Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Erste Abtheilung:
Gaëta - Warschau - Düppel
Sechster Band.
Gaëta.


Der Graf von Palikao.

(Fortsetzung.)

[»]Die Corvette lag mit der Lee-Verschanzung im Wasser - zwei der Boote waren fortgerissen, die Sturzseen brachen sich über dem Deck und schwemmten Alles fort, was nicht aufs Beste befestigt war. Die Mannschaft hatte sich nach hinten geflüchtet und sich mit Tauen festgebunden, der vom Winde gepeitschte Wasserdampf hüllte das Schiff in so dichten Nebel, daß man nicht zwanzig Schritt weit sehen konnte.
Dazu brüllte der Ocean, brauste die See, heulte und zischte es wie eine Legion entfesselter Dämonen in den Lüften. Jeder glaubte seine letzte Stunde gekommen, Niemand hoffte auf Rettung mehr, denn keiner noch hatte Aehnliches erlebt, und dennoch waren erfahrene wettergebräunte Männer genug in der Bemannung des Schiffes, die in allen Zonen der Erde muthig dem Tode in's Auge gesehen.
Aber die Gnade Gottes ist auf den tobenden Wässern wie auf den lachenden Fluren des Landes!
Plötzlich, als die furchtbarsten Kräfte der Natur zur
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unbedingten Vernichtung entfesselt schienen, wurde es still - nicht lautlos ruhig, aber still im Vergleich zu dem Toben vorher - der Wirbel des Teufuns stand über uns, seine rot[h?]fahlen Wolken fast das Schiff berührend, das wie in einem Kessel zwischen Mauern von Wassern lag und wie ein Fangball umhergeschleudert wurde, daß die Masten jeden Augenblick aus dem Schiff zu fliegen drohten.
Beinahe zehn Minuten dauerte der furchtbare Zustand, dann brach der Orkan auf's Neue los, aber er wurde fast mit Freuden begrüßt, denn er machte diesem entsetzlichen Zustande ein Ende und bewies, daß der Wirbel des Teufuns über uns hinweggegangen, ohne uns zu versenken, und daß er seine Richtung geändert hatte gegen die Lage des Schiffes. Wenn auch Wind und Wasser noch gleich heftig tobten, - das Schwerste war überstanden, ein Strahl der Hoffnung wenigstens da. Das Steigen des mit angstvollen Blicken beobachteten Barometers bestätigte es, und wie ein Lauffeuer ging es von Mund zu Mund: »Das Barometer steigt!«
Wahrlich - wer nie eine ähnliche Gefahr bestanden, der kennt nicht das Himmelsgefühl der Hoffnung!
Und dennoch war sie im Begriff, uns wieder zu schwinden. Selbst der Orkan hatte nicht vermocht, die Luwanten des großen Mastes zu zerreißen, so fest hatten unsere wackeren Danziger Refschläger den Hanf gedreht, aber durch den furchtbaren Druck begannen sie sich allmälig unten an den Jungfern1 aus den Bändseln zu ziehen. Schon
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hatten sie sich um einige Zoll gereckt, und der Mast bog sich gefährlich nach dem Lee über - noch ein Paar Zoll, und er hatte seinen Halt verloren und riß die anderen mit sich über Bord, daß[das] Schiff war ein Wrack und rettungslos in diesem Toben verloren.
In solchen Augenblicken bekundet sich die Energie und der Scharfblick eines tüchtigen Kommandanten. An Segelsetzen war nicht zu denken, sie wären in Fetzen hinausgeflogen, wie das Großmarssegel vorhin. Der Kapitain beorderte die Matrosen, in die Luvfockwant hinauszusteigen - die Körper der unerschrockenen Männer sollten dem Winde eine Fangwand bilden für den Druck auf das Vordertheil des Schiffes, um es herumzubringen.
Es galt das Leben - mit eisernem Griff hielt Jeder fest, während ihnen die Kleider in Streifen vom Leibe geweht wurden; - vergebens! - das Schiff blieb in seiner verhängnißvollen Lage.
Schon standen die Zimmerleute bereit mit ihren Aexten zum letzten verzweifelten Mittel; - da - »Der Dampf! der Dampf!« Der Kapitain befahl den Versuch.
Die zurückgeschobenen Feuer wurden aufgefrischt. Der schwarze Kohlendampf mischte sich mit den schwarzen Wolken des Himmels. »In fünf Minuten ist Dampf auf!« läßt der Maschinist rapportiren - aber fünf Minuten sind in dieser Lage eine Ewigkeit, und in fünf Minuten kann von dem stolzen Schiff mit seinen vierhundert Lebenden nicht eine Spur mehr auf den kämpfenden Wogen sein!
Und mit jedem Windstoß recken weiter und weiter die Wanten!
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Da - »Hurrah!« - »Das Schiff fällt!« jubelt es von Aller Lippen und das wiedergewonnene Leben leuchtet aus Aller Augen! - Es ist wirklich so - das Schiff fällt ab und der Schnabel dreht sich langsam leewärts. Der Maschinist hat Oel und Terpentin auf die Flammen gießen lassen, um sie anzufachen - noch ehe die fünf Minuten um sind, ist die Schraube in Bewegung, die Corvette bekommt Fahrt und gehorcht dem Ruder.
Wie eine Centnerlast fällt es Jedem vom Herzen - das Schiff ist auf den anderen Bug gelegt, der Mast und mit ihm die Corvette gerettet. Auch der Wind nimmt ab - das Schiff lag zwar mit dem Kopf dem Lande zu, aber das Schlimmste ist überstanden. Der Wirbel des Teufun ist passirt, das Barometer steigt und der Wind dreht sich allmälig südlich, so daß das Schiff vom Lande ablegen kann.
Allmälig wird der Wasserdampf weniger dicht - die starke schwarze Wolkemasse zerreißt und das Licht bricht in einzelnen Strahlen hindurch - der Gesichtskreis erweitert sich und die See geht nicht mehr so hoch.
Aller Augen forschen am Horizont umher - aber leer - Alles leer - von dem Schuner keine Spur! Um fünf Uhr hatten wir ihn zuletzt gesehen, jetzt war es zehn! War es denkbar, daß das kleine Fahrzeug fünf Stunden lang diesen Kampf aushalten konnte? - Der Verstand sagte: »Nein!« aber das Herz wollte nicht daran glauben und jedes Auge strengte sich an, eine Spur des armen Schiffes, der geliebten Freunde und Kameraden zu sehen.
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Vergebens! - Der Teufun hatte seine Opfer gefordert!«
Der Erzähler legte die Hand über die Augen - das tiefe Schweigen Aller ehrte den Schmerz des jungen Mannes.
Erst nach einer Weile fuhr er fort.
»Sechsundfünfzig frische fröhliche Kameraden waren mit dem unglücklichen Schiff in die unergründliche Tiefe gesunken - mir der liebste Freund unter ihnen. Um Mittag legte sich des Himmels Blau über die sich beruhigende See. Stunden lang, während alle Mann beschäftigt waren, Havarie zu bessern, kreuzten wir umher, um eine Spur des Schuners aufzufinden - erst am Abend steuerte die »Arcona« unter schwellenden Segeln ihrem Ziele zu.
Am 4. September lief sie in die Bucht von Jeddo ein. Die japanesische Behörde schickte sofort einen Dampfer aus, nach dem verlorenen Fahrzeug zu forschen, aber er kehrte zurück, ohne die geringste Kunde gewonnen zu haben.
Mit dem preußischen »Frauenlob« war auch die englische Kriegsbrigg »Camilla« mit 120 Mann Besatzung ein Opfer des Teufun geworden. An der Küste von China, die er am 3. September erreichte, wurden über hundert chinesische Dschonken an den Klippen zerschmettert.« - -
Wiederum ehrte ein Schweigen die ergreifende Erzählung des Seemanns. Selbst der kleine Professor hatte keine Bemerkungen zu machen über die Natur des Teufun oder anderer meteorologischen Beobachtungen, obschon er Etwas von Entdeckungen seines berühmten Landsmanns,
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des Professor Dove murmelte. Endlich nahm der Lord das Wort und frug mit sichtlicher Theilnahme, ob sich denn auch später keine Spur von dem Schicksal des Schiffes gefunden habe, wenigstens von Trümmern desselben an der Küste.
Der junge See-Offizier antwortete.
»Eurer Herrlichkeit habe ich bereits die Stellung unsers Schiffes angedeutet« sagte er. »Wir standen östlich der japanesischen Inseln Kiusiu und Sikok, auf deren ersterer, in Nagasaki, Ihr russischer Dampfer ja angelegt hat. Die Van-Diemens- und die Suwo-Nada-Straße, verbunden durch den atlantischen Ocean mit dem chinesischen Meer. Vor ungefähr drei Wochen kam uns in Jeddo das Gerücht zu Ohren, auf den Geschwister-Inseln, also südwestlich von dem Punkt, an welchem der Teufun uns erreichte, und in der Richtung, die er genommen, sei in jener Zeit ein entmastetes europäisches Schiff gestrandet, und der Kommandeur unsers kleinen Geschwaders sandte mich auf den dringenden Wunsch des Gesandten auf einem amerikanischen Schiff ab, um möglichst an den Küsten - so weit diese uns Europäer offen sind, - Nachforschungen anzustellen, indem man von der Ansicht ausging, daß die sonst so verschlossenen Küsten einem einzelnen Manne eher zugänglich sein würden, als einem europäischen Schiff. Ich hatte die Ordre, meine Nachforschungen bis an die chinesische Küste auszudehnen, und namentlich auch auf der englisch-französischen Flotte Erkundigungen anzustellen, welche seit drei Monaten sich in diesen Gewässern befindet. Aber all'
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meine Mühe ist umsonst gewesen - das unglückliche Schiff ist spurlos verschwunden und liegt sicher mit all' den braven Männern in der Tiefe des Meeres.«
»Vezeihe einem unwissenden Mädchen, Herr,« sagte eine befangene, leise Stimme in stockendem Französisch, - »wenn sie eine Frage an Dich richtet.«
Alle sahen erstaunt auf die junge Chinesin, denn sie war es, welche geredet.
»Sprechen Sie Mademoiselle,« sagte eifrig der junge Seemann, »was wünschen Sie zu wissen?«
»Ich kenne die Zeitrechnung der Christen nicht, - wie lange ist es her in Tagen, daß jenes Schiff verloren gegangen ist?«
»Es war am 3. September - wir zählen heute den 14. Oktober - also vor 42 Tagen.«
Die Chinesin rechnete an den Fingern nach, da sie das gewöhnliche Zahlenbrett nicht hatte. »Das ist richtig,« sagte sie dann etwas muthiger. »Giebt es nicht im Osten, am Huang-Hai2 eine Küste, die Korea heißt?«
»Gewiß! Aber warum fragen Sie das Alles?«
»Weil ich meinen armen Vater davon sprechen hörte, daß ungefähr in jener Zeit, wie chinesische Seefahrer erzählt haben, an der Küste von Korea ein Schiff der Christen in elendem Zustand gescheitert sein soll, ohne Masten und Steuer, auf dem noch einige Männer sich befanden.«
Der junge Seemann war aufgesprungen. [»]Um Himmelswillen, Mademoiselle, erinnern Sie sich aller Umstände
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genau. Was ist aus dem Schiff, aus den Männern geworden?«
»Es sollen böse Menschen in jenem Lande wohnen,« sagte das Mädchen. »Sie stehen nicht unter der milden Herrschaft des Lichts, des Weltalls - sie berauben und tödten alle Unglücklichen, die an ihre Küsten kommen, oder machen sie zu Sclaven. Ich weiß nicht, was mit dem Schiff geschehen, von dem ich sprach, aber der alte Seemann hat meinem Vater Schlimmes erzählt. Er hat ihm ein Messer geschenkt, das er den Barbaren an jener Küste abgekauft, und das den Unglücklichen gehört haben soll.«
»Ein Messer?«
»Ja - aber es ist nicht so breit wie die unseren, spitz und schmal, - es gleicht dem, welches Sie an der silbernen Kette an Ihrem Gürtel tragen.«
Alle Anwesenden hatten sich unwillkürlich voll Theilnahe genähert.
»Und besitzt Herr Tsin-Yang, Ihr Vater, dieses Messer noch?«
»Sie zog einen der bekannten Midshipmann-Dolche aus ihren weiten Gewändern und reichte ihn hin.
Der junge See-Offizier ergriff ihn hastig und eilte damit zum Licht. Sein Gesicht war von aufregender Erwartung geröthet - aber er wurde todtenbleich, als er die Waffe untersucht hatte. Er ließ die Hand, die sie hielt, sinken.
»Es ist kein Zweifel mehr,« sagte er - »hier ist der preußische Adler - und hier - die zwei Buchstaben - ich habe diesen Dolch mehr als einmal in der Hand gehabt.«
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Alle schwiegen - zwei schwere Thränen rollten über die Wangen des jungen Mannes.
»Und Sie sagen, daß Alle, die noch lebend mit dem Wrack die Küste erreichten, ermordet wurden?«
»Ich glaube es - aber ich weiß es nicht. Diese Menschen sollen sehr wild und grausam sein.«
»Kennen Sie den chinesischen Schiffer, der es erzählte der Ihrem Vater dies Messer brachte? Wie heißt er - wo finde ich ihn?«
»Ich weiß es nicht, Herr - ich glaube er ist auf See. Sie müssen meinen armen Vater fragen.«
»Ja, das will ich - sogleich ...«
Er wandte sich nach der Thür der Kajüte, - aber man kam ihm zuvor, - sie wurde eben von Außen aufgestoßen.
Der Trapper Eisenarm stand in ihr - über ihn hinweg hörte man in der Ferne Lärmen, - dazwischen militairische Signale.
Der Lord wandte sich rasch gegen den Mexikaner. »Was giebt es, Monsieur? Einen Angriff der Chinesen? Einen Ausfall aus der Stadt?«
»Nein, Señor - kommen Sie heraus und sehen Sie selbst. Ich fürchte der Palast brennt!«
Ein Ruf des Erstaunens, des Schreckens. Dann drängte sich Alles aus der mit der Thür nach der entgegengesetzten Seite gerichteten Kajüte, um einen freien Blick nach dem etwa eine englische Meile entfernt liegenden Palast zu haben.
Glühende Rauchwolken wälzten sich dort empor, die
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Entfernung war so gering, daß man deutlich die Flammen sehen konnte - - es war kein Zweifel, Jung-ming-jun, - die Perle des Reichs - der prächtige Sommerpalast des Kaisers stand in vollen Flammen.
An dem Ufer des Flusses war jetzt Alles in voller Bewegung, - die Bevölkerung der zahlreichen Dschonken und anderen Fahrzeuge füllte alle Plätze der Decks und der Kajütenbedachungen, oder rannte an's Ufer, - von dem Bivouacq der Franzosen klangen die Horn-Signale, - ein Strom von Menschen, Soldaten, Neugierige, Schiffsleute, Händler - Alles ergoß sich nach der Seite des brennenden Gebäudes. Die Verwirrung war unbeschreiblich.
Während die in der Gesellschaft anwesenden Offiziere alsbald an's Land eilten, um sich zu ihren Truppentheilen zu begeben, traf Lord Walpole die nöthigen Anstalten, sein Fahrzeug gegen jedes Betreten Unberechtigter zu sichern, da bei solchen Unglücksfällen diebische Augen und Hände nur allzugern beschäftigt sind. Erst als dies geschehen und die Frauen unter genügenden Schutz gestellt waren, verließ er mit Eisenarm die Dschonke und folgte dem Menschenstrom zu dem brennenden Palast.
Bei der leichten Bauart desselben war, trotz der Nähe des Wassers und der Oeffnung der unterirdischen Kanäle, an Löschen kaum zu denken - am Wenigsten hatten auch die Soldaten Lust dazu, die Franzosen nicht, weil sie kein Interesse mehr daran hatten, die Engländer nicht, weil sie größtentheils betrunken waren und es doch nur Wenig zu plündern gab. Wie Lord Walpole vernahm, sollte das
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Feuer durch die Unvorsichtigkeit irischer Soldaten entstanden sein, - Andere behaupteten, daß es von chinesischen Gefangenen angelegt sei. Nur so viel war gewiß, daß - als man es bemerkte - die Dämpfung bereits unmöglich war, und daß es sich mit rasender Schnelligkeit verbreitet hatte. -
Volle vierundzwanzig Stunden brannte der weitläuftige Palast. Händeringend standen die Mandarinen und das zahllose Hofpersonal und Volk auf den Mauern von Peking und sahen den Stolz des Landes, den prächtigen Bau des Sommerpalastes in Asche sinken. Uebrigens ging es nicht ohne Nachtheil für die Sieger ab, mehr als dreißig englische Soldaten fanden in den Flammen ihren Tod.
Als es am zweiten Tage dem preußischen See-Offizier gelang, sich nach dem gefangenen Ober-Aufseher des Palastes erkundigen zu können, hörte er zu seinem großen Leidwesen, daß der Mandarin auf Befehl des General Montauban den chinesischen Friedens-Unterhändlern ausgeliefert worden sei, die es ausdrücklich gefordert hätten, und es konnte kaum ein Zweifel obwalten, welches Schicksal ihn in Peking erwartet hatte, da er einerseits in Verdacht stand, das Feuer selbst angelegt zu haben, um sich zu rächen oder in dem Tumult zu entspringen, - andererseits es aber nicht an Zeugen fehlte, welche bekunden konnten, daß er selbst das verborgene Schatzgewölbe den Franzosen entdeckt hatte.
In der That steckte bei dem späteren Einzug der Sieger der langbezopfte Kopf des betrogenen Verräthers auf den Zinken des nächsten Thores und die Nachricht davon warf
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die arme Tank-ki, der sie mit großer Gleichgiltigkeit von einem der chinesischen Faktors, welche das feindliche Lager füllten, überbracht worden, in schwere Ohnmacht.
Am Tage nach dem Brande ergab sich Peking. Der Kaiser war geflohen und die noch immer sehr ansehnlichen Reste des Heeres hatten sich nach der Tatarei zurückgezogen; die verhandelnden Mandarinen aber erklärten, volle Vollmacht zum Friedensschluß zu haben, der später am 25. Oktober - in Peking selbst auf die von General Montauban in der Unterredung mit dem indischen Fürsten angedeuteten Bedingungen abgeschlossen wurde.
Schon lange vorher, bald nach dem Brand des Palastes war Lord Walpole mit seinen Begleitern nach Thianthsin zurückgekehrt, um sich auf dem französischen Dampfer dort einzuschiffen, welcher die Depeschen des Sieges mit einem Theil der Beute nach Europa führen sollte. Er wartete nur noch auf die Ankunft des zur Ueberbringung der Depeschen kommandirten Offiziers.
Diese erfolgte am Tage nach dem Einzug des französischen und englischen Commissairs, des Lord Elgin und Baron Gros in Peking. Tausend Mann Truppen von jeder der beiden verbündeten Armeen begleiteten sie, und man hatte das eigenthümliche Schauspiel, daß zweitausend europäische Soldaten - nicht einmal sämtlich Europäer, denn unter den englischen Soldaten befanden sich einige hundert indische Sikhs, - sich furchtlos und ohne von der Ueberzahl zerissen zu werden - in eine Stadt von fast einer Million erbitterter Bewohner wagten und diese
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fast 24 Tage besetzt hielten; denn erst am 8. November verließen sie wieder Peking.
Kapitain Boulbon kam nicht allein - General Montauban hatte einen zweiten Offizier ihm zur Begleitung gegeben und für gut befunden, den muntern Husaren-Lieutenant dazu zu wählen. Mit ihnen kamen drei Fremde in europäischer Tracht, zwei von ihnen ältere Männer von rauhem Wesen und etwas verwittertem Ansehn, anscheinend die Diener des Dritten, der für den Besitzer einer der französischen Faktoreien an der Küste im Süden galt. Lieutenant de Thérouvigne fand die arme Tank-ki bei seiner schönen Verwandtin, das Chinesen-Mädchen hatte eine solche Anhänglichkeit an seine Beschützerin gewonnen, daß es sie als Dienerin nach Europa begleiten wollte.
Als der französische Dampfer in Thianthsin die Anker lichtete, stand am Ufer die mächtige Gestalt Eisenarms, die Ottermütze schwenkend zum letzten Gruß hinüber nach den Scheidenden. Der französische Kommissair im Hafen hatte Anweisung, seine Ueberfahrt mit dem ersten amerikanischen Schiff nach San Francisco zu vermitteln.
Das Lebewohl, das der ehrliche Trapper winkte, wurde nicht allein von seinem Mündel und Meister Bonifaz, von dem Lord und seinen Gefährten, sondern auch von den beiden rauhen Männern, den Dienern des französischen Kaufherrn lebhaft erwiedert und in drei Sprachen erklang der Ruf: Auf Wiedersehen!
Nur der kleine Professor war unglücklich, daß er von seinem verehrten Freunde, dem mexikanischen Trapper, nicht
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genügendere Nachrichten über die Ruinen der Stadt aus der Vorperiode der Tolteken zu erpressen vermocht hatte. - - - Auf Wiedersehen!


Es ist aus den Zeitungen und den Verhandlungen der französischen Kammer bekannt, daß der General Cousin de Montauban bei der Rückkehr der Expedition nach Frankreich durch eine Kriegsbeute von 60 Millionen Franken die Indulgenz für seine Thaten in China erkaufte.
Die Kaiserin Eugenie besitzt seitdem ein prachtvolles Perlenhalsband.
Als jedoch in der gesetzgebenden Kammer von der Regierung auch für General Montauban eine Dotation beantragt wurde, ermannte sich die bekanntlich in Frankreich sehr laxe öffentliche Moral doch zur unbedingten Verweigerung einer solchen mit der Erklärung, der General habe in China genug gestohlen, um der Dotation nicht zu bedürfen.
General Cousin de Montauban ist zur Entschädigung für diese Undankbarkeit vom Kaiser zum Grafen von Palikao und zum Chef-Commandanten des IV. Armee-Corps (Lyon) ernannt!
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In Berlin.

In seiner Friedenskirche am Park von Sanssouci, das er gleich seinem Ahnherrn, dem großen Friedrich, so sehr geliebt und für das er so Herrliches gethan, hatte König Friedrich Wilhelm IV. die letzte Ruhestätte nach langen geistigen Kämpfen und schweren körperlichen Leiden gefunden.
Wir haben an einer andern Stelle - in dem Abschnitt unserer Zeit-Memoiren, der seine Regierungsperiode schloß - jenen langen Zug durch die eisige Schneedecke sich bewegen sehen, der seinen müden Leib zur irdischen Ruhe geleitete und seinem treuen Freunde den Tod brachte.
Der Regent, der bisherige Prinz von Preußen, hatte den Thron des Heimathlandes bestiegen, aus dem zwölf Jahre vorher die Infamie des berliner Pöbels ihn trieb - seinen besten Sohn, der Preußen groß machen sollte, wie kein Hohenzoller vor Ihm! - jene Demokratie, die sein Haus mit Kreide-Inschrift zum »National-Eigenthum« erklärte.
Könige können Infamien vergessen - die Gnade ist ihr herrliches Recht von Gottes Gnaden! - der Geschichtsschreiber,
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rede er vom Katheder der Hochschule, oder wiederhole er sie im Gewand des Romans, bewahrt das Recht, sie zu brandmarken!
Der Tod des Königs am ersten Tage des Jahrs - obschon man ihn aus leicht begreiflichen Gründen erst am 2. Januar verkündete - warf seine Schatten in das Jahr hinein, wenn auch der Heimgegangene in den letzten Jahren durch seine traurige Krankheit dem öffentlichen Leben so sehr entfremdet worden war, daß selbst unter der Regentschaft schon er von der liberalen Kritik wie ein Todter behandelt und geschmäht werden durfte, eine Thatsache, die tief in die Herzen seiner Freunde schnitt und dem liberalen Ministerium der sogenannten »Neuen Aera« viele Feinde machte.
Die »Saison«, das heißt: die Faschingszeit, die auch im nördlichen Deutschland die Zeit der öffentlichen und privaten Soiréen, Bälle, Schaustellungen und Gesellschaften bildet und in die preußische Residenz den reichen Adel der Provinzen und viele Fremden zieht, war daher sehr still. Die sonst üblichen Opernhaus-Bälle, die glänzende und geschmackvollere Wiederaufnahme der alten Brühl'schen Feste durch den viel angefeindeten aber energischen Leiter der königlichen Schauspiele, den Kammerherrn von Hülsen, waren ausgefallen, ebenso bis auf wenige Conzerte die großen Hoffestlichkeiten; - die öffentlichen Tanzlustbarkeiten bei Kroll und in jenen Lokalen, die bereits stark den pariser Cancan-Character annahmen, waren beschränkt - die Politik trat an die Stelle der Vergnügungen und während sonst die Geigen und Klarinetten die Beine in Bewegung
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setzten, verrückten jetzt die Vereine und Klubs die Köpfe der Leute.
Es war die glorreiche Zeit der Erfindung des »Fortschritts« in Preußen statt der alten »Demokratie«, eine Umtaufe, die sehr geschickt in's Werk gesetzt worden war und viele Gimpel eingefangen hatte, vor Allen die Berliner Philister und Hauseigenthümer, die sich nach den Erfahrungen von Achtundvierzig sehr gescheut hätten, sich »Demokraten« schimpfen zu lassen, aber mit Stolz sich als zur »Fortschrittspartei« gehörig rühmten.
Statt des Faschings tagte in Berlin der Landtag und der »Nationalverein« wirbelte deutsche Staubwolken auf.
Es gährte und brodelte, ohne daß noch der rechte Koch gefunden war, - die vielen Köche verdarben einstweilen den Brei, indem sie Staatsmänner spielen wollten, ohne die Kraft und den Verstand zu haben, das Feuer, das sie schürten, in seinen Schranken halten und richtig verwenden zu können, und man rüttelte an den Pfeilern des alten Preußens, ohne den Oberbau gestützt zu haben und recht zu wissen, was man wollte; - kurz, es war die Zeit des zweiten Ministeriums Auerswald-Schwerin!


Der Februartag war ziemlich kalt gewesen, - jetzt am Abend wirbelte der Schnee in Flocken darch die Straßen. Die Wilhelmsstraße entlang kam in den warmen Paletot gehüllt ein Mann, stieg die breite Rampe vor einem Palais in der Nähe der Linden hinauf und schüttelte den
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Schnee und Schmutz von den Füßen, ehe er in den mäßig erhellten aber wohl erwärmten Flur trat.
Das Haus oder Palais war alt, mit Ausnahme der Rampe in seiner ziemlich langen Façade ohne Prunk, nur ruhig und solid, keinerlei Prachtbau, und den gleichen Charakter zeigte auch das Innere - ein sehr einfaches Foyer, der Steinboden mit einer Laufmatte belegt.
Alles athmete eine gewisse Ruhe und Stille, die wohlthätig berührte.
Zwei Personen befanden sich in dem Foyer, beide in der Livree der Königlichen Dienerschaft, ein Lakei und ein Jäger.
Der Lakei erhob sich von dem Stroh-Divan, der an der Wand hinlief und auf dem sie saßen und kam dem Eingetretenen entgegen.
»Was wünschen Sie? - Ah - Sie sind's, Herr Doktor! Ich erkannte Sie nicht sogleich.«
»Das macht der Paletotkragen und das Cachenez. Es ist ein schändliches Wetter draußen. - Ist der Herr Oberst zu sprechen?«
»Der Herr Baron sind ausgegangen.«
»Und Seine Königliche Hoheit? Wie befindet sich der Prinz?«
»Noch immer leidend - der Winter ist schlimm für uns. Seit dem bösen Fall können Seine Königliche Hoheit Sich noch immer nicht recht erholen. Wir sehnen uns sehr nach dem Frühjahr, um in's Bad und auf den Rheinstein zu gehen.«
»Bitte, empfehlen Sie mich dem Herrn Oberst - ich
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spreche wieder vor, und meine Ehrfurcht seiner Königlichen Hoheit.«
Der Jäger war aufgestanden und gleichfalls herbei gekommen. »Soll ich Sie nicht melden, Herr Doktor? - Der Prinz ist allein.«
»Ich möchte nicht stören - auch bin ich gar nicht darauf eingerichtet.« Er sah an seiner einfachen Kleidung herunter.
Der Lakei lachte. »Na, ich sollte meinen, Sie wüßten das besser. Der Prinz macht mit seinen alten Düsseldorfern nicht so viel Umstände. Sie kommen ohnehin so selten jetzt.«
»Ich störe nicht gern und bin sehr beschäftigt.«
»Seine Königliche Hoheit haben ausdrücklich befohlen, wenn Sie wieder kämen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen, Sie zu melden« sagte der Jäger.
»Wenn das ist, dann thun Sie es gefälligst - aber ich ließe um Verzeihung bitten, daß ich nur im Ueberrock.«
Der Jäger verschwand in der Zimmerflucht zur Linken kam aber nach wenigen Augenblicken zurück. »Seine Königliche Hoheit befehlen den Herrn Doktor zu sprechen.«
Dieser hatte den Paletot abgelegt und seine Toilette möglichst in Ordnung gebracht. Der Jäger öffnete die Thür des einfachen Vorzimmers, in dem ein Buch offen lag zum Einzeichnen der Besuche, dann eine zweite und hob die Portière.
Der Journalist, denn es war ein solcher, der sich so warm nach dem Zustand des Prinzen erkundigt hatte und
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zu ihm befohlen war, trat in das nur von einer Astrallampe mäßig erhellte große Zimmer.
Dasselbe war mit dunklen Tapeten bekleidet, viele Bilder an den Wänden, - ein dicker türkischer Teppich auf dem Boden, die Möbel dunkel, einfach, auf den Tischen viele Mappen, Albums, Bücher - wenig Schriften.
Das Zimmer war leer.
Rechts die Seitenwand war von einem Halbbogen durchbrochen, eine schwere Teppich-Portière verschloß ihn, halb emporgezogen, nur zum Theil. Im Nebenzimmer ein gleiches mildes Licht.
Von dort kam eine Stimme, etwas scharf und dennoch mild und freundlich.
»Kommen Sie herein, Doktor - kommen Sie hierher!«
Der Journalist trat ehrerbietig in das Nebengemach - es war nicht bloß die Ehrerbietung, die der einfache Mann im Leben den am Thron Geborenen so gerne zollt, - es war die aufrichtige von Herzen kommende Verehrung für den Prinzen, der seit Jahren sein freundlicher aufmunternder Schutzherr gewesen war und ihm oft genug die drückende Bürde der kleinen amtlichen Stellung mit Hilfe und Ermunterung erleichtert hatte, bis die große gewaltige Umwälzung des Jahres Achtundvierzig auch hier energisch andere Verhältnisse und Stellungen schuf.
Das anstoßende Gemach war ebenfalls weit und geräumig, - aber eigentlich nur ein Durchgangszimmer, da es nur von den beiden Seiten der Eingänge her das Tageslicht empfing.
Hinter dem halb erhobenen Vorhang war ein Tisch
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von massivem Ebenholz mit Zeitungen und Büchern belegt - eine Astrallampe auf der Mitte stehend, den halbdunklen Schirm nach dem Divan an der Wand gerichtet, verbreitete ein sanftes mildes Licht[.] Auf dem Divan saß oder lag vielmehr der Prinz.
Wer von den Berlinern hat die schlanke vornehme Gestalt in dem dunkelblauen Rock mit dem weißgeränderten Kragen, der Interimsuniform der berühmten schwarzen Kürassiere von Breslau, in früheren Jahren nicht gesehen, wenn sie in dem eleganten Gang so ruhig durch die Linden oder die Gänge des Thiergartens schritt, höflich grüßend selbst fremde Damen, ohne die geckenhafte Coquetterie, die das Alter anderer Volksmänner verunziert - wie Viele bewunderten eben nur den eleganten ältern Offizier ohne zu wissen, daß es ein königlicher Prinz von Preußen war, der so anspruchslos unter dem Publikum sich bewegte. Wie Viele sahen darauf die edle Gestalt in den einfachen grauen Militairmantel gehüllt in dem Wagen mit den niedern Rädern, die das Einsteigen - später das Hineinschieben des Rollstuhls - erleichterten, durch die einsamsten Alleen des Thiergartens fahren und erkannten eben nur aus den Adlern der einfachen Silberborten an den Livreen des Kutschers und Dieners, daß ein Hohenzoller ihnen begegnete.
Es ist merkwürdig und lange nicht genug gewürdigt, wie bürgerlich und ohne Gepräge jene Prinzen des Königshauses, die dem Thron nicht unmittelbar näher standen, sich in den verschiedensten Perioden in dem Leben der Hauptstadt bewegten und noch bewegen, ein eigenthümlich
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schöner Zug der Hohenzollern. Wer erinnert sich in dieser Beziehung nicht an den alten im Publikum so beliebten Prinzen Wilhelm, der sicher keinem der Veteranen mit dem Leierkasten im Thiergarten - die einst Hinkeldey von dort vertreiben wollte und nur auf den energischen Protest der Kreuzzeitung auf Befehl des Königs unbehelligt sein lassen mußte! - seine Gabe zu reichen versäumte.
Hat doch einer seiner beiden Söhne des Vaters stilles Promeniren geerbt.
Seit 1848 bewohnte Prinz Friedrich von Preußen, wieder sein altes stilles Palais in der Wilhelmsstraße, nachdem die traurigen Erfahrungen von Undank, die er in der Zeit am Rhein gemacht, ihn den in 27 glücklichen Jahren liebgewordenen Aufenthalt dort hatte aufgeben lassen.
Prinz Friedrich Wilhelm Ludwig von Preußen, geboren am 30. Oktober 1794, - der einzige Sohn des ritterlichen schon im Alter von 23 Jahren verstorbenen Siegers von Rhein-Türkheim, des Prinzen Ludwig Friedrich Karl, des nächstältesten Bruders Königs Friedrich Wilhelm III. und der Schwester der jedem Preußenherzen heiligen Königin Luise, - war jetzt über die Mitte der Sechsziger hinaus und doch noch immer jene stattliche Erscheinung, welcher einst die wichtige Mission wurde, die neuerworbenen Rheinlande, das in Sitten und Anschauungen, in politischen und kirchlichen Verhältnissen so sehr von den älteren preußischen Provinzen verschiedenen Gebiet, mit dem alten Lande näher zu verbinden und sie zu guten Preußen zu machen.
Nie ist wohl eine derartige schwere politische Aufgabe
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friedlicher, liebenswürdiger und rascher gelöst worden! Wir haben es selbst gesehen, welche große Verehrung und Liebe der Prinz am Rhein genoß und wie schwer später bedauert wurde, daß in dem politischen Taumel des Jahrs 1848 man es zulassen konnte, daß die Brutalität einer demokratischen Bande, an deren Spitze ein jüdischer Verbrecher, eine aristokratische Versunkenheit und ein unruhiger Advokat sich gedrängt hatten, ihn beschimpfte und seinen König und Vetter an seiner Seite mit dem Schmuz der Straße bewerfen durfte! Freilich hat die berliner Stadtverordneten[-]Versammlung zwei Jahr später die unverlöschliche Schande auf sich geladen, es fast nicht besser getrieben zu haben, indem sie - um ihre hohe Unzufriedenheit mit jener glänzenden königlichen Reorganisation der preußischen Armee zu demonstriren, welche nach wenig Zeit ihren königlichen Schöpfer an die Spitze Deutschlands und Europa's stellen sollte - einem königlichen Prinzen und tapfern Kämpfer von 1813 die Folge in seinem Leichenbegängniß verweigerte!
Wie gesagt - die hohe Mission der Könige ist die Gnade und das Vergessen - die unsere ist es, sich zu erinnern!


»Guten Abend, mein Lieber,« sagte der Prinz, dem ehrerbietig sich Nahenden die Hand über den Tisch reichend, - »lassen Sie sich endlich einmal sehen?«
»Königliche Hoheit wollen gnädigst überzeugt sein, daß ich nicht versäumt habe, mich stets nach Höchstihrem Befinden zu erkundigen.«
»Ich weiß, ich weiß - Sie sind einer Derer, die noch
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aus den alten fröhlicheren Zeiten treu festhalten; die Poeten lieben die Ruinen!«
»Königliche Hoheit ...«
»Es ist leider wahr - das Alter kommt einem Jeden! Aber dieser schlimme Fall hat mich um die Hoffnung gebracht, es leichter zu ertragen. - Nun, wie Gott will! Hat doch mein armer Vetter, der König, noch schlimmeres Leid zu tragen gehabt.«
»Darf ich fragen, wie Königliche Hoheit Sich befinden?«
»Das Sitzen kann ich nicht vertragen - es war ein arger Stoß - ich muß stehen oder liegen! - Aber lassen wir das - Nielandt verordnete mir den Rheinstein - hier schickt man mich in das Bad.«
Das Uebel hatte den hohen Herrn um so unangenehmer getroffen, da er früher wegen seiner stattlichen Haltung und seines Ganges bekannt war, den die Damen als das Muster männlicher Eleganz priesen.
»Ich habe eine halbe Stunde für Sie Zeit,« fuhr der Prinz nach der Uhr sehend fort, - »also setzen Sie sich - da - mir gegenüber und lassen Sie uns von alten und neuen Zeiten plaudern. Haben Sie lange Nichts von Düsseldorf gehört?«
»Wenig - seit Stockum ...«
Der Prinz fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Es ist eine unangenehme Erinnerung, an die sich doch so viele heitere knüpfen. Ich wünschte, wir hätten ein Rednertalent wie das seine auf den conservativen Bänken in der Kammer. Es ist ja jetzt die Zeit der Narrensitzungen
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- wissen Sie noch, wie Sie als Kommandant der berühmten Hoppedizgarde zu Roß stolzirten?«
»Jetzt ärgere ich mich über den Unsinn!«
»Wie thöricht! Wer wird sich über die fröhlichen Erinnerungen der Jugend ärgern! Haben doch selbst jetzt sehr fromme Consistorial-Präsidenten lustige Studentenlieder gemacht, die wahrscheinlich dauernder leben werden, als sie selbst. Und doch lag mancher politische Gedanke in all' den närrischen Carnevalspossen. Hier hat man nur den sauren Kern ohne die launige Schaale. Es wird freilich auch dort jetzt anders sein - selbst meine fröhlichen Künstlerkreise sind anders geworden - zerstoben in die Welt - verdorben oder berühmt - nur unser Poet in Farben, Scheuren, ist geblieben. Dadrinnen im Zimmer auf dem Tisch liegen zwei neue köstliche Aquarellen von ihm - er bewahrt sich die Jugend!«
Mit Recht war der Prinz als Beschützer der Künste am Rhein berühmt - wie manches junge Talent hatte er unterstützt und zur Geltung gebracht!
»Nein,« fuhr er fort, »jene Theilnahme an der lustigen Narrheit ist wahrlich nicht das Schlimmste, was wir gethan haben. A propos! Haben Sie Nichts weiter von Betty gehört?«
»Nur einmal sah ich sie wieder - hier im Opernhause.«
»Und doch waren Sie einst schlimm in sie verschossen! Ich höre leider, Sie sind immer noch der Alte und -« er hob warnend den Finger - »das ist nicht gut! Sie
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thun Jemand weh damit, der es nicht verdient um Sie - Sie wissen, wen ich meine!«
Der Journalist beugte sich beschämt und verwirrt.
»Ich bin so viel älter als Sie und deshalb kann ich so sprechen, denn ich habe Sie gern. Glauben Sie mir, man sollte ein treues und braves Herz, das Gott unserem Lebensweg gegeben, niemals betrüben. Hüten Sie sich vor den Französinnen - Sie werden sich besser dabei befinden, wenn Sie alsdann auch schwerlich mehr solche Bücher schreiben.«
Der Prinz hob ein auf dem Tisch unter anderen liegendes Buch hervor und reichte den Titel dem Journalisten.
»Sebastopol?«
»Ich habe es mit Interesse gelesen - Sie haben die Gelegenheit, die der König Ihnen bot, als er Sie statt auf die Festung, nach dem Bosporus schickte, gut benutzt. Aber glauben Sie mir, folgen Sie meinem Rath, damit Sie späterer bitterer Reue entgehen. Und doch - was hilft alles Predigen! In diesem Punkt haben wir Alle unser Register. - Wissen Sie, daß Lasalle hier ist?«
»Ich sah ihn im Hôtel de Rome.«
»Er war auch im Orient.«
»Um seine Thaten am Rhein vergessen zu machen. Wissen Eure Königliche Hoheit, wie er sich hier eingeführt hat?«
»Nein - für mich hat er den Charakter eines Molches, der Alles vergiftet, über das er hinkriecht - ich beschäftige mich nicht gern mit solchen Wesen.«
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»Und doch ist er eine große Kapacität, die noch viel von sich reden machen wird. Ein Gentleman des Bösen, nicht in Art des Mephisto, sondern der finsteren Engel, die Berge gegen den Himmel thürmen, nun - nun, um Sybarit zu sein.«
»Sie kannten ihn ja wohl früher?«
»Auf dem Friedrichsgymnasium in Breslau als schmutzigen Judenjungen mit ungewaschener Nase. Später am Rhein - in dem Chatoullen-Prozeß ...«
Der Prinz machte eine abwehrende Bewegung. »Erinnern Sie mich nicht an die traurige und schmutzige Geschichte. - Sie wollten erzählen, wie er sich hier eingeführt.«
»Auf originelle Weise, die ganz seinem Charakter - halb Gentleman und halb Bagno-Candidat - entspricht. Er wandte sich an den Polizeirath Goltheim, der ihn früher in Düsseldorf beim Beginn seiner socialistischen Umtriebe verhaftete, und bat diesen, ihm die Erlaubniß zum Aufenthalt behufs einer Kur zu vermitteln.«
»Und was will er hier - ist er allein?«
»Augenblicklich noch. Wie ich ihn beurtheile, drängt ihn der Ehrgeiz und die Eitelkeit, die ihn trotz der hohen geistigen Begabung und der Inclination für den Sybaritismus verzehrt, eine Rolle in der neuen Aera zu spielen. Er sagte sich, mit Demokratie und Nationalverein geht's nicht mehr, die Concurrenz Unruh-Schulze-Virchow-Duncker ist in Preußen zu groß, - für die Schützenvereine und Turnerconvente ist Seine Hoheit von Coburg da - es kommt die alte Handelsnatur seiner Race zum Vorschein,
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indem er sich sagte: die Masse muß es bringen, und so spekulirt er auf die Masse - die Arbeiter.«
Der Prinz lachte. »Sie kritisiren scharf!«
»Ich kenne meine Leute. Ein Herz für die Arbeiter hat er nie gehabt und wird es nie haben - er würde sie alle verhungern lassen oder an den Galgen bringen, wenn er damit Minister werden könnte. Da dies seiner Nationalität und Antecedenz nicht möglich, benutzt er sie, um Volksmann und ein berühmter Reformer zu werden.«
»Es hat viel Wahres für sich - ich habe immer gefunden, daß diese Volksmänner und Koryphäen des Liberalismus die schlimmste Willkür und Tyrannei üben, wenn sie zur Macht kommen.«
»Die Zeit ist günstig für derlei Bestrebungen, die neue Aera kokettirt mit ihnen und öffnet Thür und Thor, ehe man noch neue Schranken aufgebaut hat.«
»Fortschritt!«
»So nennt sich die Umwälzung. Aber aller Liberalismus ist unersättlich. Er wird Opfer nach Opfer fordern. Der Knochen, den man ihm hinwirft, macht Appetit nach dem Fleisch.«
»Und was verstehen Sie unter dem hingeworfenen Knochen?«
»Die hohe Polizei. Graf Schwerin wird sich keinen Augenblick bedenken, die ehemals so nützlichen Werkzeuge und Personen den Schreiern zu opfern. Der Londoner >Hermann< wird noch ein Leiborgan des Ministeriums. Wir werden Wunderdinge erleben - politische Verfolgungen nach der andern Seite, vielleicht ehe das Jahr um
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ist! Eure Königliche Hoheit sehen, wie man selbst gegen die Armee und die Reorganisation durch Seine Majestät bereits auftritt!«
»Keine Politik, wenn ich bitten darf. Uebrigens will ich Ihnen doch Eins sagen und Sie werden seine Erfüllung sehen, wenn auch ich nicht mehr - und dann gedenken Sie dieser Stunde.«
»Gott wird Euer Königlichen Hoheit noch lange Jahre schenken!«
»Ich fühle das anders. Doch genug davon. Was ich Ihnen sagen will ist das: Gar Viele, ich glaube die Mehrzahl täuscht sich über das Wesen und Wollen des jetzt regierenden Königs Majestät. Sie wissen vielleicht, daß wir nicht bloß Vettern, sondern auch Jugendfreunde und Jugendgenossen waren, wir Drei - der verstorbene König, König Wilhelm und ich und das in einer Prüfungs- und Leidenszeit, nach der unglücklichen Schlacht von Jena in Königsberg und Memel. Wir Drei traten zusammen in den Dienst, in die Garde, am 3. October 1807 - der König und ich hatten denselben Gouverneur, den damaligen Major von Pirch ruhmvollen Andenkens. So darf ich wohl sagen, daß ich als sein ältester Freund ihn kenne. König Wilhelm hat nicht die ideale und leicht sich begeisternde Natur seines verewigten Bruders, der ja auch Ihnen persönlich wohlwollte - er prüft und entschließt sich langsamer, aber was er für recht und gut befunden, das hält er unwiderruflich fest und setzt es durch. Dazu hat er den biedern und ehrlichen Charakter seines Vaters, ist aber fester und kräftiger. Von der Würde, die ihm Gott
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gegeben, hat er eine hohe und ernste Meinung. Nie wird er die Rechte der Krone opfern - nie hätte er Neufchatel weggegeben. Die Männer, die in ihm eine gute Gelegenheit für das liberale Experimentiren hoffen, täuschen sich schwer. Er läßt jetzt der Zeitströmung ihren Lauf, weil er sich eine wichtigere Aufgabe gestellt hat - jene, die Mittel zu schaffen, Preußen die Stellung wieder zu geben, von der es seit Friedrich dem Großen herabgestiegen ist. Der Verstorbene war ein so guter Deutscher, daß Preußen davon klein blieb. - König Wilhelm ist ein so guter Preuße, daß Deutschland davon groß werden wird. Denken Sie an mich - wenn der König die rechte Zeit gekommen glaubt, wird er mit fester Hand dem Schwindel ein Ende machen.«
Der Journalist wagte keine Bemerkung zu machen. »Das Ministerium Hohenzollern huldigt den liberalen Principien.«
»Wenn der König die Zeit gekommen glaubt, wird er die rechten Leute zu finden wissen zu seinen Intentionen. Schon der Umstand, daß er Roon hält gegenüber dem System Schwerin-Auerswald könnte die Leute belehren. Ich weiß, daß seine Augen bereits auf einen Mann gerichtet sind, der wahrscheinlich berufen sein wird, eine wichtige Rolle zu spielen.«
Der Journalist sah fragend empor.
»Sie kennen ihn persönlich von Achtundvierzig her. Namen nenne ich nicht gern. Ich glaube, wenn Gott dem Könige noch zehn oder zwölf Jahr Kraft und Gesundheit
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läßt, wird seine Regierung eine große Epoche für Preußen und Deutschland bilden.«
Der Prinz schwieg. - Der Journalist wagte natürlich nicht das Nachdenken des hohen Herrn zu unterbrechen. Endlich deutete derselbe auf ein vor ihm aufgeschlagen liegendes Buch hin.
»Ich bin eben dabei, Droysen's Leben General York's zu lesen. Es versetzt mich in meine Jugendzeit. Sie wissen wohl, daß ich damals York's Adjutant war?«
Der Gefragte verneinte.
»Ich war 1812 Stabskapitain geworden und wurde bei der Erhebung der Nation 1813 mit dem Kronprinzen dem Stabe Blücher's zugetheilt. Bei Großgörschen kam ich zum ersten Mal tüchtig in's Feuer - auch bei Bautzen.«
»Eure Königliche Hoheit erhielten ja wohl für die Schlacht das Eiserne Kreuz?«
»Ja - am 31. Mai. Kaiser Alexander hatte mich schon am Tage nach der Schlacht mit dem Georgsorden IV. Klasse bedacht - ich war sehr stolz darauf kann ich Ihnen sagen, einer der ältesten, oder vielmehr jüngsten Träger des Eisernen Kreuzes zu sein. König Friedrich Wilhelm war sehr streng darin! - Bei der Wiedereröffnung des Feldzugs Ende August wurde ich dem Stabe York's zugetheilt und machte in diesem die Schlacht an der Katzbach mit. Der alte Eisenhart schonte die Prinzen und den hohen Adel wahrlich am Wenigsten. Später besaß ich sehr sein Vertrauen. - Seltsam - es kommen mir heute, wohl in Folge des Buchs da, - so viele Erinnerungen. Ich hätte dem gelehrten Herrn Professor vielleicht manches
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Material geben und manchen Zug York's mittheilen können, den ich hier vermisse. So erwähnt er beiläufig, daß der General Gift bei sich getragen hat - ich hätte ihm wohl sagen können, wie er nahe daran war, sich damit zu tödten.«
Der hohe Herr schwieg in Gedanken vertieft; - ein Lächeln edler Erinnerung und Befriedigung lag auf seinen freundlichen Zügen.
»Ich bin zwar kein gelehrter Professor und Geschichtsschreiber,« sagte der Journalist ehrerbietig, - »nur ein sehr kleiner Literat, - dem Königliche Hoheit eine große Gnade erweisen würden, wenn Höchstdieselben jenen Vorgang mittheilen wollten. Ich habe ihn noch in keiner Geschichte gefunden.«
»Nun, da Sie doch vielleicht bald Gelegenheit haben meinen Nekrolog zu schreiben - still, ich weiß was Sie sagen wollen! und ebenso, daß Sie's mit treuem und betrübtem Herzen thun werden! - Sie wissen, daß ich Sie gern habe für Ihr treues Halten zum Königlichen Hause in jener wüsten Zeit, und daß ich Ihnen meine gute Meinung bewahrt habe, selbst als Sie viel angefeindet wurden, sonst wären Sie nicht hier! - also wenn Sie meinen Nekrolog schreiben, sollen Sie wenigstens wissen, warum mir der wackere York seine Freundschaft bis an's Lebensende bewahrte.«
Der Journalist verbeugte sich dankend.
»Es war an der Katzbach, wie ich Ihnen schon gesagt. Ich kam während der wechselnden Kavallerie-Attaken eben von einer Meldung an Blücher zurück und traf den General auf der äußersten Grenze unserer Schlachtlinie, beinahe
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allein, in Beobachtung eines eben stattfindenden neuen Reiter-Angriffs. Der General folgte der Attake in einiger Entfernung zur Seite, als er plötzlich einige hundert Schritt weiterhin im Regendunkel die uns zugekehrte Flanke einer Reiterlinie bemerkt, die er nach ihrer Richtung für eine Abtheilung der Unseren halten mußte. Im höchsten Zorn sprengte der General auf die Colonne los, um sie zum Angriff zu jagen, und ich folgte ihm natürlich. - Da - im letzten Augenblick - wir waren bereits so nahe, daß wir dem Nächsten das Weiße im Auge sehen konnten - erkenne ich mit meinen guten Augen, daß die Haltenden Chasseurs sind. Kaum hatte ich noch Zeit, mich mit meinem Pferd dem General in den Weg zu werfen und ihm zuzurufen: »Franzosen!«
Dies war das einzige Mal, daß ich den ehernen Soldaten bleich werden sah vor Aufregung - aber seine Entschlossenheit blieb dieselbe. Er gab sich verloren, und auch ich zweifelte nicht an unserer sofortigen Gefangennahme. Er aber wollte nicht der Gefangene dieser Feinde sein, die ihn besonders haßten, und ich sah, wie er in die Tasche griff und das Fläschchen mit Gift herauszog, das er in der That für eine solche Gefahr stets bei sich führte. - York erhob es und wollte es eben zum Munde führen, und ich hätte ihn wahrlich nicht daran gehindert, - da sah ich - und in solchen Augenblicken schließt die Dauer eines Athemzugs das Ergebniß langer Beobachtungen ein - daß die Feinde noch gar nicht auf uns aufmerksam geworden waren. Ich faßte seinen Arm und sagte: »Noch nicht - wir sind noch nicht verloren!« - Der General
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wendete darauf langsam sein Pferd, behielt aber das Fläschchen in der Hand. Im selben Augenblick brach die französische Colonne in entgegengesetzter Richtung gegen die preußische Kavallerie los - wir waren Beide gerettet.«
»Euer Königlichen Hoheit dankte der General sein Leben!«
Der Prinz lachte heiter in der Erinnerung. »Wissen Sie, wie er zu danken pflegte? Bei Wartenburg, als er zum Schluß des langen und blutigen Gefechts selbst die Brigade Horn zum Sturm auf den hartbestrittenen Ort führte, schickte er mich unter den Tirailleurs des Leib-Regiments mit zuerst über den Elbdamm, hinter dem der Feind schon seit Stunden allen unsern Anstrengungen getrotzt hatte. In den Gärten von Blandin konnte ich mir mit unsern herrlichen Burschen unter dem Feuer der Franzosen die Pflaumen von den Zweigen pflücken. Ich brachte ihm ein Paar mit. Wen er gern mochte, den behielt er bei sich, während er sich den schlimmsten Gefahren aussetzte. Beim Himmel, es war eine Ehre, aber wahrlich kein Vergnügen, sein Vertrauen zu besitzen! Das merkten wir bei Möckern.«
Der Journalist sah so bittend auf den hohen Erzähler, daß dieser fortfuhr.
»Ich kam schwer erschöpft von dem ermüdendsten Adjutanten-Dienst grade noch zeitig genug zurück, als York an dem Sieg verzweifelnd selbst die brandenburgische Reiterei zum Angriff gegen die feindlichen Colonnen führte, und hatte die Ehre, mit ihm an der Spitze des zweiten Leibhusaren-Regiments zwei Quarré's sprengen zu müssen,
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denen wir die Fahnen nahmen, und die herbeieilenden würtembergischen Dragoner und die französischen Jäger zu werfen, daß die Bursche in ihrer wilden Flucht eine ihrer eigenen Batterien nieder ritten, die uns sonst wohl übel mitgespielt hätte. In diesem Augenblick kam Graf Brandenburg herbeigejagt und meldete unsern Sieg auf dem linken Flügel. Da wirbelte kaum zweihundert Schritt vor uns auf's Neue der Sturmangriff der Franzosen, in zwei großen Colonnen wogten die französischen und italienischen Marine-Garden heran. Die Gefahr war schrecklich, der Augenblick verhängnißvoll, als das letzte unserer Regimenter, die litthauischen Dragoner, aus der Reserve auf den Kampfplatz die Höhe heraufreitet. Ich sehe ihn noch vor mir, den General, wie er ihnen entgegen sprengt: »Dragoner - die schenke ich Euch! Marsch! Marsch! Es lebe der König!« und Hurrah gings darauf - damals stak ich arg im Handgemenge, das kann ich Ihnen sagen, aber es ist doch hübsch um die Erinnerung, und das fühlt jeder preußische Soldat! - Später suchten Schack, Dietrich und ich, die wir uns zusammengefunden, lange den General und wären dabei beinahe wieder der französischen Infanterie jenseits Möckern in die Hände gefallen. Nur unsere guten Pferde retteten uns.«
»Euer Königliche Hoheit waren der Gefangennahme oft sehr nahe!«
»Das kommt so vor im Soldatenleben. - Einer hilft da dem Andern aus der Patsche. Das erinnert mich an ein lustiges Abenteuer auf der Wartburg, das mir beiläufig einen tüchtigen Zopf des Generals eintrug.«
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»Ich - habe nie davon gehört!«
»Glaub's wohl! Unsere Zeitungsschreiber von Dreizehn und Vierzehn hatten Besseres zu thun und waren auch nicht solche Anekdotenjäger, wie die heutigen. Als nach der Schlacht bei Leipzig der Marsch unseres Corps über Eisenach unter der Wartburg vorüberging, bat ich den General um die Erlaubniß, die Burg besuchen zu dürfen, erhielt sie und ritt, nur von Oberst Pirch II. und einem Reitknecht begleitet zur Burg hinauf, wo ich bereits einige russische Soldaten und Preußen fand, die wie mich die Neugier hinauf getrieben hatte. Der Kastellan führte mich umher, als er plötzlich durch ein Fenster sehend schreit: »Gott im Himmel - die Franzosen!« In der That sah man auch eine starke Abtheilung, wahrscheinlich von der Schlacht Versprengter, der Burg sich nähern. Der Kastellan war so konsternirt, daß er das Schlüsselbund fallen ließ und sich nicht zu rathen und zu helfen wußte. Ich griff es auf und rannte mit Pirch nach dem Thor, um es zu schließen; während der Oberst, der Russisch verstand, die Russen ansprach und sie zur Vertheidigung ermunterte, sammelte ich die wenigen Deutschen und empfing die herbeikommenden Franzosen mit Flintenschüssen. Diese glaubten das Schloß besetzt und machten eilig kehrt. York hatte das Schießen gehört, und sandte schnell eine Kompagnie uns zu helfen, aber ehe diese den Berg erstiegen, waren die Franzosen auf und davon und wir hatten uns selbst befreit. Das ist meine Erinnerung an die Wartburg, die neulich im Tannhäuser wieder wach wurde. - Aber um auf etwas Interessanteres zu
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kommen - wissen Sie wohl, wer mit dieser kleinen scandaleusen Geschichte in der Gerichtszeitung gemeint ist?«
Er nahm das Blatt aus den Papieren und reichte es dem Journalisten.
»Eine Baronin X..., die sich seit zwei oder drei Monaten hier aufhält und ganz in Eurer Hoheit Nähe wohnt - in der Behrenstraße. Die Anekdote spielt mit einem Attaché der portugiesischen Gesandtschaft und dem auswärtigen Ministerium.«
»Ich dachte mir's fast - ich habe die Dame mehrfach vorbeikommen sehen - einen blauen Sammetmantel! - Neulich sah ich Sie selbst vorüber kommen mit einem Knaben, einem hübsch aufgeschossenen jungen Menschen - Ihr Sohn?«
Der Journalist bejahte.
»Und was wollen Sie daraus machen?«
»Einen Soldaten!«
»Hm - im Grunde haben Sie Recht - den Soldaten und den Juden gehört am Ende die Zukunft. Es geht eigenthümlich in der Welt - der Sohn des Poeten will Soldat werden, und der Sohn des Soldaten, der meine, ein Poet, ein Beweis, daß bei uns der Kastengeist nicht existirt.«
»Da Königliche Hoheit von Soldaten und Juden sprechen, erlaube ich mir unterthänigst, Höchstdero Gnade für einen braven Soldaten zu erbitten.«
»Sie wissen, daß ich nicht mehr im Dienst bin und nur ungern mich in Sachen mische, die mich Nichts angehen. - Aber erzählen Sie immerhin.«
»Im Hof des Hauses, in dem ich wohne, - wohnt
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ein armes unglückliches Mädchen. Während sie sich auswärts in Condition im Hause eines reichen Bankiers befand, verloren ihre Eltern, brave kleine Handwerksleute, durch eine Bürgschaft und ein schurkisches Wuchersystem ihre ganze Habe und gaben sich aus Verzweiflung selbst den Tod.«
»Arme Menschen!«
»Sie haben zwei Kinder hinterlassen - das Mädchen, von dem ich sprach, und einen Sohn, Unteroffizier im Kaiser-Franz Regiment, ein sehr ehrenwerther aber in seinen Anschauungen von Ehre sehr strenger Mensch. Als derselbe nun kürzlich dahinter gekommen, daß seine Schwester - während ihrer Dienstzeit - einen Fehltritt gethan, was sie so lange zu verheimlichen wußte, bis sie von einem Knaben entbunden wurde, gerieth er in solche Aufregung darüber, daß er sie und das Kind tödten wollte. Nur mit Mühe konnte er daran durch die Nachbarn verhindert werden, wobei er sich soweit vergaß, den herbeigeholten Schutzmann mit dem Säbel zu mißhandeln. Der Bedauernswerthe ist zur Degradation und drei Jahr Festung vom Kriegsgericht verurtheilt worden.«
»Der Fall ist in der That traurig, aber schwer zu helfen. Indeß - schreiben Sie mir Namen und Näheres auf. Und das Mädchen? Sorgt der Vater ihres Kindes für sie?«
»Sie weigerte sich, seinen Namen zu nennen, selbst unter dem Säbel ihres Bruders. Sie ist in der höchsten Armuth - nur das Mitleid der Hausbewohner unterstützt sie.«
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Der Prinz wiegte nachdenkend den Kopf. »Ich habe immer geglaubt, daß das rheinische Gesetz, so viel Vorzüge es in vielen Fällen hat, in anderen sehr ungerecht und grausam ist. Wie leicht ist ein armes Mädchen verführt oder gezwungen. Nur den Leichtsinnigen und Spekulativen sollte man alles Anrecht verweigern. - Aber -« er sah empor nach der Uhr an der Wand gegenüber - »ich fürchte, die Zeit, die ich Ihnen widmen konnte, geht zu Ende. Wollen Sie so gut sein und mir jene Chatoulle herüber reichen, die da drüben auf dem Boultisch unter der Uhr steht?!«
Der Journalist hatte sich respektvoll bei der ersten Andeutung der Entlassung erhoben. Jetzt trug er dienstbeflissen die Chatoulle herbei und setzte sie vor seinen hohen Gönner.
Der Prinz schloß sie auf. »Erinnern Sie sich dieses Kastens?«
»Gewiß, Königliche Hoheit. Euer Königliche Hoheit nahmen aus demselben das Terzerol, das Sie mir für alle Gefahr am Abend des Zeughaussturms gaben, als ich dahin gehen wollte.«
»Und haben Sie es noch?«
»Es ist mir ein theures Andenken.«
»Dann scheinen Sie die Waffen mehr zu lieben, als zum Beispiel Busennadeln. Warum tragen Sie die nicht mehr, die Ihnen die Prinzessin für den Theaterprolog an unserer silbernen Hochzeit verehrte? Wissen Sie, die Grabowski sprach ihn. Die ist nun auch todt. Haben Sie nicht gefunden, daß unsere Lavallade ihr sehr ähnlich ist?«
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Der Journalist war sehr verlegen. »Eure Königliche Hoheit werden doch nicht glauben ...«
»Nein, nein - ich weiß es von Knobelsdorff, daß sie Ihnen gestohlen wurde, schon im Sommer Achtundvierzig von einem der fliegenden Buchhändler, als Sie damals die reaktionairen Plakate schrieben und anschlagen ließen. Ich hatte mich nicht in Ihnen getäuscht - Sie haben sich damals als guter Royalist bewährt, deshalb vertraue ich Ihnen noch. Aber ich wünsche nicht, daß Sie ohne Andenken an mich sind; da - hier liegen schon seit zwei Jahren ein Paar Etuis - Sie sollen sich eine andere zum Ersatz wählen und sie zu meinem Andenken tragen, wenn ich nicht mehr bin!«
»Königliche Hoheit - diese Gnade ...«
»Nichts da - ich befehle es Ihnen! Wer weiß, ob und wann wir uns wiedersehen. Nach der Badekur gehe ich nach meinem lieben Rheinstein, wo ich einst jung und glücklich war in fröhlichen Kreisen - ohne die Last des Ranges! - Damals - als auch sie noch ... Wenn Sie später einmal der Dampfer an meiner lieben Burg vorüberträgt, dann besuchen Sie hoffentlich mich wieder, wenn auch das Haus, das mich dort einschließt - ein sehr enges ist!«
»Königliche Hoheit ...« die Thränen rannen dem Mann der Feder, den wahrlich nicht leicht etwas erschütterte, über die Wangen.
»Da - nehmen Sie! und dies - geben Sie das dem armen Mädchen. Ich wünschte mehr für sie thun zu können, aber der Hilfsbedürftigen sind so viele!« -
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Ein leises Klopfen an der Thür nach der Gartenseite, unterbrach den fürstlichen Herrn.
»So - nun gehen Sie und leben Sie recht wohl. Und nochmals - halten Sie das Glück in Ehren, noch eine brave aufopfernde Frau zu haben. Ich will von keinen Abenteuern mehr hören.«
Einen Kuß auf die Hand des gütigen Fürsten - dann schloß sich die Portière und die Thür.
Der Journalist hat den hohen Herrn, jenen ächten Cavalier unter den Prinzen, den Prinzen unter den Cavalieren, erst auf seinem einsamen Sterbebett wieder gesehn. Er stand bei seinem Sarg - dem die berliner Stadtverordneten das Geleit weigerten - an jenem stillen Abend im Dom, als sein treuer Adjutant nieder mit ihm sank aus dem Schiff der Kirche zu der Gruft der Königlichen Hohenzollern, und folgte ihm, als sie ihn hinwegführten zur schönen Felsenburg, an deren Grundvesten die grünen Wellen des Rheinstroms sich brechen.
Ehre und Treue seinem Gedächtniß!


