Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Erste Abtheilung:
Gaëta - Warschau - Düppel
Achter Band.
Warschau.


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Stierhetze!

Der Tag des großen Stiergefechts zu Ehren der Schwangerschaft Ihrer Majestät der Königin Isabella - Mittwoch - war herangekommen. Ganz Madrid war in Bewegung und die Intriguen, die man um Gewinnung eines Eintrittsbillets gespielt hatte, waren zahllos.
Zwei Proben bei verschlossenem Circus mit zahmen Stieren hatten stattgefunden, die Gaseinrichtungen zur glänzenden Beleuchtung des weiten, sonst nur von der Sonne erhellten Raumes waren vollendet, alle Schneider und Nätherinnen der Hauptstadt waren bis zur letzten Stunde in Bewegung gewesen und man versprach sich wahre Wunderdinge von dem Fest.
Während aller dieser Vorbereitungen hatte doch der Graf von Lerida immer Zeit behalten, seine Besuche bei dem Señor Archivario fortzusetzen und dessen Vertrauen und Bewunderung in so hohem Maße gewonnen, daß derselbe ihn mit dem größten Vertrauen behandelte und stundenlang in sämmtlichen Räumen des Hausarchivs seine Auszüge und Abschriften allein fertigen ließ, während er selbst seinen Arbeiten nachging.
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Der Graf hatte ihm erzählt, daß er noch eine Kiste mit alten Schriften besitze, deren Inhalt er eigentlich noch gar nicht recht geprüft habe, und ihm den Vorschlag gemacht, dies gemeinsam zu thun. Zu dem Ende wolle er nächstens die Kiste in das Archiv bringen lassen, wo sie in den Ruhetagen nach der Festlichkeit die Prüfung mit Muße vornehmen könnten.
In der Posada der Contrabandista in der Nähe der Lucasstraße war am Dienstag Abend El Tuerto erschienen und hatte eine längere Unterredung mit dem Gefangnenwärter und dem Arriero gehabt, welcher damals den Spion entlarvt hatte. Zwanzig der gewandtesten Bursche wurden ausgesucht, um am andern Abend, in Uniform gesteckt, zu einem eben so kecken als schlauen Streich gebraucht zu werden.
Rafaël, der Portugiese und Nicolo, waren während der Tage in großer Thätigkeit, selbst der dicke Cura schwitzte große Schweißtropfen, so hetzte der Graf ihn hin und her.
Seine Vorbereitungen schienen jetzt größtentheils getroffen, der Graf saß in seinem Arbeitszimmer, sein Leibdiener Mauro stand vor ihm.
»Also der Schlingel hat seine Probearbeiten gemacht?«
»Hier sind die Schlüssel - der alte lahme Gauner, der Schlosser, behauptet, er selbst hätte sie nicht besser zurechtfeilen können.«
»Ich wußte, daß der Junge ein mechanisches Genie ist. Wo hast Du die Kisten hinstellen lassen?«
»Hier im Zimmer nebenan, Mylord.«
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»Und Seespinne?«
»Er steht draußen und wartet.«
»So bring ihn herein - wir müssen eine Probe mit ihm anstellen.«
Einen Augenblick nachher stand der Knabe vor seinem Gebieter.
»Die Tafel!«
Mauro brachte sie herbei. Es folgte nun wieder eine längere stumme Unterhaltung in jener Weise, die wir bereits im Verkehr des Grafen mit dem boshaften und gewandten Krüppel beschrieben haben, wobei ein von Don Juan entworfener Plan und die beiden Schlüssel, welche der Grieche ihm als die Arbeit Seespinne's überbracht hatte, vielfach benutzt wurden. Die Instruction mußte eine ebenso genaue als schwierige sein, denn es dauerte länger als eine halbe Stunde, ehe Lerida sich von dem gewonnenen Verständniß des Knaben vollständig befriedigt erklärte.
Jetzt führte der Graf beide in das Nebenzimmer und wies auf zwei Kisten, die in Mitten desselben auf dem Fußboden standen.
Sie schienen beide alt - wenigstens war dieses Ansehen aufs Täuschendste nachgeahmt, waren von ausländischem Holz und einander ganz gleich. Beide waren verschlossen.
»Oeffne!«
Der Grieche schloß den Deckel bei beiden auf und warf ihn zurück; - sie waren anscheinend beide mit alten Büchern, Drucken und Pergamenten gefüllt.
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»Welche?«
Mauro wies auf die zweite, drückte auf eine an der Rückwand verborgene Feder und sogleich öffnete sich die Seitenfläche des Koffers und fiel nieder. Ein leerer Raum zeigte sich im Innern, das also einen Doppelboden haben mußte, groß genug, einen Knaben wie Seespinne aufzunehmen.
»Kriech hinein,« bedeutete der Graf den Kobold. Seespinne zog sich wie eine Schnecke zusammen und verschwand im Innern. Don Juan untersuchte sorgfältig die Wände, überzeugte sich, daß eine genügende Anzahl von Luftlöchern auf unmerkbare Weise angebracht war, um das Ersticken zu verhindern und schloß dann die Klappe. Nach einer Weile schüttelte er in besonderer Weise den Koffer und sofort öffnete der Knabe von Innen die Seitenwand, kroch heraus und stellte sich grinsend vor seinen Herrn.
»Ich glaube, es wird gehen,« sagte dieser. »Mit einer Flasche Wasser, Feuerzeug und einigen sonstigen Vorbereitungen wird er es ohne Gefahr aushalten. Der Bursche weiß, um was es sich handelt, wir wollen mit einer oder zwei Stunden die Probe machen. Hinein mit Dir!«
Wiederum verschwand Seespinne in dem Koffer, der Graf verschloß denselben und ging mit Mauro zurück in sein Arbeitszimmer.
»Sieh nach, wer da ist!«
Der Diener kam sogleich wieder. »Die rothe Duenna der Herzogin,« berichtete er, »Doktor Ruiz und die Paxarilla.«
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»Laß die Kleine zuerst kommen!«
Mauro öffnete die eine der drei Thüren und winkte dem Mädchen. Mit einem Sprung war sie im Zimmer und hing am Halse des jungen Mannes.
»Ruhig, Kleine - jetzt ist keine Zeit für Deine Extravaganzen. Bist Du bei dem Thürmer gewesen?«
»Gewiß?[!]«
»Und er ist bereit, morgen Abend die Uhr um eine halbe Stunde vorgehen zu lassen?«
»Ich habe ihm gesagt, ein toller Engländer habe eine Wette gemacht und ihm ein Goldstück gegeben und ein zweites versprochen. Bei der Seele meiner Mutter, er würde einen ganzen Tag dafür ausfallen lassen.«
»Du hast die Bänder gekauft?«
»Hier sind sie.«
Sie brachte einen ganzen Strauß von Bändern aller Farben aus ihrem Korb. Der Graf theilte sie sorgfältig in zwei Hälften von gleicher Zahl und Farbe.
»Du wirst auf die linke Achsel jedes der beiden Kostüme hiervon eine Rosette mit den lang herabfallenden Enden nähen.«
»Aber blanker Graf, die Señores Caballeros pflegen sonst nur eine oder zwei Farben zu tragen, die Farben ihrer Dame. Ich liebe sehr die grüne Farbe!«
Don Juan lachte hell auf. »Närrchen! aus eben diesem Grunde trage ich sämmtliche Farben des Regenbogens und die sonst noch in den Pinseln der Maler und den Kästen der Putzmacherinnen stecken. So darf Keine eifersüchtig sein auf die Andern!«
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Sie wandte sich schmollend ab - er faßte sie unter das Kinn. »Sei nicht albern, Vögelchen! Du wirst doch nicht die Eifersüchtige spielen wollen! Das überlaß den Duchesas und Marquesas, die nicht so hübsch sind, wie Du. Halten wir uns an das Ernste.«
»Du warst in dem Hause der Calle de Pizarro?«
»Wie Du befohlen hast, schöner Conde.«
»Und Du hast den Kapitain Landero gesprochen?«
»Man verläugnete ihn anfangs und wollte Nichts von ihm wissen. Erst als ich Signor Corteja, dem Seiden-Händler, das Zeichen der Contrabandista zeigte, das Sie mir gegeben, fing er an, mir zu glauben. Schließlich muß ich doch wohl ein ehrliches Gesicht haben, denn man führte mich in ein Hinterhaus, wo ich in einer Stube im zweiten Stock den Kapitain mit einem Anverwandten fand.«
»Ich sagte ihm, was Euer Gnaden mir befohlen, daß ein Freund mich sende, daß man durch einen Zufall erfahren habe, wohin man seine unschuldige Tochter gebracht, und daß ihre Ehre, vielleicht ihr Leben in der höchsten Gefahr schwebten.«
»Und was sagte er?«
»Nichts - aber seine grauen Augen funkelten, er ging nach dem Winkel des Zimmers und holte einen Degen, aber der Mann, der bei ihm war, fiel ihm in den Arm.«
»Was geschah weiter?«
»Ich sagte ihm, wie Euer Gnaden mir befohlen, daß wenn er die Klerisei und den Hof nicht fürchte, man ihm zum Besitz seiner einzigen Tochter wieder verhelfen könne,
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wenn er morgen Abend um 8 Uhr mit so viel entschlossenen Freunden, als er auftreiben könne, an der nordwestlichen Ecke des Platzes der Salesianerinnen harren und Denen folgen wolle, die ihm das Losungswort brächten.«
»Er hat es versprochen?«
»Er wird dort sein mit entschlossenen Männern, alten Soldaten, wie er sagte, die bereit sein würden, mit ihm die Hölle zu stürmen, wenn es gälte, seine Tochter zu retten. O Señor Don Juan, dieser Señor Landero scheint mir ein arger Ketzer zu sein, und ich fange an zu fürchten, Sie sind es nicht minder.«
Der Graf lachte. »Woher schließest Du das?«
»Weil - nun weil Sie mich dazu gebraucht haben, mich unter allerlei Vorwänden in das Kloster der frommen Salesianerinnen zu schleichen und offenbar da einen schlimmen Streich vorhaben.«
»Und dennoch hast Du mir gehorcht und mir alle Nachrichten gebracht, die ich wünschte.«
»Ja. Caraï - das ist wieder etwas Anderes, das kommt, weil ich Dich vornehmen Taugenichts liebe und Dir Nichts abschlagen kann.«
Der Graf lachte. »Laß uns ernsthaft reden, Vögelchen. Komm her, setze Dich auf meinen Schoos und antworte mir, wie Dir's um's Herz ist. Du bist weder eine Unschuld noch eine Tugendheldin!«
»Das wissen Euer Gnaden am Besten!«
»Still! Aber Du warst einmal ein junges unschuldiges Mädchen und Du erinnerst Dich vielleicht nicht ungern der Zeit?«
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»Hm! es mag so sein! Meine Mutter wurde von meinem Vater im Streit erschlagen - er hatte es gewiß nicht beabsichtigt, es war ein Unglück und er mußte dafür auf und davon gehn. Wer weiß, wo seine Gebeine bleichen. Aber ich denke gern an die Zeit, wo meine Mutter mich so lieb hatte und mit mir spielte. Schon wenige Jahre verändern die Menschen ganz und gar, Sie wissen Señor Conde, daß die Paxarilla bei alledem kein schlechtes Mädchen ist und nur Dem gehört, den sie liebt und der sie gern hat.«
»Ich weiß es Kind, und eben darum spreche ich mit Dir, wie ich thue. Nun denke Dir, daß ein Mann ein einzig Kind hat, ein junges unschuldiges Mädchen, auf welche der Vater, der sie in Ehre und Tugend erzogen hat, alle Hoffnungen gesetzt hat für seine alten Tage, daß sie eine brave Gattin und gute Mutter werde; was wirst Du sagen, wenn dieses junge Mädchen, diese Hoffnung seines Alters plötzlich verschwindet?«
»Es ist schlimm,« meinte die Florista philosophisch, »aber Sie haben es selbst gesagt, Jugend hat keine Tugend! - Der Vater wird Nachsicht haben müssen, wenn sie sich von ihrem Geliebten hat entführen lassen!«
»Aber wenn sie sich nun nicht hat entführen lassen - wenn man sie mit Gewalt entführt hat?«
»Gewalt? Das ist etwas Anderes!« Die Augen des armen niederen Mädchens begannen zu blitzen. »Der Amoroso muß sehr verliebt in die Donna gewesen sein, - dennoch ...«
»Wenn nun von einem Liebhaber gar nicht die Rede
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ist - wenn man ein solches junges Mädchen, die einzige Freude und Hoffnung ihres Vaters seinen Armen entrissen hat, bloß um sie zur Fröhnung der Begierden eines alten widerlichen Lüstlings für einige Tage zu benutzen und dann ...«
Die Paxarilla war aufgesprungen, ihre spanischen Augen funkelten.
»Das wäre schändlich! unerhört, das müßte gerächt werden!«
»... und dann,« fuhr der Graf unerschütterlich fort, - »das arme Kind, damit das Verbrechen nicht zu Tage kommt, ihr Lebelang in einen Kerker, oder was dasselbe ist, in ein fernes strenges Kloster zu vergraben, wo Büßungen und Tyrannei ihr junges Leben zerstören, wenn man demselben nicht vorher schon ein gewaltsameres Ende macht?«
»Nimmermehr! Selbst das schlechteste Mädchen wäre zu gut zu solchem Schicksal. O Señor Conde, bei der Madonna, bei dem großen Geist meiner Väter, sagen Sie mir - ist hier von einem wirklichen Fall die Rede, von der Tochter des Kapitain Landero, zu dem Sie mich geschickt hatten?«
»Du sagst es!«
»Santa Madre de Dios - Señor - Euer Gnaden - wenn Sie die Paxarilla brauchen können, die Aermste zu retten oder zu rächen - gebieten Sie über mich - ich könnte einen solchen Schändlichen mit den Zähnen zerreißen!«
»Du bist außer Dir, Mädchen! Beruhige Dich!«
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»Nein - niemals! Wenn ich auch nur eine Gitana bin, ich bin eine Spanierin, ich habe Blut in den Adern! - Wenn ich mein Herz, meinen Leib dem Mann gebe, der mir gefällt, das ist mein Recht, meine Freiheit! - Ja - wenn es für feiles Geld geschieht - wer hat danach zu fragen, als die Meinen! Aber ein armes Mädchen mit Gewalt oder mit tenflischen Künsten zwingen - es mißbrauchen - verderben an Seele und Leib - Maldito! Pesth und Tod - das muß gebüßt werden!«
»Wackeres Mädchen!« Der Graf küßte sie. »Wie Du denken gewiß auch Andere?«
»Alle - Alle - selbst die Schlechtesten!«
»Und sie würden Dir eine solche Schandthat rächen, die armen Opfer befreien helfen? denn ich sage Dir, der Fall steht nicht allein, Du weißt, wie viele junge Mädchen aus dem Volk, aus den andern Ständen, aus Madrid zu verschwinden pflegen!«
»Ha - es braucht nur ein Wort von mir!«
»Gleichviel, wer die Schändlichen sind - ob vornehme Leute, oder lüsterne Pfaffen, unter dem Deckmantel der Religion?«
»Desto schändlicher, desto abscheulicher ist es! Ha - wie sie uns drücken und knechten für die geringste Sünde, die wir gethan, - wie sie scheinheilig thun und die Augen verdrehen, diese Heuchler - und im Stillen lüstern und frech sind - Alle - Alle! Sehen Sie selbst diesen elenden Cura an, diesen Weinschlauch voll Tücke und Geilheit ...«
»Still - laß mir meinen Pfaffen in Frieden. Aber
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wenn es Dir wirklich Ernst ist mit Deiner Entrüstung, wenn Du Deine Freundinnen bewegen kannst, Dir beizustehen - dann will ich Euch zu einer Hetze helfen, von der Madrid lange sprechen soll! - Ich führe nicht umsonst den Namen Don Juan, ich liebe die freie Liebe in ihrer Gewalt und Kühnheit, das Recht der Liebe, so lange Wille und Kraft dauert und bin ihr Ritter und Vertreter, ich liebe den Kampf um den Sieg mit jeder Kraft des Geistes und Körpers - aber freie Selbstbestimmung sei dem Mann, freie Selbstbestimmung dem Weibe! Der Genuß ist das Höchste, ohne ihn keine Liebe, kein Leben, seine Schranke allein der Wille oder die Kraft. Danach kann ich ringen und das Leben einsetzen, aber Haß und Verdammniß der frevlen Gier, die in Zwang und Schändung das Höchste der Schöpfung entwürdigt!«
Sie sah ihn mit blitzenden Augen an. »Ich verstehe Dich nicht ganz Conde, aber ich fühle wie Du! Sage, was ich thun soll!«
»Verbreite das was ich Dir gesagt - das Gerücht, ohne Namen und Orte zu nennen - unter Deinen Freundinnen. Gieb ihnen morgen in den ersten Abendstunden, nicht früher, einen Wink, daß man im Begriff sei, die Mädchendiebe zu entdecken. Das Volk wird morgen Abend sicher sehr zahlreich in der Nähe des Circus versammelt sein, um die Anfahrt und Abfahrt der Gäste zu sehen. Der Paseo de Recoletos ist nicht weit und breit genug!«
»Aber der Ort die rechte Zeit?«
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»Mauro wird ihn Dir zeigen - halte Dich nach 8 Uhr am Ausgang des Palastes auf.«
»Und wo werden Sie sein, Señor Conde? Wann werde ich Dich wiedersehen?«
»Suche mich morgen Abend auf, wenn Alles vorüber, Mauro wird Dir das Nähere sagen. Jetzt geh, er hat schon zwei Mal gepocht - ich habe noch andere Personen zu sprechen. - Dort hinaus, Paxarilla!«
Als sich die Florista entfernte, sah ihr der Graf mit eigenthümlichem Lächeln nach.
»Valga me Dios!« sagte er - »ich glaube, Seine Majestät werden bei ihren kleinen Vergnügungen morgen ein ziemliches Publikum und eine tüchtige Hetze hinter sich haben. Wohl bekomm's!«
Er gab das Glockenzeichen - Mauro trat ein. »Die Señora Camarera der Frau Herzogin! Sie will mit Gewalt Eurer Excellenza einen Brief selbst übergeben.«
»So laß die alte Hexe eintreten!«
Die Duenna trat ein - es war dieselbe, die dem Abenteurer vor einigen Nächten das Haus in den Gärten des Barrio del Salitre geöffnet hatte.
Die listigen Augen des Weibes suchten überall umher, noch ehe sie den Grafen begrüßte. »War mir's doch, als hätte ich eine Frauenstimme gehört!« sagte sie dann.
»Bist Du etwa eifersüchtig, Annita? Es wäre eine neue vortreffliche Eigenschaft an Dir!«
»Nicht für mich, Señor Conde, aber wohl für eine gewisse andere Dame. Und ich fürchte, ich fürchte, sie hat
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sehr viele Ursach dazu. Es ist sehr thöricht, daß man sich um den galanten Herrn so viele Mühe giebt!«
»Du thust mir Unrecht, Annita, Du weißt, wie sehr ich Ihrer Hoheit zugethan bin - ihr - und Dir!«
[»]Die Camarera war noch keineswegs über das Alter des Gefallens hinaus, so wenig wie ihre Herrin.
»Sie sind ein Schelm, Señor Conde - man kennt Sie. Jedes erträgliche Gesicht hat von Euer Gnaden eine Liebeserklärung zu erwarten. Aber wollen Sie nicht den Brief der Señora Duquesa lesen?«
Don Juan seufzte - dann machte er sich über die unwillkommene Arbeit.
Es war natürlich ein Brief voll leidenschaftlicher Vorwürfe und Eifersüchteleien, denn der junge Mann hatte seit jener Nacht Nichts von sich hören lassen. Den Schluß bildete die Einladung oder vielmehr der Befehl, heute zu erscheinen und sich zu verantworten, da sie morgen für eine Woche den Dienst im Palast antreten und dann nur in Begleitung der Königin denselben verlassen könne.
»Die Herzogin wird morgen doch der Corrida beiwohnen?«
»Heilige Jungfrau von San Luz, wer würde da zurückbleiben, der Gelegenheit hat, ein solches Schauspiel zu sehen? Ihre Gnaden werden in der Begleitung der Majestäten sein und deshalb eben soll ich Sie mitbringen; Ihre Gnaden besteht darauf, Sie noch vorher zu sehen.«
»Schon in der Sache selbst liegt die Antwort, schöne
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Annita. Ich brauche wahrhaftig heute den Schlaf, wenn ich morgen meinen Berber bändigen und dem Toro den Genickfang geben soll! Ich nehme an, daß es der Sennora Duquesa nicht um einen Liebhaber mit aufgeschlitztem Bauch und herausfliegenden Eingeweiden, wie bei den armen Thieren der Herrn Picadores, zu thun ist.«
»Abscheulich, Sennor!« meinte kichernd die Camarera.
»Du begreifst also Annita, daß es unmöglich ist, Ihro Gnaden heute meine Aufwartung zu machen, um so weniger ...«
»Um so weniger, als man es zu Hause bequemer haben kann!«
»Pfui Annita - Du bist boshaft. Ja, wenn es morgen gewesen wäre! - Nach der Schlacht!«
»Und warum, Señor, sollte das nicht geschehen?«
»Du sagtest ja selbst, daß die Duquesa morgen den Dienst im Palast hat!«
»Freilich!«
»Aber dann wohnt und schläft sie dort!«
»Gewiß, und ich auch.«
»Du siehst also ...«
»Was?«
»Daß die Frau Herzogin dann sich nicht entfernen kann.«
»Das ist richtig! - Aber das hindert nicht, daß Euer Gnaden sie besuchen.«
»Bei der Königin?«
»Man ist nicht immer bei der Königin - nur während des Tages, für die Nacht haben wir unsere eigene
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Wohnung im zweiten Stock, in dem Theil, den der König Ferdinand, der Vater Ihrer Majestät bewohnte.«
Der Graf, der bisher blos getändelt, um eine Ausrede zu finden, wurde aufmerksamer.
»In den Zimmern des König Ferdinand? Ich glaubte, in diesen befinde sich jetzt das geheime Archiv?«
»Gewiß, Señor Conde. Unsere Gemächer - es sind deren drei, befinden sich dem Archiv gegenüber, nur durch einen leeren Vorsaal getrennt, auf den der Korridor und eine Treppe stoßen.«
Der junge Verschwörer wurde plötzlich sehr ernst. »Kannst Du etwas zeichnen, Annita?«
»Warum nicht? Es gehört zu meinem Dienst. Ich muß häufig genug die Muster zu den Stickereien der Kleider zeichnen.«
»Und Du meinst, ich könnte dort Deiner Herrin einen Besuch abstatten?«
»Warum nicht? - Wir erhalten der Besuche genug bei Tage - und ich möchte nicht mein Seelenheil dafür verwetten, daß die Damen vom großen Dienst ihn nicht auch oft genug des Nachts erhalten.«
»Setze Dich hierher, an den Tisch - hier, nimm dies Papier, - den Bleistift! - Laß diese Linie die Front des Palastes nach dem Manzanares sein. Nun zeichne mir die Lage Eurer Zimmer!«
Die Camarera leistete mit vielem Geschick seinem Verlangen Folge. Er beobachtete mit größter Aufregung die Striche ihrer Bleifeder - ein neuer Gedanke war in ihm aufgestiegen.
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»Sehen Sie, Señor Conde, man kann gar nicht fehlen. Hier, das sind die Zimmer, in denen der König vor sieben- oder achtundzwanzig Jahren gestorben sein soll, jetzt das Archiv. Daran stößt ein großes leeres Vorzimmer.«
»Es ist der Weg, aus dem die Drei in jener Nacht gekommen sein müssen und zu dessen Thür der König jenem Weibe den Schlüssel gab« murmelte der Graf. »Wie der Pfaffe erzählt, hätte sie ihn trotz des Gebots des Königs aufbewahrt. Er zeigte ihn mir, um die Wahrheit ihrer Beichte zu beweisen.«
»Was sagten Sie, Señor Conde?«
»Nichts Kind - ich überlegte nur, wo die Wohnung der Herzogin wohl sein könne?«
»Hier Señor. Gleich neben dem Vorzimmer, von dem ich sprach, - ein Entrée, das mir zum Schlafen dient, ein Salon und das Schlafzimmer der Herzogin.«
»Aber wie zu Dir kommen?«
»Nichts leichter als das! - Sehen Sie doch - hier ist die Treppe, die zu den Corridoren führt, an denen die Staatsgemächer und die Gemächer der Königin liegen; die andere von dort führt hinab in den zweiten Hof.«
»Dann müßte der untere Corridor auf dieselbe Treppe stoßen, auf welcher man zu dem gewöhnlichen Eingang des Archivs und zur Wohnung des Archivars hinaufsteigt?«
»Ciertamente! - Sieh - da wissen Sie ja schon Bescheid!«
»Ich habe einmal bei dem Archivar zu thun gehabt und ein ziemliches Gedächtniß für Lokalitäten. - Aber das beseitigt die Schwierigkeiten noch nicht. Ich könnte
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im besten Fall doch nur sehr spät kommen, und - so viel ich weiß, darf mit dem Glockenschlag zehn Uhr Niemand mehr das Innere des Schlosses betreten, ohne bei dem Offizier der Wache gemeldet zu sein.«
»Oder die Karte zu haben - da, sehen Sie her! ich habe sie zufällig bei mir, aber ich brauche sie niemals, ich bin als die Camarera Ihrer Gnaden bekannt genug.«
Sie kramte aus ihrer Tasche verschiedene Kleinigkeiten, darunter eine flache Elfenbeintafel, auf welche das königliche Wappen und die Worte »cartas de pasar« eingebrannt waren.
»Und mit diesem Ausweis passirt man alle Wachen?«
»Ohne Zweifel. Einem Caballero wie Sie kann es ohnehin nicht schwer werden - es ist nur für den Nothfall. Sie können sie gleich behalten.«
»Aber - merke wohl, - ich kann erst spät kommen, und - Du mußt mir gestatten, zuerst bei Dir einzutreten.«
»Oh Sie Verräther - das müssen Sie ohnehin! Ich darf also Ihrer Gnaden versprechen?«
»Nichts! Wenn es geht, will ich sie überraschen. Du siehst, ich habe auch meine Launen. Da - nimm, zu einem Rebozo für Dich! - Wenn es mir gelingt, mich von meinen Freunden morgen loszureißen und Dir einen Besuch abzustatten, werde ich zwei Mal an Deine Thür kratzen!«
»Einverstanden und meinen Dank für Euer Gnaden Großmuth!« Sie versuchte ihm die Hand zu küssen, aber
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er küßte sie auf den Mund. Dann rief er Mauro und ließ sie durch ihn zur Straße geleiten.
»Bei allen Gottern der Ober- und Unterwelt,« lachte der Graf, als er allein war, - »ich fange an, mich zu den Glückskindern zu zählen. Die Gelegenheit läuft mir noch günstiger zu, als ich sie selbst gewünscht habe. Vierundzwanzig Stunden könnten ohnehin selbst für Seespinne zu viel werden - während er die zwölf leicht vertragen kann! - Rufen wir den Doktor!«
Er ging nach der Thür und öffnete. »Doktor Ruiz! darf ich bitten!«
Der jüdische Journalist erhob sich geschwind aus der sehr amerikanischen Stellung, die er auf drei Sesseln eingenommen, und eilte auf seinen Gönner zu, der es nicht der Mühe werth hielt, sich über die Verzögerung anders zu entschuldigen, als daß er sagte: »Damen gehen vor, Doktor! Dort steht eine Flasche Madeira und Portwein - langen Sie zu, wenn's Ihnen gefällig ist.«
Der Journalist ließ es sich nicht zwei Mal sagen, und um kein Gewächs zu beleidigen, schenkte er sich von beiden Sorten ein großes Glas ein und trank sie abwechselnd.
»Euer Excellenza haben mich rufen lassen. Haben Euer Gnaden vielleicht einige Aktionaire für die >Democracia »Nichts da! - Es handelt sich um Ihre Freunde, die Ceñadores! Wie weit sind Sie damit?«
»Sie sind jeden Augenblick zu einem Pronunciamento
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bereit. Aber Señor Conde - die Kerle trinken unmenschlich viel!«
»Ich verstehe! Die hundert Napoleons, die ich Ihnen gegeben habe, sind ausgegeben.«
»Rein fort - bis auf den letzten Real!«
Der Graf nahm eine Rolle aus einem Schreibfach seines Schreibtisches. »Hier sind weitere hundert,« sagte er. »Wenn ich dafür morgen Abend einen solennen Scandal auf der Puerta del Sol habe, stehen Ihnen am Donnerstag die dritten Hundert zu Diensten.«
»Könnten Euer Excellenza sie mir nicht lieber gleich geben - Sie hatten die Güte, fünfhundert auszusetzen.«
Don Juan lachte. »Sie sollen die dritten Hundert haben - mit dem Rest gehe ich lieber sicher! Ich drehe den Satz: »Kein Geld, keine Schweizer!« um, und sage: Kein Putsch, kein Geld!«
»Und welche Tendenz befehlen Euer Excellenza? Ich kann Sie versichern, es sind verzweifelte Bursche darunter.«
»Meinetwegen schreien Sie Espartero aus, meinetwegen Don Carlos oder die sociale Republik. Das ist mir gleichgültig. Es handelt sich darum, die Guardia und das Militair für die Nacht zu beschäftigen. Dann mag die Kanaille zum Teufel gehn, wenn sie sich nicht füsiliren lassen will.«
»Wie Sie befehlen - das stimmt auch mit meinen Ueberzeugungen überein. Also: allgemeine Unzufriedenheit! - Ich werde einige Fahnen anfertigen lassen, etwa mit der Inschrift: >Das Volk hungert!< oder: >Nieder mit den Blutsaugern!< Das ist allgemein und verpflichtet zu
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Nichts. Es könnte auch ein Transparent nicht schaden: >Fort mit der Pfaffenwirthschaft!< - Haben Euer Excellenza eine bestimmte Zeit?«
»Gewiß! Sie dürfen mir unsere Corrida nicht stören. Ich dächte, es wäre eine passende Gelegenheit, wenn Ihre Majestät aus dem Circus zurückkehrt und die Puerta passirt. Nur verbitte ich mir ernstlich, daß der Königin eine persönliche Beleidigung oder gar ein Leid zugefügt wird.«
»Ich werde dafür sorgen, daß der königliche Wagen ungehindert passirt. - Soll man Barrikaden bauen? Es würde allerdings kostspieliger sein!«
»Nichts von Alledem - ich wiederhole Ihnen, es handelt sich bloß darum, die ganze Guardia nach der Puerta und den südlichen Straßen zu ziehen und dort festzuhalten. Mischt sich das Militair ein, so ist das seine Sache. Sie müssen der ganzen Sache den Anstrich einer Demonstration der Armuth gegen den Luxus und die Aristokratie geben, die morgen durch die Corrida in dem Circus repräsentirt sein werden.«
»Aber Euer Excellenza sind ja, wie ich höre, selbst einer der Entrepreneurs?«
»Geht Sie das was an? Sie kennen jetzt Ihre Aufgabe! Ein paar Artikel morgen in den Zeitungen über die Vergeudung hoher Summen zur Belustigung des Hofes und der Aristokratie, während das Volk darbt, können die Sache einleiten. Vielleicht dabei einige Anspielungen auf geheime Amüsements der Höchsten Personen unter'm Schutzmantel der Kirche.«
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»Ich werde sie noch diese Nacht schreiben. Wann sehe ich Sie wieder, amigo?«
Er hatte sich zum dritten Mal die Gläser gefüllt. »Es ist wahr, das Volk hungert, die Genußsucht der Aristokraten ist im Steigen! Man muß etwas für die Armuth thun!« Er beäugelte den Rubin des Weines gegen das Licht. »Also - wann sehe ich Sie wieder, amigo?«
Der Graf hätte ihm am Liebsten mit einem Fußtritt für die Vertraulichkeit geantwortet. »Wenn Sie Ihre Bezahlung holen! - Und nun, Señor Don Ruiz, ich glaube, Sie werden noch Viel zu thun haben. Hier ist das Geld!«
»Gewiß, gewiß! Ich danke Ihnen, Señor Conde, und empfehle mich und die >Democracia< Ihrem ferneren Wohlwollen. Sie sollen Ihre Freude morgen haben.«
Er streckte die Hand zum Abschied aus, aber Lerida drehte ihm den Rücken und that, als ob er es nicht sähe. Der Journalist hatte die Thür bereits halb geschlossen, als er den Kopf noch ein Mal in's Zimmer steckte.
»Haben Euer Excellenza nicht vielleicht für mich ein Billet zu der morgenden Vorstellung?«
»Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie würden es doch nur verkaufen und gehören überdies auf die Puerta.«
Der letzte, sehr unzweideutige Wink überzeugte den Literaten und er verschwand. Mauro trat wieder ein.
»Du wirst um 9 Uhr morgen früh mir den Cura herbei schaffen, befahl der Graf. Dann sorge, daß der Wagen an der Ecke der Casa della Moneda zur bestimmten Stunde bereit steht. Morgen früh erhäl[t]st Du
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meine letzten Instructionen für den Weg. - Jetzt laß uns Seespinne erlösen und sehen wie er es ausgehalten hat.«
Der griechische Diener nahm einen Armleuchter und ging in's verdunkelte Nebenzimmer voraus, wo er die Kiste in besonderer Weise schüttelte. Sogleich wurde von Innen die Seitenwand geöffnet und der taubstumme Knabe kroch ganz vergnüglich heraus, dehnte die verzerrten Gliedmaßen und suchte durch allerlei Grimassen seinem Herrn zu zeigen, daß er sich ganz gut in dem engen Raum befunden habe.
»Es geht!« sagte der Graf. »Nimm ihn mit Dir und laß ihn schlafen, bis seine Zeit kommt. Um Mittag treffen die Träger der Kiste mich im Archiv. - Jetzt Mauro, laß uns Kräfte sammeln für morgen!«


Es war ein prächtiger Tag, der Mittwoch vor San Antonio, der zu der Corrida der jungen Caballeros der hohen Gesellschaft von Madrid bestimmt war, etwas frisch, aber sonnig und heiter, kein Wölkchen am Himmel, das für den Nachmittag und Abend eine Ungunst des Wetters drohte.
Don Juan war einige Zeit in seinem Kabinet eingeschlossen geblieben, alle Vorbereitungen zu treffen, nachdem er die Nachricht empfangen hatte, daß die Thiere richtig während der Nacht eingetroffen und bereits in den Ställen des Circus untergebracht worden wären.
Fortwährend gingen und kamen Boten, den Fortgang
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der Vorbereitungen berichtend. Auch der Cura hatte seine Instruktionen erhalten, nachdem er den unter einem plausiblen Vorwand ihm abgeforderten Schlüssel aus dem Nachlaß seines Beichtkindes in die Hände des Grafen niedergelegt hatte. Dieser kündigte ihm an, daß er am Abend die Stelle des nach alter Sitte allen Stiergefechten in besonderem Raum beiwohnenden Geistlichen zu vertreten haben werde, der die Aufgabe hat, im Fall eines Unglücks dem tödtlich Verwundeten die Sterbe-Sacramente zu reichen. Bis dahin wurde ihm verboten, das Haus des Grafen zu verlassen.
Um die Mittagsstunde fand dieser sich beim Archivar ein, und als er kurze Zeit mit ihm über Allerlei gesprochen und ihm das Billet zum Besuch der Corrida übergeben, wurde von zwei stämmigen Trägern der Koffer mit den Büchern gebracht. Auf den Wunsch des Grafen ließ Don Rafaël die Kiste, die er mit sehnsüchtigen Augen betrachtete, in die Räume des Hausarchivs bringen und Don Juan verabredete mit ihm, daß sie am nächsten Vormittag die bibliophilen Schätze gemeinsam untersuchen wollten. Er überzeugte sich dabei nochmals von dem Umstand, daß der Ausgang nach der andern Seite nur in gewöhnlicher Weise verschlossen war, für alle weiteren Fälle hatte der Zwerg seine Instruktionen.
Schon während des Tages machte sich eine ungewöhnliche Bewegung in den Straßen und auf den Hauptplätzen des Verkehrs bemerklich, doch ließ sich diese Erscheinung leicht auf das zum Abend bevorstehende nationale Schauspiel zurückführen. Die Fäden waren so geschickt gelegt,
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daß nur Wenige wissen konnten, welche anderen Ereignisse damit verbunden werden sollten.
So war der Nachmittag herangekommen, - die beiden Espada's hatten den Raum des Circus und die Thiere auf das Sorgfältigste inspicirt. Mit der Ausschmückung waren Handwerker und Dekorateure noch bis zum letzten Augenblick beschäftigt, und in der That waren keine Kosten gespart worden.
Um 5 Uhr war das Rendezvous der Afficionado's, um 6 Uhr erwartete man die Auffahrt des Hofes und damit den Beginn des Festes. Das Wetter war überaus angenehm geblieben, der Thermometer hatte um Mittag sogar 10 Grad Wärme gezeigt
Schon am Nachmittag war die Puerta del Sol und die Calle de Alcala, welche von dort über den Salon del Prado, über den Platz der Fontaine de Cibeles und die Calle del Posito direct zum Alcala-Thor und von da zur Ronda gleichen Namens führt, an der die Eingänge zum Circus liegen, mit Menschenwogen gefüllt. Auffallend blieb es dem ruhigen Beobachter aber allerdings, daß die Stimmung sehr gemischt erschien, und während von der einen Seite die Equipagen der anfahrenden Cavaliere und später die der geladenen Gäste mit Jubel und Vivas begrüßt wurden, von der anderen Seite sich Zischen und andere Zeichen der Unzufriedenheit bemerklich machten. Der Umstand, daß das National-Schauspiel heute exclusiv und das eigentliche Volk davon ausgeschlossen war, mochte diese Stimmung erhöhen, um die sich freilich die Caballeros wenig kümmerten.
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Don Juan hatte seine persönlichen Vorbereitungen getroffen. Er wollte das Kostüm der Quadrilla erst in dem Circus selbst anlegen und hatte zu seiner Garderobe das Zimmer des Padre bestimmt. Dorthin hatte Mauro die Anzüge gebracht, ein anderer Diener die Leibpferde geführt, die er reiten wollte. Zuerst prüfte er nochmals die beiden kurzen Revolver, die er bei seinen abenteuerlichen Fahrten zu brauchen pflegte, zog unter dem Hemd ein kurzes, überaus fein gearbeitetes, mit Flanell gefüttertes Panzerhemd, das nur Brust und Rücken deckte, auf den bloßen Leib und prüfte die lange Klinge des toledanischen Dolches. Die anderen Waffen waren Sache des Espada.
Der Diener meldete, daß der offene Wagen des Grafen vor der Thür halte. Don Juan steckte ein gut mit Banknoten gefülltes Taschenbuch und eine Börse mit Gold zu sich, und ließ seine Begleitung rufen. Einige Augenblicke darauf rollte der Wagen durch die Toledo-Straße, der Plaza Mayor und der Puerta del Sol zu.
Don Juan, obschon er sich stets nur vorübergehend in Madrid aufgehalten, war ein durch seine Eleganz, seinen Reichthum und seine Extravaganzen, sowie neuerdings als einer der Führer der Corrida der Afficionados unter dem Publikum bekannte und beliebte Persönlichkeit, und als er auf der Puerta erschien und Viele ihn erkannten, wurde er mit Applaus begrüßt. Der dicke Cura saß neben ihm, Señor Redondo hatte den Rücksitz eingenommen.
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Der Wagen wandte sich durch das Gedränge langsam dem Eingang der Alcala-Straße zu.
Plötzlich, in Mitten der wohlwollenden und erneuerten Begrüßungen, die ihm den Sieg wünschten, erhob sich eine donnernde Stimme mit dem Ruf:
»Nieder mit den Aristokraten, va el pueblo!«
Man wandte sich mit Zeichen der Mißbilligung gegen den Rufer - einen riesigen galizischen Wasserträger in zerlumpter Kleidung, und Stöcke und Hände erhoben sich aus der Menge.
Der Graf gebot dem Kutscher zu halten und erhob sich im Wagen.
»Chiton! Paso!« rief es durch die Menge. »Der Caballero will reden!«
»Caballero's und Señora's!« sagte der Abenteurer, »ich bitte Sie um Vergebung, daß mein Vater und der Wille Gottes mich, wie jener Señor mir vorwirft, zu einem Aristokraten gemacht hat, was nur in Beziehung auf äußere Lebensstellung, aber sicher nicht in Betreff meiner Gesinnung der Fall ist. Ich bin auf dem Wege, die Ehre des spanischen Degens mit dieser meiner Hand zu vertheidigen. Ich bitte Sie daher Caballero's, mir Ihre freundlichen Wünsche mit auf den Weg zu geben, und Sie, liebenswürdige Señora's und Señorita's, mich in Ihr Gebet einzuschließen. Wenn Sie mich sonst einer Belohnung für würdig halten - meine Adresse ist bekannt und ich pflege nie ein Rendezvous zu versäumen. Und da ich nicht die Ehre haben kann, Sie sämmtlich zu unserer Corrida einzuladen - ich versichere Sie auf die
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Ehre eines Caballero und Viejo Christiano: nur des Raumes wegen! - so erlaube ich mir, in meinem und meiner Freunde Namen wenigstens einige Dutzend Billets zu Ihrer eigenen Vertheilung zu stellen!«
Darauf streute er ein Packet zu diesem Zweck reservirter Billets zu den untersten Plätzen hinter dem Wagen in kräftigem Wurf unter die Menge.
Die Handlung war ebenso toll als unverschämt, und in der That nur von einem Manne von dem Uebermuth und der Rücksichtslosigkeit des Abenteurers zu erwarten, aber sie erfüllte vollkommen ihren Zweck. Die Opposition war im Augenblick besiegt, und während ein wirrer schreiender Knäuel sich um die Billets drängte und schlug, aus dem selbst zeternde Frauenstimmen laut wurden, brach ein donnernder Applaus und ein nicht endendes Viva! aus der Menge, die Straße öffnete sich, da Alles nach hinten drängte, und der Wagen fuhr mit den lachenden Insassen davon.
Vor dem Portal des Circus oder des Plaza de Toros brannten riesige Flambeaux - ein halbes Dutzend der berittenen Guardia hielt die Auffahrt frei und bereits begannen von mehreren Seiten die Equipagen heran zu rollen, welche die Gäste des originellen Festes herbeiführten.
Die Einrichtung des spanischen Stier-Circus - den jede größere Stadt noch heute besitzt - ist ziemlich bei allen diesen Gebäuden die nämliche und gleicht im Ganzen der der altrömischen Arenen, wie wir sie noch in den gewaltigen Trümmern von Rom, Verona und zahlreichen andern Städten der römischen Weltherrschaft bewundern.
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Nur ist der spanische Circo kreisrund, meist ein ziemlich kläglicher und gefährlicher Bau, in den oberen Etagen von bloßem Holzwerk, und nur einzelne Städte, wie namentlich Sevilla, erfreuen sich eines massiven Amphitheaters. Selbst das von Madrid, obschon sehr geräumig, ist nicht viel besser.
Wir müssen einige Worte der allgemeinen inneren Einrichtung widmen.
Die Arena, das heißt der wirkliche runde innere und aus festem Erdreich bestehende Kampfraum ist mit einer über sechs Fuß hohen Holzwand umgeben, hinter welcher ein Gang von etwa 6 bis 8 Fuß Breite läuft, dessen Podium etwas höher liegt als die Arena. Hinter diesem Gange beginnen die Zuschauerplätze, die erste Reihe schon etwas höher als die Holzwand der inneren Arena, damit man bequem über diese wegsehen kann, und steigen in fünfzehn bis sechszehn Stufenreihen nach rückwärts in die Höhe, so daß man von jeder Reihe, also von jedem Platz über die Köpfe der Vorsitzenden hinwegsehen kann. Die Sitzreihen sind einfach von Holz ohne Rücklehne, waren aber zu Ehren des Tages mit Teppichen oder Stoffen belegt, und während sie so dicht hintereinander sind, daß nach alter Sitte der Vordermann zwischen den Füßen und Knieen seines Hintermanns Platz findet, fiel diesmal des vornehmeren Publikums halber stets eine Mittelreihe aus, so daß hierdurch bequemere Sitzplätze erzielt worden waren. Wo die Sitzplätze aufhören, kommen zwei oder drei bedeckte Stufenreihen und über diesen die bequem eingerichteten Logen, neben welchen die gesuchtesten Plätze
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sich befinden. Der prächtig von dem großen königlichen Wappen von Spanien: den drei gespitzten Thürmen von Kastilien im rothen Felde und dem gekrönten rothen Löwen von Leon im Silberfeld mit dem Mittelschild der Bourbonen, den drei goldenen Lilien in Blau - überragten Loge der Königin zur Linken befand sich die Tribüne der Militair-Musik - rechts das Thor, durch welches die Quadrilla ihren Einzug hält, gegenüber der Loge das kleine Thor zum Zwinger der Stiere.
Mit dem Laub der immergrünen Eichen und der Nadelhölzer umwickelte Säulen rings um die Barrière trugen große Gas-Candelaber, während überall, wo sich das zweckmäßig anbringen ließ, Lampen und bunte Papierlaternen stammten, so daß in der That die glänzende Beleuchtung das Tageslicht ersetzte und einen prächtigen Anblick des weiten Raumes gewährte. Mit Grün, bunten Stoffen, fliegenden Wimpeln und den Wappen der spanischen Provinzen war ringsum die Estrade der ersten Sitzreihe geschmückt. Da sah man die Ketten von Navarra neben der Krone von Toledo, die drei blauen Streifen von Aragon, den geöffneten Granatapfel von Granada neben dem gefesteten Thor von Valencia, die orei rothen Querstreifen von Cordova im silbernen Schild und den schrägrechten Balken über den vier blauen von Majorca, das quadrirte Schild Cataloniens, die zwei biscayischen Wölfe neben den fünf Kronen Murcias und den Mohren- und Königsköpfen von Algarbien, den Königsthron von Sevilla und die kreuzumgebene Monstranz Galiciens. Ein reicher Thronhimmel deckte die königliche
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Loge, in die besondere Zugänge führten. Für die Unterhaltung der Gäste sorgten zwei Musikchöre der Garnison und reiche Büffets, deren Erfrischungen von Dienern im Kostüm der beiden Quadrillen umhergereicht wurden.
Um 6 Uhr waren alle Plätze im Innern des Circus bereits besetzt bis auf die Loge der Königin; die Minister, die obersten Behörden des Staats, die Generalitäten, das Ayuntamiento, die Grandezza, die Gesandtschaften, das Offiziercorps, die Mitglieder der Cortes, kurz was irgend zur vornehmen oder reichen Gesellschaft von Madrid gehörte, war zugegen und die wenigen bürgerlichen Kostüme, die sich zwischen den Uniformen und glänzenden, nicht einmal durch die Furcht vor Erkältung beschränkten Toiletten verloren, machten den Eindruck der Scheu und einer gewissen Unbehaglichkeit. Die vornehme Damenwelt von Madrid war überreich vertreten und das Rauschen der Fächer, der Glanz der Diamanten und Juwelen in dem flackernden Schein der Gasstammen gaben den Eindruck eines Zaubermärchens aus Tausend und einer Nacht, oder eines jener glänzenden Tourniere und Stiergefechte, wie sie einst die Kalifen auf der Bivarrambla von Granada hielten, und bei denen das Blut der tapferen Abenceragen und Zegris und ihrer Freunde, der Almoradi und Vanega, der Gomelen und Monza's sich mischte.
Drei Böllerschüsse der aufmerksamen Posten vor dem Zugang des Stierplatzes verkündeten das Nahen der Königin, die mit ihrem gewöhnlichen prächtigen Cortège erschien und am Eingang des Circus von den Veranstaltern des Festes an der Spitze der beiden Quadrilla's empfangen wurde.
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Die Königin, von dem Herzog von Baylen, dem Majordomo major, dem Oberkammerherrn Grafen von Altamira und der Herzogin-Wittwe von Alba, Camarera-Major des Palastes begleitet, schien sehr guter Laune.
»Wie Sie sehen, Señores,« sagte sie zu dem Vicomte Dijeon, der das prächtige Kostüm des Prinzen Muza mit dem blauen Federbusch der Abenceragen trug, »habe ich mich weder durch die Kirche noch durch die Politik abhalten lassen, Ihr Fest zu besuchen. Die Eine ist glücklicher Weise durch das Gesetz zurückgehalten, das den Klerikern bei schwerer Strafe verbietet, den Circus zu betreten, und den Andern, der die edle Kunst wenig liebt, habe ich nach Hause geschickt, als er mir einen langweiligen Vortrag über die Anträge der Cortes halten wollte. Nur der König wird nicht lange auf Ihrem Fest verweilen können, da er sich unwohl befindet, obwohl er darauf bestanden hat, Ihnen wenigstens seinen guten Willen zu beweisen. Viva de Dios! Kinder, Ihr habt ja Alles prächtig eingerichtet - ich könnte nicht die Hälfte so viel Geld für mein Vergnügen ausgeben bei dem jämmerlichen Stande der Staatskassen. Wenigstens schreit mir Salaverria täglich die Ohren davon voll, obschon seine Frau die schönsten Rubinen in ganz Spanien trägt - die alte eitle Hexe!« setzte sie leise hinzu.
Ein Lächeln zuckte um den Mund des schönen Franzosen - es war eine bekannte Sache, daß der Minister der Finanzen, Don Pedro Salaverria, ein großer Freund der Engländer war.
»Euer Majestät Unterthanen und Verehrer,« sagte
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der Graf von Lerida, der das Kostüm aus der Zeit Philipp IV. trug, wie es die zahlreichen Bilder dieses Königs von seinem Hofmaler Velasquez zeigen, »können ihre Mittel nicht besser anwenden, als zu Eurer Majestät Erholung von den schweren Sorgen der Regierung!«
»Hör' auf, Herr Schelm - ich habe Dir schon gesagt, daß ich mich mit Dir nicht in Wortgefechte einlassen will,« sagte die Königin vorwärts gehend und ihn mit einem gewissen Wohlgefallen betrachtend. »Veramente - Du siehst ganz nett aus bis auf den wahren Bänderladen, den Du da auf der Achsel trägst!«
»Da mir der Respekt nicht erlaubt, die schönste Farbe zu tragen, wollte ich wenigstens keine andere Dame beleidigen.«
»Und welche hältst Du denn eigentlich für die schönste?«
»Isabella, my[mi] Señora!«
»Na - dann begnüge Dich mit den anderen,« sagte trocken die Königin, »und sieh zu, daß sie Dir die Augen nicht auskratzen. Uebrigens nimm Dich in Acht, mein Intendant, Señor Marfori, ist wüthend auf Dich und hängt Dir sicher bei Gelegenheit Eins an.«
»Der Herr Palast-Intendant ist undankbar!«
»Warum?«
»Señor Marfori wünschte an der Corrida der Caballero's der Gesellschaft zu Ehren von My[Mi] Señora Theil zu nehmen, wir konnten doch aber unmöglich zugeben, daß am Ende ein paar Hörner in dem Haushalt Ihrer Majestät Unglück angerichtet hätten!«
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Der Vicomte Digeon blieb erschrocken stehn und die Farbe des Königs, der neben der Königin ging, wurde aus dem gewöhnlichen Fahl fast grün vor Wuth über die kolossale Unverschämtheit dieser offenbaren Anspielung, denn es war wohl kein Mensch in Madrid, der nicht gewußt hätte, welche Bedeutung das Wortspiel des cornudador1 gerade hier hatte. Die Königin allein, die keine Gelegenheit vorbeiließ, ihren Gemahl zu verhöhnen, lachte, indem sie sich zu dem Palast-Intendanten wandte, der sich in dem Gefolge befand.
»Viva de Dios! Du siehst, Excellenza, wie gut es der Señor Conde mit unserem königlichen Haushalt meint; ich empfehle Dir also, Frieden mit ihm zu schließen. Und nun, Caballero's, will ich Sie nicht länger Ihrer Aufgabe entziehen.«
Sie neigte vornehm das Haupt und nahm den Arm des unglücklichen Königs, um mit ihm in die Loge zu treten.
Die beiden Führer der Quadrilla's eilten zurück zu ihrer Gesellschaft. »Ich hätte Sie auf der Stelle nach Ceuta geschickt,« sagte lachend der Vicomte. »Sie hätten den Giftblick sehen sollen, den Ihnen der würdige Neffe des Herrn Narvaez zuwarf!«
»Es würde mir Vergnügen machen, einmal von dort zu entspringen! - Und nun - meine Maske, Mauro - und zu Rosse meine Herrn! Der erste Akt beginnt.«
Die Königin, die in der Hof-Loge bereits ihre
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Schwester, die Herzogin von Mon[t]pensier und den Infanten Don Sebastian traf, war bei ihrem Erscheinen durch das Erheben der Versammlung und den Tusch der Musik begrüßt worden. In dem Augenblick, wo sie sich an der Brüstung der Loge niederließ, flogen die Thorflügel des Eingangs zur Rechten auf, und die Quadrilla hielt ihren Einzug.
Eine Trompeten-Fanfare schmetterte, dann erschien zuerst - denn man hatte in recht glücklicher und geschickter Weise unter der Leitung der beiden berühmten Espada's die alten unumstößlichen Gebräuche der Stiergefechte mit dem Programm des beabsichtigten modernen Caroussels vereinigt, - die jede Vorstellung eröffnenden zwei Alguacils zu Pferde in alter Amtstracht, das heißt in schwarzen Sammetkleidern mit der großen weißen Halskrause, in welcher die Köpfe wie auf einer Präsentirschüssel steckten. Hinter den Alguacils kam in mittelalterlicher Heroldstracht, den Arm in die Seite gestemmt, Señor Pucheta, der berühmte Espada der Königin mit stolz erhobenem Haupt. Es hatte viele Mühe gekostet, den eingebildeten Mann zu überreden, dies Kostüm statt der gewöhnlichen Majo-Tracht der Matadore zu tragen, und nur die Drohung, sich an einen seiner Rivalen zu wenden, der weniger Eigensinn bekunden würde, sich dem Charakter des Festes zu fügen, hatte ihn endlich vermocht, das ungewohnte Kostüm anzulegen, das übrigens sehr bequem seine beginnende Neigung zur Korpulenz verdeckte.
Ein lautes Klingen und Pauken drang in die Arena. Hinter dem Herold kam ein berittenes Corps von acht
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türkischen Musikern, die mit Cymbeln und Pauken, Triangel und Halbmond einen wilden phantastischen Marsch executirten. Dann flog mit einem prächtigen Satz auf schönem andalusischen Schimmel der Mauren-Prinz Muza in die Arena, die wohl 16 Fuß lange Lanze mit der scharfen Stahlspitze schwingend.
Ihm folgten die acht Picadores der Quadrilla gleichfalls in saracenischer Tracht, vier als Abenceragen, vier als Zegris gekleidet.
Man hatte der Quadrilla, an der ausschließlich die fremden Cavaliere, das heißt die jüngeren Mitglieder der fremden Gesandtschaften und durch Rang und Reichthum ausgezeichnete Fremde sowie mehrere reiche junge Mexikaner und Havanesen Theil nahmen, die Beschreibung des arabischen Geschichtsschreibers Haben-Hamin zu Grunde gelegt.
Die Kleidung der vier Abenceragen war weiß oder silbern und blau, die Farben des berühmten Geschlechts; die der Zegris war grün und gold. Alle trugen prächtige Silberhelme mit wehenden Federbüschen, und der einzige Umstand, der an ihre gefährliche Aufgabe als Picadores erinnerte, war der vorn und hinten dick und zu einer förmlichen Brust- und Schenkelwehr aufgepolsterte Sattel. Hinter den Reitern kam wohl ein Duzend Fußgänger, die Chulos oder Banderilleros in der gleichen Tracht oder dem andalusischen Majo-Kostüm, welches durch seine knappe, allen Bewegungen des Körpers sich anschließende Form sich weit besser zu dem gefährlichen Spiel eignet.
Der Chulo und Banderillero, und ebenso der Espada,
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sie tragen übereinstimmend und nur durch die Aufgaben unterschieden die kurze runde andalusische Jacke von Seide oder feinem Tuch, darunter die enganliegende Atlasweste, reich mit Knöpfen oder Goldstickerei verziert, in beiden Taschen weiße oder bunte Sacktücher, deren Enden herausflattern. Um den Leib ist eine dünne seidene Schärpe gewunden, die das eng anliegende kurze Beinkleid, gleichfalls von feinem Tuch oder Atlas und gewöhnlich von heller Farbe, festhält. Ein weißer oder fleischfarbener Seidenstrumpf und zierliche feine Schuhe vollenden den Anzug, dessen Nähte überall reich mit Stickereien und Flittern, sowie Weste und Jacke mit Unmassen von kleinen Knöpfen besetzt sind. Ein kleiner Haarbeutel mit Bandrosette bildet den Kopfputz des Torero. Die Farben der Kleidung sind nach Belieben des Trägers Roth, Violett, Weiß, Grau und Himmelblau.
Die Chulos tragen in der Hand weiße oder bunte Seidentücher, - die Banderilleros dagegen zweifußlange Pfeile mit eiserner Spitze und Widerhaken, die mit buntem flatterndem Papier umgeben sind.
Die Schaar der Fußkämpfer der Quadrilla des Vicomte Dijeon bestand nur zu einem kleinen Theil aus Afficionados, den größeren bildeten Toreros vom Fach, um in dem große Uebung, körperliche Gewandtheit und Sicherheit erfordernden Dienst die Señores Afficionados zu unterstützen.
Hinter den Chulos und Banderilleros erschienen in gleichem Kostüm mit ernster, unbeweglicher Miene zwei Espadas, der eine ein sogenannter Halbdegen, weil er
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noch ein Neuling in der edlen Kunst, der andere ein von Señor Pucheta empfohlener wohl bekannter und berühmter Matador. Beide trugen in der Linken den bekannten Stab mit dem rothen Tuch, das den Stier zum Ansprung zu reizen bestimmt ist, in der Rechten den etwa drei Fuß langen spitzen und scharfen Degen mit zollbreiter Klinge, dessen kleiner Griff und Bügel zum sicherern Halt der Hand mit rothem Tuch umwickelt ist. -
Jetzt schmetterten Trompeten vom Eingang her einen kriegerischen Marsch, die Erscheinung der zweiten Quadrilla verkündend.
Wiederum eröffnete als Herold in den Reichsfarben Señor Redondo den Zug, gefolgt von acht in gleiche Farben, Gelb und Roth, gekleideten Trompetern, die grauen breitrandigen und aufgeschlagenen Filzhüte mit einer langwallenden Feder geschmückt.
Auf einem schwarzen Berberroß ritt der Führer der Quadrilla mit seinen acht gleichgekleideten Caballeros in die Arena.
Sie trugen, wie bereits erwähnt, das kleidsame Kostüm aus der Zeit König Philipps IV. und Anna's von Oesterreich, die berühmte Tracht der Mousquetaire: den kurzen eng anschließenden gelben Waffenrock mit schwarzem Sammet rabattirt, die kaum das Knie bedeckende weite geschlitzte Hose von rothem Tuch und die hohen Reiterstiefeln von weichem braunem Leder; als Kopfbedeckung den grauen aufgeschlagenen Filzhut mit der rothen Feder. Auch sie führten statt des Schwertes die lange Lanze.
Die Schaar der Chulos und Banderilleros, die den
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Reitern folgten, war zwar in das gewöhnliche Kostüm derselben, aber in die Farben der Reiter gekleidet und der Umstand, daß die bei Weitem größere Hälfte, wie überhaupt die sämmtlichen Afficionados beider Quadrillas, die eng anschließende kleine Halblarve von schwarzer Seide trug, bewies - daß unter der Zahl nur wenig Leute von Fach waren, was durch den Umstand leicht erklärlich war, daß die Quadrilla ausschließlich von Spaniern gebildet wurde.
Hinter den Banderilleros folgte nur der Cachetero, der Mann, welcher bestimmt ist, mit einem kurzen dolchartigen Messer dem gefallenen Stier den Todesstoß zu geben. Ein Murmeln des Erstaunens und der Mißbilligung lief durch den weiten Raum, als man die zweite Quadrilla ohne Espada erscheinen sah. Der Aufzug wurde durch das übliche Gespann von drei mit bunten Geschirren, Glocken und Quasten ausgeputzten Maulthieren beschlossen, welche bestimmt sind, die gefallenen Thiere aus dem Circus zu schleifen.
In langsamem Tempo bewegte sich der Zug rechts um die ganze Arena an der Loge der Königin vorüber, die von den Reitern durch das Senken der Speere, von den Uebrigen durch tiefe Verneigung begrüßt wurde; aber in dem Augenblick nach dem Gruß sprang der Führer der zweiten Quadrilla von seinem schwarzen Roß, warf dem daneben gehenden Pagen die Zügel zu und empfing aus seiner Hand den Degen und das rothe Tuch, mit dem er sich an die Stelle des fehlenden Espada stellte und als solcher die Königin nochmals salutirte.
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Jetzt folgte dem früheren Erstaunen und Murren ein donnernder Beifall, der sich noch steigerte, als der Espada vor der Tribüne der Königin nicht nur den Federhut, sondern dabei auch die kleine schwarze Larve abnahm und das wohlbekannte Gesicht des Grafen von Lerida zeigte.
Die zärtliche Besorgniß übrigens, die früher das Herz mehr als einer dieser schönen Damen bei dem kecken Wagniß, als Espada aufzutreten, erfüllt hatte, war in dem eifersüchtigen Verdruß untergegangen, den schönen Don Juan nicht die eigene Farbe allein tragen zu sehen, wie sehr das kosmopolitische Mittel, alle Farben aufzustecken, auch den Humor der Männer und der Unbetheiligten erregen mochte.
Nachdem die beiden Quadrillas zwei Mal die Arena umzogen hatten, stellten sie sich einander gegenüber auf, die Maulthiere verließen das Innere, und Herolde, Trompeter und Fußkämpfer nahmen an den Seiten der Schranken unter der Tribüne der Königin und vor der Pforte der Toro's ihre Plätze.
Auf einen Wink der Herolde begannen die Militair-Orchester auf der Tribüne eine beliebte Quadrille und die Reiter führten eine jener equestrischen Darstellungen aus, die in den Manègen von Déan und Renz stets so viel Beifall finden.
Aber ein spanisches Publikum, selbst das vornehmste, dem ein Stiergefecht in Aussicht steht, ist für solche zahme Geschicklichkeiten weniger empfänglich, als ein solches in Deutschland oder Frankreich. Der Beifall war nur ein solcher der Höflichkeit.
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Mit der Verschlingung der Quadrille bildeten sich die Fronten der beiden Schaaren, die Reihen bewegten sich unter dem Marsch der Trompeter gegen die Loge der Königin und die beiden Herolde baten Ihre Majestät um die Erlaubniß zum Beginn des eigentlichen Schauspiels.
Der mit Bändern geschmückte auf seidenem Kissen der Majestät überreichte Schlüssel zu der Thür des Stierzwingers flog aus der Hand der Königin, und eine Trompeten-Fanfare mahnte alle Nichtbetheiligten, das Innere der Arena zu verlassen.
Nach dem Programm mußte das Gefecht seine besondere Abwechselung haben und bald von einer, bald von der anderen Quadrilla ausgeführt werden. Die der fremden Cavaliere machte den Anfang.
Es sollte eine der alten spanischen Stierhetzen aufgeführt werden, bei welcher einer oder mehrere der Reiter mit der Lanze den Stier angreifen, und ihn tödten oder so kampfunfähig zu machen suchen, daß der Cachetero nur die letzte Hand anzulegen braucht. Da es bei einem solchen Spiel natürlich weit mehr auf das Feuer und die Schnelligkeit der Pferde, sowie auf die Gewandtheit der Reiter ankommt, als dies bei der gewöhnlichen Kampfart der Picadores der Fall ist, konnte man natürlich auch jene alten und unglücklichen Rosinanten nicht brauchen, die von vornherein bestimmt sind, dem Blutdurst des Publikums Rechnung zu tragen, und deshalb von den Unternehmern der Corridas für möglichst geringen Preis unter den ausrangirten Cavalerie- oder Luxuspferden angekauft werden.
Schon der Werth der Pferde und nicht bloß die
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Sicherheit der Reiter hatte deshalb den Kampf seitens des armen Stiers mit stumpfen Waffen, das heißt mit stark wattirten Lederkugeln oder hölzernen Scheiben auf den Spitzen der Hörner bedingt.
Die sämmtlichen Reiter bis auf vier der Zegri's und ihren Führer verließen jetzt die Arena und wie man an ihrem Erscheinen innerhalb des Raums zwischen den Los Tablas, wie die innere Schranke heißt, und der Zuschauer-Galerie bald ersehen konnte, die Sättel. Die Chulos und Banderillero's der ersten Quadrilla sprangen über die Schranken und das niedere Thor des Stierzwingers öffnete sich.
Unter dem Tusch der Musik trabte der erste Stier in die Arena.
Er war ein hochbeiniger etwas lang gestreckter Bursche von ziemlich trotzigem Aussehen und brauner Farbe, dessen Galle wahrscheinlich durch die Operation mit seinem Hauptschmuck sehr vermehrt worden war, denn er trug große dicke Lederkugeln auf seinen langen und breiten Hörnern.
»Geben Sie Acht, Señor Conde,« sagte der Espada seiner Quadrilla, der in dem Kleide des Herolds neben Don Juan hinter den Tablas stand, es ist zwar nur ein Novillo, aber der Bursche ist gana terceno!2 Sehen Sie - er hat Ihren Freund, den Señor Francese auf's Korn genommen.«
Man hörte ein Beifallklatschen ringsum, - der Stier hatte den Vicomte in's Auge gefaßt, der ihm grade
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gegenüber unter der Loge der Königin hielt, und stürzte mit gesenktem Kopf auf ihn zu.
Aber der Franzose war ein gewandter Reiter, ein Schenkeldruck machte sein vortreffliches Halbblut, dem, wie immer bei Stiergefechten, die Augen durch Klappen am Kopfzeug verschlossen waren, links abspringen, und ein tüchtiger Stoß der scharfen Lanze traf den Stier auf das rechte Blatt.
Ein Bravo belohnte den Reiter für das gewandte Manövre und nun begann ein tolles Jagen durch den Circus, der Stier hinter dem Vicomte hergaloppirend, während Blutspuren seinen Weg bezeichneten, und gegen seine Flanken anspringend die Picadores-Afficionados, die seine Weichen und Bugen mit ihren Lanzenstößen bearbeiteten. Mehrmals ließ das kräftige Thier von seinem ersten Gegner ab und wandte sich gegen einen anderen Feind, den es durch die Rundung jagte, aber immer wieder waren Reiter an seiner Seite und der Stier blutete bereits aus zwanzig Wunden, ehe es ihm gelang, einen seiner Feinde zu erreichen und mit einem kräftigen Stoß Roß und Reiter in den Sand zu werfen.
»Es ist der Señor, der mit Ihnen in der Posada war,« sagte gleichgültig der Espada zu Don Juan - »er hat noch zu wenig von unseren Stierkämpfen gesehen oder ist kein guter Reiter, sonst hätte er sich den Stier nicht an die linke Seite kommen lassen!«
»Señor Netschajeff hat, soviel ich gehört, unter den Kosacken am Kaukasus gedient und diese gelten als vortreffliche Reiter. Passen Sie auf, Señor Don Redondo,
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ich glaube, wir bekommen noch etwas Interessantes zu sehen. Da ist Herr von Netschajeff schon wieder im Sattel.«
In der That hatte sich der russische Attaché noch ehe einer der anderen Reiter oder einer der Fußkämpfer ihm zu Hilfe kommen konnte und während der jetzt noch wilder gewordene blutende Stier die ersteren verfolgte, von dem gestürzten Pferde losgemacht, und als dieses, ein sonst ganz kräftiges Thier, emporsprang, saß er bereits wieder im Sattel.
Die rasche und entschlossene Redressirung seines Unfalls, der anfangs ein Gelächter erregt, trug ihm zwar jetzt den Applaus der Damen ein, doch schien die Niederlage seine wilden Instincte aufgeregt zu haben. Da seine Lanze bei dem Sturz weit fortgeflogen war, zog er den zu dem Kostüm der Zegris gehörenden krummen Säbel, von dem Graf Lerida wußte, daß er eine eigene Waffe des Reiters war, die er aus dem Kaukasus mitgebracht, und mit einem lauten Schrei galoppirte er vorwärts an den Jagenden und Gejagten vorüber. Im nächsten Augenblick sah man ihn an der linken Seite des Büffels dahinsprengen, lang ausgestreckt auf dem Sattel liegen, ja von diesem fast herunter bis zur Erde gebogen und in demselben Moment, als der Stier den Kopf und die Hörner gegen ihn kehrte, einen Hieb oder Schnitt von unten herauf thun. Im gleichen Mommt schnellte er wieder in die Höhe, - der Stier aber hielt plötzlich im Lauf inne, ein gurgelnder Ton wurde gehört während ein breiter Strom von Blut aus dem Halse strömte und dann stürzte das Thier im Todeskampf schlagend zu Boden, - die Kehle
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war ihm von dem ächten Damascener Stahl mit dem bekannten, aber Wenigen wirklich vertrauten Hieb fast bis auf den Wirbelknochen durchschnitten.
So wenig nun auch dieser Ausgang und diese Kampfart dem Programm und den Gebräuchen bei der Tödtung des Stiers entsprach, so riß doch grade das Ungewohnte und das Entschlossene der Handlung das Publikum zu lautem Beifall, und der spanische Ruf Barbaro! der sich diesmal nicht auf den Stier, sondern auf den Reiter bezog, ließ sich selbst aus schönem Munde hören. Auch die Königin schien sehr befriedigt von diesem viel versprechenden Anfang des Schauspiels.
»Ich sagte es Ihnen gleich, Señor Don Redondo,« meinte der Graf, seine Cigarette wegwerfend, »dieser Russe scheint mir nicht der Mann, eine Beleidigung auf sich sitzen zu lassen, weder von einem Stier noch von einem Kaiser! Er würde Einen wie den Andern tödten!« Er legte die Hand auf die Barrière und sprang mit leichtem Schwung in die Arena.
Die Reiter der ersten Quadrilla, die Chulos und Banderillero's hatten sich um den Russen gesammelt. »Vraiment!« sagte der Vicomte, »Sie haben uns einige gute Lanzenstöße vorweggenommen, aber Sie haben unserer Quadrilla Ehre gemacht. Freund Lerida, Sie werden Mühe haben, Herrn von Netschajeff auszustechen!«
»Après vous!«
»Richtig, wir haben noch Nummer Zwei im Programm, aber das geht die Herren Cavaliere zu Fuß an.
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- Nun meine Herren, Ihre Majestät wird schon ungeduldig und bewegt den Fächer.«
Der Russe hatte sich zu Lerida gebeugt. »Bitte, begleiten Sie mich - ich fürchte, ich habe eine oder ein paar Rippen gebrochen bei dem vermaledeiten Sturz. Aber es braucht es Niemand zu wissen!«
Er hatte noch die Kraft, sein Pferd aus der Manège zu lenken, in welche jetzt von allen Seiten die Chulos und Banderillero's sich schwangen. Der zweite Stier sollte in portugiesischer Weise gehetzt, das heißt blos gefangen werden ohne die Zuziehung der Reiter.
Der Graf hatte den russischen Attaché bis zu dem Raum der Ställe begleitet - dort half er ihm aus dem Sattel.
»Können Sie einige Schritte gehen, oder soll ich Leute rufen? - Ah, da ist bereits Mauro! - Stütze den Herrn auf der anderen Seite!«
Ein lautes Händeklatschen aus dem Innern des Saals bewies, daß das Schauspiel wieder begonnen hatte.
»Wenn es nicht weit ist« sagte der Russe. »Aber ich fürchte, ich werde die Hilfe eines Wundarztes in Anspruch nehmen müssen, nur wünschte ich, daß man es nicht erfährt.«
»Dann hier herein!«
Der griechische Diener warf seinem Herrn einen besorgten Blick zu. Dieser schüttelte leicht den Kopf. »Herr von Netschajeff ist ein Mann von Ehre! Er wird die Güte haben, Nichts von Dem zu sagen, was er bemerkt.«
»Auf mein Wort!«
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Der Graf pochte an die Thür des kleinen Seitengebäudes, in dem sich das Zimmer zur Aufnahme des Geistlichen während der Stiergefechte und ein Raum zu ärztlicher Hilfeleistung bei Verwundungen befindet. »Oeffne Spitzbube, ich bin es!«
Die Thür zur Linken wurde aufgeriegelt, Fra Antonio, der dicke Cura, stand mit geröthetem Antlitz, eine Flasche in der Hand, dahinter. »Absolvo te!« murmelte er - »wo ist der arme Sünder, daß ich ihn die letzte Beichte höre? Es ist ein sündiges Vergnügen, die Leute so auf die Hörner eines wilden Thieres zu spießen!«
Herr von Netschajeff sah sich in dem Gemach um, - es war überaus einfach möblirt und durch eine spanische Wand abgetheilt. In der Ecke stand ein Altar mit einem Betschemel davor, an einer Seite ein Tisch mit zwei niedern Rohrsesseln ohne Lehne, an der andern Seite war der Eingang zu dem Gemach des Wundarztes. Die Thür stand offen und man sah das breite, mit Linnen bedeckte Rohrbett und auf dem Tisch allerlei vielversprechende Instrumente für einen Kranken.
An dem Tisch des Paters saß ein Caballero, - bei dessen Anblick Herr von Netschajeff unwillkührlich zurückfuhr und sich zur Seite wandte, seinen Führer anzuschauen. Der Mann am Tisch war ganz genau das Ebenbild des Grafen von Lerida, bis in die kleinsten Details des Anzuges - auch die Rosette der bunten Schleifen auf der linken Achsel fehlte nicht, und was unter der kleinen Halbmaske vom Gesicht zu sehen war, glich mit dem gleich
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gestutzten Bart vollkommen dem des Grafen. Zu den Füßen des Caballero lag ein großer Wolfshund, eines jener kräftigen und muthigen Thiere, welche man in den Pyrenäen zu der Jagd der Bären und Wölfe zieht.
»Bei der Ehre des Nichts - haben Sie Doppelgänger, Herr Graf?«
»Es könnte wohl sein! Doch erinnern Sie sich an das, um was ich gebeten. Wo ist der Wundarzt und sein Gehilfe?«
»Wo werden die Heiden anders sein, als hingelaufen zu dem abscheulichen Schauspiel. Die Neugierde ist ein großes Laster der Menschheit und hat schon vieles Unheil in die Welt gebracht!«
»Lange nicht so groß, wie der Trunk! Hab ich Euch nicht befohlen, dicker Weinschlauch, nüchtern zu bleiben auf Eurem Posten?«
»Bei der heiligen Madonna vom Montserrat, Señor Conde, was machen Sie für einen Lärmen wegen einer lumpigen Flasche Malaga, den die Herren Wundärzte dort auf den Tisch gestellt hatten. Es ist nicht mehr als billig, daß die heilige Kirche ihren Zehnten nimmt!«
»Doch nicht von dem Wein der Kranken! - Schenkt einen Becher ein für diesen Herrn, wenn Euer unersättlicher Schlund noch Etwas übrig gelassen hat!«
»Mit Etwas muß sich der Mensch doch beschäftigen,« brummte der Cura, der ziemlich mürrisch dem Befehl Folge leistete, »da dieser Señor stumm und taub zu sein scheint und keine Sylbe gesprochen hat, seit Señor Mauro ihn hierher brachte.«
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»Schweig!« - Der Graf hatte mit Mauro's Beistand den Russen auf das Bett gelegt. »Trinken Sie dies Glas Wein, Herr von Netschajeff - es wird Ihre Nerven stärken.«
Der große Hund hatte sich gleich nach dem Eintritt des Grafen und seiner Begleiter erhoben und war, einen Bogen um den Cura beschreibend, den er mit mißtrauischem Auge zu betrachten schien und der seinerseits auch keine besondere Freundschaft für das schöne Thier an den Tag legte, zu dem Grafen geschritten, an dessen Bein er die Schnauze rieb.
»Ruhig Negro, wir Beide kommen sogleich dran!« Er klopfte den glatten Kopf mit dem mächtigen Gebiß.
»Sie wollen einen Stier mit diesem prächtigen Wolfshund hetzen?« frug der Russe. »Also dies ist die unbenannte Nummer des Programms, die Sie sich vorbehalten haben?«
»Wie Sie sehen, will ich auch mein Impromptu haben, gerade wie Sie!«
»Dann wünsche ich Ihnen nur besseren Ausgang und bedauere blos, daß ich nicht zusehen kann. Aber wie zum Henker mache ich es, unbemerkt nach Hause zu kommen?«
Don Juan hatte den Verletzten so weit entkleidet, um die Seite untersuchen zu können. »Ich verstehe Einiges von der Heilkunde - so viel ich sehe, ist es nur eine starke Quetschung, doch ist es nöthig, daß sofort Compressen aufgelegt werden. Ich werde Ihnen ohne Aufsehen den Gehilfen des Doktors senden, indeß mein Diener für einen Wagen sorgt. Das Hôtel der russischen Gesandtschaft
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ist nicht weit, und der Gehilfe kann Sie dorthin begleiten. Ich würde es selbst thun, wenn ich nicht hier gebunden wäre!«
»Den Stier zu hetzen! Der Teufel hole die Mähre, die mich zu Fall brachte!«
Der Graf beugte sich zu ihm nieder. »Ich habe noch ein besseres Wild zu hetzen heute Abend!« sagte er leise.
»Das wäre!«
»Einen gekrönten Schelm! - Sie waren selbst zugegen, als das Wild sich stellte.«
»Shorte wos mi! Ich dachte es mir fast, daß das ganze Caroussel nur ein Deckmantel wäre. Nun gute Verrichtung! wann höre ich von Ihnen?«
»Noch diesen Abend - es wird mir vielleicht wünschenswerth sein, konstatiren zu können, daß Sie mich gesprochen haben.«
»Alles, was Sie wollen! Nur hetzen Sie tüchtig!«
Der Graf lachte. »Sorgen Sie nicht. Es giebt in Spanien sehr hohe Personen, die wenigstens verdienten, Skoptzen zu sein, die aber so wenig Lust dazu haben, wie Sie und ich! Also auf Wiedersehen und halten Sie sich ruhig, bis der Wundarzt kommt.«
Mauro war bereits nach einem Wagen gegangen, der Graf flüsterte seinem Ebenbild einige Worte zu, worauf sich der Mann erhob und hinter der spanischen Wand verschwand. Der Cura erhielt eine passende Warnung und dann verließ der Graf mit dem Hunde den Raum.
Im Circus hatte unterdeß das Spiel seinen Fortgang genommen. Man hatte dazu vorsichtig einen jener
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Stiere gewählt, die man claro - d. h. offen - und ohne Tücke nennt, denn die Aufgabe besteht darin, daß das Thier in den Ring gelassen, von den Chulos gereizt und geneckt und dann von ihnen und den Banderilleros mit den Händen eingefangen, festgemacht und in den Zwinger zurückgebracht wird. Diese Art des Kampfes ist freilich weniger gefährlich, erfordert aber viele Gewandtheit und Kraft, und giebt oft zu ziemlich burlesken Scenen Veranlassung, da das kräftige Thier, wenn alle seine Gegner sich angehangen und es besiegt zu haben glauben, sich losreißt und sie Alle in den Sand schleudert.
Da bei der Quadrilla des Vicomte Digeon, wie schon oben erwähnt, die Mehrzahl der Fußkämpfer aus Toreros von Fach bestand, die mit dem Widerstand des Thieres fertig zu werden verstanden und ihren Mäcenados, wo Gefahr entstand, zeitig zu Hilfe eilten, ging das Spiel zur großen Belustigung der Zuschauer und ohne ernstlichen Unfall vorüber, was sonst nicht immer der Fall ist.
Der Graf hatte den Gehilfen des Wundarztes zu dem Russen gesendet und ihm die nöthigen Instruktionen gegeben; für die Aussicht einer guten Belohnung thut ein spanischer Doktor Alles.
Während Lerida im äußeren Ring der Arena stand und Señor Redondo ihm noch einige Warnungen über den Charakter des Stiers gab, wurde ihm von einem Diener des Circus ein zierlich gefaltetes Billet überreicht. Er öffnete das duftende Papier, las lächelnd den Inhalt und steckte es sodann in die Brusttasche seines Waffenrockes.
Der Espada hatte den kleinen Vorgang mißbilligend
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bemerkt. »Verzeihen Sie mir Señor Conde,« sagte er, »wenn ich Euer Gnaden mir erlaube darauf aufmerksam zu machen, daß der Kampf, den Sie soeben bestehen wollen, kein leichter ist. Ein Torero darf, wenn er die Arena betreten hat, nur an seine Aufgabe denken und durch Nichts seine volle Aufmerksamkeit abwenden lassen. Der große Montes, mein Vorgänger und Landsmann, sagt in seinem Lehrbuch der edlen Tauromachie ausdrücklich: >Ein Toreador muß muthig und leicht gebaut, aber nicht tollkühn sein. Wer nicht kaltblütig und rasch wie der Blitz den rechten Augenblick zu benutzen weiß, endet früher oder später sein Leben auf den Hörnern des Stieres. Wem aber das Herz beim Kampf nicht schneller schlägt, als beim Billardspiel, wessen Auge rasch und ruhig die kleinsten Bewegungen des Thieres verfolgen und voraus errathen gelernt hat, der spielt noch im hohen Alter mit dem wüthendsten und gefährlichsten Stier, wie die Katze mit der Maus.< Nun wollte ich Euer Gnaden nur zu bemerken geben, daß diese traurige Leidenschaft, die man die Liebe zu nennen pflegt, die Nerven des Mannes sehr in Unruhe zu setzen und seine Aufmerksamkeit zu theilen pflegt, so daß ein verliebter Toreador immer nur ein halber Kämpfer zu sein pflegt.«
»Aus diesem Grunde,« sagte lächelnd der Graf, »habe ich es auch vorgezogen, keinen Gebrauch von den Diensten des Torero Gomez zu machen, den Sie mir empfohlen hatten. Ich habe mich überzeugt, daß der arme Bursche ein verliebter Narr ist!«
Der berühmte Espada zuckte die Achseln. »Es ist
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schade um ihn. Es wäre sicher Etwas aus ihm geworden, ich habe ihn stets gewarnt, aber dieses Zigeunerblut ist sehr verliebter Natur. Wahrscheinlich habe ich ihn auch deshalb seit mehreren Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil er irgend einem Frauenzimmer nachläuft.«
»Die Quadrilla geht zu Ende« sagte der Graf, »ich werde Sie sogleich verlassen müssen. Haben Sie mir noch Etwas zu sagen?«
Der alte Espada schien mit sich selbst zu kämpfen, dann legte er die Hand auf den Arm des Edelmanns.
»Señor Conde,« sagte er - »ich weiß nicht - ich habe ein gewisses Faible für Sie - Sie sind ein echter spanischer Caballero!«
»Sehr verbunden!«
»Sie haben darauf bestanden, daß der Toro mit scharfen Hörnern erscheint?!«
»Dieser und - wenn er mich nicht aufspießt, auch der Stier am Schluß, dem ich nach alter Sitte entgegentreten will, um die Ehre des spanischen Rufs zu wahren!«
»Eben deshalb, Señor, will ich für Sie Etwas thun, was ich meinem eigenen Bruder nicht thun würde, wenn er nicht Torero von Fach wäre.«
»Ich bitte darum. Sie erregen mein höchstes Interesse, Señor Don Redondo.«
»Ich habe Ihnen gesagt, daß der Stier, den Sie zu bekämpfen haben, nach meiner Beobachtung ein celoso3 ist.«
»Ich habe es mir gemerkt!«
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»Das war meine Pflicht! - Aber was ich Ihnen jetzt sage, das ist mein Geheimniß, was ich durch jahrelange Erfahrung erprobt, und was ich nicht verpflichtet bin, Jemandem zu sagen.«
»Es steht ganz in Ihrem Belieben!«
»Neigen Sie gefälligst Ihr Ohr zu meinem Mund!«
Der Graf that es, - der alte Torero flüsterte ihm einige Sätze zu. »Wenn Sie das beobachten, Señor Conde,« sagte er, »und Auge und Hand bereit halten, so bin ich nicht bange, daß Sie als Sieger aus dem Kampf hervorgehen. Thiere dieses Schlages thun es stets! - Und nun noch Eins! Ich hoffe, daß Ihr Hund tüchtig ist!«
»Negro ist ein Alter! Er hat mehr als einen Bären der Pyrenäen niedergebracht.«
»Dann merken Sie auf! Wenn der Hund den Toro über den Nacken hinweg am rechten Ohr gepackt und ihn also den Kopf nach rechts hinauf gezogen hat, so geben Sie ihm den Stoß nicht auf der linken Seite des Halses, denn in der Zuckung des Schmerzes würde er nach links fahren und den Hund, er mag noch so kräftig sein, nach rechts hinüberschleudern, - sondern auf dem rechten Halsbug. Und nun Señor Conde - die Madonna del Pilar sei mit Ihnen, ich werde Ihnen ehrlich den Daumen halten!«
Der Graf schüttelte dem Espada die Hand - dann entfernte er sich eilig.
Während der kurzen Pause, die folgte, wurden
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Erfrischungen umhergereicht - der Vicomte von Digeon machte den aufmerksamen Wirth in der Loge des Hofes.
»Ich habe es eben zu dem Botschafter gesagt,« sprach die Königin, eine große Tasse Vanille-Eis löffelnd, einer ihrer Lieblings-Genüsse, - »Ihre Corrida, Vicomte, ist vortrefflich, grade wie Ihr Eis. Der König mag darum nach Hause gehn, oder wo er sonst hin will - er kommt wahrscheinlich um's Beste. Geniren sich Euer Majestät nicht, ich weiß, Sie müssen Ihre Stimme schonen! - Wenn Sie es noch nicht wissen, - ich habe heute das Dekret für Prim unterzeichnet, der Marschall und er sind seitdem die besten Freunde! - Das eine Mal, Vicomte, haben Sie den Stier famos getroffen, aber es ist doch im Grunde nur Stierballet! - Wo in aller Welt haben Sie den unverschämten Schlingel, den Lerida stecken? - Er hätte eine tüchtige Lection verdient für sein loses Mundwerk, doch der Streich mit dem Espada hat ihm Verzeihung erkauft, - das heißt, wenn es keine bloße Prahlerei war!«
So wenig schmeichelhaft für den Vicomte auch die sichtliche Vorliebe der Königin für den Grafen blieb, war er doch viel zu sehr Diplomat, um nicht darauf einzugehn, außerdem dem Freunde wirklich dankbar für seine Beihilfe bei der mexikanischen Angelegenheit. »Der Graf von Lerida liebt die Ueberraschungen,« sagte er. »Euere Majestät finden auf dem Programm eine anonyme Nummer, und gewiß halten ihn nur die Vorbereitungen zu dieser ab, Eurer Majestät in diesem Augenblick gleich mir seine Ehrfurcht darzubringen.«
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»Papperlapapp - es wird ihm nicht so große Eile haben, er ist eigentlich ein Rebell, der bald mit meinem schlimmen Vetter in London, bald mit den Progressisten kokettirt, aber eben weil er's mit Beiden thut und sie an der Nase führt, nicht gefährlich. Isturiz in London hat mich noch neulich gewarnt, aber ich bin ihm eigentlich noch einen Ersatz schuldig, da Narvaez seinen Vater etwas hastig hat erschießen lassen, ich sagte es heute noch Señor Marfori. - Aber was ist's mit der anonymen Nummer? Doch kein Schießspektakel - ich muß etwas Rücksicht auf die Hoffnungen meiner guten Spanier nehmen!«
Die Naivetät der Königin war in der That zuweilen so groß, daß die Diplomaten um Antwort verlegen waren. »Ich fürchte, der Graf von Lerida wird allerdings vielleicht die Nerven der Damen etwas in Anspruch nehmen. Nur sein Marschall Redondo hat Kenntniß von dem Schauspiel, das er uns jetzt bereiten will, aber ich habe eben gehört, daß er dem Stier, den er bekämpfen will, die Kugeln von den Hörnern hat nehmen lassen, und daß es ein schlimmes Thier sein soll.«
Ein lauter Aufschrei erklang aus der dritten Reihe der Loge; die Königin, die eben im Begriff war, die Nachricht zu applaudiren, wandte sich ärgerlich um. »Was haben Sie, Herzogin?«
»Nichts, my[mi] Señora! ich bitte um Entschuldigung! die Gefahr ...«
»Was kümmert die uns? Für was sind die Caballero's da? - Lassen Sie das Zeichen geben, Herr Vicomte, wenn's gefällig ist.«
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Der Legationssecretair der französischen Botschaft erhob, sich gegen die Königin verneigend, die Hand - in demselben Moment schmetterten die Trompeten des Orchesters eine rauschende Fanfare.
Die Thorflügel zur Rechten flogen auf - ein Reiter ritt langsam in die Arena, dem Pferde zur Seite schritt ein großer grauer Hund.
Der Reiter war, wie die Bandrosette an seiner Schulter bewies, der Graf von Lerida, der Hund der alte Negro, das getreue Thier des alten Navarresen Ramiro Castillos.
Der Graf ritt nicht den schwarzen andalusischen Hengst, den er als Führer der Quadrilla bei dem Karoussel geritten hatte, sondern die Berberstute, einen Rothschimmel, sein Lieblingspferd. Er war unbewaffnet, der Hund dagegen, der ihn begleitete, trug um den dicken starken Nacken ein breites Stachelhalsband und um den Leib einen biegsamen Panzer von Stahlringen, ähnlich den alten saracenischen Ringhemden.
Es entstand merkwürdiger Weise eine tiefe Stille im Circus, als er langsam durch die Arena ritt, immer begleitet von dem großen Hunde, und sich dann zur Loge der Königin wandte. In der Mitte des Weges hielt er an; sogleich trat von der Seite her sein, den meisten der aristokratischen Zuschauer wohlbekannter griechischer Diener Mauro herbei und überreichte seinem Herrn zwei Speere mit scharfer stählerner Spitze, und eine jener berühmten Navajas, die in Barcelona so ausgezeichnet gefertigt werden. Das catalonische Messer war eines der kleineren,
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denn man fertigt sie mit dem Einschlag bis zu 5 Fuß Länge, etwa anderthalb Fuß lang, aber von ausgezeichneter Arbeit. Der Graf probirte die Klinge und steckte das Messer dann in seinen weiten rechten Stiefel. Dann nahm er ebenso die Lanzen, probirte die Spitzen und die Kraft der Schafte und gab die eine seinem Diener zurück. Indem er sich niederbeugte zu ihm, sagte er leise:
»An Deinen Posten, Mauro - der König hat sich eben entfernt!« Dann hob er sich im Sattel, wirbelte die Lanze in die Luft, und während er sie gewandt wieder auffing, zwang er das schöne Berberpferd, die Vorderfüße zu beugen und so die Königin zu begrüßen.
»Gutes Glück, Lerida!« sagte die Königin laut. Ein stürmischer Applaus in der großen Rotunde folgte diesem Wort und der Galanterie des Abenteurers. Es war in diesem Augenblick mit Ausnahme des Intendanten Marfori und des Marschall Narvaez in dem großen Circus wohl kaum ein Mensch, der dem ritterlichen Kämpen nicht den Sieg wünschte.
Das Seltsame des beabsichtigten Kampfes hatte die Theilnahme aller Zuschauer auf das Höchste erregt. Man kannte wohl das Hetzen der Thiere durch die Reiter oder eine ganze Meute, aber das Gegenübertreten des einzelnen Reiters mit dem einzelnen Hunde war bisher noch nicht dagewesen. Der Muth, mit dem dies geschah, erregte den allgemeinen Beifall, und von verschiedenen Seiten flogen Blumen in die Arena nieder.
Ein Schenkeldruck ließ das edle Roß zusammenspringen, dann nach nochmaligem Gruß gegen die königliche
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Loge wandte der Retter das Pferd kurz um und hielt unter derselben. Nur der Espada Redondo vielleicht bemerkte es, daß der Reiter sich auf den hoch erhobenen Kopf des edlen Pferdes niederbeugte und es zwischen die Mähne küßte.
Señor Redondo erinnerte sich an seinen eigenen Rath und begriff als Andalusier, was der Kuß zu bedeuten habe.
Im nächsten Augenblick saß der Graf fest im Sattel, die Lanze in der Faust, das Auge fest auf das Thor des Stierzwingers gerichtet.
Die Trompetenfanfare schmetterte zum dritten Mal, und die schmalen Thorflügel zum Zwinger der Stiere flogen auseinander.
Mit einem kräftigen Satz sprang der Stier in die Rotunde, wiederholte noch einmal den Sprung und blieb dann fast in der Mitte der Arena stehen, mit den Hufen den Boden schlagend und mit blähenden Nüstern das ungewohnte verwirrende Schauspiel ringsum betrachtend.
Der Stier war ein gewaltiges und gefährliches Thier von jener blaugrauen Farbe, welche die besten Racen der großen Viehheerden der Sierren ankündigt. Seine Vorderfüße waren kurz im Vergleich zu der gewaltigen Kraft, die sich ganz in dem Hintertheil des schönen Thieres zu concentriren schien. Der Kopf war breit, aber verhältnißmäßig klein und wurde durch zwei breit geschwungene aber in ihren Spitzen wieder mit gefährlicher Biegung zusammenlaufende Hörner gekrönt. Die kleinen Augen funkelten rechts und links. Noch schien es nur von dem
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Geräusch und dem flackernden Licht der Gasflammen verduzt und gereizt, und seinen eigentlichen Feind noch nicht bemerkt zu haben.
Da schlug Negro an und sofort wandte der Stier den Kopf nach dieser Seite; der Graf gab dem Hunde mit der Lanze einen leichten Schlag, wie um ihn zu beruhigen und wandte sogleich dem Gegner wieder seine volle Aufmerksamkeit zu.
Es war in der That auch Zeit, denn der Stier stürzte mit gesenktem Haupt so toll und blind in gerader Linie gegen den Reiter an, daß es dessen ganzer Geistesgegenwart und Geschicklichkeit bedurfte, um das Pferd einen Seitensprung machen zu lassen, der es dem Bereich der Hörner entzog, die mit einem förmlichen Krach in das Holz der Barrière drangen.
Der kecke Reiter hätte mit leichter Mühe und ohne Gefahr dem blindwüthigen Stier jetzt einen tüchtigen Stoß in den Hals oder die Flanken versetzen können, aber er begnügte sich, ihm einen Schlag mit der Lanze über den Kopf zu geben und galoppirte dann davon, begleitet von dem Hunde, der neben dem Pferde hinlief, den Kopf zuweilen nach dem Reiter erhebend, als erwarte er von diesem die Erlaubniß, auch seinerseits den Angriff zu beginnen.
Der Stier hatte von dem gewaltigen Stoß gegen die Planke einen Augenblick wie betäubt gestanden, dann aber jagte er hinter dem Reiter wüthend drein, so daß er ihn bald eingeholt hatte.
Jetzt zeigte sich die vollendete Reitkunst des Grafen.
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Während er bisher zur Rechten die Arena umritten, und von dem Stier in dieser Richtung verfolgt worden war, warf er das Pferd rasch nach Links und wechselte dadurch die Richtung, so daß er den Lanzenarm frei behielt.
Der Stier folgte. Aber im Augenblick, wo er das Pferd fast erreicht hatte, schlug der Reiter eine Volte nach Rechts und versetzte dem vorbeischießenden Stier einen derben Stoß in den rechten Bug, der sofort den Sand der Arena mit Blut färbte.
Dieses Spiel, so gefährlich es war, da es die höchste Aufmerksamkeit in Lenkung des Pferdes forderte, wiederholte sich, aber beim dritten Mal stemmte plötzlich in dem Augenblick, in welchem der Reiter wendete, der Stier die Vorderfüße in den Boden, drehte sich nach dem Pferde und hätte ihm sicher die Hörner in die Brust gebohrt, wenn der kräftige Hund ihm nicht im selben Moment an die Kehle gesprungen wäre und sich in die Lefzen, den empfindlichsten Theil des Stiers, verbissen hätte.
Der Schmerz war offenbar so groß, daß der Stier nicht zusprang, sondern erst den Hund loszuschütteln suchte. Der Graf hob das Pferd, daß es mit den Vorderhufen die Luft schlug, drehte es auf den Hacken und setzte über die Hörner des Stiers hinweg, der seinen nähern Feind gegen den Boden drückte und ihn mit den Hörnern zu erreichen suchte; aber der Reiter kehrte sofort zum Beistand seines tapfern Gefährten zurück und bearbeitete Bug und Hals des Stiers der Art, daß derselbe mit Verlust seiner halben Lefzen den Hund im Bogen weit von sich schleuderte.
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Das grausame blutige Schauspiel erregte nicht etwa das Mitleid der schöneren Hälfte der Zuschauer, sondern einen wahren Sturm von Applaus, an dem sich selbst die Königin betheiligte.
Der Stier war jetzt fast toll vor Wuth, es zeigte sich aber dabei sein Charakter, wie ihn der alte Espada ganz richtig beurtheilt hatte. Er sprang mit allen vier Beinen in die Luft, schlug mit den Hinterfüßen aus, peitschte mit dem langen Schweif die Flanken und schleuderte den Sand der Arena mit seinen Hörnern in die Luft. Aber er stürzte nicht auf den Reiter los, sondern blieb in Mitten der Arena stehen und hielt nur seine mordlustig glühenden blutunterlaufenen Augen auf ihn gerichtet. Das Blut strömte aus seinen zerrissenen Nüstern und von seinen Bugen und das wilde gereizte Thier in seiner grimmigen, mit dem Blut dahin schwindenden Kraft gewährte einen scheußlichen Anblick.
Aber was ist einem spanischen Publikum in einer solchen Erregung Mitleid und Humanität, bei seinem Lieblingsschauspiel. Es will nur Eines sehen, - den Todeskampf des Thieres oder des Menschen.
Der Graf von Lerida fühlte, daß der Sache ein Ende gemacht werden müsse.
Negro, den der unfreiwillige Sprung und Fall etwas mitgenommen zu haben schien, kauerte noch an der Schranke, bereit, jeden Augenblick wieder auf seinen Feind loszuspringen.
Don Juan faßte die Zügel seines Berbers fest
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zusammen und die Lanze zum Stoß. Dann that er einen scharfen Pfiff.
Im Nu war der Hund an der linken Seite des Stiers, sprang von hinten auf seinen Nacken und faßte das rechte Ohr, das er mit aller Schwere seines Gewichts rückwärts zur anderen Seite zog.
In demselben Augenblick sprengte mit eingelegtem Speer, gleich als gelte es ein Turnier des Mittelalters, Don Juan gegen den Stier und traf ihn an der linken Seite mit voller Kraft zwischen Hals und Vorderblatt, daß das scharfe Eisen wohl einen Fuß tief eindrang und von der Gewalt des Stoßes der zähe Eschenschaft zersplitterte. Einen Augenblick sah man Pferd, Reiter, Stier und Hund wie in einem verworrenen blutigen Knäuel, dann flog der Hund über den Nacken des Stiers hinweg, und Roß und Reiter befanden sich fast zwischen den Hörnern des wüthenden Thieres.
Ein allgemeiner lauter Schrei des Entsetzens erklang durch den Raum, Jedermann glaubte den Grafen verloren.
Aber Don Juan hatte seinen gefährlichen Feind nicht aus den Augen verloren und, dem Rath des Espada gemäß, seinen Blick fest auf dessen rothfunkelnde Augen gerichtet gehalten. Jetzt sah er, daß diese vorquellenden Augen unter den Lidern sich schlossen und er wußte, daß der gefährliche Augenblick gekommen war und nur Eins ihn selbst retten konnte. Der Stier hatte den Kopf zur Seite und nach unten gebeugt, und während der Reiter mit zwei schweren Spornstichen und einem scharfen Ruck
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der Zügel das edle Berberpferd steigen machte, schlug der Stier sein spitzes Horn von unten her tief in den Bauch des Pferdes und riß ihn fast bis zum Sattelgurt auf, daß die Eingeweide herausquollen.
Aber im Augenblick der furchtbaren Verwundung, noch ehe das Horn des Stiers in die Höhe fuhr, das ganz unzweifelhaft dann zugleich seinen Schenkel zerrissen hätte, schwang der Reiter den gefährdeten Fuß aus dem Bügel über die Kruppe des Pferdes und sprang zur Erde.
Der Sprung war so plötzlich, daß er trotz all' seiner Sicherheit und Gewandtheit taumelte; aber eine rasche energische Bewegung gab ihm den festen Halt wieder und im nächsten Augenblick hatte er die Navaja aus dem Stiefel gerissen, aufgeklappt und stand wenigstens nicht wehrlos dem Feind gegenüber.
Aber der Stier begnügte sich, mit einem zweiten Stoß das edle im Todeskampf um sich schlagende Pferd zu zerfleischen, - dann begann er hin und her zu wanken, sank in die Knie und legte sich langsam auf die Seite.
Der Graf sah eine kurze Weile auf den sterbenden Gegner, dann warf er die Navaja auf den Körper zum Todesstoß für den Cachetero und wandte der blutigen Gruppe den Rücken.
Ein unbeschreiblicher Jubel begrüßte ihn bei dieser Bewegung. Die Damen schwenkten die Fächer und Tücher, die Männer geberdeten sich fast närrisch vor Enthusiasmus, Alle, die es konnten, eilten in die Arena, ihm die Hand zu drücken.
Das Erste, was der Graf that, der sorgfältig
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vermied, einen Blick nach dem edlen Pferde zurück zu werfen, war, daß er zu dem Hunde ging, der noch ganz betäubt am Boden lag. Er streichelte ihm den Kopf, richtete ihn auf und hatte die Freude zu sehen, daß das wackere Thier wenigstens ohne erhebliche Verletzung davon gekommen war, vor der es wahrscheinlich blos das Panzerhemd geschützt hatte. Das Thier erhob sich langsam und folgte ihm, gegen den eben unter dem Messer des Cachetero verendenden Stier die Zähne fletschend, hinkend nach, als er im Kreis der ihn beglückwünschenden Freunde zu dem Ausgang schritt, an dem ihm bereits ein Kammerherr der Königin entgegen trat, um ihn im Namen Ihrer Majestät nach der königlichen Loge einzuladen.
»Das ist ein Befehl, dem man freilich Folge leisten muß,« sagte lachend der Graf zu Vicomte Digeon. »Nach unserer Absprache war dies eigentlich Ihre Sache und ich hoffte die Stunde mich zurückziehen zu können, um meine allerdings etwas strapazirten Muskeln zu ruhen und zu stärken für den letzte Akt des Dramas. Nun, wenigstens werden meine Herren Kollegen in der Quadrilla mir erlauben, erst im letzten Augenblick wieder auf dem Platz zu sein!«
»So wollen Sie im Ernst noch den Espada zum Schluß des Schauspiels spielen?«
»Sie waren Zeuge, daß ich die Pflicht übernommen habe, und kennen die Madrilenen schlecht, wenn Sie glauben, die Damen und Herren würden einem Christenmenschen die Gefahr schenken. - Nein Freund, meine schönste Hetze habe ich noch vor mir!«
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Der Kammerherr öffnete die Thür der Loge und führte den Grafen zur Königin, die sich auf das Freundlichste zu ihm wandte.
»Höre Graf, Du hast Deine Sache vortrefflich gemacht. Ich habe lange kein schöneres Gefecht gesehen. Es ist schade, daß ich Dir meinen Orden schon gegeben habe, sonst solltest Du ihn heute erhalten! Aber Du kannst Dir eine andere Gnade erbitten - nur kein Geld sag' ich Dir, die Kirche kostet mich zu viel, und ich bin oft selber so abgebrannt, daß ich mich schäme! Schade um das schöne Pferd, es muß Dich heidenmäßig viel Duro's gekostet haben.«
»Es ist im Dienst der Königin gefallen!«
»Höre Graf, wenn das etwa heißen soll, daß ich Dir's bezahlen müßte, dann irrst Du Dich. Ersinne was Anderes! Und höre - gehe nicht zu allen Rendezvous, die das Reiterstück Dir eintragen wird! Wenn Du Lust hast, kannst Du Rittmeister unter meinen Lanciers werden.«
»Mi Señora sind die Gnade selbst, aber ich habe den Dienst bereits quittirt in der spanischen, sardinischen und englischen Armee.«
»Richtig - ich erinnere mich, Du hast die Nase überall gehabt. Aber ich will etwas für Dich thun, - höre, ich werde Dir eine Frau aussuchen, damit Du solide wirst!«
»Mi Señora halten zu Gnaden, ich bin wohl noch zu jung dazu!«
Die Königin lachte[.] »Der Schelm hat wahrhaftig
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auf Alles eine Antwort. Ich bleibe Dir dennoch wohlgewogen!« Sie reichte ihm die Hand, die der Graf, sich auf ein Knie niederlassend, ehrerbietig küßte.
Als er darauf sich zurückzog und dabei zufällig sein Taschentuch aus der Brusttasche nahm, fiel das Billet, das er vorhin an der Schranke erhalten hatte, auf den Boden, ohne daß er oder sonst Jemand darauf achtete, mit Ausnahme des Palast-Intendanten, der in der Nähe stand.
Alle Welt sah nach der Arena, aus der die Maulthiere eben den todten Stier und das Pferd schleppten, um Platz zu machen für die neuen Spiele.
Der Günstling der Königin drängte sich durch die Nächststehenden und setzte den Fuß auf das Billet. Dann, als der Leichtsinnige bereits die Loge verlassen hatte, ließ er sein Taschentuch neben den Fuß fallen und hob mit ihm zugleich das Papier auf. - -
Der Graf von Lerida war, nachdem er sich von seinen Freunden losgemacht und sie gebeten hatte, ihn bis zur letzten Nummer des Programms nicht zu stören, in das Gemach geeilt, das der Frai Antonio neben dem Zimmer der Aerzte inne hatte.
Er schloß hastig die Thür, nachdem ein Blick ihn überzeugt hatte, daß der russische Cavalier bereits fortgebracht worden war.
»Rasch, Señor Gomez - es ist Zeit! Hüte die Thür, Pfaff, und laß Niemanden eintreten.«
Er sprang hinter die Wand und begann sich hastig mit Hilfe des jungen Espada der Oberkleider und der
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Stiefeln zu entledigen, während er dem Gitano zugleich die Scenen in der Arena mittheilte.
Wenige Minuten und er trat zu dem grenzenlosen Erstaunen des Cura als ein verwandelter Mann hervor.
»Jetzt, Señor Gomez, machen Sie Ihre Sache gut und Ihrer Majestät der Königin Isabella II. viel Vergnügen. Sie aber Frai Antonio, halten Sie reinen Mund, oder - bei allen Unterirdischen und Ueberirdischen, - ich will Ihnen denselben von einem Ohr bis zum andern aufschlitzen, daß Sie den fettesten Kapaun mit einem einzigen Bissen hinein schicken können! Komm Negro!«
Der mächtige Wolfshund folgte ihm durch die äußere Thür in's Freie, wo die schaulustige Menge noch immer sich auf dem Platz umhertrieb.


