericht in Wreschen mit dem Briefe Deines schändlichen Helfershelfer und Verführers ab, den Du so leichtfertig warst, zu verlieren!«
»Schwester!«
»Ich bin nicht die Schwester eines Brandstifters. Bitte sofort ab!«
Ein wüthender Kampf malte sich in dem boshaften verbissenen Gesicht des jugendlichen Verbrechers. Endlich stammelte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor: »Ich bitte um Verzeihung!«
»Dort - zu Deinem, leider nur allzu nachsichtig gewesenen Lehrer!«
Er wandte sich zähneknirschend zu dem Kandidaten und sagte jetzt in deutscher Sprache, denn die Comtesse hatte bisher zu ihm polnisch gesprochen: »Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Lindener.«
»Für meine Impertinenz!« vervollständigte die Comteß. »Für meine Impertinenz!« - Der Blick, den er ihr zuwarf, war alles Mögliche eher, als brüderlich.
»Aber lieber Valer, ich weiß, daß Sie nur aus Unbesonnenheit ...«
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»Und jetzt hinaus!« sagte die Comteß und wies nach der Thür. »Geh' zu Deiner Tante, - dort findest Du Beistand!«
Ohne ein Wort zu sagen, tückisch den Kopf zu Boden geneigt, schlich er hinaus. -
Die junge Gräfin schlug die Hände vor das Gesicht. »Heilige Mutter Gottes - wie soll das enden! Der arme Vater!«
»Hat ihm Gott nicht zwei andere Kinder zum Trost gegeben?« sagte eine zitternde Stimme hinter ihr.
»Alfred? - o Sie wissen nicht Herr Lindener, welche schweren Sorgen auch er dem Vater bereitet! Er ist gut von Herzen, aber schrecklich leichtsinnig und soll in schlechten Händen sein. Er spielt und braucht mehr Geld, als fast der Vater aufbringen kann. Diese Reise wieder nach Posen - - aber was nützt es zu klagen, das ändert die Sache nicht. Desto mehr müssen wir den Kopf oben halten. - Haben Sie die Dummheit gehört« fuhr sie wieder heiter werdend fort, - »daß der nichtsnutzige Schlingel in seiner Bosheit sogar aus uns ein Paar machen wollte?«
»Comteß -«
»Das erinnert mich übrigens, daß Sie wirklich auf Freiers Füßen gehen sollten. Der Medicinalrath hat mir gesagt, daß der arme alte Pastor Weiland das Frühjahr nicht erleben würde, und Papa hat gewiß schon in Posen bei dem Konsistorium alle nöthigen Schritte gethan.«
»Wie Gott der Herr will!«
»Ja Herr Kandidat, der Mensch muß aber auch wollen und der Pfarrer muß seiner Gemeinde ein gutes Beispiel geben. Ich weiß, daß meine Freundin Auguste,
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des Amtmanns zweite Tochter, längst Ihnen sehr gewogen ist und Ihnen gewiß keinen Korb geben wird. Was meinen Sie dazu - soll ich für die Frau Pastorin den Brautkranz bestellen?«
Sie hatte das munter vor sich hin geplaudert und sah sich jetzt wieder um nach ihm halb schelmisch, halb ernst.
Der Kandidat stand einige Schritte hinter ihr - den Kopf auf die eingefallene Brust gesenkt, die Hände vor sich verschlungen. Und wie er jetzt langsam das Haupt erhob und einen einzigen kurzen Blick auf sie richtete, aber so entsetzlich traurig und trostlos in seinem Ausdruck, so voll unsäglichem Leid und doch wieder so ergeben und geduldig, - da schnitt es dem schönen Mädchen wie ein Messer durch das Herz, und ihre braunen Augen wurden feucht, als sie jetzt in die Tasten griff und sein Lieblingslied spielte, jene wunderbare Melodie voll Schmerzen und Entsagung, den letzten Hauch eines sterbenden Herzens, - die Polonaise ihres Großonkels Oginski, die den Weg durch die Welt gemacht hat:
»Schmerzenstöne steigt empor -
Mischt euch in der Freude Chor!«
Mit schöner Altstimme hatte sie das ergreifende Lied intonirt, - und als sie jetzt die Strophe gesungen und sich wieder umwandte nach dem früheren Lehrer und treuen Freund, der ihr doch nicht mehr war und sein konnte, schloß sich eben langsam die Thür hinter seiner gebrochnen Gestalt.


Die Gräfin hatte in einem Fauteuil Platz genommen
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und zwei andere sich gegenüber an den Kamin schieben lassen, in dem eine muntere Flamme brannte. Die Kaffeemaschine, Rum, Zucker und die Gläser standen auf einem Tischchen zur Seite - sie hatte auffallende Eile gehabt, die Bedienung zu entfernen und saß jetzt ungeduldig den Fuß wippend, in Erwartung ihrer Gäste.
Endlich öffnete sich die Thür, der Propst führte den Fremden ein und schloß sorgfältig wieder den Zugang.
»Da bring' ich ihn, gnädigste Frau, und mögen die Heiligen mit dieser Stütze Polens und der Kirche sein!«
»Willkommen, willkommen, Pan Kapitain« sagte die Edeldame, sich halb erhebend und dem Ankommenden die Hand reichend. »Dem Himmel sei Dank, daß wir Sie sehen; denn nun ist hoffentlich Aussicht, daß Ernst gemacht wird gegen die Tyrannen!«
Der verkleidete Offizier küßte die gebotene Hand. »Ich bin dankbar für so viel Güte, gnädigste Frau. Sie beweist mir, daß in den Herzen der polnischen Damen der alte Muth und die alte Opferfreudigkeit lebt!«
»Welche Tochter, welcher Sohn Polens sollte so entartet sein - - aber freilich, ich vergesse, daß Sie mich in einem Hause finden, wo leider so laue Gesinnungen herrschen.«
»Der Herr Graf« sagte der Kapitain, »hat gleichfalls ein polnisches Herz. Daß man nicht daran zweifelt, beweist meine Anwesenheit hier.«
»O ja - er schämt sich zuweilen; - aber das wahre heilige Feuer fehlt ihm! Wenn es nicht die Kinder meiner Schwester wären, die ich vor diesen deutschen, ketzerischen
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Einflüssen bewahren muß, ich bliebe keine Stunde in seinem Hause. Aber nun sprechen Sie - erzählen Sie! wann kommt der General?«
»Wer?«
[»]Nun, General Mieroslawki! ich denke, Sie waren zusammen mit ihm in Oberitalien?[«]
»Ich war an der Militair-Akademie zu Cunno, gnädigste Gräfin« sagte der Offizier ziemlich kühl. »Ob und wann General Mieroslawski eintreffen wird, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, daß ihn das Central-Comité mit einem Kommando betraut hat.«
»O über diese Männer - immer und ewig diese Eifersüchteleien! Und welche Nachrichten bringen Sie von Paris und Dresden? Wird Frankreich sich endlich entschließen, unsere Erhebung mit einer Drohung am Rhein und vor Kronstadt zu unterstützen?«
Der Offizier zuckte die Achseln. »In Paris hält man die Erhebung nicht an der Zeit, indeß ...«
»Nun?«
»Sie wissen wohl, daß auch der Fürst die Zeit für ungünstig hält, dennoch hat man in Dresden geglaubt, sich für einen Versuch entschließen zu müssen und zwar in Folge der Berichte Ihres Herrn Neffen.«
»Ah, Hippolyts? - ist er noch immer in Warschau? Die letzten Nachrichten die ich durch Guttry von ihm hörte, ließen ihn in großer Gefahr schweben.«
[»]Er wäre beinahe während der Zusammenkunft des Kaisers mit dem Prinz-Regenten und dem Kaiser von Oesterreich verhaftet worden und entkam nur mit genauer
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Noth durch die Aufopferung einer Heldin unserer Nation. Leider sind dabei wichtige Papiere in die Hände der russischen Polizei gefallen, obschon zum Glück nicht die wichtigsten Listen. Seitdem hat Graf Hippolyt Oginski mehre Reisen in die verschiedenen Landestheile gemacht, aber seine Berichte lauten nicht besonders günstig. Auf das Landvolk ist nur zum Theil zu rechnen. Die größte Gefahr kommt von der Zersplitterung der Parteien in Warschau, den Blauen und den Rothen. Deshalb - um die Kluft nicht noch weiter reißen zu lassen, hat man beschlossen, daß die Demonstrationen beginnen sollen.«
»Wann und wie?«
»Im Februar - anfangs passiv. Wenn erst Blut durch ihre Brutalitäten geflossen ist, haben wir vor ganz Europa das Recht der ...«
Er zauderte, das Wort auszusprechen.
»Warum stocken Sie?«
»Weil ich nicht sagen darf: des Widerstandes oder der Erhebung, - sondern weil es diesmal heißt: Der Vergeltung!«
»Ah - endlich! hat man sich endlich entschlossen, Blut um Blut, Aug' und Aug', Zahn um Zahn zu vergelten? Wie oft habe ich mich gegen diese feige Empfindlichkeit empört! Die sicilianische Vesper hat den Völkern gezeigt, wie sich ein Volk frei machen kann!«
»Gnädigste Gräfin, Sie begreifen schwerlich, was dies System bedeutet!«
»Wie, ich sollte es nicht begreifen, nachdem ich es jahrelang als das einzige Mittel zum Siege gepredigt habe!?
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Warum sollten wir unsere Tyrannen schonen, die uns nicht geschont haben? Ströme von Blut mögen stießen, und wenn es das Blut der Feigen und Verräther ist, so möge es auch meinetwegen polnisches sein.«
»Die Spreu muß vom Waizen gesondert werden« sagte fanatisch der Priester. »Das Gericht des Herrn muß kommen mit flammendem Schwert über Alle, die lau sind und abtrünnig der heiligen Sache!«
»O daß ich ein Mann wäre!« rief erregt auf und nieder schreitend die Gräfin. »Glauben Sie denn wirklich jener ewig zaudernden, vorsichtigen Partei in Paris, daß wir mit gewöhnlichen Mitteln zum Ziele kommen? Der Schrecken, das Entsetzen vor dem unsichtbaren Gespenst der Rache, des zertretenen mißhandelten Polens muß die Gemüther unserer Henker erfüllen. Nicht der nächsten Stunde darf ihr Leben sicher sein! Jede Maßregel, jede Bedrohung ihrerseits muß mit dem Tode einer hervorragenden Persönlichkeit erwidert werden. Die geheime Vehme der Rache muß organisirt werden, Dolch und Strang müssen ewig über ihnen schweben. Es muß ein geheimer Gerichtshof organisirt werden in jedem Bezirk, der Macht hat ohne Appellation über Leben und Tod. Aber nicht allein über das Leben unserer Feinde, sondern auch über das jedes Feiglings, jedes Säumigen unter uns selbst!«
»Es ist schrecklich - aber ich fürchte, man ist auf dem Wege zu diesen blutigen Beschlüssen. Gott sei Dank, daß ich ein Soldat bin!«
»Und warum fürchten Sie sich davor? - ist es etwa schlimmer, wenn ein zertretenes Volk in seiner letzten Kraft
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sich aufrafft, um den Feind einzeln zu erschlagen, als wenn ein Monarch Tausende schuldloser für seinen Streit gleichgültiger Menschen auf dem Schlachtfelde opfert? Hat der Dolch und der Strick weniger Berechtigung, als die Kartätsche und die Kanone? Pfui der feigen Ansicht! Ich wollte nur, wir könnten hier hüben schon eben so kräftig, so energisch verfahren, wie die da drüben. Der Deutsche ist eben so gut unser Feind, wie der Russe, und bei der heiligen Mutter von Czenstochau - ich wollte Niemanden schonen - selbst - -«
»Frau Gräfin!«
»Ja, daß ich's ausspreche, selbst die Bande des Blutes nicht, wenn sie feig die Sache Polens verließen!«
»Das ist schrecklich! - schicken Sie wenigstens den Knaben fort - solche Worte sind nicht für sein Ohr!«
Der Offizier wies auf den jungen Valer, der während des letzten fanatischen Ausbruchs der stolzen Frau in das Zimmer geschlüpft war und in einen Winkel hinter dem Kamin sich zusammengekauert hatte.
»Und warum nicht?« frug die Gräfin hastig - »warum soll er nicht hören, was er als Pole zu hören ein Recht hat? Er ist der Einzige dieser Familie, in dem das ächte Blut der Paniowski's fließt, die es auf hundert Schlachtfeldern und Schaffoten für Polens Freiheit vergossen haben! So jung wie er ist, würde sein Arm nicht zittern, wenn es gilt, einen Feind oder Meineidigen zu zu treffen. Oder fürchten Sie vielleicht Unvorsichtigkeit oder Verrath von seiner Seite? Er würde sich eher in Stücke zerreißen lassen, als daß er eine Sylbe verriethe.«
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»Ich will es gern glauben« sagte der Kapitain ziemlich unmuthig, und bemüht, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu leiten. »Vor der Hand hoffe ich, daß es an Männern nicht fehlen wird, und diese zu sammeln ist meine Aufgabe.«
»Es wird daran nicht fehlen, bei dem ersten Aufruf an die Nation. Aber sagen Sie mir, Kapitain, warum Sie diese Straße zum Eintritt in das Königreich gewählt haben, die gefährlichste von allen; für gewöhnlich gehen unsere Emissaire doch durch Galizien und über Krakau, wo wir der Behörden sicher sind. Ich bin überzeugt, daß die österreichischen Beamten nicht sehen wollen, was passirt.«
»Die Eisenbahn über Myslowitz ist seit den letzten Entdeckungen in Warschau strenger überwacht. Wir haben die genauesten Nachrichten darüber, da die meisten Angestellten unserer Sache gehören. Ich habe also vorgezogen, über Posen zu gehen. Außerdem hatte ich einen wichtigen Grund, einige Tage im Großherzogthum zu verweilen.«
»Und darf man ihn wissen?«
»Sicher - denn vielleicht können Sie und der ehrwürdige Herr hier dabei hilfreich sein. Es handelt sich darum, mehrere Unteroffiziere und ausgediente Soldaten unserer Nationalität zum Uebertritt aus dem Großherzogthum nach dem Königreich und zum Beitritt zu unserer Sache zu gewinnen. Sie sollen im Geheimen einen Stamm tüchtiger Instruktoren für die Mannschaften des künftigen Revolutionsheeres bilden; denn wir sind nicht so thöricht, zu glauben, daß wir mit undisciplinirten Banden die russischen Truppen schlagen können und wissen sehr gut,
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daß das preußische Reglement die besten Soldaten bildet. Bereits sind in den Walddistri[c]kten mehre Punkte bestimmt, wo insgeheim die Mannschaften disciplinirt und einexercirt werden können.«
»Da kann Lestowicz, der Inspector unseres Gutes, helfen« sagte der junge Graf. »Er ist Pole mit Leib und Seele, haßt die Deutschen wie ich, und kennt alle Burschen auf vier Meilen in der Runde.«
»Ich habe verschiedene Beichtkinder darunter« meinte der Propst, »und werde natürlich nach Kräften wirken für die heilige Sache. Was meinen Sie, geliebte Tochter, zu Woyczek, dem Großknecht? Er ist erst vor Kurzem von dem Militair freigekommen, und war wie ich hörte Gefreiter, sollte auch Unteroffizier werden, ist aber der Maruschka wegen zurückgekehrt. Er ist ein stattlicher, entschlossener Kerl und hat großen Einfluß bei den Anderen.«
»Das wäre vortrefflich. Aber wie an ihn kommen, ohne den Herrn Grafen aufmerksam zu machen?«
»Woyczek ist drüben auf dem Vorwerk beschäftigt!«
»Gut« meinte der Propst. »Da bietet sich eine vortreffliche Gelegenheit. Sie müssen den Herrn Kapitain morgen früh einladen, mit Ihnen auf die Jagd zu gehen, Graf Walery, und ihn nach dem Vorwerk führen. Ich werde unter einem Vorwand gleichfalls hinkommen, Woyczek ist ein guter Katholik und ein gehorsamer Sohn der Kirche. Haben Sie Woyczek, so haben Sie wenigstens zwanzig andere Burschen aus dem Kreise mit ihm, und über die Gränze zu kommen ist ihnen ein Leichtes.«
»Und ich begleite sie und bilde eine Freicompagnie!«
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»Sie, Graf, sind noch zu jung - die schweren Mühen und Drangsale, die uns erwarten, werden selbst oft genug starke Männer beugen!«
»Ich bleibe nicht mehr in der Schule! Verflucht sei die Schule!« murrte der Bursche verstockt.
»Das wird sich finden, Walery! Wenn es an der Zeit ist, sollst Du nicht der Letzte sein, und wenn ich meinen Schmuck verkaufen müßte, werde ich für Deine Ausstattung sorgen. Wie steht es überhaupt mit den Mitteln für das große Unternehmen, Kapitain?«
Der Offizier zuckte die Achseln. »Die Emigration ist arm!« sagte er.
»O -« meinte der Propst, - »wenn man das System durchführt, das ich dem Comité vorgeschlagen, wird man Geld genug haben.«
»Und das wäre? - Die Sammlungen und die Aufforderungen zu Beiträgen ergeben nur noch geringes Resultat. In Paris und London existirt die Emigration nur noch durch die Unterstützung der Regierung. Und auch deren Fortdauer verdanken wir nur dem Prinzen Napoleon und dem Grafen Walewski. Es ist nicht mehr die alte Opferfreudigkeit für die Sache. Doch ist geschehen, was möglich war und Graf Oginski hatte eine erhebliche Summe bei sich. Der größte Theil derselben ist zwar gerettet, da er in Anweisungen auf zuverlässige Bankiers bestand, aber 5000 Rubel Gold sind in die Hände der warschauer Polizei bei jener unglücklichen Geschichte gefallen.«
»Das ist ein Tropfen Wasser. Man muß eine
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geheime Nationalanleihe ausschreiben, eine regelmäßige und eine extraordinaire Zwangsbesteuerung!«
»Wie - ich habe davon gehört, daß so Etwas im Werke. So wäre der Plan dazu von Ihnen ausgegangen?«
»Von mir, im Namen der heiligen Kirche« sagte der Pfaffe stolz. »Man muß eine geheime Centralsteuerbehörde bilden, wie die Regierung der Ursupatoren[Usurpatoren], und für jeden Kreis Unterbehörden, die jeden Gutsbesitzer, jeden Bürger, kurz jeden Bewohner abschätzen. Nur die Kirche bleibe verschont. Nach dieser Abschätzung lege man jedem eine Steuer auf und ziehe sie im Geheimen ein. Ein Paar Beispiele strenger rücksichtsloser Bestrafung des Ungehorsams werden jeden Widerstand brechen. Auf diese Weise wird ein zweiter Staat, eine zweite Regierung neben der der Gewalthaber entstehen, und den Tyrannen auf die Dauer die Mittel entziehen.«4
Der Kapitain wiegte zweifelnd den Kopf. »Ich halte das System allerdings für sehr ergiebig, indeß - es kann auch gegen uns selbst umschlagen und Erbitterung gegen die patriotische Partei erregen. Wie weit glauben Sie, daß man dies System ausdehnen kann? Auch auf die großen Städte, - auch auf das Großherzogthum und Galizien?«
Der revolutionaire Finanzier schwieg einige Augenblicke verlegen. »Freilich - hier - bei uns -« sagte er endlich, »wird es mit Gewalt kaum durchzuführen sein, obschon man es immer versuchen kann. Abbrennung von ein Paar deutschen Gehöften wird einen heilsamen Schreck
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verursachen. - Ich weiß nicht genau genug, wie es in Galizien steht, aber der Adel soll dort polnischer sein, als hier. Glauben Sie mir, Herr Kapitain, es wird sich mancher im Stillen freuen, - und ich rechne selbst den Herrn dieses Schlosses dazu, - wenn man ihn zwingt, etwas für die gute Sache zu thun.«
»Gott gebe es!«
Die Unterhaltung wurde durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen, und in der Oeffnung erschien der reizende Kopf der jungen Comtesse.
»Ist es erlaubt, herein zu kommen, oder ist das Conzil geheim?«
»Selbst wenn es das wäre, würde uns Gräfin Czatanowska nur willkommen sein,« sagte galant der Fremde, - »denn es müßte sehr angenehm sein, mit ihr ein geheimes Einverständniß zu haben!«
»Nichts da, mein Herr,« lachte die Gräfin eintretend, »ich bin eine Freundin der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit. Aber da ich in der That hier nur enragirte polnische Herzen sehe, kann ich kaum an einer kleinen Verschwörung zweifeln.«
»Schweig« befahl ärgerlich die Tante. »Dein Benehmen ist freilich der Art, daß man Dir nie vertrauen kann und Dich eher zu unseren Gegnern als zu unseren Freunden zählen muß.«
Die kleine, zierliche Gestalt der Comtesse richtete sich hoch auf, und über ihr schönes Gesicht flog eine dunkle Röthe.
»Was das betrifft, chêre tante« sagte sie stolz - »so glaube ich eine so ächte Polin zu sein und mein Vaterland
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so sehr zu lieben, wie irgend eine der hier versammelten Personen, wenn ich auch nicht in läppischen und nutzlosen Conspirationen meine Vaterlandsliebe zeige. Ich werde nie vergessen, daß ich eine Gräfin Czatanowska bin.«
»Das mögen die Heiligen geben!« meinte giftig die ältere Dame.
Der Kapitain hatte sich erhoben. »Und daß Niemand hier an Ihrer patriotischen Gesinnung zweifelt« sagte er höflich und fest, »möge beweisen, gnädigste Comtesse, daß ich die Ehre habe, mich nicht als Doktor Ebel, sondern als Kapitain Langiewicz Ihnen vorzustellen.«
Die junge Gräfin reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen, Kapitain, für Ihr Vertrauen, und werde ihm zu entsprechen wissen. - Im Uebrigen bin ich hier nur eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß Papa Sie in seinem Arbeitszimmer erwartet.«


Am andern Vormittag wanderten der Gast und der junge Graf nach der getroffenen Verabredung, die Flinte auf der Schulter, über die beschneiten Felder, dem Anschein nach um Hasen zu schießen, in Wahrheit aber auf der Fährte nach anderem Wild.
»Sehen Sie, Pan Kapitain,« sagte lachend der junge Mann, »da wandert unser würdiger Beichtvater bereits von der andern Seite her dem Vorwerk zu, ein ganz guter Bursche, wenn er nur nicht so anmaßend und herrschsüchtig wäre und meine Tante ganz in der Tasche hätte. Es ist merkwürdig, daß die alten Weiber und die Pfaffen immer zusammenstecken! Aber das weiß ich, wenn ich je
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zu kommandiren habe, soll das Steuersystem unseres guten Czalinski an der lieben Geistlichkeit nicht mit geschlossenen Augen vorüber gehen. Die faulen Dickbäuche, die unseren Thee saufen und unsere Hasen schmausen, sollen am Ersten d'ran.«
Der Kapitain lachte und dachte, wie sehr sich der würdige Propst in seinem Zögling getäuscht. So kamen sie auf den Hof des Vorwerks, wo sie den Geistlichen bereits im Gespräch mit einem jungen Polen fanden.
Es war der Großknecht des Hofes, Woyczek mit Namen, ein kräftiger stämmiger Mensch von etwa 25 bis 26 Jahren, mit aufrechter Haltung, die vortheilhaft den früheren Soldaten zeigte. Auch die größere Sauberkeit seiner sonst ganz dem Landesgebrauch entsprechenden Kleidung: der kurzen weiten Hosen in den hohen Stiefeln, der trotz der Kälte vorne die offene Brust zeigende Litefke und des Schafpelzes darüber, sprachen dafür. Statt der ausgeschnittenen tief über den Kopf reichenden viereckigen Pelzkappe trug der Mann eine alte Soldatenmütze mit Ohrenklappen.
»He Woiczek - komm hierher!« rief der junge Graf.
Der Knecht kam heran und grüßte - statt des gewöhnlichen Kusses des Rockzipfels - militärisch. »Was befehlen der gnädige Herr?«
»Nimm Dein Beil und komm mit ins Holz. Wir wollen einige Stämme auszeichnen.«
Der Knecht ging gehorsam nach der Geschirrkammer und kam bald mit einem Beil auf der Schulter zurück.
»So« sagte der Graf unterdessen. »Nun sehen Sie
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zu, wie Sie mit ihm fertig werden - ich traue dem Kerl nicht recht.«
Als der Großknecht heran gekommen war, sagte der Propst laut: »Wenn Sie erlauben, Graf Walery, begleite ich Sie ein Stück auf Ihrem Spaziergang.«
»Es wird uns eine Ehre sein, hochwürdiger Herr!
Die Drei wanderten, gefolgt von dem Knecht, über die feste Schneefläche einem nahen Kiefernwäldchen zu.
Nach einer Weile wandte sich der Kapitain plötzlich zu dem Bauer und winkte ihn näher.
»Du hast gedient Freund?«
»Ja gnädigster Herr, ich hab' gedient! Drei und ein halbes Jahr!«
»Bei welchem Regiment?«
»Beim Achtzehnten, gnädiger Herr!«
»Und verstehst Du tüchtig das Drillen, ich meine das Einexerciren von Rekruten?«
»Na - ob ich versteh! - Hab' ich doch gethan ein halbes Jahr Unteroffizierdienst und hätt' es werden können ganz wenn ich gewollt. Do djab a! ich wollte sehen den Rekrut, der mit dem Aug' muckst, wenn ich ihm sag': Marsch! - Eins - Zwei! - Eins - Zwei!«
Der Kapitain lächelte.
»Du bist ein guter Pole, Woiczek!
»Ob ich bin ein guter Pole! fragen Sie da hochwürdigen Herrn!«
»So wirst Du vielleicht gehört haben, daß sich drüben wieder etwas vorbereitet?«
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»Hab' ich gehört. Ich wollt', ich könnt' fressen die ganzen Russen!«
»Und die Deutschen auch!« fügte der Seelsorger hinzu.
»Tak! - und die Deutschen auch!«
»Nun wohl, Woiczek! einem Mann wie Dir kann man schon vertrauen. Hättest Du nicht Lust, mit einigen Kameraden über die Gränze zu gehen und da drüben gegen guten Sold die einfältigen Bauernjungen etwas einexerciren zu helfen, damit, wenn es gilt, sie ihren Mann stehen!?«
»Aj dobre! - mit Freud'! - ich bin ein guter Pole und laß mein Leben für Polen und die heilige Jungfrau. Aber ...«
Er kratzte sich verlegen hinter den Ohren.
»Nun?«
»Aber Euer Gnaden wissen, der Sie gewiß auch Soldat sind, denn Sie sehen mir ganz aus, daß ich Reservist bin und daß ich mich stellen muß bei der Compagnie, wenn der Woyt5 mir schickt die Einberufung. - Wer wird mir nachschicken die Einberufung?«
»Thorheit!« lachte der Propst. »Dann bist Du weit davon und weder der Landrath noch der Woyt kann Dir das Geringste befehlen.«
Der Großknecht schüttelte den Kopf. »Nein, Hochwürden, Sie sind nicht gewesen Soldat, darum können Sie nicht wissen, ein Soldat muß gehorchen dem Befehl sonst kommt er in Arrest.«
»Du bist ein Narr! Und was wäre dann weiter,
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selbst wenn das Regiment Dich einziehen wollte? Bedenk, es könnte eben so gut gegen Deine Brüder gehen.«
»Wäre schlimm! sehr schlimm!«
»Dann würdest Du Dich doch weigern, würdest den Gehorsam versagen?«
»Ein Soldat muß gehorchen, wenn der Hauptmann befiehlt!«
»Wie Kerl - Du würdest auf die Unsern schießen?«
»Thu' ich lieber auf Russen schießen, aber wenn's sein muß, muß ich thun!«
»Wenn Du es wagst, bist Du verflucht in Ewigkeit! Die Heiligen werden Nichts mehr von Dir wissen wollen! Ich verweigere Dir die Absolution!« schrie erboßt der Geistliche.
»Das ist sehr schlimm für Woyczek, wenn die Heiligen haben kein Einsehen mit ihm! Was kann ein armer Kerl thun? Hochwürden werden nicht sein so grausam, wenn ich thu' meine Pflicht!«
»Aber Deine erste Pflicht ist, Gott zu gehorchen! Er verbietet Dir, gegen Deine Landsleute zu fechten!«
»Der liebe Herrgott ist weit, und der Herr Hauptmann ist bei der Compagnie. Wenn der Herr Hauptmann befiehlt, muß der Woyczek schießen und ständ' sein eigner Bruder bei dem Feind, sonst kommt er in Arrest. Der König und der Herr Hauptmann bestimmen, wer ist Feind von der Compagnie!«
»Bösewicht! Verräther! Du bist schlechter wie ein Deutscher!«
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Der Propst hob seinen Stock, als wollte er ihn schlagen.
Der Großknecht richtete sich straff empor. »Der Woiczek« sagte er finster, »ist kein Verräther! »Er ist kein Deutscher, er ist ein preußischer Pole! Er ist gewesen königlicher Soldat und läßt sich nicht schlagen wie ein Hund!«
Der Kapitain, der bisher schweigend und nicht ohne großes Interesse der seltsamen Unterredung beigewohnt hatte, hielt es jetzt für höchste Zeit einzuschreiten. »Sie mißverstehen den Charakter dieses Mannes, hochwürdiger Herr« sagte er begütigend. »Unser Freund Woiczek hier ist ein wackerer Soldat und ein guter Pole, er wird sich nicht weigern, uns hinüber über die Gränze zu folgen und uns die besten Dienste zu leisten, vorausgesetzt, daß wenn er eine Einberufungsordre seines Regiments erhielt, ihm diese nachgesandt wird.«
Der Großknecht nickte mit dem Kopf. »Tak! Tak! Wenn ich kann sein bei der Controllversammlung und wenn ich eingezogen werd' zur Uebung, will ich thun, was der gnädige Herr will und die dummen Kerle exerciren lehren, daß er seine Freud hat. Vielleicht können der gnädige Herr oder Euer Hochwürden sprechen mit dem Feldwebel oder dem Herrn Landrath, daß ich frei komme von der Uebung.«
»Wir wollen das schon machen« sagte der Kapitain. »Ich werde Dich durch den Herrn Propst wissen lassen, wann und wo ich Dich brauche. Wahrscheinlich in Kazimiersz! Kannst Du über die Gränze kommen und einige tüchtige ausgediente Kameraden mit Dir bringen?«
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»Gewiß kann ich!«
»Deine Hand darauf, Mann!«
Der Großknecht streckte respektvoll seine hornige schwielige Faust dem Kapitain entgegen, die dieser schüttelte. Nur der Geistliche grollte noch immer über sein obstinates Beichtkind und konnte sich nicht zufrieden geben, selbst als ihn der Kapitain darauf aufmerksam machte, daß man schlimmsten Falls dem Mann ja nur die Ordre nicht nachzuschicken brauche. Zürnend über den Verfall der Religion und des Respekts vor der Kirche verließ er endlich die Gesellschaft, nachdem der Kapitain noch verabredet hatte, ihn am Nachmittag zu besuchen.
Als die Drei jetzt allein waren und ihren Weg fortsetzten, sagte der Kapitain: »Du kannst mir einen Dienst erweisen, Woiczek!«
»Mit Freuden, gnädiger Herr!«
»Ich brauche eine vollständige Kleidung wie die Deine! Sie braucht nicht neu zu sein, aber möglichst reinlich und ohne Ungeziefer.«
»Wenn der gnädige Herr zufrieden wären mit dem, was ich habe - für die schwarzen Husaren kann ich freilich nicht stehn, aber sonst kein Gethier, ich schwör's!«
»Gut. Also Litefke, Beinkleid, Stiefeln und Pelz, und eine neue polnische Mütze, keine Militairmütze! Was willst Du dafür?«
»O der gnädige Herr werden dem Woiczek nicht thun zu kurz!«
»Hier hast Du 30 Thaler Preußisch - 180 Gulden Polnisch. Wird das genügen?«
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»O gewiß Pan, gnädigster, ich dank ganz gehorsamst. Dafür kann ich mir schaffen Kleidung ganz neu. Wohin soll ich bringen das Gewand?«
»Wenn es dunkelt nach dem Schloß. Aber es braucht Niemand darum zu wissen, namentlich der Amtmann nicht oder sonst einer von den Deutschen.«
»Ich werde bringen die Sachen in die Kammer von Maruschka, meinem Mädel. Sie ist ein brav und verschwiegen Ding!«
»Ich will schon aufpassen, wenn Du kommst,« sagte der junge Graf. »Bleib dann im Schloß, es ist vielleicht noch Etwas zu befehlen. Und nun kannst Du wieder an die Arbeit gehen, die Bäume wollen wir ein andermal auszeichnen.« - Der Woiczek nahm wieder seine Axt auf die Schulter, grüßte militärisch und kehrte nach dem Vorwerk zurück, seelenvergnügt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, und pfiff dabei, den Leibmarsch seines Regiments.


Der verkappte Emigrant hatte im Lauf des Tages noch eine ausführliche Unterredung mit dem Propst Czalinski und der Gräfin Oginska gehabt - von welcher der Graf keine Notiz nahm.
Es wurde verabredet, daß man um 6 Uhr nach Strza kowo fahren wollte und zwar der Graf mit der Comteß und dem Fremden, der wie es hieß, von dort mit der Post seine Reise nach Bromberg fortsetzen wollte. Woiczek sollte die Herrschaft fahren, unterwegs aber die Pferde dem verkleideten Kapitain übergeben und nach dem Dorfkrug, wo ausgespannt wurde, zu Fuß nachkommen.
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Anfangs wollte auch die Gräfin mit, aber sie zog es dann vor, zu Hause zu bleiben, um jeden etwa entstehenden Verdacht unter dem Hauspersonal zu unterdrücken.
So ging der Tag vorüber. Als es dunkel wurde, brachte Woiczek in die Kammer seiner Braut, welche im Edelhof speziell zur Bedienung der jungen Comteß diente, die besprochenen Sachen und Valer trug sie in das Zimmer des Kapitains, der bereits beschäftigt war, sein Haar roth zu färben und einen schmuzigen rothen Bart um Kinn und Wangen zu kleben, der bei der Dunkelheit auch spähendere Augen täuschen konnte, als die der polnischen Bauern in der Schänke und der Kosacken bei dem Ritt über die Gränze. Sein weniges Gepäck führte er in einem kleinen unscheinbaren Felleisen mit sich, das sich leicht überall transportiren oder selbst auf der Schulter tragen ließ.
So ausgerüstet, nachdem er die Kleider des Großknechts angelegt und die seinen in dem kleinen Mantelsack verwahrt hatte, erwartete er die Ankunft des Schlittens.
Punkt 6 Uhr fuhr denn auch der vom Militairdienst an strenge Pünktlichkeit gewöhnte Woiczek mit dem Schlitten vor, und auf den Ruf Valer's kam der Kapitain herunter in seinen langen Mantel gehüllt, der mit dem aufgeschlagenen Kragen vollständig Kleidung und Gesicht verbarg, so daß das Hauspersonal und der Amtmann, die theils im Foyer, theils auf der Rampe standen, Nichts von der Verkleidung ahnen konnten. Der Graf und seine Tochter saßen bereits im Schlitten und kaum hatte der Kapitain neben Woiczek Platz genommen, so hieb dieser auf
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die dampfenden Pferde und im raschen Galop flog klingelnd der Schlitten davon durch den Park.


Wir müssen zu Jokef und seinen Vorbereitungen für den Schmuggeltransport zurückkehren.
Der Leser glaube nicht, daß der Verfasser in dem Folgenden ihm etwa ein Gebilde seiner Phantasie vorführt, - die Scenen sind Wahrheit bis auf unbedeutende Veränderungen in Zeit und Namen, wie sie der Gang unserer Darstellung erfordert, und seine eigene Person ist ihnen nicht fremd gewesen.
Nachdem Jokef am Abend vorher mit seinem Frachtwagen im Dorf angekommen war und denselben im Hof des Kruges untergebracht hatte, wo er von dem Hund des Fuhrmanns und einem gedungenen Wächter gegen communistische Bestrebungen gesichert wurde, hatte er sich aufgemacht nach dem Haupt-Zoll-Amt.
Das preußische Haupt-Zoll-Amt und das preußische Post-Amt befinden sich einsam eine Strecke, etwa 2000 Schritt, von dem Dorfe entfernt an der Chaussee, die in schnurgerader Linie, wie dies bei den meisten der vortrefflichen russischen Chausseen der Fall ist, deren direktem Gange selbst Kirchen zum Opfer fallen müssen, fortläuft. Die beiden, aus mehreren Gebäuden bestehenden Aemter liegen zu beiden Seiten der Straße einander gegenüber etwa noch eine halbe Meile von dem polnisch preußischen Gränzgraben. S upce, das erste russische Hauptzollamt, ein jammervolles
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polnisches Städtchen, ist von der Gränze noch etwa 5 Wersts entfernt.
Die Chaussee zwischen beiden Orten führt durch eine trostlose flache Gegend, nur der von der Zeit halbausgefüllte Gränzgraben bildet mit seinem Wall eine unbedeutende Erhöhung. Wenig Gesträuch, kaum ein Baum auf der öden Fläche; nur die preußische Seite der Chaussee ist mit Obstbäumen besetzt und südlich in einiger Entfernung zieht sich ein Kiefernwald bis an die Gränze.
Dieser schon im Sommer öde und trostlose Anblick ist es natürlich im Winter, - wenn der Schnee jedes Zeichen des Lebens bedeckt, - noch mehr.
Als Jokef das Haupt-Zoll-Amt erreicht hatte, wo er sehr bekannt schien, wandte er sich nach dem einstöckigen Gebäude rechts, öffnete die Thür des Hausflurs, und klopfte an eine Thür zur Linken.
»Herein!«
Er öffnete die Thür, aus der dichter Tabacksqualm ihm entgegenschlug.
Auf einem alten ledernen Sopha an der Wand gegenüber saß ein großer kräftiger Mann von etwa drei- oder vierunddreißig Jahren, in eine alte Steueruniform gekleidet, die er als Schlafrock zu benutzen schien. Er hatte ein, wenn auch nicht hübsches doch offenes und kräftiges Gesicht, etwas von Blatternarben gezeichnet, mit kleinen muntern Augen und von einem kurzen dunklen Bart umrahmt. Der Beamte dampfte aus einer Pfeife, daß die Wolken das offenbar auf eine Junggesellenwirthschaft
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deutende Zimmer füllten und hatte vor sich ein großes Glas mit Rumthee, wie man ihn in Polen trinkt.
An der Seite des Tisches saß ein jüngerer Mann, etwa 20 Jahr, in Postuniform. Er war kaum von mittlerer Größe, schlank und beweglich, hatte graue ausdrucksvolle Augen und trotz seiner Jugend das Gesicht von einem hübschen dunklen Bart umrahmt. Auch er hatte ein Glas Thee vor sich, rauchte aber nicht.
»Ist's erlaubt einzutreten, Herr Ober-Controlleur?«
»Ah Jokef, alter Gauner, Du bist's! herein mit Dir und sage, was Du willst. Aber laß den Ober-Controlleur weg - ich habe leider noch Zeit bis dahin und bin der berittene Steuer-Aufseher Hitzigrath für Dich und jeden Andern. Das merke Dir, oder ich schneide Dir die Ohren ab! - Und nun, da in der Ofenröhre steht heißer Thee, auf der Kommode die Zuckerbüchse und der Rum, und auf dem Waschtisch ein Glas. Setz Dich und mach Dir ein Glas und dann erst thu' Dein Maul auf, Jude!«
»Gott der Gerechte« lächelte Jokef - »bester Herr Ober- - wollt' ich sagen Herr Aufseher, Sie sind doch halt immer noch der frühere Herr, als wie Sie waren beim Regiment in Posen. Aber wenn Sie befehlen, daß ich nehme ein Glas Thee, so müssen Sie mir erlauben, daß ich dazu gebe eine Flasche ebbes ganz Apartes, ein Rumchen, wie er kommt direkt von Jamaika bei die Mohren, und Cigarren, wie der Herr Ober-Steuerminister raucht keine besseren.«
Und er holte aus den unergründlichen Taschen seines Talars eine dickbäuchige Flasche Rum von allerdings sehr
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überseeischem Ansehen, und ein Paar Packete Cigarren, deren Duft wirklich auch eine feinere Nase hätte in Versuchung bringen können als die des wackern Gränzaufsehers.
»Ich sag' es ja, der Jokef hat immer etwas Feines« lachte der Aufseher. »Nun wir wollen ihm das Vergnügen nicht verderben, junger Freund! - Darum trinken Sie aus und lassen Sie uns einen neuen Thee brauen.«
Jokef war überaus geschäftig. »Herr Postsecretair« sagte er schmeichelnd, »es freut mich wahrhaftig, daß ich die Ehre habe, Sie hier zu sehn. Ich hab' an Sie gedacht, obschon Sie mir haben aufgezwungen bei der Fahrt zur letzten leipziger Messe sieben Pferde - Gott, es is nich zum glauben! - sieben Pferde Extrapost auf ä einzigen Wagen, wo ich bin angekommen aus Polen mit zwei!«
Der angehende Postsecretair und der Steuerbeamte brachen in ein schallendes Gelächter aus, denn die Anekdote war allerdings wahr.
»Reglement Herr Jokef, bloß nach dem Reglement!«
»Was thue ich mit dem Reglement, wo doch muß sprechen die Billigkeit! - Ich hab doch erst gehn wollen, wie Sie mir haben gejagt durch den Herrn Wagenmeister mit meinen Reklamationen vor die Thür, zu dem Herrn Generalpostdirektor Gnaden, um mich zu beschweren über die Behandlung. Aber ich hab' doch nachher gedacht, es könnte Ihnen vielleicht schaden, weil Se noch wären ä junger Beamter, und hab's gelassen sein. Und damit Sie sehen, daß ich hab' keinen Groll, sondern hab' gedacht in
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Freundschaft an Sie, hab' ich Sie mitgebracht ä Messer mit sechs Klingen und ä Säge und ä Pfropfenzieher, ä wahres Meisterstück!«
Und er holte aus der unerschöpflichen Tasche ein sauber in Seidenpapier geschlagenes Messer und bot es dem jungen Beamten.
Der Postsecretair, oder richtiger Postschreiber, erröthete ein Wenig, denn er war sich allerdings einer kleinen Härte bewußt, zu der ihn die oft unverschämten Anforderungen der polnischen Meßreisenden gebracht, - und sagte, indem er nach seinem magern Portemonnaie griff: »Was kostet das Messer, Herr Jokef?« - aber der Jude hielt ihm gutmüthig lächelnd die Hand. »Was es kostet? - ä Schön Dank Jokef! und weiter nichts. Und nu wollen wir reden von was Anderm! - Ich steh' mit ä Wagen voll Waaren im Wirthshaus, Herr Aufseher!«
»Das hab' ich mir gedacht. Doch keine preußische Contrebande?«
»Was denken Sie von mir? Hier sind die Connaissements. Lauter reines Gut, dessen Ausfuhr ist erlaubt im Interesse von den preußischen Fabriken und Handelshäusern.«
Der Aufseher hatte die Papiere nachgesehen. »Es ist Alles in Ordnung« sagte er, »und ich werde dem Herrn Oberinspektor Wandel davon Bericht erstatten. Aber das scheint ja diesmal ein ziemlich starker Transport. Wie willst Du ihn über die Gränze bringen?«
»Mit den Kosacken, Herr!«
»Es ist freilich das Beste. Hast Du den Kapitain schon benachrichtigen lassen?«
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»Ich bin doch erst angekommen vor einer halben Stunde im Dorf. Hier hab' ich einen Brief, den ich will schicken dem Kapitain durch einen Boten.«
»Leg' ihn dorthin auf die Kommode. In einer Stunde reit' ich selbst zur Revision und werde da wohl einen von den Spitzbuben treffen, der ihn bestellen kann. Wie viel Pferde hast Du bestellt?«
»Fünfundsechszig, Pan!«
»Teufel, das ist ja das halbe Pulk. Und welche Caution?«
»Tausend Rubel!«
»Nun - Du wirst vielleicht mit etwas Weniger zufrieden sein. Weißt Du auch, Jokef, daß Deine guten Freunde, die Kosacken im Frühjahr die Station verlassen, um nach dem Don zurückzukehren.
»Je, das thut mir leid. Der Kapitain ist ein guter Mann und seine Frau hält streng Regiment. Man thut doch immer lieber verkehren mit alten Bekannten, als mit neuen Leuten.«
»Davon haben Sie mir ja noch gar Nichts gesagt, Freund Hitzigrath« sagte der junge Postsecretair.
»Nun ich dachte, die Minka hatte es Ihnen gesteckt; ich sah die Dirne doch noch gestern hier herumstreichen und daß es Ihretwegen geschieht, weiß die ganze Nachbarschaft.«
Der junge Mann erröthete. »Was kann ich dazu thun? Uebrigens habe ich sie seit einer Woche nicht gesprochen. Sie war bei der Postmeisterin und hat ein Langes und Breites mit ihr verhandelt, was, weiß ich
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nicht, aber sie ging weinend fort, wie mir unser Wagenmeister sagte, denn ich blieb im Bureau.«
»Sehr undankbar von Ihnen, mein Junge. Das Mädchen ist hübsch genug für eine halbe Kalmückin und würde sich für Sie todtschlagen lassen. Mord und Säbeltasche! Ich weiß wahrhaftig nicht, was sie an einem Burschen wie Sie sind hat!?«
»Sie wissen, daß sie mir aus Dankbarkeit geneigt ist, weil ich ihren Bruder einmal von der Knute losgebeten, die ihm unser guter Freund der Kapitain zudiktirt hatte.«
»Ist Alles egal - aus der Dankbarkeit ist Liebe geworden. Oder glauben Sie, daß die Steppenmädchen mit den stumpfen Nasen und hohen Backenknochen, - und ich muß gestehen, die Minka hat ein verteufelt hübsches Stumpfnäschen, - nicht eben so gut Blut im Herzen und in den Adern haben, wenn sie jung sind, wie unser Frauenvolk in den Städten mit langen Ringellocken und Schleppkleidern? Mord und Säbeltasche, wie ich so jung war wie Sie, und eben bei den Husaren eingetreten, war ich ein anderer Kerl und hinter dem schönen Geschlecht her, schwarz oder blond, mit Zöpfen oder Schmachtlocken, wie Ziethen aus dem Busch!«
Der Postsecretair lachte. »Ich denke lieber Freund, Sie sind heute noch nicht viel besser! Aber Sie wissen, daß auch ich bald diese Gegend verlasse und singen müßte: »Schöne Minka ich muß scheiden!« was die Kleine so allerliebst vorträgt mit ihrem Bruder zur Balaleika; und so hätte doch geschieden sein müssen. Sie nach dem Don und ich nach dem thüringer Wald - eine Welt liegt da
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zwischen uns. Wenigstens verdank' ich ihr, daß ich ein ziemlicher Kosacktänzer geworden bin und zum Ballet gehen kann, wenn's mit der Post nicht geht. Schmieren Sie nur Ihre Beine für morgen zum Kränzchen, Sie wissen, die Postmeisterin ist wie ein kleiner Satan auf eine Mazurka oder einen Galop.«
Der Jude hatte dem Intermezzo der Unterhaltung aufmerksam zugehört, indem er dabei auf's Neue die Gläser gemischt; jetzt aber schob er sein Wort ein.
»Sie werden doch halt nischt tanzen können morgen, nicht ä Galopp und nicht ä Mazurka, wo Sie strampeln mit de Beine und klappern mit de Absätze, daß ma denkt se wären geworden verrückt! Ich bringe halt ä traurige Nachricht!«
»Du? was ist?«
»Seine gnädigste Majestät, der Herr König von Preußen in Berlin sind gestorben in der vergangenen Nacht!«
Wie längsterwartet auch diese Nachricht war, verfehlte sie doch auch hier nicht ihren Eindruck. Die beiden jungen Männer wurden still und ernst.
»Gott gebe dem armen Herrn die ewige Seligkeit!« sagte der Steuerbeamte. »Und nun Kinder wird es Zeit, daß ich mich zu meiner Runde fertig mache.«
Der Postsecretair und der jüdische Kaufmann hatten sich erhoben. Der Erstere reichte seinem Freunde die Hand. »Einen guten Ritt und stellen Sie den Thee hübsch in die Kohlen, damit Sie etwas Warmes finden, wenn Sie nach Hause kommen.«
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»Ich weiß etwas Besseres!«
»Ah - die Jule!« Er drohte ihm mit dem Finger. »Aber es ist kalt unter der offenen Dachkammer - ich kann ein Wort davon erzählen! - Doch noch Eins! Werden Sie morgen den Zug begleiten?«
»Ich werde wenigstens bis an die Gränze mitgehen.«
»Bitte - dann lassen Sie uns einen kleinen Ritt hinein machen ins Land. So entgeh' ich der langweiligen Gesellschaft, denn um ihr Kränzchen läßt sich die Postmeisterin nicht bringen trotz der Todesnachricht, ich habe gestern die Einladungen abschicken müssen an die Offiziere in Wreschen und an drei Edelhöfe.«
»Haben Sie ein Pferd?«
»Nein! Der Postmeister und der Posthalter in Posen liegen sich wieder einmal in den Haaren. Bitte, lassen Sie es Frau Yaschka, die Kapitainin wissen, daß sie mir ein überzähliges Pferd mitsenden soll. Ich will es gern vergüten!«
Der Zollbeamte lachte. »Das ist freilich das beste Mittel, damit die hübsche Minka mit von der Partie ist. - Aber Nichts für ungut deshalb, mein Junge, verlassen Sie sich auf mich. Und nun Adieu bis morgen.«
Der Postsecretair und der Schmuggler gingen.


Am andern Vormittag gegen 10 Uhr, kam auf seiner kleinen, langmähnigen, schmuzigen aber unverwüstlichen Mähre ein Kosack auf der Straße von S upce daher gejagt, hielt vor dem Hauptzollamt, sprang vom Pferde, ließ
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dasselbe unbeachtet stehen und lief in das Gebäude. Dort mußte er Jokef, den Kaufmann, getroffen haben, denn er kam nach einer Weile von diesem begleitet heraus, und strich sich behaglich den Bauch aus Vergnügen über das Bierglas Alkohol von 80 Prozent, - rectifizirter Weingeist - das er eben verschluckt hatte.
Der Kaufmann redete Allerlei auf den Kosacken hinein, begleitete ihn auch eine Strecke die Chaussee entlang, und ließ ihn dann reiten.
Mittag um ein Uhr kam ein zweiter Bote von S upce, ritt langsam an dem Posthause vorbei, nickte freundlich nach dem Fenster und galopirte dann zum Wirthshaus im Dorf weiter.
Der Reiter war diesmal ein junges Mädchen, mit langen, fliegenden Zöpfen, kurzem Rock und weiten Beinkleidern, das nach Männerart auf dem hohen bauschigen Sattel ritt. Sie hatte ein zwar nationales aber hübsches und freundliches Gesicht, und schien Allen auf dem Amt und im Dorf wohl bekannt. Im Hofe des Krugs fand sie den Kaufmann eifrig beschäftigt, mit Hilfe einiger Personen, die er hauptsächlich überwachte, Waaren aus Fässern und Kisten zu packen und sie in starkleinene in der Mitte offene Quersäcke zu stecken, so daß sich wohl in jedem ein bis eineinhalber Centner Waaren - Zucker, Kaffee, Pulver, Schnittwaaren, Kleider und dergleichen - befanden. Jokef zählte sorgfältig die Quersäcke und ließ sie dann auf offene Bauerwagen laden.
»Weiß Gott« sagte Jokef - »die schöne Minka! Du
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sollst gegrüßt sein, Kind - ich hoffe, Du bringst eine verständige Nachricht!«
Er war zu dem Pferde getreten, da das Mädchen nicht absteigen wollte.
»Ich muß gleich wieder fort« sagte sie auf Russisch, denn Panna Yaschka wartet auf mich an der Gränze. Du brauchst also 70 Pferde, Väterchen?«
»Sechszig zum Beladen - es sind sechszig Säcke, achtzig Centner Waaren. Die anderen Pferde müßt ihr drüber geben.«
»Und nach Gollin?«
»Ja, nach Gollin!«
»Und Du willst nicht geben zehn Rubel für's Pferd?«
»Zehn Rubel?« eiferte der Jude - »ich glaube Ihr seid verrückt geworden. Ich habe immer gegeben einen Dukaten für's Pferd und nicht mehr!«
»Das ist zu wenig« erklärte mit Bestimmtheit die junge Unterhändlerin. »Die Strazniks passen auf wie die Teufel, und es sind strenge Befehle gekommen. Wenn Du nicht sechs Rubel Silber zahlen willst für das Pferd, ist kein Handel diesmal zu machen.«
Nach verschiedenem Feilschen wurde man mit 5 Rubel einig, und es wurde der Ort an der Gränze bestimmt, wo man sich um halb zehn Uhr treffen wollte.
»Der Kapitain hat einen schlimmen Fuß« berichtete das Mädchen, »Frau Yaschka wird den Zug leiten und die Kaution bringen.«
»Dobre Kind, die Frau ist mir lieber als der Trunkenbold von Mann. Wirst Du auch dabei sein?«
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»Ich werde die Panna begleiten!«
»Ich dachte es mir. Du bringst doch ein Pferd für den jungen Herrn von der Post mit?«
Sie nickte.
»Ja, ja, Schickselchen, der Jokef sieht wie es ist und bedauert Dein kleines Herzchen, das Du an einen Mann gehangen, der Dich doch höchstens machen kann unglücklich. Hier -« und er öffnete ein Packet und nahm ein hübsches seidenes Tuch heraus - »das ist der Lohn für Deine Botschaft und soll Dich erinnern an den Jokef.«
Das Kosackenmädchen nahm das Geschenk mit Dank an und wendete dann ihr Pferd.
Sie ritt langsam, in tiefem Sinnen zurück, bis sie an das Posthaus kam; dort raffte sie sich gewaltsam empor, drängte ihr Pferd bis dicht unter das Fenster der Expedition und klopfte an.
Das Fenster wurde geöffnet und der junge Postsecretair erschien in ihm.
»Ah, Du bist's, Minka? wie geht es Dir?«
»Gospodin« sagte das Mädchen in gebrochenem Deutsch, »die Panna Kapitain wird schicken ein Pferd. Du wirst kommen diese Nacht?«
»Gewiß, Minka!«
»Minka wartet auf Dich! Minka will sprechen zu Dir. Armen Kosackenmädchen das Herz sehr schwer!«
Er reichte ihr die Hand, die sie küßte.
»Geh jetzt, Kind. Wir sehen uns diesen Abend!«
»Leben wohl, Herman Hermanowitsch!«
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Sie sprengte in wildem Galop davon, die Chaussee entlang.
Etwa zehn Minuten von dem Amt setzte sie über den Chausseegraben, und jagte querfeldein nach der Gränze. Sie hatte dieselbe beinahe erreicht, als hinter einer durch Strauchwerk entstandenen Schneewehe sich plötzlich ein Mann erhob. Das Gewehr, das er trug, und die schmuzige Uniform bezeichneten ihn als einen Straznik, einen der Civil-Zollbeamten des aus solchen und den militärischen Wächtern, den Kosacken, bestehenden russischen Gränzcordons. Es war noch diesseits des Gränzgrabens auf preußischem Gebiet, wo der Beamte die Reiterin anhielt.
Der Zollwächter war ein Mensch von etwa vierzig Jahren, von unangenehmem, gekniffenem Gesicht.
»Sieh da, Minka, Dirne - wo kommst Du her?«
Das Mädchen hielt das Pferd an, die Begegnung schien ihr unangenehm und widrig, aber nach Frauenzimmerart antwortete sie nicht direkt, sondern mit einer Gegenfrage.
»Und Du selbst, Stephanowitsch, warum treff ich Dich hier?«
»Ich bin im Dienst, und passe auf, daß nichts Unrechtes geschieht!«
»Was soll Unrechtes geschehn? Laß mich vorbei - ich will nach Hause!«
»Oh - ich weiß! zur Kapitainsfrau - da drüben am Wald! Meinst Du, daß der Stephanowitsch keine Augen im Kopf hat? Wo kommst Du her? Du weist[weißt], daß ich Oberaufseher bin, und das Recht habe, zu fragen.«
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»Von Strza kowo! ich habe Freunde dort.«
»Do djab a - ich weiß« sagte er höhnisch - »den jungen Hundesohn, den Postsecretarsz! - aber ich will den Laffen zeichnen, wenn er sich noch einmal ohne Karteczka6 über die Rogatka wagt!«
»Du bist ja selbst auf preußischem Gebiet, wo Du nicht sein darfst!«
»Der Teufel fresse Deine Seele! was kümmert's Dich? Bin ich Dir Rechenschaft schuldig? Aber höre mich an, Minka. Ihr habt Etwas vor - es ist Etwas in der Luft - ein Transport? Glaubst Du, daß der Stephanowitsch so dumm ist, es nicht zu merken? - Wenn Du mir vernünftig antworten willst auf den Antrag, den ich Dir gemacht, drück ich die Augen zu. Oder noch besser, Du sagst mir, wo der Jude und Deine Leute zu fassen sind, wir erwischen sie, und der Antheil an der Beute ist unsere Hochzeitsgabe.«
»Ich weiß von Nichts!«
»Dummkopf - sei nicht störrisch! Wenn Jemand etwas weiß, so bist Du es. Ich wette, daß Du auf einem Botengang warst, und ich könnte Dich verhaften und durchsuchen. Sei vernünftig, Dirne - willst Du wieder in die Steppen zurückgehen und einen schmuzigen Kosacken heirathen, oder Dir von dem deutschen Lümmel drüben ein Kind machen lassen, und im Elend verkommen? Ich hab' einen Narren an Dir gefressen und will Dich zur Frau machen, ich, der Oberaufseher!«
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»Ich mag Dich nicht, Michael Stephanowitsch!« sagte sie von Zorn glühend.
»Und warum nicht?«
»Weil Du ein schlechter Mensch bist, ein Spion und Verräther!«
»Hundekröte! herunter mit Dir - ich will Dich lehren, so mit mir sprechen!«
Er sprang auf sie zu, um sie vom Pferde zu reißen, aber ein scharfer Schlag ihres Kantschuhs traf ihn über das Gesicht und zeichnete eine rothe Strieme darüber, daß er zurückfuhr. Diese Bewegung nahm das Mädchen wahr, um davon zu sprengen.
Stephanowitsch hatte mit einem lästerlichen Fluch - an denen die russische Sprache ja so reich ist wie die ungarsche - das Gewehr von der Schulter gerissen, um ihr eine Kugel nachzuschicken, aber er bedachte sich anders. »Nein« brummte er - »hab' ich den Nickel erst in meinem Hause, soll er mir den Schlag bezahlen. Wenn ich sie fassen kann, wandert die Sippschaft, Vater, Mutter und Bruder nach Sibirien, und das wird sie schon kirre machen. Aber nun will ich in's Dorf, um zu sehen, was sich erlauern läßt.«
Er wanderte querfeldein nach Strza kowo zu, da er aber dabei der Gränze den Rücken wandte, konnte er nicht bemerken, daß das flüchtende Mädchen unfern derselben einem weiter begegnete, der vom Gehölz her auf einem Feldweg daher getrabt kam, und daß sie - wenn auch nur einen Augenblick - mit ihm sprach.
Es war unser Bekannter vom Abend vorher, der preußische Gränzaufseher, frühere Husarenwachtmeister Hitzigrath.
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Das Kosackenmädchen hatte sich begnügt, auf den entfernten Feind zu deuten, und zu sagen: »Der Stephanowitsch! - er spionirt!«
»Gut, gut, schöne Minka, ich danke!«
Und Herr Hitzigrath schlug im scharfen Trab einen weiten Bogen ein, der ihn aber dem Russen entgegen führen mußte.
Die Begegnung erfolgte, da der Straznik nicht die Chaussee nach dem Amt ging, sondern hinter demselben her, nach dem Dorf, - im freien Feld zwischen diesem und dem Amte.
»He - hollah! wer seid Ihr? was thut Ihr da?«
Der Russe blieb stehn. »Ah, sieh da, Herr Kollege! Guten Tag, wie geht's?«
»Der Teufel ist Euer Kollege! Was thut Ihr hier auf preußischem Gebiet?«
»Ich habe ein Geschäft auf dem hochlöblichen Amt - ich will eine Anfrage halten. Kennen Sie mich nicht? ich bin der Ober-Straznik Michael Stephanowitsch von S upce!«
»Stephanowitsch hin, Stephanowitsch her« sagte der alte Husar. »Ich kenne nur meine Dienstinstruktion, und die besagt, daß fremde Personen nur auf der Zollstraße in Preußen eintreten können, natürlich mit gehöriger Legitimation, am wenigsten aber mit Waffen sich auf freiem Felde umhertreiben dürfen. Also marsch, umgedreht und über die Gränze zurück oder ich muß zu ernsten Maßregeln greifen.«
Der Russe knirschte mit den Zähnen. »Aber Sie
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werden doch Einsicht annehmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich einen kleinen Einkauf machen will. Sie sind ja selbst so oft bei uns drüben in S upce, Herr Kamerad!«
»Ich hab' es Euch schon einmal gesagt, der Teufel ist Euer Kamerad, Ihr schmutziger Lump« schrie erbittert der Preuße und griff nach der Pistolenhalfter. »Wenn ich nach Eurem Hundenest komme, geschieht's offen und mit Legitimation, ich schleiche nicht herum wie ein Spion. Und jetzt vorwärts, umgedreht, oder ich will Euch den Schädel klopfen, daß Ihr d'ran denken sollt. Marsch, zurück über die Gränze.«
Und den knirschenden schimpfenden Kerl fest im Auge, das Pferd scharf im Zügel und die Rechte am Pistolengriff, trieb er ihn vor sich her nach der Gränze zurück, und verließ ihn nicht eher, bis Jener wieder über den Graben sprang und mit einer wilden Rachedrohung sich davon trollte.
Der preußische Aufseher lachte spöttisch hinter ihm drein, obschon er wohl wußte, daß der Kerl im Stande war, seine Drohung aus tückischem Hinterhalt wahr zu machen.


