Sir John Retcliffe: Um die Weltherrschaft! Vierter Band
Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Zweite Abtheilung:
Um die Weltherrschaft!
Vierter Band.


[7]

Vom National-Verein!

(Fortsetzung aus Band III.)

Der Leser wird sich erinnern, daß die Fürstin H. dem berliner Journalisten bei der Begegnung am Abend vor den Kursälen angedeutet hatte, die Königin und die Großherzogin würden den Morgen des traurigen, in der deutschen Geschichte und namentlich der liberalen Agitation so schmachvollen 13. Juli in Lichtenthal zubringen, und daß der König Wilhelm deshalb seine gewöhnliche Morgenpromenade nach dem Brunnen in Begleitung des preußischen Gesandten in Baden dahin richten werde.
Weil der große Schwarm der Badegäste sich stets in die Nähe der Allerhöchsten Herrschaften zu ziehen pflegte, war leicht voraus zu sehen, daß um diese Zeit die inneren Promenaden weniger besucht sein und deshalb Gelegenheit zu einer unbemerkten, nicht durch Neugier oder unerwünschte Begegnungen gestörten Unterredung bieten würden.
Dies war in der That der Fall, und als der Journalist, der schon seit zwei Stunden die herrlichen
[8]
Umgebungen durchstreifte und eben jetzt von dem Besuch Lichtenthals zurückkehrte, gegen 9 Uhr in der Nähe des Wassers promenirte, sah er zwei Damen die Alleen heraufkommen, von denen er sogleich die eine als die Fürstin schon in der Ferne erkannte. Auch sie hatte ihn bemerkt, denn bald darauf sah er sie ihre Begleiterin verabschieden, die nach dem Kursaal sich wandte, und sie selbst auf sich zueilen. Er begrüßte ehrerbietig die Dame, die sich jedoch bei den conventionellen Reden und Erkundigungen nicht lange aufhielt, sondern nach einem unbesuchten Nebengang einbog und ihn an ihre Seite winkte.
»Lassen Sie uns in dieser Richtung gehen,« sagte sie, - »es ist mir geglückt, für Sie eine halbe Stunde zu gewinnen, obschon der Fürst ziemlich aufgeregt ist wegen eines ärgerlichen Verlustes, den er gestern Abend gehabt hat, und deshalb jeden Augenblick die gewöhnliche Dauer seiner Ruhe abkürzen kann. Daß er sie selbst wegen jenes Aergers - er hat gestern Abend im Spielsaal eine werthvolle Dose verloren, oder sie ist ihm vielmehr gestohlen worden! - nicht ganz aufgiebt, dafür kennen Sie zur Genüge seinen behaglichen Charakter, der sich in der eigenen Bequemlichkeit und den Vorschriften für seine Gesundheit durch Nichts stören läßt. Also zur Sache, Doktor - Ihre wenigen Worte gestern Abend haben meine Nerven aufgeregt und mich in große Unruhe versetzt.«
»Durchlaucht erinnern sich, daß ich seit Februar nicht die Ehre hatte, Sie zu sehen, und daß ich der Verhältnisse wegen nicht an Sie schreiben durfte.«
»Ich weiß das Alles - Sie haben Alles dem Manne
[9]
mitgetheilt, den ich damals in der großen Verlegenheit und Besorgniß, in welche uns die Androhung des famosen Romans in einem berliner Journal versetzte, direkt an Sie adressirte.«
»Hauptmann Herrmann« ...
»Lassen wir ihn bei dem Namen, er ist so gut wie ein anderer. Mit ihm wenigstens kann ich auf einem für Sie kein Interesse habenden Wege verhandeln. Er hat mir erzählt, was Ihnen damals in jenem Verbrecherkeller passirt ist und wie Sie den Mann jener Person aufgefunden haben, welche alle Papiere meiner Schwester stahl, nachdem sie die Vermittlerin und Vertraute bei jenem traurigen Verhältnisse gespielt hat, Papiere, die meine Schwester und - ich fürchte, meinen Vater noch im Grabe compromittiren können.«
»Aber ich verlor damals leider den Mann und das Frauenzimmer aus den Augen und hoffte vergeblich, daß er seinem Versprechen und Selbstanerbieten gemäß mich aufsuchen würde. Er war wie spurlos aus Berlin verschwunden, und selbst die Polizei war nicht im Stande, seinen Verbleib zu ermitteln.«
»Ich weiß, sie hatte um sich selbst genug zu sorgen, den Angriffen des londoner »Hermann‹ und seiner Bundesgenossen in der Kammer und der Indolenz des Grafen Schwerin gegenüber. Und Sie haben Nichts wieder von ihm erfahren? - Bis dahin bin ich auf dem Laufenden und wenigstens hatte jene Ermittelung Gelegenheit gegeben, meine arme Schwester zu beruhigen, da die gefährlichen Papiere jetzt in der Verwahrung eines Mannes sind, der eher
[10]
sein Leben opfern würde, als sie in Hände fallen zu lassen, die Amalie compromittiren könnten.«
»Comteß Amalie - darf ich fragen, wo sie sich jetzt befindet, und wie es ihr geht?«
»Regina, so nennt sie sich ja jetzt, ist nach der Rückkehr ihrer thörichten Bußreise nach Loretto wieder im Stift und wird nächstens Kanonissin desselben werden!«
»Der arme Mann! er liebt sie noch immer und - ich glaube, er hofft noch immer!«
»Sie wissen, daß dies eine Unmöglichkeit ist nach dem traurigen Ausgang des Duells. - Doch das gehört nicht hierher; - die Nachrichten, die Nachrichten, die Sie mir geben wollen ...«
»Sie stehen damit in Verbindung - und würden eben jener Hoffnung einen Anhalt gewähren.«
»Zur Sache - zur Sache!«
»Nun - ich habe jetzt den schwarzen Springer wiedergefunden!«
»Jenen Mann - den Zuhälter ...«
»[...] der früheren Kammerfrau Jeannette!«
»Und sie selbst - erzählen Sie, erzählen Sie!«
»Nun, die Adresse, die ich ihm gab und das Versprechen waren doch nicht ohne Folgen. - Zwei Tage, ehe ich meine alljährliche Erholungsreise antrat, die uns armen geplagten Journalisten wohl zu gönnen ist, - erhielt ich mit der Stadtpost einen Brief, welcher frug, ob es mir noch Ernst sei mit der gebotenen Belohnung.«
»Und Sie?«
»Nun ich war natürlich am bezeichneten Ort - diesmal
[11]
im Freien, am Kanal in der Nähe von Charlottenburg, an einer Stelle, wo der Schreiber Polizeimaßregeln auf eine Viertelstunde hätte vorhersehen können, deshalb hatte ich mich aller solcher sehr vernünftig enthalten und traf meinen Mann richtig zur Stelle.« -
»Aber das Weib?«
»Das ist das Schlimme. Genug er erzählt, - daß Jeannette, als er ihr von meinem Verlangen und der angebotenen Belohnung zum ersten Mal nach jenem Abend im Keller gesagt, ganz außer sich gerathen wäre und Nichts von der Sache habe wissen wollen, vielmehr hoch und theuer behauptet hätte, daß das Kind, ein Knabe - er würde jetzt etwa sieben Jahre zählen, - schon nach einem Jahre an einer Kinderkrankheit gestorben sei. Damit wäre die Sache freilich aus gewesen, um so mehr, als der Graf, Ihr Herr Vater Durchlaucht, im Besitz eines Todtenscheines des Kindes wäre, mit dem sie damals hatte verschwinden müssen.«
»Also doch - ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich stets geglaubt habe, mein Vater wisse um das Verschwinden des Kindes - und das ist auch die Meinung Amaliens. Aber selbst auf seinem Sterbelager wollte er Nichts davon wissen.«
»Er war ein starrer Charakter - und dennoch ...«
»Nun ...«
»Auf sein Leben war aber wahrscheinlich der ganze Plan gebaut, den das Weib hatte.«
»Sie sprechen in Räthseln!«
»Nun, als ich der erhaltenen Nachrichten wegen die
[12]
weiteren Verhandlungen abbrechen wollte, rückte der schwarze Springer mit einer seltsamen Mittheilung heraus - sie gipfelte dahin: er glaube selbst nicht an den Tod des Kindes.«
Die Fürstin blieb aufmerksam stehen.
»Warum - weshalb? - So viel ich weiß, hat Jeannette die Bekanntschaft jenes Mannes, mit dem sie verschwand, erst nach jener Zeit gemacht.«
»Dies scheint doch nicht ganz richtig, wenigstens muß sie ihn schon vor der Zeit des - geheimen Aufenthalts der Comtesse in Schlesien, wohin man sie flüchtete, gekannt und diese Bekanntschaft später nur erneuert haben. Kurz, der schwarze Springer wußte mehr von der Sache, als Jeannette zu erzählen für gut befunden oder man ihr selbst erzählt hatte. Daß das Kind gelebt, das steht fest, er hat es selbst gesehen und es schien ihm kräftig und gesund. Später, es war zwei Jahre nach jener Katastrophe, traf er wieder, wie er behauptet durch einen Zufall mit Jeannette zusammen, und entführte sie, oder - vielmehr - sie entlief mit ihm aus dem damaligen Aufenthalt der Comtesse und der Botmäßigkeit Ihres Vaters, des Herrn Grafen.«
»Es war zur Zeit, als die Genesung meiner Schwester von der schweren Krankheit, der Geistesstörung, wenigstens der vollständigen Bewußtlosigkeit gelang, in die sie nach dem heftigen Nervenfieber gerieth, das sie nach jenem schrecklichen Auftritte mit meinem Vater befallen hatte. Ich muß gestehen, ich habe Jeannetten ihre Flucht kaum verdenken können bei der Abgeschlossenheit oder vielmehr förmlichen Gefangenschaft, in der mein Vater damals, selbst
[13]
nach dem Tode des armen Kindes sie wie meine Schwester hielt. Aber alles dies ist kein Anhalt für das Leben des Kindes.«
»Hören Sie nur weiter, Durchlaucht. Springer behauptet, Jeannette hätte wiederholt in Stunden der Noth und des Mißmuths Aeußerungen gemacht, welche auf ein Geheimniß hindeuteten, das mit dem Tode des Kindes verknüpft sei, und ihnen noch viel Geld bringen könne. Auf dies hin sagte er Jeannetten gerade auf den Kopf zu, - das Kind sei damals nicht gestorben, der Todtenschein, den der Graf der Comteß Amalie gezeigt, und den sie mit den bewußten Papieren später entwendet habe, sei falsch, der gestorbene Knabe ein untergeschobener gewesen, und sie wisse das. Sie leugnete zwar beharrlich, ja verließ ihn bei dem heftigen Streit, der sich darüber entspann, und es hat ihm viel Mühe und Zeit gekostet, sie wieder aufzufinden, und deshalb war er so lange aus Berlin verschwunden und hat Nichts von sich hören lassen. Trotz alledem behauptet er, sich nicht von dem Glauben, daß er Recht habe, losmachen zu können und erzählt darüber sogar seine seltsame Geschichte.«
»Aber Jeannette? Sie wäre doch nach dem Tode meines Vaters die Einzige, die von der Wahrheit Auskunft geben könnte. Wo ist sie jetzt? Hat er sie wieder aufgefunden?«
»Er hat ihre Spur nach Böhmen verfolgt, in die Nähe der schlesischen Gränze, dorthin, wo die Comtesse dem Knaben das Leben gegeben hat und wo er unter der Pflege Jeannettens bis zu seinem angeblichen Tode
[14]
geblieben ist. Ein förmlicher Instinkt oder ein fatalistischer Zug scheint den Vagabonden auf seiner Verfolgung Jeannettens dahin geführt zu haben.«
»Seltsam - Sie wissen, daß unsere Familie im schlesischen Gebirge eine kleine Besitzung hat und daß meine arme Schwester bei der unglücklichen Katastrophe dort untergebracht war, ja daß es dieselbe ist, die uns vor Jahren zum Besuch des Bades Warmbrunn veranlaßte, wo ich die Bekanntschaft meines Gatten und eigentlich auch zuerst die Ihre machte. Und dort hat er sie gefunden?«
»Ja - und wie er nicht zweifelt, in Nachforschungen nach dem Knaben, obschon sie es auch hier leugnete und sich lieber ihm wieder anschloß, als Geständnisse machte.«
»Aber Sie deuteten mir gestern Abend an, daß eine Spur hierher an den Rhein, ja nach Paris wies.«
»Ich sagte Durchlaucht bereits, daß der Springer mir dabei eine seltsame Geschichte erzählte, die er in Verbindung mit dem Leben und der Persönlichkeit des Kindes brachte. Ich werde vielleicht später Gelegenheit haben, diese ziemlich abenteuerliche und sich auf das Vagabondenleben des Mannes basirende Geschichte Eurer Durchlaucht zu erzählen. Augenblicklich genügt die Andeutung, daß das Kind damals einer Familie böhmischer Wildschützen oder einer wandernden Zigeunerbande übergeben zu sein scheint und daß er bei seinen jetzigen Nachforschungen auf diese Bande gestoßen ist und von ihr ermittelt habe, daß sie vor sechs Jahren allerdings in den Besitz eines kleinen Kindes gekommen sei, das sie nach Art dieser Leute an eine andere umherziehende Gauklerbande verkauft habe.
[15]
Kinder sind für diese Leute Geld, und einer der Zigeuner oder vielmehr eine der Zigeunerinnen, denn diese Leute kommen weit umher und bleiben immer in einer gewissen Verbindung, sagte, daß der Knabe, der schön wie ein Engel geworden sei, sich jetzt bei einer Kunstreiter- oder Akrobaten-Gesellschaft befinde, die hier am Rhein oder in Frankreich Vorstellungen giebt.«
»Allmächtiger Gott!«
»Springer zog es vor nach Berlin zurückzukehren und erst mit mir zu sprechen, statt auf eigene Hand die Nachforschungen fortzusetzen, oder - offen gesagt - auf eigene Kosten, was ihm die Hauptsache zu sein schien. Jeannette selbst scheint über den Verbleib des Kindes, nachdem man es durch den angeblichen Tod aus ihrer Ueberwachung genommen, Nichts zu wissen und bliebe höchstens für den Fall eines Auffindens wegen Feststellung einer Identität des Knaben von Wichtigkeit, da sie ihn doch wenigstens ein Jahr lang in ihren Händen und unter ihrer Pflege gehabt hat, und leicht möglich in solchen Fällen ein Muttermaal oder ein besonderes Kennzeichen vorhanden gewesen sein kann, das im glücklichen Fall zu einer Wiedererkennung führen könnte. Die Geschichte ist jedenfalls sehr romantisch und dubios - vielleicht lohnt sie sich gar nicht der Mühe, in jedem Fall ...« - der Journalist schwieg und neigte lauschend nach der Gegend der großen Allee zu den Kopf, - die Fürstin hatte Nichts gehört - »in jedem Fall wollte ich erst Euerer Durchlaucht Meinung erfahren, selbst ehe ich dem Vater eine Mittheilung machte, und hielt mich nicht für berechtigt, die Mittel, die sich
[16]
noch in meinen Händen befinden, für eine so zweifelhafte Nachforschung zu verwenden, die eben so leicht sich als bloße Spekulation ausweisen kann!«
»O nein, nein - wer fragt hier nach Geld, - das Geld spielt keine Rolle hierbei - benöthigen Sie mehr? - geben Sie dem Menschen, was er irgend braucht, - bedenken Sie das arme Kind - unser eigenes Blut, jede Spur muß bis zum Aeußersten verfolgt werden - das Kind meiner Schwester unter Vagabonden und gemeinem Volk - unter Gauklern und Komödianten, - denken Sie doch, das Kind einer ... unerträglich! Aber was horchen Sie - mir ist, als gehe dort drüben Etwas vor - als gäbe es Lärmen, ein Rufen ...«
Der Journalist hatte seine Aufmerksamkeit getheilt, denn in der That verbreitete sich von der Richtung der großen Allee her ein unbestimmtes Geschrei, dessen Bedeutung man noch nicht verstehen konnte. Auf der anderen Seite fesselte der in den Worten der Dame sich zeichnende Ausbruch des aristokratischen Hochmuths, der es nicht ertragen konnttz ein Wesen, das aus demselben Blut stammte, und wenn es selbst ein Kind der Schuld war - unter dem Pöbel, unter - dem Volk, wie sie es nannte, zu wissen. Der Gedanke an eine solche Schmach schien sie noch mehr zu treiben, als selbst die Liebe für die Schwester.
»Sie wünschen, Durchlaucht, daß ich dem Mann die Mittel gebe, die angedeutete Spur zu verfolgen, selbst auf die Gefahr hin, uns zu täuschen? Ich bitte um bestimmten Befehl.«
»Gewiß, gewiß - was kümmert mich das Geld -
[17]
brauchen Sie mehr, so lassen Sie es mich wissen - nur darf unser Namen nicht compromittirt werden, - aber mon Dieu - es muß dort etwas Wichtiges vorgefallen sein - hören Sie doch - lassen Sie uns näher gehn - oder noch besser, verlassen Sie mich jetzt - man darf uns hier nicht zusammenfinden - ich bin so bekannt hier - es könnte allerlei Fragen veranlassen, - au revoir bester Doktor - tausend Dank, Sie, mein Getreuer!« Sie reichte ihm eilfertig und ängstlich die Hand, die er küßte. »Leben Sie wohl - ich muß in der That fort - es muß in Wahrheit etwas Ungewöhnliches geschehen sein!«
Sie bog hastig in einen Gang, der zur großen Allee zurückführte - der Journalist blieb stehen und sah ihr trotz der eigenen wachgewordenen Neugier kopfschüttelnd nach.
»Unter dem - Volk - unter den Komödianten!« murmelte er. - »Also das ist es, was sie treibt! Sie ist doch kaum besser als die Anderen! - Blaues Blut! blaues Blut! - und doch scheut sich dies hocharistokratische Blut nicht, jeden Augenblick zu diesen Komödianten herabzusteigen und sich mit ihnen zu vermischen, wenn es gilt, seinen Lüsten und Leidenschaften zu fröhnen. Oder ist die Primadonna der Oper und die Balletteuse weniger eine Komödiantin, als die Kunstreiterin oder Koriphäe auf Sattel und Seil in der fliegenden Bretterbude des Dorfcircus? - Doch in der That - Himmel - hör' ich recht? - Mord - der Name des Königs - meines Königs!«
Er eilte mit fliegenden Schritten gleichfalls der Richtung zu - wenige Augenblicke und er sah bestürzt Menschen, Spaziergänger, Herren und Damen in eleganter
[18]
Promenadentoilette vorübereilen - mit bleichen Gesichtern und ängstlichen Mienen. Er hielt den Ersten an, der ruhiger vorbeikam - es waren zwei Männer, der eine noch jung, kaum dem Knabenalter entwachsen, mit höhnischem Ausdruck im Gesicht - der Andere groß, finster, eine markirte Physiognomie, vorsichtig umherblickend, Beide in aufgeregtem aber leisem Gespräch.
»Verzeihen Sie meine Herren - ist etwas Besonderes geschehen, das allgemeine Aufregung zu veranlassen scheint? - es ist doch kein Unglück?«
»Wenn Sie es so nennen wollen,« sagte höhnisch der Jüngere, »es heißt, der König von Preußen sei erschossen worden!«
»König Wilhelm?« -
»So heißt er ja wohl - ein Mitglied des National-Vereins soll auf ihn geschossen haben - so soll der Narr selbst erklären! - ich weiß noch nicht, ob der König getroffen oder bloß mit dem Schrecken davon gekommen ist! - Ein König ist ein Mensch wie ein Anderer!«
Trotz der Erregung des Mannes, des Preußen bei der furchtbaren Kunde, die ihn erst erstarrte, dann hastig weitertrieb, zischte es über seine Lippen: »Schurke!«
Der junge Mensch wollte sich auf ihn stürzen, aber sein älterer Begleiter hielt ihn am Arm und zog ihn zurück - »Kommen Sie, Blind! - Sie sprechen unvorsichtig!« Ohnehin war der Mann, der ihm die wohlverdiente Beleidigung zugeschleudert, bereits weit entfernt aus seinem Bereich und eilte nach der Menschenmenge, die sich jetzt
[19]
überall zusammen drängte, und das Ereigniß besprach, frug, erzählte.
Zum Glück hatte der Journalist, dem bei der ersten Nachricht vor Schrecken die Füße den Dienst fast versagten, - es war das zweite Mal, daß er eine solche Scene erlebte! - gehört, daß zwar von einem Mordversuch auf den König die Rede, daß allerdings ein solcher Frevel von ruchloser Hand verübt worden war, daß aber jene allmächtige Hand, die aus den Wolken hervorreicht und ihre Auserwählten, schützt unter den Kugeln der Mörder und Fanatiker schützt, zu höheren Zwecken, auch hier ihre Macht geübt und den künftigen Erretter und Gründer des Deutschen Reiches vor dem Frevel eines überspannten Thoren bewahrt hatte. Obschon überall in der großen immer mehr anwachsenden Menge der höchste Schrecken, die höchste Entrüstung sich kundgab über die bübische That, war es dem Journalisten doch wohl, als er endlich auf ein ihm wohlbekanntes preußisches Gesicht stieß, auf dem diese Entrüstung sich noch in voller Kraft zeigte, und von dem er sicher zuverlässige Nachricht zu erhalten hoffte. Er umarmte ungestüm den Mann, der einem umdrängenden Kreise Details zu erzählen schien.
»Brandt - lieber Brandt! - Ist es wahr - ist der König auch wirklich unversehrt - außer Gefahr?«
Es war in der That der bekannte frühere Hôtelier, den der Redakteur hier traf, der Besitzer des Hôtel du Nord in Berlin, ein Mann von altbekannter loyaler und konservativer Gesinnung, der durch seine Geistesgegenwart in den jetzt fast vergessenen Märztagen des Jahres
[20]
Achtundvierzig das nebenanliegende Palais des damaligen Prinzen von Preußen vor der Plünderung und Zerstörung des durch die Agenten der Revolution aufgehetzten und fanatisirten Pöbels rettete, und der, seit er sich zur Ruhe gesetzt, den Sommer häufig in den rheinischen Badern zubrachte, wo man ihn öfter von dem geliebten königlichen Herrn ansprechen sah, der wahre Treue und Hingebung in den Tagen der Gefahr und des Unglücks selten vergißt, obschon es bei dem Aufdrängen gerade aus diesen Kreisen Berlins, die erst lange nach der Wiederherstellung der Ordnung zum Bewußtsein ihrer Loyalität kamen und mit ihrem Verdienste nach Orden und Vortheilen spekulirten, - für den hohen Herrn eine schwierige Sache war, die Spreu vom Waizen zu unterscheiden! Darum trägt er vor Vielen den Hohenzollern-Orden, jenes Zeichen der Treue, mit dem König Friedrich Wilhelm IV. bei dessen Stiftung ihn ehrte.
Herr Brandt reichte dem Journalisten die Hand. »Danken Sie Gott mit mir, Doktor, der das entsetzliche Verbrechen so glücklich abgewendet hat. Ich komme eben vom Rathhause, wohin ich mit Graf Flemming den Thäter eskortiren half, denn ich war fast unmittelbar nach der That an Ort und Stelle, und habe dem ersten Verhör des Verbrechers beiwohnen können.«
»So hören wir ja das aus besten Quellen - bitte, erzählen Sie lieber Freund - doch vor Allem, ist Seine Majestät wirklich ganz unverletzt?«
»Gott sei Dank, ich kann es Ihnen verbürgen, Lauer hat bei der Rückkehr des Königs von Lichtenthal, die
[21]
soeben mit Ihrer Majestät und der Großfürstin Helene nach Hôtel Mesmer erfolgte, die Verwundung untersucht und erklärt die Verletzung als eine unbedeutende Contusion, die keine Spur hinterlassen wird. Aber welches Unglück hätte diese Schandthat eines Fanatikers nicht herbeiführen können? Der König hat sich wie der Held benommen, der er ist - keine Minute hat ihn seine Ruhe verlassen, und er befahl auf das Strengste, sich jeder Mißhandlung des Thäters zu enthalten, und ihn nur in Haft zu nehmen. Aber eine solche Unthat mußte die Folge dieser fortwährenden Aufhetzereien des sogenannten Nationalvereins und der ungezügelten Klubreden werden.«
»So ist es also doch eine That des politischen Fanatismus? - es stand zu fürchten und ich habe eben ein Pröbchen dieser Gesinnungen selbst erlebt. Bitte, erzählen Sie!«
Der Kreis um den halben Augenzeugen hatte sich immer mehr vergrößert. »Urtheilen Sie selbst, der Thäter ist ein leipziger Student - man hat in seiner Brusttasche folgende Erklärung gefunden, welche die Absicht des politischen Mordes bekundet. Ich hatte Gelegenheit, das Papier bei der Verlesung seines ruchlosen Inhalts fast wörtlich nachzuschreiben - dieser deutsche Schwindel allein trägt die Schuld. Gott sei Dank ist der Thäter kein Preuße.«
Die Erwähnung der deutschen Frage als Ursache des Mordes hatte Viele verstummen machen - um so höher war das Interesse für das aufgefundene Papier gespannt. »Lesen Sie! Lesen Sie!« war der einstimmige Ruf.
[22]
Der Berliner hatte den kleinen Zettel enfaltet, auf dem er den Inhalt des gefundenen Briefes mit Bleistift flüchtig nachgeschrieben und las ihn jetzt unter allgemeiner Aufmerksamkeit mit erhobener Stimme:
»Baden, 13. Juli 1861. Das Motiv, weshalb ich Seine Majestät den König von Preußen erschießen werde, ist, daß derselbe die Einigkeit Deutschlands nicht herbeiführen kann und die Umstände überwältigen, daß die Einigkeit stattfindet; - dieserhalb muß er sterben, daß ein Anderer es vollbringt. Man wird mich um der That willen lächerlich machen, oder für überspannt halten; ich aber muß die That vollziehen, um das Vaterland glücklich zu machen.«
Der Bösewicht hat sich mit vollem Namen unterschrieben: »Oskar Becker, Studiosus juris aus Leipzig.« Zweifeln Sie nun noch an dem politischen Charakter des Verbrechens?«
Der Journalist beantwortete die Frage nur mit der Wiederholung: »Gott sei Dank, wenn es kein Preuße ist, wie Sie sagen, - die Schande träfe unser Vaterland zu bitter. Aber woher ist er?«
»Er giebt an, aus Odessa zu sein, der Sohn eines ehemaligen Lehrers oder Professors am dortigen Lyceum, der jetzt als russischer Staatsrath in Dresden lebt; die Untersuchung wird das Weitere ergeben. Man hat bereits nach Leipzig telegraphirt, um die Angaben des Mörders über seine Person festzustellen.«
»Bitte, erzählen Sie mir wenigstens den Hergang,
[23]
soweit Sie ihn wissen. Bei einem solchen Ereigniß ist jeder Umstand von Interesse.«
»O, ich werde noch heute an die Kreuzzeitung selbst schreiben. Die Königin macht, wie wohl den Meisten der Herrschaften bekannt ist, seit ihrem Hiersein, alle Morgen ihren Spaziergang nach Lichtenthal, und der König folgt ihr gewöhnlich dahin, nachdem er seinen Brunnen getrunken. Gewöhnlich wählt er - meist schon am Abend vorher - zu seinem Begleiter einen Herrn aus seiner Umgebung oder aus den Fremden, mit dem er sich über die Tagesereignisse oder gleichgültige Verhältnisse unterhält; denn bekanntlich liebt es der hohe Herr nicht, in der kurzen Zeit, die er für seine Erholung bestimmt hat, die politischen Fragen zu erörtern, und Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß der König jeder Sorge für seine persönliche Sicherheit entbehrt, so daß nicht einmal ein einziger preußischer Polizeibeamter sich hier befindet und sei es auch nur in Civil.«
»Das wäre in der That eine unverantwortliche Fahrlässigkeit seitens der berliner Behörden - namentlich in einer Zeit, der es an politischen Aufregungen wahrlich nicht fehlt.«
»Und doch ist es so. Ich weiß es durch Zufall ganz genau, daß Graf Schwerin und Herr von Winter ausdrücklich alle Vorsichtsmaßregeln, die man von anderer Seite vorschlug, als unnöthig abgelehnt haben. War doch selbst die Königin Victoria bei ihrem Besuch in Preußen von zwei englischen Polizei-Inspectoren begleitet, und was damals bei der Anwesenheit des Kaiser Napoleon in Baden für
[24]
vorsorgliche Anstalten zu seiner persönlichen Sicherheit getroffen waren, ist bekannt genug.«
»Der König von Preußen hatte bisher nur die Hand eines Wahnwitzigen zu fürchten, nicht eines politischen Fanatikers.«
»Auch solche sind gefährlich - denken Sie an Tschech - es sind in diesem Monat grade 17 Jahre her - an Sefeloge! Aber lassen Sie mich lieber weiter erzählen; für diesen Morgen hatte unser Gesandte in Carlsruhe, Kammerherr Graf Flemming die Ehre der Allerhöchsten Begleitung.«
»Ich kenne ihn, von Neunundvierzig her, - er bildete damals mit Eulenburg und Herrn von Meusebach das berühmte behagliche Junggesellen-Kleeblatt in seiner Wohnung in der Behrenstraße.«
»Wohldenn - ich weiß nicht, wie es mit seinen staatsmännischen Talenten und Aussichten steht, aber er ist ein ganzer und überall sehr wohlgelittener Cavalier. Schon am Eingang der Lichtenthaler Allee begegnete dem König, wie mir der Graf nachher erzählte, ein unbekannter, aber anständig gekleideter junger Mann, der den König auf das Ehrerbietigste grüßte, worauf der hohe Herr freundlich dankte. Der Fremde muß ihm alsbald gefolgt sein, denn sie hatten noch nicht die Hälfte der Allee erreicht, als der Graf Flemming den hohen Herrn mit der Hand nach dem Kopf fahren sah und zugleich zwei schwache Schüsse hörte. Beide wandten sich sogleich um, und sahen nur wenige Schritte hinter sich jenen jungen Mann, der eben eine Bewegung machte, als habe er Etwas fortgeworfen und nun ruhig stehen blieb. Haben Sie
[25]
geschossen?‹ frug der König. ›Ich!‹ - ›Auf wen - auf was?‹ - »Auf Euer Majestät selbst - ich habe eben das Pistol fortgeworfen - man wird es im Graben finden!‹ - Graf Flemming sprang auf den Mörder zu und faßte ihn am Kragen - zugleich kamen zwei andere Herren herbei - er ließ es ruhig geschehen. »Esist Nichts, lieber Flemming,‹ - sagte der König - »ich bin nicht verwundet, wenigstens nicht ernstlich - ich gehe, die Königin zu beruhigen, damit sie sich nicht unnütz ängstet, die Nachricht wird sie ohnehin genug erschrecken. Lassen Sie den Mann festnehmen, aber verhindern Sie alle Mißhandlungen!‹ Damit setzte er ruhig seinen Weg nach Lichtenthal fort. Ich glaube, jetzt erst fühlte er selbst, daß die eine Kugel ihn doch getroffen hatte. Er war wahrhaft königlich in seiner Ruhe und Unbekümmertheit.«
»Daran erkenn ich den königlichen Herrn - gleichgültig gegen die Gefahr, die ihn selbst bedroht hatte,« sagte der Journalist, »während sein ganzer Zorn, der Grimm eines Löwen erwacht war, als man das Leben seines königlichen Bruders bedroht hatte, damals bei der wahnwitzigen That Sefeloges - ich war selbst Zeuge, als der Prinz von Preußen zuerst dem Mörder begegnete, den man in ein Zimmer des alten Potsdamer Bahnhofs gebracht hatte, und wie er auf den Mann zustürzte und Hand an ihn legte: ›Schurke, was hast Du mit meinem Bruder gethan?‹ - Die Umstehenden mußten sich dazwischen werfen, ich glaube, er hätte den Mörder getödtet - ich habe nie einen majestätischeren Zorn gesehen.«
»Ich half dem Grafen und zwei Herren, die
[26]
hinzugekommen,« fuhr der Erzähler fort, - »denn ich war eben jetzt herbeigeeilt quer über die Wiese und noch ganz außer mir, den Mörder in einen rasch herbeigeholten Wagen schaffen und setzte mich mit hinein. Ich muß gestehen, daß er nicht den geringsten Widerstand leistete. Dennoch konnte ich mich nicht enthalten, auf der Fahrt zu dem Amtshause ihn zornbebend zu fragen: »Warum haben Sie unsern König ermorden wollen?[‹]«
»Und er?«
»Er antwortete mit trockenem fast unbewegtem Ton, obschon er sehr blaß aussah: »Das werden Sie in meiner Brieftasche aufgezeichnet finden!‹ Dann gab er keine Antwort mehr, bis man ihn in dem Amtshanse untersuchte und er auf das vorläufig vorgenommene Verhör Auskunft über seine Person und seine Verhältnisse gab. Den Inhalt des gefundenen Papiers haben Sie bereits gehört. - Die erste Kugel scheint - vielleicht wegen Ueberladung des kleinen Doppelpistols bei solcher Nähe gar nicht getroffen zu haben, die zweite vom Rockkragen des Königs, - der hohe Herr trug wie immer hier, nur einen gewöhnlichen grauen Civilrock, - aufgefangen und abgeschwächt, denn, wie ich Ihnen sagte, ist nur der Kragen zerrissen und sie hat durch das schwarzseidene Halstuch nur eine kurze Contusion auf der linken Seite des Halses verübt. Möge unser König so allen Gefahren mit Gottes Schutz glücklich entgehen!«
»Das walte Gott!« sagte der Journalist mit ernstem Ton, - »denn es wird daran schwerlich fehlen. Kommen Sie, Freund, wir wollen nach dem Hôtel gehen - ich
[27]
möchte dort selbst hören, daß Ihre beruhigenden Nachrichten sich bestätigen!« Er nahm den ihm Befreundeten unter den Arm und führte ihn aus der Gruppe der Neugierigen, die nicht müde wurden, immer wieder Weiteres zu fragen. »Ihre Aussagen,« warnte er, »gehören besser allein dem Instructionsrichter. Die unglückliche That wird das größte Aufsehen durch ganz Europa machen und kann bei allem Fluch, der sie begleitet, vielleicht von den bedeutsamsten Folgen in diesen Wirren sein. Sehen Sie um Himmelswillen die Menschenmasse, die sich vor dem Hôtel drängt.«
Das Hôtel Meßmer, in dem die Majestäten ihr Hoflager genommen, war in der That von Menschenmassen förmlich belagert - der Sonntag und das herrliche Wetter hatten aus der ganzen Umgebung ein unzähliges Publikum herbeigelockt und überall hörte man Rufe des Abscheues und bereits Berathungen und Pläne, wie man den hohen Herrschaften die allgemeine Theilnahme bekunden solle, um so mehr als, wie man vernahm, der Schrecken auf die Königin einen Besorgniß für ihre eigene Gesundheit erregenden Eindruck hinterlassen haben sollte, während der König dieselbe Ruhe zeigte, die er bei dem Vorgang selbst bewahrt hatte. Soeben waren der Großherzog und die Großherzogin von Baden im höchsten Schrecken von dem Schlosse her herbeigekommen und die großherzogliche Equipage hatte sich kaum durch die Menschenmasse Bahn brechen können. Nicht allein Alles, was an Celebritäten und Fremden von Bedeutung in Baden anwesend war, eilte herbei, - auch Hunderte von Personen aus bürgerlichen
[28]
Kreisen drängten sich hinzu, ihren Namen in die in den Vorzimmern ausgelegten Bücher einzeichnen zu lassen. Unter den anwesenden preußischen Herren waren die Gesandten von Bismarck-Schönhausen und von Arnim, die Generale von Bonin und von Voigts-Rhetz, Graf Blücher und viele Andere zu bemerken, und überall wurde unter den Gruppen lebhaft und selbst mit Erbitterung, der politische Charakter der That debattirt. Depeschen flogen nach allen Seiten, das Telegraphenbüreau war förmlich in Belagerungszustand - eines der ersten Telegramme, die abgingen, war auf Befehl des Königs an den Kronprinzen gerichtet gewesen, der sich augenblicklich in England aufhielt, wo er sich zum Besuch des Hofes befand, denselben aber sogleich unterbrach, um nach Baden zu eilen, wo er bereits am nächsten Abend eintraf; - die Meldung der That nach Berlin erreichte bereits um 1 Uhr Nachmittags das auswärtige Ministerium, aber erst gegen Abend gelangte die Nachricht unter die Bevölkerung und verbreitete dort natürlich die größte Aufregung, der zuerst natürlich alle anderen Interessen wichen. Trotz der oppositionellen Stimmung, die damals in Berlin herrschte, sah man sofort überall preußische Fahnen und Embleme erscheinen und am späten Abend die Häuser illuminirt.
Bereits am Mittag des Tages hatte Herr Dejazet zur Feier der glücklichen Rettung von seiner Villa einen Luftballon steigen lassen, dem am Abend ein zweiter mit dem großen Namenszug des Königs folgte; Glückwunsch-Depeschen von Petersburg, Wien, London, Vichy trafen schon am Nachmittag ein, Offiziere und Soldaten der
[29]
Garnison von Rastatt eilten mit den ersten Zügen herbei, um sich von der Rettung des geliebten Kriegsherrn durch Gottes Hand selbst zu überzeugen, und als am Abend um 7\frac12 Uhr das gewöhnliche Konzert im Kurgarten beginnen sollte, mußte die Musik auf das Verlangen des Publikums schweigen, bis sie mit dem preußischen Triumphmarsch den von der Bürgerschaft der Stadt rasch improvisirten Fackelzug empfangen konnte, der, an der Spitze den Bürgermeister und die Rathsherren, die Liedertafel zum Hôtel begleitete, und von mehr als 600 Fackelträgern aus allen Ständen und von jedem Alter gebildet wurde. Gegen 7 Uhr hatte der König mit seiner Tochter, der Großherzogin von Baden, im offenen Wagen eine Spazierfahrt gemacht und war auf dem ganzen Wege mit stürmischen Hurrahs begleitet worden, auch als später nach Empfang der Bürgerdeputation, während die Liedertafel wiederholt die preußische Volkshymne vortrug, der König mit der Königin mehrmals auf den Balcon heraustrat, wurde er mit stürmischem Enthusiasmus begrüßt, und erst spät am Abend verlief sich die Volks- und Fremdenmasse vor dem Hôtel.
Es war gegen 11 Uhr Abends, als der König sich aus dem Circle zurückzog, der zum Thee auf seinen ausdrücklichen Wunsch wie gewöhnlich sich aus dem Familienkreise, dem Hofe und befohlenen Fremden gebildet hatte, und in seinem Kabinet neben dem Adjutanten vom Dienst - es befanden sich damals, da der König von Baden-Baden aus zur Beiwohnung der großen Manöver am Rhein nach Schloß Brühl gehen wollte, in der königlichen
[30]
Begleitung außer dem General-Adjutanten, Generalmajor von Alvensleben die Flügeladjutanten, Oberst von Boyen und Major Prinz Hohenlohe, - einen der Herren traf, denen wir bereits am Abend vorher begegnet sind.
»Guten Abend, Herr von Bismarck, haben Sie meinen Wunsch erfüllt?«
Der Gesandte verbeugte sich. »Euer Majestät Befehle sind vollzogen worden. Ich habe dem zweiten Verhör des Schuldigen beigewohnt und mit ihm unter Genehmigung des Gerichtsvorstandes selbst in seinem Gefängniß eine Unterredung gehabt.«
Der König winkte dem Adjutanten und dieser verließ das Arbeitszimmer. Der Monarch blieb mit seinem künftigen Staatsmann allein.
»Sie sehen, ich habe Hohenlohe entfernt Excellenz, um mich mit Ihnen ganz ungestört und vertraulich zu besprechen. Ich kenne Sie und weiß, daß Sie mir ungeschminkt die Wahrheit sagen und Nichts verhehlen werden. Was halten Sie von dem Menschen?«
»Er ist ein politischer Fanatiker, wie so viele Fürstenmörder waren, Ravaillac, Orsini, die Brüder Bandiera und Andere.«
»Also nicht bloß wahnsinnig, nichtzurechnungsfähig, wie Sefeloge, oder aus irgend einer persönlichen Rache?«
»Nein, Majestät, - es ist immer ein gewisser Wahnsinn dabei, wenn politischer Fanatismus zu einem solchen Gedanken ausartet - aber der Student Becker hat mit voller Ueberlegung und mit ganz bestimmter politischer Absicht gehandelt, - er selbst nahm keinen Anstand schon
[31]
bei dem Verhör zu erklären, daß er Eure Majestät Ihrer persönlichen Eigenschaften wegen sehr hoch achte.«
Der König hatte sich in einem Stuhl niedergelassen und die Augen mit der Hand bedeckt. »Also in der That ein Mordversuch aus politischer Tendenz! Nicht einmal aus nationalem Haß, wie wir - zum Beispiel in Polen, in Ungarn erlebt haben.«
»Nein, Majestät!«
»Aber wofür? wofür? weil er mich in der That für unfähig hält, die Wünsche oder Pläne seiner Partei auszuführen - sagen wir es gerade heraus: des sogenannten Nationalvereins?«
Der Gesandte schwieg.
»Aber dann muß er einem Complott gehören, - einer Verschwörung, die auf diesem Wege mit Fürstenmord ihre Ziele verfolgt! Hat er Geständnisse gemacht, Complicen angegeben?«
»Majestät - er behauptet, keinen Mitschuldigen seiner Frevelthat zu haben. Nicht einmal ...«
»Nun - warum stocken Sie?«
»Nicht einmal - ganz Deutschland,« sagte der Diplomat leise.
Der König ging mit unruhigen Schritten auf und nieder. Dann blieb er vor dem Staatsmann stehen.
»Aber Eure Excellenz werden mir zugeben, wenn man für die Ziele einer Gesellschaft, einer Partei - einen Fürstenmord versucht, dann muß man einen Halt, Gesinnungsgenossen in dieser Partei haben, wenigstens Billiger einer solchen That.«
[32]
»Majestät, die Geschichte des Menschengeschlechts, der Physiologie lehrt, daß die besten Gedanken, selbst die höchsten Enthusiasmen für Größe und Erhabenes in einzelnen Köpfen zu Ausartungen, ja zu Verbrechen führen können, welche die Menschheit als solche verdammen muß. Erinnern Sie sich an Cäsar, - selbst an Ludwig von Parma!«
»Mein Gott, ich bin doch kein Tyrann - kein Feind der Volksrechte, der Freiheit und der Entwickelung meines Volkes.«
Der Staatsmann ergriff die Hand des Königs und zog sie an seine Lippen. »Euer Majestät sind der gerechte, der gütige Vater und Regierer Ihres Volkes. Kann in einem fanatischen Kopfe selbst diese Ueberzeugung nicht in die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eines Märtyrerthums ausarten?«
»Klar und kurz, - glauben Sie, daß dieser Mordversuch aus den Tendenzen des Nationalvereins hervorgegangen ist, mit seinen Zielen zusammenhängt?«
»Majestät - ja! aber nicht mit seinen Lehren.«
»Aber dann liegt die Verbindung, die Gefährlichkeit derselben für uns Fürsten auf der Hand!«
»Majestät - diese Lehren, diese Tendenzen sind nicht Früchte von heute und gestern, es sind die Ueberzeugungen vieler der Besten Ihres Volkes, der deutschen Nation. Ich möchte mit meinem Kopfe dafür bürgen, daß in der ganzen großen Partei des Nationalvereins die ruchlose That des Studenten Becker den größten Schmerz, das tiefste Bedauern verursacht, daß er, selbst unter der deutschen Jugend, die für die Idee eines großen, geeinigten Deutschlands
[33]
enthusiasmirt ist, die That eines überspannten Kopfes, eines Meuchelmörders keine Mitwisser gehabt hat.«
»Aber man spricht im Publikum, wie ich höre, bereits von einer Verschwörung von 18 leipziger Studenten?«
»Majestät - ein Bericht der leipziger Polizei ist auf telegraphischem Wege bereits eingegangen. Die Wohnung und die Papiere des Studenten Becker wurden sofort versiegelt - aber der kurze Bericht der Polizei besagt, daß wenn er auch im Verdacht gewesen, als geborner Russe mit Herzen in London in Verbindung gestanden zu haben, er in Leipzig keiner Studentenverbindung angehört hat und, obschon er als finster, sich absondernd, ja als unangenehm gegolten, er doch nur seinen Studien gelebt, sich durch Correcturen ernährt, und mit Niemandem Verbindung und Umgang gehabt.«
»Aber die Folgen jener Lehren, jener Tendenzen - was in dem einem Kopf sich entwickelt, wird den Fanatismus auch in anderen hervorrufen!«
»Majestät,« sagte der Diplomat - »erinnern Sie sich, daß unter diesen Tendenzen und Wünschen bisher nicht die deutschen Fürsten gelitten, sondern nur jene Männer, die sie unter zahlreichem und oft sehr hartem Märtyrerthum, unter Todesurtheilen, Kerker und Verbannung, hegten, und daß unter Denen, die gelitten haben, nach 15 Jahren treuen Festhaltens und Bewahrens sich Männer befinden, die jetzt zu den Edelsten und Ersten der deutschen Nation gehören, daß selbst Euer Majestät hochseliger Bruder, ja Eure Majestät selbst die Wiedererhebung Deutschlands zu alter Größe als erhabenes Ziel stets betrachtet haben. -
[34]
Ich selbst habe nicht umsonst an deutscher Universität in Göttingen studirt.«
»Ich bin gewiß kein Feind oder Unterdrücker des Nationalvereins und seiner Bestrebungen,« unterbrach ihn der König, »das hat noch vor wenigen Monaten mein Erlaß an Schleinitz auf die darmstädtischen Anträge am Bundestag zur Unterdrückung des Nationalvereins bewiesen. Aber ich bin durch die Gnade Gottes und das heilige Erbe meiner Väter, wenn auch ein deutscher Fürst, dessen deutsches Fühlen und Denken gewiß keinem jener hochtrabenden Wortführer des Nationalvereins nachsteht - ich bin ein König von Preußen und mein Land darf nicht das Opfer werden unbestimmter Träume und Ziele, deren Zeit - noch nicht gekommen ist!«
Der Diplomat erhob sich zu seiner ganzen Größe. »Das ist das richtige Wort und Gott segne Eure Majestät dafür! Dann wird auch die schlimme That des Studenten Becker einst beweisen, welcher falsche Wahn ihr zu Grunde lag.«
Der König blickte nachsinnend vor sich nieder. »Gott allein weiß alle Wege zum Besten zu lenken. Sagen Sie mir ehrlich, Herr von Bismarck, Sie ahnen bereits, welche Absichten ich mit Ihnen habe. Werden Sie, wenn ich Sie zu meinem Minister mache, mit dem Nationalverein Hand in Hand gehen?«
»Nein, Majestät! ich würde als Minister Preußens das Ehrenwerthe und Patriotische in ihm benutzen, aber seine Bestrebungen in keiner Weise über uns Herr werden lassen, sondern den Verein nur als Mittel für das Ziel
[35]
betrachten. Daß aber ein großes Deutschland mit Preußen allein an seiner Spitze dieses Ziel bleiben müßte und mein Ziel sein würde, das, Majestät, bekenne ich offen, ist das Ideal meiner Jugend und wird das meiner Manneskraft bleiben. Die Wege des Nationalvereins können eben nur sehr untergeordnete Mittel der preußischen Staatspolitik bleiben. Ein so großes Werk erreicht sich nicht durch Klubreden und Volksversammlungen. Ich hatte bereits früher die Ehre, Euer Majestät meine Gedanken über die Bahnen zu jenem Ziel auszusprechen und habe bei weiterem Nachdenken immer mehr die Ueberzeugung gewonnen, daß zu einem solchen Werk Blut der Kitt sein wird, und ein oder vielmehr eine Reihe von Kriegen den Weg bilden werden. Aber ich habe noch eine weitere Ueberzeugung gewonnen und das traurige Ereigniß des heutigen Tages hat sie bestätigt.«
»Sie sprachen mir allerdings von der traurigen Aussicht auf das Bevorstehen schwerer innerer und äußerer Kriege, und andere treue und geprüfte Männer theilen Ihre Ansichten über eine solche Nothwendigkeit. Deswegen halte ich fest an meinem Werke der Armee-Reorganisation trotz aller Widersprüche und Kämpfe mit meinem Volke selbst.«
»Um Preußens Zukunft willen bleiben Euer Majestät bei diesem Entschluß - und müßten dabei Nationalverein und Kammern geopfert werden.«
»Ich hoffe, mein Volk wird zur Einsicht kommen und mir zur Seite stehen. Aber was ist die zweite Ueberzeugung, die Ihnen geworden, lieber Bismarck?«
[36]
»Daß Gott mit Ihnen ist und die Vorsehung gerade Euer Majestät bestimmt hat, das große Werk der deutschen Wiedergeburt auszuführen, nicht daß eine andere Hand daran gelegt werden muß, wie jener Fantast meint.«
»Wie Gott will,« sagte der König fromm; »ich hoffte - die Last würde auf jüngere und kräftigere Schultern fallen. Aber wenn es noch meine Aufgabe ist - mein Leben gehört Preußens Zukunft; doch erinnern Sie sich, daß ich vierundsechszig Jahre zähle und - in dem Warten die Kraft liegt.«
»Ich hoffe, Deutschland wird die Zeit rascher reifen sehen, als Euer Majestät heute glauben. Der Nationalverein hat wenigstens das Gute, daß seine offenen Bestrebungen Preußens Neider zwingen, desto schneller die Maske zu lüften und Farbe zu bekennen. Auch Herr von Arnim warnt vor Oesterreichs Contreminen und der Absicht eines neuen Rheinbundes, zu dem leider diesmal auch die alten Freunde Preußens gehören werden. Die Politik von Hannover und Hessen ist voll Mißtrauen und Neid. Darum Majestät - nicht um den Sieg der preußischen Waffen hatte ich Besorgniß, nur um die Hindernisse, die Eifersucht und Uneinigkeit Preußen in den Weg werfen können und werfen werden, und wenn dies der gleiche Gedanke gewesen ist, der jenem jungem Fantast in seinem Briefe vorgeschwebt hat, so muß ich gestehen, daß ich ihm kaum soviel Verständniß der Situation zugetraut habe. - Das Eine wage ich noch Euer Majestät zu rathen, suchen Sie in der deutschen Frage eine Unterstützung Preußens nur in Rußland - nicht in England!«
[37]
»Deswegen bleiben Sie eben noch vorläufig in Petersburg, auch während ich Compiegne besuche. Seien Sie unbesorgt lieber Bismarck, ich bleibe entschlossen nach der einen Seite wie nach der anderen - aber abwarten müssen wir die richtige Zeit, damit Preußen kein Vorwurf treffen kann und auch das Recht stets auf unserer Seite sei.«
»So haben Euer Majestät mir für heute Nichts mehr zu befehlen?«
»Nein, ich danke Ihnen für Ihren Eifer und für Ihre Gesinnung. Doch noch Eins, ich darf freilich den verirrten Mann nicht der Ahndung der Gesetze entziehen, und das Verbrechen als solches muß seine Strafe finden, aber sprechen Sie bei den baden'schen Gerichten den Wunsch aus, daß der - Mann nicht mit unnützer Härte um meinetwillen behandelt werden möge. - Gutenacht, Herr Gesandter. Sie haben meinem Herzen eine schwere Last abgenommen durch die Beseitigung jedes Gedankens an Mitschuld von Männern - deren Streben vielleicht unter meinem sonst so gerechten Vater zu harte Beurtheilung erlitten hat. Mein Schlaf nach dem Dank an den Allmächtigen für seinen so sichtlichen Schutz wird leichter und ruhiger sein, als er wahrscheinlich ohne diese Unterredung gewesen wäre. Sei es auch der Ihre!«
Und mit jenem Wunsch, der von dem gütigen Herzen des Königs zeugte, schloß die zukunftsschwere Unterredung[.]

Das Central-Comité.

