Nena Sahib
oder
Die Empörung in Indien.
Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart.
von
Sir John Retcliffe.
Erster Band:
Die Tyrannen der Erde.
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Die indische Universität.
In der Cleveland-Street, unweit des Buckingham-Square zu London, steht ein Haus, gegen die englische Gewohnheit ziemlich geräumig und etwas von der Straßenfront zurückgebaut, so daß hierdurch eine kurze Auffahrt gewonnen worden, die nach der Straße zu ein eisernes Gitter abschließt.
Der Ein- und Ausgang dieses Gitters stand an dem Vormittag, an dem unsere Erzählung beginnt - am 20. Juni 1851 - weit geöffnet und eben so der Sitte zuwider die Hausthür, an deren Pfosten ein reich gallonirter Diener von trägem, anmaßendem Aussehn lehnte, nur hin und wieder ein Wort mit einem jungen Mann von schlauem aber bleichem und abgemagertem Antlitz redend, das alle Spuren dürftig nährender und angestrengter Arbeit an den Aktentischen trug. Der junge Mensch, etwa 19 oder 20 Jahr alt und in einer abgeschabten aber sehr reinlichen Kleidung steckend, hatte einen Sack mit Papieren in der Hand, der ihn sofort für jeden mit englischen Sitten Bekannten als einen Advokatenschreiber bezeichnet hätte.
Der Bediente blickte, so weit es der Charakter seiner allgemeinen Trägheit erlaubte, eifrig die Straße hinauf, gleich als erwarte er die Ankunft einer oder der andern Person, und ließ zuweilen ungeduldig ein Goddam! zwischen den Zähnen hören.
»Ist es wa[h]r,« bemerkte der Schreiber schüchtern, »daß der Nabob, Ihr Herr, so gefährlich erkrankt ist, daß man keine Hoffnung für seine Genesung mehr hegt?«
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»Es muß Jeder einmal sterben,« erwiederte sein Gesellschafter gleichgiltig, indem er fortfuhr, die Straße hinauf zu starren.
»Man sagt, er sei ein Mann noch in seinen besten Jahren,« fuhr der Andere fort. »Es muß schlimm sein zu sterben, wenn man so reich ist, wie es von Sir David Dyce heißt!«
Ein »Hm!« war die bloße Antwort.
»Wie alt mag der Nabob doch jetzt sein!« wiederholte der junge Mann beharrlich seine Frage.
»Er ist dreiundvierzig Jahr. - Warum nennen Sie Sir David den Nabob!«
»Ei mein Gott, ist er es denn nicht? Das Bureau meines Herrn befindet sich zwar nicht in dieser Stadtgegend, und es ist das, erste Mal, daß wir einen Act für ihn vollziehen; indeß wer hatte in ganz London nicht von Sir David Ochterlony Dyce Sombre sprechen hören und von seinen unglücklichen Schicksalen, wie von seinen großen indischen Reichthümern. Sind Sie schon lange in seinem Dienst, wenn ich fragen darf?« fügte der Schreiber hinzu.
»Sie scheinen sehr neugierig, Master So und So,« erwiederte ärgerlich der Diener. »Wenn Sie so genau mit dem Stadtgeklatsch vertraut sind, statt sich um Ihre Schreibereien zu kümmern, so werden Sie auch wissen, daß Sir David erst seit drei Jahren sich wieder in England befindet.«
»Es ist wahr, ich erinnere mich, in einem Blatte gelesen zu haben, daß er nach seiner Flucht aus Bedlam1 vier Jahre lang durch ganz Europa gereist ist, um sich von allen berühmten Aerzten untersuchen und sich Zeugnisse seiner geistigen Gesundheit geben zu lassen. Darf ich Sie wohl noch fragen, ob Lady Marie wieder mit ihrem Gatten ausgesöhnt und bei ihm ist? So schön Ihr Haus auch scheint, so muß ich Ihnen gestehen, hätte ich mir doch ein weit prächtigeres Bild von dem Haushalt eines indischen Nabobs gemacht.«
Die Neugierde des kleinen Schreibers schien seinen phlegmatischen Gefährten eben zu einem Ausbruch heftigen Unwillens gereizt zu haben, und dieser wandte sich ärgerlich gegen ihn, als
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das Hinzukommen einer dritten Person aus dem Innern des Hauses den Zorn des Bedienten von dem jungen Menschen ab und zugleich alle Neugier des Letztern auf sich wandte.
Der Hinzutretende war ein großer, vielleicht fünfzig Jahre zählender Mann, dessen dunkle, fast in's Grünliche spielende Broncefarbe sofort seine indische Heimath verrieth, auch wenn es die reiche Kleidung nicht gethan. Ein gelbseidenes Tuch wand sich um seinen kahl geschornen Kopf, ein Kaftan von blauem Seidenzeug, in der Mitte von einem buntgewirkten Shawl zusammengehalten, aus dem der dunkle Stahlgriff eines malayischen Dolches hervorsah, zeichnete seinen ziemlich schmalen, aber anscheinend äußerst muskelkräftigen Körperbau ab, und reichte bis zur Hälfte der Schenkel. Sein weißes faltenreiches Beinkleid fiel bis über die Kniee und ließ von dort die dunkle Farbe der nackten Beine sehen, während die Füße bis über die Knöchel hinauf in strumpfartigen gelben Lederstiefeln steckten.
Ein grauer dichter Bart bedeckte Wangen, Kinn und Oberlippe des Indiers, wohl eine Handlänge auf die Brust herabhängend, so daß kaum die dünnen Lippen des Mundes sichtbar blieben. Seine Nase sprang kühn aus dem schmalen, an den Backenknochen aber breiten Gesicht unter einer niedern Stirn hervor; die Augen unter buschigen Brauen schienen, wenn sie sich auf einen Gegenstand hefteten, bei allem lodernden Feuer in ihnen, eine starre Unbeweglichkeit zu haben. Er gehörte offenbar einem der kriegerischeren Völker, wahrscheinlich dem Maharattenstamm an, und sein Gesicht, an und für sich schon finster und streng, zeigte in diesem Augenblick noch den Ausdruck des Kummers und Schmerzes.
Der Indier war mit leichten, unhörbaren Schritten die teppichbelegte Treppe herabgekommen, so daß er ganz unerwartet zwischen den Beiden stand. Sein dunkles Auge wandte sich zuerst suchend rechts und links und dann auf den Bedienten.
»Wo ist der Ferash John, Dein Gefährte?« fragte er in leicht gebrochenem Englisch. »Du weißt, daß Radschah David streng befohlen hat, daß keiner seiner Seis2 heute das Haus verlassen soll.«
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Der träge Schlingel schien einigermaßen verwirrt, antwortete aber dann: »Was weiß ich, ich habe John nichts zu befehlen, er ist vielleicht nach dem Square gegangen, um zu sehen, wo der Doctor bleibt.«
Der Indier sah ihn scharf und drohend an. »Hüte Dich!« sagte er ernst, »Du weißt, daß Tukallah wachsam ist. Wenn der Arzt kommt, so benachrichtige mich. Ist dieser Dschuckarah3 der Ferash des Mirza, der bei dem Sahib4 ist?«
Er hatte sich mit der letzten Frage nach dem kleinen Schreiber gewandt, der ihn mit offnem Munde anstarrte, ohne die ihm fremden Ausdrücke zu verstehen.
»Ich meine, ob Du der Diener des Mannes bist, der für das Gesetz schreibt!«
Der junge Mensch begriff. »Wenn Ihr fragt, Sir, ob ich der Secretair des gelehrten Doctor Duncombe, Notar und Anwalt am Hohen Kanzleihofe, bin, so ist es richtig. Mein Name ist Tom Malwinkle, und ich habe die Ehre ...«
Der Indier unterbrach ihn unwillig mit einer Handbewegung und sagte: »Komm!«
Er schritt dem jungen Mann voran die Treppe hinauf, ihn bedeutend, so wenig Geräusch als möglich zu machen.
James, der Diener, blieb allein am Eingang der Thür zurück, verdrossen vor sich hinmurmelnd: »ich wollte, ich könnte dem gelben Hunde einmal zeigen, was ein geborner Engländer einem solchen ungläubigen Schuft gegenüber zu bedeuten hat. Aber Geduld, ich meine, es hat bald ausgespielt. Wenn nur John zurückkommt, der Doctor hat mir's auf die Seele gebunden, ihm Nachricht zu geben, wenn sich etwas Ungewöhnliches ereignet, und der Besuch des Advokaten ... ah, da ist er selbst.«
Ein Kabriolet rollte über den Square daher und hielt vor dem Gitter. Ein stattlich aussehender Herr mit weißem Toupé, rothem Gesicht und einem ziemlich starkem Embonpoint stieg heraus. Er trug jenen unverwischbaren Typus gelehrter Ruhe und Selbstbewußtseins, den fast alle Aerzte der Welt zeigen, die durch ihre Kunst sich Ruf und Vermögen erworben haben. Die schwarze
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Kleidung, die feine Wäsche, der große Solitair am kleinen Finger seiner linken fleischigen Hand und das schöne indische Rohr mit dem Goldknopf waren die Attribute, die bewiesen, daß der gelehrte Doctor Jennys sein Glück in der vornehmen Welt gemacht hatte und sich eines großen Rufes erfreute.
Der träge Bediente ging dem Arzt zwei Stufen der Treppe mit einer tiefen Verbeugung entgegen und geleitete ihn zur Thür, unter welcher der Doctor stehen blieb.
»Nichts Neues, James? Wie geht es Deinem Herrn? - ich war verhindert, ihn gestern Nachmittag zu besuchen.«
»O Sir,« sagte der Diener - »Sie haben also meinen Brief durch die Penny-Post nicht erhalten!«
»Welchen Brief? - ich mußte heute Morgen zeitig zu Lady Windham, um zum ersten Mal einen Versuch mit Chloroform bei ihrer Entbindung zu machen. Geschwind, ist etwas Wichtiges vorgefallen? Warum kamst Du nicht selbst!«
»Es war unmöglich, Sir. Dieser gelbe Teufel scheint Mißtrauen gegen uns gefaßt zu haben und beobachtet unsere Gänge. Das Befinden Sir David Dyce's war unverändert, und er fragte nur mehrmals, ob keine Briefe vom Kapitän Ochterlony aus Dublin angekommen wären. Gegen Abend aber erschien ein Besuch, der sich nicht abweisen ließ; da der Indier gerade dazu kam, so gelangte er bis in's Krankenzimmer und blieb wohl zwei Stunden lang bei dem Herrn. Nachher war dieser sichtlich aufgeregt, verbot aber, Sie zu beunruhigen.«
»Wer war der Besuch? Doch nicht Mistreß Troup oder ihr Mann!«
»Nein, Sir, - es war ein Fremder, ein Ausländer, den ich noch nicht gesehen. Ein junger Mann noch; hier ist seine Karte, die ich wegstibitzt. Der Herr schien ihn erwartet und große Freude zu haben, ihn zu sehen.«
Der Doctor nahm die Karte und las:
Friedrich Walding,
Doctor der Medicin und der Naturwissenschaften.
»Ein deutscher Gelehrter, offenbar eine Bekanntschaft von den letzten Reisen auf dem Kontinent. Ist das Alles, James!«
»Nein, Sir! das Wichtigste kommt noch. Heute Morgen
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ist der Fremde wiedergekommen und hat einen Notar von Doctor Commons mitgebracht, Master Duncombe, ich erfuhr es von dem Schreiber, den sie eben hinaufgeholt. Der Notar befindet sich seit länger als einer Stunde oben.«
Eine grobe Verwünschung entfuhr dem Munde des Doctors. »Alle Teufel - das hat ganz das Ansehn eines bösen Streiches, und ich muß eilen, ihm vorzubeugen.« Er warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt seines Taschenbuchs, faltete dieses und gab es dem Diener. »Trage dies sogleich zu Lord St. Paul, James; er oder Lady Mary mögen es lesen. Du hast doch hoffentlich noch Niemand von der Sache Nachricht gegeben!«
»Auf meine Ehre nicht, Sir! Sie bezahlen mich, und ich diene Ihnen allein. Aber ich darf nicht fort - John ist nicht zu Hause.«
»Ich sehe,« sagte Doctor Jennys unwillig, »die Baronin Savelli ist besser bedient, als ich. Du bist ein herzlich einfältiger Schurke, Master James, und wenn Du nicht irgend ein Mittel findest, dies Billet binnen zehn Minuten in die Hände des Marquis St. Paul oder Deiner rechtmäßigen Herrin zu bringen, so ziehe ich meine Hand von Dir.«
Damit sprang er mit einer für sein Embonpoint ganz außergewöhnlichen Heftigkeit die Treppe hinauf, durchschritt einen kurzen Corridor, auf den Cocos-Matten des Fußbodens sorgfältig alles Geräusch seiner Schritte unterdrückend, und schob vorsichtig den Teppich vor dem Eingang eines Vorzimmers zurück. Es war leer - die Thür dem Eingang gegenüber geschlossen - und der Doctor näherte sich ihr mit vorgebeugtem Haupt.
Wir müssen mit dem Leser zuvor in das Gemach treten, an dessen Thür der Arzt stehen geblieben.
Es war das Krankenzimmer des Sir David Ochterlony Dyce Sombre, den der kleine Advokatenschreiber den indischen Nabob genannt.
Das Zimmer war von dem halben Licht beleuchtet, das die geschlossenen Jalousieen von Außen durch ihre Spalten eindringen ließen und das die Gazevorhänge noch mehr verminderten. Ein auf dem Tisch in der Mitte stehender silberner Armleuchter trug drei brennende Wachskerzen, deren Schein das Halblicht noch
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empfindlicher machte, so daß das Auge der Eintretenden sich erst nach einigen Augenblicken vollständig zu orientiren vermochte. An der der Eingangsthür gegenüber liegenden Wand stand ein niederes, von Mousselinvorhängen umgebenes Bett, mit rothseidenen Decken, aus denen, den Kopf auf den Arm gestützt, der Kranke hervorsah. Sir David Dyce, 1808 in Sirdhana im obern Indien geboren, war von mütterlicher Seite der Enkel des General Sombre, der sich mit einer Begum, der Wittwe eines indischen Fürsten, die er vom Feuertode gerettet, verheirathet hatte, und von der er auch den Namen trug. Die Tochter des Generals und der Begum, Juliane,5 heirathete den Obersten Dyce, einen Muselman, der Offizier in der Leibwache der Begum war; Sir David und angeblich zwei Töchter waren die Frucht dieser Ehe. - Tiefe Züge des Leidens lagen auf dem Antlitz des Nabobs, das ganz jene Sanftmuth und Gutmüthigkeit seiner Großmutter geerbt hatte, welche die meisten Hindu's auszeichnet. Die großen gazellenartigen Augen schienen durch die vollständige Abmagerung des Körpers noch erweitert, und nur aus der höhern und kräftiger nach europäischem Typus gewölbten Stirn ließ sich auf eine verborgene Geisteskraft und Beharrlichkeit schließen.
Zu den Füßen seines Lagers stand, die Arme über die Brust gekreuzt, unbeweglich Tukallah, während an der Seite des Kranken ein Mann von etwa 28-30 Jahren saß, das ernste, ausdrucksvolle Gesicht von einem kurzen runden Bart umschattet.
Am Tisch, auf dem die Kerzen standen, saß ein älterer Herr und schrieb. Sein Gesicht war eine jener knochigen englischen Physiognomien, die eine unbeugsame Willenskraft anzeigen. Es war der Notar Duncombe, ein Mann, der in dem Ruf großer Thätigkeit und unbestechlicher Redlichkeit stand. Das Gemach, in dem sich diese Gesellschaft befand, zeigte eine halb europäische, halb orientalische Ausstattung; an den mit Stoffen tapezirten Wänden befanden sich leichte chinesische Möbel von Bambusrohr, Decorationen von indischen Waffen, und an einer Stelle zwei lebensgroße Bilder, das eine einen ältern stattlichen Offizier in
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veralteter Uniform, das andere eine Frau in weißen wallenden Schleiern und Gewändern darstellend - den General Sombre und die Begum Nushana, die Großeltern des Kranken.
Master Duncombe schloß eben das Schriftstück und wandte sich zu diesem. »Erlauben Sie mir, einige Fragen an Sie zu richten, Sir David,« sagte er. »Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß unser Geschäft seine Schwierigkeiten hat, und der glückliche Ausgang ganz von unserer Vorsicht in diesem Augenblick abhangt. Unsere Gesetze lassen in Beziehung auf die Testamentsniedersetzungen leider der juristischen Kasuistik vollen Spielraum. Es ist schlimm genug, daß es damals nicht gelungen ist, bei dem Kanzleihof die Acte kassiren zu lassen, welche die Disposition über Ihr Vermögen Ihnen entzogen.«
»Man begnügte sich, mein Recht, frei zu sein, anzuerkennen,« sagte der Kranke bitter, »weil man die Freiheit mir nicht mehr nehmen konnte. An schmachvollen Anträgen an die französische Regierung, mich auszuliefern, um nach Bedlam zurückgebracht zu werden, hat es die britische Gesandtschaft in Paris nicht fehlen lassen. Aber wenn England zu seinen Bergen von Schmach und Unterdrückung gegen mein Volk auch noch die auf sich lud, zum Vortheil eines lüderlichen Weibes und ihres intriganten Vaters - weil sie zum bevorzugten Stande des Landes gehörten - den Mann, der die Entehrung seines Namens, die Vergeudung seines Vermögens nicht dulden wollte, zum Wahnsinnigen zu stempeln und ihn seiner Habe zu berauben - so hatte Frankreich Ehre genug, den Fremdling zu schützen und sein Leben wenigstens zu retten.«6
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Er sank erschöpft in die Kissen zurück, der deutsche Arzt an seiner Seite suchte ihn zu beruhigen und reichte ihm einen Trank.
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»Ich bitte Sie, Sir David, sich nicht aufzuregen,« fuhr der Advokat fort - »Sie haben dadurch schon früher Ihren Gegnern Waffen in die Hände gegeben, und es ist jetzt nur unsere Aufgabe, das Geschehene so viel als möglich zu redressiren und Ihren Absichten wenigstens zum Theil Geltung zu verschaffen. Das Vermögen der Generalin Sombre, Ihrer Großmutter, ist auf Sie rechtlich übergegangen!«
Der Kranke hatte sich durch den Trank, den ihm der Freund gereicht, erholt, er fühlte die Nothwendigkeit voller Ruhe. »Das Testament liegt bei den Behörden in Calcutta. Meine Großmutter hinterließ meiner Schwester Anna Mary ein Legat von 8000 Pfd. Sterl. und ein gleiches von 5000 Pfd. der Baronin Savelli.«
»Ihre zweite Schwester!«
»Nein, Herr - sie ist nur die Tochter meines Vaters, nicht meiner Mutter. Die Oberstin Dyce betheuerte es mir auf ihrem Sterbebett, obschon die Begum, meine Großmutter, uns alle Drei adoptirte. Das ganze andere Vermögen fiel mir zu. Ich war im Besitz von sechsmalhunderttausend Pfund außer dem, was ich in Indien an Gütern und Juwelen zurückließ, als ich im Jahre 1838 in dieses Land kam und nach zwei Jahren so thöricht war, in die Schlingen eines herzlosen Weibes zu fallen.«
»Sie setzten in Ihrem Ehekontrakt Ihre Gattin zu Ihrer Erbin ein, wie sie behauptet!«
»Das that ich nicht, Herr. Ich verpflichtete mich, für 130,000 Pfund Grundstücke in England zu kaufen, von denen meine Wittwe den lebenslänglichen Nießbrauch haben sollte. Ich erstand sie in Irland. Als ich im Jahre 1849 vor drei ärztlichen Zeugen hier in London mein Testament machte, bestimmte ich
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daß, außer den Legaten für meine Diener, meine Schwester, Mrs. Troup, 20,000 Rupien erhalten, der Ueberrest meines hiesigen Vermögens aber, mit dem Grundbesitz in Indien, nach dem Willen meiner Großmutter, zur Stiftung einer Universität in Indien verwendet werden sollte.«
»Wer waren die Herren, die damals Ihre Testirung als Zeugen unterzeichneten!«
»Doctor Jennys, mein Hausarzt, mit seinen Kollegen Freson und Witchdaller vom Kings-Colleg, so wie mein Freund, der Kapitän Ochterlony, den ich zum Testamentsvollstrecker ernannt hatte.«
»Die Unterschrift des Doktor Jennys würde uns auch jetzt von großem Vortheil, ja unbedingt nöthig sein,« sagte der Advokat. »Ich hoffte ihn hier zu treffen.«
»Er kommt jeden Vormittag. Sieh' zu, Tukallah, ob der Doctor schon nachgefragt.«
Der indische Diener legte die Hand auf die Brust und wandte sich zur Thür.
»Versteht der Mann Englisch!«
»Vollkommen, Sir.«
»Dann will ich Sie bitten, meinen Schreiber, den ich an der Thür zurückgelassen, mit herauszubringen. Das Gesetz schreibt zwei Zeugen vor.«
Während der Abwesenheit des Dieners setzte der Advokat seine Arbeit fort. Im Verlaufe des nachfolgenden Gesprächs kehrte der Indier mit dem Schreiber zurück, der auf einen Wink seines Herrn an der Thüre Platz nahm.
»Ich kann Ihnen nur sagen, Sir David,« nahm der Notar wieder das Wort, »daß die Angelegenheit ihre großen Schwierigkeiten hat. Ihre Gegner sind gewandt und zahlreich, der Hauptnachtheil bleibt der Umstand, daß die Dispositions-Entziehung über Ihr Vermögen nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Prozeß wird jedenfalls die Folge sein.«
»Verdammniß über die Gesetze, die zu solchem Raube helfen!«
»Ruhig, Herr - wir bessern damit Nichts. Was geschehen kann auf dem Wege des Rechts, Ihren Verwandten die Beute zu entreißen, soll geschehen, doch - ich wiederhole es - das Schicksal
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Ihres Vermögens in England ist sehr zweifelhaft, um so mehr als - -«
»Sprechen Sie aus, - es muß sowohl im Interesse der Regierung als auch der Ostindischen Compagnie liegen, daß mein und meiner Großmutter Wille vollzogen wird!«
»Das, Sir,« meinte achselzuckend mit leiserer Stimme der Advokat, »ist es eben, was ich gleichfalls bezweifle. Ich glaube nicht, daß die Herren in Leadenhall7 so sehr wünschen, durch eine Universität, sei sie auch so herzlich schlecht wie die unseren, die Aufklärung Ihrer Landsleute zu befördern.«
»Aber Ihr Vaterland, Sir, England,« sagte der deutsche Arzt, »nennt sich die Nation der Freiheit und Aufklärung, sie vertritt die Rechte der unterdrückten Völker, sie trägt die Civilisation bis an die Enden des Erdballs - -«
Der alte Advokat lächelte vor sich hin. »Waren Sie je in einer unserer Colonieen, Sir?«
»Nein!«
»Und wie lange sind Sie in England, wenn ich fragen darf?«
»Seit drei Tagen. Ich lebte seit dem Jahr 1849 in Paris.«
»So erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß wenn Sie erst länger in diesem gesegneten Lande sich befunden haben werden, und wirklich das Testament Ihres Freundes in Indien vollstrecken helfen sollten, Sie bald eine andere Ansicht bekommen werden. Indeß, dergleichen Meinungen gehören jetzt nicht hierher. Hier ist zunächst das Dokument, wodurch Sir David Dyce die Giltigkeit der in seinem Testament über sein Vermögen in England getroffenen Verfügungen nochmals und im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte anerkennt, und außer dem Kapitän Ochterlony auch den hier gegenwärtigen Herrn, Doctor Walding, zu seinem Testamentsvollstrecker ernennt.«
Er verlas das Dokument, das der Kranke mit fester Hand unterzeichnete.
»Das Zweite ist die Uebertragung des sämmtlichen Grundbesitzes des Sir David Ochterlony Dyce Sombre in Indien,
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sowohl im Gebiet der Compagnie, wie in den Schutzländern, an seinen Verwandten, Nena Sahib, den Vetter und Adoptivsohn des Peischwa Bazie-Rû, lebend zu Bithur in Audh, mit der Bedingung, dem Kapitän Ochterlony und dem Doctor Walding jährlich zehntausend Rupien zur Betreibung des Prozesses in England zu zahlen, und ihnen die in einem von dem Erblasser eigenhändig gefertigten und an benannten Nena Sahib adressirten Schreiben aufgeführten Kostbarkeiten und Dokumente auszuhändigen. Diese Verfügung über das Vermögen in Indien ist vor dem Notar Dubois in Paris, in Gegenwart der nöthigen Zeugen, bereits am 10. August 1850 ausgefertigt, und soll gleichfalls hier blos nochmals anerkannt werden.«
Sir David hatte sich in dem Bett emporgerichtet und zog aus den Kissen ein versiegeltes Papier hervor. »Dies ist das in dem Dokument erwähnte Schreiben,« sagte er mit fester Stimme. »Ich bitte Sie, auf dem Couvert durch einen Vermerk und die Beidrückung Ihres Siegels meine Unterschrift anzuerkennen, ehe ich darüber verfüge.« - - -
Doctor Jennys, das Ohr an die Thür im Vorgemach geneigt, hatte deutlich diese Worte gehört. Er konnte aus der darauf folgenden Pause entnehmen, daß der Notar die Unterschrift legalisirte, und hatte bei seiner angestrengten Aufmerksamkeit auf die Vorgänge im Innern gänzlich überhört, wie zwei Personen in das Zimmer getreten waren.
Erst die Worte: »Ei - der gelehrte Doctor Jennys spielt den Horcher!« - schreckten ihn unangenehm empor.
Hinter ihm standen eine Dame und ein Herr; die Dame, eine Frau von etwa 34 Jahren, aber ausgezeichnet durch das jugendlich glühende Feuer ihrer dunklen Augen, die hohe schlanke Figur und den fremden heißblütigen Typus, der über der ganzen Gestalt lag; der Herr, ein alter Dandy von 50 Jahren, von allen Leidenschaften und Lastern der Gesellschaft ausgesogen, mit vornehm unverschämter Miene und einem Zug von List und Bosheit um die schlaffen Mundwinkel.
»Meine schöne Verwandte,« sagte der alte Stutzer mit einem Faunenlächeln und gedämpfter Stimme, »wird ein Bischen Horchen
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unserm lieben Freunde nicht zum Vorwurf machen, wenn es uns Beiden zu Statten kommen dürfte.«
Die Lady machte eine ungeduldige Bewegung. »Der Herr da ist nicht mein Spion, sondern der Ihre,« sagte sie stolz, »wie ich es längst gedacht habe.«
Der Arzt, der seine augenblickliche Verlegenheit überwunden, winkte Schweigen und Vorsicht. »Wissen Sie, um was es sich handelt!«
»Irgend eine neue Verkehrtheit meines Bruders.«
»Er ist beschäftigt, sein Testament nochmals zu verificiren.«
»Thörichte Mühe,« sagte der Herr. »Lady Mary Jarving, seine Gemahlin, meine Tochter, ist durch den Heiraths-Kontrakt gesichert.«
»Warum befinden sich Eure Herrlichkeit dann also hier?« fragte spöttisch die Dame.
»Keinen Zwist, Mylord« - bat der Doctor. »Sir David Dyce hat eine zweite Verfügung über sein Vermögen in Indien zu Paris getroffen, die demnach nicht unter unsere Gesetze fällt, und ist eben im Begriff, die Vollmacht zur Empfangnahme seiner Kostbarkeiten und gewisser, wahrscheinlich auch Ihrer Sache höchst gefährlicher Dokumente auszustellen.«
Die Gesellschaft war während dieser kurzen Erörterung einige Schritte von der Thür fortgetreten.
»Wir müssen ihn daran hindern, oder zum mindesten die Vollmacht unschädlich machen,« sagte die Lady entschlossen, indem sie nach der Thür ging, an der bereits Doctor Jennys wieder horchte.
Indem sie so nahe dem Krankenzimmer standen, konnten alle Drei deutlich hören, wie der Kranke mit lauter, fester Stimme sagte: »Hier ist es - bewahrt es wohl. Es vermag alle ihre Intriguen zu Schanden zu machen!«
Die Lady faßte den Drücker der Thür und wollte sie aufstoßen.
Die Thür war von Innen verschlossen.
Alle fühlten, daß diese Verzögerung von der größten Wichtigkeit sein konnte, und der Doctor klopfte, um jeder Unvorsichtigkeit der Dame zu begegnen, sofort drei Mal leise an und sagte: »Ich bin es, Doctor Jennys, und bitte um Einlaß.«
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Die Thür wurde auf einen Wink des Kranken augenblicklich von Tukallah geöffnet; als der Arzt und seine sehr unerwartete Begleitung jedoch in das Zimmer traten, ließ kein Zeichen entdecken, wer das wichtige Papier an sich genommen, und ob es sich unter denen befand, die der Notar eben in seine Mappe legte.
Der Hausarzt eilte sofort auf den Kranken zu. »Mein lieber Sir,« sagte er hastig, um jeder Frage zuvorzukommen, »Sie wissen doch, daß ich Ihnen jede Aufregung durch Geschäfte verboten habe. Mit Besorgniß habe ich von der Dienerschaft vernommen, daß Sie sich seit gestern wieder bedeutend unwohler fühlen.«
Der Indier antwortete ihm nicht. Seine Augen waren zornig auf die Beiden gerichtet, die dem Arzt gefolgt waren, und die Geberde, mit der er auf sie hinwies, während die Adern seiner Stirn wie von einer heftigen Erregung zu schwellen begannen, seine Nasenflügel zuckten und das Blut in sein abgezehrtes Gesicht trat, war eine drohende Frage, warum Jener sie mitgebracht.
»Ich traf den Marquis und die Frau Baronin leider schon an der Thür Ihres Hauses, bester Sir,« flüsterte der Doctor, »und es war unmöglich, sie zu hindern, hierher zu kommen. Aber ich beschwöre Sie, regen Sie sich nicht auf - es könnte die schlimmsten Folgen haben.«
Der Marquis St. Paul hatte sich dem Bett seines kranken Schwiegersohns genähert, gleich als lebten sie in den freundschaftlichsten Verhältnissen und als bestehe nicht der geringste Grund zu Haß und Feindschaft zwischen ihnen, während die Lady ohne Weiteres zu dem Tisch trat und von dort mit festen, hochmüthigen Blicken die Anwesenden maß.
»Mein theurer Sohn,« sprach heuchlerisch der Marquis, indem er des Kranken Hand zu fassen suchte, »warum ließen Sie uns nicht wissen, daß Ihr Zustand sich verschlimmert hat? Welche kleine Meinungsverschiedenheiten uns leider auch in der letzten Zeit entfremdet haben, Lady Mary, Ihre Gemahlin, würde gewiß mit Vergnügen ihrer Pflicht nachgekommen sein, hierher zu eilen und Sie zu pflegen.«
Der Kranke that sich sichtlich Gewalt an, indem er sich wegwandte ohne zu antworten. »Master Duncombe,« sagte er mit
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fester Stimme, »hier ist Doctor Jennys, dessen Anwesenheit Sie zur Vervollständigung der Unterschriften wünschten. Er bescheinigte meinen gesunden Menschenverstand bei der Niederschreibung meines Testaments, den dieser Herr dort zu läugnen beliebte, und ich hoffe, er wird auch jetzt noch so wenig daran zweifeln, daß er ohne Anstand noch ein Mal seine Unterschrift uns leiht.«
Der Doctor sah ziemlich verlegen aus, während der Notar das erste Dokument wieder aus seiner Mappe nahm und auf den Tisch zur Unterschrift zurechtlegte. »Ich habe nie einen Augenblick gezweifelt, liebster Sir,« sagte er endlich zögernd, »daß Sie in vollem Besitz Ihrer geistigen Kräfte sind, oder - wenn ja, einmal ein Schatten diese getrübt haben sollte - sie längst wieder erlangt haben, aber ich bitte Sie nur zu bedenken, daß Sie körperlich krank und schwach sind - - -«
»Wollen Sie Ihren Namen als Zeuge unter das Dokument setzen oder nicht, Doctor,« fragte der Kranke kurz und ungeduldig.
»Ich bitte Sie nochmals, werther Sir« - - - Der Doctor hatte sich zaudernd dem Tisch genähert - »ich weiß wirklich nicht - dieser Starrsinn -«
»Ihr Patient,« sagte der deutsche Arzt, »hat dies Dokument in vollkommen gesundem geistigen Zustand vollzogen, Sir. Ich bin selbst Arzt und habe es mit gutem Gewissen bescheinigt.«
Doctor Jennys hatte zögernd die Feder genommen, die ihm der Advokat reichte; seine Augen schienen bei dem Marquis und der Baronin Unterstützung zu suchen.
Die Letztere trat entschlossen vor und wies mit strenger Geberde den Zeugen zurück. »Ich verbiete Ihnen, irgend einem Act meines unglücklichen Bruders Ihre Unterschrift zu leihen. Sie sehen, daß er zu krank ist, um für sich selbst handeln und denken zu können, und daß fremde Personen seine Schwäche mißbrauchen.«
»In der That,« fügte der Marquis hinzu- »auch ich muß im Namen meiner Tochter, der Lady Dyce, gegen jede Handlung protestiren, welche die Interessen seiner Familie gefährden könnte. Ich mache diesen Herrn darauf aufmerksam, daß das Gesetz ihm verbietet, die Handlungen von Personen zu unterstützen, die das Gericht für dispositionsunfähig erklärt hat.«
Der Notar, an den die letzten Worte gerichtet waren, trat
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auf den Marquis zu. »Sie sollten sich erinnern, Herr,« sagte er streng, »daß Sie über die Zulässigkeit gewisser Acte eine sehr verschiedene Meinung hegen. Die Verschreibung von zehntausend Pfund, für die Sie Lady Jane, Ihre erste Gemahlin, an den Grafen von Rougemont verkauften, war schwerlich sehr gesetzlich.«
Der Marquis fuhr dunkelroth zurück; die Geschichte, die ihrer Zeit so vieles Aufsehn gemacht und den Beginn jener Reihe von pikanten Anekdoten gebildet hatte, welche das Leben seiner Gattin zur Chronique scandaleuse der englischen Aristokratie beigetragen, war zu bekannt, um geläugnet werden zu können. Ueberdies blieb ihm keine Zeit dazu, denn der Kranke brach in einen förmlichen Paroxismus von Wuth aus, den die beiden Aerzte vergeblich zu beruhigen suchten.
»Bin ich ein Sklave in meinem eigenen Hause!« schrie er. »Kommt Ihr hierher, mir zu trotzen und mich zu beschimpfen, nachdem Eure Geldgier mein Leben gestohlen und Ihr das Mark meiner Knochen vertrocknet habt mit Euren verfluchten Listen und Ränken? - Will dieser Bastard meines Vaters und einer niedrig gebornen Sklavin sich erfrechen, das Erbe der Begum von Somroo anzutasten, die Barmherzigkeit an ihm geübt!«
Die Lady trat ihm zornig näher. »Lügner - elender Lügner! Würde die Begum mich dann anerkannt haben!«
»Du weißt, daß ich die Wahrheit rede, Georga, aber Du hast den wilden Charakter unsers Vaters und warst immer unsre Feindin. Doch Du haßtest mich offen, wie ein Mann, und ich vergebe Dir um des Blutes willen, das in unser beider Adern rinnt. Aber Fluch dem Teufel dort an Deiner Seite, mit dem Du jetzt gemeinschaftliche Sache machst. Er hat mit tausendfach ärgeren Folterqualen meinen Geist gepeinigt, als womit seine gierigen Landsleute die Körper der Unseren zerfleischen. Seine Lügen sind es, die mich zu den Wahnsinnigen gesperrt, die meiner Habe mich beraubt und den Fürstensohn Indiens vergeblich um sein Recht an den Pforten der englischen Gerichtshöfe betteln ließen! Und das Alles um sich und ein buhlerisches trenloses Weib zu bereichern. - -«
Der Marquis hob die Hände in die Höhe. »Guter Gott, sein Wahnsinn kehrt wieder, er verkennt die beste, edelste Frau!«
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»Verächtlicher Heuchler,« schrie der Kranke, aus den Armen der beiden Aerzte sich losringend. »Bettlerischer Schurke, den ich mit meinem Golde genährt, - Du weißt, daß ich Deine Tochter selbst in der Nacht überraschte mit ihrem alten Liebhaber! Bei dem Gott der Christen, bei den verläugneten Göttern meiner Väter am heiligen Strom - es ist Wahrheit, Tukallah ist der Zeuge meiner Schmach und Du selbst wußtest darum!«
»Er rast!« unterbrach ihn der Marquis. »Sie hören es, meine Herren - es sind ganz die früheren Symptome! Ich verlange, daß eine Acte aufgenommen wird, Sie werden Ihr Zeugniß vor Gericht abgeben müssen, die Wahnsinnigkeits-Erklärung soll erneuert werden!«
»Wahnsinnig? - ja wahnsinnig, als ich dies Land betrat,« brüllte der Indier, dem blutiger Schaum vor den Mund trat - »wahnsinnig, als ich Deine Tochter heirathete! Verflucht sei sie und ihr ganzes bleiches, berechnendes Geschlecht in diesem Lande! verflucht dies Land selbst, wo das Geld regiert und die Rechte des Fremden mit Füßen getreten werden! verflucht sei dies Land, das Millionen friedlicher Menschen zu seinen Sklaven gemacht und mit dem Schutze der Menschenrechte prahlt! verflucht sei die Nation, die das Christenthum durch den Mund ihrer Missionare in alle Welt sendet und überall unter der Maske des Christenthums ihre habgierigen Klauen ausstreckt - verflucht - verflucht -«
Er endete nicht - ein dunkler Blutstrom schoß plötzlich aus seinem Munde und überfluthete das Bett. Mit einer zuckenden Bewegung der Hand nach dem Herzen sank der reiche Mann, der indische Nabob zurück - ein krampfhaftes Dehnen der Glieder - ein Rollen der Augen - - -
»Um Gotteswillen, er stirbt,« rief der deutsche Arzt, »diese unerhörte Aufregung hat ihn getödtet!«
Er faßte seinen Puls, er rieb seine Schläfe, während Doctor Jennys ihn Hirschhorngeist und andere belebende Mittel einathmen zu lassen versuchte - vergebens - das Leben war unwiederbringlich entflohen.
Der indische Diener warf sich an der Seite des Bettes nieder, leidenschaftliche Klagen und Verwünschungen in der heimatlichen
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Sprache strömten über seine Lippen, als er die kalte Hand des Gebieters daran drückte. Dann wandten sich seine Augen wie zwei Verderben sprühende Blitze aus die beiden Eingedrungenen, und die Faust an den Griff seines malayischen Krys gelegt, erhob er sich wie der Tiger zum Sprung auf seine Beute.
Aber eine Hand legte sich auf seinen Arm und hielt ihn zurück, während eine Stimme in seinen heimathlichen Lauten ernste Worte der Ermahnung zu ihm sprach. Es war der deutsche Gelehrte, von dem sie ausgingen. Der Indier biß die Zähne zusammen, ließ die Hand von dem Dolch und trat an den Fuß des Bettes zurück. Doch seine Augen, drohend und rachgierig unter den buschigen Brauen, verließen keinen Augenblick den Marquis und die Baronin.
Die Letztere war mit finsterer Miene, die Falten über der schönen Nasenwurzel zusammengezogen, die Blicke auf den todten Bruder gerichtet, schweigend an dem Tisch stehen geblieben, an den ihre Hand sich krampfhaft anklammerte. Einen Augenblick schien es, als wolle sie sich an das Lager des Sterbenden stürzen, Vergebung flehend, zur Versöhnung ihm die Hand reichend in jenem letzten schrecklichen Moment, vor dem aller Haß, aller Zwiespalt schwinden soll. Aber sie bezwang gewaltsam ihre Gefühle und nur die tiefe, geisterhafte Blässe ihres Gesichts zeigte den innern Antheil, den sie an der schrecklichen Entwickelung der Scene genommen.
Derjenige, welcher sie hauptsächlich hervorgerufen, der Schwiegervater des unglücklichen Nabob, zeigte die volle, niedrige Heuchelei seines intriganten Charakters. Er lief von einem der Aerzte händeringend zum andern, er flehte sie an, den Sterbenden zu retten, und versprach goldene Berge; sein Hilferuf brachte eilig die beiden Diener und eine Haushälterin, die einzigen Mitbewohner des Hauses, herbei, und er beschwor den Notar, der ernst und traurig dem Vorgang beiwohnte, ihm zu bezeugen, daß er keine Schuld habe an diesem plötzlichen Todesfall.
Der deutsche Arzt war nach einer nochmaligen sorgfältigen Untersuchung der Leiche der Erste, welcher die nothwendigen Folgen des Ereignisses in's Auge faßte. Sein Wink entfernte die Dienerschaft und er wandte sich hierauf zu dem Marquis und
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der Dame. »Das geschehene Unglück,« sagte er ernst, »ist nicht mehr zu ändern, und welche Schuld Sie daran tragen, mögen Sie mit Ihrem Gewissen ausmachen. Jetzt erlauben Sie mir nur noch die Bitte, Sie um Ihre Entfernung von hier zu ersuchen und die Ruhe des Todten nicht weiter zu stören. Ich werde für alles Nöthige sorgen.«
»Mit welchem Recht, Sir,« erwiederte Lady Savelli finster, »wagen Sie es, die Schwester aus dem Hause ihres Bruders zu weisen?«
»Sie sind uns fremd, Herr,« stimmte der Marquis bei, hastig alle Ausbrüche seines erheuchelten Schmerzes bei Seite setzend, wo es galt, die so plötzlich errungenen Vortheile zu vertheidigen. »An Ihnen ist es, sich zu entfernen. Lady Mary, die Gemahlin des Verstorbenen und seine Schwestern haben allein das Recht, die letzten Pflichten an dem lieben Todten zu üben und seine Habe gegen etwaige Anschläge zu schützen.«
»Sir,« rief der junge Mann mit Entrüstung, »ich mag Ihnen Allen persönlich unbekannt sein, aber dieser Herr hier wird mir bezeugen, daß Sir David Dyce mich mit der Vollstreckung seines letzten Willens beauftragt hat, und diese Pflicht werde ich, obschon ein Fremder in diesem Lande, erfüllen, bis der Mann zurückkehrt, der ein älteres und näheres Recht hat, hier einzuschreiten.«
»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Mylord,« sagte der Advokat, »daß Sir David Dyce allerdings wenige Minuten vor seinem Tode ein Dokument ausgestellt hat, das diesen Herrn zum Mitvollstrecker seines Willens ernennt.«
»Aber Sie wissen, daß mein Schwiegersohn schwachsinnig war, daß ihm die Dispositionsfähigkeit abgesprochen worden ist.«
»Das wird Sache eines Prozesses sein, Mylord. Sie mögen das Testament anfechten, vorläufig bleiben seine Bestimmungen in Kraft, und da durch den plötzlichen Tod des Testators die vorgeschriebene Niederlegung beim Kanzleihofe verhindert wird, erfordert der Gebrauch, daß ich das von mir vollzogene Dokument hier in dem Sterbezimmer zurücklasse und die Thüren unter Siegel lege, bis die Beamten des Gerichts es an Ort und Stelle in Empfang nehmen, was einer Deponirung gleich gilt.
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Ich fordere die sämmtlichen Anwesenden auf, diesem Akt als Zeugen beizuwohnen.«
Er legte das Portefeuille, in dem sich seine Papiere befanden, auf das Bett des Todten nieder.
»Ich werde unter keiner Bedingung dies Haus verlassen,« erklärte die Baronin kurz. »Es ist das Eigenthum meines Bruders, und wir sind die natürlichen Erben.«
»Mylady werden doch vielleicht einen andern Entschluß fassen müssen,« unterbrach sie eine fremde sonore Stimme von dem Eingang her. »Der Fall ist vorgesehen, und Lady Georga wird nicht gegen den Willen des Eigenthümers in einem fremden Hause verweilen wollen.«
Alle wandten sich nach der unerwarteten Unterbrechung.
»Ralph!«
»Capitain Ochterlony!«
Der erste Ruf kam von den Lippen der Baronin, in dem zweiten vereinigten sich die Stimmen des Marquis und des englischen Arztes.
Das Unterhausmitglied für Ballycastle im nördlichen Irland - die Grafschaft, die der Capitain seit drei Jahren in den Reihen der Opposition vertrat - verließ langsam seine Stelle an der Thür, verbeugte sich gegen die Lady und trat zu dem Todtenbett seines langjährigen Freundes und Schützlings.
Der Capitain war etwa zehn Jahre jünger als der Todte, jetzt also ein Vierziger, obschon sein wohlconservirtes, kräftiges Aeußere ihn kaum so alt erscheinen ließ. Er hatte eine majestätische, über der Brust breite Gestalt, wie man sie so oft bei seinen Landsleuten findet, welche die schönsten Soldaten abgeben, und in seinem von braunem, wirrgelocktem Haar, das noch keine Spur von Grau zeigte, und einem dunklen, wohlgepflegten Bart umgebenen, männlich schönen Gesicht zeigte sich für gewöhnlich gute Laune, Spott und Jovialität, wie die echten Irländer sie vor allen Völkern der Welt voraushaben. Nur die Bildung der Stirn verkündete unbeugsame Entschlossenheit, und einen kühnen, trotzigen Charakter, Züge, die in Verbindung mit dem durchdringend blitzenden Auge und der gutmüthigen, freundlichen und etwas sinnlichen Bildung des untern Gesichts nicht verfehlen konnten, ihm stets
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in Frauenherzen ein großes Interesse zu verschaffen. In dem ganzen Wesen des Capitains lag etwas Ritterliches, und der Gentleman war in jeder Bewegung unverkennbar. Capitain Ochterlony war damals durch seinen Spott und seine unbeugsame Zähigkeit einer der von der Ministerbank gefürchtetsten und gehaßtesten Gegner.
In diesem Augenblick war freilich der Ausdruck seiner Züge ein ganz anderer. Tiefe Trauer, ein aufrichtiger männlicher Schmerz prägten sich in jeder Linie seines schönen Gesichts aus, als er zu dem Lager schritt, das Tuch, mit dem einer der Aerzte das Gesicht des Todten bedeckt, aufhob und einen Kuß auf die bleiche kalte Stirn drückte. »Armer Freund,« sagte er traurig, »meine Eile, Dir noch einmal die Hand zu drücken vor Deinem Scheiden in das Jenseits, war vergeblich. Du Sohn einer heißen Sonne hast in dem kalten, herzlosen Norden nur Leiden und Verfolgung gefunden. Mögest Du nach dem Glauben Deiner Väter in glücklicheren Wandlungen Deinen Weg zum ewigen Licht fortsetzen. Dein Erbe und das Vermächtniß Deines Lebens aber soll mir heilig sein.«
Der Marquis hatte die erste unwillkürliche Scheu überwunden, die ihm der unerwartete Eintritt des Irländers verursacht, und betrachtete ihn mit Blicken boshaften Hasses. - »Wenn die Tirade,« sagte er mit Hohn, »die das Mitglied für Ballycastle uns so eben zum Besten gegeben, zur Einleitung einer Rede über die Grausamkeit der englischen Erbschaftsgesetze bestimmt ist, so wird sie gewiß nicht verfehlen, ihren Eindruck zu machen. Hier aber, in der Wohnung meines verstorbenen Schwiegersohns, verbitten wir uns alle Einmischung.«
Der Capitain sah ihn mit einem durchdringenden verächtlichen Blick an, ohne ihn für den Augenblick einer Antwort zu würdigen und wandte sich zu dem deutschen Arzt. »Sie sind Master Walding, wenn ich nach meinem Herzen und nach der Beschreibung unsers gemeinschaftlichen Freundes urtheilen darf!«
»Ja, Sir.«
»So seien Sie mir willkommen - wir werden Freunde sein, schon um des Geschiedenen willen. Sein letzter Brief, der nur von Ihrer erwarteten Ankunft sprach und mich an sein Krankenlager
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rufen sollte, kam mir leider zu spät in die Hände. Ich sehe hier Mr. Duncombe, einen unserer geachtetsten Notare, wollen Sie mir deshalb kurz mittheilen, was geschehen ist!«
Die Gleichgültigkeit und Nichtachtung, mit der er die Anwesenheit der anderen Personen behandelte, war zu augenscheinlich, um mißverstanden zu werden. Die schöne Frau, trotzig in ihrer frühern Stellung verharrend, wechselte jeden Augenblick die Farbe vor innerer Aufregung. Selbst der Unbefangenste hätte erkennen müssen, daß der Anblick des Capitains einen Sturm von Leidenschaften in ihrem hochbewegten Busen hervorgerufen, und es wußte mehr als Einer unter den Anwesenden, daß der Capitain einst zu ihren Bewunderern gehört hatte und von ihr leidenschaftlich geliebt worden war.
Während der Marquis sich flüsternd mit Doctor Jennys berieth, hatten der deutsche Arzt und der Advokat dem Capitain das Nöthige mitgetheilt und dieser wandte sich jetzt zu den Gegnern. »Das Testament meines verstorbenen Freundes vom Jahre 1849 ist durch Ihre Bemühungen, Mylord, ein so öffentliches Geheimniß geworden, daß ich seine Bestimmungen nicht näher zu erwähnen brauche. Sie wissen auch wahrscheinlich bereits, daß der Gatte Ihrer Tochter so eben vor seinem Tode eine zweite notarielle Anerkennung und Bestätigung dieses Testaments mit einem Codicill hat aufnehmen lassen, wodurch er diesen Herrn hier als Vollstrecker seines letzten Willens mir zugesellt, und Mr. Duncombe hat Ihnen gesagt, daß der Gebrauch fordert, dies Dokument hier versiegelt für die Gerichtspersonen niederzulegen, da es nicht bei Lebzeiten des Erblassers mehr beim Kanzleigericht deponirt werden konnte. Dies Haus, diese Wohnung, dies Zimmer, jedes Möbel, das Sie hier sehen, gehört mir! Die Nachfrage bei dem nächsten Polizeibüreau wird Sie von meinem Eigenthumsrecht überzeugen. Ich bin bereit, in Ihrer Gegenwart dies Zimmer zu versiegeln, aber ich muß Sie zugleich auffordern, mein Recht zu achten und dann sofort dies Haus zu verlassen.«
»Sie unterstehen sich, mich hinauszuweisen!«
»Noch mehr, Mylord - ich werde Sie durch diesen Mann da,« er wies auf Tukallah, »hinauswerfen lassen, wenn Sie nicht
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gutwillig gehen. Ich pflege mit Leuten Ihres Schlages nicht viel Umstände zu machen.«
»Gut, Sir,« sagte knirschend der Lord, »ich weiche der Gewalt, aber Sie sollen von mir hören und diese Beleidigung mir bezahlen.«
Der Capitain verbeugte sich spöttisch. Als er aufsah, stand die Baronin vor ihm - bleich - blitzenden Auges.
»Und Sie weisen mich gleichfalls fort - Sir - mich - die Schwester!«
»Mylady,« erwiederte der Irländer artig aber fest, »haben gehört, was das Gesetz erfordert. Mein Haus steht zu Ihrer Disposition, mit Ausnahme dieses Zimmers.«
Sie sah ihn mit flammenden Augen an, während ihre Hand sich auf seinen Arm legte und die zarten Finger wie Eisenfedern ihn drückten. »Ich muß Sie sprechen, Ralph - noch ein Mal! - heute noch!« zischte es kaum hörbar für ihn allein durch die zusammengepreßten Zähne.
»Sie thun mir Unrecht, Mylady,« sagte ruhig der Capitain, - »aber Sie haben zu befehlen. Ich werde gehorchen.«
»Wohl, Sir! - Sie haben den Schlüssel noch!« Die Worte waren leise wie der Athem.
»Ich besitze ihn.«
»Sie sollen das Weitere hören! - Kommen Sie, Mylord,« wandte sie sich laut zu dem Marquis, »dieser Herr dort wird auch ohne uns seine Siegel anlegen. Doctor Jennys möge unser Zeuge sein. Wir dürfen uns hier nicht weiteren Impertinenzen aussetzen.« Sie reichte dem Pair den Arm und rauschte mit ihm hinaus.
Auf einen Wink des Capitains verließen die Zurückgebliebenen sämmtlich das Zimmer, nachdem sich der Advokat überzeugt hatte, daß die zweite Thür, die in ein Nebengemach führte, von Innen durch einen starken Riegel verschlossen und das Portefeuille mit dem Testament auf dem Todtenbett zurückgeblieben war. Die Thür wurde hierauf sorgfältig verschlossen und der Notar legte zwei Mal sein Siegel an, dem Doctor Jennys auf Verlangen den Abdruck seines Siegelringes beifügte. Als dies geschehen, bat der Capitain den Advokaten, die nöthigen Anzeigen bei den
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Behörden auf das Schleunigste zu machen, verbeugte sich vor dem verlegenen Doctor Jennys, indem er die kalte Bemerkung hinzufügte, daß ihm das Honorar zugesandt werden solle, seine Besuche aber in diesem Hause künftig überflüssig wären und nahm den Arm des Deutschen mit der Einladung, ihn nach seinem Zimmer zu begleiten.
Nur Tukallah und die Haushälterin blieben in dem Vorgemach zurück.
Die Baronin und der Marquis waren schweigend die Treppe hinunter geschritten und erst auf der Schwelle der Thür sagte die Dame entschlossen: »Wir sind nie Freunde gewesen, Mylord, und werden es wahrscheinlich auch nicht werden. Indeß erfordert es die Nothwendigkeit und unser Vortheil, daß wir gegenwärtig gemeinschaftlich handeln und uns verbünden. Wollen Sie mich in meinem Wagen eine kurze Strecke begleiten, so können wir uns über die Maßregeln verständigen, die jeder von uns zu übernehmen hat.«
»Ich stehe zu Befehl, Mylady,« versicherte der alte Intrigant. »Indeß schlage ich vor, Doctor Jennys zu erwarten.«
»Es ist unnütz und gefährlich. Steigen Sie ein, Mylord.«
Der Marquis stieg in den Miethswagen, der die Baronin hergeführt und befahl seiner Equipage zu folgen. »Nach der Goswell-Street,« sagte die Baronin, und der Wagen rasselte der City zu.
Das Geräusch der Straßen mit ihrem tausendfältigen Leben verbarg die Unterhaltung der Beiden, gleich als hätten sie sich in das Innerste ihrer Gemächer abgeschlossen.
»Lassen Sie uns offen mit einander reden, Mylord,« begann die Dame, »Ihre wie meine Interessen stehen auf dem Spiel. Sind Sie im Stande, das erste Testament meines Bruders mit Erfolg zu bekämpfen und es kassiren zu lassen?«
Der Pair lächelte. »Glauben Sie denn, schöne Dame, daß wir die zwei Jahre unbenutzt haben verstreichen lassen. Das Gutachten der besten Rechtsgelehrten ist in unseren Händen - der Prozeß, wenn diese sogenannten Testamentsvollstrecker ihn wirklich erheben sollten, so gut wie gewonnen, indeß -«
»Nun!«
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»Lady Dyce, meine Tochter, muß sicher sein, daß ihr Antheil ihr nicht von den Forderungen der Geschwister geschmälert wird, wenn wir im Interesse dieser unsern Einfluß geltend machen sollen.«
»Hören Sie mich an, Mylord. Das Vermögen meines Bruders in Indien beläuft sich auf mindestens noch eben so viel als das in England Deponirte. Der Lady Mary ist bereits das Einkommen von 120,000 Pfund gesichert. Wenn wir mit Ihrer Hilfe - ich spreche im Namen meiner Schwester, die zu schwach ist, ihre eignen Interessen zu sichern - das Testament umstoßen, wollen wir Drei es gleichmäßig theilen. Eine halbe Million Pfund ist eine Sache, für die man etwas wagen muß. Kann die neue notarielle Bestätigung seines frühern Testaments die Entscheidung für uns verzögern oder verhindern?«
»Ich fürchte. Man hat die Zeit benutzt, neue ärztliche Gutachten zu sammeln. Dieser Teufel von Ochterlony wird nicht verfehlen, ein großes Geschrei zu erheben, wenn man ihm nicht auf irgend eine Weise den Hals brechen kann.«
»Es ist Ihre Sache, mit ihm fertig zu werden, Marquis. Doch das Codicill darf uns nicht beunruhigen. Gefährlicher ist das zweite Dokument, von dem uns Doctor Jennys erzählte. Sahen Sie, ob es der Advokat an sich genommen, oder wem es mein Bruder ausgehändigt!«
»Leider nicht!«
»Ist dieser Mann, der Notar, einer Ueberredung oder Bestechung zugänglich?«
»Nein! Sein Ruf ist zu fest begründet.«
Die Baronin lächelte verächtlich. »Ein Advokat und ehrlich! - Doch das hält uns zu lange auf. Es ist möglich, daß es sich noch unter den Papieren befindet, die man im Sterbezimmer deponirt hat. Sie müssen unter jeder Bedingung in unsere Hände kommen oder vernichtet werden.«
Der Lord wurde bleich, der Gedanke war ihm bei all seiner Schlechtigkeit noch nicht gekommen. »Aber wie, Mylady?«
»Bah - man brauchte blos das Haus heute Nacht anzuzünden! - Erschrecken Sie nicht, Mann, - ich glaube, wir können auf eine weniger auffallende Art dazu gelangen. Zwei Dinge
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sind nothwendig, die ich Ihnen überlassen muß. Haben Sie den Schreiber des Notars bemerkt, der bei unserm Eintritt im Zimmer anwesend war?«
»Ich glaube mich seiner zu erinnern.« Sie müssen ihn auf jeden Fall ermitteln. Er kann uns Auskunft geben, wenn das Document über das indische Vermögen nicht in dem deponirten Portefeuille sich befindet, wer es an sich genommen. Ich hörte deutlich die Worte meines Bruders, wie er es an Jemand gab.«
»Ich auch.«
»Sodann müssen Sie durch Ihre Verbindungen bewirken, daß das Kanzleigericht nicht eher als morgen Mittag den Nachlaß Davids aufnimmt.«
»Bei der sprüchwörtlichen Langsamkeit des Kanzleihofs ist dies ohnehin nicht zu befürchten.«
»Besser ist besser. Ein Douceur an die Unterbeamten wird jede beliebige Zögerung bewerkstelligen. Gut wäre, der Person des Fremden, den wir bei meinem Bruder fanden, einen Spion an die Fersen zu heften.«
»Es soll geschehen - nur glauben Sie mir, Capitain Ochterlony wird sich stark genug halten, uns offen zu trotzen.«
»Das ist sein Charakter. Wenn ich Ihnen weiter rathen darf, Mylord,« fuhr die Dame fort, »so machen Sie noch heute Ihren Freunden im Directorium der Ostindischen Compagnie Anzeige von dem Tode meines Bruders und seinen Plänen, und versichern Sie sich ihrer Unterstützung.«
»Glauben Sie mir, Mylady, die Compagnie denkt nicht daran, eine Hochschule für ihre getreuen Unterthanen aufkommen zu lassen.«
»Ich weiß es, und nun Mylord, haben Sie die Güte dem Kutscher zu sagen, daß er vor dem Hause des Herrn Hartmann Jonas dort unten halten soll.«
»Des Wucherers? - Wie, Mylady, auch Ihre Kundschaft genießt mein guter Freund? Ich glaubte, Hartmann Jonas wäre blos der Schutzengel ruinirter Herren von Adel, und der Herzog von Devonport zu galant, um seine schöne Freundin in Geldverlegenheiten zu lassen.«
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Die Baronin sah ihn kalt und hochmüthig an. »Wir sind zwar Verbündete in dieser Sache, Mylord,« sagte sie, »indeß giebt Ihnen dies kein Recht zu Bemerkungen über meine Bekanntschaften, Geld - Vermögen - ist mein Zweck wie der Ihre bei unserm Handeln. Indeß bemerken Sie wohl, ich vertheidige das Meine, mein Eigenthum, und werde dafür kämpfen wie der Tiger meiner Heimath, denn man hat mich meines Rechtes beraubt. Sie aber, Mylord, wollen sich nur mit fremdem Gut bereichern. Ich bedarf Ihres Beistandes, um zu meinem Ziel zu gelangen, deshalb willige ich in die Theilung, deshalb sind wir Freunde. Was mich in diesem Augenblick zu dem Wucherer führt, dessen Bekanntschaft ich gar nicht läugne, ist unser beiderseitiges Interesse. Lassen Sie halten, wir sind zur Stelle.«
Der Wagen hielt vor einem große[n], im Parterre mit prächtigen Läden versehenen Hause der Goswell-Street, unfern der Old-Street, und der Marquis half galant der Dame aussteigen und führte sie in den Hausflur bis an den Fuß der Treppe. »Wann seh' ich Mylady wieder?«
»Ich erwarte Sie morgen früh in meiner Wohnung in Mount-Street um eilf Uhr. Hier ist meine Karte. Ermitteln Sie heute noch Etwas durch den Schreiber oder über unsern Gegner, so lassen Sie mich es sogleich durch einige Zeilen wissen.«
Der Lord versprach es und kehrte zu seinem Tilbury zurück, während die Dame in das zweite Stockwerk hinaufstieg. Sie gab in einem Vorzimmer dem dort befindlichen Lakaien den Auftrag, sie zu melden mit dem Bemerken, daß sie Mr. Jonas nicht in Geschäfts- sondern in Privat-Angelegenheiten zu sprechen wünsche, und ward sogleich in ein mit übertriebenem Luxus ausgestattetes Besuchzimmer eingeführt.
Selbst der unerfahrene Blick mußte sofort erkennen, daß all diesem Glanz und Reichthum der Geschmack und die gebildete Wahl fehlten, und daß allein unverständiger Prunk die mechanische Dekoration des Tapezirers vermehrt. Schon die Ueberhäufung der Möbel aus dem kostbarsten Holz mit Vergoldungen, Emaillen und den schwersten Stoffbezügen; die geringe Harmonie der Farben und die Zusamenstellung von Gemälden der alten Schulen, denen eben nichts mangelte als die Originalität, mit wirklich
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werthvollen neuen Bildern deutscher und französischer Meister, die Ueberladung mit Statuetten und zierlichen Nippes, bewiesen, daß der Besitzer dieser Wohnung ein reicher Emporkömmling sein mußte. Lady Savelli hatte eben erst auf einer Bergére Platz genommen, ohne all der kostbaren Spielereien zu achten, die ihr bekannt schienen, als der Erwartete eintrat. -
Der Mann, den wir dem Leser vorführen müssen, gehört zu sehr zu den Anomalien der gegenwärtigen Gesellschaft, als daß wir ihm nicht einige Zeilen widmen sollten.
Hartmann Jonas, aus einer der durch Verbrechen berüchtigten jüdischen Gaunerfamilien in der Nachbarschaft der Hauptstadt, war bis in sein angehendes Mannesalter einer der gefährlichsten Diebe und Einbrecher Londons, dieser Metropole der Verbrecher-Genossenschaften, zu deren Höhlen wir später leider genöthigt sind, den Faden unserer Erzählung zu verfolgen. Nachdem er bereits häufig vor Gericht gestanden, durch Schlauheit und falsche Zeugnisse sich jedoch stets losgelogen hatte, war derselbe eines Einbruchs in eine öffentliche Kasse überwiesen und zu zehnjähriger Deportation verurtheilt worden. Sobald Jonas die Strafe bestanden, war er aus Sidney nach London zurückgekehrt, hatte mit dem nicht entdeckten Gewinn seines Raubes zuerst ein Hehlergeschäft begonnen, sich nach und nach von den berüchtigten Gliedern seiner Familie getrennt und durch wucherische Geldspekulationen sich ein bedeutendes Vermögen zusammengegaunert. Hartmann Jonas befaßte sich nur noch mit der vornehmsten Gesellschaft Londons. Er war der Schutzgeist liederlicher Minorennen, alter Roué's und verschwenderischer, leichtsinniger Weiber, die nicht blos zur Klasse der vornehmen Maitressen gehörten, sondern in der nobeln Gesellschaft selbst ihren Platz einnahmen. Grafen und Herzöge besuchten sein Kabinet; er kannte bis auf die entfernteste Vetterschaft die Aussichten jedes Erben und jedes jüngern Sohnes, und hatte den Ruf berühmter Familien in Händen. Seine Equipage war eine der glänzendsten im James-Park, und seine Unverschämtheit, mit der er sich an alle öffentlichen Orte drängte, sprichwörtlich. Wenn an solchen seine vornehmen Bekanntschaften sich auch hüteten, Notiz von ihm zu nehmen, und jeder, der einigermaßen auf seinen äußern Ruf hielt, sorgfältig seine Begegnung und seine zudringlichen
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Einladungen vermied, bewiesen dem genauern Beobachter doch gar oft ein Blick, ein Wink, ein flüchtiges Wort, wie mannigfach die Verbindungen des gefährlichen Wucherers waren, und wie sehr man ihn zu beleidigen scheute.
Der Eintretende begrüßte die schöne Indierin mit übertriebener Süßlichkeit. Er war ein Mann von etwa 45-48 Jahren, von kleiner gedrungener Gestalt mit hervortretendem Bauch, sehr elegant aber mit jüdischer Nachlässigkeit gekleidet, im blauen Frack mit blanken Knöpfen, aus dem Atelier von Stolz. Die unter den Manchetten fast verschwindenden Finger, deren rastloses Spiel den Bewegungen einer Spinne glich, waren mit kostbaren Solitairen bedeckt; der kahle Scheitel war mit einer äußerst künstlich gearbeiteten Tour geziert; neben der groß hervorspringenden, seine Abkunft unverkennbar zeigenden Nase blickten listig und begehrlich zwei schwarze Augen aus ziemlich tiefen, dunkel umränderten Höhlen, und die Falten um den breitgezogenen Mund lagen voll Lüsternheit und Wohlleben. Seine Sprache war geziert und suchte den Ausdruck der feineren Stände nachzuahmen, doch fiel sie namentlich im Geschäft häufig selbst bis zum jüdischen Spitzbuben-Jargon herunter.
Der Wucherer eilte auf die Dame zu, ergriff mit den Fingerspitzen ihre Hand und drückte einen zärtlichen Kuß auf den feinen Handschuh. »Auf Ehre, Mylady, ich fühle mich gewaltig glücklich, Sie bei mir zu sehen. Es ist grausam von Ihnen, Mylady, daß Sie so vernachlässigen Ihren getreuen Bewunderer. Ich erinnere mich, daß Sie sonst nicht pflegten zu sein so hartherzig. Aber die Damen von der vornehmen Welt sind veränderlich wie die Course an der Börse, auf Ehre!«
Die Baronin achtete nicht auf sein Geplauder, sondern sagte rasch und bestimmt: »Ich habe einen Dienst von Ihnen zu verlangen, Hartmann, sind wir hier allein und unbelauscht?«
Der Jude sah sie mit einem Faunenlächeln an und wies nach seinem Kabinet. »Lassen Sie uns in mein Geheimes gehen. Wir sollen dort nicht gestört werden, und wenn ganz London mir machen wollte die Aufwartung.« Während er an der Thüre seine Befehle gab, war die Lady in das Kabinet des Wucherers getreten.