Es war Abend geworden. Kurz nach halb 7 Uhr klingelte der Schlitten des Grafen Czatanowski durch die polnische Seite des Dorfs, und hielt einen Augenblick vor dem Krug an, wo Jokef der Kaufmann herauskam und seinen neuen Knecht scharf ins Auge faßte.
Er schien mit der Verkleidung ganz zufrieden, denn er zwinkerte schlau mit den Augen und sagte: »Nicht einmal
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die Herrn Offizier, die gekommen sind von Wreschen würden haben Mißtrauen in Levy Schmuel!«
»So sind Offiziere beim Postmeister?«
»Drei Cavaliere sind gekommen auf schmucken Pferden, die zwei Burschen sitzen drin im Krug! - Es wird gut sein, wenn der Levy Schmuel bleibt im Stall oder bei den Wagen, bis es ist Zeit.«
»Ich verstehe! Vielen Dank denn Jokef und Gott sei mit Euch. Du weißt, daß Du auf Schloß Slawice stets willkommen bist.
Vorwärts Woyczek, zum Posthaus!«
Der Kapitain knallte auf die Pferde und der Schlitten flog davon.
Comteß Kazimira hatte sich bei Erwähnung der Offiziere tiefer in die Schlittenecke zurückgelegt und das Capuchon mit dem Schwanenbesatz fester um das hübsche von der scharfen Winterluft geröthete Gesicht gezogen.
So fuhr der Schlitten bei dem hell erleuchteten Posthaus vor, wo aus dem großen und bequem eingerichteten Passagierzimmer, dessen elegantere Möbel sich das General-Postamt lange gesträubt hatte, dem spekulativen Postmeister zu vergüten, - Madame Bandtke, die junge hübsche Postmeisterin mit einigen Damen vom Hauptzollamt und den Offizieren eilig heraus kam, die Angekommene zu begrüßen, sie aus den Pelzen und Mänteln zu wickeln und in die warmen Zimmer zu geleiten, wo der Ober-Zoll-Inspektor, der Controleur, der Postmeister und zwei benachbarte Edelleute bereits beim Whist und L'Hombre saßen.
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Die Begrüßung war, wie immer in Polen selbst von den vornehmsten Personen gegen weit Geringere, überaus freundschaftlich ja herzlich, und bald saß die ganze Gesellschaft in den Zimmern vertheilt, theils bei Spielpartieen, theils am Klavier oder im gemüthlichen Damenklatsch, und der lange rothhaarige Wagemeister, der sonst auch zum Tanz mit seiner Flöte das Orchester bildete, reichte das Tablet mit heißem Thee und Rum umher.
Unter den Männern war natürlich zunächst die Rede von dem wichtigen Ereigniß des Tages, das heute auch die Zeitungen näher gemeldet hatten, dem Tode des königlichen Märtyrers und der Thronbesteigung König Wilhelms I.
Weniger wurden die Damen davon berührt, wenigstens war das Thema bald erschöpft oder ging auf die Hoftrauer, die bevorstehende Krönung und den Wegfall aller rauschenden Festlichkeiten der Saison über.
Die junge hübsche Schwester der Postmeisterin, Fräulein Emilie, hatte am Klavier der Comteß Platz gemacht, mit der sie näher bekannt war, da die jungen Mädchen trotz der Verschiedenheit des Standes einander häufig besucht und sehr gern hatten, und sie plauderten von ihren kleinen Geheimnissen, wie junge Mädchen sie immer unter einander zu haben pflegen. Comteß Kazimira erzählte von den hübschen Geschenken, die der Graf aus Posen mitgebracht und sagte dann lächelnd: »Nun meine kleine Milka, beichten Sie einmal und erzählen mir, wie weit Sie mit Ihrem Postsecretair sind? Hat er noch immer keinen Heirathsantrag gemacht?«
»Wie Sie auch reden können, Comteß« entgegnete
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verschämt das junge Mädchen. »Dazu sind wir Beide ja noch viel zu jung und ohne Aussicht, auch geht er bald fort von hier. Ueberdies mag ich ihn nicht leiden, da er sich immer von der dreisten Kosackendirne nachlaufen läßt. Denken Sie die Frechheit der Person, daß sie vor einigen Tagen bei meiner Schwester war und bat, sie in Dienst zu nehmen, da sie mit ihrem Pulk nicht wieder fortziehen, sondern hier bleiben wollte. Es war ihr doch gewiß bloß darum zu thun, hier bei ihm im Hause zu sein. Und heute ist sie so frech gewesen, hier vorüber zu reiten und an sein Fenster zu klopfen, denken Sie nur, vor Aller Augen!«
Die junge Gräfin lächelte über den Eifer ihrer Freundin. »Das ist allerdings recht dreist. Aber wo ist denn der Herr, ich sehe ihn ja gar nicht?«
»Der abscheuliche Mensch hat für die Einladung gedankt - er hätte zu thun. Aber ich weiß schon, was er vorhat, es ist wieder ein Schmugglerritt im Werk, und da will er mit.«
»Also ein Schmugglerzug?« frug die Gräfin mit höherem Interesse. »Werden die Herren Offiziere daran Theil nehmen?«
»Es wäre unartig genug von ihnen, aber den Husaren ist Alles zuzutrauen« meinte die junge Dame etwas pikirt, weil Jene so wenig auf ihr Herzensleid einging.
»Es sind nur zwei der Herren von der Husarenschwadron - der Dritte ist nach der Uniform von der Infanterie?«
»Ja - ein Offizier von einem Regiment aus Posen
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- er ist aus den westlichen Provinzen wie ich hörte, und erst seit Kurzem nach Posen versetzt. Er heißt wie unser Postsecretair mit dem Vornamen, Hermann!«
»Ein interessantes nur etwas schwermüthiges Gesicht. Wissen Sie seinen Namen?«
»Oh - ein ganz ordinairer bürgerlicher Name, Lieutenant Hermann Krüger. Er ist zum Besuch in Wreschen und sie haben ihn mit herüber gebracht. Er soll eine unglückliche Liebe gehabt haben im Hannoverschen mit einer vornehmen jungen Dame, auch einer Gräfin, wie Sie!«
»Und was hat Sie getrennt?«
»Baron von Busch erzählte Allerlei davon - ich hab' es nicht recht behalten. Erstens soll er einen Prinzen zum Rivalen gehabt haben und der Graf ihr Vater ein sehr stolzer Mann sein. Auch ist er Protestant und die junge Gräfin war katholisch, und ist zur Strafe für ihre Liebschaft von dem Vater ins Kloster geschickt worden!«
»In's Kloster! - ja Kleine, - Sie haben Recht, es giebt viele böse Schranken, welche Herzen trennen können!«
Und mit einem leichten Seufzer ließ sie die Finger über die Tasten des Klaviers gleiten.
Der dritte Offizier, eine kaum husarenmäßige, sondern hohe schlanke Figur, die der dunkle Attila mit dem Abzeichen des Premierlieutenants noch vortheilhafter hervorhob, hatte sich bis jetzt fern gehalten, ergriff aber die Gelegenheit, als Fräulein Emilie sich nun erhob, um einige
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Wirthschaftsangelegenheiten zu besorgen, um sich der Comteß zu nähern und auf dem Stuhl hinter ihr Platz zu nehmen.
»Ist es erlaubt, gnädigste Gräfin?«
Sie neigte bejahend das Haupt, ohne sich umzusehen. Eine ihre Bewegung verkündende Röthe flog wie ein Scharlachtuch über ihren schönen Nacken.
»Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Kazimira!«
»Sie wissen, was uns trennt!«
»Und Ihr Vater, Ihre Tante hegen immer noch das Vorurtheil gegen mich?«
»Mein Vater nicht - meine Tante haßt Sie. Aber sagen Sie selbst, - wie sollte auch mein Vater dem Mann sein Haus öffnen, der einst gegen ihn focht, der seinen leiblichen Neffen, den einzigen Sohn meiner Tante getödtet hat.«
»Es geschah als Soldat im Gefecht - vor 12 Jahren, als ich eben erst Offizier geworden. Oder sollte ich vielleicht dem Feinde, dem Rebellen gegen meinen König wehrlos die Brust bieten, mich vom Pferde zu schießen, statt daß ihn meine Klinge traf?! Ist dies auch Ihre Meinung?«
Wieder irrten ihre Finger über die Tasten in dem leichten Anschlag des Nationalliedes. »Es ist ein trauriges Schicksal, das uns trennt. Aber ich bin eine Polin - und Sie sind der Feind meines Volkes, der als Mann wiederholen würde, was er so jung schon gethan!«
Der Offizier beugte das Haupt, er fühlte, daß er keine Antwort geben konnte. Der Premierlieutenant v. Möllhoff war ein stattlicher Mann, das ernste gebräunte Gesicht
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mit der tiefen Hiebnarbe über der Wange - war geschaffen, Interesse zu erregen.
»Gräfin Oginska ist nicht Ihre Blutsverwandte.«
»Sie ist die Schwester meiner verstorbenen Mutter.«
»So soll ich denn jede Hoffnung aufgeben, das Ziel zu erringen, nach dem ich aus der Fülle meiner Seele strebe - freilich ich, der einfache Edelmann und Offizier, und Sie eine Gräfin!«
»Pfui Victor - unser Unglück sollte Sie wenigstens nicht unedelmüthig machen. Glauben Sie, daß ich weniger leide als Sie?«
»Kazimira!«
»Still - man könnte uns hören!« Ihre Linke präludirte auf den Tasten, das Gespräch zu verdecken. »Sie sollen mir ein Versprechen geben, Viktor!«
»Mit welcher Freude!«
»Man hat mir gesagt, daß Sie auf Ihrem Rappen ein so wilder Reiter sind - daß Sie die gefährlichsten Reiterstücke üben, gradezu halsbrechende Dinge. Die ganze Schwadron, die ganze Gegend spricht davon. Warum thun Sie das? Ist Ihnen das Leben so wenig werth, daß Sie es aus Laune, aus Eitelkeit auf das Spiel setzen?«
»Aus Eitelkeit?«
»Ja - oder ist es nicht Dünkel, mit der Gefahr ohne Zweck und Nutzen zu spielen? Erinnern Sie sich, wie oft ich Sie schon früher gebeten habe, wenn wir uns auf einem Spazierritt im Sommer trafen?«
»Aber sind Sie nicht selbst eine kecke Reiterin? Lieben Sie nicht den Pluto, mein wackeres Pferd?«
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»Gewiß lieb' ich es - und dennoch bitte ich Sie - thun Sie es von sich!«
»Ich soll mich von Pluto trennen?!«
»Ich weiß, wie schwer es Ihnen werden wird - und dennoch ängstige ich mich. Ich mag Ihnen kindisch erscheinen, aber ich glaube nun einmal an die Prophezeiung.«
»An welche Prophezeiung?«
»Oh - ich habe mich übereilt, als ich davon sprach es ist Nichts, eine Kinderei!«
»Desto eher können Sie davon sprechen.«
»Ich habe Ihnen früher bereits erzählt, daß ein alter polnischer Schäfer auf unserem Gut die Gabe der Vorhersagung hat und sein Ruf weit verbreitet ist unter dem Volke.«
»Ah, wie jener des Schäfers vom Kynast in alten Zeiten, der Graf Ulrich Schaffgotsch und seinem Lamm die Todesart vorhersagte.«
»Spotten Sie nicht, Victor, - dieser Mann hat meinem Vetter Titus schon als Knabe die Art seines Todes vorhergesagt.«
»Davon erzählten Sie mir nie!«
»Ich that es mit Absicht nicht, da das Unglück doch schon geschehen und nicht mehr zu ändern war.«
»Und wie lautete die Wahrsagung?«
»Die Liebe, die Bank und der Säbel würden ihm Unglück bringen.«
»Das versteh' ich nicht!«
»Nun - war es nicht in dem unheilvollen Gefecht von Miloslaw, wo er fiel?«
»Ja!«
»Mi osc heißt im Polnischen die Liebe, - lawa die Bank. Und ist er nicht durch den Säbel umgekommen? Wie Tante Oginska erzählt, war er deshalb bei den Fußtruppen!«
Der Premier-Lieutenant war nachdenkend geworden. »Ich habe Ihnen bereits erzählt, wie es kam; Ihr Vetter war entwaffnet, hatte Pardon genommen, und während ich mit meinen Leuten sprach, entriß er einem der Seinen das Gewehr und schoß nach mir. Nur eine zufällige Bewegung rettete mich und die Kugel traf hinter mir einen jungen Husaren, gleichfalls den einzigen Sohn einer Wittwe. Da übermannte mich der Zorn und ich hieb den - den Thäter zusammen!«
Die Gräfin schwieg - nur ein tiefer Seufzer hob ihren Busen.
»Sie wissen, Kazimira, daß ich bei einem andern Gefecht verwundet wurde; - erst lange nachher erfuhr ich, wen damals mein Säbel zum Tode getroffen hatte. Wollen, können Sie mir einen Vorwurf daraus machen? - Es ist einmal ein Unglück, das schwer auf uns lastet. Aber Sie haben mir von einer andern Wahrsagung gesprochen, die Sie betrifft.«
»Ich kenne sie auch erst seit dein Sct. Nicolaustag!«
»Und sie lautet?«
»Ich sollte das weiße Roß vor dem schwarzen hüten - sie brächten einander Unglück!«
»Ein weißes Roß - aber Ihr Reitpferd, Kazimira, ist ein Brauner. Oder haben Sie es seitdem gewechselt?«
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»Sie wollen es nicht verstehen, Victor. Ist nicht im polnischen Wappen auch ein weißes Pferd?«
»Und einem so bedeutungslosen Wort soll ich meinen wackern Pluto opfern, den Sie selbst so sehr liebten?«
»Ich verlange es ja nicht, ich bitte Sie blos, jene thörichten gottversuchenden Wagnisse aufzugeben.«
»Und welchen Werth hat denn für mich dies Leben ohne Sie?«
Ihre Antwort wurde durch das Herbeikommen der jungen Dame des Hauses abgeschnitten, der die beiden Offiziere folgten.
»Wissen Sie, Möllhoff« frug der Baron, »daß heute ein Schmugglertransport geht? Der Ober-Inspektor sagt, es wäre ein starker Zug. Kamerad Krüger hat es noch nie gesehen, und wir wollen mitgehen. Kommen Sie mit?«
»Nein - ich danke, ich ziehe es vor, hier zu bleiben!«
»Nun - da heute nicht getanzt werden kann, werden es uns die Damen nicht übel nehmen, wenn wir dem ganz interessanten Schauspiel uns anschließen.«
Das Paar, das bisher einsam am Klavier gesessen, konnte sich jetzt nicht mehr der allgemeinen Unterhaltung entziehen, die zunächst von den Abenteuern und Gefahren des Schmuggelhandels sprach.
Es ist nur eine Wiedervergeltung, die Preußen gegen die russische Gränzsperre übt, welche so schroff und chikanenvoll aufrecht erhalten wird, daß viele Handelszweige nach Rußland zum eignen Nachtheil der russischen Provinzen gänzlich darnieder liegen würden, wenn eben nicht der
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organisirte Schmuggel Aushilfe geboten hätte, oder zum Theil noch böte.
Wir haben schon erwähnt, daß die Gränze auf russischer Seite von zwei Cordons, Strazniks und Kosacken, bewacht wird.
Beide Gattungen sind Spitzbuben der schlimmsten Art, beide betreiben unter der Hand den Schmuggel in der ausgedehntesten Weise, und beide suchen dabei einander nicht bloß den Rang abzulaufen, das heißt: die Aufträge für sich zu gewinnen, sondern auch die Transporte einander abzujagen und sich dabei zu erwischen und zu denunciren.
Die Folge davon ist, daß die Transporte mit gewaffneter Hand geführt und oft scharfe Gefechte dabei geliefert werden.
Ja, es geschieht, daß das Pulk einer Station die Kosacken der anderen bei solchen Gelegenheiten überfällt, und ihnen die Beute abzujagen sucht.
Gewöhnlich ziehen zu diesen Transporten die jüdischen Händler, welche die Waaren an preußischen Orten einkaufen und zur Gränze bringen, die Kosacken vor, weil diese besser beritten und von billigerer Bestechlichkeit sind. Das schürt um so mehr den Haß und die Eifersucht der Strazniks.
Wir haben diese kurzen Erläuterungen vorausschicken wollen, um die folgende Scene verständlicher zu machen.
Es ging gegen 9 Uhr, als der rothköpfige Wage-Meister sich in der Nähe der Offiziere zu schaffen machte, und ihnen zuflüsterte: »Es ist Zeit meine Herren, der Herr Postsecretair wartet auf Sie!«
Die beiden Offiziere suchten sich unbemerkt aus der Gesellschaft zu entfernen, was man lächelnd geschehen ließ
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- die ganze Sache wurde als öffentliches Geheimniß betrachtet, das besteht, aber von dem man möglichst wenig spricht.
Draußen vor dem Hause auf der Rampe fanden sie den jungen Postsecretair, vor der Rampe hielt Herr Hitzigrath auf seinem Falben. Die Offiziere hatten Säbel und Paletot angelegt.
»Sind Sie fertig meine Herren, dann vorwärts. Hier kommen die Schlitten!«
In der That sah man die Chaussee vom Dorf her zwei Fuhrwerke und eine Anzahl Personen sich heran bewegen.
Die kleine Gesellschaft aus dem Post- und Zoll-Amt setzte sich jetzt in Marsch und schritt plaudernd auf der Chaussee in der Richtung von S upce dahin.
Hinter ihnen kamen die schwerbeladenen Schlitten, jeder mit zwei Leuten, ihnen voran ging Jokef mit seinem Knecht.
Mit dem Kaufmann war eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Das war nicht mehr der schüchterne gebückte Jude, der demüthig vor dem Vornehmen oder dem Beamten kroch, der ihm schaden und nützen konnte. Die Gestalt hoch und kräftig aufgerichtet, das feurige Auge überall umherblitzend, spähend nach jeder Gefahr, um sie bei Zeiten zu bekämpfen, glich der Jude einem Offizier, der eine kühne Unternehmung auszuführen im Begriff und sich seines Kommando's bewußt ist. Ein Paar Reiterpistolen steckten im Gürtel seines hoch aufgenommenen Kaftans, die Beine in hohen, bespornten Reiterstiefeln, ein Säbel klirrte an seiner Seite.
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Als der Schlittenzug bei dem Posthaus vorbeikam, trat aus dem Schatten rasch ein Mann, ging zu dem Juden und seinem Knecht und drückte ihnen die Hand!
»Gott mit Ihnen Kapitain und besten Dank, wackrer Jokef!«
Es war der Graf, der sich sofort wieder entfernte; - der Zug ging vorüber. - -
Draußen auf der Chaussee, wo der Wind scharf über die schneebedeckte Ebene pfiff, schlossen sich die vier Begleiter aus dem Zoll- und Post-Amt dem Zuge an.
Derselbe bewegte sich schweigend aber eilig weiter. Nichts auf der weiten Ebene war zu sehen, keine Spur von den Schmugglern, - nur an dem Gränzgraben hob sich hin und wieder ein dunkler Busch - ein einsamer Stamm von der weißen Decke ab.
»Sie wollen mit in's Land hinein, Herr Sekretair?« frug der Baron.
»Wir wollen eine Stunde weit den Nachtritt mitmachen ich und Freund Hitzigrath. Sie sollten mit uns kommen, Herr Lieutenant, die Nacht ist so frisch und schön.«
»Ich möchte es von Herzen gern, aber wir dürfen es als Offiziere nicht wagen. Denken Sie, welcher Lärm entstehen könnte, wenn man unsere Uniformen erkennen würde!«
»Still meine Herren - ich bitte! Der Schnee trägt den Schall und wir nähern uns der Stelle.«
Etwa 200 Schritt weiter hin hielt der Zug. Der Jude hielt die Hand vor den Mund und das lang gezogene klagende Geheul eines hungrig umherstreichenden
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Wolfes wurde zwei Mal so natürlich nachgeahmt, daß die Offiziere sich unwillkürlich umsahen, auf welcher Seite die Bestie wohl umherstreichen möchte.
Plötzlich schien es auf der Ebene vor ihnen lebendig zu werden. Die Bäume und Sträucher am Gränzgraben entlang gewannen Leben und Bewegung, verwandelten sich in Reiter und kamen im Galop über die Ebene gesaust, gerade auf die Stelle zu, wo die Schlitten hielten.
Es waren wilde abenteuerliche Gestalten, Kosacken in ihren schmuzigen grauen Militairmänteln, trotz der Kälte nur die runde blaue Mütze auf dem Kopf, die lange schwankende Lanze am Arm, mit den schief geschlitzten tartarischen Augen neugierig die Wägen und die Gesellschaft musternd.
In Zeit von kaum einer Viertelstunde war ein ganzer Wald von Lanzen ringsumher versammelt, das Signal hatte sich rasch, rechts und links an der Gränze entlang fortgepflanzt, und jede Wache wie auf Kommando ihren Posten verlassen.
»Wo ist der Kapitain?« frug der Kaufmann.
»Gleich, Batuschka! Er kommt von der Station!«
»Hast Du nicht Wodki für armen Kosacken? Es ist so kalt!«
»Ehe wir abreiten, soll Jeder seinen Theil haben. Nicht einen Tropfen eher!«
Die schmuzigen Bursche bettelten, als hing an einem Schluck Branntwein ihr Leben.
»Horch!«
Auf dem harten Boden der Chaussee von der Gränze
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her klang Hufschlag - eine dunkle Reitergruppe bewegte sich rasch daher.
»Ah, die kapitanowa!«
»Die Kapitana Yaschka!«
Es war in der That die Hauptmannsfrau, welche die Ronde zur Revidirung der Posten kommandirte, und dazu von der Station ausgeritten war, im freien Feld aber die Richtung nach dem Rendezvous eingeschlagen hatte.
Die Kapitanowa war eine Frau von etwa 40 Jahren, hoch, schlank gewachsen, mit männlichen Zügen, eine vortreffliche Reiterin, indem sie wie die Männer zu Pferde saß. Sie trug einen dicken Bashlik um Hals und Kopf, einen tscherkessischen Oberrock, Pistolen in den Holftern und einen schweren Kantschuh am Handgelenk, den sie sofort kräftig und rücksichtslos handhabte, um sich durch den Kreis ihrer Untergebenen Platz zur Mitte zu machen.
»Dobre wieczur Pana! Wie geht es Ihnen! Ich grüße Sie, meine Herren. Wo ist der Jude, der Jokef?«
»Hier, Kapitana!«
Die Amazone reichte dem Aufseher und dem Postsecretair die Hand. Hinter ihr hielt - gleich einem Adjutanten oder einer Kammerfrau, das Kosackenmädchen, das am Morgen in Strza kowo gewesen war, ein leeres gesatteltes Pferd an der Hand.
»Sie sehen, ich bin selbst gekommen. Es macht weniger Verdacht, da der Transport so stark ist. Wir haben die Strazniks genarrt, indem wir nach Nlodciewo ausgeritten sind, und schon vorher dem Naczelnik einen Wink zukommen ließen, daß dort etwas los sei. Ueberdies bleibt
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mein Mann auf der Lauer, wenn ihm nicht etwa die Rumflasche den Verstand benimmt. Aber nun rasch an's Geschäft - wir haben einen weiten Weg! - Wie viel Kaution forderst Du, Jokef?«
Das Gespräch wurde theils in polnischer, theils in russischer Sprache geführt - der preußische Aufseher war beider mächtig.
»Tausend Rubel, Pani! Es sind viele Waaren!«
»Du bist verrückt, Jude! wo soll ich tausend Rubel hernehmen bei der Löhnung und dem schlechten Geschäft!«
»Such nur in der Tasche« sagte lachend der Kaufmann, »Du wirst das Geld schon finden.«
»Ich habe fünfhundert Rubel mitgebracht« meinte die Frau ärgerlich - »und bei der heiligen Mutter von Kasan, ich habe nicht mehr!«
»Dann kann aus unserm Geschäft Nichts werden« beharrte entschlossen der Kaufmann. »Unter 800 Rubel wird kein Sack aufgeladen!«
»Wie, sukien zyn - traust Du uns nicht so viel?«
»Nein, Pani, Dir wohl, aber Denen da nicht. Ich muß die 800 Rubel haben!«
Die Kapitainsfrau stieß einen barbarischen Fluch aus, dann wandte sie sich zu ihren Leuten. »Herunter Schelme, und sucht Euer Geld zusammen!«
Es entwickelte sich nun eine drastische Scene, die einem Genremaler einen interessanten Vorwurf gegeben haben würde. Die Kosacken waren abgestiegen, hockten um den Schein einer Stalllaterne am Boden umher und zogen aus
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ihren Taschen alte schmuzige Lederbeutel, oder Lumpen aller Art, in denen sie ihre Ersparnisse verborgen hatten.
Wenn man bedachte, daß die armen Kerle etwa einen halben Gulden polnisch7 wöchentliche Löhnung erhielten und davon oft noch - wenn die Fourage ausblieb oder der spitzbübische Lieferant sie darum betrog, - ihren Steppengaul dazu beköstigen mußten, so konnte man sich nicht wundern, daß sie aus Diebstahl und Schmuggel ein Handwerk machten und den letzteren theils auf eigene Hand, theils im Corps betrieben.
Es fehlte dabei nicht an komischen und ernsten Scenen! Noch kurz vorher, ehe der hier beschriebene Auftritt stattfand, war eine Bande von fünfzehn Kosacken dem Schmuggler, der - um billigeren Transport zu erhalten - versäumt hatte, sich Kaution stellen zu lassen, mit den werthvollen Waaren auf und davon gegangen, nachdem sie ihn halbtodt geprügelt und in einen Graben geworfen hatten, und die Kerle verkauften ganz offen ihren Raub vor seinen Augen, ohne daß er wagen durfte, die Hilfe der Obrigkeit in Anspruch zu nehmen. - Bei einer anderen Gelegenheit waren zwei schmuggelnde Kosacken von einem Strazni[c]k attrapirt worden, der ihnen befahl, mit zum Zollamt zu kommen. Unterwegs kehrten sie den Spieß um, nahmen ihm sein Gewehr weg, beluden seine Schultern mit den geschmuggelten Waaren und führten ihn nun auf die Kammer (das Zoll-Amt), indem sie angaben, ihn selbst beim Schmuggeln betroffen und verhaftet zu haben.
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Nicht selten war freilich auch der Fall, daß Blut vergossen wurde!
Wer frägt viel an der Gränze nach einem verschollenen Schmuggler?! - -
Die Kosacken, die um die Laterne kauerten und rechneten und zählten und zankten, hatten trotz des halben Gulden Löhnung fast sämtlich gewichtige Goldstücke, Imperials und Dukaten in ihren Lumpen und Beuteln. Ehe 5 Minuten vergangen, waren die fehlenden 300 Rubel zusammen und die Kaution wurde dem preußischen Aufseher übergeben, dem zugleich der Kaufmann heimlich ein Losungswort zuflüsterte und ein Zeichen übergab, gegen dessen Wiederholung und entsprechendes Gegenstück die Kosacken nach richtiger Ablieferung der Waaren am Bestimmungsort ihre Kaution wieder in Empfang nehmen konnten.
Herr Hitzigrath hatte die Vorsicht, da er wie verabredet den Zug eine Strecke begleiten wollte, Kaution und Zeichen vor den Augen der Kosacken einem Unteraufseher zu übergeben, der mit den Wagen nach Strza kowo zurückkehrte.
Nachdem das Geschäft der Kautionsstellung in Stande war, wurde die Ordnung des Zuges festgestellt.
Fünf mit Karabinern, Lanzen und Säbeln bewaffnete Kosacken sollten die Vorhut bilden, sechszig den Transport selbst besorgen und die fünf letzten wieder zur Nachhut dienen.
Es zeigte sich nun, aus welchem Grunde die Waaren sämtlich in die oben beschriebenen Quersäcke gepackt waren.
Das Sattelzeug der Kosackenpferde ist ein ganz
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eigenthümliches. Auf den Rücken der kleinen, unansehnlichen, aber sehr ausdauernden und genügsamen Thiere packt der Kosack einen ganzen Theil seiner Habe, Decken, Futterage, Lebensmittel u. s. w. Darauf legt er den einfachen hölzernen Bock und auf diesen ein dickes bauschiges Kissen, über das nun der Sattelgurt geschnürt wird, so daß der Reiter fußhoch über dem Rücken des Pferdes sitzt.
Auf diese Sättel wurden die Quersäcke gelegt, so daß die beiden Lasten möglichst gleichmäßig rechts und links vertheilt waren, und auf dies ganze Gerüst kletterte der Reiter.
Trotz der Unbequemlichkeit der ganzen Manipulation hatte die Räumung der Schlitten, die Bepackung der Pferde und das Aufsitzen kaum zehn Minuten gedauert. Von dem Thurm der entfernten Dorfkirche schlug es ein Viertel nach zehn Uhr, als der Zug zum Abgang fertig war.
Die Kapitanowa hatte den Sattel nicht verlassen und vielfach scheltend und ordnend ihren Kantschuh gehandhabt. Jetzt wandte sie sich zu dem Aufseher.
»Sind Sie bereit, Pan? - wie weit werden Sie uns begleiten?«
»Sie nehmen den Weg südlich um die Station?«
»Ja - auf Kowalewo zu!«
»Gut - also bis an den Bach!«
Die Kapitana gab einen Befehl und einer der unbeladenen bewaffneten Kosacken der Vorhut sprengte im Karriere querfeldein nach der Gränze zu; ein zweiter jagte auf der Chaussee nach S upce entlang.
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»Dobra noc, Pan's! - Vorwärts denn! Paszol! paszol!
»Wir warten auf Sie bei Postmeisters!« sagte der Husaren-Offizier zu dem Aufseher. »Kommen Sie hübsch bald zurück!«
Der falsche Knecht des Kaufmanns hatte wacker mit Hand angelegt bei dem Abladen der Wagen. Jokef, der Kaufmann, hatte ihn dem Anschein nach gar nicht beachtet, außer um ihm hin und wieder einen Befehl zu geben, in Wahrheit aber ihn scharf im Auge behalten, um bei jedem gefährdenden Zufall sogleich dazwischen treten zu können. Jetzt führte er ihm eines der beiden mit gewöhnlichen Militairsätteln belegten unbeladenen Pferde zu, welche die Kosacken für ihn mitgebracht hatten, und reichte ihm den Zügel des einen.
»Hier Schmuel, sitz auf und halte Dich in der Mitte des Trupps.«
Der verkleidete Kapitain schwang sich in den Sattel, an dem er einen Säbel hängen fand; auch der Kaufmann saß auf. - -
Während alle diese Vorbereitungen getroffen wurden, hatte das Kosackenmädchen sich mit dem Handpferd aus dem Kreise ihrer Landsleute zurückgezogen, nachdem sie dem jungen Postsecretair gewinkt hatte, ihr zu folgen.
Sie war etwa 20 Schritt zurückgeritten und hielt unter den entlaubten Bäumen.
»Pan Hermann« sagte sie in gebrochenem Deutsch, »hier Olis Pferd. Steigen auf und sprechen mit Minka, deren Herz sehr traurig!«
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Der junge Mann hatte sich rasch aufgeschwungen - er sprach etwas Polnisch und das Gespräch wurde in dieser Weise geführt,
»Warum bist Du traurig, Minka?«
»WeiI wenn Frühling kommt und Blumen auf der Haide, Vater, Mutter und Bruder Minka's nach der Heimath am Don ziehen, wo der Tabun die Pferde durch die Steppen treibt!«
»Und wenn Du so entfernt von mir bist, wirst Du des deutschen Freundes manchmal gedenken?«
Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf. »Minka geht nicht fort - Minka bleibt hier!«
»Aber Kind - das wird nicht gehen! Vater und Mutter werden es nicht gestatten, auch die Kapitanowa nicht!«
Sie warf den Kopf mit energischer Bewegung zurück.
»Ich bin keine Leibeigene« sagte sie heftig. »Ich will bei Dir bleiben, Pan, ich will Deine Magd sein, Deine Hand mag mich schlagen, Dein Fuß mich stoßen! ich will hungern und betteln, [»]wenn Du mir gut bist!«
»Armes Kind - hast Du noch nicht gehört, daß ich selbst diese Gegend verlasse, weit fort von hier?«
»Den Heiligen sei Dank, - dann kann Minka Dir folgen. Sie wird Dir anhängen wie ein Hund seinem Herrn!«
Es schnitt dem jungen Mann durchs Herz - es war zum ersten Mal, daß sich ihm die ganze Opferfähigkeit des weiblichen Herzens in dieser halbwilden ungebildeten und doch so frischen, warmen Natur zeigte - ohne daß
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er wußte, wie er ihr das Unvermeidliche der Trennung darthun sollte. Ein zwanzigjähriger Postschreiber, der Nichts hatte, als sein spärliches Gehalt, konnte nicht mit einem siebenzehnjährigen Kosackenmädchen auf den Fersen durchs liebe deutsche Vaterland ziehen, das war eben so unerlaubt als unmöglich.
»Es darf nicht sein, Minka, wir müssen uns trennen.«
Sie sah ihn starr an. »Ich will ja nicht Deine Frau sein, Pan Hermann Hermanowitsch, nur Deine Magd! - Du weißt, ich kann reiten, tanzen und die Balalaika spielen. Auch etwas nähen kann ich und will gern lernen, was Du befiehlst!«
Es lag etwas so Rührendes, Flehendes in den Worten des armen Mädchens, daß der junge Beamte den Kopf auf den Hals des Pferdes beugte und seine Stimme fast erstickte.
»Minka - Mädchen - es kann nicht sein! Wir werden uns heute trennen - ich bin mit dem Aufseher zu dem Zuge gekommen, um Dir Lebewohl zu sagen!«
Sie antwortete ihm nicht - sie zog den Zügel ihres kleinen Pferdes einzig so heftig an, daß es zwei, drei Schritte zurück trat. Dann wendete sie es um und ritt ohne ein Wort zu sagen zurück zu den Ihren.
»Minka!«
Sie antwortete nicht. Aber die Kapitanowa that eben ihre Frage, ob Alles fertig sei.
»Paszol!«
Die Cavalkade setzte zwischen den Bäumen hindurch über den Chausseegraben und trabte dann in langem Zuge,
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die Bewaffneten an der Spitze, querfeldein in der Richtung, welche der vorausgesandte Kosack eingeschlagen.
»Sehen Sie Herr Kamerad« sagte der Husar zu dem Infanterie-Offizier, die Beide den Zug an sich vorüber passiren ließen, »wie sicher die Kerle da auf ihren Packsätteln hocken. Haben Sie den Juden gesehen und seinen Knecht? auf Ehre, die Burschen verdienten unter den braunen Husaren zu dienen, so guten Schluß haben sie.«
Fünf Minuten darauf war die vorher so eigenthümlich belebte Stelle der Chaussee wieder einsam und leer. Die Schlitten fuhren weiter zum Dorf zurück und nur ein scharfes Auge hätte noch auf der weiten weißen Fläche die dunkle Linie des Schmugglerzuges zu erkennen vermocht.


Etwa zehn Minuten, nachdem die Offiziere in die Gesellschaft beim Postmeister zurückgekehrt waren und man sich eben zum Abendessen niedersehen wollte, streckte der rothhaarige Wagemeister seinen Kopf durch die Thür, schnitt allerlei Grimassen und winkte dem Ober-Inspektor.
»Was wollen Sie, Sachse?«
»Der Aufseher Meiring ist draußen, er kommt Ihnen anzuzeigen, daß man drüben über der Gränze ein starkes Schießen hört!«
»Teufel! Aber was geht das uns an!«
Bei gewöhnlichen Gelegenheiten hätte man freilich nicht danach gefragt - das hatten höchstens die Russen und die Schmuggler unter einander auszumachen, heute aber hatten so viele Mitglieder der Gesellschaft Interesse an
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dem Zuge, daß die Nachricht einen allgemeinen Aufstand erregte.
Selbst der Oberzollinspektor Wandel, ein sehr humaner Mann und beliebter Beamte, war weit weniger gleichgültig als er sich stellte. Der Aufseher, dem er zwar nicht die Erlaubniß ertheilt hatte, mitzureiten, von dem er aber wußte, daß er es gethan, war einer seiner besten Beamten, - die Thatsache, wenn man einen preußischen Offizianten beim Schmuggeln auf jenseitigem Gebiet ergriffen hätte, wäre eine sehr unangenehme gewesen. Auch der Postmeister ängstete sich, obschon sein junger Untergebener nicht in Uniform war und die Postmeisterin in spitzen Worten hetzte, während Fräulein Emilie zu schluchzen anfing. Der Graf sagte zwar Nichts, aber seine Tochter sah ihm die innere Unruhe an, mit der er den Ober-Inspektor begleitete, als dieser hinausging, um von dem Unteraufseher, demselben, welcher vorhin auf der Chaussee die Kautionssumme in Empfang genommen hatte, Näheres zu hören und ihn zu beauftragen, mit einem oder zwei Kameraden nach der Gränze zu gehen, um Weiteres zu beobachten und Rapport zu erstatten.
Die Comteß hatte neben dem Premierlieutenant ihren Platz gehabt; die Frau vom Hause wußte nur, daß der Offizier für die schöne Gräfin großes Interesse zeigte, nicht was sie trennte. Der Graf sprach nicht von dem traurigen Familienereigniß und die Aeußerungen der Gräfin Oginska schrieb man ihrem bekannten Haß gegen alle deutschen Offiziere zu. So kannte man auf der kleinen Amtskolonie nicht, was das Paar schied.
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»Wollen Sie mir und meinem Vater einen Gefallen erweisen?« frug leise Comteß Kazimira ihren Nachbar.
»Mit tausend Freuden, das wissen Sie!«
»So schließen Sie, ohne es hier auffallend zu machen, wie aus eigener Neugier, sich den Männern an, die nach der Gränze gehen, und suchen Sie genau zu ermitteln, was dort geschehen.«
Ohne weiter zu fragen machte der Offizier ein Zeichen der Zustimmung, nahm draußen Mütze und Paletot vom Nagel und entfernte sich durch die Hinterthür des Hauses. Bald hatte er die Aufseher eingeholt.


Der Zug der Kapitanowa ging im scharfen Trab über die öde Fläche dahin, nahm aber auf preußischem Gebiet einen bedeutenden Umweg, um von einer anderen Richtung her die zum Passiren der Gränze vorher bestimmte Stelle zu erreichen.
Frau Yaschka ritt, nachdem sie den Zug in Ordnung gebracht, mit dem ihr wohlbekannten und befreundeten preußischen Beamten plaudernd bald an der Spitze, bald an den Seiten des Zuges. Die Beamten der kleinen preußischen Kolonie pflegten häufig des Sonntags hinüber nach dem benachbarten S upce zu gehen, wo sich der nächste deutsche Arzt niedergelassen hatte, und wo man in der Apotheke vortrefflichen in Rußland steuerfrei über die österreichische Gränze eingehenden Ungarwein trank, den der würdige Kosackenkapitain neben dem Rum und Spiritus auch nicht verschmähte.
Daher - nebst dem amtlichen Verkehr - die intimen
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Bekanntschaften. Das Pulk stand bereits drei Jahr auf der Station.
Vergebens suchte der junge Postsekretair eine Gelegenheit, weiter mit dem Kosackenmädchen zu sprechen. Minka hielt sich mitten im Zug und ritt zwischen zwei alten Kosacken, ohne trotz aller Lockungen diesen Platz zu verlassen.
Das warme Herz des armen Mädchens war offenbar schwer verletzt und kämpfte, sich nicht zu verrathen.
Etwa eine Viertelstunde nach dem Abritt von der Chaussee überschritt der Zug den Gränzgraben und wandte sich jetzt östlich nach den Ufern des kleinen Flüßchens, das von Nordosten kommt und weiter südlich sich in die Wartha ergießt.
Alles ruhig und still umher - der Kosack, der voraus geritten war, erwartete hier den Zug und hatte nichts Verdächtiges bemerkt.
»Paszol!«
Der Trupp war etwa 1000 Schritt weiter geritten, als plötzlich von der rechten Seite her der Anruf Stój! ertönte und sich ein Paar dunkle Gestalten hinter einem niederen Busch emporrichteten - Gewehre blitzten im Sternenschein.
»Vorwärts! vorwärts!«
»Steht, oder wir schießen!«
Im Galop jagte der ganze Zug davon, zwei Schüfst knallten hinter ihm drein.
Es war, als ob die ganze Gränzstrecke auf dies Signal lebendig werde. Ueberall hinter ihnen Rufen, Allarmschüsse - der Rückweg war abgeschnitten.
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Die Kapitanowa stieß einen scheußlichen russischen Fluch aus. »Die Hunde! - nun gilt es vorwärts! - Tschort mienia wazmi! da kommen die Hundssöhne auch von der Seite!«
Aber es war nur ein einzelner Reiter, ein Kosack, der mit Sturmeseile über den weißen Boden in der Richtung von S upce daherflog.
Er parirte sein Pferd - er rief der Kapitanowa einige Worte zu.
»Olis!«
Es war in der That der junge Kosack, der Bruder Minka's, den der betrunkene Kapitain abgesandt hatte, um seine Frau zu warnen, daß der Zug verrathen sei, daß die Strazni[c]ks in voller Bewegung und in großer Zahl ausgerückt wären, einen guten Fang zu thun. Der Oberaufseher Stephanowitsch hätte Lärmen gemacht und alle Anstalten geleitet.
Leider war nur die Warnung von dem Trunkenbold zu spät abgeschickt!
Bei dem ersten Anruf, bei dem Schuß hatte der Kaufmann eine der Pistolen aus der Holfter gezogen - er schien entschlossen, sein Eigenthum mit seinem Blut zu vertheidigen. Der preußische Beamte biß die Zähne zusammen, dann rief er den Postsecretair an seine Seite.
»Das kann eine dumme Geschichte werden« - sagte er ärgerlich. »Werden wir erwischt, so wandern wir einfach nach Sibirien; denn man wird sich hüten, uns zu reclamiren. Wie steht es, Pani?«
Während des Gesprächs hatte der Zug keinen Augenblick
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angehalten, man war im schärfsten Galopp weiter gesprengt - hinter ihnen her - zur Seite knallten häufig die Schüsse der Strazniks, aber noch hatten sie keinen Schaden gethan.
Als der Postsecretair sich zufällig umwandte, um nach den Verfolgern zu sehen, bemerkte er, daß jetzt Minka und ihr Bruder dicht hinter ihm ritten.
Aber es war keine Zeit zu weiteren Worten oder Bemerkungen.
»Die Schurken haben uns getäuscht« sagte die Kapitanowa als Antwort auf die Frage, - »sie haben's uns abgewonnen. Aber noch ist Nichts verloren, wenn wir Sie nur erst los sind, Panowie's. Dann kann ich meinen Leuten das Signal zum Zerstreuen geben und da können sie uns lange nachjagen. Przekl ety! da kommen die Hunde auch von der Seite! - Rechts! rechts, Kinder! - Sie müssen mit, Panowie's - bis dort an die Ecke der Fichten, wo Ihre Gränze wieder einschneidet, und dann hinüber. Mehr kann ich bei Gott nicht für Sie thun!«
Die Kantschuhe flogen auf die Köpfe und die Flanken der Pferde, - wie die wilde Jagd ging es über die hier etwas hügeliger werdende Fläche.
Von S upce her kam ein starker Reitertrupp mit wildem Geschrei in vollem Karriere, den Kosacken den Weg abzuschneiden oder sie wenigstens am Bach, der ziemlich hohe Ufer hatte, zu erreichen. Es waren die Strazniks.
Aber trotz aller Mühe konnten sie den Weg der flüchtigen Kolonne nicht mehr durchkreuzen - ihre Pferde waren
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schlechter und weniger ausdauernd, als die aus den donischen Steppen und sie mußten sich begnügen, hinterdrein zu jagen.
Freilich waren sie auf etwa zweihundert Schritte heran.
»Dort ist die Gränze, Herr - da an der Fichte! Gott mit Ihnen!«
Ein schriller Pfiff gab der Schaar das längst erwartete Signal sich bereit zu halten.
Der Kaufmann jagte neben seinem falschen Knecht her.
»Halten Sie sich stets zu mir, Herr« sagte er, »unsere Pferde sind die besten im Pulk. Ich habe dem gnädigen Herrn versprochen, Sie sicher über die Gränze zu bringen und werde Sie nicht verlassen, sollte es mich auch mein Leben kosten.«
»Dank, Mann! aber lebendig fangen sie mich gewiß nicht!« Der Kapitain hatte den Säbel an dem Handriemen hängen, in der Hand selbst einen Revolver. -
»Hierher, mein Junge! und nun einen Hieb über's Kreuz der Schindmähre und hinüber!«
»Stój!«
Die Antwort des Aufsehers war, daß er seinem Falben die Sporen gab und mit einem Satz des kräftigen Thiers über den trockenen Graben flog, hinüber auf preußisches Gebiet, wohin ihm keiner der Russen zu folgen gewagt hätte.
Der Postsekretär preschte sein Kosackenpferd mit dem Kantschu heran, aber der Gaul bockte am Graben, als er den Sprung machen sollte, und kehrte um.
In diesem Augenblick pfiff die Kapitanowa zum
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zweiten Mal, - es war das Signal, ihren Befehl jetzt auszuführen.
Wie ein Wirbelwind stoben die Kosacken, die nur auf das zweite Signal gewartet, auseinander, jeder sein Heil in der schnellsten Flucht suchend, während nur die Unbelasteten bei der Tscherkessin blieben und gleichsam die Flucht ihrer Kameraden zu schützen bereit waren. Da der Trupp der berittenen Strazniks kaum 20 Mann stark war, wäre es ein gefährliches Wagniß gewesen, die zwölf entschlossenen wohlbewaffneten Reiter anzugreifen.
Der Oberaufseher sah, daß seine Beute im Begriff war, ihm zu entkommen. Er hatte an dem Falben erkannt, daß Beamte aus Strza kowo dabei gewesen, wie er längst vermuthet, auch das Mädchen mußte er trotz der Entfernung erkannt haben.
»Feuer auf sie! Schießt! schießt! oder sie entkommen!« Er selbst hatte den Karabiner an der Wange. -
Minka hatte ihr Pferd zwischen die Verfolger und den Mann geworfen, dem sie mit leidenschaftlicher Liebe zugethan war, - der Postsecretair riß noch einmal das Pferd heran zum Sprung, - Olis, der Kosack hieb es mit aller Kraft über das Hintertheil!
»Gott schütze Dich, Pan Hermann!«
Die Mähre sprang - aber zu kurz, der junge Reiter flog weit über den Kopf hinweg, mit der Stirn gegen eine alte Baumwurzel. Nur wie im Traum hörte er noch das Krachen einer Gewehrsalve, - einen gellenden Schrei - - dann verlor er das Bewußtsein!


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Die Gesellschaft auf dem Postamt war in großer Spannung zurückgeblieben; erst als durch die Dienstleute die Nachricht gebracht wurde, daß man Nichts mehr von Schießen höre, hatte man angefangen, sich zu beruhigen.
Die beiden Offiziere wollten anfangs ihrem Kameraden nachgehen, aber die Versicherung des Ober-Inspektors, daß seinen Beamten die strengste Vorsicht empfohlen worden, und daß man nicht wissen könne, welchen Weg sie genommen, bewog sie, im Posthaus zu warten. Dagegen sandten sie den Burschen, ihre Pferde aus dem Krug zu holen, und auch der Graf ließ Woiczek befehlen, mit dem Schlitten zu kommen.
Es war beinahe Mitternacht geworden.
Eben hörte man das Schellengeläute des vorfahrenden Schlittens, als Stimmen im Hausflur laut wurden und der Wagemeister rief: »Jesus Christus, Herr Secretair, was ist Ihnen passirt?«
Die Stimme des Husarenoffiziers befahl, frisches Wasser und Charpie zu bringen.
Alles strömte hinaus.
Im Schein der Lichter sah man den Premierlieutenant von Möllhoff eben seinen Paletot abwerfen, den Zollaufseher Hitzigrath aber seinen jungen Freund, den Postbeamten in das Bureau führen, dessen Thür den Wohnungsräumen gegenüber lag.
Der junge Mann war sehr bleich, um die Stirn hatte er ein Tuch gebunden, und schwere Blutstropfen quollen darunter hervor und färbten Tuch und Gesicht. Die
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Mädchen des Hauses eilten weinend und angstvoll mit Wasser und Tüchern herbei.
Fräulein Emilie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht, dem jüngeren Husarenoffizier gerade in den Arm, zum großen Aerger ihrer Schwester, die laut erklärte, es sei dem naseweisen Menschen, dem Secretair ganz recht geschehen.
Alles drängte sich um diesen und frug was geschehen sei. Aber der junge Mann sah starr und theilnahmlos vor sich hin. Seine Hände rangen krampfhaft in einander als man ihn in das Büreauzimmer führte und nur die Worte: »Todt! - erschossen! - meinetwegen!« bebten von seinen Lippen.
Herr von Möllhoff bat die Gesellschaft in das Zimmer zurückzukehren, indem die Wunde des jungen Mannes von keiner Gefahr und nur durch einen Sturz mit dem Pferde zugefügt sei.
Bald kam auch Herr Hitzigrath dazu. Aus dem, was die Männer mit Zurückhaltung erzählten, ging Folgendes hervor.
Der preußische Zollbeamte hatte seinen jungen Freund, als er ihn stürzen sah, sofort gepackt und aus dem Graben hinüber auf preußisches Gebiet geschleppt, wo er ihn unter eine der Kiefern legte und sich vor allen Dingen damit beschäftigte, ihn wieder zur Besinnung zu bringen, was durch Reiben mit Schnee und einen Schluck Rum aus seiner Feldflasche endlich geschah.
Er hatte sich dicht überm linken Auge bei dem Sturz auf die Baumwurzel ein Loch in die Stirn geschlagen;
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die Wunde blutete heftig, schien aber sonst nicht gefährlich. Da er in seiner Brieftasche Englisch-Pflaster bei sich führte, war mit Hilfe des Taschentuchs leicht ein vorläufiger Verband angelegt. Dann wollte er ihn sein Pferd besteigen lassen, denn der Kosackengaul hatte natürlich mit seinen Kameraden das Weite gesucht, aber der junge Mann wollte nicht vom Platz weichen, bis er Näheres gehört über den Ausgang des Ueberfalls.
So ging denn Freund Hitzigrath wieder zu der Stelle des Gränzgrabens, wo sie auf das preußische Gebiet zurück getreten waren.
Die wilde Jagd war längst nach allen Winden zerstiebt, keine Spur mehr davon zu sehen. Aber drüben auf der polnischen Seite stand einer der russischen unberittenen Zollaufseher auf Posten. Ein Wink mit der Flasche führte ihn bald herüber, und ein Viergroschenstück löste vollends seine Zunge.
Die Kosacken waren allem Anschein nach glücklich entkommen, bis auf einen, - den Kosacken Olis, welcher die Leiche seiner Schwester nicht hatte verlassen wollen.
Das arme Mädchen war bei der Salve der Strazniks, mit ihrem Körper den geliebten Freund deckend, von einer Kugel getroffen worden. Das tödtliche Blei hatte den Rücken und die Brust durchbohrt - ob aus der Hand des Stephanowitsch gekommen, ob aus anderem Rohr - Gott allein konnte es wissen. Der Schrei, den der junge Beamte gehört, war ihr letzter Laut - als die Strazniks sie und ihren Bruder umringten, der die aus dem Sattel Gesunkene im Arm hielt, war sie bereits todt.
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Die betrogenen Zollbeamten hatten bald die weitere Verfolgung aufgegeben und ihren Gefangenen und die Todte nach Slupze geführt.
Das war die Geschichte von Minka, dem Kosackenmädchen! Ihr Wunsch war erfüllt, sie blieb zurück am Ort ihres kurzen Glücks, als bald darauf das Pulk nach der fernern Heimath zog, und der kommende Frühling breitete seine grüne Decke über das Grab der Steppenblume.


Als der Premierlieutenant die Comteß zum Schlitten führte, neben dem Pluto, sein schwarzer Hengst, an der Hand des Burschen bäumte und sprang, reichte sie ihm noch einmal die Hand.
»Sie frugen vorhin, warum ich mich für jenen Schmugglerzug interessirte, noch ehe das Unglück, das er verursacht, bekannt war. Sie können nicht ahnen, wie tief es mich ergriffen hat. Möchte die gnadenreiche Mutter zu der ich bete, geben, daß nicht Ströme von Blut diesem ersten schuldlos geflossenen folgen werden. Das arme Mädchen ritt ein weißes Roß, ein Zeichen Polens - ein trauriges Vorzeichen! Erinnern Sie sich meiner Bitte!«
Hatte er sie nicht verstanden, oder wollte er seine Nichtachtung des Aberglaubens, der Prophezeiung des Schäfers zeigen?
Im prächtigen Galop am Schlitten vorbei flogen die drei Reiter, gefolgt von den Burschen.
»Gute Nacht Herr Graf! - Ihre Diener gnädigste Comteß!«
Der Rappe Pluto machte einen weiten Satz, der ihn
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bis vor die Pferde des Schlittens brachte, die Woyczek nur mühsam zur Seite riß.
»Zurück Pan!«
»Gute Nacht Comteß!«
Der feurige Rappe hob sich auf den Hinterbeinen unter der festen Faust des Reiters und schlug mit den Vorderhufen die Luft!
Ein Schrei der Angst aus dem Schlitten - dann - - -

Zwei Seelen und ein Leib.