Wir haben, um zu einer regelmäßigen Uebersicht der Zeitgeschichte zu gelangen, welche unser Buch in Form und Styl des Romans giebt, unseren Lesern jene Sitzung des polnischen Central-Comité nachzutragen, die Ende April, also mehr als zwei Monate vor den eben mitgetheilten Ereignissen am Abend jenes Empfangs in den Salons der Fürstin Czartoryski im Hôtel Lambert, und der Kaiserin Eugenie in den Tuilerien stattfand,1 und führen ihn zu diesem Zweck in das Lokal, dasselbe, das ganz in der Nähe der allgemeinen Versammlung der Emigranten lag und nur durch einen kürzen Corridor oder ein längliches Gemach von dem bereits beschriebenen Gartensaal getrennt war.
Wir haben auch bereits gesagt, daß dieser abendlichen Berathung außer den 43 Mitgliedern des Comité's noch verschiedene andere Personen beiwohnen sollten.
Die Namen der 43 Mitglieder waren der russischen
[39]
Regierung keineswegs unbekannt - der Leser wird sich erinnern, daß zur Zeit der Zusammenkunft der drei Monarchen in Warschau der Polizeiminister der polnischen Hauptstadt seinem Gebieter die Liste dieses Centralcomité überreichte und wir haben selbst die 43 Namen dort aufgeführt. In dem Bewußtsein des Schutzes der französischen Regierung brauchten sie also nur wenig Vorsicht zur Sicherung oder Verheimlichung ihrer Person, und diese Vorsicht beschränkte sich daher blos auf Maßregeln gegen das Einschleichen russischer Spione, und da sich die Dreiundvierzig genügend untereinander kannten, waren diese Maßregeln sehr leicht zu treffen.
Der Raum, der früher zu einer mit dem Hôtel in Verbindung stehenden Orangerie gedient hatte, war sehr einfach ausgestattet; auf der einen Langseite erhob sich eine niedere Estrade mit einem langen, nur auf einer Seite mit sieben Sesseln besetzten Tisch, der gleich den Tafeln der gewöhnlichen amtlichen Sessionszimmer mit Tuch - hier jedoch nicht grünem, sondern purpurfarbenem bespannt war. Dem Tisch gegenüber befanden sich drei Reihen Bänke ziemlich nahe, so daß nur ein Raum von etwa zwei Schritten zwischen Tafel und Sitzreihen blieb und Jeder, der auf diesen seinen Platz hatte, ohne Anstrengung der Stickme sich an den Debatten des Ausschusses betheiligen und an den Tisch herantretend von Allen gehört werden konnte.
Drei Wände waren ohne jeden Schmuck, nur die Langwand hinter der Tafel trug gerade hinter dem Mittel-Platz des Vorsitzenden eine Dekoration von Fahnen in den
[40]
polnischen Farben: Weiß und Purpur, oder Weiß, Blau und Purpur, welche das vereinigte Wappen von Polen und Litthauen: Das weiße Pferd und den geharnischten Reiter mit geschwungenem Säbel, beide in rothem Felde, umgaben.
An dem Tisch des Ausschusses waren augenblicklich nur drei Sessel besetzt, die übrigen vier noch leer.
Die drei Bänke gegenüber dagegen waren bis auf wenige Plätze von den vierzig Mitgliedern gefüllt.
Am Ende der Tafel saß ein alter Mann mit fast bis auf die Schultern herabhängenden weißen Haaren und einer blauen Brille. Er hatte einige Papiere vor sich und drückte eben die Feder eines kleinen Metallhammers, der auf eine silberne Glocke schlug, während die meisten Anwesenden noch vor ihren Sitzen standen oder sich in Gruppen mit einander unterhielten.
Der Hammer schlug drei Mal rasch hintereinander in scharfem Ton an.
»Ich bitte die Brüder, Platz zu nehmen.«
In wenigen Augenblicken war dies geschehen.
»Meine Herren und Brüder,« sagte der Alte: »Im Namen Gottes und der heiligen Sache Polens erkläre ich, als der Alterspräsident, die Sitzung unseres Comité's für eröffnet und bitte Sie, den heutigen Präsidenten zu erwählen, nachdem wir uns überzeugt haben, daß nur Mitglieder des Comité's anwesend sind. Bruder Morawski, als dem jüngsten Mitglied muß ich Ihnen diese Prüfung übertragen -«
Der Aufgerufene erhob sich, verglich die Zahl der
[41]
Anwesenden mit der Liste und erklärte, daß drei Mitglieder fehlten.
»Graf Dzialinski,« bemerkte der Alterspräsident Mazurkiewicz auf die Namhaftmachung der fehlenden Mitglieder, »hat mich benachrichtigt, daß er noch kurze Zeit im Hôtel zurückgehalten werde; Bruder Guttry ist im preußischen Landtage von der Vertretung der wichtigen, nationalen Anträge zurückgehalten, welche die polnische Fraktion, wie Ihnen bekannt sein wird, dort gestellt und in diesen Tagen zu vertheidigen hat, und unser Bruder Nepomucen Janowski ist leider schwer erkrankt. Die beiden letzten Brüder haben jedoch Vollmachten gesendet. - Wir können also zur Wahl des Vorsitzenden schreiten, der dann die Schriftführer nach eigenem Ermessen wählt.«
»Wollen wir nicht auf die Prinzen warten?« frug einer der Theilnehmer von der untersten Bank.
»Ich protestire dagegen,« sagte eine andere scharfe Stimme von der obersten Reihe her. »Nach den Regeln der Sitzungen muß ein Mitglied des Central-Comité's selbst den Vorsitz führen.«
»Die Prinzen Czartoryski sind stets als Mitglieder des Central-Comité's betrachtet worden, General,« bemerkte der Alterspräsident.
»Aber nur als Ehrenmitglieder,« beharrte Jener, »wir hegen gewiß Alle vor der durchlauchtigen Familie Czartoryski den größten Respekt, bei den widerstreitenden Interessen der Fraktionen jedoch, welche heute hier zur Sprache kommen müssen, ist es unsere Pflicht, uns streng an die Vorschriften des Statuts zu halten.«
»Ich schlage also vor, die Wahl durch Akklamation wie in früheren Fällen eintreten zu lassen.«
»Wroblewski!«
Nur zwei Stimmen von der obersten Bank riefen: »General Mieroslawski!«
- »Ah, da kommt Dzialynski! - Graf Dzialynski!«
Der Schwiegersohn des alten Fürsten, der preußische Abgeordnete Graf Dzialynski trat in der That mit dem ältesten Sohn des Fürsten, dem Prinzen Witold durch eine Thür am oberen Ende des Saals ein. Alle Mitglieder des Comité's bis auf die der obersten Bank erhoben sich zu seiner Begrüßung.
Der General, der vorhin opponirt, neigte sich zu dem Ohr seines Nachbars. »Passen Sie auf, Antoni, die verdammte Adelscoterie wirft uns wieder ein Hinderniß dazwischen.«
»Graf Dzyalmski!« wiederholten mehre Stimmen, andere beharrten bei: »Wroblewski!«
»Ich bitte die Brüder,« sagte der Graf, »von mir abzusehen. Ich bin erst gestern von Berlin eingetroffen und wenn auch mit den warschauer Angelegenheiten au fait, doch von dem Stand der hiesigen noch nicht genug informirt. Ich bitte meine Stimme unserem würdigen Freunde Wroblewski geben zu dürfen.«
Der mit dem größten Vertrauen der Emigration beehrte Führer der gemäßigten Partei übernahm alsbald den Vorsitz und ernannte zwei der jüngeren Mitglieder zu Protokollführern.
»Brüder des Central-Comité's,« sagte er nach den
[43]
formellen Einleitungen, »es stehen folgende wichtige Gegenstände zur Debatte unserer heutigen Versammlung:
Die Berichte unserer Freunde aus Warschau;
desgleichen unserer Freunde aus Petersburg und dem Auslande;
Die weiteren Instruktionen nach Warschau;
Die Aussichten einer Erhebung zur Befreiung Polens und die Frage der günstigsten Zeit dazu.
Ich glaube, daß die beiden ersteren Gegenstände die Verhandlung der beiden letzten bedingen werden, und ich habe Ihnen daher nur zuvor die Cardinalfrage zu stellen, ob unsere heutige Berathung eine ganz vertrauliche bloß unter den Mitgliedern des Comité's sein soll, oder ob sie die Herbeiziehung von Freunden unserer Sache gestattet, die nicht speziell zu den Mitgliedern gehören, deren Rath und Beistand uns aber von der höchsten Wichtigkeit ist!«
»Wie ich gehört,« sagte ein Theilnehmer der ersten Bank - der Adelsfraction, - »hat ein Mitglied des Comité's in Warschau selbst dessen Berichte überbracht. Seine mündlichen Rapporte werden uns leicht Ausführlicheres geben, als alle schriftlichen. Ich beantrage seine Zulassung.«
»Einer unserer zuverlässigsten Offiziere, der Kapitän Marian Langiewicz ist von Cuneo hier eingetroffen, um der Sitzung beizuwohnen,« erklärte Graf Dzialinski, »ich beantrage für ihn und den Herrn Grafen de Noël die Zulassung zur Berathung.«
»Ein Bevollmächtigter der Kurie, Abbé Calvati aus Rom erbittet gleichfalls den Zutritt,« sagte ein Dritter.
[44]
»Der ungarische Diktator Kossuth wünscht der Sitzung beizuwohnen,« erklärte ein Vierter.
»Ein Mitglied der europäischen Liga aus Genf befindet sich im allgemeinen Saal!« ein Fünfter.
»Sein Name?«
»Ricciotti Garibaldi - der zweite Sohn des Generals!«
»Wollen die Brüder nicht etwa noch Graf Kisseleff einladen?« hörte man die scharfe spöttische Stimme des Generals Mieroslawski - »er würde vielleicht die einfachsten Wege zur Vertreibung der Russen aus Polen angeben können!«
Alle kannten zur Genüge die Eifersucht, welche der polnische Agigator[Agitator] gegen Garibaldi und seine Anhänger hegte. Die Sitzung drohte demnach schon in ihrem Beginn einen Conflict, doch löste ihn glücklich die Energie des Vorsitzenden.
»Wenn die Brüder keinen begründeteren Einwand gegen einen der Vorgeschlagenen zu erheben haben, werde ich dieselben eintreten lassen.«
Selbst die Partei des Berges schien sich des Widerspruchs zu schämen und der Präsident gab dem jüngsten Mitglied das Zeichen zur Einführung.
Wir kennen bereits die Bezeichneten bis auf das noch nicht genannte Mitglied des warschauer Central-Comité's, das mit großer Sicherheit eintrat und sofort dem Präsidenten sich gegenüberstellte, während der Ungar Kossuth mit der Anmaßung, die ihn charakterisirte, sofort auf den leeren Platz an der Tafel zuging und diesen einnahm, als
[45]
gebühre er ihm selbstverständlich. Die Anderen nahmen auf einer Bank neben der Eingangsthür Platz. Nach wenigen Minnten der Begrüßung war die Ordnung wieder hergestellt.
»Wir wollen zuerst den Bericht aus Warschau hören,« sagte der Präsident.
Der Eingetretene vor dem Tisch wandte sich sofort halb gegen die Versammlung.
»Ich habe diese Berichte gebracht und bin bereit, sie zu erläutern. Ich bin Adam Prot Asnik, der frühere Präsident der »schwarzen Brüderschaft‹. Man wird von mir wissen! Ich saß in der Alexander-Citadelle gefangen, aber es ist mir gelungen, mich zu befreien und ich war bei dem Volk, als sich dieses am 27. Februar gegen die Mordthaten der russischen Schergen erhob. - Die Brüder werden mich kennen,« sagte er dreist und hochmüthig.
»Wir haben von Ihnen gehört,« bemerkte ruhig der Präsident des Central-Comité's. »In wessen Auftrag kommen Sie?«
Der Student sah den alten Mann verwundert an. Es schien ihn zu befremden, daß man bei der Nennung seines Namens ihn nicht gleich mit offenen Armen und besonderen Ehren aufnahm.
»In wessen Namen ich komme? im Namen aller warschauer Patrioten. Ich komme im Namen der Zehner, der Volksjunta, des Revolutions-Comité's, die allein die berechtigten Führer der Bewegung im Vaterlande bilden. Ich soll das Central-Comité auffordern, so bald als möglich Waffen und Geld zu senden. Die Erhebung ist vollkommen
[46]
reif zum Ausbruch. Wir warten nur auf das Signal von Paris und daß man General Mieroslawski an unsere Spitze stellt. Hier ist das Verzeichniß der Kräfte, über die wir in den Woiwodschaften im Augenblick der Erhebung gebieten können.«
Der Präsident schüttelte etwas zweifelhaft den Kopf.
»Die Ernennung des Generals ist noch nicht erfolgt,« sagte er. »Wir ehren Ihren Eifer, Herr Asnik, aber die Begeisterung der jungen Patrioten muß durch die verständigen Erwägungen der Aelteren gezügelt werden. Wir haben auf anderem Wege Berichte aus Warschau erhalten, welche die Zeit zu einer offenen Volkserhebung noch keineswegs gekommen glauben.«
»Das kommt von den Lauen, den Weißen, Herr,« sagte heftig der Student. »Sie werden mit ihrem Zögern noch Alles verderben! Das Volk, das wahre Volk ist zur Erhebung bereit mit dem Opfer seines Blutes. Man hat ihm das Losschlagen versprochen, man darf seinen Muth nicht erkalten lassen. Noch ist Warschau ohne zahlreiche Garnison.«
»Eine so wichtige Frage,« sagte der Präsident, »kann nicht von dem Eifer eines Einzelnen entschieden werden. Hören wir erst die anderen Berichte.«
Er ließ die überbrachten vorlesen - aus allen ging hervor, daß sie vom größten Fanatismus dictirt waren, dem die ruhige Besonnenheit und die Abwägung der Mittel fehlte.
Verschiedene Stimmen ließen sich für und wider hören, der Diktator Kossuth hielt eine seiner weitschweifigen Reden
[47]
und betheuerte die Bereitwilligkeit der Ungarn, ihren polnischen Brüdern grade in diesem Augenblick die helfende Hand zu reichen, wo man die Tyrannei in Petersburg und Wien an der Wurzel fassen könnte; die oft tollsten Vorschläge wurden für einen sofortigen Ausbruch der Volkserhebung auf's Neue gemacht.
Aber auch an ruhigeren und verständigen Stimmen fehlte es nicht. Marian Langiewicz erklärte gegen die Partei des Berges, daß er während seiner heimlichen Anwesenheit im Königreich weder die Volksstimme noch die getroffenen Vorbereitungen so weit gediehen gefunden habe, um jetzt schon mit einem Angriff gegen die russischen Garnisonen zu beginnen. Er sprach sich für einen Aufschub von zwei Jahren aus, und auch der preußische Deputirte stimmte ihm zu. Der Letztere schien sich sehr viel von einer Betheiligung der polnischen Bevölkerung im Großherzogthum, in Oberschlesien und Westpreußen zu versprechen, aber auch er mußte doch zugestehen, daß das Volk selbst wenig dazu geneigt und mit dem preußischen Regiment eigentlich ganz zufrieden sei, ja daß selbst ein großer Theil des Adels von polnischer Geburt an der Person des Königs hinge und von einer Losreißung dieser Landestheile Nichts wissen wolle. Nur die radikalste Opposition in der Kammer sei bereit, der polnischen Nation jede Unterstützung zu gewähren, ja sogar eine Trennung der alten polnischen Landestheile von dem Staat, weil man darin eine Schwächung der Hohenzollern-Monarchie finde. Auf der andern Seite wurde der Gedanke der Gründung eines selbstständigen Polens bis zur Weichsel,
[48]
gleich des alten Herzogthums Warschau unter einem preußischen Prinzen angeregt, durch das man Preußen mit Rußland in Conflicte zu ziehen hoffte.
Der Streit war ziemlich lebhaft und verschiedene Pläne für die Iusurrection[Insurrection] wurden vorgelegt, gebilligt oder verworfen. Zuletzt einigte man sich, nachdem der Abbate die päpstliche Erlaubniß für den Klerus zugesichert hatte, sich an der politischen Vewegung zu betheiligen, zu folgenden Grundzügen:
Der wirkliche Ausbruch einer bewaffneten Erhebung im Königreich sollte erst im Frühjahr 1863 stattfinden, bis dahin aber die Spannung und Aufregung der Bevölkerung möglichst vermehrt, die Erbitterung geschürt werden. Alle Concessionen der russischen Regierung sollten scheinbar willig acceptirt, die Forderungen aber mit jeder gesteigert werden. Durch diese scheinbare Unterstützung der Regierung wollte man, ehe der offene Bruch mit ihr eintrat, möglichst viele zuverlässige Männer in die öffentlichen Stellen bringen und ihr so nach und nach die Macht aus den Händen nehmen. Unter dem Vorwand einer Selbstverwaltung der Polizei durch die Bürger und Akademiker sollte eine geheime Macht gebildet werden, welche die spätere Theilnahme der Bevölkerung zu erzwingen und einenDruck auf das Land auszuüben hätte. Jede Gelegenheit müsse benutzt werden, durch Demonstrationen die russischen Behörden zu einem gewaltsamen Einschreiten und zu strengeren Maaßregeln zu reizen, die Opfer derselben sollten dann als patriotische Märtyrer ausgegeben und durch die Presse übertrieben, durch Bilder sollte die Phantasie
[49]
entflammt, das Gebiet der Entstellung und Lüge ganz systematisch benutzt werden, um die Sympathieen anderer Völker zu gewinnen. Daneben sollte eine förmliche zweite Regierung über das ganze Land organisirt werden, mit Zwangaushebungen und einer Steuererpressung, welche die öffentlichen Steuern überböte. Ein Schreckenssystem müsse jede andere Meinungsäußerung unterdrücken; durch Priester und Frauen sei fortwährende Aufregung zu erhalten; Handel und Wandel müsse brach gelegt, die Religion mißhandelt und unterdrückt erscheinen; die Anwerbung durch das System der Zehner sich nicht bloß auf Warschau, sondern über das ganze Land erstrecken; eine geheime Gensdarmerie bis in die kleinsten Orte engagirt sein, die Landbevölkerung gezwungen werden, auch den besten Maßregeln der russischen Regierung Mißtrauen und Widerstand entgegen zu tragen. Wenn dann das Volk in allen seinen Gefühlen verletzt, ruinirt, in Schrecken gesetzt und in jedem freiem Willen unterdrückt sei: dann wäre es Zeit, auch den offenen Kampf gegen den russischen Koloß zu beginnen und den Zuzug von Außen her: die ungarische, englische und französische Hilfe zu verlangen. Dieser teuflische Plan wurde bis in die Details besprochen Ein Bericht aus Petersburg, der verlesen wurde, mahnte gleichfalls zur Verzögerung des Ausbruchs, da in Folge des am 17. März von den Kanzeln proklamirten Manifestes des Kaisers Alexander II. betreffend die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland durch das ganze weite Reich sich unter dem russischen Adel eine Mißstimmung zu zeigen begänne, man selbst an der Treue der Offizierscorps zu
[50]
zweifeln anfange, und die geheimen Comité's der Panslavisten und der Nihilisten immer größere Verbreitung gewönnen, und man sogar schon ganz offen von einer Entthronung der Familie Romanow Andeutungen hören könne.
In diesem Stadium der Debatte war es, als ein Klopfen an der Thür die Aufmerksamkeit des den Dienst habenden jüngsten Mitglieds des Comité's erregte und es hinausrief. Bald darauf kehrte es zurück und übergab dem Vorsitzenden einen Brief, den dieser mit steigender Aufmerksamkeit durchlas und dann in die Tasche schob.
»Es ist Zeit Brüder,« sagte er, »daß wir zu einem bestimmten Beschluß kommen und unseren Brüdern in Warschau diesen kund geben.«
»So sei es!«
»So fordere ich Diejenigen auf, welche für eine bewaffnete Erhebung gegen die russische Herrschaft noch vor dem ersten Januar 1862 sind, sich zu erheben!«
Nur die Mitglieder der obersten Bank gaben das Zeichen.
»Die Erhebung ist also bis zum Jahr 1863 vertagt, die Bestimmung der genaueren Zeit wird einem späteren Beschluß überlassen bleiben. Die Vertagung schließt natürlich die bereits berathene Organisation der geheimen Nationalregierung nicht aus. Dieselbe möge die einzelnen Gelegenheiten zu Volksdemonstrationen bestimmen. Nur die Zeit des bewaffneten Aufstandes bleibt vorbehalten. Wir haben zunächst den Oberbefehl über das Nationalheer zu bestimmen.«
»Im Namen meines Vaters des Fürsten schlage ich
[51]
den mit der militärischen Organisation bereits betrauten Kapitain Marian Langiewicz den Mitgliedern vor,« sagte mit fester Stimme der Prinz.
»Ich habe das erste Recht darauf,« erklärte hochmüthig der General Mieroslawski.
»Die Nationalregierung wird darüber entscheiden. Es ist die Pflicht jedes Polen sich ihrer Anordnung zu fügen. Aus wieviel Personen hat die Nationalregierung zu bestehen?«
»Ich beantrage die Zahl fünf,« sagte ein Mitglied der unteren Bank.«
»Einverstanden.«
»Und daß die Wahl zunächst in folgender Weise erfolgt: ein Mitglied durch das Centralcomité in Warschau, ein Mitglied durch die Volksjunta, ein Mitglied aus der Direction der Weißen ...«
»Ich beanspruche die Rechte der schwarzen Brüderschaft ...« fiel die Stimme des Sendboten derselben ein.
»Einverstanden! - Für die Ernennung des letzten Mitglieds verlange ich dagegen das Recht des pariser Bundes. Ich schlage die Wahl durch Stimmzettel vor und das Geheimniß der fünf Namen während der ersten sechs Monate nach Beginn der bewaffneten Erhebung, um sie der Beeinflussung der Parteien zu entziehen.«
»Der Vorschlag ist gut. Ich stimme dafür.«
Sämtliche Mitglieder, welche für die Vertagung des Ausbruchs gestimmt, erklärten sich auch für diesen Vorschlag.
»Diese Beschlüsse müssen alsbald den Comité's in
[52]
Warschau überbracht werden. Der Bote wird zugleich die bisher gesammelten Geldbeträge und die Consignements für die Waffensendungen zu überbringen haben. Es muß daher ein vertrautes und geprüftes Mitglied sein, da wir ihm die Mittel der Erhebung anvertrauen. Es darf keine Person sein, deren Abwesenheit die Aufmerksamkeit der Spione des russischen Gesandten erregen würde.«
Vier Personen meldeten sich: der preußische Abgeordnete, der Diktator Kossuth, der Student Prot Asnik und ein anderes Mitglied.
»Wir müssen den Herrn Grafen darauf aufmerksam machen, daß seine Stellung eine zu exponirte ist. Herr Kossuth gehört einer anderen Nationalität - es bleiben demnach zur Wahl nur das Mitglied des Centralcomité's und der warschauer Patriot, der uns bereits die dortigen Berichte überbracht hat, Herr Prot Asnik.«
»Ich bin bereit, schon morgen die allerdings nicht gefahrlose Rückkehr anzutreten, sobald ich Papiere und Anweisungen erhalten habe.«
Der Präsident erhob sich. »So bitte ich Herrn Prot Asnik, sich zu der großen Reise bereit zu machen. - Ich erkläre die Sitzung für geschlossen, bitte aber die Mitglieder noch einige Augenblicke zu verweilen, da eine wichtige Anzeige eingegangen ist. Ich bitte den Bruder Mickiewicz die weißen Ruthen zu vertheilen.«
Alle Mitglieder des Comité's sahen sich erstaunt, fast erschrocken an. Seit den vier Jahren der Organisation desselben war die Vertheilung der Weidenruthen, die später eine so furchtbare Rolle in Polen spielte, nur einmal
[53]
vorgekommen, die Fremden kannten sogar ihre Bedeutung nicht. -
Das aufgeforderte Mitglied nahm unter der Estrade ein Bund feiner weißgeschälter Ruthen hervor und vertheilte sie schweigend und mit niedergeschlagenen Augen.
Wiederum erhob sich der Präsident und ein sichtlicher Ernst lag auf seinem markirten und verwitterten Gesicht.
»Brüder,« sagte er - »wir sind in der traurigen Lage, ein Gericht halten zu müssen. Es ist mir diesen Abend die Anklage gegen Einen unter uns auf den Mord eines unserer Brüder zugegangen, - Sie erinnern sich, daß im Februar einer unserer besten Patrioten, der Graf Hypolit Oginski, den wohl die Meisten von uns persönlich gekannt haben, in Warschau den Tod gefunden hat.«
»Der Graf fiel unter den russischen Kugeln,« sagte hastig der Student.
»Die Anklage lautet auf Mord durch eine Kugel - aus den Reihen des polnischen Volks!«
»So fiel er auf Befehl der Junta - weil sie, wie ich weiß, den Beweis erhielt, daß der Graf in geheimer Verbindung mit der russischen Polizei stand.«
»Ich erlaube mir kein Urtheil,« sagte ruhig der Präsident. »Ich mache den Bruder Prot Asnik nur darauf aufmerksam, daß er durch sein Gebahren sich selbst als Mitwisser dieses Geheimnisses verdächtigt hat.«
Die sonst große Frechheit zeugende Stirn des jungen Verschwörers hatte sich dunkler geröthet. »Ich protestire! Mein Patriotismus ist bekannt und erprobt. Wo sind
[54]
meine Ankläger?« und seine etwas erschrockenen Augen sahen wild durch die Versammlung.
»Es ist nicht mehr als billig, sie Ihnen gegenüber zu stellen. Laßt die Schreiberin dieses Briefes eintreten.«
Der Präsident winkte. Das Mitglied des Comité's, das diese Function übernommen, öffnete die Thür: »Treten Sie ein, Madame!« Dann stellte er sich im Innern mit dem Rücken gegen die Thür und zog einen kurzen Revolver aus seiner Brusttasche. Zugleich auf den Wink des Präsidenten that ein anderes Mitglied das Gleiche an dem Ausgang der zweiten Langseite, der zu dem allgemeinen Versammlungslokal führte.
Die Eintretenden waren eine Frau in schwarzem Mantel und Schleier und ein Knabe.
»Sind Sie die Schreiberin dieses Briefes?«
»Ja, Pan. Ich habe von den Dienern dieses Palastes gehört, daß heute hier eine Versammlung der aus ihrem Vaterland Polen verbannten Patrioten stattfände und ich habe gewartet, bis man mir gestattet hat, einzutreten.«
»Wer sind Sie - wo kommen Sie her?«
»Ich komme von Warschau ... zugleich mit diesem Mann - mein Name ist:« - sie entfernte mit der rechten Hand ihren Schleier und kehrte dem ehemaligen Studenten ihr Antlitz zu.
»Wanda Morawska!« stieß dieser unwillkürlich heraus - »Sie hier?«
»Sie haben aus seinem Munde meinen Namen gehört,« sagte das Mädchen, »es kann also kein Zweifel über
[55]
meine Person sein. Außerdem sehen Sie hier das nicht zu widerlegende Zeugniß!« und mit einer Bewegung voll Hoheit und Adel ließ die unglückliche Polin den Mantel fallen und zeigte der Versammlung den leeren Aermel ihres schwarzen Gewandes.
»Wir haben von Ihrem unglücklichen Schicksal vernommen, Fräulein von Morawska,« sagte der Präsident und fast Alle hatten sich erhoben und umdrängten sie. »Die Kasse des Central-Comité's hat die reiche Gabe erhalten, die Sie ihr durch Vermittelung eines Bankhauses in Posen haben zustellen lassen, und ich danke Ihnen dafür im Namen des Vaterlandes.«
»Um so mehr werden Sie Dem Gerechtigkeit widerfahren lassen, dessen Vermächtniß an mich und das Vaterland sie war, ehe er starb. Ich war die Verlobte des Grafen Hypolit von Oginski, trotz meiner Verstümmelung, und klage jenen Mann an, den tödtenden Schuß auf ihn abgefeuert zu haben.«
Ihre Hand wies auf den Studenten. Ein gewisser Abscheu zeigte sich auf den Gesichtern der Meisten, und die ihm nahe gestanden hatten, waren von ihm zurückgewichen.
»Ich begreife Ihren Schmerz, Fräulein v. Morawska,« sagte der Präsident theilnehmend, »und daß dieser sie bewogen, einen Mann solcher That anzuklagen, der sich sonst als guter Patriot bewiesen hat. Haben Sie Zeugen der Schuld?«
»Diesen Knaben hier, der es mit angesehen, wie er die tückische Kugel abschoß, die ein edles Leben zerstörte, das tausendfach mehr werth war, als das seine.«
[56]
Der Angeklagte schien zu begreifen, daß nur die größte Kühnheit ihm übrig blieb.
»Die Pana Morawska spricht die Wahrheit,« sagte er kalt - »es ist richtig, ich schoß die Kugel auf einen Verräther ab, der mit den Feinden Polens in Verbindung stand. Möge sie es leugnen, daß der Graf sich durch den Schutz der russischen Polizei des Verraths dringend verdächtig gemacht hatte. Ich weiß, daß er denselben sogar für sie selbst in Anspruch genommen hat. Er fiel auf den Befehl einer Todesjunta der schwarzen Brüderschaft. Ich war nur der Arm, ihr Urtheil zu vollstrecken und kann dafür auch nur von ihr selbst in Warschau gerichtet werden.«
»Ich will dafür bürgen,« sagte der künftige Diktator der polnischen Revolution, »daß Graf Hypolit Oginski kein Verräther am Vaterlande war, sondern einer der besten Patrioten. Es befinden sich in diesem Augenblick genug Personen in Paris, die mein und dieser Dame Zeugniß bestätigen können.«
»Dank Ihnen, Kapitän Marian Langiewicz,« sagte die Verstümmelte, »und möge es Ihnen im Glück wie im Unglück nie an einem treuen Herzen fehlen.«
Er reichte ihr die Hand. »So war es in jedem Fall ein voreiliges und grausames Urtheil,« sagte der Präsident, »wenn wir auch annehmen müssen, daß dieser Mann hier nur seinen Obern zu gehorchen geglaubt hat, als er die schlimme That beging, für die wir ihn hier nicht verurtheilen können!«
Die Augen der Verstümmelten blitzten, der Knabe hatte sie am Kleide gezupft.
»Ruhig, Janko! Sie wollen also den Mord nicht bestrafen?«
Der Präsident hatte mit seinem Blick die Männer ringsum befragt.
»Wir haben kein Recht dazu!«
»Auch nicht dafür? - Knabe - zeige Deinen Fund!«
Der Bursche hatte eine kleine Brieftafel aus seiner Tasche gezogen und reichte sie ihr zu.
»Hier, Panna!«
Diesmal war es ein Wuthschrei, der den Lippen des Studenten entfuhr, der sich mit der Gier eines Wolfes auf den kleinen Ankläger stürzte und ihm die Brieftafel zu entreißen suchte. Aber das Mädchen hatte sich vor den Knaben geworfen und die Hand des Kapitains und Anderer rissen den Erbleichten zurück.
»Nehmen Sie selbst, Herr und prüfen Sie! Seit ich wußte, daß dieser Mann wieder aus der russischen Citadelle in Warschau entkommen, hegte ich Mißtrauen gegen ihn und jene bübische That heftete mich auf seine Fersen. Als der Knabe hier mir Nachricht gab, daß er sich zum Ueberbringer der Berichte des Revolutions-Comité's nach Paris hatte bestimmen lassen, angeblich um sich den Nachforschungen der warschauer Polizei für einige Zeit zu entziehen, stieg dieses Mißtrauen und ich beschloß, ihn im Geheimen zu begleiten und ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen. So ist es geschehn, und ich und der Knabe Janko, den ich in Wahrheit aus jenem Grunde mit mir nahm, haben uns wie die Spürhunde an ihn gehängt. Fragen Sie ihn jetzt, weshalb er sich in Wien zwei Tage aufgehalten,
[58]
was er im Hôtel der russischen Gesandtschaft zu thun gehabt hat? - Beim Verlassen desselben hat Janko dies Portefeuille aufgehoben, das im Besteigen des Fiacres aus seiner Tasche gefallen war. Er hat dem russischen Gesandten dort die Abschrift dieser Berichte verkauft, die er über Nacht in Wien copirte.«
»Falsch! Es ist Lüge, Verleumdung, der giftige Haß dieser Dirne, weil ich ihren Galan erschoß!«
Sie streckte die Hand wie zum Schwur empor, dann sagte sie kalt: »Lesen Sie - laut!«
»Es ist eine zufällige Geschäftskarte - ohne Bedeutung!« schrie der Angeklagte.
Der Präsident hatte das kleine Portefeuille geöffnet - es enthielt nur eine Visiten-Karte:
Victor von Balabine,
Wirklicher Staatsrath.
»Es ist der Namen des russischen Gesandten. Darunter steht: Vorzeiger ist zuverlässig und hat wichtige Dienste geleistet.«
»Und hier in dem Zimmer des Wiener Hôtels, in dem ich mit Jenem logirte, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, fand ich am Tage der Abreise dies Papier, einen Theil jener Copie, die er über Nacht genommen hatte. Prüfen Sie es mit dem Original, das er Ihnen brachte.«
Der Ertappte stand bleich und zähneknirschend. »Die Brüder werden nicht aus bloßen Zufälligkeiten und nach dem Schein urtheilen! Ich bin mir keiner Schuld bewußt - mein Eifer für die Sache der Nation ist bekannt!«
[59]
Der Präsident Wroblewski wandte ihm den Rücken. »Die schwarze Jungfrau von Czenstochau hält ihre Hand über Polen. Brüder - dieses zerrissene Blatt stimmt allerdings mit dem Original. Unsere heilige Sache ist also einer großen Gefahr entgangen. Die Sitzung ist geschlossen - geben Sie die Weiden ab und nehme Einer diese Dame mit sich, bis sie ein Unterkommen gefunden hat.«
Die Mitglieder des Central-Comité's entfernten sich schweigend, nachdem jedes die ihm überreichte Weidenruthe an der Thür zurückgegeben hatte.
Sie waren alle bis auf zwei in der Mitte geknickt.
An der Thür trafen der Kapitain Langiewicz, welcher der Morawska den Arm gereicht hatte, und der Insurgentengeneral Mieroslawski zusammen.
Der Letztere sah hochmüthig zurück. »Noch Herr Kapitain sind Sie nicht am Ziel! - Wir werden uns in Cuneo wiederfinden, wenn ich aus Frankfurt a. M. zurückkehre.«
»Ich werde die Ehre haben, Sie zu erwarten.«
Als der Abbate das Gemach verlassen wollte, faßte eine Hand seinen Arm. Es war der Präsident der Versammlung, der sich zu seinem Ohr beugte.
»Wünschen Euer Hochwürden ihn Beichte zu hören?«
Der Abbate zuckte die Achseln. »Ich hoffe, es wird nicht nöthig sein. Ich kann Sie nur erinnern, daß Sie sich im Bereich der französischen Gesetze befinden.«
»Eben deshalb! - er wird ungefährdet das Palais verlassen, - durch den Ausgang am Fluß!«
Der entlarvte Verräther wollte noch einige Worte zu seiner Vertheidigung sagen, - aber der Präsident wies
[60]
kurz nach dem Ausgang. »Gehen Sie, Herr - die Brüder, die Sie geleiten werden, erwarten Sie!«
Der Student Prot Asnik zog einen Revolver aus der Tasche, gleich als wolle er andeuten, daß er etwaiger Gefahr Trotz biete. Dann schritt er mit entschlossenem Wesen den Andern nach.


»... Schade, - es war ein hübscher noch junger Mann mit schwarzen Locken« ... hatte die pariser Dame gesagt,2 als die Equipage des dänischen Gesandten rückkehrend aus der Soirée der Kaiserin am Pont de la Constantine einige Augenblicke von einer Ansammlung Neugieriger aufgehalten worden war.

Der Alte vom Berge.

(Fortsetzung.)

Der Leser wolle sich erinnern, daß wir Lord Walpole mit seinen Begleitern auf dem abenteuerlichen Zuge durch die nubische Wüste nach den Ufern des Nil verlassen haben, der ihn der Verfolgung durch die Reiter des Negus entziehen sollte, ohne daß dieser Zweck erreicht worden war,3 und daß sie sich auf dem Wege zu der geheimnißvollen Veste des gefürchteten Oberhauptes der Assassinen, Gengarab, befanden, als sie auf den Ruf des Dais Hassan die Schleier von ihren Gesichtern entfernen durften.
Das Bild, das sich ihnen von der Höhe des Plateau's aus bot, war in der That ein überraschendes.
Das Plateau lag in einer gewaltigen Höhe und die Felsenwand, die es trug, fiel senkrecht zu einer schwindelnden Tiefe, so daß die Vordersten der Gesellschaft, und zu diesen gehörte die schöne Fürstin, unwillkürlich zwei Schritte von dem gefährlichen Abstieg zurücktraten. Den Grund
[62]
dieser Tiefe bildete ein weites Thal, oder vielmehr eine fast ebene Fläche, die sich auf Meilen weit hin erstreckte, überall eine üppige Vegetation zeigte und einen sorgfältigen Anbau, wie er in Aegypten nur in den nächsten Umgebungen des befruchtenden Nil oder im altberühmten Lande Gosen gefunden wird. Hügel mit mächtigen Palmgruppen oder Tamarindenbüschen, Dattelbäumen und Pisangs ließen sich auf weite Ferne zwischen wohlbestellten und bewässerten Feldern von Mais und Waizen erkennen, reiche Baumwollen- und Kaffeeplantagen oder Aecker mit Reis und Zuckerrohr-Pflanzungen wechselten mit anderen nutzbringenden Anlagen, dazwischen sah man arabische Dörfer mit ihren einfachen Lehmhütten, die alle jedoch sorgfältiger gebaut waren, als die gewöhnlichen Wohnungen der Fellah's; Moscheen hoben ihre schlanken Minarets, und von vielen Stellen sah man die weißen Steingeländer der Vornehmeren und Reichen aus dem Grün der Gärten und Wäldchen leuchten. Kanäle durchzogen die Gegend und selbst eine Art Straßen- oder Wegnetz schien zum besseren Verkehr über die Gegend gebreitet. Wie hoch auch der Standpunkt der Schauenden war, konnte man doch deutlich erkennen, daß diese Gegend wohl belebt war; Züge von beladenen Dromedaren und Eseln bewegten sich auf den Straßen, Heerden weideten auf dem lichten Grün der Triften, und der Landmann zog mit seinem Gespann den Pflug von fast primitivster Form durch den Boden seiner Aecker.
Diese wohl angebaute Gegend war auf allen Seiten von Bergwänden umkränzt, die im Norden und Süden
[63]
fast so rauh und mächtig schienen, wie das Berggelände, das die Gesellschaft eben passirt war und auf dessen östlichem Abhang sie sich befand, während in der Ferne nach Osten zu das Gesamtgebirge sich zu einem bloßen Felsenwall abplattete, der das angebaute Thal von der Küste zu trennen und vor den Seewinden zu schützen schien; denn über die seltsam zerrissenen und zerklüfteten Kämme hinweg konnten die Reisenden bei ihrem hohen Standpunkt deutlich die im Sonnenschein spiegelnde Fläche des Meeres sehen, dessen Küste in grader Linie von ihnen höchstens zwölf bis fünfzehn englische Meilen entfernt sein mochte.
Die größte Eigenthümlichkeit der Gegend aber befand sich in ihrer unmittelbaren Nähe.
Es war dies ein gewaltiger Steinkoloß, ein Berg oder vielmehr Felsen, der fast senkrecht aus dem Grunde des Thals vor ihnen emporstieg, und dessen Gipfel fast mit dem Plateau, auf welchem die Reisenden sich befanden und diesen Anblick genossen, ziemlich in derselben Höhe stand. Soweit es sich erkennen ließ, mußte die Kuppe oder der flache Gipfel dieses Felsens eine Ausdehnung von mehreren Morgen haben und diente jener verrufenen Burg, dem Felsenschloß des Assassinenfürsten, zur Grundfläche.
Wälle, Mauern, Kuppeln und Thürme erhoben sich dort in einem Complex, der weit mehr das Aussehen einer gewaltigen Ritterburg des europäischen Mittelalters bot, als das von orientalischen Gebäuden, und die Kronen mächtiger Palmen und Pinien, die über die Mauern ragten, bewiesen, daß es auch an Gärten und freien Räumen innerhalb der Umwallung nicht fehlte. An anderen Stellen
[64]
überragten Kiosks und Pavillons von phantastischer Form die Mauern oder sprangen gleich Altanen hinaus, eine weite Umsicht auf das Thal bietend, und auf mehreren Punkten der zum Theil crenelirten Mauern erkannte das Auge des Lords die Gestalten von Schildwachen in weißen und grünen Gewändern, gleich denen, welche die Krieger getragen, die Jesus begleitet hatten und zu so rechter Zeit gekommen waren, um die Reisenden gegen den Angriff der Reiter des Negus zu schützen.
Auf der Seite der Kuppe, welche sich gegen das Plateau richtete, auf welchem die Reisenden sich befanden, bildete der Fels einen vorspringenden Grat oder Ausläufer, der eben so jäh zur Tiefe fiel, wie die gegenüberliegende Wand, so daß zwischen Beiden nur ein Abgrund von etwa zehn Schritt Breite sich öffnete und es selbst für den der Geologie weniger Kundigen deutlich wurde, daß beide Felsenmassen in einer Urzeit, vielleicht vor Jahrtausenden verbunden gewesen sein mußten, und der jetzt isolirte Felskegel, auf welchem die geheimnißvolle Burg stand, eigentlich nur ein Ausläufer oder Vorsprung der Gebirgswand war, der durch irgend ein gewaltiges Naturereigniß von dieser abgetrennt worden. Auf der äußersten Spitze dieses Felsengrats oder Vorsprungs erhob sich ein Bauwerk, das dem Brückenkopf der modernen Befestigungen oder einem Thurmthor glich und dessen Zweck den Reisenden gleich klar wurde; denn auf ein Signal, das der Dais Hassan mit einem dreimaligen Stoß ins Horn gab, das an seiner Seite hing, löste sich von diesem Gemäuer eine mächtige Zugbrücke in schweren Ketten und senkte sich über den
[65]
trennenden Abgrund bis hinüber auf das Plateau, so einen Zugang zu dem Gipfel des Felsens und der Burg bildend.
Jetzt erst bemerkten die Reisenden, daß weite, in die Felsenwand eingelassene Ringe zur Aufnahme und Sicherung der großen kupfernen Haken der Zugbrücke vorhanden waren, die dadurch einen festen und ganz gefahrlosen Uebergang bildete.
Auf die Einladung ihres bisherigen Führers waren alle Reiter von ihren Thieren gestiegen und ehe sie sich um diese weiter bekümmern konnten, waren sie von den Begleitern des Dais zurückgeführt, ohne daß sie inne werden konnten, wohin man sie gebracht hatte.
»Ist es der schönen Königin der Brustlosen und ihren Begleitern gefällig,« sagte höflich der Dais, - »die Burg des Fürsten Johannes zu betreten, - die Wächter werden ihm von ihrer Ankunft bereits Kunde gebracht haben, und der Knabe Jesus wird sie zu ihm geleiten, während ich hier die Ankunft der Reiter abwarte, die noch zurück sind. Der Beisädih möge mich für kurze Zeit entschuldigen.«
Der Lord warf einen etwas besorgten Blick um sich - er fühlte, daß mit dem Betreten der seltsamen Burg die Gesellschaft ganz in die Macht des übelberüchtigten Volkes gegeben war, aber schon hatte der junge Assassine bescheiden die Hand der Fürstin ergriffen und sie auf die Brücke geführt. »Es ist zu spät, um Besorgniß zu zeigen, Mylord,« flüsterte Doktor Walding dem Viscount zu. »Das Einzige, was Sie noch thun können, ist, daß Sie unter keinen Umständen den Sicherheitsbrief aus den
[66]
Händen geben. Im Uebrigen müssen wir auf gutes Glück vertrauen und die Augen offen halten. Wenn ich mich erst von dem Zustand des Kranken überzeugt, werden wir unsere Aussichten besser beurtheilen können.«
»Aber unsere Feinde, die uns folgen?«
»Erinnern Sie sich, Mylord, daß der Arzt stets großen Einfluß auf den Kranken hat. Wenn es mir gelingt, den gefürchteten Häuptling vor unseren Feinden zu sehen, fürchte ich Nichts.«
Einen ähnlichen Gedanken schien auch ihr junger Begleiter zu hegen, denn er wandte sich zu dem Arzt und suchte ihn zu bedeuten, daß er sich bereit halten möge, sogleich zu dem Kranken geführt zu werden.
Unter den wenigen gewechselten Worten hatten sie die Brücke überschritten und traten unter das Gewölbe des thurmartigen Baues, welcher die Zugbrücke trug.
»In der That, Doktor,« sagte der Lord, »sähe ich nicht an diesen Wachen, daß wir uns im Orient befinden, könnte ich glauben, im Thor einer englischen Burg aus der Zeit der Plantagenets zu stehen. Sehen Sie hier, über unseren Köpfen fehlt selbst das Fallgatter nicht!«
Es war in der That so - ein mächtiges Gitter schwebte über ihnen, wie es vor Jahrhunderten in den Feudalburgen als Vertheidigungsmittel des Zugangs üblich war. Der Arzt hatte jedoch weniger auf diese Einrichtung acht, als auf die Wächter des Thurms, zwei riesige Nubier von tiefem Dunkelbraun, die zu beiden Seiten des Ausgangs standen und ihre Waffen kreuzten. Es waren das zwei lange grade Schwerter von der Art jener
[67]
Zweihänder, wie sie zur Zeit der Kreuzzüge von den christlichen Rittern geführt und über die linke Schulter hinweg aus der auf dem Rücken getragenen Scheide gezogen wurden.
Die beiden orientalischen Krieger standen in ihren grünen kaftanartigen Gewändern gleich Bildsäulen, selbst ihre Augen schienen in den dunklen Gesichtern unbeweglich, bis ein Wort des jungen Assassinen sie aus ihrer Stellung zurücktreten und die mächtigen Schwerter zu Boden senken machte. Dann erst erhoben sie ihre Blicke und richteten sie auf die Fremdlinge.
Der Jüngling wandte sich, ehe er die Gränze der gesenkten Waffen überschritt, an den Arzt. »Der weise Hakim der Abendländer,« sagte er in arabischer Sprache »wird die Worte seines Dieners verstehen und sie nicht mißdeuten. Es ist uns das Glück geworden, die Schönheit der Königin des Ostens unverhüllt bewundern zu dürfen und es ist den Frauen unseres Volkes nicht verboten, unverschleiert zu gehen, - aber die Schönheit der weißen Rose des Nordens ist so wunderbar, daß sie die Augen meiner Brüder der Fedais blenden würde! Es dürfte gut sein, sie den Blicken der Neugierigen zu entziehen, bis sie vor dem mächtigen Scheikh-al-Dschebal gestanden hat.«
Doktor Walding hatte neben der Amhara-Sprache während seines Aufenthaltes in Indien und Abessynien genug Arabisch gelernt, um die Worte des Jünglings zu verstehen und sie der Fürstin übersetzen zu können, die sofort den kurzen blauen Schleier von dem Hut über ihr Gesicht fallen ließ. Dann erst traten sie aus dem Thurm
[68]
in den hofartigen Raum, der diesen von den Hauptgebäuden schied.
Wir haben bereits wiederholt den seltsamen Charakter dieser Gebäude erwähnt, die Mischung des mittelalterlichen europäischen Baustyls mit den leichteren orientalischen Formen und Linien; das Gebäude vor ihnen zeigte mehr den ersteren Charakter, während zur rechten Seite des Hofes eine große Mauer, gleich denen, welche die orientalischen Gebäude, namentlich die Zenanah, die Frauengemächer gegen die Straßen absperren, sich von vergitterten Fenstern unterbrochen erhob. In ihrer Mitte öffnete sich eine Pforte mit orientalischem Rundbogen, durch welche man das Innere eines Gartens sah, der auf drei Seiten einen von Pfeilern getragenen Kiosk umgab. Hohe palmenartige Bäume breiteten ihre Wipfel über sein Dach und selbst der größte orientalische Luxus, ein Springbrunnen, rundete sich in einem Becken von rothem Porphyr und ergoß in dieses aus kupfernen Röhren, wenn auch in geringer Höhe, seinen dünnen Strahl. Um den Rand dieses Beckens lagen Kissen gebreitet und neben jedem stand ein Knabe zur Bedienung der Gäste, während junge Sklavinnen nur halb verhüllt, die Arme über die Brust gekreuzt, ein Spalier von dem Springbrunnen bis zum Eingang des Gartens bildeten. Innerhalb dieses Eingangs aber stand eine Frau, in faltige blaue Gewänder gehüllt zum Empfange der Gäste bereit, Jesus führte die Fürstin zu ihr, während die Männer vorerst zurückblieben, eine andere Scene fesselte ihre Aufmerksamkeit.
Es war dies die Mauer, welche die andere Seite des
[69]
Hofes, den burgartigen Theil der Gebäude abschloß. Auch in ihrer Mitte war eine Thür weit geöffnet, doch zeigte dieselbe einen anderen Baustyl. Hier standen zwei Reihen von Männern und Jünglingen, die ersteren in grünen und schwarzen Gewändern gleich den Kriegern des Dais, welche so zu rechter Zeit an den Zufluchtsort der Gesellschaft in dem Felsenkessel des Gebirges eingetroffen waren, die anderen in gleiche weiße Gewänder gehüllt, wie der Jüngling Jesus sie trug, - durch den geöffneten Raum aber eilte eine befreundete Erscheinung, der berliner Professor den Ankommenden entgegen, zunächst seinem Zögling und seinem Mündel die Hände mit unverkennbarer Freude entgegenstreckend.
»Gott sei Dank, Mylord, daß Sie da sind und Sie meine theure Mündel und Verlobte. Ich brachte die letzten Stunden in wahrer Höllenangst zu; denn obschon dieser Ort einen wahren Berg Sesam bildet, nicht von Schätzen an Gold und Silber oder edlem Gestein, obschon es auch an solchen, so viel ich gesehen, nicht zu fehlen scheint, sondern an Schätzen der Wissenschaft, deren Besitz oder Studium nicht allein die berühmte Sammlung orientalischer und altägyptischer Handschriften, wie sie die berliner Bibliothek enthält, zur ersten der Welt erheben, sondern die Gelehrten aller andern Universitäten vor Neid blau und gelb machen könnte. Selbst die Sammlung im Vatican kommt nicht dagegen auf und was ich hier entdeckt, ist offenbar ein glücklich geretteter Ueberrest der Ptolemaër-Bibliothek. Gott was könnte dieser alte Heide oder Assassine für Schätze erwerben, wenn er den fünften Theil all dieser Pergamente
[70]
und Rollen bei uns wohlgeordnet in Katalogen zum Verkauf stellen wollte. Aber er ist nicht dazu zu bewegen, obschon er im Grunde kein ungefälliger Bursche ist und mir bereits Einiges geschenkt hat, das meinen Ruf an allen gelehrten Akademien befestigen muß. Aber dennoch, liebe Freunde gestehe ich aufrichtig meine Freude, mich wieder unter christlichen Gesichtern und in Ihrer Mitte zu sehen. Denn obschon es seit unserer Trennung mir weder an leiblicher noch körperlicher Nahrung gefehlt hat, herrscht hier doch ein so unheimliches und bedrohliches Wesen, daß ich mein unbedeutendes Leben selbst in jenem Zelt des gefürchteten Negus Theodor für sicherer gehalten habe, als in diesem Schloß. Sie werden einen finstern und wortkargen Kauz an diesem alten Assassinenfürsten finden, lieber Doktor, und wenn mich der wackre Knabe Jesus nicht so hoch und theuer versichert hätte, daß ich unbesorgt zurückbleiben könne, würde selbst der Gedanke an den schaudervollen Weg, den er mich hierher führte, mich nicht gehindert haben, ihn wieder zurück zu schreiten! Nun Mylord, lassen Sie mich Sie in jene Halle führen, die der alte Räuber als seine Bibliothek anzusehen scheint, obschon eine Unordnung darin herrscht, die nicht zu beschreiben ist - aber, wo führt der junge Assassine unser schönes Mündel hin und auch mein lieber Schüler Doktor Walding ist nicht mehr hier ...«
In der That hatte auf einen Wink der Frau am Eingang des Gartens der Knabe Jesus die Fürstin und den Arzt zu ihr begleitet. Lord Walpole war ihnen gefolgt, und der kleine Professor sah daher das Auditorium
[71]
für seine gelehrten Entdeckungen auf den Trapper beschränkt, von dem er aus Erfahrung wußte, daß er kein dankbarer Zuhörer für seine Gelehrsamkeit war.
»Es ist Mariam, die Pflegemutter des Knaben Jesus,« sagte dieser, »und die weise Frau der Hosseini, sie versteht die Sprache der Franken und auf ihren Rath geschah es, daß der Fürst den ersten und den jüngsten seiner Diener in die Wüste sandte bis zur Straße der Karawane zum Nil, um einen arabischen Einsiedler zu suchen, der in dem Rufe steht, alle Krankheiten heilen zu können gleich den Hakims der Franken. Aber die Hütte des Hadschi stand leer, und wir mußten unverrichteter Sache heimkehren, als Allah uns den Hakim finden ließ.«
Doktor Walding wußte sehr wohl, daß unter den ruchlosesten Freigeistern der mohamedanischen Sekten die Verehrung der sogenannten weisen Frauen eine große Rolle spielt, und der Aberglaube ihnen allerlei Zauberkräfte, namentlich das zweite Gesicht oder die Gabe der Weissagung zuschreibt. Aber die Frau, die vor ihnen stand, machte doch einen ganz besonderen Eindruck auf ihn.
Sie war alt, ihr Antlitz verwittert und faltig, aber es zeigte jenen Schnitt, der es unzweifelhaft machte, daß sie nicht von den Urbewohnern des Landes abstammte, wie deren Physiognomieen sich noch in den Hieroglyphen zu Theben, Memphis und in anderen berühmten Ruinenstädten finden. Trotz ihrer, vor Alter und Leiden gebeugten kleinen Gestalt lag doch in ihrer Haltung etwas Edles, und ihre Stimme war sanft, als sie in einer hauptsächlich mit französischen Worten gemischten Lingua-franca zu der
[72]
Fürstin sprach: »Sei gegrüßt, Kind einer anderen Zone. Mariam sehnte sich, ehe sie den großen Scheich des Gebirges auf seiner letzten Reise begleitet, eine Tochter der Völker zu sehen, die an das Kreuz glauben, und deren Söhne mit ihr sprachen, als sie jung war.«
»Du redest von den Franzosen,« entgegnete die Fürstin, »deren Krieger vor langen Jahren Unteregypten eroberten. Sprichst Du noch von der Zeit des großen Napoleon?«
»Ich rede von der Zeit der großen Schlacht an den Pyramiden. Meine Augen haben Viel gesehen, aber seit mehr als fünfzig Jahren sind sie nicht über Glengarab hinausgedrungen.«
»Vielleicht eine Jugendliebe mit einem der französischen Soldaten des Consuls,« bemerkte die Fürstin auf Englisch zu dem Lord. »So etwas vergißt sich nicht. Du trägst einen christlichen Namen, Frau?« fuhr sie fort. »Nannte dieser Jüngling Dich nicht Maria oder Mariam, und sicher gabst Du ihm den seinen.«
»Es war der Name meiner Mutter, die eine Christin war, ehe sie zum Koran schwor. Der Scheich Johannes, der mit der Schärfe des Schwertes mich raubte und zu seiner Kadun machte, hat den Knaben gleich Moses an dem Ufer des rothen Meeres gefunden und ihn mir gegeben, deren Schoos unfruchtbar bleiben mußte. Der Scheich Johannes hat alte Schriften, die von den Lehren des Kreuzes erzählen, und hat den Knaben selbst sie lesen gelehrt. Aber ist dies der fränkische Hakim, schöne Jungfrau?«
»Ich bin ein fränkischer Arzt.«
[73]
»Dann mögest Du eilig eintreten zu dem Fürsten, denn es wird gut sein, daß Du mit ihm gesprochen und seine Schmerzen gelindert hast, ehe Eure Feinde die Burg betreten haben, wie mir Jesus berichtet. Er wird Dich zu ihm führen, während die Franken-Jungfrau und ihr Verlobter bei Mariam bleiben und die Erfrischungen annehmen, die sie ihnen zu bieten hat.«
Die Fürstin erröthete, als die Khanum sie als die Verlobte des Lords bezeichnete und ein seltsamer Blick streifte den Briten, doch sie hielt es nicht der Mühe werth, die fremde Frau erst über ihr Verhältniß näher aufzuklären, und folgte ihr zu dem Springbrunnen, während der Jüngling den Arzt zu einem anderen Theil des Gebäudes, der gleichfalls an den Garten stieß, geleitete.
»Halten Sie Ihren Freund Hassan einige Minuten auf, bis ich mich von dem Zustande des Kranken überzeugt habe,« sagte Walding im Vorübergehen zu der Fürstin. »Und Ihnen, Mylord, wiederhole ich die Bitte, in keinem Fall den Schutzbrief aus den Händen zu geben. Der Mann hatte Recht, als er uns sagte, wir befänden uns hier im Rachen des Löwen und ich will mich erst überzeugen, ob und was wir zu fürchten haben.«
Es waren in der That ernste Sorgen, welche die Gedanken des jungen Engländers erfüllten, und doch nahmen sie dieselben nicht gänzlich in Anspruch, vielmehr mußte er immer wieder an das Erröthen der Sibirianka und den eigenthümlichen Ausdruck ihres Blicks denken, als dieser ihn traf. Doch fühlte er die Nothwendigkeit, auf die Lage, in welcher sie sich befanden, alle Geisteskraft zu concentriren,
[74]
und von der alten Khanum so viel als möglich über den Charakter des Mannes zu erforschen, von dem ihre Sicherheit abhing.
Auf einen Wink der Frau brachten die Sklavinnen, die sie empfingen, Scherbeth, Kaffee und Backwaaren nebst Nargilehs, deren durch parfümixte Wasser gezogene Schläuche mit den angerauchten Bernsteinspitzen sie sowohl dem Viscount, wie auch der jungen Sibirianka und der Khanum knieend überreichten. Die Letztere schien voll Kummer über den Zustand ihres kranken Gatten. Mit der Erkundigung nach diesem eröffnete der Lord das Gespräch in französischer Sprache, welche sie aus den Tagen ihrer Jugend wenigstens zu verstehen schien.
»Ist der Scheikh al Dschebal, den man den Herrn des Gebirges nennt, reich an Jahren wie unsere Freundin Mariam?«
»Zehn Ueberschwemmungen des Nils mehr haben sein Haupt gebleicht, doch die Männer dieses Landes werden alt, wie ich in den Ueberlieferungen der Christen gelesen habe, während die Frauen die Jahre und die Leiden niederbeugen. Die Männer von hundert Jahren sind nicht selten in diesem Thale, wenn das Schwert nicht ihr Leben verkürzt. Der Scheich Johannes schwang noch vor einem Monat die Streitaxt gegen die Ungehorsamen, aber Krankheit hat seine Kraft gelähmt und seine Tage gezählt. Die Hosseini scheuen den Tod nicht, dem alles Erschaffene unterliegt. Aber sie fürchten das Krankenlager, das ihre Kraft lähmt.«
»Der Hakim, den Dein Pflegesohn hierher geführt
[75]
hat, ist ein kluger Mann; wenn Allah es gestattet, wird er sicher den Scheich heilen. Ich sah ein Beispiel seiner Kunst an Einem aus Deinem Stamm in Massauah. Er stellte den Knaben in den Stunden einer Nacht von gefährlicher Krankheit her.«
»Allah gestatte es. Warum nennst Du den Geheilten als Einen aus meinem Stamm?«
»Er ist ein Beduine der Wüste aus dem Geschlecht der Meliden, wie ich zufällig hörte, der unter dem Stamm der Djebel-Abu-Bianah lebt. Ich habe seinen Oheim, den Scheich Abdul-Beckr gedungen, unsere Reisegesellschaft durch die Wüste bis zum Nil zuführen; er verblieb wegen der Schwäche des Knaben noch zwei Tage in Arkiko und wir wollten ihn an dem Felsen treffen, den man die Nadel der Wüste nennt, wenn uns nicht die Verfolgung einer feindlichen Schaar von unserem Wege abgedrängt hätte.«
Die Erzählung des jungen Engländers war wie zufällig, aber ihre Wirkung um so überraschender.
Die alte Khanum hatte ihr Nargileh den welken Lippen entfallen lassen und sich mit der Elasticität eines jungen Mädchens von ihrem Kissen erhoben. »Fremdling, Christ,« sagte sie, »Du hast den Stamm Abu-Bianah genannt - sprachst Du die Wahrheit, sind Kinder desselben in der Nähe dieses Thales?«
»Ich hoffe sie in der Wüste zu treffen. Ein Mann des Stammes ist sicher bei meinen Begleitern an der Stelle, an welcher uns der Knabe Jesus getroffen hat. Doch kann Dir der Hakim, der zu Deinem Gatten gerufen
[76]
ist, Näheres darüber sagen. Von ihm hörte ich die Namen unserer Führer.«
»Allah segne Dich, Fremdling,« sagte die Alte, - »Du hast dem Herzen einer alten Frau noch vor den Pforten des Grabes eine Freude bereitet, indem Du ihr von ihrem Geschlecht erzähltest; denn wisse, Du hast es errathen, die Khanum Mariam ist eine Tochter des Stammes der Bianah, und der Name Abdul-Beckr ist erblich in meiner Familie, die das Haupt ist des Stammes. Es soll Dir nicht unvergolten bleiben und Mariam wird Sorge tragen für die Sicherheit jedes Haares auf Eurem Haupt. Du hast das Teskareh mit dem Siegel der grünen Schlange?«
»Ich habe den Geleitschein des Scheikh-al-Dschebal. Sollte uns Gefahr drohen!«
»Das Wort eines Assassinenfürsten ist heilig - aber sorge dafür, daß wenn Du vor ihm erscheinst, er das Siegel des Ringes, den er an dem Zeigefinger seiner linken Hand trägt auf das Pergament drücke - dann hast Du Nichts zu fürchten und wenn Du seinen Sohn erschlagen hättest. Ich werde die alten Augen offen halten über Dir und dieser Christenjungfrau, Deiner Verlobten.«
Unwillkürlich ruhte wiederum das Auge des Engländers spähend auf den Zügen des jungen Mädchens, aber dieses schien diesmal selbst das verrätherische Wallen des Bluts in ihrer Gewalt zu haben und kein Zeichen verrieth ihr Verstehen. Zugleich hörte man das Blasen des Hornes, auf welches sich die Zugbrücke senken sollte und von der Seite der Gebäude her sah man eilig Jesus zurückkommen.
»Das ist der Dailkebir Hassan,« sagte hastig die
[77]
Khanum und fügte halblaut hinzu: »Hütet Euch vor ihm, denn sein Herz ist härter wie die Steine dieses Felsens und sein Ehrgeiz unermeßlich. Der Knabe hat mir gesagt, daß die Hand dieser Jungfrau sein Leben gerettet und er ist nicht gewohnt, eine Niederlage zu vergeben. Ich wünsche, daß Ihr fern von hier sein mögt, ehe der Ring, der die Macht über Leben und Tod giebt, in seine Hand übergeht. Sprich Jesus, ist der Hakim noch bei dem Fürsten?«
»Der Herr und Gebieter verlangt die Fremden von jenseits der Meere mit eigenen Augen zu sehen. Der weise Hakim hat ihm einen wunderbaren Trank bereitet, der Brust und Herz ihm frei macht. Die Khanum soll die Fremden begleiten.«
»Wohlan denn,« sagte diese, »so laßt uns nicht zögern. Der Herr des Gebirges ist gewöhnt, seine Worte zur Stelle erfüllt zu sehen. Eilen wir, ehe der Dailkebir Eure Feinde zur Stelle bringt. Jesus möge Euren Begleiter rufen.«
Auf diese Mahnung zögerten auch der Lord und seine schöne Gefährtin nicht und folgten ihrer Führerin in das Innere der Burg, wo ein schmaler Gang sie zu einem mit großen Quadern gepflasterten Hofraum führte, um dessen Seiten eine offene von Bogen getragene Halle lief, deren Pfeiler und Wände mit einer großen Zahl von theils sehr alten und eigenthümlich geformten Waffen und den Köpfen und Fellen wilder Thiere geschmückt waren. Der breite Kopf des Elephanten mit den riesigen Stoßzähnen wechselte hier mit dem plumpen Schädel des Rhinoceros und dem breiten Gebiß des Nilpferdes oder den
[78]
langen Kiemen des Krokodils, während die gewundenen Hörner der Antilopen die Zwischenräume füllten. Zwei grimmige menschenähnliche Geschöpfe rasselten an den Ringen einer kupfernen Kette, deren Metall die tiefen Spuren der Kraft ihrer Gebisse trug, während ihre Hände mit langen adlerartigen Krallen versehen, sich drohend gegen sie ausstreckten und ein heiseres Bellen sich dem ungestalten Munde entwand. Es bedurfte in der That eines zweiten Blickes des Lords, der wie zum Schutz vor die Fürstin trat, um ihn zu überzeugen, daß diese seltsamen Wächter des kranken Assassinenfürsten zwei große Affen waren, deren mächtige Gebisse sie Menschen wie Thieren zu gefährlichen Gegnern machen. Der Lord erinnerte sich, daß sein gelehrter Freund bereits auf ihrem Zuge durch das Gebirge von dem Vorkommen dieser Geschöpfe, der Hamadryaden oder Mantelpaviane, gerade in diesem Gebirge erzählt hatte, obgleich sie ihnen noch nicht zu Gesichte gekommen waren. Der Wink ihres Reisegefährten des Arztes, der auf einer Matte neben einem Greise saß, entfernte jedoch jede Besorgniß und rief sie näher herbei, nachdem Jesus mit einer bloßen Bewegung der Hand die grimmigen Wächter zurückgescheucht hatte, daß sie sich hinter den Säulen verbargen, an die sie mit ihren Ketten befestigt waren.
Weder die Fürstin noch der Lord erinnerten sich, jemals ein so ehrwürdiges und friedliches Greisenantlitz geschaut zu haben, als sie hier vor sich sahen, und konnten unmöglich glauben, daß dies der gefürchtete, durch hundert blutige
[79]
Thaten berüchtigte Fürst der schlimmsten Räuber der Wüste, der Scheikh al Dschebal sein sollte.
Der auf einem Lager von Matten ruhende oder vielmehr sitzende Greis mochte wohl achtzig Jahre zählen, und sein ruhiges ernstes Gesicht war von einem langen weißen Bart umrahmt, dessen Locken bis auf seinen Gürtel herabfielen. Seine Gestalt war hager und klein, die auf der Decke ruhenden Hände lang, schmal und wohlgeformt. An dem Zeigefinger der Linken bemerkte der Lord, der alsbald darauf achtete, einen Siegelring mit einem grünem Stein, wie er sich durch Zufall erinnerte, an der Hand des französischen Kaufmanns Labrousse einen ähnlichen gesehen zu haben an dem Tage, als der Abgesandte des Negus an den Bord des Veloce in der Bai von Arkiko kam und er das Schiff verließ. Dies veranlaßte ihn noch mehr, die Warnung der Khanum zu beachten und die erste Gelegenheit hierzu zu benutzen.
Das Gesicht des Greises zeigte einen ruhigen Ausdruck, der jedoch von Zeit zu Zeit durch ein Zucken des Schmerzes oder einer gewissen Beängstigung unterbrochen wurde, das um seinen Mund flog und eine Röthe über seine sonst blasse Stirn stiegen machte. Es trug sonst den Charakter der Milde und einer gewissen Güte und ein solcher sprach auch in dem ernsten und wohlwollenden Blick des dunklen klugen Auges.
Die Khanum war alsbald nach dem Eintritt mit ruhigen, leisen Schritten zu ihrem Gatten getreten und an seiner anderen Seite niedergekauert, mit aufmerksamen, besorgten Augen ihn und die Miene des Arztes prüfend,
[80]
dessen Finger an dem rechten Handgelenk des Kranken lagen und seinen Puls beobachteten, Jesus aber war bis zu dem Rande des Teppichs geschritten und hatte sich dort zu den Füßen des Greises, die Arme über die Brust kreuzend, in demüthiger Stellung auf die Knie niedergelassen.
»Möge der Schatten des großen Herrn des Gebirges noch lang sein! Hier sind der Beisädih und die weiße Königin, denen unser Gebieter seinen Schutz zugesagt hat.«
Der Blick des Assassinenfürsten wendete sich jetzt zum ersten Mal von dem Arzt und richtete sich auf die Fremden, deren Aeußeres seine Theilnahme zu erwecken schien. Er neigte das Haupt mit dem gewöhnlichen orientalischen Gruß: »Seid willkommen in der Burg des Priesters Johannes,« sagte er mit wohllautender, noch kräftiger Stimme. »Du bist ein Beisädih, ein Mann aus dem Lande des Melec Ric, der vor tausend Jahren ein Freund und Gefährte der Assassinen war.« Sein Auge schweifte dabei über den Lord hinweg nach dem Mann, der ihnen gefolgt war, Ralph dem Bärenjäger.
Doktor Walding lächelte. »Du irrst, mächtiger Fürst,« sagte er in demselben Idiom der lingua franca, dessen sich der Kranke bedient hatte. »Der Lord ist der jüngere Mann und dort der Riese zwar eigentlich auch ein geborner Engländer, wenigstens von demselben Blut, aber nur der Diener des englischen Herrn.«
»Mein Auge hat nicht mehr die Schärfe der Jugend. Ich glaubte nur, ein Ritter aus dem Blut des Königs Ric müßte einer der gewaltigen Kämpen sein, die Waffen
[81]
zu schwingen vermögen, wie sie dort zur Erinnerung an unsere Väter und die seinen an der Mauer hängen, deshalb wünschte ich ihn zu sehen. Du hast den Teskareh des Fürstin der Gebirge erhalten, Franke, Dein Leben und Eigenthum sind sicher in dem Gebiet des Scheikh-al-Dschebal auf der Wanderung zum Nil. Du hast zwei weise Männer in Deiner Begleitung. Der eine kennt die Sprachen der Vorzeit, der andere ist ein großer Hakim und hat mir gesagt, daß meine Stunde gekommen ist, und der Ring an meiner Hand bald den Gebieter wechseln muß.«
Der Lord erschrak bei dieser Unvorsichtigkeit des Arztes, die er für ihre Lage unnütz gefährdend hielt. Aber der Fürst schien seine Besorgniß zu errathen und lächelte. »Glaubt der Inglese, daß der Herr der Hosseini selbst den Tod fürchtet, den sein Volk verachten gelernt hat? Noch ist der Augenblick nicht gekommen, wie mich Dein Freund, der Hakim, versichert hat und er verspricht bis dahin die Schmerzen von dem Lager eines Kriegers fern zu halten, die seinen Geist trüben. Sieh dieses Weib und diesen Knaben an, sie wissen, daß der Tod bosch, Nichts ist und würden jeden Augenblick ihn sich selbst geben, wenn ich es ihnen geböte.«
Der Lord sah mit einem gewissen Zweifel auf die alte Frau und den blühenden Jüngling.
»Du zweifelst, Inglese? Hat der große König Deines Volkes gezaudert, das Leben seiner Krieger zu opfern und das seine den Säbeln und Speeren der Sarazenen preis zu geben?«
»Ich habe genug von der Todesverachtung der Krieger
[82]
Deines Stammes gehört,« sagte der Lord, »und weiß, daß auch den Männern und Soldaten meiner eigenen Nation weibische Furcht für das Leben fremd ist. Aber großer Fürst, es ist doch ein Anderes, im Kampf für Ruhm, Ehre und Pflicht das Leben zu opfern, als zwecklos und ohne Ehre.«
Es zuckte wie ein Blitz aus dem bisher so milden und ruhigen Auge des Kranken. »Warum zwecklos? ist der Beweis des Gehorsams keine Pflicht? - Sieh auf jene Zinne! - Der Sohn der Hozeini, der dort oben Wache hält, hat ein Leben wie Du, und seine Jahre sind wenige mehr, als dieser Knabe sie zählt; Du sollst den Gehorsam eines Hozeini kennen lernen.«
Ehe der Lord oder der Arzt ein Wort zur Beruhigung des Kranken sprechen konnten, hatte dieser ein silbernes Pfeifchen, das neben ihm auf der Platte eines niederen Tisches lag, die mehre Becher und Schaalen trug, an seine Lippen gesetzt und einen schrillen Pfiff ertönen lassen.
Der Mann, der auf der Höhe der Mauer stand, wandte sich sogleich nach dem Innern des Hofes, dem er bisher den Rücken zugewendet, und beugte horchend das Haupt nieder.
Der furchtbare Herr seiner Sekte, der selbst, wie er ja eben gesagt hatte, an der Pforte der Ewigkeit stand, stieß einen lauten gellenden Schrei aus, dessen Worte und Bedeutung die Fremden nicht verstehen konnten, obschon sie bemerkten, daß er sowohl die Khanum als den Knaben Jesus leise erzittern machte. Im nächsten Augenblick, als der Engländer und mit ihm seine Reisegefährten den Blick
[83]
mit neugierigem Entsetzen zu der Höhe der Mauer hob, sahen sie den wachehaltenden jungen Assassinen die Arme in die Luft heben und ihn plötzlich, als hätte der leere Raum ihn verschlungen, von seinem Posten verschwinden.
Der Scheich hatte sich auf seinem Elbogen von dem Sitz emporgerichtet. »Die Geier werden die Gebeine eines Tapfern abnagen, er hat den Ruhm des Gehorsams!« sagte der Furchtbare in demselben Ton - »die Kinder von Frangistan mögen sie suchen in den Steinklippen am Fuße von Gengarab. Reich mir Deinen Trank, Hakim, der Schmerz kommt wieder!«
Mit Entrüstung war der wackere Arzt empor gesprungen und hatte die Hand des furchtbaren Mannes von sich geschleudert. Auch in den Augen des Engländers und selbst in den Bewegungen des an plötzliche entsetzliche Thaten und Anblicke gewohnten früheren Dieners des indischen Tyrannen spiegelten sich Entsetzen und Unwillen. Nur die Fürstin, wenn auch leicht erblassend, sah mit einem gewissen Interesse, das eher neugieriger Bewunderung, als Abscheu glich, auf den Greis, der bisher so milde und ruhig geschienen, und die Khanum und Jesus beugten noch tiefer ihr Haupt.
»Das ist eine ruchlose Probe Eures furchtbaren Glaubens,« sagte unwillig und furchtlos der Arzt. »Sie möge über Dein Haupt kommen, grausamer Mann. Dieses unnütze kaltblütige Morden ist schlimmer als alle Leidenschaft und trunkene Wuth des Negus war. Höre mich an, Fürst - noch eine solche Erregung Deines Blutes und Deiner Nerven, und das Ereigniß, das ich Dir auf Dein
[84]
Gebot erst nach Wochen oder Tagen als tödtlich voraussagen konnte, kann im Augenblick eintreten und Deinem Leben ein Ende machen.«
Der Furchtbare wandte sich so gleichgültig nach ihm, als sei nicht das Geringste geschehen und streckte ihm das Handgelenk seiner Rechten entgegen. »Fühle den Puls, Hakim, ob mein Blut rascher schlägt? Was ist der Tod eines Sklaven, wenn es gilt, den Gehorsam Aller zu beweisen? - Wenn der Mann dort, dessen Gestalt die Kraft des Melec Ric verkündet, noch einen Schritt weiter zu dem Pfeiler tritt, wird er leicht Gelegenheit haben, seine Stärke an den Zähnen eines schlimmen Feindes zu erproben, die oft härter sind als Stein und Metall. Reich mir Deinen wunderbaren Trank, Christ - die Aerzte der Moslems sind Unwissende und Lügner.«
Während der Arzt unter dieser furchtbaren Ruhe sich beugend der Khanum bedeutete, ihm eine der Trinkschaalen mit Wasser zu reichen, - war auch der Trapper Ralph einer großen Gefahr entgangen, denn als er auf die warnende Bewegung des Scheich sich umwandte, sah er, daß er den langen Armen des großen Affen, der an die rechte Säule gekettet war, zu nahe gekommen, und daß die Bestie im Begriff war, ihn zu fassen und in den Bereich seines gefährlichen Gebisses zu zerren, dessen lange Fangzähne in der That stark genug sind, Steine zu zermalmen. Ein Faustschlag des unerschrockenen Jägers traf so gewaltig den Schädel des Thieres, daß es heulend zurück- und sich hinter dem Pfeiler verkroch, während der
[85]
kranke Mann ganz seinen bisherigen Ernst vergessend, so herzlich lachte, daß sein Körper schütterte.
»Ich dachte es mir gleich, daß die Kraft des Melec Ric in diesen Gliedern wohnt,« sagte noch immer lachend der Scheich; - »reich dem Mann die goldene Spange um Deinen Arm, Mariam zur Belohnung für seinen Schlag. - Freund, ich muß Dich kämpfen sehen mit einem würdigeren Feind, ehe Du von Gengarab gehst, oder Eblis mich ...«
Er vollendete nicht, sondern fuhr mit beiden Händen nach dem Herzen und einer der vorhin erwähnten Krämpfe schien seine Stirn zu röthen - seine Augen wandten sich ängstlich nach dem Arzt, der hastig aus einer kleinen Phiole, die er bereits in der Hand hielt, einige Tropfen in das Wasser der Schaale goß und diese ihm zum Trinken reichte. Der Kranke leerte sie und schien sich darauf eben so rasch zu beruhigen, wie der Anfall plötzlich gekommen war.
»Bei meinem Ring, Hakim,« sagte er tief aufathmend, »die Kraft Deiner Tropfen ist wunderbar. Ich werde Dir einen Beutel voll Theresienthaler für diese kleine Phiole und ihren Inhalt geben. Ich weiß, die klügeren Franken-Hakims lieben das Gold so gut wie die Dummköpfe der Moslems.«
Das Auge der Fürstin war zufällig während dieser Worte auf die alte Khanum gerichtet, und mit Erstaunen sah sie, wie diese warnend einen Finger erhob. Sie erinnerte sich der Mahnung, welche die Frau ihnen ertheilt und mit raschem Verständniß rief sie dem Lord zu: »Bei
[86]
unserer Sicherheit, Mylord, lassen Sie unseren Freund die Arznei nicht aus der Hand geben, bis Sie dieses Ungeheuer gezwungen haben, seinen Ring unter Ihren Geleitschein zu drücken.«
Der Arzt, der ihre halbgeflüsterten Worte gehört, sah fragend den Lord an und zog die Phiole zurück.
»Die Tropfen würden Dir Nichts nützen, wenn Du nicht ihren Gebrauch kennst, Fürst,« sagte er ruhig. »Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, Sie zu fragen, Mylord, ob der Teskareh, den ich Ihnen sandte, vollkommen in Richtigkeit ist? ich schrieb ihn in der Amharasprache und auf Englisch nur mit kurzen Worten nieder und der Scheich unterzeichnete ihn.«
Der Viscount zog das Pergament aus seiner Brusttasche und entfaltete es. »Das Pergament trägt allerdings eine Unterschrift - aber ich wünsche, daß es in meiner Gegenwart auch mit jenem Ringe unterzeichnet werde, den dieser Mann an dem Finger seiner linken Hand trägt und dessen er bereits zweimal erwähnt hat.«
»Sie haben Recht, Mylord, - er soll es thun, - bei Gott, Sie haben meinen Rath über Vorsicht besser beherzigt, als ich selbst.« Die Worte waren in englischer Sprache gewechselt worden und er wandte sich jetzt wieder in der Lingua-franca zu dem Kranken. »Mein Freund,« sagte er, »bittet Deine Hoheit, daß Du zu seiner Beruhigung in seiner Gegenwart Deine Unterschrift anerkennst und sie mit dem Siegel an Deiner Hand bestätigst.«
Das sonst so ruhige und offene Gesicht des Assassinenfürsten nahm plötzlich einen fast wilden Ausdruck an und
[87]
aus seinen Augen loderte ein unheimlicher Strahl. »Ist dieser Beisädih toll geworden,« sagte er, »daß er an dem Wort des Gebieters der Hosseini zweifelt? - Aber welcher Mund ihm auch sein Verlangen gerathen, oder ob sein Engel es ihm eingegeben hat, der Hakim soll sehen, daß ich ihm dankbar bin. Zünde das Wachs an, Khanum, damit ich den Wunsch dieses mißtrauischen Franken erfülle.« Es war, als ob die alte Frau auf diesen Befehl gewartet hätte; denn rasch brachte sie Wachs zur Stelle und rief dem Knaben, ihr eine der in einem Becken glimmenden Kohlen zu reichen, mit der sie das Wachs erweichte und auf den leeren Raum unter dem Namen tropfte, wo in der That das Siegel fehlte. Das Gesicht des Greises blieb finster und drohend, bis er mit einem raschen Zug den Stein seines Ringes, ohne diesen vom Finger zu lassen, auf das Wachs gedrückt und das Pergament dem Arzt gereicht hatte, dann aber kehrte eben so schnell der frühere Ausdruck von Güte und Wohlwollen darauf zurück. »Da nimm und bewahre es wohl; denn, woher Dir auch der Gedanke gekommen, mit diesem Siegel darf kein Haar auf Deinem Haupte gekrümmt, kein Faden Eures Eigenthums Euch entfremdet werden, so lange Ihr auf dem Gebiete weilt, das die grüne Schlange regiert. Seid unbesorgt, Fremdlinge und erzählt dem Priester Johann von Euren Erlebnissen, denn er hört gern von fernen Ländern und den Einrichtungen der Menschen. Bist Du die Frau, die den Löwen des Prahlers Theodor getödtet, der sich thörichter Weise den König der Könige nennt? Dein Muth hat einen der Stolzesten meiner Krieger
[88]
gerettet, doch Du sollst Gelegenheit haben, Dich zu überzeugen, daß er den Löwen nicht fürchtet im Kampf. Wären diese Glieder noch jung und kräftig, würde ich Euch selbst zur Jagd auf die wilden Thiere dieses Gebirges begleiten, wenn Ihr Freude habt an den Aufregungen der Jagd. Ist der Dailkebir Hassan bereits zurückgekehrt? Ich möchte ihm danken, daß er mir diesen Hakim und seinen Freund gesandt hat!« Es lag wie ein leichter Spott bei dieser Erwähnung auf den Zügen des obersten Fürsten.
»Der Dailkebir Hassan, unter dessen Befehl Du mich zur Wüste sandtest,« sagte der Jüngling ehrerbietig, »harrt mit zwei andern Fremdlingen vor dem Eingang der Halle der Gerechtigkeit, um sie vor das Antlitz unsers Herrn zu führen.«
»Wallah,« gebot der Scheikh. »was denkst Du, Knabe? Hassan ben Simson wartet schon zu lange auf den Tod seines Oberherrn, um seine Geduld mit andern Dingen auf die Probe zu stellen. Sprich, Hakim, Du hast mir versprochen, daß jener Schmerz in meinen Eingeweiden nur einmal zurückkehrt, während die Sonne ihren Weg macht. Ist es für heute vorüber?«
Der Arzt hatte den Puls des Kranken gefühlt. »Wenn Du meinen Vorschriften folgst, wird die Krankheit innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden Deinen Geist nicht trüben, Fürst. Doch erinnere Dich, daß die Fristen sich mit jedem Anfall verkürzen.«
»Wallah, ich fürchte das Ende nicht und brauche nur die Zeit zur Erfüllung meiner Gebote. Laß den Dailkebir
[89]
eintreten und vertreibe die Wächter, denn Du weißt, daß ihre Wildheit sich jedesmal verdoppelt in seiner Nähe.«
Der Jüngling erhob sich und bedrohte einfach mit einer Handbewegung die beiden Thiere, als er zwischen ihnen hindurchging. Es war, als ob sein sanftes und mildes Wesen seinen Einfluß selbst auf solche Bestien übte. Denn sie zogen sich mit gedämpftem Bellen in ihre gewöhnlichen Verstecke gehorsam zurück. Jesus hob den Teppich, der den Zugang schloß und kam nach wenigen Minuten zurück, ihn bescheiden vor seinem früheren Begleiter und dessen Gefährten zurückschlagend.
Selbst der stolze und feste Schritt des hohen Würdenträgers mäßigte sich, als er in die Nähe des kranken Gebieters Aller trat und mit der gleichen Demuth wie der Fedais das Knie vor ihm beugte. Doch blieb es weder dem Arzt noch dem Lord unbemerkt, daß dabei ein scharfer Blick das Aussehen des Kranken überflog, gleich als wolle er die Fortschritte der Krankheit messen, und ein gewisses Erstaunen über die neue Erstarkung der welken Gestalt zeigte.
»Der Herr des Gebirges sei gegrüßt,« sagte der Großoffizier. »Meine Augen sehen mit Freuden, daß dieser Hakim ein gelehrter Mann ist, dessen Wissenschaft unserem Gebieter noch viele Jahre der Kraft verspricht. Eblis ist von Deinem Haupt gewichen, und ich danke Allah um so mehr, als Deine Weisheit wichtige Dinge zu hören und zu entscheiden haben wird, wenn diese Ungläubigen Deine Nähe verlassen haben. Hier ist Dein Bote von Stambul, den ich auf dem Wege traf, und ein
[90]
berühmter Krieger des Negus, unseres Feindes, der ein stiller Geweihter der Hosseini ist, wenn er auch bisher sein Angesicht in Gengarab nicht zeigen durfte und erst jetzt kommt, den Staub vor den Füßen unseres Herrn zu küssen und seiner Weisheit eine Mittheilung zu machen, die mich bewog, ihn vor Dein eigenes Angesicht zu führen.«
Das Auge des kranken Fürsten winkte nach dem dritten Begleiter des Dailkebirs. »Und wer ist Jener dort? Ist er ein Gefährte der Fremdlinge jenseits der Meere, daß Du ihn nach Gengarab führst?«
»Er ist ein Franke wie sie, aber ihr Feind, und er kommt, Deine Gerechtigkeit zu erbitten gegen jene Männer, die Deines Schutzbriefes genießen, so lange sie im Lande der Hosseinis sind. Er wünscht mit dem Inglese zu kämpfen, der ihn beleidigt hat und ihm ein Weib, seine Verwandte wieder zu entreißen, das jener aus seinem Schutz entführt hat.«
Obschon der Bericht des Dailkebir in jener Sprache erstattet wurde, die selbst dem Arzt und seinem gelehrten Landsmann unbekannt war, hatten doch die Geberden die Reisenden erkennen lassen, daß mit den letzten Worten von der Fürstin und dem Lord die Rede war, und der Arzt wollte eben für die Vertheidigung seiner Reisegefährten eintreten, als die kurze Entscheidung des Patriarchen, die in der Lingua-franca gefällt wurde, ihn dieser Mühe überhob.
»Ist der Franke ein Narr oder ein ungeduldiges Mädchen, welches auf den Mann harrt, daß er nicht warten kann mit seinem Streit, bis diese Fremdlinge über die Grenzen unseres Schutzbriefs sind? Was geht uns ihr
[91]
Streit an? Du hast thöricht gehandelt, Hassan, ihn hierher zu bringen. Schick ihn fort und möge er warten lernen, bis seine Zeit gekommen ist. Diese Fremdlinge stehen unter dem Schutz des Ringes!«
»Der Beisädih,« sagte der Dailkebir, »möge es mit seiner Ehre abmachen, ob er die Aufforderung dieses Franken zum Zweikampf erfüllen mag oder nicht, da derselbe verrätherisch an ihm gehandelt hat. Ich hätte ihn nicht vor Dein Angesicht geführt, wenn sein Zeugniß nicht wichtig gewesen wäre in Betreff der seltsamen Angabe, welche dieser Mann aus Habesch von dem Ringe macht, der dem Scheich al Dschebal die Herrschaft giebt über das Volk der Hosseim. Lasse diese Fremdlinge abtreten, ihre Ohren brauchen nicht die Geheimnisse unseres Glaubens zu hören.«
Der Scheich dachte einige Augenblicke nach, dann machte er eine ablehnende Bewegung. »Nein,« sagte er endlich, »die Homairi haben Nichts zu fürchten. Auch versteht keiner der Fremden unsere Sprache, selbst der Mann der Bücher nicht. Rede.«
»So zeige dem Gallas, der ein Refik ist, wie ich erprobt, den Ring, den Du trägst, damit er seine Lüge erkenne und dafür den Tod erleide.«
Der Scheich streckte seine linke Hand aus gegen den Dedschas des Negus, der sie aufmerksam betrachtete und dann demüthig zur Erde sank, den Boden mit seiner Stirn berührend.
»Möge das Weltall mich ausstoßen zur ewigen Vernichtung, wenn ich die Unwahrheit rede. Deine Hand trägt
[92]
den Ring mit der grünen Schlange. Aber ich schwöre bei unserem Glauben, daß ich denselben Ring vor vier Sonnen an der Hand eines Anderen gesehen, und dieser mir befohlen hat bei der Macht, die ihm durch den Ring geworden, diesen Fremden zu folgen und den Beisädih zu tödten und Alle, die mit ihm sind.«
»Soll ich ihn erschlagen für den Koth, den er spricht?« frug wild der Dailkebir. »Es giebt nur einen Ring, der die Gewalt verleiht, so wahr es nur einen Weltgeist giebt.« Er griff nach dem Dolch an seinem Gürtel.
»Halt ein!« gebot der Patriach. »Du vergißt, Dailkebir Hassan, daß Du nach unseren Satzungen nicht das Recht über das Leben eines Wissenden im vierten Grade4 hast, wenn ein Höherer denn Du zugegen ist. - Kannst Du mir sagen Refik, woher der Mann kam, der Dir den Ring gezeigt hat?«
»Er kam über das Meer von Osten her. Er ist mit dem Schiff dieser Franken in Arkiko gelandet; bis auf den Hakim hier waren sie Alle in seiner Begleitung.«
Der Scheikh wandte sich zu diesem. »Du siehst, Hassan, daß es gut war, die Christen hier zu lassen. Könnt Ihr mir sagen, Freunde, woher der Mann stammt, der Euch durch Diesen hier verfolgen läßt?«
»Ich kann es Fürst,« sagte der Arzt, die Hand aufmerksam auf seinen Arm legend. »Er stammt von den Ufern des Ganges. Er kommt aus Indien, der Mutter der Nationen.«
[93]
»Wallah! - Du kennst ihn? - Hast Du ihn je im Besitz eines gleichen Ringes wie diesen hier gesehen?«
»Nein - damals nicht, als ich den Furchtbaren kannte.«
»Aber ich habe ihn gesehen,« sagte der Lord, »und zwar am Tage der Ausschiffung vom Veloce und im Gespräch mit jenem Manne, der uns ohne anderen Zweck als wahrscheinlich den des Raubes verfolgt.«
»Und wißt Ihr, wer der Träger des Ringes eigentlich ist?«
Der Arzt senkte den Kopf, des Eides gedenkend, den er hatte leisten müssen; auch der Trapper schwieg.
Aber die Fürstin Wéra öffnete stolz und kühn den Mund, einen festen Blick auf den Arzt und den Lord werfend. »Ich glaube ihn zu kennen!«
Besorgt sah Doktor Walding, - gespannt der Viscount auf sie.
»Will meine Tochter uns den Namen des Geheimnißvollen nennen? Es steht bei ihr?« frug der Scheikh.
»Nena Sahib, der Peischwa von Bithoor, der Führer des großen Aufstandes in Indien gegen die Engländer.«
Die furchtbare Entdeckung, so kühn hier und in solcher Umgebung ausgesprochen, machte einen seltsamen Eindruck. Selbst die Homairi, so abgeschlossen von dem weltbekannten Ereigniß diese wilde Gegend auch war, schienen doch von dem Namen gehört zu haben. Der deutsche Arzt hatte das Haupt in seine Hände geborgen, der Trapper stand finster und schweigend, Lord Walpole aber sprang mit Entsetzen empor. »Wie, jenes furchtbare Ungeheuer, der
[94]
Mörder meiner Landsleute lebt noch und befand sich sogar an Bord unseres Schiffes? Irren Sie sich auch nicht, Fürstin?«
»Ich glaube nicht zu irren, obschon die Männer, die mein Wort bestätigen könnten, es vorziehen, zu schweigen. Erinnern Sie sich, Mylord, jenes Abends auf dem Veloce, als die indischen Photographieen erwähnt wurden, die Sie in Bombai gekauft hatten; Tank-ki hatte ihn zuerst erkannt und mich darauf aufmerksam gemacht. Sie hat ihn ohne Verkleidung in Pecking gesehen und von ihrem Vater gehört, daß er einer der indischen Fürsten aus dem Aufstand sei. Ich glaube jetzt, daß eine zufällige Bemerkung über seine Identität, die mein Interesse erregt hatte, uns seine Rache und Verfolgung zuzog, zu welcher dieser hitzige Thor,« sie wies auf den Franzosen, »seine Hand geboten hat.«
»Bedenken Sie, Cousine Wéra ...«
»Ich bedarf weder Ihrer Vormundschaft, Herr, noch Ihres Schutzes,« sagte stolz die Fürstin - »sie giebt Ihnen kein Recht, sich in mein Thun zu mischen, wie ich wiederholt erklärt habe. Wenn Sie hiernach noch Lust haben, den Wegelagerer zu spielen, so thun Sie es auf Ihre Gefahr.«
Der junge Offizier schüttelte drohend die Hand gegen den Lord. »Wenn Sie ein Mann, ein Edelmann sind, sollen Sie auch hierfür mir Rede stehen.«
Frederic Walpole zuckte geringschätzig die Achseln. »Sein heimtückischer Ueberfall und seine Gemeinschaft mit dem blutigen Mörder Indiens, haben Herrn von Thérouvigne
[95]
den letzten Anspruch auf die übliche Genugthuung eines Edelmanns entzogen.«
Der Patriarch hob Schweigen gebietend die Hand. Das weiße Haupt in die Hand mit dem Ringe gestützt, hatte er, offenbar sich nur mit dessen Geheimniß beschäftigend, dem Streite zugehört, ohne besonders auf ihn zu achten.
»Gebt Ruhe, Franken, was kümmert mich Euer thörichter Zank? Dais Hassan trage Sorge dafür, daß sie Frieden halten, so lange sie in dem Bann von Gengarab sich befinden. Wehe Dem, der den Andern schädigt. Du aber, Dedschas des Gebieters von Habesch, der Du doch dem Ringe schworst, also mein Unter[t]han bist, - ich entbinde Dich des Gehorsams an jenem Ringe, den der Mann aus Indien Dir gezeigt hat.«
»So ist also jener Ring falsch und der Refik verdient dennoch den Tod?«
»Du dünkst Dich weise und mächtig, Hassan ben Simson, und bist doch blind! Wenn Du erst auf meinem Stuhle sitzest und diesen Ring am Finger trägst, werden Dir alle Geheimnisse unseres Glaubens offenbar sein. Bis dahin wisse, daß es der Ringe mit der grünen Schlange drei giebt, die Eblis für das Geschlecht der gelben, der schwarzen und der weißen Männer gemacht und an sie vertheilt hat, damit ihr jedesmaliger Träger Herr sei in seinem Volke und Gebieter über den Tod, wie die drei Sendboten Gabriels die Herren des Lebens sind. Wenn die drei Ringe in einer Hand, die aus dem Saamen der Schlange stammt, vereinigt sind, dann erst wird der Tod über alles Leben gebieten und Eblis gleich sein dem Gebieter des Lichts.
[96]
Bis dahin ist Kampf zwischen Tod und Leben, zwischen dem Gewordenen und dem Geschaffenen. Wenn sie aber alle drei den Söhnen Adams verloren gehen - dann siegt das Licht und der Tod ist verschwunden aus der Welt. Merke Dir, Hassan ben Simson, daß in jedem Kampf der Sieg bei der Macht ist, und deshalb bestrebe Dich lieber, die drei Ringe zu vereinen, damit Du über allen Tod gebieten kannst. - Laß den Boten näher treten, den ich nach Kahira sandte.«
Der Dailbekir hatte trotz seines stolzen selbstständigen Charakters mit ehrerbietigem Schweigen die furchtbaren Lehren des Greises angehört und winkte dem am Eingang zurückgebliebenen Lassik oder Novizen die Gränze zu überschreiten, welche die beiden seltsamen Wächter bewachten. Der Bote nahte sich demüthig, überreichte knieend dem Scheikh eine Pergamentrolle, die mit allerlei seltsamen Zeichen beschrieben war und harrte seiner Fragen.
»Berichte, was Deine Ohren vernommen in der Stadt der Pyramiden!« befahl der Patriarch.
»Möge Dein Schatten lang sein, o Gebieter,« berichtete der Bote. »Das Reich der Gläubigen hat einen schweren Verlust erlitten. Sie sagen, daß der große Bluttrinker in Stambul der Macht des Todes erlegen ist und ein Anderer den Thron der Kalifen bestiegen hat.«
»Abdul Medschid todt? Er war ein Schwächling als Zuflucht der Welt5 und kein Hunkiar. Er hat sich vom Moskowiten am Bart zausen lassen und es nicht
[97]
begriffen, daß die Ismaëliten allein den Krieg für die Gläubigen führen können. Wer ist ausgerufen zum Imaum-ul-Uslemin (Oberhaupt der Muselmänner)?«
»Abdul Aziz - der Bruder des verstorbenen Sultans.«
»Ein Schwächling wie er und ein Sclave der Franken. - Hat er Sajid Pascha vom Amt des Khedive entfernt?«
»Der Ferman, Gebieter, den ich in Kahira ausrufen hörte auf der Straße, hat Sajid Pascha bestätigt. Ja man sagt, daß er sich bereitet, eine große Reise in die Länder der Franken zu machen und seinen Nachfolger und Neffen mit sich zu nehmen, um die Sitten der Franken kennen zu lernen.«
Der Scheikh lächelte. »Mustapha Pascha6 wird niemals den Sitz Mehemeds einnehmen, für den Ismaël Pascha alljährlich richtig den Tribut an Gengarab entrichtet, dessen er sich geweigert hat. - Doch ist es nothwendig, daß die Söhne Ismaëls ihre Augen offen halten. Hassan ben Simson, mache Dich fertig, nach Kahira zu reisen. Du wirst zehn der Fedai's aus Gengarab mit Dir nehmen, damit Du den Tod in Deiner Hand hast.«
Der Dailkebir machte unwillkürlich eine Bewegung der Mißstimmung über diesen Befehl.
»Herr - in diesem Augenblick dürfte es nicht gut sein, Dich in schwerer Krankheit zu verlassen.«
»Wie, Mann des Ungehorsams - glaubst Du schon den Stein mit der Schlange an Deinem Finger zu haben?
[98]
Ich sage Dir, es ist nöthig für unser Volk, daß der Dailkebir des Nils in diesem Augenblick auf seinem Posten sei und nicht an dem Lager eines Kranken. Noch ist der Odem in diesem Leibe und dieser Hakim versichert mich, daß Azraël noch Wochen und Monden lang Frist geben mag. - Sieh diese Phiole - die Tropfen ihres Inhalts machen den Todesengel an der Schwelle dieser Halle zögern, wenn sie mit Maaß genossen werden. Mache Dich bereit, wenn ich die Stunde der Reise gekommen glaube, bis dahin lasse diese Fremdlinge die Gastfreundschaft von Gengarab genießen, dann mögen sie von Jesus geführt Dir zum Nil folgen, während Du jenseits der Katarakten auf den schnellsten Rossen vorangehst. - Geh, der Gebieter über Leben und Tod hat gesprochen, und nimm sie Alle mit Dir, - ich will mit diesem Weibe allein sein!«
Der Dailkebir wagte nicht länger zu widersprechen und führte mit finsterer Miene die Europäer und den Abessynier aus der Halle.
»Schließ den Eingang, Mariam,« befahl der Kranke, »zieh die Teppiche, damit nicht neugierige Augen auf uns schauen, und kette die Wächter los.«
Die alte Frau gehorchte - niederrauschende Vorhänge schlossen den Raum, in welchem der Scheikh ruhte, nach jeder Seite ab, und die beiden zähnefletschenden Paviane - deren Geschlecht sich bekanntlich durch überaus scharfes Gehör auszeichnet, und die sich ohne Uebung einer Tücke ja sogar mit schmeichelnden, geilen und widerwärtigen Geberden von der Frau hatten losmachen lassen, als wüßten sie aus Gewohnheit, welcher Lohn ihrer später warte,
[99]
krochen durch die Halle, um nachzuspüren, daß auch Niemand in der Nähe lausche, und kauerten sich dann zähnefletschend und horchend an der äußeren Pforte nieder.
»Wallah! Die Wächter sind stumm und treu und Du wirst ihnen dann eines Deiner jungen Weiber zur Belohnung überlassen, daß sie ihre Begierden daran sättigen. - Ich hätte ihnen am Liebsten jene Moskowitin gegönnt, auf die, wie ich wohl gemerkt habe der Dailkebir, wie der Beisädih und sein Feind der Franke gleich sehnsüchtig ihre Blicke heften - aber der Hakim hat mir ihre Sicherheit bei einem Eide abgerungen, der der einzige ist, den der Scheikh-al-Dschebal zu halten verbunden ist. Ich fürchte, Mariam, Du selbst hast ihnen den Gedanken in's Ohr geblasen.«
»Ich habe es gethan!«
»Und kannst Du mir sagen, welchen Grund Du hattest?«
»Sie sprachen von den Zelten meiner Jugend und ich gedachte meiner Mutter, die eine Christin war. Die Söhne meines Stammes sind es, die auf die Franken harren werden an der Nadel der Wüste und sich verbindlich gemacht haben, sie durch die Wüste zum Nil zu geleiten, wo sie sicher sein werden.«
Der Scheikh neigte das Haupt. »So sende noch heute einen sicheren Boten zu ihnen, der sie mit dem Eigenthum der Franken und ihrer Genossen sich bereit halten läßt gegenüber dort, wo der Djebel die drei Felsspitzen hinein streckt in die Wüste. Die Krieger, welche Hassan bei den Franken zurückgelassen, werden genügen,
[100]
die Männer von Habesch zurückzuhalten, bis ihr Anführer erscheint. - Laß Jesus sich bereit machen, die Franken zu begleiten und unter ihrem Schutz nach Kahira zu folgen.«
»Aber warum willst Du ihn fortsenden von hier und warum sendest Du ihn nicht mit Hassan oder den Dailkebir mit den Franken?«
Der Patriarch richtete sich auf dem Lager empor.
»Mariam, vermagst Du stark zu sein?«
»Ich denke Johannes, - Mariam hat viele Deiner Geheimnisse getragen, ohne daß die Last sie gebeugt hat. Wenn ihr Haar weiß geworden, wie das Deine und ihre Gestalt sich gebeugt hat, so geschah es von der Last der Jahre, Scheich!«
»Wohl denn - weißt Du, was der Franken-Hakim mir gesagt hat?«
»Du sprachst es selbst zu Hassan ben Simson!«
»Ich habe ihn und Dich getäuscht. Ehe die Sonne zum vierten Mal sinkt hinter dem Djebel Langai - ist Johannes vom Berge Nichts als eine Handvoll Staub - und der Staub vermag das Leben des Enkels unseres einzigen Kindes nicht mehr gegen den Stahl oder das Gift des neuen Scheikh-al-Dschebal zu schützen.«
Der alten Frau tropften schwere Thränen aus ihren Augen. »Wer weiß es, daß Jesus von unserem Blut ist?«
»Niemand - bis jetzt! Dank Deiner und meiner Sorge, die uns den Knaben gleich Moses im Schilf durch die Tochter Pharaos in der Wüste finden ließ und ihm weder Vater noch Mutter gab. Wenn Hassan ben Simson nur eine Ahnung des Gedankens gehabt hätte, wäre der
[101]
Enkel Deines Sohnes längst nicht mehr unter den Lebendigen. Darum sende ich ihn zu den Schülern Abdallahs nach Kairo, damit er die Geheimnisse unseres Glaubens kennen lernt an ihrer hohen Schule. Nur ein Mann weiß dort von seiner Abstammung, damit er von ihr hört, wenn die Zeit gekommen ist.«
Das Auge der alten Frau, das gewöhnlich sanft und mild war, blitzte empor. »Und wenn Du Dein eigen Fleisch und Blut von Hassan gefährdet glaubst, noch hast Du die Macht, - warum vernichtest Du ihn nicht? Das Prinzip der Lehre Ismaëls ist doch der Tod für Den, der uns im Wege steht!«
Der furchtbare Repräsentant des Ich's wiegte verneinend das Haupt. »Nein,« sagte er, »Tod und Blut sind genug gewesen in der Familie ben Sabbahs des Homairi um den Besitz des grünen Ringes! Du weißt, daß der Sohn gegen den Vater7 und der Bruder gegen den Bruder Gift und Dolch erhob. Nicht das Geschlecht der Busurgomids darf den Islam führen zum Sieg über das Kreuz, sondern das Blut ben Sabbahs, und Jesus ist der Letzte dieses Blutes. Darum will ich sein Haupt bewahren, bis er es selbst zu schützen vermag gegen seine Feinde.«
»Du täuschest Dich, Johannes,« sagte die Frau. »Jesus ist die Liebe und nicht der Kampf.«
»So möge er untergehen in feigem Selbstopfer. Nur im Siege und in der Herrschaft wohnt das Leben. Ich habe
[102]
das Meine gethan. - Ist der Mann da, den ich Dir heimlich zu entbieten befahl, wenn meine Stunde gekommen sei?« -
»Nureddin der Dailkebir von Kuhistan harrt Deines Befehls auf dem geheimen Wege, der von der Tiefe zur Höhe, aus dem Staube zur Herrschaft führt. Ich sah das Zeichen seiner Ankunft. Soll die Pforte sich öffnen für ihn?«
»Ich will ihn prüfen; doch zuvor laß uns scheiden für dieses Leben.«
»Mariam wird mit Johannes in den Tod gehen.«
»Nein - ich verbiete es Dir! Du sollst leben, um dem Knaben zur Herrschaft zu helfen. Wen hat er sonst noch als Dich? Die Zeit ist nahe, in welcher der Kampf des Kreuzes beginnen wird gegen den Halbmond, und die Moslems werden einen Herrn brauchen. Das sei die Aufgabe des Letzten aus meinem Blute. Hole den Mann, dem der Ring der grünen Schlange gegeben werden soll, bis ihn ein Besserer aus seiner Hand zurück empfangt.«
Die Khanum beugte jetzt demüthig das Haupt und entfernte einen der Teppiche, welche das Lager ihres Gatten bildeten. Eine der Porphyrplatten bewegte sich um sich selbst, als ihre Hand auf die Ecken drückte, und eine ihrer Größe entsprechende, in tiefe Finsterniß führende Oeffnung, wie die einer unterirdischen Treppe, kam zum Vorschein.
Es war als ob aus der Tiefe herauf ein Licht leuchtete.
»Steige empor, Dailkebir von Kuhistan - der Meister bedarf Deiner.«
Es war als erhöbe sich das Licht auf diesen Anruf
[103]
langsam aus der Tiefe. Dann näher und näher kommend zeigte es sich, daß es der Schein einer offenen kupfernen Lampe von uralter Form war, die ein Mann in seiner Linken über dem Haupt emporhielt, während seine Rechte einen breiten Dolch von persischer Form umfaßt hielt.
»Der Meister hat gerufen,« sagte der Fremde, vorsichtig auf den Stufen heraufsteigend, die aus unabsehbarer Tiefe emporführten. Als er an das Licht des Tages trat, sah man, daß er ein Mann von etwa fünfzig Jahren war, in ein kaftanartiges grünes Gewand gekleidet. Die Farbe seines Turbans war weiß, sein Gesicht gebräunt, scharf geschnitten, mit kühn hervorspringender Nase gleich dem Schnabel eines Adlers. Er machte den Salem an dem Lager des Scheikh und blieb, die Arme über die Brust gekreuzt und das schwarze glänzende Auge scharf auf den Kranken heftend in aufrechter Haltung stehen, während ein Wink des Patriarchen die Frau in den äußeren Raum verwies, wo sie das nachfolgende mit gedämpfter Stimme geführte Gespräch nicht mehr zu hören vermochte.
»Setze Dich hier neben mich nieder, Nureddin, und beantworte meine Fragen, damit ich sehe, ob Du geistig die Kraft hast, über das Volk Ismaëls zu herrschen; denn die Stunde ist nahe, wo ich den Ring in andere Hände legen muß.«
»Möge sie noch lange fern bleiben,« sagte der Hosseinih, zugleich dem Befehl seines obersten Herren folgend. »Frage, und möge Dein scheidender Geist mich erleuchten.«
Die nachstehenden Fragen und Antworten folgten jetzt rasch auf einander.
[104]
»Wer hat das Weltall gemacht?«
»Der Urgeist.«
»Wer regiert?«
»Der Wahn, das ist der Glaube.«
»Und wer beherrscht den Wahn?«
»Wer an Nichts glaubt, als an Das, was sicher ist!«
»Nenne es!«
»Der Tod! Alles Andere ist eitel.«
»Was ist der Tod?«
»Die Auflösung des Stoffes in einen anderen!«
»So glaubst Du an die Fortdauer der Seele nach dem menschlichen Tode?«
»Der Geist, das ist die Kraft, die der Urgeist gemacht hat. Was ist, ist und kann nicht aufhören zu sein. Das ist das Einzige, was wir glauben können, weil wir es wissen. Der Urgeist allein bestimmt den Wechsel der Formen.«
»Was nennst Du den Urgeist? Jehovah? Brahma? Allah? Gott?«
»Der Urgeist ist der Urgeist! - er selbst! - was kommt es auf den Namen an, den das von ihm Gemachte ihm giebt.«
»Du kennst die Lehre Moses? - Brahmas? - Christus? - Mohammeds?«
»Ich kenne sie!«
»Und glaubst an sie?«
»Ich glaube an den Urgeist. Alles Andere ist Menschenglaube. Aber der Glaube regiert, denn der Wahn ist
[105]
mächtig über Alles, was lebt. Wir sind gemacht und wir sterben, um zu erfahren, was richtig ist.«
»Welche der Lehren, der Religionen, die ich Dir genannt, hältst Du für die mächtigste?«
»Die, welche dem Menschen am Meisten schmeichelt. Denn der liebste Gott des Menschen ist das Ich!«
»Und welche der Religionen ist das?«
»Die Lehre Mahomeds.«
»Warum?
»Weil sie dem Menschen nach dem Tode Alles verspricht, was im Leben seinem Ich gefallen hat, was er also kennt und versteht!«
»Du siehst scharf, Nureddin. Also folge dem Gebot unserer Gründer und schaffe dem Islam die Herrschaft über die Menschen.«
»Die Zeit wird kommen. Sein Wahn ist das beste Mittel, zu herrschen.«
»Glaubst Du an Recht und Unrecht? An Tugend und Sünde?«
»Der Begriff ist Wahn. Recht ist, was die Kraft erlaubt. Unrecht ist der Gehorsam, den der Stoff fordert. Alles Andere ist Wahn, also Fessel für die Kraft.
»So giebt es für Dich keine Grenze und keine Pflicht?«
»Das Ziel der Söhne Ismaëls ist: zu herrschen über Alle. Die einzige Pflicht, die gehalten werden muß, ist der Schwur bei dem Ring.«
»Gut - reich mir die Hand, Nureddin - ich erkenne Dich würdig über Wissende und Gehorchende des Volkes Ismaëls zu herrschen. Du wirst es, ehe drei
[106]
Sonnen aufgestiegen sind. Bis dahin stärke Deinen Geist durch Fasten und Betrachtung in der Finsterniß, zu der wir Alle gehn und ich zuerst. Ich habe Dir Einiges zu sagen und einige Rathschläge für Deine Herrschaft zu geben«
»Sprich - meine Ohren sind Deiner Weisheit und Erfahrung geöffnet.«
»Vernimm! Von den drei Ringen, die Eblis gemacht hat, als auf den Befehl des Urgeistes Gabriel den Menschen die Seele einblies, ist nur einer in der Hand der Kinder Ismaëls. Der zweite ist Denen gegeben, die zu Brahma beten. Der Dritte wurde den Juden und ihren Nachkommen, den Christen. Die Juden haben ihn hingegeben um den Besitz alles Geldes, weil sie darin die Herrschaft der Welt sahen. Unter den Christen aber soll eine Sekte sein, die in ihm das Zeichen der Macht und ihres Berufs zur Herrschaft über Alle sieht, weil sie gleich uns an Nichts glaubt, als an die Macht. Du findest das Geheimniß der Ringe in den Urkunden, deren Besitz Dir der Ring überliefert.«
»Ich danke Dir Johannes. Es sind die Hosseinih der Christen.«
»Ich sende noch diesen Abend mit aufsteigendem Mond Hassan ben Simson gen Kahira, um unsere Interessen dort zu wahren, da der Thron der Kalifen durch den Tod Abdul Medschids erledigt ist und es noch nicht so weit war, daß ein Sohn unserer Verbindung ihn besteigen konnte. Hassan glaubt Anspruch zu haben auf den Ring und deshalb ist es gut, daß er entfernt ist, wenn Du ihn
[107]
erhälst, den ich zu meinem Nachfolger gewählt habe, denn er hat Anhang unter den Refiks. - Auch befinden sich in diesem Augenblick Fremdlinge aus Frangistan auf Gengarab unter dem Schutz des Ringes, die gleichfalls morgen ihre Weiterreise zum Nil auf anderem Wege antreten sollen. Sorge dafür, wenn der Urgeist über mich bestimmt, ehe ich sie schützen kann, daß ihrer Reise kein Hinderniß in den Weg gelegt werde, denn es befindet sich ein vornehmer Beisädih unter ihnen, und wir müssen die Partei der Inglese in diesem Augenblick am Hofe des Vicekönigs in Kairo gegen die Franken, die einen Kanal vom Meer zum Meer bauen wollen, der dem Khedive neue Macht geben würde, unterstützen.«
»So sei es. Haben die Fremdlinge Deinen Teskareh?«
»Mit Schrift und Siegel! Alle nöthigen Anordnungen sind getroffen. Nun, Nureddin, hat Dein alter Lehrer noch eine Bitte an Dich!«
»Rede, Johannes!«
»Ich lasse meine alte Khanum Mariam zurück unter Deinem Schutz. Sie gehört zu den weisen Frauen, und ihre Klugheit ist groß wie ihr Ansehen unter Denen, die noch an den Propheten glauben. Lasse ihre Stunde leicht sein, wenn sie naht.«
»Sie soll unter'm Schutz des Ringes stehn!«
»Dafür wird sie Dich rufen, wenn der Augenblick gekommen ist, in dem Du ihn von meinem Finger nimmst. - Verlaß mich jetzt, denn ich habe der Dinge noch viele zu thun.«
Der künftige Fürst der Berge reichte dem Kranken
[108]
die Hand, dann - die Lampe nehmend - stieg er die ersten Stufen zur Tiefe hinab, aus der er so heimlich gekommen war.
»Fahre wohl, Johannes! Dein Geist und Dein Wille bleiben unter uns!«
»Möge Dein Regiment lang sein!« Der Patriarch wandte das Haupt, um das langsame Verschwinden des Persers nicht zu sehen - vielleicht überkam doch eine menschliche Schwäche diesen furchtbaren Apostel des Todes. Dann - sich rasch ermannend - klopfte er mit einem stählernen Hammer auf die Silberschaale, die neben der Phiole auf dem niedern Tisch stand und sogleich erschien durch die Oeffnung der Teppiche wieder die alte Frau.
»Ich danke Dir, Mariam,« sagte der Fürst - »Alles ist geschehen und für Dich und Jesus gesorgt. Wo ist der Hakim?«
[»]Er ist mit Simson und den Fremden auf dem äußeren Wege zum Thale gestiegen zum Kampfplatz am Zwinger der Thiere, um Pferde zu probiren und die Thiere der Berge zu sehen.«
»Und der Jüngling?«
»Er ist mit der Frau aus dem Eisland im Garten am Kiosk!«
»Aber der Thor, der Alles zu wissen glaubt, weil er aus den Büchern zu lesen vermag?«
»Er weigerte sie zu begleiten und sitzt vergraben in der Halle unter den Pergamenten.«
»Es ist gut so! - Ich habe meinen Beschluß geändert. Der Dailbekir Hassan wird noch diesen Abend von dem
[109]
Fuße des Berges aufbrechen gen Kahira, ohne die Burg erst zu betreten, und Deine Schützlinge werden ihm beim Aufgang der Sonne über das Gebirge folgen. Geh und sende sogleich den Boten zur Nadel der Wüste ab, wie ich Dich geheißen. Dann hole mir den Mann, der in allen Büchern liest und laß ihn einige der Pergamente mit sich bringen, damit ich mit ihm darüber spreche! Meine Seele liebt es, nach der Unterredung, die ich gehabt, in thörichtem Geschwätz einige Ruhe zu finden.«
»Darf ich wieder kommen zu Dir, Johannes?«
»Nein. Nimm die Moskowitin und den Knaben mit Dir zum Altan am Kiosk, von dem aus Ihr den Spielen am Fuß des Felsens zusehen mögt. Du magst dort der Moskowitin und Jesus ihre Abreise auf morgen mit Aufgang der Sonne verkünden. Ich werde sie dem Beisädih und dem Hakim selbst ansagen diesen Abend, denn bis dahin darf kein unnützes Wort davon verlauten. - Zuvor sende mit einem der Geschnittenen das Weib, das Du für die Höhle der stummen Menschen bestimmst!«
Die alte Frau, obgleich an das Schreckliche gewöhnt, schauderte. »Muß es sein, Johannes? Es ist wider alle Natur!«
»Schweig, Thörin! - Die Mantelträger waren treue Wächter und müssen den versprochenen Lohn haben. Hörst Du nicht, wie sie bereits ungeduldig werden? Sie wissen Nichts von dem Paradiese des Propheten und seinen Houris - aber ihr Instinkt hat sie Treue gelehrt. Was kommt es auf ein Weib an. Gehorche!«
Die Khanum verbarg das alte faltenreiche Antlitz
[110]
und wandte es von den Bestien ab, als sie zwischen ihnen hindurch ging und ihr Gewand unwillig und drohend aus ihren Klauen befreite.
Der Assassinenfürst war allein eine ganze Zeit in tiefem Nachdenken, bis endlich zwei der verschnittenen schwarzen Sklaven, nicht viel weniger wild und unzurechnungsfähig, die Bestien mit ihren Eisenkolben zur Seite schoben und damit dem armen Professor Peterlein Eintritt verschafften, der ein großes Packet Pergamente unter beiden Armen, die Brille hoch auf die Stirn geschoben, mit ängstlichen Schritten hinterher trippelte und einen großen Umweg um die zähnefletschenden Affen machte.
»Hört Freunde,« sagte er - »es ist mir zwar vom höchsten Interesse als Naturkundiger, zwei so ausgezeichnete Exemplare des Cynocephalus Hamadryas, vulgo, Silberpavian beobachten zu können, nach Hasselquist: Simia aegyptiaca, arabisch: Khird, abessinisch: Hoba oder Kombei genannt - wie sie selten ein Naturforscher zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, obgleich ihm seines ehrwürdigen Aussehens und sonstiger Eigenschaften wegen schon die Alten besondere Achtung zollten. Vielleicht wird es somit möglich die Beobachtungen meines Freundes Ehrenberg im 2. Band seiner Symbola oder Rüppel und Bayssi`ere und Schimper zu vervollständigen, welcher erzählt, daß die Frauen ihren Wuthausbrüchen ganz besonders ausgesetzt sind und die abessynischen Mädchen, welche um Brennholz die Berge besteigen, dieses Thier weit mehr fürchten als selbst den Leoparden. Und darum,
[111]
weil sie so wilde und grimmige Thiere sind, die nicht einmal das schwache Geschlecht schonen, möchte ich Euch bitten, ob Ihr nicht besser thätet, diese Affen vielleicht wieder an ihre Ketten zu legen oder an einen sonstigen sichern Aufenthalt zu sperren, wo sie ehrlichen Christenmenschen und einem nicht ganz unwürdigen Jünger der Wissenschaft keinen Schaden zufügen können, während er mit Eurem sehr würdigen Herrn und Gebieter, dem sogenannten Alten der Berge ein für die geschichtlichen Forschungen nicht unwichtiges Zwiegespräch hält.«
Die beiden Mohren begnügten sich den Jünger der Wissenschaft anzugrinsen, hinter dem Teppich her aber erscholl mit spöttischem Lachen eine Stimme, die in dem Sprachengemisch, dessen sich die Redenden schon früher bedient hatten, ihm zurief: »Komm hierher, thörichter Mann der Bücher, der nicht einmal begreift, daß diese Halbmänner seine Worte nicht verstehen.« Dann, indeß der gelehrte Professor vorsichtig den Teppich hob, und dem gefürchteten Mann sich mit einer Verbeugung näherte, wechselte dieser das Idiom und befahl: »Sperrt die Affen in ihre Höhle und bewacht die Thür.«
Während die Mohren die beiden, jetzt immer wilder schnaubenden Ungethüme nach dem zu ihrem Lager dienenden Raum trieben und das Eisengitter vor demselben schlossen, hatte der Natur- und Geschichtsforscher auf den Wink des Patriarchen an seiner Seite Platz genommen, fest entschlossen, die günstige Gelegenheit und die anscheinende Laune seines seltsamen Gastherrn nicht unbenutzt zu lassen, um sich möglichst viele Auskünfte über das
[112]
Volk der Assassinen zu verschaffen, was bei seiner Rückkehr nach Europa neuen und unerhörten Forscherglanz um seine Stirn flechten mußte.
Wirklich schien der Fürst ganz besonders gelaunt; denn obschon er, ohne daß es sein Gast merkte, ihn selbst zum Auskramen seines dünkelhaften Wissens brachte und nur manchmal eine höhnende Bemerkung oder eine scharfe Frage nach europäischen Sitten und Meinungen dazwischen warf, - unterhielt er fast eine Stunde lang ein Gespräch mit ihm, das ihn sehr zu ergötzen schien, und zu dem er den Stoff aus den Pergamenten nahm, die der würdige Professor mit Erlaubniß der Khanum hierher gebracht hatte und in deren Erörterung er jetzt so vertieft war, daß er auf den Vorgang in der äußeren Halle nicht geachtet hatte, bis ein entsetzliches wehklagendes Geschrei in nächster Nähe ihn aufschreckte.
In der That hatte dort sich eine jener scheußlichen Scenen ereignet, die sich nur im Andeuten beschreiben lassen, und von denen der Verfasser der transatlantischen Skizzen erzählt und gegen die nur die Barbarei des Orientalen oder die abstracte Beobachtung des Gelehrten gleichgültig bleibt.
Durch den Eingang war ein junges Weib, eines jener Mädchen, welche die Fremden am Eingang der Frauengemächer empfangen, von unsichtbarer Hand in die Halle geschoben und sofort von den beiden Mohren ergriffen worden, die obschon bereits eine Maske von starkem Eisendrath Gesicht und Busen umgab, noch ein Tuch um ihren Kopf schlangen und sie trotz ihres Wimmerns und Widerstrebens zu dem Kerker der beiden Paviane schleppten, die
[113]
Unglückliche hinein stießen und grinsend das Gitter wieder hinter ihr schlossen.
Einige Augenblicke wehrte sich das Mädchen ziemlich lautlos gegen die Angriffe, mit denen in bestialischer Gier die beiden Affen über sie herfielen, dann aber, als bei ihrem Unterliegen die Krallen der Paviane selbst das schützende und ihr Wimmern erstickende Tuch zerrissen hatten und sie durch den Widerstand, welchen ihr Gebiß an der starken Drahtmaske fand, noch wilder geworden, gellte der Hilferuf der Ueberwältigten so furchtbar und entsetzlich zwischen das Hohnlachen der beiden Mohren, daß der kleine Professor erschrocken aufsprang, das Pergament, das er eben zu entziffern suchte, zu Boden werfend.
»Um Himmelswillen - was geht dort vor? Das ist eine Weiberstimme - wenn Du ein Mensch bist - Herr -«
»Was kümmert uns das Weib!« sagte ruhig der Assassinenfürft. »Es ist Nichts los - setze Dich, Freund, und nimm diese Schrift auf - sie berichtet von unserem Bündniß mit den Templern, und ich schenke sie Dir. Wenn Du so schwache Nerven hast, hattest Du nicht nach Gengarab kommen sollen. Ich habe gehört, daß die Kaiser Roms die Christenmädchen im Circus den Löwen und Tigern zum Zerfleischen vorwarfen, und dieser Sclavin geschieht Nichts, was ihr ans Leben geht - sie möge sich ihrem Kismet fügen und Männer nicht stören, wenn sie nicht Schlimmeres erfahren will. Setze Dich, Franke, und laß uns fortfahren!«
Aber noch einmal wieder gellte das Geschrei, bis es in Wimmern und Schluchzen erstickte.
»Nimmermehr! ich will wissen, welche Schandthat hier geschieht - und wenn ich sie hindern kann ...«
Der kleine furchtsame Gelehrte war auf einmal ein halber Löwe geworden - ein entsetzlicher Gedanke war ihm gekommen, er sprang nach den Teppichen, ein glücklicher Griff ließ ihn die öffnende Schnur erfassen und riß sie zur Seite, daß die Halle mit ihrem ganzen scheußlichen Schauplatz vor ihm lag. »Ungeheuer - haltet ein!« - er wollte vorwärts springen zu Hilfe, aber die Knie knickten unter ihm zusammen. »Wenn ein Weib Dich geboren, - hilf! rette!«
Aber schon war andere Hilfe zur Stelle, als sie der wirksamste Anruf an den verächtlich über seine barbarische Handlung die Achseln zuckenden Greis hätte erwirken können; denn rechts und links von kräftiger Hand getroffen, taumelten die beiden Mohren zu Boden.
»Goddam! schwarze Schurken - seid ihr schlimmer als die Bestien des Waldes?!«
Ein Griff der gewaltigen Faust riß das Eisengitter aus seinen Fugen, hinter dem der Mädchenleib sich unter den langen behaarten Armen der Affen wand und den blutenden Körper aus ihren Klauen.