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Es war mit Sammet von pompejanischem Roth ausgeschlagen, das die mattgelbe Farbe der Vorhänge und die Vergoldung der Deck- und Seitenleisten hob. In einer Ecke stand in einer grünen Nische die Marmorstatue der mediceischen Venus in halber Lebensgröße, einige üppige Gemälde hingen an der Wand, frivole Kupferstiche nebst den Abbildungen der berühmtesten Renner, Jockey's &c. umgaben seinen Schreibtisch, türkische Pfeifen mit edelsteinbesetzten Mundstücken, ein Paar Boxerhandschuhe nebst perlmutt-ausgelegten Scheibenpistolen, Reit- und Fahrpeitschen lagen auf den Boule-Möbeln umher, gleich als sollten sie die fashionabeln Beschäftigungen des Besitzers beweisen, wogegen ein massiver eiserner feuer- und diebsfester Schrank protestirte, der mit kolossalen Schrauben an Wand und Fußboden befestigt war. Eine große Unordnung und selbst Unsauberkeit herrschte unter den zahlreichen Papieren und all' den anderen Gegenständen. Der Wucherer war im Augenblick wieder an ihrer Seite. »Womit kann ich dienen, schönste Freundin? Sie wissen, Sie können Alles von mir verlangen, was ich thun kann. Brauchen Sie Geld? Es ist zwar rar in dem Augenblick, aber Sie gehen vor, die Anderen können warten. Mylady werden mir die goldenen Zinsen bezahlen mit 'n wenig Nachsicht für die Gefühle meines Herzens.« Er versuchte frech den Arm um die üppig schönen Formen der Dame zu legen und sie auf die breite Chaiselongue neben seinem Bureau niederzuziehen, doch sie stieß ihn ziemlich heftig zurück und ein bitterer Zug, wie von widerwilliger, verächtlicher Erinnerung, zog über ihr Gesicht. [Absatz] »Lassen Sie die Thorheiten, Hartmann,« sagte sie, »ich bin heute am wenigsten aufgelegt zu Galanterien und komme vom Sterbebett meines Bruders.«
»Soll mich Gott verdammen, wenn ich nicht höre mit Vergnügen, daß er ist befreit von seinen Leiden. Lassen Sie mich Ihnen gratuliren zu der Erbschaft. Er hat sich gezeigt gegen sie bei Lebzeit als ein Achsor.8
»Sie täuschen sich, Hartmann,« sagte die Lady höhnisch, »ich weiß jetzt ganz bestimmt, daß ich vollständig von meinem Bruder enterb[t] bin. Er hat sein Testament wiederholt.«
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Das rohe vergnügte Gesicht des Juden wurde plötzlich fahl, seine Züge lang und ein böser, falscher Blick schoß auf die Dame. »Goddam - ich würde sein ausgekluftet! Machen Sie keinen Spaß, Mylady wissen, wie hoch sich beläuft Ihr Conto!«
»Mit oder ohne Zinsen, Hartmann!«
»Ich hab' Ihnen vorgestreckt baare fünftausend Pfund!«
»Bah - ich bin ja verheirathet! Sie können sich nöthigenfalls an meinen Mann halten, den Baron Savelli!«
»Was thu' ich mit dem Baron - er ist 'n Lump, 'n Flüchtling aus seinem Land, wo er hat verloren Alles mit seiner schoflen Politik. Er ist 'n godler Balchof, 'n verschuldeter Mann, der sich rumtreibt mit Seinesgleichen in den Schänken und schlechten Häusern. Sie wissen's besser als ich. Ich gäb' nicht fünf Pfund für 'nen Wechsel von ihm von hundert!«
»Ich nicht zehn Shillinge,« sagte die Dame gelassen.
»Fünftausend Pfund!« jammerte der Wucherer. »Es ist 'n theures Gefühl! Aber Mylady, ich weiß, Sie haben Juwelen, Sie haben große, reiche Freunde, es kostet Sie 'n Wort an Seine Herrlichkeit den Herzog von Devontport und er bezahlt mir mein Geld bis auf den Sixpence und Sie haben wieder neuen Credit bei mir und wir bleiben Freunde.«
»Pfui, Hartmann,« sagte die Lady, »das also sind Ihre Gefühle für mich, das ist der Dank, daß ich mich in meinen eigenen Augen verächtlich gemacht habe, daß Sie jetzt um Ihr schmutziges Geld besorgt sind? Seien Sie ruhig, Mann, Sie sollen es haben!«
Der Wucherer küßte zum zweiten Mal umgewandelt ihre Hand und erschöpfte sich in Betheuerungen.
»Ich brauche Ihre Hilfe in einer andern Sache,« fuhr die Lady fort. »Ich habe nicht Zeit, lange Umschweife zu machen und gehe daher auf mein Ziel geraden Weges los. Sie waren einst Spitzbube und Einbrecher, Hartmann!«
»Mylady! ...« Das Gesicht des Mannes färbte sich dunkelroth.
»Keine unnütze Scham, Hartmann! Es haben Viele« - in ihren Worten klang eine bittere, melancholische Erinnerung wieder - »mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen! Sie haben sich
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längst von dem gemeinen Schmutz Ihrer Jugend emancipirt; aber man sagt, daß Sie für Ihre eignen Zwecke nicht ohne gewisse Verbindungen sind mit den Höhlen von Smiethfield. Können Sie mir die Adresse von einem Paar entschlossenen und geschickten Dieben und die Mittel geben, noch heute mit ihnen persönlich zu verhandeln!«
»Mylady - ich wiederhole Ihnen, Sie beleidigen mich, was denken Sie von mir!«
»Wollen Sie oder wollen Sie nicht? Ihre fünftausend Pfund stehen auf dem Spiel und - meine Dankbarkeit!«
Hartmann Jonas dachte einen Augenblick nach, seine Augen suchten mehrmals die der Dame wie prüfend, ob sie ihm eine Falle stellen wolle, endlich sagte er: »Wenn ich nur mindestens wüßte, was Sie bezwecken, Mylady!«
»Das ist unnöthig und würde gefährlich für Sie und mich sein. Ich wiederhole Ihnen, ich wünsche in irgend einer Angelegenheit die Bekanntschaft von einem Paar gewandter und zuverlässiger Diebe zu machen, die bereit sind, gegen eine gute Belohnung einen vielleicht ein wenig gefährlichen Streich auszuführen.«
»Wenn Sie mir nur wenigstens sagen könnten,« meinte der Wucherer zögernd, »was Sie brauchen, einen Schränker, Makkener oder einen Lump von Torfdrucker!«
»Ich verstehe Ihr Kauderwälsch nicht, Sie müssen sich deutlicher ausdrücken.«
»Ein Schränker,« belehrte das ehemalige Mitglied der würdigen Genossenschaften, »ist ein Mann, der gewaltsam einbricht des Nachts in die Häuser. Er ist ein Mensch von Courage und Geschicklichkeit und hat 'n Renommee. Die Makkener sind Bursche, die blos mit dem falschen Schlüssel stehlen, und die Torfdrucker sind die gemeinen Taschendiebe, obschon sie oft mehr Geschicklichkeit besitzen, als die Höchsten vom Handwerk.«
»Gut - die Lection genügt. Ich brauche ein Paar Einbrecher oder Schränker, wie Sie sie nennen; gewandt, aber entschlossen und jeder zufälligen Gefahr gewachsen.«
»Wenn Sie denn durchaus wollen, Mylady - lassen Sie uns sehen - aber so wahr ich ein Gentleman bin - ich habe
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Nichts mit den Leuten mehr zu thun, und es geschieht nur Ihnen zu Gefallen.«
»Zur Sache! zur Sache!« drängte die Indierin.
»Da wäre zuerst Tom Burker - der Kerl hat einen sehr bedeutenden Ruf und scheut den Aschmodai9 nicht - aber er ist jedem Konstabler in ganz London bekannt und wird gegenwärtig wegen Mordes verfolgt.«
»Das wäre zu gefährlich! Denken Sie an einen Andern.«
»Ich hab's, Mylady - Jack Slingsby, der schöne Jack, ist der Mann für Sie. Er ist ein halber Gentleman, jung und geschickt, und kein Schloß ist für ihn zu fest. Dabei hat er eine Faust, wie von Eisen - wie man mir erzählt hat. Er ist erst jüngst von jenseits des Wassers herüber gekommen und die Polizei hat noch keine Ahnung davon, daß er wieder in London ist. Er hat Gefährten in der Chawrusse10 genug zu jedem Streich.«
Der fashionable Gauner wurde immer vertraulicher in seinen Mittheilungen, nachdem das Eis gebrochen war.
»Aber wie kann ich mit ihm in Verbindung kommen? ich muß ihn selbst sprechen.«
»Das wird freilich schwer halten, Mylady, die Zeit ist kurz. Jack wird sich gut verborgen halten, und er ist der einzige Mensch, der Ihnen kann sagen wo!«
»Können Sie den Mann nicht befragen?«
»Soll mir Gott, Mylady, lassen Sie mich heraus aus der Geschichte - ich könnte verlieren meinen ganzen Ruf. Sie werden doch haben 'n vertrauten Menschen, der Courage hat? Schicken Sie ihn hin zu dem Ort, den ich Ihnen beschreiben will, und lassen Sie fragen nach Jack. Es muß jedoch geschehen bei Zeiten, sonst ist der Vogel ausgeflogen. Aber ich sage Ihnen, es wird dazu gehören ein muthiges Herz.«
»Geben Sie mir die Adresse, Hartmann.« Sie nahm ihr Notizbuch, doch der Wucherer legte eilig die Hand darauf. »Nichts schreiben, Mylady, - das Geschriebene bleibt - wenn Sie wollen notiren, Goddam, ich sage keinen Buchstaben. Merken Sie wohl
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auf und schreiben Sie's in Ihr Gedächtniß, wo Sie's auslöschen, wenn's hat gedient.«
»Sprechen Sie.«
»Kennen Sie den Stadttheil zwischen White-Chapel, New-Road und Goodmans-Fields?«
»Wenig genug. Es ist die verrufenste Gegend.«
»Es ist was gewesen vor Zeiten Whitefriars und die Münze, die einzige Zuflucht vieler Leute. Wenn man Goodmans-Fields passirt, rechts über die Lemon-Street und Church-Lane thut man kommen an Ellen-Street, von dort wendet man sich links, bis man zwei Gassen passirt hat. Die dritte ist ein Durchgang. Ein Kohlenmagazin ist daneben. Im Durchgang die erste Thür rechts ist das Wirthshaus zum »Blutigen Arm«. Einer von unseren Leuten hält es, Joël Löwenthal, der rothe Joël genannt, der allein kann Ihnen Auskunft geben über Jack Slingsby.«
Die Lady ließ sich die Lokalbeschreibung nochmals genau wiederholen. »Aber wie kann mein Bote das Vertrauen des Mannes erlangen? Wird er ihm glauben, wenn er blos sagt, daß er von Ihnen kommt!«
»Nein, Mylady,« sagte der Jude lächelnd, »der Mann, wenn er nicht ist sehr kühn und glücklich, würde schwerlich wieder zurück kommen über die Schwelle des Hauses. Was ich jetzt thu', thu' ich für kein Geld und nur für Sie in der Hoffnung, daß Sie mir werden vergüten mein Vertrauen mit einer zärtlichen Stunde. Hier« - er stellte sich mit dem Rücken gegen die Lady, so daß diese sein Thun nicht sehen konnte, drückte an einer Feder seines Bureaus und nahm aus dem aufspringenden geheimen Fach einen Gegenstand - »hier ist 'n Geldstück, das der Mann muß zeigen dem Wirth Joël. Wenn er es hat gesehen, wird er ihm helfen zu Allem, was er verlangt.«
Das Geldstück, das er der Lady reichte, war eine Krone vom Jahre 1789. Sie war an drei Stellen durchbohrt. Die Dame barg das Zeichen sorgfältig in ihrer Börse und reichte dem Wucherer die Hand.
»Ich danke Ihnen, Hartmann, und Ihr Vertrauen soll nicht unbelohnt bleiben. Jetzt leben Sie wohl, denn ich habe noch Vieles zu thun.«
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»Bin ich nicht werth einen Kuß von diesen reizenden Lippen,« sagte der Jude süßlich - »wollen Sie von mir scheiden, ohne mir zu geben ein Zeichen, daß wir wieder Freunde sein wie vorher? Machen Sie Ihren demüthigen Verehrer glücklich, reizende Baronin.« Er spitzte lüstern den Mund, doch die Dame schob den Zudringlichen abermals zurück. »Heute nicht, Hartmann, heute nicht! Ich sagte Ihnen, woher ich komme! Auf Wiedersehn!«
Im nächsten Augenblick war sie verschwunden.
Der Wucherer sah ihr nach. »Ein schönes Weib, ein stolzes Weib, ächt indisches Feuer! es ist ein großes Gefühl, zu sein der Nebenbuhler von Herzögen und Grafen. Freilich, Fünftausend Pfund ist ein schönes Geld. Aber ich möchte schwören auf den Talliss, ich werde nicht verlieren einen Sixpence, und wenn sie nicht kann bezahlen, werden's thun die Achuwim's.11
Wiedersehen! leichtes - rasch gesprochenes Wort! - Wo ist auf dieser Erde der Bürge für dich?
Babylon - Sardes - Rom - London.
Die Hand, die das Mene Tekel an die goldnen Wände Belsazars schrieb, - sie streckt sich bereits drohend über die Metropole des neuen Jahrtausends!
Das Gericht Gottes wandelt auf den Fersen der Völker! Wenn ihre Zeit gekommen der Verderbniß, des Uebermuths und des Stolzes, dann rollen die Lawinen der Weltgeschichte darüber her und zermalmen sie zu Staub, aus welchem sie emporgestiegen.
Kein Land der Welt, kein Staat, kein Volk hat eine so teuflische Vergangenheit in die Bücher der Geschichte eingetragen, als das englische. Seit tausend Jahren hat es siebenzehn Mal die Dynastien gewechselt, neun seiner Könige ermordet, einen und vier Königinnen hingerichtet, vier Herrscher abgesetzt! Sechs Kinder haben sich gegen ihre Väter auf dem Thron empört; zehn rechtmäßige Thronerben sind gemeuchelt worden; die Zahl der politischen Hinrichtungen seiner Ersten und Edelsten, seiner freiesten Geister ist nicht zu zählen, die Menge seiner Revolutionen und blutigen Bürgerkriege übersteigt die aller Völker des Erdballs; die Bartholomäusnacht, die sicilianische Vesper und die französische Revolution von 1789 haben in den Menschenschlächtereien aus politischem und religiösem Fanatismus, die dieses Land befleckt, ihre Sieger gefunden.
Es ist die Nation des krassesten Egoismus, der tyrannischen Unterdrückung und der brutalsten Heuchelei: jener Heuchelei, die
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unter dem Geschrei des Selbstlobes das fremde Recht mit Füßen tritt! jener Tyrannei, die Andere knechtet, um selbst zu herrschen! und jenes Egoismus, der nur das goldene Kalb des eignen Interesses kennt.
Ein wahrer, wirklicher englischer Gentleman mag als das Ideal der Männerschönheit und Männerwürde gelten - aber die Nation - das Volk der Krämer und politischen Kaufleute -
England ist der Hort der Freiheit; es schützt und ehrt die Freiheit der Meinungen, die Rechte der Menschen und die Selbstständigkeit der Völker! Es hat die Mission zur Verbreitung der Humanität und der Civilisation!!!
Giebt es einen grimmigern Spott als dieses Selbstlob?
Im Jahre 1829 erfolgte die erste Emancipation der Katholiken! Bis dahin konnte in England kein katholischer Christ ein öffentliches Amt bekleiden, ja sein Zeugniß war nicht einmal vollgiltig! Wie lange ist es her, daß O'Connel, der Agitator für die Religion und die Rechte Irlands, auf gesetzlichem Wege zur Deportation verurtheilt wurde?
Dennoch ist hinwiederum in keinem Lande das protestantische Sektenwesen ärger und der Haß unter einander größer.
Noch unter der Regierung Georg III., also zu Beginn dieses Jahrhunderts, bestand die berüchtigte Preßkammer, jene furchtbare Folter gegen die Angeklagten, welche eine Antwort verweigerten!
In keinem Lande der Welt hat das Civilrecht - die Probe der Gesittung eines Volkes - einen langsamern, schleppendern und kostspieligern Gang als in England. Viele Wohlthaten der Gesetze existiren ausdrücklich nur für den Reichen.
Der Kastengeist, der schroffe Unterschied und Hochmuth der Stände macht es zum europäischen Indien!
Der größte Reichthum wuchert neben der größten Armuth. Das Familienrecht der Kinder geht in dem Recht des Erstgebornen unter!
England erzwang die Sklavenemancipation, um das Durchsuchungsrecht zu gewinnen und Amerika zu schaden. Das Trucksystem lastet auf seinen Fabrikarbeitern tyrannischer, entnervender, als die Peitsche des Aufsehers auf dem Rücken des Schwarzen.
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Es ehrt die persönliche Freiheit - und es preßt seine Flottenmannschaft; es achtet die Würde der Menschen und in seinem Heer und auf seinen Schiffen regiert noch heute der Stock und die neunschwänzige Katze.
Es sendet gleich Fühlhörnern seine Missionare über die Welttheile, und wo sie Fuß gefaßt, da kommt sicher die englische Herrschaft hinterdrein!
So hat es fast alle seine Kolonien gebildet und erobert.
Aber nie hat es seinen überseeischen Besitzungen politische Rechte zugestanden. Die Kolonisten waren Englands Fröhner, bis der Druck unerträglich und mit Gewalt abgeworfen wurde; Amerika eröffnete den Reigen! Noch mehr. Jenen freien, selbstständigen Staat, jene Republik, die Europa unter seinen Schutz gestellt, hält es in Banden eherner Knechtschaft!
Seine westindischen Besitzungen hat es zum größten Theil anderen Ländern genommen.
Vom Kap wurden die Holländer vertrieben. Man brauchte eine Station nach Indien!
Ostindien hat es durch die willkürlichste Unterdrückung der einheimischen Fürsten Schritt für Schritt an sich gerissen.
Helgoland - Gibraltar - Malta - Korfu - diese Felsen-Posten um Europa - wie hat es sie gewonnen?
Seine Kriege waren von jeher Kriege des Eigennutzes. Es bekämpfte Napoleon, nicht um die europäische Unabhängigkeit zu vertheidigen, sondern um Kaffee, Baumwolle und englische Fabrikate unbehindert verkaufen zu können.
Es überzog China mit Krieg, um es zu nöthigen, sein Volk durch das Opiumgift entnerven zu lassen.
Jede Phase seiner neuen Politik beweist, daß es überall sich eindrängt, überall Verlegenheiten zu bereiten sucht, um dadurch zu herrschen.
England ist der Heerd der Revolutionen, es schleudert seine Feuerbrände nach allen Richtungen, um die Throne und Völker zu beschäftigen, daß sie sich nicht gegen seine Macht kehren.
Seine Volksbildung ist hinter der der meisten Staaten Europa's zurück.
Seine Kunst hat wenig producirt. Dafür schacherte und
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stahl es die Schätze von Italien, Griechenland und Egypten und legte sie hinter die Riegel seiner Privatmuseen.
Auffallender Weise fehlt es der britischen Nation nicht an Heroen der Wissenschaft und Poesie!
Aber finden sich nicht gerade in der Eiswelt der Gletscher und des Schnee's auch die herrlichsten Lichteffekte?
Ueberdies waren stets die englischen Koryphäen der Wissenschaft nur groß in den einzelnen Zweigen ihres Strebens und Forschens!
Die Einseitigkeit, die Anmaßung und den Eigennutz der Nation repräsentirt am Schlagendsten die freie Presse. Nie hat sie sich zu einer wahrhaften Unparteilichkeit erhoben. Jedes moralischen Haltes bar, vertheidigt die politische Presse Englands heute, was sie morgen mit Schmutz bewirft.
Ja - es ist keine kühne Behauptung - England hat viele geschickte Staatslenker gehabt, aber nur einen genialen Staatsmann erzeugt, und dieser Eine war Cromwell!
Es ist charakteristisch und bezeichnend in dem Buch der socialen Geschichte, daß dieses übermüthige, anmaßende Volk von allen großen Erfindungen, welche das Menschengeschlecht in Bewegung gesetzt, nur eine einzige beanspruchen darf, und diese einzige ist die Erfindung des kaltherzigen Egoismus, gegenüber dem Recht und der Kraft der menschlichen Arbeit.
England hat - nicht den Dampf und seine Kraft - sondern die Dampfmaschine erfunden, die die Arbeit zum Sklaven des Kapitals macht!
Die Moralität des Volkes endlich? - Bei den Verhandlungen des Palmer'schen Prozesses wurde angeführt, daß in den sechs Jahren von 1848 bis 1853 in England siebzehnhundert männliche und funfzehnhundert achtzehn weibliche Personen durch Gift - die feigste, niederträchtigste Art des Mordes - umgekommen, und der erste Chemiker des Landes, Taylor, erklärte in dem Prozeß, daß die Mehrzahl der Fälle eines plötzlichen Todes in England auf Vergiftung zurückzuführen seien. - Die gepriesene Decenz und Sittsamkeit? Wer Lust hat, blicke in die Londoner Scandalblätter. - Ein Befehl ihrer Tyrannen zwang die Hinduweiber, mit unverschleiertem Busen zu gehen! - Wir
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werden Wunderdinge von der prüden Nation erfahren, wenn der Lauf unserer Geschichte uns erst an die Ufer des Ganges führen wird.
Das ist England! Das ist die Charakteristik zu jener Phrase, die noch in diesen Tagen die englische Presse gegenüber dem hereingebrochenen Gericht Gottes in die Welt geschleudert, indem sie von den unglücklichen Gemordeten in Indien spricht:
»Sie haben sich als Angehörige jener stolzen Race bewiesen, deren Bestimmung es ist, die Welt zu erobern und zu beherrschen.«
Es war bereits Abend; obschon Tag- und Nachtgleiche, zündet man in London auch zu dieser Zeit bereits in einer Stunde die Kerzen und Laternen an, wo auf dem Festlande sich Alles noch der sanften Abendstrahlen des großen Gestirns im Freien unter Laub und Blumen erfreut.
Wir bitten den Leser, uns nach Whitehall zu folgen, dem modernisirten Whitehall an der Ecke der Downing-Street, das den königlichen Palast des Kardinal Wolsey ersetzt, von dessen Fenster aus Karl I. das Schaffot betrat und der größtentheils 48 Jahre später durch eine Feuersbrunst verzehrt wurde.
In einem ganz modisch, ja mit Zierlichkeit ausgestatteten ziemlich großen Kabinet stand, an den Kamin von schwarzem spanischen Marmor gelehnt, ein bereits ziemlich bejahrter, großer und hagerer Mann. Weißes Haar umgab die hohe und breite Stirn, das ziemlich starke Kinn versank, eine Eigenthümlichkeit des Mannes, zuweilen ganz in der weiten weißen Cravatte, die seinen Hals umgab. Seine Toilette war nach der Tagesmode, ja streifte beinahe geckenhaft an das Jugendliche, und wer da hätte beobachten können, mit welcher Eitelkeit der alte Herr die zierliche kleine Form seiner lackirten Stiefel betrachtete, hätte schwerlich in ihm einen der berühmtesten und gefährlichsten Staatsmänner Englands erkannt.
Dennoch war dem so - wir befinden uns im britischen Staatssecretariat des Aeußern.
An einem großen mit Briefschaften und Portefeuilles bedeckten
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Tisch saß ein anderer Mann von etwa 30 bis 35 Jahren, aus einer Reihenfolge von Papieren dem Andern kurze Berichte abstattend oder nach seiner Angabe Vermerke darauf machend.
»Sir Henry Addington,« sagte der Secretair, »wünscht zu wissen, wann der neue mexikanische Gesandte die Antwort auf das Schreiben des General Aristo12 erwarten darf!«
»Ich lasse ihn bitten, die Sache noch zu verzögern. Der nächste Dampfer muß uns den Bericht Bulwers über den Fortgang der Kuba-Expeditionen und die Anerbietungen Santa-Ana's bringen. Hat der Graf Boulbon die Wechsel bekommen?«
»Sie sind nach San Francisco expedirt.«
»Gut. Der Avanturier wird die Verlegenheiten in Mexiko nicht wenig vermehren. Die Kuba-Angelegenheit schafft uns in Spanien freie Hand. Dagegen müssen wir morgen über die Laplatafrage entscheiden. Haben Sie Nachrichten, Clarel, wann Graf Walewski seine Abreise bestimmt hat!«
»Nein, Mylord. Im Elysée ist noch Nichts festgesetzt.«
»Merken Sie auf, Clarel! Die Debatte mit Cavaignac ist bloßes Geplänkel. Ehe sechs Monate vergehen, werden wir einen Hauptschlag in Paris erleben.«
Der Secretair lächelte. »Ew. Herrlichkeit beabsichtigen mit der Prophezeihung doch nicht mir eine Lection in der Diplomatie zu geben!«
»Nein, Clarel, dazu sind Sie zu scharfsichtig, jedes Kind kann heute bereits die Schritte voraussehen, und nur die Demokratie ist so einfältig, an das Präsidententhum noch zu glauben. Lassen Sie Ledru-Rollin immerhin eine kleine Warnung zukommen!«
»Aber Ihrer Majestät Regierung wird das Kaiserthum anerkennen!«
»Sicher. Wir werden die Ersten sein; es ist jetzt keine Zeit für die albernen Reminiscenzen von Pitt und Fox. Was schadet uns der Name, wenn wir damit für uns dreimalhunderttausend Mann und eine Flotte in Bewegung setzen, die uns gefährlich zu werden beginnt.«
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»Sir William Temple sendet von Neapel die geheime Abschrift des Bourbonischen Defensiv-Vertrages.«
»Herr Mazzini schickte mir ihn gestern schon. Master Temple scheint etwas schwerfällig. Ist Graf Revel bereits von Turin eingetroffen?«
»Heute Morgen, Mylord.«
Man muß die Effektuirung der Anleihe von 75 Millionen Lire an der Börse auf das Möglichste erleichtern. Mit der Unterstützung des Kabinets von Turin halten wir Oesterreich in Schach, dessen Truppen unbedingt aus Altona fort müssen. Hat Lord Eddisbury sich mit dem dänischen Gesandten besprochen?«
»Ja, Mylord.«
»Ich bin neugierig auf die Forderungen. Aber nochmals auf Italien zu kommen, wir brauchen in nächster Zeit irgend eine Gelegenheit zum Auftreten in Neapel.«
»Es ist schwierig, Mylord - der russische Einfluß ist dort im Wachsen.«
»Eben darum. Wie ich aus den Zeitungen ersehe, ist die Unsicherheit im Lande sehr groß.«
»Die Räuberbanden nehmen überhand. Die Zahl der politischen Flüchtlinge ist sehr groß und verstärkt sie. Man hat noch kürzlich an der neapolitanischen Grenze den österreichischen Soldaten ganz offen ein Gefecht geliefert.«
»A propos! Sind die Ungarn und Polen aus Constantinopel angekommen?«
»Größtentheils, Mylord.«
»Gut, erinnern Sie mich daran - schreiben Sie vertraulich an Westmooreland, wenn Fürst Schwarzenberg sich gegen ihn beklagen sollte, ausdrücklich hervorzuheben, daß die Ueberfahrt nur auf Handelsschiffen geschehen ist und jeder Unterstützung der Regierung ermangelt. Was ich sagen wollte - geben Sie Acht darauf, ob bei den Räubern in Neapel oder an den Grenzen irgend ein englischer Reisender, sei er noch so unwichtig, zu Schaden kommt, und instruiren Sie die Consuln darnach. Die Broschüre »Addio at Papa« ist nicht übel. Lassen Sie dem Comité auf dem bekannten Wege 50 Pfund zukommen, um sie durch den Druck
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weiter zu verbreiten. Wie viel besitzt das sicilianische Comité gegenwärtig in der Londoner Bank!«
»Dreizehntausend Pfund, Mylord.«
»Dann kann man die Vermehrung der Waffendepots in Gibraltar und Korfu immerhin gestatten. Wir dürfen nur nicht zu Schaden kommen. Bei Gelegenheit von Korfu - der Presse in Athen muß schärfer auf die Finger gesehen werden. Sir Thomas Wyse möge sich beklagen, mit einiger Grobheit - er versteht das. Wir haben hier genug zu schaffen mit den albernen liberalen Deklamationen des Earls von Fitzroy gegen die ionische Regierung. Sind noch immer keine Nachrichten über den Rebellen Grimaldi eingegangen?«
»Er scheint gänzlich verschwunden und muß auf einer oder der andern Seite das Festland erreicht haben. Ist er nach Italien entkommen, so ist er aus dem Regen in die Traufe gefallen, denn die österreichische Regierung hat 200 Scudi auf seinen Kopf gesetzt. Unsere sämmtliche Konsuln an den Küsten haben sein Signalement.«
»Sir Henry Ward bezeichnet ihn als den gefährlichsten Kopf auf allen sieben Inseln. Alle alten Familien halten zu ihm. Lassen Sie genaue Nachforschungen nach ihm in der italienischen Propaganda anstellen - die Schufte halten zu einander. Es ist ein faux pas des Lord Oberkommissars gewesen, ihm nach der Einnahme von Venedig die Rückkehr nach Corfu zu gestatten. Das Verbannungsurtheil des Senats hätte unter allen Umständen aufrecht erhalten werden müssen.«
Der Secretair zuckte die Achseln. »Sir Henry Ward pflegt sonst nicht besondere Bedenklichkeiten zu haben. - Aus Rom und Bologna sind in den letzten Tagen wieder mehrere politische Mordthaten gemeldet.«
»Wir werden uns später mit den italienischen Angelegenheiten ausführlich beschäftigen, Clarel, Paris und Petersburg sind jetzt wichtiger. Haben Sie das Memoire bereit zur Beantwortung der Interpellation über die dänische Erbfolge in der heutigen Sitzung des Unterhauses?«
»Hier, Mylord! Layard berichtet von Constantinopel vertraulich über die Beschwerden gegen unsern Konsul in Smyrna. Die Entrüstung über den Raubangriff auf das Haus des
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österreichischen Konsuls und das Erkennen der Mörder als Schützlinge des Konsuls hat sich noch immer nicht beruhigt.«
»Ich erinnere mich nur dunkel. Haben Sie den Bericht Layards bei der Hand? Ich habe noch einige Minuten Zeit, und wenn Sie mir, während ich meine Toilette beende, die Güte haben wollen, den Vorfall mitzutheilen, so kann ich Ihnen gleich meine Meinung sagen. Wir dürfen im Orient, selbst wo das Unrecht auf Seite unserer Agenten ist, jetzt nirgend nachgeben. Layard ist ein Phantast, der fortwährend krakehlt, ohne zu bedenken, daß man mit diesem Lumpengesindel nicht anders fertig werden kann und daß Rußland jeden Zoll breit Boden in Constantinopel uns streitig macht.«
Er hatte geschellt. Ein schwarzgekleideter Kammerdiener in Escarpins, den Pudermantel über dem Arm, war durch eine Tapetenthür eingetreten.
»Frisiren Sie mich hier, Saunders,« sagte der Lord, auf einem Fauteuil Platz nehmend. »Clarel nimmt es nicht übel, die Zeit drängt. Aber nehmen Sie sich in Acht mit dem Toupé, es war heute Morgen sehr ungleich, Sie wissen doch, ich wünsche es mehr nach den Seiten hin. Auch mit den Handschuhen bin ich unzufrieden, das Odeur ist viel zu stark. Ich wiederhole Ihnen ausdrücklich, einen Tropfen Eau de Lavande in das Paar, nicht mehr!«
Während der Lord unter den Händen eines gewandten Kammerdieners für die Sitzung des Unterhauses seine Vorbereitungen traf, trug der erste Geheimsecretair Sr. Herrlichkeit den Vorfall in Smyrna vor. Er ist zu drastisch, das Treiben der Agenten Englands in dem fremden Reich, auf das schon längst sein Auge gerichtet ist, zu genau bezeichnend, als daß wir ihn nicht ausführlicher wiederholen sollten.
Die Konsulate in Smyrna liegen am Quai, wenn man die einzelnen Ausladestellen des prächtigen Hafens so nennen will, denn einen fortlaufenden, gangbaren Hafendamm giebt es nicht, und die Promenade beschränkt sich vom Café anglais aus auf eine sehr kurze Streck, die trotzdem schon oft der Schauplatz
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langer Geschichten von Raub und Mord gewesen ist. Die Konsulate sind massiv, die Zugänge fest, die unteren Fenster vergittert, das Dienstpersonal außerdem durch die Khawassen des Konsulats vermehrt, und so bieten sie eine verhältnißmäßig weit größere Sicherheit, als alle anderen Gebäude der Stadt, selbst die wenigen Amtsgebäude.
Aus diesen Gründen geschieht es gewöhnlich, daß die Kaufleute, wenn sie bedeutende Geldsummen eingenommen, dieselben auf einem Konsulate zur Aufbewahrung deponiren. Selbst die Türken und Juden folgen dieser Nothwendigkeit.
Der österreichische Konsul, Herr v. Gödel-Lannoy, hatte unter seiner Dienerschaft seit längerer Zeit einen jungen Griechen, den er mit großer Vorliebe und Nachsicht behandelt und stets mit Wohlthaten überhäuft hatte. Sei es das Gefühl dieser und das sich regende Gewissen, sei es - und das ist dem griechischen Charakter entsprechender - die Erwartung eines weniger gefährlichen Verdienstes und einer besseren Belohnung - als Herr v. Gödel eines Tages nach Hause kommt, nachdem kurz vorher bei ihm eine Summe von einer Million Piaster deponirt worden war, folgt der Diener ihm in sein Zimmer, wirft sich ihm zu Füßen und gesteht ihm, daß er an dem Vorhaben einer berüchtigten Räuber- und Mörderbande Theil genommen, die in der bevorstehenden Nacht in das Konsulat eindringen und den Konsul ermorden wolle. Herr v. Gödel, zuerst von Schrecken ergriffen, faßt sich bald. Er erklärt dem Diener, daß, wenn die Entdeckung wahr sei, er auf eine große Belohnung rechnen könne, von diesem Augenblicke an aber das Zimmer nicht mehr verlassen dürfe. Auf sein weiteres Befragen erfährt er Folgendes:
Die Bande hatte schon lange auf eine günstige Gelegenheit zu einem ähnlichen Fang gelauert. Durch ihre Spione von der Deponirung der bedeutenden Geldsumme (über 8000 Pfund - 55,000 Thlr.) in Kenntniß gesetzt, hatte sie den griechischen Diener durch das Versprechen eines bedeutenden Antheils gewonnen, in der Nacht die Riegel der Thür des Hauses nach dem innern Hofraum zu öffnen. Sieben der verwegensten Räuber Smyrna's sollten in der Nacht von der Meeresseite in den innern Hof des Konsulats einsteigen, durch die geöffnete Thür in das
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Haus dringen, die beiden in einer Kammer schlafenden Khawassen überfallen und den Konsul mit seiner Familie ermorden, um vor jedem Verrath und jeder Verfolgung bei ihrem Raube sicher zu sein.
Mau denke sich die Lage des Vaters und Gatten. Jeder offene Schritt zu seiner Sicherheit hätte diese nur auf kurze Zeit gewährt und ihn durch den Diener der Rache und dem Dolche der Mörder preisgegeben, deren Verhaftung kaum auf die vage Aussage des Griechen, zu ermöglichen gewesen wäre. Herr v. Gödel kannte vollkommen die herrschenden Zustände, er war ein entschlossener Mann und nach kurzer Ueberlegung hatte er sich über sein Verfahren bestimmt. Er wiederholte dem Diener seine Versprechungen, schloß ihn in ein inneres Zimmer des Hauses ein und steckte den Schlüssel zu sich. Dann machte er dem Khawaßbaschi, d. h. dem türkischen Polizeimeister oder Anführer der Khawassen, einen Besuch, rauchte mit diesem den Schibuk und brachte das Gespräch auf die herrschende Unsicherheit.
»Ich habe viel Geld in meinem Hause und bin besorgt deshalb,« sagte der Konsul. »Ich möchte Dich fragen, ob Du wohl einige Leute hast, auf welche man sich verlassen kann?«
Der Türke schluckte bedächtig seinen Rauch, sah mit klugen Augen den Konsul an und erwiederte: »Du hast etwas vor, Freund? Du glaubst, daß man Dich berauben wird?«
Der Konsul wich der Frage aus und erklärte, daß nichts vorläge; die große Summe Geldes, die sich augenblicklich in seinem Hause befände, mache ihn jedoch besorgt. Er wiederholte seine Frage, ob er eine Anzahl gut bewaffneter Khawassen für diese Nacht zur Bewachung gegen Belohnung erhalten könne, auf die man sich in jedem Falle verlassen dürfe.
Der Baschi küßte die Spitzen seiner Finger. »Sie trinken Frankenblut!« sagte er in der bilderreichen Sprache des Orients, um den Haß seiner Leute gegen die Rajahs auszudrücken. »Wie viel brauchst Du?«
»Acht bis neun.«
»Es ist gut. Du verschweigst mir die Wahrheit, aber das ist Deine Sache. Ich werde Dir die Leute auswählen und ihnen nur ihre Pistolen geben. Das knallt ein Mal, aber es ist sicher und macht keinen unnützen Aufenthalt. Verlaß Dich auf mich.«
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Nachdem Herr v. Gödel noch mit dem Baschi verabredet, daß die Khawassen einzeln am Abend und, statt in ihren weißen kennbaren Mänteln, in dunkler Kleidung kommen sollten, ließ er auf seinem Sitz einen Beutel mit Piastern zurück und ging nach Hause.
Hier schickte er, ohne ein Wort zu sagen, seine Familie und das Dienstpersonal bei Zeiten zur Ruhe, und als es Nacht wurde, stellte er sich selbst an die Thür und ließ die Khawassen, wie sie kamen, ein. Wer dieses Corps in Smyrna gesehen hat, weiß wessen er sich von ihm versehen kann. Wildblickende, trotzige Gestalten, früher auf den Bergen Anatoliens oder in den syrischen Wüsten vielleicht selbst kühne Räuber, die durch ihren Eintritt in die Polizeimannschaft ihre Begnadigung erkauft, ist ihre orientalische Gleichgültigkeit gegen das eigene und das Leben Anderer nothwendig in solchen Scenen, wie sie hier sich täglich bieten.
Das österreichische Konsulat hat, wie die meisten anderen größeren Häuser im Orient, zwei mit hohen Mauern umgebene Höfe. Der äußere geht, wie bereits erwähnt, nach dem Hafen; in den innern, der durch eine Pforte in der Zwischenmauer von dem äußern zugänglich ist, gelangt man aus dem Hause. Als die neun Khawassen versammelt waren, führte sie Herr v. Gödel in den äußern Hof und postirte sie in verschiedene Winkel und Verstecke. Das Ganze ging stillschweigend ab, ohne weitere Verhandlung und Instruction - der Khawaßbaschi hatte dieselbe zur Genüge gegeben.
Dann kehrte der Konsul in sein Haus zurück, verschloß selbst die Thüre und setzte sich mit einer Doppelflinte und seinen Pistolen bewaffnet in einem dunklen Zimmer des obern Stockwerks nieder; nachdem er sich nochmals überzeugt hatte, daß der griechische Diener in sicherm Gewahrsam war, überließ er das Weitere dem Himmel und den Khawassen.
Der Mond war im ersten Viertel und bereits vor 10 Uhr untergegangen. Der glänzende Sternenhimmel des Orients ließ jedoch die äußeren Mauern ziemlich klar überschauen; was darunter war, lag in tiefem Schatten.
Die Uhr im Zimmer schlug Mitternacht, endlich die erste Stunde. Gleich darauf sah Herr v. Gödel eine dunkle Gestalt
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sich über den Rand der äußern Mauer heben und im ersten Hofe verschwinden. Eine zweite folgte, so noch fünf andere. Der letzte Mann zog die Leiter nach sich, ließ sie in den Hof hinab und stieg hinunter. Das Alles geschah in größter Stille, das Hinabgleiten an einem Strick, kein Laut ließ sich hören.
Nach wenig[e]n Minuten hob sich ein Mann auf der an die zweite zum innern Hofraum führenden Mauer gelehnten Leiter empor und warf das Seil in den Hof.
In diesem Augenblick fiel der erste Schuß - die dunkle Gestalt breitete die Arme aus und stürzte in den äußern Hof zurück. Zehn bis fünfzehn Pistolenschüsse knallten hinter- und durcheinander; man vernahm unterdrückte Flüche - dann das Klingen von wüthenden Streichen, zuletzt nochmals drei Schüsse - dann Grabesstille; - der ängstlich lauschende Konsul hörte kein andres Geräusch mehr, als das Anschlagen der Wogen vom Hafen her; Nichts gab ihm Auskunft über den Ausgang des Kampfes.
Er beruhigte die erwachte Familie und die Dienerschaft und legte sich nieder. Am Morgen kamen von allen Seiten die Nachbarn und erkundigten sich, was die Ursache des nächtlichen Schießens gewesen. Dergleichen gehört in Smyrna nicht zu den Seltenheiten, aber es fällt Niemandem ein, deshalb bei Nacht sein sicheres Haus zu verlassen, um etwa Gefährdeten zu Hilfe zu kommen. Man ist ja gewiß, am Morgen die Neuigkeit zu hören.
Herr v. Gödel wich einige Zeit den Fragen der untergeordneten Personen aus. Als aber die benachbarten Consuln schickten oder selbst kamen und sich eine Menge Neugieriger um sein Haus versammelt hatte, erklärte er, daß wahrscheinlich in der Nacht von Dieben ein Ueberfall gegen das Konsulat versucht und zurückgewiesen sein müsse, denn man habe zu seiner Sicherheit am Abend einige Khawassen in den äußern Hof postirt. Dabei zog er den Schlüssel aus der Tasche und lud die Anwesenden, unter denen sich der englische Konsul befand, ein, mit ihm in den Hof zu gehen, den er nicht allein habe betreten wollen.
Die Thür wurde geöffnet - der Anblick, der sich der andrängenden Menge bot, war ein grauenvoller.
Auf den Marmorstufen des Hofes lagen sieben Leichen in den furchtbarsten Verzerrungen des Todeskampfes, bewegungslos
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gleich Statuen, lehnten an den Wänden umher die Khawassen, zwei verwundet; der Eine durch einen Stich in den Arm und den schrecklichen Hieb eines Yatagan über die Brust. Einer der Banditen, ein französischer Fechtmeister, hatte sich mit rasender Anstrengung vertheidigt, als er sich überfallen und seine Gefährten fast ohne Gegenwehr unter den Kugeln der Khawassen stürzen sah. Erst bei der fünften Kugel, die er empfing, war er selbst gefallen. Während ein Theil der Khawassen mit den abgeschossenen Pistolen die Hiebe des Wüthenden parirte, hatten die Anderen wieder geladen und ihn so niedergestreckt. Die Steine des Hofes schwammen in Blutpfützen.
Ein Schrei des Grauens und Entsetzens erscholl aus der versammelten Menge. Ein griechisches Weib mit fliegenden Haaren brach sich Bahn und warf sich heulend und wehklagend auf einen der blutigen Leichname, vergeblich bemüht, eine letzte Lebensspur zu finden. Dann streckte sie die geballten Hände drohend gegen den englischen Konsul. »Sieh diesen Todten,« schrie sie, »hattest Du vor zwei Tagen nicht fünfzig Colonate von mir genommen, um ihn aus seinem Gefängniß loszumachen, dann wär' er noch dort und ich nicht eine Wittwe.«
Herr v. Gödel drehte mit dem Fuße den nächsten auf dem Gesicht liegenden Körper um. Ein verzerrtes, aber in ganz Smyrna wohlbekanntes Antlitz starrte zum Himmel empor.
Der österreichische Beamte faßte den Arm des Vertreters englischer Gerechtigkeit und Humanität und wies auf die Leiche: »Wie ist mir denn, Master Blunth, das Gesicht müssen Sie kennen, das ist ja einer Ihrer Agenten und Schutzbefohlenen, den Sie so häufig gegen die türkische Polizei in Protection genommen und als britischen Unterthan reclamirt haben?«
Master Blunth sah mit großer Gleichgiltigkeit auf den Todten: »C'est un cadavre! Je ne connais pas un cadavre.«13 Damit ging er, verfolgt von den Verwünschungen der Wittwe.
Smyrna war von einer seiner gefährlichsten Banden befreit, aber Herr v. Gödel beeilte seine Versetzung nach Beirut!
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Der Lord lachte herzlich mit jenem stillen lautlosen Gelächter eines fashionablen Engländers. »Ich hätte dem Burschen die Geistesgegenwart gar nicht zugetraut! - Lassen Sie Layard, nicht direkt verstehen Sie, sondern durch Alison bedeuten, er möge sich um solche Sachen nicht bekümmern, oder man werde ihm alle weitere Unterstützung für die Nachgrabungen in Ninive entziehen, und legen Sie die Sache zu den Akten. - Saunders, lassen Sie den Wagen vorfahren.«
In diesem Augenblick, während der Secretair seine Papiere ordnete, schob ein Hussier, nach leisem Klopfen, den Teppich vor der Hauptthür des Kabinets zurück, erschien in seiner Roccoco-Galla und meldete:
»Der sehr honorable Earl Grey, Secretary of State for the foreign Colonies.«
Zugleich überreichte er auf einem silbernen Teller ein kleines versiegeltes Billet, das, seiner Form nach, nur eine Karte enthielt.
Der Minister öffnete zunächst das Couvert, las die Karte und gab sie an den Secretair. »Empfangen Sie Signor Mazzini,« bemerkte er leise, »und sagen Sie ihm, daß ich ihn erst nach der Sitzung sprechen könne. - Lassen Sie den Herrn Staatssecretair eintreten.«
Ritter Grey erschien auf der Schwelle und wurde mit einer gewissen vornehmen Cordialität von dem Lord bewillkommt. »Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, werther College, Ihnen zu der Bill über die 300,000 Pfund für den Kaffernkrieg zu gratuliren,« sagte dieser. »Ich hoffe, wir werden diesmal vollständig nicht blos mit den wilden Stämmen, sondern auch mit der unruhigen und lästigen Sippschaft der Boers zu Ende kommen.«
»Ew. Herrlichkeit Ansichten werden mich im großen Rath unterstützen,« antwortete der Earl. »Ich komme, um Sie noch einen Augenblick vor der Sitzung in Anspruch zu nehmen - vielleicht beliebt es Ihnen dann, von meinem Wagen Gebrauch zu machen.«
»Sehr verbunden, Freund. Hat Ihre Mittheilung auf die Sitzung Bezug?« Ein Blick des Earl zeigte ihm, daß dieser allein mit ihm zu sprechen wünsche, und ein kurzer Wink entfernte sogleich den Secretair.
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»Was ich Ihnen zu sagen habe, Mylord,« bemerkte der Earl, »berührt nur in einem Punkt unsere parlamentarische Thätigkeit und betrifft die indischen Angelegenheiten. Da Sir John Com Hobhouse, unser College, krank ist, wird es nöthig sein, daß wir uns über die Schritte verständigen. Sie kennen wenigstens durch den Ruf Sir David Dyce Sombre, den reichen Enkel der Begum von Somroo?«
»Ei gewiß, Mylord. - Er war eine ganze Saison lang der Löwe der Fashion, bis ihn St. Paul für seine Tochter kaperte.«
»So werden Ew. Herrlichkeit sich auch des weitern Schicksals des Mannes erinnern, und daß es kein Geheimniß ist, daß er, mit Uebergehung seiner Verwandten, sein großes Vermögen, wie es heißt, nach einer früheren Bestimmung der Begum, zur Gründung einer indischen Universität, testirt hat?«
»Ich erinnere mich.«
»Vor einer Stunde, Mylord, war Sir John Shephard, der Präsident der Compagnie, mit dem Marquis von St. Paul bei mir, um mir die Nachricht zu bringen, daß Dyce heute gestorben ist.«
»Auf Ehre, man kann ihm Glück wünschen, von dem Schwiegervater und der Frau erlöst zu sein. Wollen Sie mich vielleicht zu dem Begräbniß einladen, Freund?«
»Weniger, Mylord, aber Ihre Hilfe in Anspruch nehmen gegen die Unannehmlichkeit, die sein Tod uns in Indien und im Parlament bereiten wird.«
»Wie meinen Sie das?«
»Das Mitglied für Ballycastle, der geschworene Gegner des Ministeriums, ist einer der Testamentsvollstrecker. Sie sind doch mit uns vollkommen einverstanden, daß von der Gründung einer Universität in Indien nicht die Rede sein kann?«
»Absurder Gedanke! Wollen Sie den Sepoys vielleicht Vorlesungen über Logik, oder einem schmutzigen Paria über Euklid halten lassen? Ich möchte die Gesichter unserer Herren von der Compagnie sehen, wenn in Audh oder Bengalen die Humanoria ex officio gelehrt würden!«
»Aber Capitain Ochterlony wird einen bedeutenden Lärm erheben und die Sache vor die Oeffentlichkeit ziehen.«
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»Der Teufel hole ihn und seinen ganzen Anhang,« sagte der Minister heftig. »Ich bin ihm noch die Bezahlung schuldig für die Angriffe in der katholischen Frage und warte nur auf die Gelegenheit. Jede Maßregel, welche die Compagnie zur Unterstützung der Familie für gut findet, Mylord, muß unsererseits befördert werden. Es ist ein trauriges Verhältniß, diese Zwitterherrschaft in Indien, wir wollen aber zunächst uns davor schützen, daß aus Calcutta je ein Boston14 für uns werden könnte! Jetzt, Mylord, lassen Sie uns den Herren von der Opposition in der dänischen Frage mit den nöthigen Redensarten dienen, durch die sie so klug sein werden, wie zuvor, und wegen der Excesse in Santiago die Initiative ergreifen.«
Die beiden Lords, die über das Wohl und Wehe von fast hundert und vierzig Millionen ferner Menschen zu entscheiden hatten, becomplimentirten sich, vom Turf plaudernd, nach den harrenden Wagen.
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In den Apenninen.
Der glänzende Strahl der Junisonne war milder geworden, die Cypressen, die Pinien, die Berge und Felsen warfen lange, gigantische Schatten - das große Gestirn des Tages neigte sich zum Untergang in die blauen Wellen des Mittelländischen Meeres.
Es war Sommer - Sommer in Italien; aber noch in seinem ersten Beginn. Das Grün der Bäume und Matten war auf den Höhen noch kräftig, selbst die Ebenen der Campagua hatten noch nicht jene durchgängige Farbe des gelbbraunen Moders angenommen, der sie im Juli und August bedeckt, sondern zeigten Oasen frischen riesigen Graswuchses aus den sumpfigen Stellen. Die Hitze hatte noch nicht Zeit gehabt, aus dem Moor und Sumpf die giftige, Verderben bringende Malaria zu brauen, und der Duft der Blumen und Kräuter füllte noch am Morgen und Abend würzig die Luft.
Auf den Berghöhen der Apenninen erschien die Natur noch kräftiger, frischer als im Thal, die Luft reiner, und aus den Klüften der Abruzzen strich der Seewind der Adria oft eisig kalt herüber. An einer einsamen, schlecht erhaltenen und nur selten von Reisenden benutzten Seitenstraße, die von Spoleto, der neapolitanischen Grenze sich nähernd, nach Ascoli geht und dort in den großen Küstenweg aus dem Neapolitanischen nach dem Wallfahrtsort Loretto an der adriatischen Küste Italiens führt, lag auf dem westlichen Abhang des Gebirges eine kleine halbverfallene Osteria. Eine riesige Pinie streckte ihre Aeste über das tiefgesenkte Dach,
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das ärmliche Haus lehnte an die zerklüfteten Felsen, gleich als finde es darunter ein Versteck; wilder Wein und Epheu wucherten an seinen Wänden und den morschen Holzpfeilern seiner Veranda, und das ganze Aussehn der kleinen Herberge ließ darauf schließen, daß es mehr ein Schlupfwinkel oder eine Herberge der römischen und neapolitanischen Schmuggler, ja wohl noch gefährlicheren Gesindels sei, als eine Unterkunft für gewöhnliche Reisende.
Dennoch gehörte der Mann, der in diesem Augenblick unter der Veranda des Hauses, den Kopf in die Hand gestützt, saß, offenbar zu keiner der oben angedeuteten Klassen. Das Aeußere dieses Fremden war eben so anziehend als ungewöhnlich, obschon er eine einfache französische Kleidung trug, an der, außer dem langen griechischen Feß, nichts Auffallendes war. Der Fremde war von hohem, imponirendem Wuchs, breiter Brust und breiten Schultern und schmalen Hüften. Er mochte ungefähr dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen, aber obgleich in der vollen Blüthe männlicher Schönheit und Kraft, war doch eine tiefe Melancholie, eine bittere Lebensschule auf seinem klassisch edlen Gesicht ausgeprägt. Die Züge desselben wiesen die Verschmelzung des antiken italienischen und griechischen Typus in einer Vollendung, die dem Meißel Thorwaldsons zu einem Kopfe des Mars hätte dienen können. Ein durchsichtig dunkler Teint färbte gleichmäßig, ohne jene Röthung die Wangen, die im Norden Kraft und Gesundheit anzeigt. Ein mandelförmig gebildetes dunkles Auge mit langen Wimpern, von fein gezeichneten und bogenartig nach der Nasenwurzel sich senkenden Brauen überwölbt, zeigte jenen Ausdruck von Träumerei und matter Ruhe, von dem man sehr bald erkennt, daß er sich mit Gedankenschnelle zum Blick kühner Entschlossenheit und unwiderstehlichen Befehls wandeln kann. Ein dunkler, dem Haar entsprechender, wohlgepflegter Schnurrbart, lang um die Mundwinkel niederhängend, wie ihn die Magyaren und Albanesen zu tragen pflegen, beschattete die edlen Contouren der Lippen. In dem ganzen Wesen und der Gestalt des Mannes lag ein soldatischer Charakter, der Ausdruck eines kühnen und freien Kriegers, wenn auch die geregelten Formen und Bewegungen der civilisirten Militärerziehung diesem Ausdruck häufig zu fehlen schienen.
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Die Aussicht, die vor dem Blick des Fremden, nach der untergehenden Sonne gekehrt, über das Bergplateau von Fogliano und Norcia sich öffnete, war köstlich. Bis nach Spoleto und Trevi hin schweifte der Blick und die Oeffnung der sabinischen Berge ließ selbst an den äußersten Grenzen des Horizonts den mit den Wolken verschwimmenden Streifen des Mittelländischen Meeres erkennen. Im Rücken erhoben sich die dunklen Wände der römischen Apenninen, der Monte Vittore, darüber hinaus der Berg der Sybille und der Monte Gatto, die Aussicht nach der Adriatischen Küste sperrend, und weit hinein in die Felsenklüfte und Höhen der Abruzzen, jenseits der neapolitanischen Grenze, ließ sich der Lauf des hinter Amatrice entspringenden Tronto verfolgen.
Das Auge des Mannes war unverrückt auf den einzelnen leuchtenden Punkt des fast 50 Miglien entfernten Meeres gerichtet, während der Wirth der armseligen Posada, der schon lange vor ihm gestanden und zu ihm gesprochen, seinen Krug aufs Neue aus dem Ziegenschlauch mit dem Wein von Velletri füllte und ihm denselben zuschob. Offenbar hatten seine abwesenden, weit in die Ferne schweifenden Gedanken Nichts von all' den Reden des Wirthes gehört, und als er jetzt wortlos den Krug zurückwies, setzte ihn dieser selbst, unwillig den Kopf schüttelnd, an den Mund, that einen langen kräftigen Zug und sagte dann: »Nichts für ungut, Signor Capitano, aber es ist eine Sünde, die edle Gottesgabe, wenn sie eingeschenkt, verkommen zu lassen. Ich trinke auf das Wohl Eurer glücklichen Ueberfahrt. Die heilige Jungfrau wird ein Einsehn haben, und Euch nach so vielen Leiden und Gefahren doch endlich einen Weg eröffnen. Wahrlich, Capitain, es war Zeit, daß Euch die guten Väter von St. Benedetto fortschafften, und Theodoros, Euer Diener, Euch zu mir, seinem alten Kameraden, brachte, obschon Ihr noch krank und schwach wäret; denn die österreichischen Spürhunde lungerten bereits arg um das Kloster. Der Teufel hole die Schufte, die Franzosen in Rom, sie sind eben nicht besser als diese Scharfrichter von Neapolitaner und helfen einen ehrlichen Burschen, der nur gegen ihre Feinde den Degen gezogen, zu Tode hetzen. Wahrhaftig, Signor, ich hätte die Amnestie des heiligen Vaters angenommen, und spazierte jetzt stolz über das Forum, ja vielleicht, wenn Ihr's
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recht angefangen, hätten Euch Ihre Eminenzen am Ende gar Eure alte Compagnie wieder gegeben, und ich will ein Schuft sein, wenn ich nicht selber wieder Handgeld genommen.«
Der Capitano, wie ihn der Wirth bezeichnet, schüttelte trübe lächelnd den Kopf. »Du weißt, Francesco, daß ein doppelter Preis auf meinen Kopf gesetzt ist, der Kaiser von Oesterreich und Se. Herrlichkeit der König von Jonien, Sir Henry Ward, bemühen sich auf gleiche Weise darum. Den Franzosen thust Du Unrecht. General Gemeau hat mich auf meinen Brief wissen lassen, daß es ihm unmöglich sei, ohne seine strengen Instructionen zu brechen, mir offen Schutz zu gewähren, da ich überdies in Rom zu bekannt bin. Aber der Wink wegen der französischen Handelsbrigg, die in Ancona ankert, und die Nachricht, daß den Capitain acht Tage dort jede Botschaft treffen werde, gleicht die Weigerung vollkommen aus. Neapel, wenn ich in die Hände seiner Schergen gefallen wäre, hätte mich, wenn auch nicht nach Korfu, doch sicher an die Oesterreicher ausgeliefert. - Ob Theodoros morgen Abend in Ripatransone sein wird?«
»Es ist unmöglich, Signor Capitano,« erklärte der Wirth. »So gewandt und verschlagen der Bursche ist, so sind es doch 80 Miglien bis Ancona, und 60 von dort zurück nach Ripatransone. Dazu braucht er Zeit, um den französischen Schiffer zu finden und sich mit ihm über Zeit und Ort zu verständigen. Vor übermorgen Abend kann er unmöglich dort sein. Doch seid unbesorgt, Signor, Euer Weg durch die Gebirge über Force und Montalto ist zwar länger als die Poststraße über Ascoli, aber wenig besucht, und die Soldaten haben genug zu thun in den immerwährenden Scharmützeln mit diesen Banden, um auf einen einzelnen Reisenden zu achten, wenn Sie nur meinem Rath folgen und meine Kleidung benutzen. Die Verwegenheit dieses Teufels von Pepe Mamiani wird alle Tage größer und, bei der Jungfrau, ich sage Ihnen, es sind tapfere Bursche unter seiner Bande, genug von denen, die auf den Mauern Roms sich gegen die französischen Kanonen vertheidigten und unter Garribaldi sechs Wochen lang in den Apenninen gegen Oesterreicher, Franzosen und Neapolitaner gekämpft haben.«
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»Ich glaubte, sie seien Alle entkommen oder hätten die Amnestie allgenommen?«
»Ah bah« - er warf mit jener verächtlichen Geberde, welche die Italiener so unnachahmlich verstehen, die Finger von sich - »Amnestie! Was braucht Jemand Amnestie, der sein Stilet und seine Büchse hat und die Felsenpfade der Apenninen kennt. Als General Garribaldi von der Fregatte Oreste - versenkt sei sie auf den Grund des Meeres! - bei der Flucht nach Venetia sich angegriffen sah und die Küste bei Volano wieder gewann, suchten seine Begleiter in den Gebirgen Schutz. Heilige Mutter von Loretto, was blieb ihnen übrig, als Banditen zu werden - der Mensch will leben, Signor, und sie fechten für ihre Freiheit, wie sie vor zwei Jahren für die Freiheit Italiens fochten. Dennoch, glaube ich, würden Sie manchen Mann unter den Banden finden, der Sie gern auf das französische Schiff begleiten möchte.«
Der Capitain hatte ihm aufmerksamer als vorhin zugehört und wollte ihn eben näher befragen, als Peitschenknall, das Geklingel von Maulthieren, das Wiehern von Pferden und Geschrei der Vetturins den Weg heraufscholl, der sich, von einer Wendung des Berghanges verborgen, zu dem Plateau hinaufzog. Einen Augenblick horchten Beide auf das Geräusch, dann warf der Capitain einen Blick umher, als ob er ein Mittel suche, sich unbemerkt zu entfernen; aber die Felsenspalten zu erreichen, war es nicht mehr Zeit, und der Flüchtling hatte kaum das kleine Gemach der Osteria betreten, als bereits einer der Reiter, den anderen vorangeeilt, vor die Osteria sprengte und laut nach dem Wirth oder einer Bedienung rief.
Bestürzt blickte der Gerufene, der seinem Gast gefolgt war, auf diesen. »Gebenedeite Mutter der sieben Schmerzen,« jammerte er, »ich bin verloren, wenn man Sie hier findet. Geschwind hinaus, Signor, durch das hintere Fenster, der wilde Wein verbirgt Ihre Flucht und Sie sind schnell zwischen den Felsen in Sicherheit.«
Der Capitain jedoch, der durch das Fenster geschaut, winkte ihm abwehrend mit der Hand. »Geh' ruhig hinans,« sagte er, »und nimm dem Herrn das Maulthier ab. Wenn ich recht gesehen, habe ich von ihm nichts zu fürchten, und sollte es sein, je nun, auf diese oder jene Weise muß es zu Ende gehen.«
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Er kreuzte die Arme und blieb ruhig an das Fenster gelehnt stehen, den Ankommenden erwartend, der auch alsobald dem herbeieilenden Wirth die Zügel zuwarf, ihm einige Anweisungen gab und in das Haus und das Gemach eintrat.
Der Reisende war ein feiner, ernster Mann mit vielem Anstand und ruhiger Würde in seinem Wesen. Er mochte zwei bis drei Jahre mehr zählen, als der Capitain; helles Haar und die durchsichtig blauen Augen, wie die gemessene Haltung, bezeichneten ihn als einen Sohn Englands, dabei fehlte aber seiner in der kräftigen, ruhigen Form jenes Landes geschnittenen Physiognomie weder ein sichtlicher Zug von Milde und Wohlwollen, noch ein gewisser Ausdruck von festem Sinn und Kraft. Er begrüßte den Anwesenden leicht in italienischer Sprache, kaum aber hatte er ihn näher in's Auge gefaßt, als sein Fuß wie gebannt an der Schwelle des Gemachs haften blieb und er mit immer erstaunteren aber auch zugleich ängstlichen Blicken den Offizier maß. »Um Gott,« sagte er endlich - »Sie sind es wirklich, Capitain Grimaldi? Sie noch hier in diesem unglücklichen Lande? Kaum traue ich meinen Augen! Ich glaubte Sie in Griechenland oder längst in Sicherheit!«
Der Capitain Grimaldi trat rasch auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »So sind wir also noch immer Freunde, trotz des Preises, den Ihr Oheim, Sir Henry Ward, auf meinen Kopf gesetzt?«
»Wie können Sie zweifeln? - Ich las von jener traurigen Proclamation in den Zeitungen.«
»So kommen Sie nicht von Korfu?«
»Nein, Freund - ich komme von London - zunächst von Rom. Schon vor zwei Jahren habe ich Korfu verlassen und von Ihnen nur gehört, daß Sie an dem Kampf in Venedig und später an dem unglücklichen Aufstand in Cephalonien Theil genommen. Ich bitte Sie, erzählen Sie mir von Ihren Schicksalen.«
Der Capitain lächelte trübe. »Sie wissen, daß ich wegen meines Widerstandes im Senat und der Unterzeichnung der Proclamation für den Anschluß an Griechenland von Korfu verbannt wurde. Ich ging nach Rom zurück und trat aufs Neue in die päpstliche Leibgarde, in der ich schon früher gedient. Es war in
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dem unglücklichen Jahre achtundvierzig, drei Monate nachher wurde Graf Rossi ermordet und die römische Revolution brach aus.«
»Sie schlossen sich ihr an?«
»Nein, Sir! ich that es nicht. Ich hatte dem heiligen Vater meinen Eid geleistet und schlug mich mit den schweizer Compagnieen und meinen Albanesen drei Tage lang in den Straßen Roms. Sie wissen, daß das Volk gegen uns Partei nahm, der Papst die provisorische Regierung anerkannte und floh. Die Leibwache wurde aufgelöst, meine Kapitulation war zu Ende. Als ich, von einer Wunde genesen, mich nach Griechenland einschiffen wollte, traf die Nachricht von der Bedrohung Venedigs durch die Oesterreicher ein. Sie wissen, daß Venedig die alte Heimath meines Geschlechts ist, und sein Name in den goldenen Büchern der Republik verzeichnet stand.«
»Wer kennt den Namen Grimaldi nicht aus der Geschichte?«
»Meine Familie wohnte seit 150 Jahren auf ihren großen Besitzungen in Korfu und Zante, aber die alte Heimath blieb uns so theuer wie die neue. Ich eilte nach Venedig, wie viele Andere von den griechischen Inseln, und half das Fort Sanct Secondo gegen die österreichischen Schergen vertheidigen. Die Welt kennt den Heldenkampf, den wir unter Manin schlugen. Auch Garribaldi stieß nach dem Falle Roms zu uns. Als General Pepe am 22. August auf der Villa Papadopoli den Vertrag zur Uebergabe Venedigs mit Radetzky geschlossen;[,] flüchtete ich mit mehreren meiner Gefährten auf einem Handelsschiff zurück in meine Heimath. Verbannt aus Korfu, wollte ich Zante nur betreten, um meine Verhältnisse zu ordnen und nach Griechenland zu gehen. Im Hafen von Korfu, am Bord des neutralen Schiffes, wurde ich verhaftet und in die Kerker der Citadelle gebracht, jener Zwingburg, die England für mein freies Vaterland errichtet. In Cephalonien war am 27. August die Erhebung ausgebrochen, welche die alte Freiheit der Republik oder die Vereinigung mit Griechenland forderte. Mein älterer Bruder, Anastasio, stand an ihrer Spitze. Dreihundert Ionier, darunter Männer aus den edelsten Familien, wurden von unsern Tyrannen hingerichtet, von jener Nation, der Europa den Schutz des jungen Staates anvertraut, und die uns zu ihren Knechten gemacht hat. Ich sah sie sterben, die
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Märtyrer ihrer Rechte an dem Galgen auf der Esplanada von Korfu. Neun Monate darauf erst öffnete sich die Thür meines Kerkers - ein befreundetes Herz allein hatte des Gefangenen gedacht und sich seiner angenommen; - mir ward bedeutet, nach Zante zu gehen und dort unter strenger Aufsicht, fern von aller politischen Theilnahme, zu leben, widrigenfalls mich das Schicksal meines Bruders erwarte.«
»Es ist hart mit Ihnen von der Regierung verfahren, ich gestehe es.«
»Das sagen Sie, der Engländer,« sprach mit bitterm Hohn der Capitain. »Bedenken Sie, wie ich, wie jeder Ionier in seinem Herzen dafür fühlt. Englische Festungen und drohende Kanonen auf jeder Spitze unserer Felsen, die Wappen Englands auf jedem unserer öffentlichen Gebäude; jedes Amt, jeder Posten bis zu dem geringsten herab in den Händen jüngerer Söhne und Müss[ß]iggänger, die England hier versorgt; die reichen Einkünfte unserer Ernten nicht zur Cultur unsers Landes, sondern zum Unterhalt einer vertragswidrigen Armee, zum Bau neuer Zwingburgen, zur Bereicherung habsüchtiger Beamten verwendet! Unser Parlament eine Gesellschaft ohne Bedeutung, die jede Laune Ihres Onkels auflöst, bis sie seinen Willen thut! Freie Presse, ein Wahn unter der liberalen Herrschaft Englands - das außer der Regierungsdruckerei in Korfu notorisch keine Druckerei, keine Zeitung in dem ganzen Staat duldet. Sagen Sie selbst,« - er faßte den Arm des Briten - »habe ich mit einer Sylbe übertrieben?«
Der Engländer senkte schweigend den Kopf.
