Nena Sahib
oder
Die Empörung in Indien.
Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart.
von
Sir John Retcliffe.
Zweiter Band:
Die Böse Saat.

Die indische Wüste.

Zwei mächtige Regungen durchkreisen die Welt und bewegen alles Erschaffene: der Kampf und die Liebe.
Das Blut schreibt die Geschichte des Lebendigen.
Jedes lebende Wesen verfolgt andere und wird von andren verfolgt, denn in der Natur herrscht ununterbrochen Kampf, Krieg und Blutvergießen und das Recht des Stärkern ist das alleinige Gesetz, die einzige Richtschnur aller Erschaffenen, die nicht Mensch heißen.
Und der Mensch läßt, dieses Beispiel, diese furchtbare Lehre der Natur nicht an sich vorübergehen! - - -
Fünf Jahre sind vergangen seit jener Nacht auf Sanct Helena - unser Buch führt den Leser zu anderen Menschen, zu anderen Zonen, in das Mutterland aller Nationen, nach Indien!


Im Dickicht einer indischen Dschungel, am Hang eines Hügels, der von Tamarinden besetzt ist, zwischen deren Kronen ein riesiger Pisang die kolossalen, sechs bis acht Fuß langen Blätter breitet, liegt ein Mann in halb europäischer, halb indischer Kleidung, das gigantische Chaos der Vegetation um sich her mit sinnendem Auge betrachtend.
Die versengende Hitze des Mittags hat ihn genöthigt, hier Schutz und Ruhe zu suchen. Im Bereich seiner Hand liegt die sichere Flinte; das edle, hübsche, gebräunte Gesicht auf den Arm gestützt, schaut er träumerisch auf das Pflanzen- und Thierleben,
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das ihn umgiebt. Der trotz der Hitze feuchte und mit üppigem Grün bedeckte Boden der Niederung verschwindet unter einem unentwirrbaren Gestrüpp von Lianen, Farrenkraut und bauschigen Binsen von einer Frische und Kraft des Wachsthums, daß ein Reiter mit seinem Pferd dazwischen verschwinden würde.
Die feuchte, mit heißen Ausdünstungen beladene Atmosphäre ist mit den stärksten und betäubendsten Wohlgerüchen geschwängert, der Ingwer- und Zimmetbaum, die Gardenia und der Pfefferstrauch verbreiten bei jedem leichten Luftzug stoßweis ihr Aroma.
Die Stämme zweier abgestorbenen oder vom Orkan gebrochenen Pigala's ragen aus dem Gewirr der niederen Pflanzen hervor. Aus jeder Spalte ihrer schwarzen, geborstenen und mit Moos bedeckten Rinde wächst eine jener seltsamen phantastischen und geheimnißvollen Blumen, die den Uebergang von der Pflanze zur Thierbildung darstellen: Schmetterlinge mit bunt geäderten Flügeln, offene Löwenrachen und wunderlich gestaltete Vögel, die bereit scheinen, jeden Augenblick den blätterlosen Stengel zu verlassen, der sie festhält an den Wurzeln, die selbst - entgegen dem gewöhnlichen Naturgesetz - frei in der Luft schweben: die tausendfachen Variationen der seltsamen Orchideen. Lange und biegsame runde Cactus, die wie stachliche Schlangen erscheinen, umwinden die Stämme in phantastischen Guirlanden und hängen ihre rothen und silbernen Blüthentrauben daran, die einen starken Vanille-Geruch ausströmen. Ein rother Teppich von Blumen, meist aus den großen scharlachrothen Bignoniaglocken bestehend, breitet sich über die abgebrochenen Zweige.
In der sonnigen Luft funkelte und leuchtete es gleich fliegenden Edelsteinen. Zwei Colibri's schwirrten um die Blüthenglocken und ihr schimmerndes Gefieder blitzte und strahlte in allen Farben, wie sie, den Bienen gleich, von Blume zu Blume eilten und endlich, wie das Insekt, ganz in den Blüthenkelch hinabtauchten.
Eine jener merkwürdigen Scenen, jener Kette von Kämpfen entspann sich jetzt, welche den traurigen Gedanken zu Anfang dieses Kapitels so lebendig und dramatisch darstellen.
Eine große Hummel kam summend herbei und setzte sich auf dieselbe Blume, in welcher der Colibri naschte. Sofort schoß
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dieser auch heraus, griff zornig die Hummel an und es entstand in der Luft ein Miniaturkampf zwischen den kleinen Wesen, der mit dem Tode der Hummel endigte, die, von dem Schnabel des daumengroßen Vogels gespießt, zu Boden fiel.
Der Colibri umflatterte auf's Neue die Blumen und sein Nest, das aus einer kleinen oben offenen Kugel von feinen Moosfädchen in der Gabel eines dünnen Zweiges bestand, und haschte unter den rothen Blüthen eifrig nach den kleinen Fliegen mit den stahlblauen Flügeln, wie ein beweglicher Smaragd oder Rubin spiegelnd in den Gluthstrahlen der Sonne.
Da bewegte sich Etwas über dem Nest und unter den Blättern heran schlich ein häßliches Thier. Es schien etwa so groß wie die kleinen Colibri's; der Körper bestand aus zwei in der Mitte verbundenen Theilen, war über und über mit starren rothbraunen Haaren bedeckt und hatte zehn lange ebenfalls behaarte Beine mit Haken. Es war die große Vogelspinne, die den Colibri beobachtete, der um die Blüthen summte. Sobald er in einem Kelche verschwand, kroch sie schnell näher; kam er heraus, so versteckte sie sich unter einem Blatt. Jetzt schwebte der gefiederte Sonnenstrahl über einer Blüthe ganz nahe bei der Spinne, und sofort sprang diese hinzu und faßte ihn mit ihren Fängen. Er flatterte noch, er versuchte fortzufliegen, aber die häßliche Spinne, die ihn fest umklammert hielt, war ihm zu schwer, und bald sanken beide nieder. Der Vogel war todt und die Spinne schickte sich an, die Beute in ihr Versteck zu schleppen, um sie ungestört zu verzehren.
Während dies geschah, wurden die Blicke des Beobachters durch etwas Glänzendes angezogen, das sich an der rauhen bräunlicheb Rinde der Lianenranke hinbewegte. Es war ein eidechsenartiges Thier und so schön, wie eine Eidechse nur sein kann, aber jegliche Form dieser Geschöpfe mit der Menschenhand und den Menschenfüßen, ihre blitzenden Augen und ihr raubsüchtiges tückisches Wesen machen sie mehr zum Gegenstand des Widerwillens als der Bewunderung.
Der ganze obere Theil der Eidechse war smaragdartig goldig grün, der untere grünlich weiß, der gleichsam aufgeschwollene oder aufgeblasene Kopf glänzte im schönsten Scharlachroth, während die
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kleinen Augen wie Diamanten auf Goldgrund funkelten. Am Hals hing ein Lappen wie bei dem Hahn, die Glieder waren grün wie der Rumpf, und die Zehen an den Beinen hatten die Eigenthümlichkeit, daß sie gleichsam in kleinen Kugeln endigten. Es war ein Anoly oder eine Mopseidechse, häufig auch Chamäleon genannt und etwa sechs Zoll lang.
Sobald die Eidechse die Spinne bemerkte, drückte sie sich platt an den Zweig. Ihre Farbe veränderte sich: die Kehle wurde weißlich, dann blaßgrau, und an die Stelle des glänzenden Grüns trat ein rostfarbenes Braun, so daß das Thier von dem Stamme nicht leicht unterschieden werden konnte. Es schien die Spinne angreifen zu wollen und so geschah es auch. Sobald die Spinne mit der schimmernden Beute ganz nahe gekommen, war die Eidechse mit einem Sprung bei ihr, packte sie mit den gewaltigen Kinnladen, und Eidechse, Spinne und Vogel fielen hinunter an den Boden. Die Spinne ließ dabei den Vogel los, und nun begann zwischen ihr und dem Chamäleon ein Kampf, der einige Minuten dauerte. Die Spinne wehrte sich tapfer, war aber dem Gegner nicht gewachsen, der ihr bald die langen Beine abbiß, so daß der sackartige Rumpf hilflos dalag. Da packte das Chamäleon die Beute am Kopf, drückte ihr die spitzen Zähne hinein und machte sie todt. Merkwürdig erschien dem Lauschenden, daß in dem Augenblick, als die Eidechse sich auf ihre Beute stürzte, ihre Farben: Roth und Grün, im schönsten Glanze plötzlich wieder erschienen.
Aber auch sie sollte die Beute nicht in Ruhe verzehren können. Oben an dem Baum, an welchem das Chamäleon emporlief, befand sich ein Loch, in dem wohl einmal ein Vogel sein Nest gehabt hatte, und aus welchem eben jetzt eine Scorpion-Eidechse mit rothem Kopf und braunen Schultern hervorlugte. Wie sie jetzt oben mit widerwärtigem Aussehn auf dem Baume lauerte, wackelte die spitze Schnauze hin und her und die funkelnden schwarzen Augen hatten einen tückischen Ausdruck. Das Chamäleon, das über die dürren Blätter hinkroch, hatte offenbar ihre Aufmerksamkeit erregt.
Blitzschnell fuhr jetzt die Scorpion-Eidechse aus dem Loche heraus, legte sich an den Stamm des Baumes, den Kopf nach unten, wartete so noch eine kurze Zeit und lief dann äußerst
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geschwind hinunter. Dort sprang sie sofort auf das Chamäleon, das in Folge dieses wüthenden Angriffs die Spinne losließ und fliehen zu wollen schien. Aber das Chamäleon ist muthig, und da sein Gegner nicht viel größer war, als es selbst, so setzte es sich zur Wehr. Seine Kehle schwoll auf und wurde noch glänzender roth. Mit weit aufgerissenem Rachen stürzten Beide auf einander zu und wälzten sich auf der Erde, die Schwänze emporgereckt. Mehrmals ließen sie los und begannen den Kampf von Neuem, ohne daß Einer der Gegner das Uebergewicht zu gewinnen schien.
Der schwächste Theil des Chamäleons ist der Schwanz, den der leichteste Ruthenschlag von dem Rumpfe trennt. Das schien die Scorpion-Eidechse recht gut zu wissen, denn sie versuchte mehrmals die Gegnerin von hinten zu packen. Das Chamäleon seinerseits mochte dies fürchten, denn es manövrirte lange so, daß es der Gegnerin stets mit dem Kopfe gegenüber blieb. Die kleinen Thiere kämpften wüthend wie große Krokodile mehrere Minuten, bis endlich das Chamäleon den Muth zu verlieren schien, wobei seine grüne Farbe immer matter wurde. In diesem Augenblicke unternahm die Scorpion-Eidechse noch einen heftigen Angriff, warf das Chamäleon dabei auf den Rücken, faßte es rasch am Schwanz und biß denselben glatt vom Rumpfe ab. Der arme Ohneschwanz entfloh und versteckte sich unter den Wurzeln.
Das war sein Glück, und auch die Scorpion-Eidechse hätte sichtlich klüger gethan, wenn sie in ihrem Versteck geblieben wäre. Der Lauscher bemerkte bald ein Rascheln unter den Blättern der Tamarisken und etwas Rothes, das etwa einen Fuß lang von einem Aste herabhing. Es war so dick, wie ein gewöhnlicher Rohrstock, aber an den glänzenden Schuppen und der zierlich gebogenen Gestalt erkannte er leicht eine Schlange.
Sie hing nicht unbeweglich da, sondern glitt langsam herunter, so daß man jeden Augenblick einen neuen Theil ihres Körpers sah, der oben eine blutrothe, unten am Bauch eine lichtere Farbe hatte.
Es war die rothe Schlange der Dschungeln, die der Reisende schon oft an den Küsten Indiens bemerkt hatte.
In diesem Augenblicke ersah auch die Eidechse den langen
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rothen Körper, der über ihr hing, und da sie dieselbe als schrecklichen Feind kennen mochte, entfloh sie und suchte sich im Grase zu verstecken, statt sich nach einem Baum zu wenden, auf dem sie durch ihre Schnellfüßigkeit sich wohl hätte retten können. Die Schlange kam indeß ganz herunter und kroch am Boden hin mit hoch gehobenem Kopfe und aufgerissenem Rachen. Im nächsten Augenblicke erreichte sie die Eidechse und tödtete sie auf der Stelle.
Die erhöhte Stellung, in welcher der Mann lag, der diesem kleinen Drama der Wildniß zuschaute, erlaubte ihm, all seine Scenen zu verfolgen. Die Schlange lag jetzt da und schickte sich an, ihre Beute zu verschlingen. Die Schlangen kauen bekanntlich nicht, was sie verzehren, denn ihre Zähne sind nur geeignet, festzuhalten und das Festgehaltene zu tödten. Die rothe Schlange ist nicht giftig, hat aber eine Doppelreihe sehr spitziger Zähne, bewegt sich außerordentlich rasch und besitzt eine ziemliche Kraft, das Thier, um das sie sich geschlungen, in ihren Ringen zusammen, wohl gar todt zu drücken. Die, welche den kleinen Sieg errungen, riß den Rachen so weit als möglich auf, packte den Kopf der Scorpion-Eidechse und schlang dieselbe allmählich ein, was häßlich genug anzusehen war.
Aber auch andere Augen, als die des Mannes unter den Tamarinden des Hügels, hatten die Schlange beobachtet; denn ihr blutigrother Körper, der da im Grase lag, hatte den scharfen Blick eines Feindes angezogen. Ziemlich hoch über dem Hügel schwebte ein großer Vogel in weiten Kreisen. Die schneeweiße Farbe seines Kopfes und seiner Brust, die spitzauslaufenden braungesprenkelten Flügel und der lange Gabelschwanz verriethen sofort einen großen Edelfalken.
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Er zog schwebend, ohne die Flügel zu bewegen, seine Schraubenkreise kleiner und kleiner niederwärts, offenbar nach der Schlange zu. Jetzt fiel der Schatten seiner mächtigen Flügel auf den Rasen, gerade vor diese. Sie sah empor und erblickte ihren schrecklichen Gegner mit Entsetzen, denn sie schien am ganzen Leibe zu zittern, ihre Farbe wurde blasser, und sie barg den Kopf im Grase, als wollte sie sich verstecken, aber es war zu spät. Der Falke senkte sich herab, er schwebte einen Augenblick dicht über ihr, und als
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er sich darauf wieder erhob, sah der Wanderer die Schlange in seinen Klauen sich winden.
Einige Flügelschläge hoben den Vogel über die höchsten Bäume empor; aber je höher er stieg, um so rascher und unregelmäßiger wurde die Bewegung seiner Flügel. Es hinderte ihn offenbar etwas im Fluge. Die Schlange hing nicht mehr; sie hatte sich um den Leib ihres Gegners gewunden und man sah ihre glänzendrothen Ringe wie rothe Bänder sich um und durch sein weißes Gefieder ziehen.
Mit einem Male blieb der eine Flügel bewegungslos, und obgleich der andere sich um so rascher und kräftiger anstrengte, stürzte der Vogel doch bald mit der Schlange, die ihn umringelt hatte, schwer auf den Boden nieder. Indeß schien der Fall weder den Vogel, noch die Schlange bedeutend verletzt zu haben, denn kaum hatten sie die Erde berührt, so begann ein Kampf auf Leben und Tod. Der edle Falke bot Alles auf, sich von den ihn umschnürenden und zusammendrückenden Ringen der Schlange zu befreien, während diese ihn um so fester zu halten suchte. Sie mochte wohl wissen, daß sie nur dadurch zu siegen vermöchte; denn wenn sie losließ und zu entschlüpfen versuchte, packte sie der Vogel sicher zum zweiten Male und diesmal entscheidend mit den gewaltigen Krallen.
Der Kampf schien lange dauern zu müssen; denn obwohl die beiden Gegner sich im Grase wälzten und der Vogel mit dem noch freien Flügel mächtig um sich schlug, änderte sich doch viele Minuten lang in dem Zustande Nichts.
Der Vogel konnte nicht fort, die Schlange wagte nicht zu fliehen, wie sollte der Kampf enden? Der Mann am Hügel war schon im Begriff, zu Gunsten des edlen Vogels einzuschreiten und ihn zu befreien, als ein neues Manöver der Kämpfenden ihn zurückhielt. Der Vogel hackte wüthend mit dem Schnabel nach dem der Schlange und diese versuchte ihn zu beißen, weshalb sie von Zeit zu Zeit den Rachen aufriß und dabei die Doppelreihen spitzen Zähne sehen ließ. In einem solchen Augenblicke hackte der Vogel der Schlange in den Rachen, der sich sofort schloß und den Schnabel des Feindes festhielt, dem die spitzen Zähne aber Nichts anzuhaben vermochten.
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Der Falke mochte erkennen, daß er jetzt offenbar im Vortheil sei, obgleich sein Schnabel im Schlagenrachen sich befand, denn er zog mit aller Kraft seines Halses den Kopf der Schlange niederwärts, um ihn in die Nähe seiner Krallen zu bringen. - Das gelang ihm auch und er packte mit den Fängen den Hals der Schlange fest wie mit einem Schraubstock.
Das machte dem Kampf ein Ende; die Ringe der Schlange lösten sich; der Körper zuckte noch einige Zeit im Todeskampfe, dann lag er kraft- und regungslos im Grase.
Der Sieger zog nun leicht seinen Schnabel aus dem Rachen des Gewürms, hob den Kopf empor, breitete die Flügel aus und flog mit Triumphgeschrei davon, die Schlange mit sich hinweg tragend, die wie ein rothes Band herabhing.
Seinem Schrei antwortete aber alsbald ein andrer, fast wie ein Echo, aber er war weit kräftiger und rauher; er konnte nur aus der Kehle des großen Räubers der Lüfte, des Geieradlers, kommen. Der Reisende sah empor und hoch über ihm, am dunkelblauen Himmel, segelte in der That einer jener mächtigen Vögel gerade auf den Falken zu, wahrscheinlich um ihm die Beute abzujagen, die dieser mit so vieler Mühe sich errungen.
Der Falke hatte den Schrei wohl vernommen und er verstand auch die Bedeutung, denn mit seiner ganzen Flügelkraft hob er sich höher und höher. In einer weiten Spirallinie flog er tiefer und tiefer in das Blau des Himmels hinein; der Adler folgte ihm, ebenfalls in Kreisen, aber in weiteren, als wolle er den Falken umgarnen. Höher und immer höher ging der Flug; sie schienen sich einander zu nähern, die Kreise schienen enger zu werden - der Falke war jetzt endlich nur noch ein kleiner dunkler und unbeweglicher Punkt und dann verschwand er ganz - auch der mächtige Adler verkleinerte sich zu einem Pünktchen in der Höhe und auch dieses Pünktchen wurde undeutlicher und zuletzt war gar Nichts mehr zu erkennen.
Der Wanderer am Hügel hatte sich aufgerichtet und war, trotz der glühenden Mittagshitze, aus dem Schatten des Tamarindendaches hervorgetreten, so sehr hatte ihn die kleine, wechselnde Scene und die Gefahr des edlen Vogels interessirt. Er sah, die Augen mit der Hand beschirmend, in die lichte Höhe, aus der jetzt ein
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schriller Schrei die todtenähnliche Stille der Umgebung unterbrach. Im nächsten Augenblick kam es wie das Zischen einer Rakete aus der Luft und schneller als das Auge ihm zu folgen vermochte, fiel ein Körper zu seinen Füßen, dem rasch ein zweiter, größerer folgte. Der Letztere breitete sich etwa noch hundert Schritt vom Boden entfernt aus - es war der Adler, der den Falken vertrat - und begann, auf seinen breiten Schwingen ruhend, umherzukreisen offenbar von dem Anblick des Menschen verscheucht. Der Falke zappelte verwundet am Boden zu den Füßen des Mannes, dessen Schutz er gleichsam aufgesucht zu haben schien, und von einem unwillkürlichen Gefühl getrieben, hatte dieser nach der Flinte gegriffen, die neben ihm im Grase geruht, den Hahn gespannt und auf den mächtigen Räuber angeschlagen, der sich auf dem Gipfel einer abgestorbenen Magnolia niedergelassen. Der Schuß krachte und der große Raubvogel taumelte getroffen zur Erde nieder, die er mit seinen langen Flügeln schlug.
Der Schuß schien die Dschungeln lebendig gemacht zu haben - quikende, kreischende, schnatternde Stimmen ließen sich auf allen Seiten aus den Tamarisken und Mangrovebüschen hören - Papageien flatterten umher, das schwarze Rebhuhn stieg aus dem langen Grase empor, wo es versteckt gelegen, ein Schakal heulte in der Ferne, und in den Zweigen der großen Tamarinden und Pigalas, die sich aus den Büschen erhoben, begann eine Affenfamilie ihre Sprünge und ihr Geschrei.
Das einzige menschliche Wesen, das diese Einöde belebte, kümmerte sich aber wenig um die Störung, die sein Schuß angerichtet; ohne die Flinte nach der alten Jägerregel wieder zu laden, warf er sie auf den Boden, hob den Falken auf, der, ruhig nur mit klugen Augen den Helfer anschauend, sich dies gefallen ließ, und trug ihn an die schattige Stelle zurück, die vorhin sein Lager gebildet hatte, auf dem er sich wieder niederließ.
»Räuber und Würger sind sie Alle, vom Kleinsten bis zum Größten,« sagte er, gleichsam seine früheren Gedanken bei der kleinen dramatischen Scene der Wildniß verfolgend, vor sich hin. - »Alles, was der Odem des Lebens beseelt, verfolgt seine Mitgeschöpfe und schöpft aus ihrer Vernichtung sein Dasein! Ist es uns dieser Creaturen wohl werth, daß man sich darum kümmert?
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Und dennoch - wenn sie auch Alle blutige Mörder sind, dünkt uns das Eine besser als das Andere, und wir Menschen, die ärgsten Würger und Vernichter der Schöpfung, dünken uns die Besten! Was regt mein Mitleid für diesen Falken an, während es doch für die Schlange schwieg? Ist Mord nicht Mord, Gewalt nicht Gewalt, oder entschuldigt das Widrige des Opfers die That des Stärkern? Furchtbare Philosophie des Mordes und der Vernichtung, die aus der ganzen Schöpfung spricht und die der Mensch, als Gebieter derselben, sich zu eigen gemacht hat, daß er das selbstsüchtigste und grausamste Geschöpf von allen geworden ist!«
Diese gehässigen und bitteren Gedanken schienen den Mann jedoch keineswegs davon abzuhalten, dem Falken weitere Hilfe angedeihen zu lassen. Bevor wir jedoch seine Handlungen weiter verfolgen, wird es Zeit sein, einige Worte über seine Person zu sagen.
Er war offenbar ein Europäer, wie die Bildung seines obschon von der Sonne Indiens tief gebräunten Gesichts und seine Kleidung bewies; sein Alter, durch die Wirkungen des Klima's schwer zu bestimmen, mochte doch nicht über 35 Jahre hinausgehen. Sein Gesicht zeigte die Züge der germanischen Race, ein offenes freies Aussehn mit dem Blick des Denkers und der unwillkürlichen Forschung und Gelehrsamkeit. Er trug einen breiten Strohhut, einen englischen Jagdrock und weite Beinkleider - die Kleidungsstücke leicht und dem heißen Klima angemessen, während eine zusammengerollte wollene Decke und eine mit verschiedenen Bedürfnissen wohl gefüllte Jagdtasche auf dem Rasen, so wie eine daneben ausgebreitete Karte der Präsidentschaft Bombay und des Pendschab mit einem kleinen Taschencompaß bewies, daß er ein Reisender sei.
Aber ein europäischer Reisender allein in dieser Wildniß, ohne Führer, ohne Diener, ohne Transportmittel - wer war der Verwegene und woher kam er?
Der Fremde untersuchte, als er wieder ich Schutze des schattigen Daches der Tamarinde saß, den Falken genau, um zu sehen, ob das muthige Thier bei dem Kampfe mit dem viel größern Gegner gefährlich verwundet worden sei. Das Erste, was ihm auffiel, war ein um das Bein befestigter goldener Reif, auf dem
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Schriftzeichen der Sanskritsprache einige Worte eingegraben waren. Dies und ein rothes goldgesticktes Sammetband um den Hals des Vogels bewies ihm, daß derselbe kein bloßer Bewohner der Wildniß, sondern einer jener im hohen Werthe stehenden abgerichteten Edelfalken sei, deren sich die Edlen des nördlichen Indiens noch heutzutage, wie die europäischen Fürsten und Herren des Mittelalters, zur Jagd auf Rebhühner, Hasen und anderes kleines Wild bedienen. Der Schnabelhieb des Adlers hatte den edlen Vogel zwischen Brust und Flügel, wenn auch nicht tödtlich, doch so schwer verletzt, daß er für den Augenblick im Fluge gelähmt worden und machtlos aus der Luft herabgestürzt war.
Der Reisende zog aus der Tasche seines Rockes ein wundärztliches Besteck, öffnete es und verband den Vogel kunstgerecht, indem er die verletzten Theile mit einer Bandage umwickelte, um die Heilung zu erleichtern.
In diesem Augenblick glaubte er hinter sich ein leises Geräusch zu hören und wandte den Kopf, sah aber Nichts, worauf er in seiner Beschäftigung fortfuhr:
»Der Herr des Vogels,« sagte er, »muß in der Nähe auf der Jagd sein, und könnte mir Beistand leisten, wie ich seinem Falken Hilfe geleistet. Selbst wenn er ein Feind wäre, ist es besser, ihm entgegenzutreten, als noch länger in dieser Wildniß umher zu irren. Vielleicht hörte er den Knall meiner Flinte und wird dadurch herbeigezogen - ich will das Signal noch einmal wiederholen -«
Er erhob sich, um das Gewehr zu nehmen - aber bevor er noch sich völlig in die Höhe gerichtet, sah er eine dunkle Linie vor seinen Augen flimmern und fühlte eine Schlinge um seinen Nacken fallen. Im nächsten Moment wurde sie, als er danach griff, zugezogen und der Reisende stürzte, krampfhaft um sich schlagend, zu Boden.
Aus dem Gestrüpp und Gewirr von Kameelkraut, Karyl, Dab und Kedschra, womit die andere Seite des Hügels jenseits des Tamarindenstammes besetzt war, erhob sich ein gelbbraunes wildes Gesicht, das lange schwarze Haar nur mit einem schmutzigen blauen Tuch bedeckt, und der nackte Körper, den nur von den
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Hüften bis zum Knie eine baumwollene Hose bekleidete, folgte. In dem Gürtel steckte ein kurzes Messer.
Zugleich kam eine zweite gleiche Gestalt hinter dem Stamm der Tamarinde hervor; ihre Hand hielt noch das Ende der Schnur von Aloe-Fasern, deren Schlinge den Fremden erwürgt hatte. Leichte kurze Zuckungen des Opfers zeigten, daß der Strom des Lebens, der noch in ihm floß, am Versiegen war.
Die beiden Männer hatten ein wahrhaft dämonisches Aussehn, obschon ihre Gesichtsbildung nicht unedel war und von den weichen weibischen Formen vieler Hindu's abwich. Die Stirn war hoch hinauf kahl geschoren, so daß nur auf dem Wirbel ein dicker Haarbusch stand, der jetzt unter dem seidenen Kopftuch hervorhing - demselben Tuch, welches gewöhnlich das Mittel ihrer furchtbaren Thaten bildete.
»Ehre sei der geheiligten Bhawani!«1 rief der, welcher aus dem Dschungeldickicht sich erhoben; »ihr Herz ist nimmer gesättigt und sie sendet ihren Jüngern stets eine Arbeit. Eine Seele ist auf dem Wege zu Brahma, dem Urwesen, und aus dem Tode wird Leben hervorgehen. Der Wievielste ist es, o Sohn des großes Faringhea, den Du ihr, der feueräugigen Göttin, geopfert?«
Der Thug - denn ein Mitglied dieser furchtbaren Secte war es, der nach dem Reisenden die Schlinge geworfen, - wandte sich nach seinem Gefährten. »Die blutige Kali2 hat mir erlaubt, ihr fünf Mal so viel Opfer zu bringen, als der Tag Stunden zählt. Du weißt, o Kassim, daß es noch nicht der vierte Theil von der Zahl ist, die mein Vater zu tödten so glücklich war. Wischnu, der Erhalter, gebe mir lange Jahre des Lebens und ich hoffe, die Zahl einzubringen, die er in dem Kerker der schändlichen Faringi's versäumte.«
»Soll ich das Bheel3 graben für den Todten?« fragte der Andere. »Vielleicht sendet die Göttin uns den Zweiten, daß wir
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sein Haupt zu den Füßen dieses Mannes betten, wie es sich gehört.«
»Laß uns zuerst die Habe des Ungläubigen nehmen, die er an seinem Körper trägt!«
Der Mörder war dabei, als hätte er eine ganz gleichgiltige Handlung verübt, an dem jetzt bewegungslos ausgestreckten Opfer niedergekniet.