Der Dailkebir, als er auf den Befehl des Fürsten die Fremden aus der Halle führte, geleitete sie zunächst zu einem Gemach, wo ein Imbiß nach orientalischer Sitte für sie bereit war: Pillaw, gebratenes Lammfleisch, Hühner, deren es zahlreiche Gattungen im Gebirge giebt, Früchte
[115]
und scharfer Araki, wie er über Aden aus Indien und von den Molukken kommt. Er machte den Wirth, nöthigte seine Gäste zum Zulangen und schlug ihnen dann vor, in das Thal hinabzusteigen, um die Rosse, die dem Fürsten und den Dais gehörten, zu besichtigen, oder den Waffenübungen der jungen Männer und den Kämpfen der wilden Thiere beizuwohnen, von denen stets eine Anzahl in den Gewölben am Fuße des Felsens unterhalten würde. Vergebens versuchten sowohl der Arzt wie der junge Engländer in der Unterhaltung so viel Auskunft wie möglich, nicht allein über die Sitten des seltsamen Volkes, unter dem sie sich befanden, als namentlich auch über die Lage der Burg und die Ausdehnung des Thales nach Süden und Norden zu erhalten. Der Dailkebir antwortete nur zurückhaltend und so sahen sie sich auf ihre eigenen Wa[h]rnehmungen beschränkt, bis sie erklärten, ihm in das Thal folgen zu wollen, ohne daß sie vorerst einen Begriff hatten, auf welchem Wege dies geschehen könne.
Dieses Räthsel wurde ihnen jedoch bald gelöst, als der Dailkebir sie in's Freie und zu dem entgegengesetzten Abhang des Felsenplateaus führte; denn hier öffnete sich, und auf gleiche Weise bewacht und mit einem riesigen Fallgitter versehen, ein Thorweg wie auf der Seite gegen die Bergwand, nur daß hier die Fallbrücke fehlte und der Ausgang in die freie Luft führte. Als sie aber der Schwelle näher traten, bemerkten sie, daß vor dem Ausgang ein kurzes altanartiges Plateau sich befand und von diesem etagenartig eine ziemlich bequeme breite Treppe, zum Theil in den Fels selbst gehauen, an diesem bis zur Tiefe nieder
[116]
führte. Außerdem streckte sich statt der Zugbrücke über dem Thor eine Maschinerie hinaus, welche die Europäer sofort als einen Krahn erkannten, mittels dessen Lasten oder ein weiter Korb in die Tiefe gelassen oder vom Boden emporgehoben werden konnten.
Eine Anzahl von Männern und Jünglingen je nach der verschiedenen Abstufung ihres Grades hatte sich um das Thor versammelt und das aufmerksame Auge des Arztes bemerkte, wie der Dailkebir diejenigen besonders auswählte, die er zu ihrer Begleitung bestimmte.
»Ziehen die Franken vor,« frug er alsdann höflich, »die bequemere Art des Niedersteigens in dem Kettenkorbe zu wählen, oder fürchten sie den Schwindel auf diesen Steinstufen nicht? Was bringst Du, Jesus? Will die Königin der Brustlosen uns zur Jagd begleiten, oder der Mann der Bücher dem Kampf im Thierzwinger beiwohnen?«
»Die Khanum hat die fremde Frau bei sich behalten, sie wird von dem Altan des Kiosk aus den Uebungen unserer Tapferen zuschauen, und der Fürst Johannes hat den Mann der Bücher zu sich entboten.«
»So geh zurück zu den Weibern, Knabe,« sagte der Dailkebir spöttisch - »ihre Stimmen klingen in Deinem Ohr süßer als der Klang des Stahls. Wir werden später einen Ritt durch das Thal machen und zurückkehren, wenn die Sonne sinkt.«
Der Engländer wandte sich zu seinem Begleiter, dem Trapper. »Es wird gut sein, Freund, wenn unsere Schutzbefohlene nicht so ganz verlassen zurück bleibt. Ich bitte Dich daher, in ihrer Nähe zu verweilen, bis wir zurückkehren.
[117]
Der Riese nickte zustimmend. »Gehn Sie unbesorgt, Mylord - so lange diese Knochen zusammenhalten, wird ihr Nichts geschehen. Doch Sir, achten Sie auch auf sich selber. Sie wissen, in welcher Gesellschaft Sie sich befinden.«
Lord Frederic nickte ihm zu. »Sei unbekümmert, Freund. Es ist nöthig, diesen Männern so wenig Mißtrauen als möglich zu zeigen, bis wir wieder Alle vereinigt sind. - Geh voran, Aga, wir sind bereit Dir zu folgen!«
Der Dailkebir begann ohne weitere Bemerkung die Treppe niederzusteigen, wozu allerdings, da ihr die Seitenlehne fehlte, man ziemlich schwindelfrei sein mußte, da unwillkürlich das Auge sich in die Tiefe tauchte. Aber je weiter sie kamen, desto breiter und sicherer wurde der Weg und mit steigendem Interesse mußte sie die Landschaft erfüllen, die unter ihrem Auge emporzuwachsen schien. Bald konnten sie auch deutlich erkennen, daß um den Fuß des Felsens, von Neugier und Schaulust herbeigezogen, sich zahlreiche Menschengruppen sammelten, theils zu Fuß theils zu Roß, bis sie sich endlich in dem sich um sie bildenden Kreise befanden. Unter der Menge zeigten sich viele Frauen und Kinder und der Arzt bemerkte mit einer gewissen Befriedigung, daß selbst das niedere Volk nach orientalischen Begriffen ziemlich reinlich und nicht mit jenen unsauberen Lumpen bedeckt war, die in Egypten überall sich aufdrängen. Es schien ein strenges Regiment über dieses Volk zu herrschen, denn auf den geringsten Wink des Emirs machte die Menge sofort Platz.
»Wo ist der Leib Dessen, der gehorsam eingegangen
[118]
ist in das Paradies,« frug der Dailkebir, während er durch die Reihen schritt.
»Sie haben ihn in das Haus seiner Mutter gebracht,« sagte andächtig ein alter Mann. »Allah ist groß und gnädig, daß er ihn so jung sterben ließ zu seiner Ehre. Ich bin der Bruder seiner Mutter.«
»Du bist Mehmed, der Barbier, ich kenne Dich wohl. Ich habe mit Dir zu sprechen. Warte hier auf mich. Laßt die Pferde vorführen zu einem Wettritt.« Dann wandte er sich zu einem der Dais. »Suche die Fremdlinge eine halbe Stunde zu beschäftigen - ich habe mit einigen unserer Getreuen zu reden. Du weißt, daß das Priorat im Dschebal erledigt ist. Hat sich Etwas ereignet?«
»Nein - wir warten auf das Zeichen. Ist Azraël dem Scheich näher getreten? Das Volk liegt in den Moscheen auf den Knieen.«
»Die Thoren! Jener Mann dort ist ein fränkischer Hakim, den ein böses Geschick nach Gengarab geführt und ich selbst mußte ihn geleiten. Seine Kunst hat Azraël auf's Neue gebannt. Du kennst die Tücke des Fürsten - er hat vor, mich nach Kahira zu senden - aber ich weiche nicht, ehe ich Gewißheit habe. Du weißt, wir haben Feinde im Rath der Dais!«
»Ich halte die Ohren und Augen offen. Was hast Du mit den Fremden vor?«
»Ich darf nicht thun mit ihnen, wie ich möchte, so lange der Ring am Finger des Johannes ist. - Aber es ist ein Mann aus Habesch unter ihnen, der das Geschäft für mich besorgen wird - führe sie nach den Zwingern
[119]
der Thiere und lasse die Lassiks einen Waffengang machen, oder einige der Bestien hetzen, indeß ich die Gelegenheit benutze.«
»Dein Wille geschehe - ich werde unterdeß die Refiks sammeln, auf die wir uns verlassen dürfen. Doch müssen wir vermeiden, Ungehorsam zu zeigen um des Volkes willen.«
Die Nachricht, daß einer der Franken ein Hakim sei, hatte sich unterdeß durch ihre Begleitung in der Menge verbreitet, und von allen Seiten strömten Krüppel und Kranke herbei, die mit dem festen Glauben an die Wunderkräfte der europäischen Aerzte von Doktor Walding Rath und Heilung verlangten, bis auf einen Wink des Dais die Aufseher mit den Schambuks, den Peitschen aus der Haut des Nilpferdes, die Aufdringlichen zurücktrieben. Trotz der Beschäftigung, die er auf diese Weise so unerwartet gefunden, hatte der Arzt doch nicht aufgehört, seine Umgebung scharf im Auge zu behalten und die geheime Unterredung des Dailkebirs mit dem Dais wohl beachtet. Er folgte daher der Einladung, die Ställe des Scheichs zu prüfen, die im Grunde nichts weiter waren, als große Hürden, mit einem gewissen Mißtrauen, während der Engländer mit aller Begeisterung seiner Nation für den Sport dem Vorführen der einzelnen Pferde aus ächt arabischem Blut mit dem größten Interesse sich zuwandte. Nach einem kurzen Wettrennen folgten die Europäer der Einladung, zu den Zwingern der wilden Thiere zu treten und diese in Augenschein zu nehmen. Es waren in der That nicht uninteressante Exemplare in den zum Theil durch Kunst oder Natur in dem mächtigen Grund des
[120]
Felsens gebildeten Grotten verwahrt, vom riesigen Elephanten aus Kordofan, den Löwen von Dongolah bis zur Gazelle der Wüste.
Diese Gelegenheit schien der Dailkebir zu seinen Zwecken benutzen zu wollen, denn er näherte sich hier dem Lord und seinem Begleiter,
»Liebt der Beisädih die Jagd?« frug er.
»Gewiß, Emir, ein großer Theil meiner weiten Reise hat ihr gegolten.«
»Dann kann ich ihm zu morgen eine solche auf die Elephanten versprechen. Die Jäger im Thal haben mir gemeldet, daß sie die Spuren der Schwerfüßler auf den Abhängen des Gebirges im Süden bis zu der Ebene hinab bemerkt haben.«
»Wie,« sagte der Arzt - »sollte es möglich sein, daß so gewaltige Fleischmassen eine starke Bergkette übersteigen und so weit nach Osten aus dem Quellengebiet des Nils kommen können, wo nach allen Erfahrungen ihre letzten Weideplätze sind. Viel eher hätte ich noch geglaubt, daß der Löwe ...«
Der Assassine unterbrach ihn. »Jene Träger des Elfenbeines, die der weise Hakim dort angefesselt sieht, sind in den Thälern des Djebel Langai gefangen worden. Der Elephant steigt eher über die Gebirge, als der König der Thiere, der träg und feig ist, wenn ihn nicht der Hunger oder der Durst peinigt. Hassan ben Simson, der gern seinen Freunden ein Vergnügen bereiten möchte, ehe sie das Gebiet von Gengarab verlassen, will, während sie den Kampfspielen seiner Jünglinge zuschauen und sich an
[121]
einer Hetze des tückischen Leoparden ergötzen, mit einem schnellen Ritt sich selbst von der Anwesenheit der Spuren überzeugen, damit er für Sonnenaufgang seine Anordnungen zur Jagd treffen kann. Der ›Falke‹, mein schnellstes Roß, wird mich in einer Stunde zurückgetragen haben. Es wird gut sein, wenn ich Eure Feinde mit mir nehme, damit kein Streit sich in meiner Abwesenheit entspinnen kann.«
Ein Druck der Hand seitens des Arztes verhinderte jeden Einspruch des Lords, der am liebsten den Ritt selbst mitgemacht hätte. »Es sei, wie Du sagst Emir. Sorge nicht um uns, es wird uns an Unterhaltung nicht fehlen.«
»Ich lasse den Dais Abdallah hier, der die Lingua-franca so gut spricht wie ich selbst und für Euren Schutz sorgen wird. Bringt die Pferde herbei!« Lord Walpole sah mit möglichster Gleichgültigkeit zu, wie der Assassine mit dem Habesch und dem französischen Offizier sich in den Sattel schwang und davon sprengte, dann folgte er dem Dais zu den Schranken, die gleich den Turnierplätzen des Mittelalters in einem Halbrund bestanden, nur statt der Holzbarrièren in diesem an Holz ohnehin armen Lande mit einem Wall von Steinen und Felsblöcken eingefaßt.
Hier sahen sie einige Zeit den Waffenübungen der jungen Krieger zu, die im Bogenschießen, Speerschleudern und dem Werfen der Messer oder im Gefecht mit Schwert und Schild bestanden, wobei viele der Krieger statt der gekrümmten orientalischen Säbel sich des langen graden Schwertes der Christen, wie ihre Vorfahren es zur Zeit der Kreuzzüge hatten kennen lernen, bedienten. Dazwischen wurde
[122]
das Werfen des persischen Dscherrid oder stumpfer Lanzen wie es bei den Fantasias der Araber zu Roß und von dem Rücken der Dromedare üblich ist, von den Berittenen geübt, bis auf den Wink drei derselben mit scharfen Speeren in die Arena sprengten und von der andern Seite her einer der gefangenen Leoparden aus dem Käfig getrieben wurde.
Das Spiel gewann jetzt an neuem Interesse für die beiden Europäer, die schon früher bemerkt hatten, daß von einem Altan der Burg her eine Anzahl Frauen den Uebungen zusah, worunter trotz der Höhe des Felsens das Glas des Lords deutlich die Fürstin erkennen ließ.
Der Leopard, ein in diesen Gebirgen häufig vorkommendes Raubthier, ist trotz seines Blutdurstes und seiner Keckheit im Grunde eigentlich feig und furchtsam und entschließt sich zu einem Angriff auf Menschen nur, wenn er selbst verfolgt oder verwundet ist. Auch jetzt versuchte das Thier, ein großes starkes Männchen, zunächst die Flucht aus der Umhegung und erst, als es überall an den Punkten, die einen Durchbruch gestattet hätten, von den Lanzen der ringsumher vertheilten Zuschauer zurückgetrieben wurde, die es umkreisenden Reiter es aber immer mehr bedrängten, unternahm es einen Angriff, indem es eines nach dem andern gegen die Pferde sprang, durch die Gewandthen der Reiter aber leicht wieder zurückgetrieben wurde, wobei es bereits aus mehreren Wunden blutete. Endlich gegen den Steinwall gedrängt, kauerte es sich eben zu einem kräftigen Sprunge gegen den vordersten Reiter auf den Hinterbeinen nieder, als Doktor Walding seine Schulter
[123]
von einer fremden Hand berührt fühlte. Sich umwendend erblickte er den Jüngling Jesus, der ihn und den Lord zur Seite winkte und sie schweigend aus der Menge führte, deren Aufmerksamkeit meistentheils jetzt dem Ausgang des Kampfes in den Schranken zugewendet war, so daß sie fast unbeachtet die Stelle erreichten, zu welcher der junge Assassine sie führte. Ein von Eisenstäben gebildeter, an Ketten hängender oben offener Kasten, den der Arzt durch einen Blick nach oben sofort als die an dem Thorkrahn hängende Maschine erkannte - ein anderer Blick auf den jungen Assassinen belehrte ihn durch dessen bleiches erschrockenes Aussehen, daß etwas Besonderes sich ereignet haben mußte.
Mit Worten und Geberden drängte der Jüngling zum Einsteigen in die Maschine, und kaum hatten, mehr instinktmäßig als nach Ueberlegung, der Arzt und Lord Frederic darin Platz genommen, als er sich selbst gleichfalls hineinschwang und sofort der Korb in die Höhe stieg. Erst jetzt auf den Auf des alten Barbiers, mit dem der Dailkebir vorhin gesprochen, bemerkte die Menge die fluchtähnliche Auffahrt und eilte der Dais herbei, dem der Dailkebir die Aufsicht über die Fremden anempfohlen. Vergeblich aber war ihr Rufen - der Eisenkorb schwebte wohl schon auf einem Drittel der Höhe und bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die jedem Nachklimmen auf der Stufentreppe weithin zuvorkommen mußte.
»Was ist geschehen, Knabe,« frug endlich während der Auffahrt in arabischer Sprache der Arzt. »Ist der Fürst plötzlich wieder erkrankt?«
[124]
Der Jüngling schauderte. »Frage nicht, Fremdling - Schlimmes hat sich ereignet. Die Khanum selbst sandte mich, Euch so schnell als möglich zu holen - Eile thut noth, es gilt Euer Aller Leben und Gabriel ist mit uns, daß er mich Euch finden ließ, ehe Hassan ben Simson zurückkehrt. Steigt aus und folgt mir zur Khanum!«
Sie mußten mit diesem unvollkommen Bericht sich begnügen, obschon Lord Frederic wiederholt den jungen Mann mit Fragen nach der Fürstin drängte. Sie fanden zu ihrer Ueberraschung die Khanum bereits unter dem Gewölbe des Thors ihrer harren, den Professor am Arm haltend, der an keine Pergamente mehr zu denken schien; denn er stierte halb von Sinnen umher und hörte kaum auf die Worte der Khanum bis er seinen stattlichen Zögling erblickte und sich diesem fast schluchzend in die Arme warf.
»Gott segne Deinen Anblick, theurer Freund und Zögling! By Jove - Mylord, ich flehe Sie an, lassen Sie uns diesen schrecklichen Ort verlassen, sobald als möglich, und wenn es dem allmächtigen Gott gefällt, daß wir hier unser Leben verlieren sollen, so lassen Sie uns zusammen sterben als Christen wie es Ihnen und mir gebührt, obschon es allerdings schade ist, daß so viele mit Mühe und Gefahren erworbenen Beobachtungen der Mitwelt verloren gehen sollen!«
Die Khanum rief hastig dem Jüngling einige Worte zu - und dieser zog seine Begleiter tiefer in das Gewölbe des Thores. Gleich hinter ihnen rasselte das schwere aus starken Eisenstangen bestehende Fallgatter in seinen Falzen nieder und schlug in die Fugen.
»Befestigt es wohl!« befahl die Khanum und Du, Jesus, sorge dafür, daß der Eisenkorb an die Ketten gelegt wird. Nimm den Schlüssel zu Dir, und die Strafe ewiger Vernichtung über Jeden, der es wagt, Gitter oder Krahn zu öffnen auf einen andern Befehl, als den des Scheich, der es bei diesem heiligen Ringe verbietet, den er zum Zeichen seines Wortes diesem Mann anvertraut hat!«
Sie hob fast mit Gewalt die Hand des blassen Gelehrten in die Höhe und streckte sie den Wächtern des Thurms entgegen - an dem Zeigefinger des Professors sah zu seinem Erstaunen der Arzt den Ring funkeln, dessen Abdruck er vor wenigen Stunden dem Fürsten des Gebirges abgezwungen hatte.
Die bewaffneten Wächter des Eingangs warfen sich bei dem Anblick des Ringes demüthig zu Boden und schlugen Stirn und Brust.
»Melde dem Herrn oh Khanum unsern Gehorsam!«
Zugleich brachte der Jüngling zwei mächtige eherne Schlüssel mit seltsam geformtem Bart, so daß man wohl begriff, daß nur durch sie die Schlösser, zu denen sie gehörten, geöffnet werden konnten.
»Kommt - jeder Augenblick Zögerung kann Euer Verderben sein!« Sie schritt eilig voran - noch immer unbewußt dessen, was geschehen, folgten ihr der Lord und seine Freunde mit Jesus.
Die Khanum eilte durch den Corridor, der zu der Waffenhalle der Patriarchen, seinem gewöhnlichen Aufenthalt führte und schien alle unberufenen Lauscher sorgfältig entfernt zu haben, denn Niemand begegnete ihnen, bis sie am
[126]
Eingang selbst den Bärenjäger fanden, der einen gewaltigen eisernen Streitkolben gleich einem Gewehr auf der Schulter trug.
»Frage den Mann mit der Kraft eines Löwen, ob Niemand das Gemach des todten Scheich betreten hat?« gebot die Fürstin dem Arzt.
»Großer Gott - der Scheich ist gestorben in meiner Abwesenheit? Hast Du ihm denn nicht die Tropfen gereicht, als der Anfall kam?«
»Sieh selbst! - Nicht Menschenhand oder die Krankheit hat den Mächtigen überwunden - seine eigene Schuld that es! frage diesen Mann, den wir an seinem Lager fanden, obschon er sonst kaum den Muth der Gazelle zu haben scheint!«
In der That schien der kleine Professor trotz der Anwesenheit seiner Freunde nur ungern ihnen zu folgen, als sie jetzt näher traten.
Der erste Anblick, der sich ihnen bot, war ein von der eisernen Keule des Trappers, der diese Waffe zum Kampf gegen die beiden Bestien aus der nächsten Gruppe gerissen, erschlagener Pavian, der seine widrige Gier und den Kampf um die ihnen geraubte Beute mit zerschmettertem Schädel gebüßt hatte. Aber schrecklicher wirkte das zweite Opfer, obschon die Sorge der Khanum bereits das Widrigste des Anblicks beseitigt zu haben schien. Auf seinem Lager lag, die Glieder in hartem Kampf krampfhaft gebogen der Körper des alten Mannes von Blut bedeckt und mit gräßlichen Wunden Gesicht und Hände zerfleischt; das in Todeskampf herausgequollene Auge, die
[127]
blaue Farbe des Angesichts, wo es weder durch Wunden noch durch Blut entstellt war, aber mehr noch die Spuren der sehnigen Krallen um den hagern Hals überzeugten den Arzt, daß der Tod durch Erwürgung erfolgt war.
»Welches Unglück, welches Verbrechen ist hier geschehen? Der Arzt hat das Recht der Frage, ich versuche Nichts eher, als bis ich weiß, was geschehen?«
Die Khanum wiegte den Kopf. »Frage nicht, Hakim - es war der Wille des Urgeistes und jede Hilfe ist vergebens - sein Leben ist entflohen. Als dieser Mann hier in die Henanah stürzte, nachdem ihm Jesus auf den Hilferuf des thörichten Weibes den Weg hierher gewiesen und er sie ihren Gefährtinnen zuwarf - eilte ich hierher, aber das Thier war bereits von dem Mann der Bücher, so schwach und schüchtern er sonst ist, verscheucht und flüchtete davon. Es muß sich nach dem Tod seines Gefährten auf den Hilflosen geworfen haben, um seine Wuth und Blutgier an ihm zu kühlen.«
»Und kein Beistand war in der Nähe?«
Die Khanum wies verächtlich nach der Höhle, deren Gitter wieder geschlossen war.
»Ich ließ die Mohren, die selbst noch halb betäubt waren, von dem Rustam hier dort hinein werfen, damit sie das Geheimniß seines Todes nicht vor der Zeit verkündeten. Der Kopf der Halbmänner wird ohnehin büßen müssen für seinen Tod, denn das Geheimniß des Wie darf nicht verrathen werden. Aber der Tod des Scheich kann nicht lange verschwiegen bleiben und das schwarze Banner muß auf den Zinnen von Gengarab wehen; der
[128]
Mann, der bestimmt ist, der Fürst der Berge zu werden harrt in der Nähe, wenn er - dem seine letzte Lebenskraft den Ring mit der grünen Schlange in die Hand drückte - nicht selbst den Thron der Homairi besteigen will.«
»Wie - Professor Peterlein - unser Gefährte?«
»Nimmermehr - um keinen Preis der Welt und alle Entdeckungen der Wissenschaft möchte ich noch Etwas zu thun haben mit diesem Volk! Nur fort, fort Freunde von hier, wenn es möglich ist! Möge der Satan, dem sie dienen, all' ihre Pergamente und Geheimnisse holen!« der kleine Gelehrte focht mit Händen und Füßen.
»Es wäre ein schlimmer Hohn auf das Gedächtniß Dessen, der dem Urgeist sein Selbst zurückgegeben,« sagte trauernd die alte Frau. »Aber wir müssen den Zufall uns zu Nutze machen, denn bei der Erinnerung an die Zeit meiner Jugend und des Glaubens meiner Mutter habe ich mir gelobt, Euch zu retten, und mit Euch den letzten Sprossen seines Blutes, Jesus, damit er den Fluch Eblis besiege und ein Prophet des Kreuzes werde, zu dessen Glauben ich seine reine Seele von Kind auf vorbereitet habe. Doch unsere Zeit ist kurz und Ihr müßt den Weg in's Gebirge zurücknehmen noch in dieser Stunde. Denn ehe die nächste vergeht, wird Kampf und Mord hier sein, und wer kann sagen, wer den Sieg davon trägt und was der Wille des Siegers sein mag.«
»Aber Wéra - die Frau, die wir Dir anvertraut? Wir fliehen nicht ohne sie!«
»Sie ist bereits von der Nothwendigkeit des schleunigsten
[129]
Aufbruchs unterrichtet und befindet sich unter den Frauen im Kiosk, um keinen Verdacht zu erregen. Die Rosse sind bestellt und harren bereits jenseits der Zugbrücke. Es gilt jetzt, so lange der Tod des Scheikhs noch verborgen bleiben kann, die Wächter am Thurm und die Führer drüben zu täuschen und zum Gehorsam zu zwingen, und dazu möge der Ring an dem Finger dieses Schwächlings uns dienen. Nehmt Abschied von der Leiche dieses Mannes. Jesus, mein Kind, er war der Ahne Deines Blutes und auch wir müssen scheiden für dieses Dasein! Führe die Fremdlinge so rasch als möglich nach dem Abhang des Gebirges gen Abend dorthin, wo die drei Felsen jenseits des zweiten Thals hinausspringen in die Wüste, dort wirst Du den Scheikh der Abu-Bianah und ihre Gefährten finden!«
»Aber Hassan, unser bisheriger Führer?«
»Er möge seinen ehrgeizigen Schädel einrennen an dem Eisengitter von Gengarab! Der Ring der Homairi ist nicht für ihn bestimmt, - ein Stärkerer als er wird ihn zwingen, den Kopf seines Rosses gegen Mitternacht nach Kahira zu richten - und selbst wenn er Euch verfolgen wollte auf dem Wege zum Nil - das schnellste Roß seines falschen Propheten würde drei Tagereisen brauchen, ehe es das Gebirge auf dieser Seite zu umgehen oder zu übersteigen vermag, während Euch der Weg einer Sonne schon in die Wüste bringt, wo das Wort eines Bianah-Kriegers Euch erwartet, dessen Stamm niemals das seine brach. Nehmt von jenen Waffen, Fremdlinge, was Ihr zu bedürfen glaubt!«
[130]
»Und Du Frau, was wird Dein Schicksal sein? Willst Du uns nicht begleiten?«
»Gott, Allah, oder der Urgeist, wie Jener ihn nannte, werden über mir wachen, bis das Schicksal dieses Knaben erfüllt ist. Gehe mit meinem Segen Jesus, Dein Sinn hat Dich stets von der harten Lehre abgewendet und zu dem mildern Glauben Dessen gezogen, dessen Namen Du trägst. Weile nicht in Kahira, denn Feinde würden auf Deinen Fersen sein, bis vergessen ist dieser Tag. Gehe mit den Christen oder schnüre Deine Sandalen und wende Deinen Schritt zum heiligen Berge Sinai. Auf seinen Höhen sind die Klausen frommer Einsiedler jeden Glaubens, von Moses, dem Christ und Mohamed. Dort prüfe selbst Aller Lehren von dem Wesen der Allmacht und dem Zweck der Erschaffenen, und wenn Du geprüft und gewählt, dann sei einer der Propheten eines mildern Glaubens, als der ist, der Deine Jugend genährt. Vom Aufgang her kam Mariam mit dem Kinde ins Land der Aegypter, daß es gerettet werde nach alter Schrift, vor dem Zorn des Herodes - und aus dem Aegypterland und tiefer Finsterniß sendet eine andere Maria Jesus den Knaben, damit er ein Sieger werde des ächten Glaubens unter den Völkern.«
Der junge Assassine war vor seiner Aeltermutter in die Knie gesunken, und während die Thränen reichlich aus ihren welken Augen auf sein jugendlich lockiges Haupt strömten, umarmte und küßte sie dasselbe im Segnen. Dann sich ermannend führte sie selbst Alle in den großen Vorhof der Burg gegen den Eingang derselben, wo bereits zahlreiche Gruppen der Bewohner der Burg
[131]
versammelt waren und scheu die Köpfe zusammensteckten, denn das Unerwartete der gegebenen Befehle mußte doch Aufmerksamkeit erregt haben, wenn auch noch Niemand gewagt hatte, der Khanum zu widersprechen. Auf ihren Wink klopfte Jesus an die Thür der Henanah und alsbald trat die Fürstin mit mehreren Frauen heraus, die sie bis zum Ausweg begleiteten, dann aber wieder sich zurückzogen.
Der Lord hatte die Hand der Dame genommen. »Wir müssen flüchten,« sagt er, »doch fürchten Sie Nichts, wir schützen Sie mit unserem Leben - Gott hat uns aufrichtige Freunde gesendet, diese Frau und diesen Jüngling. Aber Eile und Entschlossenheit sind nothwendig und ich bitte Sie, vor diesen vielen Augen keinen Mangel an Zuversicht oder Besorgniß zu zeigen. Wir sind bereit, edle Khanum. Nochmals Dank für Eure Gastfreundschaft und den Schutz des Scheichs. Laß den Inhalt dieses Beutels mit Theresienthalern an die Diener der Burg vertheilen.«
Der Hakim hielt bereits den Beutel unter dem Gewande bereit und die wohlangebrachte Freigebigkeit diente dazu, die Männer, wenn sie etwa mißtrauisch geworden, an keine Einsprüche gegen die Abreise ohne die Anwesenheit des Dailkebir denken zu machen.
»Der Fürst unser Aller Gebieter,« sagte die Khanum, »hat befohlen, daß die Fremdlinge noch in dieser Stunde Gengarab verlassen und dahin zurückkehren, woher sie gekommen waren. Der Beistand Allahs ist mit der Arznei dieses weisen Hakims gewesen und der Scheikh Johannes bedarf seiner nicht mehr. Laßt die Brücke nieder, denn
[132]
dort drüben harren bereits ihrer die Pferde. Dann aber soll nach dem strengen Befehl des Meisters dieser Weg weder zum Eingang noch zum Ausgange geöffnet werden bis zur nächsten Sonnenhöhe und bis ich ihm den Schlüssel bringe an sein Lager, denn nach dem Ausspruch des Hakims bedarf er der ununterbrochenen Ruhe nach dem Trank, den er genommen, um neugestärkt und geheilt von all seinen Leiden zu erwachen.«
Diese Erklärung harmonirte übrigens so sehr mit Allem, was sich über die Krankheit ihres Oberhaupts und die Wirkungen der Medizin verbreitet hatte, die ihm der fränkische Arzt verordnet, daß jeder Verdacht schwand. Die Brücke rasselte nieder und die Europäer beeilten sich, sie zu überschreiten, begleitet von der Khanum bis auf ihre Mitte.
Dort reichte sie Jedem zum Abschied die Hand, bis auf Jesus, der - der Letzte von den Scheidenden - sie zurückhielt.
»Sage mir noch Eins, Mutter,« sagte er - »und dann möge Dein Segen mit mir sein, wohin mich Dein Gebot sendet. Was soll mit dem Ringe geschehen, den der Fürst dem Franken anvertraut, wenn er ihn in meine Hand legt, oder willst Du ihn nicht lieber jetzt schon an Dich nehmen?«
»Ihr werdet seiner bedürfen, um drüben, wenn es nöthig, den Gehorsam zu erzwingen. Dann aber, wenn Ihr in Sicherheit seid - Du hast aus dem Munde des Scheikh gehört, daß der Ringe dreie sind, an die sich der Fluch und der Tod bindet - dann Knabe, wenn es
[133]
in Deine Hand gegeben ist, dann versenke sie, wo das Meer am Tiefsten, damit der Fluch Ismaëls von den Menschen genommen und der Kampf geendet wird zwischen Eblis und Gabriel, zwischen Finsterniß und Licht um die Herrschaft der Welt! Sei gesegnet, mein Sohn in Allem, was Du thust zu ihrer Erlösung.«
Sie wandte sich und trat in den Thurm zurück, an dessen Riesenpfeilern die Brücke sich in ihren Ketten in die Höhe erhob, und alle Verbindung mit den Pfaden des Gebirges abschnitt. Dann den gewaltigen Schlüssel auch hier an sich nehmend, kehrte sie nach einem letzten Blick auf die bereits um die Felsenvorsprünge verschwindenden Reiter zurück nach der Burg, und setzte sich, ihr Haupt verhüllend neben der verstümmelten und von ihr bedeckten Leiche ihres Gatten nieder, - jetzt ein machtloser Erdenkloß, während noch vor wenig Stunden sein Wort so vielen Leben gebot.
Erst als in ihren Schmerz die donnernden Schläge an das Eisengitter drangen, mit denen der zurückgekehrte und Unheil für seinen Ehrgeiz fürchtende Dailkebir Hassan den Eingang zur Burg zu erzwingen suchte, schob sie den Teppich zur Seite und öffnete noch einmal den Weg des geheimen Eingangs zur Tiefe.
»Steig herauf, Nureddin, neuer Scheich al Dschebal des Volks der Assassinen, und lehre jenem Ungestümen Gehorsam, der ihn nach Kahira sendet!«
Der Schein der Lampe stieg wie vorhin empor, doch rascher als vorhin und zitternd in der Begier der Herrschaft!


