»Großer Ausfall diese Nacht über das Borgo. Von zwei Seiten. Um eine hohe Person. Eilig und wichtig. Unmöglich, mehr zu melden.«Die Bleistiftschrift war fehlerhaft und schlecht, die Worte waren von der Nässe etwas verwischt, aber noch deutlich erkennbar. »Corpo di Bacco« brummte der Sergeant, »eine verfluchte Geschichte - der König muß es wissen, aber ich möchte Hundert gegen Eins wetten, daß er nicht so [94] gescheut sein wird, auf's Pferd zu steigen und nach Mola zu reiten, so lange es noch Zeit ist, sondern lieber nach dem Borgo und wo die Kugeln am Aergsten pfeifen.« »Eben deshalb müssen wir für ihn handeln. Hoffentlich erfolgt der Ausfall erst gegen Morgen. Wo stehn die nächsten Truppen auf dem Weg nach Mola?« »Hinter dem Monte Conca der Artillerie-Park, die Ablösungen in Castellone.« »Feder und Papier!« Der alte Mönch war wie verwandelt - sein Ton nicht mehr der des demüthigen Barfüssers oder des exaltirten Schwärmers, sondern der des Befehls. »Hier!« Der Fechtmeister zog einen Schreibtisch auf und legte Papier und Feder zur Hand. Der Mönch saß rasch vor dem Pult, seine ganze Natur schien sich verändert zu haben - die Feder flog über das Blatt, wenige Zeilen - dann ein zweites - dann faltete er sie. »Licht!« »Hier! hier! - aber es wird Nichts helfen - es müßte eine Ordre des Adjutanten vom Dienst sein!« »Kümmere Dich nicht darum!« - Er wandte ihm den Rücken - die Hand des Barfüssers faßte unter seine Kutte und zog einen Gegenstand hervor, der an einer härenen Schnur auf der bloßen Brust hing. Es mußte ein Petschaft oder ein Siegelring sein, denn er drückte ihn auf das Lack der beiden Briefe und verbarg ihn dann rasch wieder am alten Ort. [95] »Hier die Depesche an den kommandirenden Offizier in Castellone, - diese an General Cialdini - der Mann soll reiten, als wenn der Tod hinter ihm säße!« Der Sergeant, ganz verduzt von dem befehlenden Ton, humpelte eilig hinaus. Als er nach wenigen Minuten zurückkehrte, sah er den seltsamen Gast seines Herrn wieder am Fenster steh'n und hinaus lauschen in die Nacht. Der Sergeant trat zu ihm. »Na - der Reiter ist fort - aber was da daraus werden soll, das ist nicht meine Sache und Ihr mög'ts[mögt's] allein ausbaden Pater, wenn das Ding schief geht. He - was starrt Ihr da hinaus - von dort wird der Bombino nicht kommen bei dem Sturm.« »Was ist das für eine Barke, die da an der Terrasse schaukelt?« »Das Weibervolk ist mit herüber gekommen von Mola, die beiden Kerle, die sie gerudert, sitzen unten in der Küche und spülen sich die Gurgel aus mit meinem Weine!« »Wie spät ist's?« »Es muß bald Mitternacht sein - am Ende ist's gar Nichts mit der ganzen Geschichte und ich hab' einen dummen Streich gemacht, daß ich so leichtgläubig gewesen bin. Vielleicht ist's gar wieder eine Finte, die sie von Rom machen und Ihr seid am Ende gar kein richtiger Mönch, sondern ein verkleideter Brigante oder Dragoner!« Die Beschuldigung schien den Barfüsser tief zu treffen. Er schlug sich auf die Brust und rang die Hände. »Mea culpa! mea culpa! - Du hast Recht mein [96] Sohn - und ich habe des heiligen Amtes vergessen, das mir geworden. - All ihr Heiligen, was hab ich gethan! Die Schänder und Feinde der Kirche will ich vertheidigen, die rütteln am Felsen Petri! - Diesen König will ich retten vor dem Schicksal, das er verdient - mit den Ketzern und Mördern will ich mich verbinden gegen die Hand des Herrn! Mögen sie untergehen mit Feuer und Schwert, und liegen im Bannfluch, auch wenn tausend Messer mein Herz zerreißen. O Ihr Heiligen bittet für mich um Vergebung für meine Schwäche und gebt mir Kraft in diesem Kampf!« - Und er warf sich in die Knie und rang die Hände. Plötzlich beugte er horchend das Ohr - auch der Sergeant Bertano mußte Etwas gehört haben, denn er sprang trotz seines lahmen Fußes mit einem Satz zum Fenster und beugte sich weit hinaus: »Corpo di Papa[,] Bruder - ich glaube, Ihr hattet Recht!