Mehr als zwei Monate waren vergangen, seitdem der friesische Kapitain Klaus Hansen an dem Abfahrtsplatz der Dampfschiffe, wie der Polizeikommissar ihm gesagt, wegen Hochverraths und Raubmords, begangen an der Person des portugiesischen Kapitains Sylvio Macinhos, verhaftet worden war.
Der Legationssecretair Hansen war noch immer nicht zurückgekehrt. Bald nach jenem Ereigniß hatte er nach Berlin Ordre bekommen, sich behufs diplomatischer Verhandlungen nach Wien zu begeben, und die Vorsicht und der Einfluß des Conferenzraths hatten hingereicht, ihm die wirklichen Thatsachen zu verbergen, oder ihn wenigstens darüber zu täuschen. Allerdings hatte ihm Herr Halsteen geschrieben, zu seinem großen Bedauern habe sich sein Bruder durch einen Wirthshausstreit und seine unvorsichtigen politischen Reden in eine arge Klemme gebracht, die selbst seine Verhaftung und eine Untersuchung gegen ihn nothwendig gemacht hätte, zugleich aber die Versicherung gegeben, daß er alles Mögliche thun werde, um die Sache
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zum Besten zu wenden und bald zu beenden. Dabei hatte er die Meinung einfließen lassen, daß eine kleine Lection für die politische Denkungsweise und Unvorsichtigkeit dem jungen Kapitain nicht schaden könne, und daß der Legationssecretair um jeden Preis vermeiden müsse, seine Verwandtschaft irgendwie in die Angelegenheit zu mischen, andernfalls er seine ganze Carriere gefährden könne. Der Name Hansen sei ein viel verbreiteter und seinem Einfluß sei es gelungen, jeden Zusammenhang zwischen dem Kapitain Hansen und dem Legationsrath der Oeffentlichkeit zu entziehen.
In der That hatte dieser Einfluß bisher hingereicht, in den großen Kopenhagener Zeitungen die Sache zu vertuschen, und die kleinen demokratischen Skandalblätter kamen dem Legationssecretair in jener Entfernung schwerlich zu Gesicht.
Die vielen Geschäfte, die Intriguen und Zerstreuungen in denen der Legationssecretair sich an dem Berliner und Wiener Hofe bewegte, reichten in der That auch hin, mit diesen Mittheilungen sich befriedigt zu zeigen. Es fehlte ihm nicht an brüderlicher Liebe, obschon sie durch die lange Trennung und die verschiedene Laufbahn und Gesinnung der Brüder etwas erkaltet war, aber er fürchtete in der That keine ernste Gefahr für seinen Bruder und hielt sich von dem Einfluß und dem guten Willen seines künftigen Schwiegervaters überzeugt, daß dieser die unangenehme Sache zum Besten wenden würde. Daß sein Bruder wirklich eines Raubmordes beschuldigt sei, davon hatte er keine Ahnung. Ihre letzten Gespräche hatten ihn aber
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überzeugt, daß Klaus sich leicht durch seine unvorsichtige Freimüthigkeit in Verwickelung mit der Polizei gebracht haben könnte, und da er auf zwei ermahnende - an den Conferenzrath eingeschlossene - Briefe an seinen Bruder keine Antwort empfangen, hielt er es für das Beste, den Kapitain selbst seine Sache ausmachen zu lassen. Ueberdies glaubte er jeden Tag die Anweisung zur Rückkehr nach Kopenhagen oder wenigstens zur Weiterreise nach Kassel und Hannover zu erhalten.
Nur der Ton in den wenigen Antworten, die er auf seine zärtlichen Briefe an seine Braut von Fräulein Edda erhielt, und daß sie nie den Namen seines Bruders erwähnte, machte ihn besorgt. -
Es war an einem Abend zu Anfang des Januar 1861 als in dem Kabinet des Conferenzraths, in dem zu Beginn unserer Darstellung wir den Leser der diplomatischen Instruktion beiwohnen ließen, welche der Legationssecretair Hansen für seine politische Mission erhielt, drei Personen zusammen waren: der Conferenzrath, seine Tochter und der Polizeibeamte, welcher damals die Verhaftung des Kapitains vollzogen hatte.
Fräulein Edda Halsteen hatte sich auffallend verändert. Obschon sie noch immer die stolze vornehme Haltung zeigte, lag doch auf ihrem Gesicht der unverkennbars Ausdruck von Kummer und Niedergeschlagenheit, ja das schöne Oval ihres Gesichts war hagerer in der kurzen Zeit geworden und die Augen waren von dunklen Rändern getrübt.
Fräulein Edda saß, in eine einfache dunkle Robe gekleidet, die gegen ihre frühere Vorliebe für die höchste
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Eleganz abstach, auf einem Sessel am Kamin, hielt die Blicke nachdenkend in die Kohlengluth geheftet, und schien nur halb auf das Gespräch der beiden Männer zu hören, obschon sie von Zeit zu Zeit eine Frage oder ein Wort dazwischen warf.
Der Conferenzrath schritt unruhig in dem Zimmer umher, oder blieb seiner Tochter gegenüber an das Kamin gelehnt stehen. Der Politiembedsmand8 saß mit der Haltung eines Untergebnen auf einem Stuhl.
Auch der Conferenzrath schien voll Sorgen und Verdruß. »Es ist eine unangenehme Geschichte« sagte er, »und vor Allem, daß dieser Mann gerade am Abend in meinem Hause sein Quartier aufgeschlagen hatte, obschon der Hausmeister bekundet hat, daß er erst gegen 6 Uhr Morgens zurückgekommen ist und den ganzen Abend und die Nacht außerhalb zugebracht hat. So meinen Sie also, daß meine öffentliche Vernehmung wegen des Bluts, das ich am Morgen in seinem Waschnapf sah, nicht zu umgehen ist!«
Der Beamte zuckte die Achseln. »Das Criminalgericht darf einen so wichtigen Beweis nicht unterdrücken, um so weniger, als man versäumt hat, gleich nach der Verhaftung eine genaue Besichtigung seiner Person vorzunehmen, es also nicht constatirt ist, ob er sich die Verwundung an der Hand nicht vielleicht erst nachher beigebracht hat.«
Fräulein Edda wandte sich rasch um. »Aber ich habe Ihnen gesagt, Herr, und wiederhole es noch einmal, daß Herr Hansen verwundet wurde, als er mich gegen einige
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betrunkene oder zudringliche Menschen auf der Straße in Schutz nahm, und daß ich selbst diese Verwundung bemerkt habe und ihn bat, sie wenigstens mit seinem Taschentuch zu verbinden.«
»Das gnädige Fräulein wissen« entgegnete der Beamte, »daß dies Zeugniß nur ein privates ist, da der Herr Conferenzrath ausdrücklich wünschen, das gnädige Fräulein nicht den Unannehmlichkeiten der Zeugenaussage ausgesetzt zu sehen.«
»Ich hoffe noch immer« sagte der Conferenzrath mit einer Miene, die wenig dieser Hoffnung entsprach, »daß es dem Angeklagten auch durch andere Mittel gelingen wird, seine Unschuld zu beweisen.«
»Die Sache steht schlimm für ihn« bemerkte der Polizeibeamte. »Selbst das Zeugniß des gnädigen Fräulein, wenn sie sich dazu verstehen würde, könnte wenig helfen; denn wie Sie mir sagten, hat der Angeklagte Sie schon um halb 12 Uhr Nachts vor dem Thor Ihres Hôtels verlassen. Ueber die Zeit zwischen dieser Stunde und seiner Rückkehr in dies Haus vermag er sich nicht genügend auszuweisen. Er giebt zwar an, nach Christianshavn gegangen zu sein, um sein Schiff zu schützen gegen einen etwaigen Angriff des kopenhagner Pöbels, indeß ist er gar nicht auf dem Schiff gewesen und Niemand hat ihn gesehen.«
»Weil er sein Boot nicht am Quai fand!«
»Das Boot hat sich am Morgen an einer ganz andern Stelle gefunden und zwar mit Blutspuren darin, gegenüber dem portugiesischen Schooner, an dessen Bord der Mord vorgefallen. Die Ausrede stimmt zu sehr mit
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den sonstigen Antecedentien des Mannes überein - er ist ein Revolutionair schlimmster Sorte und es ist daher natürlich, daß er eine solche Ausrede braucht.«
»Ich muß dies leider bestätigen« erwiderte der Conferenzrath. »Die Unterredung, welche ich mit anhörte, machte es mir leider zur Pflicht, diese üble Gesinnung zur Sprache zu bringen.«
Die Tochter wandte sich rasch gegen ihn und sah ihm groß und voll in's Gesicht. »Nach meiner Meinung« sagte sie, »halte ich es nicht für sehr würdig, die zufällig belauschten Worte eines Gastes im eigenen Hause zu einer Kriminalanzeige zu benutzen.«
Das Gesicht des Conferenzrathes wurde sehr roth bei diesem scharfen Verweis in Gegenwart eines Dritten. Dieser kam ihm jedoch zu Hilfe und schnitt die heftige Erörterung ab.
»Es hätte dieser Mittheilung, deren sich der Herr Conferenzrath als Staatsbeamter unmöglich entziehen konnte, nicht bedurft, um den Vogel an seinen Federn zu erkennen. Es war der Polizei bereits bekannt, daß Kapitain Hansen sich schon am Abend vorher durch sein Benehmen in einer Kneipe am Kanal höchst verdächtig gemacht hat. Er hetzte die Leute auf, jenes schändliche und verbotene deutsche Lied zu singen und fing Händel mit Denen an, welche das Nationallied anstimmten. Es ist ferner außer Zweifel, daß an jenem Abend der berüchtigte Prinz von Noer unter dem tumultirenden Pöbel war und Hansen mit ihm verkehrte.«
»Ich faßte sofort Mißtrauen gegen den Menschen, als
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ich ihn sah!« meinte wohlgefällig der Conferenzrath, eine Aeußerung, die Fräulein Edda mit einem Achselzucken erwiderte.
»Das wären freilich noch Alles keine Beweise der Thäterschaft des Mordes« fuhr der Polizeibeamte fort, - »doch die folgenden sind desto belastender. - Es steht fest, daß der unglückliche Portugiese an jenem Abend in der Strandtaverne vor dem Angeklagten seine mit Gold gefüllte Börse und seine von Banknoten strotzende Brieftasche offen gezeigt hat. Kapitain Macinhos hatte kurz vorher von dem Handlungshause Ginderny & Comp., an das er adressirt war, etwa 3000 Ryksdaler für Fracht eingenommen. Von diesem Gelde ist nicht mehr ein Schilling bei dem Ermordeten gefunden worden. Der altonaer Kapitain Dreyer[Dreier] hat ferner - freilich sehr widerwillig - vor dem Untersuchungsrichter die Aussage beschworen, daß er mit Kapitain Macinhos und Hansen, die er mit einander bekannt gemacht hatte, zusammen die Taverne gegen 10 Uhr verließ, daß sie gemeinsam bis Oster Gade gegangen sind und daß er sich dort von ihnen trennte, während jene Beiden den Weg zusammen fortsetzten und äußerten, daß sie dasselbe Ziel hätten.«
»Aber ich habe Kapitain Hansen bald nach 10 Uhr in der Minter Gade gesprochen und er ist über eine Stunde in meiner Gesellschaft gewesen« fiel die Dame ein.
»Das bewiese, wie ich schon gesagt, in keiner Weise, daß der Angeklagte nicht nachher den verruchten Plan ausgeführt hat. In der Kajüte der Lucia und auf dem Decke bis zur Bordtreppe fanden sich die blutigen Spuren
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eines Männerfußes, in der Kajüte selbst aber, neben der Leiche das Messer des Angeklagten, das durch den eingravirten Namen zuerst auf seine Spur führte und das er als das seine selbst anerkennen mußte. Auch seine Matrosen kannten es.«
»Aber er erklärt, es in jener Nacht verloren zu haben.«
Der Beamte zuckte die Achseln. »Er ist den Beweis dafür schuldig geblieben.«
»Und glauben Sie denn wirklich, mein Herr, daß Kapitain Hansen den Mord begangen hat?«
»Es ist eine sehr verwickelte Angelegenheit« erwiderte kopfschüttelnd der Beamte. »Man hat allerdings weder an der Person des Angeklagten noch in seinen Sachen, deren Durchsuchung schon während seiner Verhaftung sowohl auf seinem Schiff als hier erfolgte, das bei dem Mord geraubte Geld gefunden - er war nur im Besitz einer mäßigen Summe, die ihn nicht verdächtigen würde. Dagegen befindet sich darunter eine englische Fünfpfundnote, die das Zeichen der hiesigen Rheder des Portugiesen trägt und die sich also unter den dem Ermordeten gezahlten Papieren befand.«
»Aber wie erklärt er dies?« frug angstvoll die Dame.
»Er giebt an, beim Bezahlen des Weines in der Taverne die Note von dem Ermordeten eingewechselt zu haben.«
»Das muß doch der andere Kapitain oder der Wirth bestätigen?«
»Kapitain Dreyer[Dreier] weiß von Nichts, - er hat sich einige Minuten aus dem Schanklokal entfernt. Der Wirth
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erinnert sich keines Umstandes. Dagegen hat der zufällig in der Gesellschaft anwesende Steuermann des Ermordeten Aveiros, beschworen, daß er gesehen, wie sein Kapitain den Wein ebenfalls mit einer kleinen Note bezahlt hat.«
»Dieser Steuermann müßte doch wissen, wo sein Herr geblieben. Warum hegt man denn keinen Verdacht gegen diesen oder die Mannschaft der Brigg?«
»Pedro Aveiros ist die Nacht nicht an Bord gewesen. Er hat nach der Gewohnheit der Matrosen, wenn sie Urlaub erhalten, die Nacht in verschiedenen lüderlichen Häusern zugebracht und ist dies eine durch mehre Zeugen constatirte Thatsache. Als er früh um 7 Uhr an Bord zurückkehrte, fand er die nur aus 3 Matrosen und einem Jungen bestehende Mannschaft noch schlafend und weckte sie. Erst nach einer Weile, als man die blutigen Fußtritte auf dem Deck fand und dadurch aufmerksam gemacht, den Kapitain wecken wollte, entdeckte man die schändliche That.«
»Aber die Mannschaft?«
»Die Gerichte haben sich freilich genöthigt gesehen, sie bis zur Entscheidung des Prozesses als Zeugen hier zu behalten, aber es kann verständiger Weise kein Verdacht auf sie fallen. Die armen Burschen waren - Sie wissen, daß ich selbst an Bord die ersten Feststellungen machte, - noch des Todes erschrocken. Ein alter Criminalbeamte wie ich, weiß so ziemlich den Ausdruck der Wahrheit von dem der Heuchelei zu unterscheiden.«
»Hat denn Niemand von ihnen die Rückkehr des unglücklichen Opfers gehört?«
Der Schiffsjunge hat die Wache gehabt, ist aber
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offenbar eingeschlafen gewesen. Kapitain Macinhos hat ihn selbst geweckt, nachdem er an Bord kam, der Bursche meint, es müsse etwa 12 Uhr gewesm sein, und ihn nach vorn geschickt, um sich niederzulegen, da keine Wache weiter nöthig sei. Es scheint, daß die Leute an Bord die Abwesenheit des Kapitains und des Steuermanns benutzt hatten, sich etwas zu betrinken, denn Niemand von ihnen will weiter etwas gehört haben.«
»Und Kapitain Macinhos war allein, als er an Bord kam?«
»Der Bursche schwört, Niemanden gesehen zu haben.«
»Alle diese Umstände« erklärte mit Bestimmtheit der Conferenzrath, »sind so belastend, daß an der Schuld des Angeklagten kein Zweifel sein kann, um so mehr, als seine Antecedentien gegen ihn sprechen. Man war schon in Schleswig, wie Amtmann Jörrissen berichtet, durch seine losen Reden und seinen Verkehr nur mit den berüchtigsten Rebellen auf ihn aufmerksam geworden; dennoch ...«
»Der Herr Conferenzrath wollten sagen? ...«
»Dennoch wäre es mir sehr unlieb, ihn verurtheilt, - auch nur öffentlich vor Gericht gestellt zu sehen. Sie wissen, in welche nahe Verbindung wir mit dem Bruder des Verbrechers treten sollen, was, wenn er verurtheilt wird, kaum noch möglich ist, selbst wenn der Legationssecretair seinen Namen ändert, was auf jeden Fall geschehen muß.«
»Aber wie wäre dies zu vermeiden?«
»Wir sind unter uns, Herr Olsen, Sie wollen Karriere machen - gut! ich werde mit allem Einfluß Sie
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unterstützen. Selbst die Gräfin, die von dem Fall Kenntniß hat, wünscht die Unterdrückung. Der Mensch sitzt im Gefängniß des Stadtgerichts?«
»Zelle Nummer 44.«
»Ja wohl! - Nun - ich weiß, daß Sie mit dem Gefängnißpersonal vertraut sind - man könnte dem Manne auf irgend eine Weise die Mittel zur Flucht erleichtern - einige hundert Ryksdaler würde ich es mir mit Vergnügen kosten lassen. Sie verstehen mich ... ist er fort, nach Indien oder Australien, und da er ein tüchtiger Seemann sein soll, wird es ihm nicht fehlen, so wären wir ihn für immer los!« - »Ich werde die Sache überlegen« meinte der Beamte verlegen. »Sie wissen, wie gern ich dem Herrn Conferenzrath dienen möchte!«
Die junge Dame hatte sich bei der halblaut geflogenen Unterhandlung umgewendet und hörte ihr die Arme gekreuzt zu. Ihr Blick blieb mit einem unverkennbaren Ausdruck von Mißbilligung, ja Verachtung auf ihrem Vater ruhen und ein leichtes Zucken um ihren Mund verkündete das bittere Gefühl ihres Innern.
»Ich glaube, die Herren irren beide, wenn sie der Meinung sind, Kapitain Hansen werde eine Gelegenheit zur Flucht benutzen, die ihn jener schändlichen That geständig machen würde. Ich habe ein besseres Vertrauen zu dem Bruder meines Verlobten.«
»Du stellst Dich mit Gewalt blind gegenüber allen diesen Beweisen.«
Die junge Dame hielt es für überflüssig, ihrem Vater auch nur zu antworten. Sie wendete sich zu dem Beamten.
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»Sie versprachen bei unserer letzten Unterredung, Herr, mir das Messer zu zeigen, mit dem die schreckliche That verübt worden, und das Kapitain Hansen gehören soll.«
Der Beamte verbeugte sich. »Ich habe es nicht vergessen, gnädiges Fräulein, und hier ist das corpus delicti. Ich habe es mir von dem Criminal-Aktuar, der es bewahrt, geben lassen.« Er zog den sorgfältig in Papier geschlagenen Gegenstand aus der Tasche und wollte ihn ihr überreichen.
Fräulein Halsteen lehnte mit einem leichten Schauder die Waffe ab.
»Bitte - legen Sie es dorthin auf den Tisch!«
Zugleich schellte sie. »Schicke Suky herein!« befahl sie dem eintretenden Diener.
Der Laskare war seit der Verhaftung seines Herrn in dem Hause des Conferenzrathes geblieben, sehr gegen dessen Willen; aber Fräulein Edda hatte darauf bestanden.
Einige Minuten darauf erschien der Malaye.
»Missus haben befohlen - haben Missus vielleicht gehört von armen Herrn, Sahib Hansa?«
»Da Suky, hab' ich etwas für Dich! Dort - das Messer!«
Der Laskare ging an den Tisch, auf den sie hinwies, nahm das Messer in die Hand, und der Ausdruck augenscheinlichen Vergnügens zeigte sich sofort auf seinem Gesicht.
»Ah, Messer von Master Hansa! Nun sein Alles gut, - wenn Messer dieses hier, Sahib Hansa sicher auch nicht weit sein!«
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»So erkennst Du es wieder?« frug die junge Dame mit angstvollem Zucken der Lippe.
»Bei der schwarzen Schlange - Suky will sterben, wenn es nicht wahr. Werd' ich doch kennen das Messer von Sahib? Hab' ich tausendmal in Hand gehabt. Sehen Missus hier den Namen, den ich nicht kann lesen, aber weiß sehr wohl, und kenn' ich sehr gut hier die bekannte Klinge - hab' ich sie doch selbst blank geschliffen!«
»Blank?«
Das Fräulein trat erregt auf den Tisch zu.
»Schön blank und scharf! - keine Spur von Rost!«
»Aber - Suky - es müssen Flecken auf der Klinge sein - Blut - es ist das Messer, mit dem jener Mann ermordet sein soll!« Sie streckte die Hand hastig nach der Waffe aus.
»Mit Messer dieses? - Oh Missus - Master Hansa, Sahib haben mit diesem Messer so wenig den Mann ermordet, wie er überhaupt es gethan.«
Auch der Polizeibeamte war jetzt näher getreten - die Worte des Laskaren hatten ihn stutzig gemacht.
»Erlauben Sie gnädiges Fräulein, daß ich an den Mann einige Fragen richte. - Warum glaubst Du, daß mit diesem Messer Kapitain Macinhos nicht getödtet sein kann?«
Der Malaye fing an zu begreifen, daß seine Antwort von Wichtigkeit sein könne, und rollte bedächtig die Augen von dem Frager zur Dame, bis diese ihm ein Zeichen gab, zu antworten.
Statt dies jedoch zu thun, stellte er selbst eine Frage.
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»Wo Messer dieses funden?«
»Neben der Leiche des ermordeten Mannes.«
»Wenn wissen, sagen mir, wie lange wohl her, daß er todt, eh' ihn und Messer gefunden?«
»Die Aerzte behaupten, daß die That mindestens fünf bis sechs Stunden vorher erfolgt sein müsse. - Der Körper war gänzlich starr und kalt, das Blut getrocknet, als ich kam und die Umstände feststellte.«
»Und haben Master Messer abgewischt?«
»Abgewischt? - Nein - ich erinnere mich, daß die Klinge eben so blank war, wie jetzt.«
Der Malaye lachte triumphirend, daß man alle 32 Zähne in dem breiten Mund sehen konnte.
»Dann solches Messer auch nicht haben Kapitain Macinhos den Hals abschneiden können. Wenn Klinge blutige Wunde macht, bleiben immer Blut hängen und trocknen auf Messer und machen Flecken, und sein sehr schwer zu machen wieder ganz rein. Ich kennen muß das - ich habe viele Wunden mit Messer gemacht, aber nur Kordofan-Klinge nehmen kein Blutspuren an. sonst alles Eisen!«
»Hören Sie Herr? - hörst Du Vater?« sagte höchst erregt das Mädchen. »Das wäre ein Beweis für die Unschuld Kapitain Hansen's!«
»Nicht so rasch, gnädiges Fräulein!« bemerkte der Beamte. »Aber auf der anderen Seite muß ich gestehen, daß mich die Bemerkung dieses Mannes allerdings stutzig macht. Es ist merkwürdig, daß ich nicht eher darauf gekommen bin. Ich weiß in der That mich ganz genau zu
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erinnern und kann es auf meinen Diensteid nehmen, daß das Messer, als ich es am Boden der Kajüte neben der Leiche fand, sich ganz in demselben Zustand befand wie jetzt, das heißt rein und glänzend. In der Verwahrung des Gerichts ist es natürlich auf das Sorgfältigste und in ganz demselben Zustand aufbewahrt worden. - Es wird darauf ankommen, durch einen Chemiker untersuchen zu lassen, ob sich an der Klinge oder dem Griff vielleicht dem gewöhnlichen Auge unsichtbare Spuren von Menschenblut befinden. Die Wissenschaft hat in dieser Beziehung in neuerer Zeit bedeutende Fortschritte gemacht und merkwürdige Resultate erzielt!«
»Aber wie leicht kann der Mörder es selbst abgetrocknet haben, bevor er es liegen ließ!« bemerkte der Conferenzrath.
»Verzeihen Sie, das widerspräche allen psychologischen Wahrnehmungen und Schlüssen. Nach einer solchen Gräuelthat hält sich kein Mensch damit auf, die Mordwaffe an Ort und Stelle zu reinigen, bloß um sie dann zu verlieren. Erweist die genaue Untersuchung kein Menschenblut an Klinge und Heft - so muß ich allerdings dem Schluß dieses Burschen beitreten, daß mit diesem Messer die That nicht begangen ist. Dieser Schluß beweist jedoch noch keineswegs die Unschuld des Angeklagten - ja, daß ich es sagen muß, gerade das Verlieren des reinen Messers an dem Ort der That spricht für seine Anwesenheit daselbst.«
»Es ist ein Einschlagmesser« rief mit scharfem
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Verstand die Dame, - »wenn er es zufällig verloren, würde das Messer nicht geöffnet gewesen sein!«
Der Beamte biß sich auf die Lippen. »Sie haben Recht, gnädiges Fräulein, - das ist ein Umstand, der nicht zu übersehen ist.«
Der Malaye hatte bis jetzt aufmerksam der Erörterung zugehört. Da sie aber meist dänisch geführt worden und er nur das Englische radebrechte, war sie ihm ziemlich unverständlich geblieben.
Suky legte seinen Zeigefinger auf den Arm der Dame und sagte langsam: »Was sagen der Mann?«
Edda, die großes Vertrauen zu dem Laskaren hatte und ihn in jeder Weise vor den Dienern des Hauses bevorzugte, wiederholte ihm den Inhalt der Worte.
Ein spöttisches Grinsen verzog wiederum den breiten Mund des Malayen und er tippte mit dem Finger auf seinen nackten Schädel. »Suky armer India-Mann, nicht lesen, nicht schreiben. Aber sehen Alles klar. Missus Suky gesagt, daß Master Hansa verloren sein Messer. Well! bei schwarzer Schlange! haben Jemand gefunden Messer von Master Hansa, haben abgeschnitten den Hals Kapitain Macinhos mit eigenem Messer und haben hingelegt Master Hansa's Messer schön aufklappt, weil Namen darauf steht, um Verdacht zu lenken auf unschuldigen Mann!«
»Gott sei es Dank, so ist es! es kann nicht anders sein!« sie hätte dem grünbraunen Burschen um den Hals fallen mögen.
Auch der Polizeibeamte war nachdenklich geworden. »Die Ansicht hat Etwas für sich - Kapitain Hansen
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wäre gerettet, wenn man nachweisen könnte, daß er wirklich dies Messer verloren und wer es gefunden hat. Aber Sie wissen selbst, gnädiges Fräulein, daß er im Allgemeinen nur angegeben hat, bei einem Streit mit Betrunkenen, die ein Frauenzimmer insultirten, in der Nähe der Gothers Gade sein Messer verloren zu haben, nähere Umstände aber hartnäckig verweigert und besonders Ihren Namen nie genannt hat!«
»Es ist das einzige Gute an dem Menschen, daß er so viel Sinn für Familienehre besitzt« meinte Herr Halsteen.
Fräulein Edda warf ihm einen verachtenden Blick zu. »Ich kenne jetzt meine Pflicht« sagte sie entschlossen, »und nachdem nun durch Gottes Hilfe ein Lichtstrahl in dieses Dunkel gekommen ist, obschon ich Kapitain Hansen niemals jener That für fähig gehalten, - soll mich keine Rücksicht abhalten, diese Pflicht zu üben.«
»Edda - Du wirst doch nicht ...!«
»Ruhig Vater, Ihre Tochter wird Nichts thun, was unseren Namen entehrt. Ich wünschte, Jeder hätte das stets gethan. Ich erinnere mich deutlich, daß bei jenem unglücklichen Streit noch andere Zeugen zugegen waren, und Kapitain Hansen mit einem Manne sprach, ehe er mich wegführte. Aber ich war halb bewußtlos vor Angst und kann mich auf nichts Näheres besinnen. Ich weiß nur, daß der Streit und Kampf überaus schnell vorübergingen. Wollen Sie, Herr Commissair, mir helfen, jene anderen Zeugen zu entdecken, - dann wird vielleicht mein Zeugniß nicht nöthig sein, das ich sonst - selbst gegen den Willen meines Vaters - abzugeben entschlossen bin!«
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»Mit Freuden, gnädiges Fräulein!«
»Gut! - so verschaffen Sie mir und Suky noch heute eine geheime Unterredung mit Kapitain Hansen. Er wird es mir nicht verweigern, mir über jenen Hergang, dessen Details er, der ruhige besonnene Mann sicher genau im Gedächtniß behalten hat, Auskunft zu geben.«
Der Beamte wurde noch verlegner, als er vorhin bei dem Fluchtvorschlag des Raths geworden war. »Aber gnädiges Fräulein, das wird unmöglich gehen!«
»Unter keinen Umständen werde ich dulden, daß Du mit dem Menschen wieder in persönliche Berührung kommst Edda!«
»Dann werde ich morgen zu dem Präsidenten des Stadtgerichts fahren und um diese Unterredung selbst nachsuchen« erklärte Fräulein Edda. »Ich denke Du kennst mich Papa!«
Das war leider nur zu gut der Fall und nach einiger Verhandlung des Raths mit dem Commissar, der vergeblich sich in Gründen erschöpfte, verstand sich dieser endlich dazu, am selben Abend um 9 Uhr Fräulein Halsteen abzuholen, um sie in das Gefängniß zu geleiten.
Die junge Dame wäre am Liebsten schon jetzt dahin aufgebrochen, Herr Olsen erklärte aber, daß er einige Zeit zu den Vorbereitungen haben müsse.
»Geh auf mein Zimmer Suky« bat die Dame, »und warte auf mich. Ich habe nachher noch mit Dir zu reden.«
Der Indier machte seinen Salem und verschwand.
»Und jetzt, Papa, geniren Sie sich meinetwegen nicht, mit Herrn Olsen von jener anderen Angelegenheit zu sprechen.«
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»Ich fände es am Besten, Du überliess[ß]est das mir allein Edda« sagte der Conferenzrath. »Es sind Dinge, die nicht für die Ohren einer jungen Dame passen.«
»Die Angelegenheit berührt mich am meisten« erwiederte das Fräulein mit tiefem Ernst. »Ich denke, ich bin alt genug, um darüber zu urtheilen, was sich für die Tochter des Conferenzraths Halsteen schickt gegenüber ihrer Doppelgängerin in Namen und Gesicht.«
Es folgte diesen entschlossenen Worten eine kleine Pause. Dann nahm der Hausherr das Wort.
»Ich muß gestehen, daß mir diese Sache fast noch fataler ist, als die erste. Ein öffentliches Frauenzimmer von unbekannter Herkunft, eine Landstreicherin, die leider durch eine zufällige Laune der Natur eine fabelhafte Aehnlichkeit mit meiner Tochter hat, hier in der Hauptstadt mit dem größten Eclat auftauchen und die Frechheit so weit treiben zu sehen, daß sie meinen Namen, den gleichen Namen wie meine Tochter öffentlich führt, - dem beiwohnen zu müssen, daß sie sich bei jeder öffentlichen Gelegenheit, im Theater, auf den Promenaden, selbst in der Kirche in die Nähe des Fräulein Halsteen drängt, - das ist etwas zu viel. Ich will den Schutz der Polizei nicht anrufen, um der Sache nicht einen noch größeren Eclat zu geben, aber ein Mann meiner Stellung darf doch wohl erwarten, daß er unter der Hand gegen solche affreuse Beleidigungen geschützt wird.«
Der Polizei-Commissar zuckte die Achseln. »Ich weiß kaum gnädiger Herr, wie das zu machen sein wird. Die Person steht offenbar unter dem Schutz der demokratischen
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Clique und jeder nicht streng gesetzliche Schritt, den die Polizei gegen sie thun möchte, würde sofort zu einem öffentlichen Angriff in den Zeitungen, ja zu einer phrasenvollen Deklamation über Beschränkung der persönlichen Freiheit im Volksthing benutzt werden.«
»Aber man hätte ihr die Führung des Namens Halsteen verbieten können.«
»Sie ist unter diesem Namen angemeldet und hat einen norwegischen Paß, der darauf lautet. Ich habe ihn selbst in Händen gehabt: die Sängerin und Harfenistin Adda Halsteen. - Es ist Nichts zu machen dagegen. Auf eine nähere Nachfrage der Polizei hat die Person sogar die Dreistigkeit gehabt, sich auf Sie selbst, Herr v. Halsteen, zu berufen.«
»Auf mich?«
»Ja. - Sie hat erklärt, Sie oder das gnädige Fräulein würden keinen Anstand nehmen, für sie Bürgschaft zu leisten.«
»Das ist zu arg! Ich werde noch einmal mit dem Ober-Polizeimeister, darüber sprechen.«
»Diese - diese Person behauptet, sie wäre Ihrer Familie bekannt!«
»Das ist erlogen. Ich kenne sie nicht, - ich weiß Nichts von ihr! ich weiß nur, daß schon seit der Kindheit meiner Tochter, seit etwa zehn Jahren, von Zeit zu Zeit ein Geschöpf, eine junge Bettlerin der untersten Sorte mehrmals in mein Haus sich drängte und ich sie durch die Bedienung entfernen lassen mußte. In den letzten Jahren blieben wir mit dieser Belästigung verschont,
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als plötzlich, vor etwa Jahresfrist die Person sich wieder zeigte und anscheinend in den dürftigsten Umständen einige Male wieder in meinem Hause erschien, oder sich auf der Straße uns in den Weg stellte.«
»Sie bettelte? Warum haben der Herr Rath damals nicht Anzeige gemacht? Wir haben strenge Verordnungen gegen die Straßen- und Hausbettelei und die Polizei hätte damals Gelegenheit gehabt, sofort die junge Vagabondin aufzugreifen und auszuweisen.«
»Sie hat niemals gebettelt« sagte hastig die junge Dame, »ja sie hat jedes Geschenk, das man ihr bot, mit Hohn zurückgewiesen.«
Der Rath trocknete sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. »Ich habe jener unglücklichen Aehnlichkeit wegen den Versuch durch dritte Personen gemacht, sie zum Verlassen Kopenhagens zu bewegen, und ihr Geld, ja eine jährliche Unterstützung bieten lassen - aber sie hat Alles ausgeschlagen. Sie scheint einen Charakter voll Bosheit und Haß zu besitzen!«
»Und welche Ursache sollte dieser Haß haben?«
Der Conferenzrath schwieg einige Augenblicke, dann sagte er: »Ich weiß es nicht - er stammt offenbar aus jener allgemeinen plebejischen Erbitterung, welche die Phrasen unserer Socialisten und Republikaner mit Wort und Schritt täglich unter den untern Volksklassen gegen die Aristokratie und die höheren Stände verbreiten. Die Person kennt offenbar die unglückliche Aehnlichkeit mit meiner Tochter und beutet sie zu boshaften Demonstrationen aus. Dies ist ärger, ja unerträglich geworden, seit sie die Mittel hat,
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Aufsehen zu erregen - und das eben ist der Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.«
Der Beamte schwieg.
»Diese Person scheint plötzlich zu Vermögen oder doch bedeutenden Geldmitteln gekommen zu sein. Wissen Sie Etwas über den Ursprung?«
»Der Herr Conferenzrath sind ein Mann von Welt und wissen, wie häufig solche Personen plötzlich großen Luxus entfalten, ohne daß man ihnen eine bestimmte Quelle nachweisen kann. Dergleichen Fälle ereignen sich täglich in den großen Städten, wie London, Paris, Berlin, Wien. Ebenso rasch sinken und verschwinden sie wieder in der Dunkelheit!«
»Aber jetzt?«
»Es läßt sich nicht leugnen, daß seit zwei Monaten diese Demoiselle Adda Halsteen, wie sie sich nennen läßt, Aufsehen in Kopenhagen macht. Sie muß über erhebliche Geldmittel gebieten, denn sie hat eine elegante Wohnung, eine brillante Toilette und ist überall zu finden. Das Schlimmste ist, daß in ihrem Salon die ganze Opposition sich vereinigt, die ärgsten Schreier der Presse, die Klubredner und die Führer der äußersten Linken in dem Volksthing, ja, daß selbst Männer von Geist und Ansehen, wie Tscherning und Blixen - Finecke, kurzum die Feinde der Regierung dort verkehren.«
»Das ist es ja eben! - aber wissen Sie, zu welcher Frechheit sie neuerdings greift?«
Der Beamte sah ihn fragend an.
»Sie will eine Wohnung in dieser Straße gerade
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gegenüber diesem meinem Hause beziehen. Durch einen Zufall erfuhr ich, daß sie darüber in Unterhandlung steht.«
Der Polizeibeamte zuckte die Achseln. »Der Herr Rath wissen, wie sehr ich Ihnen verpflichtet und zu Diensten bin. Aber es wird sich schwer hindern lassen. Der einzige Rath, den ich geben kann, ist: der Person durch Unterhandlung mit dem Wirth zuvor zu kommen.«
»Aber ich kann doch nicht die ganze Straße miethen! - Wir vermeiden seit Wochen schon das Theater oder irgend öffentliche Orte zu besuchen, weil es ein wirkliches Fatum scheint, daß wir sie jedesmal dort treffen. Es ist als wüßte sie von jedem unserer Schritte.«
Der Beamte sah ihn bedeutsam an. »Sollte dies nicht auch vielleicht der Fall sein? Sind Sie Ihrer Dienerschaft sicher? Leute der Art sind der Bestechung sehr zugänglich. Ich werfe diesen Gedanken blos hin, obschon ich in der That nicht wüßte, welchen Grund jene - jene Person zu solchen Ausgaben haben sollte!«
»Ich habe selbst schon daran gedacht und bin beinahe entschlossen, meine ganze Dienerschaft zu wechseln. - Unterdeß bitte ich Sie, Herr Olsen, Ihre Augen auch auf dieses Frauenzimmer zu richten und mir beizustehen. Was die erste Angelegenheit betrifft, so muß ich dem Eigensinn meiner Tochter nachgeben und in jene Unterredung willigen. Wie auch die Sache sich wenden möge - wir sprechen näher über meinen Wunsch, der natürlich Gegenstand des tiefsten Geheimnisses bleiben muß.«
Der Commissar verbeugte sich zustimmend, dann steckte er sorgfältig das Messer wieder ein und empfahl sich.
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»Ich werde also die Ehre haben, Sie um 9 Uhr abzuholen, gnädiges Fräulein?«
»Ich erwarte Sie!«
Vater und Tochter blieben allein.
Die Letztere sah wieder stumm und nachdenkend in die Flamme, der Rath aber ging unruhig hin und her - er hatte offenbar seine ganze diplomatische Ruhe und Haltung verloren.
Endlich blieb er vor ihr stehen.
»Warum beharrst Du auf dieser Unterredung mit Hansen?«
Sie erhob ihr großes festes Auge zu ihm.
»Haben Sie mich mit Herrn Johannes Hansen verlobt oder nicht?«
»Du selbst warst damit einverstanden, indeß ...«
»Seit ich die Verlobte des Herrn Hansen bin, den Sie entfernt von hier und in Unkenntniß über das wahre Schicksal seines Bruders halten, habe ich die Pflicht, meinen Verlobten hier zu vertreten. - Er könnte und würde, obschon er ein wohlgeschulter Diplomat ist, seinen einzigen Bruder nicht im Stich lassen.«
»Aber alle Anzeichen deuten auf die Schuld dieses Menschen!«
»Glauben Sie selbst daran?«
»Ich habe mich wenigstens mit meinen eignen Ohren überzeugt, daß er ein Rebell und Hochverräther ist, der gegen die rechtmäßige Regierung conspirirt.«
»Er ist ein Deutscher, wie wir Dänen sind. Sie hätten das unglückliche Zusammentreffen mancher Umstände,
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die jenen schändlichen Verdacht auf den Kapitain Klaus Hansen lenkten, nicht noch dadurch vermehren sollen, daß Sie zum politischen Ankläger wurden.«
»Ich bin zuerst Diener des Königs und des Staates. Sein Bruder selbst hat ihn gewarnt!«
»Genug davon - es ist unnöthig, weiter darüber zu streiten. Jener unglücklichen anderen Sache wegen, die jede Oeffentlichkeit für mich noch verletzender machen würde, habe ich eingewilligt, die zarte Schonung anzunehmen, mit welcher der Unglückliche vermieden hat, sich auf mein Zeugniß zu berufen, ja überhaupt nur meinen Namen zu nennen. Aber ich würde noch mehr vor mir selbst erröthen, wenn ich - sobald sich nur die geringste andere Aussicht zum Erweis seiner Unschuld bietet, - diese nicht mit allen Kräften verfolgen wollte, da Niemand weiter ihm beisteht. Entweder Sie müssen meine Verlobung aufheben, oder mir gestatten, daß ich an die Stelle meines Verlobten trete!«
»Du weißt, Kind, was mich vermocht hat, meine Einwilligung zu einer Verbindung mit dem Legationssecretair zu geben!«
»Das Geld und die diplomatische Perfidie!«
Er beachtete den Angriff nicht. »Mein Vermögen ist gering« sagte er - »die vielen Kosten der äußerlichen Behauptung meiner Stellung haben es zerrüttet. Deine Mutter besaß nur ihren hohen Rang und wenn ich sterbe, würdest Du in einer sehr trüben Lage sein. Es war also meine Pflicht, für Dich zu sorgen. Herr Hansen ist ein junger Mann von vielen Fähigkeiten. Du weißt, wie sehr man wünscht, grade Männer aus den Eiderprovinzen
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an die Interessen der Regierung zu fesseln - solche Beispiele wirken auf das Ganze. Ich habe noch gestern Briefe aus London empfangen - es ist außer Zweifel, daß die vorgelegten Ausweise für genügend erachtet werden müssen, und daß die Ostindische Compagnie zur Auszahlung der Erbschaft verurtheilt wird. Dann ist Hansen Besitzer einer Million und trotz seiner niederen Abstammung eine nicht zu verachtende Partie selbst für die Tochter der Gräfin Tordenskiold.«
»Die Hälfte der Erbschaft gehört doch wohl seinem Bruder!«
»Das ist zweifelhaft - die englischen Gesetze sichern das Recht der Erstgebornen. Indeß wir werden bereit sein, uns generös abzufinden. Selbst wenn jener Mann, dessen Besuch uns so viele Unannehmlichkeiten verursacht hat, von der Anklage des Mordes freigesprochen werden sollte, ist seines Bleibens im Lande nicht mehr, wenn er nicht mit den Gerichten weitere Bekanntschaft machen will. Man kann ihm ein Schiff kaufen und ihn für immer entfernen. Ich denke, nicht für einen friesischen Rebellen, sondern für Dich, habe ich jene sonst offenbar verloren gewesene Erbschaft an's Licht gezogen.«
Das junge Mädchen lächelte schmerzlich. »Die Entscheidung darüber gehört der Zukunft. Vor Allem gilt es jetzt Klaus Hansen aus seiner schmachvollen Lage zu befreien. Ich fühle beschämend, daß ich schon zu lange gezögert und - durch jenen Grund mich zu einer feigen Schwäche habe verleiten lassen. Die Entdeckung, die wir heute gemacht, betrachte ich als einen Wink von Oben.«
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»Ich will Dir nicht hinderlich sein« sagte nach einigem Nachdenken der Diplomat, - »obschon ich diesen Eifer für einen Fremden, den Du doch nur wenige Stunden gekannt hast, bei Deinem sonst so zurückhaltenden Charakter auffallend finde. Indeß muß ich Dich bitten, sehr vorsichtig zu sein - schon um jenes Dämons willen, der uns das Leben verbittert.«
»Adda!«
»Mag sie sich nennen, wie sie will - Du weißt, wen ich meine! Es ist eine unglückliche Geschichte.«
»Sehr unglücklich!« sagte sie gedankenvoll.
»Sie ist es, welche die fortwährenden Angriffe auf mich veranlaßt, die dieser Schurke Sonnemann in seinem Winkelblatt verübt. Aber ich hoffe es dennoch durchzusetzen, daß sie als Landstreicherin behandelt und in das Spinnhaus gesetzt wird!«
»Vater!«
»Was willst Du?«
»Du wirst keinen Schritt gegen sie thun!«
»Und warum nicht? Verfolgt sie uns nicht mit boshaftem Haß?«
»Und ist dieser wirklich nicht berechtigt - so ganz und gar nicht verschuldet? Hätte Adda keinen Anspruch an uns?«
Es war das erste Mal, daß Edda Halsteen etwas Aehnliches ihrem Vater sagte, und um so tiefer traf der Schlag. Der Conferenzrath fuhr mit dem Taschentuch über die Stirn und wandte sich ab, um seine Verwirrung zu verbergen.
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»Es fehlte bloß noch« sagte er heftig, »daß Du auch für diese Landstreicherin Partei nähmst gegen Deinen Vater und Deine eigenen Interessen.«
»Mir ist immer« fuhr das Mädchen fort, »als müßte Adda uns helfen können, die Unschuld des Kapitain Hansen an den Tag zu bringen. Ich weiß, daß er sie an jenem unglücklichen Abend gesehen und gesprochen, ja daß er ihr einen hohen Dienst geleistet hat!«
»Auch das noch!« schrie erbittert der Conferenzrath, dessen diplomatische Geduld durch dies Thema vollkommen erschöpft war. »Haben sich denn alle widerwärtigen, verhaßten Personen verschworen, mir Verdruß zu bereiten? Das fehlte noch, daß dieser Seestreicher und Rebell zum Vertrauten der Dirne würde!«
»Vater - Sie vergessen sich! - Würde es nicht besser sein, Adda zu versöhnen?«
»Zu versöhnen? Ich, der Conferenzrath und Kammerherr von Halsteen sollte mich erniedrigen, mit einer ...« er brach ab. »Ich verbiete Dir den geringsten Versuch dazu. Es ist mein fester Wille, den Du nicht beugen sollst. - Und jetzt muß ich Dich Dir selbst und Deinem überspannten Plan überlassen, die Unschuld Deines Schützlings zu erforschen, da ich noch zu einer Besprechung mit dem englischen Gesandten muß. Eine schöne Stimmung für eine diplomatische Verhandlung. Ich dächte die Zeitverhältnisse und diese täglich unverschämter werdenden Forderungen des deutschen Bundes brächten Verdruß genug, daß man den Aerger nicht noch in der Familie zu suchen brauchte. Die Berichte Deines Verlobten von Wien und
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Frankfurt entsprechen keineswegs unseren Erwartungen von seiner Thätigkeit!«
Die junge Dame hatte den Kopf gesenkt bei dem bestimmten Verbot des Conferenzraths, in irgend eine Verbindung mit dem geheimnißvollen Wesen zu treten, von dem es sie ebenso abstieß, wie ein unerklärlicher Zug sie zu ihm drängte. Sie hatte daher auch sorgfältig verheimlicht, daß grade an jenem verhängnißvollen Abend sie die Absicht gehabt, ihr Ebenbild aufzusuchen, nachdem sie mit vieler Mühe ihre Wohnung ermittelt, daß Kapitain Hansen sie begleitet, daß sie aber die Sängerin nicht angetroffen und vergeblich auf sie gewartet hatte.
Gleichgültig frug sie jetzt: »Also in Frankfurt befindet sich gegenwärtig Herr Hansen?«
»Ja - seit acht Tagen, aber Niemand darf darum wissen, darum waren seine letzten Briefe an Dich auch nicht von dort datirt. Wir haben Nachricht, daß der Bund neue Beschlüsse gegen uns fassen will. Man geht damit um, zu verlangen, daß das Budget von Holstein und Lauenburg schon mit dem neuen Finanz-Jahr nicht ohne die Bewilligung der dortigen Stände festgesetzt werden soll, daß kein Gesetz, auch wenn es in Dänemark gilt, in den beiden Herzogthümern eingeführt werden darf, ehe es nicht die Zustimmung ihrer Stände erhalten hat. Das heißt, die Provinzen von dem gesamten Reichstag trennen und unabhängig machen, also von der Monarchie loßreißen, und unter keinen Umständen darf dies geschehen!«
»Ich verstehe zu wenig von Politik, um darüber zu urtheilen!«
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»So? - diese Erkenntniß scheint Fräulein Edda doch erst in sehr neuerer Zeit gekommen« meinte ironisch der Kammerherr. »Sonst kanntest Du die Rechte der Krone ganz genau und eifertest gegen deren Schmälerung. Aber ich habe jetzt nicht Zeit, mit Dir zu streiten oder diese plötzliche Gleichgültigkeit näher zu untersuchen und deshalb beschränke ich mich darauf, Dir nochmals Vorsicht anzuempfehlen! Adieu denn!«
Der Conferenzrath verließ das Zimmer, in dem die junge Dame noch einige Augenblicke zurück blieb, bis sie den Wagen fortfahren hörte; dann eilte sie auf das ihre, wo sie den Malayen mit ihrem Kammermädchen radebrechen fand.
Sie entließ dasselbe mit einem Auftrag.
»Weißt Du, wohin wir heute Abend noch gehen, Suky?«
»Wie soll wissen das armer India-Mann?«
»Zu Kapitain Hansen, Deinem Herrn!«
Der Malaye starrte sie mit seinen glänzenden Augen an. »Bei der schwarzen Schlange, Missus - reden Sie wahr? ich soll sehen Sahib?«
»Sehen und sprechen!«
Er stürzte vor ihr nieder auf die Knie und küßte ihr Kleid. »Suky hat gehört von den guten Geistern. Missus guter Geist von Suky und Massa Hansa.«
Ein leichtes halbschmerzliches Lächeln flog über ihr schönes Gesicht. »Vielleicht! Indeß, Suky, haben wir Ernstes zu bedenken, ehe wir mit Master Hansen sprechen. Wie weit bist Du mit Deinen Nachforschungen?«
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»Suky hat gesprochen mit den Matrosen von Schiff, wo ist ermordet Kapitain Macinhos.«
»Und hast Du Etwas entdeckt?«
»Matrosen sprechen untereinander anders als vor Gericht. Es ist da ein Mann, der sagt, er habe nach Mitternacht, etwa in ersten Glocken, ein Boot kommen hören in jener Nacht an Bord.«
»Das ist zu unbestimmt. Weiß er sich keines anderen Umstandes zu erinnern?«
»Der Mann war aufgewacht und glaubt, daß es Steuermann von Brigg gewesen, mit einem sehr, sehr großen Mann!«
»Der Steuermann Aveiros?«
»Selbigen - glauben, so heißen er.«
»Aber dieser hat den Mord entdeckt! Er ist nach allen Aussagen erst des Morgens acht Uhr nach dem Schiff gekommen?!«
»Dann zwei Mal an Bord gewesen« meinte mit philosophischer Ruhe der Laskare. »Einmal wissen wollen, und einmal nicht wissen wollen!«
»Heiliger Gott - dann war dieser wahrscheinlich der Mörder?«
»Sehr möglich! schlechter Kerl! schlimm Gesicht!«
»Du kennst ihn?«
»Suky hat ihn natürlich gesehen in Taverne, weil Suky forscht nach Allem.«
»Aber warum hat jener Matrose seine Wahrnehmung nicht vor Gericht angezeigt, als er gefragt wurde?«
»Ai! Matrosen sein keine Papageivogel, was nur
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schwatzen. Steuermann haben viel Gewalt. Kapitain Macinhos nicht werden lebendig von unnütz Reden. Auch wissen er nicht recht, wie viel sehen, da viel Grogk trunken am Abend vorher!«
»Dennoch ist die Nachricht von größter Wichtigkeit. Könnte jetzt noch ein Zeuge beschafft werden, der über das Verweilen des Kapitain Hansen während jener Stunde Auskunft geben möchte, so wäre seine Unschuld leicht zu erweisen. Was willst Du, Tyna?«
Die Frage galt der Kammerzofe.
»Es ist ein Herr draußen, der sagt, Sie hätten ihn hierher bestellt.«
»Ah - Herr Olsen! ich ließe bitten, einen Augenblick zu verziehen. Und Du, Suky, mach Dich bereit, mich zu begleiten. Noch Eins - was mir einfällt. Nimm jenes Messer mit, das Kapitain Hansen am Morgen mit zurückbrachte. Wir wollen ihn darüber befragen.«
Der Laskare verließ das Zimmer; Edda warf einen Mantel um und ein pelzgefüttertes Capüchon und trat in den Salon, wo der Polizei-Commissar ihrer harrte.
»Sind Sie noch immer entschlossen, gnädiges Fräulein?«
»Mehr als je, Herr. - Ich habe während Ihrer Abwesenheit noch eine weitere Entdeckung gemacht, die Sie wahrscheinlich auf die richtige Spur leiten kann.«
»Das wäre?« meinte der Beamte lächelnd. »Dann verdienten Sie Polizeiminister zu sein. Und darf ich erfahren, worin die Entdeckung besteht? - Aufrichtig gestanden, mein gnädiges Fräulein, da uns hier die Abwesenheit Ihres Herrn Vaters offen zu sprechen erlaubt, ich glaube
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zwar, daß Kapitain Hansen sich sehr mißliebig gemacht hat, aber nicht, daß er einen Raubmord begehen konnte so sehr die Umstände auch gegen ihn sprechen.«
»Ich danke Ihnen, Herr« sagte die junge Dame. »Aber erlauben Sie, daß ich vorläufig noch über die erwähnte Entdeckung schweige, bis ich den Gefangenen gesprochen. Ich werde dann jedenfalls Ihren Beistand in Anspruch nehmen. - Sie haben doch Nichts dawider, daß dieser Mann, der Stewart des Kapitains, uns begleitet? - Es ist nöthig!« beharrte sie, als sie sah, daß der Beamte zögerte.
»Wenn es denn sein muß, mag es geschehen, obgleich ich nicht die Erlaubniß dazu habe! - Wenn es Ihnen gefällig ist, gnädiges Fräulein, ich habe unten eine Droschke halten.«
Sie winkte dem Laskaren, ihnen zu folgen, und ging voran. Als sie eingestiegen waren, nahm die Droschke ihren Weg in der Richtung des Nörre Vold nach dem Gammel-op-Nytorv, dem Alt- und Neumarkt, wo sich der Gerichtssaal und das Stadtgefängniß in dem 1815 erbauten Rathhause befinden, das die Inschrift trägt:
Med Lov skal man Land bygge
das heißt:
Mit Gesetz soll man das Land bauen,
ein Spruch, den man leider auf die Herzogthümer nicht anzuwenden verstand!
In der Nähe des Gebäudes ließ der Beamte halten und lud die Dame ein, auszusteigen. Es war jetzt halb zehn Uhr und die Gegend um das Gefängniß wenig belebt.
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Edda bemerkte, daß auf der andern Seite des Eingangs ein zweiter Wagen hielt.
Herr Olsen schellte am Thor, und als er sich genannt, wurde ihm sofort geöffnet. Nachdem er seine Begleiterin in den Eingang des Gebäudes geführt, bat er sie, einen Augenblick zu verharren und verschwand durch eine der Thüren.
Das Foyer war ziemlich geräumig, einzelne Personen gingen trotz der späten Stunde noch hin und her zu den verschiedenen Thüren und Aufgängen. Edda Halsteen befand sich zum ersten Mal in diesen Räumen - sie dachte des armen Gefangenen und hüllte sich fröstelnd in ihren Mantel.
Eben, als sie sich zur Seite kehrte, dem Malayen eine Bemerkung zu machen, berührte sie ein unerwarteter Anblick.
Die Stufen einer zu einem Korridor führenden Treppe herab kam eine Dame, wie sie in ihren Mantel und Schleier gehüllt. Obschon dieser das Gesicht bedeckte, war es Edda doch, als müßte sie die Fremde kennen, ein unheimliches Gefühl beschlich sie, - als sie aber das Auge zu dem Begleiter oder Diener der Dame erhob, der hinter ihr drein kam, erbebte sie unwillkürlich und sie konnte nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken.
So spärlich auch die Gasbeleuchtung des Raumes war, hatte sie doch dies Gesicht erkannt, und ein zweiter Blick überzeugte sie, daß sie sich nicht geirrt.
Der Mensch war eine Figur von riesiger Größe mit schmalem Wuchs und unförmlichen Armen und Händen[.] Das gänzlich bartlose Gesicht sah verschrumpft und
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unheimlich aus und die kleinen röthlichen Augen hatten einen unangenehmen Blick. Weiße flachsartige Haare umgaben den Kopf, und da der Mann, der einen langen englischen Dienerrock und den Pelz der Dame über dem Arm trug, den galonirten Hut jetzt in der Hand hatte, konnte man mitten auf der Stirn einen blaurothen Fleck, gleich einem Wundmal, erkennen.
Eben dieses Zeichen war es, was Edda Halsteen die Ueberzeugung gab, die blitzartig ihre Seele durchfnhr.
Obschon sie den Menschen damals - an jenem verhängnißvollen Abend, dessen Folgen sie auch jetzt hierher führten, - nur wenige Minuten gesehen hatte und von Angst und Entsetzen zu jener Zeit halb bewußtlos war, erkannte sie das widrige verwelkte Gesicht mit dem thierischen Blick doch auf der Stelle wieder. Es war der Mann, der sie mit einem Genossen in jener Seitenstraße von Gothers Gade verfolgt hatte, derselbe, dessen Hand sie an ihrer Schulter gefühlt, - der den Messerwurf nach dem Kapitain gethan hatte.
Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und faßte den Arm ihres treuen Begleiters.
»Um Gottes willen - Suky - er ist es!«
»Was meinen Missus? - Fürchten sich nicht, wenn Suky hier!«
Der Malaye legte dabei unwillkürlich wie zum Schutz die Hand an den mit kleinen Nägeln und einem schweren Eisenbuckel am Ende beschlagenen Horngriff jenes Matrosenmessers, das er im Gürtel trug.
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Diese Bewegung lenkte die rothen Augen des langen Burschen auf seine Hand.
Fräulein Edda hatte übrigens nicht Zeit, seine Frage zu beantworten, denn schon war die Dame, von dem ungeschlachten Diener gefolgt, herangekommen und wollte vorübergehen nach dem Ausgang, als es ihr wie Edda zu gehen und eine nervöse antipathische Empfindung sie zu durchschauern schien.
Die Fremde blieb stehen und richtete durch den Schleier hindurch ihren festen Blick auf das erbebende Mädchen. Dann lachte sie höhnisch auf und schlug den Schleier zurück.
Es war Edda selbst - Adda!
»Also überall, Schwester Edda!«
Als die Tochter des Kammerherrn und Conferenzraths Halsteen wieder Herr ihres Bewußtseins, ihrer Bewegung wurde, war die drohende Erscheinung bereits durch die Eingangsthür verschwunden. Suky starrte ihr mit offenem Munde nach - es war das erste Mal, daß er die Doppelgängerin gesehen.
Eben kam der Commissar aus einem der Seiteneingänge.
Das Fräulein preßte heftig den Arm des Laskaren. »Kein Wort, Suky, von dem, was wir eben gesehen. Ich verbiete es Dir!«
Sie hatte sich mit Aufbietung aller Kraft gefaßt und als der Commissar jetzt herzutrat und ihr sagte, daß sie den Aufseher der Abtheilung in den Gängen derselben finden würden, folgte sie ihm mit festen Schritten.
Herr Olsen führte sie dieselbe Treppe hinauf, die
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Jene herabgekommen waren, und nach einigen Wendungen in einen langen düster beleuchteten Gang, in dem ihnen ein Mann in der Gefängnißuniform entgegen kam.
»Zu dem Gefangenen Klaus Hansen, Zelle No. 44« sagte der Commissar - »hier ist die Erlaubniß des Inspektors. Die Dame mit ihrem Diener hier darf eine halbe Stunde in der Zelle verweilen.«
Der Schließer murmelte eine unverständliche Antwort, er betrachtete mit Kopfschütteln und offenbar sehr mißtrauisch den späten Besuch, wagte aber nicht, Widerspruch zu erheben.
Er begnügte sich vielmehr, durch einen Wink die Drei zum Folgen aufzufordern und voran zu gehen.
Vor der Zelle No. 44 blieb er stehen, sah durch den Schieber und drehte dann von Außen eine im Innern die Zelle beleuchtende Gasflamme in die Höhe.
Hierauf schloß er die Thür auf.
»Wünschen Sie, daß ich Sie begleite, Fräulein Halsteen?« frug leise der Commissar.
»Nein - ich danke Ihnen! Nur Suky soll mir folgen. - Sollte unsere Unterredung eher zu Ende sein, so werde ich klopfen.«
Die Thür öffnete sich, Edda Halsteen trat über die Schwelle, hinter ihr der Laskare; - dann hörten sie die Thür ins Schloß fallen und den Schlüssel umdrehen.
Ihnen gegenüber, an einem kleinen Tisch auf einem Schemel saß der Gefangene.
Er hatte mit Erstaunen bemerkt, daß die Flamme des Gasarms, welche am Abend und während der Nacht die
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Zelle halb erleuchtete, wieder heller aufbrannte und sein Blick war auf die Thür gerichtet. Da das Licht aber durch die Scheibe von dickem mattem Glase immerhin sehr unvollkommen blieb, sah er nur eine Dame vor sich, die eben ihren Schleier zurückschlug.
»Kapitain Hansen!«
Der Gefangene schüttelte unwillig mit dem Kopf.
»Warum nochmals? ich habe Ihnen doch meinen bestimmten Entschluß erklärt!«
»Klaus Hansen - erkennen Sie mich nicht?«
Er stand auf - sein Auge fiel zugleich auf den Laskaren - sofort begriff er die Wahrheit.
»Suky? - Fräulein Edda?! um Himmelswillen, Sie hier in meiner Zelle, - und noch so eben ...«
Er konnte nicht weiter sprechen - der Malaye stürzte zu seinen Füßen, umklammerte seine Knie und weinte laut. »O Sahib, Sahib! bei der schwarzen Schlange, armer India-Mann wollt' geben sein Leben, wenn er könnt befreien aus diesen Mauern Sahib Hansa!«
»Ja - Du bist brav und treu! ich wußte, daß Du mich nicht verlassen würdest!« Er beugte sich zu ihm und versuchte ihn aufzuheben.
»Und haben Sie keinen Gruß für eine eben so aufrichtige Freundin, die Ihnen doch so vielen Dank schuldig ist?« frug die junge Dame schmerzlich, indem sie ihm ihre weiße Hand entgegenhielt.
»Ich danke Ihnen wenigstens, Fräulein Halsteen« sagte er, »für die Freude, die Sie mir durch die Zuführung dieses treuen Burschen gemacht haben, der ein
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Seeräuber in seiner sonnigen Heimath war und vielleicht hundertfach Menschenblut vergossen hat, - und hier im kalten Norden das eigene Leben für ein fremdes opfern möchte. - Auch für so manche Erleichterungen und persönliche Begünstigungen in meiner Haft« - fuhr er nach einer Pause fort, - »danke ich Ihnen, da ich sie doch wahrscheinlich dem Einfluß Ihrer vornehmen und mächtigen Familie schulde, Fräulein von Halsteen!«
Sie hatte sich erschöpft, aufs Schmerzlichste berührt von diesem Empfang, unwillkürlich auf den hölzernen Schemel niedergelassen, auf dem er bei ihrem Eintritt gesessen.
»Warum nennen Sie mich Fräulein Halsteen - nicht Edda, da ich doch die Verlobte Ihres Bruders bin?« frug sie heftig.
»Meines Bruders? - hab' ich wirklich einen Bruder?«
Seine Stimme klang scharf - auf seinem jetzt so abgemagerten und finsteren Gesicht lag ein Zug unaussprechlicher Bitterkeit bei diesen Worten. Edda sah mit Schmerz, wie sehr die Haft von den Paar Monaten diesen mächtigen Körper, diese kräftige Seele angegriffen. Kapitain Hansen trug zwar als Untersuchungsgefangener nicht die Gefängnißkleidung, aber der Seemannsrock war ihm viel zu weit geworden, das ehrliche offene Gesicht war hager, der Bart vernachlässigt gewachsen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen.
Ein Blick umher belehrte sie, was dieser an Freiheit und Thätigkeit gewohnte Mann in dieser Umgebung gelitten haben mußte.
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Oede vier Wände, - nur hoch oben ein mit Eisen vergittertes Fenster, durch das bei Tage ein blauer Streifen Himmel allein herumlugen konnte, - eine Holzpritsche mit harter Strohmatratze und einfacher Decke - ein Tisch - einige Bücher und Schreibzeug, die Begünstigung, die sie ihm ohne Wissen ihres Vaters erwirkt und die er nicht ein einziges Mal zu einem Briefe an sie benutzt hatte! - das war Alles.
Aber sie begriff, daß die Minuten entflogen und entrang sich mit aller Gewalt ihres starken und kräftigen Geistes den schmerzlichen äußeren Eindrücken.
»Kapitain Hansen« sagte sie ernst, - »Sie thun Ihrem Bruder Unrecht. Nicht ihm dürfen Sie seine Lauheit gegenüber Ihrem Unglück zuschreiben - er kennt Ihre wahre Lage nicht!«
»Wie - so hat man ihn getäuscht?«
»Theils täuschten ihn Andere, theils er sich selbst. Erlassen Sie mir, davon zu sprechen. Aber glauben Sie mir, hier ist Eine, die nie Ihre Schuldlosigkeit an jenem schändlichen Verbrechen bezweifelt hat, dessen man Sie verdächtigt.«
Es fuhr wie ein sonniger Blitz über sein ehrliches Gesicht und er legte einen Augenblick die Hand darüber.
Als er sie wieder entfernte, nahm er die des Fräuleins von selbst und küßte sie.
»Ich danke Ihnen, Fräulein Edda, für den Beweis, daß es in Dänemark noch Gerechtigkeit für einen Deutschen geben kann. Ich hatte es bezweifelt.«
»So sollen Sie es hoffentlich jetzt kennen lernen. Was
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auch meine Familie an Ihnen verschuldet haben mag - theilweise sind Sie wohl selbst Ursach zu dem Mißtrauen meines Vaters durch Ihre unvorsichtigen und verletzenden politischen Aeußerungen, die er leider anzuhören Gelegenheit hatte, - so glauben Sie doch, daß ich keinen Augenblick gezögert habe, für Ihre Rechtfertigung thätig zu sein. Ich habe den Gang der Untersuchung durch den Beamten, der mir jetzt die Gelegenheit verschafft, Sie zu sehen, genau erfahren und verfolgt. Warum, mein armer Freund, beriefen Sie sich nicht auf mich, um Ihr Alibi - so nennt man es ja wohl! - wenigstens für den ersten Theil der Nacht zu beweisen? warum nicht für den Umstand, daß ich bezeugen konnte, Ihre Hand sei verwundet gewesen und ich hätte selbst ein Tuch darum gebunden?«
»Warum? - mit welchem Recht, oder vielmehr zu welchem Zweck hätte ich den Namen der Verlobten meines Bruders in diese unangenehme Sache mischen können? Nein, Fräulein Halsteen, das durfte nicht geschehen - nie und nimmermehr!«
»So würde ich es selbst gethan haben, wenn Gott uns nicht glücklicher Weise andere Wege gezeigt hätte, dieses, ich gestehe Ihnen, jetzt ganz besonderer Verhältnisse wegen unangenehme Mittel zu vermeiden. - Hier« sie wies auf Suky, der in einem Winkel stand und mit großer Entrüstung das anfangs so kalte Benehmen seines Sahib gegen die von ihm wie eine seiner heidnischen Gottheiten verehrte Schöne angesehen hatte, - »dies ist Derjenige, dem es gelungen, die Beweise für Ihre Unschuld zu finden.«
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Sie hatte die letzten Worte zur besseren Verständniß für den Laskaren in englischer Sprache gesagt.
»India-Mann« unterbrach sie der Malaye, »nur Hund, den Jäger auf Spur setzt. Alles durch Missus, Sahib Hansa, Sie sein ein guter Geist.«
»Ich glaube es wohl. So sagen Sie mir denn - und es wird mir doppelt willkommen sein nach einer Erfahrung, die ich so eben gemacht, - welche Beweise Sie entdeckt haben?«
»Zuvor erlauben Sie mir, einige Fragen an Sie zu richten?«
»Fragen Sie, ich werde antworten.«
»Ich danke Ihnen. Sie haben also jenes verhängnißvolle Messer, das den Hauptbeweisgrund gegen Sie bildet, weil es Ihren Namen zeigt, verloren?«
»Ja!«
»Wann und wo? wissen Sie genau die Stelle?«
»Gewiß. Es war an dem Abend selbst, und zwar bei dem Vorfall, als ich die Ehre hatte, Sie gegen einen trunkenen oder frechen Kerl zu vertheidigen, der Sie belästigte.«
»Die schreckliche Scene ging so schnell vorüber, ich war vor Schrecken und Angst halb bewußtlos, daß ich mich nur weniger Umstände erinnere. Ich weiß nur, daß Sie mir später sagten, Ihre Hand habe sich an dem Messer jenes verruchten Menschen leicht verletzt?«
»So war es - es scheint dasselbe Messer, das, wie ich sehe, Suky dort in seiner Schärpe stecken hat.«
»Und wo hatten Sie Ihr Messer?«
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»Ich ließ es auf das Pflaster fallen, weil ich es zwar zu Ihrer Vertheidigung hervorgezogen, aber nicht mehr Zeit hatte, mich seiner zu bedienen. Ich vergaß es nachher aufzuheben, als ich Sie fortführte, um so mehr, als ich jenes Messer in der Hand behielt.«
»Und das Ihre, war es bereits aufgeklappt?«
»Nein - ich wiederhole, ich hatte nicht Zeit dazu!«
»Ich erinnere mich undeutlich, daß Sie gleich darauf, als Sie den Fremden zu Boden geschlagen, mit Personen sprachen, die Zeuge des Auftritts waren?«
»Ich erinnere mich.«
»Und - ich bitte, strengen Sie Ihr Gedächtniß an - kannten Sie diese Personen?«
»Eine von Ihnen!« - »Wer war diese?«
»Es war der dänische Flotillen-Kommandant auf den friesischen Inseln, der Kapitain-Lieutenant Hammer!«
»Gott sei Dank« athmete das Mädchen hoch auf, »das giebt wenigstens einen Anhalt!«
»Wie meinen Sie dies?«
»Hören Sie mich an. Es ist durch mich zu erweisen, daß Sie sich zeitig von dem portugiesischen Kapitain getrennt haben. Es liegen alle Anzeichen vor, daß mit dem Messer, welches man neben dem Todten gefunden hat, die That nicht begangen, daß es nicht einmal mit Blut befleckt worden ist. Sie haben das Messer mehre Stunden vor der That verloren. Vielleicht läßt sich das durch die Aussage des Kapitain-Lieutenant Hammer oder eines seiner Begleiter bestätigen. Allem Anschein nach ist der Finder der Mörder gewesen, und hat, um den Verdacht
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auf einen Unschuldigen zu lenken, das Messer an den Ort der That gelegt.«
»Das ist eine Kette von Schlüssen« sagte nachdenkend der Kapitain, »die allerdings Viel für sich hat. Aber es kann vorläufig leider nur ein Theil bewiesen werden.«
»Hören Sie weiter. Hier, Suky, hat von einem Matrosen der Brigg Lucia, dem Schiff des Ermordeten, gehört, was der Mann dem Untersuchungsrichter verschwiegen hat, daß der Steuermann der Brigg, Aveiros mit Namen, derselbe, der durch den Fund des Messers neben dem Ermordeten den Verdacht auf Sie lenkte, während jener Nacht schon einmal mit einem fremden unbekannten großen Menschen an Bord war und sich wieder entfernte.«
Der Kapitain starrte sie an. »Heiliger Gott - mein Ahnung! - Ein Spießgesell des Steuermann Aveiros war es, der Sie mit diesem verfolgte und den ich zu Boden schlug!«
[»]Dann muß jener Mensch Ihr Messer aufgehoben haben, kein Anderer als er kann der Mörder sein!«
Sie war aufgesprungen und eilte nach der Thür - dann als käme ihr ein Gedanke, blieb sie stehen und wandte sich zurück zu dem Erregten. Ein düsterer Schatten hatte sich wieder auf ihr schönes Gesicht gelagert.
»Kapitain Hansen« sagte sie zurückkehrend - »bevor ich weitere Schritte thue, - wollen Sie mir auf Ehre und Gewissen noch eine Frage beantworten?«
»Gewiß!« Er legte betheuernd die Hand auf die Brust.
»Ihre Worte, als ich eintrat in diese Zelle, ließen
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mich schließen, daß Sie glaubten, eine Andere zu sehen - eine Person, die Sie eben verlassen - - sagen Sie mir - war es - - -«
Er trat auf sie zu und nahm ihre Hand.
»Edda« sagte er, »ich habe erkennen lernen, welcher Unterschied ist zwischen einem Engel und einem Dämon. Dieselbe schöne Hülle kann Licht und Schatten, Himmel und Hölle bergen. - Adda war hier!«
»Ich habe sie gesehen - sie hat mich erkannt! Sie können nicht wissen, welchen Haß und welche Leiden seitdem sie uns zugefügt hat. - Was wollte sie hier?«
»Mir die Mittel zur Flucht bringen. Sie scheint in bessern Umständen, als an jenem Abend, an dem ich sie zuerst sah. Allem Anschein nach hat sie meinen Schließer oder andere Gefängnißbeamte bestochen, daß sie bis zu mir dringen konnte. Es mag das Gefühl der Dankbarkeit sein für den geringen Schutz, den ich ihr an jenem Abend gewährte, aber sie leugnete dies Gefühl, ja sie verhöhnte es, zeigte sich von meiner Schuld überzeugt und wollte nur dem ihr verhaßten kopenhagener Pöbel und der Justiz das Vergnügen entziehen, einen Deutschen das Schaffot besteigen zu sehen!«
»Jetzt versteh' ich Ihre Worte von vorhin!«
»Sie entwickelte einen vollständigen Plan der Flucht - in den Kleidern ihres Dieners sollte ich das Gefängniß verlassen und die Wachen passiren, - der Aufseher, der mich führen sollte, wäre bestochen und sollte mit mir flüchten; - ich muß gestehen, ein energischer umsichtiger Geist hatte Alles bis in's Geringste vorgesehen. Sie
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scheint in der kurzen Zeit einen unbegreiflichen Einfluß, ich möchte sagen - selbst eine gewisse Macht gewonnen zu haben!«
»Und Sie?«
»Ich habe mich natürlich geweigert. Wie ungerecht und hart man auch gegen mich gehandelt, - zu flüchten hieß meine Schuld eingestehen. Sollte ich die Freiheit annehmen auf Kosten meiner Ehre? - Ich habe den Antrag zurückgewiesen!«
»Wackerer Mann!«
»Es ist eine dämonische Natur in diesem Mädchen - sie tobte - als ich mich weigerte, - sie verwünschte mich und sich - sie wollte mich selbst mit Drohungen zwingen, ihren Willen zu thun und mit der Erklärung, mich wider meinen Willen zu befreien, verließ sie endlich die Zelle!«
»Es ist ein unglückliches Wesen, dessen Haß und Verbitterung Alles von sich stößt« sagte Edda mit tiefem Ernst. »Und dennoch muß sie ein Herz haben, da es der Dankbarkeit offen war. Ich fühle, es besteht ein Kampf zwischen uns beiden - und doch möchte ich so gern ihr Liebe und Nachsicht zeigen. - Aber wir werden Gelegenheit haben, später darüber zu sprechen, jetzt gilt es vor Allem, Ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen. Suky, klopfe an die Thür und bitte unseren Begleiter einzutreten.«
Der Laskare gehorchte, - einige Augenblicke darauf trat der Polizei-Commissar ein.
»Es hat sich so Wichtiges herausgestellt, Herr Olsen« sagte die Dame, »daß ich Ihren Rath und Ihren Beistand
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gleich hier zur Stelle in Anspruch nehmen möchte. Verzeihen Sie, daß wir Ihnen keinen Sitz hier bieten können, als dort auf jenem traurigen Lager, und hören Sie mir genau zu!«
»Ich stehe Ihnen ganz zu Befehl!«
Der Beamte hatte sich auf die Pritsche niedergelassen; mit der Klarheit und Bestimmtheit, die ihren Geist auszeichnete, setzte ihm Edda Halsteen in logischer Folge alle Ermittelungen auseinander, die es ihr gelungen war, zu machen. Das Gesicht des Beamten zeigte mit jedem neuen Schluß, jedem Gliede der Kette, wärmeres theilnehmendes Interesse an der Sache.
»In der That« sagte er, »das ist ein ganz neues Licht. Wenn jener Matrose seine Aussage aufrecht erhält, - wenn es uns gelingt, das Verlieren des Messers zu beweisen, - dann ist Ihre Unschuld klar, Kapitain, und wir sind dem wahren Mörder auf der Spur. Zum Glück befindet sich - wie ich heute zufällig gehört, - Kapitain-Lieutenant Hammer seit einigen Tagen wieder in Kopenhagen. Ich werde morgen in aller Frühe dem Untersuchungsrichter Bericht abstatten und mich dann sogleich zu Herrn Hammer begeben, um ihn zu befragen. Der Verhaftsbefehl gegen den Steuermann Aveiros soll morgen sogleich ausgefertigt werden. Hoffentlich gelingt es uns, auch seinen Helfershelfer zu ermitteln. Kannten Sie den Burschen, Kapitain, den Sie zu Boden schlugen?«
»Es war ein Isländer, - den Namen habe ich vergessen!«
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»Das ist schade, - das Schiffsvolk wechselt hier jeden Tag!«
»Ich weiß, wo er zu finden ist« sagte die Dame.
»Wie - Sie wüßten?«
»Morgen werde ich Ihnen die Mittel geben, ihn aufzusuchen.«
Der Beamte rieb sich die Hände. »Dann haben wir die ganze Entwickelung in unserer Macht. Aber nun meine Gnädige müssen wir aufbrechen - ich darf nicht länger die Geduld des Gefängniß-Inspectors mißbrauchen, und ich selbst will heute noch alle Anstalten treffen, den Portugiesen überwachen zu lassen.«
Die Dame und der Gefangene hatten sich mit ihm erhoben. Edda reichte zum Abschied dem Kapitain die Hand.
»Auf Wiedersehen bald in der Freiheit. Glauben Sie jetzt, daß auch dänische Freundschaft ächt und treu fühlen kann?«
Er küßte die weiche warme Hand, die seinen Druck leicht erwiederte. »Die Schutzengel« sagte er fast heiter, »haben keine Nationalität. Der Kampf der Nationen spinnt sich bloß unter uns irdischen Menschen.«
Der Commissar hielt die Thür geöffnet. »Auf Wiedersehen Herr Hansen, ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten bringen zu können!«


Edda Halsteen trat von dem Laskaren gefolgt aus dem Portal des Gerichtsgebäudes und wandte sich nach der Stelle, wo sie ihre Droschke zurückgelassen. Herr
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Olsen war einige Augenblicke zurückgeblieben, um mit dem Aufseher noch zu sprechen, der sie bis zum Ausgang geleitet hatte.
Es war heller Mondschein und die Umgebung des Stadthauses war deutlich zu übersehen.
Die junge Dame blieb auf der obersten Stufe der Freitreppe stehen und der Malaye, der dieselben hinabgegangen, war im Begriff, den Wagen herbeizurufen, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte.
Aus dem dunklen Schatten des Treppenvorsprungs hatte sich eine riesige Gestalt erhoben und war auf ihn zugetreten.
In diesem Augenblicke sah die Dame den fremden Mann und fuhr erschrocken zurück.
»Hollah, Affengesicht!« sagte der Lange mit heiserer Stimme, »zeig' einmal das Messer aus Deinem Bund da her, Blitz und Blixen, ich glaub', Du hast's gestohlen, grüner Schuft!«
Der Laskare schlug den Arm zurück, der nach ihm faßte. »Was wollen Serr? - Messer nicht mein - ich nicht kann hergeben!«
»Na, dann werd' ich mir's nehmen. Ich würd' auf fünfzig Schritt den Griff kennen, es ist mein Eigenthum, und ich möcht' den sehen, der Jökul dem Isländer das Seine vorenthielt. Das Messer Bursche, oder ich schlag' Dir den Schädel zu Brei!«
Der Riese hob die Faust.
»Er ist's, Suky - das ist der Mann!« schrie die Dame.
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»Wer?«
Sie wandte sich hastig um - der Kommissar war an ihrer Seite.
»Es ist der Mensch, den Sie suchen - der Mörder - ich erkenne ihn!«
Die Scene vor der Treppe hatte sich rasch entwickelt. Der lange Fremde war in der That der Isländer, den der portugiesische Steuermann für sein Schiff geworben, jetzt der Diener der Frau, die er damals in der Strandschänke bedroht hatte, und von dieser zurückgelassen, den Ausgang des Fräuleins von Halsteen zu bespähen. Der Mann hatte seine alte Waffe vorhin im Foyer des Gerichtshauses bei dem Laskaren erkannt und ohne Anderes zu bedenken, nur dem Verlangen sie wieder zu nehmen folgend, benutzte er die Gelegenheit dazu und holte eben zu einem mächtigen Faustschlag auf den Kopf seines Gegners aus, als dieser den Ruf seiner Herrin vernahm.
Mit der Gewandtheit des indischen Piraten warf sich der wohl um zwei Köpfe kleinere Malaye auf ein Knie, ließ den Faustschlag, der einen Stier hätte fällen können, über sich hin durch die Luft pfeifen und sprang dann auf seinen Gegner los. Ein fester Griff, - ein rasches Beinstellen, und der Isländer, dessen Beweglichkeit ohnehin durch die ihm noch ungewohnte und unbequeme Tracht des langen englischen Bedienten-Surtouts gehemmt wurde, lag am Boden und rang mit seinem viel schwächeren und und kleineren Ueberwinder.
Zugleich schrillte die Signalpfeife des Polizeibeamten. Der Kommissar stürzte sich selbst auf den Gefallenen und
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von mehreren Seiten eilten Wächter und Gerichtsdiener zum Beistand herbei. Wohl eine Minute lang erfolgte ein heftiges Ringen mit der Riesenkraft des Gefällten, der jetzt den gewaltigsten Widerstand leistete und wie ein wildes Thier um sich biß und schlug, - der Feinde aber waren doch zu viele und in ihrem Handwerk gewandte, und nach kurzem Kampf fühlte der Isländer sich an Händen und Füßen geknebelt.
Wie ein wildes Thier schnaubend, den Geifer vor dem Mund wurde er von zehn Armen in das Thor des Gefängnisses getragen.
Selbst keuchend kam der Beamte zu der Dame, die entsetzt zur Seite geflüchtet war.
»So - wir haben ihn, gnädiges Fräulein, und nun steht die Sache aufs Beste. Haben Sie die Güte, die Droschke zu benutzen, denn ich muß zurück in's Gefängniß. Morgen Mittag habe ich die Ehre, mich bei Ihnen melden zu lassen.«


Mit großer Unruhe und doch mit der Gewißheit, daß nach dem Vorhergegangenen die Rechtfertigung des Kapitain Hansen keinem Zweifel unterliegen konnte, - erwartete Edda Halsteen den Besuch des Beamten.
Sie hatte ihrem Vater am Morgen nur gesagt, daß sie allerdings Kapitain Hansen gesprochen und von ihm einige Mittheilungen erhalten hätte, welche die bereits ihm bekannten Schlüsse bestätigten. Herr Olsen hätte es übernommen, diese Ermittelungen weiter zu verfolgen. Der
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Conferenzrath, durch die Unterredung vom vorigen Abend ohnehin noch verstimmt, war in dem Augenblick von diplomatischen Verhandlungen und dem Stande der politischen Parteien in Kopenhagen so in Anspruch genommen, daß er die Sache als eine untergeordnete betrachtete und mußte am selben Vormittag nach dem Festland abreisen.
Lange - selbst bis zum Abend wartete Edda vergebens; sie erfuhr nur durch Suky, den sie um Nachrichten einzuziehen, ausgeschickt, daß der portugiesische Steuermann verhaftet worden sei.
Endlich - als es bereits dunkel war, erschien der Polizei-Commissar. Seine Miene zeigte Befriedigung aber zugleich eine gewisse Unruhe.
Edda ging ihm hastig entgegen.
»Welche Nachrichten bringen Sie, Herr Olsen?«
»Für unseren Zweck hoffentlich die besten. Vor Allem habe ich um Verzeihung zu bitten, Fräulein Halsteen, daß ich nicht früher kam, aber es war unmöglich. Ich hoffe, daß der Gerichtshof morgen Vormittag zu dem Beschluß kommen wird, die Anklage auf Raubmord gegen Kapitain Klaus Hansen fallen zu lassen.«
»Dann ist er frei?«
»Davon wollen wir nachher sprechen. Zunächst habe ich Ihnen über die Resultate zu berichten, die wir - ich erkenne es mit Dank und Ehrerbietung - Ihrem Scharfsinn allein verdanken.«
»Bitte, sprechen Sie!«
»Der Bursche, der gestern Abend überwältigt und verhaftet wurde, ist in der That ein Isländer und heißt
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Jökul. Er hat früher auf Wallfischfahrern gedient und ist jetzt in Diensten ...«
Er zauderte fortzufahren.
»In Diensten des Fräulein Adda Halsteen« ergänzte die Dame ruhig.
»Wie - Sie wissen -? Doch desto besser. Das war das Einzige, was wir gestern ermitteln konnten von dem verstockten Kerl. Heute Morgen setzte ich den Untersuchungsrichter in Kenntniß von der Lage der Sache und ließ mir einen Verhaftbefehl gegen den Steuermann Aveiros geben. Ich fand ihn, wie ich erwartet hatte, in einem lüderlichen Hause. Die Verhaftung hat ihn furchtbar bestürzt gemacht und das böse Gewissen stand auf seinen Zügen. Dennoch ist es mir nicht gelungen, trotz der sorgfältigsten Nachforschung in seinen Effekten oder an den den Orten, wo er gewöhnlich verkehrt irgend eine Spur des Raubes zu entdecken, der unmöglich doch in der kurzen Zeit schon verpraßt sein kann. Ja ich habe durch die genaue Befragung der Wirthe und anderer Personen selbst die Ueberzeugung gewonnen, daß er während dieser ganzen Zeit nur sehr geringe Ausgaben gemacht hat und sich in verhältnißmäßiger Geldverlegenheit befindet.«
»Das kann wohlüberlegt sein! doch bitte - weiter. Haben Sie den Kapitain-Lieutenant Hammer gesprochen?«
»Ja und Ihre Annahme, gnädiges Fräulein, hat sich mehr als bewahrheitet. Kapitain Hammer erinnert sich der Scene ganz genau; denn veranlaßt durch sein tapferes Benehmen bot er Herrn Hansen, den er nicht kannte und für einen untergeordneten Seemann hielt, Dienste auf
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seiner Brigg an und als derselbe sich mit Ihnen entfernte, verweilte er noch einige Augenblicke auf der Stelle und sprach mit seinen Begleitern von dem Vorfall. Dabei sah er, wie der kleinere der beiden Schurken dem zu Boden Geschlagenen wieder aufhalf und erinnert sich deutlich ihrer Physiognomien. Seiner Beschreibung nach können es keine Andern gewesen sein, als der portugiesische Steuermann und der Isländer. Was das Wichtigste aber ist ...«
»Nun?«
»Der Kapitain Hammer sah auf dem Pflaster ein zusammengeklapptes Einschlagmesser liegen und bückte sich, es aufzuheben, da er mit Recht glaubte, es gehöre Ihrem Beschützer; aber der Portugiese kam ihm zuvor, nahm das Messer auf und steckte es als sein Eigenthum in die Tasche. Kapitain Hammer sah deutlich die eigenthümliche Form des Elfenbeingriffs und wird es zweifellos sofort wieder erkennen!«
»So ist eine Confrontation noch nicht erfolgt?«
»Nein - es war für heute zu spät. Kapitain Hammer ist auf morgen 10 Uhr vor den Untersuchungsrichter geladen und ich zweifle keinen Augenblick, daß seine Aussage allein schon hinreichen wird, Herrn Hansen des schlimmen Verdachts zu entlasten. Auch Professor Christiansen hat versprochen, bis morgen das Resultat seiner mikroskopischen Untersuchung vorzulegen, zu deren Behuf ihm heute Morgen das Messer übergeben wurde. Sie sehen, gnädiges Fräulein, daß Alles geschehen ist, so rasch als möglich Herrn Hansen in dieser Beziehung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
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»Gott sei Lob, daß es so gekommen, und Ihnen Herr Olsen,« sagte sie mit warmem Gefühl ihm die Hand bietend, »können wir Alle Ihre Freundlichkeit und Ihren Eifer nicht genug danken. Also glauben Sie, daß Kapitain Hansen morgen seiner Haft entlassen wird? Dann wollen wir selbst ihn abholen und die Stelle seines abwesenden Bruders vertreten.«
»Mein Fräulein ...« Der Beamte stockte.
»Was haben Sie? - ist noch eine Verzögerung? ist noch irgend eine Formalität zu beseitigen?«
»Fräulein« sagte der Commissar - »ich habe um Ihretwillen lebhaftes Interesse an dieser Sache genommen, hoffe auch, daß sich Alles zum Besten wenden wird. Indeß darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß Herr Hansen von einer anderen ernsten Gefahr bedroht wird!«
»Oh - Sie meinen die Anklage auf Mißliebigkeit oder gar auf hochverrätherische Aeußerungen? Aber man kann ihn deswegen unmöglich länger in Haft behalten - das Gericht wird ihm ohne Zweifel die erlittene als gegenügende Strafe für unbesonnene Aeußerungen anrechnen. Nöthigenfalls wird man Caution stellen.«
»Gnädiges Fräulein - Herr Hansen würde im günstigsten Fall bis zur Beendigung des Prozesses wenigstens in Kopenhagen bleiben müssen. Es wäre besser für ihn, wenn er dabei innerhalb der festen Mauern des Gefängnisses Schutz findet - und vielleicht dürften auch diese nicht einmal ihn schützen!«
»Schutz? - Aber mein Gott, was fürchten Sie denn noch?«
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»Sie müssen es erfahren. Seit heute Morgen haben sich, man weiß nicht wie, in der Stadt schlimme Gerüchte verbreitet und man ist bemüht, den Pöbel aufzuhetzen. Man sagt den Leuten, die deutsche Partei habe es durchgesetzt, daß man den Mörder dem Gesetz entschlüpfen lassen werde. Die Verhaftung des Isländers ist auf das Entstellteste in's Publikum gebracht worden. Man nennt den Namen Ihres Verlobten und ein heute Nachmittag erschienenes Winkelblatt erklärt auf das Frechste, die Vornehmen wollten den wahren Mörder aus Familienrücksichten befreien und dafür unschuldige Leute aus dem Volk auf's Schaffot bringen!«
»Abscheulich!«
»Es haben diesen Abend bereits Zusammenrottungen vor dem Rathhause und dem Gefängniß stattgefunden, und es sind Drohungen abgestoßen worden, selbst das Strafgericht an dem Kapitain zu vollziehen!«
»Aber man wird sich beruhigen, wenn man den wahren Sachverhalt erfährt!«
»Sie kennen unseren Pöbel nicht! - Der ist der Wahrheit und Vernunft völlig unzugänglich. Ueberdies hat man aus der unglücklichen Geschichte eine politische Angelegenheit zu machen verstanden - und vor dem Fanatismus der Menge handelt es sich nicht mehr um Mörder oder nicht, sondern um Tydsker oder Dansker!«
»Aber das ist schändlich!«
Der Beamte zuckte die Achseln. »Ich fürchte Alles, wenn morgen das Urtheil der Anklagekammer bekannt wird
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und es nicht gelingt, Herrn Hansen in Sicherheit zu bringen. Sie sind im Stande, das Gefängniß zu stürmen.«
»Aber die Behörden - der König ...«
»Seine Majestät wird sich nicht die Finger verbrennen und zu Gunsten eines friesischen Schiffers sich mit der Majorität der kopenhagener Bevölkerung überwerfen. Dennoch gestehe auch ich, daß diese Aufregung mich einigermaßen befremdet. Sie kommt zu rasch, sie ist zu organisirt, als daß sie nicht von einem geheimen bestimmten Einfluß hervorgerufen und geleitet sein sollte.«
»Aber was ist zu thun? - mein Vater hat wie Sie wissen, diesen Morgen nach Flensburg abreisen müssen.«
»Lassen Sie den Herrn Conferenzrath aus dem Spiel, gnädiges Fräulein. Er hätte hier so wenig helfen können, wie er es gewollt haben würde; und wie ich die Ehre habe, ihn zu kennen, wird er ohnehin außer sich sein, über die Compromittirung, die schon sein Name dabei erfährt.«
»Aber um Himmelswillen, was rathen Sie zu thun?«
»Ich will versuchen, Ihnen einen Rath zu geben unter der Bedingung, daß dies Ihrem Herrn Vater und überhaupt verschwiegen bleibt.«
»Auf mein Wort! Sprechen Sie, ich beschwöre Sie!«
»Können Sie noch diesen Abend zur Frau Gräfin Danner gelangen?«
Edda bedachte sich einen Augenblick. »Ja!« sagte sie dann.
»Die Gräfin hat im Ganzen ein gutes Herz. Eilen Sie zu ihr, tragen Sie ihr die Sache vor und suchen Sie ihr Interesse für den Bedrohten zu gewinnen. Ich muß
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Ihnen nämlich offen sagen, daß seine Sache selbst nach der Beseitigung der Anklage auf Raubmord keineswegs so günstig für ihn steht, als wir wünschen möchten. Das Zeugniß Ihres Herrn Vaters über die Aeußerungen seiner Gesinnung ist nur ein Theil der Belastungsmomente. Ebenso sein Verhalten in der Strandkneipe an jenem Abend, wo er das verpönte Schleswig-Holstein-Lied als Verhöhnung der Regierung sang oder singen ließ. Man hat vielmehr bei Saisirung seiner Effekten Briefe gefunden, welche beweisen, daß Kapitain Hansen nach der Rückkehr von seiner letzten Seereise und während seines Aufenthalts in Hamburg als sehr eifriges Mitglied dem berüchtigten, hier sehr verhaßten deutschen National-Verein beigetreten ist, der im letzten September in Coburg tagte und dessen revolutionaire, namentlich auch gegen die dänische Souveränität über die Eiderprovinzen gerichtete Tendenzen die preußische Regierung sich nicht entblödet, durch ihre offiziösen Organe in Schutz zu nehmen. Ja es liegt aller Wahrscheinlichkeit vor, daß er ein Agent der Prinzen von Augustenburg ist, die, statt sich ehrlich mit der erhaltenen Bezahlung zu begnügen, noch immer nicht ihre Intriguen aufgeben können. Sie werden begreifen, daß unter diesen Umständen wenigstens noch eine lange Haft des Herrn Hansen wartet und daß bei der Stimmung in Kopenhagen der König die Untersuchung nicht niederschlagen kann, selbst wenn er das constitutionelle Recht dazu hätte, noch ihn begnadigen wird. Indessen ...«
»Sprechen Sie!«
»Indessen giebt es ein Mittel, den jungen Mann aus
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der Klemme dieser Untersuchung zu befreien und ihn rasch von Kopenhagen zu entfernen, wo ihm im Gefängniß wie auf freien Füßen nur Gefahr droht!«
»Und das ist?«
»Es ist eines der alten, durch die Constitution nicht aufgehobenen Königsrechte, daß der König durch Handbefehl alle Verurtheilten oder wegen Kriminal-Vergehen in Haft Befindlichen der Marine überweisen kann!«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Sie werden von den englischen Preßgängen gehört haben und daß man in Zeiten, wo es Noth thut oder an Mannschaften der Marine fehlt, die Sträflinge auf die Schiffe schickt. Ein ähnliches Recht ist das erwähnte und schon mehrfach, namentlich bei Ausländern angewendet worden, wo eine Begnadigung nicht geeignet erschien. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen aber ist eine solche Ordre um so mehr gerechtfertigt und wird selbst von der Opposition gebilligt werden.«
»Ich verstehe Ihre Meinung nicht!«
»Es wird Ihnen bekannt sein, daß die Presse, die Nation, die öffentliche Meinung augenblicklich energische Rüstungen gegen die deutsche Einmischung in unsere Angelegenheiten fordern.«
»Ich habe davon gehört und gelesen. Mein Vater glaubt, es liege die Absicht zu Grunde, das Ministerium zu stürzen!«
»Mag sein! aber ich zweifle nicht, daß der Herr Conferenzrath Halsteen schon in den nächsten Tagen an der Spitze eines der Dannewirk-Forenings stehen wird und
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das gnädige Fräulein auch, was - beiläufig gesagt - ein sehr kluger Schritt zur Widerlegung aller Gerüchte wegen der Parteinahme für den Kapitain Hansen sein würde.«
»Ich danke Ihnen für den Rath« sagte Edda stolz, »aber ich liebe es nicht, mich um die Gunst des Pöbels zu bewerben!«
Der Beamte zuckte leicht die Achseln. »Ich wollte Fräulein Halsteen nicht beleidigen. Aber es handelt sich hier keineswegs mehr um eine Agitation der Bauernfreunde, sondern um eine patriotische Aufregung der ganzen Nation, an deren Spitze sich die bedeutendsten Namen stellen und welcher die Regierung Rechnung tragen oder weichen muß. In Folge einer Aufforderung des Herrn Orla-Lehmann sind heute die Führer aller Fractionen des Volksthings und des Landthings zusammengetreten, um einen Aufruf zu redigiren für die Vertheidigung Schleswigs. Doch um wieder näher auf unsern Zweck zu kommen, es ist die Absicht der Regierung, ein Gesetz zu erlassen, das die Aushebung von 6700 Matrosen anordnet. Befände sich Herr Hansen nicht im Gefängniß, so würde diese Aushebung zweifelsohne auch ihn treffen. Die königliche Ordre ist also ein ganz passender Ausweg!«
Die junge Dame dachte ernst nach. »Ich glaube, Sie haben Recht und ich bitte Sie um Entschuldigung für meine Zurückweisung von vorhin. Aber wird ihre Ausführung bei der Stimmung gegen unseren Gefangenen, die Sie mir vorhin schilderten, nicht auf Schwierigkeiten stoßen?«
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»Das überlassen Sie mir. Schaffen Sie nur den Kabinetsbefehl, den rechten Mann, den Gefangenen dem Gericht zu entreißen und vor allen Angriffen zu sichern, kenne ich!«
»Darf ich den Namen wissen?«
»Gewiß! es ist unser Hauptzeuge, Kapitain-Lieutenant Hammer. Seine Brigg liegt im Orlagshawn und ist bestimmt, ehe er zu den Inseln zurückgekehrt, nach Stockholm zu gehen, wenn das Eis es erlaubt.«
»Ich habe nur noch einen Zweifel - wird Herr Hansen diesen Tausch seines Schicksals annehmen?«
»Man wird ihn wenig darum fragen. Kapitain Hammer ist ein Mann, der seinen Willen durchzusetzen versteht und es wird daher am Besten sein für ihn, wenn er sich in Güte fügt. Ueberdies, gnädiges Fräulein, können Sie dazu helfen!«
»Ich?«
»Gewiß. Ich denke nämlich, daß Sie doch Herrn Hansen einige Worte des Abschieds sagen wollen?«
Sie erröthete leicht. »Gewiß möchte ich das - ich werde ihn sehr gern hier empfangen.«
»Das wird schwerlich gehen - wir wollen zufrieden sein, wenn wir ihn glücklich an Bord des Schiffs haben. Dort ist die einzige Möglichkeit vorhanden, wenn - -«
»Nun?«
»Wenn das gnädige Fräulein nicht vorziehen, mich morgen im Rathhaus aufzusuchen.«
»Aber das ist unmöglich!«
»Es ist durchaus nicht auffallend, eine Dame auch
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aus den vornehmsten Ständen in das Stadthaus eintreten zu sehen. Mein Bureau befindet sich da und ich bin leicht im Stande, dort die Unterredung zu vermitteln, ohne daß es im Geringsten auffällt.«
Edda Halsteen sann einige Augenblicke nach. Dann sagte sie fest: »Erwarten Sie mich um 11 Uhr in Ihrem Bureau, Herr Olsen. So oder so bin ich entschlossen zu erscheinen, um wenn mein Zeugniß nöthig ist, zur Widerlegung jener schrecklichen Beschuldigung, es abzugeben. Ich werde mich von Frau Long, unserer Haushälterin, begleiten lassen. Und nun nehmen Sie meinen Dank und mein Lebewohl für heute; denn wenn ich die Gräfin noch sprechen will, ist es die höchste Zeit. Sollte ich so glücklich sein, meinen Zweck zu erreichen, so benachrichtige ich Sie vielleicht mit einigen Zeilen.«
Der Polizeikommissar erhob sich und nachdem er sich entfernt, machte die junge Dame eiligst Toilette und befahl ihrem Mädchen, eine Droschke holen zu lassen und der Haushälterin, sie nach dem Schloß zu begleiten.
Die damals noch in Kopenhagen allmächtige Gräfin Danner, die Gemahlin des zu jener Zeit 52jährigen, von seinen beiden legitimen Gemahlinnen, der Prinzessin Wilhelmine von Dänemark und Caroline von Mecklenburg nach neun- und fünfjähriger Ehe geschiedenen Königs, Friedrich VII. in morganatischer Ehe, war trotz des Vorurtheils, was allgemein in Kopenhagen gegen sie herrschte, eine Dame von vieler Herzensgüte, die häufig ihren großen Einfluß auf den König zu den besten Zwecken geltend machte, wenn man auch eine gewisse Herrschsucht ihr Schuld
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geben muß. Der König - der ein ziemlich ungenirtes und wüstes Leben geführt hatte, - hatte sie bei einer seiner abendlichen Streifereien als die Haushälterin eines Mannes gefunden, der ihn bewirthete, und vom ersten Augenblick an eine große Neigung für sie empfunden, die kluge und gewandte Luise Christine die Reize ihrer Person so wohl zu verwerthen oder hoch zu halten verstanden, daß der König sich mit der damals schon 35jährigen Frau am 7. August 1850 vermählte.
Der Conferenzrath Halsteen gehörte zu den besonderen Günstlingen der Gräfin und diese hatte - obschon die stolze Edda sich stets sehr zurückhaltend gegen die Emporkömmlingin bewies - ihr doch stets so große Freundlichkeit gezeigt, daß Edda sich entschlossen hatte, dem Rath des Beamten zu folgen.
Es war in der That, wie der Polizeikommissar der jungen Dame bereits angedeutet hatte, damals eine sehr unruhige Zeit in Kopenhagen. Die Bewegung, die sich für Deutschland mit der sogenannten neuen Aera in Preußen und der Bildung des Nationalvereins aufgethan, hatte sich zunächst gegen die dänischen Bedrückungen der deutschen Nationalität in Schleswig und Holstein gerichtet. In Preußen war es das Gefühl einer Niederlage, welche man durch den Ausgang der schleswig-holsteinschen Bewegung im Jahr 1850 erhalten, was immer noch im Volk wie in der Regierung fortgrollte und selbst die hier sehr kitzliche militairische Ehre verletzt hatte. Deswegen war man geneigt, der sonst so verhaßten demokratischen Agitation durch die Finger zu sehen, ja sie gewissermaßen zu unterstützen.
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Die Demokratie selbst, die anfing sich des alten Namens zu schämen und ihn an die socialistische Bewegung abtrat, während sie unter dem neuen Titel des »nationalen Fortschritts« die alten Tendenzen bewahrte, hielt das Thema Schleswig-Holstein für sehr geeignet zu einem Angriff auf den nach den Stürmen von 1848 und 49 wiederhergestellten Bundestag, und die liberale Coterie in Holstein verfehlte nicht, die deutsche Presse mit theils gerechten, theils ungerechtfertigten Klagen über Unterdrückungen zu füllen.
Die Deutschen der beiden Eiderprovinzen waren gewohnt, dieselben als die mißhandelten Waisenkinder Deutschlands ansehen zu lassen und die deutsche Armenpflege dafür in Anspruch zu nehmen, weil sie sich dabei am Besten standen und die Hände in den Schooß legen konnten. Wir wollen hiermit keineswegs sagen, daß nicht Schleswig auf das Schändlichste von dem dänischen Terrorismus tyrannisirt wurde, der auf den infamsten Chikanen die überwiegenden deutschen Elemente systematisch unterdrücken wollte; in Holstein aber war dies keineswegs der Fall und die Klagen von dort waren weniger der siamesischen Zwillingsnatur der Herzogthümer, als äußeren Einflüssen zuzuschreiben.
Denn es gab eben noch zwei Parteien, welche diese Sympathieen Deutschlands anzuregen und zu benutzen suchten.
Es steht jetzt dem unbefangenen Auge außer allem Zweifel, daß schon damals die augustenburgische Spekula[la]tion auf den Herzogshut von Holstein sich regte und ihre Fäden spann.
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Um dies zu erläutern, müssen wir etwas zurückgehen auf die Geschichte dieser Erbansprüche.
König Friedrich VII. von Dänemark war am 20. Januar 1848 seinem Vater, Christian VIII. auf dem dänischen Thron gefolgt, hatte aber keine direkten Leibeserben. Nach dem älteren dänischen Königsgesetz erbte die dänische Krone auch in weiblicher Linie fort, während in den Herzogthümern die Erbfolge nur auf den Mannesstamm gilt. Bei dem Tode des kinderlosen Königs hätte daher nach ursprünglichem Recht eine Trennung der Herzogthümer von Dänemark stattfinden müssen.
In Dänemark würde die Krone auf die Prinzessin Juliane, verwittwete Prinzessin von Hessen-Cassel, und nach ihr auf den Prinzen Friedrich von Hessen-Cassel (geb. 1820 - Gemahl der Prinzessin Anna von Preußen, Tochter des Prinzen Carl) gefallen sein.
In den Herzogthümern hatte die nächsten Erbansprüche der Herzog Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, der auf Fünen und in Schleswig bedeutenden Grundbesitz hatte.
Bei der Erhebung von Schleswig-Holstein im Jahre 1848 war der Herzog von Augustenburg lebhaft betheiligt; als die Sache der Herzogthümer schief ging und Preußen seine Truppen und seine Offiziere zurückzog, hatte sich auch die Familie Augustenburg nach Preußen zurückgezogen. Ihre Güter wurden von der Krone Dänemark confiscirt und der vom König Friedrich VII. am 10. Mai 1851 für Schleswig und am 27. Jan. 1852 erlassene Amnestie-Erlaß
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schloß ausdrücklich die Herzöge von Augustenburg und deren Familien von dieser Amnestie aus.
Zwischen dem Kaiser Nicolaus von Rußland als Chef der gottorpischen Linie des oldenburgischen Hauses und dem König Friedrich VII. als Chef der königlichen Linie war am 5. Juni 1851 in Warschau ein anfangs geheim gehaltener Familienvertrag gemacht worden, welcher die augustenburger Erbansprüche auf die Herzogthümer gänzlich ignorirte und die Erbfolge im Gesamtstaat Dänemark, also auch in den Herzogthümern auf die entferntere Linie Schleswig-Holstein-Glücksburg übertrug, ein Vertrag, der eventuell Rußland der Erbfolge auf dem Thron von Dänemark näher rückte.
Dieser Ausschluß der Augustenburger war in der That ein Akt der politischen Willkür und Perfidie. Bis dahin waren sie in ihrem vollen legitimen Recht, und vielfache Proteste in Deutschland wurden dagegen laut.
Der alte Herzog Christian von Augustenburg hatte damals die Herrschaft Primkenau in Schlesien gekauft. Er befand sich durch die Beschlagnahme seines Vermögens in Schleswig und Dänemark in Verlegenheiten, und da die Monarchie von Preußen und England einen Ausgleich wünschten und unterstützten, ging er auf die Einleitung des Minister-Präsidenten von Manteuffel in Unterhandlungen mit der Krone Dänemark ein.
Diese bot ihm an, seine confiscirten Güter in Schleswig und Dänemark für 2,250,000 Thlr. abzukaufen, auch die einbehaltenen Renten von 200,000 Thlr. nachzuzahlen, wenn
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»Der Herzog in seinem und seiner Familie Namen versprechen wolle, zu keiner Zeit und unter keinen Umständen den Königlichen Entschließungen hinsichtlich der Erbfolge für alle damals unter dem Scepter des Königs von Dänemark vereinigten Lande oder der eventuellen Organisation der Monarchie entgegen zu treten.«
Diese Verhandlungen führte der damalige preußische Gesandte am Bundestag, Herr v. Bismarck-Schönhausen. Nach verschiedenem Hin- und Herschieben unterzeichnete der Herzog Christian von Augustenburg in Frankfurt diesen - die obige Bedingung ausdrücklich enthaltenden - Vertrag am 31. December 1852.
Er entsagte damit seinem Erbrecht auf die Herzogthümer, »für sich und seine Familie«.
Der Vertrag von Warschau war damals bereits ins Leben getreten, indem durch das Londoner Protokoll vom 8. Mai die Großmächte England, Frankreich, Oesterreich, Preußen, Rußland und Schweden im europäischen Interesse die Erbfolge des Hauses Glücksburg in der Krone Dänemark und zwar erblich im Mannesstamme anerkannt und ausgesprochen hatten. Es war derselbe Tractat, auf dessen Bruch in der versprochenen Behandlung Schleswigs später die deutschen Mächte die Exekution vollzogen.
Der Herzog glaubte wohl, unter den vorliegenden zwingenden Umständen auch für seine Descedenten desto eher entsagen zu können, weil deren Erbrecht auf den Herzogshut ohnehin zweifelhaft und angefochten war, da der Herzog mit einer Gräfin von Dannskiold-Sansoe
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verheirathet, die beiden Söhne also einer nicht völlig ebenbürtigen Ehe entsprossen waren.
Der älteste Sohn, eben der später durch seine Agitation so bekannte Erbprinz Friedrich war 1829 geboren, zur Zeit des Vertrages also 23 Jahr alt.
Er hütete sich, damals irgend einen Protest gegen den Verkauf seines Erbrechts zu erheben, sondern genoß die Millionen des Kaufschillings, von dem die Renten mit 200,000 Thlr. sofort nach Abschluß des Vertrages, das Kapital im September 1853 bezahlt wurden. Der Herzog schien es damals sehr dringend zu haben und drängte Herrn v. Bismarck gewaltig um Veranlassung der Auszahlung.
Später - nachdem man das Geld hatte, - kamen der Familie Augustenburg große Zweifel, ob man wirklich gleich Esau für das Gericht der Millionen-Linsen das Erbrecht verkauft habe? - Wir werden später Gelegenheit genug haben, darauf zurückzukommen.
Jetzt bei der Agitation des Nationalvereins regten sich gegen den damals geschlossenen Contrakt zuerst wieder die augustenburger Ansprüche, und die Familie versuchte zunächst, die kleinen deutschen Höfe dafür zu gewinnen, denen ein neuer Kleinstaat willkommen sein mußte. -
Wir haben endlich von einer letzten Partei gesprochen, welche in Deutschland zu einem Vorgehen gegen Dänemark drängte. Es war die der unverbesserlichen Thoren, welche nur in einer deutschen Republik ihr Ideal sahen und zu dem Zweck vor Allem Preußen vernichten wollten. Ihnen lag herzlich weniger daran, deutsches Regiment in
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Schleswig-Holstein zu haben, als Preußen in einen Krieg mit den Großmächten verwickelt zu sehen, der es noch mehr schwächen sollte, als die traurigen diplomatischen Schachzüge von Warschau und Olmütz gethan hatten. Diese Partei mit ihren schlimmen Absichten gegen Preußen stand leider nicht allein; denn es ist Thatsache, daß schon damals die ehrgeizige und intriguenvolle Politik des sächsischen Ministers von Beust zu einer Coalition gegen Preußen drängte.
Es war dringend nothwendig, eine feste Hand zu finden, welche die Zustände in Deutschland in den Zügel nahm.
In Dänemark kannte man nur zu gut diese Umstände und dies steigerte täglich mehr den Uebermuth der sogenannten eiderdänischen und der ultrademokratischen Partei, der sogenannten »Bauernfreunde«. Die Minister vermochten bald dem Drängen nicht mehr Halt zu gebieten, sondern mußten mit dem Strome schwimmen. Fast keine Hauptstadt besitzt verhältnißmäßig so viele Zeitungen und öffentliche Blätter, als das etwa 155,000 Einwohner zählende Kopenhagen, und die Presse genießt eine Zügellosigkeit, die sich höchstens von der der Vereinigten Staaten von Nordamerika übertroffen sieht. Die Organe aller Parteien beeiferten sich, energische Kriegsrüstungen zur Vertheidigung Schleswigs und selbst Holsteins gegen jede deutsche Einmischung zu fordern, und der Pöbel, aufgestachelt durch den fanatischen Ton der Zeitungen, beging die brutalsten Excesse gegen Alles was Deutsch hieß, oder im Verdacht stand, ein Freund der deutschen nationalen Berechtigung in den Herzogthümern zu sein.
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Vergebens hatten das englische Kabinet unter Lord Russel und selbst der Petersburger Hof zu einer Erfüllung der eingegangenen Verbindlichkeiten im Londoner Tractat in Betreff Schleswigs gemahnt. Das Bekanntwerden der Verhandlungen mit England untergrub vollends das Ansehen des Ministeriums Monrad-Hall und man fürchtete den Krieg nicht, indem man auf die Eifersucht zwischen Oesterreich und Preußen und die langsame Maschine des Bundes baute und für den Nothfall Bündnisse in Schweden und Frankreich suchte.
Die Regierung hat sich demgemäß genöthigt gesehen, mit kriegerischen Rüstungen vorzugehen und zu dem Ende Landheer und Flotte zu vermehren. Man hoffte auf einen Krieg wie 1849, wo die dänische Marine im Stande war, dem preußischen Seehandel schwere Wunden zu schlagen, und auf den Marinewerften herrschte, so weit es die strenge Witterung erlaubte, die enormste Thätigkeit. -
Unter diesen äußeren politischen Umständen war es, daß wir Edda Halsteen am Abend nach Christiansborg und in die Appartements der Gräfin Danner begleiteten.
Da das Fräulein Halsteen mehrfach die Hofzirkel und die Soiréen der Gräfin mit ihrem Vater besucht hatte, kannte sie die Gelegenheiten vollkommen und gelangte bald zu dem ersten Kammerdiener der Gräfin.
Hier erfuhr sie auf die Bitte, sie zu melden, daß eben in der Wohnung der Gräfin ein Kabinetsrath stattfände, dem die Gräfin beiwohnte.
Bestürzt darüber wollte sie wieder umkehren, als der
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Kammerdiener, ein alter Mann, sie frug, ob sie ein besonderes Anliegen hätte.
»Gewiß, Herr Lundström! würde ich sonst zu einer so unpassenden Stunde Ihre Excellenz belästigen? es handelt sich vielleicht um ein Menschenleben.«
»Dann ist es etwas Anderes, gnädiges Fräulein,« sagte der Mann, »und ich werde die erste Gelegenheit benutzen, der Frau Gräfin Ihre Anwesenheit zu melden. Ohnehin wird Seine Majestät wohl bald die Sitzung aufheben. Haben Sie die Gnade, unterdeß in den kleinen Salon zu treten.«
Die junge Dame folgte dem Rath. Sie hatte in der That noch keine Viertelstunde gewartet, als Herr Lundström die Flügel einer Seitenthür öffnete und die Gräfin hereinrauschte.
- »Sieh da, liebes Fräulein Halsteen« sagte sie äußerst freundlich, »das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mir Nachricht bringen wollen von der Abreise Ihres Papa's. Ich hoffe, der Rath wird glücklich über das Eis kommen, das ja die Passage aushält. Er wird leider acht bis zehn Tage ausbleiben, denn die Geschäfte sind wichtig.«
»Herr von Halsteen kennt seine Pflicht im Dienst des Vaterlandes und Seiner Majestät.«
»Ich weiß, ich weiß« sagte die Gräfin, die junge Dame zum Divan zurückgeleitend. »Der Herr Conferenzrath ist einer der treuesten und zuverlässigsten Diener des Königs und eine wahre Stütze für mich bei den täglich wachsenden Anfeindungen jener undankbaren Menschen. Aber Lundström sagte mir, daß Sie ein dringendes
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Anliegen hätten, und Sie sehen, wie sehr ich mich trotz aller Abhaltungen beeilt habe, Sie zu empfangen. Der König mein Gemahl, hält grade eine Kabinetsberathung, der Ihr Herr Vater gleichfalls beigewohnt hätte, wenn er nicht abwesend wäre.«
»Ich weiß die Gnade vollkommen zu würdigen,« erwiederte die junge Dame »und will Euer Excellenz so wenig Zeit als möglich rauben.«
»Geniren Sie sich nicht, liebste Halsteen, ich habe immer eine Viertelstunde und mehr für Sie übrig. Aber kommen wir zur Sache. Sie haben ein persönliches Anliegen? - Betrifft es Sie, oder Ihren Verlobten? Sobald er zurückkehrt, soll er Beförderung erhalten und Ihrem Glück steht dann Nichts mehr im Wege.«
»Es betrifft allerdings mittelbar meinen Verlobten, dessen Stelle ich in diesem Augenblick vertrete. Es handelt sich um seinen unglücklichen Bruder.«
Die Miene der Gräfin wurde sehr ernst. »Eine unangenehme Geschichte!« sagte sie. »Herr Hansen wird natürlich den Namen ändern müssen, was, wenn er die indische Erbschaft, zu der ich Ihnen gratulire, antritt und sich ankauft, ein Leichtes ist. Jedenfalls seien Sie versichert, daß der König gewillt ist, die möglichste Gnade eintreten zu lassen. Freilich wäre es besser, der Mann würde auf irgend eine Weise der Justiz entzogen.«
»Kapitain Hansen ist unschuldig an dem Mord!«
»Er hat wenigstens eine so liebenswürdige als warme Vertheidigerin. Aber in der That, es war eben sogar im
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Rath davon die Rede; man soll, wie ich höre, neue Spuren entdeckt haben.«
Edda beeilte sich, ohne ihren eigenen Antheil zu berühren, die Lage der Sache möglichst kurz darzustellen und ihre Ueberzeugung auszusprechen, daß die Untersuchung schon am nächsten Tage seine Unschuld anerkennen würde.
»Das soll mich freuen, um Ihres Verlobten willen« sagte die Gräfin. »Aber leider ist jene unglückliche Anschuldigung nicht die einzige, und selbst die Niederschlagung der Anklage hat in diesem Augenblick ihr Mißliches. Wie ich höre, macht die Volkspartei den Namen und die Person des Mannes zum Gegenstand von Demonstrationen!«
»Das ist der Grund meiner Belästigung. Ich wende mich an das Herz Euer Excellenz, ich flehe Sie an, ihn zu retten!«
»Ich weiß nicht, was ich da thun könnte, liebes Fräulein« sagte verstimmt die Gräfin. »Sie trauen mir zu viel Macht zu. Dieser Mann soll, ganz entgegengesetzt der loyalen und treuen Haltung seines Bruders, ein ausgemachter Bösgesinnter, einer der Führer des Widerstandes in Schleswig sein; Ihr Vater selbst hat ihn als solchen erkannt.«
»Ich will die politische Meinung des Herrn Hansen in keiner Weise in Schutz nehmen« sagte das junge Mädchen fest, »obschon sich vielleicht Manches zu seiner Entschuldigung sagen ließe. Euer Excellenz weiß, daß ich Dänin von ganzem Herzen bin. Aber schwerlich kann sich Herr Hansen thatsächlich viel haben zu Schulden kommen lassen, da er erst seit Kurzem sich wieder im Vaterland befindet. Wie
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gering oder wie groß in diesem traurigen Kampf der Meinungen aber auch seine Schuld sei, es ist peinlich für mich, daß grade bei seinem ersten Besuch unseres Hauses eine private Aeußerung seiner politischen Meinung die erste Ursach seines Unglücks gewesen ist, und ich sollte glauben, daß eine schwere Kerkerhaft von mehr als zwei Monaten unter dem entsetzlichen Verdacht eines Raubmordes eine genügende Strafe für unbedachte Worte oder einseitige falsche Meinungen sein dürfte!«
»Ich sollte auch meinen - aber - wie ist da zu helfen? wenn das Gericht die Untersuchung wegen des Mordes fallen läßt, wird man ihn vielleicht auf freien Fuß setzen.«
»Das würde wahrscheinlich so schlimm sein, als die Fortsetzung der Untersuchung wegen seiner politischen Verirrung.«
»Aber der König kann, bei der augenblicklichen Stimmung, in dieser Beziehung keine Begnadigung, keine Niederschlagung des Prozesses eintreten lassen - Sie werden das begreifen!«
»Seine Majestät hat das Recht, ihn - gewissermaßen selbst auf ehrenvolle Weise - dieser Untersuchung zu entziehen und damit vielleicht sein Leben, wenigstens seine Freiheit zu retten!«
»Ich verstehe Sie nicht, Fräulein?«
»Der König hat das alte Recht nach dem Danske Lov von 1683, den Angeklagten dem Richter dadurch zu entziehen, daß er ihn den Dienst des Vaterlandes, der Marine überweist. Kapitain Hansen ist Seemann. Daß eine Zeit der
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Noth eingetreten, beweist der Gesetzerlaß wegen der Aushebung der Matrosen.«
Die Gräfin sah sie erstaunt an. »In der That - ich habe von jenem alten Recht und Brauch gehört - es wäre ein Ausweg. Man müßte nur warten und sich die erste Aufregung beruhigen lassen.«
»Oh, thun Sie ein gutes Werk nicht halb, gnädigste Frau,« bat das junge Mädchen. »Bedenken Sie, welches Unheil aus jeder Zögerung entstehen kann, wie lange und schwer Kapitain Hansen unter dem schrecklichen Verdacht gelitten hat.«
»Sie scheinen sich sehr für diesen Mann zu interessiren?«
»Er ist der Bruder meines Verlobten und eine offene und redliche Natur, die das ihm geschehene Unrecht um so tiefer empfinden muß.«
Die königliche Gemahlin schüttelte leise mit dem Kopf. - »Das ist es nicht, was ich meine. - Aber wenn ich wirklich um Ihretwillen meinen kleinen Einfluß auf den König anwendete, - beabsichtigen Sie denn selbst die Sache in die Hand zu nehmen, oder auf dem gewöhnlichen Wege durch die Behörden die Sache gehen zu lassen?«
Die junge Dame erröthete. »Ich möchte allerdings mir die Freude verschaffen, da Herr Hansen in meiner Gegenwart verhaftet wurde.«
»Aber wie wollen Sie es anfangen?«
»Man hat mir einen Mann genannt, der die Energie und das Recht hat, mit einem solchen königlichen Befehl Herrn Hansen der Justiz zu entreißen. Ich werde ihm
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das Dokument einhändigen, denn er ist zugleich der Hauptzeuge für die Unschuld des Gefangenen.«
»Sein Name?«
»Kapitain-Lieutenant Hammer!«
»Ah - ich habe den Namen gehört, es ist einer unserer besten Seeoffiziere und ein strenger Patriot. Es könnte Ihrem Schützling nicht schaden, der wie Sie selbst zugeben nicht viel besser ist, als ein Rebell, wenn er für einige Zeit unter so strenge Aufsicht käme. Aber Kapitain Hammer segelt, wie ich eben im Kabinetsrath gehört, schon übermorgen mit Depeschen nach Stockholm.«
»Eben darum ist Eile nöthig und müßte es morgen geschehen.«
»Ich sehe,« sagte die Gräfin lächelnd, »ich habe mich da selbst gefangen. Aber ich will Ihnen gern gefällig sein; denn wie man mir gesagt hat, haben Sie in letzter Zeit manches Unangenehme leiden müssen. Trösten Sie sich mit mir, ein gutes Gewissen kann über alle Beleidigungen des Pöbels beruhigen. - Ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu thun, den König zur Ausfertigung eines solchen Kabinetsbefehls zu bewegen. Wenn es mir gelingt, soll er morgen bis 10 Uhr Vormittag in Ihren Händen sein. - Und nun« - sie hatte sich erhoben - »leben Sie wohl, mein liebes Fräulein, und möge Ihr gutes Werk Ihnen auch zu gutem Glück ausschlagen.«
Die Gräfin küßte Edda auf die Stirn und führte sie selbst bis zur Thür, wo sie die junge Dame ihrem Kammerdiener übergab.
Vor dem Schloß angekommen bestieg Edda die ihrer
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harrende verschlossene Droschke und von einer gewissen Unruhe getrieben befahl sie dem Kutscher, einen Umweg über den Nytorv, den Neumarkt, zu nehmen, wo sich das Rathhaus befindet.
Obschon es ziemlich kalt war, der Thermometer zeigte noch immer 8 bis 10 Grad, waren doch die Straßen und der Platz überaus belebt. Die dreiwöchentliche Hoftrauer für den Tod des Königs von Preußen kümmerte am allerwenigsten das Volk, das sich bei der allgemeinen politischen Aufregung zugleich den zügellosesten Lustbarkeiten und Ausschweifungen überließ. Der Carneval ist zwar kein Fest des Nordens, aber die Spekulation der öffentlichen Lokale weiß auch hier jede Firma zu Anlockungen zu benutzen, und die Säle des weltberühmten Tivolis und aller anderen öffentlichen Lokale waren allabendlich überfüllt.
Edda Halsteen, die nur von ihrer Haushälterin begleitet die Fahrt zum Schloß unternommen, hatte bald Ursach, die Anweisung an den Kutscher zu bereuen; denn sie hatte noch nicht die Stadthausstraße passirt, als sich ihr Fiaker zwischen zahllosem anderen Gefährte aller Art und einer großen, mit jedem Augenblick wachsenden Menschenmenge förmlich eingekeilt sah, so daß man weder rückwärts noch vorwärts konnte, sondern mit dem Strom weiter mußte.
Die erste unbestimmte Absicht, welche Fräulein Halsteen zu dem Umweg bewogen hatte, war wohl gewesen, womöglich dem Polizeicommissar noch heute die Nachricht von dem glücklichen Erfolg ihrer Audienz zukommen zu lassen. Wer will sagen, ob nicht auch der Wunsch daran
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Antheil hatte, in der Nähe des armen Gefangenen zu sein und sich zu überzeugen, ob ihm nicht Gefahr drohe.
Genug, sie hatte einmal den thörichten Befehl gegeben, und mußte seine Folgen tragen, da er nicht mehr zu redressiren war.
Aus dem Geschrei und lauten Gespräch umher entnahmen die beiden Frauen, daß etwas auf dem Alt- oder Neumarkt im Werk war, was Alle interessirte, und hätte Edda Halsteen selbst jetzt umkehren können, sie hätte es schwerlich gethan.
So war der Zug der Menge bis auf den freien Platz vor dem Rathhaus gekommen und begann sich dort zu verbreiten, doch war der Platz bereits so gefüllt, daß auch jetzt an ein Weiterkommen und Ausbiegen in eine der einmündenden Straßen nicht zu denken war.
Man mußte sich also in Geduld fügen.
Edda Halsteen in einen einfachen weiten Mantel gehüllt, tief verschleiert, glaubte um so weniger etwas zu fürchten zu haben, als zahlreiche andere Wagen mit Neugierigen in ihrer Nähe hielten, und sie hatte die Besorgniß ihrer Begleiterin bereits so weit beschwichtigt, daß sie die Fenster der Droschke öffnen konnte, um besser die Vorgänge zu sehen.
Aus den Reden der Umstehenden verstand sie, daß man einen Maskenzug vom Tivoli her erwartete, und daß irgend eine Volksdemonstration vor dem Rathhaus erfolgen sollte. Sie fürchtete anfangs, daß es sich um eine Erstürmung desselben, um eine Gefahr für ihren von der öffentlichen Stimmung bedrohten Schützling handeln könne, aber der
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Inhalt der Reden ließ sie bald wenigstens die unmittelbare Besorgniß aufgeben.
Plötzlich erscholl der Ruf durch die dichtgedrängte Menge: »Sie kommen! sie kommen!« Die Friedrichsborger Gade herauf sah man in der That auch unter dem Schein von lodernden Pechfackeln einen langen Schlittenzug sich nähern, dessen seltsame Ausstattung von dem Pöbel mit einem kaum endenden Hurräh! und Beifall empfangen wurde.
Voran kam ein Schlitten mit ausgeputzten und in's Alberne maskirten Musikern, die mit allen Kräften den »tappern Landsoldaten« spielten.
Der nächste enthielt dieses Ideal des Dänenthums selbst. Ein großer Bursche in Uniform mit karrikirt wildem Gesicht, in einer Hand den Danebrogk schwingend, in der andern den blanken Säbel, stand aufrecht vor zwei auf den Knieen liegenden, nach ihrem grotesken Ausputz die beiden Herzogthümer bedeutenden Figuren, denen er unter dem Jubel des Pöbels von Zeit zu Zeit den Fuß auf den gehorsam gebeugten Nacken setzte. Eine große blau-weiß-rothe Flagge schweifte hinter dem Schlitten in Schmuz und Schnee.
Dann kamen eine bunte Reihe von Karikaturen auf die Deutschen, auf die Minister, auf den König, auf die Gräfin, John Bull, - Seeleute und Nordlandsrecken, Eisbären, Fahnen und Plakate mit allerlei, oft den widerwärtigsten, dem Pöbel schmeichelnden, die Gegenparteien beschimpfenden Inschriften, bis das Gebrüll der Menge das Hauptstück des Zuges verkündete. Es war dies ein von vier Kerlen
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in Hülle der Beine bewegter Theater-Elephant als Anspielung auf das alte dänische Wappen, mit Wimpeln und Teppichen behängen und im Rüssel eine große ausgestopfte und in schwarz-roth-goldene Farben gekleidete Figur haltend, während auf seinem Rücken in kecker Haltung auf dem Danebrogk die mit der rothen Mütze geschmückte Göttin der Freiheit saß, eine in weiße Eisbärpelze gekleidete Frau.
Diese Erscheinung trug keine Maske oder groteske Entstellung, wie die meisten übrigen Mitglieder des Zuges, sie imponirte unter all diesen Fratzen und Hanswurstkram durch den Adel ihrer Erscheinung und die dämonische Schönheit ihrer Züge, während sie ihr dunkles Auge mit Verachtung über die brüllende Menge laufen ließ.
Ein langer, als Mohr verkleideter Kerl trug hinter ihr an hoher Stange ein Plakat, das die weithin sichtbare Inschrift enthielt:
»Retfördighed! - Frihed! - Ned med heele Tydskern!«9
Edda Halsteen erbebte, es konnte kein Zweifel sein, auf was diese anreizenden Worte sich beziehen sollten - aber ein Gefühl des Entsetzens, des Abscheu's erfüllte sie, als sie jetzt den Blick näher auf die Repräsentantin dieser Freiheit und Gerechtigkeit richtete, und in den stolzen drohenden Zügen ihr eigenes Ich erkannte.
Sie konnte nicht zweifeln, die Göttin der Freiheit war ihr Ebenbild, Adda, ihre unbarmherzige Verfolgerin.
Das arme Mädchen wäre vor Schreck und Entsetzen ohnmächtig geworden, wenn sie nicht all' ihren Muth und
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Stolz zu Hülfe genommen, und der Zorn ihr Kraft gegeben hätte, jener Entwürdigung Trotz zu bieten. Ja, sie fühlte an dem ungestümen Klopfen ihres Herzens, an der brennenden Schaam, die ihre Wangen glühen machte, daß sie den Muth haben konnte, jenem teuflischen Bilde entgegen zu treten und Aug' in Aug' seinen Haß mit dem Blick der Verachtung niederzuschmettern, - wenn eben nicht die bessere Vernunft ihr gesagt hätte, daß jeder öffentliche Streit nur schmachvoll für sie, die Aristokratin, und ein Gaudium für den Pöbel sein würde.
Ihre Hand erstickte den Aufschrei, der auf den Lippen ihrer Begleiterin schwebte und die Fluth von Verwünschungen, zu denen sie bereit schien.
»Still - laß uns sehen! kein Wort, oder wir sind verloren, wenn man uns erkennt.«
Die Frau begriff dies selbst und zog eilig ihren Kopf in das Innere der Droschke zurück.
Die Leiter, welche die ganze Farce in Scene gesetzt, und die zweifelsohne der Partei der zügellosesten Opposition und des fanatischen Dänenthums angehörten und ihre politischen Zwecke dabei verfolgten, hatten die Komödie auf das Beste geordnet und Helfershelfer gench. Als der Zug den Platz vor dem Rathhause erreicht hatte und einen weiten Kreis bildete, war mit einer - die Vorbereitung deutlich erkennen lassenden - Schnelle ein Scheiterhaufen in Mitten des Kreises improvisirt, und der Pseudo-Elephant legte auf diesen die mit einer papiernen Krone geschmückte Gestalt, die er bisher im Rüssel getragen hatte.
Hiermit war die Absicht der Demonstration enthüllt.
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Die Menge, unter der sich jetzt auch verschiedene Deputirte der Bauernfreunde zu zeigen begannen, brüllte vor Vergnügen, als sich die vier Kerle, welche das Elephantengestell trugen, auf die Knie niederließen und ein Herr herbeisprang, diese Göttin der Constitution, das heißt der zügellosesten Freiheit für die Dänen und der Tyrannisirung für die deutschen Provinzen herabzuheben.
Die schöne Adda glitt von dem Elephanten, schwang die rothe Mütze und rief ein »Leve Danmark!« und der tappere Landsoldat nahte sich ihr mit einer Pechfackel, um sie ihr zu überreichen, damit sie, nachdem er noch zum Hohn die schleswig-holsteinsche Flagge auf die Strohpuppe geworfen, den Scheiterhaufen in Brand stecken möchte.
Auf ein Zeichen des Mannes, welcher der improvisirten Göttin von ihrem lebendigen Thron geholfen, und der einer der berüchtigsten und politisch-ausschweifendsten Führer der Clubs war, schwieg die Menge.
Der Mann zog aus seiner Rocktasche ein großes Papier, an dem sieben imitirte Siegel hingen und schwang es in die Luft.
»In's Feuer mit dem Londoner Protokoll! Nieder mit den Tydsker-Verräthern! - Gerechtigkeit für Alle! fort mit den Aristokraten!« und ergab der Repräsentantin dieser Sorte von Constitution ein Zeichen, vorzuschreiten und den Scheiterhaufen in Brand zu stecken.
Aber jetzt entwickelte sich vor den Augen der Menge ein unerwartetes Schallspiel, das den ganzen Effect des Arrangements zu vernichten drohte.
Die Göttin der Freiheit rührte weder Hand noch Fuß,
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ihre Augen waren starr auf einen Punkt in der Entfernung gerichtet - Edda Halsteen fuhr erschrocken zurück, denn sie glaubte, der starre Blick dieser Augen habe sie selbst getroffen und ihre Verhüllung durchdrungen. Aber in Wahrheit schweifte er über das Gefähr hinaus nach dem Portal des Rathhauses.
»Adda, - vorwärts! Zünden Sie an, Sie sehen, das Volk wartet!«
»Ich kann nicht, Mann - sehen Sie nicht, daß er dort steht und mir winkt!«
»Wer?«
»Wer anders als der Samulad Torne-Kaitum, mein Großvater!«
»Laß den alten Narren sein und thue Dein Werk, oder das Volk zerreißt Dich in seiner Wuth!«
»Glaubst Du, daß ich mich darum kümmere, wenn der Schatten kommt, mir den Tod seines Leibes zu melden und mich in seine Jurte zu rufen? Sieh her!«
Und mit kräftigem Schwung schleuderte sie die Fackel weit von sich.
Es war wahrscheinlich zu ihrem Glück, daß der Brand in der Richtung des Scheiterhaufens fiel, und wenn er ihn auch nicht erreichte, so glaubte die Menge doch wahrscheinlich, daß es zu dem Programm des ihr gebotenen Schauspiels gehörte, und zehn, zwanzig Hände waren bereit, den Brand weiter zu tragen.
»Unsinnige!«
Ein brüllendes Jauchzen begleitete das Auflodern des Scheiterhaufens, auf dem der unglückliche Tydsker von
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Lumpen und Stroh dem Gaudium des Pöbels geopfert wurde, und um den Männer und Weiber aus der Hefe des Volks einen jubelnden Rundtanz begannen.
Edda Halsteen sah unterdeß ihr Ebenbild mit starrem Blick durch die sich scheu spaltende Menge immer näher und näher auf sich zuschreiten. Der Clubführer, der sie begleitet, hatte sie ärgerlich verlassen, um seinen Londoner Vertrag den Flammen zu widmen.
Die junge Dame war im Begriff, auf der entgegengesetzten Seite sich aus dem Wagen zu werfen, als sie zu bemerken begann, daß Adda sie gar nicht sah, daß sie hinter der Droschke fortschritt die Stufen der Rathhaustreppe hinauf gleich einer Traumwandlerin.
In dem Augenblick, als sie in ihrem seltsamen Aufputz an dem Wagen vorüber kam, hörte Edda sie murmeln: »Ich komme, Torne Kaitum, ich komme!«
Die Bewegung des Volkshaufens um das Feuer hatte indeß nach dieser Seite hin Luft geschafft, die Wagenburg rückte auseinander und Frau Long die Haushälterin schrie dem Kutscher zu, so rasch als möglich die erste Lücke zu benutzen und die Ny-Gade, die Neue Gasse, zu gewinnen.
Fünf Minuten später war der Wagen aus dem Gedränge und die Tochter des Conferenzraths Halsteen befand sich auf der eiligen Fahrt nach ihrem Hause.