[134]
Ohne auf Zögerung und Widerspruch zu stoßen, hatten die Reisenden, nachdem ihnen wie bei dem Herritt, die Augen von ihren Führern verbunden waren, den Ritt über das Gebirge fortgesetzt. Das Vertrauen, das der junge Assassine trotz seines geringen Grades und seiner Jugend beim Scheikh und auf Burg Gengarab genoß, war zu bekannt, als daß man nicht seinem bloßen Wort gehorcht hätte, ohne daß er zu seiner großen Freude die Macht des Ringes anzuwenden nöthig gehabt hätte. Mit dem Morgen waren sie in das Thal gelangt, das sie zuerst beim Verlassen ihres improvisirten Lagers überschritten hatten, ehe sie die steile Bergwand emporstiegen, und seinem Laufe folgend, ohne ihr früheres Lager aufzusuchen, wandten sie sich sofort nach Norden und setzten den ganzen Tag ohne Unterbrechung ihren Weg fort, gegen Abend erst sich und den ermüdeten Thieren in einem Seitenthal Ruhe gönnend. Sie hatten in der That die richtige Stelle gewählt, denn als sie am andern Morgen dem sich nach der Wüste wendenden Passe folgten und an den vom Scheikh erwähnten drei mächtigen Felsblöcken vorüberkamen, fanden sie unter'm Schutz des letzten, im Angesicht der Wüste nicht allein die zurückgelassenen Freunde, sondern auch den Scheich Abu Beckr mit seinem Knaben und den Reitern. Von ihnen vernahmen sie, daß der Bote, welchen schon mehre Stunden vor ihrer Flucht aus Gengarab die Khanum noch auf Befehl des Fürsten abgesandt hatte, die drei Parteien in großer Aufregung getroffen hatte; denn der Scheikh der Abu-Bianah mit seinen Reitern war im Laufe des Tages an der Nadel der Wüste eingetroffen
[135]
und lagerte dort seinem Versprechen getreu, die kleine Karavane sicher durch die Einöde zu führen. Sofort wurde Achmet der Beduine an ihn abgesandt, um ihm das veränderte Rendezvous mitzutheilen und Adlerblick traf seine Anordnungen so umsichtig und geschickt, daß die Zurückgebliebenen unter'm Schutz der Assassinenwache noch in derselben Nacht ihren bisherigen Halteplatz verlassen und sich den Beduinen anschließen konnten, ohne daß die Reiter des Negus sie daran zu hindern wagten. Einmal bei dem Wüstenscheikh, war die Gefahr eines Angriffs nur gering, obschon es dem scharfen Auge des Trappers und seiner beiden Gefährten, des Sklaven Kumur und des Wüstenabenteurers Abu-Kassi nicht unbemerkt blieb, daß die Reiter des Dedschas in weiter Entfernung ihnen folgten, um sie nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Jetzt, nachdem sie durch die Ankunft der Flüchtlinge von Gengarab verstärkt worden und im Besitz zahlreicher Thiere für den Marsch durch die Wüste waren, brauchten sie die Gefahr nicht weiter zu scheuen, und nachdem Jesus ihre Führer von Gengarab her nach reichlich empfangener Belohnung mit ihren Thieren zur Burg zurückgesandt hatte, brachen sie Alle unter'm Schutz des Beduinen Abu-Beckr sofort auf und richteten ihren Weg in die nubische Wüste gegen Nordwest, indem sie beabsichtigten das Dongolah im April mit dem steigenden Wasser des Nils zu erreichen, und auf diesem die Fahrt gen Assuan und Kairo fortzusetzen. Freilich war dies ein an Entbehrungen und Gefahren reicher Zug von fast einem Monat, aber es war dem Lord gelungen, Abu-Beckr für diese Zeit zu gewinnen, und so
[136]
machte die Gesellschaft sich getrost auf den Weg, all den wechselnden Abenteuern des wilden Weges sich überlassend. Schon am dritten Tage hatte die Verfolgung durch die abessynischen Reiter des Dedschas aufgehört, und Lord Walpole mit den beiden Trappern konnte sich von der Zeit ab unbesorgt dem Vergnügen der Wüstenjagd überlassen, die, je weiter sie nach Norden und Westen gelangten, freilich nur auf die verschiedenen Arten der Gazellen und Antilopen und die zahlreiche Vogelwelt beschränkt blieb. -
Während selbst der Professor nach und nach sich von dem Eindruck der überstandenen Schrecken zu erholen begann und reiche Entschädigung durch seine, unterm Schutz von zwei der arabischen Reiter unternommenen Streifzüge in die Wüste, namentlich in Untersuchung der Mineralien heimbrachte, und die Fürstin die Jäger häufig begleitete, hielt sich Doktor Walding stets an dem Hauptzug der kleinen Karawane und widmete Tank-ki ein ganz besonderes Interesse. Das Mädchen zeigte ihm großes Vertrauen und sah zu ihm auf, wie zu einem Vater, während dabei ihre Stimmung immer trauriger wurde. Sie kam während des Marsches selten aus dem Korb auf dem Rücken des Kameels, das sie trug und an den Halteplätzen hielt sie sich gleichfalls meist abgesondert für sich.
Es war am zwölften Tage, als unsere Reisenden zuerst das Nilthal und zwar am Thal (Wadi) Kenous stark oberhalb Assuan unterhalb des letzten Katarakts erreichten. Sie hatten noch eine Tagereise bis zu dieser, der südlichsten Stadt Aegyptens, dem alten Syene, von wo aus erst
[137]
die Schiffbarkeit des Nils durch die Ermöglichung der Dampfschifffahrt eine größere Bedeutung gewinnt und wo die Sonne am längsten Tage keinen Schatten wirft, weshalb schon die Alten hierher den Eintritt in die heiße Zone verlegten. Aber der Lord war so begierig, die Wasserstraße zu erreichen, daß er beschloß, am nächsten Landungsplatz schon eine Dahabieh, eines der eigenthümlichen Nilboote zu nehmen, und den Scheikh Abu Beckr bat, einen Reiter vorauszusenden, um ein solches zu miethen. Der Zufall hatte den Beduinen Achmed getroffen und einstweilen lagerte die kleine Karawane unter Ruinen vielleicht des alten Syenes, die der Professor zu untersuchen wünschte, als plötzlich Jesus und der Knabe Murad erschienen und sich sehr erschrocken zeigten. Es hatte sich auf dem Wege zwischen den Beiden eine große Freundschaft entwickelt, die ihren jungen Jahren entsprach und fast stets sah man sie auf den Abschweifungen von der geraden Richtung der Karawane zusammen wandern.
Murad winkte seinen Onkel zur Seite und vertraute ihm, was sie gesehen: zwei Reiterhaufen, die von Osten und Südosten her, der letztere offenbar ihren eigenen Weg verfolgend, zum Nil zogen.
»Allah Kerim,« meinte der Scheich, »die Wüste ist groß, und es ist die Straße der Karawanen, die nach Assuan ziehen.«
»Aber es sind keine Karawanen,« behauptete Murad, - »es sind gewaffnete Reiter, wir sahen von der Höhe der Felsen aus im Sonnenscheine ihre Waffen blitzen und Jesus, der ein Auge hat, wie der weißköpfige Falke,
[138]
mient[meint], daß es die Reiter sind, die uns drei Tage lang durch die Wüste gefolgt waren.«
»Aber was gehen uns die Reiter vom Aufgang her an?«
»Es sind Homairi!« sagte der Jüngling ruhig. »Ich fürchte, daß es die Reiter des Dailkebirs sind, die sich am Ausgang des Djebels nach der untergehenden Sonne gewendet haben, um uns die Erreichung des Nils zu verlegen. Wir haben gesehen, wie sich die beiden Züge vereinigt haben, nachdem sie Boten gewechselt hatten, und deshalb kamen wir, unsere Freunde zu warnen.«
»Wie weit sind sie noch entfernt?«
»Ihre Rosse kommen auf dem felsigen Grund nur langsam vorwärts,« sagte der scharfbeobachtende Knabe, »aber sie haben Richtung hierher genommen und die Wirrniß der Felsen mag sie vielleicht noch eine Stunde aufhalten, wenn sie nicht vorziehen sollten, die Rosse am Aufgang der Schluchten zu verlassen und zu Fuß uns zu verfolgen.«
Die Nachricht war allerdings so wichtig, daß Abu Beckr eilig einige seiner Araber absandte, die Fremden zu beobachten, bis man Gewißheit über ihre Absichten und ihren Charakter hätte, und einstweilen Alles zum Aufbruch bereiten ließ. Man war allerdings auf dem letzten Tagesmarsch nur langsam vorwärts gekommen, da hier sich die Gebirge von Osten her in einzelnen Ausläufern wieder bis zum Nil herabziehen, und seinen Lauf hemmend die berühmten ersten Katarakten bilden, so daß der Weg nur in einzelnen Schluchten mit Pferden und Kameelen gemacht werden kann und gewöhnlich nur Esel von jener kleinen
[139]
Gattung benutzt werden, die wegen ihrer Ausdauer und Zähigkeit durch ganz Aegypten verbreitet sind.
Der Lord und der Arzt waren rasch von dem Scheikh herbeigerufen worden, während er an die anderen Begleiter den Befehl ertheilte, sich zum Aufbruch fertig zu machen zum großen Bedauern des mit allerlei gelehrten Expeditionen beschäftigten Professors, den man sich übrigens bereits gewöhnt hatte in allen wichtigen, die Richtung des Weges und die Sicherheit der Gesellschaft betreffenden Fragen, als Null zu betrachten; doch unterließ es der Lord nicht aus Achtung vor seinem alten Freunde, ihn bei ernsteren Berathungen wenigstens zuzuziehen, um ihm Gelegenheit zu geben, seine in der That großen geographischen und historischen Kenntnisse zu zeigen.
»Nach dem, was unser Führer erzählt,« behauptete der Gelehrte, »befinden wir uns hier bereits oberhalb der ersten Stromschnellen, oder des ersten Katarakts, bis wohin Se. Königl. Hoheit der Prinz Albrecht von Preußen auf seiner zweiten Reise zum Nil im Jahre 1847 ging, nachdem Höchstderselbe auf seiner ersten fünf Jahre früher bis über den zweiten Katarakt, also bis Ebsambol gelangt war und die gefährliche Fahrt über die Fälle selbst, wo 150 Barken Ibrahim Pascha's ein Jahr vorher gescheitert waren, unter Führung des berühmten Scheikhs der Katarakten unternommen hatte. Ich habe damals von seinem Begleiter, dem Lieutenant Reclam vom Garde-Schützen-Bataillon, einen Vortrag darüber gehört und öfter mit seinem Hofstaatssecretair Strömer davon gesprochen, der ihn gleichfalls begleitet hat. Aber ich erinnere mich nur, daß
[140]
unterhalb des ersten Falles der Nil wieder seine Breite erreicht und selbst Dampfer bis Dandur heraufgehen können - - -«
Der Scheikh erhob die Hand zum Zeichen, daß er sprechen wolle.
»Möge Allah geben,« sagte er, »daß Achmed uns gute Nachrichten bringt. Es ist wenig, was meine Reiter leisten können in diesen Felsen. Wo auch Eblis diese Söhne des Teufels hergeführt hat, es ist sicher, daß sie die Absicht hatten, uns zu begegnen, bevor wir Assuan erreichen, wo der Weg endet, den die Abu-Bianah Euch zu führen übernommen haben. Aber Abu Beckr kennt nicht umsonst dieses Ufer. Laßt die Frauen aufsitzen, daß sie zum Nil flüchten, indeß wir unsere Feinde aufhalten. Wir sind hier im Gebiet des Scheikhs der Katarakten, ich kenne ihn und es könnte Euern Verfolgern übel ergehen, wenn sie es wagen, uns hier anzugreifen.«
Aus dem Vergehen der Gränzüberschreitung und eines Einfalls in ägyptisches Gebiet schienen die Reiter des Abessiniers wie die des Assassinen sich jedoch wenig zu machen, denn einer der ausgesandten Späher, den Adlerblick zurückgeschickt, brachte die Nachricht, daß die verfolgende Schaar am Fuß der Felsen Halt gemacht, ihre Pferde dort verlassen hatte und im Begriff stände, zu Fuß in die nächste Schlucht einzudringen. Bald darauf erschien der Trapper selbst.
»Jener Knabe hat richtig gesehen,« sagte er - »er hat ein scharfes Auge, und wenn er eine gute Erziehung erhält, kann ein tüchtiger Schütze und ein tapferer Soldat
[141]
dieses schlimmen Landes aus ihm werden. Es ist in der That der General des Negus, der uns von Arkiko her verfolgt hat und der Franzose vom Schiff ist auch dabei. Hol' ihn der Teufel, ich hätte große Lust, die Kugel, die er mit seinem Pferde dort vor unserem Versteck parirte, ihm jetzt durch den Schädel zu senden, obschon er ein Christ ist, denn er verdient es nicht besser. Er ist rachsüchtiger, wie eine Rothhaut. Aber es ist noch ein Dritter dabei, wenn mich nicht Alles täuscht, den ich dort gleichfalls gesehen haben muß und der dort auf unserer Seite stand. Ich habe keinen Begriff, wie es kommt, daß er jetzt zu unseren Gegnern gehört; aber in diesen verteufelten Ländern scheint überhaupt nicht Glauben und Ehrlichkeit zu herrschen und ich habe mich daran gewöhnen müssen, seit ich Amerika verließ. Recht so, Brown - schicke die Weiber voraus und an der nächsten günstigen Stelle wollen wir den Schurken unsere Büchsen zu kosten geben, wenn sie allzu neugierig werden. Bisher hätte uns ihr Knall nur verrathen.«
»Wir brauchen uns nicht zu geniren, Adlerblick,« sagte der Trapper »und können unseren ehrlichen amerikanischen Namen in Gesellschaft unserer neuen Freunde immerhin führen. Der Name unseres alten Gebieters ist ihnen bekannt.«
»Meinetwegen,« meinte der Kanadier; »da unser Contrakt doch in Paris endet und wir entschlossen sind, nach den Prairien zurückzukehren, um dort unser Grab zu finden, bleibt sich die Sache gleich. Aber laß Abu Beckr seine Leute zurückziehen und Lord Walpole bestimmen, wer die
[142]
Frauen in Sicherheit bringen soll; denn mir scheint, daß wir uns hier auf einem ziemlich guten Platz für einen Hinterhalt gegen das Gesindel befinden, das nicht Ruhe zu geben scheint, bis es sich die Schädel eingestoßen hat.«
Der Rath des Trappers war in der That gerechtfertigt. Nach der Mittheilung des Scheikh, der sofort Boten absandte, seine Leute zurückzurufen, trennte sie nur noch ein geringer Bergrücken von der fruchtbaren Niederung des Nils, an dessen Ufer mehrere arabische Dörfer fliegen mußten, in deren eines der Bote zum Miethen einer Dahabieh und der nöthigen Ruderer gesandt worden war. Professor Peterlein, Kumur und der Knabe Jesus mit ein Paar der Araber wurden bestimmt, die Frauen zu begleiten und sämtliche Reitthiere mit dem Gepäck nach der Niederung zu bringen, und die Fürstin, die Anfangs sich geweigert, ihre Freunde bei dem Kampf zu verlassen und nur durch die ernsten Vorstellungen des Arztes dazu bewogen worden war, hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt. Dagegen hatte selbst der Befehl seines Oheims den Knaben Murad nicht dazu vermocht, und nur seine treue Stute hatte er einem der Araber übergeben.
Während der Zug die Anhöhe so rasch als möglich hinaufstieg, hatten der Scheikh und die beiden Trapper ihre Gefährten möglichst vortheilhaft placirt, und kaum war dies geschehen, als man auf der andern Seite des Passes Männer heraufsteigen sah, deren Jubelruf sofort erkennen ließ, daß sie den Zug der Frauen im Emporsteigen erblickt hatten und sich am Ziel ihrer Verfolgung glaubten. Es waren El-Maresch und seine abgesessenen
[143]
Reiter, die zunächst herbeikamen - an der Seite des Dedschas noch immer der Franzose! In einiger Entfernung hinter ihnen sah man die flatternden Gewänder der Assassinen, an ihrer Spitze den Dailkebir in ruhiger Haltung.
Den Europäern hätte es widerstrebt, die Herankommenden unerwartet mit einer Flintensalve zu begrüßen, aber weniger bedenklich als sie, empfingen Abu Beckr und diejenigen seiner Gefährten, welche mit einer alten Flinte bewaffnet waren, sie mit einer Salve, die freilich wenig Schaden that, da die Gewehre meist nur alte Kommißflinten waren und die Araber ohnehin nicht besondere Schützen sind. Doch genügte die Verwundung eines der besser bewaffneten Abessynier, sie zu größerer Vorsicht zu mahnen und gleichfalls ihre Deckung suchen zu lassen. Von dem Augenblick an entspann sich ein lebhaftes Feuergefecht, in dem jeder der Schützen sich möglichst zu decken strebte, doch rückten offenbar die an Zahl viel stärkeren Verfolger den Reisenden immer vor, indem sie auf beiden Seiten diese zu überflügeln suchten.
Die Assassinen, die keine Gewehre führen, schienen sich ganz von dem Kampfe zurückgezogen zu haben, denn sie waren von der Stelle verschwunden, an der man sie früher gesehen hatte.
Von der Gesellschaft des Lords war bisher nur einer der Araber erschossen worden, der sich unvorsichtig aus der Deckung gewagt, - aber es konnte kein Zweifel darüber sein, daß die Gegner vordrangen.
»Es wird Zeit, daß die braunen Burschen eine Lektion
[144]
erhalten,« bemerkte der Trapper Adlerblick. »Ha, das galt Ihnen, Mylord und der Schuß kam von rückwärts. - Hölle und Teufel - sie haben uns wahrhaftig überlistet und uns den Weg versperrt!«
Ein Ruf des Knaben Murad und dessen Geberden hatte ihn nach rückwärts blicken und bemerken lassen, daß der Zug der Frauen eben die Höhe des Grates erreicht hatte und auf der anderen Seite niedersteigend verschwand - aber zugleich sah er, daß zwischen ihnen und den Frauen bereits der größte Theil der Krieger des Dedschas und dieser selbst mit dem Franzosen sich befand, und der Ausgang ihrer eigenen Stellung nach dem Nil hin von dem Hosseini gesperrt war.
Es bedurfte nur eines Augenblicks, um die beiden Europäer bemerken zu lassen, daß sie so zwischen zwei Feuer gerathen und gleichsam in einer Falle waren. Der Dedschas und seine Krieger schienen sich indeß weniger um sie zu bekümmern, als um die weitere Verfolgung der Flüchtlinge, die ihnen jetzt nicht mehr entgehen konnten. Dennoch hatte es eben nur des einen Blickes und dieser Erkenntniß ihrer Lage bedurft, um den jungen Engländer seinen Entschluß fassen zu lassen.
»Lassen Sie Abu Beckr diesen Posten halten Doktor,« sagte er kurz, »damit wir nicht von hinten angegriffen werden - wir selbst müssen uns durchschlagen zur Fürstin um jeden Preis. Smith! Brown! wenn Sie die Männer sind, für die ich Sie halte - werden Sie uns nicht im Stich lassen!«
»Niemals, Mylord - fragen Sie den Doktor darum!
[145]
Aber einen Augenblick - ich glaube, es wird gut thun zuvor dem braunen Schuft einen Denkzettel zu geben!«
Mit Blitzesschnelle lag seine Büchse im Anschlag und gleich darauf krachte der Schuß. Man sah an der Höhe hinauf den Dedschas selbst mitten zwischen seinen in der Verfolgung begriffenen Kriegern taumeln, die Faust gegen sie hinab drohend heben und dann die Anhöhe herunterrollen. »Und jetzt, Ralph,« sagte der Schütze kaltblütig, »wird es Deine Sache sein, durch Diese hier uns eine Bahn zu brechen!«
Er wies auf die Reihe der Assassinen, die ihre Speere gesenkt den Ausgang des bisher von den Reisenden vertheidigten Hohlwegs gesperrt hielten, eine trotz ihrer Ingend nicht zu verachtende Phalanx, denn hinter ihr, sie zum Widerstand ermunternd und ihn leitend, stand der Dailkebir.
»Gebt Raum! laßt uns durch! Was seid Ihr mit unsern Feinden?«
»Diebische Franken,« schrie der Assassine seine Streitaxt schwingend. »Ihr habt den Ring der Hosseini gestohlen! Gebt den Raub heraus und Ihr mögt frei ausgehn - sonst soll Keiner dem Tod entrinnen!«
»Den Ring?«
»Den Ring des Scheikh al Dschebal, den Ihr aus Gengarab geraubt durch das falsche Weib. Her mit dem Ringe, der mir allein gebührt!«
Der Lord blickte erstaunt auf den Arzt und ließ die bereits zum Angriff erhobene Büchse sinken. »Den Ring, Doktor - wo ist er? Wer dachte noch an den Ring! Wissen Sie davon?«
[146]
»Der Knabe Jesus hat ihn - er ist voraus!«
Es war mehr das Brüllen eines wilden Thieres, was Hassan der Dailkebir ausstieß bei dieser Nachricht - daß Jesus das Kleinod der Assassinen trug. »Dann ihm nach - der Ring gehört mir! er und Ihr Alle sollt sterben bei Eblis!« und den Seinen winkend ihm zu folgen, stürzte er selbst aus der Schlucht und eilte den Abgang hinauf.
Diesen Augenblick benutzten natürlich der Lord und seine Freunde, das Freie zu gewinnen. Bunt durcheinander, Freund und Feind, eilten sie die Anhöhe hinauf, von der ihnen zu ihrem Erstaunen die Krieger des Dedschas gleich einer Welle, die sich am Strande gebrochen, zurück und entgegegen flutheten. Schüsse knallten hinter ihnen drein, auf dem Gipfel des Grates erschien eine Schaar von Männern und immer mehrere, Europäer und Beduinen durcheinander quollen ihnen nach und trieben die Hedschas in wilder Flucht vor sich her!
»Festgestanden, Vetter Frederic!« klang eine laute Stimme - »keinen Pardon, Freunde, den Räubern der Wüste! Hurrah für Alt-England, wir kommen zu rechter Zeit!«
Der Lord blieb erstaunt stehen. »Um Himmelswillen - diese Stimme kenne ich - das ist der Graf von Lerida ...«
»Dein toller Vetter Juan - dessen Streichen der weise Walpole Nichts mehr nachgiebt mit diesem Zug durch die Wüste! Davon später, - jetzt laß uns an sie!«
»Die Fürstin! bist Du den Frauen begegnet, Juan?«
[147]
»Caramba - wenn das die russische Fürstin ist mit ihren Diamanten und Smaragden, so muß ich Dir sagen, Vetter Frederic, Du hast keinen üblen Geschmack - sie ist in Sicherheit, hoffentlich bereits am Bord meiner Barke. Vicomte von St. Bris hat es übernommen, für sie zu sorgen, indeß wir Dir zu Hilfe eilten. Ich muß gestehn, Du schleppst seltsame Gesellschaft mit Dir umher und scheinst an Abenteuern so wenig Mangel gehabt zu haben, wie ich. Wer sind die Bursche da, die so trotzig ihre Speere uns entgegenstrecken gleich einem Stachelschwein? - nieder mit den Waffen oder eine tüchtige Salve soll ihnen allen den Garaus machen!«
In der That hatte sich das Blatt wie mit einem Zauberschlage gewendet. Während rechts und links bewaffnete Beduinen, nach dem Wort und Wink eines alten graubärtigen Mannes in der Uniform eines ägyptischen Offiziers die Krieger des erschossenen Dedschas vor sich hertrieben, die in wilder Flucht den Felsenpaß zurück zu gewinnen suchten und dabei in die Hände des Scheikh Abu-Beckr und seiner Araber geriethen, - hatte sich die kleine Schaar der Hosseini um ihren Anführer geschaart, ihn gleichsam im Quarré umgebend und streckte ihre Speere trotzig jedem Angriff entgegen, sich langsam zurückziehend, da der Dailkebir wohl einsehen mochte, daß diesem so plötzlich erschienenen übermächtigem Feinde gegenüber jeder Versuch einer weiteren Verfolgung der Frauen und ihrer Begleiter mehr als vergeblich sein und nur mit ihrem vollständigen Untergang enden konnte. Finsteren Blickes stand der Dailkebir in der Mitte der Seinen noch
[148]
nach einem Entschluß ringend, während sich eine immer größere Zahl von Arabern um seine Schaar sammelte und nicht übel Lust zu haben schien, über sie herzufallen, als der Lord mit Doktor Walding und seinem Vetter ihnen näher trat.
»Emir,« sagte er - »wenn Du auch wie ich fürchten muß, Schlimmes mit uns vorhattest, so ist doch noch Nichts geschehn, was uns vergessen lassen kann, daß Du zuerst Dich uns freundlich erwiesen und uns Schutz gewährt hast gegen die Verfolgung der Habesch. Wenn Ihr die Waffen niederlegt und geloben wollt, friedlich in Eure unheimlichen Berge zurückzukehren, mögt Ihr ungefährdet Eure Pferde aufsuchen, sobald wir das Schiff dieser Franken bestiegen haben, und es sei Frieden zwischen Euch und uns. Entscheide Dich rasch; denn wie mir meine Freunde sagen, ist das Boot zur Abfahrt bereit!«
»Möge Dein Schatten lang sein, Aga,« sagte der Scheikh Abu Beckr, der mit dem ägyptischen Offizier her beigekommen war, den er wohl zu kennen schien. »Du denkst doch hoffentlich nicht daran, diese Söhne des Teufels, die Allah in unsere Hände gegeben hat, ungekränkt zurückkehren zu lassen? Dieser Mir Alai ist der Scheikh der Katarakten und mein Freund. Sein Beistand ist es, der uns Alle gerettet hat. Was soll aus uns werden, wenn diese Verworfenen, die vorgeben, an den Propheten zu glauben und Nichts sind, als Anbeter des Teufels, sich an uns rächen für ihre Niederlage? Noch hat Niemand Gutes gehört von einem Ismaëliten.«
»Ich denke Freund Abu Beckr,« beharrte nach einer
[149]
kurzen Berathung mit dem Arzt und dem ägyptischen Offizier der Engländer auf seiner Entscheidung, »wenn diese Männer ihre Waffen abgeben, haben sie in langer Zeit nicht die Macht, Dir oder Anderen zu schaden und es würde sogar übel sein für Deinen Stamm und selbst für die ägyptische Regierung, die, wie ich höre, gegenwärtig mit ihnen in Frieden lebt, ihre Rache zu reizen. Was uns betrifft, so sind wir ganz aus ihrem Bereich, sobald wir auf dem Nil sind, denn wir finden in Assuan das Dampfschiff meines Verwandten, der nur um die Katarakten zu sehen, seinen Weg bis hierher ausgedehnt hat und ursprünglich nur in Assuan nach uns bei den Karawanen forschen wollte. Du aber, Freund Abu, magst als Zeichen unserer Dankbarkeit außer dem bedungnen Lohn die sämtlichen Reit- und Lastthiere nehmen, mit denen es uns gelungen ist unter Deiner Führung die Wüste zu durchkreuzen; Du findest Schutz genug hier, bis Du zu den Zellen Deines Stammes zurückkehren kannst.«
Der reiche Lohn, der auf diese Weise ihm zufiel, beseitigte sofort alle Einwendungen des Wüsten-Scheikhs und er hob die Großmuth des Beisädih bis in den Himmel.
Der Dailkebir hatte noch immer schweigend der Berathung über sein Loos zugehört; auf seinen Wink legten jetzt die Assassinen ihre Waffen auf einen Haufen und er selbst wandte sich nun an den Lord.
»Will der Beisädih jetzt, wo Frieden ist zwischen unseren Stämmen Hassan ben Simson den Ring zurückgeben lassen, daß ich ihn nach Gengarab zurückbringen mag? Der Knabe Jesus wird meinen Befehlen folgen.«
[150]
»Ich kann ihm dies nicht gebieten, denn ich habe kein Recht dazu. Wenn er sich ohne Zwang bereit erklärt, mag er es thun - obschon nach Allem, was ich gehört und wahrgenommen, es besser sein dürfte, dieses unheimliche Symbol der Macht wäre weder in Deiner noch in der Hand eines andern Mannes aus Deinem Stamm.«
»Soll ich Dich also zu ihm begleiten?«
»Nein - Du magst am Ufer seinen Entschluß erfahren!«
Der Assassine preßte die Zähne zusammen. »Den Entschluß eines Knaben? Machst Du einen Mann wie mich davon abhängig?«
»Eben darum soll sein Entschluß frei sein - da er nicht nach Gengarab zurückkehren wird.«
»So ist er ein Abtrünniger geworden von dem Glauben seiner Väter? Fluch ihm und meiner Blindheit! Du bist ein Thor, Christ, daß Du Eblis auf seine Fersen hetzest; denn wisse, wer der grünen Schlange geschworen, ist ihr verfallen für immer.«
»So mag es Dein finstrer Glauben lehren - der Glaube der Christen lehrt die Erlösung vom Teufel - jedenfalls soll der Entschluß des Jünglings frei bleiben. Aber wen haben wir hier? Herrn de Thérouvigne, meinen unversöhnlichen Gegner. Ihr wißt vielleicht gar nicht, Vetter Juan, daß Du da einen französischen Offizier zum Gefangenen gemacht hast, der sich den Banditen der Wüste angeschlossen hatte, bloß weil ich ihm für eine eingebildete Beleidigung die unter Thoren übliche Genugthuung verweigert hatte. Er ist ein Verwandter der Fürstin und
[151]
ich bitte Dich, ihn frei zu geben - er wird von Assuan leicht Gelegenheit finden, Cairo zu erreichen.«
Der Graf zuckte die Achseln. »Saint Bris hat ihn zum Gefangenen gemacht, wobei er einen Säbelhieb in die Schulter davon trug. Er mag über sein Schicksal entscheiden. Das erinnert mich, daß Du mir gesagt hast, Du hättest einen Arzt in Deiner Begleitung, der früher in Indien war. Vielleicht kennt ihn der Oberst, der im Dienst der Rhani von Ihansi stand. Wir finden ihn an Bord der ›Victory‹ in Assuan, wo er die Nachforschungen nach Euch leitet, indeß ich mir es nicht versagen konnte, die Katarakten zu besuchen - zum Glück für uns Alle.«
Doktor Walding war dem Sprecher näher getreten, mit dem ihn der Engländer bereits, während sie zu den Ufern niederstiegen, flüchtig bekannt gemacht hatte.
»Sein Name, Herr?[«]
»Oberst Grimaldi oder Maldigri, wie er in Indien sich nannte!«
»Marcos Maldigri - Heiliger Gott, welcher wunderbare Gang des Menschen-Schicksals führt uns hier zusammen! O, erzählen Sie mir von ihm und seiner damaligen Herrin! Auch ich kannte sie.«
»Bah, Doktor, wir werden Zeit genug dazu an Bord haben,« entgegnete der Graf von Lerida, »denn Sie müssen wissen, daß auch ich zu den alten Indiern gehöre, wenn auch meine Abenteuer dort nicht von Bedeutung sind. Ich traf in Rom wieder mit ihm zusammen und er erbot sich, mich auf der Nilfahrt zu begleiten, nachdem uns Graf Boulbon von Deinem tollen Project erzählt hatte, statt
[152]
mit ihm über Suez zu gehn, den Weg quer durch die Wüste zu nehmen. Caramba Vetter, nur ein Vollblut-Engländer kann auf solche Ideen kommen und fällt dabei stets wieder auf seine Füße. Monsieur de Thérouvigne, ich denke, es wird Ihnen wohl Nichts übrig bleiben, als mit uns an Bord zu gehn; denn eben fällt mir ein, daß wir schwerlich vor Cairo auf ein französisches Consulat stoßen werden. Dort mögen Sie mit Ihrer Regierung das Weitere abmachen. Das geht uns Nichts an, denn von uns sind Sie im ehrlichen Kampf gefangen worden.«
Der Franzose blickte noch immer stumm vor sich nieder und rang offenbar mit einem Entschluß. Er mochte wohl fühlen, wie thöricht und unwürdig er sich von seinem Groll und seinem Vorurtheil hatte hinreißen lassen und nur sein Stolz hinderte ihn noch, dies offen einzugestehn. Vor Allem war es die in Gengarab gemachte Entdeckung, wessen Werkzeug er gewesen, was ihn demüthigte. So folgte er verdrossen den Vettern und ihren Freunden, nachdem man auf den Befehl des Spaniers ihm die Bande abgenommen, die seine Arme an einander schnürten.
Schon als sie an der andern Seite der Höhe niederstiegen und den Fluß in seiner ganzen Breite vor sich sahen, wie er sein grünliches trübes Wasser durch das Thal wälzte der kaum eine halbe Stunde entfernten letzten Felsenge zu, erkannten sie, daß jede Gefahr für sie vorüber war. Ein Lager von Zelten und Erdhütten erhob sich am Ufer und die Reisenden erfuhren, daß es Vorbereitungen wären für die Aufnahme einer neuen Expedition, welche Said Pascha über die Fälle hinaus gegen
[153]
die Negerstämme von Darfur und Kordofan rüstete. Somit erklärte sich auch die Anwesenheit des Scheich der Katarakten und seiner zahlreichen Untergebenen. Noch waren die Truppen nicht den Nil heraufgekommen, aber Assuan bereits als ihr Sammelpunkt bestimmt und der Scheikh eben im Begriff, sich dahin zu begeben, um weitere Befehle einzuholen.
In geringer Entfernung vom Ufer ankerten mehrere der eigenthümlichen Nilboote, Dahabiehs genannt, und von dem Hüttendeck des größten grüßte sie bereits das Wehen eines Tuches, das die Hand der Fürstin ihren Freunden entgegen schwenkte. Neben ihr sah man die kleine seltsam in ihrer halb morgenländischen, halb abendländischen Tracht aufgeputzte Gestalt des berliner Professors und die wehenden weißen Gewänder des jungen Assassinen. Stumm und finster blieb der Dailkebir bei diesem Anblick stehen, der ihm wenig Aussicht auf die Erreichung seines Ziels versprach. Dennoch machte er noch einen letzten Versuch, es zu erreichen, indem er den Engländer anredete. »Wird der Baisädih sein Wort halten und mit jenem ungetreuen Knaben sprechen? Diese Wachen der Egypter lassen mich nicht weiter vorangehen - wie soll ich es erfahren, ob er bereit ist, den Ring der Homairi zurückzugeben? Sage ihm, daß Hassan ben Simson die Schätze von Gengarab ihm dafür bietet!«
Der Lord bedeutete ihn, zurückzutreten, er selbst eilte nach dem Ufer, um das Boot möglichst rasch zu betreten. »Wenn der Knabe bereit sich zeigt, soll eine rothe Flagge es Dir verkünden. Aber täusche Dich nicht, Emir, Deine
[154]
Macht ist hier zu Ende. Lebe wohl, Hassan, und möge Dein Allah Dir bessere Einsicht geben über den Zweck unseres Lebens. Dort winken meine Freunde!« Er verließ den Assassinen und eilte der Planke zu, die ihn an Bord der Dahabieh führte; die finstere Lehre von Tod und Vernichtung lag hinter ihm - ein neuer Zweck, ein neues Dasein that sich ihm auf.


Eine Stunde später hatte die Dahabieh die Seile gelöst, die sie am Ufer zurückhielt, denn der Scheikh drängte zur Abfahrt und stand jetzt selbst am Steuer, das sie nach der Mitte des Stromes lenkte, wie die Fluth rascher und rascher der letzten Felsenge entgegenschoß.
Es war ein buntes Gedränge unter dem Sonnenzelt, das man über das Boot herspannte, denn obschon manche der Eingeschifften auf einer zweiten Barke ihren Platz gefunden, saßen doch sämtliche Hauptpersonen in der vom Scheikh selbst gesteuerten und gewannen jetzt erst Zeit und Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch der Ereignisse, wenn nicht der drastische Eindruck der immer wilder sich gestaltenden Ufer sie in Anspruch nahm.
Enger und enger tritt hier das letzte Felsenbett des gewaltigen Stromes auf seinem Wege zum Meer zusammen, und rauhe Steinblöcke häufen sich bis fast in die Mitte hinein, so daß eine feste Hand des Steuermanns und eine genaue Kenntniß des Fahrwassers dazu gehört, die Gefahr zu vermeiden. Das Geschrei der Ruderer, der schrillende Befehlruf des Kapitains selbst wurden fast unhörbar unter dem Brausen der schäumenden Fluth, die bei der geringsten Unvorsichtigkeit sie verschlingen
[155]
konnte. Auf dem Dach der Hütte neben dem am Ruder mit seinem Gehülfen steuernden Scheikh sah man die leichte luftige Gestalt des Jünglings Jesus in tiefen Gedanken stehen, gleichgültig gegen die Gefahren um sich her, als vermöchten sie Nichts ihm anzuhaben und als könne sein Fuß über das Tosen der Wässer ihn führen, das die unerschrockenen Männer auf der Spitze des Schiffes beobachteten. Sinnend betrachtete er einen Gegenstand an seiner Hand, auf den der Sonnenstrahl einen grünen Blitz warf.
Da drang plötzlich durch das Toben der Wellen und das Geschrei der Matrosen ein mächtiger gewaltiger Ton, der sie Alle hinüber nach dem linken Ufer des Stroms blicken ließ, der auf seinem Rücken die Geschichte von Jahrtausenden getragen hat. Auf einem der vorspringenden Felsblöcke, unter denen die Stromschnelle vorübersauste, sah man einen Mann stehen, der eben das Horn vom Munde hob, dem er jenen Ton entlockt. Der im Luftzug wehende schwarze Mantel, der Silberhelm mit Turban und Feder und die Klarheit der Luft ließen ihn selbst in dieser Entfernung erkennen. - Es war der Dailkebir, der Assassine Hassan ben Simson. Drohend hob der Finstere die Rechte und schüttelte sie gegen das Schiff. »Gebt den Ring oder seid verflucht in Eblis Namen!« donnerte über das Wasser her sein Ruf und erschrocken fuhr der Lord empor, denn jetzt erst gedachte er des gegebenen Versprechens, das das Gewühl der Einschiffung und Abfahrt ihn vergessen gemacht. »Den Ring! den Ring!« donnerte es nochmals über das Wasser her, auf dem die Dahabieh dahinschoß. Da hob der blonde Jüngling auf dem
[156]
Kajütendach die Hand. - - »Wo das Meer am Tiefsten ist!« sagte die Khanum, murmelte seine Stimme - »möge es ewig verschwinden aus dem Angesicht der Menschen, das Symbol der Finsterniß vor der Herrschaft des Lichts!« und weit hinaus über Bord in den Strudel der Wässer flog es wie ein züngelnder grüner Blitz - der Jüngling aber sank betend nieder in die Knie, während hinter der Barke her ein dunkler Körper sich in die rastlosen Fluthen warf.
»Dreht bei! Ein Mensch im Wasser! Helft - werft Taue aus!«
Thörichter Wahn - nicht Menschenmacht hätte auf diesen Fluthen die Barke auch nur einen Moment aufzuhalten, aus dieser Gewalt ein Leben zu retten vermocht, - im nächsten Augenblick war das leichte Schiff weit, weit über die Stromschnelle hinaus, die Gefahr glücklich überstanden, und nach kaum einer Viertelstunde schaukelte das Boot auf dem ruhiger in flacheren Ufern sich ausbreitenden Strom, der sie bald Alle mit den Flügeln des Dampfes, jenem gewaltigen Fittig der Neuzeit an den versinkenden Denkmälern alter Herrlichkeit vorüber zur Kalifenstadt und zum Meer führen sollte und zu Ländern, wo die Civilisation und das Kreuz regiert.
Ob dort der Kampf um die Herrschaft weniger grausam, weniger gierig und von Blut und Verbrechen befleckt ist, weniger der Wahn regiert und der Saamen der Schlange, als unter den Kindern der Wüste, den Söhnen Eblis? - wir wollen selbst schauen.
[157]

Auf deutschem Strom!