»Ich ging nach Zante, auf das kleine Eigenthum, das bei der Confiscation unserer Güter mir geblieben,« fuhr der Capitain fort, »und das unthätige Leben, das tägliche Schauspiel maßloser Unterdrückung fraß an meinem Herzen. Ich schrieb an meine Freunde in Athen, um in die griechische Armee zu treten - das arme Griechenland war geknechtet, gleich uns, von den übermüthigen Beherrschern der Meere. England forderte, allem Völkerrecht zum Trotz, die Inseln Sapienza und Cervi für sein Jonien und dreimalhunderttausend Drachmen für fremde Kaufleute, die von irgend einem Räuber geplündert waren. Seine Flotte sperrte den Pyräus, seine Willkür hatte alle griechischen Schiffe mit Embargo
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belegt, trotz des Widerspruchs Frankreichs und Rußlands. Kein Ionier durfte in Griechenland Zuflucht finden - meine Hoffnung war vergebens. Ich vegetirte fort - nur der Schmerz in meinem Innern wuchs riesengroß. Da kam von den albanesischen Küsten und aus Montenegro die heimliche Nachricht zu uns, daß russische Agenten sich dort aufhielten. Ich selbst konnte nicht hinüber, denn zeder meiner Schritte war bewacht, jeder Ausflug mir verboten. Ich kam heimlich mit getreuen Männern zusammen, ich sandte einen vertrauten Diener mit Briefen, ab nach Patras, in denen wir dem alten Freunde Griechenlands, dem Czaren, unsere Dienste anboten und von ihm Hilfe für unser Elend forderten.
»In einer Octobernacht, während das Meer im Sturm sich hob, klopfte es an das Fenster meines Hauses. Ein Unbekannter reichte ein Papier herein und verschwand so rasch, als er erschienen war. Mein alter Diener Theodoros, ein Mann, der mich nie verlassen, brachte mir den Zettel. Er enthielt die Worte: ›Fliehen Sie - die Briefe nach Petersburg sind aufgefangen und in den Händen Sir Henry Wards. Befehl zu Ihrer Verhaftung. Der Weg nach Griechenland gesperrt. Italien!‹ Noch in derselben Nacht, während Theodoros meine Freunde benachrichtigte, erreichte ich Bromi, und schiffte mich auf einer Barke ein. Nach zwei Tagen Umherkreuzens auf dem offnen Meere, von denen jede Stunde zehn Mal den Tod zu bringen drohte, trafen wir ein Messina-Schiff, das nach Tarent ging. So erreichte ich das Festland.«
»Doch wie kommen Sie aus Calabrien hierher, nach so langer Zeit - warum suchten Sie nicht längst Schutz in einem andern Lande?«
»Fragen Sie die Motte, warum sie das Licht nicht verläßt, das ihre Flügel versengt?« sagte mit einem Anflug melancholischen Spottes der Capitano. »Doch - es war nicht möglich. In Neapel konnte ich nicht hoffen, mich einzuschiffen; in Folge des Anfstandes in Sicilien war hier die Aufsicht streng und ausgedehnt. Ich glaubte im römischen Gebiet leichter die Küste des Mittelländischen Meeres zu erreichen und durchwanderte die Abruzzen. In Rieti, auf päpstlichem Gebiet, wurde ich erkannt - kaum entging ich den österreichischen Schergen, denn mein Name stand
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von Venedig her auf der Liste ihrer Proscribirten. Mein plötzliches Erscheinen galt als Beweis neuer propagandistischer Versuche; der englische Konsul in Rom, ihr Gesandter in Neapel schlossen sich, der Verfolgung an und, gehetzt wie der Eber der Abruzzen, floh ich zurück in die Gebirge.
Ein Preis stand auf meinen Kopf - meine Kraft war gebrochen; in dem Schnee der Apenninen sank ich fieberheiß zu Boden und wünschte mir den Tod. Mein treuer Diener trug mich an die Pforten des Klosters St. Benedetto hoch im Gebirge an der neapolitanischen Grenze. Dort lag ich Monate lang krank und verborgen im Schutz der frommen Väter und sie entließen mich nach meiner Genesung erst dann, als mir durch einen Zufall Verrath und Gefahr drohte. Seit zehn Tagen bin ich hier bei einem Manne, der vor Jahren in Rom unter mir gedient, und der diese Schänke auf dem Gebirge von seiner Familie geerbt. Sein Dank giebt mir Obdach!«
»Und was gedenken Sie zu thun? Wie kann ich Ihnen helfen? - Richard Hunter, obschon nur ein Diener der Religion und des Friedens, wird keine persönliche Gefahr scheuen, um dem Freunde, dem Retter seines Lebens in den Schluchten des St. Salvador15 zu beweisen, daß die Verschiedenheit politischer Meinungen nicht die Pflichten der Dankbarkeit und der Freundschaft aufhebt.«
Der Capitano reichte ihm die Hand. »Ich weiß, es fehlt nicht an edlen Herzen in Ihrer Nation, wie sehr ich sie als solche auch hassen muß; an Herzen, so groß und schön, so stolz und edel, wie Gott sie nur in der Menschen Brust gepflanzt. - Eine Aussicht eröffnet sich mir - in Ancona liegt ein französischer Kauffahrer, der mich an der Küste aufnehmen soll. In Ripatransone erwarte ich Botschaft, und es gilt nur, dasselbe ungefährdet zu erreichen.«
»Das träfe sich herrlich,« sagte der Brite, »wir gehen nach Ascoli und an die Küste. Niemand in unserer Reisegesellschaft kennt Sie - Sie werden uns begleiten.«
»Noch weiß ich nicht, ob ich es wagen darf,« erwiederte der
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Grieche. »Sie haben mir noch nicht erzählt, welcher Zufall Sie in diese wilden Gebirge führt, wer Ihre Begleiter sind!«
»Vier junge Landsleute, jüngere Söhne edler Familien wie ich, die meiner Obhut anvertraut sind, und mit denen ich die Tour durch Frankreich, Deutschland und Italien gemacht. Ihre Bestimmung ruft sie in die Armee und die Verwaltung nach Ostindien, und dorthin, Freund, führt mich auch mein Schicksal. Ich gehöre zur Mission von Bengalen, und gehe, wenn ich mein Lebensglück durch die Erfüllung meines theuersten Wunsches gesichert, nach Suez, um mich von dort nach Calcutta mit meiner künftigen Gattin einzuschiffen. - Doch da kommen meine Begleiter, und wenn Sie auch keiner persönlich kennt, ist es doch nöthig, Sie unter anderm Namen einzuführen.«
Während der Unterredung im Innern der Osteria war vor deren Thür die besprochene Gesellschaft augekommen und hatte Halt gemacht. Sie bestand aus mehreren Reitern, theils aus Eseln, theils aus Maulthieren, denen ein leichter Karren mit Gepäck folgte. Die Hauptgruppe bildeten vier junge Männer, von denen noch keiner das zwanzigste Jahr erreicht hatte, und die jetzt lachend und auf den schlechten Gebirgsweg scheltend von ihren Sätteln stiegen und nach ihrem Begleiter riefen. Lärmend kamen die jungen Herren alsbald ins Haus, wo ihnen der Vicar, dessen Ansehn und ruhiger Würde sich Alle bereitwillig zu fügen schienen, entgegentrat und ihnen den Capitain zuführte. »Sehen Sie, wie glücklich ich dabei gewesen bin, daß ich diesmal, Ihrem Willen nachgegeben und statt der großen Straße den Weg durchs Gebirge eingeschlagen,« sagte er; »denn ein Zufall läßt mich in dieser Osteria einen alten Freund aus Neapel, den Comte di Griffeo treffen. Erlauben Sie mir, lieber Graf, Ihnen hier meine jungen Reisegefährten vorzustellen: Sir Stuart Sanders, Fähnrich in Ihrer Majestät 84. Regiment in Ostindien, Kornet Pond, der Neffe des Generals Wheeler, Hugh Flinton, und James Ward, mein Retter, der Sohn meines Oheims in Korfu, der seither in England, erzogen wurde.«
Der Capitain verneigte sich höflich vor den jungen Männern, denen sein stolzes, edles Aeußere imponirte, und da er fertig Englisch sprach, war die Unterhaltung bald im Gange, während
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die Diener den ermüdeten Thieren Futter gaben und der Wirth für die Gäste einige Flaschen des köstlichen Weins von Montefiascone herbeischaffte, mit denen sein Felsenkeller durch die Schmuggler reich versehen war.
Im Laufe des Gesprächs fragte der Grieche, weshalb Master Hunter sein Freund, den er vor drei Jahren in Korfu als Kaplan gekannt hatte, einen Posten in der indischen Mission angenommen habe und so weit von der Heimath sein Glück suchen wolle; derselbe erwiederte: »Unsere kirchlichen Verhältnisse können Ihnen nicht unbekannt sein. Die Stellen unserer Geistlichen theilen sich in Sinecuren mit einem fürstlichen Einkommen, und in die Lasten schlecht besoldeter Untergebenen. Der wahre, eifrige Diener und Verkünder des göttlichen Wortes leidet in unserm stolzen England oft am Nöthigsten Mangel, und das Hungertuch ist sein Loos. Wenn nun auch meine Familie so viel Einfluß besitzt, daß ich Aussicht gehabt hätte, in einiger Zeit eine dieser Sinecuren zu erhalten, so widerstrebt dem doch mein besseres Gefühl; ich will wirken, schaffen in meinem Beruf - und dazu ist in England wenig Platz. Hierzu kommt der Drang, der so häufig uns Briten nach fernen Zonen zieht. Sie werden sich vielleicht erinnern, daß ich die Naturwissenschaften mit Vorliebe treibe und schon in unserm herrlichen Korfu jede freie Stunde dazu benutzte. Hat doch gerade diese meine Neigung unser Freundschaftsbündniß geschlossen, als Sie mit Lebensgefahr aus der Felsenschlucht und der wüthenden Brandung mich retteten, in die ich durch einen jähen Sturz gerathen. Und ob Sie auch das Haus meines Oheims nicht mehr besuchten, wie Sie früher gethan, ob die politischen Feindschaften auch jeden Verkehr abgebrochen - wir sahen uns oft in Ihrem einsamen Hause am Sanct Angelo und suchten zusammen, durch die Berge streifend oder auf unserm Kahn die blauen Wellen des ionischen Meeres durchschneidend, die Heldenerinnerungen des alten Corcyra! Die schönen Tage, Freund, sind unvergeßlich in meinem Gedächtniß! Dort, wo ich hingehe, will ich gleichfalls der Natur und den mächtigen Erinnerungen der Vorzeit leben. Indien ist noch immer ein jungfräuliches Land, das alle Herrschsucht, alle falsche Maßregeln der Compagnie nicht zu Grunde zu richten vermocht haben. Eine großartige Natur, die ganze,
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ursprüngliche Wissenschaft und Bildung des Menschengeschlechts in gigantischen Ruinen der Vorzeit erwarten mich dort; - der Charakter des Volkes ist weich und empfänglich, die Segnungen des Christenthums haben ein weites, ergiebiges Feld vor sich, und - es ist unnütz, es Ihnen zu verhehlen - auch der Gedanke zieht mich an, so manches Unrecht, das meine Landsleute den armen Hindu's zufügen, durch Gottes Wort vergüten, gegen manche Tyrannei vielleicht mit einigem Erfolg ankämpfen zu können. Darum nahm ich das Anerbieten des Erzbischof von Canterbury, zu dessen Diöcese das indische Reich gehört, an, ob für immer, läßt sich noch nicht entscheiden, in die ferne Zone zu gehen, da die Frau, der meine Achtung und Liebe gehört, eingewilligt hat, mir dahin zu folgen, ja gewissermaßen die Anregung dazu gab. - So, Freund, wollen wir Beide mit dem Leben und für das Leben kämpfen, und eine liebe, theure Erinnerung würde es für mich sein, wenn ich beim Verlassen Europa's noch zur Sicherung Ihres Schicksals das Meine thun könnte. Nehmen Sie daher meinen Vorschlag an, Sie können ohne Gefährdung mit uns reisen, wir haben genügende Papiere bei uns, welche uns gegen alle Belästigungen auch der österreichischen Militärwachen schützen; überdies ist einer der kommandirenden Offiziere durch die Schwester meines Vaters, welche nach Deutschland heirathete, mir verwandt. Wir wollen bald weiter, denn wir beabsichtigen noch vor Anbruch der Nacht Osole zu erreichen, wie die Führer es uns versprochen haben. Ich stehe für Ihre Sicherheit und habe die Freude, Ihnen so in Etwas meine Schuld abzutragen.«
Der Capitain schlug ein. »Ich erkenne Ihre Güte,« sagte er, »und weiß, wem ich vertraue. Aber auf Eins lassen Sie mich Sie aufmerksam machen. Sie kennen diese Gebirge zu wenig, und die Sonne naht bereits stark ihrem Untergange. Es ist selbst bei Tage auf diesen Nebenwegen, ja häufig auf der großen Landstraße zu reisen gefährlich, denn zahlreiche Banden lagern auf dem Monte Vittore und in den Abruzzen, und streifen oft hier herüber, ja selbst bis an die große Straße von Foligno und an die Meeresküste. Es würde besser sein, wir verweilten die Nacht hier.«
»So besorgt, Freund,« erwiederte lachend der Vicar, »und haben doch schon so lange selbst in dieser Wildniß zugebracht?
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Nein, mein Freund, wir müssen fort. Wir sind, außer dem Führer und den beiden Treibern der Maulthiere, zehn gut bewaffnete Männer, und wenn mein Amt auch friedlich ist, verstehe ich doch im Nothfalle sehr gut, mich der Waffen zu bedienen, und es fehlt mir nicht an Willen und Muth dazu, denn ich muß ja auf so manche Gefahren gefaßt sein, die ein wildes, Land, wie Indien, bietet. - Ueberdies« - ein Lächeln umzog seinen Mund - »werde ich morgen an einem Orte erwartet und denke, auch Ihnen dort eine kleine Ueberraschung zu bereiten. Die Räuberbanden haben sich nach den Nachrichten, die wir in Terni erhalten, gänzlich auf das neapolitanische Gebiet, in die unzugänglichsten Theile der Abruzzen zurückgezogen, da sie überall von den französischen und österreichischen Truppen bedrängt werden, und starke Pikets auf der ganzen Grenze postirt sind. Ich hätte sonst sicher nicht diesen Weg gewählt. Heda, Wirth, wie weit rechnet Ihr noch bis Osole?«
»Neun Miglien,16 Excellenz zu dienen.«
»Und werden wir noch vor Einbruch der Nacht den Ort erreichen?«
Der Wirth zuckte bedeutsam die Achseln bis an die Ohren. »Die Wege durch's Gebirge sind beschwerlich, Excellenza,« sagte er, »und wenn ich mir's herausnehmen dürfte, einem so vornehmen Herrn zu rathen, möchte ich ihn bitten, mit meiner geringen Osteria fürlieb zu nehmen, oder nach Norcia zurückzukehren. Es hält sich viel Gesindel in den Bergen auf, sonst zwar ganz ehrliche Leute, die aber gezwungen sind, mit Büchse und Stiletto ihr Brot zu verdienen; ja, die Bauern in den Thälern munkeln sogar, daß der glorreiche Pepe Mamiani, ein so blutdürstiger und verwegener Schurke,« - er sah sich vorsichtig um - »wie Excellenz nur einen denken können - wieder seine Streifzüge über die Grenze macht. Excellenza möchte ein Unfall betreffen, und ich wäre untröstlich ...«
»Nichts von Eurem Bedauern, Herr Wirth,« unterbrach ihn der Brite; »wir haben noch eine Stunde bis zum Untergang der
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Sonne vor uns, und ich frage Euch, ob es möglich ist, in zwei Stunden Osole zu erreichen?«
»Möglich wohl, Excellenza, indeß ... die Jahreszeit ... die Gewitter ...«
»So lassen Sie die Thiere vorführen, James, und Sie, lieber Pond, treiben unsere Führer zum Aufbruch, denn es will mir scheinen, als besäßen die Kerle eine bedeutende Portion italienischer Faulheit. Wie bringen wir Sie aber fort, mein Freund?« wandte er sich leise zu dem Capitain. »Einer unserer Bedienten mag sich auf den Karren setzen und Ihnen sein Maulthier abtreten.«
»Machen Sie sich keine Sorge deshalb, Sir,« erwiederte der angebliche Graf. »Ich besitze eines der kleinen Gebirgspferde, die wie die Ziegen klettern, und es befindet sich hier in der Nähe. - Wenn Sie demnach erlauben, meine Herren, schließe ich mich Ihrer Gesellschaft an, bis unsere Wege sich trennen. Holen Sie mein Pferd, Francesco, und Sie, Freund, warten Sie nicht auf mich, sondern treten Sie den Weg nur an, was mich selbst das Beste dünken will, wenn ich jene schweren Wolken über dem Monte Cavallo sich erheben sehe. In wenig Minuten hole ich Sie ein.« Er reichte dem Geistlichen herzlich die Hand, winkte dem Wirth und verschwand mit diesem.
Die Dienerschaft legte den Thieren wieder Sättel und Zäume an, die Führer und Träger mit mürrischen, verdrossenen Mienen über den schleunigen Aufbruch, nahmen das Gepäck auf und schickten sich nach allerlei Zögerungen zum Weitergehen an. Endlich war Alles bereit und der Zug setzte sich in Bewegung, nachdem der Leiter desselben in der Osteria einige Geldstücke für die Bewirthung zurückgelassen. Voran schritt ein starker und wild aussehender Gebirgsbewohner als Führer, der Sir Richard auf seine Fragen nur kurze Antworten gab und wenig Zutrauen Erweckendes in seinem Aeußern hatte. So ging der Zug die wilde Straße in die Berge hinein, während die untergehende Sonne, welche auf die Hecken von wilden Feigen und Taxus oder auf die bläulichen Schiefer des Gesteins rothe Strahlen warf, den Reisenden oft malerische Anblicke in die Tiefe gewährte.
Indeß sie ihren Weg fortsetzten, hatte Francesco, der Wirth, das kleine, rauh behaarte Gebirgspferd, das er für den
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Capitain gekauft, aus der Felsenspalte geholt, die man zum Stalle eingerichtet. Markos Grimaldi theilte den ziemlich spärlichen Inhalt seiner Börse und legte die Geldstücke heimlich auf den Fenstersims für den Getreuen. Dann gab er ihm die nöthigen Instruktionen für den Fall, daß er seinen jetzigen Diener und Fluchtgefährten in Ripatransone nicht treffen sollte, und bestimmte den Ort des Rendezvous an der Küste. Der Capitano nahm die Zügel aus der Hand des alten Dieners und legte die seine ihm auf die Schulter, indem er lange und herzlich ihm in's Gesicht blickte. »Lebe wohl, braver Mensch,« sagte er - »das Schicksal zwingt mich, zu sagen, ich hoffe: auf immer oder mindestens auf lange Zeit. Kann ich Dir je vergelten, was Du in Deiner Treue für mich gethan, so soll es, bei dem Gott über uns, geschehen - wo nicht, nimm fürlieb mit dem Dank eines Heimathlosen.« Weinend, mit tausend Segenswünschen beugte sich der Wirth der Osteria auf die Hand des Offiziers und küßte sie; Grimaldi aber drückte ihn selbst an die Brust, dann sprang er auf den Klepper, und das kräftige, wilde Thier jagte davon, während Francesco, der Wirth, noch lange dem Scheidenden nachwinkte.
Die Dämmerung nahte bereits, als Grimaldi den Zug erreichte und sofort zu seinem Freunde ritt, mit dem er, eine kurze Strecke hinter den Dienern folgend, über die gemeinschaftlichen Erinnerungen und die wichtigen, die europäischen Verhältnisse erschütternden Ereignisse der letzten zwei Jahre plauderte. So achteten sie wenig darauf, daß drohende Gewitterwolken den Abendhimmel umzogen und den Weg verdunkelten, der, ohnehin fast zur Unkenntlichkeit verlaufend, immer tiefer und wüster in die Berge sich hinein zog. In den südlichen Ländern ist die Dämmerung nur kurz und geht rasch zur Nacht über. Erst als das ferne Wetterleuchten zwischen den Berggipfeln sie aufmerksam machte und der Diener des Geistlichen, ein ernster Schotte von gesetzten Jahren, zu ihnen herankam, um ihnen zu sagen, daß er fürchte, sie seien längst vom rechten Wege abgekommen, und daß der Führer, fortwährend mit den beiden Maulthiertreibern flüsternd, ihm verdächtig vorkomme, - fiel auch ihnen auf, daß sie die von dem Wirth ihnen angegebene Entfernung bereits zurückgelegt haben, oder wenigstens Osole sehr nahe sein müßten. Dennoch war in
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dem Dunkel keine Spur einer kultivirten, von Menschen bewohnten Gegend zu sehen, und Beide begannen die Besorgnisse des Dieners für begründet zu halten. Hunter wollte sofort den Führer rufen, der Capitain jedoch hielt ihn zurück und bat, ihm erst eine kurze wie zufällige Prüfung des Mannes zu gestatten. Um diese vorzunehmen, trennte er sich von dem Freunde und ritt nach der Spitze des Zuges, wo er absteigend neben dem Führer herging und, Feuer von ihm für seine Cigarette verlangend, ein Gespräch mit ihm anknüpfte.
Der Mann blieb jedoch, gegen die Gewohnheit der Italiener, sehr einsilbig. Es war eine starke, knochige Gestalt, das Gesicht von einem bereits ergrauenden Bart umgeben und durch eine tiefe, über die Nase laufende und sie verunstaltende Narbe gezeichnet.
»Wie weit rechnet Ihr noch bis Osole, Amico?« fragte der Grieche.
»Drei Miglien, Excellenza, die Wege sind schlecht, und wir haben nur wenig über die Hälfte zurückgelegt.«
Grimaldi wußte, daß der Mann log; sie waren jetzt zwei volle Stunden unterwegs und konnten demnach, auch bei dem schlechtesten Wege, die Entfernung nach Osole recht gut zurückgelegt haben. Er unterdrückte jedoch alle weiteren Bemerkungen und sagte nur: »Jedenfalls müssen wir bereits über Gatto hinaus sein, und dennoch habe ich keine Spur davon gesehen.«
»Excellenza müßten Adleraugen dazu haben, es liegt dort hinter jenen Bergen.« Er wies nach links, und doch war es dem Capitain aufgefallen, daß sie von der Osteria, statt gerade aus, sich immer links gehalten hatten, also auf den Weiler hätten stoßen müssen.
»Das Wetter scheint drohend zu werden,« fuhr der Offizier fort, »es wird Zeit, daß wir unser Nachtquartier möglichst bald erreichen. Ihr seid doch Eures Weges sicher, Freund, und aus dieser Gegend? Wo seid Ihr her, und wie nennt Ihr Euch?«
»Antonio Pescare, aus der Campagna, Signor. Ich mache den Weg jetzt fünfzehn Jahre und kenne jeden Stein desselben.«
Der Capitain sah ein, daß der Mensch wieder log. Der Dialekt der italienischen Landschaften ist so verschieden, daß man leicht daraus die Heimath eines Mannes erkennen kann, und der
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des Führers war offenbar nicht der römische, sondern bekundete den Bergbewohner von Calabrien. Ueberdies hatte Francesco, der Wirth, der jetzt schon zwei Jahre die Osteria an der Straße hielt, geäußert, daß ihm der Führer ganz unbekannt sei. Ohne die Bewegung auffallend zu machen, blieb daher der Capitain langsam zurück bis er sich wieder an der Seite des Freundes befand. »Ich möchte Ihnen gern eine bessere Kunde geben, als meine gewonnene Ueberzeugung mir zur Pflicht macht,« sagte er zu diesem. »Ich glaube, Sie befinden sich in sehr schlechten Händen. Der Mensch, den Sie zum Führer genommen, ist offenbar nicht das, für was er sich ausgiebt, und hat Sie bereits irre und vom rechten Weg abgeführt. Ich bin überzeugt, daß wir weit links in den wildesten Theil des Gebirges gerathen sind, und halte es für das Beste, daß Sie sich seiner versichern und wir dann unsern Weg so rasch als möglich zurücknehmen. Ihn nicht aus den Augen und aus unserer Gewalt zu lassen, wird aber jedenfalls nöthig sein.«
Nach einer kurzen Berathung wurde beschlossen, daß Master Hunter sich zu dem Führer begeben und die Umkehr befehlen sollte, während der Capitain zurückblieb, um die Leute im Auge zu behalten und die Flucht zu verhindern. Hunter gab der kleinen Karawane das Zeichen zum Anhalten und ritt zu dem Führer hin, der ihn, auf seinen langen Gebirgsstock gestützt, trotzig erwartete.
»Ich und meine Begleiter sind der Ansicht,« sagte der Kaplan mit freundlichem Ton, »daß wir zu weit links in die Berge gerathen sind. Was meint Ihr dazu, Freund?«
Der Mann schaute ihn mißtrauisch von der Seite an. »Wenn Excellenza in diesen Bergen besser Bescheid zu wissen meinen, als ich, so werden Sie am besten thun, sich selbst zu geleiten.«
»Dazu habe ich Euch gemiethet,« sagte der Geistliche ernst, »und Ihr müßt uns dahin führen, wohin ich es Euch bestimme. Für jetzt habe ich beschlossen, daß wir unsern Weg zurücknehmen wollen nach der Osteria, die wir vor zwei Stunden verlassen haben. Also laßt die Thiere und die Leute umwenden und zeigt uns den Weg.«
Der Führer biß die Zähne trotzig zusammen und warf
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tückische Blicke auf den Sprechenden. »Ich und meine Gefährten gehen keinen Schritt zurück; wir versprachen, Sie nach Osole zu bringen und haben selbst Geschäfte dort; unser Weg geht also vorwärts!« Damit steckte er den Finger in den Mund, that einen schrillen Pfiff und schritt, unbekümmert um die Reisenden, voran, während die beiden Maulthiertreiber bei dem Laut aufmer[k]sam nach ihm hinblickten, wie ein Pferd die Ohren spitzt, wenn der Ton der Trompete zum Kampf ruft. Hunter aber, von der Begründung seines Verdachts jetzt überzeugt, war rasch an des Führers Seite und packte ihn beim Kragen. »Halt, Kerl,« rief er, »wenn Du nicht in Güte hörst, werden wir Dich zum Gehorsam zwingen.«
»Laßt mich los, Signor, oder ...«
»Henry - Steffen - herbei!« schrie der Brite den Bedienten zu. »Faßt mir den Halunken und bindet ihn!«
»Maladetta bestia!« knirschte der Italiener und riß sich mit einem kräftigen Ruck aus den Händen des Vicars los. Hunter fühlte die Schneide eines Messers an seinem linken Arm hingleiten und leicht das Fleisch ritzen; durch eine rasche Bewegung aber entging er dem Stoß und versuchte aufs Neue, den Mörder zu fassen, denn er war ein Mann von großem persönlichen Muth und bedeutender Körperkraft. Aber mit der Gewandtheit einer Katze war Jener an den Rand des Weges, wo er sich abschüssig in dichtes Gebüsch senkte, gesprungen und ließ einen zweiten Pfiff ertönen, dem ein wilder Gegenruf der beiden Maulthiertreiber antwortete. Ehe die Reisenden oder ihre Diener es verhindern konnten, waren diese aus der Reihe gesprungen und kletterten an dem Felsen empor. Ein greller Blitz aus der Wolkenwand, die sich bereits über den ganzen nördlichen und östlichen Himmel emporthürmte, zeigte Antonio, den Führer, noch am Rande des Weges stehend, und sein höhnisches, grelles Lachen vermischte sich mit dem Rollen des Donners. Dann erscholl der Knall einer Pistole, ein wilder italienischer Fluch wurde ausgestoßen und der Verräther verschwand am Abhang.
Der ganze Auftritt war das Werk weniger Augenblicke gewesen, und der größere Theil der Gesellschaft wußte kaum, was das Alles zu bedeuten habe und schrie und fragte bunt durch
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einander. Nur Hunter und der Capitain behaupteten ihre ruhige Entschlossenheit, und der Letztere, der den Schuß auf den Flüchtling gethan, behauptete mit Bestimmtheit, daß er ihn verwundet haben müsse. Mit flüchtigen Worten wurde jetzt den Anderen ihre gefährliche Lage kund gemacht und eine rasche Berathung gehalten, bei der Eile um so nöthiger war, als plötzlich das Unwetter in voller Kraft über ihren Häuptern losbrach.
Ein Gewitter ist in allen Gebirgen eine furchtbarere, gewaltigere Erscheinung als in den Ebenen des flachen Landes. In den Felsenschluchten der höheren Apenninen toben die Wetter mit einer Heftigkeit, die den Orkanen der heißen Zone ähnelt. Das Gewitter, das die Gesellschaft überfallen, war von der stärksten Art - die trockene Hitze vieler Tage hatte die Elektricität gesammelt, und sie entlud sich jetzt Schlag auf Schlag über den Geängsteten. Menschen und Thiere schienen Minuten lang an dem hohen Abhang, auf dem sie sich befanden, in Feuer zu stehen, und die Reisenden genossen das eigenthümliche, wenn auch gefährliche Schauspiel, die Blitze über ihren Häuptern und unter ihren Füßen sich kreuzen zu sehen. Der Donner durchdröhnte unaufhörlich die Luft in so gewaltigen von hundert Echo's wiederholten Schlägen, daß die Maulthiere zitternd und die Mähne sträubend an ihrem Platze hielten und die Menschen betäubt wurden. Dennoch traf kein weiteres Unglück die kleine Gesellschaft, und ebenso rasch, wie sie im Sturm dahergebraust, flogen die elektrischen Wolken vorüber und senkten sich in die nahen Thalkessel. Dagegen wetterte jetzt eine Hagelwolke ihre scharfen eisigen Körner in dichten Massen nieder, und nur mit der größten Anstrengung gelang es den Herren und Dienern, die Thiere festzuhalten, daß sie nicht in blinder Tollheit ohne Ziel und Pfad davon rannten, da überdies die beruhigende Stimme des bekannten Führers fehlte.
Die Gesellschaft befand sich, in einer trostlosen, durch die Ungewißheit um so gefährlichern Lage, und wie in einer solchen die kräftigen, entschlossenen Charaktere sich stets der Leitung bemächtigen, so geschah es auch hier: der neapolitanische Pseudo-Graf trat an ihre Spitze. Mit flüchtigen Worten wurde den jungen Männern und Dienern, unter denen sich nur zwei in Rom gemiethete Italiener befanden, die Gefahr der Lage angedeutet,
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und nach kurzer Berathung zwischen dem Geistlichen und seinem Freunde über die Frage, ob man den Rückweg allein versuchen sollte, auf das energische Andringen das Capitains beschlossen, trotz des noch immer tobenden und in heftige Regengüsse sich auflösenden Wettern[Wetters] vorwärts zu dringen. Der Capitain erklärte überzeugend die Gründe, die ihn zu diesem Vorschlag bewogen. Offenbar hatten die Entwichenen, die sich der Gesellschaft auf der letzten Station in der Nähe von Norica aufgedrängt mit dem Versprechen, sie auf einem nähern Wege durch die Berge zu führen, von vorn herein die Absicht gehabt, sie unterwegs irre zu leiten und in irgend einen Hinterhalt zu locken, ja, es ließ sich mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß wenigstens der Eine zu einer Bande selbst gehörte und die Vetturins die willigen Werkzeuge waren. Da man bereits den Entschluß geäußert hatte, nach der Osteria Francesco's zurückzukehren, so würden die Verräther gewiß mit ihren Genossen sie auf dem langen Wege dahin im Dunkel der Nacht überfallen, und selbst im glücklichsten Fall bot die einsam gelegene, von jeder Hilfe abgeschnittene Herberge keinen genügenden Schutz gegen einen Angriff. Dagegen war es möglich, daß man bei muthigem Vorwärtsdringen aufs Gerathewohl eben durch das Unerwartete den harrenden Feinden entgehen könne, die durch das Unwetter eben so gut behindert sein mußten, wie die Reisenden. Der in Strömen fallende Regen mußte jede Spur ihres Zuges verwischen, und jedenfalls, auch wenn sie keine bewohnte Gegend erreichten, war es immer besser, in irgend einem abgelegenen Dickicht des Gebirges den Tag zu erwarten und die etwaigen Verfolger so über ihren Weg zu täuschen.
Die Ansicht des Capitains entschied wie gesagt. Man sah ein, daß es unmöglich wäre, den Karren mit dem Gepäck weiter fortzubringen, spannte daher das Pferd, welches ihn zog, aus, vertheilte die Bagage auf die Thiere der Dienerschaft und stürzte ihn den Felsenabhang hinunter. Dann setzte man die Waffen, so weit es in diesem Wetter thunlich, in Bereitschaft, und der ganze Trupp, so dicht an einander haltend wie nur möglich und auf plötzlichen Ueberfall gefaßt, bewegte sich mitten in den Wolkenzug hinein.
Aber nur das tobende Wetter schien ihnen noch Ungemach
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bereiten zu wollen. Seit dem Verschwinden Antonio's und seiner beiden Genossen hatte man Nichts wieder von ihnen gesehen und gemerkt, als Anfangs einzelne Signale durch schrilles Pfeifen, die sich aber immer mehr in der Ferne verloren, oder von dem Brüllen des Donners und dem Brausen des Sturmes unhörbar gemacht wurden. Der Capitain schloß daraus, daß Jene sich ganz entfernt oder in irgend einem Zufluchtsort Schutz gegen das Wetter gefunden hatten und trieb um desto dringender Alle an, ihren Marsch zu beschleunigen.
Derselbe erfolgte über das Bergplateau, das die Gesellschaft erreicht hatte, so gut es ging, den Wegspuren folgend, bald aber, nachdem man diese gänzlich verloren, auf gutes Glück, mit so viel Vorsicht, als möglich war. Man mochte auf diese Weise wohl eine halbe Stunde vorgedrungen sein, als das Unwetter sich zu legen begann und, mit jenen schnellen Uebergängen im Süden, bald sich gänzlich verlor und einer klaren, sternenhellen Nacht Platz machte.
Sie hatten das Plateau, seit einiger Zeit bergabsteigend, verlassen und waren eine Strecke weit immer tiefer ins Thal quer durch einen Wald von italienischen Fichten vorwärts gegangen, als einer der beiden italienischen Bedienten, der sich gerade an der Spitze des Zuges befand, einen Ausruf der Freude ausstieß und auf einen fernen Lichtschimmer deutete, der sich zwischen den Bäumen hindurch zu zeigen begann. Allgemeine Freude erfaßte die Reisenden, als sie dies Zeichen der Nähe einer menschlichen Wohnung erblickten. Der Capitain jedoch hielt die Eilenden zurück, um sich womöglich erst nähere Kunde zu verschaffen und eine weitere Berathung mit seinem Freunde zu halten.
»Es ist uns vor allen Dingen Vorsicht nöthig,« sagte er, »der Lichtschein dort unten kann eben so gut von einem Feuer der Banditen, wie aus der Wohnung eines ehrlichen Mannes kommen, obschon Zehn gegen Eins zu wetten, daß von der letztern Art nicht Viele in dieser Wildniß leben. Ich erinnere mich übrigens von einem Gehöft in der Tiefe des Gebirges gehört zu haben - einem alten Gemäuer, das in früheren Jahrhunderten zu einem Kastell oder sonst einem Zweck gedient hat und eben nicht im besten Rufe steht. Sollten wir dahin gerathen sein, so können
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die Chancen, eben so leicht günstig als schlimm für uns ausfallen; denn es wird darauf ankommen, von wem wir es bewohnt finden. Es kann jedoch unmöglich entfernt von der Straße nach Amandola liegen. Jedenfalls, wenn es ein Gehöft ist, müssen wir versuchen, für die Nacht dort ein Unterkommen zu finden, denn unsere Thiere sind erschöpft und wir selbst vermögen kaum noch den Beschwerden zu widerstehen.«
Der Geistliche ließ seine Uhr repetiren - sie gab halb Eilf an. Sie waren unterdessen an den Rand des Waldes gekommen, und vor ihnen lag ein ziemlich weiter vom Gehölz freier Thalgrund, in dessen Mitte, die Vermuthung des ehemaligen Offiziers bestätigend, ein großes, dunkles Gebäude sich am Nachthimmel abzeichnete. Aus jenem kam der einsame Lichtstrahl.
»Lassen Sie mich voraus reiten,« sagte Grimaldi, »und zuerst allein Einlaß versuchen. Einem Einzelnen werden die Leute, die dort hausen, weit eher öffnen, und ich kann mich dabei zugleich überzeugen, ob nicht vielleicht eine uns überlegene Zahl von Feinden dort Schutz vor dem Wetter gesucht. Hören Sie einen Schuß, so bin ich in Gefahr, und Sie thun am besten, sich wieder in die Berge zu werfen. Mein Ruf soll Sie benachrichtigen, wenn das Feld rein, ist und wir also eine Herberge finden. Bis dahin aber halten Sie sich im Dunkel des Waldes.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, gab er seinem kleinen Pferde die Sporen und ritt auf das Gebäude zu, das um einige Dinten dunkler sich von dem Schatten der umliegenden Berge erhob. Es war, wie er näher kommend fand, ein breiter viereckiger Thurm aus zwei niedrigen Stockwerken bestehend und an der Frontseite von einer Mauer umgeben, die im Halbzirkel einen kleinen Hofraum umschloß und durch ein Thor von schweren Eichenbohlen den Zugang zum Gebäude öffnete. Aus dem fünfzehnten oder sechszehnten Jahrhundert herstammend, schien es in den vielfachen Kämpfen der italienischen Edlen jener Zeit zu einem festen Zufluchtsort oder verborgenen Waffenplatz, vielleicht auch nur als ein sicherer Aufenthalt während der Jagdstreifereien in den Gebirgen gedient zu haben, und obschon in einzelnen Theilen etwas verfallen, doch im Ganzen noch gut im Stande und von fester Bauart zu sein. Der Capitain konnte sich nicht verhehlen, als
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er es näher kommend betrachtete, daß das Gebäude ganz dazu gemacht sei, einen Schlupfwinkel für Räuber und anderes Gesindel abzugeben, zugleich aber erkannte sein militärischer Scharfblick auch, daß, wenn seine Gesellschaft das Haus unbesetzt fände und es ihr gelänge, hier ein Unterkommen zu erhalten, dies auch der geeignetste und vortheilhafteste Ort sei, im Fall einer Gefahr sich zu vertheidigen und einen Angriff mit geringen Kräften abzuschlagen oder doch wenigstens bis zum Tagesanbruch hinhalten zu können. Dies überlegend klopfte er ohne Zögern mit dem Kolben seiner Pistole an das verschlossene Hofthor, daß der Schall laut durch die Nacht dröhnte.
Noch hallte das Echo nach, als er schon ein kleines Fenster im untern Geschoß sich öffnen hörte, und eine Stimme fragte: »Wer klopft? Ist es Einer von uns?«
»Ja,« antwortete der Capitain unbedenklich mit leiser und verstellter Stimme, vom Schatten des Thores, an das er dicht herangetreten, gedeckt, »Mach' auf und sage ob Du allein bist!«
»Heilige Jungfrau von Loretto! Niemand ist im Hause als Mutter Therese und ich. Komm getrost herein, Freund, ich wunderte mich schon, wo Ihr in diesem Höllenwetter gesteckt. Im Augenblick bin ich bei Dir.«
Der Capitain sah den Lichtschein verschwinden und hörte die innere Thüre öffnen. Der hohle Husten, während der Mann über den Hof kam und die schweren Riegel von dem Thore hob, wie die Stimme, überzeugten ihn, daß er alt sei, und in der That stand, als der Thorflügel geöffnet war, eine kleine, zusammengeschrumpfte Greisengestalt vor ihm. Das volle Licht der Laterne, die der Alte in der Hand trug, fiel auf die kriegerische Figur des Capitains und ließ ihn zu seinem Schreck einen gänzlich Fremden erkennen. »Heiliger Januario, mein Padrone!« rief er, »wer seid Ihr und was wollt Ihr, daß Ihr einen armen, einsamen Mann so in dieser schrecklichen Nacht überfallt?«
Er versuchte das Thor wieder zu schließen, aber der Offizier war bereits dazwischen getreten, und indem er ohne weitere Anfrage sein Pferd in den Hofraum führte und dort stehen ließ, sagte er: »Nichts für ungut, Alter, Noth kennt kein Gebot, ich
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bin ein verirrter Reisender und Ihr könnt Christenleuten nach einem Wetter, wie das eben vergangene, nicht ein Unterkommen verweigern, um sich zu erholen. Kriegsrecht gilt überall; ich habe einige Freunde bei mir, die draußen meiner noch harren und muß mich vergewissern, ob sie ohne Gefahr hier eintreten können. Also voran, Alter, und zeigt mir Eure Spelunke!« Er nahm seinen Säbel in den linken Arm, spannte die Pistole und bedeutete den Wirth, voran zu gehen, der mit sichtlichem Schreck und Aerger das entschlossene Wesen des Fremden betrachtete. [Absatz] »Heiliger Jakob von Compostella,« rief er, »meint Ihr denn, daß mein Haus eine Herberge für alle Leute ist, die in den Gebirgen umherziehen? Geht in Frieden, Signor, und laßt mich das Thor schließen. Ich kann so viele Leute nicht beherbergen und zu finden ist hier Nichts in diesen öden Mauern.«
»Alter Narr,« sagte der Ionier, »haltet Ihr uns für Räuber und Spitzbuben? Ihr sollt Eure Gastfreundschaft nicht umsonst geben, es sind Engländer, und Ihr wißt, die bezahlen reichlich.«
»Inglesi?« fragte der Andere - »Veramente! diese Herren Engländer haben gewöhnlich viel rothes Gold und mit Gottes und der heiligen Jungfrau Hilfe könnte da vielleicht auch ein Stück für den armen Jacopo abfallen. Legt Euer Mißtrauen ab, Excellenza, und ruft Eure Freunde immerhin. Im ganzen Hause ist keine Seele als ich und der alte Drache, mein Weib, die mich das Fegefeuer schon hier auf Erden schmecken läßt und ein kleiner armer Bube. Ihr werdet hier so sicher aufgehoben sein, wie im Schooß des heiligen Vaters selber.«
»Ich pflege meinen eigenen Augen am liebsten zu trauen,« erwiederte der Capitain trocken, »also voran und zeigt mir den Weg. Wenn Ihr es ehrlich, so wird sich das leicht bewähren und nicht zu Euerm Schaden sein.«
Der Alte, einsehend, daß ihm Nichts übrig blieb als zu gehorchen, fügte sich, unter verschwenderischen Betheuerungen seiner Redlichkeit und der Sicherheit seines Hauses, die er geläufig bei allen Heiligen des italienischen Kalenders beschwor, in den Willen seines Gastes und geleitete ihn die zerbröckelten Steinstufen hinauf, die zum Hause führten. Den untern Theil desselben nahm fast ganz eine weite Halle ein, die jetzt zur Küche diente und in
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welcher ein kleines Feuer auf dem Herde brannte. Ein altes, von Jahren und Gicht krumm gezogenes Weib, mit mürrischer Miene, saß dabei und spann, während von einem Mooslager daneben ein Knabe, von etwa zehn bis eilf Jahren, beim Eintritt der Männer sich erhob und mit forschenden, verschlagenen Augen den Fremden betrachtete. Zwei Thüren, die der Wirth öffnete, zeigten nur zwei leere und wüste Kammern ohne weitern Ausgang, und auch in dem obern Stockwerk, das wiederum eine große Halle und zwei anstoßende leere Zellen enthielt, fand sich nichts Verdächtiges, was den Capitain zu der Vermuthung veranlassen konnte, daß wenigstens im Augenblick im Hause eine Gefahr sie bedrohe. Desto weniger Zutrauen flößte freilich das Aeußere des Wirthes ein, das er jetzt bei dem Schein des Feuers und der eisernen Lampe, die an einer Kette von der Decke hing und nun von diesem angezündet wurde, näher in's Auge fassen konnte. Obgleich der Mann ein hinfälliger, schwacher Greis war, lag in seiner faltigen, vom Alter vertrockneten Spitzbuben-Physiognomie doch so viel Lauerndes, Boshaftes und - bei seinem jetzigen Bestreben, sich angenehm zu machen - Heuchlerisches, das[ß] ihn unwillkürlich dies Gesicht, das außerdem noch durch den Verlust eines Auges entstellt war, anwiderte.
»Einstweilen scheint mir Euer Haus sicher,« sagte der Capitain, »und ich gehe, meine Freunde zu holen. Nur möchte ich doch vorher noch wissen, wen Ihr eigentlich erwartetet, als Ihr mir das Thor geöffnet!«
»Sancta Theresa - wen sollte ich erwartet haben?« fragte heuchlerisch der Wirth. »Hier des armen kleinen Peppo Eltern aus Arquata - meine Frau Muhme und Vetter - wollten uns heute besuchen und den Burschen abholen. Wir glaubten sie verspätet durch das höllische Wetter im Gebirge. Aber Excellenza wollen mir die Frage erlauben, wie Sie denn bei diesem schrecklichen Gewitter hierher gerathen und mein armes Haus gefunden haben?«
»Ich sagte es Euch schon - wir kommen von Terni und haben uns im Gebirge verirrt. Der Führer und die Vetturins haben uns hintergangen und sind, als wir uns ihrer versichern wollten, entflohen, ihre Thiere im Stich lassend. Der Schurke,
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der sich in Terni meinen Freunden zum Führer anbot, hatte sicher Helfershelfer im Gebirge, denen er uns in die Hände spielen wollte.«
»Kennt Excellenza den Namen des Mannes?«
»Antonio Pescare nannte er sich mir.« Der Knabe am Feuer machte eine leichte Bewegung, der Wirth und sein Weib blieben jedoch ruhig und unbefangen.
»Sorgt, unterdeß ich meine Reisegefährten hole, für ein gutes Feuer und was etwa Euer Haus vermag,« befahl der Offizier, »ich bin sogleich mit ihnen zurück.«
Der Wirth leuchtete ihm aus der Thür und kehrte dann sogleich in die Halle zurück, wo er den Knaben bereits im eifrigen Gespräch mit der alten Frau fand. »Der Vater hat es selbst gewagt,« sagte der Bursche, »und bei Sanct Peter - die englischen Ketzer sollen ihm nicht entgehen!«
»Aber was sollen wir thun, kleine Ratte,« meinte der Alte. »Sie werden vielleicht zahlreich sein; - wer weiß, wo unsere Leute nach dem Wetter in den Bergen zerstreut liegen, und wir können vielleicht ohne Gefahr ein hübsches Stück Geld verdienen, wenn wir diesen Engländern weiter helfen.«
»Cerinegato!« kreischte das Weib. »Hat der alte feige Schuft nicht gehört, daß es Inglesi, Ketzer sind, die es ein gutes Werk ist zu tödten? Höre nicht auf ihn, Peppo, mein Jüngelchen. Ich möchte darauf schwören, daß Dein braver Vater in der Sanct Lorenzo-Kapelle Schutz vor dem Wetter gefunden hat, oder dort den Aufgang des gesegneten Mondes erwartet, um die Teufelsbrut zu verfolgen. Er ist nicht der Mann, der seine schönen Maule17 im Stich ließe. Peppino - Du bist ein flinker Bursch, Du kennst alle Stege des Gebirges und wirst ihn finden. Bringe ihm Nachricht, wo er die Fremden trifft, Jacopo wird dafür sorgen, daß ihr das Thor unverschlossen findet.«
Der Knabe nahm sogleich einen alten, kurzen Mantel von Ziegenhaaren um und setzte seinen spitzen Filzhut auf. »Seid unbesorgt, Muhme,« sagte er. »Ich werde sie finden und sende Euch Botschaft. Merkt nur auf, ob Ihr den Rabenschrei hört.«
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Der alte Banditenhehler kratzte sich hinter den Ohren. »Es wird freilich das Beste sein, wenn sie nur so zahlreich beisammen sind, daß es keinen Kampf weiter giebt. So im Schlaf, ein blankes Messer über die Kehle und es giebt Keiner einen Laut mehr von sich. Die Inglesi sind Thiere; ich werde ihnen guten Wein vorsetzen, daß sie ihren Verstand darin lassen. Aber dem Burschen, der eben hier war, traue ich nicht, er redet unsere Sprache wie ein Italiener und ist kein Fremder.«
»Bah,« sagte der Kleine, - mein Vater Antonio ist mit Andern fertig geworden. Addio, Mütterchen! Sorge nur, daß ich auch meinen Theil von der Beute bekomme!«
»Ein Teufelsjunge, der Peppino,« schmunzelte der Alte, während er dem Knaben nach einer der Kammern folgte. »Ich möchte zehn Scudi gegen einen Bajocchi wetten, daß er, ehe zehn Jahre vergehen, das beste Stilet zwischen Spoleto und Terracina führt.«
Als er zurückkam, war er allein. Draußen vor der Thür tönte bereits das Geräusch der Ankommenden, und Jacopo, der Wirth, trippelte hustend und keuchend hinunter, die Gäste zu empfangen, die er so eben dem Mordmesser der Banditen verrathen hatte.
Der Capitain hatte seinen Freund von dem Zustand des Zufluchtsortes unterrichtet, der sich ihnen bot, und dieser ihm sogleich zugestimmt, daß sie sich desselben bis zum Tagesanbruch versichern müßten. Dem entsprechend wurden sofort die nöthigen Befehle ertheilt, das Thor wieder sorgsam geschlossen, die Maulthiere und Pferde in einem im Hofe sich befindenden Schuppen untergebracht und mit Futter versehen, das sämmtliche Gepäck aber in die Halle des Erdgeschosses gebracht, wo bereits die vier jungen Männer sich um das Feuer versammelt hatten, und des überstandenen Ungemachs und der Gefahr rasch vergessend, mit der alten Frau ihren Scherz trieben, dem ziemlich guten Wein, den der Wirth herbeischaffte, zusprachen und es sich so bequem als möglich machten.
Erst auf die energischen Vorstellungen des Vicars beschäftigte sich Jeder - während die beiden italienischen Diener der Frau bei Bereitung eines Abendbrotes halfen und aus dem Vorrath
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der Engländer zunächst ein starker Thee gekocht wurde - mit Instandsetzung und Reinigung der Waffen von den Spuren des Regens. Die vier jungen Herren und der Vicar führten treffliche Endfieldsgewehre bei sich, außerdem mehrere Paar Pistolen und Revolvers. Mit Säbeln und Degen konnte die Dienerschaft vollständig bewaffnet werden. Jetzt erst, als die Polenta aufgetragen wurde, bemerkte der Falkenblick des Ioniers, daß der Knabe verschwunden war, und er fragte sogleich energisch nach dem Grund. Aber die alte Hexe war geschwind mit einer Geschichte bei der Hand, daß sie den Burschen nach einem zwei Miglien entfernten Weiler geschickt habe, um dort Milch und Brot für das Morgenmahl der Herren Engländer zu holen, und da der Capitain das Geschehene nicht mehr ändern konnte und auch keinen weitern Anhalt für seinen Verdacht fand, mußte er sich mit dieser Auskunft begnügen, erklärte jedoch auf das Bestimmteste dem Wirth und seinem Weibe, daß bei dem geringsten Anzeichen eines Verraths oder einer den Reisenden drohenden Gefahr man sich ihrer Personen bemächtigen und sie zuerst dafür büßen lassen werde.
Das Verschwinden des Knaben beunruhigte trotzdem fortwährend den Offizier, und er verabredete mit seinem Freunde, daß sie abwechselnd in dem obern Stock, den man zur Schlafstätte der Herren gewählt, Wache halten wollten, indeß einer der Diener das gleiche Amt in der Halle des Erdgeschosses versehen sollte. Zum großen Aerger des Vicars hatten seine vier Schutzbefohlenen sich aus dem Thee und mit Hilfe der mitgeführten Spirituosen einen Punsch gebraut und demselben so stark zugesprochen, daß das Beste für sie war, sobald als möglich ihr Lager zu suchen. Aus Stroh, Mänteln und Decken war ein solches in der obern Halle bereitet worden, und da Master Hunter darauf bestanden hatte, die erste Wache zu übernehmen, streckte sich der Capitain, Säbel und Pistolen neben sich, in einem der oberen Seitengemächer gleichfalls auf den Boden, um einige Stunden Schlaf zu suchen.
Es war eilf Uhr, als Alles im Hause bereits ruhig und still, das Feuer bis auf das leichte Flackern der Kohlen im Kamin erloschen und selbst der mit der ersten Wache in der untern Halle
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beauftragte Diener, von den Strapazen des Tages ermattet, neben seinen Gefährten eingeschlafen war.
Richard Hunter hatte die Lampe ausgelöscht, um nicht durch ihren Schein die Gegenwart von Menschen im Thurm zu verrathen, und saß, den Kopf in die Hand gestützt, am offenen Fenster, den Blick bald in den gestirnten, durchsichtigen Nachthimmel tauchend, bald auf die Schatten richtend, die der Mond, sich eben über die Tannen und Pinien erhebend, durch das Thal warf.
Seine Gedanken schweiften in die Zukunft, die ihn fern von der Heimath, unter so ganz neuen Verhältnissen erwartete. Aber er sollte sie an der Hand eines heißgeliebten, theuern Wesens betreten - er brauchte den Weg durch die Länder und Meere nicht allein zu machen.
Wie anders war es mit dem Freunde, der wenig Schritte von ihm vielleicht den letzten Schlaf auf einem der Heimath nahen Boden that, jener Heimath, von der er vertrieben, ausgestoßen für immer war.
Obgleich Engländer mit allem Nationalstolz konnte er sich doch nicht verhehlen - - -
Still!
Aus dem Dunkel der Pinien glitt eine Gestalt langsam und vorsichtig über die lichten Stellen der Mondbeleuchtung hinweg und stahl sich in den bergenden Schatten der Hofmauer.
Das mußte ein Fremder sein, vielleicht ein Spion der Banditen.
Ein schlecht nachgeahmter Rabenschrei ließ sich hören und wiederholte sich drei Mal.
Darauf war es ihm, als klänge ein Fenster dicht unter ihm. »Wer ist da?« flüsterte eine Stimme, in deren unterdrücktem Hüsteln er den Ton des schuftigen Wirthes erkannte.
»Manigoldo! wer sonst als die Raben des Gebirges! Laß mich ein, alte Eule! Bei dem Kreuz von Suli - kennst Du Danilos, den Uskoken, nicht?«
»Der tolle Seebär,« murmelte der Wirth. »Verwünscht, der Bursche ist so unbesonnen, daß er sie Alle wecken wird. Ich komme, schöner Danilo - einen Augenblick Geduld, ich will mich nur überzeugen, ob die Fremden schlafen, denn es sind ein Paar Augen unter ihnen, denen ich nicht traue.«
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Eine Verwünschung in fremder Sprache, dann hörte der Vicar das Fenster schließen und bald darauf leise, katzenartige Schritte auf der Stiege.
Er hatte kaum Zeit, sich in eine Stellung des tiefen Schlafes auf den Boden zu werfen, als Jacopo, der Wirth, hereinschlich, das Licht einer Blendlaterne auf die einzelnen Schläfer fallen ließ und namentlich sorgfältig bei ihm lauschte. Endlich schien er sich überzeugt zu haben, daß nichts zu besorgen und kehrte wieder in das untere Stockwerk zurück, im Vorbeigehen noch leise den Riegel vor die Thür der Kammer schiebend, in welcher der Capitain schlief.
Dem Vicar pochte das Herz in der Brust. Er war ein Mann von persönlichem Muth, wie die meisten seiner Landsleute, und konnte, wo es sein Beruf und seine Pflicht verlangten, dem Tode und der Gefahr muthig ins Auge schauen. Selbst im Gebrauch der Waffen war er nicht ungeübt, da die Erziehung seiner Jugend ihn mit den Beschwerden der Jagd im schottischen Hochland bekannt gemacht. Dennoch schwankte er einen Augenblick in Ueberlegung - denn die Gefahr, die ihm hier entgegentrat, war eine seinen Berufsverhältnissen ganz ungewohnte. Doch dauerte dieses Ueberlegen nicht lange, der persönliche Muth und der Gedanke siegten, daß bei einem Lärmmachen der Spion und der Wirth leicht entfliehen könnten; er nahm deshalb den Säbel eines der jungen Mäuner auf und schlich leise die Treppe hinunter nach der Halle.
Hier lag Alles in tiefem Schlaf. Ein schwacher, dünner Lichtstrahl, der unter der Thür einer der Kammern hervorbrach, zeigte ihm, daß dort die Feinde befindlich waren, und er schlich dicht heran und legte das Ohr an einen Spalt, was ihm erlaubte jedes Wort deutlich zu hören.
»Warum ist Antonio nicht selber gekommen, warum schickt er einen Fremden?« fragte die selbst in der Dämpfung des Tones kreischende Stimme der Frau.
»Bah, alte Hexe, was weiß ich! - Er steuert hinter seinen Kameraden, den Halunken, her, um sie in allen Winkeln der Berge zusammenzusuchen. So bat er mich, zu gehen und Euch
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zu sagen, daß er um fünf Uhr18 hier sein wird, um dieser englischen Brut ein Ende zu machen! Das Fegefeuer über sie. Seit sie mir eine meiner Hindinnen, die trefflichste Tartane der ganzen Küste, verbrannt, hasse ich sie wie die schwarze Pest.«
»Das Geschäft geht jetzt herzlich schlecht, Signor Danilo,« keuchte der Alte. »Der Schmuggel zur See muß Euch aber doch ein hübsches Stück Geld abwerfen. Die Landtransporte über die neapolitanische Grenze bleiben immer nur ein Stückwerk gegen so eine hübsche Schiffsladung, glücklich in einen der Häfen gebracht. Gedenkt Ihr nicht bald wieder in See zu gehen?«
»Narr! meinst Du, ich bliebe aus Vergnügen in Eurem schlechten Lande? Wenn ich nicht ein wichtiges Geschäft hier auszurichten hätte, wäre ich längst wieder in der Kraina oder auf blauer See. So nahm ich das Erbieten Deines schuftigen Vetters an, mit dem ich manche gute Ladung getauscht, als er noch in Calabrien den Schmuggler spielte, und denke, Engländer und Oesterreicher sind gleich schlecht, beide stahlen den tapferen Uskoken die Herrschaft auf dem Wasser, und ob auf dem Meer oder Land, wenn man ihnen den Yatagan zwischen die Zähne rennen oder eine Kugel zwischen die Rippen schicken kann, thut man ein christlich Werk und soll die Gelegenheit nicht vorüber gehen lassen. Darum bin ich dabei, da es einen Streich gegen die weißhaarigen Fremden giebt. Verflucht seien ihre Schiffe von Feuer, die alle Freiheit geknechtet! Sind die Bursche fett? Fett an Gold, wie sie es an Uebermuth und Stolz sind?«
»Ich hoffe, es wird ein schönes Theil auf jeden kommen. Aber sagt mir, Signor Danilo, was ist's für ein Geschäft, das Ihr habt? Bei der heiligen Jungfrau, ich möchte Euch helfen, wenn etwas dabei zu verdienen ist.«
»Still, alter Schwätzer - ich suche Jemand in diesen Bergen, den Deine Unkenaugen doch nicht finden würden. Aber es ist Zeit. Addio, alter Schurke, und halte die Vögel bereit, wenn der blutige Hai kommt!«
»Also eine Stunde nach Mitternacht! Sie schlafen wie die Ochsen. Ich lasse Euch ein, und Ihr könnt ihnen die Kehlen
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abschneiden, ehe sie ein Ave sprechen, wenn diese Ketzer überhaupt beten.«
»A rivederci!« sagte die tiefe Stimme, und der Vicar hörte ein Geräusch, wie das Oeffnen einer Thür.
Er fühlte, daß der Augenblick des Handelns gekommen, riß daher die Thür der Kammer auf und sprang mit dem Säbel in der Faust hinein, zugleich mit lauter Stimme den Freund und die Gefährten zum Beistand rufend.
Der Anblick, der sich ihm bot, erklärte ihm sogleich, auf welche Weise der Bandit oder Corsar in das Innere des Thurmes gekommen und früher der Knabe denselben verlassen hatte.
Eine Fallthür gähnte geöffnet im Winkel der Zelle und zeigte eine Reihe von Stufen, die in die Tiefe führten; Jacopo hielt die Thür, und der Fremde hatte sich ihr eben genähert, um hinunter zu steigen.
Es war eine schlanke, prächtige Gestalt, halb im albanesischen, halb im Se[e]mannskostüm, die rothe phrygische Mütze zur Seite auf dem in hundert kurzen Zöpfen geflochtenen schwarzen Haar. Energische Kühnheit blitzte aus den dicht an der Nasenwurzel zusammenliegenden Augen. Der Corsar war jung, in voller Manneskraft, einer jener kühnen See-Uskoken, die auf ihren Barken aus den unzähligen unzugänglichen Felsenspalten der albanesischen Küste herkommen und mit der Schnelligkeit der Schwalben die blauen Wellen der Adria, des Jonischen und Griechischen Meeres durchstreichen; bald Handelsleute, bald Schmuggler oder Corsaren; von den Oesterreichern und Türken gefürchtet, von den Engländern gehaßt und verfolgt, aber von den Küstenvölkern jedes Glaubens als die letzten Helden ihrer alten Freiheiten, als ihre Versorger mit Munition und verbotenen Gütern gefeiert. Yatagan und Pistolen steckten in seinem Gürtel.
Der Corsar war im Begriff, die Stufen zu betreten, als die Thür der Zelle aufflog und der Vicar dazwischen sprang. Im Schreck ließ der Alte die schwere Fallthür seiner Hand entschlüpfen, und donnernd schlug sie zu. Im nächsten Augenblick stand der Engländer auf ihr und schwang muthig den Säbel. »Ergebt Euch, Schurken. Ihr seid gefangen!«
Ein unterdrückter Fluch entfuhr dem Munde des Corsaren,
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im nächsten Moment sprang er gleich einem Tiger auf den Vicar zu, den Säbelhieb nicht achtend, der seine linke Schulter verwundete. Oben im Gebäude krachte ein Schuß; die plötzlich erweckten Schläfer sprangen empor, wirr durch einander fragend, was geschehen; aber schon war der Vicar zu Boden gerissen, das Knie des Corsaren auf seiner Brust und der Yatagan zum Todesstoß erhoben.
»Schmach über Danilos Petrowitsch, wenn er den Besiegten tödtet!« sagte eine ernste feste Stimme. »Es ist unwürdig eines freien Klementi!«19
Die Worte schienen eine Zaubergewalt über den wilden Uskoken zu haben; die Faust mit dem Yatagan sank nieder, ohne zu tödten, er erhob sich von der Brust des Engländers, und seine Blicke suchten den Sprecher, denn durch die Thür drangen jetzt die jungen Offiziere und ihre Diener herein.
Seine Augen fielen auf den Ionier, der kaltblütig, das abgeschossene Pistol, mit dem er den Riegel seiner Thür gesprengt, in der Hand, vor ihm stand.
»Capitano Grimaldi! Die Panagia20 sei gelobt, daß ich Dich finde!« Er eilte auf den Offizier zu und wollte seine Hand ergreifen.
Dieser bewahrte seine ruhige Haltung. »Ich kann es nicht glauben, daß Danilo Petrowitsch, der Meeradler, der sich mit seiner Tartane zwei Mal durch die Schiffe der Schwabi21 schlug und den Kriegern Venedigs Tapfere zuführte, der selbst mit auf den Schanzen von Sanct Secondo kämpfte, jetzt ein Genosse von Banditen und Mördern ist!«
Die Stimme des Capitains schien eine merkwürdige Herrschaft über den jungen Corsarm zu üben. Seine Augen suchten rollend den Boden, die geballte Faust preßte sich auf die Brust, und die Zähne drückten die Lippen. »Diavolo!« sagte er endlich mürrisch - »so darf, bei den sieben Heiligen, nur Markos, mein Milchbruder, zu mir sprechen! - Weswegen bin ich hier, als um Deinetwillen? Wer, zum Teufel, sollte ein Unrecht darin finden, wenn ich ein halbes Dutzend rothhaarige Inglesi in die andere
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Welt befördern helfe! Sind sie nicht Deine Feinde, wie die meinen?«
»Still, Danilos,« sagte schnell der Capitain. »Reisende plündern und morden bleibt die Sache eines Banditen, nicht die eines freien Kriegers. Die Herren hier stehen unter meinem Schutz, und ich theile ihr Loos, das merke Dir.« - Dann auf den Vicar zutretend, dem die Diener aufgeholfen und der erstaunt mit den Anderen der seltsamen Erkennungsscene beigewohnt, reichte er ihm die Hand und sagte: »Es freut mich, daß ich noch im rechten Augenblick kam. Besorgen Sie nichts, ich kenne diesen Mann, er ist ein Corsar der albanesischen Küste, aber ein tapferes und wackeres Herz. Seine Mutter war meine Amme, und ich bürge für ihn. Lassen Sie jedoch diesen alten Halunken und die Hexe, sein Weib, binden und in Verwahrung bringen und den Ausgang untersuchen, zu dem diese Fallthür führt.«
Dies war in wenig Minuten vollbracht und das würdige Paar, trotz alles Jammerns und Wehrens, geknebelt und in einen Winkel der Zelle geworfen.
Der Capitain hatte unterdeß den Seemann in die größere Halle geführt. »Was sollten Deine Worte bedeuten,« fragte er ihn hier in griechischer Sprache, »als Du sagtest, Du befändest Dich meinetwegen hier?«
»Was ich gesagt, ist die Wahrheit. Das Gerücht war von Korfu zu uns herüber gekommen, Du hieltest Dich an der neapolitanischen Grenze verborgen. Ich übernahm es, den Mann, der Dich aufsuchen sollte, an die italienische Küste zu bringen, und bin seit vier Tagen in den Bergen bei Mamiani's Bande, unter der ich manchen alten Freund vom Schmuggelhandel an der Küste habe. Ich glaubte, durch die Bursche am besten Deine Spur zu finden. Es sind nicht wenige dabei, die in Rom und Venedig mit Dir gefochten.«
»Weißt Du, wer der Mann ist, der mich zu suchen kommt?«
»Es ist ein Offizier unsers Vaters, des schwarzen Czaren in Moskau. Er lebt schon seit Jahresfrist unter den Stämmen des Hochlands, obschon er bald hier- und dorthin reist. Ich selbst führte ihn zwei Mal heimlich nach Korfu.«
Der Capitain ging bewegt auf und nieder, ohne die
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mißtrauischen Blicke zu beachten, die schon seit mehreren Minuten die Engländer auf ihn richteten, nachdem sie leise vorher mit einander verhandelt. Der Vicar war noch mit den Anordnungen zur Sicherung des Hauses beschäftigt.
