Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Erste Abtheilung:
Gaëta - Warschau - Düppel
Fünfter Band.
Königthum und Revolution.
Die Bärenjäger.
(Fortsetzung.)
Während dieser Zeit - die kaum fünf Minuten währte, - blieb der junge Offizier, das Gesicht in die Hände verborgen, auf dem Stein sitzen, auf den er sich niedergeworfen.
Der Abenteurer trat auf ihn zu.
»Jetzt - nachdem wir die Beweise Ihres Sieges gesichert - lassen Sie uns gehen, um zu sehen, ob noch Etwas für den armen Burschen gethan werden kann. Kommen Sie!«
Mechanisch erhob sich der Marquis - er hatte kaum die ersten Worte gehört, jedenfalls sie nicht verstanden; denn sein Geist befand sich noch immer in einem verwirrten schrecklichen Zustand durch die Selbstvorwürfe, die er sich machte. Nur der Gedanke, Tomaso durch einen glücklichen Zufall noch am Leben zu finden, ihn noch retten zu können, beherrschte ihn jetzt. Seine Schaam jedoch hinderte
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ihn, dies auszusprechen, ja überhaupt den Grafen anzureden, und er begnügte sich, diesem mit fieberhafter Eile zu folgen.
Als der Graf das Plateau verließ, sah er im Mondlicht die Büchse des Offiziers und nahm sie mit sich. Der helle Mondschein machte es ihnen möglich, ihren Weg rasch fortzusetzen. Don Juan, obschon er dieses Berg-Labyrinth noch niemals betreten, schien einen instinktartigen wunderbaren Ortssinn zu besitzen; denn ohne sich auch nur um einen Schritt zu irren, fand er den kürzesten Rückweg und es war kaum eine Viertelstunde verflossen, als die beiden Männer am Eingang der Schlucht standen, in der er mit dem Prinzen seinen Posten getauscht hatte.
Der Mond stand jetzt hoch genug, um mit seinem bleichen Schein bis auf den Grund der Schlucht zu reichen.
Don Juan ging voran. Willenlos, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, folgte ihm der Franzose.
Sie hatten etwa hundert Schritte vorwärts gethan, als sie zwei dunkle Körper dicht bei einander liegen sahen - der kleinere regte sich noch und wimmerte, - der größere lag regungslos und stumm.
Erschaudernd blieb der Offizier stehen, während sich Don Juan rasch der Stelle näherte und neben dem größeren Schatten niederkniete. Es war der Körper des unglücklichen Bräutigams.
Er untersuchte ihn sorgfältig, hob die Glieder, den Kopf empor - vergeblich, der Körper war noch warm, aber das Leben längst entflohen.
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Dann erhob sich der Graf und kam zu seinem Begleiter zurück.
»Es ist, wie ich fürchtete« sagte er, mit seinem Blick die Höhe messend, die er vorhin in wenig Minuten erklimmt hatte, - »er ist todt. Der Hirnschädel ist gespalten und beide Beine und ein Arm sind gebrochen. So ist der augenblickliche Tod denn eine Wohlthat für ihn gewesen und Señor Castillos, mein alter Freund, muß einen andern Eidam suchen!«
»Entsetzlich!«
»Que faire! Das Leben ist, wie Sie sich überzeugt haben werden, Monsieur, eine sehr unsichere Sache selbst zu andern Stunden, als denen der Schlacht oder eines Duells nach Ihrer Sitte. Erkennen Sie an, daß ich das unsere mannhaft ausgefochten habe und Sieger geblieben bin?«
»Tödten Sie mich! ich bitte Sie darum!«
»Nein!« sagte der Abenteurer mit harter Stimme. »Ihr Leben gehört mir, aber wohl verstanden Herr Marquis, Ihr Leben, nicht Ihr Tod. Sie wissen, daß ich mich anheischig machte, wenn Sie den Sieg davon trügen, fünf Jahre lang der Sclave Ihres Willens zu sein. Das Glück - ich achte den Edelmann, den Soldaten von Sebastopol und Solferino zu sehr in Ihnen, um einen anderen Ausdruck zu brauchen, - das Glück hat gegen Sie entschieden! ich fordere mein Recht!«
»Tödten Sie mich!«
»Daß ich ein Narr wäre, denn ich brauche Ihr Leben! Ihr Ehrenwort Herr Marquis, daß Sie keinen thörichten Versuch machen werden, eine Schwäche durch eine Thorheit
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auszulöschen. Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht Hand an Ihr Leben legen!«
»Es gehört Ihnen Mylord auf fünf Jahre« sagte der Offizier mit dumpfer Resignation. »Aber Sie sind unbarmherzig und verdammen mich zu einem schrecklichen Dasein!«
»Etwas ruhigere Ueberlegung wird Sie anders denken lassen, Monsieur! Glauben Sie mir, das Leben ist zu schön, als daß man es ohne Noth und Ziel fortwerfen sollte, wie ein Schulknabe das Buch, weil die Lection ihm einmal mißlungen. Ich sage Ihnen offen, daß ich Ihr Leben brauche, - wozu, weiß ich noch nicht! vielleicht nur, um einen zuverlässigen Freund und Führer in den Salons von Paris zu finden - vielleicht zu andern Dingen! ich kenne die Zukunft nicht und will ihr nicht vorgreifen. Lassen Sie uns vergessen, was geschehen ist zwischen uns und Freunde sein!«
Er reichte ihm die Hand.
Der Marquis legte die seine auf den Rücken. »Nein« sagte er finster - »ich bin Ihr Sclave, aber nicht Ihr Freund. Befehlen Sie, Mylord, und ich werde jedes Ihrer Worte streng erfüllen, aber hüten Sie sich, die Kenntniß einer schwachen Stunde und die Gewalt über mich zu ehrlosen Diensten zu mißbrauchen; denn ich würde Rechenschaft dafür fordern, wenn die Zeit meines Sclavendienstes zu Ende ist, eine Rechenschaft, der Sie sich nicht wieder entziehen können, und bei der mein Fuß nicht zurückweichen, mein Geist sich nicht verwirren würde, wie vor dem erstickenden Athem der wilden Bestie.«
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»Ich wiederhole Ihnen« erwiderte der Andere nachlässig und stolz, »Sie handeln wie ein Thor, meine Freundschaft zurückzuweisen. Doch sei es denn, wie Sie wollen! Sie gehören in den nächsten fünf Jahren mir. So ersuche ich Sie denn, Folgendes zu thun.«
»Befehlen Sie!«
»Die Zeit kann kommen, wo ich befehlen werde, - jetzt bitte ich! Zunächst darf Niemand den wahren Hergang erfahren - ja nicht einmal meine Anwesenheit auf jenem Felsen. Haben Sie mich gehört?«
Der Marquis wies statt der Antwort nach dem Todten. »Sie werden mich sogleich verstehen. Er ist allerdings, gegen den Willen unseres Gastfreundes Ihr Begleiter gewesen, um Ihnen zu helfen, unsere Wette auszuführen, und mit seinem Beistand ist es Ihnen gelungen, verstehen Sie mich wohl, ist es Ihnen gelungen, die Bärin zu fangen und zu fesseln.«
»Sie mißbrauchen Ihre Gewalt über mich, Mylord, Sie zwingen mich zu einer Lüge, die mir meine Schmach doppelt schwer macht!«
»Ich zwinge Sie zu weiter Nichts, als zu einer Erklärung des unglücklichen Ereignisses und einer Verschweigung meines Antheils daran. Ich denke, ich bin doch wohl Herr meiner Thaten! - Meinetwegen geben Sie dem armen Burschen den Ruhm des größten Antheils und schreiben ihm das Verdienst des Sieges zu - das kümmert mich wenig. Aber mein Antheil daran muß hier verschwiegen bleiben, hören Sie wohl, er muß es.«
»Es wird geschehen!«
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»Ich habe mit dem Prinzen Bonaparte in dieser Schlucht den Posten getauscht. Ich werde ihn benachrichtigen, daß auf dem Ihren ein Unglück geschehen ist, indem Ihr Begleiter bei dem Haschen nach dem zweiten jungen Bären ausgeglitten und die Felsenwand herabgestürzt ist und werde Leute senden, den armen Burschen nach Hause zu schaffen. Bis dahin müssen Sie freilich hier die Wache halten.«
»Bei dem verstümmelten Leichnam?« sagte der Offizier schaudernd.
»Sie sind Soldat und mit dem Anblick der Schlachtfelder bekannt, wo es der Verstümmelungen hundert Mal schlimmere giebt. Ich kann Ihnen diese Wache nicht ersparen. Indeß mögen Sie eine Viertelstunde nachdem ich mich entfernt habe Ihre Büchse abfeuern und mit der Jagdpfeife, die Castillos an Alle vertheilt hat, das Signal geben, daß Sie Beistand bedürfen. Nicht weit von hier müssen ein Paar andere der Jagdgäste stehen, wenn ich nicht irre der spanische Oberst, oder mein Landsmann, Kapitain Welmore. Noch Eins! - Der Unglückliche dort darf nicht das Zeugniß der Art Ihres Kampfes an sich tragen. Wollen Sie mir helfen?«
Der Marquis machte eine abwehrende Bewegung.
»Bien! so will ich die Sache allein besorgen.« Er ging zu dem todten Körper zurück, zerschnitt die Bänder, welche noch den Strohküraß an dem zerschmetterten Leibe befestigten und nahm jene mit sich.
»So« sagte er - »dies Zeichen will ich unterwegs in eine der tiefen Klüfte werfen, die noch nie eines
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Menschen Fuß betreten hat, und somit, Marquis de la Houdinière, wird es nur an Ihnen liegen, wenn Jemand erfährt, warum jener Mann heute Nacht seinen Tod gefunden hat. Auf Wiedersehen in der Casa Castilla, die ich noch diesen Morgen verlasse.«
Mit einem leichten Gruß verließ der Graf den Platz. Der Ordonnanzoffizier des Kaisers blieb zurück.
Einen Augenblick faßte er krampfhaft die Büchse und der Gedanke, seinen Feind, jetzt seinen Herrn zu tödten, durchzuckte wohl seinen Geist. Er dachte an Theresa Legroni, das italienische Mädchen, von dem der übermüthige Abenteurer selbst erzählt, wie sie mit einer Kugel die schwere Beleidigung zu rächen und ihr Geheimniß zu wahren versucht hatte; - aber im nächsten Moment schon verwarf er den Gedanken und erinnerte sich, daß es ein feiger Mord sein würde, schlimmer als der an dem armen Tomaso.
Er wagte es nicht, nach dem zerschmetterten Körper einen Blick zu werfen, - er eilte nach dem Ausgang der Schlucht und schritt hier unruhig hin und her, das Nahen seiner Nachbarn erwartend, deren Beistand er nach der bestimmten Frist durch den Knall seiner Büchse und das verabredete Signal zu beschleunigen suchte.
Der schnelle Schritt des Grafen von Lerida trug ihn in kaum zwanzig Minuten zu dem Ort, an dem der Prinz so gefällig seinen Posten eingenommen hatte. Er fand jedoch zuerst nur den Jäger anwesend, der ihn
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bedeutete, daß sein Gebieter weiter vor zu einer Stelle gegangen war, wo man in einer Oeffnung die Eiche von Guipuzcoa sehen konnte.
In der That fand er dort den Prinzen auf einem Felsblock sitzend, das Gewehr auf den Knieen und mit Eifer das seltsame Schauspiel beobachtend, das sich wenigstens seinen Augen bot, indem er darüber ganz den Zweck vergessen zu haben schien, der ihn eigentlich in das Gebirge geführt hatte.
Don Juan berührte leicht seine Schulter.
»Ah - parbleu! Sie sind es Mylord? - Sind Sie des Wartens auf Ihre Bären und des einsamen Postens schon müde geworden und kommen Sie, um auch Ihren Theil an dem geheimnißvollen Schauspiel zu haben, dem Sie mich hier wie in einer Loge des ersten Ranges beiwohnen lassen, ohne daß ich - der Teufel soll mich holen - eigentlich recht weiß, was es bedeuten soll; denn es sieht mehr aus wie eine Art Vehmgericht oder eine Verschwörung, denn wie eine Zusammenkunft munterer Jäger!«
Er wies mit der Hand nach der Gegend der Eiche, wo allerdings ein seltsames Schauspiel sich bot.
Mit dem hellen Licht des Mondes mischte sich gespensterhaft der Schein von zwei oder drei in der Nähe der alten Eiche angezündeten Feuern. In dieser gekreuzten Beleuchtung bewegten sich um den mächtigen Baum eine Menge dunkler Gestalten, oder umgab denselben vielmehr in einem Kreise, während einzelne Männer in der Mitte unter den Bäumen standen und nach ihren Bewegungen
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zu schließen von hier aus den Kreis umher anzureden schienen. Die Entfernung war freilich zu groß, als daß auch nur ein Laut hätte bis zu den beiden Lauschern dringen können, - aber aus den lebhaften Geberden sah man, daß von erregenden wichtigen Dingen die Rede sein mußte, und der Prinz hatte durch seinen Taschenstecher erkannt, daß unter den Rednern sich wiederholt sein alter Freund, der Bärenjäger befand, sowie, daß vor dem Feuer das unter der Eiche brannte, drei bloße Schwerter kreuzweis in den Boden gesteckt waren.
»Gestehen Sie« sagte der Prinz, »sieht die Sache nicht aus, wie eine Verschwörung? Ich habe Castillos deutlich erkannt und es sollte mir leid thun, wenn er noch so thöricht wäre, in seinem Alter sich mit solchen Dingen abzugeben! Aber wer ist der Andere, der so eben spricht? Er ist voll Feuer und Leben und scheint eine Person von Bedeutung, denn Alle beweisen ihre große Ehrerbietung.«
»Es ist Don Felix Solano, der Bischof von Taragona, Prinz« erwiderte der Graf. »Ein Mann, mehr Soldat wie Priester, etwa wie vor 50 Jahren der Cardinal Ruffo!«
»Ei, und er conspirirt anscheinend wie dieser für die Bourbons!«
»Da Euer kaiserliche Hoheit nur französischer und italienischer Republikaner sind« sagte der Graf etwas spöttisch, »so kann es Ihnen wohl gleich sein, wer auf dem Thron von Spanien sitzt. Uebrigens werden Sie sich sogleich selbst davon überzeugen können, wenn Sie die Junta - denn was Sie dort sehen ist eine der alten, durch die
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Fueros meiner Nation zustehenden Volksversammlungen, - in der Nähe betrachten.«
»Bah, ich werde mich wohl hüten, meinen alten Freund Castillos zu stören!«
»Auch nicht, um ihm die Nachricht zu bringen, daß sein Eidam Tomaso verunglückt und seine Nichte Wittwe ist, noch ehe sie zur Frau wurde?«
Der Prinz wandte sich erschrocken um. »Um Himmelswillen, Mylord, was sagen Sie da? was ist geschehen? wo ist der Marquis?«
»Unverletzt! Er ist bei dem Todten, bis Beistand herbeikommt. Der Kapitain de la Houdinière hat Glück gehabt, und ich bin geschlagen. Es ist ihm und seinem Assistente Tomaso gelungen, einen Bären zu überwältigen und zu fesseln. Man wird sie auf dem Anstand finden, den ihm Castillos angewiesen hatte. Aber indem der arme Tomaso auch noch eines der Jungen der Bärin fangen wollte, ist er mit diesem dem Abhang der Felswand zu nahe gekommen und in den Abgrund der Schlucht zu meinen Füßen niedergestürzt, indem er sich an dem Gestein den Kopf und die Glieder zerschmetterte. Sie sehen Monseigneur, daß ich Ihnen ein sehr unangenehmes Schauspiel erspart habe.«
Der Prinz war sehr bestürzt. »Die arme, arme Frau!« rief er voll Theilnahme. »Und der Mann ist gänzlich todt?«
»Es wär' ein Wunder, wenn er einen Sturz von mehr als dreißig Metres überlebt hätte!«
»Mylord« sagte der Prinz ernst und faßte den Arm
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des Grafen, »und Sie haben in der That Nichts mit dieser unglücklichen Sache zu thun?«
»Wie sollte ich? Der Marquis wird es Ihnen bestätigen. Aber es ist unnöthig, daß Señor Castillos überhaupt erfährt, daß wir unsern Posten gewechselt hatten, und deshalb bin ich gekommen, Sie zu bitten, ihn von dem Unglück zu benachrichtigen, indeß ich sofort nach der Casa eile, um durch den Priester die arme Frau vorbereiten zu lassen. Der Kapitain hat übrigens bereits versucht, seine andern Nachbarn zu allarmiren.«
»Aber darf ich es wagen, unsern Wirth in jener Versammlung aufzusuchen?«
»Caramba, für was wären Sie denn kaiserlicher Prinz? denen ist Vieles gestattet, was wir Andern nicht thun dürfen. Doch hat man, glaube ich, Posten ausgestellt, und die könnten Sie allerdings hindern, bis zu Castillos zu dringen. Für diesen Fall will ich Euer kaiserlichen Hoheit, da ich doch Ihr Versprechen des Schweigens schon habe, das Paßwort sagen.«
»Thun Sie es immerhin!«
»Nun denn - es heißt: Triest!«
»Ah - ich begreife, - jetzt der Sitz der spanischen Bourbons. Teufel - ich sehe schon, wenn mein Herr Vetter in Paris eine Ahnung davon hätte, er würde verteufelt die Ohren spitzen!«
»Und ich will noch keineswegs dafür bürgen,« sagte der Abenteurer, »daß sie nicht bis hierher reichen. Es giebt keine Conspiration, in der sich nicht auch Verräther fänden. - Aber Monseigneur, lassen Sie uns Beide unsere traurige
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Aufgabe erfüllen, damit der arme Marquis von seiner unangenehmen Wache erlöst wird. Auf Wiedersehen, mein Prinz!«
Ehe dieser noch weitere Einwendungen machen konnte, war Don Juan verschwunden.
Es war dem Prinzen zwar sehr unlieb, der Ueberbringer einer so unglücklichen Nachricht zu sein, indeß fühlte er zu lange und warme Freundschaft für den alten Bärenjäger, um nicht die Sache als eine Pflicht zu betrachten. Ueberdies bedachte er, daß der unglückliche Vorfall nicht verfehlen könne, auf der ganzen Postenkette der Jäger Alarm zu machen, und daß dadurch leicht Personen herbeigezogen werden könnten, für deren Augen die Junta um die Eiche von Guipuzcoa noch weniger bestimmt wäre, als für die seinen.
So befahl er denn seinem Jäger, einstweilen seinen Posten einzunehmen, und machte sich dann, nachdem er sich gehörig über die Richtung orientirt hatte, auf den Weg, um seinen Gastfreund aufzusuchen.
Die Wanderung in der Nacht durch das öde wilde Gebirge war grade keine angenehme, und der Prinz brachte mehr als eine halbe Stunde dabei zu, ehe es ihm gelang, das Plateau der Eiche wieder zu Gesicht zu bekommen und sich ihm zu nähern. Er hatte jedoch kaum einen zu der Höhe führenden Fußweg betreten, als ihm der Ruf Alto! entgegenscholl und er im Mondlicht einen Flintenlauf blitzen sah, der sich über ein Felsstück hinweg gegen ihn richtete.
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»Was wollt Ihr? wer seid Ihr? gebt das Paßwort oder ich schicke Euch eine Kugel durch den Kopf!«
»Ich muß Señor Castillos sprechen« entgegnete der Prinz. »Hier ist das Wort: Triest!«
»Muy bien! Passirt weiter!«
Der Prinz schritt an dem Posten vorbei, einem Landmann, der mit Flinte und Messer bewaffnet war und ihn mißtrauisch anblickte. Der Anruf wiederholte sich noch einmal und dann näherte sich der Prinz dem dichten Kreise von Männern, der den Raum um den Baum umgab.
Nun zeigte sich ihm das volle Schauspiel.
Vor der Eiche standen die drei Männer, die er vorher bemerkt hatte, einer derselben war der Bärenjäger Ramiro, der zweite der Bischof von Tarragona, der dritte ein Greis von 70 Jahren in einfacher ländlicher Tracht mit der Chapela, dem baskischen Baret, die Faja, die spanische Leibbinde um den Leib geschlungen. Trotz dieser einfachen Kleidung lag Etwas in seinem Wesen, das den ehemaligen Soldaten und den Mann bekundete, der gewohnt gewesen sein mußte, zu befehlen.
Eine dicht gedrängte Menge horchte den Worten, die eben der Bischof an sie richtete.
Der Prinz wollte es nicht wagen, den Kreis gewaltsam zu durchbrechen, auch fesselte ihn einigermaßen die Neugier. Denn obschon der Redner in der baskischen Sprache die Versammelten anredete, die von der spanischen sich sehr bedeutend unterscheidet, konnte er doch einzelne Worte verstehen, und der Ausdruck, die feurige begeisterte
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Miene, die erregten Geberden, mit welchen der Prälat sprach, ersetzten ihm das Wortverständniß.
»Escalduni, Männer von reinem Blut« sagte derselbe mit erhobener Stimme, »sollen wir denn noch länger zusehen, wie die Saat des Verräthers Maroto1 ein Volk um seine Rechte kürzt, welche unsern Vätern vor Jahrhunderten verbrieft waren und die keiner der rechtmäßigen Könige Spaniens anzutasten gewagt hat? Wo sind Eure Fuero's, die verboten, daß ein Soldat oder ein Zollbeamter seinen Fuß über Eure Gränzen setzte, während jetzt der Verräther in jedes Haus dringt! Wo sind die Harmandadas2 von Alava, die Alcaldias von Biscaya und Guipuzcoa, wo Eure freien Juntas unter der heiligen Eiche von Guernia, die Juntas von Vit[t]oria, Ospetia und Ascoitia, die den Deputado-Generale wählten, der Euch vor allen Lasten und Forderungen zu schützen verstand! Aus dem Señor de Biscaya3 ist eine Königin geworden, die Eure Rechte mit Füßen tritt und mit feilen Höflingen und Weibern den Schweiß Eurer Arbeit in Madrid vergeudet. Während in alten Zeiten kein königlicher Scherge, kein Beamter, den nicht die Junta gewählt, den Fuß über Eure freien Gränzen zu setzen wagte, ohne vogelfrei der Hand jedes freien Mannes verfallen zu sein, ist das Land jetzt mit diesen Blutsaugern überschwemmt. Handel und Wohlstand sind untergraben. Mit einer Hand beraubt man die Kirche
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ihrer Güter und mit der andern füttert man gierige Mönche und vom Teufel besessene Betrügerinnen, die das klösterliche Gewand schänden. Und mit welchem Recht sitzt jenes Weib auf dem Thron, den ihre wollüstige Mutter von der Schwäche König Ferdinands erschwindelt? Wissen wir nicht Alle, daß er auf dem Todtenbett diesen Akt der Ungerechtigkeit und Intrigue, die pragmatische Sanction, widerrufen hat, welche den rechtmäßigen Erben vom Thron Spaniens ausschloß, König Karl, für dessen Rechte die meisten von Euch ihr Blut vergossen haben? Schon einmal hat das baskische Volk den Kampf für den legitimen Thron aufgenommen gegen Willkür und Verrath. Gott wollte es nicht, daß wir damals siegten; denn jene beiden Nationen, von denen Spanien stets das Unheil gekommen ist und der Verrath - England und Frankreich, sie die zuerst die Legitimität der Throne in Europa erschütterten und das Beispiel des Königsmordes gaben, - sie traten auch hier auf die Seite der Ungerechtigkeit und überflutheten das arme Baskenland mit dem Auswurf ihrer Armeen. Die Fahne des Rechts sank, der Vertrag von Bergara hat das vergossene Blut nutzlos gemacht und unser König ist in der Verbannung gestorben.
Ist es besser geworden mit uns? Der Molch hat den Molch geboren! Auf die schamlose Christine, die Zucht und Ehre mit Füßen trat, sich in die Arme der Feinde unseres Glaubens warf, die Schätze Spaniens ins Ausland schleppte und um eines Muñoz willen vom Thron Karls V. zum Bett eines Gardisten hinabstieg, - folgte die würdige Tochter, verderbt durch den Frevel der Mutter
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schon als Kind, in den Händen der Parteien, das Weib eines Schwächlings, und die Maitresse eines Küchenjungen, nicht voll Glauben, sondern voll des obscönen Aberglaubens, ein Spielwerk der Parteien, die das Land ruiniren und das Reich, in dem einst die Sonne nicht unterging, zum Spott der Länder gemacht haben! Wo sind Eure reichen Kolonieen, Ihr Indiano's, die Eure Väter über dem Meer gewannen? Wo sind die Eroberungen eines Columbus, Cortez und Pizarro? Die Inglese haben Euren Handel vernichtet und die Gavacchos Eure Kirchen und Paläste geplündert. Selbst das Amt des Schützers der heiligen katholischen Kirche hat uns der Franzose genommen und das stolze Spanien ist ausgestoßen aus der Reihe der großen Nationen!«
Ein Schrei der Wuth war die Antwort der wilden Männer.
»Und wollen wir die Gelegenheit vorübergehen lassen« fuhr der Redner begeistert fort, »die Europa jetzt uns bietet? Isabella ist aufs Tiefste dem Volke verhaßt, überall regt sich der Aufstand. Englands Macht ist gelähmt durch seine Kriege in Rußland und Indien, Frankreich ist bewacht von der Eifersucht der Nationen und darf keine neue Invasion wagen. In Italien läßt ein Bourbone die Fahne der Legitimität von den Wällen Capua's wehen und fesselt die Macht Sardiniens an diese Stätte. Waffen lagern an der Küste - der Sohn unseres rechtmäßigen Königs, jetzt unser König, ist bereit, mit seinen Brüdern sich an die Spitze zu stellen, sobald wir ihn rufen. Cabrera, der Löwe von Tortosa, hat sich willig
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erklärt, an die Spitze der königlichen Armee zu treten. Nur eines festen Entschlusses, nur eines Rufes an seinen legitimen König bedarf es, und der usurpirte Thron stürzt zusammen und Spanien feiert seine Auferstehung!«
Der Enthusiasmus, den die Rede erregte, war um so bedeutungsvoller, als der Ausdruck der Aufregung wenig in dem Charakter des baskischen Volkes liegt. Viele Männer drängten ungestüm in den Kreis, schlugen die Waffen zusammen, küßten dem kriegerischen Prälaten Hand und Kleid, und verlangten, daß der Tag der carlistischen Erhebung bestimmt werde. Andere zauderten jedoch und sprachen dagegen.
Diese Bewegung benutzte der ehrgeizige und kühne Prälat, das Eisen zu schmieden, indem es heiß war. Sofort wurde ein Baumklotz vor das Feuer gerollt und aufgestellt. Man breitete Papier darauf aus, brachte Dinte und Feder zum Vorschein und forderte die Angesehensten der vier Provinzen auf, die Einladung an den Grafen Montemolin und seine Brüder, sich an die Spitze eines nochmaligen Aufstandes zu stellen, zu unterschreiben.
Plötzlich ließ sich in der Menge der Ruf hören: »Laßt den Padre Cura sprechen! Laßt den Bruder des Ohm Ti reden!«
Die Menge öffnete sich und auf einen Stock gestützt schritt von zwei Mutils4 geführt ein alter Priester zu dem Baum.
Es war in der That der Bruder des großen baskischen
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Helden Zumala-Carregui, der vom ganzen Lande hochverehrte Pfarrer von Ormastegui, dem Geburtsort des Generals.
Der Pfarrer, der in Folge eines Fußleidens nur mit Mühe ging, sonst aber noch ein lebhafter alter Mann war, schüttelte die langen weißen Haare aus dem Gesicht und ließ seine noch immer feurigen Augen über die Menge gleiten. Jedermann wußte, welchen großen Antheil er an der Erhebung von 1833 genommen und wie er Beichtstuhl und Kanzel dazu benutzt hatte, die Begeisterung dafür zu schüren. Sein Wort mußte daher von großem Einfluß sein, und der Prälat, der darauf hoffte, sah mit Erstaunen, daß Castillos eine unwillige Bewegung machte und die Achseln zuckte, als wisse er besser, was kommen werde.
Der alte Cura oder Pfarrer hatte jetzt den Platz am Feuer erreicht, wo er von den Führern der Versammlung mit einer gewissen Ehrfurcht begrüßt wurde. Der Name Zumala-Carreguy übt noch immer seinen Zauber auf jeden Basken.
Der Bischof trat dem Greis entgegen mit der Feder in der Hand und wollte sie ihm reichen.
»Würdiger und verehrter Bruder in Christo« sagte er, »es wird gewiß unserer heiligen und gerechten Sache von größtem Nutzen sein, wenn ein Name an der Spitze dieses Blattes steht, von dem Jedermann in Spanien, ja in der Welt weiß, daß er den treuesten Kämpfern für den rechtmäßigen Thron gehört.«
»Wollen Sie, Señor obispo« sagte der alte Mann,
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»bevor ich die Ehre annehmen kann, die Sie mir erzeigen, mir gestatten, einige Worte an meine Landsleute zu richten?«
»Wir werden Sie Alle mit Freuden hören!«
Der Pfarrer wandte sich auf seinen Stab gestützt an die lauschende Menge.
»Freunde! Landsleute! Escalduni!« sagte er mit kräftiger Stimme, die man kaum noch in dem alten, von den Jahren, den Leiden und den Sorgen gebeugten Körper gesucht hätte. »Ich sehe manchen alten Freund in Euren Reihen, mit dem mein Bruder und ich zusammen gestanden in dem großen Kampfe der baskischen Nation für den rechtmäßigen König Spaniens. Aber auch unter Denen, die damals Knaben waren, als Männer schlugen und litten, ist wohl Keiner, der einen meines Stammes der Feigheit und des Verrathes an unserem Vaterland fähig halten wird!«
»Niemals! niemals!« klang es stürmisch durch den Kreis.
»Nun denn, bei diesem Vertrauen, das Ihr mir schenkt, bei der Liebe zu meinem Vaterland sage ich Euch, opfert nicht leichtsinnig das Blut seiner besten Söhne einem Unternehmen, das keine Aussicht auf Erfolg hat, das jetzt ein Frevel gegen Gott und Menschen geworden ist!«
Ein athemloses Schweigen, eine schwere Erstarrung lag auf der ganzen Versammlung bei dieser unerwarteten Wendung der Rede. Der Bischof wollte heftig dem Redner ins Wort fallen, aber der Dritte, der alte Soldat, der bisher noch nicht gesprochen, faßte seinen Arm.
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»Ruhig, Señor Obispo«5 sagte er, »der Cura hat vielleicht Recht. Jedenfalls wollen wir ihn hören!
»Männer des Baskenlandes!« fuhr der Greis unerschrocken fort. Als wir im Jahre 1834 die Fahne des Aufstandes erhoben, da geschah es für den König, den man um sein Recht betrogen, für die Kirche, die man beraubte, für unsere heiligen verbrieften Rechte, die man uns genommen. Unsere heilige Pflicht war es, für diese unser Blut zu vergießen und treu haben wir zu dem rechtmäßigen Monarchen gestanden, bis er selbst sich und uns verließ. Ich will Euch nicht sprechen von den Leiden, die wir damals erduldeten, nicht blos von dem Schwert unserer Gegner, sondern von dem Leichtsinn, der Thorheit und dem Undank Dessen, für den wir in erster Reihe unser Blut und Gut opferten. Ränkesüchtige und verdorbene Höflinge, tyrannische Priester, feile intriguante Weiber und jene Schaar gieriger Ojalatero's6 waren es, die das Land regierten und den tapfern Soldaten darben ließen, während sie schwelgten. Da zog Gott seine Hand ab von unserer Sache, und wir, die bisher gesiegt, wurden die Besiegten. Nicht der Verrath Maroto's war es, der den Vertrag von Bergara schloß, sondern die Feigheit des Königs, der bei Elorio floh, war es, die ihn erzwang.
Das Königthum hat nicht blos Rechte, es hat auch Pflichten. Soll das Volk sich für den König opfern, so muß der König dessen würdig sein. Ueber den Königen
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steht noch das Vaterland! Fünfzig karlistische Führer haben bei Bergara, als der König seine eigene Sache verlassen, gethan, was sie thun mußten, um das Land zu retten, und ich weiß, daß mein Bruder eben so gehandelt hätte, wenn Gott ihm nicht die Schmach erspart. Das Baskenland bedarf der Ruhe, um jene Wunden zu heilen, die noch nicht geschlossen sind. Wollt Ihr sie aufs Neue aufreihen? Mit welchem Recht und für wen? Für einen Prinzen, der niemals unser König war? Für Prinzen, die - es ist noch kein Jahr vergangen, - feig ihre Rechte abschworen und mit dem Blut ihrer Freunde ihre eigene Rettung erkauften? Gott ist nicht mehr mit dem Königsgeschlecht Spaniens, Laster und Thorheit sitzen auf dem Thron, Feigheit und Unfähigkeit haben das Regiment! Wohlan - so laßt uns das von Gott als entartet bezeichnete Geschlecht aufgeben, und allein an das Vaterland denken. Ich sage es Euch, ein Greis, das Bourbonen-Geschlecht, das gegenwärtig den Thron entehrt, wird ihn eben so verlieren, wie das, was unfähig war, ihn zu wahren, auch ohne unser Zuthun. Unsere Kraft, unser Blut gehört dem Vaterland, nicht einem entarteten von Gottes Hand verlassenen Geschlecht. Nicht ich will meine Hand leihen zu neuem unnützen wortbrüchigen Kampf. Und wenn meine Warnung auch nur das Wort eines armen, unbedeutenden Priesters ist - dort« - er wies nach dem Dritten der Leiter, - »steht Einer, an dessen Treue und Ehre und baskischem Herzen noch Niemand gezweifelt, ihn, den alten Waffengefährten meines Bruders - fragt, fragt den
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General Bartolomeo Yturbe,7 ob ich als ein Freund des Vaterlandes, oder als ein Verräther an ihm gesprochen habe!«
Die Aufregung, die Verwirrung, welche diese unerwartete Warnung aus so geachtetem Munde hervorbrachte, war unbeschreiblich. Der Bischof war außer sich, umsomehr, als der General sich in ein strenges Schweigen hüllte. Er wollte dem alten Pfarrer heftige Vorwürfe machen, aber dieser hatte sich sofort nach Beendigung seiner Rede fortführen lassen und befand sich bereits wieder im Kreise seiner Anhänger, wohin Don Felicio ihn nicht zu verfolgen wagte. Er wandte sich daher zu Castillos und dem General, der schweigend und nachdenkend an dem Stamm der Eiche lehnte, hinter welcher der Prinz dem Auftritt beigewohnt hatte.
»Dieser verdammte alte Narr« sagte der Bischof sehr ungeistlich und zwar in französischer Sprache, um nicht etwa von einem der nahen Männer untergeordneten Ranges gehört zu werden, - »dieser Mann droht uns die ganze Sache zu verderben, nachdem die Begeisterung so gut im Zuge war. Wer zum Teufel lud ihn hierher?«
»Ich!« sagte der General.
»Unmöglich! Sie, Señor Generale - Sie, einer der tapfersten und treuesten Heerführer des verstorbenen Königs? - oder Sie haben sicher die Gesinnung dieses alten Verräthers nicht gekannt!«
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»Sie irren, hochwürdigster Herr« sagte der alte General. »Der Pfarrer Zumala-Carreguy ist kein Verräther an der guten Sache, dafür bürgt schon, wie er selbst sagte, sein Name. Aber ich habe auch seine Gesinnung gekannt, und als ich Ihre Einladung zu dieser Junta erhielt, wünschte ich, daß Sie aus einem allgemein geachteten Munde offen jene Gesinnungen hören möchten, welche gegenwärtig wohl der größte Theil meiner baskischen Landsleute hegt. Was der Cura von der heillosen Wirthschaft des alten Hofes gesagt, ist leider nur zu wahr, ja noch viel zu wenig. Niemand kann das besser wissen wie ich, da ich vielleicht der Einzige war, der dem König die Wahrheit zu sagen wagte, freilich ohne Erfolg. Es ist ein Geschlecht, was Nichts gelernt hat im Unglück, und Nichts vergessen aus seinem Glück. Und was wollen Sie Señor Obispo? Der König ist seit 5 Jahren todt, der Graf von Montemolin und sein Bruder haben sich durch ihre Erklärung in Tortosa am 23. April für uns unmöglich gemacht.«
»Sie wissen wohl, daß diese von den beiden Gefangenen erzwungen und schon am 15. Juni von Köln aus durch den König zurückgenommen wurde!«
Der General lächelte verächtlich. »Die Feigheit und Ehrlosigkeit dieser Entsagung löscht kein Widerruf aus. Ihr eigener Neffe, Señor, der tapfere Ortega starb für ihn, und der Graf von Montemolin hatte nicht einmal den Muth, es darauf ankommen zu lassen, ob seine Base Isabella es wagen würde, ihn zu tödten. Caraï! sein Blut wäre das eines Märtyrers gewesen und hätte alle
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Sünden seiner Familie gesühnt. Corpo de dios! ich mag mit Leuten, wie Ihr Graf Montemolin Nichts zu schaffen haben.«
Der Bischof biß sich auf die Lippen. Die hartnäckige Verweigerung des königlichen Titels, die der alte Carlist dem Sohne seines Königs, für den er gekämpft und geblutet, entgegensetzte, zeigte ihm, wie tief das Ehrgefühl des alten Soldaten durch das feige Benehmen der beiden bourbonischen Prinzen verletzt worden war. »Aber« sagte er endlich, - »König Carlos hatte einen dritten Sohn!«
»Ah - es ist wahr! Don Juan de Bourbon. Aber was hat er gethan, daß dieses Land noch einmal sein bestes Blut hingeben und alle die alten erst halb verharschten Wunden aufreißen soll?«
»Er ist der Einzige, der unser altes Königsgeschlecht fortgepflanzt« erwiderte mit Erbitterung der Prälat, »denn Sie werden den jämmerlichen Bastard der Königin Isabella mit dem Küchenjungen Marfori doch nicht für den legitimen Erben der ältesten Krone der Christenheit halten?«
»Erkennt ihn doch der Herzog von Montpensier, sein Onkel, an!«
»Nein« sagte der Prälat heftig, »das thut er nicht! Wir haben noch nicht Zeit gehabt, Ihnen die Beweise vorzulegen. Aber hier, Señor Castillos kann Ihnen sagen, daß ich ihm den Brief gezeigt, worin der Schwager Isabellens die legitime Geburt des Prinzen von Asturien leugnet und sich zu Gunsten der Söhne und Enkel des Königs Carlos erklärt.«
Der unwillkürliche Zuhörer dieser Unterredung hinter
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dem Stamm der Eiche machte eine Bewegung der Ueberraschung. »Pardieu!« murmelte er - »mein Vetter Louis würde viel darum geben, an meinem Platz zu sein, um die Füchse von Orleans pfeifen zu hören! Diese guten baskischen Herrn scheinen mir verdammt leichtgläubig! - Aber hören wir weiter, da es sich doch einmal nicht ändern läßt!«
Er hatte sich doch getäuscht in seiner Annahme. Der alte General Yturbe schüttelte den grauen Kopf. »Ich traue dem Orleans nicht« sagte er. »Er sucht nur mit unserer Hilfe eine Umwälzung herbeizuführen, um bei der Gelegenheit selbst im Trüben zu fischen. Er spielt mit dem Intriguanten Prim unter einer Decke. Aber selbst angenommen, er meinte es ehrlich - dieser Infant Don Juan hat noch mit Nichts bewiesen, daß er fähig ist, sich an die Spitze einer Revolution zu stellen, die den Thron von Spanien an seine Familie zurückbringt!«
»Er hat es!«
»Ihr Wort in Ehren, Señor Obispo - aber ich fordere Beweise, daß wir nicht wieder nutzlos geopfert werden sollen!«
»Hören Sie mich an General. Die beabsichtigte Erhebung steht nicht allein. Es ist der letzte Kampf, den das legitime Königsthum in Europa, repräsentirt durch seine ältesten Vertreter, die Bourbonen, versucht. Auf sie hat sich vor Allem jener Haß der Revolutionaire und der Freigeister geworfen, die jetzt die Throne Europas umstürzen. Die Vertreibung des Königs von Neapel, der Herzöge von Parma, Modena und Toscana muß endlich
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den andern Monarchen Europas die Augen öffnen und ihnen zeigen, was sie zu erwarten haben, nachdem sie die Legitimität in Frankreich opferten. Sie fühlen, welchen Fehler sie damals begangen, und werden bereit sein, ihn gut zu machen. Eine große Coalition bereitet sich vor unter den europäischen Mächten, den Bourbonen wieder zu ihrem Recht zu helfen, und selbst der Kaiser Napoleon wird sich nicht weigern, ihr beizutreten, wenn er durch eine bourbonische Verbindung die Zukunft seines Sohnes sichern kann. Unsere eigene Landsmännin, die Kaiserin Eugenie, ist bereits für diese Idee gewonnen.«
»Diese Politik ist mir zu hoch« sagte ehrlich der alte General. »Ich war von jeher ein schlechter Diplomat. Zeigen Sie mir, ob eine Aussicht vorhanden ist, daß eine nochmalige Erhebung der Basken gelingt, und ich werde vielleicht meine Meinung ändern. Aber dazu fehlt Alles, Soldaten, Geld, Beistand!«
»Was sagen Sie zu 12 Millionen Dollars?«
»Dollars?«
»Ja - gutes amerikanisches Gold! Der amerikanische Gesandte in London bietet sie dem Infanten Don Juan zu dem Unternehmen.«
»Und der Preis?«
»Die Ueberlassung von Cuba!«
»Caraï! dachte ich's doch. Es sollte mich wundern, wenn die Herren in London nicht auch Ceuta und Tanger forderten, um sich mit den Säulen des Herkules zu arrondiren! Doch die zwölf Millionen Dollars schaffen uns noch keine Armee![«]
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»Die Königin Isabella selbst wird sie uns leihen! Glauben Sie, daß auf der Flotte und unter den Truppen der Usurpatorin die Millionen keinen Einfluß haben werden? Ueberdies ist der ganze Süden Europa's augenblicklich mit einer Menge Freiwilliger und Abenteurer überschwemmt, wie noch nie. Der König von Neapel hat seine Schweizer und fremden Regimenter zu seinem Unglück aufgelöst, und wenn ihm auch ein Theil nach Capua8 gefolgt ist, so ist doch die größere Hälfte dienstlos. Die päpstliche Armee ist bei Castelfidardo geschlagen, nach den neuesten Nachrichten Ancona genommen - die Armee ist aufgelöst, die Gefangenen werden über die Gränzen geschafft. Es bedarf nur einer Gelegenheit, eines Aufrufs, einer Aussicht auf Erfolg, und Sie werden zwanzigtausend tapfere Soldaten diesseits der Pyrenäen haben, bereit für die Legitimität ihr Blut zu verspritzen. Waffen liefert uns der Krämergeist Englands, selbst gegen seine eigenen Interessen. Die erste Schiffsladung ist bereits an der Küste von Biscaya gelandet und trotz aller Spürer von Madrid wohl geborgen; ich selbst habe Sorge dafür getragen, und wenn nicht ein unglücklicher Zufall oder vielmehr die Thorheit und Leichtfertigkeit eines Vertrauten des Infanten dazwischen getreten wäre, konnten wir vielleicht in drei Tagen schon die Fahne des legitimen Königthums aufpflanzen und gegen Madrid marschiren.«
»Und wie heißt der Verräther?«
»Kein Verräther Señor Generale« sagte der alte Bärenjäger, »sondern nur ein Tollkopf, dem der Eindruck
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des Augenblicks und seine eigenen Lüste über seine Pflichten gehen und den Verstand umnebeln. Es ist der Sohn unsers alten Freundes des Corregidor von Irun.
»Des Grafen von Lerida?«
»So ist es! Sie erinnern sich, daß der Graf, der in seiner Jugend ein schöner Mann war und am Hofe von Madrid eine Rolle spielte, nach dem Bruch mit seiner alten Flamme, der Gräfin von Teba, der Mutter der jetzigen Kaiserin von Frankreich, zu Anfang der Unruhen eine junge Engländerin heirathete, die er nach Ausbruch des Krieges nach London zurücksandte, wohin sie ihren Knaben mit sich nahm. Es ist dieser Juan, Graf oder Lord von Lerida, halb Spanier, halb Engländer, der nach dem Tode seines Oheims, des Lord von Heresford, ein sehr großes Vermögen geerbt hat und jetzt seinen Launen lebt. Er weigerte sich, an der Junta Theil zu nehmen, aber er hat seinen Posten keine halbe Legua von hier.«
»Ich bedauere, daß ich dies nicht früher erfahren« sagte der Bischof eifrig. »Ich muß ihn sprechen; denn bei all' seiner Thorheit ist er ein verschlagener und unternehmender Kopf!«
Der alte Jäger lächelte. »Ihnen eben, hochwürdigster Herr, scheint er aus dem Wege gehen zu wollen!«
»Aber doch hoffentlich nicht mir« sagte der General. »Ich habe ein Vermächtniß seines Vaters, das vielleicht von Wichtigkeit ist für ihn - ein versiegeltes Packet Briefe. Er vertrauete es mir kurz vorher, eh' er in die Hände der Christino's fiel und Espartero ihn erschießen ließ, man sagt auf den heimlichen Befehl der Königin Christine, zu
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deren ersten Günstlingen er doch früher gehört haben soll! - Aber Señores, wir vergessen über den jungen Mann ganz, um was es sich hier handelt. Wenn Alles wahr, was Sie uns gesagt, Señor Bischof, bin ich nicht abgeneigt, meinen Namen mit unter den Brief zu setzen. Wir müssen suchen, den Streit zu vermitteln, und die Gemüther wieder zu beruhigen. Lassen Sie uns unter die Männer gehen und ihre Meinung hören und beschwichtigen!«
Der alte General schritt nach den Worten geradeaus unter die Gruppen, die einzeln beriethen. Auch der Bischof und der alte Bärenjäger hielten es für das Zweckmäßigste und wandten sich nach verschiedenen Seiten. Als aber der Letztere dabei an dem Prinzen vorüberging, hielt es dieser für dringend geboten, die Gelegenheit zu ergreifen. Er berührte den Arm des Basken und winkte ihn zur Seite.
»Hierher Ramiro - ich muß Dich sprechen!«
Der Bärenjäger sah erstaunt um, er konnte den Prinzen nicht gleich erkennen, weil dieser sein Gesicht im Mantel verborgen hielt, aber die Stimme machte ihn stutzen.
»Wer ist es, der mich anspricht?«
»Still! kennst Du mich nicht?« - Der Prinz öffnete den Mantel.
Ein wilder Fluch entfuhr halb dem Munde des Basken und er griff unwillkürlich mit einer drohenden Geberde nach dem Messer in seinem Gürtel.
»Corpo de dios! Sie hier, Prinz! Wie kommen Sie hierher? Sie sind des Todes, wenn man Sie erkennt, und ich selbst müßte ...«
»Sei kein Thor, alter Freund« sagte der Andere.
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»Du kannst Dir denken, daß ich nicht ohne Ursach' Dich störe, und wenn Du meiner Ehre nicht Verschwiegenheit zutraust, so erinnere Dich wenigstens, daß ich das Baskische nicht verstehe.«
»Aber bei der gesegneten Madonna, was wollen Sie hier? Wie kamen Sie durch die Wachen?«
»Mit dem Paßwort, das mir der Graf von Lerida gegeben!«
»Der Unsinnige! wo ist er?«
»Fort nach dem Caserio, um Hilfe zu suchen!«
»Hilfe? zu was?«
»Ich denke, einen Arzt! Es ist ein Unglück passirt!«
»Ein Unglück? Sprechen Sie Altezza! Der französische Offizier - ich fürchtete es fast!«
»Nein, Kapitain de la Houdinière ist unverletzt. Aber ...«
»Reden Sie!«
»Dein halber Schwiegersohn, Freund Castillos - der Mann der hübschen Ines ...«
»Er ist zu ihr zurückgekehrt!?«
»Nein, - ich fürchte, er liegt todt oder lebensgefährlich verletzt von dem furchtbaren Sturz in der Schlucht, die Du mir zum Anstand auf die Bären angewiesen!«
Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Brust des Alten. »Tomaso?«
»Er ist, glaub' ich, zu dem Offizier zurückgekehrt, um mit ihm auf die Bären zu lauern, und hat das Unglück gehabt, bei dem Kampf mit der Bestie von der Felswand zu stürzen.«
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Der alte Jäger stieß ein tiefes Stöhnen aus und begrub das Gesicht in seine harten, schwieligen Hände.
»Was gedenken Sie zu thun, Freund? Wollen Sie nicht nach der Unglücksstelle kommen?«
Der Baske erhob sein Haupt. »Wissen es die andern Jäger bereits?«
»Ich glaube! - Die verabredeten Signale um Beistand sind gegeben. Kapitain de la Houdinière ist bei dem Todten. Ich selbst eilte hierher, um Dir die traurige Nachricht aus Freundesmund zu bringen.«
Castillos zögerte nur einen Augenblick. »Ich danke Ihnen Hoheit« sagte er dann rasch und ernst, »und bitte Sie, auf den Posten Don Lerida's zurückzukehren und Alle, die herbeikommen, dort zurückzuhalten. In einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen, um die traurige Pflicht zu erfüllen. Gehen Sie jetzt, aber geben Sie mir zuvor Ihr Wort, daß, was Sie auch hier gesehen oder gehört haben mögen, Nichts davon über Ihre Lippen kommt, bis ich Sie Ihres Schweigens entbinden darf.«
»Mein Wort darauf!«
Der Prinz hüllte sich in seinen Mantel und schritt eilig durch die noch immer unruhig bewegte und streitende Versammlung in der Richtung, aus der er vorhin gekommen war. Als er sich an der Biegung des Gebirgspfades noch einmal umsah, erblickte er die Versammlung dicht um den Holzblock gedrängt, auf den vorhin der Bischof das verhängnißvolle Papier, das auf's Neue den Bürgerkrieg entzünden sollte, zur Unterzeichnung niedergelegt hatte.
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Bald darauf verlosch das Feuer unter der heiligen Eiche - die Junta war geschlossen.
Don Juan hatte seinen Weg nach dem Platz am Fuß des Hochgebirges genommen, wo die Jagdgesellschaft zuerst ihr Lager aufgeschlagen und die Muli's zurückgelassen hatte. Er hatte ihn bald erreicht, und nachdem er einige der dort harrenden Leute mit einer schnell improvisirten Bahre, Stricken und Decken nach der Seite des unheilvollen Schauplatzes geschickt, warf er sich auf eines der Muli und trieb es zu so raschem Gang als möglich an, um das Caserio zu erreichen.
Er wußte kaum selbst, warum er dies that; denn einerseits hatte er sich von dem Tode Tomaso's überzeugt, andererseits konnte er, selbst wenn der Verunglückte noch in's Leben zurückzurufen gewesen wäre, von den geringen Heilkenntnissen des Mönchs wenig mehr erwarten, als von denen der erfahrenen Jäger. So galt es ihm wohl mehr, sich von dem Schauplatz des Ereignisses zu entfernen und womöglich die Caseria mit französischem Abschied zu verlassen, wie er überhaupt zu thun liebte, noch bevor die Jagdgesellschaft mit dem traurigen Gefolge zurückkehrte. Padre Antonio wollte er beauftragen, die junge Frau auf das Unglück, das sie betroffen, vorzubereiten.
Während er seinen Weg fortsetzte, begann das helle Mondlicht zu verschwinden, dichte Wolken lagerten sich vor die Scheibe des nächtlichen Gestirns und vom Gebirge her fing der Wind an in gewaltigeren Stößen zu toben.
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Bald mußte er langsam reiten und konnte selbst den Pfad nicht mehr erkennen. Aber er kannte zur Genüge die wunderbare Sicherheit der Mulis und indem er es dem seinen überließ, selbst den Weg zu suchen und eine Gangart nach Belieben anzunehmen, hüllte er sich in den Mantel und dachte an die nächsten 8 Tage, die ihn am Hofe von Madrid finden sollten.
So war er fast überrascht, als das Maul[thier] plötzlich stehen blieb und er sich vor dem Schuppen sah, der wahrscheinlich seinen Stall bildete.
Obschon es jetzt ganz finster war und der Wind, zuweilen mit leichtem Regen gemischt, in gewaltigen Stößen forttobte, nur selten auf Augenblicke die Wolken lichtend, um einem Strahl des Mondes die Beleuchtung der Berggegend zu gestatten, gelang es doch dem Abenteurer bald, sich wenigstens im Allgemeinen zu orientiren. Er mußte vor einem der kleinen Casilla's sich befinden, deren mehrere unterhalb des Plateaus lagen, auf dem sich das Caserio, die Wohnung des alten Bärenjägers befand, denn dort sah er ein Licht durch die kleinen Fensterscheiben leuchten, beiläufig das einzige Zeichen, daß noch Bewohner der Gegend wach waren. Das Maulthier, das er ohne zu fragen, am Ort des Rendezvous gewählt, gehörte wahrscheinlich in die Casilla zu Hause.
Don Juan öffnete die Pforte des Stalles, um das Thier einzulassen, nachdem er den Sattelgurt gelöst, und schritt dann nach der Casa Castilla hinauf. Er kam dabei an dem Hause vorüber, das zu dem kleinen Gehöft gehörte, und wollte eben an der Thür vorüber schreiten, als
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plötzlich sein Fuß wie gebannt blieb und er athemlos in die Höhe starrte.
»Tomaso! lieber Tomaso!« flüsterte es von oben. »Der heiligen Jungfrau sei Dank, daß Du kommst, und dem Ohm, daß er Dich sendet!«
Ueber den Holzbalken des niedern Erkerfensters lehnte eine weiße Gestalt, ein entblößter Arm streckte sich ihm entgegen.
»Ines!«
»Du siehst, daß ich Dich erwartete! Komm geschwind herauf. Soll ich die Lampe anzünden?«
»Nein!«
»So eile, daß Du kommst. Maria santissima - es ist kalt und der Regen schlägt in unser Brautgemach. Ich husche in's Bett!«
Ein neckender Ton, wie der Klang eines zugeworfenen Kusses, dann schloß sich das Fenster.
Einen Augenblick blieb der Abenteurer wie erstarrt stehen, wilde Gedanken durchkreuzten sein Hirn, das Blut stieg ihm zu Kopf und wirbelte in glühenden Wolken vor seine Augen.
Die feine zierliche Gestalt der Fandango-Tänzerin trat vor seinen Blick, er glaubte ihr schmachtendes, wollustersterbendes Auge zu sehen, wie er sie in der letzten Phase des Tanzes in seinem Arm gehalten, - er dachte an sie, die jungfräuliche Frau, wie ihr süßer Körper auf dem Lager ruhte und sich verlangend dem Bräutigam entgegenwand - -
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Dem Bräutigam, dem Gatten, der draußen todt in der Bärenschlucht lag!
Mußte er sie nicht vorbereiten, das Leid ihr verkünden - der süßen, jungen, verlangenden, zärtlichen Frau - -
Einen Augenblick noch dauerte der Kampf, dann fiel der Mantel auf der Schwelle der Thür und diese öffnete sich unter seiner fieberbebenden Hand. - -
Diese kleinen Häuser des Baskenlandes haben alle ein und dieselbe Einrichtung, - es ist so leicht für Den, der sie kennt, sich darin recht zu finden, - selbst im tiefsten Dunkel! - -
»Tomaso!«
Es war gegen 5 Uhr Morgens, als sich die Thür der Casilla des jungen Pächters öffnete und eine dunkle Gestalt heraus in die Nacht trat.
Der Mann schwankte anfangs wie ein Taumelnder. Seine Kleidung war in Unordnung, hastig übergeworfen; - er raffte den Mantel auf, der noch immer auf der Schwelle lag, bot die Stirn, den Hals, die entblößte Brust dem kühlenden Wind, der noch immer vom Hochgebirge her herüberstrich, wenn auch der Sturm sich gelegt hatte und der Regen nicht mehr niederfiel. Dennoch hingen die Wolken noch immer schwer am Himmel und verbreiteten Dunkel umher, obschon der Morgen nahe war.
Einige Augenblicke blieb der Mann stehen, als überlege er, wohin er seine Schritte wenden sollte. Dann, als habe er seinen Entschluß gefaßt, schnalzte er leicht mit den
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Fingern und warf das Ende des feuchten Mantels über seine linke Schulter. »Caramba!« murmelte er - »sie mag denken, es sei sein Geist gewesen! - Aber es ist Zeit, mich nach Mauro und den Thieren umzusehen!«
Don Juan, - die Erwähnung seines Dieners konnte keinen Zweifel lassen, daß er es war, - wandte sich gegen das Caserio des Bärenjägers und begann die Erhöhung hinaufzusteigen, als er etwa zweihundert Schritt weiter sich anrufen hörte. »Pst! Señor - haben Sie Etwas gehört? Ich glaube nicht, daß der Schlingel der Tomaso schon zu Hause ist, und Sie brauchen also das Haus nicht bewachen zu lassen. Oder sollten sie bereits kommen? Aber es ist unmöglich!«
»Nicht so unmöglich, als Sie denken, Señor Padre« sagte der Graf.
Der Mönch, denn es war in der That Fray Antonio, prallte bestürzt zurück. »Maria santissima - Sie sind es Excellenza? Wo kommen Sie her? Aber ich errathe - von der schönen Inez, denn ich sah Sie von der Casilla herkommen. Ei Sie schlimmer Vogel! Aber Jugend hat nicht Tugend. Was wird der arme Tomaso sagen!«
Der Graf hatte den Mantel zurückgeworfen und seine rechte Hand lag an dem Griff des tunesischen Messers. Der Speckhals des Padre war in seinem Leben nie so nahe daran gewesen, mit blankem Stahl eine sehr unangenehme Bekanntschaft zu machen, als in diesem Augenblick.