... Es war in Hamburg, der Journalist reichte eben seiner Frau die Hand, sie die bequeme Treppe hinab zu geleiten, die von dem Bollwerk am Hafen hinunter führt zu dem Floß, an das die Jollen anlegen, welche die Verbindung bilden des Ufers mit der langen Reihe der im deutschen Strom ankernden Schiffe, der Küstenfahrer wie der mächtigen Dreidecker, welche den Welthandel der großen Hansestadt über alle Meere vermitteln.
»Boot Herr?«
»Ja - was kostet die Stunde?«
»Ah, mien Heer wollen blos durch die Schiffsreihen fahren? Sind ein Paar große Dreidecker hier, die nächste Woche nach Chili gehen. - Steigen Sie ein!«
»Ich denke die ›Amazone‹ und der ›Komet‹ sind auch hier.«
»Well well, Sir - die preußische Corvette, hat ein wenig Havarie an der englischen Küste gehabt, und sollte auf die Doks, ehe sie nach Danzig und Kopenhagen geht. Schönes Boot, Herr - nur die Masten etwas hoch
[158]
auf die Breite. Schöne Leute darauf, sind manierlicher als die John Bulls und die Danebrogs, von denen draußen einer hinter Blankenese liegt. Wünschte, wir könnten's ihnen einmal zeigen, aber es ist aus mit der deutschen Marine, seit man sie unter den Hammer gebracht und selbst die Schiffe der preußischen Seehandlung so schändlich verschachert hat. Wird nun einmal Nichts daraus, obschon sie sich jetzt wieder mächtig rühren und sammeln sollen im Binnenlande. An Matrosen würde es wahrhaftig nicht fehlen für eine deutsche Flotte, nur - ...«
»Was fehlt also?«
»Hm, calculire Herr, an einer deutschen Flagge selbst« brummte der alte graubärtige Jollenführer.
»Nun - wir haben ja einen Prinz Admiral und einen besondern Marine-Minister!«
»Hab' gehört davon snaken - wird wohl auch so 'ne Landratte sein, der nur die Soldaten drillt!«
»Halt da Alter - redet nicht mehr, als Ihr versteht. General von Roon ist bei Colberg an der See geboren. - Ihr kennt doch die Ostseeküsten?«
»Denke Herr - war in meinen besseren Jahren lange genug auf der Binnensee, obschon ich ein Befahrner bin, der zwei Mal in China war, das eine Mal mit einem Engländer, das andere Mal mit einem Hamburger Schiff. Hab mir grade auf der Ostsee bei Rügen durch einen Sturz von der Raa bei den kurzen Stoßwellen das Bein gebrochen, das mich zwang, als alter Kerl ein Jollenführer zu werden. War Neunundvierzig dabei, als die Schleswig-Holsteiner in der Bucht von Eckernförde die
[159]
›Gefion‹ nahmen und den ›Christian VIII.‹ in die Luft sprengten.«
»Ei sieh da - also ein erfahrener Veteran. Aber wie kamt Ihr dazu, die Hamburger nahmen doch sonst an der Erhebung der Herzogthümer wenig Theil?«
»Bin ein geborner Friese von der Ostküste. Aber Herr - da winkt uns Einer vom Bollwerk nach. Sollen wir ihn herüberholen?«
»Gewiß - es ist einer unserer Freunde, den wir treffen wollten. Rudert zurück.«
»Nicht nöthig, Herr - 's ist ein geborener Hamburger, kenne ihn wohl - auch so ein eingefleischter Preuße, der sich dick darauf thut auf den Kommerzienrath und den Orden - aber er meint's wenigstens ehrlich mit seinem Herzen und 's thut mir leid, daß ich mich verleiten ließ mitzuhelfen, ihm die Fenster einzuschmeißen, weil er zur Illumination aufforderte, als Ihr König das erste Mal nach Hamburg kam. Ist wenigstens ein treuer Mann, kein Halunke, der sich vom berliner Gelde mästet, wie die Hamburger Juden, und dabei den dicknäsigen Engländer spielt, als schämte er sich eines deutschen Namens und deutscher Firma. Ihren Prinz-Admiral habe ich hier 'mal gesehen in Hamburg, nachdem er sich mit der ›Danzig‹ gegen die vermaledeieten Seeräuber, die Riffpiraten an der afrikanischen Küste vor fünf Jahren wacker herumgeschlagen hatte. Hörte ein Garn davon spinnen. Aber ein Marine-Minister müßte doch ein Seemann sein!«
»Ist nicht immer nöthig für einen Minister - der mehr zu denken hat, als ein Schiff zu steuern, oder eine
[160]
Breitseite abfeuern zu lassen. Wenn er nur ein Herz für die Marine seines Landes hat, - und das hat Minister von Roon, der schon einen tüchtigen Anfang mit der preußischen Marine gemacht hat.«
»Will's wünschen, denn es thut wahrhaftig noth, die Danöken werden alle Tage übermüthiger, und die Engländer wollen nicht mal mehr leiden, daß die deutschen Fischer bei Helgoland ihre Netze werfen, während die John Bulls bis an unsere Küsten kommen. Wünschte nur, der Russe hätte seine Marine besser in Ordnung oder die Franzmänner hätten den Bulls nicht geholfen sich zu blamiren im schwarzen Meere oder vor Bomarsund und Kronstadt. Doch da steht Ihr Freund am Bollwerk.«
Die Jolle hatte sich, während der berliner Journalist nicht ohne Vergnügen und Interesse den Bemerkungen des alten Seemanns horchte, durch die Schiffe gewunden und der zweiten Treppe gegenüber dem prächtigen Invaliden-Hause für Seeleute genähert, wo der Hamburger sie bereits erwartete und sofort das Boot bestieg.
»Grüß Dich Gott, Weber, ich sehe, Du hast meine Karte bekommen.«
»Ich fand sie und ließ selbst die Börse im Stich, um Dich zu begrüßen. Hast Du schon gefrühstückt, oder wollen wir's droben auf dem Stintenfang thun oder in St. Pauli - es giebt vortreffliche Schinkenpastete.«
»Gourmand! - ich glaub's wohl, daß Dir unsere berliner Küche nicht zusagt - und hast Dich im Bürgerarrest wohl aus Wilken's Keller speisen lassen? Aber
[161]
zuvor muß ich wie Du dem preußischen Patriotismus sein Recht thun und die ›Amazone‹ besuchen.«
Die beiden Freunde hatten herzlich über die Erwähnung des Bürgerarrests gelacht, in welchen der hochweise Magistrat den Consul gesteckt hatte, weil dieser ohne seine Erlaubniß einzuholen durch angeschlagene Placate bei dem Besuch König Friedrich Wilhelm IV. - dem ersten eines preußischen Monarchen nach dem großen Brande von 1842 seine Mitbürger aufgefordert hatte, zum Dank für die damals geleistete Hülfe zu illuminiren. Und das Ministerium Manteuffel hatte in der That diese freistädtische Impertinenz ruhig eingesteckt, statt den erprobten Anhänger Preußens in Schutz zu nehmen oder ihm wenigstens Genugthuung zu geben. Damals wagte man das nicht in Preußen, und die Demokratie hätte einen Angriff auf die Republik daraus gemacht! Ja, es ist damals Viel versäumt worden für die Ehre des preußischen Königsthrons!
»Du weißt gar nicht,« sagte der berliner Royalist, »daß Dich heute Einer rudert, der damals mithalf, Dir die Fenster einzuwerfen, und dies heute herzlich bedauert, da er wahrscheinlich einsieht, daß ohne die preußischen Bayonnette Schleswig-Holstein doch nicht deutsch werden wird, und die Hamburger Flotte niemals Kopenhagen bombardiren kann.«
»Ich glaube, das sehen Viele jetzt ein trotz allen Geschreis und aller Klubreden. Eine deutsche Flotte kann nur der Staat stiften, trotz aller Sammlungen des Nationalvereins. Doch wir wollen später darüber reden.
[162]
Vorerst gilt es die ›Amazone‹ zu besuchen. Was ist ihre Bestimmung?«
»Sie segelt dieser Tage nach Danzig, um sich noch in diesem Herbst zu einer längeren Uebungsfahrt auszurüsten Auch ein zweites Schiff der ›Komet‹ liegt in der Elbe, und ein Däne paßt ihnen an der Mündung auf den Dienst.«
Sie hatten sich bald dem Bord des Schiffes genähert, an dessen Fallreep bereits zwei andere Boote lagen. Auf ihr Gesuch erhielten sie vom kommandirenden Offizier die Erlaubniß an Bord zu kommen, wo sie über die junge frische Schiffsmannschaft ihr wohlgefälliges Staunen an den Tag legten. Eben kam der Kommandant, Lieutenant zur See Hermann mit zwei anderen Herren aus seiner Kajüte herauf.
Es waren dies ein älterer wohl sechszig Jahre zählender Mann von feinem und vornehmem Aussehen, mit dem Johanniterkreuz geschmückt. Aus der Reihe der Kadetten trat sofort ein etwa neunzehnjähriger Jüngling in der knappen kleidsamen Uniform und nahm seine Hand.
»Ich habe manchen Kameraden hier wiedergefunden, Vater, auch schlesische Landsleute, von denen ich hier Graf Matuschka Dir vorzustellen mir erlaube, und meinen alten Freund Zirzow.«
Der Kammerherr, denn diesen Titel gab ihm der Kommandant der Corvette, begrüßte artig die Vorgestellten, die sich mit einer Anzahl der jungen Männer um ihn sammelten. »Wirst Du mich zum Hôtel begleiten, Eduard - und wenn es der Herr Kommandant erlaubt, der leider
[163]
bereits meine Einladung zum Diner am Lande abgelehnt hat, - wenigstens einige Deiner Freunde vom Bord einladen?«
»Nein, Vater - ich muß sogleich zurück an Bord des Komet, die Fahrt dahin ist weit, und ich will Dir hier, wenigstens auf preußischem Grund und Boden Lebewohl sagen.«
»So sei es denn - kurz und gut, wie es Soldatenart ist. Wenn Du von Stralsund, wie Du sagst zu Land nach Danzig gehst, wirst Du Deine Freunde wohl dort erst wiederfinden.« Er trat zu dem Kommandanten der Korvette: »Ich brauche meinen Sohn wohl nicht erst Ihrer Güte zu empfehlen, denn ich hoffe, er wird stets seine Schuldigkeit thun.«
»Dafür Herr Kammerherr bürgt sein Name und die vortreffliche Art, wie er sein Examen gemacht und seine Beförderung erlangt hat. Lassen Sie den Stewart Rheinwein bringen, Cadett von Zastrow, damit wir den Abschied in preußischem Rebensaft feiern.«
Der Kommandant hatte bis jetzt mit dem zweiten Mann, der ihn auf Deck begleitet hatte, gesprochen. Es war dies ein großer stattlicher Seemann von etwa sieben bis achtundzwanzig Jahren, mit offenem kräftigem Gesicht und blonden Haaren. Mit diesem hatte er seither, während Vater und Sohn sich unterhielten, an der Brüstung gelehnt und gelegentlich nach einem Schooner schauend, der in kurzer Entfernung von dem preußischem Schiff im Strom ankerte und von seiner Gaffel die Hamburger Flagge wehen ließ: die weißen Thürme im rothem Felde, während
[164]
der Streifen über dem Steuer, der gewöhnlich den Namen des Schiffes zeigt, nur eine breite Leinwand sehen ließ, hinter der offenbar Maler und Handwerksleute beschäftigt waren.
Der Kommandant reichte dem Seemann die Hand. »Ich danke Ihnen herzlich für die Wiederholung Ihres Besuchs, Herr Kapitain,« sagte er, »denn ich habe in Ihnen einen tüchtigen und verständigen Seemann kennen lernen, dessen Rath auch für den Führer eines Kriegsschiffes wohl zu beherzigen ist. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich wünschte, unsere junge Marine zählte viele erfahrene Männer wie Sie, und alle unsere Schiffe wären so seetüchtig und gut gebaut wie das Ihre.«
Ein ernster Blick flog über das Deck der Korvette und verlor sich im Takelwerk und den Masten, die eben von jungen Matrosen beschlagen wurden.
»Sie haben eine junge und vielversprechende Mannschaft,« sagte der Kauffahrer-Kapitain, »und wenn ich Ihnen auch kein Hehl daraus mache, daß sie zwar zahlreich genug für den Dienst Ihrer Korvette ist, daß ich aber doch für Ihre Uebungsfahrt im Spätherbst einige befahrene Matrosen mehr darunter wünsche, so wollen Sie darin keine Aufdringlichkeit sehen! Was nun die Flagge betrifft, die mein Schooner führt, nun, so ist es die einzige, die ein freier Friese führen darf, um ein deutscher Mann zu bleiben. Ich habe Ihnen bereits gesagt, Herr Kommandant, daß mein Schooner in Frankreich gebaut ist und ursprünglich die Tricolore führte, daß aber im Augenblick, als ich sein Herr wurde, es auch bei
[165]
mir feststand, sie nur bei der damals geheuerten Fahrt zu führen, und sobald ich wieder in deutschem Wasser sei, keine andere Flagge auf meinem Mast zu dulden, als eine deutsche. Lassen Sie uns hoffen,« und er wies nach dem schwarzweihen Wimpel, der im Winde sich dehnte, - »daß wir Beide noch einmal unter gemeinsamer Flagge fahren: der Deutschen!«
Der Offizier gab keine Antwort darauf und wandte das Gespräch wieder auf den Schooner. »Es läßt sich nicht leugnen, Herr Kapitain,« sagte er, »daß die Franzosen die besten Schiffe bauen, selbst besser als die englischen und amerikanischen Werfte, und daß wir noch sehr darin zurück sind. Aber es wird auch in dieser Beziehung besser werden, und ich hoffe, daß die Zeit kommt, in der wir ganz unabhängig vom Ausland sind. Es kann einem Seemann von Ihrem Scharfblick nicht verborgen sein, daß auch der Bau der ›Amazone‹ gar manche Mängel hat, und ich will Ihnen sogar sagen, daß ich nicht ohne Besorgniß bin für lhre Seetüchtigkeit bei stürmischem Wetter. Ich kannte sie früher nicht so genau, bevor ich kommandirt wurde, sie nach Danzig zu führen.«
»Sie soll ein tüchtiges Boot sein, nur bedarf sie starken Ballastes bei dem schmalen Bau und dem hohen Segelwerk. Einem Taifun in den chinesischen Gewässern würde sie so wenig widerstehen als der ›Frauenlob‹. Schade darum! - Doch auch das deutsche Meer bietet manche Gefahr, darum beeilen Sie Ihre Ausfahrt vor den Novemberstürmen. Es ist eine schlechte Fahrt von dem Sunde her durch das deutsche Meer im Spätherbst, - besonders ...«
[166]
Der Offizier sah ihm aufmerksam in's Gesicht. »Sprechen Sie offen, Herr, wie ein Seemann zum andern!«
»Nun - der Anfang dieser scchsziger Jahre ist eine gefährliche Zeit für alle Schiffe, welche die Nordsee oder Ostsee zu kreuzen haben.«
»Warum?«
»Wenn Sie ein geborner Friese wären, wie ich, Kommandant, würden Sie diese Frage kaum thun. Sie wissen, daß Alles seinen gewissen Kreislauf hat, auch die Sturmfluthen an dieser Küste und die starken Nordweststürme.«
»Man sagt, daß sie sich alle 25 bis 30 Jahre wiederholen.«
»So ist es, ich kenne erprobte Leute, die eine solche Wiederholung der großen Springfluth von 1835 in diesem oder dem nächsten Jahre erwarten.«
»Doch nur während der Frühjahrsmonate. Ich werde jedenfalls darauf aufmerksam machen - das ist meine Pflicht, denn es ist fast die ganze Zukunft der preußischen Marine, die dieses Schiff trägt: ein heranwachsendes Geschlecht eines tüchtigen Offizierkorps. Sehen Sie diese Bursche an, es sind Viele darunter aus den vornehmsten Familien Preußens. Die Begeisterung für die neu entstehende Marine des Vaterlandes hat ihr Knaben und Jünglinge - meist aus den besseren Ständen und aus allen Provinzen des Landes, auch aus den binnenländischen zugeführt, die auf diesem Schiff ihre Lehrjahre machen und praktisch den Dienst lernen sollen, nicht bloß hinter dem Reißbrett und in der Marineschule. Darum werden selbst mit weiser Absicht die Stellen der Schiffsjungen wie
[167]
der Matrosen nur von solchen Aspiranten der Marine ausgefüllt, denen eine andere Zukunft bevorsteht, als bloß vor dem Mast, und bei dem jugendlichen Eifer ist es eine Luft eine solche Mannschaft zu kommandiren.«
»Ich begreife das, Herr Kommandant, und wünsche Ihrer Flagge alles Glück. Das Leben des Seemanns ist stets in Gottes Hand - Sie wenigstens sind berechtigt, es für Ihr Vaterland einzusetzen, - während wir - kein solches kennen sollen und nur den Unterdrückern desselben dienen können.«
»Auch Ihre Zeit wird kommen,« sagte der See-Offizier, »und daß die preußische Marine dazu helfen mag, Sie vom Danebrog zu befreien, dafür muß sie eben jetzt lernen und wachsen in Kraft und Dienst, grade wie der preußische Soldat einer neuen Zukunft entgegen geht unter seinem Herrn und König, nicht unter läppischem Parlamentskommando und Nationalschwindel, wie damals die sogenannte deutsche Marine von Frankfurt a. M. - Wie es scheint, Herr Kapitain, wollen Sie Ihrem Schooner auch einen neuen Namen geben? - vielleicht den der Dame, die ich an Ihrem Bord bemerkte, wahrscheinlich Ihre Frau Gemahlin?«
»Um Verzeihung - die Dame, eine Verwandte, hatte nur Passage aus England hierher genommen und wünschte an Bord zu bleiben, bis sie Ueberfahrt nach den Inseln findet - zunächst nach Husum. Aber der Herr Kammerherr verläßt seinen Sohn und scheint Sie ansprechen zu wollen. Um Vergebung - wie hieß er doch?«
»Von Zastrow - ein Bruder oder Vetter des
[163]
Generals, derselbe, der im Jahre Neunundvierzig, als ein demokratischer Verein in der Lausitz ihm die schwarzrothgoldne Fahne von den dresdner Barrikaden in Verwahrung geben wollte, ihm erwiderte: nehmen wolle er sie wohl, aber wiederbekommen könne man nur eine preußische! Und gleicher Gesinnung scheint sein Sohn dort, dessen Mutter aus einem griechischen Fürstengeschlecht stammte.« - Er wandte sich zu dem nahenden Kammerherrn und dies war der Moment, den wir vorhin erwähnten.
Dem Befehl war rasch Folge geleistet und der deutsche Wein gebracht, auf die Bitte des Kammerherrn für die andere, in der Arbeit an Bord begriffene Mannschaft auch ein Tönnchen Bier aufgelegt, dessen Spund bald umlagert war.
»Sie müssen ein Glas mit uns trinken,« bat der Kommandant den Kauffahrer-Kapitain, »und wenn Sie auch kein Preuße sind, wie der Herr dort mit seiner Dame, auf das Wohl unserer Marine und des Königs, unseres Herrn, stoßen wir Alle gewiß mit vollem Herzen an. Daß Jeder seine Pflicht thue bis zum Tode für deutsche Ehre!«
Die Gläser klangen, auch der berliner Journalist mit seinem Hamburger Freunde hatten von Herzen angestoßen und nur ein Mißton klang in das begeisterte Hurrah der ganzen Gesellschaft, als das Glas, das der junge Cadet an das seines Vaters stieß. mit schrillem Laut zersprang.
»Was wäre es auch, Einer unter den Vielen,« sagte rasch der Cadett, - »halten wir doch Alle sicher die preußische Flagge hoch im Leben wie im Sterben. Und somit Kameraden auf baldiges Wiedertreffen an diesem
[169]
Bord, und Du Vater auf ein glückliches Wiedersehen, wenn wir zurückkehren vom Tajostrande nach dem Lande der schönen Hohenzollern. Steward - ein anderes Glas, daß ich auf ihr Angedenken trinke und daß sie sich dort freuen mögen, preußische Landeskinder wiederzusehen!«
Sie sahen die schöne Königin, rascher als sie gedacht - im Reiche der Schatten!
Der junge Mann war schnell in das Boot hinabgesprungen, die Kameraden standen in den Hangmattengittern und auf den Raaen, als der Kommandant, der den Kammerherrn bis zum Fallreep begleitete, ihnen Erlaubniß winkte, und ein volles Hurrah begleitete die Scheidenden, denen auch bald zum Ufer der Journalist mit Frau und Freund folgte, nachdem ihm die jungen Leute noch alle Einrichtungen der Corvette auf das Zuvorkommenste gezeigt hatten. War es doch zum ersten Mal, daß er ein preußisches Kriegsschiff betreten, nachdem er oft genug die fremder Länder gesehen.
Der alte Jollenführer wartete auf sie. »Viel junges Blood,« sagte er, »mögen sie gute Fahrt haben. Sind gutherzige Leute darunter, der Doktor, Engelbrecht heißt er, hat neulich meine Alte besucht und ihr umsonst Medizin gebracht, als ich ihm sagte, daß sie arg am Rheumatismus leidet. Bei Gott - das hätte schwerlich ein Danske oder Engländer gethan!«
»Und wieviel Mannschaft ist an Bord, wißt Ihr es Alter? Ich vergaß zu fragen.«
»Hörte neulich davon reden. Außer dem Kommandanten und dem ersten Lieutenant, der ein Baron auf
[170]
dem Lande sein soll und dem Doktor und Bootsmann, der wie der große Missionär in China heißt, 22 Midshipmen, 44 Matrosen, und ebenso viele Schiffsjungen, wenn man solche Burschen als Schiffsjungen nennen mag, da Grafen und Edelleute darunter sind. Hab mein Lebtag keine Schiffsmannschaft von solchen Grünschnäbeln gesehen!«
Der Journalist nickte lachend dem Freunde zu. »Und da verbreiten die Fortschrittler und Demokraten, unsere Junker oder die Conservativen überhaupt müßten sich, der Entwickelung unserer Marine Hindernisse in den Weg zu legen. Wahrhaftig, wenn es das Abgeordnetenhaus nicht mehr thäte, der Armee gegenüber, an Opferwilligkeit für die preußische Marine fehlt es wahrhaftig nicht, auch ohne die lächerlichen Flottensammlungen des sogenannten Nationalvereins und seines Mäcens in Coburg.«
Er hatte den alten Jollenführer bezahlt und sie stiegen langsam die breite Treppe hinauf, die in bequemen Absätzen zu dem Plateau des Pavillons hinaufführt.
Es ist gewiß einer der schönsten und interessantesten Punkte Norddeutschlands, dieses Plateau des Elbpavillons mit seinem weiten Ausblick auf Stadt und Strom. Vor uns liegt das gewaltige Wasser, das nach Nordwesten an Mona und Blankenese entlang immer breiter und breiter schwillt, bis es dem Auge in der Ferne meerartig erscheint, und auf ihm schon weither die mächtigen Dampfer und hochgetakelten Seeschiffe sichtbar, die aus allen Theilen des Erdballs heranziehen, um die Erzeugnisse beider Indien, kurz aller Welt in die Speicher der großen Handelsstadt abzuladen, oder Passagiere aus und nach allen Zonen zu
[171]
bringen, vom europamüden Auswanderer bis zum Diplomaten, der zur Vertretung heimischer Interessen an fernen Küsten bestimmt ist, oder bis zum spekulirenden Kaufmann, der in den Faktoreien Chinas, Japans oder Brasiliens und von San Francisko seine im deutschen Geschäft erworbenen Kenntnisse verwerthen und Schätze erwerben will, ohne dabei das deutsche Herz zu verlieren, denn Deutsche giebt es in allen Zonen, unter jedem Himmel, und überall sind sie ihres Fleißes, und ihrer Redlichkeit wegen beliebt. Ist doch die deutsche Handelsflotte die drittzahlreichste der Welt, und nur das Misère der vielen kleinen deutschen Vaterländer, die weder Macht noch Willen haben, dem deutschen Namen Achtung zu verschaffen, stellt sie in Schatten gegen Engländer, Franzosen und Amerikaner, ja selbst gegen Handels- und Seemächte zweiten Ranges.
Dies war, was der Hamburger Kaufmann dem Freunde sagte, als von der Höhe der Terrasse herab ihr Blick über die langen Doppelreihen der ankernden und in voller Thätigkeit des Aus- und Befrachtens begriffenen Schiffe in den Hafen-Bassins oder am Grasbrock dem Elbufer entlang schweifte, und auf das lebhafte Treiben der an den Strom lehnenden Stadt, oder über die Werder und die weit gegenüberliegenden flachen Ufer des hannöverschen Landes - bis er zuletzt immer wieder auf dem stattlichen Seemannshause hängen blieb.
Sie fanden übrigens trotz der Börsenzeit das Plateau von Fremden und Gästen nicht leer, und der Hamburger machte den Freund auf die Anwesenheit der beiden Männer aufmerksam, die sie noch vor kurzer Zeit an Bord der
[172]
Corvette getroffen hatten, des alten Edelmanns aus dem preußischen Binnenland und des friesischen Kapitains. Nur saßen Beide nicht zusammen, der Kammerherr vielmehr allein an einer Stelle, wo er das - auf Hamburger nicht dänischem Gebiet ankernde und seine letzten Vorbereitungen zur Abfahrt treffende Kanonenboot sehen konnte, an dessen Bord sein jetzt dort noch stationirter Sohn bereits zurückgekehrt war. Es schien, als könne sich der alte Edelmann nicht von dem Blick nach seinem Jüngsten trennen, und als bald darauf vom Bord des ›Komet‹ der Salutschuß herandonnerte, welcher das Signal der Abfahrt gab, und ein Salut vom Bord des preußischen Kriegschiffs ihm antwortete, wandte der alte Herr, sichtbar fast mit Gewalt, sich von der langgezogenen Rauchsäule des abdampfenden Bootes, und als er sich umwendete der Stadt zu, konnte der Journalist bemerken, daß er sich eine Thräne aus den Augen wischte.
Der Andere, der friesische Kapitain, dessen Schiff eben den neuen Anstrich erhielt, - hatte einen entfernteren Platz eingenommen und stand, den Rücken gegen den Strom gekehrt, an der eisernen Barrière des Plateau und an einer Stelle, von welcher er den entgegengesetzten Aufgang von Sanct Pauli her wie erwartend übersehen konnte, nur zuweilen einen Blick nach dem Strom und seinem Schiff zurückwerfend oder einen Schluck von seinem Glase Sherry trinkend. Neben dem Tisch, worauf dieses stand, hatte der dienstbeflissene Kellner auch das von dem Kommerzienrath bestellte Gabelfrühstück servirt, und die Drei nahmen hier Platz mit einem höflichen Gruß an den
[173]
gegen die Barrière Lehnenden, weil sie von hier aus die Aussicht nach allen Seiten genossen.
»Wenn Du denn so schwärmst für eine deutsche Flotte,« sagte etwas spöttisch der berliner Journalist, »so sage mir, weshalb Du vorhin so wegwerfend von den Bestrebungen und den Sammlungen des Coburger Nationalvereins für Wiederbegründung einer solchen Flotte sprachst, wie sie Achtundvierzig schon versucht wurde!«
»Eben weil jener Versuch und sein klägliches Ende uns eine genügende Lehre gegeben hat. Es fehlt unseren deutschen Küsten wahrlich nicht an einer tüchtigen See-Mannschaft, die an Kraft und Werth sich jeder anderen gleich stellen kann. Schon Friesland dies- und jenseits der Elbe, von Romoë bis Borkum herab, könnte ein genügendes Material bieten, selbst wenn wir nicht einmal die Ostküste der Herzogthümer, die Mecklenburgs, Pommern bis zum kurischen Haff hinauf zählen wollen, alle Strandbewohner geborene Seeleute, - aber dann müßte ein einziger großer und mächtiger Staat die Sache in die Hand nehmen, nicht abhängig und gehemmt von dem intriguirenden Bundestag in Frankfurt oder dem unter der Firma des deutschen Patriotismus nur eigenen Groll über alte Zwistigkeiten, Parlamentsehren, demokratische Gelüste und constitutionelle Karrièren sich breitmachendem, revolutionairem Schwindel. Nur eine mächtige Regierung - ich sage es offen, Preußen oder Oesterreich, die sich an die Spitze Deutschlands schwingen und gewissermaßen souverain über Deutschlands Ehre und Mittel sind, kann eine achtunggebietende deutsche Flotte schaffen. Du weißt,
[174]
daß meine Sympathien Preußen gehören, nicht Oesterreich, grade wie die Deinen. Lasse König Wilhelm erst mit den preußischen Bayonnetten den Bundestag fortfegen und Einigkeit schaffen, so weit die deutsche Zunge reicht, und wir werden auch eine deutsche Flotte haben, die nicht von dem Votum des Hannoveraners und Sachsen oder den Privat-Sammlungen der Herrn Benningsen, Metz und Streit abhängt. Glaube mir, es ist Alles nur Haß und Neid der Souveraine und ihrer Premiers, verbitterter Groll der Parlamente, darunter oft der besten und tüchtigsten Männer, gegen die Hohenzollern und die preußische Oberherrschaft! - Hat nicht das Anerbieten Deiner Regierung bei dem von Hamburg und Bremen beantragten Küstenschutz der Nordsee durch Dampfkanonenböte, allein die Hälfte herzustellen, in dem Protest Hannovers gezeigt, um welche Eifersucht es sich handelt! Ich sage Dir, Doktor, all' diese deutsche Einigkeit ist Schwindel und ewiger Zank, ehe sie nicht durch die Bayonnette begründet ist!«
Der Journalist lächelte. »Du bist ja preußischer, als ein König von Preußen selbst. Sieh auf unsere Werften, sie sind bereits voll Thätigkeit! Sieh auf unsere Armee, unter der Hand des Königs wächst ihre Macht und Kraft! Sieh auf unsere Erklärungen am Bundestag, treten sie nicht offen und entschieden für deutsche Rechte auf, in Hessen, in den Herzogthümern?«
»Und lassen sich dabei auf der Nase herumspielen - ja, das ist auch so ein Schwindel der mit den Herzogthümern, der von dem Coburger und seinen Freunden wieder aufgetischt wird. Zu einem Kriege wird's freilich
[175]
kommen, denn die Dänen treibens in der That zu arg drüben in Schleswig. Aber sage selbst, wer soll daraus Nutzen ziehen, wer soll der albingische Herzog werden, wenn König Friedrich in Kopenhagen durch irgend einen Zufall einmal die Augen zuthut?«
»Nach dem londoner Protokoll der Glücksburger!«
»Also ein dänischer König von Englands Gnaden! Haben nicht die Gottorper, der Oldenburger, der Augustenburger, selbst die Hohenzollern mehr Anrecht an Kiel als er!«
»Der rechtmäßige Herzog von Schleswig-Holstein,« sagte der friesische Kapitain, der unwillkürlich dem Gespräch mit Interesse zugehört hatte und sich nicht enthalten konnte, sich einzumischen, »ist allein der Herzog von Augustenburg!«
»Dann mag er auch den Herzogshut nehmen, den er verkauft hat, und ihn bewachen, aber nicht mit preußischem oder anderem deutschem Blut. Ich weiß, daß der Nationalverein allein für eine solche Lösung agitirt, um ein souveraines Ländchen mehr im großen deutschen Flickwerk und daß all die Andern helfen; - aber ich sage Ihnen, Herr Kapitain - und Sie scheinen ja ein Deutscher aus den Herzogthümern zu sein« - der Friese verneigte sich zustimmend - »nicht unter dem Hermelinhut eines Augustenburgers werden die Herzogthümer deutsch und frei, sondern nur unter dem Helm eines Königs von Preußen!«
»Selbst auf diese Bedingung hin würde ich es vorziehen,« sprach ernst der Kapitain. »König Wilhelm ist, was ich gehört - ich war lange fern von der deutschen Küste, - ein Hohenzollern, das heißt ein ganzer Preuße,
[176]
aber auch ein deutscher Mann. Gott gebe ihm die Entschlossenheit und wir Friesen wollen seinem Schwerte folgen, wenn er uns nur von dem dänischen Uebermuth befreit. Wie Sie vorhin sagten, Herr, wenn wir nur einen Fürsten gewinnen, der ein Deutscher ist, nicht von Napoleons oder Palmerstons Gnaden! Doch verzeihen Sie, daß ich unsere Unterhaltung abbrechen muß, da dort Personen kommen, die ich erwartete.«
Während der Kapitain sich dem Aufgang von dem Wall des Millern-Thors her, der Richtung von St. Pauli und Altona zuwandte, setzten die beiden Männer am Tisch das Gespräch fort. Der Journalist reichte dem Freunde die Hand.
»Du sprachst mir aus der Seele, dem stolzen Friesen gegenüber,« sagte er, »und verdientest ein Preuße zu sein und ein Royalist, statt der Bürger einer kleinen Republik! Ich bin gewiß ein Preuße und Royalist, und meinem König gehört jede Faser meines Lebens und meiner Seele, und dennoch, Freund - es liegt Etwas in dem Fanatismus für die sogenannten liberalen Ideen und für das Deutschthum.«
»Als geborner Republikaner kann ich Dir's sagen - Dein Liberalismus, den sie jetzt den Fortschritt nennen, ist eine abschüssige Bahn, und wo ist Halt in Religion, Sitte, und Recht in ihm?«
Der Journalist schüttelte den Kopf. »Ich glaube gern, daß in Republiken der größte Aristokratismus und Egoismus herrscht. Aber warum, frage ich Dich, ist denn jeder Conservative, jeder Royalist förmlich vervehmt, und
[177]
Jeder, und sei er der größte Lump ein Märtyrer, sobald er nur für den Liberalismus auftritt! Es ist weit leichter, für den König zu sterben, als für ihn zu leben, angefeindet und verdächtigt von Allen zu Gunsten einer, allerdings oft großen Idee, wie das Deutschthum es ist. Glaube mir, ich denke nicht an die französische Redensart: Travailler pour le roi de Prusse! aber wo bleibt uns alten Konservativen der innere Halt, wenn einst eine Zeit kommt, wo Diejenigen, für die wir gekämpft mit Schwert oder Feder, gleichviel, den Ideen unserer jetzigen Gegner sich angeschlossen haben, ja an ihrer Spitze gehen, und die Männer, die verfolgt und bekämpft worden sind, im Rathe der Fürsten sitzen und die Ehren und Pfeiler des Staates werden. Mir ist manchmal, als könnten auch wir eine solche Zeit erleben - die Geschichte und die Anschauungen der Fürsten wechseln oft wunderbar! Was ist das Wahre, was ist das Richtige? was unsere wahre Aufgabe, unsere Pflicht?« Der Hamburger hatte die Augen auf den Boden gesenkt, auch ihm fehlte die Antwort auf die verhängnißvolle Frage, die wenige Jahre nachher noch schwerer an die treuen Kämpfer für das Königthum treten sollte.
Aber die Frau hatte eine Antwort dafür in ihrem einfachen Sinn und Wesen.
»Die Treue!« sagte sie, »die Treue für das gegebene Wort und das Vertrauen auf Gott, von dessen Gnade die Könige sind und bleiben werden auf Erden. Wer die Treue verpfändet, der soll sie auch halten, im Sterben wie im Leben, das merkt Euch, Ihr Männer!«
[178]
Sie schwiegen beide betroffen - das Wort der braven Frau hatte sie vielleicht an einer wunden Stelle getroffen und beschämt. -
Der Friese, der ihre Gesellschaft verlassen hatte, war zwei Herbeikommenden entgegen gegangen, einer Frau und einem fremdländisch aussehenden Matrosen, dessen Aeußeres selbst an diesem Ort des Zusammenflusses aller seefahrenden Nationen auffiel. Er begrüßte die Dame, die sehr schlicht, ganz dunkel gekleidet war, obgleich selbst die fast zu einfache Tracht eine gewisse Eleganz ihres Wuchses und ihrer Haltung nicht ganz verbergen konnte. Ein einfacher Hut, wie sie die Frauen und Mädchen der friesischen Inseln zu tragen pflegen, und überdies mit einem Schleier versehen, verhüllte ihr Gesicht.
Er hatte ihr den Arm geboten und führte sie zu einer Stelle der Terrasse, wo sie entfernt von allem Verkehr und unbelauscht waren, während ein Wink den Matrosen an einen der unbesetzten Tische wies.
»Wir können hier so unbemerkt sprechen, wie an Bord meines Schiffes, Madam, das Sie ja doch noch heute verlassen wollen.«
»Der Ewer geht Nachmittag ab mit Eintritt der Ebbe. Dann sind wir noch diesen Abend in Cuxhaven und können morgen mit gutem Winde vielleicht Husum erreichen.«
»So ziehen Sie noch immer den einsamen Weg über das Wasser vor - statt mit der Eisenbahn zu gehn oder wenigstens mit dem Dampfer?«
»Ich ziehe ihn vor!«
Er neigte zustimmend das Haupt: »Und Sie bestehen
[179]
darauf zu der alten schlichten Frau, meiner Mutter, nach dem öden Amrum zu gehen? Und so allein?«
»Können Sie mich begleiten?«
»Nein - Sie wissen warum! Ich bin verbannt aus den Gränzen des dänischen Staates und werde selbst sein deutsches Gebiet nicht eher betreten, als bis die Zeit vorüber ist, für die Sie mich zur dänischen Knechtschaft verdammten und aus mir einen unfreien Mann machten!«
»Ich?«
»Ja so - ich vergaß es! Also sagen wir Ihr zweites Ich, das mich so seltsam von dem Tode an der Rae des Lymfjord rettete, den ich dort wieder finden könnte und dem ich nicht eher wieder begegnen darf, denn als berechtigter Feind. Aber haben Sie auch bedacht, was es heißt, einsam zu sein auf einer öden friesischen Insel, kaum besser als eine unserer bloßen Halligen, zur Gesellschaft nur eine alte einfache Frau und wenige ungebildete Strandbewohner, allein in allen Schrecken eines nordischen Winters, unter Eis und Stürmen, abgeschieden von der Gesellschaft der Gebildeten, ja selbst von jedem Verkehr mit dem Festland und somit der Gelegenheit, zu ihm zurückzukehren, wenn Sie wanken sollten in Ihrem Entschluß, selbst mondenlang!«
»Ich kenne mich, ich werde keine Schwäche fühlen! Ich habe ein Leben zu büßen, und da ich nicht, wie die Frauen der katholischen Kirche es in der Einsamkeit eines Klosters thun kann, büße ich es in der Einsamkeit einer friesischen Insel ab.«
»Sie - Edda!«
[180]
»Adda! - Adda büßt ihre Vergangenheit ab - was wollen Sie anders? - Es ist Ihre Mutter, Herr Kapitain, zu der ich gehe, und deren Einsamkeit ich theilen werde, wenn Sie eben eine Büßerin nicht zurückweist.«
»Sie zurückweisen? Dafür bürgt Ihnen dieser Brief.«
»So geben Sie ihn mir - und Sie haben Ihr Wort gehalten - keine Sylbe von - Ihrem falschen Wahn?«
»Es ist Adda Torne, die ich ihr sende, die Norwegerin, eine entfernte Verwandte und also lautet auch die Legitimation des hiesigen dänischen Konsuls, die Sie jeder Nachfrage und Belästigung enthebt - denn - auch in dänischen Kanzleien beseitigt Gold alle unnütze Neugier. Sie haben Ihre Vorbereitungen und Einkäufe gemacht?«
»Drüben in Altona, damit ich Nichts mit den Zollwächtern zu thun habe auf der Fahrt nach der Insel, Kleider und alle Bedürfnisse, wie sie sich für eine Bewohnerin der Halligen schicken; der Schiffsagent, den Sie mir anempfohlen und der auch die Ueberfahrt auf dem Ewer vermittelte, ist ein eben so umsichtiger wie thätiger Mann. Suky hat bereits das Wenige, was ich kaufte, zu ihm geschafft. - Aber Kapitain Claus Hansen, es ist eine Freundin, die von Ihnen scheidet und sei sie es auch nur geworden auf unserer Fahrt nach der Havannah, auf der Sie mir so freundlich und umsichtig jede Belästigung durch diese Aehnlichkeit mit - mit einer vornehmen Dame ersparten! Mit dem Recht dieser Freundschaft und des Dankes, den ich Ihnen schulde, erlauben Sie mir, Sie zu fragen - wohin gehen Sie selbst, was werden Sie thun?« -
[181]
»Kapitain Lautrec erwartet mit Recht, daß ich das Schiff nutzbar mache. Ich habe bereits Fracht nach Memel an der russischen Gränze angenommen; wie die Frachtbriefe lauten, Maschinentheile von Hull und bereits verpackt, aber ich glaube, es sind Waffensendungen nach Polen an die Mündung des Niemen. Ich habe bereits Kapitain Lautrec benachrichtigt, daß seine Briefe mich in Memel finden, und ich denke dort, oder in einem andern Hafen der Ostsee zu überwintern und zum Frühjahr Fracht zu suchen nach dem Mittelmeer, bis ich das Versprechen an Madame Santarez halten kann, sie aus der Havannah zurückzuholen, wenn ihre Geschäfte dort sie so lange zurückhalten.«
»Und es wird Niemand erfahren, wo Adda Torne geblieben ist?«
»Niemand - den Sie nicht selbst bezeichnen! - Die seltenen Briefe an die alte Frau, meine Mutter, werden Sie stets wissen lassen, wo eine Nachricht mich finden kann. Ich würde noch eine Frage an Sie zu richten wagen, wenn ich mich nicht aus anderen Gelegenheiten bereits überzeugt hätte, daß - Adda Torne reichlich mit Geldmitteln versehen ist.«
»Sie ist es! Und so, Kapitain Hansen, erlauben Sie mir, Ihnen hier, im Angesicht Ihres Schiffes, das uns Beide so lange getragen, Lebewohl zu sagen und mit Suky zum letzten Mal an seinen Bord zurückzukehren, den geringen Rest meiner Sachen zu holen. Seien Sie überzeugt, daß ich Ihrer Mutter eine treue Tochter sein werde, auch wenn es die falsche ist - und - und ...«
Sie hielt ihm die Hand entgegen. Er faßte diese
[182]
und hielt sie fest. »Soll dies der Abschied für das Leben sein? - Edda - Adda - ich soll Sie niemals wiedersehen, auch wenn ich den Boden meiner Heimath wieder betreten darf - der freie deutsche Mann?«
»Gott hat unsere Wege geschieden,« sagte sie nach kurzem Kampf sich abwendend, aber ihre Hand blieb in der seinen. »Thue Jeder seine Pflicht und - mögen Sie, ob Addas - ob Eddas, sie nicht ganz vergessen im Kampf des Lebens!«
»Sie vergessen? - Niemals - sehen Sie dahin!«
Er zog sie an das Gitter der Brüstung und deutete hinab nach dem Strom, wo sein Schiff sich auf dem Anker in dem letzten Heben der bis hierher dringenden Fluth schaukelte. »Sehen Sie dahin!«
Das volle warme Sonnenlicht traf den Spiegel des Schiffs, dessen Leinwandgerüste von den Werkleuten eben abgenommen worden war. Trotz der Entfernung konnte man deutlich die großen goldenen Buchstaben der Schrift lesen, die in breitem Streif sich über die Fenster der Spiegelkajüte zog: die schöne Dichtung, die vor tausend Jahren schon die Heldensagen des Nordens gefeiert und die der rheinische Sänger Simrock den deutschen Landsleuten übertragen hat, die
»Edda!«
Als der friesische Kapitain sich wieder zu ihr wandte, in ihren Augen zu lesen, daß sie ihn verstanden, war der Platz an dem Gitter leer.

Lieben und Sterben!

Es ist ein merkwürdiges Fatum, daß, wie wir später sehen werden, fast zu gleicher Zeit, wo im Norden mit jener Aufopferung fester Disciplin für den Dienst des Königs 114 frische Leben in den Opfertod eines heldenmüthigen Preußenthums gingen, drunten im Süden eine Schaar tapferer Männer von einer feigen und erbärmlichen Camarilla in den Tod für das bourbonische Königthum getrieben wurde, für ein Königthum, das nie die edle Opferung der Treue zu würdigen verstanden hat!


Unsere Erzählung oder vielmehr unsere Darstellung jener Zeit, die wir Alle mitgelebt, und die uns doch bereits zum bloßen Phantom, zu kaum einer festen durchdachten Erinnerung geworden ist, allein noch im Leben und Geist des Romantikers mit allen frischen Farben blühend! - führt uns zunächst noch ein Mal an das Sandufer des mit den Erinnerungen von Jahrtausenden belebten Weltstroms, des Nils zurück, mit den Gruppen der hohen
[184]
Sykomoren und Palmen, den Pyramiden und den Minarets des Islam.
Die Gesellschaft der abenteuerlichen Reisenden durch die nubische Wüste, und Derer, die ihnen von den ehernen Rossebändigern des Monte Cavallo her entgegen gekommen waren, hatte nach dem Erreichen der alten Kalifenstadt in dem Hôtel du Nil Unterkommen gefunden, das in einem der Seitenwege der Mouskih lag, obschon französischen Namen tragend, doch deutsche Ordnung, Sauberkeit und Gemüthlichkeit mit der ganzen Poesie des Orients verbindet, und unter der Leitung eines Deutschen offenbar das beste und angenehmste von ganz Kahira ist. Es ist überhaupt etwas Merkwürdiges um diese Hôtels und Pensionen in den großen Centralpunkten des Orients, wie Alexandrien, Kahira, Syra, Smyrna und Konstantinopel. Man aß während des ganzen Krimkrieges nirgends besser, als im französischen Pensionat der Madame Giraud in Smyrna, während keine zehn Schritte davon die wilden Thaten eines Jan Katarchi eine ganze muselmännische und christliche Bevölkerung in Aufregung und Schrecken hielten; und man wohnte fünfzehn Jahr später nirgends orientalisch ungenirter, als in den Pavillons im deutschen Karavanserai der alten Hauptstadt Aegyptens!
Der hofähnliche Garten dieses - wir müssen die einmal gewählte Bezeichnung beibehalten, - dieses Hôtel du Nil hat manches Eigenthümliche, er verbindet und vermittelt gleichsam die Geheimnisse der Harems von Gizeh mit dem schaamlosen Treiben und den fränkischen Lastern der Eskebieh und den wechselnden Handelsscenen des großen
[185]
Bazars, ja selbst mit der Wüstenpoesie der lybischen Karavanen. Während der englische Pair, der zum ersten Mal in Aegypten war, mit dem deutschen Professor, der russischen Fürstin aus den Steppen Sibiriens und den Flüchtlingen vom Ufer des Ganges in all' dieser Poesie und den historischen Erinnerungen einer großen Vorzeit schwelgte und sorgfältig sie aufsuchte, genoß die lebensunersättliche Phantasie des Anglo-Spaniers all die seltsamen Scenen und Bilder, die sich in der alten Khalifenstadt selbst dem Fremdlinge fast auf jedem Schritt bieten. Welchen Eindruck auch die halbpoetische, jedenfalls romantische Erscheinung der Sibirianka auf die Phantasie des Grafen von Lerida gemacht hatte, wie wenig er auch gewöhnt war, seiner leichtfertigen Lebensanschauung, seiner Rücksichtslosigkeit dem weiblichen Geschlecht gegenüber Schranken und Bedenken zu setzen, - die ernste Weise seines englischen Vetters war doch hinreichend gewesen, ihm in dieser Beziehung Zügel anzulegen und ihn von einer allzu unverholenen Bewunderung der Fürstin zurückzuhalten. Er hatte sich vielmehr in den Strudel der in Kairo wie Alexandrien jede Ausschweifung bietenden europäischen Gesellschaft gestürzt und bald es verlernt, sich um die Wünsche seiner Reisegefährten zu kümmern, nachdem sie aus den Gefahren der Wüste gerettet worden waren. Seinem abenteuerlichen Charakter gemäß hatte er sich vielmehr dem von den Andern auffällig gemiedenen französischen Reiteroffizier genähert und theilte mit diesem die Pflege, die der Zustand des in dem Gefecht mit den Assassinen noch an dem Ufer des Nils nicht unerheblich
[186]
verwundeten Kämpfers von Gaëta erheischte. Seine Dampfyacht lag sicher und wohlversehen im Hafen von Alexandrien; der Gesellschaft der beiden spanischen Prätendentinnen aber hatte er sich vorher und bis zu geeigneter Zeit durch ihre Ueberführung von Civita-vecchia nach der ligrmschen Küste und seinem fast hermetisch gegen die Neugier gesperrten Schlosse von Roccabruna entledigt, und da er ein Verschwender mit der Zeit war, sah er keinen Grund, weshalb er den Aufenthalt am Nil kürzen sollte, um so weniger, als auch Lord Walpole keine Ursache dazu fand und keine Eile zeigte, die Ueberfahrt nach Europa zu bewerkstelligen, die ihn ja doch in ganz neue Verhältnisse zu seiner schönen Schutzbefohlenen bringen mußte. Auch dieser war das halb europäische, halb orientalische Leben in der Kalifenstadt neu, und nachdem der französische General-Konsul Monsieur Beclard bei seiner Anwesenheit in Cairo ihnen mitgetheilt hatte, daß das Gepäck, welches Graf Boulbon von Suez aus dem Veloce für sie mitgebracht hatte, bevor er die Fahrt auf dem Dampfer nach Brindisi und Rom fortgesetzt, von ihm richtig im General-Konsulat deponirt worden war, auch sein Begleiter unter amtlichem Verschluß ihre Juwelen dort niedergelegt hatte, bestand für die Fürstin keine Ursache, den Aufbruch von Cairo zu beschleunigen.
Enger hatten sich der deutsche Arzt und der Grieche Grimaldi aneinander geschlossen und an sie der Jüngling Jesus, der unter dem besonderen Schutz des Viscount und der Fürstin stand, die reichlich für ihn zu sorgen versprachen, wenn er sie nach Europa begleiten wolle. Es
[187]
hatte über seine Zukunft mehr als eine ausführliche Unterredung stattgefunden, aber der junge Assassine blieb fest bei dem Gebote Mariams: zu forschen und zu prüfen, und nach den Klöstern am Sinai zu pilgern, ehe er sich für irgend ein weiteres Studium entschloß. Täglich besuchte er unterdessen die berühmte ägyptische hohe Schule der Moschee El Ezher, an welcher der Koran von den gelehrtesten Imaums ausgelegt wird, und das apostolische Vicariat für die Kopten, ja selbst die große Synagoge im jüdischen Stadttheil. Wunderbar aber waren die Fortschritte, die er dabei in dem Studium der Sprachen machte, zu welchem er jeden Abend und fast die halbe Nacht verwendete. Professor Peterlein, der Arzt, selbst die Fürstin waren darin seine Unterrichter, außerdem die besten Sprachlehrer angenommen, und merkwürdig waren die Zeugnisse der Befähigung und des Fleißes, die alle ihm ausstellten. Unbemerkt ging er anscheinend unter den verschiedenen Nationen und Volksstämmen, die sich hier bewegen, aber dem Arzt war es doch nicht entgangen, daß der bescheidene stille Jüngling der Gegenstand einer gewissen Ueberwachung zu sein schien. Denn mehr als einmal war es vorgekommen, daß Unbekannte ihm gefolgt waren oder sich an ihn gedrängt hatten, und zweimal hatte Jesus selbst erzählt, daß er einen der Lassiks, ja das andere Mal sogar einen älteren Refik von Burg Gengarab in den begegnenden Fremden zu erkennen geglaubt habe. Aber da er ohne ihrer zu achten seiner Wege ging, hatten sie sich ihm nicht genähert. Auf den Wunsch des Arztes jedoch hatte der Lord befohlen, daß Kumur, der schwarze Diener Wellands[Waldings] oder einer der
[188]
beiden Trapper den Jüngling stets begleiten sollte, wenn er in die Stadt ging.
So standen die Angelegenheiten der kleinen Reisegesellschaft und bereits hatte die Fürstin von der Fortsetzung ihrer Reise gesprochen und der Arzt den Verwundeten außer weiterer Gefahr erklärt, der in einem Landhause zu Bulac Unterkommen gefunden hatte, als plötzlich der Graf von Lerida aus dem Hôtel verschwunden war. Die Unbeschränktheit seiner Launen hatte zwar die Freunde und seinen Vetter längst an kürzere Ausflüge gewöhnt, auf denen er einen oder zwei Tage ausblieb, aber diesmal waren bereits vier Nächte vergangen, ohne daß er sich hatte blicken lassen oder die geringste Kunde von sich gegeben hätte. Als Lord Walpole und der deutsche Arzt dem Wirth des Hauses ihre Besorgniß aussprachen, machte Herr Friedmann ein ziemlich ernstes Gesicht.
»Es ist ein kühner Herr, Ihr Verwandter, Mylord,« sagte er, »der keine Besorgnisse zu kennen scheint, aber es passiren manchmal seltsame Dinge in dieser Stadt. Und obschon die Heiligkeit des Harems hier keineswegs so streng gehalten wird wie in Stambul oder anderen Theilen des Orients und Said Pascha streng darauf hält, daß die Fremden mit möglichster Schonung behandelt werden, selbst wenn sie die hiesigen Gesetze und Sitten verletzen, so ist es doch schon öfter vorgekommen, daß man bei Sonnenaufgang Ermordete in den Straßen gefunden hat und daß Fremde spurlos verschwunden sind. Erzählt man sich doch selbst aus der Nähe unseres Hôtels ...« Er brach vorsichtig ab und warf einen Blick nach einer
[189]
der minaretartigen hohen Terrassen der Umgebung, welche an der Grenze der Eskebieh lagen und von ihrer Höhe selbst einen Einblick in den gartenartigen Hof gestatten mochten.
Lord Walpole befrug ihn freilich näher, aber der vorsichtige Deutsche lehnte es ab, einen direkten Verdacht auszusprechen. Erst als er am Abend mit dem Arzt unter den Oleanderbüschen am Kiosk saß, zeigte er sich mittheilsamer. Die Zahl der Fremden war ohnehin augenblicklich nicht groß in Kahira, da die vorher gegangenen heißen Monate den sonst namentlich an Lungenkranken ziemlich großen Zudrang verspätete, ein Umstand, der auch unsere Reisenden vermocht hatte, einen längeren Aufenthalt zu nehmen, denn im April und Mai steigt die Hitze in Cairo durch den Chamsin oft bis zum Unerträglichen. Doktor Welland[Walding], der sich durch glückliche Behandlung eines Kindes des Wirths große Zuneigung des letztern erworben hatte, brachte vorsichtig das Gespräch auf die Umgebung des Hôtels.
»Haben Sie zufällig von der Prinzessin Mirjam erzählen hören?« frug plötzlich der Wirth.
»Nein - wer ist diese Prinzessin und was ist mit ihr?«
»Ihr Haus liegt da drüben, und Sie könnten von hier seine Terrassen übersehen, wenn die gewöhnliche Mauer um dieselben den Einblick nicht verhinderte nach der Sitte unserer türkischen Häuser.« - Er zeigte hinüber nach der Seite der Eskebieh, und fuhr dann fort. »Sie soll seit acht Tagen wieder von ihrem Palast an der Küste der See in ihrem Hause zu Kahira eingetroffen sein.«
[190]
»Aber wer ist die Prinzessin Mirjam? Ich hörte nie von ihr.«
»Eine Verwandte des früheren Vicekönigs, des Abbas Pascha, den vor sieben Jahren ein Assassine im eigenen Palast ermordet hatte, weil er der Ultraislamitischen Partei zu mild und nachsichtig war, so daß er selbst die ägyptische Flotte an Oesterreich verkaufen wollte, wenn ihn nicht England daran gehindert hätte. Sie soll aus dem Blute Mehemeds stammen, so gut wie der Khedive selbst, und deshalb besonderen Schutz genießen, schon zu des Ermordeten Zeiten, obschon -«
»Nun?«
»Obschon ihr das Volk Schlimmes nachsagt und vielleicht eben ihre Abstammung allein sie vor der Schnur geschützt hat.«
»Was sagt man ihr nach?«
»Daß sie ihren eigenen Gatten umbringen ließ, obschon sie heute noch nicht dreißig Jahre zählt und noch immer sehr schön sein soll, eigenthümlich schön wie eine Schlange oder ein Tigerthier. Seit dem Tode ihres Gatten, der zur Zeit des Krimkrieges starb, führt sie ein, wie der Volksmund flüstert, nicht sehr einsames Leben, denn um sich bis zur Anklage zu erheben, fürchtet man ihren Einfluß - und ihre Rache. Sie soll ...«
»Aber so reden Sie doch, Sie werden sich doch vor einem Landsmann nicht scheuen.«
»Man flüstert - daß sie von der Erlaubniß Mahomeds einen verkehrten Gebrauch macht und ein Harem unterhält - aber von Männern! Thatsache ist, daß junge schöne
[191]
Männer, namentlich Europäer, seit ihrer Rückkehr nach Cairo, denn sie blieb nach dem Tode ihres Gatten mehrere Jahre verbannt und diese Verbannung soll mit dem Wechsel auf dem Thron des Khedive nicht ohne Zusammenhang sein, in Cairo oft auf unerklärliche Weise verschwunden sind. Man weiß nicht einmal, ob der Tod ihr Loos gewesen ist, denn es ist niemals eine Spur von ihnen gefunden worden.«
Der Arzt hatte die Hand des Mannes ergriffen. »Ich ehre Ihre Vorsicht, Herr, aber ich hoffe, daß Sie sich auch erinnern, daß Sie unter dem Schutz des Consuls Ihres Vaterlandes stehen.«
Der deutsche Hôtelbesitzer zuckte die Achseln. »Der Schutz des französischen oder englischen böte mir bessere Garantie. Doch wie dem auch sei - ich bin ein deutscher Mann - also fragen Sie!«
»Sie bringen die Prinzessin Mirjam mit dem Verschwinden unseres Freundes, des Spaniers, in Verbindung? Seine Ansichten über Frauengunst sind allerdings etwas frei.«
»Ich enthalte mich jeden Gedankens. Erlauben Sie mir selbst dagegen einige Fragen an Sie zu richten.«
»Fragen Sie - ich habe ohnehin dann um Ihre Hilfe zu bitten in einer andern Sache.«
»Haben Sie je bemerkt, daß der Conde hier - eine Verbindung mit ägyptischen Damen unterhielt?« -
»Sie erinnern mich an einen kleinen Vorfall, der sonst wohl keine Bedeutung hätte. - Am Tage vorher, ehe wir ihn das letzte Mal sahen und er zu unserem
[192]
Verwundeten in Bulak gehen wollte, sah ich hier im Garten einen Eseltreiber bei ihm, der ihm ein Bouquet Blumen, einen Selam gebracht hatte und mit ihm sprach.«
»Hamed, den Schurken - ich weiß, daß er den Commissionair und Unterhändler für tausend Dinge macht. - Weiter, - haben Sie je Ihren Freund - mit jener Richtung -,« er deutete mit den Augen nqch einer entfernten Terrasse hin - »in Verbindung stehen sehen?«
»Ich sah ihn den Selam, den er eben erhalten, zwei Mal zu seinen Lippen heben.«
»Dann ist es richtig - der Unglückliche!«
»Aber warum haben Sie ihn nicht gewarnt?«
»Wie durft ich's wagen? - Aber er weiß wenigstens dasselbe, was ich Ihnen von dieser gefährlichen Syrene erzählt habe und daß Keiner zurückgekehrt war, der wahrscheinlich in ihre Netze gefallen.«
»Gott sei Dank - dann kennt er sie und ist gewarnt und wird sie im Augenblick der Gefahr zu durchbrechen wissen. Wie ich den Grafen kenne, ist er nicht der Mann sich fangen zu lassen und sein Glück in all' den tausendfachen Gefahren, die er schon bestanden, fast sprüchwörtlich. Er ist eben so kühn und verwegen, als klug. Fast dürfen wir darauf gefaßt sein, ihn unerwartet wieder zum Vorschein kommen zu sehen. Ich fürchte nur, daß es dabei nicht ohne Gewaltthat abgehen wird. Dann wird es freilich das Beste für uns Alle sein, Kahira sofort zu verlassen, Er hat ein eigenes Schiff, das ihn in Alexandrien erwartet. - Doch muß ich jedenfalls mit seinem Verwandten, Lord Walpole sprechen und - wenn er in
[193]
drei Tagen nicht zum Vorschein kommen sollte, muß der Lord sich an Sheriff Pascha den Minister des Aeußeren oder an den Vicekönig selbst wenden.«
»Der Weg der Gerechtigkeit ist hier weit - und bringt ein Leben nicht zurück. Aber was ist's, womit ich Ihnen selbst sonst dienen kann?«
»Es ist eine eigenthümliche und doch sehr natürliche Sache. Sie haben vielleicht das junge Mädchen bemerkt in Diensten oder besser in der Begleitung der Fürstin Wolchonsky?«
»Ja - es soll eine Chinesin sein, wie wir gehört - sie scheint hochschwanger, meine Frau hat mich darauf aufmerksam gemacht.«
»So ist es - obschon die Fürstin keine Ahnung davon hatte, - vielleicht das Mädchen selbst nicht. Ich entdeckte es sogleich in Abessynien, als sie aus Indien kamen, - durch einen Zufall, und die eigenthümlichen Verhältnisse, in welchen die Waise unter dem Schutz der Fürstin steht, wie ihre sonstige Hilfslosigkeit haben mir, dem Arzt, eine gewisse Theilnahme für sie eingeflößt. Die Fürstin selbst ist jung, kaum geeignet für eine solche Lage; sie bedarf in jedem Fall einer anderen Dienerin.«
»Die sind hier hundertfach zu haben, wenn auch für ihre Moralität wenig zu stehen ist. Bis Paris, wohin sie ja gehen will, reicht's jedenfalls.«
»Ja - aber sie beharrt darauf, das arme Wesen nicht zu verlassen. Eine seltsame Kette von Ereignissen verbindet die beiden Frauen. Nach Allem, was ich als Arzt beurtheilen kann, steht Tank-ki auf dem Punkt, bald
[194]
Mutter zu werden. Es ist dies ein Hauptgrund gewesen, uns hier zurückzuhalten. Dennoch kann, wie Sie selbst zugestehen, jeden Augenblick dieser Aufbruch nothwendig werden.«
»Dann weiß ich freilich kaum zu rathen, wenn Sie das Mädchen nicht unter dem Schutz meiner Frau zurücklassen wollen. Sie wissen als Mann und Arzt, wie oft sich die Frauen über das Ereigniß selbst in der Zeit täuschen.« - Er wandte sich zum Gehen, kehrte aber, als sei ihm ein Gedanke gekommen, plötzlich zurück. - »Es ist doch vielleicht gut, daß Sie mich in dieser Sache zum Vertrauten gemacht, Doktor. Ist der Lord bereit, für die Gewißheit über das Schicksal seines Vetters einiges Gold zu opfern?«
»Gewiß!«
»Dann wird es uns gelingen, sie zu erhalten, vielleicht auch mehr. Sie wissen, daß wir im Orient seit Jahren manchen tüchtigen europäischen Arzt haben, Sie sind ja selbst das Beispiel. Aber daneben haben im Volk die jüdischen Aerzte noch immer großes Vertrauen und namentlich die weisen Frauen dieser Nation bei unseren Wöchnerinnen. Es würde also nicht auffallen, wenn Sie für das Mädchen eine dieser Jüdinnen zuzögen.«
»Ich kann noch nicht absehen, wohin Sie mit dieser Einleitung zielen.«
»Diese Jüdinnen, zum Theil selbst vom Stamme der Falaschas in Oberägypten, sind zugleich vielfach die Vertrauten der Harems und kommen in die Paläste selbst unserer Machthaber. Eine solche Alte, eigentlich eine
[195]
Kupplerin, ist die Mutter Hameds, unseres bereits erwähnten arabischen Kommissionairs, der ein geborener Jude ist. Ich weiß zufällig, daß die alte Vettel, die mir sonst nicht in mein Haus kommen darf, vertrauten Zutritt hat in den Palast der Prinzessin Mirjam, ja dort täglich verkehrt. Würde ich sie durch ihren Sohn hierher kommen lassen, so würde das sogleich Beiden auffallen und weiter getragen werden. Sie kennen nicht die hundert Wege, durch welche Orientalen jede Nachforschung zu vereiteln wissen, aber dennoch giebt es Mittel, bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel zu dringen - ein solches Mittel ist die Habsucht und Geldgier der Juden. Ich zweifle nicht, daß wenn es uns gelingt, die alte Rebecca in unverdächtiger Weise hierher zu locken, es auch möglich sein wird, sich ihres Beistands zu versichern, wenigstens einer Auskunft.«
Der Doktor nickte zustimmend und der Wirth versprach in solcher Weise die alte Jüdin kommen zu lassen.
Es sollte dies noch eher geschehen, als die Männer gedacht hatten; denn bereits am Spätabend traten Zustände ein, welche die Hilfe der alten Jüdin erheischten, und ehe Mitternacht kam, war die Chinesin Mutter eines Knaben geworden. Doktor Walding und der Grieche hatten es nach Verabredung mit dem Lord übernommen, die Jüdin zu befragen, und während der Letztere dafür sorgte, daß ihre Unterredung nicht durch Ueberraschung gestört werden konnte, trat die Alte in das Zimmer der beiden erstgenannten Männer, die lüsternen Augen sogleich auf die geöffnete Rolle von englischen Goldstücken heftend, die unverwahrt auf dem Tisch lag.
[196]
»Du bist eine weise und geschickte Frau,« sagte der Arzt - »ich bin beauftragt, Deine Dienste zu vergelten, und Dir das Gleiche zu geben« er schob ihr zwei Goldstücke zu, »wenn die Wöchnerin erst wieder im Stande ist, ihr Lager zu verlassen und die Weiterreise anzutreten.«
Die Alte hob das runzelvolle Gesicht und musterte ihn mit den scharfen forschenden Augen. »Der Gott Jakobs segne Dir die reiche Gabe. Unsere Gläubigen sind nicht so freigebig, wenn sie meiner Hilfe bedürfen. Aber wann beabsichtigen die Franken-Aga's ihre Reise anzutreten? - unter diesem Himmel bedürfen die Frauen keiner langen Zeit unter geschickten Händen, wieder zu gesunden.«
»Das wird von Deinem Ausspruch abhängen, zunächst freilich von dem Erscheinen eines unserer Begleiter, der uns in Unruhe versetzt hat über sein Verschwinden.«
Er hatte mit zwei weiteren Goldstücken gespielt und schob sie nach der Seite des Tisches, an der auf seine Einladung die alte Jüdin Platz genommen hatte. »Ich wünschte, es könnte Gold seine Rückkehr beschleunigen, so gut wie Deine Geschicklichkeit die Wiedergenesung der jungen Frau.«
Die Alte schien einige Augenblicke mit sich zu Rathe zu gehn, aber der Anblick der blanken Goldstücke mußte verführerisch wirken, denn während der Grieche wie zufällig vor den Ausgang des Zimmers trat, verschwanden die zugeschobenen Sovereigns in ihrer weiten Tasche.
»Du bist ein weiser Hakim, wie mir mein Enkel erzählt hat,« sagte sie vorsichtig, »und hast das Leben des Kindes des deutschen Wirths gerettet. Warum sollte ein
[197]
so weiser Hakim nicht wissen, daß in diesem Lande ein goldner Schlüssel alle Thüren zu öffnen versteht!«
Der Arzt sah sogleich, daß er offener sprechen könne. »Eine weise und geschickte Frau wie Du, muß in vielen Häusern und Harems der Reichen und Mächtigen Eintritt haben und ihre Geheimnisse theilen. Das Volk erzählt sich Vieles von einer Verwandten des Khedive. Kennst Du die Prinzessin Mirjam, die in diesem Stadttheil wohnt?«
Sein Blick haftete fest auf ihr. Die alte Kupplerin vermochte nicht ihren Schrecken ganz zu verbergen bei dieser direkten Frage. »Wer sollte die Sultana Mirjam nicht kennen? Sie ist eine kluge und mächtige Frau - es ist nicht gut für geringe Leute, sich ihrem Willen entgegen zu stellen.«
»Bah - ihr Witz ist der eines Weibes, und es kann andere geben, die klüger sind als sie. Für zwanzig dieser Goldstücke wäre Manches zu wagen, um einem Opfer ihrer Lüste die Freiheit wieder zu geben - wenn es überhaupt noch Zeit dazu ist. Sonst bleibt dem Beisädih Nichts übrig, als sich an die Polizei des Khedive um Nachforschung zu wenden.«
Die Alte lächelte spöttisch. »Der Aga würde dann schwerlich finden, was er suchen will. Warum gleich die Gewalt, wenn andere Mittel sicherer zum Ziele führen können? Hat der Hakim die gleichen Fragen gethan an meinen Enkel wie an mich?«
»Nein - Männer sind geschwätzig, kluge Frauen niemals. Du bist die erste Person, mit der ich davon rede.«
»Wallah - die Kinder Jacobs sind die Unterdrückten
[198]
in diesem Lande. Es ist oft gefährlich zu reden. Es wäre thöricht von mir zu thun, als ob ich nicht wüßte, daß Du von dem schönen Franken redest, der mit Euch in diesem Hause wohnte und seit vier Tagen nicht zurückgekehrt ist zu seinen Freunden.«
»So ist es. Wir fürchten, daß er in ein gefährliches Liebesabenteuer verstrickt ist, und in einem Harem dieser Stadt verborgen gehalten wird.«
»Es mag sein! Aber seine eigene Klugheit allein kann ihn daraus befreien.«
»So lebt der Graf von Lerida noch?«
»Ich habe nicht gesagt, ob er lebt oder nicht. Ich weiß Nichts davon. Es ist gut, daß der Hakim nicht mit meinem Enkel gesprochen hat - er liebt das Geld allzusehr und fürchtet für seine Kehle, obschon er oft laut genug in der Synagoge und auf dem Bazar schreit. Frauen allein, wie Du selbst sagtest, verstehen zu schweigen und ohne Lärmen guten Rath zu geben.«
»Was läßt Du uns so lange um die Sache hergehen. Wenn der Conde noch unter den Lebenden ist, vermöchtest Du, ihm einige Zeilen zuzustecken, die ihn gegen Gefahren warnen?«
Nach der Art aller Frauen antwortete die Alte mit einer Gegenfrage.
»Kennt der Hakim eine Schrift, die Keiner hier versteht, wenn ein schlimmer Zufall sie finden lassen sollte?«
Der Arzt sann einige Augenblicke nach. Die gewöhnlichen im Orient üblichen Sprachen schienen ihm nicht geeignet, außerdem war wohl zu bedenken, ob der tolle
[199]
Spanier die gewählte kennen würde. Endlich glaubte er das Richtige gefunden zu haben. »Was meinen Sie, General Maldigri - dieses Weib ist so vorsichtig als schlau und sie will offenbar sich nicht bloßstellen, - würden es die nöthigen Worte auf Lateinisch thun?«
»Das ist das Richtige - der Graf hat zum Theil seine Erziehung in Eton erhalten. Hier ist Papier und Dinte!«
Die alte Jüdin legte die Hand auf die Feder, die der Arzt bereits ergriffen hatte.
»Halte ein, weiser Hakim. Du darfst nur schreiben in Deiner fremden Sprache, was ich Dir vorsagen werde. Es darf Nichts geschehen, was mich in Gefahr bringen könnte. Das Papier, das Du schreibst, kann nur die zufällige Hülle, eines anderen Gegenstands sein, - einer Schnur zum Beispiel, von dem Haar der Kameele - diese ist dünner wie Seide und reißt niemals!«
Der Arzt sah sie mit einem verständnißvollen Blick an. »Ich hoffe, Du weißt, wo eine solche Schnur zu finden ist, und wem sie Dienste leisten muß. Sage mir die Worte vor, die ich schreiben soll!«
»So schreibe denn:
Wer sich in Gefahr begiebt, kommt darin um, wenn er sich nicht selbst befreit. Die Gefahr ist oft - am dringendsten, wenn sie am fernsten scheint, und ein kluger Mann wartet nicht, bis der Tod an seinem Kissen steht. Ein Weiser setzt nicht Speise und Trank über das Leben, und die Schnur des Kameeltreibers ist fester als der Gürtel von
[200]
Gold und Seide. Ein kühner Sprung ist oft besser als ein schwerer Fall, und es ist nicht immer möglich, durch die Thür hinauszugehen, durch die man eingetreten ist. Wer weise ist, hüte sich vor Allem, was dunkel, und suche die Freunde, wo das Licht ist!«
»Bist Du schon zu Ende?«
»Ich bin's!«
»Deine Worte scheinen ziemlich unklar und ungenügend.«
»Ich kann nicht mehr sagen - und wenn Dein Freund klug ist, werden sie genügen. Nur möge er das Gras nicht wachsen lassen unter seinen Füßen in Kahira, wenn es ihm gelingt, der Gefahr zu entgehen. Ich kann nicht mehr reden.«
»So sage wenigstens, was die Anspielung auf das Licht bedeutet, und daß ein Sprung besser ist als ein Fall?«
»Die Terrasse eines arabischen Hauses ist nicht hoch und das Fenster einer Wöchnerin bleibt hell auch während der Nacht. - Ich werde morgen während des Tages wieder nach ihr sehen. Die kleine Gasse, die von der Muskieh am Palast der Sultana Mirjam vorüber führt, läuft gleich mit der Mauer dieses Gartens. Lebt wohl - es ist Zeit, nach dem Viertel der Kinder Jacobs zu gehen.«
»Ich glaube Dich jetzt verstanden zu haben, Frau,« sagte der Arzt, »und hoffe, daß Du bald den Weg hierher finden wirst, das Geld hier zu holen. Wir werden unsere Maßregeln so treffen, daß nicht das Geringste Dich compromittiren kann. Lebe wohl - der Morgen graut bereits.«
[201]
Die alte Jüdin verschwand eiligst und winkte draußen im Gange, der von dem Hôtel zur Straße führt, dem Enkel, der dort in einem Winkel schlief, ihr das Thor zu öffnen und sie zu geleiten.
Doktor Walding und der Grieche blieben noch in ernster Berathung zusammen und erwogen genau alle zu thuenden Schritte, zunächst ob es gerathen sei, irgend fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Beschluß war, am Morgen sofort nach Alexandrien zu telegraphiren und die dort ankernde Dampfyacht des Conde in den Hafen von Bula kommen zu lassen, denn die Fahrt auf dem eigenen Schiff war jedenfalls sicherer als die hundert Zufällen unterworfene auf der Eisenbahn. Lord Walpole sollte noch im Lanf des Tages von dem Geschehenen unterrichtet und durch ihn der britische Consul Sir Alfred Walen ersucht werden, dem Entkommenen in seinem Hause für zwei Tage Aufnahme zu gewähren, da nicht zu befürchten war, daß selbst die ägyptischen Behörden unter irgend einem Vorwand einen Eingriff in den britischen Schutz wagen könnten. Weiter beschloß man, während der nächsten zwei Abende in der Nähe des Palastes der Prinzessin aus den eigenen Leuten Wachen aufzustellen, die für alle Fälle bereit sein und den Entkommenen auf dem Wege bis zum Consulat schützen könnten. Kumur, die beiden Trapper und einer von ihnen selbst wurden dazu als ausreichend erkannt, von der Ankunft der Yacht aber sollte keine Seele auch im Hätel bis zum Augenblick der Abreise erfahren. Walding sollte unter französischem Schutz in Cairo zurückbleiben, bis er mit den beiden Franzosen und
[202]
der Wöchnerin nach Alexandrien folgen und mit ihnen dort wieder zusammen treffen könne. -
Diesen Entschlüssen entsprechend wurden die Anstalten im Laufe des Tages getroffen, und als am Nachmittag die Jüdin die Wöchnerin wieder besuchte, gab ein für Andere unbemerkbarer Wink ihnen die Gewißheit, daß es ihr gelungen sei das Papier in die richtigen Hände zu spielen und daß sie sich bereit halten müßten.