Der Journalist hatte durch das Schneegestöber seinen Weg die Linden hinauf genommen; - obschon es noch früh am Abend und die Theater noch nicht einmal zu Ende waren und die meisten Schaufenster noch ihr glänzendes Licht auf das Trottoir warfen, jenes Trottoir, das die erleuchtete Consequenz der berliner Polizei in einigen Vierteln der Hauptstadt während des Winters zu wässrigem Berg und Thal, in andern zur spiegelglatten Mausefalle
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für Arm und Beinbrüche machen läßt, - es war nur wenig Publikum auf den Straßen. Berlin zeichnet sich dadurch aus, daß schon um 11 Uhr vollständige Ruhe auf den Straßen herrscht. Auch war die Zeit gekommen, wo die Väter der Stadt die Straßenpolizei reduziren durften, damit ja kein Dieb, kein Hutantreiber oder lüderliches Frauenzimmer in seinem ehrenwerthen Gewerbe auf den Straßen genirt werde, Alles zur Ersparung für den Kämmereisäckel, damit dieser Fonds oder wenigstens Kredit behalte für etwaigen Ankauf von wüsten Ländereien und alten Häusern, die einigen Vätern der Stadt oder deren guten Freunden und Verwandten gehörten, sowie zu Prachtbauten, Generositäten und Huster'sche Speisekarten, - kurz, es hätte dreist irgend einem beliebigen Wanderer auf der schönsten Promenade Berlins die Kehle zugeschnürt werden können, ohne daß einer der sonst üblichen Sicherheitswächter zu finden gewesen wäre, außer in der warmen Büreaustube, zitternd und zagend, daß auch ihn die gewaltige Hand der plötzlich erschrecklich liberal gewordenen Staatsanwaltschaft und Oberstaatsanwaltschaft beim Kragen fassen, oder der Londoner »Hermann« ihn als faules und gefährliches Glied am wachsenden Staatsbaum denunziren dürfte gleich seinen hohen Vorgesetzten, - bloß weil sie das Unglück hatten, aus der Epoche Manteuffel zu datiren. In der That, es waren schon in der kurzen Zeit der neuen Aera gewaltige Umwälzungen vor sich gegangen. Die Männer, die vor 12 Jahren als Hochverräther und Staatsumstürzler mit Bayonnetten aus den parlamentarischen Sitzungssälen geworfen und geächtet worden waren,
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führten heute wieder das große Wort und machten selbst dem liberalen Ministerium Opposition, und die Schlagworte der alten Burschenschaft, für deren Verwirklichung einst so manche wackere Herzen im Kerker verbitterten oder in fernen Ländern verbluteten, flogen in kecken Phrasen jetzt frei durch Presse und Rede, freilich vorerst noch auf der Basis von Turn- und Schützenvereinen und leidigen Sängerfesten unter coburger Hoheit.
Das vorige System und die vorige Regierung war ohne Sympathien gefallen, ihr Abgang sogar ziemlich schäbig, wie die ganze getriebene Büreaupolitik ohne jeden höheren Aufschwung. Erinnerungen, wie den Schimmel von Bronzell, die Blame von Olmütz, die Drohung von Warschau und die traurige Opferung der Royalisten von Neufchatel konnte im Grunde kein Preußenherz vergeben. Aber auch der neuen Politik und dem neuen Ministerium fehlte noch jeder höhere Aufschwung; der gute Wille, constitutionell zu sein, wirkte gleich einer Purganz, die schlechte und gute Stoffe laxirte, wobei es ohne Leibschmerzen nicht abging.
Aus dem Thorbogen der kleinen Mauerstraße kamen zwei Männer und gingen vor dem Journalisten her das Trottoir entlang. Unwillkürlich mußte er einen Theil ihres Gesprächs mit anhören.
Der Eine war ein kleiner Mann, von zierlicher Figur in einem für die Witterung etwas dünnen und abgetragenen Paletot, der Andere, in einen Carbonari gehüllt, den Hut tief in die Augen gedrückt, eine stattlichere
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Gestalt. Die Unterhaltung wurde bald französisch, bald italienisch geführt, in beiden Sprachen mit Geläufigkeit.
Einen Augenblick blieben Beide vor dem russischen Gesandtschaftspalais stehen, dessen Einfahrt trotz des schlechten Wetters weit offen stand.
»Was sie hier wohl denken mögen über die Vorgänge in Warschau?« sagte der Größere spöttisch. »Ob sie wirklich meinen, daß ein Volk sich mit Peletonfeuer und Kosackenpferden auf das Pflaster seiner Kirchen werfen läßt, ohne der Rache und Vergeltung sicher zu sein!«
»Ich begreife die Vorgänge in der That selbst nicht,« bemerkte der Kleinere - »diese Aufopferung ohne Widerstand liegt doch gar nicht im polnischen Charakter. Das Blut ist nutzlos vergossen.«
»Glauben Sie das nicht! Gerade die Märtyrer haben der Welt die Befreiung gebracht, sei es von geistigem, sei es von politischem Druck. Ohne vorher gegangenes Märtyrerthum keine Erhebung. Und bei Gott, Cecilia, die Leiden des heiligen Laurentius auf seinem glühenden Rost waren sybaritische Freuden gegen das, was Polen jetzt erduldet! Aber Geduld! Geduld! Der Tag der Rache wird kommen!«
»Warum zögert man in Warschau mit dem Ausbruch?«
»Man ist noch nicht vorbereitet genug - das Central-Comité in Paris verlangt noch eine Frist von zwei oder drei Jahren. Einstweilen wird Blut gesät.«
»Das Central-Comité in Paris!« sagte der Kleine höhnisch. »Glauben Sie denn wirklich, daß es etwas Anderes
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ist, als die bloße Vogelscheuche für Rußland in der Hand dieses Bonaparte? Schon sein Oheim, der doch ein anderer Mann war, opferte Ihre Besten seinem Ehrgeiz, und da diesem elenden Zerrbild des Schlachtenkaisers das Schwert fehlt, sucht er mit Ränken und Intriguen sich Macht und Einfluß zu bewahren. Glauben Sie mir - nicht einen Tag würde er die polnische Emigration in Frankreich dulden, noch ihr einen Franken der jämmerlichen Unterstützung fortzahlen, wenn er in ihr nicht eine Handhabe wüßte, um von Zeit zu Zeit Rußland, Oesterreich oder Preußen zu bedrohen.«
»Czartoriski ist unabhängig!«
»Aber eitel, unentschlossen und den politischen Einflüsterungen zugänglich. Die Prinzessin Mathilde und dieser Prinz Jérome besuchen nicht ohne Absicht seine Salons. Glauben Sie mir, ich kenne den Boden von Paris besser als Sie. Dort ist die Reinigung, die Abschüttelung des Jochs nöthiger, als irgendwo!«
»Ich glaube nicht, daß eine Revolution in Paris Aussicht auf Erfolg hat. Auch sehe ich den Zweck nicht ein.«
»Weil Sie selbst Aristokrat sind, weil Sie unter Revolution nur das Stürzen eines Despoten verstehen, um einen andern an seine Stelle zu sehen. Sie wollen ein Königreich Polen, einen polnischen König, statt eines russischen Czaren, mit Wiederherstellung aller Rechte des Adels und der Reichen und Vornehmen. Nein, Freund, was ich unter Revolution verstehe, das ist etwas Anderes. Das ist der Umsturz dieser Tyrannei, die nicht bloß ein König oder Kaiser ausübt, sondern jene ganze Gesellschaft, die
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von dem Schweiß und Blut des armen Mannes, des Arbeiters sich mästet. Die Throne, der Adel, die Soldaten, die Pfaffen, der feiste reiche Bourgeois, - kurz die Besitzenden, jene Blutsauger des Volks, die ungerechten alleinigen Träger der Güter der Erde, zu der doch Alle gleich berechtigt sind!«
»Sie sind Kommunist!«
»Nennen Sie es, wie Sie wollen - Socialist oder Kommunist, aber sein Sie überzengt, daß der socialen Revolution allein die Zukunft gehört. Deshalb wird auch Ihre polnische Revolution, - ob Sie sie heute oder in drei Jahren machen, - scheitern, weil sie nur eine Revolution der Aristokraten sein soll und Sie nicht die Rechte der Arbeiter? das ist des Volks, auf Ihre Fahnen schreiben. Ich habe es Miroslawski gesagt, ich wiederhole es Ihnen! Eine gemeinsame europäische sociale Republik - Untergang jeder Klassenherrschaft, das ist das, was wir erstreben müssen.«
»Ich glaube nicht, daß Sie mit der europäischen Republik viel Glück haben werden,« sagte der Pole kalt. »Die Führer der europäischen Bewegung wollen nur die Freiheit der Nationalitäten!«
»Ha - glauben Sie das nicht! Garibaldi, Mazzini, Ledru-Rollin, Marx, Pyat - unser gefesselter Bakunin, - Herzen - selbst Miroslawski - sie Alle sind von dem großen Gedanken durchdrungen. Ihre Liga polska ist nur eine Section der großen Verbindung, die bereits ihre Netze über die Welt zu spannen beginnt. Noch kämpfen wir nur mit dem Gedanken, mit Wort und Schrift, um
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das Proletariat zur Erkenntniß seiner Macht und seines Rechts zu bringen; aber die Zeit wird kommen, wo die Kommune ihre Barrikaden in Madrid wie in Petersburg, in London wie in Paris, in Berlin wie in Rom und Brüssel baut, und Alles vernichtet, was ihr hindernd entgegentritt.«
»Bei diesen Gesinnungen und der unvorsichtigen Weise, mit der Sie dieselben Jedermann in's Gesicht werfen, nimmt es mich nicht Wunder, daß man Sie aus Berlin ausgewiesen hat.«
»Es ist eine erbärmliche Feigheit - eine Intrigue des Bonapartismus, der mich der preußischen Polizei denuncirt hat! Diese Regierung nennt sich liberal, und ist keinen Pfifferling besser als die pariser Polizeiwirthschaft. Warum duldet sie Herrn Lasalle, der doch offen dieselben Gesinnungen hegt, während sie mich fortjagt? Bloß weil der Eine jüdischer A[b]stammung und reich ist, und ich, - der lumpige Sprachlehrer La Cecilia, nur ein armer Teufel bin, der keine lukullischen Soupers geben kann. Warum haben Sie die Ungerechtigkeit, daß man mich, angeblich wegen Mangels an Existenzmitteln ausweist, heute nicht in der Kammer zur Sprache gebracht, da ich es Ihnen doch sofort schrieb?«
»Das wäre eine große Thorheit gewesen. Die polnische Fraction wird ohnehin mit Mißtrauen angesehen, und selbst diese deutschen Liberalen schmeicheln uns nur, wo sie unser Votum brauchen, wo wir aber unser nationales Recht verlangen, lassen sie uns im Stich. Daß ich dies nicht mit Ihrer Person thue, sehen Sie aus dem
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Rendezvous, das ich Ihnen gab um Ihnen die Unterstützung anzubieten, die uns die Verhältnisse erlauben. Wohin wollen Sie sich wenden?«
»Ich habe von einem Freund aus der demokratischen Presse eine Empfehlung an ein Institut in Thüringen erhalten. Ich kann dort als Lehrer dies elende Leben fristen, bis sich irgend eine Gelegenheit bietet!«
»Und wann wollen Sie reisen?«
»Morgen mit der Anhalter Bahn. Ich habe heute Abend nur noch in einem Verein wackerer Gesinnungsgenossen Abschied zu nehmen, nicht Aristokraten wie Sie, sondern Arbeiter, Proletarier mit schwieligen Händen und russigem Gesicht!«
»Und schrecklichem Durst!« sagte der Andere spöttisch. »So - hier sind wir an der Friedrichs-Straße und mein Weg geht rechts ab!«
»Zu Béfour Ewest! wir kennen das!«
»Zum Teufel mit ihm! Wir haben ihn noch von Achtundvierzig im Magen mit seiner Demokratenfalle am Gensdarmenmarkt! - ich habe ein Rendezvous bei Borchardt - es ist neutraler Boden, die ganze Diplomatie und die Crême aller Parteien verkehrt dort. Wir dürfen uns nicht ausschließen. So leben Sie denn wohl und schicken Sie Ihre Briefe nach Dresden. Sie wissen die Adresse.«
»Gute Nacht denn und - gutes Märtyrerthum! ich bin nicht so geduldig wie das polnische Blut.«
»Wenn es an der Zeit ist, wird es sein Kapital hundertfach in russischem einkassiren! Leben Sie wohl!«
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Der Mann im Carbonari drückte die Hand des Andern und ließ ein Papier darin zurück - dann schritt er rasch die Friedrichs-Straße entlang. Der Kleine im schäbigen Paletot sah ihm finster nach, darauf trat er an die Laterne und nahm das Papier, das Jener ihm gegeben, nahe an die Augen, denn er schien sehr kurzsichtig.
»Ein Fünfundzwanzig-Thalerschein« murmelte er. »Die Lumpen! - aber wenigstens genug, um diese deutschen Thiere trunken zu machen und morgen das Fahrgeld zu bezahlen. Ich wünschte, ich könnte die ganze Aristokratenbande in die Luft sprengen!«
Er ging die Linden weiter. - -
Der Journalist war nur kurze Zeit den Beiden gefolgt - die revolutionairen Floskeln, so weit er sie verstanden, waren ihm nichts Neues, man hörte sie jetzt wieder zur Genüge in allen Klubs und Vereinen, wie vor zwölf Jahren. Er war schon vor dem Polen in die Behrenstraße eingebogen und trat in das Lokal ein, das Jener gescheut hatte.
Die allen Besuchern des Lokals bekannten prächtigen Doggen - der gelbe Ali und der schwarzgraue Mobs kamen ihm zutraulich entgegen. Er sah einen Augenblick in das Büffet, wo die wohlbekannte Gestalt des Besitzers mit der grolligen Miene und der fieberischen Thätigkeit hinter dem Hauptbuch saß und mit einem Kellner krakehlte, der eine Portion Lachs für Nummer Fünf vergessen hatte anzugeben.
»Geschwinde das Gas angesteckt auf Vier - der
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Hofrath kommt gleich nach der Oper. Stellen Sie zwei Flaschen Mouet auf Eis!«
»Teufel was wird Brebeck sagen - ich denke man trinkt bei Dir blos Jacqueson?«
»Ah - Du bist's Doktor! Unsinn! Ich gebe meinen Gästen, was sie bestellen. - Fritz - einen Teller mit Dessert nach Nummer Drei - aber nicht zu viel Rosinen und Mandeln! - Der Koch kann die Poularde von vorgestern nehmen! - Ich sage Dir, Doktor - der Undank der Regierung ist skandalös. Man wird Manteuffel noch einmal sehr vermissen. Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht mein Geschäft aufgebe - es ist kein wahrer Adel mehr in der Welt. - Zwei Dutzend Austern auf Zwei - nehmen Sie Natives, der Preis ist höher! - Drin sitzt der Professor, er wird alle Tage dicker! Was der Mensch vertragen kann - diese Nacht um vier Uhr sollt ich noch Sechsundsechzig mit ihm spielen. - Karl - wo will die Dame hin?«
»Sie frägt nach Graf Arco.«
»Führe sie auf Nummer Sechs ... die halbe Gesellschaft ist bereits dort. Drei Flaschen Leoville! - vergiß nicht zu sagen, daß das Rostbeaf ganz frisch ist! - Was sagst Du zu dem famosen Antrag der Rechten für die Kosten der Armee-Organisation? Drüben im Saal ist er beschlossen worden! - Ich muß wahrhaftig wieder nach Wiesbaden, sobald es nur irgend warm wird! Ich kann nicht von der Stelle.«
»Wahrscheinlich hast Du die ganze Nacht wieder champagnert! Du siehst sehr verschwollen aus!«
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»Unsinn! Die verteufelte Gicht! Aber ich kann mich auf keinen Menschen verlassen - weißt Du keinen tüchtigen Mann, den ich in's Geschäft nehmen könnte?«
Der Journalist lachte. »Damit Du ihn nächstens wieder hinauswirfst und ein Paar Tausend hinterdrein. Hat Niemand nach mir gefragt?«
»Ja, drüben im Salon zwei Herren - ich kenne sie nicht. Sag einmal - ist der Eine nicht - ich dächte, ich müßte ihn kennen! Er war früher mit Graf Pinto hier!«
»Zwei - ich weiß nur von Einem!«
»Na - sieh zu! - ich komme dann hinüber! - Zu was braucht der Koch Burgunder? - er soll von dem gewöhnlichen Rothwein nehmen! - Fritz, der Professor ruft! Eine neue Flasche - ich komme gleich! - Diener Herr Baron! Sie haben doch die Kiste mit dem Rothwein und den Cigarren bekommen?«
Der Journalist war gegenüber in das allgemeine Restaurationszimmer getreten. Zwei Herren saßen an dem gedeckten Tisch in der Ecke.
»Ah - endlich! Wir rechneten schon nicht mehr auf Sie! - Die Herren kennen sich?«
»Ich kenne den Herrn Generalconsul, weiß aber nicht - ob er mich wiedererkennt.«
Der Kleinere der Beiden, eine zierliche Figur mit schmalem klugem Gesicht und sehr diplomatischer Gemessenheit ließ diese einige Augenblicke fahren. »Ich bin im Unrecht gegen Sie, alter Freund - lassen Sie mich jetzt, wo ich Freunde brauche, mein Benehmen nicht entgelten;
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Sie waren selbst daran schuld, weil Sie gar nicht geschrieben hatten und man mich aufredete - wie gesagt, ich hatte Unrecht! Denken Sie lieber, wir hätten uns seit jenem Sonnenuntergang in Smyrna, als die Khawassenbande vergeblich nach unserem fameusen Jan Katarchie in den Bergen streifte, nicht wiedergesehen!«
»Das ist Alles, was ich verlange, und so soll es seyn! Es war ein herrlicher Abend - schade, daß er so blutig endete. Meine Trägheit im Briefschreiben war schuld, daß Sie von Konstantinopel Nichts von mir vernahmen. Aber wie ich höre, stehen Sie unter Anklage?«
»Graf Lippe will seine Ministersporen an mir verdienen - die Sache ist aber so empörend wie lächerlich. Ein paar alte Stühle aus dem Inventar, die auf dem Boden des Consulats die Motten gefressen, und ein Flaggenbaum, der zu hoch berechnet sein soll. Eine Gemeinheit, im Auswärtigen, die in der ganzen diplomatischen Welt die höchste Entrüstung erregt hat. Meine sämtlichen Kollegen in Smyrna haben mir ihre Sympathie ausgesprochen. Aber die Sache ist einfach, daß man mich beseitigen will, weil ich ein Anhänger und Schützling Manteuffel's war -«
»Der auch schäbig gegangen und abgegangen wurde. - Er mußte die Ehren mit Selbstbewußtseyn annehmen, die ihm geboten wurden, nicht grollend scheiden, wie ein Hund, der von der Schüssel vertrieben worden. Bei allen schweren Sünden - Erfurt, Olmütz, Bronzell, Neuenburg - es hat unbestritten auch hohe Verdienste, weniger um Preußen, als den Königsthron, und seine zähe Natur war
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es, die das Staatsschiff aus den Wogen der Märzstürme wieder an einen festen Strand bringen ließ. Er war sicher kein großer Staatsmann, aber ein zuverlässiger Minister. Viele seiner Fehler und Erfolge lagen wohl an dem Charakter des armen Königs.«
»Bis jetzt ist wenig Anschein, daß es besser wird!«
»Ich gebe es zu - der Zustand ist ein Kessel, in dem sich Allerlei braut, Gott allein weiß es, ob Gutes oder Schlimmes. Eine der unglücklichsten Liebhabereien Manteuffel's war, sich mit schofeln und unfähigen Subjecten zu umgeben und ihnen sein Ohr zu leihen. Honny soit, qui mal y pense - ich rede natürlich nicht von den beiden Herren! Aber es ist so - im Ministerium, in der Polizei, in den Kammern, in der Presse! Was jetzt nicht fortgeschickt wird, weiß wenigstens speichelleckerisch den Mantel zu drehen. -«
Alle Drei lachten. »So viel ist sicher,« sagte der Größere der Beiden, die den Journalisten empfangen, »das französische Sprüchwort travailler pour le roi de Prusse trifft den Nagel auf den Kopf. In Preußen darf man um Himmelswillen nicht aus den Schranken der gewohnten Bureau-Carrière treten. Haben Sie niemals bereut, Ihr Fach aufgegeben zu haben, Doktor?«
»Niemals bis jetzt. Ich kam ziemlich willenlos dazu, da mein braver Vater nicht die Mittel hatte, mich studiren zu lassen, als seine alte Gönnerin, die würdige Fürstin Hatzfeldt - Sie erinnern sich ihrer Geschichte mit dem ersten Napoleon am Kamin des Königlichen Schlosses - mir heißen Kaffee über die Beine goß und zum Ersatz mich
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Nagler zum Postschreiber empfahl. Wenigstens habe ich in den fünfzehn schönen Jahren, die ick in dem drückenden Dienst verlor, einen Fonds von Arbeitskraft bei Tag und Nacht gewonnen, und das Beste, eine gute und tüchtige Frau gefunden.«
»Und Sie traten Achtundvierzig aus?«
»Ich war den Winter über krank gewesen, und sollte in's Bad. Der 18. März war wie ein Wirbelwind gekommen, auch am Rhein brachte er große Veränderungen in der Presse, der ich mich in meinen Freistunden schon längst gewidmet. Das Hauptorgan der Conservativen und der Regierung war damals der Rheinische Beobachter in Köln unter Bercht. Graf Arnim, in vielen Stücken ein geistreicher Staatsmann, hatte ihn in's Leben gerufen. Mit dem Sturz der Regierung und dem Ueberfluthen der revolutionairen Presse machte sich damals das Bedürfniß nach einem tüchtigen conservativen königstreuen Organ so bemerkbar, daß das Abonnement auf dies einzige noch existirende zum 12. April auf mehr als das Doppelte stieg. Da ging dem lieben alten Frankfurter Professor die Kourage aus, weil die Kölner Jungens ihm eines Abends die Fenster eingeworfen hatten, und hinter unserem Rücken - ohne daß Jemand eine Ahnung hatte, - kündigte er zum Ersten das Aufhören der Zeitung an und flüchtete davon.«
»Ich erinnere mich der Sensation, die es machte.«
»Ich verband mich damals mit Weisbrodt, dem von Graf Arnim angestellten Redakteur der Barmer Zeitung, und meinem Schwager, dem bekannten Redakteur der Elberfelder Zeitung, Dr. Benno Rave, um ein großes politisches
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conservatives Journal wieder am Rhein erstehen zu lassen. Ich legte den Plan dazu schriftlich nach London dem Prinzen von Preußen, unserem heutigen König vor, in dem wir sogenannten Reaktionaire, das heißt die Monarchisten und festen Anhänger der Krone, aber nicht des Büreau-kratismus, die einzige Hoffnung sahen nach jenem traurigen Umzug in Berlin, mit Herrn Stieber als Träger der Trikolore voran, der nächstens Ihr Schicksal theilen und als Reaktionair und mißliebig von Graf Lippe auf die Anklagebank gebracht werden wird. Wahrlich, das politische Leben spielt oft noch komischer als das bürgerliche!«
»Und antwortete Ihnen der Prinz?«
»Sein Hofstaatssecretair Borck - Ewest erwartet ihn eben, denn es ist sein Lieblingslokal, - schrieb mir poste restante nach Cöln, der Prinz danke von Herzen für unseren Willen und wünsche uns alles mögliche Glück - er selbst aber habe sein Wort gegeben, sich in nächster Zeit an keiner politischen Agitation zu betheiligen.«
»So zerfiel das Unternehmen?«
»Wir gaben es keineswegs auf. Eine Dame damals war es, die uns tapfer ermuthigte auszuharren, eine Royalistin von ganzem Herzen - ich danke ihr Viel, denn sie hob den kleinen unbedeutenden Schriftsteller in ihre Sphäre, die Frau des Regierungspräsidenten Freiherrn v. Spiegel, des späteren Regierungs-Chefs von Hohenzollern, eine hoch aristokratische Erscheinung im Aeußern, selbst in ihren Jahren noch stattlich und anziehend, eine Aristokratin im edelsten Sinn des Worts. In ihren Salons war ich damals einem alten Schulgenossen von Breslau her begegnet - Sie
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kennen ihn, Freund, dem jetzigen Gesandten in Konstantinopel!«
»Graf Goltz?«
»Demselben. Er war in jener Zeit, aus Egypten zurückgekehrt, in Berlin. An ihn adressirte mich die edle Frau, als ich meinen Entschluß erklärte, über Berlin zu gehen.«
»So waren Sie Freunde?«
»Das nicht - Schulgenossen - wie mit so Vielen, deren Namen jetzt genannt werden, Struensee, den Mühlers, - dem talentvollen Maler Wichura, der seinen Tod in einem Felswasser der Karpathen fand - dem Matador der Börse, Goldschmidt, der sich neulich den Hals abschneiden wollte und schon als Junge uns die Uhren und Bücher abgaunerte, - dem Juristen Friedberg, selbst mit Lasalle. Sie stammen Alle aus jener Zeit. Ich höre es noch, wenn mein alter Freund und Lehrer Kunisch, der treffliche, eigenthümliche Mann, damals Redakteur der Schlesischen Zeitung, sich beim Eintritt in die Klasse die Hände rieb und sagte: >Ich sehe Viele, die abwesend sind!< - oder Tobisch, unser Professor der Mathematik, die schwarzen, mähnenartigen Locken schüttelte, welche die Stelle der Tonsur des früheren, aus einem böhmischen Kloster entsprungenen Mönchs ersetzten, und mit schnarrender Stimme und mächtigen Augen rief: >Robert Graf von der Goltz - erklären Sie die Gleichung!< - Selbst unser alter Direktor Kannegießer, der treffliche Uebersetzer des Dante, lebt jetzt in Berlin!«
»Sie wollten erzählen, wie es Ihnen hier mit dem Zeitungsproject ging« mahnte der Dritte, die Gläser mit
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dem Leoville Ewest's wieder füllend, der so trefflich mundet, wenn der würdige Hoflieferant eben die Laune hat, von der guten Sorte zu geben.
»Richtig, lieber Assessor - und es wird Sie vielleicht amüsiren, die Geschichte der conservativen Presse von damals zu hören. Ich kam also nach Berlin und - statt in's Bad zu gehen, blieb ich auf den Wunsch eines hohen Gönners hier und warf mich in den Strudel der Tagespolitik. Alles war damals - es war zu Anfang des Mai - in voller Gährung, das Ministerium Camphausen, Auerswald-Schwerin bereits auf schwanken Füßen, ohne Ziel und Rath. Auf den Tribünen der Zelte haranguirte Ottensoser, der alberne Bursche, die Menge - vor dem Palais des >Nationaleigenthums< brüllte der feige Mörder des armen Soldaten an der Bank sein >ich bin ein geborner Demokrat!< - Lindenmüller regierte vor Kranzlers Ecke, und Held plakatirte: >Berlin verproviantire Dich!< Der einzige Gescheute in dem ganzen faulen Schwindel war der Humorist Buddelmeier, Cohnfeld. Ich habe nie wieder so vielüberschwängliche aber ziemlich unschädliche Narrheit beisammen gesehen. Berlin war ein Tollhaus. Damals schrieb ich mein erstes conservatives Plakat - bald hatte ich fast die ganze derartige Literatur in der Hand; was ich nicht selbst schrieb, ging wenigstens durch diese, denn es waren damals Wenige, die Schick und Lust hatten, damit aufzutreten! Dennoch fehlte es nicht an Regung und opferndem Willen. Denken Sie nur an Louis Schneider, der sich an die Spitze der Landwehrmänner stellte und Viel damals that! der patriotisch-unermüdliche Graf Stollberg
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zog die Garde du-Corps-Uniform aus, um mit dem Packet Plakate und patriotischen Schriften beladen durch alle Straßen zu wandern - Bülow berief sein landwirthschaftliches Parlament - überall regte es sich für den alten Thron, für das alte Preußen. Die erste Bestürzung über das Ungeheuere, Niegeglaubte der Märztage war überwunden, und überall hob es sich und war bereit aufzustehen gegen die Tyrannei des demokratischen Klub-Pöbels und die constitutionelle Unklarheit und den Unfug der sogenannten Nationalversammlung. Hunderten, Tausenden, war es wie dem Schlachtroß, wenn zum Sammeln geblasen wird, und die gleichgesinnten Geister fanden sich rasch - es war ein förmliches Maurerthum, das die Gegner Reaktion schalten.«
»Ich erinnere mich jener Zeit der Plakate und Straßenlitteratur.«
»Ich hatte vom Rhein ein halbes Duzend schöner Bilder der düsseldorfer Schule mitgebracht, Andenken lieber Freunde, oder sonst erworben - ich verkaufte sie für 200 Thaler, nicht den vierten Theil des Werths - auch der Besitz wechselt; neulich fand ich zufällig eins derselben, das schöne Bild von Scheuern: die Krieger im Kahn, im Thurm von Babelsberg wieder! - und machte aus dem Geld Plakate.
»Wer wagte es denn damals, so reaktionair zu drucken?«
»Das erste Litfaß - die weiteren Sittenfeld, der Patriotismus und Muth hatte - nur einmal versagte dieser.«
»Bei welcher Gelegenheit? Als man ihm die Leichen
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in den Hof trug von dem unsinnigen Barrikadenkampf in der Roßstraße?«
»Bewahre - die Drohungen nahm er kalt. Es war im August, als der damalige Polizeipräsident - ich glaube, es war Herr v. Bardeleben - die Aufforderung erlassen hatte, keine schwarz-weißen Fahnen auszustecken, und ich ihn darüber in einem Plakat interpellirte. Aber wir kommen auf Dinge, die nicht zu der Sache gehören, die ich erzählen wollte - die Entstehung der conservativen Zeitungen in Berlin. Als ich mich Goltz vorstellte, sagte er mir offen: >warum wollen Sie und sollen wir die Kräfte zersplittern? Die Schlacht des Königthums wird hier, nicht am Rhein geschlagen. Es sind bereits zwei Zeitungsprojekte im Gange, das eine von Seiten der jetzigen Regierung, an dessen Spitze Herr v. Grüner steht, - das andere von dem alten Adel durch den Präsidenten v. Gerlach gegründet. Chef-Redacteur wird ein Assessor Wagener. Schließen Sie sich der Gründung eines von diesen an - am Besten dem unseren.< Ich folgte dem Wunsche und sprach mit den beiden Chefs, beide waren bereit, meine Kraft zu benutzen, denn es fehlte damals an Journalisten, die den offenen Muth der Königstreue hatten. Ich legte Beiden einen Plan zur Benutzung der Tagesverhältnisse vor. Er war derb, aber praktisch - schmutzige Straßen fegt man nicht mit Glacéehandschuhen. Mit Wagener einigte ich mich bald und half bei den Vorbereitungen seiner Zeitung. In jene Zeit fiel auch die Gründung des >Vereins für König und Vaterland< in Nauen. Ich war im Auftrage der künftigen Zeitung dabei, schlug den Namen vor
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und übernahm die Geschäftsführung. Graf Goltz, Herr v. Bethmann, Herr v. Arnim - alles damals junge rührige Kräfte - waren die Leiter, Graf Goltz arbeitete wie ein Pferd im Joch - Manteuffel hat es ihm später wenig gedankt und ihn fast gezwungen, zur Opposition zu gehen, wie so manchen Andern, ich meine z. B. Harkort, einen alten märkischen Royalisten vom Scheitel bis zum Zehnagel, der mit seinen Bürger- und Bauernbriefen damals Unsägliches für das Königthum leistete, und den die Politik Manteuffel mit Gewalt auf die Bänke der Opposition, wie Goltz zur Partei der Gothaer trieb. Wir haben Manches mit einander erlebt, und wenn ich dem Veteran mit dem weißen Haar begegne, drücken wir uns die Hand und der Tausch eines schmerzlichen Blicks erinnert uns, daß wir einst Kämpfer Schulter an Schulter für den Thron waren.«
»Ich wiederhole das französische Sprüchwort,« sagte der Assessor bitter, »travailler pour le roi de Prusse. Der Beamte, der sich verleiten läßt, statt im gewöhnlichen büreaukratischen Dienst fortzudämmern, seine Kräfte der Presse zu widmen, selbst im offiziellen Auftrag, wird über kurz oder lang Ursache haben, es zu bereuen. Sehen Sie mich an - Sie haben das lebendige Beispiel: Ich bin oder war ein guter Preuße, und das System der Regierung hat mich zum Hannoveraner gemacht.«
Der Journalist sah den Beamten mit Bedauern an, er begriff, welcher Zwiespalt die Seele des Mannes belastete. Und doch war noch kein großer Conflict ihr nahe getreten! Der Diplomat nickte zustimmend. »Seien Sie
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froh, daß Sie das Engagement der offiziellen Presse nicht annahmen.«
»Es war ein Zufall. Im Juni traf ich Herrn von Grüner wieder eines Abends auf der Marschalls-Brücke. Er sprang aus dem Wagen und sagte mir, er hätte mich seit drei Wochen gesucht, ohne mich finden zu können, meine Vorschläge wären bestens genehmigt. Ich lachte und antwortete ihm, ich hätte viermal im Monat das Quartier gewechselt, um der demokratischen Nachfrage zu entgehen, aber am Tage vorher mit der anderen Zeitung abgeschlossen. So schieden wir und haben uns niemals wieder gesprochen - auch er wurde zur Gothaer Partei gedrängt. Kurzum, so kam ich zur Kreuzzeitung und gab die Beamtencarriere auf.«
»Haben Sie es nie bereut?«
»Aufrichtig, nein! ich bin zufrieden mit der Wendung meiner Thätigkeit und war es selbst, der sie änderte. Als ich in der ersten Zeit meines Aufenthalts in Berlin eine Verlängerung meines Urlaubs nachsuchte, sandte mich Schmückert, ein scharfer Bureaukrat, aber ein Royalist durch und durch mit echt preußischem Herzen - Sie wissen wohl, daß es gestern aufgehört hat, zu schlagen, - mit dem traurigen Geständniß seiner Ohnmacht der neuen Wendung gegenüber zu dem damals den Ton angebenden Geheimen Postrath Schütter vom Rhein. Als ich diesem mein Gesuch und dessen Gründe vorgetragen, sagte der plötzlich sehr liberal, später wieder sehr devot gewordene Gelegenheitspoet: >Herr Postsecretair, Sie müssen wissen, ich bin durchaus kein Reactionair!< Ich schob meinen
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Stuhl zurück und antwortete: >Herr Geheime-Rath, dann haben wir Beide allerdings Nichts mehr zu verhandeln!< ging nach Hause und schrieb mein Abschiedsgesuch. Voilà - auch das Ende eines Beamten von Achtundvierzig.«
»Aber,« bemerkte der Assessor - »erlauben Sie mir eine Frage. Jene fatale, Ihnen so sehr schadende Geschichte, der Prozeß Waldeck - ich bin nie recht klug daraus geworden!«
»Es ist mir lieb, daß Sie mir Gelegenheit geben, davon zu sprechen. Ohnehin herrscht ein eigenthümlicher Zufall, der heute mich unter ähnlichen Umständen wie damals zu einem Rendezvous ruft.«
»Zu einem Rendezvous? ich sollte meinen, das wäre Ihnen Nichts neues!«
Der Journalist sah nach der Uhr. »Die Oper ist erst in einer halben Stunde zu Ende - so lange habe ich Zeit, Ihnen zu erzählen. Also kurz, und was ich Ihnen erzähle, kann die ganze Welt wissen, es ist die strengste Wahrheit. Sie haben es ja selbst mit erlebt, unter welchen stürmischen, theils ernsten, theils lächerlichen Demonstrationen der Sommer und Herbst 1848 verging. Ich erinnere mich eines Abends - ich weiß nicht gleich, welcher Scandal los war, - als ich bei Scheible saß, damals einem der Hauptverkehrsorte, mir gegenüber der bekannte Lindenmüller, mit dem ich discutirte, als einer der barfüßigen Jungen, die sich damals schockweise Unter den Linden als fliegende Buchhändler und sonstiges Gelichter herumtrieben, athemlos hereinstürzte, zu ihm hin: >Herr Präsident! Herr Präsident!< - >Was soll's?< - >Das
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souveraine Volk rückt an mit Fackeln!< - Ich fiel vor Lachen fast vom Stuhl, und der würdige Präsident des Lindenklubs erhob sich etwas roth vom Stuhl und meinte achselzuckend: >Es ist einer meiner Adjutanten. Was soll man machen!< Damit ging er. Das waren die Präsidenten von Achtundvierzig. - Die jetzigen sind auch nicht besser!«
Auch die Beiden lachten. Der Journalist fuhr fort: »Zu manchen Scenen gab auch der 6. August Veranlassung, der Tag, an dem die Preußische Armee Johann dem Reichsverweser huldigen sollte. In der Nacht vorher zogen wir mit einem großen Wagen durch die Straßen und steckten auf den Standbildern am Wilhelmsplatz und am Opernhaus, an der Victoria und auf dem Weg zum Monument auf dem Kreuzberg jene schwarz-weißen Fahnen auf, welche am Morgen die ganze Demokratie Berlins in Harnisch jagten. Die Nachtwächter, als alte Soldaten, drückten beide Augen zu, oder halfen. - Neben mir - ich wohnte damals am Ziethenplatz, wohnte ein demokratischer Doktor, der seine große schwarzrothgelbe Fahne abnahm, um sie neben die preußische an den alten Ziethen zu placiren. Darüber kam die Polizei und nahm beide ab - er reklamirte die seine, ich die schwarzweiße und fünf Minuten später wehten sie aus unsern Fenstern. Dem Andrängen des Hauswirths und verschiedener Deputationen, die preußischen Landesfarben einzuziehen, begegnete ich mit der Deponirung eines Zehnthalerscheins für etwa zerschlagene Fensterscheiben und einem Paar Pistolen auf dem Tisch - so ließ man sie ruhig wehen, bis ich sie
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Nachmittag selbst einzog, um nach Tempelhof zu gehen, wo sich der große Bauernzug sammelte, der den Berlinern am Kreuzberg zuvorkam. Erinnern Sie sich der Tänzerin Bethge?«
»Ich habe den Namen gehört, aber sie ist ja wohl schon vor Jahren ausgeschieden?«
»Sie wohnte mir damals gegenüber. Ich kannte sie nicht; - aber als sie sah, daß ich die preußische Fahne wehen ließ, zeigte das wackere Mädchen mir am Fenster zwei gleiche, und sie war die Einzige in Berlin, die den Muth hatte, dem Anruf zu folgen und die Fahne auszustecken.«
»Aber die famose Bauern-Prozession?«
»Es machte einen feierlichen Eindruck, als die schlichten Männer in ihren Sonntagsröcken, mehr als zweitausend an der Zahl, unter dem Gesang des mächtigen Lutherliedes den Kreuzberg hinauf zum Denkmal des Sieges über den Erbfeind zogen, von dessen Stufen der Wander-Apostel der Königstreue, Baron Seld, eine ergreifende Ansprache hielt. Ebenso würdig und ruhig ging der Zug hinab, während von der andern Seite der wüste Musik- und Liederlärm des Zuges des großen Volkstribuns >Berlin verproviantire Dir!< mit den Deputationen der Klubs, der Stadtverordneten, der fliegenden Buchhändler und der Bürgerwehr unter flatternden Fahnen herankam.«
»Und kam es nicht zu Conflicten?«
»Nein. Es war überhaupt Vieles Maulfechterei der Demokraten wie noch heute. Wie hätte sonst unser wackerer Schneider mit seinen Landwehr-Versammlungen dem Gesindel
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Trotz bieten können? - Genug der Erinnerung an diese Szenen, die ja im Kaleidoscop oder im Hanswursttheater von Achtundvierzig alle Tage wechselten. Der Einmarsch der Truppen war vorbei, desgleichen die Exmission an dem Schauspielhaus und dem Schützenhause - der Tragikomödieen waren so viele, daß man sich deren kaum erinnert! Eines Tages gab mir der Chefredacteur einen Brief, in dem sich irgend ein anonymer Demokrat anbot, für gutes Honorar Berichte aus den Klubs und geheimen Versammlungen zu liefern; dergleichen Offerten waren damals der verschrieenen Kreuzzeitung zu Dutzenden gemacht und Sie selbst würden sich wundern, wenn ich Namen nennen wollte, die zu jener Zeit für den Zuschauer Berichte lieferten und jetzt eine große Rolle in der liberalen Presse spielen. Genug, die Offerte fiel in mein Ressort und ich hatte das Geschäft mit dem Anonymus zu unterhandeln.
Ich bestellte ihn für den nächsten Abend an die Blücherstatue und gab ihm als Losung die Frage: Was wird heute im Schauspiel gegeben? - Die Royalisten. - Frage und Antwort folgte zur bestimmten Stunde und ich sah mich einem Menschen gegenüber, den ich mich sofort erinnerte, am Tage des Truppeneinzugs von der Wange der reformirten Kirche die Menge anreden gesehen zu haben, einem jener Bummler, die damals schockweise in den Klubs und Versammlungen umherstrolchten, ohne einen bestimmten Lebensberuf als das große Mundwerk, und ohne zu wissen, von was am andern Tage ehrlich leben?!«
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»War das der vielgenannte Ohm?«
»Gewiß - ein jüdischer Handlungsdiener aus Preußen. Er bot sich als Reporter aus der Demokratie an, und ich sehe noch heute keinen vernünftigen Grund, weshalb man in jener Zeit, wo die Gegenpartei jede mögliche Waffe gegen uns benutzte, die Offerte nicht hätte annehmen sollen. Wer würde im Krieg nicht die Nachrichten vom Gegner erkaufen und benutzen? Hat eine Partei Subjekte, welche die Verräther spielen, so ist es nur das Zeichen ihrer eigenen innern Fäule. Sie werden sich erinnern, daß der >Zuschauer< damals sehr vorzüglich bedient war, nicht blos mit dem Klatsch der Demokratie, sondern auch mit ernstern und gewichtigeren Nachrichten aus ihrem Feldlager. Heute sehen wir das Alles aus einem anderen Licht und zucken auf beiden Seiten die Achseln über das, was damals für wichtig und mittheilenswerth gehalten wurde. Auch Widerwärtiges floß genug mit unter, aber der >Zuschauer< der Kreuzzeitung hatte in seiner damaligen Gestalt jedenfalls das Verdienst, daß er scharf und unbeirrt einen Angriffs- und Plänklerkampf als Avantgarde gegen den gefährlichen Feind führte, hinter dem sich dann die gewichtigere Masse des conservativen Geistes zur ernstern Schlacht concentriren konnte.«
Der Diplomat nickte lachend. »Das ist wahr - Professor Huber hat den Zuschauer in einer späteren Schrift nicht mit Unrecht den >Kosacken der Reaction< genannt. Aber weiter - Sie wissen, ich war damals noch nicht in Berlin und trat erst im nächsten Jahr in das politische Leben.«
»Es fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Journalist fort, »für unseren damaligen Kampf und unser damaliges
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Vorgehen ein pater peccavi zu machen, wie später der Begründer der Kreuzzeitung als captatio benevolentiae für den Eintritt in eine andere Phase des politischen Lebens von der Tribüne des Abgeordnetenhauses her zu thun für nöthig hielt. Das sind Gewissensfragen, die Jeder mit sich selbst ausmachen muß und allerdings ändern sich mit den Zeiten auch die Anschauungen. Was mich anbetrifft, habe ich vielleicht manchmal bedauert, daß ich in vielen Dingen nicht weltkluger gehandelt, aber noch niemals bereut, daß ich den Kampf für meine politische Richtung und Ueberzeugung mit voller Energie und allen Mitteln, so weit sie die Selbstachtung einem Mann erlaubt, geführt habe. Etwas wirklich Unrechtes kann ich mir noch heute aus jenen Tagen nicht vorwerfen, denn ich habe stets mit voller Hingebung an die Sache und ohne jeden persönlichen Eigennutz und Ehrgeiz gehandelt und meine Person nur da in den Vordergrund gestellt, wo es die Verantwortung galt.«
»Das erkennen selbst Ihre vielen Gegner,« sagte der Assessor ernst.
»Also weiter in unseren politischen Memoiren. Es lag nahe, daß unter den Mittheilungen, welche auf diesem und ähnlichen Wegen uns aus dem Heerlager der Demokratie wurden, viele sich befanden, die sich nicht für die Benutzung durch die Presse eigneten, wohl aber für die Behörden von Wichtigkeit waren und die jeder treue Diener des Königs die Pflicht hatte, diesen zu überweisen. Das geschah auch, und manches Unheil, mancher Exceß ist damit verhütet worden. Auf diese Weise kamen viele der
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Mittheilungen Ohm's in die Hände des Herrn v. Hinckeldey, den die Demokratie so wüthend anfeindete, so lange er sie mit scharfer Hand schüttelte, und dessen tragischen Tod sie dann zu ihren Tiraden gegen die Aristokratie und das Königthum auszubeuten suchte, wie der feige Araber auf den Löwen schimpft und Pfeile auf ihn schießt aus sicherer Ferne, und wenn er den Gefürchtsten an der Kugel des weißen Jägers verendet im Gebüsch findet, ihm die Haut abzieht und sie sich um die Schultern hängt! Ich habe diesen energischen, für jene Zeit nothwendigen und hochwichtigen Charakter stets geachtet und seinen Tod aufrichtig betrauert. Was man auch über ihn sagen, wie man ihn auch für gewaltthätig und rücksichtslos verschrieen haben mag, nicht blos die Wiederherstellung der Ordnung aus der Herrschaft wüster Straßenpolitik verdankt ihm die Regierung, sondern materiell und speziell auch Berlin, das ihm für Institutionen ein Denkmal setzen sollte, die sein Nachfolger und die heutige Kommunalverwaltung höchstens haben verkümmern, zu denen sie sich aber nie hätten aufschwingen können. Es wäre für Polizei und Stadtverwaltung wahrlich manchmal nicht übel, wir hätten noch Hinckeldey; die Tasche des Bürgers und die öffentliche Ordnung würden sich besser dabei stehen, als bei dem jetzigen sehr theuren und sehr unsichern Constitutionalismus!«
»Sie kamen also viel in persönliche Berührung mit ihm?«
»Nur so weit es meine damalige Stellung erheischte - ich liebe persönlich die Polizei nicht sehr. Aber man hatte mir damals das Vertrauen geschenkt, mich im Winter
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48 zu 49 an die Spitze jenes officiösen Preßbüreaus zu stellen, welches die Aufgabe hatte, für die bevorstehenden Wahlen zu wirken, der Agitation der demokratischen Presse in den Provinzen entgegen zu arbeiten und den conservativen monarchischen Sinn wieder zu wecken und zu kräftigen. Herr von Hinckeldey gehörte zu der Kommission, der die officiöse Leitung dieses Preßbüreaus übertragen war und mit der ich zu verhandeln hatte - es waren tüchtige Männer darunter, die es treu und wahr mit dem Vaterland meinten. Mehre von ihnen deckt bereits das Grab, andere wirken noch heute in hervorragendsten Stellungen. - Als die Mission im Frühjahr 1849 mit der Auflösung der Kammer beendet war, trat ich zurück, ohne jeden Anspruch - mir war es um die Sache selbst zu thun gewesen. Der einzige Dank, den ich dafür hatte, waren Unannehmlichkeiten und Kosten.«
»Und Waldeck?«
»Ich erinnere mich gar nicht, ihn je vor dem Prozeß gesehen zu haben. Ich weiß nur, daß er schon damals als der wichtigste Mann der demokratischen Partei galt, und das ist er in der That gewesen. Er war der Löwe unter der Meute der kläffenden Hunde, ein politischer Charakter von Bedeutung, weil er ein ganzer Mann war. Als solchen hab' ich persönlich ihn stets geachtet, ohne daß mich dies im Geringsten in meinem Urtheil über seine Handlungsweise im Jahre 48 irre machen kann.«
»Und dies Urtheil?« frug der Assessor mit Interesse.
»Daß ein Beamter, der seinem König den Eid der Treue geleistet hat, Hochverrath gegen den König begeht,
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wenn er an Handlungen wie die berüchtigte Majorsnacht Theil nimmt. Mit dieser Ueberzeugung werd' ich leben und sterben. Auch ich bin Beamter gewesen und weiß, was der Eid der Treue zu bedeuten hat. Um so mehr mußte dies ein Mitglied des obersten Gerichtshofs des Landes, der den Eidbruch zu strafen hat, wissen. Damals bestand noch keine, Treubruch und Ungehorsam mit dem Constitutionalismus rechtfertigende Verfassung, noch war der unbedingte Eid der Treue für den souveränen König für alle Beamte in Kraft, und ich kann mich von der Ueberzeugung nicht trennen, daß, ganz abgesehen von allen früheren und späteren Handlungen, ein Königlicher Staatsbeamter, der über den bewaffneten Widerstand gegen die Truppen seines Königs, also über offene Empörung, berathen hilft, eine That des Hochverraths begeht. Ich weiß sehr wohl, daß dergleichen in der politischen Parteianschauung oft für eine Ehre gilt, daß politischer Fanatismus mit dem sonst ehrenwerthesten bürgerlichen Charakter vereinbar ist - für mich aber wäre Herr Waldeck nur dann der fleckenlose Volkstribun gewesen, wenn er nach dem März 48 zunächst seinen Diensteid der Treue in die Hände des absoluten Königs zurückgegeben hätte, den er ihm geschworen - das heißt also, wenn er damals seinen Abschied als Beamter genommen hätte. Ich bin ein sehr unbedeutender, nicht mit einem hochbefähigten Mann wie Waldeck zu vergleichender Factor in jenem großen politischen Kampfe gewesen, aber um mich in ihm frei zu bewegen, habe ich Amt und Diensteid zurückgegeben und bin dennoch meinem König treu geblieben.«
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Es folgte ein längeres Schweigen dieser Erklärung - nach einer Weile erst unterbrach es der Sprecher.
»Was das Uebrige betrifft, so ist es mit wenigen Worten erledigt. Trotz dieser meiner Anschauung der Personen und Verhältnisse ist es mir natürlich nie eingefallen, selbst nach jenem Prozeß nicht, - eine feindselige Gesinnung gegen Herrn Waldeck zu hegen oder gar mich in ein Complot gegen ihn einzulassen. Als Herr von Hinckeldey es für nöthig hielt, bei unserm - nun ich will höflich sagen: unserm Berichterstatter, der so gut informirt schien, einmal Haussuchung zu halten, um sich seiner Papiere und Notizen zu bemächtigen, die der Mann nur zum Theil mir gezeigt, deren Werth oder deren Wahrheit oder Unwahrheit ich zu beurtheilen gar nicht im Stande war und nie beurtheilt habe und von denen ich jetzt selbst glauben muß, daß Vieles aus bloßer Spionseitelkeit hervorgegangen war, that er es auf seine Gefahr, und ich habe ihm mit der meines Lebens einmal den Mann entrissen und diesem zur Flucht verholfen, weil ich nicht wollte, daß er durch den Verrath seiner Partei an uns unglücklich würde. Damit war meine Verpflichtung an ihn gelöst - wenn er später auswärts der Polizei selbst in die Hände lief, war das seine Sache. Ich war damals abwesend von Berlin; als ich zurückkam, hörte ich mit eben solchem Erstaunen wie Unglauben, daß der damalige Staatsanwalt Meier es gewagt hatte, auf seinen Kopf hin, gegen die Mißbilligung vieler verständigeren Beamten der Justiz und der Polizei, auf jene bloßen Notizen und mir selbst jetzt lächerlichen Briefe hin Herrn
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Waldeck zu verhaften und eine Untersuchung gegen ihn zu eröffnen. Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, mich zu jenem Prozeß als Zeuge zu drängen, - ich war damals während des badischen Feldzugs und der Belagerung von Maestre längere Zeit in literarischen Angelegenheiten mit Herrn von Meusebach auf Reisen in Süddeutschland, Italien und Oesterreich, und habe mich selbst streng geweigert, die früheren schriftlichen Berichte Ohms aus dem demokratischen Treiben herauszugeben. Erst als der Staatsanwalt sie durch Haussuchung bei mir mit Gewalt in Beschlag nehmen ließ, um den Prozeß fortsetzen zu können, in den er selbst sich so unvorsichtig und ehrgeizig gestürzt hatte, und das Gericht mich als Zeugen laden ließ, habe ich die unabweisliche, jedem Staatsbürger obliegende Pflicht erfüllt, ohne Animosität gegen Herrn Waldeck die Wahrheit zu sagen über alle jene Vorgänge, wie ich sie eben geschildert habe. Dieses Zeugniß hat Herrn Waldeck nicht im Geringsten belasten oder auch nur beschuldigen können, und es ist eine ebenso freche als bornirte Gehässigkeit der Demokratie, wenn sie mich deswegen beschuldigt. Glauben Sie mir, wenn ich nur ein Wort mehr gesagt hätte, als ich verantworten konnte, würde gerade dies Gericht mich mit Vergnügen zum Sündenbock erkoren haben, denn für mich war mit jener unangenehmen Zeugenschaft die Sache noch lange nicht vorbei, und wohl ein halbes Jaht lang hat das Untersuchungsgericht alles Mögliche gethan, mir unrichtige oder auch nur leichtfertige Zeugenaussage nachzuweisen und mich dafür zur Verantwortung zu ziehen. Man hat dies nicht gekonnt und mir schließlich
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sogar die saisirten Berichte unseres Reporters zurückgeben müssen.«
»In der That,« bemerkte der Assessor, »ist nach dem Urtheil vieler Juristen jener Prozeß auch in juridischer Beziehung merkwürdig geführt worden.«
»Das ist er! Die Sache, auf die es ankam, die Vorgänge der sogenannten Majorsnacht z. B., über die eine Menge wichtiger Aussagen vorlagen, und über die Anwesenheit Königlicher Richter und Beamter dabei, wurden gänzlich ignorirt und todt geschwiegen. Jene läppischen Briefe wurden allein zur Grundlage benutzt und der Herr Staatsanwalt, dem aus der Verhandlung durchaus nichts Neues, ihm früher Unbekanntes hervorgehen konnte, suchte seine eigene Uebereilung durch das Schimpfen auf ein Complott und Bubenstück zu entschuldigen. Jeder Gerichtshof, ob die Richter in politischer Beziehung der conservativen oder demokratischen Richtung angehörten, mußte Herrn Waldeck von dieser Anklage freisprechen. Die Deklamationen der liberalen Presse über den Mannesmuth und die Unparteilichkeit des Präsidenten des damaligen Schwurgerichts sind also Nichts, als leeres Strohdreschen; welcher politischen Richtung derselbe angehörte, hat er ja später oft genug dokumentirt! Das wirkliche moralische Urtheil in der Sache - nicht das juridische oder politische der Parteien - gab damals allein das bekannte Schreiben des Ober-Tribunals-Collegiums an seinen Collegen ab, und damit wollen auch wir uns begnügen.«
Die Unterredung wurde durch den Eintritt eines Fremden unterbrochen.
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Der Ueberfall.