« Der Mönch war aufgesprungen - die Reue schien so rasch verschwunden, wie sie gekommen. »Still - hörtest Du Nichts?« »Feuern dort drüben von dem Borgo her! Der Teufel soll meine Kaldaunen haben, wenn das nicht Flintensalven sind! - Sie sind mit den Vorposten aneinander - nein, wahrhaftig, das Schießen ist schon im Borgo!« In einer Pause des Donners des rasch an den Bergen hinziehenden Wetters dröhnte es allerdings herüber von der Seite der Festung her wie Musketenfeuer. [97] »Alle Hagel - ich muß zum König!« »Halt!« der Sergeant fühlte, daß die Hand des greisen Mönchs ihn mit unerwarteter Kraft festhielt. »Hörtest Du Nichts? - dort! dort!« Eine Flintensalve dröhnte ganz unerwartet von einer andern Seite her, aus nicht allzugroßer Entfernung. Sie kam zweifellos von der Richtung der Spiaggia her - den Häusern unterhalb des Monte Agatha! »Heilige Jungfrau - rette ihn! - Der Weg nach Mola wird abgeschnitten - die Neapolitaner sind hinter uns! - Zu dem Thor, Schurke - schließe das Thor!« Der Sergeant rannte davon. - - Zwischen den Schüssen, die sich mehrten, hörte man den rasenden Galopp eines Pferdes, das auf dem Pflaster des Hofes parirt wurde. Gleich darauf fielen die schweren Thorflügel in's Schloß. »Der König! - wo ist der König?« Der Mönch kniete im Gemach und schlug mit der Stirn den Boden. »Heilige Jungfrau steh' mir bei!«
| Bord der Victory. Hafen von Cartajena |
| am 28. Dezember 1860. |
Kapitain Jones meldet durch die Ueberbringer, daß der San Martino eingetroffen und zu einer Ladung von Waffen und Munition nach Gaëta von der Regierung geheuert worden ist. Kapitain Jones hat das Kommando der Victory wieder übernommen und sendet dem Befehl gemäß diese Meldung durch Rafaël den Portugiesen und Nicolo den Malteser, die Seespinne begleitet. Jones Waterford.Nachschrift.
Mylord, welche Teufelei ist wieder in Sicht, daß Sie die beiden größten Schufte der ganzen Mannschaft zu sich beordern? Ich beschwöre Sie, nehmen Sie sich in Acht und wenn Gefahr ist, rufen Sie mich lieber. Die Nachrichten, welche die Victory von Roccabruna gebracht hat, sind gut, der Knabe ist wohl. Hüten Sie sich. T.
Mitbürger! An Euch, Väter und Mütter, die Ihr mit Sorge und Mühe eine geliebte Tochter auferzogen zum Trost Eures Alters! - an Euch, Ihr Brüder und [235] Freunde, die Ihr Euch an der frischen Jugend einer geliebten Schwester von Kindheit auf erfreut habt, die Ihr sie einst als die brave Gattin eines braven Mannes zu sehen hoffet! - an Dich, Volk von Madrid, das Gefühl hat für Sitte und Recht, wende ich - ein verlassener betrogener Vater - mich mit dem Schmerzensruf: wo ist mein Kind? Helft mir meine Tochter suchen! Vor zwei Tagen noch besaß ich eine Tochter, ein vierzehnjähriges frommes, ach vielleicht nur zu frommes Kind! seit gestern Morgen ist sie verschwunden, spurlos verschwunden, wie seit drei Jahren - Ihr erinnert Euch deß, Madrilenen! - viele junge Mädchen verschwunden sind, ohne daß man ihr Verbleiben erforschen konnte. Sind sie die Opfer von Räubern und Mördern geworden? ich bezweifle es! Die Bravo's und Ladrones morden nur aus Rache und Habgier. Sind sie verunglückt? - Wo ist ihre Spur? Der Manzanares behält keine Leichen. Sind sie entführt? Wer hat sie entführt? Zu welchem Zweck? - Freilich - es giebt in Spanien noch Orte, von denen man seltener zurückkehrt, als aus dem Manzanares und aus den Klauen der Räuber! Meine Tochter Dolores Villalobos Landero ging gestern Morgen zur Messe nach Santa Maria. Sie ist nicht zurückgekehrt! Mitbürger, helft mir mein Kind suchen und den Entführer zur Rechenschaft ziehen - stehe er so hoch, wie er wolle!Dem erschütternden Aufruf folgte eine kurze Personalbeschreibung des verschwundenen Mädchens. Es war nicht zu verwundern, daß der Inhalt des Blattes, welches der unglückliche Vater selbst mit einem [236] Verwandten auf der Puerta del Sol vertheilt hatte, eine große Aufregung in diesem ohnehin so leicht erregbaren Publikum hervorgebracht hatte. Wie der Graf