»Bin ich ein Buthote4 und habe die Weihe der Chams5 erhalten, oder zittert meine Hand wie die eines Weibes?« rief er plötzlich, indem bei der Untersuchung der Kleider des Gewürgten ein leiser Seufzer den Lippen desselben entfloh. »Diese Faringi haben ein zähes Leben und fürchten sich, zu Brahma zu gehen! Das Tuch wird seine Seele rascher befreien, als die Schnur!«
Er riß das Seidentuch, das um seinen Kopf geschlungen war, herunter und wollte es, nach der Art dieser fanatischen Mörder, seinem Opfer um den Kopf werfen, als der Falke, der bisher unbeachtet neben der Gruppe gekauert, auf ihn los flatterte und mit wüthenden Schnabel- und Klauenhieben ihn anfiel, gleich als wolle er den Mann vertheidigen, der ihm selbst zu Hilfe gekommen war. Im ersten Augenblick fuhr der Thug vor dem unerwarteten Angriff zurück. Dann aber schleuderte er das Thier von sich und beschäftigte sich auf's Neue mit seinem Opfer, obschon der Falke furchtlos fortwährend seine wüthenden Angriffe erneuerte.
»Halt mir das verfluchte Thier vom Halse, Kassim,« schrie der Würger, erbittert von den erhaltenen Hieb- und Krallenwunden, indem er das Tuch um den Kopf seines Opfers festschlang. »Dreh' ihm den Hals um - ein böser Geist wohnt in dem Vogel!«
Der zweite Thug war herangekommen und hatte sich des Falken bemächtigt.
»Bei dem heiligen Wagen von Hadramaut!« rief er plötzlich, »laß ab, mein Bruder, bis mit der Göttin Hilfe wir dieses Räthsel gelöst. Dieser Vogel trägt auf seinem Halsband das Zeichen eines Häuptlings unserer Brüderschaft!«
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Der Andere sprang erstaunt empor - ehe er jedoch eine Antwort geben oder sich näher überzeugen konnte, änderte sich die Scene.
Auf einem weißen arabischen Roß sprengte ein prächtig gekleideter und bewaffneter bejahrter Mann herbei, im vollen Lauf gefolgt von zwei schwarzen Dienern, dem Hukabedar oder Pfeifenbesorger, und dem Speerträger. Mehrere andere Begleiter zu Fuß und zu Pferd folgten in einiger Entfernung, blieben aber auf einen Wink ihres Gebieters zurück.
Der Ankommende trug die Gewänder eines vornehmen Mahrattenhäuptlings, wie sie, zum Theil noch unbezwungen, im Sindh oder in den bewohnten Theilen der Thur oder indischen Wüste und an den Ufern des Sedledsch ihre Felsenburgen bewohnen. Er war ein Mann von etwa sechszig Jahren, mit dichtem grauen Bart, der breit auf die Brust herbfiel, und einer dunklen bronceartigen Farbe. Er lenkte mit Kraft und Geschicklichkeit den feurigen Renner. Sein schwarzes feuriges Auge blickte unter buschigen grauen Brauen hervor und richtete sich durchbohrend auf die beiden Thugs, die bei seiner unerwarteten Annäherung Miene gemacht hatten, zu entfliehen, dann aber, als sie sahen, daß es vergeblich sein werde, trotzig stehen blieben.
Der Reiter trug auf dem kahl geschorenen Haupt die hohe Kappe der Sindhbewohner, von Seide mit Gold durchwirkt, weite weiße Beinkleider in Stiefeln von rothem Corduan, mit Silber und Perlen gestickt, und einen blauen Aermelüberwurf. Er führte außer der Dschambea in seinem Gürtel Bogen und Pfeile und sein Speerträger trug die mit Gold und Schildpatt kostbar ausgelegte Flinte nebst dem Kugelbeutel. Die rechte Hand des Reiters war mit einem starken ledernen Falkenhandschuh bedeckt. Ein eigenthümliches Werkzeug hing an dem kostbaren Sammetsattel seines Pferdes, ein etwa eine Elle langer runder Stock und eine runde etwa vier Zoll im Durchmesser haltende Stahlscheibe, die ein der Mitte eine Oeffnung hatte und an dem Rande haarscharf geschliffen war.
Der alte Mahrattenhäuptling hatte sein Roß dicht vor der Gruppe der Mörder und ihres Opfers parirt. Der Zweite der
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Thugs hielt noch den Falken in seiner Hand, der bei dem Erblicken des Reiters ein wildes Geschrei ausstieß.
»Bei Dem, der das Weltall geschaffen hat - wer seid Ihr und wie kommt jener Vogel in Eure Hände, der mein Eigenthum ist?«
Die Thugs kreuzten die Arme über die Brust.
»Wenn der Vogel Dein Eigenthum ist, edler Serdar,6 so sind wir Deine Knechte,« sprach der Sohn Faringhea's. »Wir haben das Zeichen auf dem Ringe erkannt und beugen unser Haupt in Demuth vor Dem, der die Stimme der Allgewaltigen hört. Wir fanden den Vogel bei dem Faringi, der zu Deinen Füßen liegt.«
»So hat ihn der Hund erschossen - der Falke blutet!«
»Deine Worte sind Weisheit, o Serdar, aber sie reden nach dem Schein. Ein Adler stieß auf den Falken und der Fremde schoß nach dem großen Räuber der Lüfte. Dort liegt er todt am Boden.«
»Und Ihr habt den Faringi getödtet?«
»Es war der Wille der Bhawani - sie hat uns das Opfer gesandt!«
Der Häuptling legte die Hand an die Stirn, als der Name der furchtbaren Göttin ausgesprochen wurde.
»Nehmt das Tuch von dem Antlitz des Mannes!« befahl er alsdann.
Kassim gehorchte. Das blaugeschwollene Leichenantlitz des Erwürgten kam zum Vorschein, die Augen aus den Höhlen gedrängt, starrten gräßlich gen Himmel.
Der Serdar betrachtete ihn einige Augenblicke, dann ließ er erschrocken den Zügel fallen und schlug die Hände zusammen.
»Verfluchte ... was habt Ihr gethan! Dies Leben war tausend Tode der Euren werth! Wehe Euch Unglückseligen!«
Er sprang mit der Rüstigkeit eines Jünglings vom Pferde und warf sich neben dem Gemordeten auf die Erde, dessen Kopf er in seinen Schooß nahm, rasch die noch um den Hals befestigte Schlinge lösend.
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Hierbei zeigte sich der Grund, weshalb die Schlinge bei dem ersten Mordanfall das Opfer nicht sogleich erwürgt hatte, während doch sonst die Hand des Thugs bei dem furchtbaren Geschäft nimmer fehlt.
Der Reisende trug, wie wir bereits erwähnt, einen europäischen Jagdrock und der kurze stehende Kragen desselben hatte das feste Zusammenschnüren der Schlinge verhindert. Der Mahrattenhäuptling legte die Hand auf die Brust der Leiche und glaubte noch einen leisen kaum bemerkbaren Schlag des Herzens zu fühlen. Sofort rief er seine beiden Diener herbei und befahl ihnen, des Erwürgten Glieder leise zu reiben, während er selbst den Arm desselben entblößte und mit dem Seidentuch, das zu der Mordthat gedient, unterband. Dann befahl er seinem Speerträger, eine Ader des Mannes zu öffnen.
Mit stummem Erstaunen waren die beiden Mörder den Bemühungen gefolgt, welche der Serdar der Wiederbelebung ihres Opfers widmete, doch legte keine Miene der ehernen Gesichter, kein Zucken der Augen ihre Gefühle an den Tag, oder zeigte ein Zeichen von Furcht und die Absicht zu entfliehen. Dagegen rührten sie auch keine Hand, um Hilfe zu leisten. Die Ader, die der schwarze Leibdiener mit Geschicklichkeit geschlagen, gab anfangs wenig Blut, nach und nach aber begann dies reichlicher zu fließen, die Brust des Gewürgten hob sich, seine Augen verloren die gräßliche Starrheit des Todes und die Augenlider schlossen sich.
Der alte Häuptling wandte sich jetzt zu dem zweiten Diener, dem Huckabedar.
»Gieb mir die Phiole des Lebens, Aly, aber schnell!« rief er, und nahm aus seiner Hand ein kleines Fläschchen von Crystall, mit prächtigem Goldfiligran umgeben. Als er es öffnete, verbreitete sich daraus ein scharfer Rosenduft und der alte Mann träufelte vorsichtig und in längeren Zwischenräumen drei Tropfen auf die Lippen des Bewußtlosen.
Die Wirkung dieses Elixirs war wunderbar. Schon beim ersten Tropfen schien ein Zucken durch den Körper des Unglücklichen zu gehen und seine Glieder zu strecken und zu durchzittern; mit dem zweiten flog eine dunkle Blutröthe über das Antlitz und als sie sich verzog, war die Verzerrung und das leichenhafte
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Ansehn der Züge des Gesichts verschwunden, und bei dem dritten Tropfen öffnete sich wieder das Auge und der noch verschleierte, aber allmählich sich aufhellende Blick starrte umher.
Als er auf den Mahratten fiel, malte sich Erstaunen in den Zügen des Reisenden, nach einigen Augenblicken des Zweifels und Prüfens öffneten sich seine Lippen und das erste Wort, das er aussprach, war der Ruf: »Tukallah!«
Der Mahrattenfürst lächelte.
»Du hast ein gutes Gedächtniß, Doctor Walding,« sagte er auf Englisch, »daß Du nach fünf Jahren und in einem viel tausend Meilen entfernten Lande den Diener dessen wiedererkennst, dem wir Beide Freunde waren. Wie ist Dir?«
Der deutsche Arzt - denn dieser war es in der That, den wir am Rande der Thur oder indischen Wüste wiederfinden - faßte mit der Hand nach Stirn und Hals, setzte sich empor und schaute nochmals verwundert umher, sich besinnend, was mit ihm geschehen war. Erst als sein Auge auf den Falken fiel, kehrte die Erinnerung zurück.
»Der arme Vogel,« sagte er, »war verwundet - ich hatte Mitleid mit ihm - als ich plötzlich von unbekannter Gewalt zu Boden geworfen wurde und das Bewußtsein verlor. Es ist seltsam - ich dünkte mich damals ganz allein und mir ist, als wäre ich abwürgt worden. Wie glücklich bin ich, Dich getroffen zu haben, Tukallah, denn ich habe ein Unternehmen begonnen, das, wie ich einsehe, ich wohl schwerlich ohne Hilfe werde durchführen können.«
»Schiwa,« sagte der Indier, »will, daß Du es vollbringst, darum hat er mich hergesandt, die Hand der dunklen Göttin aufzuhalten. Du warst in schwerer Gefahr, mein Bruder, und die Kali hatte bereits ihren Schleier über Dein Haupt gebreitet!«
»So wollte man mich ermorden?« fragte der Arzt erschreckt, denn er kannte bereits genug von den Gebräuchen der Eingebornen, um die Sprache des Mahratten zu verstehen.
Dieser wies nach den beiden Mördern, die noch immer schweigend in geringer Entfernung standen.
»Du hast Nichts mehr zu fürchten, Du bist in meinem
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Schutz und Tukallah ist hier nicht der Diener Eines, der da athmet, sondern durch den Willen Schiwa's mächtig und stark. Der Freund seines Milchbruders, der im Lande der Faringi gestorben ist, soll mit ihm gehen und Schutz finden in seinem Hause. Fühlst Du Dich stark genug, ein Roß zu besteigen?«
Der Deutsche, der aufgestanden war, dehnte seine Glieder, reichte dem Mahratten die Hand und erklärte sich kräftig genug, den Weg fortzusetzen.
Tukallah wandte sich zu den beiden Dienern, befahl ihnen in arabischer Sprache, die Sachen des Fremden zu tragen und diesen zu der Schaar der Jäger zurückzuführen, ihm dort ein Roß zu geben und ihn sofort nach seinem Wohnsitz zu geleiten.
»Mein Bruder ist unter dem Schutz dieser schwarzen Sclaven,« sagte er seinem Gast, »und sie werden mit ihrem Leben für das seine bürgen. Du magst unbesorgt Dich ihnen anvertrauen - sie werden Dich nach Malangher, meiner Burg, geleiten, und in Kurzem werde ich bei Dir sein.«
Der Arzt hielt für das Beste, sich in die Bestimmung des so unerwartet Wiedergetroffenen zu fügen, und verließ in Begleitung der beiden Schwarzen, von denen einer seinen Gang unterstützte, während der andre Flinte und Tasche trug, den Tamarindenhügel. Ohne seine Stellung zu verändern, schaute der alte Mahratte ihm nach, bis er die entfernte Jägergruppe erreicht hatte und die kleine Gesellschaft Anstalt zum Aufbruch traf.
Dann erst wandte er sich zu den beiden Mördern und redete sie an.
»Dein Name?«
»Karam, der Sohn Faringhea's, dessen Name bekannt ist vom Himalaya bis zu den großen Inseln. Dieser ist Kassim, der Matscheri.«
Der Mahratte öffnete das Gewand auf seiner Brust, zog einen schwarzen Stein von dreieckiger Form mit eingegrabenen Zeichen, der an einer Schnur an seinem Hals hing, hervor und zeigte ihnen denselben.
Der Sohn Faringhea's und sein Gefährte beugten demüthig das Haupt.
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»Wir erkennen an, daß Du einer her Auserwählten bist und sind bereit, Dir zu gehorchen.«
»Wohin geht Euer Weg?«
»Wenn die Nacht drei Mal wiedergekehrt ist, mächtiger Cham,7 feiert, wie Du weißt, die dunkeläugige Göttin ihr Fest an der heiligsten Stätte zwischen Indus und Ganges, das nur jedes zehnte Jahr wiederkehrt. Wir kommen aus dem Lande des Holkar, der Erhabenen die Seelen zu bringen, die wir ihr geopfert. Eine aber wird fehlen an der Zahl.«
Ohne auf den entsetzlichen Vorwurf zu achten, der in den letzten Worten des Mörders lag, setzte der ehemalige Diener und Gefährte des Somroofürsten seine Fragen fort.
»Wer hat jenen Mann in Eure Hände geliefert?«
»Wir folgen ihm seit zwei Tagen von den Ufern des Sedletsch. Er schlief die letzte Nacht in der Hütte eines Hirten und wir konnten nicht an ihn kommen, da er vorsichtig und mißtrauisch war. Erst hier hat die Kali ihn in unsre Hand gegeben.«
»Wer von Euch verrichtet das Geschäft des Lugha?«8
Kassim neigte das Haupt. »Dein Diener ist es, tapferer Serdar!«
»Du hast das Grab des Faringi gegraben?«
»Es ist geschehen nach dem Gebrauch unsers Bundes![«]
»Geh' voran!«
Die beiden Thugs gingen in die Dschungel voran, aus der sie hervorgeschlichen, um ihr Opfer zu überfallen. In der Entfernung, von etwa fünfzig Schritt war zwischen den Karrylbüschen an einer freien Stelle eine lange und schmale Grube.
Der Serdar blieb an dem Grabe stehen.
»Der Mann, den ich dem seidenen Tuch entzogen habe,« sagte er, »ist im Besitz eines Geheimnisses, das Zwietracht säen mag zwischen die Stämme der Weißhäutigen, daß sie unter
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einander sich selbst verderben. Aber der finstern Kali darf die Zahl der ihr Geweihten nicht geschmälert werden oder sie würde zürnen dem Bunde ihrer Gläubigen, wie damals, als sie zum letzten Mal niedergestiegen war zur Erde, die Spuren der Opfer zu vertilgen. Einer von Euch wird die Stelle des Faringi einnehmen, der dem Tode entgangen ist. Die Stimme der Göttin möge entscheiden.«
Ohne ein Wort des Widerspruchs oder der Entgegnung neigten die beiden Mörder das Haupt zum Zeichen des Gehorsams.
»Es geschehe, wie Du sagst, Sahib,« sprachen sie, »was sollen wir thun, um den Willen der Göttin zu erforschen?«
»Wartet und seid bereit zu sterben!«
Alle Drei setzten sich am Rande des offenen Grabes nieder, und murmelten leise Gebete vor sich hin, gleich den Auguren der Römer den Ausspruch des Schicksals aus dem Fluge der Vögel oder dem Bellen des Schakals erwartend.
Wir wollen diesen Augenblick benutzen, um dem Leser einige Mittheilungen über den furchtbaren Bund zu geben, dessen Gliedern unsere ersten Schritte auf Indiens Boden begegnet sind.
Eine der wichtigsten und bestorganisirten Verbrecherverbindungen in Indien - und der Fortgang unserer Geschichte wird uns deren leider mehrere vorführen - ist die der Thugs oder Würger. Ihr Ursprung reicht in das graue Alterthum hinauf und sie erklären ihn selbst durch mythologische Legenden. Das Gebiet der indischen Götterlehre ist ein unendliches, wir werden erwähnen, was bei den einzelnen Bezugnahmen zur Verständniß nothwendig ist und führen hier nur die Grundlage desselben, die naturphilosophische Dreieinigkeit an, nämlich das schaffende, erhaltende und zerstörende Princip, das durch drei Göttergestalten, den Brahma, Wischnu und Schiwa repräsentirt wird. Weil es aber keine absolute Vernichtung giebt, sondern aus jeder Zerstörung sofort wieder ein Neues ersteht, so geht Schiwa, der Zerstörer, unmittelbar wieder in Brahma, den Schöpfer, über, und die Drei sind Eins, untrennbar, gleich groß und heilig. Die Zerstörung, mit allen Kräften und Erscheinungen, die ihr dienen, ist daher nicht minder göttlich oder nothwendig,
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als die Schöpfung oder Erhaltung, und Schiwa, weit entfernt, zur Stellung unsers armen Teufels degradirt zu sein, wird vielmehr von seinen Anhängern als der wichtigste Gott dieser Dreieiniqkeit (Trimurti) gepriesen, denn jede der drei Gottheiten hat ihren besondern Cultus, ihre besonderen Secten und Anhänger.
Jedem der drei Urgötter ist die ausführende Kraft als ein weibliches Wesen zugetheilt - die vernichtende zerstörende des Schiwa ist die Göttin Kali (die Dunkle), die auch viele andere Beinamen führt, z. B. Ruorani (die Thränenerregende). Gleich zu Anfang der Welt, die aus einer Lotospflanze entstand, wachsend aus dem Nabel Wischnu's und ruhend in seinem Schooß im Milchmeer, auf der Weltschlange Anandee (ohne Ende), errichtete, so erzählen die Thugs, die Göttin Kali ihren großen Geheimbund zum Kampf gegen das schöpferische Princip und offenbarte ihm zu diesem Zweck die Kunst des Erwürgens. Sie zeigte ihnen ihren Schutz, indem sie stets alle Spuren ihrer Morde vertilgte. Allein die Thugs erlagen der Versuchung der Neugier: gegen das strenge Verbot belauschten sie eines Tages die Göttin, wie sie auf die Erde niederstieg und die Leichname ihrer Opfer verschwinden machte. Seit jener Stunde mußten die Thugs zur Strafe selbst du materiellen Beweise ihrer Thaten der Erde übergeben, ohne daß jedoch die Göttin Kali deshalb ihnen ihren Schutz entzogen hat.
Der in den fürchterlichen Bund Getretene weiht sein ganzes Leben der blutigen Kali, und es ist ihm Pflicht, sich ihre Gunst zu erhalten, indem er möglichst viel Lebendiges zerstört. Wie Andere dem Brahma und Wischnu dienen, den Gottheiten des Schaffens und Erhaltens, so ist der Thug ein Priester der Gottheit des Zerstörens und der Mord seine Religion. Man begreift nun, wie auf Grund dieser eigenthümlichen, entsetzlichen Anschauung nicht nur jene Mörder sich selbst für durchaus gottgefällig erachten können, sondern auch von den Anhängern des Brahma und des Wischnu, so wie von den übrigen Schiwaten - denn Schiwa nicht allein nur Zerstörer, sondern hat auch Anbeter und Beeten seiner anderen Eigenschaften - in ihrer Weise für berechtigt gehalten, trotzdem aber eifrig verfolgt werden und zwar nicht
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wegen ihrer Verbrechen, sondern eben in dem Kampf für das Prinzip des Schaffens und Erhaltens gegen das Zerstören. Aus diesem Grunde hüllt sich auch der Bund der Thugs in das größtmöglichste Geheimniß. Die Mitglieder, namentlich die in die tieferen Geheimnisse eingeweihten Oberhäupter und Priester oder Chams leben übrigens oft - andere Zwecke verfolgend - jahrelang in der bürgerlichen Gesellschaft, ohne das schreckliche Geschäft zu üben.
Wollen die Thugs auf eine Unternehmung ausgeben, - was sowohl einzeln als bandenweise geschieht, - so ist es ihr Erstes, der Göttin ihre Anbetung darzubringen. Jeder Mord findet unter gewissen Ceremonieen statt und er ist mit einer Beraubung des Opfers verbunden; denn gewöhnlich sucht sich der Thug einen Gegenstand aus, der eine reiche Beute verspricht, von der ein großer Antheil für die Göttin den Priestern sorgfältig ausgeantwortet wird. Die Thugs theilen sich in Buthote's, Diejenigen, die den Mord verrichten; in Lugha's, die mit unglaublicher Geschicklichkeit die Leichen spurlos zu vergraben wissen, und in Southa's, die Spione und Verlocker, die von Allen die wichtigste Rolle in dieser furchtbaren geheimen Genossenschaft spielen. Das Verfahren der Thugs ist stets ein und dasselbe, sie gebrauchen nie die offene Gewalt des Kampfes und vergießen nie Blut, sondern erwürgen ihre Opfer jederzeit mittelst eines ihnen über den Kopf geworfenen seidenen Tuches, zuweilen auch mittelst einer Schnur. Der Mord wird oft lange und sorgfältig vorbereitet. Wehe dem Reisenden, der auf der Landstraße der in hundert Formen wechselnden freundlichen Annäherung und den einschmeichelnden Worten des Southa's sein Ohr leiht! An einer entlegenen Stelle, die vielleicht schon manche Schauerthat gesehen, wo die müden Wanderer im Schatten der breitlaubigen Bäume ausruhen oder bei hereinbrechender Nacht sich lagern, mitten im heitern Gespräch, ja selbst in den Armen der Bajadere - denn es giebt auch weibliche Thugs, welche die Rolle der Southa's, ja selbst das Würgeamt der Buthote's ausüben - wird das Zeichen gegeben, und in wenigen Augenblicken schon liegen die Opfer in, dem vorbereiteten Grabe, dem Bheel, das eine mit dem Kopf auf den Füßen des andern, wie es das Gesetz der Göttin vorschreibt.
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Mit einem spitzen Pfahl wird den Leichen der Leib aufgestoßen, um jedes verräterische Aufblähen der Erde zu verhüten; die Lugha's füllen das Grab mit Sand, jede Spur desselben mit der Schlauheit nordamerikanischer Wilden verwischend, und die Mörderrotte zerstreut sich, um später an einem verabredeten fernen Ort wieder zusammenzukommen, der Kali ihre Dankopfer zu bringen und die Beute zu theilen. Bleibt ihnen das Glück ungünstig und entgehen ihnen die Opfer, so zürnt die Göttin, und um sie zu versöhnen, tödten die Thugs Einen aus ihrer Mitte, der sich freiwillig erbietet oder durch das Loos gewählt wird. Nur bei diesen Opfern fließt Blut.
Staunen muß es erwecken, daß dies ausgebreitete Zerstörungssystem so lange in dem ungeheuren Reiche von mehr als 130 Millionen Menschen bestehen konnte, ohne von den Regierungen ernstlich bekämpft zu werden. Der erste Regent in Indien, der entschieden gegen die Thugs auftrat, war Akbar. Nach ihm überlieferten auch einige andere eingeborene Fürsten die Sectirer der Kali dem Tode, ohne sie jedoch so nachdrücklich und systematisch zu verfolgen, wie es zur Ausrottung einer so gewaltigen Verbindung nöthig gewesen wäre. Erst nachdem mehr als fünfzig Jahre ununterbrochener Siege und Eroberungen die englische Herrschaft in Indien ausgebreitet hatten, erweckten die Unthaten der Thugs zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der britischen Regierung. Das Leben eines Europäers gilt wenig in Indien - das Leben der eingeborenen Unterthanen gar Nichts!
Um diese Zeit - etwa 1808 bis 1810 - nämlich verschwanden viele eingeborene Soldaten, die sich mit ihren Ersparnissen auf Urlaub in ihre Heimath begeben hatten, und die angestellten Nachforschungen enthüllten die Existenz dieser Mördersecte, die der englische Hochmuth in das Reich der Fabeln verwiesen hatte, ohne jedoch die ganze Ausdehnung des Uebels auch nur enfernt ahnen zu lassen, so daß selbst noch während der nächsten zwanzig Jahre die Thugs immer nicht Gegenstand der besondern Verfolgung waren. Mittlerweile fielen aber doch immer mehr der Anhänger der Kali in die Hände der englischen Behörden und einige unter ihnen erkauften sich durch Geständnisse ihrer eigenen Unthaten und durch den Verrath ihrer Verbündeten
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das Leben. Zu diesen gehörte der berüchtigte Faringhea, der nach seiner eigenen Angabe an 719 Morden Theil genommen und noch kurz vor seinem Tode gegen einen britischen Offizier mit Bedauern äußerte, daß er sicher das Tausend vollgemacht haben würde, wenn er nicht zwölf Jahre im Gefängniß zugebracht hätte.
Die entsetzlichen Geständnisse waren frei von jeder Prahlerei, denn die Thatsachen bewiesen ihre Wahrheit. Unter den Schritten der geständigen Thugs öffnete sich die Erde und gab die ihr anvertrauten Leichen heraus. In allen Theilen Indiens grub man, nach den Angaben der Gefangenen, die mit menschlichen Gebeinen angefüllten Bheels oder Gräber auf. Lord Bentink, der damals - 1828 bis 1830 - an der Spitze der indischen Regierung stand, erkannte schnell, daß die Wachsamkeit der gewöhnlichen Polizei der Ausrottung eines so weit verbreiteten und tief wurzelnden Uebels durchaus nicht gewachsen sei. Er errichtete daher eine besondere Behörde, aus intelligenten und thätigen Offizieren zusammengesetzt, deren alleinige Aufgabe es sein sollte, die mörderische Secte ohne Rast und Schonung durch das ganze indische Gebiet zu verfolgen.
Die vielfachen Verzweigungen des Bundes und die größere Anzahl von Theilhabern an den meisten Verbrechen erleichterten die Entdeckungen, nachdem man nun einmal in das Geheimniß eingedrungen war. Dies gelang durch eine wohlberechnete Milde, welche dem Dienste der englischen Polizei viele zum Tode verurtheilte Thugs gewann, die in alle Kunstgriffe, Hilfsmittel und Thaten der Verbrüderung eingeweiht waren, und durch deren Enthüllungen geleitet, die Maßregeln einen raschen, Erfolg versprechenden Fortgang nahmen. Nach sechs Jahren schon waren bereits dreitausend zweihundert sechsundsechszig Thugs den Händen der Justiz überliefert, wozu noch eine unbestimmbare Zahl solcher zu rechnen ist, die in entlegenen Gegenden theils von militairischen Behörden, theils von den Stadt- und Bezirksobrigkeiten ohne lange Procedur gleich an Ort und Stelle gehenkt oder nach der in Indien sehr häufigen Todesstrafe, vor die Mündung einer Kanone gebunden und in die Luft geschossen worden. Die kräftigen Maßregeln, die namentlich von Oberst Sleeman geleitet und von den Nachfolgern des Lord Bentink fortgesetzt wurden, hatten für
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einige Zeit eine ziemliche Unterdrückung des Thuggismus zur Folge wenigstens in den Landestheilen, die zum Gebiet der Ostindischen Compagnie gehören; dagegen bestand er in den Schutzländern und unabhängigen Staaten im Stillen fort, und in den letzten Jahren zeigte häufig das geheimnißvolle Verschwinden von Personen, selbst in den Compagniedistricten, daß auch hier noch keineswegs die Verbrechersecte gänzlich ausgerottet sei.


Aus dem Kameelkraut pirlte plötzlich ein Schwarm schwarzer Rebhühner auf und strich über die Dschungel. Einer der Vögel streifte dicht über dem Haupte des Sohnes Faringhea's hin, kehrte, von dem Anblick der Männer erschreckt, wieder um und flog nach der Seite davon, auf welcher der Buthote saß.
Sogleich erhoben sich die Drei, - die Kali hatte entschieden.
Karam, der Sohn Faringhea's, legte schweigend sein Oberkleid von sich, zog aus dem Gürtel einen ledernen Beutel, der mit Kostbarkeiten und Gold- und Silberstücken, der Beute seiner letzten Mordthaten, wohl gefüllt war und übergab ihn seinem Gefährten. Die einzigen Worte, die er an den Serdar richtete, waren: »Die eiserne Axt, das Symbol des Bundes, ist nicht zur Stelle. Wie befiehlt der Cham, daß der Diener der Kali sterben soll und durch wessen Hand?«
»Nur das Eisen darf die Glieder des Bundes berühren,« sagte der Mahratte. »Kniee nieder am Grabe, welches das Deine sein soll, und die Gottin wird Dich würdig halten, in Deinen letzten Augenblicken ein Geheimniß zu vernehmen, das Deine Seele erfreuen wird.«
Karam neigte sein Haupt und knieete an der Grube nieder, das Gesicht gegen Morgen gewendet.