Es war am andern Morgen um 10 Uhr, als der Kammerdiener der Gräfin Danner sich bei Fräulein Halsteen melden ließ und ihr ein großes Couvert überreichte.
Dasselbe enthielt ein in den freundlichsten Ausdrücken
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abgefaßtes Billet der Gräfin, mit welcher sie ihr den mit dem Insiegel versehenen Königlichen Befehl an den Präsidenten des Gerichtshofes übersandte, Angesichts dieses den unter der Anklage hochverrätherischen Gebahrens und der Mißliebigkeit in Haft befindlichen Unterthanen Klaus Hansen, gebürtig aus Amrum, dem Vorzeiger zu überliefern, um in Seiner Königlichen Majestät Seedienst eingestellt zu werden.
Edda war hocherfreut von diesem Beweis der Gunst und richtete mit Herrn Lundström einigeZeilen innigen Dankes an ihre Gönnerin. Dann aber traf sie ihre Anstalten, um zur bestimmten Stunde Herrn Olsen in seinem Bureau im Rathhause aufzusuchen und ihm das kostbare Dokument zu übergeben, das Kapitain Hansen den Kerkermauern entreißen sollte, freilich nur um ihn wahrscheinlich kaum weniger widerwärtigen Fesseln zu überliefern.
Frau Long, die Haushälterin, war von dem gestrigen Schrecken krank, so daß Edda auf ihre Begleitung verzichten mußte. Sie befahl daher Suky einen Miethwagen zu holen, wollte sich aber nicht von ihm begleiten lassen, um nicht etwa durch sein auffälliges Aeußere unnöthiger Weise erkannt zu werden, und gab ihm nur den Auftrag, für alle Fälle in der Nähe des Stadthauses zu verweilen.
Es war 11 Uhr, die Stunde, welche ihr der Polizeicommissar bestimmt hatte, als Edda an der Ecke des Ny-Torv ihren Wagen verließ und durch die wieder in zahlreichen Gruppen auf dem Platze versammelte Menge schritt, um das Gebäude zu betreten.
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Die Worte, die sie hier hörte, belehrten sie, daß an den meisten Stellen von dem Prozeß des deutschen Kapitains die Rede war, und daß überall Drohungen gegen ihn und seine angeblichen Beschützer ausgestoßen wurden, die sie aufs Höchste erschreckten.
Aufgeregt von Furcht und Schrecken gelangte sie endlich an die Thür, die man ihr als das Bureau des Kommissar Olsen bezeichnete und trat in das Vorzimmer.
Ein Unterbeamter, den sie dort fand, benachrichtigte sie, daß der Kommissar augenblicklich nicht anwesend sei, schien aber seine Instruktionen in Betreff ihrer Person bereits erhalten zu haben; denn als sie auf die Frage, ob sie die von Herrn Olsen erwartete Dame sei, ihren Namen nannte, wurde sie auf das Höflichste ersucht, in das Privatkabinet des Beamten einzutreten.
Sie mochte dort fast eine halbe Stunde gewartet haben, als sie im Bureau die Stimme des Kommissars hörte, der laut und lebhaft mit einem andern Manne sprach.
»Dem armen Burschen ist bitter Unrecht geschehen« sagte eine barsche und rauhe Stimme, »und wenn es möglich gewesen ist, das Papier zu erlangen, von dem Sie mir so eben sprachen, dann soll der Teufel drei Duzend Mal meine Seele kielholen, wenn ich den Perrückenstöcken einen braven Seemann nicht aus den Zähnen reiße, mag er deutsch oder dänisch gesinnt sein!«
»Wir werden sogleich erfahren Kapitain, woran wir sind. Man hat mir gesagt, daß Fräulein Halsteen bereits hier ist.«
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Er klopfte an die Thür des Kabinets, in welchem die Dame sich befand, und trat auf das Herein in das Gemach.
Ein mittelgroßer Mann, aber von breitschultriger, kräftiger Gestalt mit breitem eckigem Gesicht, das bei aller Strenge um die Augen nicht einer gewissen Gutmüthigkeit entbehrte, in eine Marine-Uniform gekleidet, folgte ihm.
»Ah da sind Sie ja, mein gnädiges Fräulein« sagte begrüßend der Beamte. »Freuen Sie sich, denn ich bringe vortreffliche Nachrichten, und ich will nur wünschen, daß die Ihren eben so gut sind. Wir kommen so eben aus der Confrontation und dem Verhör und ich kann Ihnen nur sagen, daß kein Schatten des schmählichen Verdachts mehr auf Herrn Hansen ruht!«
»O dann ist Alles gut! Aber bitte, erzählen Sie mir Alles!«
»Zuvörderst gnädiges Fräulein« sagte der Kommissar, »erlauben Sie mir, Ihnen hier Herrn Kapitain-Lieutenant Hammer vorzustellen, den Kommandanten des Liimfjord dessen Zeugniß nebst Ihrem selbst einen alten Polizeibeamten beschämenden Scharfsinn wir hauptsächlich den glücklichen Erfolg zu danken haben.«
Der Kapitain verbeugte sich mit etwas starken Manieren des Vorderdecks vor der Dame. »Also zunächst, um Ihre Erwartung nicht zu mißbrauchen, Kapitain Hammer hat in den gestern verhafteten Leuten, dem Isländer und dem portugiesischen Steuermann der Lucia, mit Bestimmtheit und ohne Zögern die beiden Männer wieder erkannt, deren freche Belästigung auf der Straße Sie an jenem Abend zwang, unweit der Gothers Gade den Schutz
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des Kapitain Hansen anzurufen und mit dem jene darüber in Streit und Thätlichkeiten geriethen.
»Blixen, schönes Froken« sagte der Seemann, »ich hätte den langen Tölpel unter Hunderten wieder erkannt, und der braune Schuft, der portugiesische Zwiebelfresser hatte die Frechheit, mir in's Gesicht das Messer afzudisputeren.«
»Der Herr Kapitain« fuhr der Beamte fort, »erkannte nicht allein die beiden Leute wieder, sondern recognoscirte auch auf das Genaueste das vorgelegte Messer als dasjenige, was er auf der Stelle, wo Herr Hansen gestanden hatte, nach dessen Entfernung auf dem Pflaster liegen fand, das er aufheben wollte, und das der Steuermann Aveiros als sein Eigenthum reklamirte. Er hatte dabei Zeit genug gehabt, den eigenthümlich geschwungenen Elfenbeingriff des Messers zu bemerken, und über die Identität desselben konnte daher nicht der geringste Zweifel sein. Wenn aber der Angeschuldigte um halb 11 Uhr das Messer in Gothers Gade verloren hat, wenn es notorisch von einer dritten Person an sich genommen ist, die nicht einmal zu behaupten wagt, daß sie es seinem rechtmäßigen Eigenthümer wieder zugestellt hat, so kann unmöglich ein Paar Stunden später der erste Verlierer, also Herr Hansen, dasselbe Messer noch einmal und zwar auf der Stätte der Mordthat in Christianshavn verloren oder zurückgelassen haben, sondern es muß eine andere Person, also wahrscheinlich der neue Besitzer des Messers gewesen sein. Das ist so klar, daß es selbst dem mißtrauischen Kopf eines Untersuchungsrichters einleuchtete, und derselbe sofort
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erklärte, jedes weitere Verfahren dieserhalb gegen Herrn Hansen einstellen zu können.«
»Die Sache ist so klar wie Seewasser« brummte der Kapitain.
Herr Olsen lächelte über den eben nicht sehr glücklichen Vergleich. »Aber ich kann Ihnen noch mehr mittheilen, Fräulein, obschon ich gestehen muß, daß wenn die Sache kein Winkelzug der Verbrecher sein sollte, dies den traurigen Fall noch mehr verdunkeln würde. Der Verdacht der That mußte sich nun ganz natürlich auf die beiden Personen lenken, welche sich in Besitz des Messers gesetzt hatten und die notorisch an jenem Abend mehrfach zusammen gesehen worden sind, so in jener Strandtaverne bei der Gelegenheit, als der Ermordete so unvorsichtig sein Geld zeigte. Der Steuermann versuchte zwar erst die Ausflucht, er habe jenes Messer bald wieder fortgeworfen, aber er merkte, daß das ihm nicht viel nützen werde, und als ich nun vollends seinen Schiffsmaten, den von Ihrem Malayen entdeckten spanischen Matrosen vorführte, der im Laufe der Nacht schon einmal die beiden Genossen an Bord der Lucia gesehen haben wollte, sah er sich so in der Klemme, daß er mit dem Geständniß herausrückte, er habe allerdings aus Rache gegen Herrn Hansen das Messer in die Kajüte neben den Leichnam geworfen.«
»So hat er den Mord gestanden?«
»Das ist es eben, was die Sache dunkel macht, wenn es nicht eben ein bloßer Versuch ist, dem Strick zu entschlüpfen. Der Steuermann und mit ihm der Isländer, ein Kerl, dem man eigentlich den gebornen Todtschläger
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ansieht, leugnen auf das Bestimmteste, den Mord begangen zu haben. Der Steuermann will zwar etwa kurz nach Mitternacht, gegen 1 Uhr mit einem Boot - wie sich ergiebt, das Schiffsboot des Herrn Hansen, - sich an Bord der Lucia begeben haben und zwar mit dem Isländer, den er für den Dienst geheuert und Kapitain Macinhos vorgestellt hatte, ja er giebt an, daß sie Beide sich in die Kajüte geschlichen hätten und läßt sogar die Absicht durchblicken, daß sie den Schiffsherrn hätten bestehlen wollen. Aber er behauptet steif und fest, daß sie Kapitain Macinhos bereits ermordet gefunden hätten, ganz in der Lage, wie ich ihn am Morgen getroffen, und daß sie entsetzt über dies Verbrechen und aus Furcht, als dessen Urheber angesehen zu werden, es vorgezogen hätten, sich wieder unbemerkt vom Schiffe zu entfernen, wobei sie aus Rache, um den Verdacht auf diesen fallen zu lassen, das Messer des Herrn Hansen zu dem Todten geworfen. Er behauptet ferner, daß sie keinen Ryksdaler entwendet hätten - weil eben keiner mehr zu stehlen da war. Diesem Geständniß hat auch der Isländer zugestimmt, und die besonderen Verhöre Beider haben eine auffallende Uebereinstimmung ihrer Angaben selbst in den kleinsten Details ergeben, so daß - -«
»Die Kerle haben sich die Sache abgesprochen« meinte der Marine-Offizier.
Herr Olsen zuckte die Achseln. »So daß« fuhr er fort, »nach der Meinung unseres verehrten Freundes hier die Beiden entweder sehr schlaue gewiegte Verbrecher sind, gewandt genug, um ein solches Märchen zu erfinden und
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festzuhalten, oder - daß wirklich ihre Geständnisse wahr sind, was, wie ich schon gesagt, die Sache noch mehr verdunkeln würde. Doch für unseren Zweck genügt es, daß dies Geständniß noch mehr die Unschuld des Herrn Hansen außer dem entferntesten Zweifel setzt, da ich von Ihnen gnädiges Fräulein weiß, daß er Sie erst gegen 12 Uhr vor Ihrem Hause verlassen hat, also nicht um Mitternacht ein Verbrechen in Christianshavn begehen konnte.«
»Ich danke Gott und Ihren Bemühungen Herr Olsen, daß diese Rechtfertigung an den Tag gekommen. Aber wie steht es jetzt mit Herrn Hansen, wo befindet er sich?«
»Er ist augenblicklich noch in dem Verhörlokal, weil seine Aussage jetzt die Qualifikation einer gültigen Zeugenaussage hat. Von Ihrer Mittheilung wird es abhängen, ob Herr Hansen in sein Gefängniß vorläufig zurückkehren muß, oder ob er diese Mauern frei verläßt!«
»Ihr Rath, Herr« sagte Edda bewegt, »war ein vortrefflicher. Hier ist der Befehl des Königs!«
Der Beamte nahm erfreut das Papier, das sie ihm reichte und las es sorgfältig. »Alles in bester Ordnung« sagte er. »Jetzt fehlt nur noch, daß der Herr Kapitain einwilligt, seine Schiffsgenossenschaft um ein tüchtiges Mitglied, so viel ich beurtheilen kann, zu vermehren.«
Edda Halsteen sah den Offizier an und streckte bittend die Hand nach ihm aus. »Oh - Herr Kapitain - Sie werden Ihren Beistand uns nicht versagen!«
»Der Teufel soll meine Seele zerquetschen, gnädigstes Froken, wenn es noch so schöner Augen bedurft hätt', um mit den Gerichtsherren einen Tanz zu spielen - nun aber
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will ich Ihnen den Mann aus den Zähnen holen und wenn sich alles Advokatengesindel dagegen stemmte. Ein Offizier kennt nur königliche Ordre und keine Juristen-Chikanen. - Was ist zu thun, Mann, mit dem besiegelten Papier da in der Hand?«
Die Frage galt Herrn Olsen. »Ich werde Sie zu dem Präsidenten des Gerichts begleiten« erklärte dieser. »Die Ordre muß registrirt und von diesem der Entlassungsbefehl ausgefertigt werden.«
»Donnerwetter, was das Alles für Weitläuftigkeiten sind! Aber ich will ihnen rathen, daß sie mir nicht zu viel Federlesens machen, sonst könnten sie einen alten Seewolf kennen lernen; also vorwärts!«
»Einen Augenblick noch« bat der Beamte. »Sie wünschen vielleicht Herrn Hansen zu sprechen, Fräulein?«
»Wenn es sein könnte, sehr gern. Sie wissen, warum. Aber, wie werden Sie ihn von hier entfernen? Auf dem Markt ist es sehr unruhig, und als ich hierher kam, hörte ich selbst die schlimmsten Drohungen ausstoßen!«
»Ich weiß, der Pöbel ist wieder in Bewegung, und hat an dem Skandal von gestern Abend noch nicht genug. Aber der Herr Kapitain kann Herrn Hansen nach seiner Entlassung durch eine Hinterthür des Gefängnisses entfernen. Ich werde ihnen den Weg zeigen.«
»Hinterthür? Mann, haben Sie Ballast im Kopf, statt des Gehirns? Ich - der Kapitain-Lieutenant Hammer, Kommandant der friesischen Inseln und Seiner Majestät Dampfbrigg Liimfjord sollte mich vor dem
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kopenhagener Pöbel durch eine Hinterthür salviren, wo ich Königs Befehl in der Hand halte! Nichts da - kein Wort davon!«
»Aber es handelt sich nicht um Sie Kapitain, sondern um den Mann selbst. Die Menge, die sich einmal auf seine Verurtheilung gespitzt hat, ist im Stande, wenn man ihn erkennt, ihn in Stücke zu reißen trotz aller königlichen Patente. Was wollen Sie gegen die Uebermacht thun?«
»Das sollen Sie gleich sehen. Wie lange wird uns der Handel oben mit den Gerichtszöpfen aufhalten?«
»Eine Stunde mindestens?[!]«
»Können Sie mir einen Boten schaffen zum Arsenal?«
»Zehn für einen!«
»Vel! meine große Barke und das Gig liegen dort, um Vorräthe einzunehmen, da wir morgen segeln. Hier« - er hatte hastig einige Zeilen auf Papier geworfen - »lassen Sie das dem Hochbootsmann Mads Störe geben und ich stehe dafür, daß unserm Mann nicht ein Haar gekrümmt werden soll. Hab' ich noch die Ehre, naadigstes Froken, Sie wiederzusehen?«
»Mit der Erlaubniß des Herrn Olsen werd' ich Sie hier erwarten!«
»Ich stelle dies Kabinet zu Ihrer Disposition. Dort liegen die Tageszeitungen und hier ist ein besonderer Ausgang nach der großen Treppe des Rathhauses. Ich hoffe, Ihnen bald Herrn Hansen zuzuführen.«
Die beiden Männer verließen das Gemach und Edda Halsteen befand sich wieder allein. Sie benutzte die Zeit, Gott zu danken für die glückliche Wendung der traurigen
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Angelegenheit, und ihre Gedanken zu sammeln; denn sie fühlte wohl, daß noch nicht Alles gethan sei, und daß ihr bei dem Charakter ihres Schützlings noch ein harter Kampf bevorstand.
So verging fast eine Stunde, als sich feste Tritte wieder dem kleinen Zimmer näherten und der freundliche Kommissar eintrat, begleitet von Kapitain Hansen und dem Marine-Offizier.
Der junge Friese schritt auf das Mädchen zu, das ihm mit strahlendem Auge beide Hände freudig entgegen streckte. »Ihnen, Edda, verdanke ich es, daß meine Ehre gerettet ist! so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, gelobe ich, dies nie zu vergessen. Fordern Sie mein Leben, es gehört Ihnen und Ihrem Glück.«
»Sie übertreiben, Kapitain Hansen, was nur meine Pflicht war - schon um Ihres Bruders willen« fügte sie leise hinzu. »Aber noch ist nicht Alles gethan. Man hält Sie noch in Untersuchung wegen der zweiten Anklage, die Ihre eigene Unbesonnenheit verschuldet hat!«
»Was kümmert es mich, und wenn ich ein Jahr im Gefängniß sitze, wenn nur meine Ehre rein ist! hat doch mein Ohm Barthelsen ebenfalls für seine Gesinnung Haft erlitten.«
»Still, still Klaus,« unterbrach ihn die junge Dame, »bedenken Sie! wo wir sind und fangen Sie nicht wieder von vorn an. Es hat sich ein Mittel gefunden. Sie auch aus dieser Noth zu bringen. Hier, dieser Herr, hat es auf meine Bitte übernommen, Ihre Haft zu brechen!«
»Kapitain Hammer?«
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»Derselbe, dessen willig gegebenes Zeugniß Sie hauptsächlich von dem schändlichen Verdacht befreit hat!«
»Ich weiß es und habe ihm vorhin schon herzlich dafür gedankt, wie ein Mann dem andern. Ich wiederhole diesen Dank hier vor Ihnen und sage ihm offen, so oft ich sonst gewünscht, ihm Hand gegen Hand einmal für friesische Leiden gegenüber stehen zu können, - so sehr wünsche ich jetzt eine Begegnung zu vermeiden.«
»Wird auch nicht gut stattfinden können, Mann, da wir künftig Schiffsmaten sein werden« sagte der Offizier ruhig.
»Ich - mit Ihnen, Kapitain Hammer?«
»Nicht anders. Hier ist das Patent des Königs, auf Grund dessen ich Sie den Landhaifischen aus den Zähnen gerissen habe, um Sie für königlichen Dienst an meinen Bord zu bringen.«
»Mich? - was soll das heißen?«
Seine Augen fuhren erstaunt von Einem zum Andern und blieben mit einem gewissen Schrecken auf Edda Halsteen haften, welche die ihren zu Boden schlug.
Der Beamte legte sich in's Mittel. »Die Sache verhält sich so, Herr Hansen. Es ist ein altes königliches Recht, in Zeiten der Noth und der Rekrutirung der Marine durch Handbefehl jeden Gefangenen, sowohl Untersuchungsgefangene als Verurtheilte, dem Prozeß entziehen und ihn der Marine überweisen zu können. Da Ihnen - obschon jener Verdacht vollständig beseitigt ist, - durch Ihre Unvorsichtigkeit und Ihr Auflehnen gegen die bestehende Ordnung wahrscheinlich noch eine lange Untersuchung und Haft
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bevorstand, auch um Sie anderen Gefahren zu entziehen, - haben Ihre Freunde es für zweckmäßig gehalten, dieses Gnadenrecht des Königs anzurufen. Der Befehl ist erlassen, Kapitain Hammer hat Sie vom Gericht requirirt und ist nun gewissermaßen Herr Ihrer Person.«
»Wie - ich sollte in der dänischen Marine dienen - unter dem Danebrogk?«
»Es ist der Dienst Ihres Vaterlandes!« sagte der Beamte streng.
»Aber ich bin ein freier Friese! ich habe das Kapitains-Patent als Kauffahrtei-Kapitain und kann als solcher nicht gepreßt oder ausgehoben werden!«
»Sie haben das Kapitainsexamen, so viel ich gehört, in Hamburg, nicht in Kopenhagen gemacht,« sagte der Offizier ernst - »das Ausland kümmert uns nicht. Sie sind geborner dänischer Unterthan und der Aushebung unterworfen.«
»Das Asegabuch sichert jedem Friesen die freie Selbstbestimmung!« sagte der Sohn der Inseln stolz.
»Sein Freibrief ist nicht anerkannt in der Gesamtverfassung. Indeß, Herr Hansen, ich beabsichtige keineswegs von Ihrer eigenthümlichen Lage Gebrauch zu machen. Die Aushebung ist auf zwei Jahre erfolgt, ich biete Ihnen auf diese Zeit eine freiwillige Heuerung an und zwar als Deckoffizier meiner Dampfbrigg Liimfjord.«
»Ich bedauere Ihre Freundlichkeit nicht annehmen zu können« sagte der Friese finster. »Ich wünsche in mein Gefängniß zurückzukehren, um die Folgen meines Verhaltens zu tragen.«
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»Das steht leider nicht mehr in Ihrer Wahl. Die königliche Ordre hat darüber entschieden.«
»Also Zwang?«
»Wenn Sie es denn wollen, ja! Sie wissen wahrscheinlich, daß ich mir Gehorsam zu verschaffen verstehe!«
Klaus Hansen wandte einen Augenblick finster und vorwurfsvoll den Blick auf die zitternde Edda, als wolle er sagen: Das ist die Freiheit, die Du mir giebst! Doch schon im nächsten richtete er sie trotzig wieder auf seinen wohlwollenden Feind und kreuzte die Arme.
»Thun Sie, was Sie wollen, Herr! ich weigere es, in Dienst zu treten.«
Der Offizier nickte dem Kommissar. »Ich hätte es Ihnen im Voraus sagen können, ich kenne diese starrköpfigen Friesen. Es thut mir leid, aber da ich mich einmal damit befaßt habe, muß ich es auch durchsetzen.« Er ging nach der Thür und öffnets sie. »Ist der Hochbootsmann Mads Störe da?«
»Ja, Capitain!« antwortete eine rauhe Stimme.
»Dann herein mit Dir!«
Ein großer vierschrötiger Seemann mit grauem Haar trat ein, das Gesicht wettergebräunt, von Falten und Runzeln durchfurcht. Die linke Backe war aufgeschwellt von dem Prümchen, das er in ihr hin und her wälzte.
»Gut, daß Du da bist, Mads10. Wie viel Mann mit Dir?«
»Zehn Matrosen und vier Seesoldaten.«
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»Bewaffnet?«
»Die Matrosen mit Enterbeilen, die wir aus dem Arsenal nahmen, wie Sie's befahlen, die Soldaten mit ihren Musketen.«
»Und das Boot?«
»Liegt an der Vester Port mit der Bemannung.«
Der Kapitain zeigte auf den Friesen. »Dieser Mann da gehört fortan zur Schiffsmannschaft der Flotille. Er weigert sich jedoch an Bord zu gehen.«
»Hm!«
»Was meinst Du, altes Seepferd?«
»Blixen und Bramtopp - ich denke wir sind noch mit andern Jongens fertig geworden, obschon er ein stattlicher Bursch ist und Vernunft annehmen sollte.«
»Sie hören, Hansen. Wollen Sie nun gutwillig folgen?«
»Nein!«
Der Kapitain wand sich an den nicht ohne Besorgniß auf diese beiden starren Männer blickenden Beamten.
»Herr Commissar, da hier die Gefängnisse sind, werden Sie vielleicht die Güte haben, mir ein Paar Handeisen leihen zu lassen!«
»Fesseln? mir?«
Die Adern waren blau auf der Stirn des unglücklichen Mannes geschwollen, seine Fäuste ballten sich krampfhaft. »Versuchen Sie es!«
Dann durchfuhr ein nervöses Zittern seinen mächtigen noch immer trotz der Haft so kräftigen Körper und die
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halb erhobenen Hände sanken nieder. Eine kleine zarte Hand hatte sich auf seinen Arm gelegt.
»Klaus Hansen!«
Er wandte langsam das glühende Gesicht nach ihr hin und sah das Auge des zitternden Mädchens flehend auf sich gerichtet. Zwei große Thränen rollten über ihre Wangen.
»Kapitain Klaus Hansen« sagte sie »können Sie mir vergeben?«
Sein Zorn schmolz dahin vor dem Ausdruck dieser einfachen Worte. »Ich vergebe Ihnen Edda« sagte er sanft. »Sie glaubten es gut zu machen und kannten mich zu wenig.«
»Nein Herr Hansen, ich kenne Sie genau, und das will ich Ihnen beweisen. Habe ich Ihren guten Namen gerettet, oder nicht?«
»Sie thaten es!«
»Und was versprachen Sie mir dafür?«
»Mein Leben! - aber ...«
»Ihr Leben gehört mir und Ihrer Mutter! Was ich von Ihnen fordere, ist nichts Unehrenhaftes. Sie sollen in den Dienst Ihres Königs treten; denn was Sie auch einwenden mögen, der Dienst des Danebrogk ist der Ihres Vaterlandes - Sie sind Unterthan König Frederiks, so gut wie wir. Es ist ein ehrenvoller Dienst, wenn Sie auch eine andere Flagge vorziehen möchten. Im Namen Ihrer Mutter, um meinetwillen fordere ich, daß Sie freiwillig die Gnade Ihres Landesherrn annehmen, und freiwillig in die Kriegsmarine Ihres Landes treten.«
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Man konnte sehen, welcher mächtige Kampf in dem Innern des kräftigen Mannes vor sich ging. Er hielt die Hände wohl eine Minute lang vor das Gesicht gedrückt, ehe er sie langsam sinken ließ.
Dann wandte er sich zu dem See-Offizier.
»Kapitain Hammer« sagte er fest, »ich stehe zu Ihren Diensten. Ich gehöre zu Ihrem Bord für die nächsten zwei Jahre und seien Sie versichert, daß Klaus Hansen seine Pflicht thun wird wie der beste Mann.«
»Sie werden sofort in den Dienst des zweiten Steuermanns enrollirt werden.«
»Nein Herr« lautete die bestimmte Antwort - »mißverstehen wir uns nicht. Ich trete bei Ihnen ein als Vormastmatrose wie jeder andere Mann, bitte mich als solcher zu behandeln und anzureden und lehne jede Beförderung ab.«
Der See-Offizier betrachtete ihn scharf einige Augenblicke. »Vel! - wie Du willst, Mann! und mit diesem Handschlag heuere ich Dich, Klaus Hansen, in Eid und Pflicht für zwei Jahre an Bord Seiner Majestät Kriegsmarine.«
Er hielt ihm die Hand hin, in welche der Friese sehr bleich aber ruhig und entschlossen die seine für einen Moment legte.
»Jetzt, Hochbootsmann« befahl der Kapitain, »nehmt diesen Mann in die Mitte Eurer Matrosen. Zwei der Seesoldaten voran, zwei hinterdrein; führt ihn nach meinem Boot am Vester Port, und wartet, bis ich nachkomme. Begreift mich wohl! Ihr steht mir dafür, daß er sicher
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und unbeschädigt an's Boot kommt. Wer ihn anzutasten wagt, den schlagt zu Boden, und wenn's der Bürgermeister von Kjöbenhavn selber wäre!«
»Vel, Herr! - Komm, Mann!«
Der Friese wandte sich nach der Dame, aus deren Augen Thräne auf Thräne rollte.
»Fräulein Halsteen« sagte er, »darf ich Sie noch um eine Gunst bitten?«
»Oh reden Sie!«
»Schreiben Sie gütigst selbst an meine alte Mutter und beruhigen Sie dieselbe darüber, daß ihr Sohn seinen ehrlichen Namen behalten hat.«
»Ich werde es mit Freuden thun! Aber Sie werden sie gewiß bald selbst sehen, wenn Sie nach den Inseln kommen!«
»Nicht eher, als bis ich ein freier Mann bin! - Leben Sie wohl, Fräulein Halsteen und Gott behüte Sie!«
Er grüßte kurz und seemännisch und wandte sich der Thür zu. Ehe er aber die Schwelle überschritt, fühlte er noch einmal Edda's Hand in der seinen. »Klaus Hansen« sagte sie, »ich nehme noch nicht Abschied von Ihnen, wir sehen uns noch wieder!«
Die Thür hatte sich hinter den beiden Seeleuten geschlossen, Edda wandte sich zu den beiden zurückgebliebenen Männern.
»Meine Herren« sagte sie, »nehmen Sie meinen innigsten Dank für die Freundlichkeit, die Sie meiner Familie in dieser Angelegenheit bewiesen haben. Wenn mein
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Vater zurückgekehrt ist, wird er erfahren, wie tief wir in Ihrer Schuld sind. Leben Sie wohl!«
Ein Brausen von Menschenstimmen draußen auf dem Platz, das wie die Sturmfluth des Meeres emporschwoll, begleitete ihre letzten Worte.
»Wo wollen Sie hin gnädiges Fräulein, in diesem Augenblick?« frug der Beamte.
»Zum Vester-Port, Herr, dem armen Mann zu zeigen, daß seine Freunde ihm bis zum letzten Augenblick nahe sind. Es wird ihm sein Loos erleichtern!«
Wiederum donnerte das Volksgebrüll an die Fenster: »Der tydske Mörder! Sie wollen ihn entführen! Nieder mit den Tydskern!«
»Das wird Ernste sagte der Kapitain. »Ich muß zu meinen Leuten!«
»Ich begleite Sie, Herr?«
»Sie, mein naadigstes Froken? Unmöglich!«
»Ich muß - sonst geh' ich allein! ich will ihn nicht verlassen, bis er in Sicherheit ist.«
Der Kapitain wechselte einen hastigen Blick mit dem Kommissar, der ebenfalls seinen Säbel umschnallte und die Hand an die Glocke legte.
»Dann kommen Sie und nehmen Sie meinen Arm!«
»In zwei Minuten« sagte der Kommissar, »bin ich mit meinen Leuten an Ihrer Seite.«


Als Edda, ihren Schleier niedergelassen, am Arm des See-Offiziers auf die Freitreppe des Rathhauses trat, sah sie den ganzen Platz bis nach der Frederiksborger Gade
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hin mit Menschenwogen bedeckt, die in größter Aufregung schienen. Durch dieses Meer von schreienden und tobenden Leuten zog sich aber in ruhigem ununterbrochenem Fortschreiten eine Gasse, die wie ein Keil sich Bahn brach.
Es waren die Matrosen der Liimfjord, ihren neuen Kameraden in der Mitte.
Der Kapitain blieb einen Augenblick stehen und ließ ein kurzes spöttisches Lachen hören.
»Ich dachte es mir wohl, daß meine Jongens sich um den Lärmen der Landratten nicht mehr kümmern würden als eine Möve um den Südwest. Sehen Sie Froken, wie ruhig die Burschen ihren Weg fortsetzen. Die schreienden Halunken mögen ihre Pfoten davon lassen, wenn sie nicht blutige Nasen und Köpfe holen wollen. Aber kommen Sie hier die Faroer Gade entlang, so werden wir sie sicher und wohlbehalten an der Brücke treffen und Sie können Herrn Hausen nochmals Lebewohl sagen, wenn Sie nicht vorziehen, mir die Ehre zu erweisen, den Bord des Liimfjord zu besuchen.
In der That war die Seitenstraße, die der Offizier sie führte, jetzt menschenleer, und die Polizei bereits zahlreich auf dem Platz, um den Auflauf zu zerstreuen. Als sie aber den Halm-Markt erreichten und über den Wall nach der Brücke einbogen, geriethen sie in eine neue Menschenwoge, die dahin fluthete, und Edda ließ unwillkürlich inrersten Schrecken den Arm ihres Begleiters los. Im nächsten Augenblick war sie von ihm getrennt und Kapitain Hammer drängte vergebens, sie wieder zu erreichen.
Die vornehme junge Dame mußte sich gefallen lassen,
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von dem Gewühl mit fortgerissen zu werden und fand sich zehn Minuten später auf der Brüstung des Walls.
Unter dem lärmenden aber gefahrlosen Hohngeschrei des Pöbels schoß von sechs kräftigen Ruderern geführt, das Boot eines Kriegsschiffes auf dem breiten Wallgraben von der Brücke kommend in der Richtung des Badehauses zu durch das von der Strömung hier offen gehaltene Wasser. Unter den Ruderern befand sich einer, der nicht die Abzeichen der königlichen Marine trug, und ohne aufzuschauen sich auf seinen Riemen niederbog; auf der Bank des Boots aber saß Kapitain Hammer und neben ihm eine Dame, einfach und dunkel gekleidet wie Edda, den Schleier zurückgeschlagen, als wolle sie den Hohn der Menge trotzig herausfordern und erkannt sein, und als sie jetzt das Gesicht herüber wandte, - erkannte Edda sich selbst!


Es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, und noch immer saß die junge Dame, kraftlos, sich ihrer selbst kaum bewußt, auf der Bank, auf die sie gesunken. Ein Paar mitleidige Bürgerfrauen hatten ihren Zustand bemerkt, neben ihr Platz genommen und die eine hielt ihr ein Riechstäschen vor, nachdem sie ihr den Schleier gehoben hatte.
Endlich fühlte sich Edda so weit gekräftigt, daß sie ihren Weg fortsetzen konnte, um eine Droschke auf dem Markt zu erreichen. Sie dankte den Frauen und ging langsam über den Platz, als sie plötzlich angesprochen wurde.
»Ah schöne Adda, gut, daß ich Sie finde« sagte der
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Mann, der es that, und nahm ohne weiter zu fragen ihren Arm. »Ich habe wahrhaftig diesen Morgen zwei Stunden gebraucht, um Ihre Laune zu erfüllen und Ihnen auf dem Marine-Ministerium die Erlaubniß zu verschaffen, das Regierungsschiff zur Ueberfahrt nach Stockholm zu benutzen, was allerdings jetzt die einzige Gelegenheit sein dürfte. - Nun, man geht uns von der Opposition um den Bart und wagt nicht, eine Gefälligkeit abzuschlagen. - Sie sind aber wirklich närrisch, Adda, daß Sie auf eine lächerliche Hallucination hin mit Gewalt so plötzlich uns verlassen wollen und den ganzen Karneval versäumen um einer Schrulle willen. Selbst wenn der alte Bursche, Ihr Verwandter, wirklich drüben gestorben sein sollte, wie Sie sich einbilden, können Sie Nichts helfen dabei. Bleiben Sie lieber hier - Blixen giebt morgen eine Abendgesellschaft, bei der es lustig hergehen wird!«
Das Fräulein murmelte einige unverständliche Worte, die wie eine Ablehnung klingen konnten; sie hatte den Schleier wieder niedergelassen. Der Mann der sie führte, war einer der Redner der Bauernfreunde - sie erinnerte sich, ihn bei öffentlichen Gelegenheiten gesehen zu haben.
»Nun wenn Sie nicht wollen, Kleine, kann ich Sie nicht halten« fuhr der Deputirte fort. »Aber ich hoffe, Sie kommen bald zurück und dann will ich mir meinen Lohn für den Dienst schon einkassiren. Da Sie aber nun einmal nach Schweden gehen, bitte ich Sie, diese Briefe an unsere Freunde, die Führer von Jung-Skandinavien mitzunehmen. Sie können Ihnen mündlich wiederholen, wie die Sachen hier stehen und daß wir den alten
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unentschlossenen Thoren, den Bischof, bald aus dem Sattel zu heben hoffen. Wenn Sie zurück kommen, finden Sie das Ministerium Blixen-Finecke fix und fertig. Hier sind die Briefe, die Adressen genau, und hier der Paß des Ministers. Jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Droschke öffne und Adieu sage, wenn ich nicht noch Zeit haben sollte, Sie zu besuchen!«
Er hatte einen Fiakre geöffnet und hob sie hinein - sie ließ Alles mit sich machen, ohne zu antworten.
Erst als der Wagen durch die Straßen rollte, begriff sie recht, was geschehen. Sie schlug den Paß auseinander - es war eine Ordre des Marineministers an den Kommandanten des Liimfjord, der vorzeigenden Person die Ueberfahrt an Bord nach Stockholm zu gestatten.
Die Adressen der Briefe kannte sie nicht - nur ein Paar Namen erinnerte sie sich bei Gelegenheit der skandinavischen Verbrüderungs-Demonstrationen gelesen zu haben.
Einige Augenblicke schwankte Edda, was sie thun solle, aber ihr Stolz bewahrte sie vor einer niederen Handlung. - Sie befahl dem Kutscher nach ihrem Stadtviertel zu fahren, und als sie ihre Wohnung erreicht hatte, siegelte sie Briefe und Ordre in ein Couvert, adressirte es an Fräulein Adda Halsteen nach der ihr längst bekannten Wohnung, und ließ einen Dienstmann rufen, dem sie den Brief zur sofortigen Besorgung übergab.
Erst dann, als sie muthig Alles dies gethan, warf sie sich in der Einsamkeit ihres Zimmers auf den Divan und ihre bis zum Uebermaß erregten Gefühle fanden in
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dem Trost aller Frauen, selbst der stolzesten und muthigsten, in den Thränen einige Erleichterung.


Der Laskare Suky kehrte erst am andern Morgen, als längst der »Liimfjord« nach Norden dampfte, in das Haus des Conferenzraths zurück und zwar mit verbundnem Kopf und zerbeulten Gliedern und aus dem Polizeigewahrsam, wohin man ihn wegen der Schlägerei geführt, die er am Mittag vorher mit dem kopenhagner Pöbel gehabt, als er seinen Herrn in Mitten des Trupps Seeleute erblickte und zu ihm eilen wollte. Er war zu Boden geworfen und schrecklich mißhandelt worden, als endlich die Polizei zum Glück für ihn herbeikam.
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Die Bärenjäger. (Fortsetzung.)

Der Graf von Lerida hatte seinen Zuhörern gesagt:
»Hier haben Sie die Unterredung!«
Dann gab er sie ihnen, wie er sie gehört hatte und sich ihrer erinnerte, in seiner lebendigen, dramatischen Erzählungsweise, indem er die Redenden selbst einführte.