»Wo ist der Offizier?« fragte endlich leise der Capitain.
»Bei Mamiani in irgend einem Schlupfwinkel. Ich ließ ihn dort mit einem meiner Matrosen, und zog mit dem Pescare, weil ich gehört, daß ein Fremder im Kloster St. Benedetto sich aufgehalten, dessen Beschreibung auf Dich paßte.«
»Verzeihen Sie, Sir,« sagte hier, mit seinen Gefährten hinzutretend, der Kornet Pond, »daß wir Ihr gewiß sehr wichtiges Gespräch mit diesem ehrlichen Mann unterbrechen, aber ich glaube, wir haben Ihnen um unserer eigenen Sicherheit willen einige Fragen vorzulegen, Master Hunter hat Sie uns als den Grafen Griffeo aus Neapel vorgestellt, während dieser Mann Sie Capitain Grimaldi nannte?«
Der Ionier, dem erst jetzt der unglückliche Verrath seines Namens einfiel, fühlte sein Gesicht sich mit dunkler Gluth färben. »Und was folgern Sie daraus, Sir, wenn ich bitten darf?« fragte er unwillig.
»Unser Freund, James Ward, hier behauptet, daß Grimaldi der Name eines entflohenen ionischen Rebellen sei. Es ist nöthig, Sir, daß Gentlemen wissen, woran sie mit einem Herrn sind, der so - seltsame Bekanntschaften mit den Helfershelfern der Banditen hat.«
Noch ehe der Capitain antworten konnte, kam der Vicar herbei und fragte, erstaunt über die fast drohende Haltung, welche die jungen Männer gegen seinen Freund angenommen, was vorgefallen sei.
»Diese Herren,« sagte der Capitain, und ein bitterer Hohn umzog seinen Mund, »befragen mich so eben, welche Rechte ich auf den edlen Stammbaum der Partanna's22 habe, und ich muß ihnen erwiedern, daß sie eben nur in der Freundschaft Master Hunters bestehen, und ich wirklich der Capitain Grimaldi bin,
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den der Vater dieses jungen Herren da sich nicht scheut, gleich einem österreichischen Sbirren, zu verfolgen.«
»Wenn Sie Capitain Grimaldi sind,« versetzte der junge Ward heftig, »so verhaften wir Sie.«
»James, sind Sie wahnsinnig? Wollen Sie uns Alle zu Grunde richten,« rief der Vicar. »Welches Recht haben Sie an diesem Mann, thörichter Knabe?«
»Er ist ein Rebell und Verräther gegen die Krone Englands,« erwiederte derselbe trotzig, »er steht mit Banditen im Bunde und ist dem Galgen verfallen. Ich selbst habe die Proklamation gelesen, die einen Preis auf seinen Kopf gesetzt, und ich wäre ein schlechter Sohn meines Vaters, wollte ich die Gelegenheit vorübergehen lassen, seinen Feind unschädlich zu machen.«
»Sie sind würdig, sein Sohn zu heißen,« sagte mit stolzem Hohn der Grieche. »Das Blut Englands zeigt sich überall. - Lassen Sie uns die Thür öffnen, Sir Richard Hunter, ich und dieser Mann wollen die Nacht lieber bei den Wölfen der Apenninen zubringen, als unter den ehrenwerthen Gentlemen, die gegen einen Gefährten in der Gefahr die Häscher der Tyrannei spielen! Komm, Danilos!«
»Freund, ich beschwöre Sie ...«
Der Capitain schritt tief verletzt der Pforte zu, aber Kornet Pond und der junge Ward warfen sich ihm in den Weg. »Nicht von der Stelle, Sir!«
»So bin ich also wirklich Gefangener!«
»Unsere eigene Sicherheit erfordert es!« Der Capitain setzte sich schweigend auf einen Sessel am Heerd. Sein Wink fesselte den Corsaren neben sich, der, die Hand am Griff der Pistole, mit den Augen seinen Mienen gefolgt war, da er das Gespräch in englischer Sprache nicht vollständig verstanden. »Ich bitte Sie, mein Freund,« sagte der Vicar streng, »hören Sie nicht auf die Worte dieser jungen Thoren. Und Ihnen, meine Herren, befehle ich, kraft der Aufsicht, die mir über Sie anvertraut, sich jeder Beleidigung dieses Mannes zu enthalten.«
»Euer Ehrwürden,« entgegnete der Fähnrich Sanders, »fassen, glaube ich, Ihr Verhältniß zu uns irrig auf. Wir sind Offiziere und Ihnen Achtung aber keinen Gehorsam schuldig.
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Diese beiden Leute werden uns morgen als Gefangene begleiten.«
»Und wissen Sie so gewiß, Sir, daß Sie und Ihre trotzigen Kameraden morgen dies Haus wieder verlassen werden?«
»Wie meinen Sie das?«
»In zwei Stunden,« sagte der Vicar ernst, »wird Ihnen die Ankunft einer Bande von Mördern, die es auf uns abgesehen, die Antwort geben. Wir sind hier in der Höhle der Banditen, denen wir entkommen wollten.«
»Dann hat uns der verrätherische Grieche hinein gelockt,« schrie der Fähnrich. »Zu Boden mit ihm und seinem Spießgesellen.«
»Schämen Sie sich, Sir!« zürnte der Geistliche. »Wenn uns etwas retten kann, ist es seine Hilfe, und ich bürge mit meinem Leben für seine Ehre.«
Die strengen Worte verfehlten ihren Eindruck nicht auf die jungen Männer, und die Verkündigung der nahen furchtbaren Gefahr machte sie betroffen.
»Aber was sollen wir thun? - Wir müssen das Haus verlassen! Wir müssen uns durchschlagen!«
»Ich fürchte, das würde ein vergebener Versuch sein und uns sichrerem Verderben aussetzen, als uns hier droht. Capitain Grimaldi, auf Ihren Rath ist unsere einzige Hoffnung gebaut. Sie sind ein Mann von Ehre, und werden vergessen, was diese jungen Leute gegen Sie gefehlt.«
Der Capitain, welcher schweigend und anscheinend gleichgiltig gegen den Ausgang bisher dem Gespräch zugehört, wandte sich an den Seemann und befragte ihn in italienischer Sprache:
»Wie zahlreich ist die Bande des Pepe Mamiani?«
»An fünfzig Mann. Die Hälfte jedoch ist um seinen Lieutenant Pescare versammelt, der sich an die Fersen dieser Inglesi geheftet.«
»Also führt Mamiani nicht selbst unsere Gegner?«
»Der Hauptmann hat sich auf den Monte Vittore geflüchtet, nachdem er einen Weiberraub im Neapolitanischen ausgeführt.«
»Ist es möglich, ungefährdet von hier zu entkommen?«
»Demonio! Was kümmerst Du Dich um diese Engländer?
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Pescare selbst wird nicht wagen, Dir auch nur ein Haar zu krümmen.«
»Antworte auf meine Frage, Danilos. Bei dem heiligen Kreuz von Missolunghi, in dessen Kampf mein Vater starb - das Schicksal dieser Männer wird auch das meine sein!«
Der Corsar sah mürrisch vor sich hin. »Dies alte Gemäuer ist keine drei Büchsenschuß von der Straße nach Monaco und Amandola entfernt, aber Pescare versteht sein Handwerk und hat alle Ausgänge besetzt. Ehe Ihr zwei Miglien gemacht, würde er Euch auf den Fersen sein.«
»Monaco?« fragte der Vicar - »der Name ist mir nicht unbekannt. Ist ein solcher Ort in der Nähe?«
»Ein Flecken von kaum fünfzig Häusern, fünf Miglien von hier.«
Der Vicar suchte eifrig in seinem Portefeuille, während der Capitain seine Fragen fortsetzte.
»So habe ich mich nicht darin getäuscht, daß Führer und Vetturins mit den Banditen im Bunde waren?«
»Der Führer war Pescare selbst. Er schäumt vor Wuth, denn der Schuß Eines von Euch hat ihm den linken Arm für lange Zeit gelähmt. Nur der plötzliche Ausbruch des Ungewitters hat Euch gerettet und die Bande zerstreut. Vergeblich suchten wir seit einer Stunde die verlorene Spur, als die kleine Schlange, Antonio's Knabe, die Botschaft brachte, daß die Inglesi ihnen gerade ins Netz gelaufen, und in die Höhle des Feindes gekommen waren. Ich übernahm es, während Pescare die Bursche sammelt, Botschaft hierher an den alten Jacopo zu bringen, denn ich hasse die Engländer so blutig wie Du, Capitano.«
»Endlich! gefunden!« rief der Vicar, einen Brief hastig entfaltend. »Es ist der nämliche Ort und sie müssen bereits dort sein! Wenn es gelingt, sind wir gerettet.«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich sagte Ihnen bereits, daß ein Verwandter von mir Offizier in österreichischen Diensten ist. Er schrieb mir nach Rom, daß er mit seinem Kommando Husaren nach Monaco an der neapolitanischen Grenze kommandirt sei. Es muß der nämliche Ort sein, den dieser Mann nannte.
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»Eine Abtheilung der Schwabi ist gestern in den Flecken eingezogen, wie ich hörte.«
»So ist es richtig. Wenn es uns gelänge, Botschaft dahin zu senden, wären wir gerettet. Aber wer von uns vermag den Weg in der Nacht, durch das Gebirge und die Wachen der Banditen zu finden!«
Ein allgemeines Schweigen erfolgte; Alle sahen sich niedergeschlagen an - sie Alle empfanden, daß das Unternehmen unmöglich war.
Der Capitain Markos Grimaldi erhob sich. Einen Moment lang streifte sein ernster Blick mit bitterm Ausdruck über die Gruppe der Engländer, die noch vor Kurzem sich als seine Verfolger gezeigt; - dann wandte er sich zu dem Uskoken und sagte ruhig:
»Danilos Petrowitsch, lege alle Deine Waffen ab!«
Ohne eine Frage zu thun, ohne ein Wort der Gegenrede legte sie der Albanese auf den Fußboden neben sich.
»Jetzt, Sir Richard,« fuhr der Capitain fort, »bitte ich Sie, Einen aus Ihrer Gesellschaft auszuwählen, der, wohl bewaffnet, diesen waffenlosen Mann begleitet. Er wird ihn bis zum Eingang des von den Oesterreichern besetzten Ortes führen, - dort mag Ihr Bote die erwünschte Hilfe erbitten. - Kein unnützes Mißtrauen, keine Zögerung, Freund. Es ist die einzige Rettung, die Ihnen bleibt!«
Die Ueberzeugung lag zu nahe, als daß nicht alle Bedenklichkeiten selbst bei den früheren Gegnern hätten schweigen müssen. Aber eben so wenig mochte Einer sich freiwillig zu dem gefährlichen Gange entschließen, auf dem, selbst wenn der Corsar sich treu erwies, doch hundert Gefahren lauern mußten!
Eine lange Pause, ein leises Flüstern der Männer unter einander folgte, während der Vicar ein Blatt aus seiner Schreibtafel riß und sich niedersetzte, um einige Zeilen zu schreiben.
»Hier auf dem Kamin steht ein altes Schreibzeug, sagte Cornet Pond, »bedienen Sie sich seiner, wenn die Dinte nicht vertrocknet ist.«
Er nahm es herunter und stellte er vor den Vicar. Dieser
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begann eilig zu schreiben, während Alle ihn umstanden und mit einer gewissen Aengstlichkeit den flüchtigen Zeilen folgten.
»Da liegt ein Blatt eingeklemmt unter dem Dintefaß, das wie ein Brief gefaltet ist,« bemerkte der junge Ward, indem er den Gegenstand hervorzog und an das Licht der Lampe hielt. »Wahrhaftig, ein wirklicher Brief, und - Gott verdamm meine Augen, das Blatt ist an Sie adressirt, Vetter Hunter, und mir ist, als kenne ich die Hand.«
Alle sprangen erschrocken und erstaunt herbei. Der Vicar riß dem jungen Mann das Blatt fort und warf einen einzigen Blick auf die Handschrift. Wie vom Blitz getroffen, sank er auf den Sessel zurück, Todtenblässe überzog sein Gesicht, das seine Linke verhüllte, und der Name »Adelaide« war Alles, was er mit entsetztem Tone zu stammeln vermochte.
»Um aller Heiligen willen, was ist Ihnen, Freund? Was wollen Sie mit diesem Namen sagen?«
Der Vicar reichte ihnen das Blatt. »Lesen Sie!« Der junge Ward hatte es ergriffen. »Gott verdamm mich, es ist meiner Cousine Adelaide Hand! Ihr Name ist unterzeichnet!«
»Lesen Sie, Sir!«
Die Stimme des Capitains klang heiser, rauh, als er die Worte befehlend herausstieß. Eine nervöse Bewegung schien alle Fibern des starken Mannes zu erschüttern. Der junge Mann las laut die verhängnißvollen Worte vor. Sie lauteten:
Mein Freund!
Banditen sind diese Nacht in die Villa des Marchese Sorrenti eingebrochen, wo ich mich seit drei Wochen aufhalte und Sie erwarte. Man hat mich fortgeführt - wie ich fürchte, nicht blos eines Lösegeldes willen, denn der Anführer der Räuber verfolgt mich schon jetzt mit seiner Zudringlichkeit. In diesem Hause gönnte man mir einige Stunden Ruhe, und ich benutze sie, um diese Zeilen zu schreiben. Vielleicht fallen sie in die Hände Eines, der um der Belohnung willen sie abgiebt. Wenigstens können sie - wenn es zu spät ist, mich zu retten - Kunde von meinem Schicksal geben. Man führt mich auf den Monte Vittore, wie ich aus den Gesprächen der Räuber
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vernommen. Leben Sie wohl - ich weiß, wenn es sein muß, zu sterben.
Adelaide Seymour.
Adressirt war der Brief an den Vicar Hunter, abzugeben im englischen Generalkonsulat zu Rom, gegen eine Belohnung von hundert Lires.
Alle standen verstummt von dem neuen Schlage, der sie betroffen - Keiner wußte Rath.
»Es ist hart für ihn,« sagte endlich der Cornet Pond, auf den Vicar deutend, »im Augenblick, wo er seine Braut zu finden hofft, sie zu verlieren!«
»Seine Braut? Lady Adelaide die Braut dieses Mannes?«
Die Stimme klang noch heiserer und rauher als vorhin; die Hand des Capitains hatte sich wie eine Eisenschraube um den Arm des jungen Mannes gelegt.
»Ist Ihnen denn dies unbekannt, Sir?« fragte der junge Ward. »Meine Verwandten sind mit der Einwilligung meines Vaters verlobt, und Master Hunter machte den Weg mit uns sich die Gattin zu holen.«
»Seine Braut! - So sei es denn, auch das Letzte ist verloren!«
»Wir müssen dem österreichischen Detachement zuerst von dem Raube Nachricht geben,« sagte mit ritterlicher Aufwallung Fähnrich Sanders, »die Dame bedarf der nächsten Hilfe und sind wir selbst erst aus dieser Klemme heraus, müssen wir aufbrechen, sie zu befreien.«
Die letzten Worte des Capitains - der leise Schmerzensruf eines gebrochenen Herzens, waren von keinem fremden Ohr verstanden worden. Einige Augenblicke hatten hingereicht, des Wehes Herr zu werden, und alle seine Manneskraft wiederzufinden. Nur die durchsichtig braune Färbung seines schönen Gesichts schien noch bleicher, klarer geworden, als er jetzt das Wort nahm.
»Sie haben Recht, Sir,« sagte er mit dem Tone Eines, der von der Nothwendigkeit der bestimmten Entscheidung und des Gehorsams überzeugt ist, - »aber das Mittel allein würde hier wenig helfen, - die Lady würde bis dahin ohne Schutz in den Händen der Räuber bleiben, und sie möchten leicht ihre Beute in
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die Abruzzen führen, ehe die Soldaten sie erreichen können. Nur List und ein kühnes Wagniß können hier helfen. Ermannen Sie sich, mein Freund. Die Schläge des Schicksals dürfen den Mann und den Diener Gottes nicht zu Boden werfen. Es gilt, alle Kräfte der Seele aufrecht zu erhalten und dem Unglück die Stirn zu bieten. Fassen Sie sich, Richard, und geben Sie diesen Herren ein Beispiel. Nicht Sie allein sind betheiligt, auch Andere hat dieser Schlag betroffen, härter, gewaltiger, als Sie zu ahnen vermögen.«
Der Vicar warf sich an seine Brust; Grimaldi führte ihn in das Nebengemach. »Ein Wort mit Ihnen allein,« sagte er ernst, »ehe wir weiter handeln. Wie ich höre, ist Lady Adelaide, Ihre Verwandte, jetzt Ihre Braut? Sie nannten mir früher den Namen der Dame nicht, und das Verhältniß war mir auch unbekannt. Gewiß, Freund, lieben Sie die Lady, wie es einer Dame von ihrem Werthe gebührt?«
»Von ganzer Seele, mein Freund! Aber ich begreife nicht ...«
»Noch eine Frage,« unterbrach ihn der Grieche. »Lady Seymour hat sich selbst Ihnen verlobt und erwiedert Ihre Liebe?«
»Die unsre ist auf gegenseitige Achtung und Neigung gebaut. Die meine gehörte ihr schon früher, als ich in Korfu lebte, doch fand ich keine Gelegenheit, sie auszusprechen. Jetzt hat mein Oheim selbst gegen mich den Wunsch geäußert, und als ich Adelaide meine Hand antrug, nahm sie dieselbe an. Sie selbst wünschte, daß ich die Stellung in Indien annehmen möchte. Sie kennen ja ihren bestimmten, ernsten Charakter. Doch erklären Sie mir ...«
»Später, mein Freund!« sprach der Capitain, während seine Hand einen Augenblick die verdüsterte Stirn bedeckte. »Jetzt aber lassen Sie uns an's Handeln denken und, bei der Asche meines Vaters! wenn mit dem Opfer eines Lebens die Rettung Ihrer Braut erkauft werden kann, so soll sie frei sein, bevor die Sonne noch einmal untersinkt! - Lassen Sie uns zu den Anderen gehen - jede Minute ist kostbar.« Er ging in die Halle zurück. »Danilos Petrowitsch,« sagte er hier - »Du sprachst vorhin von dem Raube einer Frau, den Mamiani jenseits der
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Grenze verübt hat. Erzähle mir geschwind, was Dir davon bekannt ist!«
»Laß den Schurken Jacopo herführen, Markos,« sagte der Corsar, »er weiß mehr als ich von der Geschichte und kann Dir alle Auskunft geben, wenn Du nur die richtigen Mittel anwendest. - Mamiani beabsichtigte einen Zug in's Neapolitanische, als wir sein Lager verließen. Er wollte das Haus eines Nobile, unfern Civitella, überfallen. Er ist ein Junak,23 aber er liebt die Weiber zu sehr, und sprach viel von der Schönheit einer Frau, die er bei der Panagia gelobt hat, zu entführen. Ich sagte Dir bereits, daß die Hälfte der Bande mit ihm ist. - Da bringen sie den Schurken. Mögen seine Väter verdammt sein! Jage ihm Furcht für sein elendes Leben ein, Capitano, und er verräth seine Seele zehn Mal in einem Odemzuge den Unterirdischen!«
Auf einen Wink des Griechen hatten Mac-Allan, der Diener des Geistlichen, und ein Andrer den geknebelten Wirth herbeigeschleppt. Der Vicar stürzte ihm entgegen.
»Mann,« schrie er, »rede, sprich! was ist aus meiner Braut geworden, die Ihr, Teufel, diesen Morgen hier gefangen gehalten?«
»Heilige Madonna,« wimmerte der Alte, mit ungewissen Blicken umherschauend - »ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht, Excellenza! Wenn dieser Verräther Euch eine Unwahrheit aufgebunden,« er deutete auf den Uskoken, »so glaubt ihm nicht. Er ist ein lügnerischer Grieche, ein Seeräuber!«
Grimaldi schob den Geistlichen sanft bei Seite. »Lassen Sie mich ihm die Fragen vorlegen, die Zeit drängt.« Er hielt dem Wirth den Brief der Lady vor. »Gottes Fügung,« sagte er mit ernstem Ton, »hat dies Blatt, das die Dame hier zu verbergen gewußt, in unsere Hände gebracht. Wir sind von dem Raube Mamiani's unterrichtet. - Wann ist die Signora durch die Banditen von hier fortgeführt worden?«
»Excellenz fragen mich unbekannte Dinge. Bei der Madonna, ich weiß von keiner Frau hier, als von dem alten Drachen, meinem eigenen Weibe!«
Der Capitain zog ruhig sein Terzerol aus der Brusttasche,
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spannte den Hahn und legte die Mündung des Laufs fast dicht an die Schläfe des Alten. Treten Sie unen Augenblick zurück, meine Herren,« sagte er kalt, »daß Sie das Blut dieses Elenden nicht beschmutzt. Antwort! Wenn ich Drei gezählt, zerschmettert die Kugel Dein Gehirn!
»Eins -«
»Excellenza,« stotterte der Bösewicht - »halten Sie ein, ich will sagen, was ich weiß! - aber bei der Jungfrau und allen Heiligen, ich bin unschuldig! Heute Morgen, um die dreizehnte Stunde -«
»Wohin ist die Sennora gebracht, und war sie die einzige Gefangene?«
»Ganz allein, Signor - die Männer haben sie nach dem Monte Vittore geführt, diesseits Castelluccio. Aus den Fenstern des Ortes können Sie die unzugänglichen Felsen sehen.«
»Weißt Du sonst noch Etwas? - Wurde die Lady in Deiner Gegenwart von den Bösewichtern beleidigt?«
»Ach, Excellenza verzeihen, die Signora hat eine Art zu sprechen, daß auch die Wildesten von der Bande vor ihr Respekt hatten. Selber Pepe begegnete ihr mit Höflichkeit. Hätte ich nur gewußt, daß die schöne Dame Excellenza's Braut ist ...«
Der Capitain unterbrach ihn. »Stopfen Sie dem Wicht den Knebel wieder in den Mund und werfen Sie ihn zu seinem Weibe.« Trotz Jacopo's Bitten und Sträuben wurde der Befehl sogleich vollzogen und Grimaldi wandte sich zu dem Freunde. »Einer von uns muß in das Gebirge und den Spuren der Räuber bis zum Vittore folgen. Er muß sich unter irgend einem Vorwande an die Bande schließen, um Lady Adelaide einstweilen Schutz gewähren zu können. Dann muß er versuchen, ihre Flucht möglich zu machen, oder die Banditen wenigstens an Orte zu locken, wo sie leicht angegriffen werden können. Wollen Sie mir, Richard, diesen Gang vertrauen? Sie selbst würden die Rettung nur erschweren, selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, bis zu Ihrer Braut zu dringen!«
»Wie, Sie allein - Sie wollten ...«
»Sie kennen mich und wissen, daß nur der Tod mich von der Erreichung dessen abhalten wird, was ich mir vorgenommen.
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Merken Sie jetzt wohl auf jedes meiner Worte - Sie und diese Herren, die mich in diesem Augenblick wohl nicht mehr zurückhalten werden. Wenn es Ihnen gelingt, mit Hilfe des Militairs der drohenden Gefahr zu entrinnen, so setzen Sie den kommandirenden Offizier, im Fall er von dem frechen Streich Mamiani's noch keine Kunde hat, sofort von dem Raub in Kenntniß, und fordern ihn auf, auch die päpstlichen Detaschements in der Nähe aufzubieten, um den Fuß des Vittore von allen Seiten einzuschließen. Begeben Sie sich mit den Soldaten in die Osterie, in der wir uns heute Nachmittag getroffen, und theilen Sie dem Wirth Alles mit, was vorgefallen. Er ist ein alter Soldat, diente in Rom unter meiner Compagnie und kennt alle Schleichwege des Gebirges und wird Ihnen die beste Anweisung geben, die Pässe und Zugänge des Vittore zu besetzen, wenn Sie ihm sagen, ich verlangte diesen letzten Dienst von ihm. Gelingt uns die Flucht, so bringe ich Lady Adelaide bis zur Osterie. Hören Sie dagegen bis morgen um Mitternacht Nichts von nur, so ist mir ein Unglück begegnet, und die Gewalt der Waffen ist das Einzige, was Sie zur Rettung der Dame noch versuchen können. Jetzt beendigen Sie rasch den Brief, denn dieser muß fort nach Monaco, wenn Sie nicht alle Hoffnung auf Beistand aufgeben wollen.«
Der Vicar reichte ihm die Hand. »Gott segne Sie, Freund,« sagte er tief bewegt, »Sie retten mein Leben zum zweiten Mal! Jetzt bin ich wieder Herr meiner selbst und werde Ihnen beweisen, daß Sie sich nicht in mir geirrt!« Er setzte sich zum Schreiben.
»Aber wer bringt die Botschaft nach Monaco?« fragte der Fähnrich Sanders.
»Sie thun Recht, mich daran zu erinnern,« bemerkte der Capitain. »Es ist wahrlich nicht die gefahrloseste Aufgabe, und erfordert Besonnenheit und Muth. Wer von Ihnen geträut sich, sie zu übernehmen?« Er blickte auffordernd umher - aber Alle schwiegen zögernd, Keiner mochte gern den wenn auch geringen Schutz des Hauses und der Gesellschaft verlassen.
»So gehe ich selbst!« sprach entschlossen der Vicar und faltete das Billet. »Instruiren Sie meinen Begleiter - vor ein Uhr bin ich zurück.«
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Mac-Allan, sein schottischer Diener, trat ihm entgegen. »Nein, Hochwürden,« sagte der Mann entschlossen, »Sie dürfen diese jungen Herren nicht allein lassen, auf Ihre Ruhe und Vorsicht allein ist ihre Hoffnung gebaut. Begegnete Ihnen ein Unglück, so wären wir Alle verloren. Geben Sie mir den Brief; wenn es der Mensch da ehrlich mit uns meint und das Wort dieses Herrn erfüllt, soll er richtig überliefert werden.«
Alle dankten dem Mann und sahen jetzt mahnend auf den Capitain.
Dieser wandte sich zu dem Corsaren, der mürrisch und stumm der Scene beigewohnt.
»Danilos Petrowitsch!«
»Was willst Du von mir?«
»Uebergieb dem Mann hier Deine Waffen.«
»Wozu, Markos?«
»Du wirst es erfahren. Willst Du das Wort Deines Bruders zum Odem der Winde, zum Spott der Engländer machen?«
»Verflucht seien sie! - Nie soll ein Inglese zu sagen wagen, daß Markos Grimaldi unter den Uskoken der See oder der Gebirge Keinen gefunden, der sein Wort lösen wollte.« Er stieß den Yatagan und die Pistolen mit dem Fuß nach Mac-Allan hin.
»Nehmt sie an Euch, Freund,« fuhr der Capitain zu dem Schotten fort - »Danilos ist jetzt unbewaffnet und in Eurer Gewalt, wenn Ihr Verrath fürchtet. Ihr werdet sie ihm zurückgeben, wenn er Euch bis zum ersten Posten der Soldaten geleitet hat.«
Er wandte sich wieder an den Albanesen. »Du hast gehört, Danilos, daß ich diesen Fremden mein Versprechen verpfändet habe, ihren Boten sicher nach Monaco zu schaffen. Du hast auch vernommen, wohin ich meine Schritte wende. Hast Du Deinen Auftrag erfüllt, so eile nach dem Monte Vittore, mich dort zu treffen, ich könnte Deines Beistandes bedürfen. Der Schutz der heiligen Jungfrau möge uns auf unseren Wegen begleiten.«
»Dieser Mann,« sagte mit wahrhaft erhabener Einfachheit der Corsar, »wird nach Monaco kommen, oder Danilos wird ein Todter sein.«
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Er beschrieb hierauf möglichst deutlich dem Capitain den Weg nach dem Vittore und den Zugang des Schlupfwinkels, den die Banditen dort hatten. Er nannte ihm die Namen seiner beiden Begleiter, die er in der Gesellschaft des russischen Offiziers dort zurückgelassen und das Paßwort der Banditen. Dann machten sich alle Drei fertig, den gefährlichen Weg anzutreten. Der Capitain steckte seine Pistolen und ein Messer zu sich, Mac-Allan nahm die Waffen des Uskoken - sie waren bereit. Stillschweigend, mit ernsten, besorgten Mienen umgab sie die Gesellschaft, als der edle Flüchtling jetzt in ihrer Mitte trat.
»Meine Herren,« sagte er mit der stolzen Würde des Unglücks - »der Zufall hat sie zu Mitwissern meines Geheimnisses gemacht, ich bitte Sie - da Sie in mir nur den Feind sehen - wenigstens so lange darüber zu schweigen, bis ich die Pflicht, die ich übernommen, gelöst habe. In zwei Tagen trennt uns dann hoffentlich das Meer oder - der Tod.« Er wies nach einer großen hölzernen Uhr, die unfern des Kamins an der Wand hing. »Sie haben noch volle anderthalb Stunden Zeit - Die Husaren können noch vor ein Uhr hier sein und Sie sind dann gerettet. Gebe es der Himmel, daß sie zur rechten Zeit eintreffen. Dennoch rathe ich Ihnen, auch vorher keine Maßregel zu Ihrer Sicherheit zu versäumen und sich zum Kampfe bereit zu machen. Munition und Waffen finden Sie in den Kellern dieses Hauses in Ueberfluß, wie mir Danilos sagt. Thüren und Fenster sind bald verrammelt. Mit einigem Muth und Glück können Sie sich gewiß bis zum Morgen halten - jedenfalls verkaufen Sie Ihr Leben theuer, denn die Banditen der Apenninen geben keinen Pardon! - Sir Richard, leben Sie wohl! - Folgen Sie genau meinen Worten, und der Himmel, dessen Auge über Alles wacht, wird gnädig sein und Ihre schöne Braut gerettet in Ihre Arme führen. Machen Sie dieselbe glücklich im fernen Lande - recht glücklich, Sie wissen nicht, wie innig ich es wünsche. In diesem Leben sehen wir uns wahrscheinlich nicht wieder, - darum nochmals - leben Sie wohl! - Und nun - Danilos - vorwärts!«
Er umarmte den Vicar, der ihn stillschweigend an die bewegte Brust drückte. Dann winkte der Capitain Allen, bis auf
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einen der Diener, zurückzubleiben, und die drei, dem kühnen Unternehmen Geweihten, stiegen durch die Fallthür zu der Pforte hinab, die ihnen an der hintern Grundmauer des Hauses einen unbelauschten Ausgang in die Gebirge öffnete.
Der Mond warf sein helles bleiches Licht über Felsen und Thal, und zeichnete den Schatten des alten Raubnestes in dunkler, gigantischer Masse bis zu dem nächsten Buschwerk. In seinem Schutz erreichten die Drei, mit der Vorsicht von auf der Verfolgung begriffenen Jägern, den Wald. Dort drückte der Capitain dem Milchbruder schweigend die Hand, dann trennten sie sich und schlugen verschiedene Richtungen in das wilde Gebirge ein. Aus dem Hause aber schaute manch bleiches Gesicht ihnen nach; allein in einer der Kammern lag der Vicar auf den Knieen, und sein inbrünstiges Gebiet stieg zum Himmel empor um gnädigen Schutz für die Braut, - den Freund - für sie Alle! -
Die Uhr schlug drei Viertel auf Mitternacht! - Wenig über eine Stunde noch - dann entschied sich ihr Schicksal!
Der Vicar - fühlend, welche Mannespflicht ihm oblag, faßte sich zuerst und ermunterte seine Gefährten, dem Rath des Capitains zu folgen. Er selbst - sein Amt des Friedens und der Demuth jetzt ganz hintansetzend - zeigte die unermüdlichste Thätigkeit, ertheilte die umsichtigsten Befehle und legte überall selbst Hand mit an's Werk. Zunächst wurden die kleine Pforte an der Hinterwand und das äußere Hofthor aufs Sorgfältigste verschlossen, und vor letzterm Holzblöcke und allerlei Geräth, wie es sich in dem kleinen Hofe vorfand, aufgehäuft. Dann verrammelte man die Fenster des Erdgeschosses so gut es sich thun ließ, mit Möbeln und Holz, während die beiden jungen Offiziere nochmals durch Todesdrohungen den Wirth Jacopo zwangen, ihnen den Zugang der Keller zu zeigen und sie zu öffnen. Hier fanden sie denn auch eine Menge der verschiedenartigsten Gegenstände vorräthig: Beute der Banditen von ihren Raubzügen, die ihnen die Habsucht ihres Hehlers abgenommen. Auch Waffen und Pulver fand sich vor, und bald war Jeder aus der Gesellschaft mit einem Gewehr, oder mit Pistolen und Säbel versehen. Alle zeigten Eifer und Muth, die beiden italienischen Diener ausgenommen,
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die in ihrer Herzensangst ein Ave um das andere beteten und die nächtliche Reise verwünschten.
Währenddem war die Zeit verflossen; - als der Vicar in der Küchenhalle seine kleine Schaar von neun Männern musterte, schlug die Uhr schon die erste Viertelstunde nach Mitternacht.
Aller Gesichter wurden bleicher bei dem einfachen Ton. »Noch eine halbe Stunde,« sagte Hunter - »dann können unsere Freunde hier sein! - Muth und Besonnenheit, meine Lieben. Wir wollen indeß unsere Posten vertheilen.«
Die beiden jungen Soldaten, die ihre Patente erst gekauft und kaum das nöthige Exerci[e]rreglement inne hatten, konnten - obschon es ihnen nicht an Muth fehlte - hier wenig rathen und helfen; die Anordnungen blieben dem ältern, besonnenern Manne allein, und er traf sie mit Umsicht für den Fall, daß irgend ein Hinderniß die Ankunft der Soldaten verzögern sollte und es zum Kampfe kommen müßte. Die beiden Italiener, einen der Bedienten und den Cornet Pond postirte er in den obern Stock mit der Anempfehlung, von dort ein stetes Feuer auf die Angreifenden zu unterhalten und langsam, aber wohlgezielt zu schießen. Die drei anderen Diener und seine drei Reisegefährten wurden in dem Erdgeschoß des Hauses, von wo man die Mauer und das Thor bestreichen konnte, mit gleichen Befehlen aufgestellt. Die Thüren der Zellen wurden ausgehoben oder eingeschlagen, um nirgends behindert zu sein; der Vicar selbst ging von Ort zu Ort, um Alles aufs Sorgfältigste zu untersuchen. Darüber war mehr als eine Viertelstunde vergangen - die Uhr schlug drei Mal - drei Viertel nach Mitternacht.
Mit gespannten Nerven lauschten Alle auf das Geräusch der nahenden Hilfe! - Der Wind strich durch die Berge - die Felsen und Bäume warfen ihre Schatten; klar und deutlich ließen die Mondstrahlen die ganze Umgebung des Hauses erkennen - aber kein Laut ließ sich von der Richtung her vernehmen, in der die Straße nach Monaco liegen sollte.
Die Gesichter wurden bleicher - heftiger pochten die Herzen, jede Hand faßte krampfhaft die Waffe; nur der Pendel der Uhr surrte ruhig fort feinen Takt, Minute auf Minute verschwand -
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kein Ton, keine Fanfare schmetternder Trompeten verkündete das Nahen der Ersehnten.
Der Vicar rief die Gesellschaft noch ein Mal um sich zusammen, auf allen Gesichtern malte sich die gespannte ängstliche Erwartung.
Es war ein schrecklicher Augenblick, dieses Erwarten der ungewohnten, unbekannten Gefahr! - Wenige Jahre, und die meisten dieser Männer sollten noch furchtbarere, entsetzlichere Stunden des bangen Harrens erleben, Stunden, in denen sie nicht mehr für ihr Leben allein zu zittern brauchten!
»Meine Freunde,« sprach Hunter mit ruhiger Fassung - »es ist kein Zweifel mehr, daß irgend ein unglücklicher Zufall unsere Boten verhindert oder mindestens verspätet hat. Verlieren wir die Hoffnung nicht, noch kann die Hilfe zu rechter Zeit eintreffen, aber laßt uns auch vorbereitet sein auf Alles und zeigen, daß wir Männer und Briten sind. Das Haus ist fest, und thut nur ein Jeder seine Schuldigkeit, so können wir im schlimmsten Fall einen Angriff abschlagen. Vor Allem aber laßt uns auf Gott den Allmächtigen vertrauen und seinen Beistand erbitten, der besser ist, als aller irdischer.«
Nieder auf den Boden der Halle, der vielleicht bald von ihrem Blute getränkt sein sollte, knieete der junge Geistliche, und ein kurzes inniges Gebet stieg von seinen Lippen zum Throne des Allmächtigen.
Dann sich erhebend nahm er seine Waffen; der Diener der Kirche hatte nunmehr ganz dem tapfern, unerschrocknen Kämpfer Platz gemacht. »Jetzt auf unsere Posten, meine Freunde, und haltet Euch wie Männer!«
Alle drückten einander die Hand und versprachen, es zu thun. In diesem Augenblicke der gemeinsamen Gefahr wich auch die von den Engländern sonst so streng aufrecht erhaltene Scheidewand zwischen Herrn und Diener - Jeder wußte, daß von dem Muthe des Einzelnen die Rettung Aller abhing. Dann entfernte man sich, Jeder auf seinen Posten, und untersuchte nochmals sein Gewehr. Die Lampe in der Halle war ausgelöscht worden, aber der klare, weiße Schein des jetzt hochstehenden Mondes verbreitete Helle genug, und ließ auch in der Umgebung des Hauses
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jeden Gegenstand deutlich erkennen. Den Fähnrich Sanders und seinen Vetter behielt der Vicar in seiner Nähe, um mit ihrer Hilfe die Vertheidigung zu leiten. - Tiefer, stiller Frieden ruhte anscheinend auf dem Gebirge.
Da schlug die Uhr voll - in hellen Schlägen! und jedes Herz zählte pochend die einzelnen Klänge!
Kein Laut - - -
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Die Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft.
Die Laternen vor den Spielhäusern waren bereits angezündet - aus den geöffneten Thüren der langen Reihe von Gebäuden des großen Platzes strömten Helle und Glanz, tönte Musik und ein infernalischer Lärmen in das Helldunkel der Sommernacht.
Aus den Felsenschluchten der Apenninen hat uns der Gang unserer Erzählung an den grünen Golf von Californien versetzt, nach San Francisco - dem Eldorado der Goldsucher und Goldverschwender, dem Sammelplatz der wildesten Abenteurer aller Völker und Zonen, dem Pfuhl jeder Willkür und jedes Verbrechens, dem Golconda der Spieler - nach San Francisco, dem Smyrna der neuen Welt.
Drei mächtige Anreizungen vereinen in dieser durch den Schlag des allmächtigen Zauberstabes entstandenen Stadt die bunteste Gesellschaft vielleicht der ganzen Welt: Die ungezügeltste Freiheit und Ungebundenheit, frei von jeder Schranke des Gesetzes, der Sitte und des Herkommens, nur von der Macht des Stärkern gebändigt; - der Golddurst und Goldgewinn; - und die Romantik der wildesten Abenteuer.
Neben dem handelnden, calculirenden, besonnenen Amerikaner bewegt sich der schlaue, unermüdliche Chinese; der broncefarbene Lascare geht mit dem blondhaarigen, breitschultrigen, dänischen oder deutschen Matrosen, der von der Handelsbrigg auf der Rhede entwichen ist, um in den Regenschluchten des Sacramento die ersehnten Goldkörner im Schweiß der mühseligsten Arbeit zu
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waschen und - nicht zu finden. Der eitle, geputzte Mexikaner schreitet hochmüthig an dem rothen Sohn des Landes vom Stamme der Mohahves oder Payutas vorüber, der in seine Decke gehüllt, die Augen gesenkt, mit unhörbarem Schritt durch die Menge gleitet. Der kühne Perlentaucher von Spiritu Santo und Ceralvo mischt sich unter die riesigen Gestalten aus Canada, die Trapper und Jäger der Wüste an den Felsgebirgen oder an den Grenzen Sonora's. Spanier - Engländer - Irländer - Franzosen - Deutsche - der Mohr und der Tahitiner - die ganze Welt scheint ihre Racen und Geschlechter hier ausgestellt zu haben.
Drei Spielhäuser zeichnen sich vor Allen aus. Sie liegen neben einander, nur durch kurze Zwischenräume getrennt - das mittlere, größeste, scheint gleichsam die Parteien zu scheiden, der neutrale Boden zu sein, auf welchem sich die Werbearmee für die großen Unternehmungen des Tages tummelt.
Denn diese wilde, leidenschaftliche, zu allen Thorheiten und Extravaganzen stets bereite Menge ist täglich das Spiel der fabelhaftesten Gerüchte, der ausschweifendsten Pläne Einzelner, deren Genie, Vermögen oder körperliche Eigenschaften sie fähig machen, an die Spitze irgend einer halb wahnwitzigen Unternehmung zu treten und die Bande sonst zügelloser Menschen durch Verlockungen aller Art an sich zu knüpfen.
Vor dem linken Hause oder vielmehr dem großen hölzernen Zelt, nach Art unsrer europäischen Tanzsäle in großen Städten gebaut, flattert ein mächtiges Banner, dessen Falten von dem Seewind schwer durch die Luft getrieben werden. Eine Grafenkrone, darunter ein in viele Felder getheiltes Wappen, von zwei wilden Männern als Schildhalter getragen, von drei bunten Turnierhelmen überragt, ist darauf in lebhaften Farben gemalt. Die Felder des Wappens zeigen drei Saracenenköpfe, die Lilien Frankreichs, getheilt durch den schrägen Balken der Bastardschaft, und das Mittelstück - wahrscheinlich als eigne Phantasie des jetzigen Besitzers - einen goldenen Berg.
Ein großes Transparent über dem Eingang des Zeltes giebt die Erklärung dieses Wappens, nach dessen heraldischen Zierden gar manches Auge eines freien, amerikanischen Bürgers mit geheimem Neid im Vorübergehn emporblickte; denn Nichts imponirt
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dem edlen Republikaner mehr, als hocharistokratische Titel und Würden.
Die Inschrift lautete in französischer und englischer Sprache:
Hauptquartier
von
Horace Aimée, Grafen von Raousset Boulbon,
Marquis de Tremblay,
aus dem fürstlichen Hause Lusignan,
General en chef
der Expedition nach Sonora und dem geheimen Schatz der
Azteken am Rio Gila.
Cours der Actien 187\frac12.
Riesige gedruckte Plakate, an beiden Seiten des Einganges angeklebt, belehrten das Publikum, daß hier »noch eine geringe Anzahl von Actien des großen Unternehmens für Gentlemen zur Zeichnung reservirt würden, und daß die Anmeldung der Theilnehmer zu jeder Stunde, von Morgens 8 Uhr bis Mitternacht erfolgen könne. Andere Affichen zeigten die Abbildung einer vollkommenen kleinen Armee, mit Reiterei und Kanonen, begriffen im Kampf mit einer flüchtenden Indianerhorde, dahinter fabelhafte Ruinen mit der Ueberschrift: »Eingang zu dem geheimen Schatzgewölbe Itze-Cate-Cäula's, Enkel Montezuma's, des letzten Aztekenfürsten.« Zeitungsblätter, gleichfalls an jedem freien in die Augen fallenden und von dem Licht der Laternen erhellten Fleck angeklebt, berichteten, daß die Expedition des berühmten Grafen Raousset-Boulbon, dessen Umsicht und Tapferkeit in allen Kriegen Europa's seit den letzten zehn Jahren genügend erprobt worden, in vierzehn Tagen nach Guyamas unter Segel gehen werde, um von dort aus in die noch unerforschten Regionen des Aztekenlandes und der Goldberge einzudringen. Nach ihren Versicherungen hatten sich bereits über zweitausend Personen zur Theilnahme gemeldet, von denen jedoch Seine Excellenz, der General en chef, nur dreihundert der Kühnsten und Bewährtesten ausgelesen habe, um der Ehre des Zuges theilhaftig zu werden, der - selbst wenn man unvorhergesehener Hindernisse halber die Goldberge nicht erreichen sollte - für jeden Mann mindestens eine Hacienda von
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der Größe und dem Werthe einer europäischen Grafschaft abwerfen müsse.
Anders zeigte sich die anlockende Ausstattung des Zeltes zur Rechten. Wie bei seinem Rivalen, flatterte ein großes Banner über dem Haupteingang, der ungleich reicher und prächtiger mit großen Teppichen behangen und verziert war. Auf dem Banner war ein großer indischer Tiger abgebildet, der mit einem Manne rang und von diesem eben einen Stoß mit dem Kriß in den geöffneten blutigen Rachen erhielt, der ihn zu Boden warf. Andere ausgespannte Abbildungen ringsum, gleich denen einer Menagerie oder Curiositätenbude, zeigten Kämpfe zu Pferde oder auch Elephantenjagden gegen Tiger, doch immer den Jäger unter den furchtbarsten Gefahren als Sieger über die Bestien der Wildniß. Prächtige Tigerfelle, indianische Waffen aller Art hingen gleich Decorationen zwischen diesen Abbildungen. Wie auf der andern Seite, so verkündete auch hier ein großes Transparent die Bedeutung der seltsamen Ausstaffirung mit der Inschrift:
Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft
(San Francisco Tiger-Killing-Company)
Seiner Hoheit
des Maharadschah Srinath-Bahadur
genannt
Nena Sahib,
Sohn des
Bazie-Rû, Peischwa von Bithoor in Indien.
Handgeld für die Tapferen: Vierzig Goldrupien.24
Dem Transparent entsprechend, erzählten die angehefteten Plakate und Blätter des »California Chronicle«, daß der reiche und vornehme Radschah, Nena Sahib, ein leidenschaftlicher Jagdliebhaber, in Begleitung der zwei berühmtesten und gewandtesten Tigerfänger Indiens, der Herren Mac-Scott und Harry Gibson, mit der eigends von ihm gemietheten schönen Brigg, »Sarah Elise«, von Calcutta vor kaum acht Tagen herüber gekommen
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sei, um eine Gesellschaft der berühmten Jäger und Trapper der Felsgebirge für die Tigerjagd in Indien zu engagiren. Der Chronicle pries das Unternehmen des edlen und tapfern Radschah mit vollen Backen, und ein daneben angeheftetes Blatt der »Free Preß« aus Singapore verkündete unter der Ueberschrift: »Rasche Entvölkerung von Singapore durch Tiger,« daß mindestens dort wöchentlich drei Menschen von den Bestien verzehrt würden und während der letzten zehn Jahre im Gebiet von Malacca mehrere tausend Menschen ihr Leben auf diese Weise verloren hätten. Die Bedingungen, welche der indische Nabob bot, waren verlockend genug. Bei einer Verpflichtung von fünf Jahren in seinem persönlichen Dienst vierzig Gold-Mohurs Handgeld, ein Jahrgehalt von zweihundert Silberrupien bei freier Station, und für das Fell jedes getödteten Tigers außerdem dreißig Rupien. Aber, mehr, noch als alle diese Bilder und verlockenden Ankündigungen fesselte eine andere seltsame Ausstaffirung des Zeltes das Publikum vor dessen Eingang. Hier stand nämlich ein großer Käfig von festen Bambusstäben, und in demselben lag ausgestreckt und trotz des Lärmens umher anscheinend schlafend, ein prächtiger Königstiger.
Es war der berühmte »Striped Bob«, der später an den Agenten des Herrn Wombwell für 890 Pfund Sterling verkauft wurde und noch jetzt eine Zierde seiner großen Menagerie in London bildet. Die beiden englischen Tigerjäger, die sich rühmten, bereits siebenundfünfzig der Bestien erlegt zu haben, hatten das Thier an der Mündung des Ganges gefangen. So kühn auch die in San Francisco versammelten Jäger und Männer sein mochten, so gab der Anblick des riesigen Thieres doch Manchem Veranlassung, sich die Sache nochmals zu überlegen, ehe er den verlockenden Anerbietungen Folge leistete und sich bei der »Tiger-Killing-Company« meldete.
Ueberdies schien es nicht leicht, den Kontrakt abzuschließen, und der indische Radschah - dessen Person noch kein Mensch zu Gesichte bekommen und über den die fabelhaftesten Gerüchte umliefen - sehr wählig zu sein. Denn obschon Niemand wußte, wer von den Bewerbern wirklich angenommen worden, sei, und die es waren, nach den Bedingungen des eingegangenen Vertrages,
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ein strenges Schweigen darüber beobachteten, so war doch soviel bekannt geworden, daß es erst Wenigen gelungen, und die ganze Zahl der Gesellschaft überhaupt auf dreißig Jäger bestimmt sei. Zu dieser sorgfältigern Beschränkung der Auswahl unter den an Tod und Gefahren gewöhnten Männern schien namentlich auch der Umstand beizutragen, daß die Sonora-Company der Tiger-Gesellschaft durch ihr früheres Auftreten den Mang abgelaufen, und mehrere der berühmtesten Späher und Jäger sich bereits bei dem Grafen Raousset Boulbon engagirt hatten.
Ihr Wort aber halten diese Männer, denen sonst oft Nichts heilig ist, mit einer Unverbrüchlichkeit, die bis in's Extrem geht.
Das Manneswort ist die Gerechtigkeit der Wüste und der Felsgebirge
Wir führen den Leser in das mittlere große Zelt, von dem wir bereits gesagt haben, daß es als neutraler Boden zwischen den beiden großen Concurrenzen des Tages angesehen werden konnte. Im Innern, neben dem Eingänge, befanden sich rechts und links die Schankstätten, auf der einen Seite eine Conditorei mit Glühwein und feinen Liqueuren, auf der andern der Ausschank der Spirituosen, Brandy, Gin, Rum von Jamaika und weißer Arak. Ein dampfender Theekessel von kolossaler Dimension zeigte den massenhaften Verbrauch des Lieblingsgetränkes: Grogk. Verschiedene Männer lehnten an den Schanktischen, mit den höchst elegant gekleideten und mit kostbarem Schmuck überladenen Damen des Comtoirs plaudernd. Man trat eine Stufe vom »tap« hinunter in den Saal, und übersah daher von ersterm Orte aus vollkommen den großen als Oblongum sich hinstreckenden Raum, in dem sich eine ansehnliche Menschenzahl bewegte.
Eine Wolke von Tabaksdampf, Ausdünstungen und Geräusch schien über dem weiten, durch Gas und Kronleuchter glänzend erhellten Saal zu liegen. Durch diese Atmosphäre von Dunst und Lärm drangen von Zeit zu Zeit vom andern Ende des Saales einzelne Passagen eines Klavierspiels herüber, das in den Concerten der Akademien von London und Berlin die Ohren der kunstverständigsten Zuhörer entzückt hätte, und das jetzt unbeachtet
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in dieser Menge verhallte. Ein berühmter europäischer Virtuose im schwarzen Frack und weißer Cravatte saß auf der Estrade und paukte, erbittert über die Unaufmerksamkeit des Publikums, seine glänzendsten Variationen auf einem Londoner Flügel ab. Die Künstlereitelkeit, die auf dem Continent oft zu einem Hochmuth und Dünkel ausartet, gegen die aller Adel- und selbst Geldstolz in Schatten tritt, bekam hier einen argen Stoß, und gewiß hätte der Virtuose längst der undankbaren Menge den Rücken gekehrt, wenn - der Contract nicht gewesen wäre. Dieser aber stand in der Person seines Yankee-Entrepreneurs und Engageurs nicht weit von ihm und schenkte ihm gewiß kein einziges Stück des Programms, ohne die kolossale Conventionalstrafe in Anwendung zu bringen. Die weiße Sklaverei der europäischen Künstler in dem freien Amerika ist von John Barnum her genügend bekannt.
In dem Saal standen mindestens zehn größere und kleinere Tische, an denen allerlei Hazardspiele, von dem Pharo und Roulette bis herunter zum gewöhnlichsten Würfelspiel, getrieben wurden. Um zwei der Haupttafeln, wo große Banken mit Haufen von Dublonen, Dollars und Banknoten vor dem Bankhalter aufgehäuft lagen, drängte sich vorzüglich die Menge. Neben dem Bankhalter lagen ein paar gespannte Pistolen und eine kleine Waage, die dazu diente, das Gold zu wägen, das häufig von den Spielern im Naturzustand, wie sie es durch die mühevollste Arbeit in den Placers des San Joaquin, des Sacramento und seiner unzähligen Nebenflüsse gewaschen, auf die Karten gesetzt wurde.
Der Bankhalter an der einen der großen Tafeln war ein von der Sonne Mexico's und Centralamerika's fast schwarz gebrannter Spanier; auf seinem Gesicht lagen alle Leidenschaften und Schicksalswechsel des Gambusino. Die Gestalt war hoch, mager, sehnig; man sah den die Ponteurs sorgsam überwachenden Augen an, daß er sich nicht ungestraft betrügen lassen werde, und in der That zeigten dunkle, noch feuchte Flecken auf dem grünen Tuche des Tisches, daß erst vor Kurzem eine blutige Execution hier vollzogen worden. In der Ecke des Saales saß, die Hand mit Lumpen umwickelt und von etlichen Freunden umgeben, ein armer Kerl, ein Irländer, der den Ertrag einer halbjährigen Arbeit in den Placers am Spieltisch gewagt. In der
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Leidenschaftlichkeit des Verlustes - vielleicht auch in der Hoffnung, eine leichte Beute zu machen, hatte er zwei Mal die Hand nach einem Einsatz ausgestreckt, der verfallen war, und der Bankhalter stach sie ihm beim dritten Male mit dem Messer durch und durch.
Man schob den Heulenden bei Seite und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Sein Geld war zu Ende - er nahm Anderen nur den Platz fort.
Um zweiten Tisch war ein kurzer, untersetzter, echtblütiger Yankee der Bankhalter, ganz das körperliche Gegentheil des Spaniers. Dagegen legten die kleinen, funkelnden, listigen Augen in dem rothen Gesicht eine eben so sorgsame Aufmerksamkeit auf seinen Vortheil an den Tag, wie der Spanier nur immer zeigen konnte. Der Mann hatte fast in jedem der dreizehn Staaten der Republik mindestens ein Mal Bankerott gemacht, und nachdem er jedes mögliche Geschäft betrieben, vom Deputirten bis zum Pferdedieb, endlich hier vom Besitzer des Spielhauses einen Platz zur Legung einer Bank gepachtet. Denn alle diese verschiedenen Tische, an denen Karten, Roulette und Würfel florirten, waren von den Inhabern für schweres Geld gemiethet. Der Croupier des kleinen Yankee war ein kräftiger Kentuckier, ein ehemaliger Kamerad bei den Pferdediebstählen, ehe das strenge Regiment der Regulatoren die Beiden aus den Missisippi-Staaten vertrieben hatte. Ihm war offenbar das Amt zugefallen, der Bank Respekt zu verschaffen, dafür sprachen außer den beiden kräftigen Fäusten - die weit aus den viel zu kurzen Aermeln des schäbigen, schwarzen Fracks - dieser Liebhaberei der Amerikaner! - hervorragten, ein breites Bowiemesser und der Revolver, die beide aus den Klappentaschen seiner langen Schooßweste höchst verdächtig herausschauten.
An den anderen Tischen fand, wie erwähnt, das Spiel in den verschiedensten Abstufungen statt, jedes Mitglied der so sehr gemischten Gesellschaft fand für seinen Geschmack und den Zustand seiner Börse die geeignete Gelegenheit.
»Master Gibson - wie Viele heute?« fragte ein reducirt aussehendes Individuum, mit glatt herabgekämmten Haaren, schwarzem Frack und Beinkleidern, die an den Knieen und Posteriora's stark geflickt waren. Dabei trug der Mann einen breiträndrigen Filzhut auf dem Kopf und eine chinesische Seidenbinde
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um den Leib gewickelt, worin eine lange Reiterpistole steckte.
»Nur zwei, Ehrwürden Slong,« erwiederte der Tigerjäger, der mit dem Genannten an dem Schänktisch stand und ein mächtiges Glas Brandy trank. »Der Radschah ist verteufelt mäklig und das Zwinkern eines Auges kann ihm die Person verleiden.« Der Tigerjäger war ein kräftig gebauter Mann, schon bei Jahren, dessen braunem Gesicht, der schneeweiße buschige Bart rings um das Oval, mit den gleichen krausen Haaren, Brauen und einem Schnurrbart, dessen Spitzen lang hervorstanden, fast das Ansehn eines der Thiere gegeben, die er sein Leben lang so eifrig verfolgt, wenn nicht ein Paar ungemein treuherzig und sanft aus diesem Gesicht blickende, hellblaue Augen diese Illusion zerstört, hätten. »Gesindel giebt es genug in San Francisco, aber wir brauchen erfahrene Jäger, und Pfadfinder, die in den verteufelten Dschungeln nöthigenfalls allein ihren Mann stehen.«
»Was meint Ihr zu Ralph, dem Bärenjäger?« fragte der Methodist.
»Er wäre eine prächtige Erwerbung; aber ist, denk' ich, bei Eurem Unternehmen angeworben!«
»Ich habe die Notion. Und Joaquin Alamos, der Pfadfinder? Ihr könntet keinen bessern Spürhund auf die Fährten eines Wiesels setzen, das sich in hundert Löcher verkriecht.«
»Gott verdamm' Eure Augen, Ihr psalmplärrender Narr,« sagte der Tigerjäger unwillig, »was nennt Ihr mir die Besten, wenn sie nicht mehr zu haben sind!«
»Wer weiß,« meinte der Methodist gelassen, indem er sorgfältig sein Glas zum dritten Theil mit heißem Wasser füllte und es dann dem Schankmädchen hinhielt, um den Rest mit Gin zu versehen. »Auch Adlerblick, der französische Canadier, wäre nicht zu verachten. Ich versichere Euch, er hat eine Büchse, welche nie fehlt.«
Der Anglo-Indier antwortete nicht, sondern trank seinen Brandy aus.
»John Merdith, wie er sich jetzt nennt, obschon der Bursche gewiß hundert Namen vorher geführt hat, ist noch frei,« fuhr der Andere fort, »ich calculire, Ihr könnt ihn haben. Er ist
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freilich verteufelt unlenksam, aber es giebt in der Welt Nichts, vor dem er sich fürchtet, als etwa die Regulatoren am Missisippi. Er ist von echt kentuckischem Stamm.«
Der Tigerjäger setzte die Kopfbedeckung, die er der Hitze wegen neben sich gelegt, und die halb Turban, halb Mütze war, auf um sich zu entfernen. Auch seine andere Kleidung war halb europäisch, halb orientalisch, und bestand aus langen Lederkamaschen die bis auf die Hälfte der Schenkel reichten, um seine Beine gegen die Dornen der Gestrüppe zu schützen, und aus einem weißwollenen Jagdhemd, das vorn offen, die behaarte Brust sehen ließ, und von einem kostbaren indischen Shawl statt des Gürtels zusammen gehalten war, dessen Enden schärpenärtig an der rechten Hüfte herunter hingen. Ueber der gleichen Schulter nach der linken Seite hing eine gewöhnliche europäische Jagdtasche, deren altes, schmieriges Ansehn den jahrelangen Gebrauch verrieth; das breite Bandelier aber, an dem er sie trug, war mit einem seltenen Schmuck, den abgeschnittenen Vordertatzen großer Tiger besetzt, die durch schwere Silberbuckel an dem Leder festgehalten wurden, und deren scharfe Krallen, wie zum Einschlagen bereit, aus dem Fell hervorstanden.
»Geduld! Geduld!« sagte der Methodist, indem er seinen Gesellschafter am Arm festhielt. »Ich habe die Notion, daß wir mit unsrer gesegneten Liste noch lange nicht das Ende erreicht haben. Da sind zum Beispiel die drei Franzosen, Delavigne, Cordollier und Vaillant, die drei Jahre Kameraden des Löwentödters Gérard in Algerien gewesen sind, Frösche fressende Kerle und echte Windbeutel, aber tapfer und keck, das läßt sich nicht läugnen. Und was meinen Sie zu Eduard O'Sullivan und seiner Schwester, Miß Margaretha, die der Herr nicht blos mit jenen Gaben gesegnet, die Versuchungen sind für die Augen des Fleisches?«
Der Mann verdrehte die Augen bei der Erwähnung der Schönheit des Mädchens, daß man nur noch das Weiße davon sah. Gibson aber schien jetzt den Rest seiner Geduld verloren zu haben. Er schüttelte die Schulter des Methodistenpredigers heftig und stieß einen kräftigen Fluch aus.
»Wollt Ihr Euer Spiel mit mir treiben, Bursche?« sagte
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er finster. »Alle, die Ihr genannt, sind Mitglieder der Expedition dieses französischen Windbeutels, den Gott verdammen möge, und Männer brechen ihr Wort nicht. Was bezweckt Ihr also mit Euren Reden, denn einen Hinterhalt hat ein heuchlerischer Kerl wie Ihr immer!«
Der Yankeeprediger kniff ein Auge zu und sah ihn mit dem andern listig von der Seite an. »Was meint Ihr zu meiner unwürdigen und demüthigen Person für die Tiger-Killing-Company?«
Der Jäger lachte ihm trotz seines frühern Unwillens in's Gesicht. »Seid Ihr verrückt, Master Slong? Glaubt Ihr etwa, ein Tiger, wie unser Bob, werde mit seinem Sprung auf Euern miserablen Leichnam so lange warten, bis Ihr eine Eurer langweiligen Predigten gehalten? da seid Ihr stark im Irrthum. Ueberdies habe ich ja Euren eigenen Namen in der Liste des französischen Grafen gefunden.«
»Ich calculire,« sagte der Schwarze höchst philosophisch, »man wird mich dort entbehren können, wenn Seine Hoheit, der Radschah, mich nur anwerben will. Ueberdies, Freund Gibson, wäre es nicht das erste Mal, daß ich ohne Predigt die Büchse auf eben so grimmige Feinde angeschlagen habe, als Eure Tiger sind. Doch, was ich Euch sagen wollte, ich habe eine Notion, daß bei uns drüben nicht Alles mehr ist, wie es sein sollte,« er wies mit dem Daumen über die Achsel nach dem andern Zelt. »Es dauert Manchem so lange, und der baare Sold, den Euer Radschah angeboten, macht Vielen den Kopf warm. Der Tiger vor Eurer Thür ist außerordentlich nach dem Geschmack unserer Jäger, und bei den Anderen hat der Artikel in dem California Chronicle grausam viel gewirkt. Der Gott Zebaoth gebe, daß es darüber nicht zu Blutvergießen kommen möge!«
»Wie meint Ihr das, Hesekia Slong?«
»Seine Gnaden, der Graf, sind teuflisch erbittert über das Geschreibsel; er geht herum, wie der siebenköpfige Drache, der da kommen wird, die sündige Erde zu verschlingen, und ich möchte selbst um fünfhundert Eurer goldnen Mohurs nicht in der Haut von Master Hillmann, dem Redakteur des Chronicle, stecken, der dort so ruhig mit Eurem Freunde am Spieltisch des spanischen Betrügers steht!«
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»Was wollt Ihr damit sagen? Ist Gefahr für den Mann, weil er einen Artikel gegen Euer unsinniges Unternehmen geschrieben hat!«
Der Methodist sah sich vorsichtig um. »Unsere Actien sind mächtig gesunken seit zwei Tagen. Ich wiederhole Euch, der Graf ist wüthend und behauptet, daß der elende Federfuchser im Solde der Tiger-Killing-Company die Artikel gegen ihn geschrieben habe. Die Actionaire und die Theilnehmer sind aufsässig, und er muß etwas thun, um sich wieder in Furcht und Respect zu setzen. Bemerkt Ihr nicht, daß keiner von unseren Leuten heute Abend hier anwesend ist!«
»Goddam Your eyes! Ihr habt Recht - bis auf Euch ist Keiner hier, und selbst Ihr steht hier und schwatzt, statt Euer gewöhnliches Spiel zu machen.«
»Es kommt, es kommt, Master Gibson! Ich wartete nur, um Euch einen kleinen Wink zu geben, damit Ihr ein gutes Wort bei dem Nabob für mich einlegt.« Sein Auge hatte während der ganzen Unterhaltung den Spieltisch des Amerikaners häufig gestreift, vor dem jetzt eben eine ziemlich ansehnliche Summe von Gold und Banknoten aufgehäuft lag. »Ich calculire,« fuhr der Methodist mit einem neuen Augenverdrehen fort, »der gnadenreiche Augenblick, mein Glück mit einer dieser sündigen Karten zu versuchen, ist gekommen. Wenn Ihr mich begleiten wollt, Master Gibson, wird es mir lieb sein.«
Der Methodist ging langsam nach dem Spieltisch, an dem sein Landsmann, der Yankee, Bank hielt, beobachtete eine Weile das Spiel, zog dann einen alten Geldbeutel heraus, und setzte eine schmutzige, zu einem kleinen Viereck zusammengefaltete Banknote auf die Carreau-Dame.
Mehrere um den Tisch herumstehende Männer lachten mit unverhehltem Spott bei dem Verfahren des Sectirers. »Hesekia muß, eine ganz absonderliche Vorliebe für schmutzige Cincinnati-Noten haben,« sagte der Eine. »Er setzt nie ein blankes Stück Geld, obschon er sie regelmäßig, wenn er verliert, mit solchem wieder einlöst!« Weder der Spieler noch der Bankhalter, achteten auf die
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Spötterei; der Methodist schien an dem Tisch ein gewohnter Gast, und seine Art zu spielen vollkommen bekannt.
»Euer Spiel, Ihr Herren!« sagte der Banquier, »die Taille beginnt.«
Dollars, Goldstücke und Banknoten flogen auf die Quadrate. Beim dritten Abzug fiel die Dame links, zu Gunsten des Banquiers, und der Croupier strich die auf dem Felde stehenden Beträge, darunter die Note Slongs mit ein.
Der Methodist zog aus seinem alten Geldbeutel fünf Silberdollar und schob sie dem Kentuckier hin, wofür ihm dieser die alte Note wiedergab, ohne sie weiter anzusehen. Slong nahm sie mit den Fingerspitzen, faltete sie sorgfältig auseinander und besah sie von allen Seiten, gleich als sei es ein theurer Schatz, der durch fremde Berührung gelitten haben könnte. Es war, wie mehrere Umstehende, die mit dieser Gewohnheit vollkommen bekannt schienen, deutlich erkannten, eine alte Fünfdollarnote des Staates Cincinnati.
Slong legte hierauf die Note wieder in die nämlichen schmierigen Falten zusammen, und steckte sie in seinen Beutel, der ziemlich mager erschien. Das Spiel ging weiter und der Methodist blieb ein ruhiger Zuschauer, ohne von seinem Platz zu weichen.