Vor dem Wachlokal des großen Gefängnisses von Madrid, dem Saladero, das an dem Plazuela de Santa Barbara an dem Punkt liegt, wo die Ronda gleiches Namens mit der de Recoletos, die Calle del Generale Wynkuysen und de Santa Engrazia zusammenstoßen, harrte die Wachmannschaft der nahen Ablösung. Die Gefangenen, denen der Aufenthalt in den innern Höfen gestattet ist, waren längst in die Zellen verwiesen, - die Höfe leer, nur einige Gefangnenwärter schlenderten umher oder sprachen mit den Soldaten, die vor den Hauptzugängen der Gebäude Posten standen.
Der Sergeant der Wache, ein alter Schnauzbart aus
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den marokkanischen Kriegen, plauderte mit einem der Aufseher in der Nähe des Thors. Dieser hatte wie zufällig seine Uhr gezogen. »Caramba Señor Sergente, es ist später wie ich dachte - die Glocke der Santa Theresa muß gleich Neun schlagen.«
»Unmöglich Señor, - als ich eben die Ronde machte und nach der Uhr sah, war es kaum halb.«
»Vielleicht geht sie zu spät - eben schlägt's!«
»Wahrhaftig - und da ist auch schon die Ablösung. Die Kameraden vom zehnten Regiment sind pünktlich, man sieht, daß sie erst seit kurzer Zeit in Madrid in Garnison stehen! An die Gewehre, Leute!«
Draußen vor dem Thor kam der regelmäßige militairische Tritt der ablösenden Abtheilung näher und sie marschirte durch den gewölbten Bogen in den Hof ein. Es erfolgten die gewöhnlichen Ablösungen der einzelnen Posten, die Uebergabe des Wachbuchs und der Schlüssel und dann trat die alte Wachmannschaft zum Abmarsch an.
»Grüne Bursche,« murmelte der alte Sergeant, der sie kommandirte in Bezug auf die Ablösenden, »haben noch nicht viel vom Dienst gesehen! - Adelante! Marsch!« Die Trommel wirbelte, die Abtheilung setzte sich in Bewegung und marschirte zur Kaserne ab.
Der neue Sergeant stand neben dem Aufseher, der vorhin mit dem früheren gesprochen.
»Gehen Sie in der Richtung des hinteren Ausgangs und bleiben Sie dort stehen. Steckt der Schlüssel im Thor?«
»Hier und dort.«
»Wieviel Aufseher im Saal der Verurtheilten?«
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»Zwei.«
»Gut dann - entfernen Sie sich und überlassen Sie Alles mir.«
Der Aufseher verlor sich nach dem Durchgang zu dem zweiten Hof.
Der falsche Sergeant hob die Hand - es war Alles so reiflich überlegt, daß es eben nur der Zeichen bedurfte.
Zwei der Soldaten traten zu der Loge des Schließers, der eben von Innen das Thor verschloß, und der Eine nahm wie spielend und wägend das schwere Schlüsselbund in die Hand - zwei andere traten zu dem Sergeanten.
»Will sehen, ob Alles in Ordnung, Señor Carcelero!« Er ging nach dem Gebäude, in dessen Erdgeschoß sich der Saal der Verurtheilten befand.
Es ist ein oblonger gewölbter Raum, an der Gegenseite der stark vergitterten Fenster eine große Pritsche mit Wolldecken zum Schlafen, in der Mitte ein langer schmaler Tisch mit Bänken rechts und links, das Alles am Boden stark befestigt.
In dem Saal befanden sich an diesem Abend achtzehn Personen - von denen zwei nach ihrer Uniform zu urtheilen, zum Aufsichtspersonal des großen Gefängnisses gehörten. Sie saßen - der Eine in der Nähe der Thür, der Andere zwischen den beiden Fenstern, welche während des Tages dem Raum das nöthige Licht gaben. Vierzehn von den Gefangenen, die sämtlich zu den Galeeren, das heißt zu der schwersten Arbeit auf den abgelegenen Seeforts verurtheilt waren, befanden sich in allerlei Beschäftigungen
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an dem Tisch, über dem eine große Lampe in Ketten hing.
Die Behandlung der Gefangenen im Saladero ist im Ganzen keine sehr strenge, und wenn sie Geld oder Freunde haben, können sie sich sogar verschiedene Genüsse an Speise, Trank und Taback verschaffen. Selbst die Stunde des Niederlegens wird nicht so streng aufrecht erhalten und namentlich sind den Verurtheilten, ehe sie zu ihren Straforten abgeführt werden - wo ihrer allerdings eine sehr strenge Behandlung wartet! - mancherlei Freiheiten gestattet.
Die wegen Schmuggelei Verurtheilten sind aber gewöhnlich in Besitz von Geldmitteln, die ihnen von der Contrabandista zugesteckt werden, und da der größere Theil der hier Versammelten aus Schmugglern bestand, fehlte es nicht an schlechtem Wein oder dem scharfen catalonischen Branntwein auf der Tafel, an der mit den Schmugglern in bestem Einvernehmen zwei zu den Galeeren begnadigte Mörder saßen, während die drei wegen gemeinen Diebstahls und Einbruchs Verurtheilten ihre Plätze am untersten Ende angewiesen erhalten hatten und die »Caballeros« der Gesellschaft keinen Verkehr mit ihnen unterhielten.
Noch zwei andere Gefangene schienen eine reservirte Stellung in der würdigen Versammlung einzunehmen und hielten sich auch abgesondert in dem Zechgelage, indem sie auf dem Rande der Pritsche saßen, die zu dem gemeinsamen Nachtlager diente.
Die »Politicos«, wie sie die anderen Gefangenen
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nannten, waren Señor Castillos, der Bärenjäger und alte Carlist aus den navarresischen Bergen, - und ein anderer Mann, der sich Don Rosario nannte, von dem aber Keiner im ganzen Gefängniß recht wußte, wer er war und weshalb er eigentlich verurtheilt worden. Er war vor zwei Tagen in den Saladero übersiedelt worden, um von hier aus dem Transport nach den Balearen angeschlossen zu werden und nur der Direktor wußte, aus welchem Gefängniß er kam und vor welchem Gerichtshofe er gestanden hatte, wenn Letzteres überhaupt der Fall gewesen war, - denn entgegen der gewöhnlichen Mittheilsamkeit der Gefangenen sprach Don Rosario kein Wort darüber. Er war ein großer hagerer Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war - doch konnte es nicht unter vierzig sein. Er trug, da die Einkleidung der Verurtheilten erst am Ort ihres Strafaufenthalts erfolgt, dunkle schwarze Kleidung, allerdings sehr abgenutzt, aber jede seiner Bewegungen, seine ganze Haltung bewies unverkennbar, daß er nicht zu den gewöhnlichen Klassen der Verbrecher gehörte und ein Mann von höherer Lebensstellung gewesen war. Sein Haar war noch vollkommen schwarz, von jener bläulich reflectirenden Schwärze, die das Gefieder der Raben kennzeichnet. Das Gesicht war lang, hager und mit den eigenthümlich starren Augen fast unbeweglich, das Seltsamste daran aber die förmliche Leichenfarbe, eine Farbe, wie man sie wohl auch an lebenden Menschen findet, die lange - nicht im wirklichen Grabe - aber doch in jenem Grabe der Freiheit und des
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menschlichen Rechtes auf Luft, Licht und Bewegung - dem Gefängniß gewesen sind.
Die Verurtheilten, so kecke und verwegene Bursche auch darunter waren, hatten doch schon nach den ersten Stunden seiner Anwesenheit eine gewisse Scheu vor ihm und wagten nicht, ihn als Ihresgleichen zu betrachten und anzureden.
Der alte Bärenjäger war der Einzige, mit dem Don Rosario verkehrte und auch jetzt wieder sprach.
»Ich wiederhole Ihnen Señor,« sagte Castillos - »man hatte mir im Geheimen gesagt, daß unsere Abführung, die am Montag stattfinden sollte, verschoben werden würde, und heute haben wir Mittwoch. Die Mittheilung hat sich also bestätigt.«
»Desto besser!«
»So hoffe ich also auch, daß der zweite Theil derselben: ich möge auf eine plötzliche Veränderung meiner Lage gefaßt sein, sich bewahrheiten werde. - Eine solche Veränderung kann aber nur in meiner Freilassung bestehen.«
»Ich wünsche sie Ihnen.«
»In diesem Fall biete ich Ihnen an, wenn Sie Vertrauen zu mir haben wollen, Ihre Freunde oder Verwandte von Ihrer Lage in Kenntniß zu setzen, damit dieselben Schritte zu Ihrer Begnadigung oder Befreiung thun können, denn ich kann mir nicht denken, daß ein Mann wie Sie wegen eines ehrlosen Verbrechens verurtheilt worden sei.«
»Ich bin nicht verurtheilt, und ich habe weder Freunde noch Verwandte.«
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»Das ist allerdings schlimm. - Aber wie könnten Sie hier sein, wenn man Sie nicht verurtheilt hat?«
»Man hat mich einfach eingesperrt, um mich fern zu halten.«
»Fern? Von was?«
»Von Paris!«
»Das wäre allerdings seltsam. Sie müssen dann sehr mächtige Feinde haben.«
»Nicht hier!«
»Aber wo sonst? - Wir sind doch in einem spanischen Gefängniß!«
»In Paris!«
»Dann müssen Sie also in Paris Etwas verbrochen haben, denn Franzose sind Sie nicht, dazu ist Ihre Aussprache zu sicher.«
»Ich bin der Schatten der Frau, die sich die Kaiserin der Franzosen nennt.«
Der alte Bärenjäger sah ihn etwas mißtrauisch von der Seite an - er fürchtete, daß es mit seinem Gefährten nicht recht richtig im Kopf sei.
Dieser sah ihn mit einem kalten ruhigen Blick an. »Sie glauben Señor, ich wäre verrückt?«
Castillos zuckte die Achseln. »Die Entziehung der Freiheit hat schon manches Gehirn wirbeln machen.«
»Nicht das meine! Ich werde Ihnen den Beweis geben. Sie sind und waren Carlist!«
Der Alte lächelte. »Mir das zu sagen, Señor, gehört allerdings kein besonderer Verstand. Hat man mich
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doch unter dem Vorwand einer carlistischen Verschwörung zu den Galeeren verurtheilt.«
»Sie waren es schon in Ihrer Jugend.«
»Auch das ist nicht schwer zu errathen. Jeder Mensch in Navarra und den drei Provinzen weiß, daß ich unter Zumalacarreguy diente.«
»Sie waren ein Freund des ehemaligen Corregidor von Irun, des Grafen von Lerida, der Gouverneur von Mexiko war, in Ungnade fiel und zu den Carlisten übertrat.«
Der Bärenjäger schenkte seinem Gefährten jetzt größere Aufmerksamkeit. »Wir waren allerdings Waffengefährten, Señor. Wie kommen Sie darauf.«
»Weil er mir in der Nacht vor seiner Hinrichtung Ihren Namen nannte.«
»Ihnen?«
»Ich war damals ein sehr junger Offizier im Regiment Tolosa und hatte die Wache in dem Stadthaus, wo der Graf von Lerida als Gefangener sich befand. Narvaez hatte den Befehl gegeben, ihn mit Tagesanbruch zu erschießen. Der jetzige Graf von Reuß, der sich alle Mühe gab, ihn zu retten, kam um drei Stunden zu spät.«
Der alte Carlist nickte schwermüthig mit dem Kopf. »Ich sehe, daß Sie mit der Sache bekannt sind. Und wie nannte er Ihnen meinen Namen?«
»Der Graf von Lerida ließ den Offizier der Wache zu sich bitten - dieser Offizier war, wie bereits erwähnt, ich.«
»Man hat mir gesagt, daß der Offizier der Wache,
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unter dessen Kommando der Graf erschossen wurde, der Lieutenant Diaz Cavalho gewesen wäre?«
Don Rosarid antwortete nicht direkt auf die Frage. »Der Lieutenant Diaz Cavalho - es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß die Cavalho's eine der reichsten und ältesten Familien Spaniens und er ihr letzter Träger war, - hat in Folge dieser traurigen Pflicht seinen Abschied aus der Armee genommen! - Doch diese Sache kümmert uns nicht! - Genug, - der Graf von Lerida ließ kurz vor seinem Tode den Offizier der Wache, also mich zu sich rufen, und bat mich auf mein Wort als spanischer Edelmann um einen Dienst.«
»Ist es erlaubt zu fragen, worin dieser bestand?«
»Sie sollen es sogleich hören, Señor. Der Graf sagte mir, daß er, obschon von seiner Frau getrennt, einen Sohn habe, einen Knaben, an den er einige Zeilen zu richten wünsche. Ob ich sein Vermächtniß bestellen wolle?«
»Sie übernahmen es?«
»Ich übernahm es. Doch fügte der Graf hinzu, daß dies - seltsam genug - nicht vor zwanzig Jahren geschehen solle, und zwar durch mich selbst, oder Sie.«
»Durch mich?«
»Durch mich, durch Sie, Ramiro Castillos, oder durch Juan Prim, wer von uns Dreien dann noch am Leben wäre, und zwar persönlich.«
»Der leichtsinnige Bursche hat mir nie gesagt, daß er ein solches Vermächtniß erhalten hat.«
»Er konnte Ihnen dies nicht sagen, denn er hat es noch keineswegs erhalten.«
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»Wie Señor - Sie gaben Ihr Wort?«
»Die Vorschrift lautete: persönlich! Das Schicksal hat nicht gewollt, daß ich ihm oder Ihnen seitdem begegnet bin. Seit fünf Jahren bin ich Gefangener!«
»Und worin bestand dies Vermächtniß?«
»In zwei Briefen, die er mit einigen Worten versah und vor meinen Augen versiegelte.«
»Sie sind verloren gegangen? Man hat sie Ihnen genommen?«
»Ich habe Gelegenheit gehabt, dies Vermächtniß, wie andere wichtige Papiere und mein ganzes Vermögen einem mir freilich unbekannten Mann vor meiner Verhaftung anzuvertrauen.«
»Einem Unbekannten?«
»Nicht dem Namen nach - ich meine nur, daß ich ihn früher nicht kannte. Er hieß Estevan Provedo und war Arriero, er führte damals, - es war im Jahre 1855 - Transporte über die Pyrenäen nach Frankreich.«
»Das heißt: schmuggelte?«
»Schmuggelte - Güter und Personen!«
»Ah - ich verstehe! Sie wollten heimlich über die Grenze?«
»So ist es. Ich war nach Spanien zurückgekehrt, um mein Vermögen flüssig zu machen, das ich in guten Wechseln auf Baring in London, Lafitte und Fould in Paris bei mir trug, nebst einem gewissen Trauschein. - In den Pyrenäen, im Begriff die Grenze zu überschreiten, versperrten uns unsere eigenen Zollbeamten den Weg, man mußte in irgend einer Weise Nachricht von meiner
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Reise erhalten haben, denn wie der Erfolg ergab, handelte es sich nur um meine Person. Ich hatte zum Glück Gelegenheit, dem Arriero Estevan Provedo meine Brieftasche zu übergeben und den Namen zu nennen, auf den allein er sie zurückgeben sollte; denn ich hatte mich ihm gegenüber Don Rosario Gusmann genannt.«
»Kannte der Mann den Inhalt der Tasche?«
»Ich sagte ihm, daß an Werth sich mehr als eine Million darin befände.«
Der alte Bärenjäger prallte zurück - sein Blick erhielt wieder Etwas von dem früheren Mißtrauen über den Geisteszustand seines Gefährten. »Eine Million, Señor, bedenken Sie, was das sagen will!«
»Nicht Realen, Señor Don Ramiro, sondern Francs. Ich weiß vollkommen, was ich sage.«
»Eine solche Summe könnte selbst die sprüchwörtliche Redlichkeit eines Arriero in Versuchung führen. Erlauben Sie mir, von dem Namen des Mannes Gebrauch zu machen?«
»Thun Sie das! - doch kann ich Ihnen sagen, daß jenes Trau-Certificat, das sich mit den anderen Papieren in dem Portefeuille befand, mehr werth war, als die Million.«
Der alte Bärenjäger hatte seinen seltsamen Gefährten verlassen und war zu dem Tisch der zechenden Verbrecher getreten. »Erlauben Sie Caballeros,« sagte der Carlist mit echt spanischer Höflichkeit zu den Vagabonden, »eine Frage an Sie zu richten?«
»Mit Vergnügen Señor. Wollen Sie wissen, wie
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oft ich die Navaja gebraucht habe, was mir jetzt das Vergnügen verschafft, in Ihrer Gesellschaft die Reise nach Ceuta oder den Inseln zu machen?«
»Oder wie das Innere der Schatzkammer des Herzogs von Ossuna aussieht?«
»Caramba, vielleicht wünschen Sie zu wissen, wie hoch jetzt die Puros und die Seidenstoffe von Lyon bei dem Zoll-Amt in San Sebastian stehen?« frug ein Dritter.
»Nichts von Alledem Caballeros, obschon ich überzeugt bin, ich würde hierüber die zuverlässigsten Nachrichten erhalten. Ich wünsche einfach zu wissen, ob Einer von Ihnen einen Arriero Estevan Provedo kennt?«
»O gewiß, Señor! Ich! - Ich!«
Es hatten sich sofort vier - fünf zu der Bekanntschaft gemeldet.
»Muy bien! - Es wäre damit die Existenz des Señor Provedo bewiesen. Aber ob er noch lebt? - Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«
»Vor vier Monaten, kurz vorher, ehe man mich wegen dieses einfältigen Commissionsgeschäfts einsperrte, das man für eine Schmuggelei auszugeben geneigt war. Señor Provedo pflegt die Tour von Madrid nach den Häfen von Biscaya zu bereisen.«
»Es genügt Señor, und ich danke Ihnen! Ich weiß jetzt, wo dieser Señor Provedo zu finden ist!«
Die Gesellschaft hatte es überhört, daß während des Gesprächs der Schlüssel im Schloß der Thür sich gedreht hatte und diese geöffnet worden war.
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Unter der Thür stand der Sergeant der Wache, begleitet von drei Soldaten.
»Sind die Gefangenen fertig zum Aufbruch?« frug der Sergeant den Aufseher, der an der Thür saß.
»Warum? was meinen Sie?«
»Weil ich soeben die Ordre erhalten habe, diese Gesellschaft von Strauchdieben zu den Wagen zu transportiren, die sie nach der Eisenbahn bringen sollen. Die Escorte wartet am Thor nach der Santa Engracia.«
»Aber - wir wissen Nichts davon - ich denke, der Tansport ist auf acht Tage aufgeschoben. Jedenfalls muß doch der Inspector ...«
»Der Señor Inspector wartet am Thor - er hat befohlen, daß Sie die Gefangenen dahin begleiten! Ist's gefällig? Ich habe keine Zeit auf solche Vagabonden zu warten.«
Es erfolgte ein wildes Durcheinanderreden und Rennen der Gefangenen, die noch allerlei Gegenstände, die sie in allen Winkeln versteckt, mitzunehmen wünschten. Der Sergeant und die Aufseher, die keinerlei Zweifel hegten und froh waren, von ihrem Posten erlöst zu werden, mahnten unablässig zum Aufbruch. In zwei Minuten war die ganze Gesellschaft bereit.
»Adelante!«r
Die drei Soldaten marschirten voran, dann folgten zu Zwei und Zwei scheltend und lärmend mit Ausnahme der beiden »Politicos«, die Verurtheilten, rechts und links von den Aufsehern bewacht; der Sergeant bildete den Schluß.
Man konnte von dem Ausgang des Gebäudes zwar
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nicht das Hauptthor sehen, doch schien dort eine merkwürdige Finsterniß zu herrschen, vielleicht daß eine oder die andere Gaslaterne ausgegangen war.
Vor der Thüre stand die nicht auf Posten im Innern befindliche Wache, die sofort die Linie der Gefangenen zwischen sich nahm.
An dem Durchgang, der zum zweiten Hofe führte, sah man die Gestalt eines dritten Aufsehers. Der Zug bewegte sich direkt auf ihn los - er trat zur Seite und sprach einige Worte mit einem der begleitenden Aufseher. »Wie Kamerad - werden Sie heute die Halunken schon los?«
»Es scheint plötzliche Ordre gekommen. Da kann man doch heute Abend noch in der Taberna einen Schoppen trinken.«
»Leider habe ich Dienst, sonst ginge ich mit!«
»Ein anderes Mal!« Sie waren vorüber. Als der Sergeant an dem Mann vorbei kam, flüsterte er: »So bald wir am Thor sind - das Gas!«
»Unbesorgt!«
Der Aufseher ging in das Hauptgebäude. Da seine beiden Kollegen jetzt an der Spitze des Transports marschirten, konnten sie es nicht bemerken, wie nach und nach die Escorte sich vermehrte durch alle Posten, die eilig von verschiedenen Seiten kamen, als hätten sie blos auf das Passiren des Zuges gelauert.
Jetzt waren sie am hinteren Thor, aber weder der Inspektor noch sonst ein Beamter zu sehen. Der Portero,
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der Thorschließer, kam von dem Lärmen der Verurtheilten gerufen heraus, sein Schlüsselbund in der Hand.
»Was giebt's denn?«
»Oeffnet das Thor,« befahl der Sergeant, der jetzt an der Spitze war, »seht Ihr nicht, daß diese Caballeros der Galeras warten.«
»Halt!« rief einer der Aufseher - »ich sehe den Inspektor nicht - wir dürfen nicht öffnen, ehe er nicht die Erlaubniß giebt. Auch ist es Brauch, daß die Wagen in den Hof fahren.«
»So rufen Sie den Inspektor!«
Der Aufseher lief eilig zurück. »Oeffnet unterdeß Señor, damit die Wagen einfahren können.«
»Aber Señor, ich habe ja noch gar keine Wagen gehört, sie müssen noch nicht gekommen sein,« sagte der Portero, indem er den Schlüssel für das große Thor aus dem Bund suchte. Der Schlüssel zur kleinen Thür steckte im Schloß, doch war dieselbe außerdem mit einem Querbalken geschlossen.
In diesem Augenblick hörte man draußen an der Pforte drei kräftige Schläge - es war das verabredete Zeichen.
Der Arriero, der alle Umstände genau beobachtet, steckte den gekrümmten Finger in den Mund und ließ einen grellen Pfiff ertönen. Zugleich hörte man aus dem vorderen Hofe den Ruf: »Halt! Halt!«
Aber im selben Augenblick hatte auch der Sergeant den zweiten Aufseher zurückgestoßen, der sofort von
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ein Paar der Soldaten gepackt und festgehalten wurde, und dem Ponero das Schlüsselbund entrissen.
»Verrath! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Mit dem Ruf zugleich erloschen sämmtliche Gasflammen in dem ganzen großen Etablissement - eine unbekannte Hand mußte den Haupthahn in den Kellerräumen geschlossen haben - die Finsterniß der Nacht umgab Alles ringsum.
Einen Augenblick hatten die Verurtheilten ganz verblüfft gestanden, dann brach ein wilder Jubel aus, sie begriffen, daß etwas ihnen Allen mit Ausnahme des Bärenjägers und Don Rosario's Unerwartetes, Unverhofftes zu ihren Gunsten geschehen sei, denn zugleich flog von der Hand des Sergeanten geöffnet, die Thür auf und vor ihnen lag der weite freie Platz, ohne daß von den Reitern, die gewöhnlich die Gefangenen-Transporte begleiten, eine Spur zu sehen war.
Nur ein einzelner Mann, mit breitkrämpigem Hut, in einen weiten Mantel gehüllt, stand etwa zehn Schritt vor dem Eingang.
»Hinaus Dummköpfe!« sagte der Sergeant - »seht Ihr nicht, daß Ihr frei seid?!«
Alles drängte und fiel fast über einander durch die enge Pforte, die falschen Soldaten folgten, dann warf der angebliche Sergeant die Thür in's Schloß, - schloß sie von Außen und warf den Schlüssel und das Schlüsselbund unter lautem Gelächter über den Tumult, der drinnen in den Gefängnißhöfen begann, so weit als möglich von sich.
»Hierher!« befahl eine tiefe Stimme, und die
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Verurtheilten und Soldaten, die sich schon bereit gemacht, sich nach allen Richtungen zu zerstreuen, blieben unwillkürlich stehen und drängten sich um den Unbekannten, der langsam den Mantel fallen ließ.
Es war hell genug von den nächsten Straßen-Laternen, um ihn zu erkennen, es war El Tuerto!
»Die Contrabandista,« sagte er halblaut mit tiefem Ton, »hat Euch diesmal zur Freiheit verholfen. Seht zu, daß man Euch nicht wieder erwischt. - Einstweilen giebt es auf der Puerta del Sol und dem Platz der Salesianerinnen Geschäfte für Euch, eine kleine Rebellion und Plünderung. - Fort mit Euch! - Wo ist Señor Carlos?«
»Hier Capitano!« der Sergeant hatte den alten Bärenjäger an der Hand gefaßt - Don Rosario war neben ihm stehen geblieben.
»Señor Castillos« sagte der Einäugige, - »ich habe mich gegen einen Ihrer Freunde verpflichtet, Sie in Sicherheit zu bringen. Kommen Sie, denn noch sind wir nicht außer Gefahr.«
Er ging voran, die Anderen folgten ihm schweigend, sie begriffen, daß in der unmittelbaren Nähe des Gefängnisses und an dem Zusammenfluß der fünf großen Straßen weder Zeit noch Ort zu Erklärungen war.
El Tuerto nahm seinen Weg durch die öden, meist noch unbebauten Straßen, welche von dem Platz des Saladero aus von der Straße des General Wintkuyssen nach dem Paseo Isabellens II. führen, der von dem Platz der Münze ausgeht als Fortsetzung des Paseo de Recoletos.
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Nachdem sie weit genug entfernt von allem Geräusch an einer sehr einsamen Stelle waren, blieb El Tuerto einen Augenblick stehen.
»Jetzt denk ich, sind wir außer Gefahr der augenblicklichen Verfolgung. Señor Capataz, Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht.«
»Caramba!« sagte der Arriero, indem er den falschen Bart abnahm, »ich versichere Sie Capitano, es war um diesen Kerlen in's Gesicht zu lachen! Aber Señor Castillos - es war etwas unvorsichtig, dort im Gefängniß einen Namen, zu nennen!«
»Welchen Namen?«
»Nun ja Sie sprachen doch im Augenblick, als ich die Thür Ihres Gefängnisses aufschloß, von Estevan Provedo, dem Arriero.«
»Das that ich allerdings!«
»Con que! Das ist der Name eines Freundes!«
»Kennen Sie ihn persönlich?«
»Gewiß! Sehr genau! und hier der Capitano kennt ihn auch und wird sich hoffentlich für seine Zuverlässigkeit verbürgen, wenn Sie ein Geschäft für ihn haben.«
Der Bärenjäger wollte eben seine Verwunderung über das Zusammentreffen ausdrücken, aber er fühlte, wie sein Gefährte, der hinter ihm im Schatten stand ihn leise anstieß und schwieg.
»Sie haben unsichtbare Freunde, Señor Castillos,« sagte der Einäugige. »Man hat Alles für Ihre Flucht vorbereitet, aber Sie müssen den Weg durch den Süden wählen, da man Sie sicher nach Norden verfolgen wird,
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wenn es überhaupt dazu kommt. Das Schiff eines Freundes erwartet Sie in Carthagena, um Sie nach Belieben zu landen. Ein Wagen steht bereit, um Sie bis zur zweiten Station zu bringen, von wo Sie ohne Gefahr die Eisenbahn benutzen können.«
»Und ist es erlaubt, nach dem Namen dieses Freundes zu fragen?«
»Ich brauche Ihnen keine Heimlichkeit daraus zu machen - es ist der tolle Graf von Lerida!«
»Don Juan da Lerida!«
»Derselbe!«
Diesmal blieb der Bärenjäger stehn. »Bei der heiligen Jungfrau vom Montserrat, das freut mich, zu hören, denn ich hatte den leichtsinnigen Burschen bereits in einem schlimmen Verdacht! - Erwartet mich der Graf in Carthagena?« -
»Nein - er ist in diesem Augenblick noch in Madrid, aber er wird Ihnen, wenn das Glück gut ist, in vierundzwanzig Stunden folgen!«
»Und könnte ich ihn nicht vorher sprechen, ich und dieser Mann hier?«
»Ich wollte Sie vorhin schon fragen, wer dieser Caballero ist? Er steht nicht auf unserem Programm.«
»Ein Freund - ein Gefangener gleich mir, den Eure Hilfe aus dem Gefängniß befreien half. Er muß gleich mir den Grafen sprechen!«
Sie hatten den Platz vor der Münze erreicht - nirgends war ein Wagen zu sehen.
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»Verdammt! - sollte man die Befehle mißverstanden haben - die Zeit muß verflossen sein.«
Die Uhr der Münze zeigte auf ein Viertel nach Neun.
»Es muß Etwas vorgefallen sein! - Es ist unmöglich, daß der Bursche die bestimmte Weisung falsch verstanden haben sollte. Ein Wort mit Ihnen Señor Capataz!« - Zugleich horchte er nach Westen hinüber - es war, als ob sich dort ein gewaltiger Lärmen erhob.
Ehe der Arriero noch dem Ruf Folge leisten konnte, war der Bärenjäger dazwischen getreten.
»Es scheint Señor, es ist Etwas in Ihren Anordnungen für meine Flucht fehl gegangen?«
»Zum Teufel ja - der Wagen mit Ihrem Begleiter ist noch nicht zur Stelle.«
»Das bestärkt nur meinen Entschluß Señor, ich kann Madrid nicht verlassen, bis ich den Grafen von Lerida gesprochen und über das Schicksal einer Person Nachricht erhalten habe, die mir am Herzen liegt, und die sich in dem gegen mich angestellten Prozeß als ein wackeres und braves Mädchen gezeigt hat. Ich darf sie nicht in den Händen ihrer Feinde lassen!«
»Wen meinen Sie?«
»Meine Nichte Inez Castillos, sie ist bei den Salesianerinnen nicht viel besser als eingekerkert.«
»Caramba! Sie sollen sie haben, und den Grafen dazu! - Hierher Señor Capataz!«
Er nahm den Arriero am Arm und führte ihn einige Schritte zur Seite. »Unser Plan hat einige Aenderungen erlitten,« sagte er - »es gilt einen raschen Entschluß,
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denn ich muß bei dem zugegen sein, was auf dem Platz der Salesianerinnen vorgeht. Sie wissen, daß der Hof der Posada, in der wir uns trafen, an ein anderes Grundstück in der Lucasstraße stößt?«
»Es ist mir bekannt. Der Ausgang ist für den Nothfall.«
»Wohl - ich muß Sie von einem Geheimniß in Kenntniß setzen. In diesem Hause - dessen Schlüssel ich Ihnen hier übergebe, befindet sich eine Niederlage der Contrabandista, die auch manchmal von Personen benutzt wird, die Ursach haben, sich zu verbergen.« Er beschrieb ihm die Lage der beiden Zimmer auf das Genaueste. »Werfen Sie Ihr Gewehr und Ihre Abzeichen in einen Winkel und suchen Sie die beiden Männer dort unbemerkt in jene Wohnung zu bringen, wo Sie mit ihnen bleiben mögen, bis Sie unser gewöhnliches Signal drei Mal wiederholt unter den Fenstern hören, dann öffnen Sie. Was Sie in jenen Zimmern hören und sehen mögen, bleibt ein Geheimniß.«
»Auf mein Wort Kapitano!«
»Und nun fort, ehe die Straßen zu belebt werden. Lassen Sie die Hausthür unverschlossen - der Schlüssel derselben schließt auch den Zugang der Zimmer. Adios Caballeros, folgen Sie unbesorgt Ihrem bisherigen Befreier, er wird für Ihre Sicherheit sorgen!«
Er hüllte sich fester in seinen Mantel und eilte nach der Seite des Circo del Prinzipe Alfonso davon.
Der Arriero warf Bandelier, Gewehr und Kopfbedeckung in eine Ecke und da er jetzt blos den grauen
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Capot der Soldaten trug und den Kopf mit seinem seidenen Taschentuch umband, war er verwandelt genug, um keine Begegnung fürchten zu dürfen. Dennoch ließ er keine Vorsicht aus den Augen und nahm mit seinen Begleitern einen weiten Umweg nach dem bezeichneten Hause. Wir müssen die Flüchtigen hier verlassen, um die Szene nach einem anderen Ort zu verlegen.


Die Salesianerinnen von Madrid theilen sich in die alte und neue Congregation. Es giebt die Salesas Reales und die Salesas Nuevas - sie beschäftigen sich angeblich mit der Krankenpflege und der Erziehung junger Mädchen und sind unter diesem Prätext der allgemeinen Aufhebung der Klöster in Spanien entgangen. Der - der Heimsuchung der Jungfrau Maria zu Ehren - im Jahre 1618 von Franz von Sales in Savoien gegründete Orden sollte ursprünglich eine Zufluchtstätte für Wittwen und kränkliche Frauen bilden. -
Zu den Salesianerinnen haben sich die Karmeliterinnen nach der direkten Aufhebung ihrer Klöster als bloßer Bettelorden zurückgezogen.
Die Sor Patrocinio, die geistliche Beratherin der Königin Isabella, gehört bekanntlich zu den unbeschuhten Karmeliterinnen! - -
Es ist Abends 9 Uhr. Hinter dem großen Krankenhause der Salesianerinnen befindet sich das eigentliche Kloster, die Pensions- und Erziehungsanstalt junger
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Mädchen. Die Fenster und Thüren des Klosters gehen nach dem Garten hinaus.
Ein Flügel erstreckt sich weit hinein in den im Sommer parkähnlichen Garten des Klosters- In der Mitte dieses Flügels befindet, oder befand sich, - denn es hat nach der Vertreibung der Königin Isabella und der bourbonischen Herrschaft eine große innere und äußere Reform des Klosters stattgefunden! - ein eigenthümlicher Raum, halb Kapelle, halb Theater. Die Form war rund, er entbehrte jedes Lichtes, außer von oben durch die Kuppel. Des Abends bei Benutzung ist er durch zahlreiche Wachskerzen beleuchtet, die ihm eben mit der einfachen Ausstattung etwas Kirchliches geben. Der Raum ist in zwei Theile getheilt - in die Bühne und in den Zuschauerraum. Hier werden von den jungen Zöglingen des Convents die religiösen Komödien aufgeführt, mit denen das Kloster die auserwählten Gläubigen zu beglücken pflegt. Aus beiden Abtheilungen führen rechts und links Thüren in Nebenräume, von denen man zwei oder drei bei der später eingeleiteten Untersuchung des Klosters sehr luxuriös eingerichtet gefunden hat.
In diesem Augenblick ist der Raum, dessen wir eben erwähnt haben, nur sehr matt beleuchtet, es ist eine geistlich-dramatische Vorstellung, aber nicht des Pensionats, sondern nur der Auserwählten und für die Auserwählten.
In der Mitte des Zuschauerraums sind einige Fauteuils um einen anderen von vergoldetem Holz mit schweren purpurnen Sammetkissen aufgestellt. Eine Persönlichkeit, der wir bereits begegnet sind, ein Mann von entnervtem
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körperlichem Aussehen, der Oberkörper unverhältnißmäßig länger als die kurzen Beine, hager, das Gesicht nicht geistlos, aber abgelebt im höchsten Grade, sitzt auf dem Sessel. Der Mann trägt die Uniform der Generalcapitaine unter dem Mantel, der die frostigen Bewegungen der kleinen gebrechlichen Gestalt deckt, obgleich eine angenehme wohlthuende Wärme in dem ganzen Raum verbreitet ist, durch welche ein starkes, die Sinne affizirendes weihrauchartiges Parfüm sich geltend macht.
Im Bereich der Hand dieses Herrn steht ein Tischchen, auf dem sich ein silberner Eisbehälter zur Kühlung von zwei Flaschen Champagner rosé, einige leichtgeröthete Tafelgläser, zwei silberne Teller mit Confect und ein sehr scharfer Doppelgucker befinden. Hinter dem Sessel auf beiden Seiten sitzen auf Tabourets zwei Frauen in weite klösterliche Gewänder von dickem gelbweißem Wollenstoff gekleidet, ohne daß es direkt Nonnenhabits gewesen wären.
Die wollnen Kapuzen sind zurückgeschlagen und zeigen bei der einen der Frauen unter der klösterlichen Binde ein früher offenbar auffallend schönes, jetzt aber durch scharfe Züge und die Zeichen des im Uebermaß genossenen Lebens seines besten Reizes beraubtes Gesicht. In den funkelnden Augen liegt noch immer eine gewisse freche Lüsternheit, die - wenn nicht mehr im eigenen, - im Genuß Anderer ihre Befriedigung findet, und um die feingeschnittenen Nasenwinkel ein Zug von boshafter Härte und Spekulation.
Wer in das Gesicht des noch immer schönen Weibes, der Vorsteherin dieses klösterlichen Pensionats sieht, der
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konnte gewiß sein, daß die Geschichte ihres Lebens eine sehr bewegte und an dunklen Punkten reichhaltige sein mußte.
Die Andere ist ein noch sehr junges und sehr schönes Mädchen von üppigen volleren Formen, als man gewöhnlich bei den Spanierinnen in ihrer Jugend sieht, - aber die dunklen Schatten unter den Augen beweisen, daß auch sie bereits von der gefährlichen Frucht der Erkenntniß gekostet hat. Dennoch liegt über ihrem ganzen Wesen noch der Flaum der Schüchternheit und einer gewissen Zurückhaltung.
Diese beiden Frauen bedienen den vornehmen Herrn, der auf dem Sessel halb liegt, halb sitzt und bald eine frivole Bemerkung für die Aeltere, bald eine eben solche Bewegung der Hand für die Jüngere hat.
Im Dunkel einer offenen Loge des Hintergrunds kann ein scharfes Ange einen Mann in der reichgestickten Uniform eines Kammerherrn erkennen.
Mit einer den völligsten Cynismus repräsentirenden Offenheit saß dagegen ein dritter Mann zwischen dem Herrn im großen Fauteuil und der Bühne vor einem etwas tiefer stehenden prächtigen pariser Flügel, die linke Hand leicht auf den Tasten präludirend, den Kopf zur Seite nach der Gruppe des Fauteuil gewendet und sich sehr ungenirt in die Unterhaltung mischend.
Es war dies der Marfori des Königs, der in ganz Spanien berüchtigte und verhaßte navarresische Klavierlehrer Don Francisco's: Guelbenzu, der - indem er seinen Neigungen und Lastern fröhnte - große Summen durch
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seinen Einfluß zu erpressen wußte und wegen seiner Bösartigkeit und Rachsucht allgemein gefürchtet war.
Guelbenzu ist ein ausgezeichneter Klavierspieler, seine Concerte, die er zuweilen damals in Madrid zu hohen Preisen und angeblich für wohlthätige Zwecke gab, waren wegen seines vortrefflichen Spiels, und weil sich Jeder fürchtete, fortzubleiben, zahlreich besucht.
»Mit welchem Gericht werden wir unser Menü beginnen, heilige Mutter?« fragte der Herr im Fauteuil mit widrig feiner fistulöser Stimme, die ihn schon vor der Verheirathung seiner Gemahlin so widerwärtig gemacht hatte.
»Euer Majestät werden die Versuchung des heiligen Antonius von Padua sehen.«
»Sie Schelm,« sagte Don Franzisco, indem er aus dem Schaalglase, das eben das junge Mädchen im klösterlichem Gewande an seiner anderen Seite vollgeschenkt hatte, nippte und mit lüsternen Augen über den Rand hinweg auf sie blickte. »Ich fühle, Sie haben es darauf abgesehen, mich an dem Beispiel des heiligen Antonius gegen die später folgenden Versuchungen zu stärken und zu verhärten. Und um damit den Anfang zu machen, sollten Sie Ihrer Schülerin hier befehlen, die Reize jenes wundervollen Busens, dessen Form selbst diese rauhe Kutte nicht verbergen kann, nicht so sehr zu verstecken.«
»Ich erlaube Dir, Tochter Clara,« sagte die Super[i]orin, »das Gewand über Deine Schultern zurück zu schlagen. Se. Majestät werden dafür der Madonna in
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unserer Kapelle der guten Werke einen neuen Halsschmuck verehren!«
»O weh! da muß ich zahlen,« meinte Don Francisco, mit seinen lüsternen Augen den Bewegungen des jungen Mädchens folgend, die nicht ohne Erröthen dem Befehl ihrer Oberin gehorchte und die Kutte über die Schultern zurückfallen ließ, wodurch sie eine wundervolle Büste entblößte. »Sie lassen mich meine Kunstliebe für diese kleinen plastischen Vorstellungen zur Verhärtung des Fleisches gründlich bezahlen. Ich bin wahrhaftig oft ein sehr armer Mann.«
»Und ein sehr geiziger dazu,« meinte ohne jede Gêne der Klavierspieler, indem er aus dem Choral, den er eben variirte, in die Silicienne aus dem Robert überging: »Das Gold - das Gold ist nur Chimäre!«
»Sie sind ein boshafter Narr, Guelbenzu,« sagte Don Franzisco, »wissen Sie doch am Besten, daß Sie mir gestern Abend im Trictrac fünfhundert Duros abgenommen haben, so daß ich heute nicht einmal meinem leiblichen Schwager, dem Güell y Rente, die zweitausend Realen borgen konnte, um die er mich plagte, damit - wie der Unverschämte sagte, - die leibliche Schwester des Königs von Spanien wenigstens satt zu essen habe!«
»Der Herr Journalist ist ein wahrer Blutegel, der noch dazu für die radicale Presse schreibt, - Sie haben ihm doch gesagt, daß Sie kein Geld dafür hätten, die Thorheit der Infantin, mit ihm durchgegangen zu sein und ihn geheirathet zu haben, noch nachträglich zu bezahlen?«
»Ich werde mich schön hüten, den Menschen zu reizen!
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Ich sagte ihm nur, was auch wahr ist, daß ich kein Geld habe und wissen Sie, was der Bursche that?«
»Nun?«
»Er hatte die Frechheit, mir einen Napoleond'or vor die Füße zu werfen und zu sagen: »Was - Du bist König von Spanien und hast wieder kein Geld! Da will ich, ein armer Schriftsteller, Dir einen Napoleon schenken!«
»Bah,« rief barsch der Klavierspieler, »wie konnten auch Euer Majestät so thöricht sein, das Terrain zum Nordbahnhof sich nur mit zwei Millionen bezahlen zu lassen. Warum verlangen Sie nicht von der Königin Geld?«
»Lächerlich! Isabell hat selber niemals Geld - sie giebt Alles fort!«
»Ja an die Sor Patrocinio und den hochwürdigsten Bischof Pater Claret,« sagte giftig und neidisch die Superiorin. Man weiß recht gut, was Sor Patrocinio für ihr Kloster in Aranjuez zieht. Es ist eine Lumperei, was wir dagegen bekommen.«
»Euer Majestät Schwiegermutter,« sprach boshaft der Virtuose, »hat das Geschäft allerdings besser verstanden!«
Don Franzisco machte ein sehr böses Gesicht; es ist bekannt in Madrid, welchen Haß er gegen die Königin Christine hegt, ebenso wie die rein in's Gebiet der Gaunerei gehörenden Plünderungen des Staatsvermögens seitens der Königin Christine in ganz Spanien bekannt sind. Wir erinnern nur an die freche Unterschlagung des ganzen Nachlasses des Königs Ferdinand VII. und die Escamotage der einen Centner schweren Stufe gediegenen
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peruanischen Goldes aus dem naturwissenschaftlichen Museum in Madrid, die sich die Königin zur näheren Besichtigung in den Palast bringen ließ und an deren Stelle sie eine gleich große Stufe von vergoldeter Pappe dem Museum zurückschickte, wo sie noch heute zu sehen ist.
Don Franzisco gab der unangenehmen Unterhaltung eine andere Wendung. »Reichen Sie unserem Orchester ein Glas Champagner hinüber, meine Kleine, damit ihm der Mund gestopft wird,« sagte er, die junge Novize auf Nacken und Busen klopfend. »Seine Musik ist besser als seine Worte! Lassen Sie uns nicht zu lange auf den Beginn warten, ehrwürdige Frau,« fügte er zu der Superiorin bei, die eben von einem Gang auf die von dem Vorhang noch verschlossene Bühne zurückkam, »ich fühle mich jetzt vollkommen im Stande, gleich dem heiligen Antonius der Versuchung Trotz zu bieten.«
»Unsere bescheidene Vorstellung wird sogleich beginnen, - nur eine kleine Störung durch jene Elevin, die Euer Majestät grade zu sehen wünschen.«
»Was ist's? Welche Rolle haben Sie ihr denn zugetheilt?«
»Wir wollten jene heidnische Gruppe darstellen, die der berühmte Venezianer Canova für Seine Heiligkeit fertigte >Amor und Psyche< genannt, und das alberne Ding verlangte im letzten Augenblick eine lange Tunica, bis ich einschritt.«
»Sie scheint ein wilder Trotzkopf, wie ihr Vater! - Wir haben vor einigen Tagen einen Auflauf durch ihn
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auf der Puerta del Sol gehabt. Sie haben sie doch zur Vernunft gebracht?«
»Wir wissen mit dergleichen widerspänstigen Köpfen schon umzuspringen, - die Androhung der eisernen Ruthe ist ein gutes Mittel, sie zum Gehorsam zu bringen zu ihrem eignen Besten.«
Ein giftiger Blick der Superiorin glitt über die schöne Novize an der anderen Seite des Fauteuils hin, die bei der Drohung das Haupt gesenkt hatte. - Vielleicht hatte die >eiserne Ruthe< früher auch ihre Bedenken beseitigt!
Ein Schlag auf eine Glocke hinter dem Vorhang her gab das Zeichen zum Beginn der Vorstellung.
»Ah!« Don Franzisco griff nach dem Gucker.
Der Musiker präludirte und ging in eine jener Kirchenmusiken italienischer Meister über, deren feierliche getragene Töne einen so tiefen Eindruck selbst auf rohe Gemüther zu machen pflegen; - immer schwerer und ernster wurde die Musik - da, wie ein zuckender Blitz schoß eine jener üppigen Cancanzoten dazwischen, mit welche die höhnische Fratze Offenbach's so reizend und tändelnd das Ueberirdische und Poetische herab zu zerren weiß; - aber in der nächsten Wendung schon überwanden es die ernsten Töne des Miserere, die grollenden Donner des de profundis - jene schwere gewaltige Musik, mit der die katholische Kirche an die Strafen der Ewigkeit mahnt.
Aber immer und immer wieder kehrten die frivolen Zoten in die ernsten Töne, - meisterhaft verstand es der
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phantasirende Musiker diese sinnlichen Verlockungen in die ascetischen auf Tod und Grab gerichteten Gedanken zu mischen, den Kampf zwischen Körper und Geist, zwischen Heiligung und Sünde, und immer lockender und reizender die steigenden Versuchungen darzustellen, ein wahres musikalisches Meisterwerk, bis die Töne und Melodieen im frechsten Tanzwirbel zusammen gipfelten und auf ein Zeichen des Musikers der Vorhang der kleinen Bühne auseinander rauschte.
Das Bild, das sich zeigte, war eben so geschickt wie drastisch arrangirt. In einem ganz schwarz gehaltenen Raum saß im linken Vordergrund die von irgend einer alten Nonne oder Laienschwester dargestellte Gestalt des heiligen Antonius am kleinen Tisch, auf dem das gewaltige Buch, Crucifix und Todtenkopf standen, den Oberkörper zurückgebogen, die Arme abwehrend von sich gestreckt gegen eine Erscheinung, auf welche der volle abgeschlossene Strahl der Lampe fiel, eine Erscheinung, die während sie regungslos blieb, doch Leben und Bewegung zu haben schien durch die leichten Wolken des wohlriechenden Rauches, der sich zu ihren Füßen entwickelte und sie gleichsam zu tragen schien: ein Weib, einzig bekleidet mit einem Streifen blauen Flors, der um ihren schönen Körper sich wand und in jener verhüllenden Weise, die den höchsten Reiz gewährt, eben mehr zeigte, als verbarg - ein Weib von wundervoll üppiger Schönheit und idealer Haltung, den linken Arm über das Haupt gelegt, von dem in langen Wellen das goldene Haar über Hals und Busen
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fiel, während der rechte Arm dem so schwer versuchten Heiligen sich winkend entgegen hob.
Und dazu rauschte der tolle wirbelnde freche Tanz aus den Tasten des Klaviers und der den ganzen Raum durchziehende Duft umschleierte die Sinne.
Die Hand des Don Franzisco, die den scharfen Operngucker vor seine Augen hielt, zitterte vor Aufregung. »Köstlich! köstlich! - Reizend! - Ich sage Ihnen, hochwürdigste Frau, dieser Antonio war ...«
Ein greller Mißklang, der über die Tasten fuhr und sich aus Gewitterrollen des tiefen Basses zu der furchtbaren Melodie des Dämonenchors aus dem Robert bildete, schnitt die wahrscheinlich sehr unheilige Aeußerung ab und ließ das Bild hinter dem zusammenrauschenden Vorhang verschwinden.
»Ah ah - schenken Sie mir geschwind ein Glas Mousseux ein, meine hübsche kleine Hebe,« lispelte der Don - »meine Nerven sind in ganz fieberhafter Aufregung! Es ist ein Teufelskerl dieser Guelbenzu mit seinen Kontrasten! Aber ich hätte wirklich gar nicht geglaubt, hochwürdige Frau, daß Sie außer unserer lieben Clara hier noch einen so hübschen Körper in Ihrer Sammlung haben!«
»Euer Majestät können ja später den Vergleich anstellen. Aber Sie werden uns armen Klosterfrauen, die so sehr bemüht sind, Euer Majestät eine angenehme Unterhaltung zu schaffen, es nicht versagen, für die Wiedererstattung der uns so ungerecht confiscirten Weingärten bei Alicante ein ernstes Wort einzulegen, um so mehr als
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der Herr Erzbischof dafür gesorgt hat, daß der Ankauf durch habsüchtige, die Kirche beraubende Laien mit der Excommunication bestraft werden würde.«
»Ich werde mit der Isabell sprechen und mit dem Minister, verlassen Sie sich darauf! - Ah - ah - ich bin noch ganz angegriffen! Kommen Sie her, Guelbenzu, und trinken Sie ein Glas!«
»Ich habe die Flasche hier stehen und keine Zeit! Was kommt jetzt?«
»Die Canova-Gruppe,« sagte die Superiorin und schlug mit einem Messer an das Glas, zur Fortsetzung mahnend.
Während der Vorhang aufrauschte, griff der Pianist in die Tasten und wirbelte in ganz eigenthümlicher Modulation und Variation Zampas freches Trinklied: »Und wenn ein Mädchen mir gefällt.«
Das Arrangement der kleinen Bühne war diesmal ganz das der bekannten plastischen Gruppen, mit denen etwa fünfzehn oder zwanzig Jahre vorher der Athlet Professor Keller zuerst, später Rappo und andere vagirende Kunstmäcens das Rheinland und die übrige Welt unsicher machten, und die noch immer auf Drehscheiben in den wandernden Seiltänzerbuden den Kunstgeschmack der Provinzialen fördern, eine so fabelhafte Mythologie des alten Hellas entwickelnd, daß Eckermann's >Lehrbuch der Mythologie< ein bloßes A-B-C-Buch dagegen ist! Die ersten Leistungen der Erfinder dieser Kunststudien hatten mit der gegenwärtigen Leistung vielleicht einige Aehnlichkeit in den Contracten der bildenden Künstlerinnen, daß
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gewisse Paragraphen derselben mit der Sittenpolizei häufig in starken Conflict geriethen!
Der schwarze düstere Hintergrund war jetzt verschwunden und durch eine blaue Wolkendekoration ersetzt. Von dieser hob sich in hellster Beleuchtung sehr hübsch die bekannte Gruppe des berühmten italienischen Meisters >Amor und Psyche<, nicht in cararischem todten Marmor, sondern in lebendigem warmem Mädchenfleisch ab, wie die langsam sich wendende Drehscheibe sie von allen Seiten den verschlingenden Augen des Don bot, der sich nicht begnügte mit dem Anschauen von seinem Sitz aus, sondern an dem Flügel vorbei hastig bis zur Balustrade der kleinen Bühne eilte und dort mit den Armen aufgestützt mit gierigen Blicken die Gruppe förmlich verschlang.
In dieser Aufregung und unter den wirbelnden Klängen des Zampa-Galopps war es unbemerkt geblieben, daß der Herr in der dunklen Hinterloge sich erhoben hatte und aufmerksam auf ein noch entferntes Geräusch zu lauschen schien.
»Deliciös, deliciös!« flüsterte die widerlich feine Stimme des Don und faßte die Hand der Superiorin, die ihm gefolgt war - »meine Nerven sind so afficirt - ich muß mich zurückziehen - ich hoffe, mein kleines Zimmer ist durchwärmt. Jene Kleine, die Psyche, scheint auch sehr afficirt, ich will versuchen sie zu beruhigen. Lassen Sie ...«
Die Augen des Don mit dem unheimlich darin lodernden Feuer gewaltsamer Erregung begegneten in diesem Augenblick denen des unglücklichen jungen Mädchens, das
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zu der entwürdigenden Rolle der Psyche wer weiß durch welche teuflischen Mittel gezwungen worden war, wenigstens deutete der matte fast apathische Ausdruck des halb geschlossenen Auges darauf hin. Das arme Kind war noch sehr jung, höchstens vierzehn oder fünfzehn Jahr bei jener halben Entwickelung der Formen, wie sie so süß zu der Figur der im Schlummer überraschten Psyche paßt und von dem Raffinement alter Lüstlinge so sehr bevorzugt wird. Ein Nervenschauer schien bei der Begegnung der Augen den Körper des jungen Mädchens zu durchbeben, sie machte einen Versuch, sich aus dem Arm des von einer schlanken hübschen Brünette mit Lockenkopf dargestellten Amor zu erheben, ihr Mund öffnete sich halb und sie flüsterte halblaut: »Mi padre! mi padre! zu Hilfe!«
»Geschwind mit ihr - bringt sie weg - dort hinein!«
Ohne nur das Schließen des Vorhangs abzuwarten, sprangen zwei Weiber von der Seite her auf die kleine Bühne und hoben das unglückliche halb bewußtlose Mädchen empor, sie fortzuschleppen.
Aber es war, als hätten rächende Dämonen des schändlichen Frevels den geflüsterten Hilferuf des Mädchens gehört, denn in demselben Augenblick, in welchem der Herr aus dem Hintergrund der Loge hervorstürzte bis an die Rampe der Bühne mit dem Ruf: »Um Himmelswillen Majestät, hören Sie nicht den Tumult? Eilen wir, uns in Sicherheit zu bringen!« - hörte man schon deutlich donnernde Schläge gegen die Pforte und vergitterten Fenster nach der Gartenseite, wildes Gekreisch wie von
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entfesselten Furien und den Ruf: »Nieder mit den Mädchendieben! Schlagt sie todt!«
Durch eine Seitenthür, dieselbe, durch welche der Don mit seinem Begleiter eingetreten war, stürzte händeringend eine Klosterfrau herein. »Heilige Maria schütze uns! Rebellion! Sie stürmen das Kloster! Sie werden uns alle ermorden, wie früher die frommen Brüder!«
Die Anwesenden hatten alle die Fassung verloren, sie wußten nicht, ob sie sich verbergen, wohin sie flüchten sollten!
Die Superiorin war die Einzige, die ihre Geistesgegenwart behielt. »Sie kommen durch den Garten, also gilt es dem Pensionat, und wir müssen in die Krankensäle flüchten. Geschwind Mi Señor, kommen Sie - es ist kein Augenblick zu verlieren!« Sie faßte die Hand des an allen Gliedern bebenden hohen Herrn und riß ihn mit sich fort, auf die Bühne klimmend, gefolgt von dem Kammerherrn und dem Musiker, der sehr wohl wußte, wie verhaßt er bei dem Volke war, den Klosterweibern nach, die bereits durch eine Thür hinter der Gardine sich salvirt hatten. Diese Thür von sehr festem Holz und mit Eisen beschlagen warf die Superiorin in's Schloß und man hörte ihre Hand einen schweren Riegel vorschieben.
In dem Raum blieben nur das Käppi des hohen Flüchtlings, sein abgelegter Degen, die arme von dem Schreckensruf wieder niedergeworfene halbbewußtlose Psyche und die im ersten Schreck zurückgelassene und dann ausgesperrte Novize, die vergebens einen Ausgang zum
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Entrinnen suchte, während bereits die Thür der ehemaligen Kapelle unter den Axtschlägen der erbitterten Menge zusammenbrach. - -
Der Auflauf war famos in Scene gesetzt worden!
Auf dem Platz der Salesianerinnen trieben sich gegen 9 Uhr verschiedene Gruppen jener unglücklichen Geschöpfe umher, die in allen großen Städten die Bevölkerung der Tanzlokale bilden und aus der Hingabe mehr oder weniger ein Handelsgeschäft machen.
Wir sagen mit Bedacht »mehr oder weniger«, denn wie viele solcher Mädchen sind nur von dem Taumel des Vergnügens, von dem der Jugend eingewachsenen Drang des Genießens, der Berechtigung nach der harten Arbeit des Tages, dem leidenschaftlichen Blut, der neidvollen Empörung der Armuth gegen die angeborne Genußfülle der Vornehmen und Reichen immer weiter auf jenes trügerische Moor hinausgetrieben, das mit seinen grünen Stellen lockt, und dann rettungslos versinken läßt!
Was beobachtet schärfer wie Frauenaugen? Diesen war gewiß nicht der einfache Miethswagen entgangen, der kurz vor 9 Uhr auf dem Platz hielt und aus dem zwei Männer stiegen, die in die Gasse am Garten des Klosters sich verloren.
War es Zufall, daß zwei jener Frauen ihnen in der engen Gasse begegneten, grade als vor dem eigenthümlichem Klopfen sich eine in der hohen Mauer angebrachte Pforte aufthat und sie hineinschlüpften? - Zufall war es gewiß nicht, als eine der beiden Frauen, eine schlanke zierliche Erscheinung mit sprühenden Augen gleich darauf zu dem
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Mann trat, der tief in seinen Mantel gehüllt mit zehn Gefährten an der entferntesten Ecke des Platzes harrte.
»Donna Dolores!«
»Hier!«
»Señor Landero - sind Sie bereit?«
»Bereit zu Allem!«
»Der - der Ihnen Ihre Tochter entführen ließ, um sie zu seinen Lüsten zu brauchen, ist soeben in jene Höhle getreten, in der die Unschuld gemordet wird und das Laster triumphirt, weil es eine Krone trägt und straffrei ist.«
»Weib - Satan - was redest Du?«
»Der König ist in das Pensionat der Salesianerinnen gegangen, wo Ihre Tochter mit anderen jungen Mädchen gefangen gehalten und ein Opfer des Verbrechens wird. Haben Sie noch den Muth, sie zu retten?«
»Zu retten oder zu rächen! Sprichst Du dieWahrheit?«
»Ich schwöre es bei der Alleinreinen! - Folgen Sie mir!«
Das Mädchen schritt voran nach der Gartenmauer. Es war, als ob plötzlich der ganze weite Platz lebendig würde, - überall tauchten Gruppen auf, wilde verwegene Gestalten, die Axt oder die Navaja in der Faust, einen Musketon mit weiter Mündung auf der Schulter, blasse verlebte Frauengesichter mit funkelnden Augen, mit fliegendem Haar - wilde, noch halblaute Verwünschungen auf der Lippe, die nur des Signals harrten, um zum wilden vernichtenden Sturm aufzugellen.
Dem Mädchen nach schlichen die Männer - in kurzer Entfernung der ganze Troß!
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Drei Mal in bestimmten Pausen erklang das Klopfen an der geheimnißvollen Pforte - dann schlürften die Tritte der Pförtnerin und der Schlüssel drehte sich im Schloß.
»Maria und Joseph, wer ist denn noch da?«
Aus der Hand der Erschrockenen flog die Thür. Die Faust des Kapitains lag an der Kehle der Klosterfrau. »Wo ist der nichtswürdige Wollüstling? Wo sind die Weiber? Sprich oder Du stirbst!«
Die in der That schon halb Erwürgte vermochte nur undeutliche Worte zu stammeln. Die Hand des erregten Vaters ließ los und stieß ihr Opfer vor sich her. »Zeig uns den Weg! Aber bei allen Heiligen, kein Wort, keinen Laut, oder Du bist des Todes!«
Die Klosterfrau, die das Pförtneramt hier versehen, taumelte vorwärts - sie begriff um was es sich handelte. Sie ging langsam voran, allerlei Umwege nehmend, den Gebäuden zu, und als die Paxarilla sich vordrängte und, ihn einen Augeublick zurückhaltend, bat: »Señor, schützen Sie die Krankensäle, damit die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen leiden!« nahm sie die Gelegenheit wahr, in einen Nebengang zu entschlüpfen und mit lautem Warnungsgeschrei einer nahen Thür zuzueilen, die sie hinter sich in's Schloß warf.
Es war die Klosterfrau, deren Allarmruf im Innern die Flucht Hals über Kopf hervorrief.
Die Novize Clara hatte vergeblich ein Versteck gesucht, jetzt im letzten Augenblick sank sie auf der Bühne neben dem Körper des jungen Mädchens in die Knie, in dem Gefühl mitleidiger Schaam diesen mit einem Stück
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Teppich bedeckend und ihr eigenes Haupt in die Kapuze verhüllend, als schon Landero mit seinen Freunden und der heulenden Meute, die ihm folgte, durch die zerschmetterte Thür in den Theaterraum eindrang.
Ein Blick genügte dem alten Soldaten, zu erkennen, daß der ganze Raum bis auf die verhüllte Gruppe auf der Bühne leer, und daß die Schuldigen wahrscheinlich entflohen waren, denn darauf deutete der Tisch mit den Resten von Wein und Gebäck, der Degen, die Kopfbedeckung.
»Zerstreut Euch Freunde, brecht die Thüren auf, durchsucht alle diese Höhlen des Lasters und des scheinheiligen Trugs - wir müssen sie finden!« Mit einem Sprung war er über den Sitz vor dem noch aufgeschlagenen Flügel auf der Bühne.
»Dolores! Dolores!«
Unter dem Teppich regte es sich - zwei nackte Arme streckten sich darunter hervor.
Der Kapitain hatte mit einem Griff die Kapuze der schreckensbleichen Novize heruntergerissen und die Zitternde zur Seite geschleudert.
»Vater!«
Ein zweiter Griff riß den Teppich fort - einen Blick, dann taumelte der alte Soldat wie von einem Faustschlag getroffen zurück - seine Augen schienen aus den Höhlen zu dringen, als sie convulsivisch hafteten auf den nackten Gliedern des jungen Mädchens, das sich in die Knie erhoben und ihm die gefalteten Hände flehend entgegen streckte.
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»Vater - rette mich! Zu Hilfe, bei dem Andenken meiner todten Mutter!«
»Ja - das will ich! Eine Landero soll keine Metze sein und wenn es die eines Königs wäre!« Eine furchtbare Ruhe hatte sich plötzlich des alten Soldaten mit dem ergrauenden Schnurbart und den strengen Zügen bemächtigt - das noch eben so flammende Auge war starr auf das arme Kind gerichtet, die Hand hatte das Beil, das er getragen und mit dem er die Thür zertrümmert, fallen lassen, und langsam und ruhig griff sie in die Brust; im nächsten Augenblick blitzte der Lauf eines kurzen Pistols in dieser Hand, auf die Unglückliche gerichtet.
»Erbarmen Vater!«
Die Novize hatte sich aufgerafft - sie flog auf den furchtbaren Richter zu. »Halten Sie ein - sie ist schuldlos!«
Der Schuß krachte im selben Augenblick, wo ein kräftiger Arm den alten Kapitain von hinten umschlang, - mit einem leisen Wehruf, im Nu von Blut überströmt, sank das junge Mädchen vornüber.
»Unglücklicher! Was haben Sie gethan?«
Der abgedankte Offizier, der unglückliche Vater hatte das Pistol fallen lassen - als er sich umdrehte, mit einer ruhigen majestätischen Bewegung den Mann, der ihn gefaßt, von sich schüttelnd, sah er das bärtige, von einer Binde über dem linken Auge entstellte Antlitz von El Tuerto, dem Piraten. Mehrere seiner Freunde, von dem Schuß aufmerksam gemacht, nachdem sie sich vergeblich
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bemüht, die schwere wohlverwahrte Thür in das Innere des Klosters zu öffnen, eilten herbei.
»Was ich gethan? - Dem Andenken ihrer Mutter, der seeligen Señora Landero die letzte Ehre erwiesen! - Ich gehe zum Marschall, mich als Kindesmörder zu stellen!«
Eine strenge Bewegung der Hand öffnete den Kreis der Umdrängenden und mit festem Schritt verließ der unglückliche Offizier den Raum.
Die Novize und die Paxarilla hatten das blutende Mädchen aufgehoben, zehn, zwanzig Hände der entarteten verlornen Frauen, die mit eingedrungen, griffen mitleidig zu, und trugen auf einen die Richtung bezeichnenden Wink der Ersteren die Unglückliche nach jenem auf das Ueppigste ausgestatteten Raum, wohin man sie vorhin auf den Befehl des hohen Sünders hatte bringen wollen.
El Tuerto hatte der Unglücklichen einen Moment nachgesehen, aber über das blutende Mädchen hinweg hatten seine Augen sich bereits auf die schöne Novize gerichtet.
»Rafaël - hierher!«
Der Portugiese war augenblicklich bei dem Piraten.
»Kannst Du den Doktor, der Dich kurirte, herbeischaffen?«
»Er muß ganz in der Nähe sein, ich sah ihn auf dem Platz.«
»So suche ihn eilig - vielleicht ist noch Rettung. Er soll das arme Kind in sein Haus bringen lassen, denn hier ist kein Bleiben für sie, weder todt noch lebendig. Es sind Weiber genug da, zu helfen.«
Der Matrose eilte davon und El Tuerto befahl, die
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Novize herbeizuführen, während er selbst auf dem Fauteuil Platz nahm, auf dem vorhin Don Franzisco gesessen. Wenige Augenblicke danach wurde das Mädchen vor ihn geschleppt. Sie sank vor ihm in die Knie. »Bei der Mutter Gottes, Señor! Gnade! Erbarmen - ich bin gezwungen worden, hier zu sein!«
»Du gehörst zu diesen schändlichen Weibern?«
»O Señor, ich war eine arme Waise - eine Fremde in Madrid. Man hat mich hierher gebracht in dieses Kloster - ich hatte weder Vater noch Mutter mehr!«
»Sprich die Wahrheit und es soll Dir Nichts geschehen. Wo ist der König? kein Leugnen! ich weiß, er befand sich hier!«
»Er ist entflohn - er und die Anderen!«
»Wer sind diese?«
»Der Eine ist ein Musiker - er war es, der jene Bilder angab, der jedes Mal kommt, wenn der König erscheinen will, nach dessen Willen die Mutter Theresa, die Superiorin Alles thun muß!«
»Sicher der Spitzbube Guelbenzu! Wie schade, daß wir ihn nicht erwischt haben!« sagte eine Stimme aus dem Haufen.
»Ich glaube, so nennt er sich!«
»Wer weiter?«
»Den dritten Herrn kenne ich nicht - er kommt mit dem König! - Außer ihm und der Superiorin waren nur ich hier und die Mädchen dort auf jener Bühne, welchen die Rollen in unseren geistlichen Komödien zugetheilt waren.«
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Der Tuerto lachte. »Ein frommes Schauspiel nach dem Kostüm zu schließen! Die priapischen Komödien, vor denen selbst ein Faun erröthen würde! Doch ist das Sache dieser frommen Jungfrauen! Wie steht es mit dem armen Kind?«
»Sie bemühen sich noch das Blut zu stillen - noch athmet die arme Dolores!«
»Wie lange sind Sie in diesem Vipernnest?«
»Zwei Jahre!«
»Dann müssen Sie um Vieles wissen. Wo ist die junge navarresische Frau, die man im vorigen Herbst hierher gebracht, um sie zu Aussagen zu zwingen in dem albernen Prozeß wegen einer carlistischen Verschwörung?«
Das Mädchen wand sich in furchtbarer Angst hin und her. »Ich weiß nicht Señor, wen Sie meinen! ...«
»Sie wissen es sehr gut und ich rathe Ihnen, es sofort zu sagen, wenn ich Sie nicht der kurzen Justiz des Volkes übergeben soll!«
»Sie ist in Pönitenz!« stöhnte die Geängstete.
»In Pönitenz? Das heißt doch wohl im Gefängniß! Wir wissen, daß viele weibliche Gefangene hier in verborgener Kerkerhaft gehalten werden. Vorwärts! Wo sind die Eingänge dieser Kerker?«
Wieder rang sie die Hände. »Gnade Señor - ich weiß es nicht!«
Er hatte sich erhoben und war ihr näher getreten. »Sie wissen es, Ihre Angst verräth Sie! Wo sind die Zugänge der geheimen Kerker?«
»Ich bin verloren, wenn ich es verrathe!«
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Der Tuerto hatte sich über sie gebeugt und sah ihr mit brennendem Blick in die flehend auf ihn gerichteten Augen. »Sagen Sie es ohne Scheu,« flüsterte er mit merkwürdig veränderter weich klingender Stimme. »Auf mein Wort ich schütze Sie, wenn Sie diesen Ort verlassen wollen!«
Sie sah erstaunt auf ihn. »Oh Señor, wie gern! Ein Zugang muß unter der Bühne vor uns sein - wo früher die Krypte der Kapelle war! - Ich habe von dort oft Ketten klirren und klägliches Wimmern gehört, obgleich ich nie hinunter durfte!«
»Genug! - Auf Freunde! es gilt die Opfer dieser schändlichen Klostertyrannen, des Hasses geiler Mönche und Nonnen zu befreien. Denkt an die Opfer der Inquisition!«
Ueberall suchten Männer und Frauen umher nach dem Eingang. -
»Ein alter Grabstein - dem Fußboden gleich! Er ist leicht zu heben!« flüsterte die Novize.
Von seinem Standpunkt aus leitete der Einäugige die Nachforschung - bald ertönte der Ruf, daß man die Stelle gefunden. Die Stiele der Aexte dienten dazu, durch die Ringe gesteckt, den Stein zu heben. Eine dunkel gähnende Oeffnung zeigte sich - Stufen führten hinab.
»Lichter! Fackeln herbei! und dann hinunter!«
Der Tuerto wollte sich an die Spitze der Eindringenden stellen, als die Hand der jungen Novize die seine faßte. »Oh Señor, wer Sie auch sein mögen, halten Sie Ihr Wort - erretten Sie mich wie die Anderen aus
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dieser Hölle! Es geht die Sage im Kloster, daß seit vierzig Jahren Unglückliche in verborgenen Zellen dort unten schmachten.«
»Wir werden sie finden - ich will die feinste Spürnase in ganz Spanien auf ihre Fährte hetzen. Rühren Sie sich nicht von diesem Platz, was auch geschehen mag. Ich werde einen meiner Leute zu Ihrem Schutz senden! - Zu mir Nicolo! Hast Du Brechstange und Laterne?«
»Hier Capitano!«
»Dann vorwärts!«
Beherzte Männer waren bereits in die unterirdischen Gewölbe gedrungen und erbrachen in dem langen Gang, der sich dort fand, die Thüren, die in einzelne Zellen führten, welche durch die hoch angebrachten Fenster offenbar aus einem der inneren Höfe oder einem abgesperrten Theil des Gartens Luft und Licht empfingen.
In einigen dieser halb unterirdischen Zellen fand man in der That unglückliche Gefangene, arme Klosterfrauen, die Ungehorsam oder irgend einen andern Fehler oft mit monatelanger Haft hatten büßen müssen, selbst zwei junge Mädchen, die entweder zu lange Widerstand geleistet hatten und durch die Haft willig gemacht werden sollten, - oder deren Verschwinden nöthig geworden, bis man Gelegenheit gefunden, sie in weiter Entfernung ungefährlich zu machen. Ein großes rundes Gewölbe, in welches der Gang mündete, und aus dem eine Treppe nach Oben - wahrscheinlich zu dem gewöhnlichen Eingange führte, bot das volle Bild dieser grausamen und schändlichen Klosterjustiz. Während an einer Wand ein Altar mit dem Bild der
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heiligen Jungfrau errichtet war, fanden sich an der anderen und der Säule, welche in der Mitte das Gewölbe trug, die unzweifelhaften Beweise, daß hier eine Straf- und Marterkammer eingerichtet war, die - wenn auch nicht mehr die furchtbaren Instrumente gebraucht wurden, welche die Franzosen 1806 bei der Zerstörung des Inquitionsgebäudes in Madrid fanden, - doch immer noch raffinirt genug waren, um abscheuliche Qualen zu bereiten: schwere Peitschen, Geißeln und eiserne Ruthen, der Block, das Halseisen und der Stachelgürtel.
Während die erbitterte Menge mit der Zerstörung und dem Fortschleppen dieser Geräthschaften beschäftigt war und die aufgefundenen Gefangenen in Freiheit setzte, war es dem Piraten endlich gelungen, die Zelle zu entdecken, in welche man die Nichte des alten Carlisten eingesperrt hatte. Die arme junge Frau, zum Tode erschreckt durch den Lärmen, hatte sich in einen Winkel ihres Gefängnisses geflüchtet, das Nichts enthielt, als eine hölzerne Pritsche mit zwei Wollendecken, einen Wasserkrug, Stuhl und Tisch. Dennoch wagte sie es kaum an ihre Befreiung zu glauben, und erst, als der Maltheser auf Befehl des Tuerto ihr gesagt, daß ihr Oheim Castillos selbst frei sei und sie erwarte, wagte sie es, ihren Befreiern zu folgen.
Aber der Pirat schien mit den Resultaten des Klostersturms und der Entdeckung der Gefängnisse noch keineswegs zufrieden.
»Es müssen noch andere Kerker sich hier befinden,« sagte er zu dem Schmuggler, »und wir müssen sie entdecken. Suche mein Freund, und strenge Dein Gehirn an!«
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Der Malteser wandte sich an die junge Frau. »Jene Treppe und die eiserne Thür am Ende - wohin führen sie?«
»In die Sakristei der Kirche!«
»Wissen Sie, ob das Kloster noch andere Kerkerzellen birgt, als die wir eben erbrochen haben?«
»Nur die Zelle der armen Wahnsinnigen!«
»Und wo befinden sich dieselben?«
»Ich weiß es nicht Herr - aber sie müssen in der Nähe sein, - während der langen schrecklichen Nächte konnte ich deutlich das Kreischen der Verrückten in meiner Zelle hören.«
Dem Tuerto war kein Wort entgangen. »Frage, woher die Töne kamen?« befahl der Schmuggler auf Italienisch.
»Es däuchte mir, bald unter mir - bald neben mir,« berichtete die junge Frau. »Von jener Seite dort!«
Der Einäugige war in die Zelle getreten, er legte das Ohr an die Wand, an die Erde - dann fuhr er empor - was er gehört, schien ihn in Aufregung zu versetzen.
Die Zelle, in welche man die Nichte des Bärenjägers eingekerkert hatte, war die letzte des Ganges gewesen und lag fast unmittelbar an der Treppe, von der Donna Ines berichtet hatte, daß sie zur Kirche empor führe.
Hier also mußte der Eingang eines neuen unterirdischen Raumes sein.
»Unter der Treppe - suche genau! - Was ist das - woher kommt der Lärmen?«
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Durch den unterirdischen Gang von der Kapelle her dröhnte ein wildes Schreien - Schüsse knallten, Waffen klirrten!
Der Pirat stieß einen argen Fluch aus. »Die Guardia oder das Militair! Hölle und Teufel - und in diesem Augenblick!«
»Hier ist der Eingang!« rief der Malteser - »hier, die geheime Thür!«
Der Tuerto trat hinzu - das Licht der Fackel zeigte ihm eine nur von scharfen Augen zu bemerkende, sonst ganz der dunklen Mauer unter der Treppe gleiche Pforte, die nur durch Riegel verschlossen war.
»Jetzt, Bursche, gilt es und zeige, daß Du ein Mann von Muth bist! Raffe an Männern zusammen, was Du kannst und halte den Gang nur fünf Minuten lang gegen die Schergen! - Ich schaffe Luft oder falle mit Euch!«
Das Aufblitzen von Schüssen am andern Ende des Corridors belehrte ihn, daß die eingedrungene Menge sich dort und wahrscheinlich in der Kapelle und dem Garten mit der Polizei oder dem Militair schlug. Er hatte dem Malteser die Fackel abgenommen und die Riegel der Thür entfernt, während Jener in den Corridor stürzte und die bereits Flüchtenden zurücktrieb.
Als der Pirat die Thür aufriß, strömte ihm eine widrige Moderluft entgegen. Dennoch sprang er ohne Zögern die zwei oder drei Stufen hinab, die zu einem noch tiefer gelegenen unterirdischen Corridor führten, der grade unter der Kirche, neben oder unter den Grüften entlang laufen mußte.
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»Ich bin die Königin! ich bin die Königin! - wo ist mein Kind? Gebt der Königin zu essen! Mich hungert und friert!«
Die Stimme klang grell - entsetzlich - der Ton des Wahnsinns; er kam aus der Tiefe des Ganges und machte selbst den wilden Mann schaudern. Dennoch wandte er die Schritte nicht gleich dahin, sondern öffnete die nächste Thür, durch deren vergittertes Fenster ein schwacher Lichtschimmer hervorleuchtete.
Der ziemlich enge Raum war gewölbt - kein Fenster darin, wenigstens nicht sichtbar - eine kleine Oellampe im Winkel vor einem Cruzifix erhellte die Zelle, die ein besseres Mobiliar zeigte, als die der früher befreiten Gefangenen.
An der Wand befand sich ein eisernes Bettgestell mit Matratze und Decken, auf dem Tisch in der Mitte stand eine zweite Lampe, die jedoch jetzt nicht brannte, neben einigen Resten von Speisen und zwei Gebetbüchern. Auf dem Bett lag angekleidet eine Frau, in eine dunkele wollene Kutte gehüllt, den Kopf auf den Arm gestützt und das Gesicht der Thür zugewendet.
Ihr Gesicht war überaus bleich und abgezehrt, zeigte aber trotz der Furchen und der Jahre, deren Zahl sich allerdings nicht leicht in diesem Zustand und im Halbdunkel der Umgebung schätzen ließ, Spuren früherer Schönheit, auch jetzt noch regelmäßige Züge, die um den Mund etwas Hartes, Drohendes hatten. Die Augen lagen tief in den Höhlen und hatten einen finsteren, trotz aller Leiden trotzigen Ausdruck, aber keineswegs den einer Wahnsinnigen.
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Auch das bereits ergrauende Haar hing nicht lose und wirr um den Kopf, sondern war einfach unter einer schwarzen Mütze geordnet.
Die Gefangene hatte sich bei dem raschen Eindringen der wilden Gestalt halb auf dem Lager erhoben, ohne jedoch Furcht zu zeigen.
»Wer ist's? - Ha - kommen die Mörder endlich, die mich nach fünfzehnjähriger Qual befreien sollen? Stoß zu Bandit und sieh, wie die wahre Königin von Spanien zu sterben weiß!«
Der Pirat erbebte - hatte El Tuerto gefunden, was der Graf von Lerida kaum zu denken gewagt? Aber was geschehen sollte, mußte rasch geschehen. Er näherte sich der Frau, die sich erhoben hatte. »Sind Sie die Tochter von Estella Prim?«
»Woher wissen Sie das?«
»Es handelt sich um Ihre Rettung, aber die Augenblicke sind kostbar. Antworten Sie mir - sind Sie die Tochter König Ferdinands, die Gemahlin von Edward Lauderdale, Viscount von Heresford?«
»Der Schändliche! Der Feige, der Weib und Kind verließ! Ich bin es - aber wer seid Ihr?«
»Dazu ist später Zeit - jetzt gilt es, Sie und uns zu retten. Folgen Sie mir!«
»Sei es - und wäre es zum Tode! Es ist besser, als dieses lebendige Grab!«
Er eilte aus der Zelle - blieb aber draußen einen Augenblick stehen, als ihm das kreischende Geschrei der
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Wahnsinnigen wieder an's Ohr schlug: »Ich bin die Königin! ich bin die Königin! Gebt mir mein Kind!«
»Sind noch andere Gefangene in diesen Kerkern?«
»Nicht, daß ich wüßte!«
»Und jene Wahnsinnige?«
Sie schwieg einen Augenblick, ihre Branen hatten sich finster zusammengezogen, ein Schauer durchbebte ihren abgemagerten Leib.
»Sie ist an die Mauer ihres Kerkers gefesselt - seit Jahren in wilder Tobsucht!«
»Und wer ist sie?«
Sie legte die Hände vor das Gesicht - ein Kampf schien in ihr vorzugehn - dann richtete sie sich empor und sagte kalt: »Ich fürchte - meine Mutter!«
Der Einäugige machte eine Bewegung, als wolle er zu der Unglücklichen, aber die Hand der Frau legte sich auf seinen Arm.
»Es ist vergeblich« - sagte sie - »ihr Geist ist umnachtet, ihr Leib gebrochen. Es ist unmöglich, sie mit uns zu nehmen, wenn, wie ich aus Ihren Worten schließe, meine Befreiung heimlich geschieht. Lassen Sie uns eilen, denn Sie wissen nicht, in den Händen welcher Teufel wir uns hier befinden!«
Er fühlte die Wahrheit ihrer Worte, wenn auch ihn, den rohen, Verbrechen gewohnten Mann diese kalte Gefühllosigkeit einer Tochter gegen die eigene Mutter widrig berührte, - er wußte, daß jeder Augenblick kostbar war!
»Kommen Sie und schweigen Sie, was Sie auch hören und sehen, es gilt unser Leben!«
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Er eilte ihr voran aus dem Kerker, verfolgt von dem Geschrei der Wahnsinnigen - draußen in der Pönitenzkammer, dem Geißelgewölbe, fand er die junge Frau vor dem Altar auf den Knieen liegen, umgeben von mehreren vor dem Kampf geflüchteten Weibern aus dem Volk, und dennoch vielleicht vor dem Thron des Alleingerechten besser und sündloser als die heuchlerische Brut der Frommen, die zu entlarven sie hier eingedrungen waren. Noch schlug sich der Schmuggler Nicolo mit seinen Kameraden aus der Schänke gegen die Soldaten, die zum Glück erst in geringer Zahl hier unten waren und in der Dunkelheit nicht wagten, energisch vorzudringen, während ihre Kameraden oben das plündernde Volk aus den hinteren Räumen des Klosters vertrieben. Jetzt - wo hinaus? - fast unwillkürlich hatte er die Frage laut gethan.
Er erhielt Antwort und Beistand von einer Seite, von der er sie wohl kaum erwartet hatte.
»Durch die Kirche!« sagte Donna Ines.
»Wir wollen versuchen, sie zu sprengen!«
»Es ist unnöthig Señor - hinter der Thür im Winkel muß ein Schlüssel hängen, der sie öffnet - ich habe es öfter gesehen!«
El Tuerto sprang hinauf - in der That faßte hinter der Thür im Dunkel die suchende Hand einen schweren Schlüssel, der in das Schloß paßte.
»Triumph - jetzt sollen sie uns nicht fangen. Halten Sie zusammen, bis wir auf dem Platz sind. Aufgepaßt!« Er hielt den gebogenen Finger an die Lippen, und ließ
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einen eigenthümlich modulirten Pfiff ertönen, das Signal der Schmuggler, wenn es galt, sich zu flüchten.
Im nächsten Augenblick war der Malteser, der aus zwei leichten Wunden blutete, mit vier andern Männern an seiner Seite.
»Verhüllen Sie das Gesicht so gut es geht,« rief der Pirat der zuletzt Befreiten zu, ihr seinen Mantel zuwerfend, - »sorge für die beiden Frauen, Nicolo, und haltet dicht zu mir! - Vorwärts denn in des Himmels oder des Satans Namen.«
Das schwere Brecheisen in der Linken, drehte er den Schlüssel und warf die Thür auf, die Fackel, die sie trugen, erfüllte den ziemlich großen Raum einer Sakristei und zeigte den Eingang zum Innern der Kirche, aber wie sie die zweite Thür öffneten und hinaus stürmten, prallte der Schmuggler-Kapitain fast zurück, denn die Kirche war nicht einsam und dunkel, wie er erwartet, vielmehr der Raum vor dem Hochaltar mit allen Kerzen erhellt und im Kreise auf den Fließen lagen die Nonnen, Novizen und Schülerinnen auf den Knieen und hatten eine geistliche Hymne angestimmt, deren Gesang sie wahrscheinlich das Oeffnen der Thüren und den fernen Lärmen nicht hatte hören lassen.
Nebenbei war er ein Mittel, sie vor der drohenden Gefahr zu schützen.
Als die Superiorin des Pensionats mit Don Francisco und seinen Begleitern glücklich geflüchtet und dieser in rascher Verkleidung aus dem Kloster durch seine Nebenausgänge entkommen war, hatte er den Musikus
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nach der nächsten Infanterie-Kaserne geschickt, die in geringer Entfernung an der Calle de Valgame Dios sich befindet und militairische Hülfe für das Kloster herbeirufen lassen, ohne jedoch weislich seinen Namen in's Spiel zu bringen. Der kommandirende Offizier der Wache, die bereits durch das Gerücht von der Entweichung der Gefangenen aus dem Saladero und dem Volksauflauf auf der Puerta del Sol alarmirt worden war, sandte eine Abtheilung zum Kloster, die sich freilich als zu schwach erwies, den Platz und die Umgebung mit Nachdruck zu räumen, und Succurs requirirend sich zunächst begnügen mußte, das eingedrungene Volk aus den Räumen des Pensionats zu vertreiben, wobei es zu Scenen des heftigsten Widerstands kam, wie wir bereits gesehen haben.
Während dessen hatte die Superiorin es für das Klügste gehalten, sich und die Ihren durch einigen geistlichen Humbug vor der Erbitterung der Volksmenge zu schützen. Sie hatte daher eilig die frommen Schwestern und die Zöglinge des Pensionats in der Klosterkirche versammeln lassen und für alle Fälle unter den Schutz des Altars gestellt. Von der Auffindung und Befreiung der Gefangenen hatte sie natürlich noch keine Kenntniß.
Jetzt, als die wilde drohende Gestalt des Piraten mit seinen Begleitern so plötzlich in die Kirche hereinprallte, war der Schrecken ein doppelter. Wie die Schaafe, unter welche der Wolf bricht, stürzten die Nonnen und Mädchen zum Altar, vor dem hoch aufgerichtet die Superiorin stand, die entsetzten Blicke auf die Eingedrungenen gerichtet, die jedoch weder Zeit noch Lust zu haben
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schienen, sich bei den frommen Damen aufzuhalten. Im Gegentheil beeilten sie sich, eine der Kirchenthüren zu erreichen, von der man wußte, daß sie ins Freie und auf den Platz vor dem Kloster führt.
In diesem Augenblick, grade als die beiden befreiten Gefangenen durch die von den Kerzen des Hochaltars verbreitete Hellung schlüpften, fiel der verhüllende Mantel des Piraten von dem Gesicht der Aelteren und das Licht voll auf das hagere Antlitz, daß die Superiorin es zu erkennen vermochte.
»Santa Maria puris[s]ima - haltet sie auf! laßt sie nicht entfliehen!« schrie die entsetzte Klosterfrau und eilte jeder Gefahr trotzend die Stufen des Altars hinab ihnen nach.
Aber der Tuerto hatte bereits die Thür gefunden und geöffnet. »Hierher! Schnell!«
Einen Augenblick noch blieb die Verhüllte stehen und wandte sich gegen die Verfolgerin, drohend die Hand ihr entgegenballend.
»Sei verflucht, Werkzeug schändlicher Tyrannei! - Verflucht! verflucht!«
Die Klosterfrau taumelte zurück - im nächsten Augenblick waren sie Alle glücklich hinaus und im Dunkel des Platzes und dem Gewühl, das hier herrschte, verschwunden.
Es war übrigens die höchste Zeit; denn von der Kaserne de San Mateo her rückte eine ganze Compagnie an und zugleich kam im Trabe ein Zug Cavallerie herbei.
Der Tuerto faßte die Hand der Verhüllten. »An
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der Ecke der Lucasstraße! fort!« flüsterte er dem Malteser zu und warf sich in das Gedränge.