»Padre!«
»Nun, nun Excellenza! Sie wissen, daß wir Priester
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ein Beichtgeheimniß zu verschweigen verstehen und ich gebe Ihnen mein Wort, es als solches zu betrachten!«
»Wie kommen Sie hierher, um diese Stunde, Pfaffe?« frug der Graf mit unheildrohendem Ausdruck, indem er dem erschrocken zurückweichenden Mönch näher trat und seinen Arm faßte.
»Oh - ganz zufällig. Ich schwöre es Ihnen!«
»Sie lügen! - Hören Sie Fray Antonio, sehen Sie sich diese Klinge an. Sie ist lang genug, um durch die dickste Fettschicht ein genügendes Loch zu machen, mittels dessen die Seele aus dem Leibe spazieren kann! Warum mischen Sie sich in meine Angelegenheiten? Warum wollten Sie das Haus des armen Tomaso bewachen lassen?«
Der Mönch stand mit schlotternden Knieen und bleichem Gesicht. »Bei der heiligsten Jungfrau, Señor Conde, ich schwöre es Ihnen! ich habe nicht das Geringste gegen Sie beabsichtigt. - Die Soldaten ...
»Welche Soldaten?«
»Oh Señor - die Soldaten und die Alguazils, die oben im Thurm sind!«
»Soldaten im Thurm? Was wollen sie?«
»Bei Gott, ich weiß es nicht! Sie sind vor einer Stunde angekommen und haben sich ohne zu fragen einquartiert und Posten ausgestellt! Sie lassen Niemand aus dem Hause.«
»Und doch befinden Sie sich hier?«
»Oh - ich, Señor Conde!« stotterte der Mönch verlegen. »Ich bin nur ein armer Mönch, der überall
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frei aus und eingeht. Ueberdies war ich im Begriff, mein Maulthier zu holen und abzureiten.«
»Aber was wollen diese Soldaten und Polizeidiener? Gilt es dem Señor Castillos?«
»Ich fürchte fast!«
»Und Sie haben Nichts gethan, ihn zu warnen und ihm Nachricht zu senden?«
Fray Antonio zuckte die Achseln. »Wie konnte ich? - ich wiederhole Ihnen Excellenza, der Offizier hat Posten auf den Wegen ausgestellt, so daß Niemand sie seit einer Stunde ungesehen passiren kann. Ich wundere mich deshalb, daß Euer Excellenza so unbemerkt kommen konnten.«
Der Conde fühlte den Stich. »Schurke« murmelte er, »ich fürchte sehr, daß Du die Hand bei dem armen Castillos im Spiel hast!« - dann fuhr er laut fort: »Ich hatte die Absicht Sie aufzusuchen und habe nur das Maulthier in den Stall des armen Tomaso gestellt. Es ist ein Unglück auf der Jagd passirt, Padre!«
»Ein Unglück?«
»Leider. Tomaso ist bei dem Kampf mit einer Bärin von einer Felswand gestürzt und hat den Hals gebrochen!«
»Maria santissima! Ist er todt?«
»So todt, wie ein Mensch nur sein kann. Ich glaube man wird ihn bald hierher bringen, und ich ritt voraus, um Sie zu bitten, die junge Frau auf das Unglück vorzubereiten und mit den Tröstungen der Kirche zu beruhigen.«
Der würdige Bruder schüttelte mit einem faunischen Grinsen den Kopf. »Ich müßte es lügen« sagte er, »wenn ich sagen sollte, ich trüge um den Schlingel großes Bedauern. Er gehörte zu den Neuerern, die keinen Respekt
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mehr haben vor der heiligen Kirche. - Und was die junge Frau anbetrifft, nun - ich hoffe, daß sie mit der Brautnacht nicht zu kurz gekommen ist und bereits einen bessern Trost gefunden hat, als ich ihr geben kann!«
Die wiederholte Anspielung war dem Grafen zu viel. Er faßte den dicken Pfaffen am Kragen und schüttelte ihn derb. »Picaro!« sagte er leise, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber sehr verständlich. »Wagt es nicht, mit mir Euer Spiel zu treiben, Ihr kommt da an den Unrechten. Ich kümmere mich den Henker darum, was Ihr erlauert haben wollt; aber merkt Euch, mischt Euch nicht in meine Angelegenheiten, oder es könnte geschehn, was ich Euch vorhin androhte. Ueberdies bin ich fest überzeugt, daß Ihr bei der Soldatengeschichte die Hand im Spiel habt und es bedurfte nur eines Wortes an die Freunde des Señor Castillos, und selbst die Mauern eines Klosters in Madrid würden Euch vor ihrer Rache nicht schützen! - Aber was erhitze ich mich erst! ich kenne die Leute Eures Schlages und werde schweigen, wenn Ihr Eure Zunge im Zaum haltet und Euch in Madrid treuer zeigt, als hier gegen Euren Wohlthäter. Ich brauche dort einen Kerl wie Ihr seid, dessen Schlechtigkeiten die Kutte deckt. Deshalb werd' ich mein Wort halten, und wir reisen zusammen nach Madrid!«
Der Padre räusperte sich und schöpfte Athem, der ihm unter der kräftigen Hand des Conde fast ausgegangen war.
Das Fehlschlagen seines letzten Versuchs, sich eine kleine Herrschaft über den Gast seines verrathenen Wohlthäters anzumaßen, belehrte ihn, daß dies ein zu gefährliches
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Spiel sei, und er zog es vor, den reichen und vornehmen Gönner lieber durch Gehorsam sich zu sichern.
»Maria purissima, was Sie für eine kräftige Faust führen, Señor Conde!« sagte er kriechend. »Ich werde mich wohl hüten, noch einmal Ihren Unwillen zu wecken, verlassen Sie sich darauf! - Nur in Beziehung des Señor Castillos thun Sie mir Unrecht. Doch wir wollen nicht streiten darüber, Excellenza - der arme Padre Antonio ist Ihr ganz ergebenster Knecht und wird thun, was Sie ihm befohlen. Soll ich zu dem armen Weibe gehn und sie auf das Unglück vorbereiten?«
»Nein - es ist zu spät! - Hören Sie!«
Der Wind vom Gebirge her trug auf seinen Schwingen die Töne eines fernen melancholischen Gesanges herüber.
»Oh oh!« sagte sehr unbehaglich der Mönch, - »das klingt wie der Leichengesang, den die baskischen Bauern bei dem Tode ihrer Verwandten anstimmen. Ich hoffe doch, daß sie nicht schon zurückkommen?«
»Dennoch scheint es so - der Tag wird überdies bald anbrechen. Hören Sie mich an, Padre. Der armen Ines können wir Beide nicht helfen, sie wird sich in ihr Schicksal finden müssen und es noch zeitig genug erfahren. Aber es liegt mir eben so wenig wie Ihnen daran, bei der Ankunft des Señor Castillos noch hier zu sein. Können Sie uns Reitthiere verschaffen, um auf der Stelle unseren Weg anzutreten?«
»Das meine steht fertig. Ich werde ein Anderes für Euer Excellenza besorgen, aber ...«
»Nun?«
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»Ich fürchte, der Herr Offizier, der von Ihrer Anwesenheit natürlich noch Nichts weiß, wird nicht darein willigen, Ihren Diener aus dem Hause zu lassen. Man hat die beiden Bedienten, die Sie und der französische Herr hier zurückließen, in eine Kammer gesperrt.«
»Das thut Nichts! Mauro kann mit dem Gepäck nach Pampluna und Madrid nachfolgen, sobald erst das Embargo hier aufgehoben ist. So hatte ich es schon gestern Abend bestimmt. Holen Sie die Thiere, damit wir fortkommen, denn jener traurige Gesang kommt näher!«
Der Pater bat ihn, einige Minuten im Schatten einer der kleinen Wirthschaftsgebäude zu verziehen, bis zu welchen sie jetzt vorgeschritten waren, und ging dann nach dem Hause und den Ställen.
Während der Zeit horchte Don Juan auf den aus der Ferne näher schwellenden Klagegesang. Obschon er Nichts von dem gefährlichen Dokument wußte, das die Junta der Basken an der Eiche von Guipuzcoa unterzeichnet hatte, konnte er doch leicht schließen, daß die Anwesenheit der Alguazils und Soldaten in dem Caserio des alten Bärenjägers sicher mit der Versammlung in Verbindung stand und wahrscheinlich auf eine der Plackereien und Untersuchungen hinauslaufen werde, mit welchen die Regierung in steter Furcht vor den carlistischen Umtrieben die baskischen Provinzen überwacht. Gern hätte er Castillos eine Warnung zugehen lassen, aber er wußte in der That nicht, wie das machen, ohne sich selbst zu compromittiren. und das wollte er in dem gegenwärtigen Augenblick grade gern vermeiden.
Während er noch darüber sann, hörte er neben sich
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in dem kleinen Schuppen, an dem er stand, ein klägliches Heulen und Winseln und zugleich ein Kratzen an der Bretterwand. Es fiel ihm ein, daß es der große Wolfshund des alten Basken sein könnte, den dieser ausdrücklich zurückgelassen von der Jagd.
»Caramba! - Negro, bist Du es?«
Ein kurzes freudiges Bellen des Hundes antwortete ihm. Der Graf dachte einen Augenblick nach, dann suchte er die Thür des Schuppens, öffnete sie und rief leise den Hund.
»Still, Negro! Kusch!«
Das edle Thier erkannte sofort die Stimme eines Freundes. Es war, als begriffe es, daß es seine Freude über die Erlösung aus der Gefangenschaft nicht laut werden lassen durfte. Schweifwedelnd, mit leisem Knurren drängte sich der Hund an die Füße Don Juans und leckte seine Hand.
Es war zu dunkel, um zu schreiben, auch kein Augenblick zu verlieren. Der Graf nahm aus der Tasche eine spanische Banknote, die das Bildniß der Königin tragen, heftete sie mit seiner goldenen Tuchnadel an das Halsband des Hundes und richtete den Kopf desselben nach der Seite, von welcher der Leichenzug herkam.
»Frisch, Negro! Such' den Herrn, mein Hund! such' den Herrn!«
Er ließ das Halsband los und das Thier jagte sofort in langen Sprüngen in der Richtung des Hochgebirges davon.
Don Juan hatte kaum die Thür wieder geschlossen,
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als er den Padre zurückkommen hörte. Er war begleitet von einem andern Mann, der zwei gesattelte Mulis am Zügel führte, aber in einiger Entfernung stehen blieb.
»Schnell, Señor Conde« sagte der Mönch. »Lassen Sie uns aufsteigen und aufbrechen, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Er selbst führte dem jungen Mann das eine Thier zu, das dieser rasch bestieg. Dann half der Fremde der feisten Gestalt des Pfaffen gleichfalls in den Sattel. Der Mann ging vor den beiden Reitern her, indem er dieselbe Richtung einschlug, die in der Nacht vorher der Padre zu seinem geheimen Rendezvous genommen hatte. An der Stelle, wo er mit dem Regierungs-Agenten zusammengetroffen war, stand eine Schildwache. Der Mann, den jetzt in dem freiern Licht der Graf als einen Reiter-Corpora erkennen konnte, sagte dem Pastor einige Worte und dieser machte den Reitern Platz.
»Zehn Minuten weiter, ehrwürdiger Herr« erinnerte der Corporal, »steht noch eine Schildwache. Das Passirwort ist: Aragon!«
»Dank mein Bester, und meinen Seegen! - Kommen Sie Señor.«
Der Soldat schien sich aus der billigen Gabe nicht viel zu machen, als dagegen der Graf ihm ein Goldstück reichte, salutirte er höflich und wünschte glückliche Reise.
Gleich darauf waren die beiden Reiter unter dem Felsenthor verschwunden.
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Langsam kam der Zug der Jäger heran, in dessen Mitte der zerschmetterte Körper des jungen Ehegatten auf der rasch improvisirten Bahre getragen wurde. Castillos hatte sich längst überzeugt, daß von einer Hilfe nicht mehr die Rede und jede Spur des Lebens entflohen war. Die Jäger, welche das Nothsignal der französischen Offiziers herbeigerufen, hatten den verstümmelten Körper nach dem Lagerplatz geschafft, wo alsbald die ganze Jagdgesellschaft, verstört durch den Unfall, sich eingefunden hatte, während der größere Theil der Versammlung an der Eiche sich nach verschiedenen Seiten zerstreute und in die Heimath zurückkehrte.
Die Männer des Gebirges waren übrigens zu eifrige Jäger gewesen, um die Ursache des Unheils, die einzige Beute der unglücklichen Jagd, die Bärin und ihre Jungen zurückzulassen, von denen das eine zerschmettert wie der unglückliche Tomaso, das andere aber lebenskräftig wie seine Mutter war. Mit deren Transport hatte man übrigens auf Kosten ihrer Haut und ihrer Knochen wenig Umstände gemacht. Man begnügte sich, die Knebelung des schnaubenden und beißenden Raubthiers noch fester zu machen, warf es dann auf ein Paar zur Schleife hergerichtete Aeste, wohl auch nur, um das Fell zu schonen, und schleppte es dann so das Gebirge herab. Die beiden jungen Bären, der todte wie der lebende wurden in die jetzt leeren Körbe eines der Maulthiere geworfen.
Der traurige Zug hatte wohl anderthalb Stunden später als der Graf den Sammelplatz verlassen, und da
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er nur langsam vorwärts kam, brach der Tag bereits an, als er sich dem Caserio näherte.
Castillos hatte einen Seitenweg einschlagen lassen, um die traurige Last, die sie mit sich führten, nicht an der Casilla des Verunglückten vorbeizubringen. Der am Tiefsten Bewegte war jedenfalls der junge Offizier, den die wiederholten Fragen über den Hergang auf das Peinlichste berührt hatten, während er mehr als einmal das Unglück in der Weise erzählen mußte, wie der Graf von Lerida es ihm empfohlen, während er zugleich sorgfältig bemüht sein mußte, jede Unvorsichtigkeit zu vermeiden und namentlich die Anwesenheit Don Juans an der Stelle nicht zu erwähnen.
Der Zug der Jäger war etwa noch zehn Minuten von dem Caserio entfernt, als plötzlich durch den Morgennebel ein dunkler Gegenstand heranflog und an dem Bärenjäger emporsprang.
»Negros, mein wackerer Hund! Wo kommst Du her? Hast du die Rückkehr Deines Herrn gewittert?«
Castillos streichelte das Thier, das bald sich an ihn drängte, bald bellend und schnaubend um ihn her sprang.
»Der Hund muß Etwas haben« sagte der Baske, - »er ist so aufgeregt und seltsam, wie ich ihn nie gesehen.«
»Es ist die Witterung des Bären da hinten, oder die Leiche seines alten Freundes, die uns folgt« meinte der Coronel. »Die Hunde haben einen sehr feinen Instinkt.«
»Nein Señor Don Ruez« erwiederte der Bärenjäger. »Das ist es nicht, denn der Hund verläßt mein Muli nicht und sein Bellen ist auch nicht die Todtenklage,
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welche ein Hund mit der feinen Ahnung, die Gott ihm gegeben, beim Tode eines Freundes zu erheben pflegt. Sein Wesen betrifft offenbar meine Person, weil er nicht von mir weicht. Ruhe, Negros, was ist dir mein guter Hund?!«
»Was trägt das Thier da am Halsband?« frug Kapitain Welmore.
»Cuerpo di Dios - das ist wahr! Komm her mein Hund, laß sehen!«
Während das Thier an ihm emporsprang, betrachtete der Bärenjäger das Halsband des Hundes, hielt ihn dann fest, indem er sein Maulthier zum Stehen brachte, und löste Nadel und Papier.
Die Jäger sammelten sich um ihn und es entstand ein Aufenthalt des Zuges.
»Seltsam!« meinte Castillos - »eine Banknote von hundert Realen - und angeheftet mit einer goldenen Nadel. Ich sollte sie kennen, - ein dunkler Diamant - -«
»Das ist die Nadel, die der Graf von Lerida gestern an seinem Halstuch trug« sagte der Prinz.
»Gewiß wieder einer seiner tollen Streiche!«
»Nein, Freund, ich glaube das nicht. Der Graf scheint zwar ein übermüthiger abenteuerlicher Charakter, der nur seinen Launen folgt, aber dabei ein Mann, der ein scharfes Auge hat für Alles um ihn her, und entschlossen jede Gelegenheit benutzt. Jedenfalls ist der Hund von ihm abgeschickt, das beweist die Nadel. Ohne Ursach' ist dies nicht geschehen. Es frägt sich nur, was er damit bezweckt. Die
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Nadel ist Nebensache, denn sie ist nur das Mittel gewesen, die Banknote zu senden.«
»Will der Bursche damit meine Gastfreundschaft bezahlen? Es ist eine von den schlechten Noten der neuen Isabella-Bank zu Madrid!«
Der Prinz hielt sein Maulthier an. »Parbleu, Gevatter« sagte er - »ich glaube, Du bist im Begriff, der Lösung nahe zu kommen. Das Bildniß der Königin auf der Note! Ha! hm! - das hat seine Bedeutung!« und er beugte sich näher zu dem Jäger und flüsterte einige Worte.
Castillos faßte unwillkürlich nach der Brusttasche seiner Jacke, als wollte er sich von dem Vorhandensein eines zusammengefalteten Papiers dort überzeugen.
»Lassen Sie uns zureiten Hoheit, desto eher werden wir wissen, was an der Sache ist!« und er trieb sein Maulthier vorwärts.
Aber ehe sie noch das Plateau erreichten, auf dem das Caserio liegt, das jetzt bereits im Morgenlicht vor ihnen lag, ohne daß irgend eine Spur im Hause oder auf dem Platz vor demselben zu sehen war, welche auf eine vorausgekommene Botschaft oder auf die Erwartung ihrer traurigen Rückkehr schließen ließ, wurde der Zug noch einmal aufgehalten, indem - als derselbe eben zu einer niedern Felswand bog, - ihm ein Mann entgegentrat.
Er war in der gewöhnlichen städtischen Tracht, grüßte höflich und frug, ob vielleicht der Señor Coronel Don Franzisko Ruez unter den Caballeros sei, er habe eine dringende Bestellung an ihn.
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Der Oberst des Lanzier-Regiments ritt sogleich näher. »Hier bin ich, Señor! - Ah - Señor Secretareo.«
Der Fremde beeilte sich, ihn zu unterbrechen.
»Ich habe eine Depesche für Sie, Señor Coronel. Sie haben wohl die Güte, einen Augenblick mit mir zur Seite zu treten. - Bitte, Caballero's, lassen Sie sich nicht stören in Ihrem Wege!«
Auf einen Wink des Hausherrn setzte sich der Zug wieder in Bewegung und näherte sich den Gebäuden.
Der Oberst war zur Seite geritten und wartete mit etwas zusammengezogenen Brauen auf die Anrede des Fremden, der erst die ganze Gesellschaft vorüberließ, jeden Einzelnen mit scharfem Blick musternd.
Er war ein Mann von etwa 40 Jahren, von schlanker mittelgroßer Figur mit etwas blassem und hagerem Gesicht, das scharfe nicht grade schöne Züge hatte. Doch besagte das ganze Gesicht etwas von der Bildung des Fuchskopfs, nur daß das kräftigere Kinn zugleich Zeuge von Willenskraft und Energie war. Die Lippen ließen, wenn sie sich öffneten, eine Reihe von weißen etwas spitzen Zähnen sehen.
»Nun Señor Cuerta« sagte der Oberst ungeduldig, »sehen Sie nicht, daß ich warte!?«
»Verzeihung Señor Coronel, aber ich muß einige Vorsicht anwenden. Hier ist eine Depesche Sr. Excellenz des Herrn General-Kapitains an Sie.«
Der Offizier nahm das Schreiben und sah nach dem Siegel. »Eine militärische Ordre« sagte er, »durch einen Beamten des Civil-Gouverneurs überbracht? Seit wann
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ist das Sitte, und giebt es keine Offiziere oder Ordonnanzen mehr?«
»Der Teniente Herrera befindet sich dort im Hause« sagte der Sekretair des Gouverneurs ruhig, »aber sein und Ihrer Soldaten Erscheinen hätte vielleicht zu früh Verdacht erregen können. Deshalb ersuchte ich ihn, mir die Uebergabe der Depesche zu überlassen.«
Der Oberst, ein Mann von schönem soldatischen Ansehen, hatte das Siegel erbrochen und das Papier gegen das Licht haltend, das bereits stark genug war, den Inhalt gelesen. Seine Stirn wurde sehr roth, während er zwei Mal die Ordre las, gleich als hätte er sie das erste Mal nicht recht verstanden.
»Mil demonios! Das mir, während ich hier als Gast bin? - Wenn Seine Excellenz Schergen braucht, einen ehrlichen Mann zu verhaften, warum schickt er nicht Polizeidiener oder beordert wenigstens einen andern Offizier!?«
»Die Verhaftung wird durch die Civilbehörde vorgenommen werden« sagte der Secretair kalt; »auf Befehl von Madrid soll das Militair sie gegen jeden Widerstand unterstützen und da der Generalkapitain wußte, daß Sie, Señor Coronel bereits an Ort und Stelle waren, hat er es wohl für das Kürzeste gehalten, eine halbe Esquadra Ihres Regiments Ihnen zu senden. Sollten Sie jedoch Anstand nehmen, der Ordre Folge zu leisten, Señor Coronel ...«
»Still Señor« sagte der Oberst streng. »Ich denke, wir kennen uns und ich kenne meine Pflicht. Ich werde
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sie erfüllen und was mir weiter zu thun bleibt auf diese Infamie ist meine Sache! - Wo sind meine Soldaten?«
»In dem Casillo des Rebellen versteckt!«
»Ha! - Teniente Herrera wird eine strenge Rechenschaft zu geben haben, daß er sich von Ihnen mißbrauchen ließ. Wir sind Soldaten, keine Jesuiten und Spione!«
Der Secretair verbeugte sich höhnisch. »Es ist unnöthig, mich zu beleidigen, Señor Coronel« sagte er.
»Kommen Sie und thun Sie Ihre Pflicht, wie ich die meine thun werde!«
Der Offizier trieb das Maulthier an, um die Reiter noch zu erreichen, ehe sie in das Haus traten. Vielleicht wollte er dem Hausherrn einen Wink geben, vielleicht auch nur den Beamten des Civilgouverneurs zwingen, die Verhaftung auf dem freien Platz vorzunehmen, weil es ihm zuwider war, die Schwelle noch einmal und in solcher Eigenschaft zu überschreiten, die ihn gastfreundlich aufgenommen. Doch der Secretair hielt sich dicht an seinen Fersen und als sie die Reiter erreichten, die eben vor dem Haupteingang des Hauses und unter der großen Eiche hielten, war Castillos bereits aus dem Sattel gesprungen und näherte sich, erstaunt und ärgerlich, daß Niemand ihm entgegenkam, der Thür.
»Caramba - was soll das heißen? Ist Niemand hier, der die Mulis nimmt? - Heraus da -«
Er stieß die Thür auf, prallte aber sofort zwei Schritte zurück.
Der große Hausflur war gefüllt mit Soldaten, den Karabiner in der Hand.
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»Tausend Teufel - mir das!«
Und der alte Jäger wandte sein feuersprühendes Auge auf den Obersten, der eben herankam.
»Señor Don Ramiro Castillos, ich verhafte Sie im Namen der Königin!« rief der Secretair Cuerta, indem er die Hand auf seine Schulter legte. »Leisten Sie keinen Widerstand, oder ich muß die bewaffnete Macht zu Hilfe nehmen.«
Der alte Baske schüttelte die Hand mit einer unwilligen Bewegung ab. »Das ist gegen die Fuero's der baskischen Provinzen« sagte er schroff. »Nach dem vierten Statut darf ein freier Grundbesitzer nur auf Befehl des Provinzial-Gerichts verhaftet werden von den Beamten des eigenen Sprengels.«
»Sie werden sich erinnern, daß Sie hier in Navarra und nicht auf biskaischem Boden stehen. Ueberdies sind die Fuero's nicht bestätigt. Machen Sie keine Umstände, Señor Castillos« - er winkte den Alguazils, die näher getreten waren, - »ich habe Befehl, mich Ihrer Person und aller Papiere zu bemächtigen, die Sie bei sich führen!«
»Also das ist's!«
Der Secretair erkannte, daß er in Gefahr war, den Zweck seines Auftrags zu verlieren.
»Auf ihn! ergreift ihn!«
Er sprang vorwärts, um den alten Jäger zu fassen und zugleich stürzten die Schergen von zwei Seiten auf den Bedrohten. Aber ein Faustschlag auf die Stirn warf den Secretair wohl drei Schritte zurück, daß er dem einen der Gerichtsdiener in die Arme taumelte; mit einem Satz
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war der Baske aus dem Bereich der anderen und hinter seinem Muli, während der Prinz und der Engländer ihre Thiere nach vorn drängten, den Verfolgern in den Weg.
»Im Namen der Königin Oberst, ich befehle Ihnen ...«
»Was, Señor?«
»Sehen Sie nicht, er entkommt - Lassen Sie schießen!«
»Sie vergessen sich! Ich bin Soldat und kein Meuchelmörder und habe überhaupt keine Befehle von Ihnen zu empfangen!«
»Aber sehen Sie nicht - er vernichtet das Papier!«
»Was geht das mich an?«
Der Baske, um den die Jagdgesellschaft eine Art von Mauer bildete, welche ohne offenen Widerstand doch die Gerichtsdiener hinderte, ihn zu ergreifen, hatte ein Papier aus der Brusttasche gezogen und es fest zusammengeballt.
»Hierher Negro!«
Der große Wolfshund sprang an ihm empor.
»Friß, mein Hund!«
Der Hund - als habe er Menschenverstand für den Willen seines Herrn - zerriß das Papier mit seinen Zähnen in Stücke und begann sie zu verschlingen.
Der Prinz lachte laut auf. Dann, als er sah, daß der Beamte in ohnmächtiger Wuth einen Revolver zog und nach dem edlen Thier schießen wollte, trat er ihm entgegen.
»Unterstehen Sie sich, Herr! - Sehen Sie nicht, daß Sie uns treffen werden? Ich bin Franzose und diese Unverschämtheit soll Ihnen schlecht bekommen!«
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»Aber ich will nicht Sie - gehen Sie aus dem Wege Hoheit ...«
Es war vergebens. Der wackere Hund hatte das letzte Stück Papier zwischen den Zähnen.
»Jetzt fort Negro - such' die Spur mein Hund! such' die Spur! Tuch vergessen! such'! such'!
Castillos wies nach den Bergen - wie ein Pfeil in gestreckten Sprüngen schoß der wohldressirte Hund auf dem Weg hin, den so eben der Zug gekommen war.
»Schießt in drei Teufelsnamen!«
Ein allgemeines Gelächter begleitete den Versuch, den der betrogene Beamte machte, mit seinen Revolverkugeln den frei dahin jagenden Hund zu erreichen.
Don Ramiro trat auf ihn zu.
»In zwei Stunden, Señor« sagte er, »wird Negro mir sicher ein Tuch zurückbringen, das ich auf dem Anstand habe liegen lassen. Es ist ein vortreffliches Thier, nur hat er die Leidenschaft, statt Gras, wie andere Hunde bei trübem Wetter, Papier zu fressen, und ich habe deshalb immer eine Portion Makulatur in der Tasche für ihn. - Sie wollten mich ja wohl verhaften, Señor Cuerta?«
»Sie kennen mich?« frug der Beamte zähneknirschend.
»Wer sollte den Geheimen Secretair Seiner Excellenz nicht kennen, auch wenn er erst kurze Zeit in unserem Lande ist« lautete die spöttische Antwort. »Wir sind hier so schlichte Leute, daß die Herren aus Madrid rasch bemerkt werden, namentlich ...«
»Was Señor?«
»Namentlich wenn sie Mitglieder der neuen Loge sind!«
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Eine dunkle Röthe flog über die Stirn des Beamten, aber er unterdrückte gewaltsam einen Ausbruch seines Zorns. »Da Sie mich kennen, Señor Don Ramiro Castillos« sagte er kalt, »werden Sie mir das Recht, diesen Verhaftsbefehl auszuführen, nicht weiter bestreiten und ihm Folge leisten. Ich habe Befehl, Sie nach Madrid zu bringen, und ich hoffe, der Señor Coronel wird mich wenigstens hierin unterstützen.«
»Ich glaube nicht« bemerkte der Oberst finster, »daß Señor Castillos sich gewaltsam widersetzen und mich dadurch zwingen will, die genoffene Gastfreundschaft durch Ausübung meiner - ich sage es offen, in dieser Angelegenheit mir sehr unangenehmen, von diesem Herrn mir aufgedrungenen - Pflichten als Soldat zu vergelten. - Sobald ich wieder in Pampluna bin, werde ich die Ehre haben, meinen Abschied aus einem Dienst zu fordern, in dem man keinen Anstand nimmt, durch Polizei-Spione und Büttel die Ehre eines Offiziers zu compromittiren.«
Der Baske reichte ihm die Hand. »Ich habe keinen Augenblick daran gezweifelt, Señor, daß Sie von diesem Vorgang Nichts wußten. - Ich bin bereit, Ihnen zu folgen, Herr, sobald ich die nöthigsten Anordnungen wegen der Beerdigung meines Neffen gegeben und meine arme Nichte unter den Schutz eines Nachbars gestellt habe.«
»Meine Pflicht zwingt mich, darauf zu bestehen, daß die Señora zu ihrer Vernehmung als Zeugin in Ihrem Prozeß uns nach Madrid begleitet.«
»Wollen Sie uns nicht vielleicht alle mitnehmen?« sagte der Prinz spöttisch.
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»Euer Hoheit - denn ich darf wohl annehmen, daß ich die Ehre habe, mit dem Prinzen Pedro Bonaparte zu sprechen, - und die fremden Herrn haben vollkommene Freiheit, ihren Weg zu wählen. Ich habe weder Auftrag, noch den Willen, sie zu belästigen und war nur gezwungen, die Dienerschaft einstweilen zu sistiren. Wenn Señor Castillos einige Anordnungen für seine Reise zu treffen wünscht und sein Ehrenwort giebt, keinen Fluchtversuch zu machen, werde ich ihm zwei Stunden dazu gestatten. Bis dahin muß das Haus jedoch unter Aufsicht bleiben.«
»Ich gebe mein Wort. Ich bitte Sie, Señor, den Padre Antonio, den Cura dieses Sprengels, rufen zu lassen, den Sie in meinem Hause gefunden haben werden.«
»Der Padre« sagte der Beamte kalt, »ist bereits auf dem Weg nach Pampluna. Er wünschte, sofort abzureisen und ich hatte keine Ursach', ihn daran zu hindern.«
»Ah!«
Zum ersten Mal schoß es wie ein Verdacht durch den Sinn des ehrlichen Jägers, doch unterdrückte er ihn rasch wieder. Er setzte sich auf die Bank unter der Eiche, wo ihn seine Freunde umgaben, und berieth mit ihnen, was zunächst zu thun sei.
Auf den Befehl des Obersten hatten, bis auf die Posten an den Eingängen, die Lanziers das Haus verlassen, holten ihre Pferde herbei und machten sich fertig zum Aufbruch. Unter den zurückkehrenden Posten, die in der Nacht alle Zugänge des Platzes bewachen gemußt, befanden sich auch die beiden Reiter, welche den Seitenpfad nach
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der Straße von Ostitz bewacht halten, den der Mönch und sein Begleiter eingeschlagen.
Sie rapportirten dem Offizier.
»Ich glaube, hier hören wir eine Nachricht von einem unserer Gefährten, den wir bereits vermißt« sagte der Oberst. »Hier ist ein Brief an Sie, Herr Kapitain, der wenigstens seinen Namen trägt.
»Von wem?«
»Von dem Grafen von Lerida. Es scheint, daß er bereits nach Pampluna zurückgekehrt ist, um sich die traurige Scene zu ersparen, der wir hier beiwohnen mußten. Nach dem Rapport des Unteroffiziers hat wenigstens ein Mann von seinem Aussehen mit dem Padre den Posten passirt und dort diesen Brief geschrieben und ihm zur Bestellung übergeben.
Der junge Marquis bemerkte, daß Aller Augen neugierig auf ihm ruhten. Er suchte sich mit Gewalt zu fassen und öffnete das mit Bleistift geschriebene, mit einer Oblate verschlossene und an ihn adressirte Billet.
Während er es las, wechselte trotz aller Anstrengung, die er machte, zwei Mal seine Farbe. Der Inhalt lautete:
»Der Herr Marquis de la Houdinière wird die Güte haben, meinen Diener Mauro zu beauftragen, mir sogleich nach Madrid zu folgen.
Er wird dem Señor Castillos sagen, daß ich in Madrid und sein dankbarer Schuldner bin.
Der Herr Marquis wird ferner die Güte haben, mich bei den andern Herren zu entschuldigen. Ich rathe ihm, die Bären, die er so tapfer gewonnen, lebendig nach Paris schaffen zu lassen und dem jardin des plantes ein Geschenk damit zu machen. Er wird meinen
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Respekt Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin bezeugen und meine Huldigung seiner schönen Cousine zu Füßen legen, bis ich die Ehre haben kann, der kaiserlichen Einladung Folge zu leisten.
Auf Wiedersehen in Paris.
Don Juan.«
Der Marquis war sehr bleich, aber er fühlte, daß er nicht zögern durfte. Er reichte dem Prinzen, der ihn scharf beobachtete, den Brief. »Lesen Sie, Monseigneur - es ist in der That von unserem Freunde!«
Die Donner von Gaëta.
Wallende Nebel von Pulverdampf ballten sich und hoben sich in den blauen Aether, dort vor dem Felsengrat, der sich weit hinausstreckt in's tyrrhenische Meer - wo Aeneas landete und seiner Amme das Grab in das Gestein hieb. Zitterten die Könige von Gottes Gnaden auf den Thronen Europas nicht bei jedem dieser Donner? Ahnten sie nicht, daß die Eisenlast, die er warf, auch an die Fundamente ihrer Throne schlug?
Aber die legitimen Könige von Gottes Gnaden sind oft mit dem hochmüthigen Fluch der Blindheit geschlagen, und der constitutionelle Schwindel von der Themse her hat ihr Blut und ihr Gewissen bereits so viel angekränkelt, daß man zufrieden sein muß, wenn sie noch so viel Kronenstolz haben, um nicht ihren Herzögen und Fürsten und Grafen den Rang abzulaufen in der Jobber-Allianz der Eisenbahnen und Börsen-Aktien, die dem dummen Volke das Geld aus der Tasche saugen!
Heilige Aristokratie! Es ist heutzutage eine hohe befriedigende Freude, ein Royalist zu sein, und an Ideale
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zu glauben, die jeder schreibende Judenjunge im Kothe umherwischt! -
Leser - warst Du in Italien? hast Du Gaëta gesehen, Gaëta, Gaëta mit den klassischen Erinnerungen der Ghibellinen-Kämpfe bis herab zu dem Pfaffenasyl des Pontifex, das übermüthig den Isisschleier der Volksfreiheit heben wollte, und in jämmerliche Krämpfe verfiel beim Anblick des Medusenhauptes, um dessen wunderbare Schönheit sich züngelnde Schlangen ringeln!?
Hast Du es nicht, - so will ich Dir von Gaëta erzählen!
Zwischem dem Golf von Terracina und dem von Neapel, von Nordwest gegen Südost, löst sich von dem theilweise vulkanischen Gebirgsknoten der Apenninen bei Itri und Fondi eine trichterförmig sich verschmälernde Landzunge ab, welche amphitheatralisch von den 800 bis 300 Fuß hohen Berggruppen des Monte Ercole, Monte Christo, Conca, Tortone, - Monte Agatha, Lombone, und Capuc[c]ini zu einer kurzen sandigen, etwa 700 Meter breiten Hals dieses Trichters niedersteigt, und dann plötzlich einen Kopf dieses Halses in einem riesigen Felsenkeil bildet und seine schroffen Wände der Meeresfluth entgegenwirft.
Diese Landzunge bildet den Golf von Gaëta, - auf diesem Vorgebirge, das den 562 Meter hohen Monte Orlando bildet, liegt die Festung Gaëta.
Weit hinaus taucht hier der Blick in's tyrrhenische Meer, nach Norden hin das Vorgebirge des Monte Circe
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erfassend, das die berüchtigten pontinischen Sümpfe abschließt, schweift über die ponzischen Inseln am fernen Horizont und wandert an der Küste entlang an der Mündung des Volturno vorüber, bis in der verschwimmenden Ferne von 8 bis 10 Meilen9 Ischia, Procida und das Vorgebirge Mysene den Golf von Neapel abschließen.
Die Aquamarin-Farbe des Meeres verschwimmt in den weißen Nebel des Horizonts, in den brandenden Fluthen spielt der muntre Delphin und die lateinischen Segel der Fischerbarken tauchen in den Rauch der von Livorno kommenden Dampfer.
Jenes kräftige Vorgebirge, das gleichsam das Haupt der Landzunge bildet und um den Monte Orlando sich gruppirt, hat die Grundgestalt etwa eines Kameelkopfs, von dem die äußere - das Maul bildende und nach Osten sich krümmende - Spitze den größten Theil der Stadt und das alte Kastell trägt, während der westliche Theil den Schädel, als Auge den gewaltigen, mit mächtigen Thürmen gekrönten Dreifaltigkeitsberg, oder Monte Orlando, bildet und - um bei unserem Gleichniß zu bleiben - von dem Ohr, der Bastion della Transilvania her, die Linie der Bastionen und Batterien sich gleich einer Halfter quer über den Hals zur entgegengesetzten Küste zieht und den Kopf gegen die Ebene und die dahinter sich erhebenden Berge absperrt.
Von der Seeseite, dem Südwesten her gesehen, bieten die wild zerklüfteten Kalkfelsen einen grotesken Anblick. An den schroffen, schwarzbraunen Wänden - die hier
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nicht des Schutzes künstlicher Befestigung bedürfen, bricht sich die weißschäumende Brandung und schlägt ihre Zungen in die tief ausgehöhlten Risse und Grotten. Auf der halben Höhe erheben sich weiterhin die Etagen der Festungswerke mit umfangreichen Kasematten.
Wendet man sich in nordwestlicher Richtung um das vorspringende Cap - die Schnauze des Felsthiers - so kommt man aus der tosenden Brandung in das ruhige, blaue Gewässer der Bai. Der Halbkreis des Gestades, die untere Linie des Kopfes und Halses, biegt sich etwa 1\frac12 Meile lang bis Mola nordöstlich und folgt dann der südöstlichen Richtung des großen Küstenlaufs nach Neapel hin. Die Küste ist hier von ziemlich steilen Hängen eingerahmt und von Häusern und Villen besetzt. In verhältnißmäßig nur kurzer Entfernung, (kaum 500 Schritt) von der absperrenden Linie der Festungswerke, an dem diesen zunächst liegenden niedern Monte Atratino, dem dahinter liegenden höheren Monte Capuc[c]ini mit seinem Kapuziner Kloster, und dem beide bis zur Höhe von 337 Metern überragenden Agatha laufen die Häuserreihen der Vorstadt, Borgo di Gaëta, entlang, denen sich Albano und Spiaggia unterhalb des Agatha anschließen. Einzelne Häuser und Villen ziehen sich weiter an der Küste hin bis zu den antiken Resten, die als Cicero's Grab bezeichnet werden, wo er von den Schergen des Antonius erreicht und erschlagen wurde. Am anderen Flügel der Bai, der äußersten Spitze der Festung fast gegenüber, liegt Castellone und Mola di Gaëta, mit der auf den Trümmern des berühmten Landhauses des Cicero erbauten Villa Reale, dem Hauptquartier
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Cialdinis. Die Sehne dieses Halbbogens beträgt etwa drei Viertel deutsche Meilen, bei der Klarheit der Luft, also eine uns geringe Entfernung für das Auge.
Dies wäre etwa, was der Leser über die allgemeine Bildung des Terrains zu wissen hat, auf das wir die nächsten Scenen unserer Darstellung verlegt haben.
Das Innere der Stadt Gaëta macht auf den Besucher einen wenig günstigen Eindruck - in Italien ist es ja überhaupt die Zusammenfassung des Bildes, was entzückt. Die Stadt ist in ihrem oberen Theil so winkelig und gedrängt in die Felsmasse hinein gebaut, daß der Sonnenschein in ihren engen Gassen und Gäßchen kaum dem Namen nach bekannt ist. Eine einzige Straße durchläuft am Fuß der Felsmassen die Stadt und erweitert sich nur hier und da zu etwas freieren Plätzen. Die Wege, oftmals stufig in den Felsen gehauen, steigen bergauf, bergab, oft kaum breit genug, um den Begegnenden Raum zum Ausweichen zu lassen. Die hohen Häuser stützen sich gegenseitig durch Gewölbbogen; labyrinthische Gänge schlüpfen zwischen kahlen Felswänden und schroffen Festungswällen finster und einsam hindurch, und hier und da hat man den Felsengrund selbst als Mauerwerk benutzt. In den Gebäuden winden sich dunkle Stiegen empor, eine eisige Steinluft durchfröstelt die Räume, welche nur in den höheren Etagen vom Sonnenlicht erwärmt werden. Man ist froh, wenn man, dem donnernden Widerhall der Brandung folgend, bis zum Klippenrand vorgedrungen ist, auf welchem der Leuchtthurm sich erhebt, und wo das Auge frei über das Meer hinüber nach dem schönen Parthenope schweifen kann.
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Der untere Theil der Stadt zeigt zwar weniger diesen finstern - maurisch-arragonesischen - Charakter, aber von gemüthlicher Wohnlichkeit ist auch hier nicht die Rede; unerträgliche Hitze im Sommer, quälende Kälte ohne Schutz im Winter. Zu den hervorragenderen Gebäuden dieses Stadttheils gehört der sogenannte königliche Palast, ein einfaches zweistöckiges Wohnhaus, in dem Papst Pius IX während seines Exils im Jahre 1849 mit Antonelli residirte. Man ist überhaupt in Italien sehr freigebig mit der Benennung »palazzo«.
Non den Kirchen ist außer der von St. Francisco nur die aus der Zeit Kaiser Rothbart's stammende Kathedrale von St. Erasmo mit der Fahne des Siegers von Lepanto, und die außerhalb der Stadt auf jenem Berge am Meer stehende Kirche von Santa Trinita zu nennen, den nach der Sage der letzte Seufzer des sterbenden Heilands bis in seine Tiefen zerriß, gleich dem Vorhang des salamonischen Tempels.
Leser, warst Du im Stande, aus dem Vorgesagten Dir ein annähernd Bild der Felsenveste Gaëta zu machen, so höre kurz seine Geschichte, so reich an Wechseln, wie wohl kaum eine andere sie aufweisen dürfte!
Wie wir bereits erwähnt, verliert sich die Geschichte Gaëta's in's graue Alterthum.
Aeneas soll sie, als er von Troja floh und die liebesehnsüchtige schöne Königin Karthago's alberner Weise im Stich ließ, - eine Geschichte, die das stille Bedenken erregt, Madame Dido sei mindestens eben so alt gewesen, wie Frau Potiphar - Aeneas also soll es zu Ehren seiner Amme Cajeta erbaut haben. Erwiesen ist, daß die Stadt
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griechischen Ursprungs, also sehr alt ist. Während der Herrschaft des alten Roms war sie Municipalstadt und unter Kaiser Augustus gehörte sie zur Landschaft Campanien. Römische Patricier hatten ihre Villen hier, um die stärkende Meerluft in vollen Zügen zu trinken und sich von ihren Orgien wieder zu kräftigen.
Als im fünften Jahrhundert die Gothen zur Herrschaft über ganz Italien gelangten und nach achtzehnjährigem Kampf mit Belisar und Narses, den berühmten Feldherrn des Justinian, der letztere sie schlug, setzte der Eparch Longinus einen Duca oder Herzog auf die Felsenveste, deren bedeutsamere Geschichte für Italien mit dieser Erhebung beginnt; denn bald darauf, von der Herrschaft der Longobarden in Ober-Italien angeregt, erklärte sich der griechische Duca von Gaëta souverain.
Aus der Niederlage der Longobarden durch die Franken erwuchs die Macht des Papstthums. Anfangs von Pipin an Papst Stephan geschenkt, kam Gaëta bald an die griechische Herrschaft zurück und spielte in den zahllosen Kämpfen der Griechen, der Longobarden, der Sarazenen und des Papstes um die Herrschaft in Mittel- und Unter-Italien eine bedeutende Rolle, bis das Erscheinen der deutschen Kaiser und der Normannen eine neue Phase dieser ewigen Kämpfe und Intriguen schuf.
In dieser Zeit befreite Kaiser Heinrich III. Gaëta aus der Herrschaft des longobardischen Fürsten von Salerno, und Gaëta war es, das nebst Aquina allein für die Rechte des jungen Barbarossa Otto IV. zu widerstehen vermochte. In jener Zeit geschah es, daß der neugekührte
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Kaiser, der so lange als der Träger der deutschen Glorie dem deutschen Volke gegolten hat, bis in den gewaltigen Kämpfen der Gegenwart der greise Hohenzoller Wilhelm an die Stelle des großen Hohenstaufen getreten ist! - Gaëta besuchte und zu seiner Meeresfahrt ein gaëtanisches Schiff benutzte.
Treu dem Kaiser trotzte Gaëta in den darauf folgenden Kämpfen der Guelfen und Ghibellinen, der geistlichen und kirchlichen Macht lange selbst dem Bannfluch des päpstlichen Legaten, und als die Intriguen des päpstlichen Stuhls, um die Macht der deutschen Kaiser in Italien zu stürzen, Karl von Anjou nach Neapel rief und der letzte Hohenstaufe Conradin nach der unglücklichen Schlacht von Tagliacozzo sein junges Haupt auf dem Markt von Neapel dem Block opferte (1269), war es Gaëta, das treu bis zum letzten Augenblick zu ihm hielt.
Dreizehn Jahre später brachen die Dolche der sicilianischen Vesper zum ersten Mal die französischen Fesseln und es begannen um Neapel und seine Umgebung jene langen Kämpfe zwischen der französischen Usurpation der Anjou's und den Spaniern unter Peter von Aragon und seinen Nachfolgern, in denen die päpstliche Politik bald auf der einen, bald auf der anderen Seite stand, nur immer bemüht, ihre eigene Macht zu verstärken. Gaëta widerstand damals fünzehn Monate lang der spanischen Flotte und dem spanischen Heer, gewährte der Mutter des unmündigen Ladislaus von Ungarn seinen Schutz und sah den jungen König in seinen Mauern krönen. Zum zweiten Mal nach dem Tode der wankelmüthigen Johanna von Neapel trotzte
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es der spanischen Flotte in zahlreichen Stürmen, bis es endlich nach Befestigung der spanischen Macht im Frieden an diese fiel.
Später - zu jener Zeit, als das neapolitanische Volk fast so schmachvoll, wie in den Tagen der Gegenwart, seinen jungen König Ferdinand II. von Aragon verrieth und bedrohte, - verließ auch Gaëta die Sache seines Herrn und ergab sich dem Heere König Karl VIII. von Frankreich.
Im Besitz der Franzosen widerstand Gaëta zwei Mal der Belagerung durch den berühmten Gonsalvo di Cordova, bis Hunger es fallen machte.
Karl V. befestigte es in regelrechter Weise und erkannte zuerst die Wichtigkeit des Monte Orlando, so daß es Neapel gegen die französische Invasion Lautrec's unterstützen und 1640 die französische Flotte zurückschlagen konnte. Die Steuer, welche der spanische Vicekönig Herzog von Arcos den Neapolitanern auflegte, um von ihrem Ertrag die Befestigungen Gaëta's verstärken zu können, war es, die den berühmten Aufstand Masaniello's hervorrief. Gaëtanische Krieger waren es, welche den Anschlag des Herzogs von Guise auf Neapel vereitelten.
Als später, 1701, der spanische Erbfolgekrieg ausbrach, spielte auch Gaëta seine Rolle. Graf Daun erstürmte es am 30. September und erst am 6. August 1734 verloren es die Oesterreicher nach tapferer Vertheidigung unter Graf Tattenbach wieder, da die deutschen Verwickelungen keine Unterstützung erlaubten.
Der Wiener Friede von 1735 vereinigte beide
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Sicilien zu einem Reich, und Karl III. wurde der Begründer der bourbonischen Dynastie auf dem Thron von Neapel.
Unter ihr gab in dem Krieg mit der französischen Republik Gaëta jenes erste Beispiel feiger Ergebung, das fast den alten Ruhm ausgelöscht hätte, wenn nicht so heldenmüthige spätere Vertheidigungen dies gesühnt hätten. Ohne Widerstand öffnete es 1799 den 400 Reitern des General Rey seine Thore.
Die Republikaner theilten gleiche Schande mit den königlichen Truppen. - Gaëta ergab sich bald darauf wieder dem rechtmäßigen Herrn.
Als nach der Drei-Kaiser-Schlacht von Austerlitz Napoleon dekretirte: »Die Dynastie von Neapel hat zu regieren aufgehört!« und seinen Bruder Joseph auf den Thron des alten Parthenope setzte, war es Gaëta allein, das der französischen Invasion muthig Trotz bot.
Ein Deutscher, der Prinz von Hessen-Philippsthal, war es, der jene heldenmüthige Vertheidigung vom 8. März 1806 an gegen Regnier und Massena führte, bis am 7. Juli eine Bombe ihn unter den Trümmern der Bastion di Tre Piano begrub.
Am 18. Juli kapitulirte die Festung und fiel in französische Hände, um nun neun Jahre später noch eine andere heroische Vertheidigung zu finden, die den Strahlenglanz der Treue, würdig einer besseren Sache, auf das Grab eines königlichen Abenteurers werfen sollte, der selbst nicht Treue gehalten.
Der doppelte Verrath Mürats hatte nicht vermocht, ihm den Thron des schönen Neapel zu wahren.
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Nachdem Carrascosa die neapolitanische Armee den Oesterreichern überliefert hatte, Mürat nach Frankreich geflohen war und alle festen Plätze sich längst König Ferdinand IV. wieder unterworfen hatten, war es Gaëta, das allein dem Besiegten die Treue hielt und - nachdem selbst der corsische Gigant zusammengebrochen, - einer Welt in Waffen zu trotzen wagte.
Es ist uns kein ähnliches Beispiel von Heldenmuth eines Neapolitaners bekannt, wie es der von Mürat eingesetzte Kommandant von Gaëta, Baron Begani, gegeben hat.
Er war ein eifriger Anhänger des leichtsinnigen aber kühnen und chevaleresken Königs; Die[die] Besatzung der Festung bestand aus nur 2000 Mann, meist aus Oberitalien und den Marken, und gleich dem tapfern Kommandanten enragirten Müratisten. Vom 19. Mai ab wurde die Meerveste auf der Landseite von österreichisch-toskanischen Truppen und der altroyalistischen Bevölkerung, auf der Seeseite von einer englischen Flotte blokirt. Aber allen Aufforderungen zur Uebergabe antwortete Begani ein trotziges »Nein«! und den Aufstandsversuchen im Innern mit eiserner Strenge.
Selbst die Bedrohung mit dem Tode am Galgen, wenn die Festung im Sturm fiele, vermochte ihn nicht zu schrecken, eben so wenig wie die Nachricht von dem Einzug Ludwig XVIII. in Paris.
Erst nachdem drei Mal die Festung bombardirt worden war, am 8. August zog die Garnison die weiße Fahne
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auf und ergab sich. Siebenunddreißigtausend Kugeln und Raketen waren von Land und See auf die kleine Festung gefallen, die tapfere Vertheidigung hatte König Mürat eine Landung von Corsica aus sichern sollen; - die spätere, am 8. October in Pizzo in Kalabrien wurde bekanntlich sein Tod.
In späterer Zeit wurde der Name Gaëta's und Begani's noch einmal genannt - aber in Verbindung mit Schmach und Feigheit, zu jener Epoche der neapolitanischen Armee von der es hieß, daß das Heer »keinen Soldaten von Ehre mehr« besitze. Es war dies 1821, als die Oesterreicher dem Treiben der Carbonari's in Neapel ein Ende machen wollten und die Armee in colossaler Meuterei davon lief samt den Garnisonen, so daß selbst die Energie Begani's die von Gaëta nicht halten konnte.
Es war das würdige Vorspiel von 1860!
Erst durch die Gründung der vier Schweizer-Regimenter erhielt die neapolitanische Armee wieder einen Halt der Treue. In den Stürmen von 1848 blieb Gaëta ein Bollwerk für Thron und Glauben und gewährte Pius IX., der so unbedachtsam den Tiger entfesselt hatte, ohne die Kraft zu haben, ihm Schranken zu setzen, vom 25. November 1848 bis zum 4. September 1849 Schutz gegen das aufrührerische Rom, dessen »Republik« Garibaldi gegen dieselben Franzosen vertheidigte, denen er später gegen ihre Feinde zu Hilfe ziehen sollte.
Das Schicksal und die Gedanken der Menschen wechseln wunderlich!
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Die Tauben der Königin.
Die Witterung war bis zu dem Weihnachtsfeste sehr ungünstig gewesen, hatte sich aber seit dem 25. December geändert, und ein heller blauer Himmel wölbte sich über der schwer bedrohten Festung. Die von den Batterien der Belagerten bekränzten Höhen hatten ihr Schneehaupt verloren und das neue Jahr schien im Gewande des Friedens und der Milde auftreten zu wollen, denn auf beiden Seiten schwieg seit dem Morgen der Donner der Geschütze.
Seit dem 5. November war Gaëta von den Piemontesen belagert und auf der Landseite cernirt, während bisher die französische Flotte unter Admiral Barbier de Tinan nebst einigen spanischen Kriegsschiffen die Blokade und das Bombardement von der Seeseite verhindert und die Flotte des Generals Persano - die im Golf so verrätherisch gestohlenen und feig überlieferten neapolitanischen Schiffe, - in ehrerbietiger Entfernung auf der Höhe des Meeres gehalten hatten.
Es war ein prachtvoller Nachmittag, - die Sonne bereits im Sinken, - und wenn auch zu dieser Jahreszeit der üppige Reichthum der südlichen Vegetation mit seiner
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warmen Färbung fehlte, so ist sie einerseits auf dieser felsigen Küste ohnehin geringer, und andererseits bot die klare Durchsichtigkeit der Luft mit der weiten Aussicht auf die pittoresken Steinformationen, die wunderbare Bläue des Meeres und die kriegerische Staffage von Land und See ein reich entschädigendes Bild.
Das schienen auch die beiden Männer zu empfinden, die um die vierte Stunde von einer Terrasse des Monte Orlando, grade über der Batterie, die man unterhalb des Thurmes errichtet hatte, standen, denn von Zeit zu Zeit schwieg ihre sonst sehr eifrige Unterhaltung und sie betrachteten das Rundbild zu ihren Füßen.
Die Unterhaltung, die sie führten, geschah in der deutschen Sprache, und Beide bewiesen durch ihre Uniformen, daß sie zu den Vertheidigern der Festung gehörten. Der Eine trug den dunklen Rock der Artilleristen mit dem Abzeichen eines Feuerwerkers, der Andere die Uniform eines der drei Fremdenbataillone, deren Mannschaften zum größten Theil aus Schweizern - den Resten der von der Revolution so schlau beseitigten Regimenter Siegrist, Brunner, Muralt und Riedmatten, - Deutschen, Franzosen und Belgiern bestand.
Der Artillerist war ein Mann von einigen vierzig Jahren und sein tief gebräuntes Gesicht zeigte den Stempel eines wüst und unruhig verbrachten Lebens. Er hatte kleine, funkelnde Augen und bereits ergrauendes Haar - ein struppiger Bart bedeckte den unteren Theil des von Blatternarben entstellten Angesichts. Es lag in diesem Gesicht etwas Unangenehmes, wenig Vertrauen Erweckendes, und doch
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zeigte der ganze Ausdruck wieder eine sorglose Kühnheit und übermüthige Sicherheit, die sich auch in den leichten, ungezwungenen Bewegungen der untersetzten, kräftigen Gestalt wiedergab. Obschon diese Ungebundenheit wenig mit soldatischer Regelung übereinstimmte, lag doch Etwas darin, das bewies, man habe einen vielgedienten Soldaten vor sich, einen jener Landsknechte des neunzehnten Jahrhunderts, die Politik, Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Zonen verschlagen haben.
Einen starken Gegensatz zu ihm bildete sein Begleiter. Er konnte etwa 18 bis 19 Jahre zählen, war von hoher, aber muskulöser Gestalt, an der man freilich, wie an dem Ganzen noch das Unfertige, Werdende wahrnahm. Dem entsprach auch das gutmüthige, frische Gesicht mit großen, blauen Augen und der kräftigen Stirn unter dem braunen Kraushaar. Form und Teint dieses Gesichts bewiesen, daß er kein Südländer, sondern von jenseits der Alpen war, und der gemüthliche weiche Dialekt bekundete ihn als Sohn der oberbayerischen Gebirge.
Das Panorama zu ihren Füßen war in der That fesselnd. Selbst wenn das Auge nicht nach der Ferne schweifen wollte zwischen die Höhen des Monte Christo, Tortone und Capuccini, deren südliche Abhänge mit den Batterien der Piemontesen besetzt waren, oder weiter über den Spiegel des Golfs nach den Zelt- und Barackenlagern von Mola di Gaëta, bis es sich an den fernen parthenopischen Bergwänden verlor, war schon das Schauspiel zu ihren Füßen ein reich interessantes. Von dem Standpunkte, den Beide einnahmen, konnten sie das Innere fast aller Werke und
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Batterien der Vertheidigung übersehen, von der Bastion della Trinita mit ihren zehn sechzigpfündigfündigen Haubitzen, bis zur Porta di Terra und der See-Batterie San Antonio.