»Lebe wohl, Kassim, mein Erbe,« sagte er, »und möge die Finstere Dir viele Opfer senden!«
Der Mahrattenhäuptling neigte sich zu ihm und flüsterte ihm einige Worte in's Ohr, dann entfernte er sich mit langsamen Schritten nach der Richtung, wo er sein Pferd am Tamarindenhügel zurückgelassen.
Mit einem Ausdruck der Begeisterung schaute ihm der dem
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Tode Geweihte nach, auf seinem Antlitz lag die Freude des Fanatikers, der sich unter die zermalmenden Räder des heiligen Wagens wirft, des Fakirs, der seinen Leib an eiserne Haken hängt und sich in den Rachen des Krokodils wirft für seinen Glauben.
Dann beugte er, ohne nur einen Blick noch auf die Welt umher zu werfen, das Haupt und betete.
Ihm gegenüber knieete mit gleicher fanatischer Inbrunst Kassim, der Todtengräber.
Plötzlich zischte und funkelte es durch die Luft.
Tukallah hatte vom Sattel seines Pferdes das seltsame Geräth gelöst, das wir bei seiner Ankunft erwähnt haben - den runden kurzen Stock und den breiten Stahlring. Mit leisen unhörbaren Tritten hatte er dann den Weg zurückgemacht zu dem Grabe der Thugs und war etwa fünfzehn Schritt entfernt von demselben stehen geblieben.
Dort steckte er die Spitze des Stabes in die Oeffnung der Stahlplatte, hob denselben und wirbelte, kaum die Hand bewegend, den Ring um den Stab.
Die Schwingungen waren so rasch, daß man im Sonnenlicht nur einen blitzenden Funken zu sehen vermeinte.
Plötzlich schnellte er, mit einer kräftigen Handbewegung, das Ende des Stabes in der Richtung des knieenden Mannes. Der Stahlring fuhr gleich einem Blitzstrahl durch die Luft und in demselben Augenblicke flog das Haupt Karams zu Boden, aus dem glatt durchschnittenen Hals sprudelte eine Welle dunklen Blutes, der Rumpf hielt sich noch einen Augenblick in der knieenden Stellung und stürzte dann schwerfällig nieder.
Der Mahratte trat zu dem noch leise zuckenden Körper, tauchte seine Finger in das Blut und spritzte es nach allen vier Himmelsgegenden mit den Worten: »Möge sein Geruch Dir wohl duften, o dunkeläugige Göttin, und mögest Du der Seele Karams gnädig sein auf den sieben Wanderungen, die sie zu machen hat!«
Die Art des Todes, die wir so eben erzählt, könnte Manchem unglaublich erscheinen, aber es ist Thatsache, daß diese seltsame Waffe von den Bewohnern des Sindh und der Wüste mit einer so merkwürdigen Geschicklichkeit gehandhabt wird, daß ihre
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Wirkung dem kräftigen Hiebe eines Beiles vollkommen gleich kommt. - -
Nachdem der Mord, oder vielmehr die Hinrichtung, verübt worden legte Kassim, der Lugha, den Körper in die Grube und bedeckten mit Zweigen und Erde, die er so sorgfältig dem Boden umher gleich machte, daß bald keine Spur mehr von dem schrecklichen Geschäft, das er verrichtet, zu sehen war. Tukallah hatte unterdessen sich zu seinem Pferde begeben und bestieg, als der Thug zu ihm zurückkam, den Sattel.
»Du wirst den Spuren der Hufe meines Rosses folgen,« befahl er, und wenn die allesbelebende Sonne morgen die Schatten nach Osten zu werfen beginnt, in meiner Felsenburg Malangher Dich einfinden. Die Göttin will, daß Du der Diener werdest des Faringi, den Ihr tödten wolltet, allen seinen Winken gehorsam und sein Leben schützend vor jeder Gefahr. Es ist wichtig für die Zeit, die da kommen wird.«
»Aber die schwarzen Sclaven, die uns gesehen haben am Werke?« fragte der Thug, »werden sie nicht zu Verräthern werden an uns?«
»Thor! Ihre Zunge ist begraben - sie sind stumm!« Der Serdar schüttelte den Zügel seines edlen Rosses und sprengte davon.


Als der deutsche Arzt zu der Gesellschaft der Jäger und Diener kam, die auf den Wink des alten Mahrattenhäuptlings zurückgeblieben war und sich seitdem durch die Rückkehr der auf der Jagd zwischen den Sandhügeln der beginnenden Wüste Zerstreuten vermehrt hatte, sah er, daß sie aus etwa zwanzig Personen bestand, die meisten mit arabischen und turkomannischen Pferden beritten und einige darunter prächtig gekleidet und bewaffnet. Sie führten ein Kameel mit sich, das mit einem leichten Zelt und Mundvorräthen beladen war und eine von zwei Ryots oder armen Bauern gezogene Kherrie, eine Art von Handwagen aus zwei Scheibenrädern, auf dem ein schöner Leoparde von jener schlanken kleinköpfigen Gattung hockte, die man im nördlichen Indien zur Jagd abzurichten pflegt und die unter der Benennung Jagdleoparden bekannt sind. Eine rothe Tuchkappe bedeckte, wie
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bei den Falken geschieht, den Kopf des Thieres, nur für die Schnauze eine Oeffnung zum Athmen lassend.
Unter den Reitern fiel namentlich ein junger Mann, offenbar der Kaste der Krieger angehörend und durch Tracht und Aussehn sich von der übrigen Gesellschaft unterscheidend, dem Arzte auf. Er trug statt der beliebten blauen Farben der Sindhier und Mahratten einen weiten ärmellosen Rock von weißer Wolle, unter dem ein überaus fein gegliedertes Panzerhemd von Stahlringen - so weich und nachgiebig, daß es sich der geringsten Bewegung anschmiegte - hervorglänzte. Dies ritterliche Gewand umgab nicht blos die breite Brust, sondern auch den obern Arm bis über die Ellenbogen und fiel auf die Hälfte der Schenkel herab, während die Beine mit weiten rothen Hosen bekleidet waren und die Füße in gelben Schnabelschuhen steckten, in dem breiten orientalischen Bügel ruhend, dessen scharfe Spitze statt des Sporns dient. Der Kopf des Jünglings war mit einer helmartigen, glänzend polirten Silberhaube bedeckt, um die sich, statt des Nackenschildes und Visirs, die rothe Binde eines Turbans schlang. Von der Spitze dieses Helms wehten zwei schöne, durch Stahldrähte gehaltene Pfauenfedern. Die Bewaffnung des Kriegers - denn ein solcher war offenbar der Jüngling - bestand aus einem stark gekrümmten Säbel mit prächtigem, edelsteinverziertem Griff, dessen Sammetscheide in Silberketten hing, einem langen dünnen Speer und einem hellpolirten Stahlschild, der auf seinem Rücken hing. Ein ähnlich bewaffneter alter Diener zu Pferde trug außerdem noch eine Luntenflinte von alterthümlicher Form.
Der junge Mann ritt einen prächtigen turkomanischen Hengst von schwarzer Farbe, der nur an dem linken Hinterfuß einen kleinen weißen Fleck zeigte.
Sein Gesicht, gegen die Gewohnheit der meisten orientalischen Stämme, von langem dunklen Lockenhaar umgeben, das zu den Seiten des Turbans hervorquoll, zeigte die edle und regelmäßige Bildung der kaukasischen Race: die gerade kräftige Linie der Nase vom Stirnbein ab, den schöngeschweiften Mund, dessen Oberlippe von einem zu beiden Seiten lang herabhängenden pechschwarzen und sorgfältig gepflegten Schnurrbart bedeckt war, und ein festes
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sanft nach dem Hals abfallendes Kinn, das - wie die Wangen - sorgfältig geschoren war. Die Augen waren von einem so tiefen Blau daß es bei ihrem Blitzen wie Schwarz erschien, groß und mandelförmig geschnitten und von schmalen dunklen Brauen bogenförmig überwölbt, so daß die inneren Enden derselben über der Nasenwurzel zusammenzustoßen schienen. Alle Bewegungen des schönen Reiters waren rasch und heftig, aber von einer gewissen natürlichen Grazie und Würde.
Als die beiden schwarzen Sclaven langsam den noch einigermaßen betäubten Reisenden herbeiführten und die Augen des erst kurz vorher zu der Gruppe der Jäger zurückgekehrten Reiters auf die Kleidung des Fremden fiel, loderte eine Gluth von Haß daraus hervor und seine Rechte schwang drohend den Speer.
»Verfolgen diese verfluchten Faringi uns denn selbst in die Einöden der Wüste und senden ihre Späher zu jeder Zusammenkunft freier Männer?« rief der Gepanzerte wild in hindostanischer Sprache. Aber der Flintenträger des Mahratten-Serdar streckte die Waffe seines Herrn schützend über das Haupt des Arztes aus, zum Zeichen, daß der Bedrohte unter dem Schutz der Gastfreundschaft des Gebieters stehe, und dann machte er dem Schobedar oder Platzmacher und obersten Diener des Mahrattenhäuptlings, welcher in dessen Abwesenheit den Befehl über die Jäger und Dienerschaar führte, eine Reihe von Zeichen, die diesem vollständig verständlich schienen, denn er wandte sich alsbald zu dem jungen Krieger, der nur mit gefurchter Stirn dem Widerspruch des Sclaven Gehör gegeben.
»Edler Khan,« sagte der Schobedar, »Dein Gastfreund, mein Gebieter, fordert uns auf, mit diesem Fremden nach der Burg zurückzukehren. Er gebietet mir, für ihn Sorge zu tragen und wird uns alsbald folgen.«
Der Khan - wie der junge Mann angeredet worden, - näherte sein Roß dem Europäer und betrachtete ihn lange mit durchdringenden Blicken.
»Verstehst Du das Hindostani?« fragte er ihn.
»Ich rede Deine Sprache!«
»Du bist ein Faringi?«
»Wenn Du unter Faringi das Volk der Franken im
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Allgemeinen verstehst,« antwortete der Arzt, der schon auf der Hochschule das Studium der orientalischen Sprachen eifrig betrieben und durch deren Kenntniß gerade die Bekanntschaft des unglücklichen Nabobs, des Enkels der Begum von Somroo gemacht hatte - »so bin ich ein Faringi oder Franke; ein Engländer aber bin ich nicht.«
»Wie heißt das Volk, dem Du angehörst?«
»Preußen!«
Der junge Khan ließ sich das Wort wiederholen, das ihn zu überraschen schien und in tiefes Nachdenken versenkte. Dann griff er hastig nach seinem Hals und zog eine große Schaumünze hervor, die an einer goldenen Kette auf seiner Brust unter dem Panzerhemd hing.
Dies Schaustück zeigte er dem Arzt.
Es war eine jener großen goldenen Medaillen, welche König Friedrich Wilhelm IV. hat schlagen lassen, die das wohlgetroffene Brustbild des Monarchen tragen und mit deren Geschenk der große Beschützer der Kunst und des Wissens, der geistreichste und gelehrteste Monarch Europa's, die Auszeichnungen auf beiden Feldern ehrend anzuerkennen pflegt.
»Das ist Friedrich Wilhelm, der König meiner Nation.«
Der junge Khan nickte. »So bist Du ein Tapferer, denn Du gehörst einem tapfern Volk an, das kein Verräther sein kann an Seinesgleichen. Fattih Murad Khan liebt die Männer seiner Nation und wird Dein Freund sein.«
Er reichte ihm die Hand, die der deutsche Arzt erstaunt annahm. Währenddessen hatten die Diener des Mahrattenfürsten ein Pferd herbeigebracht, die Anstalten zur Lagerung, die man bereits begonnen, waren rasch abgebrochen worden und der Chiprassy oder Schobedar nahte ihm mit der Bitte, das Roß zu besteigen, da sein Gebieter den sofortigen Aufbruch der kleinen Jagdkarawane befohlen hatte.
Doctor Walding stieg sofort in den Sattel. Als er sich nach dem fernen Tamarindenhügel umschaute, auf dem ihm das furchtbare Abenteuer begegnet war, bemerkte er keinen der dort Zurückgebliebenen mehr.
Gleich darauf setzte sich der Zug in Bewegung und schlug
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den Weg nach der offenen Fläche der Wüste ein, deren äußern Gürtel die Dschungeln und eine Reihe von kahlen Sandhügeln bildete.
Die Sonne war jetzt im Sinken und ihre Strahlen brannten nicht mehr so heiß, daß sie dem Europäer die Fortsetzung des Weges unmöglich gemacht hätten, obschon er von dem Mordanfall, dessen Hergang ihm noch immer gewissermaßen unbewußt blieb, etwas angegriffen war und einen dumpfen Schmerz von dem Blutandrang im Kopf empfand. Der Khan hatte sein Pferd neben ihn gelenkt und setzte das so seltsam begonnene Gespräch fort.
»Bist Du ein Krieger des großen Königs, dessen Bild ich auf meiner Brust trage?«
»Du irrst, edler Khan,« entgegnete der Deutsche. »Ich stamme zwar aus jenem Lande, aber ich bin ein Arzt, ein Gelehrter, der Euer Land besucht.«
»Die Faringi sind Männer, deren Durst nach Wissen groß sein muß. Sie wissen viele Dinge, und dennoch kommen sie zu uns, um zu lernen. Es sind kaum drei Monden her, als ich einen Deiner Brüder in die Berge von Kashemir auf den Befehl meines Vaters geleitete.«
»Ich habe gehört davon, daß drei Landsleute von mir auf einer Forschungsreise durch das nördliche Indien und Thibet begriffen sind. Kennst Du ihre Namen?«
Der Khan neigte lächelnd den Kopf. »Die Zunge der Hindostani,« sagte er, »ist nicht gelenk genug, die harten Namen der Fremden von jenseits der Berge und Meere wiederzugeben. Will der weise Arzt den Namen nennen, so werde, ich mich seiner wohl erinnern können.«
»Die reisenden Gelehrten sind die Gebrüder Schlagintweit; sie reisen, wie ich gehört, im Auftrage des Königs von Preußen und der ostindischen Compagnie.«
Der Krieger, von dem Doctor Walding noch immer nicht wußte, welchem Volksstamm er angehörte, schüttelte bejahend das Haupt. »Das ist der Name: - sie schrieben ihn mit den Zeichen der Sanskrit auf ein Blatt, das ich noch besitze. Zwei der Brüder sind zurückgekehrt nach Calcutta. Den dritten führte ich auf die Gebirge von Thibet.«
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»Und von ihnen hast Du die Goldmünze, edler Khan, die Du vorhin mir zeigtest?«
Wieder verneinte der Krieger.
»Die Hand eines tapfern Sohnes oder Vetters Deines Königs selbst hat Fattih Murad dies Zeichen gegeben, zur Erinnerung an einen bösen Tag seines Volkes. Hast Du gehört von der blutigen Schlacht von Ferodschah?«
»So bist Du ein Sikh?«
»So ist es. Ich war ein Knabe noch, als meine Väter und Brüder die Schlacht schlugen gegen die grimmigen Faringi. Drei Mal brachen die tapferen Schaaren der Sikhs in den Wald von spitzen Messern, den ihre Feinde auf den Flinten tragen, aber der Hagelschauer der ehernen Geschosse, den die Kanonen über das Feld streuten, warf auch die Tapfersten darnieder. Fattih Murad focht an der Seite seines Oheims, es war seine erste Schlacht und sein Stahl schlug das Feuer aus den Bajonneten der Faringi! Da traf eine Kugel mein Roß und das stürzende Thier begrub mich bewuß[t]los unter seiner Wucht. Als ich wieder zur Besinnung kam, war die Schlacht vorüber und mein Volk nach den Ufern des Sedletsch davongezogen - die Faringi hatten das Lager der Meinen erobert und verfolgten sie. In meiner Nähe standen fremde Männer, Christen, und begruben einen Todten - es war ein Frankenarzt, wie ich später gehört, aus Deiner eigenen Heimath, der seinem Fürstensohn nach Hindostan gefolgt war. Der Maharadschah der Preußen war ein Tapferer, mein Auge hatte ihn selbst erblickt neben dem einarmigen Feldherrn der Faringi, als ich mit unseren Reitern zum letzten Mal in ihre Reihen stürmte.«
»Prinz Waldemar, der ritterliche Hohenzollern-Sohn!« rief Walding im aufwallenden Gefühl des Heimathstolzes.
»Du nanntest seinen Namen, der meiner Zunge zu schwer wird, obschon sein Gedächtniß unverlöschbar in der Seele Murads lebt!« fuhr der Khan fort. »Er stand wenige Schritte vor mir an dem Grabe, in das sie seinen Freund legten. Eine Bewegung, die ich, von Schmerz gefoltert, machte, zog seine Aufmerksamkeit auf mich - man hatte mich für todt gehalten, wie mein Roß. Auf den Befehl des Maharadschah zogen zwei seiner
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Aga's mich unter dem Pferde hervor und leisteten mir Beistand. So tief betrübt der Frankenfürst auch war, so kümmerte er sich doch freundlich um mich, den unbekannten jungen Sikhkrieger, sprach mir zu, als ich den Tod forderte, da ich kein Gefangener ein und den Untergang meines Volkes erleben wollte, und ließ mich in die Haudah seines Elephanten bringen, weil ich von dem Sturz gequetscht und zu kraftlos war, um gehen oder ein Pferd besteigen zu können. Der Maharadschah Deines Volkes verließ das Schlachtfeld mit seinem Gefolge, denn der Feldherr der Faringi war eifersüchtig und wollte ihm nicht länger gestatten, an dem Kampfe Theil zu nehmen, und führte mich mit sich davon. Es war am zweiten Abend der Reise, als der Fürst mit dem Dolmetscher, der unsere Sprache redete, zu mir trat und mich fragte, ob ich mich stark genug fühle, ein Pferd zu besteigen. Ich bejahte es. Da führte er mich selbst in Begleitung seiner Aga's hinaus vor das Dorf, in dem er sein Lager aufgeschlagen. Dort unter den Palmenbäumen stand ein gesatteltes Pferd. Man gab mir meine Waffen zurück und der Franken-Maharadschah sprach zu mir durch den Mund seines Dolmetschers: ›Du bist frei, Fattih Murad, und magst zu den Deinen zurückkehren. Du bist mein Gefangener und deshalb kann ich Dir die Freiheit schenken. Mögest Du, wenn ich über das Meer zurückgekehrt bin, an die Fürsten im fernen Frangistan denken, die ein Volk von Tapferm beherrschen, wie das Deine ist.‹ Diesen goldnen Mohur mit dem Bild seines Königs gab er mir zum Andenken und reichte mir seine Rechte. Fattih Murad hat seiner nicht vergessen. Mögen tausend Freuden ihm in der Heimath begegnen!«
»Ihre Erde wird ihm leicht sein,« sagte ernst der Doctor, »sie deckt ein preußisches Herz! Prinz Waldemar ist nicht mehr unter den Lebendigen.«
»So fiel er in der Schlacht, wie der Arzt, sein Freund und Begleiter?«
»Er ist auf dem traurigen Krankenbette gestorben. Seine Nation weinte um einen Edlen.«
Der Sikh neigte das Haupt und schwieg mehrere Minuten in stiller Andacht.
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Der Jagdzug hatte jetzt den Gürtel der Dschungeln durchbrochen und trat in die wirkliche Wüste ein. Alle Vegetation schien hier aufzuhören, kein Baum, kein Strauch war zwischen den wellenförmigen Hügeln von weißem staubartigem Sand zu erblicken, welche, so weit das Auge trug, den Boden bildeten, und deren Form mit jedem Winde sich änderte. Als der Reiterzug sich in dies Sandmeer versenkte, bemerkte einer der Diener zwischen den Hügeln in der Ferne eine Antilope und machte die Reiter darauf aufmerksam. Im Augenblick war bei dem jungen Sikhkrieger und seinen Gefährten der Eindruck des vorhergegangenen Gesprächs vergessen und die Jagdlust leuchtete aus Aller Augen.
»Haltet mit der Kherrie an!« befahl der Khan. »Wir wollen sehen, ob er die Beute zu beschleichen versteht.«
Sogleich waren die Seyce's oder Pferdehalter - denn jeder indische Reiter von einigem Rang, ja in der Armee jeder Kavallerist, ist von einem solchen begleitet - zur Seite der Steigbügel, und ihre Herren schwangen sich aus den Sätteln. Der Khan stieg auf den Handwagen und begann den Leoparden mit der einen Hand zu liebkosen, während die andere leise die Riemen der rothen Kappe löste, die seine Augen bedeckte.
»Kamar, mein edles Thier,« schmeichelte der junge Mann, »hebe Deine Nüstern in die Luft und sauge den Geruch der Beute ein, welche die Götter Dir gesandt. Dein Fell ist weich, wie die Wolle von Kashemir, und Deine Augen glänzen wie die Diamantentropfen von Gollonda. Richte den Feuerstrahl Deiner Blicke auf jene Antilope und messe Deine Kraft und Geschwindigkeit mit den Sehnen ihrer Beine. Fort mit Dir, Kamar, der Du der beste Jäger der Wüste bist!«
Mit den letzten Worten hatte er dem Leoparden die Kappe abgerissen und hielt mit beiden Händen jetzt den Kopf des kräftigen und gelenkigen Thieres in der Richtung, wo die Antilope auf einem entfernten Sandhügel stehend, zu bemerken war, während ihren scharfen Augen der Jägerzug durch die Bildung des Terrains noch verborgen blieb.
Nach und nach gewöhnten sich die Augen des anfangs geblendeten Thieres an das Licht, und sobald sie den fernen Gegenstand erfaßt hatten, auf den der Jäger seine Aufmerksamkeit zu
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leiten suchte, stieß es ein dumpfes Knurren aus und sofort schob es der Khan von dem Wagen. Der Leopard hatte kaum den Boden berührt, als er, ohne sich um die Männer zu kümmern, vorsichtig zwischen den Hügeln zur Seite verschwand, wie ein Jäger, der sein Wild umgehen will. Walding, der mit Interesse das Verfahren des jungen Sikhkriegers mit dem schlanken grimmigen Thier beobachtet hatte, zwischen Beiden eine gewisse Aehnlichkeit findend, konnte den Leoparden bald nicht mehr erblicken. Ohne Lant und Bewegung, um die scheue Antilope nicht aufmerksam zu machen, blieb die ganze Gesellschaft wohl eine Viertelstunde in ihrer Stellung, dann bemerkte man, wie die schlanke Bewohnerin der Wüste unruhig zu werden begann, den Kopf, wie die Nähe des Feindes witternd, hin und her wendete und plötzlich in mächtigen Sätzen - denn die Antilope vermag zwanzig bis dreißig Ellen weit zu springen - davonflog, hinter ihr drein in demselben Augenblick der Leoparde.
Der Khan stieß bei diesem Anblick ein gellendes Geschrei aus und galoppirte, von der ganzen Gesellschaft gefolgt, hinterdrein. In Zeit von wenigen Minuten hatten sie das Raubthier eingeholt, das seine Beute beim zweiten Satz zu Boden gerissen, indem es ihr auf den Rücken gesprungen war und die Vordertatzen um den Hals geschlungen hatte, jetzt beschäftigt, das Blut aus den Halsadern der Gazelle zu saugen. Erreicht der Leoparde seine Beute nicht mit dem zweiten Sprung, so steht er beschämt von der Jagd ab und kauert sich nieder, dagegen läßt er sich auch von der niedergerissenen ohne Widerstand durch die Jäger fortführen.
Diese waren eben um die Gruppe versammelt und beschäftigt, dem Leoparden die Kappe wieder aufzusetzen, als der Serdar bei ihnen eintraf.
»Vorwärts, Murad-Khan,« sagte er rauh, »laß das Vergnügen Denen, die Zeit dazu haben, uns fordern jetzt die Thaten. Ich bringe der Rani das, was wir brauchen und vielleicht den Funken, der das Pulverfaß entzünden mag. Wir wollen so rasch als unsere Renner uns tragen können, nach Malanaher, meiner Burg.«
»Aber die Boten, die Du erwartetest?«
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»Sie werden uns folgen mit denen, die keine Pferde haben und dem Jagdgeräth!«
Er wandte sich zu dem Subedar und ertheilte ihm leise einige Instructionen, worauf dieser mit einigen der Jäger und zwei Reitern den Weg in der Richtung nahm, welche die Gesellschaft anfangs bei dem Zusammentreffen mit dem deutschen Arzt verfolgt hatte. Dann ließ der Serdar von den Zurückbleibenden die Pferde tränken und mit Haferbrod füttern und befahl den Aufbruch.
»Die Kinder der Thug,« sagte er mit aller Freundlichkeit, die sein finsteres Antlitz gestattete, »spotten der Anstrengungen, wird aber der weise Arzt der Franken einen weiten und raschen Ritt, bis die Sonne wieder emporsteigt, vertragen können?«
»Wenn er mich von meinen Feinden entfernt und in Sicherheit bringt, mit Freuden und sollte ich mich auch auf dem Sattel festbinden!«
»Und die Feinde, die Du fürchtest, sind?«
»Eure eigenen Tyrannen, die Engländer!«
»Schiwa sei gelobt! Dann vorwärts!«
Und die Reiter, acht an der Zahl, setzten ihre Pferde in Galopp.
Hinein ging es in die Wüste in gestrecktem Lauf. Der Arzt ahmte das Beispiel der Anderen nach und band einen Leinentuch um den Mund zum Schutz gegen den Staub, und da die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte und die Hitze nachgelassen hatte, ertrug er den anstrengenden Ritt ziemlich gut, obschon er durch seinen langen Aufenthalt auf dem Schiffe jener männlichen und ritterlichen Bewegung ziemlich ungewohnt geworden. Je weiter sie in die Wüste hinein kamen, desto trauriger und einförmiger wurde die Gegend. Nur selten noch streifte eine Gazelle am Horizont mit ihren raschen Sprüngen vorüber, oder ein Schakal trabte über die Sandhügel. Der ewige unabsehbare Wechsel derselben glich einem leicht bewegten Meer. Der Ritt war zu rasch, die Luft zu heiß, als daß ein Gespräch möglich gewesen wäre, und so jagte die Schaar rastlos ihrem noch immer unsichtbaren Ziele zu.
Doctor Walding bemerkte an verschiedenen Orten die von
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den Geiern abgenagten und von der Sonne gebleichten Knochen von Kameelen, und daß sie zwei Mal an steinernen Brunnen vorüberkamen, in deren Nähe einige Karylbüsche wuchsen, die aber - und zwar durch Menschenhand - verschüttet waren.
Er erinnerte sich, gehört zu haben, daß die Stämme, welche die Oasen der Wüste bewohnen, oft auf viele Meilen in der Runde durch dies Mittel den Zugang zu ihren Wohnsitzen zu erschweren und unmöglich zu machen suchen.
Gegen zehn Uhr Abends befahl der Mahrattenfürst einen Halt. Man lagerte an der Seite eines Sandhügels, die Reiter holten die mit Wasser gefüllten Ziegenschläuche hervor, die an ihren Sätteln befestigt waren, und stillten den eignen und den Durst der Thiere, worauf ein einfaches Mahl von ausgetrockneten Datteln und Brod eingenommen wurde.
Nach zwei Stunden der Rast befahl der Serdar aufs Neue den Aufbruch, und es ging wie vorher im Galopp weiter, wobei der Arzt die Sicherheit bewunderte, mit welcher seine Begleiter, ohne alle sonstigen sichtbaren Zeichen eines Weges, nach dem Stand der Sterne ihre Richtung zu regeln schienen, ohne je einen Augenblick darüber in Zweifel zu gerathen. Die frühe Dämmerung begann den Horizont zu erhellen und einiges Licht über die Fläche zu werfen, über welche die Reiterschaar daherstürmte, als Walding bemerkte, daß sich die Gegend änderte, mächtige Felsenblöcke häufig ihren Weg unterbrachen und in der Entfernung von einigen Meilen eine dunkle Bergwand sich vor ihnen erhob. Auf diese ging ihr Lauf zu und sie erreichten den Fuß, als die ersten Sonnenstrahlen eben über die Wüste zitterten.
Staunend sah der Deutsche zu diesen Felsenmauern empor, die sich fast senkrecht aus der Sandfläche umher in schwarzen gigantischen Massen erhoben, ohne daß sein spähendes Auge einen Weg zu ihrer Ueberschreitung erblicken konnte. Erst als Tukallah sein Roß am Fuße dieser mächtigen Bergwände hinlenkte und um einen Vorsprung derselben bog, sah der Arzt, daß sich hier eine jener schmalen Klüftungen öffnete, die einem Riß zwischen Felswänden durch irgend eine Gewalt der Natur hervorgebracht, gleichen, und daß dieser Spalt in verschiedenen Windungen sich in die Berge hinaufzog. Der Weg auf seinem Grund war so
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schmal, daß kaum zwei Reiter neben einander ihn passiren konnten, und oft hingen die schwarzen Felskuppen so weit darüber hin, daß kaum noch eine schmale Linie des Himmels zu erblicken war.