Plötzlich entstand am Eingang des Saales eine große Bewegung, und man sah - denn Aller Augen wandten sich dorthin - eine zahlreiche Gesellschaft eintreten, die im glänzenden Licht der Gasflammen ein überaus buntes Bild zeigte.
Voran schritt ein großer Mann, dessen soldatische Haltung mehr noch seinen Anspruch auf militairischen Rang bekundete, als die reich mit Gold gestickte Uniform und die schweren Generals-Epaulettes auf seinen Schultern; denn dergleichen Phantasiezierden aus eigener Machtvollkommenheit sind in dem demokratischen Amerika sehr gewöhnlich. Die Uniform stand bequem offen und zeigte das feine Battisthemd; eines der gewöhnlichen französischen Militairkäppis bedeckte das noch dunkle, gelockte Haar, denn der Eingetretene konnte höchstens vierzig Jahre zählen. Er trug keinerlei Waffen und nur eine leichte Fischbeinreitgerte spielend in der aristokratisch feinen, von Spitzenmanschetten umgebenen Hand. Seine Gesichtsbildung zeigte einen verwegenen, entschlossenen
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Ausdruck, und um das schiefe Zusammenstehen der beiden inneren Augenwinkel, die sich an der schmalen Nase zu begegnen schienen, gab seinem Blick etwas Unstätes, Unheimliches. Der Mann war der Graf Raousset Boulbon, einer der berüchtigtsten und kühnsten französischen Abenteurer der Neuzeit, der wenige Monate später der mexikanischen Regierung so bedeutend zu schaffen machen sollte. Wie man vielfach munkelte, war er bei seinen abenteuerlichen Unternehmungen nicht ohne Verbindung mit der neuen französischen Regierung.
Wir haben bereits gesagt, daß die Gesellschaft, welche dem Grafen folgte, ein buntes Ansehn bot. Sie bestand aus den Hauptmitgliedern seiner Expedition, von denen vorhin der Methodist schon verschiedene näher bezeichnet hatte, und zählte ungefähr zwanzig Personen. Neben Männern von militärischem Aussehn zeigten sich die wilden phantastischen Gestalten und seltsamen Kostüme der Trapper und Jäger der Prairieen, der mexikanischen Abenteurer in den Sammetjacken und bis zum halben Schenkel geschlitzten Beinkleidern, ja selbst das dunkle Gesicht einer Rothhaut, mit der langen Adlerfeder von der Scalplocke, blickte mit dem unverwüstlichen Ernst aus den Reihen. Zwei der interessantesten Figuren aber waren ein junger, ziemlich liederlich aber sportmäßig gekleideter Mann, mit, sommerfleckigem, offnem und heiterm Gesicht, dessen rothe Haare und ungenirtes Wesen seinen Anspruch auf direkte Abkunft von der Smaragdinsel, aus dem luftigen Galway oder Waterford bekundeten. Eine gewisse Blässe und Magerkeit in seinen Gesichtszügen deutete darauf hin, daß er wahrscheinlich noch bis vor Kurzem manche Noth und schlimme Zeit hatte kennen lernen. An seinem Arm hing ein junges Mädchen von etwa neunzehn Jahren, mit jenem reizenden röthlich blonden Haar, das die britischen Schönheiten auszeichnet, und einem fast durchsichtig zarten Teint, dem der Rosenhauch der Wangen dennoch jedes Krankhafte benahm. Ein Paar große, schwarze, funkelnde Augen vollendeten jene seltene und eigenthümliche Schönheit, die auch die jetzige Kaiserin der Franzosen auszeichnet. Nur blitzten und funkelten diese Augen nicht mit der verzehrenden Leidenschaft einer Spanierin, sondern ihr Blick war heiter, schelmisch und sorglos, wenn derselbe auf des Mädchens Bruder fiel. Die junge
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Dame war von schlanker Gestalt, der es aber keineswegs an den schönen Formen der Wellenlinie fehlte. Ein grauer Filzhut mit Straußfedern saß keck auf ihren sonst frei auf Hals und Nacken herunter fallenden glänzenden Locken; eine dunkelgrüne polnische Sammetlitefka, mit Schnüren besetzt, umschloß, auf das Vortheilhafteste ihre feine Taille zeigend, den Oberkörper, und fiel auf ein bis zur Hälfte der Wade reichendes Kleid von schwarzem Seidenzeug. Graue mit Roth gestickte Kamaschen umhüllten Fuß und Bein, die feine Form der Knöchel, wie die kräftige Wölbung der jungfräulichen Wade abzeichnend. Das Paar war Eduard O'Sullivan und seine Schwester Margaretha, Irländer, die, wie so viele Tausende ihrer Landsleute, ihr Vaterland verlassen und in Amerika eine neue Heimath gesucht hatten. Aus einer alten und angesehenen irischen Familie stammend, hatten die Geschwister von ihrem früh verstorbenen Vater ein kleines Gut in Kilkenny geerbt, dessen Werth aber bald Master Eduard durch ein lockeres Leben in Dublin mit Schulden belastet und in die Hände der Wucherer gebracht hatte. Ein ungerechter Prozeß, den der Geschäftsführer eines angrenzenden großen englischen Gutsherrn gegen sie erhob und der, mit den reichen Mitteln des Lords geführt, bald zu ihren Ungunsten entschieden wurde, beraubte Bruder und Schwester vollends ihrer Habe. Wie im Lande erzählt wurde, war der Prozeß, der mit allen Chikanen geführt worden, in Folge eines Korbes angestellt, den Miß O'Sullivan dem Bruder des Pair gegeben hatte, einem als höchst roh und boshaft verschrieenen Manne. Mit den letzten zusammengerafften Mitteln verließen die Geschwister auf einem Auswandererschiff vor etwa Jahresfrist ihre Heimath, hatten aber auf amerikanischem Boden auch wenig Glück gefunden, sich vielmehr bald durch die Betrügereien der Yankees alles Geldes beraubt gesehen, und waren nach vielen Kümmernissen und bitterer Noth nach San Francisco gekommen, wo O'Sullivan durch Pferdehandel und Dressur seinen Unterhalt erwarb. Miß Margaretha, die, blind gegen alle seine Fehler, mit schwärmerischer Zärtlichkeit an, dem Bruder hing und jede Noth mit ihm freiwillig getheilt hatte, besaß in vollem Maß den lebendigen Charakter der Irländerin und hatte selbst den jungen Mann angespornt, an der Expedition nach Sonora Theil
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zu nehmen, um dabei gemeinsam ihr Glück zu versuchen. Gebildet und feinfühlend, verstand sie es, sich in der wilden, so bunt zusammengewürfelten, Gesellschaft durch ihr Benehmen Achtung und eine gewisse chevalereske Bewunderung zu erwerben, und da es ihrem Charakter selbst nicht an Romantik fehlte, hatte das abenteuerliche Treiben um sie her bald ihr volles Interesse gefesselt. Selbst die rohesten Gesellen beeiferten sich, dem Geschwisterpaar ihre Theilnahme durch allerlei kleine Dienste und Gefälligkeiten zu beweisen.
Der Graf schritt langsam, von seiner Begleitung gefolgt, durch den Saal nach den Spieltischen, in deren Umgebung die Aufmerksamkeit jetzt zwischen den Ankommenden und der eben begonnenen Taille getheilt war.
Diesen Augenblick wahrscheinlich hatte der Methodist benutzt, um aufs Neue seinen Beutel zu öffnen, und die schmutzige, zusammengebogene Banknote auf die Dame zu setzen.
Der Banquier fuhr im Abwerfen fort.
»Le Roi perd!«
»Dix gagne!«
»Doppelt, alter Bursche!« sagte ein alter Schiffscapitain, indem er den gewonnenen Dollar stehen ließ.
»Sept perd!«
»Dame gagne!«
Der Croupier schob dem einen der Spieler, der mit auf die Dame gesetzt, zwei Souvereigns zu und dem Master Slong seine fünf Dollars.
»Einen Augenblick, John, mein Junge,« sagte dieser. »Ich calculire, Ihr irrt Euch. Ich bekomme tausend Dollars.«
Die originelle Forderung machte im Augenblick das Spiel stocken und der Banquier blickte erstaunt auf den Spieler.
»Macht die Note nur auf,« sagte derselbe mit großer Seelenruhe. »Es muß eine Tausenddollarnote sein, wenn mir recht ist, wenigstens wollte ich damit mein Heil versuchen!«
»Stört mit Euren Possen das Spiel dieser Gentlemen nicht,« sagte heftig der Kentuckier, »wie solltet Ihr schmutziger Lump zu einer Tausenddollarnote kommen?«
Der Bankhalter hatte unterdeß die Note genommen - fünfzig
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Augen bewachten seine Finger - und sie geöffnet. Jeder konnte sich überzeugen, es war richtig eine Note über tausend Dollars der Bank von Ohio, die in ihrem Aussehn den Fünfdollartnoten des Staates Cincinnati sehr ähnlich sind.
Jedermann erkannte im Augenblick den hier gespielten Betrug, aber eben so auch das Recht des Spielers, und die ganze Gesellschaft, ohnehin bei jeder Gelegenheit Partei gegen die Bank nehmend, brach in ein schallendes Gelächter aus.
Nicht so der Bankhalter und sein Compagnon. Der Erstere wurde kirschroth vor Erbitterung und sprudelte eine Menge Verwünschungen und Schimpfreden gegen den glücklichen Spieler heraus, der unberührt seinen philosophischen Gleichmuth bewahrte, der Andre schwor mit einem wilden Fluch, dem Methodisten eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er sich nicht augenblicklich davon machen würde.
»Wenn das eine Tausenddollarnote war, Ihr psalmplärrender Betrüger,« schrie der, Bankhalter, »dann hätte ich sie schon zehn Mal von Euch gewonnen. Jeder dieser Herren weiß, daß Ihr sie immer nur mit fünf Dollars ausgelöst habt.«
»Ich bin gestern noch Zeuge gewesen,« sagte eine andere Stimme aus dem Kreise, der, durch den Lärm herbeigelockt, sich jetzt um den Tisch drängte. Es war der Mann, den Slong vorher gegen den Tigerjäger als den Redakteur des California Chronicle bezeichnet hatte.
»Ladies und Gentlemen,« erhob Slong mit näselndem Ton seine Stimme, »ich fordere Sie auf, sich selbst zu überzeugen,« er öffnete seinen schmutzigen Beutel, »daß ich zwei Noten besessen habe, eine von fünf, die andere von tausend Dollars. Sie sind mein ganzes Vermögen, das mir der Herr als Segen für die Arbeit vieler Jahre gegeben. Dieser Mann hat vorhin die Fünfdollarnote selbst nachgesehen, und nach ihr meinen Verlust eingezogen - hätte ich mich unglücklicher Weise vergriffen - Master Sharp und Master Merdith würden schwerlich fünf Silberdollars für ihre Auslösung angenommen haben.«
Die Spielerlogik war allerdings einleuchtend; indeß, da Jedermann die sehr durchlöcherte Ehrenhaftigkeit des predigenden Gentlemans kannte, erhoben sich doch auch verschiedene Stimmen
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für das Interesse der Bank, und namentlich sprach Hillmann, der Redacteur des Chronicle, gegen den Streich. Man fing an von einem Vergleich zu reden, und es wurden bereits Wetten über den Ausgang angeboten.
»Ihr seid ein nichtswürdiger Gauner, Slong,« schrie der Croupier. »Ihr wißt es so gut wie wir, daß Ihr auf Betrug gesonnen. Nehmt, was Euch mein Compagnon Sharp anbietet, oder - hell and damnation! - Euer spitzbübisches Gehirn soll die Dielen bespritzen, ehe Ihr Zehn zählen könnt.« Die Hand des Kentuckiers befand sich am Griff des Revolvers und der Hahn knackte.
»Es ist himmelschreiend,« stöhnte Slong, der vergeblich einen Hilfe heischenden Blick auf seinen Gefährten, den ehrlichen Tigerjäger geworfen hatte - »daß man sein gutes Recht so mit Füßen getreten sieht.«
»Sie werden diesem Manne seinen vollen Gewinn auszahlen, Messieurs!« sagte eine volle, sonore Stimme, mit dem Ausdruck des Befehls. »Master Slong steht unter meinem Schutz, und ich werde nicht dulden, daß ihm ein Penny von dem vorenthalten wird, was ihm nach dem Recht des Spiels zukommt.«
Der Sprecher war der Graf Raousset Boulbon, der jetzt dicht am Tisch stand, die linke Hand leicht darauf gestützt, während die rechte mit der Reitgerte spielte. Hinter ihm zeigte sich seine ganze Begleitung; der Kreis um den Tisch war nun durch das Hinzuströmen aller im Saal Anwesenden zu einer dicht gedrängten Menge geworden, in der unwillkürlich bei dem Einschreiten des Grafen die Anhänger der beiden an der Tagesordnung florirenden Expeditionen, sich abzusondern begannen.
»Mylord,« entgegnete der Bankhalter höflich, »Sie werden mir keine Ungerechtigkeit zufügen wollen, weil der Mann hier, den wir Alle hinreichend kennen, sich bei Ihrer Expedition eingezeichnet hat. Master Hillmann und zehn Andere können es bezeugen, daß dieser Mensch seit acht Tagen systematisch den Betrug vorbereitet hat.«
»So ist es, Herr Graf,« bekräftigte Hillmann, ein Deutscher von Geburt, der drei Jahre vorher als politischer Flüchtling sein Vaterland verlassen hatte, und jetzt an der Spitze des ultraliberalen
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Organs stand, und somit auch der Führer dieser Partei in San Francisco war. »Master Slong ist ein schlauer Fuchs, der, wenn seine Note verloren gewesen wäre, sie sicher unbesehen mit fünf Dollars eingelöst hätte. Es ist billig, daß die Bank für ihre Unvorsichtigkeit eine Strafe zahlt, aber Sie selbst werden nicht wollen, daß sie durch eine Gaunerei ruinirt werde.«
Der Graf sah den Redner hochmüthig an. »Wagen Sie es, mit mir zu sprechen, Sir?« fragte er wegwerfend in beleidigendem Ton.
Der Deutsche wurde dunkelroth. »Gewiß, Herr,« sagte er heftig, »mit wem sonst? Wir sind in dem freien Amerika, wo nur der Rang eines Gentleman gilt, und als solcher sage ich Ihnen ungenirt meine Meinung.«
Völlige Stille herrschte jetzt im Saale, denn Niemand wollte von dem Streit eine Sylbe verlieren; aller Augen waren auf den Chef der Sonora-Expedition gerichtet, zwischen dessen Augenbrauen sich Unheil verkündend eine tiefe Falte zusammenzog. Seine Gestalt richtete sich straff empor, in jeder Geberde lag der Ausdruck des entschlossenen, bewußten Hochmuths, der seiner Umgebung imponiren will, als er jetzt das Wort nahm. »Was diese beiden Schurken betrifft,« sprach er mit ruhiger, klarer Stimme, die bis am Ende des Saales zu verstehen war, »so will ich sie von meinen Leuten an der Thür dieses Hauses am längst verdienten Strick aufhängen lassen, wenn sie nicht binnen fünf Minuten diesem Manne unverkürzt seinen Gewinn ausgezahlt haben. Was aber diesen sogenannten Gentleman angeht, so will ich meine Rechnung gleich auf der Stelle ihm quittiren!« Und rasch wie der Blitz flog die Reitpeitsche des Franzosen über den Tisch und zog mit kräftigem Hieb einen im Nu dunkel anlaufenden Streifen quer über das ganze Gesicht des unglücklichen Redacteurs.
Der Tumult, welcher diesem Angriff folgte, war im ersten Augenblicke entsetzlich. Hillmann wollte auf seinen Gegner losspringen, aber die breite Tafel des Bankhalters, die sie trennte, hinderte ihn daran. Dieser, sein Croupier und Slong, der Methodist, warfen sich mit dem ganzen Leib über den Tisch, um das ausliegende Geld zu sichern, denn verschiedene diebische Hände benutzten sogleich die Verwirrung, sich danach auszustrecken. Erst
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als der Graf von dem Tisch zurück und in die Mitte des Saales trat wo er ruhig, die Arme über einander gekreuzt stehen blieb, und seinen Gegner erwartete, gab sich der Menschenknäuel auseinander und es blieb Raum für die weitere Entwickelung des entsetzlichen Drama's.
Hillmann war von einigen seiner Freunde zurückgehalten worden, unter denen sich auch die beiden Tigerjäger befanden. Alle Deutschen und die Engländer hatten sich um ihn gesammelt, die Franzosen und Amerikaner drängten sich um den Grafen.
Nach einer kurzen, heftigen Berathung sah man Mac-Scott, den ersten Geschäftsträger und Jäger des Radschah, von dem Kreise um den Beleidigten sich trennen und auf den Grafen zukommen.
Mac-Scott unterschied sich von seinem Gefährten Gibson in mehr als einer Aeußerlichkeit. Er war ein Schotte von Geburt, groß und so hager, daß der ganze Körper nur aus Haut und Muskeln gemacht schien. Sein Kopf glich dem eines Raubvogels durch die Bildung der Habichtsnase, des zurücktretenden Kinnes und die Schmalheit der Stirn und der Schläfe. In seinem Gesicht lag der den Schotten häufig so eigene Ausdruck von List und Verschlagenheit; er trug eine alte Jagdmütze von Leder, einen grünen, kurzen Jagdrock und eng anliegende Lederbeinkleider, die durch gleiche Kamaschen mit den schweren dicken Schuhen verbunden waren. Trotz dieses ziemlich ordinairen Auszugs lag in der Haltung und dem Wesen des Mannes der Anspruch auf Bildung und höhern Stand. Fergus Mac-Scott war aus einer adelichen aber armen schottischen Familie, hatte in seiner Jugend das College von Edinburg besucht, um die Rechtswissenschaft zu studiren, und war bei einer Reise nach England, wohin ihn sein Vater schickte, um eine Familienangelegenheit zu ordnen, von einem der berüchtigten Preßgänge aufgehoben und an Bord einer zum Absegeln fertigen Fregatte gebracht worden. Als er aus seiner Betäubung, in die ihn ein heftiger Schlag auf den Kopf versetzt hatte, erwachte, befand er sich auf offener See, und da er zufällig keine Papiere bei sich hatte, die ihn legitimiren konnten, zog ihm alle seine Widerspenstigkeit, in den Seedienst zu treten, nur harte Züchtigungen zu, bis er sich in sein Schicksal ergab. Als gemeiner
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Matrose brachte er fünf Jahre in den ostindischen und chinesischen Gewässern zu; bei dem Schiffbruch der Fregatte in einem der heftigen indischen Orkane an der Küste von Malabar rettete er sich mit wenigen Gefährten, und blieb seitdem in Ostindien, da er nach der Zerstörung aller seiner Lebenshoffnungen nicht mehr in die Heimath zurückkehren mochte. Das Seeleben hatte ihm nie zugesagt, da er aber abenteuerlichen Charakters war, der in diesem Lande reiche Befriedigung fand, wandte er sich der Lieblingsbeschäftigung seiner Jugend, der Jagd, wieder zu und wurde bald ein berühmter Jäger der Dschungeln. Als solcher hatte er, an das Klima gewöhnt, bereits fünfzehn Jahre dort zugebracht, die letzten zehn am Hofe des Peischwa von Bithoor, und dort dessen Adoptivsohn zum kühnen Jäger erzogen. Ihm und einigen ähnlichen Abenteurern verdankte der junge Radschah auch den größten Theil seiner europäischen Bildung und seiner Sprachkenntnisse. Die juristische Erziehung, das Seemanns- und Jägerleben hatten die Ausdrucksweise des Schotten mit einem merkwürdigen Vademecum von Kunstworten gespickt; im gegenwärtigen Augenblick jedoch raffte er alle aristokratischen Erinnerungen seiner Jugend zusammen und trat mit dem Anstand eines Edelmannes dem Grafen entgegen.
»Mylord,« sagte er in englischer Sprache, um von Allen verstanden zu werden, »mein Name ist Fergus Mac-Scott, und meine Familie gehört dem schottischen Adel an. Ich habe Master Hillmann, den Sie so eben beleidigt, meine Dienste angeboten, und komme in seinem Auftrage, von Ihnen Genugthuung zu fordern.«
»Ich habe durchaus Nichts gegen Ihre Person, Herr Mac-Scott,« sagte der Graf hochmüthig, »obschon der Adel in Ihrem Vaterland so gewöhnlich zu sein scheint, wie die Disteln. Ich will mich auch herablassen, dem Burschen, den ich so eben für seine Unverschämtheit gezüchtigt, die verlangte Genugthuung zu geben, jedoch nur auf meine Bedingungen.«
»Welche sind dies, Mylord?«
Der Graf sah ihn einen Augenblick fest an. »Sie sind Jäger, Herr Mac-Scott!«
»Seit fünfzehn Jahren, Mylord. Ich rühme mich, 32 Tiger theils getödtet, theils gefangen zu haben.«
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»Kennen Sie die Büffel der amerikanischen Prairieen?«
»Mylord, es ist das erste Mal, daß ich mich in Amerika befinde!«
»Wohl. Sie werden vielleicht wissen, daß für morgen ein Stiergefecht angekündigt ist?«
»Ich habe von der Spielerei gehört, Mylord.«
»Sie haben ja wohl eine Probe Ihrer indischen Jagd, einen Tiger, bei sich?«
»Ja, Mylord, es ist ein Königstiger von der Mündung des Ganges. Ich selbst fing ihn in Netzen. - Aber ...«
»Einen Augenblick Geduld, Herr Mac-Scott. Der Büffel wird unsere Jagd in den Prairieen der Sonora sein, der Tiger ist die Ihre in den Dschungeln Indiens. Sie werden nicht verlangen, daß der Graf Raousset Boulbon, dessen Vorfahren den Thron von Byzanz inne hatten, mit einem verlaufenen Zeitungsschreiber Kugeln wechselt, weil er ihn für eine Unverschämtheit gezüchtigt hat. Da aber derselbe Herr dort sich zum Verfechter Ihrer Gesellschaft aufgeworfen hat oder bestellt worden ist, so will ich ihm die Ehre einer andern Art von Duell anthun, bei der ich meine Hand nicht mit dem Blute eines Elenden zu besudeln brauche. Ich verlange, daß er morgen in den Schranken die Rolle des Matadors gegen den Büffel der Sonora übernimmt, den ich ihm stellen werde, zu Fuß oder zu Pferde, mit beliebigen Waffen, und ich verpflichte mich, in denselben Schranken allein gegen den Tiger zu kämpfen, den der Radscha oder Peischwa, Ihr Herr, als Aushängeschild mitgebracht hat.«
Der ganz unerwartete Vorschlag fesselte zuerst alle Zungen in Erstaunen; dann aber brach ein lautes ›Hört! Hört!‹ und ein stürmisches Bravo los, in das beide Parteien einstimmten. Denn der Amerikaner befriedigt nichts lieber, als seine Neugier, und würde für die Aufführung eines neuen blutigen Schauspiels keine Mühe und Anstrengung scheuen.
Der arme Hillmann versuchte vergeblich gegen die Nächststehenden zu erklären, daß er kein Jäger oder Toreador sei, und in seinem Leben noch keinem zahmen, vielweniger einem wilden Stier gegenüber gestanden habe. Man hätte ihn ›gefedert‹ -
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wie die Manipulationder Theertonne und des Federsacks genannt wird, wenn er sich länger geweigert hätte.
»Soll mich der Henker holen, Mylord,« sagte der Schotte rauh, »der Gedanke ist nicht übel, obschon ich meine, daß in solchen Fällen das corpus juris verlangt, sich mit aufgerefftem Topp seitlängs zu legen und ehrliche Breitseiten zu tauschen. Ich muß jedoch zuvor den Maharadschah davon in Kenntniß setzen und seinen Willen einholen.«
»Thun Sie das, Herr, und sagen Sie Ihrem Indier, daß ich, der Graf Raousset Boulbon, jeden seiner Helfershelfer, und nöthigenfalls ihn selbst, ebenso behandeln werde, der es wagt, die Sonora-Company zu verdächtigen.«
Mac-Scott besprach sich mit seiner Partei, so wie einige Augenblicke mit seinem Gefährten Gibson und verließ dann das Zelt.
Slong, der Methodist, schlich unbemerkt hinter ihm drein.
Der Graf war in der Mitte des Saales stehen geblieben. Mehrere Personen seiner Umgebung versuchten ihm Einwürfe gegen den gefährlichen Kampf zu machen, doch er wies sie kalt zurück, und sprach von dem Zuge nach der Sonora, als einer abgemachten Sache und als ob keine Gefahr ihn berühren könne.
Hillmann stand mit seinen Freunden am Schanktisch. Von allen Seiten wurde ihm zugetrunken und seine Aufregung wuchs mit jedem Glase. Zwanzig Rathschlage wurden ihm ertheilt, in welcher Weise er im Kampf gegen den Büffel verfahren müsse; denn dem Gedanken, daß ein so außerordentlich schönes und seltenes Vergnügen durch die Weigerung irgend eines Theiles dem Publikum entzogen werden könne, hätte keiner der Anwesenden Raum gegeben.
Plötzlich gab sich am Eingang des Saales eine neue Bewegung kund und eine unerwartete Kunde lief wie ein Blitz von Mund zu Mund. Alles blickte überrascht und erstaunt nach der durch einen Teppich bedeckten Thür, durch welche zwei reich gekleidete Schwarze eintraten, in weiße Gewänder gehüllt, breite Goldreife um die nackten Arme und Füße. Sie blieben, die Arme über die Brust gekreuzt, an beiden Seiten des Eingangs stehen, Mac-Scott, dem Jäger, Platz machend, der einige Schritte vortrat.
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Eine plötzliche, allgemeine Stille herrschte im ganzen Saal. »Gentlemen,« sagte der Schotte mit lauter Stimme, »Seine Hoheit, der Maharadschah Srinath-Bahadur wünscht hier in Ihrer Gesellschaft zu erscheinen und seine Antwort persönlich zu bringen.«
Die beiden Schwarzen zogen auf seinen Wink die Vorhänge des Eingangs zurück, und Nena Sahib trat ein.
Gulma.
Wohin führt unser Buch den Leser! Wie muß er mit uns schweifen über Fluß und Berg, über Land und Meer. Nirgends Ruh - nirgends Rast! Immer wieder neue Bilder, neue Gestalten, neue Kämpfe, neues Leiden und Lieben.
Aber die stolze, übermüthige Flagge des Briten zieht durch die Meere, von Pol zu Pol - von Welttheil zu Welttheil! Ueberall pflanzt sie das Banner der Civilisation an den Küsten der Erde und überall folgt die Knechtung und die Tyrannei ihr auf dem Fuß!
Wir sind in Afrika! - Nicht in den schrecklichen Wüsten, denen Thau und Regen, die süße Thräne Gottes fehlt, nicht in den weitgestreckten Ländern, die der Fuß des gierigen Europäers noch nie betreten - sondern auf einem der wenigen Flecke in diesem Meere von Felsen und Sand, die Gott liebgehabt: an der äußersten Grenze der britischen Eroberungen im Süden - in Kaffaria.
Es ist einer jener herrlichen Morgen, wie sie nur den heißen Zonen eigen sind; keine Wolke treibt über das leuchtende Blau des Himmels. Der Osten glüht wie schmelzendes Gold und einzelne Lichtstrahlen von matter Emaille und Purpur schießen weit in das Firmament hinauf, denn noch ist die Sonne nicht über den Horizont gestiegen. Im Flußthal weilt noch ein graueres Morgenlicht; träge Nebel heben sich von der breiten, stillen Fläche des weißglänzenden Stroms und eine kühle Luft weht vom Thale herauf.
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Da plötzlich erhebt sich der Feuerball über den Horizont und wirft seine ersten Strahlen über das Thal, gleich einem Memnonsklang das Leben und die Farben der Wildniß erweckend.
Einsam und traurig ist zwar das Land umher, aber an den Ufern des Kai25 entwickelt sich ein reges Leben. In den tiefen, stillen Lagunen, die der angeschwollene Strom sich seitwärts wühlt, und die er gefüllt verläßt, wenn er in sein Bett zurücksinkt, wo an wehenden Weiden, üppigem Gebüsch und hohen Palmieten zierliche, von Gräsern geflochtene Vogelnester hängen; und bunte, colibriähnliche Vögel im ersten Sonnenstrahl sich auf den leichten Federbüschen der Schilfe zu wiegen beginnen, taucht ein träger Hippopotamus auf und streckt mit behaglichem Grunzen seine Schnauze über den Grasrand empor. Plötzlich kracht das trockene Schilf und eine dunkle Masse braust hindurch und dreht sich schnaubend und unbehilflich nach allen Seiten: ein Rhinoceros, das aus der dürren Ebene gekommen, um hier seinen Durst zu löschen, und sich an den grünen, saftigen Zweigen zu sättigen. Sein Riesenleib bricht auf dem Weg, den es einschlägt, Stämme und Büsche, sie wie schwache Halme knickend, denn nie weicht es von der geraden Linie, und sein gewaltiges Horn entwurzelt selbst Bäume, die ihm entgegenstehen.
Von den Felsen steigt eine Heerde Affen herab. Die Aefflein reiten auf dem Rücken der Mutter; ein Geschnatter geht vor ihnen her, gleich einem alten Weiber-Congreß; oder das stoßweise Gebrüll des Brüllaffen, das aus einem gewaltigen Sprachrohr hervorzugehen scheint, ruft die Gefährten. Auch sie, gesättigt von dem Morgenmahl, aus Scorpionen und Spinnen, die sie unter losen Steinen aufgejagt, und aus den kleinen Zwiebelgewächsen bestehend, die sie aus dem Sande gescharrt, steigen zum Alles belebenden, alle Wesen der Schöpfung in seine Nähe ziehenden Wasser.
Durch die Binsen und das Schilf schleichen verstohlen Rehe und prüfen mit den großen, fragenden Augen das Terrain. Der braune, runde Duikerbock, der ungestaltete Kudu, die Gazelle und hundert andere Gattungen des großen Antilopen-Geschlechts, die eine Wonne europäischer Naturpedanten sein würden, setzen mit
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zierlichem Sprung an das Ufer, trinken hastig und entfliehen bei dem Geräusch, das ein Alligator macht, der mit dem Schwanz auf die Wasserfläche schlägt. Sie wissen, es ist noch nicht der gefährlichste Feind, der im Schilf ihrer lauert. Früher graste auch der stattliche Elephant an den grünen, mit der blauen Nymphea capensis geschmückten Ufern; er hat sich jedoch längst weiter in das Innere zurückgezogen, sein kostbares Elfenbein zu retten. Hie und da streckt eine schöngefleckte Zibethkatze den Kopf aus dem Gebüsch und schaut klug umher; dann folgt vorsichtig und zögernd ein feines, schwarzsammetnes Füßchen: aber sie erspäht Gefahr - ihre Augen leuchten und mit einem verdrießlichen Geknurr verschwindet sie wieder.
Nicht minder lebendig ist es auch im Strom selbst. Hie und da taucht ein Biber auf und zimmert unter den Hölzern; dort schiebt sich schwerfällig und träge eine große Schildkröte einher; tief flattern wilde Enten und furchen die spiegelnde Fläche; Schnepfen schießen in jähem Fluge von einem Rohrgebüsch zum andern und das flinke Volk der Becassinen scherzt zwischen Schilf und taucht in die klare Fluth. Auf seichten Stellen stolzirt der langbeinige, purpurne Flamingo zur Seite des schimmernden Ahinga; am Rande der Lagune steht in philosophischer Ruhe auf einem Bein der graue Kranich und schaut unbeweglich in das stille Wasser, gleich als galt es, dort ein Problem zu lösen. Von den Dorngebüschen, umsäumt mit zahllosen, weißen Glocken der Calla aethiopica, ertönt der schrille Ton des Perlhuhns, der laute Ruf des rothen Rebhühnervolkes und der prächtigen Goldfasane.
Noch anderes, Schrecken und Gefahr drohendes Leben birgt sich still und unbeweglich in den ungeheuren Besen des gigantischen Ginster. Seine Zeit ist noch nicht gekommen. -
Auf einem Felsen, der auch vom Lande aus steil emporsteigend seinen flachen Gipfel in einer Höhe von wohl 50 Fuß, gleich einer Warte, hinüberstreckt über den Spiegel des Om-Kai, ruhen drei Männer, höchst verschieden in ihrem Aussehn und in ihrem Wesen. Zwei davon scheinen eben aus dem Schlaf erwacht, der Dritte Wache gehalten zu haben.
Dieser ist offenbar ein britischer Soldat, dahin deuten die an vielen Stellen von den Dornen des Weges zerrissenen Leinenhosen,
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die schmutzig-rothe, mit Militärknöpfen versehene Jacke und das Kommisgewehr mit dem Bajonnet, das neben ihm liegt. Auf dem Kopf trägt er einen Hut von Rohrgeflecht; sein wohlgebauter, kräftiger Körper schauert zuweilen zusammen, denn die dünne Kleidung hat ihn gegen die Kühle des Morgens und den erkältenden T[h]au nur wenig zu schützen vermocht. Er ist ein noch junger Mann von gutem Aussehn. Aber seine Augen liegen tief in den Höhlen, von dunklem Rand umgeben, und blicken mit einem düstern, starren Ausdruck vor sich hin.
Der Mann, der neben ihm liegt, hat während der Nacht noch einen weit geringern Schutz der Kleidung genossen, als Jener, aber Luft und Thau scheinen ihn eben so wenig zu kümmern, wie die glühenden Strahlen der Mittagsonne. Die fast gänzliche Nacktheit der Glieder zeigt eine Gestalt, die einer Eisenstatue des Apoll gleicht; denn von rothbrauner, fast schwarzer Farbe ist seine Haut - er ist ein Kaffer. Ein Carroß, der Mantel aus Thierhäuten, den der Kaffer um die Schultern trägt, am Hals mit den Vorderklauen verschlungen, ist seine Hauptbekleidung. Daß sein Carroß aus einem prächtigen Tigerfell besteht, statt der gewöhnlichen Leopardenhaut, beweist, daß er ein Häuptling ist; denn die großen, goldenen Ohrringe, die Goldspange am linken Arm und die Schnur großer Glasperlen hat er mit allen Kaffern gemein. An einem schmalen Gürtel von Antilopenhaut hängt hinten und vorn die eigenthümliche, nur wenige Zoll breite und etwa [2?] Fuß lange Schürze aus geflochtenen und fransenartigen Riemchen. Sie bildet mit dem Carroß und den fein mit Thiersehnen ausgenähten, mit den Stacheln des Stachelschweins und Glasperlen verzierten Mocassins die einzige Bekleidung des Mannes.
Sein Kopf ist unbedeckt. Eine dichte Masse wolliger, krauser Haare, ein fast filzartiges Gewebe von der Form einer Mütze oder eines Helmes bildend, schützt ihn besser wie jede europäische Kopfbedeckung. Aus diesem Haarwulst ragt der zierlich geschnitzte Stiel des kleinen Elfenbeinlöffels, hervor, dessen sich der Kaffer bedient, um seine Nase mit Schnupftabak zu füllen. Den Letztern trug er in einem kleinen, ausgehöhlten Kürbiß an seinem Gürtel,
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an dessen anderer Seite Pulverhorn und Kugelbeutel vom Fell der Zibethkatze hängen.
Neben dem Häuptling liegt eine schöne Büchse französischer Arbeit, mit sorgfältig umhülltem Schloß, doch auch der Assagai, der gefährliche Wurfspieß des Volkes, aus dem zähen Holze der Cartisia faginea geschnitzt, nebst Bogen und Pfeilen, und dem Kerie, der kurzen und dicken Keule von hartem Holz.
Die Züge dieses Wilden zeigen fast gar keine Spur des Negerartigen, ja sie nähern sich der Reinheit der klassischen Linien, in Nase und Stirn, und nur die breiteren Backenknochen und die volleren, wenn auch keineswegs unschönen Lippen verrathen den afrikanischen Ursprung.
Der Mann, der hier in der stolzen Nacktheit seines Volkes, europäische Sitte und Weichlichkeit verspottend, liegt, ist nichts desto weniger wohl mit ihr vertraut. Es ist Tzatzoe, der kühne und von den Briten gefürchtete Gaika-Häuptling, der eine liberale Erziehung in England genoß, und dort eine geraume Zeit ganz nach enropäischer Weise lebte. Er spricht fertig die französische, englische und holländische Sprache, und ist mit vielen Künsten der Civilisation wohl vertraut; aber bei der Rückkehr in die Heimat warf er alles Europäische von sich und nahm mit dem Carroß wieder die wilde Majestät eines Häuptlings an.
Das dritte Mitglied der kleinen Gesellschaft ist ganz sein Gegentheil. Es ist ein breitschultriger, kräftiger Boor, dessen zähe Stärke und Thätigkeit das Alter von 60 Jahren noch wenig gebeugt hat. Es ist Andries Pretorius, der berühmte Führer der Booren in der Boomplants-Schlacht am 22. November 1845, in der die Ausgewanderten noch ein Mal für ihre Freiheit gegen britische Willkür kämpften.
Ehe wir in unsrer Erzählung weiter gehen, müssen wir der Geschichte des Kaps einige Worte widmen.
Viele Jahre sind verflossen, seit die Kapkolonie (1802 und 14) den Holländern aus den Händen gespielt und ihre damals fast rein holländische Bevölkerung unter englische Herrschaft gestellt wurde: aber diese lange Zeit hat weder vermocht, die zähe Hartnäckigkeit nationaler Antipathie zu mildern, noch die Heftigkeit des Hasses zu entkräften, welcher aus jener Umgestaltung entsprang und
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immer der Inbegriff der politischen Gefühle der holländischen Kolonisten geblieben ist. Dieser Haß wurde durch verschiedene unpassende und tyrannische Maßregeln des englischen Gouvernements genährt. Jene Humanität und jener Liberalismus, mit denen England auf Kosten Anderer zu kokettiren liebt, ruinirte die alten Bewohner. Indem es die Schwarzen zu Schoßkindern machte, bevölkerte es das Land mit Vagabunden, Dieben und Mördern; eine Legion von Missionairen verwickelte die Grenzbewohner in fortwährende Streitigkeiten; Schmarotzer und jüngere Söhne mästeten sich vom Mark des Landes, ohne das Geringste von seinen Sitten und seiner Verwaltung zu verstehen; verwickelte Gesetze traten an die Stelle einfacher, verständiger Maßregeln. Der Boor durfte seinen übermüthigen, schwarzen Knecht nicht mehr selbst strafen: er mußte vielleicht ein paar hundert Meilen weit bei einem englischen Magistrat Gerechtigkeit suchen, der weder mit der Sprache, noch mit den Gebräuchen des Landes bekannt war; ja er durfte, ohne sich einer gefährlichen Untersuchung bloszustellen, nicht mehr seine eigene Vertheidigung gegen die Räuber und Mörder an der Grenze wagen, obgleich das Gouvernement, 600 Meilen entfernt, ihm keinen Schutz gewähren konnte. Die Parteilichkeit der Engländer für die Schwarzen war den Farbigen sehr bald bekannt, und wurde von diesen als Garantie für gänzliche Straflosigkeit angesehen. Raub und Mord kamen häufiger vor als je. Dazu kam der schwere Verlust durch die Sklavenemancipation. Ein Drittel des von den sogenannten, aus England abgeschickten, Humanitäts-Agenten abgeschätzten Werthes - der oft kaum den zehnten Theil des Anlagekapitals betrug - wurde von der englischen Regierung vergütet. Allein, da dieses Drittel nicht in der Kolonie, sondern in London ausgezahlt wurde, mußte sich der Boor der Agenten bedienen, so daß die Vergütung gewöhnlich auf Nichts zusammenschmolz. Die früher wohlhabenden Männer waren bald so weit gebracht, daß sie in der Bitterkeit ihres Herzens kein Opfer scheuten, um sich der englischen Herrschaft zu entziehen. Denn die von ihnen dem Gouvernement zu wiederholten Malen vorgetragenen Beschwerden waren immer nur mit Verachtung oder jener arglistigen Zweideutigkeit abgewiesen worden, welche ebenso feig zur Opposition als zur Concession ist.
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So entstand vom Jahr 1836 an eine allgemeine Auswanderung der Booren, nachdem sie vorher beim britischen Gouvernement angefragt, ob ein Gesetz bestände, welches ihre Auswanderung von der Kolonie und ihre Niederlassung im Innern verhindern könne, und man ihnen mit »Nein« geantwortet hatte. Die Booren zogen aus ihrer Heimat, indem sie Bauergüter, die später für 1-2000 Pfd. Sterl. verkauft wurden, oft gegen einen Ochsenwagen oder gegen sonst nothwendige Güter vertauschten, die kaum 40 Pfd. werth waren. Fünftausend Männer verließen von 1836-38 die Kolonie. Aus dem vereinigten Lager jenseits der Grenze richtete ihr Anführer ein ehrerbietiges26 Abschiedsschreiben an das Gouvernement, in welchem er wiederholte, daß erst, nachdem alle ihre Bemühungen um Abhilfe ihrer Leiden fruchtlos geblieben, sie beschlossen hätten, das Land ihrer Geburt zu verlassen, um einen rebellischen Streit mit dem Gouvernement zu vermeiden. Dann theilten sie sich und zogen nordöstlich über den Garing (Orangefluß), an die Quathlamba-Gebirge; andere drangen noch weiter vor und gründeten die reiche Niederlassung in Port-Natal. Kolossale, fast unbewohnte, fruchtbare Weidegebiete hatten sie von den bisherigen Besitzern durch Vertrag erworben. Schwer und blutig waren die Kämpfe, welche sie mit ihren wilden Nachbarn zu bestehen hatten, ehe es ihnen gelang, drei neue kleine Staaten zu gründen und Pietermauritzburg, die jetzt blühende Hauptstadt, zu erbauen.
Aber der britische Leoparde witterte nicht sobald, daß die neuen Kolonieen blühend und wohlhabend wurden, als er plötzlich die Entdeckung machte, daß Port-Natal schon vor Adams Zeiten eine englische Kolonie gewesen, daß alle dort Ansässige britische Unterthanen seien, und daß die kleine Republik an der nordöstlichen Grenze der Kapcolonie ein zu gefährliches Beispiel der Unabhängigkeit für die unruhigen Wilden wäre. Alsbald kam ein ganzes Corps von Soldaten, Beamten, Advokaten und anderen Blutegeln an; mit Bomben und congreveschen Raketen wurde die Aufnahme in Port Natal erzwungen, und als die Booren - mit Erbitterung erkennend, daß selbst die Wüste der britischen
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Verfolgung keine Grenze setze - mit den Waffen in der Hand widerstanden und die englischen Beamten zurückschickten, zog der damalige Gouverneur, Sir Harry Smith, mit Heeresmacht gegen sie und setzte einen Preis von 500, dann von 1000 Pfd. auf den Kopf ihres Anführers, Andries Pretorius. Dieser antwortete damit, daß er den doppelten Preis für den Kopf des Gouverneurs proclamirte.
Die Folge war die Boomplaats-Schlacht, in welcher die Booren, nach hartnäckigem Widerstand, der englischen Uebermacht, verstärkt durch erkaufte wilde Horden, unterlagen. Ein Theil unterwarf sich der britischen Herrschaft, ein anderer zog noch tiefer hinein in die Wüsten Afrika's.
Der Kaffernkrieg von 1835 war, ähnlich wie die Kriege von 1812, 1819, 1820 und 1827, die Folge der willkürlichen Beraubung des Häuptlings Macomo um sein Gebiet im Chumil-Thal, das von den Missionaren zu der berüchtigten Hottentotten Niederlassung Katrevier verwendet wurde. Nach blutigem Kampf wurden die Kaffern über den Kai zurückgedrängt.
Doch der weiße Mann in seiner Ländergier wird nimmer satt. Immer weiter dringt er vorwärts - die Missionare als Avantgarde; ihnen nach die Tochtgänger mit Glasperlen, blanken Knöpfen und Branntwein; dann die bewaffnete Macht, um die Civilisation unter den Wilden einzuführen und zu erhalten; zuletzt das Gesetz und der rothgefärbte Galgen, und vor diesen Wohlthaten der Civilisation wird das Geschlecht der Kaffern einst verschwinden, wie die rothen Söhne der amerikanischen Wälder und Prairieen verschwinden; denn nimmer wird der stolze Kaffer der entwürdigte Sklave der Weißen werden.
Der Streit zweier Stämme im Innern um einen Weideplatz mußte jetzt dem britischen Gouvernement auf's Neue Gelegenheit geben, sich in die Angelegenheiten des Volkes zu mischen und das Gebiet der Kolonie zu erweitern. Sir George Cathcart, der nachherige General-Gouverneur der Kapkolonie, jetzt Lieutenant-Gouverneur des östlichen Theils, hatte bereits ein Corps zusammengezogen und stand mit diesem an der Grenze des britischen Gebiets.
Nach diesen historischen Andeutungen kehren wir zu der kleinen Gruppe am Ufer des Kai oder Keebia zurück, der bis
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zum Amatola-Gebirge die Grenze zwischen den englischen Kolonieen und den Gebieten der großen Völkerschaften der Tambookies (Galekas) und der Amakosas bildet, die in verschiedene von einander unabhängige Stämme zerfallen, und denen sich weiter nördlich die Zooluh's oder Zuluh's anschließen. -
Der alte Boor hatte ein intelligentes entschlossenes Gesicht, in dem jedoch auch der gutmüthige phlegmatische Ausdruck des Holländers unverkennbar war. Er trug eine kurze Jacke von grobem Tuch, Lederhosen mit Mocassins und einen breiten Sombrero, in dessen Band seine kurze Pfeife steckte. Quer über seinem Knie lag eine der sogenannten Pavianspooten, die 6 Fuß langen überaus schweren Lieblingsgewehre - »Roere« - der Booren, aus denen sie mit erstaunenswürdiger Präcision in unglaublicher Entfernung schießen, deren Gebrauch aber dem Uneingeweihten nicht zu rathen ist, wenn das Ricochet ihm nicht den Arm zerschmettern oder ihn zu Boden schleudern soll. Das schön polirte Rinderhorn als Pulverkammer und der lederne Kugelgürtel nebst einer wollenen Decke bildeten den Rest seiner Armatur.
»Nimm die Decke, Neef Piet,«27 sagte der Alte, »und hülle Dich hinein. Der kalte T[h]au macht die verwöhnten Stadtleute frieren, selbst in den heißen Monden. Ueberdies ist Dein rother Rock unseren Augen nicht angenehm.«
»Fluch ihm und Allen, die ihn tragen!« rief der junge Mann mit einem Ausdruck wilden Grimms.
»Hast Du etwas Ungewöhnliches vernommen während Deiner Wache?«
»Nichts, Oom Andries, als das Schnauben der Hyäne und das ferne Brüllen eines Löwen.«
»Hat der junge Abalungo,« fragte der Wilde, »das Winseln des Schakals gehört, der den Herrn der Wüste begleitet?«
»Ich erinnere mich, daß vor einer Stunde, ehe noch die erste Morgendämmerung sich zeigte, ein Geschrei, wie das eines Kindes wiederholt erklang. Es kam vom andern Ufer, aber aus ziemlicher Entfernung. Ist es der Ton, den Du meinst, Häuptling!«
Der Wilde nickte. »Tzatzoe,« sagte er mit Bedeutung, »ist
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zehn Sommer fern gewesen im Lande der großen Mutter,28 aber er hat die Stimmen seiner Jugend in seinem Ohr zurückgebracht in das Land seiner Väter.«
»Der Junge ist von Kind auf in der Kapstadt erzogen worden,« entschuldigte der alte Boor, »und nur selten zu seinen Verwandten gekommen. Doch ich glaube, es ist Zeit, daß wir aufbrechen - die Sonne wird uns jetzt die Fährte weiter zeigen, die wir bis hierher verfolgt.«
Aber der Kaffer hielt ihn zurück, indem er die Hand auf seinen Arm legte und sprach: »Der Inkosi Inculu der Dütchmen29 wird wohlthun zu warten. Die Büffel sind noch nicht zur Tränke gekommen, und die Büsche jenes Rohrs wehen Uebles.«
Der Alte sah scharf auf den bezeichneten Punkt in einem Dickicht von Binsen und Rohr, das seine Federbüsche fünf bis sechs Ellen hoch in die Luft erhob. An einer Stelle, nahe dem Flußufer, zeigte sich eine Lücke, und das Rohr bewegte sich in diesem Augenblick in einer Weise, die nicht von dem Luftzuge herrühren konnte.
Der Boor griff sogleich nach seinem Roer, und wollte das Tuch abwickeln, mit dem das Schloß gegen den Nachtthau geschützt worden, aber wiederum verhinderte ihn der Häuptling daran. »Mein Bruder möge bedenken,« sagte er in den weichen Tönen der Kaffernsprache,30 »daß der Donner der Feuerwaffe uns unseren Feinden verrathen wird, wenn sie jenseits des Kai ihr Nachtlager aufgeschlagen. Wir müssen harren, bis der Herr der Wüste sein Mahl gehalten, wenn wir ihre Spur nicht verlieren wollen.«
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Der Holländer sah augenblicklich die Richtigkeit der Bemerkung ein und begnügte sich mit der Frage: »Wie lange werden wir warten müssen?«
»Das Gestirn des Tages muß eine Stunde am Himmel stehen, ehe der Büffel sich zeigt,« antwortete der Häuptling.
»Sie werden ihre Fährten verwischen, Tzatzoe!«
»Die Büffel kommen vom Morgen - die Spuren unserer weißen Feinde wenden sich gegen Niedergang.« Damit streckte der Wilde sich wieder auf seinen Carroß, nachdem er seine Nase durch Hilfe des Löffels mit Schnupftabak gefüllt hatte.
»So haben wir noch eine halbe Stunde Zeit, Neef Piet,« meinte der Boor, die kurze Pfeife aus seiner Ledertasche stopfend, »und Du magst uns jetzt ausführlich berichten, was Dich hierher und in unsere Gesellschaft gebracht, als wir Dich gestern Abend fanden, war keine Zeit zu langem Gesvinust.«
»Du sollst Alles erfahren, Oom Andries,« sagte der junge Mann aufgeregt, »meine Schmach und Schande, und die Gluth der Rache, die mich verzehrt!« Er riß die alte Uniform vom Leibe und ließ das Hemd über die Schultern fallen - ein schrecklicher Anblick zeigte sich den Augen seiner beiden Gefährten - der Rücken des jungen Mannes war mit einer Unzahl von langen, meist nur halb oder schlecht geheilten Wunden bedeckt, die offenbar durch die Schläge eines Züchtigungsinstruments veranlaßt worden, und von denen viele so tief waren, daß man die Finger bequem in die halb offenen Narben legen konnte.
Der alte Boor schauderte zurück. Das Blut seiner alten Familie regte sich in ihm, die seiner europäischen Heimat reiche Handelsfürsten, mächtige Rathsherren und kühne Krieger gegeben hatte, und er fragte den Neffen, der sein erglühendes Gesicht in den Händen verborgen hielt, kurz und rauh: »Wer that dies?«
Der Gaika sah ihn mit höhnischem Blick an, indem er seine Finger auf die Wunden des jungen Mannes legte: »Warum fragt mein Bruder? Der Umakosa tödtet seine Söhne, wenn sie Unrecht gethan, aber er entehrt sie nicht! Tzatzoe hat gar viele Male gesehen, als er im Lande der großen Mutter war, wie die Krieger, die dieses Kleid tragen, geschlagen wurden, wie Hunde.«
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»Die Engländer also? - Rede Neffe - welches Verbrechens hast Du Dich schuldig gemacht?«
Wieder lachte der Wilde höhnisch auf. »Alter Häuptling,« sagte er bitter - »warum fragst Du diesen da, was er verbrochen? - Was hatten die Kinder meines Volkes gethan, das friedlich wohnte von den Quellen des Nicokamma, bis er sich mischt mit dem großen Salzsee gen Mittag,31 als die Englishmen ihnen befahlen, binnen zwei Mondenfristen das Land zu räumen, das ihre Väter besessen, ehe der Abalungo kam an unsere Küsten. Was hatten sie gethan, daß Greise, Männer, Weiber und Kinder niedergeschossen wurden, wie die Hyäne der Felsgebirge, Alle, die man noch nach der festgesetzten Frist im Lande fand; blos weil sie sich nicht so leicht von den Gräbern der Ihren trennen konnten!« Das Auge des Kaffern leuchtete in wildem Haß bei der Erinnerung an jene furchtbare und grausame Maßregel, die durch Nichts gerechtfertigt noch entschuldigt werden kann, und deren Gedächtniß unvertilgbar im Herzen der Stämme fortlebt. »Als der Dütchmen an die Küsten meines Volkes gekommen ist,« fuhr der Häuptling fort, »gab er ihm Perlen und viele Dinge, die der Kaffer nie gekannt. Meine Väter waren schwach, und sie gaben dem Fremdling Land dafür; aber es war ein ehrlicher Handel, und wenn auch der Abalungo reich und mächtig ward und der schwarze Mann arm an Weiden und Heerden, sie handelten ehrlich mit einander, sie kämpften als Krieger, wenn sie Streit hatten; ihr Land wurde ihnen nicht ohne Kampf genommen, um es den schlechten Hottentotten zu geben,32 und die Medicinmänner im schwarzen Kleid drangen ihnen nicht einen blutigen Gott auf, den ihre Väter nicht kannten, statt Utika, des Schönen!33 - Tzatzoe hat geprüft und mit eigenen Augen geschaut, und er hat erfahren, daß das Volk der großen Mutter mehr Schelme zählt, als selbst der Hottentott und der Boosjeman.34 Er ist weise geworden,
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und wird lieber sterben auf dem Land, das er bewohnt, ehe er es giebt in die Hände seiner und Deiner Feinde. Der Amakosa und der Dütchmen haben den Assagai vergraben und sind Brüder geworden in Kampf gegen den Englishman.«
Nach dieser mit tiefem Ausdruck gesprochenen Rede verließ der Häuptling seinen Platz und verschwand, ohne zu sagen, wohin er sich begeben wolle, von der Felsplatte, seine Waffen dort zurücklassend.
»Neef Piet,« sagte der tapfere Anführer der Booren, »wir sind jetzt allein. Ich bin Dein ältester Verwandter von Deines Vaters Seite her, Du mußt zu mir reden, als ob Du zum Pfarrherrn sprächst. Dein Vater war mein Bruder, aber er ward einer von den Studirten, und schied aus den Reihen seines Volkes, als er die Engländerin, Deine Mutter, heirathete.«
»Ich weiß, Oom, daß mein Vater Unrecht that, von den alten Gebräuchen der Familie zu weichen, und ich glaube, er hat es späterhin vielmal bereut, obschon er meine Mutter herzlich geminnt hat.«
»Laß gut sein, Piet,« meinte der Andere, »er war ein unruhiges Blut, volle zehn Jahre jünger als ich, und ruht auf dem Kirchhof am Kap. Ich bot Deiner Mutter an, als ich vor acht Jahren, nach meines Bruders Tode, zur Kapstadt kam, Dich mit mir zu nehmen und in unserm Stande zu erziehen. Sie weigerte es und wollte, daß Du ein Bücherwurm würdest, wie Dein Vater. Vielleicht war es gut für Dich, denn zwei Jahre später setzte Sir Harry Smith 1000 Pfund auf den Kopf Deines Ooms.«
»Meine Mutter starb,« erzählte finster der Neffe; »wir hatten mancherlei Anfeindungen auszustehen, Oom Andries, zu jener Zeit, weil wir Deinen Namen trugen. Aber meine Mutter segnete Dich noch auf dem Sterbelager, denn wohl wußte sie, von wem nach meines Vaters Tode die Mittel ihr gekommen waren, sich und mich zu ernähren. Ich wollte nach England gehen, um meine Studien fortzusetzen. Ich gedachte Advokat zu werden, Oom Andries, um die Sache meiner unterdrückten Landsleute vor den Schranken der Gerichtshöfe führen zu können; denn ich fühlte das Blut meines Vaters in mir und war stolz, als ich von Euren tapferen aber unglücklichen Kämpfen um die neue Heimath hörte,
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die Ihr Euch erworben. Da trat das unglückliche Ereigniß ein, das mich zum elendesten der Menschen machte.«
»Wie kamst Du zu diesem Rock, Neef Piet?«
»Höre weiter. Ich liebte eine Fremde - die Tochter eines deutschen Missionars, den der große Missionsverein in Berlin, der Hauptstadt des Königs, der mit unseren alten Gebietern nahe verwandt ist, hierher geschickt. Louise hieß das Maidje - wie die schöne Preußenkönigin geheißen hat - und ich glaube, sie liebte mich wieder. Aber ins Haus ihres Vaters, der noch längere Zeit in der Kapstadt bleiben wollte, ehe er nach der Grenze zog, kam ein englischer Kapitän, Sir Hugh Rivers, vom 93. Linien-Regiment. Was soll ich weiter sagen, wir waren Nebenbuhler, er der wohlhabendere, mächtigere, von der Mutter unterstützt - ich auf das Herz der Geliebten vertrauend. Er haßte mich, ich wußte es, aber sein Zorn war mir gleichgiltig - ich ahnte nicht, daß er mir eine tückische Schlinge gelegt hatte. Eines Abends war ich mit mehreren Gefährten, Schreibern von Advokaten und Praktikanten in einer fröhlichen Gesellschaft gewesen, wo der Constantia-Wein nicht geschont wurde. Schon halb berauscht, ließ ich mich verleiten, noch eine Schänke zu besuchen, in der Soldaten und Matrosen ihr Wesen trieben. Ein Mann, den ich oft gesehen im Gespräch mit den Offizieren der Stadt, machte sich an mich - er trank mir zu, Weiber kamen zum Tanz, wir wechselten im trunkenen Jubel die Röcke zur tollen Maskerade, ich trank auf die Gesundheit der Königin, und - als ich am andern Morgen erwachte - lag ich in der Wachtstube der Kaserne; man sagte mir, ich hätte das Werbegeld genommen und sei Rekrut!«
»Schändlich!« murrte der Boor - »und dennoch - magst Du Dich bedanken, daß sie nach dem menschenfreundlichen Recht ihrer Gesetze Dich nur zum Soldaten geworben und Dich nicht als Matrosen gepreßt und nach entlegenen Meeren gesandt haben.«
»Ich wollte, es wäre geschehen!« stöhnte der junge Mann. »Schreckliches wäre mir erspart worden. Aber teuflische Bosheit hatte gerade dieses Loos für mich ausgesucht. All mein Protestiren, mein Flehen half mir Nichts - man warf mir mein holländisch Blut, meinen Namen vor und meinte, ich möge als Soldat beweisen, daß ich kein Rebell gegen die Krone sei, wie
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Du. Ich ward dem Regiment, ja der Compagnie meines Nebenbuhlers zugetheilt, und bald erfuhr ich durch einen mitleidigen Sergeanten, daß alles das, ja meine Anwerbung selbst, sein Werk sei. Ich hatte beschlossen, mein Schicksal wie ein Mann mit Gottes Hilfe zu tragen; aber, Oom Andries! es giebt auch für den Stärksten, für den Geduldigsten eine Grenze, das sollte ich bald erfahren. Ein Leben voll Höllenqualen begann für mich, Rivers wußte täglich Gelegenheit zu finden, mich zu demüthigen und mit Strafen zu belegen. Wenn er des Morgens seine Compagnie zum Exerciren führte, geschah es an ihrer Wohnung vorbei, jedes kleine Versehen, jede Unkenntniß des Dienstes wurde mit der größten Härte bestraft und die Zahl meiner Quäler war bald stark angewachsen, als die Corporale und Sergeanten merkten, wie sie sich dadurch ihrem Kapitän angenehm zu machen vermöchten.
»Zwei Dinge hielten mich damals nur noch aufrecht - das war der Schutz und Trost, den mir ein junger Lieutenant unserer Compagnie, Edward Delafosse, wo er nur konnte, zu Theil werden ließ, und ein Zettel, den mir eines Abends, als ich vor der Kaserne auf Posten stand, ein Knabe in die Hand steckte. Er kam von ihr, es waren Worte des Trostes, der Hoffnung und der Liebe in meinem Elend, sie selbst sprach sie aus und gelobte mir Treue. Aber es war zugleich der Abschied, ich sollte sie nicht mehr sehen - sie zog mit ihrem Vater nach einer Missionsstation an den Grenzen des Kafferngebiets.
»An der steigenden Bosheit des Kapitäns konnte ich sehen, daß seine Bewerbungen um Louise fruchtlos ausgefallen. Alles frühere Leiden wog Nichts gegen die Peinigungen, denen ich jetzt unterworfen wurde, denn Rivers, von seinem Rechte Gebrauch machend, wählte gerade mich aus der ganzen Compagnie zu seinem persönlichen Diener.«
»Der Herr züchtigt, die er lieb hat,« sagte der alte Boor feierlich.
»Das Regiment,« fuhr der junge Mann fort, »war nach Fort Beaufort beordert und man sprach bereits viel von einem Zuge gegen die Kaffern. Es war vor vierzehn Tagen, als bei einem Recognosciren an den Ufern des Katzenflusses Rivers mir befahl, mit einem Handpferde nach dem andern Ufer überzusetzen
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und ihn dort zu erwarten. Das Thier war unbändig und wild, in der Mitte des Stroms scheute es und riß sich los, ich vermochte es nicht zu halten. Das Pferd wurde von der angeschwollenen Fluth erfaßt und stromabwärts gerissen, alle Versuche, es zu retten, waren vergebens. An den glatten Klippen bemühte es sich, hinauf zu klimmen, aber es glitt ab, überschlug und ward nicht mehr gesehen. Rivers hielt zornroth am Ufer, als ich es erreichte. Ich wollte mich rechtfertigen - hundert Zeugen standen umher, die es gesehen, daß mich keine Schuld traf, er aber hieb mich mit der Reitgerte in das Gesicht, daß das Blut herabfloß und rief: ›Schurke - Du hast mein bestes Pferd muthwillig verloren!‹ - Das Blut kochte in meinem Innern, aber ich dachte der Disciplin und - Louisens, und schwieg. Ein zweiter Hieb folgte, ein dritter - da war ich meiner nicht länger mächtig, ich drückte dem Pferde, das ich ritt, die Sporen in den Leib und warf mich auf ihn - er hielt dicht am Rande des Stroms - der heftige Anprall warf ihn sammt dem Roß in die Wellen.
»Ein Schrei des Schreckens kam von Aller Lippen - einen Augenblick stand ich selbst stumm und bestürzt, - dann schoß der Gedanke an die Folgen wie ein Blitz durch mein Gehirn, ich sprang vom Pferd und ihm nach in das Wasser. Das seine hatte sich bereits emporgearbeitet - mein Feind aber war versunken, nur die Hand noch, die mich eben geschlagen, tauchte aus den Wellen. Einen Moment lang dachte ich daran, mit meinem Peiniger zu sterben - im nächsten aber war ich bei ihm, tauchte unter und brachte ihn mit unerhörter Anstrengung zur Oberfläche. Gott lieh mir Kraft, und die eigene Lebensgefahr nicht achtend, gelang es mir, den Besinnungslosen an's Ufer zu bringen. Dort fiel ich, selbst zu Tode erschöpft, in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, stand Rivers neben mir, bleich, triefend - mit boshaft funkelnden Augen. ›Diesmal, Bursche,‹ sagte er mit dem Tone erbitterten Hasses, ›sollst Du dem Verbrechertode nicht entgehen, bindet ihn!‹ und seine Creaturen warfen sich auf mich und schnürten mir die Arme auf den Rücken, daß mir die Stricke tief in das Fleisch einschnitten.
»Laß es mich kurz machen, Oom. Der Mann, den ich mit Gefahr meines Lebens wieder aus den Wellen geholt, übergab
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mich einem Kriegsgericht und ward mein erbitterter Ankläger. Ich wünschte den Tod, er wäre mir willkommen gewesen, aber - wegen meines sonstigen guten Betragens und weil den Oberoffizieren vielleicht so Manches zu Ohren gekommen, ward ich begnadigt, - begnadigt zu dreihundert Peitschenhieben.«
Der Unglückliche bedeckte das Gesicht mit den Händen - der Boor schwieg, stumm vor sich hinschauend.
»Die Execution wurde vollstreckt,« fuhr jener eintönig fort. »Als der Schambock35 mein Fleisch in blutige Fetzen riß, sah ich meinen Peiniger wenige Schritte von mir stehen und mit gleichgesinnten Genossen höhnisch lachend eine Wette schließen, wie viele Streiche ich aushalten würde. Da, Oom Andries, biß ich die Zähne zusammen und schwor, daß kein Laut des Jammers sein teuflisches Herz erfreuen sollte, aber that auch einen andern Eid, den Eid - wenn ich lebendig davon käme, mich blutig an ihm zu rächen und ihn zu tödten, wie die Bestien der Wüste.«
»Frevle nicht, Neef Piet,« sagte der Alte mit Würde - »für das Vaterland und Deine Brüder magst Du kämpfen, aber ›die Rache ist mein,‹ sagt der Herr, und er allein hat sie sich vorbehalten.«
»Der junge Abalungo fühlt seine Wunden,« sprach die Stimme des Wilden neben ihm, »und jede ruft ihm zu, daß er seinen Feind tödten müsse. So will es das Gesetz der Wüste und der tapferen Männer, wenn auch Jankanna36 anders lehrt. Mein Vater ist alt und sein Blut weiß, er fühlt nicht mehr, wie die Jugend, wenn er auch ein tapferer und weiser Führer ist in der Schlacht. Ich bitte Dich, junger Freund, laß Deinen schwarzen Bruder die Wunden heilen, welche Deine weißen Brüder Dir geschlagen haben.« Damit legte der Wilde ihm heilende Kräuter auf den Rücken, die er so eben an den Felsen gesucht und zwischen zwei Steinen zerrieben hatte, und bekleidete ihn dann sorgsam wieder mit Hemde und Jacke.