In einem nach orientalischer Sitte durch die Zugluft und einen kleinen künstlichen Springbrunnen von wohlriechendem Wasser gekühlten, mit persischer Seide tapezirten Gemach saß auf einem bequemen Divan eine Frau in kostbare orientalische Gewänder gekleidet, und der Duft des Nargileh, aus dem sie gleichzeitig mit dem Mann, der auf den Matten und Kissen zu ihren Füßen ruhte, durch den Doppelschlauch rauchte, erfüllte den Raum mit einem süßlichen wollüstigen Duft. Dieser Mann zu ihren Füßen trug gleichfalls orientalische Gewänder, die weiten Beinkleider, Schalmar genannt, und über dem Hemd von weißer Seide die gestickte ärmellose Jacke, aber dem Reichthum der Kleidung nicht entsprechend um die Hüften statt des kostbaren goldgewirkten Shawls, der neben ihm lag, einen einfachen Strick aus Kameelhaar. Er stützte sich auf Hand und Ellbogen des rechten Arms und schaute, den Kopf in den Nacken gelehnt, mit glühenden Augen auf das schöne Weib, das auf dem Divan saß. Ihre fleischigen üppigen Formen zeigten, daß sie nicht mehr in der ersten Jugend stand, und selbst das wunderbar zarte Roth
[203]
der künstlichen Schminke, das ihre Wangen bis unter die Augen färbte und mit dem feinen schwarzen Pinselstrich, unterm Lid und den Wimpern das Feuer der schwarzen Augen noch mehr hob, konnte doch die tiefen leidenschaftlichen Schatten nicht verbergen, die bis zur Nasenwurzel das Auge umgaben. Die Stirn war niedrig und durch die Färbung der schmalen tiefgeschwungenen Brauen noch verkleinert, die Nase fein und gebogen, die Lippen aber, wenn ihre volle mit kostbaren Ringen bedeckte Hand die dicke Bernsteinspitze des Nargileh daraus entfernte, zeigten sich fast übervoll und verriethen mit dem starken Kinn und gewölbten Halse Wollust und Sinnlichkeit. Eine scharfe Falte, die um die Mundwinkel lauschte und der Schminke Trotz bot, verrieth eine gewisse Unbezähmbarkeit im Genuß, gleichsam wie das Raubthier unersättlich im Blute schwelgt und dann keine Furcht und Besorgniß kennt. -
»So willst Du mich wirklich morgen Abend verlassen, schöner Franke« sagte die Frau in italienischer Sprache, »und es ist Nichts, was Dich länger in den Armen Mirjams zurückhalten kann? Geh, Deine Liebe ist kalt - Deine Leidenschaft allzurasch befriedigt, während Mirjam nicht müde wurde an Deinem Herzen zu ruhen!«
»Hast Du ein Recht, mir Mangel an Feuer und Liebe vorzuwerfen?« sagte mit leichtem Spott der Mann. »Aber bedenke, daß Du nur empfängst und ich Dir gebe, und meine Frankennatur nicht geschaffen ist für die bloßen Genüß[ss]e des Harems. Wir bedürfen der Freiheit und der freien Bewegung, die Körper und Sinne stählt,
[204]
statt der Erschlaffung. Meine Freunde werden nicht ohne Besorgniß um mich sein, und ich muß diese erst beruhigen, um ungestört in Deine Arme zurückkehren zu können.«
»Es ist ein Weib unter ihnen,« sagte leidenschaftlich die Orientalin - »ich habe sie gesehen von der Höhe meines Thurmes und weiß von ihr durch Hamed, der mein Sklave ist und dien Befehlen gehorcht, die ich ihm durch das alte jüdische Weib, seine Großmutter, gebe, daß sie gleichfalls eine Prinzessin sein will aus einem fernen Lande der Ungläubigen. Du willst zu ihr, die kalt ist wie Eis gegen die Gluth und das Glück, das Dich hier umgiebt. Laß sie ziehen zu ihrem Land voll Schnee, schöner Franke und bleibe bei Mirjam, wo Dich alles Glück der Liebe umgiebt. Fordere und jeder Genuß sei Dir gewährt. Sollen die Almen wie gestern vor Dir tanzen? - Willst Du die Weine der Ungläubigen trinken? - Sieh Du hast gewünscht, daß wir Beide heute die Gewänder der heißeren Sonne tragen, und ich habe mich beeilt, Dir solche aus dem Bazar holen zu lassen. Willst Du sie kostbarer, reicher geschmückt? Du sollst sie morgen haben! Nur gehöre Mirjam allein und bleibe bei ihr!«
»Nein, Du weißt, daß ich morgen wieder die Tracht der Franken anlegen muß, indeß es heute nur anders geschah, um mit Dir unbemerkter auf der Eskebieh zu wandeln, sobald es Abend wird. Du irrst Dich, wenn Du glaubst, die Moskowitin sei es, die mich von Dir zieht, sie ist die Verlobte meines Vetters und mag mit ihm nach seiner Heimath gehen, während ich bei Dir bleibe. Aber dazu ist es nöthig, mich mit ihm und
[205]
meinen Freunden zu verständigen. Du sollst auch immer wenn ich bei Dir bin, die Tracht des Orients tragen, die Dir hundert Mal schöner steht, als die Flittern von Paris.«
Sie schien nicht auf die Schmeichelei zu achten. »So willst Du Deinen Freunden erzählen, daß Du bei mir warst und zu mir zurückkehren willst?« frug sie lauernd.
»Warum nicht? Bin ich nicht Herr meines Herzens und meiner Person, wie Du? Wer kann uns hindern in Liebe zusammen zu leben!«
»Niemand, so lange der Schleier des Geheimnisses unsern Bund bedeckt. Bedenke darum, was Du thun willst. Ein Weib ist nicht frei in diesem Lande.«
Er sah in Gedanken vor sich nieder - sie hielt die Augen forschend auf ihn gerichtet. »Warum hast Du diesen schlechten Strick um Deine Hüften gelegt, statt des Shawls, den Dir die Sklavin brachte?«
»Es war zufällig um das Packet geschlungen, das Deine Hand mir sandte.«
»Aber Du hast auch die Limonade verschmäht, die meine Hand Dir mischte. Ist mein Liebling krank?«
»Ich habe Sehnsucht nach frischer Luft - ein Gang in's Freie wird mir wohl thun.«
»Dein Wunsch ist für Mirjam Gebot. Sobald der Muezzim die Gläubigen zum Abendgebet vom Minaret gerufen, wollen wir lustwandeln. Der Chamsin hat Dich matt gemacht. Du solltest ruhen auf diesen Kissen, bis die Liebe Dich weckt.«
»Nein Sultana, ich bedarf Nichts, als der sonst
[206]
gewohnten Freiheit, um glücklich zu sein. Wir wollen durch die Eskebieh wandeln oder zum Ufer des Nil. Ich - ich will es!«
»Du bist voll übler Laune, Freund. Aber es geschehe wie Du befiehlst. Erwarte mich, daß ich den schwarzen Sklaven Befehl gebe, uns zu begleiten. Es schickt sich nicht für eine Sultana, daß sie ohne Diener außer dem Hause sich zeige, wie das Weib eines Fellah!«
»Wie Du willst. Diese Luft hier ist drückend!«
»Sie ist es nur, weil Du mich nicht mehr liebst und die Gesellschaft Deiner Freunde vorziehst!«
Es hatte allen Anschein zu einem Liebeszwist, zu dem die türkischen Frauen eben so bereit sind wie ihre europäischen Schwestern, aber der Franke antwortete ihr trotzig nicht, sondern beschäftigte sich stumm mit seinen Gedanken, bis die Abendstunde gekommen war, die der Muezzim ausruft. Dann sprang er auf. »Laß uns jetzt gehen, ich bin Dein Geliebter, nicht Dein Sklave. Wenn ich wiederkehren soll, darfst Du mir keine Fesseln auferlegen, außer denen der Liebe. Laß uns gehen oder ...«
»Was drohst Du?«
»Nun, oder ich verlasse ohne Deine Erlaubniß das Haus!«
»Du weißt, daß der Wächter des Thors die Pforte nur öffnen darf, wenn ich's gebiete. Mirjam's Gunst hat Dich zu ihrem Herrn gemacht. Es geschehe, wie Du willst, nur gieb mir Zeit, mich in meine Schleier zu hüllen. Ich hoffe, wenn wir zurückkehren, wird Deine Laune besser sein.«
[207]
Sie klatschte in die Hände - eine schwarze Sklavin trat in das Gemach. »Laß Massil und Zorab sich bereit halten, meinem Gebieter den richtigen Weg zu weisen durch die Pforte der Nacht. Er ist ein Undankbarer wie alle Männer es sind und will uns verlassen.«
Die Sklavin kreuzte die Arme und verbeugte sich gehorsam - ein flüchtiger Blick fiel auf den Europäer. Dieser trat mir großer Ruhe zu der zürnenden Schönen, küßte ihre Stirn und zog einen kostbaren Dolch, der in ihrem Gürtel steckte aus diesem und schob ihn in den seinigen.
Ihre Augen blitzten argwöhnisch dabei auf. »Was thust Du Franke?«
»Was sich gehört! Es paßt sich nach unseren Sitten besser, daß der Mann die Waffe führt als die Frau. Darf ich Dir die Hand, oder wenn Du europäischen Brauch vorziehst, den Arm bieten?«
»Es ist nicht Sitte in unserem Lande, daß Männer und Weiber zusammen gehn. Geh voran, ich folge Dir!«
Er schien bereits ziemlich Bescheid in dem Hause zu wissen, denn er trat sogleich in einen Gang, an dessen Ende eine steinerne Treppe in den Hofraum führte, der sich lang bis zum Thor hinzog, vor dem quervor ein finsterer alter Araber mit weißem Bart saß gleich einer Dogge, bereit, Jeden anzufallen, der sich diesem Ausgang gegen seinen Willen nahte. Am Fuß der steinernen Treppe standen die beiden nubischen Sclaven, zwei herkulische Gestalten mit grimmigen thierisch blickenden Zügen und mit dem Yatagan über dem weißen Kaftan im Gürtel, während
[208]
ihre Hand den großen Bambusstab mit schwerem Silberknopf führte, welchen die Khawassen und Diener bei einem Ausgang und im Dienst ihrer Gebieter zu tragen pflegen, und mit denen sie wie der Läufer mit der Peitsche vor dem Wagen die Lästigen oder den Weg Sperrenden zur Seite schieben.
Mit einem raschen Blick hatte der Conde, denn er war es in der That, den wir zu den Füßen der ägyptischen Prinzessin gefunden haben, die Situation übersehen und die Begründung der Warnung erkannt, die er am Mittag auf dem Papier gefunden, in welches der Einkauf der Jüdin im Bazar geschlagen und mit dem Strick aus Kameelhaar umschnürt gewesen war. Er fühlte, daß jeder Augenblick der Zögerung ihm Verderben bringen konnte und daß er keine Spur von Besorgniß zeigen durfte, während seine schöne verrätherische Freundin auf der letzten Stufe der Treppe stehen blieb, und kaltblütig, ohne den Kopf zu wenden, ging er zwischen den beiden Schwarzen, die auf den Wink ihrer Herrin zu warten schienen, hindurch und trat auf den Pförtner zu: »Oeffne!«
Der Alte sah an ihm vorüber nach der Treppe hin, indem er die Hand an den Balken legte, welcher das Thor schloß - aber schon waren auch die beiden schwarzen Sklaven dem Spanier gefolgt, und nach einer Seitenmauer des Hofes deutend, in der ein anderer Gang sich zu öffnen und in einen zweiten Raum zu führen schien, hatte der eine der Schwarzen bereits seinen Arm gefaßt, um ihn dahin zu ziehen, während der Zweite mit dem schweren Stabe hinüberwies.
[209]
»Jalla, jalla! taali schemalak!«8
Der Graf hatte ihn zwar nicht verstanden, aber er begriff aus der Geberde die Weisung des Schwarzen, und als habe ihn die Berührung des Sklaven erzürnt, hatte er im selben Augenblick mit einer raschen Bewegung seiner Hand den gewichtigen Stab ihm entrissen und schwang diesen rechts und links mit voller Kraft gegen die Schienbeine der Schwarzen, diesen empfindlichsten Theil aller Negerracen. »Schurken! Was untersteht Ihr Euch?« Im selben Moment, während die Geschlagenen sich heulend krümmten und die getroffenen Stellen rieben, war er an ihnen vorübergesprungen nach dem Eingang der Treppe zurück, hatte die dort harrende Dame übergerannt und flog trotz ihres Kreischens die Stufen hinauf. Erst als auf ihr Geschrei der weißbärtige Türke am Thor herbeieilte und ihr wieder auf die Beine half, zeterten wilde Schmäh- und Drohworte über ihre Lippen und begriffen die Schwarzen, daß ihr Opfer ihnen entgangen war.
»Verfolgt den Giaur, feige Hunde! Tödtet ihn zur Stelle! Um keinen Preis darf er entkommen!«
Die Nubier stürzten, den Yatagan schwingend die Stiege hinauf, fanden an dem Absatz des ersten Flurs, wo jene sich theilte, aber nur die schwarze Sklavin, die ihnen vorhin den Befehl der Herrin gebracht hatte und jetzt gleichfalls zappelnd und zeternd am Boden lag. Hinter ihnen her tobte die Herrin. »Wo ist er, der Freche? Er soll büßen mit dem Leben. Allah sei Dank, er kann
[210]
nicht entrinnen!« Aber die Sklavin wies nur nach dem zweiten Gang. »Dort hinauf ist er - zum Dach!« Jetzt erst begriff die leidenschaftliche Frau, daß der Gegenstand ihrer Liebesgluth absichtlich einen ebenso kühn als gut ausgeführten Fluchtversuch unternommen hatte und schlug gleich einer getäuschten Rasenden gegen die schwache Thür, die nach der Sitte der orientalischen Häuser auf das flache, eine Terrasse bildende und von ziemlich hohen, gegen die Neugier unberufener Blicke schützenden Mauer umgebene Dach führte, auf welchen die orientalischen Frauen unter duftenden Gewächsen der Abendkühle zu genießen pflegen. Die Thür war zwar durch den vorgeschobenen Riegel vom Dach her geschlossen, konnte aber den Schlägen der Nubier nur wenige Augenblicke widerstehen, dennoch hatten diese genügt, die Flucht des bedrohten Spaniers zu sichern; denn als die Thür jetzt in Stücke flog und die erbitterte Frau, die einem der Sklaven selbst den schweren Yatagan entrissen, wie eine Furie hinausstürzte, fand sie das Dach leer und nur um einen der vorspringenden Steine das Ende der Schnur von Kameelhaaren geschlungen.
»Er ist fort, Sklaven - beim Propheten, der Franke wird uns verrathen! Noch kann er nicht weit sein, - die Gasse ist schmal und hat keinen Ausgang. Hinunter mit Euch Allen und ihm nach! Zehn Beutel für Den, der ihn zurückbringt todt oder lebendig!« Sie selbst versuchte die äußere Mauer zu erklimmen, um nach dem Entwischten auszuschauen, aber erst nachdem die herbeilaufenden Sclavinnen eine kurze Leiter für die Gebieterin zugeschleppt hatten, gelang es dieser über die Höhe der Mauer auf die
[211]
vorbeilaufende Gasse hinabzuschauen. Die Gasse war jedoch leer - nur nach der Muskieh zu sah sie eben drei oder vier Männer sich hastig entfernen und es klang ihr zurück wie lautes Spottgelächter.
»Möge Allah ihn verderben. Zum Glück kann der falsche Franke nur Verdacht geschöpft haben und mir nicht schaden. Aber dennoch wird es gut sein, seine Schritte bewachen und Hamed zu mir kommen zu lassen.«
Aber der eilig Herbeigeholte wußte auch Nichts zu erzählen und konnte nur berichten, daß verschiedene Männer aus der Gesellschaft des britischen Lords erst in der Nacht zurückgekehrt waren, ohne den Spanier mit in's Hôtel zu bringen. Erst am zweiten Morgen vernahm sie, daß der ihrer Macht so rechtzeitig und geschickt Entschlüpfte im offenen Wagen mit dem englischen Consul nach dem Hafen von Bula gefahren war und sich dort an Bord eines kleinen Dampfers begeben, der mit zwei oder drei der Fremden sich alsbald stromabwärts auf den Weg gemacht habe.
Dennoch und obschon der Graf von Lerida jede Anklage und Aussage streng verweigert hatte, konnte seine Flucht nicht ganz verschwiegen bleiben und erregte bei dem wiederholt vorgekommenen Verschwinden von jungen schönen Fremden so viel Aufsehen und Verdacht, daß sich der französische, britische und italienische Consul bald darauf veranlaßt sahen, beim Khedive selbst auf eine genaue Untersuchung im Palast der Prinzessin Mirjam zu dringen. Man fand dabei in einer alten Cisterne in einem abgelegenen Hofe die zum Theil von Kalk zerstörten und unkenntlich gewordenen Leichen mehrerer Männer,
[212]
offenbar Europäer. Obschon die Prinzessin und ihre Diener fest leugneten, davon zu wissen, sah sich der Khedive doch veranlaßt, die schöne Mirjam nach Ober-Aegypten zu verbannen unter dem strengen Verbot, Kairo oder Alexandrim wieder zu betreten, und dort starb sie bald darauf, wie ihre Freunde sagten: aus Gram über ihre Verbannung, während die beiden Schwarzen schon früher spurlos verschwunden waren. Die Sache machte damals in Kairo viel Aufsehen, aber die Justiz in Aegypten ist auch gegen überflüssige Schwätzer ziemlich kurz gebunden, und da bald nachher das ganze Haus niedergerissen wurde und einem anderen Gebäude Platz machen mußte, verschwanden alle weiteren Spuren. -
Acht Tage nach der fluchtähnlichen Abreise des spanischen Abenteurers trafen sich die Vettern in Alexandrien wieder, wohin auch Tank-ki im Schutz des Arztes ihre Herrin begleiten konnte. Doch hatte es Lord Frederic Walpole nach einer offenen Erörterung mit seinem abenteuernden Vetter für zweckmäßig erachtet, auf dem nächsten englischen Dampfer für sich und seine Schutzbefohlenen Ueberfahrt nach Malta zu nehmen und von dort erst sie nach Marseille zu bringen, während die beiden Franzosen, Doktor Walding und der Grieche an Bord der Dampfyacht blieben.


Es war damals, im Spätsommer und Herbst des Jahres 1861, eine stürmisch bewegte Zeit, deren Ereignisse, wie gesagt, uns, die wir sie doch mit erlebt, jetzt nach
[213]
kaum 16 Jahren, in Folge der späteren wichtigeren Phasen in der Entwickelung der Nationen freilich fast vergessen sind und wie ein Traum erscheinen, die damals aber die politischen Sympathieen und Antipathieen genug in Anspruch nahmen, und voll abenteuerlicher Bewegung, so daß Frankreich fast der einzige Großstaat war, welcher sich ruhiger Zustände, wenigstens im Innern erfreute.
In Amerika war in den vereinigten, oder vielmehr jetzt veruneinigten Staaten jener große Bürgerkrieg ausgebrochen, der unter der Maske der Humanität und der Sclavenemancipation doch nichts Anderes war, als ein Kampf für den Eigennutz der Yankees im Norden, ihre schaamlose Ausbeutung der Staatsinteressen und der Knechtung selbstständiger Institutionen; in Mexiko wüthete der Kampf der Liberalen mit Ultramontanen und des Ehrgeizes; England im Gefühl seiner Schwäche bangend, und doch lüstern mit hinein gezogen zu werden in den großen amerikanischen Krieg, später nicht einmal mächtig genug, jenen Schlag ins Gesicht dadurch, daß man die beiden Bevollmächtigten der Südstaaten auf offenem Meere mit Gewalt von einem britischen Postdampfer holte, mit einer Kriegserklärung zu erwidern und sich lieber mit Hetzereien auf dem europäischen Continent gegen Rußland und Oesterreich begnügend; - Spanien, sich in carlistischen und republikanischen Aufständen gegen ein verächtliches Weiberregiment erschöpfend; - Griechenland an der Schwelle eines Aufstandes, der mit dem Mordversuch des Studenten Dosios auf die unschuldige deutsche Königin begann, um einem englischen Prinzen auf den griechischen Thron zu helfen;
[214]
- Italien endlich mit Blut und Hinrichtungen den Kampf gegen das bourbonische Königthum fortsetzend und unter dem Druck der Revolutions-Comité's und selbst unterjocht von napoleonischem Einfluß den Papst im Vatikan und Oesterreich in Ungarn bedrohend; Rußland einen neuen polnischen Aufstand vergeblich abwehrend; - Deutschland noch immer der Spielball der englischen und französischen, der dänischen und österreichischen, der revolutionairen und ultramontanen Intriguen: und diesen Feinden allen gegenüberstehend, allein auf sich und seine Zukunft vertrauend, das neue preußische Königthum, verläumdet und angefeindet im eigenen Lande durch Haß und Ehrgeiz - wo war da der Friede und eine gesicherte Zukunft zu suchen? Wir wüßten kaum, in welcher Phase der neueren Geschichte der Weltfrieden mehr bedroht, und der Boden mehr für vulkanische Ausbrüche unterhöhlt gewesen wäre!


Ueber die blauen Wellen des Golfs von Tarent schwamm an einem schönen Abend in der letzten Hälfte des August ein kleines Fahrzeug, dessen Takelwerk und ganze Ausrüstung keinen sicheren Schluß bot, ob es ein Handelsfahrzeug oder für kriegerische Zwecke bestimmt war, und deshalb an Bord einer von Süden her steuernden eleganten Dampfyacht allerlei Vermuthungen hervorgerufen hatte, bis der Kapitain oder der Besitzer der Yacht dem Steuermann Ordre gab, in jedem Fall sich dem geheimnißvollen Schiffe zu nähern und seinen Lauf zu kreuzen.
Wie übrigens das Seegelfahrzeug, das leicht und rasch die Wellen durchschnitt und seinen Lauf nach der
[215]
Höhe des Golfs gerichtet hielt, die Neugier und die Combinationslust an Bord der Yacht erweckt hatte, so war es nicht weniger umgekehrt der Fall gewesen, nur daß an Bord des Seegelschiffs sich auch allerlei Besorgnisse kund gaben, die Jene nicht kannten.
»Es ist eine Felucke,« sagte der Schiffsherr - »so gut wie der Blitz! Aber es befremdet mich, daß sie die englische Flagge trägt, während doch die Engländer diese Art von Schiffen nicht zu lieben pflegen, wogegen wir sie häufig an den italienischen und griechischen Küsten finden.«
»Sie kommt von Malta,« sagte mit Bestimmheit eine Stimme.
»Carrajo! Sie können Recht haben, Major Grimaldi. Sie hält nach der Küste ab - englische Flagge hier an der Basilicata! wo, so viel ich gehört bei unserm Aufenthalt in Rom, unser Freund Cocca noch dem Herrn Victor Emanuel für den guten König Franz die Zähne oder vielmehr das Stilet zeigt. D'rauf also - wir wollen jedenfalls sehen, woran wir sind, bevor ich Sie nach Ihrem Wunsch an die ionische Küste bringe! He, Mauro - rufe dem Maschinisten, doppelten Dampf zu geben, und lasse das Signal zum Praien wehen. - Schade, daß mein Vetter Frederic jetzt wahrscheinlich bereits in La Valette auf Ueberfahrt wartet, er hätte sonst wieder gute Gelegenheit, den Hofmeister zu spielen und mir zu sagen, ich möchte mich nicht in Abenteuer stürzen, die mir nur Verlegenheiten bringen könnten.«
Die jungen Männer unter dem Sonnenzelt lachten. »Was wäre das Leben ohne solche Abenteuer? Ich dächte,
[216]
der edle Lord hätte selbst genug an seinem Abenteuer, genannt Wéra Wolchonski. Was denken Sie davon, Thérouvigne, ob ihn die spröde Dame vom Nordpol wirklich noch heirathet, oder etwa den eifersüchtigen Verdacht hegt, die kleine Chinesin sei seine Maitresse gewesen?«
»Gehen Sie zum Teufel Marquis mit Ihrer Fopperei,« sagte unwillig der Husar - »der Knabe, ihr Kind, ist von edlerem Blute als selbst ein Lauderdale in den Adern hat, und Boulbon hat sicher noch keine Ahnung, den Seitenkanal der Bourbons in dieser Weise fortgepflanzt zu haben. Ich bin in der That neugierig zu sehn, welche Augen er macht, wenn er hört, Vater eines schlitzäugigen Langzopfs geworden zu sein! Wann brechen wir auf nach Paris, Juan? Nach der Meldung der letzten Nummer des ›Constitutionnel‹, den wir in Allessandria erhielten, bekommt der Kaiser im nächsten Monat Besuch von einem dieser Schneekönige aus dem Norden, von Stockholm oder Berlin, ich erinnere mich nicht sicher von welchem!«
Der spanische Abenteurer lachte. »Dessen können Sie jedenfalls sicher sein, Kapitain, daß er für Sie keine Einladung nach Compiegne haben wird, sondern Marschall Randon Sie vor ein Kriegsgericht stellt und im glücklichsten Fall Sie auf die Festung schickt, was Sie, unter uns, für den tollen Streich, sich den Räubern der Wüste anzuschließen zur Verfolgung von Reisenden, die Sie im Grunde gar Nichts angingen, wohl verdient haben.«
»Nicht toller im Grunde,« sagte der heißblütige Husarenoffizier ärgerlich, »als die Liebesaventüren eines gewissen Conde in Cairo! Lassen Sie's gut sein, ich
[217]
bedauere nur, in Compiegne oder Paris nicht Zeuge Ihrer neuen Triumphe sein zu können, zu denen das Abenteuer mit einer ägyptischen Prinzessin nicht wenig beitragen wird. Aber ich glaube, das Fahrzeug, das wir jagen, hat beigelegt und wechselt die Flagge oder giebt ein Signal!«
»Caramba, Sie haben Recht - es sind die gelb und rothen Streifen von Spanien. Wie kommt denn der Don in das ionische Meer? -«
Die Felucke hatte in der That beigelegt - an ihrem Steuer stand der Padrone, ein Mann in den einfachen Gewändern der Seeleute der italienischen und griechischen Küsten; drei ihm ähnliche Matrosen lungerten am Bord, während man doch früher von der Campagne der Yacht mit den guten Gläsern deutlich eine große Anzahl Männer in Uniformen oder wenigstens Civilkleidern und bewaffnet hatte erblicken können.
»Was wünscht Ihr, Signor?« frug der Padrone, die Hände als Sprachrohr an den Mund legend. »Seid Ihr ein Engländer?«
»Und Ihr?«
»Das ist die ›Golondrina‹,9 kommt von Malta und will nach Corfu!«
Der Mann schien mit Absicht die Nationalität nicht zu erwähnen, aber es half ihm Nichts. »Wie kommt Ihr dazu die spanische Flagge zu führen?«
»Hab' das Recht dazu - glaubte einen Sarden in Euch, deshalb, um allen Plackereien zu entgehen, ließ ich zuerst die englischen Farben hissen!«
[218]
Die Schiffe fuhren so dicht aneinander, daß die Unterhaltung leicht war. »Wenn Ihr ein Landsmann seid,« sagte der Conde, rasch die Sprache wechselnd, »so sagt mir, wer die Männer sind, die bei Euch auf Deck waren? Ich bin der Graf von Lerida und kein Zollwächter! Also heraus mit der Sprache - wo sind die Männer, die wir noch soeben an Bord Eures Schiffes sahen!«
»Hier, Señor Conde!«
Die Thür der Kajüte, die im Heck der Felucke fast ihre Hälfte einnahm, hatte sich rasch geöffnet, und mehre stattliche Männer waren herausgetreten, denen man unverkennbar die Soldaten ansah. »Wenn Sie in der That der Graf von Lerida sind,« sagte der ihnen Vorangehende, »so werden sie einen Mann achten, der mit Ihrem Vater für dieselbe Sache focht und starb!«
»Starb?«
»Ja Señor Conde - Ihr Vater, ich erinnere mich seiner wohl, fiel unter den Kugeln der Christinos, und ich auch!«
»Nur mit dem Unterschied, daß ich die Ehre habe, Sie lebendig vor mir zu sehen!«
»So ist es - haben Sie nie von Garcia Fuentes gehört, dem Major der Lanzas von Guipuzcoa, den man den Rosuscitada nannte?«
Der Conde riß ehrerbietig die Bortenmütze vom Kopf. »Wie Señor - das wären Sie und diese Herren sind Ihre Freunde?«
Der alte Offizier nickte bethend. »Ich hoffe, Sie
[219]
werden also dem ehrlichen Padrone Nichts mehr in den Weg legen und ihn seinen Lauf fortsetzen lassen.«
»Nicht eher, Señor Mayor - als bis ich Sie und Ihre Freunde gesprochen habe.«
»Dann, Señor Conde, müssen Sie es mit unserem Anführer thun - ich bin es nicht! - Kommen Sie, Señor Generale, wir brauchen diesen Herrn gegenüber uns nicht zu verbergen!«
Ein hoher stattlicher Mann war aus der Kajüte getreten - noch ehe er selbst das Wort nehmen konnte, hatte der Marquis von Saint Bris die Freunde zurückgedrängt: »General Borges!« Er kannte den Carlisten von Paris her.
»Ha - einer unserer französischen Offiziere von Gaëta! - Einer der Tapferen von San Agatha! - Ich dachte Sie bei Se. Majestät oder längst in Frankreich! - Verzeihen Sie, Señor, aber da der Zufall uns hier im jonischen Meer zusammen führt, sollten wir nicht scheiden, ohne uns wenigstens näher gesprochen zu haben. Also bestimmen Sie selbst, ob Sie uns die Ehre Ihres Besuchs schenken wollen?«
Es hatten sich um den General jetzt noch mehr der spanischen Offiziere geschaart, es waren ihrer mit dem General dreiundzwanzig, und nach kurzem gegenseitigen Höflichkeitsaustausch folgten sie sämtlich der Einladung des Grafen, an Bord der Yacht für ein paar Stunden seine Gäste zu sein. Bei dem ruhigen Zustand der See war es möglich gewesen, die beiden Fahrzeuge so weit an einander zu legen, daß eine Planke den Verkehr vom höhern Bord der Yacht vermitteln konnte, und beide Schiffe ohne
[220]
Anwendung der Seegel und des Dampfes trieben vereint jetzt der italienischen Küste zu.
Zu seiner Verwunderung fand der Graf, als er die Mitglieder seiner Gesellschaft vorstellen wollte, daß General Maldigri die Yacht verlassen hatte und an Bord der Felucke Hand in Hand mit ihrem Padrone saß, als wären sie alte Freunde, und bald darauf hatte sich auch Doktor Walding zu ihnen gesellt, und so blieb die Unterhaltung mit den Spaniern ihm und den beiden Franzosen überlassen. Der Gegenstand war aber in der That so ernster Natur, daß ihm wenig Muße blieb, sich mit dem Zusammentreffen des Ioniers und des Padrone der Felucke zu beschäftigen. General Borges machte vielmehr kein Hehl deraus, daß das kleine und schnelle Fahrzeug von ihm in Malta zu einer Expedition an die Küste der Basilicata gemiethet worden sei, um auf Anstiften des gefallenen Königspaars in Rom einen neuen Versuch zur Volkserhebung im Königreich zu machen - General Clary hatte den tapfern spanischen Offizier dazu veranlaßt und mit hundert Versprechungen ihn zu dem kühnen Unternehmen beredet. Nach seiner Mittheilung war eine Verschwörung der Anhänger des Königs durch alle Provinzen vorbereitet und tausende alter Soldaten warteten nur auf die Erhebung eines namhaften Führers um sich seiner Fahne anzuschließen. Der Tag des Ausbruchs einer neuen sicilianischen Vesper in Neapel war bereits festgesetzt, und Borges mit dem Oberbefehl über alle in den Bergen gebildeten Freischaaren betraut, deren Zahl sich bei der fanatischen Grausamkeit Cialdinis und dem so rücksichtslosen Auftreten der
[221]
Piemontesen gegen die Bevölkerung täglich mehrte. Der tapfere frühere Carlistenführer sollte Waffen, Munition und Unterstützung aller Art bei seiner Landung finden und im Vertrauen auf das königliche Versprechen hatte er das sichere Asyl in Malta verlassen und das kühne Unternehmen begonnen, dessen Opfer er werden sollte.
Vergeblich machten ihm Don Juan und der Marquis Vorstellungen dagegen, da sie von dem Treiben der bourbonischen Camarilla in Rom zur Genüge gesehen, um befürchten zu müssen, daß man bei dem feigen Neid der Hofschranzen, die ihre eigene Haut in Sicherheit hielten und nur fremde Kämpfer für das durch ihre Jämmerlichkeit verlorene Königthum in den Kampf sandten - auch die kühnen Spanier nur ins Verderben gelockt habe. Der tapfere Borges vertraute dem königlichen Wort und ließ sich nicht entmuthigen. War doch in der That der Haß unter dem Volk selbst gegen die piemontesischen Eindringlinge noch immer im Steigen und trotz der Proclamation der neuen Statthalterschaft, die alle Kämpfer für das alte Königshaus nur für ehrlose Briganten erklärte und mit schimpflichem Tode bedrohte, so gewachsen, daß in der That damals eine gemeinsame energische Leitung der gesammten Kräfte die größte Aussicht auf Erfolg hatte. Aber freilich hätte eine solche Vereinigung auch aufrichtig sein und nicht durch eigenen Ehrgeiz und Hader verhindert werden müssen. So blieb denn dem Grafen und seinen Freunden Nichts übrig, als banger Ahnungen voll von der begeisterten kleinen Schaar sich unter besten
[222]
Glückwünschen für ihre Erfolge zu verabschieden und sie schließlich an Bord ihrer Felucke zurück zu begleiten.
Hier hatte unterdessen ein eigenthümliches Wiederfinden stattgehabt. Der Padrone, eine kräftige von Wind und Wetter anscheinend gehärtete Erscheinung, war eben zu seiner Schanze zurückgekehrt, ohne sich weiter um den Besuch der Spanier an Bord der Yacht zu kümmern, als eine fremde Hand sich auf seinen Arm legte und eine bekannte Stimme alle Erinnerungen und Gefühle seines Herzens erbeben machte.
»Wenn Danilos Petrowitsch in diesen Meeren seinen Namen und alten Ruf vergessen lassen und sich aus dem Gedächtniß des britischen Leoparden halten wollte, dann hätte er sein Schiff nicht wieder die ›Schwalbe‹ nennen sollen!«
Der Padrone wandte sich hastig um, ein Mann offenbar zu dem fremden Schiff gehörig, stand neben ihm, das Gesicht mit seinem Tuche verhüllt und es absichtlich von ihm gewandt.
»Wer Ihr auch seid, Signor - die Stimme ist mir lieb und bekannt, aber leider die eines Todten! - Heilige Panagia - Markos - Markos Grimaldi!«
»Still, Milchbruder - es ist nicht gut, weder Deinen noch meinen Namen hier zu laut zu nennen! - Jahre sind zwar vergangen, aber das Echo vom Ganges könnte ihn allzuleicht wachrufen! - Der Himmel segne den Augenblick, der mich Dich wiederfinden läßt, den ich auch unter den Todten glaubte, wie Du mich!«
Der wilde Schmuggler hatte leidenschaftlich seine
[223]
Hände gefaßt und küßte sie wiederholt. »Stehen denn die Todten Alle auf ihren Gräbern auf? O, wenn Du wüßtest, Marcos, daß auch er - er - der furchtbare, entsetzliche ...«
»Nochmals - vorsichtig! Ich weiß, wen Du meinst, und habe von ihm gehört. Er existirt nicht mehr für uns, aber dort an Bord der Yacht ist ein Anderer, dessen Du Dich gleichfalls erinnern wirst aus jener Schreckenszeit - Doktor Clifford, der Arzt des Bahadur!«
»Ich erinnere mich seines Namens und - seiner Person. Er war es, der bei der Befreiung des Prinzen von Audh half und den ich mit Dir von Bithoor brachte zum Lager des Tigers in Cawnpoor!«
»Er ist mit auf jenem Schiff. Doch komm hierher, Milchbruder, und erzähle mir, wie Du zu den Spaniern kommst, die dadrüben mit dem Grafen von Lerida tafeln. Wir werden unbelauscht hier sein auf dieser Bank am Steuer, während das Schiff mit dem Dampfer treibt. Das Letzte, was ich von Dir hörte, war der Gruß, den mir Major Delafosse brachte, nachdem Du ihm zu der Flucht von der Praua geholfen und ihn meinem Zuge nach Ihansi nachgesandt hattest. Er ist damals glücklich zu seinen Freunden entkommen, ich habe vor wenigen Monaten bei einem andern unserer damaligen Feinde von ihm gehört. Major Delafosse ist als ein tapferer Soldat bei der Entsetzung von Lucknow gefallen.«
Der Uskoke hielt noch immer die Hand des Freundes und Milchbruders. »Was soll ich Dir von mir erzählen! Nach dem Fall von Delhi und Lukhnow war der Sieg
[224]
der Engländer gewiß. Ich verbrannte mit Baber Dutt die Praua und, nachdem ich gehört hatte, daß der letzte Halt unseres Kampfes mit Ihansi gefallen und Du unter seinen Trümmern mit der Rani den Tod gefunden hättest, gelang es mir mit dem Pfand, das Baber Dutt mir anvertraut hatte als wir uns trennten, den Indus und das Meer zu erreichen, wo ich mein altes Handwerk trieb, bis die Sehnsucht, die jeder Sohn der schwarzen Berge fühlt, mich wieder zurücktrieb an die Küsten der Adria und des Epirus, bis ...«
»Warum stockst Du in Deiner Erzählung? - welches ist das Pfand, das Baber Dutt Dir übergab?«
»Du bist ein Sohn dieser Küsten wie ich, und ich weiß, daß gleiche Sehnsucht wie mich auch Dich hierher zurückgeführt hat; denn niemals können wir lassen von der Heimath, die der Fremdling geknechtet hat, sei es der Moslem oder der stolze Engländer. Im Golf von Patras und nahe unserer Heimath, steht auf einem Eiland, unfern der Mündung des Aspropotamos am Ende felsiger und sicherer Bucht ein Haus, zu dem die ›Schwalbe‹ ihr Steuer wenden wird, wenn sie die Fahrt mit diesen Spaniern vollendet hat, und das jetzt die Heimath Danilos des Uskoken ist, wie es hoffentlich die Deine sein wird, wenn Du Griechenland frei sehen willst. Eine Tochter unseres Volkes schaukelt bereits einen Knaben, der Deinen Namen trägt, auf ihrem Schoos, und der Unglückliche, den ein falscher Freund zum Krüppel gemacht, wiegt den Sohn des freien Uskoken auf den Stumpfen seiner Arme.«
[225]
Der tapfere Grieche schauderte: »Mann, von wem sprichst Du?«
»Von dem Aermsten von Allen, dem Schwager des Nena - dem Irländer O'Sullivan!«
»Heilige Panagia - und dieser ist bei Dir?«
»Ist Danilos nicht ein Tapferer, der treu an seinem Eide hängt? Er war mit uns auf der Praua, als der Nena so furchtbares Gericht hielt über die Faringi, und ist es geblieben, bis auch Baber Dutt floh. Wem sollte er den Mann anvertrauen, der keine Sprache mehr hat und keine Hand, gegen einen Feind sich zu wehren? Da vertraute er ihn mir und das Gold und Geschmeide, das ihm Schutz schaffen konnte ein Leben lang, denn der Unglückliche ist noch jung an Jahren, und der nächste falsche Freund würde ihn um sein Gold gebracht haben. Ich leistete einen Eid auf das Doppelkreuz und habe ihn gehalten. Wie eine Amme über ihrem Kinde, habe ich über ihn gewacht und unter hundert Gefahren ihn geschützt.«
»Wackerer Danilos - ich weiß am Besten, was Dein Eid bedeutet. Die That ist eines Helden würdig und eines Samariters. Ich bin reich genug, um Dir helfen zu können für den Unterhalt des Aermsten!«
»Nein - der Dienst hat sich selbst gelohnt; denn oft genug war das Mitleid, das sein Zustand erregte, der beste Schutz für uns Beide, und das Gold, das Baber Dutt mir anvertraute, hat seinen Segen getragen und macht mich zum reichen Mann. Schiff und Haus sind mein freies Eigenthum und wir könnten glücklich sein, wenn der Guls uns fern bliebe!«
[226]
»Der Guls?«
»Die Moslems nennen ihn so - Du weißt was ich meine: den Buthrolakka, den Vampyr!«
»Du bist weit genug umhergekommen in der Welt, um das Märchen und den Aberglauben der Unwissenden zu verachten.«
Der ehemalige Schmuggler und Pirat sah den Milchbruder den Kopf schüttelnd traurig an. »Willst Du den alten Glauben der Völker unseres Stammes verhöhnen? Seit meine Augen den Nena wieder gesehn, weiß ich, daß er ein Gul ist, der nicht sterben kann und immer ein Opfer sucht, bis es gelungen ist, ihn zu bannen, was nur einem reinen Herzen möglich ist.«
Dem tapferen Condottiere war unwillkürlich bei den letzten Worten des Uskoken der abessynische Knabe mit dem engelgleichen Antlitz und Herzen eingefallen, den sie in Cairo einem unbekannten Märtyrerthum überlassen mußten, aber er kannte zur Genüge den tiefen Aberglauben des Volkes, um auch nur den Versuch zu machen, ihn bei dem Milchbruder auszurotten. Ueberkam ihn doch selbst die Erinnerung an den Furchtbaren zu gewaltig, als er hier die Behauptung des deutschen Arztes und der jungen Chinesin wieder bestätigen hörte.«
»Wo willst Du den Nena gesehen haben?«
»Vor drei Monaten in Brindisi, als der Dampfer von Aegypten landete; ich kannte ihn wohl trotz aller Entstellung, aber ich hütete mich zu ihm zu reden, und ich werde auch dem Stummen nicht von ihm sprechen, wenn ich heimkehre. Wozu sollte es nützen, die bösen Erinnerungen
[227]
aufzunehmen? Ist das der Freund, der Hakim, der dort den Bord des Dampfers verläßt?«
»Er ist es - und es kommt auf Dich an, ob er unser Geheimniß erfahren soll?«
»Warum nicht? Er ist ein getreuer Mann und war ein Feind der Engländer, so gut wie wir! Warum sollte er sich nicht freuen, daß auch ich jenem Meer von Blut entronnen bin.«
Der Grieche erhob sich und winkte den Arzt heran. -
Auf die Gallerie der Yacht waren der Schiffsherr und zwei der Spanier getreten; es waren der General und der alte Offizier aus den ersten Karlistenkämpfen.
»Euer Excellenz wollen sich also unter keiner Bedingung abhalten lassen von Ihrem Unternehmen?« frug der Graf.
[»]Nein, Señor Conde, es ist beschlossen und ich ließ Seiner Majestät mein Wort verpfänden. Ich weiß, daß Major Langlais mich bereits erwartet und sich mit dem Haufen des Donatello und Coppa in Verbindung gesetzt hat. Der Aufstand in Neapel ...«
»Ich wünsche, daß Sie bei Ihrer Landung von dessen Erfolg vernehmen, habe aber wenig Vertrauen darauf!«
»Nun Señor Conde, so viel ich gehört, waren Sie selbst Soldat und wissen als solcher, daß eine Kugel das Loos ist, dem der Soldat jeden Augenblick entgegen sehen muß.«
»Und daß nicht alle Kugeln, selbst die, welche treffen, den Tod bringen, sehen Sie am besten an mir und selbst an Seiner Excellenz. Ich bin nicht weniger als zwanzig Mal verwundet worden und fühle mich doch noch rüstig
[228]
genug, mit dem Segen des heiligen Vaters und zu Ehren des legitimen Königthums einen Kampf gegen diesen Schlächter Cialdini zu wagen. Es freut mich, Señor Conde, daß nach Ihrer Begrüßung zu schließen, meine Landsleute diesseits der Pyrenäen mich nicht vergessen haben. Wer erzählte Ihnen von meinem Abenteuer?«
»Ich dächte, es wäre merkwürdig genug, um im Gedächtniß Ihrer Landsleute erhalten zu bleiben. So viel ich weiß, kennt die spanische Geschichte nur ein ähnliches Beispiel in den letzten fünfzig Jahren.«
»Caramba - das müssen Sie mir erzählen, ich kenne es nicht und glaubte mich den Einzigen!«
»Es geschah während der Schlacht von Vittoria und betraf den kühnen Guerilla Guiposca de Condeiga. Die französischen Dragoner hatten ihn auf der Plaza am Ufer des Ebro vor das Gitter gestellt, und mit einer Salve die Execution an ihm vollstreckt. Dem anscheinend im Todeskampf sich am Boden windenden blutenden Körper wollte eben der Sergeant des Kommandos den mitleidigen Todesstoß geben, als der Guerilla, der mit dem linken Arm die seiner Brust bestimmten Kugeln empfangen, emporsprang, seinen Feind mit dem Stoß der verborgen gehaltenen Navaja todt niederstreckte und mit dem gesunden Arm in Gegenwart vieler Hunderte sich über die Brüstung in den Strom schwang und trotz aller nachgesandten Kugeln im Schilf des Ufers glücklich entkam.«
»Carajo! grade wie ich in den Gebüschen, nur daß die sechszig Kameraden, welche mit mir gefangen und von den Christinos in Reih und Glied vor ihr Pelotonfeuer
[229]
gestellt waren, todt und sterbend am Boden lagen, während ich nur von einer Kugel am Kopf gestreift war, mit Blut bedeckt emporsprang und durch die Reihe der Entsetzten brach und davonrannte, bis ich das rettende Gebüsch gewann. Daß ich mich unterwegs nicht aufhielt, können Sie wohl denken. Es geschah ein Jahr vorher, ehe der Graf Ihr Vater von den Christinos füsilirt wurde, wie es später hieß auf den besondern Befehl des Marschalls Narvaez.«
Der Conde reichte dem alten Cavalleriemajor die Hand. »Seltsam - es war gerade jener Offizier, der an meinem Vater das Urtheil vollziehen mußte, der mir vor einigen Monaten auf einer Ueberfahrt nach Rom Ihre Rettung erzählte, nachdem ich ihn selbst aus einem spanischen Kerker befreit und von dem Bagno gerettet hatte. Das menschliche Schicksal spielt sonderbar.«
»So ist es Señor - wie hieß der Offizier?«
»Don Diaz Cavalho - aus der alten Familie der Guzman!«
»Doch nicht der Vetter und Amoroso der schönen Abenteurerin, die jetzt auf dem Throne Frankreichs sitzt?«
»Der Kaiserin Eugenie? - ich erinnere mich, sie stammt gleichfalls aus der Familie der Guzman.«
»Und ihre Mutter war schlau genug, ehe sie mit ihr nach London und Paris auf Abenteuer zog, ihr das reiche Erbe ihres Verwandten zu sichern - wie man damals sogar wissen wollte, durch eine heimliche Heirath mit dem dreizehnjährigen Mädchen, was freilich wohl eine böswillige Erfindung sein muß, da Bigamie eine Sache ist, die nur
[230]
den mohamedanischen Unterthanen Frankreichs und Spaniens erlaubt ist!«
Der Conde war nachdenkend geworden. »Sie haben Recht Señor Mayor, obschon ich nicht zweifle, daß Ihre Majestät der alten Bewerber um ihre Liebe genug gehabt hat. - Der Don Rosario, der meinem Erzeuger vom Leben half, ist vielleicht vierzig Jahre -«
»Das dürfte stimmen. - Diaz Cavalho, so hieß er ja wohl in der Armee, muß ungefähr 1820 geboren sein -«
»Und die Kaiserin Eugenie 1826,« fiel hastig der Conde ein.
»Mag sein - es fiel mir nur zufällig bei Ihrer Erwähnung ein. Und nun, Señor Conde, welchen Cours schlagen Sie ein, nachdem Ihre Neugier über unsere Expedition befriedigt ist? Es ist schade, daß wir einen Mann wie Sie nicht zu den Unseren zählen dürfen!«
»Wichtige Interessen hindern mich in diesem Augenblick. Meine Wünsche sind mit Ihnen. Wir setzen unsern Cours fort nach dem Golf von Genua! Noch einmal - mögen Sie nicht getäuscht werden in Ihren Erwartungen! Rechnen Sie nicht auf Rom!«
Das war der Scheidegruß an seine tapferen Landsleute. Fast ohne Bedauern hörte er, als ihm Kapitain Grimaldi verkündete, daß er sie bis zur Ausschiffung begleiten und dann mit dem Padrone die Fahrt an die griechischen Küsten fortzusetzen beabsichtige.
Die letzten zufälligen Bemerkungen des Major Garcia hatten seiner lebhaften Phantasie und Combination Vieles zu denken gegeben. Jedenfalls ließ ein Aufenthalt in
[231]
Roccabruna ihm die Gelegenheit, nach allen Seiten hin seine eigenen Launen zu verfolgen.
Also »Auf nach Neapel!«


Kommen wir hier gleich zu Ende mit der Geschichte der tapfern Spanier, obschon sie erst nach Monden schloß! Die Warnung Derer, die in Rom gewesen und die Intriguen hatten kennen lernen, welche von einem verächtlichen feigen Schranzenthum um den jungen König von Neapel und seine heldenmüthige Königin gesponnen wurden und jeden energischen Kampf für die gefallene Monarchie hinderten - sie zeigte bald ihre Berechtigung. Obschon der tapfere Spanier bei seiner Landung in der Basilicata diese Provinz in vollem Aufstand gegen die aufgedrungene piemontesische Herrschaft fand und die Truppe des Major Langlais ihm willig sich unterordnete, - der Ehrgeiz der eingeborenen Bandenführer verweigerte entweder offen den Gehorsam auf die Befehle des entthronten Königs, oder wußte auch die aufopferndsten Mühen des neuen Oberbefehlshabers scheitern zu machen. Schon bei der Landung an den Küsten der Basilicata traf General Borges die Nachricht, daß der beabsichtigte Aufstand in Neapel wenige Tage vor dem Ausbruch durch Verrath von der neuen Regierung entdeckt und mit schonungsloser Strenge unterdrückt worden war. Vergeblich waren seine Erwartungen auf die versprochene Unterstützung von Rom her. Trotz allem Drängen der Königin blieben die verheißenen Sendungen an Waffen, Munition und Geld aus - der schwache Franz war zu einem energischen Aufrichten nicht
[232]
zu bewegen und Woche auf Woche verfloß, ohne daß den tapferen Spaniern von dieser Seite her Beistand wurde. Weder Waffen noch Geld trafen ein, und vergebens versuchte der General die einzelnen Banden zu einer Vereinigung gegen die von allen Seiten heranrückenden Piemontesen zu bewegen. Kleinlicher Ehrgeiz und Mißtrauen bei den Führern, die bereits mehr zum beliebten Banditenthum der Camorra als einem offenen ehrlichen Krieg sich neigten, hinderte jeden seiner Pläne. Als die Langlais'sche Truppe, durch Gefechte und Mangel decimirt, ihrer vollständigen Auflösung nahe war, entschloß sich Borges, sich mit seinen Spaniern zur Truppe des Coppa Donatella zu begeben; aber auch hier mit Mißtrauen und der Verweigerung jedes Gehorsams empfangen und fast als Gefangener behandelt, entschied er sich endlich nach Rom zu gehen, und brach in den ersten Decembertagen zu Pferde mit 22 Offizieren und zwei Führern aus der treugebliebenen Landbevölkerung nach der römischen Gränze auf. Unsäglich sind die Mühen und Gefahren, mit denen die kleine aber todesmuthige Schaar durch die drei von zahlreichen Feinden wimmelnden Provinzen bis zu dem nahe der römischen Gränze liegenden Städtchen Tagliacozzo in der Nähe von Arvezzano und dem Fuciner See gelangte. Der General umging dasselbe und machte bei einem einsam gelegenen Gehöfte Halt, obgleich die rettende Gränze kaum noch eine halbe Meile entlegen war, aber Männer und Pferde waren todmüde und nicht mehr von der Stelle zu bringen.
Es war bereits Nacht, kein Feind zu sehen, und die Spanier begaben sich in dem Hause zur Ruhe, nachdem
[233]
sie darum gelost, welcher von ihnen unter der Thüre auf Posten bleiben und den Schlaf der Anderen bewachen sollte.
Das Loos war auf einen der Jüngsten gefallen.
Aber das Verhängniß war bereits auf ihren Fersen!
Es ist unermittelt, wenigstens unbekannt geblieben, auf welche Weise der piemontesische Kommandant des etwa 7 deutsche Meilen oder 28 Miglien von Soria entlegenen, von den Piemontesen besetzten Tagliacozzo die Anwesenheit der Truppe des General Borges in den Gebirgen der Gegend, dem spätern Schauplatz Chiavones, erfahren hatte - bereits seit zwei Tagen wußte man in Rom von seinem Zuge und den Weg, den er einschlagen wollte. Major Franchini war seiner Pflicht gemäß sofort mit einem starken Detachement Bersaglieri zur Verfolgung der Spanier aufgebrochen und hatte seine Späher in der Nähe an der Gränze vertheilt. Es war etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als die Vedetten der Bersaglieri einen Mann in städtischer Tracht, aber in den warmen Mantel von Schaaffell gehüllt, wie ihn die Gebirgsbewohner von Subiaco tragen, antrafen, der den Kommandanten des Detachements zg sprechen verlangte. Zu ihm geführt schien er eine wichtige Nachricht zu bringen, denn Major Franchini ließ sofort seine Leute zusammentreten, beorderte einen seiner Offiziere mit 25 Mann den Fremden zu begleiten und gab ihm seine Instructionen, mit dem größeren Theil des Detachements in einiger Entfernung folgend. Es war bereits im Morgengrauen, als der verrätherische Führer stehen blieb und auf ein Gehöft deutend sich mit dem leisen Ruf begnügte: »Là!«
[234]
Der Of[f]izier, während er das ganze Gehöft umzingeln ließ, zeigte ihm den Revolver und befahl ihm, voranzugehen, um zu sehen, ob und wo eine Wache ausgestellt sei. Der Verräther gehorchte, aber gleich darauf winkte er mit beiden Armen eilig heran zu kommen, und deutete auf einen jungen Offizier, der quer über der offenen Thorschwelle lag, der Griff des Säbels war seiner Hand entfallen. »Er schläft!«
Die schwere Erschöpfung hatte ihn in der That überwältigt - auch im Innern des Hauses zeigte kein Laut, daß die Gefahr bereits bemerkt worden.
»Mit dem Bayonnet! - Avanti!«
Ein Sergeant der Bersaglieri durchstieß die Brust des Schlafenden, - über den Sterbenden hinweg, ohne Schuß, nur auf die blanke Waffe und ihre Uebermacht sich verlassend, stürmten die piemontesischen Soldaten durch den Hof und sprangen die Stufen des Hauses hinan.
Aber was er im Leben versäumt, that der junge Spanier wenigstens noch im Todeskampf. »Los armas! - adversarios! es war sein letzter Laut, aber die schrille Stimme hatte genügt, die Schlafenden zu wecken und die über den Todten in das Haus Eindringenden wurden mit Dolchstößen und Pistolenschüssen empfangen und nach kurzem Kampf wieder hinaus ins Freie getrieben.
Vielleicht wäre es der kleinen Schaar der Tapferen gelungen, ehe Major Franchini mit dem größeren Theil des Detachements herankam, ihrerseits das Freie zu gewinnen und einzeln zu flüchten, aber es wurden einige Minuten mit der Erwartung des Befehls ihres tapfern Führers zur Vertheidigung des Hauses verloren, und als
[235]
sie dann an Thüren und Fenster stürzten, diese gegen die herankommenden Piemontesen zu vertheidigen, erscholl plötzlich der Schreckensruf: »Incendio!« und ein dicker Rauch verbreitete sich blitzschnell in dem Gebäude.
Wie später die Bersaglieri erzählten, mußte es dem fremden Verräther gelungen gewesen sein, während die schlafende Schildwache niedergestoßen wurde, Feuer an zwei Stellen anzulegen, wo an dem trockenen Holz und einigen ländlichen Vorräthen die Flamme rasche Nahrung fand. Der Unbekannte selbst war mit diesem Werk verschwunden gewesen. Das Binsendach stand bereits in Gluth, als der Ruf des Generals seine Getreuen zurück und in das Innere des Hauses rief. Es konnte kein Ueberlegen mehr sein, was hier zu thun, und wenige Worte genügten also zu dem allgemeinen Entschluß, sich lieber den Kugeln und Bayonnetten des zehnfach überlegenen Fremdes entgegen zu werfen und so einen ehrlichen Soldatentod zu suchen und zu finden, als in dem rasch emporlodernden Feuer zu ersticken und zu verbrennen.
»Vorwärts Kameraden!«
Den Dolch zwischen den Zähnen, die Pistole in jeder Hand drängte die kleine todesmuthige Schaar aus dem Eingang ins Freie, bereit auf die Bersaglieri zu stürzen, die sich in weitere Entfernung zurückgezogen hatten und sie mit der angeschlagenen Büchse an der Wange erwarteten. Aber zu ihrem Erstaunen erfolgte die Salve nicht, der Major der Piemontesen stand vielmehr vor den Seinen und wehte mit dem Tuch.
[236]
»General Borges! - Wo ist der General! Ich wünsche mit ihm zu unterhandeln!«
Der tapfre Spanier sprang vor das Häuflein der Seinen - die Hoffnung schwebte ihm vor, sie noch retten zu können.
»Hier!«
Der Major kam ihm entgegen. »Sie müssen die Waffen strecken, General,« sagte er. »Es wäre ein Wahnsinn und tapferer Männer unwürdig, auch nur den Versuch zu machen, meine Leute zu durchbrechen. Ueberzeugen Sie sich selbst, Sie sind auf allen Seiten umzingelt, und unsre Uebermacht ist zu groß, als daß es Ihnen gelingen könnte. Ich verspreche Ihnen und allen Ihren Begleitern ehrliche Kriegsgefangenschaft!«
Der General sah ihn fest an. »Ihr Wort darauf?«
»Das Wort eines Soldaten!«
»Ihr habt es alle gehört, Kameraden! Unter dieser Bedingung, Signor Mayor ergeben wir uns!«
Er warf Dolch und Pistolen auf den Boden - die Anderen folgten seinem Beispiel ohne Murren und umgaben ihn stumm und finster. Nur der alte Major Garcia sagte: »Bei der Madonna, - ich hätte es lieber auf den Kampf ankommen lassen!« Auf den Wink des piemontesischen Majors war der kleine Haufen der kühnen Männer rasch umzingelt worden und von dem brennenden Hause abgeschnitten. Nur die beiden abruzzesischen Führer, welche die seitherigen Erfahrungen gelehrt, sich lieber der Gnade der Flammen, als der ihrer Feinde anzuvertrauen, waren
[237]
in dem Hause zurückgeblieben und verbrannten darin mit den beiden bereits im Kampfe gefallenen Offizieren.
Nachdem das Haus zusammengestürzt war, wurde der Rest der muthigen Kämpfer für das bourbonische Königthum nach Tagliacozzo escortirt, wohin Major Franchini bereits vorangeeilt war, um sofort von der Gefangennahme der Spanier nach Neapel zu telegraphiren, und wo sie die ganze Bevölkerung bereits am Thor erwartete und nach dem rasch zum Militair-Gefängniß eingerichteten Zollhause begleitete.
Die gefangenen Spanier saßen ohne Bande in dem ihnen angewiesenen Raum mit einander und den sie zahlreich besuchenden Offizieren und Eingeborenen sich unterhaltend, denn Keiner von ihnen, am wenigsten wohl der General selbst, obschon ihnen beim Eintritt in die Stadt Major Franchini mitgetheilt hatte, daß er ihrethalben habe an den Generalgouverneur nach Neapel telegraphiren und weitere Befehle verlangen müssen, dachte daran, daß das Wort des Kommandanten könne gebrochen werden. Nur der Major Garcia saß finster und ahnungsvoll.
Die empörenden Grausamkeiten, mit denen Cialdini jede Aeußerung der Anhänglichkeit für die gestürzte Königsfamilie zu unterdrücken gesucht hatte, waren schließlich Ursache diplomatischer Vorstellungen in Turin geworden und hatten seine Ersetzung in der Statthalterschaft zu Neapel durch den General Lamarmora zur Folge gehabt. Aber der neue Generalgouverneur dachte ebenso wie sein Vorgänger, und eine seiner ersten Handlungen war jene die Ehre der sonst so tapfern und nach der Säuberung
[238]
von dem garibaldischem Gesindel bewährten piemontesischen Armee befleckende Antwort auf die Anzeige von der Gefangennehmung der Spanier und ihren Umständen. -
Es war kurz nach Mittag, als die Antwort des General-Gouvernenrs von Neapel eintraf und Major Franchini mit verlegenem Gesicht in dem Gefängniß der Spanier erschien und General Borges in ein besonderes Zimmer rufen ließ. Zugleich bemerkten die Gefangenen, daß alle Posten auf dem Platz und in der Nähe des Hauses verstärkt wurden.
Der General des Königs Franz betrat das Gemach, in welchem ihn der Stationskommandant mit zwei andern Offizieren erwartete.
»Excellenz,« sagte der Major, »die Entscheidung des General-Gouverneurs, der ich zu meinem Bedauern zu gehorchen habe, ist so eben eingetroffen.«
»Wohin sollen wir also nach der geschlossenen Kapitulation gebracht werden?« frug Borges. »Ich hoffe, man wird uns mit den Galeeren verschonen.«
Schweigend überreichte ihm der Major die telegraphische Depesche. Dieselbe lautete kurz, die Gefangenen als Briganten zu behandeln und
»di fucilargli tutti immantenente!« (sie Alle unverzüglich zu erschießen.) Lamarmora.
Der General sah den verlegen zu Boden starrenden Stationskommandant starr an.
»Das wäre ebenso grausam als ungerecht. Wir haben Ihr Wort der ehrlichen Kriegsgefangenschaft!«
Der Major zuckte die Achseln.
[239]
»Wie, Signor, Sie würden diesen Befehl wirklich vollziehen lassen?« Wieder das Achselzucken - der Major blickte wie hilfesuchend auf den zweiten Offizier. Es war dies ein alter Kapitain der Bersaglieri, ein finstrer barscher Mensch, der vom Unteroffizier im Krimkriege und im italienischen Feldzug auf gedient hatte und von Cialdini protegirt zu einer Charge befördert worden war, zu der sonst nur Männer einer gewissen Erziehung erhoben zu werden pflegen.
»Aber das wäre eine ehrlose Handlung, Bruch Ihres Soldatenworts und gegen die ausdrückliche Bedingung unserer Waffenstreckung! Wir verlangen ein Kriegsgericht!«
»Der Generalbefehl lautet,« sagte der Kapitän barsch, »alle Empörer als ehrlose Briganten zu behandeln. Wer hieß Sie in dieses Land kommen? Sie sind nicht Offiziere, sondern Einbrecher und haben auf Kriegsrechte keinen Anspruch!«
»Und Sie? Sind Sie nicht vielmehr selbst in dies Land eines Königs, dem wir Fahneneid geleistet, ohne ehrliche Kriegserklärung eingebrochen mit Verrath und Gewalt?«
»Machen Sie das mit General Lamarmora ab - in einer andern Welt,« sagte fast höhnisch der Kapitain. »Wir kennen als Soldaten nur den Befehl unserer Oberen. Was sind da für Umstände zu machen - mit Briganten! - Die Execution wird an solchen vollstreckt wie sich gebührt, ob General oder Bauer!«
Der Spanier hatte noch immer die Depesche in der Hand. Jetzt knüllte er das Papier zusammen und schleuderte
[240]
es dem Major in das Gesicht. »Morden Sie uns, wenn Sie es wagen! ganz Europa und jeder ehrliche Soldat wird richten über Sie! - unsere Pflicht ist es, für den König zu sterben, dem wir geschworen.«
»So halten Sie sich in zwei Stunden bereit,« sagte barsch der Kapitain - »so viel Zeit braucht es für eine Grube. Der Befehl sagt: immantenente! - Sollen wir Ihnen einen oder zwei Ihrer Pfaffen schicken, obschon Sie diese Rücksicht kaum verdienen?«
Der General sah ihn mit Verachtung an und begnügte sich zu dem höheren Offizier zu sagen: »Wir sind katholische Christen und wünschen als solche zu sterben!« Dann verließ er, ohne sich zu einer weiteren Anrufung zu erniedrigen, das Zimmer und ließ sich zu dem seiner Gefährten zurückführen. »Kameraden - ich hoffe, es ist Keiner unter uns, der nicht zu sterben weiß für den König, gleichviel ob im Kampf oder auf dem Sandhaufen! - Man weigert sich, das uns gegebene Wort zu halten, das neue Italien will uns wie Räuber morden! - Könnt Ihr Eurem alten Führer vergeben, daß er Euch hinderte am ehrlichen Kampf?«
Die Aufregung über die grausame Entscheidung war natürlich furchtbar, - Alle umringten den General, aber es war nicht Einer unter den Tapferen, der ihm nicht die Hand drückte, oder der ihm einen Vorwurf machte, sie zu dem Unternehmen geworben und zur Ergebung veranlaßt zu haben.
»Die Schmach falle auf sie! - Laßt uns als Männer sterben!«
[241]
»Bah,« sagte philosophisch der alte Major - »dieser tolle Conde und seine Freunde hatten Recht, und die Kugel auf dem Sandhaufen, der ich vor fünfundzwanzig Jahren entging, findet mich dennoch! - Hat Einer wohl Papieros? Denn diese Cigarren von der italienischen Regie sind so schlecht wie ihr Wort!«


Noch größer war die Aufregung unter der Bevölkerung des Ortes selbst, als die furchtbare Entscheidung bekannt wurde. Heulend und wehklagend umringten Frauen und Kinder das Gefängniß der Verurtheilten, - die Männer knirschten die Zähne und stießen Flüche und Drohungen aus, so daß es sicher nur eines Aufrufs der Gefangenen bedurft hätte, um eine Erhebung der ganzen Bevölkerung zu ihrer Befreiung zu veranlassen, obschon Major Franchini die ganze Garnison mit scharfen Patronen sofort unter Waffen treten und alle Ausgänge der Stadt hatte besetzen lassen, auch auf das Eiligste nach Soria um Verstärkung telegraphirte.
Aber die spanischen Offiziere erhoben jenen Anruf an die Bevölkerung nicht, sie wollten nicht schuldloses Bürgerblut um ihr Leben vergießen und beschlossen, als Märtyrer ihrer Sache zu sterben, und die Schmach auf Jenen zurückzulassen, welche die Treue für das rechtmäßige Königthum als Verbrechen behandelt, und auf den Mann, dessen eitler Ehrgeiz sich wenige Jahre später mit politischem Wortbruch gegen den nordischen Verbündeten des geeinigten Italiens selbst brandmarkte, wie er keinen Augenblick gezögert hatte, die Ehre seiner Offiziere mit Füßen zu treten.
[242]
Die Geschichte des ersten Napoleons bietet kaum in der Hinrichtung der Schill'schen Offiziere ein ähnliches Beispiel von Haß und Tyrannei, wie der Mord der spanischen Offiziere im Dienst des Königs Franz zu Tagliacozzo es bietet.
Wie ganz anders hätte die ganze Presse von Europa ihr Märtyrerthum gefeiert, wenn sie als Kampfer der Revolution, als garibaldische Helden des Aufruhrs den Todesweg gegangen wären! Welcher Schrei der Entrüstung wäre durch ganz Frankreich und England vom Thron bis zum Gassenkehrer gegangen, wenn der Czar des uncivilirten Rußlands, der souveraine Selbstherrscher, gewagt hätte, auch nur ein halbes Dutzend der französischen und englischen ›Briganten‹ hängen zu lassen, die den polnischen Hängegendarmen unter der Losung der ›Freiheit‹ zum heimlichen Beistand eilten! welchen Schrei der Entrüstung hätte dieselbe demokratische Presse ausgestoßen, die jetzt die That des spätern Ministerpräsidenten von Italien als einen Akt der Gerechtigkeit und Nothwehr proklamirte, wenn zehn Jahre später der von französischem Uebermuth zum Kriege gegen Frankreich für deutsche Rettung gedrängte König von Preußen die italienischen Spitzbuben des Flibustier Garibaldi hätte füsiliren lassen, statt sie als berechtigte Soldaten zu behandeln!
Aber das ist und bleibt der Fluch des legitimen Königthums, daß die Kämpfer für dieses gegenüber den Lügen der Revolution für Verräther am Volk verschrieen und von dem Königthum selbst, für das sie starben, verläugnet werden!


[243]
Zwei Stunden, nachdem ihnen der Befehl des großen aber niemals siegenden Generals Lamarmora verkündigt worden, war die große Grube fertig, welche die spanischen Märtyrer gemeinsam aufnehmen sollte, und sie traten unter den Bayonetten der Bersaglieri des Ré-gentiluomo, begleitet von den drei Priestern, die ihre letzte Beichte empfangen und ihnen das Sacrament gereicht hatten, den Weg zu dem improvisirten Richtplatz an. Rechts und links lag die Bevölkerung auf den Knieen und betete für ihre Seelen. Der piemontesische Platzkommandant Major Franchini hatte wenigstens so viel Gewissen, daß er einem seiner Offiziere das Kommando über die zur Execution bestimmten dreiundsechzig Mann übertrug.
In drei Sectionen, jede von sieben der Verurtheilten, gingen die Spanier zum Richtplatz, nur einen Blick der tiefen Verachtung für den Kommandanten und seine Offiziere habend, indem sie mit festem Schritt an ihnen vorüberkamen.
»Wo sollen wir stehn?«
»Hier - an der Grube! - wie Briganten, die ehrlosen Tod verdienen! so lautet der Befehl, von rückwärts füsilirt!«
Die Spanier umarmten sich untereinander - die Profosse traten hervor und banden ihnen trotz ihres Protestes die Hände auf dem Rücken zusammen.
»Avanti! - wir haben nicht Zeit, hier länger zu stehn! - die erste Section vor!«
Der spanische General, um seinen Getreuen ein Beispiel zu geben, gab ihnen ein Zeichen mit dem Kopf und
[244]
ging an den von den Profossen bezeichneten Platz; in kurzer Entfernung neben ihnen rechts und links stellten sich die beiden andern Abtheilungen, so eine lange Reihe bildend, den Piemontesen gegenüber, deren König vor Kurzem ihre Heimath an den Frankenkaiser verschachert hatte, ihnen den Rücken zukehrend.
Ihnen gegenüber im Rücken stellten sich die kommandirten Mörder in drei Gliedern - für jeden Mann drei Kugeln. Wir haben acht Jahre später gehört, daß gar Manchem Thränen im Unwillen ehrlicher Schaam und im Mitleid für die tapfern Männer über die gebräunte Wange in den Bart rannen.
In dem Augenblick, in dem die Verurtheilten die Stelle ihres Todes betraten, begannen die Kirchenglocken von Taglacozzo ihr schauerliches Grabgeläut; - mit einer zornigen Verwünschung wandte sich der Kapitain der Bersaglieri gegen die Priester, die eben auf seinen Wink zurückgetreten waren, nachdem sie den Sterbenden noch ein Mal das Cruxifix zum Kuß gereicht. Diese Todtenfeier war za nicht befohlen! »Wer hat das gewagt? Sogleich zum Thurm ...«
Der älteste der Priester, ein silberhaariger Greis hielt dem Rohen das Kreuz entgegen. »Bist Du ein Christ wie wir, und denkst Du nicht an Deine eigene letzte Stunde?«
Auch der Major winkte ihm zurück - und der Kapitain trat zur Seite.
Es waren, wie sich später ergab, zwei Frauen aus der Stadt gewesen, welche den Küster zu diesem
[245]
Grabgeläut gedungen hatten, das schwer und mächtig seine fernen Klänge daher sandte.
»Fertig zum Feuern! - Schlagt an!«
Der General blickte dankend zur Stadt hinüber und schlug sein Auge zu dem Himmel empor. »Viva el Re Francisco!«
»Feuer!«
Vierzig Schüsse knallten - die Getreuen stürzten neben- und übereinander und wälzten sich im Blute und im Todeskampf, eine entsetzensvolle Reihe. Nur der alte Carlisten-Major stand noch aufrecht - zwei Kugeln knallten hinterdrein, dann fiel auch er.
Als der Pulverdampf sich verzog, sahen die entsetzten Zuschauer die Leichen am Boden. Zwölf der Gefallenen waren auf der Stelle todt - den Anderen, darunter dem General, mußten die herbeitretenden Sergeanten den Todesschuß geben, indem sie die Mündung der Gewehre ihnen hinter die Ohren setzten.
Dann, als die anwesenden Compagnieärzte den Tod aller Einundzwanzig constatirt hatten, warf man die Leichen zusammen in die gemeinsame Grube und verscharrte diese.
Bis zum letzten Augenblick hatten die Glocken ihnen ihr Grablied gesungen. Die Zuschauer der furchtbaren Execution waren ihr Haupt verhüllend geflohen.
»Mögen alle Feinde des freien Italiens also sterben! - Schultert's Gewehr! - Marsch!«


So starben General Borges und seine Offiziere. -
Ob ihre Schatten wohl am Sterbelager des großen Gründers des vereinten Italiens gestanden haben? - ob
[246]
sie stehen werden am Sterbelager des Bourbonen, welcher sie in den Tod locken ließ für sich, und mit seiner feigen Schranzenschaar im sichern Quirinal saß zur Ehre Gottes und des Königthrons von Neapel, bis ein deutscher Condottiere, der Major Zimmermann an dem Helden der Camarilla im Vatican, dem gefeierten Banditen Chiavone Gericht übte!