Während dieser Vorgänge im Pensionat der Salesianerinnen war der Arriero mit seinen beiden Begleitern in das Haus gelangt, das ihm El Tuerto bezeichnet hatte und in dem sich die Niederlage der Schmuggler und das geheime Absteige-Quartier des Grafen von Lerida befand.
Den erhaltenen genauen Instruktionen folgend fand er bald die Thür dieser Wohnung und sein Taschen-Feuerzeug verschaffte ihm die nöthige Beleuchtung, bis er sich in den Zimmern, die er noch niemals betreten hatte, orientiren und eine der vorhandenen Lampen anzünden konnte.
»Caramba!« meinte der würdige Capataz, indem er sich umschaute, ich glaube wirklich, Seine Excellenz halten hier einen Kleiderladen, der übrigens prächtig geeignet ist, unsere Garderobe wieder in den neuen Stand zu setzen, der uns wenigstens bei einer mißliebigen Begegnung nicht in die Hände der Polizei führt. Ich sollte meinen Señores, Sie würden Beide gut thun, auch Ihrerseits die Kleider, in denen ich Sie entführt habe, mit anderen unverdächtigen zu vertauschen.«
Der Rath war so augenscheinlich gut, daß der Bärenjäger und Don Rosario nicht zögerten, ihn zu befolgen. Während der Capataz sich der letzten Reste seiner militärischen Verkleidung entledigte und zu seinem alten Kostüm zurückkehrte, wozu sich reichliches Material in der Garderobe befand, wählte Castillos den einfachen bequemen
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Anzug eines galizischen Wasserträgers, wie man sie in ihrer Beschäftigung täglich in den Straßen von Madrid sieht, und Don Rosario einen jener langen englischen Surtouts, die in fast allen Ländern für einen Freipaß insularischer Insolenz und Unverschämtheit gelten.
Während diese Verwandlung vorgenommen wurde und Jeder zugleich aus dem vorhandenen Vorrath sich mit einer passenden Waffe versah, hatte der Arriero häufig Don Rosario mit forschenden Augen betrachtet, ohne doch bis jetzt ein Wort über die Ursache fallen zu lassen.
Jetzt, nachdem durch seine Vorsorge eine von ihm aufgespürte Flasche jenes trefflichen Portweins auf dem Tisch stand, von dem die klugen Engländer nie einen Tropfen in ihre Keller bekommen, da die schlauen Portugiesen ihnen dafür nur einen gefärbten Aufguß von Korinthen und Sprit verkaufen, während sie den wirklichen Traubensaft im Lande behalten, - setzte sich die kleine Gesellschaft an den Tisch, um bei einem leichten Imbiß sich von der Aufregung der Flucht zu erholen und die weiter zu thuenden Schritte zu berathen.
Der Arriero war der Ansicht, daß man dazu die Ankunft des Grafen von Lerida, des Herrn der Wohnung, oder wenigstens die seines anscheinend Bevollmächtigten bei diesem gelungenen Streich, des Schmuggler-Kapitains erwarten müsse, der ja doch versprochen habe, ihnen hierher zu folgen.
Der immer mehr sich verstärkende Lärmen auf den Straßen, der selbst in die abgeschiedene Stille dieses Aufenthalts drang, überzeugte sie überdies, daß trotz der
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Umkleidung ein Betreten der Straße leicht gefährlich werden könne, während sie hier ganz in Sicherheit schienen. So mochte mehr als eine Stunde vergangen sein, als das aufmerksame Ohr des Arriero die Thür nach der Straße sich schließen und bald darauf das verabredete Zeichen am Eingang hörte. Der Tuerto trat mit zwei Frauen ein.
»Führen Sie die beiden Señoras zu den Herren, Señor Capataz,« bestimmte der Einäugige, »und sorgen Sie für Erfrischungen und andere Kleider - zu dem Ersteren werden Sie alles Nöthige in dem Schrank zur Linken, weibliche Kleider in dem zweiten Zimmer finden. Ist, seit Sie angekommen, Jemand hier gewesen?«
»Nein Kapitain!«
»Dann muß ich selbst Denjenigen aufsuchen, der allem die weiteren Bestimmungen geben kann, und dem ich auch Sie bitte, unbedingte Folge zu leisten. Wir treffen uns später, wenn es nöthig wird, in der Taberna der Gesellschaft. Einstweilen, Señor, Dank für Ihre Umsicht und Geschicklichkeit, die ich zu rühmen wissen werde.«
Er drückte dem Capataz die Hand und war im Dunkel verschwunden, ehe derselbe eine weitere Frage an ihn richten konnte.
Der Arriero öffnete die Thür und ließ die beiden Frauen eintreten. Im nächsten Augenblick, als der Wechsel des Lichts vorübergegangen war, erkannte die junge Frau ihren Oheim und warf sich schluchzend in seine Arme.
»Oh Santa Maria puris[s]ima - wie danke ich ihrer Gnade, daß sie mich Unglückliche in Deine Arme führt, Tio mio, und möge ihr Schutz uns nie wieder fehlen.
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Laß uns heimkehren von dieser schrecklichen Stadt zu unseren Bergen, daß ich an Tomaso's Grabe weinen kann, ehe neue Verfolgungen über uns heraufziehen.«
Auch der alte Bärenjäger war tief bewegt, als er die Tochter seines verstorbenen Bruders, die er wie sein eigenes Kind geliebt und erzogen hatte, an sein Herz drücken konnte. »Beruhige Dich, Guerida,«4 sagte er tröstend, »mit der Heiligen und wackerer Freunde Hilfe, die uns aus dem Kerker geführt, werden wir die schützende Heimath glücklich erreichen. Dir aber danke ich, daß Du so wacker und treu ausgehalten und kein Zeugniß gegen unsere heilige Sache abgelegt hast. Ich fürchte, sie haben Dir schlimm mitgespielt, armes Kind, denn Du siehst bleich und abgehärmt genug aus - ich hoffe doch nicht, daß Du krank bist?«
Sie preßte das erröthende Gesicht an seine Brust - es auf eine geeignetere Stunde verschiebend, ihn von dem Geheimniß zu erzählen, das sie so schwer bedrückte. Dann begann sie ihm zu berichten, wie man sie selbst nach seiner Gefangennehmung und Fortführung auch nach Madrid gebracht und bei den früheren Karmeliterinnen, die nach Aufhebung der Bettelorden in dem eigentlich der Krankenpflege gewidmeten Kloster der Salesianerinnen ihre Zufluchtstätte hatten und dort fortfahren, »des Lebens müde« Frauen und Mädchen aufzunehmen und angeblich sich mit Unterricht zu befassen, untergebracht worden sei. - Anfänglich habe man sie ziemlich gut behandelt und der
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Padre Antonio, der frühere Cura des Ohms, sie besucht und sie zu überreden sich bemüht, über Alles, was sie von einer carlistischen Verschwörung gegen die Regierung der frommen und gottesfürchtigen Königin Isabella und über Correspondenz und den Verkehr ihres Oheims mit den Häuptern der carlistischen Agitation wisse, Aussage zu machen!
»Der verrätherische Schurke,« unterbrach der ehrliche Bärenjäger die Erzählung. »Sein Rock soll ihn nicht schützen, wenn er je wieder in meine Hände fällt!«
Dann, erzählte die junge Wittwe, als sie sich fest geweigert habe, solche Aussagen zu machen, ihreUnwifsenheit vorschützend, und auch ihre Confrontation mit dem Oheim zu Nichts geführt habe, hätte man sie immer strenger behandelt, zu allerlei Bußübungen verurtheilt und endlich zu den Pönitentiaren in eine halb unterirdische Zelle einsam eingesperrt, derselben, aus der sie an diesem Abend gewaltsam befreit worden sei.
»Ich werde diesem Tollkopf Juan auf die Ferse des falschen Pfaffen helfen,« sagte der Bärenjäger, »sobald wir mit seiner Hilfe aus Madrid entkommen sind.«
Donna Ines sah ihn fragend an.
»Wen meinst Du damit?«
»Wen anders, als den Grafen von Lerida, den Du ja kennst, da er mit den andern Gästen an jenem Tag vor Deiner Hochzeit mit dem armen Tomaso zu uns kam und Dein Trauzeuge war.«
Die junge Wittwe erbebte, sie wußte das Gefühl von Angst und Beklemmung, das sich ihrer bei dem Namen
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und der Erinnerung an jene Scene des Tanzes und ihrer Ohnmacht bemächtigte, sich selbst nicht zu erklären. »Was wird sich der vornehme Herr um unser Schicksal kümmern,« sagte sie unmuthig.
»Pfui Ines,« meinte der Oheim, »wenn er auch damals ohne Abschied und Beistand uns verlassen hat - wer weiß, was ihn dazu bewogen! - war doch grade er es, der mir durch meinen klugen Hund die Warnung sandte, die ich besser hätte beachten sollen! Ich habe alle Ursache anzunehmen, daß durch seine Veranstaltung wir in der letzten Stunde noch befreit worden sind, und wenn er auch leichtfertig und unbeständig, namentlich was die Weiber betrifft, ist er doch seinen Freunden treu, wie mein alter Negro, das wackere Thier. Ich wünschte, ich wüßte, wie es ihm geht!«
Die Worte waren kaum gesprochen, als die Thür des zweiten Zimmers sich leise öffnete und ein großer Wolfshund hereinschoß und an dem Bärenjäger liebkosend in die Höhe sprang. Der Alte sah einen Augenblick ganz erstaunt auf ihn nieder, aber schon im nächsten hatte er sich überzeugt und beugte sich ebenso überrascht wie erfreut zu dem Thier nieder und küßte es.
»Negro - ist es möglich! Wo kommst Du her? - Was zum Henker ist das - Du blutest, oder hast vielmehr geblutet?«
»Eine kleine Schramme als Zeichen seiner Tapferkeit zu Ehren Ihrer Majestät der Königin Isabella II.,« sagte lachend eine fremde Stimme. »Beiläufig hat er Ihrem
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ergebenen Diener und Freund wahrscheinlich das Leben damit gerettet.«
Der Bärenjäger hatte sich aufgerichtet unter der jetzt geöffneten Thür stand ein Caballero.
»Bei Gott, ich hätte es mir denken können, daß es kein Anderer als Sie war! - Willkommen Señor Conde und nehmen Sie meinen Dank für meine und meiner Nichte Befreiung!«
Er ging auf den Grafen von Lerida zu und schüttelte ihm kräftig die Hand.
Es war in der That Don Juan, der in gewöhnlichem Anzug in das Zimmer getreten war, und mit einem schlauen Blick die Anwesenden musternd, sich höflich gegen sie verbeugte.
»Señora's und Caballeros,« sagte er höflich - »seien Sie freundlichst willkommen in meinem Incognito-Quartier. Ich sehe, dieser Spitzbube, den man den Kapitain El Tuerto zu nennen pflegt, hat meine Befehle erfüllt und noch darüber hinaus das Möglichste gethan. Ich bitte Sie, es sich so bequem als möglich zu machen, und dann wollen wir berathen, wie wir am Besten und Sichersten Ihre Wünsche erfüllen; denn ich muß Ihnen sagen, daß es heute etwas unruhig und nicht ganz gefahrlos in den Straßen von Madrid ist.«
Die Anwesenden, von denen selbst Diejenigen, welche ihn bisher nicht persönlich kannten, nicht zweifeln konnten, daß der fremde Caballero der Graf von Lerida war, dessen Erscheinen man ihnen früher angekündigt hatte, betrachteten den Abenteurer mit sehr verschiedenen Gefühlen.
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Daß der alte Bärenjäger ihn mit aufrichtiger Freude empfing, war selbstverständlich. Selbst wenn Jener ihm nicht einen so wichtigen Dienst geleistet hätte, würde schon der Zug, daß er den treuen Gefährten seiner Jagden, sein Lieblingsthier, aus den fernen Pyrenäen hierher gebracht hatte, ihm des alten Mannes Herz ganz wieder zugewendet haben. Anders waren die Gefühle seiner Nichte, die sich des schon früher angedeuteten Schreckens bei der bloßen Erinnerung an ihn jetzt bei seinem wirklichen Erscheinen nicht erwehren konnte und dennoch sich einem gewissen bestrickenden Zwang unterworfen fühlte, der sie mit dem Blick seines Auges gefesselt hielt und sie zu ihm zog. Die junge Wittwe erröthete und erbleichte abwechselnd und zitterte bei der Berührung seiner Hand, als der Oheim sie zu sich rief, um dem jungen Mann zu danken.
»Ich hoffe,« sagte der Graf, »Señora Ines wird mich jetzt zu ihren besten Freunden zählen, und wenn sie meines Beistandes bedarf, denselben bei jeder Gelegenheit in Anspruch nehmen.«
Ihre Wangen brannten bei dem Ausdruck, den er in diese Versicherung legte, und wie diesen Beistand schon jetzt suchend, schmiegte sie sich an ihren Oheim an.
Die Frau, die man in dem Kerker der Wahnwitzigen gefunden, war nach ihrem Eintritt an der Thür stehen geblieben, in stolzer Haltung, die Arme übereinander gekreuzt. Der Graf näherte sich ihr mit einer gewissen ehrerbietigen Haltung.
»Señora,« sagte er - »ich habe nicht die Ehre, von
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Ihnen gekannt zu sein, aber daß man sie an jenem Ort der Tyrannei gefunden, deren Handlungen das Licht des Tages scheuen, genügt für mich, Ihnen meine Dienste zur Verfügung zu stellen.«
Sie sah ihn scharf und fest an. Dann sagte sie auf Englisch: »Sie sind der Lord von Lerida?«
»Ja - der Neffe von Edward Lauderdale, Viscount von Heresford!«
Sie nickte leicht mit dem Kopf. »Da der Diener keine Geheimnisse vor dem Herrn haben soll,« fuhr sie mit einem sarkastischen Zug um den Mund fort, »so werden Sie bereits wissen, was ich von dieser Verwandtschaft denke. Ich meine, Sie wissen, wen Sie dem Kerker entrissen haben, sonst hätten Sie mir schwerlich jenen Namen genannt, oder nennen lassen!«
Der Graf verneigte sich. »Ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen machte mich mit dem Geheimniß eines Daseins bekannt, von dem ich vor einigen Tagen noch keine Ahnung hatte. Eine Andeutung wies darauf hin, daß dieses Dasein vor fünfzehn Jahren in den Mauern jenes Klosters verborgen worden sei, und da ich ohnedem beschlossen hatte, seine schändlichen Geheimnisse an den Tag zu bringen, forschte ich auch nach jener verschwundenen Existenz. Das Glück hat Ihnen und uns wohlgewollt, Mylady sind frei!«
»Und Ihre Absichten?«
Der Graf zuckte mit den Achseln. »Ich begnüge mich, zuweilen der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit ein Wenig nachzuhelfen! Ich bin wie jener wackere Mann
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dort und mein Vater war, Carlist und - ich kann Ihnen nur wiederholen, Mylady, ich habe keine Kenntniß und keine Beweise für - jene Existenz, als die zufällige Notiz eines Polizeispions, der sich José Romero nannte.«
»Ha - der Schändliche! Und wenn ich Ihnen jene Beweise geben könnte?«
»Dann würde es mir Pflicht sein - wenigstens die Verwandte zu schützen!«
Die Frau wies mit einem stolzen Neigen des Kopfes nach Don Rosario hinüber. »Jener Mann, wenn er will, kann Ihnen die Beweise der Wahrheit liefern. Fragen Sie ihn, ob er sich der Nacht des 10. August 1837 in der Kirche zum Herzen Jesu zu Azpoitia erinnert?«
Dem Conde fiel der Datum schwer auf - er stand in den Notizen des Spions.
»Wie - also wäre es wahr - wer ist jener Mann?«
»Der Kapitain Diaz Cavalho, der Trauzeuge Ihres Oheims.«
»Der Mörder meines Vaters?!«
»Er war nur das willenlose Werkzeug in der Hand eines mächtigeren Feindes, des Obersten Narvaez, der wieder dem Befehl von Espartero folgte. Wegen jener Execution trat er aus der christinischen Armee. Er hat es mir selbst erzählt - und auch, daß er noch ein Vermächtniß Ihres Vaters für seinen Sohn habe.«
Die Uebereinstimmung dieser Notizen verfehlte ihren Eindruck nicht auf den Grafen. »Seltsam!« murmelte er - »welche Fäden sammeln sich da in meiner Hand. - Verzeihen Sie, Mylady, noch eine Frage. Jene
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Aufzeichnungen José Romero's enthalten die Notiz von der Geburt einer Tochter?«
»Giuliana - mein Kind! Wissen Sie Etwas von ihr, Señor?« Die eherne Mauer des Stolzes und der Verbitterung um das Herz dieser Frau, die vor einer Stunde noch ihrem Ich die eigene Mutter geopfert, schien doch erschüttert von der Erinnerung an ihr eigenes Kind. Ihre Hand hatte den Arm des Grafen gefaßt und sie sah ihm angstvoll in's Auge.
»Ich bedauere, daß ich Ihnen keine Nachricht von ihr geben kann. Wenn Sie mir sagen wollen, was Sie selbst wissen, wird es mir vielleicht möglich sein, Ihre Nachforschungen zu unterstützen - erinnern Sie sich, daß es meine Cousine ist, daß ich also ein Recht habe zu fragen.«
Sie sah ihn mit einem finstern Blick an, ihre Finger legte sich krampfhaft in einander. »Wenn Sie das vermöchten - ich weiß Nichts von ihr, seit man sie von mir gerissen hat, als man mich vor fünfzehn Jahren in die Gefängnisse des geistlichen Gerichts zu Sevilla warf; aber ich zweifle nicht, daß die Räuberin meiner Rechte auf den Thron und die Natternbrut am Altar wissen, wo sie geblieben oder - untergegangen ist!«
»Beruhigen Sie sich, Mylady, und zählen Sie auf mich. Ich werde Alles aufbieten, auch die geringste Spur zu verfolgen. Hatten Sie die Beweise ihrer Geburt in Händen?«
»Jene Priester, die sich zu meinen Richtern aufwarfen, haben sie mir geraubt. Aber Giuliana war damals bereits
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alt und charakterstark genug, daß sie wissen durfte, ihre Mutter sei die rechtmäßige Erbin des Thrones von Spanien und eben deshalb fürchte ich für ihr Leben. Wer weiß, wo sie längst vermodert ist. Es haben nicht Alle die zähe Natur des Hasses, die mich widerstehen ließ!«
Don Juan schritt auf den früheren Offizier zu. »Señor,« sprach er, »man hat mir gesagt, daß Sie der Kapitain Diaz Cavalho sind, vor fünfundzwanzig Jahren Lieutenant in dem Regiment des Obersten Narvaez.«
Der Don sah ihn mit einigem Erstaunen an. »Dem ist allerdings so, Señor Conde,« sagte er, »und ich wartete nur auf den Augenblick, mich Ihnen vorstellen zu dürfen. Aber ich kann in der That nicht errathen, wer Ihnen meinen Namen verrathen haben kann, da nur mein Haftgefährte hier ihn seit einer Stunde kennt und davon noch nicht gesprochen hat.«
»Diese Dame hier, die wie Sie aus dem Gefängniß kommt, hat ihn mir soeben genannt und erinnert Sie an den 10. August 1837, wo Sie der Zeuge ihrer Trauung mit meinem Oheim, dem Viscount von Heresford gewesen sein sollen?«
»Wäre es möglich - die Infantin Enriqueta?« Er eilte auf sie zu, sah ihr aufmerksam in's Gesicht, ergriff dann ihre Hand und küßte sie. »Verzeihung Hoheit, daß ich Sie nicht erkannt habe, aber ich habe Sie erst einen Augenblick gesehen und war zu sehr mit mir selbst beschäftigt - und ...«
»Zeit und Leiden verändern viel, Kapitain,« sagte die Lady - »außerdem sahen wir uns damals nur kurze Zeit.
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Dennoch ist es für mich von Wichtigkeit, daß Sie mich wiedererkennen, denn Sie sind der einzige Mensch, auf den ich mich berufen kann und ich danke Gott, daß er uns so seltsam hier zusammengeführt hat im ersten Augenblick, wo die aus dem Kreis der Lebendigen Ausgestrichene wieder in das Leben tritt, um die Rechte ihrer Geburt zu fordern, nachdem man mir jeden Beweis genommen hat.«
Der Don sah sie besorgt an. »Wie unglücklich trifft sich das - Eure Hoheit wissen, daß der Fürst und ich damals jeder eine Abschrift des Trau-Certificats erhielten ...«
»Nein - ich wußte es nicht! Bei allen Heiligen, wo ist sie?«
»Ich habe sie lange unter meinen wichtigsten Papieren verwahrt, bis leider ich diese alle und mein ganzes Vermögen auf der Flucht nach Frankreich einem Arriero anvertrauen mußte, damit sie nicht, wie ich in die Hände der Schergen der Königin Isabella fallen sollten.«
Der Capataz, der der Unterredung zugehört, that einen Schritt vorwärts.
»Sie sind der Kapitain Diego Cavalho?« frug er mit ernster Stimme.
»Sie hörten es eben, mein Freund!«
»Verzeihen Sie Señor, wenn ich mich in Ihr Gespräch mit dieser Donna dränge. Sie sprachen soeben, daß Sie auf der Flucht nach Frankreich einem spanischen Arriero Ihr Vermögen anvertraut hätten?«
»Ich sagte es - leider!«
»Warum leider?«
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»Weil seitdem mehr als sechs Jahre verstrichen sind, die ich in verschiedenen Gefängnissen Spaniens zugebracht, bis man sich endlich aus den Galeeren meiner entledigen wollte, - und so eine Million und meine Papiere längst verloren sind!«
»Quien sabe! - Erinnern Sie sich genau des Tages?«
»Es war in der Nacht zum 10. Oktober 1855.«
»Und wo?«
»Auf einem Schleichweg über den Mont Perdu, auf dem Weg nach Luz.«
»Was vertrauten Sie damals dem Arriero?«
»Mein Portefeuille, - es enthielt Briefe, Zeugnisse und mein Vermögen in Anweisungen auf London und Paris.«
»Würden Sie den Mann wiedererkennen?«
»Was würde das nützen? Ich hatte erst am Abend Gelegenheit, mich seinem Zuge anzuschließen und sein Versprechen zu erhalten, mich mit dem Transport der Waaren, die er nach Frankreich schmuggelte, sicher über die Grenze zu schaffen. Der arme Bursche, er wäre wohl sicher durchgekommen, da die Zollbeamten ihm schwerlich auf den Fersen gesessen, wenn es nicht die Verfolgung meiner Person gegolten hätte.«
»Er verlor damals zwanzig Maulthiere und, da er sich für ihre Ladung verbürgt hatte, sein ganzes Vermögen, das er sich in zwölf langen Jahren erspart hatte. Aber er gab es hin für den Ruf seiner Zuverlässigkeit.«
Der Don blickte den Mann erstaunt an. »Wie Señor, Sie haben den Arriero Estevan Provedo gekannt?«
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»Ich bin Estevan Provedo!«
Der Kapitain Cavalho sah ihn einige Augenblicke bewegt an. Dann reichte er ihm die Hand. »Es ist offen und wacker, daß Sie sich selbst melden, denn ich hätte Sie nicht wiedererkannt. Da Sie Ihr Vermögen damals durch mich eingebüßt, kann ich mich nicht über den Verlust des meinen beklagen.«
»Warten Sie!« - Der Capataz wandte sich an den Grafen, der schweigend der Scene zugehört hatte. »Euer Excellenza erlauben mir eine Frage?«
»Fragen Sie!«
»Soviel ich beurtheilen kann - obschon ich dies Haus niemals betreten habe, - muß dasselbe sich ganz in der Nähe der Posada der Contrabandista befinden, so daß man unbemerkt dahin gelangen kann.«
»Die Höfe der beiden Häuser stoßen zusammen!«
»So erlauben Euer Excellenza vielleicht, daß ich mich einen Augenblick nach der Posada begebe, ich habe mein geringes Gepäck dort.«
»Kommen Sie, ich werde Sie selbst begleiten. Ueberdies habe ich einen Auftrag für Sie dahin.«
Der Arriero verbeugte sich und folgte dem Grafen, der ihm voran schritt.
Die Zurückbleibenden sahen sich schweigend an, nach einer kleinen Weile kehrte der Graf zurück, doch auch er schien gespannt auf die Entwickelung und sprach nur einige gleichgültige Worte zu dem alten Bärenjäger.
Es vergingen etwa zehn Minuten, dann klopfte es
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an der Flurthür und Castillos, welcher ihr zunächst sich befand, öffnete.
Der Capataz trat ein, gefolgt von Mauro, dem griechischen Diener des Grafen von Lerida.
Der Arriero trug in seiner Hand eine dicke lederne Brieftasche; - der Grieche Mauro war sehr blaß und erregt.
»Señor Capitan,« sagte der Arriero auf Don Rosario zutretend, »der Ruf der Zuverlässigkeit und Treue der spanischen Arriero's soll durch Estevan Provedo Nichts von seinem alten Ruhm einbüßen! - Hier ist die Brieftasche, die Sie mir damals übergaben und die ich Ihnen zu bewahren mit meinem Ehrenwort gelobte. Ich gab meine Maulthiere preis, um mich und damit Ihr Eigenthum zu retten. Ich habe jahrelang vergeblich nach Ihnen geforscht - Gott und die heilige Jungfrau haben mir endlich die Gnade erwiesen, dies anvertraute Gut in die Hände seines Eigenthümers zurückgeben zu dürfen und so meine Ehre zu sichern!«
»Braver Mann!«
Der Bärenjäger trat zu dem Arriero und schüttelte ihm die Hand, - es bedurfte zwischen Beiden der Worte nicht, um sich zu verstehn.
Don Juan hatte scharf den Griechen in's Auge gefaßt. »Was ist geschehen, daß Du nicht mit dem Wagen an dem Platz der Münze warst?«
»Das Unglück ...«
»Welches Unglück?«
»Im Circo Mylord!«
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»Was ist geschehn?«
»Señor Gomez ...«
»Was ist mit ihm - sprich!«
»Er ist todt!«
»Der Espada Gomez?«
»Er ist ausgeglitten als er den Stoß führte, und das Horn des Stiers hat ihn durchbohrt.«
»Caracho! - und man hat den Unglücklichen erkannt?«
»Er wehrte sich noch im Todeskampf gegen die Abnahme der Larve, bis der Herr Vicomte sie ihm mit Gewalt abriß!«
»Arme Paxarilla!«
»Sie sitzt drüben in der Posada, mit eifersüchtigen Blicken eine junge Señoritta bewachend, die Rafaël der Portugiese dahin gebracht. Sie hat noch keine Ahnung von dem Unglück.«
»Und der Espada?«
»Frai Antonio hat ihm die letzte Oelung gegeben. Die Aufregung im Circo war ungeheuer, man schrie und lachte und schmähte auf Euer Excellenza. Die Königin ist sofort nach dem Palazzo zurückgekehrt - in der Stadt ist es sehr unruhig, die Guardia schlägt sich auf der Puerta del Sol mit dem Volk, das die Republik ausruft, und das Militair ist ausgerückt.«
Zwischen den Brauen des kühnen Intriguanten lag eine tiefe Falte, seine Rechte hatte sich fest geballt. »Verdammniß über den Ungeschickten!« murmelte er - »meine Rolle in Madrid ist ausgespielt - doch ist noch Nichts verloren! Hören Sie mich an Señor Provedo!«
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»Ich bin ganz zu Ihren Diensten!«
»Ein unglücklicher Zufall hat meine Dispositionen über die weitere Flucht des Señor Castillos und seiner Nichte durchkreuzt. Ich muß Sie sofort verlassen. Ist es Ihnen möglich, für die Sicherheit dieser vier Personen und ihre Geleitung nach einem Hafen der Ostküste zu sorgen? Ich habe eine Yacht zu meiner Verfügung, die gegenwärtig in Carthagena vor Anker liegt und jeden Augenblick die Bestimmung aufnehmen kann, die ich ihr gebe. - Hier haben Sie die Karte, um sich zu orientiren.«
Der Arriero lehnte mit einer Handbewegung die Karte ab.
»Es ist unnöthig Señor Conde, ich muß mich auf meine eigene Kenntniß des Landes verlassen. Ich habe die Linien von Valencia und Barcelona allerdings früher begangen, aber es sind seitdem mehr als sechs Jahre verflossen und der Bau dieser verteufelten Eisenbahnen hat alle Verhältnisse und leider auch die Menschen verändert. Wir müssen hierbei ebenso sorgsam als aufrichtig zu Werke gehn. Diese Herrschaften hier sind nach Allem was ich gehört und gesehen, wegen politischer Dinge gefangen gewesen?«
»So ist es!«
»Die Verfolgung Seitens der Regierung wird also eine weit strengere und länger andauernde sein, als wenn es sich um andere Dinge handelte. Dennoch kenne ich die spanischen Obrigkeiten genug, um zu wissen, daß nach acht Tagen keine Gefahr mehr für sie ist, wenn sie erst außerhalb Madrids sind.«
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»Ich bin darin ganz Ihrer Meinung.«
»Mehr oder weniger sind in allen größeren Gesellschaften Verräther und Spione. Ich bin deshalb der Ansicht, daß die Herrschaften auch in dieser ersten Zuflucht keine Sicherheit finden würden, denn zu viele Augen haben sie gesehen und wissen um ihre Befreiung. Es wäre demnach gut, wenn sie noch im Laufe dieser Nacht Madrid verlassen könnten.«
»Das wäre es allerdings. Aber wohin?«
»Wenn Sie mir vertrauen wollen, Señor Conde - ich habe eine Schwester verheirathet, keine halbe Tagereise von hier in der Richtung der Mancha auf einem einsamen Pachthof, an dem Ufer der Yarama zwischen den großen Straßen nach Zaragoza und Valencia - sie kommt zwei Mal mit ihrem Karren wöchentlich nach Madrid, um die Erzeugnisse ihres Pachthofs hierher zu bringen, und heute war ihr Tag. Sie fährt in den ersten Morgenstunden nach Hause, um zeitig bei Tage wieder an der Arbeit zu sein, und kann die beiden Señoras in ländlichen Kleidern hier leicht mitnehmen, während wir sie zu Fuß begleiten.«
»Der Vorschlag ist gut. Aber weiter?«
»Es wird zunächst darauf ankommen, wohin Jeder von Ihnen will.«
»Nach Rom!« erklärte die Lady.
»Nach Navarra!« sagte der Bärenjäger für sich und seine Nichte.
»Nach Paris!« lautete der Wunsch des Kapitain Cavalho.
Der Arriero lächelte. »So verschiedenartig auch die
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Orte sind, wird sich dort leicht eine Vereinbarung treffen lassen, wenn Se. Excellenz die Yacht dazu verwenden will. Da wir die großen Häfen nicht berühren dürfen, möge er bestimmen, an welchem Punkt der Küste er Sie von heute ab in zehn Tagen erwarten will, und ich mache mich anheischig, Sie sicher dahin zu führen.«
Der Graf sah auf die Karte. »Was meinen Sie zu Vinaroz unterhalb der Ebro-Mündung? Die Yacht kann in dieser ankern und sich leicht an der Küste umsehen.«
»Einverstanden. So fehlen nur noch zwei Dinge - Kleider und Geld!«
»Von den ersteren nehmen Sie, was Sie hier finden und brauchen können. An Geld ...«
»Sie wissen, daß ich bedeutende Mittel soeben durch die strenge Rechtlichkeit unseres Freundes zurückerhalten habe,« unterbrach ihn der Kapitain.
»Die jedoch in diesem Augenblick nicht flüssig zu machen sind. Ich bitte Sie demnach,« - er nahm aus dem Fach eines Wandschranks zwei Goldrollen - »diese dreitausend Francs unter sich zu vertheilen, denn Gold ist das Mittel, Ihre Flucht zu sichern und Sie mögen mir es wiederzahlen, wenn Sie in Sicherheit sind. In Vinaroz hoffe ich Sie wiederzusehen, und wenn ich über meinen Weg anders verfügen muß, werden Sie doch die >Victory, Kapitain Jones< dort finden, bereit, Sie aufzunehmen. Und nun, Señores und Señoras, Gott behüte Sie und nehme Sie in seinen Schutz!«
Die Hand des Kapitain Cavalho hielt ihn zurück. »Einen Augenblick, Señor Conde! - da ich auf so
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seltsame Weise wieder in Besitz meines Portefeuilles gekommen bin, habe ich das Glück, Ihnen ein Vermächtniß Ihres Vaters übergeben zu können, das er kurz vor seinem Tode in meine Hände niedergelegt und das ich mich mit meinem Wort als Caballero verpflichtet hatte, in die Ihren zu überliefern oder überliefern zu lassen, sobald Sie in die Jahre der Mündigkeit getreten wären.«
Er nahm aus dem Portefeuille zwei Papiere, das eine überreichte er der Lady, das zweite - ein versiegeltes Briefcouvert - dem Grafen, der es, ohne es weiter zu öffnen, in seine Brusttasche schob.
»Ich danke Ihnen Señor, habe aber jetzt wenig Muße, mich mit dem Inhalt zu befassen!«
»Auch General Yturbe hat mir in der Nacht der unglücklichen Jagd gesagt, daß er noch ein versiegeltes Packet Briefe von einem unglücklichen Freund, Ihrem Vater, für Sie in Händen habe,« sagte der alte Bärenjäger, ihm die Hände reichend. »Die heilige Jungfrau segne Sie, Juan mein Sohn, und mache Sie endlich vorsichtig und verständig, damit Sie in Wahrheit eine Stütze der guten Sache werden, der Sie schon so manche Dienste geleistet haben.«
»Nous verrons! - ich habe da eben eine prächtige Gelegenheit vor mir!« Der Leichtsinnige trat zu der jungen Wittwe. »Wird Donna Ines einem Freunde gestatten, ihr Lebewohl zu sagen und sie zu bitten, mit Wohlwollen seiner zu gedenken?«
Ines überlief es heiß und kalt, wie sich seine fast dämonischen Augen so beherrschend und unwiderstehlich in
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die ihren bohrten und unwillkürlich neigte sie den Kopf, wobei er einen Kuß auf ihre Stirn drückte. Dann küßte er die Hand der Lady, gab dem Arriero noch einige letzte Instruktionen in Betreff des Schiffs und verbeugte sich zum Abschied gegen den Kapitain, doch ohne dessen Hand zu berühren.
»A Dios y veamonos! - Komm Mauro!«
Die Befreiten waren allein!


Es war nach Mitternacht. Die Zimmerflucht der Königin war noch hell erleuchtet, an den hohen Spiegelfenstern sah der Mann, der in seinen Mantel gehüllt eben über den innern Hof schlüpfte und den Aufgang einer hinteren Treppe möglichst unbemerkt zu gewinnen suchte, Schatten von Hin- und Herwandelnden sich bewegen. Im äußeren Hof hatte er im Vorübergehen die Equipage des Marschall-Ministerpräsidenten O'Donnel[l] gesehen - auf dem Platz vor dem Schloß standen Kuirassierpikets - Patrouillen von Militair und der Guardia civile säuberten noch immer die Straßen von der aufgeregten Menge.
»Caramba!« murmelte der Mann im Mantel - »ich gönne zwar Seiner Majestät von Herzen das Bad, welches Sie höchst wahrscheinlich in diesem Augenblick erhalten, - aber es wäre mir doch lieber gewesen, es hätte ihn morgen getroffen. Doch jedes Ding hat zwei Seiten - da die Frau Herzogin wahrscheinlich noch im
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Dienst zurückgehalten ist, habe ich desto mehr Freiheit für mich!« damit stieg er die Treppe empor.
Der Eindringling hatte Recht, wenn er gemeint, es gehe noch lebhaft her bei der Königin.
Wir haben bereits gehört, in wie trauriger und überraschender Weise das Karoussel der Afficionados im Circus geendet hatte. Daß irgend ein, noch dazu unbekannter Torero von Fach auf den Hörnern des Stiers geendet, machte an und für sich keinen besonderen Eindruck auf den größten Theil der Gesellschaft, das Publikum der Stiergefechte lauert auf einen Extragenuß, wie der berühmte Engländer in Sues »Ewigem Juden« auf das Ende des Thierbändigers unter den Krallen des Panthers. Aber von weit größerer Wichtigkeit war der Umstand, daß der Verunglückte nicht, wie man anfangs nach der täuschenden Maskerade gefürchtet, der wegen seiner vorher gezeigten Bravour und Gewandtheit vielbewunderte Graf Juan da Lerida, sondern ein eingeschobener Espada war, der Torero Gomez, ein Gitano seiner Abstammung nach, wie alsbald Señor Redondo erzählte. - Als der Stier ihn beim zweiten Stoß, - den ersten hatte er mit Meisterschaft ausgeführt, ohne doch das Thier zu tödten, - durch das Ausgleiten des Fußes auf die Hörner nahm, hatte man allerdings mehrfache Angstrufe in der hohen Gesellschaft gehört und zwei der Damen, die eine davon in der nächsten Umgebung der Königin, die andere die schöne Baronin Oviedo, waren in Ohnmacht gefallen. Als aber die Gefährten des angeblichen Caballero in die Bahn stürzten, um den neben dem gleichfalls verblutenden Stier
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sich krampfhaft wälzenden Mann aufzuheben, man ihm die Halbmaske abgerissen und die Täuschung erkannt hatte, folgte sogar, zum großen Aerger der anderen Mitglieder seiner Quadrille, ein sehr spöttisches Hohnlächeln der Täuschung, und nur das energische Eintreten des Vicomte Digeon verhinderte eine weitere Fluth von Witzen und Spottreden über den Rückzug und die geschickte Escamotage des Grafen. Ja hätte man nicht früher nach der ersten glücklichen Hetze des Stiers ihn sich alsbald demaskiren gesehen, würde man ihm sehr gern auch jenen Sieg bestritten haben.
»Seht mir den Schelm!« hatte die Königin gesagt, »hab' ich's nicht gedacht, daß seine Prahlerei, den Espada zu spielen, eine bloße Flunkerei war? Aber por amor de Dios, Herzogin - ich hätte Ihnen stärkere Nerven zugetraut, als über ein so leicht mögliches Unglück in Ohnmacht zu fallen! - Ich werde diesem unverschämten Gecken den Kopf waschen, sobald er wieder zum Vorschein kommt! Unterdeß wünsche ich, daß man sich nach dem armen Burschen, der für ihn den Hornstoß erhielt, erkundigt und ihm jede Hilfe leistet. Doktor Valadez, unser Leibarzt, möge selbst danach sehen, und hat der arme Teufel Familie, so wollen wir Etwas dafür thun. Und nun meine Herren, nehmen Sie meinen Dank für das interessante Schauspiel, das Sie uns gegeben haben und das in der That Nichts durch seinen Schluß an Interesse verloren hat!«
Der Aufbruch der Königin veranlaßte natürlich den Aufbruch des ganzen Hauses. Aber schon an der Treppe
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empfing sie der Civil-Gouverneur der Stadt, der Marquis de la Vega de Amigo mit der Nachricht, daß an verschiedenen Stellen Unruhen ausgebrochen wären, und er bitten müsse, den Weg nach dem Palacio über die südlichen Ronda's zu nehmen. »Ei was,« sagte die Königin, die in der That Muth besitzt, und von der ganzen königlichen Familie beim Volke persönlich niemals unbeliebt war, »es wird mir kein Madrilene Etwas thun. Das gilt den Ministern! - Laß immerhin über die Puerta fahren!«
Die Zuversicht der Königin bewährte sich vollkommen. Als der königliche Wagen mit seiner militairischen Escorte die Puerta erreichte, machte die dort tobende und sich mit der Guardia raufende Menge wie auf Kommando Platz und an vielen Stellen ließ sich sogar der Ruf hören: »Viva la reyna Isabella!« aber schon die nachfolgenden Wagen waren zahlreichen Insulten ausgesetzt und die schließende Escorte mußte mehrfach mit flachen Hieben die Andrängenden zurücktreiben.
Die Königin hatte befohlen, von dem Gang der Ereignisse sofort Bericht zu erhalten und in ihren Gemächern die dienstthuenden Damen zurückgehalten nebst einigen Palastbeamten.
Es war eilf Uhr, als der Marquis de la Vega angemeldet wurde.
»Nun Marquis - was bringst Du, wie ist es mit diesen Narren, was wollen sie eigentlich?«
»Mi Señora dürfen unbesorgt sein. Daß der Pöbel eben nicht weiß, was er will, schließt jede Gefahr aus.
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Die verschiedenen Klubs machen sich eben wieder einmal laut und die geheimen Gesellschaften haben die Gelegenheit des Festes ergriffen, um die Stadt in Aufregung zu versetzen ohne einen bestimmten politischen Zweck. Man hört die gewöhnlichen Rufe der Carlisten und Republikaner. Graf de la Canada hat die wichtigsten Punkte hinreichend mit Militair besetzt, und die Garnison leistet den besten Gehorsam.«
»Aber die Spektakelmacher müssen doch einen Zweck haben?«
»Es ist - wie ich bereits zu bemerken mir erlaubte, - blos ein Ausbruch des Grolls der Unzufriedenen, wenn der Auflauf nicht etwa zum Zweck gehabt hat, andere Thaten zu cachiren.«
Die Königin sah auf. »Was meinst Du, Marques?«
»Seine Excellenz der Generaldirektor der Gefängnisse Don Garcia Jove meldet soeben, daß man heute Abend aus dem Saladero in einer höchst raffinirten und wohlvorbereiteten Weise die Gefangenen befreit hat, welche bestimmt waren, morgen nach dem Bagno transportirt zu werden.«
»Was waren das für Leute?«
»Schmuggler - Straßenräuber, ein alter berüchtigter Carlist aus Navarra und - ein Staatsgefangener.«
»Bitte - meine Herrschaften,« sagte die Königin, die an einem kleinen Tisch saß, auf dem eine kalte Abendcollation für sie stand, - »treten Sie ein Wenig zurück. - Was für ein Staatsgefangener, Marques?«
»Mi Señora müssen von demselben mehr wissen als
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ich - Don Garcia Jove hat mir nur gesagt, daß er auf Befehl des Fiscal nach den Balearen geschafft werden sollte.«
»Sein Name, sein Name!«
»Er nennt sich selbst Don Rosario Gusmann.«
Die Königin sann einige Augenblicke nach, während sie ein Glas von dem dunkelfarbigen Alicante, dem köstlichen vino tinto, schlürfte. »Ah - ich erinnere mich - Don Rosario - das geht Ihre Majestät von Frankreich an, ein alter zudringlicher Amoroso - laß um Himmelswillen meine würdige Camarera-Major, die Herzogin von Alba, Nichts davon wissen, sie würde mir zu Gunsten ihrer Cousine den Kopf vierzehn Tage lang warm machen, und im Grunde gönne ich eigentlich dem armen Mann die freie Luft. Mag Donna Eugenia sehen, wie sie sich mit ihm auseinandersetzt, sie hat selber Prisons genug! - Ist der Streich gut, wie sie entwischt sind, so mußt Du mir ihn erzählen.«
»Mi Señora - die Befreiung der Gefangenen, die immerhin nicht geduldet werden darf, ist noch nicht Alles, was geschehen.«
»Was zum Henker giebt es denn noch - soll ich denn gar keine Ruhe haben?«
»Das Kloster der Salesianerinnen ist von dem Volk zu gleicher Zeit gestürmt und es sind arge Excesse dort verübt worden!«
»Pfui - wie abscheulich und undankbar! Eine Krankenanstalt, die so viel Gutes thut! Da muß auf das Strengste eingeschritten werden! ...«
»Mi Señora halten zu Gnaden,« sagte der Gouverneur
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zögernd, »es ist eigentlich nicht die Krankenanstalt, der man - um der Wahrheit die Ehre zu geben, Nichts gethan hat, - sondern das Mädchen-Pensionat, die - sogenannte Erziehungsanstalt, die unter der Aufsicht von Karmeliterinnen steht!«
»Ah - das Mädchen-Pensionat! - Warum? weshalb? - Höre Marques, da scheint mir Etwas dahinter zu stecken, worüber Du mit der Sprache nicht heraus willst. Was ist's, Mann?«
»Mi Señora wollen mir allergnädigst verzeihen - es sollen so hohe Personen dabei compromittirt sein, daß ich nicht wage ...«
»Larifari - was kümmern mich die hohen Personen,« rief die Königin, die anfing erregt zu werden - »bin ich die Königin oder nicht? - Heraus mit der Sprache!«
In diesem Augenblick trat der anmeldende Huissier in den Saal: »Seine Durchlaucht, der Herzog von Tetuan, Marschall O'Donnell bitten um gnädigstes Gehör!«
»Er soll eintreten - geschwind! - Nun, wirst Du sprechen?«
»Hoffentlich thut es der Herr Marschall für mich. Erlauben Mi Señora mir, Sie daran zu erinnern, daß ein Theil des Hofstaats gegenwärtig!«
»Gut, gut!« Das könnte dem Marschall am Ende auch die Zunge binden, der viel zu viel Rücksichten nimmt, da war der Narvaez ein anderer Mann! - Heda, meine Herren und Damen, ich bitte Sie, einige Augenblicke mich allein zu lassen - Staatsgeschäfte!«
Die Damen und Herren vom Dienst verschwanden
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sogleich. Der Marschall trat ein, gefolgt von einem Mann in keineswegs hofmäßigem Anzug, der vielmehr aussah, als käme er von einer weiten angestrengten Reise.
Die Königin hatte dies sogleich bemerkt; ohne auf das ernste Anssehen des Marschalls zu achten: »He Herzog, wen bringst Du mir da? Ist das nicht Cuerta?«
Der Marschall näherte sich, während der Polizeibeamte, derselbe, welcher im Herbst die Verhaftung des Bärenjägers in Navarra vorgenommen, an der Thür stehen blieb.
»Mi Señora haben Recht - es ist Señor Cuerta, welcher direkt von Triest kommt.«
»Nun?«
»Der Graf und die Gräfin Montemolin sind daselbst am Dreizehnten, am selben Tage, - gestorben!«
»Gestorben?«
»Wie einige Aerzte verkünden - am Scharlachfieber! Die weitere Ueberwachung der beabsichtigten neuen Erhebung des Infanten ist dadurch überflüssig geworden und Señor Cuerta zurückgekehrt.«
»Mein Gott, mein Gott!« klagte aufrichtig die Königin, »das ist ja ein schreckliches Schicksal! Am Zweiten der Infant Ferdinand, jetzt wäre also nur von den drei Söhnen unsers Vetters Don Carlos noch der Infant Don Juan übrig!«
»Ja - es ist merkwürdig,« sagts der Marschall ruhig, - »daß die beiden Infanten, welche sich bei den Carlisten unmöglich gemacht hatten, so rasch hintereinander gestorben sind, - oder haben sterben müssen, um
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Demjenigen Platz zu machen, welcher die Anspruchsentsagung nicht unterzeichnet hatte!«
Die Königin fuhr, wie von einer Natter gestochen auf - ihr Gesicht war bleich geworden. »Was willst Du damit sagen, Marschall?«
»Nichts Weiteres als die einfache Thatsache, nicht einmal, daß Señor Cuerta erzählt, man glaube in Triest nicht recht an den Tod am Scharlachfieber.«
Die Königin schlug die Hände vor das Gesicht. »Das wäre mehr als schrecklich. O dieser entsetzliche nie ruhende Streit, was hat er Spanien schon für Blut gekostet!«
»Mich einen Bruder!«
»Es ist wahr, Marschall, ich erinnere mich - ich war damals noch ein Kind. Hat ihn nicht der schreckliche Zumalacarreguy erschießen lassen?«
»Eigentlich der Oheim des Señor Marfori!«
»Wie - Narvaez? - Aber Dein Bruder, Marschall, focht ja doch auf der Seite der Unseren!«
»Mein Bruder war bei einem Gefecht von den Carlisten gefangen genommen worden kurz vor der Belagerung von Bilbao, bei welcher Zumalacarreguy fiel, und wurde zu diesem gebracht. Er freute sich und wußte sich sicher, denn Don Thomas war sein vertrauter Jugendfreund, nahm ihn herzlich auf und sagte, er wolle sogleich einen Parlamentair zu den Christino's senden, um eine Auswechselung der Gefangenen herbeizuführen. Der Parlamentair wurde auch wirklich abgesandt und entledigte sich seiner Mission, der Oberst Narvaez aber antwortete dem Parlamentair: »Ich will Dir zeigen, wie ich mit
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Rebellen unterhandle!« und ließ vor den Augen des Parlamentairs sämmtliche gefangene Carlisten, darunter auch, wenn ich mich recht erinnere, den Vater des Grafen von Lerida erschießen, worauf er den Parlamentair zurückschickte.«
»Der arme Junge - ich weiß, daß sein Vater auf den Befehl von Narvaez oder Espartero erschossen wurde. - Und wie wurde es mit Deinem Bruder, Marschall?«
Der Herzog hatte sich eines bittern Lächelns nicht zu enthalten vermocht.
»Zumalacarreguy hatte meinen Bruder in sein eigenes Zelt aufgenommen. Als er nach der Rückkehr des Noten wieder zu ihm trat, frug ihn mein Bruder, warum er so verdrießlich aussehe, und der General erzählte ihm, was geschehen und fügte hinzu: >Ich sehe mich leider dadurch gezwungen, Repressalien zu üben und muß Dich mit den Andern in einer Stunde erschießen lassen, so leid es mir thut!< - Mein Bruder hörte dies ruhig an und sagte: >Das ist ganz natürlich, Du kannst nicht anders, ich würde auch so thun. Gieb mir nur noch Cigaretten und Schreibmaterial, damit ich an Leopoldo - das war ich! - einen Brief schreiben kann, den Du später besorgen mußt!< - So geschah's - als der Brief geschrieben war, kam die Mannschaft, um die Gefangenen abzuholen, mein Bruder stand auf, schüttelte Zumalacarreguy die Hand, zündete seine Cigarette an, und ging, sich erschießen zu lassen!«5
»Was für Männer! was für Männer!« rief die
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Königin, die über der Erzählung wie gewöhnlich das wichtigere Ereigniß vergaß. »Ich habe es ja gesagt, dieser unselige Familienzwist ist an allem Blutvergießen schuld!«
Aber der Marschall führte sie sofort auf das Thema zurück. »Der plötzliche Tod der beiden Infanten,« sagte er ernst, »ist um so auffallender, als unser Gesandter in London, wie Mi Señora bereits wissen, gemeldet hatte, daß der Infant Don Juan seit Kurzem eine besondere Thätigkeit gezeigt hat und Agenten aussendet. Ja er soll bereits nach Spanien unterwegs sein. Als einer dieser Agenten ist der junge Graf Lerida bezeichnet worden, an dem Mi Señora so unverdient großen Antheil zu nehmen scheinen. Hiermit dürfte nicht ohne Zusammenhang die mir soeben berichtete Befreiung eines berüchtigten Carlisten aus dem Saladero sein. Ich bitte Mi Señora, mir zu gestatten, den Grafen von Lerida verhaften zu lassen, bis er sich über seine Verbindungen und sein Verhalten am heutigen Abend ausweist!«
»Du magst den Mann nicht leiden, Marschall,« sagte halb ärgerlich, halb bedenklich die Königin. »Am Ende machst Du ihn noch zur Ursach, daß der Pöbel das Kloster meiner Salesianerinnen geplündert hat.«
»Ich wünschte, ich könnte es,« sagte der Marschall mit einem Blick auf den Chef der Polizei. »Da man mir mit der Meldung zuvorgekommen, werden aber Mi Señora auch bereits wissen, daß leider dazu ganz andere Personen die Veranlassung gegeben haben.«
»Por amor de Dios! Nichts weiß ich - gar Nichts! Der Eine schiebt's auf den Andern, es mir zu sagen!
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Zum Teufel, jetzt will ich endlich klaren Wein eingeschenkt haben! Rede Du, Marschall - Du bist Soldat! Was ist's?«
»Leider, Mi Señora, komme ich eben von einem armen Soldaten, dessen Schicksal mich tief erschüttert und für den ich die Gnade Eurer Majestät anrufe!«
»Wer ist's? Was ist geschehen?«
»Es ist der Kapitain Landero!«
»Der Rebell? - Man hat mir gesagt, daß er vor einigen Abenden das Volk auf der Puerta del Sol aufgehetzt habe - Don Francisco hat ihn deshalb verhaften lassen wollen.«
Der Marschall zuckte die Achseln. »Der Kapitain Landero hat sich vor einer halben Stunde mir selbst gestellt, - als der Mörder seiner einzigen Tochter.«
»Maria puris[s]ima! - Was ist das nun wieder? Wie ist das möglich!«
»Er hat in dem Pensionat der Klosterfrauen, - das er, wie er sich dessen rühmt! - an der Spitze des Volkes erstürmt hat, - seine Tochter, ein junges Mädchen von vierzehn Jahren, erschossen!«
»Aber warum? warum?«
»Weil er sie als eine Verworfene, Entehrte gefunden!«
»Mach mich nicht toll mit Deiner Art, mir die Geschichte brockenweise zu geben! Sprich Du Marques, die Polizei soll Alles wissen. Warum hat man das Kloster gestürmt? Die guten Nonnen haben das Recht, gefallene Frauenzimmer aufzunehmen, und daß die jungen Mädels in Madrid von der verbotenen Frucht naschen, ohne daß
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die Väter davon erfahren, ist doch wahrhaftig nichts Neues!«
»Mi Señora,« sagte der Beamte zögernd, »haben vielleicht erfahren, daß seit einiger Zeit häufig junge Mädchen aus der Stadt verschwunden sind, ohne daß man eine Spur von ihnen entdecken konnte.«
»Nun, sie werden mit ihren Liebhabern davongelaufen sein!«
»Der Kapitain Landero,« sprach der Marschall, »hat die Spur seiner auf diese Weise entführten Tochter nach dem Pensionat der Salesianerinnen verfolgt. Der Ueberfall des Klosters hat ergeben, daß man die jungen Mädchen dorthin gelockt und unter dem Deckmantel der Religion zu den schaamlosesten Orgien und Schauspielen mißbraucht hat!«
»Aber zum Henker, für wen denn? Die Weiber untereinander werden doch keine Liebesspiele treiben!«
»Man nennt einen sehr hohen Namen - der gedachte Herr ist diesen Abend mit einigen Genossen an jenem Ort gewesen und hat bei seiner Flucht Mütze und Säbel zurückgelassen.«
»Ah - irgend ein feiner General! Es ist doch nicht etwa der Serrano gewesen? Er sollte doch warten bis er in der Havannah ist, da laufen die Frauenzimmer, wie ich mir habe sagen lassen, ohnehin halb nackend herum!«
Die Beiden schwiegen.
»Nun - wird es endlich? Wer war es?«
»Der König!«
Die Königin schlug ein lautes Gelächter auf. »Marques,
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wie kannst Du solchen Unsinn glauben. Ich weiß am Besten, daß er keinem Frauenzimmer was thut und ihnen lieber aus dem Wege geht, der klägliche Mensch! - Nein Marquese, da hat man Dir Etwas aufgebunden, und ihm zu viel Ehre gethan, indem man seinen Namen mißbraucht hat.«
»Der Kapitain Landero beschuldigt öffentlich den König und« - der Marschall wies auf den Polizeichef - »dieser Herr weiß längst, daß er Recht hat. Das Volk ist aufs Höchste erbittert und aufgeregt.«
Die Königin sah ganz starr auf den Gouverneur. »Bei Deinem Eide - spricht der Marschall die Wahrheit?«
Der Chef der Polizei senkte den Kopf. »Ein kleines Vergnügen, was Seine Majestät zuweilen sich machen - seine Liebe für plastische Darstellungen ...«
»Hol ihn der Teufel und Dich dazu mit seiner Plastik, ich will ihm helfen! - Rufe den Offizier vom Dienst, Marschall - schnell!«
»Mi Señora - -«
»Nun, wenn Dir's nicht paßt, werd ich's thun! - He - hollah, da ist ja noch Señor Cuerta, der den ganzen Sums mit angehört - nun, er wird ihn wohl besser gewußt haben, wie Einer von uns. Geschwind nach der Wache und bringe mir den Offizier hierher!«
Der Beamte verschwand - die Königin lief ganz in Rage auf und nieder bald pfeifend, bald scheltend und wiederum vor sich hin lachend - in Zeit von höchstens drei Minuten trat der Beamte mit dem Offizier der Schloßwache ein.
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»Sofort zu Don Francisco, meinem Mann! ich will ihn augenblicklich hier sprechen, Du bringst ihn hierher, ohne Entschuldigung, bei meinem Zorn! Lügt man Dir Abwesenheit, so durchsuche die Zimmer! fort!«
Der Offizier, ganz bestürzt, salutirte und machte Kehrt. Die Wohnung des Königs Don Francisco d'Assis befindet sich in einem ganz andern Flügel des Palastes, als die der Königin Isabella, die überhaupt mit ihm den möglichst geringsten Verkehr hat.
Die Königin in ihrer Aufregung ging noch immer auf und ab, vergebens suchten der Marschall und der Chef der Polizeiverwaltung sie zu beruhigen. »Seh mir Einer den Schleicher!« rief sie, sich die Hände reibend - »ein Kastrat, ein Eunuch ist besser als er, und treibt solche Dinge! Hat er doch nicht einmal eine Stimme wie ein Mann! O diese Bourbons! Die ganze Gesellschaft taugt ...« sie hielt unwillkürlich inne und mußte über sich selbst lachen. »Wenn die armen Dinger noch Vergnügen davon gehabt hätten, aber so hat er nur mich und sich und die Kirche und den ganzen Staat blamirt und das Volk gegen mich aufgeregt, die ohnedem Mühe und Sorge genug hat, es in Ruhe zu halten. Also damit verthut er sein Geld und kann nicht genug kriegen für liederliche Weiber und Musikanten! Aber ich will ihm« - sie blieb plötzlich vor dem Marschall stehen: »Was wirst Du mit dem armen Kerl, dem Capitan Landero thun?«
Der Herzog zuckte die Achseln. »Er steht noch unter den Militairgesetzen und ich habe ihn vorläufig auf die
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Hauptwache bringen lassen - Zum Glück lautet die letzte Meldung, die ich auf dem Wege hierher erhalten, daß die Kugel das Mädchen nicht tödlich getroffen hat, nur in die linke Schulter, und daß Hoffnung ist, sie zu erhalten!«
»Um Himmelswillen, Herzog, stelle den Mann geschwind wieder an und schick' ihn weit weg in die Kolonien mit dem Mädel, meinetwegen nach Manilla oder mit Serrano nach Cuba, damit sie den Madrilenen aus den Augen kommen und meinem würdigen Gatten die Bewahrung seiner Tugend nicht allzuschwer wird! - Wo zum Henker bleibt er? - He, was willst Du, wo kommst Du her, nachdem Du Dich den ganzen Abend nicht hast sehen lassen?«
Die Frage galt dem Palast-Intendanten Señor Marfori, der während der scharfen Verhandlung unbemerkt und ohne Anmeldung in den Salon getreten war und sehr aufgeregt schien.
»Mi Señora wollen die Gnade haben, mich zu entschuldigen. Es galt den Dienst Eurer Majestät und ist sehr dringend. Können Mi Señora einige wenige Worte mir gestatten - die allerdings eine Ihrer Damen compromittiren würden ...« Er sah nach den beiden Würdenträgern.
»Ach was - es haben sich heute ganz andere Leute schon compromittirt vor diesen Herren, also thu den Mund auf!«
»Mi Señora wissen, daß ich mehrfach vor diesem Abenteurer, dem sogenannten Grafen oder Lord von Lerida gewarnt habe -«
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»Und doch hast Du mit ihm Quadrille reiten wollen?«
Der Intendant überging die Unterbrechung. »Mi Señora erinnern sich, daß jener Mann vor der großen Blamage des heutigen Abends die Ehre hatte, die Königliche Loge zu betreten. Der Herr hat dabei zufällig dies Billet verloren.«
»Ah - und Du hast Dich beeilt es aufzuheben und nicht zurückzugeben!«
»Ich hielt es für meine Pflicht und der Erfolg zeigt, daß ich recht gethan habe.«
Die Königin riß ihm das Billet aus der Hand und las es. »Ei, ei - sieh da, Frau Herzogin, die Sie immer eine so arge Splitterrichterin spielen und reine Tugend sind! Nicht einmal den Königlichen Palast für Ihre petits plaisirs verschonen Sie! - Also daher die Ohnmacht - und die Unruhe vorhin! - Na - wir wollen uns das merken. Was aber geht Dich die Geschichte an?«
»Ich kenne wahrscheinlich die Handschriften nicht so genau, wie Euer Majestät und deshalb habe ich es für Pflicht gehalten, ein wenig die Verbindungen dieses Herrn zu beobachten und meinen Posten auf dem Vorsaal des zweiten Stocks zu nehmen, der in dieser Einladung bezeichnet ist.«
»Schau, schau! Und was hast Du gesehen?«
»Daß der Graf von Lerida vor zehn Minuten in einen Mantel gehüllt die Treppe heraufgekommen ist, sich aber nicht nach dem Eingang zum Corridor der Palastdamen gewendet hat, sondern ...«
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»Nun?«
»Wahrscheinlich mittels Nachschlüssels den dortigen Eingang zu dem Geheimen Haus-Archiv geöffnet hat und dort hinein verschwunden ist.«
»Al demonio! Das wird ernsthaft! Ist denn heute der Satan los! - Rufe die Herzogin hierher - sie muß noch dort drinnen sein!«
Der Marschall trat einen Schritt vor.
»Wollen Mi Señora mir nicht vorher die Frage an den Herrn Palast-Intendanten gestatten, ob er den Grafen wieder hat herauskommen sehen, oder was er gethan hat, sich darüber Gewißheit zu verschaffen?«
»Natürlich habe ich das nicht versäumt,« sagte hastig der Intendant. »Ich habe eine sichere Person aufgestellt, und eben jetzt noch den Señor Cuerta, den ich hier im Vorzimmer traf, hinaufgeschickt.«
Die Königin trat mit dem Fuß auf und wies nach der Thür des Nebenzimmers.
»In jedem Fall,« sagte der Minister-Präsident ernst, »muß ich jetzt wiederholt Mi Señora um Erlaubniß bitten, den Grafen von Lerida an Ort und Stelle verhaften zu lassen. - Staatsangelegenheit!«
»Meinetwegen denn! - vielleicht daß der alte Narr von Archivario eine hübsche Nichte oder Köchin hat, - der Geschmack verirrt sich jetzt gern, das zeigt der Herr da!« Sie wies mit einem gewissen Hohn auf den König, der soeben, ehrerbietig gefolgt von dem Garde-Offizier in den Salon trat. - Durch die entgegengesetzte Thür
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erschien fast im selben Moment die von Señor Marfori citirte Herzogin.
Man bemerkte, daß der Herzog sofort auf den Offizier zuging und ihn in das Vorzimmer nahm.
Der König oder vielmehr der Königin-Gemahl kam mit etwas schleppendem Gang auf die hochgeröthete Frau zu, ein Blick hatte genügt, ihm die Anwesenheit des Minister-Präsidenten und des Polizeichefs zu verkünden und sein böses Gewissen brachte dieselbe sofort mit den Ereignissen des Abends in Verbindung, wenn nicht schon die Citation durch den Offizier der Hauptwache ihn darauf vorbereitet gehabt hätte. Don Francisco haschte nach ihrer Hand und frug ziemlich gedrückt: »Haben Mi Señora einen Wunsch für mich? ich war unwohl und bereits im Begriff, mich niederzulegen!«
Die Königin zog die Hand hinter den Rücken. »Wo waren Sie diesen Abend, nachdem Sie den Circo verlassen hatten?«
»Mein Gott, was Euer Majestät fragen können! Ich bin nach Hause gefahren über die Ronda's, da es in der Stadt ziemlich unruhig schien.«
»Dann doch wahrscheinlich über die Ronda de Recoletos und haben bei den Salesianerinnen Station gemacht?«
Der König sah, daß Alles verrathen war, und seine unglückliche Gestalt knickte förmlich zusammen. Endlich wagte er zu sagen: »Ich verstehe Euer Majestät nicht! Ich bin allerdings über die nördlichen Ronda's gefahren!«
»Heuchler - gemeiner Lügner, der Sie sind! Glauben Sie Spottbild von einem Mann, daß ich es zugeben werde,
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daß Sie die madrider Mädchen von der Straße wegfangen lassen, um Ihren liederlichen und widerlichen Gelüsten zu dienen? Glauben Sie, daß ich einer solchen Vogelscheuche wegen Revolution haben will? Pfui!«
»Mi Señora vergessen sich,« sagte der König erbittert, »und die Rücksichten, die Sie sich und mir schuldig sind! Euer Majestät sollten sich erinnern, mit welcher Nachsicht ich stets gewisse Schwächen behandelt habe, Schwächen, die weit mehr ...«
Er hatte in der That keine Zeit zu vollenden. Die Königin, in ihrer Aufregung keine Grenzen mehr kennend, kreischte laut auf, ergriff von dem Tisch eine Porzellanschaale mit Früchten und schmiß sie ihm an den Kopf!6
»Was, Sie wagen es, Sie schaamloser Wicht, mir vorzuwerfen, was Sie allein verschuldet?! Sie Männchen, das Sie kein Mann sind, dem man eine Nachtmütze in's Bett legen sollte, aber keine Frau! Wo haben Sie Ihre Stimme gelassen, Sie Held? - Meinetwegen machen Sie was Sie wollen, ich verzichte auf Ihre Gemahlschaft! aber der Teufel soll Sie holen, wenn Sie es wagen, die Töchter meiner Offiziere zu Ihren Nichtswürdigkeiten zu mißbrauchen. Hierher Marschall - nehmen Sie diesem Herrn den Degen ab, und geben Sie ihm vierzehn Tagen Stubenarrest!«
Der Minister-Präsident, der wieder eingetreten war,
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näherte sich beschwichtigend. »Mi Señora wollen gnädigst bedenken ...«
»Bedenken? - ich habe Nichts zu bedenken! Willst Du oder willst Du nicht? Narvaez hat ihm zwei Mal den Degen abgenommen, den er entehrt, und ihn eingesperrt!7 Mach's kurz, oder wir sind die längste Zeit Freunde gewesen!«
Der Marschall wußte sehr wohl, daß die Königin in solchen Augenblicken keinen Widerspruch duldete und mit ihren Entschlüssen sehr kurz angebunden war. Hatte ihn doch schon einmal mitten in der Nacht nach einem Hofball, auf welchem er mit der Königin getanzt und die vollen Beweise ihrer Uebereinstimmung mit seiner Politik erhalten hatte, ein Adjutant geweckt und ihm die Entlassung überbracht. Er trat demnach kurz entschlossen zu dem König und forderte ihm als General-Kapitain den Degen ab.
Der unglückliche Don Francisco, der sich mit dem Taschentuch das Blut von Wangen und Nase trocknete, welche die sehr unkönigliche Liebkosung ihm arg gequetscht hatte, begnügte sich, ihm einen grimmigen Blick zuzuschleudern und seinen Degen vor die Füße zu werfen, worauf er sich wie ein grollender Schulknabe in einen Fauteuil warf, die kurzen Beine von sich streckte und finster an den Nägeln kaute.
Die Königin hatte ihm verächtlich den Rücken gewandt, aber sie mochte wohl fühlen, daß sie sich von ihrer
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Hitze über die Schranken hatte hinreißen lassen, die ihr der königliche Name wenigstens hätte setzen sollen, und bedurfte eines Ableiters. Ihr Blick fiel auf die eingetretene Dame.
»Ah - sieh da, meine Liebe, kommen Sie doch ein wenig näher!«
Die Herzogin, die schon aus den boshaften Mienen des Intendanten gelesen haben mochte, daß Unheil in der Luft schwebte, wappnete sich mit der möglichsten Entschlossenheit, schritt auf die Königin zu und frug drei Schritt von ihr entfernt mit einer tiefen graciösen Verbeugung: »Was befehlen Mi Señora?«
Die Königin reichte ihr das Billet, das sie in der Hand zerknittert hatte. »Kennen Sie dies Papier?«
So sehr auch die Dame im Innern erschrak, als sie ihr im Circus dem ungetreuen Liebhaber übersandtes Billet erkannte, bewahrte sie doch äußerlich ihre volle Ruhe. Sie entfaltete den Brief, las ihn aufmerksam durch, um sich zu vergewissern, in welcher Weise er sie compromittiren könnte, und bot ihn dann zurück.
»Ich bedauere, ich kann weder Ursprung noch Bedeutung errathen!«
»Aber es ist ja Ihre Handschrift!«
Die Herzogin sah nochmals in das Papier. »Es scheint allerdings viel Aehnlichkeit vorhanden - indeß - dergleichen ist häufig der Fall!«
»Aber er ist Dolores unterzeichnet, und Sie heißen ja Dolores!«
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»Allerdings Mi Señora! Dolores Conception Favera Medina, Duquesa de Santemar!«
Die Worte waren mit solcher Würde und Betonung gesprochen, daß die Königin unwillkürlich verduzt wurde.
»Aber diese Einladung zu einem Rendezvous bezeichnet ganz deutlich Ihren Dienst und Ihre Wohnung im Palazzo.«
»Ich bedaure, Ihro Majestät nicht verstehen zu können.«
»Das ist stark! - Nun über die Echtheit oder Nichtechtheit der Schrift mag der Herzog, Ihr Gemahl entscheiden! Es ist ohnehin gut, wenn Sie es nicht sind, denn der lüderliche Mensch ist ganz wo anders hin geschlichen!«
»Ha - wohin?«
Die Königin lächelte über den Selbstverrath der Eifersucht, dessen Erkenntniß sofort mit tiefer Röthe das Gesicht der Dame übergoß.
»Spielen wir keine Komödie miteinander, Madame. Beichten Sie lieber und bitten Sie, dem Herzog Ihre Thorheit nicht zu verrathen.«
Die Dame war einen Schritt näher getreten. »Das werden mi Señora nicht thun!« sagte sie leise mit fast zischendem Ton.
»Und warum nicht, wenn's beliebt?«
»Weil eine Frau niemals die andere verräth, - es sei denn aus Eifersucht!«
»Na, na,« sagte die Königin, - »ich habe zwar ein Faible für den Burschen, aber ich hielt uns Beide für
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sicher vor ihm wegen unsers Alters. Ich glaube, Sie sind ja wohl noch drei Jahre älter wie ich? - Nun - trösten wir uns mit einander - ich sehe, daß ich mir daher noch immer eine kleine Passion erlauben kann. - Aber was ich wissen will, das ist - warum ist der Bösewicht in das Archiv geschlichen, statt zu Ihrer Kammerzofe?«
»In's Archiv?« - Die Herzogin fühlte ihre Knie unter der Seidenrobe zusammenknicken.
»Gewiß - mit einem falschen Schlüssel. Was hatte er dort zu thun? das kann ihm den Hals kosten!«
»Nein, nein Majestät - ich - -«
Das Geständniß der armen Frau wurde zu ihrem Glück unterbrochen, indem der Huissier eintrat und dem Marschall eine Meldung machte.
»Mit Mi Señoras Erlaubniß - herein! herein!«
Die Flügelthür des Salons wurde geöffnet, und begleitet von dem Offizier der Wache, dem Palast-Intendanten und dem Polizei-Commissar Cuerta trat der Graf von Lerida ein, gefolgt von Seespinne. Durch die geöffnete Thür sah man draußen im Vorsaal mehrere Gardisten.
Don Juan war etwas blaß, die Lippen fest aufeinander gepreßt, - sonst aber äußerlich ganz ruhig. Er verbeugte sich ehrerbietig vor der Königin und vor der Herzogin, die fortwährend angstvoll die Farbe wechselte, ohne von den Anderen Notiz zu nehmen.
»Na - da können wir ja gleich direkte Auskunft haben, meine Liebe,« sagte die Königin. »Hierher Señor - ich habe Sie Einiges zu fragen, und verlange die
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strengste Aufrichtigkeit oder ich werde Mittel finden, die Wahrheit zu erfahren. - Aber Maria santis[s]ima - was ist das für eine Mißgeburt!?«
Der Graf hatte auf die Aufforderung der Königin einige Schritte vorwärts gethan und Seespinne war ihm dabei gefolgt, so daß der verkrüppelte Knabe jetzt der Königin ziemlich nahe stand, sie in seiner gewöhnlichen Weise angrinsend. Er sah überdies etwas verstört aus - zerrissen und zerzaust und mit einem starken blauen Fleck über dem Auge; denn er hatte sich wie rasend bei seiner Verhaftung gegen zwei Soldaten gewehrt und ihnen die Hände bis auf die Knochen durchbissen, was ihm einige derbe Püffe zuzog - während der Graf, als er mit Seespinne vorsichtig aus der Thür des Geheimen Archivs getreten war, diese wieder verschlossen hatte und sich, eben nach der Treppe wendend, plötzlich in einer Falle und von Männern umgeben sah, und die Unmöglichkeit sich durchzuschlagen erkennend, sich mit kalter Resignation verhaften ließ.
»Mein Leibpage, Mi Señora! er ist taub und stumm - aber treu!« sagte der Graf.
»Wie könnt Ihr in dem Zustand, in dem ich bin, wagen, mir eine solche Fratze vor die Augen zu bringen? Schafft den Wechselbalg fort!«
»Eure Majestät erlaube ich mir zu bemerken,« sprach der Palast-Intendant, »daß der Herr Graf ohne diesen Schelm in das Geheime Archiv eingedrungen ist, aber mit ihm heraus kam.«
»Seespinne ist durch eine Verwechselung in jene
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Räume eingesperrt worden,« sagte Don Juan, um Zeit zu gewinnen, mit einem gewissen Spott, und ich holte ihn mir wieder, das ist Alles! Quel bruit pour une omelette!
»Cospetto!01N6l6tt6!«
»Wie nanntest Du das kleine Ungeheuer?«
»Aronna marina, Seespinne!«
»Wie eine Teufelsspinne sieht er aus. Bring mir ihn aus den Augen!«
»Mi Señora halten zu Gnaden,« sagte der Polizei-Commissar, »wir haben bei dem Burschen mehrere sehr gut gearbeitete Schlüssel oder Dietriche gefunden.« Er zeigte sie.
»War das Alles?«
»Alles!«
»Euer Majestät haben recht,« sagte boshaft der König von seinem Sitz her - »es könnte ein Unglück für Spanien geben diese Unvorsichtigkeit, Euer Majestät könnten sich versehen!«
Die Königin wandte den Kopf mit sehr bezeichnendem Ausdruck über die Achsel zurück. »Was Sie da sagen! - Aber ich denke, es hat in dieser Weise keine Gefahr bei mir, sonst hätte ich längst Gelegenheit dazu gehabt! - Nun mein tapferer Espada, wo sind Sie denn heute Abend gewesen, nachdem Sie uns aus dem Circo entwischt?«
»Wenn Mi Señora die Gnade haben wollen, den Attaché der russischen Gesandtschaft, Herrn von Netschajeff befragen zu lassen, werden Mi Señora hören, daß ich den armen Verletzten besucht habe.«
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Die Königin biß sich leicht auf die Lippen - ihr Blick suchte den Marschall, während sie die Achseln zuckte. »Aber wie kommen Sie bei Nacht in das Geheime Archiv - was hatten Sie da mit einem Nachschlüssel zu schaffen? Was haben Sie überhaupt hier im Palast zu thun?«
Der Graf legte mit einem demüthigen Augenaufschlag die Hand auf das Herz. »Mi Señora wollen sich gnädigst erinnern, daß Jugend keine Tugend hat. - Ich liebe, freilich - ein Wesen untergeordneten Ranges in der Gesellschaft, aber warum sollte ein Mann ein Herz verschmähen, weil es unter einer einfachen Mantille schlägt und nicht unter brabanter Spitzen!«
»Das könnte Deine Anwesenheit entschuldigen, obgleich ich weiß, daß die ganze Geschichte Lüge ist! Aber wie kommst Du in das Geheime Archiv?«
»Mi Señora wollen die Gnade haben, sich zu erinnern, daß ich die Ursache bereits erklärt. Ich habe das Vergnügen, zufällig den gelehrten Archivario Don Rafaël zu kennen, der ein großer Liebhaber alter Bücher ist, wie ich. Ich hatte ihm eine Kiste voll derselben versprochen und wollte mir damit einen Scherz machen, da er etwas pedantischer und furchtsamer Natur ist, und schloß deshalb jenen armen Krüppel Seespinne, einen bis auf Hören und Sprechen ganz gewitzten Burschen, in die Kiste, um beim Oeffnen derselben meinem Freunde einen Schrecken einzujagen. Ein unglücklicher Zufall in meiner Abwesenheit hat diese Kiste zu unrechter Zeit nach dem Archiv bringen lassen. Als ich zu Don Rafaël eilte, traf ich ihn nicht
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mehr zu Hause und mußte zum Circo eilen, um Mi Señora zu rechter Zeit empfangen zu können. Die Lage des armen Jungen lag mir schwer auf der Seele, wenn er auch nur ein Krüppel ist. So benutzte ich die Gelegenheit der Bewilligung eines Rendezvous, um ihn vor Ersticken zu retten.«
Die Königin wiegte etwas zweifelhaft den Kopf. »Ich sagte es ja, Du bist nicht auf den Mund gefallen. Die Geschichte läßt sich allenfalls hören, obschon Du immerhin Strafe verdienst. Aber der Nachschlüssel? Darüber kommst Du nicht hinweg.«
»Ich hatte bei einem Besuch Don Rafaël's zufällig entdeckt, daß ein alter Schlüssel, den ich unter merkwürdigen Umständen erhielt, genau in die Thür des Vorzimmers paßte.«
»Infame Lügen!« murmelte hörbar der Intendant.
Der Graf wandte sich rasch gegen ihn. »Was beliebt, Señor? Wenn ich auch unmöglich die Ehre haben konnte, Sie auf der Liste unserer Quadrilla zu sehen, erlaubt mir Ihr gegenwärtiger Stand doch, Sie um Erklärung zu ersuchen.«
Der Marschall enthob Señor Marfori der Antwort.
»Ich bitte Euer Majestät, mir die Züchtigung dieser Betisen zu überlassen. Señor Cuerta!«
»Hoheit!«
»Ist dieser Herr visitirt worden?«
»Bis jetzt nicht Hoheit - ich ...«
»So führen Sie ihn auf der Stelle hinaus und
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visitiren Sie ihn, nöthigenfalls mit Gewalt, bis auf die Haut, wie seinen verkrüppelten Helfershelfer!«
»Bravo, bravo Marschall!« rief der König, »jetzt verzeihe ich Ihnen die Beleidigung von vorhin!«
Der Polizei-Commissar that einen Schritt vor auf den Grafen zu - Don Juan that einen Schritt zurück.
»Rühren Sie mich nicht an!«
Der Graf warf einen Blick auf die Königin - sie hielt die Augen niedergeschlagen. Seine Farbe war von einer todesähnlichen Blässe.
»Kommen Sie, Señor Conde!« Cuerta streckte die Hand aus.
»Zurück! Ein spanischer Edelmann darf vom Henker nur mit dem Eisen berührt werden. Da es sich nur um meinen Kopf handelt - hier ist mein Kopf!«
Er hatte bei den Worten in die innere Brusttasche seines Rocks gegriffen und warf die Papiere, die sie enthielt, auf den Boden. Dann kreuzte er die Arme und hielt die Augen starr in die Luft gerichtet.
Der Chef der Polizei, sein Untergebener und der Palast-Intendant stürzten auf die Papiere, sie aufzuraffen. Aber ein befehlender Wink der Königin fesselte ihre neugierigen Augen. »Mir die Papiere - alle - sogleich!« sagte sie gebietend.
Die Königin hat in der That, wenn sie will, etwas Imponirendes, Königliches - Niemand wird ihr dann den Gehorsam verweigern.
Der Commissar legte die beiden Papiere, welche der Graf auf den Boden geworfen, in ihre Hand. Es waren
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zwei versiegelte Couverts, das eine größer und dicker als das zweite, beide mit mehreren Siegeln geschlossen.
Die Königin drehte sich um, ging zu dem Sessel zurück, den sie am Anfang dieser Scene eingenommen hatte, und setzte sich. Dann legte sie das kleinere der Couverts auf den Tisch neben sich und nahm das andere. Eine tiefe Stille lag über dem Salon, nur der König murmelte boshaft: »Aha - nun kommt's!«
Die Königin hatte das von dickem Papier gebildete mit mehreren Siegeln verschlossene Couvert hin und her gewendet, nachdem sie die Aufschrift gelesen. Dieselbe lautete:
Nur auf den Befehl Seiner Heiligkeit des regierenden Papstes zu eröffnen. Im tiefsten Geheimniß zu bewahren.
Madrid, den 28. Sept. 1833. Ich, der König.
»Por amor de Dios! - es ist die Handschrift meines Vaters - obgleich etwas unkenntlich - auch das Zeichen seiner Unterschrift,« murmelte sie. »Komme hierher Herzog, und sieh Dir dies an - weißt Du Etwas davon?«
Der Marschall zuckte die Achseln, während er die Königin scharf anblickte. »Haben Mi Señora das Datum bemerkt?« sagte er leise.
»Ja - der 28. September 1833 - das ist der Tag vor dem Tode des König Ferdinands, meines Vaters!«
»Was schließen daraus Mi Señora?«
»Das eben will ich von Ihnen wissen!« Der Minister-Präsident drehte das Couvert um und wies auf die Rückseite.
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Auf derselben befand sich drei Mal mit verschiedenen Daten die Aufschrift:
Auf Ehr und Eid unverletzt übernommen zur geheimen Aufbewahrung.
Der Vorsteher des Geheimen
Haus-Archivs.
Der Letzte, der unterzeichnet hatte, war der Archivar Don Rafaël Cervantes.
»Euer Majestät,« sagte der Minister weit über den Tisch gebeugt, an dessen anderer Seite er auf einen Wink der Königin Platz genommen hatte, - »erinnern sich vielleicht von einem letzten unbekannten Testament des hochseeligen Königs sprechen gehört zu haben!«
»Wenn ich's vergessen hätte, würde Seine Eminenz der Herr Nuntius des päpstlichen Stuhls Monsignore Barili es mir in Erinnerung gebracht haben bei den manchmal sehr unangenehmen Forderungen. Obschon meine Mutter entschieden leugnet, daß ein solches existire, behauptet die Kurie, es sei im Vatican niedergelegt und droht bei jeder Gelegenheit damit, wie mit einer Vogelscheuche. - Doch was wollen Sie damit sagen?«
»Wenn ein solches Testament existirt, dessen Inhalt wir ja nicht kennen, so glaube ich, haben wir es hier in den Händen oder wenigstens ein Duplikat, dessen Kenntniß uns gestattet, unsere Maßregeln zu nehmen.«
»Ja - aber wir dürfen es doch nicht erbrechen - Du hast gelesen, was darauf steht!«
Der Minister lächelte etwas seltsam.
»Vielleicht, Majestät, kommen wir zu derselben Schlußfolge. Warum glauben Mi Señora wohl, daß jener Mann
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dort, der den Marmor einer klassischen Statue affectirt, obschon ich sicher überzeugt bin, daß er, als der Nächste bei uns, mit allen Sinnen auf unsere Unterredung horcht - dieses Dokument gestohlen hat? Denn daß der Diebstahl desselben der Zweck all dieser Intriguen gewesen ist, werden Euer Majestät vollkommen einsehen.«
»Ja ja - es mag so sein.«
»Dieser Mann,« fuhr der Marschall unbarmherzig fort, - »ist entweder ein verkappter Jesuit oder ein großer Spekulant, der in Kronen spekulirt. Jedenfalls aber kennt er den Inhalt dieses Couverts. Fragen Euer Majestät ihn nur.«
Der Königin schien dies sehr willkommen. Da sämtliche andere anwesende Personen mit Einschluß des Königs sich in der einen Hälfte des Salons befanden, während die Herzogin taktvoll auf der anderen Seite weit zurückgetreten war, befanden sich die Königin, der Minister und der Graf von Lerida allein und so abgesondert, daß eine nicht zu laut geführte Unterhandlung von den Andern nicht zu hören war.
»Graf Lerida!«
Don Juan fuhr, vielleicht sehr gut gespielt, als kehre er aus einer abgeschlossenen anderen Region zurück, zusammen. »Mi Señora?«
»Sie wissen, daß der Einbruch in das Archiv, der Diebstahl von Staatsgeheimnissen Sie dem Tode, mindestens den Galeeren verfallen läßt. Nur unbedingte Aufrichtigkeit und offenes Geständniß könnte Sie retten. - Kennen Sie den Inhalt dieser Papiere?«
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»Ja!« Er war zu dem Tisch getreten.
»Und in dieser Kenntniß eben haben Sie versucht, dieselben zu rauben?«
»Ja!«
»Wollen Sie uns den Inhalt sagen, was Sie denken oder wissen?«
»Mi Señora erlauben mir, Besseres zu thun!« Er war zu dem Tisch getreten, hatte das Couvert genommen und ehe Einer der Beiden ihn hindern konnte, - der Marschall bezeigte ohnehin keine Lust dazu, - die Siegel erbrochen und den Inhalt herausgezogen.
Dann - das Knie beugend - überreichte er das Papier der Königin.
»Mensch - was hast Du gethan! Auf solchem Frevel kann der große Kirchenbann stehen!« aber ihre Hand griff doch nach dem Papier.
Der Graf, indem er sich erhob, zuckte die Achseln. »Ich habe Euer Majestät bereits meinen Kopf dargeboten, der mir mehr werth ist als alle Excommunikationen der Christenheit!«
Die Blasphemie wäre sicher von der Königin nicht ungerügt geblieben, wenn ihre Neugier nicht gänzlich von dem Inhalt des Dokumentes in Anspruch genommen worden wäre. Als sie es durchlesen, sah sie nachdenkend vor sich nieder, während sie es dem Marschall reichte, der es flüchtig überflog.
»Woher erfuhrst Du die Existenz und den Inhalt dieses Dokuments, Graf?« fragte sie endlich.
»Durch einen Zufall - auf meine Ehre!«
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»Und was wolltest Du damit machen? - auch auf Deine Ehre!«
»Es dem Grafen Montemolin überbringen - ich bin Carlist!«
»Der Señor Conde,« sagte spöttisch der Minister-Präsident, »würde da einen etwas weiten Weg gehabt haben, den ihm trotz des Dienstes, den er uns soeben geleistet hat, wahrscheinlich das Gesetz zudiktiren wird. Uebrigens können Mi Señora wegen dieses Papiers ganz unbesorgt sein, - in den Händen unserer Feinde könnte es höchstens einigen Zeitungslärmen verursacht haben. Dieser Widerruf hat keinerlei rechtliche Gültigkeit, da ihm die Bestätigung der Cortes fehlt. Es war ein bloßer vorsorglicher Streich der Jesuiten. Da wir aber jetzt den Inhalt kennen, haben die mysteriösen Drohungen damit von Rom her ihren Werth verloren und ich bitte Mi Señora, dem Marquis de Sierra Bullones den Befehl zu ertheilen, sofort das spanische Geschwader von Gaëta zurückzurufen, das wird uns am Besten Frieden mit dem König Victor Emanuel schließen lassen und allen Intriguen der Carlisten ein Ende machen.«
Die Königin nickte ihm Zustimmung, indeß sie aufmerksam die Aufschrift des zweiten Couverts betrachtete.
»Was diesen Herrn betrifft,« sagte der Marschall sich erhebend, - »so werde ich ihn wegen Versuchs des Hochverraths verhaften lassen.«
»Einen Augenblick, Herzog! Es ist da noch ein zweites Papier. Was soll das heißen: >Meinem Sohn
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Juan - nach Vollendung seines 24. Jahres. Im Fall seiner Gefährdung an die Königin!< Was bedeutet das?«
»Ich weiß es nicht! - Es ist mir diesen Abend erst als ein Vermächtniß meines Vaters übergeben worden und ich hatte noch nicht Zeit gehabt, es zu öffnen.«
»Da es an die Königin adressirt ist >im Fall Deiner Gefährdung< - so glaube ich das Recht zu haben, es zu öffnen, denn allerdings hast Du Dich etwas stark gefährdet!«
Der Graf begnügte sich mit einer stummen Verneigung und die Königin öffnete das Couvert.
Es enthielt zwei Briefblätter - als die Königin das erste zu den Augen erhob, machte sie eine Bewegung des Erstaunens. Das Falkenauge Don Juans erkannte trotz der Entfernung Schriftzüge, die ihm nicht unbekannt waren - die er noch vor kurzer Zeit verglichen hatte! Seine Augen beobachteten aufmerksam die Miene der Lesenden.
Diese erschien schon nach den ersten Zeilen lebhaft bewegt, das breite gutmüthige, nicht unschöne Gesicht färbte sich mit lebhafter Röthe, erst lag darauf ein Anflug von Humor, dann zuckte es über dasselbe finster hin und ein blitzschneller Blick hob sich zu dem Beobachtenden, der Mühe hatte, eine gleichgültige Haltung zu bewahren; dann nahm sie kopfschüttelnd das zweite Blett und las weiter.
Immer ernster wurde ihre Miene und in tiefem Nachdenken, wie als überlege sie, was zu thun, saß die Königin lange da.
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Endlich erhob sie sich, steckte Briefe und Couvert zu sich und winkte dem Grafen, ihr zu folgen.
Der kleine Salon der Königin stößt auf der einen Seite an ihr Arbeitszimmer - dorthin ging sie dem jungen Mann voran, mit einer gebieterischen Bewegung der Hand jede weitere Begleitung zurückweisend. In dem Zimmer setzte sie sich an den großen, mit vergoldetem rothen Saffian bezogenen Schreibtisch, der in der Mitte steht, in den einfachen breiten Drehsessel, auf welchem sie die Vorträge anzuhören pflegte und machte Lerida ein Zeichen, an die andere Seite des Tisches zu treten.
»Juan Lerida,« sagte die Königin - »ich befehle Dir nicht, ich bitte Dich, mir in diesem Augenblick die Wahrheit zu sagen.«
»Auf meine Ehre - so weit es diese gestattet.«
»Von wem erhieltest Du diesen Brief?«
»Von dem Offizier, welcher das Peloton kommandirte, das meinen Vater erschoß. Dieser vertraute ihm das Vermächtuiß in der Nacht vor seinem Tode an.«
»Wie hieß dieser Offizier?«
»Diaz Cavalho!«
Die sonst so gutmüthigen Augen der Königin funkelten. »Ich kenne den Namen nicht - wenigstens erinnere ich mich seiner nicht - aber ich werde ihn mir merken.«
»Der Teniente Cavalho,« sagte der Graf, »that nur seine Pflicht als Offizier - er befolgte nur den Befehl des damaligen Coronel Narvaez!«
»Ha!«
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»Der Coronel Cabrera befolgte, wie man mir gesagt hat, den Befehl des General Espartero - also der Königin-Regentin!«
»Meiner Mutter!« - der Ruf war fast ein Aufschrei. - »Ich war damals ein kleines Kind - ich habe nie das Nähere gehört - sprich zu mir!«
Es lag etwas Weiches, Schmerzliches in dem Ton der Königin, das auf den Abenteurer, er wußte selbst nicht, warum, einen tiefen Eindruck machte.
»Mi Señora,« fuhr er fort, »wissen vielleicht, daß mein Vater vom Corregidor von Irun zu Anfang der zwanziger Jahre zum Gouverneur von Mexiko durch König Ferdinand gemacht worden war. Nach dem Fall von San Juan de Ulloa auf der Rhede von Veracruz am 19. November 1825, der letzten Veste der Spanier, kehrte er mit Ruhm und Ehren an den Hof von Madrid zurück und hatte sich der Gunst des Königs, Ihres Vaters, und später auch der Königin, Ihrer Mutter, zu erfreuen, die er die Ehre hatte, von Neapel nach Madrid zu geleiten!«
Die Königin neigte wiederholt das Haupt. »Wie alt sind Sie, Señor Conde?«
»Einunddreißig Jahr. Mein Vater hatte nach seiner Wiederkehr aus Amerika eine Engländerin, die Schwester des Viscount von Heresford geheirathet, doch scheint die Ehe keine glückliche gewesen zu sein; denn meine Mutter trennte sich bald von meinem Vater und kehrte mit mir nach England zurück, wo ich mit einem Vetter von meinem Oheim erzogen wurde. Ueberdies scheint mein Vater nach jener Zeit am Hofe von Madrid in
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Ungnade gefallen zu sein, denn er zog sich nach Biscaya oder Navarra zurück und schloß sich nach dem Tode des Königs dem Infanten Don Carlos an. Er wurde von General Espartero bitter gehaßt.«
»Weiter!«
»Ich habe Euer Majestät nicht viel mehr zu berichten. Ich habe nur gehört, daß der Graf von Lerida, mein Vater, Gelegenheit hatte, dem damaligen Capitan Prim einen Dienst zu erweisen, indem er ihn vor dem Erschießen bewahrte als er gefangen war, eine Art der Erledigung des Streites, die damals sehr beliebt gewesen zu sein scheint. Bald darauf, es war im Jahr fünfunddreißig, fiel mein Vater in die Hände des Coronel Narvaez, und obschon Kapitain Prim selbst zur Königin eilte, um seine Begnadigung zu erreichen und Zumalacarreguy seine Auswechselung gegen die des Bruders des jetzigen Herzogs von Tetuan anbot, ließ ihn Narvaez vor den Augen des Unterhändlers mit zehn Anderen erschießen, was natürlich eine Revange zur Folge hatte, der Marschall O'Donnell verdankt, daß er keinen Bruder mehr hat und dafür wahrscheinlich eine kleine Antipathie gegen Euer Majestät gehorsamsten Diener.«
Die Königin hatte den Kopf in die Hand gelegt, sie schien die Erzählung des Grafen mit tiefer Bewegung angehört zu haben. »Ich weiß nicht,« sagte sie endlich, »welche vermeintliche oder wirkliche Kränkung ihn in die Reihen meiner Feinde trieb - aber Du - warum stehst Du gegen mich, warum wolltest Du mich verrathen, die ich Dir nie Böses gethan?«
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»Mein Vater starb als Carlist -«
»Du bist in einem anderen Lande, in anderen Anschauungen erzogen - sprich die Wahrheit, warum stehst Du auf der Seite meiner Feinde?«
Der Graf sah finster vor sich hin, dann schlug er den Blick voll zu der Königin auf.
»Ich habe meinen Vater zu rächen!«
»An mir?«
»Der Viscount von Heresford, mein Oheim, gab mir an meinem fünfzehnten Geburtstag einen Brief, als ich ihn nach meinem Vater frug. Diesen Brief bewahre ich noch. Er ist von der Hand der Königin Christine und an den General Espartero gerichtet.«
Die Königin erhob sich. »Sage mir seinen Inhalt!«
»Der Inhalt ist kurz. Er lautet: >Lasse den Lerida nach Empfang Dieses erschießen!< - Christine.«
Die Königin schien tief erschüttert und drückte ihr Battisttuch an die Augen.
»Die Sünden der Väter,« sagte sie bewegt, »rächen sich oft an den Kindern! Laß das Vergangene begraben sein. Ich will Dir wohl, sehr wohl! - Gieb die Sache der Carlisten auf!«
»Ich habe dem König Don Carlos mein Wort verpfändet!«
»Der Graf Montemolin, der sich Karl VI. nennen ließ, - ist todt!«
Lerida fuhr zurück: »Todt?«
»Am Dreizehnten in Triest gestorben - er und seine
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Frau! Cuerta brachte diesen Abend die Nachricht von drüben.«
Ein finsterer entschlossener Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Carlisten. »Cuerta in Triest? ein Meuchelmörder ...«
»Halt ein! Thörichter Mensch! Bei der heiligen Jungfrau, Du thust mir Unrecht - suche, wenn eine schlimme That vorliegt, nach anderer Seite, und frage Dich zunächst: wem nützt sie?«
Das Wort schien ihn hart zu treffen - unwillkürlich kamen ihm die Worte des Abgesandten des Infanten Don Juan in's Gedächtniß.
»Noch einmal thörichter Mensch - was können jene Dir bieten? Sei Deiner - rechtmäßigen Königin treu, und Du sollst es nicht bereuen. Ich werde Dich der Gesandtschaft in Paris attachiren lassen.«
»Euer Majestät überhäufen mich mit einer Gnade, die ich nicht annehmen kann. Da der Graf Montemolin todt ist, gehört mein Eid dem Infanten Don Juan in London.«
»Ist dies Dein letztes Wort?«
»Mein letztes. Wollen nun Señora die Gnade haben, mir den Nachlaß meines Vaters zurückzugeben?«
»Jene Briefe?«
»Wenn Euer Majestät Nichts dawider haben ...«
»Diese Briefe behalte ich! - Wenn Du denn nicht hören willst, so schreibe, was geschehen muß, einzig Deinem Starrsinn zu. Meine erste Pflicht ist, für die Ruhe dieses Landes zu sorgen! - Komm! komm!«
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Die Königin ging vor ihm her. An der Thür des Salons wandte sie sich plötzlich um, betrachtete den Grafen einen Augenblick und küßte ihn zu seiner Verwunderung auf die Stirn. Dann öffnete sie selbst die Thür und trat in den Salon.
Der unglückliche Königin-Gemahl, der noch immer an seiner verwundeten und geschundenen Nase besserte, hätte sehr gern eine boshafte Bemerkung über die geheime Audienz gemacht, aber ein sehr ernster Blick der Königin schloß ihm den Mund.
Die Königin blieb in der Mitte des Salons stehen. »Der Offizier der Schloßwache!« befahl sie.
Der Garde-Offizier trat in militairischer Haltung vor.
»Der Graf Juan von Lerida,« sagte die Königin mit lauter und fester Stimme, - »ist für immer aus Spanien verbannt. Sie werden den Grafen nach seiner Wohnung bringen, wo er seine Angelegenheiten ordnen mag, und ihn morgen mit dem ersten Bahnzug nach einem Punkt der Grenze oder der Küste begleiten, den er selbst bestimmen mag, und ihn nicht aus den Augen lassen, bis er Spanien verlassen hat. Du, Marschall, magst für die Ausfertigung des Verbannungsdecrets sorgen. - Jeder Versuch einer Rückkehr geschieht auf Gefahr seines Kopfes.«
Der Garde-Offizier trat zu dem Verbannten. »Ich stehe zu Ihren Diensten.«
Der Graf von Lerida verzog spöttisch den Mund. »Meine Yacht, Señor,« sagte er - »liegt in dem Hafen von Carthagena, wohin ich mich ohnehin morgen zu begeben dachte. Ich freue mich, dahin so gute Gesellschaft
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zu finden und lege Euer Majestät meine Dankbarkeit für das gnädige Urtheil zu Füßen!«
Er machte eine tiefe Verbeugung und verließ, von dem Offizier und Seespinne gefolgt, den Salon, ohne auch nur einen der Anwesenden eines weiteren Blicks oder Grußes zu würdigen.
»Meine Herren,« winkte die Königin - »ich bedarf sehr der Ruhe! Sie sind entlassen!«
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Revolution oder Rebellion?