»Signor Legroni war den beiden Herren mit zwei mächtigen Wachskerzen, die vielleicht einer seiner Stammgäste aus irgend einer Kirche oder Kapelle mitgehen geheißen, vorangeschritten und hatte unter hundert Bücklingen und Komplimenten die Leuchter auf den Tisch gesetzt, sich angelegentlich erkundigend, ob sie Nichts mehr zu befehlen hätten.
»Nichts weiter, Ihr alter Narr« sagte der Herr von Villafranca, als daß Ihr Euch endlich Eurer Wege scheert, und wenn Ihr wieder herauf kommt, um diesem Herrn zu melden, daß die Thiere bereit sind und Meister Andrea ausgeschlafen hat, so bringt das Fell von dem Bock mit und hängt es an meine Thür. Fort mit Euch!«
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Der Wirth verließ rückwärts schreitend das Zimmer und schloß die Thür.
Die beiden seltsamen Gäste der Osteria waren allein.
Der Herr von Villafranca warf sich ungestüm in einen alten Lehnsessel, daß das Holz knackte.
»So!« sagte er halb verdrießlich - »da hast Du mich in der Klemme. Und nun, Pest und Doria, schieße los Mann!«
»Verzeihung Euer ...«
»Halt da! Ich bin der Herr von Villafranca, das hast Du nun schon drei Mal gehört und damit Basta - sonst hör' ich Dich mit keinem Wort an. Du verdienst es überhaupt nicht, Graf; ein Mann, der seinen Freunden eigensinnig den Stuhl vor die Thür setzt, wenn es ihm nicht gleich nach Willen geht, hat gar kein Recht, diesen Freunden politische Gardinenpredigten zu halten.«
»Aber Sie wissen am Besten, daß ich es nur gethan, um unsere Pläne für die Zukunft möglich zu halten und sie vorzubereiten. Einen Frieden von Villafranca kann der König abschließen, aber nicht Camillo Cavour.«
»Holla Freund, ich glaube Du wirst grob!«
»Ich weiß nicht, wie lange oder kurz ich noch zu leben habe, aber Italien würde mit Recht das Gedächtniß des sardinischen Ministers mit Schande bedecken, der Nizza und Savoyen für Nichts weiter verkauft hätte, als den Preis eines Friedens von Villafranca!«
Ein schwerer Schlag des Stiefels auf den Fußboden zeigte die Meinung des Andern.
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»Mach' mich nicht toll mit Deiner Erinnerung! ich werde es mir mein Lebelang nicht vergeben! Ich weiß nicht, wie ich je wieder das Auge vor diesem Manne, Garibaldi, werde erheben und das seine aushalten können.«
»Er hat zum Glück noch keine Ahnung davon, und es muß ihm vorerst verborgen bleiben, bis der Köder des Aufstands in Sicilien alle seine Gedanken in Anspruch nimmt. Aber wie kommen Sie hierher, Si- Signor Villafranca?«
»Schwerenoth! glaubst Du, daß Du allein auf der Bärenhaut liegen und im Lande herumlaufen kannst? Ich will auch mein Vergnügen und meine Erholung haben Pest und Doria!«
»Ich glaubte Sie bei der Gräfin Fiora,« sagte der Andere mit feinem Lächeln.
Der Herr von Villafranca murmelte Etwas in den langen überhängenden Schnurrbart, das alles Andere eher als eine Höflichkeit war.
»Im Ganzen« fuhr Herr Camillo fort, »bin ich hoch erfreut, Sie schon heute Abend getroffen zu haben. Ich muß noch heute Nacht fort und hoffe, in zwei Tagen spätestens das Glück zu haben, Sie in Turin ...«
»La la! Mach' Dir keine Illusionen. Ich habe mir Ferien gegeben und es müßte stark kommen, wenn ich sie mir kürzen sollte. Hast Du die Dirne hier im Hause gesehn? Sie hat ganz verfluchte Augen!«
»Erlauben Sie, daß ich über dieselbe zur Tagesordnung übergehe. Haben Sie Depeschen aus Zürich?«
»Das mußt Du Ratazzi fragen, nicht mich! - Weißt
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Du, Camillo, daß der Kerl so albern gewesen ist, sich in das Weibsbild, die sogenannte Prinzessin Solms zu verlieben?«
Signor Camillo zuckte die Achseln während sein Gefährte vor Lachen schütterte.
»Nun - ehrlich gestanden, ich fürchte von dieser züricher Conferenz grade so viel, wie von dem neuen Congreß, den der Kaiser Napoleon ausschreiben will, - beide haben keine innere Wahrheit!«
»Nimm Dich in Acht, Camill, was Du da sagst. Verträge werden geschlossen, um gehalten zu werden, mein Freund!«
»Oesterreich hat noch nie einen Vertrag gehalten, außer wenn es zu seinem Vortheil war. Bleibt Sardinien auf der Stufe stehen, auf der es sich befindet, so haben wir in Zeit von zwei Jahren Mailand und die Lombardei eben so wieder verloren, wie wir sie jetzt gewonnen haben. Nizza und Savoyen werden geopfert für die Einigung des andern Italiens. Daß der Kaiser Napoleon sich von der Aktion zurückzieht, ist erklärlich, der gezahlte Preis gilt auch blos für das Zusehen. Sobald in Preußen ein Staatsmann an's Ruder kommt, der sich nicht vor der nationalen Idee scheut, sondern, statt sie als Rebellion und Hochverrath zu betrachten, sich ihrer bemächtigt, werden wir an Preußen unseren besten Bundesgenossen haben, denn was Rom für Italien, ist Wien für Deutschland, Beulen im Fleisch!«
»Bleib' mir mit Rom vom Halse! ich sage Dir, am Felsen Petri wirst Du Dir die Zähne ausbeißen!«
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»Wir sind noch nicht so weit. Das Glied, das man abbindet vom Ganzen, erstirbt von selbst. Der kluge Mann an der Seine, der am Napoleonstage seinen Parisern mit den zwei eroberten österreichischen Fahnen Sand in die Augen gestreut hat, wird finden, daß er sich schwer geirrt mit dem Glauben, Italien als sein Mündel behandeln zu können. Ich bin deshalb gegangen, um - um dem König und einem neuen Ministerium freie Hand wieder zu geben. Die Dinge kommen uns von selbst. Haben - haben Sie die Nachrichten über den Aufstand der schweizer Regimenter in Neapel?«
»Vom 13. Dieser Bourbon muß mit Blindheit geschlagen sein! Seine besten Truppen zu ruiniren wegen eines albernen Streites, der ihnen die Cantonwappen von den Fahnen nehmen will!«
»Nach den Nachrichten, die ich erhalten, waren sechszig Schweizer gefallen, 290 sind von der Gamarilla auf die Galeere geschickt worden. Am 19ten hat Ratazzi die offizielle Anzeige auf meinen Rath an den Schweizer Bundesrath vermittelt, und in 8 Tagen wird allen Cantonen offiziell von der Regierung jede Werbung für Rom und Neapel untersagt sein!«
»Das ist allerdings ein Schachzug!«
»Recapituliren wir die jüngsten Ereignisse. Am 9ten sind die Bevollmächtigten in Zürich zu den Friedensverhandlungen zusammengetreten und schon die nächsten Tage haben gezeigt, wie man diesen Frieden ansieht. Toskana hat am 16ten die Ausschließung der lothringischen Dynastie und die Einverleibung in das künftige Königreich
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Italien beschlossen, Farini haben wir am Tage darauf von Modena nach Parma geschickt, um die Dictatur zu übernehmen, bis die Einverleibung erfolgen kann.
Modena hat sich am 21ten erklärt, und mit Toskana, Parma und der Romagna das Schutz- und Trutzbündniß gegen Oesterreich und den Papst geschlossen, und der einzige Schachzug, den dafür Graf Rechberg gegen uns hat thun können, ist, daß er den jungen Metternich als Gesandten nach Paris schickt!«
»Du liebst ja die emancipirten Weiber!«
»Nur in die Politik dürfen sie mir nicht pfuschen! Ganz Ober-Italien gehört also uns. Da General Garibaldi das Kommando der vereinigten Truppen des mittelitalienischen Bundes übernommen hat, wird es keinen Anstand finden, daß unsere Soldaten bei der ersten Gelegenheit Parma oder Modena besetzen. Dann möge einer der Königlichen Prinzen, z. B. Prinz Carignan von der Regierung der Emilia zum Regenten ernannt werden.«
»Der Kaiser wird Einsprache thun!«
»Gewiß, aber was schadet das? Der Prinz lehnt ab und überträgt die Regentschaft dem sardinischen Gesandten. Nach und nach wird - immer auf Verlangen des Volks, die sardinische Verfassung eingeführt und da der Kaiser Napoleon nicht umhin können wird, vor den Augen Europas die Komödie einer Volksabstimmung in Nizza und Savoyen aufzuführen, über die ich mich bereits mit Pietri verständigt habe, so wiederholen wir die Posse in Toskana und der Emilia, alle österreichischen Einsprüche sind damit aus
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dem Sattel gehoben und - das Königreich Italien erwartet seinen Herrn!«
»Ola! ola! Du reitest im Galop guter Freund! Aber in der That, an Dir ist ein Balletmeister verdorben. Den Teufel auch, wie Du die Figurinen bildest und die Figuranten tanzen läßt. Mann, ich muß mit Nigra sprechen, daß er Dir einstweilen die Stelle giebt. Nur Eines thu' mir dabei zu Gefallen!«
»Und das wäre?«
»Ziehe den Figurantinnen nicht auch grüne Tricots an, wie sie in Neapel thun!«
Signor Camillo mußte unwillkürlich lachen. »Ich verspreche es Ihnen, übrigens werden Sie schon selbst dafür sorgen, so weit es Ihro Excellenza die Frau Gräfin Fiora erlaubt!«
»Mensch, Du wirst wieder impertinent! - Aber um Ernstes zu sprechen, Du hast in Deinem Calcül zwei Hauptfactoren vergessen, Neapel und Rom.
»Ich habe Nichts vergessen, nur braucht es mehr Zeit, als wir in den Herzogthümern nöthig hatten. Nehmen wir zuerst Neapel.«
»Wohl! ich höre Dich.«
»Die innern und äußern Zustände sind dort bereits unerträglich. Die neapolitanischen Bourbonen stehen ganz isolirt. Spanien hat mit sich selbst zu thun, nöthigenfalls können wir den Carlisten einen Wink geben; Oesterreich ist durch England und Frankreich in Schach gehalten. Ich habe die bestimmte Zusicherung Lord Russels, daß England keine Einmischung in die Ordnung der innern
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Frage Italiens dulden wirdi!- Bei erster Gelegenheit wird es den europäischen Kabineten in der Anerkennung des status quo vorangehen.«
»Sprich ehrlich, was hast Du dafür bezahlt?«
»Sie scheinen die Engländer gut zu taxiren!«
»Der Teufel auch! kann es eine offenkundigere Gemeinheit geben, als die Antwort, die der Minister Wood vor drei Wochen dem Anti-Opium-Verein auf seine Bittschrift um Abstellung des Opiumhandels gegeben hat, den selbst Metternich und Montalembert einen Schandfleck auf dem Wappen Englands genannt haben? Wood erklärte, der Opiumhandel sei den englischen Kaufleuten unentbehrlich. Die lieben Chinesen sollten sich gewöhnen, das Opium nur mäßig zu genießen, dann sei es ihnen unschädlich!«
»Nun - der Schwefel ist eine andere Opiumfrage! - Die Regierung des künftigen Königreichs Italien braucht sich nur zu gewissen Concessionen für die Schwefelgruben und die Ausfuhr in Sicilien verbindlich zu machen, und die englische Presse, also die öffentliche Meinung wird wie ein Mann zu uns stehen.«
»Aber - nimm es nicht übel, Freund Camillo - könnte dieser würdige englische Leoparde nicht Lust bekommen, bei der Gelegenheit selbst das ganze Sicilien zu verschlucken?«
»Frankreich würde es nicht zugeben. England ist in diesem Augenblick voll von der Befürchtung einer französischen Invasion und diese Furcht hat sich bis zum Lächerlichen gesteigert, da man sich sehr wohl der augenblicklichen Schwäche bewußt ist. Die französische Flotte ist bereits
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durch die Anstrengungen des Kaisers mindestens der britischen gewachsen, und während sie scheinbar entwaffnet wird, werden die Seerüstungen im Stillen fortgesetzt. England hat während des indischen Krieges 123,000 Mann nach Ostindien senden müssen, ist gegenwärtig ziemlich wehrlos und muß in jeder Weise einen Conflikt mit Frankreich vermeiden. Diese Schwäche erhält uns Sicilien bei der bevorstehenden Umwälzung.«
»Aber warum benutzten wir alsdann nicht den günstigen Zeitpunkt zur Beeilung des Ausbruchs?«
»Weil wir eben eine gewisse Wiedererstarkung Englands dazu brauchen, die in etwa Jahresfrist vollzogen sein wird.«
»Ah - ich danke Dir für diese Lection in der höheren Politik.«
»Die öffentliche Meinung in England und Frankreich kann es Neapel nicht vergessen, daß es die Coalition gegen Rußland im Krimkriege weigerte. Rußland würde in der That die einzige Stütze für Neapel sein und der Charakter des Kaisers Alexander in der Art, daß man sich einer activen Einmischung von ihm versehen könnte, wenn zur Zeit der Entscheidung das Petersburger Kabinet seine Augen nicht nach einer andern Seite würde richten müssen.«
»Bitte, sprich nicht in Räthseln, Graf.«
»Das ist sehr leicht gethan; die polnische Propaganda ist im Stillen wieder in voller Bewegung. In Turin allein leben 40 Mitglieder derselben. Rußland wird vollständig Beschäftigung haben und aus diplomatischen Demonstrationen brauchen wir uns Nichts zu machen.«
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»Gut - das wären die äußeren Verhältnisse. Aber nun die inneren.«
»Ich habe vor fünf Tagen eine Zusammenkunft mit General Garibaldi und Crispi gehabt. Ich wollte wissen, wie weit wir dem Briefe Mazzini's zu trauen haben. Hier ist in kurzen Worten das Resultat.«
Der Herr von Villafrana hatte sich in seinen Lehnsessel zurückgelegt, das wüste, wilde Wesen war jetzt aus seiner Miene verschwunden und hatte einer ernsten würdigen Aufmerksamkeit Platz gemacht.
»Ich habe Ihnen bereits früher ausführlich dargelegt« fuhr Signor Camillo fort, »in welche drei Parteien augenblicklich Italien gespaltet ist. Die eine ist die der unbedingten Republikaner, das heißt die Partei des Herrn Mazzini, die von einem socialen und politischen Utopien schwärmen, seit 20 Jahren vom Schaffot und Galeere bedroht werden, und doch als unermüdliche nicht zu vertilgende Maulwürfe der großen National-Idee das Feld geackert haben.«
»Die zweite Partei ist die der Camorra, das heißt der Egoisten, sei es in der Form von Anhängern des Königthums oder der Religion; denn Sie wollen mir erlauben, dem Herrn von Villafranca eine zweite politische Lection zu geben, indem ich ihn darauf aufmerksam mache, daß es heutzutage nur sehr wenige Royalisten aus Anhänglichkeit an die Person oder die Legitimität giebt, sondern daß die meisten der Monarchie und der Kirche nur anhängen, weil sie darin mehr Vortheil sehen als in der Republik.«
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»Betrübend, aber wahr!«
»Die dritte Partei endlich sind die sogenannten Nationalen, das heißt, die Leute, welche ein patriotisches Herz haben für die Entwickelung ihres Landes zur Größe und zu freien, zeitgemäßen Zuständen seiner Bewohner; welche nach Kräften dafür wirken, ohne daß ich behaupten will, daß ihre Mittel immer die besten und richtigsten sind.«
»Dazu gehören wir Beide!«
»Einverstanden. Ich bin mit ganzem Herzen Italiener und wünsche Italien groß und frei zu sehen. Dies ist nur in Form eines mächtigen Gesamtstaates möglich unter einer festen Hand, nicht unter dem Flickwerk von Republiken, das um Nichts besser sein würde, als die bisherige dynastische Zerstückelung. Das Recept des Kaisers Louis Napoleon eines Staatenbundes unter dem Vorsitz Sanct Peters, ist eine Farce, kaum ernstlich gemeint, obschon der Gedanke ihr zu Grunde liegt, Italien ohnmächtig zu erhalten. Das Werk der nationalen Einigung ist nur durch das Königthum Sardinien möglich. Der piemontesische Character hat den Ernst und die Zähigkeit, das Feuer des Südens in richtige Bahnen zu leiten und der bisherigen Versunkenheit und Schmach ein Ende zu machen. Deshalb bin ich nicht nur Italiener, sondern auch fester Monarchist.«
»Das heißt ein constitutioneller!«
»Mag sein, jedenfalls kein Republikaner. Der italienische Charakter neigt zu Conspirationen. Um des großen Zweckes willen müssen wir diese Richtung benutzen. Der Brief des Herrn Mazzini verlangt nur, daß man ihm
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vorläufig freie Hand läßt. Er sagt: Den Süden zu revolutioniren ist leicht, wenn man es nur will. Ich verlange nicht, daß Piemont in erster Linie vorgehe, und die Initiative ergreife. Die Initative werden wir ergreifen. Er verlangt die Versicherung: daß General Garibaldi jenseits der gegenwärtigen Reichsgränzen hinsichtlich seiner Handlungen die stillschweigende Billigung Piemonts für sich habe, daß er dessen Mitwirkung erhalte, wenn Oesterreich oder die andern Mächte zwischen den Italienern und ihren bisherigen Herren interveniren wollen. Mit andern Worten, er verlangt, daß wir die Bildung von Freischaaren gestatten, mit denen General Garibaldi die Revolution in Sicilien, in Neapel und in Rom zum Ausbruch bringen will, und verspricht dafür die Annection von ganz Süd-Italien an Piemont. Geheime Klauseln sind Geld, Waffen und taktische Unterstützung.«
»Aber wie vereinigst Du diesen Vorschlag mit dem starren Republikanismus des Signor Mazzini?«
»Es ist die Kunst der Politik, wie unser großer italienischer Meister derselben viel zu offen ausgesprochen hat, daß Einer den Andern betrügt, daß der Eine die Kastanien aus der heißen Asche holt und der Andere die Frucht genießt. Wenden Sie den Satz auf die gegenwärtige politische Lage Italiens an. Zwei Spieler stehen einander gegenüber. Der Republikaner Mazzini und der König Vittorio Emanuele. Beide wollen den Herrn Garibaldi und einander benutzen, die Kastanie des einigen Italiens aus dem Feuer zu holen. Oder glauben Sie etwa nicht, daß Herr Mazzini überzeugt ist, sobald man
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ihn nur hat Sicilien und Neapel von den Bourbonen befreien lassen, den Piemontesen ein Schnippchen schlagen und die Republik trotz aller Versprechungen proklamiren zu können?«
Der Herr von Villafranca lachte herzlich. »Gewiß glaube ich das. Wir würden es nicht anders machen!«
»Das wollen wir auch nicht! Darum soll General Garibaldi alle mögliche geheime Unterstützung haben, Sizilien und Neapel mit Freischaaren zu nehmen. Aber die königlichen Truppen und die königlichen Beamten sollen ihm auf der Ferse folgen unter der Erklärung, Ordnung stiften zu müssen, und wir werden dann die Kastanien haben, ehe Herr Mazzini Zeit gehabt, seine Republik zu constituiren. Haben wir aber erst Fuß gefaßt, dann mögen die Republikaner ihrer Wege gehen, wenn sie nicht auf den Weg gebracht werden wollen.«
»Unser Soutien wird ohnehin nöthig sein, da die Freischaaren doch nur aus Gesindel bestehen, das einer geordneten Armee nicht gewachsen ist.«
»Ich komme sogleich auf diesen Punkt und will nur noch anführen, daß die neapolitanische Armee nach der thörichten Auflösung der Fremden-Regimenter meist kein Haar besser ist, als die künftigen Freischaaren. Crispi und Liborio Romano übernehmen die Verhandlungen. Es wird 8 bis 10 Millionen kosten, um die Offiziere der neapolitanischen Armee und der Flotte zu bestechen, aber sie werden bestochen sein, ehe ein Jahr vergangen ist. Die eigenen Verwandten des König Franz werden uns helfen, denn sie hassen ihn.«
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»Es ist eine ziemlich schlechte Handlungsweise für einen ehrlichen Mann« sagte kopfschüttelnd der Herr von Villafranca, »und ich gestehe Dir, ich persönlich will Nichts damit zu thun haben. Ich jage lieber die Steinböcke und die Mouffles in den Alpen. Wann soll die Expedition Garibaldi's stattfinden?«
»Nicht vor dem nächsten Frühjahr oder Sommer; ich erwähnte bereits, daß man England erst Zeit lassen und daß die Presse mit ihrem Nothschrei über das Elend Italiens erst gehörig auf die öffentliche Meinung wirken muß. Oeffentliche Meinung! Lieber Himmel, welche käufliche Allerweltsmetze! - Zunächst muß, sobald die Verhältnisse in der Emilia geordnet sind. General Garibaldi das Kommando der vereinigten mittel-italienischen Armee niederlegen, um einem der Unseren Platz zu machen, und freie Hand für Organisation des Einfalls zu gewinnen.«
»Pest und Doria, es wird heidenmäßig Geld kosten!«
»Man wird eine Nationalsammlung veranstalten für die Anschaffung einer Million Gewehre. Revolutionen sind einmal nicht billig. Für was sind am Ende die Kirchengüter da?«
»Apropos Kirchengüter! Mit Neapel wären wir fertig. Nun kommt Rom, die schlimmste Kastanie. Ich sage Dir, Herr Camillo, an dem tarpejischen Felsen Petri hat sich schon Mancher den Schädel eingerannt.«
»Darum eben, wenn wir nicht zum Felsen Petri kommen können, müssen wir ihn zu uns kommen lassen. Die Romagna haben wir, Umbrien und die Marken müssen folgen. Dann haben wir einen Landweg nach Neapel, den
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wir brauchen, um uns mit der Revolution von Süden her ein Rendezvous zu geben. Denn ich gestehe allerdings, an Rom können wir uns jetzt nicht wagen, so lange es den Herrn Franzosen beliebt, sich dort sehr lästig zu machen!«
»Den Teufel - so willst Du also wirklich den heiligen Vater berauben? Du bist ein Heide, Camillo, und wirst noch in den Kirchenbann gethan werden!«
»Letzteres kann höheren Leuten, als ich bin, passiren« sagte lachend der angebliche Gutsverwalter. »Ich will auch die heilige Kirche nicht berauben, sondern nur von Auswüchsen beschneiden, die sie von ihrem wahren Beruf abhalten. Das Kardinals-Kollegium soll sich mit geistlichen Dingen beschäftigen, nicht mit weltlichem Regiment. Die Christenheit braucht eine Kirche, nicht einen Kirchenstaat, Schon wenn wir Seiner Heiligkeit dem Papst Pius IX., der in Wahrheit vor 12 Jahren die ganze neue italienische Bewegung angestiftet hat, nur das Stadtgebiet Rom lassen, obschon die ewige Stadt besser die Hauptstadt des neuen Königreich Italien wäre, werden die Herren Garibaldi und Mazzini wenig damit zufrieden sein. Uebrigens ist die Wirthschaft im Kirchenstaat wirklich eine heillose und der Wunsch der Bevölkerung nach einer Aenderung in der That vorhanden. Rom ist durch und durch revolutionirt, die Geheimbünde haben trotz aller päpstlichen Polizei dort ihren Sitz. Die Associazone dell Alta Italia, die unser Geschäftsträger Marchese Migliorati vor 3 Jahren dort gründete, hat sich jetzt mit der Massoniera, der Carbonaria, der Giovile Italia und der Italia del Popolo verschmolzen,
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und selbst General Goyon kann die Erhebung nicht aufhalten, wenn wir sie wirklich wollten.«
»Wir haben keinen Anlaß, weiter zu gehen, wenn man uns nicht heraus fordert!«
»Aber man wird es thun. Kardinal Antonelli ist ein harter Kopf und wird nicht in ein gütliches Aufgeben der Romagna willigen. Ich habe zuverlässige Berichte, daß Merode an die Bildung einer päpstlichen Armee denkt und Werbebüreaus in Oesterreich, an der Schweizer Gränze und am Rhein errichtet werden sollen. Die französischen und belgischen Legitimisten schwärmen dafür, es wird auch an Deutschen nicht fehlen, denn man will aus dem Verlust der weltlichen Herrschaft ein Martyrium machen und ruft die Religion zu Hilfe, die auswärts mehr gilt, als zu Hause. Die Kirche bedarf keiner weltlichen Armee, und wenn sie sich eine solche schafft, tritt sie in die Reihe der gewöhnlichen Staaten, die wir das Recht haben, zu bekämpfen um des großen Zweckes willen.«
Es folgte eine Pause, der Herr von Villafranca schien nachzudenken, bevor er eine Antwort gab.
»Höre, Graf« sagte er endlich, »ich bin ein guter Soldat und Jäger, aber ein ziemlich schlechter Politiker. Dennoch möchte ich Dir für die vorigen Lectionen einen guten Rath geben. Sei zufrieden mit dem, was Du bereits erlangt hast und laß dem Stuhl Petri den Rest. Weibern und Pfaffen ist nie zu trauen, sie sind unberechenbar. Ich fürchte, ich fürchte, wenn man der Mutter Kirche zu sehr ihren Brautschatz beschneidet, könnte sie auf schlimmere Dinge kommen, als einige unzufriedene Carbonari's in die
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Engelsburg zu sperren, oder für die Nonnenklöster das Privilegium einer Hebeammenanstalt zu reserviren. So lange die Herren im rothen Hut ihr Stück Italien zu regieren haben, werden sie sich mit dem Zank darum begnügen; nimmt man es ihnen aber, so könnten sie leicht einen Zank der Geister anfangen, der die ganze Christenheit in Brand setzt. Wenn auch die Bannflüche keine Kraft mehr haben, Concile und Dogmas haben sie immer noch!« Der Graf Camillo schien betroffen von dieser Bemerkung. »Wir müssen es darauf hin ankommen lassen« sagte er endlich. »Wir müssen eine Verbindung zwischen dem Norden und Süden wenigstens an der östlichen Küste haben. - Aber ich höre Schritte im Corridor - man kommt, Euch zu rufen. Darf ich die Versicherung mit nehmen, daß der Herr von Villafranca morgen diese - grade nicht sehr passende Villeggiatura aufgeben wird? Ich wage nicht einmal, von persönlicher Gefahr zu sprechen.«
»Unsinn! ich denke Du kennst mich. Ich gebe Dir mein Wort, in 24 Stunden in Turin zu sein.«
»Und die schwarzen Augen der Signorina Theresa werden kein Hinderniß werden?«
»Jetzt ist es genug, jetzt packe dich, Hofmeister. - Kommt herein Bursche und krebst nicht da an der Thür umher. Ich kann die Horcher und Schleicher nicht leiden!
Die Thür ging auf und Meister Legroni trat ein.
»Es ist Zeit gnädiger Herr, die Muli stehen gesattelt und der Andrea ist bereit.«
»Habt Ihr das Fell mitgebracht?«
»Es hängt draußen an der Thür Excellenza!«
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»Nun dann gute Nacht Camillo, da Du doch nicht bleiben willst. Ich bin müde und will schlafen. Vergiß Nicht, was ich Dir über die Pfaffen gesagt. Gute Nacht!«
Signor Camillo ging!


Dies Señores war die Unterredung - ich würde sie Ihnen nicht zum Besten gegeben haben, wenn alle die Worte nicht längst als Thatsachen der ganzen Welt bekannt wären. Es fehlt in der That nichts mehr daran, als die Revange der Kirche und ich möchte darauf wetten, daß sie auch kommen wird zur gehörigen Zeit.
»Es bleibt mir nicht viel mehr zu erzählen übrig. - Als Signor Camillo fortgeritten war, schien Alles in dem alten Gebäude zur Ruhe zu gehen, und es ließ sich wohl eine Stunde lang kein Laut hören.«
Dann kam es mir vor, als schlüpfte und raschelte es in dem alten dunklen Klostergang, und als taste es an der Thür meiner Zelle.
Aber meine Thür war mit einem guten Nachtriegel gegen alle Gespenster geschützt. Mein Nachbar schien nicht so vorsichtig gewesen zu sein - ich hörte seine Thür sich öffnen, - doch Caramba! was kümmern mich die Spukgeschichten der alten Klöster, mögen die Geister der Mönche oder der Nonnen darin umherwandeln und sich noch einmal auf der Oberwelt amüsiren, wie die schöne Helena mit Herrn Robert von der Normandie im Kloster der heiligen Clara zu Palermo.
Genug - am andern Morgen war ich zeitig auf, und holte meinen wackern Banditen aus den Federn. Wir
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sattelten selbst unsere Thiere, ich legte Herrn Legroni, der noch von seinen splendiden Gästen träumte, ein passendes Stück Geld auf den Tisch und war im Begriff, französischen Abschied zu nehmen, als das hübsche Gesicht Theresa's in der Pforte erschien.
Es hatte einen ganz merkwürdigen Ausdruck, als sie zu mir trat und mich frug, wohin wir schon so zeitig aufbrechen wollten.
»Fort, schönstes Alpenröschen - zunächst nach Nizza und dann so rasch als möglich nach England, wo die Ketzer wohnen und man Füchse hetzt und Fasanen schießt, aber kein so gefährliches Wild, wie die Steinböcke!«
»Wie Signor Giovanni, Sie wollen im Ernst uns verlassen?«
»Gewiß Signora?«
»Und die Ursach'?«
Ich beugte mich zu ihr und sagte ihr einige Worte in's Ohr, damit sie der würdige Herr Sta Lucia nicht hören möge.
Ich denke noch an den Blick, den die schöne Theresa mir zuwarf. Mit dem Sprung einer Tigerin war sie zurück über die Schwelle, und ich hatte kaum Zeit, mich auf mein Maulthier zu werfen und meinen Reitstock zu gebrauchen, als sie am offnen Fenster der Gaststube erschien, den über dem Kamin hängenden Stutzen ihres würdigen Papas in der Hand. - Im nächsten Augenblick krachte der Schuß und die Kugel riß eine Ecke von meinem Gebirgshut. Ich hielt mich jedoch nicht auf, ihn repariren zu lassen, sondern jagte, was mein Muli laufen wollte,
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den Bergabhang hinunter, gefolgt von dem tapfern Corsen, der - obschon an Flintenschüsse gewöhnt - sehr erstaunt war über diese Art der Verabschiedung.
»Das, Señores, war meine Bockjagd in den Alpen!«
Der junge Caballero schwieg und steckte sich eine Cigarre an, ohne anscheinend darauf zu achten, daß die Gesellschaft aus verschiedenen Gründen sich wenig befriedigt von seiner Geschichte zeigte.
»Señor Conde« sagte endlich der Hausherr, »ich will Sie als Gast nicht beleidigen, aber ich sollte meinen, der Graf von Lerida, Ihr Vater, würde nicht gesäumt haben, dem armen Bourbon in Neapel einen Wink zu geben von dem schändlichen Anschlag gegen seinen Thron.«
»Und es würde ein christlich gottseliges Werk gewesen sein« meinte salbungsvoll der Padre, »wenn Sie die heilige Kirche durch Ihre Warnung vor der Beraubung durch die Ketzer gerettet hätten!«
Don Juan sah die beiden Sprecher höchst unbefangen an. »Was wollen Sie, Compadre! Ich habe mit meinen Angelegenheiten genug zu thun, um mich noch in Dinge zu mischen, die mich Nichts angehn. Ueberdies bin ich nicht gewohnt, Geheimniß[ss]e Anderer zu verrathen, die ich auf solche Weise gehört! Jeder folgt seiner Natur!«
»Und haben Sie Nichts wieder von der schönen Theresa gehört?« frug der spanische Oberst.
»Gewiß Señor Coronel. Noch vor ganz Kurzem drüben
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in Frankreich. Man hat mir sogar vorgeworfen, daß die hübsche Theresella sich um meinetwillen das Leben genommen hätte, bloß weil sie am zweiten Morgen aus der Osterie ihres Vaters verschwunden war.«
»Und ist dem wirklich so?«
»Quien sabe! Wenn ich nächstens nach Piemont komme, hoffe ich der Marchesa Villamarina meine Aufwartung machen zu können und mich für die Enthaltsamkeit jener Nacht zu entschuldigen.«
»Wir haben in der That Ihre Tugend bewundert, Señor Don Juan« sagte lachend der Prinz.
»Ich bin es gewohnt verkannt zu werden! doch ich vergaß noch hinzuzufügen, daß Signor Legroni, der würdige Ostiere außer seiner Tochter noch eine blutjunge Nichte in seinem alten Nest hatte, die ganz allerliebste Donzella Cecca11, und daß ich unmöglich meine Thür hätte den Gespenstern offen lassen können, ohne sie zu compromittiren!«
Der Padre war der Einzige, welcher lachte.


»Und nun, werther Freund« nahm der Oberst wieder das Wort, indem er sich an Kapitain Welmore wandte, »wäre die Reihe an Ihnen, uns eines Ihres Jagdabenteuer zum Besten zu geben.«
Der Engländer zuckte die Achseln. »Was könnte ich Ihnen von meinen indischen Tiger- und Elephanten-Jagden erzählen, was Sie nicht in den Feuilletons schon
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zehn Mal interessanter gelesen hätten!? - Aber halt - mir fällt ein, daß wohl schwerlich Einer von Ihnen schon im höchsten Norden gejagt hat!«
»Wie jetzt mein werther Vetter bei Kamschadalen und Eskimo's! Prrr! ich danke, ich liebe Wärme und Sonnenschein!«
»Nun Mylord« sagte der Engländer, - »den Sonnenschein würden Sie dort vielleicht weniger vermissen, denn in den Gegenden, von denen ich spreche, sinkt die Sonne ein viertel Jahr lang nicht unter dem Horizont.«
»Sie haben also eine Polar-Expedition mitgemacht?« frug der Oberst. »Das ist das Erste, was ich höre, mein Freund!«
»Nicht so ganz, obwohl ich dem Pol ein hübsches Stück näher war als hier. Aber vielleicht hat meine kleine Geschichte aus anderen Gründen einiges Interesse für Sie. Haben Sie schon einmal von den wandernden Seelen lebender Menschen gehört?«
»Die Seele wandert in der Phantasie und im Traume über Länder und Meer.«
»Das ist es nicht, wovon ich spreche. Ich meine, eine förmliche zeitweise Trennung der Seele vom Körper, wobei der letztere leblos zurück bleibt, während die Seele als besonderes körperloses aber wahrnehmbares Wesen sich in weite Ferne begeben und Menschen und Dinge dort sehen kann!«
»Zum Teufel - das klingt ja schaurig! Sind Sie vielleicht ein Anhänger von dem Possenreißer Home, dem
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Vertrauten meines sehr klugen Vetters, des Kaisers?« sagte der Prinz.
»Ich habe Herrn Home nie gesehen. Ich kann Ihnen bloß mit den Worten meines Landsmanns Shakespeare im Hamlet antworten: Es giebt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen Deine Weisheit, Horatio, sich Nichts träumen läßt. Die Sache, auf die ich anspiele, mag außerhalb Ihres Landes wenig bekannt sein, aber in Schweden und Norwegen kennt man sie wohl.«
»Ich erinnere mich,« mischte sich der Marques zum ersten Mal in das Gespräch, »daß Herr von Persigni erzählte, es sei einmal zur Zeit als er Gesandter in Berlin war und mit einem norwegischen Bischof - ich glaube von Drontheim - an der Tafel des Königs von Preußen in Sanssouci speiste, davon die Rede gewesen, und der Bischof, ein alter ehrwürdiger und hochgebildeter Mann, habe erklärt, daß es im hohen Schweden Personen gebe, welche allerdings die somnambüle Kraft hätten, ihre Seele vom Körper zu lösen und in beliebige Ferne zu senden.«
Der Aberglaube des Basken ist sehr groß; der alte Bärenjäger und seine Landsleute rückten näher. »Erzählen Sie Señor Capitan, das wird uns besser belehren, als alle die ketzerischen Spöttereien. Ich bin auf meinen Reisen nie so hoch nach Norden gekommen, wo die Welt im Eise untergeht, aber ich habe seltsame Dinge davon vernommen.«
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»Auch wir bitten darum, Herr Kapitain,« fügte der Graf bei.
»Wohlan denn, so will ich Ihnen von meinem Jagdausflug nach Norwegen erzählen« sagte der englische Offizier, »und mein Abenteuer nennen:

Das Seelenwandern.