Später schien man sich auch piemontesischerseits des an Borges und seinen Offizieren verübten Wortbruchs ein wenig zu schämen, die officiellen Blätter des Ré-gentiluomo mußten den »unglücklichen Verblendeten« einige bedauernde Phrasen widmen und der tapfere Held Lamarmora gestatten, daß die Leiche des Generals ausgegraben und nach Rom gebracht wurde, wo man sie in der Kirche Gesu im Beisein der im sichern Rom überwinternden Briganten einsegnete.
Aber kein englisches, kein französisches, kein deutsches Blatt hatte einen Ruf der Gerechtigkeit für den tapferen Spanier!
[247]

Reiter-Adel!

»Ich gebe Ihnen vier Tage Urlaub um in Ihre Heimath zu reisen und die Sache mit Ihrer Familie zu ordnen. Bis zum nächsten Montag erwarte ich die Beweise, daß die Wechsel eingelöst sind, oder Ihr Abschiedsgesuch!«
»Zu Befehl, Herr Oberst!«
»Gutenmorgen!«
Der Offizier salutirte die Hand am Säbel - die Absätze klirrten zusammen, als er kurz Kehrt machte und zur Zimmerthüre schritt.
Es war ein hübscher junger Mann, ein keckes übermüthiges Gesicht, dem das blonde Schnurbärtchen vortrefflich stand. Er mochte etwa 21 Jahre zählen und die Dragonerumform kleidete die schlanke und doch kräftige Figur zum Entzücken der Mädchen und zur großen Genugthuung des Besitzers.
Eben als der junge Mann die Hand an die Thür legte, klang die Stimme des Kommandeurs in etwas milderem Ton.
[248]
»Lieutenant von Möllhoff!« Der Offizier machte kehrt: »Zu Befehl!«
»Wenn Sie nach Burgsdorf kommen, so grüßen Sie den alten Herrn Ihren Großvater - ich habe noch als Fähnrich in seinem früheren Regiment gestanden, den berühmten blauen Kürassieren. Schade, daß den alten Herrn das Unglück getroffen hat, auf seine alten Tage zu erblinden. Sein alter Chef hält sich besser - Feldmarschall Wrangel ist immer noch derselbe, man merkts ihm kaum an, die - na, wie alt ist doch Ihr Großvater?«
»Zu Befehl - zweiundsiebenzig Jahre!«
»Richtig, Wrangel 1784 geboren also - Vierundachtzig von Einundsechzig -«
»Siebenundsiebenzig Jahre, Herr Oberst,« half der Offizier lächelnd ein.
»Richtig, richtig! Längst Feldmarschall - nun er kann sich nicht beklagen, er hat eine tüchtige Carrière gemacht, so weit werden wir's schwerlich bringen. Der alte Herr, Ihr Großvater hätte wenigstens bis zur Excellenz, bis zum Generallieutent warten sollen - er brauchte ja nicht Alles zu sehen, war aber immer etwas eigensinnig, ein starrer Kopf, der sich in die Neuzeit nicht fügen konnte - so lange Friedrich Wilhelm III. lebte ...«
»Ich war damals noch nicht geboren, Herr Oberst!«
»Weiß es - Wrangel hatte kurz vorher das I. Armee-Corps bekommen - ja, wie gesagt, er hatte Feinde - aber lassen wir's gut sein! Die neue Zeit will neue Männer! Ich bin sicher, wäre der Herr Generalmajor, Ihr Großvater, noch im Dienst gewesen, hätte sich die
[249]
unangenehme Affaire mit Ihrem Herrn Vater leicht applaniren lassen, ohne daß er nöthig gehabt hätte, seinen Abschied zu fordern.«
Der junge Mann richtete sich straff empor. »Verzeihen der Herr Oberst, mein Vater hat damals, so viel mir bekannt, ganz in Uebereinstimmung mit den Ansichten meines Großvaters, ja auf dessen Befehl gehandelt, als er den Herrn Grafen, Ihren Vetter forderte!«
»Richtig, richtig! - lassen wir die alten Geschichten ruhen! - Nun,« und der Regimentskommandeur richtete sich in seiner ganzen dicken Figur auf und war wieder jeder Zoll der strenge Vorgesetzte - »wie gesagt, Herr Lieutenant, ich hoffe, es wird Ihnen gelingen - Sie haben vier Tage Zeit, Adieu!«
Der Offizier verließ mit straffer Haltung und klingenden Schritten das Zimmer - aber draußen auf der Treppe ballte er krampfhaft die Fäuste und faßte nach dem Geländer, gleich, als müsse er sich daran festhalten. »Verdammt - daß auch Alles über mich gerade jetzt hereinbrechen muß. Ich glaube wahrhaftig - sie haben sich Alle zu meinem Untergang verschworen. Ich muß sehen, wo ich Geld auftreibe, um wenigstens das Aergste zu decken. Zuletzt bleibt mir doch Nichts übrig, als diesen Mittag zu reisen und pater peccavi zu machen. Der Alte wird gewaltig toben - die Mama und Conradine müssen helfen! - Wenn nur die andere Geschichte nicht wäre - der verdammte Wisch macht mir den Kopf warm. Wenigstens hat der Urlaub das Gute, daß ich mit dem Mädchen selbst sprechen und ihm Vernunft beibringen kann.«
[250]
Damit hatte er sich der Sorgen entschlagen, nahm den Säbel unter den Arm und ging mit leichten eleganten Schritten die Treppe hinab, nach der französischen Straße zu, wo er bei Borchardt eintrat.
Die berühmte Weinhandlung und Restauration war seit Jahren schon der Sammelpunkt aller Conservativen der höheren Stände wie der Offizier-Kreise. Verkehrte doch Jeder dort, der in den letzten zehn oder zwölf Jahren eine Rolle im politischen Ringen gespielt hatte, sei es in den Kammer-Debatten, in der Presse, in der Diplomatie, vom Journalisten bis zum künftigen Minister. Der als fester treuer Royalist bekannte und erprobte Besitzer, der alte Garde-du-Corps, genoß bei der Partei großes Zutrauen, nicht allein in den Kreisen der älteren Männer, sondern auch bei der heranwachsenden Jugend der Armee, die mitunter selbst allzuoft seine Hilfe in Anspruch nahm. Es war etwas Exclusives um das Lokal trotz seiner damals noch ziemlich beschränkten Räumlichkeiten.
»Wer ist in der Hinterstube?« frug der Offizier im Durchgehen durch den langen Vorderladen, in dem einst Bellachini die Schildkröte spazieren gehen machte.
»Graf Czaranowski!«
Der Dragoner pfiff durch die Zähne. »Auch Einer, der nicht helfen kann, ich glaube, er steckt schlimmer darin als ich. Vielleicht aber hat er wenigstens einen guten Rath. Er kennt meinen Bruder; wenn ich nicht irre, macht dieser sogar seiner Schwester etwas den Hof. Ich wünschte, ich hätte Victors ›Pluto‹, Graf Gaschin soll ihm zweihundert Friedrichsd'or beim breslauer Rennen geboten
[251]
haben; das könnte mich retten!« Er trat in das ziemlich dunkle Zimmer, wo er einen jungen Husaren-Offizier fand, nicht viel älter als er selbst, und bald saßen die beiden Kameraden bei einer Flasche Champagner beisammen.
»Verdammt,« meinte der Husar, nachdem ihm der Dragoner aufrichtig seine Verlegenheit gebeichtet hatte. »Ich bin in diesem Augenblick selbst gewaltig klamm, da das Herrenhaus feiert und mein Alter, als er im Januar zum letzen Mal meine Schulden bezahlt hat, mir das Ehrenwort abforderte, wenigstens binnen Jahresfrist keine neuen zu machen, es sei denn für Speise und Trank. Sie sehen, wenigstens habe ich bei Borchardt Credit. So liege ich denn auf der Bärenhaut und bin unserem schlesischen Nest auf drei Tage entwischt, um hier auf Neuigkeiten zu fahnden, und ob es wirklich in Polen drüben losgehn wird. Bestätigt es sich, so läßt sich vielleicht drüben ein Rittergut erben, denn Sie wissen, daß wir zahlreiche Verwandte drüben haben, die toll genug sind, Sibirien den litthauischen oder wolhynischen Wäldern vorzuziehen. Ich sage Ihnen, ich würde eine solche Erbschaft mit Vergnügen annehmen, selbst auf den Fluch meiner Tante Oginska.«
Lieutenant Möllhoff hatte den Kopf in die Hand gestützt.
»Nur Courage, Kamerad - schlimmsten Falls machen Sie die Bekanntschaft einer Gründertochter mosaischen Glaubens - es sind davon wie ich weiß, mehrere vacant in Schlesien. Vor Allem folgen Sie dem Rath Ihres Obersten, wenn er auch nicht besonders auf Ihre Familie
[252]
zu sprechen sein mag, wegen jener alten Duell-Geschichte, die Ihrem Herrn Vater seinen Arm kostete. Aber à propos - vielleicht kann Ihnen Ihr Bruder rathen, Sie wissen doch, daß er sich grade auf Urlaub in Burgsdorf befindet?«
»Bruder Victor in Burgsdorf?«
»Ein Kamerad aus der Garnison erwähnte es heute Morgen zufällig in seinem Briefe.«
»Sie haben recht, Herr Kamerad,« sagte der Dragoner-Lieutenant - »es wird mir Nichts übrig bleiben, als zu reisen. Ohnehin macht es eine andere Angelegenheit nothwendig, die mir kaum weniger Sorgen bereitet, - eine dumme Liebes-Affaire.«
Der Pole sah ihn fragend an.
»Nichts Ernstes - was mich hindern könnte, eine reiche Hebräerin zu heirathen. Ich hatte mich beim letzten Urlaub mit einem unserer Hausmädchen verplempert, und nun wehklagt mir das dumme Ding, daß es Folgen gehabt hat.«
Der Husar zuckte die Achseln. »Wofür ist man jung, und schon Ihr Goethe rühmt, daß die Kuchelbesen am Besten karessiren. - Bei uns in Polen macht man nicht viel Aufhebens davon. Ein Stück Geld und der nächste beste Knecht. Gutwillige finden sich immer!«
»Freilich wohl,« meinte der Andere, - »aber hier ist es die Enkelin vom alten Scholz!«
»Wer ist das?«
»Das Factotum unseres Hauses, den selbst meine gräfliche Mutter respektiren muß, der alte Reitknecht meines Großvaters, quasi seit dessen Abschied sein
[253]
Kammerdiener, und mein Vater versteht keinen Spaß in Allem, was den alten Scholz betrifft, der eine Art Trockenamme auch für ihn gewesen, obschon er nur zehn Jahre älter ist. Wegen einer ähnlichen Affaire entstand jenes unglückliche Duell, so viel ich weiß.«
»So sprechen Sie mit Ihrer Mutter, oder haben Sie nicht irgend einen Pfaffen in Burgsdorf?«
»Wir haben deren sogar zwei, einen protestantischen Zeloten und einen weltgewandten katholischen Vicar.«
»Bah, da haben Sie ja, was Sie brauchen, das sind die besten Kuppler! Ich sage Ihnen, ich kenne merkwürdige Geschichten aus unserem Polen und Schlesien, was die Pfaffen da Alles schon wieder in's Gleiche gebracht haben. - Lassen Sie uns auf guten Erfolg anstoßen.«
Der leichtsinnige junge Offizier ließ die Gläser klingen, dann verabredeten Beide, gemeinschaftlich schon den nächsten Zug der niederschlesisch-märkischen Bahn zu benutzen.