Der junge Mann drückte ihm dankbar die Hand; ein Blick des Einverständnisses, den die Beiden tauschten, zeigte zur Genüge,
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daß sie über das Gefühl persönlicher Rache einverstanden und anderer Ansicht waren, als der Boor. Dann fuhr der Soldat in seiner Erzählung fort:
»Kein Laut kam über meine Lippen, ich verbiß den Schmerz, bis Ohnmacht meine Sinne umnachtete - von Zeugen meiner Schmach und meiner Leiden hörte ich, daß das letzte Drittheil der Strafe an einem leblosen Körper vollstreckt wurde. Der Büttel selbst muß Mitleid bei seinen Streichen gefühlt haben, sonst hätte ich die furchtbare Zahl unmöglich überstehen können. Als ich wieder zu mir kam, durch aufregende Mittel ins Leben zurück gerufen, lag ich in dem Lazareth des Forts. Sechs Wochen brachte ich dort zu, ehe mein mißhandelter Körper so weit wieder hergestellt war, um die verhaßten Abzeichen meiner Knechtschaft tragen zu können. Dann mußte ich ohne Barmherzigkeit fort, dem Regiment nach, das bereits an den Ufern des Kabusi an der Grenze des Kafferngebietes stand. Meinen Feind sah ich nicht wieder, eben so den Lieutenant nicht, der mir allein Wohlwollen bezeigt, es hieß, sie wären auf einem Posten weiter hin am Amatola-Gebirge. Mein Schicksal war allgemein bekannt, ich las es in jedem Blick; aber ich war auch entschlossen, die erste Gelegenheit, die sich bot, zu benutzen, um die Fesseln meiner Knechtschaft zu brechen, und zu den Feinden meiner Tyrannen zu fliehen.«
»Aber wie erfuhrst Du, daß ich in der Nähe weilte, und den Ort unsers Verstecks?«
»Es trieb sich ein trunkener Kaffer in der Umgebung unsers Lagers umher, ein Mensch, den der Branntwein entnervt und zum Spott der Engländer gemacht hatte. In allen Kantenen37 war er zu finden; man sagte, er sei fürstlicher Abkunft und deshalb behandelte man ihn mit desto größerm Hohn. Als ich das erste Mal wieder auf Posten stand, taumelte er betrunken in meiner Nähe zu Boden. Ich kümmerte mich nicht um ihn, denn meine Seele hatte nur Raum für einen Gedanken. Plötzlich hörte ich meinen Namen nennen - niemand anders konnte es gethan haben, als der trunkene Kaffer, der sich immer näher zu mir herangewälzt. Ich sah auf ihn - und zu meinem Erstaunen blickten seine
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Augen mich listig und verständig an, sein Finger lag auf den Lippen zum Zeichen des Schweigens. Ich begriff, daß er mir unbemerkt etwas Wichtiges sagen wollte, setzte vor den Augen meiner Kameraden das Auf- und Niedergehen fort und weilte nur wie zufällig, wenn ich wieder in seine Nähe kam, einige Zeit bei dem Trunkenen, denn ich wußte, daß ich von vielen boshaften Augen beobachtet werden konnte. ›Bist Du der Blutsfreund des Incosi Inculu der Dütchmen, der auf dem Boomplaat gegen die Rothröcke gekämpft?‹ fragte der Trunkene. Ich bejahte. ›Ich weiß, was Dir geschehen,‹ fuhr er das nächste Mal fort, ›wird der junge Krieger bei Denen bleiben, die ihn geschlagen, wie einen Hund?‹ [-] »[›]Fluch ihnen,«[‹] rief ich, »[›]jede Stunde, die ich hier ausharren muß, wird mir zur Höllenqual!«[‹] - ›Wenn der junge Abalungo,‹ flüsterte Jener, ›eine Stunde vor Sonnenaufgang seinen Posten verlassen will und immer in der Richtung jenes Berges fortgeht, dessen Spitze sich dort erhebt, gleich dem Haupt eines Kriegers, wird er am Abend an die Quelle des Bolo kommen, der seine Wasser in den Kai ergießt. Dort, wo drei mächtige Dattelpalmen ihre Federn in die Luft strecken, möge er das Wort rufen, das ich ihm sagen werde, und er wird einen Blutsfreund finden.‹ Ich überlegte, hin und her gehend die Worte des Mannes, und als ich zu ihm zurückkehrte, war ich entschlossen, seinem Rath zu folgen. Ich sagte es ihm. ›Möge der junge Krieger unbemerkt sich zu mir bücken,‹ sprach er weiter, ›und was ich ihm geben werde, in die Hand des Mannes legen, den er bei seinem Verwandten finden wird. Der Name »Macomo« wird ihm Schutz und Beistand sichern, wenn er einem schwarzen Mann begegnet.‹ Ich stolperte wie zufällig über den Trunkenbold und ließ mein Gewehr fallen. Indem ich mich schmähend bückte, es aufzuheben, drückte er mir das Stückchen Haut in die Hand, das ich Dir gestern gab, Häuptling. Bald darauf taumelte der seltsame Mensch, der sich mir als Freund erwiesen, der nächsten Branntweinschänke wieder zu, und gab vor zwei jungen Fähnrichen für ein Glas Rum den Kriegstanz seines Stammes zum Besten, die Zielscheibe des brutalen Hohns aller Umstehenden, bis er seiner Sinne gänzlich beraubt nochmals zu Boden fiel!«
Der Gaika-Häuptling lächelte ernst. »Der junge Abalungo,«
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sagte er, »sieht mit dem Auge seiner Kameraden. Wenn Macomo, der Sohn der großen Frau der Gaika's, auf seinen Tantam schlägt, werden tausend Krieger zu Fuß und eine gleiche Zahl auf schnellen Rossen seinem Rufe antworten. Macomo ist ein großer Häuptling in Kaffaria, und weiß das Auge seiner Feinde zu verdunkeln. Mein Bruder hat wohlgethan, ihm zu folgen, denn ...«
Ein lautes Schnauben am jenseitigen Ufer unterbrach seine Rede. Aufblickend sahen sie durch das Rohrgebüsch zwei mächtige Büffel sich dem Flusse nähern. Der breite, mit zottigem langen Haar bedeckte Kopf und Vordertheil des Körpers, die starken kurzen Hörner und der tückische Blick gaben der ganzen Erscheinung dieser Thiere etwas überaus Wildes. Sie kamen in kurzem Galopp über die Ebene, die sich jenseits des Flusses ausdehnte, auf einer zum Wasser führenden breiten Fährte heran, während sich in einiger Entfernung bereits ein größerer Haufe ihrer Gefährten zeigte, und standen schon nahe am Ufer, als beide plötzlich die Witterung eines gefährlichen Feindes zu empfangen schienen. Sie stutzten, schnaubten wild auf und peitschten mit ihren Schweifen die Luft, dann drehte sich der Eine plötzlich um und galoppirte mit lautem Brüllen davon, während der Andere, der seinem Gefährten einige Schritte voran gewesen war, gleich als erkenne er, daß er der Gefahr nicht mehr entfliehen könne, die Vorderfüße in den Boden stemmte und den dicken Kopf senkte. In demselben Augenblicke erscholl ein donnerartiges Gebrüll, welches das Herz des jungen Soldaten in der Brust erbeben machte, und sein Auge sah aus dem dichten Rohrgebüsch eine dunkle Masse sich erheben und mit einem gewaltigen Sprunge auf den Büffel werfen.
»Der Löwe!« flüsterte der Boor.
Der überfallene Büffel war ein Bulle von ungewöhnlicher Größe und durch seine Witterung auf den Kampf vorbereitet. Der Löwe fiel daher bei dem Sprung kaum auf den Nacken seines kräftigen Gegners, als er auch schon wohl zwei Ellen hoch wieder in die Luft geschleudert wurde und blutend in das Rohrgebüsch zurückfiel. Wohl zwei Minuten lang - während der die drei Männer auf dem Felsen unbeweglich das interessante blutige Schauspiel belauschten - schienen sich die beiden Kämpfer mit einem gewissen beiderseitigen Respekt vor ihren Kräften zu messen. Der
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Löwe, aus ein paar leichten Wunden blutend, hielt den Kopf zwischen den Vordertatzen, und man konnte den heißen Dampf aus seinem rothen Rachen stoßweise hervordringen sehen, während sein wüthendes Gebrüll die Luft erschütterte und alle Thiere umher in die Flucht trieb; sein trotziger Feind hielt wieder die Stirn ihm zugekehrt und die Hörner zum Empfang bereit. Plötzlich aber, wie einer Anwandlung des Schreckens unterliegend, sprang er scheu zur Seite und begann den Schweif hoch emporgestreckt, davon zu galoppiren. Doch hatte er noch keine vier Sprünge gemacht, als sein königlicher Gegner ihm zur Seite war und mit gewaltigem Satz sich auf den Rücken des Stiers warf. Der Anprall war so heftig, daß das Thier, trotz seiner riesigen Kraft, zu Boden stürzte, einige Zeit bildete die Gruppe einen sich wälzenden Knäuel von Gliedern, umherfliegendem Gestrüpp und Erdboden, in dem sich das gelblich fahle Fell des Löwen mit der dunklen Haut des Büffels schlangenartig wand; aber ehe die Anstrengungen des überfallenen Thieres ihm wieder auf die Beine helfen konnten, hatte der kräftigere Feind den empfindlichsten Theil, die Schnauze des Büffels gepackt und zermalmte sie in seinem Gebiß, während die langen, scharfen Krallen Hals und Brust des Stiers zerrissen, daß der warme Lebensstrom aus den zerfetzten Adern sprudelte. Der kräftige Bulle zuckte und schlug röchelnd umher, indeß der Löwe sein Blut aus den Kehladern schlürfte, dann streckte er verendend die Glieder. Noch bevor das Leben entflohen, saß der Löwe bereits auf dem Körper und riß große Stücke rauchenden Fleisches von demselben, die er heißhungrig verschlang.
Der Boor und der Kaffernhäuptling waren zu alte, mit allen Scenen der Wildniß vertraute Jäger, als daß ihnen der Kampf der beiden Thiere etwas Neues hätte sein können, dennoch betrachteten auch sie ihn mit dem größten Interesse, gespannt auf den Ausgang, der keineswegs bei solchem Zusammentreffen immer für den König der Thierwelt günstig ist. Mehr als ein Mal hob sich das lange Gewehr des Booren, um dem gefährlichsten Feinde seiner Heerden das tödtende Blei zuzusenden, aber immer wieder hielt ihn Tzatzoe zurück und ungestört durfte der Wüstenkönig seine Mahlzeit verzehren, bei der man das Krachen der großen Markknochen zwischen seinen gewaltigen Zähnen selbst auf
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dem diesseitigen Ufer hören konnte. Dies mochte etwa eine Stunde gewährt haben, als der Gaika sich erhob und seinen beiden Gefährten ankündigte, daß die Zeit zum Uebersetzen gekommen. Der alte Boor folgte ihm ohne Verwunderung, der Erfahrung des Wilden vertrauend, nur Pieter konnte nicht begreifen, warum sie jetzt den Strom passiren wollten, da ihr gefährlicher Feind noch immer am andern Ufer lagerte.
Tzatzoe ging eine kurze Strecke am Ufer entlang, und das Gebrüll des Löwen verkündete alsbald, daß er den Menschen bemerkt. Unbekümmert darum suchte der Wilde unter dem Gestrüpp weiter, aber ein mißvergnügter Ausruf verkündete bald, daß er sich in seinen Erwartungen getäuscht, und er kam eilig zu dem Boor zurück. »Macomo sprach die Wahrheit,« sagte er, »der schwarze Mann, der die weißen Späher begleitet, führt nicht ohne Grund das Bild der Schlange. Es ist Congo, der Fingoe, und verflucht sei sein verrätherisches Geschlecht. Die Bambus, welche zum Floß dienen, sind alle fort. Er hat sie mit zum andern Ufer genommen, oder sie den Strom hinabtreiben lassen.«
»So wollen wir uns neue fällen,« entgegnete der Boor, indem er ein kleines scharfes Beil aus dem Gürtel zog und nach dem nächsten Rohrdickicht schritt.
»Mein Bruder vergißt, daß es uns zu lange aufhalten würde. Zwanzig Stämme von der Dicke meines Schenkels würden die Arbeit vieler Stunden erfordern und wir haben schon zu lange gesäumt. Tzatzoe wird ein anderes Mittel versuchen, um zu prüfen, ob ein Alligator lauert.«
Die Wilden und ihre halb civilisirten Nachbarn führen den Uebergang über die Ströme, die sie wegen der Alligatoren nicht zu durchschwimmen wagen, gewöhnlich auf einem Floß von Bambushölzern aus. Die oft fußdicken Stämme werden in der Nähe gefällt, mit Wurzeln und Zweigen zusammengebunden und bilden durch ihre Leichtigkeit ein äußerst tragfähiges Fahrzeug. Es ist die Sitte der Einöde, die wieder gelösten Hölzer an den Ufern der Fuhrten liegen zu lassen, zum Gebrauch der Nächstkommenden. Gewöhnlich findet sich an beiden Seiten solcher Stellen eine genügende Menge von Rohrbalken.
Der Häuptling ließ seine Büchse bei den Freunden zurück
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und verschwand, mit dem Kerie bewaffnet, zwischen den Felsen. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als er zurückkehrte, in seinem Karroß ein großes Stachelschwein tragend, das durch die Schläge seiner kurzen Keule betäubt, in sich zusammengerollt lag. Nachdem er es auf den Boden geworfen, schnitt er rasch ein Paar wohl acht Ellen lange, junge Bambusrohre ab, und band an die Spitze des einen das Stachelschwein, indem er durch die Sehnen seiner Hinterfüße einen starken zähen Zweig zog. Es wurde bei dieser Operation sehr vorsichtig verfahren, denn die Wilden und Ansiedler fürchten es sehr, sich an den Stacheln des sonst ungefährlichen Thieres zu verletzen, weil die kleinsten Wunden davon schwer heilen. Das Thier war bei der Manipulation aus seiner angenommenen oder wirklichen Betäubung erwacht und schrie kläglich. Nachdem sie damit fertig, gingen die Drei an das Ufer, an die Stelle, wo die passirbare Furth sich befand, und etwas oberhalb auf der entgegengesetzten Seite der Löwe mit seiner Mahlzeit beschäftigt war. Das gewaltige Thier schien jetzt gesättigt und saß schon seit einiger Zeit auf den zerfleischten Resten seines Opfers, gleichsam die Bewegungen seiner menschlichen Gegner beobachtend.
Während der Boor die Bambusstange mit dem schreienden Stachelschwein in einen Felsspalt des Ufers steckte und in diesem befestigte, so daß die Spitze sich weit hinüber über das Wasser bog und das Thier etwa zwei Fuß über dessen Fläche hielt, beobachtete der Gaika aufmerksam den ziemlich durchsichtigen Umkreis der Wellen, indem er sich selbst möglichst versteckt hielt. Das Stachelschwein schien das ihm bevorstehende Schicksal zu ahnen und quikte jetzt noch lauter als zuvor, sich möglichst zusammenballend. Auch der Boor und sein Neffe hielten sich versteckt hinter den Felsen.
Nach wenig Minuten konnte man auf dem Grunde des Flusses eine dunkle Masse sich hin und her bewegen sehen, die jedoch allein blieb. Plötzlich erhob sich der gräßliche Kopf eines Alligators über der Wasserfläche und schnappte nach der Beute. Durch eine geschickte Bewegung des Gaika an dem Rohr verfehlte er sie bei dem ersten und zweiten Mal; aber die grimmige Bestie wiederholte den Versuch, und es war leicht zu bemerken, daß sie allein
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war. Sobald der Häuptling sich davon überzeugt, ließ er das Rohr fallen, und der Alligator verschlang mit einem gewaltigen Biß das Stachelschwein. Die Mahlzeit schien ihm aber schlecht genug zu bekommen, denn Blut färbte sogleich die Stelle, wo er niedergetaucht war, die convulsivischen kräftigen Schläge seines Schwanzes machten das Wasser schäumen, und man konnte deutlich erkennen, wie das durch die Stacheln in seinem Hals und Gaumen schwer verletzte Thier in dem Wasser stromabwärts davon schoß, als könne es sich durch seine wüthende Flucht den Schmerzen entziehen.
Der Gaika lachte still vor sich hin. »Ehe eine Stunde vergeht,« sagte er, »wird dieser Vater des bösen Geistes seinen weißen Leib nach oben kehren. Es ist gut, daß er allein war. Ist der alte Häuptling der Dütchmen bereit, für seinen Sohn einen Schuß zu thun, wenn der Dieb der Wüste nicht auf seine Stimme hören will?«
Der Holländer nickte, er hatte bereits sein langes Gewehr auf einen Felsvorsprung in Anschlag gelegt, doch so, daß der Löwe Nichts davon bemerken konnte.
Der Fluß war hier etwa dreißig bis vierzig Schritte breit. Der Gaika, seine Büchse, sein Pulverhorn und den Karroß zurücklassend, schritt, nur mit dem Assagai bewaffnet, sogleich in das Wasser, das ihm während des größten Theiles des Ueberganges bis an die Brust ging, nur in der Mitte brauchte er eine kurze Strecke zu schwimmen. Bald hatte er das Ufer erreicht und befand sich etwa zwanzig Schritt von dem Löwen entfernt.
Sogleich stieß er den Spieß in die Erde, und stand dem Thier nun ganz waffenlos gegenüber.
Der Löwe hatte unverwandten Blickes mit blinzelnden Augen das Näherkommen des Mannes beobachtet. Dieser befand sich nicht sobald auf festem Grund, als er die seltsamsten Kapriolen zu machen begann. Er hob die Arme und Beine, sprang, tanzte und schrie dazu aus Leibeskräften wie ein Verrückter: »O Du großer Dieb, Du Sohn eines großen Diebes, was willst Du von uns, nachdem Du Deinen Hunger gesättigt hast? Entferne Dich, Sohn einer bösen Mutter und laß dem Sohn des Weibes den Weg frei.«
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Wäre die Gefahr nicht so furchtbar gewesen, und hätte jeden ihrer Nerven gespannt, es müßte für die Zuschauer dieser Scene ein fast komischer Anblick gewesen sein, wie das majestätische Thier sich langsam von dem getödteten Büffel erhob und vor dem Tänzer einige Schritte zurückwich. Dieser folgte sofort, den Löwen nicht aus den Augen verlierend, mit neuem Geschrei und neuen Kapriolen.
»O Du Wegelagerer, der Du Dich den Tapfersten nennst,« haranguirte ihn der Kaffer, »glaubst Du mir Furcht einzuflößen? Du weißt gewiß nicht, daß ich Tzatzoe bin, der Sohn Jalushas, der zehn Deiner Verwandten getödtet hat. Mache Dich eilig davon, Du Rinderdieb, daß nicht meine Geduld ihr Ende erreicht.«
Diese seltsame Scene wiederholte sich zwei oder drei Mal, wobei der Löwe immer weiter zurückwich. Endlich schien der Herr der Wüste der beschämenden Rolle müde zu sein, die er hier spielte, und als er den Rand des Gestrüpps erreicht hatte, wandte er sich um, stieß ein Geheul aus und trabte davon.
Der Gaika kehrte sogleich an das Ufer zurück und rief seinen Freunden zu, möglichst schnell herüber zu kommen. Der Boor, der mit seinem Gewehr, den Finger am Drücker, den Kopf des Löwen nicht von dem Korn verloren hatte, setzte alsbald den Hahn in Ruh. Rasch wurden die beiden anderen Bambusstöcke ins Kreuz gebunden und an diese der Karroß des Wilden in der Art befestigt, daß er eine hohle Mulde bildete, die breit und leicht auf dem Wasser schwamm. In diese wurden die Gewehre und alle sonstigen Gegenstände gelegt, die man nicht durchnässen lassen wollte, und dann machten sich die beiden Holländer, den improvisirten Kahn vor sich herschiebend, daran, ihren Uebergang in gleicher Weise wie der Wilde auszuführen. Dieser war des Umstandes so sicher, daß kein Alligator ihnen mehr Gefahr drohe, daß er sich, ohne ihre Ankunft abzuwarten, sofort an die Wiederauffindung der verfolgten Spuren gemacht hatte, nachdem er noch von den Ueberresten des Büffels ein großes Stück Fleisch abgeschnitten.
Sein Ruf führte die Beiden zu ihm.
»Möge mein weißer Vater die Eindrücke dieser Hufe in dem Boden betrachten,« sagte er, »es sind die beiden Pferde der Weißen
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und hier daneben laufen die Spuren vom Mocassin dieses Hundes von Fingoe.«
»Sie sind gestern Abend noch weiter gezogen?«
»Der Thau der Nacht steht in den Eindrücken der Pferde.«
»Aber woher kannst Du unterscheiden, daß dies die Fährte der Spione ist und daß die Spuren nicht von den wilden Pferden der Ebene oder den Ponnys eines Boors oder Kaffers gemacht worden sind?« fragte der junge Pretorius, der zum ersten Mal Gelegenheit hatte, den Scharfsinn der Wilden im Aufspüren einer Fährte zu bewundern.
Der Gaika lächelte. »Das Auge der Abalungo's ist trübe wenn es jung ist, und wird erst scharf, wenn das Alter ihr Haupt färbt. Möge mein junger Bruder seinen Vater fragen.«
»Die Sache ist sehr leicht,« sagte der Boor, immer auf den Spuren fortschreitend, »und keine Aufgabe für den Scharfsinn eines Wilden. Wir haben, nachdem Du gestern uns Botschaft gebracht, noch Zeit gehabt, die Spuren der Pferde bis an die Furth des Kai zu verfolgen. Die Thiere gehören zur europäischen Race, denn ihre Hufe sind breit und hochgefesselt, während die kleinen einheimischen Pferde die Fessel so tief haben, daß ihr Haarbusch sich mit in den Spuren abzeichnet.«
»Die Rosse gehören den Kriegern der großen Mutter,« fügte der Wilde bei.
»Das zeigen die Eindrücke ihrer Eisen.«
»Aber wenn ich die Deutlichkeit dieser Spuren jetzt nach der Beschreibung auch selbst erkenne, die eines leichten Mocassins vermag ich nicht ein Mal zu sehen, viel weniger zu verfolgen.«
»Die niedergebeugten Halme der Gräser genügen für das Auge eines Wilden, um sie so deutlich zu erkennen, als wären sie in Lehmgrund abgedrückt. Meint der Häuptling, daß unsere Feinde die ganze Nacht fortgezogen sind, oder daß sie in der Nähe gerastet haben?«
Tzatzoe wies nach einem etwa eine halbe Meile entfernten, von einigen Cypressen besetzten und von Büschen umgebenen Hügel. »Mein Vater wird dort die Antwort finden.«
Nach einem raschen Marsch waren die drei Männer zu der Stelle gelangt, die sich etwa eine englische Meile von dem Flußufer
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entfernt befand, von diesem aber durch die zwischenliegenden Felsen nicht zu sehen war. Obschon der Boden sehr steinig und die Fährte für europäische Augen gänzlich unsichtbar war, führte der Wilde doch seine Gefährten mit einer Sicherheit nach jenem Punkt, welche die feste Ueberzeugung kundgab, daß Irrthum unmöglich sei. In der That hatten sie auch unter vorsichtiger Annäherung den Raum kaum betreten, als unzweifelhafte Zeichen ihnen beweisen, daß die Gesellschaft, welche sie verfolgten, die Nacht hier zugebracht hatte. Die Stelle war auch wirklich sehr geeignet zu einem solchen Halt. Der nicht sehr große Hügel war an seinem Fuß fast rings umher von großen stachligen Cactusgewächsen umgeben, die eine sichere Schutzwand gegen den Besuch wilder Thiere boten und zugleich den Schein des kleinen Feuers verbergen halfen, das die Männer zur Bereitung ihrer Mahlzeit angezündet hatten. Dies war jedoch nicht offen auf dem Hügel geschehen, vielmehr hatte man ein Loch in denselben gegraben, mit Steinen ausgelegt, und in diesem ein Feuer angezündet. Die Steine und die Asche waren noch heiß, ein Beweis, daß das Feuer wohl noch bei Tagesanbruch unterhalten gewesen, und der Gaika hatte nichts Eiligeres zu thun, als das mitgenommene Stück Büffelfleisch, in einige breite Blätter gewickelt, in diesen improvisirten Backofen zu stecken und ihn wieder mit Erde zu beschütten, ehe er an eine weitere Untersuchung des Terrains ging.
Diese wurde mit einer großen Sorgfalt ausgeführt, jeder Stein schien von dem Häuptling dabei umgewendet zu werden, um die jetzt so offen zu Tage liegenden Spuren seiner Feinde zu prüfen und daraus auf ihre Eigenschaften zu schließen.
Die beiden Holländer sahen ihm aufmersam zu, wie er bald den Boden genau betrachtete und jeden Grashalm umzuwenden schien, bald an den Bäumen nach Zeichen suchte, und dann wieder das Gesicht auf die Erde hielt. -
Endlich kam er zu dem Feuerplatz zurück, setzte sich an diesem nieder und zog das Stück Antilopenhaut aus dem Gürtel, das ihm der junge Soldat von dem trunkenen Kaffer überbracht hatte.
Auf dem Innern der Haut waren mit einer Nadel oder einem andern scharfen Gegenstand verschiedene Zeichen eingeritzt, zunächst zwei Linien, die mit großer Genauigkeit den Lauf des Kai und
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seines Nebenflusses, des Bolosi, darstellten. An einem Punkt in der Nähe der Vereinigung beider Ströme war ein Querzeichen, welches offenbar einen Uebergangspunkt über den Strom bedeuten sollte. Darunter befanden sich die Zeichnungen einer Schlange und zweier europäischen Bajonette in roher Form, mit zwei Augen und der Abbildung der Wigwams eines Kaffern-Kraals. Neben den Bajonnetten waren die rohen Formen zweier Pferdeköpfe eingerissen.
»Die Schrift des Häuptlings ist klar, wie der Tag,« sagte der Boor zu seinem Neffen; »drei Männer, zwei Engländer und ein Führer, dessen Bild die Schlange bedeutet und der, wie Tzatzoe sagt, der verrätherische Fingoe Congo ist, sind in die Kafferndörfer als Späher ausgeschickt und an der Stelle, die uns bezeichnet worden, über den Kai gegangen. Aber es ist mir unbegreiflich, daß zwei Soldaten es wagen sollten, über die Grenzen von Kaffaria vorzudringen, da der Krieg fast so gut wie ausgebrochen ist und der Tod ihrer auf jedem Schritte lauern würde.«
Der Gaika nahm einige Büschel Gras, die er bei seiner Untersuchung des Bodens abgerissen, und hielt sie seinem Verbündeten unter die Nase. »Was riecht mein Bruder?«
Der Alte beroch es aufmerksam, schien aber nichts Ungewöhnliches daran zu finden. »Meine Sinne werden alt, Häuptling, was meinst Du damit?«
»Zwei Männer sind auf dem Wege, welche ihre Brüder Tochtgänger oder Smause zu nennen pflegen; sie sind auf dem Handel mit dem schwarzen Mann, und wissen, daß ihm die Flinten und das Pulver willkommen sein werden. Aber sie führen auch das Gift mit sich, mit dem der Abalungo die Völker unterjocht, denen die warme Sonne eine andere Farbe gegeben, als in seinem kalten Nebellande.«
»Du meinst Branntwein?«
Der Kaffer nickte und wies nach einem Baum. »An jenem Stamm haben die Späher die Last ihrer Pferde abgeladen - es waren zwei Fäßchen des flüssigen Feuers darunter, und selbst der Rasen, auf dem sie geruht, ist von ihnen vergiftet worden. -
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Kennt der junge Krieger dieses?« Er zeigte dem jungen Holländer einen Bleiknopf, auf dem sich eine Zahl befand.
»Es ist ein Knopf von meiner eignen Kleidung, ein Kamaschenknopf mit der Nummer meines Regiments.«
»Wenn der junge Krieger die Knöpfe seines Anzugs zählt, wird er finden, daß sie alle an ihren Stellen sind. Diesen hat Einer verloren, der vor wenig Stunden hier an diesem Orte schlief.«
»So sind die beiden Weißen Leute meines Regiments?«
Der Wilde nickte. »Erzählte mein Bruder nicht, daß er zwei seiner Offiziere im Lager nicht gesehen habe? Erinnert sich der junge Krieger vielleicht, ob Diejenigen, welche er meint, in fremden Zungen sprechen können?«
»Bei Gott im Himmel, Häuptling, Du könntest Recht haben. Kapitain Rivers versteht die holländische Sprache und auch Etwas vom Kaffern-Dialekt. Er gab dem Vater Louisens Anleitung darin, und das war die Ursache, welche ihn in die Familie brachte. Auch mehrere andere Offiziere des Regiments bemühten sich, sie zu erlernen.«
»Kennt mein Bruder etwas Besonderes am Gange seines Feindes?«
Der junge Mann erröthete bis über die Stirn, denn die Frage rief ihm die Erinnerung seiner Dienstbarkeit bei Dem zurück, der ihn so tief gedemüthigt; doch konnte er nicht errathen, was der Wilde meinte.
»Der linke Fuß seines Feindes,« sagte dieser, »ist breiter, als der rechte, während das sonst umgekehrt zu sein pflegt.«
Der Soldat dachte nach und erinnerte sich in der That des ihm beim Reinigen der Stiefeln aufgefallenen Umstandes, der durch einen Knochenbruch in der Jugend veranlaßt worden war, und sagte dies. Der Wilde führte ihn zu jenem Baum, unter dem das Gepäck gelegen, und verfaulte Rinde umher einen lockern Boden bildete, in welchem zwei Fußspuren deutlich zu erkennen waren. Die linke war um etwa einen Viertelzoll breiter, als die rechte; das scharfe Auge des Kaffers hatte diesen einem gewöhnlichen Beobachter gewiß unbemerkt gebliebenen Unterschied sogleich entdeckt.
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»Es ist Rivers,« rief der Gemißhandelte. »Kein Zweifel! Fluch ihm und mir selbst, wenn ich diese Gelegenheit nicht benutze, mich zu rächen. Laß uns aufbrechen, Oom, und Du, Häuptling, jeder Augenblick des Zögerns ist eine neue Qual für mich!«
»Geduld ist die Mutter der Thaten,« sagte der Wilde. »Mein junger Freund möge sich gedulden; Tzatzoe verspricht ihm, daß er das Weiße im Auge seines Feindes schauen soll, noch ehe die Sonne im Lande der Bosjesmen niedersinkt. Der Häuptling der Gaika's wandelt jetzt auf dem Kriegspfad, und es ist Zeit, daß er sich Utika in dem Schmuck des Mannes zeige.«
Nach einer kurzen Verständigung mit dem alten Boor ließen sich alle Drei, ohne daß die Ungeduld des Jüngsten beachtet wurde, wieder an der Stelle des Feuerheerdes nieder, der Gaika öffnete den unterirdischen Backofen und zog das Stück Rinderfleisch heraus, das, halb gebraten, Duft verbreitete. Jeder schnitt oder riß sein Theil davon, und selbst der Kaffer begnügte sich diesmal, blos die dreifache Portion seiner Gefährten zu verschlingen, statt sich der entsetzlichen Unmäßigkeit zu überlassen, welcher sich die wilden Stämme hingeben, sobald sie Gelegenheit zum Genuß von Fleisch finden, das von anderen Thieren, als ihren eigenen Heerden herrührt, mit denen sie sehr haushälterisch umgehen und die sie nur bei großen Festlichkeiten und Versammlungen angreifen. Sobald er mit der Mahlzeit fertig war, nahm er aus einem kleinen Säckchen, das am Gürtel neben dem Tabaksbeutel hing, Farben und bemalte sich das Gesicht und die nackte Brust mit rothen und schwarzen Streifen, gleich der Kriegsmalerei der nordamerikanischen Wilden, von denen sich die Kaffern jedoch auch dadurch unterscheiden, daß sie ihren Körper nicht tätowiren.
Nachdem diese Operation vollendet war, mit der der Häuptling anzeigte, daß er nunmehr für seine eigene Person den Kriegspfad gegen seine Feinde beschütten, obschon die Versammlung der Amapahati's38 noch nicht das Kriegswort ausgesprochen hatte,
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machten sich die Drei auf den Weg zur weitern Verfolgung der Spur.
Die Nachmittagssonne sandte ihre heißen Strahlen bereits in schiefer Richtung auf die weite Ebene von Sand und Lehmboden, die sich zwischen dem Kai und Somo bis zu den Umtata-Bergen erstreckt, welche sich mit fruchtbaren Thälern und grünbewachsenen Wänden gegen Osten zu erheben, als in dieser Richtung eine andere Gesellschaft von drei Personen rüstig zuschritt. Zwei weiße Männer, ihrer Kleidung nach Tochtgänger, schritten neben starken Pferden her, denen durch das bloße Auflegen einer Decke statt des Sattels und einige andere Veränderungen das Aussehn von Saumrossen gegeben und deren Rücken mit verschiedenen Packeten und Fäßchen beladen war. Namentlich bestand die Belastung aus einem Dutzend alter Commißflinten, eben solchen Cavallerie-Pistolen, einem Fäßchen Pulver, zwei kleinen Fäßchen Branntwein, Glasperlen und englischen Schnittwaaren. Jeder der drei Tochtgänger trug außerdem ein altes Gewehr auf der Schulter, doch hätte ein scharfes, waffenkundiges Auge leicht bemerkt, daß die beiden Flinten der Weißen keineswegs so schlechter Beschaffenheit waren, als ihr Aeußeres schließen ließ. Der Dritte war ein Wilder, halb Hottentott, halb Kaffer, in zerlumpten Linnenhosen und gleicher Blouse, mit einer Miene voll List und Verschlagenheit.
Die beiden Tochtgänger in ihrer holländischen, auf den Weg durch die Wüste berechneten Kleidung waren ein Mann von etwa dreißig Jahren, der andere acht bis neun Jahre jünger; die englische Sprache, deren sie sich bedienten, und manche andere Anzeichen, auf die sie bei der Abwesenheit aller Gefahr jetzt weniger achteten, verriethen leicht, daß sie Diejenigen waren, welche von dem Gaika und seinen Gefährten verfolgt wurden.
»Die Fabel, daß wir unsere Ochsenwagen am Kai zurückgelassen haben, weil das Vieh an der Klaauwzinkte39 erkrankt, ist
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nicht übel,« sagte der Aeltere der beiden Weißen, »sie wird uns für ein Paar Tage helfen, und während dieser wird es uns hoffentlich gelingen, über die Resultate der Versammlung dieser schwarzen Schufte in's Klare zu kommen. Höll' und Verdammniß! wäre die Aufregung des gefährlichen Abenteuers nicht eine kleine Entschädigung und hätte mich nicht noch ein andrer Grund getrieben, Sir Georges hätte sich einen Andern suchen mögen, um mit diesen schmutzigen, stinkenden Bestien in der Maske eines faulen Mynheers Handel zu treiben, als Capitain Rivers von Ihrer Majestät 93stem Regiment. Wie gefällt Ihnen denn der Marsch, Lieutenant Delafosse?«
»Dieser Zug, in's Innere,« erwiederte der junge Mann, »ist mir etwas Neues, Spannendes; jede Stunde bringt mir frische Anregungen und die Hoffnung auf den glücklichen Erfolg unsrer Sendung, und das Lob des Generals läßt mich das Unangenehme derselben vergessen.«
»Hüten Sie sich nur, des Guten zu viel zu thun, Kamerad,« meinte der Capitain. »Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn Sie als französischer, und ich als holländischer Händler die dummen Wilden nicht täuschen sollten. Die einzige Gefahr ist, daß einer der französischen Missionäre von Madagascar sich unter ihnen befände, und eben deshalb hat der General Sie zu der Expedition mit commandirt, weil Sie Französisch sprechen, wie Ihre Muttersprache. Das Vorgeben, ein Franzose zu sein, wird uns am Sichersten unsern Hauptauftrag ausführen lassen, zu ermitteln, auf welche Unterstützung diese schwarzen Halunken rechnen. Wie weit ist es noch bis zum Kraal, Congo?«
Der Fingoe zeigte zwei Mal die fünf Finger seiner Hand. »So viele Meilen, Herr, dann werden wir vor dem Wigwam Sandili's stehen. Es ist Zeit, Herr, daß Dein Mund die Sprache der Inglishmen verlernt, denn die Bäume und Büsche, denen wir nahe sind, können das Ohr eines Amakosa's verbergen, und es war gut, daß die Krieger der großen Mutter bereits die Pferde verlassen hatten, als wir den Männern vorhin begegneten.«
In der That war es eine nothwendige Vorsichtsmaßregel gewesen, welche die Offiziere auf den Rath des Fingoe gebraucht hatten, als sie sich mehr dem Wohnsitz des Stammes näherten,
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die Pferde zu verlassen und ihren Weg, wie wirkliche Tochtgänger, zu Fuß fortzusetzen. Denn bald darauf waren sie einzelnen kleinen Abtheilungen von Kaffern begegnet, die, ohne sonderliche Notiz von der in den Grenzgebieten sehr gewöhnlichen Erscheinung der Tochtgänger zu nehmen, rasch an ihnen vorüberzogen, alle anscheinend nach einem Ziel, dem großen Kraal oder der Stadt der Gaika's.
»Du bist also gewiß, daß eine Versammlung der Häuptlinge im Werke ist?« fragte der Capitain wiederum den Spion.
»Um die Zelt des Vollmonds ist der große Runlho des Stammes, Herr,« berichtete der Fingoe, »und es ist nicht ungewöhnlich, daß der Amapahati zur selben Zeit mit den Jünglingen und Jungfrauen des Volkes die Häuplinge und Krieger dann zur Berathung zusammenruft. Die Männer und Frauen, denen wir begegnet, waren geschmückt mit den Blüthen des Granatapfels, der Runlho muß nahe sein und wir werden zur rechten Zeit eintreffen.«
»Was ist dies, der Runlho?« fragte Delafosse.
»Wie?« lachte der Capitain. - »Sie kennen wirklich nicht diese treffliche Sitte unserer schwarzen Nachbarn - oder stellen Sie sich blos so?«
»Sie wissen, Capitain, daß ich erst seit vierzehn Monaten am Cap bin und die Stadt bis zum Ausmarsch nach Fort Beaufort nur auf kurze Strecken verlassen habe. Man sieht nur wenig Kaffern in der Capstadt.«
»Goddam! oder Blixem! wie ich jetzt sagen muß,« lachte der Capitain, »wollten die schwarzbraunen Burschen ihr Runlho in der Nähe der Capstadt oder eines andern civilisirten Ortes halten, sie würden verdammt vielen Zuspruch genießen, trotz des Zeter-Mordio's, das die Missionäre und die ganze Pfaffen-Sippschaft dagegen erheben möchte. Denn auf Ehre, Kamerad! die dunklen Geschöpfe, ihre Weiber und Mädchen, könnten einem italienischen Bildhauer zum Modell einer Juno oder Venus dienen, die ungewaschen aus dem Meeresschaum steigt. Die Formen sind bis auf die Farbe tadellos, das Fleisch kernig und fest, und manche unter den Dirnen hat Augen und Zähne, die sich jede Lady in Whitehall wünschen könnte.«
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Der jüngere Offizier erröthete unter der bräunlichen Färbung, die sein Gesicht verstellte. »In der That, wir sahen im Fort, als die Kaffernfrauen in voriger Woche die trefflichen Pfirsiche, Guaven und Muskmelonen zum Kauf brachten, schöne und stattliche Gestalten unter ihnen. Erinnern Sie sich eines Mädchens, Kapitän, das ziemlich gut auf Englisch sich verständlich machen konnte und eine fast klassische Gesichtsbildung hatte? Gulma nannte man sie?«
»Auch ich huldige,« sagte der Kapitän mit rohem Gelächter, »diesen dunklen Weibern wegen ihrer reizenden Formen, und schere mich den Teufel um ihre Farbe. Ich hoffe nur, Sie haben Ihr Glück bei der schwarzen Schönheit nicht zu theuer bezahlt?«
»Ich verstehe Sie nicht, Sir,« sprach ernst und von edler Schamröthe übergossen der junge Mann.
»Ei, ich meine, einige blanke Knöpfe und Glasperlen genügen, um diesen hübschen braunen Katzen den Kopf zu verdrehen. Freilich ist man dabei der Nebenbuhlerschaft jedes Rekruten ausgesetzt; denn zu welchem Zweck kommen die Dirnen zu uns in's Lager?«
Die Stirn des Lieutenants hatte sich bei der rohen, brutalen Spötterei zusammengezogen; doch unterdrückte er seinen Unwillen gewaltsam und suchte das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen. »Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was das Runlho ist!«
Ein Faunenlächeln spielte um die tiefgezeichneten, ein wildes, in Ausschweifungen verbrachtes Leben verrathenden Züge des ältern Offiziers, als er seinen Gefährten höhnend betrachtete. »Sie werden Gelegenheit haben, selbst zu schauen, Kamerad, ich will Ihre jungfräuliche Seele nicht im Voraus zu sehr aufregen, nur machen Sie sich auf eine Einrichtung gefaßt, die so viel naturwüchsige Vortheile mit sich bringt, daß ich in der That staune, warum eine so praktisches Volk, wie wir Briten sind, sie nicht längst bei sich zu Gunsten Ihrer Majestät Flotte und Armee eingeführt hat.«
Delafosse schwieg - er mochte nicht weiter fragen, und da der Kapitän ein Gespräch mit dem Fingoe begann, schritt er stumm neben ihnen her, seinen Gedanken nachhängend. Diese
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schweiften unwillkürlich zu dem Bilde der jungen Kafferin, deren er vorhin Erwähnung gethan, zurück, und er gedachte der schlanken, reizenden Gestalt, des eigenthümlichen, feurigen und zärtlichen Ausdrucks im Auge der jungen Farbigen. Es kommt sehr häufig vor, daß sowohl zu den Garnisonen der Grenzforts, als bei den häufigen Kriegen und Streitigkeiten zu den lagernden Truppen die Frauen und Mädchen der feindlichen Stämme ganz unbesorgt kommen, und Milch, Früchte und andere Lebensbedürfnisse zum Verkauf bringen. Gewöhnlich geschieht es, um in den europäischen Lagern zu spioniren; denn der Kaffer sendet nie männliche Spione aus, und das Beispiel Macomo's, der von besonderm persönlichen Haß zu der Rolle getrieben wurde, die er so trefflich spielte, steht vereinzelt in den Kriegen des Caplandes. Fast immer erreichen die weiblichen Spione ihren Zweck, und ein blutiger Ueberfall in den Engpässen der Berge, ein nächtliches Gemetzel oder die völlige Vernichtung einer abgeschnittenen, kleinern Abtheilung und Patrouille ist fast jedes Mal die Folge von der Thorheit der britischen Posten.
Aber die sich jetzt mit jedem Schritt verändernde Umgebung zog bald alle Aufmerksamkeit des jungen Mannes von jedem andern Gegenstande ab. Das Umtata-Gebirge hob sich in majestätischen Formen voll Fruchtbarkeit und Großartigkeit, je tiefer sie hineinkamen. Belebende Quellen sprudelten zwischen den Felsen und Bergen hervor, die gigantische Aloe und der Cactus in seinen tausend verschiedenen Abarten verdeckte das Gestein, auf den Abhängen der Berge erhoben sich dunkle Wälder von Palmen, Cypressen, amerikanischen Fichten und Cork-Eichen, um deren Stamm und Aeste die Schlingpflanzen ihre Gewinde zogen. In den Thälern wuchsen die kleineren Palmietten, der Brotbaum, dieser Segen der Tropen, mit seinen langen Fächerblättern, die Dattelpalme mit ihrer Federkrone, die Orange mit dem Feigen- und Mandelbaum, dem Pfirsich und der dunklen Granate, und ein Strom von Duft würzte die Luft. Heerden wohlgenährter Rinder weideten auf den Bergabhängen und auf den Hügeln sah man zerstreut zahlreiche runde, Bienenkörben gleiche Hütten, wie sie der Kaffer als seine Wohnung baut.
Die Hütten schienen jedoch leer, nur Kinder und ältere
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Frauen sah man bei den Zelten, - das ganze Volk schien einem großen Zuge gefolgt. Ihr Weg - den der Fingoe genau kannte - führte jetzt fortwährend bergan, durch gewaltige, von Felsen gebildete Schluchten, welche beiden Offizieren die Ueberzeugung gaben, daß es keine geringe Anstrengung auch der besten Truppen kosten würde, sie zu nehmen, und durch eben so starke Walddefileen. Durch ein solches kommend, nahten sie jetzt dem Ziel ihrer Reise, und als sie aus den dichten Gebüschen hervortraten, bot sich ihren Augen ein eben so unerwartetes, als belebtes Bild.
Vor ihnen lag, von der Abendsonne beleuchtet, ein großes, etwa zwei englische Meilen langes Bergplateau, auf dem Amatata, die große Stadt der östlichen Gaika's, stand. Die Hütten, vielleicht 300 an der Zahl, lagen um einen sanft aufsteigenden Hügel, auf dessen Spitze ein Kreis riesiger Kork-Eichen den großen Berathungsplatz des Stammes umgab. Rauchwolken stiegen von den vor jeder Hütte angelegten Feuerungsplätzen empor, um die sich Männer, Frauen und Kinder versammelt hatten. Ochsenviertel, Wild und Hammel brateten an hölzernen Spießen oder zwischen heißen Steinen, und überall standen Milchvorräthe in jenen weichen, elastischen Körben, welche die Kaffernfrauen so wunderbar fein aus zähen Grashalmen und dünnen Zweigen zu flechten verstehen, daß keine Feuchtigkeit durchfließt, während diese Gefäße durch die größere Verdunstung die Milch eiskalt erhalten. Weiber stampften in hölzernen Mörsern das gigantische Hirse- und das Kafferkorn zur Bereitung des Breies, der beliebten Nationalspeise, oder breiteten die Früchte des Kubu und des Melkhout auf riesigen Palmenblättern aus. Auf den Knieen oder auf dem Leib lagen Männer im dichten Kreis um ein mit Wasser gefülltes Loch, an dessen Rand eine kleine Höhle mit Tabak gefüllt war. In diese Höhle waren lange, hohle Schilfe durch das Wasser geführt, aus denen sie, die rohe Nachahmung des indischen Houkah und orientalischen Nargileh, gekühlte Rauchwolken einschlürften und durch Nase und Mund von sich stießen. Schaaren von jungen Männern und Mädchen, mit den Blüthen des Granatenbaumes geschmückt, Zweige in den Händen, zogen zwischen den
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Wigwams umher, unter dem Ruf: »Runlho! Runlho!« ohne daß jedoch die beiden Geschlechter dabei sich unter einander mischten.
Andere Gesellschaften von Kriegern und jungen Männern belustigten sich auf der Ebene, theils auf den kleinen, den schottischen Pony's ähnlichen Pferden des Caplandes umherjagend, theils im Wettwerfen mit dem Assagai, oder im Schießen mit Pfeil und Flinte, denn die Holländer und Franzosen, und selbst die eigene Habsucht der Engländer, haben bereits dem Kaffer ziemlich zahlreich die Feuerwaffe in die Hand gegeben und ihn ihren tödtlichen Gebrauch gelehrt. Ueberall war Jubel, Geschrei, Leben und Bewegung.
Die falschen Tochtgänger waren kaum aus dem Dickicht des Waldes getreten, als sie auch sofort von einer, jeden Augenblick wachsenden, Menge umgeben wurden, die sie zwar nach dem Innern des Kraals zu drängte, jedoch keineswegs feindlich gegen sie verfuhr. Der Smause oder Tochtgänger ist ein dem Wilden fast eben so bekannter Mann, wie den Boors, und als ein Abnehmer ihrer Jagdbeute höchlich willkommen. Der Anblick der Flinten, welche die Hauptladung der Pferde ausmachten, war unter den obwaltenden Umständen besonders geeignet, die Aufmerksamkeit zu erregen. Man führte sie zu einer der ersten Hütten und reichte ihnen sofort Milch und Fleisch zum Zeichen der Gastfreundschaft. Der Fingoe, vollkommen mit den Dialekten der Stämme vertraut, übernahm alsbald das Amt des Dolmetschers, und verbreitete die Nachricht, daß die Bagagewagen der Tochtgänger eine Tagereise weit zurückgeblieben, die Händler aber auf die Nachricht von der Volksversammlung mit einigen Waaren vorausgegangen seien. Der Führer benahm sich dabei mit großer Gewandtheit und Kriecherei, denn die freien Kaffern verachten den Fingoe, obgleich er zu ihrem Volk gehört, und betrachten den Stamm als Sklaven der Engländer. Es besteht deshalb zwischen Beiden ein alter Haß, der aber keineswegs ihre Handelsgeschäfte hindert.
Während dessen hatten Rivers und der Lieutenant ihre Thiere abgeladen, die Pferde in der Nähe des Wigwams, den man ihnen eingeräumt, gefüttert, und begannen ihre Packen zu öffnen und den Handel mit allerlei Kleinigkeiten anzufangen. Während Rivers mit großer Sicherheit die Manieren und Ausdrucksweise
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eines holländischen Tochtgängers nachahmte, wußte der Lieutenant mit gleicher Gewandtheit den Franzosen zu spielen, und das Gemisch von französischen, englischen und nationalen Worten, in denen er sich ausdrückte, hätte wohl selbst einen schärfern Beobachter getäuscht, als es diese Naturkinder waren.
Das Gerücht von der Ankunft der Tochtgänger hatte sich bald durch das ganze Dorf verbreitet, und die Kundschafter hatten noch nicht lange sich niedergelassen, als sie durch zwei Krieger auf den Versammlungsplatz der Amapahati und vor den berühmten ersten Häuptling der Gaika's, Sandili, beschieden wurden, der, in Stelle seiner Mutter, der alten Königin Suta, die Herrschaft über die Stämme führte und der erbittertste und gefährlichste Feind der Engländer war.
Die Abenteurer hatten rasch ihr Gepäck wieder zusammengerafft und auf die Pferde geladen, mit der Vorsicht echter Handelsleute, die ihre Güter nie aus den Augen verlieren, und folgten, von der Menge der Wilden umgeben, ihren Führern zu dem Hügel, wo die Vornehmen und Weisen des Volkes versammelt waren.
Es war unterdeß Abend geworden und die kurze Dämmerung der Tropen ging rasch in das Dunkel über, das jedoch von hundert Feuern erhellt wurde.
Ein solches, von großen Dimensionen, brannte in der Mitte des Platzes, auf dem sie jetzt erschienen, und beleuchtete den Blätterdom der riesigen Kork-Eichen und die dunklen Gesichter der Männer, die in einem großen Kreise auf einer Art von Erdbank umhersaßen und lagen. Es waren zum Theil sehr alte Männer mit weißem Haupt- und Barthaar, mit verwitterten, faltenreichen Zügen, den Bauch aufgeschwellt von der ungeheuren Gefräßigkeit, die sie an diesem Tage bereits geübt, zum Theil stolze, prächtige Kriegsgestalten mit dem Karroß um die Schultern, die Flinte oder den Assagai in der nervigen Hand. Hätten die Engländer ihre Namen gewußt, sie würden erfahren haben, daß sich darunter fast alle die furchtbaren Häuptlinge befanden, die sich längst zum Schrecken der Kolonie gemacht, und die in dem ausbrechenden Kriege eine große Rolle spielen sollten: Umhala, das mächtige Oberhaupt der H'Llambins, mit seinen Unterhäuptlingen Pato
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und Siwani, die beiden Söhne Macomo's: Kona und Namba, Kreli, der Führer der Tambookies, und die Häuptlinge der Gaika's: Stoch, Thlathla, Zana und Faudala. Mit großem Interesse aber für den Zweck ihrer Sendung und nicht ohne einige Gefühle neuer Besorgniß bemerkten die Offiziere unter den Wilden mehrere weiße Männer - kräftige Booren-Gestalten, mit trägen, aber nichts desto weniger, entschlossenen Gesichtern, und einen ganz von diesen verschiedenen Mann, der zwar die gewöhnliche Kleidung eines Reisenden trug, dessen ganzem Haltung und Aussehn, der scharfe, entschlossene Blick der Augen, und der wohlgestutzte Schnurr- und Knebelbart ihn jedoch als Soldaten und Europäer erkennen ließen.
Die Führer der Tochtgänger geleiteten, sie nach dem andern Ende des Kreises, wo auch die weißen Männer standen, und die Gruppe, die sich hier ihren Blicken bot, war noch eigenthümlicher, merkwürdiger, als alles Bisherige.
Sie standen vor Sandili, dem Oberhäuptling, und der Königin Suta. Die greise, achtzigjährige Frau, von Alter und Krankheit gebeugt, kauerte auf einer mit Matten bedeckten Erderhöhung, den Rücken, an ein Felsstück gelehnt. Sie war in einen Mantel von weichem Pantherfell gehüllt, und der Kopf eines dieser Thiere bedeckte, gleich einer Kaputze, ihr graues, runzliches Haupt, das Abschreckende derselben noch erhöhend. Aus dem großen, vom Alter schwer getrübten Auge leuchtete nur zuweilen noch ein Blitz des frühern Geistes. Neben ihr knieete ein überraschend schönes Kaffermädchen in der Urnatürlichkeit der Volkstracht, aber Arme, Brust und Knöchel reich mit goldnen Ringen und bunten Glasperlen geschmückt, in dem wohlgeflochtenen Haar einen Kranz von Granatblüthen und um die Hüfte eine Lendenschürze von weißer Wolle, das Zeichen, daß sie heute zum ersten Male dem Runlho bestimmt sei.
Das schöne, große, ausdrucksvolle Auge richtete sich beim Erscheinen auf die Fremden, begegnete dem Blick des Lieutenants und blieb mit dem Ausdruck des wachsenden Erstaunens auf ihm haften. Edward erbebte - er erkannte sofort in dem Mädchen Gulma, die schöne Kafferin, und fühlte, daß auch er, trotz seiner Entstellung und Verkleidung, von ihr erkannt sein müsse. Er sah,
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wie die Lippen der Kafferin sich zum Ruf an ihre Umgebung öffneten, wie ihre Hand sich hob, auf ihn zu deuten, und unwillkürlich, von der furchtbaren Gefahr überwältigt, faltete er die Hände und heftete einen bittenden, flehenden Blick auf das Mädchen.
Einen Augenblick schwankte er in bangem Zweifel, - dann sah er, wie ihr Mund sich schloß, ein Finger der kleinen, zarten Hand, wodurch die Kaffernfrauen sich auszeichnen, sich an die Lippen hob und ihr hübsches Gesicht sich senkte.
Seine volle Geistesgegenwart und Besorgniß wurde jedoch bald von anderen Gegenständen in Anspruch genommen. Hinter der alten Königin stand der Tsanuse, der große Medicinmann des Kraals, der die Namen der Umtakati's, der eingebildeten, bösen Zauberer, aufzufinden und sie ihrer Strafe zu überliefern vermag. Die Haut eines großen Springbocks bildete seinen Mantel, so daß die langen Hörner des Thiers hoch über seinen scheußlich bemalten Kopf hinwegragten. Ein Bündel von Assagaien und Kirries war klappernd um seinen Leib gebunden, von dem Gürtel hingen Schwänze wilder Thiere; Schlangenhäute, kleinere Felle und getrocknete Eidechsen waren um den Hals und alle Gelenke befestigt, und große Geierfedern ragten aus dem struppigen Helm seiner Haare hervor.
Einen edlen Abstich gegen diese widrige Figur gewährte die Gestalt und Haltung des Häuptlings selbst. Sandili, der Vater Gulma's, war eine hohe Gestalt mit einem männlich schönen Gesicht, auf welchem die ruhige Würde eines großen Häuptlings lag. Er trug die gewöhnlichen großen goldenen Ohrringe der Kaffern, die Spange am linken Arm und die Schnur großer Glasperlen um den Hals, aber sein Karroß war ein riesiges, weich gegerbtes Löwenfell, und der Schweif des mächtigen Thieres schleppte bei seinen Bewegungen lang hinter ihm drein auf dem Boden.
In der Nähe Sandili's standen die weißen Männer. Sein forschendes, stolzes Auge heftete sich fest auf die Ankömmlinge; er wartete einige Augenblicke, ehe er das Schweigen brach.
»Fliegen die weißen Raben durch die Wüste der schwarzen Männer, wenn der Sturm weht?« fragte er in der bilderreichen
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Sprache seines Volkes in gebrochenem Englisch. »Wissen die Händler der Abalungo's nicht, daß Streit ist zwischen meinem und ihrem Volk?«
Die Worte waren an Rivers direkt gerichtet, da der Häuptling es verschmähte, sich des verachteten Fingoe als Dolmetscher zu bedienen. Der Kapitän war jedoch zu gewandt und wohlvorbereitet, um in die Falle zu gehen, und antwortete in holländischer Sprache mit einer andern Frage: »Hat der Incosi Inculu der Gaika's die Smause je als Feinde auf seinem Wege gefunden? - Sie hassen die Rothröcke, wie Du, und bringen seinem Volke das Pulver und die weittragenden Flinten.«
Der Fingoe hatte den Kram der falschen Händler unterdeß im Kreise auszubreiten begonnen, und der Kapitän nahm zum Beweise seiner Worte einige der Gewehre und legte sie vor dem Häuptling nieder; dieser aber that einen Schritt vor, hob das Fell, das einen der Packen bedeckte, auf und zeigte auf die Branntweinfäßchen.
»Ist dies das Pulver, das die Smause den Gaika's bringen will?« Der scharfe Geruchssinn des Wilden hatte ihm das Gift verrathen, das schon so viele seines Volkes verderbt hatte. Im ersten Augenblick war der Kapitän verdutzt, dann aber antwortete er rasch: »Der Incosi Inculu weiß, daß eine arme Smause mit Allem handelt; der Feuertrank ist für die Ooms aus ihrem Volke bestimmt, denen er auf seinem Trekken40 begegnen wird. Das Pulver ist das Eigenthum dieses französischen Händlers. Der Häuptling weiß, daß die Rothröcke den Dütchmen nicht gestatten, damit zu handeln.«
Das Auge des Oberhaupts wandte sich lebhaft auf den jungen Mann bei der Erwähnung der Eigenschaften desselben als Franzose.
»Wenn mein Sohn von dem Volke stammt, das der Feind der Inglishmen ist, so wird er seine Sprache verstehen?«
Der junge Mann bejahte es.
»So möge die junge Smause mit ihrem Bruder reden und ihm sagen, woher sie kommt und was sie weiß von den Feinden
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der schwarzen Männer.« Der Häuptling winkte zugleich den fremden Weißen, dessen militärisches Aussehn den verkleideten Offizieren schon früher aufgefallen war, heran. »Mein Bruder Tzatzoe, der seine Sprache redet, ist mit dem weisen Vater der Dütchmen noch auf dem Kriegspfad und fehlt am Berathungsfeuer. Möge der weiße Krieger, der unser Freund ist, prüfen, ob diese Smause von seiner Nation ist!«
»Parbleu! Häuptling,« sagte der Fremde, sich den Schnurrbart streichend, »das wollen wir bald erfahren. - Wie heißt Du, Bursche, und wo kommt Ihr her?« wandte er sich in französischer Sprache an den jungen Mann.
Delafosse stammte aus einer Emigranten-Familie, die sich in England niedergelassen, und sprach das Französische als zweite Muttersprache. Er erzählte daher geläufig nach dem vorher besprochenen Plan, daß er der Commis einer französischen Handlung auf Sanct Mauritius sei, die, trotz der strengen britischen Aufsicht, einen ausgedehnten Schmuggelhandel an den Ostküsten Afrika's treibe, und holländische Händler mit den verbotenen Waaren versorge. Es sei ihnen kürzlich gelungen, eine Ladung in die Mündung des Kai zu schmuggeln und mehrere französische und holländische Tochtgänger wären in diesem Augenblicke damit beschäftigt, sie durch das Land zu verbreiten. Die Insel Mauritius nannte er vorsichtig, weil er annehmen durfte, daß der militärische Agent, denn ein solcher war offenbar sein Gegner, von Madagascar oder der noch unter französischer Herrschaft stehenden Insel Bourbon gekommen sein müsse. Zugleich erzählte er die Geschichte von den in der Einöde zurückgebliebenen Wagen.
Der Dialect des jungen Mannes war so unverfälscht, der Schmuggelhandel und Tochtgang eine so häufig vorkommende Sache, daß der Franzose keineswegs Verdacht schöpfte, vielmehr, da Delafosse ihm erzählte, daß er ein geborner Pariser sei und dies durch mancherlei Erwähnungen glaubhaft machte, ihn unter seinen besondern Schutz nahm und jedes Mißtrauen des Häuptlings beseitigte.
Während dieses Gesprächs war auch Rivers nicht müßig gewesen, und hatte sich in ein solches mit den drei oder vier Booren eingelassen, die in der Versammlung der Wilden anwesend
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waren, und sich ohne Weiteres jetzt zu ihm drängten, um das willkommene »Gut«, den Branntwein, zu probiren. Das Holländisch, welches Rivers sprach, genügte vollkommen, sie zu überzeugen, daß er, wenn ihnen auch persönlich unbekannt, ein echter Tochtgänger sei, denn selten versteht ein Engländer die Sprache der unterdrückten Colonisten. Er gab, um sich das Vertrauen zu sichern, eine Menge theils wahrer, theils falscher Nachrichten von der Stellung der englischen Streitmacht jenseits des Kai und ihren drohenden Bewegungen, indem er erzählte, daß er selbst im Lager gewesen, als er in den Forts alle Gewehre gekauft, und hörte dafür von den arglosen Booren, daß sie die Abgesandten der in der Boomplaatsschlacht zerstreuten Kolonisten und der Ansiedler im Viktoria Lande (Port Natal) seien, die sich mit den Kafferstämmen in dem drohenden Kriege diesmal gegen ihre englischen Unterdrücker zu verbinden gewillt wären.
Diese verschiedenen Umstände hatten den Verdacht der Kaffern ganz beseitigt und es hatte sich bereits ein lebhafter Handel um das Gut der mit Milch und Fleisch bewirtheten Tochtgänger entsponnen, während dessen Sandili und der französische Agent bemüht waren, noch verschiedene Nachrichten über die feindliche Stellung einzuziehen.
Der Fingoe, der durch Schmutz sein Gesicht unkenntlich und seine Kleidung einem Hottentotten ähnlich gemacht hatte und der außerdem durch ein Pflaster auf einem Auge sehr entstellt war, besorgte unterdessen den Handel mit den Kaffern. Der Kapitän hatte an die einzelnen Häuptlinge und deren Weiber einige kleine Geschenke von Tabak, Ringen und Glasperlen vertheilt, wobei es ihm gelungen war, mit einem bedeutsamen Blick dem Medizinmann ein Päckchen mit Gold in die Hand zu drücken; Edward aber hatte zwei schöne Schnuren von Bernsteinperlen genommen und diese der alten Königin und deren Enkelin übergeben. Die Augen begegneten sich dabei, und er glaubte in den ihrigen das Versprechen des Schweigens mit der Mahnung zur Vorsicht zu lesen, und deutlich zu fühlen, wie ihre kleine Hand bei der Berührung der seinen zitterte, als plötzlich die Scene durch die Ankunft zweier neuer Personen eine Veränderung erlitt.
Der Name »Tzatzoe!« und »Oom Pretorius!« lief durch
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die Menge; der Kreis, der sich um die Händler gebildet, gab Raum, und hindurch auf die Hauptgruppe zu schritt der Häuptling der westlichen Gaika-Stämme, dem wir zu Anfang unseres Kapitels an der Furth des Kai begegnet sind, mit dem Anführer der aufständischen Booren.
Sandili bewillkommnete mit großer Freude die Angekommenen, denn auf sie hatte man gewartet, um die Berathungen zu beginnen, und gab alsbald den Befehl, daß sich die beiden weißen Händler, die niederen Krieger, Frauen und Kinder aus dem Bereich des geheiligten Kreises entfernen sollten, als Tzatzoe ihnen zu bleiben winkte und das Wort nahm.
»Wenn es der Incosi Inculu aller Gaika's gestattet,« sagte er in der Sprache seines Volkes, »möchte ich diese beiden Männer noch um Einiges fragen, bevor sie ihr Wigwam suchen für die Nacht, die unsrer großen Mutter geheiligt ist. Tzatzoe ist gewohnt, den weißen Gesichtern nicht zu trauen, wenn er sie nicht viele Sommer kennt.«
»Tzatzoe ist ein großer Häuptling,« erwiederte Sandili, offenbar etwas beleidigt über dies Mißtrauen gegen seinen Scharfblick, - »aber wir haben diese Männer geprüft und nichts Verdächtiges an ihnen gefunden. Es sind Kaufleute, wie sie häufig zu uns kommen, und Feinde der Inglishmen.«
»Vielleicht vermögen sie uns eine Nachricht zu bringen von Macomo,« beharrte der Häuptling. »Erlaubt mein Bruder, sie danach zu fragen?«
Der Oberhäuptling nickte ungeduldig Gewährung, denn es drängte ihn, zu dem wichtigen Geschäft des Abends zu kommen.
Rivers hatte mit Ungeduld und Besorgniß die neue Gefahr gesehen, die sie bedrohte, doch war kein Mittel, ihr zu entgehen, und man mußte ihr kühn die Stirn bieten. Dabei aber gefiel ihm weder das Aussehn des Häuptlings, noch des Boors, und seine Besorgniß wurde noch gesteigert, als er sich niederbückte, um ein Packet zusammenzubinden und der Fingoe ihm dabei in's Ohr flüsterte: »Hüte Dich und eile zu den Pferden!« Im nächsten Augenblick bemerkte er, daß der schwarze Führer durch eine geschickte Bewegung von seiner Seite glitt und in dem Gedränge verschwand.
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Er hatte weder Zeit noch Gelegenheit, dem Lieutenant einen Wink zu geben, und versicherte sich nur durch einen raschen Griff, daß der Revolver unter seinem Jagdhemd handgerecht lag; dann wandte er kühn sein Auge auf den Häuptling, der ihnen nahe getreten war.
»Haben die Smause der weißen Männer gehört, wie es einem Häuptling meines Volkes, Namens Macomo geht, der bei ihren Brüdern in der festen Stadt am Keiskamma wohnt, und bringen sie uns vielleicht Botschaft von ihm?«
Rivers schüttelte den Kopf. »Wir haben Fort Cor schon vor zehn Tagen verlassen,« sagte er in holländischer Sprache. »Damals trieb sich allerdings ein trunkener Kaffer dort umher, der sich Macomo nannte, aber wir kennen ihn nicht weiter.«
»So hab' ich kürzere Botschaft,« sagte der Häuptling mit einem scharfen Blick. »Macomo hat uns dieses gesandt, und der Bote verließ das Fort der weißen Männer vor zwei Nächten.« - Er reichte an Sandili die Haut mit den Hieroglyphen. »Ich höre, die Smause haben ihre Wagen auf dem Wege hierher zurückgelassen,« wandte er sich dann in französischer Sprache an Delafosse. »Will mein junger Bruder mir sagen, wo er ihre Spur verloren hat?«
»Am Bolofluß beim Uebergang über den Kai,« sagte der junge Mann rasch.
»Die Smause wird sich irren oder ihr Gedächtniß ist zu kurz,« bemerkte mit spöttischem Lächeln der Kaffer. »Tzatzoe und der Vater der Booren sind an den Ufern des Bolo und des Knebia umhergestreift seit vier Sonnen, doch sie haben keinen Tochtwagen gesehen. Aber sie haben die Spuren zweier weißen Hunde gefunden, und eines braunen, die nach dem Lager der Gaika's gingen, um die Dienste des Schakal zu verrichten, der nach der Beute des Löwen späht. Die schwarzen Männer haben die Augen des Adlers und sehen in das Herz eines Verräthers. Die Smause hebe ihr Angesicht in die Höhe, und sage mir, ob sie jenen Fremdling kennt!«
Seine ausgestreckte Hand zeigte nach einer Stelle, von der Pretorius, der Boor, zurückgetreten war. Der Blick des Kapitäns wandte sich dahin und sein Auge erkannte den Todfeind.
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»Fluch und Verdammniß! In die Hölle mit dem Hunde!« Mit der Schnelle des Gedankens, der ihm zeigte, daß jede fernere Verstellung unnütz und Alles verloren sei, hatte er den Revolver aus der Blouse gerissen und der Schuß krachte nach dem jungen Holländer hin. Aber eine rasche Bewegung, die dieser gemacht, um sich auf den Feind zu werfen, rettete ihn, und die Kugel schlug in die unbeschützte Brust eines grimmigen Kaffernkriegers, der hinter ihm gestanden.