An ihren Geschützen lagerten die Kanoniere - hier und da wurde trotz des Festtags die Ruhe benutzt, um die von den piemontesischen Kugeln gepflügten Wälle auszubessern; aus anderen Gruppen hörte man heiteres Lachen und Gesang und namentlich waren es die treu gebliebenen Seeleute, die den heitersten Muth zeigten. Daneben wurde keineswegs der Dienst vernachlässigt; denn überall standen die Wachen auf ihren Posten, die Munitions-Kommandos schleppten neuen Vorrath aus dem Arsenal und den bombensichern Gewölben in die Batterien, und die Offiziere machten die Runde.
Auch in viele der engen Straßen und Gäßchen, mit den hohen, an die Felswand hinein gebauten Häusern reichte der Blick und sah den Verkehr der durch die Auswanderung nach Civita vecchia ziemlich geschmolzenen Bevölkerung, welche die Pause des Bombardements benutzte zu Gängen durch die Stadt, oder um sich am schmalen Quai umherzutreiben und von den Soldaten sich Rath und Hoffnung zu holen, oder mit den Seeleuten, die von der Flotte herüber gekommen, allerlei Geschäfte zu machen.
Auf dem nach und nach vergrauenden Azur der Rhede aber wiegten sich die mächtigen Dampfer und Fregatten, grade über der Batterie di Santa Maria das französische Geschwader, der St. Louis, der Impérial, der Bretagne und die anderen Schiffe, während weiter ab einige spanische Fahrzeuge ankerten und weit draußen am
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Horizont die Mastspitzen der kreuzenden Schiffe des piemontesischen Admirals verschwanden. Boote kreuzten zwischen dem Lande und der französischen Flotte, und von Süden her um die Felsenspitze zog in langer Dehnung der Rauch eines zum Hafen steuernden Dampfers.
»Beim Propheten!« sagte nach einem längeren Umblick der Artillerist, indem er sich den Bart strich, »ich fürchte, Neffe Max, die Expedition, von der Du mir sagtest, könnte ein Hinderniß erfahren.«
»Wie so, Ohm Hradek?«
»Bah! Ich bin zwar eine Landratte, wie sie's heißen, aber ich verstehe doch genug von der See, die mich zehn Mal zwischen den Küsten der alten und neuen Welt hin und her getragen, um zu wissen, daß die Herren von der Flotte da drüben sich auf eine unruhige Nacht gefaßt machen. Wenn man ein Bauer wie Du geblieben und nie aus seinen Bergen hervorgekommen ist, hat man freilich kein Auge dafür und merkt höchstens, wenn der Regen das Heu zu verderben droht oder es Zeit ist, die Kühe in den Stadel zu treiben.«
»I bin kein Bauer, Ohm Hradek!« sagte der junge Mann unwillig, »sondern a Jäger, und i hab a Gucker so gut wie der beste Bursch in der Jachenau, das a Gamsthier auf hundert Gänge weit von an Bock unterscheiden kann!«
»Ein Jäger willst Du sein?« sagte der Aeltere höhnisch. »Beim heiligen Nepomuk und beim Blutbrunnen von Cawnpoor - das ist mir ein großer Jäger, der höchstens einen elenden Rehbock oder einen Hasen für die Tafel seines gnädigen Herrn schießt! Lern' erst dem schwarzen
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Löwen des Atlas beim Sprung die Kugel durch's Auge in's Gehirn zu schicken, den bengalischen Tiger, ohne mit den Wimpern zu zucken, auf's Korn nehmen, oder dem wilden Nashorn durch einen kecken Seitensprung zu entgehen, wenn es auf Dich losstürmt, als wollte es mit seinem Gewicht Felsen zermalmen, - dann werde ich sagen, daß Du ein Jäger bist und ein sicheres Auge hast.«
»Schau« sagte der junge Mann, »i hab zwar mei Lebtag noch kei Rindozeros gesehen und a ka'n Tiger nit, weil i nit so weit g'reist bin, wie Du, Ohm, aber i sollt' denken, wer den Gamsbock auf der äußersten Spitze vom Zuckhorn verfolgt hat, der fürcht halt kei andre Jagd nit. Dös müßt Oes doch am besten wissen, daß die Gamsjagd kei leicht und ungefährlich Ding is.«
»Still, Bursche« sagte der Andere mit einem bösen Seitenblick. »Willst Du mich d'ran erinnern, daß ich fast zwei Jahre im Zuchthaus zu Ingolstadt gesessen, weil Dein Vater den Mann seiner eigenen Schwester beim Gericht wegen einem Paar lumpiger Thiere, die ich schoß, denuncirt hat?«
»Unser Vater« sagte der junge Soldat trotzig, »is geschworener herzoglicher Förster und darf ka Wilddieberei nit dulden, und wenn's sei eigner Bruder wär'. Ueberdies habt Oes auf den Stoffel geschossen und was Euch geschehn is, is zu recht geschehn, so sehr auch Selbiges Vater und der Mutter zu Herzen gangen is. I war damals noch a junger Bua - aber ich weiß, daß alle Leut sagt haben, der Vater hat recht gethan und es mußt a End gemacht werden mit Eurem schlimmen Thun.«
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»Meinst Du?« knirschte höhnisch der Andere. »Nun - es ist lange her, daß ich's vergessen konnt' über hundert schlimmern Dingen, die mir in drei anderen Welttheilen passirt sind, die ich seitdem gesehen - freilich, nichts Schlimmeres, als daß mein Weib starb, als ich damals im Zuchthaus saß, aus Angst und Gram darüber.« Es zuckte wie ein Kampf zwischen grimmigem, Rache dürstendem Haß und einem tiefen Schmerz über sein zerrissenes Gesicht, aber er unterdrückte ihn gewaltsam. »Daß ich's nicht nachgetragen, Neffe Anton, zeigt Dir, daß ich mich Dir zu erkennen gab, als Du hierher kamst und ich Deinen Namen hörte.«
»Es war halt schön von Euch, Ohm« sagte der junge Mann, »daß Oes zu der gnädigen Königin gestanden habt in Ihrem Unglück und nicht zu dem welschen Volk.«
»Larifari! Ich dien', wer mich bezahlt und hab' den Dienst so oft gewechselt, daß mir die Sache, für die ich grade fechte, sehr egal ist, wenn's nur Geld und lustiges Leben giebt. Der kaiserliche Dienst hat mich wenigstens zu einem tüchtigen Artilleristen gemacht, und ein solcher findet überall sein Brod, wo Kanonen knallen. Das haben die Preußen empfunden in der Pfalz und die Engländer in Lucknow und Cawnpoor. Der Nena wußte das Verdienst eines Mannes zu schätzen. Weißt Du, Bursch, daß ich dort den Rang eines Hauptmanns hatte und viele Hunderte meinem Befehle gehorchten, während ich hier nichts als ein erbärmlicher Unteroffizier bin.«
»Aber geht's, Ohm,warum seid Oes denn nit da blieben?«
»Narr! Wenn mich die Rothjacken gefaßt hätten, würden
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sie mich vor eine meiner eigenen Kanonen geschnürt und in die Luft geblasen haben, wie die armen Seapoy's. - Ich merkte es bei Zeiten, als es schief ging. So salvirte ich mich auf einem holländischen Schiff nach der afrikanischen Küste.«
Der noch wenig lebenserfahrene junge Mann sah mit einer gewissen Bewunderung zu dem Oheim auf. Grade dessen abentheuerliches, bewegtes Leben hatte ihm einen großen Respekt, eine Theilnahme für den Verwandten eingepflanzt, die diesem einen Einfluß verschafften, den seine moralischen Eigenschaften sonst schwerlich gewonnen hätten. Der welterfahrene Strolch hatte das bald gemerkt und sich zu Nutze gemacht. Seine selbstsüchtigen, mit den Gesetzen der Ehre und der Ordnung grade nicht sehr harmonirenden Ansichten und Pläne drohten in der That einen verderblichen Einfluß auf das Gemüth des jungen, unverdorbenen Menschen zu gewinnen, der keine Ahnung hatte, daß er das Werkzeug seines Verwandten sei.
»In Afrika, da wohnen ja wohl die Mohren? Und da seid Oes auch 'west, Ohm?«
»In Egypten, Toni. Es giebt zwar genug Schwarze dort, aber für gewöhnlich sind sie nur kaffeebraun. Ja, Bursch, ich hab' Menschen von allen Farben gesehn, von denen Ihr freilich Euch Nichts träumen laßt in Euren Bergen.«
»Und was thatet Oes in Egypten?« frug der junge Mann, der gar zu gern erzählen hörte. »Wart Ihr dort auch ein Hauptmann wie drüben in Indien?«
Der Landsknecht lachte. »Nicht ganz, aber ich hätte
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es sicher dazu gebracht und hoffentlich noch weiter, zum Aga oder Pascha. Es ist ein gutes Land, um sein Glück zu machen, wenn auch meist verdammt kahl und öde. Ich könnte Dir hundert Abenteuer da erzählen aus der Wüste und von den braunen Schurken, den Beduinen, obschon die weißen Schurken in den Städten noch über sie kommen. Ein ander Mal davon! Weiß nicht, wie's kommt, aber ich hab' einmal nirgends Ruhe, seit Deines Vaters Schwester da im Grab auf dem Dorfkirchhof liegt und die Berge auf sie niederstarren, auf denen ich einst friedlich die Gemse pürschte.«
»So gingt Oes wieder fort aus dem Egypterland, wie der Moses mit dem auserwählten Volk, wie's in der Bibel steht?«
»Nicht ganz so, mein Junge, denn die Ebräer waren klug genug, mit vollen Säcken sich zu drücken, während ich so ratzenkahl mich salviren mußte, daß mir kaum die Mittel blieben, den italienischen Padrone zu bestechen, der mich in Brindisi an's Land setzte, obschon ich die Taschen voll Gold und Edelsteinen hatte, als ich aus Indien ging. Aber es dauerte freilich nicht lange, obgleich ich den besten Willen hatte, mein Geld mit nach Europa zu nehmen und dort wie ein großer Herr zu leben - in Inspruck, in München - oder in meiner Heimath, im alten Prag. Wär's so gegangen, beim Brunnen von Cawnpoor! ich hätte mir leicht selbst eine Herrschaft und meine eigenen Jägersleute halten können, der ich von Anfang doch nur ein armer Soldat und Wildschütz war, den Dein Vater, der gestrenge Förster, in's Zuchthaus stecken ließ!«
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Er kam unwillkürlich immer wieder auf den Punkt zurück und ein Menschenkenner hätte leicht gemerkt, wie schwer ihm dieser gleich einem Wurm am Herzen fraß. Der junge Mann dachte jedoch gutmüthig nur daran, ihn von diesen Erinnerungen abzulenken.
»Schad' ist's, daß Euch die schlimme Leut 's viele Geld so 'stohln hab'n. Dös wär' doch bei uns im Bayerland nit g'schehn!«
Der Ohm lachte. »Mit dem Stehlen hat's gute Wege, wenn ich mich nicht selbst bestohlen hätte! Es ist auch nicht schlecht unter den Soldaten des Khedive, denn es giebt manche Streiferei und manche Expedition, wobei ein kluger Kerl sich die Taschen füllen kann, und wenn die verfluchte Geschichte in Alexandrien mit dem Engländer nicht gekommen wäre, - Gott verdamme die Kerle, die ihre Nase überall haben und wie der ewige Jude sind! - ich wäre wohl noch da. So mußt' ich Fersengeld geben, wie gesagt, ratzenkahl, und froh sein, daß ich beim kleinen Bombino Handgeld in der Fremdenlegion erhielt.«
»Pfui, Ohm - Oes dürft nit despektirlich sprechen von Seiner Majestät. I leid's nit!«
»Pah - das ganze Bataillon nennt ihn so und der Name würde ihm keinen Schaden machen, wenn er nur sonst ein Mann wäre und die Hosen anhätte, statt sie den Weibsleuten zu überlassen. Aber so viel ist sicher, daß hier in dem alten Bergnest nicht viel zu holen ist, als piemontesische Kanonenkugeln; denn mit dem Traktament hapert's gewaltig, und wenn's nicht etwa Knauserei ist, wie die Leute meinen, da die Keller der Citadelle voll Gold liegen
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sollen, so hätt' ich besser gethan, mich bei den Päpstlichen anwerben zu lassen, wo's trotz der Schläge doch wenigstens fette Peterspfennige giebt. Hätt's auch gethan, wenn ich Dich nicht zufällig am Volturno getroffen hätt'. - Bist noch das Einzige, was ich in's Herz geschlossen habe!«
»Ihr vergeßt Eure Tauben, Ohm!«
Der Aeltere warf ihm einen raschen, mißtrauischen Seitenblick zu. »Was meinst Du mit den Tauben, Bursch?«
»Na, i mein' halt, wer die lieben, unschuldigen Geschöpfe da so hegt und pflegt, wie Oes thut, Ohm, der Ihr die halbe freie Zeit auf dem Taubenschlag sitzt, den Ihr Euch da gebaut habt auf dem Thurm, der hat noch a Herz auch für sei Mitmenschen und Oes macht Euch schlimmer, als Ihr selber seid!«
Der Landsknecht lächelte verächtlich. »Magst's glauben - 's hat jeder Mensch seine Passion, und wenn die meine früher war, einen Hirsch oder eine Gems zu pürschen, was mich in's Unglück gebracht hat, so ist sie jetzt unschuldigerer Natur - ein Taubenschlag, der auch seinen Vortheil hat, denn die barmherzigen Schwestern holen sich mehr als eine meiner munteren Dinger, um eine Suppe daraus zu kochen für ihre Kranken, und kosten thut der Spaß Nichts, da sich das Zeug selbst sein Futter holt in den Bergen.«
»I wund're mich nur« antwortete der junge Mann, daß sie das G'schieß aushalten und nit längst auf und davon geflogen sind.«
»Sind an's Haus gewöhnt wie der Tyroler an die Berge! Kommt freilich vor, und darum schaff' ich mir auch Ersatz, wenn das Proviantschiff kommt von Civita
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vecchia!« Er that einen gellenden Pfiff, und ein Taubenschwarm, der seither über ihnen munter in der Luft gekreist hatte, senkte sich nieder auf die Mauerstücke und Steine umher und der alte Soldat streute ihnen Brodkrumen und Gerstenkörner aus, die sie vertraulich zu seinen Füßen aufpickten. -
Der Böhme wandte seine Blicke wieder auf das Meer. »Bismillah wie die braunen Hallunken da drüben sagen, - da stößt schon wieder ein Nachen mit Offizieren vom Strande ab und rudert eilig nach der Flotte. Wärst Du ein Seeverständiger, würdest Du sehen, daß alle Mann an Bord an den Raaen beschäftigt sind, jeden Fetzen Leinwand zu bergen. Ehe zwei Stunden um sind, wird von der afrikanischen Küste her ein ganz strammer Wind blasen, der es den beiden alten Transportschiffen schwer machen möchte, den Dampfern des Admirals zu entwischen, ohne an der Küste zu zerschellen.«
»Aber die Truppen sind bereits an Bord!«
»Dobre! so werden sie wieder sich ausschiffen, oder hübsch warten. Wie viel Mann sagtest Du doch, daß die Expedition mitmachen sollen?«
»Zwei Compagnien des ersten Fremden-Bataillons und dreihundert Mann von den Jägern.«
»Welches Bataillon?«
»Das achte unter Oberstlieutenant Nunziante.«
»Teufel, der? Aber sein Bruder ist ja für den Sardinier?«
»Eben deshalb! Der Herr ischt gut königlich und will halt gut mache, daß der Lump, sei Bruder in Neapel, a Verräther 'wesen is!«
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»Ich hab' davon gehört,« meinte der Andere. »Es hat an Schurken nicht gefehlt, Kerle mit vornehmen Namen und hohem Amt und so niederträchtig schuftig, daß der Tugh[Thug], der seinem Opfer die Schlinge unversehens um den Hals wirft, noch ein ehrlicher Feind dagegen ist! Wir haben in der Batterie einen Sechspfünder, auf dessen Rohr der Name Nunziante steht. Bombino war neulich dort, und als er zufällig den Namen las, traten ihm die Thränen in die Augen.«
»Der König hat halt a gut Herz und s'is Schand' g'nug, daß sie em so verrathen hab'n.«
»Weißt Du, wo die Expedition landen soll?«
»S'is a Stadt, Reggio thun's heißen!«
»So - so! - und Dein guter Freund, der neugebackene Lieutenant, geht der auch mit?«
Der junge Soldat erröthete unwillkürlich. »I wa's nit, Ohm!«
»Lüge nicht, Toni - Du solltest das nicht wissen?«
»Nu - i glaub nit, daß er aa mitgeht!«
»Glaub's wohl. Und wer ist denn eigentlich der Herr Max?«
»I hab' Euch schon g'sagt - i weiß nit! i kenn em nit anders, wie jeden andern Soldaten aa!«
»Mach' das dem Teufel weiß, aber nicht einem alten Fuchs, wie ich bin. Du und Deine Schwester, die Fratz, die immer thut, als wär' ich Gift, wenn ich ihr die Hand reiche, kennt ihn mehr als irgend einer, - vielleicht die Bombina ausgenommen!«
»Ohm!«
»Nun, die kleine Königin, wenn Du's einmal lieber
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hörst. S'ist mir aufgefallen, daß sie sich stets von ihm wendet und nie ihm ein Wort gönnt, wie sie's doch jedem Andern thut, der sich wacker zeigt, und Courage hat der Bursche, das muß man ihm lassen. Als neulich die Granate kaum drei Schritte von ihm krepirte, zuckte er nicht mit den Wimpern. Mir hat's manchmal geschienen, als suche er den Tod, so keck exponirt er sich auf den Wällen. Aber rechter Ernst mit der Gleichgültigkeit und dem Haß scheint mir's doch nicht. Denn als die Compagnie - ich hörte es zufällig mit an - ihn einstimmig für den gefallenen Schweizer Offizier zum Lieutenant vorschlug und General Bosco ihn trotz seiner Ablehnung dazu ernannte, indem er sagte, jeder Soldat habe die Pflicht, den Posten einzunehmen, den ihm der König angewiesen, - sah ich es ganz eigenthümlich leuchten in dem Auge der kleinen Königin, und sie machte ein Zeichen mit dem Kopfe, er möge es annehmen, worauf er kein Wort mehr dagegen sprach. Deshalb eben, Bursche, möchte ich wissen, ob der Lieutenant nicht noch einen andern Namen trägt, als den bloßen nomme de guerre, wie die Franzosen es heißen, Max!«
»Oes thut am Besten, en selber zu fragen!« meinte der junge Mann trocken.
»Narr - glaubst Du, ich will mir bloßer Neugier halber den Mund verbrennen? Das ist kein Mann dazu - darauf versteh' ich mich - er hat etwas im Auge, das jede Vertraulichkeit zurückhält. Deswegen hat er auch wenig Umgang mit den anderen Offizieren oder seinen früheren Kameraden. Du allein machst eine Ausnahme, deshalb glaub' ich, Du mußt ihn kennen!«
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»Oes irrt, Ohm!«
»Larifari - Du willst nur nicht beichten. Die Ausrede, daß Du ihn im Bataillon kennen gelernt, glaub' ich nicht, seit ich gesehn, daß die Kathi am Weihnachtsabend so vertraulich mit ihm sprach, während sie zu hochmüthig scheint, weil sie die Milchschwester einer Königin ist, obschon sich's mit der bald ausgekönigt hat, selbst ihrem Verwandten ein freundliches Wort zu gönnen! - Der Mensch ist ja erst seit vier Wochen in der Festung, kein Anderer kennt ihn - während Ihr von vornherein mit ihm vertraut war't.«
Der junge Mann wurde einer ihm offenbar unangenehmen Erwiderung enthoben; die Taubenschaar stob plötzlich auseinander und erhob sich bis auf einige schöne, weiße Pfauentauben, und als die Beiden emporsahen, stieg um die Wallecke eben eine Gesellschaft empor und auf den freien Platz des Abhangs, deren Näherkommen sie bisher nicht bemerkt hatten.
»Ihre Majestät!« rief der junge Waidmann aufspringend.
»Der Teufel verderbe ihre Mutter!« fluchte der Artillerist. »Es wär eine so schöne Gelegenheit, ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen.« Dennoch richtete er sich in altgewohnter straffer Soldatenhaltung empor, als die Gesellschaft näher kam.
Es war in der That die junge Königin - die Heldin von Gaëta, Marie von Bayern.
Marie Sophie Amalie, Herzogin von Bayern, die Tochter des Herzogs Maximilian von Bayern, und auch von
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mütterlicher Seite aus dem edlen und tapferen Hause der Wittelsbacher stammend, am 4. October 1841 geboren, die jüngere Schwester der Kaiserin von Oesterreich, hatte ihre Jugend in ungetrübtem Glück im Schooße ihrer Familie und der herrlichen Natur des bayerischen Hochgebirges - auf Schloß Possenhofen am Staremberger See - verlebt, und wurde - noch nicht 18 Jahr - am 8. Januar 1859 durch Prokuration, am 3. Februar mit dem Kronprinzen von Neapel vermählt, der, nur 5 Jahre älter als sie, nach dem Tode König Ferdinand's II. als Franz II. am 22. Mai 1859 den Thron beider Sicilien bestieg. Sie zählte also damals - an dem Neujahrstag 1861 - erst wenig über 20 Jahre und hatte kaum sechszehn Monate das dornenvolle Glück einer Königskrone genossen, als das Schicksal sie zu so harten Prüfungen berief.
Die junge Königin ist nicht schön, sie hat ein ernstes, schmales Gesicht mit kräftiger Stirn und feiner, länglicher Nase, dem nur der hübsche, geschlossene Mund und das zierliche Kinn wieder etwas Angenehmeres verleiht. Ihre Gestalt ist nicht hoch, aber zierlich und schlank. Ihre Kleidung war etwas amazonenhaft, aber passend für die Lage und die Anstrengungen, denen sie sich unterzog, gewählt - ein dunkler, bis an die feinen Knöchel reichender Sammetrock, ein kurzes Zouavenjäckchen über dem weißen, gefalteten Hemd der Brust, feine glanzlederne Stulpenstiefeln auf dem zierlichen Fuß, die ihr das Wandern durch allen Schmuz der Batterien und der Straßen ermöglichten, ein niederer grauer Filzhut mit herabhängender Feder auf dem dunklen, einfach gescheitelten und in ein Netz gefaßten Haar, und
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ein grauer, carbonariartiger Mantel über Schultern und Gestalt gezogen und halb erhoben, - das war die einfache Kriegerkleidung der jungen Heldin auf dem Thron.
Sie kam am Arm ihres Gemahls, des gutmüthigen, vom besten Willen beseelten jungen Monarchen, dem sie allein Energie einzupflanzen gewußt, und dem sie vielleicht die Krone gerettet hätte, wenn nicht die Intriguen und der Neid seiner Verwandten, ja der eigenen Stiefmutter, dies gehindert hätte.
Man weiß, daß - als es sich darum handelte, Neapel ohne Kampf den Banden Garibaldi's zu übergeben und die bestochenen und verrätherischen Generale dem armen unentschlossenen Monarchen vorlogen, die Garde- und die Fremdtruppen verweigerten den Gehorsam, - die junge Königin sich erbot, allein unter sie zu treten, und sie zur Treue und Pflicht aufzurufen - und daß jedes Mittel der Feigheit und des Verraths aufgeboten wurde, sie daran zu hindern!
Der König trug eine einfache Uniform nur mit dem Stern des St. Ferdinands-Ordens, so wie, dem Gast zu Ehren, den Großcordon der Ehrenlegion, und das Käppi. Er ist mittelgroß und gut gewachsen, sein bis auf den kleinen Lippenbart bartloses Gesicht gutmüthig, aber energielos. Ihn begleiteten seine beiden jüngeren tapferen Brüder der 22jährige Graf Trani, Brigade-General, der sich in der Schlacht am Volturno heldenmüthig geschlagen hatte, und der 19jährige Graf von Caserta, welcher seit Beginn der Belagerung die wichtige Fremden-Batterie kommandirte und dieselbe fast nie verlassen hat.
In der Begleitung der königlichen Herrschaften befanden
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sich der zweite Gouverneur der Festung, Brigadier Marulli, und der Kommandant der vor dem Hafen liegenden französischen Flotte, Admiral Barbier de Tinan, der zur Abstattung der Neujahrs-Gratulation von dem Admiralsschiff gekommen war mit seinem Adjutanten Bastard und dem Almosenier Abbé Bourgade. Die Königin war allein von der Gräfin Jurien de la Gravière, der edlen Dame, welche von Terracina in einer offenen Barke herübergeschifft war, die Verwundeten zu pflegen, und einer Dienerin, einem jungen Mädchen, nicht älter als sie, begleitet, das die eigenthümliche Kleidung der Landbewohner des bayerischen Hochlandes trug und, als sie den jungen Freiwilligen erblickte, ihm vertraulich zunickte, während ihr Auge mit Verdruß den alten Artilleristen streifte.
Die Augen der königlichen Frau wandten sich sogleich auf die schönen weißen Tauben und ein glückliches heiteres Lächeln, wie in den Tagen, als sie noch unbekümmert durch die heimathlichen Berge schweifte, flog - wenn auch nur auf Augenblicke, - über ihr kummervolles blasses Gesicht.
»Sieh da, meine Lieblinge,« sagte sie freundlich, »zu den Wenigen gehörend, die uns treu geblieben. Gieb mir das Brod, Franz, ich weiß, daß Du immer davon in der Tasche trägst!«
Der junge König brachte in der That ein kleines Weißbrot zum Vorschein und zugleich eine Hand voll Erbsen, die er seiner Gemahlin reichte. »Ich bin vorsorglich gewesen, Marietta!« sagte er - »da nimm!«
»Ah, das ist schön! ich danke Dir! - Nicht so nahe heran, lieber Caserta. Du bist jetzt ein großer Held und
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meine Täubchen fürchten sich vor so gewaltigen Herren, obschon sie den Kanonendonner so wenig scheuen, wie Du!« Und die königliche Frau streute den Tauben, zu denen sich allmählig auch wieder viele der aufgeflogenen gesellten, die Brodkrümchen und das Futter, kniete nieder auf den harten kalten Felsboden und lockte sie zu sich. Bald fraßen auch zwei oder drei der Tauben aus ihrer Hand und eines der schönen weißen Geschöpfe hatte sich sogar auf ihre Schulter gesetzt und pickte an der lang von ihrem Hut wallenden Feder.
Es war ein eigenthümlich ergreifendes Bild - die junge Frau, noch vor Kurzem die Gebieterin von Palästen und Millionen, die Königin eines der schönsten Reiche der Erde, aufgewachsen in jedem Reichthum des Lebens, im Schutz vorsorglicher Liebe der Ihren - dann umgeben von jeder Pracht und Ueppigkeit der Macht - und jetzt ihr Reich beschränkt auf den öden rauhen Felsvorsprung, den sie mit täglicher Einsetzung ihres Blutes, ihres Lebens als den letzten Stein ihrer Krone vertheidigte gegen wilden fanatischen Haß und Eroberungssucht, sie, die Fremde, die nie ein Kind dieses Landes beleidigt hatte.
Und für was? - Für die Liebe eines Gemahls, dem sie durch kalte Politik und Familienstolz angetraut worden, an dessen Seite sie mit dem ersten Schritt in das sonnige Neapel jedes Recht, selbst das geringste der Bürgerfrau, von den Intriguen und dem Neid der eigenen Familie hatte erkämpfen müssen!?
Für die Wahrung der sinkenden Legitimität? - der Legitimität, die das »Avanti!« eines kecken Abentheurers
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die veränderliche Laune eines leichtfertigen Pöbels hatte in Trümmer brechen können - einer Legitimität, die den stolzen Dom der Herrschaft nur trägt, wenn jeder Pfeiler feststeht und zum Himmel strebt, kalter Stein, unverrückt, - und die das Gewölbe in Stücke brechen läßt, wenn auch nur einer der Pfeiler wankt und nachgiebt! - der Legitimität, die Nichts zu thun hat mit den Forderungen des einzelnen Herzens und dem freien Recht der Tausende, - die sich fortzeugt ohne Liebe in kalter Berechnung, oft hohe und warme Herzen sich opfernd, - und an der doch etwas Gewaltiges und Gottbegnadetes sein muß, weil Millionen für sie geblutet haben mit Gottes Willen, und immer wieder Großes und Hohes aus den von der Staatsberechnung fortgezeugten Geschlechtern hervorgeht.
Für was?
Es giebt ein Wort - das heißt Pflicht und Ehre! und wahrlich, Pflicht und Ehre hat herrlich diese junge Königin in den Donnern und dem Kugelregen von Gaëta gewahrt.
Vielleicht mochte manchem der Männer, die jetzt ihre Begleitung bildeten, ähnliche Gedanken gekommen sein und Erinnerungen an das, was das Leben zum Ersatz des Herzens dieser jungen Fürstentochter versprochen und was es gehalten hatte, daß ihre Freude auf das kurze Spiel mit girrenden Tauben beschränkt war, - denn mit stillem Ernst sahen sie auf die kleine Scene und in dem Auge des königlichen Gatten glänzte es feucht.
Die Königin hatte sich erhoben. »Sehen Sie, mein Gemahl,« sagte sie, zum Scherz sich zwingend - »die
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Treue und Ergebenheit bleibt doch nicht ohne Einfluß. Wie viele Fremde haben sich zu meinen lieben Täubchen gefunden und trotz der donnernden Galanterien des Herrn Cialdini in dem alten Gemäuer des Orlando-Thurms eingewöhnt.«
Die Königin hatte sich auf die Bank gesetzt, die unter einem jetzt blätterlosen und von einer Granate der Belagerer gespaltenen Kastanienbaum stand und auf welcher vorhin der Böhme mit seinem jungen Freunde gesessen hatte. Beide waren bei der Annäherung des vornehmen Kreises in respektvolle Entfernung zurückgetreten und dort in militärischer Haltung stehen geblieben, da der junge Jägersmann noch auf eine Gelegenheit hoffte, mit seiner Schwester einige Worte zu wechseln.
»Kommen Sie zu mir, liebe Gräfin,« sagte die Königin, mit der Hand auf den Platz neben sich deutend. »Wir haben es jetzt selten so gut, uns einer ruhigen Stunde freuen und diese prächtige Aussicht bewundern zu können. Sieh da - Toni - es freut mich, Dich gesund und munter zu sehen. Tritt näher, mein Junge. Ich habe Gutes von Dir gehört und daß man Dich zum Korporal befördert hat! - Die Kathi ist fast närrisch vor Freude geworden.«
Sie hatte dem jungen Landmann gewinkt und reichte ihm die Hand zum Kuß, als er ehrerbietig näher kam. »Ich habe Dich mehrere Tage nicht gesehen!«
»Unser Bataillon hatte halt den Außendienst, Majestät!«
»Richtig - und Ihr habt Euch wacker mit den
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Piemontesen herumgeschossen. Ist keiner von den Offizieren verwundet?«
»Keiner, das i wüßt!«
»Auch ...«
»Auch er nicht!« Frage und Antwort geschahen mit leiserer Stimme.
»Wie kommst Du hierher?« fuhr die Königin fort - »wir haben Dich und Deinen Begleiter doch nicht vertrieben? Wer war es?«
»Euer Majestät kennen ihn halt - es ist der Ohm, der - -«
Die Königin warf einen Blick auf den alten Artilleristen zurück und ein Zug des Mißmuths flog über ihr Gesicht.
»Ich muß gestehen, ich mag den Mann nicht leiden, und ich wünschte wohl, Dich weniger in seiner Gesellschaft zu wissen, obschon man mir allgemein sagt, daß er ein tüchtiger Soldat und ein geschickter Artillerist ist. Aber man hat mir erzählt, daß ihm der Taubenflug gehört, dem sich meine armen Täubchen zugesellt haben, und daß er für ihre Fütterung sorgt in dieser schlimmen Zeit?«
»Das is halt so, Majestät, und der Ohm is a großer Freund von dem Viehzeug.«
Die Königin nestelte an ihrer Börse und nahm ein Goldstück heraus. »Gieb ihm das, Toni, und sag' ihm, ich ließe ihm danken für seine Mühe. Es ist nicht viel, - aber wir sind in dem Augenblick nicht reich an Geld. Ihr armen Bursche, die Ihr schon einen ganzen Monat keinen Sold erhalten habt, wißt es am Besten. Gieb's ihm, Toni,
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- aber denke an das, was ich Dir gesagt. Auch die Kathi mag den finstern wüsten Menschen nicht leiden. - Ah, Herr Admiral, Sie wollen uns verlassen?«
Der König war mit dem Commandeur der französischen Flotte näher getreten, der, den Hut in der Hand, sich ehrerbietig vor der Königin verbeugte.
»Im Gefecht gehört jeder Offizier auf seinen Posten, Majestät« sagte der alte Legitimist. »Unsere Feinde sind zwar diesmal nur jene Wolken, aber sie kommen mir etwas zu rasch herauf, und ich fürchte, wir werden einen harten Stand haben.«
»Wie, Herr Admiral? Sie fürchten bei dem herrlichen Sonnenschein ein Unwetter?«
»Trauen Euer Majestät dem Sonnenschein nicht - er ist trüglich, namentlich wenn die Sonne im Westen steht.«
Die Königin blickte den alten Seemann scharf an.
»Das Wetter, das Sie fürchten, wird Sie doch hoffentlich nicht zwingen, die Anker zu lichten?«
»Im Gegentheil, Majestät, ich hoffe, daß ein so tüchtiger Sturm heraufkommt, daß er es mir möglich macht, auch ferner auf meinem jetzigen Posten zu bleiben.«
Es war offenbar, daß die Worte des alten Seemanns einen versteckten Sinn hatten. Die Gräfin hatte sich erhoben und war zur Seite getreten, mit dem Aumonier der kaiserlichen Flotte ein Gespräch anknüpfend, - der Adjutant des Admirals stand in ehrerbietiger Ferne, nur der König selbst befand sich in der Nähe.
»Herr Admiral,« sagte die Königin mit gepreßter
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Stimme, »Sie sind unser Freund! Sie haben doch nicht etwa Ordre aus Paris bekommen, uns zu verlassen?»
»Noch nicht,« erwiederte der Admiral mit halber Stimme, »aber ich bitte Sie, Nichts zu thun, was mich dazu zwingt.«
»Wir verstehen Sie nicht, um Himmels willen, Sie wissen, was auf dem Spiele steht - sprechen Sie sich deutlicher aus, wenn es möglich ist.«
»Ich begrüße den heraufziehenden Sturm deshalb mit Vergnügen,« sagte der alte Marine-Offizier, »weil er eine gewisse Expedition, von der ich gehört habe, verhindern muß, auszulaufen.«
»Die Expedition nach Calabrien?« rief die Königin erschrocken.
»Ich weiß nicht, ob nach Calabrien oder sonst wohin, Majestät,« sagte vorsichtig der Seemann, »aber ich will - auf meine Gefahr - Ihnen so viel sagen, daß mein Instruktion mich anweist, die Annäherung der sardinischen Flotte an die Festung zu hindern - aber auch jedes Verlassen des Hafens seitens der Kriegsschiffe der Festung.«
»Ah! - - und das nennt Ihr Kaiser Beistand?«
Der Admiral zuckte die Achseln. »Ich wiederhole Euer Majestät, daß ich erfreut bin, dem Wetter diesen Theil meines Auftrags überlassen zu können, - Euer Majestät sind gewarnt!«
»Aber wenn uns nicht Entsatz von unseren Getreuen aus dem Innern des Landes kommt, ist der Fall unseres letzten Haltes doch nur eine Frage der Zeit,« sagte unwillig der König. »Es war so gut vorbereitet!«
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»Das Kriegsglück, Sire, und die Politik, sind sehr launenhaft. Warum wollen Euer Majestät nicht die Kräfte die Sie auf eine sehr ungewisse Expedition nach der Ferne verwenden wollten, zu einem sicheren Schlag in der Nähe benutzen?«
»Wie meinen Sie das?« frug eifrig die Königin.
»Glauben Euer Majestät denn, daß Admiral Persano oder General Cialdini nicht längst so gut wie ich von der beabsichtigten Expedition Kenntniß haben?«
»Oh, mein Herr,« rief die Königin bitter, »ich zweifle nicht daran, daß wir von Verräthern umgeben sind, seit selbst die Uniform französischer Marine-Offiziere dazu diente, Spione in unsere eigenen Batterien zu führen!«
Der bittere Unmuth der jungen Heldin bezog sich auf einen Vorfall, der sich wenige Tage vorher zugetragen. Zwei kecke piemontesische Offiziere hatten sich in der Uniform französischer Marine-Offiziere von der Seeseite her in die Festung geschmuggelt, waren auf das Freundschaftlichste aufgenommen und durch alle Batterien geführt worden, ja sie hatten die Täuschung soweit getrieben, selbst ein Geschütz gegen die Trancheen ihrer Landsleute zu richten und abzufeuern. Nur durch einen Zufall wurde - zu spät - der Betrug entdeckt, denn Niemand wußte, wie die Kecken wieder entkommen waren.
»Majestät,« sagte der alte Seemann ernst, »wenn ich jene beiden Männer je erwischen sollte, werden sie trotz der unbezweifelbaren Kühnheit ihrer That an den Raaen meines Flaggenschiffes baumeln für den Mißbrauch der französischen Uniform. Aber bleiben wir bei der Sache. Ich
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wiederhole meine Frage, und ich dächte, der italienische Charakter sollte Ihnen bereits bekannt genug sein, um mich dazu berechtigt zu halten. Also, glauben Sie nicht, daß Ihre Feinde längst Wind von dieser Expedition haben?«
Die Königin mußte sich begnügen, ungeduldig die Achseln zu zucken. Das arme junge Paar hatte in der letzten Zeit so viele Beispiele von Treubruch und Verrath um sich her gesehen, daß es fast Niemand mehr trauen konnte.
»Ich kann demnach,« fuhr der Franzose fort - »den Admiral Persano wohl hindern, sich der Festung zu nähern und den treu gebliebenen Theil Ihrer Marine aus dem Hafen zu holen, aber ich kann ihm nicht wehren, Ihre Schiffe anzugreifen, wenn sie den Hafen der Festung verlassen.«
»Wir müssen das Gott überlassen!«
»Er selbst wird es durch jene Wolken verhindern. In drei oder vier Stunden werden wir einen tüchtigen Sturm haben, der - wenigstens neapolitanischen Schiffen - das Wagniß verwehrt. Trotzdem wird sowohl vom Lande aus, wie von der See die Aufmerksamkeit Ihrer Feinde auf das Auslaufen Ihrer Schiffe gerichtet bleiben. Was, Madame, hindert Sie, diese Aufmerksamkeit nach der See und die Gunst des Unwetters zu einem Angriff auf der Landseite zu benutzen, der vielleicht« - er zögerte einige Augenblicke, dann fuhr er leise fort - »mit einem Schlage dem ganzen Krieg eine andere Wendung geben könnte!«
Die Königin war aufgesprungen und hatte den Arm des alten Offiziers gefaßt.
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»Mein Herr - ich weiß, Sie sind ein treuer Legitimist!«
Eine tiefe Röthe flog über das wettergebräunte Gesicht des alten Seemanns in der Erinnerung, wem er jetzt diente. »Madame,« sagte er - »die Mitglieder der Familie Barbier dienen seit Jahrhunderten der Krone Frankreich!«
Die deutsche Fürstin erwiederte Nichts auf die ausweichende Antwort. »Ihre alten Könige waren die Bourbons - hier steht der letzte Bourbon, der um seinen Thron kämpft. Bei den alten Traditionen Ihrer Familie beschwöre ich Sie, mir eine Frage zu beantworten.«
Der Seemann verbeugte sich. »Wenn es in meiner Macht steht!«
»Wohlan - können Sie mich vergewissern, ob jener Mann - jener ehrgeizige Usurpator Italiens, der sein eigenes Geburtsland verkauft hat, um sich König von Italien nennen zu können, noch im Lager Cialdini's ist?«
»Ich werde die Ehre haben, morgen früh 10 Uhr von Seiner Majestät den König Victor Emanuel in der Villa Albano empfangen zu werden.«
Der König und die Königin wechselten bei diesen Worten einen raschen Blick, den der Seemann nicht zu bemerken schien. »Darf ich Ihro Majestäten jetzt meine gehorsamste Empfehlung zu Füßen legen?«
»Gehen Sie mit Gott, Herr Admiral,« sagte die königliche Frau, ihm die Hand zum Kuß reichend, »und wiederholen Sie in Ihrem Rapport dem Kaiser, Ihrem Gebieter, unsere besten Wünsche für sein Wohlergehen. Möge er nie
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ein Gaëta haben! - Sieh wir haben Glück, Franz, denn indem uns ein aufrichtiger, wenn auch stiller Freund verläßt, schickt uns der Himmel gleich einen andern, und grade den, den wir in diesem Augenblick herbeiwünschten.«
Indem sie den Admiral und seine Begleiter huldvoll zum Abschied grüßte, wandte sie sich gegen die andere Seite des Aufgangs, wo von dem Thurm herab ein Offizier in Generals-Uniform mit einer Ordonnanz herbeikam.
Es war ein stattlicher Mann von imponirendem Aussehen, mit braunem, markirtem Gesicht und stolzer Miene, eine jener männlichen Schönheiten, denen trotz ihres halbwilden Charakters doch die Herzen der Weiber und die Sympathien des Volks sich zuneigen. Zwischen den dunklen buschigen Brauen lag jener eigenthümliche Zug eingeschnitten, von dem die Volksmeinung behauptet, daß er einen gewaltsamen Tod verkündet.
Ein solches Schicksal wäre freilich bei dem Stand und bei dem Charakter dieses Mannes sehr natürlich gewesen. Es war der General Bosco!
Der General Bosco war die Hoffnung des Königs, der Abgott der Soldaten gewesen, - er war es noch immer, trotzdem seine Anwesenheit in Gaëta nicht hielt, was seine Vergangenheit, der er dies Vertrauen verdankte, versprochen hatte.
Oberst Bosco war es gewesen, der am 17. Juli Medicis mit seinen Freischaaren von Messina abdrängte und - auf der Halbinsel Milazzo von der Uebermacht Garibaldi's und dem Verrath des neapolitanischen Kriegsdampfers Veloce unter seinem schurkischen Kapitain Anguissola von
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jeder Hilfe abgeschnitten, - Fort und Stadt lieber in die Luft sprengen wollte, als der Befehl von Neapel, der Sizilien preisgab, ihn zur Uebergabe zwang.
Mit vollen Kriegsehren in Waffen hatte der Oberst mit seiner Schaar das tapfer vertheidigte Milazzo geräumt und war von seinem König bei der Rückkehr nach Neapel zum General ernannt worden. Als er später nach jenen rühmlichen, aber unglücklichen Gefechten in Sizilien schwer krank in Neapel auf dem Siechbett lag und seinem Gebieter nicht hatte folgen können, war der neue Diktator - Garibaldi - unedel genug, einen seiner Condottieri's zu ihm zu schicken und ihn zu dem Gelöbniß zwingen zu lassen, innerhalb dreier Monate seinen Degen nicht wieder im Dienst des Königs Franz zu ziehen.
Der berühmte Freikämpfer der Revolution hatte aber falsch gerechnet, - die drei Monate waren vergangen, ohne daß es gelungen war, das Königthum völlig zu vernichten; am 19. November war General Bosco unter dem Jubel der Soldaten aus Frankreich in Gaëta eingetroffen und hatte das General-Commando der Truppen übernommen.
Dies war der Mann, den die Königin so eifrig näher winkte und so freudig willkommen hieß.
Es mußte Etwas von hoher Wichtigkeit sein, was sie mit ihm und dem Könige verhandelte, denn der General horchte aufmerksam zu, schien anfangs einige Einwürfe zu erheben, aber dann von dem Feuereifer der Königin fortgerissen, mit voller Energie auf den Vorschlag einzugehen.
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Die beiden Prinzen waren mit den anderen Begleitern zurückgetreten - jetzt aber winkte die Königin selbst sie zu ihrer Unterredung herbei, die bisher ziemlich leise geführt worden war, von der man aber jetzt lautere Bruchstücke vernahm.
»Es ist am Besten,« bemerkte der König Franz laut, »wir begeben uns sogleich nach dem Gouvernementshaus und versammeln den Kriegsrath. Schumacher, Riedmann, Ussani müssen sogleich benachrichtigt werden.«
»Und warum erst diese Form?« rief die Königin heftig. »Sind Eure Majestät nicht oberster Kriegsherr und können Ihre Befehle ertheilen? Wenn wir die Sache einer langen Berathung unterwerfen, wird es kaum möglich sein, das Unternehmen verborgen zu halten.«
»Sire« sagte der General - »Ihre Majestät haben Recht. Nur Schnelle und Verschwiegenheit können das Unternehmen gelingen lassen; als der Oberbefehlshaber Ihrer Truppen nehme ich das Recht in Anspruch, die Expedition zu leiten.«
»Und ich verlange dabei zu sein!« rief Trani.
»Euer Königliche Hoheit werden sich entschließen müssen meinen Anordnungen Folge zu leisten. - Ich bitte Euer Majestät um Ihre Genehmigung.«
Die Augen der Königin hingen besorgt an den Lippen ihres Gemahls, dessen Neigung zum Zaudern und große Unentschlossenheit sie kannte und mit aller Kraft und nicht ohne Erfolg bekämpfte, seit er nicht mehr unter dem Einfluß seiner Stiefmutter stand. Eine leichte Röthe überzog das Antlitz des jungen Monarchen, während er mit einer
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gewissen Verlegenheit rechts und links die Blicke umherstreifen ließ. Endlich nahm er sich mit Gewalt zusammen und sagte: »Wenn Sie denn auf der alleinigen Ausführung bestehen, General - gut - ich lege die Sache in Ihre Hand. Aber ich verbiete Dir, Ludovico ohne meine besondere Erlaubniß Dich den Truppen anzuschließen.[»]
»Seine Königliche Majestät wird die Reserve kommandiren!« sagte mit bestimmtem Ton der General.
»Und haben Sie bereits einen Plan?«
»Sie werden ihn sogleich vernehmen Sire. Erlauben Sie, daß ich einige Befehle ertheile, denn dieser Punkt hier eignet sich vortrefflich, um die nöthigen Dispositionen auszugeben.«
»Welche Truppen bestimmen Sie zu dem Unternehmen?« frug die Königin.
»Mit Seiner Majestät Erlaubniß werde ich sie aus den Jägern, den Fremden-Bataillonen und der Artillerie zusammenstellen. Es wäre Unrecht, eines der braven Corps zurückzusetzen. - Hierher Ordonnanz und he - Ihr Beide dort - tretet näher - Verzeihung Majestät, aber ich hatte meinen Adjutanten bereits nach der Stadt mit einem Auftrag geschickt.«
»Ich bitte über mich zu verfügen, General!« sagte der Prinz. Die Ordonnanz des Generals, und die beiden Unteroffiziere, denen der Ruf gegolten, waren heran getreten.
Der General wandte sich zu seiner Ordonnanz.
»Oberstlieutenant Migy lasse ich bitten, sich sofort hier herauf zu bemühen!«
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Der Sergeant salutirte, machte Kehrt und entfernte sich.
»Also vom zweiten Bataillon?« frug die Königin.
»Das erste hat die Truppen zur Einschiffung gegeben, das zweite hat den Dienst in den Werken - ist also am Besten bereit. Du bist von der Fremden-Batterie, wenn nicht irre?« wandte sich der General an den Artilleristen.
»Mein bester Bombardier« sagte der Prinz. »Ich habe ihn wunderbare Schüsse thun sehn!«
»Verstehst Du Dich auf Sprengladung?«
Der Böhme lächelte. »Ich habe in Delhi die große Kaserne in die Luft gesprengt Excellenza« sagte er.
»Gut. Du wirst Deine Kameraden am Besten kennen. Mit Erlaubniß Seiner Hoheit wirst Du acht der Entschlossensten und Gewandtesten aussuchen und mit ihnen Punkt 8 Uhr am großen Thor des Arsenals Dich einfinden. Bringe Capitain Steiner die Ordre, in einer Stunde bei mir zu sein. - Korporal, Du bist vom zweiten Bataillon?«
»Zu Befehl Excellenza!«
»Dein Capitain?«
»Graf Christen!«
»Ich kenne ihn als einen unerschrocknen Mann. Die Offiziere der Compagnie?«
»Lieutenant Méricourt, Lieutenant Max!«
»Max - Max! Das ist ja wohl der junge Deutsche, der kürzlich zum Offizier ernannt wurde?«
»Ich glaube« sagte rasch die Königin »Sie können ihm vertrauen!«
»Für diese Seite wäre demnach gesorgt. Major
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Simonetti soll die Kolonne führen. Suche sofort den Major auf, mein Sohn, und führe ihn hierher. Rasch!«
Toni, der Corporal, entfernte sich. Im Vorübergehen nickte er seiner Schwester zu. »Bleibst hier, Kathi?«
»Denk wohl!«
»Schau, dann sprech' i Dich wohl noch!«
Er eilte davon.
»Darf ich fragen, General« sagte die Königin, »was Sie beabsichtigen? - Reich mir mein Glas, Kathi!«
Die Milchschwester und Lieblingsdienerin der Königin trat herbei und reichte ihr den Stecher, dessen Etui sie an einem Riemen um die Brust geschlungen trug.
»Euer Majestät haben mir gesagt die Villa Albano?«
»So, sagte der Admiral!«
»Aber ob er die Nacht dort zubringen wird?«
Die Königin zuckte die Achseln.
»Das Haupt-Quartier Cialdini's befindet sich in der Villa Reale in Mola - und das wär zu weit zu einer Expedition - wir würden abgeschnitten werden. Aber - man muß das zugestehen - er ist ein tapferer Mann und liebt es, dem Gegner in's Auge zu sehen. So wäre es nicht unwahrscheinlich, daß er in dem Borgo bleiben wird, um morgen in der Frühe bei der Eröffnung des Bombardements zur Hand zu sein. Er liebt es, in der Mitte der Soldaten zu sein.«
»Aber die Villa Albano befindet sich am Ende der Vorstadt und es läßt sich nicht annehmen, daß unsere Tapfern unentdeckt auch nur den vierten Theil der Straße passiren werden.«
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Der General lächelte. »Man hat mir vorgeworfen, daß ich wohl ein tapfrer Soldat, aber kein Taktiker sei, sonst hätte ich mich nicht nach Milazzo geworfen. Es mag sein - aber ich denke diesmal zu beweisen, daß mir auch die Gesetze der Taktik nicht ganz fremd sind. Euer Majestät können von hier aus die Terrasse des Monte-Agatha erkennen?«
Die Königin hatte ihr Glas dahin gewendet - die letzten Strahlen der sinkenden Sonne vergoldeten die Ruinen des Klosters auf der Höhe des Berges.
»Unsre Geschütze reichen leider nicht bis dahin« sagte sie. »Es ist ein schwerer Nachtheil für uns, daß wir so schlecht mit gezogenen Kanonen versehen sind, während der Feind mit ihnen aus unerreichbarer Ferne uns seine eisernen Grüße in die Stadt schickt.«10
»Eben deshalb, Majestät, beabsichtige ich nach dem Sprüchwort zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, oder wenigstens, wenn uns das eine Ziel entgehen sollte, einen anderen Erfolg zu erreichen.«
»Sie wollen doch nicht St. Agatha angreifen?«
»Das eben ist mein Plan. Euer Majestät Glas wird Ihnen zeigen, daß der Feind dort mit Arbeiten beschäftigt ist. Er baut auf dem Abhang des Klosters zwei Batterien und wie ein Mann, der sich unter der Maske eines Fischers vor einer Stunde glücklich in die Festung geschlichen hat, berichtet, sollen diese Batterien in dieser Nacht
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mit acht gezogenen Zwölfpfündern armirt werden. Euer Majestät sehen demnach, daß wenn es uns gelingt, diese Arbeiten zu zerstören oder mindestens aufzuhalten, schon dies ein großer Vortheil sein würde. Außerdem ...«
»Nun?«
»Außerdem liegt der Monte Agatha jenseits der Villa Albano, kaum Tausend Schritt vom Ufer. Es wird uns demnach leicht sein, den Weg am Ufer entlang abzusperren.«
»Aber wie wird es möglich sein, St. Agatha zu erreichen? Sie sehen mit bloßem Auge, daß die Batterien des Monte Atratina und dahinter die des Capuccini den Weg versperren.«
»Eben deshalb Majestät erstieg ich sofort nach dem Erhalten jener Nachricht, den Orlando-Thurm, um das Terrain zu recognosciren. Der Plan Ihrer Majestät hat sich nur mit dem meinen gekreuzt und ich brauche die beiden nur zu vereinigen.«
»Ich begreife noch immer nicht, wie Sie es möglich machen wollen.«
»Ich habe meinen Adjutanten bereits in die Stadt gesandt, um Herrn v. Salvy aufzusuchen.«
»Ach - meinen tapfern Franzosen vom >Protis
»Denselben Majestät, der, wie ich gehört, in der Nacht des 14. November mit den vier im Hafen liegenden Handelsdampfern die piemontesische Fregatte überfallen wollte.«
»Ich erinnere mich dessen - es war eine furchtbare Gewitternacht, und Del Re verbot es?«
»Eben deshalb habe ich mir erlaubt, den Herrn
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Marine-Minister nicht erst um Erlaubniß zu fragen, sondern mich mit Capitain Salvy direkt in Verbindung zu setzen!«
»Aber Signor Generale« sagte der König - »ich muß Sie, abgesehen davon, daß das heraufziehende Unwetter ohnehin jede Expedition zur See verhindern wird, von einem Umstande in Kenntniß sehen, den wir leider selbst erst jetzt erfahren haben. Die Instruktionen des Herrn Barbier gebieten ihm, uns auf den Hafen zu beschränken. Er will das Auslaufen unserer Schiffe so wenig dulden, als die Annäherung der sardinischen Flotte. Deshalb müssen wir die Expedition nach Calabrien aufgeben.«
Der General lächelte. »Der Herr Admiral bewacht den Hafen« sagte er - »aber ich denke ihn nicht zu inkommodiren. Wir haben zwischen den Klippen der Bastion della Trinita eine genügende Anzahl von Fischerbarken!«
»Aber was wollen Sie damit?«
»Zwei Compagnien des Fremden-Bataillons im Schutz der Dunkelheit an der westlichen Küste entlang bis an die Shiappa schaffen. Von dort sollen sie sich im Rücken des Monte Capuccini nach dem Agatha durchschleichen und im gegebenen Augenblick, wenn die Jäger das Borgo angreifen, die Batterie überfallen.«
»Ah« rief die Königin - »der Plan ist kühn aber vortrefflich. Was sagst Du dazu Alfons?«
»Ich würde ihn billigen, wenn ich dabei wäre!« erwiderte der Prinz. »Und wem geben Sie das Kommando? - denn ich hoffe, daß Sie nicht etwa daran denken, sich selbst zu exponiren.«
»Oberstlieutenant Migy mit einer schweizer und einer
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französischen Kompagnie ist zu dem Unternehmen bestimmt. Offiziere und Soldaten erfahren erst im Augenblick der Abfahrt, um was es sich handelt. Die Schweizer unter Kapitain Steiner werden den Strand besetzen und Albano absperren - die Franzosen St. Agatha überfallen.«
»Und ich?«
»Sie, Königliche Hoheit, werden mit 500 Mann die Reserve bilden und am Monte Secco Stellung nehmen, um Major Simonetti zu unterstützen, oder die beiden Trupps aufzunehmen. Ah - lupus in fabula - da kommt mein Bote bereits mit dem Major!« - - -
Der Jäger Toni war nach der Meldung zurückgetreten zu seiner Schwester.
»Schau Kathi - i glaub' es giebt heut' Abend was und i freu mich, daß i dabei bin! Unsre Compani und der junge gnädige Herr a!«
»Willst schweigen, Toni, - weißt, daß er nur der Herr Max ist und Niemand anders nit. Du wirst Di sicher noch a mal verplauschen und gar gegen den wüsten Dalk, den Ohm! Hören thust' nit, und es wird sicher noch Dein Unglück sein, der schlimme Umgang. Gut's kannst nit bei ihm lernen!«
»Si'st[S'ist] so schlimm nit, Kathli« lachte der junge Mann, »un i müßt halt kein gelernter Jagger sein, wenn er mich über'n Weg holen sollt. Und unser Verwandter ist's doch halt a mal! Aber sag', Kathi, hast D'nit gehört, was's giebt?«
»A Ueberfall, weißt, 's muß a hohe Perschon dorten sein, i hab' was tuscheln hören davon und von Schiffen
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haben's auch sprechen. Nehm Di halt in Acht Toni für Dei' Leben!«
»Mein Leben g'hört der Königin Majestät!«
»Dos is schon recht, und i wollt um aller Welt willen nit a Bruder haben, der ka Schneid hat und nit raufen will. Aber ma kann's doch mit Verstand thun und i bitt' Di, hab' a Aug auf den jungen Herrn; denn i mein halt immer, er sucht den Tod und i weiß, es würd ihr groß Herzeleid thun, wenn sie a ka'n Blick ihm gönnt. Und nu behüt Di Gott Toni und die heil'ge Veronl, und wenn i Dich glücklich wiederschau, will i Deinem Schutzpatron a Kerz weihen eine Elle hoch.«
Sie drückte dem Bruder eilig die Hand und näherte sich ihrer Gebieterin, die sich zum Verlassen des Platzes anschickte.
Die Sonne war untergegangen mit einem eigenthümlichen fahlen Schimmer. Ueber das Meer her kam es wie ein Schnauben und Stöhnen und die Wolken im Süden hatten sich zu einer dunklen Bank zusammengezogen, die weiter und weiter stieg. Bis zur Höhe herauf hörte man das Kreischen der Möven, die ängstlich über die mit leichtem Schaum sich bedeckenden Wogen strichen.