Es ist ein vielgebrauchter Ausdruck: »Die Zeit geht schwanger mit diesen oder jenen Ereignissen!« Wenden wir ihn auf das Jahr Achtzehnhundert-Einundsechszig an, so könnte man mit Recht sagen: Das Jahr ging schwanger mit Umwälzungen! Umwälzungen, die sich nicht auf Europa allein beschränkten.
Ueberall Kampf, überall Ringen, meist noch der Geister und Ideen, doch hinter ihnen wie aus der Ferne das Rasseln der Waffen - und an vielen Ecken und Enden donnerten bereits die Kanonen, funkelten die Bayonnette, glänzte der Mordstahl oder das Richtschwert des Henkers.
Gewiß - das Jahr Einundsechszig war die gebärende Mutter von Vierundsechszig, Sechsundsechzig und Siebenzig!
Es ist ein großer Unterschied zwischen Revolution und Rebellion - der denkende conservativste Geist kann die eine achten, für eine jener Berechtigungen der Weltgeschichte zu ihrer Entwickelung halten, wie ja auch die Erde selbst ihre großen Revolutionen durchgemacht, - die andere verachten und zertreten!
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Die Karte von Europa war wieder einmal in Geburtswehen -, die Revolution rechnete auf diesen Schwächezustand der alten, vom Stier entführten Jungfrau und nützte ihn.
Die Republikaner, der Ultramontanismus, der Socialismus, die Plutokratie, der Judaismus, die Geldrafferei und der Ehrgeiz, alle diese finstern Feinde der Ruhe der Völker fühlten ihre Zeit gekommen und begannen sich zu regen.
Die politischen Verhältnisse waren fast überall schlaff oder im Zusammenbruch, in neuer Entwickelung, welche die Ueberstürzung der siegenden Parteien oder die Erbitterung der unterdrückten und die Speculation der Zukunftspolitiker hervorrief. Die römische Kirche, dieser gewaltige Factor in Zuständen und Geschichte war an ihrem empfindlichsten Punkte: der weltlichen Macht und dem weltlichen Einfluß, bereits stark geschädigt und noch weiter bedroht und schon damals galt das zehn Jahre später gefallene, ihre geheimste Politik enthüllende Wort des päpstlichen Nuntius an den Minister v. Varnbühler: »Wenn uns die Regierungen nicht schützen, werden wir uns mit der Revolution verbünden!« - das bis in die neueste Zeit seine furchtbaren Schatten wirft und den jesuitischen Grundsatz vom Zweck und den Mitteln eclatant verwirklicht. Der Vatican wußte sehr wohl, daß der wachsende Liberalismus ein gefährlicherer dauernderer Feind der Kirche und der Throne war, als die Revolution, die den Papst höchstens nach Gaëta jagte und ein gekröntes Haupt unter den Mörderdolch oder das Henkerbeil legte,
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aber immer und immer wieder den alten Status in der oder jener Form zurückbrachte. Rom hat sich stets mit den Republikanern, nie mit dem Constitutionalismus vertragen. Krieg aufs Messer!
Nach Spanien, das sich nicht mehr blindlings der Kurie beugen wollte, sandte man den neuen Don Carlos, - gegen England die irische Kirchenbill und die Kloster-Agitation, gegen das autonome Rußland eine neue polnische Rebellion; in Frankreich, das noch an den Siegen der Krim blutete, mußten die Kaiserin und der Socialismus Schwierigkeiten schaffen und Katastrophen vorbereiten, in Italien begnügte man sich vorerst mit dem Kirchenbann und der Brigantaggia, und in Deutschland reizte man Oesterreich und die Kleinstaaten, hofirte der neuen Aera im Norden und stärkte und mehrte unterdeß die römischen Stationen für die künftigen Eventualitäten.
Der Socialismus, jene gefährlichste aller revolutionairen Ideen, wurde von England gepflegt, und - wie bisher die republikanische Agitation in ihren Emissairen - auf den Continent geworfen, um den alten Einfluß zu behalten, der stark in's Wanken gekommen war. Geniale und ebenso gewissenlose Spekulanten, wie der Jude Lassalle, tauchten auf, um aus der Noth der arbeitenden Masse politisches Kapital und Ruf zu schlagen, und das mobile Kapital begann seine Operationen zur staatlichen Privilegirung des Wuchers und der Börsen-Betrügerei.
Der Liberalismus hatte in Deutschland den Nationalverein geschaffen, um unter dem Prätext jener erhabenen Idee eines einigen mächtigen Deutschen Reichs, welche vor
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Jahren Männer und Jünglinge schon für das politische Martyrium begeisterte, - das monarchische Preußen zu schwächen und Deutschland noch mehr zu zersplittern, damit desto mehr Aemtchen und Vortheile sich für die politischen Pygmäen einheimsen ließen.
Noch fehlte die Faust, die kräftig eingriff in all das erbärmliche Gewebe und wie mit Blitzstrahl die Wolkenmassen zerriß! - -
Wir haben am Schluß des vorigen Bandes den Beginn der revolutionairen Bewegungen in Warschau gezeichnet. Kein wahrhaft großes nationales Gefühl, wie etwa das der Revolution von 1830 lag ihnen zum Grunde, nur jesuitische Aufstachelung, der blinde Haß, der rastlose Trieb zur Unruhe, und die nationale Eitelkeit einzelner Stände und Individuen, die im Umsturz ihren Vortheil sahen. Die ganze ein Jahr später ausbrechende Rebellion war von vorn herein ein todt geborenes Kind, ohne die Einigkeit und Begeisterung eines lebenskräftigen und fähigen Volkes, ein blutiger Putsch, wie der Krater des Vesuvs von Zeit zu Zeit seine verheerenden Aschenregen und seine glühenden Lavaströme auswirft, als müsse er zeigen, daß die Flammen in ihm noch nicht erloschen sind.
Während Kaiser Alexander mit dem großen Werke der humanen Revolution: der Aufhebung der Leibeigenschaft in seinem weiten Reiche beschäftigt war, versuchte jene des Hasses und des Unfriedens ihm Nadelstiche zu geben und Steine in den Weg zu schleudern. Freilich bestanden die Nadeln in Mörderdolchen und die Steine in Brandfackeln und Henkerstricken! -
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In einem mit jenem halb orientalischen halb pariser Luxus und Raffinement, wie es die reichen Polen und Russen so sehr lieben, ausgestatteten Salon der ersten Etage des Hôtel d'Angleterre lag auf einer Causeuse eine junge Frau von etwa ein- oder zweiunddreißig Jahren, eine schlanke graziöse Gestalt mit feingeschnittenem Kopf und mocquanter Miene. Sie trug ein weites schlafrockartiges Gewand von weißem, weichem Wollstoff, das mit schwarzer Schnur um die Taille zusammen gebunden war, und unter dem zuweilen sich ein sehr kleiner Fuß in eleganter Chaussüre hervorstahl. Die zarten noch immer sehr schönen Arme, an dem Handgelenk von schweren Lava-Bracelets umschlossen, streckten sich kokett aus den weiten Aermeln des Rocks, mit dem goldnen Lorgnon spielend, das sie von Zeit zu Zeit an die Augen führte. An einem der Finger funkelte ein überaus kostbarer Brillantring, auf der Brust an schwerer goldener Kette ein funkelndes Kreuz. Das Haar verbarg eine ena anschließende klösterliche Haube von weißem Linnen.
Auf einem Tabouret zu ihren Füßen saß ein junger Mann, eigentlich ein Knabe noch, in der kleidsamen Tracht, welche die jungen Akademiker trugen, mit schön geschnittenen sarmatischen Zügen, hoher schmaler Stirn von krausem dunkelbraunem Haar umlockt, und weit geöffneten braunen Augen, aus denen er liebevoll zu der noch immer schönen Frau emporsah.
»Wie glücklich bin ich, hochwürdige Frau, mein schönes allerliebstes Tantchen, daß Sie die Güte gehabt haben, sich meiner zu erinnern. Als ich von Vetter Wielopolski hörte,
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daß Sie aus Italien angekommen, nachdem wir so lange Jahre keine Sylbe mehr von Ihnen vernommen hatten und Sie wirklich todt oder uns ganz vergessen glaubten, - hatte ich wahre Sehnsucht, mich Ihnen nähern zu dürfen, und war überglücklich, Ihre Einladung zu erhalten. Sagen Sie Tantchen, sind die Aebtissinnen in den neapolitanischen Klöstern alle so hübsch und jung? Ich habe mir von einer solchen heiligen Dame eine ganz andere Vorstellung gemacht.«
»Schelm! - Kannst Du schon schmeicheln und flößt Dir mein Kreuz und meine Tonsur keine respectvolleren Gedanken ein?«
»Bedenken Sie Tantchen, daß die Goldonkel aus Indien und die Tanten aus Neapel oder Sicilien in unserem armen Lande sehr seltene Dinge sind! Mutter Gottes, was will ich prahlen unter meinen Komilitonen, wenn ich ihnen erzähle, daß ich eine Tante gefunden habe, die mit dem heiligen Vater auf Du-Comment steht!«
»Keinen Frevel - oder ich schicke Dich fort! Du hast also recht viele gute Freunde unter Deinen Kameraden?«
»Gewiß Tantchen wir halten Alle zu einander - das heißt, die Polen!«
»Und die anderen?«
»Bah - die Deutschen und Russen! nun, wir klopfen einander mitunter.«
»Das ist unchristlich, man darf gegen Niemanden aus seiner Nationalität ein Vorurtheil hegen.«
»Aber Tante - es sind doch Ketzer!«
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Die hochwürdige Frau bekreuzte sich: »Das ist freilich etwas Anderes. Unsere heilige Religion muß über Alles gehen. Ich hoffe, Dein Umgang besteht aus guten Katholiken und Ihr versäumt Eure kirchlichen Pflichten nicht? Man will in Rom wissen, daß die Lehrer der polnischen Jugend nicht sonderlich mehr darauf halten.«
Die Augen des Knaben funkelten. »Wir wollen keine Russen und keine Ketzer werden. Verlaß Dich darauf Tante, wir haben unserem Beichtvater geschworen, als treue Polen zu sterben!«
»Und wer ist denn Euer Beichtvater?«
»Pater Hilarius von den Bernhardinern.«
»Ich wünschte ihn wohl persönlich kennen zu lernen, mein lieber Petrus, um mich zu überzeugen, daß das Seelenheil eines so lieben jungen Verwandten in den besten Händen ist. Du kannst ihm sagen, daß es mir lieb sein würde, wollte er uns in den nächsten Tagen seinen Besuch schenken.«
Der Jüngling schüttelte zweifelnd den Kopf. »In den nächsten Tagen? - Das wird nicht gut angehen.«
»Warum nicht?«
»Weil der Pater Wichtigeres zu thun hat.« Er warf einen scheuen Blick auf die Eingangsthür und die Portière, die zum Nebenzimmer führte.
»Sprich ohne Furcht - wir sind unbelauscht!«
»Wir müssen vorsichtig sein, hochwürdige Tante. In Warschau haben die Wände Ohren, - die russische Polizei ist überall! - Sie wissen doch, daß übermorgen der Jahrestag von Grochow ist!«
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»Was weiter?«
»Heilige Maria, - Sie reden, als wenn Sie keine gute Polin wären.«
»Ich bin eine Polin, vor Allem aber eine treue Tochter der heiligen Kirche, der das Seelenheil ihres jungen Verwandten wichtiger ist, als alle Schlachttage. Was hat der Pater Hilarius mit dem Jahrestag von Grochow zu thun?«
»Er wird den Trauergottesdienst in der Pauliner Kirche halten und die Prozession des Volkes führen.«
»Der Pater ist also ein polnischer Patriot?«
Der Jüngling nickte.
»Und Du und Deine Kameraden - Ihr gehört am Ende auch zu diesen sogenannten Patrioten, das heißt zu den Gegnern des Kaiser Alexander?«
Der junge Mensch hob den Kopf stolz empor: »Ich bin ein Pole, ich trage den stolzen Namen Wysocki und mein Großvater war der Oberst des 9. Regiments und vertheidigte die Schanzen von Wola, ehe sie ihn nach Sibirien schleppten. Ich heiße Peter Wysocki wie er!«
»Du bist ein thörichter Knabe und wirst enden, wie Dein Großvater und - Dein Vater! Um so nöthiger ist es, daß ich den Pater Hilarius spreche und deshalb frage ihn, wenn er nicht in dies Hôtel zu kommen wünscht, wo und wann ich ihn morgen Abend sehen kann, und sage ihm, ich käme von Rom und bäte darum im Namen der heiligen Rosalia, der Schutzpatronin meines Klosters.«
»Ich werde es thun, hochwürdiges Tantchen.«
»Und versprich mir, daß Du Deine Mutter von
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meiner Ankunft nicht eher benachrichtigst, als bis ich es Dir erlaube. Du weißt vielleicht, daß in unserer Jugend, - sie ist ja um wenige Jahre älter wie ich, - einige Entfremdung zwischen uns stattfand, des Erbes unseres Vaters wegen, die böse Menschen nährten und die, den Heiligen sei Dank, durch meinen Eintritt in's Klosterleben gehoben wurde.«
»Ich habe meine Mutter nie Uebles von Ihnen sprechen hören, hochwürdige Tante« sagte der Jüngling treuherzig.
»Um so besser! Aber ich wünsche mir die Ueberraschung des Wiederfindens selbst vorzubehalten, darum schreibe ihr nicht von meiner Anwesenheit. Ich werde den Markgrafen bitten, gleichfalls meiner nicht zu erwähnen.«
»Er schreibt ihr ohnehin selten, nur wenn er über mich berichtet, andere Correspondenz hat Mama gar nicht! - Aber hochwürdige Tante - Du hast vorhin ein Wort gesagt - über das ich Dich fragen möchte.«
»Was ist es?« Ihr Blick lag scharf und beobachtend auf ihm.
»Du sprachst von meinem Vater! Du sagtest, ich würde enden - wie mein Vater! Die Mutter trägt noch immer Trauer um ihn - ich war ein verstandloses Kind noch, als er starb - sagen Sie mir, meine geliebte Tante, was wissen Sie von meinem Vater?«
»Frage Deine Mutter!« entgegnete sie kalt.
»Meine Mutter entzieht sich dem - ich weiß nur, daß mein Vater in meiner Kindheit gestorben sein muß -
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oder sollte er nicht gestorben sein, sollte er bloß verschwunden sein, wie so mancher edle Pole - Tante, ich beschwöre Dich, was weißt Du von meinem Vater?«
»Ich - Nichts! - was soll ich mehr wissen, als Deine Mutter? Ich kannte Deinen Vater kaum, ich hatte schon jahrelang damals selbst Deine Mutter nicht mehr gesehen, und wurde ohnehin bald aus meinem Kloster in Krakau abberufen, zuerst nach Tyrol, dann nach Italien. - Aber Kind, die Zeit, die ich Dir für heute widmen konnte, ist zu Ende, - ich erwarte noch Besuch und Du mußt gehen. Da nimm dies einstweilen als ein kleines Zeichen meiner Liebe!« Sie ging nach einen Seitentisch und nahm aus einem vergoldeten Kästchen einen kostbaren Rosenkranz. »Der heilige Vater selbst hat ihn geweiht, möge er Dich immer an die Pflichten für Deinen Glauben und Dein Vaterland erinnern.«
Er küßte ihr dankbar die Hand. »Wenn Sie mich fortschicken, meine gnädige hochwürdige Tante, so muß ich zu meinem Bedauern gehen. Ich habe ohnehin noch einen Auftrag hier auszurichten.«
»Hier im Hôtel?«
»Ja - von Pater Hilarius. Es bleibt übrigens in der Verwandtschaft, denn nichtwahr Tante, - die Oginski's sind ja mit den Zerboni's verwandt?«
»Wie kommst Du auf Oginski?«
»Es wohnt Einer hier im Hôtel - Ihnen kann ich es wohl sagen, als Graf Czatanowski, aber es ist einer unserer Verwandten aus Paris, Hippolyt Oginski, der
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nach Sibirien verbannt war und bei der letzten großen Amnestie zurückgekehrt ist.«
»Zu welchem Zweck ist er hier?«
»Ich weiß es nicht, - er muß doch wohl die Polizei zu fürchten oder nicht die Erlaubniß haben, sich in Warschau aufhalten zu dürfen, obschon man sagt, daß er ein Lauer sei. Man ist seit dem Spaß im October, als die Kaiser und der Regent von Preußen hier zusammen kamen, sehr mißtrauisch. Tantchen, ich sage Ihnen, es war ein Gaudium, und wir von der Akademie haben wacker geholfen, den Russen eine Nase zu drehen!«
»Fort mit Dir!«
»Ich gehe schon, aber« - er warf sich in Positur und sagte mit halb komischem halb ernstem Pathos: »Ich bitte um Ihren Segen zuvor, hochwürdigste Tante Aebtissin!«
Sie machte, als er schon an der Thür stand, eine graciöse Bewegung mit der Hand, als ertheile sie ihm den kirchlichen Segen. »Nimm ihn mit Dir« - die Thür schloß sich hinter den Abgehenden - »und meinen Fluch dazu!«
Ihr zartes hübsches Gesicht verzerrte sich bei den Worten zu einen diabolischen Ausdruck! So muß der giftige Haß und die Bosheit aussehen, wenn die Hand des Künstlers sie auf die Leinwand zaubert.
Wenn Kapitain Chevigné dies Bild gesehen hätte, würde er sich gewiß an eine der Gestalten im Hofe des Klosters der Verdammten erinnert haben, als sie aus den
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Grüften ihres lebendigen Leibes nochmals emporstiegen zur Oberwelt! -
Oder wenn einer der lustigen Gäste an der Tafel jener Nacht im Refectorium der Ruine von San Agatha es geschaut, würde die Gestalt der frommen Aebtissin ihn nicht gemahnt haben, an jene, die aus dem wilden Kampf der Piemontesen und der kühnen Legionaire des König Franz hervor sich stahl mit der blutigen Scheere, den glänzenden Ring im Bufen bergend und dann an der Seite des schwerwunden Polen knieend! - den Ring, von dem selbst der kluge Abbé glaubte, daß die Habgier der Schwester Martina ihn gestohlen? -
Die Verwandlung, die Verzerrung dieses Antlitzes dauerte nur wenige Augenblicke, - dann kehrte die Maske der ruhigen Beobachterin, der vornehmen, frommen Kirchenfrau wieder zurück. Die Aebtissin drückte den Knopf der Schelle, welche die Dienerschaft des Hôtels rief, und nahm ihren Platz auf der Causeuse wieder ein und ihr Brevier zur Hand.
Ein Kellner trat ein.
»Was befehlen Ihro Gnaden?«
»Ich wiederhole zunächst meinen Wunsch, daß wenn ich schelle, das Mädchen der Etage mich bedient, nicht die männliche Dienerschaft, bis die meine hier eingetroffen ist. - Ist der letzte Bahnzug von Krakau bereits angekommen?«
»Er muß in dieser Minute eingetroffen sein.«
»Ich erwarte mit ihm meine Begleiterin, die natürlich auch dem geistlichen Stande angehört, und der ich
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daher die gebührende Achtung bewiesen zu sehen wünsche. Sie haben die Briefe, die ich Ihnen diesen Nachmittag zur Bestellung übergab, abgeben lassen?«
Der Kellner lächelte pfiffig. »Durch den zuverlässigsten Kommissionair, den wir haben.«
Die Aebtissin maß ihn hochmüthig. »Zuverlässig oder nicht, er wird doch einige Briefe bestellen können, die keinerlei Geheimnisse enthalten. Sie haben meine Befehle.«
»Euer Gnaden wollen entschuldigen - ein Herr wartet unten im Salon und bittet um die Ehre, vorgelassen zu werden.«
»Sein Name?«
Der Kellner legte die Karte, die er in der Hand trug, auf einen silbernen Teller, der auf dem Tisch an der Thür stand, und überreichte sie.
»Generalmajor Marquis Paulucci!« las die Dame laut - »ich lasse bitten!«
Der Garçon verschwand.
Die Aebtissin benutzte die Pause, um ihre Toilette etwas in Ordnung zu bringen und dem Kasten, aus dem sie vorhin den geweihten Rosenkranz geholt, einige Papiere zu entnehmen und in den Bereich ihrer Hand zu legen. Dann ließ sie sich wieder nieder und blieb in steifer Haltung sitzen, die Augen zu Boden geschlagen, bis sie die Thür sich öffnen und die Anmeldung des Garçons hörte:
»Se. Excellenz, der Herr General!«
Der Angemeldete trat ein. Der Marquis, der
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bestimmt war, zu Anfang der Warschauer Rebellion die Rolle eines officiellen Vermittlers, jedenfalls eine sehr undankbare! zu spielen, gehörte den Regierungskreisen an und stammte aus einer italienischen Familie. Er war ein Mann von etwa zweiundfünfzig Jahren, von hoher schlanker Gestalt und ausdrucksvollem Gesicht. Um den Mund lag eine gewisse Gutmüthigkeit.
Er kam als jüngerer Bruder - sein älterer besitzt noch in Toskana großen Grundbesitz - sehr jung nach Rußland zu seinem Onkel, dem damaligen Gouverneur der Ostsee-Provinzen, der ihn bei seinem Tode der Fürsorge des Kaisers Alexander I. übergab. Mitte der dreißiger Jahre wurde er Adjutant des humanen Generals von Kreutz, und nachdem dieser den Abschied genommen, persönlicher Adjutant des Feldmarschalls Paskewitsch, nach dessen Tode bei seinem Nachfolger, dem Fürsten Gortschakoff und von Beiden wegen seines redlichen biedern Charakters sehr geschätzt, auch mit vielen wichtigen und schwierigen Untersuchungen betraut. Trotz der großen Geneigtheit der Polen, die russischen selbst hochgestelltesten Beamten der Bestechlichkeit zu beschuldigen, hat ihn nie eine Stimme derselben bezüchtigt. Schon während der Untersuchung gegen den früheren Chef der politischen Polizei, den berüchtigten General Starazenka war er interimistisch mit dessen Functionen betraut und hatte damals viel Gutes gestiftet und so Manchen der Haft entlassen. Nach geachtetem Ausspruch gab es, während er längere Zeit Chef der ganzen Kommission für die politischen Untersuchungen war, wenig Familien in Polen, die seiner Humanität
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nicht zu Dank verpflichtet gewesen wären. Besonders hatte er sich Ende des Jahres 1860 gegen die zu strenge Bestrafung der vier jungen Leute erklärt, die wegen des Unfugs im Theater während der Anwesenheit der drei Monarchen in Warschau zu 10 bis 15jähriger Verbannung nach Sibirien verurtheilt worden waren, und dies ihm die vorläufige Entfernung von seinem Posten zugezogen.
Der Marquis trat mit einer tiefen Verbeugung näher, die Aebtissin verneigte sich bloß.
»Ich habe die Ehre gehabt, von der gnädigen hochwürdigen Frau einige Zeilen zu empfangen« sagte der General höflich, »die mich um eine Unterredung ersuchten. Ihro Gnaden sehen, daß ich mich beeilt habe, Ihnen selbst meine Aufwartung zu machen.«
Die Dame erhob sich ein Wenig von ihrem Sitz. »Nehmen Sie meinen Dank Herr Marquis für Ihre Güte. Ich wollte unter den gegewärtigen Verhältnissen nicht verfehlen, Ihnen meine Ankunft in Warschau anzuzeigen, und indem ich Ihnen zu meiner Legitimation einen Brief Ihrer Frau Mutter überreiche, die ich die Ehre hatte, in Brescia zu sehen, mich Ihrem Schutz zu empfehlen. - Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen.«
»Ah - von meiner lieben alten Mutter! - O geben Sie, hochwürdige Frau! Sie konnten mir keine liebere Empfehlung bringen, obschon ich fürchte, Ihnen wenig nützen zu können.«
»Euer Excellenz sind der Chef der politischen Polizei,« sagte die Aebtissin, einen Brief in seine Hand legend,
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und da ich mich meiner Familien-Interessen wegen einige Zeit in Warschau aufhalten und nicht gern als geborne aber emigrirte Polin irgend einem politischen Verdacht unterliegen möchte, erlaubte ich mir, mich direkt an Sie zu wenden.«
»Die Frau Gräfin-Aebtissin irren, ich habe nicht mehr die Ehre, der Chef der politischen Polizei in Warschau zu sein.«
»Wenn auch das nicht, so hat mir die Ueberbringung des Briefes doch die Ehre einer sehr angenehmen Bekanntschaft gewährt.« Die gewandte Frau hatte ihre Enttäuschung geschickt zu verbergen verstanden.
»Das hindert gewiß nicht,« sagte der General verbindlich, »meinen geringen Einfluß zu Ihrer Disposition zu stellen, um jede Belästigung Ihnen fern zu halten. Ich werde mit Mukhanoff und Oberst Trepoff sprechen. Aber hochwürdige Frau, ich bin so ungeduldig, etwas von meiner alten Mutter zu hören, daß ich Sie - wenn es nicht zu unbescheiden wäre, - um die Erlaubniß bitten würde, den Brief in Ihrer Gegenwart öffnen zu dürfen.«
»Ich ehre und empfinde zu sehr die Gefühle eines Sohnes mit, um Euer Excellenz nicht selbst darum zu bitten.«
Der General öffnete den Brief und beschäftigte sich einige Momente angelegentlich mit dessen Lectüre. Mau sah sein offenes ehrliches Auge in Freude glänzen bei dem Lesen der Zeilen von geliebter Hand.
»Ich danke Ihnen sehr für die guten Nachrichten, die Sie mir gebracht, hochwürdige Frau,« sagte der Marquis -
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»so Gott will, werde ich das Glück haben, meine greise Mutter in diesem Frühjahr besuchen zu dürfen. Sie empfiehlt mir Sie als eine fromme und dabei doch weltgewandte Dame von großen Verbindungen in Rom, die zugleich als eine Verwandte der ersten polnischen Familien und bei ihrer vorurtheilsfreien Auffassung der politischen Verhältnisse während ihres Aufenthaltes in Warschau der Regierung von großem Nutzen sein könnte!«
Die Aebtissin begnügte sich mit einer Verbeugung.
»Die hochwürdige Frau sind, wie ich aus der Unterschrift Ihres Billets ersah, eine geborne Gräfin Zerboni?«
»Mein Vater war der General Graf Zerboni.«
»Ich lernte ihn nach dem Feldzug von Einunddreißig flüchtig kennen, als ich Adjutant bei Paskewitsch war. Er hatte Verstand und Patriotismus genug, von der Amnestie des Kaiser Nicolaus Gebrauch zu machen. Sie müssen damals noch sehr jung gewesen sein.«
»Eine Klosterfrau, Excellenz, weiß von den Eitelkeiten der Welt Nichts und braucht aus ihren Jahren kein Geheimniß zu machen. Ich bin im Jahr Neunundzwanzig geboren, und trat mit 18 Jahren in's Kloster.«
»So jung schon den Freuden der Welt entsagen - dazu gehört in der That Ueberwindung oder tiefer Beruf! - Wie ist mir denn - wenn ich mich recht erinnere ...« er brach gewandt ab, als er dem stolzen Blick der Klosterfrau begegnete ... »Sie hatten ja wohl noch eine Schwester?«
»Und habe sie noch - die Gattin des früheren Kollegienraths Wysocki!«
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»Eines Sohnes des kühnen Vertheidigers von Wola. Ganz recht - die Familie verfolgte das Unglück, - Ihr Schwager starb ja wohl eines plötzlichen Todes?«
»Er wurde im Jahre Fünfzig ermordet, - ich war damals bereits Nonne! - wie es hieß von den Händen der polnischen Patrioten.«
»Richtig - ich erinnere mich der Sache, man fand ihn erdolcht auf der Schwelle seines Amtslokals. - Und lebt Ihre Frau Schwester noch?«
»Meine Schwester lebt auf ihrem Gut im Radom'schen in stiller Zurückgezogenheit. Sie wieder zu sehen und zugleich meine Ansprüche auf das Erbe meiner Mutter, einer geborenen Oginski, geltend zu machen, bin ich mit der Erlaubniß meiner Oberen nach meinem Vaterlande gekommen, da gerade eines nothwendigen Umbaues meines Klosters wegen infolge der traurigen kriegerischen Ereignisse die Schwestern für einige Zeit in andere Convente zerstreut werden mußten. - Euer Excellenz sind sehr gütig, sich meiner Familie zu erinnern. Ich kann, nach den traurigen Erfahrungen in ihr, nur sehr bedauern, daß der Sohn meiner Schwester den Mördern seines Vaters sich anschließt.«
Der Marquis blickte sie aufmerksam an. »Ist es erlaubt, zu fragen wie Sie dies meinen?«
»O er ist ein Knabe noch - erst vierzehn Jahre - ist auf einer der hiesigen Akademieen, und Euer Excellenz wissen ja wohl, wie alle diese thörichten Knaben Phantasten und Fanatiker sind. Ich bete zur heiligen Jungfrau und allen Nothhelfern, daß sie meiner Schwester
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ein Unglück ersparen mögen! Man sollte in der That in Warschau strenger sein mit der Erziehung der Jugend!«
Der Marquis sah ernst vor sich nieder. »Wir dürfen nicht zu streng sein mit ihr. Aus der Begeisterung der Jugend gehen oft die besten Männer hervor, wenn diese Gefühle in richtige Bahnen für das Schöne und Edle geleitet werden.«
»Das sage ich auch - solche Thorheiten, wie eine revolutionaire Feier der Schlacht von Grochow, die ohnehin so viel Blut gekostet, können unmöglich zu etwas Gutem führen. Unsere heilige Kirche lehrt Versöhnung und Unterwerfung unter den Willen des Höchsten. Man müßte allen Einfluß der Kirche auf das Volk zu Hilfe nehmen, um solche Störungen des öffentlichen Friedens zu verhindern.«
Der General sah sie mit unverhehltem Erstaunen an. »In der That hochwürdige Frau, Ihre Worte überraschen mich - ich bin sehr erfreut, solche Gesinnungen von einer Dame Ihrer Geburt und Ihres Standes aussprechen zu hören.«
»O mein Herr, wie konnten Sie daran zweifeln! Hatte nicht schon mein Vater sich von diesem thörichten Traum einer Losreißung Polens getrennt? Haben wir nicht das Beispiel in unserer Familie, zu welchen traurigen Thaten dieser Fanatismus, dieser Haß gegen die gesetzliche Ordnung, dieser revolutionaire Freiheitstaumel führen? - Haben nicht selbst wir armen, den politischen Leidenschaften so fern stehenden Bräute des Himmels er[l]eben müssen, daß unser stilles Asyl von jenen Horden des
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Königs Victor Emanuel erbrochen und zerstört wurde, die unter dem Vorwand, Italien Freiheit und Einigkeit zu geben, nur Mord und Umsturz in die alte Ordnung und die friedliebende Herrschaft des heiligen Stuhls gebracht haben!«
»Sie werden zweifelsohne dem Herrn Erzbischof Fijalkowski Ihren Besuch machen?«
»Ich habe Seiner Erzbischöflichen Gnaden pflichtschuldig meine Ankunft angezeigt und um Audienz gebeten.«
»Ich will Ihnen nicht verhehlen, hochwürdige Frau,« fuhr der General fort, »daß die Anwendung einer so loyalen Meinung, wie Sie eben auszusprechen die Güte hatten, auch auf unsere polnischen Verhältnisse mir um so wichtiger erscheint, als wir uns in diesem Augenblick gerade nicht besonderer Freundlichkeit von Seiten der Kurie erfreuen zu dürfen glauben. Ja wir haben Ursache anzunehmen, daß gerade die katholische Geistlichkeit in Polen an der sich überall zeigenden unruhigen Bewegung nicht ohne Antheil ist. Es sollte mich daher sehr freuen, wenn Sie hochwürdige Frau vielleicht die Mission hätten, Seiner Erzbischöflichen Gnaden etwas loyalere Instruktionen für seine Geistlichen anzuempfehlen.«
»Verzeihen Sie, ich habe keinerlei officiellen Auftrag, lch wünsche hier nur als Privatperson mit Erlaubniß der Warschauer Polizei zu verweilen, und spreche nur meine private Meinung aus. Aber ich glaube, daß Euer Excellenz sich über die Stimmung im Vatican täuschen, und ich werde, wenn Sie das wünschen, keinen Anstand
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nehmen, Seiner Erzbischöflichen Gnaden, das was ich dort gehört und beobachtet, zu wiederholen und meine geringe Meinung über das verbrecherische Treiben der Unzufriedenen auszusprechen. Die geheime Agitation, die Sie der - allerdings auch in Ihrem Lande schwer bedrängten - Kirche zuschreiben, geht weit eher von den geheimen Emissairen des alten Rebellen Garibaldi und des Ungarn Kossuth aus, wie man mich ganz bestimmt in Rom versichert hat, und Euer Excellenz werden wissen, daß die Polizei der heiligen Väter gut unterrichtet ist und die Kirche gewiß nicht mit so erbitterten Feinden ihrer selbst zusammen wirken würde.«
»Es ist mir von Wichtigkeit, ehrwürdige Frau,« sagte sich erhebend der General, »von Ihnen bestätigt zu sehen, was ich selbst beobachtet und befürchtet habe. Die polnische Emigration in Italien ist nicht unbedeutend, intelligent und thätig, und wir wissen, daß sie mit Garibaldi in Neapel und Kossuth in genauer Verbindung steht.«
Auch die Aebtissin hatte sich erhoben. »Ueber das Wirken wenigstens eines ihrer einflußreichsten und thätigsten Mitglieder kann ich Euer Excellenz beruhigen.«
»Darf ich den Namen wissen?«
»Warum nicht? - Hier ist das ganze Verzeichniß aller augenblicklich in Italien lebenden emigrirten polnischen Unterthanen Seiner Majestät des Zaren.«
Sie überreichte ihm ein Papier, das Her General mit einigem Befremden entgegen nahm. »Nachdem die Frau Gräfin mich noch so eben versichert haben, daß Sie
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sich in keiner Weise mit Politik befassen, setzt mich dieses Geschenk allerdings in Staunen.«
»Ich kann Sie darüber leicht aufklären. Ich erhielt es von dem Beichtvater meines Klosters, einem würdigen Geistlichen, der es für Pflicht gehalten hatte, die Papiere des auf den Tod verwundeten Kapitain Langiewicz an sich zu nehmen.«
»Langiewicz? Marian Langiewicz?« rief der General erstaunt. »Aber das ist unmöglich, Sie irren sich Gräfin!«
»Ich weiß nicht, ob der Kapitain Marian oder anders mit dem Vornamen heißt; ich weiß aber ganz bestimmt, daß Kapitain Langiewicz bei einem Ausfall der Soldaten des unglücklichen König Franz aus Gaëta am Neujahrstag tödtlich verwundet worden ist.«
»Aber die Regierung hat sichere Nachrichten, daß Langiewicz noch vor Kurzem als Emissair des Pariser Comités über die Posensche Gränze gekommen ist und nur durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen der Wachsamkeit des Commissar Droszdowicz, eines unserer thätigsten Beamten, entgangen ist.«
Die Aebtissin zuckte die Achseln. Dann muß es zwei Kapitaine dieses Namens geben. Für die Sicherheit meiner Nachricht bürge ich Ihnen mit meiner Ehre. - Werde ich das Vergnügen haben, Euer Excellenz morgen Abend im Palais Wielopolski zu sehen? Die Polizei wird doch Nichts dawider haben, daß ich mich auch in den Kreisen meiner polnischen Verwandten und der früheren Freunde unserer Familie bewege?«
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»Nicht das Geringste - ich bürge Ihnen dafür und wünsche den Kreisen unseres Adels, die leider sich etwas sehr exclusiv halten, recht vielen Zuspruch von solcher Gesinnung. Ich rechne auf Ihr Versprechen in Betreff des Herrn Erzbischofs?«
»Und ich auf das Ihre in Betreff des thörichten Jungen, meines Neffen, dessen Vormund der Markgraf ist. Wenn ich Ihnen und der Sache der Ordnung und Gesetzlichkeit irgend einen Dienst leisten kann, der sich mit meinem Gewissen und meiner Stellung verträgt, so disponiren Euer Excellenz ganz über mich,«
Sie geleitete den General bis zur Thür und empfahl sich ihm mit eben so viel Würde als Verbindlichkeit. Der unvermeidliche Kellner stand bereits wieder vor der Thür und beantwortete ihren stolz fragenden Blick mit einer bejahenden Geberde.
»Sogleich! - in fünf Minuten schicken Sie sie zu mir. Ich werde schellen, wenn ich der Bedienung bedarf.«
Sie eilte in den Salon zurück und warf sich leidenschaftlich auf ihren Sitz. »Luft! Luft! Ich ersticke unter dieser Athmosphäre von blindem Dünkel und Kurzsichtigkeit. Und das soll noch einer ihrer Besten sein! - Wie plump dieser Marquis in die Falle ging - das Spiel steht gut, und ich werde mich rächen an ihnen Allen - denn ich hasse sie, ja ich hasse sie, die frei und glücklich sind selbst auf dem Vulcan, auf dem sie stehen. Wenn ich erst sicher bin von jener anderen Seite - ich will die Macht, die ich habe, benutzen, sie Alle zu Verderben, Eins durch das Andere, und müßte jede Straße in
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Warschau ein Blutstrom sein! - Was kümmert mich ihr alberner Patriotismus für ein so jämmerliches Land, wie das ihre! Was der doppelköpfige Adler und seine Interessen - was selbst der alte Thor auf dem sogenannten Thron Petri, - was Blutsverwandtschaft und Nationalität - sie sind glücklich, und haben mich um das Glück und meine Jugend gebracht und ein höllisches Feuer in meinen Busen gegossen. Zwölf Jahre - und es glüht noch eben so heftig wie damals! - Wahret Euch, die Hand der Rache ist über Euch! - jene furchtbare Gewalt, die mich dem Licht der Sonne entriß und in jenen steinernen Sarg als Gefangene warf, - der ich noch immer gehorchen muß - wenn sie einen Dämon des Hasses zu der Schürung des Feuers in dies Land senden wollte - ihre Wahl war gut!«
Es klopfte leise, demüthig an die Thür. Die Aebtissin, wie sie selbst ihren Rang im Fremdenbuch bezeichnet und durch Paß der römischen Regierung legitimirt hatte, setzte sich erst vor den Schreibsecretair, mit dem Rücken gegen die Thür gewendet, ehe sie »Herein« rief.
Die Thür öffnete sich, - es trat eine Person ein, schloß die Thür und blieb in der Nähe derselben stumm und eine Anrede erwartend stehen. Die Eingetretene war ein Weib in der halb klösterlichen Tracht der dienenden Schwestern der Nonnenorden. Sie trug ein Gewand wie diese von grobem wollenem Stoff, den Rosenkranz am Gürtel, das schwere dunkle Tuch um den Kopf, nur die Stirn und Kinnbinde nicht. Unter dem Tuch sah man spärliches bereits ergrautes Haar einfach gescheitelt. Das
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Gesicht, von niedrig slavischem Typus war groß und eckig; etwas Finsteres, Unheimliches lag auf der niederen Stirn und den buschigen Brauen, auf den Wangen bereits von Falten durchzogen, in dem gekniffenen Mund und dem massiven viereckigen Kinn; die Gestalt, obgleich sie an sechszig Jahre zählen mußte, ungebeugt groß, starkknochig, die Hand, in der das Weib ein Papier hielt, massiv. Man sah an ihrem finstern Blick aus den schmalen schiefen Augen ihre Ungeduld, nicht bemerkt zu werden.
Die Frau am Schreibtisch fuhr in ihrer anscheinenden Beschäftigung noch eine Weile fort, dann sagte sie, ohne sich umzuwenden: »Tritt näher! - Dein Name?«
»Veronica - die Pförtnerin im Kloster der ehrwürdigen Carmeliterinnen zu Krakau. Die hochwürdigste Frau hat mich hierhergeschickt, um mich bei Ihro Gnaden der Frau Aebtissin zu melden. - Hier ist meine Licenz!«
Die Würdenträgerin der Kirche streckte ihre zarte feine Hand nach rückwärts, um das Papier in Empfang zu nehmen. Die Pförtnerin legte es mit einer Geberde von Ungeduld und Unzufriedenheit über die rücksichtslose Art dieser Behandlung in die Finger der Oberin, und blieb ohne die gewöhnliche halbe Kniebeugung stehen.
Die Hand der Prälatin blieb in der vorigen Stellung ausgestreckt.
»Nun? - Ave in nomine domini, filii et spiriti sancti.«
»Amen!«
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Die Schließerin beugte das Knie und küßte die Hand der Oberin.
Diese hatte, während die Andere den Kopf ziemlich mürrisch unter der Klosterdisciplin beugte, den ihren nach der Gedemüthigten gewendet und erhob sich langsam; - das Licht der Astrallampe fiel voll und klar auf ihr Gesicht.
»Bei der heiligen Jungfrau, der ersten Karmeliterin,« sagte sie spöttisch mit unverstellter Stimme, - »ich glaube wirklich, Du bist unverbesserlich, Veronica, immer noch die Alte!«
Die Klostermagd sprang bei dem Klang dieser Stimme empor wie ein angeschossener Wolf ihrer Wälder, und starrte der Frau einen Augenblick in das Gesicht, dann schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen.
»Heilige Ignatia und alle vierzehn Nothhelfer - Schwester Mathildis - ist es Dein Geist oder bist Du es wirklich?«
»Faß mich an - Geister haben Nichts von Fleisch und Blut, und ich schwöre Dir, ich habe Beides und Vieles damit nachzuholen!«
Das alte mürrische bösartige Geschöpf tanzte wie wahnwitzig im Gemach umher. Sie betrachtete und liebkoste die Klosterfrau, sie drehte sie nach allen Seiten, und lachte hell auf vor Freude.
Dies Gebahren, diese Anhänglichkeit schien in der That einen Eindruck auf das kalte sonst gefühllose Herz der Klosterfrau zu machen, und sie reichte dem Weibe beide Hände.
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»Ich danke Dir Veronica,« sagte sie - »aber beruhige Dich und gieb dem Verstande Gehör. Du kannst wohl denken, daß ich nicht ohne Ursache hier bin, - aber wir dürfen die Vorsicht nicht außer Acht lassen, in Warschau, wie an manchen anderen Stellen haben die Wände Ohren!«
Das harte Weib preßte die Hand auf den Mund. »Gewiß ich will schweigen, ich will Alles thun, Mathildis, kleiner Satan, der mich die ewige Seligkeit hat versündigen gemacht. Aber nochmals - bist Du es wirklich? - Wir haben Dich todt und begraben geglaubt, und am Jahrestage als man Dich abholte, jedes Mal eine Messe lesen und das verfluchte Geschöpf hungern lassen!«
»Wie - Barbara Ubryk? - Sie lebt noch immer?«
»Es wäre ihr besser, sie wäre längst todt und verfault! So thut sie's bei lebendigem Leibe!« sagte die Klosterdienerin mit hämischem Ausdruck. »Das Geschöpf hat ein zähes Leben! - Doch vielleicht ist's gut, nun Du wieder da bist!«
»Warum das?«
»Hm - ich meinte nur so! Du könntest Absichten haben.«
»Spiele nicht die Unwissende, Weib! Du weißt, daß ich sie in den Abgrund der Hölle wünsche! - Komm hierher und rede leise. Wie ist's mit ihr?«
»Sie ist bereits halb stumpfsinnig - wenigstens spricht sie selten ein Wort.«
»Und wenn sie spricht?«
»So ist's ein Fluch auf Dich.«
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»Bah! - nennt sie seinen Namen - spricht sie von dem verfluchten Zeugen des Verraths?«
»Niemals!«
Das Gesicht der Klosterfran hatte etwas Dämonisches bei den Fragen, die sie that.
»Und sie hat - in der ganzen Zeit - niemals eine Andeutung gemacht, daß sie weiß, wo das Kind geblieben?«
»Niemals! - ich habe sie gequält bis aufs Blut, - ich habe sie hungern und dursten lassen, der schlechteste Hund hat es besser wie sie in seinem Loch - sie schweigt!«
»Ha - ich sage Dir, Ihr seid Stümper mit Euren Kerkern und Strafen. Ich wüßte einen Ort, der ihren Trotz brechen würde; - beim Satan und seinen Töchtern, den Verdammten!«
»Bist Du vielleicht in einem solchen Kerker gewesen? Ich dächte, was Schlimmeres, als den der Barbara Ubryk könnt's nicht geben!«
»Schweig', Unke!« Die Klosterfrau schauderte unwillkürlich bei der Erinnerung. »Ich bin die Aebtissin des Klosters der heiligen Rosalia, wie Du siehst, also kann von einem Leben im Kerker nicht die Rede sein.«
»Ich meinte nur - wenn ich an jene Stunde denke, als sie über Dich im Refectorium zu Gericht saßen und Du ihnen in's Gesicht Trotz botest und sie verhöhntest und Dinge sagtest, wie sie vielleicht noch niemals die Mauern eines Klosters gehört haben! - als die Männer, man flüsterte, es seien Diener der Inquisition gewesen, Dir die Hände banden, den Knebel Dir in den Lästermund
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drückten und Dich zwangen, in den verschlossenen Wagen zu steigen, - ich hätte nimmer gedacht, Dich wiederzusehen. Ich glaubte Dich längst im Grabe!«
»Auch die Gräber öffnen sich zuweilen - ohne ein Wunder, an das nur die Dummen glauben. Hütet Euch, daß nicht auch das Grab der Barbara Ubryk sich öffnet!«
»Dafür ist gesorgt. Die Alten hüten sich wohl zu reden, und die Jungen wissen nichts Anderes, als daß die Barbara wegen Unzucht und Schändung der Kirche zur ewigen Clausur verurtheilt und darüber wahnsinnig geworden. - Du siehst Herzblättchen, daß alle Deine Sünden ihr noch in die Schuh' geschoben worden sind. Die Sache hat damals Aufsehen genug gemacht und war nicht so leicht bei der unverschämten Neugier der Laien todt zu schweigen.«
»Aber die jetzige Oberin?«
»Mutter Wenzyk ist gut geschult; Deine alte Freundin und Schützerin Mutter Theresa, die Koczdczierkiewicz, die um Deinetwillen das Kloster verlor, hat sie noch geschult und Pater Piantkiewicz der Beichtvater hält bei'm Bischof die Hand über uns. Hättest Du's mit den jungen Nonnen nicht zu toll getrieben und durch Deine Aufsässigkeit und Ketzerei ihn erbittert, - alles Andere würde Dir sicher nicht den Hals gebrochen haben. Aber nun erzähle selbst mir, Liebling, wie ist Dir's damals gegangen? Wohin hat man Dich gebracht? Was ist mit Dir geschehen? Warum hast Du nicht längst von Dir hören lassen? Wie kommst Du jetzt zu den Ehren?«
»Sachte, sachte gute Veronica,« sagte spöttisch die
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Klosterfrau - »vielleicht erinnerst Du Dich an das Evangelium vom verlorenen Sohn und daß über einen reuigen Sünder im Himmel mehr Freude ist, als über zehn Gerechte! Nun schau' mich an, Du siehst ein verlorenes und wiedergefundenes Schaaf vor Dir! Seh' ich nicht aus im weißen Wollenhabit - es ist beste Lamawolle, ich versichere es Dich! - wie ein Schaaf? Es geht Nichts über die Komödie der Reue und Bekehrung, - zur Belohnung hat man mich, da ich nun doch einmal aus einem gräflichen Ehebett entsprungen bin und man auch im Vatican Etwas auf gute Geburt giebt - es laufen ohnehin dort genug geborene Straßenräuber und Facchini's mitunter! - zu einer Würdenträgerin erhoben!«
»Aber Herzchen,« frug die Alte, - »was willst Du eigentlich wieder hier?«
»Was ich will? Mein altes Geschäft will ich treiben, Verderben stiften, mich rächen will ich an der Gesellschaft der Menschen und ihren Vorrechten, - und Du Veronica, mein tapferer Leibknappe, sollst mir helfen; denn ich weiß, etwas Schlimmeres und zum Schlimmen Befähigteres, als Du giebt es nicht!«
»Es müßte es denn Du selbst sein, Rudikic!«8
»Ich wußte freilich nicht, ob Du noch lebtest oder schon gehangen wärest,« fuhr die Klosterfrau fort - »aber ich dachte, Unkraut vergeht nicht so leicht, und so ließ ich die Priorin anweisen, die Schließerin Veronica
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zum bestimmten Tage nach Warschau zu senden und auf unbestimmte Zeit zu beurlauben.«
»Du hast recht gethan, Ballandza,9 Du scheinst Geld zu haben in Hülle und Fülle und nun wollen wir herrlich und in Freuden leben!«
»Sachte, sachte! Es soll Dir Nichts abgehn, aber der Henker soll auch nicht um sein Recht kommen. Wir wollen uns redlich in die Arbeit theilen, ich den Adel und Du die Kanaille!«
»Aber um welche Teufelei handelt sich's eigentlich, szirdic mano?«10
»Sie wollen, oder vielmehr, sie sollen wieder Rebellion machen, Blut soll fließen, die Kugel und der Strick Arbeit haben.«
»Bravo Kindchen, ich will zu den Heiligen beten, an die Du zwar nicht glaubst, aber es kann doch nicht schaden, daß die Hundesöhne, die Russen es tüchtig kriegen!«
Die Aebtissin, die auf dem Divan saß, während die Alte bewundernd und mit ihr wie mit einem Kind tändelnd vor ihr hockte, wiegte den Kopf.
»Wer weiß! Die Andern taugen auch Nichts! Hat mir Einer von der ganzen Sippe beigestanden, als sie mich zum Kloster zwangen? Ich will mich freuen, wenn ihrer recht Viele d'ran glauben müssen und nach Sibirien wandern oder baumeln. Vorerst gilt's, sie an einander zu hetzen, das dumme Volk und die hochmüthigen Adligen,
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und beide wieder gegen die Moskowiter! Du mußt Deine alten Bekanntschaften in Warschau wieder aufsuchen - Du magst die Klostertracht abthun, ich gebe Dir Dispens für Alles!«
»Und Du, Kindchen?«
»Mir dient die Kutte besser bei allen Parteien. Das Sprüchwort sagt ja, daß der Teufel in eine Kutte oder in einen Weiberrock kriecht, wenn er Unheil stiften will, - nun hier hat er Beides. Vor Allem gilt es, irgend einen Schlupfwinkel aufzutreiben, wo wir uns ohne Aufsehen leicht verwandeln können, - das ist Deine Sache. Geld sollst Du haben, mehr als Du brauchst, denn ich weiß, Du bist habsüchtig und geizig. Ich kannte nur Eine, die's noch schlimmer war, und selbst die hab' ich hinters Licht geführt. Sieh den Ring hier - was denkst Du davon?«
Sie ließ den Stein blitzen, die Alte faßte gierig nach der Hand und bewunderte die Diamanten. »Bei der heiligen Theresa, das Ding muß viel Geld kosten, in der Monstranz selbst haben wir's nicht so schön! kaum wird's die heilige Jungfrau von Czenstochau haben.«
»Bah - es wär' auch schade, wenn die Steine dort verkümmerten. Der Ring ist unter Brüdern seine achttausend Rubel werth - ich hab' ihn in Rom von den Juden taxiren lassen. Siehst Du einen Fleck daran?«
»Nein - nicht die Spur!«
»Ich auch nicht und doch hab' ich ihn einem schurkischen Ungarn vom Finger geschnitten, der ihn einem dummen neapolitanischen Principe abgegaunert hatte.«
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Sie lachte hell auf bei der Erinnerung. »Was die fromme Martina für ein Gesicht schnitt, als der kluge Pfaffe ihr die Erbschaft auf den Kopf zusagte und all' ihren Betheuerungen kein Wort glaubte.«
»Wer ist die Martina?«
»O - eine Nonne wie ich war, ehe das heilige Kollegium mich zur Aebtissin machte. - Doch Nichts von ihr weiter, wir haben Dringenderes zu sprechen. Du wirst morgen das Nöthige kaufen, um den Klosterkram entbehrlich zu machen. Es sind jetzt - laß sehen - es sind vierzehn Jahre, daß Du nicht in Warschau warst. Da muß Manches verändert sein und Viele wird der Teufel geholt haben, die Du nicht mehr wiedertriffst!«
»Es werden auch Viele noch am Leben sein - ich kenne die alten Schlupfwinkel.«
»Desto besser. Vorerst horche überall hin, es wird Dir leicht werden, denn die Revolutionspartei beabsichtigt in den nächsten Tagen eine Demonstration. Obschon mir die russische Polizei ziemlich zahm zu sein scheint, kommt es doch vielleicht zum Schießen. Mach' Dich mit den Rädelsführern im Pöbel bekannt, schimpfe auf den Adel und die Reichen, die gemeinsam mit der Regierung das Volk unterdrückten. Es giebt auch diesmal - so viel weiß ich bereits - bei der Erhebung zwei große Parteien, die Adelspartei, die mein Vetter Wielopolski und Graf Zamoyski noch im Zügel hält und deren Heißsporen daher angetrieben werden müssen, was meine Sache ist; - und die Demokraten, die Volksrepublikaner. Mit diesen habe ich keine Anknüpfungspunkte, sie zu schaffen wird Deine
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Aufgabe sein. Man hat mir im Geheimen einen Landsmann von Dir genannt, einen Litthaner aus Deiner Gegend, der einer der Hauptführer sein soll, vielleicht kennst Du ihn.«
»Sein Name?«
»Traugut, Romwald Traugut, ein entlassener Ingenieur-Offizier und jetziger Gutsbesitzer im Grodno'schen.«
»Wenn es derselbe ist, den ich als Knabe kannte, so mögen die Aristokraten oder die Russen, wahrscheinlich Beide, sich gratuliren. Er war ein Bursche, der mit dem Kopf durch die Wand ging, - die Leute sagten, er habe als Junge einen Knecht todtgeschlagen, weil er ihm den Gehorsam verweigert hatte. Von Marinka, der Haushälterin seines Vaters, hörte ich, er habe seinem Lieblings-Pferd, weil es einmal scheute und ihn abgeworfen hatte, die Augen ausgestochen und es dann sorgfältig kuriren lassen, das arme Vieh!«
»Das wäre ein Charakter, wie wir ihn brauchten! - forsche nach ihm. Ich hätte eine kleine Organisation im Kopf, - eine Brüderschaft vom Messer und Strick, die ihm sicher conveniren würde.«
»Würde es nicht besser sein, Kind, da Du Geld genug hast, wenn Du eine eigene Wohnung nähmst, statt hier im Gasthaus von allen Augen bespäht zu werden?«
»Närrin! das ist's ja grade, was ich will. Der Dieb ist nie sicherer, als unter den Augen der Polizei! Indem ich offen ihre Aufmerksamkeit verlange, wird mich diese am Wenigsten suchen. Noch vor einer Stunde saß auf dieser Stelle hier Der, der am meisten zu fürchten war,
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weil er fast der Einzige ist, der sich unbestechlich zeigt, den gewöhnlichen Verlockungen nicht zugänglich ist und ohne Leidenschaft urtheilt. - Nein, Alte, das ist wohl überlegt. Nur eine andere Wohnung will ich im Hôtel nehmen und darüber morgen mit Pan Dreher, dem Wirth, sogleich Rücksprache nehmen. Dazu kannst Du vor Allem das Hôtel abspioniren und mir die passendste aussuchen, wo am Leichtesten eine Hintertreppe und ein Seitenausgang zu erreichen ist, und wo die Mauern uns vor dem Horchen sichern.«
»Soll geschehn, morgen in aller Frühe - ich habe ein Auge dafür.«
»Ich weiß es! - Die Wahl des Kerkers der Barbara hat mir's bewiesen. So nahe an Jedermann und doch versteckt genug. Morgen ist ein Tag der Büßung und Demuth, ich werde beim Erzbischof und bei Bischof Platen mir den geschornen Kopf waschen lassen, wenn sie albern genug sind, sich der alten Geschichten zu erinnern, und die Gereinigte spielen. Dann will ich zu den russischen Spitzen!«
»Zu den Russen?«
»Freilich, und zu den Schlimmsten - ich muß eine Patronage suchen. Unsere polnischen Gevattern werden Nichts dawider haben, daß ich mit ihren Feinden verkehre, die allein mich meinen angeblichen Prozeß gewinnen lassen können. Das Schild der Kirche deckt Alles.«
»Von welchem Prozeß sprichst Du, Goldkind?«
»Sie haben mir ihn im polnischen Kollegium auf's Beste ausgesucht und zurecht gestutzt. Du weißt, daß
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meine Großmutter eine geborne Gräfin Oginska aus Litthauen war.«
»Freilich - ich habe sie zwar nicht mehr gekannt, aber man hat mir genug erzählt von ihr auf Schloß Pinczewo, dem Erbe Deiner Väter.«
»Ihr Vetter war der Narr, der die Polonaise schrieb am Hochzeitstage der treulosen Geliebten und sich ihr zu Ehren die Kugel durch's Gehirn schoß, wenn er überhaupt welches hatte.«
»Oh - ich habe davon gehört, auch als ich jung war in der Judenschänke danach getanzt. Ist es nicht die?«
Und die Alte in ihrem Uebermuth sprang wie ein Bock im Salon umher und kreischte den unglücklichen Text, den der polnisch-deutsche Pöbel dem herrlichen Schwanensang Oginski's untergelegt hat:
»Unter'm poln'schen Schuppen
Da geht's lustig zu,
Tanzt der poln'sche Ochse
Mit der deutschen Kuh!
La la la - la ralla lallah la la!«
Die Aebtissin hielt sich die Ohren zu und lachte. »Hör' auf, hör' auf, oder Du bringst mich um! Paßt sich das für eine solide Klosterfrau? - Dazu ist es Unsinn - der verliebte Narr hat an einen solchen Text nie gedacht!« und sie summte, wie selbstvergessen, die berühmten Worte des Liedes vor sich hin:
»Droben wo wie Gold die Fenster blinken
Und sie auf das Wohl des Brautpaars trinken!«
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»Puh« - schüttelte sich die Schließerin, - das meine gefällt mir besser. Aber was ist's mit den Oginski's und dem Prozeß?«
»Ich sage Dir, der Teufel weiß, wie sie's aufgefunden! aber was findet ein geiler oder habsüchtiger Pfaffe nicht, wenn er sucht! Kurz und gut - Einer meiner Urgroßväter, der Großhettmann von Litthauen war, und vor der ersten Theilung Polens gegen Suwaroff focht, soll vor der Confiscirung seiner Güter einen schönen Besitz im Großherzogthum an die Czatanowki's verpfändet oder übertragen haben, um ihn seiner Familie zu retten. Obschon er im Jahre 1776 amnestirt wurde und die Güter in Litthauen zurückerhielt, blieb jener Besitz oder die Verwaltung den Czatanowki's, wahrscheinlich, weil sein Sohn, der Vater meiner Großmutter, sie darin lassen wollte, als er selbst unter Koscziusko focht und seines Besitzes verlustig ging. Doch existirt die Klausel, daß das Anrecht an jenes Gut im Weiberstamm forterben soll und zwar in dritter Generation an die jüngste Tochter. Die Czatanowki's und die Oginski's sind mehrfach verschwägert gewesen und die Sache scheint darüber in Vergessenheit gekommen. Der Neffe des Hettmann, der ehemalige Schatzmeister von Polen, der mit meinem Urgroßvater unter Koscziusko focht und ein großer Musiknarr war, starb, obschon amnestirt, 1831 in Italien. Unter seinem Nachlaß muß man die Dokumente gefunden haben, auf die meine Klage basirt. Es gilt zunächst den Nachweis zu führen, daß der Hettmann und sein Sohn zwei Mal amnestirt worden, also jener Besitz, der an drei
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Millionen polnische Gulden an Werth hat, nicht verfallen ist. Das Hauptdokument ist zwar verschwunden, einer der Diener meines Urgroßvaters soll es vor der Schlacht von Maciejovice von diesem anvertraut erhalten haben - so daß die Sache zweifelhaft ist, aber die Kirche hat einen weiten Magen und lange Arme, und da es dem heiligen Collegium grade gepaßt hat, mich in dieser Zeit nach Warschau zu schicken, soll ich den alten Anspruch aufwärmen.«
»Die Czatanowki's, denk' ich, wohnen im Preußischen?«
»Das ist auch die beste Hoffnung zu dem Besitz zu kommen, oder zu einer tüchtigen Abfindung. Rom streckt die Kosten vor, da ihm doch der Gewinn in den Säckel fällt, weil eine Klosterfrau keinen Besitz haben darf.«
»Die Geschichte wirrt mir wie ein Mühlrad im Kopf! So ein Prozeß währt verteufelt lange! Und wenn Du gewinnst, hast Du - wie Du selbst sagst, Nichts davon.«
Die Aebtissin erhob sich, schlich an die Thür und öffnete plötzlich - der unvermeidliche Garçon wäre fast mit ihr in's Zimmer gefallen.
»Ah so mein Lieber - ich dachte es mir. Ich werde morgen Herrn Dreher bitten, mir eine Wohnung mit Vorzimmer zu geben.«
Der Kellner stotterte verlegen etwas her - er habe geglaubt, rufen oder singen zu hören.
»Und was kümmert das Sie, wenn ich gestatte, daß die Schwester Veronica eine Homilie vor dem Schlafengehn
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singt? - Gute Nacht mein Lieber!« und sie schloß die Thür.
Dann schlich sie zu der Vertrauten zurück und legte den Mund an ihr Ohr. »Die Kanaille! aber ich war zum Glück vorsichtig, und es ist unmöglich, daß er eine Sylbe gehört haben kann, wenn er auch noch so lange Ohren hat. Es braucht es Niemand zu wissen außer Dir, daß ich zwar thun will, was ich soll, daß aber aus dem Blut dieser Rebellion und dem Prozeß mir neues Leben entsprießen kann, Dir und mir; - die Czatanowski's werden keine Dummköpfe sein, und England oder Amerika liegen nicht außerhalb der Welt! - Jetzt hilf mir bei meiner Nachttoilette und dann mach', daß Du schlafen kommst, damit wir morgen mit frischen Kräften an's Werk gehen!«
Als die Klosterfrau eine halbe Stunde später allein war und die Thüren verschlossen hatte, untersuchte sie die Rouleaux der Fenster, ob sie genau schlossen, und trug dann das Kästchen, aus dem sie den Rosenkranz und die Papiere genommen hatte, auf ihren Nachttisch.
Dann nahm sie eine der einfachen stählernen Nadeln, welche die klösterlichen Kopfbinden zusammen gehalten hatten, prüfte sorgfältig die Spitze und preßte diese in ein kaum sichtbares Loch in dem unteren Stahlbeschlag der eisernen Kassette.
Ein leichtes Geräusch, wie das Zurückspringen einer unsichtbaren Feder ließ sich hören, und dann zog die Klosterfrau mit Leichtigkeit den Stahlbeschlag an sich und
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es erschien ein dünner Stahlboden fast in der Größe des wirklichen Bodens der Kassette.
»Die Künstler des Vaticans sind schlau genug« sagte lächelnd die Aebtissin, - »selbst wenn man diesen Versteck in dem durch die Offenstellung unverdächtigen Kästchen entdecken sollte, wissen die Spürnasen der hohen politischen Polizei doch eben noch Nichts.«
Dann drehte und schob sie an der Verbindung der Platte mit verschiedenen Wendungen und Bewegungen; in Folge dessen löste sich dieselbe aus der Einfügung des Randes.
Die Platte, so dünn sie dem Auge schien, war hohl, das heißt, sie bestand aus zwei besonderen Platten, die sich mit Hilfe eines feinen Messers ein Geringes auseinander spalten ließen.
Zwischen den Platten lagen einige Blätter sehr feines Briefpapier.
Die Aebtissin zog sie heraus und legte sie vor sich nieder.
Die Blätter waren leer - vergilbt, als hätten sie vielleicht ein Jahrhundert kein Licht gesehen.
Aus ihrer gewöhnlichen einfachen Reise-Toilette entnahm die Klosterfrau eines der beliebten rothen Räucherkerzchen, wie man sie in den Apotheken zu kaufen pflegt, und zündete es an der Kerze an.
Ein feiner narkotischer Dampf entwickelte sich. Ueber diesen Rauch hielt die Frau das eine Papier, nachdem sie dasselbe nach einem fast unsichtbaren Kennzeichen ausgewählt, und alsbald begann sich auf der gelben Fläche
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eine kleine und zierliche Schrift in blauer Farbe zu zeigen.
Sie setzte sich auf das Bett und zog die Kerzen näher.
»Wohlan - recapituliren wir. Zuerst die allgemeine Instruction, - dann die Adressen mit ihren Notizen.«
Sie war wohl zwei Stunden lang eifrig mit dem Dechiffriren der Papiere beschäftigt, ehe sie fühlte, daß Namen und Umstände genügend ihrem Gedächtniß eingeprägt waren; - dann erst brachte sie Alles wieder in den vorigen Stand und löschte die Lichter, um die Ruhe zu suchen.
Sie durfte mit ihrem Tagwerk zufrieden sein.