»Kapitän Rivers! Laßt ihn mir, laßt ihn mir!«
Aber bereits hatte sich der Engländer gewendet - ein zweiter Schuß streckte den Häuptling Zana zu Boden. Die unerwartete Entwicklung war so plötzlich, so überraschend gekommen, daß Rivers, der mit großer Stärke begabt war, wirklich den dichten Kreis der Kaffern hinter sich durchbrach, ehe diese noch zur Besinnung gekommen waren, theils wurde ihm dies auch dadurch möglich, daß Pieter Pretorius selbst alle Anderen zur Seite warf, um sich auf seinen Feind zu werfen. Dennoch wäre er gewiß nicht dem raschen Zuspringen des Kaffernhäuptlings und der Verfolgung des jungen Holländers entgangen, wenn Delafosse nicht mit edelmüthiger Preisgebung des eigenen Lebens seine Flucht gedeckt und sich Tzatzoe entgegengeworfen hätte, den Wurf seines Assagai zur Seite lenkend. Im nächsten Augenblick war er zu Boden gerissen, und über ihn hinweg stürmten die rasenden Häuptlinge und Krieger dem Flüchtigen nach.
Dieser hatte jedoch schon den Fuß des Hügels erreicht und eilte die Gasse des Kraals dahin, wo er zwei dunkle große Gestalten im Schein der Feuer halten sah. Es war Congo, der Fingoe, der die beiden Pferde rasch hierher geleitet hatte und bereits auf einem saß. Der Kapitän legte die Hände auf den Hintertheil des Rosses und sprang mit einem Satz auf den Rücken desselben. Ein dritter Schuß streckte einen schwarzen Krieger zu Boden, der sich den Pferden entgegenwerfen wollte, ein Kerrieswurf traf, in furchtbarem Schwung, die linke Schulter des kühnes Mannes; doch achtete er in der Aufregung des gewaltigen Schmerzes nicht, und im nächsten Augenblick sprengten die beiden Rosse in rasendem Lauf über die Hochebene mitten durch die Feuer des Kraals hindurch.
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Der Tumult war schrecklich, sinnbetäubend. Zahllose Pfeil- und Flintenschüsse folgten alsdald den Flüchtigen, aber Entfernung und Dunkelheit schützten sie bereits. Wild rannte Alles durch einander und nach den Stellen, wo die kleinen, den Bewohnern des Kraals angehörigen Pferde auf den Weiden lagen, die wenigsten angebunden, und es dauerte eine Zeit von mindestens zehn Minuten, ehe eine Zahl von etwa zwölf Kriegern mit Tzatzoe und Pieter Pretorius den Fliehenden in der Richtung folgte, die diese, entgegengesetzt ihrem Eintritt auf das Plateau, eingeschlagen hatten.
Während der ersten Verwirrung hatte sich Niemand um den zu Boden geworfenen zweiten Engländer gekümmert, der, von Stößen und Tritten getroffen, halb betäubt dalag und erst wieder zum vollen Bewußtsein seiner Lage kam, als Gulma auf einen Wink des Tsanuse ihn ergriff und zu den Füßen ihrer Großmutter schleppte, so daß seine Hand deren Mantel berühren konnte. Dies rettete ihn vom augenblicklichen Tode; denn nach der Sitte der Stämme kann ein Verbrecher, dem es gelungen, die Person der Königin oder »großen Frau« zu berühren, nur auf den Beschluß der Amapahati getödtet werden, und die erhobenen Kerries und Assagaien sanken vor der abergläubischen Furch[t], Unheil auf das eigene Haupt herab zu ziehen. Dennoch hätte vor der großen Willkür und der geringen Ehrfurcht der Häuptlinge bei ihrer Rückkehr von der ersten Verfolgung vielleicht auch dieser Schutz den jungen Mann nicht gesichert oder er wäre von den Flinten der erbitterten Booren gefallen, wenn nicht ein anderes wichtiges Ereigniß seiner Retterin zu Hilfe gekommen wäre.
Mitten zwischen den wüthenden Lärm und diesen weithin übertönend, daß das Echo von den Bergwänden zurückschlug, dröhnte nämlich der majestätische Klang eines riesigen Tamtam in drei langverhallenden Schlägen. Gleich als übe der mächtige Klang eine Zauberwirkung aus, so folgte plötzlich eine allgemeine Stille und Bewegungslosigkeit dem Ton; - jedes Antlitz wandte sich nach Osten, wo über die Bergwände sich in diesem Augenblick die glänzende Scheibe des Vollmonds zu erheben begann und ihre ersten Strahlen über die Ebene warf - und dann
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erklang eine gewaltige Stimme von der Spitze des Hügels her in dem Ruf: »Runlho! Runlho!«
Das ganze Volk hatte sich auf den Boden geworfen und stimmte einen Gesang an zu Ehren Atalma's, der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, die sie unter dem Bilde des Mondes begrüßen. Dann sammelten sich die jungen unverheiratheten Männer und die Mädchen und stellten sich getrennt von einander zum Zuge nach dem Berathungshügel auf. Männer und Frauen zogen voran, auf den unvollkommenen musikalischen Instrumenten des Volkes, der zweisaitigen Hottentotten-Fidel, einer Art Tambourin, und Schilfflöten einen ohrzerreißenden Lärmen vollführend. Die Mitglieder des Amapahati, mit den Häuptlingen, stellten sich zur rechten Seite der alten Königin, die andere blieb frei. Noch immer, von den Kriegern mit finsteren Blicken bewacht, stand Edward Delafosse, sein Schicksal erwartend, in der Nähe der alten Frau.
Jetzt nahte, unter den Klängen unsichtbarer Tamtamschläger, der Zug der Mädchen dem Ort, Gulma an ihrer Spitze, und stellte sich auf der andern Seite der Königin auf, zunächst, mit der weißen Schürze geschmückt, die Jungfrauen, die zum ersten Mal zum Opfer des Runlho bestimmt waren.
Ehe wir weiter gehen, müssen wir wenigstens andeutend dieser eigenthümlichen Sitte des Naturvolkes einige Worte widmen.
Es herrscht zwar bei den Kaffern, wie überhaupt im Orient, die Sitte der Vielweiberei, wird aber nur selten und nur von den Reichen ausgeübt, da für das Mädchen den Eltern desselben eine oft ziemlich bedeutende Gabe an Vieh &c. gezahlt werden muß. Wie häufig bei wilden Völkerstämmen, ist die Beschäftigung sehr ungleich vertheilt, indem alle wirkliche Arbeit den Frauen aufgebürdet bleibt. Trotzdem artet das Geschlecht auch körperlich nicht aus, da die Arbeit überhaupt nur gering ist; sie behalten ihre schönen, stolzen Gestalten, die zierlichen Hände und die regelmäßige Gesichtsbildung. Die Treue und Züchtigkeit der Frauen ist ohne Tadel - es sei denn, daß dieselbe zu den oben angedeuteten Zwecken verletzt wird. Auch unter den Unverheiratheten wird Sitte, Zucht und Schamhaftigkeit beobachtet und streng aufrecht erhalten, mit Ausnahme eines Tages im Jahre, an welchem sich
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unter den Augen der Aeltesten des Volkes im Hauptkraal des Stammes alle erwachsenen Mädchen und Jünglinge versammeln müssen zu einem allgemeinen Hymen im politischen Interesse der Volksvermehrung.
Auf ein Zeichen des Tsanuse begann mit einem noch betäubendern Lärmen, als der frühere, der langsame Zug der jungen Männer. So wie sie einzeln an dem Sitz der alten Königin vorbeigingen, beugten sie sich, die Hände über die Brust gekreuzt, und eines der weißgeschürzten Mädchen trat hervor und gab dem Manne ihrer Wahl den Granatenzweig aus ihren Haaren, worauf dieser sie hinwegführte. Die Jungfrauen des Stammes, die zum ersten Mal das Runlho feiern, genießen das unbedingte und nie von den Verwandten bestrittene Recht, den Gefährten zu wählen.
Die jungen Männer, die nicht durch eine solche Wahl ausgezeichnet werden, suchen nach Zufall und Belieben unter den anderen Mädchen ihre Genossin.
Aber Jüngling auf Jüngling zog vorüber - die Jungfrauen hatten alle schon den Geliebten gewählt - nur wenige von den Mädchen standen noch am Sitze der greisen Königin, - aber noch immer nicht hatte sich Gulma, die Tochter des Oberhäuptlings, von ihrem Platz gerührt, noch immer glühte das Roth der Granaten in ihrem mit Perlen durchflochtenen Haar.
Verwundert sahen Alle auf das Mädchen, als auch Kona und Namba, die Söhne Macomo's, ohne das beglückende Zeichen vorbeigeschritten waren, da man doch wußte, daß die tapferen Brüder sich um das Kind des Oberhäuptlings bewarben. Die Schaar der jungen Männer nahte ihrem Ende, doch Gulma stand noch immer, den Blick zu Boden gesenkt, neben der alten Frau, während alle ihre Gespielinnen längst den Augen der übrigen Zuschauer entschwunden waren.
Ein allgemeines Schweigen herrschte in dem Kreise, abseits standen noch mehrere der jungen Männer, die übrig geblieben waren, darunter die Gebrüder Kona und Namba, als sich Sandili jetzt mit strenger Miene an seine Tochter wandte.
»Es ist ungewöhnlich und gegen das Gesetz Atalma's,« sagte er, »daß eine Jungfrau bei dem Runlho zurückbleibt, ohne
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den Mann zu wählen, um die Pflicht gegen ihr Volk zu erfüllen. Gulma ist die Tochter eines Häuptlings, sie möge ihn zeigen, und es wird Keiner sein, der sie verschmäht!«
Blässe und Röthe bedeckte in flüchtigem Wechsel das schöne dunkle Gesicht des Mädchens. Sie hob langsam das Haupt und nahm die Granatblüthe aus ihrem Haar. »Befiehlt der Häuptling, mein Vater, daß ich wähle nach meinem Willen?« fragte sie mit leiser Stimme.
»Ich befehle es!« rief ungeduldig Sandili. »Das Kind meines Blutes darf die Sitten seines Volkes nicht gering achten.«
Das Mädchen trat verlegen einen Schritt vor - darauf wandte sie sich entschlossen - ihr großes, dunkles Auge streifte furchtlos und herausfordernd die Menge, dann blieb sie vor dem jungen Engländer stehen, reichte ihm den Granatenzweig und kreuzte die Arme über ihre Brust zum Zeichen des Gehorsams.
Ein lauter Schrei des Erstaunens und der Entrüstung schallte von Aller Lippen, dem jedoch das Mädchen, jetzt vollkommen entschlossen über ihr Thun, mit einem trotzigen kühnen Blick antwortete.
»Hat meine Tochter das Licht des Geistes verloren,« schrie der stolze Oberhäuptling, »oder wagt sie es, ihr Volk zu verhöhnen, daß sie seinen Feind wählt? Hinweg von ihm, der dem Tode geweiht ist!«
Er wollte sie fortreißen, aber das Mädchen klammerte sich an die alte Königin an. »Schütze mich, Mutter, um der Liebe Utika's willen, schütze das Recht Gulma's!«
Die alte Frau, durch diesen Aufruf aus ihrer Theilnahmlosigkeit erweckt und zum Schutz ihres Lieblings bereit, richtete sich halb empor und streckte die Hand aus. »Wer wagt es, den Frieden des Runlho zu stören, nachdem das Gesicht Atalma's41 über die Berge emporgestiegen ist? Der große Sohn der großen Frau möge sprechen zu seiner Mutter!«
Der Oberhäuptling beugte sich, trotz seines Zornes, ehrerbietig. »Gulma, das Licht Deiner Augen, die Deine Hand selbst
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geschmückt zum Runlho, hat es verweigert, einen jungen Krieger zu wählen, der ihr Lager zum ersten Mal theilen soll.«
»Aber ich sehe mein Kind an der Hand eines Mannes,« sagte die Greisin, ihr trübes Auge auf den jungen Offizier richtend, der noch immer kaum begriff, was um ihn her vorging und wie er gerettet worden.
»Der Mann, den die Unglückliche gewählt, ist nicht von Deinem Volk; er ist ein Abalungo, ein Feind!«
»Warum hat ihn der Speer meines Sohnes nicht getödtet?«
»Er hat Deine Hand berührt, Mutter, und das Gesetz sagt, daß alsdann nur der Amapahati ihm das Leben nehmen darf.«
Die alte Königin wandte sich nach dem Wahrsager. »Was spricht der weise Mann und das Gesetz der Väter?«
Der Tsanuse, wie viele Seinesgleichen ein heimlicher Agent der Engländer und durch ihr Geld gewonnen, benutzte eilig die Gelegenheit. »Kein Gesetz des freien Volkes von Kaffaria beschränkt die Wahl der Jungfrau zum Runlho, wenn der Mann von Atalma gesegnet und fähig ist, ein Krieger zu sein.«
»Ist der Fremdling ein Krieger?«
»Er hat sich als tapfer bewährt,« sagte der Oberhäuptling, zu stolz, um zu lügen. »Er ist nicht geflohen, wie sein Gefährte.«
»So möge mein Kind ihn zu ihrer Hütte nehmen und ihn morgen, wenn die Sonne aus dem großen Salzsee steigt, hierher zurückführen, daß ihm geschehe, wie der Amapahati mit ihm beschlossen haben wird. Utika, der Schöne, segne Deinen Schooß in dieser Nacht!«
Keiner der Häuptlinge und Krieger hätte es nach dieser Entscheidung gewagt, hindernd dazwischen zu treten, als das Mädchen jetzt den fast willenlosen jungen Mann fortführte und mit ihm aus dem Lichtkreis des Feuers verschwand, während die alte Frau wieder in ihren halb schlummernden, theilnahmlosen Zustand zurücksank.
Auf der kräftigen Stirn Sandili's lagen tiefe Falten verhaltenen Grolls, als er die beiden Söhne Macomo's und einige jüngere verheirathete Krieger zu sich winkte. »Das Wort der großen Frau,« sagte er, »muß vom Stamme der Gaika's geehrt
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werden. Aber Eure Sorge sei es, alle Ausgänge der Ebene des Kraals zu bewachen, daß es dem Verräther nicht gelinge, im Schatten der Nacht zu entfliehen, während Tzatzoe und unsere Brüder noch seinen Gefährten verfolgen. Die jungen Männer meines Volkes werden morgen an Beiden die Sicherheit ihrer Flinten und die Kraft ihrer Assagaien versuchen können. - Der Rath der Häuptlinge und der Umapahati hat wichtige Dinge zu bedenken in dieser Nacht und Keiner möge sich nahen dem geheiligten Kreise bei Todesstrafe.«
Nach diesem strengen Gebot zog sich alles Volk zu den Wigwams und deren Feuern zurück, um die Nacht in unmäßigem Gelage und Verschlingen von halbrohem Fleisch, Brei und dem T'ttualo - dem halbspirituösen Nationalgetränk von gegohrnem Kafferkorn - zu verbringen, während die Häuptlinge mit den Bevollmächtigten der Booren und dem französischen Agenten in eifrige und wichtige Berathung traten.
An der Hand des jetzt in Verwirrung und Schaam zitternden Mädchens schritt Edward willenlos immer weiter hinein in die vom Mondstrahl mit seinem bleichen, alle Farben aufsaugenden Licht überzogene Fläche. Es war eine prächtige, mildwarme Sommernacht - aus den Zweigen der mächtigen Kork-Eichen, die hin und wieder die weite Fläche des Plateau's unterbrachen, flötete der Spottvogel seine Nachtigall-ähnlichen Töne; von dem schon fern liegenden Kraal her tönte der Lärm des bachantischen Gelages und das wilde Zusammenschlagen der Kerries und Assagaien. Aus den Thälern stiegen mit den Nebeln der Nacht berauschende Düfte von Kräutern und Blumen hervor, die der im Kapland so seltene, vor wenig Tagen gefallene Regen mit zauberischer Ueppigkeit überall hervorgetrieben hatte.
Der vorhergegangene Auftritt war natürlich in der Kaffernsprache verhandelt worden, von der Edward nur einzelne Worte verstand. Indeß hatten die eigenthümliche Ceremonie, der er beigewohnt, und die frechen Anspielungen, die Rivers unterweges gegeben, ihn wenigstens den Charakter der eigenthümlichen Sitte ahnen lassen, und von seltsamen Gefühlen bedrängt, schritt auch er daher eine Zeitlang schweigend neben dem Mädchen her, das
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ihn jetzt nach einer Stelle geleitet, über welche Bäume und Felsen ihre Schatten warfen.
Auf dem Wege dahin kamen sie an einer Menge von Hütten oder Lauben vorüber, die aus Zweigen und Aesten flüchtig erbaut, und über die ganze Ebene zerstreut, unter ihrer dichten Blätterhülle ein süßes Geheimniß zu verbergen schienen.
Leises, zärtliches Flüstern - süßes, schwellendes Seufzen aus wild erregter Brust: - im Nachthauch, der aus den Schluchten des Gebirges strich, erstarben die leisen, leidenschaftlichen Laute.
Das Antlitz des jungen Soldaten glühte dunkel, als er den Arm des Mädchens faßte, und sich erinnernd, daß sie etwas Englisch verstand, fragte er: »Wohin führst Du mich?«
Sie stand still; eine Laubhütte, von Aesten und Zweigen des Orangenbaumes gebildet, war vor ihnen und zeigte ihre dunkle Oeffnung. Riesige Palmenblätter bildeten das Dach, große Geranien schlangen ihre dichten Bouquets durch das Laub - aus dem seltsamen Wigwam duftete es, wie ein Bett von wohlriechenden Kräutern und Blüthen; die große Kork-Eiche streckte ihre riesigen Aeste über das seltsame Brautlager und hüllte es in ihren Schatten gegen den neidischen indiskreten Strahl des Mondes.
Die junge Wilde hatte das Haupt gesenkt, sie wagte nicht, den Blick empor zu schlagen. »Wir sind zur Stelle, Herr,« flüsterten die rothen Lippen. »Verzeihe, aber es war das einzige Mittel, Dich zu retten, der so freundlich und gütig zu dem armen Kaffernmädchen sprach, als sie auf das Geheiß ihres Vaters mit den Frauen ihres Volkes im Lager der weißen Krieger war.«
»So hast Du also wirklich mich sogleich erkannt?«
»Das Auge Gulma's war in ihrem Herzen. Es glaubte nimmer, den jungen Tapfern wieder zu sehen.«
Es folgte eine Pause - Beide schwiegen befangen und wagten nicht, sie zu unterbrechen.
»Was soll aus mir werden, Mädchen?« fragte endlich der Offizier. »Ich verstehe die Sprache Deines Volkes nicht, und weiß nicht, was mich erwartet. Kannst Du mir es sagen?«
»Der Tod!« flüsterte sie leise. »Die Flinten und Speere der jungen Männer meines Volkes werden ihr Ziel nicht verfehlen.«
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Er schauderte. Selbst den tapfersten Mann wird die Ankündigung des ruhmlosen Martertodes erbleichen machen.
Und er war jung, so jung und voll von den muthigen Hoffnungen des Lebens, ferner Lust und seines Ruhmes! Und als er die Hand erhob und ihren vollen, lebenswarmen Arm fühlte, ihre hohe Brust vor sich wogen und schwellen sah, da überkam ihn gewaltig der Gegensatz des glühenden Lebens und des kalten, bittern Todes, und er preßte die Hand vor die Stirn und sein Auge schweifte wild und sehnsüchtig in die freie Ferne.
Es war ja nur ein Mädchen, eine arme, vertrauende Wilde, die ihn hier zurückhielt. Wie leicht konnte sie unschädlich gemacht werden, machtlos, seine Flucht zu hindern. Er trug seinen Revolver noch unter der Blouse auf der Brust, - wenn es ihm gelang, einen der Felsenpässe zu erreichen ...
»Will mein Herr sich auf das Moos dieser Lande niederlassen,« sagte schüchtern das Mädchen, - »er wird der Kräfte bedürfen, die der Schlummer giebt.«
»Schlafen? - schlafen, wo in wenigen Stunden ein schrecklicher Tod meiner harrt? - Sprich, Weib - ist keine Rettung möglich? - die Flucht - o hilf mir, die Du schon ein Mal mich gerettet, und niemals will ich Deiner vergessen!«
»Utika streckt die Hand über alle guten Menschen,« sagte einfach das Mädchen. »Meint der junge Krieger der Abalungo's, daß Gulma ihn hierher geführt hätte, wenn sie nicht wenigstens versuchen wollte, ihn zu retten vor schlimmem Tode? - Aber Atalma mit seinem bleichen Gesicht steht hoch am Himmelsdom und wirft seinen verrätherischen Strahl über die Wigwams der Gaika's, und ihr Auge ist scharf, ihr Ohr wachsam für die Tritte des Feindes. Erst wenn das bleiche Gesicht hinter der Spitze des Pavian-Berges steht und seine Schatten über die Ebene wirft, wird Gulma versuchen, ob sie einen Pfad frei findet für ihren weißen Freund.«
»Und bis dahin ...«
»Muß der junge Krieger sich gedulden und den Platz einnehmen in dieser Hütte, damit die Leute meines Stammes denken, daß er sich ihrer Sitte gefügt, und kein spähendes Auge ihn entdeckt und bewacht.«
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Der junge Mann fühlte die Nothwendigkeit und das Zweckmäßige des Rathes, und machte Anstalt, in die kleine Hütte, die kaum Raum gewährte für zwei Menschen, sich zurückzuziehen, was nur in tiefgebückter Stellung geschehen konnte.
Plötzlich hielt er inne. »Aber Du, Gulma?«
Hätte er in dem Schatten zu sehen vermocht, wie tiefe, brennende Gluth das edle Antlitz des Mädchens überströmte - er würde die Frage schwerlich gethan haben.
»Der junge Krieger der großen Königin muß gestatten, daß das schwarze Mädchen zu seinen Füßen einen Platz sucht; denn es würde ihn verrathen, wenn man sie jetzt außerhalb der Hütte sähe.« - -
Er lag bereits auf dem weichen Lager von Moos und duftigen Kräutern des Gebirges, und fühlte, wie eng zusammengeschmiegt das schöne Mädchen am Eingang der Laube kauerte. So wenig Raum sie aber auch einzunehmen versuchte, so war die Hütte doch zu eng, als daß nicht jede unwillkürliche Bewegung den jungen Mann mit dem schönen, jugendkräftigen Wesen hätte in Berührung bringen sollen. Wenn er die Hand ausstreckte, fühlte er die sammetweiche, warme Haut ihrer schön gerundeten Schultern. Der Athem ihrer vollen, halb ängstlich, halb leidenschaftlich auf- und niederwogenden Brust drang warm und duftig an sein Gesicht.
O über den weißen, egoistischen Mann!
Und dennoch fluthete heißes, jugendliches, halbfranzösisches Blut in seinen Adern, dennoch klopften seine Pulse, und seine Augen schienen das Dunkel zu durchdringen.
Aber ein weißer Mann!
Höher und höher stieg das bleiche Gesicht Atalma's am glänzenden Nachthimmel - eine Stunde war verronnen - durch die Blätter der Kork-Eiche, in den Zweigen und Blumen der Laubhütte rauschte der Wind des Gebirges und flüsterte seltsame Fragen und Melodieen - drüben am Kraal erloschen die Feuer der Kaffern.
In das Flüstern des Nachtwindes, in das Rauschen der Blätter und den leisen, klagenden Ton des Spottvogels mischte
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sich ein anderer Laut - leise - schmerzlich verhalten, mühsam unterdrückt. - -
»Gulma - Du weinst?«
Da brach es wie ein gewaltiger Strom, der im mächtigen Drang die Dämme überfluthet und alle Ordnung des gewohnten Zwanges hinwegreißt, aus den dunklen Augen des dunklen Kaffernmädchens in vollen, heißen Thränen, und der jugendliche Marmorbusen hob sich wie stürmische See in schmerzlichem Stöhnen eines tiefverwundeten Herzens.
»Gulma!«
Seine ausgestreckte Hand traf die Locken des Mädchens, ihre Wange, ihren Mund, und wurde von ihr stürmisch an diesen gedrückt und geküßt. Dann glitt sie fieberzitternd weiter über weiche, reizende Formen, und umschlang das weinende Mädchen und zog sie näher und näher, und die heißen Thränen des Schmerzes wurden süße, selige Ströme, und das Schmerzensstöhnen des Busens zum Klagelaut des Entzückens! - -
Runlho! - Runlho! - - -
Mitternacht war vorüber, der gigantische Pavians-Berg verbarg die große Scheibe des Mondes und warf seine gewaltigen Schatten über das ganze Plateau, als eine dunkle, schlanke Gestalt aus dem Schutz der mächtigen Kork-Eichen glitt und gleich dem flüchtigen Windhauch über die Ebene dahineilte.
Plötzlich aber stockte ihr Fuß, denn vor ihr erhob sich, wie aus dem Boden gestiegen, ein anderer dunkler Schatten; furchtbar war die Gestalt anzusehen, über deren Haupt sich lange Hörner in die Luft streckten; dazu rauschte und klapperte es um sie her so seltsam, wie das Rasseln von Schlangen und Todtengebein.
Das Mädchen - denn Gulma war die Eilende - erschrak; im nächsten Augenblick aber erkannte sie auch die Gestalt: es war der Tsanuse - gerade der Mann, den sie suchte.
»Wohin eilt die Tochter des Häuptlings,« fragte der Zauberer, »in der Nacht, da sie an der Seite Dessen weilen darf, den sie liebt?«
»Eben weil ich ihn liebe,« sagte das Mädchen entschlossen,
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»suchte ich Dich auf. Du warst im Kreis des Amapahati, sprich, was hat man über den Inglishman besch[l]ossen?«
Der schlaue Betrüger, der durch manche frühere Vortheile der Tochter des Oberhäuptlings verbunden war, hütete sich wohl, zu verrathen, daß er schon seit einer halben Stunde ihre Hütte umschlichen hatte, um eine Gelegenheit zu finden, sich mit dem Gefangenen zu besprechen. Er fand es vielmehr in seinem Vortheil, wohlvertraut mit den leicht erregten Leidenschaften und Gefühlen eines Naturkindes, die Angst des Mädchens zu steigern, und bestätigte ihr, daß der Rath der Alten und der Häuptlinge, durch die Erbitterung ihres eigenen Vaters bestimmt, den Tod des jungen Mannes am Morgen beschlossen habe.
»Höre mich an, Tsanuse,« sagte das junge Weib, »ich weiß, Du liebst das Gold über Alles und mein scharfes Auge hat heute Abend einen Umstand bemerkt, der, wenn ich ihn morgen dem Rath der Häuptlinge erzähle, Dich verderben muß. Ich sah, wie Du heimlich Etwas nahmst, das Dir der entflohene Inglishman zusteckte. Dein Ruf zum Runlho war es, der im gefährlichen Augenblick seine Flucht sicherte und die meisten Verfolger zum Kraal zurückführte. Rette seinen Gefährten, den Jüngling, der an meinem Herzen gelegen, und Du sollst die Spangen haben, die meinen Arm und Fuß einschließen und die den Preis von hundert Rindern werth sind.
»Laß mich mit dem Inglishman selber sprechen,« erwiederte klug der Zauberer. »Mein Ohr ist offen und Deine Worte sind nicht vergeblich hinein gefallen. Führe ihn vorsichtig an den Stamm jenes Baumes, wo uns Niemand belauschen kann.«
Gulma entfernte sich so eilig, als sie gekommen war, und bald darauf brachte sie mit gleicher Vorsicht Edward Delafosse herbei.
»Meine Tochter möge aufpassen, daß uns kein Späher belausche,« sagte der Tsanuse, welcher nicht wünschte, daß das Mädchen von seiner geheimen Verbindung mit den Engländern Kenntniß erhielte, indem er den Offizier einige Schritte weit hinwegführte. »Hat der junge Krieger von dem rothen Golde der Inglishmen bei sich, was er an seine Befreiung setzen kann?« fragte er.
»Ich habe zwanzig Guineen bei mir,« erwiederte der junge
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Mann, »und bin bereit, sie Dir zu geben, wenn Du mich aus dieser verdammten Lage befreien willst, Mann. Vermagst Du mir Nachricht zu geben, ob meine entflohenen Gefährten glücklich entkommen sind?«
»Tzatzoe ist zurückgekehrt, um an dem großen Rathe Theil zu nehmen,« berichtete der Zauberer. »Man hat sie bis zu der Affenschlucht verfolgt, wo die Ebene des Kraals endet und die Tollkühnen sind mit ihren Rossen da hinunter gejagt, wo selbst der kühne Jäger des Springbocks beim Lichte des Tages nur mit Gefahr einen Weg zum Niedersteigen findet. Man sah sie am Rand verschwinden und ihre Leiber müssen zerschmettert in der Tiefe liegen. Wenn das große Gestirn des Tages emporgestiegen, wird eine Schaar ausziehen, die Todten zu suchen. Der junge Abalungo muß bis dahin fern sein von dieser Stelle.«
»Aber wie soll ich entkommen?«
»Mein Sohn öffne seine Ohren, ehe wir das Mädchen zurückrufen, das sein Lager getheilt hat. Sie liebt meinen Sohn und wird uns helfen. Wenn der junge Krieger zu den Seinen kommt, möge er dem großen Führer42 berichten, daß der Amapahati aller südlichen Kaffernstämme einen großen Kriegs beschlossen hat. Auch die Zulu's und die Dütchmen werden in Haufen herbeiziehen und sie werden die Dickichte des Kai vertheidigen mit ihren Leibern. Sandili ist ein großer Häuptling und seinem Ruf folgen zehntausend Krieger. Der Sohn des großen Königs, den die Inglishmen getödtet haben auf dem Eiland im Meer, in das die Sonne am Abend sinkt, hat den Kaffern seine Hilfe zugesagt. Sein Bote ist unter ihnen und viel Pulver und Flinten lagern verborgen am Strande des Meeres. In der vierten Nacht von heute wird Saudili mit seinen Kriegern über den Kabusi gehen und die festen Städte der Inglishmen am Büffelgebirge angreifen.«
Der Offizier hatte aufmerksam den in gebrochenem Englisch ihm gegebenen Mittheilungen zugehört. »Das sind wichtige Nachrichten,« sagte er, »indeß wie soll ich sie dem General überbringen?«
Der Tsanuse rief leise das Mädchen, das sogleich herbeikam.
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»Die sämmtlichen Ausgänge der Ebene sind von Deinem Vater mit Wachen besetzt,« berichtete er. »Der Tsanuse hat jedoch ein Mittel, ungesehen den jungen Krieger an den Fuß der Felsen zu bringen. Aber dieser ist ein Kind in der Wildniß. Wie soll er zu seinen Landsleuten kommen, ohne daß ihn am Morgen unsere jungen Männer fangen?«
»Ich werde ihn geleiten,« sagte einfach das Mädchen.
»Bedenkt aber meine Tochter, welcher Gefahr sie sich aussetzt, wenn am Morgen der Oberhäuptling sie nicht findet?«
»Ich werde da sein, wenn die Nacht wiederum auf den Kraal der Gaika's sinkt. Der weise Mann möge mir dann ein Mittel gewähren, in den Schutz der Königin zu gelangen. Gulma kann für den Mann sterben, dessen Weib sie geworden.«
»So höre mich an, Kind, aber gelobe mir zuvor, wenn Du zurückkehrst, Keinem zu sagen, was Du gesehen.«
»Ich schwöre es bei Utika, dem Schönen.«
»Du kennst meinen Wigwam an der Wand des Paviansberges. Du mußt den Abalungo heimlich dahin bringen, indeß ich Namba, der am Fuß des Berges Wache hält, beschäftige.«
»Kein Krieger wagt es, die Hütte des großen Zauberers zu betreten,« sagte schaudernd in abergläubischer Scheu das sonst so muthige Mädchen. »Wie sollte mein Fuß es wagen, die Schwelle zu überschreiten, wo die bösen Geister der Berge gebannt liegen?«
»Die Nähe eines Weißen hebt den Zauber auf, der dem Auge des Gaika Verderben bringen würde,« erwiederte gewandt der Betrüger. »Meine Tochter möge dreist durch den Wigwam schreiten und an seinem Ende die Büffelhaut heben, die sie dort finden wird. Sie wird einen geheimen Eingang in den Felsen sehen. Wenn sie die Hand zur Linken auf den Boden legt, wird sie einen Haufen Stäbe von dem harzigen Holz der Fichte finden, die in unseren Bergen wächst. Sie möge drei oder vier davon nehmen, damit sie ihr zur Leuchte dienen durch die Windungen der Höhle, durch die sie mit dem Abalungo ihren Weg nehmen muß. Gulma's Fuß ist leicht und ihre Hand sicher, die Gefahr wird sie nicht schrecken, der Tsanuse kann Weiteres nicht für sie thun; er hat gesprochen.«
Nach wenigen Fragen noch über die Richtung, welche sie in
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die Höhle, von deren Dasein sie das erste Mal hörte, zu nehmen habe, erklärte sich das Mädchen bereit zu dem gefährlichen Wege. Delafosse hielt noch einen Augenblick den Zauberer an. »Ich bin nur ungenügend bewaffnet. Wenn wir verfolgt werden, vermag ich mich nur schlecht zu vertheidigen.«
»Der junge Krieger,« sagte der Betrüger leise, »möge mir sein Gold geben. Wenn er auf die andere Seite dieser Eiche tritt wird er an ihrem Stamme seine Flinte finden. Das Pulverhorn trägt er noch an seinem Gürtel. Utika beschütze seinen Weg, - die Zeit eilt, und er muß in einer Stunde am Fuße der Berge sein, wenn er gerettet werden soll.«
Damit machte er sich eilig in der angedeuteten Richtung davon.
Der junge Offizier fand, wie es ihm der Tsanuse versprochen, das von diesem bei Seite gebrachte Gewehr hinter dem Stamme, und nachdem sie einige Augenblicke gewartet hatten, um dem Zauberer den nöthigen Vorsprung zu lassen, ergriff das Kaffernmädchen die Hand des jungen Mannes und schlug mit ihm vorsichtig die Richtung nach dem Paviansberge ein. Der Fuß dieser ziemlich steil emporsteigenden Klippe war von der Stelle, wo die Zusammenkunft mit dem Tsanuse stattgefunden, etwa eine Viertelstunde entfernt, und als sie, durch die Ortskenntniß des Mädchens unterstützt, im Schutz der Felsen und in gebückter Stellung näher schlichen, hörten sie die Stimme ihres Verbündeten, der mit Namba und zwei älteren Kriegern der Gaika's sprach, die am Eingang der Schlucht, welche hier zur Seite des Berges von dem Plateau in die Thäler führte, eine Wache bezogen hatten.
Das Mädchen voran, begannen sie an der andern Seite die Bergklippe zu erklimmen, welche den Wigwam des Zauberers etwa 100 Fuß hoch über der Ebene trug. Die scharfen Stacheln des Cactus und die spitzen Schiefer des Felsens rissen ihre Hände und Füße blutig, ohne daß ein Laut des Schmerzes ihre Anwesenheit verrathen durfte. Nur durch die Hilfe der Kafferin wurde es dem Briten möglich, die Felswand zu ersteigen, die ihm sonst wahrscheinlich selbst bei Tage unzugänglich gewesen wäre. Nach
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einem mühsamen und gefährlichen halbstündigen Klettern erreichten sie endlich die Felsenplatte, auf welcher der Wigwam des Tsanuse stand.
Edward Delafosse fühlte hier, wie das Mädchen zitterte gleich dem Land der Espe, so viel Macht übt der gewohnte Aberglaube selbst über ein festes Herz und starkes Gemüth, und er selbst schrak zurück und griff nach seinem Gewehr, als er ein dumpfes, grimmiges Schnauben vor sich hörte und zwei große, blutgierige Augen in grünlichem Feuer aus dem Dunkel ihnen entgegen funkeln sah. Erst nachdem ihre Blicke sich an die Umgebung gewöhnt, überzeugten sie sich, daß der ungewöhnliche und gefahrdrohende Gegenstand eine gezähmte Hyäne war, die der Tsanuse in der Nähe des Eingangs zu seinem Wigwam angekettet hielt.
Dieser war geräumiger, als die Hütten der Wilden zu sein pflegen, und ebenfalls nicht in Kegelform abgerundet, sondern lehnte mit der Rückseite an die Bergwand. Nachdem Beide durch den Eingang, der, wie bei allen Wigwams der Kaffern, zum Schutz gegen den Besuch wilder Thiere sehr niedrig war, hineingekrochen waren, diesmal der Engländer voran, machte er mit einem Feuerzeug, das er in seiner Jagdtasche bei sich trug, Licht und zündete ein kleines Stück Kerze an, das ihnen hinreichend die Umgebung erhellte.
Das Innere des Wigwams bot übrigens einen seltsamen und auf ein dem Aberglauben offenes Gemüth wirkenden Anblick dar. Rings umher an der Wand waren gebleichte Thierschädel befestigt, zwischen dem riesigen Kopf des Elephanten und Rhinoceros mit den langen Stoßhörnern die Schädel von Antilopen, Alligators, Springböcken, wilden Hunden, Panthern und Löwen. Dazu hingen von der Decke große getrocknete Schlangenhäute und Eidechsen mit Bündeln von Straußenfedern und allerlei Kräutern der Wüste. Der Gegenstand aber, der dem armen Mädchen den meisten Schrecken verursachte, obschon gerade er ein Lächeln ihres Begleiters veranlaßte, war eine chinesische Figur, die durch die Bewegung ihrer Schritte oder eine geheime Vorrichtung mit unheimlichem Geklapper Kopf und Hände bewegte, ein Ding, das der Tsanuse bei irgend einer Gelegenheit an der Küste erhandelt
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und in seinem Wigwam zur Abschreckung aller Unberufenen aufgestellt hatte.
Edward gewahrte bald das Entsetzen, mit dem die Spielerei das Mädchen erfüllte, und seine Hand brachte den thönernen Kobold zur Ruhe. Dann sahen sich Beide nach dem geheimen Ausgang um und fanden ihn nach kurzem Suchen. Hinter einer großen Löwenhaut trafen sie einen, wohl mannshohen, ziemlich engen Felsenspalt, der sich aber, als sie hineinleuchteten, in kurzer Entfernung schon breiter erwies und in sanfter Abdachung tief in das Innere des Berges zu führen schien. Nachdem sie sich mit mehreren der Kiehnspähne, die am Eingang der Höhle aufgehäuft waren, versehen und einen derselben angezündet hatten, traten sie ihren Weg eilig an, denn sie wußten, daß die Schwierigkeit der Flucht mit jedem Augenblick wuchs. Die Wölbung wurde schon nach fünfzig Schritten so hoch und geräumig, das das Licht ihrer Fackel deren Umfang nicht mehr erleuchtete; die Fußspuren in dem weichen Sande des Bodens zeigten ihnen die Richtung, die sie zu verfolgen hatten. Um ihre Häupter schwirrten unheimlich, von der Helle aus ihren finsteren Löchern aufgeschreckt, die Fledermäuse und riesige Vampyre, und seltsames Gewürm raschelte oft über ihren Weg, aber der Offizier zog, ohne darauf zu achten, seine Begleiterin mit sich fort. Sie hatten den dritten Spahn in Brand gesetzt, wie der Tsanuse ihnen gesagt, als sie den frischen Hauch der Nachtluft sich entgegenwehen fühlten und, nachdem sie um eine Wendung der Höhle geschritten waren, durch eine Oeffnung zwischen Gesträuch und langen Cactusgewinden den hellen Strahl des Mondes leuchten sahen. Sie begriffen sogleich, daß sie auf der Südseite des Berges und außerhalb des Plateau's des Gaika-Kraals standen.
Vorsichtig schritten sie, nachdem die Fackel ausgelöscht war, bis an den Rand des Ausgangs und sahen hier zu ihrem neuen Schrecken den Felsen etwa 40 Fuß senkrecht abfallen. Bei Ueberlegung jedoch, daß der Tsanuse selbst hier irgend ein Hilfsmittel besitzen müsse, um diesen Ausgang benutzen zu können, und nach sorgfältigem Umhertasten fanden sie auch an einem Felsvorsprung im Innern befestigt ein langes Seil von Aloefasern, in das auf jede Armeslänge ein kurzer Stab von hartem Holze eingeknüpft
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war. Der Gebrauch lag nahe, und als sie es über den Rand der Felsenöffnung geworfen, überzeugten sie sich, daß es bis zum Ende der Felswand reichte, wo diese in eine schmale Regenschlucht auslief. Rasch stiegen sie hinab, das Mädchen zuerst, und folgten dann der Schlucht, die sie nach einem mühsamen Wege in's Thal führte. Hier machten sie einen Augenblick Halt, um sich auszuruhen.
»Durch des Himmels und Deine Hilfe, Mädchen,« sagte der Offizier, »bin ich einem schrecklichen Tode von der Hand Deiner Landsleute entgangen. Wo aber sollen wir uns nun hinwenden?«
»Kennt der junge Krieger die Station des weißen Vaters mit dem schwarzen Gewande, der von Eurem Gotte erzählt, an den Ufern des Somo?«
»Du meinst das Haus des Missionars? Ich hörte davon.«
»Es ist der nächste Ort, wo der weiße Mann wohnt. Wenn der junge Krieger befiehlt, wird ihn Gulma dahin geleiten. Ehe die Sonne im Mittag steht, werden wir dort sein.«
»Wohlan, Mädchen - ich vertraue mich ganz Deiner Leitung, und wenn Du es willst, sollst Du mich nicht wieder verlassen.«
Er hatte ihre Hand gefaßt, zog sie an sich und küßte sie auf die züchtig erröthende Stirn, und dann setzte das junge Paar seinen Weg fort.
Der Mond war untergegangen und die erste Dämmerung begann eben das Thal, durch das sie schritten, zu lichten, als das Mädchen plötzlich den Arm ihres Begleiters faßte und, ihn festhaltend, nach einer Seitenöffnung des Grundes deutete, aus der zwei dunkle Gestalten emporstiegen.
Im Nu hatte Edward die Flinte an der Wange, aber auch die Fremden hatten ihn erblickt, und Beide, mit Gewehren bewaffnet, richteten die tödtliche Mündung auf sie.
»Tritt hinter mich, Mädchen,« sagte der junge Mann. »Sie sollen mich wenigstens nicht lebendig wieder fangen.« Er nahm fest den größten der Gegner auf's Korn und legte den Finger an den Drücker. Im nächsten Augenblick - - -
Ein Duell in San Francisco.
Wenn die Versammlung der Spieler, Abenteurer und Glücksjäger in dem großen Zelt des Plazza major in San Francisco erwartet hatte, die fabelhafte Pracht eines indischen Fürsten vor ihren Augen entwickelt zu sehen, deren Glanz noch die ausschweifendsten Träume aller Goldsucher überstrahlen würde, so hatte sie sich bitter getäuscht.
Der Maharadschah, dessen Eintritt der feierlichen Ankündigung des Tigerjägers Mac-Scott auf dem Fuße folgte, hatte nicht im Entferntesten Etwas, das an seine indische Heimath, an den Rajah erinnerte.
Der Eintretende schien direkt aus den fashionablen Salons von London, Paris oder St. Petersburg zu kommen.
Es war ein junger Mann von etwa 27 bis 28 Jahren, von mittlerer Größe und jenem feinen, anscheinend fast weichlichen Wuchs, den man bei den meisten Stämmen und Klassen der Hindu's findet. Sein Kopf war klein und oval gerundet, die Farbe seines Gesichts glich fast der der Europäer, so durchsichtig und klar war dieselbe, obschon der Teint bei schärferer Betrachtung ein mattes, leichtes Goldgelb zeigte, wie es viele italienische Frauen besitzen. Dieser Teint schien um so blasser und heller, als er ganz gleichförmig war und keine Röthung zeigte. Die Stirn, breit und knochig, war von Natur zwar niedrig, hatte aber durch das Abrasiren der Vorderhaare an Wölbung gewonnen. Große, matt und träumerisch blickende Mandel-Augen von
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nußbrauner Farbe, von auffallend langen Wimpern umrandet, machten durch die eigenthümliche Form der Höhlenwölbung und der Brauen darüber, - die in der scharfen Form eines liegenden Fragezeichens die Höhlung bis an den äußern Augenwinkel umgaben und an der starken Nasenwurzel nur durch eine schroffe, tiefe Falte getrennt wurden, - den Eindruck, daß hinter diesem matten Glanz und ruhigen Träumen ein Geheimniß von Kraft und Gluth verborgen sein müsse. Die Nase war gerade und voll, und um ihre Winkel lag ein feiner Zug von Malice. Der Mund mit einer vollen Unterlippe und das runde Kinn drückten, neben einer gewissen Sinnlichkeit, Kraft und Energie aus. Das Gesicht war glatt rasirt bis auf einen elegant gepflegten und gekräuselten Schnurrbart von schwarzer Farbe, von welcher auch das kurze, lockige Haar war.
Der Indier trug eine bis in die kleinsten Nuancen untadelhafte, feine Toilette, die Stoltz selbst, der berühmte Londoner Kleiderkünstler, ihm angepaßt zu haben schien. Sein olivengrüner Jagdfrack mit blanken Knöpfen, Gilet und die Beinkleider waren von modernstem Schnitt, ein Pariser Hut deckte seine Stirn, und die feinen, mit kurzen silbernen Sporen geschmückten Glanzstiefeln, wie die anschließenden gelblichen Glacéhandschuhe zeigten die besondere Kleinheit und feine Bildung der Füße und Hände. Einer jener seltenen schwarzen Diamanten von der Größe eines Fingernagels heftete nachlässig den Knoten der modernen Kravatte zusammen.
Dieser schwarze Diamant war das einzige Juwel, das der Maharadschah trug, und in keinem Salon Europa's würde irgend ein Anzeichen den Sohn Indiens verrathen haben, wenn nicht eine seltsame Zierrath den Blick auf sich gezogen hätte. Es war dies ein kleines rundes Stückchen weißer Thon von der Dicke einer Oblate, das auf die Stirn über die Nasenwurzel aufgeklebt war und zugleich von zwei dünnen Goldfäden, die sich im dunklen Haar verloren, dort festgehalten wurden.
Das war der Tilluk, das von einem geistlichen Brahminen aufgelegte Abzeichen der ersten Kaste.
Die Persönlichkeit des jungen Maharadschah von Bithoor
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war eine so ganz unerwartete, daß auch nach seinem Eintritt das Schweigen der zahlreichen Versammlung dasselbe blieb.
Einen Augenblick stand der indische Prinz still und sein ruhiges, mattes Auge schien die Reihe der Anwesenden zu überblicken; diese kurze Zeit aber hatte vollkommen genügt, ihn zu orientiren, und er schritt sogleich weiter und gerade auf den Grafen zu. Etwa vier Schritt noch von ihm entfernt, zog er den Hut und machte ihm eine tiefe, ceremonielle Verbeugung.
»Monseigneur,« sagte er in geläufigem Französisch, durch diesen Titel zeigend, daß ihm die Verwandtschaft seines Gegners mit dem vertriebenen französischen Königshause bekannt war, - »ich bitte Sie um die Erlaubniß, mich Ihnen vorstellen zu dürfen, und bedaure sehr, daß dies erst an dieser Stelle geschieht, da ich leider bis jetzt verhindert war, dem berühmten Ritter und Vertheidiger der Legitimität meinen Besuch zu machen, was jedenfalls morgen geschehen wäre.«
Der Graf war so erstaunt und überrascht durch diese ungezwungene Höflichkeit, die sich gerirte, als befände er sich allein mit ihm in seinem Salon der Faubourg St. Germain. Er war vielleicht zum ersten Mal in seinem bewegten und abenteuerlichen Leben zweifelhaft über die Antwort, die er ertheilen und ob er den feindlichen Ton seiner Botschaft fortsetzen sollte. Ein Blick auf seine Umgebung gab ihm ein Auskunftsmittel ein.
»Mein Herr,« sagte er mit einer kurzen und hochmüthigen Erwiederung des Grußes auf Englisch. »Ihre Höflichkeit ehrt mich, ich möchte Sie jedoch bitten, wenn Ihnen die englische Sprache geläufig ist, sich dieser bedienen zu wollen, da die meisten dieser Herren in unserer Nähe dieselbe als ihre Muttersprache anerkennen.«
»Dieser Wunsch,« erwiederte der Indier auf der Stelle mit gleicher Geläufigkeit in dem besten Englisch, »giebt mir Gelegenheit, hier öffentlich mein Bedauern auszusprechen, daß von irgend einem niedrigen Menschen mein Name und meine Aufforderung gemißbraucht worden ist, um Sie, Herr Graf, zu beleidigen und das wichtige und kühne Unternehmen zu verdächtigen, dessen Gelingen der Name eines so berühmten Soldaten, wie Sie als
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Führer, allein vor jedem Zweifel an dem Erfolge beschützen mußte, und dem ich meine besten Wünsche widme.«
Dieses offene Desaveu des unglücklichen Zeitungsschreibers erhöhte wo möglich noch das Erstaunen der ganzen Gesellschaft, worauf der würdigste Theil derselben mit einem der Mißbilligung sehr ähnlichen Grunzen seine Furcht zu erkennen gab, daß aus den gehofften Freuden des seltenen Kampfes nichts werden könnte.
Diese Befürchtung wurde jedoch durch den Fortgang der Unterhaltung beseitigt.
»Es wäre unwürdig,« sagte weit höflicher der Graf, »von meiner Seite das geringste Mißtrauen in Ihre Versicherung setzen zu wollen, mein Prinz. Ich kenne aus Europa zu wohl das aufdringliche Natterngezücht der Journalisten, um nicht zu wissen, daß sie sich unberufen in Alles mischen. Die Lection, die ich dem Herrn dort drüben ertheilt habe, wird aber, denke ich, hinreichen, sie etwas vorsichtiger zu machen. Da ich mich jedoch verpflichtet habe, ihm auf meine Weise Genugthuung oder Gelegenheit zu geben, seine sogenannte Ehre wieder herzustellen, so muß ich diese Verpflichtung lösen und an Sie, mein Prinz, die Bitte richten, mir das Mittel dazu zu gewähren.«
Der Srinath Bahadur antwortete nicht; - seine matten Augen waren auf eine Stelle zur Seite des Redners starr gerichtet und eine seltsame Veränderung begann sich in ihnen zu zeigen. Die rehbraune Pupille schien zu wachsen und nahm eine fast schwarze Farbe an, die dem Diamanten an seiner Kravatte glich. Wie aus diesem, schienen den gewöhnlich so ausdruckslosen Augen funkelnde Blitze zu entstrahlen, und das ganze Antlitz des Indiers nahm einen Ausdruck von, man könnte sagen, fanatisirter Lebendigkeit und Erregtheit an, den es früher gar nicht gehabt.
Die Stelle, auf die sich dieses wunderbar belebte und verschönerte Auge richtete, war die, auf welcher Margarethe O'Sullivan stand; der magische Zauber, der diese Veränderung hervorgebracht, das Mädchen selbst.
»Ich habe Sie gefragt, mein Herr,« wiederholte der Graf scharf und ungeduldig, »ob Sie die Güte haben wollen, das Thier, das Sie als Aushängeschild benutzen, uns für das
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morgende Schauspiel zu leihen, oder vielmehr herzugeben. Es versteht sich von selbst, daß ich bereit bin, den Preis desselben Ihnen zu erstatten.«
Der Maharadschah schreckte wie aus einem Traume auf, ohne daß jedoch sein Blick die Dame verließ. - »Für was, Mylord?«
»Für Ihren Tiger, Prinz!«
»Für Striped Bob? Er ist mir nicht feil.«
»Aber ich muß ihn haben, Sir,« sagte heftig der Graf. »Sie werden begreifen, da Sie zur Aristokratie Ihres Landes gehören, daß der Graf Raousset Boulbon sein Wort halten muß, und wenn es hundert Ihrer Tiger kostete!«
Die Augen des Indiers wandten sich endlich wieder auf den Franzosen und fielen sogleich in die frühere Ausdruckslosigkeit zurück. »Sie wollen also mit Striped Bob kämpfen, Mylord, wie man mir gesagt hat?« fragte er.
»Seit einer halben Stunde habe ich die Ehre, Ihnen dies zu wiederholen.«
»Mylord - verzeihen Sie, - ich weiß, daß Sie vor drei Jahren in Lyon eilf Duelle an einem Tage ausgefochten haben, und wage weder an Ihrem Muth noch an Ihrer Gewandtheit als Krieger und Jäger zu zweifeln, aber - haben Sie je einer Tigerjagd beigewohnt?«
»Ich habe Löwen mit Gérard in Algerien geschossen.«
»Aber ein Tiger ist ein weit grimmigerer und gefährlicherer Gegner.«
»Das ist eine Ansicht, die ich und der Tiger auszumachen haben werden,« sagte unwillig der Graf. »Kommen wir damit zu Ende. Wollen Sie mir Ihr Thier überlassen, oder nicht!«
»Mit Vergnügen, Herr Graf, - daran konnte überhaupt kein Zweifel sein.«
»So danke ich Ihnen aufrichtig und stehe zu jedem Gegendienst bereit.« Er reichte dem Indier die Hand. »So bleibt uns demnach nur noch übrig, die Waffen zu bestimmen; denn es ist meine Absicht, daß gegen beide Thiere nur dieselben Waffen benutzt werden dürfen. Wir wollen das kleine Schauspiel auf morgen Abend sechs Uhr festsetzen.«
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»Ich werde den Käfig schon vorher in den Circus schaffen lassen,« sagte der Indier.
»Gut. Zur gleichen Zeit wird der amerikanische Stier zur Stelle sein. Diese Herren werden vielleicht die Güte haben, sich mit der Bestimmung der Waffen und der Art des Kampfes zu beschäftigen und mich dann das Nöthige wissen zu lassen.« Die Sorglosigkeit, mit welcher der tapfere Franzose dies Alles sprach, war fast erhaben. - »Aber ich glaube, daß der Circus selbst noch einiger vorbereitenden Einrichtungen bedürfen wird, die alle Zeit in Anspruch nehmen werden.«
»Möge Eure Herrlichkeit die gesegnete Gnade haben, dies Ihrem demüthigen Diener zu überlassen,« sagte die näselnde Stimme Slongs, der plötzlich wieder zum Vorschein kam. »Ich habe eben von Don José Peralta, dem Eigenthümer des Circus, diesen für die nächsten vierundzwanzig Stunden gemiethet und baar bezahlt.«
Der Graf lachte hell auf, während unter den anwesenden Yankee's sich ein höchst beifälliges und neidisches Gemurmel über diese schlaue und rasche Speculation erhob! »Bravo, wackerer Slong! Das heißt, das im Spiel gewonnene Geld auf Zinsen legen. Wie viel nehmen Sie für den Platz, Sie spendabler Diener der Heiligen?«
»Nur zwei Dollar die Person, Mylord!« sagte der bescheidene Methodist.
»Nun, dann weiß ich wahrhaftig nicht, weswegen Sie sich nach zwei solchen Glücksschlägen noch den Gefahren der Sonora-Expedition aussetzen sollten. Nur rathe ich Ihnen, bis morgen auf Ihrer Hut zu sein!«
»Ich habe so eben das Glück gehabt, John Merdith, den Kentuckier, zu meinem Associé zu gewinnen,« berichtete der vorsichtige Speculant, indem er mit einer Bewegung der Hand den Croupier präsentirte, den er vor kaum einer Stunde so schmählich betrogen und den er jetzt klüglich zu seinem Beistande gemacht hatte.
Der kentuckische Pferdedieb grinste bestätigend, indem er, mit einem bedeutsamen Blick auf die Versammlung, die Pistole in der Tasche seiner Klappenweste lüftete, und diese Bewegung schien
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den nöthigen Wink für Jeden zu bilden, der etwa »speculiren« möchte, sich an Ehrwürden Slong beim Verlassen des Spiel-Hauses zu machen.
»Somit wären die Präliminarien beseitigt,« sagte höflich der Chef der Sonora-Compagnie. »Und da ich Nichts weiter hier zu schaffen habe, so erlauben Sie mir, mein Prinz, mich Ihnen zu empfehlen.«
»Sie sind so gütig, mein Herr,« sprach der Indier, »daß - obschon ein armer und unbekannter Wilder - ich es dennoch wagen möchte, die Bitte an Sie zu richten, nach Ihrem Belieben in meiner Wohnung eine Tasse indischen Thee oder ein anderes passendes Nachtgetränk nehmen zu wollen, indeß diese Herren hier das Weitere des morgenden Festes berathen. Herr Mac-Scott ist meinerseits zu jeder Anordnung bevollmächtigt.«
»Und ich bestimme die Herren Delavigne und O'Sullivan zu meinen Adjutanten und meiner Vertretung. Ich nehme Ihre Einladung an, meine indische Hoheit, und bin bereit, Sie zu begleiten. Das Resultat Ihrer Berathung, Eduard, werden Sie uns alsbald nach der Behausung des Herrn Maharadschah bringen.«
Der Graf nahm den Arm des Indiers. »Adieu, meine Herren, und vergessen Sie nicht, erstens uns morgen Ihre Gegenwart zu schenken, und zweitens, daß die Actien der Sonora-Expedition auf dem Cours von 187\frac12 bleiben müssen.«
Die Indier am Eingang hoben den Thürvorhang und die beiden Gegner verließen in bester Eintracht die Spielboutique.
Wir überlassen die Bankhalter ihren Bemühungen, das gestörte Spiel an den einzelnen Tafeln wieder in Gang zu bringen, und die Gesellschaft, um die beiden Tigerjäger und die erwählten Secundanten des Grafen versammelt, dem lärmenden Disput über die Art und Weise, in welcher das seltsame Stiergefecht ausgefochten werden sollte - eine Angelegenheit, bei welcher der Hauptbetheiligte, der unglückliche Hillmann, gar nicht oder doch nur gehört wurde, um ihm Vorwürfe zu machen, daß er den Lasso nicht zu werfen verstehen wollte, - und folgen dem Indier und dem französischen Abenteurer in das Zelt des Erstern.
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Die Abtheilung, oder vielmehr das Gemach, in welches der junge Maharadschah seinen Gast geführt hatte, war mit allem Luxus und aller Weichlichkeit, indischer Pracht ausgestattet, ganz entgegengesetzt der einfach eleganten Erscheinung seines Herrn. Schwere persische Teppiche bedeckten Wände und Fußboden, und eine Reihe von kostbaren und seltenen Waffen hingen in Festons umher.
Auf die Einladung Srinath Bahadurs hatte der Graf auf einem niedern Divan aus Kissen von gelber Seide von Canton Platz genommen und sog aus dem mit Rubinen und Smaragden besetzten weißen Bernstein-Mundstück des langen, schlangenartig gewundenen Rohrs einer kostbaren Hukah den mit Rosenwasser parfümirten hellen Tabak von Schiraz. Ihm gegenüber saß in gleicher Beschäftigung der Indier, und zwei Diener brachten auf goldenen Platten in kleinen Schalen von durchsichtigem japanischen Porzellan, die in Untersätzen von kunstvollem Silberfiligran standen, jenen kostbaren, duftigen Trank aus den ersten Knospen des Theebaumes, die nur für die besonders bevorrechteten Kinder des himmlischen Reiches der Mitte gesammelt und bereitet werden und nie in den Handel nach Europa kommen.
Beide Männer plauderten lange und hin- und herschweifend über Pferde, Jagd, indische und europäische Sitten und die politischen Ereignisse der letzten Jahre, und der Graf hatte vielfach Gelegenheit, nicht allein die Bildung und das ruhige und scharfsichtige Urtheil seines Wirthes, sondern auch seine genaue Kenntniß der europäischen Verhältnisse zu bewundern.
»Ich gestehe Ihnen,« sagte zuletzt lachend der Graf, »daß ich mir nach dem gelben und aufgeblasenen Wesen einiger londoner Nabobs, die ich kennen zu lernen das Vergnügen hatte, und nach den Erzählungen britischer Offiziere, die in Indien sich Avancement, Reichthum und eine kranke Leber geholt, eine ganze andre Vorstellung von einem indischen Rajah gemacht habe, als Sie mir bieten. Indeß gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich glaube, es ist mehr englische Maske.«
Der Maharadschah lächelte leicht. »Warum sollte mein Volk, das älteste der Welt, von dem alle Kultur über die ganze Erde ausgegangen ist, nicht befähigt sei, sich den europäischen
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Firniß unserer Herren und Gebieter anzueignen? Glauben Sie mir, Monseigneur - der Indier ist jeder Bildung fähig und sein Land von Brahma gesegnet vor allen Theilen der Erde.«
»Ich habe viel von Indien gehört,« sagte der Franzose, und hätte es gern besucht, wenn es nicht eben unter der Botmäßigkeit der Engländer stände, die ich nicht besonders liebe, und wenn das Schicksal mich nicht in anderen Zonen gefesselt hätte. Aufrichtig - ich bedauere, daß ich verhindert bin, an Ihrem Tigervertilgungskrieg in Singapore mich zu betheiligen.«
»Und was verhindert Sie daran, Monseigneur?«
»Ei, die Sonora-Expedition, auf die ich alle meine Hoffnungen gesetzt habe. Europa ist keine Heimath mehr für mich, ich muß mir hier eine neue schaffen, würdig meines Namens, und dies kann nur ein Fürstenthum oder ein Königreich sein.«
»Wann glauben Sie, Ihre Expedition anzutreten?«
»Das hängt von den Umständen ab, Prinz - zunächst von dem, ob mich morgen Ihr Striped Bob, der ein ganz stattlicher Gegner ist, auffressen wird, oder ich ihn. Sodann sind meine Vorbereitungen noch nicht ganz in Ordnung; wir bedürfen einer Menge Waffen und Ausrüstungen, die so rasch nicht zu beschaffen waren, obschon der größte Theil dieser Gegenstände bereits in unserm Lagerhause beisammen ist, und ich hoffe, binnen acht Tagen auch den Rest erworben zu haben. Die Leute, deren ich bedarf, sind dagegen bereit.«
Das Auge des Maharadschah begann sich wieder zu beleben, es leuchtete diesmal listig und berechnend. »Monseigneur,« sagte er, - »ich hatte gehört, daß in dieser Stadt die Tapferen und Abenteuerlustigen nie fehlen und aus allen Enden der Welt zusammenströmen. Wie lange Zeit würden Sie brauchen, um eine neue Ausrüstung zu Stande zu bringen?«
»Ein halbes Jahr - mindestens drei Monate.«
»Nun wohl, ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Verkaufen Sie mir Ihre Expedition auf ein halbes oder ein Vierteljahr!«
»Mein Herr - - -«
Der Indier legte freundlich die Hand auf den Arm des Abkömmlings Ludwig des Heiligen. »Verständigen wir uns,
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Monseigneur. Ich könnte die Erfüllung meiner Wünsche Striped Bob, meinem Tiger, anheimstellen, aber ich liebe die Tapferm und die Leute Ihrer Nation. Mein Wunsch ist, mir von Ihrer kleinen Armee von kühnen Männern zwanzig der Tapfersten auslesen und sie an mich fesseln zu dürfen, während sie jetzt Ihnen mit Leib und Seele verpflichtet sind. Dies ist nur möglich, wenn Sie im Allgemeinen die Expedition verschieben und damit die eingegangenen Verpflichtungen lösen. Binnen wenig Monaten werden Sie eben so viele und eben so kühne neue Theilnehmer gefunden haben. Das Actien-Capital Ihrer Unternehmung beträgt fünfzigtausend Dollar - ich biete Ihnen hunderttausend für drei Monate!«
»Ihr Vorschlag, Prinz,« sagte der Graf, zweifelhaft, ob er aufgebracht darüber sein oder ihn prüfen sollte, »würde eine Beleidigung sein, wenn Sie Ihren Grund nicht so aufrichtig angeführt hätten.«
»Es ist keine Beleidigung, Monseigneur, sondern eine Bitte von meiner Seite.«
»Ueberlassen Sie die Erfüllung Ihrem Bob,« sagte der Graf nach einigem Nachdenken. »Es ist leicht möglich, daß er Sie mit einem Schlage seiner gewaltigen Tatzen von der ganzen Sonora-Expedition befreit. So vortheilhaft Ihr Vorschlag ist - so würde ich doch nicht darauf eingehen können, ohne meine Ehre in den Augen meiner Gefährten bloßzustellen und ihr Vertrauen zu täuschen. Nur mein Tod oder der Verlust unserer ganzen, bereits vorhandenen Ausrüstung könnte vor den Leuten und den Yankee-Actionairen der Compagnie die Verzögerung oder Aufgabe der Unternehmung rechtfertigen.«
Einer der indischen Diener hob in diesem Augenblick den Vorhang und führte Mac-Scott und Delavigne herein. Sie kamen, um anzuzeigen, man habe sich dahin geeinigt, daß jeder der beiden Kämpfer beliebig zu Pferde oder zu Fuß den Kampf ausfechten und mit einer Büchse und einer Machete, oder sonst einer kurzen blanken Waffe, gerüstet sein solle, und daß Jeder von einem Secundanten begleitet werden dürfe, dessen Ausrüstung beliebig sein möge, und der nur in dem Fall der höchsten Lebensgefahr oder des Versagens des Gewehrs zu Hilfe kommen dürfe.
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»Wen werden Sie zu Ihrem Secundanten wählen, Monseigneur?« fragte der Indier.
Eduard O'Sullivan trat sogleich näher. »Mylord, ich fordere diese Ehre für mich, weil ich der Jüngste Ihrer Gesellschaft, und deshalb beweisen muß, daß ich Ihrer Freundschaft nicht unwürdig bin.«
»Gut denn,« sagte der Graf, indem er ihm die Hand reichte, »ich bin es zufrieden, aber sorgen Sie dafür, daß die schöne Miß Margareth, Ihre Schwester, mich nicht anklagt, wenn ein Unglück geschieht; ich habe Sie nicht gewählt. - Was für eine Art Büchsen, Herr Mac-Scott, pflegen Sie bei Ihren Tigerjagden zu benutzen?«
»Mit einer festen Hand und einem sichern Auge, Mylord, ist jede Büchse gut. Doch steht Ihnen die meine sehr gern zu Diensten.«
»Ich danke, Herr,« lehnte Graf Boulbon ab, »ich besitze selbst ein vortreffliches Gewehr von Lepage.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Monseigneur, bei unseren Tigern muß der erste Schuß tödtlich sein.«
Der Graf lächelte spöttisch. »Sind diese Pistolen geladen, Hoheit?« Er zeigte auf ein Paar schöne englische Scheibenpistolen, die an der Wand des Gemachs hingen.
»Ja, Monseigneur, bedienen Sie sich ihrer.«
»Bitte, öffnen Sie den Vorhang ein wenig,« sagte der Graf zu einem der Diener, es ganz vergessend, daß dieser ihn nicht verstand, indem er nach der Wand ging und eine der Pistolen herunternahm.
Der Maharadschah wiederholte lächelnd dem Manne einige Worte auf indisch, und dieser öffnete den Vorhang. Man sah dadurch in der Entfernung von etwa 25 Schritt den Eingang des Zeltes, vor dem noch ein Haufe von Müßiggängern und Vagabonden der untersten Klassen umherlungerte.