Die Königin zog den kurzen Reitermantel fester um ihre Gestalt. »Der Herr Admiral hatte Recht« sagte sie nach dem Horizont deutend. »Sehen Sie dort wetterleuchtet es - ich bitte Sie Excellenz - seien Sie vorsichtig! Die Brandung ist jenseits der Transilvania heftig und die Küste steiler Fels. Wir dürfen nicht leichtsinnig das Leben tapferer Männer in Gefahr bringen.«
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Der General verbeugte sich. »Wer für den König und das Recht stirbt, Majestät, erwirbt die Krone Gottes, gleichviel ob er in den Wellen sein Grab findet, oder unter den Kugeln der Piemontesen!«
An der südwestlichen Ecke jenes eigenthümlich gestalteten Vorgebirges, welches die Festung Gaëta bildet, die schroff hinaus tritt in's Meer, verbinden sich die Wälle der Bastion della Transilvania mit dem Gestein zu einer unnahbaren Felsenmauer, die jede Landung auf dieser Seite unmöglich macht. Die unzugänglichen Werke ziehen sich eine kurze Strecke an den Windungen des Ufers entlang, bis sie das hohe Festungsterrain von der zu nur 60 Fuß Höhe über der Meeresfläche niedersinkenden Ebene absperrend, quer hinüber zum andern Ufer laufen. In jenem Theil der Befestigungswelke zwischen der Bastion della Trinita und der Bastion di Secco befindet sich eine kurze, vor dem Anprall der Wogen und dem Ungestüm der Winde, die von der afrikanischen Küste herüberstoßen, völlig geschützte Einbuchtung.
Hier war es, wo die Fischerbarken lagen, welche zum heimlichen Transport der kühnen Schaar bestimmt waren, die ihren Weg zwischen den Posten und Batterien der Belagerer suchen sollte.
Die Zahl der Barken betrug sechs - jede von ihnen sollte 20 bis 30 Mann aufnehmen, die dann freilich so gedrängt die Boote füllten, daß die Schiffer selbst kaum Platz zum Steuern fanden. Um Raum zu ersparen war
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angeordnet worden, daß die Soldaten beim Rudern helfen und sich darin abwechseln sollten - denn man durfte es nicht wagen Seegel aufzuhissen, aus Furcht, von den Posten der Belagerer bemerkt zu werden.
Nach 8 Uhr sollte die kleine Expedition in See stechen - man rechnete eine Stunde zur Fahrt, zwei zu dem schwierigen Landweg durch die Berge, der Umgehung des Monte Capuccini und dem Versteck, bis das Aufsteigen einer blauen Rakete von der überall sichtbaren Höhe des Orlando-Thurms den Aufbruch der andern Abtheilung der Expedition gegen den Borgo verkünden würde.
Der Abend war überaus dunkel und kalt, die Voraussagung des französischen Admirals hatte sich erfüllt und die Wolkenbank, welche sich bei dem Untergang der Sonne in Westen erhoben hatte, überzog bereits das ganze Firmament und ließ auch nicht das Licht eines Sternes durchschimmern. Der Wind verstärkte sich von Minute zu Minute, trieb stoßweise scharfe Schlossenschauer über Wasser und Land, und wenn auch die elektrische Schwängerung der Luft sich vorerst nur durch das ferne Wetterleuchten bemerklich machte, so wußten die erfahrenen Küstenschiffer doch sehr wohl, daß es kaum eine Stunde dauern würde, bis der Wind zum Sturm anschwellen und dann bis Mitternacht seine Heftigkeit in einer Weise steigern würde, die jede Fahrt am Ufer entlang unmöglich machen mußte.
Schon jetzt begannen sie zu murren über den Verzug und nur die sechs Matrosen, die Herr von Salvy von seinem früheren Schiff Protis mit hinüber genommen in
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den Dienst der neapolitanischen Marine und die er in die Barken vertheilt hatte, hielten einen offenen Ausdruck des Mißvergnügens zurück, denn es waren Männer von einem entschlossenen Aussehen, dem nicht zu trauen war.
Aber auch der Schiffslieutenant selbst ging ungeduldig innerhalb des Walles hin und her und trat wiederholt zu der Gruppe der höheren Offiziere, die an der Treppe standen, welche zu dem Ufer hinab führte.
»Wenn die Herren nicht kommen, Excellenza sagte er endlich, »so müssen Sie entweder die Abfahrt befehlen, oder die ganze Expedition aufgeben. Ich stehe für Nichts mehr!«
Es war der General Bosco selbst, den er angeredet, der mit dem Obersten Grafen Garofalo, welcher diesen Theil der Küstenforts kommandirte, und mit einigen anderen Offizieren der Abfahrt beiwohnte.
Der General strich sich unwillig den Schnurbart. »Es sind Ihre Landsleute, Herr Lieutenant« sagte er. »Diese vornehmen Herren glauben für die Ehre, der Vertheidigung ihre aristokratischen Namen geliehen zu haben, sich jeder Disciplin überheben zu dürfen. Ich bin in der That gewillt, Oberstlieutenant Migy, Sie zu bitten, sich mit den schweizer Offizieren zu behelfen, die seit einer Stunde auf ihren Posten sind, und die Mannschaften unter diese zu vertheilen.«
»Es ist eine Schande!« murrte ein alter Hauptmann - »diese Stutzer aus Paris und Brüssel sind die Pest der Festung und wenn ich zu kommandiren hätte ...«
»Was beliebt, Herr Kapitain?« fragte der See-Offizier
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scharf, obschon er sich eben noch selbst bitter beschwert hatte. »Sie scheinen zu vergessen, daß auch ich die Ehre habe, Franzose zu sein!«
Oberstlieutenant Migy legte sich rasch in's Mittel. »Keinen Streit meine Herren! Es sind junge Kameraden und man muß ihnen etwas zu Gute halten. Seine Majestät hat ausdrücklich genehmigt, daß die Herren als Volontaire die Expedition mitmachen dürfen und - ich glaube, da sind sie endlich!«
Ein lustiges Gelächter und der Ton lauter Stimmen, die sich wenig um das Verbot der strengsten Stille zu bekümmern schienen, klang von der Kehle der Bastion her.
Eine Gesellschaft von sechs oder acht Offizieren wurde im Licht der im Thor schwankenden und im Innern der Wallmauern angebrachten Laternen sichtbar.
»Ventre Saint gris! wie der Ahnherr meines kleinen Bourbons zu sagen pflegte« rief munter eine Stimme, »dieses Rattennest ist so voll Winkel und Ecken und diese blaue italienische Nacht so pechschwarz, daß man jeden Augenblick auf die Nase fallen kann. - He, Pozzo di Borgo, wo stecken Sie?«
»Hier Graf! Hol der Teufel den Champagner!«
»Ich bin der Edle von Saint Bris!« sang der etwas unsicher auf den Füßen stehende Inhaber der ersten Stimme. »Heraus mit den Schwertern und kreuzt sie zum Verschwörungschor! Wenn ich diesen Herrn Cialdini erwische, schneid' ich ihm die Ohren ab, weil er uns bei so schandbarem Wetter von der kleinen Lucia fortgetrieben hat!«
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»Schade, daß das Kloster von St. Agatha keine Nonnen mehr birgt - wir könnten bei ihnen soupiren!«
»Und sicher besser, als in diesem Hundenest! - zum Henker Gauthier, sein Sie nicht so stumm und kalt, als hätte Ihnen ein altes Weib prophezeit, daß eine Kugel sie heute Nacht treffen müßte. Kaum zwei Gläser haben Sie getrunken - ich hab Ihnen auf den Durst gepaßt, Sie Duckmäuser!«
»Ich habe den Dienst Herr Graf, und den vernachlässige ich nie!« Der Halbtrunkene war stehen geblieben. »Beim heiligen Napoleon, sticheln sie auf uns? Glauben Sie, daß wir in einem solchen Wetter uns bloß zum Vergnügen den Schnupfen holen wollen? - Wenn sich ein St. Brie für die Maccaroni-Majestät tödten lassen soll, will er wenigstens noch eine lustige Stunde vorher haben! Und um so mehr, da uns Signor Bosco, der große Held von Milazzo, vorher mit Seewasser abspülen will!«
»Kapitain Gauthier!«
»Hier! - Ah - der General ...«
»Sie sind der kommandirende Offizier?«
»Zu Befehl Excellenz!«
»Dann bitte ich Sie, den Herrn Grafen und Ihre andern Freunde auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Ohnehin verdienen Sie einen ernsten Verweis, daß Sie so lange die Abfahrt durch Ihr Ausbleiben verzögert haben!«
Der Offizier ertrug schweigend den Vorwurf.
»Wer kommandirt den zweiten Zug?«
»Marquis de la Chesnay!«
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»Ich kenne hier keinen Marquis, sondern nur den Lieutenant Chesnaye. Die Böte warten auf Sie - nur wünsche ich in Gegenwart dieser Herren die Ordre zu wiederholen, die ich bereits Oberstlieutenant Migy gegeben habe.«
Der Ton des Generals war so ernst und fest, daß selbst die übermüthige Champagnerlaune der französischen Cavaliere schwieg.
»Meine Ordre ist,« fuhr der General fort, »daß der kommandirendo Offizier des Bootes ohne jede Zögerung den Mann tödtet und über Bord wirft, der durch sein Verhalten und seine Unvorsichtigkeit die Entdeckung der Expedition befürchten läßt. Es versteht sich von selbst, Oberstlieutenant Migy, daß Sie in gleicher Weise über die Herren Offiziere Ihrer Expedition selbst zu wachen haben. Nur die strengste Vorsicht kann sie gelingen machen. Und nun meine Herren, ist Alles bereit?«
»Zu Befehl, Excellenza!«
»Die beiden Führer sind in den Booten?«
»In meinem eigenen!«
»Und die Artilleristen sind mit allem Nöthigen zur Vernagelung der Geschütze versehen?«
»Alles in Ordnung!«
»Dann an Ihre Plätze, meine Herren, und Gott und die heilige Jungfrau mögen Sie in ihren Schutz nehmen. Merken Sie auf die Rakete!«
Es folgte eine kurze Bewegung in der dunklen Gruppe. Die vier französischen Offiziere reichten ihren Freunden, die ihnen das Geleit gegeben, die Hand.
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»Au revoir, Méricourt,« flüsterte der Graf St. Bris - »sollten Sie mehr Glück haben als ich, so wissen Sie, daß ich Ihnen mein kleines Logis in der Avenue Hortense vermacht habe!«
Der junge Legitimist sprang die Stufen hinab.
Der Baron Laroche folgte ihm - Kapitain Gauthier und Herr v. Chesnaye saßen bereits an ihren Plätzen.
»Fertig?« frug der See-Offizier.
»Fertig, Signore!«
»Dann abgestoßen!«
Die Barke des Schiffslieutenant Salvy war die erste, welche, von kräftigen Armen getrieben, hinausschoß aus der Mündung der kleinen Buchtung und durch die hier unverhältnißmäßig ruhige Brandung.
Der muntere Cavalier, der als Freiwilliger die Expedition begleitete und neben dem Kapitain Gauthier saß, bemerkte, daß sein junger Kamerad aus dem Ledergürtel seines Säbels einen kleinen länglichen Gegenstand zog und auf seiner Hand probirte?«
»Was haben Sie da, Kamerad?«
»Mein Mailänder Stilet - ich kaufte es bei unserem Einzug zwei Tage vor Magenta! - ich probire, ob die Spitze noch gut ist.«
»Wozu?«
»Für Jeden, lieber Graf, der von jetzt ab ein zu lautes Wort spricht!«
Das Donnern der Brandung, die weiterhin an der steilen Küste tobte, übertönte die Antwort.
Gleich finstern Schatten glitten die sechs Barken über
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die unruhig wogende Fläche - nur in dem flüchtigen Schein des sich verstärkenden Wetterleuchtens vermochten die einzelnen Fahrzeuge einander zu sehen und die Linie des führenden Bootes zu halten.
Kapitain Salvy, der Marinelieutenant, wandte sich zu dem Manne an seinem Steuer.
»Zwei Striche West, Sylvain,« sagte er - »wir müssen auf alle Fälle aus dem Bereich des Ausgucks ihrer Posten, obschon die Augen einer piemontesischen Landratte sicher auf zwanzig Faden einen Stein nicht von einem Boot unterscheiden werden.«
»All recht, Kap'tain!«
Die Vorbereitungen zum Ausfall waren in aller Stille getroffen worden, um jeden Verrath zu verhindern. Nach völliger Dunkelheit war Befehl gegeben worden, die zur Expedition nach Kalabrien bestimmt gewesenen Mannschaften wieder auszuschiffen und dies war nicht ohne Unfall geschehen, denn da das Meer bereits sehr unruhig war, schlug eines der Boote um, und sieben Mann ertranken.
Selbst von den oberen Offizieren wußten nur Wenige, um was es sich eigentlich handle. Nur der Befehl, der an die beiden französischen Offiziere gekommen war, sich mit ihrer Compagnie zu einer Expedition bereit zu halten und die Leute ohne Aufsehen in der Transilvania zu versammeln, hatte die anderen französischen und belgischen Freiwilligen veranlaßt, um die Erlaubniß zur Theilnahme nachzusuchen - doch nur zwei hatten sie erhalten, und in dem
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munteren Kreise, der sich in der »Colonie«, zu versammeln pflegte, der einzigen Restauration, wo einiger Verkehr für gut gespickte Börsen herrschte, hatte das Loos für den Grafen von Saint Bris und den einen Laroche entschieden.
Es war jedoch nicht zu verhindern gewesen, daß sich das unbestimmte Gerücht von einer Unternehmung verbreitete. Auf den wenigen Plätzen der Stadt, an den Zugängen der Werke und der Kasernen versammelten sich trotz der unangenehmen Witterung Gruppen von Einwohnern und Soldaten, und steckten flüsternd die Köpfe zusammen oder frugen einander, was geschehen solle.
Die Posten auf den Wällen und am Hafen waren verstärkt - Niemand durfte über bestimmte Linien hinaus passiren.
Es war zehn Uhr vorüber, als sich in der Citadelle und an der Bastion d'Assia eine stärkere Bewegung bemerklich machte. Ein Trupp Artilleristen kam etwas unordentlich marschirend von der Rückseite des Monte Orlando her, wo sich die Pulvermagazine befanden. Die acht Männer, an deren Spitze sich ein Offizier befand und zu denen auch der Böhme gehörte, trugen Regenmäntel und unter diesen einen größeren Gegenstand, den die Mäntel jedoch verbargen. Sie machten an der Kathedrale Halt, der Offizier befahl ihnen, hier zu warten und verließ sie, nachdem er die Aufsicht dem Unteroffizier übertragen hatte.
Dieser schien sehr unruhig und ärgerlich und die wiederholten Blicke nach allen Seiten, das genaue Aufmerken auf die Vorübergehenden bewiesen, daß er Jemand erwarte,
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während seine Leute ihre Last auf den Boden in den Schatten des Portals der Kirche niedergesetzt hatten.
Endlich kam ein munterer Schritt die Straße herauf und ein leichtherziger Jodler klang durch das leichte Klirren der Waffen, das zwischen den rauhen Windstößen von verschiedenen Seiten her bewies, daß eine militärische Bewegung im Ganges war.
»Toni?«
»Ah Ohm - seid Oes? - ich dacht halt, Ihr wärt schon am Thor, denn ich sucht Euch vergebens an der Citadell, wo Ihr mich hinbestellt.«
»Schon gut - wir mußten eher abmarschiren und es kann gleich weitere Ordre kommen. Einstweilen hat uns Dein guter Freund, der Herr Maximilian, oder wie er sonst heißt, hier warten heißen. Hast Du die Kathi gesprochen?«
»I hab halt Abschied von ihr g'nommen. Gott und die Heili wissen's am Besten, ob wir zurückkommen!«
»Es ist also was Großes - ich dacht' mir's wegen des Fragens um das Sprengen und wegen des Pulvers. Aber weißt Du Näheres?«
»Die Herrn Offiziere werden's uns schon sagen, was wir zu thun haben.«
»Narr - die nehmen die Ehre für sich und lassen uns die Gefahr. Unsereins kann viel thun, wenn er genau weiß, um was sich's eigentlich handelt. Man hat einen besondern Plan - die Kathi muß es wissen, denn sie hört die Königin von Allem reden.«
»Aber sie plauscht nit, selbst nit mit mir. Nur das hab' i erfahren, daß wir weit vor sollen, womöglich über
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die Vorstadt hinaus, und daß sich's um einen vornehmen Herrn handelt!«
»Bei Mahomed! - am Ende den General - aber nein, das ist unmöglich, die Villa Reale ist zu weit.«
»Ich glaub', 's ist was Vornehmeres noch als ein General. Wir sollen Hilf' erhalten aus den Bergen her - die Kathi schwätzt ganz geheimnißvoll vom End' des Kriegs und hat der heiligen Mutter Gottes von Plein ein goldnes Herz'l gelobt, wenn's recht geht.«
»Hast Du mir die Taube gebracht?«
»Ihr seid närrisch Ohm! Was thut Oes mit dem Vogel, wenn's heißt eben gegen den Feind gehn!«
»Was kümmert's Dich! - Ich hab' sie für einen schwer Kranken, der im Lazareth ist und Stärkung braucht, der Schwester Renata verkauft und will nicht als ein Lügner angesehn werden, wenn mich vielleicht eine Kugel trifft. Hast Du die Taube?«
»Freili hab' i. Wenn i was zusag, thu ich's halten. Aber närrisch bleibt's doch, daß Ihr mich den Abend noch hinaufsprengt zu dem alten Gemäuer, bloß um Eure Tauben im Schlag einzusperren und eine heraus zu greifen.«
»Du wirst doch nicht eine nach Belieben gegriffen haben? Ich hieß Dich die aus dem Korb zur Linken nehmen. Hätte mich der Dienst nicht in's Arsenal gebannt, wär ich selbst gegangen.«
»I hab' schon die rechte. Das Viehzeuch ist Alles besorgt, aber i hätt' mir schwerlich die Müh' mit gegeben, wenn unsere Majestät nit selber gar so ein Plaisir d'ran
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hätt'.« Er holte die kräftig mit den Flügeln schlagende Taube unter seinem Kapotrock hervor.
»Einen Augenblick, ich bin gleich wieder hier.«
Der Feuerwerker trat um den Vorsprung der Kirche, wo er von seinen Leuten nicht beobachtet werden konnte. Der Jäger Toni bemerkte von dort einen schwachen Lichtschein, wie das Aufblitzen eines Schwefelholzes.
Nach einigen Minuten kam der Böhme zurück und nahm ihm die Taube ab, die er dem Anschein nach hin und her wandte, als betrachte er sie genau, wobei er wiederholt die Schwanzfedern auseinanderstrich.
»Du hast doch die rechte nicht gebracht, oder vielmehr ich hab' mich geirrt, Toni,« sagte er endlich - »und es wäre schade um diese! ich will morgen eine fettere in die Lazarethküche schicken.«
Ein eiliger klingender Schritt kam heran.
»Still - der neugebackene Lieutenant kommt! - So mein Thier - such' Dir selber das Nest wieder auf!«
Er warf die Taube in die Luft, während der Offizier, der vorhin den kleinen Trupp angeführt, eilig herbeikam.
»Was geschieht da?«
»Was soll denn geschehen, Herr Lieutenant! Eines von meinen Täubchen hat sich verirrt und ich sende es zurück nach seinem Nest. Das ist doch hoffentlich kein Vergehen gegen das Dienst-Reglement?«
In Ton und Worten lag ein gewisser Hohn, doch schien der Offizier dies nicht zu bemerken. Er begnügte sich zu sagen: »Erinnern Sie sich, daß Niemand ohne Erlaubniß die Stadt verlassen darf, selbst eine Taube nicht!«
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Der Böhme erblaßte leicht unter dem festen und ernsten Blick des Offiziers. Derselbe war von hoher, schlanker Gestalt, mit breiten Schultern und schmalen Hüften, seine Hände und Füße, soweit sich im Scheine der am Kirchenportal schwankenden Laterne erkennen ließ, waren auffallend klein.
Es lag etwas Ernstes, Festes in der ganzen Erscheinung, obschon er höchstens 26 bis 27 Jahre zählen konnte. Das Gesicht war wohlgebildet, die Farbe aber von einer gewissen Blässe, Nase und Stirn kräftig, das Auge blau, das Haar von jenem Blond, das den Uebergang zur röthlichen Farbe bildet und einen braunen, goldigen Schimmer hat, fast wie die Flügeldecken mancher Käfer; Mund und Kinn sprachen von Kraft und festem Willen.
Obschon der Offizier, wie wir oben gesagt, kaum über die Mitte der Zwanziger hinaus war, lag eine Falte herber Erfahrung um die Mundwinkel, und zwischen den Brauen der tiefliegenden Augen eine leichte Furche.
»Wenn die Leute ausgeruht sind,« sagte er, »so können wir die Fässer wieder aufnehmen. Aber Vorsicht! Es hat doch etwa Niemand eine Cigarre angesteckt, ich sah, als ich kam, wie Lichtschein an der Kirchenwand.«
Keiner antwortete, die Artilleristen nahmen ihre Last, die aus acht kleinen Tönnchen, wie etwa die Geldfässer verpackt werden, bestand, wieder auf und unter ihre Mäntel.
»Seht, Ohm,« sagte der junge Korporal, »die Taube will nit fort!«
In der That schien das Thierchen vor den Windstößen, die vom Meere scharf herüberkamen, und dem Wetterleuchten
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sich zu fürchten. Die Taube war einige Male umhergekreist, als könne sie keine Richtung finden, und flüchtete sich dann vor dem eben niedersprühenden leichten Hagelschauer unter ein Gesims des Portals.
»Verdammtes Thier!« murmelte der Feuerwerker, und er bückte sich rasch, hob einen Stein auf und warf ihn nach dem Vogel.
Der Wurf mußte wenigstens in die unmittelbare Nähe der Taube getroffen haben, denn sie flatterte sofort aus ihrem Versteck und schien jetzt davonfliegen zu wollen, aber im selben Augenblick knallte auch ein leichter Revolverschuß.
Es war der Offizier, welcher geschossen aber nicht getroffen hatte, und der zu seinem Verdruß sehen mußte, daß der Knall die Taube noch mehr erschreckt hatte und sie mit raschem Flügelschlag in die Höhe stieg.
Der Feuerwerker, der bei dem Schuß anfangs zusammengefahren war, lachte jetzt hämisch auf. »Im Taubenschießen, Herr Lieutenant, namentlich mit der Kugel und einem solchen Puffer muß man sehr geübt sein! Es ist übrigens gut, daß Sie nicht getroffen haben, denn meine Täubchen stehen unter ganz besonderer Protektion Ihrer Majestät der Königin, und die werden Sie doch sicher nicht betrüben wollen!«
Der Offizier biß sich in die Lippen, zog es aber vor, keine Erklärung seines eigentlich sonderbaren Verfahrens zu geben, sondern begnügte sich, seinen Befehl zu wiederholen.
»Vorwärts, Leute, man erwartet uns. - Korporal, Sie werden gut thun, uns gleich zu begleiten, denn in einer halben Stunde tritt die Compagnie zusammen.«
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Der kleine Zug setzte sich in Bewegung und verschwand in den Eingängen der Werke.
Die sechs Barken unter der Führung des Marine-Lieutenants und früheren Dampfer-Kapitains v. Salvy hatten sich ziemlich weit hinaus auf die Rhede gewendet; denn obschon man dort den Windstößen voll ausgesetzt war und die Wogen hoch gingen, war für ein aufmerksames Steuern ihnen doch leichter auszuweichen und die Gefahr geringer, als in der Nähe der Brandung.
Der Graf von Saint Brie hatte in dem Boot des Kapitain Gauthier Platz genommen. Der Graf war ein Mann von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, das vollendete Bild eines Roué's der alten Legitimistenschule, blasirt, leichtsinnig bis zum Exceß, elegant, voll aristokratischen Stolzes, aber von liebenswürdigen Manieren. Er hatte es verschmäht unter dem Bürgerkönigthum wie unter dem Kaiserreich in die Armee zu treten, aber er war nicht zu stolz gewesen, mit der jeunesse dorée des Kaiserreichs die Reste seines Familienvermögens im Jockei-Klub und den Orgien des Café anglais und des Maison dorée zu verschwenden. Als der Aufruf des päpstlichen Stuhls um Hilfe und Beistand gegen die Revolution vom Thron her durch Europa und Amerika ergangen war, hatte er sich mit vielen andern Legitimisten Frankreichs, Belgiens und Westphalens zur päpstlichen Fahne gestellt, mehr weil es Modesache war, als weil er große politische Begeisterung fühlte, und er hatte es daher auch für dankbarer gehalten, als Freiwilliger in Gaëta zu dienen, als nach der Zertrümmerung
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der päpstlichen Armee dem mühsamen Ding der Wiederherstellung des Heeres sich zu unterziehen.
Uebrigens hatten die meisten dieser Repräsentanten des ehemaligen legitimistischen Frankreichs es vorgezogen, ohne eine andere Charge unter den Vertheidigern der Kirche und des Thrones zu dienen, als derjenigen, welche ihre exclusive Verbindung sich selbst erwählte. In dem päpstlichen Elitecorps war jeder Soldat ein Edelmann von sechszehn Ahnen, und die Ansprüche, die sie erhoben, die Ueberhebung über die Befehle anderer gedienter Offiziere waren der Hauptgrund, daß ihre Anwesenheit unter den Vertheidigern trotz ihres unbezweifelten Muthes, ja ihrer heroischen Aufopferung dem Ganzen mehr schadete als nützte.
Trotz alle diesem, trotz ihres Hochmuths, ihrer Willkür und ihres Leichtsinns waren diese Männer doch bei den Soldaten und den jüngeren Offizieren sehr beliebt.
Der Offizier an seiner Seite, der dem vornehmen Herrn so eben noch eine so drohende Lection gegeben, war - obschon nur von demselben Alter - doch ganz anders geartet.
Kapitain Emile Gauthier war der Sohn eines jener alten Afrikaner, die noch aus der Zeit des ersten Napoleon mit ihren Jugenderinnerungen stammend, unter dem Herzog von Orleans, Bugeaud und Cavaignac eine ernste militairische Laufbahn der Gefahr und der Anstrengungen durchgemacht, und der es bis zum Kommandanten gebracht hatte, als ihm bei einem unglücklichen Gefecht, gegen den Stamm der Beni Azub der Kopf abgeschnitten wurde.
Der junge Emile, der damals sechs Jahre zählte,
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fand durch die Verwendung des unglücklichen Herzogs von Orleans, wenige Wochen vor dessen, am 23. Juli 1842 erfolgten Tode in der Avenue von Neuilly, Aufnahme in der Militair-Akademie von St. Cyr und war nach dem bald erfolgten Tode seiner Mutter von einem Oheim adoptirt worden, der als Schiffskapitain lange Zeit von Brest aus die Welt durchstreift und dann auf Guadeloupe sich niedergelassen und die einzige Tochter eines reichen Pflanzers geheirathet hatte. Der Oheim war, als der Knabe sechszehn Jahr zählte, herübergekommen, um ihn aus der Militair-Schule mit sich zu nehmen auf seine Pflanzung, da er keinen eigenen Sohn hatte; aber Emile hatte sich standhaft geweigert, die militairische Laufbahn seines Vaterlandes zu verlassen, und so mußte sich der alte Seekapitain begnügen, ihn mit reichen Mitteln auszustatten, die ihm vollkommen erlaubten, später im Regiment mit seinen vornehmen und reichen Kameraden auf gleichem Fuß zu leben.
Der Lieutenant Gauthier hatte, wie die Krimmedaille auf seiner Brust bewies, den Feldzug gegen Sebastopol mitgemacht und war in der Schlacht von Solferino so schwer verwundet worden, daß man ihn für todt hielt und nur ein Zufall verhinderte, daß er lebendig in dem großen Grab, das Freund und Feind deckte, verscharrt wurde.
Aber obschon dem Wiedergenesenen das Kreuz der Ehrenlegion und das Kapitainspatent auf seine Wunden gelegt wurde, und Jeder ihm eine rasche und glänzende Karriere prophezeite, hatte er doch aus unbekannten Gründen
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sofort nach seiner Wiederherstellung seinen Abschied genommen.
Der Franzose hatte, wenn auch nicht äußerlich, doch in seinem Wesen eine gewisse Aehnlichkeit mit dem deutschen Fremden-Offizier, den wir vorhin erwähnten. Beide waren noch jung, nur wenige Jahre unterschieden, und beide schienen dennoch, wenn auch vielleicht aus verschiedenen Ursachen, mit den Freuden des Lebens gebrochen zu haben, denn beide waren gleich ernst und zurückweisend.
Kapitain Gauthier war von mittlerer Größe und dunklem Teint mit schwarzen Haaren und einem feurigen entschlossenen Auge.
Trotz der Lektion, die der Graf über das Schweigen von seinem Nachbar erhalten hatte, konnte er es doch nicht länger bewahren, als absolut nöthig schien.
»Kapitain!«
»Herr Graf?«
»Ich dächte, wir wären weit genug von der Küste entfernt, daß wir uns die langweilige Fahrt wohl etwas verkürzen könnten, ohne weiter die Trappisten zu spielen.«
»Sie vergessen, daß das Wasser den Schall weithin trägt.«
»Bah - der Ton eines leichten Gesprächs reicht nicht eine volle Lieue durch das Donnern der Brandung.«
»Dann müssen wir als Offiziere des Beispiels wegen schweigen.«
»Ventre saint gris, so entkommen Sie mir nicht. Ich habe nicht die Ehre Offizier zu sein, die Ermahnung paßt also nicht auf mich!« -
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»Wohlan« sagte der junge Kapitain, der einsah, daß er seinen Begleiter sonst nicht los würde, »wenn Sie denn einmal sprechen müssen, so thun Sie es, aber nicht so laut und nur so lange, als es ohne Gefahr geschehen kann.«
»Das will ich und wäre es auch nur, um bei diesem höllischen Schaukeln der Barke nicht seekrank zu werden. Aber Kapitain, ich muß Ihnen gestehen, ich habe weniger Lust, selbst zu sprechen, als Sie sprechen zu lassen.«
»Mich?«
»Ja wohl, Sie - der Sie den Schweigsamen spielen, während Sie, als ich Sie vor drei Jahren in Paris kannte und wir manche lustige Nacht zusammen verbrachten, Nichts weniger als das waren. Ich wiederhole Ihnen, ich habe Sie genau beobachtet diesen Abend, obschon ich selbst den Champagner nicht schonte, und Sie haben kaum ein Glas getrunken, wenn Sie unabweislich Bescheid thun mußten.«
»Der Dienst, Graf!«
»Bah - wir hatten ihn alle vor uns, mehr oder weniger. Glauben Sie, daß - um bei uns Franzosen zu bleiben - Méricourt weniger gewissenhaft ist, als Sie?«
»Gewiß nicht, aber - ich vertrage nicht so viel als er!«
»Oh - dann müßte sich Ihre Natur gewaltig geändert haben. Sie sind Norman glaub' ich, und die haben einen starken Kopf. Ich erinnere mich, daß ich Sie Bernouillac unter den Tisch trinken sah, und der trank wie ein alter deutscher Ritter, oder wie ein Engländer, der den Spleen hat, sich in Klaret zu ersäufen.«
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»Dann - ich habe es mir abgewöhnt, ich trinke nicht mehr!«
»Das ist, als wenn man sagen wollte: ich liebe nicht mehr! Teufel, was Sie sich geändert haben gegen damals! Erinnern Sie sich noch an das Souper nach dem Ball in der Oper?«
»Ich erinnere mich« sagte der Offizier und zog den Kragen seines Kapots höher um das Gesicht, als wolle er sich vor dem Spritzwasser schützen, das in das Boot schlug.
»Sie mit Cora Pearl, die Sie an dem Abend als guter Orleanist dem großen Kriegshelden Plonplon weggefischt hatten; ich mit Metella, die Offenbach das Motiv zu einer allerliebsten Zotise gegeben hatte, die man diesen Winter in den Bouffes giebt, während wir uns auf diesem schmuzigen Wasser von Sturm und Hagel zausen lassen, und - wer war doch gleich das vierte Paar?«
Der Andere gab keine Antwort.
»Richtig - Ventre saint gris - ich habe der Abende so viele gehabt, daß ich nicht gleich mich zu orientiren wußte; der arme Castelane war es, der später bei Magenta oder in einem der andern Gefechte gefallen ist, und die tolle Therese, die Chansonniere!«
Der Offizier zuckte zusammen, als habe ihn ein Schlag getroffen.
»Sie müssen sich der kleinen Bachantin mit rothen Haaren noch erinnern, die ganz Paris den Kopf verrückte, und die selbst die Fürstin Metternich, unsere Excentrice, besucht hat. Sie war ja an diesem Abend ganz rasend
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in Sie verliebt, daß Cora förmlich eifersüchtig wurde. - Vielleicht haben Sie sie später noch gesehen, in Italien, denn Sie werden wissen, daß Seine Majestät unser allgnädigster Kaiser vom Plebiscit- und Kartätschen-Gnaden, sie zur Erholung von seinen Feldherrnthaten mit zum italienischen Feldzug nahm, wie sein Vetter Plonplon Cora Pearl nach Constantinopel!«
»Ich weiß es!«
»Nun endlich beginnen Sie aufzuthauen, mein Bester! O es war damals eine göttliche Saison in Paris. Das Gold oder vielmehr die Banknoten rollten, denn es war die Saison der großen Bankunternehmungen, des Credit mobilier und der Eisenbahnen, bei denen ich leider meine letzten hunderttausend Frank los wurde, statt sie zu verzehnfachen. Deshalb mußte ich eben die Saison abbrechen und für zwei Jahre nach den Kolonien gehn, während Sie Glücklicher bleiben durften. Aber im Grunde - Ventre saint gris - es war dort auch nicht ganz schlecht und ich habe mich vortrefflich unterhalten, während meine alte Tante aus dem Faubourg St. Germain durch Herrn Perier meine Schulden arrangirte.«
»Sie waren in Martinique Herr Graf?« frug der der Offizier zerstreut, vielleicht um dem halblaut geführten Gespräch eine andere Richtung zu geben.
»Auf Martinique und Guadeloupe. Meine Tante, die Marquise d'Esteyrac, die ich zu beerben hoffe, wenn ich mich bis dahin bessern kann und gut bourbonisch bleibe, hat auf der ersten Insel noch einige Besitzungen.«
»Waren Sie lange auf Guadeloupe?«
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»Drei Monate - also lange genug, um mich zehnmal zu verlieben, drei Duelle und einen Anfall vom gelben Fieber zu haben, und einen Messerstich von einem eifersüchtigen Mulatten zu empfangen, dessen Folgen mich zwangen, wieder in ein verständigeres Klima zurückzukehren. Abgesehen von einigen kleinen Vergiftungsversuchen, die ich nicht rechnen will.«
»Sollten Sie vielleicht dort in die Gegend von Basse-Terre gekommen sein?«
»Oh - Parbleu - der gebirgige Theil der Insel ist der Hauptplatz meiner Thaten gewesen.«
»Und haben Sie dort zufällig einen Pflanzer Namens Lautrec kennen lernen?«
»Lautrec? den alten Kapitain? Ventre saint gris, wer würde denn nicht den Vater der schönen Königin von Guadeloupe kennen?«
»Der Königin von Guadeloupe?« -
»Seiner Tochter!«
»Seiner Tochter? - Der Kapitain Lautrec hat also eine Tochter?«
»Alle Donnerwetter und was für eine! Ich sage Ihnen Herr Kapitain, obschon eine Quadrone und erst fünfzehn Jahr ist sie in Wahrheit die Königin der Schönheiten von Guadeloupe und dazu in Gold und Juwelen gefaßt. Ventre saint gris - ich wünschte, ich könnte Ihnen die Zartheit und doch Ueppigkeit dieser Formen beschreiben, oder das schmachtende Auge, das seidene Haar und die schwellenden Lippen, oder vielmehr den ganzen Eindruck. Auf meine Ehre, sie ist eine Parthie eines Herzogs oder
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Marschalls werth und glücklich Der, dem sie der alte Seebär anvertraut. Ich hätte sie auf den Fleck geheirathet, wenn mich nur der Alte gewollt hätte. Aber der Bär hat einen ganz unsinnigen Bürgerstolz!«
Der Offizier hatte in tiefem Nachdenken dieser Extase zugehört.
»Aber um wieder auf unser Frankreich zu kommen« - fuhr der Graf fort - »und uns an die erreichbare Wirklichkeit zu halten, was zum Teufel mag unser Louis denn mit der tollen Therese angefangen haben? Es gingen die seltsamsten Gerüchte darüber in Paris und man erzählte sogar von einer geheimen Anwesenheit der Kaiserin in Mailand und einer imperialistischen Ohrfeige. Nur so viel ist gewiß, daß er sie nicht wieder mitgebracht hat nach Paris. Da Sie Beide damals unter den Garde-Zuaven dienten, also immer in der Nähe des kaiserlichen Hauptquartiers waren, müssen Sie doch etwas von der Geschichte gehört haben, Sie oder der arme Castellane.«
»So viel ich vernommen, soll Mad[e]moiselle Therese fromm geworden und in ein Kloster gegangen sein!«
Der Graf schlug ein so munteres Gelächter auf, daß der Kapitain ihm rasch die Hand auf den Mund legte und von dem nächsten Boot aus, in dem sich der Marine-Lieutenant befand, ein unwilliger Ruf zur Vorsicht herüber kam. »Also doch wahr und wahrhaftig! ich wollte es nicht glauben, als man mir's erzählte und beifügte, daß es aus Gram über den Tod ihres Anbeters Castellane geschehen sei! Als ob diese Person je etwas Anderes geliebt hätte, als die Verschwendung und das Vergnügen!
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Aber Sie haben mir noch Nichts von dem Tode unseres Freundes erzählt - Sie waren ja wohl dabei?«
»Ich - war - in der Nähe!«
»Dann kennen Sie also die näheren Umstände?«
»Ich kenne sie.«
»Gut, dann erzählen Sie mir. Er ist in der Schlacht von Magenta gefallen?«
»Am Tage vorher!«
»Also bei den Recognoscirungen? Im Einzelngefecht? Zum Henker, seien Sie doch nicht so schweigsam - man muß Ihnen jedes Wort heraus holen.«
»Man hat ihn todt - unweit des Hauptquartiers gefunden.«
»Erschossen?«
»Erstochen!«
»Er hat sich also überraschen lassen? Aber eigenthümlich ist die Geschichte doch. Haben Sie denn keine Vermuthung ...«
Der Kapitain zögerte zu antworten. Er wurde dessen enthoben durch die rauhe Stimme des Marine-Offiziers.
»Kapitain Gauthier, ich muß Sie an den Befehl des Generals erinnern! Die Barken steuern jetzt dem Ufer zu und jeder unvorsichtige Laut kann das Verderben der Expedition sein.«
Der Offizier nickte schweigend Zustimmung.
»La la!« meinte leichtsinnig der junge Aristokrat - »wir haben noch Zeit, denn mich soll der Satan holen, wenn ich auch nur eine Spur von Küste sehen kann.
Der Kapitain faßte energisch seinen Arm. »Still
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Kamerad - von jetzt ab gilt nur der Dienst und Sie kennen den Befehl!«
Die Barken waren auf der Höhe des Punktes angekommen, den Lieutenant von Salvy zur Landung gewählt hatte, und die Steuerung wurde dahin gerichtet. Die Electrizität, die die Luft erfüllte, machte die hochgehenden Wogen so stark phosphoresciren, daß die Barken gleich riesigen schwarzen Ungethümen der Tiefe über sie dahin taumelten. In Millionen leuchtender Perlen bedeckte das Spritzwasser die Mannschaften, während die Kiele auf den Kämmen der Wogen der Brandung zu flogen, deren donnernder Schall bald darauf hörbar wurde.
Leise erging von Mund zu Mund der Befehl, die Munition und die Schlösser der Gewehre möglichst unter den Kleidern vor der Durchnäsfung zu schützen.
Es war ein furchtbares Wagniß, das nächtliche Anlaufen an eine brandende Felsküste. Ohne jene in die verschiedenen Barken zu ihrer Unterstützung vertheilten Matrosen vom Protis hätten die neapolitanischen Schiffer das Wagniß nicht unternommen oder fortgesetzt.
Jeder fühlte, daß die nächste halbe Stunde über Leben oder Untergang entschied, und es brauchte daher kaum der weiteren Aufsicht der Offiziere, um das strengste Schweigen aufrecht zu erhalten. Selbst der schwere Anfall von Seekrankheit, an der Viele in der letzten Stunde gelitten, war vor den Schrecken der wirklichen Gefahr verschwunden.
Unterhalb der Schiappa liegen zwei kleine Inseln oder vielmehr Eilande, und deren Schutz gegen die Außenwogen
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war es, auf welchen der erfahrene Seeoffizier gerechnet hatte, um an der gefährlichen Küste zu landen. Grade die Gefährlichkeit des Unternehmens mußte sein bester Schutz sein, denn neben solcher Brandung hatten die Piemontesen sicher nicht daran gedacht, hier noch Schildwachen auszustellen.
Die Barke, in welcher sich der Marine-Lieutenant mit dem Oberstlieutenant Migy befand, bildete jetzt die Tête, - der wackere Marine-Offizier hatte selbst das Steuer genommen.
Es waren Augenblicke bangen Zweifels, ob es den gewaltigen Anstrengungen der Ruderer gelingen würde, die Spitze der mehr einem einzeln aus dem Meer hervorragenden Felsen gleichenden Vorinsel zu umfahren, oder ob der Sturm sie auf diese und die Küste weiter hinauf werfen würde.
In dem starken Wetterleuchten konnte man jetzt gleich einem weißen beweglichen Bande den Schaumgürtel der Brandung erkennen. Links stieg aus der dunklen wogenden See eine noch dunklere aber unbewegliche Masse empor.
»Das ist die Stelle!« murmelte der Offizier - »jetzt Leute arbeitet für Euer und Euer Kameraden Leben!«
Er hatte die leichte Steuerpinne mit beiden Händen gefaßt, und lehnte mit der ganzen Wucht des Körpers darauf.
»Auf mit den Riemen!«
Die sechs Ruder hoben sich, auf dem Kamm einer hinter ihr her rollenden Woge flog die Barke vorwärts - jetzt - der Felsen flog am Backbord vorüber! - »Eingesetzt Leute - streicht um Euer Leben!« - Die Steuerpinne
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hielt fest, in zwei Minuten ruderte die Barke in verhältnißmäßig ruhigem Wasser.
Hochaufathmend richtet sich der ehemalige Kapitain der Protis auf und gab das Steuer einem seiner Matrosen, um nach den anderen Schiffen zu spähen.
Das zweite und dritte vermochten glücklich dasselbe Manöver auszuführen, wie die leitende Barke. - Die vierte jedoch schoß an dem entscheidenden Punkte vorüber und trieb unaufhaltsam der Felswand der Küste zu. Das von zu leichtem Holz gefertigte Steuer war unter dem gewaltigen Druck gebrochen.
Der Marine-Offizier warf einen entsetzten Blick auf das dahin fliegende Fahrzeug. »Ewiger Gott, sie sind verloren, der brave junge Kapitain mitsamt dem aristokratischen Schwätzer! In die Riemen Jungens, und wenn sie brechen! Wir müssen zusammen mit ihnen an der Küste sein.
Die Ruder bogen sich wie Peitschenstäbe unter den kräftigen Schlägen der Männer - kaum weniger schnell als das verlorene Fahrzeug auf den brandenden Wellen flog die Barke in paralleler Richtung dem ruhigeren Theil der etwa noch 500 Ellen entfernten Küste zu. Die anderen Barken folgten in mehr oder weniger größerem Winkel.
Jene Barke, die der unglückliche Steuermann wegen der Zersplitterung des Steuers nicht in das ruhigere Wasser zu drängen vermocht hatte, war die, welche den Kapitain Gauthier und den Grafen von Saint Brie trug.
Die furchtbare Lage und ihre Folgen waren sofort auch
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dem Laien deutlich erkennbar, als hätte sie ihnen der Matrose und der Fischer, dem die Barke gehörte, in Worten auseinander gesetzt.
Der Letztere geberdete sich mit all' jener leidenschaftlichen Heftigkeit, welche den Süditalienern schon in gewöhnlichen Lagen, viel mehr noch in dem Augenblicke der Erregung eigen ist. Er warf sich auf die Knie, rang die Hände und begann, seine Schutzheiligen anzurufen. Die Franzosen starrten entsetzt auf ihn - viele beteten.
»Still - keinen Laut! Sterbt wie Männer!«
Die Worte waren fast geflüstert, aber in einem so eigenthümlichen Ton, daß er trotz des Tobens des Windes und des Brausens der nahen Brandung in jedes Ohr der zitternden Mannschaft drang.
Der junge Aristokrat, der so oft mit dem Leben frivol gespielt hatte, saß bleich auf der Bank des Bootes, hielt sich fest geklammert an diese und sah mit gesträubtem Haar, aber nicht ohne eine gewisse Bewunderung zu dem Offizier auf, der sich halb erhoben hatte und mit der Linken sich auf den an den Bootrand klammernden nächsten Ruderer stützte, während seine Rechte den funkelnden Stahl hielt, mit dem er Jedem den Tod gedroht, der einen Schrei ausstoßen würde. Seine Augen funkelten gleich zwei Kohlen, wie sie bald über die kleine, dem Verderben geweihte Schaar liefen, bald die mit jeder Secunde näher kommende Gefahr maßen. Der Graf von Saint Brie war gewiß ein Mann von unbezweifeltem Muth, - er hat es in vier Duellen bewiesen; aber zu ertrinken hier, an der öden Küste, oder an dem Gestein zerschmettert zu werden, ohne einen Ruf
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der Hilfe, einen Schrei des Schmerzes ausstoßen zu dürfen, machte ihn schaudern, und er bereute vielleicht, sich mit Gewalt zu der nächtlichen Expedition gedrängt zu haben.
Außer dem Offizier war in der That nur der bretonische Matrose, den Lieutenant von Salvy dem Boote beigegeben hatte, der Einzige, der seine volle Fassung und Kaltblütigkeit bewahrt hatte. Er hatte eines der Ruder ergriffen und hielt sich im Spiegel der Barke, die blauen, runden Augen fest auf die Brandung und die heranfliegende Felswand gerichtet, um womöglich eine Chance der Rettung zu erspähen. Er war ein Mann von nahe an den Sechzigen, aber muskulös und kräftig, der heulende Wind, der spritzende Schaum spielten mit seinen langen, grauen Haaren und brachen sich an der entblößten Brust.
»Heiligste Jungfrau!« schrie der Fischer auf.
»Still!«
Die zurückfluthende Brandung rauschte um die Barke und machte sie einen Augenblick wie auf der Spitze der Wogen halten - im starken Wetterleuchten weiß wie ein Leichentuch sich erhebend und ihre Farbe mit dem weißen Gischt der Brandung vermischend, lag die etwa 50 Fuß hohe Kalksteinmauer der Küste vor dem Fahrzeug.
Der gellende Angstschrei verlor sich in einen gurgelnden Laut, das warme Blut aus der durchstoßenen Kehle mischte sich mit dem kalten Schaum des Meeres - gleich zwei Wänden stürzte von rechts, links die Brandung über das unglückliche Fahrzeug, während ein furchtbarer Stoß es erschütterte und seine Planken aus ihren Fugen riß.
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Aber die Kaltblütigkeit und Aufmerksamkeit des alten Matrosen war nicht ohne Frucht geblieben. Ohne einen Laut ließ er das Ruder fallen, mit dem er im entscheidenden Augenblick den Bug des Fahrzeuges zwischen zwei von ihm in dem Gischt bemerkte Steinblöcke gerichtet hatte, und drängte mit der ganzen herkulischen Kraft seiner ausgebreiteten Arme die vor ihm Stehenden und Kauernden nach vorn. Die Spitze der Barke war nach oben gerichtet, während der Spiegel wohl drei Fuß tiefer lag; - drei der Soldaten waren von dem furchtbaren Stoß über Bord geschleudert und entweder an dem Gestein zerschmettert, oder von der rückfluthenden Woge in die See zurückgewirbelt worden, aber das Brüllen des Meeres, das Heulen des Windes waren zu stark gewesen, als daß auch das aufmerksamste Ohr an der Küste den Todesschrei derselben hätte vernehmen können, und überdies - gleich als wolle der Himmel das kühne Unternehmen selbst begünstigen - war in den letzten Minuten einer jener leichten Hagelschauer losgebrochen, welche dem Gewitter voran gingen.
Der Kapitain Gauthier hatte sofort die Absicht des alten Matrosen und die einzige Aussicht der Rettung begriffen. Indem er den Grafen von Saint Brie emporriß und ihn nach vorn warf, drängte er mit aller Macht nach dem Bug der Barke. Ein Krachen hinter ihnen beschleunigte diese Anstrengung - die Barke war mitten durchgebrochen, und als der Kapitain auf einen Augenblick lang zurückzuschauen versuchte, sah er, daß der heldenmüthige alte Seemann, dessen Energie sie vielleicht die Rettung verdanken sollten, lautlos verschwunden war.
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In den Augenblicken der höchsten Todesgefahr ist der Instinkt Alles. Die Soldaten, die durch die Vorsicht ihres Offiziers ihre Gewehre am Riemen umgehängt trugen, hatten sich, fast ohne zu wissen, was sie thaten, einer von dem anderen gedrängt über den Bug der Barke in das Wasser geworfen. Einer von ihnen war dabei unter die Füße getreten und ertrank unter den fortwährend über ihn weg schlagenden Wellen.
Aber indem sie sich blindlings in das Meer stürzten mit der Aussicht, an den schroffen Felswänden zerschmettert zu werden, fanden sie Boden unter ihren Füßen.
Zwischen den Steinblöcken, zwischen welche ihr zertrümmertes Fahrzeug geworfen worden, und der Küstenwand hatten die Wogen vielleicht schon seit Jahrhunderten das Geröll der bröckelnden Steine zusammengehäuft, und die Fluth ragte den Mannschaften nur bis an die Brust, während der aufwärts gekehrte Bug des Bootes und die Felsblöcke hinter ihnen den Anprall der Wogen schwächt, der sie sonst ohne Zweifel niedergeworfen hätte.
Kaum empfand der Kapitain, daß die Aussicht auf Rettung der übrig gebliebenen Mannschaft vorhanden war, als er auch sofort mit Energie die nöthigen Maßregeln traf. Mehr mit Stoßen und Schieben, als mit Worten drängte er den Haufen zusammen, um fester der zurückwirbelnden Brandung Widerstand leisten zu können, und schob ihn vorwärts. Mit jedem Schritt weiter kamen sie höher hinauf und hoben sich mehr aus dem Gischt. Nach dem Kämpfen von wenig mehr als zwei Minuten stießen sie an die Küstenwand selbst.
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Die Gefahr war zwar keineswegs vorüber, aber doch athmete jede Brust freier und sicherer.
Kapitain Gauthier war hier wieder an der Spitze seines Haufens. Er machte Halt, theils um die Leute ruhen zu lassen, theils in der Hoffnung, noch Einem oder dem Anderen, welche die Wogen fortgerissen, Beistand leisten zu können. Ja er wagte es auf jede Gefahr hin, von hier aus einen leichten Ruf in das Brüllen der Wogen zu mischen.
Doch nur dieses antwortete ihm.
Dann wandte er all' seine Aufmerksamkeit der Steinwand zu, welche ihrer weiteren Rettung anscheinend eine unübersteigliche Schranke setzte.
Das Warten und jeder Versuch, noch ein Leben zu retten, erwiesen sich zwar als vergeblich, dagegen bemerkte der scharfe Blick des jungen Offiziers, daß es ziemlich leicht sein würde, die Uferwand zu erklimmen, da ein breiter von oben herab führender Spalt genügenden Anhalt gab.
Nur bedacht, zunächst sich zu überzeugen, daß das Plateau an dieser Stelle nicht von piemontesischen Posten besetzt sei, begann er sofort die Erklimmung, gefolgt vom Grafen St. Brie und den geretteten Mannschaften.
Er hatte jedoch kaum die Höhe erreicht, wo Alles im Schatten der sich vom Monte Lombone bis hier herunter ziehenden Berggelände in tiefem Dunkel lag, als ungeachtet des Brausens der Brandung und des Rasseins der Schlossen die Schritte eilig herankommender Menschen deutlich gehört wurden.
Der Augenblick war entsetzlich - noch Niemand hatte Zeit gehabt, zu untersuchen, wie weit seine Waffen noch
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brauchbar wären - zum Glück aber löste sich der Zweifel bald in der Frage: »Landsleute? Kapitain Gauthier?«
Es war Lieutenant Salvy, welcher fast eben so rasch, als die Barke Schiffbruch gelitten hatte, mit der seinen das Ufer an einer günstigen Stelle erreicht hatte und herbeigeeilt war, um zu sehen, ob Etwas zu retten wäre.
Die Freude war um so größer, als man es kaum noch für möglich gehalten. Nachdem Kapitain Gauthier seine Leute gesammelt und sofort nach seiner Seite zwei Schleichpatrouillen ausgesandt hatte, um die Sicherheit der Terrains zu prüfen, beeilte man sich, zu der Landungsstelle der fünf Barken zu gehen.
Hier hatte die Ausschiffung der ganzen Mannschaften bereits stattgefunden und Oberstlieutenant Migy dieselben Vorsichtsmaßregeln genommen, wie sein untergebener Offizier. Der Schlossenschauer hatte wieder aufgehört, und als sich das Auge mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatte, vermochten die beiden Führer sich zu orientiren.
Man befand sich am Fuße des 367 Meter hohen Monte Lombone, auf dessen Abdachung die äußerste Batterie der Piemontesen nach dieser Küste hin lag. Man wußte, daß der von der Festung herkommende Weg sich um die östliche Seite des Berges wand und später in zwei Richtungen den Monte Agatha umgab und nach Albano und zur östlichen Küste führte. Es galt vor Allem, diesen offenen Weg zu vermeiden, da man ja erwarten mußte, hier auf feindliche Wachen oder Patrouillen zu stoßen.
Alle Verabredungen und Kommando's durften natürlich
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nur in möglichster Stille erfolgen. Die Schweizer-Kompagnie übte diese, als die bestdisciplinirte, ohne Schwierigkeit, die französischen Legionaire waren durch die furchtbare Energie eingeschüchtert worden, die ihr junger Führer in Mitten der Gefahr geübt hatte.
Man prüfte zunächst die Feuerwaffen, wie weit sie von dem eingedrungenen Seewasser gelitten. Da kein Gewehr aus Vorsicht geladen worden und die Läufe geschlossen und die Schlösser genügend umwickelt gewesen waren, fand man die meisten in gutem Zustand - auch die unter den kurzen wasserdichten Radmänteln geborgene Munition war gerettet. Dagegen befand sich die Mannschaft der gestrandeten Barke selbst natürlich in der traurigsten Beschaffenheit, alle Kleider vom Meerwasser durchdrungen, das in dem scharfen Seewind eine lähmende Kälte übte.
Nach kurzer Berathung beschloß man, daß die Schweizer-Kompagnie des Hauptmann Steiner, welcher die Aufgabe zugefallen war, Albano zu überrumpeln - den wirklichen Zweck dieses Ueberfalls kannten nur die beiden oberen Offiziere - unter dem Geleit eines der Führer voran marschiren und damit zugleich das Terrain sondiren sollte, während die französische Kompagnie mit dem zweiten ortskundigen Führer folgen und sich an passender Stelle in der Nähe der Klosterruinen in Hinterhalt legen sollte, bis das Zeichen vom Monte Orlando sie benachrichtigen würde, daß der Ausfall der Truppen aus dem Landthor der Festung im Gange sei.
Nachdem Oberstlieutenant Simonetti seine letzten
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Anordnungen getroffen, zog die erste Abtheilung der kecken Expedition ab und verschwand im Dunkel.
Kapitain Gauthier benutzte die verabredete Zeit des Wartens, um seine Leute ihre Fußbekleidung trocknen und ihre Oberkleider wenigstens ausringen zu lassen, indeß er sich mit dem Führer besprach, in dem er einen anscheinend eben so umsichtigen, als kühnen Mann fand, der auf alle Fragen rasche und von voller Kenntniß seiner Aufgabe zeugende Antworten gab. Doch wunderte ihn einigermaßen der halb spöttische, halb vertrauliche, eine gewisse Gleichstellung beanspruchende Ton, den der ihm sonst Unbekannte gegen ihn anschlug, während gewöhnlich die Italiener der unteren Stände gegen Höhergestellte und Vorgesetzte sich in der Redeweise einer gewissen Devotion befleißigen.
Der Mann war von untersetzter Gestalt, hatte einen schwarzen, krausen Bart und die ärmliche Tracht eines Landmannes, über welche er den zottigen Mantel von Ziegenfell geworfen, welchen die Hirten der pontinischen Sümpfe gewöhnlich tragen. Kapitain Gauthier bemerkte, daß er im Gehen etwas lahmte und deshalb einen tüchtigen Bergstock führte. Anscheinend war er ohne Waffen. Das Gesicht konnte der Offiziere nicht näher erkennen, da es eben zu dunkel war und der Mann den zerrissenen spitzen Hut tief in's Gesicht gedrückt trug.
Trotz seiner Lahmheit schritt der Mann rüstig der kleinen Schaar voran, und da das Terrain offenbar von den vorauf marschirten Schweizern sicher befunden worden, glaubte der Kapitain sich mit dem Führer in ein längeres
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Gespräch einlassen zu können, das freilich mit gedämpfter Stimme geführt wurde.
Jetzt zuerst auch redete der Graf von Saint Brie ihn an, denn bisher hatte es an Zeit und Gelegenheit dazu gefehlt.