mit flüchtigen Worten seinem Gesellschafter erzählte, waren allerdings seit etwa zwei Jahren in Madrid wiederholt sehr junge Mädchen im Alter von etwa 14 bis 18 Jahren, und meist aus guten Familien, auf eine unerklärliche Weise verschwunden, ohne daß man eine Spur von ihnen auffinden konnte. Der Volksmund behauptete, daß man die jungen Geschöpfe gegen den Willen der Eltern zum Klosterleben verlockt und in entfernte Klöster gesteckt habe. Trotz der Aufhebung der Jesuiten und der Einziehung vieler Klöster unter der Regentschaft Espartero's hatte die römische Propaganda doch den größten Einfluß bewahrt, viele der ausgewiesenen Jesuiten waren unter dem Schutz des Hofes und des berüchtigten Beichtvaters der Königin, des Jesuiten Claret, nach Spanien zurückgekehrt und bekleideten selbst ganz offen ansehnliche Stellen. Die geistliche Gerichtsbarkeit war unter anderem Namen wieder eingeführt und der Klosterunfug nahm wieder überhand unter Firma geistlicher und wohlthätiger Gesellschaften. Seltsamer Weise hatten all die verschwundenen jungen Mädchen in der Kirche Santa Maria26 ihre Meß- und Beichtgänge gehalten. Auf dem Platz hatte der Tumult größere Dimensionen angenommen; die Polizei hatte den verlassenen Vater [237] verhaftet und das Volk hatte ihn wieder befreit. Man warf mit Steinen gegen die Guardia, die sich nach dem Ministerium zurückgezogen hatte und dort vertheidigte. »Caramba,« fluchte halb lachend der Graf, »zu früh, zu früh! Ich wollte sonst was darum geben, wenn der Spektakel acht Tage später gekommen wäre. Welcher prächtige Anfang eines Pronunciamento! aber es ist Nichts vorbereitet, wir müssen warten, und da kommt auch bereits eine Abtheilung der berittenen Wache, um den Platz rein zu fegen. Kommen Sie, Oberst, es ist Zeit, daß wir uns davon machen!« Sie eilten, von den Dienern gefolgt, in die Calle Mayor, zu der die Menge vor der berittenen Sicherheitswache flüchtete, und bogen in die nächste Querstraße. »So - nun sind Sie in Sicherheit,« sagte der Graf. »Also auf Wiedersehen morgen früh!« Er drückte dem Secretair die Hand und schlug den Weg nach der Alcala ein. An einer abgelegenen Stelle der Querstraße blieb er stehen und winkte den beiden Dienern. »Du hast gesehen und gehört, was auf der Puerta del Sol so eben passirt?« sagte er zu dem Griechen. »Ja Mylord!« »Du sprichst genug Spanisch, um Erkundigungen einzuziehen. Suche zu erfahren, ob der Verbreiter jenes Flugblattes wirklich verhaftet oder wieder freigegeben ist und wo er wohnt. Es liegt mir daran. - Ist in dem Hause der Lukasstraße Alles in Ordnung?« »Wie Sie befohlen, Herr!« [238] »Die Waffen?« »Zwei Revolvers liegen in der Chatoulle.« »Ich kehre wahrscheinlich erst spät am Morgen zurück, Du brauchst mich nicht zu erwarten. Seespinne genügt. Vor zehn Uhr morgen früh empfange ich Niemand. Bis dahin muß ein Auftrag vollzogen sein, den ich Dir zu geben habe.« »Befehlen Sie, Mylord!« »Du wirst morgen Seespinne seine schlechtesten Kleider anziehen und läßt ihn durch den Portugiesen zu einem alten Schlosser bringen, der nahe dem Toledo-Thor in der Calle de la Solana wohn: und unter dem Namen der Lahme bekannt ist. Er soll ihn für seinen Verwandten ausgeben, den er zur Probe in die Lehre geben wolle, um seine mechanischen Fertigkeiten auszubeuten. Sein Wunsch sei, daß der Schlosser zunächst ihm den Gebrauch der Schlüssel und das Oeffnen jeder Art von Schlössern lehren möge. Er soll ihm 50 Duro's als Lehrgeld zahlen, das wird jede Bedenklichkeit des alten Schurken beseitigen. Seespinne wird die nöthige Instruction von mir selbst erhalten.« »Der Wechselbalg wird an Ort und Stelle gebracht werden. Soll ich ihn gleich mit mir nehmen?« »Nein - ich brauche ihn noch. Jetzt geh und rufe einen Fiakre.« Die Droschke erster Klasse wurde geholt, der Jockey an Bord spedirt und der Graf befahl: »Zum Hôtel der französischen Gesandtschaft!« [239]Martin Villalobos Landero, Kapitain a. D. vom Regiment Cordova.