Die Wogen der zischenden und schäumenden Brandung schlugen weit über das an den meisten Stellen elende Mauerwerk, das den Quai des Borgo bildete, und an die Terrassen der Gärten, die bis zum Strande liefen. Der Sturm heulte in immer steigender Wuth.
Um so auffallender war es, daß in diesem Wetter die Jalousie und die Flügel des Fensters eines Gemachs der Villa Albano, das hinaus nach dem Meer sah, weit geöffnet standen. Die Kerzen auf dem Tisch flackerten im Windzug und das Wachs triefte an ihnen nieder auf die silbernen Leuchter und das kostbare Damasttuch, das den Tisch bedeckte. Eine Karaffe mit Wein und eine Platte mit kalten Speisen stand auf dem Tisch, Beides offenbar noch nicht angerührt, obschon die Person, für die sie bestimmt waren, sich in dem Zimmer befand.
Es war das der Mönch, der am Abend die seltsame und inhaltschwere Audienz bei dem Könige gehabt hatte und auf Befehl desselben von dem Kammerdiener Bertano
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in ein besonderes Zimmer gebracht und mit Speise und Trank versehen worden war, die er so wenig beachtet hatte.
Der Pater, noch immer den Kopf tief in die Kapuze verhüllt, saß an dem offenen Fenster, durch das Sturm und Regen hereindrang, und schaute, in schwere Gedanken versunken, in den Gewitterhimmel und auf die tobende See, während seine Hand ein kleines Brevier fest geschlossen hielt.
Doch war er nicht das einzige lebende Wesen, welches dies Zimmer enthielt. - Zu den Füßen des Mönchs, in einer Ecke des Gemachs, kauerte vor Frost und Nässe noch zitternd eine Taube, die Federn vom Sturmwind und Regen zerzaust und offenbar vorerst außer Stande, sich wieder aufzuschwingen und durch das geöffnete Fenster das Weite zu suchen. Das Unwetter mußte das arme Thierchen gefaßt, von seiner Flugbahn abgetrieben und wahrscheinlich gezwungen haben, hier Schutz zu suchen.
Von Zeit zu Zeit wandte sich das Auge des Mönchs auf den Vogel und dann erhob er sich, schritt zu dem Tisch und öffnete das Brevier. An der Stelle, wo er es aufschlug, lag statt des sonst gewöhnlichen Heiligenbildchens oder Beichtzettels ein dünner Papierstreifen, dessen Falten bewiesen, daß er zu dem geringsten Maß zusammengepreßt gewesen war, und an dem noch ein Seidenfaden hing. Auf dem Papier standen nur wenige Worte, aber sie schienen von schwerer Bedeutung, denn der Mönch las sie wiederholt und jedesmal schienen sie einen heftigen Seelenkampf in seinem Innern wieder zu erwecken.
Zwei Mal warf er sich nieder auf die Knie, hob die
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gefalteten Hände gegen den blitzesprühenden Nachthimmel und betete auf's Inbrünstigste. Worte, denen ein Anderer schwerlich hätte eine genügende Bedeutung abgewinnen können, so abgerissen und zusammenhanglos waren sie, drangen aus der verhüllenden Kapuze hervor, bis sich endlich das geängstete Gemüth in einzelnen Sätzen Luft machte.
»Heilige Jungfrau mit den sieben Nothhelfern - habet Erbarmen mit mir Sünder!« stöhnte er. »Habe ich noch nicht genug gebüßt, daß mir diese schwere Wahl auferlegt wird? - Warum habe ich gezaudert in menschlicher Schwäche, statt sofort den Staub von meinen Füßen zu schütteln und das Sodom zu verlassen, wo Nichts ist als Trotz und Verspottung des Heiligsten! Die Donner des Herrn, der durch die Blitze spricht und auf den Fittichen des Sturmes daherrauscht, hätten nur diesen armen, längst dem Grabe verfallenen Leib verderben können, während die unsterbliche Seele jetzt von dem schlimmsten Versucher bedrängt wird. Soll es eine Prüfung sein, die der Herr mir gesandt hat? - In diesem unschuldigen Geschöpf, das einst Noah den Palmenzweig des versöhnten erbarmenden Gottes brachte - ist mir der verhängnißvolle Bote gesandt, der vielleicht das Schicksal Italiens - der heiligen Kirche, der Welt in meine schwache Hand legt! - O Absalon, Absalon mein Sohn! Soll ich selbst Dein Joab sein, der Dich den Feinden überantwortet und tödtet - oder ist es ein Gnadenzeichen der Heiligen, Dich zu warnen, damit Du Zeit gewinnst, in Dich zu gehen, Deine Sünden zu büßen und freiwillig Vergebung zu
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suchen zu den Füßen Dessen, den Gott zu seinem Stellvertreter gesetzt hat auf Erden!«
Wiederum warf sich der greise Mönch nieder auf die Knie und rang die Hände zum Himmel. »O gebt mir ein Zeichen Ihr Heiligen, was soll ich thun, was ist der rechte Weg? Muß ich die Bande des Blutes verleugnen, - muß ich selbst mein Haus zertrümmern und alle irdische Größe und Macht, die es seit Jahrhunderten erträumt - ist denn wirklich die Einheit und Größe Italiens ein Frevel gegen Deine heiligen Gebote - läßt sich nicht ein Weg finden, sie mit den Pflichten gegen Deine heilige Kirche zu vereinen? Ist jener schwache einfältige Knabe dort hinter jenen Felsenwällen Dein Erwählter, soll er der Sieger sein, der Sprosse eines längst entarteten unfähigen Geschlechts, oder der starke Sohn eines starken Geschlechts, das für dies herrliche Land eine Mauer war gegen die Intriguen und Gewaltthaten der falschen Franzosen und der raubsüchtigen Deutschen, dessen Sprosse die Erbfeinde des Kreuzes von den Thoren Wiens schlug und Belgrad erstürmte?- Hast Du mich aus dem Grabe gerufen, um dem gebrochenen Greise durch den Verrath das Schicksal Italiens in die Hand zu geben, die zu schwach war, sein siegreiches Schwert zu halten, damals, als der Statthalter Christi selbst es geweiht? - O ihr Heiligen, die ihr all' das Nichtige des Irdischen gezeigt, gebt mir ein Zeichen, was der Wille des Herrn ist, das ich thun soll?«
Und indem der Greis wie verzückt das Auge emporhob, traf es auf eine Karte Italiens, die an der Wand
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gegenüber hing. Er sprang auf, ergriff eine der Kerzen und trat vor die Karte.
Einer der Bewohner der Villa mußte die Karte bei seiner politischen Lectüre benutzt haben, denn verschiedene wichtige Punkte auf derselben waren in die Augen fallend unterstrichen.
»Ha« - murmelte der Mönch - »Novara! muß ich auch hier erinnert werden an jenen Tag des Unglücks und der Schmach?! - Aber ist er nicht glänzend getilgt - weht nicht das Kreuz von Savoien von dem Marmordome Mailands? Florenz, Parma, Bologna - bis hinunter zur fernsten Küste Siciliens - von Reggio bis Bologna huldigt das geeinte Italien seinem König - und Verona - Venedig sind nur noch eine Frage der Zeit - wenn ...«
Der auflodernde Stolz wich ebenso plötzlich, wie er gekommen, dem reuigen Gedanken. Der Mönch schlug mit beiden Händen seine Brust: »Mea culpa! mea culpa! - O sündiger Mensch - ist das Deine Reue und Buße, daß Du Dich von der Eitelkeit der Welt verlocken läßt? - Heiliger Franciskus vergieb mir und laß mich die Nichtigkeit aller menschlichen Kronen über jener der Märtyrer vergessen. Vernichtet sei das Blatt und die Versuchung mit ihm - des Herrn Wille geschehe!« und er näherte den kleinen leichten Zettel, den er noch in der Hand hielt, der Flamme der Kerze.
»Na würdiger Pater Melchior, Balthasar oder wie Ihr sonst heißen mögt,« krächzte eine Stimme hinter ihm - »was treibt Ihr denn da für Narrenspossen und
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vergeßt darüber Essen und Trinken. Bei der armen Seele meiner Mutter, die wahrscheinlich noch im Fegefeuer brennt, da Emanuele ihren Sohn so filzig hält, daß er nicht einmal eine Messe bezahlen kann für die Erlösung ihrer Seele, - ich glaube gar, Ihr habt das schöne Essen noch nicht einmal angerührt, das solchen Müßiggängern wie Ihr doch selten genug vor den Schnabel kommen wird! - Beim Kreuz von Asti - und die Flasche steht auch noch, wie ich sie herein gebracht, obschon der Wein ächtes Gewächs von Asti selber ist, so süßliches schlumpriges Zeug, wie sie da an ihrem Vesuv bauen, von dem die braunen Halunken so viel hermachen! Als ob's bei uns nicht auch feuerspeiende Berge in den Alpen gäbe, so viel wir haben wollen, ich brauch' nicht lange danach zu suchen, sondern mir nur meinen Herrn anzusehen, der sich den Ré gentilhuome schimpfen läßt und besser fluchen kann als der ärgste Trainknecht.«
Damit hatte sich der ehemalige Fechtmeister in's Zimmer geschoben, nachdem er erst seine zerfetzte Physiognomie recognoscirend durch die Thür gesteckt. Ohne zu fragen, ob sein Besuch willkommen sei oder nicht, stellte er zwei weitere Flaschen, die er unter dem Arm getragen, auf den Tisch, schlurrte nach dem Fenster und schloß dasselbe.
»Hat je ein Christenmensch gehört, daß man die Fenster bei solch' einem Wetter offen hält?« murrte er. »He Pater, Ihr scheint mir ein merkwürdiger Bursche zu sein, sonst hätte sicher auch der José nicht so viel Umstände mit Euch gemacht, denn für gewöhnlich kann ich Euch sagen, pflegt er eben die Kuttenträger nicht sehr zu lieben.
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Seht, da bin ich ein anderer Kerl, ich liebe die Religion und trinke gern Eins mit einer geschorenen Glatze. Es sind lustige Burschen, die von der Kutte, und sie spediren Einen in's Himmelreich, man weiß nicht wie. Drum dacht' ich, es würd' Euch nicht unlieb sein, wenn ich zu Euch käme, und wir so mit einander Eins plauschten, so etwa vom heiligen Vater und seiner Bedrängniß, denn in der schlechten Gesellschaft hier kommt man nicht dazu.«
Indem sah er die Taube am Boden. »Aha,« sagte er - »das Viehzeug hat gewiß der Sturm herein geweht. Na - es ist kein Wind so arg, daß er nicht Einem was Gutes zuwehte, und die da wird morgen zum Frühstück eine gute Suppe geben.« Damit griff er die Taube auf, drehte ihr kaltblütig den Hals um und steckte sie in die weiten Taschen seines Fracks, die ein Magazin für Alles zu sein schienen. Dann schob er einen Stuhl zum Tisch, setzte sich nieder und entkorkte eine Flasche.
»Na Bruder,« sagte er - »die Kuttenträger pflegen sonst einen guten Schluck nicht zu verschmähen, und gut ist er, dafür kann ich Euch stehen, also setzt Euch und macht keine Umstände. Erst wollt' Euch der Buckelinski, der Pfiffikus, besuchen, aber ich schob ihn bei Seite und sagte, daß ich selber mit einem heiligen Manne reden wolle, weil ich kein so ungläubiger Gottesschänder wäre, wie er, und da bin ich!«
Bis jetzt hatte der Mönch kein Wort erwidert und war stumm und regungslos an dem Tisch stehen geblieben. Ebenso hatte er dem Tode der armen Taube zugesehn. Jetzt wandte er den Kopf nach dem aufdringlichen Gesellschafter.
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»Wo ist dein Herr, der König?« frug er mit dumpfer Stimme.
»Wo soll er sein, als bei dem Weibsvolk. Den ganzen Tag ißt und trinkt er nicht, wie ein anderes ehrliches Christenkind, das seinen gesunden Appetit hat, erst des Abends geht's los, und da kann er was leisten, das kann ich Euch sagen. Die Weibsen drüben machen einen Skandal, daß man sein eigen Wort nicht mehr hört. Sie sind alle betrunken wie ein Sack und mich haben sie hinausgeworfen, weil ich's ihnen in's Gesicht sagte, daß sie wie eine Heerde Ferkel quikten. Aber immer trinkt, Pater und erzählt mir, wie's in Rom steht und was der liebe heilige Vater macht, der alte Herr, dem sie jetzt so arg an's Leder gehen.«
Der Mönch schob das gefüllte Glas des perlenden schäumenden Weins, des vielbeliebten Rivalen des Champagners zurück. »Ich trinke nur Wasser« sagte er finster, »aber auch dies würde ich in diesen Mauern nicht genießen, die Gotteslästerern und Kirchenschändern Obdach gewähren.«
»Cospetto« sagte der Fechtmeister - »hört Gevatter, ich habe wohl das Recht, auf den Vetter Emanuele zu schimpfen, aber der Teufel soll jeden Andern holen, der sich's zu thun erdreistet, und er soll seine Jacke ausgeklopft kriegen und wenn sie zehnmal eine Mönchskutte wäre.«
»So liebst Du den König?«
Der Alte lächelte grimmig, indem er sein Glas in die Höhe hob und den Wein gegen das Licht beäugelte,
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»Bah - was soll ich machen - er ärgert mich alle Tage bis auf's Blut und behandelt mich wie einen Hund - aber was kann ich machen. Sergeante Bertano hat weder Kind noch Kegel und da betrachtet er ihn wie seinen Sohn und selbst ein wildes Thier liebt seine Jungen und vertheidigt sie.«
Der Mönch fuhr zusammen. »Aber er ist ein Feind der Kirche, er hat den Stuhl Petri beraubt um sein Eigenthum - er lebt im Bann des Papstes! Jeder wahrer Christ muß ihn verlassen!«
»Papperlapapp - es ist freilich wahr, aber sie werden sich schon wieder vertragen. Das kommt von der schoflen Gesellschaft, mit der er sich einläßt - der Cavour ist auch so Einer, ich hab's ihm immer gesagt. Was das anbetrifft, so hab ich mich in meiner Jugend mehr als einmal mit einem Pfaffen gerauft. Es war da ein Kerl - Fra-Pan hießen sie ihn, sie hatten ihn in's Gebirge geschickt, weil er ihnen in Rom zu[]gescheut war, und der schlug Euch gleich los, wenn man mit ihm stritt beim Glase und das kam oft, denn der Bursche war ein arger Krakehler. Aber nachher waren wir immer die besten Freunde und die Absolution hatte ich umsonst. Der Emanuele ist noch jung und kann sich noch bessern - es kommt Alles von der schlechten Gesellschaft her, und da ist es meine Pflicht als Erzieher, ihn nicht allein zu lassen.«
»Der Herr verkündet seine Weisheit oft durch den Mund der Thoren und Einfältigen« murmelte der Mönch. »Es ist Wahrheit in dem, was dieser Mann da spricht - selbst das wilde Thier verläßt in der Gefahr seine Jungen
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nicht und über den verlorenen Sohn, der heimgekehrt zum Vater, ist mehr Freude, als um zehn Gerechte!« - Er wandte sich zu dem Kammerdiener: »Du wirst zum König gehen.«
»Seid Ihr toll - er würde mir den Schädel einschlagen, wenn ich ihn jetzt stören wollte!«
»Wer hat den Dienst?«
»Schwerenoth - Ihr seid ja auf einmal aufgethaut, Pater! - Ihr habt ihn gesehen - der Colonell und er sitzt mit drinnen und trinkt und scharmuzirt, gerade wie der Kerl mit dem Eulenkopf. Der Andere, der Graf Sismondi ist hinauf geschickt in die Berge und hat sein Theil von den Weibsleuten mitgenommen, den Heiligen sei Dank, sonst wär der Spektakel noch größer.«
»Und welche Wache befindet sich in diesem Hause?»
»Wache? - Da kennt Ihr den Vettern Emanuele schlecht. Aber was soll ein Mönch davon wissen? Nicht eine Patrontasche mehr als die beiden Ordonnanzen, die Ihr im Hofe gesehen und die Posten am Thor.«
»So geh, und befiehl, das Thor zu schließen!«
»Seid Ihr verrückt Mönch? er schnitte mir die Ohren vom Kopf, wenn ich mich in solche Dinge mischte. Was geht's Euch an, ob das Thor offen oder zu - einen Bettelpfaffen werden sie nicht stehlen.«
Der Mönch war auf ihn zugetreten. »Mein Sohn, Du warst Soldat?«
»Sergeant im Regiment Genua, zehn Jahre Fechtmeister, Pater, und was für einer, das kann ich Euch sagen.«
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»Dennoch hattest Du deinen Meister gefunden. Denk' an Aosta!«
Der Fechtmeister drehte sich wie vom Wetterschlag getroffen, gegen den Mönch, ließ das bereits wieder erhobene Glas sinken und starrte ihn mit einer grimmigen Miene an. »Hol' Euch der ... na ich will nicht sagen wer? weil Ihr ein heiliger Mann seid, - aber wie kommt Ihr auf den verfluchten Namen?«
»Weil vor beiläufig sechsundzwanzig Jahren der Sergeant Lorenzo Bertano bei einer Schlägerei in Aosta zwei Bauern getödtet hatte und dafür zum Galgen verurtheilt war, als ihn der verstorbene König begnadigte und sehr mit Unrecht zur Dienerschaft seines Sohnes, des Kronprinzen versetzte.«
Der Kammerdiener sah ihn mit einem wahren Bullenbeißer-Gesicht an, indem er zugleich nach seinem lahmen Bein faßte. »Schwerenoth« brummte er - »ich seh' Ihr kennt die verfluchte Affaire, die mir den Messerstich in's Bein zuzog und mich den Dienst im Regiment kostete, sonst wäre ich heute General und ein besserer, wie der Schwachkopf Cialdini, der uns drei Monate vor dem Hundenest liegen läßt. - Aber wenn Ihr ein Alter seid von damals und um die Geschichten wißt, über die längst Gras gewachsen, so müßt Ihr auch wissen, daß des verstorbenen Königs Majestät mich pardonnirt hat, weil ich mit dem Säbel mir fünfzehn der schuftigen Bauern vom Halse gehalten habe, ich allein, als sie mit ihren Mistgabeln und Dreschflegeln über mich herfielen, bloß wegen eines lumpigen Mißverständnisses, und daß der König gesagt hat, ein Kerl,
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der Fünfzehn in die Pfanne haut, darf mir nicht am Galgen sterben.«
»Du vergißt, daß Dein Mißverständniß die brutale Plünderung eines Bauernhofs war, die allein schon den Galgen verdiente.«
Der ehemalige Fechtmeister faßte sich mit einem sehr unbehaglichen Gefühl an den Hals wie in einer unangenehmen Erinnerung. »Jedenfalls, Pfaffe« sagte er - »wenn Du's weißt, so halte das Maul davon, daß das junge Volk hier nicht erst erfährt, daß des Signor Bertani Bein von dem Messerstich eines elenden Bauern lahm ist, und die verfluchte Mütze ihm bereits unterm Galgen über die Augen gezogen war, als der Pardon eintraf - die Brut würde nur ihre Witze machen und es ist so kein Respekt mehr unter dem Volk vor dem Alter und der Erfahrung. Aber Pater, wer seid Ihr denn, daß Ihr das Alles so genau wissen könnt?«
»Ich war Soldat wie Du, bevor ich einer der geringsten Diener des Herrn wurde!«
»Na« - meinte der ehemalige Galgenkandidat philosophisch - »so gut wie aus einem Abbé ein königlicher Geheimschreiber geworden ist, kann aus einem Soldaten auch ein Barfüsser werden. Aber ehrwürdiger Bruder, was Ihr wollt, geht partoutement nicht, so gern ich auch einem alten Kameraden einen Gefallen thue.«
Der Mönch ging unruhig im Zimmer umher, öffnete dann wieder das Fenster und horchte hinaus.
Nur das Toben des Windes, das Rauschen der Wogen und das Brüllen des Donners ließen sich hören.
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[»]Jeden Augenblick kann es zu spät sein! - Höre mich an - der König ist in Gefahr - das Borgo wird in dieser Nacht von der Festung her überfallen werden!«
»Ah bah ehrwürdiger Bruder, Ihr träumt. Das kommt davon, wenn man keinen Wein trinkt. Unsere Vorposten stehen dem Bombino dicht unter der Nase und außerdem hat der kleine König keine Kourage dazu.«
[»]Du vergißt, daß General Bosco in der Festung ist und daß der heilige Muth einer Judith, die einst den Holofernes schlug für die gerechte Sache, die Stirn jener armen Königin erhebt.«
»Demonio![Demonio!] - das kommt davon, wenn die Weibsen sich in die Dinge mischen. Aber warum habt Ihr dem Manuele es nicht selber gesagt, Ihr habt doch lange genug mit ihm geschwatzt.«
»Damals wußte ich nicht, daß die Gefahr ihm so nahe war. Erst jetzt habe ich sie erfahren.«
Der Fechtmeister schielte ihn mißtrauisch von der Seite an, ging zum Fenster und steckte die Nase hinaus. »Pfui Teufel, ein abscheuliches Wetter! Da bleiben die Neapolitaner sicher lieber hinter ihren Bastionen. Hört Mann, Ihr flunkert mir da aus irgend einer Ursach' was vor - es ist seitdem keine Katze in's Haus gekommen, ohne daß ich's wüßte, wie solltet Ihr da eine solche Nachricht erhalten haben!«
»Der Herr hat seine unsichtbaren Boten, die er auf den Flügeln des Sturmes sendet. Diesmal war es ein sichtbarer. Du selbst hast ihn getödtet.«
»Was - ich?«
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»Die unschuldige Taube! die Deinen müssen Freunde in der Festung haben, die Verrath üben. - Durch Verrätherei ist schon der Beste zu Schanden geworden - auch Novara wurde durch Feigheit und Verrath genommen!«
»Aber zum Henker, was hat das mit einem einfältigen Vogel zu thun. Seit wann können die Tauben reden?« Er zog abergläubisch die Taube aus der Tasche und warf sie auf den Tisch.
»Die Botschaft die sie bringen, ersetzt die Worte. Lies diesen Zettel.«
Der würdige Kammerdiener grinste ihn an. »Spaß!« sagte er, die wichtige Sache ignorirend - »haltet Ihr wirklich den Emanuele für so dumm, daß er einen Kerl, wie mich, in seinen Papieren umherschnüffeln ließe, wenn er nicht wüßte, daß ich meinen eigenen Namen nicht lesen kann, wenn er geschrieben ist?«
Es war dies in der That eine der Ursachen, welche den König bewogen hatten, den alten Soldaten um seine Person zu behalten und seine zahllosen Unverschämtheiten zu übersehen. Der Inhalt lautete:
»Großer Ausfall diese Nacht über das Borgo. Von zwei Seiten. Um eine hohe Person. Eilig und wichtig. Unmöglich, mehr zu melden.«
Die Bleistiftschrift war fehlerhaft und schlecht, die Worte waren von der Nässe etwas verwischt, aber noch deutlich erkennbar.
»Corpo di Bacco« brummte der Sergeant, »eine verfluchte Geschichte - der König muß es wissen, aber ich möchte Hundert gegen Eins wetten, daß er nicht so
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gescheut sein wird, auf's Pferd zu steigen und nach Mola zu reiten, so lange es noch Zeit ist, sondern lieber nach dem Borgo und wo die Kugeln am Aergsten pfeifen.«
»Eben deshalb müssen wir für ihn handeln. Hoffentlich erfolgt der Ausfall erst gegen Morgen. Wo stehn die nächsten Truppen auf dem Weg nach Mola?«
»Hinter dem Monte Conca der Artillerie-Park, die Ablösungen in Castellone.«
»Feder und Papier!«
Der alte Mönch war wie verwandelt - sein Ton nicht mehr der des demüthigen Barfüssers oder des exaltirten Schwärmers, sondern der des Befehls.
»Hier!«
Der Fechtmeister zog einen Schreibtisch auf und legte Papier und Feder zur Hand.
Der Mönch saß rasch vor dem Pult, seine ganze Natur schien sich verändert zu haben - die Feder flog über das Blatt, wenige Zeilen - dann ein zweites - dann faltete er sie.
»Licht!«
»Hier! hier! - aber es wird Nichts helfen - es müßte eine Ordre des Adjutanten vom Dienst sein!«
»Kümmere Dich nicht darum!« - Er wandte ihm den Rücken - die Hand des Barfüssers faßte unter seine Kutte und zog einen Gegenstand hervor, der an einer härenen Schnur auf der bloßen Brust hing. Es mußte ein Petschaft oder ein Siegelring sein, denn er drückte ihn auf das Lack der beiden Briefe und verbarg ihn dann rasch wieder am alten Ort.
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»Hier die Depesche an den kommandirenden Offizier in Castellone, - diese an General Cialdini - der Mann soll reiten, als wenn der Tod hinter ihm säße!«
Der Sergeant, ganz verduzt von dem befehlenden Ton, humpelte eilig hinaus. Als er nach wenigen Minuten zurückkehrte, sah er den seltsamen Gast seines Herrn wieder am Fenster steh'n und hinaus lauschen in die Nacht.
Der Sergeant trat zu ihm. »Na - der Reiter ist fort - aber was da daraus werden soll, das ist nicht meine Sache und Ihr mög'ts[mögt's] allein ausbaden Pater, wenn das Ding schief geht. He - was starrt Ihr da hinaus - von dort wird der Bombino nicht kommen bei dem Sturm.«
»Was ist das für eine Barke, die da an der Terrasse schaukelt?«
»Das Weibervolk ist mit herüber gekommen von Mola, die beiden Kerle, die sie gerudert, sitzen unten in der Küche und spülen sich die Gurgel aus mit meinem Weine!«
»Wie spät ist's?«
»Es muß bald Mitternacht sein - am Ende ist's gar Nichts mit der ganzen Geschichte und ich hab' einen dummen Streich gemacht, daß ich so leichtgläubig gewesen bin. Vielleicht ist's gar wieder eine Finte, die sie von Rom machen und Ihr seid am Ende gar kein richtiger Mönch, sondern ein verkleideter Brigante oder Dragoner!« Die Beschuldigung schien den Barfüsser tief zu treffen. Er schlug sich auf die Brust und rang die Hände.
»Mea culpa! mea culpa! - Du hast Recht mein
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Sohn - und ich habe des heiligen Amtes vergessen, das mir geworden. - All ihr Heiligen, was hab ich gethan! Die Schänder und Feinde der Kirche will ich vertheidigen, die rütteln am Felsen Petri! - Diesen König will ich retten vor dem Schicksal, das er verdient - mit den Ketzern und Mördern will ich mich verbinden gegen die Hand des Herrn! Mögen sie untergehen mit Feuer und Schwert, und liegen im Bannfluch, auch wenn tausend Messer mein Herz zerreißen. O Ihr Heiligen bittet für mich um Vergebung für meine Schwäche und gebt mir Kraft in diesem Kampf!« -
Und er warf sich in die Knie und rang die Hände.
Plötzlich beugte er horchend das Ohr - auch der Sergeant Bertano mußte Etwas gehört haben, denn er sprang trotz seines lahmen Fußes mit einem Satz zum Fenster und beugte sich weit hinaus:
»Corpo di Papa[,] Bruder - ich glaube, Ihr hattet Recht!«
Der Mönch war aufgesprungen - die Reue schien so rasch verschwunden, wie sie gekommen.
»Still - hörtest Du Nichts?«
»Feuern dort drüben von dem Borgo her! Der Teufel soll meine Kaldaunen haben, wenn das nicht Flintensalven sind! - Sie sind mit den Vorposten aneinander - nein, wahrhaftig, das Schießen ist schon im Borgo!«
In einer Pause des Donners des rasch an den Bergen hinziehenden Wetters dröhnte es allerdings herüber von der Seite der Festung her wie Musketenfeuer.
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»Alle Hagel - ich muß zum König!«
»Halt!« der Sergeant fühlte, daß die Hand des greisen Mönchs ihn mit unerwarteter Kraft festhielt. »Hörtest Du Nichts? - dort! dort!«
Eine Flintensalve dröhnte ganz unerwartet von einer andern Seite her, aus nicht allzugroßer Entfernung. Sie kam zweifellos von der Richtung der Spiaggia her - den Häusern unterhalb des Monte Agatha!
»Heilige Jungfrau - rette ihn! - Der Weg nach Mola wird abgeschnitten - die Neapolitaner sind hinter uns! - Zu dem Thor, Schurke - schließe das Thor!«
Der Sergeant rannte davon. - - Zwischen den Schüssen, die sich mehrten, hörte man den rasenden Galopp eines Pferdes, das auf dem Pflaster des Hofes parirt wurde. Gleich darauf fielen die schweren Thorflügel in's Schloß.
»Der König! - wo ist der König?«
Der Mönch kniete im Gemach und schlug mit der Stirn den Boden. »Heilige Jungfrau steh' mir bei!«


In dem Borgo tobte der Kampf.
Wir haben bereits erwähnt, daß die Vorstadt von Gaëta, fast unter den Wällen der Festung beginnend, sich in einer Straße dicht am Ufer des Golfs hinzieht, und daß man versäumt, oder daß vielmehr die Menschenfreundlichkeit des jungen Königs verhindert hatte, bei dem Rückzug in die Festung die Häuser und Villen zu rasiren, eine Vernachlässigung aller militärischen Regeln, die sich schwer
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an den Belagerten rächte, da die Belagerer dadurch Gelegenheit fanden, sich bis dicht an die Werke einzunisten.
Zwar hatte das Feuer der Citadelle und namentlich der Bastion di San Giacomo, unter deren gerader Schußlinie gegen die Batterie des Augustiner Klosters am Monte Atratino wenigstens der vordere Theil des Borgo lag, diesem Nachtheil später abgeholfen, aber doch nicht hindern können, daß selbst die Trümmer zu trefflichen Deckungen wurden, und außerdem lag der größere Theil dieser Vorstädte, namentlich Albano und Spiaggia, außerhalb des Bereichs des Feuers der Festung, die nur schlecht mit gezogenen Geschützen versehen war.
Dennoch war der kühne Ueberfall vollständig gelungen.
Die Vorposten der Piemontesen, deren Wachsamkeit durch das tobende Unwetter eingeschläfert worden, wurden fast sämmtlich überrascht und es gelang Major Simonetti mit seiner tapfern Schaar auf der großen Straße im raschen Anlauf bis fast zum Wege vom Monte Atratina, also bis über die Hälfte der Vorstadt, vorzudringen, bevor sie auf namhafteren Widerstand stieß.
Die Abtheilung Jäger bildete den Vortrab und hatte den Auftrag, vorzüglich das Sammeln des Feindes aus den einzelnen Häusern zu verhindern und die erste Compagnie des zweiten Bataillons, die in geschlossenen Gliedern im Laufschritt den Hauptkeil bildete, zu flankiren. Die Compagnie wurde von ihrem Kapitain Graf Christen geführt und bei ihr befand sich die Hälfte der Artilleristen mit den Pulversäcken, um jeden Verhau oder jedes andere Hinderniß sogleich zu sprengen, während die andern fünf
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bei der zweiten Colonne zurückbehalten wurden, um einen besonderen Auftrag auszuführen. Der Befehl lautete, ohne Rücksicht auf den Verlust bis zur Villa Albano vorzudringen, sämmtliche Bewohner zu Gefangenen zu machen, sich mit den Schweizern und Franzosen von San Agatha her zu vereinigen und mit diesen den Rückzug nach der Festung anzutreten. Die zweite Compagnie, deren Befehl der Kommandeur des Bataillons, Major Bianchetti, gegen den Wunsch der Königin sich nicht hatte nehmen lassen, war bestimmt, den Kampf im Borgo selbst zu unterhalten und den Rückzug zu decken.
Die Befehle waren für den nächtlichen Kampf mit Umsicht und Präzision ertheilt - nur Major Simonetti und die Führer der Compagnien wußten um den eigentlichen Zweck des Ausfalls.
Um 11 Uhr 30 Minuten - man hatte bei der stürmischen Witterung diese halbe Stunde auf den Marsch der Flotillen-Colonne mehr gerechnet, obschon man nicht einmal wußte, ob sie überhaupt ihr Ziel hatte erreichen können, - war von der Fremdenbatterie die blaue Rakete in die Luft gestiegen. Im selben Augenblick passirte die Spitze der Landcolonne die Brücke des Glacis der Porta di Terra.
Es war der strengste Befehl gegeben, das tiefste Schweigen zu beobachten. Jedes unvorsichtige und voreilige Entladen eines Gewehrs - ein Uebelstand, an dem so häufig nächtliche Ausfälle scheitern, sollte mit dem Tode bestraft werden.
Zwischen dem Glacis und den Gartengeländen des
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Borgo, in denen die ersten Vorposten standen, befand sich freies Steinfeld von etwa 200 Metern, das man passiren mußte. Es geschah im kurzabtretenden, langaushaltenden Laufschritt - in höchstens 3 Minuten waren die ersten Häusertrümmer erreicht und man sah bereits aus den Keller-Wölbungen und einigen verschonten Parterres Lichtschein blinken, als das erste Wer da? einer Schildwache ertönte. Die Antwort des Hauptmanns Graf Christen war die berühmte oder berüchtigte, welche der Göthe'sche Götz dem Trompeter giebt! - Im nächsten Augenblick feuerte der Bersagliere auf die Entfernung von fünf Schritten, aber die Kugel verfehlte ihr Ziel und der Degen des tapfern Grafen durchbohrte die Schildwache. Ein zweiter Schuß folgte - ein Bayonnetstoß warf den Piemontesen nieder, über ihre Körper hinweg sprang der Hauptmann vorwärts mit dem Ruf: En avant les legionairs! à moi les chasseurs! Point de quartier à cette canaille! Wie ein Sturmwind ging es vorwärts - aus den Trümmern, aus den Häusern stürzten die Bersaglieri und Soldaten, die hier gezecht oder geschlafen - viele waffenlos, die meisten verwirrt, ohne Halt, ohne Zusammenhang, jedes Kommandos in den ersten fünf Minuten entbehrend.
»En avant! en avant! - Vorwärts Kameraden!«
Nur wenige von den Piemontesen wußten, daß der König die Nacht in San Agatha zubrachte, um am andern Morgen bei Eröffnung des Feuers zugegen zu sein. Sie konnten also nur den Ueberfall für eine gewöhnliche, freilich mit überraschender Kühnheit ausgeführte Recognition halten.
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Bereits war die erste Colonne bis unterhalb des Kapuziner-Klosters vorgedrungen und die zweite hielt im Borgo das Gefecht fest, das jetzt immer heftiger wurde, da endlich die Piemontesen sich ermannten und ihre Signale zum Sammeln ertönten.
»Lieutenant Méricourt!«
»Kapitain!«
»Dort vor uns, rechts am Rande muß die Batterie liegen - Sie kennen Ihre Aufgabe!«
»Merci!«
Der Zug schwenkte in die noch öden Seiten-Gassen, die zum Strande führten, und stürmte vorwärts.
In diesem Augenblick war es, wo man die ersten Schüsse von jenseits San Agatha her vernahm. Der Graf blieb einen Augenblick stehen um zu verschnaufen, Lieutenant Max, den Säbel in der Hand, stand neben ihm.
»Gott sei Dank! Nun haben wir ihn!«
»Wen?«
»Wen anders als den König, den Re gentilhuomo, den Kirchenschänder. - Aber - Schwerenoth - welches von diesen verfluchten Häusern ist denn eigentlich das rechte? In diesem Höllenwetter ist man ganz confus geworden. He, Leute, weiß Einer hier besser Bescheid? welches ist die Villa Albano?«
Dieser Augenblick der Zögerung war es, der das Schicksal des Ausfalls, wahrscheinlich des ganzen Krieges, entschied.
Als der deutsche Offizier die Antwort des Kapitains hörte, begriff er sofort die ganze Wichtigkeit jedes
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Moments. Er verstand nur wenig Italienisch, das Wenige, was er in der kurzen Zeit der Belagerung von den Soldaten gelernt, aber er sah sogleich den einzigen Weg zur Auskunft.
»Einen Augenblick, Herr Graf, - nur einen Augenblick Verzug - ich bin sogleich zurück! Toni - mit mir!«
Er lief die Gasse zurück - der Milchbruder der jungen Königin schloß sich ihm an, - Hradeck, der gleichfalls die Worte des Führers gehört, wollte ihm folgen, aber die Hand des Grafen hielt ihn fest.
»Nicht von der Stelle, Bursche - es ist genug, wenn Einer desertirt. He - das ist ein Reiter, schießt Bursche!«
Mehre Schüsse knallten hinter dem Reiter drein, der über den Weg vorüber flog - aber ohne Erfolg!«
Der Graf stand in der That rathlos - durch ein Versehen war der Compagnie kein Mann beigegeben, der in den Uferorten genau Bescheid wußte, man hatte sich auf die Abtheilung des Oberstlieutenant Migy verlassen, der eigentlich die Aufgabe der Sperrung der Straße zwischen Albano und Mola und die Aufhebung des Königs in der Villa Albano unterhalb San Agatha zugefallen war und bei der sich die ortskundigen Führer befanden. Aber Kapitain Steiner mit den Schweizern war von dem seinen verleitet worden, den Weg um die Nordseite des Monte Agatha nach dem Strande einzuschlagen, und obschon es seiner Abtheilung - bei der sich Oberstlieutenant Migy, der Kommandeur der Expedition befand, gelungen war, sich unentdeckt durch die piemontesischen
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Posten zu schleichen und bis zu dem Signal von der Festung her zu verbergen, war die Sperrung der Straße doch zu weit entfernt, an der Ausmündung des Weges hinter Spiaggia erfolgt.
Graf Christen wollte eben den Befehl geben, auf jede Gefahr hin vorwärts zu dringen, nach der alten Kriegsregel, dahin zu marschiren, wo man das Feuern hört, als ein Ruf der Jäger ihn aufmerksam machte.
Den Säbel in der Faust, athemlos, kam der Offizier, der nur unter dem Namen Max gekannt war, mit dem Korporal zurück. Beide schleppten oder schleiften zwischen sich einen Mann, der kläglich um Pardon schrie.
Der Lieutenant blutete aus einem leichten Hieb über die Stirn, das Blut an Faust und Säbel bekundete, daß seine Absicht nicht ohne Kampf und Gefahr ausgeführt worden. Der Korporal war unverletzt.
»Hier, Kapitain - der Bursche ist aus dem zweiten Hause von hier - ich holte ihn aus den Bersaglieri, die sich dort sammeln und uns gleich auf dem Halse sein werden. Geben Sie Ihre Ordre.«
Der Graf rief nach dem Offizier der Jäger und befahl, die Straße zu halten, bis Lieutenant Méricourt mit seinem Zuge zu Hilfe kommen würde, dann wandte er sich zu dem Gefangenen, der zu seinen Füßen lag.
»Wo ist die Villa Albano hier, Kerl?«
»Excellenza - ich weiß nicht, ich bin nur ein armer Vivandiere!«
»Um so besser mußt Du Bescheid wissen! Hier das
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schärft das Gedächtniß!« Er setzte ihm die Läufe des Revolvers an die Stirn.
»Um der heiligen Jungfrau Willen, Excellenza - tödten Sie mich nicht, ich will Alles zeigen! Bei meinem Schutzpatron - die Villa Albano ist keine zweihundert Schritt von hier - dort die weiße Mauer - das Thor steht offen - Sie sehen es nur von hier nicht!«
»Voran denn!«
Der deutsche Offizier riß seinen Gefangenen auf und stieß ihn vorwärts, den Weg zu zeigen - aber der günstige Moment war vorüber, die massiven Thore des Vorhofes waren bereits geschlossen, die Mauer, die bis zum Strande lief, so hoch und lang, daß man sie nicht im ersten Anlauf übersteigen konnte.
»Es sind Offiziere drinnen, Generale und Damen, ich habe sie selbst gesehen, Excellenza!« betheuerte der Kerl, der bereit war, Alles zu sagen, was sein elendes Leben retten konnte. »Bei der Madonna, ich rede die Wahrheit.«
»Dann sind wir am rechten Ort! - vorwärts Leute, versucht das Thor oder die Mauern zu erklimmen!«
Die Kolben der Legionaire donnerten vergeblich gegen Schloß und Balken, - den Ersten, den seine Kameraden auf ihren Schultern über die Mauer zu heben suchten, traf von Innen ein Schuß durch den Kopf und er stürzte todt zurück.
»Ha - sie vertheidigen sich! wir haben sie! - Die Artilleristen her!«
»Ohm - wo seid Oes!«
Der Böhme, der die beiden Pulverträger anführte,
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schien ziemlich widerwillig dem Ruf und Befehl zu gehorchen. Er ließ das erste Pulverfaß auf den Boden fallen und erst der wiederholte strenge Befehl, eine Petarde an das Thor zu legen, ließ ihn gehorchen - aber es geschah so ungeschickt, daß die halbe Ladung verschüttet wurde und die Explosion bloß die massiven Flügel erschütterte.
Eine für den Erfolg jetzt so kostbare Zeit war dadurch verloren - von dem Offizier der Jäger traf eben Botschaft ein, daß er sich nicht länger halten könne ohne Verstärkung gegen den Andrang - ohnehin sei er bereits verwundet.
Einen Augenblick kämpfte der Kapitain mit sich - dann zeigte sich der wackere Mann entschlossen, den schwierigern Theil der Aufgabe selbst zu übernehmen, da er seinem jüngeren Offizier noch nicht genug Erfahrung zutrauen konnte, mit der nöthigen Kaltblütigkeit und Umsicht das Gefecht zu leiten.
»Lieutenant Max!«
Der Offizier sprang herbei.
»In Ihre Hand lege ich das Geschick des Königs und der Königin. Stürmen Sie die Villa - wer sich widersetzt oder zu entkommen sucht wird niedergeschossen, ohne Rücksicht der Person! Victor Emanuel ist in dem Hause - wir müssen den König von Sardinien haben, todt oder lebendig! Die Augenblicke sind kostbar! Mit Gott!«
Er nahm die Hälfte der Leute mit sich und eilte zu den Jägern. Zugleich sprang der Lieutenant an das Thor.
»Wo ist die andere Pulvertonne?«
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»Was weiß ich!« sagte der Böhme trotzig.
»Hier ist das Pulver, Herr Max« - rief Toni - »der Artillerist da trägt's noch.«
»Hierher! Geschwind, Bursche!«
Hradeck schaute grimmig auf den jungen Mann.
»Leg die Petarde, rasch, und daß kein Korn verschüttet wird!«
»Dann thut's hübsch selber, Junker, wenn Ihr's besser versteht! Ich habe keinen Zündschwamm mehr.«
Der junge Mann sah ihn einen Moment starr an - dann zog er den Revolver, den er bisher nicht gebraucht. Er beugte sich vor, daß nur der Artillerist ihn hören konnte.
»Höre mich an, Mensch - ich traue Dir nicht! - Aber so wahr ich an Gott glaube - wenn binnen drei Minuten dies Thor nicht in Stücke fliegt, zerschmettert Dir, ob Du schuldig oder nicht, eine Kugel den Schädel!«
Das Auge des jungen Offiziers funkelte so drohend, sein schönes, sonst so trauriges Gesicht, drückte einen solchen Grad unbeugsamer Entschlossenheit aus, daß der alte Landsknecht es für gerathen hielt, ohne Weiteres zu gehorchen. Er legte die Petarde an, zündete den Zunder und sprang dann zur Seite hinter den Vorsprung der Mauer.
Wenn er vielleicht geglaubt hatte, dem Offizier zu entgehen, so hatte er sich getäuscht. Der Lieutenant blieb auch hier dicht neben ihm, das Auge fest auf ihn gerichtet, den Revolver gehoben.
»Korporal Lechberger!«
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Der Milchbruder der Königin antwortete.
»Bei Deinem Kopf - Du stehst für diesen Mann und gehst ihm nicht von der Seite, - ich ...«
Die Explosion unterbrach ihn - das Thor splitterte aus seinen Angeln.
»Es lebe die Königin!« mit geschwungenem Säbel sprang der deutsche Offizier über die rauchenden Trümmer in den Hof - mit dem Ruf: »Evviva il Ré Francisco! Vive la Reine!« folgten ihn die Legionaire.
In dem Hof standen eine Kalesche und ein Fourgon: zur Seite war ein Dragoner-Pferd angebunden, - von dem Reiter oder den Schildwachen keine Spur - der Hof war leer, nur vor dem Eingang zum Sousterrain stand in weißer Mütze und Jacke der Koch mit seinem ganzen Küchenpersonal. Die Thür der Villa war geöffnet[.] - das Vestibüle hell erleuchtet, aber keine Seele darin zu sehen.
Der Offizier und seine Legionaire blieben verblüfft stehen - sie hatten einen blutigen Kampf, einen heftigen Widerstand erwartet, - diese anscheinende Ruhe und Stille kam Allen überraschend und man vermuthete natürlich einen Hinterhalt. Der junge Offizier gab rasch seine Befehle - vier Mann als Wachen am Thor, den Zugang bis zum letzten Blutstropfen zu vertheidigen, ein Posten vor das Sousterrain, - der Sergeant der Compagnie mit vier Mann um den Seitenflügel, die Terrasse und den Garten nach dem Strand zu untersuchen - alle diese Anordnungen geschahen im Fluge; dann befahl der
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Lieutenant dem Rest seiner Mannschaft ihm zu folgen und eilte die Stufen hinauf in das Vestibüle.
Alles war leer - aus einem entfernteren Zimmer allein drangen lustige Stimmen und lustiges Gläserklingen herüber.
»Ein Posten an die Thür!«
Der junge Deutsche öffnete das Vorzimmer, - leer! - die Thür des anstoßenden Salons war halb geöffnet - von dort her das Lachen und Klingen. Er stieß die Thür auf; in einem elegant dekorirten Salon, an einer reich mit Crystall und Silber besetzten Tafel, die noch mit dem Dessert und einer Batterie Flaschen bedeckt war, saßen zwei Damen und ein Herr, ein Kammerdiener in schwarzem Frack, weißer Cravatte, aber in ziemlich unsauberer und alter Militairhose, das Gesicht eine halbe Fratze, bediente die Gesellschaft.
Der Herr saß, ein Kelchglas voll Champagner gegen das Licht erhoben, mit dem Rücken gegen die Eindringenden.
»Sire - im Namen meines Monarchen, - Sie sind mein Gefangener!«
Der Fremde erhob sich und kehrte sich nach dem Offizier, das Eulengesicht des Grafen Conti blickte ihn an.
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Zu den Quellen des Nil.

Ein reges Leben und Treiben in allen jenen bunten Farben und Gestalten, die der Orient so reich dem Auge bietet, herrschte auf den flachen ziemlich engen Quai's jenes arabischen Hafens, der wie Gibraltar die Straße zwischen Europa und Afrika, so die zwischen Asien und Afrika, den Ein- und Ausgang des rothen Meeres bewacht.
Aden - Eden - das Paradies, wie es der Araber nennt, wegen seines, trotz der Entfernung von nur wenig mehr als 12 Grad vom Aequator, durch die Seewinde milden Klima's und stets unbewölkten Himmels - fiel bekanntlich eben so wie Helgoland, Gibraltar, Malta, Corfu, das Cap, die indischen Nationen und Hongkong durch eine jener politischen Perfidien und Anmaßungen, an denen die englische Politik so reich ist, in die Hände der Briten. Sie brauchten eine Station am Ausgang des rothen Meeres auf ihrem Weg nach Indien, da die projectirte Straße am Euphrat zu vielen Hindernissen unterlag - und sie nahmen Aden, das Bab-el-Mandab, die Mandabspforte.
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Schon der ältere Plinius schreibt von Athana - Aden. Schon im Alterthum und bis zur Entdeckung der Umfahrt um das Cap der guten Hoffnung durch den Portugiesen Vasco de Gama 1498, war Aden ein Stapelplatz aller Erzeugnisse und Fabrikate des südlichen und östlichen Asiens und selbst die Chinesen kamen mit ihren unbehilflichen Dschonken bis hierher. Der berühmte Reisende des Mittelalters, Marco Polo, erzählt von seinem Glanz und Reichthum. Erst nach Entdeckung des Seeweges um das Cap, sank es von diesem herab, bis es - in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts - zu einem Dorf von kaum 600 Seelen herabgesunken war, von denen die Hälfte Juden waren.
Die englische Regierung war schon in den zwanziger Jahren darauf bedacht, eine raschere Verbindung mit Indien herzustellen und nahm dazu - da wie oben erwähnt, die Straße auf dem Euphrat zum persischen Meerbusen zu vielen territorialen und politischen Hindernissen unterlag, - den Weg, den ihr Napoleon I. durch den Zug nach Egypten gewiesen, die Straße durch das rothe Meer wieder auf. Dazu gehörte ein indisches Gibraltar!
Auf der afrikanischen Küste engt die Bergkette des Samhara, auf der arabischen das Cap el Mandab den Eingang des rothen Meeres zur Ras-Sinthiar-Straße ein;[.] An der äußeren Buchtung zum arabischen Meer liegt Aden in einem Thal, das von dem Krater eines submarinen Vulkans gebildet wird; der Golf trägt den Namen des Ortes.
Man begriff in England mit dem politischen Krämer-Scharfsinn
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sehr wohl, welche Bedeutung Aden für die Straße durch das Rothe Meer haben mußte und lauerte schon lange auf eine Gelegenheit - gerechtfertigt oder nicht! - sich seiner zu bemächtigen. Der Zufall - wir wollen nur von einem solchen sprechen! - fügte es, daß ein britischer Kauffahrer in der Nachbarschaft von Aden Schiffbruch litt, und die Bemannung von den Arabern der Küste beraubt und mißhandelt wurden. Geschwind, - es war im Jahr 1838 - wurde von Bombay aus ein Kriegsschiff ausgesandt, das den Sultan zu einer Entschädigung zwingen, zugleich sich aber erkundigen sollte, unter welchen Bedingungen die Araber geneigt wären, Aden auf immer an die Engländer abzutreten, und Kapitain Haynes, mit dieser Mission beauftragt, verstand es in der That, den alten, halb kindischen, überaus geizigen und habsüchtigen Sultan des Landes zu vermögen, unter allerlei lockenden Bedingungen in eine solche Abtretung zu willigen. Als aber die Verhandlungen ruchbar wurden, erhoben sich sämtliche benachbarten Stämme, die Scheichs und Ulemas gegen den Handel und der Sultan beeilte sich, aus Furcht sein Versprechen zurückzunehmen. Aber England, das so oft seine Versprechungen den schwächeren Gegnern gebrochen, wollte von dem Rückgang des Handels Nichts wissen, sandte Kriegsschiffe und bombardirte Aden. In Verlauf weniger Stunden, am 11. Januar 1859, war Aden in den Händen der Briten, die sich beeilten, an dem schmalen, sandigen Isthmus, welcher die Halbinsel des Caps mit dem Festland verbindet, auf den Trümmern des sogenannten türkischen Walls, Festungswerke zu errichten,
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mittels deren die starke Besatzung leicht im Stande war, alle Angriffe der erbitterten Araber zurückzuweisen.
Seitdem nahm die Bevölkerung rasch zu, so daß Aden 1845, schon eine solche von 2500 Seelen gewonnen, und gegenwärtig von 40,000 hat.
Aber der Hochmuth Albions sollte auch hier den politischen Scharfblick trüben; die Politik Palmerston's und seiner Nachfolger glaubte des Orients sicher zu sein und selbst die Ereignisse von 1853, - jene schmähliche Niederlage gegen den französischen Rival, - störte den Dünkel nicht, den die Unterdrückung des indischen Aufstands auf's Neue stärkte.
Man versäumte, sich der großen Idee zu bemächtigen, welche Lesseps im Jahre 1855 anregte: die Wiederherstellung des alten Weges der Pharaonen, die Durchstechung der Landenge von Suez.
Entweder glaubte man in England nicht an die Ausführung des großen Plans, oder man wollte ihn nicht fördern, damit er nicht eine Heerstraße auch für andere Nationen nach Indien werde.
Aber über den Kopf dieser selbstsüchtigen Politik hinweg, schritt das Project vorwärts. Herr von Lesseps erhielt im Jahr 1855 von Said-Pascha die Vollmacht zum Kanalbau, und ein Kapital von 200 Millionen Franken wurde mit Hilfe der französischen Regierung beschafft. Die Arbeiten am Kanal begannen im Jahr 1859, die egyptische Regierung stellte 20.000 Fellah's der Compagnie zur Verfügung.