»Kapitain« sagte er, »nehmen Sie meine Hand! Sie haben eine verteufelte Manier, einem Menschen das Leben zu retten. Die Art und Weise, wie Sie einen der ältesten Namen kopfüber aus dem Boot warfen, ohne zu sagen: Vorgesehen! muß Ihnen die Hochachtung des ganzen Faubourg Saint Germain sichern. Saint Brie ist Ihr Schuldner!«
»Der, welchem wir Alle unsere Rettung verdanken, ist leider ein Opfer seiner Hingebung geworden!«
»Sie meinen den alten Seebären? Bah - diese Bursche sind an's Ersaufen gewöhnt, während unser Einem das ein fataler Tod gewesen wäre. Ich bin naß wie ein Pudel und werde morgen so salzig aussehen, wie ein holländischer Häring!«
»Sie werden heute noch Gelegenheit genug finden, trocken zu werden, Monsieur!« mengte sich ungenirt der Führer in das Gespräch.
»Ah, mein Alter! Ihr versteht französisch?«
»Ein Wenig - was man en passant von den Fremden lernt, die in besseren Zeiten ihre Nasen an unseren Ruinen reiben. Aber, mein Kapitain, hier einige Vorsicht, wir müssen diesen Fußweg hinauf!«
»So seid Ihr aus der Gegend?«
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»Das gerade nicht - aber ich kenne doch die Berge sehr genau!«
»Eurem alten Ziegenfell nach seid Ihr aus den pontinischen Sümpfen« meinte der Graf. »Ich erinnere mich, in Terracina ähnliche Vogelscheuchen am Wege gesehen zu haben.«
»Auch darin irren Sie, Herr Kamerad!«
»Kamerad? Seid Ihr toll?«
Der Führer lachte. »Per bacco, Signor! Diene ich nicht auch als Freiwilliger Seiner Majestät dem König von Neapel?«
»Der Bursche hat in der That Humor! - Was meinen Sie, Gauthier?«
»Oberstlieutenant Migy sagte mir, daß wir ihm vollkommen vertrauen könnten - wir wollen deshalb über Begriffe nicht rechten.«
Der Führer blieb plötzlich stehen und erhob die Hand.
»Silenzio!« sagte er.
Auf ein Zeichen des Kapitains machten die Nächsten sofort Halt und der Befehl pflanzte sich rasch durch den ganzen Trupp fort.
Der Führer wandte sich an den Offizier.
»Signor« sagte er, »haben Sie das Vertrauen zu mir, das man Ihnen anempfohlen?«
»Warum?«
»Weil es nothwendig ist, daß ich mich auf zehn Minuten entferne, und daß Sie mich allein gehen lassen!«
Kapitain Gauthier bedachte sich einige Augenblicke, er fühlte die schwere Verantwortlichkeit, denn er kannte nur
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die allgemeine Lage der Berge, aber unter seiner Compagnie war Keiner, der Weg und Steg wußte.
Dennoch blieb ihm keine Wahl.
»Ich will Euch das Vertrauen schenken auf die Gefahr meines Vorgesetzten hin, denn wir selbst kennen uns noch zu wenig. Aber Ihr werdet begreifen, daß ich die Nothwendigkeit erkennen muß.«
»Cospetto, das versteht sich, Herr Kamerad!«
»Ihr sprecht unverschämt!«
»Oh, nichts weniger als das! Kapitain Chevigné ... kennen Sie Kapitain Chevigné? ...
»Ich habe von ihm gehört!«
»Ich kenne ihn persönlich sehr gut« fügte der Graf bei. »Und ich ...«
»Nun denn, ich versichere Sie, Kapitain Chevigné, der hoffentlich jetzt glücklich wieder in Frankreich ist, hat sich noch vor sechs Wochen ein Vergnügen daraus gemacht, mich Kamerad zu nennen! Aber das sind Nebensachen. Hören Sie!«
Er deutete nach dem Hügelkamm über ihnen.
Jetzt - als sie aufmerksam lauschten - vernahmen auch der Kapitain und seine Gefährten das, was die schärferen Sinne ihres Führers schon früher wahrgenommen hatten: das Geräusch von Schritten bewaffneter Männer und das Sprechen derselben.
Kapitain Gauthier griff nach seinem Säbel.
»Halten Sie sich still, Signor!« flüsterte der Führer. »Es ist eine Ablösung von der Batterie her - wir werden uns gleich überzeugen und dabei noch profitiren.«
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Die Herankommenden, die in dem Schatten der höher liegenden Berge allerdings nicht zu sehen, aber wohl zu hören waren, machten Halt.
»Trippe del papa!« sagte eine barsche Stimme - »Dieser Halunke von Emanuele - mit allem Respekt vor Seiner Majestät - muß in dem Hundewetter irgendwo untergekrochen sein, denn ich sehe ihn nirgends!«
»So rufen Sie doch, Caporale!« meinte eine andere Stimme.
»Es bleibt uns wirklich Nichts übrig, da er selbst uns nicht anruft, und in der Nähe muß er sein. Aber ich werde den Schurken dem Kapitain zur Bestrafung anzeigen! - He, Sentinella! - Emanuele Vicotti! Schläfst Du oder hat Dich der Hagel erschlagen?«
»Chi va là?« ertönte der schwache Anruf der Schildwach aus einiger Entfernung.
»Ah - dort steht der Bursch - ich hatte mich in der Richtung geirrt! Aber der Halunke hätte uns hören müssen und ich werde ihm die Ohren aufknöpfen!«
Der Korporal schritt mit seiner Begleitung vorwärts.
»Kommen Sie!« flüsterte der Führer. »Aber vorsichtig!« und er zog den Kapitain sich nach, indem er den Grafen und die Mannschaften durch ein Zeichen bedeutete, zurückzubleiben.
Sie schlichen geräuschlos in der Richtung nach, welche die Ablösung eingeschlagen.
»Chi va là?« klang es zum zweiten Male kräftiger von jenseits des Hügelkammes.
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»Smontare la guardia!«11
»Signale?«12
»Tumulo di Cicero!«13
»Il signo?«14
»Nunziante!«
Der Kapitain hörte, wie sein Führer bei diesem Namen eine Verwünschung leise in den Bart murmelte.
Es folgten die gewöhnlichen militairischen Formalitäten der Abwechselung und dann ermähnte der Korporal den Posten, hübsch Acht zu haben auf die bei seinem Standpunkt sich kreuzende Straße, um so mehr, als die Offiziere keine Lust hätten, bei diesem Hundewetter sich mit Ronden zu befassen und alle überflüssigen Posten eingezogen wären. Auch sei die Hälfte der Offiziere hinüber nach San Agatha, wo sie zur Feier der Armirung der Batterie ein Trinkgelage hätten, indeß sie hungern und dürsten müßten. Unter diesen Anempfehlungen und diesen Klagen zog das Ablösungskommando wieder ab, ziemlich dicht an den beiden Versteckten vorüber.
Erst als die Feinde in hinreichender Entfernung waren, schlichen Kapitain Gauthier und der Führer mit gleicher Vorsicht, um nicht von dem Posten, den sie pfeifend auf und nieder gehen hörten, bemerkt zu werden, zu den Ihren zurück.
»Bei dem heiligen Collegium« sagte endlich stehen bleibend der Führer, »wir haben Glück, Monsieur! Wir wissen jetzt das Paßwort und wo der Posten steht. Und
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da derselbe frühstens erst in zwei Stunden auf Ablösung hoffen darf und der einzige auf dieser Seite des Berges ist, so brauchen wir ihn blos bei Seite zu schaffen, um offen und bequem auf dem Heerweg marschiren zu können, statt unseren Weg durch Stein und Gestrüpp nehmen zu müssen.«
»Aber wie?«
»Das überlassen Sie mir. Ich glaube, Sie haben sich jetzt überzeugt, daß ich Vertrauen verdiene?«
»Vollstes!«
»Optime! Dann will ich meine Vorbereitungen treffen.«
Er zog aus einem Sack unter dem Mantel eine jener Rohrpfeifen, auf denen die Hirten der Sümpfe wie die Bewohner der Apenninen-Thäler trotz der Einfachheit des Instruments so hübsche Melodien zu blasen wissen, und fühlte, ob er das in seinen Beinkleidern verborgene Messer auch handgerecht habe.
Der Kapitain schauderte bei dieser letzten Bewegung, deren Bedeutung er ahnte, machte aber keine Bemerkung, da er die furchtbare Nothwendigkeit einsah.
»A reviderci, Kamerad! Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden, denn ich muß mit ihm plaudern.«
Der Führer, der so beharrlich die Offiziere seine Kameraden zu nennen liebte, nahm seinen Weg in der Richtung, welche die gebahnte Straße laufen mußte, und gelangte etwa fünfhundert Schritte unterhalb der Stelle auf dieselbe, wo sich der belauschte Posten auf dem Gelände befand, das den Weg einschloß.
Der Piemontese, zu einer Compagnie Bersagliere
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gehörig, die bei den Batterien des Monte Lombone bivouaquirte, hatte das Pfeifen daran gegeben - er summte ein Lied, dessen schwermüthige Melodie ihm Erinnerungen an die Heimath in's Gedächtniß zurückzurufen schien, denn er war ganz in dieselben versunken.
Plötzlich hob er den Kopf und horchte.
Durch die Windstöße, welche den Weg, der fast ein Hohlweg genannt werden konnte, entlang heulten und sich an den Bergwänden brachen, klang die muntere Melodie einer Saltarella, von einer Hirtenflöte mit großer Kunst geblasen.
Gleich darauf wurden auch kräftige Männerschritte hörbar, die sich durchaus nicht verbergen zu wollen schienen.
Der Bersagliere schlug den Kragen seines Mantels von den Ohren, nahm sein Gewehr in die Hand und richtete sich an dem Steinhaufen empor, hinter dem er bisher gesessen.
»Chi va là?«
Statt der Antwort blies die Flöte die in der piemontesischen Armee übliche Reveille.
»Steht und gebt Antwort, oder ich gebe Feuer! Wer kommt da?«
»Jesu Maria! Wer soll es anders sein, als der arme Giacobbe, der Pfeifer?!« antwortete der Ankommende im vollen Dialekt der Campagna. »Sind Sie vielleicht ein Herr Soldat?«
»Versteht sich, und eben darum bleibt stehn und setzt keinen Fuß weiter, bis ich herunter gekommen bin und mich überzeugt habe! Die Nacht ist so verflucht dunkel, daß man
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kaum die Hand vor den Augen sehen kann, wenn das Wetter nicht zufällig leuchtet!«
Gerade geschah dies und der Soldat, der gegen die Gewohnheit der Piemontesen ziemlich redseliger Natur zu sein schien, sah in dem Heruntersteigen von dem Gelände mitten auf der Straße einen Mann im Ziegenmantel mit der Pickelpfeife und einen Bergstock in der Hand stehen, dem Anscheine nach ein Bewohner der Gegend und ganz unbewaffnet.
»Wer bist Du?«
»Heilige Jungfrau, ich habe es Ihnen ja schon gesagt, Herr Soldat, ich bin Giacobbe, der arme Giacobbe, der Pfeifer aus dem Casa Pietra dort unten an der Schiagga! Sie müssen mich ja kennen, denn die Herren Soldaten kommen alle Tage zu uns und haben uns überdies nur meinen Ziegenstall zum Wohnen gelassen!«
»Schweig, Narr! Wie sollen wir jeden Vagabonden kennen?! Ueberdies ist unsere Compagnie erst gestern auf Wache kommandirt. Wo willst Du hin?«
»Nach San Agatha, Herr Soldat! Die Herren Unteroffiziere, die vorhin hier vorbeigekommen, es kann noch keine halbe Stunde her sein, wollten mich mitnehmen, weil ich so schön blasen kann, aber ich mußte der Fittacuola15 erst helfen, die Ziegen melken, die armen Thiere. Euer Schießen hat sie ganz scheu gemacht, und sie wagen sich gar nicht mehr in die Berge, obschon wir zu Hause kaum für uns selbst zu essen haben!«
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»Genug des Geschwätzes! Du kannst hier nicht passiren, wenn Du die Losung nicht hast!«
Der angebliche Ziegenhirt kraute sich am Kopf. »Die Herren Soldaten, die mir nachzukommen befahlen, haben mir zwar Etwas gesprochen, was ich sagen sollte, wenn man mich anhalten thäte, aber ich habe es vergessen. Der heilige Januario, mein Schutzpatron, hat mir ein so schlechtes Gedächtniß gegeben! Aber könnten Sie mich nicht so vorbei lassen, Herr Soldat? Ich will Ihnen zum Dank noch eine schöne Tarantella blasen!«
»Nein - es ist gegen die Ordre! Du mußt warten bis der Korporal mit der Ablösung kommt.«
»Und wie lange wird das dauern?«
»Pardiou - sie werden sich nicht beeilen - zwei bis drei Stunden. Vielleicht erst morgen früh!«
»Dann ist es freilich zu spät, um noch ein Paar Bajocchi in dieser schlimmen Nacht zu verdienen. - Aber Verzeihung, Herr Soldat Excellenza, Sie sind wohl nicht von hier?«
»Dummkopf - versteht sich, daß wir nicht aus Euren Sumpflöchern sind! Wo ich her bin, da sehen die Berge anders aus, als Eure Maulwurfshügel!«
»So, so - also sind Sie vielleicht drüben aus den Apenninen, vom Monte Meta, dem höchsten Berge in der Welt?«
Dem Bersagliere schien die Unterhaltung wenigstens ein Mittel, sich die Zeit zu vertreiben und die trüben Gedanken, die ihn vorher gequält, aus dem Sinn zu schlagen. »Ich hab Dir schon gesagt, daß Du ein einfältiger Tölpel
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bist. Ihr römischen Schweine wißt von der Welt in der That Nichts, als was Euch Euer Bettelpfaffe im Beichtstuhl sagt. Der Monte Meta ist gegen unsern Montblanc und Monte Viso grade so hoch, wie ein Bergwiesel gegen einen Steinbock.«
»Was Sie nicht sagen, Herr Soldat! und wo ist denn das, wenn ein armer Ziegenhirt und Flötenbläser danach fragen darf?«
»In Savoien, Mann! In den savoiischen Alpen, wo ich noch vor achtzehn Monaten die Mouffles und den Steinbock gejagt habe!«
»Lieber Himmel, das sind alles Thiere, die ich nicht kenne und von denen ich im Leben Nichts gehört habe. Aber sagen Sie, Herr Soldat, Savoien, ist das nicht das Land, was kürzlich der heilige Vater an den mächtigen Kaiser von Frankreich verkauft hat?«
»Du irrst in der Adresse mein Bursche - aber komm mir nicht so nahe auf den Leib - wir können auch in einiger Entfernung mit einander reden!«
»Ganz wie Sie befehlen, Herr Soldat. Aber wissen Sie - da fällt mir ein, war nicht das Wort, das mir der Herr Unteroffizier gesagt hat, Tumulo di Cicero?«
»Richtig, mein Alter - ich sehe, daß ich Dich am Ende doch noch passiren lassen kann, wenn Du Dich auch auf das andere Wort besinnen kannst!«
Er schien mit der Nennung der Losung größeres Vertrauen zu der Ungefährlichkeit des Mannes gefaßt zu haben, kam ihm selbst näher und plauderte weiter.
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»Also aus Savoien sind Sie, Herr Soldat?« frug der Hirt - »das ist wohl sehr weit her?«
»Freilich! - ich hätt' es auch nicht nöthig gehabt, hier Schildwach zu stehn, denn ich bin eigentlich aus dem Theil, der damals schon französisch war, - aber ich hatte Unglück gehabt im Streit, und - Mordioux, - wenn auch jener corsische Schurke in Legroni's Osterie mich werfen konnte - Pierre Ladreux war nicht der Mann, der sich von einem Dritten darüber foppen ließ. So zerschlug ich meinem besten Freunde den Kopf, und mußte froh sein, bei den Alpenjägern des tapfern General Garibaldi Dienste nehmen zu können, statt in's Loch zu kriechen.«
»Ich verstehe Herr Soldat - das passirt unter Freunden - so ein kleiner Stoß, etwa - aber ich glaube, dort kommen von Ihren Kameraden -«
Der ehemalige Jäger und Schmuggler, den einst der würdige Bandit Sta Lucia vor den Augen der schönen Therese Legroni im Stockkampf so gewaltig besiegt hatte, drehte sich unvorsichtig um, nach der andern Richtung des Weges hinzusehen.
Mit dem Sprunge eines Tigers - diesen Augenblick benutzend - warf sich der angebliche Hirt auf den unglücklichen Mann und stieß ihm, mit der Linken die Büchse ihm entreißend, das bisher verborgen gehaltene lange und starke Messer bis an das Heft durch Mantel und Rock in die Seite.
Der Jäger Ladreux war ein kräftiger entschlossener Mann - er drehte sich mit einem kurzen Aufschrei, den ihm
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der Schmerz entlockte, gegen seinen Feind und versuchte ihm die Büchse wieder zu entreißen.
»Schurke vermaledeiter - Mord! zu Hilfe Kameraden! zu Hilfe!« Aber der Gegner, den er gefunden, war - selbst wenn er keine so schwere Wunde empfangen gehabt hätte - ihm vollkommen gewachsen und sein Schicksal wollte, daß - nachdem er von einem der berühmtesten Banditen Corsika's schmählich besiegt und seines Rufes beraubt worden war, - er von der Hand eines zweiten getödtet werden sollte.
»Spar' den unnützen Lärmen, Bursche« sagte der Führer, indem er die Büchse zu Boden schleuderte und den Unglücklichen an der Kehle faßte. »Ein Schuft wie Du, der vom Monte Viso hierher kommt, um gegen den rechtmäßigen König und die Kirche zu fechten mit den Bösewichtern Garibaldi und Cialdini, verdient wie ein Hund zu sterben!« und er stieß ihm zum zweiten Mal das Messer in die Brust.
Der Alpenjäger sank in die Knie. »Gott erbarme sich mein - ich sterbe ...«
»O Gott und die Heiligen hören die Stimme eines Kirchenräubers nicht! Fahre zur Hölle ohne Absolution!«
Und er stieß den sich an ihn Klammernden mit dem Fuß zurück.
»Therese ... heilige Jungfrau ... ich Sünder ...«
Ein Blutstrom kam aus seinem Munde, - krampfhaft schlugen seine Glieder den Boden im Todeskampf.
Der Sieger in dem kurzen aber schrecklichen Ringen hob zunächst die Büchse des Sterbenden auf, damit dieser
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nicht etwa noch die Kraft gewinnen möchte, sie als Signal für seine Kameraden abzuschießen, und ging dann seinen Gefährten entgegen.
»Avanti! Unbesorgt, der Weg ist frei!«
Kapitain Gauthier erschien auf den Ruf mit seinen Leuten, sich nach der Richtung haltend, aus der er gekommen, und bald war die ganze Kompagnie auf der Straße versammelt.
»Das Glück will uns wohl, Herr Kamerad« sagte der Führer - »der Posten, der hier stand, wird uns nicht mehr geniren!«
»Sie haben ihn getödtet?«
»Es blieb kein anderes Mittel, wenn wir unseren Auftrag erfüllen wollen. Dafür können wir jetzt bis an den Fuß des Monte Agatha ungehindert auf der offenen Straße marschiren! Und um das desto sicherer thun zu können, wollen wir eine Vedette vorausschicken, die uns von jeder Gefahr benachrichtigen kann. Haben Sie einige Italiener in der Kompagnie oder Leute, die wenigstens fertig italienisch sprechen?«
»Mehr als Einen!«
»Bene! Dann wählen Sie den Gewandtesten aus und schicken ihn die Straße hinauf. Fünfhundert Schritt etwa von hier wird er den armen Teufel finden, den ich erdolchen mußte, und der wahrscheinlich jetzt seinen letzten Athemzug gethan hat. Ist's noch nicht geschehn, so bleibt Nichts übrig, als ein wenig nachzuhelfen, der Teufel kommt so nur rascher zu einer Seele. Er muß seinen Mantel, Patrontasche und Hut nehmen und hier ist die Büchse. -
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Da wir die Parole wissen, wird kein Mensch den Tausch ahnen.«
»Und die Leiche?«
»Per bacco, wir werfen sie in die nächste Kluft. - Und nun, Signor Capitano, da ich mich auf genügende Manier bei Ihnen eingeführt habe, lassen Sie mich Ihnen erklären, daß ich mit einigem Recht Sie Kamerad zu nennen mir erlaubte; denn wenn wir ein anderes Licht bei der Hand hätten, als das Wetterleuchten, das beiläufig bald zu einem tüchtigen Gewitter werden dürfte, könnte ich Ihnen das Patent von des Königs eigener Hand zeigen, das Luigi Antonelli, gewöhnlich genannt Tonelletto zum Kapitain in Seiner Majestät Diensten, so gut und berechtigt wie irgend ein anderer, ernennt!«
»Wie - Sie sind der Kapitain Tonelletto, von dem wir so viel gehört?«
»Zu dienen, Excellenza, in ganzer Person, nur etwas lahm noch von dem Schuß eines Bersagliere in den Bergen von Balzorano. Und wenn ich auch freilich nur eine Freicompagnie zu kommandiren die Ehre habe, so versichere ich Sie doch, daß meine Burschen mit jedem regulairen Soldaten es aufnehmen können, was Muth und Zuverlässigkeit betrifft.«
»Oh gewiß, das ist bekannt!«
»Und wir freuen uns, Ihre eigene Bekanntschaft gemacht zu haben, Kapitain Tonelletto, obschon ich nicht die Ehre habe, das >Herr Kamerad< Ihnen erwiedern zu können, denn ich bin nur der Graf von St. Brie, und
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nichts weiter. Aber zum Henker - wir hatten keine Ahnung davon, daß Sie in Gaëta waren!«
»Ich bin diesen Mittag erst mit dem Dampfer von Civita vecchia gekommen, und habe nur General Bosco gesprochen. Aber lassen Sie uns vorwärts marschiren, Signori, um womöglich das Versteck zu erreichen, das ich im Auge habe.«
Der Kapitain ordnete rasch nach dem Rath des Banditenchefs die nöthigen Vorsichtsmaßregeln an; einer der Leute wurde mit den Kleidern und Waffen des armen Alpenjägers ausgestattet, den man bereits nach der Voraussage Tonelletto's verschieden fand, und dann setzte die kleine aber kecke Schaar eilig ihren Marsch fort.
So gelangte man ungehindert in die Nähe der Stelle, wo sich der Weg in zwei Richtungen um den Monte Agatha theilt, indem der eine zwischen diesem und dem Monte Capuccini zur Küste des Golfs und nach Albano und Spiaggia hinabsteigt, und der andere ihn auf der Nordseite umgeht und die Verbindung nach dem hinterliegenden Monte Tortone und dem niedrigen Gelände des Monte Tonea bildet.
Hier mußte auch die Schweizer Compagnie mit Oberstlieutenant Migy sich in der Nähe verborgen haben, doch konnte man keine Spur von ihr entdecken, und da man jetzt verdoppelte Vorsicht nöthig hatte und das so lange drohende Gewitter mit Blitz und Donner herauf kam, beeilte sich Tonelletto, die Schaaren in das Versteck zu bringen, das ihm seine frühere Kenntniß der Gegend an die Hand gab.
Es war dies ein am westlichen Fuß des Berges in der
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Nähe des hier sehr wenig benutzten Verbindungsweges belegenes verfallenes Gemäuer einer kleinen Kapelle, die wahrscheinlich früher, als das Kloster noch von Nonnen bewohnt war, als Station betrachtet wurde. Obschon es eben nur noch ein halbes Dach hatte und sehr eng war, gewährten die Mauern doch einigen Schutz gegen den seine Heftigkeit immer mehr steigernden Sturm, und die Leute lagerten sich, dicht zusammen gedrängt, in dem tiefen Schatten.
Der Banditenhauptmann war trotz des Ungewitters auf weitere Kundschaft ausgegangen, und Kapitain Gauthier harrte auf den verfallenen Altarstufen sitzend in tiefem Sinnen seiner Rückkehr, während der Graf von Saint Brie sich leise mit dem Lieutenant der Compagnie, dem Marquis de la Chesnaye, unterhielt.
Auf den früheren Zuaven-Offizier schienen jetzt, nachdem er gewissermaßen einige Ruhe gewonnen und seine unmittelbare Thätigkeit für den Augenblick nicht mehr in Anspruch genommen war, die letzten Vorgänge einen ziemlich trüben Eindruck gemacht zu haben. Die zwar von der Pflicht und der Noth gebotene Tödtung des armen Fischers, die sich später als unnöthig erwiesen hatte, da in der Nähe ihres Schiffbruchs keine feindlichen Posten gestanden hatten, belastete seine Seele und er machte sich lebhafte Vorwürfe darüber. Ja er begann selbst den Tod der unglücklichen Schildwache, da sie nicht im Kampf, sondern hinterrücks gefallen war, sich zur Last zu legen, obschon seine Hand daran unschuldig war.
An unheimliche finstere Erinnerungen knüpften sich ahnende Todesgefühle, mit denen er sich schon lange trug,
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und der Gedanke, daß er ohne Schuld und Absicht bestimmt sei, unschuldiges Blut zu vergießen, wurde immer mehr zur fixen Idee.
Der Kapitain Gauthier wußte, daß er in der Schlacht von Solferino in den fast gewissen Tod geschickt worden war, aber er hatte diesen Tod zugleich als eine Sühne gesucht.
Er war zum Leben wieder erstanden, und er hatte sich den Vertheidigern von Gaëta angeschlossen, den Tod, der ihn bei Solferino wieder aus der Hand gelassen, an den Felsenwällen des tyrrhenischen Meeres zu finden.
Deshalb hatte er auch sich und seine Compagnie dem General Bosco zu dem verzweifelten Unternehmen angeboten.
Nach einer Weile erhob er sich, ging auf die beiden legitimistischen Edelleute zu und faßte Saint Brie am Arm.
»Haben Sie eine Minute Zeit für mich, Herr Graf?«
»Mit Vergnügen!«
»So lassen Sie uns einige Schritte weiter gehen, ich habe Ihnen Einiges zu sagen. Sie entschuldigen, Herr Marquis!«
Der Graf folgte ihm ziemlich erstaunt, er war diese Vertraulichkeiten nicht mehr gewohnt.
Kapitain Gauthier entfernte sich etwa fünfzig Schritte von dem Lagerplatz seiner Leute. Der Sturm heulte an der ungeschützten Stelle, an der sie jetzt standen, mit verdoppelter Wuth um die beiden Männer.
»Haben Sie einen Auftrag für mich, Kapitain?«
»Nein - ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. - Wir sind Bekannte, vielleicht mehr, aus alter Zeit
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und ich habe Niemand, den ich um einen solchen Dienst ersuchen könnte.«
»Sprechen Sie, Sie wissen, daß ich der Ihre bin!«
»Lieutenant de la Chesnaye,« fuhr der Offizier fort, »steht mir zu fern, er gehörte damals noch nicht zu unseren Kreisen. Ueberdies hat er an andere Dinge zu denken, denn er muß das Kommando übernehmen, wenn ich falle, und ist von der uns gewordenen Aufgabe vollkommen unterrichtet.«
»Bah - was sind das für alberne Gedanken! Nachdem wir dieser verdammten Brandung glücklich entkommen sind, wird uns ein Scharmützel mit den Herren Piemontesen höchstens das Blut erwärmen.«
»Ich denke und - hoffe anders. - Ueberdies, Graf, haben Sie ein Anrecht, einige Dinge zu wissen, ob ich lebe oder sterbe.«
»Ich werde mich stets durch das Vertrauen eines Mannes von Ehre und tapfern Offiziers geehrt fühlen!« sagte der Edelmann nicht ohne Würde.
Der Kapitain lächelte trübe.
»Sie sagten bei unserer Unterhaltung auf dem Meer, daß Sie, Herr Graf, auf Guadeloupe gewesen?«
»Drei Monate lang!«
»Und daß Sie dort den Kapitain Lautrec auf seiner Pflanzung la belle Josephine kennen gelernt hätten?«
»So viel ich mich erinnere, habe ich den Namen seiner Plantage nicht erwähnt.«
»Es thut wenig zur Sache - da ich ihn kenne. Der Kapitain Lautrec ist mein Onkel!«
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»Ihr Onkel?«
»Ja - denn er ist der Bruder meiner Mutter. Ihm verdanke ich die reichen Mittel, die es mir möglich machten, bei den Garden zu dienen und mich in Ihren Cirkeln zu bewegen. Ich hielt mich bisher für seinen Erben, und ich habe sie deshalb ohne Zögern angenommen. Jetzt weiß ich durch Sie das Gegentheil und es ist daher gut, wenn es so kommt, wie ich hoffe.«
»Wie, Kapitain, Sie haben Nichts von Ihrer liebenswürdigen Cousine gewußt?«
»Ich wiederhole Ihnen, daß ich ihre Existenz nicht kannte. Aber diese erklärt mir Manches. Sie sind lange genug in Guadeloupe gewesen, um die dortigen Verhältnisse zu kennen und zu wissen, daß - obschon die Farbigen längst volle politische und bürgerliche Gleichberechtigung genießen, - doch immer noch gewisse Vorurtheile in der Gesellschaft existiren.«
»Nicht gegen so liebenswürdige Wesen wie Ihre Cousine, Kapitain« sagte der Graf hastig.
»Es mag sein - in gewissen Fällen! - Wissen Sie gewiß, daß meine Cousine, denn ich erkenne sie unter allen Umständen als solche an, - die rechtmäßige Tochter meines Oheims, das heißt, ob dieser wirklich mit ihrer Mutter, nach Ihrer Erwähnung einer Mulattin, gesetzlich verheirathet war?«
»Ich bin nicht der Advokat Ihres Verwandten,« erwiderte der Graf ziemlich kühl.
»Sie mißverstehen mich gänzlich, Graf von Saint Brie!« sagte der bürgerliche Offizier. »Von dem Augenblick an,
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wo ich von der Existenz dieser Cousine weiß, ob legitim oder nicht, würde ich - auch wenn ich in diesem Kriege nicht falle - auf jeden Anspruch an das Vermögen meines Onkels verzichten. Aber ich kann mir jetzt erklären, warum er so sehr auf meinen Besuch in Guadeloupe drang und noch in jedem Briefe ihn verlangt. In der That, ich bin undankbar gewesen, aber Sie wissen nicht, was mich nach dem Krimkrieg in Paris zurückhielt. - Aber das Alles ist gleichgültig jetzt. Ich bin meinem Onkel Dank schuldig und habe ihm denselben wenigstens schriftlich zu sagen. Seit ich in Gaëta bin, trage ich für diesen Fall einen Brief bei mir. Wollen Sie, Herr Graf, diesen im Fall meines Todes meinem Onkel senden oder - besser« fügte er lächelnd hinzu, - »ihn selbst überbringen? Er würde Ihre beste Empfehlung sein! - Hier ist er.«
Er nahm aus seiner Brieftafel einen versiegelten Brief und reichte ihn seinem Gefährten.
»Aber Sie thun in der That, Kapitain« sagte dieser zögernd, »als ob Sie Ihres Todes gewiß wären - oder, ich will es heraus sagen, den Tod suchten!«
»Und wenn dem so wäre?«
»Dann - ich bin zwar kein großer Kirchgänger, - dann wäre dies unchristlich und thöricht. Das Leben ist immer schön und man hat nur das Recht, es für die Ehre und eine Pflicht zu opfern!«
»Oder als Sühne - ich habe heut nutzlos Blut vergossen!«
»Thorheit, Kapitain, das war der Befehl! Es wäre
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eben so Ihre Pflicht gewesen, mich zu tödten, wenn ich der Furcht nachgegeben hätte.«
»Es ist nicht das erste unschuldige Blut, das ein Befehl mich zu vergießen gezwungen hat - Castellane -«
»Um Himmelswillen, Kapitain, was wollen Sie damit sagen?«
»Daß Castellane nicht von der Hand eines Oesterreichers, sondern von der Hand eines Franzosen, eines Freundes gefallen ist!«
Der Graf stieß ein Stöhnen aus, das zeigte, wie tief er von dieser Nachricht bewegt wurde.
»Eines Freundes?«
»Graf von Saint Brie - von der meinen!«
»Es ist unmöglich - ein unglücklicher Zufall -[«]
»Nein Herr Graf - es war der Degen des Kaisers - das heißt, sein Befehl, und der Arm, der diesen Degen führte, war der meine!«
»Entsetzlich! - aber wie geschah es - wie kam es ...«
»Das, Herr Graf, wissen bis jetzt nur drei lebende Wesen, der Kaiser von Frankreich, die Sängerin Theresa und der Mann, der sich selbst anklagt. Jetzt werden Sie begreifen, daß nur mit meinem Tode jenes Blut zu sühnen bleibt. Daß es nicht bereits früher geschehen, ist nicht die Schuld des ersten Mitwissers, denn General Bourbaki hatte den Befehl, mir den verlorenen Posten beim Sturm auf die Höhe des Kirchhofs zu geben.«
»Sie betäuben mich Kapitain - jetzt begreife ich Ihre Veränderung! - Aber es ist unmöglich, daß ein
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Mann, wie Sie, eine schlechte, verrätherische Handlung, einen Mord an einem Freunde begangen haben sollte. Ich bitte, ich beschwöre Sie, theilen Sie mir die näheren Umstände mit!«
»Sie sollen sie hören, und mögen dann urtheilen! Bei der Hand Gottes, die jene Blitze über uns durch die Wolken schleudert! bei der gewaltigen Stimme der Natur, die im Donner über unsern Häuptern rollt - ich werde Ihnen streng die Wahrheit sprechen - so weit ich sie selbst weiß, und dann mögen Sie mir sagen, ob ich ein Verbrecher oder ein Unglücklicher bin!«
»Ich höre!« - -
»Signori« sagte eine Stimme hinter ihnen - »ich bedauere, daß ich Sie stören muß - aber der Augenblick scheint mir gekommen, und es bedarf Ihrer Gegenwart, Kapitain, um die nöthigen Anstalten zu treffen. Da der Herr Graf das Italienische so vortrefflich spricht, wie ein geborener Florentiner, mache ich ihm den Vorschlag, mich zu einem Abenteuer zu begleiten.«
Es war Tonelletto, der Banditenchef, der sie gestört hatte.
Der Kapitain Gauthier drückte schweigend dem Edelmann des Faubourg St. Germain den Brief in die Hand, den er an seinen Oheim jenseits des atlantischen Meeres gerichtet hatte und folgte ihrem bisherigen Führer zur Kapelle.
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Hohe Politik!
An der Porta di Terra standen in dichten Reihen die zwei ersten Compagnien des zweiten Fremden-Bataillons, eine Abtheilung Jäger und die Artilleristen, die vor einer Stunde unter dem Portal der Kathedrale Halt gemacht hatten, um ihre Last einige Minuten abzusetzen.
Vor den Bastionen an der Fremden-Batterie war das dritte Bataillon Jäger aufmarschirt.
Wie bei der Einschiffung der beiden Compagnien an der Transilvania standen die Offiziere in Gruppen unter den Vorsprüngen und Dächern, sich noch einige Augenblicke vor dem üblen Wetter zu schützen, dem sie doch gleich darauf trotzen wollten.
Es war eilf Uhr vorüber.
»Auf was warten Sie noch, Excellenza?« frug der Graf von Caserta, der, wie der General versprochen hatte, das Bataillon kommandirte, das bestimmt war, den beiden Expeditionen als Soutien vor dem Glacis der Festung zu dienen. »Ich könnte vielleicht bereits meine Stellung einnehmen, - das Defiliren durch das enge Thor wird viel Zeit brauchen.«
»Man könnte Sie bemerken Königliche Hoheit und Lärm machen. Ueberdies könnte die Truppe Simonetti's dabei in Verwirrung gerathen; - ich habe immer gefunden, daß bei nächtlichen Expeditionen die ausgegebenen Befehle nicht geändert werden sollten.«
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»Aber es ist bereits halb zwölf!«
»Ihre Majestät die Königin wünscht die Truppen noch zu begrüßen - ich erwarte sie jeden Augenblick.«
»Ah« sagte der Prinz - »das ist etwas Anderes. Sie sprach mir kein Wort davon, als ich ihr Gutenacht sagte. Wenn es sich um meine königliche Schwester handelt, dann müssen wir warten.«
»Da kommt Ihre Majestät!«
Die Königin kam nicht allein - der König und der junge Graf Trani begleiteten sie, der Letztere sehr unwillig, daß man ihm die Theilnahme an der Expedition verweigert hatte. Die Königin hatte sich fest in ihren Mantel gehüllt, den der Sturm in allen Falten zauste - das Wetter hatte sie, die zarte Frau mit dem energischen Geist nicht abhalten können, das zu thun, was sie ihre Pflicht nannte.
Die Offiziere waren rasch an ihre Stelle getreten, und als das junge königliche Paar an den Reihen vorüberging, klirrten wie auf der Parade die Gewehre zum Präsentiren und leise lief es die Glieder entlang: »Dank, Majestät!«
Bei den Jägern, die den Ausfall begleiten sollten, blieb die Königin erschrocken stehen.
»Wie Major Bianchetti - Sie beabsichtigen doch nicht, das Wagniß mitzumachen?«
»Ich habe mir die Ehre von General Bosco erbeten!«
»Das ist nicht recht,« sagte die Königin, und sich an diesen wendend leise fortfahrend: »Erinnern Sie sich, daß der König ausdrücklich bestimmt hat, Major Bianchetti und
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alle anderen Offiziere, die das Unglück haben, Söhne oder Verwandten in den Reihen unserer Gegner zu wissen, nur im innern Dienst zu verwenden!«
Der General zuckte die Achseln. »Die Leute sind von seinem Bataillon, Majestät, ich habe es ihm nicht verweigern können!«
Die junge Königin senkte den Kopf, dann schritt sie trauernd weiter.
In der That hatte der Bürgerkrieg schreckliche Verhältnisse hervorgerufen, und den Bruder dem Bruder, ja den Vater dem Sohn gegenüber gestellt!
Sie hatte Caserta die Hand gegeben. Als sie an dem Bruder ihrer Milchschwester vorüber kam, blieb sie einige Augenblicke stehn. »Sei tapfer, aber nicht unvorsichtig, Toni. Du weißt, wie sehr ich das Leben aller meiner Freunde bedarf. Gott mit Dir!« und sie reichte ihm eine Granatblüthe, die sie in der Hand getragen.
Der junge Soldat drückte sie an die Lippen. [»]Gott segne Euere Majestät, wir werden halt schaffn, was wir können!«
Die Königin war zurückgetreten - zu dem General-Kommandanten, der eben in Gegenwart des Königs Major Simonetti seine letzten Anempfehlungen machte. Sie nahm den Arm ihres Gemahls.
»Es ist Zeit,« sagte der General nach der Uhr sehend - »unsere Leute müssen seit einer Stunde auf ihren Posten sein, wenn -« fügte er leise hinzu - »sie nicht auf dem Grunde des Meeres liegen. Der Sturm ist
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entsetzlich und das Meer muß auf der andern Seite der Küste rasen!«
Die Königin machte das Zeichen des Kreuzes. »Gott und die Heiligen werden mit ihnen gewesen sein,« sagte sie fest. »In seiner Hand ist unser Aller Schicksal.«
»Befehlen Euer Majestät den Leuten noch Etwas zu sagen?«
Der König wollte sprechen, aber die Königin, die wußte, daß das Extemporiren nicht seine Sache war, drückte leise seinen Arm.
»Seine Majestät,« sagte sie laut, »vertraut ihren Getreuen und bittet Gott, daß er ihre Waffen und ihre Aufopferung segnen möge. Jetzt Herr General geben Sie das Zeichen zum Aufdruch!«
Ein greller Blitz schien das ganze Firmament zu spalten, und der Donner rollte in hundertfachen Echo's über die Felsenwände. Man hörte das Knarren der sich öffnenden Thore und das Klirren der Brücke.
»Das Wetter ist furchtbar,« sagte dringend der General, »ich bitte Euer Majestät, sich zurückzuziehen!«
»Nein, Herr - ich werde auf den Wällen bleiben, um für diese Männer zu beten!«
Die dunklen Kolonnen hatten sich in Marsch gesetzt und verloren sich unter den finstern Gewölben des Thors.
Wir haben bereits erwähnt, daß Borgo di Gaëta, die Vorstadt der Festung, sich in geringer Entfernung von den Außenwerken, eine lange Straße bildend, an der Küste
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unterhalb des Monte Alratina und Cappucini hinstreckt. Albano beginnt mit einem kleinen Vorsprung, der die grade Aussicht auf die Citadelle der Festung bietet, und auf diesem Vorsprung hatten die Piemontesen eine Batterie angelegt, deren Bedeutung und Wirkung jedoch untergeordneter Natur war.
Hinter der Batterie begann wieder die Häuserreihe, meist vereinzelte villenartige Gebäude - mit ihren Höfen oder Garten-Terrassen an das Meer stoßend.
Es war Abends 8 Uhr - dieselbe Zeit, zu welcher die Barken des Herrn von Salvy die kleine Bucht der Transilvania verließen.
Trotz des unangenehmen Wetters trieben sich zahlreiche Soldatengruppen auf der Straße und zwischen den Gebäuden umher. Das Feuer der Belagerten hatte während der vorangegangenen Tage die Piemontesen genöthigt, sich in den Kellern und untern Stockwerken der Gebäude des Borgo zusammenzudrängen, und das Ruhen des gegenseitigen Bombardements während des Neujahrstages bildete daher auch für die Belagerer eine willkommene Pause, die sie zum freien Verkehr in der Vorstadt benutzten.
Im Allgemeinen ist der Charakter der piemontesischen Soldaten - entgegen dem der Soldaten des Südens - ernst und verschlossen.
Die Auflösung der garibaldischen Armee, die der König Victor Emanuel am 27. November in Neapel ausgesprochen, hatte jedoch die sardinischen Truppen mit einer Menge Elementen überschwemmt, Offizieren und Soldaten, die keineswegs einem gut disciplinirten Corps zur besonderen Ehre
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oder zum Vortheil gereichten, - Abenteurern und Legionairen aus den verschiedensten Ländern, darunter offenbares Gesindel, das in seinem Anhang ähnliche noch schlimmere Gesellschaft herbeizog. Hiervon war namentlich das Hauptquartier des Kommandirenden in Mola di Gaëta und das vorliegende Castellone überschwemmt.
Eben so war es noch nicht möglich gewesen, die einzelnen Freicorps, die Ungarn, Engländer und so weiter in geordnete militärische Formen zu bringen, und obschon allerdings der größere Theil es vorzog, in den gefahrlosen Ueppigkeiten Neapels sich zu amüsiren, mit den Lazzaroni's sich zu schlagen oder zu verbrüdern, und an den mazzinistischen Demonstrationen sich zu betheiligen, welche der neuen Regierung die Herstellung der Ordnung erschwerten, fehlte es doch auch keineswegs an diesen Leuten vor der belagerten Festung.
In den Osteria's und Wirthschaften der Vivandiera's,16 die sich während des Tages wieder aufgethan, gebrach es daher nicht an Trinken, wüstem Lärmen und Streit - und man hörte hier die Sprachen und Flüche ziemlich aller Nationen Europa's, ja selbst einiger Stämme der außereuropäischen Küsten des mittelländischen Meeres.
Eine der größeren Villen fast am Ende des kleinen Orts hatte - die gewöhnliche halb orientalische Bauart des Südens - nach der Straße zu einen mit einer Mauer umgebenen Vorhof. Man hätte das dahinter liegende Haus fast für unbewohnt halten können, denn die nach der Straße
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hinausgehenden Fenster waren mit Jalousieen dicht geschlossen und nur an einzelnen Stellen blitzte durch deren Spalten und die Oeffnungen der Vorhänge ein heller Lichtschein - aber an dem Gitterthor, das den Vorhof von der Straße aus schloß, standen zwei Schildwachen, und auf dem Hof selbst hielten zwei Ordonnanzen zu Pferde, während ein dritter Reiter, abgestiegen, mehre Pferde am Zügel führte. Im Hof zur Seite standen außerdem eine Art unbedeckter leichter Jagd-Kalesche und ein Fourgon.
Von Zeit zu Zeit öffnete sich die auf einer niederen Rampe in das Haus führende Thür, und man sah dann an dem dunklen Schatten der heraustretenden Personen, daß das Vestibüle der Villa hell erleuchtet war.
Die Reiter plauderten mit einander und zuweilen mit den Schildwachen.
»Bei der Seele des Papstes, Ihr werdet den Pelz gewaschen bekommen, wenn Ihr noch lange zögert« sagte der eine Carabinier zu dem Reiter, der die Pferde hielt. »Der General ist nun schon volle zwei Stunden beim Alten!«
»Es werden wohl wieder Federfuchser dabei sein« meinte die Ordonnanz »von Turin oder Neapel, - wenn die Kerle dazwischen kommen, ist kein Ende.«
»Hm!« machte der Andere, sich vorbeugend, daß ihn sein Kamerad nicht hören konnte, der eben mit einem der Bersaglieri's sprach - »ich könnte Dir sagen, daß ganz andre Leute als Federfuchser drinnen sind. Vögel mit Federn, aber bunten, wie ein Papagei. Der Küchenwagen, der vor einer Stunde kam, war nicht schlecht bepackt.
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Schwerenoth, ich möchte wohl einen der Körbe zum Abendbrod haben. Ist es wahr, daß er morgen fortgeht?«
Er wies mit dem Daumen über die Schulter nach dem Hause. »Der General sagte es zu dem Adjutanten. Der Dampfer sollte morgen früh von Neapel kommen und in Mola anlegen. Aber bei dem Hundewetter bezweifle ich's. Hast Du denn gar Nichts zu trinken, Kamerad?«
»Ich darf nicht absteigen - wir müssen im Sattel bleiben, - oder es giebt drei Tage Arrest. Er ist verteufelt streng im Dienst und die Offiziere dürfen Niemand etwas nachsehn. Es ist ein Hundeleben, daß man im Felde wie auf der Parade sein soll.«
»Beim Kreuz von Savoien, - es ist nur gut, daß es nicht lange dauert. Aber das löscht mir den Durst nicht!«
»Gieb die Zügel her und geh dort um die Ecke, wo Du Licht aus dem Kellerfenster siehst. Da ist die Küche - klopfe an und bitte Monsieur Fleury, ein paar arme Kavalleristen nicht dursten zu lassen. Das ist noch das Einzige, was man bei dem verdammten Stabsdienst hat - zuweilen eine Flasche aus dem königlichen Keller. Und man muß gestehen, darin ist der Alte nicht geizig - der Wein und die Weiber!«
Die Ordonnanz - es war ein Mann von den stattlichen Genua-Lanciers - reichte ihrem Kameraden die Zügel und that, wie er geheißen. In der That kam sie auch nach fünf Minuten sehr vergnügt zurück mit zwei Flaschen in der einen Hand, ein gewaltiges in eine
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Serviette gewickeltes Stück Pastete in der anderen und einen Laib Weißbrod unter'm Arm.
»Evviva il Re gentilhuomo und sein Koch!« sagte er lachend - »hierher Kameraden, ich bringe uns einen Zeitvertreib!«
Selbst die Posten am Thor traten einige Schritte näher.
Der Lanzier reichte ihnen und dem andern Reiter eine der Flaschen, die mit dem köstlichen rothen Wein von Salerno gefüllt waren. Die andere behielt er für sich und den älteren Carabinier.
»Was meintest Du vorhin, Kamerad, mit den Vögeln mit bunten Federn?« frug er. »Ich habe da einen Blick in die Küche gethan und - ich will drei Jahrhunderte im Fegefeuer braten, wenn da nicht ein Essen steht, das für eine Gesellschaft Prinzessinnen geeignet wäre.«
»Prinzessinnen sind's nun grade nicht. Aber - -«
»Nun?«
»Ich habe heute Abend, als die Sonne eben untergegangen war, eine Barke an der Gartenterrasse anlegen sehen, in der sich mindestens ein halbes Dutzend Weiberröcke befand.«
»Ja - aber sie sind nach San Agatha hinauf! Einer der Offiziere giebt einen Schmaus - auch für die Artilleristen, welche die Vierundzwanzig-Pfünder in die Batterie bringen. Jacopo hat mir's erzählt und wischte sich schon im Voraus den Mund!«
»Maulwurf - aber nicht alle! - Drei sind in unseren Garten getreten.«
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»Du meinst doch nicht ...«
»Schafskopf! - ich meine gar Nichts. Es war die tolle Comtessa Della Torre, die schon bei Capua und am Garigliano bei uns war. Aber die dritte kannte ich nicht, sie trug eine Mantille um den Kopf.«
»Vielleicht die Principessa Belgio[jo]so?«
»Narr - die alte Hure mit ihrer Fahne und ihrem Säbel würde ich auf eine Miglie weit gekannt haben. Wenn ich der König oder auch nur der General Cialdini wäre, ließe ich die Weibsleute auspeitschen, wenn sie mir in's Lager kämen. Ich glaube, die halbe Armee ist angesteckt! - Nein - es war eine Junge, das konnte man sehen. Aber ich weiß, was sie wollen - die della Torre trotz ihres schönen Namens ist die verrückteste von allen! Bei den Franzosen soll's auch einmal ein solches Frauenzimmer gegeben haben, vor vielen hundert Jahren, die Jungfrau von Orleans hat sie geheißen. Nicht einen Bajocchi geb' ich für ihre Jungfernschaft!«
»Ich habe auch davon gehört - aber was meinst Du, das sie wollen?«
»Seiner Majestät Vittorio Emanuele die Hölle heiß machen, weil er den Garibaldi wieder nach Caprera geschickt hat. Aber weißt Du nicht, wer die Beiden sind, die heute Nachmittag von Turin oder Rom gekommen sind?«
»Ich hörte den Großen sagen, er sei drei Tage und zwei Nächte unterwegs!«
»Mordioux! - dann muß er's eilig gehabt haben, daß er nicht warten konnte. - Aber gieb mir die Flasche her, Bursche - Du hast einen verteufelten Zug ...«
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Er sollte nicht zum Trinken kommen. Die Thür der Villa öffnete sich und mehre dunkle Gestalten traten aus dem erleuchteten Vestibüle auf die Schwelle.
»Die Pferde! Schnell!« sagte eine befehlende Stimme. »Es giebt ein Gewitter!«
»Hoffentlich nicht eher, als bis wir unter Dach sind! - Auf Wiedersehen morgen!«
Zwei der Fremden bestiegen die herbeigeführten Pferde - beide schienen höhere Offiziere.
»Um wie viel Uhr muß ich den König wecken?« frug ein Dritter, der sie herausbegleitet hatte und der ebenfalls Uniform trug.
»Sismondi sendet noch Nachricht, wenn die Geschütze gebettet sind. Ich denke, wir wollen Bombino um acht Uhr aus dem Schlaf wecken.«
[»]Dann muß es um Sechs geschehen. Um 9 Uhr wird der Admiral kommen, wir können also um eilf Uhr uns bei Ihnen einschiffen. Gute Nacht!«
Der Reiter bog sich zu ihm nieder. »Halten Sie ihn um Himmelswillen fest den Franzosen gegenüber - Lamarmora darf um keinen Preis die Oberhand gewinnen!«
»Unbesorgt, General - wenn kein schlimmerer Unterhändler zu fürchten wäre, als der aus Paris! - Dafür stehe ich.«
»Ich rechne auf Sie und Macchiavelli.«
»In der That, er führt mit Recht den Namen, und Cavour hätte keinen Klügern wählen können, ihn zu vertreten. Gute Nacht, Signori!«
Der General gab seinem Pferde die Sporen und trabte
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von seinem Begleiter und der Ordonnanz gefolgt aus dem Thor. Die Schildwachen salutirten.
Der Offizier, welcher dem kommandirenden General das Geleit gegeben, blieb einige Minuten unter der Thür stehen, in das Dunkel hinaus sehend.
»Endlich!« sagte er - »es war Zeit. Herr Cialdini ist kein großer Politiker und vergeudet die Zeit mit Säbelschnallen und Gewehrgriffen. Was zum Henker hat Italien davon, ob die Hosennaht eines Soldaten einen Zoll weiter vor oder weiter hinten sitzt! - Aber so blind er ist und so wenig er weiß, wem er die Zeit gestohlen, hat er Recht darin, daß die Sache abgethan sein muß, ehe Seine Majestät sich mit diesen Damen zur Tafel setzen oder den Priester empfangen. - Bertano« - die Worte waren an einen Mann gerichtet, dessen eigenthümliche Kleidung und Haltung fast etwas Komisches hatte, da sie halb einen Kammerdiener und halb einen Unteroffizier zeigte - »melden Sie gefälligst dem großen Herrn da links, daß Seine Majestät ihn erwarten.«
Signor Bertano, der durch eine eigenthümliche Vorliebe des Königs aus einem ehemaligen Fechtmeister und Unteroffizier, als er das linke Auge bei einer Uebung, wie man wissen wollte durch eine ungeschickte Parade eines sehr hohen Schülers, verloren hatte, - zum Kammerdiener erhoben worden und ein großer Liebling des Königs war, obschon er von dem ganzen Hofe wegen seiner oft pöbelhaften Grobheit und Bullenbeißernatur eben so gehaßt als gefürchtet wurde, trug eine französische Papiermütze, weiße Cravatte und schwarzen Frack und darunter eine sehr
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ordinäre Militair-Commißhose mit Stiefeln, die weit eher geeignet schienen, einen ungepflasterten Dorfweg zu durchwaten, als das Parket eines königlichen Vorzimmers zu beschreiten. Sein Gesicht, durch einen Hieb quer über die früher vielleicht sehr stattliche gebogene Nase in zwei schiefe Hälften getheilt, bildete mit dem schwarzen Pflaster über dem linken Auge eine ganz abscheuliche Fratze, und er liebte es keineswegs, deren Ausdruck etwa zu mildern, sondern verstand es meisterhaft, ihn zur wahren Scheuche für Kinder und Frauenzimmer zu machen.
»Hätten immerhin sagen können Signor Bertano, oder Monsieur Bertano, oder Signor Sergente« sagte er grob - »Es ist ein Maulaufsperren und im ...loch bin ich der liebe Bertano von jedem Narren von Adjutanten!«
Damit schleifte er fort, denn das eine Bein war in Folge einer Verwundung im Schenkel, die er bei einem seiner Duelle davon getragen, etwas steif, eine Zugabe seiner Schönheit, die er durch die weiten Militairhosen zu verbergen glaubte; denn jener Zweikampf schien zu seinen unangenehmsten Erinnerungen zu gehören, und wehe Dem, welcher ihn etwa durch Bedauern seiner Lahmheit daran zu erinnern wagte. Eine Fluth der gröbsten und gemeinsten Schimpfreden brach sicher über das Haupt des Unvorsichtigen aus. Dennoch machten sich oft die jüngeren Offiziere den Spaß, - namentlich, wenn er sie beim König verklatscht hatte - ihn auf diese Weise zum Dank in Harnisch zu bringen.
Während Signor oder Sergeant Bertano nach einer
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anderen Seite ging, kehrte der Flügeladjutant in das Vorzimmer zurück.
Einige Augenblicke darauf machte der ehemalige Fechtmeister die Thür auf, trat ein und ließ hinter sich einen Herrn folgen, der mit einiger Verwunderung über diese Probe von Höflichkeit sich genöthigt sah, selbst die Thür zu schließen.
»Da ist er! - Sieht er nicht beinahe so häßlich aus wie ich? - Kreuz-Millionensackerment, was mich das freut! He?«
Der Offizier, so sehr er seinen Mann kannte, konnte doch einige Verlegenheit, über diese fabelhafte Unverschämtheit nicht unterdrücken und wurde roth bis über die Stirn.
»Herr Graf« sagte er - »ich bitte tausend Mal um Entschuldigung, ich hätte Sie selbst holen sollen, aber ...«
Der Fremde lächelte sarkastisch. »Keine Excusen, Herr Oberst,« sagte er - »ich weiß, daß ich in ein Feldlager komme. Der ehrliche Mann hat Recht, wir sind beide keine Schönheiten.«
In der That, konnte man das auch von ihm nicht behaupten, obschon es ihm keineswegs an einer vornehmen Haltung fehlte. Er war von großer überaus hagerer Gestalt und sein schmaler Kopf mit der hohen Stirn hatte etwas Eulenartiges. Doch lag in den finsteren Zügen und den großen runden Augen Klugheit und Entschlossenheit ausgeprägt.
»Soll ich ihn melden? - Wie heißt er?« frug der Kammerdiener, mit dem Finger auf den Gegenstand seiner Höflichkeit deutend.
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»Ich werde es selbst thun,« sagte der Offizier und ging nach der gegenüberliegenden Thür. Aber der Fechtmeister kam ihm trotz seines lahmen Beines zuvor, riß die Thür auf und rief hinein: »Der Mensch mit der Schnabelnase ist da, Majestät! Aber ich weiß seinen Namen nicht.«
Eine heftige Stimme aus dem Innern des Zimmers gab Antwort. »Schurke, wirst Du denn nie Manieren lernen! Ich jage Dich morgen fort, wenn Du Dich nicht änderst! - Wo ist der Oberst?«
»O der ist auch da - ich habe die Sache nur selber besorgt, weil ich ihn holen mußte, was er auch hätte thun können. Na, treten Sie ein und thun Sie nicht, als ob Sie Dreck an den Stiefeln hätten.«
Der Adjutant drängte aufs Höchste unwillig den Invaliden bei Seite und hielt die Portière geöffnet.
»Der Herr Graf von Conti, Majestät, bittet um die Gnade!«
»Sehr willkommen!«
Der Genannte trat ein und der Offizier schloß hinter ihm die Thür und Portière, indem er dem liebenswürdigen Anmelder einen zornigen Blick zuwarf.