Die Kammern waren, wie bereits bei dem traurigen Ereigniß in Baden-Baden erwähnt wurde, für den Sommer geschlossen worden und sollten erst bei Gelegenheit der bevorstehenden Krönung im October wieder zusammen treten. Einstweilen durchbebte der Eindruck jenes verbrecherischen Versuchs noch das preußische Volk und die conservative Partei bereitete sich vor, durch eine Demonstration ihre Gefühle und Stellung in dem politischen Parteienkampf kund zu geben. Ihre Organisation war seit der
[254]
Regentschaft zerstört, zersplittert und die Wahlen wie der wachsende Einfluß der Liberalen hatten längst gezeigt, daß wenn sie nicht sich selbst aufgeben wollte, sie kräftigere Zeichen ihres Lebens von sich geben mußte. Die Gesetzvorlagen über das Eherecht und die Grundsteuerregulirung hatten sogar schwere Spaltungen in ihr hervorgerufen.
Der König war von Baden-Baden nach Ostende gegangen und hatte dann mit vielen fürstlichen Gästen aus Anlaß der großen Manöver am Rhein Schloß Brühl bezogen.
Die Badesaisons nahten ihrem Schluß und Manche, die sie benutzt, waren bereits heimgekehrt, um bei den weiteren Ereignissen zur Stelle zu sein. Es war in der letzten Woche des September, am selben Tage, als sich der junge Dragoner-Offizier auf den Weg nach seiner Heimath gemacht hatte, dort seine Sünden zu beichten, als im Schloß zu Burgsdorf sich nach der Rückkehr des Hausherrn aus Berlin - die gewöhnliche Gesellschaft um den Kaffeetisch versammelt hatte. Der alte General liebte es, mit ihm bekannten Personen über die politischen Verhältnisse und Vorgänge zu plaudern, und der Besuch des ältesten Sohnes, des Premier-Lieutenant von Möllhoff, so wie der Wunsch, Näheres zu hören über die Versammlung der Konservativen am 20. September in Berlin hatten auch die beiden Geistlichen des Pfarrdorfs aufs Schloß geführt.
Der Generalmajor saß seiner Gewohnheit gemäß auf dem alten ledernen Campagne-Sopha, das er selbst in dem sonst modern möblirten Wohnzimmer seiner gräflichen
[255]
Schwiegertochter nicht missen wollte, und dessen Verbleiben schon gar manche Debatte veranlaßt hatte. Aber der alte Herr war fest darauf bestanden und der Respekt für seine Person bei Sohn und Enkeln hatte, als er drohte, sonst die Nachmittage und Abende auf seinem Zimmer zuzubringen, alle Einwendungen der Dame des Hauses beseitigt. Man hatte sich gewöhnt, sich in die Launen des alten Mannes zu fügen, der noch immer mit fester Hand das Oberkommando in der Familie führte, obgleich er bereits bei seinem Eintritt in den Ruhestand seinem einzigen jetzt bereits fünfzigjährigen Sohn, dem Hauptmann jetzigen Landrath Curt von Möllhoff das kleine ihm gehörige Gut zur freien Verwaltung übergeben hatte, für seine eigene Verfügung sich nur die Pension bewahrend. Der alte General war eine lange hagere Gestalt, trotz seiner 72 Jahre von stattlicher aufrechter Haltung, die nur durch die in späterer Zeit eingetretene vollständige Erblindung etwas Unsicheres erhalten hatte, während seine geistige Energie fast dieselbe geblieben war. Die scharfe Beobachtungsgabe und das feine Gehör, das sich häufig bei den des Augenlichts Beraubten einfindet, so wie die sorgfältige Aufmerksamkeit von Sohn und Enkelin für seine Wünsche und Gewohnheiten, ließ ihn manche der mit seinem Gebrechen verbundenen Leiden kaum fühlen. Er trug statt eines bequemen Schlafrocks einen weiten Ueberrock der Armee-Uniform, für dessen Sauberkeit sein altes Factotum gewissenhaft sorgte, und über der schwarzen Kommißhalsbinde Kreuz und Band des Ordens pour le mérite, während auf der linken Brust des alten Uniformrockes
[256]
das eiserne Kreuz erster Klasse angeheftet war. Sein Gesicht, namentlich die scharf gebogene große Nase, hatten etwas Adlerartiges, und wenn auch der eingefallene Mund den Verlust der meisten Zähne verkündete, verbarg dies doch der herabhängende weiße Schnauzbart und der starke buschige Backenbart - die einzige Abweichung, die er sich von dem alten Militairschnitt gestattet hatte, nachdem er vernommen, daß auch sein Kriegsherr, der Prinz-Regent und jetzige König von Preußen einen solchen trug - dieses Zeichen des Alters aufs Beste.
Der alte Herr hatte in seiner ersten Jugend als Cornet schon die unselige Schlacht von Jena mitgemacht, in der er verwundet und gefangen worden war, später als dreiundzwanzigjähriger Lieutenant unter den ostpreußischen Kürassieren die Befreiungskriege, und war nach 1815 in die gewöhnliche Stufenfolge des Armee-Dienstes zurückgetreten und in dieser bis zum Oberstlieutenant und Obersten avancirt, als er zu Anfang der dreißiger Jahre durch Erkältung bei einem Manöver sein Augenlicht angegriffen fühlte. Dies nicht achtend hatte er bis zum Tode seines alten Königs fortgedient, dann aber als sich das Uebel verschlimmerte, seinen Abschied genommen, der auf das Ehrendste bewilligt worden. Er war stets das Muster eines alten strammen Soldaten gewesen, der keine andere Macht anerkannte, als die Gottes und seines Königs. Wie schwer einen solchen Mann die Ereignisse von Achtundvierzig trafen, läßt sich denken. Seitdem hatte er sich ganz von dem öffentlichen Leben zurückgezogen, namentlich als sein einziger Sohn, der frühzeitig seine erste
[257]
Gattin verloren und es nur bis zum Hauptmann gebracht hatte, in einem Duell den linken Arm verlor und sich nur mit der Landwirthschaft und der Verwaltung des kleinen Familiengutes beschäftigte, in dessen Besitz er bei der nächsten Vacanz zum Landrath des Kreises von den Kreisständen gewählt und von dem Ministerium bestätigt war. Seine drei Enkel, von denen der älteste Victor und die letzte, die jetzt zwanzigjährige Conradine seine Lieblinge waren, hatte er nach seinen strengen Ansichten von Loyalität und militärischem Gehorsam zu erziehen gesucht, wobei ihm freilich die Vorliebe und die Nachsicht seiner zweiten Schwiegertochter für ihren eigenen und einzigen Sohn viel Abbruch gethan, wie wir bereits Gelegenheit gehabt haben, zu erproben.
»Conrad,« unterbrach die noch immer auf die Rolle einer schönen und vornehmen Dame volle Ansprüche Machende, die der Hauptmann acht Jahre nach dem Tode seiner ersten sehr einfachen Gattin als den armen Seitensproß einer gräflichen Familie geheirathet hatte, jetzt die bisherige Unterredung, - »Conrad muß nach dem Telegramm, das er voraus sandte, Nachmittag auf der Station eintreffen. Der Kutscher wird doch zur rechten Zeit dort sein?«
»Ich habe ihn selbst geschickt. Aber ich möchte nur wissen, wie der Bursche jetzt auf Urlaub kommt? Wir haben uns doch erst in voriger Woche in Berlin gesehen. Kannst Du es mir sagen, Victor?«
»Du weißt ja, Vater, wenn die Manöver vorüber, und die Königsurlauber entlassen sind, wird gewöhnlich Urlaub bewilligt, Du siehst es an mir!«
[258]
»Geld!«
Es war eine knorrige und mürrische Stimme, die das Wort zwischen die Unterhaltung warf. Sie kam von einem alten Mann, fast so groß und steif wie der General. Er trug wie dieser einen alten Uniformerock, mochte etwa zehn oder zwölf Jahre jünger sein und schien sich ganz seinen früheren Herrn zum Vorbild genommen zu haben. Er stand am Kaffeetisch und hielt in der einen ausgestreckten Hand weit von sich ab eine frischgestopfte Meerschaumpfeife, in der andern einen Fidibus.
»Du irrst Dich, Scholze; ich brauche kein Geld,« sagte mit leichtem Lächeln der Premierlieutenant. »Ich bin gewohnt, mit meiner Gage auszukommen und Wreschen bietet nicht viel Anreiz mehr auszugeben.
»Aber Er! - Befehlen der Herr General die frische Pfeife?«
»Gieb her - und zünd' los!«
Der alte Reitknecht überreichte ebenso steif die Pfeife, zündete den Fidibus an der Spirituslampe unter der Kaffee-Maschine an und hielt ihn mechanisch über dem geöffneten Meerschaumkopf, bis der Tabak zu glimmen begann. Dann machte er ebenso steif Kehrt und marschirte aus dem Zimmer, ohne weiter zu mucksen.
»Er ist und bleibt ein Original,« sagte lächelnd der Vicar, mit dankbarer fast galanter Verbeugung die Tasse duftenden Mokkas annehmend, die ihm eben die Landräthin präsentirte, die bei dem kleinen Intermezzo ziemlich unruhig und geschäftig hin und her gerückt war.
»Ich hoffe, Conrold bedarf es eben so wenig wie Du,«
[259]
sagte der Landrath zu seinem älteren Sohn. »Ich habe ihm seinen Zuschuß für das nächste Quartal schon jetzt dort gelassen und er versicherte keine Schulden zu haben.«
Der Gutsherr hatte nicht ganz die Größe seines Vaters, aber er war immerhin ein stattlicher Mann von angenehmem, sich durch ruhige Haltung und ein sehr verständiges wohlwollendes Auge auszeichnendem Aeußeren. Er trug einfache Civilkleidung nur durch das Johanniterkreuz geschmückt, und den Aermel des fehlenden linken Arms mit dem Handschuh daran an der äußeren Brustseite des Rocks befestigt.
»Berichte weiter, Kurt!« befahl der General, »Du sagtest, daß der Saal im Englischen Hause die Versammlung kaum hätte fassen können. Wir Alle sind begierig, weiter zu hören, es müßte denn sein, daß der junge Herr aus der Stadt, der so viel ich weiß, zu den sogenannten Liberalen oder Fortschrittlern gehört, keinen Gefallen daran fände.«
Das lichtlose Auge, das der alte General ziemlich bärbeißig über den Tisch hinüberwarf, galt einem jungen Mann in einfacher aber gediegener bürgerlicher Kleidung, der zwischen dem Landrath und dem Vicar saß. Er schien einen Augenblick zu schwanken, ob er den Fehdehandschuh des alten Kriegers aufnehmen sollte, aber ein Blick auf die junge Tochter des Hauses, die neben dem Greise saß, ein kleines Schreibnecessaire vor sich auf dem Tisch, schien ihn zu bestimmen.
»Sie irren sich, Herr General,« sagte der jüngere Mann bescheiden, aber mit einer gewissen Festigkeit, -
[260]
»wir haben in unseren Kreisen mit ebensolcher Theilnahme und ganzem preußischem Herzen den Hergang der unter allen Umständen denkwürdigen Versammlung verfolgt, wie nur irgend Einer der sogenannten Conservativen. Denn auch ich und mein Vater erkennen vollkommen die Berechtigung des Grundbesitzes und Handwerks an und billigen, wenn wir auch zur liberalen Partei gehören und in deren Hauptprincipien das Wohl des Vaterlandes und die Wahrung der constitutionellen Rechte des Volkes sehen, das allzu oppositionelle Vorgehn mancher Abgeordneten unserer Kammer nicht. Es kann und wird sich eben das Beste nur in der Ausgleichung der beiden Richtungen finden, und daß Vieles zu bessern ist, was nicht mehr in unsere Zeit paßt, das geben selbst die Conservativen zu - fragen Sie nur Ihren eignen Herrn Sohn, an dessen conservativer Gesinnung gewiß Niemand zweifelt und die selbst die Liberalen unseres Kreises achten und ehren, wie seine Wahl zum Vertreter unseres Kreises bewiesen hat.«
»Gehen Sie zum Henker mit der guten Gesinnung unseres Kreises. Das Landvolk hat es gethan, in dem noch ein guter Kern steckt. Haben doch die Städter zum zweiten Abgeordneten den radikalsten Schreier gewählt, den sie haben.«
»Und einen Ungläubigen dazu, einen Feind der Kirche und alles Glaubens an die Gebote des Herrn - einen Juden!« sagte salbungsvoll die Hände faltend und mit Abscheu der Pastor, der neben der Hausfrau saß und gegenüber dem katholischen Geistlichen ein sehr orthodoxes Aussehen hatte. Auch war er weit älter als dieser.
[261]
»Das beruht auf dem Compromiß, den die beiden Parteien in unserem Wahlkreise geschlossen haben,« meinte der junge Fabrikant, »und eben dieser Compromiß ist der beste Beweis für den gesunden und billigen Sinn in unserem Kreise. Was übrigens die Wahl eines gebornen Juden betrifft, so wird sich vielleicht der hochwürdige Herr in christlicher Milde erinnern, daß gerade dieser Jude durch seine großen Fabrikanlagen auch unserem Kreise mehr als irgend einer meiner christlichen Kollegen mit Handel und Industrie aufgeholfen hat und vielen hundert fleißigen Arbeitern Brod und Verdienst giebt, die sonst an ihren primitiven Webstühlen hungern und darben mußten.«
»Auf Kosten des altbewährten Instituts der preußischen Seehandlung, der er mit seinen Helfershelfern die besten Fabriken durch Kniffe und Ränke aus den Händen in die eigene Tasche escamotirt hat, und die ihn zum reichen Mann gemacht haben. Der fromme gottesfürchtige Sinn, der früher wenigstens unsere Armuth stärkte, geht leider ganz zu Grunde!«
Ein feines Lächeln flog über das glatte Gesicht des Vicars bei den Klagen seines Herrn Confraters, denn es war bekannt genug, daß dieser stark der pietistischen Richtung huldigte und an der Spitze der Conventikel in den Weberdistrikten stand. Aber er hütete sich sorgfältig, mit ihm in einen religiösen Disput sich einzulassen, was übrigens der verständige Takt des sehr beliebten Landraths in seinem Hause nicht gelitten hätte. Er wurde überdies jeder Zu- oder Gegenstimmung durch die barsche Einrede des hitzigen alten Soldaten enthoben.
[262]
»Donnerwetter,« polterte der General - »halten Sie wirklich, Herr, diese Compromisse für etwas Gutes? Blücher und Ziethen! ich sage Ihnen, an den Compromissen kann das preußische Königthum zu Grunde gehn, wenn dem Schwindel nicht bald ein Ende gemacht wird. Pariren heißt die Parole, - entweder Gehorchen oder Rebelliren! und mit dem Rebelliren ist das Königthum noch allemal fertig geworden.«
»Nicht überall, Herr General! - in einem constitutionellen Staate, und ein solcher sind wir doch durch die verliehene und die vereinbarte Verfassung, ist der Compromiß oft das einzige Mittel der Verständigung, und wir hoffen, daß durch einen solchen auch die neue und wie sich nicht verkennen läßt, sehr vieles Gute bietende Reorganisation der Armee zu Stande kommen wird, ohne welche es Preußen unmöglich sein würde, seine hohe Aufgabe für die Einigung Deutschlands zu erfüllen.«
Der alte General warf ihm einen finsteren Blick zu. »Gehören Sie etwa auch zu den Phantasten, die unser altes starkes Preußen zu Gunsten eines einigen Deutschlands aufgeben wollen?«
»Ich bin ein Mitglied des deutschen Nationalvereins,« sagte nicht ohne Stolz der junge Fabrikant, »aber es fällt mir nicht ein, preußische Rechte darum aufzugeben, und als preußischer Soldat, - ich bin Reservist, Herr General - würde ich gewiß jeden Augenblick bereit sein, mein Blut für mein engeres Vaterland zu opfern. Daß man nebenbei den Wunsch haben kann, es möchte etwas größer und nicht jeden Augenblick durch hundert Schranken
[263]
partikularistischer Interessen in seiner Entwickelung gehindert sein, das werden Sie mir wohl selbst nicht verdenken. Man kann mit seinen Wünschen ein Deutscher sein und dabei doch von ganzem Herzen ein Preuße. Ich glaube Se. Majestät selbst ist Beides.«
Die kluge Einlenkung vermied jede weitere Verschärfung des politischen Streites und die Tochter des Hauses stellte den vorläufigen Frieden durch die Bemerkung her, der Vater schulde noch immer die Fortsetzung seines Berichts.
»Das ist auch wahr, und Eins nach dem Andern. Fahre fort, Curt!« brummte der alte Soldat, dessen höchstes politisches Ideal war: Preußen über Alles!
»In der That, es war eine merkwürdige Versammlung,« berichtete der Landrath, »alle Stände waren darin vertreten: der hohe und niedere Adel, der große und kleine Grundbesitzer, Lehrer, Beamte, selbst die Armee, obschon keiner ihrer Vertreter das Wort nahm. Bürger und Handwerker - die Geistlichkeit, selbst die Arbeiter fehlten nicht.«
»O, wie habe ich Pastor Besserer beneidet, wie gern wäre ich selbst dazu nach Berlin gereist, statt einem Anderen die Vertretung der evangelischen Kirche Schlesiens dabei zu überlassen,« flocht der Pastor ein.
»Bekamen Sie denn vom Consistorium keinen Urlaub?« frug ziemlich malitös der Fabrikant.
Der Pastor wurde etwas roth, namentlich als der sehr ungenirte alte Krieger murrte: »Hätte dessen gar nicht nöthig gehabt - fürchtete die Reisekosten und die geringe Gastfreundschaft seiner Herrn Kollegen in Berlin.«
[264]
»Unsere Gemeinde ist arm, Niemand wird das besser beurtheilen können, als der Herr Patron selbst.«
»Ich konnte Sie in der That nicht einladen, mich zu begleiten, Herr Pastor,« sagte ruhig der Landrath, der den Geiz des Geistlichen und die guten Einkünfte seines Pfarramts sehr wohl zu schätzen wußte - »ich hätte ja dieselbe Einladung an den Herrn Vicar richten müssen, der allerdings ohne besondere Erlaubniß des Herrn Fürstbischofs nicht dahin gehen konnte, wie sich schon daraus schließen läßt, daß eben leider die katholische Geistlichkeit in der Versammlung nicht vertreten war.«
Diesmal war es der Vicar, der etwas verlegen erschien. »Wir sind allerdings nicht berechtigt, an politischen Vereinen uns zu betheiligen. Ohnehin war vierzehn Tage vorher erst die große Versammlung der katholischen Vereine in München, bei der Pfarrer Thissen die gemeinsame Aufgabe beider Confessionen wider Antichrist und Revolution betonte. Gewiß wird aber Niemand auch an unserer treuen Ergebenheit für unsere Könige und die gute Sache zweifeln.«
»Möge es in Preußen immer so bleiben,« sagte der Landrath. »Die katholische Kirche hat wahrlich keine Ursache, sich bei uns über die Parität zu beklagen. Sie stammen ja wohl aus der Familie des wackern Abts Tobias in Kamenz, Herr Vicar Stusche, der Friedrich den Großen vor der Gefangennahme durch die Kaiserlichen rettete, indem er ihn unter seinen Mönchen im Chor verbarg.«
»Ich habe die Ehre. Vielleicht wäre Schlesien sonst noch heute österreichische Provinz.«
[265]
»Sie meinen: katholisch, wie Böhmen und Mähren. Aber darüber ließe sich streiten, die Reformation war schon vor dem dreißigjährigen Kriege in Schlesien mächtig. Doch das ist gleich, der wackere Pfarrer Drake hat in seiner Rede, die er im Englischen Hause hielt, die Aufgabe der katholischen Kirche so gut vertreten, wie die der unseren der wachsenden Irreligiosität gegenüber und den Angriffen des Liberalismus auf Kirche und Schule, und ich kann Dir sagen Vater: Kleist, Wagener, Blankenburg, der Sprecher der westphälischen Colone Bürgermeister Strosser und auch unser hochherziger Eberhard Stolberg, der so gewandt wie würdig den Vorsitz der Versammlung führte, verfolgten den einen Gedanken, daß wo keine Treue für den König lebt, es auch schlimm steht mit der Treue für Gott und die Kirche.«
»Sie können den Satz auch umkehren, Herr Landrath,« bemerkte der Vicar, der seine Niederlage von vorhin nicht ohne Schwertschlag für seine Kirche vorüber gehen lassen konnte.
»Da haben Sie recht, Vicar, und ich möchte fast behaupten, als am Schluß der Versammlung, die einen wahren conservativen Geist des Christenthums und der Treue athmete und vor Allem ein kräftiges Zusammenhalten aller tüchtigen Elemente, des Grundbesitzes wie des Handwerkerstandes anzubahnen suchte, ohne jede Vorbereitung unser Choral ›Lob, Ehr und Preis sei Gott!‹ von Aller Lippen ertönte, Sie hätten eben so gut eingestimmt. Kurzum, die mit dieser Versammlung beschlossene
[266]
Gründung des Preußischen Volks-Vereins und einer neuen Wahlorganisation der Konservativen in Preußen ist als wichtiger Abschnitt in unserem politischen Leben zu betrachten und wird nicht ohne segensreiche Folgen bleiben. Gewiß haben auch Seine Majestät der König diese Aufraffung mit Beifall verfolgt. Die Zahl der Anmeldungen für den Verein betrug bereits am Tage der Gründung weit über zweitausend Mitglieder.«
»Blücher und Ziethen!« rief der General, »das ist doch einmal eine Gründung, die sich sehen lassen kann. Darauf trinken wir heute noch eine Flasche alten Ungar, sobald der Junge von Berlin kommt, und Sie sollen mit darauf eingeladen sein, Herr Hancke, wenn Sie auch nicht zu den Konservativen und dem preußischen Volksverein gehören.«
»So doch jedenfalls zu dem Verein des preußischen Volkes, Herr General,« sagte höflich der Fabrikant, »und als Mitglied desselben soll es mir eine große Ehre und Freude sein, mit einem der alten Helden desselben von 1813 und 14 anstoßen zu dürfen.«
»Schade um Sie,« sagte der alte Herr ganz gemüthlich, »schade um Sie, - ich mag Sie eigentlich ganz gerne leiden, Sie und Ihren braven Vater und selbst die Dine und der Scholze thun es, und der alte Bursche ist grade nicht verschwenderisch mit seinen Inclinationen!« Ueber die Sympathien des alten Scholze schien Herr Hancke zwar weniger contentirt, desto mehr aber Bedeutung für ihn deren Zusammenstellung mit der Tochter des Hauses zu haben, die erröthend den blonden Lockenkopf auf das kleine Schreibpult gebeugt hielt, in dem sie kramte und
[267]
suchte. »Ihr Vater, der Papiermüller,« fuhr der General fort, mit dem einzigen Wort die Schranke wieder errichtend und den Fabrikbesitzer wieder in die alten Verhältnisse zurückweisend, ist ein wackerer Mann, der fast ein Knabe war, als er sich bei Leipzig das Kreuz holte, und ich muß sagen, auch Sie haben es nie an dem gehörigen Respekt fehlen lassen, obschon Sie sonst etwas hochtrabende Ansichten und verkehrte Ideen hegen!« - Der Premierlieutenant reichte begütigend dem Spielgenossen aus der Knabenzeit, der nur drei Jahre älter war, die Hand. »Ich denke, der Hauptmann« - der alte Haudegen nannte seinen Sohn, wenn er von ihm sprach, niemals den Landrath, sondern stets bei seinem militairischen Rang - »der Hauptmann wird es wohl einrichten können, daß Sie auf Erbpacht das Stück Haide an dem Mühlgraben erhalten können. Nur bitt ich mir aus, daß ich nichts von dem faulen deutschen Schwindel mehr höre oder gegen unsern König und Herrn. Wissen Sie denn auch, daß die Stänkerer in Berlin ihm selbst das Recht auf die Erbhuldigung in Königsberg wegzudisputiren versuchen? Das gierige Volk dort kann wahrhaftig nicht genug an Vortheilen für die eigene Tasche kriegen und gönnt es den Königsbergern nicht einmal, obschon auch von dort demokratischer Schwindel genug ins Land kommt.« Der General war seit Achtundvierzig nicht sehr günstig auf Berlin zu sprechen.
»Seine Majestät,« sagte vorsichtig der junge Fabrikant, »haben gewiß die richtige Form auch für die Bestimmungen der Verfassung gefunden in der Wahl der Krönung statt einer bloßen Erbhuldigung.«
[268]
»Hm - es ist das erste Mal, daß Seine Majestät nicht mit Seinem Generalfeldmarschall ganz übereinstimmen. Wissen Sie, was der alte Wrangel an Seine Majestät über diesen Punkt geschrieben hat?«
»Wie sollte ich in meiner bescheidnen Stellung zu einer solchen Kenntniß kommen?«
»Na, dann kann ich's Ihnen sagen, denn mein alter Freund und Regimentskommandeur thut dem alten blinden Mann die Ehre an, ihn noch nicht vergessen zu haben, und ihm zuweilen ein vertrauliches Wort zu schreiben. - Nun Dina, hast Du nun genug unter den Papieren gekramt? Im letzten Briefe des Feldmarschalls steht, was er über die Huldigung und über die Opposition wegen der Armee-Reorganisation an Seine Majestät geschrieben hat. Lies es vor, Mädchen!«
»Vater!«
»Ei was - auf meine Verantwortung - es kann nur gut thun, wenn die Herren im Fortschritt oder im Nationalverein einmal hören, wie ein ehrlicher Soldat darüber denkt, damit sie wissen, was sie zu erwarten haben vom alten Wrangel, wenn er noch einmal in Berlin einrücken sollte. Lies Dine!
Das Edelfräulein hatte, ohne sich zu besinnen, einen der Briefe aus dem Packet gewählt, das sie in dem Pult bewahrt. »Er datirt von Anfang dieses Monats, Großvater,« sagte sie, »und die Stelle lautet:
»Und bin so zu der Ueberzeugung gelangt, daß die darin geltend gemachten Gründe in dem Wortlaut der Verfassung nicht enthalten sind; die Sophistik, die in
[269]
jeder Zeile zu finden ist, vermag ich nicht zu beantworten ... würde ich mich als ein Landesverräther betrachten, dem des Vaterlandes Fluch über das Grab folgen würde, wenn ich Euer Majestät von der Erbhuldigung abrathen sollte ...: und erst wenn dieser Akt im Angesicht des Allmächtigen stattgefunden, sind Euer Majestät der wahre Erbe einer Krone von Gottes Gnaden - ohne Huldigung haben wir ein Volks-Königthum, das von den Schwankungen der Kammer gemeistert und gelenkt wird ...«
»Weiter Kind,« sagte der alte General, »es muß da noch eine Stelle sein über die Compromisse wegen der Armee. Lies auch diese den Herren vor.«
»Es sind deren zwei« und der hübsche Secretair des alten Blinden las:
(Das Haus der Abgeordneten verlangt jetzt gesetzliche Feststellung der 2jährigen Dienstzeit, ein Indemnitätsgesuch wegen der Durchführung der Reorganisation und eine Umgestaltung der Landwehr, mit einem Worte: ein Volksheer. - Und wäre dies gewährt, so würden sie noch mehr verlangen ... Es ist meine feststehende, wohlerwogene Ueberzeugung, daß dem jetzigen Abgeordnetenhause gegenüber jede Verminderung des Militair-Etats, welche als Konzession aufgefaßt werden könnte, nutzlos und schädlich sein wird. Für die Opposition im Abgeordnetenhause handelt es sich nicht um Geldersparung - vielmehr darum, um monarchische oder demokratische Gewalt ... Die Leiter der demokratischen Fraction werden versuchen, jede Heereseinrichtung zu beseitigen, welche ... die Armee zu einer scharfen Waffe in der Hand Sr. Majestät des Königs auch gegen innere Feinde macht.«
Die Vorleserin schwieg - die Anwesenden sahen sich etwas befangen an, selbst der Landrath bemerkte erstaunt »In der That, dieses Schriftstück des alten Herrn ist mir
[270]
gänzlich unbekannt, und ich hätte Sr. Excellenz kaum ein so scharfes Eingehen auf politische Fragen zugetraut. Warum hast Du mir nicht eher davon gesprochen, Vater, Excellenz Wrangel muß großes Vertrauen zu Dir haben und ich sehe, mein Töchterchen versteht zu schweigen.«
Der General lächelte. »Dina ist mein Geheimsecretair, und ich glaube es giebt noch allerlei Dinge, von denen ein Landesvertreter wie Du nichts weiß. Uebrigens habe ich die Stelle citirt, um zu beweisen, daß auch andere Stimmen und zwar gewichtigere, als die meine, über die Compromisse grade so denken wie ich. Also Nichts gegen die Armee-Reorganisation, Herr Hanke, wenn wir gute Freunde bleiben sollen. - Die Armee, in der Erziehung und der Zusammengehörigkeit ihres Offiziercorps, darin liegt Preußens - meinetwegen auch Ihres Deutschlands Beruf für die Weltherrschaft.«
Die weitere Erörterung wurde durch den Eintritt des alten Scholze, wie sie ihn nannten, unterbrochen: »Habe zu melden, daß so eben ein Wagen anfährt.«
»Bruder Conrad!« Der junge Offizier, die Mutter und das Schloßfräulein hatten sich erhoben und eilten dem Eingänge zu, vor dem Scholze postirt blieb. »Habe zu melden, daß es nicht der Herr Lieutenant ist!«
Es lag beinahe wie ein »alter Narr!« auf der Lippe der Dame des Hauses, aber sie hielt an sich. »Wer ist's?«
»Seine Durchlaucht, der Herr Fürst - junior!« berichtete Scholze dickköpfig. »Beehrt uns ja zuweilen und wollte nur seinen Besuch gehorsamst anmelden!« Damit trat er in die Nähe des Generals an die Wand zurück.
[271]
»Welchen Fürst meinst Du,« frug dieser - »es kann unmöglich unser Nachbar sein, er ist noch nicht aus Baden-Baden zurück!«
»Es ist der Andere,« - er hielt die Hand vor den Mund - »der Spieler, der Projectenmacher,« flüsterte er dahinter.
»Willst Du Seiner Durchlaucht nicht entgegen gehen, Kurt?« frug die Dame des Hauses ihren Mann, der sich bereits erhoben hatte, diese Pflicht der Artigkeit zu erfüllen, aber sein Sohn war ihm schon zuvorgekommen und öffnete eben wieder die Thür, den Besucher einzulassen.
Es war ein hübscher schlanker Mann von dreißig bis vierzig Jahren, der mit aller Sicherheit des gewandten Weltmannes eintrat, der Landräthin die Hand küßte und ringsum grüßte. »Bitte incommodiren Sie sich nicht - mein Kompliment, Herr General, ich freue mich, Sie so wohl und rüstig zu sehen. Nochmals lieber Landrath, ich ersuche Sie, sich nicht stören zu lassen und mir nur von den Händen der gnädigen Frau gleichfalls eine Tasse ausbitten zu dürfen. Wollte im Vorüberfahren zur Stadt, wo wir heute Abend bekanntlich eine Zusammenkunft wegen der neuen Bahn haben, bloß hier einen Augenblick vorsprechen, um mich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen und meine alten Freunde einige Minuten zu besuchen. Freut mich sehr, Herr Premier, Sie zufällig hier zu treffen - habe gehört, daß Ihr ›Pluto‹ vortrefflich in Breslau gelaufen ist - hätte ihm lieber den Sieg gewünscht, als dem Fuchs des Baron Hoverden.«
»Es kann doch nur Einer gewinnen, und die ›Gabriele‹
[272]
ist ein trainirter Läufer, Durchlaucht, während mein Rappe nur Campagnepferd sein soll.«
»Dennoch, dennoch - Graf Gaschin hat seine Eigenschaften sehr wohl gewürdigt, wenn er Ihnen, wie man sagt, ein gutes Gebot gemacht hat. Sollten es immerhin annehmen, heut zu Tage ist Geldverdienen die Hauptsache und mit der Reservirung für einen Campagne-Dienst hat es gute Weile. Ich hoffte Sie eigentlich schon in der Stadt zu treffen, lieber Landrath, und sah mehr auf gut Glück nach, ob Sie noch zu Hause. Sie haben doch die Einladung erhalten - die Versammlung ist zwar nur eine vertrauliche, aber Sie fahren doch jedenfalls mit?«
Der hohe Aristokrat hatte eine der präsentirten Cigarren genommen und sie angeraucht. »Es wird ein famoses Geschäft werden, alle Welt ist bereits begierig Aktien zu zeichen. Ich bin gewiß, daß sie schon vor der Edition auf hundertdreißig stehn - wir haben doch die Ehre, Sie in unserer Gesellschaft auch auf dem Prospekt zu sehen?«
»Wie meinen Durchlaucht?«
»Nun - das Comité soll heute gebildet werden - es bedarf nur dessen, um die Einladungen sofort in die Welt zu schicken. Ein Name wie der Ihre darf natürlich dabei nicht fehlen. Es würde uns so ehrenvoll als lieb sein, wenn selbst der Herr General sich auch entschließen könnte ...«
Der alte Haudegen zog den Meerschaum aus den Lippen. »Wozu, Durchlaucht?«
»Nun wozu sonst, als mit in das Comité für die
[273]
neue warschauer Bahn zu treten. Die Linie wird vortrefflich. Bleichröder, der Herzog, Geheime Rath Görling, Bankiers wie Breslauer und Compagnie, Baron Cohn und Andere stehn an der Spitze, auch Engländer.«
»Sie vergessen, daß ich blind bin.«
»Mon Dieu, lieber General, was thut das zur Sache! - Wozu hat man seinen Sekretair - wir brauchen Ihren Namen, nicht Ihre Augen. Ich will Ihnen nicht zureden - aber ein Mann wie Ihr Herr Sohn darf natürlich bei dem Aufruf zu einem so gemeinnützigen Unternehmen nicht fehlen. Wir werden dafür sorgen, daß bei den Vermessungen die Tracirung der Linie etwas tiefer in den Kreis schneidet, als es anfangs beabsichtigt war, vielleicht - es läßt sich ja mit dem Ingenieur sprechen, - gelingt es, die Bahn direct mit Ihrem Territorium in Verbindung zu bringen, die Abschätzungen von Grund und Boden werden hoch sein. Zwei Millionen Stammkapital in Stamm-Aktien zu 100 Rth. -«
»Mein Sohn,« sagte der alte Soldat ruhig, »wird gewiß, so bald die Sache geregelt ist, eine oder zwei Aktien zeichnen, und ich selbst bin nicht abgeneigt, aus meinen kleinen Ersparnissen ein Gleiches zu thun, obschon ...«
»Eh bien?«
- »wie ich von allen Sachverständigen, z. B. hier von Herrn Hancke höre, die andere Linie für den Verkehr des platten Landes weit vortheilhafter sein soll.«
»Das sagen Ihnen nur kurzsichtige Leute, General - bei einer Eisenbahn kommt es auf die möglichst directe Linie schon in militärischem Interesse und billigen Bau
[274]
an. Wir stehen da mit einem famosen Unternehmer in England in Unterhandlung. Aber in der That, hier handelt es sich darum, bewährte Namen wie den Ihren mit an der Spitze des Unternehmens zu sehen. Das giebt Vertrauen und ist für das Allgemeine mehr werth, als wenn Sie hundert Aktien zeichnen. Ueberdies ... Darf ich Sie einen Augenblick bitten, liebster Landrath ...« Er wies nach der Fensternische und der Edelmann folgte ihm dahin, während die am Kaffeetisch Zurückgebliebenen sich weiter unterhielten.
Der vornehme Aristokrat sprach lange und eindringlich auf seinen Mann ein und schien es sich besonders angelegen sein zu lassen, ihn für das Unternehmen zu gewinnen. Schließlich kehrte der Landrath mit einer höflichen Verbeugung, welche den fürstlichen Spekulanten nöthigte zu folgen, zu dem Kaffeetisch zurück. »Ich will die Entscheidung, Durchlaucht, ob es zweckmäßig ist, daß der alte Name Möllhoff unter dem Prospekt steht, meinem Vater überlassen, da er doch zunächst auch der seine ist.«
»Der Herr General wird gewiß Nichts dawider haben, wo Ehre und Vor[t]heil so eclatant auf der Hand liegen.«
Der alte Scholz hüstelte hinter der Hand - der General drehte den Kopf nach seiner Seite. »Hast keine Manövers nöthig, Scholze,« sagte er barsch. »Halten zu Gnaden Durchlaucht, aber die von Möllhoff's sind eine bloße Soldatenfamilie und gehören nicht unter die berliner Juden und Jobbers, um den Leuten, die Geld zu viel haben, blauen Dunst vorzumachen. Wir verstehen von Aktien
[275]
und Börsengeschäften Nichts und d'rum gehört unser Name auch nicht unter die Gesellschaft.«
»Aber bester General - grade der Adel hat doch die Pflicht, die Industrie und die Interessen des Landes zu fördern,« sagte der Fürst, während der Landrath und sein Sohn doch etwas verlegen schienen über die ungenirte Derbheit des alten Soldaten.
»Hat Jeder seine Ansichten darüber Durchlaucht, und will die meinen keineswegs als unbestreitbar darstellen. Halte es auch nicht für unpassend, wenn der Gutsbesitzer für die Ausnutzung seines Grund und Bodens allerlei industrielle Unternehmen fördert oder selber treibt, sobald sie nur mit seiner Aufgabe des Landbaues in Einklang stehen, z. B. Brennerei, Wollwäsche oder Wassernutzung. Hat ihm der liebe Herrgott Kohlen auf sein Revier gelegt, wäre der Edelmann ein Dummkopf, wollt er den Segen verkümmern lassen, statt ihn zum Besten fleißiger Hände auszunutzen. Hat ein Edelmann auch in dieser Beziehung Rechte und Pflichten für Grund und Boden, nicht bloß ihn zu Heu und Korn zu benutzen, so weit eben seine Mittel zu einer solchen andern ehrlichen Benutzung und Förderung seines Wohlstandes ausreichen, denn die Steuern fallen doch zuletzt in Zeiten der Noth hauptsächlich auf den Grundbesitz. Haben dem jungen Herrn da noch eben unsere Bereitwilligkeit für Förderung seiner Fabrikanlagen bewiesen. Die Vermehrung der Verkehrsmittel durch Straußenbauten und Eisenbahnen ist ein heilsames Ding für das ganze Land und kommt diesem zu Gute. Aber ich sollte meinen, dazu ist die Regierung da und wird
[276]
schon wissen, wo es Noth thut, und daß es ihre Sache ist, Straßen und Wege als Königs- und Landesrecht in der Hand zu behalten, statt sie einer Börsenspekulation in die Hand zu geben. Unsere Kreis- und Provinzialstände werden, wo es fehlt ihre Pflicht thun, auch die Steuern zu Straßen und Eisenbahnen bewilligen, und der Edelmann wird gewiß nicht zurückbleiben, wo Opfer für das allgemeine Beste nöthig sind. Von der Ueberstürzung mit solchen fremden Börsenspekulationen - wo noch so viel Nöthigeres und Wichtigeres für das Land zu thun ist, da soll der preußische Edelmann die Hand lassen, am Wenigsten aber seinen Namen dazu hergeben, der Gott sei Dank in unserm Vaterlande noch Ansehn und Gewicht hat, - um in's Blaue hinein dennoch die Leute zu einem industriellen Lotteriespiel verlocken zu helfen. Nichts für ungut, Durchlaucht, aber wir haben uns leider schon darin finden müssen, daß der Name des Adels als Objekt des Wechselschwindels figurirt und seinen Credit ruinirt - wir wollen uns wenigstens davor hüten, daß er noch en gros gebraucht wird, die Taschen der Juden und Jobber zu füllen. Das ist so meine Meinung, aber es versteht sich, daß mein Sohn thun kann, was er will und mit seiner Stellung nöthig oder vereinbar findet!«
Der Premierlieutenant war aufgestanden, nahm die Hand seines Großvaters und küßte sie. »Ich bin überzeugt, daß mein Vater denkt wie Du, und er ist es gewiß auch von seinem Sohne überzeugt.«
»Sie wissen, Durchlaucht, meine amtliche Stellung legt mir schon bedeutende Rücksichten auf,« sagte einlenkend
[277]
der Landrath. »Wenn der Fürst, Ihr Oheim, als der bedeutendste Grundbesitzer dieser Gegend -«
»Bah - auf den ist nicht zu rechnen, aber glücklicher Weise sind die Herren in der Kammer nicht alle so penible, und der Titel ›Abgeordneter‹ ist auch nicht ohne Werth. Wollen Sie mich nicht wenigstens in die Stadt begleiten?«
Der Landrath entschuldigte sich mit der erwarteten Ankunft seines jüngeren Sohnes und nach noch kurzem Verweilen schied der vornehme Herr aus dem kleinen Kreise. Kaum war er fort, als sich eine lebhafte Unterhaltung über das Eisenbahnproject entspann, in der die Hausfrau ihren Gatten zu drängen suchte, sich an dem Unternehmen zu betheiligen und es aller seiner Energie bedurfte, seine Meinung als wohlberechtigten Entschluß aufrecht zu erhalten, bis die jetzt erfolgende Ankunft des jüngsten Sohnes alles Andere vergessen machte. Das sorglose Gesicht, das der junge Dragoner zeigte, der mit großer Freude von seiner Mutter empfangen wurde, ließ auch den Vater und älteren Bruder die unbestimmte Besorgniß vergessen, die beide über den plötzlichen Besuch gehegt hatten. So wurde denn die Flasche alten Ungar, wie der General vorher bestimmt hatte, in aller Gemüthlichkeit geleert, worauf der alte Herr erklärte, seinen gewöhnlichen Nachmittags-Spaziergang im Garten machen zu wollen, bevor er sich auf eine Stunde zur Ruhe lege, obschon der alte Scholz berichtete, der Wind draußen sei ziemlich stark und drohe für den Abend noch heftiger zu werden. Während der Landrath mit dem Pastor eine Amtsangelegenheit in Schulsachen zu besprechen hatte,
[278]
nahm der junge Offizier die Gelegenheit war, sich an den Vicar anzuschließen. »Ich möchte Sie sprechen,« sagte er - »wann komme ich Ihnen morgen Vormittag am Gelegensten - doch wäre es mir lieb, wenn mein Besuch unter uns bliebe - er betrifft eine private Angelegenheit, und ich möchte nicht, daß mein Vater oder Bruder davon erfahren. Wann treffe ich Sie?«
»Ich bin für den Sohn meines Herrn Patrons zu jeder Stunde bereit - Sie kennen ja von früher die hintere Gartenthür der Vicarie - ich pflege nach der Messe bis 9 Uhr in dem Garten spazieren zu gehen, um mich für den Unterricht oder die nächste Predigt vorzubereiten.«
»Gut, ich werde von Ihrer Güte Gebrauch machen, auf Wiedersehen also - ich sehe, daß Herr Hancke dort sich eben verabschiedet und Conradine verlassen hat. Verzeihen Sie, daß auch ich es thue, denn ich habe mit meiner Schwester nothwendig zu reden.«
Der junge Geistliche hatte ihm die Hand gereicht. »Die gnädige Gräfin Ihre Frau Mutter scheint die Bewerbung des Herrn Hancke um das gnädige Fräulein nicht gern zu sehen,« sagte er boshaft.
Der junge Offizier sah ihn ganz erstaunt an - der Gedanke, daß der junge Fabrikant überhaupt eine solche Absicht haben könne, war ihm sehr überraschend und neu. »Ich glaube, da irren Sie sich ganz und gar, Herr Vicar, - die Conradine ist viel zu gescheut und - eine von Möllhoff. Doch besser ist besser, ich danke Ihnen.« Er fand jedoch für gut, jetzt etwas rascher seiner Schwester
[279]
entgegen zu gehen und ihren Arm durch den seinen zu ziehen.
Dennoch hatten die beiden jungen Leute Zeit genug gehabt, einige Worte unbemerkt zu wechseln, die, wenn sie ein Anderer gehört hätte, den Verdacht des Geistlichen wohl bestätigt haben würden.
»Ich muß Sie noch diesen Abend sprechen, Conradine,« hatte der Fabrikant ihr leise gesagt, - »aber allein, es hängt mit der Ankunft Ihres Bruders zusammen.«
»Sie erschrecken mich, Ernst - es wird kaum angehn, da Conrad und Victor hier sind - ich werde nicht abkommen können, Sie im Garten zu treffen. - Ist es etwas Dringendes, so schreiben Sie mir doch - Lenchen ist treu und zuverlässig.«
»Ich glaube, sie hat jetzt mit sich selbst zu thun, das Mädchen kommt mir seit Kurzem ganz verändert vor, sie muß krank sein, oder einen geheimen Kummer haben. Aber ich muß Sie sprechen, vielleicht daß wir Ihrem Herrn Vater und Großvater damit einen schlimmen Verdruß ersparen.«
»Dann komme ich gewiß - erwarten Sie mich nach elf Uhr. Da kommt mein Bruder auf uns zu. Wissen Sie - ich traue dem Vicar nicht, er sieht uns immer so beobachtend an.«
»Nun der Jesuit steckt in jedem Pfaffen. - Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein und entschuldigen Sie mich bei dem Herrn Landrath, daß ich mich ihm nicht noch besonders empfohlen, aber es drängt mich, meinem Vater die erwünschte Nachricht wegen des Mühlbachs zu bringen.
[280]
Auf Wiedersehen, Herr von Möllhoff - auf Wiedersehen Victor!«
Er küßte ceremoniös der Landräthin und ihrer Tochter die Hand und entfernte sich; das ›Adieu‹ des jüngern Möllhoff war ziemlich kalt. Er hielt den Arm seiner Schwester unter dem seinen. »Ich muß mit Dir reden, Dina! - Der junge Hancke kommt wohl oft zu Besuch?«
»Du weißt ja, daß er ein Spielgenosse und Jugendfreund Victors ist. Er ist erst von seiner großen Reise nach den rheinischen Fabriken und Frankreich zurückgekehrt und will nach deren Muster hier ein großes Etablissement anlegen.«
»Das weiß der Henker - Geld hat das Gesindel immer zu seinen Spekulationen. Habe übrigens nicht die Ehre seiner näheren Bekanntschaft. - Die Erziehung im Kadettenhause hat mich zum Glück von vorn herein von den Bauern- und Bürgerjungen salvirt und in anständiger Gesellschaft gehalten. Ich wünschte übrigens, der Papa nähme sich ein Beispiel an seinen Hanckes und spekulirte auch. Ist es wahr, wie mir die Mutter im Fluge erzählte, daß er verweigert hat, sich bei dem Eisenbahnunternehmen des Fürsten X. zu betheiligen?«
»Ich denke, Du kennst die Grundsätze des Vaters, und Großvater sprach sich sehr energisch, fast unartig, gegen den Fürsten aus. Er erklärte ihm rund heraus, daß er es nicht für passend halte, daß sich alte adelige Namen zu den Börsenspekulationen hergäben.«
»Bah - das versteht er nicht, er hat noch die alten verbohrten Ansichten über den sogenannten Reiteradel -
[281]
die Franzosen sind uns darin weit voraus und selbst in Oesterreich, wo der hohe Adel doch exclusiv genug ist, findet man einen Baron von Sina oder die Heirath mit einer reichen Tänzerin, die ihr Diplom in ihren Fußspitzen trägt, ganz in der Ordnung. Heutzutage ist Geld die Parole und aller alte Adel hat keinen Zweck, wenn er einen armen Schlucker ziert wie unsereins.«
Sie hatte ihre Hand aus seinem Arm gezogen und sah ihn erstaunt an. »Conrad wie kommst Du mir vor - was ist mit Dir vorgegangen, seit Du das letzte Mal hier warst? Ich bitte Dich, um Himmelswillen laß den Vater und die Mama nicht solche Ansichten hören.«
»Bah - ich bin kein Narr, obschon die Mama neben ihrem Dünkel auf die gräfliche Abstammung doch die Vernünftigste ist und baares Geld oder gute Aktien sehr wohl zu würdigen versteht. Was mit mir vorgegangen? - Nichts ist mit mir vorgegangen, als daß ich endlich klug geworden bin und das Reelle mehr schätze, als abgestorbenen Klunker. Mit einem Pergament bezahlt man nicht Austern und Champagner und mit alten Vorurtheilen kauft man kein Vollblut. Selbst in der Armee fängt man an klüger zu denken und Handel zu treiben. Ich wünschte, ich hätte Victors ›Pluto‹, keinen Augenblick wollte ich mich bedenken, ihn loszuschlagen. Doch - weshalb ich mit Dir sprechen wollte. Hat der Alte Geld?«
»Geld - wer?«
»Nun der Großvater. Du bist ja seine und des Vaters kleine Kassirerin, da sie gemeinschaftliche Kasse führen!«
[282]
»Also doch!«
»Was?«
»Der alte Scholz hatte also Recht - Als sie vorhin frugen, was Dich hierher führe, meinte der Alte, Du kennst ja seine schroffe Weise: Geld!«
»Den Teufel auch, - er könnte sich doch irren - der alte Narr! Aber freilich brauche ich Geld - Dina, das Messer steht mir an der Kehle, - ich muß 4000 Thaler haben binnen vier Tagen, oder - ich muß den Abschied nehmen und ...«
»Barmherziger Gott - wo soll der Vater in diesem Augenblick die Viertausend hernehmen?«
»Nun - die Scheunen - hat er nicht die Ernte verkauft?«
»Noch nicht - alle Scheunen sind noch voll - er wartet eben auf bessere Preise, die in den nächsten Tagen in Folge der Lieferungen sich heben müssen, Du weißt, daß er den Ertrag dieser Ernte bestimmt hat, die schon lange baufälligen Scheunen und den Kuhstall massiv bauen zu lassen!«
»Verflucht - der Bau muß warten - er muß bei einem Juden Geld auf die Ernte nehmen oder - auf das Gut!«
»Conrad!«
»Es muß sein - oder sein Sohn ist verloren!«
»Aber um Gotteswillen - wie kommst Du zu dieser großen Schuld? Der Vater sagte doch noch heute, daß er Dir den Zuschuß für das nächste Vierteljahr schon in Berlin gegeben!«
»Dummheiten - als ob ein Cavalier in Berlin mit
[283]
lumpigen sechshundert Thalern Zuschuß auskommen kann, und das ist Alles, was der Vater mir giebt.«
»Du weißt, Conrad, daß wir keine reiche Familie sind und strenge Sparsamkeit nöthig ist, um das Gut zu erhalten, auf dem noch aus den Befreiungskriegen her schwere Hypotheken lasten. Der Vater hätte gewiß sonst längst manche sehr vortheilhafte Verbesserung und Anlage ausgeführt. Hätte er nicht das Gehalt als Landrath und die Unterstützung des Großvaters mit dessen Pension, da weißt Du wohl, könntet Ihr beide nicht bei der Cavallerie dienen, und die Mutter ... nun - auch die Mutter müßte manche Bequemlichkeit entbehren ...«
»Sage lieber, müßte die alljährliche Badereise und manche andere luxuriöse Ausgabe lassen, die sich kaum für ihr Alter und diesen Landwinkel schickt!« meinte der engherzige Egoist!
»Conrad!« -
»Es hilft Alles nichts - Noth bricht Eisen! - So muß Victor helfen, obschon ich nur ungern mit ihm rede! Er denkt beinahe so engherzig, als der Vater und Großvater, - aber er ist Offizier und wird sich in meine Lage versetzen. Ich sage Dir Dina - es steht Alles auf dem Spiel. Er besitzt ein Kapital von seiner verstorbenen Mutter her, ich weiß es! Deshalb hat er gut renommiren daß er mit seiner Gage auskommen kann, ohnehin in dem Judennest an der polnischen Gränze!«
»So weißt Du wirklich nicht,« rief fast schluchzend das Mädchen, »daß Victor schon vor zwei Jahren das Erbtheil seiner Mutter, die zehntausend Thaler dem Vater
[284]
auf das Gut gegeben hat, als die letzte Hypothek gekündigt und eine andere nach dem Hagelschlag und den großen Ueberschwemmungen der Oder selbst mit Opfern nicht zu beschaffen war, weil die Güter ohnehin im Werthe gefallen sind!«
»Sie werden auch wieder steigen! Die verfluchten Juden ruiniren den Grundadel, und doch sind sie die einzige Hilfe. Verdammt - so wäre auch auf dieser Seite Nichts zu hoffen. Wie viel hat der Großvater in Kasse - sage die Wahrheit, - hier helfen keine Flausen ... denn ...« es wurde ihm noch immer schwer, die rechte Wahrheit zu sagen.
»Noch nicht volle tausend Thaler!«
»Das würde vielleicht reichen, wenigstens den schlimmsten aus der Welt zu schaffen - für das Andere, für Zweitausend muß der Vater sorgen, wenn sie nicht wollen - fange hier kein Geheul an, Dina, Du warst sonst immer ein vernünftiges Mädchen und meine Vertraute!«
»Aber wie war es möglich, Conrad - eine solche Summe« sagte das Fräulein, das sich mit Gewalt zu beherrschen suchte.
»Das verstehst Du nicht, wenn ich Dir's auch sagen wollte. Gewiß ist in der Kreiskasse Geld genug!«
»Conrad!« in dem Tone der Schwester, in welchem sie diesmal rief, spiegelte sich wirklich Entsetzen.
»Du bist nicht in meiner Lage! - ich meinte natürlich nur, die Kreise haben ja jetzt Sparkassen, aus denen man entlehnen kann!«
Sie hatte sich gefaßt. »Ich glaube wirklich es wird
[285]
das Beste sein, daß wir mit Victor reden, er ist unser Bruder und jedenfalls zum Rathen verpflichtet, ehe wir dem armen Vater den Kummer machen. Großvater leiht gewiß auf meine Bitte das Geld - wenn auch Dir nicht - so mir, ich weiß, er spart es zu meiner Aussteuer, wenn einmal ...«
Die Landräthin kam mit dem Greise und dem Premier-Lieutenant den Gang herauf. »Nun wo bleibt Ihr, Kinder, ich dächte Dina, Du hättest jetzt den Bruder lange genug in Beschlag genommen. Es ist Zeit, daß er auch mir von den berlinern Circeln, den neuen Moden, und was die Krönung für Festlichkeiten in der Residenz bringen wird, erzählt. Wenn Dein Vater nicht so gar penible wäre, könnten wir im Winter recht gut vier oder sechs Wochen in Berlin zubringen. Ohnehin wird sich dort jetzt Alles sammeln, was auf Rang und Bedeutung Anspruch hat.«
Der Lieutenant kannte seine Mama wohl zur Genüge, wenn sie auf dieses Thema kam. Er nahm daher seinen Bruder am Arm und ging mit ihm den Gang entlang, während die Damen mit dem General später in's Haus zurückkehrten.
Dies Haus - das nach schlesischer Sitte die Gutsangehörigen mit dem stolzen Namen das Schloß bezeichneten, war ein noch aus dem vorigen Jahrhundert stammendes Gebäude, meist von Holz, wie auch die den Gutshof umgebenden Scheunen und Ställe. Die Familie hatte das Gut bald nach der Besitzergreifung Schlesiens durch Friedrich den Großen für geleistete treue Dienste in den
[286]
schlesischen Kriegen vom König als Geschenk und Ersatz für andere schwere Verluste erhalten, es ist indeß bekannt genug, daß der königliche Philosoph von Sanssonci selbst bei seinen Geschenken ziemlich karg zu Werke ging und die meisten seiner Anhänger sich mit dem Ruhm, ihm zu dienen begnügen mußten. Kurz die Möllhoff's, - obschon von gutem Adel, der sich aus dem dreißigjährigen Kriege datirte und als Ahnherr einen Reiterführer des General Grafen Ulrich Schaffgotsch bezeichnete, mit dem er wegen seines Festhaltens am protestantischen Glauben in Gefahr war unter den Intriguen der Jesuiten sein Loos zu theilen - hatten niemals zu dem reichen Adel gehört oder in der Diplomatie gedient, sondern stets sich begnügt, mit ihren Söhnen in der Armee ihren Rang zu behaupten und als bloße Landedelleute die Achtung ihrer Umgebung zu genießen. Wir haben neben Herzögen, Fürsten und Grafen solchen Reiteradels noch gar viele Familien in Schlesien und er ist wahrhaftig nicht der werthloseste Schmuck der schönen Provinz, das wissen die Hohenzollern sehr wohl und schätzen ihn hoch.
Das Gespräch zwischen den beiden Brüdern hatte wohl eine Stunde gedauert und als sie in der Dämmerung in das Familienzimmer zurückkehrten, wo die Mitglieder den Abend gemeinsam zu verbringen pflegten, beobachtete das Auge des jungen Mädchens nicht ohne Besorgniß die ernsten Falten auf der Stirn des Premierlieutenants, der gleich nach dem Gespräch mit dem Bruder nach seinem Zimmer gegangen war, und jetzt einen Brief in der Hand in den Familienkreis zurückkehrte.
[287]
»Du hast wohl nichts dagegen, Vater,« sagte er, daß ich durch Scholz einen der Knechte mit dem alten Braunen zur Stadt sende, um dort eine Depesche abzugeben. Ich möchte den ›Pluto‹ nicht unnütz strapaziren, damit ihn Graf Gaschin munter und frisch findet, wenn er ihn abholen läßt.«
Der Landrath wandte erstaunt das Gesicht nach ihm, selbst der Blinde kehrte sich um. »Blücher und Ziet[h]en,« sagte er - »was fällt Dir plötzlich ein, Victor? Noch heute Mittag dachtest Du nicht daran, den ›Pluto‹ zu verkaufen, weil es das beste Campagne-Pferd sei und obschon ich ihn nicht mehr selbst prüfen kann, ich doch weiß, daß er Dir ans Herz gewachsen ist, wie nur dem Cavallerist sein Pferd sein kann.«
»Du weißt, Großvater, daß ich noch den Fuchs habe - der ›Pluto‹ ist in der That etwas zu wild für ein Dienstpferd und es kostet Mühe, ihn im Zuge zu halten. Ich will ein jüngeres einstellen.«
»Papperlapapp« sagte der alte General - »für einen Husaren kann ein Pferd niemals wild genug sein. Ein Husar hält auf sein Pferd wie der Araber auf sein Roß und der ›Pluto‹ kann noch nicht zu alt sein.«
»Sechs Jahre!«
»Siehst Du wohl - er stammt von der Stute, die ich Dir schenkte, als Du 1848 eintratest - damals, als Du den polnischen Halunken zusammenhiebst, der gegen Ehr und Gewissen Lenens Vetter erschoß. - Du erinnerst Dich doch, Scholze?«
»Gewiß Herr General - es war ein Bubenstück, der
[288]
verfluchte Polak hat mit Recht seinen Lohn erhalten und ich hatte seitdem den Herrn Premier-Lieutenant noch einmal so lieb dafür!«
Das edle männliche Gesicht des Offiziers war bei der Erwähnung des Vorfalls etwas bleich geworden. »Mag sein, daß die rasche That Dir und dem Großvater zusagt - ist jedoch leider von Anderen - anders beurtheilt worden und hat mir schon manchen Schmerz bereitet.« - Er gedachte seines letzten Gesprächs mit der schönen Polin. - »Ich hatte neulich noch das Unglück, die Gräfin Czatanowska mit ›Pluto‹ zu erschrecken, weil er gar zu unbändig sich geberdete, obschon sie doch selbst eine furchtlose Reiterin ist - schon damals entschloß ich mich, das schwarze Pferd zu verkaufen.«
»Das war bei dem Pascherzug, von dem Du mir schriebst,« frug Conradine, »wo das junge Kosackenmädchen erschossen wurde?«
Er begnügte sich, in tiefen Gedanken mit dem Kopf zu nicken. Endlich hob er das Auge. »Kennst Du die - einige polnische Melodien Conradine?«
Sie stand sofort auf, ging an das Clavier, und schlug die oginski'sche Polonaise an, die sie dann in das Nationallied übergehen ließ.
»Ich fürchte,« sagte der Landrath, - »es wird noch viel Unheil dort geben. Ihr an der Gränze werdet über kurz oder lang damit zu thun haben - es ist und bleibt eine unruhige Raçe. Wenn es bei uns nur still bleibt - wir haben der Polenprocesse nun grade genug gehabt.«
»Das kommt von der fortwährenden Begnadigung,«
[289]
meinte der General. »Nun ich hoffe, unser jetziger Allergnädigster würde nicht mit sich spielen lassen. Ist das nicht die Lene, die da eingetreten ist?«
»Zu Befehl Herr General. Nun, was willst Du schon wieder, Mädel - weißt Du noch nicht, daß es sich nicht schickt, ungerufen zur Herrschaft zu kommen? Ihr müßt nicht Alles hören drunten in der Küche, was wir hier verhandeln!«
Das Ohr des Blinden hatte richtig gehört, es war der leichte Gang des hübschen Stubenmädchens, einer Enkelin des Alten, die eingetreten und jetzt roth und verlegen stammelte, sie habe nur fragen wollen, ob sie schon den Thee bringen solle. Dabei aber machte sie sich immer in der Nähe des jungen Offiziers zu thun, und wäre der Kaplan noch zugegen gewesen, er würde sicher bemerkt haben, daß sie mehr als einmal seinem Auge zu begegnen suchte, und - wenn er sich gleichgültig abwandte, ein schwerer Seufzer ihren Busen schwellte.
»Du bist ein alter Grobian, Scholz, vertheidigte sie gutmüthig der General, der seines Faktotums Enkelkind sehr gern in seiner rauhen Weise leiden mochte. »Ich weiß in der That nicht, warum Du immer mit dem Mädchen schil[t]st. Lene ist ohnedem so verschüchert und still, während sie sonst trillerte und sprang, wie eine Wachtel im Stoppel. Halt Dein Maul, Junge und hol mir den Rum!« Das ›Junge‹ galt wirklich dem alten Scholz, den der General in guter Laune immer noch so zu betrachten pflegte, wie damals, als er als Reitknecht mit 15 Jahren bei ihm in Dienst getreten war und den Krieg mitgemacht hatte.
[290]
Der Alte warf dem Mädchen einen ärgerlichen Blick zu, ging aber gehorsam, die Rumflasche und eine andere Pfeife zu holen.
»Es ist in der That wahr, der General hat Recht,« sagte die Landräthin, - »Du mußt krank sein - so still und verdrossen bist Du jetzt. Der Sanitätsrath, wenn er das nächste Mal herauskommt, soll Dich einmal in die Kur nehmen!«
Das Mädchen hob bittend die Hände. »O, gnädige Frau - nur das nicht - glauben Sie mir, ich bin nicht krank. Ich - ich - fürchte mich vor dem Doktor!« Ihr Auge suchte wie Beistand heischend den Offizier. Das Mädchen war nicht groß und schlank, aber von jener Rundung und Fülle, die Männer oft am meisten reizt. Ihr Gesicht mit den vielen Sommersprossen war freilich nicht hübsch, trug aber den Ausdruck großer Herzensgüte und die blauen Augen boten mehr Sentimentalität, als in ihrem Stande gewöhnlich zu finden. Nur Kinn und Stirn zeigten auffallend entschlossene Form.
»Du bist und bleibst eine Gans,« meinte die Landräthin. »Im Ganzen, was kümmerts auch mich, ob Du krank oder nicht, wenn Du wirklich krank wirst, ist leicht ein Ersatz zu finden. An Dienstboten fehlt es Gott sei Dank nicht!«
Der General hatte eine scharfe Entgegnung für diese Lieblosigkeit auf der Zunge, aber das Fräulein kam ihr zuvor. »Ich habe Dir gesagt, Mama, daß Lenchen nicht krank ist. Ich muß das am Besten wissen, da sie ja stets um mich ist. Ich werde Dir schellen, Kind, wenn
[291]
Du den Thee bringen kannst. Ich denke, die Herren werden ihn heute zeitig nehmen, das Wetter wird draußen immer rauher.«
Der Wind rüttelte in der That an den Fensterläden und der alte General faßte wiederholt an seine Beine. »Die verfluchte Gicht,« brummte er, »ich fühl es jedesmal, wenn das Wetter umschlägt.«
»Halten zu Gnaden,« brummte Scholz, »sollten halt lieber nicht so viel Rum und Cognac im Thee trinken.«
»Du bist ein Narr mit Deinem Predigen, - nimmst selber Deinen Schluck, und weißt sehr wohl, daß ich nicht zu viel thue, aber das labbrige Theezeug wäre sonst nicht zu genießen; wirst mich schließlich mit Camillen füttern. Geh hinaus auf meine Stube, und sieh nach dem Feuer - ich werde mich heute zeitig zur Ruhe begeben und will bis dahin mit der Familie reden.«
»Als ob ich nicht auch mit dazu gehörte!« knurrte der alte Diener, »Herr General erzählen mir's nachher doch wieder!«
»Marsch!«
Scholz machte Kehrt bei diesem Befehl, dem er in dem Tone nie zu widersprechen wagte, und verließ das Zimmer.
»Kinder,« sagte der alte Herr, der bei seiner Blindheit ein scharfer Beobachter war, »was gab's heute Nachmittag im Garten für Heimlichkeiten zwischen Euch Dreien - hab's wohl gemerkt, wenn ich auch Nichts davon hören sollte! Heraus mit der Sprache?« Das Fräulein parirte die Frage, die so ohne Vorbereitung gefährlich wurde.
[292]
»Sollst es schon hören, Großvater, wenn's so weit ist. Ich habe einen Wunsch, den ich erst mit den Brüdern besprechen wollte. Du versprichst mir ihn zu erfüllen?«
»Schmeichelkatze!« weißt schon, wenn's irgend angeht!«
Der Dragoner athmete nun auf; - Conradine schien alle Liebenswürdigkeiten aufzubieten, das Gespräch nicht wieder in's Stocken kommen zu lassen, und sang dem Vater und Großvater unaufgefordert ihre Lieblingslieder, bis der alte Herr erklärte, er wolle zu Bett, denn der Rheumatismus zwicke ihn bei dem Winde immer mehr.
»Ich begreife auch nicht,« sagte die Landräthin, auch ihrerseits das Licht nehmend, »warum Sie nicht diesen Sommer nach Wiesbaden oder Teplitz gegangen sind, Papa!«
»Ha meinen Sie! Soll ich etwa mein gutes Geld noch aus dem Lande tragen? Wenn ich in's Bad müßte - wofür hätten wir denn in Schlesien unser schönes Warmbrunn, das eben so gut hilft?«
»Aber, General - es ist doch nicht mehr fashionable, - seit der Hof nur noch an den Rhein geht!«
»Schnickschnack,« murrte der Alte heftig. »Halte überhaupt die meisten Badereisen für bloße Komödie und die Spielbäder für puren Unfug. Ich lobe mir unser ehrliches Warmbrunn, da hätte sicher kein übergeschnappter Deutschthümler auf unsern König und Herrn zu schießen gewagt - das Volk hätte ihn in Stücke zerrissen. Darauf kenne ich meine Schlesier. Mein alter Feldmarschall Ziet[h]en hat verständig gethan, sich dort sein Grab auszusuchen, und ist ein so hübsches Stück von unsers lieben Herrgotts
[293]
Erde, als nur eines sein kann, ist so recht geschaffen für alte Soldaten, und wenn der alte Wrangel nicht etwa Pulverdampf wittert, geht er im nächsten Winter auch hin - dafür ist er ein guter Preuße. Heda, Jungens, riecht's in Berlin noch immer nicht nach Pulver? Wär in der That einmal Zeit und ich wollt', ich könnte mitreiten!«
»Die Verhältnisse mit Dänemark und Hessen verbittern sich allerdings immer mehr,« bemerkte der Premier, »doch zunächst werden wir wohl wegen der polnischen Unruhen nach jener Seite Frieden behalten. - Aus Frankreich soll die Unzufriedenheit sehr geschürt werden!«
»Kreuz Sacrament - unser königlicher Herr hält sicher zu seinem Neffen, wie's nicht mehr als billig ist! Hoffte schon vor zwei Jahren, wir könnten mit den Rothhosen anbinden und wär auch sicher dahingekommen, wenn der Schlaukopf Napoleon nicht mit dem Frieden von Villafranca dazwischen gekommen wäre. Schuldet uns Dank genug, Oesterreich, aber - Dank vom Hause Habsburg ist schwerlich zu hoffen und die nichtsnutzigen Holters werden uns sicher zuvorkommen, wenn's gilt Ordnung zu halten im alten Rheinbund oder an der Eider traue den Diplomaten nicht, der Metternich stirbt nicht aus, und haben uns schon in Olmütz gezeigt, was wir zu erwarten haben. Thut mir doch leid Victor, daß Du den ›Pluto‹ verkauft hast.«
»Das ist nun nicht mehr zu ändern, Großvater! Darf ich Dich nach Deiner Stube führen, oder muß ich den Scholz rufen?«
»Danke Dir mein Junge - da ist er schon. Ist noch
[294]
immer auf seinem Posten und wird es hoffentlich bleiben, bis sein alter Herr ihm dahin vorangegangen ist, wo wir keine helfende und führende Hand mehr brauchen, wenn wir hier unten nicht allzublind gegen die höchste Hand gewesen sind, die so oft aus den Wolken zu uns armen Erden-Würmern niederreicht. Gutenacht mitsammt, und geruhsamen Schlaf. Hast auch nicht verlernt, Dein Nachtgebet zu sprechen, Conrad? Die Jugend ist jetzt schlimm darin und hält das für alten Zopf, - denk aber nicht so und empfehle mich Gott meinem Herrn jeden Abend, ehe ich meinen alten Kopf auf das Kissen lege!«
Auch der Landrath hatte sich erhoben. »So wollen wir's zusammen thun, Vater,« sagte er ernst, »und Gott danken, daß er uns Alle hier unter dem Dach unserer Väter gesund und ohne allzugroße Schuld zusammengeführt hat. Nimm die Hausbibel, Dina und lies uns ein Kapitel, ehe wir schlafen gehen. Du weißt, ich liebe es, daß man sie aufschlägt ohne zu suchen!«
Das Fräulein hatte die alte Postille von dem Schrank genommen, wo sie zum Aerger der Landräthin bewahrt werden mußte, und sie am Tische aufgeschlagen, fuhr aber unwillkürlich zusammen, als sie sah, welche Stelle der Zufall sie hatte finden lassen. Sicher hätte sie eine andere gewählt, wenn das Auge des Vaters nicht auf ihr geruht hätte ...
»Nun - was ist's?«
»Das Evangelium Lucas 15.«
»Vom verlornen Sohn!« murmelte Scholz, der sehr bibelfest war, obschon er seine Enkeltochter, aus einer
[295]
gemischten Ehe stammend, nach dem Willen ihres Vaters zu seinem großen Verdruß hatte katholisch erziehen lassen müssen, doch wagte er nur selten darüber eine Bemerkung, da der Landrath selbst eine solche Ehe mit seiner zweiten Gattin geschlossen hatte und wenigstens in dieser Richtung seine Enkeltochter unter dem Schutz der Landräthin stand. Es waren in jener Zeit, selbst nach dem Kirchenstreit unter Friedrich Wilhelm III. mit dem Erzbischof Droste Vischering die religiösen Verhältnisse in Schlesien bisher überaus glückliche gewesen und eine schroffe Haltung weder von der einen noch von der andren Kirche provocirt, so daß die gemischten Ehen grade in dieser Provinz keinen Anstoß gaben und bei fast gleicher Zahlenstärke der beiden Confessionen sehr häufig zu finden waren, so daß man fast in jedem Dorfe Kirchen beider Bekenntnisse antrifft.
Die zufällige Wahl des Kapitels blieb doch nicht unbeachtet, und das Auge der Schwester wandte sich einen Moment lang, aber auch nur einen solchen auf das leicht geröthete Gesicht des Bruders, dann las sie ohne Stocken von Anfang bis zu Ende, und mit dem Amen des Landraths ging die Familie auseinander, ihre Schlafzimmer aufzusuchen.
Das Haus oder Schloß hatte der Stuben genug, so daß auch die beiden Brüder nicht eine solche zu theilen brauchten. Der General mit seiner Enkelin wohnte auf der einen Seite des Hauses im Parterre, über ihm hatte der jüngere Sohn sein Schlafzimmer, während der jetzige Gutsherr auf der anderen seine Wohnung hatte, von wo aus er die Wirthschaftsgebäude bequem überwachen konnte.
[296]
Hier auch, über den Eltern nahm der Premierlieutenant sein Quartier, wenn er zum Besuch auf dem Gute war. Das Gesinde schlief in einem angebauten kleinen Flügel, nur Lenchen hatte ihre Kammer in der Nähe des Fräuleins. Der Garten umgab diesen Theil des Hauses.
Es mochte gegen Mitternacht sein, und obschon die Familie lange zusammengesessen, schien doch Alles in tiefer Ruhe zu liegen, nur aus dem Fenster des Schlafzimmers des Dragonerlieutenants drang durch das Rouleaux noch Lichtschein, er mochte wohl von Berlin nicht gewohnt sein, so zeitig zu schlafen und lesen, oder über seine Fatalitäten, wie er es nannte, nachdenken, und aus dem in der vorderen Ecke des Hauses belegenen Zimmer des alten Generals leuchtete der sehr matte Schein des Lämpchens, das Scholz für die Nacht dort brennen ließ. Blos der Wind heulte durch die bereits sich entlaubenden Bäume des Gartens und drehte kreischend die rostigen Wetterfahnen auf den alten Giebeln oder fuhr über zum Theil selbst noch mit Schoben bedeckte Dächer der Wirthschaftsgebäude.
Dennoch war es keineswegs so still und einsam in und um das Herrenhaus, als es den Anschein hatte. In dem kleinen Gartenhause, das - wenn auch sonst offen - Schutz gegen den Wind gewährte, saßen zwei Personen Hand in Hand - es waren der junge Fabrikant und das Edelfräulein.
»Ich danke Ihnen, Conradine, daß Sie gekommen sind. Sie wissen, wie selten ich das Glück haben kann, und es war doch nothwendig Sie zu sprechen im Interesse Ihres Bruders.«
[297]
»Ich danke Ihnen, Ernst, für die Mittheilung, ich hatte keine Ahnung, daß auch Sie von der Verlegenheit Conrads gehört, in die er mich erst heute eingeweiht hat.«
»Auch, daß seine Ehre - die Ehre Ihres alten und unbefleckten Namens durch seinen Leichtsinn gefährdet worden?«
Das Mädchen schrak zusammen. »Wie wäre das möglich? Es wäre entsetzlich für den armen Vater! Ich verstehe zu wenig von Wechseln, um darüber urtheilen zu können!«
»Nur, wenn Sie mir versprechen, meinen Rath und - Beistand anzunehmen. Sie wissen, wie ehrlich und treu ich an Ihnen hänge, und wie sehr ich Ihren Vater und Ihren Großvater hochschätze. Hat Ihnen Ihr Bruder gesagt, daß die von ihm ausgestellten Wechsel in die Hände seines Regimentscommandeurs zu fallen drohen?«
»So sagte er, und daß ihm deshalb alles Mögliche daran liegen muß, sie vorher einzulösen!«
»Auch weshalb?«
»Er müßte dann den Abschied nehmen!«
»Die Gefahr liegt leider noch tiefer und nach dem, was Sie mir eben gesagt, daß Victor seinen ›Pluto‹ verkaufen wird, muß ich glauben, daß Conrad wenigstens diesem eine Andeutung der wahren Sachlage gegeben hat.«
»Sprechen Sie - ich beschwöre Sie, Freund - also darum war Victor so finster und trübe gestimmt?«
»Durch Zufall,« erzählte der Fabrikant - »hat ein mir genau befreundeter Geschäftsmann erfahren, daß einer der angedrohten alten Wechsel - nicht richtig, mit unrichtiger Charge ausgestellt war. Er weiß, welchen Antheil
[298]
ich an Ihrer Familie nehme und sendet mir deshalb die Warnung.«
»O mein Gott! was thun?«
»Das Papier muß unter allen Umständen von Conrad eingelöst werden. Hier - in diesem Couvert sind 2000 Thlr., - sie sind mein Eigenthum, meine Ersparnisse auf der Reise in England und Frankreich - Sie müssen sie annehmen und Conrad oder besser noch Victor geben, als kämen sie von Ihnen!«
»Geld, Ernst! Nimmermehr!«
»Diese Weigerung wäre Thorheit. Ich will damit nur Ihrem würdigen Vater Kummer und Schaden ersparen und es darf nicht aussehen, als wolle ich mir mit der kleinen Gefälligkeit ein Anrecht auf die große Bitte erwerben, die ich später an Ihre Familie zu richten habe, die Bitte um die Hand Derer, deren Herz ich ja doch besitze. Wollen Sie zögern, wo ich so hundertfach größeres Anrecht zu fordern im Begriff bin?«
Sie reichte ihm die Hand. »Nein, Ernst - Sie haben Recht - es wäre ein kleinliches Bedenken, wie ich Sie kenne. Das Geld soll morgen schon in Victors Händen sein, und ihm werde ich sagen, von wem es kommt! Doch nun muß ich gehen, ein Zufall könnte unsere Zusammenkunft verrathen - ich glaube, so eben ist der Knecht zurückgekommen, den Victor in die Stadt geschickt hatte. Conrad hat noch immer Licht in seinem Zimmer!« - Sie hatte sich erhoben und war aus der Laube getreten, nach der Hinterthür zu gehen, durch die sie sich in den Garten geschlichen hatte - er folgte ihr bis zum
[299]
Ausgang, blieb aber plötzlich stehn und hielt ihren Arm fest. - »Bleiben Sie - guter Gott - diese Helle ist unnatürlich - was ist das - ein lauter Schrei! - es ist Feuer - Feuer in Conrads Stube! Es brennt im Hause!«
Dem schwachen Ruf, der zu ihnen gedrungen, antwortete der schrille Aufschrei des Edelfräuleins,« die erschrocken in die Knie gesunken war - der junge Mann, schnell besonnen, riß sie empor und schob sie nach der Thür zu: »Schnell in's Haus - es darf Niemand sehen, woher Sie kamen, und dann wecken Sie Ihr Mädchen und machen Lärmen - ich allarmire im Dorfe und hole die Spritzen!«
Sie flog davon zum Hause hin, während er sich nach der anderen Seite wandte, erst zögernd, ob er nicht auf alle Gefahr hin die Schläfer im Hause wenigsten wecken sollte - aber schon wurde es bei den Wirthschaftsgebäuden laut; der Knecht, der von der Station zurückgekommen und das Pferd gefüttert hatte, ehe er sich zur Ruhe begab, war aus dem Stall getreten und hatte gleichfalls die Helle bemerkt und nach dem Wächter gerufen - in wenigen Augenblicken scholl der Ruf »Feuer! Feuer!«
Er sah noch, wie der junge Offizier das Fenster aufriß und in diesem fast unbekleidet erschien - er kannte also wenigstens die dringende Gefahr, denn mit dem Oeffnen des Fensters schlug die helle Lohe dort heraus und am Giebel entlang, der Heerd des Feuers mußte also in Conrads Stube oder wenigstens in ihrer Nähe sein. Er flog nach dem Dorf, um dort zu wecken und Helfer herbeizuholen.
[300]
Was nützte hier Hilfe, - bei solchem Wind! Nur das Herrenhaus selbst war mit Ziegeln gedeckt, nicht einmal der Nebenflügel, wo die Dienstleute wohnten. Und nun erst die Ställe, die Scheunen - im Rückwärtsschauen sah er bereits aus dem geöffneten Fenster die Flammen an den Jalousien aus trockenem Fichtenholz, und dann an dem Fachwerk der Giebelwand emporzüngeln.
»Feuer! Feuer!«
Es ist ein schrecklicher Ruf, wenn er des Nachts ertönt und aus dem ersten Schlaf emporschreckt. Halbwegs zum Dorf kamen ihm schon Leute entgegen, er sandte den Einen zurück nach der Dorfspritze und zur Papiermühle seines Vaters und den Fabrikgebäuden, wo seine Umsicht und Energie bereits unter den Arbeitern eine kleine Feuerwehr eingerichtet hatte, diese hierher zu beordern; - dann eilte er selbst wieder dem Herrenhause zu, um sich zu überzeugen, daß wenigstens kein Menschenleben gefährdet sei.
Das Edelfräulein war mehr in's Haus zurückgeflogen, als gelaufen, - sie hatte glücklich und unbemerkt ihr Zimmer erreicht, ließ nur den Mantel fallen, in den sie sich bei dem nächtlichen Gange gehüllt hatte und eilte zu der benachbarten Kammer, das Mädchen zu rufen und in die anderen Theile des Hauses zu senden - aber die Kammer, sie konnte es deutlich sehen, und dann an dem unaufgedeckten Bett fühlen - war leer!
»Magdalene! Lenchen!«
Jetzt überwog der Gedanke an die Gefahr des blinden Greises alles Andere und sie stürzte auf dessen Zimmer zu: »Scholze! erwach - es brennt im Hause!« Sie stieß
[301]
an die Thür des Vorzimmers, in dem der alte Reitknecht, wie ein Cerberus vor dem Wohn- und Schlafzimmer seines Herrn zu schlafen pflegte - die Thür gab dem geringsten Anstoß nach - aus dem nächstbelegenen Wohnzimmer des alten Herrn erhellte der Schein der Nachtlampe das Vorgemach wenigstens so weit, daß sie zwei Menschen bemerken konnte, es war der alte Scholze und seine Enkeltochter, deren Arm seine nervige sehnige Hand fest umklammert hielt.
Das Mädchen stand ohne Bewegung, die Arme gekreuzt, das sonst so sanfte, gute Auge starrte finster vor sich hin, die Zähne waren fest auf die Unterlippe gepreßt, das Gesicht so todtenblaß, daß der eine Blick den das Edelfräulein nur Zeit hatte, auf sie zu werfen, diesem noch mehr Entsetzen einflößte und die Ueberzeugung gab, daß hier ganz Besonderes vorgekommen sein mußte.
»Scholz - um Himmelswillen, wecke den Großvater und sorge für seine Sicherheit. Es brennt im Hause, oben - bei Conrad!«
»So - es brennt also?« sagte dumpf der Alte - »mag's brennen! ich wünschte, es hätte die Metze hier verbrannt!« - Im nächsten Augenblick aber schienen ihm doch andere Gedanken gekommen. Er ließ den Arm der Enkelin los und stieß sie in einen Winkel der Wohnstube. »Rühr' Dich nicht von der Stelle - oder ich schlage Dich todt!« Dann öffnete er die Schlafstubenthür des Generals. - Die alte Gewohnheit überwältigte ihn trotz der Schrecken des Auftritts. »Halten zu Gnaden, Herr General, wachen Sie auf, Sie müssen aufstehn!« er hatte die Hand an das wenige graue Haar gelegt, das ihm feuchtkalt über die
[302]
Stirne hing. »Habe zu melden, daß es im Schloß brennen soll, und - und -« er konnte die nächsten Worte kaum durch die Kehle würgen, - »und - daß die Lene - eine Hure ist!«
Der alte Soldat war bei dem ersten Ruf bereits aus seinem Schlaf erwacht und hatte sich auf dem Feldbett, - auf einem solchen schlief er noch immer aus Gewohnheit! - aufgerichtet. Jetzt saß er auf demselben, die Füße bereits in den Pantoffeln. »Kerl - bist Du verrückt?«
»Kann's nicht sagen, Herr General! aber wäre kein Wunder! - Die Taubenaugen, weiß jetzt zur Genüge, was ihr fehlte! - Belieben der Herr General die Beine auszustrecken, daß ich Sie anziehen kann! Welche Papiere soll ich retten?«
Der Blinde streckte die Arme um sich. »Blücher und Ziethen! Sprichst Du die Wahrheit, es brennt im Hause? Weiß es der - mein Sohn?«
»Großvater! Großvater, beeile Dich! Gott sei Dank - da hör' ich den Vater und Victor. Scholze tummle Dich - führ' den Großvater in's Freie - zunächst in den Garten!« Sie flog davon.
Das ganze Haus war jetzt wach - der Landrath hatte seine volle Energie und Geistesgegenwart bereits gewonnen und führte mit den Söhnen die Knechte und Mägde in das obere Stockwerk, eine Wasserchaine bildend - aber was halfen die wenigen Leute, das ungenügende Geräth - Conradine suchte die Mutter zu beruhigen. Bereits brannte es im obern Stockwerk in hellen Flammen an verschiedenen Stellen.
[303]
»Es ist nicht zu dämpfen,« erklärte nach kurzen Anstrengungen der Hausherr - »ist der Vater in Sicherheit?«
»Scholze ist bei ihm - einstweilen im Garten!«
»Dann müssen wir unten wenigstens zu retten suchen, was möglich - das Silberzeug, Wäsche - die Familienpapiere. Das ist Sache der Frauen unter Deiner Aufsicht, Victor. Ich habe andere Pflichten und Du Conrad sieh zu, daß das Vieh aus den Ställen gebracht wird - ich fürchte, bei diesem Winde wird wenig zu retten sein! - wenn die nächsten Ställe sich entzünden - ist die ganze Ernte ohne Hilfe verloren!«
»Gott sei gelobt, daß Du wenigstens Alles versichert hast - die fünf Jahre liefen ja wohl am 1. September ab.«
Der Hauptmann sah finster vor sich hin. »Denke jetzt nur daran, soviel zu retten als möglich. Gott sei Dank - ein Freund in der Noth. Der Himmel führt Sie her!« Er reichte dem jungen Fabrikanten, der eben herbeistürzte, die Hand. »Helfen Sie den Frauen lieber Hancke, indeß meine Söhne hier sorgen - haben Sie etwas von der Spritze gesehen?«
»Sie wissen, wie langsam die Anstalten auf dem Lande sind, indeß sie muß gleich hier sein und ich habe einen Boten nach der Fabrik gesandt, unsere Feuerwehr zu holen. Ich habe Befehl gegeben ein paar Wagen anzuspannen, um die Frauen und den General zu uns zu bringen!«
»Das lohne Ihnen der Himmel - ich hätte kaum
[304]
daran gedacht. Gott sei Dank, da kommt auch die Spritze! Woher steht der Wind?«
»Leider Nordwest - er weht nach dem Dorfe!«
»Dann Kinder - rettet was möglich, und rechnet nicht auf mich - ich kenne meine Pflicht!«
Als der Landrath das Haus verließ und in den Hof trat, sah er, daß der Gutshof verloren war. Dach und oberer Stock des Herrenhauses standen in heller Gluth - aber es wäre an dem alten Hause nicht viel gelegen gewesen, obschon es sein Erb- und Familiensitz war, in dem er und seine Kinder geboren und groß geworden waren. Das Schlimmste waren die nur in geringer Entfernung und ziemlich dicht bei einander stehenden Wirthschaftsgebäude. Die Funken stoben vom Winde getrieben wie ein flammendes Schneetreiben umher und fielen auf die Dächer. Nur der Schaafstall, ein neuerer Bau war ganz massiv, aber der bewährte Landwirth wußte recht gut, wie schwer es sei, die Thiere bei einer Feuersbrunst herauszutreiben, sobald die Leithammel die Gluth gesehen. War es doch schon schwer genug mit den schlagenden Pferden und dem brüllenden Rindvieh. Der Wind war so stark, daß kaum der Klang der Sturmglocken von den beiden Kirchen herüberdrang, obschon das Dorf kaum zehn Minuten von dem Gutshof entfernt lag. Dort waren die beiden Kirchen, die Schulhäuser, die Bauernhöfe, fast sämtlich groß, wohlhabend, wenn nicht ganz massiv wenigstens mit Ziegeln gedeckt, - der Landrath hatte seinen Stolz darein gesetzt, für die Sicherheit seiner Dorfschaft, ja aller Ortschaften im Kreise nach Kräften,
[305]
mit Rath und Gesetz, ja mit eigenen Opfern zu sorgen, - nur das eigene private Eigenthum war darüber zu kurz gekommen.
Wie beliebt der Edelmann, der erste ländliche Beamte und Wächter des Kreises bei den Landleuten war, zeigte sich in ihrem Eifer zu löschen, der sie anfangs kaum an die eigene Gefahr denken ließ. Es waren viele Landwehrmänner und Ausgediente unter den Herbeieilenden, die sich sofort unter das Kommando der beiden Offiziere drängten; aber gegen die hier vereinigten Elemente war alle Menschenkraft zu schwach. Bald hatten die fliegenden Funken auf dem Dach eines der bis zum First mit Getreide gefüllten Stadel - es war ein trockener ausdörrender Sommer gewesen - gefangen und ehe Hilfe herankam, knisterte die Flamme auf.
Der Landrath wußte, daß mit den brennenden fliegenden Garben kein Halt mehr war.
»Schulze Heine!« Der Mann stand in seiner Nähe und schaute mit Besorgniß nach dem Dorfe hinüber.
»Lassen Sie sofort die Pferde wieder vor die Spritze legen und bemannen Sie die Wassertine - wir müssen zum Dorf!«
»Aber gnädiger Herr - das Schloß ... Ihre Scheunen! ...«
»Es ist nicht zu retten - was geschehen kann, wird von der Feuerwehr des Herrn Hancke geschehen. Die Fabrik und Mühle sind nicht gefährdet, sie liegen zur Seite und der Wald dazwischen. Schicken Sie alle Mannschaften zum Dorf zurück und halten Sie alle ankommenden Spritzen
[306]
dort zurück. Lassen Sie jede gefährdete Stelle bespritzen und senden Sie Leute auf das Kirchdach. In zehn Minuten bin ich bei Ihnen, um selbst die Anstalten zu leiten! Das Dorf muß erhalten werden.«
»Gott vergelte es Ihnen, gnädiger Herr, und rechnen Sie auf uns!«
Der Junker drückte dem Schulzen die Hand - als der Befehl bekannt wurde, verdoppelten die Landleute ihre Thätigkeit und Alles eilte dann mit der dem Bauer selbst in seinen besten Gefühlen eigenen Selbstsucht, die eigene Habe zu schützen. Nur der junge Fabrikant mit seinen Leuten und die Knechte des Gutes hielten tapfer aus.
Eine leichte Kalesche rasselte in den jetzt auf drei Seiten brennenden Hof.
»Ist der Landrath hier?«
Der vollen kräftigen Stimme antwortete dieser selbst. »Seien Sie gegrüßt, Herr Hancke, - Ihr wackerer Sohn ist in voller Thätigkeit mit seinen Leuten!«
»Das dank ihm der Teufel,« sagte barsch der Papiermüller, eine kleine runde Gestalt mit vollem klugen Gesicht, von kurzem weißen Haar der Kopf bedeckt, indem er aus dem Wagen sprang. »Ihrer Gemahlin bin ich bereits begegnet - meine Alte erwartet Sie, aber wo ist der Herr General?«
»Drüben im Garten - Conradine sagt mir - er wolle nicht weichen, so lange das alte Haus stände!«
»Das sieht ihm ähnlich - natürlich ist der Scholze bei ihm. Haben Sie schon eine Ahnung, wie das Unglück entstanden ist?«
[307]
»Noch nicht, Herr Hancke - das muß die Untersuchung morgen ergeben - was ist's, was giebt's?«
Das Fräulein drängte sich durch die noch immer Rettenden. »Ist die Lene hier?«
»Ich habe sie noch nicht gesehen - sie ist wohl drüben bei ihrem Großvater!«
»Barmherziger Gott - nein! ich komme eben von dort - Lene! Lene! - Dann muß sie noch im Hause sein!«
»Unmöglich!«
»Vor fünf Minuten,« sagte einer der Knechte, die bei dem Räumen im Parterre geholfen, »stand sie noch in des Generals Stube -, ich rief ihr zu, als ich aus dem Fenster sprang, und dachte, sie käme mir nach ... sie war so sonderbar, wie ich sie nie gesehn!«
»Gott im Himmel - dann ist sie noch auf der Stelle, wo sie Scholze stehn ließ - - - ich hatte sie ganz vergessen! Lene! Lene! - lebst Du noch -« das Fräulein stürzte gegen das brennende Haus - keine Antwort! nur das Prasseln der Flammen, die stürzenden oberen Wände und Balken.
Ein Steiger der kleinen Feuerwehr hatte die Leiter an das Eckfenster gestellt und war auf dieselbe gesprungen, um sich in's Fenster zu schwingen - aber Rauch und Flammen kamen ihm hier so gewaltig entgegen, daß er zurück taumelte und herabsprang. »Es steht wirklich ein Mensch an der Wand, aber die halbe Decke ist bereits eingestürzt!«
»Allmächtiger - sie verbrennt! Wagt denn Niemand, sie zu retten!?«
[308]
Die Männer flogen auseinander - es war der junge Offizier - der eben vom äußersten Stall herbeieilte.
»Conrad - rette sie!«
»Wen?«
»Die Lene - sie verbrennt in Großvaters Zimmer - Scholz - ich, wir ließen sie dort zurück in der Aufregung -«
Der junge Offizier war bereits an ihr vorüber - er hatte sich schon zweimal in das brennende Haus gewagt, noch Sachen aus der Wohnung der Eltern zu retten. So blasirt er aber auch sonst war, so furchtbar schien ihn das plötzlich über seine Familie hereingebrochene Unglück ergriffen und zur Thätigkeit angespornt zu haben. Er war ohne Mütze, nur den leichten Uniformrock auf dem Leibe.
»Ich Wahnsinniger bin Schuld an ihrem Tode! die Leiter her!« Er riß sie den Männern aus den Händen und stürzte zu dem hohen Parterre. Hier hielten die stärkeren Mauern des Eckzimmers allerdings noch - aber es war voll Lebensgefahr, ihnen auch nur nahe zu kommen, denn aus dem oberen Stockwerk schlugen fortwährend Wandstücke und brennende Balken nieder zum Boden.
»Zurück, Herr Lieutenant - die Wand stürzt ein!«
Was oben noch von ihr stand, wankte, wie im Sturm, der Dragoner war bereits dicht unter ihr - der Haken der Leiter faßte im Gesims - im nächsten Augenblick war er auf ihr - im Fenster selbst - noch konnte man die schlanke Gestalt sehen, wie sie sich dunkel auf dem flammenden Grunde abzeichnete - dann war sie im Innern verschwunden und zugleich stürzte oben die Mauer herab
[309]
dicht am Fenster und Flammen und Schutt wirbelten wie ein undurchdringlicher Schleier empor.
Der Landrath war herbeigeilt, er barg das Gesicht in den Händen.
»Mein Sohn! mein Kind!« Conradine lag ohnmächtig in den Armen des alten Fabrikbesitzers. Nur der junge Hancke schien die Besinnung behalten zu haben, denn Victor war weit entfernt am andern Ende des Hofes.
Mit einem Satz war der junge Mann um die Ecke, auch hier aus den auf den Garten sehenden Fenstern brachen Rauch und Flammen, aber die Grundmauern hielten doch noch.
»Leitern hierher! - Wasser! - Aexte! - Möllhoff - hier durch!«
Ein Fensterkreuz aus dem Schlafzimmer des alten Generals stürzte nach außen, in der Oeffnung erschien eine Gestalt, eine zweite tragend. »Platz da!« im nächsten Moment sprang, stürzte er heraus, die bewußtlose Gestalt im Arm, über sie hinfallend aber sie nicht loslassend, bis man Beide aus dem Bereich des Feuers und der stürzenden Trümmer zog.
»Hurrah unser Lieutenant!«
Er hatte sich aufgerafft, war allein emporgesprungen - neben dem Mädchen, es war in der That das Dienstmädchen Magdalene, die ›Jungfer‹ des Schloßfräuleins, und neben ihr kniete dieses, bemüht, die Ohnmächtige, Halberstickte wieder zur Besinnung zu bringen. Das Gesicht derselben war so starr, so drohend geblieben, die Zähne auf die Unterlippe festgebissen, die Arme noch in einander
[310]
geschlungen - ganz wie sie vorher trotzend, regungslos ihr Großvater verlassen hatte.
»So - tragt die Dirne fort - zum Gartenhaus - gießt ihr Wasser in's Gesicht!« Der junge Offizier wollte wieder fort zur Vorderfront, sein Vater war ihm entgegen geeilt und hatte ihn in die Arme geschlossen. »Gott sei Dank, der Dich gerettet! Brav gemacht, mein Junge - ich sehe doch, daß Du vom alten Stamm bist, trotz manchen Leichtsinns!«
Der junge Offizier hielt den Landrath auf Armeslänge von sich abgedrückt. »Wie Vater - Du verzeihst mir, und das im Augenblick, wo ich Dir das Haus über dem Kopf angezündet?«
»Conrad! - Mensch! - Du? - Du selbst?«
Der Offizier preßte die mit Brandwunden bedeckten, rauchgeschwärzten Hände auf die Augen. - »Ich glaube, ich trage allerdings die Schuld! - ich wollte, ich wäre mit verbrannt!«
Der Landrath war tief erschüttert - aber schon eilten die Andern herbei - Conradine, der Premierlieutenant, die beiden Hancke - Knechte und Mägde.
»Bei Deiner Mutter - schweig Unglücklicher - der Schaden ist der unsere, wenn wir nur das Dorf retten! - Nimm ihn Victor - bewache ihn - keine Unvorsichtigkeit - kein Wort! - Herr Hancke, darf ich Ihr Fuhrwerk benutzen? Ich muß in's Dorf - sorgen Sie für den General!« Er sprang in die Kalesche des Fabrikanten »Vorwärts - rasch - zum Dorf! -«
Der Premierlieutenant hatte den blinden General
[311]
herbeigeholt, so nahe als es die Hitze des Brandes ungefährlich machte. »Nun danken Sie Gott mit uns, Scholze, Ihre Enkelin ist glücklich gerettet, sie hätte verbrennen können!«
»Wäre sie's nur! besser todt, als - eine Metze!«
Nur der alte General hatte die Worte gehört - er blieb stehen.
»Maul gehalten! - Still - nicht gemuckst! Müssen die Sache erst untersuchen - thust ihr vielleicht Unrecht, alter Narr!«
»Halten zu Gnaden - nein! - ich sah sie selbst aus seiner Thür kommen - ich hatte eine Ahnung und lauerte ihr auf!«
»Schweig! - wie ich höre, hat Conrad sie aus dem Feuer gerettet! Aber es soll Dir Gerechtigkeit werden - Dir und ihr - auf das Wort eines Möllhoffs.«
»Denken Sie daran - der Name Scholz war bisher immer ehrlich und getreu dem Gutsherrn!«
»Still sag ich! Es trifft uns Unglück genug - muß erst wieder zur Ruhe kommen, bin ein alter Mann - und Du auch!«
»Zu Befehl, Herr General! Bin zwar nur ein gemeiner Kerl und es war meine Schuldigkeit als Ihr geborener Erbunterthäniger, daß ich Ihnen Vierzehn in den Krieg folgte und treu gedient habe, aber - auf sein unbescholtenes Blut kann auch der Niedrigste halten.«
»Schweig sag ich - Dein Recht soll Dir werden. Schick das Mädchen zu ihrer Mutter und sei nicht rauh zu ihr, wie Du gewohnt bist!«
[312]
Das widersetzliche Factotum schwieg - der Alte mochte selbst schon lange gegen sein besseres Gefühl gekämpft haben, das ihm bei der Gefahr des Mädchens fast das Herz gebrochen und ihm die bittersten Vorwürfe gemacht hatte. Dennoch konnte sein angeborener Starrsinn nicht mehr über sich gewinnen, als daß er dem Befehl des Generals folgte. -
Erst gegen Morgen, als der Wind sich zu legen begann, konnte der Landrath vom Dorfe her die Meldung senden, daß mit Hilfe mehrerer aus der Umgegend dort eingetroffener Spritzen jede weitere Gefahr beseitigt sei. Desto schlimmer sah es auf dem Gutshofe selbst aus. Von der Ernte war so gut wie Nichts gerettet, von dem Viehstand auch nur ein Theil, denn Ochsen und Schafe waren mitunter blindlings in die Gluth zurückgestürzt und hatten darin ihren Tod gefunden. Ein vollständiger Neubau des Gutshofes war unvermeidlich. Der Landrath hatte sich einstweilen in dem kürzlich erbauten Schulhause einquartirt bis er die in der Kreisstadt belegene, ganz geräumige Dienstwohnung beziehen konnte und Weiteres beschloß; das gerettete Vieh war bei den Bauern untergebracht. Das Schulhaus hatte ihm der Pastor vorgeschlagen, obschon sein geräumiges Pfarrhaus selbst Raum genug geboten hätte, und der Landrath sein Patron war. Aber er war ein vorsichtiger und etwas geiziger Mann, einer von jenen, die stets über die schmalen Einkünfte der Kirche klagen, und die Aufnahme der Familie des Gutsherrn hätte viele Kosten gemacht - der Vicar dagegen hatte es sich nicht nehmen lassen, schon während der Nacht den jüngern
[313]
Offizier zu sich einzuladen und hier finden wir diesen am Morgen wieder, unruhig auf- und niedergehend im Garten und den Vicar nach der Messe erwartend.
Er ging ihm entgegen, als er ihn sah und reichte ihm die Hand. »Haben Sie Zeit für mich, Ehrwürden?«
»Ich habe Ihnen bereits gestern gesagt - bei dem großen Unglück, das sie Alle betroffen, ist es nur die Gnade der heiligen Jungfrau, daß wenigstens kein Menschenleben zu beklagen ist. Ja, mehr, Sie haben, wie ich höre, ein solches gerettet, Eins meiner Beichtkinder.«
»Es war nicht mehr als meine Pflicht, denn ich gerade habe es gefährdet. Eben wegen des Mädchens wollte ich mit Ihnen sprechen, Ihnen ein Bekenntniß ablegen und - Ihren Rath und Beistand erbitten.«
»Sie sprechen, als wollten Sie eine Beichte thun, aber - Herr Lieutenannt, Sie sind nicht Katholik, obschon Sie es nach den Satzungen unserer Kirche sein könnten, sein müßten, Sie und das gnädige Fräulein. In Ihrer Familie ist es nur Ihre Frau Mutter.«
»Sehen Sie es an, wie Sie wollen - als Beichtbekenntniß, als das Vertrauen eines Freundes, - wenigstens macht Ihr Glaube - Ihnen zur Pflicht, Schweigen zu bewahren.«
»So ist es - darauf mögen Sie sich wenigstens verlassen.«
»Zuerst - was Ihr Beichtkind betrifft - als solches ist es Ihnen vielleicht kein Geheimniß mehr - wir haben uns vergangen, gesündigt meinetwegen - wir sind beide [j]ung und hätten klüger sein sollen - aber das heiße
[314]
Blut, wenn man jung und leichtsinnig ist. Kurzum - Lenchen glaubt sich Mutter.«
»Das ist allerdings schlimm - die Kirche kennt nur eine Sühnung dafür!«
»Die Heirath - aber das ist es ja eben! Ich kann das Dienstmädchen meiner Eltern doch unmöglich heirathen, ohne mit meinem Stande, mit meiner ganzen Zukunft zu brechen!«
Der Vicar sah ihn scharf an. »Haben Sie dem Mädchen, als Sie ... ich darf Sie nicht schonen! - als Sie es verführten, ein dahin gehendes Versprechen gegeben? - Ich kann Ihnen nur bei größter Aufrichtigkeit rathen.«
Der Offizier schlug die Finger in einander. »Das ist das Unheil - ein Heirathsversprechen grade nicht, - aber sie besitzt einen Brief von mir, - in dem ich thörichter Weise ihr Allerlei zusagte, mich zu ihr bekenne, - ohne daß grade das Wort Heirath darin vorkommt - nur Absichtlichkeit kann es so auslegen, und dennoch - würde er mich bei den harten Grundsätzen in meiner Familie über Ehrenwort sehr compromittiren - und diesen Brief - der Teufel ist plötzlich in das Mädchen gefahren, während sie sonst um den Finger zu wickeln war - sie weigerte sich, ihn herauszugeben!«
»Es ist ein seltsamer Charakter die Lene - die Schwäche und Schüchternheit ihrer Mutter, aber die starke Energie ihres Vaters und der Eigensinn ihres Großvaters! - Haben Sie mit ihr gesprochen?«
»Das war einer der Gründe, die mich hierher führten
[315]
- sie hatte an mich geschrieben. Gestern Abend vor dem Brande habe ich sie gesprochen - als die Anderen schlafen waren, - kam sie auf mein Zimmer, ich erwartete sie.«
»Und?«
»Wie gesagt, ein Teufel ist in dem Mädchen. Sie liebt mich - ich möchte sagen leidenschaftlich - sie will thun, was ich von ihr verlange, in's Wasser springen, wenn ich's will - jedes Geständniß weigern, ihr Unglück tragen, und sich Allem fügen, aber - -[«]
»Nun?«
»Den Brief herauszugeben weigert sie, - es sei ihr einziger Schatz, und gehöre ihrem Kinde! - ich sprach, ich bat, ich versprach sie nicht zu verlassen - sie blieb eigensinnig, - selbst Drohungen nutzten Nichts - zuletzt wurde ich so aufgebracht, so heftig, daß ich mich vergaß - daß ich ...«
»Sie schlugen?«
»Bewahre, Ehrwürdiger - ein Mann, ein Offizier und sie ein Mädchen - nein schlimmer als das, denn es brachte noch größeres Unheil - ich war so aufgebracht, daß ich - als sie schon die Thür in der Hand hatte, Leuchter und Licht hinter ihr drein warf!«
Der Vicar sah ihn jetzt wirklich erschrocken an - die andere Selbstanklage mochte ihm oft genug vorgekommen sein in der Beichte, als daß er so schweres Gewicht darauf legte. -
»Wie - und das Unglück ...«
»Ich weiß es nicht - es war allerdings eine große Unvorsichtigkeit, die ich begangen habe! Ich hatte mich
[316]
ärgerlich nach der Wand gekehrt und die Augen geschlossen - als ich sie öffnete - bemerkte ich eine ungewöhnliche Helle - und eine Fenster-Gardine brannte ...«
»Heilige Jungfrau!«
»Eine Jungfrau war sie allerdings nicht,« sagte der Offizier barsch, - »um die ich das Haus meines Vaters angezündet habe - wenn sie es nicht gar selber gethan hat - um sich und mich zu verbrennen aus Rache - die Energie hatte sie plötzlich dazu - weiß der Teufel, wie sie ihr gekommen ist - es kann ein Zufall, eine Unvorsichtigkeit sein - daß ich erschrocken von dem Bett sprang, ich war noch halb angekleidet, und das Feuer zu dämpfen suchte, aber es brannte Alles wie Zunder in dem alten Hause, und als ich endlich das Fenster aufriß, um nach Beistand zu rufen, - machte ich das Uebel noch ärger!« Der junge Mann sah starr vor sich nieder - dann auf den Geistlichen, der ihn nicht ohne Theilnahme betrachtete. »Gott sei Dank, Mordbrenner bin ich wenigstens nicht geworden! - ich wäre nicht aus den Flammen zurückgekommen, wenn ich sie nicht hätte retten können! - Mag das Haus zum Teufel sein, über kurz oder lang hätte es doch umgebaut werden müssen, und Alles ist ja versichert! - Aber das Andere mit dem Mädchen? Sie müssen mit ihr sprechen, sie bewegen, daß sie das Papier herausgiebt - hoffentlich thut sie es jetzt aus Dankbarkeit, da ich mein Leben für sie gewagt habe!«
Der Vicar ging nachdenkend neben ihm her. »Wäre es nicht besser, Ihre Frau Mutter - in einen Theil des Geheimnisses zu ziehen - ich meine, was die fleischliche
[317]
Sünde betrifft - Frauen haben mehr guten Rath und wissen einen Fehltritt zu verbergen!«
»O, was meine Mutter betrifft - es wird zwar ein arges Kapitel geben, - natürlich würde sie nie in eine Heirath willigen, wenn ich auch selbst daran denken könnte, sie würde das Mädchen fortschaffen, mit Geld! der Gedanke ist nicht übel, aber in diesem Augenblick unausführbar - Lene muß vernünftig sein und jetzt die Sache vertuschen, und dazu Ehrwürden müssen Sie mir beistehen. Sie sprachen von dem Charakter ihres Vaters - was wissen Sie von diesem, ist er überhaupt wieder zum Vorschein gekommen, wenn ich mich recht erinnere, sind es 15 Jahre her, seit er fortging, - ich war damals ein Knabe und kam bald nach dem Kadettenhause!«
»Ich weiß von ihm auch nur aus den Mittheilungen meines verstorbenen Vorgängers und was mir Lenen's Mutter erzählte. Danach war er ein Schäfer oder Bergmann aus Oberschlesien, der zufällig hierher kam, 1842 oder 43, hier gegen den Willen des alten Scholze Helenens Mutter heirathete, und sie mitnahm nach Oberschlesien. Drei Jahre, nachdem das Kind geboren war, mußte er wegen der damals in Oberschlesien herrschenden Noth auswandern nach Westphalen - es zogen damals viele Bergleute dahin - von dort schickte er den Seinen das Verdiente, auch aus England noch, wohin er mit Anderen sich engagiren ließ, später ist er verschollen - wenigstens haben Mutter und Kind nie wieder von ihm seit 15 Jahren fast gehört, und selbst die Nachforschungen, die Ihr Herr Vater durch unsere Gesandtschaft
[318]
anstellen ließ, haben kein Resultat ergeben, als daß in jener Zeit viele Bergleute nach Amerika oder Australien auswanderten, theils freiwillig theils gezwungen. Lenens Mutter kam hierher aufs Gut und lebte von ihrer Hände Arbeit und der Unterstützung Ihrer Familie, denn ihr eigener Vater blieb ihr wegen der Heirath grollend, namentlich da sie sich weigerte, das Kind, das nach ihrem Gatten katholisch getauft war, anders zu erziehen.«
»Er ist ein starrer Bibelhusar, - noch heute!«
Der Vicar seufzte. »Leute wie er und der General sind in ihren Kreisen der heiligen katholischen Kirche immer starre Gegner. - Der Verschollene soll ein schöner und gescheuter Mann, zu jedem Dienst geschickt und brauchbar gewesen sein, aber ein wilder und rauher Charakter, und so hat er es auch durchgesetzt, daß Lenens Mutter gegen den Willen des alten Scholz ihn nahm. - Doch rechnen Sie darauf, Herr Lieutenant, ich werde allen Einfluß der Kirche auf das Mädchen anwenden, sie zum Schweigen zu bewegen. - Jetzt lassen sie uns zum Frühstück gehn, da kommt Ihr Herr Bruder vom Schulhause her.«
Beide mußten die Unterredung aufheben, der Offizier nur halb beruhigt - er mußte dem Premierlieutenant zur Brandstätte folgen, denn der Landrath war so eben zur Stadt gefahren. Noch hatte er mit den Seinen nicht Zeit gefunden, sich zu berathen, und wollte die Dienstwohnung in der Stadt besichtigen, ob er bald dahin übersiedeln könne.
So schön das Wetter nach dem heftigen Wind geworden war, - die Stimmung des wackern Edelmanns blieb schwer verdüstert und er hätte gern die Fahrt
[319]
aufgeschoben, wenn es eben nicht der Tag gewesen wäre, wo er stets auf dem Amt zu sein pflegte. Der Brand selbst hatte ihm außerdem verschiedene Pflichten und Geschäfte auferlegt. Die Nachricht von dem Unglück hatte sich rasch verbreitet und fand aufrichtige Theilnahme, die selbst bis zum Lästigen sich steigerte.
Nachdem er die dringendsten Tagesgeschäfte erledigt hatte, und eben in seine Wohnung hinaufgestiegen war, meldete ihm der Kreisbote einen Besuch an, den ersten Bankier der wohlhabenden Provinzialstadt. Er ging ihm entgegen und führte ihn zum Sopha.
»Guten Morgen, Herr Breslauer, ich wollte eben zu Ihnen kommen, Einiges mit Ihnen zu besprechen!«
»Ist es mir doch desto lieber, daß ich das Glück habe, Sie noch zu treffen hier, Herr Hauptmann. Habe gehört von dem Unglück, das Sie betroffen hat diese Nacht nachdem gehofft wir doch Alle, namentlich ich, Sie gestern Nachmittag hier zu sehen bei der Versammlung wegen der Bahn, bei der wir bestimmt rechnen, Sie zu den Unseren zu zählen. Seine Durchlaucht werden gleichfalls sehr erschrocken gewesen sein, als er gehört hat heute Morgen das Unglück, das Sie betroffen über Nacht.«
»Schon dies wäre genügend, mich an andere Dinge denken zu machen, als das Eisenbahn-Unternehmen der Herren.«
»Bitte Herr Landrath - wenn man gut versichert ist, ist der Aufbau doch nur eine Frage der Zeit.«
»Versichert? Sie müssen es am Besten wissen, Herr Breslauer ...«
[320]
»Nun, sollt ich doch meinen, 70000 Thaler, mehr als 10000 Pfund Sterling ist doch eine hübsche Summe für Gutshof und Ernte, und die Londoner Policen sind so gut wie baar Geld. Es ist doch gut, daß wir nicht haben in Schlesien eine Provinzial-Feuer-Versicherung, wie sie drüben haben in der Provinz Sachsen, die macht allerlei Chicanen, und in die doch zahlen müssen alle Rittergüter und das platte Land ...«
»Herr Breslauer - Sie haben kein Recht, mit dem Unglück, das mich und die Meinen betrossen hat, Ihren Spott zu treiben.« Der Landrath hatte sich stolz erhoben.
»Soll mir Gott, wo wird sich das Haus ›Breslauer und Compagnie‹ erlauben, Spott zu treiben, mit einem so würdigen und so geachteten Herrn, wie dem Herr Landrath, der sitzt in der Kammer als Vertreter des Landes und aller seiner Interessen in Grundbesitz, in Handel und Wandel, in Industrie und Eisenbahnen - doch geehrter Herr Landrath, da fällt mir eben ein, weswegen ich gekommen bin, Sie zu treffen so früh und mich gefreut habe, Sie anzufinden noch zu Hause. Ich habe doch noch Sie zu bitten um Ihre Unterschrift auf zwei Papierchens, die werden bringen Alles in Ordnung.« Der Bankier öffnete seine zierliche mit Papieren gefüllte Mappe.
»Meine Unterschrift? Sie wissen, daß ich nie in Wechseln oder dergleichen mache.«
»Gott bewahre, ist auch gar nicht nöthig, es müßte denn sein, der Herr Landrath brauchten sofort Geld zum Neubau auf die Police - ich werde nehmen keinen Anstand,
[321]
darauf vorzuschießen tausend Pfund Sterling - es ist mir ja sicher.«
Die Stirn des Edelmanns hatte sich dunkel geröthet. »Spielen wir nicht länger Komödie, Herr - ich bin - nun ich war allerdings versichert bei der englischen Assekuranz, deren Vertreter Sie in Schlesien sind, obschon ich den Geschäftstrieb der fremden Assekuranzen in Preußen eigentlich nicht billige, aber die Coulanz, welche die londoner Direktion stets bewiesen hatte, und von der Sie mir vor zehn Jahren die Beweise vorlegten, hatte mich bewogen, bei den günstigen Bedingungen in fünfjährigem Versicherungsabschluß ihr den Vorzug zu geben, aber ...«
Der Banquier hatte sich gleichfalls erhoben und suchte ein Papier aus seinem Portefeuille.
»Sie wissen recht gut - Sie müssen es wissen, daß die Police am 21. dieses Monats,« der Landrath sprach zwischen den gepreßten Lippen und Zähnen - »am 21. dieses Monats abgelaufen war, während ich grade in Berlin war, - und daß ich im Augenblick die für meine Verhältnisse, weil ich die Ernte noch nicht verkauft hatte, nicht unbedeutende fünfjährige Prämie noch nicht gezahlt hatte und sie dann erst Gültigkeit haben konnte. Es ist ein Unglück und trifft mich hart ...«
Der Bankier lachte auf nach einem raschen Umblick, der ihm nochmals die Ueberzeugung gab, daß sie allein waren im Zimmer.
»Liebster, bester Möllhoff, was machen Sie da für Umstände, wir kennen einander doch schon länger, schon von meinem Vater seelig, der immer gehabt großes
[322]
Vertrauen in Ihre Familie, - und wir haben auch gemacht zusammen manches Geschäft, - habe Ihnen abgekauft die Wolle, ohne daß Sie nöthig hatten, sie den langen Weg zu schicken nach Breslau, - ich kann mich doch betrachten als Ihren Bankier, der für Sie machen kann eine Auslage, wenn Sie einmal vergessen haben im Drang der Geschäfte oder in den Sorgen für den Staat, oder gerade einmal nicht gewesen sind bei baarer Kasse - die Herrn Söhne von der Aristokratie kosten Viel, wenn sie sind beim Militair! wir sind doch gewissermaßen bei dem Prospekt für die neue Bahn wie zwei Kollegen, die es nehmen nicht so genau - es bedarf Nichts, als daß der Herr Hauptmann die Güte haben, mir zu unterzeichnen den Antrag auf Erneuerung der abgelaufenen Versicherung auf weitere fünf Jahre; was die Bezahlung der Prämie betrifft, so war das Sache von Samuel Breslauer und Compagnie, der Credit hat in London mehr als die Lumperei ...«
Die fette Hand des Bankiers, an deren kurzen dicken Fingern zwei werthvolle Diamanten glänzten, schob dem Edelmann zwei Papiere hin und holte selbst die Feder von dem offenen Schreibtisch. »Hier, Herr Hauptmann, bloß Ihres Namen bedarf es, da - wo ich den Finger habe - und Sie sehen, auch bei dem Prospekt für die neue Bahn, wir haben ausdrücklich trotz Ihrer ersten Bedenken, doch den Raum für Ihre Unterschrift offen gelassen, gleich hier hinter dem Namen des Fürsten ...«
Er hielt ihm die Feder entgegen.
Es war eine schwere Versuchung für den Edelmann, - ein Federstrich - es war ihm Alles so plausible, so
[323]
- wir müssen sagen, rechtlich gemacht worden - dennoch - sein Auge lag auf dem Antrags-Formular.
»Ich habe das Nöthige bereits ausgefüllt, Sie brauchen eben nur zu unterschreiben. - Wir wollen das Protokoll der gestrigen Versammlung in der Eisenbahnsache noch heute nach Berlin absenden.« Die dicke fette Hand schob auch das zweite Papier herbei.
Der Landrath hatte den Antrag aufgenommen - er legte ihn wieder nieder, die Feder daneben. »Sie haben sich in dem Datum geirrt, Herr Breslauer - wir haben heute den 24. und hier ...«
»Natürlich - es ist der Form wegen - da wir es Beide damals vergessen haben, doch - das ist meine Sache! Natürlich muß der Antrag acht Tage vor Ablauf der Police datirt sein.«
»Dann - wäre es ein falsches Dokument - und ein solches wird ein Mann von Ehre, ein Edelmann und Offizier niemals mit seinem Namen versehen.«
»Aber bester Herr Hauptmann, was denken Sie, Sie sehen die Sache in einem ganz falschen Lichte an. Wahrhaftig bei Gott - der Antrag ist, wie er hier liegt, ausgestellt schon vor vierzehn Tagen, es fehlte bloß Ihre Unterschrift, und Sie hatten mir ja früher selbst gesagt, daß Sie die Versicherung bei uns zu prolongiren wünschten.«
»Um so bitterer trifft mich das Unglück - ein solches ist es, daß ich eben versäumt habe, den Antrag schriftlich zu stellen und die Prämie zu leisten.«
»Gott der Gerechte - was machen Sie sich für Bedenken, - Herr Hauptmann, Siebenzigtausend Thaler
[324]
ist kein Spaß und man darf sie nicht werfen auf die Straße wegen eines bloßen Formalitätenfehlers!«
»Ich erfahre dies leider schwer auf meine Kosten - aber - ich hätte wahrscheinlich ohnehin kein Recht gehabt auf die Zahlung der Versicherung!«
»Warum sollten Sie nicht haben das Recht? das allerbeste von der Welt!«
»Nach § 7 der Police verfällt das Anrecht, wenn die Feuerbrunst durch eigenes g