Der Hafen war mit Schiffen der verschiedensten Größe
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und Gattung gefüllt, arabische Prauas und europäische Handelsschiffe, die breitgebauten Fahrzeuge, welche den kostbaren Kaffee hinauf nach Suez schaffen und die Felucken der Gewürzinseln im bunten Gedräng mit den oft nur von leichtem Bambus gebauten Küstenfahrern. Dazwischen ankerten zwei Dampfer der Oriental Steam Navigation Company, von denen der Eine erst am Tage vorher die Ueberlandpost von Suez gebracht hatte, der andere sich zur Fahrt nach Bombay rüstete.
Weiter hinaus auf der Rhede wiegte sich auf der von der Sonne zu einem Spiegel von flüssigem Gold gewandelten Fluth der schlanke Leib eines dritten Dampfers, dessen Stückpforten bewiesen, daß er auch kriegerischern Zwecken diente, als etwa bloß der Abweisung eines malayischen Seeräubers. Von der Gaffel wehten die französischen Farben und die zwölf Matrosen, die auf den Bänken der Schaluppe am Quai lehnten und munter plauderten, während der Kadet im Spiegel des Boots unter einem großen Schirm von Palmblättern saß, zeigten ganz das gewandte Wesen der französischen Seeleute, wodurch sie sich so vortheilhaft von dem schwerfälligen oder brutalen Aeußern der britischen Marinen schon im Krimkrieg jedem Auge unterschieden.
Der Humor der Seeleute galt hauptsächlich den beiden steifen englischen Schildwachen, die am Quai in kurzer Distance auf- und abwanderten, bei den tropischen Sonnenstrahlen in ihren hohen Halsbinden und harten Uniformkragen fast erstickend und eben deshalb um so mürrischer gegen die zahlreichen orientalischen Lungerer, die sich in
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der Nähe der Landungstreppe umhertrieben und den fremden Matrosen Früchte und andere Gegenstände zum Verkauf anboten.
»Beim Neptun,« sagte der junge Seecadet zu dem Bootsmann, »das Frühstück bei Sr. Excellenz dem Herrn Gouverneur von Aden dauert etwas lange, und unser Kapitain mit der Reise-Gesellschaft scheint ganz vergessen zu haben, daß wir hier nicht im Schatten von Palmen und Bananen, sondern auf offenen Wellen bei einer Hitze von mindestens 20 Grad liegen. Wäre dieser Goddam ein Franzose, so würde er sicher so höflich sein, an uns zu denken und uns ein Dejeuner von seiner Tafel schicken - aber diese Engländer haben einen unersättlichen Magen, der Alles für sich verbraucht.«
»Der Teufel hole die Puddingfresser,« stimmte der Bootsmann - »wir haben noch nie etwas Gutes von ihnen gehabt und ich begreife Ihre gesegnete Majestät nicht, daß wir jetzt bei jeder Gelegenheit für sie die Pfoten in's Feuer stecken und sie so mit durchschleppen müssen. Blitz und Marssegel - hat nicht der >Veloce< vor Sebastopol ihren besten Dreidecker aus dem Feuer der Bastion Constantin schleppen müssen, das er mit keiner Lage mehr erwidern konnte - und wie hat er's uns gelohnt? Nicht Danke schön hat John Bull gesagt und sich selbst alles Verdienst zugeschrieben. Keinen Sous Bergegeld haben wir gesehen. - Aber da kommen unsere Leute, Monsieur le Cadet
»Fertig, Ihr Leute zum Einsetzen,« kommandirte der Midshipman. »Bei meiner Ehre, Raoul - unsere kleine
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Prinzessin ist doch ein allerliebstes Dämchen und ich gönne sie dem steifen Lord nicht, obgleich er sonst kein übler Bursche ist!«
»Blitz und Marssegel,« meinte der Alte, - »Monsieur de Thérouvigne wird sie ihm schwerlich so gutwillig lassen. Obschon ich zur Schaluppe, also nicht zum Hinterdeck gehöre, habe ich doch zur Genüge gesehen, daß sie sich manchmal gerade so grimmig anschauen, wie die Bestien, die dieser komische Prussien, der sich Professeur nennt, mit aus Peking bringt. Man hat mir erzählt, Monsieur Pierre, daß Monsieur le Comte diesem schwarzen Beest sein Leben verdankt?«
»Ich habe davon gehört - ein merkwürdiges Abenteuer! Er soll einen Kampf mit diesem Panther gehabt haben, oder von ihm fast gefressen und von einem Amerikaner gerettet worden sein; Monsieur Bonifaz, der Kammerdiener des jungen Kapitains, erzählt allerlei wunderbare Geschichten davon, wenn er sich mit den beiden Begleitern des Kaufmanns unterhält, der seit unserer Einschiffung in Peiho das Land noch nicht betreten hat und fast nie seine Kajüte verläßt. Aber es muß ein reicher Mann sein, denn ich hörte, wie der Kapitain dem ersten Lieutenant befahl, ihm jede Rücksicht zu erweisen und seine Wünsche zu erfüllen.«
»Blitz und Marssegel, seine beiden Begleiter sind so stumm wie ein Meerschwein. Man sagt, er wolle eines der warmen Bäder in den Pyrenäen brauchen. Aber Attention, Monsieur Pierre, da kommen unsre Leute.«
Die Wachen präsentirten - in bunter Gruppe kam die erwartete Gesellschaft herbei. Es war in der That
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die schöne Sibirianka, die wir auf ihrer Reise nach Europa bei dem Brande von Jung-mie-Jun[Jung-ming-jun] verlassen haben. Die junge Fürstin trug elegante französische Toilette, die sie sich in Singapore oder Bombay, wo der Dampfer angelegt hatte, leicht verschaffen konnte, und war von der Begleitung umgeben, in der sie ihr rauhes Vaterland verlassen hatte. Außer den beiden französischen Offizieren und dem Lord, befanden sich zwei oder drei englische Offiziere in der Gesellschaft, von denen der älteste in eifrigem Gespräch mit dem Viscount sich erging, dem auch Graf Boulbon zuhörte, während die jüngeren sehr zum offenbaren Aerger des französischen Husaren sich bemühten, der Dame den Hof zu machen, die sich leicht auf den Arm des kleinen Professors stützte.
»Ich habe leider nicht Gelegenheit gefunden, einer Tigerjagd beizuwohnen,« sagte Lord Walpole, »da der Dampfer wegen der Depeschen, die er überbringt, nur zwei Tage in Singapore anlegte, um frisches Wasser und Proviant einzunehmen. Major Stavely, den ich die Ehre hatte, an Ihrer Tafel zu begrüßen, Colonel, hat in diesem Sport so viele Lorbeeren errungen, daß er zu beneiden ist.«
Colonel Phayre, der damalige Gouverneur von Aden, derselbe, welcher einige Jahre später bei dem berühmten oder vielmehr tragikomischen Feldzug der Engländer gegen den König Theodor den Vortrab der Armee führte, als Sir Robert Napier mit verschiedenen Elephanten zwei Armstrong-Kanonen über die abessynischen Gebirgspässe schaffte, und indem er mit 2000 Soldaten und 5000 Bedienten derselben Magdala angriff und erstürmte, das
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faktisch nur noch von dem Negus selbst und vierzehn seiner schwarzen Krieger vertheidigt war - einen so glorreichen Sieg errang, wie in der That die neuere Geschichte keinen zweiten aufzuweisen hat! - nickte zustimmend. »Staveley hat in der That Glück gehabt - er hat deren bereits sechszehn Stück getödtet. Aber warum sind Sie, wenn Sie Lust hatten, Tiger oder Elephanten zu jagen, nachdem Sie sich am Nordpol mit den Eisbären herumgeschlagen, nicht Ihrer Neigung gefolgt, Mylord, und haben in Singapore oder Madras Station gemacht, um mit einem unserer eigenen Dampfer später die Reise fortzusetzen?«
Eine leichte Röthe überflog das Gesicht des Viscount, während er einen flüchtigen Blick nach der Dame warf. »Es wäre undankbar gewesen meine werthen Reisegefährten zu verlassen, bis ich sie sicher in Alexandrien am Bord eines europäischen Dampfers gebracht« sagte er flüchtig. »Uebrigens ist es nicht unmöglich, daß ich von Cairo aus noch eine Fahrt den Nil hinauf bis zur nubischen Wüste oder Chartum mache, dann werde ich Gelegenheit haben, das edlere Wild, den Löwen und den Elephanten zu jagen.«
Die Gesellschaft der jungen Fürstin war nahe genug, seine Worte zu hören. Die Dame konnte eine Bewegung der Ueberraschung nicht unterdrücken, obschon sie kein Wort sagte, doch übernahmen dies ihre Begleiter.
»Eheu - mein edler Freund und Gönner - eine Nilfahrt? Vielleicht zur Erforschung der Quellen des Hape - koptisch Jaro - von den Hebräern Jaur genannt, während die Nubier ihn Tossi oder Nil-Tossi nennen, das heißt: der überfließende Strom, - daher die spätere Benamung
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Nil!« rief der Professor. »Schon der Portugiese Covilham bei seiner Reise durch Abessynien suchte sie, verwechselte sie aber irrthümlich mit dem Baher el Asrak oder blauen Fluß, und selbst der Jesuit Lobo 1624 und Thevenot 1652, Paul Lucas und Pocake, Bruce 1768 und Irwin, in unserem Jahrhundert Salt und der deutsche Missionair Gobert theilten den Irrthum, dem selbst Minutoli und meine Freunde Ehrenberg und Parthey unterlegen haben. Erst Canbes und Birch zweifelten daran und Livingstone hat es klar nachgewiesen, daß der große westliche Strom Baher-el-Abiad, der Weiße Fluß als der wirkliche Quellenstrom des Nil zu betrachten ist, obschon es ihm noch nicht gelungen ist, seine Quellen nachzuweisen, und wenn ich denken könnte, daß es mir vergönnt sein sollte ...«
»Wenn Sie Lust haben sollten, Professeur,« unterbrach der Husarenoffizier die gelehrte Expectoration, »mit Mylord Walpole die Quellen des Nil aufzusuchen, so thäten die Herren gut, nicht erst bis Cairo sich zu bemühen. Ich stehe Ihnen dafür, daß Madame la Princesse, meine schöne Cousine, ihres Schutzes wird entbehren können.«
Der Engländer kehrte sich bei dieser Impertinenz gegen den Offizier. »Wie meinen Sie dies, Sir?«
»Ganz einfach, Mylord - wie ich gehört, können Sie noch vor Suez Gelegenheit haben, die Quellen des Nil in der Nähe zu studiren. Wenn wir in der Bai von Adulis - -«
Ein strenger Blick des jungen Capitains traf ihn und machte ihn verstummen, um so mehr, als die englischen
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Offiziere offenbar an dem Wortwechsel ein Interesse gewannen.
»Sie werden mir gestatten, Monsieur de Thérouvigne, an Bord der Veloce mir nähere Auskunft über Ihre Worte zu erbitten,« sagte der Engländer mit einer kalten Verbeugung. »Colonel, erlauben Sie mir Ihnen und den Herren Ihrer Messe meinen Dank abzustatten für die freundliche Aufnahme. Ich glaube, ich sehe das Signal des Dampfers, daß wir uns zu beeilen haben.«
Der Oberst reichte dem jungen Pair die Hand - er zog ihn einige Schritte zurück, außer der Hörweite der Andern.
»Mylord - diese Franzosen gefallen mir nicht. Ich möchte Ihnen als Landsmann rathen, lieber die Begleitung dieser schönen Dame im Stich zu lassen, und den nächsten Postdampfer von Bombay abzuwarten.«
»Das kann Ihr Ernst nicht sein, Colonel Phayre. Uebrigens ist Graf Boulbon ein Ehrenmann und auch dieser junge Hitzkopf, den nur die Eifersucht reizt, wird sich keiner Niedrigkeit schuldig machen. - Leben Sie wohl und wenn ich Ihnen in London gefällig sein kann, so gebieten Sie über mich!«
Zwischen dem jungen Kapitain und seinem Freunde waren unterdeß gleichfalls Worte gewechselt.
»Der Henker hole Deine Unvorsichtigkeit!« zürnte Graf Louis. »Willst Du nicht lieber gleich diesen Engländern den Inhalt der Depesche vorlesen?«
»Bah - es fuhr mir so heraus - sie haben schwerlich darauf geachtet und wenn auch, - der Schaden
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wäre nicht groß! - Erlauben Sie meine schöne Cousine ...«
Er eilte zu der Schaluppe, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein, mußte aber zu seinem großen Aerger sehen, wie die Fürstin ihm mit ernster und strenger Miene den Rücken wandte und die Hand Lord Walpoles annahm, ihr beim Einsteigen in die Schaluppe behilflich zu sein.
Lieutenant Henri[Henry] preßte die Zähne auf die Lippen. »Der Teufel soll mich holen, wenn dieser langweilige Kerl nicht mir Rede stehen soll, ehe wir vierundzwanzig Stunden älter sind - Louis mag sagen, was er will!« Er war der Letzte beim Einsteigen und verabschiedete sich bei den Engländern ziemlich unliebenswürdig.
Die Matrosen senkten mit taktmäßigem Schlag die Ruder in's Wasser und die Schaluppe schoß unter den wiederholten Grüßen und Winken in die Bai und richtete ihren Lauf nach dem französischen Dampfer.
Sie waren kaum 50 Yards vom Quai, als Colonel Phayre seinem Adjutanten winkte.
»Lieutenant Gordon - haben Sie gehört, was der französische Laffe von der Adulis-Bai sprach?«
»Ja, Sir - daß der Dampfer dort anlegen werde.«
»Wir müssen Gewißheit darüber haben. Die Bay liegt außerhalb ihres Wegs nach Suez - vielleicht weiß der jüdische Halunke, der den französischen Consular-Agenten spielt, darum. Hat der Bursche mit der letzten Ueberlandpost Briefe empfangen?«
»Der Kaufmann Salomon Hassan?«
»Zum Henker, ja.«
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»So viel ich gesehen, nur zwei Handelsbriefe aus Suez!«
»Aber es fehlt nie an willigen Händen, die für Geld Briefe nebenbei auf unsere Dampfer besorgen. Lassen Sie den Kerl noch diesen Mittag zu mir bringen - vielleicht ist etwas Näheres von ihm zu erfahren. Die französischen Offiziere haben sein Magazin besucht.«
»Ich sah selbst, daß der Eine beim Heraustreten einen Brief einsteckte. Aber es ist so gewöhnlich, Sir ...«
»Erinnern Sie sich nicht, daß dieser schwarze Bursche von Abessynien, der König Theodor, wie er sich nennt, wieder in den Küstenorten von Tigre liegt, und daß wir die strengste Ordre der Regierung haben, ihn sorgfältig zu beobachten. Man hat Ursache, ihm zu mißtrauen und diese Franzosen spinnen jetzt nach allen Seiten Ränke in Egypten. Geben Sie Consul West in Suez sofort Auftrag, sich mit Munzinger in Verbindung zu setzen. Wir müssen eines der arabischen Schiffe sofort nach Zula oder der Bay selbst senden mit einem gewandten Menschen, der die Franzosen beobachtet. Ich werde ihm einen Brief an Lord Walpole mitgeben.«
Während diese vorsorglichen Anstalten getroffen wurden, hatte der Veloce bereits Anker gelichtet und seine Dampfspur verschwand am Rande des Horizonts.
Auch an Bord herrschte eine gewisse Unruhe, die sich selbst auf die Reisenden ausdehnte.
Graf Boulbon hatte sofort nach der Ankunft auf dem Schiff den Kapitain in seine Kajüte begleitet und ihm die in Aden von dem französischen Consular-Agenten
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erhaltene Depesche übergeben. Man war auf eine solche vorbereitet, denn der französische Consul in Singapore hatte von dem Minister des Auswärtigen die Anweisung gehabt, dem ersten Kriegsschiff, das von der Flotte im Peiho zurückkehrte, zu insinuiren, in Aden nach Depeschen zu fragen.
Wéra hatte alsbald nach der Ankunft sich in ihre Kajüte zurückgezogen, während ihre drei Anbeter, der deutsche Professor, der Husarenlieutenant und der Pair sich getrennt von einander hielten. Der Erstere schien sehr zerstreut oder von ganz besonderen Gedanken geplagt, denn er wanderte rastlos zum großen Mißvergnügen der Seeleute auf dem Verdeck auf und nieder, belästigte die Offiziere mit allerlei Fragen über die afrikanische Küste, frug, ob sie schon den Nil befahren hätten und hielt dem Mann am Steuer einen langen Vortrag über die Pyramiden und die neuesten Entdeckungsreisen zur Erforschung von Central-Afrika. Lieutenant Thérouvigne blies von der Gallerie in sehr mißmuthiger Stimmung den Rauch seiner Cigarre in die Luft, und Lord Walpole hatte sich in das Vorderschiff begeben, wo unter dem Bollwerk die Käfige mit den wilden Thieren befestigt waren, welche der General en chef für den jardin des plantes sandte, darunter auch der schwarze Panther, das Geschenk Eisenarms.
Die Matrosen mit ihrer gewöhnlichen Gleichgiltigkeit gegen Gefahren hatten die meisten dieser Bestien bereits so gezähmt, daß sie auf die Stimme ihrer Wärter hörten und nur bei seltenen Gelegenheiten ihre wilde und tückische Natur zeigten.
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Hier war auch der Ort, wo sich sehr häufig die beiden Diener des fremden Kaufmanns aufhielten, und so schweigsam sie auch sonst gegen andere Leute, namentlich über die Person und die Verhältnisse ihres Gebieters blieben, war es doch dem jungen Lord wiederholt gelungen, in eine Unterhaltung mit ihnen zu kommen, da er zufällig Zeuge gewesen, daß Beide mit einander englisch sprachen, und der Fang und die Natur der Bestien Anknüpfungspunkte zum Gespräch gegeben hatten, das Beide ihm bald als erfahrene Jäger bekundete.
Auch heute saßen sie wieder in der Nähe des Tigerkäfigs und sprachen von allerlei Jagden, die sie erlebt.
Lord Walpole hatte namentlich für den riesigen Bärenjäger eine große Vorliebe gefaßt und ihm häufig von seinen eigenen Kämpfen und Jagden in den arktischen Regionen erzählt. Auch jetzt, um sich von mancherlei unangenehmen Eindrücken zu zerstreuen, gesellte er sich zu ihnen.
»Wissen Sie, Master Taylor« - so nannte sich der Bärenjäger auf dem Schiff, während sein Gefährte, der als aus dem französischen Kanada stammend sehr gut Französisch sprach, in der Schiffsliste unter dem Allerwelts-Namen Smith eingetragen war - »daß ich heute das Vergnügen gehabt habe, den berühmtesten Tigerjäger Indiens kennen zu lernen?«
Die Beiden machten eine unwillkürliche Bewegung des Erstaunens. »Wen meinen Sie, Mylord - doch nicht ...
»Major Staveley. Er ist gegenwärtig auf Kommando
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in Aden, war an der Tafel des Gouverneurs, und man sagte mir, daß er mit eigener Hand bereits sechszehn Tiger erlegt hat.«
»Sechszehn Tiger - je nun Mylord, eine ganz hübsche Zahl, aber ich kannte Einen, der ...«
Ein Blick seines vorsichtigeren Gefährten warnte ihn noch zu rechter Zeit.
»Verwechseln Sie nicht die Jaguars Ihrer Heimath, die man dort, wie ich weiß, Tiger nennt« sagte der Engländer, »mit dem Königstiger Indiens, von dem wir hier eine Probe sehen. Ich glaube, daß die Jagd auf den Jaguar gewiß gefährlich genug ist, aber sie kann sich doch nicht messen mit der auf das gewaltige Raubthier, das die Wüsteneien Indiens beherrscht, und es giebt nur eins, das noch mächtiger und gefährlicher ist, als der Tiger Asiens.«
»Sie meinen den Elephanten?«
»Auch der Elephant Indiens ist nicht das, was sein wilder Bruder auf den Jagdgründen Afrikas sein soll. Nein, ich meine den Löwen.«
»Den Puma?«
»Nicht den Löwen Amerikas, wie, ohne Sie beleidigen zu wollen, die Eitelkeit der amerikanischen Jäger dies Thier nennt, sondern den afrikanischen Löwen, der noch weiter von dem Puma verschieden ist, als der Jaguar von dem Tiger Indiens. Haben Sie nie in Menagerien einen wirklichen Löwen gesehen?«
»Nein, Sir!«
»Nun - ich gehe wahrscheinlich, Löwen und wilde
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Elephanten zu jagen, ohne das Rhinoceros und das Nilpferd zu erwähnen, die gewiß auch nicht zu verachten sind. Ich wünschte, Master Taylor, Sie könnten mich begleiten.«
»Damned - ich wünschte es selbst! Aber Sie sehen ein Mylord, daß es nicht geht?«
»Und sind Sie denn so unauflöslich an Monsieur Labrosse, Ihren Herrn, gebunden, den man so selten sieht? Wenn Sie einwilligen wollten, würde ich mit ihm sprechen und ich biete Ihnen ein bedeutendes Gehalt, wenn Sie in meine Dienste treten wollten.«
Der Riese schüttelte den Kopf. »Sie sind sehr gütig Mylord, aber es geht nicht. Es wäre ein schuftiger Streich von uns - denn Sie müssen wissen, wir sind seit zwanzig Jahren Kameraden und würden uns nicht von einander trennen, - wenn wir einen Mann verlassen wollten in seinem Unglück, nachdem wir seine guten Tage getheilt und sein volles Vertrauen so lange besessen haben.«
»Kamerad ...!«
»So ist Monsieur Labrosse unglücklich? Er hat vielleicht sein Vermögen verloren?«
»Es mag sein Mylord, es kümmert uns nicht« meinte ausweichend der Riese. Wir sind durch Pflicht und Dankbarkeit an ihn gebunden und erst, wenn er selbst unsern Contrakt löst, freie Männer, die dann in ihre Heimath zurückkehren werden. Freilich - ich muß gestehen - eine Jagd auf den Löwen hätte ich gern zuvor mitgemacht, um in den Prairien davon erzählen zu können.«
Eine Hand legte sich leicht auf den Arm des Britten, es war die der jungen Fürstin.
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»Wissen Sie Mylord, wo die Bai von Adulis sich befindet?«
»Wenn ich nicht irre, nennt man mit diesem Namen auch die Ansley-Bai an der abessinischen Küste am Eingang des Rothen Meeres. Aber unser würdiger Professor wird Ihnen die Frage sicher besser beantworten.«
»Bah - ich frug ihn und seine Antwort lautete: Südost von Massua, zwischen 15 und 15\frac12 Grad nördlicher Breite. Sie wissen, daß meine Erziehung noch etwas vernachlässigt ist.«
»Sie holen sie mit wunderbarer Gelehrigkeit und Eile nach, Mylady. Aber wie kommen Sie auf die Frage?«
Die Sibirianka lachte. »Ich habe den Namen nur erhorcht; aber es wird Sie vielleicht interessiren, daß wir nach der Bay von Adulis gehen.«
Der Lord sah sie erstaunt an. »So viel ich weiß, ist das keine Station der Dampfer nach Suez.«
»Das scheint; - aber es ist nichtsdestoweniger wahr!« Sie war aus der Gehörweite der beiden Amerikaner getreten und der Lord ihr gefolgt. - »Offen, ich glaube Ihnen eine gewisse Dankbarkeit schuldig zu sein, Mylord, trotz der Prinzipien meines Lehrers Bakunin, der die Dankbarkeit für eine Thorheit erklärt. Ich bin unfreiwillige Hörerin des Gesprächs von Kapitain Ducasse mit unsern beiden Offizieren gewesen. Es scheint, daß eine Ordre, die Graf Boulbon wahrscheinlich in Aden empfing, den Befehl von Paris für das erste in Aden anlangende französische Kriegsschiff enthalten hat, seinen Weg nach der Bay von Adulis zu nehmen.«
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»Also darauf bezog sich die Impertinenz von Monsieur de Thérouvigne.«
»Mag sein? ich hielt es für Pflicht, Sie darauf vorzubereiten, denn ...«
»Was Mylady?«
»Es scheint, daß nach Eingang dieser Ordre Ihre Anwesenheit an Bord des Veloce unsern französischen Freunden etwas unbequem ist.«
»Ich hätte die Gastfreundschaft des Kapitain Ducasse nicht weiter als Singapore oder Bombay mißbrauchen sollen; Sie haben Recht, Mylady! - Indeß wissen Sie am Besten, daß Sie selbst die Ursach sind und daß ich nur der freundlichen Einladung des Herrn Grafen von Boulbon dabei gefolgt bin. Sobald ich das Wort, das ich Ihrem Großvater verpfändet, gelöst habe, Sie in Begleitung meines älteren Freundes - Ihres sogenannten Verlobten - in das Gebiet der civilisirten Welt zu bringen, wo für Ihre Sicherheit nicht mehr zu fürchten ist, - werde ich Niemand weiter beschwerlich fallen.«
»Bah- Sie wissen, daß ich mich selbst zu beschützen verstehe. Ich entbinde Sie jeder Sorge um mich!«
»So stoßen Sie mich von sich? Ich bedauere in der That, Mylady, daß diese See um uns her mich zwingt, Sie noch länger mit meiner Nähe zu belästigen!«
»Sie sind ein Thor. Ich verlange Nichts von Ihnen, als Ihr Wort, in dem ersten Hafen, den wir berühren, dieses Schiff zu verlassen und Ihren Weg mit einer anderen Gelegenheit fortzusetzen. Da Sie, wie ich selbst hörte, ohnehin in Alessandrien oder Cairo uns verlassen
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wollten, kann Ihnen dies nicht schwer werden. Ich glaubte, daß die Bay vielleicht eine englische Station wäre, und deshalb frug ich.«
»Meines Wissens nicht - die ganze Küste ist Besitz des Negus von Abyssynien. Aber Ihr Wunsch soll dennoch erfüllt werden, verlassen Sie sich darauf!«
Er machte ihr eine kurze Verbeugung und wandte sich zu gehen.
»Frederik!«
Der Ton - das Wort waren so süß so ungewohnt, daß der junge Engländer wie von einem elektrischen Schlage berührt stehen blieb und das Blut ihm in das Gesicht schoß.
»Fürstin ...«
»O über diese Männer!« sagte sie mit stolzem Spott. »Wo ihre Eitelkeit verletzt ist, sind sie blind, wie das Hermelin am Feuer. Wer sagt Ihnen denn, daß ich Sie von diesem Schiffe vertreiben will, weil Ihre Gesellschaft mir lästig, wie Sie sich auszudrücken beliebten?«
»Wéra!«
»Mylord Walpole?!«
»O spielen Sie nicht mit einem Herzen, Wéra, das Sie innig verehrt - zeigen Sie mir nicht einzelne Lichtblicke von Gefühl und Theilnahme, um mich im nächsten Augenblick wieder desto schroffer und kälter zurückzustoßen. - Wir nähern uns den Küsten Europa's - o geben Sie mir endlich das Recht, als Ihr Beschützer aufzutreten, dann verlassen wir zusammen diesen Bord, und ich werde Mittel finden, auf einem anderen Schiff Sie nach Suez zu führen.«
»Sie vergessen Mylord« sagte die schöne Russin lächelnd,
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»daß Sie mir nach jenem verunglückten Heirathsantrag auf dem Rückweg aus dem Palast des Kaisers von China versprochen haben, nicht wieder darauf zurückzukommen, und doch wiederholen Sie ihn hier auf den Wogen des rothen Meeres, durch das einst Moses seine diebischen Hebräer führte. Sie sehen, daß ich trotz Michael Bakunin meine biblische Geschichte inne habe! - Aber ohne Scherz - ich liebe vor Allem meine Freiheit zu bewahren und bin noch zu jung, die Sklavin eines Mannes zu sein. Lassen Sie uns Freunde sein und als ein solcher werden Sie mir, wenn Sie von Ihrer Entdeckungsreise nach den Quellen des Nil, die meinem Verlobten einen großen Zwiespalt zwischen seiner Bewunderung für mich und seinem Gelehrtenruhm droht, - wenn wir in Paris uns wiedertreffen, herzlich willkommen sein. Bis dahin ...«
»Bis dahin?«
»Fordert Wéra Tungilbi von Lord Frederik Walpole, daß er jede Gelegenheit zum Streit mit dem jungen Thoren, meinem Vetter, vermeidet, und wenn dieser ihn sucht, der Klügere ist.«
»Also seinetwegen verbannen Sie mich von diesem Schiff?«
»Auch das - ich will nicht immer die Rolle der Vermittlerin spielen!« -
»Sie wissen, daß ich bereits den Entschluß gefaßt hatte, zu gehen - nicht um seinetwillen, und deshalb gebe ich Ihnen das Versprechen, das Sie fordern, denn ich weiß, daß Sie nicht mehr verlangen werden, als die Ehre eines Mannes gestattet!«
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»Darüber ist Lord Walpole gewiß selbst der beste Richter.«
»Verzeihen Sie, wenn ich noch einen Zweifel ausspreche. Mein alter Freund war wohl ein passender Beschützer vor der Welt durch seinen Charakter und seine Jahre - aber ich zweifle, daß er im Stande ist, diese Aufgabe in seiner gelehrten Zerstreutheit zu erfüllen, wenn ich ihm nicht mehr zur Seite stehe.«
»Deshalb mögen Sie ihn auch mit sich nehmen, wenn er sich von seinem Mammuthknochen trennen kann!«
»Wie, und Sie wollten allein weiterreisen mit diesen jungen Franzosen? Bedenken Sie Ihren Ruf, die Welt!«
»Eine Fürstin Wolchonski« sagte sie hochmüthig, »hat für ihren Ruf nicht zu fürchten. Ueberdies sollten Sie meinen Charakter kennen und wissen, wie ich über diesen sogenannten Ruf denke. Aber seien Sie unbesorgt - wenn Monsieur le Professeur auch geht, ich habe bereits einen andern Beschützer gefunden.«
»Und würde es unbescheiden sein, zu fragen, welchen?«
»Warum sollte ich ihn nicht nennen? Monsieur Labrosse!«
»Wie - der französische oder amerikanische Kaufmann, der in Thiansin mit uns an Bord kam, und der so selten seine Kajüte verläßt, daß man ihn kaum von Ansehen und nur durch seine beiden Diener oder Begleiter kennt?«
»Ganz derselbe!«
»Aber wie kommen Sie Fürstin dazu, dem seltsamen - ich muß es geradezu sagen, etwas unheimlichen - Fremden ein solches Vertrauen zu schenken? Ich habe Sie zwar einige Mal des Abends, wenn er seine Kajüte
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verließ, mit ihm sprechen sehen, und Sie waren die einzige Person, der er ein Wort gönnt. Indeß, um ihm ein solches Vertrauen zu schenken - erlauben Sie wenigstens, daß ich mit ihm spreche!«
»Ich erlaube Nichts, mein Herr! Es muß Ihnen genügen, daß ich weiß, wer dieser Herr ist und ich in seiner Begleitung nach Paris gehen werde. Damit Sie aber sehen, daß er meinen Wünschen gehorchen wird - sprachen Sie vorhin nicht Ihr Bedauern aus, jenen alten Riesen, seinen Diener, nicht mit auf Ihre Wüstenfahrt nehmen zu können?«
»Der Mann war früher, wie er mir erzählt, einer jener amerikanischen Trapper oder Jäger, die mit allen Gefahren der Wildniß wohl vertraut sind, und müßte ich nicht die Treue für seinen Herrn achten, die ihn an diesem festhalten läßt, würde ich ihn allerdings gern gewonnen haben, ihn oder seinen Gefährten.«
»Sie sollen ihn haben, nur müssen Sie mir versprechen, ihn wieder mit nach Paris zu bringen. Ich beabsichtige ihn sogar in meine Dienste zu nehmen als Leibkosak, weil der arme Mutin mir fehlt. - Doch lassen Sie uns jetzt nach dem Hinterdeck zurückkehren - ich sehe, die Conferenz der Herren hat geendet und sie werden sich Wunder was auf ihr Geheimniß zu Gute thun, das wir längst wissen!«
In der That waren Kapitain Ducasse und die beiden französischen Offiziere auf das Deck gekommen. Graf Boulbon kam auf den Lord zu und nahm ihn unter den
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Arm. »Einen Augenblick Mylord, ich wünsche mit Ihnen zu sprechen.«
Der Engländer, der den jungen Mann lieb gewonnen, folgte ihm lächelnd.
»Es setzt mich einigermaßen in Verlegenheit, was ich Ihnen mitzutheilen habe Mylord,« sagte Graf Louis zögernd - »es sieht fast aus wie eine Aufkündigung der Gastfreundschaft, wenn ich Ihnen sage ...«
»Daß wir zunächst nicht nach Suez gehen, sondern an die abessynische oder nubische Küste,« unterbrach ihn der Viscount lächelnd.
»Wie - Sie wissen ...«
»Daß die Depesche, die Sie in Aden erhielten, den Veloce anweist, seine Fahrt zu unterbrechen.«
»Aber - wie um Himmelswillen kommen Sie zu dieser Kenntniß?«
»Man verhandelt einfach Staatsbefehle nicht in der Nähe von Damenohren, mein Lieber.«
»Die Fürstin ...«
»Die Fürstin hat zufällig in ihrer Kajüte gehört, daß der Veloce zunächst nach der afrikanischen Küste gehen soll - Nichts weiter. Das kommt mir sehr gelegen, dann brauche ich nicht von Cairo die Fahrt den Nil hinauf zu machen und kann schon vom nächsten Hafen aus meine Reise durch die Wüste antreten. Aber Sie selbst, Graf und Ihre Depeschen ...«
»O wir finden in Zula einen Handelsdampfer, der uns nach Suez bringt. Der >Veloce< ist für unsere afrikanische Station bestimmt. Ich wollte Ihnen eben
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den Vorschlag machen, mit uns an Bord des Schiffes, das wir finden werden, die Reise bis Suez fortzusetzen.«
»Sie sind ebenso ehrenhaft, als freundlich, Graf,« sagte herzlich der Brite. »Erlauben Sie mir, dies Ihnen offen auszusprechen und Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen stets dankbar sein werde für Ihre Güte und Freundschaft. Aber wie ich Ihnen bereits gesagt, die Gelegenheit ist mir willkommen, meine Reise durch die Wüste fortzusetzen.«
»Und Madame la Princesse?«
»Ich lasse Sie in Ihrem Schutz - sie selbst hat es so bestimmt! - Doch möchte ich Sie um zwei Dinge bitten.«
»Sie haben über mich zu befehlen.«
»Die Fürstin besitzt ein bedeutendes Vermögen - in Edelsteinen, ein Erbe ihres Großvaters in Sibirien. Einen kleinen Theil derselben hat sie in Bombay unter meinem Beistand bei einem der parsischen Juweliere bereits umgesetzt und führt in Cheks und Gold viertausend Pfund bei sich - die Juwelen, die sie noch besitzt, haben wohl den zehn- oder zwanzigfachen Werth. Sie wissen, daß die Fürstin bei all' ihrem scharfen durchdringenden Verstand in vielen Beziehungen doch ein reines Naturkind ist und - wie ich glaube - auch wenig den Werth des Geldes kennt und schätzt. Mein Freund, der deutsche Professor, ist hierin wenig besser. Es muß verhütet werden, daß die Fürstin nicht betrügerischer - ja auch nicht leichtsinniger Spekulation zum Opfer wird.«
»Ich verstehe Sie Mylord und werde dafür sorgen, obschon ich glaube, daß Prinzeß Wolchonski die Bedeutung
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dieser Hauptmacht unserer Zeit bereits sehr wohl kennt und würdigt. Aber ich werde - wenn es ihr genehm - meinen alten Baptist mit der Sorge für ihr Vermögen betrauen; ich versichere Sie, er ist ein wahrer Harpagus und treu und ehrlich wie lauteres Gold.«
»Ich habe den Alten nur schätzen gelernt und bin also in dieser Beziehung beruhigt. Ich werde mit der Fürstin darüber sprechen. Der zweite Punkt macht mir fast noch mehr Sorge.«
»Und der ist?«
»Sie hat mir vor wenig Minuten erklärt, daß sie sich unter den Schutz des fremden Kaufmanns zu stellen beabsichtigt und in seiner Begleitung nach Paris gehen will.«
»Also ist ihr Verhältniß zu dem Professeur, wie ich von vorn herein vermuthet, nur ein Scherz?«
»Eine ihrer Launen und Extravaganzen, mit der sie, wie ich fürchten muß, mehr Unheil angerichtet hat, als sie denkt. - Ich hoffe, Professor Peterlein, mein alter Lehrer und Freund, glaubt selbst im Ernst nicht daran, und das ist eine der Ursachen, die mich fast wünschen lassen, er möge mich, nicht sie weiter begleiten. Aber kommen wir wieder auf diesen geheimnißvollen Herrn zurück, der es vorgezogen hat, unsere Gesellschaft zu vermeiden, so daß wir ihn kaum und nur in den Abendstunden oder bei Nacht zu Gesicht bekommen haben und so viel wie gar Nichts von ihm wissen. Der Teufel weiß, wie sie seine Bekanntschaft gemacht hat. Ist Ihnen etwas Näheres über den Mann bekannt?«
»So wenig als Ihnen. Ich weiß nur, daß er der
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Besitzer einer unserer südlichen Faktoreien sein soll und Krankheit wegen für einige Zeit nach Europa geht. Ich sah ihn nur zwei Mal, er sieht so gelb aus wie ein Indier und muß an der Leber leiden. Ich hörte nur, daß General Montauban ihm die Erlaubniß zur Mitfahrt ertheilt und ihn auf das Angelegentlichste an Kapitain Ducasse empfohlen hat. Jedenfalls gefallen mir seine beiden amerikanischen Diener oder Begleiter besser als er! Es sind ein Paar famose alte Burschen, besonders der Riese!«
»Wann denken Sie, Graf, daß der Veloce ankern wird?«
»Kapitain Ducasse sagte mir, daß wir die Straße morgen Mittag passiren werden und die Bay am dritten Tage erreichen können. Wir werden die abessynische Küste nicht mehr aus den Augen verlieren.«
»Lord Walpole hat da Zeit, Terrain-Studien zu machen. Sie haben in der That Glück Mylord, wie ich Ihnen schon früher wünschte, Sie werden herrliche Jagden haben.«
Es war der junge Husaren-Lieutenant, der heran gekommen war und sich in das Gespräch der Beiden mischte.
»Ich danke Ihnen, Herr von Thérouvigne« sagte der Engländer kalt, »und bedauere nur, daß die Wichtigkeit Ihrer Mission nach Paris Sie verhindert, an dem Vergnügen und Gefahren einer Wüstenjagd Theil zu nehmen.«
Der junge Offizier enöthete bei der Anspielung auf seine Mission. »Die Gefahren, Mylord, werden hoffentlich nicht so groß sein. Man geht ihnen aus dem Wege!«
»Jeder nach seinem Geschmack, Monsieur. Ich hoffe
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nicht ohne einige Rencontres mit Elephanten oder Löwen zurückzukehren.«
»Bah - ich wußte nicht, daß Sie die Rencontres mit Löwen lieben!«
»Nicht mit denen des Boulevard Italien, Monsieur!«
Die Erwiderung war so rasch und treffend, daß der französische Offizier sich stumm einige Augenblicke auf die Lippen biß. Ehe er eine heftige Erwiderung geben konnte, waren die junge Dame und der Professor, die seither eine Unterredung gehalten hatten, herzugekommen.
»Me Herkule!« stöhnte der Gelehrte, »was muß ich hören, mein vortrefflicher Zögling und Beschützer. Sie wollen also wirklich an der Küste des Landes Habesch, was man fälschlich Abessynien zu nennen pflegt, uns verlassen, und verlangen, daß ich Sie begleiten soll? Haben Sie auch bedacht, daß wenn auch die Wissenschaft schwere Opfer von ihren Jüngern zu fordern pflegt, wir doch eigentlich, so zu sagen, unfreie Männer geworden sind durch unser Versprechen an jene würdigen Greise, die das Glück haben, die Großväter dieser jungen Dame zu sein, die mich Unwürdigsten sogar ihren Verlobten zu nennen pflegt?! Und selbst wenn sie es mir gestatten wollte aus Eifer für die heiligen Interessen der Wissenschaft, um den hohen Ruhm zu werben, die wahren Quellen des Nilstroms zu erforschen und unser Beilager vulgo Hochzeit bis zu meiner Rückkehr nach Europa verschieben - haben Sie junger Mann und geliebter Zögling überlegt, daß wir keineswegs vorbereitet und ausgerüstet sind für die Durchforschung dieser Lande, des alten axumitischen Reichs, das zwar seit
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dem 4. Jahrhundert nach Christum das Glück hat, die Segnungen des Christenthums zu genießen, das aber seitdem wieder, namentlich was die Samhara und das Land Adel betrifft, wieder in die Finsterniß der muhamedanischen Religion zum großen Theil zurückgefallen sein soll? Haben Sie auch bedacht, daß - selbst wenn ich mich entschließen sollte, der Wissenschaft diese hochschmerzliche Verzögerung der Gründung eines häuslichen Heerdes zum Opfer zu bringen - ich meine Hefte und Notizen über die Forschungen nach dem sagenhaften Priester Johannes, den die Oberflächlichkeit häufig mit dem Johannes Chrysorrhoas aus Damaskus, gestorben im Jahre 760 im Kloster Saba bei Jerusalem, zu verwechseln pflegt, - so wie über die jüdischen Falischas in der Provinz Simen, die nach der Zerstörung Jerusalems über das rothe Meer zurückwanderten, gar nicht bei mir führe? Auch bin ich nur mit sehr oberflächlichen Notizen und Geographicis, Etnographicis und Historicis über Nubien und Schoa versehen, und was das Wichtigste wäre, meine Entdeckung, daß jener Hassan-ben-Sabbah-el-Homairi, der Stifter der verruchten Sekte der Assassinen - im Jahre 1043, während er sich am Hofe zu Kairo aufhielt, dessen Akademie bekanntlich schon lange vorher der Mittelpunkt der Ismaeliten war, jenen Bund stiftete, der noch seine Verzweigungen bis in die Gebirge Abyssiniens hat, und daß - was durch seine Studien zu Nischagur in Indien erklärlich, die Assassinen gleichbedeutend sind mit jener abscheulichen und verabscheuungswindigen Verbindung der Thugs oder indischen Mörder, von denen ich leider während unseres allzukurzen
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Aufenthalts in Bombay ein ächtes und veritables Exemplar in den Gefängnissen der hohen Staatsregierung nicht zu Gesichte bekommen konnte, von denen ich aber, wie ich Ihnen auf das Bestimmteste mit einer kurzen Darlegung beweisen werde, wenn Sie noch zweifeln sollten ...«
Der Professor sah sich kampfbereit um nach einem Widerspruch - aber der Leegang des Dampfers, auf dem die Unterredung stattgefunden, war leer - seine Gelehrsamkeit hatte die ganze Gesellschaft in die Flucht geschlagen, und als er erstaunt über diese Gleichgültigkeit gegen seine Entdeckung die Augen erhob, trafen sie auf ein so grimmig-dämonisches Antlitz, daß er erschrocken zurückprallte und nur das Bollwerk ihn vor einem Fall rettete.
Die Erscheinung dauerte übrigens nur einen Augenblick, denn im nächsten schon war sie wieder von dem Fenster verschwunden und die Deckkajüte des Kapitains, die derselbe dem geheimnißvollen französischen Kaufmann zur Wohnung überlassen, zeigte nichts Anderes, als den ruhig hängenden Seidenvorhang, der es immer verschloß.
Professor Peterlein trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirn, den der Schrecken ihm ausgepreßt, nahm eine starke Prise und zog sich eilig aus dem Bereich der Kajüte hinweg, indem er bei sich erwog, ob ihm seine Phantasie das dämonische Antlitz eines der gefürchteten Thugs vorgespiegelt, wie er es sich in seinen gelehrten Träumen etwa gedacht, oder ob er ein wirkliches Menschenhaupt gesehen.
Auch bei der Mittagstafel, zu der bald nachher die Glocke die Passagiere in der großen Kajüte vereinigte, war
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er Anfangs sehr schweigsam und nachdenkend, bis er endlich zur großen Verwunderung seines früheren Zöglings, begann Kapitain Ducasse allerlei Fragen über den Bewohner der Deckkajüte vorzulegen, um den er sich bisher sehr wenig bekümmert hatte.
Die Auskunft, die ihm Kapitain Ducasse gab, schien den Professor wenig zu befriedigen, denn er verlangte eine förmliche Personalbeschreibung des Reisenden, die denn sehr wenig dem Bilde entsprach, das in seiner Phantasie oder Erinnerung lebte, und als seine Quälgeister, die Fürstin und ihr Vetter, der junge Husaren-Offizier, der sehr bitterer und sarkastischer Laune blieb, ihm endlich den Grund seiner Fragen abgelockt und ihn deshalb verspotteten, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er erklärte, das Gesicht, was er zu sehen geglaubt, habe eine merkwürdige Aehnlichkeit mit einem Bilde gehabt, das der junge Lord mit einer Reihe anderer Ansichten und Darstellungen aus Ostindien in Bombay gekauft hatte, und das einen der blutigen Rebellenführer in der letzten indischen Empörung darstellen sollte.
Das Gespräch verweilte einige Zeit auf der Person und richtete sich alsdann auf das nächste Ziel ihrer Reise und die äthiopische Küste, wobei der gelehrte Herr reichlich Zeit fand, seine Wissenschaft auszukramen, ohne daß seine Zuhörer Gelegenheit und wohl auch Lust hatten, ihm zu entwischen, und Jedermann anzunehmen schien, daß er sich dem Lord auf dieser Reise anschließen, sie also schon im nächsten Hafen verlassen würde.
Lord Walpole, der im Ganzen ein ziemlich scharfer
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Beobachter war, war es nicht unbemerkt geblieben, daß die Fürstin bei der Erzählung des Professors von der Erscheinung, die er gehabt haben wollte, plötzlich sehr still geworden und ihren alten Verehrer mit mißtrauischem Blick gemessen hatte. Nach der Erklärung, die ihm die Dame gegeben, gewannen auch die kleinsten Umstände, welche auf ihren geheimnißvollen Reisegefährten Bezug hatten, Bedeutung, und er nahm sich vor, den Professor, sobald er mit ihm allein wäre, näher zu befragen.


Es war am Abend des zweiten Tages - die Sonne war hinter den hohen Bergketten des mittlern Abessyniens, die bis zur Höhe von 14,000 Fuß aufsteigen, versunken und die Nacht mit jener des Uebergangs der Dämmerung ermangelnden Schnelligkeit gekommen, die der tropischen Zone eigen ist.
Der Dampfer hatte während des Tages das Land nicht aus dem Gesicht verloren, mußte sich aber möglichst fern von der Küste und jetzt scharfen Ausguck halten, da hier eine Menge kleiner Inseln, Felsen und Korallenriffe die Fahrt sehr erschweren und gefährlich machen. Kapitain Ducasse verließ daher das Deck nicht, und der eintönige Singsang der Matrosen, mit dem sie das Senkloth auswarfen, bewies, wie aufmerksam man war.
Es war eine herrliche Tropennacht, so schön und mild, wie sie gerade diese Jahreszeit - es war im Januar - in dieser Zone bietet. Myriaden von Sternen funkelten mit einem im Norden ungekannten Glanz, das Meer leuchtete von jenen Mollusken, die einen so eigenthümlichen phosphorischen Glanz verbreiten, und der frische Landwind,
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der von der Küste herüberstrich, trug auf seinen Schwingen würzige Düfte bis in diese Entfernung. Am andern Morgen sollte man nach des Kapitains Berechnung die Bay erreichen.
Alles verkündete tiefen Frieden, und doch herrschte er in der Wirklichkeit keineswegs. Der bläulich glänzende Streifen, der hinter dem Schiff häufig durch das langgefurchte Kielwasser des Dampfers sich bewegte, verkündete die Nähe des furchtbarsten Räubers des Meeres, des Hay, - während der lustige Begleiter der Schiffe in der Nähe der Küsten, der muntere Delphin, seine Sprünge um den Bogspriet schoß.
Unter dem Zeltdach des Verdecks, das noch von der glühenden Sonne des Mittags ausgespannt war und jetzt gegen den Thau der Tropennächte schützte, saß die kleine Reisegesellschaft versammelt im lebhaften Gespräch über die Landung am nächsten Tage.
Nur die Fürstin, die sonst stets den Mittelpunkt des kleinen Kreises bildete, fehlte jetzt. Man glaubte sie in ihrer Kajüte, obschon man sie noch kurz vorher gesehen, und war gewohnt, sich in ihre Launen zu fügen.
Wie zwei gegen einander zum Kampf gerüstete Gladiatoren waren in ihren Bemerkungen der Lord und der junge Offizier.
Plötzlich wurde das Gespräch unterbrochen.
Die kurze Treppe zum Hinterdeck herauf kam die Fürstin, an ihrer Seite die Gestalt eines Mannes, dem zwei andere folgten.
Die schöne Wéra nahm die Hand des Fremden und
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führte ihn zu der Gesellschaft, während seine beiden Begleiter an den Seiten der Treppe stehen blieben.
Jeder erkannte sofort an der riesigen Gestalt des einen dieser Begleiter den amerikanischen Jäger, in seinem Herrn also den bisher in ein so mystisches Dunkel sich hüllenden Fremden.
»Mylord und Sie, meine Herren« sagte die Fürstin nachlässig, - »mit Ausnahme des Herrn Kapitain Ducasse, der natürlich als Gouverneur unseres Schiffes ihn kennt, erlauben Sie mir, Sie mit diesem Herrn noch kurz vor unserem Scheiden näher bekannt zu machen. Monsieur de Labrosse ist leider durch sein schweres Augenleiden, wie er mir sagte, verhindert gewesen, an unseren langweiligen Tagen Theil zu nehmen, aber er hat durch mich, die zufällig das Vergnügen seiner Bekanntschaft gewann, von Ihnen Allen sehr viel gehört und er hat mich gebeten, ihn wenigstens noch kurz vor Thoreszuschluß, das heißt vor unserem Schiffswechsel, noch vorzustellen, damit er sich auch in den Personen stets dankbar der Rücksichten erinnere, die Sie seinem leidenden Zustand während der Ueberfahrt zu Theil werden ließen.«
Die Franzosen hatten sich bei der Vorstellung des Fremden ziemlich langsam erhoben, der Engländer war sitzen geblieben.
Monsieur de Labrosse, schien etwa 38 Jahre alt, konnte aber leicht auch für älter gehalten werden, da sein kurz geschorenes Haar bereits ziemlich grau und sein Gesicht, so weit man es sehen konnte, von Leiden, Anstrengungen oder Leidenschaften tief gefurcht war. Ein
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grüner Schirm, wie er von Augenleidenden häufig getragen wird, verdeckte Stirn und Augen bis zur Hälfte des Gesichts und überdies konnte man bemerken, daß er darunter noch eine Brille mit dunklen Gläsern trug. Seine Gestalt war klein und schmächtig, schien aber einer gewissen Zähigkeit und Muskelkraft nicht zu entbehren. Fuß und Hand waren auffallend klein. Er trug eine einfache, aber moderne französische Reisetoilette und seine ganze Haltung machte den Eindruck eines Gentlemans.
»Meine Herren« sagte der Fremde mit einer verbindlichen Verbeugung in elegantem Französisch, »Madame la Princesse ist so gütig gewesen, bereits die Entschuldigung für meine Zurückgezogenheit zu übernehmen. Ich gehe nach Frankreich, um in Paris Doktor Boliveau, den berühmtesten Augenarzt, zu consultiren, da ich Erblindung fürchten muß. Glücklicher Weise scheint der Einfluß der Seeluft und das Fernhalten jeder Anstrengung günstig auf meinen Zustand gewirkt zu haben, so daß ich dies benutzen durfte, um mich Ihnen vorzustellen, um wenigstens für den Rest unserer gemeinschaftlichen Reise das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu genießen.«
Die Höflichkeit des Fremden war so ausgesucht, so fern jeder Aufdringlichkeit und doch frei und ungezwungen, die Erklärung seiner bisherigen Zurückgezogenheit so natürlich, daß Niemand sich dadurch verletzt fühlen konnte, und die bei seinem Erscheinen erst gezeigte Kälte sich bald in den freundlichsten Ton der Unterhaltung verwandelte. Man lud ihn ein, Platz zu nehmen und fand es ganz natürlich, daß er einen solchen möglichst im Schatten wählte. Die
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Fürstin ließ den Thee bringen, bereitete ihn selbst und verstand es, ihren Schützling bald mit allen Anwesenden in ein lebhaftes Gespräch zu verwickeln; Monsieur de Labrosse wußte es in der That, allen angeschlagenen Saiten ein besonderes Interesse durch seine geistreiche, den Mann von großer Erfahrung und reicher Weltkenntniß zeigende Unterhaltung zu verleihen. Er erzählte, daß er zwar kein geborener Europäer, daß sein Vater aber ein französischer Kaufmann auf einer der französischen Stationen im östlichen Asien gewesen sei, daß er große Reisen durch die indischen Staaten gemacht, auch Amerika besucht habe und durch die Cholera seiner ganzen Familie beraubt worden sei. Er sprach mit den jungen Männern von Sport und Jagd, mit Kapitain Ducasse von den französischen Handelsinteressen, erzählte Abenteuer und seltsame Scenen, zeigte sich selbst mit der europäischen Literatur wohl vertraut, kurz als einen angenehmen Gesellschafter und vielseitig gebildeten Mann. Selbst der Professor war durch die zahlreichen Köder, die seinen Steckenpferden hingeworfen wurden und die ihn häufig zu langen gelehrten Auseinandersetzungen veranlaßten, ganz von seinem Vorurtheil zurückgekommen. Nur Lord Walpole konnte ein gewisses Mißtrauen nicht überwinden und seine Theilnahme an dem Gespräch bewahrte eine kühle Zurückhaltung. Seltsamer Weise bemerkte er, daß der Eindruck, den die Persönlichkeit des Fremden machte, auch bei einer andern Person ein ähnlicher sein mußte. Es war dies Tank-ki, die chinesische Dienerin und Begleiterin der jungen Dame, die ihr bei der Bereitung des Thee's geholfen. Das Mädchen schien
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eine gewisse Scheu vor dem Fremden zu haben, zog sich in einen Winkel der Kajüte zurück und beobachtete von dort mit furchtsamen Blicken den Redner, bis ein Wort oder ein Wink ihrer Gebieterin sie zu einem Dienst an den Tisch rief. Auch dann machte sie stets einen Umweg, um den Fremden nicht zu berühren.
»Madame la Princesse« bemerkte derselbe bei einer Gelegenheit, »hat mir gesagt, daß unsere kleine Reisegesellschaft sich an der afrikanischen Küste theilen wird, indem Sie, Mylord, mit diesem Herrn sich den Mühseligkeiten des Landwegs nach Cairo durch die Wüste unterziehen wollen zu wissenschaftlichen Entdeckungen?«
»Diese überlasse ich wohl eher meinem alten Freunde hier. Ich selbst will mich mit der Jagd begnügen.«
»Dann Mylord bitte ich um die Erlaubniß, Ihnen einen Dienst dabei zu erweisen.«
»Und der wäre?« lautete die kühle Gegenfrage.
»Ihnen einen meiner beiden Gefährten, denn Diener kann ich sie kaum nennen, für Ihren Jagdzug als Begleiter anzubieten.«
Der Engländer warf einen erstaunten Blick auf die Fürstin, die ihn mit einem halben Lächeln erwiderte, und dann auf ihren Gesellschafter, der so unerwartet seinem Wunsch entgegenkam.
»In der That, Sir, ich muß gestehen - es war dies ein Lieblingswunsch, da ich mich längst von den trefflichen Nimrod-Talenten Ihrer beiden Begleiter überzeugt habe, nur hätte ich ihn nicht zu äußern gewagt, in der Besorgniß,
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Sie eines zuverlässigen Dieners zu berauben. Es sind Beide so tüchtige Männer, daß wirklich die Wahl schwer wird.«
»Sie steht bei Ihnen! Ich bedinge mir nur, daß Euer Herrlichkeit meinen wackeren Amerikaner binnen hier und drei Monaten mir wieder in Paris überliefert, wenn nicht etwa ...«
»Nun?«
»Wenn Mylord,« sagte der Fremde mit einem leichten Hohn, »bis dahin nicht etwa von einem dieser Löwen der nubischen Wüste zerrissen oder von einem Krokodil verschlungen worden sind. Man sagt - ich selbst habe nie Löwen gejagt - die Jagd auf diesen König der Thiere soll etwas gefährlicher Natur sein und bis jetzt waren es nur Franzosen - z. B. Gérard - die sie mit Glück versucht haben. Um so mehr freut es mich, Euerer Herrlichkeit einen solchen Dienst leisten zu können, und es soll mich, der ich ein Bewunderer Ihrer tapfern Nation bin, sehr beglücken, Mylord mit einigen Löwenfellen in Paris wieder begrüßen zu können.«
Der Viscount fühlte den versteckten Hohn und begriff, daß der Fremde ihm einen seiner Gefährten vielleicht nur als Aufpasser oder zu irgend einem andern Zweck beigeben wolle, und er war im Begriff, die Höflichkeit lieber ganz abzulehnen, als ein ernster Blick der Russin ihn abhielt.
»Ich werde mich freuen« sagte die Fürstin - »unsere werthen Freunde bei ihrem gefährlichen Zug von einem zuverlässigen Manne begleitet zu sehen. Ich bitte Lord Walpole, seine Wahl zu treffen.«
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»Sie sagten mir selbst, daß die treuen langjährigen Kameraden sich nicht trennen würden.«
»Da es nur für kurze Zeit gilt, haben sie eingewilligt.«
»Wenn das ist, bin ich zufriedengestellt, und da ich bereits Taylor meinen Antrag gemacht hatte, so muß ich diesem den Vorzug geben.«
»Ich billige Ihre Wahl« sagte der Fremde, »Taylor hat die Kraft des grauen Baren seiner Heimath, die es wohl auch mit einem Löwen aufnehmen würde. Kommt hierher, Meister Ralph!«
Der Riese näherte sich.
»Du weißt bereits, daß ich Dir Urlaub gegeben, drei Monate diesen Gentleman auf seinem Jagdzug zu begleiten«
»Ja, Sir!«
»In Zeit von drei Monaten wird er Dich wieder zu mir bringen und mich in Paris treffen.«
»So hoffe ich!«
»So betrachte Dich denn von diesem Augenblick an in seinem Dienst!«
Der ehemalige Trapper nickte dem Lord halbvertraulich zu, der sich erhoben hatte und zu ihm trat.
»Von einer Dienstbarkeit ist keine Rede« sagte er, »ich werde in Ihnen nur den wackern und treuen Jagdgefährten sehen, und als solchem reiche ich Ihnen die Rechte und verpflichte Sie mit Wort und Handschlag.«
Der Jäger warf einen fragenden Blick auf seinen bisherigen Dienstherrn - und als dieser keinen Einwand
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erhob, legte er seine breite Rechte in die des Engländers. Es gilt Mylord, auf drei Monate.«
»Gut - so ist unser Vertrag geschlossen, und ich hoffe, Sie sollen mich nicht undankbar finden, wenn seine Zeit um ist. Sind Sie gut mit Waffen und Munition versehen?«
»Ich habe meine Büchse.«
»Und ich führe drei Gewehre bei mir. Munition wird sich hoffentlich in dem Hafen kaufen lassen, in dem wir landen, ebenso alles nöthige Reisegeräth und unsere Transportmittel.«
Es wurde nun abgemacht, daß das Gepäck des Lords und des Professors von der Gesellschaft nach Alexandrien mitgenommen und dort bis zur Ankunft der beiden Jäger auf dem französischen Generalconsulat deponirt werden sollte. Nachdem dies geschehen, wurden die beiden Jäger wieder entlassen und die Unterhaltung nahm ihren früheren Fortgang. Kapitain Ducasse und Graf Boulbon, die eine gewisse Schaam über das eigentlich ziemlich ungastliche Verfahren empfanden, bemühten sich, dem Lord jede Gefälligkeit zu seiner Ausrüstung anzubieten, doch zeigte sich dabei das englische indolente Phlegma, das durch Geld Alles zu erlangen glaubt, und da der Viscount in Bombay einen starken Wechsel auf seinen Londoner Banquier gezogen, zweifelte er nicht, sich ohne von diesen Anerbietungen seiner bisherigen Reisegefährten Gebrauch machen zu müssen, Alles verschaffen zu können.
Die Nacht war so prächtig, daß die Gesellschaft, ehe sie sich zur Ruhe begab, noch einen Gang auf das Deck
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machte. Der Lord unterhielt sich mit Kapitain Ducasse und dem Grafen über seinen bevorstehenden Wüstenzug, Professor Peterlein belästigte den ihm sehr geringen Bescheid gebenden Husarenoffizier mit einer Abhandlung über die Kopten, und die Fürstin stand mit dem Fremden an dem Leebord und schaute hinaus auf die phosphorisch leuchtenden Wellen.
»Was beabsichtigen Sie mit Lord Walpole?«
»Lieben Sie ihn denn?«
Die Sibirianka lachte. »Ich liebe Niemanden als mich selbst - ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich in einer schlimmen Schule gewesen bin. Den geringen Dank, den er mir vielleicht schuldig war dafür, daß ich wahrscheinlich sein Leben in einem sibirischen Schneesturm gerettet, hat er mir dadurch abgezahlt, daß er mir möglich gemacht, den Fesseln jener Einöde zu entrinnen - wir sind quitt. Doch habe ich eben keine Lust, die ersten Anbeter, die ich in der Civilisation gefunden, sich gleich die Hälse brechen zu sehen. Deshalb bat ich Sie, ihm einen Ihrer Diener auf seine abenteuerliche Fahrt mitzugeben.«
»Ist dies in der That die einzige Ursach?«
Wéra wandte sich ab - sie fühlte ein leichtes Erröthen. »Nun denn,« sagte sie - »ich wünsche ihn in Paris und London wieder zu treffen. Er wird mir dort nützlich sein.«
»Ich dachte mir Aehnliches und darum habe ich Ihrem Wunsche, einen meiner Gefährten ihm zu überlassen, nachgegeben - unter einer Bedingung.«
»Sie haben mir diese noch nicht genannt.«
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»Sie ist sehr einfach. Ich wünsche zu wissen, was Sie zuerst zu dem Verdacht veranlaßt hat, ich sei einer der von der englischen Rache verfolgten indischen Flüchtlinge?«
»Es ist gleichgültig!«
»Mir nicht! ich bitte darum. Wenn wir als Bundesgenossen in Paris auftreten sollen, müssen Sie mir vertrauen.«
»Nun wohl - Tank-ki, meine chinesische Dienerin, muß Sie in Peking gesehen haben, oder hat Sie vielmehr an Ihren Dienern erkannt, denn sie sagte mir, daß Sie dort ein anderer Mann, ein vornehmer Krieger gewesen wären, den ihr Vater ihr als einen indischen Prinzen bezeichnet hätte.«
Der falsche Labrosse murmelte eine Verwünschung in fremder Sprache. »Sie sollen Beide mit dem Engländer gehen, da ihre Begleitung mir schadet.«
»Sie wissen, daß Sie hier an Bord eines französischen Schiffes sind, also selbst wenn Lord Walpole Verdacht geschöpft hätte, Sie sicher wären. Da er uns verläßt, wird dies um so mehr der Fall und Ihr Geheimniß bewahrt sein.«
»Es giebt nur einen sicheren Bewahrer von Geheimnissen.«
»Und der wäre?«
»Das Grab, Madame.«
Die Fürstin lachte verächtlich. »Bah - machen Sie mich nicht bange, ich habe Ihnen bereits gezeigt, daß ich starke Nerven habe. Wie sonst hätte ich Sie aufgesucht?
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Aber mein alter Lehrmeister hat mich die Empörer vorziehen gelehrt, seien es die gegen die politischen Regierungen oder die gegen die Schranken der Gesellschaft. Ich ziehe die trotzige selbstvertrauende Auflehnung gegen alle zwängenden Gesetze dem feigen Sichfügen vor. Deshalb - als ich durch Tank-ki Ihr Geheimniß erfuhr, habe ich Sie aufgesucht. Sie haben gegen die Unterdrückung einer Nation gekämpft, - ich nehme den Kampf auf gegen die Unterdrückung und Beraubung, welche die Gesellschaft mir und allen Frauen anthut - wir sind also Beide Empörer; warten Sie, bis ich in dieser Gesellschaft festen Fuß gefaßt, und dann sollen Sie sehen, wie ich meinen Kampf zu führen weiß. Deshalb suchte ich den einzigen Charakter, der meiner würdig ist, auf diesem Schiff, deshalb machte ich Ihre Bekanntschaft, - gleichviel, ob Sie das Peischwa von Bithoor, oder ein anderes Haupt der indischen Empörung sind.«
Monsieur Labrosse fuhr unwillkürlich zurück. »Wie kommen Sie auf diesen Namen?«
»Ich hörte ihn von Lord Walpole, als er von der Geschichte des indischen Aufstands erzählte. Ich muß gestehen, von da ab regte sich mein Interesse für Sie, und wenn Sie Nena Sahib selbst gewesen wären, den jede englische Lippe verflucht, und von dem der Lord furchtbare Thaten erzählt. Ich wollte, ich hätte den Mann gekannt! Einen solchen unzähmbaren Charakter hätte ich lieben können!«
Der falsche Labrosse schwieg einige Augenblicke, dann sagte er kalt: »Der Nena hatte der Weiberliebe abgeschworen
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- in seiner Seele gab es nur Raum für einen Gedanken, den Haß gegen die Engländer!«
»Meinetwegen fröhnen Sie ihm. Vielleicht finden Sie schon an der Küste, der wir zusteuern, Gelegenheit dazu.«
Ein seltsam dämonisch funkelnder Blick aus den Augen des falschen Labrosse traf sie - wäre es nicht Nacht gewesen, die ihn verschleierte, sie wäre vielleicht, trotz ihres Muthes, davor zurückgeschaudert.
»Ich hoffe es!«
Ein Ruf von Kapitain Boulbon unterbrach dies Gespräch. »Sind das Sterne dort, oder Meteore, Kapitain Ducasse?« frug er.
»Ich habe die Erscheinung schon einige Zeit beobachtet, Herr Graf,« sagte dieser. »Monsieur Pierre, bringen Sie mein Nachtglas.«
Der Kadet sprang hinunter und kam gleich darauf mit dem scharfen Fernrohr zurück. Kapitain Ducasse lehnte es an die Wantung und sah scharf hinüber.
»Es sind Feuer! Feuer auf den Bergen!« sagte ruhig und mit Bestimmtheit eine Stimme vom Mitteldeck her.
»Es ist richtig - aber wer sprach da?«
»Ich, Monsieur.« Es war der zweite Gefährte des indischen Flüchtlings, der Trapper Adlerblick, der unter seinem Familiennamen Smith in die Schiffslisten eingetragen war.
»Und Sie vermögen dies mit dem bloßen Auge zu erkennen, was mir nur durch das scharfe Nachtglas möglich war?«
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»Gott der Herr, Monsieur, hat mir ein sehr scharfes Auge gegeben. Meine Freunde in der Prairie pflegten mich deshalb ...«
Der falsche Labrosse unterbrach die unvorsichtige Offenherzigkeit. »Es ist in der That so, Monsieur Smith ist berühmt wegen seines scharfen Gesichts. Es ist eine unschätzbare Gabe bei Krieg und Jagd, und deshalb Mylord habe ich mich auch entschlossen, wenn ich bei unserer Landung einen geeigneten arabischen oder europäischen Diener finde, meine beiden Gefährten nicht von einander zu trennen, und Smith zu gestatten, seinen Kameraden Taylor auf Ihrem Jagdzug zu begleiten.«
»Das wäre des Opfers zu viel Sir, ich kann es nicht annehmen!«
»Wir sprechen weiter darüber, Mylord, und ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß es kein Opfer für mich ist, sondern ein Dienst, den ich meinen Begleitern erzeige. - Aber Kapitain Ducasse scheint unsern Lauf zu ändern.«
In der That hatte der Kapitain des »Veloce« seinem ersten Lieutenant Ordre gegeben, den Dampfer beizulegen.[«]
»Ich glaube, wir sind dem Lande bereits näher, als wir nach unserer Berechnung dachten. Wir müssen Massowa gegenüber sein, und ich weiß nicht, was ich aus jenen zahlreichen Feuern machen soll, die sich an dem Berghang in die Höhe ziehen, denn für das Licht blosser[bloßer] Wohnungen scheinen sie zu groß. Es wird gut sein, den Tag abzuwarten, ehs wir uns in die Bucht wagen.«
Mit dieser Entscheidung mußte man sich begnügen, und die Gesellschaft trennte sich, um sich in ihre Kajüten
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zu begeben. Lord Walpole war der Letzte, der sich zurückzog, er hatte mit Taylor noch eine kurze Unterredung gepflogen über die Ausrüstung zu ihrem abenteuerlichen Zug. Als er an die Kajütentreppe kam, begegnete er hier Lieutenant Thérouvigne, der auf ihn gewartet zu haben schien.
»Ein Wort, Mylord, wenn es Ihnen gefällig ist.«
Der Viscount verbeugte sich kurz und trat zurück auf das Deck. Der Husar folgte ihm.
»Euer Herrlichkeit verlassen morgen wahrscheinlich den Bord des Veloce, also das Gebiet der französischen Gastfreundschaft, und wir sind an deren Ehrengebote nicht weiter gebunden.«
»So viel ich weiß, mein Herr, habe ich nur die Gastfreundschaft Ihres Generals und die des Kapitain Ducasse genossen.«
»Euer Herrlichkeit belieben sehr fein zu unterscheiden. Indeß wir wollen nicht darum streiten; die Thatsache selbst genügt. Mylord werden wissen, daß - nachdem Sie nicht mehr unter dem Schutz der französischen Höflichkeit stehen - wir eine kleine Rechnung zu ordnen haben.«
»Ich wüßte nicht, mein Herr!«
»Euer Herrlichkeit scheinen sich keines besondern Gedächtnisses zu erfreuen und vergessen zu haben, daß es Ihnen schon vor Peking beliebte, mich zu beleidigen. Die Ehre eines französischen Offiziers ist sehr kitzlich. Ihr Benehmen Mylord, während der Ueberfahrt und namentlich in Aden, zwingen mich, Rechenschaft zu fordern.«
»Wofür?«
»Wenn Sie es denn so wollen, für Ihre Insolenz,
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Mylord und Ihre Aufdringlichkeit gegen meine Cousine, die Fürstin Wolchonski.«
»Hat Madame la Princesse sich bei Ihnen beschwert und Sie dazu beauftragt?«
Der junge Offizier wurde etwas verlegen. »Sie suchen mir auszuweichen Mylord, doch muß ich Ihnen sagen, daß dergleichen unter uns Franzosen nicht Sitte ist. Sobald wir das Schiff, das wir abzulösen bestimmt sind, getroffen haben, hoffe ich unter seiner Bemannung eine geeignete Person zu treffen, die ich Ihnen als Kartellträger zuschicken kann.«
»Und warum nicht einen Herrn vom Bord des Veloce?«
Der junge Kampflustige erröthete - er wußte recht gut, daß wahrscheinlich Jeder am Bord ihm diesen Dienst als in einem ganz unberechtigten Streit abschlagen würde.
»Genug der Worte. Wollen Sie mir Genugthuung geben oder nicht?«
»Ich duellire mich niemals.«
»Wie, Mylord - ich hielt Sie für einen Mann von Ehre!«
»Dies hat mit meiner Ehre Nichts zu thun, Herr. Jeder, der Frederik Walpole kennt, weiß, daß er die Gefahr nicht scheut. Ich und mein Vetter haben meinem verstorbenen Oheim einen Eid geleistet, niemals uns der thörichten Sitte des Duells zu fügen.«
»Dann, mein Herr, werd' ich Sie zwingen!«
»Hüten Sie sich, Monsieur - eine Beschimpfung würde Ihr augenblicklicher Tod sein. Vielleicht, daß unsere
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Nationen sich noch einmal im offenen Krieg gegenüber stehen. Dann suchen Sie im ehrlichen Kampf Frederik Walpole, und er wird nicht fehlen. Bis dahin ...«
»Sie sind ein Feigling, Mylord, Sie verstecken sich hinter feiger Ausflucht!«
Der Engländer, der bereits sich zum Fortgehen gewendet, kehrte sich um, als wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Dann, mit Gewalt seine Aufregung unterdrückend, wandte er sich kalt gegen den Beleidiger.
»Monsieur de Thérouvigne« sagte er - »wenn es Ihnen denn so sehr darum zu thun ist, unsern beiderseitigen Muth zu erproben - wohlan, so will ich mich herbeilassen, Ihnen einen Vorschlag zu machen!«
»Und der wäre?«
»Ich sollte meinen, daß Ihre diplomatische Mission nach Paris nicht so große Eile und Wichtigkeit haben dürfte, als daß Graf Boulbon nicht allein genügen sollte, sie auszuführen. Sie erlaubten sich, Ihren Gérard einen englischen Gentleman anzupreisen. Wohlan denn, begleiten Sie mich auf meinem Jagdzug in die Wüste, und lassen Sie uns sehen, wer den ersten Löwen besiegt, um sein Fell in Paris zu den Füßen Ihrer schönen Verwandten zu legen.«
Der Vorschlag war so eigen und unerwartet, daß der Franzose stutzte. - Es schien eine seltsame Ideenverwandtschaft, eine geheimnißvolle Sympathie zwischen den beiden Erben des Viscount von Heresford zu bestehen, daß - durch Länder und Meere getrennt - sie Beide einen fast gleichen Vorschlag ihren Gegnern machten. Dort den
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Bären der Pyrenäen, hier den Löwen der afrikanischen Wüste! Nur daß dort der leichtfertige Wüstling den furchtbaren Kampf zum Mittel für seine frivolen Zwecke machte, während hier der ernste Mann in ihm den Weg sah, unverdiente Beschimpfung von sich abzuwehren.
»Mein Herr - Sie vergessen, daß ich im Dienst und nicht Herr meiner Zeit und meiner Person bin!«
»Und doch waren Sie noch eben bereit, diese Person zu einem Duell zu exponiren. - Monsieur de Thérouvigne, vor einigen Augenblicken hatten Sie die Unverschämtheit, mir Feigheit vorzuwerfen! Wer von uns ist es jetzt, der zögert - der feig ist, wo es einer andern Gefahr gilt, als in die Mündung einer Duell-Pistole zu sehen?«
»Höll' und Teufel! Das sollen Sie mir büßen!«
Der Lord machte eine ruhige kalte Handbewegung, die einer niedern Aeußerung des Zorns des Franzosen Halt gebot - dann wandte er sich ruhig um und ging die Treppe hinab zu dem Salon, an dessen Seiten die Kajüten der Offiziere und Reisenden sich befanden.
Der junge Offizier war außer sich vor Wuth und Beschämung. Er schlug sich wild mit der Faust vor die Stirn. »Der Unverschämte! Aber er soll mir dennoch nicht entrinnen, ich werde ihn zwingen, sich mit mir zu schlagen!«
Eine Hand legte sich leicht auf den Arm des Erbitterten und hielt ihn zurück, als er Jenem folgen wollte.
»Monsieur de Thérouvigne wünscht mit dem Engländer zu kämpfen?« frug die Stimme des verkleideten Indiers.
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Der Lieutenant kehrte seinen Zorn gegen den Fremden. »Sie haben sich unterstanden, zu lauschen, mein Herr?«
»Monsieur de Thérouvigne hat laut genug gesprochen, um gehört zu werden, auch ohne zu horchen. Ich bitte Sie, meine Frage zu beantworten, es ist vielleicht in Ihrem Interesse. Sie wünschen, den Engländer zu einem persönlichen Kampf zu zwingen?«
»Da Sie es doch in Dreiteufelsnamen gehört haben, ja!«
»Gleichviel unter welchen Bedingungen?«
»Gleichviel!«
»So verspreche ich Ihnen, Sie sollen zum Kampf mit ihm kommen. Sie sind Soldat, er nicht, ich zweifle also nicht an Ihrem Sieg. Doch, wenn Sie ihn vor dem Lauf Ihrer Pistole, unter der Klinge Ihres Säbels haben, dann - keine thörichte Schonung!«
»So hassen Sie ihn?«
»Ihn und Alle seiner Nation! Ich habe tausend und tausend Leben an ihnen zu rächen.«
»Ich weiß nicht, welcher Mittel Sie sich bedienen wollen, diesen hochmüthigen Engländer zu zwingen, sich mir zu stellen. Aber in welcher Zeit?«
»Das hängt von den Umständen ab. Genug, ich habe es Ihnen gesagt, und ich bin gewohnt, mein Wort zu halten. Nur hüten Sie sich, daß die Fürstin Ihre Verwandte keine Ahnung von unserm Vorhaben gewinnt. Denn - obschon sie es nicht wissen will - sie nimmt Theil an ihm und würde ihn schützen!«
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Der Wink genügte, um die Erbitterung des jungen Mannes gegen seinen Rivalen noch zu erhöhen. So trennten sich die neuen Verbündeten.