Signor Bertano erwiederte diesen mit einem boshaften Grinsen. »Ich wußte, daß ich den Namen doch erfahren würde, trotz Ihnen!« sagte er, die Hände reibend und damit schlurfte er aus dem Vorzimmer.
In dem Zimmer, das der Nachfolger Mocquards, der Vertraute und künftige Kabinetschef des Kaisers von Frankreich betrat, befanden sich zwei Personen.
Die eine derselben trug eine Interims-Uniform, war
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von starkem kräftigem Wuchs und zeigte jene Physiognomie, die mit ihrem mächtigen Kopf, dem starken Untertheil desselben und dem famosen gedrehten Schnurbart seit 1858 eben so bekannt durch die ganze Welt geworden ist, als die Garibaldi's oder des Kaiser Louis Napoleon.
Ein Tisch in der Mitte, an dem dieser Herr, die Hand fest darauf gestützt, stand, war mit Karten, Rapporten, einem Kavalleriesäbel und einem Käppi bedeckt.
An einem Seitentisch mit Schreiben emsig beschäftigt saß ein hagerer kleiner Mann mit sehr spitzer Physiognomie, die etwas Fuchsartiges gehabt hätte, wäre nicht die schmale Stirn so kräftig gewölbt gewesen. Die scharfen blitzenden Augen waren von einer dunklen Brille verdeckt.
Der Herr, der sich in der Mitte des Zimmers befand, kam dem Eingetretenen lachend entgegen. »Liebster Graf, Sie müssen die Ungezogenheit dieses Schlingels verzeihen. Ich habe ihn verzogen und er behandelt mich selbst um kein Haar breit besser. Aber ich werde ihn nächstens fortschicken!«
»Ein Original, Sire? - hoffentlich um meinetwillen nicht, das würde mir Kummer machen. Es giebt in unserer Zeit der Gleichmacherei so wenig Originelles, daß man es sorgsam pflegen muß!«
»Sie haben Recht, aber er wird manchmal zu originell und wir armen Leute am Hofe hängen von den Formen ab. Doch ich habe Sie noch nicht gefragt, Herr Graf, wie es Ihnen ergangen, seit wir uns nicht gesehen haben. Es war ja wohl nach dem Krieg in der Krim?«
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»Zu Befehl Sire und ich lege Ihnen meinen Dank für die gnädige Erinnerung zu Füßen!«
»Ach lieber Graf - Sie gehören ja so halb mit zu uns - Corsica und Genua! Sie haben noch immer die Präfectur in Corsica?«
Der Graf verbeugte sich.
»Ich muß nächstens wieder einmal nach Sardinien, um in den Bergen den Moufflon zu jagen. Da bin ich Ihnen nah - obschon ich leider Ihren Besuch nicht erwiedern kann. Es liegt etwas dazwischen?«
»Was meinen Euer Majestät?«
»Eine Kleinigkeit - Caprera!«
Der Unterhändler konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Haben Sie den Kaiser gesehen?«
»Ich komme direkt von Paris!«
»Nun desto besser. Da wird man endlich wissen, woran man sich zu halten hat. Nehmen Sie Platz.«
Er setzte sich in das Strohsopha und winkte dem Abgesandten, auf einem nahe stehenden Sessel Platz zu nehmen.
Der Graf warf einen etwas verlegenen Blick auf den Mann in der Ecke, der eifrig weiter schrieb.
»Geniren Sie sich nicht - es ist nur Macchiavel. - Sie wissen wahrscheinlich, daß er diesen Namen führt - und es ist also so gut, als ob Cavour selbst da wäre, nur daß Mac etwas weniger eigensinnig mit mir umgeht!«
Der Vertraute des italienischen Premiers schrieb eifrig weiter.
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»Sire,« sagte der Abgesandte, »das Vertrauen Sr. Majestät des Kaisers hat auf den Vorschlag des Herrn Grafen Benedetti mich gewählt, um Eurer Majestät Befehle entgegen zu nehmen.«
»Zum Henker - wenn mein verehrter Herr Vetter so bereit ist, auf unsere Wünsche zu hören, warum liegt denn die französische Flotte noch immer vor Gaëta?«
Der Graf zuckte die Achseln. »Die politischen Rücksichten, die Frankreich auf die Mächte zu nehmen hat ...«
»Ach machen Sie mir Nichts weiß! - Sagen Sie ganz offen, was der Preis ist für Gaëta und Rom? - Ich will nicht hoffen: Sardinien! - Der Wiege meiner Familie habe ich mich bereits entledigt, ohne daß man mir den Kaufpreis vollständig bezahlt hat - man wird meinem Königshaus doch wenigstens den Namen lassen!«
»Euer Majestät gehen sehr hart mit einem treuen ergebenen Verehrer um! - Nachdem der Kaiser in dem Frieden von Villafranca die Abtretung der Lombardei erzwungen und der Erwerbung der Herzogthümer zugestimmt hat, werden Euer Majestät seine aufrichtige Freundschaft nicht bezweifeln.
»Die Krim!« sagte halblaut, wie für sich, der Mann am Schreibtisch.[«]
»Richtig, unser Beistand im Krimkrieg, den der Kaiser von Rußland jetzt mit der Abberufung seines Gesandten von Turin erwidert hat. - Ueberdies Herr Graf, vergessen Sie nicht die Heirath meiner Tochter.«
»Euer Majestät erinnere ich ferner daran, daß Frankreich den Einmarsch in Umbrien und den Marken zugab.«
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»Das Telegramm!«
»Sehen Sie, was Mac für ein vortreffliches Gedächtniß hat! In der That, Herr von Grammont hatte die größte Lust, uns einen Stock zwischen die Füße zu schieben und nur England, das der italienischen Nation das Recht der Selbstbestimmung gewahrt wissen wollte, hat es verhindert. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß der geheime Vertrag von Paris uns Ober-Italien bis zur Adria garantirt.«
»Euer Majestät werden zugeben, daß die Haltung Preußens zur Zeit die Fortsetzung des Krieges nicht erlaubte. Frankreich war damals, so kurz nach dem Krimkrieg und der Haltung Englands durchaus nicht sicher, noch nicht gerüstet, zugleich am Rhein zu schlagen. Aber die Zeit wird kommen, wo wir unsere Revanche nehmen, und wir werden dann, wie an Euer Majestät, einen Bundesgenossen an Oesterreich haben, das sich nicht weigern wird, die venetianische Frage auf eine geeignete Weise zu lösen.«
»Metternich!«
»Mac hat wiederum Recht. Cavour würde sagen, er höre Metternich aus Ihnen sprechen! - Man hat in den Tuilerien eine gewaltige Freundschaft für Oesterreich, seit Herr von Metternich dort accreditirt ist. Ich muß Nigra darauf aufmerksam machen. - Aber das sind Alles Versprechungen der Zukunft, während ich mein liebes Savoien los geworden bin.«
Der französische Agent nahm aus der Brieftasche einige Druckbogen und überreichte sie. »Belieben Euer
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Majestät einen Blick auf diese Schrift zu werfen, deren Erscheinen bevorsteht!«
>Kaiser Franz Joseph und Europa< las der König den Titel. »Aus der Fabrik des Herrn Mocquard. Ich halte nicht viel von dem Herrn, seit seinem Theaterstück für die Juden. - Was ist der Inhalt?«
»Die Brochüre schlägt vor, Oesterreich möge Venetien für eine entsprechende Summe, etwa für 600 Millionen Franken an Italien abtreten.«
Der König lachte laut auf. »Sechshundert Millionen? Sie haben ein gutes Zutrauen zu den italienischen Finanzen. Bedenken Sie, daß der ganze Peterspfennig aus Europa und Amerika nur 10 Millionen 700.000 Franken ergeben hat! Also selbst wenn ich die heilige Kirche etwas schröpfen wollte - Mac, werden Sie nicht unruhig, ich weiß, daß der Herr von Conti Ansprüche auf den römischen Fürstenmantel hat! - würde nicht der zehnte Theil der Summe herauskommen.«
»Eine National-Subspription[Subscription]...[«]
»Da kennen Sie unsere Italiener schlecht - Garibaldi hat es erfahren! Diese neapolitanischen Bankiers haben mir für die paar Millionen Vorschuß ganz heidenmäßige Wucherzinsen abgenommen. Aber Frankreich ist ja reich, das könnte ein erhabenes Beispiel der Sympathie geben!«
»Die Pariser Börse, Majestät, wird sich nicht weigern, in Verbindung mit den englischen Kapitalisten eine solche Anleihe zu reguliren, die für den Frieden Europa's von hoher Bedeutung wäre. Aber gestatten Euer Majestät,
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daß wir auf die zunächst liegende Angelegenheit zurückkommen.«
»Auf Gaëta also und Rom!«
»Zunächst auf Gaëta. Euer Majestät haben durch Herrn Ritter von Nigra, die etwas kathegorische Forderung gestellt, die französische Flotte solle den Golf von Gaëta räumen, damit die Festung zugleich von der Seeseite angegriffen werden kann.«
»Ich denke, das wäre nicht mehr als billig - ich möchte doch schließlich wissen, ob ich Freunde oder Feinde vor mir habe.«
»Euer Majestät vergessen, daß der König Franz nicht zu unseren Feinden gehört, und bisher im besten Einvernehmen mit Frankreich stand!«
»Bis auf den Krimfeldzug, dem er sich anzuschließen verweigerte, während ich mich beschwatzen ließ, ohne alle Ursach mir die Feindschaft Rußlands auf den Hals zu laden!«
»Der Kaiser mein Gebieter ist der Ansicht, die Lombardei sei keine gering zu schätzende Vergütigung für die damalige Hilfleistung der sardinischen Truppen!«
»Peste! dann habe ich doppelt bezahlen müssen! Was meinst Du dazu, Mac?«
Der hagere Abbé lächelte überaus freundlich. »So viel ich weiß, Sire, besagt die zweite geheime Clausel des Vertrages vom 26. Januar 55, daß für den Beitritt Euerer Majestät zu dem Bündniß gegen Rußland die französische Regierung sich verpflichte, Sardinien bei einem
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Angriff Oesterreichs beizustehen. Es war damals noch nicht die Rede von der Abtretung zweier Provinzen.«
»Richtig - so ist's.«
»In dem späteren Vertrag,« fuhr der Namensvetter des berühmten Florentiners fort, »ist ausdrücklich die Einigung Italiens unter dem Hause Savoien vorgesehen und jeder Einmischung entsagt gegen die Abtretung der beiden Provinzen.«
»Und dennoch halten Ihre Truppen Rom besetzt und Ihre Flotte stellt sich zwischen die meine und dieses Bergnest!«
»Euer Majestät haben in Ihrem Nutzen das Recht solcher passiven Interventionen selbst anerkannt,« sagte der französische Unterhändler etwas spitz.
»Ich? den Teufel auch! Was wollen Sie damit sagen, Herr Graf?«
»Ich meine, daß die beiden englischen Kriegsschiffe am 6. Mai sehr glücklich sich zwischen die neapolitanischen Kanonen und die Ausschiffung des Generals Garibaldi vor Marsala stellten.«
Der König, der stets einen guten Schachzug des Gegners anerkennt, lachte. »Ich könnte Ihnen erwidern: was habe ich mit den Sympathien der Engländer für Revolutionen in allen andern Ländern, außer den ihren, zu thun? Aber wir kommen so nicht weiter. Ich begreife, daß ich dafür zahlen muß, daß Frankreich etwas weniger loyal in den Augen der Welt sein wird. Genug, ich brauche die Rhede von Gaëta, ich brauche Venedig, ich
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brauche Rom, oder vielmehr Italien braucht es. Sagen Sie mir offen den Preis!«
Diese derbe Art der Politik schien dem corsischen Diplomaten etwas zu imponiren, denn er schwieg einige Augenblicke, ehe er einige Papiere aus der Tasche zog.
»Hier ist der eigenhändige Befehl Sr. Majestät des Kaisers an Admiral Barbier de Thynan, die Rhede von Gaëta zu räumen!«
»Der Preis! der Preis!«
»Euer Majestät verpflichten sich zunächst, dem König Franz und seiner Familie freien Abzug zu gestatten. Admiral Barbier ist beauftragt, ihm einen französischen Dampfer hierzu zur Disposition zu stellen!«
»Für den Zweck kann er all die meinen haben! Weiter!«
»Euer Majestät verpflichten sich, während der nächsten fünf Jahre weder selbst das noch übrige Gebiet Seiner Heiligkeit des Papstes anzugreifen, noch einen Angriff durch die revolutionaire Partei zu dulden.«
Der König blickte zaudernd auf den kleinen Secretair seines Premier-Ministers.
»Euer Majestät werden zunächst zu wissen wünschen,« sagte dieser, »ob nach dieser Zeit das Kabinet der Tuilerien gedenkt, die französische Besatzung aus Rom zu entfernen?«
»Der Kaiser versteht sich dazu unter der Bedingung, daß die Souveränität Seiner Heiligkeit in allen kirchlichen Dingen nicht angetastet wird.«
»Gott bewahre mich vor jeder Einmischung in das Handwerk der Pfaffen! - Fünf Jahre sind freilich eine schöne Zeit, aber Rom ward in sieben Jahren gebaut,
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wenn ich mich recht erinnere. Doch, Herr Graf, ich bin zwar kein großer Diplomat, aber ich begreife, daß dies Alles passive Bedingungen sind, und ich zweifle, daß man sich mit solchen begnügen wird.«
»Euer Majestät werden es ganz in der Ordnung finden, daß der Kaiser, mein Herr, Ihnen für dieselbe Dauer ein Schutz- und Trutzbündniß zu Land und See vorschlägt.«
»Teufel - das ist etwas viel, da Frankreich sich gegenwärtig in Syrien, in China und allem Anschein nach auch in Nordamerika und Mexiko engagirt hat!«
»Die Ausdehnung des Bündnisses umfaßt daher auch nur die europäischen Staaten.«
»Ah, ich verstehe! Die Rheingränzen und Belgien! Das heißt ein Krieg mit England und Deutschland?«
»Wir haben alle Ursach zu glauben, daß England bei einer Umgestaltung der Karte des Festlandes von Europa neutral bleiben wird. Was Deutschland betrifft, so sind wir Oesterreichs und damit der deutschen Südstaaten sicher.«
»Also Preußen und der Norden! Aber was wird Rußland dazu sagen?«
»Man erwartet jeden Augenblick den Tod des gegenwärtigen Königs von Preußen. Sein Nachfolger ist unpopulair noch von 1848 her bei der demokratischen Partei, durch die Principien seiner Regentschaft auch bei der conservativen. Die Ohnmacht Preußens hat sich in unserem Kriege mit Oesterreich durch die bloßen Drohungen gezeigt. Seine Staatsmänner sind Nullen, seine Generale
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unbedeutend und ohne kriegerische Erfahrung. Ueberdies wird Oesterreich ihm sein Verhalten in dem letzten Kriege nicht vergessen!«
»Aber wenn Sie auf ein Bündniß mit Oesterreich oder wenigstens auf dessen Neutralität rechnen, hat Italien keine Aussicht mehr auf Venetien.«
»Ebendeshalb wünscht der Kaiser eine friedliche Ausgleichung dieser Frage und ist bereit, alles Mögliche dafür zu thun. Wir bezweifeln nicht, daß für die vorgeschlagene Entschädigung von 600 Millionen und den Wiedergewinn von Schlesien, Oesterreich in die Einigung Italiens willigen wird. Das neue Ministerium Schmerling ist uns Bürge dafür. Einstweilen verpflichtet sich der Kaiser, Euer Majestät von allen Staaten die Anerkennung des Königreichs Italien zu verschaffen.«
»Auch von Rußland, das seinen Gesandten abberufen hat?«
»Fürst Gortschakoff ist ein zu alter Diplomat um einem fait accompli nicht Rechnung zu tragen. Ueberdies steht es in Euer Majestät Hand, seine Nachgiebigkeit zu beschleunigen.«
»Wie das?«
»Rußland hat so gut seine Achillesferse wie England. Sie heißt bei ihm Polen. Eine neue Erhebung in Polen ist vorbereitet und wartet nur auf das Signal zum Aufbruch. In Euer Majestät Staaten befindet sich eine große Anzahl polnischer Emigranten.«
»Immer diese verdammten mazzinistischen Kniffe! - Es ist in der That wahr, wer sich einmal mit dieser
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Propaganda eingelassen hat, kommt aus ihren Schlingen nicht heraus.«
»Sire, man benutzt sie und zertritt sie dann!«
»Das ist leicht gesagt aber schwer gethan, und der Kaiser Louis Napoleon weiß davon auch ein Lied zu singen. Ich will nur wünschen, daß sie ihm nie über den Kopf wächst. - Das ist doch hoffentlich Alles?«
»Die Zustimmung Eurer Majestät zu dem Kauf von Mentone und Roccabruna wird voraus gesetzt. Es bliebe demnach für die Präliminarien des stillen Bündnisses zwischen Frankreich und Italien nur ein Punkt noch zu erwähnen.«
»Und der ist?«
»Euer Majestät werden jede Action des Grafen Montemolin und seiner Brüder von Ihren Staaten aus gegen Spanien zu verhindern wissen.«
Der ehemalige Abbé rückte etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
»Was zum Teufel kümmern mich die Bourbons! Sie sehen ja, daß ich gegen dem[den] Einen Krieg führe, und ich habe gar keine Ursache, mich für eine andere Linie dieser Familie zu echauffiren.«
»Um so mehr,« sagte kaltblütig der schlaue Unterhändler, »darf Frankreich darauf rechnen, daß Euer Majestät jeder Unterstützung fern bleiben werden. Die Königin Isabella besitzt die Freundschaft des Kaisers.«
Der König sah sich gefangen - es war kein Geheimniß, daß von Genua und anderen norditalienischen Häfen aus die carlistischen Agitationen betrieben wurden, ein
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Umstand, der hauptsächlich auch das Auftreten Spaniens für den vertriebenen König von Neapel erklärte.
»Sei es denn, Herr Graf! - ich kehre morgen nach Turin zurück und wir können dort weiter verhandeln. Sie wissen, daß ich ein constitutioneller König bin und ohne meine Minister keine Verträge schließen kann.«
»Euer Majestät vergessen, daß es sich hier nicht um einen Staatsvertrag, sondern um ein persönliches Bündniß handelt. Dies Papier, um dessen Unterschrift ich gegen die Ordre an Admiral Barbier de Thynan zu bitten wage, enthält auch nur die Präliminar-Bestimmungen.«
»Aber mein Himmel - ich muß doch wenigstens mit Cavour sprechen ... was soll das, Mac?«
Der Abbé hatte sich erhoben und stand neben dem König, ihm eine Feder präsentirend.
»Wie - Sie sind der Meinung, ich soll unterzeichnen?«
Der diplomatische Agent hatte sich bei der Bewegung des Secretairs erhoben, da diese seinem Zwecke offenbar günstig erschien, und war mit einer Verbeugung zurückgetreten, gleich als wollte er eine Berathung nicht stören.
Er betrachtete am andern Ende des Zimmers einige jener Gouachezeichnungen, die in Italien so vortrefflich gefertigt werden.
Der Namensvetter des berühmten fiorentiner Politiker hielt noch immer die Feder hin.
»Aber bedenken Sie doch Venedig, Signor,« sagte unmuthig halblaut der König - »wir opfern jede Aussicht auf Venedig mit diesem Vertrag.«
»Im Gegentheil Sire - wir gewinnen es!«
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»Wie? - haben Sie nicht verstanden, daß der Kaiser mit unseren und Oesterreichs Beistand einen Krieg gegen Preußen beabsichtigt?«
»Gewiß - früher - oder später!«
»Aber als Alliirter von Oesterreich wird sich Frankreich hüten, diesem das Opfer von Venetien zuzumuthen!«
»Sire,« sagte der Abbé so leise, daß eben nur das Ohr des Königs die Worte zu verstehen vermochte, - »Graf Cavour, Euer Majestät treuer Diener und mein hoher Gönner, meint, wenn wir Venetien nicht durch französischen Beistand Oesterreich abnehmen können, werden wir es durch Preußen erhalten. Fünf Jahre sind keine Ewigkeit und überdies - jeder Vertrag hat eine Hinterthür. Wir haben es an dem von Zürich gesehen und werden es auch an dem Pariser erleben. Unterzeichnen Sie Sire - die Entfernung der französischen Flotte ist in diesem Augenblick das Dringendste! Wir hätten selbst Sardinien dafür geopfert.«
Der König ergriff rasch die Feder und setzte mit dem ihm eigenen kräftigen Zug seinen Namen unter das Papier.
»Herr Graf nehmen Sie!«
Der Unterhändler verbeugte sich tief. »Euer Majestät sind so weise als gnädig! - ich habe die Ehre, Euer Majestät zuerst als König von Italien zu begrüßen! - Hier ist die Ordre an den Herrn Admiral und eine Abschrift des Vertrages.«
Der König that einen tiefen Athemzug - dem offenen kühnen Soldaten hatten alle diese Winkelzüge und Machinationen der Politik nie sehr behagt und er konnte
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einen Seufzer nicht unterdrücken bei dem Gedanken, was ihm diese französische Bundesgenossenschaft bereits kostete.
»Abgemacht!« sagte er dann, mit der Hand über das Gesicht fahrend und den langen Schnurbart streichend - »und nun Herr Graf lassen wir alle Politik und seien Sie mein Gast als Graf Conti, und nicht als der außerordentliche Geschäftsträger des Herrn an der Seine. Ich würde ohnehin morgen nicht Zeit haben, Ihnen in dieser Eigenschaft noch Audienz zu geben, denn ich muß zeitig in die neuen Batterieen, um die Eröffnung des Feuers zu inspiziren, und um 11 Uhr in Mola sein, wo mich der Dampfer erwartet. Wir haben schönen Besuch bekommen - die heroischen Unterröcke von Neapel haben uns überfallen - und wollen mit Gewalt das Bombardement sehen. Der Henker hole diese Barrikadenheldinnen, die uns Herr Garibaldi über den Hals gebracht - einstweilen aber wollen wir mit den Damen soupiren, da dies Landhaus einem Verwandten der Fürstin Belgio[jo]so gehört, sie also auf ihrem Grund und Boden ist!«
»Die Fürstin befindet sich hier?«
»Direkt von Neapel gekommen zur Plage Cialdini's! Sie und die Comtessa della Torre mit ihrem Flederwisch von Säbel, mit dem sie bei Capua die ausreißenden Rothhemden fuchtelte! Aber sie haben eine Dritte mitgebracht, gegen welche die beiden wie Krähen neben einem Paradiesvogel aussehen.«
Der König öffnete die Thür des anstoßenden, nach dem Meer gehenden Salons, aus dem heiteres Lachen von Frauenstimmen erklang.
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Im Salon befanden sich drei Frauen, von denen zwei eine Cigarre rauchend an einer reich mit Silbergeschirr und Kerzen besetzten servirten Tafel in bequemen Lehnstühlen saßen, während die dritte, den Rücken gegen das Zimmer gewendet, an den großen Glasthüren der Veranda stand und sich an dem prächtigen Schauspiel ergötzte, das die Erregung von Himmel und Meer bot.
Die eine der beiden Frauen war groß, mit einer hübschen Adlernase und - obschon sie erst wenig über Dreißig zählen mochte, - sehr verblühtem Aussehen, dessen gelber Blässe selbst die reichlich aufgetragene Farbe nicht aufzuhelfen vermochte. Sie hatte große dunkle Augen, die von jenen tiefen Schattenkreisen umgeben waren, welchen die kräftigen Marmorformen der berühmten Venus in der paphischen Rotunde des Museo borbonico zu Neapel zwar Trotz bieten konnten, die aber ihren Jüngerinnen von Fleisch und Bein nicht erspart bleiben. Die Dame trug auf den langen, ziemlich schlapp an beiden Seiten herabfallenden schwarzen Locken eine rothe phrygische Mütze gleich den Lazzaroni's mit einer handtellergroßen Kokarde in den italienischen Nationalfarben, eine rothseidene Blouse und unter dem ziemlich kurzen schwarzsammetnem Kleide eine Art von bis an das Knie reichenden faltigen Ritterstiefeln von Hirschleder.
Man konnte die letzteren sehr wohl bemerken, da sie die Füße in sehr ungenirter Stellung auf einen zweiten Stuhl gelegt hatte.
Vor ihr stand ein Glas mit Marsala, aus dem sie von Zeit zu Zeit trank.
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Die andere Dame, die am Tisch ihr gegenüber saß, war klein und zierlich gebaut; sie hätte für eine pikan[n]te Schönheit gelten können, wenn sie nicht etwas geschielt hätte. Sie schien sehr lebhaften und unruhigen Temperaments, naschte von dem Confitüren-Aufsatz der Tafel und nippte dazu den süßen Wein des Vesuvs. Sie trug auf dem Kopf sehr kokett eine ungarische Husarenmütze mit einer Reiherfeder, und eine Art von goldbeschnürtem Attila über dem lichtblauen Rock. Einen leichten reichvergoldeten türkischen Säbel mit feiner Kuppel hatte sie an die Lehne ihres Sessels gehangen.
Die dritte Dame war einfach in Schwarz gekleidet. Man konnte bei ihrer Stellung eben nur die wunderbar schönen Linien ihrer Formen und das köstlich reiche blonde Haar sehen, das von einem Netz aus Goldfäden in schwerer Welle zusammen gehalten wurde.
»Auf meine Ehre, Fürstin,« sagte die kleine bewegliche Dame mit dem Säbel, - »ich fange an mich zu langweilen, und wir hätten am Ende besser gethan, der Einladung Sismondi's nach der Batterie mit unseren Kameradinnen zu folgen. Ich habe eine große Freundschaft zu der Signorina Theresa gefaßt!«
»Das Frauenzimmer ist eine Kokette - ich mag sie nicht leiden - eine Plebejerin - eine Bacchantin!«
»Cara mia« lachte die Kleine - »Sie verleugnen ja alle unsere Grundsätze! Es lebe die Freiheit und Gleichheit - wenn sie uns nicht genirt! Aber gestehen Sie es nur, Sie sind eifersüchtig, - der kleine Pole, den Sie Ihnen weggeschnappt, - und jetzt Sismondi ...«
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»Ich würde sie ohrfeigen oder auf Pistolen fordern, wenn mir ein solches Geschöpf wirklich in die Quere zu kommen wagte! - Aber sie ist gefährlich für Italien und unsere erhabene Sache!«
»Ihre Gesellschafterin schlug ein lautes Gelächter auf. »Für Italien?«
»Per baccho! hat es nicht schon fünf Duelle um sie gegeben, wobei der hübsche Jutrowski erschossen worden und Kapitain Rocca für immer Invalide geworden ist!? Es ist Nichts als Zank und Streit, seit diese Dirne in das Hauptquartier gekommen ist!«
»Aber wo kam sie her? - ich war damals bei dem Comte in Neapel!«
»Es heißt, Sismondi hätte sie mitgebracht - aber sie war eher da, als er! Doch muß er sie kennen - es soll eine ganz gemeine Soldatendirne gewesen sein!«
»Ei nun,« meinte die Dame, sehr philosophisch, - »wenn die Soldaten jung und hübsch waren - ich habe mir in Neapel einige Anekdoten erzählen lassen, daß selbst Principessa's nicht abgeneigt sind zu einer kleinen Zerstreuung mit einem hübschen kräftigen Schweizer! - Das ist etwas Anderes als unsere Abbé's und Cicisbeo's. Es lebe die Freiheit, Fürstin, vor Allem in der Liebe!«
Sie hob ihr Glas und winkte bedeutsam nach der Dame am Balkon.
»Bei der Nachtmütze des Papstes,« rief die Dame der hohen Aristokratie, geschwind die Gelegenheit benutzend, das Thema zu wechseln, - »Lady Howard hören Sie denn gar nicht auf uns? Was, bei allen Bomben und Kanonen
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des ungalanten Cialdini's, der uns kaum ein buen sera gesagt, giebt es denn so Interessantes da draußen, daß Sie wie blind und taub da hinaus starren, mein Kind?«
Die blonde Dame wandte sich um und lächelte mit einer überaus süßen und naiven Stimme: »Ich sehe so gern die Blitze des Himmels, Altezza! ich fühle mich dann so behaglich und sicher unter Ihrem Schutz!«
Der Ton war, wie gesagt, so überaus süß und kindlich, daß man zweifeln konnte, ob die Worte wirklich eine Naivetät oder eine Verhöhnung waren. Wer in dies reizende Gesicht mit dem sanften unschuldigen Aufschlag der Augen blickte, hätte sicher auf das Erstere geschworen.
Kapitain Chevigné, der geheime Lauscher auf der Höhe der Kirchwand des Klosters der Verdammten hätte vielleicht anders gedacht, wenn er die schöne Lady Howard gesehen, wie sie so graciös und demüthig zu ihrer gereiften und vielerfahrenen Patronesse heranschwebte.
Er hätte vielleicht gedacht, daß ganz dasselbe Wesen oder sein Ebenbild damals so wollüstig die Arme in die Luft breitete nach dem unsichtbaren Etwas, - damals, als dieser wunderbare Körper aus dem Bassin erstiegen war, in dem er den Schmuz des lebendigen Grabes zurückgelassen!
Nummer Vier!
Elena! -
In dem Augenblick öffnet sich grade die Thür des Salons und der hohe Gast der Villa machte dem Diplomaten ein Zeichen, näherzutreten.
Hinter dem Grafen Conti schloß sich jedoch wieder
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die Portière. Ein leises Hüsteln hatte den König veranlaßt seinen Gast allein eintreten zu lassen.
»Was zum Henker, mein lieber Machiavell, wollen Sie denn noch? Irgend eine Unterschrift, die ebenso gut auf morgen bleiben kann!«
»Sire - Sie vergessen den Mann aus Rom, der mit dem Herrn Grafen gekommen ist.«
»Den Bettelmönch oder was er sonst ist, der wegen eines lumpigen verbrannten Klosters um Entschädigung queruliren will? Aber so machen Sie doch die Sache selbst ab!«
»Sire - ich bitte Sie, den Pater zu empfangen. Sie werden es nicht bereuen.«
»Meinetwegen denn,« sagte der König ungeduldig sich wieder setzend, - »aber machen Sie wenigstens rasch. Ich kenne Sie gar nicht wieder, Mac - Sie pflegen doch sonst Ihre alten Kollegen von der Kutte nicht gerade besonders zu protegiren!«
Der Florentiner - denn der Abbé theilt die Vaterstadt mit seinem berühmten Namensvetter - ging ohne auf den Vorwurf zu antworten nach der Thür, öffnete sie und flüsterte einige Worte.
Man hörte die brummende Stimme Bertano's ihm antworten. Nach etwa fünf Minuten führte der ehemalige Fechtmeister die Person ein, wegen deren der Abbé den Gebieter zurückgehalten hatte.
»Kommt nur herein ehrwürdiger Vater,« meinte der alte Brummbär. »Ihr seht zwar aus wie ein Bettelpfaffe, der jedem ehrlichen Menschen den letzten Lire für
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irgend ein fettes Kloster abnimmt, aber in all' dem Sündenleben ist's immer gut, wenn man die Absolution gleich zur Hand hat. Sie bestehlen den heiligen Vater alle Tage mehr, die Politiker. He - wo ist denn das Eulengesicht geblieben?«
Der Abbé winkte ihm hinaus zu gehen.
»Gewiß steckt er da drinnen bei dem Weibsvolk und frißt Wachteln und Schneppenkoth, indeß ein ehrlicher Mann sich in dem Nest vergeblich nach einem erträglichen Abendbrod umsieht!«
»Hinaus!«
»Na - fressen mich Euer Majestät nur nicht, ich möchte etwas zäh sein!«
Ein Buch, das im Bereich der königlichen Hand gelegen, flog hart an seinem Kopf vorbei.
Der unverschämte Patron verzerrte das häßliche Gesicht zu einem ganz abscheulichen Grinsen, als er das Buch aufhob und auf einen Seitentisch legte. »Ich gehe ja schon!« murrte er - »Euer Majestät sollten anständige Gesellschaft nicht so fortjagen, statt all der Soldaten, Diplomaten, Kutten und Unterröcke.«
Bei all seiner Frechheit und Grobheit wußte er jedoch sehr gut, daß es die höchste Zeit sei, sich zu trollen, und brummend aber eiligst zog er sich zurück.
»Der Schurke treibt mir regelmäßig die Galle in's Blut!«
Der Abbate lächelte - es war bekannt, daß Bertano oft von der Umgebung als Ableiter für den manchmal etwas heftigen Charakter des Königs gebraucht wurde.
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»Wer dem Zorne fröhnet, der wird nicht eingehn in das Himmelreich, denn er ist schlimmer als die Blinden die nicht sehen, sagt der Apostel Paulus.«
Die tiefe, eintönige Stimme machte den Monarchen stutzen. Nur der Geistliche, der eben eingeführt worden, konnte gesprochen haben und der König warf einen erstaunten und fragenden Blick auf ihn.
Es war ein Mann in der Größe des Königs, - offenbar alt, denn ein weißer Bart kam aus der braunen Kapuze hervor, die er über den Kopf gezogen hatte, und die sonst sein Gesicht verbarg. Trotz der Winterkälte trug der Mönch nur Sandalen, um seine na[c]kten Füße zu schützen.
»Was wollt Ihr? wer seid Ihr?«
»Der demüthige Bote eines Mächtigeren, denn sein Thron steht auf dem Felsen Petri, an dem Niemand ungestraft rüttelt, und reichte seine irdische Macht von einem Ozean zum anderen.«
Der Klang der Stimme, obschon durch die Kapuze gedämpft, schien etwas Eigenthümliches zu haben, eine besondere Erinnerung zu erwecken.
»Sonderbar! - Schlagen Sie Ihre Kapuze zurück, ehrwürdiger Vater, - ich wünsche Ihr Gesicht zu sehen.«
»Mein Antlitz ist das eines armen Greises - ein Gelübde bindet mich, es vor den von Gott gestraften Menschen zu verhüllen.«
»Sind Sie ein Italiener?«
»Ich kam von Oporto!«
»Das ist in der That sonderbar - ich glaubte diese Stimme nie mehr zu hören. - Indeß, Pater - um der
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Aehnlichkeit Ihrer Stimme willen mit der Eines, der nicht mehr ist, sollen Sie bei mir ein freundliches Gehör finden. Nochmals - wer sind Sie und woher kommen Sie?«
»Von Rom.«
»Daher kommt manches Gute und manches Ueble! - Habt Ihr einen besonderen Auftrag an mich? - Da Ihr in der Gesellschaft des Herrn Grafen Conti gekommen seid, wie man mir sagte, muß es eine besondere Bewandniß haben.«
»Der Herr Graf kennt mich nicht - Die welche mich senden, haben Nichts mit dem Boten eines falschen Mannes zu thun.«
»Aber Sie kamen zusammen in Mola an?«
»Durch Zufall.«
»Wer seid Ihr?«
»Ein armer Mönch - der Pater Alberto.«
»Merkwürdig - selbst der Name! Wer sendet Sie?«
»Der - vor dem sich die Könige der Erde beugen sollen, da Gott der Herr selbst seinen sichtbaren Thron errichtet hat. In seinem Auftrag der Cardinal Antonelli.«
»Ha - also hoffentlich die Antwort auf unsere Vorschläge. Da der Herr Cardinal-Staatssecretair Sie zu seinem Boten oder Unterhändler gemacht, muß er Vertrauen zu Ihnen haben, obschon ich mich nicht erinnere, unter der römischen geistlichen Diplomatie Ihren Namen gehört zu haben.«
»Ich bin ein einfacher Mönch, der Reue und Büßung allein gehörig, und nur der Befehl meiner Oberen hat
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mich zu dieser Mission aus der Stille meines Klosters beschieden.«
»Zur Sache denn - ist Euer Auftrag mündlich oder schriftlich und wo ist Ihre Beglaubigung?«
»Hier ist Beides!«
Der Pater nahm aus dem Aermel seiner Kutte ein zusammengefaltetes Papier und überreichte es dem König, der es aus einander schlug.
Unwillkürlich hatte der Florentiner einen Schritt näher gethan.
»Aber - was soll das heißen? - das ist der Vertrag, den Rosetti nach Rom gebracht hat!«
»Lies, König!«
Der König drehte das Papier um. Drei Worte in festen kräftigen Zügen standen darunter:
»Nunquam! - Nunquam! - Nunquam!«
»Ha - bei meinem Schwert - das klingt ja grade wie das berühmte Habet, habet, habet! - Da nimm Euer Machwerk und seht, wie weit Ihr kommt, diesen Pfaffen gegenüber! Nur Hochmuth und Falschheit! - Das Schwert des geeinigten Italiens allein kann diesen Knoten zerhauen!«
Er schleuderte unwillig und spöttisch lachend das Dokument dem Vertrauten zu.
Der Mönch stand ruhig und unbeweglich bei diesem Ausbruch des Unwillens. »Die Schneide des Schwertes,« sagte er langsam, »und ist sie auch noch so scharf, wird schartig und stumpf an dem Felsen, gegen den sie thörichter
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Weise schlägt! Die heilige Kirche steht auf dem Felsen Petri!«
»He guter Freund,« sagte der König lachend und damit plötzlich seine gute Laune wieder gewinnend - »heutzutage ist man nicht mehr so einfältig, mit einem guten Degen gegen die Steine zu schlagen. Man bohrt sie an und sprengt sie in die Luft - dazu hat man seine Ingenieure! - Der Herr Cardinal-Staatssecretair möge sich gefälligst erinnern, daß wir am Mont Cenis die Alpen durchbohren, um französischer Aufklärung freieren Eingang in Italien zu verschaffen, wenn das überhaupt noch nöthig wäre!«
»Wer in den schnöden Verkauf seines Heimathlandes an den Erbfeind willigen konnte,« sagte der Mönch mit fester Stimme, »wird sich nicht scheuen, auch dem Antichrist die Seelen Derer preiszugeben, für die ihn Gott verantwortlich gemacht hat. Aber erinnere Dich König, daß der Blitzstrahl des Ewigen Babel zerstörte, und das Feuer, das Sodom und Gomorrha verzehrt, wird auch den Sündenpfuhl Paris nicht verschonen, wenn seine Zeit gekommen ist!«
Die Adern an der runden Stirn des Königs hatten sich dunkel gefärbt bei den kühnen Worten des Mönch's und er drückte die geballte Faust schwer auf den Tisch. »Pfaff!« sagte er - »danke es Deiner einfachen Kutte und einer Erinnerung, die eine zufällige Aehnlichkeit in mir geweckt hat, wenn ich Dich für Deine Unverschämtheit nicht in den Golf werfen lasse! - Aber wie kann ich mich ärgern über das niedere Werkzeug, das nur Worte
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spricht, die ihm befohlen sind. - Mac, reden Sie mit diesem Manne weiter, wenn es nöthig ist!«
»Ich spreche nur mit Königen - nicht mit den Dienern!« sagte der Mönch ruhig.
»Potz Blitz, das ist zu stark! - Nun gut! - Seine Heiligkeit weist also die Vorschläge zurück, die ihm meine Regierung gemacht hat? Wiederhole sie mir noch einmal, Mac!«
Der König hatte sich wieder niedergelassen, seine Hand spielte mit dem französischen Tractat, der noch immer vor ihm lag.
Der ehemalige Abbé und jetzige Geheimsecretair und Vertraute des sardinischen Ministerpräsidenten hatte das von der königlichen Hand ihm zugeschleuderte Dokument aufgenommen und geglättet. Er las kurz die Punkte - dieselben, welche wenige Wochen später die inspirirte Brochüre des Herrn von Laguerronnière unter dem Titel »Frankreich, Italien und Rom« vorschlug: Die Uebertragung des Vicariats über den Kirchenstaat an König Victor Emanuel.
Hierzu: Die Krönung des Königs zum König von Italien in Rom; die Beschränkung der Klöster in dem Kirchenstaat auf eine gewisse Zahl;
die Uebung der Polizei und der Justiz durch den königlichen Vicar über die nicht geistliche Bevölkerung.
Dagegen: Die Garantirung der persönlichen Souveränitätsrechte des heiligen Vaters und der Unverlehlichkeit der Kirchenfürsten;
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eine Dotirung des heiligen Stuhls mit zehn Millionen Lires;
die Unterhaltung einer päpstlichen Leibwache;
die Heirath des dritten Sohnes des Königs mit einer Verwandtin des Cardinal Merode.
»Und auf diese Vorschläge hat der Pontifex keine andere Antwort, als dieses >Nunquam?<«
»Der heilige Vater,« erwiederte bedächtig der Mönch, »ist in seiner christlichen Liebe und Milde bereit, die bisherigen Eingriffe in das weltliche Gebiet der heiligen Kirche zu vergeben und in Deine Krönung zum König von Italien zu willigen, auch Dich nach dem alten Recht des päpstlichen Stuhls mit der Krone von Neapel und Sizilien zu belehnen, wenn das Gebiet der Kirche sofort in den alten Gränzen von Deinen Soldaten geräumt, die Souveränität des heiligen Stuhls auch als weltliche Macht anerkannt und gegen jeden Angriff von Außen geschützt und als Buße für die geschehene Unbill eine Summe von zwanzig Millionen an den päpstlichen Stuhl gezahlt wird.«
»Aber wenn ich nicht zu Alledem bereit wäre?«
»Dann Vittorio Emanuele, König von Sardinien, wird der große und kleine Bann der heiligen Kirche Dich treffen, Dich und Deine Rathgeber! - O mein Sohn - hüte Dich vor dem Fluch, denn der Zorn Gottes ist schrecklich!«
Der König, der zu den ersten Androhungen ziemlich verächtlich gelächelt hatte, war von dem seltsamen, von dem vorher gebrauchten so ganz abweichenden Ton der letzten
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Worte so merkwürdig ergriffen, daß er in tiefer Bewegung aufsprang und die Hand gegen den Pater ausstreckte.
»Mönch - Mann - wer bist Du? Geben die Gräber ihre Todten heraus ...?«
»Es geschehen jetzt Frevel auf der Erde, die mehr thun könnten, als die Pforten der Grüfte sprengen. Ich bin ein armer Mönch und der Bote der heiligen Kirche, aber von Weh' und Schmerz durchdrungen, Dich, o König, den Weg der Räuder und Kirchenschänder wandeln zu sehen. O kehre um! kehre um und rette Deine Seele und die Seele Deines Erzeugers aus den Qualen der Verdammniß! - Verdorren wird die Hand, die sich nach dem Erbe Petri streckt. Gedenke des Unglücks, das Deinen Vater schlug, der besiegt und verbannt auf fremder Erde starb!« -
Ein lustiges Gläserklingen drang wie rufend aus dem Gartensalon herüber - eine weibliche Stimme intonirte Orsini's Trinklied aus der Lucrezia.
»Euer Majestät befinden sich nicht in der Lage, dem heiligen Stuhl auf so bedeutende politische Fragen sofort eine Antwort geben zu können,« sagte der Vertraute halb zu dem König, halb zu dem seltsamen Abgesandten der Kirche. »Die Erklärung des päbstlichen Stuhls, unter Umständen auf die Frage von Neapel und der Herzogthümer verzichten zu wollen, die wir aus der etwas - unklaren Unterhandlungsweise des ehrwürdigen Bruders herauslesen dürfen, ist eine so wichtige, daß sich auf ihr jedenfalls fortbauen läßt.«
»Du hast Recht Mac,« sagte der König zerstreut, »führe den Mann hinweg und sorge für alle seine Wünsche.«
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»Gott behüte das Ohr der Könige vor der Zunge falscher Freunde!« sagte mit dumpfer Stimme der Mönch. »Nicht irdische Macht und Ehren trösten in der Stunde der Noth für begangenes Unrecht!«
»Gehen Sie, Pater,« sagte der König, der in der Person des römischen Boten nicht mit Unrecht die absichtliche Wahl eines Schwärmers ahnte, um ihm auf diese Weise Bitterkeiten zu sagen, »meine Regierung wird dem Herrn Cardinal-Staatssecretair antworten. Einstweilen drängt die Sache nicht.« Er blickte mit Beziehung auf das Papier unter seine Hand. Der Mönch streckte die Hand aus, wie um seinen Seegen zu ertheilen, aber er schien sich eines Andern zu besinnen und ließ sie wieder sinken, während der Secretair des Ministers ihm die Thür öffnete. An dieser wandte sich der Mönch noch einmal um.
»Vittorio Emanuele« - sagte er mit dumpfer Stimme - »lebe wohl für diese Welt und gedenke der Worte Deines unglücklichen Vaters in der Nacht des 24. März.17 Wehe Dem, der Rom angreift! Wehe! Wehe!«
Der König antwortete nur durch ein abwehrendes Zeichen, - die Thür schloß sich hinter dem geistlichen Boten.
Der Secretair winkte dem im Vorzimmer befindlichen Flügeladjutanten.
»Seine Majestät wünschen, daß dem ehrwürdigen Herrn hier jede Freundlichkeit erwiesen werde. Bei dem Unwetter kann er Albano heute nicht mehr verlassen.« Und
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leise fügte er hinzu: »Wir müssen mehr von ihm wissen - ich weiß nicht, weshalb er einen so großen Eindruck auf den König gemacht hat, daß ich einen Augenblick für seine Festigkeit fürchtete. Indeß - die Botschaft aus Frankreich hat die römische Frage vertagt und Gaëta ist unser. - Uebergeben Sie den Mönch an Bertano!«
Er kehrte zurück in das Kabinet, wo der König unruhig auf und nieder ging.
»Was denkst zu der Sache, Mac?«
»Daß sie uns sehr gerufen kommt!«
»Gerufen?«
»Ja, Sire! - Glauben Sie denn, daß der Vatican, umgeben von inneren und äußeren Feinden, diese Sprache gegen Sie wagen würde, wenn er nicht einen starken Hinterhalt hätte?«
»O gewiß, er vertraut auf Louis Napoleon oder vielmehr auf die Kaiserin, da mit ihrer Rückkehr aus Schottland die Versöhnung geschlossen ist, welche die kleinen Erinnerungen an die schöne Theresella von Mailand fast mehr gefährdeten, als die Interessen des heiligen Stuhls.«
»Der heilige Vater traut dem Kaiser Napoleon nicht über den Weg und hat auch keinerlei Ursach dazu.«
»Also auf Oesterreich?«
»Die österreichische Politik hat durch Herrn von Schmerling eine andere Richtung erhalten. Sein Augenmerk geht jetzt darauf, Preußen zu überwachen.«
»Dann, lieber Mac, verstehe ich Sie und Ihren Chef nicht!«
»Sie vergaßen England, Sire!«
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»Das ketzerische England?«
Der Vertraute lachte.
»Die Engländer sind nur so lange Ketzer und liberal, als es in ihren Kram paßt und der Liberalismus ihnen nicht an die eigene Haut geht. Ihre Staatsmänner sind klug genug, um zu sehen, daß Englands materielle Macht seit dem Krimkrieg und dem indischen Aufstand im Sinken ist. Deshalb suchen sie dieselbe künstlich aufrecht zu erhalten, indem sie aus dem Hinterhalt her Europa, Amerika und Asien in Bewegung halten. Es giebt seit 12 Jahren keinen Krieg, keine Volkserhebung, wo nicht englische Agenten mitgespielt haben. Alles unter dem Mantel der Freiheit, der Humanität und der Neutralität. Die Situation ist indeß jetzt ziemlich schwierig geworden. Wer beschäftigt Frankreich, das sich am rothen Meer angekauft hat, so eifrig in China und Syrien? - England! wer putscht heimlich die amerikanischen Südstaaten in der Sclavenfrage? - Offenbar England. - In nächster Zeit werden Euer Majestät Rußland in Polen, Oesterreich durch einen neuen Christen-Aufstand in der Türkei beschäftigt sehen. Und nehmen Sie unsere eigenen Vorgänge. England hat uns in Sicilien und Neapel die besten Dienste geleistet - der Graf unterhandelt in diesem Augenblick in London wegen Ausweisung des bisherigen neapolitanischen Gesandten. Um so mißtrauischer mußten wir sein. In der That, während Lord Palmerston uns mit einer Hand hilft, Italien zu einigen, hat er dem heiligen Vater im Geheimen bereits ein Asyl auf Malta oder Gibraltar anbieten lassen!«
»Aber das hieße wahrscheinlich einen Religionskrieg
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gegen uns entzünden! Rom muß der Sitz der katholischen Kirche, also des Pabstes bleiben!«
»Aus eben diesem Grunde, Sire, habe ich den Tractat des Herrn Grafen von Conti willkommen geheißen! - Er gewährt uns die Gelegenheit in der Nothwendigkeit, zu temporisiren. Wir müssen die päpstliche Regierung glauben machen, daß ihre Existenz von uns abhängt, und für das Aufgeben von Neapel und der Herzogthümer in den nächsten fünf Jahren ihr die Herren Mazzini und Garibaldi vom Halse halten. - Es ist nur eine Frage der Zeit!«
»Du hast Recht, Mac, wie immer. Ich müßte aber Deinen Chef schlecht kennen, wenn er für diese Zweizüngigkeit Englands nicht eine kleine Revange in seinem Portefeuille haben sollte?«
»Euer Majestät sollen nicht lange zu warten brauchen. Das nächste ionische Parlament wird den Muth fassen, seinen britischen Protektoren, die bisher jede von ihren Interessen abweichende Meinung mit dem Strick zu bezahlen pflegten, vor Europa zu erklären, daß die britische Schutzherrschaft für die ionischen Inseln ein großes Uebel sei! Die italienische Presse wird dazu das Ihre thun!«
Diesmal war es der König, der lachte. »Cavour und Du, Ihr seid ein paar Schlauköpfe. - Aber nun ist's genug für heute mit der Politik, Mac, und nun will ich zu Tische! Rufe mir den Schlingel Bertano! Ich werde ihn nächstens zum Gesandten machen - in Paris oder Madrid, denn für Rom inklinirt er zu sehr zur Heiligkeit.«
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Santa-Agatha.
Die Ruinen des Klosters der heiligen Agatha auf dem nach ihr benannten etwa 330 Meter hohen Berge sind noch ziemlich wohl erhalten und geräumig genug, die Bedienung und Bedeckung der Batterie aufzunehmen, die man hier erbaut hatte, um die Festung aus sicherer Entfernung mit den gezogenen Geschützen zu beschießen.
Man hatte während der Waffenruhe den ganzen Tag gearbeitet, die Erdwerke aus dem harten Gestein zu hauen und die Bettungen herzustellen.
Die Nacht war gekommen, und die Arbeiten wurden bei dem Schein der Fackeln fortgesetzt, deren Lohe von dem beginn[en]den Regen zu sprühenden Funken gepeitscht wurde. Im Laufe des Tages hatte man mit unsäglicher Anstrengung die schweren Geschütze auf die ziemlich steile Höhe geschafft. Man wußte, daß der König befohlen hatte, daß am nächsten Morgen das Feuer eröffnet werden sollte und daß in militairischen Befehlen er unnachsichtlich war, während allen andern Dingen gegenüber er eine Freiheit gewährte, die oft bis zur Zügellosigkeit ausartete.
Wir versetzen den Leser in die Batterie von Santa-Agatha.
Es war eilf Uhr Nachts - der größte Theil der mühsamen Arbeit vollendet.
Wir haben früher schon Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß der sardinische Soldat, wenn er eben nicht durch
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fremde Elemente verdorben wird, treu, thätig, umsichtig und schweigsam ist. In dem Krieg in der Krim wie bei Solferino gegen Benedeck hat er seine guten Eigenschaften bewiesen.
Es ist aber eine Thatsache, daß mit dem neapolitanischem Krieg, namentlich mit der Belagerung von Gaëta der Charakter der sardinischen Armee sich bedeutend verschlechtert hat. - -
Aus dem ehemaligen Refectorium des Klosters, einem noch ziemlich wohlerhaltenen, wenigstens noch bedachten weiten Gemach der Ruinen blitzte durch die scheibenlosen Bogenfester, die mit Militairmäntel verhängt oder mit Brettern und Stroh verbarrikadirt waren, zuweilen ein blendendes Licht, und ein übermüthiger Gesang mischte sich in Töne toller Lust.
Ein alter bärtiger Artillerie-Unteroffizier, der schon in der Schlacht bei Novara gefochten, leitete an einer Stelle die letzten Arbeiten, die von den ab und zugehenden Offizieren inspizirt und angegeben wurden.
»Angefaßt, Michele - bei den Kaldaunen des Pabstes, spitzt der Kerl nicht die Finger, als gälte es, ein rohes Ei anzurühren, während eine Laffette ein gutes Stück von einer Steineiche ist! - Hebt, Kerle, oder ich will die Richtstange auf Euren Köpfen tanzen lassen!«
»Tanzt lieber da drinnen, Sergente, mit dem Weibervolk und dem Freischaaren Gesindel,« brummte ein Kanonier. »Indeß wir uns hier placken müssen, daß das Blut unter den Nägeln vorspritzt, saufen die Rothhemden uns den Wein vor der Nase weg!«
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»Maul gehalten und nicht raisonnirt! Wirst den Wanst noch voll genug kriegen, wenn das Geschütz feststeht. Hinten an der alten Sakristei liegt ein Fäßchen extra für uns, Oberstlieutenant Sismondi hat es dem Fourier ausdrücklich befohlen. Oder hast Du mehr Lust mit dem ungarischen und polnischen und was weiß ich für Gesindel zu trinken, das bei Capua und Milazzo davon gelaufen ist?«
»Die heilige Jungfrau von Aosta bewahre mich davor!«
»Sie ist besser und klüger als die von Loretto,« meinte ein Dritter, »denn da kommt Carlo mit einem Krug vorläufig zur Erwärmung von Innen, während der Wind und der Regen uns die Haut schaudern machen!«
Einer der Artilleristen, der fouragirt hatte, kam mit einem großen Krug eben herbei.
Der Zwölfpfünder lag in seiner Bettung - es blieben nur noch zwei Geschütze heran zu führen und mit ihren Unterlagen zu versehen. Selbst der alte Murrkopf, der die Arbeiten beaufsichtigte, glaubte sich einige Ruhe gönnen zu können, da er der andern Abtheilung den Rang abgewonnen. Die Hauptsache war, daß er selbst gern einen Schluck that.
»Wo liegen die Legionaire?«
»Drüben in der Kirche. Sie ducken in allen Winkeln umher, denn das Feuer, das sie angemacht, will so wenig brennen, wie die Fackeln hier!«
»Zünd' eine neue an!«
»Hat sich was! Der Wind löscht sie immer von Neuem! Er macht Einen das Mark in den Knochen frieren!
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- Drinnen mag's besser sein! Hört Ihr's wie sie lachen und jubeln?«
»Wenn da der Alte dazu käme!«
»Dummkopf! Der ist längst auf dem Weg nach Turin!«
»Oder der General! - Pietro Staccole hat ihn heute Nachmittag in Mola gesehen, als er unten war!«
»Narr - wenn er kommen wollte, hätt' er nicht seine Adjutanten geschickt.«
»Das ist auch wahr. Es ist ein lustiger Herr, der Graf, so jung und schon Oberstlieutenant.«
»Davor ist er ein Nobile - übrigens soll ihm der Alte mit dem Patent ein Pflaster aufgelegt haben.«
»Wie so? was weißt Du davon?«
»Der Michele hörte es, als er seinem Herrn, unserem Maggiore, davon sprach. Er hat einen großen Streit gehabt drüben in den Bergen, nachdem er in die Hände der Ladroni's gefallen war. Sie hätten ihn erschossen, wenn er sich nicht selbst ranzionirt hätte, denn der wilde Pinelli weigerte sich, einen lumpigen Briganten für ihn loszugeben.«
»Die sind seine schwache Seite! Man sagt er müßte alle Tage wenigstens zehn füsiliren oder hängen lassen, wenn er ruhig schlafen soll!«
»Nun ganz so hoch wird er wohl nicht kommen. Aber einen Major und einen Conti im Stich zu lassen gegen einen lausigen Briganten, das ist stark, und da verdenk ich's dem Grafen nicht, wenn er mit ihm zusammen gerathen und den Abschied nehmen wollte, um ihn fordern zu können!«
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»Cospetto - und um deshalb der Oberstlieutenant? jetzt begreife ich! Aber der alte Pinelli ist ein Teufelsbraten, es heißt, er soll früher eben so gut die Muskete getragen haben, wie wir.«
»Sein Vater war ein Schuster in Brescia! - Aber der Conte hat sich doppelt entschädigt, mit dem Patent und den Weibsleuten, die er heute mit hierher gebracht.«
»Da sind sie wenigstens sicher - unten in Mola sollen sie's zu arg getrieben haben. Na - wenn die Offiziere ihrer müde sind, fällt vielleicht für Unsereinen auch was ab. Ich habe sagen hören, daß sie nicht stolz sind!«
»Wisch Dir den Mund Petro - die Rothhemden werden schon sorgen, daß Nichts an uns kommt!«
»Der Teufel hole die Schnapphähne! Dem ersten, der mit mir Handel anfängt, renn ich mein Faschinenmesser in die Eingeweide!«
»Ich glaube, das besorgen unsere Offiziere selber,« meinte der Sergente. »Aber nun ist's genug geschwatzt, der Krug ist leer! Angepackt Jungens, um Mitternacht müssen wir fertig sein.«
Eben kam wieder in seinen Mantel gehüllt, einer der Offiziere aus der Ruine, um die Artilleristen anzutreiben. Im Schein der Blitze und der Pechfackeln konnte man sehen, wie sein Gesicht von Wein und Aufregung geröthet war, und die Hast, mit der er die nöthigen Befehle gab, ließ erkennen, wie eifrig er wünschte, bald wieder bei seiner Gesellschaft zu sein.