Der Serdar hielt am Eingänge dieses furchtbaren Felsenpasses an, der leicht gegen ein ganzes Heer zu vertheidigen sein mußte, und stieß in ein Horn, das einer seiner Begleiter ihm reichte, drei Mal einen lang gezogenen Ton.
Das Echo war kaum verklungen, als von der Höhe der Felsenlabyrinthe ein ähnlicher Hornstoß antwortete.
»Die Wachen sind auf ihrem Posten und benachrichtigt,« sagte der Serdar. »Vorwärts denn!« Und er lenkte sein Pferd in den gefährlichen Weg.
In der Kluft herrschte noch tiefe Finsterniß, aber die edlen Rosse schienen den Weg so genau zu kennen, daß die Reiter ihnen unbesorgt die Zügel überließen. Zwischen den hohen Felswänden wand sich der Pfad bald breiter, bald so schmal wie am Eingang, in die Höhe und wurde immer lichter, je weiter sie kamen. Zwei Mal begrüßte sie der Anruf von Schildwachen, die auf vorspringenden Felsstücken über ihren Häuptern Wache hielten.
Sie waren eine halbe Stunde bergan gestiegen, wobei sich die Kluft immer mehr und mehr öffnete, als sie auf der Höhe derselben und an der andern Seite des Felsenwalles anlangten.
Zu seinen Füßen erblickte der Deutsche im lieblichen Licht der Morgensonne mitten in dieser Wüste ein Paradies, wie es die Phantasie nicht herrlicher schaffen konnte, ein Zauberbild aus einem orientalischen Mährchen mit aller Wunderpracht der tropischen Vegetation.
Walding hatte oft von jenen paradiesisch schönen Thälern von Kashemir gelesen, die sich plötzlich vor dem Wanderer durch die wilden Gebirgszüge des Himalaya öffnen, und glaubte hier ein solches vor sich zu sehen. Das Thal, das sich zu seinen Füßen ausbreitete, mochte etwa eine halbe deutsche Meile lang und halb so breit sein, und war rings von hohen Felsenmauern eingeschlossen. Diese flachten nach dem Thal zu sich zu grünen Rasenmatten ab, bedeckt mit wildem Wein und herrlichen Korkeichen, zwischen denen der Teakbaum seine großen Blätter hervor
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streckte. Der Grund des Thales war ein weiter prächtiger Blumenteppich, aus dem süße Wohlgerüche emporstiegen und die Luft erfüllten. Von der östlichen Felswand sprudelte ein starker Quell kaskadenartig herab, durchschlängelte in einem künstlich oder natürlich geregelten Lauf einen großen Theil des Grundes und bildete in der Mitte des Thales einen kleinen von Pipala's und Akazien umgrünten Teich, der dadurch etwas Geheimnißvolles gewann, daß man wohl das Hineinströmen des Baches, aber keineswegs einen Abfluß bemerken konnte. Dieser Umstand bestärkte den Gelehrten in der Annahme, daß der großartige Felsenkessel durch irgend eine mächtige vulkanische Erhebung entstanden sei.
Prächtige Gruppen von Kokos- und anderen Palmenarten der Tropen, Tamarinden, von einem so riesigen Umfang, daß drei Männer die Stämme kaum zu umspannen vermocht hätten, mit ihrem zephyrartig reizend gefiederten Laub, die Banyane, der Mongobaum und die Pipala wechselten mit prächtigen Mangrove, Rosen- und Granatbüschen ab. Zwischen Hecken von wildem Indigo, Sirky und den schönen Mimosenbäumen streckten sich wohlbewässerte Felder mit allen Getreidearten Indiens, dem goldenen Weizen, dem Gram und Javary. Dies reizende Landschaftsbild erhielt durch viele aus Bambusrohr zierlich geflochtene Hütten, durch eine Heerde Kameele, die an den Abhängen des Gebirges weideten und eine Zahl von zehn zahmen Elephanten, die eben von ihren Kornaks zur Tränke am Teich geführt wurden, das Bild der wohnlichen Belebtheit. Aber auch an andrer Belebung fehlte es nicht. Die schöne Angoraziege kletterte auf den Berghöhen, das berühmte Thybet-Schaf begann im Grunde zu weiden, mächtige Stiere begrüßten brüllend den Morgen und die bunte Farbenpracht der Vögel war erwacht mit den ersten Sonnenstrahlen. Der Goldfasan mit seinem glänzenden gelbrothen Gefieder und sein Rival an Schönheit, der Silberfasan, ließen ihr Glucken hören - der Pfau, dieser königliche Vogel Indiens breitete sein Farbenrad und stieß sein häßliches Geschrei aus, - auf dem Teich schwamm die prächtige Mandarinenente, in dem thurmhohen Wipfel der Palmen wiegte sich der blaue Ara, das Heer der Papageien und Kakadu's war erwacht und erfüllte die Luft mit seinem Geschrei; der Paradiesvogel begann sein ewiges
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Schweben in den Lüften, von dem er den Ruf hat, daß er ohne Füße geboren und im Fliegen schlafen müsse, behende Affen sprangen von Zweig zu Zweig und die Schaar der Kolibri's tauchte in die sich erschließenden Blüthenkelche.
All' dies paradiesische Leben entwickelte sich natürlich erst vor den staunenden Augen des Deutschen, als er langsam mit seinen Begleitern in das herrliche Thal hinabritt, dessen plötzlicher Anblick ihn auf der Höhe der Felsen mehrere Minuten lang gefesselt hatte, während der Mahrattenfürst und der Khan sich an seiner Ueberraschung weideten.
Dann streckte Tukallah die Hand aus, wies nach dem Hintergrund des Thales und sprach den Namen: Malangher!
An der Südseite des Thales, auf einem eckig hervorspringenden Felsengrat lag das Mahrattenschloß, die geheimnißreiche dunkle Felsenveste der Würger!
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Die Geheimnisse der schwarzen Burg.

Es fiel Doctor Walding auf, während sie im Galopp durch das Thal der Felsenburg zu ritten, daß nur Frauen und Kinder auf den Feldern und vor den Hütten zu erblicken waren, die Frauen nach der Sitte der Mahratten tief verschleiert, so daß nur die Augen zu sehen waren, während im Pendschab unter Hindu's und Mohamedanern ein freierer Gebrauch herrscht und Frauen und Mädchen gewöhnlich ihr Antlitz ohne die entstellende Hülle zeigen.
Die Bewohnerinnen des Thals waren, so weit es die verhüllenden weißen und blauen Gewänder zu sehen gestatteten, schlanke schöne Figuren, und blieben, als der Zug vorüberbrauste, in bescheidener Entfernung, die Arme über die Brust gekreuzt, stehen.
Schon von der Höhe der Felswand hatte der Serdar einen der Reiter vorausgeschickt, ihre Ankunft zu melden, und als sie jetzt der Burg näher kamen, konnten sie leicht bemerken, daß der Bote bereits eingetroffen war und man sie erwartete.
Walding hatte nun volle Gelegenheit, das Aeußere der Mahrattenveste zu betrachten. Wir haben bereits bemerkt, daß sie auf einem von der Hauptwand der Berge vorspringenden Felsengrat gebaut war. Der Aufgang zu ihr war steil aber breit und selbst für die Elephanten passirbar. Er wand sich im Zickzack empor, so daß er leicht von den Mauern des Schlosses bestrichen werden
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konnte, und endete in dem gewölbten Portal eines breiten viereckigen Thurmes, von dessen Plateau drei große metallene Kanonen drohend ihre Mündungen niederstreckten. Eine starke aus dem schwarzen Gestein des Felsens meist in senkrechter Linie mit den Abgründen aufgeführte Mauer umschloß die inneren Gebäude der Veste, die terrassenförmig über einander emporstiegen, so daß von der Höhe des letzten, das mit einer mächtigen, in der spitzen orientalischen Kugelform geschweiften Kuppel geziert war, das ganze Innere der Festung übersehen werden konnte. Die Mauern hatten, wie bei den orientalischen Bauten üblich, nur wenige Oeffnungen nach Außen und wurden an vier Ecken durch hohe, schlanke Minarets überragt, die gleich Wächtern hinaus in das Thal lugten. Einen eigenthümlichen Abstich zu dem schwarzen Aussehn des Ganzen gewährte die Kuppel des höchsten Gebäudes, die ganz vergoldet war und in den Strahlen der Sonne funkelnde Blitze warf. Dicht hinter diesem eigenthümlichen Bau erhob sich die Bergwand, die ohne Ausgang hier das reizende Thal abzuschließen schien. Kurz vor der Wölbung der Eingangsthurmes, deren riesige Thorflügel von Erz gegossen und mit Hieroglyphen bedeckt waren, jetzt aber weit geöffnet standen, durchbrach eine tiefe Felsspalte quer den Weg und wurde von einer in Ketten hängenden Zugbrücke überdeckt. Männer standen auf den Mauern und unter dem Thor in verschiedenartigen reichen und ärmlichen Gewändern und Trachten, Alle bewaffnet und in ihrer Mitte eine hohe Frau, über die erste Blüthe der Jahre hinaus, aber mit wohlerhaltenem, stolzem und kühnem Gesicht und mit prächtigen Kleidern und Juwelen geschmückt.
Ein rothes, mit Goldblumen durchwirktes Oberkleid war unter der Brust mit einer Agraffe jener kostbaren Türkisen aufgenommen, die in den Minen von Nischnipur gefunden werden, und ließ ein auf die Goldpantoffeln herabfallendes Unterkleid von jener zarten blaßgrünen Seide schauen, welche bis jetzt allein die Webstühle China's liefern. Ein kostbarer Kashemirshawl umschlang turbanartig die hohe kegelförmig zugespitzte Mütze und fiel in befranzten Enden herab auf die Schultern.
Neben dieser königlich ausschauenden Frau - und in der That war sie die Königin einer mächtigen und kriegerischen Nation
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gewesen - standen ein junges Mädchen und zwei Männer, die gleiche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Das Mädchen war gleich prächtig gekleidet, wie ihre Mutter, denn obschon ihr Gesicht von einem Schleier bedeckt war, hinderte dieser doch nicht das Erkennen und Vergleichen der Züge, denn er war von jenem kostbaren indischen Gewebe, das auf den Rasen gebreitet, nur wie Thau desselben aussieht. Der eine Mann trug die hohe persische Mütze von schwarzem Schaffell und den langen blauen Talar dieses Volkes. Der wilde Ausdruck des Gesichts und die schwere Bewaffnung deuteten jedoch darauf hin, daß er einem der kriegerischen Nachbarstämme, und zwar dem Afghanenvolk, angehöre, diesen erbitterten und glücklichen Gegnern der Engländer. Der Andre war ein Greis von ernstem, strengem Ansehn, und obwohl seine Farbe von der Sonne des Ostens so mahagonibraun gefärbt war, wie die der Eingeborenen, bewiesen doch die Züge dieses Gesichts und der Orden der französischen Ehrenlegion, den er auf seinem Kaftan trug, daß er ein geborner Europäer war.
Sobald Murad-Khan der hohen Dame ansichtig wurde, sprang er von seinem Rosse, nahte ihr mit Ehrerbietung und beugte sein Knie vor ihr, indem er den Saum ihres Oberkleides an seine Lippen führte.
»Möge Wischnu, der Erhalter, der hohen Rani langes Leben und den Sieg über ihre Feinde verleihen, daß diese Augen sie wiedersehen auf dem goldnen Thron von Lahore,« sagte der junge Sikhkrieger. »Dein Sclave ist zurückgekehrt, früher, als er es gehofft, nach dem Willen unsers Gastfreundes, der einen Freund gefunden aus dem Lande der Faringi, obschon er nicht von dem Volk unserer Tyrannen ist.«
Die Augen der Rani - der letzten Königin des Sikhstaates - wandten sich auf den Deutschen, der mit der ganzen Gesellschaft jetzt abgestiegen war, die Rosse den herbeieilenden Seyce's überlassend, und dann auf den Serdar.
»Tukallah ist ein so weiser und treuer Mann,« entgegnete sie, »daß er keinen Verräther in unsre Nähe bringen wird. Sein Gast ist der Rani willkommen, auch wenn sie ihn nicht kennt.«
»Der Dir naht,« sprach der Mahratte, »kann die Hoffnung Deines Hauses werden. Wir haben in ihm gefunden, was wir
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suchten, und der junge Maharadschah der Sikhs soll frei sein, ehe der Mond sich auf's Neue füllt!«
Auf diese Versicherung reichte die entthronte Fürstin dem Deutschen die mit kostbaren Juwelen bedeckte Hand nach europäischer Sitte.
»Möge Dein Wort zur Wahrheit werden, weiser Serdar der Mahratten, unserer Brüder!«
Damit verließ sie den Eingang und schritt in Begleitung ihrer Tochter der Gesellschaft voran durch das Thor in das Innere der Burg. Der Mahrattenfürst ging an ihrer andern Seite und redete heimlich und eifrig mit ihr.
Der Khan legte die Hand auf den Arm seines neuen Freundes. »Was sagt der weise Arzt der Franken zu der Rose von Lahore? Ihr Duft ist lieblich und der Glanz ihrer Augen überstrahlt das Feuer des Koh-ih-noor!«9
Walding, der die bilderreiche Sprache der Orientalen kannte, sah ihn erstaunt an, denn er glaubte, der junge Krieger spräche von der Rani.
»Sie muß in ihrer Jugend schön gewesen sein,« entgegnete er, »und ihr Auge ist noch feurig und voll Hoheit; wenn Murad-Khan die Dame aber mit einer Rose vergleichen will, so möchte ich sie doch gerade nicht mehr eine in ihrer ersten Blüthe nennen.«
Der Greis mit dem europäischen Gesichtsausdruck, der an ihrer Seite ging, lachte über das Mißverständniß.
»Der tapfere Murad,« sagte er in französischer Sprache, »glaubt, daß wenn er von einer Dame spricht, Jedermann wissen muß, daß es nur von seiner Verlobten, der Prinzessin Mahana, der Tochter der Rani, geschehen kann. Es war das junge Mädchen an der Seite ihrer Mutter. Doch erlauben Sie, mein Herr, da unser junger Freund uns bereits benachrichtigt hat, daß Sie kein Engländer von Geburt sind, Sie zu fragen, welcher Nation Sie angehören?«
»Ich bin ein Deutscher, ein Preuße!«
Die Stirn des Greises verfinsterte sich einen Augenblick -
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dann aber rächte er dem Arzt zum Willkommen die Hand. »Die Preußen waren die Feinde meines großen Kaisers,« sagte er in Erinnerungen verloren, »aber sie sind eine brave Nation und begnügten sich, den Löwen zu besiegen, nicht ihn zu ermorden. - In meiner Jugend war ich unter den französischen Adlern in Ihrem Vaterland und zog in die Thore Ihrer Hauptstadt ein. Verzeihen Sie einem alten Mann die glorreichen Erinnerungen seiner jüngeren Jahre.«
»So sind Sie einer der alten napoleonischen Offiziere in den Heeren der indischen Fürsten?«
»Ich bin der General Ventura,« sagte der Greis mit einigem Stolz, »früher Capitain der französischen Armee, seit 1822 in Diensten des berühmten Rundschit Sing und seiner Nachfolger, jetzt mit ihnen ein flüchtiger Verfolgter. Da Sie bereits bei Ihrem Eintritt das wichtigere Geheimniß von der Anwesenheit der Maharani erfahren haben, nehme ich keinen Anstand, auch meinen Namen Ihrer Ehre anzuvertrauen.«
Der Preuße verbeugte sich. »Der Name des berühmten Organisateurs der Sikh-Armee ist keinem Gebildeten unbekannt, schon aus der Reisebeschreibung des Capitain von Orlich, meines Landsmannes. Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß das, was ich hier sehe und höre, in meiner Brust verschlossen bleibt. Ueberdies bin ich gewissermaßen selbst ein Flüchtling - wenigstens würden mich englische Augen als solchen betrachten.«
Die weitere Erörterung dieses Gegenstandes wurde jedoch verhindert durch den Eintritt der Gesellschaft in die inneren Räume der Burg.
Der Vorhof, den sie zuerst betraten, enthielt zu beiden Seiten unter großen colonnadenartigen Bogen die Ställe der Pferde und die Wohnungen der Krieger und Diener, welche die Besatzung der Burg bildeten. Zahlreiche Männer, bewaffnet oder in Pilgerkleidern, gleich als hätten sie einen weiten Weg zurückgelegt, standen und saßen umher, besonders, um den Rand des steinernen cisternenartigen Brunnens, der sich in der Mitte des Hofes öffnete. Sie Alle erhoben sich und machten ehrerbietig ihren Salem oder Gruß, als der Serdar mit seinen Begleitern vorüberschritt nach dem Gitterthor, das sich in der zweiten Gebäudereihe öffnete.
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Zwei Krieger, in alterthümlicher Weise mit Stahlhauben und Kettenpanzern gerüstet, hielten an dem Thor Wache, von dem aus eine breite Treppe von schwarzem Marmor emporführte, zum nächsten Hof, der nur zwei oder drei Fuß tiefer lag als das flache Dach der zweiten Reihe, mit demselben durch Zugänge und Stufen verbunden. Rechts und links bildeten prächtige Holzpavillons mit reicher Vergoldung und chinesischen Malereien die Verbindung mit dem letzten der Hauptgebäude, in dessen Mitte sich die große Pagode mit der vergoldeten Kuppel erhob, um die zu beiden Seiten her eine prächtige Marmortreppe hinauf zu dem Dach des Rückflügels der Burg lief. So einfach finster und kriegerisch auch die vordere Hälfte des Mahrattenschlosses erschien, so verschwenderisch reich und reizend, dem Charakter des lieblichen Thales angemessen, war dieser Theil ausgestattet. Der Hof bildete einen mit prächtigen Blumen und duftenden Büschen bedeckten Garten, aus dessen offenbar mit großer Mühe auf diesen Felsengrund geschaffter Erde sich hundertjährige Orangenbäume in langer Reihe erhoben, in ihrem dunklen Laub neben den goldglänzenden Früchten die weißen Blüthenbüsche tragend, die rings umher ihren schweren Wohlgeruch verbreiteten. Zwei silberhelle Fontainen ließen ihren Wasserstrahl zwischen diesen Bäumen und Blumen in schön gemeißelte Bassins von milchweißem Marmor zurückfallen, in denen eine Schaar der Gold- und Silberfische Indiens munter umherschwammen; buntgefiederte blaue und rothe Ara's und isabellfarbige Kakadu's wiegten sich auf Golddrähten, die von Baum zu Baum gezogen waren, und ein halbes Dutzend prächtiger zahmer Pfauen stieg gravitätisch in den Gängen des Gartens auf und nieder. Die Mauern des gegenüberliegenden Gebäudes waren mit Pfirsich- und Rosenspalieren an vergoldeten Gittern bedeckt, und die Rosenbäume hatten in der treibenden Gluth der tropischen Sonne und in der Feuchtigkeit, welche die Springbrunnen ihnen zuführten, eine Höhe von zwei Geschossen und eine Ueppigkeit der Blumenentfaltung erreicht, die mit nichts Aehnlichem in der Welt zu vergleichen war.
Die Pagode, oder der Tempel, der die Mitte des Gebäudes einnahm, war ein Prachtwerk des zierlichen und kunstvollen altindischen Baustyls und mochte, wie die ganze Burg, mehr als ein
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halbes Jahrtausend zählen. Er war in seinen zahllosen Ecken und Vorsprüngen mit Säulchen, Mastern, Stukkaturen und kostbaren Mosaiken bedeckt, von seinen Spitzen hingen glänzende Metallplatten herab, die im Luftzug harmonisch an einander schlugen, und wenn auch der Zahn der Zeit überall gerade an diesem prächtigen Bauwerk genagt hatte und sichtbar war, beschäftigten doch die tausend Einzelnheiten der Arabesken, der metallenen Verzierungen und Vergoldungen den Blick noch allzusehr, um den Verfall näher zu verfolgen. Die beiden Marmortreppen, die sich um die Pagode zur Höhe des Gebäudes wanden, zeigten rechts und links Seiteneingänge in dasselbe; das Dach selbst war mit einem vergoldeten Gitterwerk eingefaßt, über das Blumen und Grün hinausschaute, und zwei riesige Mohrensclaven, die mit blanken Säbeln an dem Fuß der Doppeltreppe Wache hielten, bestärkten noch mehr die Vermuthung des Arztes, daß ein Theil dieses Gebäudes und die oberste Terrasse die Zenana oder den Aufenthalt der Frauen bildeten.
Diese Vermuthung bestätigte sich auch, indem die Maharani mit ihr Tochter alsbald sich auf einer Seite der Treppen entfernte und in das Innere des Gebäudes hinabstieg, während der Serdar sich dem Arzte näherte und zwei der Diener herbeiwinkte, die ihnen aus dem Vorhof gefolgt waren.
»Mein Freund und Gast,« sagte der Mahratte mit jener orientalischen Gastfreundschaft, die alle Wünsche des Wirthes denen seines Gastes nachsetzt, »wird müde sein nach dem anstrengenden Ritt. Diese Beiden werden zu Deinem Dienst bereit sein, bis ich Dir einen eigenen Diener geben kann. Jener Pavillon soll Deine Wohnung sein, und wenn Du geruht und die Beschwerden der Nacht vergessen hast, wollen wir von dem sprechen, was uns Beiden wichtig ist.«
Es war dem Arzt nicht unlieb, auf diese Weise einige Ruhe zu genießen, denn die überstandene Gefahr, die wechselnden Eindrücke und der angestrengte Ritt hatten in der That seine Kräfte erschöpft. So folgte er denn den Dienern, die ihn zunächst in eine Grotte führten, die vom Garten aus unter den Rosenspalieren in das massive Mauerwerk des Gebäudes sich öffnete, und aus dieser eine Treppe hinab nach einem gewölbten Baderaume, der
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sein Licht von oben her empfing. Hier genoß der ermüdete Reisende mit all jenem Luxus und wollüstigen Comfort, der die orientalischen Bäder begleitet, ein solches, wurde von den Dienern mit warmen Wollendecken abgerieben und mit jenen eigenthümlichen Manipulationen geknetet, die den Gliedern und Muskeln neue Spannkraft zu geben scheinen, und dann in einen weiten Ueberwurf von indischer Wolle gehüllt nach dem Kiosk geführt, den der Serdar ihm zur Wohnung angewiesen. Hier fand er köstliche Früchte, Sherbet und Kaffee zu seiner Erfrischung bereit, und nachdem er davon genossen, warf er sich auf das Lager aus Kissen und Teppichen, das an der Seitenwand des Gemachs entlang lief, ohne der köstlichen Aussicht durch die geöffneten Jalousieen auf das Thal zurück auch nur einen Blick zu schenken, und sank sogleich in einen tiefen und festen Schlaf.
Die Mittagshitze war vorüber und die Sonne senkte sich zum Untergang, wie vierundzwanzig Stunden vorher, da er unter der Tamarinde am Rande der Wüste so wunderbar dem sichern Tode entgangen war, als er neu gekräftigt die Augen öffnete und sich emporrichtete, erstaunt, sich in so fremder prächtiger Umgebung zu sehen, bis die Erinnerung an das Vergangene ihm zurückkehrte.
An der Thür des Gemachs kauerte ein Diener, nicht einer der beiden, die ihn am Morgen im Bade bedient, sondern ein andrer Mann, dessen Antlitz er schon gesehen zu haben vermeinte, obschon er mit den indischen Physiognomien noch zu wenig vertraut war, um sich genügend erinnern zu können, wann und wo dies geschehen.
Der Diener, in einen blauen Rock gehüllt, ein gelbes Seidentuch um den Kopf geschlungen, erhob sich sogleich, als er das Erwachen des Arztes bemerkte und trat an sein Lager.
»Was befiehlst Du, Sahib?10 Dein Diener ist bereit, Deine Befehle zu vollziehen!«
»Der Serdar sagte mir, daß er einen eigenen Diener mir bestimmt hat. Bist Du der Mann?«
»Ich habe einen Eid geleistet auf das, was mir das Heiligste
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ist, jedem Deiner Winke zu gehorchen, und mit meinem Leben das Deine zu schützen, bis die Zeit gekommen, wo ich wieder frei sein kann. Ich bin Dein Sclave, ein Hauch in Deinem Munde, ein Nichts vor Deinen Augen, so lange ich Dir diene. Dein Wort ist mein Gesetz und Dein Gebot mein Leben. Die Dunkeläugige hat es befohlen!«
Obschon Walding die bilderreiche und überschwängliche Redeweise der Orientalen bereits kannte, waren ihm diese Versicherungen seines neuen Dieners doch auffallend, und er fragte daher:
»Wie kommt es, daß Du mir, der ich Dir ein Fremder bin, Dein Leben und Sein weihen willst, während ich doch höchstens die Ergebenheit und die Dienste von Dir fordern kann, die jeder Herr von seinem Diener zu verlangen berechtigt ist? - Zunächst, wie nennst Du Dich?«
»Kassim, Sahib!«
»Dann beantworte mir meine Frage, Kassim.«
»Sahib, ich bin nicht Dein Diener, ich bin Dein Mayadar!«
»Was ist das - ich verstehe den Ausdruck nicht. Erkläre mir ihn!«
»Meine Worte haben es bereits gethan. Ich bin der Schatten Deines Schattens. Wenn ein Mann sich einem andern durch einen heiligen Eidschwur verlobt hat, so ist er von der Stunde an sein Mayadar, bis Mahadeoh, der Gott des Todes, Einen oder den Andern von diesem Leben befreit. Sein Leben, sein Wissen, das Mark seiner Gebeine und die Gedanken in seinem Hirn müssen Dem gehören, dem er sich zum Mayadar gegeben, wie die Aya dem Kinde gehört, das die Milch ihrer Brust getrunken. Kassim war ein freier Mann, aber der Wille eines Mächtigern hat ihn zum Hunde eines Faringi gemacht.«
»Und wenn ich mich weigere, Deine Dienste anzunehmen?« Der Hindu lächelte verächtlich. »Kannst Du dem Ganges gebieten, rückwärts zu fließen, dem Monsoon11 seinen Weg anweisen? Mein Schicksal ist an das Deine geknüpft durch geheimnißvolle Mächte, über die wir Beide nichts vermögen. Nur Dein
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Tod oder der meine kann mich erlösen und so lange habe ich mein Blut für Deinen Willen zu geben.«
»Und wer ist es, der Dir diesen Eid auferlegen konnte?«
»Wer anders als Tukallah, der Gebieter dieser Burg und des Thales?«
»So hat also Tukallah große Macht unter seinem Volk, und Du gehörst zu seinem Stamm?«
»Er ist ein Sirdar der Mahratten und der Stamm seiner Familie so alt, wie Hindostan. Frage mich nicht weiter, Sahib, er selbst wird Dir sagen, was Dir zu wissen gut ist, denn er hat mir befohlen, Dich zu ihm zu führen, sobald Du erwacht seist.«
Walding fühlte, daß es Unrecht wäre, den Mann weiter auszuforschen, und erhob sich, eine kurze und einfache Toilette zu machen. Er fand einen vollständigen indischen Anzug vor dem Divan, dessen er sich nach Kassims Erklärung bedienen sollte und den er nach kurzer Ueberlegung mit dessen Hilfe anlegte. Bald war er in den weißen Kaftan, den Turban und den weiten wollenen Beinkleidern eines Parsen, deren Sekte die meisten Kaufleute Indiens angehören, gekleidet, steckte den zu dem Anzug gehörenden Yatagan in seinen Gürtel und folgte seinem neuen Diener, der ihn durch den Garten nach der Treppe begleitete, die um die Pagode hinauf zur höchsten Terrasse des Schlosses und den Räumen der Zenana führte. Die schwarzen Wächter am Eingang, die sonst kein männliches Wesen diese Schwelle überschreiten ließen, schienen bereits benachrichtigt, denn sie senkten ihre Säbel und ließen die Beiden ohne Weiteres passiren.
Auf der Höhe der Terrasse angekommen, fanden sie auf der einen Seite unter einem Sonnenzelt Tukallah mit einem seiner schwarzen und stummen Leibdiener, auf Kissen sitzend und die Hukah rauchend. An dem andern Ende der Terrasse war ein ähnliches Zelt aufgeschlagen und Walding glaubte dort Frauengewänder schimmern zu sehen, doch verhinderte eine Wand blühender Gesträuche jedes nähere Erkennen.
Auf einen Wink nahm der Deutsche neben dem Sirdar Platz, und wurde mit Kaffee und einer kostbaren Pfeife bedient, während Kassim wieder die Terrasse verließ.