Die in den Tropen namentlich unter dem indischen Himmel so eigenthümliche Erscheinung der falschen Dämmerung, jenes Vorlichts, das am Morgen der wirklichen Tagesdämmerung voraus geht, war vorüber und der glänzende Feuerball der Sonne bereits über den Horizont getreten, als ein Kanonenschuß des Veloce die Schläfer in ihren Kojen weckte. Gleich darauf hörte man in einiger Entfernung einen andern Schuß das Signal erwiedern und die Begrüßung sich zwei Mal noch wiederholen.
Es waren die Signale, welche der französische Kriegsdampfer mit einem kleineren Schiff wechselte, das in der Bay vor Anker lag und das gleichfalls von seiner Gaffel die französische Flagge wehen ließ.
Als die Reisenden auf das Verdeck kamen, lag das eigenthümliche Bild der Bay von Adulis vor ihren Augen.
Unterm 15 Grad nördlicher Breite, mit einem durch die gegenüberliegende Insel Dhalak gegen die heißen Winde von der arabischen Küste her geschützten Eingang streckt sich nach Süden hinein in die abessynischen Vorberge die Bay Adulis oder Ansley-Bay, die in diesem Augenblick von der französischen Politik in Verbindung mit dem Projekt und den Vorarbeiten des Suez-Kanals zum Gegenstand eines Ankaufs gewählt worden, um Aden gegenüber Posten zu fassen und auf der Straße nach Indien französische Stationen zu gewinnen.
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Die Jesuiten hatten dabei in Neid und Groll gegen die englischen Missionaire, die ihnen in den letzten Jahrzehnten allen Einfluß und Besitz in Abessynien mit Glück streitig gemacht und entrissen hatten, die Vermittler gespielt. Man erfuhr erst durch den Ausgang der Verhandlungen, daß das römische Kollegium eines seiner thätigsten und energischsten Mitglieder - das man gerade in jener Zeit, sei es zur Strafe, sei es aus Vorsicht, - vom europäischen Wirkungsplatz entfernen wollte, zu diesem Zweck nach Indien und der afrikanischen Westküste geschickt hatte.
Am Eingang der Bay liegt die Stadt Arkiko mit einem kleinen tiefen Hafen, tiefer hinein am Ufer des Haddas Zullah, die Hauptstadt von Tigre, über das der Negus von Abessynien die Oberherrschaft beansprucht. Diese Ansprüche haben seit Jahrhunderten zu steten Kriegen und Parteikämpfen geführt, welche der gebirgige Charakter des Landes begünstigt.
Schon die nahen Umgebungen steigen terrassenförmig empor, bis sie im Süden sich zu jenen Hochebenen und Spitzen gipfeln, welche selbst die Höhe der Alpen übersteigen.
Aus dem weißleuchtenden Ufer erhoben sich grüne Terrassen, auf denen zwischen dem Laub des wilden Kaffeebaumes die weißen arabischen Häuservierecke hervorsahen. Auf einer der höchsten Stellen stand ein Gebäude, das mit dem Kreuz geschmückt, sich als eine der uralten, zum Theil in die Felsen selbst gehauenen christlichen Kirchen kundgab, während an mehreren Stellen der unteren Stadt schlanke Minarets bewiesen, daß der Islam hier längst wieder die Oberhand gewonnen.
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Zahlreiche Prauen und arabische Küstenfahrzeuge erfüllten den Hafen, das einzige europäisch getakelte Schiff war eine Brigg von jenem zierlichen leichten Bau, den die Franzosen so wohl verstehen ihren Fahrzeugen zu geben. Sie ankerte auf halbe Kanonenschußweite vom Ufer, und sie war es, die der Veloce bei seiner Auffahrt begrüßt hatte. -
Am Ufer schien ein großer Tumult und große Verwirrung zu herrschen. Schaaren schwarzer Männer rannten umher und schwangen ihre Speere und Waffen, während andere die hochbepackten Dromedare und Lastthiere am Ufer entlang nach Norden trieben, als flüchteten sie ihre Habe vor einer unbekannten Gefahr.
Von den Höhen über dem Ort schien diese zu drohen. Dort sandten zahlreiche Feuer ihren Rauch in den Morgenhimmel und man erkannte durch das Fernrohr leicht, daß dies die Stellen sein mußten, an denen man in der Nacht den Feuerschein bemerkt hatte. Zelte und Hütten waren dort aufgeschlagen und Kriegerhaufen schienen dort gelagert und von oben her die Stadt zu bedrohen, die nur durch einen schwachen Lehmwall vertheidigt war.
Das Ganze bot ein so eigenthümliches belebtes Bild, daß es das Interesse der Reisegesellschaft vollständig in Anspruch nahm und diese es kaum bemerkte, wie schon mit dem letzten Kanonenschuß ein Boot vom Bord der französischen Brigantine niedergelassen worden war und jetzt dem Dampfer mit eiligen Ruderschlägen sich näherte.
In dem Boot erkannte man, als er weiter heran kam, einen Mann in der gewöhnlichen Interimsuniform
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der französischen Marine und zwei Männer, deren dunkle Soutane über ihren geistlichen Charakter keinen Zweifel ließ.
Kapitain Ducasse empfing die Fremden am Aufgang des Fallreeps. Der Marine-Offizier war ein schon bejahrter Mann, ebenso der eine der beiden Geistlichen, dessen scharf geschnittenes Gesicht, geschlossener Mund und finstre Züge einen harten despotischen Charakter verkündeten, während der zweite ein jüngerer Mann mit intelligentem Ausdruck des Gesichts schien.
Die Gäste des Dampfers hatten sich rücksichtsvoll außer Hörweite zurückgezogen, während die beiden militairischen Abgesandten in der unmittelbaren Nähe des Kapitains ihren Platz behaupteten.
Der fremde Kapitain salutirte. »Wen habe ich die Ehre zu begrüßen?«
»Kapitain Ducasse von Sr. Majestät Kriegsdampfer >Veloce<.«
»Ich sehe, daß Monsieur im Range über mir stehen. Mein Name ist Lacombe, ich kommandire die Brigg Imperatrice von der Handelsmarine und bin in Regierungsmission in diesen Gewässern.«
»Ich bin davon benachrichtigt und habe den Auftrag, von Ihnen Depeschen in Empfang zu nehmen. Wer sind diese Herren? Vielleicht der Konsul de Laya, an den ich gewiesen bin?«
»Konsul de Laya befindet sich augenblicklich in der Stadt. Dieser Herr ist Monsignore Corpasini, auf einer Rundreise durch die asiatischen Missionsstationen begriffen, und - wie ich hinzufügen darf - ein Prälat
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von hohen Verdiensten, der uns durch seinen Rath bereits bedeutend für die Erfüllung unserer Mission genützt hat.«
Der Superior, von dem wir in einem andern Lande und bei einer andern Gelegenheit Abschied nahmen, machte das Zeichen des Kreuzes, das die Häupter der Umstehenden beugte. »Empfangen Sie meinen Gruß, meine geliebten Söhne in diesem fernen Lande. Der Seegen der heiligen Kirche bewahrt seine Kraft an allen Polen der Erde. - Gott hat uns in diesem Lande eine schwere Aufgabe gestellt, den unterdrückten, verlorenen katholischen Glauben wieder herzustellen und ihm Schutz zu gewähren, aber mit Hilfe der Heiligen und dem Beistand Ihrer frommen Kaiserin werden wir sie lösen.«
»Erlauben Sie mir zunächst zu fragen« sagte Kapitain Ducasse, ohne auf die Anrede des Geistlichen zu antworten, »was es im Hafen giebt? Diese Menschenhaufen in der Stadt und auf den Bergen scheinen sich in feindlicher Stimmung gegen einander zu befinden und überhaupt große Aufregung zu herrschen?«
»Jene Negermasse dort auf den Bergen« berichtete der Kapitain der Brigg, »ist das Heer des Königs Theodor, mit dem er seit drei Tagen Tigre verwüstet. Sie werden vielleicht wissen, daß unsere Regierung mit dem Negus von Tigre in Unterhandlung stand wegen des Ankaufs dieser Bay, die zu seinem Lande gehört.«
»Die Depeschen, die ich in Aden erhalten, und die mich hierher wiesen, theilen dies mit.«
»Der Abschluß war bereits nahe, als dem englischen Agenten Munzinger wahrscheinlich von Cairo aus
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Nachricht davon zugegangen sein muß, denn er hat durch Eilboten den Negus von Abessynien, der die Oberhoheit auch über Tigre beansprucht und unter englischem Einfluß steht, davon in Kenntniß gesetzt, und König Theodor ist von Magdala, seiner Residenz, in das Niederland herabgestiegen, um den Verkauf zu hindern. Er bedroht in diesem Augenblick Arkiko, und Monsieur Munzinger befindet sich bei ihm.«
»Dann kommen wir ja mit unseren Kanonen zur rechten Zeit« bemerkte Kapitain Ducasse. »Aber lassen Sie uns nach meiner Kajüte gehen, wo wir unsere Ordres austauschen können.«
»Sie haben eine Dame an Bord, Monsieur? wer ist sie?« frug der Superior.
»Eine russische Fürstin, oder dergleichen,« erwiederte der Kapitain, »etwas abenteuerlich, sie kam im Peyho zu uns mit ihren Begleitern, einem englischen Lord und einem deutschen Professor. Wenn das da oben König Theodor ist, wird Lord Walpole gut thun, sich ihm anzuschließen.«
Sie traten in die Kajüte des Kapitains, der den ersten Lieutenant beauftragte, eine Schildwach vor die Thür zu stellen, um bei ihrer Unterredung nicht gestört zu werden.
Die Nachricht hatte sich rasch an Bord verbreitet, daß der Negus von Abessynien vor der Stadt lagere, um sie anzugreifen und zu plündern. Schon nach wenigen Augenblicken der Berathung kam der Befehl aus der Kajüte, ein bewaffnetes Boot an's Ufer zu schicken, um den französischen
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Konsul de Laya an Bord zu holen. Zugleich erhielt der erste Lieutenant Ordre, den Veloce näher an's Ufer zu legen und kampfbereit zu machen. Die Geschütze wurden losgemacht und in die Stückpforten geschoben und Alles nahm an Bord ein kriegerisches Aussehen an.
Lord Walpole und seine Gesellschaft waren natürlich nicht wenig überrascht von diesen Vorbereitungen. Die Nachricht, daß der Vertraute Said Pascha's des Vicekönigs von Aegypten, und geheime englische Agent, der später so bekannt gewordene Munzinger, sich in der Nähe und in dem Lager des Negus Theodor befinde, von dem er aus den Zeitungen wußte, daß er die Engländer unterstütze, ließ ihn beschließen, bei erster Gelegenheit mit Munzinger in Verkehr zu treten; einstweilen konnte Nichts geschehen, als die Vorbereitungen zur Landung zu treffen. Diese Gelegenheit fand sich bald. Denn während das Boot des Veloce mit dem französischen Konsul an Bord zurückkehrte und bereits eine Menge kleiner arabischer Fahrzeuge um das Schiff sich sammelten, um trotz des drohenden Ueberfalls der eben nicht zum Besten berüchtigten Soldaten des Negus allerlei Früchte und andere Erzeugnisse des Landes der Mannschaft zum Kauf anzubieten, sah man von einer kleinen Bucht außerhalb der Stadt her ein mit sechs schwarzen Ruderern bemanntes Boot auf der andern Seite dem Veloce sich nähern.
In demselben befanden sich zwei Männer, der eine ein phantastisch mit einer rothen Uniform. Federhut und Schleppsäbel ausgeputzter Mohr und ein Mann in europäischer bürgerlicher Kleidung, der aber das Ansehen eines
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englischen Geistlichen hatte und in dem finstern, fast fanatischen Ernst seiner Mienen und seiner Haltung dem Jesuiten-Superior ähnelte. Es war der schottische Missionair Mac-Cameron, und er kündigte sich an Bord als den Dolmetscher seines Begleiters an, in dem der Negus von Abessynien einen seiner vertrauten Offiziere mit Botschaft an den Kommandeur des Kriegsschiffes sandte.
Kapitain Ducasse ließ die Mannschaft unter's Gewehr treten, die Matrosen zu ihren Geschützen, und legte seine stattlichste Uniform an, ehe er den Boten gestattete, an Bord zu kommen. Hier empfing er sie unter dem Sonnenzelt, umgeben von seinen Offizieren und den Passagieren, welche der Veloce zur Heimath beförderte.
Diesmal befand sich selbst Monsieur Labrosse unter den Anwesenden.
Die beiden Abgesandten des Negus kamen an Bord. Ein Offizier führte sie nach dem Hinterdeck.
Der englische Missionair unterdrückte nur mit Mühe eine Bewegung des fanatischen Grolls, als er die beiden Priester der ihm feindlichen Kirche in der Umgebung des französischen Kapitains erblickte. Die Missionaire beider Bekenntnisse stehen im Auslande noch immer weit schroffer einander gegenüber, als selbst in der Heimat.
»Seien Sie begrüßt im Namen Gottes« sagte der Missionair. »Darf ich fragen, an Wen wir uns mit einer Botschaft des christlichen Königs Theodor von Abessynien zu wenden haben?«
»Ich bin der Kapitain Ducasse und kommandire dieses Schiff Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen, muß Ihnen
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also als gesetzmäßiger Vertreter der französischen Kriegsmacht gelten, wenn Sie mit dieser zu thun haben. Wollen Sie mir sagen, wer Sie sind?«
»Ich bin nur ein geringer Diener des Herrn und Geistlicher der anglikanischen Kirche. Mein Name ist Cameron, und nur mein langjähriger Aufenthalt in diesem Lande befähigt mich zu der Funktion, die mir in diesem Augenblick übertragen worden ist. Es ist die eines Dolmetschers und Rathgebers bei der Person des hier gegenwärtigen Kronoffiziers Murad-Galla el Maresch, ersten Adjutanten des Negus Negassi von Abessynien. - Doch Monsieur, Sie hören an meinem mangelhaften Französisch, daß es mir schwer wird, in dieser Sprache zu reden. Sollte nicht einer der anwesenden Herrn genug Englisch verstehen, um ihm unsere Aufträge zu sagen, wenn Sie Herr Kapitain, es nicht selbst sprechen?«
Lord Walpole trat sogleich vor. »Ich erbiete mich mit Vergnügen zu der Uebertragung, wenn Kapitain Ducasse mir das Vertrauen schenkt.«
Der Franzose verbeugte sich höflich.
Der Mohr hielt hierauf eine Anrede in amharascher Sprache, die fast allein in dem höheren Abessynien gesprochen wird. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren und von stolzem kriegerischen Ansehen, das selbst durch seinen lächerlichen Aufputz nur wenig geschmälert werden konnte. Die Nubier und Abessynier gehören zu den schönsten Exemplaren der schwarzen Völker, ihr Wuchs ist gewöhnlich hoch und schlank, ihre Gesichtsform erinnert stark an die semitische Race und bestätigt die Sage von ihrem
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Ursprung. Eine tiefe Narbe quer über Stirn und Wange entstellte dies Antlitz. In der Tracht der Wildniß mußte dieser Mann eine martialische Erscheinung sein. Die gegerbte Löwenhaut, die er über der rothen Commisuniform von seiner Schulter hängend trug, bezeichnete ihn zugleich als einen kühnen und glücklichen Jäger, und hatte den Lord veranlaßt, sich zu dem Dolmetscherdienst anzubieten.
Die Rede des Kriegers war ziemlich lang, schmolz aber unter den beiden Verdolmetschungen sehr zusammen und hatte etwa den Inhalt, daß der Negus Negassi, das heißt der König der Könige, seine Freundschaftsversicherungen sende und frage, was die fremden Schiffe an seiner Küste wollten, während er eben beschäftigt sei, einen rebellischen Unterthan zu züchtigen, der sein Land verkaufen wolle.
Der englische Missionair schien absichtlich die Rede des Gesandten der Art zugespitzt zu haben, daß sogleich damit der fragliche Punkt berührt wurde, obschon er sich dabei hüten mußte, zu frei zu übersetzen, weil der anwesende Jesuiten-Pater wahrscheinlich gleichfalls genug von der amhara'schen Sprache verstehen mochte, worauf das Flüstern der beiden Geistlichen deutete.
Der Schiffskapitain wandte sich an den Konsul. »Ich weiß in der That zu wenig von Ihren diplomatischen Verhandlungen, um die Anfrage genügend zu beantworten.«
»Der König Kassa von Tigre« sagte der Konsul, »ist ein selbstständiger Fürst und hat den Tractat mit der Krone Frankreich über die Abtretung der Bay von Adulis bereits unterzeichnet.«
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»Der König Kassa ist tributpflichtig, wie der Prinz Gobesieh,« warf der Missionair hastig ein.
»Euer Hochwürden scheinen doch genügend Französisch zu verstehen« bemerkte der Konsul trocken, »um einen zweiten Dolmetscher überflüssig zu machen.«
Der englische Priester erröthete bei dem spöttischen Lächeln seiner Kollegen. »Ich muß doch darum bitten. Ich verstehe Ihre Sprache wohl, doch nicht so, um sie fertig sprechen zu können. Ich bitte daher diesen Herrn, im Namen meines tapfern Begleiters erklären zu wollen, daß König Theodor keinen Vertrag anerkennen könne, zu dem er nicht seine Zustimmung gegeben habe, und daß in diesem Augenblick Prinz Kassa bereits seines Gouvernements in der Provinz Tigre wegen Verrätherei und Ungehorsam entsetzt worden ist. König Theodor ist der Negus Negassi, alle Fürsten Abessyniens sind seine Vasallen. Ueberdies konnte Prinz Kassa diese Küste nicht verkaufen, weil nur die Unterthanen Ihrer Majestät der Königin Victoria nach altem Vertrag das Recht haben, hier Grund und Boden zu erwerben und Kirchen zu erbauen.«
»Nicht der abtrünnigen anglikanischen Kirche« unterbrach ihn der Superior hochmüthig, »sondern Rom war es beschieden, dies alte Land der Christenheit dem Kreuze wieder zu gewinnen! Oder sollten Sie nicht wissen, daß schon im sechszehnten Jahrhundert Portugal und seine Geistlichen diesem Volke die Segnungen des wahren Glaubens brachten und die uralte Kirche unter den Stuhl Petri zurückführten ...«
»Bis im Jahre 1632« unterbrach ihn giftig der
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Missionair, »der König Socinius die Jesuiten vertrieb und die papistischen Irrthümer abschwor.«
Das Wortgefecht der Geistlichen wäre wahrscheinlich zu einem giftigen Pfaffenstreit ausgeartet, wenn nicht der verständigere Geist des Kapitains und des Konsuls ihm Einhalt gethan hätte.
»Gemach meine Herren - die alten Religionsstreitigkeiten kümmern uns wenig. Die einzige Frage ist, ob der Negus Theodor das Recht hat, den Vertrag zu annulliren.«
Der Mohr hatte während der Zeit mit dem Phlegma der Orientalen, wenn ihr heißes Blut nicht besonders erregt ist, den Kreis der Versammelten überschaut. Plötzlich blieb sein schwarzes Auge auf einem Gegenstand gefesselt und ein hohes Erstaunen schien sich seiner zu bemächtigen.
Der Abessynier erhob seine linke Hand und machte damit ein eigenthümliches Zeichen über Stirn und Kinn.
Das Zeichen schien nicht erwiedert zu werden, und dennoch neigte der Mohr drei Mal das Haupt wie zum Zeichen des Gehorsams, und seine Augen verließen dabei das Gesicht des flüchtigen Indiers nicht.
Die Verhandlungen mit dem Wortführer der Botschaft des König Theodor hatten zu sehr die Aufmerksamkeit aller Mitglieder der Versammlung in Anspruch genommen, als daß eines derselben der einzelnen Scene hätte Beachtung schenken sollen.
Der Indier hielt seine Linke an das Kinn gestützt, - an dem Mittelfinger derselben glänzte ein Ring von massiver eherner Arbeit mit einem in grünem Licht funkelnden Stein.
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Plötzlich wandte sich der falsche Labrosse zur Seite; er nahm aus der Tasche eine kleine Schreibtafel, schrieb einige Worte auf ein Blatt, das er herausriß, und ließ es durch die Fürstin dem Kapitain Ducasse übergeben.
Der alte Seemann las es und warf einen scharfen Blick im Kreise umher, bis er den Augen des Schreibers begegnete. Dieser nickte.
»Es ist schade« sagte der Kapitain, »daß wir nicht mit dem Herrn Abgesandten direkt verkehren können. Vielleicht versteht er noch eine andere Sprache außer der seinen.«
»Ist es mir erlaubt, ihn zu fragen?«
»Mit Vergnügen, Monsieur Labrosse.«
Dieser wandte sich an den Abessynier und sprach einige Worte in arabischer Sprache.
Sogleich antwortete der Mohr in derselben.
»Er spricht Arabisch so gut wie ich, Monsieur le Capitaine, und da ich fürchte, daß keiner der anwesenden Herren diese Sprache redet, die ich auf früheren Reisen erlernt, so werden Sie schon so gut sein müssen, mir Ihre Instruktionen zu geben, da die Verdolmetschung wohl zu weitläuftig sein würde.«
Die Anwesenden mußten erklären, daß Keiner von ihnen Arabisch verstände, der englische Missionar offenbar zu seinem großen Verdruß, denn er sah damit seinen Einfluß auf die Verhandlungen beseitigt und kannte aus langer Erfahrung genügsam die Treulosigkeit des Volkes, unter dem er lebte, um nicht fürchten zu müssen, daß die Botschaft einen ganz andern Ausgang nehmen könnte, als er beabsichtigte.
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Nur der kleine Professor meinte, daß er zwar leider nicht Amharisch, wohl aber Arabisch verstände und bewies dies sogleich, indem er mit einigem Räuspern und Stottern eine Anrede an den Aethiopier hielt.
Aber dieser lachte ihm in's Gesicht und schüttelte den Kopf, worauf der Professor nicht ohne Verlegenheit erklärte, daß die arabischen Volksdialekte wahrscheinlich von der reinen Schriftsprache des Modsochhabat oder Moallakât abstächen, wie sie die Dichter Nabegha, Ascha und Schomfara geschrieben und wie er als Gelehrter sie allein verstehen könne, daß er die Unterhaltung und Verdolmetschung also lieber aufgeben wolle.
Nachdem Professor Peterlein sich mit dieser Erklärung mit möglichster Ehrenrettung zurückgezogen, nahm der falsche Labrosse, der mit orientalischer Gelassenheit den Ausgang des Intermezzo abgewartet Haltes das Gespräch mit dem Mohren wieder auf. Nur wollte es im Lauf desselben dem aufmerksamen Professor bedünken, als hätten Beide das Idiom gewechselt.
»Du bist ein Krieger des Negus Theodor?«
»Einer seiner Ersten. Mein Bruder sieht die Haut des Löwen auf meiner Schulter, und dieses Zeichen, das mir der Negus Negassi gegeben auf meiner Brust.« Der Mohr legte die Hand auf ein in Silberfiligran und Steinen blitzendes Ordenskreuz, von denen in spätern Jahren der unglückliche Abessynenfürst seinen Günstlingen und den Europäern so viele gab, und von denen das englische Oberkommando bei der spätern Eroberung Magdala's dem Dessauer Maler Zander eine Anzahl nebst verschiedenen
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andern privaten Kostbarkeiten als Kriegsbeute - confiscirte und verauctionirte.
»Du trägst an Deinem Halse das blaue Band,3 Du bist ein Christ?«
»Hindert das Zeichen der Mariam El Maresch, der Sohn seiner Väter zu sein und den Geboten des Dai Hassan-ben-Sabbah-el-Homairi zu gehorchen? - Du selbst trägst die Kleidung der Christen und hast El Maresch noch nicht gesagt, welches Anrecht Du hast auf das Zeichen, das Gehorsam fordert.«
Der Indier streckte, wie im Gespräch vor den Andern die linke Hand gegen ihn aus, an welcher der Ring mit dem grünen Stein funkelte.
»Du weißt, daß tausend und abertausend Jahre vorher, ehe Dein Prophet erstand, die heilige Lehre Schiwa's, des Verderbers, an den Ufern des Ganges bestand und was den Hindu mit dem Sohn Ismaels und des Priester Johann4 verbündet.«
»Ich weiß es. Murad-Galla-el-Maresch ist ein Sohn des Priester Johann. Er ist bereit, dem Bruder vom Ufer des Ganges beizustehn. Fordre und Du wirst sehen.«
»Die Zeit wird kommen. Sind die Mitglieder des Bundes der Assassinen zahlreich in Deinem Lande?«
»Ihre Macht ist groß, aber sie bedürfen des Geheimnisses. Ich gebiete über zehn Mal Zehn.«
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»Und Dein Einfluß bei dem Negus?«
»Er ist groß. Der Negus thut, was El-Maresch ihm räth!«
»Dann sage mir, warum er das falsche Volk der Faringi in sein Land aufgenommen hat und sie schützt. Die Weißen sind unsere geborenen Feinde, aber die Faringi die schlimmsten.«
»Der Negus ist ehrgeizig. Er will das Reich des Priester Johannes wiederherstellen und die Ras5 besiegen, die sich gegen seine Herrschaft empört haben. Die Faringi haben ihm Kanonen und Flinten versprochen, und die Frangi6 sind arm.«
»Mein Bruder irrt sich. Diese Nation sind nicht die armen Portugiesen, die in Indien kaum so viel Land haben, um ihren Mantel darüber zu breiten. Der Herrscher von Frangistan ist ein mächtiger Fürst und reicher als die Faringi, deren Feind er ist. Warum will der Negus mit den Freunden des großen Königs Krieg anfangen? Man hat mir gesagt, daß dieses Land an der Küste weder dem Negus Theodor noch dem Ras von Tigre gehöre, sondern dem Naïb von Artiko und dem Bluttrinker7 in Stambul.«
Der Mohr schwieg.
In der That gehört die Samhara, der Küstenstrich, welcher das abessynische Hochland von dem Meere trennt,
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nicht zu dem jetzigen Abessynien, obschon es häufig von dem Negus und seinen Ras's beansprucht und besetzt wird. Es ist von den nomadischen Stämmen der Danakil oder Adaiel bewohnt, die sich zum Islam bekennen und deren nördliche Stämme mit der Hauptstadt Arkiko von einem Naïb beherrscht werden, der die Oberhoheit der Pforte anerkennt, während der Khedive die gegenüberliegende, die Bay von Adunis schützende Insel Massauah beansprucht. Diese Verhältnisse geben zu fortwährenden Streitigkeiten, Kriegen und Ueberfällen Veranlassung.
Da zu jener Zeit der französische Einfluß am Hofe von Kairo stark überwiegend war, hatte die Regierung in Paris die Gelegenheit benutzt, mit der geheimen Zustimmung des Khedive die Bay von den Stämmen zu erkaufen und zugleich den König oder Ras von Tigre als den nächsten und gefährlichsten Nachbar durch Geschenke bewogen, seine Zustimmung zu dem Kauf zu geben. Die Nachricht davon rief den König Theodor herbei, der theils auf Anstiften der englischen Missionaire, theils aus Neid und eigener Habsucht den Verkauf und die Niederlassung der Franzosen zu hindern suchte.
Der Indier nahm die Verhandlung wieder auf.
»Will mein Bruder helfen, den Negus von den falschen Faringi abzuziehen und zu einem Freunde der Tapfern aus Frangistan zu machen? Es soll sein und des Königs Schade nicht sein. Der Sultan von Frangistan hat noch größere Kanonen und weittragendere Flinten, als die Engländer. Es wird ihm eine Freude sein, das tapfere Heer des Negus von Habesch zu bewaffnen. Er würde
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sein Bundesgenosse sein gegen die wilden Gallas und die Faringi.«
»Sprichst Du die Wahrheit?«
»Gewiß. Mein Bruder soll sehen!«
Er wandte sich zu dem Kapitain und dem Consul und bat Beide, ihm in die Kajüte zu folgen, um ihnen hier das Resultat seiner Unterredung mitzutheilen. Auch der Superior wurde dazu berufen und kurze Zeit darauf der Abgesandte eingeladen, ihnen ohne seinen Dolmetscher zu folgen.
Der englische Missionair konnte seinen Verdruß über diese Wendung der Verhandlungen kaum verbeißen, und dieser steigerte sich noch höher, als der abessynische Abgesandte zurück kam mit allen Ehren von den Franzosen begleitet und mit sehr zufriedenem Gesicht, was darauf schließen ließ, daß auch sein persönliches Interesse bei den Verhandlungen wohl bedacht worden war.
Es verbreitete sich jetzt die Nachricht, daß verabredet worden, die französischen Offiziere sollten am Nachmittag eine Zusammenkunft mit dem Negus selbst am Strande haben. Damit sollte auch eine Landung der ganzen Gesellschaft verbunden sein, denn da der Veloce hier die allgemeine Ordre vorgefunden, daß das erste eintreffende französische Kriegsschiff in der Bay zu bleiben habe zum Schutz des Ankaufs und der neu anzulegenden Kolonie, und die Brigg der Ausbesserung eines Schadens bedürfte, ehe sie in Stelle des Dampfers nach Suez gehen konnte, so war ein Aufenthalt von mehreren Tagen nothwendig,
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die man nach der langen Seefahrt offenbar angenehmer auf dem Festland als an Bord verbringen konnte.
Lord Walpole hatte die Gelegenheit benutzt, dem Missionair seine Wünsche mitzutheilen und das Versprechen erhalten, den Consul Munzinger dafür zu interessiren. Es war ihm unangenehm, den Ausgang der Verhandlungen abzuwarten, und er hatte beschlossen, schon in den nächsten Tagen seinen Zug durch die Wüste anzutreten. Sein Plan ging dahin, zunächst Kartum am Zusammenfluß des weißen und blauen Nil zu erreichen und auf einer Dahabieh entweder den Fluß hinunter zu gehen, oder von Mokrat ab eine der Karavanen-Straßen durch die nubische Wüste bis zu den großen Katarakten zu verfolgen.
Er hatte noch keine Ahnung von den Hindernissen, die sich diesem schon an und für sich so mühsamen und gefährlichen Unternehmen entgegenthürmen sollten. - - -
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Aber in Spanien ...!

Bord der Victory. Hafen von Cartajena
am 28. Dezember 1860.
An
Seine Excellenz
den Herrn Grafen Juan da Lerida in Madrid.
Kapitain Jones meldet durch die Ueberbringer, daß der San Martino eingetroffen und zu einer Ladung von Waffen und Munition nach Gaëta von der Regierung geheuert worden ist.
Kapitain Jones hat das Kommando der Victory wieder übernommen und sendet dem Befehl gemäß diese Meldung durch Rafaël den Portugiesen und Nicolo den Malteser, die Seespinne begleitet.
               Jones Waterford.
Nachschrift.
Mylord, welche Teufelei ist wieder in Sicht, daß Sie die beiden größten Schufte der ganzen Mannschaft zu sich beordern? Ich beschwöre Sie, nehmen Sie sich in Acht und wenn Gefahr ist, rufen Sie mich lieber.
Die Nachrichten, welche die Victory von Roccabruna gebracht hat, sind gut, der Knabe ist wohl. Hüten Sie sich.               T.