Der Sonnabend war der gewöhnliche Empfangabend im Palais des Statthalters, des Fürsten Michael Gortschakoff, und auch heute glänzten die Salons im Strahl der Lüstres, und eine lange Reihe von Equipagen hielt vor dem von großen Flambeaux erhellten Portal, von dem die gaffende Volksmasse durch die starke hier versammelte Polizeimannschaft und die Wache des Tscherkessen-Regiments weit abgedrängt wurde.
Uebrigens verhielt sich diese Menge, obschon meist aus den niedersten Ständen bestehend, ganz gegen die sonstige Gewohnheit des slavischen Pöbels, ernst und ruhig.
Wir haben bereits erwähnt, daß Warschau in diesen Tagen von Fremden, das heißt von polnischen Familien,
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die nicht in der Hauptstadt ihren Wohnsitz hatten, überfüllt war. Es ist jetzt längst unzweifelhaft erwiesen, daß die Generalversammlung des vor 2 Jahren gebildeten landwirthschaftlichen Centralvereins, dem in der kurzen Zeit an 6000 Mitglieder beigetreten waren, mit Absicht auf diese Tage verlegt worden war, in welche die Jahresfeier der Schlacht von Grochow fiel.
Die Sitzungen des Vereins waren zwei Tage vorher, also am 21. Februar eröffnet worden.
Es hat nie ein besonderer geselliger Zusammenhang zwischen den Familien des polnischen Adels und der höheren Bourgeoisie mit den Kreisen der russischen Beamtenwelt und des Militairs stattgefunden - er beschränkt sich, da ja sehr viele Polen Beamte sind und mit den obersten russischen Spitzen daher verkehren müssen, auf die nöthigsten Convenienzen. Auch hatte der Fürst-Statthalter durch sein gerechtes ruhiges und selbst nachgebendes Wesen während der langen Zeit der Verwaltung dieses hohen Postens seit dem Tode des Feldmarschall Paskewitsch sich die allgemeine Achtung erzwungen, so daß man theils aus diesem Gefühl, theils aus der Speculation des für die Erhebung wohlgeordneten Plans der »weißen« Partei, den Besuch der Soirée nicht verboten, vielmehr angeregt hatte.
Aus diesem Grunde waren auch die Salons des Fürsten an diesem Abend nicht bloß von den vornehmen russischen Familien und den Offizieren und Beamten, sondern auch von der polnischen Aristokratie ziemlich zahlreich besucht - ein seltener Fall!
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Von verschiedenen Seiten kamen eben zwei stattliche Gefährte - eine Equipage mit Jäger und Bedienten und ein eleganter Schlitten mit dem Dreigespann angefahren. Der Letztere hatte den Vorsprung, hielt aber, während die Wachen das Gewehr anzogen, nur wenige Augenblicke. Der Groom warf, eilig von der Pritsche stürzend, die echte Tigerdecke zurück, und in den Mantel gehüllt sprang ein Offizier in der kleidsamen Uniform des Generalstabs heraus und trat unter das Zelt des Portals.
»Um zwölf Uhr, Ivan! Laß melden. Paschol!«
Der Schlitten sauste davon, den Offizier aber klopfte eine Hand auf die Schulter. »Was soll heißen so früh Kamerad, ist nicht heute Tanz bei Seiner Hoheit? Herr von Atschikoff wird sich nicht trennen von schönen Damen so früh!«
Der Angeredete wandte sich nach dem Sprecher, einem kleinen Mann in der Obersten-Uniform der Tscherkessen. »Bon soir Fürst Barinsky! Wenn Ihre Versicherung richtig und so viele schöne Damen oben versammelt sind, dann wundert es mich um so mehr, Sie hier unten zu sehen!«
»Seind Dienst Freund, hat mein Regiment heute Wach' - warte auf Meldung von Offizier!«
»Nun bei mir wird der Dienst auch Ursach sein, wenn ich zeitig aufbreche. General Paniutin hält auf die Minute und ich habe morgen die Jour. Aber sehen Sie da, Durchlaucht - das sind ein Paar magnifique Backfischchen.«
Der Kapitain, ein stattlicher Mann von gegen
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vierzig Jahren, mit sehr rothem Gesicht und einem Augenpaar, das einem anständigen schüchternen Mädchen Schrecken einjagen konnte, starrte durch den Kneifer auf die Familie, die eben die Equipage verlassen hatte und in das Vestibüle trat.
Es war ein ältlicher, kränklich aussehender, hüstelnder Herr in Civil von kleiner Statur, die sich neben der stattlichen, ja brillanten Erscheinung seiner Gemahlin förmlich verlor. Die Dame war eine sarmatische Schönheit von eigenthümlichem Charakter und, bei den Polinnen ziemlich ungewöhnlich vollem und hohem Wuchs. Ihr etwas blasses Gesicht war von antiken Formen, aber aus dem mattblauen Auge blitzte zuweilen ein Strahl, der ihm einen völlig anderen Ausdruck verlieh. Ein solcher zeigte sich einen Moment lang, als ihr Auge kurz auf die beiden russischen Offiziere fiel, verschwand aber sogleich wieder unter der stereotypen Kälte, die das Gesicht sonst zeigte. In jenem flüchtigen Ausdruck lag ein so fanatischer Haß, eine solche berechnete Entschlossenheit, daß man Furcht davor hätte bekommen können.
Einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem ungleichen Paar bildeten die beiden sehr jungen Mädchen, welche den Wagen zuerst verlassen hatten und sich nun wie schüchterne Tauben an ihre Mutter drängten. Sie konnten höchstens vierzehn Jahre zählen und waren der sprechenden Aehnlichkeit nach Zwillingsschwestern, nur unterschieden dadurch, daß während die eine Locken von jenem seltenen Cendré-Blond in reicher Fülle über den Nacken fallend trug, die andere gleich reichen Haarwuchs von dem
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schönsten Rabenschwarz besaß. Die zarten Gesichter waren fein und von einem Hauch voll Unschuld und Kindlichkeit, der ihrer Erscheinung etwas Engelartiges gab und sie um so mehr auffallen machte, als ein seltsames Spiel der Natur der Blonden glänzende schwarze Augen und der Brünetten solche von einem tiefen Vergißmeinnicht-Blau verliehen hatte.
Während die Damen von dem aufwartenden Kammerdiener nach der Garderobe geleitet wurden, um Pelze und Capuchons abzulegen, und der Herr sich hüstelnd der warmen Ueberschuh und des Pelzrocks entledigte, und vor einem Spiegel mit der Bürste die spärlichen ergrauenden Haare auf dem Scheitel zum Toupé strich, setzten die Offiziere mit Interesse ihre Unterhaltung fort.
Der Tscherkessen-Oberst war ein Mann bereits an die fünfzig, von kleiner aber zäher Gestalt, mit listigen aber gutmüthigen Kalmückenaugen, das Gesicht etwas spitz und bereits sehr faltig. Der Mund spitzte sich lüstern zu und die ganze Erscheinung hatte etwas Affen- oder Faunartiges. Er sprach das Russische und Französische in der Unterhaltung ziemlich gebrochen.
»Allerliebste Backfische,« wiederholte der Generalstabs-Offizier. »Sie sind mir noch gar nicht vorgekommen seit ich hier bin.«
»Glauben sehr gern Kapitain,« schnarrte der Fürst - »aber haben etwas türkischen Geschmack, muß saken, Mutter wäre mir lieber, weiß man doch, was man hat! Schöne Frau, schöne Frau, nur seind zu kalt, zu Marmorstein. Haben den bösen Blick und mir geworden Angst,
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als sie geschaut auf Monsieur Atschikoff. Ist mir gewesen, als hätt' ich gesehen einen todten Mann statt meinem lustigen Freund Atschikoff.«
»Hol' Sie der Henker mit Ihrer verdammten Gespensterseherei Fürst,« lachte der Kapitain, - »man wird Sie noch aus aller Gesellschaft komplimentiren, wenn Sie den Unsinn nicht lassen, überall hinter lebendigen Menschen Ihre häßlichen Gerippe zu wittern. Und nun vollends machen Sie noch eine Dame zum Todtschläger! Wie in aller Welt Fürst kommen Sie zu dieser seltsamen Liebhaberei, Sie, der Sie doch ein Lebemann sind und alle Genüsse des schönen Daseins lieben?«
Der tatarische Fürst rieb sich, durchaus nicht beleidigt, höchst vergnüglich die Hände. »Ist sich meine Großmutter schuld, Kapitain lieber - wie mir gesagt der Khan mein Vater. Hat sich gehabt das zweite Gesicht, war sehr berühmt unter den Nogai-Stämmen, wo es in Familien gewissen kommt vor, und überspringt immer ein Glied. Weiß ich ganz genau, wer wird sterben nicht in seinem Bett, hab' ich schon gewußt als Knabe. Thut nix, thut nix! Kann man doch leben sehre vergnügt!«
»Dann Fürst, behalten Sie's wenigstens für sich und verderben Sie uns anderen weniger begabten Menschenkindern nicht den Appetit an der vollbesetzten Tafel des Lebens mit Ihren Eulen-Prophezeiungen. Ein Soldat speziell muß von vorn herein darauf gefaßt sein, nicht in seinem Bett sterben zu dürfen und kann sich keinen besseren Tod als auf dem Schlachtfeld wünschen. Aber wissen Sie, der halb Warschau kennt, vielleicht, wer die
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stolze Dame ist? Ich bin noch nicht lange genug dazu hier, und die polnischen Kreise sind ohnehin für mich noch eine erst zu nehmende Barrikade.«
»Kann ich Sie dienen sehr gern - ist sich der alte Herr dort mit die halbe Lunge mein Freund, der Rath an die Commission von die Justiz, Herr von Krauter oder Krautowski, wie Madame sagt, und sind die Fräuleins seine beiden Töchter, seine einzigen Kinder, die gekommen sind eben zurück aus die Pension dans la Suisse. Haben Hoheit, die Frau Fürstin befohlen, sie zu sehen sich vorgestellt. - Ah bon soir mein lieber Geheimer Rath - haben bereits Gelegenheit gehabt zu sehen ihre Damen und werde nehmen Gelegenheit zu legen meine Bewunderung zu Füßen von gnädiger Frau.«
Die beiden Offiziere waren näher getreten und der Fürst drückte zärtlich dem Beamten die Hand, der mit der eigenen Person und verschiedenen Bestellungen an den Kutscher beschäftigt, den Offizieren bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
»Meine Frau wird sehr erfreut sein über Euer Durchlaucht gütige Erinnerung,« sagte der Rath, der bei den Patrioten als ein sehr lauer, ja als ein Freund der Regierung galt, so weit es ihm das Regiment seiner Gattin erlaubte. »Aber hier kommt sie selbst, um Ihnen für die gütige Nachfrage zu danken.«
In der That rauschte Frau von Krautowska in schwerem grauen Seidenkleide eben aus der Garderobe, gefolgt von ihren Töchtern. Die so überaus liebliche Erscheinung derselben in ihren einfachen weißen Kleidern
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kam jetzt zur vollen Geltung und der Kapitain verschlang sie fast mit seinen Blicken.
Der Fürst hatte sich beeilt, der Dame seine Komplimente zu machen und zur glücklichen Rückkehr der Töchter des Hauses in so vollendeter Ausbildung zu gratuliren, was von der Räthin mit kalter Höflichkeit aufgenommen wurde. »Habe ich die Ehre,« nahm der Fürst die Gelegenheit wahr, »gnädiger Frau einen Freund meinigten vorstellen zu dürfen, der ein Bewunderer der Schönheit sein, krade wie ik. Der Herr Kapitain von Atschikoff, ein Cavalier von distinction, ein Erbe von die alte reiche Atschikoff, im Stab von Seiner Excellenz dem Herrn General von Paniutin! - Darf ich nun haben die Ehre, gnädigen Frau zu reichen den Arm bis an den Salon?«
Erst bei der letzten Erwähnung seiner Stellung richtete die Dame ihr hartes Auge auf den Offizier und erwiederte seine Verbeugung mit einer leichten Neigung des Hauptes, während der Rath, der bereits wußte, daß der Kapitain zu den besonderen Günstlingen des General-Militair-Gouverneurs gehörte, dem Kapitain sein Vergnügen über die persönliche Bekanntschaft ausdrückte und hoffte, die Ehre zu haben, ihn nächstens in seinem Hause zu sehen. Diese Einladung erfolgte freilich erst, nachdem ein flüchtiger Blick die Erlaubniß seiner strengen Hausherrin eingeholt; da diese aber es nicht der Mühe werth gehalten, ihm irgend ein verwarnendes Zeichen zu geben, sondern schweigend den Arm des Obersten genommen hatte, glaubte der arme Gatte sich berechtigt dazu. Durch seine Höflichkeiten war übrigens der Offizier um das Vergnügen
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gekommen, einem der Fräulein den Arm bieten zu dürfen - denn die jungen Damen huschten eilig wie schüchterne Täubchen an ihm vorüber, dicht hinter ihrer Mutter folgend, und der Kapitain sah sich dazu verurtheilt, die Höflichkeiten des Raths bis zum Absatz der Doppeltreppe zu ertragen, wo der Adjutant vom Dienst zum Empfang der Gäste stand. Dort blieb er zurück, bis der Fürst von seinem Cortège zurückkehrte und seinen Arm nahm.
»Magnifique Frau, sehre kutes Haus,« meinte schmunzelnd der kleine Tatar - »werden mir noch sein sehr dankbar für Einführung dahin. - Sind zwar nicht reich, aber anständik, sehr anständik.«
»Die Mädchen sind reine Rosenknospen! - Wer die pflücken könnte!«
Der Fürst lachte. »Ich sage Sie Freund Atschikoff - Sie seind Muselmann, reine Muselmann! wollen gleich haben zwei! Was thu' ich mit die unaufgeblüthen Blumen, die noch haben keinen Geruch?! Sie seind ein Gourmand, ein Wüstling Monsieur Atschikoff, stehen bereits in sehre schlechten Ruf bei die Damen, obschon Sie doch wären sehre gute Partie, wie man mir hat kesagt. Aber die Krautowska's gutes Haus, anständik, sehr anständik!«
»So verkehren Sie wohl häufig dort?«
>Non, non - presque jamais! Gehen nicht gern hin, weil ik seind ein Lebemann, der haben will viel Vergnügen und sehe dort zu viel von die polnische Herren, zu viele Kespenster!«
»Gespenster?« frug unvorsichtig der Kapitain.
»Oui, oui - zu viele Kespenster, oder Kerippe,
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Leute ohne Kopf grade wie vorhin mein Freund Atschikof. Wissen Sie, daß heute Nachmittag angekommen sind in die grande restauration von die Krasinski Garten ganz frische Austern Whitesteaple? Wir müssen morgen kehn dejeuniren da! Oh, oh, Freund, es seynd sehr unankenehm, zu sehn die viele hübsche junge Leut bei die Krautowska immer als Kespenster!«
Der Generalstabsoffizier riß sich unwillig von ihm los. »Hol' Sie der Teufel mit Ihren Phantasieen!« - Er sprang die Treppe hinauf, um in die Salons zu treten. Der kleine Tatar schaute ihm vergnügt grinsend nach und rieb sich die Hände, »Oui, oui! Er seynd ein kluger und lustiker Mann, aber die Krautowska wird bringen ihm Unglück! Ich weiß, ich weiß!« Er wandte sich zu dem Kosacken-Offizier, der salutirend ihn im Foyer erwartete. -
Herr von Atschikoff war in den ersten Salon getreten, wo er alsbald von verschiedenen älteren und jüngeren Offizieren umringt wurde, denn er war, obschon wegen einer Ungnade, die er sich auf dem sonst ziemlich nachsichtigen Parquet der Petersburger hohen Gesellschaft zugezogen und die zu einer mehrjährigen Verbannung nach dem Kaukasus geführt hatte, noch Kapitain, doch in den Offizierskreisen wegen seines hohen Spiels und seiner eleganten Soupers sehr beliebt und gesucht. Sein Vater, ein sehr reicher vom Kaiser geadelter Pelzwaarenkaufmann in Moskau, der seine Agenten durch ganz Sibirien und bis im russischen Amerika unterhalten hatte, war vor Kurzem gestorben und hatte ihm, dem einzigen Sohn,
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seinem Stolz, ein bedeutendes Vermögen hinterlassen, das ihm erlaubte, allen seinen Gelüsten zu fröhnen, und deren sollten - wie man sich erzählte nicht wenige und ganz besondere sein. Dabei war er ein sehr unterrichteter und scharfer Offizier und deshalb auch in den Stab des General-Gouverneurs gezogen und nicht selten mit wichtigen Arbeiten betraut.
»Warum so spät Atschikoff?«
»Es scheint heute politische Cour hier, fast der halbe Centralverein hat sich vorstellen lassen und umlagert den Fürsten. Man will gewiß neue Konzessionen!«
»Trepoff geht herum als hätte er einen unverdienten Wischer aus der Petersburger Kanzlei im Magen.«
»Haben Sie die beiden kleinen polnischen Backfische gesehen? Sie werden eben Ihrer Hoheit vorgestellt und in drei oder vier Jahren sicher einmal Furore machen. Schade, daß der Alte keine Aussicht mehr haben wird, in Panins11 oder Zamiatnins Stelle zu kommen, der alte Krippenreiter soll ein famoser Jurist sein und kein Mensch begreift, wie er zu den hübschen Zwillingen gekommen ist.«
»Weißt Du schon, Atschikoff, daß der Pole Gajewski Dir den Rothschimmel bei Abraham vor der Nase weggekauft hat? Der Teufel gesegne ihm die Unverschämtheit. Um lumpige zwanzig Imperials mehr hat der Jude zugeschlagen.«
»Wir würden ihn in Bann erklären - es sollte Niemand mehr bei ihm nur ein Roßhaar kaufen, wenn der schielende Kerl nur nicht soliden Kredit gäbe und eine
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Nase für Pferdefleisch hätte, wie der beste englische Trainer.«
Diese und hundert ähnliche Fragen und Reden umschwirrten einige Zeit den Kapitain, während die Gruppen der Offiziere zugleich Queue machten, um die noch immer eintretenden Besucher der Soirée des Fürsten-Statthalter zu begrüßen, zu lorgnettiren und zu kritisiren. Der Kapitain hatte sich losgemacht, indem er als Opfer den Tataren in ihren Händen ließ, der eben wieder in die Gesellschaftsräume zurückkehrte, - und betrat die inneren Salons.
In der That war die Soirée eine sehr glänzende und fast Alles, was Warschau an Notabilitäten in den Kreisen der vornehmen Gesellschaft, der Politik, der Kunst und Wissenschaft besaß, versammelt, mit Ausnahme der Unversöhnlichen, welche ihre Demonstrationen als patriotische Pflicht und Aufgabe betrachteten. Graf A[n]dreas Zamoyski, der Präsident des landwirtschaftlichen Central-Comité's, hatte aus politischen Gründen seinen Freunden zur Pflicht gemacht, dem Empfang des Fürsten-Statthalters beizuwohnen, und die zahlreiche Folgeleistung, die man diesem Wunsche gegeben, galt den Eingeweihteren als einen bestimmten Zweck verfolgend.
Auch der Namiestnik12 mochte sich wohl nicht darüber täuschen. Die schweren, sorgenvollen Falten, die auf der Stirn des greisen Fürsten lagerten, der im dritten Salon seinen Cercle hielt, und die zerstreute Stimmung, die sich immer wieder durch all die gewohnte Höflichkeit und
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Aufmerksamkeit für seine Gäste Bahn brach, gab davon Zeugniß.
Fürst Michael Gortschakow, der Statthalter von Polen und seit dem 27. März 1856 der Oberkommandant der gesammten kaiserlichen Armee, der bekanntlich den Sommer dieses Jahres nicht mehr erleben sollte, stammte, wie sein Vetter Alexander, der Minister des Auswärtigen, aus der Familie jenes alten Großfürsten von Tschernigow zur Zeit der Mongolen-Herrschaft, dessen Todestag - der 20. September 1240 - als der eines Heiligen und Märtyrers noch immer von der russischen Kirche begangen wird, und von dessen Nachkommen die Odojewski, Obolenski, Repnin und Dolgoruki schon im 15. und 16. Jahrhundert zu den vornehmsten Geschlechtern Rußlands zählten. Der etwas heruntergekommene Zweig der Gortschakow hob sich erst wieder durch die Heirath eines Mitglieds mit der Schwester des berühmten Suwarow, zu dessen besten Generälen der Vater des Fürsten gehörte.
Fürst Michael war 1795 in Moskau geboren, zur Zeit, da wir ihn wiederfinden - wir sind ihm schon in einer unserer früheren Darstellungen aus der Zeitgeschichte begegnet13 - also 65 Jahre. Die Strapatzen der zahlreichen Feldzüge und die sorgenvolle Verantwortlichkeit in seiner jetzigen Stellung, hatten die Kraft der sonst so zähen und widerstandsfähigen Natur mehr als das Alter gebrochen. Der Fürst, der sich der Artillerie zugewendet, focht 1812 bereits bei Borodino und leitete im Jahre 1829
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im Kriege gegen die Türkei einen Theil der Belagerungsarbeiten gegen dasselbe Silistria, das er später im Donaufeldzug von 1854 als kommandirender General zum zweiten Mal belagern sollte. Im polnischen Aufstand von 1830 befehligte er bei Grochow, Ostrolenka und im Sturm auf Warschau die Artillerie - focht 1849 in Ungarn und leitete, von Kaiser Nicolaus kurz vor seinem Tode, nach dem Rücktritt des Fürsten Menschikoff, zum Oberbefehlshaber in der Krim ernannt, jenen zähen Widerstand Schritt um Schritt und jenen so überaus geschickt bereiteten Rückzug nach der Nordseite Sebastopols, welcher den Verbündeten jeden Vortheil aus der Erstürmung der Südforts entzog. -
Der Fürst unterhielt sich in diesem Augenblick mit seinem offenen soldatischen Wesen mit dem Präsidenten des Central-Vereins, dem Grafen Andreas Zamoyski, dem Civil-Gouverneur von Warschau Geheime Rath Laszczynski und dem Präses des Wappen-Amtes Grafen Kossakowski, nebst zwei oder dreien der Adelsmarschälle. In einiger Entfernung, in der Nähe des Marmor-Kamins, hatte sich eine zweite, meist aus hohen Militairs bestehende Gruppe um den General-Kriegsgouverneur, General-Adjutanten Paniutin gebildet, aus der häufig ziemlich mißtrauische und finstere Blicke auf die Umgebung des Fürsten geworfen wurden. Der Salon war nur zur Hälfte von älteren Damen und Herren gefüllt, da in dem anstoßenden größeren Saal getanzt wurde und die jüngere Welt sich dorthin zog, oder bei dem Damen-Cercle der Fürst in dem anstoßenden eleganten Wintergarten verweilte.
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»Ich habe bereits Seiner Majestät dem Kaiser über die verständige und sachgemäße Rede berichtet, Herr Graf,« sagte in verbindlichstem Ton der Statthalter zu dem Präsidenten, »mit der Euer Excellenz vorgestern die Sitzungen des Vereins zu eröffnen beliebten. Man hat mir zwar berichtet, daß das taktvolle Fernhalten aller politischen Fragen den Erwartungen einzelner Mitglieder nicht entsprochen hat, aber ich hoffe zu dem richtigen Gefühl der Gesammtheit, daß dieses Mißvergnügen sich doch nur auf vereinzelte Persönlichkeiten ohne größere Bedeutung beschränken wird, damit der Verein ganz unbeschränkt einer wahrhaft segensreichen Thätigkeit, namentlich in der Hebung des Kredits und der Entlastung des großen Grundbesitzes aus den Händen des Wuchers, sich hingeben kann. Es ist dies um so wünschenswerther in einem Augenblick, wo das große Werk des Wohlwollens unseres allergnädigsten Kaisers und Herrn, die Aufhebung der Leibeigenschaft und der Schaffung eines freien Bauernstandes, dem großen Grundbesitz im Interesse der Cultur und der Humanität vielleicht einige Opfer auferlegt, die allerdings im Königreich Polen weit weniger zu bedeuten haben werden, da hier eine eigentliche Leibeigenschaft nicht mehr besteht.«
»Die Aenderung der Verhältnisse des ländlichen Grundbesitzes, Hoheit,« sagte einer der Adelsmarschälle, »dürfte trotzdem auch in Polen nicht ohne erhebliche Unruhen und schwere Schädigungen des Adels vorübergehen, dem man allein die Lasten aufbürdet. Der gemeine Mann wird Ansprüche erheben, die weit über das Maaß
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des Bewilligten hinausgehen. Man schneidet uns fortwährend in's Fleisch, um die Regierung populair zu machen.«
»Die Aufhebung der Leibeigenschaft,« entgegnete der Fürst mit ernster Hoheit, »ist kein Haschen nach Popularität, Herr Marschall, sondern eine Forderung der Humanität und eine Nothwendigkeit der Zeit.«
»Es wird für die Herren Mitglieder des polnischen Adels ja gar keine Schwierigkeit haben,« sagte eine scharfe Stimme hinter dem Kreise, der sich um den Fürsten gebildet hatte, »ihre Bauern über die wahren Absichten Seiner Majestät zu unterrichten und sie von allen Excessen, socialen wie politischen, fern zu halten. Der Herr Marschall werden sich nach dem, was wir vor vierzehn Jahren in Galizien erleben mußten, erinnern, daß dies sehr im Interesse der Herrn Gutsbesitzer ist.«
Die Anspielung auf den von Tyssowski in Krakau im Jahre 1846 so leichtfertig hervorgerufenen Aufstand, der zur Besetzung des Freistaats und seiner Einverleibung an Oesterreich führte und bei dem die hart gedrückten Bauern in den Kreisen Tarnow, Jaslo, Sandez und Rzeszow - statt sich von den Edelleuten zu einer politischen Erhebung gegen die Regierung fortreißen zu lassen, über diese selbst herfielen und Hunderte von adligen Gutsbesitzern ermordeten und ihre Schlösser verwüsteten, - war zu deutlich, um mißverstanden zu werden.
»Der Herr Geheime Rath Mukhanoff,« denn der bekannte und sehr verhaßte Oberdirektor des Innern und Curator des Unterrichts war es, welcher zu dem Kreise getreten war und eben gesprochen hatte, - sagte der
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Adelsmarschall giftig, »wird es allerdings am Besten wissen, ob der Aufstand der galizischen Bauern vom Adel oder von der Regierung angestiftet war.«
»Still, still, meine Herren!« unterbrach ihn der Fürst, - »keine solche Worte, die ich nicht hören darf. Uebrigens hat die unerbetene Einschaltung des Herrn Geheimen Raths doch etwas Wahres, das ich selbst nicht genug den Herren an's Herz legen kann. Grade der Adel eines Landes, die Männer, deren Geburt und Rang sie über die weniger Gebildeten, der Versuchung zugänglichern Massen der Nation erhebt, sollen dieser als Beispiel, in allen Tugenden, also auch in der der Treue und des Gehorsams vorangehen und sich bemühen, sie vor Verirrungen und Ausschreitungen eines ja an und für sich nicht zu verwerfenden Nationalgefühls zu bewahren.«
»Euer Hoheit wollen mir die Bemerkung gestatten,« sagte der Graf Zamoyski, »daß bei Beanspruchung einer solchen Handlungsweise, auch die Regierung die Pflicht hat, dem bezeichneten Stande mit vollem Vertrauen entgegen zu kommen und ihn in Stand zu setzen, in jenem Sinne zu handeln.«
»Gewiß Herr Graf, und um Ihnen zu beweisen, daß das geschieht, wollen wir unsere Verständigung gleich auf einen concreten Fall lenken. Ich habe gehört, daß die polnische Bevölkerung von Warschau übermorgen den Jahrestag der Schlacht von Grochow passend zu begehen wünscht.«
Der Graf begnügte sich mit einer stummen Verbeugung; mehrere der polnischen Herren sahen einander
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etwas betreten an über diese Art, den Stier bei den Hörnern zu fassen, die indeß ganz dem soldatischen Freimuth des Fürsten entsprach.
»Nun, ich finde darin nur eine wohl zu schätzende Pietät für das Andanken[Andenken] lieber Verstorbener, der unglücklichen Opfer jenes bedauerlichen Krieges. Ich habe deshalb auch den Befehl gegeben, der Feier dieses Tages Nichts in den Weg zu legen.«
»Euer Durchlaucht werden sich dadurch den Dank der Nation erwerben.«
»Wohlverstanden meine Herren,« fuhr der Statthalter fort, »so lange diese Feier den von mir angedeuteten Charakter trägt, und nicht wie im vorigen Sommer das Begräbniß der Generalin Sowinska, zu einer politischen Demonstration gegen die Regierung benutzt wird. Ich habe in diesem Vertrauen nicht das Geringste dagegen, daß in den Kirchen ein öffentlicher Gottesdienst zum Gedächtniß der Opfer jenes blutigen Tages begangen wird, oder die Grabstätten derselben besucht werden; nur ...«
»Euer Hoheit meinen?«
»Nur werden Sie meine Herren von der polnischen Nationalität, uns alten Soldaten jener Zeit billiger Weise eine gleiche Feier unserer tapfern Krieger gestatten, die treu ihrem, dem Zaren geleisteten Eid auf dem Schlachtfelde von Grochow den Tod gefunden haben. Dies ist um so gerechtfertigter, als bekanntlich der sehr blutige Kampf an jenem Tage - ich rede, wie Viele von Ihnen sich erinnern werden, ja aus eigener Anschauung - ohne wesentliche Entscheidung für die eine oder die andere Partei blieb.«
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»Wir schlugen Diebitsch!« sagte stolz ein mit Narben bedeckter Graukopf.
»Und unterlagen Schachowski! - Lassen Sie uns nicht darüber streiten, lieber Oberst,« sagte mild der Fürst. »Es wurde an jenem Tage tapfer gefochten auf beiden Seiten, darum Ehre den Todten auch auf beiden Seiten.«
»Euer Hoheit werden zugestehen,« meinte der Graf, »daß eine Feier des Tages durch die Regierung das Gefühl der polnischen Bevölkerung tief verletzen würde.«
»Nicht mehr, als eine demonstrative Feier der Bürger Warschau's die militairische Ehre meiner Soldaten. Ich werde Ihnen sogar den Vorzug lassen, Ihr Requiem in den Kirchen zu halten, während wir unseren Gottesdienst vor denselben halten werden. Der Zug der Bevölkerung nach dem Schlachtfeld, das ja immerhin eine wichtige Erinnerung für Warschau ist, soll nicht gehindert werden, wenn man mich nur die Stunde des Zuges vorher wissen lassen will; ich werde dann die Parade der Truppen auf dem Schlachtfeld der Art anordnen, daß weder Bürger noch Soldaten gestört werden. Ich denke, das ist eine billige Theilung der Ehre des Tages.«
»Unter solchen Umständen wird man am Besten auf die Feier desselben von polnischer Seite verzichten,« sprach mit einer stolzen Verbeugung der Graukopf, der bei Grochow gefochten.
»Ich halte es auch für das Beste, die Todten ruhen zu lassen, lieber Oberst,« entgegnete der Fürst, »damit die Lebendigen in desto ungestörterem Frieden bleiben mögen. Wir sind ja doch jetzt, ob von der oder jener
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Nationalität, alle treue Unterthanen unseres erlauchten Herrn, der, wie ich Sie versichern kann, das größte Wohlwollen für diesen Theil seines Reiches hegt. Hat die Fürstin schon das Vergnügen gehabt, Euer Excellenz zu begrüßen?«
»Ich werde jedenfalls die Ehre haben, Ihrer Hoheit meinen Respekt zu bezeigen, ehe ich mich zurückziehe,« sagte der Graf mit höflicher Verbeugung. »Die Gräfin hat wohl unterdeß meine Entschuldigung übernommen.«
Der Kreis um den Fürsten begann sich langsam aufzulösen, die Polen zogen sich, besondere Gruppen bildend, zurück, um die eben in so höflicher aber determinirter Weise empfangene Nachricht zu besprechen und so gut es ging zu verdauen. Der Fürst hütete sich mit feinem Tact davon Notiz zu nehmen und ging von Kreis zu Kreis, auch mehrfach mit den anwesenden Vertretern der fremden Mächte sich unterhaltend.
Ein guter Beobachter hätte leicht bemerken können, daß die Gesellschaft von diesem Augenblick an sich stark zu lichten begann; die polnischen Kavaliere verließen einer nach dem andern ziemlich demonstrativ die Soirée.
Zu dem Kreise der russischen Offiziere, der sich um General Paniutin gebildet hatte, trat nach einer Weile der Kosaken-Oberst.
»Hab' ich zu melden die Ehre Excellenz, daß geschehn ist nichts Neues auf die Posten, als daß man hat geworfen auf eine Patrouille mit Stein, als diese unterstützt die Polizei auf die Krakauer Straß, als sie hat arretirt eine Mann, der hat verbreit ein Plakat.«
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»Danke Durchlaucht - eine zu gewöhnliche Sache, als daß sie Beachtung verdient. Hat General Zabolocki Ihnen bereits Ordres für übermorgen ertheilt?«
Der Tatar salutirte. »Hab ich gehört, daß mein Regiment wieder hat Consignement!«
»Sie wissen, daß die Garnison verhältnißmäßig schwach ist, Fürst,« sagte vertraulich der General, »und ich habe ausdrücklich gewünscht, daß Ihre Kosaken möglichst bei etwaigen Unruhen verwendet werden. Sie führen außer ihren Waffen ein Instrument, was beim richtigen Gebrauch gegen den Pöbel oft Schlimmerem vorzubeugen im Stande ist.«
Der kleine Fürst lächelte höchst vergnügt. »Je comprend[s]! Excellenz meinen die kleine Kantschuh!«
»Sie treffen den Nagel auf den Kopf, Fürst. Die Wasserspritze bei den Franzosen und der Kantschuh bei unserm Gesindel haben schon manche Revolte im Keime erstickt. Darum müssen Sie mit dem angestrengteren Dienst schon zufrieden sein; ich wollte nicht gern Infanterie requiriren. - Ihre Reiter sind zu solchen Dingen viel verwendbarer. Weiß einer von den Herren, wie es General Liprandi geht?«
»Seine Excellenz müssen noch immer das Zimmer hüten, wie ich vorhin von Kapitain Atschikoff hörte,« berichtete einer der Offiziere.
»Da kommt Oberst Mesenceff - er scheint Jemand zu suchen. Was haben Sie Oberst?«
Der Kommandant der Gendarmerie salutirte. »Ich suche den Herrn Ober-Polizeimeister, Excellenz.«
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»Oberst Trepoff ging vorhin mit Abramowicz nach den Spielzimmern. Der Herr Chef der Polizei und der Theater wollten wahrscheinlich den polnischen Gästen Seiner Hoheit nicht die gute Laune verderben, die sie heute hier Komödie spielen ließ.«
Man lachte. Um die Anspielung zu verstehen, brauchte man nur zu wissen, daß der Ober-Polizeimeister wegen seiner Aehnlichkeit mit dem verewigten Kaiser Nicolaus, und Generalmajor Abramowicz als Intendant der warschauer Theater und wegen der Vorgänge bei der Zusammenkunft der drei Monarchen bei den Polen sehr unbeliebt war.
Der General nahm den Obersten unter den Arm, indem er mit ihm weiter ging. »Hast Du etwas von Wichtigkeit Wassili Mesenceff?«
»Excellenz zu Befehl. Es sind soeben an verschiedenen Stellen der Stadt Personen aufgegriffen worden, die es gewagt haben, ohne polizeiliche Genehmigung ein Plakat anzuschlagen, das die Bevölkerung auffordert, sich am Abend des Fünfundzwanzigsten auf dem alten Markt zu versammeln.«
»Bewaffnet?«
»Nein, Excellenz. Mit einer Dreistigkeit sonder Gleichen hat man gewagt, diese in sehr aufregendem Ton geschriebene Aufforderung selbst an den Regierungsgebäuden, unter den Augen der Schildwachen anzuheften - ja ...«
»Was weiter Wassili Wassilowitsch?«
»Eben habe ich sogar von den Mauern der Statthalterei zwei solche Wische entfernen lassen müssen, die
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man trotz des zahlreichen Bewachungspersonals in unbegreiflicher Weise dort anzubringen gewußt hat.«
Der General lachte. »Die unbegreifliche Weise will ich Dir schon erklären. Frage unsere kleine tatarische Durchlaucht, den Fürsten Barinsky! - Ich wette, er hat die ganze Tasche voll solcher Zettel!«
»Ein kaiserlicher Oberst? Soll ich ihn verhaften?«
»Unsinn - Du scheinst bloß Deine Leute zu kennen, aber nicht seine Kosaken, die heute den Dienst haben. He da, Durchlaucht, komm einmal hierher!«
Der Fürst kam eilig herbei.
»Haben Excellenz Befehl für die Barinsky?«
»Sie haben mir eben gemeldet, daß Ihre Reiter auf der Krakowiecka der Polizei geholfen haben, Leute zu verhaften, die Plakate verbreiteten.«
»Ist sich so, Excellenz, grad so!«
»Haben Sie solche Plakate?«
Der kleine Oberst gerieth in einige Verwirrung. »Certainement! certainement! - Wollt ich Euer Excellenz nix behelligen mit die schlechte Papier.«
»Geben Sie!«
Der Tatar zog ein ganz Packet der Plakate aus der Säbeltasche. »Hat sich Adjutant meinigter Lieutenant Mustapha abgenommen die Kerls und mir eben gebracht mit die Rapport. Hab' ich sofort rapportirt Euer Excellenz.«
»Welchen Kerls?«
»Kosaken meinigten. Verflüchtige Kerls nix können lesen, alles dumme Kerls. Lassen sich vorreden von
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Demokraten verdammtigen, sei eine Gebet für allergnädigsten Kaiser.«
»Und haben wahrscheinlich für ein Trinkgeld selbst geholfen, die Plakate anzuheften oder wenigstens zugesehen, bis die Polizei gekommen ist!« frug halblachend der General.
»Haben geholfen zusehen, wie Euer Excellenz befehlen. Hab ich Lientenant Mustapha befohlen, geben zu lassen dumme Kerls jedem Fünfzig auf den Hintern.«
»Es ist gut Durchlaucht,« meinte sich abwendend der General, »und würde noch besser sein, wenn wenigstens einige von Ihren Reitern lesen lernten, damit solche Dinge nicht wieder vorkommen.«
Der Oberst salutirte. »Werd ich Kerls befehlen, lesen zu lernen der dritte Mann.«
Der General-Gouverneur war bereits mit dem Gendarmerie-Offizier weiter gegangen. Einige Offiziere sammelten sich um den Tataren, der sich verschwor, gleich den nächsten Morgen einen strengen Regimentsbefehl zu erlassen, daß seine Reiter bei Strafe von fünfzig Stockprügeln binnen drei Tagen lesen lernen sollten - jeder dritte Mann.
Einige Augenblicke später kam einer der Adjutanten des Fürsten-Statthalter an der Gruppe vorüber. »Bitte meine Herren, Se. Hoheit wünschen, daß die Gesellschaft möglichst unterhalten und deshalb viel getanzt werde. Nehmen Sie sich der Sache etwas an. Herr Staatsrath darf ich bitten, auf ein Wort!«
Er flüsterte dem Staatssecretair beim Administrationsrath
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Karnicki, dem man in Petersburg besonderes Vertrauen schenkte, einige Worte zu und ging suchend weiter.
Gleich darauf sah man den Staatsrath in den Gemächern des Fürsten verschwinden. -
Vor der Thür eines Kabinets, das zur Seite der Gesellschaftsräume lag und eigentlich zu diesen gehörte, hatte ein Offizier wie zufällig Platz genommen. Als ein Unberufener sich dem Kabinet näherte und eintreten wollte, erhob sich der Offizier: »Pardon, Monsieur, Seine Hoheit haben sich für einige Augenblicke zurückgezogen und wünschen ungestört zu sein.«
Der Wink genügte natürlich.
In dem Kabinet, dessen Tische noch mit Albums bedeckt, seine gewöhnliche Bestimmung zeigten, saß der Fürst an einem derselben, die Exemplare der in den Straßen saisirten Proklamation vor sich. Der Polizeimeister Oberst Trepoff, der General-Kriegsgouverneur General Paniutin, der Marquis Paulucci, Oberst Demoncal, der Staatsrath Karnicki und der Geheime Rath Mukhanoff saßen oder standen umher.
»Ich bin in wirklich sehr unangenehmer Lage,« sagte der Fürst. »Auf der einen Seite empfehlen die Instruktionen von Petersburg täglich die möglichste Nachsicht und Schonung, und ein Privatbrief von Orloff bittet mich heute noch ganz besonders, Alles zu vermeiden, was den Kaiser aufregen könnte, grade in dieser Zeit, wo sein ganzes Sinnen und Denken mit seinem Lieblingswerk beschäftigt ist. Auf der andern Seite darf ich mir nicht verhehlen, daß eine allzugroße Nachgiebigkeit hier viel
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Unheil schaffen kann. Man kann nicht wissen, welche Bewegungen die Veröffentlichung des kaiserlichen Ukases, durch welchen die Leibeigenschaft aufgehoben wird, in Rußland selbst hervorrufen wird. Ich fürchte sehr, daß jene Partei in Polen, welche sich stets mit trügerischen Hoffnungen trägt und jeden Augenblick zum Revoltiren bereit ist, stark auf solche Bewegungen in Rußland rechnet, um wieder allerlei Unfug zu beginnen. Man bereitet dergleichen bereits vor - die Feier des Schlachttages bei Grochow ist nichts Anderes, als eine solche Vorbereitung, - nach der Sprache dieses Plakats wahrscheinlich noch mehr: die Herausforderung zu einem Zusammenstoß. Sie, Excellenz, müssen wissen, ob wir hier in Warschau militairisch stark genug sind, um allen Eventualitäten die Spitze bieten zu können; - Sie Herr Ober-Polizeimeister, ob Ihre Mannschaften genügen, geringerem Unfug zu begegnen und den fanatisirten Pöbel im Zaume zu halten.«
»Die Truppen in Warschau,« sagte der General-Kriegs-Gouverneur, »würden allenfalls für Niederhaltung gewöhnlicher Tumulte genügen, aber keineswegs für eine Revolution.«
»Der Polizei sind neuerdings durch Euer Hoheit Nachsicht und die von so mancher Seite« - der Ober-Polizeimeister warf bei den Worten einen sehr verständlichen Blick auf den Marquis - »bezeigte Milde, leider sehr die Hände gebunden gewesen und der Geist des Ungehorsams und der Auflehnung ist im Wachsen. Ich habe bereits die Ehre gehabt, Euer Hoheit die klaren Beweise vorzulegen, daß in der That wiederum eine weit verbreitete
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Verschwörung existirt, die nur auf Gelegenheit zum Losschlagen wartet.«
»Unsere Nachrichten aus Paris,« unterbrach ihn der Staatssecretair, - »und der Herr Oberst weiß, daß sie sehr zuverlässig sind, behaupten, daß man im Hôtel Czartoryski für jetzt gegen jede Schilderhebung ist und sie auf später verschoben hat.«
»Das Herr Staatsrath,« beharrte der Oberst, »schließt nicht aus, daß die Heißsporne, die Tollköpfe sich nicht halten lassen wollen und werden. Es giebt in diesem Augenblick Elemente in der Bevölkerung, die von einem so wilden Haß und Fanatismus beseelt sind, daß das Schlimmste zu befürchten steht.«
»Warum machen Sie solche Leute denn nicht unschädlich, warum verhaftet man sie nicht?« rief der Gouverneur.
Der Oberst zuckte die Achseln. »Beweise! Beweise! Man will in Petersburg von solchen polizeilichen Maßregeln Nichts wissen. Man behauptet, daß Verhaftungen, die nicht sogleich der Justiz überwiesen werden können, das Volk nur aufregen würden. Der bloße, wenn auch noch so gewichtige Verdacht genügt nicht mehr. Meine Agenten behaupten mit der größten Bestimmtheit, daß in Warschau selbst bedeutende Waffenansammlungen verborgen sind - aber die Polizei ist gelähmt, wenn sie zu jeder Haussuchung erst eines richterlichen Befehls bedarf.«
»Ich genehmige nicht gern exceptionelle Maßregeln,« sagte der Fürst.
»Euer Hoheit werden die Folgen erleben. Wenn es mir gestattet wäre, morgen ein zwanzig oder dreißig der
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gefährlichsten Subjecte beim Kragen zu nehmen und sie für eine Woche einzustecken, würde die ganze Grochower Demonstration sich in Nichts auflösen.«
»Ich stimme vollkommen der Ansicht des Herrn Ober-Polizeimeisters bei,« bemerkte der Geheime Rath Mukhanoff.
Der Fürst schüttelte den Kopf. »Es geht wahrhaftig nicht, die auswärtige Presse denuncirt so schon genug gegen uns. Bedenken Sie, daß fast der ganze polnische Adel in diesem Augenblick hier versammelt ist, und daß er sich auf seine neuerdings bewiesene Haltung stützend, ein gewaltiges Geschrei erheben und mich zur Rede setzen würde.«
»Ich traue dem ganzen Schwindel dieses Central-Credit-Vereins blutwenig, Hoheit,« fuhr der Ober-Polizeimeister fort. »Es ist eine sehr trügerische Decke. Es ist schwer zu bedauern, daß die Entdeckungen des Herrn von Tymowski auf dem Gute des entwichenen Wolawski uns aus der Hand gespielt worden sind. Droszdowicz behauptet, eine ganze Liste des verschworenen Adels in Händen gehabt zu haben.«
»Dann hätte er sie darin fest halten sollen,« rief ärgerlich der Fürst. »Bleiben Sie mir mit der verdammten Geschichte vom Leibe, ich habe schon Verdruß genug davon gehabt. Man hat uns gradezu in Petersburg dafür angeklagt und die ganze Sache als einen unerhörten Gewaltsact ausgegeben.«
»Und die ersäuften Soldaten? Das von einer Bande Rebellen angegriffene und so rechtzeitig für die Verdächtigen zerstörte Haus? Die gewaltsame Befreiung der
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Schuldigen selbst? Die von den revoltirten Bauern erschossenen Gendarmen?«
»Sie haben keinen einzigen dieser angeblich revoltirenden Bauern fassen oder überführen können. Die ganze Geschichte mit dieser Haussuchung und Entdeckung ist etwas unklar, jedenfalls hat sich dieser Kollegienrath Tymowsky eben so dumm als feig dabei benommen; von Ihrem Droszdowicz will ich nicht dasselbe behaupten, da er sonst schon Proben seines Muthes und seiner Geschicklichkeit abgelegt und gute Dienste geleistet hat.«
Der Oberst schwieg, - der Mißerfolg jener so viel versprechenden Maßregel war auch ihm überaus ärgerlich gewesen.
»Erlauben Euer Hoheit mir,« nahm der Marquis das Wort, »Ihre Aufmerksamkeit nach einer anderen Seite zu richten. Ich habe heute die Bestätigung meiner Ansicht, daß die Bevölkerung weniger durch einheimische, als durch fremde Agitatoren aufgeregt und in Opposition gehalten wird, von einer sehr bedeutsamen Seite aussprechen hören.«
»Wir wissen längst, lieber Marquis, daß trotz aller Vorsicht an den Grenzen, die Emissaire der Propaganda in Paris sich bei uns einschleichen.«
»Ich meine nicht diese, Hoheit. Euer Hoheit wollen sich erinnern, daß die revolutionaire Propaganda überhaupt gegenwärtig in Europa wieder sehr thätig ist und leider sogar von gewissen Regierungen unterstützt wird. Italien ist das redende Beispiel.«
»Ich weiß, ich weiß, Sie sind italienischer Legitimist!«
»Ich bin vor Allem jetzt Russe, da Rußland mein
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zweites Vaterland ist. Daß ich neben den mit meinen Ansichten innig verwachsenen russischen Interessen und der tiefsten Ergebenheit für unseren erlauchten Monarchen, Theilnahme und Aufmerksamkeit für das Land meiner Geburt hege, ist gewiß sehr natürlich.«
»Gewiß lieber Marquis, - ich weiß, daß Sie ein treuer und ergebener Diener Seiner Majestät sind, - nur manchmal etwas zu milde und nachsichtig.«
»Euer Hoheit sind dies ja selbst und für möglichst friedliche Ausgleichung der Gegensätze. Die Thätigkeit der revolutionairen Propaganda, die weniger in Paris und der Schweiz, als in London ihren Sitz hat, beschränkt sich aber nicht auf Italien allein.«
Der General-Kriegsgouverneur schlug ungeduldig mit der Hand auf ein vor ihm liegendes Album. »Die politischen Heuchler! ich hoffe, wir werden es ihnen noch einmal in Asien wettmachen. Ich habe es immer gesagt, es sind viel zu viele dieser unverschämten Nation in Rußland und Polen, namentlich bei den Eisenbahnen, und dieser Oberst Simmons14 zeigt oft eine Anmaßung und Einmischung, die unerträglich ist!«
Der Marquis fuhr fort: »Euer Hoheit wird es ebenso bekannt sein, daß sich die Kossuth'sche Agitation wieder begeutend[bedeutend] in Ungarn regt. Es ist mir nun aus jener Quelle versichert worden, daß Agenten Kossuth's und Garibaldi's in jüngster Zeit Polen durchstreifen.«
»Und darf man wissen, woher Ihre Nachricht stammt?«
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»Direkt aus Rom!«
»Aus Rom?« rief überrascht der Staatsrath.
»Sogar aus den höchsten klerikalen Kreisen. Man scheint dort gradezu die Gelegenheit benutzt zu haben, uns davon zu avertiren und davor zu warnen.«
»Aber Sie werden wissen, lieber Marquis,« sagte betroffen der Fürst, »daß wir gegenwärtig grade nicht sehr gut mit Rom stehen, und unsere katholische Geistlichkeit sich sehr unzugänglich für die Wünsche der Regierung zeigt.«
Der Marquis zuckte die Achseln. »Ich kann Euer Hoheit nur Thatsachen berichten, und nehme gar keinen Anstand, die Person zu nennen, welche mir diese Versicherungen gemacht hat.«
»Bitte darum.«
»Es ist dies die, wie dem Herrn Ober-Polizeimeister wohl bereits gemeldet sein wird, hier direct von Rom eingetroffene Aebtissin eines Frauenklosters im Neapolitanischen, eine geborne Polin, eine Gräfin Zerboni.«
»Was will sie hier? wahrscheinlich ein weiblicher Emissair! - Wie kommen Sie zu ihr?«
»Die Gräfin überbrachte mir einen Empfehlungsbrief aus dem Kreise meiner nächsten Verwandten. Sie behauptet, wegen eines - allerdings jetzt zu Nutzen ihrer Kirche oder ihres Stiftes prozessirenden Anspruchs an eine Erbschaft aus der Familie der Oginski nach Warschau gekommen zu sein, und - obschon man Niemanden in's Herz sehen kann, - so muß ich doch sagen, daß sie mit der größten Offenheit auftritt und, freilich vom römischen
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Standpunkt, ganz loyale Gesinnungen bekundet. Sie hat sich Empfehlungen an mich verschafft, wahrscheinlich weil man mich noch an der Spitze des Departements der politischen Partei wähnte, worüber ich für Pflicht hielt, sie aufzuklären. Die Gräfin ist, wie ich mich zu erinnern glaube, in ihrer Jugend wegen sehr unliebsamer Familiengeschichten in ein krakauer Kloster gesteckt worden, soll auch dort sich sehr rebellisch und unliebsam gemacht oder einige schlimme Dinge begangen haben, und ist wahrscheinlich zur Strafe oder Correctur in ein italienisches Kloster versetzt worden, wo sie sich allerdings wieder rehabilitirt zu haben scheint, da sie jetzt, obschon noch ziemlich jung, bereits an der Spitze ihres Convents steht.«
Der Fürst sah den Ober-Polizeimeister an. »Was sagst Du dazu, Oberst? - hat sie Verbindungen mit der hiesigen Geistlichkeit, mit dem Erzbischof, mit Platen?«
»Die Gräfin,« sagte der Oberst Trepoff, »deren Ankunft natürlich bereits meine Aufmerksamkeit und Ueberwachung erregt hat, ist in direkter Tour über Prag hierher gekommen. Sie ist bis jetzt nur mit dem Herrn Marquis und der Familie Wielopolski, die mit den Zerboni's verwandt sind, in Verkehr getreten und hat heute Nachmittag mehrere Schreiben an Personen gerichtet, unter anderm an den Herrn v. Krautowski im Justizdepartement und an den Herrn Erzbischof.«
Ein fragender Blick des Fürsten traf ihn. Der Ober-Polizeimeister lächelte. »Der Inhalt,« sagte er ohne Zögern, »ist ganz unverfänglich. Sie bittet um Audienz, um Seiner erzbischöflichen Gnaden ihre Ehrerbietung beweisen
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zu können. Der Rath wird um seine Besuchsstunde gebeten, um mit ihm über eine juristische Erbschaftsfrage konferiren zu dürfen.«
»Und von dieser Dame haben Sie die Mittheilungen wegen der Emissaire?«
»Zu Befehl Hoheit.«
»Was denken Sie davon? ich bitte um Ihre eigene Meinung.«
»Obschon ich die Frau Aebtissin nicht direkt befragen mochte, glaube ich doch aus ihren Andeutungen entnehmen zu dürfen, daß sie mit der Mittheilung oder Warnung, von der ich sprach, direkt von Kardinal Antonelli oder einer gleich hohen Quelle beauftragt ist. Wir wissen Alle, wie sehr man in Rom den Schein irgend einer Nachgiebigkeit oder eines Entgegenkommens vermeidet, es wäre also durchaus nicht auffallend, daß man sich dieser Hinterthür und nicht des Weges durch Herrn von Kisseleff15 bedient. Ich betrachte diese Warnung als eine Art Revanche für unsere Haltung in der neapolitanischen Frage, die auf der andern Seite zu keinem Zugeständniß verpflichtet. Es ist möglich, daß die Aebtissin auch den Auftrag hat, den Herrn Erzbischof über die Geneigtheit der Kurie zu ausgleichenden Schritten zu informiren, wenigstens ließen sich die Reden der Dame dahin deuten. Bei dem starren Eigensinn des Herrn Fijalkowski wäre freilich nur von bestimmten Befehlen aus Rom etwas zu erwarten.«
»Sie können Recht haben, Marquis. Wir sind freilich
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im erzbischöflichen Palast gegenwärtig so schlecht bedient, daß wir über die Audienz der Dame, gegen die wir ja Nichts einwenden können, wenig hören werden.«
Der Ober-Polizeimeister begnügte sich mit einer entschuldigenden Bewegung der Achseln.
»Wenn ich mir noch erlauben dürfte, eine Bemerkung in Bezug auf die Befürchtungen für die Feier von Grochow zu machen,« fuhr der Marquis fort, »so wäre es der Wunsch, die Jugend unserer Akademien und Institute von jeder Betheiligung fern gehalten zu sehen.«
»Wollen der Herr Generalmajor mir vielleicht bestimmte Personen oder Institute bezeichnen?« frug der Chef der Schulen mit einer gewissen eifersüchtigen Schärfe.
»Pardon - ich bin nicht gewohnt aus zufällig Gehörtem Denunciationen zu machen.«
Geheimerath Mukhanoff biß sich auf die Lippen und würde wahrscheinlich eine scharfe Erwiderung haben folgen lassen, wenn der Fürst nicht intervenirt hätte.
»Wir müssen jetzt zu einem bestimmten Beschluß über die Art unsers Verfahrens und der Stellung kommen, die wir übermorgen einnehmen wollen. Was zunächst die Mittheilungen des Herrn Marquis betrifft, so bitte ich den Herrn Ober-Polizeimeister, die Aufmerksamkeit auf solche Emissaire zu verdoppeln und ermächtige ihn zu den strengsten Maßregeln, wo irgend berechtigter Verdacht sich zeigt.«
»Zu Befehl, Hoheit! Was bestimmen Hoheit in Betreff der genannten Aebtissin?«
»Ich werde abwarten, ob sie sich im Palais vorstellen läßt, sie soll vorläufig unbelästigt bleiben, bis Rath
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Krautowski über ihre Prozeßangelegenheit und die Begründung ihrer Rückkehr nach Polen Bericht erstattet hat. Bei Gelegenheit einige speziellere Daten über ihre Vergangenheit! - Das Nächste dürfte sein, daß wir den Urheber dieses Plakats ermitteln und seine Verbreitung hindern. Wie viele Personen sind deswegen bereits verhaftet, Oberst Mesenceff?«
»Vier bis jetzt, Hoheit.«
»Lassen Sie dieselben vorläufig in dem Polizei-Gefängniß. Sind Vorsichtsmaßregeln gegen die Verbreitung der Plakate geschehen?«
»Die Polizei wird die ganze Nacht in Bewegung sein.«
»Daß wir diese verdammte geheime Druckerei nicht entdecken können! Oberst Trepoff, lassen Sie morgen allen Ladeninhabern und Handwerksmeistern bedeuten, man wünsche, daß sie am 25. ihre Lehrlinge und jungen Leute zu Hause halten. Dasselbe wird den Direktoren der Akademieen und Institute zu empfehlen sein.« -
»Warum lassen Euer Hoheit nicht für diesen Tag ohne Weiteres alle Versammlungen verbieten?« sagte ungestüm der General-Kriegs-Gouvemeur.
»Es geht nicht, es geht nicht, Excellenz, - wir dürfen nicht zeigen, daß wir der Sache so viele Bedeutung beilegen. Ich habe deshalb auch beschlossen, daß wenn die polnische Partei, wie nach einer Mittheilung von vorhin zu erwarten ist, von einer allgemeinen Feier in den Kirchen und auf dem Schlachtfeld absteht, die Truppen nicht ausrücken sollen. Sie mögen in ihren Kasernen designirt
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bleiben. - Nur die Kosaken Barinsky's unter Befehl von General Sabolotzki mögen öffentlichen Dienst thun. Wir müssen die ganze Sache als eine Polizeisache behandeln, - die Polizei-Mannschaften und die Gendarmerie werden genügen, allen Ausschreitungen vorzubeugen. Im Uebrigen soll man dem Gottesdienst des Volkes in den Kirchen Nichts in den Weg legen.«
»Und wenn die Fanatiker sich nicht auf das Innere der Kirchen beschränken, wenn es zu Demonstrationen auf den Straßen kommt?« frug der Ober-Polizeimeister.
»Ich vertraue sicher, daß es nicht dazu kommen wird. Sie müssen den Leuten vernünftig zusprechen. Eine offene Demonstration gegen die Regierung darf freilich nicht geduldet werden. Verhüten Sie nur, daß kein Blut vergossen wird.«
»Dann mögen sich die Warschauer davor hüten,« erklärte der energische Kriegsgouverneur, »meine Soldaten anzugreifen. Ich erlaube mir Euer Hoheit zu erinnern, daß der Befehl von Petersburg lautet: die Garnison habe in voller kriegsmäßiger Ausrüstung auszurücken. Ich muß daher die Ordre ausgeben, scharfe Munition zu fassen.«
»Ich will das nicht hindern,« sagte zaudernd der Fürst, »aber Sie werden sich überzeugen, daß die Vorsicht unnütz sein wird. Bei leichten Excessen wird der Kantschuh der Kosaken genügen. - Der bessere Theil des Publikums wird sich sicher fernhalten.«
Der General-Kriegs-Gouverneur verbeugte sich. »Ich wünsche, daß Eure Hoheit Recht behalten möge. Im
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Uebrigen werde ich keine Vorsicht versäumen. Haben Eure Hoheit sonst noch Befehle für mich?«
Der für energischere Maßregeln, als der Fürst sie beabsichtigte, gestimmte General hatte sich zugleich mit dem Fürsten-Statthalter in ziemlich übler Laune erhoben.
»Nein Excellenz, - auch werden wir ja morgen noch Zeit haben, Weiteres zu besprechen. Es galt mir heute Abend nur, uns in Folge dieses Plakats über die Gesichtspunkte zu verständigen, aus denen wir die Sache behandeln wollen. Da wir nun darüber einverstanden sind,« - der Fürst verneigte sich leicht ringsum, ohne die unzufriedene, wenig einverstandene Miene mindestens der Hälfte der Anwesenden zu bemerken oder bemerken zu wollen, - »so bitte ich Sie, mit mir zur Gesellschaft zurückzukehren, damit unsere zu lange Abwesenheit nicht etwa falsche Auslegungen erhält. - Die Herren werden das Büffet mit einer vortrefflichen neuen Marke versehen finden, die mir Friedberg aus Berlin durch seinen Lieferanten Borchardt daselbst erst dieser Tage hat zugehen lassen. Sie können auch Gelegenheit nehmen, sich bei der Fürstin, meiner Frau zu verabschieden, die ich dieser Tage zu ihrer Tochter nach Stuttgart senden will. Meyendorff erwartet ein freudiges Familien-Ereigniß.«
Ein Wink an den Offizier vor der Portière des Kabinets entband diesen von seinem Wachdienst.
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Die Hoffnung des Fürsten-Statthalter, daß mit der Confiscation eines Theils der Plakate und der Verhaftung einiger Personen, die sie verbreitet hatten, die Sache abgethan sei, wurde vollständig getäuscht. Am andern Morgen, - Sonntag - war ganz Warschau überschwemmt mit jener gedruckten Aufforderung, sich zur Feier des Schlachttages von Grochow am andern Nachmittag zahlreich auf dem alten Markt einzufinden, und bereit zu sein, - wie es in dem Aufruf hieß - für das Recht des Volkes an seinen großen Erinnerungen das Martyrium zu erleiden.
Dieser Aufruf war auf unerklärliche Weise in alle Häuser gekommen, ja, trotz aller Aufsicht der Polizei, wiederum an vielen öffentlichen Stellen angeschlagen.
Der Fürst-Statthalter mußte jetzt der Sache ruhig ihren Lauf lassen und nur an den bereits beschlossenen Maßregeln festhalten. Jeder Widerruf des Plakats, jedes Verbot wäre eine zugestandene Niederlage der Polizei gewesen.
Der Tag verging in einer gewissen unruhigen Bewegung, jedoch ohne äußere Excesse, die Kirchen waren überfüllt, die Straßen bis zum späten Abend belebt, das gewöhnliche lärmende Treiben jedoch wie auf Befehl verschwunden. Jedermann fühlte, daß sich wichtige Ereignisse vorbereiteten.
Im Laufe des Tages war der junge Student wieder zu seiner Tante der Aebtissin gekommen, und hatte ihr eine Botschaft des Pater Hilarius gebracht. Sie lautete einfach: er bedauere, durch seine kirchlichen Pflichten
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verhindert zu sein, ihr einen Besuch zu machen, da er zu dieser österlichen Zeit jeden Abend Beichte sitzen und darin einen erkrankten Geistlichen der Pauliner Kirche vertreten müsse.
Die Aebtissin schien mit dem Bescheid zufrieden und entließ den Knaben mit neuen Ermahnungen, nachdem sie vorher noch durch einige geschickte Querfragen herausgebracht, daß er am Abend vorher Oginski die Nachricht gebracht habe, daß eine Frau, für die er sich interessirt und die Intervention des Markgrafen und anderer einflußreichen Männer nachgesucht habe, noch im Laufe des heutigen Tages aus der Haft und zugleich aus dem großen Stadtlazareth entlassen werden solle, in welchem sie sich bisher befunden, indem die Untersuchung gegen sie durch den Statthalter selbst niedergeschlagen worden sei.
Nach Einbruch der Dunkelheit verließ die Aebtissin, begleitet von der Laienschwester das Hôtel, indem sie wie von ungefähr wissen ließ, daß sie dem Abendgottesdienst in einer der zahlreichen Kirchen Warschaus beiwohnen wolle. Es blieb ihr nicht unbemerkt, daß man sie bei dem Gange beobachtete, und sie nahm ihren Weg nach der großen Kathedrale am Schloß.
Wir müssen uns einige Augenblicke zu unserem früheren Bekannten wenden, der unter dem Namen eines Grafen Czatanowski in dem überfüllten Hôtel ein Unterkommen gefunden, in dem die Aebtissin vorläufig ihr Quartier genommen hatte. Graf Hypolyt, denn wir wissen, daß es der junge Graf Oginski war, dem der kleine Spion Janko unter seiner Maske in der Nähe des
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großen Warschauer Krankenhauses begegnete, und den er erkannt hatte, war schon bei Zeiten ausgegangen; seine Ungeduld, die Sorge um das junge Mädchen, dessen heldenmüthiger Aufopferung er im Herbst des vergangenen Jahres seine Rettung verdankt hatte, trieb ihn in die Nähe der Krankenanstalt, aus der, wie er durch die Benachrichtigung des jungen Wysocki erfahren hatte, sie im Laufe des Sonntags entlassen werden sollte.
Das große städtische Krankenhaus zum Herzen Jesu, mit dem zugleich das berühmte Warschauer Findelhaus verbunden ist, eine Anstalt der edelsten und verständigsten Humanität, liegt westlich der großen Straßenreihe, welche vom alten Markt her in südlicher Richtung Warschau theilt und am Markt mit der Miadowa oder Honigstraße beginnt, sich in der Krakowskie Przedmiescie (der Krakauer Straße oder Vorstadt) und der Nowy Swiat oder Neuen Welt fortsetzt und in die Allee nach dem Velvedere ausläuft, - zwischen der Kreuzstraße und der Brüderstraße an einem freien Platz.
Der Leser wird sich vielleicht erinnern, daß die Verhaftung des Studenten Asnik und des Fräuleins v. Marowska16 in einer Conditorei in dem Stadttheil südlich vom sächsischen Garten und der Königsstraße, also in der Nähe des großen Spitals erfolgt war, und diese und die Humanität des Polizei-Kommissars waren die Ursache gewesen, daß man die so schwer verletzte Gefangene in dem großen gewöhnlichen Krankenhause, nicht in dem des Polizeigefängnisses untergebracht und belassen hatte.
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Der Knabe hatte dem Grafen nicht sagen können, um welche Stunde die Entlassung der Gefangenen stattfinden würde, und so war dieser auf den Zufall und seine eigene Beobachtung angewiesen, wenn er dem jungen Mädchen bei seinem Austritt begegnen wollte, da er es nicht wagen konnte, sich bei dem Pförtner oder in dem Bureau des Krankenhauses nach ihr zu erkundigen. Er mußte sich daher begnügen, um den Ausgang des Hospitals zu streifen, oder von einem der naheliegenden öffentlichen Lokale aus den Ausgang zu beobachten.
Dieses beharrliche Verweilen hatte natürlich bald die Aufmerksamkeit der an diesem Tage überall beschäftigten geheimen Agenten der Polizei auf sich gezogen, die nicht unterließen, ihn weiter zu beobachten.
Zu den Personen, die dies thaten, gehörte auch ein Mädchen, ein Kind noch, eine jener Verkäuferinnen von Apfelsinen oder Zuckerbackwerk, die in den Kneipen umherstreifen oder an den Straßenecken den Vorübergehenden von ihren süßen Waaren anbieten. Das junge Mädchen hielt den Grafen fest im Auge und beobachtete zugleich die Personen, die sich mit ihm beschäftigten.
Plötzlich, - eben bog ein Droschkenschlitten, der die Mazowiecka heraufkam, nach dem Portal des Hospitals ein und die Strahlen der vor demselben stehenden Gaskandelaber fielen voll auf einen darin sitzenden Mann verschwand das Mädchen von dem Steinsitz, den es in der Nähe des Eingangsthors behauptet hatte, als hätte es die Erde verschlungen, so rasch und geschickt war die Bewegung ausgeführt.
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Der Schlitten hielt auf den Zuruf des Fahrgastes und dieser stieg aus. »Fahr zu, ich brauche Dich nicht weiter!« - Der Mann war in einen Mantel gehüllt, den Kragen emporgeschlagen. Nur einen Moment lang im Vorfahren waren die Lichtstrahlen des Kandelabers auf sein Gesicht gefallen, als der Wind den Kragen lüftete, und es hatte eines so scharfen Auges bedurft, als die kleine Verkäuferin zu besitzen schien, um in dem Fahrgast den Polizei-Commissair Droszdowicz zu erkennen.
Der Beamte blieb in der Nähe der Steinbank stehen, unter der sich das Mädchen verborgen hatte, und überblickte aufmerksam den Platz, ohne das, was er zu suchen schien, zu bemerken.
»Sollte ich mich in meiner Annahme getäuscht haben?« murmelte er. »Diese Leute pflegen doch sonst eine große Anhänglichkeit an ihre Geliebten zu haben, grade wie man oft unter den gemeinen Verbrechern in dieser Beziehung wirklich bewundernswerthe Beispiele von Aufopferung und Treue findet. Ich weiß gewiß, daß der Bursche sich hier verborgen in irgend einem geheimen Schlupfwinkel aufhält, und Warschau noch nicht verlassen hat, - und diese Niederschlagung der Untersuchung, und der Befehl, das Mädchen zu entlassen, ist gewiß von einer Seite gekommen, die ihn darüber nicht in Unkenntniß gelassen hat. - Nun - hol es der Henker - ich gönne es dem Mädchen, schon um des Mannes willen, der sich so sehr für sie interessirte; für mich fürchte ich, wird es andere Arbeit genug geben!«
Er sah nach der Uhr. »Auf der Kreuzkirche drüben
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muß es sogleich halb Sieben schlagen, - das ist die Zeit, die ich ihnen angegeben, mich zu treffen.«
Der Kommissar hatte es kaum gedacht oder vor sich hin gemurmelt, als es in der That von dem Thurm der nahen Kreuzkirche halb Sieben schlug.
Fast mit dem Glockenschlag traten von verschiedenen Seiten zwei Männer an ihn heran.
»Melde mich im Dienst!«
»Ah, - Du bist's Kaminski, - und da der neue? Willst Dein Probestück machen, Stefan Stefanowitsch?«
»Wenn Du's erlaubst, Väterchen!«
»Nun - Nichts bemerkt? Du Kaminski weißt doch, um was es sich handelt?«
»Zu Befehl, Pani Komissarz. Wir wollen den Spitzbuben den Prot Asnik fassen, - die Leute sind unterrichtet.«
»Du kennst ihn persönlich?«
»Das nicht, Pani, aber der Godelnecki, der vor mir die Wache hatte, hat mir ihn ganz genau beschrieben und gezeigt.«
»Gezeigt?«
»Gewiß! er treibt sich schon den ganzen Nachmittag hier herum und nur weil Du's verboten, haben wir ihn nicht verhaftet.«
»Desto besser!« Der Kommissar rieb sich die Hände. »So haben meine psychologischen Schlüsse doch Recht behalten.«
»Hier der Kamerad,« sagte der Polizei-Agent, »hat ihn auch gesehen, und ihn sofort für verdächtig gehalten,
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ja er behauptet, ihn schon früher einmal gesehen zu haben, weiß aber nicht wann und wo. Verlassen Sie sich darauf, er soll uns nicht entgehn, der ganze Platz ist umstellt, wie Sie's befohlen haben.«
»Hört mich an!«
»Zu Befehl, Pani!«
»Ihr wißt also, daß einer der gefährlichsten Unruhstifter, der Student Prot Asnik, den ich vor fünf Monaten zu verhaften das Glück hatte, wieder entsprungen war.«
»Ja, Herr!«
»Alle Bemühungen, seiner wieder habhaft zu werden oder seinen Schlupfwinkel zu entdecken, sind bisher vergeblich gewesen. Jetzt zeigt sich eine Aussicht dazu. Die Geliebte dieses Menschen, die zugleich mit ihm verhaftet, aber weil sie einen Unfall dabei erlitten, in's Lazareth gebracht werden mußte, wird noch diesen Abend hier aus dem Hospital, in dem sie detinirt war, entlassen werden. Ich selbst werde sie begleiten, und ich erwarte, daß ihr Geliebter, eben der Student, den wir suchen, in der Nähe sein wird, um sie, - wenn ich sie verlassen, in Empfang zu nehmen oder ihr wenigstens einen Wink zu geben, wohin sie sich wenden soll.«
»Und dann sollen wir ihn packen?«
»Dummköpfe! nachspüren sollt Ihr ihm, ihn geschickt verfolgen, damit wir seinen Schlupfwinkel ermitteln und das ganze Nest ausnehmen können.«
»Zu Befehl, Pani Komissarz.«
»Nun macht Eure Sache gut, unterrichtet die Andern genau; Punkt 7 Uhr verlasse ich das Spital mit dem
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Mädchen hier durch den Hauptausgang. Jedenfalls haltet sie im Auge. Ihr wißt, wo Ihr mich zum Rapport zu suchen habt.«
»Verlaß Dich auf uns, Väterchen!«
Der Kommissair, obschon der russische Polizei-Agent einer seiner gewandtesten und zuverlässigsten war, schien mit dem »Verlassen« doch nicht so vertrauensvoll zu sein, denn er wiederholte den Beiden nochmals auf das Bestimmteste seine Instruktion und dann erst betrat er das Spital.
Er war kaum verschwunden und die beiden Polizeidiener hatten sich kaum entfernt, als unter der Steinbank, in deren Nähe das Gespräch geführt worden war, der Kopf der kleinen Apfelsinenverkäuferin hervorkam und ihre Augen sorgsam umherlugten. Dann, als sie sich sicher hielt, war sie mit einem Satz aus dem Versteck. »Ich will der Mutter Gottes ein Kerzchen für fünf Kopeken noch heute Abend anzünden,« murmelte die Dirne, »zum Dank, daß sie das warschauer Gas so schlecht brennen läßt. Heiliger Josef, wenn er, der sonst die Augen überall hat, mich gesehn hätte, - ich wäre diesmal so sicher erwischt worden, wie eine Ratte in der Falle, denn ich konnte mich nicht regen da unten. Aber gut ist es doch, daß ich dort gesteckt und die ganze Sache gehört habe, - hätte ich nicht Russisch verstanden, wäre es mir auch Nichts nütze gewesen. So hat's doch sein Gutes gehabt, daß mir's der verdammte Kerl der Schulmeister eingeprügelt und ich immer mit den Kindern des versoffenen Iwan, des Steuervisitators, gespielt und sie geneckt und geknufft
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habe. - Heilige Mutter Maria, was ist nun am Besten zu thun? - Den Prot Asnik warnen? - Wer weiß, wo er herum streicht, außerdem ist er ein Lump, der mir noch niemals was Anderes gegeben hat, als Fußtritte und Kopfnüsse, und ich weiß bestimmt, daß er nicht daran denkt, um des Fräuleins wegen auch nur einen Finger in's Feuer zu stecken.«
Das Mädchen hatte sich auf den nächsten Eckstein gesetzt, und während sie von Zeit zu Zeit ihren kreischenden Ruf: Appelzynie, Appelzynie! erschallen und ihre scharfen Augen überall umher spioniren ließ, dachte sie weiter nach.
»Ich habe die Marowska lieb,« murmelte sie weiter, - »ich glaube nicht, daß eine Andere ihren Arm geopfert hätte, um meinen Grafen zu retten, - und ihn natürlich auch; vor Allem, er ist ein guter Pole, der Okuliarnik mag gegen ihn sagen, was er will. Er sollte eigentlich die Marowska heirathen, das gäbe ein gutes Paar, denn ich glaube den Unsinn nicht, den der Kommissar schwatzte, daß sie des Prot Geliebte gewesen wäre. Pfui, - sie hätte ihn nicht über die Achsel angespuckt. Zum Teufel, ich will es machen, wenn mir die Heiligen helfen dabei. Potz Kukkuk, der Janko will ihnen zeigen, was er kann; ich meine der Großvater wird sich freuen darüber, denn er hat den blanken Grafen auch gern und es gefällt mir nicht, daß er immer mit dem Brillen-Ludwig tuschelt! - Aber nun gilt's vor Allem, den Grafen zu warnen; denn mir scheint, die Kerle haben ihn für den Studenten
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gehalten. Hei - müssen die blind sein, der Prot Asnik und mein Graf! Ein Unterschied wie Tag und Nacht!« Der Knabe, - denn das verkleidete Mädchen war natürlich unser alter Freund Janko, der Teufelsbraten, wie ihn der Polizei-Kammissar genannt, - kicherte bei dem Gedanken vergnügt vor sich hin und wollte sich eben erheben, um seinen Erretter aus den Zähnen der Wölfe aufzusuchen, als eine Hand ziemlich unsanft seine Schulter faßte.
Erschrocken schaute er um, - ein großer Mann im russischen Militairmantel, den Kragen aufgeschlagen, die Mütze tief in die Augen gedrückt, stand vor ihm und hielt ihn fest. Die verhaßte Uniform erhöhte natürlich seinen Schrecken nicht wenig und schon sah er sich nach einer Gelegenheit zu entwischen um.
»Bleib, Kind,« sagte der Fremde auf Russisch, aber mit so mildem und friedlichem Ton, daß der Knabe wieder Muth faßte. »Verstehst Du Russisch?«
»Zu Befehl, allergnädigster Herr!«
»Ich will Dir nichts thun, Du sollst vielmehr Geld verdienen!«
»Ach, gnädigster Herr - eine Mutter und fünf hungernde Geschwister!« und er fing seine Klagen mit derselben weinerlichen Fistelstimme an, mit der er am Abend vorher in der Wohnung seiner Mutter den Okuliarnik geäfft hatte.
»Albernes Ding! - ich will Dich ja eben Geld verdienen lassen dafür. Was kostet Dein ganzer Kram hier?«
»Meine ganzen Apfelsinen hier?«
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»Ja, und die Schwinge dazu!«
Der Knabe begann wieder sich unbehaglich zu fühlen; wir wissen, daß es ihm keineswegs daran liegen konnte, seine sämmtlichen Früchte an einen Russen abzusetzen.
»Aber gnädigster Herr, ich darf die Schwinge nicht verkaufen, ich muß sie wieder nach Hause bringen, sonst schlägt mich die Mutter, sie ist so schlimm!«
»Unsinn, - wenn sie das Silber sieht, wird sie Dir Nichts thun. Hier sind fünf Silberrubel, damit ist der ganze Quark dreifach bezahlt. Also her damit!«
Der Fremde griff nach der Schwinge und riß sie dem Mädchen halb mit Gewalt weg, indem er zugleich das Geld auf den Schnee warf. Janko begriff sehr wohl, daß eine ernste Weigerung bei so reichlicher Bezahlung ihn hätte verdächtig machen müssen, und ergab sich darein, jetzt nur neugierig, was der junge Offizier, - denn ein solcher und dazu ein vornehmer Herr war der Fremde offenbar seinem ganzen Aeußern gemäß und nach dem Wenigen, was der Knabe von seinem Gesicht sehen konnte, - mit der Apfelsinenschwinge machen wolle. Sein Erstaunen wuchs, als er den Fremden nach wenigen Schritten, die er in den leichten Abendnebel hinein that, gleichgültig die Schwinge leeren und die Früchte achtlos in den Schnee schütten sah, während er das Behältniß selbst unter den Mantel verbarg und damit verschwand.
Der Knabe wollte eben der Stelle zu eilen und sich wieder in Besitz der Früchte setzen, als er Stimmen hörte und einige Personen sich näherten und den Ort früher erreichten, als er selbst.
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Jetzt hielt er es - der Beschaffenheit der Früchte wegen - eben für gerathen, abzuwarten, ob sie die Apfelsinen bemerken und aufnehmen würden, oder nicht.
In der That geschah Ersteres und Freund Janko konnte sich glücklich preisen, daß er nicht bei dem Geschäft betroffen worden war; denn er konnte jetzt deutlich die Stimme des Polizeidieners erkennen, der vorhin mit dem Kommissar gesprochen und von ihm Instruktionen erhalten hatte.
»He, sieh da, Stefan Stefanowitsch - da liegt ja ein Haufen Apfelsinen! Wenn mir recht ist, hat ihn der lange Bursche im Mantel, der dort hinüber ging, ausgeschüttet.«
»Ich habe es deutlich gesehen,« bestätigte der ehemalige Grenzaufseher.
»Und was zum Teufel ist das? Eine bloße Schaale, Papiere darin!?« Er stürzte auf den Fund.
In der That mußte bei dem achtlosen Ausschütten der Früchte eine derselben sich geöffnet haben und das Geheimniß jetzt verrathen. Janko hielt es nicht für räthlich, das Weitere abzuwarten, sondern machte sich aus dem Staube. Der wackere Knabe räumte aber dennoch nicht gänzlich das Feld und gab seine Absichten keineswegs auf. Nachdem er sich eilig in eine der nächsten Querstraßen zurückgezogen und dort eine seiner Kameradinnen getroffen hatte, änderte er mit deren Aushilfe seine Kleidung und erschien nach kaum einer Viertelstunde wieder als junge Bettlerin auf dem Platz und nahm in der Nähe des Spitals auf's Neue seinen Standort. -
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Wir müssen zunächst den Kommissar in das Innere des großen Krankenhauses begleiten.
Der Kommissar begnügte sich, das unweit des Einganges belegene Bureau des Direktors zu betreten und diesen rufen zu lassen.
»Guten Abend Pani Szczegemski!«
»Sieh da - Herr Kommissar! Ich freue mich, Sie wieder einmal zu sehen. Was verschafft mir die Ehre so spät noch? - Ein Verunglückter - oder, wir leben in einer schlimmen Zeit - etwa gar Verwundete? - ich werde sogleich die Ordre zur Aufnahme geben.«
»Bitte, bemühen Sie sich nicht! ich sehe, Sie haben allerlei Ahnungen und es könnte allerdings kommen, daß Ihr Beistand in Anspruch genommen würde; vorläufig wollen wir hoffen, daß der morgende Tag ruhig vorübergeht, obschon ich, grade heraus gesagt, in dieser Beziehung wenig die Erwartungen meines Chefs theile, denn ich kenne unsere Warschauer. Einstweilen komme ich in einer anderen Angelegenheit.« Er zog ein Papier aus der Tasche und öffnete es. »Sie haben auf die Anfrage der Polizei-Direktion hier angezeigt, daß die Ihnen im vorigen Oktober von mir selbst übergebene, später am linken Arm amputirte Inculpatin Marowska so weit wiederhergestellt ist, daß sie aus der Haft entlassen und der Untersuchungs-Behörde zur Verfügung gestellt werden kann.«
»So ist es, Herr Kommissar.«
»Ich erlaube mir die Frage auf Ihren Diensteid als - wenn auch nicht königlicher, - so doch städtischer Beamte, ob während der Krankheit der Marowska von ihr oder
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von außen her ein Verkehr mit ihr anzuknüpfen versucht worden ist?«
»Das ich nicht wüßte! Die - Dame befand sich in den ersten Wochen auch nach der sehr schwierigen Amputation, da die Armknochen bis über das Gelenk hinauf in wahrhaft schrecklicher Weise zersplittert waren und der Arm daher nahe unter der Achsel abgenommen werden mußte, in einem sehr gefährlichen Zustand. Auch später, während der fortschreitenden Heilung hat sie sich sehr zurückgezogen gehalten und selbst eine gewisse Scheu vor jedem Verkehr gezeigt. Hätte sie Briefe empfangen oder abgesandt, würde ich nicht ermangelt haben, meiner Pflicht gemäß die Behörde davon in Kenntniß zu setzen.«
Der Kommissar hatte die Beschreibung der Amputation mit einer Theilnahme gehört, die sich deutlich auf seinem Gesicht wiederspiegelte. »Das arme Mädchen,« sagte er. »Ich hatte gehofft, daß man das neue Verfahren, welches ein gewisser Professor Langenbeck jetzt in Berlin anwenden soll und bei dem nur der Ellbogen herausgenommen wird, Resurrection nennt man es ja wohl, auch bei ihr versucht und ihr so wenigstens der Arm erhalten werden könnte.«
Der Director zuckte die Achseln. »Die Aerzte scheinen es doch wohl nicht anwendbar gefunden zu haben.« An sorgsamster Behandlung und Pflege hat es ihr nicht gefehlt.«
»Das weiß ich und bin von Ihrer Humanität überzeugt, liebster Direktor. Sie werden sich vielleicht erinnern, daß ich mich ja schon einmal nach dem Zustand der Patientin persönlich erkundigte, da ich wirklich Theil an
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dem Fall und ihrer Person nahm. - Sagen Sie mir noch, lieber Director, - hat seit einigen Tagen keine Erkundigung nach dem Fräulein von Marowska oder der Zeit ihrer Freilassung stattgefunden?«
»Ihrer Freilassung?«
»Ja, - ich bringe hier den Befehl dazu, die Untersuchung gegen sie ist niedergeschlagen oder sie vielmehr durch das selbstverschuldete Unglück als genügend bestraft angesehen.«
»Ich kann Ihnen darüber keine Auskunft geben, werde mich aber gleich erkundigen.« Der Director schellte und ließ den Portier der Anstalt rufen.
Als dieser, ein robuster, finsterer und mürrischer Mensch erschien, übernahm der Polizei-Kommissar die Befragung selbst.
Der Mann erklärte, daß allerdings in den letzten drei Tagen jeden Tag ein Mann an der Loge gewesen war, um nach dem Befinden der Gefangenen und ob sie das Spital noch nicht verlassen habe zu fragen. Der Portier wollte bloß geantwortet haben, er wisse von den einzelnen Kranken Nichts, kümmere sich nicht um sie und man möge in dem Bureau nachfragen, wenn man Etwas wissen wolle. Daß er jedes Mal ein ansehnliches Trinkgeld empfangen, hielt er für unnöthig, zu erwähnen.
Im Bureau war keine Nachfrage erfolgt, - man schien sie also gescheut zu haben.
»Und könnt Ihr mir die Person etwas genauer beschreiben, guter Freund, die nach Fräulein von Marowska gefragt hat?« examinirte der Kommissar weiter.
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»Was weiß ich davon, Herr,« wich der Unterbeamte mürrisch aus, - »es gehen den Tag über so viele Maulaffen an meiner Loge vorüber, stecken den Kopf durch's Fenster und thun allerlei müssige[müßige] Fragen, daß es ein wahres Kunststück wäre, sie sich Alle zu merken.«
Der Kommissar lächelte, er kannte seine Leute. Schon daß der Portier wußte, daß die Person drei Mal gekommen, war ihm genug. »Es ist darum auch nicht von allen Personen die Rede, mein Junge, sondern bloß von der einen, die nach der genannten Kranken gefragt hat. Du erinnerst Dich ja des Namens derselben so gut, daß Du dich auch wohl der fragenden Person erinnern wirst - -«
Der Portier schwieg, der Kommissar hatte eine Art zu fragen, der auch ein Klügerer nicht widerstanden hätte.
»Namentlich,« frug der Examinator fort, »wenn die Person Dir jedes Mal gewiß ein Trinkgeld dabei gegeben hat. - War es ein Mann?«
»Versteht sich!«
»So! - Gut, daß Du anfängst, Dich zu erinnern. - Jung oder alt?«
»Na - ziemlich jung - so an die Dreißig vielleicht.«
»Und sein Aussehen?«
»Nun - es muß ein Vornehmer gewesen sein, er hatte so eine gewisse Manier.«
»Klein oder groß?«
»Groß und schlank, - er trug einen schönen Pelzmantel. Aber das ist Alles, dessen ich mich erinnere, und wenn Sie mir Daumschrauben ansetzen. Ich hatte
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gehört daß das kleine Frauenzimmer, der sie den Arm abgeschnitten, kriminalisch wäre, und wollte mit der Sache daher Nichts zu thun haben.«
Es war sicher, daß der Bursche noch Etwas verschwieg, aber der Kommissar wußte, daß er weiter Nichts aus ihm herausbringen würde und glaubte genug zu wissen.
»Gut, gut!« sagte er, - »Du kannst wieder gehen. Nur sorge dafür, wenn die Polizei Dich wieder ein Mal frägt, daß Dein Gedächtniß etwas rascher bei der Hand ist.«
»So,« fuhr er fort, nachdem der Portier sich wieder entfernt hatte, - »nun würde ich Sie, lieber Director bitten, Fräulein von Marowska hierher kommen zu lassen, indeß wir die nöthigen Förmlichkeiten erledigen.«
»Sie wollen sie mit sich nehmen?«
»Ich denke; - ich bitte darum, und daß Sie dann die Güte haben, mich einige Augenblicke hier mit ihr allein zu lassen.«
Der städtische Beamte verbeugte sich zustimmend; obschon dies Verfahren der Polizei bei Uebernahme von Gefangenen oder Kranken etwas ungewöhnlich war, wagte er doch Nichts dagegen einzuwenden, da ihm wohl bekannt, in welchem Ansehen der Kommissar bei dem in Warschau fast allmächtigen obersten Polizeichef stand. Er gab die nöthigen Befehle und empfing sodann von dem Kommissar die Ordre zur Auslieferung der inhaftirten Wanda von Marowska und die Quittung des Beamten über Empfangnahme derselben.
Es mochten etwa zehn Minuten vergangen sein, als
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ein Wärter des Hauses höflich die Thür des Bureau's öffnete und die Gefangene eintreten ließ.
Beide Beamte betrachteten sie mit Theilnahme, der Polizei-Kommissar hatte sich von seinem Stuhle erhoben.
Das unglückliche Mädchen sah blaß und abgezehrt aus, aber ihre schönen dunklen Augen hatten Nichts von ihrem früheren Feuer verloren oder dasselbe vielmehr wiedergewonnen, und um den feingeschnittenen Mund lag ein finsterer, fast melancholischer Ernst, der auf die beiden Männer seinen Eindruck nicht verfehlte. Die Gefangene trug den einfachen gestreiften Anzug der Lazarethkranken, da das Kleid, in welchem man sie verhaftet hatte, durch ihre Verletzung schon unbrauchbar und längst beseitigt worden war. Ein loser hohler Aermel hing von ihrer Schulter und war an der Stelle, wo er hätte ein zartes Handgelenk umschließen sollen, leicht zusammengebunden und an der Brust des geringen Kleides aufgesteckt.
Die Gefangene verneigte sich kurz und stolz und richtete ihr Auge fragend auf den Director.
»Sie haben mich hierher beschieden, was befehlen Sie?«
»Es ist ein Herr hier, der Sie zu sprechen wünscht, mein Fräulein, ich lasse Sie mit ihm allein.«
Der Direktor entfernte sich; erst jetzt richtete die Unglückliche ihren Blick auf den zweiten Anwesenden und schauderte leicht zusammen.
»Sie kennen mich, mein Fräulein, oder ist es nöthig, Ihnen meinen Namen zu sagen?«
Sie schüttelte unwillig das Haupt und deutete mit ihrer Hand auf den Aermel, - ein harter Zug lag um
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ihren Mund. »Es ist unnöthig Herr, ich habe ein genügendes Zeichen der Erinnerung.«
»Fräulein von Marowska, - denn Sie werden sich nicht wundern, daß wir längst Ihren wahren Namen kennen, - ich that damals meine Pflicht und hätte sie thun müssen, selbst wenn ich gewußt hätte, welche grausame Handlung sich damit verband. Aber glauben Sie mir, auch ein strenger Beamter kann menschlich fühlen, und Ihre heroische Aufopferung für Ihre Freunde - die vielleicht gar nicht dieselbe verdienten - hat damals meine Bewunderung erregt.«
Der Kommissar hatte ernst, aber ohne Bitterkeit gesprochen; seine Worte schienen nicht ohne Eindruck auf das Mädchen zu bleiben.
»Ich erinnere mich, - Sie riefen sogleich nach einem Arzt ...«
»Fräulein, ich war es, der Sie damals hierher bringen ließ und ich kann wohl sagen, ich hoffte, daß jene Verletzung nicht so schwere Folgen für Sie haben würde, als leider der Fall gewesen ist. - Um so mehr macht es mir Freude, Ihnen jetzt eine günstige Nachricht bringen zu können.«
»Mir? - die russische Polizei?«
»Fräulein von Marowska, der Director des Hospitals hat den Behörden angezeigt, daß Sie völlig wieder hergestellt sind. Ich bin hierher gekommen ...«
Sie unterbrach ihn. »Um mich aus dem Spital in's Gefängniß zu führen!«
»Nein - um Ihnen anzuzeigen, das Sie frei sind!«
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»Frei!« Der Aufschrei kam aus ihrer tiefsten Brust, - aber bald unterdrückten ihre Gedanken das freudige Gefühl. »Um welchen Preis mein Herr?« sagte sie mit kaltem Hohn. »Ich bin eine Polin, mein Herr Kommissar, oder was Sie sonst sind, - wenigstens hörte ich Sie damals von Ihren Schergen so nennen. Eine Polin ist keine Verrätherin! - führen Sie mich in's Gefängniß!«
»Sie mißverstehen mich Fräulein - ich habe Ihnen Ihre Freiheit anzukündigen, ohne jede Bedingung! Die Untersuchung gegen Sie ist niedergeschlagen.«
Die Worte waren so ernst und würdig gesprochen, daß sie zweifelnd zu ihm emporsah.
»Sie dürfen mir glauben, auf mein Ehrenwort! Ich bin damals die Ursache gewesen, daß Ihnen so Schlimmes zugefügt wurde, - ich habe mir als eine Art Genugthuung den Auftrag zu verschaffen gewußt, Sie der Freiheit und Ihren Freunden wiedergeben zu können.«
»Meinen Freunden?!« Der Ausdruck, mit dem sie diese Worte ausstieß, hatte etwas so Bitteres, Menschenfeindliches, daß er tief in ihr Herz sehen ließ. »Mein Herr, - ich habe keine Freunde! ich habe nur noch ein Vaterland!«
Der lebenserfahrene Beamte begriff, was in diesem jungen enthusiastischen Herzen vorgegangen war, - daß sie sich während der langen Stunden und Tage des Leidens ohne jedes Zeichen der Theilnahme an ihrem traurigen Geschick, - verlassen von Allen gefunden hatte, um deren Rettung sie damals sich heroisch zum Krüppel gemacht,
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die tiefe menschenfeindliche Bitterkeit, die sich ihres Gemüths bemächtigt hatte.
»Ich rede nicht von solchen Freunden, wie Ihr angeblicher Geliebter, der Student Asnik,« - sie zuckte wegwerfend die Achsel, - »denen Sie fast Ihr junges Leben zum Opfer gebracht und vor denen ich Sie ernstlich warnen müßte, - ich rede von Ihren älteren verständigeren Freunden und Verwandten.«
»Ich habe keine Verwandten, mein Herr!«
»So werden Sie doch Personen haben, denen Sie nahe gestanden, mit denen Sie befreundet waren, ehe Sie aus mißverstandener Vaterlandsliebe sich zu einem, - ich kann Ihnen nicht ersparen, es offen zu sagen, - verbrecherischen Treiben verleiten ließen und von dem Sie sich losreißen müssen, wenn Ihr ferneres Schicksal nicht ein noch traurigeres sein soll.«
Sie richtete ihre abgemagerte Gestalt stolz empor und sah ihn fast feindselig an. »Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich habe weder Freunde noch Verwandte, - und will keine haben! Wenn es Ihr Amt war, mir die Freiheit anzukündigen, ein Geschenk, von dem ich in der That nicht weiß, wie ich dazu komme, - so lassen Sie mir die Thür dieses Hauses öffnen und mich gehen, ohne sich weiter um mich zu kümmern!«
»Das wäre sowohl gegen meine Pflicht, wie gegen mein Gefühl. Sie können wohl denken Fräulein, daß die Behörde für Ihre Freilassung eine gewisse Garantie Ihres künftigen Verhaltens fordert, daß sie wissen will, wohin Sie sich wenden werden.«
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Sie sah finster vor sich nieder, - dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie die Hände vor das Gesicht schlagen, und als diese Bewegung sie daran erinnerte, daß ihr der Arm fehle, erbebte ihr ganzer zarter Körper und ein schmerzliches Stöhnen wand sich aus ihrer gequälten Brust.
Der Kommissair fühlte das tiefste Mitleid mit der Aermsten. »Fassen Sie Muth, Fräulein,« sagte er, - »ich darf Ihnen sagen, daß Sie doch nicht so ohne Freunde sind, daß ich wenigstens Einen kenne, von Denen, für die Sie sich damals geopfert haben, der Ihnen im Herzen Dank bewahrt hat und an Ihrem Schicksal Antheil nimmt.«
Das Mädchen blickte ihn überrascht, fragend an. »Ich meine nicht den Schelm Asnik, für dessen Geliebte Sie sich auszugeben für gut hielten, - eine Ehre, die der Mensch nicht werth gewesen, - ich meine ...«
Er hielt einen Augenblick inne, sie scharf beobachtend, - ihr blasses Gesicht begann sich zu röthen, - ihr sonst so feindseliges, blitzendes Auge fast einen bittenden, ängstlichen Ausdruck anzunehmen.
»Den Grafen Hypolit Oginski!«
Jetzt schoß das Blut in ihr Antlitz, - sie faßte, wie sich selbst vergessend den Arm des Beamten. - »Bei der Mutter Gottes, Herr - so ist er verhaftet, so ist er dennoch gefangen, - vielleicht schon gerichtet? O Herr, - ich beschwöre Sie!«
»Beruhigen Sie sich, Fräulein von Marowska, - wenn Sie an dem Herrn Grafen Oginski Theil nehmen,
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so darf ich Ihnen sagen, daß derselbe, obschon sehr des Hochverraths gegen die Regierung verdächtig, sich doch noch auf freiem Fuße befindet und es auch hoffentlich bleiben wird, obschon ich fürchte, daß er sich - um Ihretwillen der Gefahr ausgesetzt hat, verhaftet zu werden.«
»Um meinetwillen?«
Ihre bisherige Bitterkeit, ihr Trotz schien geschwunden zu sein, wie der Schnee vor der Sonne bei dieser Nachricht, die Gefühle, die sie im innersten Schrein ihres Herzens verschlossen, deren Dasein sie selbst gefürchtet und sich abgeleugnet hatte, plötzlich an das Licht emporschießen ließen.
»Ich fürchte, - es geht eigentlich gegen meine Amtspflicht, darüber zu sprechen, daß Graf Oginski um Ihretwillen im Geheimen nach Warschau gekommen ist, von dem er besser fern geblieben wäre, und daß wahrscheinlich seinem geheimen Betreiben die Niederschlagung der Untersuchung gegen Sie und Ihre Freilassung zuzuschreiben ist.«
Ihre schönen glänzenden Augen wandten sich nach Oben, eine Thräne schimmerte in ihnen.
»Herr, - Herr! Sie haben mir den Glauben an die Menschen wiedergegeben. Aber Herr, - wenn Sie mich täuschten, - wenn Sie mir zu irgend einem Zweck das Zugeständniß ablocken wollten, daß ich diesen Mann kenne, - vielleicht um sein und mein Verderben zu bereiten ... wie sonst könnten Sie auch wissen -[«]
Er unterbrach sie, indem er ihre widerstrebende Hand nahm. »Ich habe Ihnen bereits vorhin gesagt, Fräulein, daß auch ein Polizeibeamter, der streng seine Pflicht
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erfüllt und nachsichtslos die Feinde der Ordnung und seines Kaisers verfolgt, doch ein Herz für seine Opfer haben kann. Ich habe durch eine seltsame Verkettung von Umständen den Mann, der Ihnen solche Theilnahme eingeflößt hat und sichtlich noch einflößt, an jenem Abend gesehen und weiß längst, daß er es war, der durch Ihr heldenmüthiges Opfer uns entkommen ist; ich bin ihm vor Kurzem wiederbegegnet, in einer Situation, wo die Macht nicht in meinen Händen war, und wo er mir selbst das Leben gerettet hat, und ich weiß jetzt, daß er an Sie dachte, als er von einer Ehrenpflicht sprach, um einer Dame willen nach Warschau zu gehen, und daß er seit drei Tagen sich hier am Eingang des Spitals nach Ihnen erkundigt hat.«
Sie preßte die Hand auf das Herz, dessen heftiges Klopfen man fast sehen konnte. Einige Augenblicke stand sie so, - dann sagte sie einfach: »Was beschließen Sie über mich?«
»Wohin wollen Sie sich von hier begeben?«
»Zunächst Herr, zunächst in die Kirche! Nur ...« sie warf einen zögernden Blick auf ihren Spitalanzug.
»Ich verstehe. Ich werde Ihnen einen Mantel, von einer der Beamten-Frauen geliehen, verschaffen, bis Sie selbst bestimmen, wohin Ihnen Ihre in Ihrer damaligen unglückseligen Wohnung natürlich confiscirten Sachen gesandt werden können. Sie werden augenblicklich mittellos sein, - ich lebe freilich nur von meinem Gehalt und habe davon eine Familie zu ernähren, aber es würde mir eine Freude sein, wollten Sie - als Darlehn -
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eine kleine Summe von mir annehmen, wie meine Verhältnisse erlauben, Ihnen anzubieten.«
Sie schüttelte den Kopf. »Mein Herr, - ich danke Ihnen aufrichtig, aber es geht nicht.«
»Aber mein Kind, wo wollen Sie denn Unterkunft suchen? Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Warschau in diesem Augenblick sich in einem nicht grade sehr ruhigen Zustande befindet. Haben Sie denn gar keine Verwandten hier, anständige, solide Leute, denen ich Sie anvertrauen könnte?«
»Ich habe keine Verwandten am Leben, ich bin eine Waise und darauf angewiesen, mich selbst zu ernähren.«
»Das ist schlimm. Sind Ihre Eltern schon lange todt, haben Sie Ihnen keinen Schutz hinterlassen?«
»Mein Vater ist deportirt worden und vor zehn Jahren in Sibirien gestorben. Meine Mutter verlor durch die Subhastation unseres kleinen Gütchens seitens der jüdischen Hypotheken-Gläubiger all unsere Habe, nachdem ihr einziger Bruder, der Kollegienrath Wysocki ermordet worden. Ohnehin hätten wir verschmäht, uns an ihn um Beistand zu wenden, da er ein Abtrünniger und ein Feind meines Vaters war. So zogen wir nach Warschau und nährten uns von unserer Hände Arbeit, bis auch meine Nutter vor zwei Jahren dem Gram und dem Elend erlag. Seitdem stand ich allein mit meinen Sorgen und - meinem Haß!«
»Es ist traurig und erklärt so Manches! - Aber wir müssen zu einem Entschluß kommen. Wissen Sie
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Niemand, zu dem Sie sich unverdächtig auf einige Tage zurückziehen könnten?«
Sie sann einige Augenblicke nach, dann sagte sie zögernd: »Ich kenne eine einzige Dame in Warschau, mit der meine Mutter noch aus ihrer glücklicheren Zeit zuweilen in Verkehr stand und die uns stets Wohlwollen bezeigte und mich aufforderte, mich an sie zuwenden.«
»Wollen Sie mir den Namen nennen?«
»Die Frau Räthin Krautowska, - ihr Mann ist bei der Justiz-Kommission angestellt und sie hat zwei Töchter, die in einer Pension in der Schweiz sind.«
»Und in diesen Tagen zurückkehrten,« sagte der Kommissar ganz vergnügt über die gefundene Auskunft. »Die Adresse ist vortrefflich und wenn Sie in diesem Hause, und sei es auch nur für die nächsten Tage, Aufnahme gefunden haben, so ist Ihre Zukunft geborgen. Der Rath steht mit Recht im Rufe eines ausgezeichneten Juristen und loyalen Mannes und die Räthin ist eine sehr ruhige verständige Dame.«
Wanda sah den Kommissar etwas erstaunt an, aber sie schwieg.
»Und nun gestatten Sie mir,« fuhr der Beamte fort, »mich einige Augenblicke zu entfernen, um für die nöthige Kleidung zu sorgen. Wenn Sie Sachen haben, die Sie mitzunehmen wünschen, mögen Sie dieselben unterdessen zusammenpacken und hierher bringen lassen.«
Damit empfahl er sich und das Mädchen blieb allein, um über die überraschende Wendung nachzudenken, die soeben ihr Schicksal erfahren hatte. -
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Während dies im Innern des Spitals geschah, hatten sich andere Dinge auf dem Platz vor demselben zugetragen, die ebenso bestimmt waren, in ihr Leben einzugreifen.
Wir wissen, daß den beiden Polizeidienern der Mann im Mantel und in der Militairmütze nicht unbemerkt geblieben war, welcher dem Knaben Janko die Schwinge abgekanft und den Inhalt derselben in den Schnee geschüttet hatte.
Der Mann ging mit festem klirrenden Schritt über den Platz hinweg und wandte sich nach den Anlagen, die hier das Hospital von der Bracka trennen. Wir haben bereits erwähnt, daß das Spital zugleich das warschauer Findelhaus enthält, ein vortrefflich eingerichtetes Institut, das der Stadt zum Segen gereicht und schon manche schlimme That verhindert hat.
Wir haben schon in einem früheren Buch unsere Meinung über den Nutzen und die Nothwendigkeit solcher Anstalten ausgesprochen, die nur von einer pietistischen Prüderie verleugnet werden können. Fast alle Hauptstädte Europa's mit Ausnahme des grade auf seine Humanität und seine vorgeschrittene Intelligenz so sehr pochenden Berlin besitzen sie längst und überall hat sich ihr Nutzen bewährt.
Die Erfahrung lehrt, daß grade aus der Uebertreibung religiöser Strenge Auswüchse hervorgehen, deren Lehren und Zwecke zum vollsten Gegentheil der Moralität führen.
Wenn die Stifter der berüchtigten Sekte der königsberger Mucker frugen: welches ist die verbreitetste Sünde? und zu der Antwort kamen: die fleischliche Lust, die -
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ungesetzliche Befriedigung der Geschlechtstriebe! und zum Kampf gegen diese Sünde, zur Besiegung dieser dem Menschen angeborenen Triebe ein System von Lehre und Mitteln schufen, das an Scheußlichkeit die widrigsten Orgien eines Bordells überbot! - wenn das Wiederauftauchen der »Adamiten« bewiesen hat, zu welchem Wahnsinn die erhabensten Lehren der Religion mißbraucht werden können! - wenn wir von der Unnatur der Sekte der Skopcen gehört haben, - wenn wir wissen, daß selbst in Deutschland reiche und hochangesehene Familien durch einen unnatürlichen kirchlichen Zwang auf das Aussterben verwiesen sind! - wenn die staatliche Gesetzgebung, mit Recht das Institut der Ehe schützend und an die Spitze ihrer Einrichtungen stellend, doch längst alle die absurden mittelalterlichen Strafen gegen die uneheliche Zeugung über Bord geworfen hat! - wenn täglich aufs Neue der Kampf gegen das Cölibat der Priester entbrennt, und die Klöster, trotz der vielen Wohlthaten, die in ihnen liegen, hauptsächlich darum verhaßt und verfolgt worden sind, weil die öffentliche Meinung sie zum Vorschub geheimer Frivolitäten stempelte! - wenn endlich die Gesetze den Kindesmord nicht als Mord bestrafen! - dann sollte man doch wirklich eine bürgerliche Berechtigung jenen Zufluchtstätten zuerkennen, die wahrlich nicht dazu da sind, die Heiligkeit der Ehe zu ruiniren, oder das Volk sittenloser zu machen, als es die von Gewerbefreiheit und polizeilicher Concession geschützten Tingeltangel und Cancanlokale thun, - sondern dazu, armen Frauen, die Jugend und Mut oder das Elend zu einem Straucheln auf der sehr glatten
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Bahn der Keuschheit gebracht, ein wirkliches Verbrechen: den Mord oder Selbstmord oder lange Jahre voll Kummer und Noth zu ersparen! - sondern dazu, den oft schweren Druck der gesellschaftlichen Schranken ertragen zu helfen und selbst gar oft den Frieden der Ehe zu erhalten.
Man mißverstehe uns nicht: wir sind weit entfernt, eine Berechtigung der freien Liebe oder gar eine Privilegirung der Sinnenlust vertheidigen zu wollen, - aber wir werden uns aufrichtig freuen, wenn einmal die Hauptstadt des mächtigen Deutschen Reiches, die Hauptstadt der Intelligenz in einem Findelhause nicht mehr eine Anstalt zur Unterstützung der Unsittlichkeit, sondern einen nothwendigen und wahren Akt der christlichen Nachsicht und Nächstenliebe, der Humanität sehen wird.


An dem Ausgang einer der Querstraßen, die auf den Spitalplatz sich öffnen, hielt ein bedeckter Fiaker-Schlitten. Der Mann im Mantel trat an denselben heran, öffnete das Seitenleder und legte die Schwinge auf den Rücksitz. »Hier bringe ich Etwas, Josepha,« sagte er leise in französischer Sprache, damit der Fiaker-Kutscher ihn nicht verstehen sollte. »Da Du nun einmal darauf bestehst, es selbst zu thun, wird es Dir das Tragen erleichtern. Aber fühlst Du Dich auch kräftig genug, Herzchen?«
»Ich werde die Kraft haben, - hab' ich doch zu so Vielem die Kraft haben müssen.«
Es war eine Frauenstimme, die dem Fragenden geantwortet, sie klang angegriffen und schmerzlich und ein
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eigenthümlicher Ton, wie das leise Weinen eines Kindes klang dazwischen.
Der Mann im Mantel hustete laut, wie um es zu übertönen. Dann sagte er: »Rasch nun Josepha, - pack es ein mit dem Bettchen, lege Alles, was Du mitgeben wolltest dazu und decke das Tuch darüber, - dann gieb es her. Ich nehme den Korb unter den Mantel, bis der Schlitten fort ist.«
Zwei zarte Hände im Innern waren geschäftig, dazwischen klang immer wieder das leise Weinen. Dann reichten die Hände einen korbartigen, in ein dunkles Tuch geschlungenen Gegenstand heraus, den der Mann unter den weiten Mantel barg.
»Kannst Du ohne Hilfe aussteigen?«
»Es muß gehen!« ein in eine weite Pelzcapotte verborgenes zartes sehr bleiches Gesicht erschien in der Schlitten-Oeffnung und schaute sich ängstlich und sorgsam um, dann folgte in langsamen vorsichtigen Bewegungen die in einen weichen kostbaren Pelz gehüllte schlanke Gestalt einer jungen Dame. Als sie auf dem Boden stand, öffnete sie die während des Aussteigens fest zusammengepreßten Zähne und that einen tiefen Athemzug.
»Gieb es mir wieder!«
Der Mann reichte ihr den Korb, dann trat er zu dem Kutscher und reichte ihm ein Silberstück. »Da, - noch ein Trinkgeld! und nun fort mit Dir!«
»Kann ich nicht warten, Euer Gnaden?«
»Nein! - fahr zurück - wo Du hergekommen bist, Du bist dafür bezahlt. Paszol!« Der Fiaker begnügte
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sich mit einem leichten Kopfschütteln, hieb auf die Pferde und der Schlitten flog davon.
Der Mann trat wieder zu der Dame. »Es war wirkliche Thorheit Josepha, bei Deinem Zustande! Warum hast Du es nicht die Frau hertragen lassen, oder eine andere Person. Mit Geld erkauft man stets das Schweigen.«
»Nein Constantin, - um keinen Preis! - ich trenne mich nicht von ihm, bis zum letzten Augenblick. Ich muß es selbst sehen, daß man es aufgenommen hat.«
»Wir hätten zehn Mal besser gethan, eine Amme zu nehmen und es mit ihr in eine entfernte Gegend auf's Land zu schicken,« murmelte er grollend.
»In dieser Jahreszeit! Nein, Constantin, sage mir Nichts dagegen, wie ich es beschlossen habe. Ich habe Dir ja so viel geopfert, so viel gelitten - nun laß mir wenigstens diesen Lohn. Hier, im Besuch dieser barmherzigen Anstalt, dessen sich alle Damen Warschaus unterziehen, kann ich es immer von Zeit zu Zeit sehen, wenn - ich es überstehe!« Sie flüsterte die letzten Worte unhörbar.
»Aber so solltest Du wenigstens mich es an Ort und Stelle legen lassen, indem Du zur Kirche fährst, wo Lodoiska Dich erwarten will. - Du bleibst hier und ich bringe Dich auf den Platz - es stehen Fiakers dort.«
»Nein, nein Constantin, ich muß es selbst thun, ich hätte keine Ruhe sonst! Die heilige Jungfrau hat mir bis hierher geholfen, indem sie die Mutter grade auf das Gut reisen ließ, kaum wäre es sonst möglich gewesen,
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mein Unglück zu verbergen. Aber Du weißt, daß sie morgen früh zurückkehrt, sie will während des Grochow-Tages in Warschau sein.«
»Die ganze Verheimlichung ist eine Thorheit, Josepha. Was geschehen ist, ist nicht zu ändern. Ich habe Dir angeboten, zu Deinem Vater zu gehn und offen um Deine Hand anzuhalten. Eine rasche Trauung hätte Alles gut gemacht. Deine Mutter hätte sich fügen müssen.«
»Niemals, - ihr Fluch hätte mich bis übers Grab verfolgt! Niemals würde sie zugeben, daß eine ihrer Töchter einen Russen heirathet. Du weißt, welche Scene es schon gegeben hat, daß Du Eingang in unser Haus fandest, den man Dir doch nicht wehren konnte. Nein Constantin, - ich war schwach gegen Dich aus Liebe, aber den Fluch einer Mutter kann ich auch um Deinetwillen nicht auf mich laden. Bedenke, daß er jetzt nicht uns allein treffen würde.«
Der russische Offizier murmelte eine Verwünschung. Dann sagte er: »So eile Dich wenigstens, Du kannst unmöglich hier in der Kälte stehn bleiben, wo alle Augenblicke Menschen vorübergehen müssen. Ich werde hier warten auf Dich, damit Dir Nichts passirt, und Dich dann zu einem Wagen bringen und zur Kirche begleiten.«
»Auch das nicht, - wir könnten gesehen werden, und Du kennst außerdem Lodoiska. Du weißt, daß sie denkt und fühlt wie die Mutter und Dich des Geschehenen willen noch besonders haßt. Nur ihre große Liebe zu mir hat sie vermocht, mir in meinem Unglück beizustehen.«
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»Die sittsame künftige Klosterschwester!« sagte ingrimmig und höhnisch der Russe.
»Schmähe sie nicht, Constantin, sie war eine bessere Polin wie ich und gewiß eine treue Schwester. - Und nun, mein Geliebter, mein Gatte - lebe wohl, damit meine Kraft ausreiche. Ich bitte Dich, zieh mir den Schleier vor's Gesicht.«
Er küßte sie über den Korb hinweg und hüllte den dichten schwarzen Schleier ihr noch um den Kopf. »Wann sehe ich Dich wieder, wann höre ich von Dir?«
»Sobald es sein kann! Leb' wohl! leb' wohl!« Sie verschwieg ihm die Härte der jüngeren Schwester, die nur unter der Bedingung ihren Beistand zugesagt, daß sie dem Geliebten entsagen müsse.
Die junge Dame schwankte mit ihrer leichten Bürde über den Schnee in den Winternebel hinein, - er sah noch, wie sie allmählich ihre Kräfte zusammenraffte und ihr Schritt fester und rascher schien. Die Arme unter dem Mantel gekreuzt schaute er ihr finster nach. »Verdammt sei die ganze Geschichte,« murmelte er, - »wenn sie trotz aller Vorsicht herauskommen sollte, kann ich nur meinen Abschied nehmen und meiner Carrière Adieu sagen. Ich kenne darauf den Zaren.«
Er folgte ihr langsam in weiter Entfernung, um für jeden Fall bei der Hand zu sein.
Die junge Mutter, die von den Verhältnissen zu einem so traurigen Entschluß gedrängt war, ging unterdeß auf jene Seite des Spitals zu, an der sich die Anstalt zur Aufnahme der Findlinge, und in einer Art Loggie
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die einfache Maschinerie befindet, durch deren Drehung das eingelegte Kind nach dem gegebenen Zeichen in das Innere des Hauses befördert wird, wo stets ein paar Frauen anwesend sind, - ohne daß sie von hier aus die Person sehen können, die ihnen das traurige Geschenk bringt.
Jetzt endlich hatte sie den kleinen offenen Raum erreicht und sah sich nochmals scheu und flüchtig um. Sie war allein, nur in einiger Entfernung sah sie unklar im Nebel einen Mann im Mantel stehen - es mußte ihr Geliebter sein, der ihr trotz des Verbotes sorgend gefolgt war. Rasch trat sie jetzt zu der verhängnisvollen Stelle, entfernte den Schleier vom Gesicht und zog das verhüllende Tuch von dem Korbe, in dem man nun ein warmes Kissen und darin sorgfältig verpackt ein kleines, kaum zwei Tage altes Kind hätte erblicken können. Mit heißen Thränen überströmte die junge unglückliche Mutter das unschuldige Wesen und drückte wiederholt ihren Mund auf sein kleines Gesicht. Dann - sich gewaltsam ermannend, - verhüllte sie es wieder sorgsam, that die zwei Schritte bis zu der verhängnißvollen Nische und setzte den Korb hinein. Ihre Hand suchte zitternd den Griff des Glockenzugs - ein Ruck daran - der Klang der Glocke verkündete den Wärterinnen die Ankunft eines neuen Pfleglings, langsam drehte sich die Maschine und der Korb verschwand im Innern.
Die junge Mutter preßte die Hände vor die überströmenden Augen und taumelte zurück. Sie wollte sich abwenden und forteilen, - aber die mißhandelte Natur
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forderte ihr Recht, ihre Kräfte verließen sie vollständig, sie that noch zwei Schritte weiter, und mit einem Schrei sank sie ohnmächtig zu Boden.
Im nächsten Augenblick hatten sie zwei starke Arme umfaßt und hoben sie auf. Der Fall, die Bemühung sie zu unterstützen, hatten die Kapuze der Aermsten zurückgeschoben. Den Schleier hatte sie ohnehin noch nicht wieder vor das Gesicht ziehen können, und der Blick des Helfers fiel auf dasselbe, das von dem rothgelben Schein der nächsten Gaslaterne genügend erhellt war, um es zu erkennen.
Einige Augenblicke suchte der Mann in seinen Erinnerungen - dann fuhr es wie ein Blitz durch dieselben und er stieß unwillkürlich die Worte aus:
»Gott im Himmel, - ich täusche mich nicht, es ist die Comtesse Josepha Dembinska! - und in dieser Situation!«
Eine Hand schüttelte wild seinen Arm. »Das kostet Ihr Leben Herr!«


Der Kommissar Droszdowicz hatte für seinen Schützling bei einer der Beamtenfrauen des Spitals einen alten Mantel aufgetrieben und brachte ihr denselben. Sie hatte jene Kleinigkeiten aus der Zelle, welche sie seither bewohnt hatte, geholt, die sie als Geschenk der Aerzte oder als Andenken an ihre Pflegerinnen für ihr Eigenthum nehmen durfte, - waren so[l]ches doch nicht einmal die Kleider, die sie trug! - und die noch kein Taschentuch füllten. So führte sie der Kommissar, nachdem sie sich von dem
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Direktor verabschiedet, der sie stets wohlwollend behandelt hatte, aus dem Portal.
Bei all' seiner Humanität war der Kommissar doch zuerst Beamter und hatte vor Allem die Zwecke seines Amtes im Auge. Er blieb deshalb mit dem Mädchen einige Augenblicke auf den erhöhten Stufen des Portals stehen und sandte seine Blicke forschend über den Platz.
»Nun Fräulein von Marowska,« sagte er laut, - »ist es Ihnen gefällig? - He - Du - Kleine da! Ruf ein Mal einen Fiaker hierher! nach der Paulinow!«
Es war Janko, dem der Ruf galt und die kleine verkleidete Bettlerin gehorchte aufs Eiligste.
Aber eben als die Droschke herankam, in deren Schutz sich der verschmitzte Bube wieder heranschlich, eilten die zwei Polizeidiener herbei.
»Pan Komissarz! Pan Komissarz! eine wichtige Entdeckung!«
»Was giebt's? - Einen Augenblick mein Fräulein, ich stehe sogleich zu Ihren Diensten. - Hierher Leute, was giebt es? habt Ihr ihn?«
»Er soll uns nicht entgehn! Es ist sicher derselbe, der die Plakate verbreitet. Sehen Euer Gnaden, wie geschickt! - In ausgehöhlten Apfelsinen! Wir haben einen ganzen Haufen gefunden.«
Und der Scherge zeigte seinem Vorgesetzten mehrere der Früchte, deren Inhalt, indem man sie auseinander brach, die berüchtigte Einladung an das Volk zur Versammlung am nächsten Abend um 5 Uhr auf dem Alten Markt war.
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»Hier auf dem Platz habt Ihr die Apfelsinen gefunden?«
»Ja Pani, Stefan Stefanowitsch glaubt sogar gesehen zuhaben, daß ein Mann im Mantel sie dorthin geworfen. Es ist sicher der Bursche, der schon lange hier umherstrich.«
»Warum habt Ihr ihn nicht gefaßt?«
»Wir waren unserer Sache nicht ganz sicher, - wir warteten auf Deine Befehle, Väterchen.«
»Dummköpfe! - Die Körbe aller Apfelsinen-Händlerinnen in den Straßen und Kneipen müssen sofort untersucht werden. - Wo ist der Mann hin?«
»Dort nach jener Seite. - Pawlowitsch und der schiefe Cyrill halten dort Wache.«
»Ruft noch zwei Eurer Kameraden herbei. Einen Augenblick, dann wollen wir gleich den Herrn Apfelsinenhändler uns bei Licht besehen.« - Er trat zu dem Mädchen, das noch immer vor dem Portal auf ihn wartete. »Fräulein von Marowska, ein unangenehmer Zwischenfall, wie er so oft unsere Zeit in Anspruch nimmt, verhindert mich augenblicklich, Sie zu begleiten. - Bitte, steigen Sie ein und fahren Sie nach der Pauliner Kirche. In deren Nähe wohnt der Rath Krauter. Wenn Sie mich in der Kirche erwarten wollen, werde ich selbst Sie zu ihm führen ober Ihnen ein anderes vorläufiges Unterkommen verschaffen. In einer Stunde spätestens bin ich bei Ihnen.« Er bezahlte den Kutscher, hob das Mädchen rasch in den Wagen, dann kehrte er zu seinen Leuten zurück, die sich unterdeß auf Vier vermehrt hatten.
»Wann habt Ihr zuletzt den Verdächtigen gesehen?«
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»Vor kaum zehn Minuten. Der Bursche scheint sich darin zu gefallen, fortwährend um das Spital zu wandern.«
»Gut, - so gehen zwei von Euch auf jener Seite ihm nach, - wir auf dieser Seite ihm entgegen. Ihr habt doch keinen Lärmen gemacht wegen des Fundes?«
»Bewahre Väterchen!«
»Also vorwärts!«
Sie waren kaum hundert Schritte gegangen, als ihnen von der Seite des Findelhauses her eine hohe Männergestalt im langen Mantel, den Kragen hoch emporgeschlagen, aus dem Nebel entgegen kam.
»Der ist's Väterchen, ich schwöre es Dir. Auf ihn!«
»Halt!« - Der Kommissar stellte sich dem Fremden in den Weg. »Einen Augenblick mein Herr!«
»Was soll's?«
»Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mehr solcher Früchte von etwas gefährlicher Süßigkeit zu verkaufen haben?« und indem er ihm eine der Apfelsinen vorhielt, legte er die Hand auf die Schulter des Fremden, - zugleich näherten sich die beiden Polizeidiener wie zwei Doggen, die nur auf den anhetzenden Ruf warten, um ihrem Opfer an die Kehle zu springen.
»Ich glaube, Sie sind närrisch! - was wollen Sie von mir?«
»Sie bitten, ohne Widerstand mit mir zu gehen.«
Der Kommissar, der auf den ersten Blick erkannt hatte, daß er es hier nicht mit dem Studenten Asnik zu thun habe, der eine weit unansehnlichere Figur hatte, glaubte doch einen anderen Fang gemacht zu haben.
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»Und wenn ich mich weigere?«
»So wird man Sie dazu zwingen. Ich bin der Polizei-Kommissar Droszdowicz!«
»Und ich der Kapitain Fürst Ylinski, Adjutant Seiner Hoheit! Ich dächte Herr, Sie hätten mich oft genug gesehn, um mich zu kennen.« Er schlug den Kragen seines Mantels zurück.
Der Kommissar prallte einen Schritt zurück. »Verzeihung Durchlaucht,« stotterte er verlegen, »gewiß habe ich die Ehre, Sie zu kennen. Es ist eine unglückliche Verwechselung, veranlaßt von diesen Dummköpfen da.«
»Halten zu Gnaden, Herr,« wagte der ehemalige Grenzjäger im Aerger über seine geschmähten Fähigkeiten zu murren, »ich habe es ganz deutlich gesehen, daß der Herr - ich kenne ihn an seiner Mütze wieder! ...«
»Was?«
»Daß der Herr die Apfelsinen in den Schnee warf.«
»Apfelsinen?«
»Ja Herr, - ich sah es, wenn Sie auch jetzt sagen, daß Sie ein Fürst sind.«
»Sukiensyn! Wer hat es denn schon geleugnet?« frug lachend der Offizier.
»Vergebung Durchlaucht, - aber Sie haben die Apfelsinen drüben auf dem Platz fortgeworfen?«
»Gewiß! - oder sollte ich sie etwa in der Tasche herumschleppen?«
»Durchlaucht halten zu Gnaden, hier muß ein doppelter Irrthum vorliegen. Darf ich fragen, woher Sie die weggeworfenen Apfelsinen hatten?«
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»K tschortu! ist es in Warschau nicht mehr erlaubt, einer Bettlerin aus Mitleid ihren Kram abzukaufen? - Ich kaufte sie vorhin auf dem Platz von einem solchen Mädchen, wie ihrer hundert umherlaufen.«
»Dem Unfug,« sagte der Beamte ärgerlich, »soll noch heute ein strenges Ende gemacht werden. Durchlaucht wollen sich selbst überzeugen, was diese Apfelsinen enthalten.« - Er öffnete die vorgezeigte. »Ein Plakat der geheimen revolutionairen Propaganda.«
Der junge Offizier lachte. »Wahrhaftig - das ist drollig! Nummer Zwei! Es müssen verteufelt schlaue Kerle sein, lieber Kommissar. Ich hörte schon gestern Abend auf der Soirée des Fürsten-Statthalters, daß sie die Kosaken meines Kameraden und Standesgenossen, des Fürsten Barinski zum Anschlagen benutzt haben, - nun muß es auch mir passiren, daß ich zur Verbreitung helfe. Daß es ohne Wissen und guten Willen geschehen, lieber Kommissar, das werden Sie mir wohl auf Wort glauben und mich nicht weiter aufhalten.«
»Bitte Durchlaucht, - ich sehe leider, daß ich dupirt worden bin und mir vielleicht die Gelegenheit, dem Staat einen wichtigen Dienst zu leisten, entgangen ist!«
»Wenigstens,« sagte spöttisch der Fürst, »müssen Sie mir danken, daß ich Sie da auf eine Spur gebracht habe. Die Wetterhexen! Wenn ich wie Sie wäre, ich ließe die kleinen Dirnen samt und sonders auffangen. Auf Ehre, - ich habe schön einige recht hübsche darunter bemerkt! - Da Ihr Schelme,« und er warf den beiden Polizeidienern einige Geldstücke zu, - »trinkt auf meine
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Gesundheit! Und nun Adieu, ich muß noch Toilette machen, es ist heute Empfang beim Markgrafen!«
Er ging lachend davon. - -
Es war kurz vorher ein Auftritt voran gegangen, bei dem es ihm nicht so launig zu Muthe war! -
Die Hand, die sich auf den Arm des Mannes gelegt, der so zufällig der jungen unglücklichen Mutter zu Hilfe gekommen war, wurde rasch von ihm abgeschüttelt.
»Wer sind Sie - was wollen Sie?«
»Sie kennen diese Dame? Sie haben gesehn, was geschah?«
»Und wenn das wäre - soll ich eine Unglückliche vielleicht hier hilflos sterben lassen, wie Andere herzlos gethan? - Kommen Sie, helfen Sie mir dieselbe weiterbringen, vielleicht zu einem Wagen in der Nähe. Ich begreife, daß man sie hier nicht sehen darf. Ist sie in Sicherheit, stehe ich Ihnen zu Diensten.«
Der Sprecher hatte leicht begriffen, daß der Andere der Geliebte, der Verführer der jungen Dame sein mußte. Der versteckte Vorwurf, der in seinen Worten lag, hatte übrigens getroffen; der auf den schwachen Hilferuf der Armen Nähergetretene half schweigend dem ersten Helfer, der umsichtig den Schleier wieder um das Gesicht der Dame hüllte, während er dabei die Schläfe der Ohnmächtigen mit Schnee rieb, ihren Körper emporheben und ihn forttragen nach der Seite hin, woher er gekommen war.
Endlich brach er das Schweigen. »Mein Herr, ich sehe, daß ich es auf jeden Fall mit einem Gentleman zu thun habe, - darf ich um Ihren Namen bitten?«
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»Ich nehme keinen Anstand, Ihnen denselben zu sagen, obschon ich glaube, mit einem russischen Herrn zu thun zu haben und ich ein Ausgewiesener bin. Mein Name ist Hypolit Graf von Oginski und Sie werden meine Adresse stets bei dem Herrn Markgrafen Wielopolski erfahren.«
»Verzeihen Sie, daß ich dies Vertrauen vorerst nicht erwiedern kann. Darf ich fragen woher Sie die Dame kennen?«
»Es war die augenblickliche Eingebung der Erinnerung. Ich kannte sie und ihre Schwester nur als Kinder, vor zehn Jahren, als ich Kadet und viel im Hause ihrer Eltern war. Gott sei Dank, sie erholt sich - sie kommt zu sich. - Wenn ich nicht irre, kommt dort drüben ein Fiaker.«
In der That schien die junge Dame aus ihrer Ohnmacht zu erwachen - ein tiefer Seufzer schwellte ihre Brust, Sie machte eine Bewegung, als wolle sie auf ihren Füßen stehen.
»Jesus Maria, - was ist mit mir geschehen? ich muß fort, ich muß fort! -«
»Beruhige Dich theure Josepha,« flüsterte der Russe. »Du bist bei Freunden, - erschrick nicht, auch dieser Herr ist ein Freund und Dein Geheimniß gesichert.«
Sie richtete sich aus den Armen der beiden Männer empor, sie sah wild und ängstlich um sich.
»Wer ist er? Laß mich fort Constantin, - ich werde Kraft haben!«
»Um keinen Preis!«
In diesem Augenblick zupfte eine kleine zerlumpte
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Bettlerin, die im Nebel umhergespäht hatte und sich an die Gruppe drängte, den Grafen am Mantel.
»Die Sie suchen ist fort, Herr - aber man sucht Sie selbst, die Polizei fahndet auf einen Herrn im Mantel; geben Sie mir das Kleidungsstück und machen Sie, daß Sie fortkommen. Sie müssen gleich hier sein!«
»Dann allerdings, Herr - muß ich die Dame Ihrer Hilfe allein überlassen. Leben Sie wohl, Fräulein und erinnern Sie sich mit Vertrauen eines Jugendfreundes.«
»Nein, Herr Graf, - bleiben Sie. Es giebt ein Auskunftsmittel für uns Beide. He Dirne, lauf und hole den Fiaker, der dort eben gehalten hat hierher! Doppeltes Fahrgeld!«
Janko flog wie ein Blitz davon, in der nächsten Minute schon klingelte der Schlitten heran.
»Herr Graf, ich darf die Dame nicht begleiten und doch darf sie sich in diesem Zustand nicht allein entfernen. Ich vertraue sie Ihnen an, begleiten Sie dieselbe nach der Pauliner Kirche, wo sie Beistand erwartet, - Sie bringen damit sich selbst außer Gefahr. Ich werde Ihre Verfolger mit leichter Mühe täuschen.«
»Constantin!«
»Leb wohl Josepha! - Muth! es muß sein!«
Er wandte sich rasch von ihr ab und der Richtung zu, aus der man bereits die Schritte Nahender hören konnte.
Der Graf begriff, daß nur die schnellste Entschlossenheit die gefährliche Situation ändern konnte. Er hob die schlanke Gestalt der kaum Widerstrebenden empor und trug
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sie nach dem zum Glück offenen Schlitten, in den er sie hob. Dann den eigenen Mantel lösend und ihn über ihre Füße werfend, setzte er sich gleichfalls hinein.«
»Nach St. Karola Boromeusza!« befahl er. »Rasch!«
Der Schlitten flog davon, das Mädchen hatte sich hinten aufgehängt.
Die Kirche zum heiligen Borromäus liegt an der Kurfürsten-Straße, im nordwestlichen Theile der Stadt, also in ganz entgegengesetzter Richtung, in der der Schlitten nicht die Verfolgung der Polizei kreuzen konnte. Wenn man erst aus deren nächstem Bereich war, genügte ja ein Zuruf, den Weg zu ändern.
Wir wissen bereits, daß der russische Offizier der Polizei in die Hände gegangen war.