»Sergente!«
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»Signor Luogotenente!«
»Ist die Munition zu Ihren Geschützen in Ordnung? Sie wissen, daß um acht Uhr das Feuer beginnen muß!«
»Alles in Ordnung!«
Der Offizier sah flüchtig die Geschütze nach. »Lassen Sie hier noch einen Balken unterschieben, der Rückprall könnte sonst das Rohr herunterwerfen. Halten Sie die Zündröhren gut geschützt. Verflucht sei das Hundewetter! In einer halben Stunde kommt der Major, denn sein Vetter muß noch diese Nacht zurück nach Mola! Was ist dort?«
In das Rollen des Donners mischten sich die Töne einer Rohrpfeife.
Mehre der Soldaten hatten sich um zwei Personen gesammelt, einen Hirten und einen Bersagliere.
»Was ist das für ein Kerl?« frug der hinzutretende Offizier.
»Der Bursche behauptet, hierher bestellt zu sein und ich bin vom Patrouillen-Führer kommandirt, ihn bis zu Ihren Wachen zu begleiten,« rapportirte der Soldat.
»Excellenza, ich bin ein armer Pfeifer von Atratina. Ich möchte gern ein Paar Carlini verdienen, wenn's die Herren Soldaten erlauben. Ich habe sonst meine Ziegen hier oben gehütet, - aber die armen Thiere fürchten das viele Schießen.«
»Kannst Du etwas Lustiges blasen?«
»Die Tarantella, Excellenza und die Saltarella und den Radetzky-Marsch!«
»Tölpel - untersteh Dich! Aber komm mit. Dich
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können wir grade brauchen. Laßt Euch einen Becher geben, Bersagliere, ehe Ihr zurückgeht. An Wein fehlts nicht, und bei diesem Hundewetter verträgt sich's.«
Der Hirt drückte verstohlen seinem Begleiter die Hand und ging hinter dem Offizier her. Der Bersagliere wechselte einige gleichgiltige Worte mit den schwer arbeitenden Artilleristen und schlenderte dann hinter jenen drein nach den Ruinen. - -
Das Innere des Refectoriums bot trotz seines verfallenen Zustandes einen heiteren Gegensatz zu dem unangenehmen Aufenthalt draußen, dem Toben des Wetters und dem tiefen nur von den Blitzen zerissenen Dunkel. Die Pioniere hatten eine ziemlich feldmäßige Einrichtung hergestellt, einen großen rohen Tisch aufgeschlagen, den der Koch des Hauptquartiers für das Gelag des Abends mit Teppichen aus Neapel, mit leidlichem Tischzeug und einer Anzahl wohl zubereiteter Speisen und Aufsätzen versehen hatte, da man in Mola bei der Nähe Neapels nicht bloß gut sondern selbst mit Ueppigkeit lebte. Eine Menge dunkelhalsiger Flaschen mit dem köstlichen Wein von Salerno, dem edlen Falerner, dem braunen Traubensaft von Marsala, dem lieblichen Montefiascone bedeckte zwischen Früchten und Speisen den Tisch und selbst an den Silberhälsen des Champagners in den improvisirten Eiskübeln fehlte es nicht.
Drei große silberplatirte Leuchter, die man aus den beiden Kapellen im Borgo entlehnt hatte, trugen schwere Wachskerzen, die auf zwanzig Schritte weit nach der der Kirche dufteten.
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Etwa fünfzehn Männer, Offiziere verschiedener Waffengattungen und Civilisten, und sechs Frauen waren um die Tafel, oder vielmehr in dem Raum versammelt. Einige Burschen der Offiziere und zwei Civilisten machten die Aufwärter dieser Orgie, die bereits drei Stunden im Gange war.
Es war in der That eine Orgie der schlimmsten und gefährlichsten Art. Die Gruppirung der einzelnen Theilnehmer zeigte die Leidenschaften, denen man sich dabei hingegeben.
Auf einem Ende des langen Tisches war das Geschirr fortgeräumt, der Teppich zurückgeschlagen und auf dem Holz des Tisches mit Kreide jene ominöse Figur gezeichnet, welche allen Spielern so wohl bekannt ist.
Ein dicker Artillerie-Kapitain machte hier den Bankhalter. Ihm gegenüber saßen zwei Frauen - ein kaum dem Kindesalter entwachsenes sehr hübsches Mädchen mit braunem Gesicht und glühenden Augen, vielleicht von Reggio oder der sicilianischen Küste, die solche glühende Lebenslust schon im halbentwickelten Körper zeugt, und eine kleine schmächtige blasse Frau, nicht mehr jung, etwa sieben oder achtundzwanzig Jahr, etwas Nervöses, Rastloses in ihrem ganzen Wesen, in den nach dem Golde zuckenden Fingern, in dem beweglichen Mienenspiel; dabei hatten die wunderbar schönen schwarzen Augen den dämonisch funkelnden Blick des Auges der Ratten oder Schlangen.
Um diese beiden Frauen, zu denen von Zeit zu Zeit sich eine dritte gesellte, eine schlanke graziöse Gestalt, mit
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feingeschnittenem Kopf und spöttischer Miene, saß, hockte und stand die Hauptgruppe der Offiziere, zwei in der Uniform der Bersaglieri, - ein hoher nicht mehr junger Mann in dem knappen Waffenrock der Lanziers von Genua mit spitz gedrehtem prächtigen Schnurbart, - ein großer, starker Mensch von wüstem rothen Gesicht, von dem ein flachsgelber in langen Mähnen zu beiden Seiten des Mundes bis auf die rothe Garibaldi-Blouse herabhängender Bart um so sel[t]samer abstach, als das kurz geschorene Haupthaar von pechschwarzer Farbe war; - und ein junger elegant gekleideter Mann in Civil, dessen sonst hübsches Gesicht in diesem Augenblick die gespenstige Abspannung der größten Seelenangst zeigte.
Neben dem Bankhalter und neben dem Mann mit dem weißen Bart, dessen gebrochene Redeweise und wilde Flüche den Magyaren bekundeten, lagen ziemlich ansehnliche Haufen von Gold und Banknoten, während die ganze andere Gesellschaft Unglück zu haben schien.
Weiter hinauf am Tisch lag in einem Schaukelstuhl eine üppig gebaute Frauengestalt, das schwarze Sammetkleid in herzförmiger Form tief über dem wirklich wunderbar üppigen Busen ausgeschnitten, die Augen halb geschlossen, während die mit kostbaren Ringen bedeckte weiße Hand zuweilen langsam, fast träge, nach dem Tisch hinüber langte, einen flachen Kelch mit dem wie dunkler Rubin funkelnden Wein von Salerno nahm und mit eben so schleppender Bewegung zum Munde führte. Die vollen Lippen saugten dann langsam den feurigen Nektar, die Augenlider erhoben sich einen Augenblick, und es lag etwas von
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unbeschreiblich wollüstigem Wohlbehagen in dieser Art des Genusses. Auf einem Holzschemel neben der schönen Carlotta saß ein kleiner schmächtiger Genie-Offizier mit kahlem Schädel und überaus lüsternem Blick, der die andere weiche Hand der Jüdin nicht aus der seinen ließ und von Zeit zu Zeit sie an seine etwas welken Lippen drückte.
Diesen Beiden gegenüber am Tisch und sie oft mit verächtlichem Blick streifend, saß mit einem silbernen Messer spielend die Spanierin Giuliana, jenes schöne gebieterische Weib mit hochgeschwungenen dunklen Brauen, die einer gebornen Fürstin glich und deren Sünde und Verderben die Hoffart gewesen war. Ein Mann im Anfang der Dreißiger von etwas blassem geistvollem Gesicht mit mächtiger Stirn, in einen einfachen polnischen Schnürrock gekleidet, saß neben ihr und richtete seine von lebhaften Bewegungen begleitete Rede bald an sie, bald an einen blonden Herrn in einem weitem ge[l]blichen Surtout, dessen süffisante pflegmatische Miene und feiner vornehmer Teint den Sohn Albions bekundeten.
Zwischen dieser Gruppe und der Gesellschaft der Spieler bewegte sich die bereits erwähnte junge Frau mit der spöttischen Miene und den graciösen Formen hin und her, indem sie zuweilen mit einem Mann in der etwas leichtfertig und mit einer gewissen Eleganz getragenen dunklen Kleidung eines jener Abbate's oder Hausgeistlichen einige Worte sprach, deren Typus man vor der letzten Revolution zahlreich in allen Straßen von Neapel sehen konnte, welche die öffentliche Gesellschaft und die Familienkreise bis
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zum Unerträglichen beherrschten, und die mit dem Einzug der Garibaldiner fast spurlos verschwunden waren.
Der Abbate trug aber keineswegs das Gepräge eines hochmüthigen oder ascetischen Geistlichen, er hatte vielmehr ganz das Aussehen eines gemüthlichen Lebemannes mit rundem frischem Gesicht und jovialen Manieren. Die Augen blinzelten sehr behaglich und nachsichtig durch die goldene Brille auf die so wenig der Gesellschaft eines Klerikers würdige Scene um ihn her, und er verschmähte weder das Weinglas, noch die Theilnahme an den oft sehr lasciven Scherzen mit den Frauen, die mit ihm auf sehr cordialem Fuß zu stehen schienen; denn häufig kam eine oder die andere, lehnte sich vertraulich über seine Schulter oder setzte sich wohl gar auf seinen Schoos.
Nur ein sehr scharfer Beobachter hätte bemerken können, daß trotz dieser Vertraulichkeit die meisten dieser koketten und frivolen Frauen eine gewisse geheime Furcht vor ihm zu haben schienen und daß sein Blick hinter der Brille sie gleichsam beherrschte.
Die Hauptgruppe der Gesellschaft befand sich in der Nähe des Abbé am andern Ende des Tisches.
Auf der Ecke desselben, in jener beliebten Stellung, in welcher sich die pariser Loretten im Debardeur-Kostüm photographiren zu lassen lieben - das rechte Bein über das linke Knie gehoben und die feine Fußspitze in der Hand, - saß eine junge etwa vierundzwanzigjährige Frau, von mittelgroßer schlanker Gestalt, unruhig in den vollen Hüften hin und her wiegend. Das bei ihrem ersten Auftreten in unserem Buch blasse und abgemagerte Gesicht
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mit den kussigen Lippen und der kecken leicht gebogenen Nase hatte seit den wenigen Wochen wieder die Rundung und die Farbe des üppig pulsirenden Lebens angenommen, und die dunklen übermüthigen Augen funkelten so herausfordernd, so trotzig und übermüthig, daß das ganze Aeußere im grellsten Widerspruch zu dem Kostüm stand, das ihre tolle Laune oder irgend eine Erinnerung gewählt hatte, - einem vollständigen Nonnenhabit. Die Kleidung war vielleicht nicht ohne Bedacht und Koketterie gewählt, denn obschon die Kapuze halb zurückgeschlagen war, verbarg die Stirnbinde doch den Umstand, daß ihr Haar ziemlich kurz abgeschoren war. Die vollen rothen Lippen hielten eine Cigarre, deren Dampf sich nur unterbrach, wenn die Hand einen Champagnerkelch hob, oder um irgend einen frivolen Scherz oder ein tolles Lied zu sprudeln.
Zu ihren Füßen am Boden lag, den müden trunknen Kopf an die Arme gedrückt, eine passirte Frau mit sehr verlebten Zügen und gesucht romantischem Kostüm, deren Lebensgeister bereits der Champagner überwältigt hatte. Vier Männer saßen um die Schöne her - der Graf Sismondi, dem wir zuerst in der Osteria von Balzorano begegneten, - sein Vetter der kommandirende Offizier der Batterie, die man draußen eben vollendete, und zwei Offiziere, der eine in der Marine-Uniform der neapolitanischen Flotte, der andere ältere in der Uniform der früheren Garden des so treulos verrathenen Königs.
Die Unterhaltung, die Witzworte und frechen Scherze, die Lieder und der Lärmen flogen von einer Gruppe zur andern über die ganze Breite des Raumes hin.
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»Major - schicken Sie Champagner herunter - dem Duca wird schwach!« klang die Stimme des dicken Kapitains, der die Bank hielt, vom andern Ende des Tisches. - Cospetto - diese Herren denken Spieler zu sein und lassen den Bankier einschlafen. - Vorwärts Cavalieri - ich wette das Glück wendet sich!«
»Hat der Duca wieder verloren?«
»Lumpige fünfhundert Ducati auf Ehrenwort. Seiner Tante gehört der halbe Vesuv!«
Der junge Mann in Civil bei der Spielergruppe stieß einen wilden Fluch aus und krallte mit der Hand durch das krause schwarze Haar.
»Der alte Satan enterbt mich - wenn sie wieder Schulden für mich bezahlen soll! ich darf die fünfhundert nicht sitzen lassen! Va banque Signor Capitano!«
Die übermüthige Nonne am andern Ende des Tisches warf ihre Cigarre fort, ergriff die neben ihr stehende Champagnerflasche und setzte ihren Fuß auf das Knie des Garde-Offiziers.
»Mit Erlaubniß!«
»Sind Sie toll Theresella!« Der Graf versuchte sie aufzuhalten, aber sie war schon über ihn weggesprungen und hüpfte zu den Spielern.
Der Abbate hielt sie einen Augenblick fest. »Will unsere heilige Magdalena vor der Buße dem Laster des Spiels fröhnen? Ich bin zwar nur ein armer Diener der Kirche, aber mein schmaler Geldbeutel steht zu Diensten.«
Der leise Druck seiner weißen fleischigen Hand hatte die Uebermüthige gebannt.
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»So geben Sie heiliger Vater - wenn Sie Cardinal sind erstatte ich es Ihnen wieder! Pfui wie pauvre!« und sie warf die allerdings ziemlich leichte Börse in die Luft und beugte sich fangend zu dem Abbaten nieder. »Was befehlen Sie?«
»Hetzen Sie sie aneinander!«
»Welche?«
Ein böser Blick des Geistlichen mit der jovialen Miene flog über den ganzen Kreis. »Je mehr desto besser!«
»Uenn die Signora mir erweisen will die Ehre, zu spielen mit meinem Geld,« sagte der Engländer von gegenüber, »so uerden ich sein sehr erfreut!«
Er zog langsam sein Portefeuille und öffnete es.
Die kleine blasse Frau mit den schwarzen Augen bei der Spielergruppe hatte sich mit gierigem Blick erhoben. »Soll ich für Sie setzen, Mylord?«
»No! No! - die Kleine da, ueil sie kann sein so lustik! Da sein ein Chek von hundert Pounds!«
Die schöne Spanierin, die noch so eben mit dem angehenden Diplomaten gesprochen hatte, drehte ihm unwillig den Rücken. »Erzählen Sie mir weiter Herr Kapitain,« sagte sie herrisch zu dem Mann im Schnürrock. »Dieser Engländer handelt mit Geld, nicht mit Blut - und Ihr Vaterland braucht Männer, die das letztere opfern. Sie müssen einen Führer haben, einen hohen glänzenden Namen an der Spitze!«
»Wir haben ihn, Señora!«
»Einen Prinzen von Geblüt?«
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»Besseres Señora!«
»Also einen König? O man hat mir gesagt, daß es in Ihrem kalten Norden - in Deutschland - viele Könige giebt, wenn auch ihr Land kein solches ist, in dem die Sonne nicht untergeht!«
»Die Sonne, die über Polen aufgehen soll, Señora wird nie wieder untergehen! Sie leuchtet gewaltiger als der Purper der Könige!«
»Es giebt nichts Glänzenderes als eine Krone!«
»Gewiß Señora - die Sonne der Freiheit!«
Die stolze Schöne lächelte verächtlich. »Sie sind ein Republikaner, Kapitain und die Republikaner sind Schwärmer. Nur in der Liebe gestatte ich Schwärmerei nicht in der Politik.«
Die schöne Carlotta hatte die Augen geöffnet als der Engländer die Banknote über den Tisch herreichte.
»Sagen Sie dem Herrn, Baron,« sprach sie schläfrig zu ihrem Nachbar, »daß ich ihm eine Cavatine für ein ein gleiches Honorar singen will!«
Der kleine ältliche Generalstabsoffizier gerieth bei dieser Offerte ganz in Extase und klatschte in die Hände. »Brava, Brava Signora! - Hören Sie es Mylord und Sie meine Herren - die göttliche Carlotta, gegen die die Grisi eine Amsel ist, will uns eine Cavatine zum Besten geben!«
»Ja,« sagte die Sängerin - »aber nur gegen Honorar! ich singe nie umsonst.«
»Vielleicht thun Sie es diesmal mir zu Gefallen,« bemerkte ruhig der Abbate.
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»Oh gewiß Signor!« und sie richtete sich langsam in dem Stuhl empor.
»Warten Sie noch einen Augenblick.«
Mademoisella Theresa hatte sich den Chek bei dem dicken Kapitain, der die Bank hielt und der eben mit dem Zählen des Inhalts derselben beschäftigt war, gewechselt. Die meisten Anwesenden, durch die Herausforderung des jungen Duca aufmerksam gemacht, drängten sich um den Tisch.
Graf Sismondi hatte sich erhoben um Theresa zu folgen. »Sie wird noch dumme Streiche machen, sie ist ein wahrer Teufel, wenn es ihr beliebt zu rumoren« sagte er zu seinem Vetter, »und ich kann sie nicht einmal überwachen, denn ich muß fort sobald Deine Leute fertig sind.«
Der Major sah nach der Thür. »Ich habe Lieutenant Rosate geschickt um nachzusehen. Dein Pferd steht mit der Ordonnanz hinter der alten Klosterkirche. Aber warum solltest Du nicht bleiben? Der General erhält morgen Deine Meldung zeitig genug, und wir sind längst fertig mit Allem, ehe der Befehl zum Beginn des Feuers eintrifft.«
Der Oberstlieutenant sah ihn bedeutsam an. »Nimm Dich in Acht Rafaël,« sagte er ernst. »Ich darf nicht mehr sagen, aber - Ihr könntet unerwartet strengen Besuch bekommen.«
»Cialdini selber? Er liebt es doch sonst nicht, zeitig zu Pferde zu sein!«
»Dienstgeheimniß! - jedenfalls muß ich die Meldung noch diese Nacht machen und Dir die Sorge über das tolle
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Ding überlassen, bis sich morgen Gelegenheit findet, sie wieder nach Mola zu schaffen.«
»Wo zum Teufel hast Du die Dirne aufgetrieben? Sie scheint voll Lust, Unheil zu stiften.«
»Leider nur zu viel. Der brave Rocca ist ihretwegen flügellahm geschossen worden. Ich erzähle Dir ein ander Mal, wo ich sie fand. In einem Kloster - obschon sie mit der Sprache nicht recht heraus will. Und jetzt trägt sie das Nonnenhabit zum Trotz und Scandal. - Die Sache hängt mit der unangenehmen Geschichte mit General Pinelli zusammen.«
»Cospetto - für ein Avancement möchte ich schon einen Streit mit dem Bluthund riskiren.«
Der Oberstlieutenant sah finster vor sich hin. »Glaube mir, Rafaël, ich wollte gern zwei Grade verlieren, wenn ich das was jenem Streit folgte, ungeschehen machen könnte. Ein wackerer Kamerad, wenn auch ein Fremder, wurde darüber zum Mörder, und ein hochherziges Mädchen, das - obschon unsere Feindin, - hundert Mal mehr werth war, als die ganze Weibergesellschaft hier, das Opfer einer schändlichen Brutalität. Dieser Kerl ist eine Schande für die sardinische Armee und verdient seinen blutigen Ruf mehr als Chiavone oder Tonelletto!«
»Du mußt mir die Geschichte ein Mal erzählen! Aber da kommt Lieutenant Rosate.«
Der junge Offizier trat in dienstlicher Haltung zu seinem Vorgesetzten.
»Die Geschütze Nummer Fünf und Sechs sind
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gebettet, Sieben und Acht werden eben gehoben. In einer halben Stunde ist die Arbeit beendet.«
»Haben Sie sich überzeugt, daß die Munition gut untergebracht ist?«
»Alles besorgt - es ist ein Hundewetter draußen!«
»Das sehe ich an Ihrem Mantel,« sagte lachend der Major. »So bald die letzte Kanone steht, sollen die Leute nach dem Kirchenraum und auch ihr Theil haben. Sorgen Sie dafür - und jetzt für sich selbst.«
»Wenn der Herr Major es gestatten - ich habe einen Beitrag zur Gesellschaft mitgebracht.«
»Wie so - doch keine Schöne? wir haben deren genug.«
»Einen Flötenbläser hier aus den Bergen, er kann einige lustige Tänze blasen.«
Der ältere Offizier lachte. »Per Baccho, Lieutenant, Sie wollen am Ende noch einen Ball arrangiren! Meinetwegen, wenn ich nur verschont bleibe! - Wo ist der Kerl?«
»An der Thür. Darf ich ihn eintreten lassen?«
Ein prachtvoller Triller, der wie Lerchenflug in die Luft stieg, unterbrach die Antwort. Er jubelte durch den wüsten Raum und wandelte sich dann zur lang getragenen Cadenz, aus der wunderbar schön und rein die ersten Töne der herrlichen Arie emporstiegen, mit der Norma die keusche Göttin grüßt. - -
Die Frau, welche ihre Aufmerksamkeit zwischen der Spielergruppe und der Gesellschaft der Sängerin getheilt, hatte sich dieser und dem Mann im Schnürrock genähert.
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Sie hatte die letzten Worte, die Apologie an die Freiheit gehört.
»Sie haben Recht, Kapitain - Polen braucht zu seinem Kampf keinen Fürsten und Aristokraten. Was sollen uns die Czartoriski's und Radziwil's, die in Paris intriguiren oder in Berlin schlafen! Das Volk will Männer wie Sie und Miroslowski!«
Der Pole zuckte ungeduldig die Achseln. »General Miroslowski« sagte er, »ist bei aller Achtung vor seinem Muth und seinen Talenten, doch nur ein Werkzeug der Aristokratie. - Wir wollen unsere Sache rein halten! - Nur die Liebe zum heiligen Vaterlande, nicht ehrgeizige Pläne und Absichten sollen uns das Schwert in die Hand drücken.«
»Und ein solcher Mann sind Sie, Michael Langiewicz,« sagte die Frau in polnischer Sprache. »Aber moj Boze, warum sind Sie hier, Kapitain, statt in Warschau? - Diese Italiener werden untereinander fertig, ohne daß es der polnischen Legion bedarf. Das Vaterland ruft seine Söhne und es fehlt in diesem Lande nicht an Polen, die auf den Ruf bereit sein sollten!«
»Was wissen Sie davon!« sagte er halb verächtlich.
»Was ich davon weiß? Ich will Ihnen sagen, daß 14 unserer Freunde allein in Bardoneche, Doktor Borzobohaly in Brescia, 5 in Florenz, Skultecki und Fabjoni in Genua, 9 in Rom, 39 in Turin des Aufrufs warten. So geben Sie ihn, geben Sie das Beispiel!«
»Es ist noch nicht an der Zeit!«
»Moj niebiskiojcze!18 es wäre noch nicht an der Zeit? Dann täuscht man Sie von Paris her. Meine Nachrichten
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von Warschau lauten anders. Ich sage Ihnen, schon der nächste Monat wird nicht ohne Blut vorübergehen. Es wird freilich vielleicht polnisches Blut sein, das von unsern Henkern vergossen wird, aber das Opfer wird seine Früchte tragen und aus Schwankenden und Zögernden Männer machen!«
»Aber wer sind Sie selbst? Seit den zwei Wochen, die ich im Lager von Mola bin, drängen Sie sich an mich und ich kenne Sie nur unter dem Namen Matilda, einem Namen, den ich nie als den einer unserer Patriotinnen weder in den Listen des Centralkomité's noch in denen der freien Patrioten gesehen habe.«
»Ich könnte Ihnen einen andern Namen nennen, der Ihre Zweifel beruhigen würde - aber noch ist es nicht Zeit. Sagen Sie selbst, haben meine Nachrichten und Winke Sie je getäuscht?«
»Nein - ich muß es gestehen. Dennoch ...«
»Wohlan - so sage ich Ihnen, daß am Jahrestag der Schlacht von Grochow19 das polnische Volk in Warschau, unsere Priester voran - eine Demonstration für die Wiederherstellung seiner Nationalität machen wird. Was weiter kommt - steht bei Gott und den Heiligen. Aber Männer wie Sie und Ihre Freunde sollten in solchem Augenblick nicht fehlen!«
»Sie wollen also?«
»Daß alle Polen Italien verlassen und ihre Hand nicht länger einem Kampfe zur Unterdrückung der heiligen
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Kirche leihen, welche auch die unsere ist. Denn darum, nicht um den Königsthron von Neapel handelt es sich!«
Ihr Blick streifte bei diesen Worten flüchtig hinüber zu dem Abbate. Ein leichtes Zucken der Augenlider zeigte ihr, daß sie gehört worden.
Der Kapitain, der künftige Dictator Polens, schwieg nachdenkend.
Die Spanierin Giuliana hatte, als die Polin ihr eigenes Gespräch ziemlich rücksichtslos unterbrach, ihre Aufmerksamkeit wieder dem englischen Diplomaten zugewendet, der mit seinem Lorgnon die Pariserin verfolgte.
Die schöne Theresa flüsterte einige Augenblicke mit der Frau, deren Schlangenaugen so gierig den Spieltisch bewachten und die sich vergeblich dem Briten zur Partnerin angeboten hatte.
Ein Hand voll Goldstücke glitt in die der Spielerin.
»Sie sagten vorher Sir William,« bemerkte die Spanierin, »daß der Bruder des Grafen Montemolin, der Prinz Fernando in Triest erkrankt ist?«
»Yes, Mylady, so lauten unsere Nachrichten.«
»Und der Graf Montemolin mit seiner Gemahlin befindet sich jetzt gleichfalls in Triest?«
»Yes, Yes! Aber diese tolle Miß ist allerliebst.«
»Der dritte Sohn des Don Carlos, der sich unberechtigt, wie die Königin Isabella, König von Spanien nannte, ist noch immer in London?«
»Yes - uenn er in diesem Augenblick nicht in Biscaya ist, um einen Aufstand anzuzetteln! - Diese Spanier,
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Ihre Landsleule[Landsleute], Mylady, halten nicht einen Augenblick Ruhe!«
»Die Ruhe würde nicht gestört sein, wenn fremde Staaten nicht sich einmischten - vor Allem Ihr Kabinet. Warum hat England so perfid die Intriguen der Königin Christine unterstützt, während man doch wußte, daß ein rechtmäßiger Erbe vorhanden war!«
»Ah, Miß - Sie sind eine kleine Karlistin!«
»Verdammniß über ihn, der die öffentliche Meinung gefälscht und von dem rechten Wege abgeleitet hat. Der Earl von Russel, Ihr Namensvetter, würde Ihnen sagen können, wenn er sprechen wollte, daß ein näherer Erbe als der Prätendent Don Carlos vorhanden war.«
Der junge Diplomat ließ den Kneifer fallen und wendete sich erstaunt zu der Dame. »Wie, Miß - was meinen Sie damit? Ich habe allerdings von einer dunklen Geschichte sprechen hören, indeß Sie sind zu jung dazu, um davon zu wissen.«
»Sollte eine Tochter die Rechte ihrer Mutter nicht kennen?«
»Ihrer Mutter?«
»Ja, Sir. Oder kennen Sie in der That so wenig die Genealogie des Hofes von Madrid und die Heirathen des König Ferdinand III. von Spanien?«
»Das ist für die politischen Beurtheilungen ein zu interessanter Punkt Señora, als daß ich Ihnen dieselben nicht sollte an den Fingern herzählen können.«
»Ich bitte darum.«
»Very well. Seine Majestät der König Ferdinand,
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geboren 1784, vermählte sich vier Mal und zwar zuerst im Jahre 1801, also mit 17 Jahren, mit der Prinzessin Antoinette Therese von Sizilien, die aber bereits in Folge der ihr von dem Herzog von Alcudia und der Königlichen Familie angethanenen Kränkungen schon am 21. Mai 1806 starb.«
»Richtig! die Ehe blieb ohne Kinder.«
»Zum zweiten Mal wollte sich der König, damals noch Infant, in Folge der Zwistigkeiten mit seinem Vater, dem König Karl IV., mit der Prinzessin Lucian Bonaparte vermählen. Durch seine Verhaftung im Escurial am 28. Oktober 1807 wurde dies verhindert und die Sache gab dem ersten Napoleon Gelegenheit zur Einmischung in die spanischen Angelegenheiten, als die Revolution von Aranjuez den König Karl zwang, der Krone zu Gunsten seines Sohnes zu entsagen.«
»Euer Herrlichkeit sprechen wie ein Buch,« bemerkte die Spanierin mit Hohn.
»Aus der Heirath mit der Tochter des Prinzen Lucian wurde Nichts. Erst nachdem Napoleon den jungen König seinerseits zur Thronentsagung gezwungen und ihn auf dem Schloß Valencay des Herrn von Talleyrand bis zum März 1814 festgehalten hatte, vermählte er sich zum zweitenmal im Jahre 1816 mit der Prinzessin Maria Isabella von Portugal.«
»Was Sie sagen, Sir! also die Portugiesin war seine zweite Frau! Wiederum ohne Kinder!«
»Sie starb schon nach zwei Jahren. Auch die dritte Gemahlin des Königs, die Prinzessin Josephe von Sachsen,
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starb nach zehnjähriger Ehe, im Jahre 1829, und der König vermählte sich dann nach wenig Monaten zum vierten Mal und zwar mit der Prinzessin Marie Christine von Sizilien, der Mutter der Königin Isabella und der Frau Herzogin von Montpensier.«
Die Señora lachte. »So steht's wahrscheinlich im Almanaque diplomatique! Aber ich wiederhole Ihnen, Ihre Rechnung ist falsch, und der edle Graf, Ihr Namensvetter wird Ihnen wahrscheinlich sagen können, daß der König Ferdinand fünf Frauen gehabt hat.«
»Vielleicht eine tendre liaison, die Folgen gehabt hat.«
»Nein Sir, eine rechtmäßige Ehe und zwar mit einer Dame, deren Familie, wenn sie auch keine Krone trug, er sich wahrhaftig nicht zu schämen brauchte.«
»Und wann sollte dies geschehen sein?«
»Im Jahre 1812 - als Napoleon in Rußland war, und König Ferdinand mit seinem Bruder dem Infanten Don Carlos, seinem Oheim Don Antonio, dem Domherrn Escoiquiz und dem Herzog von San Carlos in Navarra in Gefangenschaft lebte.«
»Aber die Ehe wurde nicht anerkannt - sie blieb unbekannt und hatte keine Folgen.«
»Sie gab einer Tochter das Leben - meiner Mutter! - Die Ehe war kirchlich geschlossen und legal, aber als Napoleon aus Rußland zurückkehrte und die Sache erfuhr, zwang er den König zu einer Trennung und fügte dem Vertrag vom 11. December die geheime Bedingung der Annullirung dieser Ehe aus nichtigen Gründen bei. König
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Ferdinand war schwach genug, darein zu willigen und die Geistlichkeit sorgte dafür, daß er es nicht widerrief.«
»Ihre Erzählung ist seltsam, Señora,« sagte der Diplomat mit einer größeren Höflichkeit, als er bisher der Spanierin bezeigt hatte. »Ich gestehe, daß ich wohl gehört hatte, König Ferdinand habe sich die Zeit seiner Gefangenschaft auf französischem Boden nicht allzulang werden lassen, aber ich habe nie Näheres, - am Wenigsten von einer wirklichen Ehe gehört. War die Frau - nach Ihrer Bemerkung von vorhin und Ihren Jahren zu schließen, Ihre Großmutter, - eine Französin?«
»Sie war von spanischem Blut - eine Tante des General Prim, Grafen von Reuß!«
Der Diplomat pfiff durch die Lippen. »By Jove - das ist eine kleine Erläuterung! - Sie sagten, Señora, daß aus dieser Ehe eine Tochter geboren wurde?«
»Im Jahre 1813 - meine Mutter!«
»Und was wurde aus dieser?«
»Sie ist nach dem bald nach der gewaltsamen Scheidung erfolgten Tode meiner Großmutter - wenigstens soll diese damals gestorben sein und ihre Familie hat nach der Rückkehr des Königs nach Madrid und während der Herrschaft der Camarilla Nichts wieder von ihr gehört, - auf Sorge des Vaters des jetzigen General Prim in Frankreich erzogen worden. Dort lernte sie einer Ihrer Landsleute kennen, entführte sie von dem Ort, an dem man sie verborgen hielt und heirathete sie. Sie ist meine Mutter geworden und lebte also zur Zeit, als König Ferdinand 1839 das salische Gesetz durch die pragmatische Sanction änderte und
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die Thronfolge auf die Töchter übergehen ließ. Wenn er das durfte, so mußte die Krone auf seine älteste Tochter übergehen, also auf meine Mutter, nicht auf die Infantin Isabella, die volle 17 Jahre jünger ist.«
»So lebt Ihre Mutter noch?«
»Quien sabe! - es geschehen viele Dinge in Spanien! Man hat mir gesagt, daß sie todt sei, wie meine Großmutter!«
»Und Ihr Vater?«
»Bah - der Rausch der Liebe war bald verflogen, meine Mutter hat sich bald von ihm getrennt oder er sie verlassen. Ich habe ihn nie gekannt. Der edle Viscount soll ein Excentric gewesen sein. Vielleicht daß er von meinem Dasein gar Nichts wußte, denn ich wurde erst nach seiner Trennung von meiner Mutter geboren und sie haßte ihn.«
»So kennen Sie auch seinen Namen nicht?«
»Doch!«
»Ist es erlaubt, danach zu fragen?«
Ein Räuspern des Abbate unterbrach das in englischer Sprache geführte Gespräch.
Die Señora Giuliana warf einen Blick hinüber und ihre stolze Stirn zog eine unwillige trotzige Falte.
»Ich werde Ihnen denselben später nennen, wenn Sie sich wirklich dafür interessiren sollten!«
»Es ist eine seltsame Sache die Sie mir erzählt haben, Señora,« - meinte der Diplomat. »Aber selbst wenn Sie für alle diese Angaben Beweise haben ...«
»Ich hatte sie!«
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»Und sie existiren nicht mehr?«
»Sie existiren!«
»Wo?«
Die Spanierin warf einen raschen Blick hinüber nach dem Abbate. Dieser schien mit dem Gespräch der beiden Polen beschäftigt, und hatte sich eben zu der Sängerin gewendet.
»Im Besitz der heiligen Kirche,« sagte sie leise aber mit Ingrimm. »Diese kennt meine Rechte eben so gut wie die Usurpatorin Isabella selbst und wie sie der Prätendent Don Carlos kannte. Sie benutzt sie, um Beide in Schach zu halten, von Beiden Zusagen zu erpressen. Aber, so wahr königliches Blut in meinen Adern ist ...«
Die letzten Worte waren so laut gesprochen, daß der Abbate rasch sich gegen sie kehrte und den Zeigefinger der linken Hand erhob.
Der Diplomat hatte den Wink entweder nicht gesehen, oder er that wenigstens so, und wollte seine Fragen fortsetzen.
In diesem Augenblick war es, wo die Triller der Signora Carlotta emporwirbelten! - - -
Die ehemalige Primadonna des Alcazar hatte, wie wir bereits erwähnt, ihren Chek mit gebührenden oder vielmehr sehr ungebührlichen Abzugsprozenten bei dem großen Garibaldiner mit dem weißen Bart gewechselt, der so merkwürdig im Glück gegen die Bank geblieben war.
Der Kapitain, der diese bisher gehalten hatte, war soeben mit dem Zählen der Kasse fertig geworden. »Wie Sie sehen, Altezza, beträgt die Kasse, Papier und Gold
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zusammen gerechnet, ungefähr 300 Doppelpistolen oder zweitausend siebenhundert und vierzig Ducati's.«
»Ich halte sie!«
»Dann bitte ich den Betrag zu deponiren!«
Der junge Mann wurde noch bleicher als zuvor. »Sie können leicht denken, Kapitain Ruspoli, daß ich diese Summe nicht bei mir führe. Ich habe den ganzen Inhalt meiner Börse bereits an Sie verloren.«
Die Stirn des dicken Artillerie-Kapitains röthetee sich. »Was wollen Sie damit sagen, Signor Principe?«
»Nichts was Sie beleidigen kann. Ich wollte nur erklären, warum meine Börse leer ist,« stammelte der junge Verschwender. »Aber ich denke, ich bin bekannt genug und Jedermann weiß, daß ich der Erbe der Bracciani's bin, und daß meinem Vater das halbe Palma gehört! - Hier dieser Ring ist mindestens seine tausend Pistolen werth!«
»Ach der prächtige Stein! wie dieser Rubin zwischen den großen Diamanten funkelt!« rief mit gierigen Blicken die Spielerin mit den schwarzen Augen, indem sie danach langte.
Der Garibaldiner schlug sie auf die Finger. »Laß das Ding liegen, Hexe, das ist zu kostbar für Dich!«
»Nun Signor, ich warte!« sagte vornehm der Nobile.
»Signor Principe, ich bin kein Wechsler vom Rialto oder aus dem römischen Judenviertel, der auf Pfänder leiht!«
Die Züge des jungen Verschwenders übergossen sich mit Gluth und er ballte ingrimmig die Faust. Es war
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bekannt genug, daß seine Familie aus dem römischen Ghetto stammte und erst vor zwei Generationen durch den stets des Goldes bedürftigen König Murat in den Adelstand erhoben worden war und bei der Restauration mit einer Anleihe den Fürstentitel erkauft hatte, obschon seine Mutter und Großmutter dem besten Blute von Neapel gehörten.
Der Garibaldiner legte sich eilig in's Mittel. »Ich werde Ihnen das Geld mit Vergnügen auf den Ring leihen, Duca!«
»Tausend Dank. Ich versichre Sie auf Ehrenwort, daß die Juweliere der Chiaga den Ring auf mindestens tausend bis zwölfhundert Pistolen geschätzt haben. Der Principe, mein Vater, wird ihn mit Vergnügen dafür einlösen!«
Der Dalmatiner hatte den Ring genommen und ließ das Feuer der prächtigen Steine im Licht der Kerzen spielen. »Hier ist das Geld Duca, ich wünsche, daß es Ihnen Glück bringen möge!« Er zählte das Gold ab und vervollständigte die Summe durch einige Scheine der Bank von Neapel, die er aus seiner wohlgefüllten Brieftasche nahm, worauf er den Ring an den kleinen Finger seiner linken Hand steckte zum großen Neid der Dame.
»Nun, Signore?«
Dem Kapitain war offenbar die Taille sehr unangenehm, aber er konnte die Aufforderung nicht mehr zurückweisen. Doch erklärte er, daß er mit diesem Abzug die Bank schließen werde.
Die Aufmerksamkeit der Umstehenden war jetzt im
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höchsten Grade erregt. Der Hauptbetheiligte selbst fuhr sich wiederholt mit dem Tuch über die Stirn, auf der große Schweißtropfen perlten.
»Wünschen Sie frische Karten?«
»Nein - ich danke! - dem König!«
Der Abzug begann unter athemloser Stille. Sieben Karten fielen - dann der König zur Rechten!
»Gagné - perdu! - Ich bedauere Altezza, ich habe Sie gewarnt!«
»Victoria - halt Part Signor Capitano!«
Der dicke Kapitain zuckte die Achseln bei diesem Vorschlag der kleinen Frau mit den habsüchtigen Augen und steckte das Gold und die Banknoten ein.
»Baszom - ein unverschämtes Glück« murmelte der Garibaldiner, indem er die Diamanten des Ringes spielen ließ. »Aber soll denn unser Vergnügen schon zu Ende sein, während wir im besten Zug sind?«
»Ich spiele weiter!« rief mit fieberhafter Erregung der Nobile. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, seine Hand zitterte, als er den großen Kelch nahm, in den Theresella ihre Champagner-Flasche geleert hatte, und den sie ihm reichte.
»Muth, Signor! Nur dem Muthigen gehört der Sieg! Bah - der Teufel soll mich holen, wenn ich im Café anglais nicht ganz andere Summen habe verspielen sehen! Es ist Alles lumpig in diesem Neapel mit Ausnahme von Land und Meer! - Hören Sie, kleiner Don Juan, wie der Donner rollt? das bedeutet Glück beim Spiel!«
[Absatz] Der Artillerie-Kapitain war aufgestanden. »Wenn einer der
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Signori die Bank übernehmen will - ich bin gezwungen Wort zu halten!«
Der Garibaldiner, ein Ungar, war rasch zur Hand. »Wenn Sie erlauben, Herr Kamerad, der Teufel soll meine Mutter verführen, wenn ich sie nicht halte, so lange es unserer kleinen Altezza beliebt!«
Sie wechselten die Plätze.
Es wurden rasch einige Sätze gemacht und gewonnen und verloren - die Frau mit den gierigen Augen hatte zehn Goldstücke verloren und ihre spitze Nase wurde noch weißer und spitzer als sie schon gewesen war, ihre glänzenden prächtigen Rattenaugen klammerten sich förmlich an die großen aber sehr gewandten Finger des neuen Bankhalters.
»Corragio, Signori!«
Und die tolle Theresa kredenzte ihm wieder den Pokal, nachdem sie selbst einen vollen Zug gethan hatte.
Der junge Duca hatte sich aufgerafft. »Sie kennen den Werth des Ringes, Signor Bela! - ich nehme ihn zu tausend an! - Wollen wir um den Rest spielen?«
»In einem Satz, Altezza?«
»In einem Satz - entweder oder!«
»Istem terembete[teremtete] - es sei! ich will neue Karten nehmen - es lohnt der Mühe!«
Der neue Bankhalter holte aus der Brusttasche seiner rothen Blouse ein verschlossenes Spiel Karten, zeigte das Siegel umher und öffnete es.
Er ließ das Spiel drei Mal durch die Hand gleiten, um die Blätter zu lösen, dann warf er einen kurzen lauernden Blick auf seinen Gegner, mischte und ließ coupiren.
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Die Karten blieben auf dem Tisch liegen.
Alle Umstehenden waren in der höchsten Erregung, die kleine Spielerin holte zehn Goldstücke aus der Tasche.
»Welche Nummer besetzen Sie, schöner Duca?«
Der junge Mann stieß einen wilden grade nicht sehr anständigen Fluch aus. »Da mich der König im Stich gelassen hat, soll's der Bube sein, und der Teufel hole ihn, wenn er nicht mit mir ist!«
»Ich halte mit Ihnen auf den Buben! - Fünfzig Scudi!«
Der Ungar warf ihr einen bitterbösen Blick zu und murmelte Etwas zwischen den Zähnen. Dann nahm er mit absichtlicher Zurschautragung der größten Vorsicht und Genauigkeit das Spiel in die Linke und begann die Taille.
Der eine der beiden Bersaglieris und der Lanzier-Offizier hatten gleichfalls Karten besetzt.
Nach einigen Zügen kamen diese heraus. »Gagné! Bravo - wir sind im Glück! - vorwärts! vorwärts!«
Wie Basilisken hafteten die Augen der Frau an der Hand des Bankiers.
»Gagné - perdu! - gagné - perdu!«
Es war der Bube!
In diesem Augenblicke zitterten die Triller der Primadonna durch die athemlose Stille und die langgezogene Prächtige Cadenz füllte gleichsam den weiten Raum.
Aber sie wurde von einem gellen Aufschrei unterbrochen. »Betrug! Betrug! er hat falsch abgezogen!«
»Kanaille!«
Ein gewaltiger Faustschlag fiel in das Gesicht der
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Frau, daß das helle Blut aus Mund und Nase spritzte, aber sie hielt fest, mit dem Oberleib über den Tisch gebeugt, die Hände über die gezogenen Karten gepreßt, das Gesicht zähnefletschend ihm entgegen, während es wieder und wieder über die schmalen Lippen gellte:
»Betrüger! er hat falsch gespielt!«
Der Ungar griff in die Tasche seiner Beinkleider, im nächsten Augenblick funkelte ein spitzes Messer in seiner Faust.
»Die Hände weg Kanaille, oder ich nagle sie Dir auf den Tisch!«
»Wenn Sie ein Mann sind, Duca,« schrie die Cancansängerin, »so stehn Sie ihr bei. Martina hat Recht - die Taille ist falsch abgezogen - ich sah Ihren eigenen Ring blitzen bei der Volte!«
»Hure! Metze! Du wagst es ...«
Die Theresella schmiß ihm den Kelch in's Gesicht, den sie noch in der Hand hatte und sprang zurück. »Haltet ihn! Zu Hilfe, Graf!«
Ueber den Kopf Martina's hinweg funkelte der Stahl, als die Faust des Freischärlers einen raschen Stoß nach ihr that. Dem Tobenden fielen der Kapitain und einer der Jäger-Offiziere in den Arm.
»Es ist wahr - die Signora hat Recht - wenn kein Betrug so muß ein Irrthum vorliegen,« rief sich ermannend der junge Millionair. »Kapitain Béla möge zurücktreten und uns die Karten nachsehen lassen.«
»Den Teufel sollst Du, Hundssohn verfluchtiger!«
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»Laßt sie ihn nicht anrühren - er vertauscht sie!« rief die Sängerin.
»Dirne - hüte Dich!«
»Keine Beleidigung, Signor - die Dame steht unter meinem Schutz!« klang die strenge Stimme des Generalstabsoffiziers.
»Den Henker frage ich danach! Schande genug für Sie, Signor!«
Der Graf wandte sich an seinen Vetter. »Laß den Ausgang bewachen, Rafaël, die Sache muß sofort untersucht und der Schimpf geahndet werden. Treten Sie zurück, vom Tisch, Signor, wenn Sie sich als Mann von Ehre zeigen wollen.«
Der Artillerie-Major war nach dem Ausgang geeilt um einige seiner Leute zu rufen. Als er die Bretterthür öffnete sah er im Dunkel zwei Männer davor stehen - den Hirten, den Pfeifer, und einen Soldaten.
»Bleibt an der Thür! laßt Niemand heraus und herein!« Dann sprang er zurück, um Ruhe zu stiften.
Die Scene am Spieltisch drohte in ein Handgemenge auszuarten; die Offiziere stritten für und gegen und harte Worte fielen. Mit gewaltiger Anstrengung und aller Kraft rang der Ungar gegen die beiden Offiziere, die ihn festhielten; ein ruhiger Beobachter wie der Abbate würde bemerkt haben, daß dieses Ringen hauptsächlich bestrebt war, die Hände des blutig geschlagenen Weibes von den Karten zu stoßen und in der That war es einen Augenblick gelungen, ehe die Offiziere ihn zurückdrängten.
So wüthend er geschienen, so ruhig war er plötzlich
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geworden. »Die Hand weg von mir, Signori! Ich fordre Untersuchung! Ist das die Art, wie Sie Ihre Gäste und Kameraden behandeln?«
Es kommt darauf an, welcher Art sie sind!« sagte stolz der Graf. »Rafaëlo, übernimm Du die Feststellung der Sache!«
»Ich bitte darum, Signori! - das Weitere wird sich finden!«
»Er hat die Karten unter einander geworfen, er hat mich fortgestoßen!« kreischte die Spielerin. »Ich weiß es bestimmt, der Abzug war falsch!«
»Treten Sie zurück, Signora!«
Wie eine Wölfin, die von ihrer Beute vertrieben wird, zog die Signora Martina ihre Hände zurück. Das Mädchen, was mit ihr zwischen den Spielern gesessen, war bemüht, ihr das Blut vom Gesicht zu trocknen.
Die Primadonna hatte sich wieder in den Schaukelstuhl zurückgelegt, die Trägheit hatte über ihre Neugier und die verletzte Eitelkeit, ihren Gesang unterbrochen zu sehen, gesiegt. Der kleine ältliche Stabsoffizier, der ihr so eifrig den Hof machte, war bemüht, sie zu beruhigen. Mehr als seine Versicherungen trug wahrscheinlich das Benehmen des Abbate bei, der ruhig, mit einem leichten Zug des Hohns auf dem vollen behäbigen Gesicht der Scene der Verwirrung zusah, nachdem ein ernster Blick die Spanierin getroffen und sie mit einem leichten Wink von der Seite des Diplomaten fort und an die seine gerufen hatte.
Die beiden Polen, der Mann und die Frau, standen
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nebeneinander, während der Britte langsam auf einen Stuhl stieg und den Kneifer festrückte, um besser zu sehen.
Der Major - der am anderen Ende des Tisches sitzend und in der Unterhaltung mit seinem Vetter begriffen, anfangs nur wenig auf die Scene und den Streit geachtet hatte, - ließ sich von den Offizieren den Hergang erläutern.
»Sehen wir vor Allem die Karten nach, wir sind es der Ehre aller Betheiligten schuldig!«
»Martina hat Ihnen Ihren Ring gerettet, mein schöner Duca« flüsterte die Pariserin dem jungen Verschwender in's Ohr. »Was schenken Sie ihr dafür?«
»Ihnen selbst Signora den Ring - wenn ich ihn einlösen kann!«
»Ah bah - kleiner Schelm!«
Sie drehte sich auf dem Absatz herum - plötzlich blieb sie wie erstaunt oder erschrocken unbeweglich. Ihr Blick hatte zufällig den Soldaten gestreift, den Major Sismondi hereingerufen und der jetzt an der Thür Posten stand und aufmerksam den Streitenden zusah.
Die Blicke der Chanteuse blieben auf dem Manne haften und wurden immer aufmerksamer und erstaunter. Dann glitt sie gleich einer Katze hinter dem Lehnstuhl der Primadonna weg nach dem Eingang hin.
»Wie oft hatte die Bank abgezogen?«
»Vier - bei der fünften Taille fiel der Bube!«
»Nein, bei der sechsten!«
»Lassen Sie uns zählen. Hier sind fünf Blätter auf einander« sagte der Major, nachdem er die aus dem Rest
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des Spiels über den Tisch gestreuten Karten vorsichtig entfernt hatte. Und hier - sechs - die sechste ist der Bube!«
»Verzeihen Sie« bemerkte der Bersaglieri, der eben die sechs Abzüge behauptet hatte, »es sind sieben Karten - also zwölf!«
»Aber die siebente gehört nicht dazu« kreischte Martina - »der Schuft hat sie darauf geworfen, als er mich schlug und fortstieß!«
»Still Signora! Was ist Ihre Meinung, meine Herren?«
Es folgten einige Bemerkungen - die meisten schienen wohl der Meinung der Frau zu sein, aber der Legionair war als ein Raufbold und brutaler Mensch bekannt, und man wagte es nicht, den Verdacht offen auszusprechen.
»Meine Herren« sagte endlich der Major, »ich bin überzeugt, daß Kapitain Béla selbst darauf bestehen wird, daß die Taille nicht gelten darf, so sehr wir von der Ehrenhaftigkeit seines Spiels überzeugt sein dürfen; und wenn Sie meinen Rath annehmen wollen, so werden Sie den Satz überhaupt nicht erneuern. - Nehmen Sie Ihr Geld an sich, Signora. Wir verlangen nicht, daß Sie den Herrn Kapitain um Verzeihung bitten, da Sie bereits eine etwas - harte Strafe erlitten haben.«
Die Signora Martina wollte Einspruch erheben, aber ein strenger Blick des Offiziers wies sie zur Ruhe und sie begnügte sich, mit einem giftigen Seitenblick auf den
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Legionair ihre zehn Goldstücke wieder in die Tasche zu schieben.
Dieser hatte mit der Miene eines Bullenbeißers, dem man den Knochen entreißt, die Entscheidung angehört. Der kalte Ton des Stabsoffiziers und sein gemessenes Benehmen zeigten ihm deutlich dessen wahre Meinung, und sein brutales Gesicht blieb bis zu den kurzen schwarzen Haaren dunkel geröthet.
»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Signor Maggiore« sagte er finster, »und es ist abgemacht, daß ich nicht auf mein Recht bestehe oder weiterspiele. Aber einer oder der andere der Herren Kameraden wird ja wohl Pistolen zur Hand haben - sonst können wir unsere Revolver nehmen!«
»Wie so - was meinen Sie damit?«
»Baszom teremtete - Sie werden doch wohl nicht glauben, daß ich die mir angethanen Beleidigungen verschlucken soll?«
»Aber was in der Aufregung des Streites vielleicht gesagt worden, können Sie unmöglich der Art auffassen, um ihm blutige Folge zu geben. Ich habe Ihnen im Namen dieser Herren erklärt, daß Ihre Ehre gerechtfertigt ist.«
»Es ist mir gleichgültig, wie Sie und diese Herren denken« sagte brutal der Ungar. »Ich bin um ein Paar liederlicher Weibsbilder willen mehrfach beschimpft worden und ich verlange Genugthuung!«
»Aber - -[«]
»Wenn der Herr Freischaaren-Kapitain für seine
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Unverschämtheit gegen eine Frau noch eine Züchtigung wünscht« unterbrach der Generalstabsoffizier die Vermittelung seines Vetters, so wird er sie erhalten. Er weiß, wo ich zu treffen bin!«
»Seien Sie versichert, Signore, daß ich Sie zu finden wissen werde! Zunächst habe ich es mit dem hier zu thun!«
Er wies mit drohender Geberde auf den unglücklichen Spieler.
»Was wollen Sie von dem Duca?«
»Wenn dieser Duca aus der Münze nicht ein erbärmlicher Feigling ist, so wird er sich mit mir schlagen!«
Der junge Nobile wurde bald blaß wie der Tod, bald roth vor Zorn und Erregung. Er war in der That kein besonderer Held, das Gold seines Vaters hatte die Revolution in Neapel machen helfen und die Rothhemden in's Land gebracht, und dies hatte ihn in die soldatische Gesellschaft geführt. An einem andern Ort würde dasselbe Gold auch den Streit ausgeglichen haben, aber hier war die Beleidigung zu groß, als daß er sie nicht hätte aufnehmen müssen. Ueberdies kreuzte sich das heißere Blut seiner Mutter mit dem vorsichtigeren des Vaters in seinen Adern.
»Wenn Sie sich von mir beleidigt halten, werde ich Ihnen Genugthuung geben. Ihre Sekundanten werden mich zu finden wissen.«
»Und die nächste Nacht in den Kerkern von St. Elmo schlafen! Nein Bursche - ich will Dein Ghetto-Blut auf der Stelle haben. Hier - augenblicklich!«
»Das ist unmöglich - wir sind im Dienst!« erklärte
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der dicke Kapitain, der den Bankhalter gemacht und die Anleihe auf den gefährlichen Ring gewonnen hatte.
»Wenn der Dienst es gestattet, hier Bank zu halten« höhnte der Ungar, »muß er auch gestatten, eine Beschimpfung zu rächen. Dieser Bursche ist ein feiger Lump, wenn er sich weigert. Ich appellire an Ihre Ehre als Kavaliere!«
Die Offiziere traten zusammen und es folgte eine kurze Berathung zwischen ihnen.
»Wer hat den Herrn Kapitain eingeladen?« frug der Major. Der Bersaglieri-Offizier meldete sich zu der sehr zweifelhaften Ehre.
»So werden Sie dem Herrn als Zeugen dienen« - entschied der Chef der Batterie. »Kapitain Ruspoli wird dasselbe bei dem Signore Duchino thun. - Die unangenehme Sache ist nicht zu vermeiden und möge uns als Warnung dienen. - Entfernen Sie die Frauen, Signore Abbate!«
Die Spanierin hatte es gehört. »Ich fürchte solche Dinge nicht« erklärte sie bestimmt. »Um einen Pistolenschuß habe ich keine Lust, mich solchem Wetter auszusetzen. Ich bleibe!«
In der That verkündeten die rasch auf einander folgenden Donnerschläge und das Heulen des Sturms durch die schlecht verwahrten Fenster, daß das Unwetter seinen höchsten Grad erreicht hatte.
Man sah, daß der Bersagliere heftig auf seinen Mandanten einredete und dieser trotzig auf seinem Willen bestand.
Endlich wandte der Offizier sich zu der Gruppe seiner
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Kameraden. »Kapitain Béla« berichtete er, »besteht darauf, sich zur Stelle und zwar über die Tafel hinweg zu schießen. Ich habe drei Schritt Barrière für Jeden gefordert. Da keine Duellpistolen zur Hand sind, sollen Revolver gebraucht werden. Zwei Kugeln in jedem - die anderen werden entladen.«
Der Major zuckte die Achseln. »Es ist mit dem Menschen Nichts zu machen - er ist im Stande, uns Alle zu blamiren! Hol' Sie der Teufel, daß Sie ihn mitgebracht. Es ist am Besten, Sie verständigen sich mit Kapitain Ruspoli, und die Sache wird so rasch wie möglich abgethan. Im Grunde sind Revolverkugeln nicht allzu gefährlich. In keinem Fall darf der Herr sich des seinen bedienen!«
Das schien allerdings die Absicht des Raufbolds gewesen, denn er machte einige Einwürfe, als sein Sekundant ihm das Resultat der Besprechung mittheilte. Es wurde ihm jedoch sehr ernst bedeutet, daß er sich zu fügen habe und er stimmte endlich fluchend zu.
Zwei gewöhnliche Offizier-Revolver, beide mit sechsläufigen Kammern wurden jeder an verschiedenen Stellen von vier Schüssen entladen. Dann nahm sie der Kapitain mit einem Tuch verdeckt und bot sie den beiden Duellanten, die man drei Schritte von der Tafel aufstellte.
Der junge Börsen-Nobile hatte die Zähne fest zusammengebissen, er war bleich und erregt, benahm sich aber ziemlich gut. Die Sympathien der Offiziere waren offenbar auf seiner Seite und sein Sekundant gab ihm verschiedene Rathschläge.
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Wir haben einen Augenblick zu den Bewegungen der Chanteuse zurückzukehren.
Sie hatte den Soldaten an dem Eingang erreicht, der im Halbdunkel lag. Neben ihm stand der Ziegenhirt, der Flötenbläser.