Ein elegantes Gigk mit einem jener prächtigen andalusischen Pferde bespannt rollte den Salon del Prado entlang von dem Palast Buen-Retiro her. Es war gegen Sonnenuntergang,
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und die breite Promenade, mit dem Boulevard Italien, der Chiaja von Neapel, dem Broadway New-Yorks, den Berliner Linden und der Zelten-Allee der Wiener eine der berühmtesten der Welt, war bereits dicht gefüllt von Promenirenden, Fahrenden, Reitenden und jener eleganten müßigen Menge, die vor dem Theater und den Tertullia's ihre Zeit auf den Spaziergängen und vor den Kaffeehäusern hinbringt.
Der Herr des eleganten Gefährs schien mit aller Welt bekannt, bald begrüßte er vertraulich die schönen, mit einem eleganten Fächerspiel antwortenden Insassen einer aristokratischen Equipage, bald einen sein Cigaro vor dem Café rauchenden Offizier, - dort wieder eine Gruppe politisirender Abgeordneter und hier selbst einen mit steifer Grandezza sich fast bis zur Erde verneigenden Escrivano. Er rief munter einer Gruppe von jungen Leuten, die um eine der zahlreichen Bildsäulen standen und die promenirenden Señoritas lorgnettirten, eine kurze Bemerkung zu, grüßte höflich einen Geistlichen und nickte wenige Augenblicke darauf einer hübschen Kastanienverkäuferin, die an dem Rande eines der Springbrunnen ihre Calderata aufgeschlagen. Dabei hütete er sich wohl, ein Versehen in der Art des Grußes zu machen, indem er den Charakter desselben sehr wohl nach dem der Person vom Respectvollen bis zum Vertraulichen und Protegirenden abmaß.
Der Cavalier, denn ein solcher war er ohne Zweifel nach Haltung und Eleganz, war ein Mann von etwa 28 Jahren, nicht viel über Mittelgröße, von elastischem Wuchs mit schwarzem, krausem und wohlgepflegtem Bart,
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Handschuh, Hut und Peitsche waren untadelhaft, und der kurze Jockey-Paletot, den er trug, stand bei dem prächtigen milden Winterwetter offen und ließ eine elegante dunkle Gesellschaftstoilette sehen.
Wenn man mit Recht sagen kann: Paris ist Frankreich, muß es von Spanien gerade im Gegensatz heißen: Madrid ist nicht Spanien und ist es niemals gewesen. Der originelle Typus, den alle spanischen Provinzen haben, die Galanterie, Eleganz und die Grazie der Andalusier, die orientalische Strenge der Murcianer, der Fleiß des Cataloniers, die Würde der Basken, der Unternehmungsgeist der Asturier, der Fleiß der Galicier, die Kühnheit der Bewohner von Estremadura und der stolze und feste Geist der Alt-Castilianer fehlen den Kindern von Madrid. Was irgend an Intelligenz, Fähigkeit, Energie, Spekulation und Industrie, ja bis in die gewöhnlichsten Branchen des Handels hinunter sich in Madrid findet, ist von Fremden oder dem Zuzug aus den Provinzen repräsentirt.
Nur Eines ist unbestrittenes eigenstes Eigenthum der spanischen Hauptstadt: die Sittenverderbniß und die Intrigue! - -
Der Hof war seit etwa vier Wochen nach dem strengen Reglement der spanischen Etikette aus dem Escurial, der letzten der der Reihe nach bezogenem Sommer- und Herbstresidenzen zurückgekehrt und hatte sein Lager wieder im Palacio Real an der Westseite der Stadt aufgeschlagen. Mit ihm war das Heer der Granden und der Häupter der vornehmen Familien nebst dem unzähligen Troß ihrer Dienerschaft wieder gekehrt, der von Geschlecht zu Geschlecht
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an dem Wohlstand der alten Familien nagt, ohne abgeschüttelt werden zu können. Die Cortes tagten und die politischen Intriguen waren im vollen Gange.
Ein Reiter in Civil, gefolgt von zwei stattlich gekleideten Lakaien, kam den Prado herauf, von allen Begegnenden mit großer Achtung begrüßt. Auch der Herr des Gigks zog tief den Hut und parirte den feurigen Andalusier, als der Reiter Miene machte, den Kopf seines Pferdes nach ihm zu lenken. Derselbe war ein Mann von hoch in den Vierzigen, mit geistvollem, klugem Gesicht, dessen Farbe wie die ganze Haltung der mittelgroßen zähen Figur den alten Soldaten verrieth.
»Sieh da, lieber Graf,« sagte der Reiter - »ich habe Sie lange nicht gesehen. Warum besuchen Sie mich nicht?«
Der Angeredete antwortete mit einer Gegenfrage. »Euer Gnaden hatte ich nicht die Ehre, im Escurial zu sehen, ich würde sonst nicht ermangelt haben, meine Aufwartung zu machen.«
»Pah - Sie wissen wahrscheinlich, daß in diesem Augenblick meine Person bei Hofe grade nicht sehr beliebt ist. Die Progressisten wollen die neue Schuld nicht bewilligen, und die Auflösung der Cortes ist vor der Thür. Man spielt jetzt Seiner Heiligkeit zu Liebe die enragirten Freunde des legitimen Throns der Bourbons aus der Verwandtschaft der Frau Königin Mutter, während man die nähere Linie ... Aber lassen wir das! - Ich erwarte Sie bei mir, denn ich habe Ihnen Etwas in Betreff Ihres Schützlings zu sagen. Warten Sie - da fällt mir ein - morgen ist der Tag der Oper.«
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»Ich glaube.«
»Nun - wenn Sie sich nicht scheuen, sich mit einem alten Soldaten zu compromittiren, den man nicht einmal mehr gut genug hält, die Marokkaner zu schlagen, so biete ich Ihnen einen Platz in der Loge der Frau Gräfin an. Aber, wie gesagt, geniren Sie sich nicht, denn einem Galant'homme wie Sie wird es nicht an besseren Einladungen fehlen. Also - so oder so - auf Wiedersehen, Herr Namensvetter!«
Der General grüßte und ritt weiter, der Conde wollte eben wieder die Zügel fassen, als eine Hand sich auf den Bock legte.
»Guten Abend, Graf Juan! Hat Ihnen Prim einige Augenblicke Zeit für mich gelassen?«
In der That war es der berühmte Graf von Reuß, der so eben mit dem jungen Abenteurer gesprochen, der - wie sich der Leser vielleicht noch aus der Vorstellung in der Villa Eugenie erinnern wird - ihn im Jahre 1853 nach Varna begleitet hatte.
»Ah - Doctor Ruiz - mit Vergnügen, ich stehe zu Diensten und wollte ohnehin mein Gigk nach Hause schicken. Da - nimm!« er warf dem Jockey die Zügel zu. - »Sage Mauro, daß er um sieben Uhr mich an dem bestimmten Ort erwartet.«
Der Graf nahm den Arm des Journalisten und schlenderte mit ihm durch die Menge.
»Lassen Sie uns französisch sprechen, Graf,« sagte dieser, eine gedrungene Gestalt mit niederer breiter Stirn, scharfgebogener Nase und durch die Brillengläser blitzenden
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Augen. »Wissen Sie, daß mein Journal heute unterdrückt worden ist?«
»Teufel! ich hätte Señor Herrera in der That nicht den Muth zugetraut!«
»O das ist noch Nichts! Olozaga, Rivera und Sagasta interpellirten heute in der Kammer und der Marschall erklärte, daß die Regierung entschlossen sei, alle radikalen Journale zu unterdrücken, wenn sie fortführen, den Antrag gegen die weltliche Herrschaft des Papstes und auf Abberufung der spanischen Schiffe von Gaëta zu unterstützen.«
Der Graf lachte. »Also daher weht der Wind! Kardinal y Brêa schien in der That im Escurial willkommen, und Monsignore Barili ist nicht umsonst in Rom gewesen. Vielleicht bringt er Ihrer Majestät die goldene Tugendrose von Seiner Heiligkeit mit. Aber in der That, mein lieber Ruiz, die Sprache Ihres Journals ging wirklich auch etwas über das gewöhnliche Maaß!«
»Für was haben wir eine Constitution - Preßgesetz, wenn der Mann nicht seine Meinung sagen darf. Wissen Sie von den neuesten Maaßregeln gegen die Protestanten?«
»Was giebt es wieder? Sie wissen, ich bin selbst so ein halber Ketzer von meiner Mutter her.«
»Sie erinnern sich - Sie waren ja einige Tage im October in Madrid, - daß der Missionair oder Evangelist Matamoros damals auf die Requisitionen von Granada her verhaftet und eingekerkert wurde.«
»Ich glaubte, die Sache wäre längst todt und vergessen.«
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»Gott bewahre. Man hat unter dem Bett die Papiere des Señor Matamoros gefunden, welche die genaue Liste aller Protestanten in Spanien enthalten und die Inquisition - Sie erinnern sich, Señor Conde, daß das Inquisitionsgericht seit der Rückkehr der Königin Christine im Stillen wieder in voller Thätigkeit ist?«
»Ich habe davon gehört,« sagte der Andere vorsichtig.
»Und zwar nicht allein in Glaubenssachen - auch in die politischen Prozesse sucht es sich mehr und mehr hinein zu mischen! Mil demonios! das muß ein Ende nehmen! Ein Mönch Censor über eine politische Presse! Aber um auf das zurückzukommen, was ich Ihnen erzählen wollte, - man hat eine Protesta mit zahlreichen Unterschriften gefunden und es sind seitdem eine Menge Verhaftungen vorgenommen worden, theils öffentlich, theils im Stillen. Wir dürfen das nicht dulden. - England und die protestantischen Staaten müssen sich in's Mittel legen. Ich habe bereits einen Aufruf an die Evangelical-Alliance gerichtet ...«
»Aber mein lieber Doctor,« unterbrach ihn der Graf, »verzeihen Sie mir, aber warum dieser Eifer? So viel ich weiß, sind Sie weder Protestant noch Katholik.«
Der Journalist wurde etwas roth und verlegen. »Allerdings - ich bin Jude,« sagte er. »Aber es ist Menschen-Pflicht - der erste Artikel eines freien Staates ist die Freiheit des Bekenntnisses, und in unserm Spanien besteht noch heute das Gesetz zu Recht, welches gestattet, jeden Glaubenswechsel mit acht Jahren Kerker und Strafarbeit zu bestrafen.«
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»Aber nur den Abfall von der römisch-katholischen Kirche,« lachte der Graf - »Sie können ganz getrost den Talmud abschwören, ohne nach Ceuta zu kommen.«
»Sie sind ein Spötter - Sie haben kein Herz für die Volksrechte und die wahre Freiheit. Aber wenn man auch meinen >el futoro< unterdrückt hat, ich werde sofort ein neues Journal gründen, ich werde Artikel schreiben, gegen welche der ami du peuple8 eine Kinderlectüre sein soll. - Ich werde das Journal la democracia nennen - hier ist bereits das Programm - zweitausend Aktien, jede zu hundert Realen - à propos Señor Conde, wie viel Aktien darf ich für Sie notiren?«
»Geben Sie mir fünfzig - und erlauben Sie mir, Ihnen den Betrag gleich einzuhändigen.«
»Oh Señor Conde ...«
»Keine Bedenklichkeiten - klare Rechnung erhält die Freundschaft! fünftausend Realen sind etwa vierzehnhundert Franken ...«
»Vierzehnhundert siebenundsiebenzig ein halb,« sagte der Doctor rasch.
»Muy bien! ich sehe, Sie verleugnen Ihre Erziehung nicht und das ist viel werth bei einem Mann! Sagen wir also fünfzehnhundert Franken. Hier sind drei Banknoten zu 500 Franken - die Papiere können Sie mir später einhändigen.«
Der Doctor machte ein sehr vergnügtes Gesicht. »Sie sind ein wahrer Mann des Volks, Conde,« sagte er, plötzlich
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sehr vertraulich. »Ja, wenn alle Aristokraten so dächten - aber ich weiß, Sie waren früher ein Mitglied des >jungen Spaniens<, wenn Sie auch die Juntas nicht mehr besuchen. Ich werde für Sie bürgen, wenn von Ihnen die Rede sein sollte.«
»Das eben lieber Doctor,« meinte der Cavalier, indem er den jüdischen Journalisten fester unter dem Arm faßte und ihn nach einer weniger belebten Partie der breiten Promenade führte, - »das eben ist es, worauf ich mit Ihnen zu sprechen kommen wollte. Sie wissen, Sie reden mit einem Freunde. Wie stehen Sie mit den geheimen Gesellschaften?«
»O vortrefflich - nur ...«
»Welche Gesellschaft ist in diesem Augenblick die einflußreichste in Madrid?«
»Wie meinen Sie das - in der Kammer? bei Hofe - unter der Armee, im Volke? Sie müssen wissen, es ist da überall ein Unterschied.«
»Lassen Sie uns eine nach der andern nehmen. Also zunächst in den Cortes.«
»Wir haben neben den Fractionen der Moderados und der Progressisten die Radicalen. Man fürchtet bei Hofe noch immer die Mazoneria.«9
»Sie hat sich überlebt. Steht General Isturiz noch immer an der Spitze der sublimes templarios?«10
»Das ist mehr, als ich weiß - das war vor unserer Zeit, amigo!« Es zuckte dem Aristokraten in der Hand,
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dem würdigen Vertreter der Presse einen Stoß zu geben für die Benennung, aber er bezwang sich. »Sagen wir also die Armee.«
»Wenn Sie die alte Espartero's meinen - los hijos del sol11 sollen noch immer bestehen. Unter dem jungen Militair sind es die Libertad und die Antonisten, die den meisten Einfluß haben.«
»Ah - Monsieur d'Orleans! das ist ziemlich offen intriguirt.«
»Im Vertrauen kann ich Ihnen sagen, daß die Hauptagitation jetzt unter der Flotte besteht. An der Spitze soll Topete stehen. Der Sitz der Agitation ist in Cadix und Cartagena.«
»Kommen wir zum Volke. Haben die Communeros noch immer die alte Organisation?«
»Sie sind längst von den Isabellinos, dem jungen Spanien überflügelt, aber ...«
»Nun?«
»Sagen Sie mir offen, amigo, um was es sich handelt, und ich kann Ihnen dann vielleicht die beste Auskunft geben. Handelt es sich darum, das Kabinet zu stürzen?«
»Bewahre - vielleicht später! Madame Negrete ist eine so liebenswürdige Frau, daß man ihren Mann möglichst bei den Geschäften und von ihrem Boudoir entfernt halten muß. - Nein - höchstens bei Gelegenheit ein kleiner Tumult! - Vielleicht die Entführung einer hübschen Nonne oder dergleichen - Sie kennen meine Schwachheit in diesem
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Punkt. So etwas, was der Guardia für eine Nacht zu thun giebt.«
»Und was würden Sie daran wenden, Señor Conde?«
»Fünfhundert Napoleons!«
»Optime - dafür sollen Sie zwölf Stunden lang mindestens eine vollständige kleine Revolte haben. Die Gesellschaft der Ceñadores12 ist dazu die geeignetste. Soll ich Sie heute Abend einführen?«
»Ich danke - das wird Ihre Sache bleiben. Wie steht es mit den carlistischen Umtrieben?«
»Die Gesellschaften des Sterns und der Würgengel üben noch immer eine geheime Thätigkeit, ja ich vermuthe, daß Mitglieder derselben sich in die radikalen Verbindungen haben aufnehmen lassen. Und wann wünschen Sie Ihr Pronunciamento?«
»Haben Sie denn schon eine Ursache dazu?«
»Vamos! Nichts leichter als das. Schon die heutige Drohung des Marschalls13 gegen die Presse giebt Anlaß genug. Wir wollen diesem Ministerium zeigen, daß wir uns dergleichen nicht bieten lassen. Es ist ein Glück, daß gerade der beste Spürhund der Polizei sich nicht in Madrid befindet, denn man ist in der That nie sicher vor ihm und seinen hundert Masken. Die Anderen sind Schlafmützen oder halten für einige Duro's selbst mit.«
»Wen meinen Sie?«
»Den Secretario Cuerta - sollten Euer Excellenza ihn noch nicht kennen?«
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»Nicht von Person. Aber ich muß Sie hier verlassen, Doctor, denn ich habe noch einige Geschäfte. Wollen Sie mich morgen vor der Siesta besuchen, so sprechen wir weiter - bis dahin Gott befohlen!«
Er verließ den Journalisten, sah nach der Uhr und wandte dann seine Schritte dem nächsten Eingang des Parks von Buen-Retiro zu.
Vor dem Thor des Gitters stand eine hübsche Florista, eine jener Blumenverkäuferinnen, die man in Madrid auf dem Prado und den anderen Promenaden meist noch jung und hübsch findet, während die berühmten Blumenmädchen der Piazza von San Marco recht gut mit dem Berliner Corps de Ballet in Alter und Erfahrung wetteifern können.
Unfern des Eingangs hielt eine elegante pariser Equipage, deren Inhaber ausgestiegen waren, um zu promeniren. Zwei gepuderte Bedienten standen an dem Bock und plauderten mit dem Rosselenker. Auf dem Schlag des Wagens befand sich in zierlichem Miniatur ein quadrirtes Wappen und darüber eine Herzogskrone.
»Hast Du Fra Antonio gesehen, kleine Heidin?« frug der Graf, indem er eines der kleinen Blumensträußchen wählte und dafür einen Duro in den Korb der Verkäuferin gleiten ließ.
»Heilige Mutter Gottes, wie haben Sie mich erschreckt, schöner Señor. Aber was reden Sie von Heidin, Señor Don Juan? Ich bin eine alte Christin so gut wie Sie, und all die Meinen sind schon viel hundert Jahre gute Katholiken, wenn wir auch arme Gitanos sind.«
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»Nun ich zweifle keinen Augenblick, daß Du die Messe hörst, obschon Dein hübsches braunes Gesicht besser an ein Feuer in einer Schlucht der Sierra Morena paßt, an dem die alte Hexenmutter den Kessel kocht, als vor ein Sanctuarium. Warum hast Du mir so lange keine Blumen gebracht?«
»Der Señor Padre hat mir gesagt, Excellenza wären verreist und hätten befohlen, ich solle meine Sträuße einstweilen alle Morgen bei ihm abgeben.«
»Der Schuft! ich werde ihm das Fell über die Ohren ziehen für die Lüge! Und so hast Du ihm Deine Blumen gebracht?«
Die Gitana warf spröde und spöttisch den schönen Hals zurück. »Was denken Sie von der Paxarilla,14 Señor Don Juan! ich würde den dicken häßlichen Mönch besuchen? - Er könnte höchstens mein Messer zu kosten bekommen, wenn er mich nicht in Ruhe läßt, und wenn er zehn Mal mir mit dem geistlichen Bann droht, wie noch so eben.«
Der Conde lachte. »Beruhige Dich Kleine, ich will es schon in Ordnung mit ihm bringen. Wer stieg aus dem Wagen, der dort hält?«
»Caraï! Wollten Sie das gern wissen, blanker Caballero? Was brauchen Sie nach den Señoritas zu fragen, wenn Sie die kleine Paxarilla wirklich lieben?«
»Sei nicht albern Kind - Du bist mein Vögelchen und ich frug nach einer Dame! Besuche mich dieser Tage,
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Herzchen. - Noch Eins - Ihr wohnt doch noch im Quartier der Andalusier?«
»Wenn Euer Gnaden sich unserer Hütte erinnern wollen!«
»Caramba - warum sollte ich nicht. Und Dein Bruder?«
»Gomez wird nächstens den Stier tödten,« sagte das Mädchen mit einem gewissen Stolz. »Der Corregidor selbst hat ihn berufen, als die beste Espada der sieben Provinzen.«
»Muy bien - ich werde ihn sehen. Einstweilen sage ihm, daß ich mit ihm zu sprechen hätte.«
Die Blumenhändlerin knixte. »A Dios, Señor Don Juan!« Er war bereits den breiten Gang der schönen Kastanien-Allee hinauf geschritten und hatte sich am nächsten Bostet zur Linken gewendet. »Ich hoffe, daß Madame la Duchesse heute nicht von dem alten Narren ihrem würdigen Gemahl begleitet wird. So versprach es wenigstens ihr Billet. - Sieh da, der Mann, den ich brauche, Fra Antonio - und dort die Herzogin, nur von ihrer Camarera begleitet.«
In der Nähe des großen Teiches hatte sein scharfes Auge unter den Spaziergängern zwei Damen entdeckt, von denen die jüngere, eine vornehme schlanke Gestalt in eleganter pariser Winter-Toilette, die Gesuchte war. Zugleich sah er auf einer Bank am Bassin in sehr bequemer Stellung den Padre Antonio sitzen und die Daumen über einander drehen.
Er trat leise hinter ihn.
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»Schuft!«
Der Anruf schien dem Pfaffen nicht ungewohnt, denn er drehte sich hastig um. »Ah Señor Conde, Sie Spaßvogel, ich hätte es mir denken können, daß Sie es sind. Ich habe schon lange auf Sie gewartet.«
»Ihr werdet noch zeitig genug das angenehme Gefühl des Ohrenabschneidens erfahren, wenn Ihr noch einmal versucht, mir in's Gehege zu kommen.«
»Bei allen Märtyrern, Excellenza, Sie thun mir unrecht. Die Paxarilla ist eine schändliche Lügnerin und will Ihnen bloß einen Floh in's Ohr setzen. Auf Ehr' und Gewissen, ich habe die Zigeunerhexe mit keinem Finger angerührt.«
Don Juan lachte herzlich. »Du hast Dich selber verrathen, amigo, wer spricht von der Zigeunerin? Aber bleib' ihr vom Leibe oder ich schicke Dir ihren Bruder, den Espada, über den Hals und Du weißt, der ist gewohnt, Stiere abzustechen.«
Der Cura murmelte Etwas, das halb wie eine Entschuldigung, halb wie eine Verwünschung klang, indem er sich dabei den Schweiß trocknete, denn der Caballero vertiefte sich mit hastigen Schritten in die Gänge und er mußte sich fast in Trab setzen, um ihm zu folgen. »Der heilige Dominikus bewahre mich, - man sollte wirklich keinem Frauenzimmer unter 50 Jahren mehr die Beichte hören, um all der Bosheit und Verleumdung zu entgehen.«
»Welche Nachrichten von der kleinen Ines?«
»Man hat sie in Clausur zu den Karmeliterinnen gebracht. Heilige Jungfrau, wird das einen Lärm geben!«
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»So hat sie gestanden und ihren Onkel verrathen?«
»Gott behüte - stumm wie ein Fisch ist die Närrin. Man sollte dem Weibsbild Daumschreiben sehen. Aber das meine ich nicht!«
»Und was meint Ihr denn?«
Der Mönch blieb stehen. »Uf - ich kann nicht mehr! Wenn Sie so weiter laufen, als wäre die heilige Hermandad hinter Ihnen, Señor Conde, erfahren Sie kein Wort von mir.«
Don Juan blieb stehen. »So sprecht - aber rasch!«
»Wissen Sie, daß die Señora Ines -«
»Nun?«
»Daß sie sich Mutter fühlt, ohne je Frau gewesen zu sein?«
»Caramba - wie wäre das möglich, der arme Tommaso müßte denn die Hochzeitsnacht vor der Trauung gefeiert haben, was sonst unter meinen höchst moralischen Landsleuten gerade nicht Sitte zu sein pflegt.«
Der Cura schielte ihn bedeutsam von der Seite an. »Das ist es eben! Euer Gnaden wissen selbst am Besten, daß der arme Bursche in der Nacht nach seiner Trauung, statt bei seiner jungen Frau im Bett zu liegen, sich mit der Bärin herumbalgte und dabei zu Tode fiel. Und dennoch schwört sie Stein und Bein und will die Hostie darauf nehmen, daß ihr Ehegatte in selber Nacht bei ihr gewesen ist.«
»So war es vielleicht sein Geist!«
»Ein Geist von Fleisch und Blut! Euer Excellenza ...«
»Was?«
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Die Augen des Conde richteten sich mit einem so drohenden Ausdruck auf den Mönch, daß das vertrauliche Faunenlächeln desselben rasch wieder verschwand und er ganz verduzt aussah.
»Nun ist ein solches Wunder etwa nicht möglich?«
»O gewiß Señor Conde, aber ...«
»Die junge Frau hat ganz Recht, wenn sie glaubt, daß die Liebessehnsucht des Gatten in jener verhängnißvollen Nacht wenigstens seinen Geist zu ihr zurückgeführt hat. Die würdigen Schwestern Karmeliterinnen werden für ihr Kloster den größten Vortheil ziehen, wenn sie ein solches Wunder proklamiren können! Ihr werdet Euch natürlich als ihr Seelsorger und Beichtvater für die Tugend der Señora Ines bei ihnen verbürgen können.«
Der Cura kraute sich an der Glatze. »Sie sind nur jetzt so schändlich ungläubig hier in Madrid,« meinte er zweifelhaft. »Die Sache wird viel Geld kosten!«
»Das jedenfalls nicht aus Eurer Tasche kommt. - Also sprecht mit der Mutter Aebtissin!«
»Es ist merkwürdig, Señor Conde, was eine Börse mit Geld für eine Ueberzeugungskraft hat.«
»Mir fällt da ein - man müßte ganz Madrid für das Wunder interessiren, oder wenigstens für die junge Wittwe.«
»Teufel - ich wüßte gerade nicht, ob das den Herren vom Gerichtshof so angenehm sein würde.«
»Was kümmert das mich. Die hohe Polizei mag ihre schmutzigen Klauen von den hübschen Weibern lassen. Die alten kann sie immerhin nehmen.«
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»Und wie wollten Sie das anfangen, Excellenza?«
»Ihr seid verteufelt neugierig, Padre und kennt doch unsern Contrakt!«
»Die Heiligen mögen sich deß erbarmen, ich bin ein armer geschlagener Mann, daß ich mich mit einem solchen Tollkopf eingelassen.«
»Sagt das nicht, es war jedenfalls das Gescheiteste, was Ihr thun konntet nach dem abscheulichen Verrath an Eurem Freund und Wohlthäter.«
»Señor Don Juan, ich schwöre Ihnen ...«
»Schwört nicht falsch Pfaffe, Ihr wißt, daß ich die Beweise in Händen habe von jenem schurkischen Cuerta selbst. A propos - wo ist der Bursche?«
»Ich weiß es nicht - bei den sieben Märtyrern, es ist wahr!«
»Ich will's glauben, er wäre auch ein zu großer Dummkopf, wenn er einem Wanst wie Ihr Staatsmissionen anvertrauen wollte. Aber ich werde es schon erfahren. Einstweilen habt Ihr gesehen, was von den Versprechungen der hohen Polizei zu halten ist!«
»Leider! es ist eine undankbare Welt,« näselte der Cura, indem er die Augen verdrehte.
»Nachdem sie Euch die Würmer aus der Nase gezogen und Euer Zeugniß gebraucht, hat Euch Señor Cuerta die Thür gewiesen und der Prior erklärt, er kenne Euch nicht mehr, da Ihr länger als zehn Jahre als Weltpfaffe auf eigene Hand in der Provinz Euch herumgetrieben!«
»Wahr, wahr!« stöhnte der Mönch und trocknete sich
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die Stirn. »Aber lauft nur nicht so entsetzlich, Señor Conde!«
»Ihr hättet verhungern können für Euren schändlichen Verrath hier in Madrid, wenn ich mich Eurer nicht angenommen hätte, denn Ihr wißt sehr wohl, daß Ihr Euch in Navarra und dem Baskenland nicht wieder sehen lassen dürft, ohne einen Strick um Euren Speckhals zu gewinnen und zur Zierde des nächsten Baums zu dienen!«
»Es ist eine schlimme Welt,« jammerte der Gepeinigte.
Aber der Graf war nicht der Mann, ihn so leichten Kaufs loszulassen. »Nun denn - führt Ihr nicht ein Leben, wie Gott in Frankreich, seit ich Euch als meinen Großalmosenier, Oberkuppler oder Beichtvater - gebt Euch einen Titel, wie Ihr wollt! - engagirt habe? - Selbst der Schurke Cuerta und die ganze Klerisey sind wieder auf Du und Du mit Euch, seit Ihr Nichts mehr von ihnen verlangt!«
»Das Gesindel! ich wünschte, ich könnte sie Alle auszahlen. - Aber leiste ich nicht dafür der hohen Gesellschaft der Contrebandista, für die man mich engagirt, und Ihnen selbst alle Dienste, die ich kann? - habe ich mich nicht selbst in die Gefängnisse gewagt und spionirt? - habe ich nicht Ihnen zu Gefallen selbst gegen das sechste Gebot sündigen helfen und muß ich armer geplagter Mann nicht selbst das Sakrament der Beichte Ihnen zu Liebe mißbrauchen und verrathen?«
»Schweig Pfaffe - Du warst so eben neugierig und Du weißt, daß das verboten ist. Ein Wort von mir und es giebt noch Anhänger des Grafen Montemolin genug
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hier, die Deinen Verrath mit einem tüchtigen Stoß ihrer Navaja bezahlen würden.«
»Aber Sie wissen Señor Conde - das Geheimniß, das ich Ihnen erzählte, - es würde mir Vergebung erkaufen. Jenes Dokument, mit dem der hochselige König den Widerruf zurückgenommen - das letzte Testament -«
»Bah Unsinn! die Sache ist eine alte Geschichte; - Calomarde's15 Intrigue ist von den Cortes selbst desavouirt. Ist das Weib todt?«
»Diese Nacht ist Señora Inisilla gestorben, ich hab' ihr die letzte Oelung gegeben.«
»Dann erzählt mir die Geschichte bei Gelegenheit näher! - Aufgepaßt jetzt! - Noch Eins! Wie steht es mit Castillos?«
»Das Urtheil ist heute gefällt. Fünf Jahre nach Ceuta. Da sie ihm Nichts beweisen konnten, haben sie ihn so billig müssen davon kommen lassen!«
»Schuft, der Ihr seid, das billig zu nennen! Er hat also Nichts verrathen?«
»Keinen Menschen und da der verfluchte Hund das Papier gefressen hatte ...«
»Und was wird mit ihm?« unterbrach ihn hastig und halblaut der Caballero, denn sie waren jetzt dicht hinter den beiden Frauen.
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»Am nächsten Montag wird er mit den andern Galeerensclaven nach Cadix transportirt.«
Eben wandte sich die jüngere Dame um. »Beschäftigt die Camarera,« flüsterte der Graf seinem Begleiter zu und zog dann hastig den Hut, sich tief verbeugend.
Die Dame dankte mit jenem koketten Fächerschlag, der nur den Frauen Spaniens eigen.
»Ah - Señor Conde - was verschafft uns das Vergnügen, Sie hier zu treffen?«
»Der glücklichste Zufall der Welt für mich, Altezza. Darf ich die Ehre haben, der Frau Herzogin meinen Respekt zu Füßen zu legen und meine Begleitung auf Ihrer Promenade anzubieten?«
»Ein so geschätzter Freund des Herzogs, meines Gemahls, der heute verhindert war, mit mir den schönen Sonnenschein zu genießen, kann nur willkommen sein. Ihren Arm, Sennor Conde - der Spaziergang hat mich in der That etwas ermüdet.«
Er bot galant seinen Arm und die schöne Frau stützte sich leicht darauf im Weiterschreiten. Ein kurzer Wink hatte die Kammerfrau bedeutet zurück zu bleiben und Pater Antonio machte sich eifrig an dieselbe und verwickelte sie in eine Unterhaltung aus dem letzten Hof- und Stadtklatsch.
Die Dame, die der Cavalier als Herzogin angeredet, mochte zwei- bis dreiunddreißig Jahre zählen, doch ließen die Künste der feinen Toilette sie noch unter jenem Wendepunkt des weiblichen Lebens erscheinen, der bei den Frauen des Südens noch schärfer sich bemerklich macht, als bei
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denen des Nordens. Ihre Gestalt war, wie bereits erwähnt, schlank und elegant, das Gesicht schmal und von jener durchsichtigen sammetartigen Blässe, welche oft ein heißblütiges verzehrendes Temperament verbirgt, wie man den Schnee die Gipfel eines Vulkans bedecken sieht. Um Augen und Mund lag etwas Abgespanntes, Schattenartiges, was der kühn gebogenen schmalen Nase und den feurigen schwarzen Augen den Ausdruck verzehrenden, nie befriedigten Verlangens gab. Der Mund war ziemlich groß, mit hübschen Zähnen und jenem dunklen Schatten auf der Oberlippe, welcher vielen Frauen Italiens und Spaniens - es läßt sich nicht sagen, ob zur Zierde oder - zum Kennzeichen gereicht.
Sie waren kaum außer Hörweite, als die Herzogin sich heftig zu ihrem Begleiter wandte.
»Wo waren Sie gestern und vorgestern, mein Herr, daß man Sie nicht gesehen hat?«
»Euer Gnaden wissen, daß mir der ungenirte Zutritt im Palast nicht zusteht, und daß ich mich nur in den conventionellen Formen des Besuchs Ihnen nahen darf.«
»Das ist Ihre gewöhnliche Ausflucht,« sagte die Herzogin heftig, - »es würden sich zehn Gelegenheiten finden, uns zu sehen; aber Sie haben dieselben kaum ein einziges Mal benutzt, seit wir in der Stadt sind.«
»Und dennoch war meine Sehnsucht unbegrenzt. Aber ich hatte eine Menge Hindernisse zu beseitigen, - Geschäfte, - Conferenzen, - Sie wissen, daß ich einen für mich sehr wichtigen Prozeß bei dem obersten Gerichtshofe zu führen habe.«
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»Der gute Wille, mein Herr, würde das Alles ersetzen - aber ich fürchte, daß ich Ihrer Flatterhaftigkeit bereits langweilig geworden bin!«
»Madame - theure Maria, wie können Sie so sprechen! Es macht mich unglücklich, Sie das sagen zu hören. Sie wissen ja, daß ich nicht schuld bin, neulich im Park -«
»Ja - der Herzog, mein Gemahl kam kurz vor der Ausfahrt auf den Gedanken, mich zu begleiten. Aber Sie hätten sich uns anschließen sollen.«
»Und hätte ich dann meine Augen, meine Lippen verhindern können, jene Sprache zu reden, die ihnen in Ihrer Nähe Bedürfniß sind?«
»O Juan, wenn Sie wahr sprächen!«
»Kann eine Frau, wie Sie, daran zweifeln?«
»Wir wollen sehen, mein Herr! - Hier haben Sie die Erlaubniß des Herzogs, die Ihnen gestattet, das Staats-Archiv zu besuchen und dort jene Einsichten zu nehmen, die Sie für Ihren Prozeß nöthig halten.«
»O Sie sind ein Engel, Maria!« - er küßte zärtlich ihre Hand, die ihm das Papier reichte. Seine Augen überflogen dasselbe rasch - ein malitiöses Lächeln zuckte um seinen Mund. »Seine Gnaden, der Herr Herzog, sind sehr gütig - mir diese offizielle Erlaubniß durch Ihre Hand zu ertheilen, sie sichert mir wenigstens die Gelegenheit, mich öfters in Ihrer Nähe zu befinden, nur ...«
»Nur? was mein Herr?«
»Ist dies die Erlaubniß, die am Ende jeder Gelehrte und Beamte erhält und die mir nur die Einsicht in die öffentlichen Dokumente gestattet, - die Zeichen fehlen
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darauf, welche die Archivare ermächtigen, mir Einsicht in die wichtigeren Papiere zu gestatten.«
Sie sah ihn scharf an. - »Sie wissen, Graf, daß das nur auf spezielle Erlaubniß der Königin geschehen darf.«
»Das weiß ich und ich weiß auch, daß Ihre Majestät die Königin Isabella Ihre persönliche Freundin ist. Da aber jene Dokumente, deren Citate ich zu der Gewinnung des Prozesses benöthigt bin, aus der Zeit vor Aufhebung der Fueros datiren, und die Archive von Bilbao und Irun damals nach Madrid gebracht wurden, und da mein Prozeß gegen die Interessen der Krone geht ... Erlauben Sie mir also, Frau Herzogin, Ihnen und dem Herrn Herzog für die bewiesene Güte zu danken und diese Erlaubniß in Ihre Hände zurückzulegen.«
Er reichte ihr das Papier und trat mit einer kalten Verbeugung zurück.
Eine dunkle Röthe überflog das Gesicht der Dame. »Sie sind ein Undankbarer, Señor,« sagte sie. - »Sehen Sie - was ich für Sie gethan habe und dann sagen Sie mir, ob ich das Interesse der Königin gegen das Ihre vorziehe?« Sie zog ein zusammengefaltetes Papier aus dem Busen und reichte es ihm, indem sie scheu umherblickte.
»Die Unterschrift der Königin?«
»Sie ist es - begreifen Sie wohl, Señor, was ich gethan? ich habe das Blanket aus der Chatoulle des Herzogs entwendet. Wenn es entdeckt wird, werden er und ich verbannt oder eingekerkert. Und das für Sie!«
Er achtete kaum der Angst, mit der sie ihm das
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Blanket gereicht. Sein Auge ruhte mit einem dämonischen Funkeln auf dem Papier.
»Aber es fehlt die Contrasignatur des Herzogs!«
»Wollen Sie ihn etwa wissen lassen, was ich für Sie gethan? Ich dächte, das wäre Ihre Sache?«
»Sie geben mir dies zur freien Benutzung?«
»Zur freien Benutzung für Ihr Interesse! ich gebe es Ihnen als Beweis meiner Liebe - Alles, Alles!«
Seine Augen leuchteten. »Dank Maria! Und Ihr Haus am Thor von Valencia?«
Sie sah ihn leidenschaftlich an. »Ich werde diese Nacht dort zubringen, wie ich jeden Dienstag thue.«
»Dann - um ein Uhr!«
»Auf Wiedersehen!«
Die ganze glühende leidenschaftliche Hoffnung der Vergeltung für das, was sie gethan, lag in dem glühenden Blick, mit dem sie ihm die Hand reichte.
Er küßte sie ehrerbietig.
»Ich lege mich Euer Gnaden zu Füßen und bitte Sie, Seiner Hoheit meinen Respekt zu vermelden. Darf ich die Ehre haben, die Frau Herzogin zu ihrem Wagen zu führen?«
Die Camarera mit dem Mönch waren herbeigekommen.
»Ich will Sie nicht bemühen, Señor Conde, ich weiß, daß diese Stunde im Prado oder auf der Puerta del Sol unseren jungen Herren unersetzbar ist. Der Herr Herzog hofft, Sie in unserer nächsten Tertulia zu sehen.«
»Ich werde nicht ermangeln.«
Die vornehme Dame zog die Hermelin-verbrämte
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Mantilla fester um ihre Schultern, neigte graziös den Fächer zur Entlassung und wendete sich nach dem nächsten Ausgang des Parks.
»Uf!« sagte der Mönch, als die Frauen weit genug entfernt waren - »muß das eine fromme Dame sein! Alle Morgen um 6 Uhr schon in die Messe, wie mir die Señora Camarista erzählte, und alle Woche, wie's Gott und die Heiligen geben, vierundzwanzig Stunden Kasteiung im Kloster der frommen Schwestern von der Buße Magdalena's.«
Der Graf antwortete ihm nicht - er ging mehre Minuten in tiefem Nachdenken neben ihm her. »Kennst Du einen Schlosser?« frug er.
»Beim heiligen Augustin, warum sollte ich nicht? Da ist Meister Antonio Perez, der Hof-Carriero16 Se. Königl. Hoheit des Infanten Don Sebastian, dann neben der Straße Alcala ...«
»Nein, nein,« unterbrach ihn der Cavalier - »einen gewöhnlichen Mann, der einen armen Burschen etwa als Lehrling annehmen möchte.«
»Ah - ich verstehe, Señor Conde - ein Kind der Liebe, das Sie ehrlich versorgen und zu einem wackern Handwerker ausbilden möchten. Da ist vor dem Thor von Toledo gleich in der zweiten Straße links ein armer Kerl, der lahme Carriero genannt, der würde mit Entzücken ein Dutzend Duro's für einen Bankert verdienen und ihn dafür zum ehrlichsten Mann von der Welt hämmern. Soll ich vielleicht ...«
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»Ich danke Padre - ich werde das schon besorgen. Also die Donna Inisilla, die alte Dienerin der Königin Mutter, ist endlich todt?«
»Diese Nacht, Señor Conde, wie ich Ihnen bereits gesagt. Die Heiligen mögen sich ihrer armen Seele im Fegefeuer erbarmen, denn sie hat kaum soviel hinterlassen, um ein Dutzend anständiger Messen lesen zu lassen. - Sie war auch ein Beispiel des Undanks der Großen dieser Welt!«
Er verdrehte bezeichnend die Augen.
»Unsinn - die Königin Marie Christine steht wohl in dem Ruf, geizig und habsüchtig zu sein, aber sie ist viel zu klug, ohne Ursach eine alte Dienerin zu verstoßen, die um mancherlei Geheimnisse wissen mußte, und deren hatte Ihre Majestät bekanntlich nicht wenige.«
»O Señor Conde, thun Sie Ihrer gesegneten Majestät nicht Unrecht. Die Donna Inisilla soll eine ganz hübsche Summe erhalten haben, als die verdammten Progressisten die Königin das erste Mal zwangen, nach Frankreich zu gehen, aber die Donna hatte einen Neffen, der ein arger Verschwender war und sie bis auf's Hemd ausgeplündert hat, und als sie sich später wieder an die Königin wandte, ist sie mit strenger Strafe bedroht worden. So wurde ihre Armuth immer größer, und es war ihr Nichts geblieben, als das Häuschen in der Vorstadt, in dem der Zufall mich Wohnung finden ließ.«
»Nun und ihre Geheimnisse?«
»Es sind manche wunderliche Geschichten, die sie mir unter dem Siegel der Beichte vertraut hat. Da ist
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zunächst die Liebschaft der Königin mit dem deutschen Baron, den sie zu ihrem Kammerherrn machte - dann die scandalösen Zusammenkünfte auf den Jagden ...«
»Gleichgültige Dinge - Ihre Majestät hat ihre Liebschaften nach Schocken gezählt. Aber was faseltet Ihr doch von einem Testament?«
»Es ist keine Faselei, Señor Conde,« betheuerte der Pfaffe, »Donna Inisilla hat mir die Wahrheit auf dem Todtenbett zugeschworen. Die arme Dame hat den König in seiner letzten Krankheit pflegen helfen und in der Nacht des 28. September 1833 ...«
»Am Tage darauf starb ja wohl König Ferdinand VII[.]?«
»Gott habe ihn selig, den guten Herrn! - In jener Nacht hatte sie die Wache - Niemand glaubte seinen Tod so nahe, ja der erste Leibarzt hatte erklärt, daß das geheiligte Leben außer Gefahr sei und der König sich in der Besserung befinde. Der Doctor schlief in einem andern Theil des Palastes, die Königin in dem zweiten Zimmer von dem ihres Gemahls, denn sie ließ bekanntlich bis an sein Ende Niemanden zu ihm, außer in ihrer Gegenwart und nur ihre Vertrautesten.«
Der Graf hatte seine Schritte nach einer abgelegenen Bank gelenkt und ließ sich nieder. Ein Wink deutete dem Mönch an, sich neben ihn zu setzen.
»Weiter in Eurem Mährchen!«
»Es ist kein Mährchen, Señor Conde, ich versichere Sie. Hören Sie nur weiter, was die alte Inisilla erzählte. Sie wäre in dem Stuhl des Königs etwas eingenickt, als der Kranke plötzlich die Hand auf ihren Arm
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gelegt hätte. »Hörtest Du Nichts, schläfrige Wärterin? - es hat geklopft!« - Señor, ich erzähle indeß mit den Worten meines Beichtkindes. Also: - ich fuhr empor und wollte nach der Thür - aber die Hand des Königs hielt mich zurück. »Nicht da hinaus, öffne die Thür dort!« - »Aber Majestät, die ist verschlossen - Ihro Majestät die Königin hat sie selbst verschlossen und den Schlüssel an sich behalten, damit Euer Majestät nicht gestört werden. Jedermann ist der Eingang verboten.« - Der König griff unter die Kissen seines Bettes und zog einen Schlüssel hervor, den er mir gab. »Verriegle die Thür dort!« - Ich that es. - »So - nun öffne!« - Ich schloß zitternd die zweite Thür auf, die aus dem Königlichen Schlafgemach nach den Zimmern geht, welche zum großen Audienz-Saal führen.
Kaum hatte ich die Thür geöffnet, als dieselbe ruhig zurückgestoßen wurde und drei Männer hereintraten, von denen der eine eine brennende Wachskerze trug.
Eine lang herab über die Brust hängende Kapuze, wie jene, welche die Mitglieder der Begräbniß-Gesellschaften zu tragen pflegen, verhüllte ihre Züge.
»Ah - sind Sie da, Hochwürdigster?« frug der König.
»Glaubten Euer Majestät, daß die heilige Kirche Sie in Ihrer letzten Noth verlassen würde?« antwortete eine tiefe Stimme.
»Nehmen Sie diese da vor« - sagte der König, auf mich deutend. »Sie ist die Tochter eines alten Dieners unsers Hauses - vielleicht ist Treue und Rechtschaffenheit in ihr!« - -
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»Was mir die Kranke,« fuhr der Mönch in seiner Erzählung fort, - »von den Beschwörungen mittheilte, welche der Verhüllte, offenbar ein hohes Mitglied der Kirche, an sie verwandte, um sie zu einem furchtbaren Eide der Geheimhaltung alles Dessen, was sie gesehen, zu veranlassen, ist unnöthig, Ihnen wieder zu erzählen. Sie kennen die Macht der Geistlichkeit! - Genug sie leistete den Eid, von dem ich sie auf dem Todtenbett absolviren konnte!«
Der Graf betrachtete den Pfaffen mit einem Blicke tiefer Verachtung. »Nun weiter?«
»Der König hatte sich leicht auf seinen rechten Arm gestützt. Sein Gesicht trug unverkennbar die Spuren der bevorstehenden Auflösung.«
»Corpo de Christo,« sagte er - »man hat das Gerücht verbreitet, wie ich gehört, daß ich meines gesunden Verstandes nicht mächtig sein sollte! - Par Dios - deswegen habe ich Sie, Señor, berufen, um mir dies zu bezeugen!«
»Euer Majestät,« sagte einer der Verhüllten, »befinden sich unzweifelhaft in vollster Dispositionsfähigkeit. Ich mache mir eine Ehre daraus, dies durch meine amtliche Unterschrift zu bestätigen.«
»Nun wohl, Excellenza,« sprach der König, »ich danke Ihnen, daß Sie der Aufforderung meines Beichtvaters entsprochen haben. Ich bin ein armer verlassener Mann, obschon der König eines mächtigen Reichs, in dem meine Vorfahren die Sonne nie untergehen sahen, - ich habe viele Irrthümer begangen, der schlimmste war sicher meine Heirath mit der Neapolitanerin; - aber ich möchte gern,
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ehe ich von dieser Welt scheide, das Unrecht an meiner Familie so weit noch gut machen, als ich es kann!«
»Euer Majestät,« sagte der Erste der Verhüllten, »werden in Ihrem Gewissen sicher kein Verlangen empfinden, das nicht mit den Interessen der heiligen Kirche in Eintrag steht.«
Der kranke König, erzählte die Wärterin weiter, lächelte bitter. Mir war, als hätte ich die Stimme des ersten Sprechers schon öfter gehört - aber ich wagte nicht, darüber nachzudenken.
»Sie haben Recht, Monsignore - mit den Interessen der heiligen Kirche! - Indessen habe ich auch einige weltliche meines Hauses zu vertreten. - Haben Sie das Testament hier?«
Der Dritte der Verhüllten war vorgetreten. »Hier ist das Papier, Sire, und erinnern Sie sich, daß es eben nur ein Papier ist, ohne Ihre Unterschrift!«
Der König war bei dem Klang dieser Stimme wie unter einer plötzlichen Convulsion zurückgefahren. Ich hatte ihn noch nie so bleich und entsetzt gesehen, während seiner ganzen langen Krankheit. Er machte eine starke Anstrengung, sich von seinem Bett zu erheben, doch vermochte er es nicht.
»Wie - höre ich recht - Eure Eminenz?«
»Ich bin hierher gekommen,« sagte die ruhige milde Stimme des Dritten der Verhüllten, »um mit Ihnen, mein vielgeliebter Sohn, ehe das ewige Ziel eintritt, das Gott der Herr jedem Menschenleben gesetzt hat, die Zukunft des heiligen katholischen Glaubens zu sichern!«
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Der König faßte nach der Hand des Sprechers und küßte sie.
»Euer Eminenz sehen in mir Ihren geringen Knecht!«
»Höre mich an, mein Sohn und beherzige die Worte, die ich Dir im Namen des Heiligen Vaters zu sagen habe! - Ich kenne diese beiden Männer als getreue Anhänger des heiligen apostolischen Stuhls, - doch dieses Weib - ich weiß Nichts von ihr - -«
»Es war leider nothwendig,« sagte einer der andern Verhüllten, »daß wir sie ohne Vorbereitung den Eid leisten ließen. Sie muß uns noch wichtige Dienste leisten, ohne daß es doch nöthig ist, daß sie Alles hört. Können wir sie entfernen?«
»Da hinein,« sagte der König und wies nach der Thür des kleinen Kabinets, in dem er sich zu waschen pflegte. Es hat keinen Ausgang. Ich eilte selbst auf die Thür zu, denn eine unbestimmte Angst vor der Zukunft und den Folgen, welche dieses Geheimniß für mich haben konnte, hatte mich ergriffen. Man schloß die Thür hinter mir und ich stand zitternd in dem nicht allzugroßen Kabinet.
Eine Weile war ich eben ganz betäubt und achtete auf Nichts, als auf meine Besorgniß. Die Königin hatte alle Personen des gewöhnlichen Dienstes während der Krisis der Krankheit zu entfernen gewußt, selbst die ersten Kammerdiener des Königs durften ihren Dienst nur in ihrer Gegenwart versehen, nur auf mich setzte sie unbedingtes Vertrauen, und nun geschah etwas - offenbar von anderer Hand Vorbereitetes, Wichtiges, von dem sie Nichts wußte, und ich hatte die Hand dazu geboten!
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Endlich hatte ich mich so weit gefaßt, daß ich wieder auf die Vorgänge in dem Schlafgemach des Königs achten konnte. Ich schlich leise an die Thür und legte das Ohr an das Schlüsselloch - nicht aus persönlicher Neugierde, sondern einzig im Interesse meiner Herrin, der Königin.
Die Unterredung hatte schon eine Weile gedauert, aber ich konnte jedes Wort des noch Folgenden deutlich verstehen.
»Die Sache steht einfach so« sagte der Zweite der Verhüllten. »Wenn Euer Majestät das Recht gehabt haben, durch das Edict vom 10. October 1830 das Gesetz der >Siste partidas< wiederherzustellen, hatten Sie auch das Recht, das Edict zu widerrufen. Der Minister Calomarde hat Euer Majestät damals dies klar und deutlich bewiesen. Wenn nun Euer Majestät am 31. December 1832 diese Wiederherstellung widerriefen, so beweist das eben nur, daß Herstellung und Widerruf ganz in Ihrer Hand liegen, daß also stets eine letzte, gehörig beglaubigte Verfügung die allein gültige sein wird. Eine solche wäre dies Testament - obschon wir hoffen wollen, daß Gott Ihnen wieder Gesundheit schenken und Euer Majestät noch lange Jahre leben möge.«
»Sie wissen das besser,« sprach matt der König, - »sonst wären Sie nicht hier. Es ist aber schlimm, daß ich mit dem Bewußtsein hinüber gehen soll, das Erbe meines Kindes selbst wieder in Frage gestellt zu haben.«
»Euer Majestät selbst,« sagte der Erste, den der König angesprochen - »haben jene Scrupel über die Königin gehegt und deshalb mich auffordern lassen, die Frage
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Seiner Heiligkeit vorzulegen. Es ist gewiß, daß die Königin Maria Christina sich zu der Partei der Moderados, wenn nicht gar der Progressisten neigt und ihnen bedeutende Concessionen gemacht hat. Die heilige Kirche würde mit dem Uebergang der unbedingten Regierungsgewalt in ihre Hände, ohne eine gewisse Reserve, ihre Herrschaft in Spanien in Frage gestellt sehen, was Sie doch selbst zu verhindern wünschen, Sire. Seine Heiligkeit der Papst hat ganz die ungeheure Tragweite dieser Frage für die katholische Kirche begriffen, und seinen designirten Nachfolger gesendet, Ihnen seinen Segen und seine Entscheidung zu überbringen.«
»Ich habe Euer Majestät bereits diesen Willen verkündet,« sprach die milde Stimme des dritten Verhüllten. »Die heilige Kirche bürgt Ihnen dafür, daß von diesem Dokument nie Gebrauch gemacht werden soll, so lange die Regentin und die künftige Königin treue Schützer des apostolischen Stuhls bleiben. Jesus Christus hat die Nachfolger des Apostels über die Könige der Erde gesetzt, damit ihre unfehlbare Weisheit diese auf dem richtigen Wege erhalte. In der Stunde des Todes ist auch der mächtigste König nur ein der göttlichen Gnade bedürfender Mensch. Denen Gott in diesem Leben große Macht gegeben, von denen wird er auch hohe Verantwortung fordern. Bedenke das, o König, und handle danach!«
»Und verspricht Seine Heiligkeit wirklich, diesen meinen letzten Willen nur in der Stunde der äußersten Gefahr für das Seelenheil meiner katholischen Unterthanen zu verkünden?«
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»Er verspricht es durch meinen Mund und ich gelobe es gleichfalls!«
»Geben Sie mir die Feder, Señor!«
Es war eine tiefe Stille in dem Sterbezimmer König Ferdinand's, ich hörte die Feder auf dem Papier kratzen; dann hörte ich den König sagen: »Nein - geben Sie mir das andere auch! Es würde keine Gültigkeit haben, wenn nicht die Bestätigung sich in dem Königlichen Archiv zu Madrid befände.«
»Aber dann wird die Königin ...«
»Nein!« sagte der König mit fester Stimme. »Siegeln Sie es vor meinen Augen ein, ich werde noch die Kraft haben, auf das Couvert zu schreiben: >Nur auf den Befehl Seiner Heiligkeit des regierenden Papstes zu eröffnen. Im tiefsten Geheimniß zu bewahren.<
»Ihr Wille soll erfüllt werden, Sire,« sagte der Cardinal. »Das Duplikat wird dem Custoden des Königlichen Archivs ausgehändigt und er in Eid darüber genommen werden, während das Original in dem geheimen Archiv des Vatikans niedergelegt wird. Sind Euer Majestät hiermit zufrieden?«
Der Kranke schien ganz erschöpft in die Kissen zurückgesunken zu sein, denn ich hörte kaum sein schwaches »Ja!«
»Was beschließen Euer Majestät, das mit der Frau geschieht, die wenigstens das Geheimniß unserer Anwesenheit kennt. Wird ihr Eid genügen oder müssen wir ...«
Der König unterbrach ihn hastig: »Nein, nein - keine Gewaltthat. Sie wird schweigen - übrigens weiß sie Nichts, als Ihren Besuch!«
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»So wollen wir es riskiren. Sie scheint klug und gehorsam genug, um zu begreifen, daß jedes thörichte Wort ihr Verderben sein würde.«
»Euer Majestät,« sagte der Dritte der Unbekannten, der mit der milden Stimme, »haben durch diese Handlung nach ihrem eigenen Wunsche das schwere und vielfache Unrecht gesühnt, was die Regierung Spaniens in den letzten Jahren durch die höchst beklagenswerthen sogenannten Reformen der heiligen Kirche angethan hat. Seine Heiligkeit der Papst Gregor XVI. will anerkennen, daß Euer Majestät durch den schlimmen Geist der Zeit zu vielen dieser Schritte gezwungen worden sind17 und sich vorläufig mit der Sühne und Sicherung begnügen, die Euer Majestät mit diesem Dokument geleistet haben. So bin ich denn ermächtigt, Euer Majestät seinen Segen und die Absolution zu ertheilen, ohne welche jene Herrlichkeit nicht zu erreichen ist, die uns Gott durch den Mund der Apostel verheißen hat!«
Es herrschte eine tiefe Stille in dem Gemach, ich hörte das Murmeln der Gebete und war selbst in die Knie gesunken.
Endlich sagte der König: »Danken Sie dem Heiligen Vater und bitten Sie ihn, meiner in seinen Gebeten zu gedenken. - Möge seine Regierung noch lang und glücklich sein, leichter, als die meine. Und auch die Ihre, Bernetti,18
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wenn Sie seinen Sitz auf dem heiligen Stuhl eingenommen haben. - Ich fühle mich sehr erschöpft, ich bitte - rufen Sie die Camarera!«
Ich war im Nu am andern Ende des Kabinets auf den Knieen, dort fand man mich, als sie die Thür öffneten und mich hinein riefen.
Der König war offenbar in einem sehr angegriffenen erregten Zustand, was mir große Besorgniß machte. Ich eilte, ihm die Medizin zu geben, welche die Aerzte verordnet hatten und machte die Fremden darauf aufmerksam. Man befahl mir, noch eine Viertelstunde zu warten und dann die Königin wecken zu lassen. Indem man mir nochmals die strengste Geheimhaltung des Besuches anbefahl und mich mit ewigem Kerker bedrohte, wenn ich eine Sylbe davon Verlautbarte, entfernten sich die Drei mit dem Befehl, den Schlüssel, den ich zur Oeffnung der Thür aus der Hand des Königs erhalten, sorgfältig zu verbergen und ihn bei der ersten Gelegenheit in den Manzanares oder einen Brunnen zu versenken. Es könne meinen Kopf kosten, sagte man mir, wenn die Königin mich im Besitze dieses Schlüssels fände.
Ich hatte bereits, von der Gefährlichkeit des Geheimnisses durchdrungen, bei mir beschlossen, völliges Stillschweigen sowohl über das Erlauschte, als über den ganzen Vorgang zu bewahren, selbst der Königin gegenüber, denn ich konnte bei ihrem launenhaften Charakter nicht wissen, was sie mit mir thun würde. Aber obschon ich stets bis zu diesem meinem Sterbetage das Geheimniß bewahrte, scheint die Königin doch später eine Ahnung oder einen
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Verdacht gefaßt zu haben, daß König Ferdinand vor seinem Tode noch andere Personen empfangen habe, als die sie zugelassen, und um die sie wußte; denn es wurde nach vier Jahren, als sie sich mit ihrer Schwester Luise Charlotte der Gemahlin des Infanten Don Francisco de Paula, überwarf und diese nach Paris zog, noch eine strenge[,] Untersuchung von ihr angeordnet und Jedermann vernommen, der damals am Krankenlager des Königs beschäftigt war. Mich hat sie persönlich befragt - aber ich wußte Nichts und das war es, was ihr Vertrauen zu mir erkaltete. Ueberdies mochte mich der damalige Señor Muñoz nicht leiden, weil ich ihn einst überrascht, als er mit einer jungen Magd hübsch gethan, und so kam es, daß sie sich von mir trennte, noch ehe sie nach Frankreich floh.<
Der Mönch schöpfte tief Athem nach dieser anstrengenden Erzählung und blähte sich im Gefühl seiner Wichtigkeit.
»Und was that die Donna Inisilla mit dem König?«
»Was sollte sie thun? - Seine geheiligte Majestät der König Don Ferdinand VII. lag bald darauf, wie mir die ehemalige Camarera erzählte, im heftigsten Fieberparoxismus und tobte und raste, als sie die Königin und die ganze Umgebung zu Hülfe gerufen, und ist auch nicht wieder zu Verstande gekommen, bis er am Tage darauf selig verschieden ist.«
»Und das Alles hat Euch die Donna Inisilla auf ihrem sehr redseligen Sterbebett erzählt?« frug der Caballero.
»Oh Señor Don Juan, Sie wissen, daß das nach
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und nach geschah während ihrer Krankheit und daß ich Ihnen die Hauptsachen schon früher mitgetheilt habe. Nur kam die arme Dame in ihrer Todesangst und Noth immer wieder darauf zurück, um sich das Herz zu erleichtern.«
Der Graf hatte sich erhoben.
»Habt Ihr denn über die saubere und alberne Geschichte zu Jemand gesprochen?«
»Gott bewahre, Señor Conde - Sie sind der Erste und Einzige! bedenken Sie - das Geheimniß der Beichte -«
Der Graf hatte seinen Arm mit eisernem Griff gefaßt.
»Padre Antonio,« sagte er, »Ihr erinnert Euch doch wohl, daß, wenn auch nicht mehr dem Namen nach die Inquisition in Madrid besteht, doch immer noch das geistliche Gericht existirt, das dieselben Functionen übt und fast dieselbe Macht hat.«
»Um der heiligen Jungfrau willen, Señor Conde, Sie werden doch einen Ihnen allzusehr ergebenen Mann nicht verrathen!«
»Ihr seid ein eben so großer Tölpel als Schuft,« sagte drohend der junge Mann. »Ein Tölpel, weil Ihr die abgeschmackten und boshaften Phantasien einer schwatzhaften alten Närrin für baare Münze nehmt, die - selbst wenn sie wahr wären, - nicht mehr die geringste Wichtigkeit haben; denn die pragmatische Sanction des Königs Ferdinand ist durch die Bestätigung der Cortes schon vor länger als siebenundzwanzig Jahren zum Landesgesetz erhoben und von allen Höfen Europa's anerkannt worden; - und ein Schuft, weil Ihr, gleichgültig wem, Dinge, die, wenn auch an sich absurd, in der Beichte mitgetheilt
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wurden, verrathen habt. Ich versichere Euch, daß - wenn ein Laut davon über Eure Lippen geht - Ihr unzweifelhaft eines Tages spurlos verschwunden sein und in einem Kerker vermodern werdet, wozu es noch Klöster genug in diesem gelobten Lande giebt, und selbst die Contrabandista könnte Euch nicht retten!«
»Heiliger Laurentio,« stammelte der Mönch, dem es schon zu Muthe war, als befände er sich auf dem Rost des berühmten Schutzheiligen des Escurials, - »ich will schweigen wie das Grab, wenn Euer Gnaden meinen, daß mich die verdammte Geschichte in Unheil bringen könnte; ich ...«
»Geht nach Hause und legt hübsch die Dame Inisilla in das ihre,« unterbrach ihn der Graf. »Wenn das geschehen, so kommt in mein Hôtel und fragt nach Mauro, er wird meine Befehle für Euch haben. Und jetzt packt Euch, und bringt Euren Abend nicht etwa in einem Bordell oder einem Bodega19 zu. - Hier ist etwas Geld zu Messen für Eure verstorbene Hauswirthin.«
Er reichte ihm einige Gold-Piaster und verließ ihn, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern.
Trotz seiner verächtlichen Abwehr der Mittheilungen des Pfaffen war der Schritt des Abenteurers, als er an dem künstlichen See entlang schritt, der den Park von Buen[-]Retiro ziert, doch weniger elastisch als sonst, und seine Stirn mit den Falten eines scharfen und ernsten Nachdenkens bedeckt.
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Der Winter - der oft auf der Höhe der Mancha ziemlich rauh auftritt und selbst Schnee und Eis bringt - war in diesem Jahr sehr mild, die Luft wie bei uns in den Maitagen und das hatte eben die große Zahl von Spaziergängern in's Freie gelockt. Wenn die Witterung es nur Halbweg erlaubt, muß der Spanier, der ja überhaupt gewohnt ist, einen großen Theil seiner Zeit - und er hat unendlich viel Zeit! - im Freien zuzubringen, - seinen Spaziergang haben. Es waren noch zwei Stunden hin bis zu der Zeit, zu welcher der Graf seinen Leibdiener bestellt hatte, und er benutzte dieselbe, um sich in einen Fiakre zu werfen und nach dem nördlichen Stadttheil fahren zu lassen.
In einer der kleinen und engsten Straßen trat er in einen unscheinbaren Trödelladen, an dessen Thür eine Menge alter Bücher, Brochüren und Kupferstiche ausgestellt waren.
»Buona sera, Señor Don Urbano da Tormina,« sagte er, höflich den Hut abnehmend und den Inhaber des Ladens begrüßend. »Wie ist Ihr Befinden und wie gehen die Geschäfte?«
Der Besitzer des Bücherladens, der antiquario oder vendidor de libros viejos war eines jener Originale, wie sie selbst in Kastilien immer mehr verschwinden. Er war ein alter großer und überaus hagerer Mann, was durch die eng anliegende graue Kleidung, Wams, Kniehosen, weiße wollene Strümpfe und Schuhe mit großen Rosetten noch mehr hervortrat. Dazu trug er über der linken Schulter den alten kurzen spanischen Mantel und einen
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abgeschabten und sehr spitzen kastilianischen Hut. Mit dem langen grauen Kinn- und dem steif aufgedrehten Schnurbart fehlte ihm nur der Degen, um aus ihm einen der alten bettelhaften Hidalgos aus der Zeit des Don Quixote zu machen.
»Erzeigen Sie mir die Gunst, Señor, Platz zu nehmen in meinem unbedeutenden Laden,« sagte der Antiquario mit einer demüthigen und dennoch höchst würdevollen Miene. »Es ist mir eine hohe Ehre, meinen Namen von Ihnen gekannt zu sehen, wenn auch mein altes Gedächtniß mir nicht erlaubt, mich zu erinnern, wer mir die Gnade erweist, mich aufzusuchen.«
»Das thut wenig zur Sache, Señor Don Urbano,« sagte der Besucher, »wenn es Sie aber interessirt, das zu wissen, so habe ich die Ehre Ihnen zu sagen, daß ich der Graf Juan da Lerida bin, der Sohn des ehemaligen Corregidors von Irun.«
Das hagere Gesicht des Antiquario wurde sehr lang und ganz aschfahl. »Oh Señor Conde,« stammelte er - »welche Ehre! Ich erinnere mich, den Herrn Grafen, Ihren Vater, vor länger als vierzig Jahren gekannt zu haben. Er erzeigte mir die Gnade, mich zuweilen zu besuchen, als mein Geschäft noch in besseren Umständen war.«
»So scheint es, Señor Don Urbano. Sie sind ja wohl ein eifriger Bibliomane, gerade wie der hochgelehrte Archivario Ihrer Majestät der Königin, Don Rafaël Cervantes, der sich rühmt, ein Nachkomme unseres berühmten Dichters zu sein?«
Der Alte verbeugte sich geschmeichelt und erfreut,
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indem dieser Beginn ihn von einer Furcht befreite. Aber er sollte sich getäuscht haben. »Euer Excellenza sind allzu gütig, mich mit einem so hohen und gelehrten Herrn vergleichen zu wollen. Ich bin nur eine schwache Leuchte gegen einen so großen Stern am Himmel der gelehrten Welt, obschon ich nicht leugnen will, auch einiges Wenige zur Bewahrung der Wissenschaft beigetragen zu haben.«
»Sein Sie nicht zu bescheiden, Señor Don Urbano,« meinte lächelnd der Graf, »und sagen Sie mir, ob der Herr Archivar Ihrer Majestät immer noch die alten Liebhabereien hat: als Gelehrter alte Scharteken zusammen zu suchen, und als Spanier gleich leidenschaftlich die Stier-Hetze zu verehren?«
»Sothanes Letzteres,« erklärte der Antiquario, »dürfte der einzige Fehler des hochgelahrten Herrn sein. Was die erstere Liebhaberei betrifft, so ist es zu bedauern, daß der Señor Archivario leider sich von Betrügern und Unwissenden so oft täuschen läßt und die wahren Perlen der alten Typographia mit anderen weit geringeren Werken verwechselt.«
»Während Sie dieselben besser zu schätzen wissen. A propos - ich bin zwar kein großer Kenner, aber doch mitunter ein Sammler. Haben Sie vielleicht einige seltene Incunablen auf Lager?«
Der Antiquario war auf seinem Steckenpferd. »O Excellenza, ich kann Ihnen Vortreffliches zeigen. Da ist das >Catholicon< des Janna, gedruckt zu Maynz in dem Jahre 1460 von dem würdigen Meister Gutenbergus selbst, sowie ein Missale, welches ein gewisser Pommarzo um das
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Jahr 1465 in dem Kloster Subiaco für Seine Heiligkeit den Papst Pius II. gedruckt haben soll.«
»Und haben Sie Nichts von alten spanischen Drucken?«
Der Antiquario zeigte eine gewisse Verlegenheit. »Euer Excellenza sind gewiß zu gelehrt, um sich nicht zu erinnern, daß die alten spanischen Drucke sehr selten sind, sintemalen die heilige Inquisition etwas strenge in dieser Beziehung zu Werke gegangen ist, so daß selbst die große Bibliothek des Escurial nur zwei Werke der ersten Druckerei zu Valencia besitzt.«
»Da erinnere ich mich,« sagte leichthin der Graf, - »Sie müssen ja wohl noch im Besitz zweier Kisten mit alten Manuscripten und Büchern sein, die der Graf, mein Vater, bei der Rückkehr von seinem Posten in Lima mitbrachte und die er während seines Aufenthalts in Madrid bei Ihnen niederlegte?«
Der Schlag war gefallen, der Antiquario konnte nur mit Mühe sich aufrecht erhalten.
»Nein - nein, Señor Conde - ich weiß Nichts davon - die Sache ist so lange her und ich bin so oft verzogen. - Sie werden mich nicht beschuldigen ...«
»Gott bewahre, was kümmere ich mich um die alten Scharteken, welche die Väter Jesu vor dreihundert Jahren in Lima, oder der Vicekönig Antonio de Mendoza um dieselbe Zeit - richtig, es war im Jahre 1550 - in Mexiko gedruckt haben. Nur habe ich da in einer Brieftasche meines verstorbenen Vaters ein Verzeichniß solcher jedenfalls merkwürdigen Drucke gefunden, und darunter steht mit einer Handschrift, die Sie vielleicht kennen werden, die
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Bescheinigung eines gewissen Librero20 Urbano Tormina diese Bücher in zwei Kisten zur Verwahrung erhalten zu haben mit der Verpflichtung, sie jederzeit zurück zu liefern oder eine Entschädigung von dreitausend Piastern dafür zu zahlen. Sehen Sie selbst, Señor Don Urbano!«
Diesmal sank der arme Antiquario wirklich in die Knie und streckte die Hände verzweiflungsvoll in die Höhe, ein Bild jammervollen Leidens. »Erbarmen, Señor Conde, haben Sie Mitleid mit einem Greise! Bei der heiligen Jungfrau, ich besitze nicht den zehnten Theil dieser Summe!«
»Also haben Sie die Bücher nicht mehr - Sie haben sie verkauft, verloren?« frug der Caballero mit strenger Miene.
Der Vorwurf traf den alten Enthusiasten in's tiefste Herz. »Was denken Sie von mir, Señor Conde,« sagte er mit Entrüstung, »ich einen Schatz wie diese Unica's verkaufen oder verlieren? Die gedruckte Instruction des Peter Oliveira an die Vorstände der Missionen vom Jahre 1583 ist ein Schatz, den keine europäische Bibliothek besitzt. Ich hahe gehungert und gedürstet, um meine geliebten Bücher zu bewahren, - Sie rauben mir das Leben, wenn Sie mir diese Bücher nehmen.«
»Genug, genug, Señor Don Urbano,« sagte der junge Mann, nicht ohne gerührt zu sein von dem wahren Ausdruck der Verzweiflung in dem Gesicht des alten Sammlers, - »ich wiederhole Ihnen, ich mache mir herzlich wenig aus diesem Theil der Hinterlassenschaft meines
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verehrten Erzeugers. Wir wollen uns verständigen darüber.«
Der alte Mann war emporgesprungen, seine Augen funkelten, er hätte am Liebsten den Conde an seine Brust gedrückt, wenn es die ihm zur Natur gewordene steife Förmlichkeit und Grandezza erlaubt hätte, die nur vor der Angst über den drohenden Verlust seines Schatzes einige Augenblicke ihn verlassen hatte.
»Hören Sie mich an, Señor Don Urbano,« sagte der junge Graf. »Sie mögen meinetwegen die werthvolleren Folianten und Pergamente behalten ...«
»O Excellenza!«
»Aber Sie müssen ein anderes Opfer bringen. Anstatt der zwei Kisten verlange ich eine von Ihnen, gefüllt mit einer Anzahl solcher alter Scharteken, nach denen der Señor Archivario hascht und die er noch nicht besitzt.«
»Oh Señor Conde - der Mann ist in Wahrheit ein Ignorant ...«
»Das kümmert mich nicht. Ich habe Ursache, mich ihm gefällig zu zeigen und bei ihm beliebt zu machen. - Also schaffen Sie mir einen Haufen Bücher oder alte Mönchsschriften, wie er sie liebt und kauft - es versteht sich von selbst, daß ich sie nicht umsonst verlange, sondern Ihnen bezahlen werde, und hier nehmen Sie diese Banknote auf zweihundert Duro's dafür voraus!«
Der arme Antiquar glaubt sich in den siebenten Himmel gleich den Kindern Muhamed's versetzt bei dieser Großmuth. Er wollte sofort seinen ganzen Laden auskramen und der Graf hatte Mühe, sich vor einem ellenlangen
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Verzeichniß zu retten, das er ihm herzusagen drohte von alle dem, was er gern für die alten mexikanischen Bücher opfern wollte.
Es wurde bestimmt, daß schon am nächsten Tage der Antiquario ihm einige alte seltene Bücher in seine Wohnung bringen und im Lauf der Woche eine größere Portion folgen lassen sollte, worauf er nebst dem Rest der Bezahlung den Schein des verstorbenen Corregidor zurückerhalten würde. Unter diesem Versprechen und der Zusage strengster Geheimhaltung schied der Caballero von dem alten Buchhändler und rief auf der Straße das nächste Kabriolet an, das ihn nach der Puerta del Sol führen sollte.
Wer hat den Namen die »Puerta del Sol« - Sonnenthor - von Madrid nicht gehört oder gelesen, und sich dabei ein wunderbar phantastisches Bild dieses berühmtesten Versammlungsortes der Madrider Bevölkerung gemacht, dieses Platzes, von dem eigentlich alle die Revolutionen und Revolutiönchen, diese Pronunciamentos und Aufstände ausgegangen sind, welche seit fünfzig Jahren Spanien zum unruhigsten Lande der Welt gemacht haben und noch machen, und den Wechsel der Regierung und der Prinzipien so häufig eintreten lassen, daß in der That bald kein Mensch jenseits der Pyrenäen mehr weiß, was rechts und was links, was konstitutionell und radikal, loyal oder revolutionär ist!
Aber wie sehr findet man sich enttäuscht von dem Anblick des Platzes, auf dem während des ganzen Tages, namentlich aber in der Winterszeit zwischen 12 und 2 Uhr
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Mittags und wiederum beim Sinken der Sonne, halb Madrid versammelt ist. Sechs große Straßen, darunter die schöne Straße Alcala und die Calle Mayor, welche - gleichsam den Buen-Retiro und den neuen Residenz-Palast verbindend - Madrid von Osten nach Westen durchschneiden und in zwei große Hälften theilen, - münden auf diesen engen kleinen, von unbedeutenden Gebäuden umgebenen Platz und strömen eine solche Masse von Fußgängern, Reitern, Omnibussen und Equipagen jeder Art auf denselben, daß die Passage, namentlich auf den schmalen Trottoirs, oft ganz gehindert ist. Es bedarf all der Höflichkeit des spanischen Volkscharakters, der wohl zu Ausbrüchen der Leidenschaft, aber fast nie zu rohem und gemeinem Schimpfen führt, um die tausend oft komischen, oft ernsten Fährlichkeiten dieses Gedränges leicht ertragen zu lassen.
Die Gaslaternen brannten bereits, als der Graf auf den Platz gelangte, auf dem täglich Hunderte und aber Hunderte von Rendezvous gegeben werden. Er sah nach der Uhr und drängte sich langsam durch die Menge, welche das Trottoir füllte und vor den Kaffeehäusern und Läden stand, nach dem Portal der unbedeutenden Kirche, welche bie eine Seite einnimmt, während auf der andern das einzige stattliche Gebäude des Platzes, die Casa de Correos liegt, ein für die Administration der Posten eingerichteter Palast, in dem sich zur Zeit eines der Ministerien befand, und der oft genug gleich dem Hôtel de Ville von Paris den Revolutionen zur Citadelle gedient hat. Mit ebenso großer Gewandtheit wie Scherz und Höflichkeit wußte er
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sich zwischen den Gruppen durchzuwinden, bald hier einen Scherz spendend oder die in Gefahr gerathende Mantilla einer alten Señora schützend, bald dort einem hübschen Kinde, das von dem Trottoir zu gleiten drohte, galant Hilfe leistend und dafür einen dankenden Gluthblick in Empfang nehmend.
So war er bis zur Kirche durchgedrungen und lehnte hier an einer Säule des Portals, in dem ein Halbdunkel herrschte, mit scharfem Auge die Vorübergehenden und das Treiben auf dem Platze musternd.
Plötzlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, denn er schnalzte scharf und laut mit der Zunge in eigenthümlicher Weise und sofort blieben drei Personen, die eben am Portal vorübergingen, stehen und wandten sich nach demselben hin.
Der Graf trat einen Schritt vor, wie um sich zu zeigen, und kehrte sogleich auf seinen Posten zurück.
Von den drei Personen näherten sich zwei - ein junger Mensch in eine weite katalonische Manta gehüllt, und ein zwergartiger Knabe in der Kleidung eines Grooms. Der Dritte blieb in einiger Entfernung zurück.
»Wie kommt es, Mauro, daß Du jetzt erst kommst,« sagte der Graf streng, »während ich Dir doch sagen ließ, mich hier zu erwarten. Du weißt, daß ich meine Befehle nicht gern vergeblich gebe.«
»Verzeihung, Excellenza,« sagte der Grieche - »es ist ein Besuch eingetroffen, der Sie durchaus noch diesen Abend zu sprechen wünschte. Dies hielt mich auf, da ich
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nicht wußte, ob ich ihn mit hierher oder nach der Tertnlia des Herrn Gesandten bringen durfte.«
»Wer ist der Signor?« - Frage und Antwort wurden italienisch gesprochen.
»Ich weiß den Namen nicht, aber als er mich daran erinnerte, fiel mir ein, daß ich ihn zwei Mal in London bei Euer Excellenza gesehen habe. So brachte ich ihn mit.«
»Rufe den Señor hierher!«
Der Fremde näherte sich; als er vor dem Grafen stand, hob er - ehe er den Zipfel des Mantels von seinem Gesicht zurückschlug - warnend den Finger.
»Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, Mylord da Lerida!« sagte er auf Englisch.
»Wie ...«
»Führen Sie mich an einen sichern Platz, wo ich Sie sprechen kann.«
»Wenn es Eile hat, ist es am Kürzesten, wir ziehen uns hier ein Wenig zurück - meine Diener werden aufpassen.« Er führte den Fremden einige Schritte tiefer in das Portal. »Den Henker, Oberst, was führt Sie hierher nach Madrid?«
»Der Befehl Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen von Asturien!«
»Des Prinzen von Asturien?«
»Nun ja - Sie wissen doch, daß der Prinz Fernando am 2. Januar in Steyermark plötzlich gestorben ist?«
»Ah so - die Zeitungen meldeten es heute Morgen. Und Seine Hoheit?«
»Er ist jetzt der alleinige Thronerbe und, wie Sie
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wissen, der einzige der Brüder, der nicht die Entsagung unterschrieben, also auch nicht des schimpflichen Widerrufs bedurfte. Se. Königliche Hoheit befindet sich in diesem Augenblick an Bord des Montgomery im Hafen von Pontevedra und hat mich Ihnen nach Madrid nachgeschickt, um zu hören, wie die Sachen hier stehen? Wenn es gelingt, das Ministerium Odonnell zu stürzen, hat Lord Palmerston Waffen und Geld zugesagt für eine Erhebung. Die Gelegenheit ist günstig, wie wir wissen. Die Verhaftungen in Navarra und Biscaya haben die höchste Erbitterung erregt - ebenso unter den Progressisten die Maßregeln der Regierung gegen die Protestanten. In England wird die öffentliche Meinung jeden Aufstand unterstützen.«
»Se. Königliche Hoheit, lieber Leizell,« sagte der Graf, »ist, wie Sie wissen, immer etwas zu enthusiasmirt. Der französische Einfluß ist in diesem Augenblick überwiegend, und wissen Sie denn, wer hier ist?«
»Wie soll ich das wissen; wir haben uns bei der Nachricht von dem Tode des Infanten sofort in Plymouth eingeschifft und ich komme direkt über Orense und Valladolid hierher und kann mich höchstens 24 Stunden aufhalten,« sagte Oberst Leizell, der Privatsecretair des Infanten Juan Carlos. »Monsieur Jacques21 hat die Tour nach Taragona übernommen, um mit dem Bischof Verabredungen zu treffen und die Folgen jener infamen Ueberrumpelung zu adressiren. Die Sache war so vortrefflich eingeleitet und wäre Ihr kecker Streich gelungen, wären wir jetzt Herren von Spanien.«
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»Quien sabe!« meinte der Graf gleichmüthig. »Ich habe augenblicklich einen Ersatz dafür auf dem Korn, der uns vielleicht noch weiter hilft, jedenfalls auf Spanien direkten Einfluß hat. Was meinen Sie zu einem Widerruf der pragmatischen Sanction seitens des verstorbenen Königs?«
»Ah bah - das bekannte Dokument Calomardes? - Sie wissen, Señor Don Juan, daß es nicht einen Schuß Pulver werth ist, da der Schwächling es zurückgenommen, von den Neapolitanerinnen gezwungen!«
»Nein - ich spreche nicht von diesem! ich rede von einem letzten Widerruf auf dem Sterbebett, kaum zwölf Stunden vor seinem Tode! einem Widerruf, der nicht widerrufen ist, in Form eines im Geheimen selbst gesetzlich registrirten und legalisirten Testaments, dem Anschein nach aber selbst der Königin im Detail unbekannt!«
»Goddam - das wäre! Machen Sie keinen Scherz, Señor Don Juan!«
»Ich denke nicht daran, zu scherzen! Noch mehr! Das Testament ist in zwei Ausfertigungen vorhanden, die eine befindet sich im Vatikan. Die Drohung mit diesem Dokument erklärt das bisher für uns undurchdringliche Geheimniß, warum die liberale Regierung der Königin Isabella Seine Heiligkeit den Papst und Gaëta unter ihren Schutz genommen, Italien und der ganzen andern Welt entgegen, und warum die klugen Kardinäle in Rom, die lieber mit einer fertigen Macht rechnen, als mit einer unfertigen, erst künftigen, nichts mehr von einer carlistischen Erhebung wissen wollen, die jetzt bei König Victor
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Emanuel und Herrn Cavour ihre Unterstützung, suchen muß!«
»Mylord - dies Geheimniß ist unbezahlbar und wenn wir dies Dokument erreichen könnten ...«
»Ehe acht Tage um sind, wird es in meiner Hand sein. Hören Sie mich an, Oberst, es ist unnöthig und gefährlich, daß Sie sich hier den Exterminadores22 zeigen - es sind in jeder Gesellschaft Spione und nie ist einer größeren Zahl zu trauen. Das Ministerium muß vollständig ungewarnt bleiben und überrascht werden. Alles ist vorbereitet, daß der Ausbruch am 17. Januar, am Feste San Antonio,23 erfolgen kann, das ohnehin große Menschenmassen versammelt. Am Tage vorher wird ein Stiergefecht stattfinden, ausnahmsweise bei der schönen Witterung dieses Winters, por una sociedad de aficionados24 und wie es in der Ankündigung heißt, zu Ehren der neuen Schwangerschaft Ihrer Majestät. Herr Marfori kann sich dadurch nur geschmeichelt fühlen! Wir brauchen das Schauspiel, um damit die Befreiung des Señor Castillos und der Anderen zu decken. Die Polizei, wenn sie nicht allzudumm ist, wird sofort den Zusammenhang wittern und strenge Maßregeln auch für den andern Tag ergreifen, was natürlich die Bevölkerung aller Klassen aus das Höchste
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erbittern muß. Ein Zusammenstoß kann nicht ausbleiben und wir werden ihn aufs Beste benutzen. Das Andere ist Ihre Sache.«
»Der Plan ist vortrefflich und ganz Ihrer Thätigkeit würdig. Aber das Testament?«
»Es wird an demselben Tage in meiner Hand sein. Sobald hier Alles in Bewegung und die Regierung gestürzt ist, bringe ich es selbst nach Triest - meine Yacht ankert bereits im Hafen von Cartagena, binnen zwei Tagen bin ich in Genua, am dritten in Triest, wenn mich der Graf Montemolin, oder vielmehr der König nicht etwa in Genua erwarten will. Es ist Ihre Sache, ihn zu informiren.«
»Der Graf Montemolin?« frug der Oberst zaudernd.
»Nun ja - in seinem Namen müssen doch die Proklamationen geschehen.«
»Ich meinte nur - weil Sie selbst erwähnten, Mylord, daß er und der Infant Ferdinand durch ihre Verzichtleistung auf die Krone sich des Treugelöbnisses der Legitimisten begeben hätten ...«
»Caraï, Señor Colonel, wenn Sie alle Gelöbnisse, die seit dreißig oder vierzig Jahren in Spanien geleistet worden sind, im Sinne ihres Wortlauts nehmen wollen, dann schicken Sie die ganze Königliche Familie, Christinos und Karlisten, die sämmtlichen Minister, die Cortes, die Generale und die ganze Armee dahin, wo der Pfeffer wächst, denn Alle haben mindestens zehn Mal gelogen und ihr Wort gebrochen. - Zum Henker, was wollen Sie? Wir können doch unmöglich meinen erlauchten Namens-Vetter,
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obschon er der einzige Mann von Kopf und Energie ist, mir Nichts, dir Nichts! zum König von Spanien proklamiren, während sein älterer Bruder noch lebt?«
»Freilich, - so lange er lebt! - Im Fall seines Todes ...«
»Wäre der Infant Don Juan natürlich König Carlos für uns. Zerbrechen wir uns indeß die Köpfe nicht mit solchen Hypothesen - wir müssen uns augenblicklich mit dem Grafen Montemolin begnügen! - und nun, Señor Colonel, müssen wir uns trennen, denn ich habe der Geschäfte und Unterhaltungen noch verschiedene diese Nacht. Es versteht sich, daß Sie meine Wohnung bis zu Ihrer Abreise benutzen.«
»Wenn Sie erlauben! doch was war das mit einer französischen Intrigue?«
»Sie werden sich erinnern, daß die Kaiserin Eugenie eine vertraute Freundin unserer dicken Isabella ist und sie bei jeder Gelegenheit vertritt und unterstützt. Sie scheint ihr einen Wink gegeben zu haben von dem, was ihr droht, denn augenblicklich befindet sich einer der Vertrauten des Kaisers hier, um gegen das englische Projekt des iberischen Föderativ-Staats zu unterhandeln.«
»Aber England unterstützt unsere Sache!«
Der Graf lachte. »Sind Sie wirklich so naiv in der Politik, daß Sie glauben, England könne nicht zwei Karten spielen? Sehen Sie nach Amerika, wo Lord Palmerston einen tüchtigen Bürgerkrieg erzielen wird. Spanien liegt dem Kabinet von St. James fast noch mehr am Herzen als milchende Kuh. Das ganze Land ist
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überschwemmt mit englischen Ingenieuren, Minensuchern und Aktien-Gesellschaften. Eine Zersplitterung des Staates Spanien in föderirte Provinzial-Republiken oder in ein Königreich Kastilien, Aragonien und Andalusien, wobei vielleicht für Herrn von Montpensier irgend ein Krönchen abfällt, wäre ganz im englischen Interesse, überhaupt jede Gelegenheit, um sich wieder auf der Halbinsel einzumischen, nachdem Herr Espartero sich dies so energisch verbeten hatte und auch Marschall Odonnell sich nicht geneigt zeigt, Concessionen zu machen. Deshalb unterstützt man augenblicklich den Küchenjungen Marfori und seine Agitation für den alten Narvaez. Morgen kann es anders sein! Vamos! nützen wir die Chancen! Und nun, Colonel, würde ich Sie von Herzen gern in die Tertulia Seiner Excellenz des Herrn Adolphe Barrot, Botschafter des großmächtigsten Kaisers der Franzosen, mitnehmen, wo heute der ganze Hof versammelt ist, aber ich fürchte, daß Sie keinen Nutzen davon haben würden, und so müssen Sie sich schon morgen früh mit meiner Erzählung begnügen. Soll Mauro Sie nach meiner Wohnung zurückbegleiten?«
»Es ist nicht nöthig, Mylord! Auf Wiedersehen!«
Der Graf schnalzte wie vorhin mit der Zunge und sogleich kam der griechische Diener herbei. »Was ist das dort für ein Zusammenlauf an der Fontaine? Was wird dort vertheilt?« frug er. »Warten Sie einen Augenblick, Colonel - das Gedräng und die Aufmerksamkeit sind jetzt zu groß. Schicke Seespinne ja nach einem der Blätter!«
In der That hatten sich auf dem Platz gegenüber dem
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Ministerium de la Gobernacion25 dichte Gruppen gebildet, in deren Mitte Ein oder der Andere ein gedrucktes Flugblatt verlas, das von zwei Personen auf dem Platz vertheilt wurde. Eben waren einige Beamten der Guardia civile beschäftigt, die weitere Vertheilung zu verhindern oder die Personen zu verhaften, und durch den Widerstand derselben entstand großer Lärmen, indem sich das Volk ihrer annahm, so daß selbst die Wagenreihen halten mußten.
»Ich glaube, wir werden da etwas Interessantes zu hören bekommen,« sagte der Graf. »Da kommt Seespinne und dem Taugenichts scheint es wirklich gelungen, eines der confiscirten Blätter zu erwischen.«
Wie eine Schlange wand sich der verkrüppelte taubstumme Knabe, dessen Augen, Scharfsinn und Gelenkigkeit die fehlenden Sinne wirklich zu ersetzen schienen, durch die Menge und war im nächsten Augenblick bei seinem Mitdiener, dem er das Blatt überlieferte und der es seinem Herrn reichte.
Don Juan überflog es mit den Augen. »Caramba,« sagte er, »nimmt die Geschichte wieder überhand?! Das dürfte man nutzen, wenn man der Sache nur auf die Spur kommen könnte! Da - lesen Sie.«
Er reichte dem Vertrauten des Infanten das Blatt. Der Inhalt lautete:
Mitbürger!
An Euch, Väter und Mütter, die Ihr mit Sorge und Mühe eine geliebte Tochter auferzogen zum Trost Eures Alters! - an Euch, Ihr Brüder und
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Freunde, die Ihr Euch an der frischen Jugend einer geliebten Schwester von Kindheit auf erfreut habt, die Ihr sie einst als die brave Gattin eines braven Mannes zu sehen hoffet! - an Dich, Volk von Madrid, das Gefühl hat für Sitte und Recht, wende ich - ein verlassener betrogener Vater - mich mit dem Schmerzensruf: wo ist mein Kind? Helft mir meine Tochter suchen!
Vor zwei Tagen noch besaß ich eine Tochter, ein vierzehnjähriges frommes, ach vielleicht nur zu frommes Kind! seit gestern Morgen ist sie verschwunden, spurlos verschwunden, wie seit drei Jahren - Ihr erinnert Euch deß, Madrilenen! - viele junge Mädchen verschwunden sind, ohne daß man ihr Verbleiben erforschen konnte.
Sind sie die Opfer von Räubern und Mördern geworden? ich bezweifle es! Die Bravo's und Ladrones morden nur aus Rache und Habgier.
Sind sie verunglückt? - Wo ist ihre Spur? Der Manzanares behält keine Leichen.
Sind sie entführt? Wer hat sie entführt? Zu welchem Zweck? - Freilich - es giebt in Spanien noch Orte, von denen man seltener zurückkehrt, als aus dem Manzanares und aus den Klauen der Räuber!
Meine Tochter Dolores Villalobos Landero ging gestern Morgen zur Messe nach Santa Maria.
Sie ist nicht zurückgekehrt! Mitbürger, helft mir mein Kind suchen und den Entführer zur Rechenschaft ziehen - stehe er so hoch, wie er wolle!
Martin Villalobos Landero,
Kapitain a. D. vom Regiment Cordova.
Dem erschütternden Aufruf folgte eine kurze Personalbeschreibung des verschwundenen Mädchens.
Es war nicht zu verwundern, daß der Inhalt des Blattes, welches der unglückliche Vater selbst mit einem
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Verwandten auf der Puerta del Sol vertheilt hatte, eine große Aufregung in diesem ohnehin so leicht erregbaren Publikum hervorgebracht hatte.
Wie der Graf mit flüchtigen Worten seinem Gesellschafter erzählte, waren allerdings seit etwa zwei Jahren in Madrid wiederholt sehr junge Mädchen im Alter von etwa 14 bis 18 Jahren, und meist aus guten Familien, auf eine unerklärliche Weise verschwunden, ohne daß man eine Spur von ihnen auffinden konnte.
Der Volksmund behauptete, daß man die jungen Geschöpfe gegen den Willen der Eltern zum Klosterleben verlockt und in entfernte Klöster gesteckt habe. Trotz der Aufhebung der Jesuiten und der Einziehung vieler Klöster unter der Regentschaft Espartero's hatte die römische Propaganda doch den größten Einfluß bewahrt, viele der ausgewiesenen Jesuiten waren unter dem Schutz des Hofes und des berüchtigten Beichtvaters der Königin, des Jesuiten Claret, nach Spanien zurückgekehrt und bekleideten selbst ganz offen ansehnliche Stellen. Die geistliche Gerichtsbarkeit war unter anderem Namen wieder eingeführt und der Klosterunfug nahm wieder überhand unter Firma geistlicher und wohlthätiger Gesellschaften.
Seltsamer Weise hatten all die verschwundenen jungen Mädchen in der Kirche Santa Maria26 ihre Meß- und Beichtgänge gehalten.
Auf dem Platz hatte der Tumult größere Dimensionen angenommen; die Polizei hatte den verlassenen Vater
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verhaftet und das Volk hatte ihn wieder befreit. Man warf mit Steinen gegen die Guardia, die sich nach dem Ministerium zurückgezogen hatte und dort vertheidigte.
»Caramba,« fluchte halb lachend der Graf, »zu früh, zu früh! Ich wollte sonst was darum geben, wenn der Spektakel acht Tage später gekommen wäre. Welcher prächtige Anfang eines Pronunciamento! aber es ist Nichts vorbereitet, wir müssen warten, und da kommt auch bereits eine Abtheilung der berittenen Wache, um den Platz rein zu fegen. Kommen Sie, Oberst, es ist Zeit, daß wir uns davon machen!«
Sie eilten, von den Dienern gefolgt, in die Calle Mayor, zu der die Menge vor der berittenen Sicherheitswache flüchtete, und bogen in die nächste Querstraße.
»So - nun sind Sie in Sicherheit,« sagte der Graf. »Also auf Wiedersehen morgen früh!«
Er drückte dem Secretair die Hand und schlug den Weg nach der Alcala ein. An einer abgelegenen Stelle der Querstraße blieb er stehen und winkte den beiden Dienern.
»Du hast gesehen und gehört, was auf der Puerta del Sol so eben passirt?« sagte er zu dem Griechen.
»Ja Mylord!«
»Du sprichst genug Spanisch, um Erkundigungen einzuziehen. Suche zu erfahren, ob der Verbreiter jenes Flugblattes wirklich verhaftet oder wieder freigegeben ist und wo er wohnt. Es liegt mir daran. - Ist in dem Hause der Lukasstraße Alles in Ordnung?«
»Wie Sie befohlen, Herr!«
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»Die Waffen?«
»Zwei Revolvers liegen in der Chatoulle.«
»Ich kehre wahrscheinlich erst spät am Morgen zurück, Du brauchst mich nicht zu erwarten. Seespinne genügt. Vor zehn Uhr morgen früh empfange ich Niemand. Bis dahin muß ein Auftrag vollzogen sein, den ich Dir zu geben habe.«
»Befehlen Sie, Mylord!«
»Du wirst morgen Seespinne seine schlechtesten Kleider anziehen und läßt ihn durch den Portugiesen zu einem alten Schlosser bringen, der nahe dem Toledo-Thor in der Calle de la Solana wohn: und unter dem Namen der Lahme bekannt ist. Er soll ihn für seinen Verwandten ausgeben, den er zur Probe in die Lehre geben wolle, um seine mechanischen Fertigkeiten auszubeuten. Sein Wunsch sei, daß der Schlosser zunächst ihm den Gebrauch der Schlüssel und das Oeffnen jeder Art von Schlössern lehren möge. Er soll ihm 50 Duro's als Lehrgeld zahlen, das wird jede Bedenklichkeit des alten Schurken beseitigen. Seespinne wird die nöthige Instruction von mir selbst erhalten.«
»Der Wechselbalg wird an Ort und Stelle gebracht werden. Soll ich ihn gleich mit mir nehmen?«
»Nein - ich brauche ihn noch. Jetzt geh und rufe einen Fiakre.«
Die Droschke erster Klasse wurde geholt, der Jockey an Bord spedirt und der Graf befahl:
»Zum Hôtel der französischen Gesandtschaft!«
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Auf der Wolfsjagd.