Die große, St. Johann geweihte Kathedrale von Warschau liegt in der Altstadt an dem Hügel, auf welchem das Zamek oder königliche Schloß, von König Sigismund III. (1587-1632), dem letzten Sprossen der Jagellonen erbaut, die Weichsel beherrscht, und ist mit diesem durch Korridore verbunden.
In diesem Stadttheil, in der Umgebung des Altmarkts, der von dem Aufruf des Revolutions-Comité zum Versammlungsort der Bevölkerung am nächsten Nachmittag bestimmt war, liegen noch eine Menge interessanter, historischer Gebäude und Kirchen des alten Warschau's, u. A. die Pauliner Kirche.
Die Aebtissin von Santa Rosalia hatte mit ihrer Begleiterin unter den beobachtenden Augen den Weg zur
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großen Kathedrale eingeschlagen. Die Zeit der Fasten war eingetreten und es hatten an diesem Sonntag die abendlichen großen Fasten-Predigten begonnen.
Die Mutter Mathildis nahm mit großer Andacht an dem Gottesdienst Theil, dann aber verlor sie sich mit einem Wink an ihre Begleiterin in dem Gedränge der Gläubigen, verließ die Kathedrale durch einen Nebenausgang und wandte ihre Schritte der Pauliner Kirche zu, mit scharfem Auge umherspähend, ob sie etwa beobachtet werde. Es zeigte sich Nichts, was darauf hindeutete, und ihre Begleiterin heranwinkend befahl sie derselben, voraus zu gehen nach der nur ein Geringes entfernten Pauliner Kirche und sich bei einem der Kirchendiener zu erkundigen, welche Geistlichen an dem Abend die Beichte hörten.
Noch vor dem Eingang der Kirche kehrte Veronica zurück und nannte drei Namen von Priestern, darunter den des Pater Hilarius von den Bernhardinern.
»Wo ist sein Stuhl?«
»Der erste im rechten Seitenchor. Bist Du wirklich fromm geworden, Täubchen, daß es Dich drängt, Deine Sünden fremden Ohren anzuvertrauen?«
»Still Frevlerin! Verlaß mich am Eingang und sieh zu, daß mir Niemand zu nahe kommt. Ich habe mit dem Pater zu reden«
Sie betraten Beide die Kirche.
Es mochte jetzt etwa 8 Uhr sein, also wohl eine halbe Stunde nach der Zeit der Szenen, welche sich in und vor dem großen Hospital ereigneten und von denen die Endfäden nach der Pauliner Kirche hinliefen.
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Die Kirche war um diese Zeit nur noch mäßig besucht und spärlich beleuchtet, namentlich in dem Theil zunächst dem großen Eingang. Die meisten der anwesenden Andächtigen verrichteten ihre Gebete vor den Altären der zahlreichen Seiten-Kapellen wohl zu Ehren und in der Erinnerung an Freunde und Verwandte, welche vor dreißig Jahren an dem Tage von Grochow geblutet hatten, oder bereiteten sich vor, an dem Morgen des Jahrestages das heilige Sakrament zu nehmen.
Etwa zehn Minuten vorher, ehe die Aebtissin mit ihrer Begleiterin die Kirche betrat, war vor dem rechten Seitenportal derselben ein Schlitten angefahren, von dessen Hinterkufe rasch ein Bettelmädchen glitt, das sich dort niedergekauert hatte.
Der Mann, der in dem Schlitten neben einer tiefverhüllten Dame gesessen, sprang heraus und jetzt zum ersten Mal seit der Abfahrt von dem Platz des Spitals redete er seine Begleiterin an.
»Wir sind an dem Ort, den Sie selbst bestimmt haben. Erlauben Sie mir, Sie heraus zu heben und mich weiter zu Ihrer Verfügung zu stellen?«
Sie nickte schweigend und der Herr hob sie heraus. »Haben Sie mich erkannt?«
Wiederum ein stummes Neigen des Hauptes.
»Dann werden Sie wissen, daß Sie mir unbedingt vertrauen können. Was befehlen Sie nun?«
»Ich muß in die Kirche, - Lodoiska erwartet mich dort.«
»Darf ich Sie führen?«
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»Nein Herr - ich muß allein gehen. Sie würde Sie vielleicht auch erkennen und dann fragen. Ohne ihren Beistand wäre Alles verloren. O mein Gott, was müssen Sie von mir denken!«
»Daß die Liebe eine Macht ist, vor der die traurigen Schranken alles Vorurtheils und alles Hassens schwinden. Hoffen Sie; der Gott, der uns die Liebe in's Herz gepflanzt, kann Alles zum Besten lenken. Nehmen Sie Ihre Kraft zusammen und leben Sie wohl. Ich bleibe in Ihrer Nähe, bis ich sehe, daß Sie in sicherer Hand sind!«
»Dank! Dank!« - Ein Schluchzen erstickte jede weitere Rede, sie drückte ihm nur noch die Hand und wankte in die Kirche.
Der Graf hate sich wieder in seinen Mantel gehüllt und zögerte eine Weile, ehe er ihr zu folgen wagte. Er wollte eben die Thür des Vorbaues öffnen und eintreten, als neben ihm eine Stimme sagte: »Vorsicht Herr Graf, die Polizei hat in den Kirchen immer Spione, und Droszdowicz kommt hierher.«
Es war das Mädchen, das ihn gewarnt hatte. »Wie, Du hier Kind - woher kennst Du mich?«
»Ich werde doch meinen besten Grafen kennen, meinen Retter aus den Zähnen des Wolfes; fürchten Excellenz Nichts, ich wache über Sie!« sagte lachend die Kleine.
»Du? - den Teufel, Du bist doch nicht gar - -«
»Der Janko, Herr Graf, versteht sich. Ich muß doch gut verkleidet sein, daß Sie mich nicht wieder gekannt. Oder sollten Sie mich schon ganz und gar vergessen haben? das wäre mir gewiß nicht lieb!«
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»Nein Bursche und ich danke Dir für Deine doppelte Warnung. Aber setze Dich selbst keiner unnützen Gefahr aus.«
»Bah, ich bin das alle Tage gewohnt und habe meine Freunde, auch unter der Polizei. Sie suchen die Marowska?«
»Wie, auch das weißt Du?«
»Weswegen sonst waren Sie seit drei Tagen vor dem Spital? - Die Marowska ist heute Abend fort - sie muß bereits hier sein, oder kommt doch hierher.«
»Hier?«
»Ich werde Euer Excellenz das später erzählen. Jetzt lassen Sie mich vorausgehn und sehn, ob Alles sicher ist.«
Er schlüpfte bei dem jungen Edelmann vorüber in die Kirche. Gleich darauf öffnete er wieder die Thür und winkte ihm einzutreten.
Der Graf folgte dem Wink und nahm das Weihwasser. Eine einzige Lampe erhellte die Stelle.
Janko zog ihn sogleich in den Schatten des nächsten Pfeilers.
»Sehn Sie den alten Beichtstuhl gleich hier an der Kapelle?«
»Gewiß!«
»Gehen Sie dahin und treten Sie ein, - er liegt völlig im Schatten. Ohnehin sehen Sie im Mantel aus, wie ein halber Mönch.«
»Aber Kind ...«
»Oh - fürchten Sie Nichts. Sie sind ganz sicher dort. Er wird schon längst nicht mehr benutzt, - erst
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der nächste dort, hinter der Kapelle. In der Kapelle liegt die Dame, mit der wir gekommen sind, auf den Knieen, mit einer Anderen.«
»Fräulein Marowska - -«
»Geduld, Excellenz! - ich weiß noch nicht, ob sie schon hier ist oder trotz unseres Umweges erst kommen wird. Ich will umher spioniren und muß Sie dazu in Sicherheit wissen. Verstecken Sie sich ganz dreist in den Stuhl, Sie können von dort Alle beobachten. Aber verlassen Sie unter keinen Umständen das Versteck, was auch passiren mag, bis Sie mich wieder in der Nähe sehen und ich drei Kreuze schlage.«
Er schlich dem Grafen voran, öffnete die Thür des in der That im tiefen Halbdunkel liegenden, von schwerer alterthümlicher Holzschnitzerei in massiven Formen gebildeten Beichtstuhls und hielt sie offen, bis der Graf fast unwillkürlich dem Rath folgend, hinein geschlüpft war. Dann hatte er sie rasch und geräuschlos geschlossen und verschwand.
Er war kaum unbemerkt verschwunden, als durch das Hauptportal der Kirche die Aebtissin mit ihrer Begleiterin in den Gang des mittleren Schiffs eintrat.
Während die Klosterfrau an dem nächsten Betstuhl niederkniete, orientirten sich ihre Augen über die Lokalität und die Andächtigen. Dann erhob sie sich, machte die nach dem Ritus üblichen Kniebeugungen und ging nach dem Beichtstuhl zu, in dem der junge Edelmann Platz genommen hatte.
Wiederum sank sie in die Knie, die wenigen in der
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Nähe befindlichen Beter musternd, beugte tief die Stirn und kniete dann auf der Bank an dem Gitter zur Linken des Beichtstuhls nieder. Der vorgezogene Vorhang in der Front und ihr scharfes Auge, das trotz der herrschenden Dämmerung eine Gestalt im Innern sich bewegen sah, bewiesen ihr, daß der Beichtiger auf seinem Posten war, und sie begann mit der gewöhnlichen Eingangsformel der Beichte:
»In nomine domini, Jesu Christi et spiriti sancti - ich armer sündiger Mensch - und so weiter, und so weiter! - He Pater Hilarius - erinnern Sie sich eines sündigen Beichtkindes, als Sie noch Beichtvater des Klosters der Karmeliterinnen in Krakau waren?«
Ein unbestimmtes Gemurmel galt ihr als bejahende Antwort, denn sie fuhr ohne Unterbrechung fort. »Sie werden sich gewundert haben, als mein Neffe Peter Wysocki Ihnen gestern die Botschaft von mir brachte. Es war ein glücklicher Zufall, daß der Knabe Ihren Namen nannte, denn sonst würde es wahrscheinlich bei der Vorsicht, die ich nehmen muß, längerer Zeit bedurft haben, ehe ich mich Ihnen nähern konnte. Sie werden unzweifelhaft die Anweisung von Rom erhalten haben, mich mit allen Fäden der Agitation bekannt zu machen. Ich erkannte gleich aus der geschickten Weise, in der Sie unsere erste Zusammenkunft vermittelten, Ihre alte Vorsicht. Sie wissen vielleicht schon, daß ich heute Morgen von dem Erzbischof empfangen worden bin. - Dürfen wir uns sehr auf ihn verlassen? ich habe für den Nothfall einen geheimen Befehl für ihn.«
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Im Innern des Beichtstuhls erhob sich ein Geräusch, als wolle der Beichthörende den Raum verlassen.
»Unsinn Hilarius - bleiben Sie - ich dächte, Sie hatten Zeit genug gehabt, den alten Groll schwinden zu lassen. Bei dem Andenken unseres Kindes, ich war nicht schuld an der Entdeckung, und ich bin von der Zuchtruthe dieser sogenannten Kirche der christlichen Liebe ganz anders getroffen worden, als Sie mit der einfachen Strafversetzung in das Warschauer Bernardiner Kloster. Es ist ein Gift und ein Haß in mir, daß ich eine Welt vernichten könnte, und ich freue mich auf die Ströme von Blut, die hier fließen werden. -«
»Still!«
»Nein - es hört uns Niemand, die treue Veronica, die sich bei der Kindergeschichte so glücklich herauslog, hält Wache, daß kein fremdes Ohr uns belauscht. Ich habe sie von Krakau kommen lassen - ich glaube überhaupt hier schon festen Fuß gefaßt zu haben mit dem Vorwand eines Prozesses um ein Vermächtniß von meinem Urgroßvater Orginski her. Man hat mir die Beweise in Rom in bester Ordnung übergeben - ich habe hier nur noch nach der Familie eines alten Reitknechts des Schatzmeisters und nach einer Verwandten der Wysocki, einer gewissen Marowska zu forschen, die im Besitz wichtiger Papiere sein müssen.«
Im Begriff, auf jeden Eclat hin die Geständnisse dieses gefährlichen Beichtkindes zu unterbrechen, fiel der Blick des Grafen in das Kirchenschiff - das jetzt von einer Anzahl herabkommender Kerzen heller strahlte.
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Es schien eine Art improvisirter Prozession zu Ehren einer Person, und in der That war es so: - die Person aber, der die Ehrenbezeugung galt, und die höchst verlegen, ja scheu sich von so vielen Personen umdrängt und von zwei Priestern geführt sah, war keine andere, als das Fräulein Wanda von Marowska.
Es war ein toller Einfall des Knaben Janko, der das unglückliche Mädchen in diese Situation gebracht hatte. Der Schlingel hatte die Gesuchte bald in einer der Betenden an dem Gitter vor der Krypta herausgefunden und sein Uebermuth hatte es sich, ohne die Folgen zu bedenken, nicht versagen können, einigen alten Weibern zuzuraunen, daß die Beterin, auf die sich wegen ihrer Verstümmelung schon manche neugierige Blicke gewendet hatten, die bekannte Conditormamsell sei, deren heldenmüthige Aufopferung für die Sache der Patrioten damals natürlich in ganz Warschau rasch bekannt geworden war und große Theilnahme erregt hatte. Da man aber später nicht wieder von ihr hörte, wie das so Vielen geschah, welche von der politischen Polizei in's Gefängniß gebracht wurden und oft spurlos daraus verschwanden, so hatte das Interesse sich bald auf andere Dinge gerichtet. Daß es jetzt um so heller bei der unerwarteten Nachricht wieder aufloderte, war der allgemeinen Aufregung des Publikums für die bevorstehende Feier der Grochower Schlacht gegenüber sehr natürlich, und rasch war die Nachricht unter den noch vorhandenen Andächtigen verbreitet und hatte auch die Geistlichkeit erreicht.
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Der Bernhardiner Pater war der Erste, der sie zu einer Demonstration veranlaßte.
Auf seinen Wink schlossen sich ihm zwei jüngere Geistliche an, und jeder eine Kerze tragend näherten sie sich dem Nichts ahnenden Mädchen.
»Wanda Marowska,« sagte der Mönch, - »die heilige Jungfrau hat Dich begnadigt, für ihren heiligen Glauben und für Dein Volk zur Märtyrin geworden zu sein. Und ob Du, o Jungfrau! auch die Hände nicht mehr falten magst zum Gebet an sie, die Heiligste und Getreueste - die eine Hand, die Du erhebst zu ihr, ist ein Wegweiser zum Himmel und ein Ruf für Dein geknechtetes Volk, auszuharren, bis der Tag der Befreiung und des Sieges gekommen! kyrie eleison! kyrie eleison! Laßt uns führen Wanda, die Märtyrerin zum Altar der heiligen Jungfrau und mit ihr beten dort, daß ihr Opfer nicht vergebens gebracht worden sei!«
Alles sammelte sich um die Bestürzte, die von den fanatischen Priestern halb mit Gewalt empor gezogen und fortgeführt wurde zu dem Altar, der der gnadenreichsten Muttergottes von Czenstochau, der Schutzheiligen des alten Polens insbesondere geweiht war.
Obschon die Kapelle mit dem Altar der heiligen Jungfrau auf der anderen Seite der Kirche lag, war es doch im Interesse der Priester, den Umzug so lang als möglich auszudehnen, und sie führten denselben daher den Gang zur Rechten herab an dem Beichtstuhl entlang, in dem der Graf Oginski ein Versteck gefunden.
Die Aebtissin hatte sich bei der Annäherung der
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Lichter und des Menschenhaufens, der eine bekannte, von der Polizei streng verpönte Hymne auf Polens Märtyrerthum und endlichen Sieg anzustimmen begann, eilig erhoben und war zu ihrer Begleiterin getreten, die mit einer alten Frau sprach.
»Was bedeutet das Alles?«
»Sie sagen, einem Mädchen, Marowska heißt sie, seien von den Russen die Arme abgeschnitten worden, damit sie nicht mehr für den Sieg der polnischen Sache beten könne, und der Pater Hilarius - ich möchte wissen, ob es derselbe ist, den wir in Krakau kannten - der ein gewaltiger Redner sein soll, wolle eine Predigt darüber halten.«
»Marowska? - Hilarius? - Was willst Du damit sagen? Wo ist der Pater Hilarius?«
Die alte Frau, welche die Frage gehört, wies auf den stattlichen Priester, der an der Seite des Mädchens daherkam. Der Pater war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, groß, kraftvoll gebaut und von finsterm fanatischen Aussehn. »Da kommt er selbst. Wer in Warschau kennt nicht den frommen Pater Hilarius von den Bernhardinern!«
Die Aebtissin wankte - ihr bleiches Gesicht wurde noch fahler, ihr drohendes Auge fuhr mit einem Tigerblick hinüber nach dem geschlossenen Beichtstuhl.
Der Zug sollte sein Ziel nicht erreichen.
Wie der Knabe schon vor dem Eintritt in die Kirche dem jungen Edelmann gesagt hatte, fehlte es auch während des Gottesdienstes nicht an Spionen oder Agenten der Polizei.
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Die Begleiter der Einarmigen hatten nicht sobald die verbotenen Nationallieder angestimmt, als zwei Polizeibeamte, indem sie ihre Paletots öffneten und sich als dazu berufene oder bevollmächtigte Beamte legitimirten, dem Zug in den Weg traten.
Obschon die russische Regierung sich bisher sehr gehütet hatte, den religiösen Ceremonieen innerhalb der katholischen Kirchen Hindernisse in den Weg zu legen, war doch neuerdings eine weit schärfere Beaufsichtigung eingetreten, da die Geistlichkeit ansing, die Kanzel zu aufregenden Reden über Unterdrückung der Kirche zu benutzen und das Volk politische Lieder in den Kirchen sang.
Das Letztere war auf das Strengste verboten worden.
»Im Namen des Gesetzes,« erklärte mit lauter Stimme einer der Polizeibeamten, - »ich untersage diesen Umzug und diesen Gesang und fordere Jedermann auf, der daran Theil genommen hat, seinen Namen und seine Wohnung anzugeben!«
Man wußte nur zu gut, was das zu bedeuten hatte - schwere Geldstrafen, wenn nicht gar Gefängniß. Der Zug begann sich sehr rasch zu lichten, die Theilnehmer, meist Frauen aus den unteren und mittleren Ständen, verschwanden in den Kirchenbänken oder in den Schatten der Pfeiler.
Der Polizei-Agent hatte frischen Muth bekommen, er sah, daß noch zwei seiner Kameraden herbeigekommen waren.
»Was ist das für ein Frauenzimmer, die den ganzen Skandal angestiftet hat? - He, - sie scheint mir aus einem Gefängniß entsprungen!«
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Nur der Pater Hilarius hatte bei der Beschuldigten ausgehalten, die sich begnügte, dem Beamten einen flammenden Blick zuzuwerfen.
»Wahren Sie sich,« sagte drohend der muthige Priester »eine Unschuldige zu beleidigen, welche der Himmel der Gnade eines Martyriums für ihre Ueberzeugung gewürdigt hat. Diese Aermste steht unter dem Schutz der Kirche und Sie haben kein Recht, frevelnd in dies Gotteshaus einzudringen und ohne Vollmacht Personen zu verhaften, die hier bloß ihrer Andacht Ausdruck geben. Hüten Sie sich!«
»Hüten Sie sich selbst, - man kennt Sie genug, als einen Aufwiegler und Ruhestörer! Was dies Frauenzimmer betrifft, so will ich wissen, wer sie ist und wo sie wohnt.«
»Es ist das Fräulein Wanda Marowska!«
»Und wo kommt sie her? - Sie trägt die Spitalkleidung? Wo wohnt sie?«
Die Polin trat einen Schritt vor. Sie schob mit der Rechten den Mantel zurück und deutete auf den leeren Aermel. »Sie haben Recht, ich komme aus dem Spital,« sagte sie mit finsterem, unheimlichem Ausdruck in den abgezehrten Zügen. »Was ich dort gethan, das sehen Sie. - Wo ich wohne, fragen Sie? - Wo die Armen und Verlassenen ihren Schutz suchen und finden - im Hause Gottes. Eine andere Wohnung habe ich nicht!« Die von einem erhaben schmerzlichen Ausdruck getragenen Worte waren nicht ohne Eindruck auf Alle geblieben, welche aus Angst und Besorgniß um die eigene Sicherheit noch nicht
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das Feld geräumt, - selbst der Polizei-Agent vermochte nicht, sich ihm gänzlich zu entziehen, und sagte mit weniger rauhem Ton:
»Es thut mir leid, aber wenn Sie keine Wohnung haben und keine Legitimation, oder zuverlässigere Bürgschaft stellen, wie den Mönch da, muß ich Sie als Obdachlose und Landstreicherin betrachten und in den Polizeigewahrsam oder das Arbeitshaus bringen.«
Die Nächststehenden wurden zur Seite gedrängt, ein schlanker großer Mann im Mantel, von vornehmem Ansehn trat an die Seite der Bedrängten und nahm ihren Arm.
»Fräulein von Marowska« sagte er streng, »ist nicht ohne Schutz und Bürge. Keine Unverschämtheit weiter gegen die Dame. Kommen Sie Fräulein!«
Sie war erschrocken zusammen gefahren bei dem ersten Laut dieser Stimme, - sie sah zu ihm empor, eine tiefe Röthe überzog ihr hageres Gesicht.
»Bürgen Sie hübsch für sich selber, Herr,« sagte brutal der beleidigte Beamte. »Wer sind Sie? in welchem Verhältniß stehen Sie zu dem Frauenzimmer?«
»Fräulein von Marowska ist - meine Verlobte!«
»Ein bekanntes Auskunftsmittel zum Schutz aller Dirnen, wenn sie die Polizei fassen will. Die Louis sind auch in Warschau Mode und wissen sich ein Air zu geben. Wer sind Sie denn eigentlich?«
»Ich bin ...«
»Der Graf von Czatanowski aus Preußen,« sagte eine scharfe Stimme hinter ihm. »Der Herr Graf wohnt,
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wie ich im Hôtel d'Angleterre; ich bin die Gräfin Zerboni Aebtissin von Santa Rosalia in Rom, dieses junge Mädchen gehört zu meiner Verwandtschaft und ich bitte sie, einstweilen mit mir meine Wohnung zu theilen.«
Die Klosterfrau, die während des Vorgangs nicht aufgehört hatte, mit scharfem Auge den eben verlassenen Beichtstuhl, den Bernhardiner Pater und die Vorgänge zu beobachten, hatte bei der ersten lauten Drohung gegen das unglückliche Mädchen die Thür des Beichtstuhls im Dunkel sich öffnen und, von Niemand weiter bemerkt, den Mann heraustreten sehen, der ihr am Morgen im Hôtel von dem Wirth im Vorübergehen als Graf Czatanowski bezeichnet worden war und dessen Identität sie aus den Mittheilungen ihres Neffen besser kannte.
Ein Blitz voll Drohung sprühte auf den Cavalier, als er hastig an ihr vorüberschritt, ohne auf sie zu achten, dem bedrängten Mädchen zum Beistand auf jede Gefahr für sich selbst hin; - aber im Augenblick hatte sie sich gefaßt und gewußt, welche Stellung sie den Beiden gegenüber einzunehmen hatte.
Ihn in der Gefährdung zu lassen, in die er sich gestürzt, konnte leicht sie selbst verderben, wenn er mit einem Wort das Gehörte verrieth; - noch kannte sie seinen Charakter nicht genug, um zu wissen, ob er einer Indiscretion, eines Verraths fähig war, - sie mußte ihm zu Hilfe kommen!
Der Polizei-Agent, einigermaßen vor den vornehmen Namen verblüfft, hatte doch bald wieder seinem brutalen mißtrauischen Charakter die Oberhand gelassen.
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»Das mag Alles wahr sein, oder auch nicht - ich kenne Sie nicht, und da Sie selbst angeben, daß Sie Fremde sind, habe ich um so mehr Ursache, auf einer Legitimation zu bestehen oder muß Sie meiner strengen Instruction nach verhaften.«
Der Graf hatte mit einem flüchtigen aber durchdringenden Blick die Klosterfrau gestreift, die so ungerufen sich für ihn verbürgt; - er wußte in der That in diesem Augenblick nicht, was thun, um sich und seinen Schützling aus der peinlichen Lage zu befreien.
In dieser Verlegenheit glaubte sein unter den Anwesenden umherstreifendes Auge hinter der Reihe der Polizeibeamten im Halbdunkel ein Gesicht zu erblicken, das er kennen mußte.
Ein Augenblick genügte, sich das Wo und Wann der Begegnung zurückzurufen.
Der Mann, der dort stand, trug den Uniform-Paletot und das Abzeichen eines höheren Polizei-Beamten. Er hatte die Arme übereinander gekreuzt und sah mit ruhiger Beobachtung auf die Scene - wie lange schon, ließ sich nicht errathen - ohne den geringsten Versuch sich einzumischen und seine höhere Autorität geltend zu machen.
Ihre Augen begegneten sich, - der Graf glaubte einen leisen Wink in denen des Andern zu bemerken und hatte im Nu begriffen.
Er zog eilig sein Portefeuille aus der Brusttasche seines Rockes, nahm eine Karte heraus und reichte sie dem Polizei-Agenten.
»Genügt dies zu meiner Legitimation, Herr?«
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Der Polizist hatte kaum das Auge darauf geworfen, als er sie höflich zurückgab und zur Seite trat.
»Gewiß Herr, - warum zeigten Sie das nicht gleich? Sie können mit den Damen passiren!«
Der Graf reichte nochmals Fräulein von Marowska den Arm und sah sich nach der Dame um, die sich selbst als die Aebtissin eines fremden Klosters bezeichnet hatte. Sie war zurückgetreten und wechselte einige Worte mit dem Bernhardiner Pater. In der Erwartung, daß sie ihm folgen werde, führte er die Marowska nach dem Ausgang, den eilig, das Weihwasser bietend, ein kleines Bettelmädchen aufwarf.
Als der Graf an dem Mann im Uniform-Paletot vorüberging, hatte sein Auge diesem gedankt. Auch die Marowska schien ihn erkannt zu haben, denn sie hatte fragend und erstaunt ihn angesehen, was der Beamte mit einem freundlichen Kopfnicken beantwortet hatte, ohne sie weiter anzusprechen.
Die Aebtissin stand neben dem Bernhardiner Pater, der in den Schatten eines Pfeilers getreten war.
»Hilarius,« sagte sie flüsternd in italienischer Sprache - »Du weißt jetzt, wer ich bin. Kennst Du jenen Mann?«
»Du nanntest ihn Graf Czatanowski, aber ich kenne ihn. - Warum bist Du nicht gekommen, wie ich Dich bescheiden ließ?«
»Ein unglücklicher Irrthum, - wir sind Beide verloren, wenn Du ihm nicht den Mund schließen kannst, - für ewig. Er kennt unser Geheimniß!«
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»Um so schlimmer für ihn! - Er ist ein Verräther, ich ahnte es schon damals, als er im Herbst bei uns krank lag; - sahst Du nicht, daß er mit der Polizei in Verbindung steht? - Noch diesen Abend sollen es die Schwarzen erfahren. - Geh jetzt und folge ihm.«
»Er ist mir sicher genug. Leb' wohl! Sende mir Nachricht durch den Knaben Peter.«
Sie beugte sich vor ihm, als hätte sie seinen Segen erbeten und empfangen, dann folgte sie eilig dem Paare, das vor dem Portal wartete, während die Laienschwester in geschickter Auffassung bereits einen Fiaker herbeigewinkt.
Im Hôtel angekommen, ließ die Aebtissin ihr Nichterscheinen im Palais Wielopolski entschuldigen, - sie hatte Wichtigeres zu thun. Für das Fräulein von Marowska war in ihrem eigenen Zimmer ein Bett aufgeschlagen worden und die kirchliche Würdenträgerin überhäufte sie mit Freundschafts-Bezeigungen. -
Der Polizeibeamte, welcher die Verhaftung der Fremden hatte vornehmen wollen und dann die Legitimation des Grafen so willig respectirte, hatte bei dessen Entfernung den Oberbeamten, der hinter der Gruppe gestanden, erblickt, und ihn sofort erkannt.
»Vergebung Pani Comissarz,« sagte er eifrig, »ich hatte keine Ahnung, daß Sie zugegen wären. Die Karte war von Ihnen selbst unterschrieben, - ich erkannte auf der Stelle Ihr geheimes Zeichen.«
»Du hast gut gethan, mein Sohn,« sagte der Kommissar Droszdowicz. »Diese Karte muß stets respectirt werden.«
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»Und die Frauen - ich wußte nicht, ob sie wirklich zu ihm gehörten?«
»Du hörtest, daß sie seine Verlobte sei, - ob sie grade in den Händen der Anderen gut aufgehoben sein wird, darüber muß ich mir erst Gewißheit verschaffen. - Laß die Thüren bewachen und notire alle Personen, die noch in der Kirche sind.


Trotz aller Vorsichtsmaßregeln der Polizei, war der Altmarkt am andern Tage, Montag den 25. Februar, schon vor 5 Uhr von Volksmassen bedeckt, ebenso die dahin führenden Straßen.
Auch am Montag Morgen hatte man in und vor den Häusern die gedruckten Zettel gefunden, welche die »polnischen Brüder« zur Versammlung um 5 Uhr auf dem genannten Markt einluden. Damit war die frühere Parole des Trauergottesdienstes am Mittag auf dem Schlachtfeld jenseits Praga aufgehoben. Die Mittheilung des Fürsten-Statthalter an die Herren vom landwirthschaftlichen Verein von der gleichzeitigen Parade der Truppen daselbst, hatte doch gefruchtet und den Plan fallen gemacht.
Der Nebel hatte sich am Nachmittag wieder nieder gesenkt, die Flammen der schlechten englischen Gasbeleuchtung glühten nur wie matte rothe Feuerkugeln in demselben; Kopf an Kopf drängte es sich auf den Trottoirs, auf dem Straßendamm, über den ganzen großen Platz
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des Altmarkts hinweg, und das nicht etwa bloß ordinaires Volk, Pöbel und Arbeiter, - nein auch Männer, denen man es auf den ersten Blick ansah, daß sie den bessern, wohlhabenden Ständen angehörten, Bürger und Kaufleute, Beamte, zwischen den noch immer halbleibeigenen Knechten im schmutzigen Schaafpelz der Edelmann mit dem beschnürten Rock - und Frauen, Mädchen und Kinder in fast überwiegender Zahl.
Kaum daß die grauen, aus dem grauen Nebel aufragenden Reitergestalten der Gendarmen- und Kosaken-Patrouillen, die langsam hin und wieder reitend die Passage frei zu halten suchten, ihre Pferde durch die Menschenmasse zu drängen vermochte. Vergeblich war es, daß die zahlreichen Polizeimannschaften die Menge zum Weitergehn drängten, daß der Ober-Polizeimeister Oberst Trepoff selbst dazu aufforderte.
»Ist sich wie eine Mauer,« sagte im Sattel sich umdrehend der Fürst Barinsky zu ihm, »ist sich eine verstockte Nation die polnische die. Würd' ich machen nicht so viel Federlesens und geben Ordre Kosak meinigten, zu brauchen die Kardätsche auf Köpfe ihrigte. Sollten sehn, wie Gesindel laufen würde.«
»Schweigen Sie um Himmelswillen, Fürst. - Sie wissen, was Seine Hoheit befohlen haben. Noch ist Nichts geschehen, was uns zu einem ernsten Einschreiten berechtigt«
»Warum sind die Kerle, die raisonniren so klug, nicht in Sitzung von die Verein von die Landwirthschaft, die sie doch halten heute Abend. Hab ich doch gesehn schon
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zwei von Ihrigten in dieser Kanaille hier. Ist sich verstocktes Volk, parbleu!«
Ein Reiter drängte sich durch die Menge. Es war der Adjutant des Fürsten-Statthalter, der Kapitain Fürst Ylinski.
»Herr Ober-Polizeimeister, Seine Hoheit sendet mich, Sie nochmals zu bitten, mit der äußersten Schonung zu verfahren. Nur was gradezu wie Aufruhr gegen die Regierung Seiner Majestät aussieht, soll durch Einschreiten unterdrückt werden. In jeder anderen Richtung möge man das Volk gewähren lassen.«
Der Oberst hob die Hand und horchte über den Markt hin, - tausend Köpfe richteten sich nach der Ausmündung der Taubenstraße, es ging wie eine große gewaltige Meereswoge, die zum Strande rollt, über die Tausende von im Nebel halb verschwimmenden Menschenköpfen hinweg.
»Sie kommen! sie kommen!«
»Ich fürchte, Herr Kapitain, die Anempfehlung Seiner Hoheit ist gut gemeint, aber nicht mehr am Ort. Sehen Sie selbst und berichten Sie! - Oberst Mesenceff, ich muß Sie bitten, durch Ihre Gendarmen den Eingang der Johannesstraße hier absperren zu lassen.«
Es war die Straße, die vom Altmarkt zum Schloß- oder Sigismunds-Platz führt, dieselbe, an deren Eingang die Reiter eben hielten.
Es kam wie ein gewaltiges Brausen her über den Platz. - Ein Choral, erst ferner, dann näher und näher, immer mächtiger anschwellend, derselbe, den die Andächtigen
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in der Pauliner Kirche am Abend vorher angestimmt hatten, als der Pater Hilarius die verstümmelte polnische Jungfrau zum Altar der Himmlischen führen wollte.
Durch die fernen Nebelwellen bewegten sich zahllose Lichter näher und näher!
Ein Mann drängte sich gewaltsam mit der Kraft seiner Fäuste und Ellbogen durch die Menge zum Eingang der Straße, bis er in diesem den Ober-Polizeimeister und seine Umgebung erkannte.
»Comissarz Karlowicz läßt von der Pauliner Kirche her melden, daß das Volk in großem Zug dieselbe verlassen hat, um zur Statthalterei und über die Praga-Brücke vors Thor zu ziehen. Sie tragen polnische Fahnen. Er habe zu wenig Mannschaften gehabt, um sich widersetzen zu können. Kaum vermochte ich dem Zuge voraus zu kommen.«
»Der Mensch hat keine Energie! Sind sie bewaffnet?«
»Nein, Gnaden! sie tragen nur Kreuze und Fähnchen, die Studenten! Die Geistlichen der Kirche geleiteten sie zum Ausgang.«
»Es war zu erwarten!« Der Oberst ertheilte hastig einige Befehle an seine Mannschaften.
Näher und näher kam die Prozession, mächtiger und mächtiger schwoll der Gesang, in den ein großer Theil der auf dem Markt versammelten Menge bereits einstimmte.
Jetzt betrat der Zug den Platz und ein stürmischer nichtendender Jubel der Menge begrüßte die große Fahne
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mit dem polnischen Wappen, dem weißen Adler im rothen Felde, die ihm voran getragen wurde. -
O Vaterland! - Vaterland! was ist Dein heiliger Zauber, der fast Jedem, vom Knaben im kindischen Soldatenspiel, bis zum Grabe, selbst auf fremder entlegener Erde die Brust schwellt! Ist es die oft so traurige Scholle Erde, auf welcher der Zufall uns geboren werden ließ? ist es die Sprache, in der das erste Kinderlallen die Mutter grüßt? ist es die Sitte und Gewohnheit, in der wir groß geworden? für was schwärmst Du? für was blutest Du? für was wirfst Du die warme Brust dem Feindesstahl entgegen? für was beugst Du den Nacken selbst dem Henkerbeil?
Wo ist Deine Grenze? wer präcisirt den Begriff? Macht die Philosophie, die Weltbürgerschaft den Namen nicht zum Nichts! singt das Lied nicht: ubi bene, ibi patria!?
Auf dem Flickwerk der politischen Karte wechseln die »Vaterländer« wie Dünensand, Glaube, Meinung, Parteien wechseln im Wirbelwind, - und doch wünscht Jeder sein Vaterland groß und stark und frei, die Heimath dem Heimischen! Das ist ein schlechter Sohn, der nicht seine Mutter liebt oder ihrer Fehler spottet! Das ist ein schlechter Mann, der kein Vaterland kennt, - und schlimmer noch, der keins haben will!
Wer - auf welchem Standpunkt der Parteien er auch gestanden, - hat nicht ein inniges Mitgefühl mit den Kämpfen und Zuckungen einer Nation gehabt, deren Nationalgefühl so exclusiv, deren Vaterlandsliebe so stark
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und zäh stets gewesen ist, wenn auch ihre anderen Eigenschaften ihre eigene selbständige Existenz verhindern mußten. In allen Ländern Europas haben die Sympathieen des Herzens der polnischen Nation gehört, nicht die des Verstandes. Sie würden ihr noch ausgedehnter gehört haben, wenn jene edlen Eigenschaften sich nicht so leicht und willig zum Spiel der Revolutionaire par profession und der politischen Spekulationen der Kabinette hätten mißbrauchen lassen.
Aus jenem Mitgefühl sind einzig die Amnestieen zu entschuldigen, die zum Beispiel die Könige von Preußen Verschwörungen und Erhebungen bisher noch zu Theil werden ließen, die nicht zum ehrlichen Kampf, sondern zum mörderischen Verbrechen gegen ihre anderen Unterthanen wurden. -
Mit diesem Standpunkt wenden wir uns der Geschichte der letzten polnischen Erhebung wieder zu.
Zum Träger der großen Fahne mit dem polnischen Wappen war von den geheimen Leitern der Bewegung ein bei den Arbeitern sehr beliebter Werkführer einer Fabrik ausgesucht worden.
Hinter ihm folgte eine Anzahl junger Leute, meistens Studenten der medicinischen Akademie, der landwirthschaftlichen Schule, der Kunst-Akademie und des adligen Instituts, sowie junge Leute aus dem Handwerkerstande, meistens mit kleinen Fahnen in den polnischen Nationalfarben - roth und weiß - und mit Fackeln. Eine bunte Menge Volks hatte sich angeschlossen.
Die Priesterschaft war an der Thür der Kirche
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zurückgeblieben, - die geheimen Leiter des Ganzen hielten sich im Hintergrund, in der Masse des zu einer unnützen Opferung angereizten Volkes versteckt. Man wollte einen möglichst zahlreiche und unschuldige Opfer kostenden Zusammenstoß mit den Regierungsorganen provociren, um auf Grund dessen den Unwillen der Bevölkerung zu erregen und das auswärtige Urtheil zu täuschen.
Der Zug überschritt singend und von dem Zuruf der Menge begleitet den Platz und näherte sich dem Eingang der Johannisstraße, die jetzt von einer Doppelreihe berittener Gendarmen gesperrt war, während sich die Kosaken weiterhin vor dem Schloß und dem Palais des Statthalters aufgestellt hatten, in welchem der landwirthschaftliche Verein eine sehr zahlreich besuchte und animirte Sitzung hielt.
Vor der Front der Gendarmen hielten der Ober-Polizeimeister und der Kommandeur derselben. Oberst Trepoff ritt dem Zuge entgegen und gebot mit einem Winke der Hand Stillstand. Ein lebhaftes Heulen, Pfeifen und Gellen der Menge beantwortete diese Bewegung und verschlang seine Ermahnung, sich ruhig aufzulösen, indem von der Obrigkeit keine Erlaubniß zu einem solchen demonstrativen Aufzug gegeben worden sei, und er seine Fortsetzung nicht dulden könne.
Gleich als existire er gar nicht für sie, setzte der Zug vielmehr seinen Weg fort, dicht an dem jetzt von Polizeidienern umringten Ober-Polizeimeister vorüber und berührte bereits die Reihe der Gendarmen.
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Das Volk heulte, pfiff und lachte, - die Theilnehmer des Zuges setzten ununterbrochen ihren Gesang fort.
Die Situation drohte für die Polizei in's Lächerliche umzuschlagen, das Gefährlichste für ihre Autorität.
»Nehmt dem großen Schurken da die Fahne ab und verhaftet ihn!« befahl der Oberst.
Wohl ein Dutzend Polizeidiener stürzten sich gegen den Fahnenträger, aber die jungen Leute mit den Fähnchen und Fackeln nahmen ihn in ihre Mitte und hielten den Polizeibeamten die letzteren entgegen. Dabei drängten sie singend immer vorwärts und die stäubenden Funken und Flammen der Wachs-, Kiehn- und Pechfackeln begannen bereits die Pferde unruhig zu machen, deren Reiter knirschend vor Erbitterung nur den Befehl zu einem Angriff erwarteten.
Der Ober-Polizeimeister erhob sich in den Bügeln. Wir haben bereits erwähnt, daß er dem verewigten Kaiser Nicolaus sehr ähnlich sieht, auch in der martialischen Gestalt, und deshalb schon außer seiner Strenge bei der polnischen Bevölkerung sehr verhaßt war.
»Zum letzten Mal: Zurück! oder ich lasse Gewalt brauchen!«
Aus den Gliedern der Gendarmen klang das Kommando: Gewehr auf! - und die Säbel rasselten aus den Scheiden.
Die Antwort auf den Befehl des Ober-Polizeimeisters war, daß einer der Fackelträger seinem Pferde, offenbar absichtlich mit der Flamme in's Gebiß kam, so daß das Thier scheute und einen gewaltigen Seitensprung machte,
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der zwei der Polizeidiener zu Boden warf. Alles lachte und pfiff.
Der Ober-Polizeimeister wurde kirschbraun im Gesicht und riß das Pferd herum.
»Oberst Mesenceff, - es ist an Ihnen!«
»Attackirt! Flach gehauen!«
Aber die Gendarmen, alte gediente Soldaten der russischen Armee, waren viel zu erbittert, als daß sie das letzte Kommando genau hätten beachten sollen. Im vollen Trabe rasselten die beiden Glieder vorwärts grade in die Prozession und die dicht gedrängte Menge hinein, und es regnete Hiebe auf Kopf und Schultern der Flüchtenden oder sich zur Wehr Setzenden.
Der Letzteren waren nicht Wenige. Die Mitglieder des Zuges wehrten sich mit ihren Fackeln und Fähnchen, das Publikum mit Stöcken und Schirmen; wildes wüthendes Geschrei erfüllte den ganzen Platz, an fünfzig, sechszig Stellen wurde heftig gekämpft; aus den flachen Schlägen der Gendarmen, die wüthend durch den Widerstand und zahlreiche Brandwunden waren, wurden scharfe Säbelhiebe! Blut floß, das Geschrei der Verwundeten und Ueberrittenen, das Geheul der flüchtenden Menge, zwischen die sich die Polizei noch mit ihren kurzen Lebensvertheidigern warf, erfüllte den Platz mit einem Höllenlärmen; in Zeit von einer Stunde war der ganze Altmarkt gesäubert, und das Volk selbst aus den benachbarten Straßen gedrängt, die sofort abgesperrt wunden.
Das Gerücht von dem Geschehenen in hundert Uebertreibungen und Entstellungen flog auf Windesflügeln
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durch die ganze Stadt. Die Polizei hatte zahlreiche Verhaftungen vorgenommen, aber noch viel mehr der theils leichter, theils schwerer Verwundeten waren mit der flüchtenden Volksmenge glücklich entkommen und suchten jetzt unter'm Schutz der Nacht einen Zufluchtsort.
Zwei Menschen - wie es immer geht, grade nur der Anwesenheit und des leichtsinnigen Zuschauens Schuldige, lagen todt auf dem Platz, - über sechszig Personen mochten verwundet sein.
Die Läden und Lokale, die in Warschau sonst bis spät in die Nacht geöffnet bleiben, wurden sofort geschlossen, die ganze Garnison trat unter Waffen und besetzte alle öffentlichen Plätze, Patrouillen der Gendarmerie und der Kosaken sprengten durch die Straßen und duldeten nirgends Ansammlungen des Publikums; - der Kantschuh, den der Fürst Barinsky so sehr liebte, fand bereits reichliche Verwendung, da bis spät in die Nacht das Volk umherwogte.
Auch in den Sitzungssaal des landwirtschaftlichen Vereins war die ja erwartete Nachricht von dem Angriff der Gendarmerie auf das so »ruhig demonstrirende waffenlose Volk« sofort gebracht worden und der Präsident hatte Mühe, bei der allgemeinen Exaltation die Sitzung schon um 8 Uhr zu schließen, während die Versammlung sonst gewöhnlich bis nach 10 Uhr debattirte. -
Am andern Morgen war ganz Warschau in Aufregung; das Revolutions-Comité hatte noch in der Nacht Sitzung gehabt und es war wiederum zu heftigen Debatten mit dem Abgesandten der »Weißen« gekommen. Die »zwei Todten« genügten nicht, um damit die
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Sympathie Europa's anzurufen und die russische Regierung vor der öffentlichen Meinung anzuklagen. Das Militair hatte nicht auf das Volk gefeuert, und das war es, was man erzwingen mußte. Die Rothen forderten daher heftig eine Erneuerung der Demonstration, - die Adelspartei wollte vorerst auf Grund der Abendvorgänge beim Statthalter remonstriren.
In der That begaben sich am Mittag die sämtlichen Adelsmarschälle zu dem Fürsten-Statthalter, um sich über das bewaffnete Einschreiten der Polizei zu beschweren.
Der Statthalter erwiderte ihnen, daß nicht die Polizei den Conflict hervorgerufen habe, sondern das Volk selbst. Daß bereits festgestellt wäre, daß an verschiedenen Stellen mit Steinen auf die ruhig haltenden oder in Patrouille ziehenden Reiter geworfen worden sei, und daß die ganze Haltung der Masse beweise, es sei auf Unruhen abgesehen. Er müsse die Herrn Marschälle bitten, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, daß die Excesse und Demonstrationen sich nicht wiederholen möchten; - er habe zwar der Truppenführung seinen Willen ausgesprochen, und der Polizei befohlen, mit der größten Schonung aufzutreten und von den Waffen nur im Fall eines wirklichen Angriffs Gebrauch zu machen, - aber der Militair-Gouverneur von Warschau habe seine bestimmten Vollmachten und sei nicht der Mann, die Soldaten des Kaisers ungestraft insultiren zu lassen. Man trennte sich gegenseitig sehr kühl.
Noch am nämlichen Vormittag war in den Zeitungen eine Bekanntmachung des Ober-Polizeimeisters erschienen
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und angeschlagen worden.17 Der sehr nachgiebige unsichere Ton derselben, die offenbare Beschönigung und Verschweigung des Thatbestandes raubten derselben jede Wirkung und erhöhten im Gegensatz den Uebermuth des Pöbels und die Thätigkeit der Unruhstifter. Man erkannte deutlich, daß die Regierung sich schwach fühlte und beschloß, dies auf's Schleunigste auszubeuten.
Als Antwort auf die Proklamation erschien die ganze Stadt in Trauer. Die Männer trugen schwarzen Flor auf ihren Hüten und Mützen, die Frauen den polnischen Trauerputz: Weiß und Schwarz. In den Schaufenstern zeigten sich auf einmal eine Menge Trauergegenstände.
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Der Tag ging jedoch ruhig vorüber, ohne daß es zu Excessen oder einem Zusammenstoß kam, und der Fürst-Statthalter gab sich bereits der Hoffnung hin, daß Alles ruhig vorüber gehen werde. -
Wir finden am Abend dieses Tages mehrere uns bereits bekannte Persönlichkeiten wieder in der Wohnung der Wäscherin, der Tochter des Waldwärter Stenko versammelt.
Unter dem Heiligenbild in der Ecke sah, wie gewöhnlich, der alte Lagienki, theilnahmlos seine Pfeife dampfend. Stenko und sein Enkel waren ausgegangen, durch die Straßen zu streifen, nur der Student und ein fremder Mann saßen an der einen Seite des Tisches, an der anderen in einer braunen Kapuzinerkutte der Pater Hilarius und ein Weib in zottigem Schaafspelz, die Stirn mit dem rothen Kopftuch umwickelt, eine kurze Thonpfeife im Munde, das Gesicht eckig, faltig - boshaft, - es war die Dienerin der frommen Aebtissin aus Rom, ihre Gefährtin aus dem Karmeliterinnen-Kloster zu Krakau, die Pförtnerin Veronica. Auf dem Tisch lag die Proklamation des Ober-Polizeimeisters.
»Sie haben Furcht! offenbar Furcht!« schrie der Student auf den Tisch schlagend. »Der Schurke Trepoff mußte sich erst die Nase verbrennen an der Fackel des dummen Paul Willing, ehe er die Courage bekam, den Gendarmen Befehl zu geben. Wenn nur der Lempke käme.«
»Warum hat man grade jenen Mann zum Fahnenträger gemacht, Pater,« frug der Fremde, »da er einen deutschen Namen trägt?«
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»Ebendeshalb, Oberst, - er ist ein Pole durch und durch, aber der deutsche Name macht seine Verhaftung auch zur Nationalsache für zahlreiche Leute, die sich sonst vielleicht weniger eifrig zeigen würden.«
»Trau den Klosterleuten, trau den Klosterleuten, Oberstchen,« meinte das Weib. »Sie haben immer den besten Grund für Alles.«
»Das sieht man an Deiner Frau,« murmelte der Pater. »Es ist ein Satan im Chorrock, sonst würde sie nicht darauf bestehen, den Oginski aus der Welt zu schaffen.«
»Sie haben es deutlich gesehen, Pater,« frug der Fremde, den sie als Obersten bezeichnet hatten, obschon er keineswegs wirklich diesen Rang, sondern nur den eines ehemaligen Oberstlieutenants von den Ingenieuren hatte, - »Sie haben es gesehen, daß der Genannte im Besitz einer Polizei-Legitimation war?«
»Ich sah, daß er die Karte, welche die Beamten als Legitimation tragen, den Schergen vorzeigte und diese ihn darauf ungehindert, ja mit einem gewissen Respekt passiren ließen. Droszdowicz selbst war zugegen.«
»Das macht freilich die Sache verdächtiger, denn Sie werden wissen, daß mehre der Unseren in Besitz nachgemachter Karten sind. Aber das Auge jenes Menschen, eines der gefährlichsten Verfolger der guten Sache, läßt sich nicht so leicht täuschen. Sie verlangen also seinen Tod?«
»Ich fordre ihn in wichtigen Interessen. Er ist die Bedingung für meine und anderer Personen weitere Thätigkeit.«
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»Es ist Nichts an ihm verloren,« sagte giftig der Student, »er ist ein Aristokrat und ein Geizhals dazu.«
Der Oberst schüttelte noch immer den Kopf. »Sein Tod wird uns unwiderruflich mit der Adelspartei entzweien.«
»Man muß ihn deshalb den beiderseitigen Feinden zuschieben,« bemerkte der Mönch.
»Aber wie?«
»Warten Sie bis der Okuliarnik kommt und uns die Beschlüsse des Comités bringt. Wenn man ihn unter das Volk locken kann bei der morgenden Demonstration, in die Nähe des Zusammenstoßes mit dem Militair, wird man sich seiner ohne Verdacht entledigen können.«
»He he!« meinte die Pförtnerin. »Ein kaltes Brautbett! Einstweilen benimmt er sich wie ein Turteltäubrich gegen die Einarmige. Sie hat erst gethan, als wäre es nur eine Faxe gewesen, ein Auskunftsmittel vor der Polizei, daß er sie für seine Verlobte in der Kirche erklärt hat; aber die Hochwürdigste hat es verstanden, ihr alle Bedenken wegzuschwatzen. Jetzt ist sie ganz stolz darauf, daß sie sich für ihn hat den Arm zerquetschen lassen und es thut ihr nur leid, daß es nicht beide gewesen sind!«
»Für ihn?« frug spöttisch der Student. »Ich dächte, es wären noch ganz andre Leute da gewesen, denen die Marowska ihre Aufopferung schuldete!«
»Bei den vierzehn Nothhelfern, die doch keinem Menschen helfen,« sagte giftig die Alte, in langer Wolke den Rauch von sich blasend, »man ist doch auch jung gewesen und weiß wie's thut. Es soll ein schlechter Kerl noch
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dabei gewesen sein, für dessen Geliebte sie sich sogar ausgegeben, um ihm zu helfen, - aber er hat sich nicht einmal einen Pfifferling um sie bekümmert. He, wir Mitglieder vom schönen Geschlecht wollen wenigstens unsern Dank haben für all das, was wir für Euch thun! S'ist schade um den Oginski - er ist ein schmuckes Kerlchen, aber die Hochwürdigste ist nun einmal fuchswild auf ihn!«
»Alte Hexe!« brummte der Student.
Der Name Oginski schien die Lebensgeister des alten Kriegers geweckt zu haben.
»Oginski? - was befiehlt mein Oberst? - die Papiere sind im Tornister, Oberst! - Hurrah, die Russen rücken an!«
»Was ist das für ein alter Kerl?« frug die Frau.
»Ein Invalide aus alter Zeit,« belehrte sie der Priester. »Die Wäscherin verpflegt ihn aus einer kleinen Pension. - Doch Oberst Traugut, was sinnen Sie nach, was liegt Ihnen auf der Seele? - Billigen Sie den Plan der morgigen Wiederholung der Demonstration nicht, auch ohne die Zustimmung der weißen Partei?«
Der spätere Diktator, unter dessen eiserner Leitung die blutigste und letzte Phase der Rebellion sich abwickeln sollte, hob den Kopf.
»Sie haben Alle den besten Willen, aber Sie sind keine Soldaten. Die augenblickliche Truppenzahl der Garnison würde bei einer ernsten Erhebung des Volkes allerdings nicht genügenden Widerstand leisten können, aber vielleicht hat das Gouvernement bereits Verstärkung requirirt. Dies müßte man wissen, ehe ich mich dafür
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entscheiden kann, ob wir morgen einen Zusammenstoß mit gewaffneter Hand suchen sollen, oder das gestrige Spiel wiederholen mit etwas mehr Kitzeln der russischen Tyrannei. Wenn das Erstere geschehen soll, dann müssen wir überhaupt losschlagen und das Volk zu den Waffen rufen. Sind die Waffenvorräthe in den Kellern Ihres Klosters zur Vertheilung geordnet?«
»Alles ist bereit für jeden Augenblick!«
»Und die im Grabowski'schen und Ekkert'schen Hause?«
»Das ist Sache des Revolutions-Comité, aber soviel ich weiß, ist Alles in Ordnung.«
Der Oberstlieutenant blieb im Nachsinnen. »Der ganze Putsch würde Nichts nutzen, wenn wir nicht im Stande wären, die Russen aus Warschau zu jagen. - Es hängt Alles davon ab, ob bereits Ordres an die Truppen, zunächst in Modlin, abgegangen sind.«
»Wer würde die Befehle dazu ertheilt haben?«
»Wer anders als der General-Kriegsgouverneur! - Pater, Ihr habt Eure geheime Polizei doch noch schlecht in Ordnung, daß dies nicht einmal zu ermitteln ist.«
Der Student lachte pfiffig. »Ich wüßte wohl einen Weg!«
»Dann heraus damit.«
Prot Asnik wies mit dem Daumen über die Schulter nach der Küche, wo man die Frau hantieren hörte.
»Sie hat Zutritt beim Adjutanten des Generals - sie hat uns schon Manches von dort gebracht.«
»Bei dem Adjutanten? - Wie meinen Sie?«
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»Beim Kapitain Atschikoff. Er ist Chef der Kanzlei. Sie müssen ja wissen Oberst, ob das genügt.«
»Zum Teufel, gewiß! Jede Requisition an General Liprandi oder die Chefs der einzelnen Truppentheile müssen durch seine Hand gehn. Ja, wer einen Blick in das Abgangsjournal thun könnte!«
»Sie schmeichelt's ihm vielleicht ab - aber -«
»Nun, was aber?«
Der Student lachte faunisch. »Er ist Junggeselle und sie noch immer eine hübsche runde Person, die besondere Qualitäten haben muß, oder der Kapitain, wie man wissen will, besondere Gelüste. Aber sie hat in der letzten Zeit nicht mehr recht heran wollen, zu ihm zu gehn.«
»Thorheit! - Rufen Sie sie herein!«
Der Student öffnete die Thür der Küche und winkte der jungen Frau.
Sie säuberte sich geschwind, so gut es gehn wollte, von den Spuren ihrer Beschäftigung und trat in das Zimmer.
Der Student hatte Recht gehabt, die junge Frau war noch immer eine hübsche, für sinnliche Männer sogar sehr verlockende Persönlichkeit von drallen üppigen Formen.
»Was wünschen Sie?«
»Höre Frau,« der Oberstlieutenant hatte das Wort genommen, »Du bist ja wohl eine gute Polin?«
»So wahr mir die heilige Jungfrau gnädig sein mag, ich bin's von ganzer Seele. Ist doch der Stenko Siwak mein Vater, und der Janko mein Kind. Fragen
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Sie den hochwürdigen Herrn hier, er ist mein Beichtvater und kann's bestätigen.«
»Es braucht Deiner Betheuerungen nicht! Wenn's nicht so wäre, - ich bin zwar zum ersten Mal hier - würde man mich nicht zu Dir gewiesen haben. Dies Vertrauen der Patrioten legt Dir aber auch die Pflicht des unbedingten Gehorsams auf.«
»Ich bin stets bereit gewesen zu gehorchen, Herr, und habe selbst Manches gethan, was mein Gewissen bedrücken könnte, wenn mir's nicht der heilige Herr hier vergeben hätte.«
»Und er wird Dir die kleinen Sünden, denk' ich, auch ferner vergeben. Du kennst den russischen Kapitain Atschikoff?«
Das Blut schoß der Frau in's Gesicht. »Ich wasche für viele russische Herrschaften,« sagte sie stotternd, - »mit Erlaubniß der Herren!«
»Ich weiß. Ich spreche jetzt speciell von dem Kapitain Atschikoff, dem Adjutanten des General Paniutin.«
»Ja, - auch für ihn, Herr!«
»Du stehst in näheren Verhältnissen zu ihm?«
»Herr,« sagte sie finster, - »welches Recht habt Ihr, so zu fragen? - Fragt diesen da,« - sie wies auf den Pater, - »und verschont mich in Gegenwart Anderer mit solchen Fragen.«
»Thörin, - es handelt sich hier nicht um einfältige Prüderie, sondern um Deinen Eid, den Du Polen geschworen. Antworte auf die Frage.«
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»Ich - ich bringe die Wäsche zu ihm, - aber ich will nicht mehr zu ihm gehn.«
»Das wird sich finden! Wo wohnt der Kapitain?«
»Im Krasinski'schen Palais, - im jetzigen Gouvernements-Palast,« sagte der Pater. »Er ist die rechte Hand des Generals.«
»Wenn Du zu ihm kamst, - geschah es in seine Wohnung?«
»Er hat ein Arbeitszimmer, Herr, - das stößt an die Kanzlei, auf der andern Seite liegt - seine Schlafstube.«
»Du hattest Zutritt zu dem Arbeitszimmer? Du hast mehrfach, da Du lesen und schreiben kannst, und Russisch verstehst, Papiere auf seinem Schreibtische eingesehn, wie man mir sagt?«
»Ja Herr!«
»Hast Du je dort ein Buch gesehn, in das er die Briefe einschreibt, die er absendet? Ein großes langes Buch?«
Sie sann einige Augenblicke nach. »Ich glaube mich zu erinnern, - ich sah durch die Glasthür, als ich - warten mußte, daß er die Adressen von Briefen hinein schrieb, die auf dem Pult lagen. Es liegt in einem Fach desselben. Auch die Depeschen schreibt er ein, die mit den Telegraphen kommen.«
Der Oberstlieutenant sann nach, dann setzte er seine Fragen fort. »Wann mußtest Du gewöhnlich zu ihm kommen?«
»Am Morgen, Herr, - der Kapitain pflegt nicht vor 11 Uhr aufzustehn.«
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»Nun merke wohl auf, es ist wichtiger, als Du meinst. Kannst Du das Buch, und wäre es auch nur für eine Stunde, in irgend einer Weise stehlen?«
»Ich - stehlen? - ich habe noch niemals gestohlen, selbst in meinem größten Elend nicht, und mein Knabe soll es auch nicht.«
»Närrin, - Geheimnisse sind kein Geld! - Ich frage Dich, ob es möglich wäre?«
Die junge Frau schauderte. »Möglich wäre es vielleicht, aber - dann müßte ich wieder zu ihm gehn und ich will nicht! ich habe es dem Unmenschen schon am letzten Mal gesagt, daß ich auf den elenden Verdienst lieber verzichte, - ich will nicht!«
»Du mußt! - warum weigerst Du Dich?«
Sie wandte sich ab - und wies auf den Studenten, der mit großem Behagen der schändlichen Unterredung zugehört. »Laßt den da hinaus gehn, ich mag vor ihm nicht mehr reden!«
Der Student schlug ein lautes Gelächter auf. »Bist Du närrisch, Mama Siwa[c]k? Willst Du vielleicht die keusche Susanna spielen, mir gegenüber? Geh, geh Kind, wir wissens besser! erzähle hübsch weiter und recht ausführlich, ich möchte gern wissen, was der Herr Kapitän Besonderes an Dir findet!«
»Schuft, - feiger Schuft!« rief die junge Frau mit blitzenden Augen nach dem Messer greifend, das auf dem Tisch lag. »Du weißt doch am Wenigsten von mir zu erzählen! Wenn ich meinen Leib verkauft habe für Polen, so will ich doch meine Seele nicht verkaufen, und nicht
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dafür zum Spott eines Elenden werden, der sicher noch einmal uns Alle an den Galgen bringt!«
Der Student war etwas blaß geworden bei der Anschuldigung. »Unsere Freunde kennen mich und wissen, was sie von mir zu halten haben. Nimm Dich in Acht, daß ich Dir's nicht eintränke!«
»Ruhig, - keinen Streit unter Denen, die Alle der Befreiung Polens dienen. Auch das schlimmste Mittel wird heilig und rein durch den Zweck. Du mußt den Versuch machen, wie sehr Dir's auch widersteht.«
Die Pförtnerin schlug sich in's Mittel. »Komm' hinaus Frau, mir kannst Du schon vertrauen, was Du den Männern nicht zum Besten geben willst. Es wird so schlimm nicht sein, - in den Klöstern lernt man Aergeres. Meint Ihr nicht auch Pater?«
»Schweig Verruchte!«
Die Laienschwester führte die Frau in die Küche, kam aber bald wieder mit Gelächter herein, die glühend Erröthete hinter sich drein ziehend. »Dacht ich's doch - der Kerl ist ein Vieh oder ein Narr, da brauchst Du Dir wenig Gewissen drum zu machen, und hier der Pater Hilarius absolvirt Dich drei Mal, wenn das eine Mal zu fadenscheinig ist! - Sie wird gehn, Oberstchen, ich bürge Dir dafür! Du mußt sie nur gut instruiren.«
»Das soll geschehn!« Und es geschah. Wo ein Pfaffe, ein altes durchgesottenes Weib und ein Mann, der für seinen fanatischen Zweck bereit ist, jedes göttliche und menschliche Gesetz mit Füßen zu treten, zusammen berathen, da muß eine gute Satansfrucht herauskommen.
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Die Tochter des rauhen, aber ehrlichen Waldwärters, die Wäscherin Siwak sträubte sich nicht länger - sie versprach zu gehorchen. Nur als der Student rieth, sie solle den Knaben Janko, wie schon öfter in die russischen Häuser, in denen sie verkehrte, mitnehmen, damit er - in seiner Verkleidung als Mädchen auf sie wartend - ihr bei der Fortschaffung des Journals behilflich sein könne, - erwachte ihr früherer Widerwille, und sie erklärte determinirt, nie solle ihr Knabe in jene Wohnung ihr folgen. »Ist es nicht genug, daß er mich gefragt, ob ich keine Tochter, kein junges unschuldiges Kind habe? Niemals, niemals, oder meine Seele möge verdammt sein!«
Der Aufschrei der Mutterangst rührte selbst diese Herzen, - man entwarf einen andern Plan.
Von der Thür her erklang das Zeichen um Einlaß, das nur die Vertrautesten kannten.
Die Frau ging zu öffnen, - mit dem Okuliarnik kehrten der Waldwärter und sein Enkel zurück.
»Ein merkwürdig Schauspiel« sagte lachend der Okuliarnik, »sie streichen an einander vorüber, wie die Hunde und die Wölfe, die einander die Zähne fletschen und an die Gurgel springen möchten, es weiß nur keiner, ob er anfangen soll. Hui, - einen tüchtigen Brand dazwischen, wie der Stenko da an der Grenze ihn warf, als wir mit den feinen Cavalieren conversirten, und der Teufel ist los!«
»Was ist entschieden worden?« frug der Oberstlieutenant kurz.
»Warum wart Ihr nicht selbst da, es wäre doch ein entschlossen Wort mehr gewesen!«
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»Sie wissen, Bruder, daß ich noch nicht zu dem Ausschuß gehöre.«
»Noch nicht! aber es wird kommen. Was trieb Sie hierher aus Litthauen, Oberst, als die Witterung. Lassen Sie sich die Lust vergehen, Sie sind ein schlechter Spürhund, Oberst! es soll kein Blut fließen, außer polnisches! höchstens ein Loch in einem Tatarenschädel von einem Steinwurf. Es ist Alles Dreck, - die Weißen haben wieder gesiegt! Große Prozession um die Mittagstunde aus der Karmeliter Kirche, die Leszno herab über die Szmaterscka[Senatorska] nach Praga. Diesmal soll die Geistlichkeit mit heran. - Aber wer ist das Weib da?« Er wies auf die Pförtnerin.
Der Pater und der Oberstlieutenant hatten bei der Mittheilung des Okuliarnik einen raschen Blick getauscht, sie schienen Beide denselben Gedanken gehabt zu haben. »Ich bürge für sie,« sagte der Mönch. »Wir sprechen nachher weiter über sie, - es betrifft den Oginski?«
»Den Lauen, den Verräther! Hol' ihn der Teufel, ich hatte schon Lust, seine Anwesenheit anonym der Polizei zu denunciren.«
»Das wird kaum nöthig sein,« meinte der Student höhnisch. »Wie der Pater erzählt, steht er in Verbindung und unter'm Schutz derselben.«
»Das hätt' ich mir denken können, sonst würde er nicht diesen gefährlichen Hund den Droszdowicz damals der gerechten Strafe entzogen haben. Tod dem Verräther!«
Der Knabe Janko machte eine Bewegung, als wollte
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er vorspringen, aber er schien sich eines Andern zu besinnen und schlich sich geräuschlos in die Küche zu seiner Mutter, die dort den Kopf in die Hand gestützt, still weinend saß.
»Was fehlt Dir, Matka? Haben sie Dich geärgert? Das fremde Weib drinnen hat ein häßliches Gesicht. Was wollen sie mit dem Grafen thun, meinem Grafen? Ist es das? ich weiß, Du hast ihn auch lieb, obschon Du ihn nicht kennst, weil er den Janko vor den Zähnen des Wolfes bewahrt hat.«
»Schweig' Kind - frage nicht! Es freut mich, daß Du ein anhänglich Herz hast. -«
»Eben drum will ich wissen, was sie vorhaben. Paß auf Mutter, daß sie mich nicht überraschen.«
Er stieg auf den Heerd, zog aus der Verbindung desselben mit dem Kachelofen drinnen zwei Steine und steckte den Kopf in das Loch. So konnte er Alles hören, was sie redeten.
Der Oberstlieutenant hatte das Gespräch, über den angeblichen Verräther an der Nationalsache fallen lassen, um von dem Okuliarnik weiteren Bericht über die Pläne und die beschlossenen Maßregeln der Verschwornen zu verlangen und der Brillen-Ludwig gab ihn jetzt ausführlicher, indem er die Anordnung und den Gang der neuen Prozession beschrieb. Es war diesmal nicht öffentlich dazu aufgefordert, sondern die Nachricht durch das früher erwähnte Zehnmännersystem in der Stadt verbreitet, und das Geheimniß wurde in der That so gut bewahrt, daß
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die Polizei wohl erfuhr, es sei eine neue Demonstration im Werke, aber Nichts von dem Wann, Wie und Wo?
»Dann nimmt also die Prozession ihren Weg an dem Bernhardiner Kloster vorüber?« frug der Litthaner.
»So ist es die Absicht!«
»Wenn man an dieser Stelle einen Conflict mit dem Militair hervorrufen könnte? - Vielleicht ein Eindringen in die Kirche, eine Entweihung des Gotteshauses durch die Soldaten, - das würde das Volk aufreizen.«
»Vortrefflich!«
»Zum Henker -,« sagte der Student, »warum macht man aus dem Begräbniß der beiden Todten von gestern nicht eine Demonstration?«
»Sie sind Beide auf Befehl der Polizei schon heute Abend in aller Stille begraben worden.«
»Schwerenoth, - sterben denn nicht mehr Leute in Warschau? Irgend ein altes Weib oder ein Spittelmann, - es ist Alles egal, wenn's nur ein Begräbniß ist!«
Der Oberstlieutenant hatte die Idee rasch aufgegriffen. »Das wäre vortrefflich! Ein Begegnen des Leichenzugs mit der Prozession nach Praga, an irgend einer richtigen Stelle, die Nachricht verbreitet, daß es die von den Gendarmen Erschlagenen sind. Das dumme Volk glaubt Alles!«
Der Pater sann nach. »Wenn mir recht ist, habe ich gehört, - daß in der Neuen Welt gestern in einem Hinterhause zwei Personen an Kohlendunst erstickt sind.«
»Da hätten wir ja, was wir brauchen. Pater Hilarius wird dafür sorgen, daß Alles auf die Stunde
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arrangirt wird. Es werden arme Teufel sein, die froh sind, wenn sie die Geistlichen nicht zu bezahlen brauchen, nöthigen Falles kann es auf ein Stück Geld nicht ankommen. Wir stellen lebendige Telegraphen auf den beiden Wegen, die die richtige Zeit avertiren, die Jungen sind vortrefflich dazu, das kann der Janko arrangiren. Wo ist der Schelm?«
»Draußen - Küche! Mutter!« sagte der Waldwärter einsylbig.
»Laßt ihn, wo er ist, - der Junge braucht nicht Alles zu hören.«
Man besprach nunmehr noch verschiedene Maßregeln. Es fand sich, daß in der Nähe des Bernhardiner Klosters ein Neubau aus der besseren Jahreszeit liegen geblieben, bei dem es an Steinen nicht mangelte.
»Wen stellen wir an die Spitze der Prozession? Sie darf nicht im ersten Theil des Weges verhindert werden und doch muß etwas dabei sein, was das Volk packt und rechten Zulauf veranlaßt.«
Wieder hatte der Student einen Ausweg, - er deutete auf den alten stumpfsinnigen Soldaten.
»Wie wär's mit dem Lagienki hier? - Halb Warschau kennt ihn. Ein Mann aus der Zeit von Koscziusko an der Spitze der Prozession nach Grochow - das könnte packen. Er ist ohnehin zu Nichts mehr gut!«
»Aber es wäre vielleicht unvorsichtig,« bemerkte der Pater. »Seine Wohnung ist leicht zu ermitteln, die Polizei kennt sie gewiß ohnehin, und das könnte zu Nachfragen und Visitationen führen, die Ihnen einen bisher
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sichern Zufluchtsort versperrten. Herr Asnik und Stenko könnten unmöglich dann hier bleiben.«
Der Student verschwor sich mit einem lästerlichen Fluch, er sei dieses Verstecks bei einem alten Verrückten, einem unwirschen Weibe und einem naseweisen Jungen längst müde und wolle es anderswo versuchen. Auch der alte Stenko werde leicht für kurze Zeit ein anderes Unterkommen finden. Sie könnten ja sagen, die Nachbarn oder das Volk hätten mit Gewalt den greisen Lagienki herausgeholt. Die Polizei werde sich bald beruhigen, da sie hoffentlich andere Dinge zu thun habe. Frau Siwak werde Schutz genug finden und dann - wenn man noch nicht offen auftreten könne, - werde die Wohnung desto sicherer sein.
Es gehörten Männer, die vor Nichts zurückschreckten, dazu, den gespensterhaften Eindruck zu überwinden, als sie durch den Tabaksqualm immer und immer wieder auf den Greis sehen mußten, über dessen Leben und Tod sie eben verhandelten und der dazu mit matten glanzlosen Augen starr durch die Dampfringel vor sich hin blickte, als ginge ihn die ganze Verhandlung Nichts an.
»Ihr mögt jetzt einen Augenblick in die Küche gehn, Stenko, und Eure Tochter hereinschicken,« empfahl der Pater, »wir haben mit ihr noch zu reden; haltet den Jungen draußen, er braucht es nicht zu wissen.«
Der Waidmann war an Gehorsam gewöhnt, er ging nach der Küche und schickte die Frau hinein, die widerwillig gehorchte. In Gegenwart des Großvaters durfte der
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Knabe natürlich nicht horchen und mußte seinen Lauscherposten verlassen.
In der Stube wurden nun die verschiedenen Pläne nochmals verhandelt und die Frau, trotz ihrer Bitten, sie zu verschonen, angewiesen, sich am andern Vormittag in den Gouvernements-Palast zu dem Adjutanten des Generals zu begeben, um dort zu versuchen, sich des Journals zu bemächtigen. Sie sollte es in ihrem Wäschkorb aus dem Palais schmuggeln und in ein bestimmtes Haus an der Dluga bringen, wo der Oberstlieutenant sie erwarten wollte. Nach dem Gebrauch - wenn das überhaupt dann noch nöthig sei, - könne sie ja unter irgend einem Vorwand sich wieder Eintritt zu verschaffen suchen und das Buch in der Wohnung des Offiziers an einen Ort bringen, als habe er selbst es verlegt gehabt.
Von den Nachrichten, die der Oberstlieutenant daraus ersehen, sollte es abhängen, ob ein Conflict mit der Polizei und den Truppen als Versuch der wirklichen bewaffneten Erhebung gewagt werden könne oder nicht. Ein Signal war leicht verabredet; der Okuliarnik übernahm es, den ersten Ausbruch an der Bernhardiner Kirche zu leiten.
»Und der Oginski?«
Veronika war es, welche zuerst wieder den Namen nannte.
Der Pater unterrichtete den Brillen-Ludwig jetzt von dem, was er in der Kirche gesehen, und ohne weiter zu prüfen, stimmte der blutdürstige Mensch dafür, daß man eine mindest so zweifelhafte und in Vieles eingeweihte Person sich vom Halse schaffen müsse.
Zur Ausführung des Planes, den Grafen zu vernichten, als sei er im Tumult von der Hand der Russen gefallen, war nur Eines nöthig: - ihn in den beschlossenen Conflict zu verwickeln. Dann ließ sich's leicht aus der Mitte der Verschworenen selbst thun.
Der Pater Hilarius wußte hier Rath. Unter den jungen Leuten, welche gestern den Zug aus der iner Kirche mitgemacht und mit den Gendarmen auf dem Altmarkt in Conflict gekommen waren, befand sich auch der Neffe der Aebtissin, der junge Peter Wysocki. Er war leicht verwundet und von seinen Kameraden in das Bernhardiner Kloster vor den Patrouillen geflüchtet worden. Dort befand er sich noch, und Veronica konnte leicht veranlassen, daß die Aebtissin unter dem Vorwand, dem Gottesdienst in der Bernhardiner Kirche beizuwohnen, ihn am Vormittag besuchte.
Was war natürlicher, als daß sie die Marowska mit sich nahm und der Graf sie in's Kloster begleitete, in dem er vor fünf Monaten ja selbst hilfreiche und versteckte Aufnahme gefunden hatte.
Das Andere mußten dann die Umstände ergeben.
Die Mutter Janko's war während der Verhandlung im Zimmer geblieben, da man sie nicht wieder hinaus gehen heißen. Sie hatte sich um den Greis zu thun gemacht, der von einer ganz ungewöhnlichen Aufregung ergriffen schien, während vor seinen Ohren so oft der Name Oginski genannt wurde.
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Er murmelte unverständliche Worte, verlangte, daß man ihm einen alten Tornister oder Jagdranzen bringe, der fast so alt war, wie er selbst, und den er mit kindischer Sorgfalt und Angst in seinem Bett verwahrte, ein Andenken an seine früheren Feldzüge, und beruhigte sich erst, als der Knabe Janko wieder herein gerufen wurde und ihn zu Bett brachte.
Der Student gähnte und streckte seine hageren Glieder, er meinte, es sei Zeit, daß man sich auf die Ereignisse des nächsten Tages durch einen tüchtigen Schlaf stärke. Die Sitzung wurde aufgehoben und der Priester entfernte sich mit der Pförtnerin durch den einen Ausgang, während der Okuliarnik seinen Weg durch einen anderen nahm. Der littauische Oberst fand sein Nachtlager in einer nicht leicht bemerkbaren Kammer auf dem Boden des Hauses. In seine Wolfsschur gewickelt, die Pistolen im Bereich seiner Hand, brütete der finstere unheimliche Mann über seinen wilden blutigen Plänen, aber der Traum, der ihn umgaukelte, als der Schlaf endlich seine Fittiche auch über ihn senkte, hatte Nichts mit dem Meer von Blut und Mord zu thun, in das seine wachen Gedanken ihn versenkt, sondern führte ihn in die erste Jugendzeit zurück, als die Mutter noch in langen Winterabenden am Kamin saß und spann, oder den blonden Lockenkopf des Knaben an die Brust drückte und ihm bange machte mit der Geschichte von dem grauen Wehrwolf, der mit rother Zunge und feurigen Augen draußen durch die unendlichen Wälder Litthauens schweifte.
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War er doch selbst jetzt aus diesen Wäldern gekommen, ein grimmer Wolf, der nach dem Blut lechzte Derer, die er einst im Kadettenhause, in der Garnison und auf dem Schlachtfeld seine Kameraden genannt!


Es war ein eigenthümliches Verhältniß, das sich zwischen den drei Personen, welche sich in der Pauliner Kirche zusammengefunden, gebildet hatte. Die Aebtissin, so klug und schlau sie Alles erwog und ihre Fragen stellte, konnte nicht zur Entscheidung gelangen, ob Graf Oginski, den sie doch hatte den mißbrauchten Beichtstuhl verlassen sehen, sie als die Beichtende wiedererkannt habe, die ihm im Glauben, den Pater Hilarius vor sich zu haben, so schreckliche Dinge anvertraut hatte. Der Graf verhielt sich mit kalter ruhiger Höflichkeit gegen sie, und keine Sylbe in seiner Unterhaltung deutete auf die Scene im Beichtstuhl. In eben der Weise hatte er ihren Anspruch auf die Verwandtschaft mit seiner Familie aufgenommen und hütete sich selbst, über die revolutionaire Frage, seine Mission Seitens des pariser Central-Comité und seine etwaigen Verbindungen in Warschau mehr als durch den Zusammenhang mit der heroischen That des Fräulein von Marowska hervorgerufen wurde, zu sprechen.
Daß diese allein es war, welche ihn zu weiterem Verkehr mit der Aebtissin veranlaßte, war leicht ersichtlich und geschickt verstand die schlaue Frau, daraus für ihre Absichten Vortheil zu ziehen.
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Hilflos, jedes anderen Unterkommens entbehrend, hatte die junge Dame dankbar das Anerbieten der einstweiligen Aufnahme Seitens der Klosterfrau angenommen. Daß der Graf bei jener Gefährdung sich öffentlich als ihren Verlobten erklärt, hatte zwar einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, und ihrem Wesen gleichsam eine neue Spannkraft verliehen; indeß war sie, - obschon damit wahrscheinlich der verborgenste Traum ihres Herzens in Erfüllung ging - doch zu edel und selbstlos, um - als er später in Gegenwart der Aebtissin diese Erklärung wiederholte und offen und männlich um ihre Einwilligung bat, - nicht eben so bestimmt ihn abzuweisen, indem sie seine Werbung als einen Akt bloßer Dankbarkeit für eine That erklärte, zu der ihr patriotisches Gefühl sie getrieben, die sie ja nicht zu seiner Rettung allein verübt, und für welche er daher ihr nicht zu einer Handlung der Dankbarkeit sich verpflichtet halten dürfe, die ihm eine Last für das Leben aufbürden müsse, indem sie ihn unauflöslich an eine Verkrüppelte binden würde.
Vergebens betheuerte Graf Hypolit, daß jene heroische Aufopferung ihr nicht bloß seine Dankbarkeit, sondern in der That auch sein ganzes Herz gewonnen habe, daß dieses bis dahin frei gewesen sei, von dem Augenblick an aber, wo er ihre edle Handlung gehört, sich so lebhaft mit ihrem Bilde beschäftigt habe, bis er gefühlt, daß er sie liebe und in ihr das Ideal seines Herzens gefunden habe. Schmerzlich lächelnd sah die polnische Jungfrau bei dieser Bezeichnung auf ihren verstümmelten Arm nieder, eine fliegende Röthe des Glücks färbte ihre abgehagerten Wangen, -
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aber sie blieb fest bei ihrer Resignation, und selbst die schlauesten, auf ihr Herz berechneten Vorstellungen ihrer neuen Freundin und Beschützerin vermochten sie nicht, dem geliebten Mann eine günstigere Antwort zu geben.
Selbst seinen Vorschlag, sie den hiesigen Verhältnissen zu entziehen und im Ausland für ihr Unterkommen in einer passenden Familie zu sorgen, - ein Vorschlag, welcher keineswegs den Beifall der Aebtissin fand, da er das schutzlose Mädchen ihrem Einfluß entzogen hätte, - wies sie entschlossen zurück und erklärte, schon in den nächsten Tagen wieder eine Condition suchen, am Liebsten aber in das große städtische Krankenhaus zurückkehren zu wollen, um sich dort als Krankenpflegerin auszubilden.
»Ich sehe die Zeit nahe,« sagte sie mit Begeisterung, »wo wir Frauen die heilige Pflicht zu üben haben, die Wunden der Kämpfer für die Wiedergeburt Polens, für die Freiheit unseres Vaterlands zu pflegen und zu heilen, an der Seite der Blutenden zu stehen und ihren Muth zu stärken oder den Scheidenden den Trost in das Grab mitzugeben, daß selbst die Frauen bereit sind, ihren Heldentod zu theilen oder an den Unterdrückern zu rächen. Die heilige Jungfrau hat mich vor Vielen begnadigt, daß ich der Sache des Vaterlandes das lebendige Glied des Leibes auf den Altar legen durfte, und es ist vielleicht das Beste so, wenn ich auch früher hoffte, in der Stunde da es gilt, wie die Heldenfrauen unseres Volkes, wie Cäcilie von Platen den Säbel in der Hand mich auf die Feinde werfen zu dürfen; - der Weg, den ich gehen muß, ist jetzt ein anderer und der Wille der Heiligen geschehe!«
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Das Auge der Schwärmerin leuchtete, fast mit Andacht sah Graf Hypolit auf die Begeisterte. -
Die Abendversammlung des landwirtschaftlichen Vereins war überaus erregt gewesen, es waren wohl 2000 Mitglieder anwesend, und die Reden, die gehalten wurden, ließen auf die kommenden Ereignisse schließen. Man erfuhr später, die Regierung freilich zuletzt, daß in dieser Versammlung und in der kaufmännischen Ressource bereits die berüchtigte Adresse an den Kaiser vorbereitet wurde. Trotz der nachgiebigen Zusicherung des Fürsten an die Deputation der Adels-Marschälle, welche die Freigebung der wegen der Excesse am Tage vorher (25.) Arretirten verlangt hatte, daß die Verhafteten nur eine polizeiliche Strafe erleiden würden und ihr Vergehen nicht als ein politisches betrachtet werden sollte, wollte man sich nicht damit beruhigen, und es wurde eine neue Deputation an den Statthalter aus Mitgliedern des landwirthschaftlichen Vereins für den 27. beschlossen.
So kam der Mittwoch, der zur Herbeiführung eines ernsthafteren Conflicts bestimmte Tag.
Wir wissen bereits, zu welchem schmachvollen Auftrag die Tochter des Waldwärters gezwungen worden war, und in der That hatte sich die arme von den Drohungen der Wortführer und ihres Beichtvaters eingeschüchterte Frau auf den Weg gemacht, nachdem es ihr zuvor gelungen war, ihrem Knaben einige Warnungen in Bezug auf das gegen seinen Beschützer beabsichtigte Attentat zu geben.
Janko versuchte den Grafen in seinem Hôtel aufzusuchen, aber der Portier jagte den als russiger[rußiger] schmutziger
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Kohlenjunge auf's Beste verkleideten Burschen aus dem Hausflur und drohte ihm mit einer Tracht Prügel, wenn er sich wieder sehen lasse. Der Knabe beschloß, sich auf sich selbst zu verlassen und nahm gegen 11 Uhr seinen Posten in der Nähe der Bernhardiner Kirche ein.
Einem genauen Beobachter hätte es auffallen müssen, daß eine große Anzahl von Kindern, Knaben und Mädchen, die ganze Krakauer Straße entlang, bis zur Neuen Welt, und eben so nach der anderen Seite am Theater-Platz entlang zur Leszno Straße in geringen Zwischenräumen postirt war und in fortwährendem Verkehr blieb. Die Krakauer Straße bis zum Bernhardiner Kloster war mit zahlreichen Posten von Infanterie besetzt und die Patrouillen der Kosaken suchten die Menschenhaufen in Gang zu halten.
Dem Gottesdienst in der Karmeliter Kirche der Leszno Straße zu Ehren der beiden am 25. Gefallenen war von der Polizei kein Hinderniß in den Weg gelegt worden. Schon um 11 Uhr war die Kirche so gefüllt, daß Niemand mehr sich eindrängen konnte und viele Hunderte lagen vor dem Kirchenportal auf den Knieen und sperrten die Straße.
Es war Mittag 12 Uhr, als plötzlich diese Menschenmasse in Fluß kam.
Aus dem Portal der Kirche entwickelte sich eine neue Prozession; drei Geistliche eröffneten sie, schwarz umflorte Kreuze tragend, hinter ihnen Männer und Frauen in dichte Reihen geschaart. Die Spitze hatte kaum das Kirchenthor passirt, als von dem nächsten Eckstein ein
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Knabe sprang und sich Bahn brach durch die Menge, nach dem Theaterplatz zu. In Entfernung von zweihundert Schritten löste ihn ein dort postirter ab.
Langsam, unter dem Absingen eines Chorals nahm der Zug seinen Weg die Leszno Straße herab, gleich einer Lawine sich vergrößernd mit jedem Schritt vorwärts.
In der Neuen Welt hielt vor einem großen Hause ein Leichencondukt; zwei Särge wurden herausgetragen - man wußte nicht, welche Hand es gethan, aber bevor sie noch auf den Leichenwagen gehoben wurden, lagen Lorbeerkränze mit weiß und rothen Bändern, und Dornenkronen auf dem Sargdeckel.
»Die Opfer vom Montag! Die Erschlagenen auf dem Alten Markt!« - Der Ruf ging wie ein Lauffeuer durch die auf der Straße umher wogende Menschenmasse. Die Weiber weinten und schluchzten, die Männer drängten sich um die Särge, sie zu berühren, nahmen sie von dem Wagen und hoben sie auf ihre Schultern. -
Als der erste Zug aus der Karmeliter Kirche die Smatorska[Senatorska] erreicht hatte, entstand ein kurzer Halt - die umdrängende Menge öffnete sich, und zwei junge Akademiker führten eine Gestalt heran, die anfangs mit Staunen, dann aber mit dem stürmischen Ruf »Zgie Polska!« und dem Anstimmen des Nationalliedes:
»Jescze Polska ni e zgin e a«
begrüßt wurde.
Es war der fast neunzigjährige Krieger aus der Zeit Koscziusko's, der Pensionair der Wäscherin Siwak, der Veteran Lagienki.
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Der alte Mann schien willenlos Alles mit sich machen zu lassen, seine Augen starrten glanzlos auf die Menge. Man hatte ihm eine alte Uniform der Krakusen angelegt und die bekannte viereckige Mütze auf das graue fast kahle Haupt gedrückt, über welches die lange bluthrothe Narbe weglief.
Die beiden jungen Männer, die den Greis mehr trugen, als führten, traten hinter die drei Geistlichen an die Spitze des Zuges, und hundert Hände streckten sich bereit, sie zu unterstützen.
Langsam bewegte die Menge sich vorwärts - näher und näher dem verhängnißvollen Ort, der zum Zusammenstoß der beiden Züge ausersehen war. - Noch hatte man ihn nicht erreicht, als durch die Theilnehmer des Zuges das Gerücht lief: »Die Särge! die Särge kommen! Die Gemordeten von ehegestern!« - - -
Der kleine Kosaken-Oberst, der selbst auf der Krakowiecka auf und nieder ritt, hielt bei General Sabolotzki, der das Kommando der zur Aufrechthaltung der Ordnung aufgestellten Truppen führte.
»Ist sich nichwürdigster Pöbel, General! Wollen nicht Platz machen mit Gewalt. Kommt großer Zug von die Senatorska her, Straßen ganz schwarz von die Menschenköpfe. Sind sich die Pfaffen voran, toujours à la tête, tragen große Kreuz und singen. Kommen Zug von die andere Seit, wollen begraben zwei Personen, sagen, daß sie erschlagen haben die Gendarmen.«
»Haben Sie Oberst Trepoff gesehen?«
»Ist sich aufgestellt an die Bernhardiner Kloster!
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Ganze Popenschaft die, hätte große Lust gehabt, sie jagen zu lassen von Kosaken meinigten mit die Kantschuh in die Kirch, wo gehören sie hin! Lassen Oberst Trepoff bitten, zu verhindern, daß Leichenzug kommen zusammen mit die Prozession.«
»Das ist offenbar der ganze Zweck der Schufte! - Major Horetzki, lassen Sie die Straße sperren und die Führer des Leichencondukts bedeuten, daß er nicht passiren kann.« -
Der kleine Oberst salutirte. »Will ich thun das Meinigte. Hab' ich die Ehre zu sagen au revoir!«
Er sprengte zur Kirche zurück[.] Das Pfeifen und Gröhlen des an den Häuserreihen entlang postirten Pöbels folgte ihm.
An der Bernhardiner Kirche war es bereits zum Handgemenge gekommen. Der Ober-Polizeimeister von Trepoff hatte sich auch hier dem Zuge entgegengestellt, und Zurückgehen und Auflösung der Volksmenge verlangt. Als man dies geweigert, hatte er die Polizei die Spitzen des Zuges zurückdrängen lassen. Aber die Menge fluthete wie ein brausendes Meer gegen die Polizeidiener heran und jagte sie vor sich her wie Spreu, obschon die Polizei bereits von ihren Kurzsäbeln Gebrauch machte.
Ein Steinwurf traf den Ober-Polizeimeister schwer an die Schulter, daß er sich zurückführen lassen mußte.
In diesem Augenblick kam ein Detaschement von 40 oder 30 Kosaken, herbeigerufen und geführt von dem Adjutanten des Fürsten Lieutenant Mustapha, herangesprengt, der Oberst selbst folgte langsam, die Cigarre rauchend. Die
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wilden Söhne des Kaukasus holten ihre kleinen Kantschuhs hinter'm Sattel vor und begannen auf die Spitze des Zuges, zunächst auf die drei Geistlichen mit den Kreuzen einzuschlagen. Die Geistlichen setzten sich zur Wehr und vertheidigten sich mit den schweren Kruzifixen. Die Theilnehmer der Prozession und das Volk, das sie umgab, griffen nach den Steinen, die von einem Hausbau dort lagerten, brachen das Pflaster auf und begannen ein schweres Steinbombardement gegen das Militair, das zurückgedrängt wurde.
Wir müssen einige Augenblicke, inmitten dieser tumultuarischen Scenen zu den Personen zurückkehren, welche wir in dem Hôtel d'Angleterre verlassen haben.
Schon in den ersten Morgenstunden war von Dienstleuten ein Koffer für Fräulein von Marowska abgegeben worden, der Schlüssel eingesiegelt. Das Couvert enthielt außer dem Schlüssel nur einen anonymen Zettel mit den Worten:
»Rath eines Freundes an W. M. und H. O.:
Verlassen Sie schleunigst Warschau.«
In dem Koffer befanden sich, allerdings sehr in Unordnung die wenigen Sachen des jungen Mädchens, die nach ihrer Verhaftung in der kleinen Wohnung, welche sie in der Konditorei inne gehabt hatte, saisirt worden waren, aber Nichts fehlte, bis auf einen kleinen Revolver, den sie unter ihren Effekten verwahrt gehabt, selbst ihre wenigen Familienpapiere und, gewiß ein unerhörter Fall bei der russischen Polizei! eine kleine Geldsumme, die sie
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erspart oder aus dem geringen Nachlaß ihrer Mutter erzielt hatte, waren vorhanden.
Die Hand eines wohlwollenden Freundes war unverkennbar, und es gehörte wenig Scharfsinn dazu ihn zu errathen. Als sie mit der Aebtissin und dem Grafen davon sprach, erzählte ihr der Letztere, in welcher Weise er bei jenen Vorgängen an der Grenze zu der Sicherheits-Karte gekommen war, und ein Vergleich der Schrift derselben mit dem Inhalt des Zettels ergab, daß beide von einerlei Hand geschrieben waren.
Die Klosterfrau bemerkte die Augen gen Himmel schlagend: »Ein neuer Beweis für die Macht der Heiligen, daß sie Gewalt haben auch über die Schlimmsten und Verstocktesten, damit ihre Herzen milde werden und zugänglich dem Gebet der Gerechten. Es ist in dieser bösen Zeit gut, Freunde auf beiden Seiten zu haben und nun, da unsere liebe Wanda in Stand gesetzt ist, jenes traurige Gewand, das Zeichen ihrer überstandenen Leiden, mit einer anderen Kleidung zu vertauschen, wird sie es sich nicht länger versagen, mich auf einem Wege der Barmherzigkeit zu begleiten und den verwundeten Knaben zu besuchen, der uns ohnehin Beiden näher steht durch die Bande des Blutes. Wir können damit die Pflicht verbinden am Altar des Herrn nochmals unsern Dank niederzulegen für die Wendung der Dinge und unser Gebet für den Sieg Polens und der heiligen Kirche; unsere Wanda aber wird da gleich die erste Gelegenheit haben, das neue Amt anzutreten, zu dem sie sich bestimmt hat, - es sei denn etwa, sie zöge es vor, dem Befehl jenes Dieners der
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Unterdrückung nachzukommen und Warschau in der Stunde der Gefahr zu verlassen.«
»Niemals! Mein Herz, meine Kräfte gehören dem Vaterland!«
»So lassen Sie uns denn unsere Anstalten zu dem kleinen Gange treffen. Ich hoffe bestimmt, Herr Graf, daß Sie uns Ihre Begleitung und Ihren Schutz dabei gewähren werden.«
Der junge Mann verbeugte sich. »Ich werde die Ehre haben, obschon ich den Entschluß des Fräuleins nur bedauern kann.«
»Dann beeilen Sie sich etwas, Herr Graf, wir werden sogleich bereit sein. Ich rathe Ihnen, obschon ich ja eine Frau des Friedens und der Versöhnung bin, nicht unbewaffnet zu gehen, da mir die Straßen heute etwas unsicher erscheinen.«
»Sie vergessen, hochwürdigste Frau, was ich vorhin erwähnte, daß ich mich Herrn Droszdowicz mit meinem Ehrenwort verpflichtet habe, innerhalb dieser drei Monate an keiner politischen Agitation oder Demonstration Theil zu nehmen. Nur unter dieser Bedingung wurde mir jenes Mittel gewährt, in Warschau zu verweilen, um eine heilige Pflicht der Dankbarkeit zu erfüllen.«
Ein Strahl der Liebe aus den Augen des Mädchens folgte dem jungen Mann, als er den Salon verließ.
Eine Viertelstunde später waren die vier Personen - die Pförtnerin Veronica begleitete ihre Herrin - auf dem Weg nach der Bernhardiner Kirche, die sie ungefährdet und ungehindert von dem bereits patrouillirenden
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Militair erreichten, und wo Pater Hilarius sie in Empfang nahm.
Ein Blick auf die Aebtissin enthielt die Frage - sie nickte stumm ihm die Bestätigung.
Das erste Urtheil der rothen Vehme in dieser furchtbaren Tragödie, die man die letzte »polnische Revolution« nennt, war gefällt!