»Hat einer von Euch Schurken ein Spiel Karten?«
»Zu dienen, Excellenz!« Zehn fuhren aus der Tasche ihrer schmutzigen Manga's oder Beinkleider.
»Halte Jeder eine Karte zwischen den Fingerspitzen in die
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Höhe, der Lust hat, einen Dollar ohne Arbeit zu gewinnen. Der, dessen Karte ich wähle, bekommt das Dreifache.«
Acht von den Kerls zögerten nicht, und hoben eine Karte in die Höhe, obschon sie das Pistol in der Hand des Grafen sahen. Sie setzten ja das Leben oft für Weniger auf's Spiel!
Der Graf, der an den Eingang des Gemaches getreten und eine Zehndollar-Note auf den Boden geworfen hatte, kehrte zurück. »Coeur Aß!« sagte er halblaut und drehte sich um. In demselben Augenblick fast fiel auch schon der Schuß und die bezeichnete Karte flog aus den Fingern des Lepero, der sie gehalten.
Die Portière fiel wieder herunter unter dem Hurrah des Gesindels, das sich auf die Zehndollar-Note stürzte.
»Sie schießen vortrefflich, Mylord,« sprach der Schotte kaltblütig; »indeß habe ich schon näher an den Mittelpunkt treffen sehen, und möchte Sie daran erinnern, daß ein Tigerschädel ein anderes Ding ist, als ein Kartenblatt.«
Raousset Boulbon erröthete leicht. »Ich wollte Ihnen auch blos beweisen, daß meine Hand fest und mein Auge sicher ist. Was mich noch in Zweifel setzt, ist die Wahl der blanken Waffe.«
»Wenn Sie, Monseigneur, mit den unseren vertraut wären,« sagte der Indier, »so würde ich Sie bitten, diese Dschambea von mir anzunehmen. Sie ist gleich gut zum Stich wie zum Hieb, und ein wohlgeführter Schlag mit diesem echten Kashemir-Stahl würde einen Schädel von Marmor spalten.« Er reichte ihm die furchtbare Waffe, die, halb Beil, halb Hackemesser, etwa 2 Fuß lang und von convexer Form war, den Schwerpunkt von großem Gewicht an der Spitze tragend, und so scharf wie ein Rasirmesser.
Der Graf wog sie mit Interesse in der Hand: »Ich glaube, daß sie vorzügliche Dienste leistet und würde mich ihrer gern bedienen, aber ich fürchte, daß ihr Gebrauch mir zu ungewohnt ist. Ich will daher lieber einen trefflichen Handjar wählen, den ich bei der Eroberung von Constantine einem arabischen Sheik abnahm. Und nun, meine Herren, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir uns trennen. Leben Sie wohl, mein Prinz, und nehmen Sie meinen Dank, bis der morgende Tag entscheidet, ob Sie die
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Aktien der Sonora-Compagnie für einen billigern Preis haben können, als Sie dafür zahlen wollten.«
Er verbeugte sich und verließ, von dem indischen Fürsten bis zum Eingang begleitet, das Zelt, ohne im Vorübergehen seinem furchtbaren Gegner für den nächsten Tag auch nur einen Blick zu schenken.
Die Nachricht von dem seltsamen Zweikampf hatte sich wie ein Lauffeuer nicht allein durch San Francisco, sondern auch auf allen Hacienda's und Missionen der Umgegend und auf den Schiffen der Rhede verbreitet, und ehe noch die Mittagsstunde geschlagen, waren alle Kaffeehäuser und Schänken der Stadt und die öffentlichen Plätze gefüllt mit Personen, die herbeigekommen, um das Schauspiel mit anzusehen.
Unter der ganzen zahlreichen Menge gab es nur zwei Menschen, die höchst mißvergnügt über die Sache und ihren Antheil waren: Don Peralta, den Eigenthümer des Circus, der so thörichter Weise die Einnahme des Tages an Master Slong, den Methodisten, für tausend Dollar verkauft und dabei Wunder was für ein gutes Geschäft gemacht zu haben geglaubt hatte, und Master Hillmann, den unglücklichen Haupt-Acteur bei dem Kampfe selbst.
Es fehlte dem Deutschen, wie bereits erwähnt, keinesweges an persönlichem Muth, und er würde ohne ein Zucken der Furcht der todbringenden Pistolenmündung des Grafen entgegengetreten sein, aber die Rolle, die man ihm hier wider seinen Willen aufgezwungen, machte ihn befangen, ja ängstlich, und es gehörte der ganze Sturm von Beredtsamkeit, den seine Freunde über ihn ergossen, und der nicht unbedeutende Strom von spirituösen Erregungsmitteln, der in ihn hineingegossen wurde, dazu, um seine Zustimmung und seine Kraft aufrecht zu erhalten. Da er in seinem Vaterlande als Kavallerist gedient hatte und ein nicht ungeübter Reiter war, hatte er den Angriff zu Pferde vorgezogen und nach langen Debatten, auf den Rath der verständigsten seiner Freunde, einen Mexikaner, Namens Antonio Perez, zum
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Sekundanten gewählt, der einer der berühmtesten Torero's in den Stierkämpfen des Circus von San Francisco war.
Während der ganzen Nacht bei Fackelschein und bis Mittag war von einem zahlreichen Personal, auf Kosten des Methodisten, gearbeitet worden, der wohl wußte, daß er hierbei nicht sparen dürfe, den Circus für die Eventualitäten des zweiten Kampfes in Stand zu setzen, die untere Barrière mit Bohlen und Brettern gegen einen Ausbruch des Tigers zu verrammeln und die Sitze des Publikums zu erhöhen und zu dekoriren. Auf der einen Seite erhoben sich die Fahnen der Sonora-Compagnie mit dem prächtigen Wappenbanner der stolzen Abkömmlinge der Lusignan und zahlreiche bunte Fähnchen, Teppiche, Schärpen und Bänder bedeckten die verschiedenen Abtheilungen der Plätze und wehten, von der Seebrise gehoben, durch die Luft.
Nicht weniger phantastisch war die gegenüberliegende Seite der Arena von der Tiger-Vertilgungs-Compagnie ausstaffirt. Die Matrosen der Brigg »Sarah Elise« hatten den Platz ihres Schiffspatrons mit allen aufzutreibenden Flaggen an einem darüber errichteten Mast geschmückt, die prächtigsten indischen Teppiche bedeckten die Bänke und Galerien, und gerade unter der Loge des Maharadschah befand sich der Käfig mit der Hauptperson des Tages, dem gewaltigen Tiger Striped Bob.
Obschon der Beginn des Stiergefechts erst auf 6 Uhr Abends verkündet war, strömten doch mehrere Stunden vorher die Zuschauer in die Arena, um sich, trotz der glühenden Mittagshitze, die besten Plätze zu sichern, und Master Slong hatte alle Hände voll zu thun, mit seinen Gehilfen die Ordnung des Eintritts aufrecht zu erhalten und die Dollars einzukassiren. Auf den Anhöhen, welche auf drei Seiten gleich einem Amphitheater den Circus von San Francisco umgeben, lagerte eine zahllose Volksmenge, Auswanderer, Indianer und andere Personen, denen die Goldwäscherei, das Spiel und die Spekulation nicht die Mittel gewährt, den erhöhten Eintrittspreis zu zahlen.
Der Graf hatte noch am Abend den Stier gekauft, den er ausersehen, die Gefahren der Prairie zu repräsentiren. Das Thier war mit mehreren anderen von seinem Eigenthümer aus Speculation von den Weiden einer entfernten Mission nach San
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Francisco vor wenigen Tagen gebracht worden, um in den Stiergefechten seine Rolle zu spielen. Der Besitzer des Circus jedoch, welcher die Kampfstiere zu liefern hat, zeigte wenig Lust zu dem Handel, da es weit mehr in seinem Vortheil lag, ältere und ruhigere Thiere zu requiriren, deren Feuer und Ungestüm ihn nicht der Gefahr aussetzte, sie sogleich zu verlieren. Der junge Bulle befand sich mit zwei anderen, zum Vorspiel des Kampfes bestimmten Thieren in den Ställen unter der Loge des Grafen.
Zahllose Wetten von jedem Betrage waren bereits unter der Menge über den Ausgang des Kampfes geschlossen worden und steigerten sich mit jedem Augenblick. Eine Wolke lärmender Ungeduld schien über der ganzen Masse zu lagern, die den Circus und dessen Umgebung füllte, und machte sich in Geschrei, Geheul, Pfeifen und Gelächter Platz, von Minute zu Minute wachsend, denn die Zeit zur Eröffnung des Stiergefechts war bereits nahe und noch keiner der Haupthelden des Tages erschienen.
Plötzlich, ein Viertel vor sechs Uhr, donnerten von zwei in der Bai ankernden französischen Schiffen drei Salutschüsse, und man sah die Tricolore zur Mastspitze emporsteigen. Die Franzosen begrüßten ihren tapfern Landsmann, der so eben die Stadt verließ.
Der Graf ritt mit seinen beiden erwählten Adjutanten, dem Kapitän Delavigne und Master O'Sullivan, voran, und ihnen folgten, sämmtlich mit einer handgroßen Cocarde in den Farben des Grafen, Weiß und Blau, geschmückt, die Theilnehmer der Sonora-Expedition, theils zu Pferde, theils zu Fuß; unter den französischen Cavalieren der Vorderreihe die schöne Irländerin. Der Graf trug ein Jagdhemd von Hirschleder, mit Seide ausgenäht, und um den Leib mit einer chinesischen Seidenschärpe zusammengehalten, in welcher ein arabischer Yatagan mit silberbeschlagenem Ebenholzgriff in sammetner Scheide steckte. Ueber dem Rücken hing ihm eine kurze Büchse, und auf dem Kopf trug er einen grauen Filzhut mit gleicher Straußfeder geschmückt. Die prächtige, militärische Gestalt des Grafen, sein stolzes entschlossenes Gesicht verfehlten ihren Eindruck auf die Menge nicht, und er glich einem der alten Turnierritter, die in die Schranken reiten, als er mit leichtem Schenkeldruck den Schimmel, der ihn trug,
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sich heben und durch den Eingang in den Circus setzen ließ, wo er unter den donnernden Cheers und Hurrahs der Menge vom Pferde stieg und mit französischer Galanterie Margarethe O'Sullivan nach den Sitzen geleitete, die Slong für ihn und sein Gefolge reservirt hatte.
Sie hatten kaum ihre Plätze eingenommen, als der rollende Donner einer Salve von acht Karonaden von der »Sarah Elise« verkündete, daß auch der Zug des Maharadschah von dem Thor San Dolores her unterwegs sei, und Aller Augen wandten sich nach der Straße und dem Eingang des Circus.
In den Sonnenstrahlen blitzte es von Stahl und Gold, als der Zug näher und näher kam, und das Drängen und der bewundernde Ruf der Volksmenge, auf welche äußeres Gepränge nie seinen Eindruck verfehlt, verkündete ein besonders anziehendes Schauspiel.
Bald vermochten die Harrenden im Circus den Grund des Staunens und Geschreies zu erkennen.
Diesmal war es nicht der modernisirte Wilde, der anglisirte Gentleman, der ihre Blicke und ihre Erwartung täuschte. - Der, welcher nahte, hatte keine Spur, keinen Zug des europäischen, hohlen Firnisses an sich, mit dem er gestern kokettirte - es war der Mahrattenfürst in all' dem imposanten Glanz, in der phantastischen Pracht seiner wilden, sagenreichen Heimath.
Zwölf Matrosen der »Sarah Elise«, mit ihrem Capitain, eröffneten den Zug in der reichen Tracht der indischen Seeleute, zum Theil Laskaren mit ihren broncegrünen Gesichtern, zum Theil Männer aus allen Theilen der Erde, aber Alle gestählt durch hundert schwere Gefahren. Ihnen folgten vier indische Diener des Maharadschah in weißen, wallenden Gewändern, kostbare Seidenschärpen um die Hüften und in den Händen goldene Becken oder Triangel, deren Zusammenschlagen einen durchdringenden Lärmen verursachte. Dann kam, begleitet von seinen beiden Speer- und Pfeifenträgern, zwei riesige Mohren in rothen, goldverbrämten Tunika's gekleidet, der Maharadschah selbst.
Der künftige Peischwa von Bithoor trug die volle Kampf-Rüstung des Mahrattenfürsten. Eine blanke Stahlkappe von alterthümlicher Form, an die spitzen Helme der ersten Kreuzzüge
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erinnernd, und umwunden von einem weißen mit Gold gestickten Mousselinbund, bedeckte sein Haupt, und während von der Spitze des Helms die prächtigen Schwanzfedern des Paradiesvogels wogten, hingen auf beiden Seiten die schärpenartigen und mit schweren Goldfransen geschmückten Enden des Kopfbundes an den Schläfen nieder bis auf die Schulter. Ein mattgraues, aus den feinsten Stahlringen geflochtenes Panzerhemd, so biegsam und weich wie Sammet, schloß den obern Theil seines Körpers ein und fiel bis auf die halben Schenkel, welche in weite, orientalische Beinkleider von gelber Seide gehüllt waren, die in kurze, chinesische Schnabelstiefel ausliefen, deren feiner, rother Corduan mit Goldfäden in Blumen und Arabesken durchnäht war. Eine indische Weste von rothem Seidenzeug, fast verschwindend unter der Menge ihrer Gold- und Edelstein-Stickereien, wurde wiederum von einem langen, mantelartigen Ueberwurf von weißem Cashemir, aus der feinsten Wolle der thibetanischen Lämmer gewebt, bedeckt. Die schlanke Taille des Maharadschah umschloß unter dem Ueberwurf ein kostbarer indischer Shawl, von dem ein stark gekrümmter Säbel herabhing, dessen Griff und Sammetscheide von Edelsteinen im Sonnenlicht blitzte. Im Gürtel selbst steckte die Dschambea, die er am Abend vorher dem Grafen anempfohlen.
Der Maharadschah, der auf der Brust über dem Kettenpanzer den in Brillanten strahlenden persischen Sonnenorden trug, ritt ein schwarzes, arabisches Pferd vom Nedjid-Blut, mit weißer Mähne und weißem Schweif. Das edle Thier mit dem kleinen Kopf, den breiten Nüstern und dem feurigen kleinen Auge warf den Schaum um das goldene Gebiß, als würde es nur mit Gewalt vom Beginn des flüchtigen Laufs zurückgehalten, der mit der Schnelligkeit des Windes wetteifert.
Hinter dem Maharadschah kamen zu Fuß Master Gibson und Mac-Scott, die beiden Tigerjäger, mit den wenigen Männern, die für die Tiger-Killing-Company bereits angeworben waren, und ihnen folgte, von seinen deutschen und englischen Anhängern umgeben, mit seinem Sekundanten zu Pferde der erste Kämpfer in dem großen Drama des Tages, Master Hillmann, der Redakteur des California Chronicle.
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Seine Freunde hatten ihn zur Feier des Tages in einen mexikanischen Anzug gesteckt, dessen weite, bis hoch an die Schenkel herauf geschlitzte Calzoneras, mit den mächtig großen Pfundsporen an den Schuhen, nebst der engen Jacke, ihm eben so ungewohnt als unbequem und nachtheilig für die freie Bewegung waren. Da er aber darauf bestanden hatte, den Stier gleich den Torreadores zu Pferde anzugreifen, hatte er sich in diese Ausstaffirung fügen müssen. Eben so war dem nur mit der europäischen Reitschule vertrauten Kavalleristen, der hohe mexikanische Sattel unbequem. Trotz dieser Uebelstände hielt er sich, die Büchse auf den Schenkel gestützt, in fester Haltung auf dem an die Stiergefechte gewöhnten Pferde und zeigte jetzt, wo der Kampf unausweichbar war, einen gewissen fieberischen Muth. Antonio Perez, der Torreador saß sehr unbekümmert neben ihm quer im Sattel, rauchte seine Papier-Cigarre und berechnete den Werth der Edelsteine, die der Maharadschah an sich trug.
Unter dem Klang der Becken und Triangel und dem Geschrei der Menge erreichte der Zug den Circus und trat durch den Eingang in die Arena. Als der Maharadschah an der Tribüne vorüberritt, auf welcher der französische Graf mit seinem Gefolge saß, verneigte er sich höflich, indem er seine Rechte an Stirn und Brust legte, dann schwang er sich, vor seinem Sitz angekommen, gewandt aus dem Sattel und stieg die Stufen hinauf. Nachdem die Neuangekommenen ihre Plätze eingenommen und die Pferde fortgeführt worden waren, wurden die Schranken des Circus geschlossen, und das am Eingang postirte Orchester, aus verschiedenen verkommenen europäischen Musikern und einigen Dilettanten bestehend, begann einige spanische Tänze und Polka's zu spielen.
Aber das Publikum zeigte sich wenig geneigt, auf diese Kunstleistungen zu hören, und bald erscholl der donnernde Ruf: »Toros! Toros!« (»die Stiere! die Stiere!«)
Es waren im Circus und auf den Anhöhen umher mehr als fünfzehntausend Menschen versammelt, die alle mit Begier auf den Beginn des Schauspiels harrten. Master Slong überschlug seine Einnahme auf baare zehntausend Dollar. Es war keine Aussicht, daß noch mehr Zuschauer eintreffen würden, denn
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die ganze Stadt war versammelt, und überdies wäre es unmöglich gewesen, noch einen Menschen in die vollgestopften Galerieen hineinzupressen. Er nahte daher mit einer tiefen Verbeugung der Tribüne, auf welcher der Alcalde neben dem Grafen saß, und bat um die Erlaubniß, das Spiel zu beginnen, worauf der Beamte mit seinem Taschentuch das Zeichen gab und nach spanischer Sitte die Schlüssel zum Toril hinabwarf.
Sofort schmetterten zwei Hörner vom Eingang her und die Barrière wurde geöffnet, um den Zug der Toreros oder Stierfechter in die Arena einzulassen.
Es werden einige Worte über den Bau derselben nöthig sein, um die folgenden Scenen besser zu verstehen.
Die Arena hat eine eirunde Gestalt und ist mit lockerem Boden bedeckt, um dem Kämpfer festen Tritt zu gewähren und ihn vor der Heftigkeit eines Falles zu schützen. Dem Eingang gegenüber befindet sich der Toril, der in Behälter getheilte und mit Gittern geschlossene Hof für die Stiere.
Eine starke Barrière von 8 bis 9 Fuß Höhe umgiebt die Arena, und hier beginnen, von einer Brustwehr geschützt, die Sitzreihen, die amphitheatralisch über einander emporsteigen, die Galerieen und Logen für die Vornehmen durch offene Zeltdächer geschützt. Der innere Raum der Arena wird von einer zweiten, fünf Fuß hohen Mauer umgeben, zwischen der und der Zuschauerschranke ein breiter Gang umläuft, bestimmt zur Aufnahme der flüchtenden Fußkämpfer, die dem wüthenden Stier durch enge Oeffnungen in dieser Mauer entrinnen, wenn sie nicht gezwungen sind, in einem Sprung darüber ihre Rettung zu suchen. Diese Oeffnungen waren für den Kampf des Tages durch Balken verschlossen und die Brustwehr vor der ersten Zuschauer-Galerie überdies um zwei Fuß erhöht worden, um jedem Ausbrechen des Tigers vorzubeugen.
Die Banderilleros eröffneten den Zug, die Kämpfer zu Fuß, welche die Aufgabe haben, ihre kleinen, einen Fuß langen, mit einem stählernen Widerhaken an der Spitze und mit rauschenden Streifen Papiers oder Schwärmern am Schaft versehenen Pfeile in das Fleisch des Stieres zu bohren und seine Wuth
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dadurch aufzustacheln, damit er halb rasend vor Schmerz und Zorn desto leichter die Beute des Matadors werde.
Die Rolle der Banderilleros wird gewöhnlich nicht von regelrechten Toreros oder Stierkämpfern übernommen, sondern von Liebhabern und Freiwilligen aller Stände, die sich auf die Schnelligkeit ihrer Beine verlassen und in der Aufregung des Angriffs und der Verfolgung ein Vergnügen oder eine Befriedigung ihrer Eitelkeit suchen. Die Banderilleros des Circus von San Francisco bestanden daher auch aus einer bunten Gesellschaft von wagehalsigen Yankees, Californiern, zwei Choctaw-Indianern und einem freien Neger, die sämmtlich so gut und seltsam das spanische Costüm nachgeahmt hatten, als es ihre Lage oder ihre Mittel gestatteten. Die eigenthümlichste Figur bildete ein englischer Matrose darunter, der, halb betrunken, es sich durchaus nicht hatte nehmen lassen wollen, in Gesellschaft seiner zufälligen Freunde oder Zechbrüder mit dem Stiere anzubinden. Ein Hurrah seiner zahlreich versammelten Kameraden von allen Nationalitäten empfing Jack, der, nicht wenig geschmeichelt, sich die Haare herunterstrich und nach allen Gegenden der Windrose seinen Kratzfuß machte, wobei er es nur der Unterstützung seiner Nachbarn zu danken hatte, daß er nicht den Boden maß.
Jetzt kamen die eigentlichen Kämpfer, die Picadores - oder Pikenträger - zu Pferde, in Scharlachjacken mit Silber besetzt, die weiten, ledernen Beinkleider mit braunem Zuckerpapier ausgestopft, das dem Horn des Stiers bei einer unglücklichen Ueberraschung oder falschen Wendung Widerstand leistet, in der Faust die lange, mit einem Fähnchen oder mit Federn versehene Pike. Es waren ihrer vier, sämmtlich Vaqueros der Mission Dolores, die gegen Bezahlung hier ihre Künste zum Besten gaben. Die Pferde, die sie ritten, waren jedoch jämmerliche Thiere, durch Arbeit oder Krankheit entkräftet, und eben zu Nichts mehr gut, als unter den Hörnern der Stiere zu fallen. Denn das Vergnügen des Stiergefechts wird danach geschätzt, wie viele Pferde dabei verwundet oder getödtet werden, und da der Eigenthümer des Circus sie zu liefern hat, ist es natürlich, daß er sie so billig als möglich zu kaufen sucht. Dennoch ist es wunderbar, welches Feuer und welchen Muth diese alten und schwachen Thiere oft
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noch im Circus beweisen, gleich dem edlen Schlachtroß, das, schon verwundet, auf den Ruf der Trompete mit seinem Reiter in's dichteste Gewühl des Kampfes stürzt.
Hinter den Picadores kam der Matador mit seinen beiden Gehilfen, den Mediaespada oder Halbschwertern, das verhängnißvolle rothe Tuch in der Linken, das kurze, scharfgeschliffene Schwert, mit dem er den Todesstoß versetzt, in der rechten Hand. Der Matador war Antonio Perez, der Secundant des deutschen Zeitungsschreibers selbst, aber diesmal blos des Gepränges halber im Zug, da Master Slong vorher angekündigt, daß des nachfolgenden besondern Kampfes halber es bei den vom Circus gelieferten Stieren nur auf ein Scheingefecht der Banderilleros und Picadores abgesehen sein werde. Den Schluß des Zuges bildeten die vier mit Blumen und Bändern geschmückten Maulthiere, an einen Querbalken gespannt und bestimmt, die Leichen der Stiere oder Pferde vom Kampfplatz zu schleifen.
Dieser Zug bewegte sich um die Arena; als er dem Sitze des Maharadschah nahte, warfen auf ein Zeichen desselben die indischen Diener Gold- und Silbermünzen hinab, was eine kleine Katzbalgerei der ehrlichen Banderilleros und einen kurzen Aufenthalt veranlaßte, worauf der Umzug weiter ging. Die Augen des Publikums und der Theilnehmer waren jetzt voll Erwartung auf das Verhalten des Grafen gerichtet, doch dieser nahm keine Notiz von dem habsüchtigen Gesindel, bis Antonio Perez, der Matador sich dicht unter seiner Loge befand; dann warf er diesem mit geschicktem Schwung seine wohlgefüllte Börse zu, die derselbe geschickt auffing und mit tiefer Verbeugung unter den Evviva's der Menge in die Tasche steckte.
Der Augenblick zum wirklichen Beginn des Spiels war jetzt gekommen, und der Sherif mit seinen Gehilfen räumte die Bahn. Nur die vier Picadores und die Banderilleros blieben darin zurück und stellten sich zur linken Seite des Torils auf, die Fußgänger zwischen die Reiter vertheilt.
Auf das Zeichen des Alkalden flog das erste Gitter auf und der Feind sollte in die Bahn stürzen.
Aber der Stier schien sich in seinem Behältniß ganz wohl zu befinden, - er kam nicht.
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Ein tausendstimmiges Pfeifen, Geheul und Zischen brach sofort los, und die Luft erdröhnte von allerlei Spott und Hohnrufen, gleich als müsse das Thier sie verstehen. »Vaccha! Vaccha!«43 klang es lärmend und höhnend von allen Seiten. »Die Piken! Laßt die Hunde los! Heraus mit dem Feigling! Die Peitsche! die Peitsche!«
Unter dem Lärmen der Versammlung hatten die Diener des Circus bereits die nöthigen Mittel angewendet, und der alte Bulle, der zuerst seine Fechterkünste zeigen sollte, galoppirte jetzt wirklich heraus in den freien Raum, mit Zischen und Pfeifen empfangen.
Der zähe Bursche war kein Neuling mehr in den Spielen, und hatte bereits verschiedene Male vor dem hohen Adel und geehrten Publikum - wie die europäischen Anzeigen zu lauten pflegen! - von San Francisco debütirt. Der Lärm rings umher schien ihn noch furchtsamer zu machen, und obschon die Picadores jetzt zuerst den Angriff begannen und eine Menge Banderillas auf ihn geschleudert wurden, begnügte er sich doch, in der Arena umherzugaloppiren und endlich an einer Wand derselben mürrisch still zu stehen. Auf das sich von Minute zu Minute steigernde Toben des Publikums mußte der Alkalde endlich den Befehl geben, das Thier fortzuschaffen, was unter einem wahren Höllenlärmen geschah.
Jetzt wurde das zweite Thor geöffnet, und der Stier, der heraussprang, zeigte sich sofort als ein anderer Gegner - er betrat den Circus zum ersten Mal.
Als das Thier in der Arena stand, schaute es sich einige Augenblicke um, übersah mit wildem Blick den Schauplatz und stürzte sich dann auf den ersten Reiter. Der Picador empfing es mit der Spitze seiner Pike, den Regeln des Kampfes gemäß, auf die fleischigen Theile des Halses gerichtet, und wandte, nachdem er ihm seinen Stoß beigebracht, das Pferd geschickt zur Seite, so daß der Stier an ihm vorüberschoß, und galoppirte davon, verfolgt von dem Thier. Sogleich waren die Banderilleros wie ein Schwarm um dasselbe her und bohrten ihm ihre
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Widerhaken in Schenkel und Nacken. Der Stier, von allen Seiten angegriffen, wandte sich und stürmte auf den nächsten Picador los.
Der Mann hatte entweder nicht kaltes Blut genug, oder sein Gaul war der feinern Führung unzugänglich; der Stoß der Pike streifte nur leicht den Bug des Stieres und sein Horn bohrte sich so gewaltig in die Brust des armen Pferdes, daß dieses augenblicklich todt niederfiel. Die Heftigkeit des Anpralls hatte den Reiter auf der andern Seite herabgeworfen, und seine Rettung bestand darin, bewegungslos liegen zu bleiben, während unter den Zuschauern ein ängstliches Schweigen herrschte und der erboste Stier seine Wuth an dem todten Pferde ausließ.
Die peinigende Scene dauerte jedoch nur wenige Augenblicke, denn der Stier sah sich alsbald von vorn durch die drei übrigen Picadores und im Rücken und von den Seiten unter lautem Geschrei durch die Banderilleros angegriffen, deren einem es gelang, dem Thier einen Pfeil dicht hinter den Hörnern in den Nacken zu bohren, an dessen Widerhaken ein Stück brennender Schwamm befestigt war, der sich bei dem Eindringen der Spitze in das Fleisch zurückschob und den Zünder eines großen am Schaft befindlichen Schwärmers berührte. Die zischenden Funken und das Knallen der Pulverlagen, verbunden mit dem Schmerz der vielen Wunden, machten das Thier halb rasend, das sich bald rechts bald links wandte und die Banderilleros in wildem Grimm an die inneren Schranken jagte, über welche sie so gewandt hinwegsetzten, daß die Hörner des Stiers mit ihnen zugleich die Mauer zu berühren schienen.
Jetzt ereignete sich ein Vorfall, der das allgemeine Interesse anregte und nach einigen Augenblicken der Angst ein herzliches Gelächter verursachte.
Jack, der betrunkene englische Matrose, der sich in die Gesellschaft der leichtfüßigen Banderilleros gedrängt hatte, stand nämlich jetzt, von diesen verlassen, allein in der Mitte des Circus, mit jener gänzlichen Nichtachtung der Gefahr oder jener dummdreisten Neugier auf dieselbe, die so häufig dem niedern Engländer eigen ist, es verschmähend, dem Beispiel seiner Gefährten zu folgen. Vielmehr fing er an, in allerlei Kauderwelsch auf ihre
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Hasenherzigkeit und ihr Davonlaufen zu schimpfen. »Goddam! - Seid Ihr Kerle von Caramba's, daß Ihr vor einem Ochsen davonlauft und Eure Windseite zeigt? Holt an und gebt's ihm, Jungens! Seelöwen Ihr - Gott verdamm' meine Augen, daß ich mit Euch feigen Spanioler Landratzen einen tüchtigen Grogk getrunken habe! - Na komm an, alter Bursche, ehrlich Gefecht und ein kleines Handgemenge!« Die letzten Worte des gutmüthigen, Burschen galten dem Stier, der jetzt gerade auf ihn zurannte.
Ein allgemeiner Schrei der Besorgniß erschallte, und von verschiedenen Seiten rief man dem Gefährdeten zu, noch jetzt zu entfliehen, während eine Anzahl Jacks vor Verwunderung über die Courage ihres Genossen in die Hände klatschten und ihn durch ihr Geschrei: »Gieb's ihm ordentlich, Mann! - Drauf, Bursche, für die Ehre von Alt-England!« zu ermuthigen suchten.
»Um Gottes willen, Mylord - der Unglückliche ist verloren, er hat nicht einmal Waffen!« jammerte Margarethe O'Sullivan, die bleich neben dem Grafen saß.
»Beunruhigen Sie sich nicht um den Burschen, Miß!« entgegnete der Franzose. - »Tölpel, wie dieser, kommen gewöhnlich am besten fort!«
So war es in der That. Der Stier hielt etwa zwei Schritte vor dem Matrosen an und senkte den Kopf zum Angriff, als Jack im trunkenen Muthe ihm zuvorkam, auf ihn lossprang und das Thier bei beiden Hörnern ergriff. Dies Stück tollkühnen Muthes war seine Rettung. Einen Augenblick wirbelten Thier- und Menschengestalt durcheinander, daß man sie nicht zu unterscheiden vermochte, dann flog Jack einige Fuß hoch durch die Luft über den Nacken des Stiers fort und auf den Sand, und das Thier galoppirte erschreckt davon, der Matrose aber saß unbeschädigt auf seinen Posteriora's, drohte mit der Faust hinter dem Büffel her und begann gewaltig zu schimpfen.
Ein brüllendes Gelächter mischte sich in das Hurrah der Seeleute, die Banderilleros sprangen zurück über die Barrièren und die Reiter begannen auf's Neue den Angriff gegen den Büffel, während einer der Fußkämpfer halb mit Gewalt den Matrosen,
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der nach einem verlornen Schuh suchte, nach dem äußern schützenden Rundgang zog.
Nachdem der Stier noch ein zweites Pferd getödtet und einen der Picadores ziemlich gefährlich verwundet hatte, wurde der Kampf als beendigt erklärt und das erbitterte Thier mittelst des Lasso's wieder eingefangen und in seinen Behälter zurückgebracht.
Gleich als solle es den ernstern und blutigen Theil des Schauspiels verkünden, erschallte jetzt ein lautes Brüllen, das vielen der Zuschauer das Blut erstarren machte.
Es war Striped Bob, der in seinem Käfig ungeduldig bisher auf- und abgewandert war, und den der Lärm des Spiels zu erschrecken und zu reizen begann.
Es folgte eine kurze Pause, während Jedermann die Arena verließ und dieselbe fast völlig leer stand.
Jetzt erhob sich plötzlich der Maharadschah, verließ seinen Sitz, mit einem gebietenden Wink sein Gefolge zurückhaltend, und schritt langsam und würdevoll über den offenen Gang um die Galerieen nach der Loge seines Rivalen, der sich mit französischer Höflichkeit erhob, ihn zu begrüßen.
»Möge der Schatten des königlichen Kriegers von Frangistan lange dauern,« sagte der Indier, mit dem Gewand seines Volkes auch ganz die Sitten und die bilderreiche Sprache desselben annehmend. »Srinath Bahadur kommt, an der Seite eines Freundes Platz zu nehmen, damit keine Zunge Böses zwischen ihnen rede und keine Seele denke, daß Feindschaft zwischen ihnen sei wegen der thörichten Worte eines Paria.«
»Seien Sie willkommen, Prinz,« sagte laut und seiner ganzen Umgebung verständlich der Graf, »und wie Gott auch über mich bestimmen möge, so wünsche ich doch, daß Jedermann erfahre, daß ich Sie als Mann von Ehre schätze und Ihnen Dank weiß.« Seine Handbewegung lud den Maharadschah ein, neben ihm Platz zu nehmen.
Auf der andern Seite des Grafen befand sich Margarethe O'Sullivan.
Der Indier saß kaum, als er sich zum Ohr des Grafen neigte. »Haben Sie überlegt, Monseigneur? Ich beschwöre Sie, Ihr Leben nicht der Gefahr auszusetzen. In diesem Portefeuille
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befinden sich hunderttausend Dollar in englischen Banknoten, und wenn Sie einwilligen, ist das Mittel bereits gefunden, die Sonora-Expedition aufzuschieben.«
»Die Ehre eines französischen Edelmannes, Prinz, ist verpfändet, sie muß gelöst werden, ehe wir weiter sprechen.«
Der Maharadschah lehnte zurück, sein Auge hatte wieder ganz den trägen, kalten Ausdruck, und nicht die geringste Bewegung verrieth seine Theilnahme an der nachfolgenden Scene.
Während des kurzen Gesprächs hatte Hillmann mit seinem Sekundanten und seinen Freunden die Arena betreten. Sein Gesicht war etwas bleich, zeigte aber Entschlossenheit, und die Art, wie er sein Pferd die Runde courbettiren ließ, bewies, daß er fest und sicher im Sattel sei. Er untersuchte nochmals das Schloß seiner Büchse, lüftete die Machete an seinem Gürtel und reichte dann seinen Freunden zum Abschied die Hand, indem ihm Antonio Perez nochmals die Stellen bezeichnete, auf welche er zielen solle. Dann gaben die Hörner das Zeichen, die Arena zu räumen, und alle Fremden, mit Ausnahme Antonio's, der seine Stellung im Außengange nahm, entfernten sich.
Auf das zweite Zeichen des Alkalden öffnete sich das dritte Gitter - ein Sprung, und der Stier, den der Graf zum blutigen Kampf gewählt, stürzte heraus.
Es war ein starker, junger Bulle von dunkelbrauner, fast schwarzer Farbe und furchtbarem Aussehn. Eine lange, dichte Mähne bedeckte Hals und Schultern, zwei kurze, aber scharfe Hörner saßen an einer Stirn von gewaltiger Breite und zwei wie Feuerräder rollende, tückische Augen bitzten aus dem buschigen Haarwuchs hervor.
Der Bulle blieb stehen und sah wie verwundert umher, gleich seinem Vorgänger, als plötzlich ihm zur Seite zum zweiten Mal das Brüllen des Tigers ertönte und der Stier erschreckt und wild zur Seite sprang. Er warf den Schwanz in die Höhe, und von dem jetzt von allen Seiten her tönenden Geschrei der Zuschauer wild gemacht, galoppirte er die Arena entlang.
Hillmann hielt an deren Ende und setzte sein Pferd in Galopp, als der Stier näher kam, der jetzt erst den Gegner bemerkte und sofort die Verfolgung aufnahm. Das Spiel dauerte einige
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Minuten, und Hillmann, durch den Zuruf seiner Partei ermuthigt und angespornt, suchte dabei dem Stier in den Rücken und zur Seite zu kommen, um ihm einen Schuß in's Herz beizubringen, da er auf die Stirn nicht zu halten wagte. Wirklich gelang es ihm auch, durch eine geschickte Volte an die Flanke des Thiers zu kommen, das, unbehilflich und von dem Lärmen erschreckt, so rasch sich nicht zu wenden vermochte; er galoppirte eine Strecke weit, fast Seite an Seite, mit ihm fort. Dadurch verfehlte er jedoch den günstigen Augenblick, und als er seine Büchse in der tödtlichen Nähe auf seinen wilden Feind richtete und abdrückte, fuhr der Schuß in die Mähne und brachte dem Thier zwar eine schmerzende, doch keineswegs tödtliche Wunde bei.
Es war ein Glück, daß Hillmann sofort, nachdem er losgedrückt, anhielt und sein Pferd wandte, denn der Büffel schoß nur noch wenige Schritte vorwärts und kehrte sich dann, von dem Schmerz und dem strömenden Blute wild gemacht, um, seinen Feind zu suchen. Im nächsten Augenblick war er ihm auf den Fersen und jagte ihn drei Mal um den ganzen Circus, daß es aller Reitergeschicklichkeit des ehemaligen Kavalleristen bedurfte, um nicht eingeholt und überrannt zu werden. Die Theilnahme an dem Ausgang des Kampfes war jetzt allgemein, und mit Angst sah Alles auf den Reiter, der durch den schlechten Erfolg des Schusses die Geistesgegenwart verloren zu haben schien. Sein Gesicht war bleich, sein langes Haar flog im Luftzug und halb athemlos keuchte er zwei Mal im Vorbeisprengen an seinem Sekundanten: »die Büchse! die Büchse!«
Doch der Mexikaner, mit großer Theilnahme die wüthende Jagd verfolgend, war entweder in Zweifel darüber, ob er nach den festgesetzten Regeln des Kampfes seinem Mandanten das eigene Gewehr reichen dürfe, oder achtete des Zurufs nicht, und erst beim dritten Mal, als der flehende Blick des Geängsteten ihn traf und sein heiserer Ton nach dem Gewehr rief, entschloß er sich, ihm im Vorübersprengen seine Waffe hinzureichen, aber es war zu spät, denn obschon der Deutsche noch die Zeit und Gelegenheit hatte, das Gewehr zu ergreifen und den Hahn zu spannen, vermochte er doch nicht mehr, sein Pferd und seine Person in Sicherheit zu bringen; der wüthende Büffel stürzte
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bereits mit gesenkten Nüstern auf ihn ein. An die Wand gedrängt, hob sein Spornstich das edle Pferd zum Sprunge, während er selbst, über den Hals vorgebeugt, das Gewehr auf den anstürmenden Gegner anschlug und abdrückte. Der Schuß krachte, im nächsten Augenblick aber stürzten Pferd und Retter zusammen, denn ein Hornstoß des wüthenden Thieres hatte die Weichen des armen Pferdes aufgerissen, daß die Eingeweide herausquollen. Während das Roß auf dem um Hilfe rufenden Reiter lag, der vergeblich sich bemühte, emporzukommen, denn sein rechtes Bein war gebrochen und das Pferd, im Todeskampf um sich schlagend, ruhte mit der ganzen Last auf ihm, stieß und sprang der wüthende Stier blind auf seine Feinde los. Die Scene, so rasch sie vorüberging, war furchtbar und entsetzlich, und das laute Geschrei der Zuschauer, die rings auf den Sitzen sich erhoben hatten, rief Antonio Perez zum Beistand. Diesem schien in der That endlich der Augenblick gekommen zu sein, handelnd aufzutreten. Er warf das Cigarritto, das er bisher ruhig geraucht, aus dem Munde, sprang über die Mauer und eilte, den rothen Mantel schwingend, auf den Stier zu.
Der Bulle, der seine Rache gesättigt hatte und den neuen Gegner sogleich bemerkte, wandte sich gegen diesen, senkte die von Blut triefenden Hörner und stürzte auf ihn los. Sobald er diesen Zweck erreicht, blieb der Matador unbeweglich stehen, jedes Glied, jede Muskel an ihm schien aus Erz gegossen zu sein. Er hatte gegen die gewöhnliche Sitte des Kampfes den rothen Mantel auf die Erde geworfen und war allein noch, mit einem scharfen, schmalen, aber starken Dolchmesser bewaffnet. Eine athemlose Stille war rings im Circus dem vorherigen Lärmen und Hilfsgeschrei gefolgt, und man konnte in den wenigen Momenten, die zwischen dem Angriff und der Entscheidung folgten, deutlich den Galopp des anstürmenden Thieres und das Stöhnen des Verwundeten hören.
Jetzt war der Stier an dem Matador, blind vor Wuth und Schmerz der beiden Schußwunden, aus denen dickes, schwarzes Blut auf den Sand der Arena spritzte, einen Moment noch, dann schienen die Hörner den kühnen Mann gefaßt zu haben und er durch die Luft zu fliegen. Aber dem war nicht so. Mit
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unglaublicher Kaltblütigkeit hatte er im letzten Augenblick den rechten Fuß dem Stier mitten zwischen die Hörner gesetzt, und als die Blicke der Menge seine Gestalt wieder erfassen konnten, saß er rittlings auf dem Nacken des Thiers, das, erschreckt durch die ungewohnte Last, weiter stürzte. Ein donnernder Beifall, in den sich das Gebrüll des Tigers mischte, erschütterte die Luft, im nächsten Augenblick schien derselbe noch zu steigen; denn der Mexikaner hatte den Dolch zwischen die Zähne genommen, mit beiden Händen die zottige Mähne des Stiers gefaßt und mit einem gewöhnlichen Kunststück der Equilibristen sich in die Luft geworfen und die Beine gewechselt, so daß er jetzt in voller Sicherheit vorwärts auf dem Rücken des Bullen dicht hinter seiner langen Mähne saß und mit den Fersen die Flanken des Thieres bearbeitete. Vergeblich bemühte sich dieses, den unwillkommenen Reiter abzuschütteln, der so fest auf seinem Rücken saß, wie die Gauchos auf den wilden Pferden der Savannen; zwei Mal unter dem jauchzendem Zuruf und Tücherschwenken der Zuschauer, die über dem Schauspiel das bereits vorhergegangene Unglück vergessen hatten, durchlief der Stier mit seinem Reiter den Circus. Als er sich das zweite Mal der Stelle näherte, wo der Verwundete mit dem getödteten Pferde lag, suchte die Hand des Mexikaners den Punkt im Genick, wo das Haupt an den Nackenwirbeln aufsitzt, und gerade im selben Moment, wo der Bulle an seinen blutenden Opfern vorbeisprang, stieß er ihm zwischen den Fingen den schmalen Stahl bis an's Heft in's Genick.
Wie von einem Blitzstrahl getroffen, stürzte das mächtige Thier auf der Stelle zusammen und war todt; kein Glied zuckte mehr, so vollständig und rasch war jede Lebenskraft abgeschnitten. Der Mexikaner war auf diesen Sturz vorbereitet gewesen, kam auf die Füße zu stehen und sprang gewandt zur Seite, triumphirend die Hand schwingend. Ein wahnsinniges Beifallstoben belohnte das gefährliche und eben so großen Muth wie Gewandtheit erfordernde Kunststück.
Jetzt eilten die Freunde Hillmanns und zahlreiche Neugierige in die Arena, um nach dem Gefallenen zu sehen, und auch sein würdiger Sekundant widmete ihm jetzt die ersten Zeichen von
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Theilnahme. Der Deutsche lag bewußtlos unter dem Pferde, - sein rechtes Bein hatte einen furchtbaren Bruch erlitten, daß die Splitter der Knochen durch das Fleisch gedrungen waren; außerdem war seine rechte Brust und Schulter entsetzlich von einem Hornstoß des wüthenden Thieres zerfleischt. Ein mit herbeigekommener Arzt erklärte jedoch, daß Lebensrettung bei sorgfältiger Pflege noch möglich sei, obschon der Unglückliche wahrscheinlich ein Krüppel bleiben würde, und unter seiner Aufsicht wurde der Kranke nach einem vorläufigen Verband auf eine Bahre gelegt und wenigstens aus der Arena bei Seite gebracht, denn es hätte sich Niemand gefunden, der selbst für schweren Lohn jetzt den Circus ganz verlassen und die Hauptscene des- Schauspiels geopfert hätte, um ein Werk der Barmherzigkeit zu erfüllen.
Das Geläut der Glöckchen verkündete alsbald die Maulthiere mit ihrem Arriero, die eintraten, um die Leichen des Stiers und des Pferdes aus dem Circus zu schleifen.
Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Platz des Grafen, auf dessen Befehl Capitain Delavigne zu dem Verwundeten geeilt und, so viel es anging, bemüht gewesen war, mit Rath und That zu helfen. - Der Platz, den der Graf bisher eingenommen, war leer.
Zugleich verkündeten die Hornsignale am Eingang und der Ruf des Sherifs und seiner Gehilfen, daß die Arena zu räumen sei.
In dem Gang zwischen der äußern und innern Barrière galloppirte bereits Eduard O'Sullivan auf einem schönen Halbblutpferde umher. Er trug einen Hirschfänger an der Seite und eine schöne Jagdflinte in der Hand, und courbettirte mit seinem Pferde unter dem Sitz seiner Schwester, die zitternd neben dem Maharadschah saß, ohne doch - wo es die Ehre der Männer galt - zu wagen, ihn mit einem Wort zur Vorsicht zu mahnen.
Jetzt trieben Mac-Scott und Gidson mit den Dienern des Sherifs halb mit Gewalt die Zögernden aus der Arena und die Thore derselben wurden geschlossen.
Man erblickte in der Mitte des Circus die hohe Gestalt des Grafen zu Fuß, auf seine französische Büchse gestützt.
Während Gibson an der Thür des Käfigs die Krampen
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lockerte, trat Mac-Scott zu dem Grafen, um seine letzten Befehle in Empfang zu nehmen.
Eine tiefe, todtenähnliche Stille lag über den Tausenden von Menschen, die hier versammelt waren, nur zuweilen unterbrochen von dem heisern Brüllen des Tigers und dem Schnaufen des Pferdes O'Sullivans, das die Nähe des grimmigen Raubthiers witterte.
Das Auge des Grafen war ruhig und fest, seine Haltung so leicht und unbefangen, als befände er sich mitten in der gleichgiltigen Unterhaltung eines Salons.
»Sind Sie mit Ihren Vorbereitungen zu Ende, Herr Mac-Scott?«
»Ja, Mylord - sobald Sie es wünschen ...«
»Bitte - so geben Sie Ihrem Gefährten das Zeichen und bringen Sie sich in Sicherheit. Wir dürfen die Neugier dieser Herren nicht länger auf die Folter spannen.«
Mac-Scott verbeugte sich und schritt über den Platz. Der Graf stand wieder allein und untersuchte oberflächlich das Schloß seiner Büchse. Der Schotte war jetzt bis zum Käfig gekommen, erfaßte einen eisernen Haken und stieg mit seinem Gefährten vorsichtig auf die Decke des ziemlich hohen Behältnisses.
Beide faßten das Eisen und legten es an die Gitterthür des Käfigs - dann wandten sie ihre Augen nach ihrem Gebieter, seinen Wink erwartend.
Es herrschte eine athemlose Stille im Circus - nur unterbrochen von dem Schnauben und Brüllen des Tigers, der gleichsam zu wissen schien, daß ihn ein Opfer erwarte.
Der Maharadschah grüßte mit einer leichten Verneigung hinüber nach dem Grafen - dann hob er die Hand und machte eine horizontale Bewegung.
Das eiserne Gitter, das den Käfig verschloß, rasselte unter den kräftigen Händen Mac-Scotts und seines Gefährten in die Höhe. -
Mit einem gewaltigen Sprung schoß der Königstiger in die Arena. - - -
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Die Höhle des Wolfes.
Selbst der Athem stockte - man hätte ein Blatt fallen hören können in dem alten Thurm, der in diesem Augenblick der Gesellschaft des Vicars Aufenthalt und Schutz gewährte.
Horch! - ein Pfeifen, - entfernt, aber deutlich.
Eine Minute, lang und bang, dann wiederholte sich der Ton näher, es konnte kein Zweifel mehr sein.
An dem Rande des Waldes - von den Felsenschluchten her - regten sich dunkle Gestalten im Dämmerschein des Mondes.
Der Vicar drückte den Freunden die Hand. »Sind[Sie] sind da und die Hilfe bleibt aus!« sprach er mit leiser, aber fester Stimme. »Jetzt gilt es, uns selbst zu retten oder wenigstens das Leben theuer zu verkaufen, und Gott möge uns beistehen.«
Immer mehr der finsteren Schatten tauchten, Gespenstern gleich, zwischen den Felsen und Bäumen auf und sammelten sich zu einem Haufen. Der Mondstrahl blitzte auf ihren Waffen.
Jetzt sah man den Haufen näher und näher kommen - vorsichtig und still - nach dem Hause, in dem sie ihre Opfer sorglos wähnten.
Schon konnte man die einzelnen Männer erkennen, wie sie lauschend näher schlichen und um das Thor des Hofes sich sammelten. Der Vicar zählte sie; es waren sechsundzwanzig Mann, wie sie der Felucken-Capitain angegeben hatte, lauter kräftige, wilde Gestalten, bis an die Zähne bewaffnet.
Nun sah man einen der Banditen von dem Häufen sich
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trennen, um die Hofmauer nach der Hinterseite des Hauses zu dem Pförtchen schleichen und hörte ihn das verabredete Zeichen, ein Rabengeschrei, geben.
Drei Mal wiederholte es sich, ungeduldiger und lauter - aber die Pforte blieb verschlossen - Nichts regte sich im Thurm, auch das leise Klopfen an der Thür blieb unbeachtet.
Verdutzt und zweifelnd schlich der Bandit zurück und berichtete den Erfolg seinen Gefährten. Man bemerkte deutlich, wie der Haufe sich um den Anführer sammelte und eine eifrige Berathung stattfand. An der hohen Gestalt, den wilden Geberden und dem Tuch, in dem er den linken Arm trug, konnte der Vicar leicht ihren verrätherischen Führer wieder erkennen.
Der Vicar winkte seinen Gefährten, sich bereit zu halten. »Warten Sie Alle,« sagte er leise, »bis ich oben das Signal zum Feuern gebe. Die Salve muß allgemein sein.« Darauf eilte er nach dem obern Stock, wo Cornet Pond kaum seine Ungeduld zu zügeln vermochte, in den dichtgedrängten Haufen der Banditen einen Schuß zu thun.
Diese schienen mit ihrer Berathung jetzt zu Ende gekommen, und Pietro, der Führer, trat an das Thor.
Die Büchsen und Flinten der Briten legten sich vorsichtig in die Oeffnungen der Fenster.
Lauter und lauter klopfte der Bandit und donnerte endlich mit Macht an das Hofthor. Zwanzig Fäuste halfen.
»Pitoccone!«44 fluchte laut die Stimme des Banditenführers - »wo steckt der Kerl, daß er nicht öffnet! Die Brut ist ausgeflogen oder der Schuft von Wirth hat uns verrathen. Ueber die Mauer, Kameraden - schlagt die Thür ein, damit wir sehen, was geschehen ist!«
Die Büchsenkolben donnerten gegen das Thor. Ueber die Hofmauer hoben sich dunkle Gestalten.
Zwei Mal legte der Vicar die Flinte an und zielte auf den Banditen, und jedes Mal setzte er sie wieder ab, - so furchtbar und gefährlich die Lage war - er konnte es noch nicht über sich gewinnen, auf einen Menschen zuschießen.
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Jetzt sprang einer der Räuber von der Mauer in den Hof - fünf andere saßen bereits auf derselben.
Sir Richard fühlte, daß es Verbrechen gegen das eigene und der Freunde Leben sei, einen Moment noch zu zögern, und laut und deutlich, auch im untern Raume hörbar, erschallte das Kommandowort: »Feuer!«
Neun Gewehre sprühten ihre Kugeln auf die Banditen - der Kerl im Hofraum stürzte zusammen, Fähnrich Sanders hatte ihn durch den Kopf geschossen. Ein Anderer warf die Arme in die Luft und fiel todt von der Mauer nach Außen. Zwei waren verwundet und sprangen mit ihren Gefährten eilig herunter, sich in den Schutz der Wand zu flüchten.
Ein wildes Geschrei der Banditen antwortete dieser ersten glücklichen Salve der Bedrohten, Pescare stieß die wildesten Flüche aus und ermunterte seine Leute zum Angriff. Flintenkugeln krachten darauf gegen das Gemäuer des Thurmes und in die Verrammelung der Fenster und machten die Posten gefährlich genug. Aber da sie alle nur aufs Gerathewohl gefeuert wurden, verfehlten sie ihr Ziel.
Mehrere der Banditen stürzten jetzt um die Mauer nach der Pforte in der Hinterseite des Thurms und versuchten, diese zu sprengen. Aber die Riegel und Querbalken spotteten aller Anstrengungen und die Schüsse der Belagerten aus den oberen Fenstern jagten sie zurück.
Es entspann sich nun ein regelmäßiges Feuern, bei dem sich die Banditen so gut als möglich zu decken suchten, obschon sie natürlich weit gefährdeter blieben, als ihre Gegner im Schutz des Thurms. Wo ein Schuß aus einem der Fenster blitzte, schlugen im Augenblick die Kugeln der Banditen ein.
Hunter - der jetzt jede Rücksicht seines Standes von sich geworfen - eilte von Einem zum Andern, Alle durch seinen Zuspruch ermunternd und die Vertheidigung leitend, indem er ihnen rieth, langsam und ruhig zu schießen und Jeden auf's Korn zu nehmen, der sich der Hofmauer nahte, oder, wenn er bereits dort befindlich, ihren Schutz verließ.
Es zeigte sich jetzt, daß gerade die beiden Italiener, auf deren Muth und Hilfe man am wenigsten vertraut hatte, am
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glücklichsten durch ihre Schüsse aus den oberen Fenstern wirkten. Man konnte deutlich bemerken, daß noch mehrere der Banditen verwundet waren und auch eine dritte Leiche auf dem vom Mond beschienenen Grunde lag.
Aber auch der Banditenführer ließ es an Thätigkeit nicht fehlen, er stand gedeckt durch das Thor und war bisher allen Kugeln glücklich entgangen, welche die beiden jungen Offiziere gegen ihn gerichtet hatten. Seine Wuth über die Vereitelung ihres Unternehmens steigerte sich mit jedem Schuß, aber bei alledem vergaß er nicht, seinen Leuten die nöthige Vorsicht anzubefehlen und ihr Feuer zu leiten, das binnen Kurzem auch bereits zwei der Briten leicht verwundete.
Während einige der Banditen von vorn das Schießen unterhielten, zeigte plötzlich der Hilferuf der im Parterregeschoß postirten Vertheidiger, daß dieselben eine neue Art des Angriffs gewählt. Der Vicar, nur die beiden Italiener an den oberen Fenstern zurücklassend, stürzte in das untere Geschoß, wo er sogleich zu seinem Entsetzen sah, daß die Räuber bereits Faust an Faust mit den Seinen an den Seitenfenstern kämpften. Einer auf des Andern Schultern, versuchten sie, den Eingang zu erzwingen, mit den Kolben die Verbarrikadirungen zertrümmernd, mit langen Dolchen und Messern hineinstoßend in die Oeffnungen oder Pistolenschüsse mit den Engländern wechselnd.
Diese wehrten sich, wie die Löwen, mit dem unerschütterlichen verbissenen Muth, der ihre Nation stets in verzweifelten Kämpfen ausgezeichnet hat. Niemand achtete der Wunden, wenn es nur gelang, dem Gegner sie zu vergelten; die Pistolenschüsse knallten, der dichte Pulverdampf erhöhte noch die Dunkelheit im Innern, in der man rang und die emporklimmenden Banditen zurückzuwerfen suchte. Dem Vicar gelang es, durch einen kräftigen Kolbenstoß einen der Räuber, der bereits auf dem Fensterbrett knieete, hinabzustürzen, als ein röchelnder Ton durch den Lärmen des Kampfes und ein frohlockender Ruf in italienischer Sprache zu ihm drang. Er sprang von der Oeffnung weg, die er vertheidigt, und nach der Kammer, woher der Laut zu kommen schien - ein furchtbarer Anblick machte hier sein Blut erstarren. Der Strahl des Mondes fiel leuchtend durch das offene
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Fenster, dessen Barrikaden niedergerissen und eingestoßen waren. Am Boden lag in Todeszuckungen der junge Flinton, von Blut überströmt aus einer breiten klaffenden Wunde quer über die Gurgel. Ein kräftiger Bandit stand bereits in dem Gemach, nach dem Fenster gebückt und eben bemüht, einem seiner Kameraden herein zu helfen.
Der Schreckensruf des Vicars machte ihn sich umdrehen - im Nu stürzte er sich auf ihn und stieß mit dem Dolchmesser nach seiner Brust. Hunter fühlte einen scharfen, schneidenden Schmerz an der linken Seite zwischen Brust und Arm durchgleiten, aber auch, daß der Stoß ihn nicht gefährlich verwundet, stieß den Banditen mit aller Kraft von sich und sprang zurück. In demselben Augenblick auch war die Flinte, mit der er sich bewaffnet, an seiner Wange und der Schuß krachte fast unmittelbar dem Räuber in's Gesicht, der mit zerschmettertem Kopf schwer auf sein Opfer niederstürzte. Ein Schlag mit dem Kolben traf die am Fenster sich festklammernde Hand des zweiten Banditen - daß dieser losließ und hinunterstürzte. Dann warf sich, unbekümmert um die Gefahr, der Vicar neben dem jungen Engländer auf die Kniee, indem er versuchte, ihm beizustehen und das Blut zu stillen.
Aber es war vergeblich und die Wunde zu gräßlich, als daß menschliche Macht vermocht hätte, das fliehende Leben zu halten. Mit jedem Röcheln des Sterbenden quollen Ströme von Blut aus der durchschnittenen Kehle, - der jugendliche Körper zuckte noch einige Male und streckte sich dann.
In seinen Jammer jubelte der Siegesruf seiner Gefährten, - die Banditen waren auf allen Punkten glücklich zurückgeworfen und flohen, heulend vor Wuth, ihre Verwundeten mit sich schleppend, nach dem Rande des Waldes zurück, außer der Schußweite der kleinen Garnison.
Tief ergriffen verkündete der Vicar jetzt den Seinen, von denen mehrere, zum Glück nur leicht, verwundet waren, den Fall ihres Gefährten. Dann traf er, die Entmuthigung der Räuber und die eingetretene Pause im Kampfe benutzend, sofort alle Anstalten, um die zerstörten Vertheidigungsmittel auf's Neue herzustellen und zu verstärken. Die Gewehre wurden wieder geladen,
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und dann durch einen der Diener, der früher in England längere Zeit bei einem Wundarzt in Dienst gestanden und einige Handgriffe der Heilkunst erlernt hatte, die Wunden der Einzelnen verbunden. Erst zuletzt litt es der Vicar mit der seinen, die schmerzhaft, aber durchaus nicht gefährlich war. Der Stoß des Banditen war an den Rippen abgeglitten, und hatte nur das Fleisch der Brustwand und des linken Oberarms zerschnitten.
Mit Schmerz dachte der Vicar einen Augenblick daran, daß er gezwungen gewesen war, Menschenblut zu vergießen, doch die männliche, kräftige Natur in ihm überwand rasch die geistlichen Bedenken und er fühlte, daß es seine Pflicht sei, hier keine Rücksicht walten zu lassen.
Eine Stunde fast war seit dem ersten Angriff vergangen - Niemand rechnete jetzt noch auf die Hilfe des Militairs, aber der Vicar sprach die Hoffnung aus, daß die Banditen durch den starken Verlust, den sie bereits erlitten, von jedem weitern Versuch abgeschreckt sein möchten, und daß, selbst wenn sie den Angriff zu erneuern wagen sollten, es ihnen gelingen würde, sich bis zum Anbruch des Tages, der nicht mehr fern sein konnte, zu vertheidigen. Dagegen machte Fähnrich Sanders auf die Gefahr aufmerksam, die ihnen das jetzt in wenig Minuten bevorstehende Untergehen des Mondes hinter den Bäumen und Felsen, nach Westen und die dadurch wieder eintretende Dunkelheit bringen konnte.
Diesen Augenblick schienen in der That auch die Banditen abgewartet zu haben. Der Vicar, welcher die Lage wohl erkannt, hatte Alle wieder an ihre Posten gewiesen und namentlich den Wachen an den oberen Fenstern verdoppelte Aufmerksamkeit anempfohlen. Bald - nachdem der letzte Strahl des Mondes hinter den hohen Fichten verschwunden war - verkündete der Ruf eines der luchsäugigen Italiener, daß ein neuer Angriff herannahe.
Im Sternenschimmer sah der Vicar, der auf den Ruf in das obere Geschoß gestiegen war, eine dunkle Masse sich über den Thalgrund bewegen, in ihrer Mitte einen großen Gegenstand schleppend.
Etwa in Flintenschußweite trennte sich der Haufe - die Mehrzahl der auf etwa achtzehn Mann geschmolzenen Banditen
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blieb um den dunklen Gegenstand in ihrer Mitte versammelt, die Anderen zerstreuten sich rings um den Thurm her.
»Ich bin neugierig, was die Schurken mit dem Manöver beabsichtigen?« sagte der Fähnrich.
»Ich sehe glimmende Funken, wie Lunten,« erwiederte der Vicar, - »sie scheinen Feuer zu schlagen.«
»Goddam - die Burschen zünden sich Fackeln an, damit wir besser auf sie zielen können,« rief der junge Mann, indem er sein Gewehr aus der Oeffnung des Fensters streckte.
»Um Gottes willen - langsam und vorsichtig, Stuart,« warnte der Vicar - »schießen Sie nicht eher, bis sie näher kommen und Sie Ihres Schusses gewiß sind. Die Sache kommt mir unheimlich vor. - Vetter Ward, kommen Sie eilig mit dem Cornet hier herauf, wir werden alle guten Schützen hier brauchen!«
Noch ehe die jungen Männer ihre neuen Posten eingenommen, krachten verschiedene Flintenschüsse gegen die Fensteröffnungen des Gebäudes, und mehrere der Vertheidiger ließen sich verleiten, das Feuer zu erwiedern. Zugleich sprangen die einzelnen Banditen, ihre Fackeln schwingend, auf das Haus zu. Die Wachen, die ihre Schüsse aufgespart, feuerten, und einer der Fackelträger stürzte, - die anderen aber gelangten glücklich in die Nähe des Thurms und schleuderten ihre Brände - große Kienäste mit Zeuglappen umwickelt, gegen das alte moosbewachsene Schindeldach, welches das Gemäuer bedeckte.
»Schießt, schießt auf die Mordbrenner!« schrie der Vicar. »Freunde - es gilt Euer Leben!«
Aber das Manöver des Feindes war sehr richtig berechnet gewesen, das Feuer der Vertheidiger bereits zerstreut und unsicher durch die Trennung und die raschen Bewegungen der Angreifer, und während alle Aufmerksamkeit der Engländer auf die Männer mit den Zündfackeln gerichtet gewesen war, gelang es dem größern Haufen der Banditen, mit ihrer Last - die, wie sich jetzt erwies, ein schwerer Baumstamm war - in den Schutz des Thorwegs zu kommen.
»Die Halunken - Gott verdamm' ihre Augen!« rief der Cornet - »haben uns den Vortheil abgewonnen, aber ich hoffe,
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es nützt ihnen wenig; denn widersteht auch das Thor nicht, so sind sie in dem Hof unseren Kugeln frei ausgesetzt und wir können sie niederschießen, wie ein Volk Hühner!«
»Aber das Dach - wenn es Feuer fängt,« erwiederte besorgt der ältere Freund, - »wir können nicht hinauf, um zu löschen!«
»Pah - das Hundewetter von gestern Abend muß es durch und durch getränkt haben. Der Spitzbubenstreich hilft ihnen Nichts und ihre Brände müssen verlöschen!«
Leider aber täuschte die Hoffnung, wie sich bald ergab. Das Gewitter und der Wolkenbruch hatten am Abend die Gegend des Thurmes nur wenig berührt, oder der scharfe Gebirgswind die Nässe längst wieder aufgetrocknet. Das Dach bestand aus Fichten-Balken und Brettern, die in der warmen italienischen Sonne längst bis zum Springen zusammengetrocknet waren und deren Moosbekleidung wie Schwamm jeden Funken der geworfenen Brände aufsog und nährte.
Schon nach wenigen Minuten verbreitete sich ein mit jedem Moment sich verdichtender Rauch durch das obere Geschoß und bald knisterte und loderte es über ihren Köpfen, da das hölzerne Dach unmittelbar die im obern Stock kein Gewölbe mehr bildenden Umfassungsmauern deckte.
»Allmächtiger Gott!« rief der Vicar - »das Dach ist wirklich in Brand gerathen! Die Mordbrenner haben ihren Zweck erreicht und wir sind verloren!«
An einer Stelle brannte wirklich das Holzwerk bereits lichterloh - und das wilde Jubelgeschrei, wie es nur die Dämonen der Hölle ausstoßen mögen, das von Außen her ertönte, überzeugte sie, wie wohl die Banditen wußten, daß sie jetzt, trotz aller tapfern Gegenwehr, ihre Beute werden mußten. Sicher des Erfolges, hatten sie jetzt in den Schutz der Hofmauer sich zurückgezogen und bald erdröhnten die Stöße des Baumstammes gegen das Thor und erschütterten es in seinen Angeln.
Verzweiflung malte sich auf den Gesichtern der Bedrängten, und achtlos ließen die Meisten ihre Waffen sinken, des unvermeidlichen Verderbens gewiß. Bald krachten im obern Stockwerk die Balken, der niederstürzende Feuerregen und der erstickende
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Dampf nöthigten Alle, sich in den untern Raum zurückzuziehen. Aber obschon sie hier vorerst durch die starken Gewölbe vor den einstürzenden Balken gesichert waren, füllten der Qualm und die Hitze auch bald diese Räume, da die Thüren von ihnen zu dem Gefecht vorhin ausgebrochen und eingeschlagen worden; und sie waren genöthigt, selbst die Verbarrikadirungen der Fenster abzureißen und diese aufzustoßen, um dem Dampf einen Ausweg zu gewähren.
Die Hand des Vicars umfaßte krampfhaft den Griff des Säbels, mit dem er sich bewaffnet hatte. Vergebens sandte er seinen Rettung und Hilfe suchenden Blick umher - überall drohte Tod und Verderben! - Er fühlte, daß es jetzt zu sterben galt, und seine Gedanken flohen noch einen Augenblick hinüber zu der vielleicht von ähnlichen Gefahren bedrängten Braut. Ein kurzes Gebet stieg aus seinem Herzen empor, daß der Himmel nur sie erretten möge, wenn er selbst auch unterliegen müßte. »Freunde,« sprach er dann zu den sich um ihn Drängenden, »sterben müssen wir, wenn Gott nicht ein