»Wir sind allein,« sagte Tukallah, »denn der Mund dieses
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Sclaven ist auf immer verschlossen und seine Seele ist mir ergeben. Es wird den weisen Arzt der Faringi Manches in Erstaunen gesetzt haben. Er möge fragen und Tukallah wird ihm antworten.«
»Zunächst,« entgegnete der Deutsche, »glaube ich, daß Du mich aus einer schweren Lebensgefahr, ja vom Tode gerettet hast, obschon mir die Umstände dieser Gefahr und Rettung noch immer dunkel sind. Nimm meinen Dank dafür, denn wenn an meinem Leben auch wenig gelegen, so kann seine Erhaltung doch Deinem Volke selbst nützlich sein.«
»Du hast weise gethan, von der Gefahr nicht zu sprechen, in die ein unbesonnener Reisender in dieser Wüste leicht verfällt. Wie kommt es, daß ich den Freund des Somroo, den ich in England verließ, am Rande der Thür wiederfand?«
»Du erinnerst Dich, daß ich zwei Monate nach dem Tode des Syr[Sir] Dyce und jenem schrecklichen Morgen, an dem Capitain Ochterlony verhaftet wurde, noch in London blieb, um dem Capitain jede mögliche Hilfe zu leisten, seine Angelegenheiten zu ordnen und Nachforschungen nach dem verlornen Testament anzustellen.«
Der Indier bejahte.
»Es war vergebene Mühe! Der Prozeß, den wir auf Grund des frühern Testaments anstellten, hatte nicht den geringsten Erfolg ohne die legalisirten Dokumente, und selbst wenn diese herbeizuschaffen gewesen wären, war der Erfolg, wie mir Duncombe, der Notar, versicherte, mehr als zweifelhaft. Dazu fehlten die Mittel zur Betreibung eines Prozesses, welcher bei dem Gange der englischen Civilrechtspflege über ein Menschenalter dauern mußte. Unsere Feinde waren mächtig und hatten einen Hinterhalt an der Regierung und der Compagnie - der Mann, der allein noch vermocht hätte, ihnen Trotz zu bieten, lag unter einer falschen aber furchtbaren Criminalanklage im Kerker und der Sieg seiner Feinde war gewiß. Du selbst weißt, daß er mir durch Duncombe anempfehlen, ja gebieten ließ, ihn seinem Schicksal zu überlassen und vor den Verfolgungen unserer Gegner nach dem Continent zu flüchten, um von dort mich nach Indien einzuschiffen und dem von dem todten Freunde ernannten Erben, dem Srinath Bahadur, jenes Schreiben auszuliefern, das wir glücklich
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gerettet. Ich wußte jeden meiner Schritte beobachtet von unseren Gegnern, und so ging ich, wie ich hoffte, heimlich nach Plymouth, um mich dort nach Frankreich einzuschiffen - aber das Auge der Verfolgung war hinter mir, ich wurde überfallen, zu Boden geschlagen und in bewußtlosem Zustande geplündert. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Bord eines Kriegsschiffes - ich war zum gemeinen Matrosen gepreßt und wurde als solcher behandelt.«
Die Augen des Sirdar funkelten unter den grauen, buschigen Brauen. »So hat man Dich jenes Schreibens an Nena Sahib beraubt, das Dyce Sombre Euch Beiden anvertraut hatte!«
»Es ist hier - ein glücklicher Zufall hat es gerettet, und ich habe es bewahrt nach dem Willen des Capitains. Höre mich weiter an, Tukallah. Obschon ich mich auf dem Schiff weigerte, Handgeld zu nehmen, und meine Freiheit forderte, hielt man mich doch zurück. Mehrere Monate nachher, als wir an der afrikanischen Küste kreuzten und ich empörende Mißhandlungen erduldet, traf ich durch ein seltsames Geschick an dem Grabe des Mannes, der einst Englands größter Feind gewesen, mit Männern zusammen, die dort ihren Racheschwur gegen die britische Tyrannei vereinten. Unter diesen Männern befand sich Capitain Ochterlony, jetzt ein Deportirter, auf dem Weg nach Botani[y]-Bai, und Baber-Dutt, der Bruder Nena Sahibs. - Nach dem Willen des Capitains blieb ich auf dem Schiff, das nach den indischen Meeren bestimmt war, und von dem ich ohnehin nicht hätte entfliehen können, bis sich eine günstige Gelegenheit zur Erfüllung unserer Absichten zeigen würde. Fünf Jahre waren der Zeitraum, innerhalb dessen wir uns in Indien in der Nähe Nena Sahibs wiederfinden sollten, denn auch er hoffte in dieser Zeit von Australien Gelegenheit zur Flucht zu finden. Das Schiff, dem ich angehörte, wurde vom Admiral nach Oceanien gesandt und erst vor etwa Jahresfrist in das arabische Meer beordert. Mein Leben am Bord hatte sich zwar gebessert, denn als bei der auf dem Schiff ausgebrochenen Cholera der Arzt und sein erster Gehilfe gestorben waren, übernahm ich aus Menschenpflicht des Erstern Function, und habe sie vier Jahre lang gewissenhaft geübt. Ich bezog das Gehalt, denn ich mußte leben, aber ich weigerte mich, trotz der
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Freundlichkeit, die ich bei der Bemannung fand, definitiv in die englischen Dienste zu treten. So wurde mir die Gelegenheit erschwert, das Schiff zu verlassen, wenn es sich in Bombay befand, und erst auf einer Expedition in das Sindh, den Indus hinauf, gelang es mir bei einer Jagdpartie, mich von meinen Begleitern zu entfernen und, der Gefahr trotzend, den Weg in das Innere Indiens einzuschlagen. Da ich des Hindostani jetzt vollkommen mächtig war, hoffte ich, glücklich nach Audh zu gelangen und vielleicht am Hofe des Bahadur Nachricht von Capitain Ochterlony zu erlangen. Ich wanderte nach dem Kompaß mehrere Tage, indem ich die bewohnten Gegenden vermied, um mich erst genügend vom Ufer des Sedletsch zu entfernen, ehe ich mich unter irgend einem Vorwand, der meine Kleidung und mein Alleinsein erklärte, einer Reisegesellschaft nach dem Osten anschloß. Dies ist meine Geschichte, würdiger Sirdar, und ich hoffe, durch Deinen so glücklich und unerwartet aufgefundenen Beistand jetzt die Mittel zu erhalten, nach Audh und unter den Schutz des Srinath Bahadur zu gelangen.«
Der Alte wiegte einige Augenblicke sinnend das Haupt.
»Du sprachst von einem Eid, den die Männer gegen die Faringi geleistet. Hast Du daran Theil genommen?«
»Ich schwor ihn mit, obschon es mir, aufrichtig gestanden, leid thut, daß ich mich von der Erbitterung über einzelne tyrannische Handlungen zur Verdammung einer ganzen Nation hinreißen ließ, die viele Edle und Gute in ihrer Mitte zählt!«
Der Mahratte lächelte verächtlich. »Dein Eid kettet Dich an die Feinde Englands, wenn auch Dein Herz schwankendes Rohr ist, wie das Herz dessen war, der in dem Nebellande schläft. Du willst zu Nena Sahib?«
»Es ist meine Pflicht!«
»Er ist ein schwankendes Rohr, wie Du bist und Dyce Sombre war, halb Hindu, halb Faringi, zum Weib geworden an dem Busen eines Weibes. Ehe das Weltall um 24 Stunden älter ist, wird es sich entscheiden, ob er zu unseren Freunden oder Feinden zählt.«
»Wie meinst Du das?«
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»Ehe die Sonne zum zweiten Mal sinkt, wird Nena Sahib in den Mauern dieser Burg sein.«
»Er kommt hierher?«
»Seine Läufer haben die Kunde mir vor drei Tagen gebracht. Er ist auf dem Rückweg nach Delhi von Bombay, wohin er sich vor Mondenfrist zu den Wettrennen der Faringi begeben hat, denen der Thor nachläuft. Ein Scheich der Anazee hatte ein seltenes Pferd aus Arabien dorthin gebracht, und das lockte ihn mehr, als alle Thränen, die Hindostan über seine Erniedrigung weint.«
»Das ist ein seltener und glücklicher Zufall,« sagte der Arzt, »und ich bin Dir um so mehr deshalb Dank schuldig. Doch Tukallah, wenn es Dich nicht beleidigt, möchte ich wohl hören, wie Du nach Indien zurück und zu dieser Macht kamst, während ich Dich nur für einen Diener unsers verstorbenen Freundes hielt!«
Der Sirdar schaute nachdenkend, gleich als habe er die Frage nicht gehört, auf den Arzt.
»Ich habe Dein Leben gerettet, in einem Augenblick, da Mahadeoh bereits seine schwarze Hand auf Deine Stirn gelegt hatte.«
»Ich ahnte es - und ich wiederhole Dir meinen Dank!«
»Hast Du den Muth, ihn mit einer That zu bewähren?«
»Ich bin bereit mit meinem Blut die Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu bekräftigen.«
»So gieb einer Mutter ihren Sohn, einer Schwester den Bruder, einem Lande seinen rechtmäßigen Gebieter zurück!«
»Ich verstehe Dich nicht! Was vermag ich, ein Fremdling in diesem Lande?«
»Höre mich an! Was Du auf Malangher, meiner Burg, auch sehen und hören mögest, gelobe mir Schweigen, auch wenn Du die Bitte, die ich im Namen einer trauernden Mutter Dir an's Herz lege, zurückweisen solltest.«
»Ich gelobe es Dir! Die Ehre verpflichtet mich schon dazu.«
»Du fragtest mich so eben, wie ich in den Besitz dieses Schlosses gekommen, da ich doch im Lande der Faringi der Diener eines andern Mannes gewesen sei?«
»Ich gestehe - der Wechsel erschien mir seltsam, obschon
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in diesem Lande der Wunder eigentlich Nichts in Verwunderung setzen sollte.«
»Ich war nicht der Diener, sondern der Mayadar Dyce Sombre's. Verstehst Du, was das Wort zu bedeuten hat?«
»Eine Art von Blutbrüderschaft zwischen Diener und Herrn. Ich habe diese Bedeutung von dem Manne erfahren, den Du zu meinem Diener bestimmt hast, und hörte mit Erstaunen, daß er mein Mayadar geworden.«
»Nimm ihn als ein Geschenk, das ich Dir mache. Was die Aya, die Amme, dem Kinde ist, wie sie in Noth und Tod Dem ergeben bleibt, der ihre Milch getrunken, so ist der Mayadar durch heiligen Eid an seinen Herrn gebunden, und in dem Augenblick, in dem ich Dir dies sage, hängt Kassims Blick an Dir und bewacht Dich mit der Sorgfalt einer Mutter. - Mein Vater war ein Mahrattenfürst - er zählte drei Söhne, ich war der jüngste. In einem Kampf gegen die Faringi rettete Oberst David Ochterlony, ein Oheim des Capitains und ein Freund der Begum von Somroo und der Pathe ihres Enkels David Dyce Ochterlony Sombre, meinen Vater vom Tode am Galgen, und dieser gelobte dafür Friede mit den Faringi's und gab mich, seinen jüngsten Sohn, den Gehaßten zur Geißel, indem er mir den Eid eines Mayadar für den Pathen seines Retters auferlegte. Ich zählte damals zwanzig Jahre und der Knabe zwölf. Seitdem blieb ich am Hof der Begum, bis sie starb, und Dyce über das Meer zog. Ich habe den Eid gehalten, bis er gestorben war - sein Tod machte mich frei und gab mich meiner Kaste wieder. Als die Gerichte der Faringi den Capitain wegen eines Verbrechens verurtheilten, das er nicht begangen, kehrte ich mit dem nächsten Schiff nach Indien zurück. Ich fand meinen Vater und meine Brüder todt, gefallen im Kampf gegen die Engländer, ihre Habe in den Klauen jener Compagnie. Nur in den Einöden der Thur, wo die Familie meiner Mutter ihre Besitzungen gehabt, war Gerechtigkeit zu finden, und sie, die das Erbe Tukallahs dreißig Jahre bewahrt, sie gaben es ihm zurück, als er den Namen seiner Väter nannte. Dem Winke Tukallahs gehorchen tausend tapfere Beludschen und eine Macht, vor der der mächtigste Faringi in seinem Palast erzittern mag! Sein Wink jagt tapfere Männer in
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den Tod, und der Hauch seines Mundes kann Verderben bringen über die Stolzesten!«
Der Arzt achtete auf das nicht, was er dem Geist orientalischer Prahlerei beimaß.
»Du hast mir noch immer nicht angedeutet, edler Sirdar,« sagte er, »wie ich einer Mutter ihren Sohn zurückzugeben vermag.«
Der Mahrattenfürst klatschte drei Mal in die Hände, worauf sich die Blumenwand auf der andern Seite des Daches öffnete und die Rani, von ihrer Tochter begleitet, hervorkam. Tukallah ging ihr ehrerbietig entgegen und führte die Frauen zu dem Sitz, den sie einnahmen, während der schwarze Diener sich entfernte.
»Was Du zu wissen begehrst,« hob der Sirdar wieder an, »sollst Du alsogleich erfahren. Du wirst wissen, daß Rundschit Sing, der große und berühmte Maharadschah des Volkes der Sikhs, im Jahre 1839 in Lahore starb. Der Löwe des Pendschab hinterließ sein Reich Khuruk Sing, seinem ältesten Sohne, dessen Wessire Dheian Sing und Gholab Sing von der edlen Familie der Dschummu waren, der Letztere der Vater des jungen Kriegers, der an Deiner Seite durch die Wüste ritt.[«]
»Dheian und Gholab aber riefen den verbannten Sohn des neuen Maharadschah, Rau Rehal, von der Grenze Afghanistans, und setzten die Krone seines schwachen Vaters auf sein Haupt, aber Schiwa zürnte ihm, und als er auf seinem Elephanten aus dem Thore von Lahore ritt, fiel ein Balken herunter und erschlug ihn. Den Thron von Lahore nahm Sher Sing, der zweite Sohn Rundschits ein, von den Khalsa's12 zum Maharadschah ausgerufen. Die Dschummu's hatten mächtige Feinde, die Familie der Sindawalla, die, von den Faringi's unterstützt, schon früher den Sohn Rundschits vom Throne ausschließen und diesen der Gattin Khuruks geben wollten, damit die Fremden herrschen möchten im Lande der Sikhs. Wenn der Zorn des Maharadschah und seiner Getreuen gegen sie war, flohen sie auf das Gebiet der Faringi und hielten sich dort auf, bis deren Gesandten mit den gespaltenen Zungen ihnen die Erlaubniß zur Wiederkehr erwirkt hatten. Auf's Neue schmiedeten sie Verrath, mordeten hinterrücks den
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Maharadschah und seinen ersten Wessir und wollten das Land den Engländern übergeben. Da erhob sich wiederum das Heer der Sikhs unter General Ventura, den Du gesehen, erschlug die Sindawalla-Häuptlinge, setzte Dhulip Sing, einen Knaben von sieben Jahren, den jüngsten Sohn, des verstorbenen Rundschits und seine Mutter, die Mahe Tschund, auf den Thron von Lahore (1843). Aber die Faringi's - lüstern nach dem Besitz des Pendschab - spannen fortwährend gegen die Rani und ihren Sohn Intriguen und erregten Aufruhr im Lande. Offen rüsteten sie zum Kriege und zur Eroberung des Pendschab, wie die Zeitungen Englands dreist verkündeten. Sie weigerten sich, den Schatz herauszugeben, den der Bruder der Rani in einer ihrer Festungen niedergelegt, verweigerten den Sikhshäuptlingen ihr Erbe auf der linken Seite des Sedletsch und sperrten die Wege, so durch tausend Chikanen und Ungerechtigkeiten den Kampf herausfordernd, bis endlich erbittert die Khalsa's mit ihren Sirdars im nächsten Jahr über den Sedletsch zogen, 60,000 Mann und 200 Kanonen, ihr Eigenthum zu schützen und die Faringi's zu züchtigen. Das Schicksal der Schlachten war gegen sie, sie wurden geschlagen in den Schlachten von Ferodscha und Sobraon trotz ihrer Tapferkeit. Die Engländer verlockten die Hindu's, die unter den Sikhs dienten, zum Abfall, drangen über den Sedletsch, erklärten das Land an beiden Ufern, für ihr Eigenthum und zogen in Lahore ein. Obschon der junge Maharadschah Nichts für den Kriegszug seiner wilden Krieger konnte, nahmen die Faringi ihm die Hälfte seines Landes, vernichteten die Armee seines großen Vaters und stellten die Regierung des unabhängigen Landes unter die Aufsicht eines englischen Residenten.«
Der Arzt sah, wie das Antlitz der Frau, welche man mit dem Titel Rani bezeichnete, bei der Aufführung dieser Schmach erglühte und sich ihre Hand öffnete und schloß. Von diesem Augenblick an konnte er sein Auge nicht wieder von ihrem Antlitz abwenden.
»Drei Jahre,« erzählte der Sirdar weiter, »waren unter diesem Druck vergangen, der so gewaltig auf dem tapfern Volke lastete, daß die Sikhs selbst ihren Haß gegen die Anhänger Muhameds des Propheten vergaßen und sich mit Mohamed, dem
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Emir von Kabul, im Lande der Afghanen, verbanden, um ihre Freiheit wiederzugewinnen. Mulradsch Khan erschlug die Faringi-Offiziere, die zu ihm nach Multan gekommen, ihn seines Erbes zu berauben, und noch ein Mal sammelten sich die tapferen Krieger Rundschits und schlugen die Engländer am Tschenab und bei Tschillianwallah in die Flucht.13 Da zogen auf ihren Schiffen von allen Seiten die Heere der Faringi heran, Verrath schlich sich zwischen die Sikhs und Afghanen, die Agenten der Europäer streuten Zwietracht zwischen die Führer, und einzeln wurden die Tapferen geschlagen. Sechszigtausend edle Krieger fielen kämpfend für die Freiheit ihres Landes, und die Faringi stürzten den Thron des Löwen Rundschit, vor dessen Brüllen sie einst gezittert, und machten das Reich tapferer Soldaten zum Eigenthum ihrer Kaufleute. Dhulip Sing, den Knaben, den sie seiner Krone beraubt, dessen Kindesalter - denn er zählte kaum dreizehn Jahr - ihnen nie ein Leid gethan, schleppten die Räuber nach einer ihrer Festungen und halten ihn dort gefangen, damit sein Name nicht dazu diene, daß noch ein Mal das Volk der Shiks[Sikhs] sich um ihn schaare.«
»Und die Maharani, seine Mutter?«
»Man hatte sie gleichfalls eingesperrt in eine ihrer Festungen, aber sie entfloh mit Hilfe ihrer Getreuen und begab sich nach Nepal, klagend um den Sohn und Hilfe suchend gegen die Räuber ihres Thrones. Und jetzt - -«
Was der Arzt bereits geahnt, zeigte sich gegründet. Die hohe Frau vor ihm, die mit immer leidenschaftlicherer Erregung der Erzählung gefolgt war, erfaßte seine Hand.
»Sie - die beraubte Mutter, die beraubte Königin sitzt vor Dir! Ich bin die Maharani Mahe Tschund, die Flüchtige, die Mutter Dhulips, die Dich anfleht, weiser Fremdling, ihr den Sohn, diesem Mädchen seinen Bruder zurückzugeben!«
Der Arzt war ergriffen von dem leidenschaftlichen Schmerz der Mutter; denn wenn es auch der Ehrgeiz war, der diese Frau zu den rastlosen Intriguen und Anstrengungen für die Befreiung ihres Sohnes und die Wiedergewinnung des Thrones antrieb,
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so war doch auch das Muttergefühl ein zu natürliches, um nicht bei der Heftigkeit des orientalischen Charakters jede Schranke zu durchbrechen.
»Hoheit,« sagte der Deutsche - »wenn meine schwache Kräfte etwas vermag in Eurem Dienst, so soll sie Euch gewidmet sein, aber ich fürchte ...«
»Du bist der Mann, der uns fehlt zu dem Werk der Befreiung,« unterbrach ihn der Sirdar. »Einem Europäer allein kann es gelingen, zu Dhulip Sing zu dringen und seine Flucht unbeargwohnt vorzubereiten. Murad Khan wird Dein Gefährte sein auf dem Weg nach Firozpur, wo der Prinz gefangen ist. Alles ist vorbereitet, nur das Haupt fehlt, das den Plan ausführen kann. Wenn Du einwilligst, so ist der Prinz frei, ehe der Mond zwei Mal gewechselt.«
Die glänzenden stolzen Augen der entthronten Königin, die sanften Blicke des jungen Mädchens ruhten so flehend auf ihm, daß er nicht widerstehen konnte.
»Wie es auch kommen möge,« sagte er entschlossen, »Du hast mein Leben gerettet, und es gehört der That, die Du ihm bestimmst. Aber wie soll ich dorthin gelangen und in die Festung?«
»Du wirst mit Srinath Bahadur Dich nach Audh begeben und dort die Mittel erfahren, Deinen Zweck zu erreichen. Murad Khan findet dort einen Mann, der Eure Wege leiten wird. Jetzt, wo das Herz dieser Frauen beruhigt, laß uns aufbrechen und zu dem Feste gehen, das ich Euch bereitet.«
Er wollte sich erheben, als ein leiser Schrei der Rani ihn fesselte und des Europäers Auge auf sie wandte. Das ihre starrte mit Entsetzen nach dem Mädchen hin, das sich während der letzten Worte entfernt hatte und an die Brustwehr getreten war, die den obern Rand des flachen Daches umgab und hinunterschaute in den Gartenhof, wo die nahende Kühle des Abends bereits die Gäste des Sirdars und die Bewohner des Schlosses zu versammeln begann.
Waldings Blick folgte dem der Rani, und einen Augenblick lang fesselte auch seine Besonnenheit, seinen Muth das starre Entsetzen.
Das schöne unglückliche Mädchen hatte die Geranienbüsche
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aus einander gebogen, welche das vergoldete Gitterwerk füllten und schaute, ohne die Gefahr zu ahnen, hinab in den Raum, wo ihr Geliebter eben beschäftigt war, im Wettkampf gegen den Afghanen seine Geschicklichkeit im Schleudern des oben beschriebenen Wurfeisens gegen das Dolchwerfen des Andern zu versuchen.
Sie hatten in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten Orangen auf die Spitzen von Stäben gesteckt und prüften an diesen ihre Kunst, in der jedoch der Afghane seinen Gegner besiegte; denn indem er seinen Dolch mit dem Griff auf der flachen Hand wiegte, die Spitze des Zeigefingers leicht an den Knopf gelegt, schleuderte er mit einer unmerklichen Bewegung des Gelenks die Klinge mit einer Kraft und Sicherheit, daß sie jedes Mal mitten in die Goldfrucht flog und zitternd darin stecken blieb.
Die Brust, nach der eine solche Waffe geschleudert wurde, mußte durchbohrt, die Fuge des Panzers von solcher Sicherheit getroffen werden!
Eben war Murad Khan ein glücklicher Wurf gelungen und der scharfe Stahlring hatte eine der Orangen mitten durch geschnitten. Mahana klatschte jubelnd in die Hände, während das Verderben in scheußlicher Gestalt über ihrem Haupte schwebte.
Eine riesige Schlange, eine der größten ihrer Art, hatte sich, ohne daß die Fremden ahnen konnten, woher sie gekommen, aus dem Buschwerk der Blumen und Pflanzen hervor gewunden, sich aus der Spitze ihres muskelkräftigen Schwanzes zu voller Manneshöhe erhoben und hielt ihren geöffneten Rachen kaum zwei Fuß entfernt über dem Haupt des unglücklichen Mädchens.
Die Schlange war, wie der Arzt an den schwarzen Ringen um ihre großen, in grünlichem Feuer funkelnden Augen und an der gelben Farbe ihres Körpers erkannte, die furchtbare Brillenschlange oder Cobra capella, die giftigste der Reptilien Indiens nach der Klapperschlange und Hornschlange, und gefährlicher als diese, da sie mit ihrem tödtlichen Gift zugleich Kraft und Wildheit verbindet.
Der kragenartige Lappen an ihrem Halse blähte sich wie der Kamm eines Truthahns, die Wuth des Thieres zeigend; aus dem weit geöffneten Rachen züngelte die gespaltene dünne Zunge nach dem Opfer, und ein giftiger Brodem schien ihm zu entquellen.
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Die Situation war entsetzlich, obschon sie nur wenige Augenblicke, kürzer als das Wort sie zu beschreiben vermag, dauerte.
Das junge Mädchen hatte keine Ahnung von der ihr drohenden Gefahr, aber die geringste ihrer Bewegungen konnte den tödtlichen Biß der Schlange beschleunigen und die Unglückliche geradezu in den Rachen des Ungeheuers führen.
Die Rani, vor Entsetzen zu Stein erstarrt, vermochte keine Bewegung zu machen, keinen Laut auszustoßen - theils in dem Schreck, theils in der Furcht, dadurch den Tod ihres Kindes zu beschleunigen.
Die gleiche Besorgniß hielt den Sirdar ab, der überdies am Weitesten von der Gefährdeten entfernt saß und durch die beiden Andern von ihr getrennt wurde. Walding hörte die leise gemurmelten Worte: »Eine der heiligen Schlangen! Fluch über den Schurken, der sie hat entwischen lassen!«
Der Arzt war der Nächste an dem Mädchen - wie ein Blitz zuckte es durch seine Seele, daß, was zu ihrer Rettung geschehen könne, von ihm ausgehen müsse, und was das einzige Vertheidigungsmittel war. Mit der Schnelle des Gedankens hatte er eines der seidenen Kissen des Divans ergriffen und schleuderte es nach dem Kopfe der Schlange. Mit einem zweiten bewehrt, sprang er im selben Momente empor und stürzte zu dem Mädchen. Zugleich vernahm er hinter sich, gemischt mit dem Aufschrei der Rani, deren Erstarrung mit seiner Bewegung sich löste, einen weithin gellenden Pfiff.
Das Kissen war so kräftig und geschickt geschleudert worden, daß es den Kopf der aufgerichteten und nur auf ihren Schwanz gestützten Schlange traf und sie umwarf. In grimmer, blinder Wuth wendete sich das Ungeheuer und biß heftig in die Kissen.
In diesem Augenblicke war auch der Deutsche bei der jungen Indierin und umschlang sie mit der einen Hand, während die andere zum Schutz gegen das Ungethüm das zweite Kissen vorhielt.
Jetzt erst - durch den Schrei ihrer Mutter und das Herbeispringen des Arztes erschreckt, hatte die Prinzessin sich umgewendet und mit erbleichenden Wangen die gräßliche Gefahr entdeckt, die sie bedroht hatte und noch bedrohte. Halb ohnmächtig hing sie in den Armen Waldings.
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Die Schlange schien bemerkt zu haben, daß sie ihre Wuth und ihr Gift an einen todten Gegenstand verschwendet und ihren wahren Feind wo anders zu suchen habe; denn sie verließ alsbald ihre Beute, richtete sich auf's Neue empor, wendete ihre funkelnden Augen auf den Arzt und das Mädchen, und das große Kissen, das der Arzt ihr entgegenhielt, bildete jetzt die einzige Schutzwehr der Bedrohten.
Seltsamer Weise stand der Sirdar, der unterdeß herbeigeeilt war und einen langen Stab ergriffen hatte, dabei, ohne einen Schlag auf das Ungeheuer zu thun zur Rettung des Paares.
In diesem entsetzlichen Moment, wo der Arzt bereits den giftigen Hauch des Reptils zu fühlen glaubte, kam ihnen unerwartet eine um so seltsamere Hilfe von anderer Seite.
Ein Teppich, der in einem Winkel der Terrasse auf dem Boden lag, wurde zur Seite geschoben und aus der fallthürartigen Oeffnung, die sich darunter zeigte, hob sich ein Kopf - zwar einem Menschen angehörig, aber doch kaum weniger scheußlich, als der der giftgeschwollenen Schlange.
Es war ein unförmlich dickes, einem Kürbis ähnliches Haupt von gelbbrauner Farbe, das zum Vorschein kam, gänzlich haarlos, bis auf einen, mitten auf dem Wirbel emporsteigenden, dünnen Büschel, der mit Goldplättchen, Perlen und Korallen wunderlich verziert war. Das Gesicht, das zu diesem, den Verhältnissen eines Riesen entsprechenden dicken Kopfe gehörte, an dessen beiden Seiten zwei unförmlich große, durch eingehangene schwere Goldbleche bis auf die Schulter heruntergezogene Ohren sich befanden, war auffallend klein und bildete ein widriges Gewirr von Runzeln und Falten, aus dem die merkwürdig kleinen schief stehenden und langgeschlitzten Augen gleich Schlangenblicken grünlich hervorschielten. Die kleine Nase war zwischen dem Wulst von schmutziggelben Runzeln nur durch die großen Nüstern erkennbar, dafür aber der Mund mit dicken, rothen Lippen so breit und groß, daß er nicht blos das Gesicht, sondern den ganzen Kopf in zwei Theile zu spalten schien.