»Es scheint, hier giebt es andere Musik als die meine,« flüsterte dieser. »Cospetto - ich hoffe, Kapitain Gauthier greift nicht eher an, als der Spaß hier zu Ende ist! Es wird mir Vergnügen machen, zu sehen, wie sich die Kirchenschänder untereinander abthun!«
Eine leichte Hand berührte die Schulter des Soldaten. »Graf von Saint Brie, wie kommen Sie hierher?«
Der Kavalier zuckte zusammen, - die Ueberraschung hatte ihn verrathen.
»Also wirklich - ich durfte mich auf meine Augen verlassen!«
»Still Mademoiselle - ich hoffe, Sie werden nicht zur Verrätherin an mir werden wollen!«
»Oh ventre saint gris, wie Sie zu sagen lieben, gewiß nicht! Aber ich muß wahrhaftig lachen, Sie in diesem Rock zu sehen!«
»Vorsicht, Theresa - unser Leben hängt an einem Faden! - Wenn Sie wüßten wer in Ihrer Nähe ist ...«
»Diavolo - machen wir uns fort Kamerad - man sieht hierher!«
Es war zu spät.
Ein Revolverschuß vermischte sich mit einem Ruf des Erstaunens. Der Legionair war mit langsamem festem Tritt, den Revolver halb gehoben, seinen Gegner scharf
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fixirend auf die Tafel zugetreten und der junge Nobile hatte von seinen Platz aus geschossen, die Kugel aber nur eine Flasche auf dem Tisch getroffen, die in hundert Stücke klirrte. Zugleich stieß Graf Sismondi jenen Ruf aus. Sein eifersüchtiges Auge hatte nach der Sängerin gesucht und sie verwundert im Gespräch mit dem Soldaten getroffen. Dabei war sein Blick auf den angeblichen Ziegenhirten gefallen.
Das Gesicht war ihm zu gut bekannt geworden, um es je vergessen zu können und er erkannte auf der Stelle den Träger wieder trotz seiner Verkleidung.
»Höll und Teufel! halten Sie ein Signori - hier ist Verrath! Ein Brigante unter uns! - Nehmt ihn fest!«
Er sprang auf den Tisch und darüber hinweg, ohne sich Zeit zu nehmen, nach seinem Säbel zu greifen.
Die Offiziere fuhren erstaunt auseinander. Der Kapitain wollte zwischen die Duellanten springen, aber auch hier war es zu spät - der Legionair hatte den Revolver erhoben und zielte mit rachsüchtiger Bosheit. Der erste Druck versagte, der zweite Schlag des Hahnes traf auf eine Patrone und der lüderliche Erbe der Bracciani ließ seine Waffe fallen.
»Gott im Himmel - ich bin getroffen!«
Es war, als ob der Schuß ein zehnfaches Echo geweckt. Während der Kapitain den Taumelnden auffing krachte es draußen wie eine Gewehrsalve und wildes Geschrei mischte sich mit dem Donner des Himmels, so daß die Offiziere einige Augenblicke in der That nicht wußten,
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was sie eigentlich hörten, Flintenschüsse oder die Schläge des Gewitters.
»Verrath! - haltet ihn fest! Es ist der Bandit Tonelletto - die Briganten haben uns überfallen!«
Der Bandit erwartete seinen Gegner festen Fußes. »Diesmal Signor Conte sollen Sie nicht entwischen! - Evviva il Re! Hierher Kameraden, wir fangen das ganze Nest!«
Der falsche Bersagliere hatte die Sängerin zurückgedrängt, die Büchse des erdolchten Soldaten lag in Anschlag ...
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Der Graf von Palikao.
Niemals wohl sind Kriege aus einer schändlicheren und schimpflicheren Ursache geführt worden, als diejenigen, welche das liberale, humane und hochherzige England gegen jene Nation auf der andern Seite des Erdballs, gegen die Chinesen begonnen und angezettelt hat, damit diese sich ohne Widerstand vergiften lasse!
In alter und neuer Zeit haben Kriege aus Eifersucht und Nationalhaß der Völker, aus Eroberungslust und Fanatismus stattgefunden. Dem »stolzen England« ist die Ehre geblieben, Menschenschlächtereien en gros für die Geldbeutel seiner Kaufleute zu veranstalten.
Niemals ist eine Politik hochtrabender und ruhmrediger - und niederträchtiger, gemeiner und selbstsüchtiger gewesen, als die englische, selbst seinen eigenen Kolonien gegenüber.
Die Engländer verloren Amerika, weil sie die Bewohner zwingen wollten, den verfälschten Thee der Londoner Kaufleute zu trinken! Sie bekämpften Holland, Spanien, bloß um ihnen den Welthandel zu stehlen.
Sie haben acht Jahre lang Krieg mit dem ersten
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Napoleon geführt, um den europäischen Markt in Baumwollenwaaren, in Kaffee und Zucker zu beherrschen.
Sie zettelten den Krimkrieg an - in dem sie eine so schmählich untergeordnete Rolle spielten, daß sie zur Restitution ihrer militairischen Ehre einen armen Negerfürsten am rothen Meer abschlachten mußten! - bloß um Rußland von der Handelsstraße nach Indien abzuhalten.
Ueberall in der englischen Geschichte und Politik: Hochmuth und Niedertracht, - Falschheit und Egoismus, - Neid und Mißgunst, - Königsmord und Zwietracht, - Schacher und Habsucht, - Machtgier und Hinterlist, - Stänkerei und Brutalität, - Unterdrückung Schwacher und Unterwühlung Starker.
Treulos in seiner Freundschaft, - krämerisch in seiner Neutralität, - stinkend in seinem Selbstlob - verdankt England es nur seiner Insellage, daß es so lange eine Rolle in der Welt spielen durfte. Aber das Weltgericht überbrückt die Meere und das stolze England ist im Begriff, trotz aller Tiraden seiner Parlamente zur Macht zweiten Ranges herabzusteigen, zum Auxiliar-Corps!
Seine Rolle ist ausgespielt, sein Einfluß nur noch in dem Dünkel seiner Botschafter und Gesandten.
Welche Regierung ist wohl die barbarische, welche die Trägerin christlicher Mission und Civilisation? Diejenige, welche die Einfuhr des entnervenden, geisttödtenden Mohngiftes verbietet, oder Diejenige, welche schamlos durch den Mund ihres Ministers20 erklärt:
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»Der Opiumhandel sei den englischen Kaufleuten unentbehrlich; die Chinesen sollten das Opium nur mäßig genießen, dann sei es ihnen unschädlich!«
Pfui der Schande!
Der Handel Englands mit China erstreckt sich hauptsächlich auf die Ausfuhr chinesischer Erzeugnisse, namentlich des Thees, und auf die Einfuhr von Baumwolle und Opium.
Dem Leser wird es vielleicht willkommen sein, Einiges über die Entstehung und Ausdehnung des letzteren schändlichen Handels zu hören.
Es giebt drei Arten von Opium: Palua, Benares und Malwa. Die beiden ersten werden aus Bengalen, die letztere aus Bombay verschifft, wohin das Opium aus dem Innern des Landes, wo die Produktionsorte liegen, gebracht wird. Großentheils ist der Anbau Privilegium der ostindischen Compagnie, also der englischen Regierung; für den unabhängigen Bau erhebt sie wenigstens bei dem Transport durch ihr Gebiet eine Abgabe von 187 Piaster (120 Thlr.!) für jede Kiste.
Die Zubereitung ist höchst einfach. Die unreifen Fruchtköpfe des Mohnes werden mit einem Messer geschlitzt, der Saft, welcher aus den Wunden herausquillt, wird einen Tag dem Trocknen überlassen, dann von der Fruchtkapsel losgelöst und, noch bevor er ganz getrocknet ist, zu Kugeln oder Kuchen zusammengedrückt, die dann mit dürren Mohnblättern umwickelt und in Kisten
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gepackt werden, von denen jede ein Pikul oder 133\frac13 Pfund aufnimmt. Die Waare ist nun zur Verschiffung fertig und wird an den Meistbietenden verkauft. Der Transport nach China geschieht auf eigens dazu erbauten schnellsegelnden Fahrzeugen mit starker Besatzung. Da das Opium als Einfuhr in China verboten war, wird es nie direkt in's Land geführt, sondern in gut erbaute und an passende Stellen liegende, wohlbewaffnete Magazin-Fahrzeuge (receiving-ships) abgeliefert, von wo es sodann durch die Chinesen selbst in's Land geschmuggelt wurde. Mit den Paket-Dampfboten wird jetzt eine große Menge direkt in's Land geführt. Bei dem Transport in's Land sind die Boote stark bewaffnet, um den Zollmandarinen Widerstand leisten zu können. In den fünfziger Jahren existirten nach amtlichen Quellen in Hongkong, Kumsingmun, Schanghai und anderen Orten nicht weniger als 26 solche Magazinschiffe mit einer Tragkraft von 9000 Tonnen, und es wurden jährlich ungefähr 60,000 Kisten ins Land gebracht, für welche der Preis durchschnittlich 450-600 Piaster (640 bis 860 Thlr.) betrug. Allerdings ein sehr schöner Gewinn für die Engländer - einige fünfzig Millionen Thaler! Gewannen doch bei der gewaltsamen Einfuhr durch den Krieg von 1853 die Theilhaber an einem englischen Hause allein jeder zwischen 4-800,000 £ (über 5 Millionen Thaler) an reinem Ueberschuß!
Das ehrenwerthe honorable Haus Jardine, Matheson & Comp. besaß allein zwei Siebentel der Magazinschiffe, Dent & Comp. ein anderes Siebentel!
Nachdem die englischen Waffen durch das Bombardement
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unbeschützter Städte und die Niedermetzelung von Tausenden von Menschen die Freiheit des Opiumhandels erzwungen haben, ist die Einfuhr natürlich noch gestiegen!
Während das türkische Opium - bei Weitem schwächer und schlechter - meist nur auf andere Weise genossen wird, besteht die Benutzung in China ausschließlich in dem weit gefährlicheren Rauchen.
Dies geschieht, indem von dem in zinnernen Dosen verwahrten Opium, das präparirt zähem Syrup gleicht, mit einer langen Nadel eine kleine Portion herausgeholt und um das feine Loch der Schaale gestrichen wird, welche den Kopf der Opiumpfeife bildet. Der Schaft derselben ist etwa einen Fuß lang. Der Pfeifenkopf wird gegen eine Lampenflamme gehalten, und der Rauch in tiefen Zügen eingesogen, gewöhnlich sogar niedergeschluckt.
Hören wir, was ein englischer Arzt, der sie mehrere Jahre in Penang beobachtete, über die Wirkungen des Rauchens sagt, das dies Gift mehr und unmittelbarer in die Blutmasse übergehen läßt:
»Hospitäler und Armenhäuser sind hauptsächlich mit Opiumrauchern angefüllt. In dem von mir vorgestandenen bestand die Zahl der Kranken zu fünf Siebentel aus solchen! Der zerstörende Einfluß des Rauchens auf die Organisation des Menschen zeigt sich deutlich durch Erschlaffung, Verfall aller Seelenkräfte, Abmagerung, gelblich blasse Hautfarbe, bläuliche Färbung der Lippen und Augenlider, verschleierten Blick und zerstörte oder unnatürlich gesteigerte Eßlust. Am Morgen haben die unglücklichen Wesen ein höchst elendes Aussehen, gleichsam so, als ob kein Schlaf sie gestärkt habe. Eine eigenthümliche Trockenheit oder Brennen im Halse reizt sie fortwährend
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das Rauchen zu wiederholen. Wenn die gewöhnliche Dosis nicht zur gewöhnlichen Zeit genommen wird, folgt eine äußerste Erschlaffung, Taumel und gänzliche Verstimmung, und die Augen fangen zu thränen an. Ein plötzliches gänzliches Entsagen ruft noch schauderhaftere Symptome hervor; der ganze Körper erkaltet und Schmerzen machen sich in allen seinen einzelnen Theilen fühlbar, Diarrhöe stellt sich ein, das ungeheuerste Gefühl des Elends bemächtigt sich des Opfers, dessen Dasein nur noch durch fortgesetzte Benutzung des Giftes einige Zeit hindurch erhalten werden kann.«
Zu solchem Ende verurtheilt das honorable Parlament von Großbitannien jährlich 400,000 Menschen; denn da nur wenige Individuen, welche sich dem immer steigenden Genuß des Opiums ergeben haben, länger als 10 Jahre von dem Beginn desselben leben und nach Ermittelungen21 in China sich 4 Millionen Opiumraucher befinden, wird diese ungeheure Zahl, gegen welche die Opfer auch der blutigsten Kriege verschwinden, alljährlich absichtlich der englischen Geldgier zum Opfer gebracht.
Und diese Nation wagt es, sich als das humanste und liberalste Volk des Erdbodens zu geriren!
Verfolgen wir, was die englische Regierung seit 20 Jahren zum Schutz ihrer verfluchten Spekulanten gethan hat!
Auch mit dem stets Hergebrachten kann sich dieses England nicht entschuldigen, denn der privilegirte Opiumhandel ist noch keine hundert Jahre alt.
Der planmäßige Anbau des Mohnes für die Opiumbereitung
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schreibt sich aus dem Jahr 1767 her, vor welchem Zeitpunkt nur höchst unbedeutende Quantitäten, selten über 200 Kisten türkischer Waare, von portugiesischen Kaufleuten nach China eingeführt worden sind, woselbst sie unter der Firma Arzeneimittel versteuert wurden. In dem genannten Jahr schlug ein Mr. Watson der Regierung der ostindischen Compagnie in Calcutta vor, durch Monopolisirung und Erweiterung eines derartigen Handels der Compagnie ein bedeutendes Einkommen zu verschaffen. Die ersten Sendungen gaben eben kein besonders glänzendes Resultat, bald aber wurde die Waare mehr verlangt, und ein oder das andere Fahrzeug lag gewöhnlich in Whampao mit dem Verkauf desselben beschäftigt. Macao trieb auch einen Handel damit, im Jahr 1821 legte sich aber das Magazinschiff nach Kumsingmun, das seitdem eine Hauptstation für den Opiumschmuggel blieb. Zu dieser Zeit hatte die Verschiffung noch in keinem Jahr 7000 Kisten überstiegen, aber im Jahr 1824 hatte sie sich schon auf 12,639 erhoben, und 1834 stieg sie bereits auf 21,785. Sie fuhr dann fort mit großer Geschwindigkeit zu steigen und kam im Jahr 1838 auf nahe 40,000 Kisten, die in ihrem baarem Werth der Summe von 25 Millionen Piaster gleich waren.
Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts hatte die chinesische Regierung noch keine besondere Aufmerksamkeit auf diesen ganzen Handel gerichtet, da sie dessen tiefgreifende Folgen für die Nation noch nicht begriff. Im Jahr 1800 wurde das erste Verbot sowohl gegen die Einfuhr wie gegen den Gebrauch des Opiums erlassen. Beide
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Theile, der Verkäufer wie der Käufer, sollten wegen Uebertretung mit Bastonnade und in Wiederholungsfall mit dem Block, ja selbst mit dem Tode bestraft werden. Aehnliche Verbote sind seitdem stets in kurzen Zwischenräumen wiederholt und verschärft worden, aber die steigende Neigung zu dem verbotenen Genuß und die Bestechlichkeit der Beamten hat sie zu todten Buchstaben gemacht.
Durch die sich immer mehr ausbreitende Zerstörung beunruhigt sandte der Kaiser Tark-wang im Jahr 1839 einen Kommissarius, Lin, nach Canton, der durch energische Maaßregeln die fremden Kaufleute zwang, allen Opium, den sie in den Magazinen oder an Bord der im Fluß liegenden Schiffe hatten, abzuliefern, und der hierauf diesen ganzen Vorrath, 20,000 Kisten, öffentlich vernichten ließ. Der englische Repräsentant in China, Kapitain Eliot, hatte sich für diesen Schaden, der auf 12 Millionen Piaster abgeschätzt wurde, den englischen Kaufleuten verbürgt, und diese verlangten nun von der englischen Regierung Schadenersatz.
Das Kabinet von St. Jam[e]s, statt die Schmuggler zurückzuweisen und sie den verdienten Schaden tragen zu lassen, hielt es für vortheilhafter, den Chinesen den Krieg zu erklären.
Es herrscht bekanntlich ein eigenthümlicher Stillstand in dem großen Reich der Mitte, dessen Ausdehnung fast die doppelte Größe von Europa umfaßt und 350 Millionen Bewohner trägt. Während vor Jahrhunderten, vielleicht schon vor Jahrtausenden die chinesische Cultur weit voraus der europäischen Entwickelung war, scheint sie auf
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dieser Stufe stehen geblieben und vermag dem europäischen Fortschritt nicht mehr die Spitze zu bieten.
Dies ist vor Allem auch in der Seefahrt und in den Kriegswissenschaften der Fall, und das große chinesische Reich ist deshalb fast kraftlos in die Hände der maritimen und militärischen Mächte Europa's gegeben.
England und Rußland haben sich das vor Allem zu Nutze gemacht.
Hören wir also kurz den Gang der englischen Kriege gegen China in den letzten 20 Jahren.
Wegen der erwähnten Vernichtung des geschmuggelten Opiums, dem in Folge weiterer Zwistigkeiten das Verbot alles Handels mit den Engländern und des Verkaufs von Lebensmitteln an dieselben folgte, wurde der Krieg im Anfang des Jahres 1840 erklärt. Die Küstenstädte wurden bombardirt, eine Flotte unter Admiral Eliot lief in den Pehofluß ein und bedrohte Peking. Ein Frieden folgte, bei dem die Insel Hongkong den Engländern abgetreten, 6 Millionen Dollars ihnen gezahlt und der Handel wieder geöffnet werden mußten.
Aber England begnügte sich mit diesen Vortheilen nicht und rüstete eine weitere Expedition unter Admiral Parker und General Gough, die Amoy eroberte, Tahia, Ning-po und Tscha-pu, den Stapelplatz des chinesischen Handels mit Japan (letzteres am 18. Mai 1842), und Shanghai nahm und bis zum Kreuzpunkt des großen Kaiser-Kanals mit dem Yang-tse-kiang vordrang. Hier leisteten in der Stadt Tschin-kiang-fu die Bewohner vergeblichen Widerstand, - sie tödteten sich mit Weib und
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Kind, ehe sie in die Hände ihrer europäischen Feinde sich geben wollten.
Die so erzwungenen neuen Friedensverhandlungen am 26. August 1842 öffneten den Europäern außer Kanton die Häfen Amoy, Fu-chan-fu, Ning-po und Shanghai, ließen die Insel Hongkong in dem Besitz der Engländer und verschafften ihnen 21 Million Dollars Kriegsentschädigung.
Von da ab dauerte die Überschwemmung des Landes mit Opium und Missionairen jeder Sekte ungehindert fort, bis nach dem am 24[.] Februar 1850 erfolgten Tode des Kaisers Tao-kuang die große Revolution der Ming's das chinesische Reich zu zersplittern drohte.
Der Opiumhandel war nach wie vor verboten geblieben. Dem Vorschlag einiger Minister, dem nicht zu verhindernden Schmuggel die Spitze dadurch abzubrechen, daß die Einfuhr gegen eine mäßige Zollabgabe gestattet würde, hatte der verstorbene Kaiser die hochherzige Antwort gegeben: »Ich weiß, daß ich die Einführung dieses hinreißenden Giftes nicht verhindern kann, habgierige und verderbte Menschen werden aus Gewinnsucht oder um ihre Begierden zu befriedigen, meinen Wünschen entgegenarbeiten; aber Nichts soll mich bewegen, mir ein Einkommen aus dem Verderben und dem Elende meines Volkes zu bereiten.«
Fortwährend seit dem Frieden von 1842 gab es durch die Willkür und Anmaßung der Engländer, den Nationalhaß und die Treulosigkeit der Chinesen Reibereien, die gewöhnlich durch englische Gewaltmaßregeln unterdrückt
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wurden, bis diese auf den wachsenden russischen Einfluß noch eifersüchtiger wurden, als auf die Bewahrung ihres Opiumhandels. Die Verhaftung von zwölf eingebornen Matrosen, welche auf einer chinesischen, aber unter britischer Flagge segelnden Lorcha beim Schmuggeln erwischt wurden, durch den Statthalter Yeh gab den längst erwünschten Anlaß. Obschon die chinesischen Behörden der Forderung der Freilassung nachgaben, wollten sie sich doch dem erniedrigenden Verlangen nicht fügen, die zwölf Halunken mit öffentlichen Ehren wieder auf das Schiff zu bringen. Dies gab dem Admiral Seymour Gelegenheit, wieder einmal das offene Canton zu bombardiren und mehrere befestigte Punkte zu erstürmen. Erbittert über das 4 Tage nachher, am 3. November 1856 wiederholte Bombardement, zündete der chinesische Pöbel 21 europäische Faktoreien an und plünderte sie.
In Folge der - selbst in England von den anständigeren Parteien entschieden gemißbilligten - Beschießung von Canton verbot der chinesische Gouverneur von Heangschan den Eingebornen allen Verkehr mit den Engländern. Diese eilten nun, den unterdeß immer weiter gewachsenen Aufstand der Taipings sich zu Nutze zu machen, und beschossen zum dritten Mal Canton, das die ihnen günstigen Rebellen nicht zu nehmen vermocht hatten. Vom 12. bis zum 30. Januar 57 wurden nicht weniger als siebentausend Häuser eingeäschert, eine so schändliche Barbarei, daß selbst das Unterhaus nicht umhin konnte, in der Sitzung vom 3. März auf den Antrag Cobden's mit 263 gegen 247 Stimmen seine Mißbilligung dieses Verfahrens der
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Regierung auszusprechen. Aber Lord Palmerston hatte die geldgierige City Londons hinter sich. Die City und die andern Handelsstädte Englands beeilten sich, durch Zustimmungsadressen das wankende Ministerium zu unterstützen und das widerhaarige Parlament wurde aufgelöst.
Sofort wurden Verstärkungen nach China gesandt mit einem besondern Kommissar in Person des Lord Elgin. Aber die Franzosen waren rasch bei der Hand, sich für die Vermittelung des Friedens mit Persien bezahlt zu machen und die Verlegenheiten Englands durch den indischen Aufstand zu benutzen. Sie schlossen sich der Expedition mit 12 Schiffen und 1000 Mann an, so ungern England das auch sehen mochte. Am 2. Juli erschien die englische Flotte vor Hongkong, bomdardirte zur Abwechselung wieder einmal Canton 48 Stunden lang, nahm dann mit leichter Mühe die fast 1 Million Einwohner zählende Stadt und führte den Feind Englands, Yeh, gefangen nach Calcutta, nachdem man in Canton der Revolution zur Regierung verholfen und 65000 £ Sterling in Silberbarren erbeutet hatte. - Ein Jahr darauf war die englisch-französische Flotte schon wieder an der Mündung des Pehoflusses, um Peking zu bedrohen. Da Rußland durch den Vertrag Murawiew's zu Ajjhun das linke Stromufer des Amur abgetreten erhalten hatte, mußte man auch seinen Theil haben und nahm ihn im Vertrag von Tientsin (28 Juni) mit neuen Handelsconcessionen und 3\frac12 Millionen £ wovon die Franzosen 1\frac12 Million erhielten.
Die Beute hatte den Appetit gereizt. Als ein kleines englisches Geschwader unter Admiral Hope, welches eine
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englisch-französische Gesandtschaft nach Peking bringen sollte, mit Kanonenschüssen zurückgetrieben wurde, weil es gegen alles Recht nicht auf dem angewiesenen Flußarm hinauffahren wollte, sondern mit Gewalt die Kette sprengte, welche wegen der Revolutionaire auf dem andern Flußarm gezogen war, versuchte der Admiral das chinesische Fort zu stürmen. Aber diesmal hatte sich das Blatt gewandt, die chinesische Artillerie, wie man argwohnte von Russen bedient, schoß ungewöhnlich gut, und mit Verlust von 464 Mann wurden die 1300 Engländer auf ihre Schiffe zurückgeworfen.
Das forderte natürlich Rache. Der Minister für Indien, Wood, ertheilte dem Anti-Opium Verein auf seine Petition um Abstellung des schändlichen Handels, den selbst Metternich und Montalembert einen Schandfleck auf dem Wappen Englands genannt hatten, jene charakteristische Antwort, deren wir an der Spitze unseres Kapitels Erwähnung gethan haben, und eine neue Expedition gegen China wurde ausgerüstet.
Damals war es, wo plötzlich nach den Siegen Frankreichs über Oesterreich in Italien sich in England die panische Furcht vor einer französischen Invasion verbreitete, weil der gute Freund jenseits des Kanals so eifrige Seerüstungen betrieb und die Schwäche Englands in der Krim und Indien zur Genüge hatte kennen lernen. Wir werden vielleicht später noch Gelegenheit finden zu constatiren, was wahr an dieser Furcht und warum das Kabinet der Tuilerien das alte Rachegelüst nicht durchführte. Genug, der Kaiser Napoleon hatte den Plan aufgegeben und beeilte
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sich, die öffentliche Meinung durch eine erste Truppensendung nach China (21. November 1858) zu beruhigen. Die Königin Victoria hielt ihre Revue über 20,000 Mann der Londoner Freiwilligen im Hyde-Park ab, die damit Soldaten zu sein glaubten, und der Kaiser sandte seinen besten und dreistesten Fourageur, den General Montauban mit 7500 Mann nach China ab. Am 21. August nahm die vereinigte Expedition unter Montauban und General Hope-Grant die Inseln Chusan und Kintang, wobei die Franzosen das Beste thaten aber sich auch durch Grausamkeiten und Plünderung auszeichneten. Nach der Einnahme der Taku-Forts, erschienen chinesische Kommissaire und bewilligten alle Forderungen; aber bald zeigte sich, daß man in Peking nur laviren wollte, und so rückten am 9. September 6000 Mann gegen Tungchao vor, einer nur 4 Meilen von Peking entfernten Stadt. Hier kam es zum Kampf zwischen der Stadt Leost und dem Kanal und am 21. September zu dem Treffen von Palikao.
Die genannte Entscheidungs-Schlacht von Palikao war am 21. November geschlagen, 6000 Europäer hatten die 40,000 Mann zählende chinesische Armee - darunter 20,000 tartarische Reiter, der Kern der chinesischen Soldaten - zurückgeworfen.
Der chinesische General Sang-ko-lisin war ein umsichtiger und tapferer Mann. Er hatte das Städ[t]chen Toung-chao wohl befestigt und besetzt; auch der Ort
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Gua-kaua-jé war von Schanzen geschützt, um den Marsch der »rothen Barbaren« nach der Hauptstadt des Reichs der Mitte zu hindern.
Die Alliirten waren 6000 Mann stark, darunter 4000 Franzosen unter General Cousin de Montauban, von zwei kolossalen Reiterschwärmen jeder von 10,000 Mann angegriffen worden, aber die Taktik der europäischen Quarré's hatte ihrem Anprall glücklich widerstanden. Die französische und englische Artillerie schmetterte die Reihen der Reiter zu Boden und als die Franzosen mit dem Bayonnet das Städtchen Gua-kaua-jé erstürmt hatten und General Collineau den Kanal überschritten hatte, war die Flucht allgemein und der Weg nach dem 4 Meilen entfernten Peking frei.
Nochmals versuchte der Bruder des Kaisers, der Prinz Kong die Alliirten durch Verhandlungen aufzuhalten - aber man wartete nur bis die von Tientsin herangezogenen, durch die großen Verluste von Palikao nöthig gewordenen Verstärkungen eingetroffen waren. Dies war am 9. October zum größten Theil geschehen und die kleine Armee der Europäer, die Franzosen an der Spitze, lagerte an den Ufern des Kanals, der den Kaiser-Kanal mit dem Flüßchen Yu-ho, an welchem Peking liegt, verbindet.
Peking liegt unter'm 40. Grade nördlicher Breite und hat also das Klima von Madrid und Neapel. Die Kälte ist während des Winws durchschnittlich 3 Grad. Die Hauptstadt des chinesischen Reichs liegt in einem weiten nach Norden zu von hohen Gebirgszügen geschützten Thal und hat einen Umfang von sechs Meilen.
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Es war Abend - die Luft noch frisch und angenehm, ohne kalt zu sein. Myriaden von Sternen funkelten am Firmament - am Ufer des Kanals brannten mächtige Feuer und spiegelten ihre Flammen in dem trägen Wasser des Kanals, das von hundert Dschonken belebt war, die mit ihren zahllosen bunten Laternen, dem Schreien und Lärmen ihrer Bevölkerung einem Jahrmarkt glichen.
In der That war es auch ein solcher. Trotz allem Nationalhaß, dem Abscheu und der Furcht vor den »rothen Barbaren« überwog die Habgier dieses Volkes alle Bedenken, und der Lagerplatz der feindlichen Truppen war kaum bestimmt und durch die auf dem Kanal folgenden Fahrzeuge kenntlich, als zahllose Dschonken herbeigeströmt waren, um Lebensmittel und allerlei Handelsgegenstände den Soldaten anzubieten.
Der General Montauban war gezwungen einen strengen Cordon durch Posten zu ziehen, über den hinaus die aufdringlichen Langzöpfe sich nicht bewegen durften, und die Schildwachen waren bereits genöthigt gewesen, wiederholt von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Dieser Cordon, der dem Befehl nach auch die Soldaten hindern sollte, sich unter die fremde Bevölkerung zu mischen und sich bei dem verrätherischen treulosen Character derselben unnützen Gefahren auszusetzen, - erfüllte jedoch diese Bestimmung nur zum Theil; denn Offiziere wie Soldaten wußten den Befehl zu umgehen und trieben sich zwischen den schnell improvisirten Buden oder auf den Fahrzeugen umher, von denen mehrere der berüchtigten Klasse der »Flower-boats« oder Blumenböte angehörten.
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Das Hauptquartier der Oberstkommandirenden befand sich in einem großen Pavillon, der mitten in einem großen Garten lag, welcher auf einer Seite das Wasser berührte. Diese Seite war stark mit Wachen besetzt.
Ungefähr zweihundert Schritt von der Linie derselben hatten an der Thür eines jener kleinen Kiosks, deren bizarre Formen sich aus dem himmlischen Reiche zuerst über Holland in unsere Gärten und Parks fortgepflanzt haben, die Soldaten ein kleines Feuer angezündet. Ein junger Offizier saß daran in Gesellschaft eines älteren nicht militanisch gekleideten Mannes, der an den Flammen einen Kessel Thee bereitet hatte und diesen eben in kleine Becher von alterthümlicher Form goß.
»In der That, Bonifaz,«22 meinte der Lieutenant, nachdem er das Getränk gekostet hatte, »seit wir in China sind, bin ich ein Theetrinker geworden wie die Langzöpfe und Kahlköpfe. Komische Kerle das - die uns mit Gesichterschneiden und albernem Lärmen schlagen wollen! Und doch muß ich gestehen, haben diese Reiter gestern nicht schlecht gefochten. Sie sprengten mit vieler Courage gegen unsere Quarré's.«
»Corbioux - was will das sagen! Du würdest anders denken, Lieutenant Louis, wenn Du ein einziges Mal die Apachen mit ihrem wilden Kriegsgeheul gegen einen Trupp ehrlicher Leute hättest ansprengen sehen.«
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Der junge Mann, der dem Anschein nach noch keine zwanzig Jahre zählte, obschon sein hübsch und kräftig gebildetes Gesicht schon von Sonne und Wetter gebräunt den Ausdruck der Männlichkeit zeigte, lachte herzlich. »Es ist wahr, ich vergaß Bonifaz, daß Du Alles nach Deinen mexikanischen Erinnerungen abmißt. Es muß ein abenteuerliches Land sein, wenn man all' Deinen Erzählungen Glauben schenken kann, unter denen, nimm's nicht übel mein Alter, mir doch die Phantasie mir manchmal einen starken Zusatz zu machen scheint. - Eh bien - vielleicht komme ich auch einmal dahin, denn die französischen Adler tragen gegenwärtig die gloire unseres Vaterlandes durch alle Welttheile!«
»Vielleicht eher, als Du denkst, Lieutenant Louis!«
»Das sind wieder Deine geheimnißvollen Anspielungen Alter, die Du seit einigen Wochen zu machen pflegst. Ich hoffe, Du denkst nicht im Ernst daran, nach Mexiko zu reisen, um Deine rothen Bekanntschaften zu besuchen - wie heißen die Bursche gleich - Bras de fer, Kreuzträger, Falkenherz und die schöne Windenblüthe, in die Du wahrhaftig trotz Deiner vierundfünfzig Jahre noch immer verliebt zu sein scheinst!«
»Spotte nicht, Lieutenant Louis« sagte der Andere ernst, »spotte nicht über Leute, die zehn Mal ehrlicher und besser sind, als diejenigen, in deren Gesellschaft ich mich jetzt befinde. Gewiß denke ich, wenn mir Gott das Leben schenkt, noch einmal nach Mexiko zurückzukehren.«
»Und Du wolltest mich verlassen?«
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»Niemals. Weswegen habe ich darauf bestanden, daß Du Spanisch lernen solltest?«
»Nun aus demselben Grunde, weswegen ich Englisch gelernt habe. Du siehst, daß es mir einen schlechten Dienst geleistet hat, denn ich muß hier deshalb warten, um den Dolmetscher mit irgend einem hochnäsigen Goddam zu machen, während meine Kameraden sich draußen auf dem Wasser oder im Lager amüsiren.«
»Ich ließ es Dich lehren, weil Du mich begleiten wirst und man in Mexiko spanisch spricht.«
»Par dieu - wie oft soll ich Dir wiederholen, daß ich französischer Soldat bin und meinen Adler niemals verlassen werde.«
»So müssen wir dafür sorgen, die französische Armee nach Mexiko zu schicken!«
Der junge Offizier lachte wieder auf das Herzlichste. »Vraiement - Meister Bonifaz, ich sehe Dich wirklich schon in Stelle des Herrn Thouvenel als Minister des Aeußern, oder des Marschall Randon mit dem Kriegs-Portefeuille unter'm Arm! - Meine Tante die Frau Marschallin Saint Arnaud hat nicht Unrecht, wenn sie behauptet, Du littest manchmal an den Folgen eines kleinen Sonnenstichs, den Du in Afrika oder Mexiko bekommen haben mußtest. Aber à propos bei Gelegenheit meiner Tante - wir wollen, wenn wir erst in Peking sind, ihr eine ganze Kiste von diesem vortrefflichen Thee schicken.«
»Deiner Tante?«
»Nun ja, der Frau Marechal de France. Du weißt
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aus Erfahrung, wie gern sie seit dem Tode ihres Gatten einen kleinen Theeklatsch hält.«
»Die Frau Marschallin ist so wenig Deine Tante, Lieutenant Louis, wie ich Dein Onkel bin.«
»Das weiß ich wohl, aber sie will, daß ich sie so heiße, weil sie mich, ihren entfernten Anverwandten, hat erziehen lassen und ich ihr so viele Güte schulde.«
»Die Arnaud's sind niemals mit Dir verwandt gewesen.«
»Die Saint Arnaud's nicht - aber die Verwandtschaft schreibt sich, so viel ich weiß, von ihrer Seite her.«
»So gut das Blut der Trazegnies d'Ittre's auch sein mag, so hat es sich doch nie mit dem Deinem vermischt. Die Frau Marschallin hat nicht die Ehre mit Dir verwandt zu sein!«
»Na höre, alter Brummbär, die Ehre scheint mir etwas zweifelhaft! - Aber wenn Du Näheres über meine Verwandtschaft weißt, so rede endlich. Du weißt, daß ich mich meiner lieben armen Mutter noch sehr gut erinnere, denn es sind erst neun Jahre, daß sie mich in die Militairschule brachte und nach England reiste, wo sie leider gestorben ist. Manchmal, alter Freund, kommen mir freilich besondere Gedanken, obschon mir verboten wurde, weiter zu fragen!«
»Die Zeit ist gekommen, mein Sohn, wo Du Alles erfahren sollst.«
»So sprich!«
»Nein - nicht heute! Uebermorgen, an Deinem Geburtstag, wo Du zwanzig Jahre alt bist!«
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»Und was Du mir sagen wirst, meinst Du, soll mich bewegen, mit Dir nach Mexiko zu reisen?«
»In drei Jahren - ja!«
»Aber ...«
Die Einwendungen des jungen Mannes wurden unterbrochen durch einen Corporal, der mit einem Mann von der Seite des Wassers her kam.
»Lieutenant 5!«
»Corporal Dodillot - was bringen Sie?«
»Diesen Langzopf, mein Offizier, der in einem Kahn am Ufer bei den Posten landete und dessen Kauderwelsch wir nicht verstehen können, da er kein vernünftiges Wort spricht, als >General< und sich doch nicht abweisen läßt.«
Der Offizier hatte sich erhoben. »Vielleicht unser Mann!« sagte er halblaut. »Sprichst Du Englisch, Bursche?«
Der Angeredete war in der That ein Chinese in dem langen, dunkelblauen Rock und den weiten, violetten Beinkleidern mit den unbehülflichen Schnabelschuhen, wie sie die niederen Klassen tragen. Er hielt die Hände in den weiten Aermeln verborgen und verneigte sich tief vor dem Offizier.
»Wie heißest Du?«
»Mein unwürdiger Name ist Tsin-Yang.«
»Nun wohl, Herr Tsin-Yang, was wollt Ihr?«
»Den mächtigen Feldherrn sprechen, der die unüberwindlichen Krieger der Sonne des Weltalls wie der Taifun den Schaum des Meeres vor sich her gefegt hat.«
»Sie scheinen demnach nicht so unüberwindlich gewesen zu sein« meinte lachend der Offiziere. »Um es kurz zu
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machen, Herr Tsin-Yang oder Yang, seid Ihr der Mann, der diesen Mittag an General Montauban geschrieben hat?«
»Tsin-Yang küßt Deine Fingerspitzen, tapferer Fremdling. Ich habe geschrieben.«
»Dann kommt mit mir. - Warte hier auf mich, Bonifaz!«
Der junge Offizier winkte dem Chinesen zu folgen und ging ihm voran nach dem Pavillon. Nach einigen Worten mit den in der vorderen Abtheilung desselben verweilenden Stabswachen wurde er mit seinem Begleiter in das innere Gemach geführt, das der kommandirende General in Beschlag genommen.
General Cousin de Montauban, der später für seine chinesischen Verdienste zum Grafen von Palikao ernannt wurde und unter diesem Titel zehn Jahre später eine so klägliche Rolle spielen sollte, - war zur Zeit unserer Darstellung ein Mann von bereits 60 Jahren. Er gehörte zu den militairischen Abenteurern, deren Frankreich so viele zählt und zu hohen Stellungen erhoben hat. Bis zum Jahre 1846 war er fast gänzlich unbekannt und auch später nur unter dem Namen Cousin gekannt, als er sich nach abenteuerlichem und wildem Kriegsleben im December 1847 bei der Gefangennahme Abdelkaders ausgezeichnet hatte. Er war ein tollkühner Soldat und geschickter Führer und hatte sich als solcher mehrfach in Afrika bewährt. Seine Herkunft ist in Dunkel gehüllt, - man hält ihn in Frankreich für einen natürlichen Sohn Louis Philipp's. Jedenfalls verdankte er diesem seine erste Carrière und er galt daher für einen eifrigen Orleanisten. Schon
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in seiner afrikanischen Laufbahn hatte er durch verschiedene Erpressungen und tyrannische Handlungen seine Habsucht bemerklich gemacht, doch fanden alle diese Geschichten in jenem System allgemeiner Feilheit und Spekulation ihre Entschuldigung, das zuerst und zumeist den Thron des »Bürgerkönigs« untergrub.
Bei dem Sturz desselben beeilte sich General Montauban aus einem Royalisten ein Republikaner zu werden, und als Louis Napoleon der Republik den Daumen auf's Auge setzte, wurde er ein begeisterter Bonapartist und von dem neuen Kaiser zu verschiedenen Diensten benutzt, die möglichst wenig Gewissen erforderten.
Der General hat ein kühnes und schlaues Gesicht, von weißem Haar umgeben und zeigte - wenigstens damals noch - in seinem ganzen Wesen trotz seiner Jahre etwas Wildes, Barsches. Er lag, als der Offizier mit seinem Begleiter eintrat, wie man zu sagen pflegt, gestiefelt und gespornt auf einem von Rohr geflochtenen Divan und dampfte eine Cigarre.
»He, Lieutenant Clément, da sind Sie ja! Bringen Sie mir den Kerl, der heute seine Krakelfüße an mich gemalt hat?«
»Zu Befehl, Excellenz, der Mann hier behauptet, daß er es sei. Er hat sich bei dem Posten am Wasser gemeldet.«
»Tritt näher, Bursche - ah so - er versteht kein Französisch und mir ist das Quatschen und Spritzen unserer lieben Bundesgenossen ein chinesisches Dorf. Deshalb müssen Sie schon den Dolmetscher machen, Lieutenant, da
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Sie ein Studirter sind. Heiliges Sakrament, wir alten Pulverriecher hatten andere Dinge in unserer Jugend zu thun, als die Nase in viele Grammatiken zu stecken. Lassen Sie also den Kerl näher treten. Er ist doch nicht bewaffnet?«
»So viel zu sehen, nein. Soll ich ihn untersuchen lassen?«
»Gott bewahre! Ich lasse ihn lebendig schinden, wenn er auch nur den Finger rührt. Wie heißt der Kerl und was ist er?«
Der Chinese hatte sich auf den Wink des jüngeren Offiziers in demüthiger Haltung genähert, warf sich jetzt nieder auf die Knie und schlug drei Mal mit der Stirn den Fußboden.
»Der Mann heißt Tsin-Yang und ist, wie er behauptet, Mandarin von der Pfauenfeder!« erläuterte der Offizier nach dem Befragen.
»Meinetwegen von zwanzig Flederwischen! Die Kerle sind verrückt mit ihren Hutknöpfen und Pfauenschwänzen. Aber was ist er sonst und was will er von mir?«
Der Offizier verdolmetschte die Frage.
»Dein demüthiger Knecht ist der Oberaufseher und Schatzhüter in Jung-ming-jun!«
»Jang myn Jong - spricht der Kerl holländisch? - Was ist das?[«]
»Jung-ming-jun, oder die >Perle des Reichs<, erläuterte der Offizier, »ist der kaiserliche Sommerpalast, der außerhalb der Mauern von Peking liegt.«
»Ah!« sagte der General und zog eines seiner Beine
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von dem Kanapee. »Ich habe davon gehört. Die Kaiser von China sollen dort gewaltig viel Schätze aufgehäuft haben. Fragen Sie ihn doch danach, Lieutenant Clément!«
Es folgten einige Fragen und Antworten zwischen dem Offizier und dem würdigen Mandarinen, der noch immer auf den Knieen lag.
»Herr Tsin-Yang erklärt, daß der Palast an Gold und Silber und allen Schätzen der Welt seit Jahrhunderten so reich sei, daß jedes sterbliche Auge von ihrem Glanze geblendet werden würde.«
»Hoho,« meinte der General, der jetzt auch sein anderes Bein herunterzog und sich aufrecht setzte, »wir haben gute Augen und sie nicht durch eine Brille verdorben. Also Gold und Silber in Menge, sagt der Kerl?«
»In Masse, General.«
»Und auch Edelsteine - Diamanten, Perlen und was sonst damit zusammenhängt?«
»Er macht eine fabelhafte Beschreibung von den Reichthümern.«
»Teufel! Teufel! das klingt verführerisch! - Aber was will der Langzopf? etwa wieder unterhandeln und uns Flunkereien vormachen, wie dieser langweilige Kerl von Prinzen, den wir noch im Lager haben? - Fragen Sie den Burschen kurz und bündig, warum er so geheimnißvoll an mich geschrieben hat. Ich will ihm rathen, daß er genügende Entschuldigungen hat, oder ich lasse ihm das Fell von den Knochen hauen.«
Es folgte eine neue Unterredung zwischen dem Offizier
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und dem Mandarin, bei welcher der Unwille des jungen Offiziers sehr erregt zu werden schien.
»Nun - was giebt's?«
»Der Mann erklärt zunächst, er sei ein Mitglied der geheimen Gesellschaft der >Wasserlilie<, also ein Feind seiner Regierung.«
»Ah - was bei uns zu Hause etwa ein Carbonari, oder sonst ein spitzbübischer Rebell heißt!«
»Ungefähr so. - Aber er besteht, ehe er weiter reden will, darauf, daß Euer Excellenz ihm zwei Dinge eidlich versprechen, bevor er seine Mittheilungen macht.«
»Seh' mir Einer die Frechheit an. Was will der Kerl denn?«
»Zuerst Zusicherung seines Lebens und seiner Freiheit.«
»Zugestanden! kaum der Mühe werth!«
»Dann - aber Euer Excellenz verzeihen, daß ich eine so entehrende Zumuthung auch nur wiederhole.«
»Ach was, - geniren Sie sich nicht! Heraus damit!«
»Der Schurke erklärt, daß er im Stande sei, Euer Excellenz oder vielmehr der französischen Armee eine Beute von vielen, vielen Millionen - hundert Millionen, wie er sich ausdrückt, - nachzuweisen, wenn ...«
Der General war aufgesprungen, seine Augen leuchteten wie Karfunkel. »Hundert Millionen, sagen Sie?«
»Er spricht davon.«
»Das muß die Schatzkammer des Kaisers sein! Es ist gut, Lieutenant - Sie können gehen, ich werde mit dem Kerl selbst reden!«
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Lieutenant Clément salutirte lächelnd und machte einen Schritt nach dem Ausgang.
Der General hielt ihn auf, indem er sich vor die Stirn schlug, die ganz geröthet vor Aufregung war. »Diable, was ich für ein Dummkopf bin! Ich kann ja nicht Chinesisch und der Teufel mag es meiner Mutter danken, daß sie mich nicht hat Englisch lernen lassen. Aber hören Sie, Lieutenant Clément - Sie können doch schweigen?«
»Bestimmt, Excellenz!«
»Sie sollen, so jung Sie sind, Kapitain werden und das Kreuz erhalten, wenn die Geschichte sich bewahrheitet.«
»Ich würde vorziehen, Excellenz, Beides an den tartarischen Reitern zu verdienen,« sagte der junge Offizier kalt. »Und wenn Euer Excellenz es nicht als Dienstpflicht verlangen, würde ich bitten, lieber einen Andern mit der Weiterführung dieser Verhandlung zu betrauen, etwa einen Engländer selbst.«
»Damit diese mich bestehlen! Sie sind nicht gescheut. Nein, Nichts da - ich will auch keinen Andern, es ist schon genug, wenn Einer solche Dinge weiß!«
»Aber, offen gesprochen, Euer Excellenz, die Sache scheint mir nicht verträglich mit der Ehre eines Offiziers.«
»Larifari, dummes Zeug! Das muß Ihr General besser wissen. Also fahren Sie fort, ich kommandire Sie hiermit zu dem Dienst und erinnern Sie sich gefälligst, daß der Soldat nur eine Maschine in der Hand seiner Vorgesetzten sein soll und Sie Alles zu vergessen haben, was Sie im Dienst etwa hier hören und sehen.«
»Zu Befehl!«
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»Warten Sie!«
Der General ging selbst nach der dünnen Eingangsthür, steckte den Kopf in das Vorzimmer und schloß dann wieder sorgfältig die Thür.
»Kommen Sie hierher und reden Sie etwas leiser. Die Spitzbuben, die Chinesen machen ihre Thüren so dünn wie Kartenblätter, und die Bursche da draußen haben mir etwas zu lange Ohren. Also, was sagt der Kerl von den Millionen? - aber genau!«
»Er verlangt zunächst,« fuhr der Offizier fort, dem die Sache und die Habgier seines Chefs jetzt Spaß zu machen anfing, »daß Euer Excellenz ihm den zehnten Theil der Beute, die er Ihnen nachzuweisen sich erbietet, zusichern!«
»Den zehnten Theil? Ist der Schurke verrückt! Das ist ja reiner Diebstahl. Heiliges Kreuz-Donnerwetter, was diese Halunken habsüchtig sind. Ich will ihn lieber lebendig schinden lassen, dann soll er schon mit seinen Geheimnissen herausrücken, ohne mich so infam zu bestehlen!«
»Euer Excellenz vergessen, daß bei einer solchen Operation auch Andere die Geheimnisse des Herrn Tsin-Yang, Mandarin vom blauen Knopf und der Pfauenfeder, erfahren würden.«
»Morbleu - das ist auch wahr! - Aber reden Sie dem Kerl in's Gewissen, lieber Clément. Sie wissen, daß ich ein Freund Ihres Vormunds und Verwandten, des seligen Saint-Arnaud, war, und ich habe Sie immer leiden mögen und protegirt, deshalb Sie auch in diesem Fall zu meinem Dolmetscher gemacht, wo ich zehn Andere hätte
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kriegen können. Reden Sie Herrn Yank zu, daß er christlich mit uns verfährt und lassen Sie ihn vor Allem sich niedersetzen.«
Und der Commandeur en chef schob selbst mit dem Fuß einen jener kleinen Rohrsessel ohne Lehne herbei, drückte den widerstrebenden Chinesen fast mit Gewalt darauf und begann dann zu feilschen wie ein Jude.
Aber der würdige Mandarin schien eben so zäh wie der französische General und beharrte auf seine Forderung, deren Zusicherung er sogar schriftlich verlangte.
Der General tobte wie ein angeschossener Eber in dem Gemach umher und nur die Besorgniß, von seinen Leuten draußen gehört zu werden, dämpfte seinen Zorn. Zuletzt bequemte er sich endlich zur Ausstellung des Versprechens, gerieth jedoch auf's Neue in heftigen Zorn, als der schlaue Chinese, der sehr wohl den Charakter der beiden Männer, mit denen er verhandelte, durchschaute, von dem Offizier auf sein Wort verlangte, Sylbe für Sylbe richtig zu übersetzen und dieser es denn trotz der Winke des Generals lachend und so aufrichtig that, daß der Mann sich gradezu weigerte, auf diese Verclausulirungen hin weitere Eröffnungen zu machen.
Herr Tsin-Yang dictirte hierauf selbst den Inhalt der Schrift und der General unterzeichnete sie stöhnend und fluchend.
»Nun aber gnade Gott dem Kerl, wenn er nicht Wort hält mit den Millionen.«
»Du bist ein Tapferer« fuhr der Verräther nach der Beendigung dieser Präliminarien fort, indem er das
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kostbare Papier in einen seidenen Lappen wickelte und in den Busen schob, »und der arme Tsin-Yang vertraut Dir, daß Du ihn nicht betrügen wirst. So höre denn.«
Und der Verräther berichtete nun, daß der Prinz Kong nur beauftragt sei, die Alliirten hinzuhalten, bis die in dem Palast des Kaisers aufgehäuften Schätze in das Innere des Landes in Sicherheit gebracht worden wären. Der Kaiser Hien-fong habe bereits am heutigen Tage Jung-ming-jun, seinen Sommerpalast mit seinem ganzen Gefolge verlassen und es sei augenblicklich nicht ein Mann Besatzung dort. Er aber, Tsin-Yang, habe Befehl, die kostbarsten Sachen zusammen zu packen, namentlich eine große Anzahl von Silberbarren, deren Aufbewahrungsort ihm allein bekannt sei, und damit dem kaiserlichen Hof zu folgen.
Der treue Diener seines Herrn schlug vor, daß die Franzosen am andern Tage Mittags den Palast besetzen und ihn plündern sollten, wobei er sich anheischig machte, die verborgenen Kostbarkeiten in die Hände des Generals zu liefern. Herr Tsin-Yang behielt sich vor, mit seinem Antheil an der Beute später die Europäer zu begleiten, und auf Java oder sonst an einem geeigneten Orte sich ihrer zu erfreuen.
Der General rieb sich bald vergnügt die Hände, als ihm diese Vorschläge stoßweise übersetzt wurden, bald schimpfte er auf die habsüchtigen Chinesen und den Verräther insbesondere und der Offizier, für den die sorgsam besprochenen Details der Verhandlung etwas sehr Widriges hatten, schloß aus verschiedenen Aeußerungen, daß
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Herr Tsin-Yang trotz seines Scheines schwerlich lange persönlichen Vortheil von seinem Verrath haben würde. Er beschloß, sich jedoch nicht darum zu kümmern und war herzlich froh, als die Unterredung endlich endete und er den Auftrag erhielt, den treuen Wächter der kaiserlichen Schätze wieder nach seinem Boot zurück zu geleiten.
»Ihr Ehrenwort, Lieutenant Henry, daß Sie über Alles das strengste Schweigen beobachten, was Sie gehört haben!«
»Parole d'honneur!«
»Gut. Ich weiß, Sie sind ein guter Soldat und es soll Ihr Schaden nicht sein. Schicken Sie mir Düvalet von den Zuaven sofort her, ohne erst meinen Adjutanten draußen zu inkommodiren. Sie müssen zusehen, wo Sie ihn finden. Vielleicht in den chinesischen Wasser-Bordells, aber ich muß ihn haben.«
Der Lieutenant salutirte.
»Und noch Eins. Sorgen Sie um Himmelswillen, daß Herr Tsin-Yang oder Schlang auf's Beste und unbelästigt zurückkehrt. Es darf um keinen Preis dem Mann jetzt etwas passiren. Späterhin - - - na Gutenacht und legen Sie sich auf's Ohr, wenn Sie Düvalet gefunden haben, Sie werden Ihre Kräfte brauchen!«
Der Offizier freute sich, endlich draußen zu sein, - obschon ihm noch ein grade nicht angenehmer Auftrag zu besorgen blieb. Oberst Düvalet, der die Zuaven kommandirte, war eine, nicht bloß in der Armee, eben so bekannte Person wie der Kommandant en chef. Wenn man diesen
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le premier coquin de la france nannte, so verdiente der würdige Oberst sicher le second genannt zu werden.
Als Lieutenant Clément in Begleitung des Chinesen zu dem Feuer zurückkehrte, an dem er vorhin mit dem Avignoten gesessen, der mehr ein Freund als ein Diener für ihn war, obschon er unter dieser Firma ihn begleitet hatte, fand er Meister Bonifaz im Gespräch mit einem jungen Husaren-Offizier.
»Wo zum Henker kommst Du mit einem Langzopf her, Freund Louis?« frug munter der Husar, der mit dem jungen Mann zugleich die Militairschule durchgemacht hatte und in die Armee getreten war. »Ich habe Dich schon den ganzen Abend gesucht, bis mich Jeannon auf die Spur brachte, daß Du zu dem künftigen Marschall kommandirt wärest. Ich hoffe doch nicht, daß Du Dienst hast?«
»Nur noch kurze Zeit. Ich muß diesen Mann zu seiner Dschonke bringen und Oberst Düvalet aufsuchen!«
»Mordi - das trifft sich gut, denn den finden wir sicher da, wohin ich mit Dir ein Wenig sianiren wollte. Darf man wissen, was das für ein Langzopf ist?«
»Dienstgeheimniß, Henry.«
»Ah, ich verstehe, ein Spion! Sieh zu, daß Du den schlitzäugigen Kerl loswirst und komme bald zurück!«
Meister Bonifaz rückte sehr unruhig auf der Schwelle des Kiosk hin und her. Obschon er den jungen Offizier, der aus einer der besten Familien der muntern Touraine stammte, wohl leiden mochte, kannte er doch sehr gut seinen Leichtsinn und hatte schon mehr als einmal Gelegenheit
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gehabt, für die Moral seines Zöglings aus dieser Gesellschaft zu fürchten.
Als daher Lieutenant Clément zurückkehrte und sich anschickte, mit seinem lustigen Freund an das Aufsuchen des Obersten zu gehen, hatte der Alte allerlei Bedenken und gute Lehren und hätte am Liebsten die beiden Offiziere begleitet, wenn diese ihn nicht freundlich aber bestimmt bedeutet hätten, daß dies nicht anginge.
Der Lagerplatz der Zuaven war bald erreicht, aber wie Henry de Thérouvigne vorausgesehen, war der Oberst nicht dort und nach einigem Hin- und Herfragen ermittelten sie, daß er mit einer Gesellschaft Offiziere nach dem Kanal gegangen und wahrscheinlich in einer der dort etablirten Cantinièren oder auf den Dschonken zu finden sein werde.
»Nun, Bruderherz« lachte der Husar, »jetzt kommst Du in das Rayon der leichten Kavallerie und da bin ich Dein Mentor, dem Du am Besten thust, blindlings zu folgen. Wärst Du für einen zwanzigjährigen Offizier und Franzosen nicht so albern gewesen, Dich zu weigern, die hübschen Chinesinnen auf den Blumenböten zu besuchen, so wüßtest Du selber Bescheid. Jetzt hat Dir alle Tugend Nichts genutzt, und der Befehl unsers großen coquin liefert Dich mir auf Gnade und Ungnade in die Arme.«
»Unsinn, Henry! Du weißt, daß ich kein Kopfhänger bin, aber ich mag diese zu allen Lüsten der Männer sclavisch erniedrigten Weiber nun einmal nicht leiden. Ich bitte Dich darum, führe mich so rasch wie möglich dorthin, wo ich den Oberst treffen kann.«
Der Husar, den Säbel unter'm Arm, blies sehr
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philosophisch den Rauch seiner Cigarre in die Nachtluft, indem er mit dem Freunde aus den Zeltgassen des Lagers nach dem Ufer des Kanals bog, von woher der Lärm des lustigen Lebens drang. »Das, Freund Louis, ist in der That eine schwere Sache und fordert Ueberlegung und Erfahrung. Wir wollen daher ganz taktisch zu Werke gehen und unsere Tirailleurs, das heißt unsere Augen und Nasen zunächst einmal in das große Spielzelt des wackern Mung-Ming, oder wie der langzöpfige kleine Kerl aus Hongkong heißt, stecken, der uns so gewandt unser Geld abnimmt, daß wir bald von allem Antheil der Contribution Nichts mehr übrig haben