Das mittlere Europa ist trotz aller Ausrodungen der Industrie, jener speculativen Civilisation, welche die Menschen in Arbeiter und Kapitalisten, in Darbende und Schwelgende theilt und das Antlitz der Erde entblättert und beraubt - noch immer reich an jenen gewaltigen Waldmassen, welche man am Mississippi und Orinocco als Urwälder der erregbaren Phantasie des Lesers bezeichnet. Die Wälder Slavoniens, die Sümpfe von Bialowice, selbst einige Gegenden Deutschlands bieten eine so ergreifende Waldeinsamkeit, eine solche Urwüchsigkeit der Vegetation und des Naturlebens, daß man in der That nicht nach Amerika oder Indien zu gehen braucht, um das Schaffen und Vergehen der Natur in der ungestörten Form der Schöpfung bewundern zu können.
In eine solche urwüchsige Landschaft greift der Faden unserer Darstellung hinein.
Ein Blick auf die Karte lehrt den Leser, der nicht selbst jene Gegenden durchstreift, daß der Wartha-Strom, welcher das westliche Polen durchzieht, von Kolo aus fast
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im rechten Winkel sich scharf hinüber wendet nach der preußischen Gränze, an der er die Prosna aufnimmt. In diesem Winkel bis hinauf zum Sleszyner See befindet sich ein morastiger Waldbruch, der an Einsamkeit und Urwüchsigkeit kaum Etwas den Urwäldern Amerika's nachgiebt, die höchstens der Indianer und der Puma durchstreifen.
Freilich zieht durch diese Sümpfe nicht der rothe Mann auf seinem Mocassin, nicht durchfurcht das Kanoë des Delawaren die Fluth des vielarmigen Sees, nicht unterbricht das Geheul des Jaguars die tiefe Stille, - aber das Geschlecht, das spärlich diese Gegend bewohnt, ist fast unwissender als der rothe Mann der Felsgebirge, seine Sinne sind stumpfer, seine Instinkte eben so rauh und grausam, und sein Glaube ist fanatischer, vorurtheilsvoller, als der des Kriegers, welcher von den ewigen Jagdgründen des großen Geistes träumt und auf einen Fetisch sein Vertrauen setzt.
Jene sumpfige Waldniederung hat etwa drei deutsche Meilen in der Länge und Breite, der im Norden anstoßende, an einer Hügelreihe sich lehnende See hat die gleiche Länge, erreicht an seiner breitesten Stelle aber nur die Ausdehnung von etwa einer halben Meile. Um den Südrand des Sumpfes zieht sich die Chaussee von Konin nach Kolo, die Straße von Posen nach Warschau. Wenige Dörfer liegen um den Wald, die ganze see- und morastreiche Gegend ist bis zur Gränze bei Thorn hinauf wenig bevölkert und von keiner Hauptstraße durchzogen.
Wohl wegen dieser Eigenschaften und wegen der Nähe
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der posener Gränze hatte das Agitationscomité dieselbe zu einem der Sammelplätze im Norden bestimmt.
Dem scharfen Frost, der die erste Januarwoche auszeichnete und der bis auf 16 Grad gestiegen war, waren einige mildere Tage gefolgt. Die seit Mitte December stattgehabte strenge Kälte im nördlichen Europa hatte aus den litthauischen und masurischen Wäldern ganze Rudel von Wölfen tiefer herunter in's Land geführt und in den kleinen polnischen Dörfern waren durch die Bestien bereits verschiedene Unglücksfälle vorgekommen.
Die Nacht war bereits eingebrochen, der Mond noch nicht aufgegangen und nur die weiße Schneedecke gab einige Helle zwischen dem dunklen Tannenforst und ließ eine einsame wilde Waldlichtung erkennen.
Vom Ende derselben leuchtete ein einsames Licht. Es kam aus dem einzigen kleinen Fenster einer niedern Hütte von rohen Baumstämmen, dessen erblindete Scheiben nur spärlich von einem halbzerbrochenen Holzladen bedeckt waren. Die Zwischenräume der Balken waren mit verwittertem Moos verstopft, die Wände von außen bis zur Hälfte der Höhe mit festgestampftem Schnee umgeben, das Dach aus Bohlen gebildet, deren Spalten und Risse statt des verfallenen Schornsteins dem Rauch aus dem Innern den Ausgang gewährten.
Einige mächtige Stöße von gefälltem Holz befanden sich in der Nähe der Hütte, zwischen denen ein noch kläglicher aussehender Stall oder Schuppen sein zerrissenes Dach erhob. Das Ganze hätte bei Tageslicht als vollständiges Bild des traurigen verkommenen Zustandes gelten
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können, in dem sich die meisten Wohnungen der polnischen Landleute selbst in den Dörfern befinden, - und nun erst gar hier in der wildesten Einöde.
Auch das Innere der Hütte bot kaum einen tröstlicheren Anblick. Eine Holzwand aus rohen Planken schien eine einzelne kleine Kammer abzuschließen, sonst war der ganze Raum des Innern frei und zeigte kaum irgend eine Bequemlichkeit des Lebens. Auf dem niedern Kaminheerd an der Wand brannten ein Paar mächtige Kloben und verbreiteten einiges Licht und Wärme in dem traurigen Raum - doch glänzte und blinkte es an den Wänden: das Licht der Flamme spiegelte sich in mehreren dort aufgehängten blanken Holzäxten und in dem Lauf einer Büchse. In der Ecke lehnten zwei oder drei Wolfsspieß und das aus getrocknetem Laub und Moos aufgeschüttete Lager an der andern Hüttenwand war mit zwei schweren Wolfsfellen bedeckt.
Eine rohe breite Holzbank stand vor dem Feuer, auf dem an eisernem Haken ein schwarzer Kessel hing, dessen Inhalt jedoch ein so angenehmer und kräftiger Duft entstieg, wie er selbst einer herrschaftlichen Küche nicht hätte besser und angenehmer entsteigen können. In einem Topf auf dem Heerde brodelte heißes Wasser.
Fünf Personen befanden sich in dem Raum, vier Männer und ein Knabe. Von den ersteren lag der eine, eine große schlanke Gestalt, in einen russischen Militairmantel gehüllt auf den Wolfsfellen, ein anderer hatte am Feuer Platz genommen und rauchte, während der Knabe mit einem langen Holzlöffel zuweilen in dem
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Kessel rührte und ihm jene kräftigen Düfte entsteigen machte. Das schlaue spitze Gesicht gehörte offenbar dem eben so listigen als kecken jungen Spion der revolutionären Propaganda, der bei den Vorgängen, die wir aus den Tagen der Kaiser-Zusammenkunft in Warschau erzählten, eine Rolle spielte.
Zwei der Männer saßen an dem aus rohen Brettern zusammengefügten Tisch, im eifrigen Gespräch über mehre Papiere und eine ausgebreitete Karte von Polen gebeugt. Einer der Männer von ächt polnischer interessanter Physiognomie trug die grobe Kleidung eines Waldwärters oder Jägers, gerade wie der vierte Mann, der auf dem Holzblock vor dem Feuer saß, in dieses stierte und dabei eifrig auf das Gespräch der Beiden am Tisch hörte. Sein rauhes wettergebräuntes Gesicht, der wilde ungeschorne Bart, die plumpen groben Hände, die mit dem Gewehr zwischen seinen Knien spielten, bewiesen, daß die Kleidung seinen wirklichen Stand bezeichnete, während die feine schmächtige Figur des Anderen, die Weiße und aristokratische Form seiner Hände und der ganze Anstand seiner Bewegungen nicht dazu paßten.
Wir haben dies schmale ernste Gesicht mit der kräftigen Stirn, der gestreckten Nase und den halb melancholischen sinnenden Augen bereits an anderem Orte und in anderer Gesellschaft gesehen, drüben jenseits der preußischen Gränze auf der Fahrt nach Strzalkowo in der Begleitung des Grafen Czatanowski und seiner schönen Tochter und in der Vermummung eines Knechts des jüdischen Schmugglers
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Jokef, zuletzt, als die Kugeln der Straßniks das Herz des armen Kosakenmädchens durchbohrten!
Einen eigenthümlichen Charakter hatte die ganze Erscheinung des vierten der Männer. Er war von untersetzter kräftiger Statur und trug einen dunklen Pelzpaletot. Sein Kopf hatte etwas Mächtiges, fast Drohendes und dem finstern strengen Ausdruck des Gesichts, den fast keine Wendung des Gesprächs veränderte, gab die Brille mit den dunklen Gläsern selbst etwas Dämonisches. Und doch war in diesem Ausdruck, in dem ganzen Wesen des Mannes nichts Niederes oder Anwiderndes - in dieser Starrheit lag etwas Antikes, in dem grollenden Ton der Stimme das Rollen fernen Donners, in dem Inhalt seiner Worte der blutige Fanatismus, wie er etwa einen Danton beseelte und die Feinde der Republik unter das Messer der Guillotine schicken ließ.
»Lassen Sie uns den Plan, den Sie uns da überbringen, Herr Kapitain,« sagte er mit tiefer Stimme, »noch einmal genau durchgehen. Ich werde an den einzelnen Stellen meine Einwendungen machen. Wir repräsentiren in unseren Personen die drei großen Kräfte der Revolution - der Herr Graf dort, den die Anstrengung des Weges etwas angegriffen zu haben scheint, den geschädigten Adel der Emigration, Sie den beleidigten Soldaten, ich das unterdrückte Volk. Lassen Sie uns prüfen, welche Wege uns am Sichersten zu dem gemeinsamen Ziele führen: der Vernichtung unserer Feinde.«
»Der Befreiung des Vaterlandes!«
»Der Wiederherstellung Polens!«
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»Da haben wir gleich drei verschiedene Ausdrücke für eine gleiche Sache,« sagte der Finstere. »Halten wir uns an das Nächste und Erste, die Vernichtung unserer Feinde, also der Russen und aller Lauen. Wer in diesem Kampfe nicht mit uns ist, ist unser Feind. Nur der Schrecken und die Furcht kann die große Zahl der Lauen im Lande zwingen, zu uns zu stehen. Darum wiederhole ich Ihnen: der Zwang allein muß regieren!«
»Ich bin zu kurze Zeit in Warschau gewesen,« sagte derjenige, der als Graf bezeichnet worden, »um mir eine selbstständige Meinung über die Stimmung aller Stände bilden zu können. Die Verhaftung Asnik's und die strenge Verfolgung, die nach dem unvorsichtigen Streich des Herrn Chmelenski im Belvedere eintrat, zwangen mich, die Stadt zu verlassen, nachdem mein Fuß, den ich mir bei dem Sprung aus dem Fenster verstaucht, wieder hergestellt war.«
»Schade, daß der Herr Graf es so eilig hatte, selbst das Beste zu vergessen!« meinte der Andere höhnisch.
Eine helle Röthe überflog das Gesicht des jungen Aristokraten.
»Glauben Sie vielleicht, Pan Lempke,« sagte er heftig, »es wäre besser gewesen, die Polizei hätte uns Alle verhaftet und die wichtigen Papiere saisirt, die ich bei mir trug, und deren Verlust wahrscheinlich die ganze Erhebung von vorn herein unmöglich gemacht hätte, oder zweifeln Sie an meinem Muth, wo es ihn zu zeigen gilt?«
Der ältere Mann mit der Brille blickte mit überwiegender Ruhe auf den Erzürnten nieder. »An dem Muth des Grafen Oginski,« sagte er fest, »wird kein Pole
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zweifeln. Sie haben ihn schon als Knabe bewiesen. Aber die nothwendige Eigenschaft eines Verschwörers ist nicht der Muth, sondern die Ruhe, die Besonnenheit im Augenblick der Gefahr, der rasche, das Richtige treffende Entschluß, und in dieser Beziehung hat ein Mädchen Ihnen, den Männern, damals ein Beispiel gegeben.«
»Das arme Kind,« rief erschüttert der Graf, - »können Sie mir etwas Näheres von dem Schicksal des Fräulein von Marowska mittheilen?«
»Ihr Arm ist amputirt worden. Sie hat die Schmerzen mit der Ruhe einer Spartanerin ertragen und Nichts gestanden, als was sie von vornherein gesagt - sie sei die Geliebte unsers Freundes Adam Prot Asnik und habe ihn warnen wollen.«
Ein bitterer Ausdruck zuckte über das Antlitz des jungen Mannes. »Und war dem wirklich so, Herr?«
Der Brillen-Ludwig, Ludwig Oculiarnik - diesen Namen führte der später so gefürchtete revolutionaire Organisator Warschau's, Wladimir Lempke27 - zuckte die Achseln. »Was kümmert's mich - was kümmern mich die Frauen? Ich sehe nur darauf, daß sie ihre Schuldigkeit thun und zuverlässige Werkzeuge sind; ihre Moral geht mich Nichts an. Soviel ich gehört, ist Fräulein von Marowska noch in Haft, wird aber nächstens entlassen werden, wenn man nicht vorzieht, ihr die Haare zu scheeren und sie in ein Zuchthaus zu stecken. Im erstern Fall kann sie ihren Geliebten aufsuchen - denn es ist Asnik vor acht
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Tagen gelungen, durch Bestechung eines Wärters aus dem Gefängniß zu entkommen. Nur dürfte sie ihm bald zur Last werden, denn eine einarmige Begleiterin ist so gut wie ein Steckbrief.«
Der herzlose Cynismus des Mannes empörte den Aristokraten, doch verbiß er seine Entrüstung und warf sich schweigend zurück auf das harte Lager. »Kommen wir zur Sache, Herr!« sagte er.
»Es ist an Ihnen und dem Herrn Kapitain, die Ideen des Pariser Central-Comité's zu entwickeln.«
»Das Central-Comité wünscht zunächst, daß der Sitz der National-Regierung und das Hauptquartier des Aufstandes nach Krakau verlegt werde,« sagte der Graf.
»Die Wahl,« fügte der Kapitain bei, der bisher der Unterredung ohne Einmischung zugehört, »hat vom strategischen Standpunkt bedeutende Vortheile. Die nationale Armee kann sich auf Galizien und die Gebirge stützen, für den Fall des Mißlingens ist die Aufnahme in Galizien, der Wiedereintritt an einem andern Punkt der Gränze leicht.«
»Wer an Flucht denkt, ehe er den Säbel zieht, thut besser, ihn in der Scheide zu lassen,« sagte der Andere finster.
»Sie sind,« fuhr der Kapitain fort, »wenn auch nicht selbst Soldat, doch der Sohn eines alten Soldaten und werden von ihm oft genug die ersten Regeln einer verständigen Operation gehört haben. Wie die Berichte an das Central-Comité besagen, ist außerdem die Warschau-Wiener Eisenbahn ganz in den Händen unserer Freunde, die Verbindung auf dieser Route also leicht und sicher.«
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»Und dennoch haben Sie den Weg über Posen gewählt!«
»Weil ich mit Freunden im Großherzogthum zu conferiren hatte!«
»Auch wir rechnen auf die unsern dort und ihre Erhebung.«
»Sie täuschen sich - ich war selbst lange genug preußischer Soldat28 und habe zuviel jenseits der Gränze beobachtet, um nicht zu wissen, daß wir diesmal wohl auf den Zuzug Einzelner aus dem Großherzogthum rechnen dürfen, aber nicht auf eine allgemeine Erhebung zu unserm Beistand. Die Richtung in Preußen und Deutschland hat diesmal andere Ziele. Selbst Guttry und Dzialynski, denen Sie gewiß nicht mißtrauen werden, erkennen dies an und fürchten große Schwierigkeiten. Sie rathen, uns diesmal auf Oesterreich zu stützen und überdies zu warten, bis die Großmächte mit anderen politischen Verwickelungen beschäftigt sind, die nicht ausbleiben können.«
»Wir haben lange genug gewartet!«
»Die größte Kunst eines Feldherrn ist, den richtigen und günstigen Augenblick zum Losschlagen zu wählen und bis dahin seine Vorbereitungen zu beenden. Sie werden mir selbst zugeben, daß Letzteres bei uns noch nicht der Fall ist. Um dies zu erreichen, dazu sind wir eben hier versammelt.«
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Der Oculiarnik schwieg.
»Eine polnische Erhebung,« sagte der Graf, »wird, wie ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen kann, von Preußen mit großem Mißtrauen betrachtet werden und es in diesem Augenblick sicher in die Arme Rußlands führen. Die Verhältnisse an der ganzen langen preußischen Gränze sind so geregelt, daß ein Cordon binnen acht Tagen gebildet sein kann. Sie haben in Warschau Gelegenheit gehabt, sich von der entente cordiale zwischen dem jetzigen Träger der preußischen Krone und dem Kaiser Alexander zu überzeugen. Ein Anderes ist es mit Oesterreich. Dort steht eine zur Unterstützung unserer Sache geneigte Bevölkerung hinter uns, Mißtrauen herrscht gegen Rußland noch von dem ungarischen Feldzug und dem Krimkrieg her, ja der Fürst weiß mit Bestimmtheit, daß die österreichische Regierung uns keine Hindernisse in den Weg legen wird und den russischen Koloß zu schwächen wünscht.«
»Warschau selbst,« suchte der Kapitain den Widerspenstigen zu überzeugen, »ist von der Elite der Truppen besetzt und von einer so großen Polizeimacht, daß die Vorbereitungen ihr kaum zu verbergen sein würden. Bedenken Sie wohl, daß ein Mißerfolg in Warschau seinen Rückschlag sofort auf das ganze Land üben und eine allgemeine Entmuthigung herbeiführen würde, wogegen, wenn der Aufstand in andern Theilen des Landes beginnt, die Leitung an einem andern Ort ihren Sitz hat, unsere Sache weniger gefährdet ist.«
Der Republikaner hatte sich erhoben und stemmte beide Hände auf den Tisch. »Sparen Sie Ihre Beweisführungen,
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Paus[Pans],« sagte er finster, - »ich habe Ihnen eine Erklärung zu machen!«
»Und die ist?«
»Im Namen sämtlicher Fractionen und Klubs in Warschau erkläre ich Ihnen, daß Warschau das Recht hat, als das Paris Polens zu gelten, und daß, wenn die Nationalregierung nicht von Anfang an nach Warschau verlegt und von dort die Erhebung geleitet werden soll, die Klubs sich auflösen werden und ihren Beistand verweigern!«
Der Graf drehte erzürnt dem Redner den Rücken. Es war unzweifelhaft, daß wenn Warschau zum Sitz der Revolutions-Regierung und der Agitation gemacht wurde, die demokratische Partei, die Fraction der Rothen, die Oberhand und die ganze Leitung der Bewegung erhalten würde, eine Wendung, die keineswegs in der Absicht des pariser Central-Comité's der Emigration lag.
Der starre Republikaner heftete durch die Brille sein finsteres Auge auf den Soldaten. »Was ist Ihre Meinung, Herr?«
»Wenn das die Bedingung der Erhebung ist, so muß ich mich fügen, obschon ich als Soldat anderer Meinung bin. Ich denke, ist die Erhebung erst erfolgt, so wird von selbst der Schwerpunkt in dem Hauptquartier des Oberbefehlshabers der Truppen sein.«
Der Brillen-Ludwig warf ihm einen trotzigen Blick zu. »Die Revolution von 1789 lehrt, daß die kommandirenden Generale nur Werkzeuge der Centralregierung sind. Der Convent zu Paris duldete Eigenmächtigkeiten
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nicht und hat, wie Sie sich erinnern, auch den Kopf von Generälen unter die Guillotine gelegt.«
»Jedenfalls,« sagte der Offizier stolz, »würde ich niemals, wenn ich die Ehre eines Kommandos erhalten sollte, in meinem Lager Spione der Nationalregierung dulden, die sich in militärische Dinge mischen.«
»Es wird Zeit sein, wenn wir uns später an diese Meinung erinnern,« bemerkte der Bevollmächtigte der schwarzen Brüderschaft kalt. »Halten wir uns an die Gegenwart. Sie erklären sich demnach damit einverstanden, daß Warschau von vorn herein der Sitz der Regierung ist?«
»Ja!«
»So ist der Vertreter des Herrn Fürsten29 überstimmt. Damit Sie sehen, daß wir Gründe zu würdigen wissen, erklären sich die Comité's damit einverstanden, den Ausbruch der Bewegung um ...«
»Auf zwei Jahre!« unterbrach ihn der Offizier mit Bestimmtheit.
»Gut - also um zwei Jahre zu verschieben. Es versteht sich, daß hierdurch die Demonstrationen, welche nöthig sind, den Geist der Freiheit und des Widerstandes gegen die Tyrannei wach zu halten, nicht berührt werden. Dieser Verzug muß dazu benutzt werden, die Regierung und die bewaffnete Erhebung zu organisiren. Um diese Organisation festzustellen, sind wir hier zusammen. Gehen wir zur Sache.«
Er nahm ein Papier vom Tisch und schickte sich an,
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es vorzulesen, als ein lautes klagendes Geheul draußen ihn unterbrach.
»Was ist das?«
Ein entfernteres Geheul, gleichsam ein Echo, antwortete.
Der Waldwärter am Feuer hatte sich erhoben.
»Die Wölfe!« sagte er kurz.
»Wie - die Bestien wagen sich so nahe hierher? Ich meinte, nur selten zeigten sich so tief hier unten die Thiere.«
»Litthauen!«
»Du willst sagen, sie seien aus den litthauischen Wäldern heruntergekommen? Geh' hinaus und verscheuche sie. Geh' und nimm den Jungen dort mit Dir!«
Der Knabe, der so keck und furchtlos in den Straßen Warschau's jeder Gefahr für seinen Hals getrotzt, kauerte sich jetzt scheu in die Kamin-Ecke.
»O Pan,« meinte er zitternd - »ich habe noch keinen lebendigen Wolf gesehen. Man sagt, sie fressen die Kinder und wohl auch große Menschen!«
Der Republikaner verzerrte das Gesicht zu einem lautlosen Lachen, das die weißen spitzen Zähne sehen ließ. »Sukinsyn, der Du bist! Geh' nur mit Stenko! wirst, ehe Du viel älter bist, noch andere Wölfe sehen, die gefährlicher beißen, als die Bestien da draußen! - Geht - wir können Euch hier nicht brauchen!«
Stenko, der Waldwärter, faßte den widerstrebenden Knaben beim Kragen seiner Jacke, und ohne sich um sein Bitten zu kümmern, trug er ihn zur Thür der Hütte, öffnete sie und warf ihn hinaus in den Schnee. Dann
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folgte er selbst, das Gewehr in der Linken, und schloß die Thür.
»So, meine Herren, wir sind allein. Der alte Stenko, den ich seit Jahren kenne, ist zwar von Natur kein Schwätzer und würde sich eher in Stücke hauen lassen, ehe er ein Wort verriethe, und der Knabe, der Sie, Herr Graf, hierher geleitete, weil für ihn das Pflaster in Warschau zu heiß geworden, ist treu wie Stahl - aber was wir zu besprechen haben, geht über ihren Horizont. Also das Central-Comité in Paris wünscht die Organisation einer vollständigen Regierung?«
»Wir hoffen, daß der Nutzen sich alsbald zeigen wird,« erklärte der Offizier. »Man schlägt vor, das Centralorgan aus fünf Wydzialy's bestehen zu lassen, von denen jedes aus einem Direktor, einem Secretair und einer Anzahl Beamten gebildet ist, und zwar aus dem Departement der inneren Angelegenheiten, der Finanzen, des Krieges, des Aeußern, der Presse und der Polizei.30 - Das Land wird in 8 Woiwodschaften getheilt« - er wies auf die Karte: »Plotzk, Augustowo, Masowien, Kalisch, Sandomir, Krakau, Lublin, Podlachien, und diese zerfallen wieder in 39 Bezirke, die Bezirke in Kreise und diese in Prichoden.31 Auf diese Weise ist eine straffe Aufrechthaltung des Geschäftsganges und eine rasche Verbreitung der angeordneten Maßregeln ermöglicht. Die bürgerliche Verwaltung ist von der
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militärischen streng gesondert. An der Spitze der ersteren steht in jeder Woiwodschaft ein von der Nationalregierung aus den Einwohnern gewählter Chef, der zugleich die Kasse verwaltet und für die Hälfte der Summen einsteht, während der besonders ernannte Kassirer die andere garantirt.«
»Welche Functionen sollen diesem Civilchef übertragen sein?«
»Die Ausführung der Decrete der Nationalregierung, die Eintreibung der auferlegten Steuern, die Kontrolle über alle Kassen und Administrationen, die Fürsorge für nothleidende Familien, die Einrichtung einer geheimen Post, die Beschaffung und Aufbewahrung aller zur Ausrüstung der im Felde stehenden Truppen nöthigen Gegenstände, die Gestellung von Pferden und die Einrichtung von Kommissionen für die Rekrutenaushebung. Endlich die Ernennung und Absetzung der Beamten und die Berichterstattung an die Nationalregierung.«
»Ein weites Feld! Fügen Sie die Ueberwachung der öffentlichen Meinung hinzu.«
»Jeder Distrikt,« fuhr der Kapitain aus einem Memoir lesend fort, »erhält in gleicher Art einen Chef; die Geschäfte der Kreisbehörden bestehen in der Erhebung der Steuern und Ablieferung derselben an die Distriktkasse. Die Finanzkasse des Distrikts darf nur bis zu 300,000 Gulden enthalten, Ueberschüsse werden an die Kasse der Woiwodschaft abgeliefert, deren Bestand 2 Millionen nicht übersteigen darf. Was darüber, kommt an die Nationalregierung. Der Kreisvorsteher ernennt die Kirchspielvorsteher, für jedes Dorf einen Aeltesten, der eine Sicherheitswache
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bildet. Jede größere Stadt erhält ihre eigene Organisation nach diesen Grundsätzen.«
»Vortrefflich - bis auf eine kleine Vervollständigung der Funktionen. Und wie denkt sich das pariser Comité die Organisation der Militair-Verwaltung?«
Der Kapitain nahm ein anderes Blatt: »Die Hauptaufgabe derselben wird die Vermittelung zwischen der bürgerlichen Administration und den Truppenführern bleiben. Die Organisation unterliegt derselben Eintheilung nach Woiwodschaften, Distrikten und Kreisen. Der Organisator der Woiwodschaft hat die Aufsicht über das von der bürgerlichen Behörde angelegte Magazin. Jedes muß die vollständige Ausrüstung von 2 Infanterie-Bataillonen zu 676 Mann und von 2 Escadrons zu 152 Mann nebst Mundvorrath für 30 Tage enthalten.«
»Das ist gut für die Bildung und Unterhaltung regelmäßiger Truppen, nicht für eine Revolution, die mit solchen zu kämpfen hat.«
»Hören Sie erst weiter! - Für den kleinen Krieg werden Partisanen-Compagnien errichtet, für je 10 Quadratmeilen eine solche. Die Compagnie unter einem Chef besteht aus 96 Mann und zerfällt in zwei wswods32 und 8 Sectionen zu 12 Mann, jede unter dem Kommando eines Unteroffiziers. Ihre Aufgabe ist, den Feind überall zu beunruhigen, Patrouillen und Transporte, Kouriere, Posten und Spione aufzufangen, die feindlichen Magazine zu plündern und zu vernichten, die Hospitäler aufzuheben,
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Wege und Telegraphen zu zerstören, den Detachements der Unseren im Distrikt als Wegweiser und Spione zu dienen. Deshalb dürfen sie sich in ihrem Aeußern durch Nichts von den andern Bewohnern der Gegend unterscheiden. Die Offiziere, denen das Recht über Leben und Tod jedes Verräthers und Feiglings zusteht, müssen ihr Corps aus kühnen, kräftigen, nüchternen Leuten, am Besten aus Forstleuten bilden, und beständig umherstreifen. Nur den fünften Tag dürfen sie ruhen.«
»Bravo, Kapitain - das ist ein Dienst für unsern Stenko. Aber die Partisanen allein genügen nicht. Wir werden in Warschau ein Corps von Gensdarmen errichten, die im Geheimen Alles und Jeden überwachen und den Dienst der alten Lictoren verrichten. Ein Eid muß ihren unbedingten Gehorsam sichern. Eine solche Institution muß über das ganze Land verbreitet werden. Ihre Aufgabe läßt sich in wenig Worte fassen: >Alle Mittel zur Vernichtung der Macht des Feindes sind gut und müssen angewandt werden!<33
»Ich habe nur mit Soldaten zu thun, nicht mit Polizeischergen und Banditen,« sagte der Offizier kalt.
»Bah - ehe zwei Jahre um sind, werden Sie anders denken. Nur merken Sie das Eine, Herr, wer die Stimme Wladimir Lempke's haben will bei der Wahl eines Führers, muß gelernt haben, Blut zu sehen. Ueberdies sollte ich meinen, wäre Ihr General Garibaldi keineswegs so wählerisch gewesen in seinen Mitteln zur Eroberung
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Neapels und wer von dort kommt, müßte mit dem Dolch und Strick eben so vertraut sein, wie ich meine Gensdarme zu machen hoffe. Doch da fällt mir ein - Sie wollen sich erinnern, daß ich Ihre Person erst in dieser Hütte habe kennen lernen - nach dem Bericht einer unserer Anhängerinnen aus dem Lager General Cialdini's befand sich zu Anfang dieses Monats Kapitain Langiewicz vor Gaëta?«
Seine Augen ruhten unter der Brille durchbohrend auf dem Commissar des pariser Central-Ausschusses.
»Mißtrauen Sie mir?«
»Thäte ich das, wären Sie bereits eine Leiche. - Daß Sie hier sind und Wolawski für Sie bürgt, genügt mir. Aber ich sehe gern klar - jener Bericht datirt vom 2. Januar, läßt Sie in einem Ueberfall der Bourbonisten schwer verwundet sein, und heute - am 12. Januar - sehen wir Sie frisch und munter hier in den polnischen Wäldern?«
»Ich hatte die Ehre, Herrn Kapitain Langiewicz im vorigen Winter im Hôtel Czartoryski in Paris zu sehen,« erklärte der Graf, »und erinnere mich deutlich seiner Person.«
»Ich danke Ihnen, Herr Graf, und wenn Sie nach Paris zurückkehren, werden Sie dort hören, daß auf den Wunsch des Central-Comités mein Vetter Michael Langiewicz einstweilen meinen Platz in Italien eingenommen hat, damit den russischen Spionen, welche überall die polnische Emigration überwachen, meine Reise desto leichter verborgen bleibe. Ihnen mein Herr danke ich die traurige
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Nachricht, daß mein Vetter verwundet ist. Mir hat Ihre Legitimation der warschauer Comités genügt, und Sie werden wohl mit der meinen zufrieden sein müssen.«
»Sie sind ein Thor, Pan, den Empfindlichen zu spielen. In unserer Lage darf keine Vorsicht versäumt werden. Lassen Sie ...«
Ein Schuß vor der Hütte, dem ein klägliches Geheul folgte, unterbrach seine Rede. Der Graf und der Offizier, von der angeborenen Jagdlust ergriffen, eilten nach der Thür und rissen sie auf.
Der Mond war jetzt aufgegangen und erleuchtete mit seinem falben Schein die öde Landschaft. In einiger Entfernung am Röhricht des Sumpfes huschten einige kleine dunkle Körper wie Schatten nach dem dichtern Theil des Föhrenwaldes und ein klaffendes Bellen scholl von dort herüber. Auf der Schneefläche zwischen der Hütte und dem Seeufer wand sich ein dunkler Körper im Todeskampf und sein Geheul weckte das Echo. Zwischen dem aufgeschichteten Holz stand der Waldhüter, das noch dampfende Gewehr in der Hand und lachte auf seine Weise grimmig über den Todeskampf des Wolfes, der Knabe Janko aber, von seiner Furcht befreit, hüpfte vergnügt von einem Bein auf das andere und klatschte in die Hände über den glücklichen Schuß.
Der Alte schien Vergnügen an dem Jungen zu haben, denn er zog ein kurzes Handbeil aus dem Gürtel und reichte es dem Knaben. »Nimm! - schlag todt! - Pelz gut für Dich!«
Der Bursche nahm zögernd das Beil, aber dann, gleich
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als schäme er sich der früher gezeigten Furcht, rannte er über den Schnee auf den sich windenden heulenden Wolf zu.
»Lassen Sie uns schnell dem Knaben zu Hilfe eilen,« sagte der Graf, »ich möchte nicht, daß meinem kleinen Begleiter und Führer von Warschau von der Bestie ein Unheil zugefügt würde, denn ich sah in Sibirien mehr als einmal, daß verwundete Wölfe, selbst wenn sie schwer getroffen waren, noch wüthend um sich bissen.«
Dem Wolf war in der That nur der Rückgrat zerschmettert, so daß er nicht mehr von der Stelle konnte, und der Knabe in seiner Hast, sich hervorzuthun und seine frühere Furcht vergessen zu machen, wäre bei dem Eifer, mit dem er auf den Wolf mit dem kurzen Beil loshieb, wahrscheinlich schlecht weggekommen und hätte einen tüchtigen Biß erhalten, denn die Zähne der Bestie hatten den Stiel des Beils gefaßt und der Knabe war bei dem Versuch, es loszureißen, ausgeglitten und dicht vor dem Thier in den Schnee gefallen, als der Graf seinen Revolver von hinten an den Kopf des Wolfes setzte und ihn mit seinem Schuß zerschmetterte. Der Kapitain richtete den Knaben, der zum Glück nur durch die Krallenhiebe des Thiers leicht verletzt war, empor und hielt ihm eine Strafpredigt.
Der Brillen-Ludewig unterbrach den Sermon. »Es hatte keine Gefahr - was hängen soll, ersäuft nicht! Bring' das Aas in's Haus Stenko und ledre es ab - es ist ein starkes Thier und wird eine gute Wolfschur geben. Kommt Beide herein - wir können französisch sprechen, was Ihr nicht zu wissen braucht und es ist Zeit, daß wir an unsere
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Mahlzeit kommen. Ich denke, Dein wohlgezielter Schuß, der besser auf einen der russischen Wölfe gefeuert worden wäre, - wird die Bestien uns für diese Nacht vom Halse halten.
Janko, der Knabe, schien doch von der nahen Berührung mit dem grimmigen Gebiß des Wolfes erschreckt, denn er half kleinlaut trotz einiger kurzen Lobsprüche des Alten über den bewiesenen Muth diesem nicht einmal das todte Thier in die Hütte schleppen und benutzte nur die Gelegenheit, ehe der Graf durch die niedere Thür wieder eintrat, ihm mit demüthigem Pademdonek den Rockzipfel zu küssen. »Die heilige Jungfrau möge Euch's lohnen, gnädiger Herr, daß Ihr einem armen Jungen das Leben gerettet. Er würde es gern hingeben, Euch zu dienen.«
Einige Augenblicke nachher saßen sie Alle wieder um das Feuer. Der wortkarge Stenko holte aus einer Ecke einige Blechnäpfe und zwei silberne Becher nebst zwei Flaschen Ungarwein und stellte sie auf den Tisch, den er mit seinem Aermel abwischte.
»Zum Henker, alter Bursche - Silber in Deiner Menage?«
»Weibsstück!« brummte der Alte.
»Fräulein Pustowojtów ist es, die uns versorgt,« erläuterte der Kapitain. »Ich sagte Ihnen bereits, daß ich es für gut hielt, nicht lange in Bielawice zu verweilen, um unsern Freund Wolawski nicht zu compromittiren, dem ohnehin die russischen Behörden nicht zu trauen scheinen. Aber die einsame Wald- und Morastgegend hier ist trefflich geeignet, um einen Stamm tüchtiger Unteroffiziere auszubilden und ich erwarte in der That einen kleinen
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Zuzug aus dem Posen'schen zu diesem Zweck. Diese Waldhütte hat, wie Sie selbst wissen, schon oft den Compromittirten und Flüchtigen zum Versteck gedient, bis sie über die Gränze nach Thorn oder Inowraclaw, oder tiefer hinunter bei Kalisch gebracht werden können. So bin ich denn hier und Sie erhielten nach Warschau Nachricht, wo ich zu finden war. Wolawski selbst oder ein Mitglied der Familie kann nur selten kommen, darum unterhält die Gouvernante seiner Kinder, ein Fräulein Pustowojtów, die wenig beachtet wird, die Verbindung und hat mir schon zwei Mal Botschaft gebracht und einige Vorräthe zu unserm Unterhalt. Das Andere leistet Stenko.«
»Pustowojtów? Es giebt einen russischen General dieses Namens!«
»Es ist ihr Vater. Sie ist aus Klein-Rußland und hat schon früh das elterliche Haus verlassen müssen, weil sie die Gesinnungen ihrer polnischen Mutter theilt. Sie ist zuverlässig und treu!«
Der Waldwärter hatte den Kessel vom Feuer gehoben und füllte mit einem großen hölzernen Schöpflöffel jetzt Jedem das ihm vorgesetzte Gefäß. Es war eine ächte Zigeuner-Mahlzeit: Geflügel, Wildpret, Schinkenschnitten mit Kartoffeln und Zwiebeln durch einander gekocht, tüchtig gepfeffert und gesalzen und trefflich mundend. Während der Bevollmächtigte der Schwarzen Brüderschaft sich eifrig mit dem Essen beschäftigte, aber wenig trank, oder in seinen Notizen blätterte, unterhielten sich die jüngeren Männer von ihren Reisen und der Kapitain erzählte dem Grafen,
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wie er eine Verwandte seines Namens drüben auf dem Gute des Grafen Czatanowski kennen gelernt.
»Es ist meine Tante,« sagte Oginski - »eine mehr als fanatische Anhängerin unserer Sache - oft zu weit gehend in ihrem Haß, der sich fast noch mehr auf die Deutschen richtet, als auf die Russen. Ihre Briefe verlangen dringend meinen Besuch - ich fürchte, sie hat die Absicht, eine Verbindung zwischen mir und der Comteß Chatanowska anzubahnen, und das wird um so mehr ein Grund sein, sie zu vermeiden und meinen Rückweg über Wien zu nehmen.«
»Comteß Kasimira,« bemerkte der Kapitain, »ist eine sehr liebenswürdige junge Dame und scheint mir kaum den Haß ihrer Erzieherin zu theilen, so wenig wie der Graf, ihr Vater, der eher zu den Lauen gehört.«
»Das ist bekannt genug, und daß er am berliner Hofe eine persona grata. Die Comteß ist eine Erbin, denn die Verhältnisse des Grafen sind besser geregelt, als die irgend eines andern polnischen Magnaten, was leider eben einer der Krebsschäden unserer Nation ist. Aber wäre sie noch so reich, - ich ...«
»So ist Ihr Herz wahrscheinlich anderweitig gebunden?«
»Ich wüßte nicht ... und doch ... Haben Sie die Geschichte gehört, wie ich bei der Verhaftung Asnik's in Warschau entkommen bin?«
Der Offizier verneinte und Graf Oginski erzählte seine Ankunft und Flucht in Warschau. Er schien mit
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Enthusiasmus bei der heldenmüthigen Aufopferung der falschen Konditor-Mamsell zu verweilen.
»Der Zweck meiner Mission,« sagte er offenherzig, »ist theils verfehlt, theils erreicht. Verfehlt, weil durch die unglückliche Ueberraschung der Polizei uns bedeutende Geldsummen verloren gegangen sind und ich gezwungen war, zwei Monate im Bernhardiner Kloster still zu liegen und dann Warschau möglichst bald zu verlassen, ohne Gelegenheit zu finden, mit den verschiedenen Fractionen mich genauer bekannt zu machen und Wielopolski zu unterstützen, auf den der Fürst und die Mehrzahl des emigrirten Adels ihre Hoffnung setzen. Ein persönliches Auftreten war mir aber durch jenes unglückliche Ereigniß vollständig abgeschnitten und hätte den Markgrafen nur compromittirt. So habe ich bei der Fraction der Rothen, denen ich nun einmal durch meinen Unfall in die Hände gekommen war, nur dazu wirken können, dem eben so geschickten als vielversprechenden Plan sich nicht zu widersetzen: durch passive Demonstrationen die Brutalitäten der russischen Regierung herauszufordern, die allgemeine Unruhe und Unzufriedenheit zu steigern und dadurch, daß die moderirte Partei sich offen bereit erklärt, die Wiederherstellung der Ruhe selbst in die Hand nehmen zu wollen, die Einmischung der Polizei und des Militairs ganz in den Hintergrund zu drängen und so nach und nach einen Einfluß zu erlangen, der dem einer nationalen Regierung gleichkommt und die wirkliche Macht den russischen Zwingherrn aus den Händen nimmt. Wir wissen ganz genau aus der Umgebung des Kaisers, daß dieser sehr geneigt ist, den Versuch zu machen,
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die Verwaltung des Königreichs polnischen Händen zu übergeben. Man hat ihm Wielopolski empfohlen. Man wird einen Verein, eine Delegation bilden aus einer Anzahl von Hausbesitzern und einflußreichen Personen, die unter dem Schild, die Ruhe zu sichern, sich der Verwaltung aller städtischen Angelegenheiten bemeistert und selbst ihre eigene Polizei bildet. - Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Ueberstürzung der Partei, die jener Herr vertritt.«
Er sah nach dem Abgesandten der Klubs, der neben den Waldwärter getreten war und ihm zusah, wie er dem Wolf den Pelz abstreifte.
»Hüten Sie sich vor ihm und seinen Freunden - es sind Männer des Bluts, die nur in Mord und Brand die Freiheit sehen und den Robespierre spielen wollen. Sie würden uns jede Sympathie rauben,« sagte er leiser.
»Fürchten Sie Nichts, Graf. Ich gehöre zwar der demokratischen Partei, doch nicht zu Jenen und wünsche nur einen ehrlichen Kampf. Doch fahren Sie gefälligst fort in Ihrer Mittheilung.«
»Ich sagte Ihnen, daß ein Theil meiner Mission vereitelt worden sei, ein anderer erreicht. Zu letzterem Resultat rechne ich diese Zusammenkunft und die Einigung über die Verschiebung der Erhebung. Wären die Fractionen in Paris einig, hätte es meiner Reise kaum bedurft. Sie beabsichtigen, noch längere Zeit hier zu bleiben?«
»Ich will nach Litthauen und später nach Volhynien, da ich noch immer es nicht aufgebe, von Süden und Westen her die Erhebung zu gestalten. Meine nächste Aufgabe ist
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es, in den verschiedenen Landestheilen die Cadres für die künftige Revolutions-Armee zu bilden. Lassen Sie uns zunächst die Organisation und die Aufgaben der geheimen National-Regierung weiter feststellen. Wann denken Sie nach Paris zurückzukehren?«
Der junge Aristokrat zeigte einige Verlegenheit. »Ich kann es in der That nicht sagen - ich glaube einige Verpflichtungen zu haben gegen die junge Dame, der wir unsere Rettung verdanken. Ich möchte nicht gern Polen verlassen, ohne über ihr Schicksal beruhigt zu sein.«
Der Offizier sah nachdenkend in's Feuer. »Ich glaube, Sie zu verstehen und ehre das Gefühl der Dankbarkeit, obschon es uns nicht hindern darf, höheren Rücksichten unsere persönlichen Wünsche zu opfern. Vielleicht läßt sich Ihr Wunsch mit meinen Absichten verbinden. Wir sprechen weiter darüber, denn da kommt Pan Lempke zurück.«
Der Okuliarnik setzte sich auf seinen früheren Platz, nachdem er den Waldwärter geheißen, das Aas des Wolfes in einiger Entfernung von der Hütte in den Schnee zu werfen. »So, nun lassen Sie uns fortfahren. Wir haben noch nicht von der Nationalregierung selbst und von den Aufgaben ihrer einzelnen Departements gesprochen.«
»Das Kriegsdepartement,« fuhr der Offizier aus seinen Notizen fort, »würde sich nur mit der höheren Leitung des Kriegswesens zu befassen haben, namentlich mit der Verwendung der Gelder zum Ankauf von Waffen. Dieser kann zum Theil durch das Comité in Paris erfolgen, wo sich Zwerczakewiz mit der Sache beschäftigen wird. Man wird in Lüttich und London Gewehre kaufen, ebenso
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Geschütze. Ich hoffe, dies auch in Preußen zu vermitteln, namentlich in Berlin und Königsborg, wo die Vorräthe an alten Gewehren mit Percussionsschlössern verkauft werden sollen. In Berlin stehe ich deshalb bereits mit Förster in Verbindung, und werde noch einen anderen Gewehrhändler engagiren. Es muß eine besondere Kommission zum Anlauf der Waffen gebildet werden - der Transport erfolgt über Gotha und Wien, oder auf der Weichsel. Die Leute müssen zeitig genug in Besitz der Waffen kommen, um darin eingeübt zu werden. Zur Aufbewahrung sind Magazine in den Provinzen zu bilden, von denen nur die Bezirkschefs Kenntniß haben dürfen.«
»Wir haben deren bereits drei in Warschau, im Bernhardiner Kloster, im Grabowski'schen und Eckert'schen Hause, die treffliche Verstecke bieten.«
»Das Departement der innern Angelegenheiten,« fuhr der Offizier fort, »würde die Vermittelung zwischen der Regierung und den Woiwodschaften zu leiten haben. Zum Posten des Directors bringt das Comité Herrn Rafaël Krajewski in Vorschlag, den Bruder des Amnestirten, und für das Kriegsdepartement Herrn Eugen Kaczkowski.«
»Ah« - sagte der Warschauer höhnisch - »man hat also bereits über die Personen verfügt!«
»Es sind Vorschläge des Centralcomit'es. Das Departement der Finanzen wird nur geringere Bedeutung haben, da der größte Theil der Geldmittel in den Woiwodschaften zur Verwendung kommen muß. Wichtiger ist das Departement der Presse, bei dem wir an das bereits
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Bestehende anknüpfen müssen. Was halten Sie von dem Redakteur der warschauer Zeitung, Joseph Wagner?«
»Er hat das Zeug dazu, ist aber flüchtig und unzuverlässig - man darf sich nicht an eine bestimmte Person binden.«
»Es müssen verschiedene Zeitungen vorbereitet werden. Vor Allem muß während der Zeit der Vertagung auf die Presse des Auslandes eingewirkt werden und das geschieht am Besten von Paris aus. Klagen über unerträgliche Tyrannei und Unterdrückung müssen in allen Blättern Europa's einen stehenden Artikel bilden. Auch die Kunst muß für uns thätig sein. Das Bild ist eine permanente Sprache zum Herzen des Volks.«
»Ich werde die Sache mit Julinski und Stephan Bobrowski besprechen, es sind die geeigneten Personen. Doch Sie vergessen die Polizei der Revolution.«
Der Offizier machte eine abwehrende Bewegung. »Das Thema ist nicht meine Sache - ich denke diese Organisation ergiebt sich von selbst und aus den Verhältnissen, und da Sie die Hauptstadt zum Centralpunkt der Erhebung machen wollen, werden Sie dort die geeignetsten Wege und Personen finden.«
»Es fehlt daran nicht, Jan Bjeli,34 Masson und Jan der Schwarze mit Michailowski sind tüchtige Leute. Ueberlassen Sie das mir und ich stehe dafür, eine Polizei zu organisiren, die Nichts zu wünschen übrig lassen soll.« Die Augen des fanatischen Revolutionairs funkelten in wilder
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Energie. - »Aber lassen Sie uns zur Hauptsache kommen - wer soll die Regierung selbst bilden?«
»Derjenige, dem die Nation das Vertrauen schenkt - es wird zunächst, bis der Sieg errungen ist, eine militärische Dictatur nöthig sein.«
Der Oculiarnik lachte bitter auf. »O über die klugen Herren in Paris! - Das hieße nur den Namen der Tyrannei gewechselt! Nein Herr - wir wollen uns weder von Aristokraten noch Soldaten knechten lassen, mögen sie auch polnische Namen führen statt eines russischen oder deutschen. Die souveraine Gewalt gehört der Jond narodowji, der Volksjunta. Ihr zur Seite muß ein Revolutions-Tribunal stehen, das Recht hat über Leben und Tod, und dessen Befehle die geheime Polizei zu vollstrecken hat. Ich werde es organisiren! In jede Woiwodschaft muß ein besonderer Kommissar von der Junta gesandt werden, eben so in jedes Hauptquartier, mit unbeschränkter Vollmacht, den Verrath zu verhindern, in welcher Person, an welcher Stelle er ihn auch finden möge. Der Schrecken muß regieren, nur so werden wir siegen. Jeder Mann muß wissen, daß der Dolch des Rächers in jedem Augenblick über seinem Haupte schwebt - das allein sichert Treue und Gehorsam.«
Der Offizier war aufgestanden und faltete seine Papiere zusammen. »Wenn das die Absicht Ihrer Fraction ist, Herr,« sagte er gemessen, - »dann mögen Sie die Erhebung allein versuchen - ich und meine Freunde werden unter solchen Bedingungen ihr fern bleiben.«
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»Unter keiner Bedingung wird der Fürst dem zustimmen,« fügte der Graf bei.
»Thun Sie, wie Ihnen gefällt! Wir brauchen weder den Adel noch die Emigration - das Volk wird sich selbst genug sein, und heißt der General der Republik nicht Marian Langiewicz, so mag er Ludwik Mieroslawski heißen! - Doch erinnern Sie sich dann ...«
Die Thür wurde heftig aufgerissen, der Waldhüter stürzte in die Hütte.
»Heraus Pan's, nehmt die Waffen! Es geht etwas vor im Wald, - die Wölfe sind auf der Jagd!«
Der Offizier griff nach der Büchse im Winkel, Graf Oginski zog den Revolver - der Oculiarnik nahm einen Wolfsspieß - so eilten sie hinaus.
Auf der Schneefläche war Nichts zu sehen, als in geringer Entfernung der abgelederte Körper des Wolfes.
»Still! - hören Sie Nichts?«
Alle lauschten - in weiter Ferne klang es wie heiseres Gekläff - das eilig näher kam.
»Die Wölfe kehren zurück! Sie wittern das Aas!«
»Sie sind nicht allein,« erklärte der Alte, weniger wortkarg als gewöhnlich. »In die Hütte, Bursche, und bringe den größten Brand heraus!«
Jetzt hörte man deutlicher das Kläffen und Bellen - dazwischen klang es wie Schnauben - dann der Hilferuf einer menschlichen Stimme - -
Ohne weitere Worte hatte der Alte mit Händen und Füßen einen Fleck vom Schnee zu säubern gesucht, dorthin warf er den flammenden Brand, den Janko brachte, und
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rasch einen Arm voll Reisig darauf, das an der Hüttenwand geschichtet lag.
»Hörten Sie nicht - es ist ein Mensch in Gefahr - lassen Sie uns zu Hilfe eilen ...«
»Kämen zu spät! - Schaut dort, Pani!« Er wies nach dem Seeufer.
Ein langer dunkler Gegenstand schien mit Windeseile über die Fläche zu fliegen - hinterdrein kleinere dunklere Bälle, die über den Schnee huschten, rechts und links, bald voran, bald wieder überholt.
»Ein Schlitten -! Ausgegriffen, wackeres Pferd! Hierher! hierher!«
Das brave Roß schien die Nähe von Freunden zu wittern und alle Muskeln anzuspannen, es rannte gerade auf die Flamme zu, die hoch aus dem Reisig schlug, - ohne des Lenkseils zu bedürfen - hinterdrein, zu beiden Seiten des Schlittens, heulten die Wölfe, die zu merken schienen, daß ihre Beute im Begriff sei, ihnen zu entschlüpfen.
»Heiliger Gott - es ist der Schimmel Wolawski's!«
»Wart' Kanaille!«
Wieder fuhr die Büchse des Waldwärters an setzte rauhe Wange - einem der Wölfe war es gelungen, dem Pferde zuvorzukommen und er versuchte ihm an die Kehle zu springen. Der Schuß krachte, und der Wolf wälzte sich auf dem Schnee - aber über ihn her stürzte auch der Schimmel.
»Daly! daly!« Der Alte hatte das brennende Scheit aufgerissen, schwang es um den Kopf und stürzte vorwärts
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- der Kapitain und Graf Oginski folgten - es war die höchste Zeit, obschon das wackere Pferd kaum sechszig Schritt noch von der Hütte entfernt gefallen war. Das Rudel der Bestien heulte um den leichten Schlitten und das in Schmerz um sich schlagende Pferd - in dem Schlitten hatte sich bei dem Sturz des Pferdes eine Gestalt erhoben und suchte durch das Schwingen der Peitsche die Bestien zurückzutreiben.
»Henriette! um Gott - sind Sie es?«
Der Alte schleuderte den Brand unter die Bestien, der Graf schoß seinen Revolver in das dichteste Rudel - unbekümmert um die Gefahr, war der Offizier an den Schlitten gesprungen und hob die Frau in seinen Armen empor, die allein darin gesessen.
Er bemerkte es nicht einmal, daß der Knabe Janko ihm auf der Ferse gefolgt und dicht hinter ihm die Büchse aufhob, die er hatte fallen lassen.
Die Wölfe schienen trotz ihrer großen Zahl - es keuchten noch immer deren über den Schnee heran - von dem Schuß und dem Feuer stutzig und scheu geworden, - wahrscheinlich mehr noch von dem Erscheinen der vielen Menschen - sie wichen zurück und hielten erst in einiger Entfernung wieder an.
»Fort zum Hause - schnell!«
Jeder fühlte, daß hier der alte Jäger das einzige Recht des Befehlens hatte und man ihm folgen mußte; der Offizier trug seine schöne Last - denn trotz der Hast und Gefahr der Scene und dem unklaren Mondlicht bemerkte der Graf, daß die Frau jung war - auf den Armen nach
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der Hütte, an deren Thür der Oculiarnik zurückgeblieben war und sich nur begnügt hatte, das Feuer durch Aufwerfen neuer Reisigbündel zu unterhalten. Alle eilten durch die Thür, die der alte Stenko hinter sich in die Klammer warf.
Der Kapitain wollte seine Bürde auf die Bank niederlassen, doch der Kopf des Mädchens sank auf seine Schulter, die Hände fielen kraftlos herab.
»Heilige Jungfrau, sie ist todt!«
»Nein - nur ohnmächtig! - Hierher Kamerad! Ist dies vielleicht - -?«
»Fräulein Pustowojtów - die Gouvernante im Hause unseres Freundes Wolawski!«
»Und in der Nacht - allein - hierher! Das hat etwas Besonderes zu bedeuten!«
»Ich fürchte es selbst - aber lassen Sie uns suchen, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen!«
Der Graf versuchte, der jungen Dame, welche die Männer auf das Mooslager gelegt hatten, etwas Wein einzuflößen, während der Offizier ihr Schläfe und Hände rieb; aber mehr als dies schien der eigenthümlich gellende jammernde Schrei sie zu erwecken, der plötzlich von draußen her herüber tönte zwischen dem Geheul und Bellen der Wölfe.
Das Mädchen fuhr aus seiner Betäubung empor und schaute wild um sich: »Matka Boza!35 was ist das? - wo bin ich - was ist mir geschehen! Die Wölfe ...«
»Es ist der Todesschrei Ihres wackern Pferdes, das
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Sie gerettet, Pana Henrietta! Sie sind hier in Sicherheit und bei Freunden. Aber wie um Himmels willen kommen Sie bei Nacht in den Wald?«
Sie fiel ihm um den Hals, ohne Scheu vor den Männern umher, Thränen strömten aus ihren Augen. »Oh all' ihr Heiligen, Dank sei ihnen, daß ich da bin. Ich mußte Sie warnen, Marian, der gnädige Herr schickt mich - es gab keinen anderen Boten, der um das Geheimniß wußte und ohne Verdacht sich entfernen konnte!«
»Aber sagen Sie uns, was ist geschehen? Sie dürfen dreist sprechen vor diesen Herren.«
Das Mädchen hatte sich aufgerichtet. Dunkle Röthe der Schaam, daß sie sich vor Fremden vergessen, überzog jetzt ihr Gesicht. Sie war keineswegs schön, ihr rundes, von einigen Pockennarben gezeichnetes Gesicht mit der niederen Stirn, der russischen Stumpfnase und den starken Lippen drückte nur Energie und Hingebung aus, aber in den braunen Augen funkelte es von Enthusiasmus und Aufopferung. Sie hatte sich auf dem Lager jetzt aufrecht gesetzt und den warmen Schaafpelz von sich geschüttelt, der mit dem Baschlik wahrscheinlich sie vor den Bissen und Klauenhieben der verfolgenden Bestien so lange geschützt. Ihre Gestalt war klein, schlank, nicht ohne Anmuth.
Der Offizier reichte ihr einen Becher mit Wein. »Trinken Sie, Henriette - es wird Sie stärken nach der schrecklichen Gefahr, der Sie so glücklich entgangen sind. Erholen Sie sich erst vollständig, dann reden Sie.«
Die Gouvernante nahm den Becher und trank einen Schluck, die andere Hand preßte sie beruhigend auf den
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noch immer hochklopfenden Busen. »Diesen Abend um 6 Uhr ist der Kreishauptmann mit zahlreicher Begleitung und mit mehreren russischen Offizieren aus Konin nach Bielawy, unserm Gut, gekommen. Der Kreishauptmann hat dem Herrn von Wolawski mitgetheilt, daß morgen bei Tage eine große Wolfsjagd an dem See und in den Wäldern abgehalten werden solle, weil so viele der wilden Thiere bei der strengen Kälte aus Litthauen herunter gekommen schienen und bereits Unheil angerichtet hätten. Die Wójts36 wären bereits in der ganzen Gegend unterrichtet und die Bauern aufgeboten, auch Kosaken von Slupce und Wilczyn wären aufgeboten, einen Cordon zu ziehen. Aber es ist leerer Vorwand - es handelt sich sicher um eine andere Jagd! - Wozu hätten sie sonst an alle Ausgänge Posten gestellt? Sie wissen, daß Herr von Wolawski der russischen Regierung als Patriot verdächtig ist!«
»Er ist ein Ehrenmann, ein Freund des Vaterlandes - ein Feind der Tyrannei!«
»Der Adelsmarschall hat ihn neulich erst warnen lassen - aber jetzt muß Verrath im Spiele sein. Wie ich von Nepomuk gehört, ist ein Beamter der Warschauer Polizei bei dem Kreishauptmann. - Herr von Wolawski nahm eine Gelegenheit wahr, mir das Alles zu sagen und mir den Auftrag zu geben, Sie zu warnen. Aber ich konnte anfangs mich nicht unbemerkt entfernen und zu dem Stall gelangen, wo des Herrn Ukrainer steht. Erst vor einer Stunde gelang es mir, ich schirrte selbst das Pferd und
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führte es aus der Hinterthür des Schuppens - einmal draußen in der finstern Nacht, warf ich mich in den Schlitten und jagte davon, dem Wald zu über das Eis des See's. - Da - es war entsetzlich, mitten auf dem Weg saß ein großer Wolf - der Ukrainer scheute, und ich verlor den Zügel. Dann heulte und schnob es in der Ferne und immer näher und näher - Gott im Himmel, - dann glühten rechts und links Feueraugen - die grimmen Thiere huschten wie Gespenster über den Schnee - ich konnte ihre brodenden Rachen, ihre lechzenden Zungen dicht neben dem Schlitten sehen - einer sprang empor und faßte mit den Zähnen nach mir - ich schrie um Hilfe - weit ausgriff der Ukrainer - dann - alle um mich her - entsetzlich ...«
Sie verhüllte das Haupt, wie als walte die Todesgefahr noch einmal um sie her - und in der That erklang rings um die Hütte ein Heulen, Winseln und Bellen, das wohl die Nerven selbst eines tapfern Mannes hätte erbeben machen können.
»Fertig mit dem Pferd und dem Wolf! Wollen uns an den Leib! Wollen's den Kanaillen eintränken!« Der alte Stenko hatte das geladene Gewehr ergriffen, öffnete das kleine Fenster der Hütte und hob die Waffe.
»Was willst Du thun?« der Okuliarnik hatte seinen Arm gefaßt und drückte die Flinte nieder.
»Schießen!«
»Nein - es ist genug, der Teufel gebe, daß das andere Pulververknallen sie uns nicht schon auf den Hals hetzt.«
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»Schade Väterchen - der Rudel ist groß! Gute Pelze!«
»Die eigene Haut steht uns näher. Jetzt Pans - gilt es, Rath zu halten.«
»Wir müssen natürlich so rasch als möglich diesen Ort verlassen!«
»Aber die Wölfe ...«
»Die Polizei und die Kosaken sind schlimmer! Wollen Sie ihnen in den Weg laufen? Haben Sie nicht gehört, daß die ganze Gegend aufgeboten ist?«
»Do djabla! Was thun?«
»Bleiben! Hören Sie mich an! Ich glaube in der That kaum, daß die Verfolgung dem Herrn Grafen gilt, denn er ist erst heute mit dem Jungen hier eingetroffen - auch mir nicht, denn ich habe mit Vorsicht Warschau verlassen und stehe noch nicht auf der Proscriptionsliste der Polizei. Das Kesseltreiben, denn ein solches will man offenbar anstellen, gilt also zunächst Ihnen, Kapitain, oder eingebildeten andern Verschwörern. Es gilt also jetzt, Sie fortzuschaffen oder zu verstecken! Können Sie, Fräulein, unbeachtet nach dem Schlosse zurückkehren?«
»Wenn ich das Dorf erreichen könnte, ohne daß die Wölfe ...«
»Ich werde das niemals zugeben,« erklärte der Offizier mit Bestimmtheit. »Fräulein Pustowojtów wird dies Haus nur mit mir verlassen.«
Sie sah ihn mit einem leidenschaftlichen Blick an, »Ist das Ihr Ernst, Pan Langiewicz?«
»So wahr ich ein Mann von Ehre bin!«
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»Dann, Marian, kehre ich nicht nach Bielowice zurück und theile Ihr Schicksal, welches es auch sei!«
Ein Händedruck vereinigte die Beiden für eine blutige Zeit. Wer von unsern Lesern hat in jener Zeit des schreckensreichen Aufruhrs nicht gehört von dem Dictator Marian Langiewicz und seinem treuen Adjutanten, Henriette Pustowojtów! - - -
Der Abgeordnete der Schwarzen Brüderschaft unterbrach diese Expektorationen des Gefühls. »Ich dächte, Herr, es wäre keine Zeit jetzt zu Liebesergüssen und andern Thorheiten. Wäre das Pferd nicht von den Wölfen gefressen, hätten Sie vielleicht versuchen können, zu entkommen. Jetzt haben wir den Schlitten und dieses - diese Dame auf dem Halse. Ich frage, was beschließen Sie? Sollen die Schergen, wenn sie morgen hierher kommen, das ganze Nest beisammen treffen?«
Der Kapitain wandte sich an den Waldwärter. »Vielleicht weiß Vater Stenko einen Ausweg, ein Versteck, in dem wir der Aufmerksamkeit entgehen könnten?«
»Wir müssen den Schlitten verbrennen!«
»Wenn es nicht unbedingt nöthig ist, - nein! Wir können uns seiner vielleicht noch bedienen. Kannst Du ihn verbergen, Stenko?«
Der Alte lachte. »Zwanzig! im Holz!«
»Dobre! selbst sein Auffinden würde noch Nichts verrathen. - Hören Sie, wie die Bestien heulen? - Nur die Anwesenheit des Fräuleins hier im Walde wäre verdächtig. Wie beugen wir dem vor?«
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»Viel Treiber - Männer - Weibsvolk - Kinder!« sagte der Alte in seiner lakonischen Weise.
»Das ist der Plan, den auch ich habe - gerade mitten unter ihnen wird unsere Sicherheit sein. Was mich und Sie, Kapitain, betrifft, werden wir nicht viel Veränderung unseres Anzugs bedürfen - nur der Graf und das Fräulein ...«
Der Waldwärter war in die Kammer der Hütte gegangen und kam eben wieder mit einem Haufen alter grober Kleider auf dem Arm, männliche und weibliche. »Von meinem Weib - Gott erlöse ihre Seele!« Er warf sie auf den Boden.
»Gut - da haben wir, was wir brauchen. Aber wie sollen wir uns unter die Aufgebotenen mischen, ohne Verdacht zu erregen? - Die Leute selbst werden uns als Fremde behandeln.«
»Viele Dörfer, viele Leute! An verschiedenen Stellen. Jeder Wójt na wsi37 in der Gegend ist gut! Da - ...«
Er machte ein Zeichen mit dem Daumen. »Das genügt!«
»Wir wollen das Alles weiter besprechen - trennen müssen wir uns natürlich und in drei Gruppen theilen. Aber wie schaffen wir uns zunächst die Höllenbrut vom Leibe, die noch immer um die Hütte heult und uns blokiren zu wollen scheint?«
Der alte Jäger lachte. »Nichts leichter! - Warten Sie!« er ging zu dem Bordbrett an der Wand, auf dem seine geringen Utensilien und Vorräthe standen und nahm
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verschiedene Dinge herunter, die er auf den Tisch legte - Werg, Lumpen, einen Klumpen Pech, einen starken Angelhaken und eine feste Hanfschnur. Dann machte er aus dem Pech, den Lumpen und dem Werg, in das er etwas Schießpulver rieb, einen wie einen Kinderkopf großen Ballen, in den er fest das eine Ende der Schnur knetete und befestigte. An das andere Ende band er den Haken und trat damit zum Fenster.
»Aufgepaßt, Junge!«
Janko, der mit großer Aufmerksamkeit allen Vorbereitungen gefolgt war - war sogleich zur Stelle.
»Merk! wenn ich sage: Jetzt! zündest Du das Werg an. - Hol' Dir Feuer!«
Indeß der Knabe einen Brand vom Heerde holte und die Andern neugierig zusahen, hatte der Jäger ein übriggebliebenes Stück Fleisch von der Mahlzeit genommen und das Fensterchen geöffnet.
Um so lauter in größter Nähe erklang das Geheul der Wölfe, die noch immer um die Hütte lungerten und bei dem Geräusch sich wieder sammelten. Der Waldhüter warf das Fleisch hinaus dicht unter das Fenster und man hörte deutlich das Balgen der Bestien; zugleich bog er sich, so weit es ging, vor, und warf das Ende der Schnur mit dem Angelhaken mitten in den Haufen - zwei Mal probirte er vergeblich, dann schien der Widerhaken im rauhen Pelz einer der Bestien gefaßt zu haben und selbst in das Fleisch gedrungen zu sein, denn die Schnur spannte sich unter dem Heulen des Thieres.
»Jetzt!«
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Der Brand fiel auf das Werg, das im Nu in Flammen aufloderte und der Feuerball flog aus dem Fenster.
Der Alte kicherte vor Vergnügen über den gelungenen Jägerkniff. »Da geht er - und die ganze Bande mit ihm!«
In der That konnten die bisher Belagerten sehen, wie einer der Wölfe über die Schneefläche rannte, der feurige Ball dicht hinter seinem buschigen Schwanz. Einen Augenblick noch, dann war das ganze Rudel zerstreut und flüchtete nach allen Seiten.
»Alle fort!« sagte der Alte - »gute Jagd morgen! - Jetzt hinaus!«
Die Männer öffneten die Thür und traten wohlbewaffnet in's Freie.
Von dem Pferd und den Körpern der beiden Wölfe war Nichts mehr vorhanden, als die Knochen und blutige umher gestreute Fetzen.
Während die Gouvernante im Innern der Hütte Nadel und Scheere handhabte, waren die Männer beschäftigt, in Mitten der Holzhaufen den Schlitten und das halbzerrissene Lederzeug zu verbergen und zu versetzen. Der Alte blickte dabei wiederholt nach dem Himmel, an dem weiße Wölkchen über den Mond zogen, und kicherte.
»Was hast Du?« frug der Brillen-Ludwig.
»Wird Schnee geben, wenn Tageslicht kommt!«
»Das käme wie gerufen und verwischt jede Spur! - Wir dürfen es jedoch nicht wagen, die Papiere und Gegenstände von Wichtigkeit mit uns zu nehmen - es könnte Einem ein Unglück passiren. Hast Du ein sicheres Versteck, Stenko, wo wir etwas verbergen können?«
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»Zehn! - Hohler Baum - im Dickicht!«
»Dobre! - So! - das Gerippe des Pferdes mußt Du irgend wo im Röhricht verbergen, es könnte am Ende Aufmerksamkeit erregen. Und nun lassen Sie uns zu dem Hause gehen und unsere weiteren Schritte auf das Genaueste besprechen.
In der Hütte des Jägers fanden sie das Fräulein rüstig an der Arbeit - für sich selbst hatte sie bereits Rock und Kleid aus den gröbsten Stoffen, wie sie die Landweiber der Gegend tragen, zusammengestutzt, und war eben beschäftigt, einen halbzerrissenen Schaafpelz zu flicken. Nach eingehender Berathung, zu welcher Stenko zugezogen wurde, beschloß man, sich in drei Gruppen zu theilen, die erste aus dem Kapitain und der Gouvernante bestehend, die andere aus dem Grafen und dem Knaben; der Okuliarnik sollte bei dem Waldwärter oder wenigstens in einem Versteck in der Nähe bleiben. Wenn das Militair und die Beamten abgezogen, wollte man sich wieder in der Waldhütte treffen, oder dorthin wenigstens Nachricht senden.
Der Waidmann rieth jetzt seinen Gästen, ein Paar Stunden zu ruhen. Wie die Gouvernante gehört, sollte die Jagd nach Tagesanbruch beginnen, man hatte also volle Zeit, und Stenko versprach, sie zu wecken. Dem jungen Mädchen wurde die Kammer eingeräumt, wo sie unter zwar nicht sehr saubern, aber warmen Pelzen und Decken ihr Lager fand.
Der Tag bricht in dieser Jahreszeit und dieser Breite nicht vor 6 Uhr an - um 4 Uhr weckte der Waldwärter seine gefährlichen Gäste, die sich nun rasch in ihre
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Vermummungen warfen, den zottigen Schaafpelz, die tief über die Ohren gezogene Pelzmütze, vielleicht noch ein entstellendes Tuch umgeschlungen, den Strick um den Leib gebunden und darin ein Holzbeil, während das Messer im Stiefel steckte. Fett und Ruß hatte die Gesichter der Männer zur Genüge unkenntlich gemacht, das Fräulein sich durch Pelzhaube, dicke Fausthandschuh und einen um den Oberleib gewundenen Kragen zu einer so unförmlichen Bauerndirne umgeschaffen, daß sie das Gelächter Aller erregte. Dann brachte der Alte tüchtige Knittel und Klappern und alte Eisen zum Aneinanderschlagen, wie sie die Treiber zu führen pflegen.
Die Männer hatten ihre Waffen unter den Pelzen und Decken verborgen, was sie etwa hätte verdächtig machen können, wurde der Sorge des Alten überlassen, um es mit den Papieren zu verstecken. Schließlich brachte er ein Paar zierliche Schlittschuh und zwei alte grobe Eisen zum Vorschein, die an unförmlich geschnitzten Hölzern nur mit Stricken befestigt werden mußten.
»Vergessen Pana!«
»Ah - es sind meine Schlittschuh, die ich bei Stenko lasse, wenn ich auf dem See laufe. Was soll er damit?«
»Dich und den Kapitain nach Wonsosz bringen!
»Ah - der Gedanke ist gut! Das erspart viel Zeit. Aber ist der Herr Graf hier bekannt?«
»Ich will ihn nach Goslawice bringen.«
Die letzten Verabredungen waren rasch getroffen. Während der Vorsicht halber dem Oculiarnik, der seine Brille abgelegt, ein sicheres Versteck im Walde in der Nähe
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der Hütte angewiesen wurde, führte der Waldwärter die vier Anderen mit sich und wandte sich nach Norden, bis sie das Ufer des See's erreicht hatten. Dort legten der Kapitain und die Gouvernante die Schlittschuh an und nachdem ihnen Stenko in seiner kurzen derben Manier noch einige Rathschläge und Instruktionen ertheilt hatte, flogen sie Hand in Hand über die glatte Fläche nach Norden zu, während der Alte mit dem Grafen und dem Knaben rüstig am östlichen Ufer entlang nach einem der am Rande des Sumpfes gelegenen Dörfer ausschritt.