Das Zurückdrängen der Kosaken hatte diese natürlich schwer erbittert und indem sie ihre Flinten vom Rücken nahmen, schossen sie, um das Volk zu erschrecken, auf den Befehl ihrer Offiziere mehre Salven über die Köpfe hinweg, ohne Jemanden zu verwunden, und machten dann eine neue Attake mit dem Kantschuh auf die Menge, die sie bis zur Bernhardiner Kirche zurücktrieben.
Hier kam es zu einem ernstlichen Handgemenge. In diesem Augenblick wurden von Innen die Pforten der Kirche weit aufgethan und man sah durch das Schiff bis zum Hochaltar, auf dem die Kerzen brannten, während der Priester vor demselben mit den dienenden Brüdern das Hochamt celebrirte.
Die drei Geistlichen, welche dem Zuge voran die Kreuze getragen, und die beiden Akademiker mit dem Greise drängten und wurden zum Eingang der Kirche gedrängt, um hier Schutz zu suchen.
Der kleine Oberst hielt unfern der Stelle, er schaute mit ächt orientalischem Gleichmuth der wilden Scene zu.
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Hinter ihm hielten zwei Ordonnanzen, kräftige Tscherkessen-Gestalten, beide zu den Muselmännern des Corps gehörig.
Plötzlich, - so eben hatte einer der Priester mit dem schweren Kreuz einen der Kosaken vom Pferde geschlagen, wandte sich der Fürst zu den Ordonnanzen und wies mit der Cigarre nach der Scene.
»Hinein! holt sich mir den Kerl mit die weiße Kutte, der den Olis Georgewitsch vom Pferde geschlagen. Paschol!«
Die beiden Tscherkessen spornten ihre Pferde ohne jede Rücksicht in das Menschengewühl und mitten hinein in die Menge, Alles, was nicht wich oder weichen konnte, zu Boden werfend, und drangen so mit kräftigen Peitschenhieben in das Kirchenportal, ja - als der Priester, den sie zu ergreifen beauftragt waren, in die Kirche und auf die Stufen eines der Seiten-Altäre flüchtete, bis zu diesem vor, schlugen auf ihn los, - die heiligen Geräthe dabei zu Boden werfend und rissen den sich Festklammernden vom Altar.18
Der Wuthschrei, der bei diesem Sacrilegium aus der in der Kirche und vor derselben gedrängten Menge sich erhob, war wahrhaft furchtbar. Nur mit Preisgebung ihres Gefangenen und Anwendung aller Kraft gelang es den beiden
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Kosaken, ihre Gefährten wieder zu erreichen. Ein förmlicher Hagel von Mauer- und Pflastersteinen stürzte auf die Reiter nieder.
In diesem Augenblick, wo die Wuth des Volkes auf das Höchste gestiegen war, erschien in dem Portal der Kirche die hohe Gestalt des Pater Hilarius mit flammendem Angesicht, ein Kruzifix in der Rechten schwingend, und sprang auf einen der Ecksteine, so daß er über die kämpfende Menge hinweg ragte.
»Polnische Brüder! Eure Heiligthümer sind entweiht, Eure Altäre geschändet! Nieder mit den Unterdrückern des Volks, herein zu uns - öffnet die Grüfte, holt von den Todten zur Bekämpfung der Tyrannen die Wa...«
Eine kräftige Hand riß den Mönch herunter von dem Stein. »Wahnsinniger - wir sind verloren, wenn sie's erfahren! Keine bewaffnete Hand - nur das Märtyrerblut kann uns nützen!«
Es war die Hand des Oberstlieutenants, welche den Priester herab gerissen und in die Kirche zurückdrängte. »Laß sie's verspritzen, wir haben noch genug davon! - Ich habe das Ordrebuch gelesen,« flüsterte er dem sich Sträubenden zu, - »zwei Regimenter sind von Modlin beordert und rücken noch diese Nacht ein - die Kanoniere der Citadelle stehn zum Bombardement der Stadt bereit - Warschau ist ein Schutthaufen, wenn wir jetzt losschlagen!«
Rrrtamtamtam! Rrrrtamtamtam! - rasselten die Trommeln von der Krakowiecka her; - während eine Abtheilung der Infanterie die Straße gesperrt hielt gegen
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den Leichenzug, hatte eine zweite Kehrt gemacht und kam im Sturmschritt heran zur Unterstützung der zurückgeschlagenen Kosaken.
Eine Salve von Steinen begrüßte die Truppen.
Zwei Mal noch wirbelten die Trommeln, zwei Mal antwortete der Steinhagel der Aufforderung zur Räumung der Straße.
Der General Sabolotzki hielt hinter den Truppen, mit finsteren Blick auf das Gewühl niedersehend - jetzt traf ein schwerer Steinwurf den Adjutanten, der zwei Schritt hinter ihm zur Linken hielt.
»Sie wollen es nicht anders - und wenn's mich Sibirien kostet, - es muß sein!«
Der General hob den Degen, - als hätten die Offiziere nur darauf gewartet, scholl der Befehl: »Erstes Glied fertig zum Feuern!«
Das Hohngelächter der Menge, Pfeifen, Heulen, Geschrei übergellte den Befehl.
»Schlagt an! - Feuer!«
Die Salve schlug in die Masse - Aechzen, Stöhnen! das Jammern der Verwundeten, das wilde Rachegeschrei der Flüchtenden, dazwischen ein rascher vereinzelter Schuß, ohne daß man sah, woher er kam, ob aus dem Volk, ob vom Militair! - Auf dem Pflaster der Straße wälzten sich Todte und Verwundete, - an die Mauer der Kirche war ein noch junger Mann von hoher schlanker Gestalt gesunken und hielt, um sich aufrecht zu erhalten, die Säule umfaßt, - ein Mädchen in dunklem Mantel war zu ihm geflogen und hielt ihn mit dem rechten Arm umschlungen,
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ein Blutstrom drang aus der Seite des Mannes und färbte den Boden.
»Hypolit! Hypolit! Barmherzige Jungfrau nur das nicht! Geliebter meiner Seele, stütze Dich auf mich!«
Wenige Schritte davon, auf dem Straßendamm, lag die Gestalt des Greises - das Blut quoll langsam aus einer Wunde in der rechten Brust. Neben ihm lag todt, durch den Kopf geschossen, einer der beiden Akademiker, die ihn geführt hatten, Michael Arcichiwicz mit Namen, wie die späteren Ermittelungen ergaben. An der Seite des Veteranen kniete ein Knabe in schmutzigem Anzug Hände und Gesicht von Kohlen geschwärzt.
»Vater Lagienki! Vater Lagienki, ermanne Dich! Fluch über die verruchten Mörder!«
Der alte Mann hatte die Augen auf das Kind gerichtet, sie waren nicht mehr starr und ausdruckslos, sondern voll Verstä[n]dniß. »Mein Feldherr ruft mich, Jan! es ist Zeit, daß ich gehe! Ich sterbe für Polen!«
Die Straße war einige Augenblicke fast leer auf der Unglücksstätte, dann eilten die Bewohner der gegenüber liegenden Häuser, und die Geistlichen und Diener des Klosters herbei, Hilfe zu leisten; zugleich klang von rechts und links der Ruf: Die Gendarmen! Die Polizei! und Alles was Besorgniß hegen mußte, mit ihr in Berührung zu kommen, suchte das Weite.
Unter dem Portal der Kirche standen der Pater Hilarius und die Aebtissin des römischen Klosters - ihre Hand deutete nach dem gefallenen Veteranen. »Laßt ihn
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hereinschaffen, ehe sie sich seiner bemächtigen! ich muß ihn sprechen, bevor er stirbt! - Dann schließt die Pforten!«
Der Pater selbst half den Körper des Verwundeten in die Kirche tragen, Veronica unterstützte ihn, der Knabe folgte. Aber zugleich, ehe man die Thüren schließen konnte und von einem weichherzigen Klosterdiener unterstützt, führte die Marowska, mit ihrem einzigen Arm sie umschlingend, die blutende Gestalt des geliebten Mannes über die Stufen, obschon die Aebtissin eine Bewegung machte, als wollte sie das verhindern; aber ein gebietender Blick des Mädchens scheuchte sie zurück und hinter ihnen warfen die Laienbrüder die mächtigen Flügel des Portals ins Schloß und verriegelten sie.
Die Reiter rückten jetzt wieder vor und säuberten die Straßen - die Todten wurden vorläufig in dem nahen Karmeliter-Kloster niedergelegt - die Verwundeten waren meist von ihren Verwandten und Freunden fortgeschafft worden. Auf den Befehl des Fürsten-Statthalter, dem sofort über die Vorgänge Bericht erstattet worden, zog sich die Infanterie zurück und beschränkte sich darauf, die Hauptkreuzungspunkte des Verkehrs zu besetzen. -
Wir haben zu der Einzeln-Scene, die wir zuletzt geschildert, noch einen kurzen Commentar zu geben.
Die Aebtissin hatte den Besuch ihres nur ungefährlich verwundeten Neffen so lange hingedehnt, trotz der Mahnungen ihres Begleiters, bis es zu spät gewesen war, das Kloster zu verlassen und sich durch die Volksmassen und das Militair zu drängen.
Man mußte es der Klosterfrau lassen, daß sie Muth
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hatte, - sie stand bei dem Andringen der Kosaken auf die zur Kirche retirirenden Priester, im Eingang derselben, mit ihren Begleitern von einem der vorspringenden Pfeiler geschützt, und beobachtete mit kaltem berechnendem Blick die tumultarische Scene, auf die begeistert die ehemalige Konditormamsell, mit finsterer Mißbilligung der Graf sah.
In dem Gedränge der Klosterpforte gegenüber, konnte ein Mann bemerkt werden, der die Pelzmütze tief in die Augen gezogen hatte, und in einen ordinären Schaafpelz, wie einer der zahlreichen jetzt die Stadt füllenden Begleiter des herbeigekommenen Landadels gekleidet, zu den Leitern und Anhetzern der Menge zu gehören schien, sich aber immer vorsichtig reservirte und die Anderen vorschob. Sein Blick fuhr häufig hinüber in die Gruppen an und in der Kirchenpforte und einmal wechselte er Zeichen mit der Pförtnerin, deren robuste Arme häufig unter den Andrängenden Platz machen mußten und die sich stets hinter dem Grafen Oginski oder an seiner Seite hielt.
Auch eine andere Person hielt den Mann in der Pelzmütze scharf im Auge, es war der kleine Kohlenträger, der am Morgen versucht hatte, sich in das Hôtel einzudrängen, um zu dem Grafen zu gelangen. Er versuchte wiederholt sich durch die Menschenmauer zu winden und in die Nähe jenes Mannes zu gelangen, in dem befreundete Augen leicht den Studenten Prot Asnik erkannt hätten, aber vergeblich; denn das Gedränge war zu stark für seine jungen Kräfte und seine Aufmerksamkeit war überdies auch mit dem Erscheinen des alten Veteranen auf dem Platz zum Theil diesem zugewendet.
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Es war bei dem zweiten Zurückwerfen der Reiter durch das Volk, als die Aufmerksamkeit der Aebtissin sich durch das Wuthgeschrei der Menge auf den Veteranen richtete, der von dem einen der aus der Kirche vertriebenen Reiter einen rohen Schlag über das ehrwürdige Haupt erhalten hatte.
»Ha! - das ist schändlich! Sehen Sie den Greis dort - er blutet! Das ist die Uniform der alten Krakusen! Wer mag er sein?«
»Er diente noch unter dem großen Koscziusko,« sagte die Pförtnerin, »und heißt Lagienki, wie man mir gesagt hat!«
»Lagienki?« - die Aebtissin kreischte den Namen laut auf, »Lagienki? - das ist der Mann, den ich suchte, der Reitknecht meines Urgroßvaters!« - Sie wandte sich hastig zu dem Grafen und faßte seinen Arm. »Hinaus Herr, wenn Sie ein Oginski sind! Retten Sie den Mann hierher! Sie retten Ihrer Braut ein Vermögen!«
Sie stieß ihn fast aus dem schützenden Portal.
In diesem Augenblick war es, wo das vorgedrungene Militair die Charge gab.
Die Kugeln schlugen in das Volk!
»Heilige Jungfrau schütze ihn! Zurück Hypolit, zurück!«
Die Aebtissin hielt das hinauseilende Mädchen fest, noch sah dieses durch den Pulverdampf die hohe Gestalt des geliebten Mannes fest stehen und zwei Schritte vorthun nach dem zu Boden gestreckten Greise hin.
Da knallte durch den Pulverdampf her ein letzter Schuß, nur schwach - wie ein Pistolen- oder Revolverschuß -
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aber sie sah den Grafen wanken, mit der Hand nach der Seite fassen - an die nahe Säule des Vorsprungs sich lehnen - -
Im nächsten Augenblick war sie an seiner Seite!


Die Aufregung in der Stadt in Folge dieser Ereignisse war unbeschreiblich.
Das Volk wogte in Massen durch die Straßen, man holte die Todten aus dem Karmeliter-Kloster, man legte sie auf Bahren und Bretter und trug sie so, wie einst bei dem in gleicher Weise vorbereiteten »Zu spät!« in Berlin durch die Straßen.
An den Kirchthüren, an den Straßenecken stellte man Büchsen und Teller aus zur Sammlung für ein feierliches Begräbniß, für ein Denkmal zur Ehren der Gemordeten.
Diese Aufregung, dieses Durchwogen der Straßen dauerte bis tief in die Nacht, - der landwirtschaftliche Verein, die kaufmännische Ressource waren überfüllt und erklärten ihre Sitzungen in Permanenz, bis das »ungeheure Verbrechen« gesühnt sei, bis eine feierliche Beerdigung der Opfer Genugthuung gegeben.
Von dem Balkon des Hôtel de l'Europe wurde die Adresse an den Kaiser verlesen, ein »Schmerzensschrei der polnischen Nation«, wie man sie nannte, die angeblich im Palais Zamoyski entworfen sein sollte; in der Ressource ausgelegt, bedeckte sie sich alsbald mit Unterschriften.
Dieser Aufregung gegenüber schien der Fürst-Statthalter in der That den Kopf verloren zu haben, obschon
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man die Sache, wie sie gekommen, doch hatte erwarten können. Deputationen drängten sich auf Deputationen schon am Nachmittag und Abend des 27. zu ihm. Man forderte Einsetzung eines Sicherheits-Ausschusses mit amtlichen Machtbefugnissen, Zurückziehung des Militairs, Absetzung der mißliebigen Beamten, Stellung des Generals Sabolotzky vor ein Kriegsgericht u. s. w.
Diesem Allem setzte der Fürst nur Beruhigungsbitten, und eine laue Proklamation an die Bevölkerung entgegen. Oberst Trepoff wurde unter dem Vorwand seiner Verwundung bereits am 27. seiner Stelle enthoben, Oberst Dumoncal mit seinen Functionen betraut Aber auch dieser dünkte den Agitatoren zu gefährlich, und noch um 1 Uhr Nachts erschien der Marquis von Paulucci unter den versammelten Volksmassen auf dem Platz vor dem Palais, verkündete, daß der Fürst ihn zum Chef der Polizei ernannt habe, und frug - - ob man ihn dazu haben wolle?
Ein stürmisches Ja! antwortete ihm, - man konnte sich vorläufig kein nachsichtigeres Regiment wünschen!
Acht Personen waren auf dem Platz todt gefunden worden, darunter die Gutsbesitzer Marcel Kurczewski und Zdzistow Kutkowski, der Arbeiter Karl Brendel aus den Eisenwerkstätten, der Schüler Arcichiewicz.
Am andern Tage wurde die Adresse an den Kaiser durch eine Deputation, an deren Spitze man den Erzbischof sich zu stellen genöthigt hatte, dem Statthalter übergeben. Sie war in französischer Sprache abgefaßt, und forderte in unverblümter Weise Selbstständigkeit der
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polnischen Nationalität und erklärte das Volk mit allen bisherigen Regierungseinrichtungen unzufrieden.
Der Statthalter versprach sofort wegen der Annahme dieser Adresse nach Petersburg telegraphiren zu wollen. Auf den Bericht über den Conflict zwischen Truppen und Volk kam die telegraphische Anfrage: »Wie viel Todte das Militair? Wie viel Personen mit den Waffen in der Hand gefangen genommen?« und als die Antwort lautete: »Keine!« die Erwiderung: Dann begriffe man die Sache nicht! Der Staatsrath Karnicki solle sofort nach Petersburg gesandt werden, um mündlich zu berichten.
Der Sprecher der städtischen Deputation, welche die Bildung des Sicherheits-Ausschusses und die Stellung des General Sabolotzky vor das Kriegsgericht »wegen Ermordung friedlicher Unterthanen«, die Freigebung der Gefangenen und die Absetzung der mißliebigen Beamten gefordert, der Kaufmanns-A[e]lteste Xaver Schlenker hatte seine Anrede mit den Worten begonnen: »Hoheit! Im Namen der Stadt habe ich die peinliche Pflicht, Ihnen zu sagen, daß wir schlecht regiert sind, daß Diejenigen, welche an der Spitze der städtischen Behörden stehen, unser Vertrauen nicht besitzen, und daß sie durch Andere ersetzt werden sollten!«
Dies Alles, dies fortwährende systematische Andrängen von Deputationen, die Niederlegung ihrer Aemter seitens vieler vornehmer Polen, so des Civil-Gouverneurs Geh. Rath von Laszczynski, des Präsidenten des Wappenamtes Grafen Kossakowski, des Kammerherrn Grafen Potocki und Anderer, scheint den greisen Staathalter so
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verwirrt und angegriffen zu haben, daß er, wie gesagt, alle Energie seines früher so zähen Charakters verlor und ohne Weiteres Alles versprach, was man forderte.
Der sofort zusammentretende Sicherheits-Ausschuß bestand aus den Patres Wyszynski und Stecki, dem General der früheren polnischen Armee Lewinski, dem Kaufmanns-Aeltesten Schlenker, den Bankiers Kronenberg und Rosen, den Chefredakteuren der beiden bedeutendsten Zeitungen Kraszewski und König, dem Künstler Bayer dem Dr. Chalubinski und einigen Bürgern.
Der Einzige unter den russischen Spitzen, welcher den Kopf nicht verloren und die alte Energie bewahrt hatte, war der General-Kriegsgouverneur General-Adjutant Paniutin, dessen Proklamation19 den Belagerungszustand androhte.
Das Erste, was der Sicherheits-Ausschuß that, war die feierliche Beerdigung der Gefallenen auf Sonnabend den 29. März anzusetzen, und jede Einmischung der gesetzlichen Behörden dabei zu verbitten. Selbst der neue
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Ober-Polizeimeister Marquis Paulucci, der sich an die Spitze des Zuges stellen wollte, wurde zurückgewiesen. Die halbe Stadt bildete den Trauerzug. Die Zünfte waren überaus zahlreich vertreten, ebenso die Geistlichkeit. Die Crucifixe waren in Flor gehüllt, auf den Särgen, die sämtlich den über eine halbe Stunde langen Weg von der Jugend auf den Schultern getragen wurden, lagen Palmenzweige und Dornenkränze. Alle Läden hatten geschlossen, kein Amt, keine Behörde, kein Vergnügungslokal war geöffnet - ganz Warschau war in Trauerkleidern.


Das Begräbniß war vorüber - wie der Sicherheits-Ausschuß versprochen, war musterhafte Ordnung dabei gehalten worden, keinerlei Exceß vorgekommen; die aus jungen Männern, den Schülern und jungen Kaufleuten und Handwerksgehilfen gebildete »Sicherheitswache« hatte in der That ihre Aufgabe aufs Beste erfüllt.
Das vorausgeplante System der Beschwerden, Vorschläge und Forderungen auf »legalem Wege«, das der Regierung nach und nach jeden Boden, jede Macht entziehen und in die Hände der neu creirten »Sicherheits-Kommission« legen, das ein ganz neues Verwaltungsnetz über das Land ziehen sollte, auf das man sich bei der künftigen Erhebung verlassen konnte, - trat jetzt immer ausgedehnter in's Leben.
Wir haben es mit jener systematischen Verdächtigung und Anfeindung aller mißliebigen höheren russischen Beamten hier nicht näher zu thun, die mit der Enthebung
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des Geheimen Rath Mukhanoff am 23. März begann, die förmliche Verfolgung desselben bei seiner Abreise trotz deren Geheimhaltung, - die weit voraus auf die Stationen gegebene Signalisirung seiner Ankunft und Arrangirung des nöthigen Scandals bewies bereits den weiten Einfluß, den das Geheime Revolutions-Comité ausübte. An seine Stelle trat der Markgraf Wielopolski, der indeß nach kurzer Zeit schon von dem Sicherheits-Ausschuß, der sich förmlich zum Revolutions-Comité ausgebildet hatte, wieder verdrängt wurde. - Mit der Beurlaubung des Fürsten Gortschakoff von seinem Posten als Statthalter und am 26. April der provisorischen Ernennung des General Suchozannet dazu, der Schließung des Landwirthschaftlichen Vereins und der Ressource am 6. und 12. April ermannte sich endlich die russische Regierung, nachdem am 8. April das Militair nochmals gezwungen worden war, auf die revoltirenden Massen zu feuern, und es trat nun jene Periode des stillen und erbitterten Kampfes ein, welche als die zweite - mit Blut und Verbrechen gefüllte - Phase dieser drei Jahre dauernden Rebellion bezeichnet werden muß und die wir bei einer späteren Gelegenheit zu zeichnen haben werden.


Es war am zweiten Abend nach dem Begräbnisse, Montag den 4. März. Der düstre Schein einer Ampel erhellte allein das gewölbte Gemach, in welchem die Mönche des Bernhardiner Klosters in einem Nebenflügel desselben die beiden Verwundeten untergebracht hatten, welche sie an dem Tage des Conflicts aufgenommen. Man hatte ihre Anwesenheit verheimlicht und die Polizei in diesen
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Tagen theils Anderes zu thun, theils bereits von ihrem Ansehn schon zu viel verloren, um auf Haussuchungen nach weiteren Opfern der unheilvollen Katastrophe aus zu sein.
Zwei treue Pfleger hatten die beiden Kranken: den Knaben Janko und Wanda von Marowska. Man hatte sie zwar anfangs aus dem Kloster entfernen und die Wartung der Kranken anderen Personen übertragen wollen, aber das Mädchen hatte dagegen so energisch protestirt, daß selbst Pater Hilarius es für gerathener gehalten hatte, sie ungestört in der übernommenen Pflicht zu belassen.
Der Knabe Janko ging ab und zu - er brauchte jetzt nicht besorgt zu sein, daß das scharfe Auge des Polizei-Kommissars ihn erkennen würde - die Polizei war eben brach gelegt.
Aber eine seltsame Veränderung war mit dem Knaben seit jenem Tage vorgegangen. Er, der sonst so munter und zu jedem schlauen und kecken Streich aufgelegt war, schlich jetzt mit einem weit über seine Jahre hinausgehenden Ernst umher, - es war etwas Scheues, Unheimliches in ihm, und wenn er sich unbeobachtet glaubte, hingen seine Augen mit dem Ausdruck unsäglicher Angst und Trauer auf dem verstümmelten Mädchen und ihrem Geliebten.
So durfte der verwundete Graf jetzt wohl genannt werden: - auf und an dem Schmerzenslager hatten ihre Herzen sich gefunden und einander geöffnet. Es lag Nichts mehr zwischen ihnen, keine Schranke, kein Eigenwille, kein Mißtrauen - wie der wiener Dichter so schön
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in seinem leider bereits halbvergessenen Drama sagt: Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag!
Aber trotz dieses Verständnisses der Herzen und der Seelen, begannen immer düstrere Schatten sich auf der Stirn des liebenden Mädchens zu lagern.
Der Arzt des Klosters, der den Wunden den ersten Verband angelegt, hatte zu ihrer großen Beruhigung des Grafen Wunde für nicht gefährlich erklärt, da die Kugel, an den Rippen abgeglitten, keine edlen Theile verletzt hatte. Es war ihm auch beim ersten Versuch schon gelungen, die Kugel aus der Wunde zu entfernen. Es war eine Pistolenkugel und der Knabe Janko hatte sich ihrer bemächtigt, um, wie er sagte, sie seinem Herrn und Retter zum Andenken aufzubewahren.
Wohl zwanzig Mal hatte sich die Marowska von ihm jene Scene erzählen lassen, als die Entschlossenheit des Grafen ihn aus den Zähnen des grimmigen Wolfes gerettet hatte.
Aber so hoffnungsvoll der erste und zweite Tag für sie und den Verwundeten vergangen waren - die folgenden entsprachen nicht den Erwartungen, welche der Zustand der Wunde zuerst erregt hatte.
Das Wundfieber, statt zu verschwinden, nahm zu. Die anfangs die rasche Heilung verbürgenden, fast rosenrothen Ränder der Wunde nahmen eine braunrothe, brandige Farbe an und der alte Arzt betrachtete sie kopfschüttelnd und besorgt.
Er hatte mit dem Pater Hilarius von dieser
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Veränderung gesprochen und von ihm die Zuziehung eines zweiten, durch seine Geschicklichkeit in Behandlung von Schußwunden bekannten Arztes verlangt.
Dies hatte der Knabe erlauscht; aber er hatte auch gehört, wie der Pater Hilarius, der von den Mönchen allein mit dem verborgenen Krankenzimmer verkehrte, den Vorschlag barsch abgeschlagen, unter dem Vorwand, daß jener Arzt ein Deutscher, und zugleich Militairarzt sei.
Der Zustand der Wunde war darauf von Stunde zu Stunde schlimmer geworden; der Kranke litt heftige Schmerzen, die nur die treue Pflege der Geliebten ihm erleichtern konnte. Endlich, am vierten Tage, hatten die Schmerzen gänzlich aufgehört - der alte Arzt, als er schied, drückte dem Mädchen, das ihn hinaus begleitet, die Hand und eine Thräne hing an seinen grauen Wimpern. Aber Wanda Marowska hatte noch immer keine Ahnung von der Wahrheit, sie klammerte sich mit der ganzen Gewalt ihrer energischen Seele an die Hoffnung, an den günstigen Ausspruch des Arztes damals, als er die Wunde zum ersten Mal verbunden hatte.
Sie sprach mit dem Geliebten von ihrer und des Vaterlandes Zukunft. Sie erklärte sich bereit, mit ihm nach Paris zu gehen und erst dann nach Polen zurückzukehren, wenn die Stunde der Gesammt-Erhebung des Volkes gegen die Unterdrücker geschlagen habe.
Der Kranke lächelte zustimmend aber schmerzlich. Eine Stunde vorher, als die Marowska sich eben für kurze Zeit entfernt hatte, hatte er die Gelegenheit ihrer Abwesenheit wahrgenommen, von dem Arzt die Wahrheit zu erfragen.
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Der alte Doktor sah finster vor sich nieder und sog an dem goldenen Knopf seines Rohrstocks. Endlich schlug er die grauen Augen auf und richtete sie ernst auf den Kranken.
»Der Opfer, die dem Vaterlande gebracht werden müssen, sind viele,« sagte er trübe. »Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß der Zustand Ihrer Wunde in einer Weise sich verschlimmert hat, daß ich Ihnen nicht verschweigen will, Sie befinden sich in großer Gefahr.«
»Aber sie schien doch so leicht, - Sie selbst sagten mir ...«
»Ich selbst kann mir die Sache nicht erklären,« fuhr der Doktor fort, »es müßte denn sein, daß man annimmt ...«
»Was?«
»Die Kugel sei vergiftet gewesen.«
»Schändlich! Niederträchtig! Soldaten schießen auf ein unterdrücktes, nur seine heiligsten Gefühle vertheidigendes Volk mit vergifteten Kugeln!«
Der alte Arzt sah ihn lange prüfend an - aber er schwieg; - nur der Knabe, der an dem Lager des Alten kauerte, ließ ein Schluchzen hören und biß krampfhaft die Zähne in das Laken.
»Doktor,« sagte der Graf - »ich habe gelernt, dem Tode in's Auge zu sehen, in schrecklicherer Gestalt auf den Eisfeldern Sibiriens, ohne Freunde, die mein Lager umstanden hätten - während hier eine geliebte sanfte Hand mir das Todeskissen bereitet. Ich bitte Sie, mir die volle Wahrheit zu sagen.«
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»Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß der Brand bereits in die Wunde getreten ist.«
»Und wann, Doktor - wann?«
»Gott allein bestimmt die Stunde der Menschen. Sie haben keine Schmerzen mehr?«
»Nein - nur zuweilen läuft es mir wie Frost an's Herz!«
»Mein armer Freund! ich habe Sie lieb gewonnen auf Ihrem Schmerzenslager in hundert kleinen Zügen. Männer wie Sie, gehörten der Zukunft Polens und hätten sie gründen können.«
»Möge sie über meinem Grabe erblühen! Wann, Doktor, wann?«
Der Arzt wandte sich ab. »Vor morgen Abend nicht - aber Gott kann noch Alles zum Besten lenken.«
Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer, nur von dem unterdrückten Schluchzen des Knaben unterbrochen.
Dann sagte der Kranke, »ich danke Ihnen für die Wahrheit. - Doch bitte ich Sie noch, mir Eins zu sagen. Werde ich morgen - im Delirium sein?«
»Nein - Ihr Ende wird, wie immer in solchen Fällen, ein sanftes sein.«
»Und Sie werden Mich morgen Vormittag besuchen? - Ich habe Einiges zu verfügen.«
»Soll ich den Notar des Klosters - -«
»Nein! - Meine Unterschrift und Ihr Zeugniß wird genügen. Was ich mein nenne, befindet sich in den Händen eines Ehrenmannes, der meinen Willen achten wird.«
»Ich werde zur Stelle sein!« - Der Doktor wandte
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sich noch zu dem Lager des Greises. »Ein seltsamer Zustand diese Agonie,« murmelte er. »Der längst verwitterte Körper muß fast blutleer sein und dennoch hält das Leben zähe fest und will nicht weichen; - fahre fort mein Kind, Deinem alten Verwandten, oder was er Dir sein mag, von Zeit zu Zeit einen Löffel von dem Medikament einzuflößen, das ich mitgebracht.«
Die Marowska kam zurück und geleitete ihn zur Thür. -
Es war in der That ein eigenthümlicher Zustand, in dem sich der alte Mann befand. Er lag wie in tiefem Schlummer, nur zuweilen öffneten sich seine Augen und suchten dann den Knaben mit Liebe und Verständniß. Aber er hatte bis dahin kein Wort gesprochen.
Vergebens hatte wiederholt die Aebtissin den Versuch gemacht, selbst und durch den Pater Hilarius ihn zum Sprechen zu bringen, ob er wirklich der Mann sei, der zur Zeit der Schlacht von Maciejowice in dem Jägerregiment des Großschatzmeisters von Litthauen, und speziell in dessen persönlichem Dienst gestanden? Ob die Papiere noch in seinem Besitz, ob sie später zurückgegeben worden, oder wo sie hingekommen? - keine Sylbe ging über seine Lippen, stumm und unbeweglich lag er da, und man mußte zuletzt zu dem Glauben kommen, er verstehe nicht, was er gefragt werde oder die Altersschwäche und jene alte Wunde, die seinen Geist umnachtet, habe auch den letzten Funken des Gedächtnisses in ihm erstickt, und es bleibe Nichts, als ihn ruhig sterben zu lassen.
Der Knabe Janko theilte seine Aufmerksamkeit, seine
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Dienste zwischen den beiden Kranken; nicht einmal das Begräbniß der Gefallenen hatte ihn von dem Krankenlager entfernt, und er wechselte in den Nachtwachen getreulich mit dem Fräulein ab. Nur auf kurze Zeit in der Abenddämmerung besuchte er täglich seine Mutter. Es war das einzige Mal bei jener Unterredung des Grafen mit dem Arzte, daß er eine laute Aeußerung des Schmerzes nicht hatte unterdrücken können. Sonst kauerte er still, düster in sich brütend an einem oder dem anderen Lager.
Dem Grafen Hypolit blieb jetzt eine traurige und schwere Aufgabe: die Geliebte auf sein Scheiden und ihre Trennung in dieser Welt vorzubereiten.
Aber Wanda Marowska zeigte, als das schwere Wort endlich gesprochen war, eine wunderbare Resignation, die nur der feste Glaube an das Wiedersehen, nur die hohe Begeisterung für das Vaterland, auf dessen Altar sie auch dieses Opfer, das schwerste ihres jungen Lebens niederlegen sollte, erklärlich machte.
Noch an demselben Abend verlangte der Kranke das heilige Sakrament. Als aber der Pater Hilarius erschien, es ihm zu reichen, weigerte er sich mit Energie, es aus seiner Hand anzunehmen; man mußte schließlich seinem Willen nachgeben, und einen anderen Priester, einen würdigen Greis, dessen Namen der Kranke von seinen Pflegern erfahren hatte, herbei rufen, ihm die Absolution zu ertheilen und den Leib des Herrn zu spenden.
Von diesem Augenblick an verließ die junge Polin das Sterbelager ihres Freundes nicht mehr, ihm die
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Gebete seines Glaubens vorlesend, mit ihm fast heiter und ruhig sprechend, oder seinen leichten Schlummer bewachend.
Die Aebtissin Mathilda hatte, nachdem ihre Bemühungen um den alten Mann gescheitert waren, sich nicht mehr wieder sehen lassen und nur Veronica geschickt, um sich nach dem Grafen und seiner treuen Pflegerin zu erkundigen. Den Knaben schien jedes Mal bei ihrem Eintritt ein nervöses Zucken zu ergreifen, und er mied sichtlich ihre Nähe.
Es war am Morgen um die Zeit des Sonnenaufganges, als der Kranke von seinem Schlaf erwachte und seine Hand nach der Pflegerin streckte.
»Mein letzter vor dem ewigen, geliebte Wanda,« sagte er. »Ich träumte von meiner Mutter, die mir Gott schon als Knaben genommen hat. Sie breitete die Arme aus und drückte mich an's Herz, indeß meine Tante Oginska und Kasimira, meine Cousine, Dich in ihre Arme schlossen. Du trugst ein weißes Kleid und die Orangenkrone in Deinem Haar. - Glaube mir Geliebte, es ist Alles ruhig und friedlich in mir, denn ein Oginski stirbt willig für das Vaterland.«
Der Knabe drüben am Lager des Veteranen stöhnte auf bei den Worten und ballte die Hand.
Es konnte nicht das Stöhnen sein, was plötzlich eine Bewegung des Greises veranlaßte.
Er wendete mühsam das Haupt, und sein sonst so umflortes Auge wendete sich klar auf den Knaben.
»Wer spricht von den Oginski, Kind - wer nannte den Namen?«
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»Einer der das Recht dazu hat - er selbst ein Oginski! - Wie geht es Dir Urvater?«
»Still! - Was frägst Du um mich? Ist der Mann dort, der sich Oginski nennt, ein Sohn des Michael Oginski, der bei Maciejowice focht, meines Herrn?«
Der Alte sprach, obschon nur flüsternd, so klar und richtig, als sei er jung und kräftig und wäre sein Geist nie umschattet gewesen.
»Er soll ein Enkelkind sein, oder doch verwandt, Urvater, so hörte ich die böse Frau sagen.«
»Die im weißen Kleid, mit den Teufelsaugen. Ich verstand sie wohl, aber sie soll es nimmer haben. Jan, mein Kind, - wo ist der Jägersack, der unter meinem Kissen lag, mein einzig Gut aus jener Zeit?«
»Ich hab' ihn versteckt, Urvater - sie suchten Deine Sachen aus, die mörderischen Männer, aber ich brachte ihn vor ihren Nasen in Sicherheit.«
»Gott segne Dich, mein Kind! - Merk auf! Der Boden ist von doppeltem Leder. Die Papiere, die ich darin treu meinem Herrn bewahrt, als ich mit ihm floh, gieb dem Mann dort, der sein Erbe ist!«
»Heilige Jungfrau,« stöhnte der Knabe, - »sie nutzen ihm Nichts mehr, Urvater. Er muß sterben, wie Du - jenes Weib, vor dem Dir graute, hat ihn ermordet.«
Der Greis richtete den in Todesstarre übergehenden Blick auf den Knaben, seine hagern Finger wühlten auf der Decke des Lagers. »Meinen Fluch auf sie!«
Das Haupt sank zurück - er verfiel offenbar wieder in den früheren Zustand. -
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Im Lauf des Vormittags war der Arzt zurückgekehrt - er sah auf den ersten Blick, daß der letzte der Krieger des großen Feldherrn seiner Auflösung entgegen ging. Aber auch der jüngere Mann, an dem er so freundlichen Theil nahm, war seiner Stunde näher, dahin deutete der fast übernatürliche Glanz des Auges.
Er winkte den Doktor heran. »Sie sind ein ehrlicher Mann, Doktor, nehmen Sie Papier und Feder und schreiben Sie!«
Der Doktor that ohne Widerspruch seinen Willen, nachdem er auf den Wunsch des Kranken die treue Pflegerin an das andere Ende des Zimmers zum Bett des Greises geführt.
Halblaut diktirte ihm der Graf jetzt einige kurze Bestimmungen. Er besaß einige Fonds im Ausland, deren Scheine in die Hand des Grafen Czatanowski, seines Verwandten, niedergelegt waren. Die Hälfte davon bestimmte er dem polnischen Central-Comité in Paris als Ersatz der Summe, die er im Herbst nach Warschau gebracht, und die er bei seiner Flucht aus der Conditorei hatte in die Hände der russischen Polizei fallen lassen müssen, die andere Hälfte seiner Braut und Pflegerin. Tausend Franken sollte der Knabe Jan[ko] erhalten. Das kurze Testament, das er mit fester Hand unterzeichnete und von dem Arzt mit unterschreiben ließ, war an den Grafen Czatanowski gerichtet.
Als es beendet war, wurde die Jungfrau wieder an sein Lager gerufen und er legte das Papier in ihre Hand, die er von da ab nicht mehr aus der seinen ließ.
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Der scheidende Arzt hatte den Prior benachrichtigt, daß es mit beiden Kranken schneller zu Ende gehe als er selbst geglaubt, und den Gebräuchen der katholischen Kirche gemäß sammelten sich die Priester in und vor dem Sterbezimmer und stimmten die lateinischen Gebete für die Sterbenden an, während die kleine Glocke der Kirche ihren traurigen Sang begann.
Es war ein ausnahmsweise schöner heller Märztag, die Mittagssonne warf ihre Strahlen durch das große Fenster in das Gemach und auf das Lager des jungen Edelmannes, an dem die Geliebte kniete.
Seltsamer Weise nahmen die Kräfte des Greises und des jungen Mannes in gleicher Weise ab.
Die geweihte Kerze leuchtete in der Hand der Sterbenden, der vor dem Kruzifix in der Ecke knieende Priester murmelte die Oration:
»Tibi Domine commendamus animas famulorum tuorum, ut defuncti saeculo tibi vivant. Per Christum dominum nostrum. Amen!«
und von der fernen Straße herüber tönte der Hoffnungsgesang einer vorüberziehenden Schaar des Volkes:
»Jescze Polska ni e zgin e a««
Die Augen des Sterbenden belebten sich, ihr Blick flog zum letzten Mal in das Sonnenlicht und senkte sich dann auf das sanft weinende Mädchen.
»Drüben Wanda! Halte fest zum Vaterland!« und während die Stimme des Priesters murmelte:
»Requiem aeternam dona iis Domine et lux perpetua luceat iis!««
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waren die Seelen der beiden treuen Kämpfer Polens hinübergegangen in jenes Land, wo es keinen Haß der Nationen und keine Feindschaft giebt.
Der Pater Hilarius war zwischen die Sterbelager getreten und hob das Kruzifix:
»Gesegnet seien die Todten, die für die Freiheit Polens starben!«
Durch die feierliche Stille des Sterbezimmers zischte es wie ein Hauch und Keiner wußte, woher der Laut kam:
»Lügner!«
Der Pater ließ schnell das Kreuz sinken und sah umher - wer konnte den Muth, die Frechheit gehabt haben, in solcher Stunde die furchtbare Anklage ihm in's Gesicht zu schleudern? Aber Niemand regte sich, kein Auge hatte sich erhoben - es mußte eine Anklage des eigenen Gewissens gewesen sein, was er vernommen.
Den Todten waren die Augen von liebender Hand geschlossen worden, - der alte Geistliche, der dem Grafen die kirchlichen Gnadenmittel gespendet, versuchte das arme Mädchen aufzuheben und zu entfernen, aber sie bat so dringend, sie bei dem Todten die letzte Wache halten zu lassen, daß man ihren Bitten nachgab.


Der Abend war rasch herabgesunken, zu Häupten der mit weißen Laken bedeckten Leichen brannten zwei Kerzen und warfen ihren einsamen unheimlichen Schein durch das Gemach.
An dem Lager des so rasch gewonnenen und verlorenen Freundes kniete noch immer die begeisterte
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Märtyrerin für die heilige Sache, der sie sich geweiht und aufs Neue zugeschworen an dieser Stelle!
Zur offen stehenden Thür herein, die leise in's Schloß fiel, über die Steinfließen des Bodens hinweg huschte ein dunkler koboldartiger Schatten.
»Pana Wanda! Pana Wanda!«
Es zupfte an ihrem Gewand - die Beterin wandte langsam das Haupt. »Störe mich nicht, Jan[ko] - mein Gebet gilt auch Deinem greisen Freund wie dem jungen!«
»Dann räche sie - ich bin ein Knabe, ich bin zu schwach und gering es zu thun!«
»Das wollen wir im treuen Kampf für das Vaterland!«
»Du mißverstehst mich! Nicht für die heilige Sache Polens sind sie gefallen, wie der falsche Priester log! - gemordet sind sie, schändlich gemordet von den eigenen Freunden!«
Die Beterin fuhr empor - ihre eine Hand schüttelte das Kind, ihre Augen sprühten Feuer.
»Knabe - was sprichst Du? Hüte Dich!«
»Die Wahrheit Pana! Ich hörte selbst den schändlichen Anschlag, das Andere vertraute mir die Mutter, um meinen Grafen zu retten. Ich konnte nicht zu ihm gelangen, nicht zu Dir! Ich sah, wie er die Pistole hob und auf ihn schoß, aber ich wußte nicht, daß die Kugel vergiftet war! Der Doktor selbst hat es meinem Grafen gesagt ...«
»Wer? wer?«
»Der Prot Asnik, der feige Schuft! Bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab es mit eigenen Augen gesehn.«
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Die Marowska streckte die Hand in die Höhe - dann schlug sie damit wie zum Gelöbniß das Kreuz. Ein wildes Feuer loderte, flammte in den schwarzen Augen, als sie auf den Todten fielen, und sie das verhüllende Linnen von seinem Körper riß. Das Mädchen schien wie mit einem Zauberschlage verändert, ein dämonisches Weib, eine Gorgone daraus geworden.
»Warum? warum?«
»Sie haben ihn angeklagt des Verraths!«
»Ihn? - Wer?«
»Weil er die Karte von Droszdowicz hatte! Aber es muß ein schlimmerer Grund zum Hasse gewesen sein. Der Priester war's und das alte finstere Weib auf Befehl der Klosterfrau! Ich sah es, wie sie in der Paulinow an den Beichtstuhl ging, in dem er saß! Auf ihr Verlangen geschah es!«
Wieder hob die Polin den Arm, wieder schlug sie das Kreuz.
»Wer hat ihn verurtheilt? Wo?«
»In der Wohnung meiner Mutter und des alten Lagienki. Der Priester war's.«
»Wer noch?«
»Der Okuliarnik, wie sie ihn nennen. Pan Lempke.«
Wieder jene furchtbare Bewegung! - »Wer noch?«
»Der fremde Mann aus Litthauen. Romuald Traugut heißt er. Das waren die Vier.«
»Zum fünften Mal hob sich die Hand. »Du sprichst
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die Wahrheit? Bei Deiner und Deiner Mutter Seligkeit?«
»Bei unserer Seligkeit!«
Sie trat zu dem Todten und küßte den kalten Mund. Eine wahrhaft entsetzliche Ruhe hatte sich über ihr leidensvolles Antlitz gelegt.
»So sei es! Heiliger Märtyrer - erst das Vaterland - und dann die Vergeltung! So allein ist es Deiner würdig. Geh' Knabe und schweige, bei Deinem Leben von Allem, was Du hier gesagt hast. - Laß mich bei den Todten!« -
Das war der erste Akt von der traurigen Tragödie von Warschau - das war der schwarze Dämon der Rache, der hinter den finstern Spielern des Dramas sich drohend erhob!
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Düppel!

»An die schleswig-holsteinsche Frage,« hatte im Jahr 1846 der alternde Metternich gesagt, »wird sich Alles hängen, was schlecht ist in Deutschland!«
Es hat sich viel Schmuz daran gehängt, es ist viel gutes und schlechtes Blut darum vergossen worden, - viel Redens und viel Dinte verbraucht, - viel Anmaaßung und viel Lächerlichkeit dabei zu Tage gekommen, - viel diplomatische Ränke sind gespielt, - zahllose politische Intriguen eingefädelt, - viel schreiendes Unrecht geübt worden - schließlich, wie immer in der Welt, hat das Schwert entschieden. Gewalt geht vor Recht, und was sie schafft, wird schließlich Recht.
Wir haben Alle das eigenthümliche Schauspiel erlebt, daß den Schleswig-Holsteinern eigentlich der deutsche Patriotismus und ihre Rechte von Außen her aufoctroyirt wurden. Von der Paulskirche in Frankfurt, die ein Schooskind für Kriegspolitik brauchte, an, bis zum »Verlassenen Bruderstamm« des Herrn Gustav Rasch, den die
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dänische Regierung versäumte, als politischen Reisekrakehler (in Friedenszeiten!) zur Abkühlung nach Island oder den Faroers zu befördern, - immer und immer wieder wurden die »Meerumschlungenen« zum Fangball zwischen den deutschen Liberalen und dem Bundestag gemacht, und der National-Verein verdankt ihnen, die bis auf verschiedene Professoren und Spekulanten auf eine augustenbur'gsche Musterregierung zum großen Theil nur gemüthlich zusahen, sein Dasein!
Das Gesagte schließt, wie wir schon früher zu erwähnen Gelegenheit hatten,20 keineswegs aus, daß in den Herzogthümern wirklich recht arge dänische Wirthschaft getrieben und nach Herzenslust und mit horrendem Unverstand danisirt wurde. Nur wüßten wir nicht, daß es von andern Staaten besser gemacht würde, bloß, daß diese zu stark und mächtig waren, als daß sich das Nationalitäts-Geschrei an sie gewagt hätte.
»Up ewig ungedeelt!« - das alte Königliche Versprechen vom Jahre 1449 war mit seinem politischen Unsinn die Parole, unter der man gegen das hartköpfige Dänemark zu Felde zog.
Seit der Umwandlung Dänemarks in eine absolute Erbmonarchie mit weiblichem Thronfolge-Recht, also seit 1660 schon, war das Bestreben der dänischen Könige dahin gegangen, die beiden zur Oberherrlichkeit der dänischen Krone gehörigen Herzogthümer auf dem Festland dem Staate zu incorporiren, um auch den weiblichen
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Nachkommen des Herrscherhauses deren Besitz zu sichern, der nach deutschem Recht beim Aussterben der regierenden Manneslinie an die nächsten Erben, die Linien Gottorp und Augustenburg übergehen mußte.
Dieses Bestreben fand im 17. und 18. Jahrhundert an der Richtung der Zeit, so viel Theilungen als möglich zu schaffen, seine Gegnerschaft, kann aber politisch vom Standpunkt der dänischen Krone aus wohl schwerlich sehr mißbilligt werden. England, Frankreich, Rußland, Oesterreich, Preußen hatten es im Grunde mit unter den größten Reserven neuerworbenen Landestheilen nicht anders gemacht und thun es noch heute nicht. Aber wie gesagt, es ist die Geschichte vom Junker Alexander und den Großen und Kleinen.
Obschon man nach der Bundesgenossenschaft Dänemarks mit dem ersten Napoleon auf dem wiener Kongreß die beste Gelegenheit gehabt hätte, die Abtrennung vorzunehmen, und die Herzogthümer etwa an Preußen zu übergeben, bemühte sich dies Conglomerat politischen Neides und Undanks, noch mehr die Sache zu verpfuschen. Schleswig wurde der dänischen Krone überwiesen, ebenso Holstein, letzteres mit dem Recht einer Stimme am deutschen Bund. Ebenso geschah es ein Jahr später mit Lauenburg.
Der wiener Friede war die Ursache der späteren Wirren, und was der österreichische Neid eingebrockt, mußte er nach fünfzig Jahren mit Recht ausessen!
Im Jahre 1839 hatte König Christian VIII. den dänischen Thron bestiegen, seine Nachkommen waren
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knabenlos, und die Regelung der Successionsfrage forderte daher Lösung.
In einem »offenen Briefe« vom 11. Juli 1846 versuchte der König diese zu geben, indem er kraft königlicher Machtvollkommenheit das dänische Königsgesetz der weiblichen Nachfolge auf Schleswig ausdehnte und dies einfach dem Inselstaat incorporirte. Sein Nachfolger Friedrich VII. (20. Januar 1848) verhieß eine Verfassung für den Gesammtstaat Dänemark und erklärte Schleswig für die Provinz »Süd Jütland«. Das war die Handhabe für die deutsche Reichsversammlung in Frankfurt und den schleswig-holsteinschen Krieg, der schließlich - als Preußen für die Frankfurter und ihre Freischärler nicht mehr die Kartoffeln aus dem Feuer holen und sich in einen Krieg mit Rußland einlassen wollte - ihm die traurige Demüthigung von Olmütz zuzog.
Die Londoner Conferenzen (1851-1852) stellten den Zustand wie vor dem Kriege her, bewilligten Dänemark die weibliche Thronfolge auch über die Herzogthümer, legten dem König dagegen die Verpflichtung auf, die Zusammengehörigkeit der Herzogthümer aufrecht, und Schleswig eine ständische Verfassung mit Gleichberechtigung der deutschen und dänischen Elemente zu erhalten.
Der Herzog von Augustenburg ließ sich unter Entsagung aller Ansprüche sein Erbrecht für drittehalb Millionen abkaufen, lief Herrn von Bismarck damals in Frankfurt die Thür ein um beschleunigte Auszahlung des Geldes und kaufte dafür die Herrschaft Primkenau in Schlesien, die sein Erbprinz, der spätere glorreiche Zu-Hause-Prätendent
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zwar als Erbe in Anspruch nahm, indem er zugleich aber auch den Gegenstand des Ablaufs wieder verlangte.
Die dänische Regierung hatte nach den Festsetzungen des Londoner Protokolls im Sinne der »Eiderdänischen Partei« und im Vertrauen auf die Unbeholfenheit des deutschen Bundes, die Uneinigkeit der deutschen Regierungen, und in Hoffnung auf schließliche Hilfe nichtdeutscher Mächte ihren alten Plan wieder aufgenommen: Schleswig zu danisiren und auch in Holstein das dänische Regiment einzuführen. Sie überschwemmte das Land mit dänischen Beamten, Geistlichen und Lehrern, die deutsche Sprache ward unterdrückt, dem Nationalgefühl der deutschen Einwohner Holsteins offen Hohn gesprochen, die holsteinischen Truppen wurden mit dänischen Offizieren versehen und in dänische Garnisonen verlegt und in jeder Beziehung eine so arge Willkühr ausgeübt, daß schließlich selbst eine so schlafmützige Gesellschaft wie der deutsche Bundestag sich dagegen erhob. Schon unterm 26. Juli 1860 hatte die oldenburg'sche Regierung beim Bunde beantragt, daß derselbe den Beschlüssen vom 11. Februar und 12. August 1858 gemäß gegen Dänemark die Androhung der Exekutive ausspreche, weil die dänische Regierung ein Staatsbudget publicirt und in Kraft gesetzt habe, ohne es den Ständen von Holstein und Lauenburg zur Genehmigung vorzulegen.
Das waren die Verhältnisse zur Zeit, als wir im ersten Theil unseres Buches von dem Kopenhagener Kabinet einen Emissär an die deutschen Höfe senden sahen zum Zweck, die Ausführung der Drohung durch den Zwiespalt der Regierungen zu hindern, und für den weiter
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beabsichtigten Schritt: die Einführung einer Gesammt-Staatsverfassung durchzusetzen, - Freunde zu werben.


Der Winter war vorüber, selbst in den nordischen Gegenden begann der nahende Frühling sein Wehen spüren zu lassen. Die Märzströme brachten von Westen her mildere Lüfte, die Eismassen zwischen den Inseln begannen sich zu lösen und zu verschwinden, und an den meisten Stellen war der Schifffahrtsverkehr mit dem Festland bereits wieder hergestellt.
In der dänischen Hauptstadt war der Winter mit den gewöhnlichen Vergnügungen, der Fasching mit seinen tollen Lustbarkeiten vorübergegangen; der Streit zwischen den politischen Parteien, den eiderdänischen »Bauernfreunden« und den Anhängern des Ministeriums Hall, war womöglich noch heftiger geworden, als im vorhergegangenen Herbst.
Man konnte dem Ministerium Hall-Monrad doch wahrhaftig keine deutschen Sympathieen nachrühmen, denn das Danisiren der Herzogthümer wurde durch den Kammerherrn Wölfshagen, den Minister für Schleswig, so systematisch betrieben, daß selbst Herr von Scheel-Plessen, der so lange zugehalten, lieber seinen Abschied nahm; und hatte doch Herr Hall den preußischen Minister des Auswärtigen sogar verantwortlich machen wollen für Alles, was nicht blos die Heißsporne des Nationalvereins im Landtag gegen die dänische Wirthschaft an der Eider losgedonnert; - dennoch war es der Opposition, die im
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Volksthing die Oberhand hatte, nicht genug, was geschah, und sie drängte fortwährend zu offenen Gewaltmaßregeln.
Wir werden sogleich sehen, welchen neuen Ausweg das Ministerium vorzüglich auf Betreiben des Bischof Monrad in's Auge genommen hatte.
Im Hause des Conferenzrath Halsteen hatten sich die Verhältnisse nicht geändert - Edda hatte den Winter sehr zurückgezogen gelebt, um jede Erinnerung der Begegnung mit einem Wesen zu vermeiden, das so furchtbar in ihr Leben eingegriffen; denn durch Erzählungen, deren Anhören sie nicht vermeiden konnte, wußte sie, daß Adda seit zwei Wochen aus dem hohen Norden zurückgekehrt war, wie es hieß, mit einem fürstlichen Reichthum, und ein glänzendes Haus machte, das der Sammelplatz der Führer der Opposition war. Und während sonst der stets zur Verleumdung geneigte Volksmund sie für die Maitresse eines oder des andern Führers jener Partei ausgeschrieen und sie zu den Emancipirten der schlauesten Art geworfen, - breitete jetzt ihr Gold dichte Schleier über ihr Leben und Treiben und sie war nicht mehr die Dienerin politischer Intriguen, sondern ihre Gebieterin.
Die Art und Weise, wie König Frederik nach zweimaliger Scheidung von ebenbürtigen Gemahlinnen zu seiner dritten Gattin und der morganatischen Ehe mit ihr, die ihn jetzt vollständig beherrschte, gekommen war, - nicht das erste Beispiel in dem Geschlecht dänischer Herrscher! - hatte ohnehin zu sehr auf die Moral des Volkes
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gewirkt, um nicht der Stellung einer politischen Hetäre einen gewissen Nimbus zu geben.
In ihrem innern Leben und Fühlen war mit der liebenswürdigen Tochter des Conferenzraths eine schwere Veränderung vorgegangen. Das Gleichgewicht ihrer Seele schien gestört, - ihr ruhiges zwar immer ernstes aber doch unbefangenes Wesen hatte einer gewissen Schwermuth Platz gemacht und häufig schrak sie, wenn irgend eine äußere Veranlassung an sie herantrat aus tiefem Sinnen auf. Man fühlte, daß dieses stolze und edle Herz sein Gleichgewicht, den festen innern Abschluß mit sich selbst noch nicht wieder erreicht hatte.
Das Verhältniß zu ihrem Bräutigam, dem Legationssekretair Hansen hatte sich in Nichts geändert. Er befand sich noch auf seiner auswärtigen Mission, und seine Dienste, die er namentlich bei den erneuten Verhandlungen in Berlin und Wien geleistet, hatten ihm die Ernennung zum Legationsrath eingetragen, deren Patent die Gräfin Danner, die Edda Halsteen in ihre ganz besondere Protektion genommen hatte, und die in der That ihre niedere Herkunft und ihr Verhältniß zum Könige durch ein sehr gütiges Herz für die Armen und Leidenden und einen großen Takt in der Verwendung ihres Einflusses auf König Frederik aufwog - selbst als Brautgeschenk in ihre Hand gelegt.
Diese Ernennung hatten denn auch Vater und Bräutigam wahrgenommen, um bei Edda auf die Vollziehung der beschlossenen Verbindung zu dringen. Dem Vater war Edda seit jenen Vorgängen im Januar bei aller Liebe zu ihr doch gewissermaßen zu dominirend, zu fremd und
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zu sehr compromittirt geworden, als daß er nicht gewünscht hätte, sie an der Seite eines andern Mannes und von diesem beeinflußt zu sehen; der Verlobte hatte in ihrem Auftreten für seinen Bruder, über dessen Angelegenheit man ihn auf die Dauer doch nicht ganz hatte in Unwissenheit lassen können, wenn auch der Conferenzrath verstanden hatte, sie ihm in einem Lichte darzustellen, welches ihn zu keinen ernstlichen Sympathieen für den schuldlos Angeklagten und Gemaßregelten kommen ließ, - einen neuen Grund gefunden, ihr seine Wünsche an's Herz zu legen und durch die Beschleunigung der Verbindung jeden Zusammenhang mit der politischen Gesinnung seines Bruders zu dementiren.
Edda hatte dem Verlangen von Vater und Verlobten keine direkte Weigerung entgegen gestellt, es schien Etwas in ihrem Innern gebrochen, eine jener geheimen Spannkräfte, welche der Seele Energie geben, und sie schien die Sache als eine Bestimmung zu betrachten, der sie sich nicht entziehen könne, ja fast als etwas Gleichgültiges.
Nur hatte sie den Wunsch ausgesprochen, daß ihr Verbindung mit dem Legationsrath nicht in Kopenhagen vollzogen werden möge, sondern im Ausland, und da in dieser Zeit der Conferenzrath in einem wichtigen politischen Auftrag sich nach London und Paris begeben und dort mit dem Legationsrath zusammen treffen sollte, ihm selbst auch sehr daran gelegen war, die Hochzeit seiner Tochter nicht wieder zu einem Kopenhagener Stadtereigniß zu machen, so war beschlossen worden, daß Edda ihren Vater
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begleiten und in Paris die Vermählung vollzogen werden sollte.
Am Abend vor der Abreise des Konferenzraths, mußet[mußte] derselbe noch einem Kabinetsrath beiwohnen, der in den Gemächern des Königs gehalten wurde. Die Gräfin Danner hatte Edda die Stunde vorher bestimmt, um sich von ihr zu verabschieden.
Es war gegen 6 Uhr Abends, als Fräulein von Halsteen im Schlosse anfuhr, um der Gräfin ihre Aufwartung zu machen. Ihre Stimmung war sehr ernst, sie dachte an jenen Abend, als sie zur Gräfin geeilt war, nicht Gnade sondern Gerechtigkeit zu suchen für den theuren Freund.
Den Freund!
War er wirklich nur der Freund, der Bruder ihres Verlobten? Hatte sie für den Verlobten gethan, was sie gethan, sich der frechen Mißdeutung eines widerwärtigen gehässigen Pöbels ausgesetzt, der schneidenden Verfolgung eines Wesens, das ihr körperliches Ebenbild, in der Seele so verschieden, und das sie doch so gern geliebt hätte? In dem einfachen Seemann war ihr, der vornehm geborenen und erzogenen Dame ein Mann entgegen getreten, nicht der tadellose ritterliche Cavalier, wie die junge Seele sich vielleicht erträumt hatte, nicht ein Ideal ohne Fehler und Härten, aber ein Mann in des Wortes vollster Bedeutung, schlicht und ernst, edel und kräftig, ein Mann, vor dem vom ersten Augenblick ihrer Begegnung ihre stolze jungfräuliche Seele sich beugte, von dem sie fühlte, daß sie sich um ihn ranken müsse, wie der Epheu, die Liane um den kräftigen unbeugsamen Eichenstamm. Ja, sie fühlte,
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sie wußte es, er konnte herausgerissen werden mit seinen Wurzeln aus dem Boden, der ihm theuer, aus dem Dasein des Menschenlebens selbst, - aber beugen konnte ihn Nichts, selbst die Liebe nicht, die er im Herzen trug, und daß er sie darin trug, fest und unlöslich, ja das fühlte sie tief in ihrem eigenen Herzen.
O warum im Leben, wenn sie sich erkannt haben, wenn sie Auge in Auge geschaut, wenn die Hände sich verschlungen im innigen sprechenden Druck - warum muß es denn geschieden sein? warum sollen sie nicht Eins werden, jenes Eins, nach dem alle Wesen streben, die der allmächtige Wille des Herrn geschieden hat, als er seine Erde schuf, damit sie, wenn sie sich hier nicht einten, zusammen sich fänden zum vollendeten Ganzen auf einem anderen Stern!
Ihr Schicksal war ja entschieden - sie hatte freiwillig ihr Wort gegeben und konnte einen sonst ehrenwerthen, sie hochhaltenden Mann nicht täuschen, wenn sie auch jetzt fühlte und wußte, daß es nicht Liebe war, nicht einmal jene zum innigen Leben nothwendige Hochstellung über Alles, die ihr Innerstes jetzt einem Anderen zollte, und dieser Andere - war sein Bruder!
Edda Halsteen hatte es vermieden seit jenem letzten Blick auf das absegelnde Schiff, den Namen des Mannes auszusprechen, wie oft auch täglich, stündlich der treue Diener sie daran mahnte, desten Verbleiben im Hause und in ihrem eigenen Dienst sie mit aller Energie durchgesetzt hatte. Ja eben deswegen war er ihr Liebling, ja ihr unentbehrlich geworden, weil er eben immer und immer von
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ihm sprach. Das eben ist die Treue, - und sie fühlte ja auch die Treue im eigenen Herzen.
Sie wußte auch, daß der »Lyimfjord« von Stockholm zurückgekehrt, daß er aber zunächst nicht wieder nach den friesischen Inseln gegangen, sondern daß er nach einer fernen Station, nach den dänischen Kolonieen auf den westindischen Inseln beordert worden, um deren Verkauf eben die Regierung unterhandelte - aber sie sprach nie von dem Schiff, nie von dem Mann, und wenn ihr Vater, was er ohnehin nicht leicht that, zufällig auf den Gegenstand kam, schwieg sie oder lenkte das Gespräch in andere Bahnen.
Ein Mal hatte sie an seine Mutter geschrieben, an die einfache alte Frau auf den Inseln, die damals die Winterstürme umgürteten mit dem Wall von Eis und dunkler Sturmfluth, und fast unnahbar abschlossen von dem Verkehr mit der anderen Welt. Sie hatte ihr mit aller Schonung von dem falschen Verdacht, der ihren Sohn betroffen und von der Reinigung seiner Ehre gesprochen, ohne doch ihren eigenen Antheil daran zu erwähnen, von der Lage, in die ihn seine politische Unvorsichtigkeit gebracht, und bedauert, daß ihr Verlobter wegen seiner Abwesenheit nicht mehr habe für den eigenen Bruder thun können. Sie hatte die Hoffnung ausgesprochen, daß es ihren vereinten Bemühungen doch noch gelingen werde, die völlige Begnadigung des jungen Seemanns zu erreichen, und sprach der Mutter bis dahin Trost und Ergebung zu, indem sie verhieß, nach Vollzug ihrer Vermählung selbst zu kommen, um ihren Segen zu erbitten.
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An das Alles hatte sich Edda erinnert, als sie jetzt die Treppe empor stieg zu den Gemächern der Gräfin. Es war eine eigenthümliche Unruhe, die sie den ganzen Tag schon belastet und fortwährend ihr das Bild des Gepreßten, des erzwungenen Matrosen an Bord der dänischen Brigg unter dem Kommando des ehrlichen aber rauhen und unbeugsamen Seemanns vor die Seele geführt. Was konnte zwischen zwei so eisenharten Charakteren nicht schon geschehen sein, oder noch geschehen, wenn sie - jeder im Glauben an seine Pflicht und sein Recht - gegen einander prallten.
Wie damals, an jenem verhängnißvollen Abend hatte sie auch diesmal Herr Lundström, der erste Kammerdiener der Gräfin, in den äußeren Appartements empfangen und sie zu dem Kabinet der Gräfin geleitet.
Die Dame saß an ihrem Schreibtisch, aber sie erhob sich sogleich, als ihr das Fräulein gemeldet wurde und kam Edda auf das Freundlichste entgegen, sie zum Sitzen neben sich auf dem Divan einladend.
»Ich danke Ihnen, Fräulein Halsteen,« sagte sie huldvoll, »daß Sie trotz der vielen Geschäfte, die Ihnen gewiß die Abreise und, wie ich höre, die Vorbereitungen zu Ihrer Vermählung verursachen, meinem Wunsche gefolgt sind, Sie vor dieser Reise noch einmal zu sehen. Wie mir Ihr Herr Vater sagt, werden Sie Ihren Verlobten schon in London treffen?«
»Er gedenkt hinüber zu kommen.«
»Das trifft sich Alles überaus glücklich. Wie Ihr Vater mir sagt, bedurfte es ja nur noch des persönlichen
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Erscheinens und Legitimirens des Erben, um auf dem Indischen Amt die schöne Hansen'sche Erbschaft zu heben. Ich beneide Sie, mein liebes Fräulein um das Vergnügen, Ihr Trousseau in dem schönen Paris auszuwählen und zu kaufen. Beabsichtigen Sie längere Zeit fortzubleiben?«
»Das wird von dem Urlaub meines künftigen Gatten und seinem Willen abhängen. Mein Vater sprach von einer Reise nach Italien für uns.«
»Ich habe noch nicht das Glück gehabt, dies Land, von dem man doch so viel des Rühmens macht, zu sehen. Sie wissen meine Liebe, wir Aermsten, die man oft so beneidet, sind schließlich doch nur Sclaven unserer Stellung und unserer Pflichten. Aber liebe Edda - Sie erlauben einer aufrichtigen Freundin, Sie so zu nennen, - wenn ich offen sprechen soll, Ihre schönen Augen sind nicht so klar wie sie früher waren, Sie sehen nicht aus wie eine junge Braut, die dem Wiedersehen und der Hochzeit entgegen geht und Sie verdienen doch so sehr, glücklich zu sein. Haben Sie in letzter Zeit vielleicht wieder von jener affreusen Person zu leiden gehabt, von der man jetzt wieder so viel spricht? - Denken Sie, es sind von gewissen Seiten sogar Versuche gemacht worden, sie in die Gesellschaft einzuführen.«
»Nein, Euer Excellenz - ich habe die - Dame nicht wieder gesehen.«
»Man fabelt Unglaubliches von ihrem Reichthum, den sie mitgebracht haben soll. Sie soll die Erbin eines alten Stammhäuptlings in den Lappmarken sein und der Volksmund schreibt ihr den Besitz von ganzen Silberminen zu.
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Jedenfalls hat sie ihre Erbschaft dann sehr schnell zu erheben und zu verwerthen gewußt, denn sie kann trotz der großen Entfernung jener Gegenden und den Schwierigkeiten des Winters doch nicht mehr als zwei Monate von Kopenhagen entfernt gewesen sein; doch ich sehe, daß Sie der Gegenstand peinigt und ich würde ihn auch gar nicht erwähnt haben, wenn ich Ihnen nicht dabei hätte sagen wollen, daß die Schonung, die man diesem Frauenzimmer angedeihen läßt, durchaus nicht aus einem Mangel an Theilnahme für Sie und Ihren Herrn Vater entspringt, sondern nur aus der nothwendigen Rücksicht auf ihre politischen Beschützer. Auch kann es ja materiell nur willkommen sein, wenn sie hier ihr Geld verthut, statt in Schweden. Sie kommen ihr ja nun aus dem Wege und kehren später unter ganz anderen Verhältnissen zurück, wahrscheinlich wird Ihr Gemahl auch ganz einer auswärtigen Gesandtschaft attachirt, wenigstens für einige Zeit; denn ich möchte nicht gern dauernd Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft entbehren.«
Edda Halsteen antwortete den freundlichen Worten mit einer stummen Verbeugung.
»Und nun mein liebes Kind,« fuhr die Gräfin sie auf die Stirn küssend fort, - »sagen Sie mir, womit könnte ich Ihnen als mein Hochzeitsangebinde wohl eine kleine Freude machen, ehe ich Sie scheiden lasse? Haben Sie keinen Wunsch, keine Bitte, die ich erfüllen könnte? Sprechen Sie frei heraus, liebe Edda - wir Frauen verstehen uns. Sollte ich mich wirklich getäuscht haben? -
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vielleicht ein Interesse für eine Person, das Sie Ihre Pflicht glauben, unterdrücken zu müssen?«
Sie hatte sich erhoben und Edda war gefolgt. Der Blick der Jungfrau war zu Boden gerichtet, eine leichte Röthe färbte ihre Wangen, sie athmete hörbar und schwer, aber sie gab keine Antwort.
Die Gräfin ging zu ihrem Schreibtisch und nahm ein versiegeltes Schreiben aus einem der Fächer, mit dem sie zu dem Mädchen zurückkehrte.
»Mein liebes Fräulein,« sagte sie gütig, »wenn Sie nicht wissen, was Sie sich wählen sollen, so habe ich es für Sie gethan. Hier, nehmen Sie als kleines Zeichen meiner Freundschaft für Sie des Königs vollständige Begnadigung für Ihren trotzigen Freund und künftigen Schwager, und seine Entlassung aus der Königlichen Marine. Habe ich es damit getroffen, Ihnen eine kleine Freude zu bereiten?«
Das Mädchen hatte die Augen zu ihr mit einem Ausdruck aufgeschlagen, der die gütige Frau reichlich für ihr Werk belohnte. Dann beugte sich das sonst so stolze junge Mädchen tief nieder, und, während ein Paar große Thränen ihren Augen entquollen, küßte sie die Hand der von so Vielen gehaßten und geschmähten Frau.
Die Gräfin umarmte sie. »Ich sagte Ihnen ja, wir Frauen verstehen uns leicht. Aber schreiben Sie mir nicht ein zu großes Verdienst zu bei der Sache, - Ihr Vater selbst hätte den König schließlich doch um diese Freigebung des jungen Seemanns angehen müssen, da, wie ich höre, bei jener Erbschaftsvollstreckung in irgend einer Weise seine
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Zustimmung den Formalitäten der englischen Gesetze gegenüber nöthig sein soll, und als davon in meiner Gegenwart die Rede war, beschloß ich sogleich, Ihnen eine kleine Freude zu machen und bat den König meinen Gemahl um die schleunige Ausfertigung der Begnadigung. Nehmen Sie dieselbe, - Sie werden von London vielleicht eher Gelegenheit zur Absendung nach Westindien haben, als wir hier. Das Schiff des Kapitain Hammer ankert im Hafen von St. Croix und wird in diesem Monat wieder auf seine alte Station an den friesischen Inseln zurückbeordert werden. - Da - nehmen Sie, armes Kind - ich wünschte, ich hätte mehr für Ihr wahres Glück thun können!«
Die schlanke Gestalt des Fräulein Halsteen hatte sich aufgerichtet, sie preßte den Brief an das Herz und richtete ihr jetzt strahlendes Auge innig auf die ältere Frau.
»Warum sollte ich es läugnen, so vielem Glück gegenüber,« sagte sie bewegt, - »ja, Euer Excellenz haben den innersten Wunsch meines Herzens verstanden. Nehmen Sie meinen Dank in dem Gebet, daß Gott Ihnen, was Sie eben gethan, lohnen möge, und in der Versicherung, daß Edda Halsteen stets ihrer selbst und ihrer Pflicht würdig bleiben wird.«
Indem sie sich tief verneigte, verließ sie das Kabinet, bis zur Thür von der Gräfin geleitet. -
Als Edda die zusammenfallende Portière hinter sich rauschen hörte, war ihr, als wäre eine schwere Last von ihr genommen - seit Monaten athmete sie zum ersten Mal wieder fast heiter, fast glücklich auf.
Der alte Kammerdiener der Gräfin, der sie in's Herz
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geschlossen, hüllte sie sorgsam in ihren Mantel und geleitete selbst sie zum Wagen zurück, ihr mit einer steifen Reverenz tausend Glück auf die Reise wünschend.
Edda war mit ihren Gedanken zu sehr beschäftigt, um als der Wagen an ihrer Wohnung vorfuhr, sie ausgestiegen war und eintrat, zu beachten, daß der Portier mit einer gewissen Verwunderung auf sie sah. Sie eilte die Treppe hinauf und ohne erst die Zimmer ihres Vaters zu betreten, öffnete sie die Thür des Corridors, der zu den ihren führte und trat hinein.
Zu ihrer großen Befriedigung fand sie im Gange, wie auf sie wartend, den treuen Laskaren Suky. Sie wollte ihm eben die freudige Aussicht auf die baldige Wiedervereinigung mit seinem Herrn eröffnen, als das seltsame Benehmen des Braunen ihre Aufmerksamkeit erregte. Er machte allerlei Gesten und Capriolen, ohne daß sie deren Bedeutung errathen konnte, wies bald auf sich, bald auf sie, oder die Thür ihres kleinen Salons und legte dann geheimnißvoll den Finger auf den Mund.
»Aber was ist, Suky? was giebt es? - Hier nimm meinen Mantel. Jätta ist wohl ausgegangen?«
»Fortgangen sein, kaufen Dinge für Reise! - Aber Andere da warten hier!«
»Wer ist da?«
Der Laskare wies auf die Thür. »Andere Frau - haben mit Suky gesprochen von Herren fein, werden sehen selbst.«
Fräulein Halsteen öffnete ungeduldig die Thür und
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trat in den Salon, der von einer Ampel nur matt erleuchtet war.
Als sie die Thür hinter sich schloß, erhob sich von einem Sitz am Fenster eine Frauengestalt in dunklem Mantel und Kleid, von dem einfachen Hut den schwarzen Schleier niederfallend und ihr Gesicht bedeckend. Als die Fremde langsam ihr entgegen trat und unter der Ampel stehen blieb, konnte sich Edda einer gewissen erkältenden Empfindung, fast wie eines leichten Schauers, nicht erwehren.
Die Verhüllte schlug mit einer festen Bewegung den Schleier zurück, die Augen begegneten einander, unwillkürlich trat die junge Dame einen Schritt zurück.
»Adda - Sie hier? - Sie bei mir?«
»Adda bei Edda!« sagte die Andere mit sonorer Stimme, - »zwei Gleiche - die Berechtigte bei der Unberechtigten, - das Original bei der Copie! - findest Du in dieser thörichten Welt so etwas Besonderes darin? - Es gab eine Zeit, wo Du mich gesucht - jetzt suche ich Dich!«
Das Fräulein von Halsteen rang nach Fassung; das Unerwartete, Ueberraschende dieser Anwesenheit hatte sie anfangs ganz bestürzt, erst nach und nach wurde sie ihrer Bewegung Herr.
»Weiß mein Vater um Ihr Hiersein?«
»Was frage ich nach ihm! Seine Zeit ist noch nicht gekommen und ich bin nicht hier, mein Erbe zu fordern? - Adda kommt zu Edda, weil sie Beide denselben Mann lieben und dieser Mann in Gefahr ist.«
Das, was ihr Herz im Innersten trug, was sie vor
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sich selbst zu verbergen gesucht, es brach unwillkürlich hervor, nicht in der Frage: welchen Mann? sondern in dem Ruf: »Welche Gefahr? Was wissen Sie davon?«
Die Schwarze nickte. »Ich wußte es - der gleiche Leib, das gleiche Herz! - Hören Sie mich an, Edda Halsteen - es ist so, dem Mann, den wir Beide lieben, droht Todesgefahr! - Ich kann nicht sagen, wo? welche? wann? aber ich weiß es - ich fühle es! Edda Halsteen, wir tragen den gleichen Leib, aber wir lieben einander nicht, wir werden nie einander lieben, wir hassen einander ...«
»Ich habe Sie nie gehaßt, Adda,« sagte das Fräulein.
»Aber ich Dich desto glühender! Genug darüber - der Kampf ist unser Schicksal! Weißt Du, Edda Halsteen, daß der Vater meiner Mutter Torne Kaitum, der weise Führer der Samulad war?«
»Ich kenne die Namen nicht, die Sie nennen, aber ich glaube zu errathen, daß Sie sagen wollen, Ihr Großvater sei ein Häuptling der Lappen gewesen. Ich habe gehört, er sei gestorben.«
»Sein irdisches Auge hat sich geschlossen, als er über das Meer gekommen ist, das Kind seines Herzens zu sich zu rufen. Der Torne-Kaitum war der große Zauberer seines Volkes - seine Macht über den Leib und den Geist ist auf sein Enkelkind übergegangen, wie immer geschieht mit den geheimnißvollen Kräften, die Baiwe und ihr Gatte21 den Auserwählten meines Volkes gegeben haben.
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- Der heutige Tag war ein schlimmer - die Olmaks22 haben sich um meine Seele gerissen; - ich fühle es, ich weiß es, daß dem Manne, den wir lieben, schwere Gefahr droht, und ich bin zu Dir gekommen, ich, der Dämon, zu Dir, der Reinen, damit wir Beide ihn retten aus seiner Noth. Möge dann der Kampf zwischen uns auf's Neue entbrennen.«
Edda war bei diesen wilden Phantasien die geistige Ruhe wieder gekommen.
»Hören Sie mich an, Adda,« sagte sie, - »ich will offen zu Ihnen sprechen. Es wäre thöricht, zu leugnen, daß ich weiß, von wem Sie reden. Aber Adda, es giebt etwas, das heißt Frauenehre und Frauenpflicht: ich bin die Braut seines Bruders und werde mein Wort halten. Ich verlasse morgen mit meinem Vater Kopenhagen, und das Schiff, das mich auf das Festland führt, führt mich zu der Verbindung mit meinem Verlobten, dem alle meine Gefühle künftig gehören müssen. Ich habe keinen Bezug mehr, keine Verbindung mit dem Schicksal Dessen, von dem Sie reden, nachdem Gott mein stilles Gebet erhört und mir den Trost gewährt hat, daß ich dies noch für seine Befreiung von unwürdigen Fesseln thun darf!« und sie hielt den Brief, den sie von der Gräfin erhalten, mit freudiger Begeisterung in die Höhe.
Die Lappin stürzte sich mit Heftigkeit darauf. »Was ist's? Rede, sprich!«
»Die völlige Begnadigung und sofortige Freigebung
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des Kapitain Claus Hansen aus seinem gegenwärtigen erzwungenen Dienst.«
Die Augen Adda's funkelten von seltsamem Feuer. »Gesegnet seist Du von meinem Munde zum ersten Mal! - Das ist's, was wir brauchen! Er muß sie haben, sogleich - ich fühle, das allein kann ihn retten.«
»Ich will durch meinen Vater oder meinen Verlobten ihm mit dem nächsten Westindien-Dampfer das Papier von London aus senden!«
»Thörin - nein, es würde einen todten Mann treffen! Noch heute muß er es haben.«
Die junge Dame betrachtete ihre Feindin, die jetzt einen so unerklärlichen Einfluß auf sie übte, fast mit Mitleid - sie argwöhnte eine Geistesstörung, zu welcher ja das oft so exaltirte Wesen der Fremden ohnehin zu neigen schien. »Kommen Sie zu sich, Adda - Sie denken an Unmögliches! Das Schiff des Kapitain Hammer ankert auf den westindischen Inseln, in St. Croix - der ganze atlantische Ocean liegt zwischen dort und hier.«
»Was thut das? - Haben Sie Muth?«
»Muth? Was thäte der hier?«
»Weil Sie Ihren Beistand leihen müssen. Ich bin nicht so gelehrt, wie Sie - was ist St. Croix, wo liegt es? Deuten Sie mir genau die Kompaßrichtung an!«
Fräulein von Halsteen sah mit einer gewissen Angst auf ihre Gesellschafterin. Die Besorgniß einer plötzlichen Geistesstörung trat ihr immer näher.
Dennoch konnte sie sich dem Einfluß, den das energische Wesen Jener übte, nicht entziehen. »Saint Croix,«
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sagte sie, »ist eine der Krone Dänemark gehörige Insel aus den Antillen in Westindien. Ich weiß von ihr auch nur, daß sich verschiedene Herrenhuter Kolonieen dort befinden, und daß die Regierung in Unterhandlungen steht, sie zu verkaufen.«
»Aber die Richtung, die Richtung!«
»Sie wird von Kopenhagen ziemlich in West-Süd-West liegen, etwa dort hinaus,« und sie wies die bezeichnete Kompaßrichtung. - »Aber wozu diese Fragen?«
Zum ersten Mal berührte die Lappin ihre Person, indem sie sie am Arm faßte. »Hast Du je von der Fähigkeit der Seelenwanderung gehört, die dem Volke der Samulad verliehen ist?«
»Ich erinnere mich, von dem Märchen sprechen gehört zu haben. Alle Menschen haben, so weit sie Gott ihnen gegeben, die Kraft, ihre Seele in die Ferne wandern zu lassen über Meere und Länder - es ist die Phantasie.«
»Ich spreche nicht von dieser - ich spreche von dem vielleicht schrecklichen Erbtheil einiger unserer Familien, ihren Geist von dem Körper zu trennen und ihn selbstständig wandern zu lassen in jede Ferne.«
»Sie freveln, Adda, Gott allein bestimmt die Stunde, wo unser Geist scheidet von unserem Leib und zieht in jene unendlichen Räume, wo kein Haß ist und kein irdisches Leid, wo Alle, Alle sich finden werden in ewiger Liebe.«
»Sie hat Nichts damit zu thun, laß uns die Zeit nicht verlieren mit Streit. Denke an die Worte des Schauspiels: Es giebt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen können. - Ich habe jene Kraft,
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und die Unruhe, das Fernsehen und das Ahnen, welches mich gepeinigt hat den ganzen Tag, bis es mich zu Dir trieb, gehört auch zu den Geheimnissen, die mir der Torne Kaitum hinterlassen. Ich habe Nichts, bei dem ich schwören könnte, ich verachte unsere Götter, wie die Deinen, aber bei Deiner eigenen Seele, die rein geblieben, indeß die meine versunken ist im Schmuz - ich schwöre Dir: Claus Hansen, der einzige Mann, den ich je geliebt, - er ist in Noth und Gefahr und ich muß zu ihm, da Du es nicht kannst.«
»Adda!«
»Willst Du redlich an mir handeln? willst Du mir helfen? entscheide Dich rasch.«
»Unglückliche - Du machst mir Angst! Wenn es Dich beruhigen kann - ich will Alles thun, was Du willst, wenn es nicht gegen die Religion und die Ehre ist!«
»Thörin - glaubst Du, jener Engländer, der vor drei Jahren an den Torne-See in das Lager des großen Noaide23 kam und seine Seele wandern hieß über das Meer auf das Schloß seiner Väter, habe keine Ehre gehabt, sei nicht ein Christ gewesen wie Du? Ich war dabei, als er die Seele meines Großvaters auf die Wanderung schickte. Ich finde hier zwar nicht, was der Glaube meines Volkes sonst dazu verlangt, aber ich habe den Willen, und mein Wille ist stark! - Sind wir allein?«
»Sie sehen es, Adda!«
»Nein, ich meine, ob wir allein bleiben können, allein,
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ungestört auf Stunden, auf viele Stunden! So lange,« sie zog die Jungfrau an's Fenster und deutete auf den Mond, der hell und groß am Himmel stand, »so lange Baiwe's Gatte leuchtet.«
»Ich habe meinem Mädchen erlaubt, in die Stadt zu gehen, um von ihren Verwandten Abschied zu nehmen, da sie uns morgen begleitet,« sagte Edda zaudernd, - »aber es könnte sein ...«
»Du fürchtest Dich, mit mir allein zu bleiben, sprich es aus! - Doch - ohnehin hast Du allein nicht die Kraft dazu, der Schlaf würde auf Deine Augen sinken und meine Seele zu der ewigen Wanderung verdammen im leeren Raum. Hast Du Jemand, einen Mann, dem Du unbedingtes Zutrauen schenken, dem Du vertrauen darfst?«
»Meinen Vater,« sagte zöge[r]nd das Mädchen.
»Nein! Fort mit ihm! Nenne seinen Namen nicht - er hat meine Mutter getödtet, die ihm vertraut, und würde mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, mich in das Nichts zu stoßen! - Einen Anderen.«
Trotz des unheimlichen Gefühls, das Edda Halsteen bei all' diesen nach ihrer Ueberzeugung geistesgestörten Reden überkommen war, konnte sie sich doch, wie schon gesagt, nicht ihrem seltsamen Einfluß entziehen und es war ihr deshalb nicht unlieb, eine dritte Person herbeizurufen.
»Haben Sie den Mann gesehen, der Sie empfing und in dies Zimmer eintreten ließ?«
»Ja! er ist ein Fremder in diesem Lande. Vertraust
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Du ihm, kannst Du Dich ganz auf seine Treue und seine Verschwiegenheit verlassen?«
»Er war der treuergebene Diener und Begleiter des Kapitain Hansen und ihm verdankt dieser zum großen Theil seine Befreiung von jener schändlichen Anklage des Mordes!«
»Wäre es ihm nicht gelungen, bei den Olmaks meines Volkes, ich hätte ihn davon gereinigt!«
»Und dennoch wollten Sie ihn verderben! ich fürchte, Sie waren es, die den blutgierigen Pöbel auf den unglücklichen Mann hetzte.«
»Laß uns nicht streiten jetzt um Worte und Schein! Also Du traust ihm?«
»Um seiner Treue willen und seiner Anhänglichkeit an seinen Herrn, habe ich ihn trotz mancher wilden Eigenheiten in meinem Dienst behalten, bis ich ihn seinem Herrn zurückgeben kann.«
»Er hat Muth, ich weiß es - er schlug mein langes Schfschen zu Boden und war die Ursach, daß es hinter Schloß und Riegel kam. Der Mörder Jökul in eisernen Handschellen, es muß ein kostbares Schauspiel sein!« - Sie lachte höhnisch auf! - »Rufe ihn!«
Edda ging nach der Thür. Auf dem Stuhl vor derselben hockte noch getreulich der Lascare.
»Komm herein, Suky - ich bedarf Deiner!«
Der Grünbraune war mit einem Sprung an ihrer Seite. »Was befiehlt Missus? Haben schwarzer schlimmer Geist ihm Uebles gethan?«
»Nein, Suky - aber schweig und höre!«
Sie kam mit ihm zurück. In dem Salon hatte sich
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die Lappin des Mantels und Hutes entledigt, sie trug darunter ein einfaches schwarzes Seidenkleid, in ihrer Hand hielt sie jene kleine mit allerlei Characteren und Figuren bemalte Trommel, deren sich ihr Großvater bei seinen geheimnißvollen Ceremonien bedient hatte.
Der Lascare, ohnehin schon durch seine Abstammung zum Aberglauben geneigt und in dieser Aehnlichkeit der beiden Frauen etwas Dämonisches, Drohendes für seine Gebieterin argwöhnend - sah mit einer gewissen Scheu auf die schwarze Erscheinung. »Malakka-Mann,« flüsterte er seiner Herrin zu, »haben in seiner Heimath gesehen den bösen Geist der armen Indishmen. Er kennen den bösen Blick. Missus möge kreuzen die kleine Finger der Hände, wenn sie spricht mit der Obifrau aus dem Eisland.«
»Pfui, Suky, schäme Dich - es ist mein eigenes Auge, dem Du Schlimmes zutraust. - Wir sind hier, Adda, was verlangen Sie weiter?«
»Höre mich an! Du magst glauben oder nicht, das sei Deine Sache. Ich weiß, daß ich mit dem, was ich thun will, den besten Theil jener geheimen Kräfte opfere, die auf mich gekommen sind; denn nur selten, nur mit Aufbietung einer Gewalt, die das Leben angreift in seinen innersten Fibern, ist es Denen gestattet, welche die unglückliche Gabe der Wanderung haben, irdische Dinge durch die wandernde Seele von einem Ort zum andern tragen zu lassen. Zwei Mal warst Du die Siegerin über mich - indem Du ihn aus jener Anklage und den Mauern des Kerkers erlöstest und dieses Blatt gewannst, das ihn befreien kann aus aller Noth, - an mir ist es jetzt, das
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Schwerste zu thun, und es in seine Hand zu legen. Hast Du ein Gemach, wo Niemand mir nahen mag als Du und dieser Mann.«
»Mein Schlafzimmer.«
»Wohl - ich gebe mein Leben in Deine und seine Hand. Merke wohl, der Geist wird den Körper verlassen und seine Wanderung antreten über das Meer zu dem Orte, den Du mir nanntest. Den Weg der Männer schirmt die Baiwe, wir Frauen dürfen ihn nur machen, wenn ihr Gatte am Himmel steht. Es bleibt Nichts von Adda, der Enkelin des großen Noaide der Samulad zurück bei Euch, als ihr todter Leib, und nur der Gesang meines Volkes vermag ihrer Seele den Weg zurück zu zeigen zu ihrem irdischen Haus. Möge Einer von Euch um den Andern seine Stimme erheben - aber hütet Euch, sie Beide verstummen zu lassen, ehe der Gatte Baiwe's in die See versunken ist - oder nimmer wird die Seele zurückkehren zu ihrem Leib. In Eurer Hand liegt meine Vernichtung.«
»Adda, ich muß es als Christin für einen Frevel halten, was Sie beginnen wollen, aber wenn es Sie beruhigen kann, ich werde bei Ihnen wachen, bis Sie selbst mich dieser Pflicht entbinden.«
Die Lappin streckte die Hand gegen den Inder. »Schwöre, Nichts zu thun gegen ihren Willen!«
Der Laskare machte das Zeichen der Betheuerung, indem er die Rechte auf das Herz legte.
»Sie vergessen,« sagte Edda, die in dem Eingehen auf alle Phantasieen der Lappin das erste Mittel zur
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Beruhigung ihres Gemüths zu finden hoffte, - »daß wir den Gesang Ihrer Nation nicht kennen, Sie also damit nicht zurück zu rufen vermögen.«
»Ein Kind kann ihn lernen. Höre!« Sie ging nach der Wand, an welcher das Pianino der jungen Dame stand und öffnete es. Ihre Hand rauschte wild über die Tasten und zeigte keine ungeübte Spielerin. Dann blieben die Finger auf einer einförmigen, kaum aus drei vier Noten bestehenden Melodie haften und ihre schöne Altstimme sang oder murmelte vielmehr die wenigen Worte des eintönigen Liedes.
»Es ist nicht schwer, es zu lernen,« sagte sie bedeutsam; aber es ist leicht, es zu vergessen. - Versuche!«
Sie trat von dem Klavier zurück - ohne die Tasten zu berühren, wiederholte Edda die Melodie und die Worte.
Der Lascare nickte, daß er Beides seinem Gedächtniß eingeprägt habe.
»Dann ist es Zeit! - Sende ihn hinweg, daß er die Aufträge vollführe, die Du ihm noch zu geben hast!«
Das Fräulein von Halsteen befahl dem Laskaren, der Dienerschaft zu sagen, daß sie unter keinen Umständen an diesem Abend weiter gestört sein wolle, auch wenn ihr Vater aus dem Conseil zurückkehre. Sie wolle sich zeitig zur Ruhe begeben. Da der Lascare in dem Seitenflügel des Hauses seine Kammer allein, abgesondert von der andern Dienerschaft hatte, konnte sein Fortbleiben nicht auffallen.
Während Suky sich entfernt hatte, waren die beiden Mädchen in das Schlafzimmer Eddas getreten. Die
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Lappin sah sich um und öffnete einen Flügel des Fensters. »Du darfst es nicht schließen, bevor ich zurückgekehrt - der Thauwind kommt und wird die Nacht milde machen. Dieser Teppich wird genügen zu meinem Lager, damit Du nicht des Deinen beraubt seist. Ich möchte den Gott des Schlafes herbeirufen, ehe der Mann zurückkehrt. Hilf mir, wie eine Frau der andern thut, in wenig Minuten wird mein Geist auf der Wanderung sein.« - Sie zog einen Teppich in die Mitte des Gemachs und bat Adda, dessen Rand nicht zu überschreiten - jede Berührung ihres Körpers dagegen sei ihr gestattet, damit sie sich überzeugen möge, daß dieser ohne Leben und die Seele von ihr gegangen sei.
Dann sich in die Mitte des Teppichs setzend und mit der Hand einen eingebildeten Kreis um sich beschreibend lehnte sie das Haupt auf ein Kissen und sah das Fräulein lange und fest, doch ohne den gewöhnlich so feindseligen Ausdruck an.
»Gieb mir den Brief jetzt und beginne, sobald Du siehst, daß der Schlaf meine Glieder lähmt: Soll ich ihn grüßen von Dir, Schwester Edda?«
Sie hatte den verhängnißvollen Brief auf die Brust gelegt und den Arm darüber fest gepreßt - ihr Haupt war auf das Kissen zurückgesunken.
Sie hatte die Trommel des alten Noaide an ihre Seite gezogen und die Finger ihrer rechten Hand rührten leicht darauf, während ihre Lippen die Worte jenes eintönigen Gesanges murmelten.
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Allmählig verstummte auch das, ihr Haupt war hinten über gesunken, die Lider ruhten schwer auf den Augäpfeln.
Als der Laskare zurückkehrte und an der Thür stehen blieb, sah er seine Herrin neben dem Teppich knieen und hörte ihr leises Summen der Melodie. Sie hob die Augen zu ihm und gab ihm einen Wink, sich ruhig niederzusetzen. Dann, als ihr Blick sich auf die Schläferin wandte, bemerkte sie, daß jede Farbe dem Gesicht entwichen, ihre Lippen weiß waren, ihre Brust kein Athem mehr hob. Sie legte ihre Hand auf die der Schlafenden, sich über den Teppich beugend - diese Hand war bereits von jener schauerlichen Kälte, die uns an dem, was wir einst warm und lebend gefühlt, so schrecklich zurückstößt! Indem sie die Hand berührte, fuhr ihr der Gedanke an den verhängnißvollen Brief durch den Sinn - der Brief war verschwunden.
Entsetzt, erschrocken, stockte das Fräulein Halsteen in dem Gesang, - aber sie hörte, daß sogleich der Laskare die einfachen Töne aufnahm.
Edda hatte viel von magnetischem Schlaf gehört und gelesen, hatte doch die neueste Zeit sich wieder viel mit dem Gegenstand beschäftigt und ihn in der Lehre vom Medium, von dem Tischrücken und der Klopfgeisterei selbst zur industriellen Spekulation und zur frivolen Unterhaltung der feinen Gesellschaft gemacht. Sie suchte, was sie vor sich sah, mit diesem sich zu erklären, mit einer Ueberreizung der Nerven, aber ...
Der Brief blieb verschwunden!
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Die Insel der Flibustiere!