»Es sind jetzt vier Jahre her als ich von meiner Station im brittischen Guiana abgelöst wurde. Das Klima ist dort ein so schlimmer Feind, daß ich mich gezwungen sah, für ein Jahr Urlaub zu nehmen, um meine trotz aller Mäßigkeit und steter Bewegung sehr angegriffene Gesundheit wieder herzustellen, und ich nahm die Einladung meines Bruders des Baronet an, auf seinem Schloß in Northumberland diesen Urlaub zuzubringen.
Die stärkende reine Luft der Cheviot Gebirge übte eine so wohlthätige und anhaltende Kraft, daß ich schon nach einem halben Jahr mich völlig wieder hergestellt fühlte, und da in England die Jagdsaison noch nicht eröffnet war, kam ich auf den Gedanken, einmal eine Fahrt nach dem hohen Norden zu unternehmen und mir das dortige jagdbare Gethier, wie Wölfe, Bären, Seehunde, wilde Rennthiere, Luchse, vor Allem die berühmten Vogelberge anzusehen. So schiffte ich mich denn in Leith auf
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einem Schooner ein, der nach Drontheim segelte, half mir von dort mit allerlei Gelegenheiten weiter und ruhte nicht eher, als bis ich das Nordcap besucht hatte.«
»Ist das nicht die nördlichste Spitze von Sibirien?« frug mit der geographischen Naivetät der Franzosen der kaiserliche Ordonnanz-Offizier.
»Nicht so ganz! es ist die nördlichste Spitze der norwegischen Insel Magerö und somit die nördlichste Spitze Europas.«
»Bitte Señor« sagte der Baske, »erzählen Sie uns davon. Es muß verteufelt kalt dort sein.«
»Well! Ich hatte in Hammerfest ein Boot mit vier Ruderern gemiethet, um beim ersten günstigen Wind die Inseln zu passiren, die hier in dichtem Gewirr fast eine an die andere stoßen und ein Bild von Zerrissenheit der Küste geben, wie ich es nirgends gefunden habe.
Sie haben wahrscheinlich oft von der Masse der Wasservögel aller Art gehört, die diese Inseln bevölkern und auf ihnen ihre Brutplätze haben; aber alle Beschreibung verschwindet gegen die Wirklichkeit, wo der Eindringling in diese Einöden buchstäblich mit jedem Schritt auf Nester tritt, wo jede Bewegung Wolken von Vögeln in die Höhe scheucht, deren Massen den Tagesschein verdunkeln.
Das ist keine Jagd mehr, das wäre ein Morden, und höchstens der Naturforscher findet da ein Feld für seine Flinte.
Jenseits Maasö hört diese Inselwelt auf, das Boot tritt in das offene Meer. Bald bemerkt man die
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drei Spitzen von Staggen, die sich gleich Obelisken aus dem Meer erheben, und deren mittlere ein heiliger Ort für die Lappen ist, ein Tiorfwigardi, in dessen Hörnerkreis sie dem Tiermes, ihrer Hauptgottheit opfern, der den Aijekewetschera, den Hammer führt über die Welt, und mit seinem strahlenfarbenen Bogen Aijeke Dauge12 die Menschen und die untergeordneten Götter beherrscht.
Obwohl das Christenthum bis in diese entfernten Gegenden jenseits des Polarkreises gedrungen ist, und auf Maagö für die wenigen dort hausenden Familien eine Kirche stand, obschon von König Magnus I. im Jahre 1275 an - später durch Gustav Wasa, Karl IX. und Christian IV. von Dänemark viel für die Bekehrung der Lappen geschah, oft leider mit Blut und Gewalt, hat im höheren Norden doch noch heute das Heidenthum seine zahlreichen Anhänger, selbst der Bekehrte begnügt sich höchstens mit den Ceremonien der Taufe und Trauung und hört mehr auf die Wahrsagungen seiner Zauberer und Noaiden, wenn sie die Ringe der Arga auf den Guobdas schlagen, als auf die Stimme der seltenen Wanderprediger.
Louis Philipp unternahm im Jahr 1795 eine Reise nach dem Nordcap und brachte dabei eine Nacht bei dem Sakristan auf Maagö, eine andere bei einem Fischer in Staggen zu. Die Wogen des unerforschten Eis-Oceans donnerten sein Nachtlied. Noch jetzt, nach mehr als fünfundfünfzig Jahren erinnerten sich alte Leute aus ihrer Kindheit des fremden Herrn, dem eine alte Nordländerin, der
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er einen Almosen gab, gesagt hatte: »Die Leute in unserem Lande halten Dich für einen Reisenden gewöhnlicher Art, ich aber weiß, Du bist größer als der Vogt und der Amtmann, ja selbst als der Bischof von Trondjem. Du bist ein Prinz und gedenke dessen, was die alte Brite Dir sagt, Du wirst noch ein König sein!«
Ob sie ihm auch gesagt, daß er in der Verbannung sterben werde, weil er zu wenig König war, weiß ich nicht!
Dem kleinen Eiland Staggen gegenüber liegt die felsige Küste der Insel Magerö, deren äußerste Spitz das Nordcap ist.
Es war zu Ende Mai, als wir Gjestvär, die einsame kleine Ansiedelung eines Händlers an einem Fjord erreichten, der mit den wenigen russischen Küstenschiffen, die im Juni erscheinen, und im September davon eilen, einen Tauschhandel in Pelzwerk, Thran, Branntwein, Leder und Zwirn treibt, während die andern acht Monate des Jahres die Familie nur die Stürme, das Eis und die Nacht zu ihren Genossen hat.
Ich ruhte einige Stunden in der Hütte des Händlers, bis um Mitternacht sich wieder die Sonne über dem Horizont hob und die Nebel zerriß. Das Meer, die Felsen lagen in weiter Ausdehnung vor meinen Augen - gleich einer Riesenmauer wie die Basaltwände der Orkney's stieg das Gestade der Insel zu unserer Rechten in die Höhe, als unser Boot vor dem starken West an ihnen entlang trieb. Auf der Höhe weder Strauch noch Gebüsch zusehen, nicht ein Grashalm, während um den Fuß die Brandung tobt und hochauf ihren weißen Schaum schleudert, selbst
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wenn kein Wind die weite Fläche bewegt. Vor dem Auge Alles schwarz, das Meer, die Felsen und die Höhlen, welche der Andrang der See seit Jahrtausenden in die Bergwände gerissen hat.
Nirgends ein Segel, nirgends eine Spur von Leben - - nur die Möwe strich über uns hin und der schwarze Pelikan reckte seinen Hals von der Spitze der Klippe, zu sehen, wer die Eindringlinge in sein einsames Reich wären.
Mehr als zwei Stunden fuhren wir an diesen Felsenwänden hin, dann zeigte mir der Lootse den an 1000 Fuß hohen, weit in die See hinein ragenden Vorsprung - es war das Nordcap.
Es glich einem gigantischen Thurm, an dessen Mauern die Wogen des Feindes sich brechen. Und Feinde waren diese Wogen, die fort und fort flutheten gegen das Bollwerk, ohne es vernichten zu können. In einer kleinen Bucht auf der Ostseite des Vorsprungs landete unser Boot und ich suchte den Weg zu der einsamen Höhe.
Oede und Einsamkeit überall - im Brausen der Brandung verhallt die schwache Stimme des Menschen. Aber wie Gott oft in die größte Kümmerniß der verzweifelnden Seele den Lichtstrahl einer Hoffnung fallen läßt, so traf unsere Augen auch hier ein Anblick des Lebens in dieser furchtbaren Wüste.
Vor uns lag die Felsenwand in großen schieferartigen Streifen, wie Lava durchlöchert, zwischen ihr das dunkle Wasser der Bucht, durch den Wind geschützt ruhig wie ein Eisspiegel. Aber am Ufer der Bucht, um den Fuß des mächtigen Felsens blühte und grünte in diesem Schutz eine
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Oase, ein Rasenfleck, von einem silbernen Bach aus der Höhe herabrieselnd durchströmt und mit blauen und gelben Feldblümchen besetzt.
Es ist eine unpassende Gelegenheit, hier solcher Empfindungen sich zu erinnern, und dennoch muß ich Ihnen wiederholen, daß nach diesem Anblick ich mich nicht mehr so einsam und verlassen fühlte, als ich bald darauf auf der Höhe des Caps stand und meine Augen und Gedanken in die Unermeßlichkeit des Raums versenkte, um mich nur das Heulen des Windes, das Brüllen der Wogen und das Gekreisch der Möven. Ich habe mancher Gefahr getrotzt ohne zu zagen, hier aber trotz des sichern Standpunkts schauerte es mir kalt durch das Herz, wenn ich mich erinnerte, daß ich am fernsten Ende der menschlichen Civilisation stand.
Am andern Tage war ich, da der Wind uns günstig blieb, wieder auf der Fahrt nach Hammerfest. Wiederholt trafen wir Züge von Lappen, die ihre Rennthierheerden an die Küste getrieben hatten oder mit ihnen hinüber setzten über die schmalen Seebuchten nach den Inseln, um sie während des kurzen, kaum 10 Wochen dauernden Sommers dieser Gegenden die fast mit sichtbarer Schnelle aufsprossenden Kräuter und Moose abweiden zu lassen.
Einer der Bootsleute, ein riesiger Norweger von herkulischen Kräften, der ziemlich gut Englisch sprach, war nicht nur Seemann und Fischer, sondern auch Jäger, und erzählte mir von einigen Jagdzügen, die er im Innern des Landes gemacht hatte. Der Mann, Asbiörn war sein Name, gefiel mir, und ich schlug ihm vor, mich wenigstens bis Tromsoe zu geleiten, von wo ich einen Abstecher in
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das Land hinein machen wollte. Ich hatte ihn mit meinen Absichten und Plänen bekannt gemacht urd holte seinen Rath darüber ein.
»Du willst also die wilden Rennthiere jagen?« frug er. - »Rennthiere und was sonst sich schießen läßt. Die Frage ist nur, wo wir Wild finden.«
»Das wird nicht schwer halten, Herr, in den Gebirgen zwischen dem Torne und Luleä See giebt es nicht blos das wilde Reen, sondern auch seiner Feinde genug, Bären und Wölfe. Sie folgen den Heerden, die um diese Zeit von den Hochebenen kommen an die Ufer der Flüsse und Seen.«
»Gut - so will ich an den Torneä gehn.«
»Es ist das Gebiet Torne-Kaitums« sagte der Norweger, mich etwas zweifelhaft ansehend.
»Meinetwegen, was kümmert das mich. Ich denke, die norwegischen Alpen gehören schwerlich einem Grundbesitzer und die Jagd ist überall frei.«
»Mag sein« meinte Asbiörn, sich den Kopf kratzend, »aber Torne-Kaitum ist ein Samulad-Kong, und ein gewaltiger Noaide13 dazu, und sieht es nicht gern seit dem Verlust seiner Tochter, daß Fremde in sein Gebiet kommen.«
»Er wird es sich doch gefallen lassen müssen, wenn sonst kein Hinderniß obwaltet, meinen Plan auszuführen. Unterdeß erzähle mir etwas mehr von Deinem Rennthierfürsten. Kennst Du ihn persönlich?«
Ich erfuhr nun von Asbiörn, daß er vor mehreren
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Jahren dem Nomaden während eines Sommers an der Küste gedient hätte, und als ich ihn erst damit zum Sprechen gebracht, kramte er bald die wundersamsten Geschichten über den Samulad14 aus, der unter den Bewohnern des Nordlands so großes Ansehen genoß, aber zu gleicher Zeit so viel Scheu zu erregen schien, daß selbst die Amtleute und Vögte seine Autorität respektirten.
Was ich mir aus seinen Erzählungen zusammenstellte, war nach dem gehörigen Abzug der abergläubischen Ausschmückungen etwa Folgendes.
Torne-Kaitum, wie der Samulad genannt wurde, war das Haupt einer Lappen-Familie, die seit undenklich en Zeiten mit ihren Heerden die Gegend um das Rainis-Gebirge zwischen dem Lainio und Torneä-Elv (Fluß) innegehabt und beweidet hatte. Obschon er seine bestimmten Sommer- und Winterquartiere hatte, war er doch ein Nomade wie die meisten Rennthier- oder Gebirgslappen, als deren reichster und vornehmster er galt, denn man rechnete seine Heerden auf 2000 Thiere. Nach Asbiörn's Behauptung war dies jedoch der geringste Theil seines Reichthums; denn danach sollte er die Kenntniß gewisser Silberminen in den Bergen besitzen, die aber ein vom Vater auf den Sohn überkommenes Geheimniß sei. Als Thatsache behauptete der Norweger, daß Torne-Kaitum mehr als einmal Reisen nach Drontheim gemacht, um dort große Silberklumpen zu verwerthen.
Torne war ein alter Mann, ein Greis, der eigentlich
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stets ein gutes Herz gezeigt und den Armen ohne Unterschied der Nationalität wohlgethan hatte, auch im Handel und Wandel den Ruf eines streng rechtlichen Mannes genoß. Seit einer Reihe von Jahren aber war er finster und menschenscheu und kam nur selten bis an die Seelüfte oder in die wenigen norwegischen Kirchspiele, die an dieser spärlich zerstreut liegen. Man erzählte, daß vor vier oder fünfundzwanzig Jahren auf einer Reise nach Drontheim wohin er eine Tochter, sein einziges Kind mitgenommen hatte, diese von einem Fremden entführt worden sei, indem sie eine für eine Lappländerin ungewöhnliche Schönheit besessen und mit ihrem schlanken Wuchs mehr einer Normännin, als den noch nicht 5 Fuß hohen Abkömmlingen der alten Finnländer geglichen habe.
Kurzum, Torne-Kaitum kam von dieser Reise ohne sein Kind zurück und verließ seitdem nie mehr seine Einsamkeit. Von dem verschwundnen Lappenmädchen hatte man nie wieder gehört, wohl aber war nach etwa fünfzehn Jahren in der Horde Torne's plötzlich ein junges Mädchen zum Vorschein gekommen, dem der alte Rennthierfürst große Zuneigung bewies. Sie glich eben so wenig, wie die verschwundene Tochter des Alten, den gewöhnlichen Lappenfrauen und sollte einen schlimmen und bösen Charakter haben.
Das, was indessen Torne-Kaitum am meisten in den Augen des Volks Interesse verlieh, war nicht sein Reichthum oder sein trauriges Schicksal, sondern der Ruf, daß er ein Zauberer und Wahrsager sei, mit den Geistern,
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welche nach dem Glauben nicht bloß der Lappen das Gebirge und das Meer hüten, in Verkehr stehen, und ein Seelenwanderer sei.
Hier zum ersten Mal hörte ich diesen Ausdruck und erkundigte mich natürlich sofort um seine Bedeutung.
Asbiörn erzählte mir Folgendes:
Die Fähigkeit des Seelenwanderns existire in wenigen alten Familien der Lappmarken und erbe sich vom Großvater auf das Enkelkind, Mann oder Frau nach dem Tode des erstern fort, trete aber bei den Frauen in schwächerer Kraft auf. Der Scheidende übertrage sie im Augenblick seines Todes nach seinem Willen. Im Ganzen werde die unheimliche Kunst selten geübt, denn sie habe stets eine große körperliche Schwäche zur Folge. Geschähe es, so würden allerlei Ceremonien dabei vorgenommen, der Noaide fiele in einen todtähnlichen Schlaf und die Seele trenne sich dann vom Körper und wandere in jene entfernten Regionen, aus denen man Bescheid haben wolle, während die Nachbarn oder Familienmitglieder einen Gesang unterhielten, den sie jedoch während der ganzen Abwesenheit, die je nach der Entfernung länger oder kürzer dauere, aber nie über 24 Stunden, ununterbrochen fortsetzen mußten, damit die Seele sich wieder zu ihrem Körper zurücksinken könne. Eine Unterbrechung des Gesanges verhindere das und der Körper bleibe todt, während der Geist zur ewigen Wanderung durch die Zhiaepper-Aimo, die finstern Regionen, verdammt sei.
Eine solche Fähigkeit besaß nach der Behauptung des
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Norwegers der Samulad Torne-Kaitum, der Reen-Kong15 der Luleä- und Torneä-Lappmarken.
Ich begnügte mich, im Stillen über den Aberglauben zu lachen und hütete mich wohl, dies zu zeigen, denn ich hatte bereits bei mir selbst beschlossen, unter allen Umständen den alten Lappen aufzusuchen. Alle Völker, die mit einer großartigen gewaltigen Natur in stetem Verkehr leben, huldigen dem Aberglauben, der mehr oder minder den Naturereignissen, deren Zeuge sie täglich sind, entspricht. Der Seemann wird nie Mutter Karey's Küchlein, den Klabautermann und den fliegenden Holländer aus seiner Phantasie verbannen, der Schotte bewahrt seine Nebelgeister und sein zweites Gesicht, und der Bergmann erzählt von den Kobolden der Tiefe. Der Glaube an den geheimnißvollen Einfluß der Sterne ist allen Nationen eigen und von den alten Nomaden-Völkern ausgegangen, die sie stets über sich sahen. Ich muß offen gestehen, ich hege viel Nachsicht mit dem Naturglauben der Völker und habe stets mit großem Interesse seine Spuren verfolgt. Der Drang nach dem Unsichtbaren, Geheimnißvollen, Unerklärlichen lebt in den Culturvölkern wie in den Wilden, und wer vermag selbst von den einfachsten Erscheinungen der Sympathie und Antipathie, von den täglichen Beweisen des Zusammenhanges der Geister, ja von der wunderbaren Kraft der Phantasie, welche uns in die fernsten Gegenden, in Scenen und Umgebungen der Zukunft oder Vergangenheit versetzt, eine genügende Erklärung zu geben!
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Doch ich will nicht von Ihnen als Gespensterseher mich verspotten lassen und kehre deshalb zu meiner Erzählung zurück.
Ich hatte genügendes Gepäck nach Hammerfest mitgebracht, um von der Küste des Festlandes aus eine Wanderung durch die Finnmarken unternehmen zu können. Ich beschloß deshalb zu Boote in den Alten-Fjord bis nach dem kleinen Flecken Altengaard mich zu begeben, und von dort mit eingebornen Führern über die Nuppi, Kivi und Raggis-Vaara's16 und die zum Meer fließenden Joki's17 nach dem Torneä-See vorzudringen, von dem ich dann leicht den Ofoten-Fjord und die große Insel Hindö erreichen konnte, wo ich in dieser Jahreszeit leicht Gelegenheit nach Drontheim fand. Der Weg, den ich mir vorgenommen, betrug in grader Richtung etwa 20 norwegische oder 140 englische Meilen, ich durfte also hoffen, mit den Hindernissen und dem Jagdaufenthalt ihn in vierzehn bis sechszehn Tagen zurückzulegen. Dabei führte er durch die norwegischen, russischen und schwedischen Lappmarken und ich hatte also volle Gelegenheit meiner Wander- und Jagdlust zu fröhnen.
Nachdem ich diesen Plan auf Grund meiner Karte festgestellt hatte, war es meine Aufgabe, den wackern Asbiörn, der mir für jede Anstrengung und Gefahr gleich tüchtig geeignet erschien, zu meiner Begleitung zu gewinnen.
Mit einiger Ueberredung und der Zusage einer kleinen
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Belohnung, deren zehnfachen Betrag sicher der bescheidenste Engländer gefordert hätte, gewann ich endlich seine Einwilligung und sobald diese gegeben war, zeigte sich der wackere Normann als der thätigste und umsichtigste Förderer des Unternehmens.
Wir verweilten in dem traurigen und öden Hammerfest nur einen Tag, um einige Vorräthe für die Wanderung zu beschaffen, die wir nicht hoffen konnten, in dem Dorfe Altengaard zu finden, und dann machten wir uns in demselben Boot, mit dem wir die Fahrt nach dem Nordcap unternommen hatten, wieder auf den Weg, durchschifften den Varg-Sund am Seiland und Niernö vorüber und drangen in den Alten-Fjord. Am zweiten Tag nach unserer Abfahrt von Hammerfest landeten wir in Altengaard zum großen Erstaunen der kleinen Bevölkerung, der ein solcher Besuch ein sehr ungewohntes Ding war und die mich gradezu für einen englischen Narren halten mochte, als ihnen Asbiörn den Zweck unserer Ankunft erklärte.
Dennoch hält gegen die gewaltige Macht des Goldes auch in diesen Einöden kein Vorurtheil Stand und so fügte man sich dem Glanz einiger Sovereigns gegenüber denn bald in meinen Willen und wir gewannen einen Führer und zwei Träger, die sich anheischig machten, uns bis zum Köngärnä zu bringen. Der Führer und einer der Träger waren Lappen, der zweite Träger ein Schwede aus den südlicheren Gegenden, den irgend ein Schicksal hierher verschlagen hatte.
Obschon jetzt bereits der Juni eingetreten war und
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die Witterung gelinder, war unser Marsch keineswegs ohne Gefahr, ja diese vielmehr durch das Aufthauen des Schnees und das Anschwellen der Gebirgsbäche gefährlicher. Es ist überhaupt ein seltsames gewaltiges Land dieses Norwegen. Schroffe fast senkrechte Felswände steigen bis zur Höhe von 4-6000 Fuß aus dem dunklen Gewässer des Fjorde, der Sturm braust plötzlich mit der Kraft des asiatischen Typhon aus den Schluchten der Gebirge, Wasserfälle stäuben viele hundert Fuß hoch, die auf den Meilenweiten Braes, den Schneefeldern, sich bildenden Bäche und Flüsse als Gischt in die Tiefe, unzugängliche Gletscher senken sich von der Höhe der Alpen und zwischen den Felsen und Schluchten grünen ernste Thäler, winken einsame Sennhütten freilich so spärlich dem Wanderer, daß er oft weite Gegenden unbewohnt glaubt. Ueber das dunkle Wasser der Fjorde gleitet der Kahn von Thal zu Thal, Balkenhäuser mit seltsamem Schnitzwerk der Spitzbogenthüren und Fenster erheben sich auf den Thalhügeln oder im Schutz der Felswände, dunkle Tannenwälder steigen an den Bergen in die Höhe, aus den Spalten des festen Quarzgesteins hebt sich der kümmerliche Wuchs der Birke, bis sie als Strauchwerk nur noch am Boden kriecht und der Flechte und dem Moos Platz macht, das zuletzt der trostlosen Oede des grauen Gesteins und des weißen Schnees weicht.
Durch dieses Land, meist an der Gränze der Schneeregion, führte unser einsamer Weg.
Ich hatte außer meiner tüchtigen Büchsflinte ein zweites Gewehr bei mir, mit dem ich Asbiörn bewaffnete.
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Sven, der Schwede, trug als Stütze und Waffe eine Art Spieß von festem zähem Holz und in einem Holzgestell auf dem Rücken unsere Decken, die Skiee oder Schneeschuhe, der Lappe die Mundvorräthe, und Baiwon, der Führer, Beil und Stricke. So machten wir uns am dritten Morgen von Altengaard aus auf unsern weiten und gefährlichen Weg.
Ich will Sie nicht mit der Anführung unserer Jagd- und Wanderfährlichkeiten ermüden und sage daher nur, daß ich vielfach Gelegenheit hatte, meiner Jagdlust zu fröhnen, indem wir auf Heerden wilder Rennthiere stießen und zwei Mal auf Bären, von denen ich den einen das Vergnügen hatte, in der etwas gefährlichen Jagdweise der Norweger zu erlegen, die ich morgen, wenn das Glück mir einen der zottigen Gesellen so nahe führen sollte, auch an dem Meister Braun der Pyrenäen zu probiren gedenke. Was die Reens oder Rennthiere betrifft, so sind die wilden von weit kräftigerem Wuchs als die zahmen, und erreichen ein Gewicht bis zu 240 Pfund. Im Mai treiben die Lappen ihre zahmen Heerden zur Seeküste und die wilden folgen an die einsamern Stellen des Meeres und der großen Binnenseen, wo sie bis in den August verweilen, und die Kühe ihre Kälber werfen. Die Männchen haben jetzt zwei Zoll hoch Fett auf den Rippen und hären sich, wobei die Haut wieder die tiefen Löcher verliert, welche die Larven einer gefährlichen Bremse, der größten Plage der Thiere, im Frühjahr ihr veranlassen.
Den zahmen und wilden Heerden folgen vom Hochgebirge her ihre ewigen Feinde, der Luchs, der Bär und
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der Wolf, und hausen jetzt in den Schluchten und dunklen Tannenwäldern.
Es erwies sich bald, daß außer Asbiörn auch unser lappländischer Führer Baiwan ein gewandter mit allen Listen wohl vertrauter Jäger war. Er lehrte uns, daß das Reen stets gegen den Wind zieht und für jede Witterung weit scheuer und empfindlicher ist als für das Auge, obschon es ein sehr scharfes Gesicht hat. Die Neugierde treibt wie die Strauße in den Pampas Südamerikas diese Thiere häufig in die Nähe des Jägers und dieser hat es alsdann in seiner Macht, das beste Stück auszuwählen.
Es wird Sie als Jäger interessiren, eine dieser Jagdkünste zu hören.
Als ich das erste wilde Rennthier geschossen, trennte Baiwan sorgfältig den Kopf mit dem Geweih vom Halse, dessen Haut er jedoch in langen Lappen daran hängen ließ. Sven mußte diese Jagdtrophäe am nächsten Morgen auf seinen Korb laden, während die beiden Lappen einige lange Stöcke schnitten und sonstige Vorbereitungen trafen.
Wir befanden uns damals in der Nähe des Ortas-Flusses und hatten ein breites Schneefeld betreten, als wir die Spuren einer starken Heerde Reens bemerkten. Baiwan übernahm sogleich deren Verfolgung, und als wir durch einen Tannenwald gekommen waren und die gegenüberliegende Lichtung erreichten, erblickten wir am Rande des Brae eine Heerde von wohl hundert Stück weiden.
Baiwan ertheilte hierauf seine Instruktionen. Der lange Asbiörn mußte den auf einen Stock gesteckten
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Rennthierkopf tragen und vor sich hin und her bewegen, während an seine Handgelenke Streifen von Fellen befestigt waren; dabei nahm er die Läufe unserer beiden Gewehre unter die Arme, während ich auf beiden Seiten, hinter seinen Rücken geduckt, die Kolben trug und die Anweisung erhielt, immer gleichmäßig mit meinem Vordermann die Füße zu heben.
Während diese Vorbereitungen getroffen wurden, sandte Baiwan den Schweden und seinen Landsmann ab, um in weitem Bogen die Heerde zu umkreisen und ihre Flucht im geeigneten Augenblick zu hindern.
Nachdem wir den Beiden Zeit gelassen, ihre Posten zu erreichen, gab uns Baiwan das Zeichen, zu beginnen.
Indem wir den Wald verließen, Asbiörn voran, ich dicht hinter ihm, bewegten wir den Kopf des Reen hin und her und schritten langsam in gleichmäßigem Tritt auf die Heerde zu.
Die Thiere, nachdem sie anfangs neugierig geäugt, ließen uns ganz unbesorgt herankommen, ja mehrere schritten uns neugierig entgegen. Asbiörn bewegte tapfer das Rennthierhaupt und so kamen wir bis mitten in die Heerde. Nachdem wir jeder unser Thier gewählt, faßten wir unsere Flinten, Asbiörn ließ die Vermummung fallen und wir gaben Feuer. Der Schrecken der Thiere war so groß, daß sie wie verwirrt hin und her im Kreise rannten, und wir vollkommen Zeit gewannen, auf's Neue zu laden; und als sie endlich davon galopirten und nun auf allen Seiten sich zurückgescheucht fanden, hätten wir in der That
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leicht den größeren Theil des ganzen Rudels erlegen können, wenn dies in unserer Absicht gewesen wäre.
Am zehnten Tage erreichten wir den Köngärnä, und die kleine Ansiedelung Ranula. Zum Glück war es Sommer und wir durften daher ohne Gefahr für unsere Tugend die Gastfreundschaft des Bauern Inger Hadanger und seiner hübschen Töchter annehmen.
»Ich verstehe nicht, was der Sommer mit der Bewahrung Ihrer Tugend gemein hatte, Kapitain« frug der spanische Oberst.
»By Jove, Freund, es herrscht im hohen Schweden und Norwegen eine Ausdehnung der Gastfreundschaft, die mehr als patriarchalisch ist. Wenn im Winter der Reisende auf der Skytsort, der Station, ankommt, die gewöhnlich ein kleiner Bauernhof ist, der Pferde oder einen Kahn zur Weiterschaffung hält, und übernachten muß, legt ihm der Hausherr seine Tochter, Schwester, Magd, ja die eigene Frau als Wärmer in das hohe Daunenbett, nur daß sie - während in Norwegen sonst das Landvolk gewöhnlich ganz nackt schläft, - mit dem langen bis zur Ferse reichenden Hemd bekleidet ist, dessen hinteres Ende sie durch die Beine zieht und so fest zwischen den kräftigen Zähnen hält, daß keine Gewalt diesen Keuschheitsschild ihr zu entreißen vermag.«
»Caramba!« lachte der Graf, »das Reden gehört doch sonst zur Natur der Weiber. Ich will nächsten Winter nach Schweden reisen und versuchen, meine Nachbarin, wenn es der Mühe lohnt, zum Schwatzen zu bringen.«
»Versuchen Sie es nicht, Señor« meinte der
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Kapitain, »denn die Normänner verstehen in Beziehung ihrer häuslichen Ehre wenig Spaß und das Beil, was hinter der Thür jedes Hauses steht, ist schwer und scharf.
Doch um in meiner Erzählung fortzufahren, am Köngärnä erklärten die beiden Lappen, uns verlassen zu müssen, da hier die Gränze ihrer Marken sei, und selbst ein höheres Geldanerbieten vermochte Baiwan nicht weiter zu gehen. Er scheute sich, wie ich später hörte, das Gebiet Torne-Kaitums ohne dessen Erlaubniß zu betreten.
Da augenblicklich kein anderer passender Führer zu haben war, auch Asbiörn behauptete, die Ufer des Torneä-Sees sicher finden zu können, machten wir uns nach Erneuerung unserer Vorräthe von Fladbroet18 und Rennthierschinken allein auf den Weg, nur von Sven begleitet.
Das Wagstück hätte uns übrigens schlecht bekommen können, denn wir verloren bald die von den Eingebornen uns bezeichnete Richtung und irrten bereits seit vier Tagen in der immer wilder und grausiger werdenden Einöde umher, ohne den Torneä-See finden zu können.
Am Abend des dritten Tages, als wir eine Schlucht aufwärts stiegen, sahen wir plötzlich auf der Höhe eine scheue Heerde Reens vorübertraben und hinter ihnen eine menschliche Gestalt auf einem kräftigen Thier ihnen nachjagen. Es ist selten, daß die Rennthiere zum Reiten und Lasttragen benutzt werden und Asbiörn hatte anfangs große Neigung, die Erscheinung für irgend einen schlimmen Geist
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des Gebirges zu halten, aber ich rief sofort mit aller Kraft sie an und hatte die Freude, sie anhalten zu sehen.
Der Reiter war offenbar erstaunt, in dieser Oede Menschen zu sehen, kehrte sein Thier gegen uns und hielt unbeweglich auf der Höhe der Schlucht, indem dadurch auf dem nebligen Hintergrund die Gestalt des Menschen und Thieres eine über die gewöhnlichen Verhältnisse hinausragende Größe anzunehmen schien.
Als wir weiter kamen bemerkte ich, daß der Reiter in gewöhnlicher Weise ganz in Rennthierfell gekleidet war, eine Art von Kapuze trug und in der Hand einen Rennthierspieß führte, das heißt, eine Stange, an deren Spitze ein Bayonnet befestigt war.
Aber als ich näher kam, sah ich mit Erstaunen, daß unter dieser rauhen Kopfbedeckung langes lichtbraunes Haar bis auf die Schultern, freilich wirr und nachlässig, aber trotzdem von großer Schönheit niederfloß, und aus der Oeffnung ein Gesicht hervorsah, das offenbar einem jungen Mädchen gehörte.
Obschon von Schmuz und Schweiß entstellt zeigte die Haut doch an andern Stellen eine blendende Weiße, der kleine Mund mit schmalen Lippen war geschlossen und hatte etwas Strenges, die Nase hatte die edle griechische Form - aber das große Auge einen starren finstern Ausdruck.
Im Ganzen machte diese - in der Einöde so auffallende und trotz der Landestracht von der Körper- und Gesichtsbildung der Same-Laz so abweichende - Erscheinung einen etwas unheimlichen Eindruck.
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Da ich nur wenige finnische Worte verstand, hieß ich Asbiörn auf Englisch, sie zu fragen, wer sie sei und wie weit wir vom Torneä-Sö entfernt wären. Aber bevor der Norweger dies noch thun konnte, sagte sie spöttisch in englischer Sprache: »Wenn Du nicht mit Blindheit geschlagen bist, Fremder, kannst Du die Wässer des Torneä sehen, ehe Du den Saum jener Tannen erreicht hast.«
»Wie, Du sprichst Englisch, Mädchen?«
»Englisch, Dänisch und Deutsch, wenn Du fragst und ich antworten will.«
»Das ist in der That eine seltsame Kenntniß in dieser Einöde« sagte ich erstaunt. »Wie kommen Sie hierher, Miß, und wer sind Sie?«
Sie lachte spöttisch auf. »Ich bin keine Miß! Nenne mich Du! Nicht Dir, sondern mir steht es zu, zu fragen. Was wollt Ihr auf Torne-Kaitum's Gebiet?«
»Wir sind, Reisende, Jäger, und wollen die Gastfreundschaft des Häuptlings der Same-Laz in Anspruch nehmen.«
Ich hatte bemerkt, daß das seltsame Wesen vor uns bei ihrer Frage den Rennspeer fester gefaßt hatte und uns mißtrauisch betrachtete.
»Du bist ein Christ, ein Engländer?«
»Beides!«
»Dann schwöre mir bei Deiner Ehre und bei Deinem Glauben, daß Du keinen andern Zweck hast!«
»Auf mein Wort als Gentleman!«
»Und diese Beiden - sind sie Dänen?«
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»Der Eine ist ein Normann, der Andere ein Schwede. Sie kommen mit mir von Altgaard quer durch das Land!«
Sie sah mich mit einigem Erstaunen an und nickte dann mit dem Kopf. »Du scheinst ein Mann von Muth, Engländer« sagte sie. »Wenn Ihr keine Dänen seid, sollt Ihr in der Jurte Torne-Kaitums willkommen sein. Folgt mir - ich bin Adda, Torne-Kaitums Enkeltochter.«
Wir waren froh, durch diese Worte die Gewißheit zu erlangen, daß unsere mühselige Irrfahrt nun ein Ende und wir unser Ziel erreicht hatten. Das seltsame Mädchen wendete ihr Reitthier und ich ging neben ihr her und versuchte ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, um sie näher auszuforschen. Das, was Asbiörn mir von der verschwundnen Tochter des alten Lappenfürsten mitgetheilt, hatte bei dieser seltsamen Begegnung auf's Neue mein Interesse und meine Theilnahme rege gemacht und die Persönlichkeit des Mädchens war vollkommen geeignet, dieses Interesse zu erhöhen. Aber was ich auch sagen mochte, ihre Antworten blieben einsylbig und ausweichend, und ich mußte mich damit begnügen, von ihr die Auskunft zu erhalten, daß Torne-Kaitum seinen Lagerplatz am östlichen Ende des Sees, da wo der Torneä-Fluß aus demselben entspringt, aufgeschlagen habe und wir Aufnahme dort finden sollten.
Wir hatten etwa eine halbe Stunde unseren Weg über die Bergfläche fortgesetzt, als das Lappenmädchen ihr Thier anhielt und in die Tiefe zeigte, die sich zu unseren Füßen ausbreitete.
Obschon die Sonne jetzt unter den Horizont getreten war, ist in diesen Regionen und zu dieser Jahreszeit die
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kurze Nacht doch so überaus klar und hell, daß wir deutlich das weite Thal des Torneä vor uns übersehen konnten.
In der That lag zu unseren Füßen von Berg- und Felsenwänden umgeben der prächtige Spiegel des Torne-Sö's.
Die Lappin wies nach einer Stelle am Ufer des Gewässers. »Siehst Du dort unten die schwarzen Jurten? Es ist das Sommerlager unseres Stammes. In einer Stunde könnt Ihr dort sein. Ich gehe, Torne-Kaitum Eure Ankunft zu verkünden!«
Und ohne weitere Auskunft oder ohne einen Gruß an uns zu verschwenden, trieb sie ihr Thier an und trabte mit einer Kühnheit, die jede Besorgniß für ihren Hals ausschloß, den steilen Abhang hinunter.
Wir folgten langsam nach, ich mit Gedanken über die seltsame Persönlichkeit des Mädchens beschäftigt.
Wir brauchten, wie sie richtig gesagt hatte, etwa eine Stunde, ehe wir am Ufer des See's ankamen, und fanden, daß man dort bereits auf unsere Ankunft vorbereitet war.
Etwa ein halbes Dutzend Lappen erwarteten uns am Ausgang der Schlucht, durch welche wir herunter stiegen, und als sie uns kommen hörten, entzündeten sie Fackeln aus Tannenreisern, die mit Thran und Theer getränkt und mit Moosflechten umwickelt waren. Ihr eintöniger in drei oder vier Noten sich bewegender Gesang schien eine Art Willkomm zu sein, mit dem sie uns voranschreitend den Weg zu dem Lager zeigten. Wie mir Asbiörn sagte, enthielt der Gesang eine Beschwörung, welche die Rut-Aimos und Mubben-Aimos, die bösen Geister, von unserem Eintritt fern halten sollte.
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Die Wohnungen des Stammes bestanden aus Hütten von Birkenzweigen und Zelten aus Rennthierfellen, die über Stangen und Pfähle ausgespannt waren. Wie seinen ganzen Lebensunterhalt, so liefert das Reen dem Lappen auch seine Wohnung. Das größte Zelt gehörte dem alten Häuptling, und vor seinem Eingang, auf Häuten kauernd und aus einer Pfeife von dem Gehörn des Thiers rauchend, erwartete uns der Greis, während um ihn her die kleinen Gestalten seiner Stammesgenossen und Knechte in ihrer seltsamen unbehilflichen Kleidung bei dem Schein der Thranfackeln hockten und die mächtigen Geweihe der lagernden Thiere unter den Lichtstrahlen sich bewegten. Eine große Anzahl Hunde trieb sich zwischen Menschen und Thieren umher und schien die Wächter des Lagers zu bilden.
Torne-Kaitum war ein Greis von gebeugter Haltung und einem alle Kennzeichen seiner Race zeigenden runzelvollen aber nicht unintelligenten Gesicht. Er war wie fast durchgängig dieses Volk, wo es sich nicht mit den stattlichen Figuren des normannischen Bluts vermischt, was allerdings nur in seltenen Fällen geschieht, da der Lappe von seinen Nachbarn verachtet wird, - etwa 4\frac12 Fuß hoch, hatte ein plattgedrücktes, breites und bleiches Gesicht, und einen dünnen jetzt ganz weißen Bart. Die Lappen sind im Ganzen ein lebhafter, gutmüthiger und ehrlicher Menschenschlag, abergläubisch, aber treu, gehorsam und friedliebend, und hängen mit großer Liebe an ihrem Lande.
»Sei willkommen, Fremder, in dem Lande der Same-Laz
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und in dem Gebiet Torne-Kaitums. Seine Armuth ist zu Deinen Füßen. Iß und trinke von dem Seinen und laß sein Zelt Dein Obdach sein, so lange es Dir gefällt.«
Dies war der in dänischer Sprache ausgesprochene Gruß des alten Lappen, mit dem er mir auf einer Rennthierhaut neben sich einen Platz anwies. Ich bemerke zu Ihrem Verständniß, daß die dänische Sprache noch heute durch ganz Norwegen verbreitet ist und fast von allen Eingebornen gesprochen und verstanden wird. Nur in dem Innern der Gebirge und an den nördlichen Küsten spricht das Volk die alte norwegische Mundart in verschiedenen Dialekten. Die Lappen haben ihre eigene, der finnischen entstammende Sprache von rauhem Klang. Das Englische ähnelt dem Plattdeutschen und Dänischen bedeutend, und da ich in früheren Jahren Helgoland und Kopenhagen besucht hatte, wurde es mir leicht, die Worte des Greises zu verstehen.
Nachdem wir uns niedergelassen, brachte man uns Rennthiermilch, Brod aus Moos und Gerste gebacken, Käse und gedörrtes und geräuchertes Fleisch, das wir uns nach dem tüchtigen Marsch trefflich schmecken ließen.
Ich ließ nun durch Asbiörn dem alten Häuptling sagen, daß ich ein englischer Jäger sei und in seinem Distrikt zu fischen und zu jagen wünsche, wozu er nach verschiedenen an mich gerichteten Fragen seine Einwilligung gab, obschon ich merkte, daß es nicht gern geschah und daß er durch Aufzählung der Beschwerlichkeiten und Gefahren des Landes mir die Lust zu längerem Aufenthalt verleiden zu wollen schien. Da er aber im Grunde keine Macht, mir
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die Benutzung der Berge und Gewässer zu verbieten, gesetzlich besaß, auch Asbiörn, den er mit vieler Freude wieder erkannte, sich für mich verbürgte, gab er sich den Anschein der Bewilligung einer besonderen Gunst und versprach, uns durch seine eigenen Jäger und Spürer in die Einöden geleiten zu lassen und uns in seinem Lager zu behalten.
Ich ließ dem alten Mann gern die kleine Eitelkeit und hütete mich wohl, sein Mißtrauen durch eine Nachfrage nach seiner Enkelin zu erwecken, die ich mit einiger Verwunderung vermißte.
Dies Benehmen schien in den nächsten Stunden und Tagen seine Wirkung zu thun, um so mehr, da ich Gleiches auch meinen Begleitern anbefohlen hatte, und das anfängliche Mißtrauen der Lappen schwand nach und nach, ja der alte Häuptling schien sogar ein gewisses Vertrauen zu mir zu fassen und gern sich mit mir zu unterhalten. Er war nicht ohne Intelligenz, hatte früher, wie ich schon bemerkte, nicht bloß jährlich die Seeküste, sondern häufig selbst die größeren Städte besucht, besaß eine scharfe Beobachtungsgabe und war jedenfalls einer der Gebildetsten seiner Nation. Anfangs war er eifrig bemüht, mir zu zeigen, daß er der christlichen Religion angehöre, als wir aber näher vertraut wurden und er sich überzeugte, daß ich kein Spion der strengen Geistlichen und Missionare war, ließ er in seiner Sprechweise und seinem Gebahren nach und offenbarte seine mystischen an dem Glauben seiner Väter hängenden Neigungen.
In den nächsten drei Tagen hatte ich zwei Jagdzüge in verschiedenen Richtungen unternommen und es war mir
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dabei gelungen, ein Elen und einen Luchs zu schießen, während ein Bär, den meine Kugel nach der schweißigen Fährte verwundet hatte, bei der einbrechenden Dämmerung uns entgangen war. Aergerlich darüber war ich nach dem Lager zurückgekehrt und hatte beschlossen, mit Sonnenaufgang, also zu dieser Zeit etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht, die Spur auf's Neue aufzunehmen. Ich mußte mich dabei auf unseren eigenen Spürsinn verlassen, denn die Hunde der Lappen sind zur Jagd untauglich.
Die kurzen Sommermonate in diesen Breiten zeichnen sich durch drückende Hitze und eine so rasche Vegetation aus, daß wir selbst in den Tropen von dieser schnellen Entwickelung der geringen im Norden heimischen Vegetation keinen Begriff haben. Ich hatte noch wenig Lust zu schlafen und um dem unangenehmen Schwirren der Insekten zu entgehen, die in der Nähe der Thiere die Feuer des Lagers in Myriaden umschwärmten, forderte ich Asbiörn auf, mich in einem der schmalen Kähne, die zum Fischen auf dem See dienen, auf das Wasser hinaus zu rudern.
Der Torne-Sö19 erstreckt sich ungefähr 7 norwegische Meilen20 lang mit verschiedenen Ausläufern und Buchtungen von Westen nach Osten und hat auf seiner weitesten Stelle die Breite einer Meile. Sein westliches Ende, in das ein kleiner Fluß, der Nord-Joki21 mündet, ist durch
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das Reuri Fjeld22 von dem Meer, d.h. Ofoten-Fjord nur etwa 5 Meilen weit getrennt. In dem See nimmt der Torneä-Elv seinen Ursprung, der sich am östlichen Ausgang zuerst nach Osten, dann nach Süden wendet und seit 1810 die Gränze zwischen dem schwedischen und russischen Finnland bildet. An seinem breiten Ausfluß in den botnischen Meerbusen liegen auf beiden Seiten die kleinen aber als die nördlichsten der Ostseeländer bekannten Städtchen Torneä und Haparanda, berühmt auch, weil man man von dem in der Nähe liegenden und von den Naturforschern aller Länder besuchten Berg Awasaxa vom 16. bis 30. Juni das seltene Schauspiel sieht, daß die Sonne niemals untergeht!«
Die baskischen Mitglieder der Zuhörerschaft sahen erstaunt und ziemlich ungläubig auf den Erzähler. Sie hatten wohl gehört, daß in alten Zeiten im Gebiet der Könige von Spanien die Sonne niemals unterging, aber daß dies auch noch in einem andern Lande und in anderer Weise der Fall sein könne, davon hatten sie keine Ahnung.
Die Achtung der Gastfreundschaft hinderte jedoch selbst den alten Bärenjäger eine Bemerkung zu machen, und der britische Offizier setzte seine Erzählung fort.
»Der Torne-See ist rings von hohen Felsenwänden eingeschlossen, gleich den Bergseen Schottlands und der schweizer Alpen. Im Nordosten erhebt sich der Raggis Vaara, im Süden Luosa Vaara, mit ewigem Schnee bedeckt. Es ist eine der großartigsten und einsamsten
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Gegenden, die man sehen kann, und wer zum Träumen geneigt ist, sieht im Mondschein über sein dunkles Gewässer die finstern Geister der Asawelt gleiten.
Wir mochten zwecklos etwa eine halbe Stunde auf den dunklen Wässern umher gerudert sein, als ich plötzlich die leisen Töne einer Harfe durch die Nacht erklingen zu hören glaubte. Diese Töne hier im fernen Norden und in der Einöde eines lappischen Sees hatten etwas so Unerhörtes, daß ich in der That kaum wußte, ob nicht wirklich eine der heiligen Jungfrauen der Zauberwelt die Saiten rührte, bis eine melodische Altstimme sich dazu erhob und eine klagende Melodie in unbekannter Sprache sang.
Ich gab Asbiörn ein Zeichen, die Ruder einzuziehen und unseren Kahn im Schatten der Berge forttreiben zu lassen, um unbemerkt der Sängerin nahe zu kommen, die keine andere sein konnte, als das seltsame Mädchen, das wir auf der Höhe getroffen hatten.
So kamen wir in der That der Stelle näher, wo sie gleich der Lurlei des Rheinstroms, eine Sage, die sich bei vielen Völkern und wie ich später hörte, auch bei den Norwegern wiederholt, auf dem hohen Vorsprung eines Felsens saß. Die Dämmerung, die um diese Zeit nicht mehr schwindet, ließ die Gestalt deutlich erkennen, wie sie sich, in einen Mantel von Rennthierfell gehüllt, an welchem die Kopfhaut und die Hörner gelassen waren und über ihr langes Haar gezogen einen phantastischen sagenhaften Hauptschmuck gleich den Adlerhelmen der alten Wäranger bildeten, über die Harfe lehnte.
Da ihre Gestalt sich am matt beleuchteten Horizont
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deutlich abzeichnete, unser Kahn aber in tiefem Schatten trieb, konnten wir sie ungestört beobachten. Als ich bei einer plötzlichen Bewegung die Hand auf die Schulter des Norwegers legte, fühlte ich, daß der kräftige in hundert Gefahren erprobte Mensch zitterte.
»Laß uns umkehren, Herr« sagte er. »Es ist ein Zauberweib. Ich höre, wie sie von Jabme-Akko der Todesmutter singt, die das Land der Verstorbenen regiert.«
[»]Thor - schweig still! Siehst Du nicht, daß es Adda, die Enkelin des Kaitum ist, die wir hier finden![«]
»Eben darum!«
Bevor ich ihn weiter beruhigen konnte, änderte sich der Charakter des Gesanges. Schrille wilde Akkorde klangen durch die Nacht, lauter und lauter wurde ihr Gefang, als rufe er die Geister der Tiefe, und wiederholt hörte ich, den Namen Rutu darin, von dem ich bereits wußte, daß es den Geist der Rache bedeutete. Wie ein Sturm rauschten Töne und Klänge, bis plötzlich ein greller Aufschrei diese wilden Melodieen unterbrach.
Im selben Augenblick verschwand die Gestalt des seltsamen Mädchens von dem Felsen, - unser Kahn war in den Lichtkreis eines kleinen Feuers getreten, das vor einer Jurte in einer Seitenschlucht brannte, - sie hatte uns offenbar gesehen, und einige Minuten darauf erlosch auch das Feuer in den Felsen.
Ich muß gestehen, es war uns wie eine Last vom Herzen, als wir Nichts mehr sahen und hörten um uns, als den einsamen See. Wir griffen Beide hastig zu den
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Rudern und arbeiteten, daß uns der Schweiß von den Stirnen rann, um aus der unheimlichen Nähe zu entweichen.
Als wir uns endlich dem Lager wieder näherten, befahl ich, einen Halt zu machen und befrug dann meinen Gefährten, ob er seither Nichts von dem Mädchen gehört hätte.
Es dienten als Rennthierknechte zwei Norweger gegen ziemlich hohen Lohn bei dem alten Lappen, die zugleich den Verkehr mit der Küste besorgten, an der zahlreiche Heerden des Kaitums nach dem Stammgebrauch weideten. Von ihnen hatte Asbiörn gehört, daß vor etwa 5 Jahren, zwei Jahre nachdem er den Kaitum verlassen hatte, dieser in Folge einer Botschaft von einem Küstenort, dorthin gewandert war. Er blieb einige Zeit aus, und als er zurückkam, brachte er ein etwa 14- bis 15jähriges Mädchen mit, von der er beim Bezirksvogt erklärte, daß sie seine Enkeltochter und Erbin sei. Ueber alle näheren Umstände schwieg er und verfiel bald wieder in die alte finstre und menschenscheue Stimmung, die ihn seit dem Verschwinden seiner Tochter nicht verlassen hatte. Die Mitgebrachte war Adda, unsere Wegweiserin, die Sängerin. Sie schien in den dürftigsten Umständen gelebt zu haben, denn ihre Kleidung, obgleich von städtischem Schnitt, war armselig und zerrissen. Die Harfe, mit der wir sie so eben ihren Gesang begleiten sahen, und die sie mit sich brachte, schien ihr bestes Eigenthum. Sie war von so ganz anderer Art, als alle anderen Weiber aus der Horde, und ihr Charakter so furchtlos und despotisch, daß sie bald ebenso gefürchtet wie gescheut war trotz ihrer Jugend, um so mehr, da sie
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auf den alten Häuptling bald einen unbeschränkten Einfluß gewann.
Sie machte davon jedoch nur dafür Anwendung, daß sie sich von den ihr nicht passenden Sitten und Gebräuchen des Stammes emancipirte und ein einsames abgesondertes Leben führte, bei dem sie oft Tage und Nächte lang allein in den Gebirgen und in den Einöden der Schneefelder umherstrich, oder am Fuß der wilden Wasserfälle saß. Die Sprache der Lappen mußte sie von ihrer Mutter gelernt haben; daß sie auch andere trotz ihrer Jugend redete, hatte sie mir selbst gesagt.
Obschon dies Alles meine Neugier reizen mußte, beschloß ich doch streng bei dem bisherigen Verfahren zu bleiben, um das Vertrauen des Häuptlings nicht einzubüßen und so womöglich zu meinem Zweck zu gelangen, was große Vorsicht erheischte, da - wie ich leicht merken konnte, - Torne-Kaitum das Gespräch stets auf andere Dinge wendete, wenn ich auf die geheimnißvollen Zauberkünste und Kräfte seines Volks anspielte.
An's Land gekommen schlief ich ein Paar Stunden in meiner Jurte, bis nach Mitternacht mich die Lappen weckten.
Außer Asbiörn und Sven hatte ich zwei oder drei der Eingebornen, die als die besten Fährtensucher bekannt waren, mir von dem alten Häuptling erbeten und wir machten uns alsbald wohlbewaffnet und mit einigem Mundvorrath versehen auf den Weg. Nach zwei Stunden des Steigens und Suchens hatten wir die Stelle erreicht, wo ich am Nachmittag vorher die Bärin angeschossen hatte.
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Die Lappen fanden sofort die Fährte und wollten, als sie über eine kurze Schneefläche führte, aus gewissen Kennzeichen wissen, daß es sich um eine alte große Bärin handelte. Kurzum, nachdem wir weitere zwei Stunden der Fährte gefolgt waren, trafen wir auf das Thier, das vor einer mit Steinen und Reisern förmlich verpallisadirten Felsenspalte saß, offenbar schwer verwundet und dem Verenden nahe. Wie sich nachher ergab, hatte ihm meine Kugel den rechten Schulterknochen zerschmettert. Trotzdem war während der Nacht die Bärin noch über eine Meile gelaufen, um zu ihrem Lager zu gelangen, in dem sich die zwei, im Februar geworfenen Jungen bargen.
Diese Jagdbeute, zu der alsbald auch die beiden Jungen gesellt wurden, machte uns Allen großes Vergnügen und unsere Lappen tanzten wie toll um den todten Körper ihres Feindes und priesen den Leib-Olmai, den Jagdgott, der auf ihren heiligen Bergen seinen Wohnsitz hat. Dann machten wir uns daran, eine Schleife aus Birkenstangen zusammen zu zimmern, legten die Bärin darauf mit den zusammengebundenen schreienden Jungen und spannten uns davor, diese Beute nach dem Lager zu ziehen.
Ich weiß nicht mehr, was mich veranlaßte, unterwegs unsere kleine Gesellschaft zu verlassen und noch eine Streiferei allein durch die Einöde zu unternehmen. Wahrscheinlich geschah es, weil die Tageszeit noch nicht weit vorgeschritten war und ich nicht so zeitig zu den schmuzigen Jurten zurückkehren mochte, während mich hier die freie und reine Luft der Höhe umwehte. Es geschah etwa
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in der Nähe der Stelle, an welcher wir vor einigen Tagen auf die Enkeltochter unseres Gastfreundes gestoßen waren, und ohne eine bestimmte Absicht damit zu verbinden, schlug ich unwillkürlich die Richtung nach der Seite des See's ein, an welcher sich die Jurte des Mädchens befinden mußte. Ich trug meinen Kompaß bei mir, hatte meine Büchsflinte, und es war daher nicht die geringste Ursache zu fürchten, daß ich mich verirren oder irgend eine andere Gefahr laufen könnte.
Ich folgte einem emporsteigenden Bergrücken, der in einem Schneefeld endete, und schritt endlich auf diesem fort, als es sich in der Richtung des Sees senkte und zu einer Fläche von Geröll und Felstrümmern wurde, ohne daß irgend etwas meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte.
Die Felswand schien endlich plötzlich mit jähem Sturz in die Tiefe abzubrechen, und ich wollte mich eben umschauen, wie ich meinen Weg fortsetzen und niedersteigen könnte, als eigenthümliche Laute mein Ohr trafen.
Es war ein gebellartiges Heulen von verschiedenen Stimmen, wüthende heisere Laute, die sich mit lang anhaltendem klagendem Geheul verbanden. Ich erkannte diese Töne sofort - es war das Geschrei von Wölfen, die in der Nähe eine Beute gefunden haben mußten. Seltsamer Weise hörte ich aber deutlich zwischen diesem Gekläff ein lautes höhnisches Menschenlachen und zuweilen Worte und lustige Ausrufungen, die ich aber nicht verstehen konnte.
Die gespannte Büchse im Arm eilte ich rasch vorwärts und gelangte in einigen Minuten an den Rand des Plateaus.
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Der Anblick, der sich mir bot, war allerdings ein seltsamer.
Etwa 50 Fuß unter mir befand sich eine zweite, reich mit größeren und kleineren Felstrümmern besäete Bergebene.
Dicht unter mir, grade der Stelle gegenüber, auf welcher ich von einigen Birken verdeckt stand, lag ein großes etwa sechs Fuß hohes Felsstück, das oben eine ziemliche geräumige Platte zeigte. Auf dieser kleinen gefährlichen Fläche lag ein menschliches Wesen, bald lang ausgestreckt, bald auf den Knieen rutschend, oder aufspringend, um sich so weit vorn über zu beugen, als möglich. Während die Linke dann sich an's Gestein klammerte, schwang die Rechte kräftig einen langen Spieß, an dessen Ende ein stählernes Bayonnet funkelte, und stieß ihn hinunter in eine Schaar brauner Gestalten, die heulend und fletschend um den Stein sprangen und vergeblich sich bemühten, hinauf zu gelangen, oder einen Gegenstand, der dicht am Felsblock lag, hinwegzuzerren.
Jedesmal, daß die Lanze einen glücklichen Stoß vollführt, lachte die Inhaberin hämisch auf und reizte durch ihren tollen Jubel und ihre Geberden, die trotz oder wegen der zahlreichen Verwundungen immer wilder werdenden Wölfe; denn aus einem ganzen Rudel dieser Bestien bestand die heulende Meute.
Die Gestalt aber auf dem Stein, die so muthig, mehr zu ihrem Vergnügen, als zu ihrem Schutz die gefräßigen Thiere von dem Stein abhielt, erkannte ich leicht an ihrer Kleidung und ihrem fliegenden Haar. Es war Adda,
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die Enkelin des alten Lappen-Fürsten, und dicht am Stein, von den Zähnen der Bestien zerfleischt, lag ihr braunes Rennthier, das sie sonst über die Höhen und durch die Thäler zu tragen pflegte.
Zwei Wölfe lagen bereits verendet auf und neben dem gefällten Thier, ein Paar andere hinkten verwundet aus dem Kreis der gefährlichen Waffe, saßen auf den Hinterbeinen und heulten grimmig aus den weit geöffneten Rachen. Die anderen Thiere, wohl noch ein Duzend an der Zahl, viele aus kleinern Wunden blutend, schienen jedoch ihre gewöhnliche Scheu vor der menschlichen Nähe ganz abgelegt zu haben und wiederholten, sei es von Hunger und Blutgier getrieben, sei es durch die Aufreizungen des einzelnen Feindes zur Wuth entstammt, mit rothen Augen und fletschenden Zähnen fortwährend ihre wilden Angriffe.
Aber je wilder sie an dem glatten Block in die Höhe sprangen, je grimmiger ihr Geheul ertönte, desto mehr schien die Lust der kühnen Jägerin zu wachsen, ja diese selbst zur grimmigen Wölfin zu werden; denn sie stimmte ein in das Geheul ihrer Feinde, ahmte höhnisch ihr Gebell nach, wies ihnen die eigenen Zähne und gefiel sich in den wildesten Worten und Geberden.
Ich hörte mit Erstaunen, daß die junge Halbwilde sich hierbei nicht der Sprache ihres Volkes, sondern der dänischen bediente.
»Ha junge Wölfin, die Du mein Recht gestohlen - da nimm dies, verhaßtes Thier! - Dänischer Wolf, fletsche die Zähne nicht so! Die Beute entgeht Dir, Schurke! - Bist Du lüstern wieder nach Mädchenfleisch? - Hast Du
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auch eine Mutter gehabt, Unthier mit den falschen Augen? - Aus der Brust will ich das Herz Dir schneiden, falscher dänischer Wolf und Pescal der Höllengott, soll meine Gebeine zermalmen, wenn ich Dich nicht treffe!«
Ich sah deutlich, wie ihr wohlgezielter Stoß, von einer kräftigen Hand geführt, das Eisen in den fletschenden Rachen des Ungethüms bohrte, daß das Blut bis zu ihr emporspritzte.
Ein wilder Jubel malte sich auf dem schönen, jetzt von wahrhaft dämonischem Geist entstellten Gesicht des jungen Mädchens; sie sprang empor und tanzte in Sprüngen auf dem Stein umher, die denen ihrer heulenden Feinde Nichts nachgaben. In den nächsten Augenblicken war sie aber schon wieder bei diesen und ließ sie die Schärfe ihres Eisens fühlen.
»Hussah! seid ihr nicht die Olmaks23 der schlimmen Menschen? zerfleischen ihre Zähne nicht schlimmer Mutter und Kind, als die euren das Reen und sein Kalb? Wißt ihr, wie der Hunger thut und die Schande? Fluch über euch und sie, die schlimmer als die Wölfe der Berge! Rache will ich, Rache, weil ihr die Mutter zerfleischt, das schuldlose Reen, und hab's geschworen in ihre Hand. Seine Künste soll mich der Greis lehren, daß ich sie alle vernichte, die fletschenden Bestien! Da! da! - herunter reiße ich euch den zottigen Balg, mit dem ihr prahlt! Nackt und bloß soll sie sein wie ich, bluten in Hunger und Kälte die junge Wölfin mit den falschen Augen, wie sie der Bettlerin
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den Schilling zuwarf; Fluch über sie und mich! Fluch über die dänischen Wölfe, die das verachtete Same-Lazmädchen verschlingen!«
Und mit beiden Händen ihren Speer fassend, stieß sie ihn so gewaltig nach allen Seiten in die heulende Schaar, daß die Wölfe schnaubend zurückwichen!
Ich hatte bisher dem grausigen Auftritt erstaunt zugesehen, ohne mich bemerklich zu machen. Jetzt aber sah ich, daß der wilden Siegerin eine Gefahr drohte, die dem Spiel leicht ein schreckliches Ende machen konnte. Ein alter kräftiger Wolf war, während sie mit den andern Bestien kämpfte, im Rücken auf einen nahe liegenden höheren, aber leichter zugänglichen Stein unbemerkt gekrochen, hatte dessen Höhe erreicht und schickte sich eben zum Sprunge an. Der Satz gelang wenigstens halb, denn die Bestie erreichte mit dem Vorderklauen die Höhe des anderen Steins, klammerte sich fest und bemühte sich, mit den Hinterfüßen eine Stütze zu suchen, um sich vollends hinaufzuschwingen.
Es wäre dem Wolf wahrscheinlich gelungen, obschon die wilde Jägerin in diesem Augenblick selbst die Gefahr bemerkt hatte und dem Thier mit geschwungenem Speer entgegentrat, - aber schon lag ich im Anschlag, der Finger berührte den Drücker und der Wolf stürzte mit zerschmettertem Kopf zurück unter seine Kameraden, die bei dem Knall des Schusses eilig entflohen und das Reen und ihre Feindin im Stiche ließen.
Das Mädchen blieb aufrecht auf dem Steine, auf ihre Waffe gestützt, stehen und schaute mehr zornig als
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erstaunt nach oben, wo ich mich durch die Birkenzweige gedrängt hatte.
»Wer giebt Dir das Recht, Fremder« sagte sie mit einer drohenden Geberde ihre Linke gegen mich erhebend, »Dich in Adda's Rache zu mischen?«
Aus der Wahl der englischen Sprache bei diesen Worten sah ich, daß sie mich wieder erkannt hatte. Ich hielt mich nicht lange mit einer Antwort auf, sondern glitt, die noch dampfende Büchse über die Schulter werfend, so gut es ging, an dem felsigen Abhang hinunter, mich an einzelne Birkenwurzeln und Zweige klammernd und stand bald neben dem Stein, auf dem sie sich noch immer befand.
»Ich mache Ihnen mein Kompliment, Miß Adda« sagte ich, »über Ihre Bravour. Vier todte Wölfe und wahrscheinlich doppelt so viele mit einem Denkzettel heimgeschickt, der ihnen verleiden wird, je wieder einen Menschen anzufallen! Ich bewundere Sie, Miß!«
Sie sah mich finster an. Da sie ihren Mantel mit dem seltsamen Kopfschmuck von sich geworfen, konnte ich in dem hellen Tageslicht genauer die Schönheit und Regelmäßigkeit ihrer Züge erkennen, deren Wirkung eben nur der finstre dämonische Ausdruck schadete, der auf ihnen lag.
»Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich keine Miß bin, sondern Adda, des Torne-Kaitum Enkelin, ein verachtetes Same-Lazmädchen, die ärmste und schlechteste von allen. Wer hieß Dich auf die Wölfe schießen? Sie zerrissen mein Reen! Aber die menschlichen Wölfe sind schlimmer als sie, sie zerreißen die Herzen!«
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»Armes Kind, ich kann nicht annehmen, daß Sie noch so jung schon so bittere Erfahrungen gemacht haben sollten. Sie waren in Gefahr Adda, darum schoß ich!«
Sie wies höhnisch auf den todten Wolf. »Meinst Du, daß ich seiner nicht Meister geworden wäre? Du kennst Adda schlecht! Wie kommst Du hierher ohne Deine Sclaven?«
»Wir hatten einen Bären erlegt und ich habe meine Begleiter verlassen, die ihn zum Lager schleppen, um noch ein Wenig zu jagen. So wurde ich zufällig Zeuge Ihres Kampfes.«
Indem sie sich ihrer Lanze als Springstock bediente, sprang sie von der Höhe des Steins mitten zwischen die todten Wölfe. Einen Augenblick betrachtete sie das verendete Reen. »Arme Lula« sagte sie, »ich konnte Dir nicht helfen. Aber es sind Bessere wie Du das Opfer der Wölfe geworden. Ha - wenn ich alle unsere Feinde tödten könnte, wie diese!« Und sie ging von einer der todten Bestien zur andern und versetzte den unempfindlichen Körpern Stiche mit ihrem Bayonnet. Der Haß, der sich dabei in dem geöffneten Mund, in den funkelnden Augen spiegelte, hatte etwas Furchtbares!
Plötzlich wandte sie sich zu mir. »Hast Du etwas zu trinken bei Dir, Engländer? Die Bestien haben mich warm gemacht.«
Ich zuckte die Achseln. »Nichts als ein kleines Fläschchen Rum - kein Getränk für ein Mädchen!«
»Gieb!«
Ich reichte ihr erstaunt die Korbflasche. Sie setzte
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sie an den Mund und that einen langen kräftigen Zug. Obschon der Rum überaus scharf und ihre Haut fast durchsichtig zart war, zeigte sich doch keine Spur von Röthe durch das Getränk auf ihrem Gesicht.
»So - das erfrischt!« - Sie setzte sich auf einen kleinen Stein und stieß den vor ihr liegenden Körper des Wolfes mit ihren trotz der plumpen Schuhe auffallend kleinen Füßen. »Wann wirst Du fortgehen von hier, Engländer?« frug sie.
»Wann ich den Torne-Sö verlassen werde?«
»Ja!«
Ich zögerte mit der Antwort; vielleicht fand sich hier ein Anknüpfungspunkt für die Erreichung meines Wunsches.
»Ich habe mir vorgenommen, den Charakter dieser Gegend und die Sitten ihrer Bewohner kennen zu lernen. Vielleicht in acht oder vierzehn Tagen, wenn Ihr Verwandter mich so lange dulden will.«
Sie lachte spöttisch. »Dulden? Als ob Ihr Engländer nicht glaubtet überall die Herren zu sein. - Aber warum nennst Du micht nicht Du, wie es die Sitte unseres Landes fordert?«
»Ich muß gestehen, Adda, Sie sind so ganz anders, als die andern Lappenmädchen, daß ich es nicht wagen wollte, Sie wie die anderen Weiber anzureden. Sie haben, wie ich gehört habe, früher wohl in den Städten gelebt?«
»Ha - bist Du ein Spion? - was kümmert's Dich! ich bin eine Same-Laz - die Verachtetste unter den Verachteten.
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Frage mich nie wieder danach - nicht mich, nicht den alten Mann nach dem was vergangen ist!«
»Ich habe kein Recht dazu und wünsche nicht in Eure Geheimnisse mich zu drängen. Aber ich habe gehört, daß Torne-Kaitum die anderer Menschen kennt, wenn er es will, daß sein Geist über Länder und Meere wandert und sieht, was anderen sterblichen Augen verborgen ist!«
Sie warf einen raschen kurzen Blick auf mich. »Torne-Kaitum ist ein großer Noaide« sagte sie.
»Ich wünschte, ich könnte eine Probe seiner Kunst sehen. Aber er würde einem Fremden mißtrauen, wenn er ihn darum bäte.«
»Welchen Weg wirst Du auf Deiner Heimkehr nehmen?«
»Ueber Drontheim und Hamburg - es ist der rascheste Weg.«
»Das ist der Weg nach Kopenhagen?«
»Von Hamburg, ja!«
»Und Du möchtest gern sehen, wie die Seele Torne-Kaitums im Zauberschlaf nach den glücklichen Regionen wandert?«
»Ich gestehe, es ist ein großer Wunsch!«
»Du sollst es sehen - unter einer Bedingung!«
»Welche?«
»Du sollst geloben, eine Bitte zu erfüllen, die ich an Dich richten werde, wenn die Seele des Kaitums zurückgekehrt ist in ihren Leib!«
»Was betrifft die Bitte?«
»Mich selbst!«
»Well! - ich gebe Dir mein Wort als Gentleman,
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daß ich sie erfülle, wenn es in meiner Macht steht und mit der Ehre sich verträgt.«
»Ich weiß Nichts von Deiner Ehre! - komm!«
Sie ging, ohne noch einen Blick dem todten Reen zuzuwenden, das sie so oft getragen, vor mir her und stieg den Felsenhang hinab nach dem See.
Vergebens versuchte ich mehrmals ein weiteres Gespräch mit ihr anzuknüpfen, indem ich auf ihren Gesang und ihr Harfenspiel am vorigen Abend hindeutete. Sie setzte allen weitern Bemühungen ein hartnäckiges Schweigen entgegen und zuletzt schwieg auch ich ärgerlich über diesen Trotz.
Nach der Wanderung von einer starken Stunde kamen wir an das Lager des Stammes und fanden Alles in großer Aufregung, denn meine Begleiter waren glücklich mit dem Körper des erlegten Bären eingetroffen und hatten dadurch großen Jubel verbreitet. Es war beschlossen worden, ein Festmahl zu halten und bereits hatte man Meister Petz den Pelz abgestreift und ihn in Stücke zerlegt.
Die Ankunft des Mädchens in meiner Begleitung schien übrigens Erstaunen zu erregen und der Kaitum, der vor seinem Zelte saß, machte ein finsteres Gesicht. Als Adda aber sich neben ihn setzte und ihm von ihrem Kampf mit den Wölfen erzählte und wie mein Hinzukommen und mein Schuß diesem ein Ende gemacht hatte, änderte sich der Ausdruck seines Gesichts. Ich konnte allerdings nicht verstehen, was sie gesagt hatte, da sie in der Volkssprache redete, es mußte aber wohl mich mit Absicht über Verdienst rühmen; denn der alte Mann reichte
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mir die Hand und sagte: »Du hast das Kind meines Herzens beschützt, Fremder - meine Heerden und meine Habe sind Dein Eigenthum!«
»Ich habe dem Fremdling ein Zeichen Deines Dankes versprochen!«
»Du hast wohl daran gethan! Er möge wählen.«
»Er hat gewählt. Er ist fern von der Heimath - er wünscht zu wissen, wie die Seinen leben. Er will den großen Noaiden der Same-Laz zu ihnen senden!«
Das Gesicht des alten Lappen verfinsterte sich merklich bei diesem Verlangen, das übrigens von dem Mädchen in dänischer Sprache gestellt worden war, damit ich ihre Worte verstehen könnte.
»Die Tochter meiner Tochter hat nicht wohl daran gethan« sagte er mürrisch, »den Fremden von den Geheimnissen ihres Volkes zu sprechen.«
»Der Ruf des großen Noaiden ist weit verbreitet über die Gränzen dieses Landes. Will der Vater meiner Mutter ihr Kind wortbrüchig machen?«
Der alte Mann machte allerlei Geberden, welche seine Unschlüssigkeit verriethen. Er wandte den Kopf hin und her, rang die Hände und sah bittend auf das Mädchen. Aber sie blieb blind und taub für alle diese Zeichen. Endlich wandte sich der Alte zu mir.
»Fremdling« sagte er, »Torne-Kaitum hat Dich in sein Lager aufgenommen und Milch und Brod mit Dir getheilt. Er hat Dir die Fische des See's und die Thiere des Waldes überlassen. Warum willst Du ihn betrüben und ihm Schmerz verursachen? Glaubst Du, daß die
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Seele aus dem Kipper geht, ohne daß er die Leiden des Todes fühlt?«
Ich wollte ihn versichern, daß ich weit entfernt sei, von ihm etwas zu verlangen, das er so ungern thäte, aber Adda gab mir einen Wink und so begnügte ich mich mit einigen Worten, die bloß ausdrückten, daß ich begierig sei zu prüfen, ob der Ruf dieser geheimnißvollen Gabe Wahrheit sei.
Ich sah, wie große Schweißtropfen der Angst und eines innern heftigen Kampfes über sein welkes Gesicht rannen und schon war ich entschlossen, meinen Wunsch lieber ganz aufzugeben, als der alte Mann sich plötzlich fest entschlossen in die Höhe richtete.
»Die Tochter der Same-Laz wird ihr Wort halten und die Seele ihres Vaters über das Wasser schicken. Morgen, wenn die Sonne über den Gipfel des Raggis tritt, wird er bereit sein. Geht - sein Geist bedarf der Sammlung.«
Der alte Mann erhob sich und kroch in sein Zelt, dessen Thürleder er hinter sich nieder fallen ließ.
Von jetzt bis zur bestimmten Stunde, nach unserer Zeit etwa um 9 Uhr Vormittags, nahm er weder Speise noch Trank. Die Mitglieder der Horde ließen sich dadurch keineswegs in ihren Anstalten zum Festmahl stören, sie betrachteten vielmehr das Versprechen ihres Häuptlings als die Gelegenheit zu einem Feiertag, und hätten dabei um keinen Preis mehr die Nilekes-Olmaks, die Festtagsgötter, die drei Begleiter der Sonne, durch irgend eine profane Arbeit, wie Holzfällen und dergleichen beleidigt.
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Es ist eigenthümlich und bezeichnend für die Kultur-Entwickelung - gestatten Sie mir diese Bemerkung einzuschieben, - daß hier ein Volk im höchsten Norden, gleich den Parsen Indiens und vielen Nationen des Alterthums die Sonne als Gottheit verehrt. Die Baiwe, das heißt die Sonne, die Alles befruchtende, ist ihnen die Mutter und Schützerin aller Thiere, hauptsächlich der Reens, ihres größten Schatzes.
Mehre der ältern Mitglieder des Stammes entfernten sich, gewisse Vorbereitungen zu treffen, während wir unser Zelt aufsuchten, um darin zu ruhen; denn ich war entschlossen, auf das Genaueste alle Vorgänge zu beobachten und während der Zeit, - man hatte mir gesagt, daß 24 Stunden über dem Zauberschlaf vergehen könnten, - selbst kein Auge zu schließen.
Und jetzt, Señores, bitte ich Sie, bei dem was ich Ihnen erzählen werde, mich nicht für einen abergläubischen, durch einen Betrug leicht täuschbaren Menschen zu erhalten. Was ich Ihnen sage, habe ich mit nüchternen klaren Sinnen erlebt, und mißtrauisch auf das Schärfste geprüft; aber es ist so seltsam und in unserem bisherigen Wissen gradezu unerhört, daß ich es Niemand übel nehmen kann, daran zu zweifeln. Nur muß ich Sie bitten, vor Ihren Bemerkungen darüber sich erinnern zu wollen, daß ich Ihnen hiermit mein Ehrenwort als Gentleman und Offizier gebe, daß ich mir keinen Scherz mit Ihnen erlaube, sondern Alles, was ich sage, buchstäblich wahr ist.«
Der Kapitain machte eine kleine Pause und sah in
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dem Kreise umher. Auf allen Gesichtern zeigte sich eine ernste Spannung. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort.
»Etwa eine halbe Stunde vor der bestimmten Zeit holte mich Adda ab. Ich folgte ihr mit Asbiörn. Die ganze Bevölkerung des Stammes war vor der Jurte des Häuptlings versammelt, nur die beiden norwegischen Hirten fehlten, man hatte sie mit meinem Begleiter Sven unter einem sie zwei Tage entfernt haltenden Vorwand nach einer entlegnen Senne geschickt, um weiter keine Zeugen bei den heidnischen Ceremonien zu haben, die sie dem christlichen Geistlichen verrathen könnten, was wahrscheinlich dem Kaitum manche Unannehmlichkeit zugezogen hätte. Asbiörn schien er mehr Vertrauen zu schenken und seiner aus der früheren Dienstzeit gewiß zu sein.
Die Weiber des Stammes, auch Adda, saßen zur Seite, denn kein mannbares Weib darf sich dem mit Zweigen umsteckten Steintisch nahen, der von den Knochen der geopferten Rennthiere im Kreise umgeben hinter den Hütten stand und den rohen Birkenklotz, das Sinnbild der Hauptgottheit Tierme trug.
Um eine Elenhaut vor dem Eingang des Zeltes, in dem der Häuptling noch immer verborgen war, war ein Zaun von Rennthiergeweihen, ein Tiorfwigardi, errichtet, wodurch der Platz zu einem Storjunkare, einem heiligen Ort gemacht worden war, in den die bösen Geister nicht dringen konnten, um etwa den leblosen Körper während der Abwesenheit seiner Seele zu entführen. Die Trommel aus Birkenholz, Gobdas genannt, auf deren Fell mit dem rothen Saft gewisser Beeren die Bilder der Götter und
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allerlei Gegenstände gemalt waren, lag auf dem Fell bereit. An ihr die Arga, ein Büschel an Fäden gereiheter Ringe, die beim Schlagen mit einem aus Rennthierhorn gefertigten Hammer auf der Trommel herumhüpfen und aus deren Gebilden und Lage der Zauberer seine Wahrsagungen schöpft.
Man führte mich an den Zaun und hieß mich niedersetzen, dann auf ein Zeichen, verließ Torne-Kaitum sein Zelt und setzte sich auf die Elenhaut. Er sah blaß und übernächtigt aus und man erzählte mir, daß er die Nacht im Gebet an Jabme Akko, die Todesgöttin, zugebracht habe, die den Aufenthalt der Verstorbnen beherrscht, den der Verdammten, welchem der Höllengott Pescal, und den der Seligen, das Land des Lichts, welchem Städian vorsteht, und zu dem nach langer Wanderung als Hausgeister in verschiedenen Thiergestalten Diejenigen eingehen, welche sich im Leben von Meineid, Diebstahl und Streitsucht frei gehalten haben, und wo sie Alles in Fülle finden, was den Lebenden erfreut, Taback rauchen und Branntwein trinken.
Ich berühre diese Dinge so ausführlich, wie ich bemerke zum großen Abscheu unseres ehrwürdigen strenggläubigen Herrn hier, um Ihnen zu zeigen, wie der Glaube an die Unsterblichkeit in allen Völkern wurzelt, und welche seltsame Verbindung in der Annahme der Seelenwanderung zwischen so entfernten Nationen wie die Inder und alten Egypter, und den verachteten Lappen am Nordpol herrscht.
Zu meiner Verwunderung trug der alte Häuptling statt seines gewöhnlichen Rockes von Rennthierhaut einen
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langen breitschößigen Tuchrock, wie ihn die norwegischen Bauern statt der weißen Wochentagsjacke an Sonn- und Festtagen zu tragen pflegen. Sein Haupt war unbedeckt und zeigte seine langen weißen Haare.
Er setzte sich langsam neben die Trommel und winkte mich dann heran an den Kreis der Geweihe, der so eng war, daß meine Hand ihn leicht berühren konnte.
»Fremdling« sagte er, »Torne-Kaitum ist bereit, von Dir seine Seele auf die große Wanderung schicken zu lassen. Reiche mir deine linke Hand und dann sage mir, wohin sie gehen und was sie schauen soll, um es Dir zu erzählen, wenn Jabme Akko es gestattet, daß sie in diesen Leib zurückkehrt.«
Ich hatte bereits bei mir beschlossen, dem zu folgen, was Adda mir am Abend vorher bei ihrer Forderung an den Häuptling untergeschoben hatte. Es war eine Unmöglichkeit, daß der alte Mann je in meinem väterlichen Hause, jetzt dem Familienerbe meines Bruders, des Baronets gewesen sein oder seine Familie kennen sollte. Ich wollte daher verlangen, daß er mir Nachricht aus Welmore-Hall in Northumberland bringen solle und zwar aus der Familienhalle und meinem eignen Zimmer im zweiten Stockwerk des nördlichen Thurms, das ich stets bei meinen Besuchen auf der Besitzung meiner Familie zu bewohnen pflegte, und das, wie ich wußte, sonst verschlossen gehalten wurde, da ich dort die meisten meiner Jagdtrophäen aufbewahrte.
Ich glaubte, auf diese Weise am Leichtesten seine Täuschung an's Licht stellen und ihn zum Eingeständniß
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seiner Unfähigkeit bringen zu können, mir die verlangte Nachricht zu geben.
Ich reichte ihm also meine linke Hand, die er während der folgenden Unterredung in der seinen behielt, und rief Asbiörn herbei, um uns so weit nöthig als Dolmetscher zu dienen.
»Wohin willst Du, das mein Geist wandern soll?«
»Nach unserem Familiensitz Welmore-Hall in der Grafschaft Northumberland im Osten von England.«
»Torne-Kaitum muß also über das Meer gehen?«
»Ja! Die Nordsee liegt zwischen Deiner und meiner Heimath.«
»Es ist gut - er wird gehen. Sage mir die Richtung nach der Sonne, damit mein Geist nicht unnütz umherwandert.«
Obschon ich voller Unglauben war, ja alle diese Phrasen mir lächerlich erschienen, wollte ich ihm doch bis zum Schluß allen Willen thun, nahm meinen Taschenkompaß und deutete ihm die ungefähre Richtung nach dem gegenwärtigen Stande der Sonne an, die sich jetzt über den Gipfel des Raggis erhoben hatte.
»Ich danke Dir« fuhr der Alte fort, Baiwe und ihr Gatte24 werden mir leuchten. Jetzt sage mir, was ich thun soll an dem Ort, den Du mir genannt hast?«
»Du sollst durch die große Halle im Erdgeschoß gehen und mir sagen, wer darin war, dann die Treppe in dem nördlichen Thurm hinaufsteigen und - wenn Dein Geist
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durch verschlossene Thüren so wenig aufgehalten wird, wie unsere einheimischen Gespenster, - in das sogenannte Kapitainszimmer treten.«
Er sah mich mit trauriger Miene an. »Du spottest meiner, Fremder« sagte er mild, »und glaubst nicht an den Zauberschlaf. Sage mir, was ich in dem Zimmer thun soll?«
Ich war einigermaßen frappirt von diesem hartnäckigen Vertrauen, da ich schon geglaubt hatte, gewonnen Spiel zu haben.
»Du wirst grade gegenüber der Thür einen Spiegel sehen. Rechts und links befinden sich Thierköpfe. Sage mir, was Du an dem zur Linken finden wirst.«
»Ist das Alles?«
»Ja - ich dächte es wäre genug, und wenn Du diese Aufgabe zu lösen im Stande bist, will ich Dich in Wahrheit für einen Zauberer halten.«
Torne-Kaitum begnügte sich mit dem Kopf zu nicken, dann ließ er meine Hand los und kniete mit dem Gesicht nach der Gegend hin, die ich ihm angedeutet.
Er nahm die Gobda, ordnete die Ringe der Arga darauf, so daß sie um das rohe Bild der Sonne zu liegen kamen und nahm den Hammer in die Hand.
»Lebe wohl Fremdling« sagte er, [»]und Maderatja und der Christengott mögen geben, daß ich Dir gute Nachricht zu bringen vermag.«
Darauf begann er mit heller Stimme einen Gesang, der, wie mir Asbiörn sagte, die Olmaks, die Berg- und Hilfsgeister der Zaubereien anrief, ihm beizustehen, während
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er zugleich die Trommel schlug, anfangs schwach, dann immer stärker und stärker, während zugleich sein Gesang kräftiger wurde und seine Stammesgenossen in einer Art Chor einfielen. Immer kräftiger schlug der Alte auf die Trommel, bis er zuletzt wie im Paroxismus umfiel. Noch hatte er die Kraft, die Trommel auf seinen Rücken zu schieben und dann fiel er anscheinend in einen tiefen Schlaf.
Während dies geschah setzte der Chor der Männer und Weiber seinen Gesang fort. Ich bemerkte, daß sie sich in zwei oder drei Partien theilten, um sich in diesem Gesänge abzulösen; denn nach dem herrschenden Aberglauben darf er bis zur Rückkehr des Hebens in den todten Körper keinen Augenblick unterbrochen werden, weil die umherwandernde Seele, wenn sie denselben nicht mehr hörte, ihren Weg verlieren und in andere Regionen gerathen den Körper nicht mehr wiederfinden würde.
Ich beobachtete jetzt den schlafenden Greis und sah, daß alle Farbe aus seinem Gesicht gewichen war und konnte auch nicht bemerken, daß ein Odemzug seine Brust hob. Die Augen waren geschlossen, die Lippen weiß. Als ich ihn noch betrachtete hörte ich eine Stimme neben mir: »Fasse seine Glieder an, Fremder, - was Du siehst, ist ein todter Leib.«
Es war Adda, die zu mir gesprochen hatte. Ich folgte in der That, um mich zu überzeugen, ihrer Anweisung, bog mich über den Kreis der Geweihe und faßte die Hand des Schlafenden. Sie war von jener schauerlichen Kälte, welche das Verschwinden alles Lebens mit
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sich führt, und das ich oft genug beobachtet hatte. Als ich sie emporhob und wieder losließ, fiel der Arm schwer und haltlos zurück. Mein Taschenspiegel, den ich dem Alten vor den Mund hielt, wurde von keinem Hauch getrübt - der Mann war todt, oder wenigstens in einem Zustand, wo jede Funktion des Lebens aufgehört hatte.
Ich kehrte ziemlich betroffen auf meinen Platz zurück, obschon ich noch immer an eine geschickte Täuschung glaubte. Wissen doch auch bei uns manche Gaukler, z. B. bei dem Jahrmarktskunststück des Enthauptens, dem menschlichen Körper die Regungslosigkeit des Todes zu geben. Wie ich schon vorhin erwähnt, hatte ich daher beschlossen, bis zu dem angeblichen Wiedererwachen den Körper des Zauberers nicht aus den Augen zu lassen.
Meine Aufgabe wurde mir indeß keine leichte. Stunde auf Stunde verrann, noch immer zeigte sich keine Spur von Leben in dem unbeweglichen Leichnam - während der ununterbrochen fortdauernde eintönige Gesang der Lappen auf die Dauer etwas alle Nerven Erschütterndes, kaum Erträgliches hatte.
Die einzelnen Gruppen der Lappen lösten sich in dem Gesänge ab, und während die einen ihn ununterbrochen unterhielten, zechten und schmausten die Anderen unbekümmert um den Zustand ihres Häuptlings.
Es bedurfte aller meiner Willenskraft, um auf meinem Posten auszuhalten. Nur auf wenig Augenblicke, wenn ich mich entfernte, überließ ich Asbiörn die Ueberwachung des Körpers.
Die Sonne war untergegangen, die Lappen hatten
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während der kurzen Zeit ihres Verschwindens mehre Feuer angezündet, - noch immer nicht das geringste Zeichen des Lebens an dem Manne. - Sie trat wieder über den Horizont - es blieb dasselbe.
Mich fing an zu schaudern und ich begann zu glauben, daß ich wirklich einen Leichnam vor mir habe, und ich machte mir Vorwürfe, daß ich die Sache so weit getrieben.
Endlich - es war nach meiner Uhr 5 Uhr Morgens, - bemerkte ich eine Veränderung in dem Aussehen des Todten.
Ich sah deutlich, daß auf der Stirn des alten Mannes dicke Schweißtropfen hervortraten und über das gefurchte Gesicht rannen. Dann öffneten sich die Lippen - eine leichte Röthe, wie von einer Anstrengung hervorgerufen erschien auf den eingefallenen Wangen, die Brust begann sich zu heben, und als auf meinen Ruf die Lappen herbeieilten und der letzte Ton ihres Gesanges verklang, öffnete der Kaitum die Augen und erhob sich zum Sitzen, indem er verwirrt umherstarrte.
Ein Freudengeschrei erscholl unter den Lappen und dann stürzten Alle nach dem Steintisch hinter der Hütte, in dessen Nähe bereits das Reen angebunden stand, das zum Opfer bestimmt war. Der gurgelnde Ton verkündete den Tod des Thiers und dann brachte man dem Erwachten zwei Becher aus Birkenrinde, den einen mit dem frischen Blut des Thiers, den andern mit Milch gefüllt. Er leerte sie alle beide, strich sich das lange weiße Haar aus dem Gesicht und sah umher. Als sein Blick auf mich fiel, kam
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es wie ein Schatten über sein Gesicht, er erhob sich und winkte mir.
»Torne-Kaitum« sprach er langsam, »ist zurückgekehrt von der Wanderung im Reiche der Schatten. Soll er Dir hier vor Aller Ohren die Kunde bringen, die Du verlangtest, oder willst Du sie an einem Orte hören, wo nur das Gestein der Erde und die Lüfte des Himmels ihre Zeugen sind?«
»Ich bitte Dich, mir hier zu sagen, was Du mir mittheilen kannst.«
Er neigte das Haupt und wies nach einem Stein, daß ich mich setzen solle. Er selbst that das Gleiche. Um uns her im Kreise hatte sich der ganze Stamm versammelt, Adda stand an der Seite des alten Mannes und hatte die Hand auf seine Schulter gestützt.
»Die Saiwo-Olmaks« begann er, »sind Torne-Kaitum günstig gewesen. Ich erzähle, was meine Augen gesehen. Es ist ein großes und schlimmes Meer, über das ich ging. Biag-Olmai25 und Afzchiegadze26 peitschten die Wässer. Wo die Wellen am Strande brüllen steht mitten unter vielen Bäumen ein hohes Haus von Stein gebaut. Ein Thurm sieht nach Mitternacht, ein anderer nach Mittag. Es währte lange, bevor die Seele Torne-Kaitums den Ort fand - Baiwe27 hatte die Erde verlassen und ihr Mann zog am Himmelsbogen. Aber in dem Haus war es hell
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und viele Lichter. Die große Pforte war geöffnet und viele Leute zogen ein und aus. In der großen Halle aber, die zur Rechten des Eingangs liegt, waren viele Frauen und Männer und Kinder, und alle waren schwarz, und alle weinten, denn die Todesgöttin Jabme-Akko war eingekehrt in das Haus!«
»Heiliger Gott - Mann, sprich die Wahrheit!«
»Still - unterbrich mich nicht. Ich sah sie deutlich stehen zu Häupten des schwarzen Sarges und sie nickte mir zu, als ich durch die Halle ging. Viel Lichter standen um den Sarg und viele Blumen lagen darauf, aber Blumen wecken die Todten nicht, und der Knabe, der im Sarge lag, war todt!«
»Ein Knabe« stieß ich hervor - »wie alt? wie sah er aus?«
»Er mochte fünfzehn Sommer gesehen haben. Sein Haar war blond und er hatte ein dunkles Mal auf der linken Seite seines Kinns!«
Ich hatte seinen Arm gefaßt und schüttelte diesen. »Mann - um Himmelswillen, was erfindest Du? Die Beschreibung paßt auf Percival Welmore, meinen Neffen, den ältesten Knaben meines Bruders!«
»Es stand ein hoher Mann am Sarg« sprach der Lappe eintönig weiter, »er hatte Deine Augen und Dein Haar, Fremder, und am Zeigefinger seiner rechten Hand einen großen Ring mit blauem Stein. Er hielt den Arm um eine weinende Frau, und ein Mädchen in Adda's Alter und zwei jüngere Knaben standen neben ihnen.«
Mein Entsetzen stieg mit jedem Wort, das er weiter
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sprach. Er beschrieb auf das Deutlichste die Familie meines Bruders - Alles paßte genau, selbst der Ring an dem Finger des Baronets, ein altes Erbstück mit dem Wappen meiner Familie. So konnte nur Jemand berichten, der sie wirklich gesehen hatte!
»Dem hohen Manne gegenüber« fuhr der Lappe fort, »stand ein anderer Mann in dem Gewande der christlichen Priester, wie ich sie in unsern Kirchen gesehen; er hielt ein Buch in der Hand und sprach Worte des göttlichen Trostes. Aber ich hielt mich nicht auf, sie zu hören, sondern schritt durch die Halle und suchte die Treppe zum Thurm, in den Du mich gehen geheißen.«
Er machte eine Pause - ich klammerte mich an die letzte Hoffnung an - wenn er auch durch einen seltsamen Zufall von meinen Verwandten gehört haben sollte und diese Kenntniß benutzte, um mich arglistig in Schrecken zu setzen, unmöglich konnte er Etwas von dem Innern meines Zimmers wissen.
»Ich stieg die Treppen hinauf« erzählte der Greis, »und begegnete auf der ersten einem der Diener - dann am Ende der zweiten fand ich einen Vorplatz und ging durch die Thür in das Kapitainszimmer. Die Vorhänge waren vor den Fenstern und viel Staub auf den Möbeln. Ueberall an den Wänden die Köpfe und Hörner grimmiger Thiere, wie ich sie niemals gesehen. Aber ich kümmerte mich nicht darum, sondern ging zu dem Tisch der Thür gegenüber zwischen den zwei verhangenen Fenstern, über dem der Spiegel hing, von dem Du gesprochen.
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Ich erinnerte mich deutlich der Worte meines Auftrags. »Was befand sich neben diesem Spiegel?«
»Auf der Seite zur Rechten war der Kopf eines schwarzen mir unbekannten Thiers, das aussah wie die Schweine in den Bauernhöfen, und große weiße Zähne hatte.«
Ich fühlte, wie das Haar sich mir zu heben begann - es war ein Eberkopf, den er beschrieb, und der sich wirklich an jener Stelle befand.
»Aber zur Linken? zur Linken?«
»Ah - es war ein Hirschkopf.«
Ich athmete auf!
»Aber mit seltsamen graden und langen spitzen Hörnern von Ringen umgeben!«
Mein Entsetzen wuchs.
»Und an dem einen Horn hing an einer Kette von Stahl ein langes scharfes Messer in einer Scheide von Leder und mit einem Griff von weißem Knochen!«
Ich stieß ein tiefes Stöhnen aus - ich konnte nicht mehr zweifeln. Der Kopf des Thiers war der einer seltenen Gazelle, die ich am Cap geschossen - das Messer mit dem Elfenbeingriff mein Jagdmesser, das ich erst am Tage meiner Abreise an das Horn gehangen und zu meinem großen Aerger dann vergessen hatte.
»Auf dem Tisch vor dem Spiegel« fuhr der alte Mann fort, »lagen fünf Briefe. Geister haben keine Macht, irdische Dinge über Land und Meer zu tragen, sonst, Fremder, hätte ich sie Dir mitgebracht, zum Beweis, daß der Same-Laz Torne-Kaitum in Deinem Zimmer war!«
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Er schwieg; - ich war so betäubt, - Alles, was ich hier gesehen und gehört, war so unglaublich, daß es meine Kraft, meinen Verstand völlig überwältigte. Ich konnte Nichts thun, als mein Gesicht in die Hände verbergen und mit tiefem Leid an den Schmerz meines wackern Bruders und seiner Familie über den Tod ihres Erstgebornen denken, der unser Aller Liebling gewesen war; denn - ich gestehe es - nach dem, was ich zuletzt vernommen, zweifelte ich keinen Augenblick mehr an der Wahrheit der traurigen Nachricht.
Ich hatte mich endlich so weit gefaßt, daß ich aufstand und das Felsenufer erstieg, um mit meinen Gedanken allein zu sein.
Wie Sie wohl denken können, betrafen diese nach der Besiegung des ersten Schmerzes den merkwürdigen Vorgang, an den meine Vernunft sich zu glauben sträubte, während ich doch den Beweis vor mir hatte.
Es kamen mir unwillkürlich die Worte Hamlets in den Sinn, an die ich Sie zum Beginn meiner Erzählung erinnerte.
Während ich in dieser Stimmung dasaß und nachdachte, legte sich eine Hand auf meine Schulter und eine Stimme sagte in englischer Sprache: »Sind Sie befriedigt, Sir?«
Es war Adda. Ich wunderte mich über den Ton der Anrede, die sie zum ersten Mal brauchte.
»Ich muß Ihnen gestehen« erwiederte ich, »daß ich vor Erstaunen über diese seltsame Fähigkeit, die ich nicht
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mehr zu leugnen wage, nicht zu mir selbst komme. Ich weiß nicht, was ich denken und glauben soll.«
»Glauben Sie, was Sie gesehen und gehört, Sir, aber reden Sie nicht mehr mit Torne-Kaitum darüber, denn er würde Ihnen keine weitere Antwort mehr geben. Er liebt es nicht, in den Zauberschlaf zu fallen und hat es nur auf mein ausdrückliches Verlangen gethan. Auch schwächt es auf lange Zeit hin seine Kräfte. - Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich bereits einen Boten abgesandt habe, um den Schweden, Ihren Diener, zurückzuholen, und daß das Boot bereit sein wird, Sie über den Torne-Sö zu tragen, sobald er angekommen ist.«
Ich sah sie erstaunt an - hatte denn auch das Mädchen die Fähigkeit, Verborgenes zu sehen?
»Ich denke, Sie wollen so rasch als möglich dieses Land verlassen, um nach Ihrer Heimath zurückzukehren.«
»Gewiß - das ist meine Absicht!«
»Dann Sir, erinnere ich Sie an das Versprechen, was Sie mir gegeben!«
»Ich werde es erfüllen, wenn es irgend in meiner Macht steht. Was verlangen Sie?«
»Daß Sie mich unter Ihrem Schutze mit sich reisen lassen!«
Ich fuhr betroffen zurück - dies Verlangen berührte mich sehr unangenehm.
»Ich meine nicht nach England« fügte sie rasch hinzu und ein gewisser Spott klang durch ihre Worte, »sondern nur bis zu einem Ort, wo ich Gelegenheit finde, eine Reise fortzusetzen, zu der ich entschlossen bin, bis Trondhjem oder schlimmsten Falls bis Hamburg. Ich werde Sie in
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keiner Weise belästigen, sondern will nur Ihren Schutz und die Gelegenheit benutzen. Auch will ich die Kosten der Fahrt tragen. Sehen Sie her, ich kann dies verwerthen, sobald ich zu einer Stadt komme.«
Sie zog aus der Tasche ihres Rocks eine Erzstufe von etwa drei bis vier Pfund Gewicht - ich hatte davon genug in Amerika gesehen, um sofort zu erkennen, daß es ganz schlackenreines Silber war.
Die Erinnerung an den geheimen Reichthum des alten Lappen, von dem mir Asbiörn erzählt hatte, überkam mich.
»Das ist es nicht, Adda, weswegen ich mich sträube« sagte ich ernst. »Ich bin Gott sei Dank wohlhabend genug, um die Kosten für Sie zu bestreiten. Aber dreierlei Gründe sind es, die es mir schwer, ja unmöglich machen, Ihren Wunsch zu erfüllen.«
»Welche?«
»Zuerst ist es die Rücksicht, die ich Ihrem Verwandten schuldig bin. Beantworten Sie mir die Frage, ob Torne-Kaitum mit Ihrer Absicht einverstanden ist?«
»Nein! er würde mich mit Gewalt zurückhalten. Eben deshalb will ich Ihren Schutz!«
»Dann verbietet es mir schon die gewöhnlichste Dankbarkeit, die genossene Gastfreundschaft dadurch zu vergelten, daß ich Sie seinem Schutz entführe.«
»Er wird sich in das Unvermeidliche finden. Er weiß, daß ich zurückkehren werde, wenn es Zeit, und wird mich rufen, wenn seine Stunde gekommen ist.«
»Bedenken Sie den Schmerz des alten Mannes. Ich
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fühle allerdings, daß Sie nicht in diese wilde uncultivirte Umgebung gehören, aber erinnern Sie sich - ich muß aussprechen, was ich gehört habe, - daß die Flucht Ihrer Mutter in fast ähnlicher Weise vor Jahren sein Herz auf das Bitterste traf. Ich habe genug in der Welt gelebt um zu wissen, daß die menschlichen Gefühle dieselben sind unterm Kleid der Civilisation, wie unter der rauhen Felldecke des Wilden.«
Es fuhr wie ein Gewitter über ihr Gesicht bei der Erwähnung ihrer Mutter und sie faßte wild meinen Arm.
»Was wissen Sie von meiner Mutter, Sir? wer hat Ihnen das gesagt?«
»Ich weiß nur, daß sie bei einer Reise Ihres Großvaters nach Drontheim verschwand und wahrscheinlich dem Mann ihrer Wahl folgte.«
»Meine Großmutter war eine Norwegerin« sagte das Mädchen finster. »Es thut nicht gut, wenn die Stolzen, die sich die Herren dünken, mit dem Blut der Verachteten sich vermischen. Die Frucht erbt ihre Sünden. Aber wie dem auch sei, ich muß meine Aufgabe vollenden und meine Mutter und mich selbst an Denen rächen, die uns in's Verderben gestürzt haben. Wenn Sie sich weigern, Ihr Versprechen zu erfüllen, muß ich auf die eigene Kraft vertrauen, und über Sie komme dann mein Fluch. Möge jedes Mal, das Sie in die Heimath zurückkehren, Tod und Trauer Sie erwarten, wie jetzt!«
Ich schauderte vor diesem dämonischen Charakter zurück, der das Verderben auf Unschuldige herabbeschwor, bloß weil ein ihr Fremder sich weigerte, ihren Willen zu
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erfüllen. Ich will gestehen, daß das eben Erlebte einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, der Glaube an den Aberglauben, an die geheimnißvolle Macht dieser Familie mich so tief bewegt hatte, daß ich unwillkürlich Furcht für die Meinen empfand und nachgab.
»Wollen Sie Ihr Wort halten? Wollen Sie mich mit sich nehmen, oder nicht?«
»Ich will« sagte ich erschüttert. »Ich will es thun, unter der Bedingung, daß Sie mir ein Mittel geben, den alten Mann nach Ihrer Flucht wissen zu lassen, daß er keinem Schurken Gastfreundschaft gewährt hat.«
Nachdem ich meine Einwilligung gegeben, war die junge Norwegerin wie verwandelt. Der dämonische Trotz war verschwunden, ihre Sprache zu mir war wie sonst, ja sie bemühte sich, Demuth und Dankbarkeit zu zeigen. Unsere Verabredungen waren bald getroffen. Ich sollte noch denselben Abend eines der größeren Boote des Stammes leihen und auf diesem mit meinem wenigen Gepäck die Fahrt bis zum westlichen Ende des Sees machen. Dort am Einfluß des Nord-Joki sollte ich ihrer Ankunft harren, die nicht lange auf sich warten lassen würde. Zum Rudern des Bootes sollte ich außer Asbiörn und Sven einen der norwegischen Rennthierknechte ihres Großvaters verwenden, der nach ihrer Ankunft und nach dem Antritt unserer Wanderung über das Gebirge zur Küste das Boot zum Lagerplatz der Horde zurückführen und Torne-Kaitum die Botschaft seiner Enkelin wie meine eigenen Versicherungen überbringen sollte.
Sie selbst wollte am frühen Morgen das Lager
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verlassen und eine ihrer einsamen Wanderungen in das Gebirge antreten, bei denen die Lappen gewöhnt waren, daß sie Tage und Nächte ausblieb. So würde ihre Flucht nicht eher entdeckt werden, als bis der Mann mit dem Boot zurückkehrte und sie selbst verkündete.
Nachdem alles dies besprochen war und ich nochmals mein Wort verpfändet hatte, sie am Ende des See's erwarten zu wollen, trennten wir uns und ich kehrte zum Lager der Horde zurück, um meine Vorbereitungen zu treffen.
Obschon Adda mir gesagt hatte, wie vergeblich es sein werde, von dem alten Mann noch genauere Mittheilungen erhalten zu wollen, konnte ich doch den Versuch nicht unterdrücken. Aber er schlug vollständig fehl. Entweder hatte Torne-Kaitum alle Erinnerungen seines Traumes bereits vergessen, oder er wollte nicht daran erinnert werden. Dazu kam, daß sich sichtlich eine große körperliche Abspannung seiner bemächtigt hatte.
Um so unangenehmer war es mir, zu der Flucht seines Großkindes die Hand bieten zu sollen. Aber ich hatte einmal mein Wort gegeben und konnte es nicht zurücknehmen. So nahm ich denn von ihm Abschied, was er in halbem Stumpfsinn kaum zu bemerken schien, trug seiner Umgebung die Bitte auf, er möge meiner in Freundlichkeit gedenken, und beschenkte die Personen, die mir während meiner Anwesenheit Dienste geleistet hatten.
Nachdem ich diese Dinge geordnet, packten wir unsere Sachen in eines der Fischerboote und machten uns auf den Weg.
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Von den beiden normannischen Hirten des Kaitum begleitete uns der eine, um das Boot zurückzubringen. Mit ihm wollte, wie erwähnt, Adda zugleich ihrem Großvater Botschaft senden.
Ich war während der ganzen Fahrt verstimmt, theils von Besorgniß über den Todesfall in der Familie, theils über das Versprechen, was ich gegeben hatte. Wir ruderten die ganze Nacht hindurch und am andern Morgen oder vielmehr am Vormittag, etwa 24 Stunden nach dem Wiedererwachen befanden wir uns an dem Eingang des Norden-Joki, der Stelle, an der uns das Mädchen treffen sollte.
Wie sie es möglich gemacht, uns so rasch zu folgen, weiß ich nicht. Kurz, wir hatten noch nicht zwei Stunden geruht, als sie plötzlich vor mir stand.
Sie hatte ihre Kleider aus Rennthierhaut und rothem Tuch mit einem einfachen Gewand vertauscht, wie es die Bürgerfrauen in den Küstenorten zu tragen pflegen, um dadurch weniger aufzufallen. Ein großes Regentuch bildete ihren einzigen Schutz gegen Sonne und Wetter. Der Umstand, daß sie ihre Harfe trug, ließ mich schließen, daß sie den Weg nicht allein gemacht, sondern durch Geschenke oder Versprechungen einen Begleiter gewonnen hatte.
Asbiörn und seine beiden Gefährten erschraken anfangs gewaltig über die Erscheinung des Mädchens und noch mehr, als sie von ihrer Absicht hörten, uns begleiten zu wollen, ja ich konnte bemerken, daß sie zuerst ein gewisses Mißtrauen gegen mich hegten. Erst als ich auf das Bestimmteste erklärte, daß ich Nichts mit ihrem
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Entschluß zu thun habe und mich nur durch das gegebene Versprechen gebunden fühle, ihr so lange Schutz zu gewähren, als unser Weg der gemeinsame sein würde, wurden die Männer wieder ruhig und zeigten mir das frühere Vertrauen.
Ich überließ es natürlich dem Mädchen, sich weiter mit den Männern zu verständigen und die Erklärung ihrer Flucht an Torne-Kaitum zu senden, und es mußte ihr in einer oder der andern Weise gelungen sein, denn als ich bald darauf den Aufbruch befahl, hatte sich Asbiörn selbst mit ihrer Harfe beladen und trug sie über das Gebirge.
Am andern Tage waren wir an der Küste in dem Fischerdorf Ancenes am Ofoten-Fjord. Hier gelang es mir, ein Fahrzeug zu finden, das uns nach Lödingen auf Hindö brachte, wo Aussicht war, mit einem der größeren Küstenfahrer Drontheim zu erreichen.
In Lödingen auf Hindö trennte sich Asbiörn von uns, um nach den nördlichen Inseln zurückzukehren, Sven aber hatte sich entschlossen, mich weiter zu begleiten, um wieder Stockholm zu erreichen. Auf der ganzen Fahrt hatte ich mir so wenig als möglich mit dem Lappenmädchen zu schaffen gemacht und nur für ihren Schutz und Unterhalt gesorgt, aber es war mir im Grunde sehr lieb, daß einer der Leute sich entschlossen hatte, weiter mitzukommen, da ich nun nicht genöthigt war, allein mit ihr zu reisen.
Es hat kein Interesse, Ihnen den weiteren Verlauf unserer Fahrt zu erzählen. Genug, wir erreichten nach etwa zehn Tagen Drontheim und ich hörte mit Vergnügen,
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daß bereits am zweiten Tage darauf ein Dampfer nach Hamburg abging, was alle Monate nur zwei Mal geschah. Seltsam war es, daß - als ich es übernommen, die Silberstufe des armen Mädchens zu verwerthen, damit sie nicht übervortheilt würde, - ich durch Zufall an denselben alten Goldschmied gerieth, welcher vor 19 oder 20 Jahren dem alten Lappen eine Anzahl ähnlicher Stufen abgekauft hatte. Von ihm erfuhr ich, daß das Gerücht nicht gelogen habe, als es den Same-Laz als einen reichen Mann bezeichnete; der Juwelier erzählte mir vielmehr, daß er in früheren Zeiten mehrfach einen solchen Handel mit ihm gemacht habe, und er erinnerte sich auch deutlich des Mädchens, seiner Tochter, die ihn damals begleitet hatte, und daß dieselbe sich habe von einem jungen vornehmen Dänen entführen lassen.
Ich kaufte für Adda einige passende Kleidungsstücke und bezahlte die Ueberfahrt für sie. Sie nahm es an, ohne es viel der Mühe werth zu halten, mir dafür zu danken. In Drontheim trennte sich Sven von uns, da er ein Unterkommen gefunden hatte.
Sechs Tage darauf waren wir in Hamburg, wo ich Briefe aus der Heimath zu finden erwarten konnte. Ehe ich mich in mein eigenes Hôtel an der Alster begab, brachte ich Adda in ein kleines Gasthaus und bot ihr jeden weiteren Beistand an. Sie dankte mir dafür, lehnte jedoch Alles ab und schien mir auch von ihren weiteren Plänen Nichts sagen zu wollen. Ich will hier gleich bemerken, daß als ich zwei Tage darauf vor meiner Abfahrt nach England sie nochmals aufsuchen wollte, ich sie in dem
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Gasthof nicht mehr vorfand. Sie war fort, wie mir der Wirth sagte, ohne das Ziel ihrer Reise anzugeben.
»Und die Briefe aus England?«
Der Kapitain sah sehr ernst im Kreise umher.
Ich fand sechs Briefe, die man mir nachgesandt - der eine war mit dem Siegel des Regiments und benachrichtigte mich, daß dasselbe Befehl erhalten hatte, sich nach Indien einzuschiffen, wo damals Nena Sahib an der Spitze des Aufruhrs stand. Der sechste war schwarz gesiegelt, von der Hand meines Bruders. Er enthielt, - was ich schon wußte, - daß sein ältester Sohn Percival, sein Stolz und Liebling, durch einen Sturz mit seinem Pony das Leben verloren hatte und am 8. Juni Abends in der Familiengruft begraben worden sei.
Es war der Tag und die Stunde, in der ich den leblosen Körper Torne-Kaitums im fernen Lappland bewachte, und seine Seele umherwanderte.
Später, als ich auf Welmore-House eingetroffen war, um mich sofort wieder einzuschiffen nach Madras, und ich meinem Bruder und dem Geistlichen das seltsame Ereigniß mittheilte, erinnerte sich der Letztere, daß er während der Einsegnung der Leiche einen kleinen weißhaarigen alten Mann von eigenthümlichem Aussehen mitten durch die versammelten Leidtragenden habe schreiten sehen. Er habe ihn für einen Landmann aus einem andern Ort gehalten und noch Unwillen über die Rücksichtslosigkeit des Mannes gefühlt, ihn aber aus den Augen verloren, da er keine merkliche Störung veranlaßt hätte. - Ja - als ich weiter nachfrug, wollte sich einer der Diener erinnern, am Abend
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des Begräbnisses einem ähnlichen Mann auf der Treppe in dem nördlichen Thurm begegnet zu sein.
Das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen vermag. Glauben Sie nun, oder nicht, spotten Sie darüber, oder nicht, - was ich Ihnen von meinem Antheil an der seltsamen Geschichte erzählte, ist strenge Wahrheit.«
»Und das schöne Lappenmädchen, - haben Sie niemals wieder von ihr gehört, Señor Kapitän?«
»Niemals!«


Die eigenthümliche Erzählung hatte bei dem Ernst des Erzählenden ihren Eindruck nicht verfehlt und das Gespräch wäre sicher von dem eigentlichen Thema abgesprungen und auf Gespenster und Ahnungsgeschichten gekommen, wenn der Graf von Lerida es nicht durch eine Frage wieder in diese Bahn geleitet hätte.
»Sie erwähnten, Señor Kapitän, vorhin einer besonderen Weise, deren sich die Jäger in Norwegen bedienen, um den Bären anzugreifen und zu tödten. Dürfen wir Sie um einige Auskunft darüber bitten, die uns um so mehr interessirt, als wir ja morgen selbst Meister Braun entgegen zu treten hoffen?«
»Man tödtet den Bären in den nordischen Alpen auf zweierlei Weise, und beide erfordern eine feste Hand und ein muthiges Herz. Bei der einen geht ihm der Jäger mit einem starken Spieß entgegen, und wenn der Bär sich auf die Hinterbeine aufgerichtet, stößt er ihm die Spitze ins Herz. Aber es ist bei alledem ein ungewisser
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Stoß; denn oft schlägt die Tatze des Braunen im letzten Augenblick den Spieß zur Seite, oder der Stoß geht fehl, und dann stürzt der Mann dem Ungethüm wehrlos in die Arme.«
»Und die zweite?«
»Sie bedingt eine nähere Umarmung, ist aber sicherer. Der Jäger schient sich starke Birkenrinden und Leder um das linke Handgelenk und den Unterarm, und mit Riemen ein starkes festes Messer mit langer spitzer Klinge in die rechte Faust!«
»Eine Navaja!28« sagte der Hauswirth.
»Der Jäger, wenn er das Lager des Bären aufgespürt hat,« fuhr der Kapitain fort, »reizt das Thier, bis es sich erhebt und mit geöffnetem Rachen und Vorderpranken auf ihn zugeht. Dann stößt er die linke Faust ihm zwischen die Zähne, faßt seine Zunge und reißt sie heraus. Der Bär kann sein Gebiß nur unvollständig brauchen, er versucht mit den Pranken den Vorderarm seines Feindes zu zerfleischen, der ihm auf Armlänge fern bleibt und die Gelegenheit benutzt, ihm unter der linken Tatze hinweg das Messer in's Herz zu stoßen.«
»Por Dios!« rief der alte Bärenjäger, »das ist ja fast die alte Weise der Pyrenäen! Respekt, Señor Kapitän, vor Ihren Nordländern, wenn sie allein mit der Bestie so Etwas zu thun wagen, während bei uns zwei Männer dazu gehören, dem Braunen den Garaus zu machen.«
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»Und wie geschieht dies, Señor Don Castillos? ich habe noch keiner Bärenjagd in den Pyrenäen beigewohnt.«
Die Erinnerung schien dem alten Jäger Feuer durch die Adern zu gießen. »Santissima madre! Die Welt entartet immer mehr! Wer dachte in meiner Jugend daran, mit der Kugel ein Loch in das Fell des Braunen zu machen, wenn man eine tüchtige Navaja und einen wackern Kameraden mit dem Panzer haben konnte! Jetzt freilich muß die Büchse aus sicherer Entfernung den Dienst thun!«
»Wollen Sie mir nicht die alte Jagdart erklären?«
Es war als ob es den Bärenjäger plötzlich mit schwerer Gewalt überkäme, der Gewalt der Erinnerung. Er legte die hagern braunen Hände vor das Gesicht und beugte einige Augenblicke den Kopf nieder.
»Ich habe eigentlich kein Recht mich darüber zu beklagen« sagte er dann, »denn ich selbst habe die Navaja nicht mehr gehandhabt seit 26 Jahren, - seit jenem blutigen Tag - - aber Sie wollten wissen, Señor, wie baskische Männer und Jünglinge früher den Bären in den Felsenklüften der Pyrenäen bekämpften. Sehen Sie dort den Küraß an der Wand?«
Die Blicke der Gesellschaft richteten sich nach der Stelle, welche ihr Wirth bezeichnete.
Zwischen den Bärenfellen hingen zwei gesteppte Leinwandkissen oder Matratzen von eigenthümlicher Form. Sie waren etwa drei Fuß lang, unten eine Elle breit und endeten oben in einer Haube oder Kaputze. An den Seiten befanden sich starke Riemen und Schulterbänder.
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Beide Kissen waren, obschon alt und von Staub bedeckt, doch noch wohl erhalten; daneben hingen die mit Blutflecken bedeckten zerrissenen Ueberreste einer wollenen Decke. Unter diesen Fetzen befand sich an der Wand eine Holztafel mit einem einfachen Kreuz und der gleichen Aufschrift:
Der 12. September 1834.
In dem Ende des Kreuzes, tief in das Holz gestoßen, daß es schwer gewesen wäre, es wieder herauszuziehen, steckte ein katalonisches Messer.
Alle bemerkten sogleich, daß dieses Wahrzeichen mit einer traurigen Erinnerung ihres Wirths in Verbindung stehen mußte; Don Ramiro schien dieselbe jedoch mit Gewalt zu unterdrücken und fuhr in seiner Erläuterung fort.
»Das Leinwandkissen dort und die Navaja sind die Waffen, womit die Hirten des Gebirges früher - und von Zeit zu Zeit auch wohl heute noch - den Kampf gegen das Raubthier unternahmen, das ihre Heerden zerriß und selbst an die Menschen sich wagte. Denn ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Caballeros, daß nach den Franzosenkriegen unsere Thäler lange ziemlich wüst und spärlich bevölkert blieben und das Raubzeug im Gebirge daher sehr überhand genommen hatte. Später kamen die Carlistenkriege, und auch da hatte man wenig Zeit sich mit seiner Ausrottung zu beschäftigen, so daß es der Bären wohl fünf Mal so viel geben möchte, als es jetzt noch der Fall ist. Demonio! wenn ein Hirt oder ein Jäger die Spur oder das Lager des Braunen aufgespürt hatte, suchte
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er sich einen Kameraden und sie machten sich auf den Weg, einer von ihnen mit dem einfachen Küraß da versehen, den er um Kopf und Rücken festband, der andere mit seiner Navaja. Wenn sie auf den Bären gestoßen waren und ihn in die Enge trieben, daß er sich zum Kampf aufrichtete, - Sie werden wissen, daß der Bär immer auf diese Weise seinen Feind angreift, - sprang der Erste auf ihn zu, unterlief ihn und hielt ihn mit den Armen umschlungen fest an sich gedrückt. Das dicke Kissen schützte Kopf und Rücken des Mannes vor den Umarmungen seiner Klauen und den Bissen seiner gewaltigen Zähne. Indem er so das Thier festhielt, gab er seinen Kameraden Gelegenheit, sich zu nähern und den Bären in derselben Weise zu tödten, wie es nach Ihrer Erzählung Señor Kapitän die Jäger des Nordens thun, oder indem er ihm von hinten die Kehle durchschnitt. Im Ganzen war, wenn nur der Mann mit dem Messer ein festes Herz hatte und seinem Kameraden zu rechter Zeit zu Hilfe kam, die Sache weniger gefährlich, als sie aussah; denn der Bär, von dem Mann umschlungen und festgehalten, konnte dem zweiten Gegner keinen Widerstand leisten und die Kraft seiner Arme, mit der er sonst einen Mann erdrücken kann, war durch die dicke Wolle des Kissens gebrochen. Ich selbst habe wohl zwanzig Mal den Kampf bestanden, theils als Jäger, theils als Assistente.«
Der Kapitain wollte eine Frage thun, als ihm der Graf von Lerida zuvorkam.
»Parbleu, Monsieur le Marquis« sagte er zu dem
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Ordonnanz-Offizier, »da hätten wir ja gleich eine vortreffliche Gelegenheit, unsere Wette zu entscheiden.«
Ein Blick bedeutete den aufschauenden Offizier, sich nicht zu verrathen.
»Welche Wette?« frug der Wirth.
»Bah - nichts von Bedeutung; der Herr Marquis und ich verabredeten, als wir Ihre Einladung an mich zu Ihrer Jagdpartie besprachen, ein kleines Duell!«
»Ein Duell? Demonio - ich will nicht hoffen, daß das wieder einer von Ihren gewöhnlichen Streichen ist, Señor Conde, so lange Sie unter meinem Dach sind!«
»Beruhige Dich, Compadre - unser Handel soll im Freien und in einer Weise ausgefochten werden, gegen die Du nicht das Geringste einzuwenden hast!«
»Nimmermehr will ich zugeben ...«
»Wir haben gewettet« unterbrach ihn der Graf, »wer von uns Beiden ohne Schußwaffen den ersten Bären, den er trifft anzugreifen und ihn lebendig einfangen und gefesselt nach Paris bringen wird, als Geschenk für die Kaiserin oder eine ihrer schönen Damen, verstehen Sie mich wohl, nicht etwa mittels eines Netzes oder einer Falle, sondern, was man so zu sagen pflegt, hübsch aus freier Hand, und zwar mit der eigenen. Ich hoffe, Señor Ramero, daß es an einigen tüchtigen Stricken in Ihrem Hause nicht fehlt?«
»Aber Señor Don Juan, eine solche Wette gränzt an Wahnsinn! Sie kennen die Wildheit und Kraft dieses Thieres in unseren Gebirgen nicht!«
»Quien sabe! ich habe zwar noch nie mit einem zu
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thun gehabt, indeß - was schadet das? Wir haben nun einmal das Wagstück gewettet und müssen den Versuch machen. Sie sind doch meiner Meinung, Marquis?«
Das Gesicht des jungen Offiziers war bei dem unerwarteten Vorschlag etwas blaß geworden und er öffnete den Mund, wie um gegen denselben zu protestiren. Aber ein gewisser spöttischer Zug auf dem Gesicht seines Gegners machte, daß er die Zähne zusammenbiß und schwieg.
Als er jetzt aber so direkt zu einer Antwort aufgefordert wurde, sagte er entschlossen. »Da der Herr Graf das Recht hat, die Waffen zu bestimmen, bin ich natürlich damit einverstanden. Nur wird er sich erinnern, daß wir den Preis der Wette noch festzusetzen haben.«
»O ich danke, wir werden uns leicht darüber einigen. Uebrigens hat der Marquis das Recht des ersten Schusses, das heißt also, zuerst sein Heil zu versuchen. Da jedem von uns frei steht, die Art des Angriffs zu wählen, würde ich dem Herrn Marquis rathen, sich an die alte Jagdsitte der Pyrenäen zu halten, und von einem Adjutanten mit dem Küraß Gebrauch zu machen.«
»Hundert Napoleons« sagte gereizt der französische Offizier, die übermüthig hingeworfene Idee erfassend, - »hundert Napoleons für den Mann, der den Muth hat, mein Assistente zu sein!«
Der alte Baske schlug auf den Tisch. »Halt da, Caballeros, bis jetzt ist hoffentlich die Sache bloß Ihr Scherz gewesen und muß damit aufhören; denn ich werde niemals meine Einwilligung zu solchen Streichen geben. Und damit still davon, oder ich werde Sorge tragen, daß
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Ihnen Beiden morgen kein Stück des gefährlichen Wildes zu Gesicht kommen soll - was ohnehin geschehen soll! murmelte er leise hinzu. - »Vielleicht kann das Ereigniß, das ich jetzt erzählen will, dazu helfen, Ihren Uebermuth zu dämpfen und Sie lehren, die Gefahr nicht muthwillig herauszufordern!«
Die Worte zeigten der Gesellschaft, daß der alte Jäger bereit war, sein Versprechen zu erfüllen und jene Episode aus seinem Leben zum Besten zu geben, deren furchtbares Erinnerungszeichen seine Wange trug.
Er stützte die Hand auf den Kopf, sah schwermüthig einige Augenblicke hinüber an die Wand auf die Stelle, wo die Tafel mit dem Kreuz, der Inschrift und der Navaja hing und sagte dann:
»Sie haben Alle Ihren Erzählungen einen Namen gegeben, so will ich es denn auch mit der meinen thun und sie nennen:


EINE NOVILLADA.29

»Ich bin im Jahr 1801 geboren und erinnere mich noch sehr gut aus meinen Knabenjahren des gewaltigen Kampfes, welches unser Volk gegen die Gavacho's30 -
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verzeihen Sie, Señor Francese, daß ich diesen Namen brauchte - und den Kaiser Napoleon führte, Ihren Oheim Prinz; denn obschon ich noch sehr jung war, nahm ich doch mehr als einmal Theil daran, verlockte kleine Detachements unserer Feinde auf falsche Wege, wo sie in die Hände der erbitterten Bewohner fielen und feuerte von der Höhe der Hohlwege oder aus den dichten Myrthenbüschen das Pistol gegen sie ab, das mir mein Vater gegeben.
So lernte ich frühzeitig den Gebirgskrieg. Später, nachdem König Ferdinand dem Volk die Constitution von 1812 wieder genommen, machte ich einige Fahrten über das Meer nach England und an die afrikanische Küste, aber ich merkte bald, daß ich nicht zu den Wasser-Escolduni's gehörte, sondern mit allen Fasern des Herzens an meinen heimischen Bergen hing. So blieb ich denn in diesen, bestellte das Land meines Vaters und wurde ein Jäger, nachdem die große Revolution vor 1820 vorüber und die Franzosen wieder aus dem Lande waren. Ich nahm damals keinen Theil an den innern Revolutionen und Kämpfen, in denen Bessières, die Freimaurer, Empecinado und Andere hingerichtet wurden und die Agraviados in Catalonien für die Herstellung der Inquisition fochten.
Da geschah es, daß König Ferdinand von seiner vierten Gemahlin, der Neapolitanerin Maria Christina dazu bewogen, das alte salische Königsgesetz aufhob, das die Töchter der Könige von der Erbfolge ausschloß und durch die pragmatische Sanction vom 29. März 1830
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seinen Bruder Don Carlos des Thronrechts beraubte und die wenige Monate später geborne Infantin Isabella zur Thronfolgerin erklärte. Wir wollen nicht streiten über das Recht; König Ferdinand hat längst dort oben Rechenschaft zu geben gehabt, obschon er noch kurz vor seinem Tode die Sanktion feierlich widerrufen haben soll. Königin Isabella sitzt auf dem Throne Spaniens und Gott möge seinen Glanz noch lange erhalten und die Königin vor schlimmem Rath bewahren. Damals aber brachte die Kunde eine schwere Spaltung in's Volk und erhitzte die Gemüther. In ganz Spanien war nicht ein Haus, nicht eine Hütte, wo man nicht mit Eifer Partei genommen hätte für die eine oder die andere Seite am Kampf.
Der Infant Don Carlos protestirte von Portugal her gegen die Beraubung seiner Rechte, die Bourbonen in Italien traten auf seine Seite, und als König Ferdinand, nachdem er drei Monate vorher die neuen Cortes berufen und den Eid der Treue der Thronfolgerin hatte leisten lassen, am 29. September 1833 gestorben war und die Königin Marie Christine die Regentschaft antrat, brach der blutige Kampf der Carlisten und Christinos aus, der Spanien sieben Jahre lang verwüstete.
Die baskischen Provinzen, schon längst erbittert durch die Aufhebung ihrer Fueros, der viele Jahrhunderte alten Rechte und Freiheiten, erhoben ihre Fahne für Don Carlos als den rechtmäßigen König, den Schützer der alten monarchischen und kirchlichen Ordnung. Das ganze Land bewaffnete sich, schon im October hatten die Bauern Vittoria und Bilbao besetzt und wenn auch die Generale der
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Königin sie bald wieder vertrieben, immer mächtiger und gewaltiger wuchs der Aufstand unter Führern wie Zavala, Sagastibelzas, Eraso, Merino und meinem tapfern und großen Freund und Feldherrn Tomas Zumala-Carréguy.«
»So haben Sie den General persönlich gekannt, Señor Don Ramiro?« frug der Oberst mit Interesse.
»Ob ich ihn gekannt habe, Señor! Wenn er auch 11 Jahre älter war als ich, durfte ich ihn doch Freund nennen und niemals hat ein treueres baskisches Herz geschlagen und eine tapferere Hand den Säbel geführt, als die seine. Hätte Gott ihn nicht bei der Belagerung von Bilbao zu sich gerufen, niemals würde der Vertrag von Bergara uns unsere Rechte wieder genommen haben. Sehen Sie den Säbel dort, Caballero's. Seine Hand führte ihn in der viertägigen Schlacht im Thal von Amescoas und er schenkte ihn mir zum Gedächtniß, weil meine Hand den Christino niedergeschossen, der mit tückischem Lanzenstoß sein edles Leben bedrohte. Daneben hängt der Handschuh von einem wackern Aleman31, einem Prinzen in seinem fernen Lande, Don Felicio Lichnowski. Verflucht sei die Hand des Fremden, die sein junges Weib ermordete!
Sie können denken, daß ich nicht fehlte, als er von Pampluna aus die Fahne des alten Königthums erhob. Dorthin hatte er sich zurückgezogen, als man 1832 den Braven aus der Armee entlassen, trotzdem er sich geweigert hatte, so lange König Ferdinand lebte, für Don Carlos sich zu erklären.
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Von allen Seiten strömten das Landvolk und die Gebirgsbewohner Don Tomas zu. Was die Knaben, die Männer in dem erbitterten Kampf gegen die Franzosen 25 Jahre vorher gelernt, es wurde jetzt blutig gegen die eigenen Landsleute wiederholt - der Guerillakrieg wüthete in unsern Bergen und der wilde Mina, zurückgekehrt aus der Verbannung und von der Königin an Rodil's Stelle gesetzt, war später der blutigste der Mörder.
Noch waren die Kräfte der Carlisten nur schwach - einzelne Freischaaren, die ohne Zusammenhang kämpften, an zehn Stellen von dem mächtigen Feind bedrängt und geschlagen, immer wieder an andern Orten auftauchend, bis es später erst dem General gelang, eine wirkliche Armee des Königs zu bilden, zu deren Anführer ihn Navarra und die baskischen Lande erwählt hatten.
Aus dieser ersten Zeit des Kampfes erzähle ich Ihnen das blutige Ereigniß.
Obschon Don Tomas jetzt ein ziemlich geordnetes Heer kommandirte, hatte ich es doch vorgezogen, an der Spitze der Guerilla zu bleiben, die aus Jägern und Landleuten, navarresischen Basken von reinem Blut bestehend, mich schon zu Anfang des Krieges zu ihrem Kapitän gewählt und mit der ich manchen kühnen Streit ausgeführt hatte, so daß der Name Ramiro el cazador bekannt und gefürchtet genug bei den Christino's war.
Das Treffen bei Viana war geschlagen, das christinische Corps zerstreut, theils über den Ebro geworfen, theils hatte es sich bis über die Arga zurückgezogen. Am Abend,
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als wir auf dem Schlachtfelde lagerten, ließ mich der General rufen.
»Señor Don Castillos« sagte er zu mir, »ich bin mit Dir zufrieden und will Dich belohnen. Aus wie viel Mann besteht Deine Guerilla noch?«
»Vierundsechszig Mann, General, ohne die Verwundeten!«
Er lachte und wies auf meinen Kopf, um den ich eine Binde trug, denn der Hieb eines Dragoners hätte mir beinahe den Schädel gespalten, wenn nicht glücklicher Weise der Säbel in der Hand sich gedreht hätte.«
»So rechnest Du Dich wohl nicht dazu?«
»Válame Dios, wer wird so Etwas rechnen, General!«
»Und Deine Leute sind alle aus der Gegend von Pampluna?«
»Zehn aus der Stadt selbst, die Anderen aus dem Gebirge. Aber jedes Kind dort kennt die Stadt.«
»Das ist wahr! Was meinst Du dazu, wenn wir die Gelegenheit benutzten, daß Señor Rodil auf der Flucht ist, uns der Festung zu bemächtigen?«
»Maria santissima! Das wäre ein Streich - würdig Eurer Excellenz!«
»So höre mich an, Freund Castillos. Ich kann natürlich jetzt nicht nach Pampluna marschiren und eine lange Belagerung anfangen, denn ich bin hier nöthiger, um zu verhindern, daß Rodil und Valdes ihre Truppen wieder sammeln. Aber ich kann ein Regiment entbehren. Das genügt nicht, um eine Festung zu belagern, aber es genügt, um einen kecken Handstreich zu unterstützen und
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gelingen zu lassen. Du weißt, daß wir in Pampluna die besten Verbindungen haben und der größere Theil der Einwohner sehnlich wünscht, die Christinos los zu werden. Hier ist ein Brief von Señor Ologa, meinem alten Kameraden in der Glaubensarmee und, wie ich höre Deinem künftigen Schwiegervater, und anderen treuen Unterthanen des Königs. Man benachrichtigt mich, daß General Rodil die Besatzung der Stadt sehr geschwächt hat, um seine Truppen zu verstärken, Sie beträgt in diesem Augenblick kaum 600 Mann. Wenn wir also etwas thun wollen, muß es jetzt geschehen, ehe sich ein Theil der versprengten Truppen hinein wirft.«
»Aber wie soll es geschehen, General?«
»Du mußt mit Deiner Guerilla noch diesen Abend aufbrechen. Es sind 12 Leguas bis Pampluna, - morgen Abend kannst Du in der Nähe der Festung sein. Dann ist es Deine Aufgabe, die Mannschaft als Landsleute oder Flüchtige in die Festung zu schmuggeln und ihr bestimmte Sammelplätze anzugeben. Du setzest Dich mit den Verschwornen in Verbindung. Wir haben heute Samstag den 7. September - Montag bist Du in der Festung und in der nächsten Nacht müßt Ihr Euch eines der Thore bemächtigen. Das Regiment der Miliz von Guipuscoa soll dann in der Nähe sein und Euch zu Hilfe kommen und am Morgen ist die Festung unser!«
Ich hatte natürlich kein Wort dagegen. Ehe eine Stunde vergangen war, befand ich mich mit meinen 64 Guerilleros auf dem Weg.
»Caballeros, mein Haar ist grau und mein Herz alt,
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und dennoch wallt mir das Blut stärker durch die Adern wenn ich an Blanca Ologa denke, die seit zwei Jahren mit dem Willen Ihres Vaters, des Capitan Ologa, meine Verlobte war und schon seit Jahresfrist mein Weib gewesen, wenn die Erhebung nicht dazwischen gekommen wäre. Ich liebte sie mit der ganzen Kraft meiner Seele und Blanca liebte mich wieder. Sie war ein zartes schüchternes Weib mit einer Seele voll Heldenmuth und eine treue Tochter Spaniens und der heiligen Kirche.
Am Sonntag Abend befand ich mich in meinen heimischen Bergen, in der Solare32 meiner Väter. Ich war längst Herr derselben, meine Eltern waren todt, mein jüngerer Bruder befand sich in Madrid, um, wie ich damals hoffte und glaubte, sich für den geistlichen Stand auszubilden. Wir legten unsere kriegerische Rüstung ab, verkleideten uns als Landleute, und zogen - die Einen mit Karren voll Lebensmittel zum Verkauf, - die Andern mit Hab' und Gut als Flüchtlinge, - die Dritten als Flüchtige von Viana her im Laufe des Montags durch verschiedene Thore in die Stadt.
Ich hatte mich so gut als möglich verstellt, um in Pampluna nicht erkannt zu werden, wo ich Freunde und Feinde genug hatte, die dies thun konnten, und mein erster Gang war natürlich in das Haus Blancas meiner Verlobten. Ich fand sie eben so lieb und schön, wie vor Jahresfrist, als ich sie verlassen, nur etwas bleich und trübe; denn sie hatten viel von den Bedrückungen der Chri-stinos zu leiden gehabt, da ihre Familie zu denen gehörte, welche die Anerkennung des estatuto real verweigert hatten.
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Kapitän Ologa[,] ihr Vater war ausgegangen; als er zurückkehrte und mich fand, umarmte mich der alte Soldat. Nur die schwere Verwundung, - er hatte 1823 ein Bein verloren - konnte ihn verhindern, sich zu seinem alten Waffengefährten zu begeben. Dafür bildete er hier den Mittelpunkt aller carlistischen Sympathieen der Einwohner.
Wir hatten uns bald verständigt, denn wir mußten eilen, weil leicht ein Zufall unsere Entdeckung herbeiführen und den ganzen Plan vereiteln konnte. Kapitän Ologa gab mir eine genaue Darstellung der Verhältnisse der Besatzung, der Vertheilung der Posten und der getroffnen Anordnungen; denn die Nachricht von dem verlornen Treffen bei Viana war an diesem Morgen eingetroffen und der Kommandant hatte die strengsten Maßregeln der Wachsamkeit für nöthig gehalten, bis er Verstärkung erhielt.
Ologa übernahm es sofort, sich mit den Männern unserer Partei zu verständigen und den Plan vorzubereiten. Das Kloster der Jesuiten lag in der Nähe des Thors von Estella. Es wurde seit der Verbannung des Ordens nur von zwei alten Padres bewohnt, die man aus Mitleid oder andern Rücksichten dort gelassen hatte, aber wir waren ihrer sicher und da es mehrere Zugänge und eine sehr günstige Lage hatte, diente es zu den geheimen Zusammenkünften unserer Partei.
Hierhin sollte ich mich wenden und für den späten Abend alle meine Leute bestellen, bis dahin aber mich möglichst verborgen halten.
Ich war mit den getroffnen Anordnungen um so mehr einverstanden, als sie mir Gelegenheit gaben, mit
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meiner geliebten Blanca mehre Stunden zusammen zu sein. Ich war kein junger Mann mehr, sondern hatte die Dreißig überschritten, mein unruhiger wilder Geist, mein abenteuerliches rauhes Leben hatten mich aber bis dahin verhindert, mir eine Häuslichkeit zu gründen und mein Herz an ein Weib zu verlieren, bis ich zwei Jahre vorher Blanca kennen lernte und das ihre gewann. Sie war eine enthusiastische Anhängerin des enterbten Königs und wie ich Ihnen bereits gesagt habe, ein zartes Wesen aber von einem hohen Geist beseelt.
Wir waren glücklich über unser Wiedersehen und sprachen von der Zukunft, da wir an dem Siege unserer Partei nicht zweifelten. Ich war durch das Erbe meiner Familie wohlhabend genug, um ihr nach Beendigung des Bürgerkriegs eine Heimath zu bieten. Blanca Ologa zählte zwanzig Jahre und war von mittelgroßer schlanker Gestalt und hatte die schönsten Füße und Hände, die je wieder meine Augen erblickt haben.
Wir blieben zusammen, so lange ich es wagen durfte, bis sie selbst mich erinnerte, daß es Zeit sei, sie zu verlassen. Dann drückte ich sie an mein Herz und beschwor sie, Gott und der heiligen Jungfrau zu vertrauen. Hierauf entfernte ich mich, um zu den verschiedenen Stellen zu gehen, wo ich meinen Leuten Rendezvous gegeben hatte.
Ich fand sie alle glücklich in die Stadt gelangt, bis auf acht - wir bildeten also eine zum Aeußersten entschlossene Schaar von siebenundfünfzig Männern.
Nachdem ich ihnen allen den Ort unsers Zusammentreffens bezeichnet und die größte Vorsicht anempfohlen
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hatte, schlich ich mich selbst dahin. Ich fand Ologa bereits meiner warten; er kam mir entgegen und versicherte mich mit freudiger Miene, daß Alles im bestem Gange sei. Man hatte folgenden Plan entworfen.
Das Thor von Estella war das am Stärksten bewachte, aber eben darum der Punkt, auf den man die wenigste Aufmerksamkeit verwenden würde. Meine Leute sollten sich in dem Kloster versammeln und dort bis zur Zeit der Frühmesse versteckt bleiben. Die Padres machten sich anheischig, aus einem der Magazine eine Anzahl christinischer Uniformen, etwa zwanzig herbeizuschaffen, Waffen und Munition befanden sich in genügender Zahl in den Kellern des Klosters verborgen. Dann sollte ich mit den 29 Mann gleich einer Patrouille nach dem nahen Thor marschiren, die Wache entwaffnen, das Thor öffnen und die Zugbrücke niederlassen, während zu gleicher Zeit der Rest meiner Schaar und die in der Nähe überall verborgenen Bürger unserer Partei bewaffnet herbei eilen und den Allarm der überfallenen Schildwachen oder den Angriff in unserm Rücken verhindern sollten, bis das Regiment, das General Zumala-Carréguy zu unserer Unterstützung versprochen, das Thor passirt hatte.
Bei der geringen Zahl der Besatzung und der Hilfe der Bürger mußte es dann leicht sein, die Festung in Besitz zu nehmen.
Es galt daher nur noch, sich mit dem Regiment in Verbindung zu sehen, das bereits in der Nähe sein mußte, damit es im rechten Augenblick an der rechten Stelle war.
Ich hatte mit dem General verabredet, daß es in
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Trupps zerstreut so unbemerkt wie möglich auf dem rechten Ufer der Arga heranziehen und an einer bestimmten Stelle an den Ufern des Baches lagern sollte, der von Norden her dort in die Arga fällt, bis ich Nachricht senden könne.
Diese Nachricht dahin zu bringen war allerdings jetzt schwierig, ohne Mißtrauen zu erregen.
Nach einiger Berathung bot Kapitän Ologa an, daß es sein Sohn Henriquez thun sollte. Der Knabe war gewandt, kräftig und zuverlässig, und erregte beim Verlassen der Festung und dem Umherstreifen in ihrer Nähe den wenigsten Verdacht. Eine Rakete sollte das Zeichen geben, daß er die Truppen erreicht hatte und diese bereit waren. Sobald wir das Thor besetzt und die Zugbrücke niedergelassen hätten, sollte ein blaues Licht von der Höhe des Thors den kommandirenden Offizier benachrichtigen, daß der Zugang geöffnet war.
Ich schrieb die nöthigen Instruktionen auf und das kleine Blatt wurde in einen der Schuhe des Knabe genäht, während ich ihm das verabredete Loosungswort mittheilte und ihn zur Vorsicht und Treue ermähnte.
»Ich heiße Ologa« sagte der Bursch, »und bin ein Baske. Ich will mir die Zunge abschneiden lassen, ehe ich ein Wort sage.«
Der arme Junge hat sein Wort gehalten.
Es war jetzt 5 Uhr, als er sich auf den Weg machte. In 2 bis 3 Stunden konnte er das Ziel erreicht haben. Um 1 Uhr mußte das Regiment vor dem Thor von Estella sein.
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Die Anführer der carlistisch gesinnten Bürger zerstreuten sich wieder in der Stadt, indeß wir in dem Kloster zurückblieben und unsere Vorbereitungen trafen. Kapitän Ologa war nach Hause gegangen, um seine Tochter über das Ausbleiben des Knaben zu beruhigen und für alle Fälle einige letzte Anordnungen zu treffen.
Um 9 Uhr kam der von uns auf den Thurm der Klosterkirche postirte Wächter, um zu melden, daß er in der Ferne die Rakete habe aufsteigen sehen.
Das war das verabredete Zeichen, daß der Knabe Henriquez die carlistischen Truppen gefunden hatte und daß sie zur Stelle sein würden. Der Mann behauptete zwar, daß das Signal nicht von der Stelle gekommen, wo nach der Verabredung das Regiment lagern sollte, sondern weiter nach der Straße von Estella zu, - aber ich beachtete es nicht; wahrscheinlich hatte der kommandirende Offizier sich bereits näher zur Stadt gezogen.
Die Stunden vergingen. Um zehn Uhr begann sich ein Theil der Verschwornen zu sammeln - die anderen sollten in der Nähe des Thors an verschiedenen Punkten sich aufstellen. Auch Kapitän Ologa kam - es fiel ihm ein Stein vom Herzen, als ich ihm sagte, daß das Signal gegeben worden war. Der Knabe war sein Liebling und dennoch hatte er keinen Augenblick gezögert, ihn der Gefahr auszusetzen, wo es das Interesse seines Königs galt.
Gegen 11 Uhr hörten wir die Runde; es war anzunehmen, daß wir jetzt bis zur Morgendämmerung Zeit hatten, und um 1 Uhr sollte der Schlag geführt werden.
Die Uniformen der Christinos waren in das Kloster
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gebracht worden, ich ließ die zwanzig Zuverlässigsten meiner kleinen Schaar sie anlegen, versicherte mich, daß die Gewehre geladen und Alle mit ihren katalonischen Messern versehen waren. Ich hatte aufs Strengste verboten, sich eher der Schußwaffen zu bedienen, als bis es uns gelungen, das Thor zu öffnen. Ich wollte unnützes Blutvergießen vermeiden, aber wenn es nicht anging, mußte das Messer und das Bayonnet uns den Weg bahnen.
Es schlug 12 Uhr.
Der Rest meiner Guerilleros entfernte sich auf die ihnen angewiesenen Posten, - sie trugen gleich den Bürgern die Waffen unter ihrer Kleidung verborgen. Hinter dem Thor des Klosters harrte meine kleine Schaar.
Ich sah auf die Straße hinaus, sie war leer. Ich selbst trug die Uniform eines feindlichen Offiziers, zog jetzt den Säbel und gab das Zeichen. Das Thor wurde wieder geöffnet und wir traten hinaus.
Ich kannte genau den Weg - Jeder von uns wußte was er zu thun hatte. Hinter meinen Soldaten ging Kapitän Ologa, er hatte es sich nicht nehmen lassen, uns zu begleiten. Während wir mit schweren festen Tritten durch die Straße nach dem Thor marschirten, sah ich an den Ecken und in den Hausthüren die dunklen Gestalten unserer Freunde.
Ich sah bereits in der innern Wölbung des Thors die Schildwache auf und nieder gehen, während aus den kleinen Fenstern des Wachhauses Licht schimmerte. Der Soldat hatte das Näherkommen der vermeinten Patrouille gehört uns rief uns an.
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»Alto! - wer da?«
»Patrouille!«
»Gebt die Parole!«
Er hatte mich bereits so nahe kommen lassen, daß ich mit einem Griff der linken Hand ihm das Gewehr entreißen konnte, während meine Rechte seine Kehle zusammenpreßte.
»Still! keinen Laut oder Du bist des Todes!«
Ehe der Mann zur Besinnung kam, war er gebunden und geknebelt. Er wurde in den Schatten des Thors geworfen und ich trat von fünf Mann gefolgt an die Thür des Wachlokals, die eben geöffnet wurde.
Es galt vor Allem, mich der Schlüssel zu bemeistern, die wie ich wußte, in den Thorwachen gewöhnlich hinter der Thür hängen.
Wahrscheinlich hatte man in der Stube bereits den Anruf der Schildwache und die Antwort gehört und hatte in Erwartung des weiteren Herausrufs sich erhoben und die Thür geöffnet. Ich trat durch dieselbe in das enge Gemach mit den Worten: Offizier der Ronde! indem ich den Unteroffizier, welcher eben heraustreten wollte, zurückdrängte. Ein Blick überzeugte mich, daß die Schlüssel an dem Nagel hingen - zwei Schritte und ich hatte sie in meiner Hand.
»Zum Teufel was machen Sie da, mein Offizier?« frug der Sergeante erstaunt.
Mit einem Sprung war ich zurück an der Thür. »Ruhe! wer sich rührt, wer einen Laut von sich giebt, ist ein todter Mann!« Meine fünf Begleiter schlugen ihre
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Gewehre an, zugleich streckte sich eine gleiche Zahl von draußen her durch die eingestoßenen Scheiben der Fenster.
Ich kümmerte mich nicht darum, sondern rannte aus dem Wachhaus, dem Thor zu. »Die Laterne auf!« rief ich, während der Schlüssel sich bereits im Schloß drehte. Der Guerillo, der es übernommen, eilte - das Messer in der einen Hand, die Laterne mit dem blauen Licht in der andern, auf das Perapet des Thors. Während ich und mehre meiner Leute beschäftigt waren, die Ketten der Zugbrücke zu lösen, hörte ich über mir einen Schrei und dann einen Schuß.
Aber es war zu spät für den Allarm! Auf dem Thor leuchtete das blaue Licht und durch die Enceinten der Außenwälle konnte ich deutlich die Spitze einer dunklen Colonne sich nähern sehen.
Zugleich rasselte die Zugbrücke nieder.
Es fiel mir in diesem Augenblick nicht auf, daß ich keine der Schildwachen auf den Außenwerken feuern oder ein Allarmsignal geben hörte - aber drinnen innerhalb des Thors wurde es bereits lebendig, Schüsse fielen und der Siegesruf: »Viva, el Rey! scholl durch den Tumult. Die Wache mußte sich zur Wehr gesetzt haben oder eine wirkliche Patrouille auf meine Leute gestoßen sein, - ohne mich um die Anrückenden zu kümmern, denen ja der Weg geöffnet war, eilte ich zurück, um mich an die Spitze der Meinen zu stellen. Nur fünf Minuten brauchten wir das Thor zu halten, dann war der Sieg unser, die Festung genommen.
In der That sah ich, daß meine Leute handgemein
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mit einer Anzahl Soldaten der Garnison war. Eine starke Patrouille war eben von einer andern Seite heran gekommen, - der Unteroffizier der Thorwache war ein alter tapferer Soldat, und nachdem die erste Verblüffung vorüber, hatte er muthig versucht, sich Bahn aus der Wachstube zu machen. Schüsse knallten hin und her, aber von allen Seiten eilten die Bürger herbei, uns zu unterstützen und sich mit uns zum Widerstand zu vereinigen.
Ich hegte keine Besorgniß mehr für den Ausgang, ein Blick rückwärts belehrte mich, daß die Spitze unserer Kolonne bereits das Thor passirte, und sowie sie deployirte sich rechts und links ausbreitete. Dunkle Massen folgten im Geschwindschritt, die Bayonnette leuchteten in dem Blitz der Schüsse, wie eine Mauer zogen sich rechts und links die Reihen um unsern Kampf und drängten die Soldaten der Garnison zurück!
»Vittoria! - die Stadt ist unser! Viva el Rey!«
Aber die dunkle Masse unserer Freunde gab zu meinem Erstaunen keinen Wiederhall des Rufs. Ich überließ die Weiterführung des Scharmützels dem Kapitän und wandte mich, um den kommandirenden Offizier unserer Hilfstruppen zu begrüßen und mich mit ihm rasch über das, was weiter zu thun blieb, zu verständigen; denn in der Stadt begannen jetzt die Allarmtrommeln durch die Straßen zu rasseln, die Glocken heulten Sturm und von der Nordseite der Festung donnerten Kanonenschüsse.
Es war noch Alles ziemlich dunkel umher, nur vom Sternenlicht erhellt, aber ich hatte deutlich erkannt, wie
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eine Reitergruppe aus dem Thor defilirte und hinter ihr sah ich die Fahnen einer Abtheilung Lanciers.
Ich eilte auf die Gruppe zu. »Oberst Graso, willkommen! Die Stadt ist unser, wenn Sie eilen!«
Ich hatte beinahe das Pferd des vordersten Offiziers erreicht und streckte die Hand nach ihm aus, als er sich im Sattel erhob.
»Packt den Carlisten-Hund! Feuer auf die Canaillen, wenn einer sich zu widersetzen wagt!«
Ich fühlte mich von hinten gepackt - ich war so überrascht, entsetzt, daß ich nicht einmal Widerstand zu leisten vermochte - im nächsten Augenblick war ich zu Boden gerissen.
Ich hörte nur noch den Ruf des tapfern Ologa: Traicion!33 Lieber den Tod als gefangen, Brüder!« und das Krachen einer Gewehrsalve. Das Einzige, was ich in dem Feuerblitz derselben sah, war der Knabe Henriquez an die Steigbügel zweier Lanciers gebunden, mit todtbleichem blutbeflecktem Gesicht und fast bis zur Nacktheit der Kleider beraubt.
Dann klang der Ruf von einer gewaltigen Stimme: »Viva la Reyna Isabella! viva la Regente! Abaxo mit allen Rebellen!«
Wir waren in der Gewalt der Christinos!


Der Schlag war so unerwartet, so betäubend, daß
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ich für eine Zeitlang alle Empfindung, alles Bewußtsein verloren hatte.
Als ich es endlich wieder gewann, fand ich mich an Händen und Füßen gebunden auf der Holzbank vor dem Wachhaus liegen. Wohl an dreißig meiner Guerillos, zum Theil verwundet, und mehre der Einwohner, die unser Unternehmen unterstützt hatten, standen gleichfalls gebunden umher, von Wachen umringt. Der Platz vor dem Thor war jetzt mit Fackeln erhellt und ich konnte deutlich eine Anzahl Todte auf dem Pflaster liegen sehen.
Mein scharfes Auge erkannte an dem Stelzfuß darunter den braven Ologa, den Vater meiner Verlobten.
Indem ich meine Augen zurückwandte, fielen sie auf einen fast noch traurigeren Anblicks auf den armen Knaben, der in einiger Entfernung gebunden am Boden saß. Sein Anblick belehrte mich über das Geschehene. Er mußte in die Hände der Christinos gefallen sein und sie hatten ihn mit Drohungen und Mißhandlungen gezwungen, Alles zu sagen.
Ich irrte mich.
Erst später hörte ich von einem gefangenen Christino den Hergang.
Ich erhob mich so gut es ging von der Bank, auf der ich bisher gelegen, und rief seinen Namen:
»Henriquez!«
Der Knabe blickte verstört auf.
»Du bist zum Verräther geworden an uns. Heilige Mutter Gottes, was hast Du gethan!«
Das von Leiden bleiche Gesicht des Burschen
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überzog sich mit dunkler Röthe. Statt der Antwort hob er seinen nackten, des Schuhes beraubten Fuß in die Höhe!
»Wenn auch« fuhr ich hart fort, - »so hast Du gesprochen, sonst hätten sie uns nicht so überraschen können. Sieh' hin was Deine Schuld ist!«
Und ich wies mit einer Bewegung des Kopfes nach der Stelle, wo sein Vater erschossen lag.
Ich hatte mich der baskischen Sprache bedient, um nicht von den Soldaten verstanden zu werden, die aus den andern Provinzen stammten. Dennoch hob einer der Schurken den Kolben, um mir mit einem tüchtigen Stoß Schweigen zu gebieten. Aber ich achtete den Schlag nicht, denn ich hatte nur Augen für das Entsetzliche, was geschah und was mir das Herz zerriß wegen der rauhen Worte, die ich dem armen Kinde gesagt.
Henriquez warf seine Augen umher und eine zufällige Oeffnung in den Reihen der Umstehenden erlaubte ihm, den Körper seines Vaters zu erblicken.
Er öffnete weit den Mund, - aber kein Schrei, - nur ein gurgelnder Laut kam über seine Lippen, zwischen denen frisches Blut herausfloß und Kinn und Brust auf's Neue färbten. Dann kroch der arme Knabe auf den gebundenen Händen und Füßen zu der Leiche seines Erzeugers, warf sich über sie her und bedeckte sie mit seinem Blut und seinen Thränen, während stöhnende gräßliche Laute seiner Kehle sich entrangen.
»Henriquez - um der Heiligen Willen ...«
»Gieb Dir keine Mühe, Compadre,« sagte rauh einer der Soldaten, die den armen Knaben nicht gehindert
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hatten, sich fortzuwälzen, »die kleine Natter zischt nicht mehr. Weil er seine Zunge nicht anwenden wollte, um zu gestehen, hat sie ihm der General etwas schlitzen lassen! für ein Ave vor dem Füsiliren ist sie immer noch lang genug!«
Ich sank auf meine Bank zurück, das Blut stieg mir siedend zum Gehirn und brauste mir in den Ohren, ich rang vergeblich gegen die Bande, die meine Glieder fesselten, um mich auf einen der blutigen Mörder zu stürzen und in seinem Tode den meinen zu finden.
Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich später den Hergang hörte; - hier ist er.
Der Knabe war glücklich aus dem Thor gekommen. Er hatte dazu vorsichtig das nach Zaragozza führende gewählt, und wanderte nun im weiten Bogen um die Stadt, um die ihm bezeichnete Stelle in der entgegengesetzten Richtung zu finden, als er auf einige christinische Soldaten stieß, die als Fouragiere einem größeren Corps vorangingen.
General Rodil hatte, nachdem er das Treffen von Viana verloren, so bald als möglich seine zerstreuten Truppen wieder gesammelt, und die Wichtigkeit einer Position wie die von Pampluna kennend, welche den Straßenknoten von Navarra beherrscht, eine ansehnliche Verstärkung unter dem jüngeren Mina dahin dirigirt, um die Festung gegen einen Angriff Zumala-Carréguy's zu sichern.
Hätte der Knabe es über sich gewinnen können, ruhig seinen Weg fortzusetzen, würde er wahrscheinlich gar nicht
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beachtet worden sein. So aber versuchte er zu entwischen, und sich zu verstecken, was die Aufmerksamkeit der Leute erregte. Bald war er eingeholt und ergriffen, und da er keine genügende Auskunft über sich geben konnte oder sich in seinen Antworten verwickelte, wurde er ihnen noch verdächtiger und sie durchsuchten ihn auf das Genaueste. Bei der Gelegenheit entdeckte einer der Männer die frische Naht an seinem Schuh, und da der Knabe wie eine wilde Katze sich wehrte, als er denselben in den Händen der Soldaten sah, wurde ihr Verdacht bestärkt. Sie zerschnitten das Leder und fanden den Brief.
Keiner von den Männern konnte zwar lesen, die Umstände, unter denen sie das Papier gefunden, zeigten ihnen jedoch, daß dasselbe von Wichtigkeit sein mußte. Da sie sich noch eine Stunde weit von der Festung befanden und sich eben so entfernt von ihrer Colonne rechneten, zogen sie vor, zu ihrem Befehlshaber zurückzukehren und diesem Meldung zu machen. Sie schleppten unter vielfachen Mißhandlungen den Knaben mit sich fort, mußten aber länger marschiren, als sie gedacht hatten, ehe sie auf General Mina stießen.
Berechnen Sie die Zeit, so werden Sie finden, daß dies nicht vor 8 Uhr geschehen konnte, denn Henriquez hatte erst gegen 6 Uhr die Stadt verlassen.
Der Brief erweckte bei den Offizieren des christinischen Corps natürlich große Unruhe und es fand sofort ein Rath statt, welche Maßregeln am Besten zu ergreifen wären. Da in dem Brief sich keinerlei Angabe befand, wie groß die Zahl meiner Guerilleros und der Verschworenen
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in der Stadt war, wurde der Knabe herbeigeschleppt und sollte durch seine Beichte vervollständigen, was das Schreiben andeutete. Ich hatte dem Sohne Ologa's ein bitteres Unrecht gethan, keine Drohung, keine Mißhandlung konnte dem Kinde ein Geständniß entreißen und wüthend durch seinen Widerstand, von Natur so grausam und fanatisch wie sein schrecklicher Verwandter, dessen Vorläufer er in dem unglücklichen Pampluna war, befahl er, die Schandthat, dem armen Knaben die Zunge aufzuschlitzen, die er nicht anwenden wollte zu einem Verrath.
Sie schaudern Caballero's - aber das war die Art, wie man den unglücklichen Krieg zu führen begann und noch Schlimmeres, Entsetzlicheres haben diese alten Augen gesehen, als der ältere Mina und Espartero den Oberbefehl erhielten, - Thaten, der Hölle entsprossen und in der blutigen Saat blutige Früchte tragend; denn Cabrera blieb später den Feinden Nichts schuldig, und ich habe gehört, daß die Gesandten der fremden Mächte sich in's Mittel legen und beiden Theilen eine menschlichere Kriegführung vorschreiben mußten, - freilich erst, nachdem England und Frankreich ihre Bagno's geöffnet und die Armee der Königin mit Räubern und Mördern rekrutirt hatten.34
Damals aber, zur Zeit von der ich erzähle, hatte sich wenigstens die Fahne der heiligen Kirche und des rechtmäßigen Thrones noch mit keiner solchen Scheußlichkeit gegen Frauen, Greise und Kinder befleckt.
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Bei aller Grausamkeit war jedoch General Mina ein tapferer und kühner Soldat. Da er nicht erfahren konnte, wie die Sachen in der Festung standen, faßte er den Entschluß, unseren Plan, von dem ihm der Brief genügende Nachricht gab, gegen uns selbst anzuwenden; denn auch wenn er seinen Marsch noch so sehr beeilte, hätte er vor Mitternacht nicht mehr die Festung erreichen können, mußte fürchten, auf die Carlisten zu stoßen und bei Nacht Hindernisse des Einlasses in die Festung anzutreffen, wobei die Verschworenen leicht von dem Mißlingen ihres Plans Kunde erhalten und sich retten konnten. Seinem Blutdurst kam es aber darauf an sie zu fangen, um an ihnen die Niederlage von Viana rächen zu können!
Es galt also nicht nur die Festung zu retten, sondern nur den Carlisten eine Niederlage zu bereiten.
Seine Entschlüsse waren alsbald gefaßt und eben so schlau als kühn.
General Mina ließ sofort von dem Briefe Abschrift machen, in der Nichts geändert wurde, als das Thor der Festung. Statt der Thors von Estella gab der Brief das auf der entgegengesetzten Seite belegenen nach Irurzun gerichtete an. Auch das Zeichen der Rakete wurde fortgelassen, der Oberst behielt sich dies selbst vor und sandte sofort einen Reiter ab, um in der Nähe der Festung eine Rakete steigen zu lassen.
Zugleich wurde ein gewandter Bursche, als Bauer verkleidet, abgeschickt, um die carlistischen Truppen aufzusuchen und ihrem Führer den gefälschten Brief zu überbringen.
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Dies Alles hatte einige Zeit hinweggenommen und wenn man auch den Weitermarsch möglichst beeilte, konnte man doch eben nur kurz vor der bezeichneten Stunde eintreffen.
Weiter brauchte jedoch Mina auch Nichts. Der Marsch wurde mit der größten Vorsicht ausgeführt und das zur Verstärkung der Garnison bestimmte Corps näherte sich dem Thor von Estella, wobei die Christinos die Vorsicht brauchten, den Außenposten sich als Freunde zu erkennen zu geben.
Das Uebrige hat die Erzählung der Vorgänge innerhalb des Thors bereits dargelegt. Ich will nur noch erwähnen, daß Oberstlieutenant Eraso wirklich in die Falle gegangen war und sich mit seinem Regiment nach dem Thore von Irurzun gewendet hatte, wo ihn die Batterien mit ihrem Feuer begrüßten. Ihr braver Vater, Señor Conde, führte als Kapitän die erste Compagnie, und bei jener Gelegenheit war es, wie Sie später hören werden, daß ich ihm mein freilich damals mir werthlos gewordenes Leben verdanke und mit ihm eine Waffenbrüderschaft schloß, die nur sein Tod gelöst hat.
Lassen Sie mich zu meiner Erzählung zurückkehren.
Der Donner einzelner Kanonenschüsse klang von der andern Seite der Festung noch herüber, als General Mina mit mehreren Offizieren, darunter der Gouverneur von Pampluna nach dem Platz zurückkehrte, wo wir gefangen worden. Der Zorn, die Erbitterung des Gouverneurs, Don Ramon Callega, und der christinischen Offiziere über den kecken Streich, den wir ihnen gespielt, und die Gefahr,
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der sie nur durch einen Zufall entgangen, war überaus groß. Das Kloster der Jesuiten war sofort auf das Genaueste untersucht und mehrere unserer Freunde, die sich dorthin geflüchtet hatten, waren ermordet worden. Die Soldaten drangen in die Häuser, die ihnen von dem Pöbel oder fanatischen Gegnern als die Wohnungen von Anhängern des Königs bezeichnet wurden, und plünderten und mordeten dort ungescheut unter dem Vorwand, die Verschwörer zu suchen. Viele Unschuldige wurden gefesselt heraus gebracht und bald war auf dem Platz eine Schaar von mehr als siebenzig Gefangenen versammelt.
Ich sehe noch die theils von Todesfurcht bleichen, theils trotzig blickenden Gesichter um mich her, als die beiden Ober-Offiziere jetzt zu dem Haufen heranritten und uns bei dem Schein der Fackeln betrachteten.
»Ich denke, wir haben die Burschen auch am Thor von Irurzun tüchtig heimgeschickt, Señor Don Ramon« sagte grimmig lachend der General zu dem Gouverneur. »Sie müssen einen starken Verlust haben und werden sich hüten. Pampluna wieder zu nahe zu kommen. Jetzt haben wir Zeit, mit diesen Schurken unsere Rechnung zu schließen!«
Der Gouverneur machte ein Zeichen des Einverständnisses.
»Die rebellischen Canaillen sollen hängen,« sagte er.
»Das halten Sie wie Sie wollen mit Ihren Gefangenen Señor Don Callega - ich werde über die meinen disponiren.«
Er kam zu den Gefangenen herangeritten.
»Man hat mir gesagt« sprach er, den langen rothen
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Schnurbart streichend, »daß der kecke Versuch, die Festung Ihrer Majestät der Königin zu entreißen und sie in die Hände des verfluchten Papisten Carlos zu liefern, von dem Schurken el cazador gemacht worden ist, dem Genossen des Verräthers Zumala-Carréguy. Ich will wissen, ob der Carlistenhund seinen Lohn erhalten hat, oder noch lebt?«
»Wenn Du Ramiro Castillos suchst, den die Leute el cazador nennen« sagte ich entschlossen, mich so gut es meine Bande erlaubten emporrichtend, »so findest Du ihn hier! Du wirst wenigstens die Genugthuung haben, einen Mann zu ermorden, nicht einen Knaben.«
»Hund, Du sollst sterben von meiner Hand!«
Er hatte ein Pistol herausgerissen, spannte es und schlug auf mich an.
Ich erwartete den Tod - ja ich wünschte ihn. Das schmähliche Mißlingen der Unternehmung hatte mich halb wahnsinnig vor Aerger gemacht.
In diesem Augenblick fiel der volle Schein der Fackel eines der dienstfertig sich herbeidrängenden Soldaten auf mein Gesicht.
Mina sah mich einige Sekunden genau an, dann ließ er langsam den Arm sinken.
»Erkennst Du mich?« frug er.
»Gewiß!«
»Und Du erinnerst mich nicht an den Adour?«
»Nein. Warum sollte ich?«
»Caramba - so will ich mich daran erinnern!«
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Er steckte das Pistol zurück in die Holfter und wandte sich zu seinem Adjutanten.
»Lassen Sie die sämtlichen Gefangenen, die wir gemacht haben, in die Jesuiten-Kirche einschließen und streng bewachen!«
Damit wandte er sein Pferd und ritt fort. Man schleppte uns in die nahe Kirche, wo man uns streng bewachte. Auch der arme Knabe Henriquez wurde dahin geführt. Meinen Bitten und dem Opfer alles Geldes das ich bei mir führte, gelang es, einen der Unteroffiziere dahin zu erweichen, daß er gestattete, daß ein Arzt dem armen Burschen einen Verband umlegte. Seine Wunde - die halbe Zunge war mit einem Messer aufgeschlitzt - war furchtbar, das ganze Gesicht fast zum Unkenntlichen verschwollen, aber trotz der entsetzlichen Schmerzen unterdrückte der wackere Knabe jetzt - nachdem er an der Leiche seines Vaters gekniet, - jede Aeußerung des Leidens. Nur sein Auge glühte in ohnmächtiger Verzweiflung, als er während des Restes der Nacht im Wundfieber auf den Stufen des Hochaltars lag, den Kopf in meinem Schoos.
Ich will nicht versuchen, Ihnen die Gefühle jener Nacht zu schildern. Die einzige Besorgniß, die mich erfüllte, war nicht die um mein Leben, sondern um das Schicksal Blanca's, da das Haus ihres Vaters gewiß nicht der Plünderung der fanatisirten Christinos entgangen war. Ich begnüge mich, Ihnen die Frage Mina's zu erklären.
Drei Jahre vorher, zur Zeit als die Progressisten von der Regierung Ferdinands verbannt waren, hatte ich zufällig Gelegenheit, einen Mann vom Tode des Ertrinkens
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im Adour zu retten. Dieser Mann war der damalige Oberst Mina. Ich hielt mich nicht lange auf, seine Danksagungen in Empfang zu nehmen, sondern ging, ohne ihm meinen Namen zu sagen, meiner Wege.
So spielt wunderlich das Schicksal; derselbe Mann, den ich den brausenden Wellen des Adour entrissen, mußte mich um Alles bringen, was das Leben mir theuer machte, Ruhm und Liebe.
Die Nacht war vergangen, auch der Vormittag. Erst gegen Mittag öffneten sich die Thüren der Kirche und ein starkes Detachement Christino's nahm uns in die Mitte. Wir wußten, daß wir zum Tode gingen. Selbst den kranken Knaben hatten die Mörder nicht vergessen.
Heulend und schreiend begleiteten Frauen und Kinder unsern Zug; denn außer meinen Guerilleros befanden sich mehre Bürger in unsern Reihen - wer gefangen worden, war verurtheilt und der Gouverneur wie General Mina hatten beschlossen, durch einen blutigen Akt alle Feinde der Königin und alle schwankenden Gemüther einzuschüchtern. Deshalb sollte die Exekution auf einem öffentlichen Platz vollzogen werden, wo Jedermann ihr beiwohnen konnte.
Wer früher von Ihnen schon in unserm Baskenlande gewesen ist, kennt die große Vorliebe für die Novilladas, die Thierkämpfe. Jede Stadt, jeder Flecken hat seine Arena, groß oder klein, wo zwar nicht der Matador und Picador seine Kraft und Gewandtheit zeigt, wo aber der Stier, der Bär oder der Wolf an einander gehetzt oder von der kräftigen Dogge zu Boden gerissen werden, und
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wenn die größeren Raubthiere fehlen, begnügt man sich selbst mit dem Spiel des Aufreizens angebundener junger Stiere. Die Arena von Pampluna war zur Richtstätte gewählt.
Als wir über den Platz des Stadthauses schritten, bot sich uns ein Anblick, der auch ein festes Herz erschüttern mochte. An fünf in der Eile errichteten Galgen hingen die Leichen von fünf der angesehensten Bürger der Stadt, die zur Partei des Königs gehört und sich an dem mißlungenen Versuch betheiligt hatten.
Vergeblich hatte ich bisher mich umgeschaut, um ein Zeichen des Abschieds von Blanca zu erhalten, um sie noch einmal zu sehen. Der arme Knabe Henriquez hing schwer an meinem Arm - kaum vermochten wir ihn fortzuschleppen. So kamen wir endlich zur Arena, deren Plätze mit Menschen gefüllt waren; denn um der Bevölkerung der Stadt ein warnendes Beispiel zu geben, sollte die Exekution mit größter Oeffentlichkeit vollstreckt werden und die Behörden und viele angesehene Bewohner waren gezwungen worden, ihr beizuwohnen. Der fanatisirte Pöbel that es von selbst. Ein wildes blutdürstiges Hohngeschrei begrüßte uns, als wir durch die Reihe der Soldaten in das Innere geführt wurden, wo der Gouverneur, die Offiziere der Garnison und der eingerückten Truppen und die zitternden Behörden der Stadt standen, während den andern Raum Soldaten füllten.
Man stellte uns in zwei Reihen auf, dann trat einer der Offiziere vor und verlas das Urtheil des Kriegsgerichts, das man über uns gehalten, ohne uns auch nur zu hören.
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Es lautete Tod für Alle, die bei dem Versuch, die Festung in die Hände des Feindes zu überliefern, auf der That ergriffen worden, durch Beschluß des Gouverneurs und des Kommandanten der Truppen dahin gemildert, daß der fünfte Mann erschossen, die anderen aber lebenslang auf die Galeeren gebracht werden sollten.
Man scheute sich damals noch, die Füsilladen in Masse anzuwenden - das blieb dem älteren Mina und dem Siegesherzog35 überlassen.
Ausgenommen von der Zählung - proclamirte der Befehl - sollte der Anführer des schändlichen Versuchs Ramiro Castillos, genannt el cazador, bleiben und zu seiner Bestrafung in das Hauptquartier der königlichen Truppen geliefert werden.
Ein Schrei des Jammers, des tiefsten Schmerzes erklang aus der Menge bei der Anführung meines Namens - ich hätte die Stimme unter Tausenden erkannt, sie gehörte Blanca, meiner Verlobten; die Unglückliche war also in meiner Nähe.
Sofort begann die Abzählung der Todesloose; der Adjutant der sie in seinem Hute trug, fing von unten an und Jeder, der das Loos mit dem verhängnißvollen Muerte! gezogen, wurde unter dem Jammern und Wehklagen der Mitleidigen oder unter dem Hohngeschrei der Gegner sofort zur Seite geführt.
Wir waren unserer bei dem Ausmarsch aus der Kirche, in die man uns gesperrt, 69 Gefangene; denn drei von
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meinen Guerilleros, und einer von den Bürgern waren während des Morgens an den im Kampfe bei der Ueberwältigung erhaltenen Wunden gestorben - der Offizier hatte 70 Loose gemacht, von denen vierzehn mit dem unglücklichen Worte bezeichnet waren. Während er langsam an den beiden Reihen entlang ging, begleitet von drei oder vier Sergeanten, die sich sofort des Opfers bemächtigten, folgte ihm General Mina mit dem Gouverneur zu Pferde vor der Fronte der Verurtheilten.
Dreizehn Mal war bereits die Todesnummer gezogen worden, die sechs Männer, die vor uns standen, - ich und Henriquez der an meine Schulter lehnte, waren die Ersten oder vielmehr jetzt die Letzten in der vordersten Reihe - zogen eine weiße Nummer, und es blieb demnach noch ein Todesloos übrig.
Der Offizier, der Mitleid mit dem armen Knaben zu empfinden schien, wandte sich zu seinem Kommandeur, der jetzt dicht vor uns hielt, uns mit finsterm Blick betrachtete und häufig seinen Schnurbart strich, was seine Gewohnheit war.
»Señor General« sagte der Offizier - »es sind noch zwei Loose und nur ein Verurtheilter, da Sie bestimmt haben, daß dieser Mann nicht mitloosen soll.«
»Ea! ich habe Nichts dawider, daß dem jungen Schelm eine Aussicht zum Entkommen gelassen wird. Er mag wählen unter den beiden Loosen.«
»General Mina« sagte ich, einen Schritt vortretend, »es ist ein Knabe, kaum 12 Jahr und schon auf das Empörendste mißhandelt. Sie werden die Grausamkeit nicht
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so weit treiben, ihm noch das Leben zu nehmen. Lassen Sie mich das Loos ziehen!«
»Ihr Schicksal ist bestimmt - ich übe schon zu viel Gnade, indem ich ihm die Chance lasse. Zieh, Bursche!«
Henriquez warf trotz seiner Schwäche und seiner Schmerzen einen stolzen Blick auf den Christino und zog das Loos, das er dem Offizier reichte.
Viele Augen, selbst der Feinde, waren mit einer gewissen Theilnahme auf den unglücklichen Knaben gerichtet.
Der Temente öffnete langsam das Röllchen - ein Ausruf des Mitleids - es war das Todesloos.
»Nehmt ihn!« sagte der Oberst kalt.
Die Sergeanten wollten die Hand an den Knaben legen, aber ich warf mich vor ihn. »General Mina« rief ich, »wenn Sie Ihren Ruf als braver Soldat nicht für immer schänden, wenn Sie auf die Barmherzigkeit Gottes rechnen wollen, so üben auch Sie Barmherzigkeit und lassen mich an die Stelle dieses Kindes treten!«
Ein Echo schien von der andern Seite des Offiziers diese Bitte zu wiederholen. »Gnade! Barmherzigkeit! Gnade für sie Beide.«
Ich sah eine in schwarze Gewänder gehüllte Gestalt zu den Füßen seines Pferdes knieen und die Hände flehend zu ihm emporstrecken. Es war Blanka, die sich durch die Reihe der Soldaten gedrängt hatte. Eine ältere Frau, einst ihre Amme, kniete neben ihr.
»Wer ist die Dirne! und was will sie? Jagt sie fort!«
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»General Mina« rief ich außer mir, »achten Sie die Tochter eines wackern Offiziers, der seine Ueberzeugung mit dem Leben bezahlt hat!«
»Wer ist sie?«
»Die einzige Schwester dieses Knaben - meine Verlobte! Die Tochter des gefallenen Kapitän Ologa! Denken Sie an den Adour und lösen Sie Ihre Schuld!«
Er warf mir einen drohenden Blick zu. »Wenn ich nicht daran gedacht hätte, wären Sie bereits todt, Señor. Dennoch will ich meine Schuld lösen, - Leben für Leben! Die Señoritta mag wählen - den Bruder oder den Geliebten!«
»Das ist unwürdig - abscheulich!«
»Barmherzigkeit Señor! ich kann nicht wählen!« rief händeringend das unglückliche Mädchen. »Lassen Sie mich sterben mit ihnen!«
Ich wandte mich mit Verachtung ab von dem Tyrannen. »Blanka« sagte ich - zeige, daß Du die Verlobte eines Mannes bist, dessen Herz niemals in Todesfurcht gebebt, wenn er dem grimmigen Bären der Pyrenäen entgegen getreten, der eher Mitleid haben würde mit Dir, als dieser Christino! Nimm Deinen Bruder und laß mich sterben mit meinen Kameraden, wie es mir ziemt!«
Ich beugte mich nieder, denn meine Hände waren gefesselt und küßte sie auf die Stirn; dann trat ich zu dem Sergeanten, um mich den dem Tode Geweihten anzuschließen.
»Halt!«
Der Befehl kam von Mina. »Sie haben es sehr
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eilig, Señor Castillos, mit den drei Kugeln für Sie,« sagte er spöttisch. »Aber ich muß Sie bitten, meine Entscheidung abzuwarten. - Stehen Sie auf Señora und antworten Sie mir. Sie sind die Verlobte dieses Mannes?«
»Ja Señor!«
»Eines Bärenjägers! Nun dann darf es Ihnen selbst an Muth nicht fehlen. Ich müßte nicht selbst ein geborner Baske sein, wenn ich nicht Freude an einer guten Bärenjagd empfände, die ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr genossen. Kennen Sie die Art, wie man am Maldavich und am Monte Orion den Bären bekämpft?«
Das arme Mädchen fand kein Arg in der Frage, obgleich sie sich wundern mochte, daß sie in einem solchen Augenblick gestellt werden konnte.
»Ja Señor Coronel« antwortete sie. »Ramiro mein Verlobter hat mir oft von der Gefahr erzählt, der er sich dabei aussetzt.«
»Alto! alto! es ist so arg nicht, wenn man kaltes Blut behält und der Assistente Kraft in den Adern hat. Ich habe große Lust, mir einmal wieder das Vergnügen einer Novillada zu machen, und da kein Stier hier und Ihr Verlobter der Ansicht ist, daß die Bären der Pyrenäen ein mitleidigeres Herz besitzen, als General Mina, so will ich Ihr Schicksal in Ihre eigene Hand legen.«
Ich erstarrte bei den Worten. Was hatte der Mann vor, von dem ich wußte, daß er schon in seiner Jugend ein boshafter Satan gewesen!
Mina wandte sich zu den städtischen Beamten, die mit großer Sorge in einiger Entfernung standen.
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»Kommen Sie ein wenig näher, Señor Alcalde!« sagte er zu dem alten Mann, der im Verdacht stand, im Geheimen der Sache des Königs zugethan zu sein. »Sie werden mir die beste Auskunft geben können.«
Der Greis näherte sich. Er stammte, wie ich, aus einer der alten Familien, hatte ein langes hochangesehenes Leben hinter sich und genoß den Ruf unerschütterlicher Redlichkeit, was allein wohl der Grund war, daß die herrschende Partei noch nicht gewagt hatte, ihn von seinem Posten zu entfernen.
»Señor Alcalde« fuhr der General fort, - »Sie wissen, daß ich seit vielen Jahren nicht in meiner Vaterstadt gewesen bin. Wem gehören die beiden Bären, die ich am Eingang der Arena hinter dem Gitter bemerkt habe?«
»Sie sind Eigenthum der Stadt, Señor General! - Dieser unglückliche Mann schenkte vor fünf Jahren sie beide als junge Thiere, die er aus dem Nest einer Bärin genommen, welche er mit der Navaja tödtete. Leider hat der Versuch der Zähmung Nichts genutzt, denn sie sind so grimmig, als hätten sie nur in der Wildniß gelebt, und sie können nur mit größter Vorsicht zu den Kampfspielen benutzt werden.«
»Zu dem, das ich vorhabe, bedarf es keiner Vorsicht Señor Alcalde. Ich brauche zwei gute Navajas.«
Zehn Hände boten eine solche, denn Alles war jetzt gespannt auf das, was folgen sollte.
Blanka hatte sich zu mir gedrängt, sie hielt wie Schutz
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suchend meinen Arm gefaßt, als General Mina sich jetzt zu uns wandte.
»Der Mann hier und jener Bursche« sagte er, »haben sich des Todes schuldig gemacht. Ramiro Castillos rettete mir das Leben - auf sein Verlangen löse ich die Schuld, indem ich den Knaben dort begnadige. Aber ich will mehr thun, als er gethan, ich will ihm Gelegenheit geben, sein eigenes verfallenes Leben mit Ihrer Hilfe Señora zu retten. Wenn Sie die Frau eines Bärenjägers werden wollen, müssen Sie zeigen, daß Sie dessen würdig sind. Ich lege diese Navajas in Ihre Hände; wenn er mit Ihrer Hilfe die Bären, seine alten Bekannten tödtet, ist ihm das Leben geschenkt!«
Der Vorschlag war so unerwartet, so abenteuerlich und zugleich so dem Charakter und der leidenschaftlichen Neigung des Volks für aufregende Scenen entsprechend, daß ein stürmischer Jubelruf ihm folgte. Ja ich sah - so groß ist die Macht der Neigungen, - daß selbst meine dem Tode durch das Loos verfallenen Guerilleros, sämtlich geborne Basken, in den Zuruf der Menge mit einstimmten.
Ich begriff vollkommen das Teuflische des Vorschlags. Ohne einen Augenblick des Schwankens hätte ich allein den Kampf mit den beiden Bestien angenommen, aber die schreckliche Bedingung, daß das schwache, angstvolle Mädchen die Gefahr theilen sollte, mußte meine Kraft und Besonnenheit lähmen.
Erst auf ein wiederholtes Zeichen des Generals beruhigte sich der Sturm der Menge.
»Nun Señora« frug Mina spöttisch, wie gefällt Ihnen
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mein Vorschlag? - Wollen Sie sich diesen Mann mit dem Messer in der Hand gewinnen, oder soll ich für einen andern Gatten sorgen? Sie sind hübsch und wie ich höre, reich genug, daß keiner meiner jüngeren Offiziere ein Bedenken tragen wird, die kleine Rebellin zu bekehren.«
Ehe ich ein Wort vorbringen und den Kampf für mich allein oder den Tod fordern konnte, erhob sie die Hand, mir Stillschweigen winkend. »Señor General« sagte sie mit fester ruhiger Stimme, »ich nehme Ihren Vorschlag an! Geben Sie mir die Messer.«
Ich wollte sie beschwören und Widerspruch erheben, aber sie legte die Hand auf meinen Arm. »Still Ramiro! Sollen jene Männer den Triumph haben, daß Du Furcht zeigst um meinetwillen? Jener Mann hat Recht, die Frau eines Jägers darf die Gefahr nicht scheuen. Gott und die Heiligen werden uns nicht verlassen.«
General Mina schien selbst betroffen über die heldenmüthige Annahme seines schrecklichen Vorschlags. Er befahl, die Arena zu räumen und mich meiner Bande zu entledigen, damit ich den vollen Gebrauch meiner Glieder wiedergewinnen möge. Dann beaufsichtigte er selbst die Anstalten zu dem Kampf.
In diesem Augenblick, während der General sich am andern Ende der Schranken befand und viele Frauen, selbst solche, die zu den Familien unserer Feinde gehörten und noch kurz vorher fanatisch unsern Tod gefordert hatten, sich jetzt eifrig um Blanka drängten und ihr Muth einzusprechen suchten, dessen sie nicht bedurfte, kam der greise Alcalde an meine Seite.
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Er war ein Freund meines Vaters gewesen und kannte mich schon als Knaben.
»Die heilige Jungfrau beschütze Dich, Ramiro. Muth und Besonnenheit. Kann ich Etwas für Dich thun?«
»Zwei wollene Decken, Señor!«
Er nickte zum Verständniß und entfernte sich sogleich wieder, um keinen Verdacht zu erregen. Ich sah, wie er einen[m] seiner Alguazils einen Auftrag gab, der sich eiligst entfernte.
Man hatte mir jetzt die Bande abgenommen und ich prüfte die Gelenkigkeit meiner Glieder. Ich war nun entschlossen, den Kampf aufzunehmen und der Bosheit meines Ueberwinders Trotz zu bieten. Ich kannte vollkommen die schreckliche Aufgabe, und daß die Theilnahme meiner Verlobten die Gefahr vergrößerte, aber ich vertraute meiner Kraft und entwarf bereits meinen Plan. Es galt jetzt nur, Blanka darüber zu verständigen, daß sie genau that, was ich ihr sagte, um mir kein Hinderniß zu bereiten. Da ich die Natur und die Gewohnheiten der Bestien kannte, hoffte ich, sie zu trennen und so zu tödten. Ich prüfte die Stärke und die Schärfe der beiden Messer, und als General Mina jetzt wieder herbei geritten kam, hatte ich die größte Lust, mich auf ihn zu werfen und ihn vom Pferde zu stechen. Aber wie gesagt, ich begann jetzt zu hoffen, und ich wußte, daß wenn es mir gelang, den Sieg zu gewinnen, er sein Wort halten mußte oder unauslöschlicher Schande verfallen würde.
Der General kam jetzt heran. Er sah mich mit einer gewissen Theilnahme an und beugte sich aus dem Sattel
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nieder. »Ich hatte es eigentlich anders mit Ihnen vor. Señor Don Ramiro« sagte er, »aber Ihre Hartnäckigkeit zwingt mich zu dem Ausweg. - Haben Sie noch einen Wunsch, ehe Sie Ihr Heil versuchen?«
»Zehn Minuten mit meiner Verlobten zu sprechen. Dann werden wir bereit sein.«
»Muy bien! - Während der Zeit kann die Exekution jener Schelme erfolgen. Lassen Sie die Verurtheilten in den großen Gang der Arena führen, Kapitain Lopez, und dort erschießen.«
»Ich hatte bereits die Idee, Señor General, aber die Burschen bitten dringend, vor der Exekution dem Kampfe beiwohnen zu dürfen. Es sind ächte Escalduni, General, und sie würden bedauern, sterben zu müssen, ohne ihrem Nationalvergnügen noch beiwohnen zu dürfen.«
Der General strich sich den Bart und lachte.
»Por me! - geben Sie ihnen gute Plätze, denn ich glaube, die Sache wird sich der Mühe lohnen! Wer hat dies befohlen?«
Die Frage galt dem Alguazil, der zwei große und starke wollene Decken zu meinen Füßen legte.
Der greise Alcalde trat einen Schritt vor. »Ich selbst Señor General kraft meines Amtes als Richter der öffentlichen Kampfspiele. Dem Matador gebührt seine Muleta36
Mina biß sich auf den langen Lippenbart.
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»Muy bien!« sagte er dann - »ich will Ihre Rechte nicht bestreiten, Señor Alcalde. So ordnen Sie denn den Kampf und lassen ihn beginnen. Wir wollen unsere Plätze einnehmen, Caballero's!«
Er stieg vom Pferde und begab sich mit dem Gouverneur und seinen Offizieren in die Loge desselben. Der Alcalde ertheilte jetzt seine Befehle und ordnete das Ganze, gleich als gälte es ein Stiergefecht oder einen der gewöhnlichen Thierkämpfe.
Ich benutzte die Zeit, um mich Blanka zu nähern, die eben den unglücklichen Knaben ihren Bruder zum letzten Mal umarmt und geküßt hatte, um mit ihr zu sprechen und führte sie in die Mitte des Platzes.
Das arme Mädchen war sehr bleich, aber sie bemühte sich ruhig und entschlossen zu sein.
Die einzige Aussicht des Erfolges lag darin, daß es mir gelang, die beiden Bären von einander zu trennen, und sie in möglichst großer Entfernung von einander einzeln anzugreifen und zu tödten. Ich kannte die Wildheit und Kraft der beiden Thiere.
Ich beschwor Blanka, sich stets in meiner Nähe, aber immer so zu halten, daß ich zwischen ihr und den Thieren blieb, und mir nur auf mein Rufen und wenn es ohne alle Gefahr für sie geschehen konnte, zu Hilfe zu kommen und dann von hinten einen Stoß in das Genick oder den Hals des Bären zu versuchen. Ihre wirkliche Aufgabe sollte sein, mir immer die Decken bereit zu halten und für den Fall, daß mein Messer brechen sollte, mir das ihre zu reichen.
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Nachdem dies verabredet war, knieten wir Beide nieder und beteten zur heiligen Jungfrau.
Als ich mich erhob, sah ich mit einem Rundblick über die Arena, daß Viele - selbst Männer - mit uns gebetet hatten. Die aufsteigenden Estraden waren dicht mit Menschen gefüllt - der Gouverneur und die Behörden saßen in ihren Logen, unterhalb der des Gouverneurs befanden sich die Verurtheilten. Ich grüßte zu meinen Kameraden hinüber und legte die Hand auf das Herz - - sie antworteten mir mit einem energischen Zuruf; sie wußten, was mein Zeichen bedeutete: wenn ich mit dem Leben aus diesem Kampfe hervorging, sollte ihr Tod gerächt werden!
Auch der Raum zwischen den Schranken und den Estraden war dicht mit Menschen gefüllt - meist Soldaten.
Ich legte die beiden Decken zurecht, wie sie sich am Besten für meine Absicht paßten, dann wickelte ich mein Taschentuch um meine rechte Hand, um damit den Griff der Navaja sicherer fassen zu können, schnürte meine Schärpe fest und steckte handgerecht die Waffe hinein.
Ich war jetzt fertig mit meinen Vorbereitungen und ich erinnere mich so deutlich, als ob es erst gestern geschehen wäre, daß mir ein Gefühl des Stolzes, der glühenden Kampflust, der Siegesgewißheit die Brust schwellte. Ich war gewiß, als Sieger hervorzugehen, wenn nicht ein unglücklicher Zufall dazwischen treten würde.
Später, als ich hörte, daß mein Bruder aus Liebe zu einem Weibe ein Matador in der königlichen Arena von Madrid geworden, konnte ich wohl begreifen, warum
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er dies Gewerbe gewählt hatte und nicht lassen konnte, obschon wir seit der Zeit, daß er in den Dienst der Königin Isabella getreten war, getrennt blieben.
Blanka kniete noch immer neben mir. Ich drückte ihr einen Knß auf die Stirn und hob sie empor.
»Muth Geliebte - der Augenblick ist da!«
»Fürchte Nichts - ich bin stark!«
Diese Versicherung war ihre Antwort. Ich schlang ihren Arm durch den meinen. Dann wandte ich mich zu der Loge des Gouverneurs, hob meine Basquina und sagte laut: »Geben Sie das Zeichen, Señor General, wir sind bereit!«
General Mina winkte dem Alcalden und der Greis hob den Stab.
Ich fühlte durch den an mich geschmiegten Körper meiner Gefährtin einen leichten Schauer gehen - die uns gegenüber am andern Ende der Arena gelegene Gitterthür war geöffnet worden, und die Wärter schoben und trieben mit Stangen und Schreien die Bären aus ihrem Zwinger.
Die Thiere, beide zu den kräftigsten und größten ihrer Race gehörend, kamen knurrend und brummend in ihrem plumpen Gang aus dem Gefängniß in den freien Raum der Arena. Sie wußten aus der Erfahrung, daß es sich jedesmal, wenn man sie herausholte, um ein tüchtiges Raufen mit Hengsten, Mauleseln, Stieren, Hunden oder Wölfen handelte, schauten sich deshalb mißtrauisch nach ihrem Feind um und setzten sich sofort nieder.
So wie die Bären erschienen waren, schien das Publikum wie umgewandelt; alle Theilnahme, alles Mitleiden
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für die Menschen war verschwunden, man sah nur noch die Kämpfer, wettete auf uns und suchte durch Schimpfreden, Wehen mit den Tüchern und Hüten und dergleichen die Bestien aufzuregen.
»Ea - alto! alto! - sus! - sus!« schallte es von allen Seiten. »Seht die poltroni! Auf sie, Jäger! Stoß ihnen die Navaja in die Rippen!«
Ich sah, daß etwas geschehen und der Angriff von mir ausgehen müsse. Ich bat daher meine Gefährtin, sich zwei Schritte hinter mir zu halten, legte die eine Decke über meine Hände und schritt langsam auf die Bären zu.
Ein ermunternder Zuruf folgte dieser Bewegung. Animo! esfuezate! halte Dich brav, cazador! - manos á la obra!37
Mein ruhiges aber entschlossenes Näherkommen und die Decke in meiner Hand schien die Thiere aufmerksam zu machen. Sie trennten sich brummend, indem der eine zurückwich, der andere sich auf die Hinterfüße setzte und seinen blaurothen Rachen öffnete.
Der Augenblick war gekommen.
Ich ging bis etwa 3 Schritt weit die Decke hin und herschwenkend auf den Bären zu, der sich empor gerichtet hatte und mir grimmig die Zähne wies, und schleuderte sie dann noch einen Schritt vortretend weit ausgebreitet über seinen Kopf und seine Arme.
»Die Decke, Blanka und dann flüchte Dich zur Seite!«
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Sie reichte mir die zweite Decke, die ich mit Blitzesschnelle um meinen linken Arm schlang.
»Nein, Ramiro - ich bleibe bei Dir!«
Es war keine Zeit, meine Anweisung zu wiederholen, denn ein Blick belehrte mich, daß der zweite Bär durch den Angriff auf seinen Gefährten gereizt, auf den Hinterbeinen auf mich zukam, während der erste, wie ich beabsichtigt hatte, sich unbehilflich damit beschäftigte, seinen Kopf von der Decke zu befreien.
In der Hoffnung, daß Blanka meiner Weisung folgen würde, stürzte ich mich auf meinen zweiten Gegner, suchte seinen Tatzenschlag und seinen Griff mit dem durch die dick um ihn geschlungene Decke geschützten linken Arm zu pariren und stieß ihm das Messer in die mir zugekehrte Brust.
Ich fühlte, wie das Blut mir ins Gesicht spritzte und zugleich den heißen Athem aus dem nur handbreit davon entfernten Rachen des Thiers, das ein heiseres Gebrüll ausstieß. Zwei Mal wiederholte ich den Stoß, ehe es dem Bären gelang, meinen Arm fest zu packen und sich in die Decke zu verbeißen. Ich fühlte mich zwar von einem Hieb seiner Pranke quer über die Brust verwundet, aber ich achtete es nicht und zerfetzte mit meinen Stößen das Fell des Raubthiers, als ein ängstlicher Ruf hinter mir mich erbeben machte, der jedoch von dem stürmischen Geschrei der Menge übertönt wurde.
»Alerta! alerta! - Zu Hilfe cazador! zu Hilfe!«
Es gelang mir, dm Kopf zu wenden - ein furchtbarer, all' meine Nerven lähmender Anblick bot sich mir dar.
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Die Unglückliche hatte mein Verbot nicht beachtet, sondern versucht, mir Beistand zu leisten.
Als sie die Bestie sich vergeblich von der Decke zu befreien bemüht sah - was, wie ich wußte, den Bären noch ein Paar Minuten lang beschäftigt haben würde, hatte sie geglaubt, sich ihm ohne Gefahr nähern und den von mir angegebenen Stoß ausführen zu können.
Aber ihre Hand war zu schwach und zu ungeübt, die Klinge glitt an dem starken Pelzwerk der Schulter ab, verwundete das Unthier nur leicht und entfiel ihrer Hand.
Erschrocken wandte sie sich jetzt zur Flucht.
Aber eben die Verwundung hatte den Bären wild gemacht und in seinem Grimm zerriß er die Decke, die sonst ihr sicherer Schutz gewesen wäre. Indem sie bei ihrer Flucht sich umwandte, sah sie das wüthende Thier, nur noch von den einzelnen Fetzen der Decke umschlungen, mit weit geöffnetem Rachen und die funkelnden grünen Augen auf sie gerichtet, hinter ihr drein kommen.
Der Anblick war zu schrecklich für sie, ihr Muth, ihre Besonnenheit wich, sie sank in die Knie und stieß den Schrei aus, der meine Nerven erbeben machte.
Ich war nur vier bis fünf Schritte von ihr entfernt, das schnaubende Thier vielleicht eben so weit. Nicht eine Sekunde war zu zögern, wenn ich sie retten wollte, und ich versuchte mit aller Kraft, mich von meinem Gegner loszureißen.
Aber der sterbende Bär hatte sich so fest in meinen linken Arm verbissen und seine Pranke in meine Schulter geschlagen, daß alle Anstrengung anfangs vergeblich war.
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In meiner Verzweiflung schleifte ich das schwer auf mir lastende Thier in der Richtung meiner Verlobten fort und versuchte durch Geschrei das sie bedrohende Ungethüm zu verscheuchen.
Vergeblich!
Ich sah es Schritt um Schritt näher kommen, ich sah, wie die Furcht ihr alle Besinnung geraubt hatte und sie nur vermochte, abwehrend ihre Hände entgegen zu strecken, ich sah, wie der Bär jetzt vor ihr stand und mit seinen Pranken durch die Luft hieb.
In diesem letzten Augenblick gelang es mir, die Navaja in das Auge der Bestie, die mich festhielt, zu stoßen daß die Spitze bis in das Gehirn gedrungen sein mußte, - der geschlossene Rachen öffnete sich und ich konnte meinen Arm blutend, halb zermalmt aus seinem furchtbaren Gebiß reißen.
Ich achtete nicht auf den rasch auf einander folgenden Donner mehrer Kanonenschüsse von der Höhe der nahe gelegenen, das Glacis der Festung und den Platz, wo damals außerhalb der Wälle und Thore die Arena Pamplunas stand, beherrschenden Citadelle, die König Philipp II. erbaut hat, - ich hörte nicht den Ruf der Wachen, das Geschrei: »Zu den Waffen! Der Feind! Der Feind!« - nicht auf die Donnerstimme Mina's, die Befehle ertheilte, - nicht den entfernten Ruf: Viva el Rey! nicht das Angstgeschrei der Frauen, den Ruf der Männer, die sich aus der Arena drängten, - ich sah vor mir nur die braune zottige Masse des Bären, die sich auf das unglückliche Mädchen stürzte, und im nächsten Augenblick war ich selbst in diesen
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schrecklichen Knäuel von Thier und Mensch verflochten und wälzte mich nach den ersten Messerstößen mit dem Raubthier, das ich anfangs von hinten umklammerte, am Boden.
Wie lange jener Kampf dauerte, - ich weiß es nicht. Ich sah die grünen Augen der Bestie vor den meinen funkeln, ich fühlte, wie ihre Zähne mein Gesicht zerfleischten, ihre Klauen meinen Körper zerrissen, während ich mit beiden Händen ihren Hals umspannt hielt, denn die Navaja hatte ich verloren; - ich fühlte, wie meine Kräfte schwanden - und dann fühlte ich Nichts mehr. Nur wie im Traum war es mir, daß Schüsse um mich her knallten, Kampfgeschrei ertönte, und daß ich unter wildem Geschrei aufgehoben und fortgetragen wurde.
Ich fühlte Nichts mehr - lange - lange! - Als ich endlich wieder zu fühlen oder vielmehr mich zu erinnern begann, waren Wochen verstrichen, und ich lag in dieser Halle, auf jenem Lager dort, - allein, nur von dem Vater Tomaso's gepflegt und von einer alten Frau, die jetzt längst das Grab deckt.
Draußen aber in milder Oktobersonne, auf dem Platz, auf dem wir vorhin dem Tanz der Mädchen zuschauten, wieherten munter die Rosse und lagerten tapfere Männer, Landsleute, Escalduni Guerilleros des tapfern Ohm Ti38 und unter ihnen manche meiner wackern Kameraden, die mit mir in jener unglücklichen Nacht versucht hatten, Pampluna für König Karl V. zu gewinnen.
Der Anführer der Abtheilung, die in unsern
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navarresischen Bergen lagerte, deren Bewohner sich ja auch zu den Basken von ächtem Blut zählen, war Ihr Vater Don Lerida, der frühere Alcalde von Irun, jetzt ein tapferer Kapitain Zumala-Carréguy's, und derselbe, welcher - obschon in der Nacht vorher durch die falsche Nachricht am Thor von Pampluna mit Kanonenschüssen zurückgetrieben, - doch am andern für mich so verhängnißvollen Tage es gewagt hatte, zurückzukehren und mit seinen Reitern einen eben so kühnen als glücklichen Angriff auf die Arena zu machen, um womöglich die Gefangenen zu befreien oder Geißeln für ihr Leben zu nehmen.
Man wollte wissen, daß ihm ein geheimer Wink aus der Stadt über das Schicksal meiner Guerilla zugegangen war.
Er wäre freilich zu spät gekommen, wenn die Wendung des meinen die Exekution nicht verzögert hätte. Für mich und mein Glück kam er freilich zu spät, doch war es in dem Tumult, der durch den Angriff entstand und bei dem raschen Rückzug der Christinos in das Innere der Festung wenigstens einem Theil meiner zum Tod und zu den Galeeren verurtheilten Kameraden gelungen, sich zu befreien und ihren Wachen zu entziehen. Die anderen, die General Mina mit in die Festung zurückschleppte, mußten freilich dafür büßen; denn der General ließ sie sofort erschießen und die Verfolgung der Bürger, die im Verdacht standen, der carlistischen Sache zugethan zu sein, wurde noch härter und führte zu den empörendsten Grausamkeiten, als der ältere Mina, von der Königin amnestirt und aus Frankreich zurückgerufen, als General-Kapitain
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von Navarra in Pampluna eintraf und den Oberbefehl der christinischen Nordarmee übernahm.
Diesem Wütherich die Stirn zu bieten und ihn zu beschäftigen hatte Zumala-Carréguy ein Corps in die Berge geworfen, mit dem er zum Theil selbst manchen glücklichen Schlag ausführte.
Der heiligen Jungfrau sei Dank, daß jene Tage der furchtbaren Menschenschlächterei und der wildesten Grausamkeiten, deren sich der Henker Mina und sein Neffe schuldig machten, hinter uns liegen. Nur wer sie mit erlebt, weiß, was dies bedeutet.«
»Aber Señor Castillos« sagte der Oberst, »Sie sprechen nicht von dem, was uns am meisten interessirt, von dem Schicksal der armen Blanca Ologa!«
»Was ist viel davon zu reden« sagte der Bärenjäger rauh, indem er mit dem Fuß auf das vor ihm liegende Fell stieß; - »der da hatte mit einem Hieb seiner Tatze, noch ehe ich ihn faßte, ihren weißen Hals und ihre jungfräuliche Brust getroffen, daß die zerrissenen Adern das warme Lebensblut bis zum letzten Tropfen ergossen.
General Mina hatte Anderes zu thun gehabt, als sich um seine Bärenkämpfer zu kümmern. Als mich meine Guerilleros aufhoben und mit sich trugen, weil sie trotz meiner Wunden noch Leben in mir fanden, - blieb der entseelte Körper des armen Mädchens zwischen den verendeten Bestien zurück.
Erst am andern Tage haben mitleidige Hände sie begraben. Derselbe unbekannte Freund ihres Vaters sorgte dafür, daß der arme Knabe, ihr Bruder, so gut es ging,
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geheilt und noch ehe der ältere Mina eintraf aus Pampluna fortgeschafft wurde. Dieselbe Hand war es wahrscheinlich, die mir später diese Bärenhaut und die Navaja dort mit einer Locke der Todten sandte!«
»Und lebt der Knabe noch?«
»Sie können ihn in Madrid im Dienst Ihrer Majestät unserer gesegneten Königin Isabella finden. - Was mich anbetrifft, Caballero's, da Sie mich doch so wißbegierig anschauen, so tödtete ich, als ich wieder hergestellt war, statt der Bären Christinos, und als das nicht mehr ging und der Vertrag von Bergara dieser Beschäftigung ein Ende machte, jagte ich wieder meine alten Gegner, die Bären, und schwer hab' ich jenen Tag an ihnen gerächt, - aber ich bin ein freudloser, einsamer Mann geblieben!«
Don Castillos hatte sich bei den Worten erhoben. »Sie werden müde sein, Altezza, und auch Sie Caballero's die Ruhe wünschen. Ich und mein Haus gehören Ihnen, nehmen Sie die geringe Bequemlichkeit, die es bietet und lassen Sie uns des Schlafes pflegen, um morgen Nacht die Augen offen zu halten.«
Er rief nach seiner Nichte und den Dienern des Hauses, um die Gäste zu ihren größtentheils gemeinsamen und höchst einfachen Schlafstätten zu geleiten.
Die Bewegung des allgemeinen Aufbruchs hatte Don Juan benutzt, um nochmals das Haus zu verlassen und auf dem freien Platz vor demselben unter die Bäume zu treten.
Wie er erwartet, folgte ihm alsbald der junge Offizier.
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»Sie wünschten mit mir zu sprechen Herr Marquis?«
»Ich bin Ihnen verbunden, daß Sie meinen Wunsch errathen haben. Ich habe nach dem Ihren gethan und mich zu der Komödie jener Wette hergegeben. Aber ich verlange nun zu wissen, wie ich ein Jagdabenteuer, - vorausgesetzt, daß es uns wirklich aufstößt, - mit unserer ernsten Angelegenheit zusammen zu reimen habe?«
»Sie behandeln, wie Sie finden werden, die Aufgabe, die wir uns gestellt, sehr leicht, Herr Marquis« sagte mit leichtem Hohn der Graf. »Doch, um Ihnen offen zu antworten, ich habe in dieser Beziehung die Grundsätze meines verstorbenen Oheims angenommen und bin - nicht ein Feind eines Kampfes, - aber ein Gegner des Duells. Sie werden mir sagen, daß dies keine Entschuldigung ist, um sich der Rechenschaft für irgend eine Handlung zu entziehen. Nun wohl - ich sage Ihnen offen, ich will Sie nicht tödten und habe eben so wenig Lust, mich von Ihnen tödten zu lassen. Um Ihnen aber jeden Vorwand zu nehmen, an meinem Muth und an der Bereitwilligkeit, mein Leben einzusetzen, zu zweifeln, habe ich Sie hierher geführt und Ihnen den Kampf nicht zwischen uns, sondern mit einem dritten Gegner vorgeschlagen. Ihnen steht es natürlich frei, jeden Augenblick davon zurückzutreten, ich aber gebe Ihnen mein Wort, daß ich diese Berge nicht verlassen werde, bis ich das meine eingelöst.«
»Mit dieser Art, Ihre Ehrensachen auszufechten, Herr Graf« sagte der Offizier mit Hohn, »werden Sie allerdings in den Zirkeln der Pariser Gesellschaft nicht weit kommen, und es wird am vortheilhaftesten sein, wenn Sie
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dieselben meiden und auf die Einladung Seiner Majestät des Kaisers verzichten!«
Eine tiefe Falte zog sich zwischen den Brauen des Abenteurers zusammen. »Ein Mann« sagte er langsam, »der den indischen Mördern die Stirn geboten, und der - nicht als willenloser Lanzknecht eines Fürsten, sondern um der Gefahr selbst willen, - seit zwölf Jahren an allen Enden der Welt den Kampf aufgesucht, wird mit den renommirenden Helden der Boulevards fertig werden. Sorgen Sie also nicht um mich! - Ueberdies ist es nicht das erste Mal, daß ich einen Gegner gezwungen, ein Duell nach meiner Art auszufechten! Entscheiden Sie sich also, ob Sie meinen Vorschlag annehmen, oder nicht?«
»Aber zum Teufel, Herr!« rief der Offizier, »welche Genugthuung habe ich für den meiner Familie angethanen Schimpf, wenn ich mich dazu hergebe, einer wilden Bestie die Gurgel abzuschneiden?«
»Den Ruhm, Juan Lerida an Muth und Glück übertroffen zu haben!«
»Ein sehr werthvoller Gewinn« meinte höhnisch der Offizier. »Aber wie dann, wenn es Ihnen nun nicht glückt, Ihre Prahlerei zu vollführen?«
»Dann« sagte der Abenteurer mit furchtbarem Ton und preßte den Arm seines Gegners mit eisernem Griff »dann gehört das Leben Juan Lerida's Ihnen, und er verpflichtet sich, fünf Jahre lang Ihr Sclave zu sein, wie mir Ihr Leben als Herrn und Gebieter auf diese Zeit gehört, wenn Sie sich als Feigling zeigen! - Gute Nacht Monsieur le Marquis, Sie kennen jetzt meine Bedingungen!«
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Er verließ den Platz und ging nach dem Hause zurück.
Der junge Offizier blieb ziemlich betroffen zurück. Es fehlte ihm nicht an Muth und er hatte dies vor Sebastopol und in der Lombardei hinlänglich bewiesen; er hätte nicht mit einem Zucken der Wimper gebebt, dem Mann, der ihn eben verlassen hatte, vor die Mündung der Pistole oder die Spitze des Degens zu treten, ob schon er wußte, daß Jener in der Führung der Waffen sicher die höchste Geschicklichkeit besaß, und dennoch flößte ihm der Vorschlag oder vielmehr die Entscheidung, die er so eben erhalten, ein gewisses Grauen ein, wie ja so leicht das Unbekannte, Ungewohnte thut.
Während er noch darüber nachsann, ob es mit seiner Ehre verträglich sei, dieses schlimmer als amerikanische Duell abzulehnen, hörte er in der Nähe ein Geräusch, als wolle sich eine Person ihm bemerklich machen.
Er erkannte in dem hellen Mondschein den Mann, der sich ihm genähert. Es war Tomaso, der Bräutigam der Nichte seines Wirths.
»Sie wollen unsere Berge im Licht des Mondes bewundern, Monsieur« sagte der junge Mann in dem gemischten Dialekt der Gränzdistrikte. »Sie können von hier hinab bis Pampluna und auf jener Seite über die heilige Eiche von Guipuzcoa nach Aspiroz sehen.
»Die heilige Eiche von Guipozcoa? Aber so viel ich weiß, ist die Gränze dieser Provinz vier bis fünf Meilen entfernt und wir befinden uns hier in Navarra!«
»Si Señor, aber die Berge sind dennoch gut baskisch und von Männern von ächtem Blut bewohnt. Unsere
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Väter haben zu Ehren der drei alten Provinzen und zum Zeichen, daß dies Land zu ihnen gehört, drei Bäume auf drei Bergen gepflanzt und sie nach den freien Distrikten genannt, damit Jeder weiß, daß hier so gut das Baskenland, wie in Tolosa, Bilbao oder Vittoria! und sie haben oft genug unter jenen Eichen getagt.«
»Und in welcher Gegend werden wir morgen jagen?«
»Nicht weit von der Eiche von Guipozcoa, die auf der Höhe des Gebirges steht und die als Warte gilt, zu der man von beiden Landen herauf sieht. Sie wünschen mit dem Bären zusammen zu treffen, Señor Monsieur?«
»Gewiß! könnt Ihr mir dazu helfen, Freund?«
»Verzeihen Euer Gnaden« sagte der junge Mann, »daß ich deshalb eine Frage an Sie richte. Sagten Sie nicht vorhin, Sie wollten hundert Goldstücke Demjenigen geben, der Ihr Assistente sein wollte?«
»Ich wiederhole es!«
»Hundert Goldstücke sind ein großes Vermögen« meinte der junge Mann. »Ich bin ein armer Teufel und verdanke Alles der Güte des Señor Ramiro, der mir seine Nichte zur Frau giebt. Es wäre ein großer Stolz für mich, wenn ich auch ein Kapital in die Wirthschaft brächte und nicht Alles meinem Weibe zu verdanken brauchte.«
»Parbleu - da wäre uns ja Beiden geholfen, denn wie ich hörte, sind Sie ja ein Jäger!«
»Ich wollte Euer Gnaden eben den Vorschlag machen!« sagte der Baske.
»Sie wollen mein Assistente sein? Haben Sie aber
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auch gehört, welche Wette ich mit dem Grafen von Lerida, Ihrem Landsmann, eingegangen bin?«
»Ich war unter den Zuhörern. Eben deshalb dachte ich daran, daß Sie mich brauchen würden.«
»Und Sie glauben, daß es möglich wäre, einen erwachsenen Bären lebendig zu fangen?«
»Warum nicht? wenn der Assistente ihn gut gefaßt hält, warum sollte man dann nicht die Schlinge so gut anwenden können, wie die Navaja?«
»Den Teufel auch - das ist leicht gesagt! Aber es muß geschehen. Und Sie wollten die Rolle des Assistenten übernehmen?«
»Wenn Euer Gnaden mir das Vertrauen schenken und Ihr Versprechen halten wollen!«
»Vor allen Dingen würde es darauf ankommen, daß wir auch einem Bären begegnen.«
»Darüber mögen Sie außer Sorge sein, Señor. Ich kenne die Lager der Bären und ich werde Ihnen den Posten zuwenden, wo er zuerst vorüber kommt, wenn er im Dunkel auf seinen Raub ausgeht. Die andern Caballeros werden sie vergeblich erwarten und sich wundern, wenn sie am Morgen kommen und Sie mit dem Gefangenen finden.
»Die Aussicht ist allerdings verlockend! aber wie ist mir denn, - Sie sollen ja morgen Hochzeit halten, und Sie werden die Brautnacht doch wohl nicht auf dem Anstand begehen, und statt der schönen Ines ein zottiges Raubthier an's Herz drücken wollen?«
Die Sitten des baskischen Landvolks sind überaus
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keusch und streng. Der Bräutigam erröthete bei dieser frivolen Anspielung wie ein junges Mädchen, aber er begnügte sich, zu antworten: »Ich hoffe noch lange Jahre sie mein Weib zu nennen! Don Ramiro kann meiner Gegenwart unter den Jägern nicht entbehren, aber ich werde Sie verlassen, wenn wir einen Bären auf seinem Ausgang getroffen haben; sonst freilich müssen wir warten wie die Andern bis zu ihrer Rückkehr, die nie vor dem Tagesgrauen erfolgt. A Dios, Señor, und stärken Sie sich durch einen guten Schlaf.«
Er pfiff den Hunden und entfernte sich mit höflichem Gruß, nach seinem Hause am Berghang hinuntersteigend.
Auch der Offizier kehrte zu der Wohnung seines Wirths, deren Thüren offen standen, und suchte das auf Maisstroh aus Wolfs- und Schaffellen gebildete Lager, das man ihm und Don Juan in dem kleinen Gemach des Padre bereitet hatte. Er fand diesen bereits kräftig schnarchend und legte sich, nachdem er sich der Oberkleider und der Stiefeln entledigt hatte, gleichfalls nieder, mit - wie er sich selbst kaum zu gestehen wagte - weit leichterem Herzen, als er vor der Unterredung mit Tomaso gehabt hatte.