Sobald dieses scheußliche Haupt sich über das Niveau der Terrasse erhoben hatte, späheten seine Augen umher, und sie hatten kaum die gefährdete Gruppe erblickt, als ein gurgelndes,
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widriges Lachen sich aus seiner Kehle heraufzudrängen schien und den breiten Mund verzerrte. Dann wurde von seinen noch unsichtbaren Händen eine kleine schalmeiartige Pfeife an diesen Mund gesetzt, und der mißgestaltete Zwerg begann, indem er langsam weiter emporstieg, eine eigenthümliche, aus drei Tönen bestehende Melodie zu blasen.
Erst jetzt, indem er aus seiner Höhle hervorkam, zeigte sich die entsetzliche Mißgestalt dieses Körpers. Der Mann war etwa drei Fuß hoch, wovon der Leib und Hals, vom Kopf bis zu den Beinen, noch nicht den dritten Theil einnahm. So unverhältnißmäßig kurz und dünn nun Leib und Arme waren, so groß und plump waren außer dem Kopf auch die Beine und Füße und glichen eher denen eines Elephanten, als eines kleinen Menschen. Die Mißgeburt trug ein schreiend rothes sackartiges Gewand, das vom Hals bis über die Knie reichte, die dürren Arme und unförmlichen Füße, beide an den Gelenken mit Goldringen verziert, entblößt ließ, und statt des Gürtels um die Mitte des Leibes von den Ringen einer eben solchen gefährlichen Schlange zusammengehalten wurde, wie sie in diesem Augenblick noch den Arzt und die Prinzessin bedrohte. Diese Schlange war auch keineswegs etwa todt, vielmehr bewegte sich ihr Kopf, der nach der Umschlingung des Körpers des Zwerges auf seiner Schulter neben seinem kurzen Halse lag, tactmäßig hin und her, wobei jedoch die Augen des giftigen Thieres einen bleigrauen, matten Ausdruck behielten und seine Zunge schlaff aus dem geschlossenen Rachen hing.
Diese Mißgeburt stieg, wie gesagt, langsam die Treppe oder Leiter aus ihrer unterirdischen Höhle empor und schritt, die Melodie fortblasend, auf die Gruppe der edler gestalteten Wesen zu.
Sobald sie in den Bereich des alten Sirdar gekommen, herrschte dieser ihr einige Worte in einer dem Arzt unbekannten Sprache zu und versetzte dem Zwerg mit dem Stabe, den er in der Hand trug, einen so gewaltigen Schlag über den Schädel, daß sofort eine dicke blaurothe Schwiele über die ganze Breite hin sichtbar wurde. Der Zwerg schien jedoch unter dem schrecklichen Schlage nicht ein Mal zu erwanken, er begnügte sich, seinem Herrn und Gebieter einen giftigen, rachsüchtigen Blick zuzuwerfen
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und fuhr fort, sich der grimmigen Gefährtin seines lebendigen Gürtels zu nähern.
Das Aussehn der Schlange hatte sich, schon vom ersten Ton der seltsamen Musik an und je näher dieser erscholl, merkwürdig verändert.
Zunächst kehrten sich ihre großen, grünen, Feuerrädern gleichenden Augen von dem bedrohten Paar ab, und wandten sich dem Zwerge zu, indem sie ihr Feuer und ihre Farbe zu verlieren begannen, und ihr Kopf fing an, sich nach dem Takt jener Melodie hin und her zu bewegen.
Doctor Walding hatte bereits häufig von dem seltsamen Schlangenzauber gehört, den die indischen Gaukler und Beschwörer über die furchtbaren Reptilien üben sollen, aber es war das erste Mal, daß er ein so merkwürdiges und außerordentliches Beispiel mit eigenen Augen sah.
In dem Moment, als die Schlange ihre Augen von ihm abwandte, schien es dem Arzt, als wälze sich eine Last von ihm ab, so entnervend war der Zauber, den der basiliskenartige Blick auf seine Manneskraft geübt. Der Zwerg hatte sich jetzt ihnen vollends genähert, und immer seine Schalmei blasend, stellte er sich zwischen die Schlange und den Deutschen, wie dieser bisher muthig zwischen ihr und dem Mädchen gestanden hatte. Dann streckte er seinen entblößten linken Arm nach ihr aus und schwenkte ihn dicht vor ihrem Rachen. Die Cobra packte ihn sogleich, und, während sie ihre spitzen, rückwärts gebogenen Zähne hineinsenkte, schlang ihr Leib sich gleich der ihrer Gefährtin in schrecklichen Ringen um den Körper des Unholds, der ruhig dies mit sich geschehen ließ und nur die Bewegungen der Schlange benutzte, um mit ihr langsam von dem Ort, wo sie die Prinzessin bedroht hatte, zurückzutreten und sich dem Eingang, aus dem er emporgestiegen, zu nähern.
Die Rani war jetzt hinzugeflogen und hatte die noch immer ohnmächtige Tochter in ihre Arme genommen, während sie Wischnu, dem Erhalter, in lauten Gebeten dankte und ihm Wallfahrten und Opfer gelobte. Der Sirdar aber drohte dem ungestalteten Männchen mit der Faust. »Was hält mich ab, elende Mißgeburt, daß meine Dschambea Dein scheußliches Haupt vom Rumpfe
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trennt!« zürnte er in hindostanischer Sprache. »Hinunter mit Dir, falscher Wächter, in die tiefste Deiner Höhlen und mögest Du an ihrem Gift ersticken. Läßt Du noch ein Mal eine Deiner Schlangen entschlüpfen, so sollen die Füße der Elephanten Deinen erbärmlichen Leichnam zerstampfen!«
Der Zwerg war jetzt bis an den Rand der Fallthür gelangt, und indem er vorsichtig den Fuß auf die oberste Stufe der Treppe setzte, gurgelte und tönte wieder das unheimliche Lachen aus seiner Kehle.
»Ohwh! ohwh!«14 kreischte er mit widerlicher Fistelstimme. »Meine Goldlämmchen, meine schönen Ringelpüppchen - hinunter mit mir in Euer Schloß! Was wollt ihr an dem Licht der falschen Surya?15 Nur wenn Soma16 sein Auge aufgethan, oder da drunten, wo die glühende, Agni17 eure funkelnden Smaragden wiederspiegelt, ist euer Thron, und Rostogana, euer Wächter, kann euch hüten, wie den Apfel seines Auges. Bali, die Liebliche, war ihrem Lager entwischt, Herr, sie hat Hunger und kann die blutige Nacht nicht erwarten! Mögen die Stunden verrinnen schnell wie Gedanken, um ihr die erwählten Opfer zu bringen! Denn Du weißt, o Herr, die sich die Göttliche erwählt, müssen ihr werden, ob früh oder spät - so will es die Blutige!«
Der Sirdar schwang drohend den Stab und der mißgestaltete Unglücksprophet verschwand mit seinen entsetzlichen Gesellschaftern.
»Um Gotteswillen, der Mann ist von der Schlange in den Arm gestochen,« rief der Arzt - »laß mich eilig versuchen, was meine Kunst vermag, oder er ist verloren!«
Der Sirdar lächelte verächtlich. Wenn Rostogana jedes Mal gestorben wäre, wenn ihn die Schlangen gebissen haben, so hätte er tausend Leben haben müssen! Er ist ein Zauberer und fest gegen ihr Gift. Mein junger Freund möge seine Kunst
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lieber dem Mädchen zuwenden, sie scheint krank von dem Schrecken, den sie erlitten!«
In der That lag Machana noch immer ohnmächtig in den Armen ihrer Mutter, auf deren Ruf jetzt einige ihrer Dienerinnen aus der Zenana herbeieilten und sie nach dem andern Theil der Terrasse trugen, wohin der Arzt auf die Bitte der Rani ihnen folgte. Die Ausbrüche des Dankes der Mutter für die Rettung ihrer Tochter waren eben so leidenschaftlich, wie vorhin die ihrer Angst, sie riß sich den kostbaren Schmuck, den sie trug, von Hals und Armen und wollte ihn mit Gewalt dem Arzt aufdrängen. Nachdem er sich ernstlich geweigert, zwang sie ihn, einen kostbaren Ring mit einem jener schwarzen Diamanten von bedeutender Größe an den Finger zu stecken, deren Werth durch ihre große Seltenheit noch erhöht wird, und die ein unheimliches dunkles Feuer spielen.
»Wäre es der Koh-ih-noor,« rief sie, »den die falschen Faringi dem Thron von Lahore geraubt, - ich würde ihn Dir geben! Aber nimm diesen Stein, er mag Dir wichtiger und nützlicher werden, als jener Berg des Lichtes. Uralter Zauber hängt an ihm. Wenn Du Dich Fremden näherst, achte wohl auf das Aussehen des Steines, denn erbleicht sein Glanz, so siehst Du einen Feind! Welchem Sikh Du den Ring auch zeigen magst, er wird thun nach Deinem Befehl, und wenn es ihn sein Leben kosten sollte!«
Doktor Walding, ohne auf die abergläubischen Anpreisungen der Hindufürstin zu achten, vermochte doch zu beurtheilen, daß der Ring ein äußerst werthvolles Geschenk sei, und war jetzt vor allen Dingen bemüht, die junge Prinzessin vor den üblen Folgen des Schreckes zu bewahren. Nachdem er sie durch geeignete Mittel wieder in's Bewußtsein gebracht, befahl er, sie nach ihren Gemächern zu führen und durch beruhigende Tränke und Stille ihre erschütterten Nerven wieder herzustellen.
Die Nachricht von der Gefahr, welche die Jungfrau bedroht hatte, und von der schnellen und entschlossenen Hilfe des Fremden hatte sich unterdeß auch im zweiten Hof unter den Gästen und Bewohnern des Schlosses verbreitet, und obschon Niemand ohne die besondere Erlaubniß des Sirdars oder die Einladung
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der Maharani sich erlauben durfte, die obere Terrasse der Burg zu betreten, herrschte jedoch eine Art von Aufregung unter den Versammelten, da Allen das schöne, ihres Erbes beraubte, Mädchen Theilnahme eingeflößt, und als Doktor Walding jetzt nach dem Garten zurückkehrte, wurde er mit orientalischen Segenssprüchen überschüttet und Murad Khan schloß ihn in seine Arme.
»Mögen Deine Tage lang und glücklich sein!« sagte der junge enthusiastische Krieger. »Fattih Murad Khan wird Dein Bruder sein, so lange Wischnu den Odem in seiner Brust erhält. Du hast die Lilie des Pendschab vor böser Gefahr gerettet und mein Leben ist das Deine. Von Tukallah weiß ich bereits, daß Du eingewilligt, mit mir Dhulip Sing aus der Festung der Faringi zu erretten. Du bist ein Glücklicher, denn Du wirst einer Mutter und einer Königin beide Kinder zurückgegeben haben!«
Der Khan hatte sich neben ihn auf die Kissen gesetzt, die auf prächtigen turkomannischen Teppichen um die Springbrunnen zur Aufnahme der Gäste gelegt waren, und Walding glaubte Gelegenheit zu finden, von dem jungen Mann Näheres über das ihnen gemeinsam bevorstehende Abenteuer erfahren zu können, als ihre fernere Unterredung auf's Neue gestört wurde.
Die vorhergegangene Scene hatte wahrscheinlich die Aufmerksamkeit des Sirdars von der Beobachtung des Thales abgewendet, so daß er die Annäherung des an der Grenze der Thur zurückgelassenen Reisezuges nicht beachtet hatte, denn Allen unerwartet verkündeten jetzt die drei Hornstöße die Ankunft von Fremden und forderten Einlaß in die Burg.
Auf das Zeichen erschien der Herr derselben und begab sich, während von den Dienern eine große Anzahl von Fackeln anzündet wurde, da der Abend sich über das Thal lagerte, von seinen Gästen gefolgt, an den äußern Thurm. Die ankommende Schaar bestand in der That aus den Kriegern, Dienern und Jägern, welche der Mahratten-Fürst in den Dschungeln zur Aufsuchung und Nachführung erwarteter Personen zurückgelassen hatte. Diese waren zwei Männer in mittlenn Alter und einfacher europäischer Kleidung mit zwei orientalischen Dienern. Die Fremden, obschon sie Civil trugen, hatten ein unverkennbar militairisches
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Aeußere und bekundeten in ihrem Benehmen die Männer von vornehmer Geburt und Erziehung, was, in Verbindung mit einem gewissen zuvorkommenden und einschmeichelnden Wesen und dem sarmatischen Schnitt ihrer Gesichtszüge, den Arzt in seiner Vermuthung bestärkte, daß sie nichts weniger als einfache Reisende, sondern Agenten jenes gewaltigen Reiches seien, dessen Zusammenstoß mit den Engländern in Asien über kurz oder lang erfolgen muß.
Die Ankommenden schienen gemächlicher gereist, als der Zug des Sirdars in der Nacht vorher, denn sie waren keineswegs ermüdet, und nachdem sie die nothwendige Erfrischung der heißen Länder, ein Bad, genommen, fanden sie sich bei der Gesellschaft, ein, die nun wieder im Garten zusammengekommen.
Dieser war jetzt zauberisch erleuchtet und gewährte zum ersten Mal dem Arzt das Bild eines jener indischen Feste, von deren Wunderpracht die Reisenden so viel erzählen.
Festons bunter Papierlaternen hingen von Baum zu Baum in den baroksten Formen und Bildern, Thiergestalten, Ballons, Sterne, Ampeln und Vasen, Früchte, Köpfe und hundert andere Gegenstände traten aus dem Laub der Büsche und Rankenwände hervor. Neben der üppig sich entfaltenden Rose streckte ein scheußlicher Gnom die Zunge heraus, papierne Papageyen schaukelten sich neben chinesischen Fratzen, und die Luft schien mit bunten Sterngebilden und Blumen erfüllt zu sein.
Feuerbecken von wohlriechendem Harz und Sandelholz brannten um die Fontainen und brache ihren Schein in den Millionen perlender Tropfen, und das murmelnde Geräusch der fallenden Cascaden paßte wundersam zu dem eigenthümlichen Anblick des Ganzen.
Zwischen den Blumen auf dem weichen Rasen und den mit glänzenden farbigen Kieseln ausgelegten Wegen schritten die Pfauen umher, schlugen ihr buntes Rad und ließen von Zeit zu Zeit ihr mißtönendes Geschrei erschallen.
Für die Maharani war unter den Boskets von Rosen, Jasmin und Oleander eine Art von Thron, mit kostbaren Shawls drapirt, errichtet, auf dem sie bei ihrem Erscheinen Platz nahm. Der Sirdar führte ihr hierauf die beiden Fremden zu und stellte sie ihr vor; da dies aber in persischer Sprache geschah, verstand
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der Arzt Nichts davon und blieb auf seine Vermuthungen beschränkt. Die Rani sprach lange und eifrig mit ihnen, dann ließ sie dieselben an ihrer linken Seite Platz nehmen und winkte dem Arzt zu dem Ehrensitz an ihrer Rechten. General Ventura, der Afghanen-Häuptling, Murad Khan und mehrere Mahrattenkrieger bildeten außerdem die Gesellschaft. Von der Rani hörte Doctor Walding, daß die Prinzessin sich wieder beruhigt und in einen stärkenden Schlaf gefallen sei.
Das Fest begann mit der in Indien üblichen Besprengung der Gäste mit Rosenöl. Ein prächtig gekleideter Diener, eine Krystallphiole zwischen den Fingerspitzen, die mit jenem wunderbaren Goldfiligrain umgeben war, der in Delhi gefertigt wird und selbst die feinsten berühmten Arbeiten der Venetianer weit übertrifft, schritt auf den Zehen heran, öffnete die Phiole, aus der sich ein köstlicher Duft entwickelte und warf mit einer geschickten Bewegung Jedem einen oder zwei Tropfen der kostbaren Essenz zu, deren Wohlgeruch Wochen lang an den Kleidern und dem Körper haften bleibt. Dann brachten andere Diener auf goldenen Tellern die in Blätter des Betelbaumes eingehüllten Urekanüsse und überreichten sie jedem der Gäste.
Es wäre eine schwere Beleidigung des Wirthes, diese Frucht zurückzuweisen, selbst wenn man davon nicht jenen Gebrauch machen kann, den die Indier, Männer und Frauen, mit so leidenschaftlicher Vorliebe pflegen, Walding sah mit einigem Erstaunen, wie alsbald auch die Maharani die Betelnuß in ihren Mund steckte und mit Behagen zu kauen begann.
Zugleich trat auf jeden Gast ein besonderer Diener zu und stellte eine krystallene mit Rosenwasser gefüllte Hukah18 vor ihn, zündete den duftigen Tabak von Schiraz an und legte das mit Edelsteinen verzierte Mundstück zwischen die Lippen des Gastes.
Der Sirdar klatschte in die Hände, und alsbald erschien ein Spaßmacher und Märchenerzähler, hockte vor der Gesellschaft auf seinen Fersen nieder und begann mit leise singender Stimme, bald in Versen bald in Prosa redend, die im Pendschab
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einheimische und durch ganz Indien beliebte Erzählung von dem Liebespaar Hir und Ranjhan.
Wir werden später der blutigen und entsetzlichen Scenen genug haben, und können uns daher jetzt wenigstens das Vergnügen machen, eine jener süßen unsinnigen Poesieen im Auszug zu wiederholen, die den träumerischen Charakter des Volks repräsentiren.
Folgendes war die Erzählung: In der paradiesischen Hauptstadt des Pendschab (Lahore) lebte ein Häuptling, Namens Aftab Ran, im Glück wie Khosrons.19 Außer seinem Reichthum an Elephanten besaß er sieben Söhne, herrlich wie die sieben Sterne des großen Bären. Der siebente, weiß und roth wie Lilien und Rosen, hieß Ranjhan und hütete die Heerden seines Vaters. Da trat ein heiliger Fakir zu ihm, trank die Milch seiner Kühe und hieß ihn aufbrechen, denn die Prinzessin Hir, schön wie eine Huri, eine Beschämung für den Mond, vom Wuchse des Buxbaumes, mit Rubinlippen und Elfenbeinzähnen, sei in Liebe zu ihm entbrannt. Ranjhan verließ die Heimath und schmachtete in der Wüste, bis ein Brahmane ihm ein Zeichen von Hir bringt, denn die Liebe erwärmt zuerst das Herz der Geliebten, weil der Schmetterling nicht lüstern wird, bevor die Kerze entzündet ist. - Der Vater der schönen Hir war der Häuptling Schüschak und herrschte in der Stadt Jomp-Siyal auf der Hochebene von Hasara. Seine Tochter hatte Ranjhan im Traume gesehen und ihm darauf durch den Brahmanen mitgetheilt: Du hast mir Dein Antlitz im Traume offenbart, und es ist mein Herz gesunken, so daß ich jetzt nur Staub bin zu Deinen Füßen. Die Nacht der Trennung wird eines Tages zu Ende gehen, und wir werden vereinigt werden, wie der Schwan mit dem Teich!« - Ranjhan erreichte die Stadt, in der die Geliebte wohnte, verkündete ihr seine Nähe durch Flötenspiel und trat als Hirt in die Dienste des Häuptlings. Wenn der Mond seinen Lichtschleier über die Erde warf, kamen die Liebenden heimlich zusammen. Aber Kidum, der böse Oheim Hir's, belauschte sie, als Fakir verkleidet, und verkündete die Schmach der Familie. Sich seiner zu entledigen,
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schickten Hir's Brüder den verliebten Schäfer mit seiner Heerde in einen schrecklichen Wald voll Ungeheuer. Dort war der Morgen so dunkel wie der Abend, der Abend aber finsterer als der jüngste Tag. Aber Ranjhan, im Gefühl seiner Unschuld und Gottesfurcht stark, setzte sich in der Wildniß nieder, und als ein schreckliches Löwenpaar auf ihn zustürzte, erschlug er Beide mit seinem Stabe. Andere Hirten, welche die Körper der getödteten Ungeheuer gefunden, brachten die Botschaft zum Häuptling, sein Schäfer sei von den Löwen verschlungen worden und sie hätten dieselben erschlagen. Die schöne Hir zerriß bei der Nachricht ihren goldenen Schleier und begrub ihre Nägel in ihre Wangen - da verkündete ihr das Flötenspiel des Geliebten dessen Nähe und entlarvte die Lügner. Schüschak belohnte zwar den Tapfern, aber er verlobte seine Tochter einem reichen Mann. Räuber entführten die Heerden Naujhans. Da opferte Hir ihre Juwelen, um dem Geliebten Roß und Waffen zu kaufen. So holte er die Räuber ein, erschlug sie und brachte die verlornen Heerden zurück. Dennoch wollten Vater und Brüder Nichts von der Verbindung der Liebenden hören und zwangen die unglückliche Hir, den reichen Freier zu heirathen. Hir aber stellte sich nach der Hochzeit wahnsinnig und scheuchte ihren Gatten von sich, während Ranjhan ein Fakir wurde und, in einem nahen Wald wohnend, bald den Ruf großer Heiligkeit und Wunderkraft erwarb. Auf den Rath einer Freundin brachte Hir's Gatte seine kranke Frau zu dem Einsiedler und das Paar war kaum vereinigt, als es geschwind die Flucht ergriff. Sie eilten so rasch, daß sie sich nicht einmal Zeit nahmen, die Dornen aus den Füßen zu ziehen. Der erzürnte Gatte verfolgte die Flüchtigen, aber seine Leute wurden von einer Schaar Reiter in die Flucht getrieben, und glücklich gelangten die Liebenden in das Gebiet eines fremden Radschah, der ihnen Schutz gewährte und sie vereinigte. Ranjhan und Hir schieden dankbar von dem gütigen Fürsten und haben sich seitdem Menschen Augen verborgen, wie der Flecken der Erbsünde.«
Das war die einfache, den romantischen und sanften Ideengang der Hindu's charakterisirende Erzählung, die der Sänger der Versammlung zum Besten gab, worauf er großes Lob erntete
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und Jeder eine Münze in des Mannes Kappe warf, ehe dieser sich zurückzog.
Ein neues Zeichen des Sirdars, und eine Gesellschaft Gaukler und Zauberer erschien auf dem Platz.
Die Reisebeschreibungen haben in Europa bereits manche seltsame Erzählung von den Künsten und Täuschungen, welche diese indische Jongleurs auszuführen verstehen, verbreitet, und dennoch sind sie oft nur ein schwacher Abglanz dessen, was wirklich von diesen Leuten geleistet wird.
Die Kunststücke Bosco's, Philadelphia's Pinetti's, die Gewandtheit Houdin's, die Sicherheit Herrmann's - jener sogenannten Prädigestitateure und Magier, welche seit dreißig Jahren das europäische Publikum in Staunen gesetzt, verschwinden vor den Leistungen dieser kaum behoseten, mit keinerlei Hilfsmitteln und blos mit den einfachsten Geräthschaften versehenen Leute. In der That sind alle die berühmtesten neueren Künststücke der Genannten nur Nachahmungen der indischen Künste, und selbst die kühnsten Jonglerien und Balancirungen, wie z. B. das Spiel der »persischen Säule«, das »Messerwerfen«, erst seit etwa acht oder zehn Jahren indischen Jongleurs abgelernt, die keineswegs zu den Meistern ihrer Klasse gehörten, und die Einfalt der Europäer ausbeuteten und verspotteten.
Was wir hier jetzt erzählen wollen, möge daher nicht als ein Gebilde der Phantasie betrachtet werden. Europäische Augen haben es gesehen, und ernste Autoritäten verbürgen es, wie wenig sie es auch zu begreifen und zu erklären vermochten.
Die Gesellschaft der Jongleurs und Zauberer, die auf dem Platz erschien, bestand aus vier Personen: einem großen robusten Schwarzen, einem kleinen Chinesen mit langem Zopf, einer Frau, und einem Knaben. Die Männer waren sämmtlich nur mit einer kurzen bis an die Kniee reichenden Hose, einem baumwollenen Hemd, und dem Turban oder chinesischen Basthut bekleidet, während die Frau, neben ihrem einfachen weißen Gewande und bloßen Füßen, das Haar lang und frei um den Kopf hängend trug. Sie führten nur einen Korb, eine große Bastmatte und eine wollene Decke, einige Waffen, Stäbe, Messer und Kugeln bei sich, Geräthe, die sie Jedermann zur Prüfung anboten.
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Der Arzt der bereits Vieles von diesen Künsten gehört, wünschte sich, begierig darauf, gegen jede Täuschung zu sichern und prüfte die Gewänder und Geräthe auf das Genaueste.
Die Künste begannen damit, daß der Chinese eine wohl zehn Ellen hohe und oben scharf zugespitzte Bambusstange aufrecht und ohne weitern Halt frei auf die Matte stellte, an ihr mit der Gewandtheit eines Affen emporstieg, sich mit dem Nabel auf deren Spike warf und den Leib in horizontaler Linie gleich einer Scheibe so schnell herumzuwirbeln begann, daß die Augen der Zuschauer seinen Bewegungen kaum zu folgen vermochten.
Zu seinem Erstaunen, ja Schrecken, bemerkte der Arzt plötzlich, oder glaubte wenigstens zu sehen, daß der Leib des Mannes gleich einer Schraube sich an der Spitze des Stabes hinunter und hinauf drehte, und die Spitze zuweilen wohl einen Fuß lang aus seinem Körper hervorragte, gleich als habe er sie durch seinen Leib hindurch gedreht.
Den Anwesenden schien dieses Kunststück jedoch ein sehr gewöhnliches, oft gesehenes, denn als er entsetzt und fragend auf sie schaute, blickten sie sehr gleichgiltig auf die Anstrengungen des kleinen Jongleurs, der sich jetzt wieder bis auf die äußerste Spitze hinauf gewirbelt hatte, mit Blitzesschnelle an der Stange herunterglitt, die der Knabe auffing, dann eines der am Boden liegenden langen Messer ergriff und es mehrere Mal durch das Hemd bis auf's Heft sich in die Brust stieß, so daß das Blut sofort seine ärmliche Kleidung übergoß und bis zu den Füßen der Gesellschaft spritzte.
Walding sprang mit einem Ruf des Entsetzens auf und eilte dem Unglücklichen zu Hilfe, aber der Chinese machte ihm eine tiefe Verbeugung, überreichte ihm das Messer und öffnete das Hemd auf seiner Brust - keine Spur einer Verletzung war auf dieser zu sehen, und den Getäuschten begrüßte das Gelächter des alten französischen Offiziers und des jungen Khans.
Der Knabe trat nun auf die Matte und begann das bekannte Kugelspiel mit einer Anzahl von glänzenden Kugeln und Messern, das er zwar mit großer Geschicklichkeit und Gewandtheit ausführte, ohne daß Walding anfangs darin etwas Besonderes finden konnte, da er Aehnliches schon oft gesehen. Dann aber
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begann der Bursche die seltsamsten Gliederverrenkungen und Wendungen, warf sich auf den Boden und die Füße in die Höhe und während dessen wirbelten die Messer und Kugeln ihren ununterbrochenen Kreis, bis er endlich emporsprang und einen Gegenstand nach dem andern hoch in die Luft zu werfen begann, daß er sich über dem Lichtkreis der Laternen und Feuerbecken im Dunkel verlor.
Wunderbarer Weise aber fiel keiner wieder zurück, einer nach dem andern verschwand gleichsam in der Nacht, und als er die letzte Kugel geworfen, setzte sich der Knabe mit gekreuzten Beinen ruhig auf den Teppich nieder und blickte in den Aether.
Die Pause mochte zum Erstaunen des Arztes länger als fünf Minuten gedauert haben, als der Bursche, der während dessen eine eigenthümliche Melodie gesungen, emporsprang, die Arme in die Luft streckte und einen der emporgeworfenen Gegenstände nach dem andern wieder auffing, wie sie aus der Luft in kurzen Intervallen herabkamen.
Zum zweiten Mal begann er das seltsame Spiel, und wie scharf auch der Deutsche aufpaßte, er sah deutlich die Messer und Kugeln in der Luft verschwinden, ohne sie wieder nach dem Gesetz der Schwere niederfallen zu sehen. Als der Knabe sich dies Mal nach einer noch längern Zwischenpause von der Matte erhob, deckte er diese selbst auf und Kugeln und Messern lagen unter derselben.
Keiner seiner Gehilfen hatte sich der Matte genähert, diese selbst zeigte sich ganz und ohne Oeffnung.
General Ventura erzählte dem Arzt, daß er am Hofe von Lahore einen Mann gesehen, der eiserne Kugeln in der Luft habe verschwinden und sie nach Verlauf einer ganzen Stunde wieder habe herunterfallen lassen.
Das merkwürdigste und zugleich grauenhafteste Stück, welches die Jongleure nach vielen anderen seltsamen Künsten produzirten, war folgendes:
Der Mohr, wie bereits erwähnt ein großer und kräftiger Mensch, setzte sich auf die Matte und bog seinen Körper derart zusammen, daß er einer unförmlichen Kugel glich, worauf seine Gefährten ihn mit dem Korbe zudeckten, über den sie die zweite
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Decke breiteten. Darauf ergriffen alle Drei Spieße und Messer und stachen mehrere Minuten lang in den Korb, so daß das Blut stromweis darunter hervorfloß, worauf Decke und Korb aufgehoben wurden und zum Erstaunen der Zuschauer statt des zerfetzten Leichnams des Unglücklichen Nichts zu erblicken war, als einer der Pfauen, die während des Tages im Garten umherstolzirten.