Den schönsten Winter auf der Erde bieten unbestritten die kleinen Antillen. Er dauert nach den verheerenden Stürmen des Herbstes und den Regengüssen des Octobers, von Ende November bis zum Mai. Heiteres und angenehmes Wetter vergütet die Leiden des tropischen Sommers und nördliche und nordöstliche Winde erfrischen die Luft, die mit balsamischen Düften geschwängert ist.
Europa und die Tropen haben auf diesen glücklichen Inseln ihre köstlichsten Früchte und Blumen seit ihrer Entdeckung durch die Spanier im Jahre 1492 vereinigt; die Wildniß erscheint cultivirt durch den Anbau der Menschenhände und die Cultur wird Wildniß durch die üppige, tropische Vegetation. Kein blutgieriges Raubthier durchstreift ihre Berge und Savannen, wie die unter gleichen Breitengraden liegenden Länder anderer Erdtheile; selbst von den zahlreichen Schlangen und Scorpionen sind nur gewisse Gattungen auf Sainte Lucie und Martinicque giftig.
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Eine der schönsten und fruchtbarsten dieser Inseln, gesichert durch ihre Lage »unter dem Winde« und gegen den Wogenschwall des mächtigen atlantischen Oceans, wie die wilden Sturmfluthen des Caraïbischen Meers durch jene die Jungferninseln umgebenden, mächtig emporstrebenden Korallenbänke, ist die der dänischen Krone gehörige Insel Saint Croix oder Santa Cruz. - Es liegt durch die darauf gegründeten Herrenhuter-Kolonieen ein gewisser Frieden, eine solide Ruhe über die Insel und ihren thätigen Geschäftsverkehr verbreitet. - - -
Im Schatten einer prächtigen Gruppe von Pisangs und Cocuspalmen, auf einer Gartenbank saßen, mit einer Handarbeit beschäftigt, zwei junge Mädchen von sehr verschiedenem Aeußern und doch beide schön und lieblich. Die jüngere von ihnen war offenbar eine Creolin, oder sogar von gemischtem Blut, Kenner desselben, wie die weißen Frauen auf den Inseln, würden gesagt haben: eine Quadrone.
Die junge Dame konnte etwa sechszehn Jahre zählen, aber das Klima dieser Zonen entwickelt rasch die weiblichen Formen zur Vollendung. Der Leser, der sich der Unterhaltung des Grafen von Saint Brie mit dem Kapitain Gauthier während der gefährlichen Bootsfahrt an der Küste von Gaëta zum Ueberfall von San Agatha erinnert,24 wird einer weiteren Beschreibung ihrer Reize nicht bedürfen; denn es war in der That, wie der junge Graf sie genannt, »die Königin von Guadeloupe«, die
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schöne Tochter des Kapitain Lautrec, des reichsten Pflanzers von Basse-Terre, der wir hier aus der dänischen Insel im Hanse eines Gastfreundes ihres Vaters an der Rhede von Christiansstadt begegnen, der Haupt- und Gouvernementsstadt von Saint Croix.
Dieser Geschäfts- und Gastfreund ist Herr Erich Barthelsen, der Vorsteher und erste Kaufherr der Brüdergemeinde zu Christiansstadt, und das junge Mädchen, das neben Josephine Lautrec sitzt, seine Tochter. Das rothe Band an ihrem Häubchen beweist, daß die junge Herrnhuterin ebenfalls noch nicht das achtzehnte Jahr erreicht hat.
Nicht leicht läßt sich ein größerer Unterschied zwischen zwei gleich lieblichen Geschöpfen denken, als der zwischen der jungen üppig blühenden, in Lebenslust strahlenden Quadrone, aus deren Augen das Feuer eines noch nicht zum Bewußtsein gekommenen glühenden Charakters funkelt, - und dem milden sittsamen marienhaften Wesen der Herrnhuter Jungfrau, deren große blaue Augen noch ungetrübt von Sorgen oder Herzenserregungen in's Leben schauen. -
Die Achtung und Freundschaft, welche den Kaufherrn Erichsen und den reichen Plantagenbesitzer Lautrec seit langen Jahren verbindet, und welche aus einem großen Dienst entsprungen ist, den der zweite, als er noch Kapitain eines einfachen Kauffahrers war, dem Herrnhuter leistete, war auch die Ursache, daß Barthelsen den ungehinderten Verkehr der feurigen Creolin mit seiner so schlicht erzogenen Tochter gestattete, als der Franzose vor einer
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von ihm zur letzten Ausbildung seiner Tochter beschlossenen Reise nach Europa noch die dänische Insel und den Freund besucht hatte.
Die beiden alten Herren waren eben im Hafen, um nach einer passenden Schiffsgelegenheit zu suchen, mit welcher der Pflanzer die Havannah oder St. Thomas, als den nächsten Punkt der großen Dampferlinie aus Westindien nach Southampton oder Havre erreichen wollte, und die beiden Mädchen saßen plaudernd und von den Wundern Europa's sprechend zusammen, während eine junge Negerin, die Dienerin der schönen Creolin zu ihren Füßen kauerte, ihrer Gebieterin die bunten Seiden- und Wollenfäden zureichend, die sie zu ihrer Stickerei brauchte.
Die Arbeit der jungen Herrnhuterin war ernsterer Art, sie nähte Wäsche für die Kinder der Gemeinde.
Die Stelle, auf welcher sie saßen, war zum Theil Lieblingsplatz der Tochter Erichsens, die trotz des Reichthums ihres Vaters, ganz in den einfachen Sitten der Herrnhuter erzogen war. Sie lag auf einem niederen Vorsprung, der terrassenartig sich über das Ufer erhob und einen prächtigen Blick über die Rhede, den befestigten Hafen und die Stadt gewährte, während im Rücken die große Factorei des Kaufmanns gelegen war, von der sich die weiten, mit den Vorräthen des Handels gefüllten Magazine hinunter zu dem Strande zogen.
Wir würden sagen, daß der Platz zu einem Garten gemacht worden, wenn hier nicht die ganze Natur ein Garten gewesen wäre. Pomeranzen- und Citronenbäume von gewaltigem Umfang wechselten mit dem geschweiften
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Laub mächtiger Feigen, den prächtigen Granaten und andern Gewächsen des Südens, während dazwischen die Hand der Cultur einen prächtigen Blumenflor in sinnig eingestreueten Beeten und Gruppen gezogen hatte.
Zwischen diesen Büschen und Blumen erhob sich ein altes finstres Gemäuer, die Ruine eines Thurmes, wahrscheinlich noch aus der Epoche der ersten spanischen Ansiedlungen, der wahrscheinlich früher zu einer Art Wachthurm für Rhede und Hafen gedient hatte; denn von seiner, jetzt zusammengebrochenen Höhe mußte man beide weit überschauen und alle nahenden Schiffe schon in weiter Ferne haben bemerken können, da seine Lage weit günstiger war, als jene des den Eingang des Hafens deckenden Kastells. Hinter ihm erhob sich in rauhen Umrissen eine fast unzugängliche Bergwand, deren Schutz gegen die Nord- und Ostwinde es auch wohl zuzuschreiben war, daß hier die Vegetation trotz der unmittelbaren Nähe des Meeres so üppig wucherte.
Epheuartige immergrüne Lianen umrankten in dichten Massen die Trümmer, die im Volksmunde den Namen des »Thurmes der Flibustiere« führen und namentlich von der schwarzen Bevölkerung noch immer mit abergläubischer Scheu betrachtet werden. In der That sind diese Ruinen das einzige Denkmal, das noch an die Zeit der Herrschaft jener wilden Buccaniers erinnert, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine so abenteuerliche und gefürchtete Rolle auf den westindischen Inseln und in den spanischen Kolonieen des Festlandes spielten, und um's Jahr 1640
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die Insel St. Croix zu einem ihrer wichtigsten und festesten Zufluchtsorte gemacht hatten.
Von der Höhe der Terrasse und der Umgebung des Thurmes führten zwei Wege hinunter zum Strande und zur rückwärtsliegenden Factorei.
»Ich wünschte, theure Marie,« sagte die Creolin, ihre Arbeit in den Schoos sinken lassend, »Dein Vater gestattete Dir, mit uns nach Europa zu reisen. Ich habe noch nie eine so gute und liebenswürdige Freundin besessen, wie Du bist, und all' die Herrlichkeiten, die ich sehen soll, würden einen doppelten Genuß bieten, wenn ich sie mit Dir theilen könnte. Vater will zwar nicht viel von Paris wissen und schmäht darauf, aber es war da vor zwei Jahren ein junger französischer Cavalier einige Zeit auf Guadeloupe, der mir den Hof machte, und zum Entzücken erzählte von all den berauschenden Wundern und Vergnügungen, die Paris bieten soll.«
»Du weißt, daß ich schon unserer Glaubenssitte nach Nichts davon sehen dürfte,« meinte lächelnd die Herrnhuterin. »Eigentlich ist es schon Unrecht und verstößt gegen unsere Vorschriften, daß ich Dir von solchen sündigen Dingen und eitlen Weltfreuden auch nur zuhöre. Wir sind nicht zu solchen Dingen erzogen und finden nur in Arbeit und Gebet unsere Freude.«
»Aber Mädchen, Kind,« rief die lebensmuntere Creolin, »Du hast doch auch ein Herz, das seine Wahl treffen soll!«
»Wenn Du die Wahl eines Gatten meinst,« entgegnete die kleine Fromme, »so habe ich darin nur meiner Pflicht, und der Entscheidung der Aeltesten zu gehorchen,
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die längst über mich beschlossen haben. Auch ich werde nach Europa gehen, wenn die Zeit gekommen ist, um meinen künftigen Gatten aus der Hand unseres Bischofs zu empfangen.«
»Und wer ist denn dieser, Dein künftiger Gatte? Auch ein Kaufmann, wie Dein Vater?«
»Nein - ich habe ihn nie gesehen, ich weiß nur, daß er ein Schüler unseres Seminars zu Niesky in der Lausitz in Deutschland und ein sehr gelehrter Mann geworden ist, der Doktor Faust heißt. Wo und was er jetzt ist, weiß ich nicht, mein Vater hat lange keine Nachricht von ihm erhalten. Unser ehrwürdigster Bischof hat mich ihm schon, als ich noch in der Wiege war, verlobt, und wenn die Zeit gekommen, wird er mich rufen, oder ich werde zu ihm gehen.«
»Wann aber wird diese Zeit sein?«
»In drei Jahren, wenn ich mein zwanzigstes Jahr angetreten habe.«
»Ihr seid ein seltsames Völkchen,« meinte lachend die Creolin. »Mein Vater hat mir schon so viel von Euren Sitten und Gebräuchen erzählt, daß ich in der That neugierig war, die Tochter seines alten Freundes von Angesicht zu Angesicht zu sehen und ihn beredete, unseren Weg nach Europa über Deine Insel zu nehmen. Seit den drei Tagen, daß wir hier landeten und im Hause Deines Vaters so freundliche Aufnahme fanden, habe ich so viel seltsame Sitten und Gebräuche gesehen, daß ich mich gar nicht darein finden kann und oft laut auflachen
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möchte, wenn ich nicht gar so viel Respekt davor hätte. Kein Gesang -«
»Aber Josephine - wir singen doch auch!«
»Ja, aber was für Lieder! Lange Choräle, die zum Sterben langweilig sind, statt eines munteren französischen Chansons oder einer prächtigen italienischen Opernarie! Und wenn es nur eines der komischen Negerlieder wäre, wie hier meine kleine Poll,« und sie stieß ihre schwarze Dienerin mit dem Fuß an, »deren so viele kann! - Kein lustiger Ritt auf dem wilden Mustang durch die Savannen, - kein Tanz - Mädchen, sage mir, hast Du denn je schon getanzt?«
»Wir tanzen nie - das sind sündliche Zerstreuungen, bei denen sich beide Geschlechter berühren müssen!«
»O über die kleine Heilige, die schon schaamhaft erröthet, wenn sie nur ein Mann ansieht, und doch so gut Fleisch und Blut hat, wie wir anderen Evatöchter! und dabei so hübsch und lieblich ist, daß sie gewiß längst die Augen aller Männer auf dieser Insel auf sich gezogen hat.«
»Ich bitte Dich, Josephine, sprich nicht so, oder ich muß Dich verlassen.«
»Närrchen - was schadets denn? Wenn uns nun einmal von unsern werthen Vätern ein Mann beschieden ist, den wir unbesehen heirathen sollen - und ich muß Dir nur gestehen, daß es leider mein Brummbär von Papa ebenso macht, so wollen wir uns wenigstens bis dahin nach Herzenslust bewundern lassen!«
Diesmal sah die junge Herrnhuterin mit einer gewissen Neugier ihre schöne und muntere Freundin an.
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»Wie, Josephine, es ist also bei Euch auch so Brauch, wie bei uns?«
»Bewahre - nicht zu denken daran, obgleich meine Gouvernante mir erzählt hat, daß drüben im alten Lande, in Paris, also in Frankreich, denn Paris ist Frankreich, die Mädchen aus der Pension frisch weg von den Eltern oder Brüdern an einen dieser Herren der Schöpfung fortgegeben werden, wie eine Waare durch Contrakt, und erst nach der Heirath zur vollen Freiheit ihrer Person und ihres Willens kommen und mit ihren Herzen machen können, was sie wollen.«
»Pfui, Josephine - wenn man verheirathet ist, müssen unsere Gedanken doch allein dem Gatten und unseren Pflichten gehören.«
»La la! Was können wir dafür, wenn das arme Herz, das nicht befragt worden ist, die Zügel zwischen die Zähne nimmt und im Galopp mit uns durchgeht, wie zuweilen mein Mustang mit mir thut! Wir Creolinnen sind keine Sclavinnen und lassen uns nicht so leicht kommandiren. Du weißt, daß ich meines Vaters verzogenes Kind bin, und wenn ich den Kopf aufsetze, ich immer meinen Willen behalte. Aber er ist ein Breton, und die sollen noch einen größeren Eigensinn haben, als wir Glückskinder, und so hat er sich denn in seinen harten Kopf gesetzt, ich solle seinen Neffen heirathen, den einzigen Sohn seiner verstorbenen Schwester, den er als Knaben adoptirt hat, und in Frankreich erziehen ließ.«
»Kennst Du ihn?«
»Bewahre, ich weiß nur, daß er ein tapferer Offizier
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ist, Kapitain Gauthier ist sein Name, und noch nicht zu alt, aber doch alt und verständig genug, um mich wilde Biene im Zügel zu halten, wie Papa sagt, und da alle französischen Offiziere, wenn sie noch jung sind, elegant und hübsch sein müssen, so frage ich nicht viel danach. Ich will schon die Herrschaft über ihn gewinnen und ihn zwingen, mich auf alle Bälle und Soiréen zu führen und die glänzendsten Toiletten für mich zu kaufen, Papa ist ja reich genug dazu.«
»So wirst Du Deinen Bräutigam in Paris finden?«
»Der Himmel weiß es! Papa hat ihn schon zehnmal eingeladen, seinen Abschied zu nehmen, was ich aber gar nicht haben will, da er dann keine schöne Uniform mehr tragen würde, - ach und ich liebe doch so die Uniformen! - und zu uns nach Guadeloupe zu kommen, aber er läßt Nichts von sich hören. Seinen Abschied soll er allerdings genommen haben, aber dafür ein Offizier des heiligen Vaters in Rom geworden sein, oder sonst irgend eines heiligen Königs da drüben, - was weiß ich! - und da er nicht antwortet, hat Papa beschlossen, ihn selbst einmal aufzusuchen und ihm den Kopf zurecht zu setzen dafür, daß er sich nicht mehr beeilt, seiner schönen Cousine sich angenehm zu machen. - Aber was kommen denn dort für wilde Gesellen? - Ist es denn den gemeinen Leuten erlaubt, so mir Nichts, Dir Nichts durch Deinen Garten ihren Weg zu nehmen?«
»Um Himmelswillen, Josephine, - komm laß uns in's Haus gehn. Es sind so böse und widerwärtige Menschen - ich erkenne die Stimme ihres Führers.«
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»Aber wer sind sie denn?« frug die Creolin, die gar keine Miene machte, sich zu erheben.
»Siehst Du das Schiff dort in der Bucht?«
»Gewiß - warum sollt' ich nicht! Mein Vater hat mir gesagt, daß es ein Kriegsschiff sei.«
»Es ist der >Lyimfjord< eine Dampfbrigg der Regierung.«
»Nun, was hat das mit uns zu thun?«
»Nichts, als daß sie an das Haus meines Vaters consignirt ist und dieser ihre Geschäfte besorgt.«
»Weiter - aber höre, wie der Mann schimpft! Es sind wohl dänische Scheltworte, Du weißt, ich verstehe kein Dänisch!«
In der That hörte man unter der Terrasse eine barsche, herrische Stimme sich in jenen argen Seemannsflüchen ergehen, an denen die dänische Sprache besonders reich ist.
»Es ist der erste Lieutenant vom Bord des Lyimfjord,« sagte hastig die Herrnhuterin, »ein Mann von sehr schlechtem Charakter, wie vornehm er auch sonst aussieht, denn er behandelt die armen Matrosen schlechter wie Sclaven, namentlich den einen, der ihn doch mit einem Griff seiner Hand zu Boden schlagen könnte. Dabei ist er so dreist und frech und sieht mich immer an, wenn er hierher kommt, als wolle er mich verschlingen. Bitte, Josephine, komm laß uns ihnen aus dem Wege gehn.«
Es wär bereits zu spät - denn schon erschienen die Matrosen auf dem oberen Vorsprung und hinter ihnen drein kam scheltend und fluchend über ihre Langsamkeit,
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obschon sie schwere Lasten trugen, der erste Lieutenant der Brigg, ein schmächtiger noch ziemlich junger Mann aus einer Kopenhagener Adelsfamilie, der mehr deren Einfluß als seinen Verdiensten und seinem Wissen den Posten eines zweiten Offiziers an Bord der Regierungsbrigg verdankte.
Lieutenant von Rosen mochte etwas sechs[-] bis achtundzwanzig Jahre zählen, trug die Seemannsuniform mit möglichster Koketterie und Eleganz und hatte ein hübsches zartes nur sehr verlebtes Gesicht, dessen kleine boshaft und hochmüthig funkelnden Augen vornehm durch den Kneifer bedeckt waren. Seine Manieren gehörten allerdings der ersten Gesellschaft, doch wurde sein ganzes Wesen durch den absprechenden Hochmuth und sein dreistes Auftreten widerwärtig. Der Kriegsminister hatte es für zweckmäßig gehalten, den arroganten Patron in eine so strenge Schule, wie die des Kapitain-Lieutenant Hammer zu geben, wo er zwar nach den überaus strengen Regeln des dänischen Seedienstes seinem Vorgesetzten blinden Gehorsam leisten mußte, im Uebrigen aber sich dafür durch die Tyrannisirung seiner Untergebenen zu entschädigen suchte, wobei namentlich die beiden einzigen Deutschen an Bord, der Matrose Claus Hansen, und ein Schiffsjunge, eine arme Waise, am Schlimmsten zu leiden hatten, da er als eingefleischter Däne ihre Nationalität gradezu haßte.
Wir haben den Kapitain Hammer als einen rauhen und strengen, nur seine Dienstregeln kennenden Mann, jedoch von gerechtem Sinn und nicht ohne einen gewissen Zug von Wohlwollen kennen lernen, aber eben die strenge Beobachtung des Dienstreglements gestattete ihm nicht, sich für gewöhnlich in den innern Schiffsdienst zu mischen, der ganz in den Händen eines ersten Lieutenants liegt.
Die kleine Abtheilung bestand aus sechs Matrosen, vier Seesoldaten und dem bereits bezeichneten Schiffsjungen. Alle waren mit leeren Fässern beladen, die in der Factorei des Herrn Barthelsen gefüllt und dann wieder zu Strande gerollt werden sollten, wo der Hochbootsmann Mads[-]Störe
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die Ladung erwartete, während Lieutenant von Rosen noch längere Zeit am Lande bleiben sollte.
Noch hatte derselbe die jungen Damen nicht bemerkt und fuhr daher rücksichtslos in seinem Schelten und Toben fort.
»He, Schurken vorwärts und strengt Eure faulen Glieder an, daß wir zur Factorei kommen, oder ich will Euch Beine machen. Gott verdamm Eure Seelen, oder glaubt Ihr, Ihr könnt des Königs Brod umsonst fressen? Was thut der deutsche Lümmel da? Was kümmerst Du Dich um den nichtsnutzigen Schlingel? Thu Deine eigene Arbeit, oder ich will Dir den friesischen Dickschädel klopfen, daß Du meinen sollst, Ostern und Pfingsten wäre an einem Tage!«
Der Lieutenant hob bei der Anrede einen schweren Dornstock, dessen er sich bei dem Emporsteigen zur Stütze bedient hatte.
Die Drohung galt speciell einem einfach aber mit einer gewissen Sauberkeit gekleideten Matrosen von athletischem Körperbau, dessen offenes männlich schönes Gesicht ein Alter von etwa acht[-] bis neunundzwanzig Jahren verkündete, aber trotz dieser Jugend einen tiefernsten fast finstern Ausdruck hatte. Auf der Stirn lagen schwere Falten und um den Mund zuckte es wie ein gewaltsam unterdrückter Kampf und schwer errungener Sieg über sich selbst bei den durch Nichts begründeten Insulten des Offiziers; denn der Mann trug auf seinen breiten Schultern das schwerste Gefäß von allen seinen Kameraden.
Er hatte sich eben niedergebeugt und die eine Hand losgelassen, um dem etwa eilfjährigen Knaben die weit über dessen Kräfte reichende Last bequemer rücken zu helfen, als die Drohung des Offiziers ihn traf.
»Es ist dem Kinde zu schwer, Herr,« sagte er ruhig, »Sie sollten ein Einsehen haben. Erlauben Sie, daß ich das Stück noch auf meine Schultern hebe.«
»Was? ist der Kerl toll? Will er hier wieder den Kapitain spielen und seinen Offizier hofmeistern? Auf
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der Stelle pack Dich Deines eigenen Weges oder der Teufel soll mich holen, wenn ich Dich deutsches Großmaul nicht peitschen lasse. Dem faulen Bankert hier will ich seine Knochen windelweich schlagen, wenn er sie nicht besser braucht.«
»Sie werden nicht schlagen, Herr von Rosen,« sagte der Matrose, indem er sich hoch aufrichtete und aus seinen großen blauen Augen einen starren Blick auf ihn richtete. »Weder mich noch ihn!«
»Und warum nicht mein Herr Mörder und Spitzbube?« höhnte der Offizier, den Arm in die Seite stemmend.
»Weil Sie kein Recht dazu haben, und Kapitain Hammer, der ein strenger, aber gerechter Mann ist, es verboten hat. Ihre persönlichen Beleidigungen können mich nicht treffen, da meine Unschuld an jenem Verbrechen klar dargethan ist, durch Ihren und meinen Kapitain selbst. - Komm, Georg - wir haben nur noch eine kurze Strecke und dann kannst Du ruhen.«
Der Offizier biß sich auf die Lippen - er wußte nur zu gut, daß der Deutsche Recht hatte und das eben vermehrte seinen Groll. »Ich weiß allerdings nicht, was die beiden Herrn Kapitaine unter einander ausgemacht haben,« sagte er höhnisch, »aber das weiß ich, mein Bursche, daß ich mir mein Recht nicht schmälern lassen werde, einer faulen und nichtsnutzigen Bestie, wie diese hier, die hinter'm Heckenzaun aufgelesen ist, die gehörige Züchtigung zu geben, wenn sie sich nicht gleich in Trab setzt.«
»Ich bin ehrlicher Leute Kind, Herr,« schluchzte der Knabe. »Mein Vater war ein Seemann auf den Inseln und meine Mutter ...«
»Eine Hure aus Hamburg oder Altona. Da nimm das für Deine unverschämte Antwort!«
Der Schlag, der fiel, traf wahrscheinlich schwerer, als er beabsichtigt war, denn der Knabe hatte sich grade gebückt, um den leeren Koffer, den er trug, wieder
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aufzunehmen. Der Stock fiel bei der Wendung, statt auf die Schultern auf seinen Kopf, so daß er blutend zu Boden taumelte.
»Das ist erbärmlich, das ist schändliche Tyrannei!« sagte eine Stimme auf Französisch, während eine zweite Frauenstimme zugleich auf Deutsch rief: »Barmherziger Gott, er hat das Kind erschlagen!«
Der Offizier wandte sich beim Ton dieser Stimmen, wie von einem electrischen Funken berührt, und die Röthe der Schaam, so überrascht worden zu sein, färbte doch einen Augenblick sein Gesicht. Im nächsten hatte er jedoch die hochmüthige Blasirtheit wieder gewonnen. »Ah, Fräulein Barthelsen,« sagte er ironisch, - »sehr enchantirt, Sie zu treffen. Es thut mir nur leid, daß Ihr weiches Gemüth Zeuge sein mußte einer kleinen wohlverdienten Züchtigung, bei der nur das eigene Ungeschick des Burschen ihm die leichte Wunde zugezogen hat. - Es hat Nichts zu bedeuten, ein bischen Heftpflaster und so ein friesischer Dickkopf ist wieder heil. Bitte, beschmutzen Sie Ihr Kleid nicht und Ihre hübschen weißen Finger, die in der That einer Hofdame im Kopenhagener Schloß Ehre machen würden. - Was steht Ihr da und habt Maulaffen feil?« fuhr er die Matrosen und Soldaten an. - »Packt Euch sogleich und sorgt dafür, daß die Vorräthe gut eingestaut weroen! - Der Bengel hier wird schon nachkommen! - Marsch mit Euch!«
Die Männer, meist Inseldänen und an die brutale Behandlung gewöhnt, wagten kein Wort der Entgegnung oder längere Zögerung und setzten ihren Weg nach den nahen Magazinen fort. Nur Klaus Hansen - denn der »auf Königs Befehl« zum Matrosen gepreßte ehemalige Kapitain, der Bruder des Legationssecretairs, des Bräutigams der schönen Edda Halsteen war es, dem die Schmähungen und Drohungen des dänischen Offiziers gegolten, setzte ohne ein Wort zu sagen, seine Last ab, hob den blutenden bewußtlosen Knaben auf und legte ihn sanft auf die Rasenbank nieder. Dann, nachdem er der
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jungen Herrnhuterin eine Verbeugung gemacht, die bewies, daß er gleichfalls den gebildeten Kreisen angehörte, sagte er einfach: »Erlauben Sie Janfrou, diesen armen Knaben Ihrem guten Herzen zu empfehlen!« hob die eigene und die Last des Jungen auf seine Schultern und ging damit nach der Factorei zu.
Mit blitzenden Augen hatte die schöne Creolin die Scene verfolgt und - obschon sie weder Deutsch noch Dänisch verstand - doch Alles wohl begriffen. Sie stand jetzt, die kleinen perlenartigen Zähne fest auf die kirschrothe Unterlippe gebissen, neben der Freundin und half ihr schweigend dem Knaben das Blut abzutrocknen, mit dem Wasser aus dem nahen Quell die Wunde zu kühlen und aus ihren Taschentüchern einen nothdürftigen Verband umzulegen, als der Offizier wieder heran trat.
»Beim heiligen Neptun,« sagte er leichtfertig, »man möchte sonst wünschen, an der Stelle dieses schmutzigen Taugenichtses zu sein, um von so reizenden Händen gehätschelt und gepflegt zu werden. Meine schönen Damen, Sie werden in der That machen, daß die ganze Mannschaft des Lyimfjord sich Löcher in den Kopf schlägt, wenn sie zur Faktorei kommt, bloß um sich von Ihnen verbunden zu sehen. Darf ich Sie bitten, Fräulein Barthelsen, mich mit Ihrer reizenden Freundin bekannt zu machen?«
Er hatte die widerwärtigen Complimente französisch gesprochen, da er sich erinnerte, daß die Creolin jenen eben nicht für ihn sehr schmeichelhaften Ausruf in dieser Sprache gethan, - statt jeder Antwort aber maß ihn die Pflanzerstochter mit dem stolzen Blick einer vornehmen Dame vom Scheitel bis zur Sohle und wandte ihm mit einem verächtlichen »Pfui!« den Rücken.
Das Blut schoß dem arroganten Stutzer in die Schläfe, und den Kneifer wieder auf die Nase klemmend, sagte er höhnisch: »Ei meine schöne Dame, wir Dänen sind zwar sehr humane und liberale Leute und haben unsere Neger schon im Jahre Siebenundvierzig emancipirt, aber wir wissen doch reines Blut zu schätzen und die schönen
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Quadronen nach ihrer Rangklasse zu taxiren. Dem wievielsten Grad darf ich Sie wohl einrangiren, meine Gnädigste?«
Das dunkle Blut, das in ihren Adern rollte, färbte Nacken und Stirn wie mit einer Purpurfluth, während ihr großes schwarzes Ange wie ein Dolchstoß zu ihm hinüber zuckte, der mit kalter Bosheit die Wirkung seiner raffinirten Worte beobachtete; - aber die schöne Tochter des alten Kapitains war glücklicher Weise zu sehr Dame, als daß sie ihrem heißen Blut erlaubt hätte, irgend etwas zu thun, was unweiblich gewesen wäre. Mit den Worten: »Verzeih Marie, daß ich Dich einen Augenblick mit diesem Unverschämten allein lasse, um meinen Vater zu holen,« flog sie wie eine junge Pantherin davon, dem Wohnhaus der Factorei zu, um zu sehen, ob die beiden Freunde bereits aus der Stadt zurückgekehrt wären.
Der Lieutenant sah ihr kaltblütig nach und näherte sich dann der jungen Herrnhuterin noch mehr, die den armen Knaben nicht verlassen wollte.
»Nun mein schöner weißer Engel im Quäkerhäubchen,« sagte der Offizier, indem er zudringlich die Hand der jungen Herrnhuterin zu fassen suchte, »da der kleine hübsche Mischling uns verständiger Weise allein gelassen hat, werden Sie mir erlauben, die ersehnte Gelegenheit zu benutzen, um Ihnen zu sagen, daß ich ganz rasend in Sie verliebt bin!«
»Mein Herr - -«
Das Mädchen zitterte wie Espenlaub.
»Sträuben Sie sich nicht mein Engel; obgleich ich zum ersten Mal auf dieser Insel bin, weiß ich doch recht gut, daß das Blut hier feurig durch die Adern rollt, selbst durch die einer kleinen Quäkerin oder Herrnhuterin.«
»Verlassen Sie mich, Herr! Mein Vater wird ...«
»Ihr Vater wird ein verständiger Mann sein, wie alle Väter schließlich sind; er weiß sehr gut, was ihm die Verbindung mit der Regierung einbringt, und welchen Einfluß mein Onkel darin hat. Wenn Ihr Alter, wie ich hörte, einen tüchtigen Batzen Geld daran setzen kann,
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bin ich sogar nicht abgeneigt, Sie zur Baronin Rosen zu machen. Also verständig meine Kleine, und geben Sie mir geschwind einen Kuß auf Abschlag.«
»Abscheulicher!«
Sie wand sich in den Armen des Frechen, den offenbar eine bei Tafel genossene Libation noch rücksichtsloser gemacht hatte.
»Komm, komm Täubchen! Das Gebüsch ist dicht genug, daß uns Niemand sehen kann!«
»Gott der Herr sieht Ihr Verbrechen! Hilfe! Hilfe!«
Die Hilfe war näher, als sie hoffen konnte. Eine starke Hand faßte den Offizier und schleuderte ihn weit von ihr. »Zurück, Herr! schämen Sie sich nicht, ein wehrloses Mädchen zu beleidigen?«
»Schurke! - wagst Du Hand an Deinen Offizier zu legen?«
Es war der Matrose Claus Hansen, der sich schützend vor das halb ohnmächtig an der Bank neben dem Knaben niedergesunkene Mädchen gestellt hatte.
»Nicht an einen Offizier, sondern an einen Elenden, der ein Weib überfällt!«
»Das sagst Du mir? - Was kümmert Dich die Dirne! Auf der Stelle fort oder ich stoße Dich nieder wie einen Hund, der Du bist! - Fort an Deine Arbeit! - im Augenblick!«
»Nicht ohne Sie, oder diese Dame!«
»Was? - Ungehorsam! Meuterei!« Der Lieutenant hatte den Kurzdegen gezogen und stürzte gegen den unbewaffneten Mann. Der Hilferuf des geängsteten Mädchens klang weit hin.
»Feigling! Tyrann!«
Der kräftige hochgewachsene Friese hatte den Stoß des Degens, der seinen Rock zerriß, zur Seite geschlagen und entrang dem Wüthenden die Waffe, wobei er mit der scharf geschliffenen Klinge ihm leicht den Arm verletzte.
»Mord! Meuterei! Zu Hilfe Leute!«
Von zwei Seiten kamen Leute. Ueber den Terrassenrand
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schaute das breite harte Gesicht des Hochbootsmann des Lyimfjord Mads Störe, den vom ankernden Kutter ein vergessener Auftrag mit zwei seiner Matrosen herausgeführt hatte und der sich jetzt mit seiner ruhigen Sicherheit heraufschwang; - von der Factorei her eilten Matrosen, Speicherdiener und Comptoinsten herbei.
»Greift den Mörder! In Eisen mit ihm! Schießt ihn nieder, wenn er sich wehrt.«
»Was ist's, Lieutenant?« hörte man die rauhe Stimme des Hochbootsmanns.
»Er hat Hand an mich gelegt - mich seinen Offizier zu ermorden versucht, nachdem er seine Kraft mißbraucht, mir die Waffe zu entreißen. Seht, er trägt sie noch in der Hand!«
In der That hatte Claus Hansen den unglücklichen Kurzdegen nicht von sich geworfen, sondern hielt ihn noch, wohl nur durch die krampfhafte Erregung, die sich seiner bemeistert, in der Hand, und vor den Augen Aller rannen langsam ein Paar Tropfen des vergossenen Blutes nieder von der Spitze zur Erde.
»Blixen und Bramtopp, das ist schlimm!« murrte der alte grauhaarige Seemann mit einem ziemlich verächtlichen Blick auf den Lieutenant. »Hab's lange gefürchtet, daß es so kommen würde. Aber's hilft nun Nichts! Gieb Dich mein Junge und laß Dir die Eisen anlegen.«
Der Friese hatte sich hoch empor gerichtet - jetzt umfaßte seine Hand mit voller Kraft den Griff des scharfen Seitengewehres. Sein Gesicht wurde bleich wie das eines Todten, aber in den großen hellblauen Augen begann ein unheimliches Feuer zu lodern, gleich einer Windsbraut, die zum Orkan wird, gleich dem Rollen des unterirdischen Donners, der in dem verheerenden Steinregen und Lavastrom des Vulkans sich entladet. Die weißen Zähne des Mannes waren fest auf die blutlose Unterlippe gesetzt, die Adern seiner Schläfe schwollen blau an.
»Gods Blixen Mann,« sagte der alte Seebär, -
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»ich glaube, Du kriegst die Berserkerwuth! ich sah sie nur einmal bei einem Normann, vergesse sie aber mein Lebtag nicht. Sei vernünftig, Claus Hansen, und gieb Dich zur Ruh!«
Mit derselben Gleichgültigkeit, als knote er am sichern Bord ein loses Tau und als handle es sich hier diesem Manne gegenüber nicht um sein eigenes Leben, holte er die Handringe, die er immer bei sich trug, aus der weiten Tasche seiner Schiffsjacke, und klappte sie auf zum Gebrauch.
»Erbarmen, beim allgütigen Gott!« flehte das Mädchen, auf ihren Knieen, händeringend. »O gnädigster Herr Offizier, bedenkt, welche Sünde Ihr auf Euer Gewissen ladet! Er hat nur ein unschuldiges Mädchen beschützt!«
Der Lieutenant von Rosen hatte sich hinter den alten Seemann geflüchtet. »Auf ihn! greift ihn! werft ihn nieder und fesselt ihn! fürchtet Ihr Euch so viele gegen den Einen?«
Noch war keine Sylbe über die Lippen des Bedrohten gekommen, aber bei dem neuen Anruf des Offiziers machte er eine Bewegung, als wolle er sich auf ihn stürzen, und es wäre unzweifelhaft dessen Tod gewesen, denn der Hochbootsmann selbst hätte dieser zur höchsten Potenz angespannten Kraft nicht zu widerstehen vermocht, und die Soldaten und Matrosen standen im Kreise, ohne zu wagen, zu Hilfe zu eilen - die Jungfrau stieß einen lauten Angstschrei aus - da plötzlich schien die Absicht des friesischen Recken sich zu ändern, - er wandte den starren furchtbaren Blick zur Seite - dorthin, wo die Ruine des alten Flibustier-Thurms stand und mit einem Sprung, wie ihn der Löwe auf den Kreis seiner Feinde thut, sie zu durchbrechen, war er an der dichtesten Gruppe der Soldaten und Matrosen.
»Platz da!«
Drei der starken stämmigen Männer flogen wie Knaben auf die Seite und zu Boden vor diesem gewaltigen
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Anprall - ein sausender Hieb, und die Muskete, die der eine Seesoldat ihm entgegengehalten, flog mitten durch gehauen in Stücke - im nächsten Augenblick hatte der Friese den Fuß des alten Gemäuers erreicht und mit jener instinktiven, an's Wunderbare grenzenden Gewandtheit, die dem Mondsüchtigen und den Rasenden allein eigen ist, schwang er sich an den einzelnen Steinen, wo sicher der Fuß einer Gemse kaum Platz gefunden, die feine Hand eines Kindes kaum in die Fugen Eingang gefunden hätte, empor und war in einigen Momenten auf der Höhe des Gemäuers. Noch ein gewaltiger Ruck, unter dem dröhnend ein Stück Mauerwerk in das Innere niederrollte und er stand hinter einer Art von Balustrade, die ihn nöthigenfalls eine Zeit vor den Kugeln der Verfolger decken konnte.
Einen wie verwunderten Blick sandte er dem rollenden Gestein in die Tiefe nach, dann richtete er die sprühenden Augen wieder auf seine Gegner.
»Wer mir naht, ist des Todes!«
Sie standen Alle bestürzt einige Zeit rathlos. Dann schrie der Lieutenant: »Mariniers - sind Eure Musketen geladen? Feuer auf den Meuterer! Schießt ihn herunter wie einen Spatz vom Dach - zehn Species Dem, der ihn trifft!«
Der Ausführung des Kommando's war ein gebietendes Halt! im Rücken der Menge begegnet, die sich um die Ruine gesammelt hatte.
Drei Männer waren auf den Lärmen von der Factorei her gekommen, der Kommandant des Lyimfjord selbst, Kapitain-Lieutenant Hammer, der alte Plantagenbesitzer von Guadeloupe, der an der barschen strengen Seenatur des Dänen großes Gefallen gefunden hatte, und der Kaufherr und Vorsteher der Herrenhuter Mission Erich Barthelsen. Den Pflanzer begleitete seine Tochter, die schöne Creolin Josephine.
»Was geht hier vor? Was ist geschehn?« frug der Kapitain des Lyimfjord streng. »Lieutenant von Rosen, rapportiren Sie!«
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Der Offizier, die Linke vorschriftsmäßig an den von seinem Fall wieder aufgerafften Hut tippend, den blutenden Arm recht auffallend über die Brust gelegt, berichtete in dienstlicher Haltung, daß er die Leute den kürzeren Weg über die Terrassen herauf zu den Vorrathshäusern der Factorei geführt, wobei schon den ganzen Weg der deutsche Matrose Claus Hansen, wie immer, sich trotzig und störrisch gezeigt, seine Befehle mit böswilligen Worten erwidert und zuletzt, als er sich veranlaßt gesehen, dem Schiffsjungen Jürgen eine Züchtigung zu ertheilen, wobei er ohne seine Absicht durch den Versuch des Jungen, zu entwischen, diesem eine unbedeutende Verletzung zugefügt, - gradezu Widersetzlichkeit geübt, Schmähungen und Drohworte ausgestoßen habe und nur auf seinen strengen Befehl endlich den andern Leuten zur Arbeit nach der Factorei gefolgt sei. Bald darauf aber, während er, der Lieutenant, sich noch mit Fräulein Barthelsen unterhalten, und ihr beim Verband des Jungen Hilfe geleistet habe, sei der Matrose, der den Taugenichts immer in Schutz genommen, - in offener Meuterei zurückgekommen, habe sich auf ihn geworfen, ihn - da er an Körperkräften der Schwächere, mißhandelt und als er seinen Degen gezogen, ihm diesen entrissen und ihn damit verwundet. Nur seiner eigenen Gewandtheit und Geistesgegenwart habe er es zu danken, daß er von dem Mörder nicht durch und durch gestoßen worden sei, was gewiß noch geschehen wäre, wenn ihm nicht durch das zufällige Erscheinen des Hochbootsmanns und seiner Leute, sowie durch das Herbeieilen der Leute aus der Factorei auf den Hilferuf des Fräulein Barthelsen zeitig genug Beistand gekommen wäre. Der Verbrecher habe sich nun geweigert, sich gefangen zu geben, vielmehr mit der ihm entwendeten Waffe sich gewaltsam durch seine Kameraden geschlagen, wie die zerschmetterte Muskete beweise, und so sich auf jenes Gemäuer geflüchtet, von wo er Jedem den Tod drohe, der sich ihm nähern würde.
Mit blitzenden Augen, an dem Arm ihres Vaters
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hängend, hatte die Creolin dem Bericht des Offiziers zugehört, dessen Doppelzüngigkeit und Tücke sie wohl ahnen mochte, wenn sie auch die Worte nicht verstand; vergeblich hatte die junge Herrnhuterin mehrfach ihn zu unterbrechen und den Bedrohten zu vertheidigen versucht, - die Schaam über die erlittene Zudringlichkeit, die zu der traurigen Scene geführt, ließ sie nicht einmal Alles sagen; mit ernstem festem Blick hatte der Kommandant des Schiffes seinem Offizier, dessen Charakter er sehr wohl kannte, zugehört, - aber was er auch über die Ursachen und den Vorgang im Innern denken mochte, - es galt hier zunächst, der Subordination unerbittliche Geltung zu verschaffen.
»Diese Dame hier,« sagte er streng, auf die Creolin weisend, »hat uns allerdings über Ihr Benehmen, Herr Lieutenant, andere Dinge berichtet, indeß habe ich jetzt nicht danach zu fragen.« - Er that einige Schritte gegen die Ruine vor. »Claus Hansen - hörst Du mich?«
Der Mann auf der Warte machte schweigend das Zeichen der Bejahung.
»So steige sofort herunter und übergieb Dich der Wache. Was Du gethan, muß durch das Kriegsgericht abgeurtheilt werden.«
Der Friese rührte sich nicht - die mächtige Aufregung, die ihn vorhin fortgerissen, schien einer starren finstern Ruhe Platz gemacht zu haben.
»Du weigerst den Gehorsam? - Mir - Deinem Kapitain?«
Wiederum keine Antwort.
»Lieutenant von Rosen!«
»Kapitain!«
»Senden Sie vier Mann nach den Gebäuden dort, um Leitern herbei zu holen. - Sind die Gewehre der Mariners geladen?«
»Ich befahl es und werde nachsehen!«
Die Musketen waren geladen, die Zündhütchen wurden aufgesetzt.
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Der Lieutenant rapportirte es.
»Stellen Sie die vier Mann an solche Orte, wo sie das Versteck mit ihren Kugeln erreichen können. Herr Barthelsen!«
»O Kapitain - üben Sie Milde mit dem unglücklichen Mann! Das Gebot des Herrn sagt: >Tödtet nicht, auf daß Ihr nicht wieder getödtet werdet.<[«]
»Hat diese Ruine im Innern Zugänge oder die Mittel emporzusteigen?«
»Es ist Alles ein Trümmerhaufen, Herr - es ist ein Wunder, daß der Unglückliche dort hinauf hat gelangen können. - O Herr - lassen Sie mich mit ihm reden, im Namen des allmächtigen Gottes ihn beschwören, sich lieber der Gnade seiner irdischen Richter anheim zu geben, als seinen göttlichen Schöpfer durch schlimmen Trotz zu erzürnen!«
Eine heftige Scene hatte zwischen dem Pflanzer und seiner Tochter stattgefunden. Die schöne Josephine begriff, was geschehen sollte.
»Vater, Du wirst doch nicht leiden, daß dem Mann, der den Frechen strafte, der mich zu beleidigen wagte, etwas Schlimmes geschieht?«
Der alte Brester Kapitain zuckte die Achseln. »Schiffsdisciplin, Kind - die muß aufrecht erhalten werden. Für die Abrechnung mit dem Burschen da, der Dich beleidigt, laß mich sorgen.«
»Vater - ich beschwöre Dich - um meinetwillen, laß ihn nicht herunterschießen, wie ein wildes Thier.«
Der alte Kapitain trat zu seinem dänischen Bekannten, zu dessen Füßen die junge Herrnhuterin knieend um Milde bat. »Kamerad,« sagte er - »Ihr seid in Eurem Recht und Eurer Pflicht! Aber der Hanswurst da, durch den die ganze Geschichte gekommen, scheint mir nicht den zehnten Theil des armen Kerls da oben werth zu sein. Thut mir's zu Gefallen, versucht's noch einmal in Güte, ihn zum Gehorsam zu bringen.«
»Sie haben Recht mit dem Werth der Beiden,
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Kapitain Lautrec, der Mann thut mir aufrichtig leid; denn nach dem Vorgefallenen ist er so wie so verloren, und ich würde wie er es zu thun scheint, eine Kugel dem Strick vorziehen. Aber weil Sie es wünschen, will ich's versuchen.«
Wieder trat er einige Schritte an die Ruine heran, diesmal näher als vorhin.
»Claus Hansen!«
Der Friese nickte.
»Sie dauern mich aufrichtig. Hätte ich das vorher gesehen, hätte ich lieber den Bitten der Janfr[o]u Halsteen nicht nachgegeben.«
Es zuckte wie ein Erbeben durch den mächtigen Körper des Friesen bei der Erinnerung an jene Scene im Stadthaus zu Kopenhagen, an das Weib, dessen Bild er im Herzen trug und das doch dem eigenen Bruder gehören mußte.
»Wir sind Männer und müssen unser Schicksal als solche tragen, Kapitain Claus Hansen. Das Höchste, was der Mann hat, ist die Treue an seinem Wort. Meinen Sie das auch?«
Der Friese neigte zustimmend das Haupt.
»Wohl denn, Claus Hansen, Du hast Dein Manneswort gegeben, geheuert zu sein für zwei Jahre auf meinem Schiff und Unterthan den Gesetzen des Dienstes. Ist es so oder ist es nicht?«
»Es ist so, Kapitain Hammer!«
Die Worte kamen schwer und langsam - die ersten! - aus dem Munde des gefährdeten Mannes dort oben auf den Trümmern der alten Seeräuber-Warte, - aber sie klangen deutlich und klar. Jedermann fühlte ihre schwere Bedeutung.
»Wohl! Wort ist Wort, und wer es bricht, und sei es für einen ehrlichen Tod, ein Wortbrüchiger! - So komm herab, Mann, und füge Dich den beleidigten Gesetzen, die Du geheuert!«
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Der Kapitain wandte sich um, ohne auf den Erfolg seines Anrufs zu warten.
»Halt, Kapitain Hammer!«
Die Stimme des Friesen klang so dröhnend, mächtig, daß sie selbst den theilnahmlosesten der Hörer erschütterte.
Der Kapitain wandte sich sogleich zurück.
»Ich werde mein Gelöbniß halten, Kapitain Hammer, und mich dem Kriegsgericht unterwerfen,« sagte Claus Hansen. »Aber ehe ich mich ergebe, wünsche ich den Mann dort zu sprechen.«
»Wen? - den Kaufmann?«
Claus Hansen hatte auf den Vorsteher der Brüdergemeinde gewiesen. »Ja! - er ist mein Verwandter!«
»Das wußte ich nicht! - Dein Verlangen ist gewährt!«
Der würdige Herrnhuter war wahrscheinlich eben so erstaunt über die angerufene Verwandtschaft, als die anderen Zuschauer der Scene. Der Name Hansen ist so vielfach vorkommend in Schleswig-Holstein, daß seine gelegentliche Erwähnung als der des Matrosen nicht einmal seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Die Matrosen hatten bereits aus der Factorei zwei Leitern herbeigeschleppt. Auf den Befehl des Kapitains wurde die eine an das alte Gemäuer gelegt, und der Kapitain - Lieutenant hieß den Kaufherrn da hinauf steigen, während er zugleich alle Anwesenden außer der Hörweite der Unterredung, die dort stattfinden sollte, zurücktreten ließ, sehr zum Verdruß des Lieutenants.
Erst nach einigem Zögern entschloß sich der Vorsteher der Brüder-Gemeinde, seiner Würde so viel zu vergeben, den nicht ganz ungefährlichen Aufgang auf der Leiter zu nehmen. Unter der Mauerkrone, die den Gestüchteten barg, hielt er inne, da er sah, daß der Mann, der ihn angerufen, sich über diese zu ihm niederbeugte.
»Unglücklicher Bruder im Herrn - ist es wirklich wahr, daß wir durch die Bande des Blutes mit einander
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verbunden sind? Warum hast Du diese Verwandtschaft erst jetzt angerufen?«
»Wissen Sie von dem Kapitain Christian Barthelsen in Schleswieg?«
»Er ist mein Vetter!«
»Und der leibliche Bruder meiner Mutter, die den Pastor Hansen auf Amrum heirathete. Doch das ist gleich. Oheim Barthelsen ist ein Ehrenmann bis in die Spitze seiner Zehen und ein treuer Sohn seines Vaterlandes. Auf Ihre Ehre und Ihr Gewissen, Kaufherr Erich Barthelsen, frage ich Sie, sind Sie ein Sohn Schleswig-Holsteins geblieben in diesem fernen Welttheil?«
»O - Mann - das ist eine schwierige Frage - wir sind friedliebende Unterthanen der Krone Dänemark. Ich bin auf dieser Insel geboren.«
»Aber Ihr Vater und Ihre Mutter waren geboren an den Ufern der Schley - freie deutsche Männer, nicht dänische Sclaven. Bei dem Haupte Ihrer schuldlosen Tochter, die ich aus den unsaubern Händen jenes frechen Dänen gerissen, sind Sie in Ihrem Herzen ein deutscher Mann geblieben?«
Der Vorsteher holte tief Athem. »Ich bin es! - nur ...!«
»Mehr verlange ich nicht! Dem deutschen Manne gebe ich mein Erbe. - Sagen Sie, wem gehört der Fleck Erde, auf dem dieses Gemäuer steht?«
»Oh - Niemandem - wer sollte sich um das wüste Ding kümmern, das einst der Sünde und dem Verbrechen gedient. Noch Monkbar, der grimmige Seeräuber soll hier gehaust haben.«
»Aber wer hat den Thurm gebrochen?«
»Die Franzosen, die Spanier, die Engländer - Alle haben nach den angeblichen Schätzen der Bouccaniers gesucht, und so ihn zerstört. Es war die Thorheit der Habsucht.«
»Aber wenn sie einen Schatz gefunden hättenwem - würde er gehört haben?«
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»Wem anders, als dem Finder! Aber unglücklicher Bruder im Herrn, was beschäftigst Du Dich mit solchen eitlen Dingen, die nur dem Aberglauben des Volks gehören, statt um Dein Seelenheil oder Deine leibliche Rettung bekümmert zu sein; denn, unglücklicher Mann! ich glaube, daß Dein sündiger Zorn Dich schwer gefährdet hat.«
»Mein Leben ist verfallen, ich weiß es! Aber was ist das Leben eines einzelnen Mannes gegen die Freiheit, das Leben eines ganzen Volkes! Erich Barthelsen, im Namen Gottes und Deines Vaterlandes - schwöre mir zu schweigen und treu meinen letzten Willen zu thun.«
»Unsere Rede sei: Ja, ja! und Nein! nein! - ich darf nicht eitel schwören und geloben, aber ich sage Dir als ehrlicher Mann zu: Ja, ich werde Deinen Willen thun, wenn dies ein Trost sein kann auf Deinem schweren Wege.«
»Beugen Sie sich herauf! - Hören Sie! - Ich, ich! habe den Schatz der Bouccaniers gefunden, in diesem Augenblick! und er gehört, wie Sie selbst bezeugt, mir - einem todten Mann!«
Der ehrliche Herrnhuter wäre fast von der Leiter gefallen bei dieser plötzlichen Entdeckung.
»Mann - Bruder - frevle nicht mit solchen Dingen!«
»Ich frevle nicht - es ist kein Spiel, sondern schwerer Ernst. Deshalb, um was Gott mir in dieser bösen Stunde gegeben, meinem Vaterland zu weihen und den gierigen Händen unserer Erbfeinde zu entreißen, deshalb ergebe ich mich und übergebe mich ihrem Gericht und dem sichern Tod. Als ich hier herauf sprang und den Mauerrand erfaßte, riß der Quader sich los und stürzte in die Tiefe. In der Nische, die sich damit geöffnet, sehe ich zehn Tönnchen stehen mit schweren eisernen Reifen gebunden. Das eine ist, vielleicht von der Erschütterung gesprungen und wie ich fürchte ein Theil des Inhalts mit in die Tiefe gerollt. Und dieser Inhalt sind goldene spanische Doublonen! Deshalb rief ich Dich, Vetter
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Barthelsen, und setze Dich zu meinem Erben. Wenn sie mich, todt oder lebendig, von hier herabgeholt, würden sie das Gold entdeckt haben, selbst wenn sie nur in das Innere der Trümmer kämen. Deshalb, Vetter Barthelsen, wähle ich nicht den freien Tod eines freien Mannes, sondern überliefere mich lebendig den dänischen Henkersknechten! An Dir ist es, für das Weitere zu sorgen.«
»Aber Mann - Blutsfreund! - Unglücklicher! was soll ich thun?«
»Das Gold für den Tag bewahren, wo die Fahnen unseres Vaterlandes noch einmal sich heben zum Kampf gegen den falschen Danebrogk! Das Gold dem Kampf widmen für die Freiheit Schleswig-Holsteins! - Und jetzt, frommer Vetter Barthelsen, sei treu und redlich wie Dein Blutsfreund an der Schley - und hinab mit Dir, daß die dänischen Henkersknechte nicht länger zweifeln dürfen an dem Wort eines friesischen Mannes.«
Er schleuderte den Kurzdegen, seine einzige Waffe, hinab und nöthigte den Herrnhuter, die Leiter hinunter zu steigen, was dieser, kaum Herr seines Bewußtseins, that. Dann folgte er selbst. Eine tiefe Stille herrschte unter allen Anwesenden. Mads Störe, der Hochbootsmann trat auf den Friesen zu, die eisernen Ringe in der Hand.
Der Matrose zuckte trotz seiner Entschlossenheit zusammen, sein fragender Blick traf den Kapitain.
»Muß es sein?«
Der Kapitain-Lieutenant nickte finster. »Es muß sein. Das Dienstreglement befiehlt so!«
Der Friese bot die Hände dar - einen Augenblick, und die festen Klammern umschlossen sie.
»Claus Hansen,« sagte der Kommandant des Lyimfjord. »Du sollst Dein ehrliches Kriegsgericht haben. - Nehmen Sie Ihren Degen dort, Lieutenant von Rosen! - An Bord mit dem Gefangenen!«


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Am Nachmittag nach den eben beschriebenen Scenen, hatte an Bord des Lyimfjord ein Kriegsgericht über Claus Hansen, ehemaligen Kauffahrer-Kapitain, zur Zeit Matrose aus Sr. Majestät Kriegsdampfer stattgefunden. Jedermann wußte vorher, was der Ausgang sein mußte, selbst wenn der Lieutenant von Rosen sich selbst preisgegeben hätte, - eine Verleugnung, die Niemand von ihm erwartete und an die er selbst noch weniger dachte. Vielmehr hatte er Alles gethan, was die Schuld des Gefangenen in den Augen der Richter noch erschweren mußte.
Die dänischen Schiffsartikel sind von drakonischer Strenge. Obschon auf Betreiben des Kapitain Lautrec und des Vorstehers der Brüdergemeinde dem Angeklagten der beste Advokat, der aufzutreiben war, zur Seite stand, und die beiden jungen Damen selbst sich nicht scheuten, als Zeugen für ihn aufzutreten, ließen sich die beiden Thatsachen nicht widerlegen: meuterischer Ungehorsam mit bewaffneter Hand und Mißhandlung und Verwundung des vorgesetzten Offiziers! - und darauf stand unabänderlich der Tod - der Tod durch den Strang!
Der Angeklagte hatte ohne zu zucken das Urtheil gehört, das nach der Schiffsordnung am andern Morgen an ihm vollstreckt werden mußte. Er bat allein um die Erlaubniß, vor seiner Hinrichtung noch einige Briefe schreiben zu dürfen, und schrieb an seine Mutter, an seinen Bruder und Edda Halsteen. Dann, nachdem er noch geistlichen Zuspruch erhalten und ihn als gläubiger Christ entgegen genommen hatte, las er bis zum späten Abend in der Bibel und streckte sich dann in dem zum Gefängniß angewiesenen, von zwei Schildwachen mit aufgepflanzten Bayonnet bewachten Raum auf seine Schiffskiste, und schlief so fest und ruhig ein, als handle es sich nicht um seine letzte Nacht auf Erden.
Vergebens hatte sich Herr Erich Barthelsen, der Kaufherr und Aelteste, aus seiner gewöhnlichen Ruhe gerüttelt und war zum Gouverneur der dänischen Kolonieen - damals Justizrath Birch - geeilt und hatte eine hohe
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Summe aus seinen eigenen Mitteln für die Begnadigung des Verurtheilten oder wenigstens Aufschiebung der Vollstreckung geboten, bis eine Begnadigung von Kopenhagen erwirkt werden könne, - der Gouverneur hatte keine Macht über die militairischen und Marine-Gerichte - und der Kapitain Hammer kannte nur die Paragraphen der Schiffsartikel.
Ja - wenn der Mann nicht eingelobter Matrose der Kriegsmarine gewesen wäre - aber die Empörung war im Dienst begangen!
Der Verhandlung des Kriegsgerichts, die immer öffentlich ist, hatte auch der französische Pflanzer beigewohnt. Als nach Beendigung derselben der Vorsitzende, Kapitain-Lieutenant Hammer, sich zu seinem eigenen Offizier wandte und ihm mit dürren Worten rieth, bei ihrer Rückkehr nach Kopenhagen seinen Abschied zu fordern, klopfte ihn der alte Brester Seewolf lächelnd auf die Achsel. »Wird, so Gott will, nicht nöthig sein, Herr Kamerad vom Danebrogk. Der Herr dort hat sich erdreistet, die Mademoiselle Josephine Lautrec, des alten Kapitain Lautrec Tochter, wegen der Farbe ihrer Mutter zu beleidigen, und ein Lautrec hat noch niemals eine Beschimpfung eingesteckt. Ich hoffe, der Herr dort folgt einem besseren Mann, als er ist in die Ewigkeit!«


Es war Mitternacht vorüber - in dem Geschützraum des Lyimfjord, nur von dem matten Schein einer Laterne erhellt, - schritt die Schildwach schläfrig auf und nieder, oder lehnte an eine der Kanonen, sich auf die Lafette und ihre Muskete stützend, und die schlaftrunkenen Augen nach der Stelle richtend, wo der verurtheilte und gefesselte Mann auf der Schiffslade vielleicht von den frohen Kinderjahren, den einfachen Scenen seiner heimathlichen Watten und dem schönen Frauenbilde dort an den grünen Wogen der Ostsee träumte.
Ihm gegenüber in dem luftigern Raum statt in dem dunstigen Lazarethlokal, hatte die Menschlichkeit des
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Kapitains, dem armen noch an seiner Kopfwunde kranken und oft laut phantasirenden Schiffsjungen Jörg die Hängematte aufschlagen lassen.
Die Pforten auf beiden Seiten waren geöffnet, um der frischen Seeluft den Durchzug zu gestatten - kennt doch diese glückliche Zone die Härte des scheidenden Winters nicht.
Mit dem frischen Seewind kamen die Mondstrahlen und flutheten in langen lichten Streifen durch den Raum, wenn das an seinen Ankern sich stöhnend auf und nieder wiegende Schiff die offenen Luken dem vollen hellen Schein bot, der draußen über Rhede und Land so golden bleich und gespenstig licht sich verbreitete.
Aber was naht dort im bleichen Mondschein? - ein schwarzer Nebel, ein bewegliches Phantom, wie es der abergläubische Seemann so oft zu erblicken glaubt auf der einsamen Wache, oder im brüllenden Kampf der Elemente! Was schaudert der Posten dort, der langsam den Gangweg auf und nieder schreitet, und zuweilen in die Wantung tritt, um hinunter zu schauen auf die im Mondlicht blitzenden Wellen und das Spiel der Delphine und ihrer schlimmeren Kameraden. Ist es das Gespenst der furchtbaren Pest, die so oft diese Inseln heimsucht? Aber nein, der Wachtmann ist ein alter befahrener Seemann, und weiß, daß die Zeit für das gefährliche Fieber noch nicht gekommen ist.
Da - da - jetzt huscht es an ihm vorüber und taucht in die Luke - Thorheit! es ist der Schatten irgend eines Nachtvogels, der um das Schiff streift. Der Mann auf der Wache wendet sich ab. -
Der kranke Knabe Jürgen im Geschützraum stöhnt laut auf. »Die schwarze Frau! die schwarze Frau!« - Ein heiteres Lächeln liegt auf den Zügen des Schlummernden - die gefesselte Hand macht eine leichte abwehrende Bewegung, als wenn sie nach dem Schiffsraum deutete, in dem die Kabinen der Offiziere liegen.
»Edda! - Adda!«
Wieder zieht der dunkle Schatten des Vogels, leichter,
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lichter, als vorhin - hin, hin über das blitzende Meer - weit hin - nach Osten!
Der Mann auf der Wache reibt sich die Augen, brummt einen Fluch und setzt seinen einsamen Marsch fort.


»Alle Mann auf Deck zur Exekution!« gellt die Pfeife des Hochbootsmanns das traurige Signal, und aus den Luken wälzt sich die Schaar der Matrosen und Seesoldaten, nicht mit dem gewöhnlichen Geräusch und Lärmen, sondern ernst und still, wie es sich für den traurigen Auftritt ziemt, dem sie entgegen gehn. Wie roh auch der Sinn dieser rauhen Männer sein mag, wie wenig sie auch Sympathieen und Freundschaft für den Kameraden aus einer den Meisten verhaßten Nationalität hegten, der immer so stolz sich abgesondert hielt von ihren Kreisen und ihrer lärmenden Lust - jetzt, im Augenblick, wo er für immer aus ihrer Mitte scheiden soll, sehen sie in ihm nur den bewährten Seemann, den furchtlosen zuverlässigen Kameraden - den lebenskräftigen Mann!
Die Matrosen und Seesoldaten stellen sich auf beiden Seiten des Vorderdecks auf - manch scheuer Bick schweift nach der Rahe des Vormasts, von der im Morgenwind die verhängnißvolle Schlinge herabschaukelt. Die Deckoffiziere kommandiren sechs Mann, die das andere Ende der Leine zu fassen und damit nach hinten zu laufen haben, wenn der Constabel dort die Lunte auf das Zündloch der Signalkanone legt.
Längst verschwunden sind die Mondstrahlen, - die Sonne ist aufgegangen in voller Pracht und ihre goldenen Lichter fluthen über Land und Meer. Rings um den Lyimfjord her lagern sich die Boote des andern im Hafen ankernden Kriegsschiffes - in den Wanten der Kauffahrer hängt das Schiffsvolk, aus allen Farben und Racen bunt zusammen gewürfelt, - und drüben - da wo die Factorei der Herrenhuter Colonie steht - liegen in einem Schlafzimmer des Wohnhauses zwei schöne junge Mädchen
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weinend auf ihren Knieen und beten für die Seele des Scheidenden.
Kapitain-Lieutenant Hammer in voller Uniform mit den Offizieren der Schiffsequipage und den Mitgliedern des Kriegsgerichts, - nur der erste Lieutenant hatte Urlaub an Land genommen - tritt aus seiner Kajüte, die Schiffsartikel und ein weißes Taschentuch in der Hand. Sein Gesicht ist ernst, beinahe finster. Der Trommelwirbel rollt zur Begrüßung, während sein Auge prüfend über das Verdeck fliegt. Der zweite Lieutenant hat das Kommando der Exekution.
»Quartiermeister, holt den Verurtheilten!« Der Quartiermeister verschwindet durch die Luke, - gleich darauf unter dem gedämpften Wirbel der Trommeln steigt er wieder empor, hinter ihm zwei Seesoldaten mit aufgepflanztem Bayonnet, dann der Gefangene, hinter ihm wieder die Wache.
Claus Hansen, einfach aber reinlich in seinem besten Seemannsanzug, ohne Hut, den kräftigen Hals entblößt, die Jacke nur über die Schultern und die hinten an den Handknöcheln zusammengeschnürten Arme gehängt, schreitet fest und mannhaft zwischen seinen Wachen nach der verhängnißvollen Stelle. Sein offenes ehrliches Gesicht ist bleich, aber sein Ausdruck würdig und ruhig. Mit einem leichten Neigen des Hauptes grüßt er die Gruppe der Offiziere und seiner bisherigen Kameraden. Sein Auge richtet sich weit hinaus aufs Meer.
Der kommandirende Offizier senkt den Degen, und die Trommeln schweigen.
Der Kapitain-Lieutenant Hammer tritt einen Schritt vor, er verliest mit ernster hallender Stimme den betreffenden Paragraphen der Flottenordnung und schließt mit den Worten:
»Und somit Claus Hansen übergebe ich Deinen sterblichen Leib dem Vollstrecker des Richtspruchs und Deine Seele dem gnädigen Gott. Nimm Abschied von dieser Welt. Profoß - thut Eure Pflicht!«
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Der Profoß naht sich mit der verhängnißvollen Mütze, die dem Verurtheilten bei der Execution über das Gesicht gezogen zu werden pflegt.
Aber die Matrosen und die Offiziere sehen sich verwundert an, als fehle noch etwas an der furchtbaren Ceremonie, und einer der Beisitzer des Kriegsgerichts neigt sich zu dem Kapitain.
»Das Gebet, Herr Kamerad, verweigern Sie nicht dem armen Mann das letzte Gebet!«
»Da sei Gott vor! - Es ist seltsam, daß ich darauf vergaß, ich legte das Gebetbuch noch gestern Abend auf den großen Tisch in der Vorkajüte zu dem Zweck. Steward« - holt mir das Gebetbuch, wie es dort liegt.«
Es folgte eine tiefe Stille, nur unterbrochen von dem Wink des kommandirenden Offiziers, sich fertig zu machen, da während des Verlesens des Sterbegebetes, das auf kleinerm Kriegsschiffen, auf denen kein besonderer Geistlicher an Bord ist, durch den Kapitain erfolgt, die letzten Vorbereitungen getroffen werden, und mit dem Amen das verhängnisvolle Signal gegeben wird.
Die Schlinge lag bereits um den Hals des Verurtheilten - der Profoß zog sie zurecht, den Knoten unter das linke Ohr, um ihm das Sterben zu erleichtern.
»Kamerad - bist Du bereit?«
»Ich bitte Dich, laß mich das Meer sehen, meine und Deine Heimath, bis zum letzten Augenblick!«
Die Bitte war zu sehr im Sinne des Seemanns, als daß sie unerfüllt geblieben wäre, - die Mütze blieb in der Hand des Bootsmanns.
Der Steward kam aus der Kajüte und überreichte dem Kapitain das große schwarz gebundene Gebetbuch - der Offizier auf dem Gangweg machte sich fertig.
Kapitain Hammer schlug das Buch auf und stutzte einen Augenblick. An der Stelle, wo das Sterbegebet beginnt, lag in dem Buch ein großer Brief mit dem bekannten Couvert und dem Siegel des Königlichen Kabinets.
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»An den Kapitain Unseres Schiffes
       Lyimfjord
               Kapitain-Lieutenant Hammer
                       Station St. Croix.«
und links im Winkel das Wort: »Sofort!«
Der Kapitain sah erstaunt auf den Stewart: »Einen Augenblick meine Herrn! Wer gab Dir den Brief?«
»Niemand, Kapitain! - Euer Gnaden muß ihn selbst in das Buch gelegt haben.«
»Das ich nicht wüßte. Laß sehen - Seiner Königlichen Majestät Befehle vor allen andern Geschäften.«
Er prüfte Siegel und Couvert und öffnete kopfschüttelnd dasselbe. Der bekannte Quartbogen aus dem dicken Velin kam heraus, der Kapitain-Lieutenant schlug ihn auf.
»Allmächtiger Gott - was ist das? Seine Majestät eigene Handschrift - wie kommt die hierher? - Lieutenant Hendriks, - die Exekution muß ausgesetzt bleiben, bis ich weiter geprüft! - Es ist unmöglich! unmöglich!« Aber in dem Schreiben stand mit klaren sicheren Worten und die vom Marine-Minister gegengezeichnete Ordre zeigte unzweifelhaft die königliche Handschrift:
»Der Seemann Claus Hansen aus Amrum, zur Zeit an Bord des >Lyimfjord< dienend, ist von diesem Augenblick an aus Unserer Königlichen Marine und dem dänischen Unterthanen-Verband entlassen und aus Unseren Landen verwiesen, bei Strafe schweren Kerkers im Fall des Wiederbetreffens.                Frederik.«
Kopenhagen, am 2. März 1861.
»Der zweite März - und wir schreiben heute den fünften! Alle tausend Teufel, wie ist das möglich? wie kommt der Brief hierher? - Dann wäre das Urtheil des Kriegsgerichts ja null und nichtig, und das Verbrechen ein bloßer Streit zwischen Lieutenant Rosen und einem Fremden! - Nehmt ihm den Strick ab! Hierher Mann und sage mir, weißt Du etwas von diesem Brief?«
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»Nein Herr - Nichts!«
»Vielleicht eine Fälschung - ein von den Freunden des Verurtheilten untergeschobener Befehl,« sagte vorsichtig einer der Beisitzer.
»Unmöglich, Herr Kamerad - ich könnte für die Echtheit der Handschrift und des Siegels mit meinem Kopf bürgen. Prüfen Sie selbst. - Donner und Blixen, schon der alte Hamlet soll gesagt haben: Es giebt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen können - aber das ist egal! Ein dänischer Offizier hat auch ohne daß er's begreift, zu thun, was sein König befiehlt! - Kapitain Hansen, ich habe das Vergnügen, Ihnen zu gratuliren. Sie sind frei und haben vor Verlassen meines Schiffs nur dem Zahlmeister das Marinegewehr zu vergüten, das Sie vorgestern zu zerhauen beliebten! - Hochbootsmann - pfeift zum Abtreten!«


Eine Stunde später brachte ein Boot vom Lande die Nachricht, daß Lieutenant von Rosen dort im Spital liege mit einer Kugel in der Schulter, die er im Duell erhalten.
Am dritten Tage darauf hatte sich Kapitain Lautrec mit seiner schönen Tochter an Bord eines amerikanischen Schooners eingeschifft, um in St. Thomas den Dampfer nach Havre zu erreichen. In seiner Begleitung befand sich der ehemalige Kauffahrer-Kapitain und Matrose am Bord des Lyimfjord Claus Hansen.
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Düppel.

(Fortsetzung.)

Die Sonne geht um diese Zeit, in der ersten Hälfte des März, in der nordischen Breite um sechs Uhr auf, ihre Vorläufer, die Eosfinger ragten bereits am Horizont empor, als der Mond sich diesem zusenkte.
Trotz ihrer freigeistigen Meinung und dem Versuch, was sie vor sich sah, auf natürliche Weise zu erklären, war etwas, wie mit Zauberketten, das Edda Halsteen an dem Lager des Lappenmädchens festgehalten. Wenn sie zuweilen, erschöpft, ermattet, für eine halbe Stunde sich auf ihr Lager geworfen, - Schlaf konnte sie doch nicht finden, und immer und immer wieder kehrte ihr Auge unter dem eintönigen Gesang des Laskaren, der in der übernommenen Pflicht sie ablöste, auf die regungslose Gestalt zurück.
Auch hatte sie verschiedene Versuche mit ihr gemacht, den Arm gehoben, einen Spiegel vor die bleichen Lippen gehalten, Nichts, Nichts, - keine Bewegung, kein Odem, der ganze Körper kalt, starr, todt!
Mehr als einmal war sie im Begriff gewesen, um Beistand zu rufen: den Vater, der zwei Mal vergeblich an ihrer Thür gewesen; die Diener, um nach dem Arzt zu schicken, diesen Starrkrampf, für den sie den Zustand noch immer zu halten suchte, zu brechen - aber immer
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hielt sie ein Blick auf das bleiche Gesicht oder auf den wilden Sohn der fernen Tropen, der gläubiger als sie, einfach sein Wort hielt und singend und murmelnd am Teppich saß, wieder zurück und mahnte sie an ihr eigenes Versprechen.
Stunde auf Stunde war so verronnen, die Jungfrau glaubte kaum noch die Ueberreizung der eigenen Nerven durch den Anblick der Todten, durch die Wirkung des eintönigen Gefanges, ertragen zu können, als eine Bewegung des Laskaren sie von dem nochmals aufgesuchten Lager emporschreckte.
Die Hand Suky's, während er weiter und weiter murmelte, deutete auf den todten Körper.
Todt - nein, das war er nicht - nicht mehr! oder war es die Morgenröthe, die sich zum Fenster hereinstahl und über das Antlitz huschte?!
Eine Veränderung war sicher mit ihr vorgegangen, - dicke Schweißtropfen perlten auf der weißen Stirn der Unheimlichen und rannen an den Schläfen und Wangen nieder.
Dann kehrte Blut in die Lippen zurück, sie öffneten sich, - eine leichte Röthe, wie von einer Anstrengung hervorgerufen, erschien auf den Wangen, die Brust begann sich zu heben - -
Mit einem Sprung war das Fräulein von ihrem Lager und an der Seite des Körpers - der geheimnißvolle Ring durchbrochen - »Adda! Schwester Adda!«
Ein fast seeliges Lächeln lief über die Züge der Samelaz - ihre großen Augen öffneten sich und sahen sie an - anfänglich starr, dann wie erkennend! Sie hob die Hand und strich über Stirn und Augen, als müsse sie sich erst an das Bild wieder gewöhnen.
Edda hatte sie aufgerichtet und hielt ihren Oberkörper unterstützt, - immer mehr schien der Starrkrampf, in dem sie gelegen, zu verschwinden, ihre Besinnung wieder zu kehren. Sie sah sich um, sie strich das Haar zurück, sie öffnete den Mund.
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»Er lebt! - er wird leben - er ist gerettet!«
»Wer? wer? Adda, komme zu Dir!«
»Wer sonst? Claus Hansen, den Du im Herzen trägst, und er Dich! ich habe darin gelesen und wünschte, Du hättest Jabme Akko der Todesmutter diesen elenden Leib überlassen, statt die wandernde Seele mit ihrem Leid zurückzurufen in ihre Hülle! - Geh - Du hast mich beraubt mit der Stunde Deiner Geburt, und wirst mich berauben, so lange ein Odem über unsere Lippen weht!«
Ihr Blick hatte den alten Haß, die alte dämonische Feindschaft.
»Adda, fasse Dich! ich weiß, daß wir Schwestern sind, wenn auch eine andere Mutter uns gebar, und Schwestern sollen, dürfen sich nicht hassen. Ich habe Dich nie gehaßt, und mit Dir gelitten. Das soll anders werden - Du sollst mit uns gehen aus dieser Umgebung, die Deinen Fall, aber auch Deine Leiden gesehen.«
Die Schwarze stieß sie zurück. »Nein - das darf nicht sein! Jetzt nicht! - Aber ich werde bei Dir sein, wenn es gilt. Noch ist der Kampf zwischen uns nicht zu Ende - nur jetzt bin ich matt und kraftlos. Höre d'rum, was ich Dir zu sagen habe.«
»Adda, beruhige Dich! - ich will nach Stärkungsmitteln finden! - willst Du Wein?«
»Gieb!«
Edda erinnerte sich, daß in einem Wandschrank des Corridors Wein und andere Getränke stehn mußten - sie sandte eilig den Laskaren, eine Flasche von ersterem zu holen und zu entkorken.
»Ich fühle es - ich habe meine Lebenskraft an ihn gesetzt! Jetzt nur Schlaf, Ruhe,« stöhnte das finstere Weib. »Doch zuvor - höre!«
»Nicht jetzt, Adda! - Du bist erschöpft!«
»Wer weiß, wann wir uns wieder sehn! - Gieb! - Schnell!« Sie riß den Becher dem Indier aus der Hand, und leerte den schweren feurigen Burgunder mit
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langem Zug bis auf die Neige. Dann ließ sie den Becher fallen.
»Weißt Du, wo ich ihn fand?«
»Adda - Du träumst noch immer!«
»Nein,« sagte sie hart, »ich träume nicht, aber Du bist eine Thörin, die nicht glaubt, was ihre Sinne doch empfunden. Ich traf ihn im Zwischendeck des Schiffes, seine Hände und Füße in schweren Fesseln, an den Boden gekettet - die Matrosenwache mit dem blanken Kurzdegen auf und niederschreitend an seiner Seite, als hätte er ihnen entfliehen können der gefesselte Mann, hinüber an das Land, wo die Palme schwankte im Seewind, und sie heulten und beteten, die Feiglinge in den braunen Röcken und dem breitrandigen Hut, statt wie Männer zu den Waffen zu greifen und aus den Händen des Grausamen, der Nichts kennt als den starren Buchstaben Eurer blutigen Gesetze, den Mann zu befreien, der für sie sein Leben eingesetzt.«
»Um Gott, Adda - was phantasirst Du? Kapitain Hansen wieder in Ketten?«
»Und der Strick an der Raa bereits gehißt, der ihn heute mit Sonnenaufgang als Opfer ihrer Tyrannei in die Luft - in die Ewigkeit hinaus werfen sollte!«
»Adda - Du redest Entsetzliches! Aber der Brief - wo ist mein Brief, der die Mörder hindern soll ...«
»Hätte er sie hindern können über das weite Meer hinüber?« frug sie mit Hohn. »Was nützte der todte Buchstabe, den Du erwarbst mit Deinen Schmeichelkünsten, wenn ich ihn nicht hinüber trug mit meiner Seele!«
»Den Brief! den Brief! - Unglückselige, wo ist er?«
»Auf dem Tisch des Kapitain Hammer, an Bord des Lyimfjord! Ich kann nicht mehr! Gieb mir Ruhe! - Schlaf! Schlaf!«
Sie sank in den Armen der Schwester zusammen, die sie, vor dem Unerklärlichen schaudernd und doch wieder wie von einem unabweisbaren Glauben gestärkt auf ihr eigenes Lager trug.


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Als drei Stunden später der Wagen harrte, der sie zum Dampfer »Aurora« bringen sollte welcher nach Kiel fährt, und der Conferenzrath bereits ungeduldig am Schlage wartete, schaute sie eben noch einmal in das streng verschlossen gehaltene Schlafgemach und gab dann den Schlüssel dem treuen Laskaren.
»Du weißt, was Du zu thun hast, Suky. Wenn sie erwacht, laß sie bis zum Abend verweilen und bringe sie dann unbemerkt nach ihrer Wohnung. Von London aus schreibe ich und lasse Dich nachkommen.«
Er küßte demüthig ihre Hand, ihr Kleid. »Missus, denken an meinen Herrn! Möge der Christengott Dich segnen, Dich und ihn!«
Eine Thräne hing an ihren Wimpern bei dem Wunsch des ehrlichen Burschen. - Fünf Minuten später rollte der Wagen davon.


In den Gemächern der Gräfin Danner hatte am Abend vorher ein Minister-Conseil stattgefunden, das dem Conferenzrath Halsteen die letzten Instruktionen für seine Mission nach London und Paris ertheilen sollte.
König Frederik liebte es, wie bereits früher erwähnt, die vertraulichen Berathungen mit seinen Ministern sehr ungenirt, gewissermaßen inkognito zu halten, und sie fanden daher gewöhnlich in den Appartements seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, statt. Nur wenn die Familienmitglieder und die Chefs der Departements und einflußreichen Mitglieder des Reichsraths zugezogen werden mußten, geschah es in dem dazu bestimmten Conferenz-Saal.
Die Gräfin, die stets zugegen sein mußte, denn der König liebte es, in seiner oft grämlichen Laune, ihr dabei ein Wort zuzuwerfen und nahm nur von ihrer Hand den stark mit Rum versetzten Thee, benahm sich dabei äußerst taktvoll und mischte sich nie in die Debatten, außer wenn sie direkt von ihrem hohen Gemahl darum gefragt wurde.
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Die Minister sahen die Anwesenheit der Gräfin übrigens sehr gern, da sie häufig zum Ablenker für die schroffen Launen des Königs dienen mußte.
Auch heute wohnte sie der Berathung bei, hinter ihrem Gemahl an einem der Nebentische sitzend und mit einer Handarbeit beschäftigt.
Auf dem Tisch, um den die Minister saßen, lagen eine Menge Papiere und Karten.
Der Conseil-Präsident Hall, der zugleich das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten verwaltete, hatte, eben seinen Vortrag beendet: eine nochmalige kurze historische Uebersicht der Rechtsverhältnisse der beiden Herzogthümer und ihres Zusammenhangs mit der Gesammt-Monarchie, auf welche der kürzlich erhobene Protest am deutschen Bundestage gegründet worden war.
»Und der Bülow25 hat den deutschen Dickköpfen dies Alles klar und deutlich auseinandergesetzt, und sie wollen mein Recht auf Schleswig doch nicht einsehen?«
»Euere Majestät kennen bereits den Beschluß des Bundes. Die Relation des Herrn Gesandten hat an Klarheit und Präcision Nichts zu wünschen übrig gelassen, aber es existiren Einflüsse im Bunde, welche sich jeder Logik der Thatsachen verschließen.«
»Schwerenoth! von welchen Einflüssen reden Sie? Diese verfluchten Augustenburger haben doch keine Stimme im Rath, sie sind nichts Anderes als gewöhnliche Landedelleute, - daß sie Prinzen heißen - nun es laufen ihrer schockweise in Deutschland herum. Der Erbprinz ist ein bornirter Mensch voll Hochmuth und Dünkel!«
Der silberne Löffel in der Tasse der Gräfin klingelte - das gewöhnliche Zeichen, mit dem sie ihren Gemahl zur Mäßigung zu mahnen pflegte.
»Gottes Tod,« sagte der König ärgerlich - »selbst am Berliner Hofe lachen sie über ihn. Der Vater ist ein alter Schacherjude! Blixen, was hat er damals
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gefeilscht und gewinselt um die Abfindung. Man hat mir da eine köstliche Anekdote von dem Erbprinzen aus Schlesien erzählt.«
Wieder klingelte der Löffel. »Es kommt da ein benachbarter Guts - Ach was, laß mich in Ruh! - besitzer zu ihm, um etwas über einen Gränzgraben oder sonst dergleichen zwischen beiden Besitzungen zu besprechen. Seine Durchlaucht hört den Nachbar mit sehr steifem Rücken, die Hände dahinter gefaltet, an und sagte dann mit hoher Miene: >Wenn Sie werden zu mir kommen, wie sich schickt, in weißer Halsbinde, und sich melden lassen, dann werde ich vielleicht geneigt sein, weiter mit Ihnen darüber zu sprechen.< Teufel, ich seh' ihn schon residiren in Kiel mit seinem ganzen Hofstaat von Krakehlern und Narren, die vor lauter Deutschthum nicht wissen, od sie noch dänischen Wind in ihren Nasen vertragen können!«
»Um einer solchen Eventualität bei Zeiten zu begegnen, Majestät,« sagte Dr. Monrad, der Minister für das Kirchen- und Schulwesen, der zugleich das Portefeuille des Innern führte, - - »ist es eben nöthig, daß wir bei Zeiten uns nach Alliancen umsehen.«
»Ich habe ja Nichts dawider, lieber Bischof,« meinte der König, »und bin mit der Sendung unseres Halsteen nach London und Paris vollkommen einverstanden. Aber glauben Sie denn wirklich, daß Preußen oder Oesterreich wegen dieses Professoren-Geschrei's einen Krieg mit uns anfangen werden?«
»Sicher nicht, Majestät, so lange in Berlin das jetzige Ministerium am Ruder ist. Herr von Schleinitz liebt die Phrasen. Aber ich traue dieser sogenannten Militair-Reorganisation nicht, mit der sich der König Wilhelm so eingehend beschäftigt, daß darüber die Demokratie in Kammer und Land den Maitre spielen kann.«
»Aber die Kammer werden sie ja nicht einmal bewilligen! Dann zerfällt die ganze Seifenblase und es bleibt beim Alten, in Berlin wie am Bund.«
»Nicht, wenn in Preußen einmal ein energischer
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Minister die Leitung übernimmt und in die Intentionen des Königs einzugehen versteht. Man würde mit dieser verbesserten Militair-Einrichtung über die Kammer zur Tagesordnung gehen und im Felde versuchen, wie man ihre Vorzüge oder Mängel ohne große Gefahr erproben kann.«
»Der Herr Bischof scheinen zu vergessen,« fiel der Kriegsminister Generalmajor von Thestrupp ein, »daß die dänische Armee sich in schlagfertigem Zustande befindet.«
»Die Marine,« stimmte der Kammerherr Contre-Admiral Steen-Bille bei, »ist nach der neuen Rekrutirung von sechstausend Mann im Stande, es selbst mit einer Seemacht von bedeutend größerer Stärke aufzunehmen, als diese preußischen Versuche bieten. Unsere Segelflotte zählt 19 Schiffe mit 634 Geschützen, das Dampfer-Geschwader nach der noch in diesem Jahr bevorstehenden Vollendung des großen Schrauben-Linienschiffs 18 Schiffe mit 316 Kanonen. Selbst die ganze österreichische Flotte zählt nicht mehr als 48 Schiffe mit etwa 690 Geschützen, die preußische 435 Geschütze. Wir können demnach zur See, auch ohne die schwedische Alliance zu zählen, der ganzen deutschen Seemacht die Spitze bieten.«
»Ja, wenn Rußland oder England nicht Einspruch thun; die verdammten Krämer sehen nicht gern ihren Handel auch nur um einen Species geschmälert. - Wir müssen erst festere Zusicherungen von diesem Fuchs Palmerston haben, und wenn er bestimmte Entschließungen weigert, dann lieber Halsteen müssen Sie alle Segel aufspannen in Paris.«
»Das Kabinet der Tuilerien muß in seinem eigenen Interesse eine gemeinsame Action von Preußen und Oesterreich verhinden, die sicher erfolgen würde, wenn der Bund einem oder dem andern Theil seine Executive übertragen wollte. Mit einer solchen der Kleinstaaten getrauen wir uns schon fertig zu werden.«
»Sie haben mir aber immer noch nicht gesagt, Herr Conseil-Präsident,« meinte der König, »wer denn nun eigentlich der Stänkerer am Bunde ist, der auf diese
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sogenannte Exekutive dringt, wovon doch Herr Raslaff behauptet, daß sie die Holsteiner als ein großes Uebel fürchteten, da sie die Herren Exekutoren selbstverständlich an ihrem Tisch und in ihren Betten haben würden.«
»Euer Majestät werden sich erinnern, daß hauptsächlich von Seiten Sachsens und Hannovers die Anträge am Bund unterstützt worden sind, deren Stellung man dem Helden von Eckernförde, Seiner Hoheit dem Herrn Herzog von Coburg überlassen hatte, der es liebt, sich als Protektor des Nationalvereins brauchen zu lassen. Herr von Beust und Graf Platen möchte eine kleine Unterlage für die Trias-Idee gewinnen. Herrn von Beust läßt der Gedanke, daß Preußen gleiche Rechte mit Oesterreich beansprucht, nicht schlafen.«
»Ich dächte, ich hätte gehört, daß zwischen Oesterreich und Preußen Verhandlungen schweben über eine Reform der deutschen Bundeskriegsverfassung?« frug der König.
»Eben deshalb! die Verhandlungen sind am Scheitern. Erlauben Euer Majestät mir nun um Allerhöchdero Entscheidung in Betreff der scandinavischen Alliance zu bitten, damit wir Hern von Halsteen eine positive Unterlage für die Verhandlungen auf den Weg geben können. Lord Palmerston dürfte unser Anerbieten der Abtretung von Sanct Thomas aus einem ganz andern Licht ansehen, wenn wir bereits eine geschlossene Alliance vorlegen können.«
»Aber Schweden verlangt ja die Preisgebung aller unserer Rechte.«
»Nur auf den Eintritt Holsteins in die norwegisch-schwedische Alliance. Das Kabinet von Stockholm erklärt ganz offen, daß es in diesem Eintritt einen Gegenstand fortwährender Verwickelungen erkennen müsse, und so bereit es ist, unsere unbedingte Souveränität in Schleswig ...«
»Südjütland!« verbesserte der König.
»Also Südjütland mit seinen Waffen zu unterstützen, so wenig will König Karl sich wegen Holsteins in einen
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Krieg verwickeln lassen, der ihm die Gegnerschaft Rußlands zuziehen könnte.«
»Vorsicht und Rücksicht - und Rücksicht und Vorsicht,« rief der König ärgerlich - »auf das läuft Alles hinaus! Ich hatte gehofft, daß die Verbindung unserer >Bauernfreunde< mit Jung-Schweden wenigstens das Gute haben würde, die Herren in Stockholm ohne jede Bedingung mit uns zu verbinden. Ich kann mich nicht zur Unterzeichnung einer solchen Clausel entschließen!«
Der Conseil-Präsident zuckte die Achlsen. »Die Herren Generale werden am besten wissen, in wieweit diese Politik durchzuführen sein wird. - Ich bitte alsdann um die Unterschrift Eurer Majestät zu dieser Vorlage, die Grundzüge einer neuen dänischen Gesammtverfassung an die holstein'sche Stände-Versammlung in Itzehoe.«
Der König unterschrieb hastig das vorgelegte Papier. »Wäre es denn nicht möglich, durch das Anerbieten anderer auch der weitgehendsten Concessionen die Majorität der Stände für diesen Vorschlag zu erhalten? Wenn Herr von Scheel-Plessen sich dafür bemühte?«
»Herr von Scheel-Plessen,« bemerkte hastig der neue Minister für Holstein-Lauenburg, Herr Raaslaff, »hat es abgelehnt, dort die Vorlage zu vertreten. Die Stände sind so verstockt in der Mißkennung ihrer eigenen Interessen, daß sie wahrscheinlich die Vorlage einstimmig ablehnen werden.«
»Dann müssen strengere Maßregeln sie zur Vernunft bringen.«
»Das ist der Krieg, Majestät!« sagte der Bischof.
»Sei es! ich kann meine Rechte nicht bloßen Raisonnements opfern. Herr von Halsteen, Sie haben Ihre Instruktionen. Die Grundlage der Verhandlungen: unbedingte Einverleibung Südjütlands in den Gesammtstaat; Personal-Union von Holstein mit der dänischen Krone, sonst jede billige Concession in der Verwaltung. Dafür den Schutz der beiden Seemächte. Dafür Abtretung von St. Thomas und stilles Bündniß mit Frankreich im Fall
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eines Krieges mit Deutschland auf die Bedingungen des Vertrages von 1806. - Hast Du für Halsteen noch Aufträge, Christine? was suchst Du da auf der Karte?«
»Nichts mein Freund - ich informirte mich bloß über den nächsten Weg von Schleswig nach Fühnen.«
»Ich dächte, den wüßtest Du! Wenn Du die Seefahrt nicht vorziehst: über Flensburg und Alsen.«
»Eben, was ich meine. Nur finde ich da einen eigenthümlichen Namen, der mir zu denken giebt.«
»Heraus damit! Was steckt dahinter? Wie ist der Name?«
»O - ich wollte ihn nicht nennen, weil er Dich an eine Familie erinnert, die Du nicht liebst.«
»Den Namen! den Namen!«
»Sonder - Burg!«
Ihr Finger wies auf die Karte.
»Was soll das heißen?«
»Blos, daß - wenn mein Herr und König solche Entschlüsse gefaßt hat, er auch bedenken wöge, daß der Weg nach Fühnen und Seeland von der Seite der Herzogthümer her zur Zeit sonder - Burg ist!«
Der Kriegsminister hatte sich erhoben. »Ihre Excellenz haben vollkommen Recht. Wenn Euer Majestät entschlossen sind, es auf die Kriegseventualität ankommen zu lassen, so fordere ich die Befestigung von Düppel. Den Seeweg vertheidigt der Herr Admiral.« - -
Noch in derselben Conseilsitzung wurde die neue und ausgedehnte Befestigung der Düppeler Höhen beschlossen.
Am 17. April 1861 wurde sie begonnen; - ein neues Zwing-Uri war dem Danebrogk geschaffen gegen deutsches Land:
Düppel!

Fußnoten:

1Der Einem Hörner aufsetzt.
2Tückisch.
3Mißtrauisch oder mordlustig.
4Herzchen.
5Historisch! D. V.
6Nach der allgemein verbreiteten Erzählung in Madrid. Don Francisco konnte sich wegen der Scherbenwunden längere Zeit nicht öffentlich sehen lassen.
7Historisch.
8Litthauisch: Kindchen.
9Taube.
10Mein Herz.
11Der damalige russische Justizminister und sein Stellvertreter.
12Statthalter.
13Sebastopol. Histor. polit. Roman.
14Der englische General-Consul in Warschau.
15Damals russischer Gesandter in Rom.
16Band I. Seite 90.
17Dieselbe lautete:
»Am 23. d. M. waren an verschiedenen Orten Aufrufe an das Volk, sich am 25. um 5\frac 12 Uhr Abends in der Altstadt zu versammeln, umher gestreut worden. Der Haupturheber dieser schädlichen Proklamation wurde gestern früh auf frischer That ergriffen und verhaftet. Trotzdem hatten die Aufrufe die beabsichtigte Wirkung und trieben gestern eine Menge Neugieriger nach dem Marktplatz der Altstadt. Um 7 Uhr Abends kamen aus der Pauliner Kirche gegen fünfzig Leute mit Fahnen und Gesängen und wollten in dieser Weise durch die Stadt ziehen. Da dergleichen Umzüge der öffentlichen Ordnung zuwider und nicht gestattet sind, mußte die Polizei diesem tumultarischen Vorgehen entgegentreten und nahm die Führer des Zuges in Haft. Indem der mit den Funktionen des Ober-Polizeimeisters Betraute die Einwohner von Warschau hiervon benachrichtigt, macht er sie auf Befehl der höheren Behörde darauf aufmerksam, daß dergleichen Umzüge und Gesänge, da sie die öffentliche Ordnung stören, nicht geduldet werden können. Sollte jedoch ferner noch Aehnliches wider Erwarten sich erneuern, so haben die ruhigen Einwohner sich auf's Sorgsamste von solchen Zusammenrottungen fern zu halten, um sich nicht der verursachten Ruhestörung mitschuldig zu machen.
                gez. Oberst v. Trepoff.
18Vielleicht erinnert sich der Leser eines jener Bilder, die von dem polnischen Revolutions-Comité in Paris nach den ersten Conflicten und später als Agitationsmittel und um die Sympathieen Europa's für die »Revolution« zu erregen, in Photographieen massenhaft und meist auf Kosten der Wahrheit der Thatsachen verbreitet wurden; es stellte jene Scene vor.
19»Trotz der Warnung vom 26. richteten sich die Einwohner nicht nach den Anordnungen der Polizei. Am 27. gingen die Massen auf ihre Aufforderung nicht auseinander. Ein Kosakenposten auf der Krakauer Vorstadt wurde mit Steinen geworfen und eine Infanterie-Patrouille vor dem Malcz'schen Hause war beim Zurückweisen heftiger Würfe genöthigt, sich durch einige Schüsse den Weg zu bahnen. Im Auftrage der höheren Behörde werden die Einwohner daher wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß alle Versammlungen auf den Straßen streng verboten sind und der ersten Aufforderung der Polizei zu gehorchen ist, widrigenfalls man sich der ganzen Strenge des Gesetzes aussetzt und traurige Folgen sich selbst zuzuschreiben hat.«
20Band 4. S. 242.
21Sonne und Mond. Vergl. Band 4. S. 350 u. s. w.
22Die Dämonen der Lappen.
23Die Lappen und Finnen nennen ihre Zauberer so.
24Band 5. S. 135.
25Der dänische Gesandte am deutschen Bundestag.




Werke von Sir John Retcliffe