Der Mond war untergegangen, was etwa kurz vor Mitternacht geschah, als das Schnarchen des ehrwürdigen Padre sehr eigenthümlich plötzlich aufhörte, derselbe sich auf seiner Matratze aufrichtete und nach seinen beiden Stubengenossen hinüber lauschte.
Als der würdige Herr sich überzeugt hatte, daß beide
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fest und ruhig schliefen, erhob er sich von dem Lager, stieg über sie hinweg und schlüpfte vorsichtig aus der Thür des Gemachs, welche direkt ins Freie führte.
Zwei oder drei der vor den Thüren liegenden Hunde wollten zwar anschlagen und schnubberten unruhig um den Priester her; da sie aber einen Hausgenossen erkannten und dieser sie leise beruhigte, ließen sie ab von ihrer Aufmerksamkeit und streckten sich wieder in den Schatten des Hauses nieder, bis auf den alten Negro, der zum großen Verdruß des Geistlichen ihm mißtrauisch folgte, als er jetzt über den Vorplatz schlich und sich nach der Seite wendete, wo ein schmaler Fußweg hinüber in der Richtung der Straße von Glizondo nach Pampluna führte.
Nachdem der Padre etwa zehn Minuten unter allerlei sehr unheiligen Verwünschungen über dessen Beschaffenheit und die Finsterniß der Nacht auf diesem kaum erkennbaren Pfade fortgekeucht war, blieb er an einer Stelle stehen, wo der Weg sich durch nahe zusammentretende Steinmassen wand, und pfiff in einer eigenthümlichen Cadenz.
Sofort ließ sich von der andern Seite her dasselbe Signal hören.
Gleich darauf trat ein in einen großen Mantel gehüllter Mann aus den Felsen hervor und wollte sich dem Priester nähern, als der Hund ihn grimmig anknurrte.
»Carrajo, Señor Padre, seid Ihr es oder nicht? und was habt Ihr da für eine Bestie bei Euch? - Bringt sie zur Ruhe, oder ich schieße sie nieder, wenn sie meinen Beinen zu nahe kommt!«
»Chucho, Negro! - Fort mit Dir Hund! Der
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Teufel hat dich auf meine Fersen gebracht! Schießt um Himmelswillen nicht, Señor Cuerta, der Knall könnte gehört werden droben im Hause! - Fort mit Dir, alter Spion!« und er griff nach Steinen umher und warf sie nach dem Hunde, der eine Strecke zurückwich, sich dann niedersetzte und ein Geheul begann, dem bald seine Kameraden droben auf der Höhe antworteten.
»Der Satan hole die Bestie« sagte ärgerlich der Fremde, die Pistole wieder in den Gürtel zurückschiebend. »Kommt hierher, Padre, um den Felsen, daß er uns nicht mehr sieht, vielleicht hört die Kanaille dann auf. Sicher will ich mein Wort erfüllen, wenn er uns da noch zu nahe kommt.«
Er zog den Geistlichen mit sich fort, und in der That verstummte der Hund, als sie auf der andern Seite der Felsen waren, aber nur, um langsam heranzuschleichen und sie mit seinen klugen Augen im Dunkel zu beobachten, als wittere er instinktmäßig eine Gefahr für seinen Herrn.
»Ihr kommt verflucht spät, Padre« sagte der Fremde, »und es ist eben kein angenehmes Geschäft, in der Nacht in den Bergen zu warten, während der kalte Wind pfeift. Wie steht's, was habt Ihr Neues?«
»Se. Excellenz hat also meinen Brief erhalten, Señor?«
»Caramba - wäre ich sonst hier? Ihr habt sie in Madrid ganz toll gemacht mit Euren Anzeigen und Se. Excellenz der Gefe-politico39 hat die strengsten Befehle erhalten, sich damit zu beschäftigen. Also was giebt's?«
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»Wie ich schon gemeldet, es wird in nächster Nacht eine Junta der vier Provinzen gehalten werden!«
»Meinetwegen - die Narren mögen ihre alten Thorheiten treiben, wenn sie noch nicht klüger geworden sind. Irgend eines ihrer alten Rechte, um das sie jammern und klagen! Die Geschichte mit General Ortega hat bewiesen, daß die Revolution keinen Erfolg mehr hat!«
»Aber Señor Cuerta, hier handelt es sich nicht um eine der gewöhnlichen Militair-Revolten, wie sie, den Heiligen sei es geklagt, alle vier Wochen in Spanien vorkommen, sondern um einen wirklichen Aufstand der nördlichen Provinzen, um Ihre gesegnete Majestät die Königin Isabella zu vertreiben, unter dem Vorwand einer schlechten Regierung.«
»La la guter Freund - das geht so rasch nicht! Aber laßt mich etwas mehr hören von dieser Zusammenkunft.«
»Sie geschieht unter dem Vorwand einer großen Bärenjagd, die Don Castillos veranstaltet hat.«
»Der alte Schurke sollte doch nun endlich ruhig auf seinem Solare sitzen« sagte der Fremde. Er wird in der That keine Rast geben, als bis man ihm fünf Kugeln vor den Kopf giebt oder ihn nach Ceuta schickt, - obschon der Narr nur ein Werkzeug in der Hand klügerer Leute ist. Wir haben von einer Reise des Bischofs von Tarragona gehört. Wißt Ihr was von Dem, Padre?«
»Don Ramiro hat vorgestern eine längere Unterredung mit ihm hier in seinem Hause gehabt. - Er wird unzweifelhaft bei der Versammlung sein!«
»Das wäre allerdings ein Fang, obschon wir auf der
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andern Seite es eben jetzt nicht mit der Kirche verderben dürfen. Aber erzählen Sie, Padre, was Sie wissen, - das heißt, Zuverlässiges, keine Vermuthungen und Flunkereien.«
»Was denken Sie von mir, Señor? - ich meine es aufrichtig mit Ihrer Majestät und der wahren Kirche. So sage ich Ihnen denn, daß ein Bündniß zwischen den Anhängern des Prätendenten und den Progressisten besteht.«
»Unsinn! zwei ganz verschiedene, einander feindliche Parteien.«
»Man hat schon unmöglichere Dinge gesehen. Ich weiß bestimmt, daß der Herr Herzog von Montpensier der Sache nicht fremd und von ihm der Vorschlag ausgegangen ist, mit der Familie des Grafen Montemolin neue Verbindungen anzuknüpfen.«
»Woher wissen Sie das?« frug der Andere hastig.
»Die heilige Jungfrau hat mir ein scharfes Ohr gegeben, Señor Secretario. Don Ramiro war der Meinung, daß die Königin zu stürzen noch keine Aussicht gewähre für die Herstellung des alten legitimen Throns. Und ich hörte mit meinen Ohren, wie der Bischof ihm versicherte, der Schwager Ihrer Majestät habe die Erklärung abgegeben, daß in einem solchen Fall die Infantin seine Gemahlin keinen Anspruch auf die Thronfolge erheben würde; denn es sei besser, daß die legitime Linie zur Regierung komme, als daß - wie er sich undankbar ausdrückte - die Weiberherrschaft länger in Spanien dauere.«
»Die Orleans sind Füchse« sagte der Fremde halblaut »und hetzen gern die Parteien an einander, um für sich
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eine Frucht zu erwischen. - Aber die Nachricht ist nicht ohne Bedeutung. Und Ihr wißt also, Padre, daß mit der Familie des verstorbenen Prätendenten Don Carlos auf's Neue Verbindungen angeknüpft sind?«
»Die Briefe gehen nach Genua und von dort weiter nach Triest. Man behauptet, daß bei einer Erhebung die neue ketzerische italienische Regierung den Prätendenten unterstützen würde!«
»Die Welt kehrt sich um mein lieber Freund« sagte der Secretair gedankenvoll, »und was heute Rechts, ist morgen Links! Die Söhne des Don Carlos unterstützt von den liberalen Mächten im Kampf gegen die einzigen aufrichtigen Freunde des Stuhls Petri, und die gut katholischen Basken, Kameraden der garibaldischen Freischaaren! In der That, amigo - man begreift die Welt kaum noch!«
Der mit den europäischen politischen Verhältnissen weit weniger bekannte und keineswegs zu dem höheren Gedankenflug seines Gefährten befähigte Mönch, dessen kurzer Blick eben nur die Revolution gegen die Königin und die am Hofe herrschende Pfaffenpartei sah, schwieg ziemlich verduzt.
»Doch das sind nicht Eure Sachen, Padre« fuhr der Andere fort. »Sagt mir lieber zunächst, wenn Ihr es wißt, was die nächsten Zwecke der Junta sein sollen?«
»Der Beschluß einer Adresse an den Grafen Montemolin, um ihn zu bitten, sich nochmals an die Spitze einer Erhebung zu stellen, und die Bestimmung über den Ausbruch derselben.«
»Der Wortbrüchige! Es sind kaum sechs Monate
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her, daß ich selbst die Akte aufsetzte, mit der er in Tortosa40 die Verzichtleistung auf alle Thronansprüche erklärte und die Königin als berechtigte Thronerbin anerkannte, blos um feig sein Leben zu retten. Es muß ein Ende gemacht werden, Spanien kann nicht in ewiger Aufregung um sie bleiben. - Wißt Ihr, wer bei der Versammlung zugegen sein wird?«
»Die Señora Ines, des Alten Briefschreiberin, hat viel geschrieben. Hier ist das Verzeichniß der Einladungen.«
»Das würde zu einem Prozeß nicht genügen. Aber wenn wir jene an den Prätendenten gerichtete Provokation mit den Unterschriften der Versammelten erlangen könnten, das wäre eine Sache, die energischer Maßregeln lohnte und mit der man die Rebellion sofort unterdrücken könnte.«
Der verrätherische Mönch dachte einige Augenblicke nach. »Wenn ich richtig combinire, Señor Secretario, so wird es nicht möglich sein, die Unterschriften sämtlich bei der geheimen Junta zu sammeln. Ich glaube also, daß man zur Vervollständigung das Dokument einer Vertrauensperson überlassen wird, und diese dürfte höchst wahrscheinlich Castillos sein.«
»Jeder Pfaffe« sagte lachend der Secretair, »und sei er der dümmste, ist immer noch ein Schlaukopf! Sie können Recht haben, Padre, und ich werde Se. Excellenz veranlassen, mit dem Generalkapitain die nöthigen Maßregeln zu treffen. Vielleicht können wir die ganze Junta an Ort und Stelle aufheben.«
»Das würde einen harten Kampf geben und viel
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unnützes Blut kosten, Señor. Sie sind aus dem Süden und kennen die harten Köpfe der baskischen Männer nicht. Alava, Guipozcoa und Biscaya werden vertreten sein. Mit den schäbigen Hidalgo's dieser Gegend, die sich mehr dünken, wie ein Grand von Spanien, den Gästen Don Ramiro's und dem niedern Volk werden mindestens hundert Personen bei der Jagd sein, und es sind entschlossene Leute. Warum wollen Sie es muthwillig zu einem Kampf und Blutvergießen kommen lassen, wo Sie sich ohne Mühe jedes Verdächtigen einzeln bemächtigen können?«
»Welches sind die Fremden, die bei dem alten Rebellen sind?«
»Da ist zunächst ein französischer Infant, ein Vetter des Kaisers, wie er selbst sagt, Prinz Pedro Bonaparte.«
»Ich habe von ihm gehört - er ist ein Republikaner und in den Tuilerien will man Nichts von ihm wissen. Dennoch ist die Sache unangenehm genug und man muß ihn möglichst schonen. Weiter!«
»Dann ist ein englischer und französischer Offizier da, der eine von Malta, der andere kommt von Madrid und soll zum Haushalt des französischen Kaisers gehören.«
»Man wird sie beide nicht belästigen. Aber wie zum Henker kommen sie hierher?«
»Den ersten hat der Coronel der Lanciers aus Pampluna mitgebracht, den zweiten ein junger Herr, der Graf Don Juan da Lerida, ein Spanier, der aus England oder Frankreich kommt und dessen Vater im Carlistenkriege ein Freund des Alten war. Er scheint ein ziemlich lockerer Zeisig und erzählte eine merkwürdige Geschichte.«
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Der Secretair lachte. »Man kennt ihn wohl, er ist ein Taugenichts und verwegener Charakter, aber ein großer Herr und - haben Sie je von der Contrebandista gehört, ehrwürdiger Padre?«
»Eine verruchte Spitzbuben- und Schmuggler-Gesellschaft!«
»Unter dem Schutz der heiligen Kirche und Seiner Excellenz des Herrn Marschall und Ministerpräsidenten a. D. Narvaez! Nun wohl - wir haben nicht die geringste Lust uns die Finger zu verbrennen, denn in den Listen dieser heiligen Hermandad des Handels und Verkehrs habe ich seinen Namen an ziemlich hoher Stelle gesehen. Vielleicht läuft er irgend einem Frauenzimmer nach oder beschäftigt sich mit einer Tollheit und ist dadurch für verständige Leute ungefährlich. Was den Coronel betrifft, so ist es gut, daß er an Ort und Stelle ist, wir werden die Gelegenheit benutzen. Wann denken Sie, Padre, daß die Jäger zurückkehren werden?«
»Sie werden morgen Nachmittag zu ihrem wilden Vergnügen ausziehen, am Abend die Junta halten und am andern Morgen zurückkehren.«
»Muy bien! Wir werden unsere Maßregeln danach nehmen!«
»Aber bei der heiligen Jungfrau, Señor, beschwöre ich Sie, sorgen Sie, daß kein Verdacht auf mich fällt. Selbst dies heilige Gewand würde mich vor ihrem Zorn nicht schützen!«
»Unbesorgt Padre!«
»Und was das Andere betrifft - das Versprechen ...«
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[»]Der Beichtvater Ihrer Majestät wird es halten. Sie haben Ihre Berufung und Sie müßten sehr einfältig sein, wenn Sie das Schaaf nicht scheeren sollten, so lang es Ihnen Wolle zeigt. Das erste Priorat oder eine gute Pfründe, die offen werden, sind die Ihren. Und nun Padre legen Sie sich aufs Ohr und schlafen, während ich noch vier Leguas zu reiten habe. Buenas noches! und der Teufel, der mit jedem Pfaffen ist, sei auch mit Ihnen!«
Der Mönch, der mit sehr vergnügter Miene die Versprechungen angehört, schüttelte dem Vertrauten die Hand, und nachdem die beiden Ehrenmänner noch einige Specialitäten der zu nehmenden Maaßregeln verabredet hatten schieden sie von einander.
Padre Antonio war sehr unwillig, als er alsbald wieder den Hund auf seiner Ferse fand, und hätte er an dem Abend irgend Gelegenheit gehabt, ihn mit Krebsaugen oder Arsenik zu vergiften, würde der treue Negro sicher sein Leben nicht über das Morgenroth hinaus gesponnen haben.


Es war ziemlich spät am andern Morgen, als die Gäste des alten Parteigängers sich zum Frühstück zusammen fanden und eigentlich jetzt erst nähere Bekanntschaft mit einander machten. Indem Jeder ohne Zwang seinen Neigungen und Sympathieen folgte, bildeten sich je nach Anziehungskraft und Laune kleinere Gruppen, die ihre Verabredungen für die Jagd nahmen und fortwährend durch Neu-Ankommende vermehrt wurden.
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Diese bestanden jetzt durchgängig aus dem kleinern baskischen Adel des Gebirges, den Besitzern der einsamen verstreuten Solares oder Landgüter, und aus den ländlichen Pächtern.
Unter den Allen bewegte sich mit großer Heiterkeit der Hausherr, der mit keiner Miene verrieth, welche gefährlichen Pläne vorbereitet wurden und mit wie großer Vorsicht zu Werke gegangen werden mußte.
Um 10 Uhr Vormittags fanden die bei den Basken sehr einfachen Ceremonien der Eheschließung des jungen Paares statt, zu der nach der Landessitte nicht einmal die kirchliche Trauung nothwendig ist. Auf den Wunsch der Braut wurde jedoch von dieser Sitte abgewichen und Padre Antonio verrichtete die geistliche Ceremonie in einer der einsamen Bergkapellen, die möglichst in der Mitte der zerstreut wohnenden Gemeinde schon in alten Zeiten erbaut worden sind.
Nach der Trauung ging der Hochzeitszug zurück zu dem Hause des Bärenjägers, wo Alles zu dem Festmahl vorbereitet war. Tanz, Gesang und das beliebte Ballonspiel fesselte mehrere Stunden das jüngere Volk, und erst als die Sonne sich stark zu neigen begann, gab der Hausherr das Zeichen zum Aufbruch.
Die Maulthiere, welche die Gesellschaft über eine Stunde weit bis an den Fuß des Hochgebirges tragen sollten, wurden vorgeführt, die Eingebornen selbst zogen es jedoch vor, den Weg schon von hier aus zu Fuß zu machen. Einige Mulis wurden mit den Vorräthen für das Bivouak beladen und Tomaso wußte es einzurichten, daß er einen
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der Kissenpanzer mit unter die Bagage schmuggelte. Männer liefen geschäftig hin und her, die Frauen und Mädchen ermunterten ihre Männer und Liebhaber, den gefürchteten Oso nicht entwischen zu lassen, die zusammengekoppelten Hunde heulten und Padre Antonio war sehr bereit, dem Auszug seinen Segen zu geben, da er nicht nöthig hatte, sich den Strapazen der Jagd zu unterziehen.
Der Graf von Lerida hatte ihn eingeladen, die Fahrt von Pampluna nach Madrid mit ihm gemeinschaftlich zu machen, und da dies natürlich auf Kosten des jungen Abenteurers geschehen sollte, war der Pfaffe seines Lobes voll und versprach alle Anstalten zu treffen, daß sie ohne Zeitverlust ihren Weg antreten könnten. Mauro und der Diener des Marquis sollten sehr zu ihrem Verdruß in der Caseria Castilla bleiben, um das Gepäck ihrer Herren am nächsten Morgen nach Pampluna zurückzubringen und die Anstalten zur Reise zu treffen.
Ehe der Graf sich in den Sattel seines Muli schwang, hatte er noch eine längere Unterredung mit seinem griechischen Diener und ertheilte ihm verschiedene Instruktionen, nicht als ob er einen unglücklichen Ausgang für sich gefürchtet hätte, denn dazu waren das Vertrauen auf sein Glück und sein übermüthiger Leichtsinn viel zu groß, aber es konnte durch irgend einen Zufall eine Verzögerung eintreten und er mußte für diesen Fall seine Bestimmungen treffen.
Señor Castillos war voller Aufmerksamkeit, jede Muskel, jede Fiber an ihm voll Thätigkeit. Die Meisten schrieben es seiner Leidenschaft für die Jagd zu - nur Die,
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welche mit dem wahren Zweck der Zusammenkunft vertraut waren, begriffen sein ernstes und doch aufgeregtes Wesen.
Padre Antonio theilte sehr liberal und freigebig der ganzen Gesellschaft seinen Segen aus. Er sollte am Tage nach ihrer Rückkehr gleichfalls die Caseria verlassen und dem Ruf seiner Oberen nach Madrid folgen, aber er zog es vor, dies im Stillen um vierundzwanzig Stunden eher zu thun, um der Begegnung mit den verrathenen Männern auszuweichen. Trotz aller Aufmerksamkeit hatte der alte Jäger es nicht bemerkt, daß Tomaso geschickt unter dem Gepäck seinen Strohküraß zu verbergen verstanden hatte.
Der glückliche Tomaso! unter all' den Spöttereien, die reichlich der zärtlichen Abschiedsscene von der jungfräulichen Gattin zu Theil wurden, wohnte doch mancher Neid, und mehr als Einer wäre gewiß gern an seiner Stelle gewesen, als der junge Ehemann seine Vermählte küßte und ihr versprach, so bald als möglich wieder zu ihr zurückzukehren. Trotz des liebevollen Abschieds lag übrigens etwas Zerstreutes, Düsteres in dem Wesen der jungen Frau, die als Mädchen so heiter und arglos und so voll Liebe für den ihr von ihrem Oheim bestimmten Gatten geschienen hatte. Es war, als sei seit dem vorigen Abend eine Wolke über ihr bisher so einfaches Leben und Fühlen gezogen, und wenn ihr Auge zufällig auf die Jagdgesellschaft und eine bestimmte Gestalt unter dieser traf, flogen dunkle Schatten über ihr kleines Gesicht.
Die Mädchen und Frauen, die um sie her bemüht waren, versuchten ihre besten Troftgründe und führten sie
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endlich, als Castillos ungeduldig wurde und das Zeichen zum Aufbruch gab, nach ihrer Casita.
Trotz der Beschwerlichkeiten des Weges war es ein munterer Ritt, den die Gesellschaft that. Don Juan und der Marquis versuchten durch hervorstechende Heiterkeit und wiederholte Annäherung jeden Verdacht zu beseitigen, daß ihrer Herausforderung vom Abend vorher ein todesgefährlicher Ernst zu Grunde liegen könnte, und schienen auch glücklich Alle darüber zu beruhigen, bis auf den Prinzen, der mit der Schlauheit des Corsen dies Manöver durchschaute und die Gelegenheit wahrnahm, den jungen Abenteurer, an dem er Gefallen zu finden schien, an seine Seite zu rufen.
»Parbleu, Monsieur le comte« sagte er zu ihm, »Sie mögen mit dem Herrn Marquis noch so vertraut thun, Sie hintergehen mich nicht! Ich habe solche Schliche zur Genüge kennen lernen müssen und sage Ihnen auf den Kopf zu, daß Sie Beide mit einander Etwas vorhaben. Also offen heraus mit der Sprache, - wenn ich Ihnen dienen kann, soll es geschehen!«
»Euer kaiserliche Hoheit sind bereits vollkommen unterrichtet!« erwiederte der Graf.
»Wie - Sie wollen doch nicht die Tollheit wirklich begehen, die Sie gestern Abend andeuteten?«
»Gewiß Monseigneur!«
»Aber das ist gegen alles Herkommen. Wenn Sie mit dem Marquis einen Streit haben - très bien! so duelliren Sie sich mit ihm und ich erbiete mich, Ihr Sekundant zu sein!«
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»Ich habe meinem verstorbenen Oheim mein Ehrenwort verpfänden müssen, ehe er mich meinen Neigungen zu einer freien und ungebundenen Lebensweise überließ, nie ein Duell anzunehmen!«
»Teufel! Dann werden Sie nach Allem, was ich höre, oft in Verlegenheit gewesen sein!«
»Gewiß! aber ich hoffe, daß noch Niemand an meinem Muth und an der willigen Aussetzung meiner Person gezweifelt hat. Was kann bei einem Duell der Gegner anders fordern, als daß das Leben des Andern dem Zufall einer Kugel, der Geschicklichkeit eines Degenstoßes ausgesetzt wird. Nun wohl - ich thue mehr, - ich sehe das Leben der beiden Gegner dem Zufall von hundert Kugeln und Bayonneten, den Zähnen eines Löwen oder den Kiefern eines Haifisches aus, und gebe ihnen damit Gelegenheit, sich Ehre und Ruf zu gewinnen, sie mögen leben oder fallen, statt der schwarzen Schatten, die jedes Duell später wirft. Selbst der persönliche Haß und Blutdurst ist dabei leicht zu befriedigen; denn es finden sich immer genug große Kämpfe in der Welt, in denen man auf der einen oder der andern Seite stehen und sich finden kann. Ich habe in dieser Weise schon mehr als einmal mein System geübt und Niemand hat gesagt, daß die Revange, die ich gab, zu ungefährlich war. Diesmal ist es, die Umarmung eines Bären zu riskiren - voila tout!«
»Sie sind ein Original« sagte der Prinz lachend, »und es soll mich wundern, wie Sie durchkommen werden, wenn wir Sie bei uns in Paris sehen. Aber was würden Sie
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denn thun, wenn Sie selbst beleidigt, beschimpft würden, wenn Sie zum Beispiel ein Mann in's Gesicht schlüge?«
»Ich würde dem Mann, sei er Kaiser oder Bettler, auf der Stelle tödten!« erwiederte der Abenteurer ruhig.
»Parbleu - das würde ich auch. Seit manchen früheren Erfahrungen führe ich immer eine Waffe bei mir zum Schutz gegen hinterlistige Angriffe.« Und der Prinz zog einen kleinen sechsläufigen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn dem Grafen und steckte ihn dann wieder ein.
Der Weg wand sich immer höher an dem Gebirge empor, und wurde an einigen Stellen so eng, daß höchstens zwei Reiter neben einander reiten konnten. Endlich nach fast zweistündigem Klettern der Mulis kam man auf dem Platz an, den man zum Sammelpunkt bestimmt hatte. Lustige Feuer brannten bereits und wohl fünfzig Männer waren um dieselben versammelt, rauchten ihre Cigarettos, plauderten und setzten ihre Waffen in Stand, denn nach dem Programm der Jagd sollte ein großer Theil des Gebirges besetzt werden, um mit einem Schlage die Raubthiere in diesem Theil des Landes auszurotten.
Von dem Platz, wo die Zusammenkunft stattfand, sah man in der Entfernung von etwa einer halben Legua zur Linken auf einer schmalen Hochebene die vorerwähnte Eiche von Guipuzcoa.
Die ankommende Jagdgesellschaft mit ihrem Kapitän wurde mit Viva's begrüßt und bald waren Alle untereinander gemischt. Man sah Castillos eifrig mit mehreren der Männer sprechen, denen die Andern Achtung und
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Ehrerbietung bewiesen, und dann versammelte er Alle um sich und ertheilte seine Instruktionen für die Jagd; denn der Abend begann jetzt zu nahen und man hatte mindestens noch eine Stunde zu steigen, um die bestimmte Kette um die Orte zu bilden, welche als die Nester der Bären aufgespürt waren oder vermuthet wurden.
Die Befehle des alten Jägers waren kurz und klar. Er theilte die Gesellschaft in Sectionen und wies jeder ihren bestimmten Rayon an. Don Juan bemerkte dabei sehr wohl, daß der Argwohn seines Gastfreundes doch noch keineswegs eingeschläfert war; denn er stellte den Marquis auf einen der äußersten Posten nach Osten, während er ihm selbst unter dem Vorwand, daß er doch wohl der Junta unter der Eiche beiwohnen wolle, den Standpunkt am andern Ende der Abtheilung gab, welche meist von den fremden Gästen gebildet wurde, die von dem wahren Zweck der Jagd Nichts ahnten, und denen nur hin und wieder einige baskische Jäger beigegeben waren. Zu den Letzteren gehörte Tomaso.
Der Graf von Lerida konnte ein leichtes spöttisches Lächeln über diese Vorsicht nicht unterdrücken. Er wußte wie vergeblich sie war, erklärte aber zur größeren Sicherheit dem alten Parteigänger, daß er keine Lust habe, sich an ihrer Verschwörung und an der Versammlung zum Umsturz der bestehenden Regierung zu betheiligen, da er augenblicklich genug mit seinen eigenen Angelegenheiten zu thun und die Absicht habe, zunächst erst in Madrid sich mit den gegenwärtigen Verhältnissen näher vertraut zu machen.
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uch wünsche er nicht mit Sr. Bischöflichen Gnaden zunächst zusammenzutreffen, da zwischen ihnen eine kleine Meinungsverschiedenheit obwalte.
Don Ramiro murrte zwar Allerlei von der Entartung der Jugend, die Nichts mehr von dem Geist der Väter an sich habe und die höchsten Interessen um ihrer Lüste und Launen willen gefährde, aber er mußte sich in diesem Stadium der Sache ohne größeren Widerspruch fügen und bat den Widerspänstigen nur, gute Wacht auf seiner Seite zu halten, damit die Junta nicht durch irgend eine Zufälligkeit oder Neugier der anderen Jäger gefährdet werde.
Wie Tomaso, der beste Spürer des Gebirges, bereits dem französischen Offizier angedeutet hatte, pflegen die Bären erst nach Einbruch der Nacht ihre Schlupfwinkel zu verlassen, um in die tiefer gelegenen bewohnten Gegenden auf Raub auszuwandern, von dem sie erst beim Tagesgrauen zurückkehren, um dann den Tag in ihren Lagern zu verschlafen, bis der einbrechende Winter sie ganz in dieselben zurückscheucht, um gleich den Murmelthieren, den Hamstern und andern Arten sich dem Winterschlaf zu überlassen. In dieser Zeit sind sie am feistesten und ist ihr Pelz am besten. Die Veranstaltung der großen Jagd auf Anstand und Treiben zu dieser Zeit konnte daher auch nicht auffallen.
Wie bereits erwähnt, hatte Don Juan seinen Anstand auf dem einen Flügel der fremden Gäste erhalten; ihm zunächst war der englische Kapitain postirt, dann der spanische Oberst aus Pampluna mit einem oder zwei anderen Gästen, der Prinz und am andern Ende der Marquis
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mit Tomaso. Letzterer hatte treulich geholfen, die Sache so einzurichten, denn er wußte, daß der Wechsel des einen Bären-Paars grade an dieser Stelle stattzufinden pflegte. Nach seiner Behauptung mußten sich überhaupt drei oder vier Bären in dem durch den Jäger-Cordon abgesperrten Revier befinden. Vor Aufgang des Mondes, der kurz nach 9 Uhr stattfand, war das Erscheinen des Wildes nicht zu erwarten, und die Jäger hatten daher Zeit genug, ihre Vorbereitungen zu treffen.
Zehn Uhr war die Zeit, zu welcher die Versammlung unter der Eiche beginnen sollte.
Der Platz, an welchen Tomaso den kaiserlichen Offizier geführt hatte, war ein kleines Felsenplateau, auf der einen Seite von einer unzugänglichen Wand, auf der anderen von einem mehr als 100 Fuß tiefen Abgrund geschlossen. Den natürlichen schmalen Gang, welcher auf der dritten und vierten Seite höher hinauf in den rauhesten Theil des Gebirges, und abwärts in die Thäler führte, mußte der Bär kommen, ehe er zu der Schlucht hinabstieg, in welche der alte Baske seinen vornehmsten Jagdgast postirt hatte.
Um 8 Uhr des Abends war die ganze Jagdreihe gebildet und Castillos revidirte noch einmal mit der Umsicht und dem Eifer eines ergrauten Feldherrn und begleitet von Tomaso die Posten, Allen die größte Aufmerksamkeit für die erste und letzte Zeit der Nacht anempfehlend. Dann entließ er mit einem gutmüthigen Scherz seinen Eidam, ihm die Heimkehr nach der Casa freistellend.
In ihre warmen baskischen Mäntel gehüllt, die
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Büchsen zur Hand, lagerten sich die einzelnen Jäger auf den rauhen unwirthbaren Felsen.
Der Prinz befand sich seit einer Stunde etwa mit seinem langen Büchsenspanner auf seinem Posten in der tiefen und engen, von einem im Frühjahr herabrauschenden jetzt aber von der Dürre des vergangenen Sommers gänzlich ausgetrockneten Bach gebildeten Schlucht unterhalb des Plateaus, auf welchem der letzte Posten der Schützenlinie stand, und wollte eben trotz des Verbots des Jagdordners sich eine neue Cigarre anzünden, da er glaubte, noch geraume Frist zu haben, als das Geräusch eines fallenden Steines ihn aufmerksam machte.
»Par Dieu!« flüsterte er seinem Jäger zu - »ich glaube da kommt die Bestie. Gieb die Büchse her, Etienne!«
»Sie irren, Monseigneur - das Geräusch ist hinter uns!«
In der That wiederholte sich von dort der Laut.
»Pst! nicht so laut, Monseigneur! Ich bin es! - der Graf von Lerida!«
»Ah - Sie sind es! und was wollen Sie hier?«
»Sie an Ihr Versprechen erinnern« sagte der Abenteurer, der jetzt vorsichtig aus dem Dunkel trat und sich näherte. »Ich komme, Sie zu bitten mein Prinz, mir Ihren Posten zu überlassen und dafür den meinen einzunehmen!«
»Wissen Sie, daß das wirklich eine starke Zumuthung für einen Jäger ist, Mylord?« meinte lachend der Prinz, »denn ich glaube wahrhaftig, daß mein alter Freund Castillos mir keinen üblen Anstand ausgesucht hat, und daß, wenn
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irgendwo das Wild zu erwarten ist, es hier der Fall sein mag.«
»Ich erkenne ganz die große Gnade an, die Euer kaiserliche Hoheit mir mit der Erfüllung meiner Bitte gewähren« entgegnete der Abenteurer. »Aber ich erinnere Sie, daß Sie selbst die Güte hatten, mir Ihren Beistand anzubieten, und ich hoffe, daß wenn ich Sie auch des Vergnügens berauben sollte, Ihre sichere Hand an einem Bären zu erproben, Sie doch wenigstens Zeuge eines interessanteren Schauspiels werden sollen!«
»Und welches Schauspiels?«
»Wie der Bär von Biscaya den Thurm von Castilien umstürzen will. Indeß, Kaiserliche Hoheit, muß ich Sie zugleich um Ihr Wort bitten, daß Alles, was Sie etwa hören und sehen werden, für Sie nicht vorhanden bleibt; denn nur im Vertrauen auf meine Theilnahme oder wenigstens mein Schweigen hat Señor Castillos mir den Posten angewiesen, von dem allein auf dieser Seite man die Eiche von Guipuzcoa sehen kann.«
»Ob, wenn mein alter Freund Castillos bei der Sache betheiligt ist, nehme ich keinen Anstand, Ihnen mein Wort zu geben. Nur fange ich an, einzusehen, daß unsere Bärenjagd nicht die Hauptsache ist.«
»Monseigneur haben vollkommen Recht. Indeß wird der Mond in fünf Minuten aufgehen, und wenn auch nicht den Boden dieser Schlucht, so doch die Gipfel jener Felsen beleuchten. Sie bedürfen einer halben Stunde, um meinen Anstand zu erreichen und ich bedarf einiger Zeit, um mich hier zu orientiren.«
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»Aber zum Henker, wie soll ich mich zwischen all' diesen Felsen und Schluchten zurecht finden?«
»Ich habe daran gedacht. - Hundert Schritte von hier wartet einer der Landleute, um Sie zu führen.«
»Das ist etwas Anderes. Aber bestehen Sie denn wirklich auf Ihrem wahnsinnigen Unternehmen?«
»Meine Ehre ist verpfändet, Monseigneur, - ich erinnere mich nicht, in meinem Leben schon einmal mein Wort gebrochen zu haben, außer den Frauen!«
»Aber - wie dunkel es auch ist, - ich kann wenigstens sehen, daß Sie keine Büchse bei sich haben! Wollen Sie die meine?«
»Ich danke Monseigneur, das wäre gegen Zweck und Verabredung. Fühlen Sie!«
Der Abenteurer nahm die Hand des Prinzen und führte sie an seine Taille, um die ein langer Strick von geflochtenem Leder gerollt war.«
»Ich habe meinen Lasso bei mir und für den schlimmsten Fall mein tunesisches Messer. Das genügt. Und nun, Monseigneur ...«
»Ich verstehe! Meinetwegen, wenn Sie denn ein Thor sein wollen - ich gehe! Doch will ich Ihnen sagen, daß bei einem Unfall es mir um Sie weit mehr leid thun würde, als um den windigen Adjutanten meines Herrn Vetters. Von dieser Sorte giebt es in Paris genug!«
Der Abenteurer deutete die Richtung an, in welcher der Prinz mit seinem Jäger den Führer finden würde. »Nochmals meinen Dank, kaiserliche Hoheit« sagte er -
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»vielleicht habe ich später einmal Gelegenheit, Ihnen diese Gnade mit einem kleinen Dienst zu vergelten!«
»Das kann wohl sein! Glücklichen Erfolg denn und gute Nacht, Mylord von Lerida!«
»Felice notte Altezza!« sagte der Abenteurer, denn sie hatten bisher das Gespräch in italienischer Sprache geführt. »Ich hoffe, auf Wiedersehen!«
Der Prinz entfernte sich, gefolgt von seinem Jäger.
Wenige Minuten darauf begann das Silberlicht des aufsteigenden Mondes die Kuppen der Berge zu erhellen und langsam niederzugleiten zu den Felsen und Schluchten.


Wir müssen den Grafen von Lerida verlassen, wie er den Lasso von seinem Leib wickelte und seine Umgebung mit einem Blick musterte, der die Tiefen der Nacht zu durchdringen schien, um zu seinem Gegner auf der Höhe des Felsenplateaus zurückzukehren.


Armand de la Houdinière hatte sich, nachdem ihm Señor Castillos seinen Platz angewiesen, auf einen Stein niedergelassen und dachte über die gefährliche Lage nach, in der er sich befand, nachdem ihn Stolz und Eitelkeit vermocht hatten, den Vorschlag seines Gegners anzunehmen. Ein Wink Tomaso's, als er ihn verließ, beruhigte ihn zwar hinlänglich über dessen Wiedererscheinen, indessen fühlte er sich doch unruhig und unbehaglich. Er war mehr als einmal im Bois de Boulogne und an andern Orten einem Gegner gegenüber getreten und hatte den Degen mit ihm gekreuzt oder selbst ein Paar Kugeln
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gewechselt, ohne je diese Besorgniß und Unruhe vor dem Kampfe zu empfinden, die ihn jetzt so nervös aufregte. Aber damals befand er sich in bekannter Umgebung, unter dem Schutz anerzogener Gewohnheit und Sitte, er hatte das Bewußtsein, daß er einer der besten Schüler Grisier's war, und daß sein Gegner keinerlei Vortheil vor ihm voraus haben würde. Er sah im Licht des Tages die Augen der Sekundanten auf sich gerichtet, er wußte, daß von seinem Benehmen die pariser Welt am Abend sprechen würde, und er war so unbesorgt und tapfer zu seinen Duellen gegangen, die im Grunde nur Lappalien waren und blieben, wie er die ernstern Kämpfe vor Sebastopol, Magenta oder Solferino bestanden hatte.
Der Marquis Armand gehörte zwar zu der jeunesse d'orée des zweiten Kaiserreichs, jener Schaar von eleganten Löwen des Tages, die aus der Frivolität und dem Leichtsinn einen Cultus machen; aber doch war auf dem Asphalt der Boulevards und in den eleganten Orgien des maison d'orée sein Herz und Sinn nicht ganz verderbt, sondern hatte die Instinkte der Redlichkeit, der Treue und der Ehre bewahrt. Nur eine gewisse moralische Schwäche, die sich zu leicht einem überwiegenden Einfluß unterordnete, war sein Hauptfehler. Diesen Einfluß hatte denn auch die seltsame und von einem gewissen Nimbus der Romantik umgebene Persönlichkeit Don Juans auf ihn, den Mann geübt, gleich wie sie das Herz und die Sinne der Frauen bestrickten. Wäre der Vorschlag, ihre Ehrensache - und eine solche war es für ihn in der That! - in so ungewöhnlicher Weise auszumachen, von einem Andern gemacht
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worden, so würde er ihn gewiß zurückgewiesen haben, so aber hätte selbst die Ueberlegung ihn kaum anders handeln lassen, als er gethan.
Er fühlte dies, und dennoch war er unzufrieden mit sich. Er fühlte, daß nicht das Ungewohnte der Aufgabe, sondern auch die seltsame Bedingung, die der Abenteurer an Sieg und Niederlage geknüpft hatte, ihn zaghaft und verwirrt machte. Sie lähmte seinen frischen Muth, sein Selbstvertrauen, und es bedurfte aller Anstrengung, um sich klar zu machen, daß die Aufgabe, die vor ihm lag, eigentlich nicht so gefährlich sei, wenn er nur kaltes Blut und Entschlossenheit bewahrte.
So weit war er mit seinen Reflexionen und Gefühlen glücklich gekommen, als die Rückkehr Tomaso's ihn darin bestärkte. Der junge Ehemann war lustig und guter Dinge, er brachte den Matratzen-Küraß mit sich, den er glücklich den Augen des Alten entzogen hatte, und schien seine hundert Goldstücke schon sicher in der Tasche zu haben.
Es entspann sich, obschon der junge Baske des Französischen nur unvollkommmen mächtig war und nur in dem Gränzjargon sprach, alsbald eine eifrige Unterhaltung zwischen den beiden jungen Männern.
»Sind Sie denn so sicher, Monsieur Tomaso« frug der Offizier, »daß wir auf dieser Stelle einem der Bären begegnen werden?«
»So sicher wie meiner Seligkeit, Excellenza! Ich habe mich wohl gehütet, meine Erfahrungen in dieser Beziehung dem Señor Castillos ganz zu verrathen, denn sonst würde er den Infanten, seinen Freund, hierher
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postirt haben. Diesen Platz passirt der Bär stets, wenn er des Nachts seine Höhle verläßt, um auf Raub auszugehen. Wir werden ihn also sicher haben, ja vielleicht mehr als einen!«
»Den Teufel - das wäre über die Verabredung!
»Oh - fürchten Sie Nichts, Señor. Der Bär ist eigentlich kein Bär, sondern eine Bärin, was allerdings in gewisser Beziehung die Sache etwas gefährlicher macht. Aber ihre Begleiter werden keine erwachsenen Bären sein, sondern höchstens die beiden Jungen, die sie im Frühjahr geworfen hat und die noch lange nicht so groß sind, wie unsere Wolfshunde. Aber die Mutter muß sie gewöhnen, jetzt ihren Raub allein suchen zu lernen, denn nach der Gewohnheit dieser Thiere wird sie dieselben schon im nächsten Jahre verlassen. Es ist nicht gesagt, daß sie diesmal sie begleiten werden, aber ich habe schon zwei Mal ihre Spuren neben denen der Alten gefunden.«
»Und der Bär selbst?«
»Quien sabe! der ist an einer andern Stelle des Gebirges und läuft vielleicht einem Ihrer Freunde in den Schuß. Der Umkreis, den Don Ramiro besetzt hat, birgt zwei Bärenläger, - das unsere aber ist das, welches ich am Sichersten weiß.«
»Wo steht der Prinz?«
»Dicht unter uns. Wir könnten den Ruf seiner Stimme hören. Die Schlucht, in der er seinen Posten hat, ist auch ein Wechsel der Bestien, aber die Erfahrung lehrt mich, daß in den Mondscheinnächten die Bärin den Weg über die Felsen vorzieht.«
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»Und was haben wir zu thun?«
»Vorerst geduldig zu warten, Excellenza. Vor einer Stunde ist an das Erscheinen der Bärin nicht zu denken. Wir müssen uns aber sehr ruhig verhalten, denn sonst würden wir sie verscheuchen, und einen andern Weg wählen lassen oder sie in ihren Schlupfwinkel zurücktreiben, was - ich gestehe es, - mir ziemlich unangenehm sein würde!«
»Warum Monsieur Tomaso?«
»Caramba - weil es mich hindern würde, noch diese Nacht meine junge Frau zu umarmen. Ich müßte Sie dann morgen früh noch höher in das Gebirge führen und wir müßten das Thier in seinem Lager angreifen, wo wir die Sache nicht so leicht haben wie hier!«
»Leicht?«
»Gewiß Excellenza! - Obschon es selbst auf dieser Höhe noch ziemlich dunkel ist, können Sie doch, kaum zehn Schritt weit von uns, jenen abgebrochenen Tannenstamm sehen?«
»Er steht am Rand des Abhangs!«
»Was thut das? - Die Bäume und Sträucher haben die Gewohnheit, aus den Spalten und Klüften empor zu wachsen. Der liebe Gott hat sie dazu angewiesen und dieser Baum scheint ganz expreß für unseren Zweck da zu sein. Ich kenne ihn wohl, denn ich habe mehr als einmal rittlings auf dem Stamm gesessen, um hinunter zu schauen, oder meine Reata darum zu schlingen, wenn ich in die Tiefe hinabsteigen wollte.«
»So führt ein Weg da hinab?«
»Nicht grade ein Weg, wie Sie es nennen, aber für
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einen gewandten Bergkletter ist es doch möglich, die Felswand auf und ab zu klimmen und sich so einen Umweg zu ersparen. Sind Sie schwindlig, Excellenza?«
»Ich fürchte wohl!«
»Dann müssen Sie sich zusammen nehmen, es einen Augenblick zu überwinden. Oh - es gilt nur einen Augenblick; denn ich werde, wenn ich den Bär packe, ihn nach jener Seite zu zerren suchen.«
Der Offizier schauderte ein Wenig bei dieser unbesorgten Sprache.
»Merken Sie wohl auf« fuhr der kühne Landmann fort. »Sobald der Mond aufgegangen ist, wird unser Feind sich auf den Weg machen, und die Felsen herunter trotten. Von dem Augenblick an dürfen wir uns nicht mehr rühren. Glücklicher Weise weht der Wind von dem Schneegipfel des Maldavich herab, kann also dem Thier nicht unsere Witterung bringen. Wenn ich sein Herannahen merke, werde ich Ihnen ein Zeichen geben, sich bereit zu halten. Sobald der Bär dann auf diesen freien Raum herausgetreten ist, werde ich aufspringen und ihm entgegentreten, während Sie ihm den Rückweg abschneiden. Der Bär wird sich dann aufrichten und ich werde ihn unterlaufen und umfassen.«
»Aber um Himmelswillen - er wird Sie ersticken zwischen seinen Tatzen. Ich habe immer gehört, daß er eine enorme Kraft hat!«
»Nicht, wenn Sie thun, was wir verabredet, Excellenza! Es ist allerdings nicht sehr angenehm, sich in den Armen eines Bären zu befinden, aber ich habe es bereits schon zwei
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Mal gethan, und weiß, daß mich der Panzer wohl drei Ave's lang schützt und aushält. Freilich wird einem der Athem etwas in der Brust zusammengepreßt, aber ich bin stark und werde es aushalten. Nur dürfen Sie allerdings dann nicht zögern und müssen mir mit der Reata oder Navaja zu Hilfe kommen, denn sonst dürfte mir die Umarmung doch zu lange dauern.«
»Sie wissen, Monsieur Tomaso, daß ich mich zu dem Versuch verpflichtet habe, den Bären lebendig zu fangen. Ich gestehe Ihnen, daß ich es für kaum möglich halte, aber ich würde weitere hundert Napoleons den ersteren zufügen, wenn es uns gelingen sollte!«
Der junge Ehemann machte einen Freudensprung. »Madre santissima!« schrie er - »zweitausend Franks mehr - dann kann ich mir und Ines ja eine eigene Besitzung kaufen! Excellenza, für diese zweitausend halte ich weitere drei Aves aus, und wenn mir alle Rippen im Leibe krachen sollten. Für den schlimmsten Fall haben Sie ja Ihre Navaja?«
»Die Navaja - nein - ich nahm keine mit mir!«
»So nehmen Sie die meine, da das ohnehin nicht meine Sache, sondern die Ihre ist. Aber wir werden sie nicht brauchen, da nur die Reata ihre Rolle spielen darf.«
»Die Reata - was ist das?«
»Hier - der feste Lederstrick, mit dessen Schlinge sie dem Bären den Hals zuschnüren sollen, bis wir Zeit haben, ihn zusammen zu knebeln und unschädlich zu machen.«
»Aber wie werde ich es machen?«
»Caramba - Nichts leichter als das! So wie Sie
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sehen, daß Meister Braun und ich uns fest gefaßt haben, springen Sie herbei, und werfen ihm diese Schlinge um den Hals, was sehr gut geschehen kann, da sich sein Kopf über dem meinen befinden wird und ich durch den Küraß vor seinen Klauen und seinen Zähnen geschützt bin. Dann schlingen Sie das andere Ende der Reata um jenen Stamm und ziehen es scharf an, so daß er halb erwürgt mich loslassen muß und rücklings zu Boden stürzen wird. Das Uebrige ist dann meine Sache, denn ich habe hier noch einen zweiten Strick und werde ihm bald genug die vier Füße zusammengeschnürt haben, so daß man ihn gleich einem Ballen oder der Weintraube Aarons an einer Stange wird forttragen können.«
Der Marquis lachte. »Gott gebe es, Monsieur Tomaso!«
Nachdem sie noch einige Punkte verabredet und der Baske dem Offizier gezeigt hatte, wie er es anzustellen habe, dem Raubthier sicher und leicht von rückwärts die Schlinge über den Kopf zu werfen, empfahl er ihm, sich zwischen den Steinen auf die Decke, die sie mitgebracht, niederzulegen und ruhig den Aufgang des Mondes abzuwarten.
Der junge Offizier hatte durch die Unterredung mit seinem Beistand jetzt ziemlich seine Ruhe wieder gewonnen und harrte nun selbst mit einer gewissen Ungeduld der kommenden Ereignisse. Er lag nach dem Aufgang des Berges zu hinter einem Felsstück geschützt gegen den scharfen Wind, der von der Höhe strich, die Reata in der Hand, deren Ende er sich um den linken Arm geschlungen, die Navaja
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des Basken in der Seidenschärpe, die er sich um den Leib gebunden. Sein Ehrgefühl hatte ihm geboten, die geladene Büchse, die er des Señor Castillos wegen mit zum Anstand hatte nehmen müssen, in einiger Entfernung zurückzulassen.
Die Zeit verging und der Mond stieg über die Bergwände im Osten empor und ergoß sein helles Licht auf das Plateau, auf dem die beiden Jagdverbündeten lagerten, jeden Stein, jeden Strauch hell und deutlich ihren Augen zeigend.
»Halten Sie sich bereit Excellenza« sagte der Baske, »ich glaube, wir werden nicht lange zu warten brauchen. Beten Sie Ihr Paternoster und den Segen, denn es ist bei alledem kein Kinderspiel!«
Ein leichter Schauer durchbebte die Nerven des pariser Edelmanns.
Wieder war eine Viertelstunde vergangen, der Mond war höher gestiegen und warf sein volles Licht auf den Platz.
»Alerta!« flüsterte plötzlich der Wächter. »Ich höre das Schnauben des Bären.«
Die Worte trafen wie ein elektrischer Schlag den Offizier. Er versicherte sich mit einem Griff, daß die Navaja in seinem Gürtel steckte, faßte die Reata, und richtete sich zum Sprunge fertig halb empor, obschon er fühlte, daß seine Hand zitterte.
Noch einige Augenblicke, dann konnte auch sein ungeübtes Ohr in einiger Entfernung ein Schnauben und Brummen hören, das langsam näher kam.
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Dann hörte man ein Geschrei wie von einem Kinde. Der Offizier begriff, daß es von einem der Jungen kommen mußte, von denen Tomaso ihm gesagt, und denen die Bärin wahrscheinlich eine Zurechtweisung ertheilt hatte.
Gleich darauf fiel ein dunkler Schatten auf den Felsboden des Plateaus an der andern Seite und ein schwarzer zottiger Körper, gefolgt von zwei kleineren Schatten kam langsamen Schrittes über die kleine Fläche.
Es war die Bärin mit ihren Jungen.
Plötzlich, etwa in der Mitte, blieb das Thier stehen, schnüffelte mit der Nase in der Luft und erhob dann ein zorniges Brummen. Es mußte in dieser Nähe die Witterung der Menschen empfangen haben.
Der Augenblick war gekommen.
Mit dem Rufe: »Adelante Señor!« sprang der Baske, der schon während der Finsterniß seinen Küraß angelegt hatte, aus seinem Versteck und bis etwa drei Ellen weit vor das Thier, das anfangs sich erschrocken umwenden und flüchten wollte, dann aber sich schnaubend und brummend auf die Hinterbeine erhob und Miene machte, in dieser Stellung auf seinen Feind loszugehen.
Armand de la Houdinière hatte fast zugleich mit dem Landmann sein Versteck verlassen und sich im Rücken der Bärin aufgestellt. Er hatte mit Gewalt seine nervöse Erregung abgeworfen und stand entschlossen für sein Vorhaben da. Die Anwesenheit der Gefahr hat immer für den muthigen Mann etwas Stärkendes, die Besorgniß und Angst Vergessenmachendes. Eines der Jungen, das den bittersten Feind seines Geschlechts, den Menschen, noch
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nicht hatte kennen und fürchten lernen, war sofort zu ihm getrottet und versuchte sich an seinen Beinen zu reiben, als ein kräftiger Fußtritt des Offiziers es weit fort zur Seite schleuderte, wobei es ein klägliches Geschrei erhob.
Die Bärin wendete zornig den Kopf, um zu sehen, wer sich an ihren Jungen vergreife.
Dieser Augenblick war verhängnißvoll in doppelter Beziehung.
Der junge Baske, getreu seinem Versprechen, stürzte sich ungestüm auf seinen Feind, unterlief das stehende Raubthier und umfaßte es, den von dem Küraß geschützten Kopf zur Seite gebeugt, unterhalb der Vorderpranken.
Der Franzose, - als er das grün funkelnde Auge der Bärin - einer der größten ihrer Art - auf sich gerichtet sah und den heißen Dampf, der ihrem Rachen entströmte, fast sein Gesicht berühren fühlte, - wich entsetzt einen Schritt zurück.
»Adelante Señor!« Der wackere Landmann, zu dem die Bestie sich bei dem direkten Angriff sofort zurückkehrte, und dessen geschützten Oberkörper sie mit Prankenschlägen und wüthenden Bissen zu bearbeiten begann, drängte Schritt um Schritt das Ungethüm nach der Seite, wo der Baum stand und die Felsenwand niedelfiel zum Abgrund.
»Auxilio Señor!«
Ein kalter Schweiß lag auf der Stirn Armands, er wollte vorwärts springen, und seine Knie versagten den Dienst. Er wollte den Arm mit der Neata erheben, - und sein Arm sank kraftlos nieder.
Der Baske, der von alledem Nichts sehen konnte,
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fühlte doch seine Kräfte weichen, seine Brust zusammengepreßt unter der furchtbaren Umarmung des Raubthiers.
»Madonna santissima, Señor Frances - beeilen Sie sich! - Die Schlinge um den Hals des Bären - ich halte ihn! - Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Der letzte Schrei gellte laut durch die Nacht.
Der Offizier empfand das Entsetzliche, Gefährliche seines Schreckens. Er suchte mit Gewalt sich zu ermannen - es gelang ihm sich den ringenden Gegnern zu nähern, ja einen Versuch zu machen, die Schlinge zu erheben, - aber als seine Hand das zottige Haupt des durch den Kampf und das klägliche Geschrei seiner Jungen wüthend gemachten Thiers berührte und der gewaltige Rachen mit den weißen Zähnen nach ihm schnappte, wich er abermals zurück.
Tomaso, der muthige wackere Tomaso rief keuchend um Beistand. »Señor Frances! - bei der Liebe Gottes! Schnell! schnell!«
Es war kein Ruf mehr, es war ein Aufschrei, in dem die Angst sich zu zeigen begann!
Dann, als er endlich merkte, daß es seinem Gefährten nicht gelang, das Thier zu fesseln, wie sie verabredet hatten, daß er sich auf sich selbst verlassen müsse, ließ er mit der Rechten das Rückenhaar der Bestie fahren und griff nach der Navaja im Gürtel, um sie selbst der Bärin in's Herz zu stoßen.
Die Navaja war fort - er hatte sie dem Franzosen gegeben.
»Das Messer, Señor! Das Messer!« heulte er.
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»Verfluchter Gavaccho - willst Du mich tödten lassen? - Zu Hilfe!«
Der Ruf war ein halbersticktes Brüllen, begleitet von dem wilden Schnauben des Thiers.
Armand de la Houdinière hat nie einen entsetzlicheren Augenblick verlebt. Der Donner der russischen und österreichischen Feuerschlünde, der erbittertste Kampf der Menschen bei dem Sturm auf den Mamelon, an der Brücke von Magenta, hatte ihn nicht feig gesehen, sondern zum tapfern Vordringen gereizt, und hier - wo seine Ehre hundert Mal mehr verpfändet war, wo er allein helfen konnte und mußte, während dort tausend wackere Kameraden um ihn her jedes Schwanken gefahrlos machten, - zögerte er, wie von einer entnervenden Macht berührt - sein Blick, verschleierte sich, die dunklen Gestalten der Ringenden verdoppelten sich vor seinen Augen und tanzten hin und her, eine tödtliche Kälte schien sich bis auf das Mark seiner Knochen zu legen, seine Sinne begannen sich zu verwirren und er stimmte willenlos in das Geschrei des Unglücklichen ein:
»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Dann hörte er eine entsetzliche Verwünschung, - ein schreckliches Wort:
»Cobarde!«
Der verlassene Mann hatte seine letzte Kraft zusammengerafft - er faßte den Bären und stieß ihn zurück, daß die Bestie sich brüllend überschlug. Aber er selbst taumelte von der gewaltigen Anstrengung; zwischen seinen Füßen bewegte sich das Junge der Bärin, das ängstlich
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zur Mutter gekrochen war, als wolle und könne es ihr Hilfe leisten - er griff in die Luft - unter ihm wich der Fels, öffnete sich der Raum - Maria santissima!« - ein gellender Schrei - -
Armand war allein auf dem Plateau mit der Bestie, die sich schnaubend wieder emporrichtete - während aus der Tiefe ein mehrfaches entsetzliches, zermalmendes Aufschlagen herauf klang.
Aber nein - nicht allein! - aus dem Schatten blitzte ein feuriges Auge - über die Felsenwand hob sich eine dunkle Gestalt, und schwang sich behend auf den Kampfplatz. Gott im Himmel Dank - so ist das Unglück nicht geschehen! - Wie ein schwerer Zauber löste es sich von den Gliedern des jungen Offiziers, er ließ den Strick, den noch immer seine Hand hielt, fallen, griff nach der nutzlosen Navaja in seinem Gürtel und wollte vorwärts stürzen.
Aber eine andere Hand kam ihm zuvor. Wie eine lange dünne Schlange flog und ringelte es sich durch die Luft - eine Schlinge, die von sicherer Hand geworfen um den Kopf und die eine Pranke des jetzt wieder aufgerichteten Thiers fiel. Im nächsten Augenblick war es zu Boden gerissen und wehrte sich keuchend und beißend vergeblich gegen die Ringe, die es fester und fester zusammenschnürten unter der sichern Hand des Jägers, der es furchtlos umkreiste, bis es kein Glied mehr regen konnte, als den heiser schnaubenden, Dampf und Schaum prustenden Kopf.
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Neben der besiegten Bärin krochen winselnd die beiden Jungen umher.
»Gott sei Dank Tomaso, daß Sie gerettet sind!« stammelte der Offizier.
»Tomaso, Monsieur le Marquis« sagte kalt und streng eine fremde Stimme, »liegt wahrscheinlich unten zerschmettert auf dem Boden der Schlucht und büßt seinen Vorwitz mit dem Leben, wenn ihn nicht etwa irgend eine Schutzheilige auf ihrem Mantel hinabgetragen hat. Jedenfalls wird er die Felsenkanten für ein härteres Brautbett gefunden haben, als die Arme der schönen Ines. Es thut mir leid um des braven Burschen willen, daß ich eine Minute zu spät gekommen bin! Aber bei Gott, ich konnte nicht rascher empor klimmen!«
»Don Juan!«
Der Schrei klang fast gräßlicher als vorhin der Ruf der Todesangst aus dem Munde des unglücklichen Jägers. Das Haar sträubte sich, mit halbwahnsinnigem Ausdruck starrten die Augen des Offiziers auf seinen Feind; denn es war wirklich der Graf von Lerida, der in so kecker und gewandter Weise das gethan, was sein Zaudern, sein Mangel an Entschlossenheit zum Unglück des jungen Basken zu thun ihn verhindert hatten.
Armand de la Houdinière begriff ganz das Maaß seiner Schmach und mit einem gurgelnden Laut stürzte er ohnmächtig zu Boden. - -
Als der Marquis wieder zu sich kam, fand er Don Juan neben sich knieen, bemüht, seine Schläfe und Stirn mit dem kalten Wasser einer in der Nähe rieselnden
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Gebirgsrinne zu befeuchten. Der unglückliche Offizier brauchte einige Augenblicke, seine Gedanken zu sammeln, dann - als seine Augen auf die sich am Boden krümmende Gestalt des gefesselten Bären fielen, schoß mit einem glühenden Strom die Erinnerung der ganzen schmachvollen und traurigen Scene durch sein Gehirn und mit dem Wehruf: »Tomaso! Tomaso!« raffte er sich empor und sprang nach dem verhängnißvollen Abgrund, um sich ihm nachzustürzen.
Aber die starke Hand des Abenteurers hielt ihn mit eiserner Gewalt zurück.
»Halt, Marquis« sagte der Anglo-Spanier mit gebieterischem Ton, - »keine neue Thorheit! Erinnern Sie sich, daß von diesem Augenblick an Ihr Leben mir gehört! - Tomaso ist wahrscheinlich todt und das Unglück nicht zu ändern, wenigstens konnte ich keinen Laut mehr hören, als ich mich eben an jenem Baumstumpf über die Tiefe der Schlucht beugte. Es ist ein Jägerunglück, nichts mehr und nichts weniger!«
»Aber ich habe ihn gemordet! ich bin schuld an seinem Tode! - ich bin ein Elender, der nicht den Muth hatte, ihm zu Hilfe zu kommen! ich beschwöre Sie Mylord, hindern Sie mich nicht an der einzigen Genugthuung, die ich ihm geben kann, indem ich ihm folge und meine Feigheit mit meinem Leben sühne!«
»Herr de la Houdinière« sagte der Abenteurer sanft, »Sie verleumden sich selbst. Der Tapfere, der den Bayonneten und Kugeln der Russen und Oesterreicher muthig getrotzt, kann wohl vor einer seiner Individualität und seinen Sitten widerstrebenden Gefahr zurückbeben. Zitterte
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doch ein Cäsar vor dem Anblick einer Maus und Bayard, Ihr Landsmann, erbebte vor der Nähe einer Spinne. Ich war zeitig genug auf dem Platz, um zu sehen, daß der unglückliche Mann nicht von dem Bären in den Abgrund gestoßen wurde, sondern daß er sich bereits frei gemacht von dem Unthier, als er über die kleine Bestie hier strauchelte und fiel. Ah - bien! - Das erinnert mich an die Sühne und daß einer der kleinen Unholde hier zu viel ist, da ich ohnehin nur noch einen Strick finde, um den anderen zu knebeln!«
Und mit einer Ruhe, als habe es sich nicht um Tod und Leben, sondern um den Ausgang einer Hasenjagd gehandelt, ging er zu der Bärin, ergriff eines der noch immer nicht von ihrer Mutter weichenden Jungen trotz seines Sträubens und Beißens beim Fell und schleuderte es über die Felswand. Dann warf er das andere nieder, band es wie die Mutter zusammen und verwandte den Rest der Reata des unglücklichen Landmanns dazu, der Bärin eine Art von Maulkorb zu machen und sie noch unbeweglicher zusammen zu schnüren.

Footnotes:

1Tödte nicht!
2Die russischen Civil-Zollwächter.
3Der polnische Schlagbaum.
4Der Plan, der bekanntlich zur Ausführung kam.
5Bezirksvorsteher.
6Aufenthaltskarte.
71 Gulden polnisch = 5 Silbergroschen.
8Polizeibeamte.
9Gerechtigkeit! Freiheit! - Nieder mit allen Deutschen!
10Matthias.
11Franzeska.
12Der Regenbogen.
13Zauberer, Wahrsager.
14Namen der Lappländer.
15Rennthier-König.
16Gebirge.
17Fluß (auf Finnisch).
18Gerstenbrod.
19Sö = See.
20Gleich 10 deutschen.
21Joki, auf Finnisch: Fluß.
22Fjeld: Gebirge.
23Geister, Dämonen.
24Der Mond.
25Der Sturmgott.
26Der Donnergott.
27Die Sonne.
28Spitzes und starkes katalonisches Messer.
29Die bei den Basken sehr beliebten Kämpfe mit jungen Stieren, überhaupt Thierkämpfe.
30Franzosen.
31Deutschen.
32Burg - thurmartiges Haus.
33Verrath.
34Vergleiche des Verfassers »Villafranca«, II. Band: Träumen im Süden.
35Marschall Espartero.
36Das von dem Matador getragene rothe Tuch, das er dem Stier über die Hörner wirft.
37Hand an's Werk.
38Der Volksname Zumala-Carreguis.
39Civil-Gouverneur.
40Den 23. April 1860.




Werke von Sir John Retcliffe