Wiederum wurde der Korb darüber gedeckt und als man ihn zum zweiten Male aufhob, befand sich statt des Pfaues ein junges anscheinend kaum wenige Tage altes Kind darunter.
Auch diese Erscheinung verschwand auf gleich räthselhafte Weise, und als Decke und Korb wieder darüber gedeckt waren, kroch der Knabe mit darunter.
Eine kurze Weile blieb die Hülle in wellenförmiger Bewegung, dann entfernte der Chinese zum dritten Mal die Decke und den Korb und darunter saß jetzt unverwundet der Neger, der Knabe aber war verschwunden und als die Fremden erstaunt und verwundert nach ihm umherschauten, glaubten sie plötzlich seine Stimme hoch aus der Luft ihnen einen Salem zurufen zu hören und sah den Burschen auf der mittleren Gallerie der Pagode sitzen.
Die Geschenke, die dem sammelnden Weibe gereicht wurden, zeigten von dem Beifall, den die Kunststücke der Gesellschaft gefunden, worauf diese sich wieder entfernte und einer neuen und dem Arzt nicht minder interessanten Unterhaltung Platz machten.
Während der Zeit wurden unaufhörlich von den Dienern des Sirdar auf silbernen Platten Kaffee, Orangenwasser, Scherbet, kostbare Confitüren, Früchte und Backwerk umhergereicht.
Die neuen Schauspieler, die erschienen, angekündigt durch die Töne eines Tambourins, einer Trommel und Pfeife, bestanden in einer Gesellschaft Bayaderen.
Es ist mancherlei über diese Klasse der indischen Bevölkerung gefabelt worden, indem die Einen ihnen blos die niedrigste Stellung gemeiner Hetären zuschreiben, Andere sie für eine Art von Priesterinnen und von idealer Schönheit erklären.
Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.
Die Bayaderen Indiens sind die Almen der türkischen Harems, die öffentlichen Tänzerinnen Arabiens, die theils gleich
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einer Leibwache oder einer Kapelle in den Diensten der Reichen und Mächtigen des Landes stehen, die über sie verfügen, wie über Sclaven, theils den Tempeldienst gewisser Gottheiten versehen und die großen religiösen und überaus zahlreichen Feste der Hindu's mit ihren Tänzen verherrlichen helfen, theils auch im Lande frei umherziehen und vor der Hütte des Landmannes wie im Palast des Reichen ihre Künste zeigen.
Im Allgemeinen ist ihre Liebe zwar für Geld und Geschenke feil, doch ist dies nicht durchgängig der Fall und gehört keineswegs zu ihrem Stand und Gewerbe.
Man findet unter ihnen Mädchen von wahrhaft ätherischer Gestalt und reizender Schönheit, aber noch öfter widrige, schlappe, oder - der eigenthümlichen Anschauung des Orientalen von Weiberschönheit entsprechend - unförmlich dicke Gestalten und Häßlichkeit der Formen und des Gesichts, die Zähne durch das fortwährende Betelkauen glänzend schwarz gefärbt.
Rundschit Sing besaß sogar eine organisirte Amazonenleibwache aus lauter Bayaderen, die trefflich in den Waffen geübt waren, aber nach seinem Tode sich zerstreuten.
Die Tänzerinnen, die der Sirdar zur Unterhaltung seiner Gäste beschieden, gehörten, wie der Arzt von dem ehemaligen General Rundschits hörte, zu einer wandernden Horde, indem augenblicklich eine große Anzahl von Pilgern und Reisenden sich in dem Thal und dem Schloß aufhielt.
Zwei Männer, mit Trommel und Pfeife, begleiteten die Tänzerinnen, deren Anführerin ein mit Silberblechen verziertes Tambourin in ihrer Hand trug.
Diese Anführerin war ein Geschöpf von wunderbarer idealer Schönheit.
In ihrem Antlitz war das Sanfte, Melancholische und Anschmiegende des indischen Charakters in seiner ganzen Weichheit und Lieblichkeit vertreten.
Dennoch hatte dieses milde reizende Antlitz schon zu den abscheulichsten Zwecken und Verirrungen des menschlichen Geistes gedient.
Das Gesicht, von lieblicher ovaler Form, hatte einen durchsichtigen klaren Teint von goldartigem lichtem Braun. Ihre
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großen schwimmenden Gazellen-Augen wiesen ein tiefes strahlendes Schwarz, gleich ihrem üppigen Haarwuchs; Stirn und Nase waren fein und edel geformt, und hatten nur so viel des hindostanischen Schnittes, daß das Fremdartige darin ihr einen eigenen Reiz verlieh. Die Augen, zwischen deren feinen und hohen Brauen eine eigenthümliche Falte von Schwermuth und Schmerz lag, waren in ihrem Ausdruck sanft und zärtlich, aber die hochgeschweiften und ausgeschnittenen Nüstern verriethen merkwürdige Weise daneben eine gewisse Energie und Leidenschaft. Der Mund des schönen Wesens war in seiner feinen Form durch rubinartige Lippen geschmückt und seine Zahnreihen glichen zwei köstlichen Perlenschnuren.
Ueberaus zart und fein war die Gliederung dieses Körpers, Fuß und Hand von einer besondern Kleinheit und Schöne.
Anarkalli - Granatblüthe - so hieß die Tänzerin, war in faltenreiche blaue Gewänder gekleidet, die von den Hüften ab über einander, bis auf die Knöchel herabfielen und in Goldfranzen endeten, ohne den nackten, an den Knöcheln mit Goldringen geschmückten Fuß zu verhüllen. Ein rosafarbener Shawl von dem feinsten thibetanischen Schleiergewebe bedeckte Brust und Nacken, ohne ihre süßen Formen und ihre schwellenden Linien zu verhüllen. Das Haar war in breite, mit Korallen, goldenen Mohurs und kostbaren Juwelen durchflochtene Flechten gebunden, und hing in solchen ihr rings um das Haupt bis zu den Hüften nieder. Der prächtige Schweif eines Paradiesvogels war auf ihrem Hinterhaupt befestigt, und senkte sich in hochgeschwungenem Bogen auf die linke Seite nieder, während in ihren Ohren, statt der Juwelen und Edelsteine, das glänzendere Gefieder einer der kleinsten in Gold und Smaragdgrün schimmernden Kolibriarten hing.
Während mehrere ihrer, wenn auch durchgängig zierlichen schönen, doch weniger lieblichen Gefährtinnen durch schwere Goldringe in Ohren und Nasenwand und durch Punktirungen mir Antimonium ihr Gesicht nach indischer Sitte entstellt hatten, hatte sie das letztere allein zur Schwärzung ihrer Augenlider angewandt, was ihrem Auge einen erhöhten zauberischen Glanz verlieh.
Diese Augen wandten sich mit einem Ausdruck ängstlichen
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Forschens, als sie den Kreis betrat, auf die Reihe der Gäste, schienen einige Augenblicke prüfend auf Jedem zu haften und blieben dann an den freundlichen und Vertrauen erweckenden Zügen des Arztes hängen.
Erst der Ton der Trommel und der Flöte schien sie aus ihrer Träumerei zu wecken, sie trat rasch einige Schritte vor, ließ das Tambourin über ihrem Haupt erklingen und begann nach dem einfachen Takt jener Musik und dem leisen Singen ihrer Gefährtin ihren Tanz.
Wer den Tanz der Almen und Bayaderen den Sprüngen und Pas unserer Ballet-Heroinen französischen oder spanischen Styls ähnlich glaubt, würde einen gewaltigen Irrthum begehen. Er besteht vielmehr in Bewegungen, in einem Drehen und Wenden des Körpers meist auf ein und derselben Stelle, das erst mit der steigenden Dauer einen eigenthümlichen Charakter annimmt.
Zuerst waren die Bewegungen der Bayadere langsam, indem sie nach dem Takt der Musik die Arme über den Kopf erhob, den Oberkörper vor- und rückwärts oder zur Seite bog, allmählich aber begann sich ihr Gesicht zu röthen, der Takt wurde rascher und die Linien, die ihr Körper beschrieb, glichen den wollüstigen Windungen einer Schlange. Ohne daß man ein Vorschreiten oder Rückwärtsgehen ihrer Füßchen zu bemerken vermochte, glitt sie doch bis dicht an die Zuschauer hin, schien sich über sie her zu neigen und zog sich eben so eigenthümlich zurück. Zwei Mal, als sie sich ihm nahte, glaubte Walding eine flüsternde Stimme an seinem Ohr zu hören, die in gebrochenem Englisch ihm zuraunte: »Lobe mich, Fremdling! lobe mich!« aber die seltsame Schöne hatte sich bereits immer wieder zurückgezogen, ehe der Deutsche darüber aufgeklärt war, ob die Worte, die er übrigens für eine eitle Forderung der Tänzerin hielt, wirklich aus ihrem Munde gekommen.
Immer lauter und wilder rauschte die Musik und der Gesang, immer heftiger und üppiger wurden die Bewegungen der Bayadere, ihr schlanker Leib schien eine Linie von zuckenden Blitzen, bald sinnlich vorgeworfen, bald weichend und kokettirend in lustglühenden Wendungen zurückgezogen; dann wieder schmachtend die Arme vorstreckend, schien sie nach einem Gegenstand in
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der Luft zu haschen, ihre schwellenden Lippen öffneten sich, ihren Augen schien ein glühendes Feuer zu entstrahlen, und seltsam glaubte Walding sie wiederholt dabei auf sich gerichtet zu sehen mit einem ängstlichen, flehenden Ausdruck, bis in der höchsten Extase des Tanzes, wirbelnd gleich einem rasenden Derwisch um sich selbst, mit einem leisen Aufschrei die Bayadere zu den Füßen der Rani sank.
»Lobe mich! Bei dem Christengott, lobe mich, Fremdling!« tönte es in demselben Augenblick wieder leise an das Ohr des Arztes; aber es bedurfte diesmal der Mahnung nicht, denn der eigenthümliche Reiz dieses bei aller Wildheit und Ueppigkeit nicht ungraziösen Tanzes hatte ihn der Art ergriffen, daß er in lauten Beifall ausbrach und der Tänzerin nach indischem Brauch ein Goldstück zuwarf, das sie geschickt mit ihrem Tambourin auffing, ihn dabei mit einem dankenden Blick anschauend.
Im nächsten Moment war sie mit Lobeserhebungen und Geschenken überschüttet, selbst die Maharani zog aus ihrem Kopfschmuck eine prächtige Nadel und warf sie der Bayadere zu.
»Dein Auge hat wohlgefällig auf das Mädchen geblickt,« sagte der alte Sirdar höflich zu dem Arzt, dessen entschlossene Rettung der Prinzessin ihn heute trotz seiner sonst so bescheidenen Eidlung zum Helden des Tages gemacht hatte - »sie ist Dein Eigenthum, so lange Du ein Gast in diesen Mauern bist!«
Der Arzt fuhr erröthend zurück, diese in Indien so gewöhnliche Höflichkeit, einem Gast die Tänzerin, die ihm gefällt, zum Geschenk zu machen, war ihm unbekannt, und er fing an, zu begreifen, was die Bitte der Bayadere an ihn bezweckt hatte.
Aber es war das erste Mal gewesen, daß sie ihn im Leben erblickt, er konnte sich in körperlicher Beziehung durchaus nicht mit den schönen und feurigen jungen Männern messen, die sich in der Gesellschaft befanden, und er war zu arm und einfach, um durch die Aussicht auf Geschenke die Spekulation der Tänzerin auf sich gezogen zu haben.
Was also war es, wodurch das seltsame Verlangen der schönen Hindu, gerade von ihm gewählt zu werden, gerechtfertigt wurde?
Während er noch darüber nachsann und an den besten Weg dachte, die nach modernen europäischen Begriffen etwas zu weit
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gehende Höflichkeit seines finstern Wirthes abzulehnen - obschon die Ursitten vieler Nationen noch weitergehende Opfer des Wirthes für den Gast mit sich brachten - hatten die anderen Bayaderen theils allein, theils zu zweien und dreien, in ähnlichem Tanz sich abgelöst, zum Theil noch wilder und bachantischer, und hatten die Lobsprüche und Geschenke der Anwesenden entgegengenommen.
Zwei der jüngsten und schönsten, wurden in ähnlicher Weise von dem Herrn der Burg den beiden erst am Abend eingetroffenen geheimnißvollen Fremden angeboten, ohne daß diese eine ähnliche Befangenheit darüber an den Tag legten, wie der mit den indischen Gebräuchen weniger vertraute Deutsche.
Nachdem sich die Bayaderen und zugleich auch die Maharani mit ihren Dienerinnen zurückgezogen hatten, wurde für die Gesellschaft der Männer noch ein compacteres Mahl auf Silberschüsseln aufgetragen, bestehend aus Reis mit Ghy,20 gebratenem Lammfleisch und Geflügel und dem berauschenden Jagory, einem Getränk aus Palmensaft, während für die Europäer verschiedene Flaschen mit feurigen Weinen aufgestellt wurden.
Es mochte gegen 11 Uhr sein, als der Sirdar, der schon seit einiger Zeit eine eigenthümliche Unruhe gezeigt, das Zeichen zum Aufbruch und zur Beendigung des Festes gab, indem er sich erhob und von seinen Gästen beurlaubte. Die Diener ergriffen die Fackeln und Laternen und waren bereit, Jeden nach der ihm angewiesenen Wohnung zu geleiten, Kassim harrte in gleicher Weise des Arztes.
»Möge mein Bruder sanft ruhen, und Freude auf seinem Lager sein,« sagte der Khan, indem er Walding umarmte, »denn eine gute That ist ein süß duftendes Kissen, sagen die Dichter. Morgen mit dem Sonnenaufgang werde ich bei ihm sein, um ihn zu dem Ritt in die Wüste abzuholen.«
Der Mayadar leuchtete demüthig seinem Herrn voran, der kaum mehr an die schöne Bayadere dachte. An der Thür des Kiosk oder Pavillons, der ihm zur Wohnung diente, reichte ihm Kassim die mit wohlriechendem Oel gefüllte Lampe, indem er ihm
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sagte, daß es ihm verboten sei, die Schwelle des innern Gemachs zu überschreiten, und daß er seines Winks gewärtig die Nacht auf derselben zubringen werde, und Walding betrat arglos das Zimmer, in dem er den Morgen zugebracht und von den Strapazen des anstrengenden Rittes ausgeruht hatte.
Er setzte die Lampe auf einen von Perlmutt und Schildpatt zierlich ausgelegten Koffer, als ein schweres und heißes Athmen ihn aufmerksam machte.
Erschrocken wandte er sich um.
Auf dem breiten Divan, der zu seinem Lager dienen sollte, lag frei jetzt von der herabgeworfenen Seidendecke, Anarkalli, die Bayadere, im weißen, leichten Nachtgewand.
Er trat befangen zurück - die Bitte der Tänzerin, das Geschenk des Sirdar war ihm jetzt erst verständlich.
Walding war ein verständiger, ruhiger Mann, fern von aller Prüderie, welche durch Sitten und Gebräuche der Völker beleidigt werden könnte. Aber er hätte kein Blut in den Adern haben müssen, wenn das in seinem leichten Gewand doppelt reizende Mädchen nicht seine Sinne in Wallung gebracht hätte. »Wenn Du Deiner eigenen Wahl gefolgt bist, Anarkalli,« sagte er, »so sei mir willkommen. Es versteht sich von selbst, daß nicht das Wort Tukallah's mir eine verächtliche Macht über ein so schönes Geschöpf gegeben haben soll, sondern daß Dein Besuch und das Glück, das Du mir bereiten willst, Dein freier Wille sein muß!«
Er hatte die Tschoga, das männliche Oberkleid, von sich geworfen und sich dem breiten Divan genähert. Jetzt erst bemerkte er, daß das Mädchen, welches zusammengezogen, gleich einem zum Sprunge bereiten Raubthier, auf den Kissen kauerte, zitterte und ihre Augen in seltsamem Feuer leuchteten.
»Lösche das Licht der Lampe,« flüsterte die Tänzerin, »und komm' an meine Seite, Christ, daß mein Mund sich an Dein Ohr legen mag, - ich habe Dir Wichtiges zu sagen!«
Der Arzt begriff im Augenblick, daß hier von mehr oder Anderm, als einem Liebesabenteuer die Rede war, und folgte erstaunt der Weisung der Hindu. Er löschte die Lampe und kniete neben dem Divan nieder.
»Näher! näher! Jedes Wort, das andere Ohren vernehmen,
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würde Dir und mir den Tod bringen!« Ihre weichen Arme zogen ihn näher herbei, auf den Divan, und er fühlte die warmen, elastischen Glieder sich an ihn schmiegen. »Sage mir Liebesworte, Fremdling,« flüsterte die seltsame Syrene, »laut, damit der Lauscher getäuscht wird! - Cama21 wird es uns vergeben!«
Unwillkürlich gehorchte der ernste Deutsche dem Einfluß, welchen das geheimnißvolle Wesen der Bayadere mit jedem Augenblick mehr über ihn gewann, und er sagte ihr laut in der Hindusprache zärtliche Worte über das Glück, welches ihm durch das Geschenk Tukallah's geworden sei.
Trotz der seltsamen Lage, und der Ahnung einer großen Gefahr begann sich in der Nähe der schönen Tänzerin sein Blut zu erwärmen und er zog sie sanft an sich. Die Bayadere duldete seine Liebkosungen, ohne sie zu erwiedern.
»Du bist der Mann, der heute die Mahana, die Tochter der Rani, vor den heiligen Schlangen beschützt hat?« fragte das Mädchen leise weiter.
»Ich war so glücklich, die Prinzessin vor dem abscheulichen Gewürm zu retten, bis andere Hilfe kam, die wunderlich genug ...«
»Still! - Du hast bewiesen, daß Du ein muthiger Mann bist, der für den Fremden sein Leben wagt. Du bist ein Faringi?«
»Nein - aber ich bin ein Europäer und Christ, und Jeder, der dies gleich mir ist, ja jeder Mensch, hat Anspruch auf meine Hilfe. Was trägst Du um Deinen Leib gewunden, Mädchen?«
»Seidene Schnuren - die uns dienen müssen! Höre mich an, Fremdling mit dem weisen und guten Antlitz. Ich bin im Begriff, einen heiligen Eid zu brechen, geschworen der mächtigsten Göttin; aber ich muß die Gewißheit haben, daß die Worte, die ich sprechen werde, nur eines Erschaffenen Ohr vernehmen, die Geheimnisse, die ich enthüllen muß, nur eines Menschen Auge erblicken soll, daß nie sein Mund zum Verräther an mir und den Meinen werde, so lange die Sonne Indiens ihn bescheint. Schwöre mir bei dem Gott der Christen, bei den neun Wandlungen
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der Mutter, die Dich geboren, daß Du niemals verrathen willst was Du durch Auge und Ohr diese Nacht erfahren wirst.«
»Ehe ich einen Eid leisten kann, muß ich vorher den Zweck wissen - muß prüfen ...«
Sie warf sich auf ihn und erstickte mit ihren Lippen seine lauter gewordenen Worte.
»Still! - es gilt das Leben eines Deiner Brüder, eines Christen zu retten. Bei dem Gotte, den Ihr verehrt, schwöre nur Schweigen und Du sollst Alles erfahren! - Schwöre, und ich will die Sclavin sein Deines Odems, die Lust Deines Leibes, der Hauch Deines Willens! Schwöre, oder Anarkalli stirbt mit ihm, den sie verrathen, und den allein Du retten kannst; denn Wischnu, der Erhalter, hat zu diesem Zweck Dich mir gesandt.«
Ihre Liebkosungen wurden heiß und glühend und umstrickten seine Sinne, zwangen seinen Willen. Unter ihren Küssen flüsterte der sonst so besonnene Mann: »Ich will - ich schwöre!«
Kaum hatte er das Wort gesprochen, so drängte sie ihn von sich. »Weißt Du, Fremdling, wen Du in Deinem Arm hältst, wen Du an Dein Herz drückst?«
»Anarkalli - die Tänzerin! Die schönste Bayadere Hindostans!«
»Thörichter Christ! Die Du umfängst, ist Anarkalli, die Susha! Das Lager, auf dem Du der Liebe pflegst, kann jeden Augenblick sich in Dein Todtenbett verwandeln. Du bist in der heiligen Burg der Thugs!«
Er fuhr entsetzt zurück, denn er hatte genug von der furchtbaren Sekte gehört, um zu wissen, in welcher Gefahr er sich befand. »Aber Tukallah?«
»Er ist einer der unsern, ein Guru,22 der uns gebietet - sein Wort ist Tod oder Leben.«
Im Augenblick stand vor dem Geist des Arztes die Erklärung seiner Gefahr vom Tage vorher - seiner Rettung aus den Händen der Mörder.
»Kassim - mein Diener?«
»Er ist ein Thug, wie ich, einer der geschicktesten Lughas,
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aber Du bist sicher vor ihm, da er jenen Eid auf die heilige Spitzaxt als Mayadar Dir geschworen, den die weiblichen Glieder des Bundes zu leisten nicht würdig sind. Er soll das Werkzeug sein in Deiner Hand.«
Dem Deutschen waren längst alle Liebesgedanken vergangen bei der furchtbaren Eröffnung. Kalter Schweiß brach aus allen seinen Poren und er überlegte still, wie es ihm gelingen könne, sich aus der Mörderhöhle zu retten.
Die »Granatblüthe« schien die Gedanken, die ihn bestürmten, zu begreifen, denn sie suchte zuvörderst ihn über seine eigene Sicherheit zu beruhigen.
»Ich weiß nicht, wer Du bist,« sagte sie, »noch welches Band Dich an den Guru bindet. Aber es ist gewiß, daß er Dich in seinen Schutz genommen und Dein Leben nicht der Kali zum Opfer bringen will. Darum hat er Kassim Dir gegeben. Ich fühle, daß was ich Dir gesagt, Dir Abscheu gegen mich erregt, doch höre meine Geschichte, und Du wirst Mitleid mit Anarkalli haben, die nur den Lehren ihres Volkes gefolgt ist! - Wenn Du dem Schwur einer Abtrünnigen von dem blutigen Glauben der Bhawani glauben willst, - Dein Leben ist sicher in meiner Nähe!«
Der Arzt empfand, daß sie die Wahrheit sprach, und von Drang ergriffen, weiter in das unheimliche Geheimniß einzudringen, sagte er dem Mädchen, daß er ihr vertraue und forderte sie auf, ihm ihre Geschichte mitzutheilen.
»Mein Vater,« berichtete sie, indem sie sorgfältig fortfuhr, mit leiser Stimme zu reden, »ist ein Fakir aus der Kaste der Brahminen. Er war ein frommer Mann und bewohnte eine Höhle an den Rfern des Sudletsch. Er hatte keine Ahnung davon, daß sein Weib die Tochter eines Thugs und selbst ein Mitglied des großen Bundes war, für den sie auch mich schon in meiner Jugend bestimmte, da mein Vater, versunken in seine heiligen Betrachtungen, sich wenig um uns kümmerte. Ich wurde eine Tänzerin und tanzte in den Tempeln zu Ehren der Götter und bald auch auf den Märkten, und mein Name ward gefeiert von den stolzen Palästen Lahore's bis zu den heiligen Städten am Ganges. Als ich vierzehn Jahre zählte, weihte man mich
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zum ersten Mal in die Geheimnisse der Anbeter der blutigen Kali ein und ich erfuhr, daß der Brahmin nicht mein wahrer Vater sei, sondern Tukallah, der Mahratte. Man lehrte mich alle Künste der Suhthas, mit denen sie zu Ehren der blutigen Göttin ihre Opfer umgarnen und den Würgern in die Hände liefern müssen. Zuerst empörte sich mein Inneres dagegen, aber die Grundsätze, die ich von der Mutter eingesogen, und die Gewohnheit verbannten bald das Mitleid und machten mich gleichgiltig gegen den Mord.
»Heute - diese Nacht - wird das Fest der Devy23 in den unterirdischen Gewölben dieser Burg gefeiert, heiliger noch wie das im Tempel der Göttin in Calcutta, und die Glieder des Bundes sind aus allen Himmelsgegenden dazu in die Wüste gekommen, den furchtbaren Dienst im Geheimen zu verrichten. Viele von ihnen haben ihre Opfer mitgebracht, denn wisse, o Fremdling, das Blut in der goldnen Schaale, die vor dem Bilde der Göttin steht, darf nimmer vertrocknen und muß das Jahr lang roth und feucht erhalten werden, oder schweres Unheil fällt auf die Thugs. Die Männer, mit denen ich von Buhawalgur kam, begegneten einer Gesellschaft von reisenden Faringi's. Ich erhielt den Befehl, mich ihnen anzuschließen und einen der Sahibs, den jüngsten von ihnen, zu verlocken, daß sie ihm den Rumal24 überwerfen und ihn gebunden heimlich zur Burg der Göttin mit sich schleppen möchten. Der Mann, den sie mir bezeichneten, war jung und schön wie Krischna selber.25 Ich tanzte vor ihm und seinen Freunden, während die Thugs sich verborgen hielten vor ihren Augen. Meine Blicke sandten Feuer in seine Seele, und er drang in mich, seine Geliebte zu werden. Ich versprach es ihm, wenn er in der Nacht sein Zelt verlassen und zu mir kommen wolle, und gab ihm Ort an, an dem wir uns treffen wollten. Der Faringi ging in die böse Falle, die ich ihm gestellt. In der zweiten Nacht, nachdem ich seine Gesellschaft getroffen hatte und also kein Argwohn auf mich und meine, Begleiter mehr fallen konnte, verließ
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er das Lager seiner Gefährten und suchte mich auf an den Trümmern des Grabmals, das ich ihm als Ort unserer Zusammenkunft bezeichnet hatte. O, wie innig hatte ich gehofft, das[ß] er nicht kommen, daß die blutige Bhawani ein anderes Opfer erkühren werde! Aber er liebte mich und kam, und er lag an meiner Brust und an meinem Herzen, und er schwur, daß er sich nicht mehr von mir trennen werde, als die wilden Buthotes herbeistürzten, ihn aus meinen Armen rissen, seine Glieder mit Stricken banden und seinen Mund verstopften. Nur seine Augen vermochten noch zu sprechen und sie lagen mit Abscheu und Vorwurf auf der Verrätherin!
»Da, Fremdling, flüchtete ich wehklagend in die dichteste Wildniß, mich vor mir selber zu verbergen; ich verfluchte mich und den Dienst der Göttin, die kein Erbarmen kennt mit den Gefühlen der Menschen, denn jetzt erst erkannte ich, daß Cama wahre Liebe zu dem Verrathenen in mein Herz gesäet. Aber ich wußte, daß Bitten und Flehen ein vergebliches Ding sei und abprallen würde an der Brust Derer, die morden zur Ehre der Göttin. Entschlossen, mit ihm zu sterben, den ich verrathen, begleitete ich die Bande der Thugs, meine Hand war es, die dem Unglücklichen Labung und Speise auf dem Wege hierher reichte, und es durchschnitt mir das Herz, wenn ich sehen mußte, wie er, mit dem Gefühl des Vorwurfs sich von mir wandte, denn es war mir verboten, von nun an zu ihm zu reden, und die Aufmerksamkeit seiner Wächter machte es mir unmöglich, ihm ein Wort des Trostes zuzuflüstern. Vor zwei Tagen trafen wir in Malangher, der Burg Tukallahs, ein und seitdem schmachtet er in den furchtbaren Höhlen des bösen Zauberers!«
»Aber wie soll ich, der Fremde, Machtlose, das unglückliche Opfer eines teuflischen Wahnes retten?«
»Höre mich an! Wischnu, der Erhalter, hat Dich uns gesandt, und ich, die ich mit dem Faringi sterben wollte, ich fühlte, daß Deine Ankunft ihn zu retten vermöchte. Die Feier der blutigen Göttin dauert drei Nächte lang. Ich weiß, daß der Faringi erst in der zweiten zu sterben bestimmt ist - wenn sie kommt, muß er fern sein von der blutigen Stätte.«
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»Aber wie wird es möglich sein, in jene Höhle des Verbrechens zu dringen und den Gefangenen zu befreien?«
Die Bayadere erwiederte die Frage mit einer Gegenfrage. »Hast Du Muth genug, für die Erreichung dieses Zweckes den Schrei des Todes zu hören, ohne daß Dein Herz erkaltet, die Opfer sterben zu sehen, ohne daß Du mit einem Laut Dich und mich verrathen wirst?«
»Aber es wäre meine Pflicht ...«
»Thor! nicht die ganze Macht der Faringi in diesem Lande vermöchte ein einziges der Opfer seinem Verderben zu entreißen, die in den Gewölben dieser Burg dem Tode zu Ehren der blutigen Göttin bestimmt sind - ich schwöre es Dir bei der Bhawani selbst, der ich bisher gedient!«
Obschon Walding gewiß nicht unempfindlich gegen die Leiden seiner Mitmenschen war, machte ihn doch sein Stand als Arzt geeigneter, die schrecklichen Scenen, die seine Einbildungskraft ihm vormalte, zu ertragen; er überzeugte sich, daß allerdings das Einschreiten der Einzelnen hier so wenig helfen und retten konnte, wie bei der Sitte der Wittwenverbrennungen, und daß nur durch die Unterdrückung seines Gefühls es ihm möglich werden dürfte, eins oder das andere Leben mit List dem drohenden Tode zu entziehen. Er glaubte daher seine Einwilligung geben und sich auf die Stärke seiner Nerven verlassen zu müssen.