Es war um die Zeit des Tagesanbruchs, als auf dem Edelhof zu Bielawice ein reges Leben herrschte. Wer sich von einem polnischen Edelhof etwa dieselben Vorstellungen macht, wie die meisten, selbst kleineren Sitze der adeligen Grundbesitzer in unserem Deutschland sie bieten, der würde freilich in einen starken Irrthum verfallen. Nur wenige noch aus der Glanzzeit des alten Polens besitzen ein wirkliches, wenn auch immer vernachlässigtes und halbverfallenes Herrenhaus im letzten Renaissance- oder Rococo-Geschmack mit verkommenen Terrassen und altfranzösischen Garten-Anlagen; die meisten sind eben nichts weiter, als ein langgedehntes, noch durch verschiedene Anbauten entstelltes Parterrehaus mit Schoben gedeckt, das sich eben nur durch die weiteren Dimensionen, die größeren Fenster und die kostbaren, meist zerrissenen Gardinen dahinter vor den elenden Behausungen der - damals noch leibeigenen - Dorfbewohner auszeichnet.
Die polnische Leibeigenschaft, so drückend und
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entmannend sie auch sonst war, hatte jedoch nie den brutalen Charakter der russischen. Der polnische Gutsherr fand und sah in seinen Gutseinsassen nur die Zugehörigen, Untergebenen, die er unterdrücken und schinden konnte, nicht das Vieh, über dessen Leben und Existenz er nach Willkür schalten durfte. Die russische Herrschaft, die in Polen schon lange die Emancipation der Bauern anstrebte und verbreitete, hatte in dieser Beziehung schon Viel gethan, während im eigenen Lande die Leibeigenschaft noch in voller Kraft stand.
Auch der Edelhof zu Bielawice war nicht besser als die meisten andern. Im trüben Licht des Wintermorgens, das seit dem Anbrach des Tages durch einen leichten aber stetigen Schneefall noch trüber und gedämpfter wurde, sah man auf dem weiten von vielen Wirthschaftsgebäuden umgebenen Hofe eine Menge Menschen beschäftigt, theils Reiter, die durch ihre langen Lanzen als Kosacken kenntlich waren, theils berittene Förster und Aufseher, theils Bauern, Knechte und Soldaten, die um einige niedere Schlitten beschäftigt oder in Haufen aufgestellt waren, theils Mägde, die geschäftig von einem Hause zum andern eilten. Sowohl am Eingang des Hofes, als an der Thür des Hauses standen Schildwachen.
Das Haus selbst war, wie schon angedeutet, ein lang gestrecktes Parterre-Gebäude aus Fachwerk gebaut, halb mit Schoben, und halb - ein wirklicher Luxus in dieser Gegend - mit Ziegeln gedeckt. Fast alle Fenster waren glänzend erleuchtet und das Hin- und Herlaufen der zahlreichen Gutsdienerschaft, die vielen an den Fenstern
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vorübergleitenden Schatten bewiesen, daß eine zahlreiche Gesellschaft im Innern versammelt war.
Wie in allen älteren polnischen Häusern stieß gleich an den zugleich als Küche dienenden Hausflur eine gastlich lange niedere Halle. Die oft zerrissenen oder spärlich mit Kalk gestrichenen Wände waren zum Theil mit wollenen ja Seiden-Tapeten behängen. Hirsch-, Eber- und Wolfsköpfe, darunter zwei mächtige Geweihe des Auerstiers zierten mit alten Jagd- und Kampfwaffen die Wände. An einem Pfeiler hing eine jener alten sarmatischen Rüstungen mit Kettenpanzer, krummem Säbel und spitzem Topfhelm, die noch aus der Zeit des Einfalls der Tartaren stammen und selbst in großen Sammlungen immer seltener werden, ein Beweis, daß die Familie sich eines hohen Alters rühmte. An einer andern Stelle waren zwei türkische Halbmonde - Siegeszeichen aus dem Siege Sobieski's am wiener Kalenberg - und eine große Streitaxt aufgehängt. Ganz merkwürdig paßte zu diesem alten Schmuck ein neues marmornes Kamin von italienischer Arbeit, an dem freilich eine Simsecke bereits abgeschlagen war, wogegen als Ersatz ein Paar kostbare Vasen von Sevres-Porzellan auf diesem Sims standen.
Drei Thüren führten - außer der Eingangsthür von der Küche her - von dieser Halle in das Innere des Hauses.
Eine lange Tafel war in der Mitte der Halle aufgeschlagen und mit allen Ingredienzen eines sehr substanziellen Frühstücks bedeckt, wie sie die meist bis zur Verschwendung gehende polnische Gastfreundschaft bietet: Ungarwein,
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Rum und Liköre, starker Thee im brodelnden Samover, Schinken und Eier, Wildpret- und Gansbraten. Ein Theil schien noch von dem Schmaus des vorigen Abends herzustammen, nach den zusammengeschobenen Tellern und leeren Flaschen und den niedergebrannten, jetzt wieder angezündeten Lichtern auf dem Tische zu schließen. Im Kamin loderte ein mächtiges Feuer; doch leistete das Beste zur Verbreitung von Wärme der große Kachelofen zur Seite.
Um die Tafel herum stand und saß eine zahlreiche Gesellschaft, die noch jeden Augenblick durch Hinzukommende vermehrt wurde. Oben an der Tafel saß der Major des Infanterie-Bataillons, das in Kolo stand, eine breite, derbe Gestalt mit fuselrothem Gesicht und gemeinem Ausdruck. Er trank seinen Thee mit Rum oder vielmehr Rum mit sehr wenig Thee nach polnischer Art aus einem großen Glase, rauchte die guten Cigarren des Wirths statt des gewohnten schlechten Knasters und schnauzte eben einen jungen Offizier an, der eine Meldung gebracht hatte.
Ihm zur Seite saß der Kreishauptmann, eine Person von sehr verschiedenem Aeußern. Er war groß und hager, hatte spärliches Haupthaar und eine Physiognomie, die mit dem mongolischen Typus der Schlauheit eine gewisse Reservirtheit verband. Er sprach nur wenig und dann sehr abgewogen, mit der vollen Wichtigkeitseinbildung eines Beamten. Neben ihm sah ein Herr in Civil mit klugem energischen Ausdruck. Seine scharfen Augen verließen nur selten den Hausherrn, der am Kamin im Gespräch mit einigen Offizieren und benachbarten Gutsbesitzern lehnte.
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Seine Haltung war gedrückt, seine Stimmung offenbar zerstreut und er warf häufig einen besorgten Blick auf den Kreishauptmann und seine Gesellschaft. Am untern Ende der Tafel saß um den Kommandeur des Slupcer Kosakenpulks eine lärmende Gesellschaft von untern Offizieren, Jägern und niederen Beamten und ließ sich von ihm allerlei Abenteuer von seinen Schmugglerzügen erzählen, aus denen der würdige Wächter des Gesetzes gar kein Hehl machte. Die Quantität von Spirituosen, die hier schon zum Frühstück vertilgt wurde, war grandios.
»Also die Dirne wurde erschossen?«
»Mausetodt - ich sagte es Ihnen. Yaschka, mein Weib, hätte bald noch den Kantschuh geschmeckt, weil sie eine solche Närrin war, um die Dirne zu heulen und zu flennen, obschon ich sagen muß, daß ich sie selber gern hatte.«
»Glaub's wohl!«
»Nein - Kameraden - der Teufel soll meine Mutter verzehren, aber die Flasche ist mir lieber als das beste Mädel. Aber dennoch - wenn ich dem Halunken, dem Stephanowitsch, der mich an dem Abend trunken machte und mir die Würmer aus der Nase holen wollte, Eins auswischen könnte, ehe das Pulk fort muß, that ich's nicht mehr als lieber. Der Iwan, ihr Bruder, mein bester Kosak, sitzt im Gefängniß und die Alten heulen mir alle Tage die Ohren voll. Der Kerl allein ist an allem Unheil schuld und auch an der heutigen Hetze. Weiß der Satan, wie der Hundesohn dazu gekommen ist, auszuspioniren, daß an dem unglücklichen Abend verdammte Revolutionaire ohne
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Paß und Karteczka über die Gränze gekommen sein sollen. Nun sollen wir sie suchen.«
»Also ist das Wolfstreiben nur Vorwand?« flüsterte einer der Beamten. »Ich dachte mir's gleich!«
»Still Brüderchen, halte Dein Maul!« murrte der schon halb Trunkene. »Sie sollen's ja nicht wissen, strenger Befehl! damit noch recht Viele in die Falle gehen. Aber der Hund der Stephanowitsch -«
»Und wo ist der Kerl?« frug ein Anderer.
»Er ist Oberaufseher geworden - draußen ist er bei den Schurken von Strausnicks, die er mitgebracht! Yaschka und das Pulk hätten diese Nacht den schönsten Waarentransport über die Gränze bringen können, wenn ich's nur gewußt hätte. Zerhack mich der Teufel in Kochstücke, wenn man vom Wolfe spricht, ist er nicht weit!«
In der That war der Gränzaufseher Stephanowitsch, derselbe, welcher der armen Minka vor kaum zwei Wochen den Tod bereitet hatte, in die Halle getreten und ging, mit seiner widerwärtigen tückischen Fratze dem Kosakenkapitain höhnisch zunickend, nach dem oberen Ende der Tafel. - -
Zu dem Hausherrn am Kamin sagte einer der aufgebotenen, neugekommenen Gäste: »Wie zum Henker Wolawski kommst Du dazu, erst gestern Abend uns von dem Wolfstreiben Kenntniß zu geben? Haben die Bestien wirklich so arg bei Dir gehaust? Drüben über'm See haben wir noch wenig davon gespürt.«
»Da mußt Du den Herrn Kreishauptmann fragen, der das ganze Aufgebot veranstaltet hat, auch die
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Einladungen hierher,« erwiederte finster der Hausherr. »Herr von Tymowsky hatte die Güte, mich gestern in der Dämmerung selbst zu überraschen und einen Theil der Jäger gleich mitzubringen.« Sein Blick flog bezeichnend über den Kreis der Offiziere.
Der Andere schüttelte leicht den Kopf. »Wie ich auf dem Wege hörte, sind alle Dorfschaften um den See bis Ostrowonz hinauf aufgeboten.«
»Mag wohl sein - ich weiß Nichts davon! Der Oberförster in Bielawie,« erzählte einer der Offiziere, »sagte, daß man schon zu Neujahr, ich meine das neue Neujahr - in den Wäldern große Rudel gesehen hat. In Konin haben sie vor vier Nächten die Schildwache am Pulvermagazin attackirt und hätten sie sicher zerfleischt, wenn nicht gerade die Ablösung zu Hilfe gekommen wäre.«
»Ja,« bestätigte ein Anderer - »die Kosaken erzählen, die Wölfe streifen bis in's Preußische.«
»Und die Wölfe aus dem Preußischen oft zu uns!« sagte eine scharfe Stimme hinter dem kleinen Kreise. Es war der Kreishauptmann, der aufgestanden und hinzu getreten war. »Nun, Herr von Wolawski, wir können Ihnen nicht genug danken für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die Sie uns erwiesen haben und daß Sie mir gestatteten, Ihr Haus gleichsam zum Hauptquartier unserer Jagd zu machen. Aber ich denke, es wird Zeit, daß wir aufbrechen!«
»Ich will sogleich -«
»Bitte, bemühen Sie sich nicht, Herr von Wolawski! Ich habe bereits alle unsere Sachen und Waffen, auch die
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Ihren hierher bringen lassen. Ich hoffe, Sie werden einen Platz in meinem Schlitten annehmen und mit mir fahren.«
»Mit oder ohne Gens'darmen, Herr Kollegienrath?« frug der Pole mit scharfer Betonung.
»Ei, wo denken Sie hin, lieber Freund! Nur eine gewöhnliche Ordonnanz auf dem Bock - Sie wissen ja, daß wir armen Civilbeamten keine anderen Adjutanten haben.«
»Ich dachte nur,« sagte der Pole trocken, »weil ich diese Nacht einen jener Herrn vor der Thür meines Zimmers fand, als ich es verlassen wollte.
Der Kreishauptmann lachte etwas gezwungen. »Vorsicht, nichts als Vorsicht, Freundchen - die Polizei muß immer auf ihrem Posten sein, damit kein Unglück geschieht. Darf ich Ihnen in Ihren Pelzrock helfen?«
»Es wird mir doch erlaubt sein, von meiner Familie Abschied zu nehmen?«
»Bitte, bitte - so eilig haben wir's nicht - die Wölfe können warten - unsere Anstalten sind so vortrefflich, daß sie uns nicht entgehen können. Ich habe mir erlaubt, Frau von Wolawski bereits benachrichtigen zu lassen, daß wir aufbrechen müssen, und anzufragen, ob wir die Ehre haben können, uns bei ihr zu empfehlen, da uns gestern Abend ihre Gesellschaft nicht zu Theil wurde.«
»Meine Frau lebt sehr zurückgezogen, nur ihren Kindern!«
»Ah ja - mit einer Gouvernante, der Tochter des entlassenen Generals Pustowojtów - ich sah sie gestern -
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oh! wie liebenswürdig, da kommt die gnädige Frau selbst. Wir müssen uns in der That schämen in unsern rauhen Jagdkostümen!«
Er ging galant auf die in der That eintretende Dame zu, welche ihr ältestes Kind, ein Mädchen von etwa neun Jahren an der Hand, in der Thür zu den anstoßenden Zimmern erschien.
Frau von Wolawski war als Mädchen eine anerkannte Schönheit gewesen und hatte, als die Tochter eines Emigranten von 1830 in Paris eine feine Erziehung genossen. Sie war jetzt - etwa zwölf Jahre jünger als ihr Gemahl - zweiunddreißig Jahre und galt auch jetzt noch für eine schöne Frau, die mit ihrem Gatten - gegen die Regel der polnischen Aristokratie - in einer sehr glücklichen Ehe lebte und sich ganz ihrer Familie widmete. Daß sie eine begeisterte Polin, war bekannt, ohne daß man von ihr jedoch eine jener fanatischen Handlungen oder Demonstrationen wußte, welche so oft aus dem Kreise wahrer Weiblichkeit traten. Das Paar hatte drei Kinder, zwei Mädchen von neun und sechs und einen Knaben von vier Jahren. Die böse Welt wollte wissen, daß der russische Kreishauptmann Kollegienrath Tymowsky bald nach seinem Amtsantritt Frau von Wolawski stark den Hof gemacht habe, aber vollständig abgefallen sei. Er hatte jedenfalls diese Niederlage sehr geschickt zu verbergen gewußt und war zu der Familie dem Anschein nach im freundlichsten Verhältniß geblieben.
Der Kollegienrath hatte die Hand der Dame mit den Fingerspitzen genommen und äußerst respektvoll an die
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Lippen geführt. »Welches Glück, Euer Gnaden noch vor unserer Jagd sehen zu dürfen,« sagte er galant. »Begünstigt uns auch draußen nicht die Sonne, so ist sie uns hier desto schöner aufgegangen.«
»Sie schmeicheln wie gewöhnlich, Herr Kollegienrath,« erwiederte die schöne Frau, deren dunkle Augen bereits lebhaft den Gatten suchten. »Mir scheint im Gegentheil das Wetter draußen so trübe wie im Innern.«
Der Kreishauptmann wollte eine ausweichende Artigkeit sagen, aber der Hausherr schnitt ihm das Wort ab, indem er rasch hinzutrat.
In den wenigen Augenblicken, seit der Kollegienrath den Gutsherrn verlassen, um der Hausfrau entgegen zu gehen, hatte eine kleine Scene am Kamin gespielt.
Herr von Wolawski war der ächte Typus eines vornehmen Polen aus guter Familie, hoch und schlank gewachsen, mit schmalem, etwas blassem Gesicht, hohen Brauen und dunklen Augen, über dem schmallippigen aber schön geschweiften und glänzend weiße Zähne bergenden Mund den langen, nach unten hängenden gut gewichsten Schnurbart. Er war, wie wir bereits erwähnt haben, vier- bis fünfundvierzig Jahre und hatte einen steifen Fuß in Folge einer Schußwunde, die er - wie es hieß in einem Duell - in Paris davon getragen, während nach anderer Version sie aus einem Gefecht in dem Treffen bei Xionsz während der polnischen Erhebung von 1846 im Großherzogthum Posen herrühren sollte. Mit Bestimmtheit wußte man nur, daß Herr von Wolawski um jene Zeit mehrere Jahre aus seiner Heimath abwesend gewesen,
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wo damals noch sein Vater die Güter besaß, und daß er nach dem Tode desselben von Paris zurückgekehrt war, wo er seine Frau hatte kennen lernen.
In dem Moment, als Herr von Wolawski seinen Gast folgen wollte, um seiner Frau entgegen zu gehen, und seine bisherige Umgebung etwas zurück trat, hörte er eine Stimme in seinem Rücken flüstern:
»Sauvez tous les lettres dangereuses!«
Der Hausherr wandte sich rasch um nach dem unbekannten Warner, aber er sah nur in die gleichgültigen Gesichter der russischen Offiziere, die ihre Aufmerksamkeit der Dame des Hauses zugewendet hatten. Die beiden Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft standen zu entfernt, als daß von ihnen die Warnung hätte ausgegangen sein können.
Herrn von Wolawski mochte zu gut das Bestehen jener geheimen sogenannten »russischen Stiftungen« bekannt sein, über welche trotz aller Mühe die russische Regierung selbst nach der vollständigen Unterdrückung der Revolution Nichts hat ermitteln können - um nicht auf die geheimnißvolle Warnung unter den obwaltenden, an und für sich höchst beunruhigenden Umständen zu achten. Indem er sich langsam wieder umwandte und einem der Diener den Befehl gab, seinen Pelz in den Schlitten des Kreishauptmanns zu legen, hatte er die Hand unter das Gilet gebracht und einen an einer Schnur unter dem Hemd um den Hals hängenden kleinen Schlüssel abgerissen. Dann steckte er mit großer Kaltblütigkeit die Hand in die Hosentasche und reihte den kleinen Schlüssel an den
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Schlüsselring, den er dort mit den gewöhnlichen Schlüsseln trug. -
Er konnte nicht verkennen, daß man wahrscheinlich Verdacht gegen ihn hegte, Emigrirten oder Agenten der Emigranten Vorschub und Unterstützung gewährt zu haben, aber er sah, daß man nichts Gewisses wußte, und bis dahin jeden zu offenen Eclat vermeiden wollte.
Auf diese nicht unbegründete Voraussetzung hin beschloß er zu handeln.
»Liebe Lodoiska,« sagte der Hausherr zu seiner Gattin, »es ist sehr freundlich von Dir, daß Du kommst, mir Lebewohl zu sagen, da mich der Herr Kollegienrath fast mit Gewalt zu seiner Jagd fortführen will. So lebe denn wohl - hoffentlich auf glückliches baldiges Wiedersehn. Küsse die beiden Kleinen, die wohl noch schlafen!«
»Hippolyt - was soll das Alles bedeuten - ich habe Dich seit gestern Abend nicht gesehn - ich ängstige mich um Dich -«
»Die gnädige Frau werden doch nicht glauben, daß unserm werthen Wirth bei ein Bischen Wolfsjagd gleich ein Unglück passiren wird,« sagte der Major; »sind ja selber Jägerin und Reiterin - und das Bischen Schneegestöber soll uns auch Nichts thun, wenn nur gehörig für Fourage gesorgt ist!«
»Ich hoffe mein Herr, der Kellermeister wird gewußt haben, was er dem Ruf der Gastfreundschaft meines Gemahls schuldig ist!« erwiederte die Dame kalt und wandte sich dann an den Kreishauptmann. »Herr von Tymowsky,« sagte sie ernst - »Sie übernehmen die
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Verpflichtung, meinen Mann sicher wieder zu mir zurück zu führen?«
»Wie können Sie daran zweifeln, gnädige Frau,« entgegnete der Russe galant, - »Ihr Herr Gemahl wird sich in unserer Gesellschaft hoffentlich keiner unnützen Gefahr aussetzen. Ich denke, gegen Abend sind wir schon wieder da und haben dann das Glück, die Gesellschaft unserer schönen Herrin zu genießen.«
Der Hausherr machte ungeduldig den glatten Worten ein Ende. »Lassen Sie uns aufbrechen, meine Herren und Du Lodoiska halte gut Haus, wache über die Kinder und - sorge für Alles! - Da - bald hatte ich es vergessen - hier sind meine Schlüssel, wenn Du etwas brauchst!«
Er reichte ihr das Bund, den kleinsten derselben ihr bedeutsam in die Hand drückend.
Da