Die Bayadere hatte sich unterdeß leise von seiner Seite gestohlen und war mit der Gewandtheit und Geräuschlosigkeit einer Schlange nach der Thür des Gemaches geglitten, wo sie lauschte.
Dann öffnete sie leise diese Thür - es war, wie sie vermuthet, Kassim, der Thug, hatte bereits das Lager vor der Thür seines Herrn verlassen, ihn in den Armen der Tänzerin bis zum nächsten Morgen in Sicherheit wähnend. Sie huschte zum Erstaunen des Arztes blitzschnell hinaus, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück, ein Bündel tragend, das sie draußen verborgen gehabt.
»Kassim,« berichtete sie hastig, »ist bereits hinabgestiegen zu den Tiefen der Burg, und die Zeit des Handelns ist da. Jetzt, Fremder, merke auf meine Worte, denn das geringste Vergessen würde uns Beiden das Leben kosten und eines verderben, das
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kostbarer ist, als das unsere. Hast Du je von der Ramasyana gehört?«
»Nein.«
»Es ist die geheime Sprache der Thugs, die alle ihre Glieder und Sekten, welchem Land und welchem Glauben sie auch angehören, unter einander verbindet. Denn wisse, Fremdling, nicht die Anbeter Schiwa's allein sind die Diener der Göttin, sondern auch Muhamedaner und Christen.26 Darauf baue ich unsern Plan. Dies - sie machte die eigenthümliche Bewegung der Hand, durch welche Tukallah sich den Mördern zu erkennen gegeben - »ist das Zeichen. Nur wenige der Thugs, die heute hier versammelt sind, kennen einander, denn sie kommen von Süd und Nord, vom Aufgang und Untergang - und Kassim, Deinem Mayadar, der zum ersten Male die Burg Malangher betritt, ist es unbekannt, daß die Sclavin, die er Dein Lager theilen wähnt, eine Eingeweihte ist. Dieses Gewand mit der Verhüllung des Hauptes wird uns Beide unkenntlich machen, wie die Mitglieder des Bundes einander unbekannt bleiben bei dem Opfer. Obschon ich als Weib ausgeschlossen bin von dem Feste der Göttin, sind mir die Geheimnisse dieser Burg wohl bekannt, daß ich selbst in der dichtesten Finsterniß durch ihre Gänge und Schluchten Dich leiten könnte. Jetzt entkleide Dich rasch, birg Deine Waffen in Deinem Gürtel und hülle Dich in dies Gewand, damit ich Deinen Leib dem der braunen Männer ähnlich mache!«
Bei dem Licht des Mondes, der durch die geöffnete Jalousie hell in das Gemach strahlte, ging sie rasch dem Deutschen mit ihrem Beispiel voran, indem sie ihre Frauengewänder von sich streifte und sich in einen weiten dunklen Ueberwurf hüllte, der am Hals eine Art von Wachskaputze hatte, die über den Kopf gezogen werden konnte und Oeffnungen für Augen und Mund enthielt. Dann beugte sie sich nieder, und begann ihm die Beine bis zum Knie aufwärts mit einem Pflanzensaft zu reiben, der die europäische Weiße alsbald in das Mahagonibraun der
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Eingebornen verwandelte, damit, da sie mit nackten Füßen ihre Wanderung antreten mußten, die hellere Farbe des Fremden nicht die Aufmerksamkeit des einen oder des andern Spähers auf sich zöge. Nachdem alle diese Vorbereitungen getroffen waren und Beide die Kaputze über das Gesicht gezogen hatten, hieß die Tänzerin den Gefährten folgen und verließ den Pavillon, dessen Thür sie wieder anlehnte.
Sie standen auf der Gartenterrasse, die jetzt leer und öde war und nur das momentane Rauschen der Springbrunnen unterbrach die nächtliche Stille.
Auf den weißen Marmorstufen an beiden Seiten der Pagode lehnten die schwarzen Wächter der Zenana gleich dunklen Steingebilden.
Anarkalli flüsterte dem Deutschen zu, sich gleich ihr einige Schritte im Schatten zu halten, damit die Mohren nicht erkennen möchten, aus welchem der Kiosks sie gekommen, dann schritten sie dreist hinaus in das Mondlicht, und quer durch den Garten, nach dem großen Eingang der Pagode.
Die ehernen, mit seltsamen und grotesken Figuren gezierten Flügel der großen Thür derselben standen geöffnet - sie traten in das Innere, das von einer einzigen, hoch von der Decke der Wölbung hängenden Lampe mit einem bläulichen Schein erleuchtet war, in dessen leisem Schwanken die schauerlichen Dekorationen der Wände sich gleich beichten Schatten zu bewegen schienen. Diese Wände bestanden aus Mosaiken von dunkelfarbigem weißgeäderten Marmor, von dem sich gespenstig steinerne und hölzerne, mit den schreiendsten Farben und Vergoldungen bedeckte Figuren und Fratzenbilder abhoben. Straußeneier, riesige getrocknete oder ausgestopfte Schlangenkörper, Eidechsen und Gerippe von Thieren und Menschen hingen überall von Decke und Wänden und rasselten von einem Luftzug, der auf eine Walding noch verborgene Weise durch den Raum zog, bewegt schaurig an einander, während kleine Glocken und in gleicher Weise aufgehangene Metallplatten in ihrem Zusammenstoß einen melodischen Klang dazwischen säuselten.
In der Mitte dieses Raumes stand einer jener kolossalen und prächtigen Sarkophage, die man so häufig noch in den
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gigantischen Ruinen Indiens findet, und die der Asche eines mächtigen Herrschers, eines heiligen Mannes oder berühmten Kriegers zur Ruhestätte dienen. Der aus weißem Marmor gefertigte Sarg ruhte auf vier riesigen, plumggearbeiteten[?] Krokodillenleibern aus grünschwarzem Stein, deren Augen aus großen, geäderten Smaragden bestanden, die unheimlich im Schein der Lampe funkelten, während die weit geöffneten Rachen jeden Nahenden zu bedrohen schienen.
Zu Häupten des Sarkophags stand eine kleine metallene Schaale, aus der eine weiße Flamme emporzüngelte. Dieser näherte sich die Bayadere und zündete daran den Docht einer Lampe an, die sie aus ihrem Gewande hervorholte und die der Form ähnelte, deren sich die europäischen Bergleute bedienen, um in ihrem Schein in die unterirdischen Tiefen einzufahren. Dann winkte sie ihrem Begleiter, und schritt auf die dem Eingang der Pagode gegenüber liegende Wand zu.
Ein plötzlicher Schrecken hemmte den Fuß des ihr folgenden Arztes, als er näher kam. Aus dem dunklen, unheimlichen Dämmerschein, den die geringe Beleuchtung der Pagode verbreitete, schienen sich plötzlich zwei riesige Elephantengestalten mit hochgeschwungenem Rüssel vor ihm aufzurichten, während das langgekrümmte Elfenbein der Zähne drohend hervorleuchtete.
Es bedurfte einiger Augenblicke, ehe der Arzt begriff, daß die beiden riesigen Thiere nur Steingestalten waren, die in halbem Körper aus dem Bau hinter ihnen, gleichsam zum Schutz der höhlenartigen Tiefe, die zwischen ihnen gähnte, hervortraten.
Auf diese Höhle, aus der der scharfe, die Gerippe und Metalle der Pagode bewegende Luftzug hervordrang, schritt die »Granatblüthe« zu und begann sofort eine Reihe von Stufen hinabzusteigen, die in die unergründliche Tiefe führten.
Walding sah ein, daß er zu weit gegangen, um von dem Abenteuer zurückzutreten, auch wenn ihn sein der schönen Verbrecherin gegebenes Wort nicht gebunden hätte, und folgte daher dicht hinter ihr drein, um das leitende Licht nicht zu verlieren.
Anfangs schräg, dann immer steiler, stiegen sie weit über hundert Stufen in die Tiefe, wonach der Arzt berechnen konnte, daß sie längst über die Grundfläche der Burg hinunter gekommen
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sein und sich im Innern des mächtigen Felsenvorsprungs befinden mußten auf dem sie erbaut war.
Sie gelangten jetzt, so weit der schwache Lampenschein es erkennen ließ, in ein Rondeel, aus dem wieder verschiedene Gänge nach allen Seiten hin liefen, in stärkerer oder geringerer Senkung in die Tiefe führend, und Walding vermochte jetzt bereits zu erkennen, daß dieses großartige unterirdische Labyrinth nicht allein der Arbeit der Menschen, sondern auch den Naturkräften selbst seine Entstehung verdankte.
In den Tiefen der Gänge und Wölbungen schwanden zuweilen schwache Lichtreflexe vorüber, oder glühten einzelne Lampen, wie die, welche seine Begleiterin trug, gleich Funken sich annähernd oder entfernend. Hastig und ohne in der Wahl der Gänge zu zaudern, schritt die Bayadere vorwärts und sie stiegen auf's Neue abwärts in die Tiefen der Erde.
Aber nicht mehr allein waren sie jetzt in der unterirdischen Einöde. Je tiefer sie kamen, desto höher und weiter schienen sich die Gänge zu dehnen, so daß der schwache Schein der Lampe nur selten noch die Decke der Gewölbe erkennen ließ; dunkle Gestalten, in Kaputzen gehüllt, wie sie selber, am Gürtel oder um den Kopf gewunden den Rumal - das verhängnißvolle Seidentuch - oder die Phansi, die Schlinge, und oft mit schweren Bündeln beladen. Sie machten stumm einander das Bundeszeichen und schritten vorwärts. Zwei Mal erbebte der Deutsche in dieser furchtbaren, dämonenartigen Gesellschaft: das erste Mal, als zwei der Thugs an ihnen aus einem Seitengang vornberschritten, auf einer Art von Hangmatte einen langen, ballenartigen Packen tragend, der im Licht der Lampen sich zu bewegen - von dem ein dumpfer Seufzer an das Ohr des Arztes zu tönen schien; - das zweite Mal, als ein hochgewachsener, fremdartig gekleideter Hindu an ihnen vorbeikam, dem, auf den Fersen ein gezähmter, ziemlich großer Tiger nachschlich. Die Bestie, den Kopf tief auf den Boden gebückt, blinzelte mit den gelbgrünen Augen auf die Vorübergehenden und knurrte so wohlgefällig, wie die Katze, wenn sie sich putzt oder einen fetten Schmaus wittert.
»Fürchte Dich nicht!« flüsterte dem Zaudernden die Bayadere
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zu, »es ist ein Phansigar aus dem Carnatie - sie nennen sich die Tiger und halten diese heilig. Die Göttin Kali gebietet über sie.«
Immer weiter kamen sie, und immer größer wurde die Zahl Derjenigen, die dem gleichen Ziel wie sie zuschritten. Walding glaubte ein dumpfes Geräusch, ein Murmeln und Grollen in weiter Ferne zu hören, wie das Brausen des Meeres an langgestreckter Küste, und er sah in einiger Entfernung einen matten Lichtschimmer, gleich der röthenden Gluth einer mächtigen Feuersbrunst zu der Decke des Gewölbes empordämmern.
»Muth, Fremdling, und Vorsicht!« flüsterte noch einmal die Stimme des Mädchens dicht an seinem Ohr, - »wir nahen dem Kreis der Guru's und Chams, bei dem Bild der Göttin, und müssen vorsichtig die gegenüberliegende Seite des Gewölbes zu erreichen suchen. Sprich Nichts, als den Gruß der Thugs, und thue Alles, was Du mich thun siehst.«
Sie waren kaum hundert Schritt gegangen, als sich vor ihnen ein eben so eigenthümliches, wie schreckliches Schauspiel eröffnete.
Sie standen am Rande eines etwa fünfzig Fuß tiefen Abgrundes, der sich zu einem riesigen Kesselgewölbe bildete, dessen Enden in der Dunkelheit verschwanden, obschon das Licht von wenigstens zweihundert Fackeln und ein großes, in der Mitte dieses riesigen Felsensaales unterhaltenes Feuer auf einen ziemlich weiten Umkreis volle Tageshelle verbreiteten.
Wohl tausend Menschen - alle in jene entsetzliche Vermummung gekleidet, die Füße entblößt, - bewegten sich in diesem Raume.
Ihnen gerade gegenüber, nahe dem Feuer, stand auf einer Erderhöhung das riesige Bild der furchtbaren Göttin, der dieser scheußliche Cultus galt.
Auf einer breiten etwa drei Fuß hohen Stufe von schwarzem Marmor erhob sich ein gleicher Würfel und auf diesem die mindestens zehn Fuß große Gestalt der Bhawani von massivem Silber. Sie hatte die Gestalt einer Furie, reitend auf einem Tiger, in wilder, drohender Stellung. Das Antlitz war scheußlich anzuschauen, halb Wolf, halb Mensch, in den Augenhöhlen funkelten zwei kolossale Rubinen, deren Feuer seine Blitze bis zu
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entfernten Stelle warf, an der die Eingedrungenen lauschten. In den offenen Mund oder vielmehr Rachen dieses entsetzlichen Kopfes waren weiße und spitze Wolfszähne eingesetzt, ihre Füße liefen in Adlerkrallen aus und der Leib war mit Blut beschmiert und von zwei großen ausgestopften Schlangen umwunden. Der Schmuck den dieses scheußliche Bild um Hals, Arme und Beine trug waren Kränze von Menschlichen Köpfen und Schädeln. Schlangen und Eidechsen bildeten ihr Haar und während der linke Krallenarm sich auf das Haupt des Tigers stützte, schwang der rechte die gewaltige Kassy, die eiserne Spitzaxt, das heiligste Symbol der schrecklichen Verbrüderung, bei dem zu schwören den Thug für alle Ewigkeit an seinen Eid bindet, fester als der Schwur auf den Koran oder das heilige Gangeswasser.
Der Fuß der Bildsäule war mit Blumen bestreut, dazwischen lag ein ehernes Bild der Schlange und der Eidechse, eine Schlinge und das Seidentuch, ein Messer und die heilige Spitzaxt, das Abbild des Werkzeugs in den Händen des Götzenbildes, das bei den Wanderzügen der Thugs von dem reinlichsten, mäßigsten und vorsichtigsten Mann der Bande getragen wird, denn sie gilt als ein Orakel für die Entschließungen der Mörder und zeigt die Richtung an, nach welcher die Reise zu unternehmen ist.
Um das Bildniß der Göttin hatte, an dem Rande der untersten Stufe, ein Kreis vermummter Männer Platz genommen, die jedoch statt der schwarzen Verhüllung eine solche von weißer Wolle trugen, der die ausgeschnittenen Augen- und Mundöffnungen ein noch gespenstigeres Ansehen verliehen. Es waren die Chams und Guru's der Sekten, in ihrer Mitte der Ober-Guru, kenntlich an dem weißen Turban mit blitzenden Goldbändern, den er trug - nicht weit von ihm bemerkte Walding den Phansigar mit dem Tiger, der ihnen vorher begegnet war.
Ein Zwischenraum von einigen Ellen, in dem zierlich geflochtene Körbe mit Früchten, Backwerk und geistigen Getränken standen, trennte den Kreis der Häupter von der Masse der rings umher auf den Fersen hockenden oder an dem Feuer beschäftigten gewöhnlichen Mitglieder des Bundes. Von Zeit zu Zeit wurden in dies Feuer wohlriechende Essenzen gegossen, deren lieblicher und berauschender Duft das ganze kolossale Gewölbe erfüllte.
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Von dem Ausgang des Gewölbes, durch das der Deutsche und die Bayadere gekommen waren, führten terrassenartige Stufen hinunter zu dem Mittelraum. Es war ihnen gelungen, unfern der Masse einen etwas erhöhten Standpunkt hinter einem Felsvorsprung - denn das Ganze war, wie der Arzt erkannte, eine kolossale natürliche Höhle - zu gewinnen, von dem aus sie, ohne auffällig zu werden, den ganzen Mittelgrund und die sich auf demselben ereignenden Scenen übersehen konnten, während sie zugleich, ohne Furcht, gehört zu werden, mit leiser Stimme sich unterhalten mochten, da das dumpfe Gemurmel dieser Masse von Menschen eben jenes rollende Getöse verursachte, daß[s] der Arzt auf dem Wege gehört.
»Siehst Du die goldene Schaale, die vor dem Bilde der Göttin steht?« fragte schaudernd das Mädchen. »Es ist das ewige Opfer des Rakkat-Byj!«
»Was willst Du damit sagen?«
»Rakkat-Byj27 war der mächtigste Dämon, so groß, daß der tiefste Ocean seine Brust nicht erreichte, welcher die Welt beunruhigte und alle Geborenen verschlang, bis die Bhawani ihn tödtete. Aber aus jedem seiner Blutstropfen entstand ein neuer Dämon. Da schuf die Göttin zwei Männer aus dem Schweiß ihrer Arme - das waren die Urväter aller Thugs - und gab jedem ein Tuch, die Rumals, damit sie die Dämonen erdrosselten, ohne daß aufs Neue Blut vergossen werde.28 Seitdem ist das Blut der süßeste Wohlgeruch, den die Göttin empfängt, und darf nimmer trocken werden zu ihren Füßen. Im Tempel der Feueräugigen zu Calcutta und Bindabaschni werden jeden Monat tausend Ziegen und andere Thiere geopfert, damit das heilige Blut fließend bleibe, aber hier ...« Sie schauderte und schwieg.
»Rede weiter - jene Schaale ...!«
»Sie wird nie leer und trocken von dem Blut aus den Adern der Menschen.«
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»Entsetzlich! - aber wie ist es möglich, daß diese Unzahl von Morden alljährlich ungestraft verübt werden kann, blos um einem Aberglauben zu fröhnen?«
»Blick' hin und Du wirst schauen, wie groß die Zahl der Opfer sein muß, denen man solche Reichthümer abnehmen konnte.«
Auf ein Zeichen des Ober-Guru stand einer der Chams nach dem andern auf, winkte hinein in die dunkle Menge, und jedes Mal traten ein oder mehrere Männer mit Packen beladen heran, schritten in den heiligen Kreis und leerten ihre Säcke oder Körbe auf der untersten Stufe des Bildes.
Im Schein der Fackeln und Flammen blitzte es seltsam und herrlich von dort herüber in die Augen des Lauschers. Berge goldener Mohurs29 und glänzender Silbermünzen, kostbares Geschmeide, Perlen und Diamanten, Rubinen, Smaragden und Topase mit ihrem Goldfeuer, die kostbaren Amethyste Sibiriens neben den Sapphiren Ceylons und den Türkisen der persischen Minen, das geheimnißvolle Feuer der Opale und Almandinen zwischen Ringen, Ketten, Arm- und Halsbändern, dazwischen prächtige Cashemirshawls und zahllose andere Kostbarkeiten.
»Das sind die Jumaldehythags aus Aude und von östlich des Ganges,« berichtete das Mädchen. »Sie haben die reichen Länder des Duab zu ihrem Gebiet und bringen den dritten Theil ihrer geraubten Schätze. Jene dort, die jetzt ihre Körbe leeren, sind die Multhanea's, Mahomedaner aus dem Norden, die ihre Reisen als Ochsenführer machen und als Kaufleute ihre Schlachtopfer verlocken. Ihnen folgen die Chingary's oder Naiks, die in der Nachbarschaft von Hingoly leben. - Jetzt folgt die große Schaar der Susyas, Männer der niedersten Kasten aus Jeypure, Malwa und der Radjputana, die als Handelsleute, Geldträger, und Sepoy's30 das Land durchstreifen. - Dort kommt der Guru der mächtigen Phansingars von Myhore, dem Carnatie und Chittar« - sie wies auf den Mann mit dem Tiger, der sich eben erhoben und seine Begleiter heranwinkte. »Es sind die Tiger der Wüste und kein Tiger greift den Phansigar an. Sie haben ihre
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besondere Sprache und ihre Zeichen, aber ich kenne sie und jenen Mann, der der blutigste ist von ihnen allen. Leicht ist es ihnen jene Schätze zu bringen, denn sie lauern auf dem Wege den Diamanten- und Perlenträgern aus dem Westen auf und morden um einer Rupie willen. - Jetzt nahen die Flußthags von Burdwan an den Ufern des Hughly, die den Ganges auf- und niederschiffen, die Pilger nach den heiligen Orten einladen, mit ihnen zu fahren und sie auf dem Fluß erdrosseln. - Die Lodaha's und Matya's aus Bahar und Bengalen sind jetzt an der Reihe, ihre Geschenke niederzulegen, und ihnen folgen die Männer aus Scindia.«
So erzählte die Tänzerin ihrem Begleiter von den Secten der Thugs, während Schätze auf Schätze zu den Füßen des scheußlichen Götzenbildes aufgehäuft wurden. Der Raub, den die Secte während eines Decenniums, bis zur Wiederkehr ihrer geheimen Versammlungen, zusammenhäuft, ist in der That kolossal. Da in dem größten Theil von Indien die Beförderung von Geld und Geldeswerth durch Karawanen und Boten geschieht, wird ihnen diese Beraubung desto leichter. Im Westen Indiens besitzt zwar eine Kaste der Najputstämme, die Bhats und Charans, das geheiligte Vorrecht, anderer Leute Eigenthum unter ihren Schutz stellen zu dürfen. Niemand wagt es, dieselben anzutasten und ihnen werden große Summen in Gold und Silber anvertraut, welche sie durch Gegenden tragen, die von Anderen nicht ohne starke Escorte durchzogen werden können. Aber selbst diese geheiligte Kaste verschonen die Phansigars nicht, und es wurden z. B. vom Jahre 1826 bis zum Jahre 1829 erweislich 39 solche Geldträger von ihnen ermordet und diesen die kolossale Summe von Einmalhunderteinundachtzigtausend Rupien abgenommen.
Die Niederlegung der Schätze war jetzt beendet, der Ober-Guru bestieg die Stufe des Altars und berührte mit Hand und Stirn drei Mal die Füße der Göttin. Eine tiefe lautlose Stille verbreitete sich unter der unheimlichen Menge und der Ober-Guru erhob seine Stimme, die dem Ohr des Arztes nicht unbekannt zu sein schien, und rief: »O Kaley! Kankaly! Bhudkaly! Deine Knechte sind bereit und haben, zu Deinen Füßen niedergelegt das Drittheil Deines Segens. Wenn es Dich gut däucht, mächtige
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Göttin daß das Opfer beginne, damit das von Dir vergossene Blut erinnert werde, so gieb uns den Thibau!«31
Auf seinen Wink wurde ein schwarzes Schaf herbeigeführt und auf die Höhe des Piedestals gelegt, wo ihm der Ober-Guru den Hals abschnitt, während seine Gehilfen den rechten Vorderfuß in das Maul des Thieres steckten.
Der Körper des Opfers zuckte hin und her und warf sich zuletzt auf die rechte Seite, worauf der Ober-Guru der Versammlung verkündete, daß die Göttin ihnen gnädig sei und die Feier beginnen könne.
Ein Geheul brach bei diesen Worten aus, so wüthend und entsetzlich, daß Walding glaubte, eine Legion von Teufeln entfesselt zu sehen. Das Kriegsgeschrei der amerikanischen Wilden, der gellende Todesruf der Bemannung eines versinkenden Schiffes, das Wuthgeschrei eines im Aufruhr rasenden Volkes war Nichts gegen diese gellenden entsetzlichen Töne.
Ein wildes Delirium, ein Wahnsinn schien zugleich die düstre Menge erfaßt zu haben und es entfaltete sich ein Anblick vor den Augen des Arztes, wie ihn kaum die Phantasie Dante's aus den Schlünden der Hölle entlehnen könnte.
Gleiich Besessenen sprangen und tobten alle die menschlichen Dämonen umher, einzeln, in Kreisen und Reihen drehten sie sich wirbeldn, wie tanzende Derwische, springende Bachanten. Hier rissen sich Einige die Verhüllung vom Haupt, durchbohrten ihre Wangen mit Messerstichen und schlitzten sich Lippen und Zunge, oder stießen die Klingen in das Fleisch ihrer Arme und Schenkel, daß das Blut weit umherspritzte; Andere warfen die Gewänder ab, tanzten nackt mit wilden phantastischen Geberden um das Feuer und stürzten sich durch dieses hin, daß die Flammen an ihrem Haar und Bart emporloderten, wenn sie auf der entgegengesetzten Seite heraustaumelten. Entsetzlich anzuschauen war ein grimmig aussehender alter Brahmine, dem seine Freunde einen eisernen Haken in die Seite drückten, worauf sie ihn an einer an Decke des Gewölbes befestigten Kette in die Höhe zogen
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und in der Entfernung von etwa zehn Ellen über dem Feuer hin und her schwenkten.
Walding sah betäubt diesem entsetzlichen Schauspiel zu, bis plötzlich der laute, die ganze Wölbung wie Posaunenstoß durchzitternde Ton eines Tamtam - hervorgebracht durch den Schlag eines dicken mit Leder umhüllten Klöpfels auf einen großen, frei von der Wölbung herabhängenden Metallschild, dem Toben und Rasen ein Ende machte. Ein zweiter Schlag auf den Schild, und eine so lautlose Stille trat ein, daß man das Knistern des Feuers hören konnte.
Vor dem Altar der Göttin standen der Ober-Guru und drei der Priester des schrecklichen Cultus, die andern waren während des Tobens und Rasens verschwunden.
Die Hand der Bayadere legte sich schwer auf den Arm des Arztes. Hätte sein Auge die Verhüllung ihres Gesichts durchdringen können, er würde gesehen haben, wie bleich und blutlos ihr Antlitz war - so fühlte er blos das Zittern ihrer Hand und Gestalt.
»Was giebt es?«
»Fasse Deine Kraft zusammen und verbanne das Gefühl aus Deinem Herzen, Fremdling - der Augenblick der Prüfung ist erschienen!«
Ein eintöniger Gesang schien aus den Tiefen der Wölbung wie aus dem Grabe emporzusteigen und schwoll mächtiger und mächtiger an, wie die, von denen er ausging, aus der Finsterniß dem Lichtkreis näher und näher kamen.
Die Menge der Thugs um das Bild der Göttin öffnete sich, dem Zuge Platz zu machen.
Voraus schritten sechs in weiße Gewänder gehüllte Chams, von denen jener Gesang ertönte. Dazu trugen sie in den Händen metallene Becken, auf die sie von Zeit zu Zeit im Tact zugleich schlugen, so daß der dröhnende Klang eigenthümlich durch ihren Gesang schnitt.
Hinter ihnen kamen dunkel verhüllte Gestalten, die große Bahren trugen, auf denen lange mit Tüchern bedeckte unerkennbare Gegenstände ruhten.
Es waren ihrer fünf solche Bahren -, auf jeder zwei
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verhüllte Packen; - langsam, unter dem Gesang der Vortretenden, schritten die Träger mit den Bahren in die Mitte des Kreises, und setzten sie dann rings um den Fuß des entsetzlichen Götzenbildes nieder.
Hinter den Bahren kam in groteskem buntem Aufputz, mit goldenen und silbernen Flittern und den schreiendsten Farben geschmückt mit getrockneten Schlangenhäuten, Eidechsen und Gebeinen behangen, tanzend und springend eine koboldartige Figur von gräßlichem Ansehen daher.
Zwei große Brillenschlangen waren um Leib und Arme gewunden und streckten züngelnd die Köpfe an ihrem Halse in die Höhe.
Walding erkannte die Erscheinung im Augenblick wieder - es war Rostagana, der Zwerg, dessen Musik am Mittag die schöne Hindu-Prinzessin und ihn selbst von dem tödtlichen Biß der Cobra gerettet hatte.
Die Thugs warfen sich mit dem Antlitz aus den Boden, als der Zauberzwerg mit seinen giftgeschwollenen Reptilen an ihnen vorübertanzte.
Dinier ihm her kamen wiederum, singend und die Becken schlagend, sechs Chams und schlossen den Zug, der sich um das Bild der Bhawani auf der erhöhten Stufe gruppirte, so daß Alles, was vorging, den Augen der ganzen Versammlung sichtbar war.
Der Zwerg war hinter dem Fuß der Bildsäule verschwunden.
Ein gewaltiger dröhnender Schlag auf das Tamtam - und nun herrschte wiederum feierliche Stille.
Ein weiterer Schlag, und wie von unsichtbaren Händen hinweggerissen, flogen die Decken zur Seite, welche die fünf Bahren verhüllten.
Auf jeder derselben lagen zwei menschliche Körper - lebend - denn ihre Bewegungen zeigten dies, wenn auch ihre Füße und Hände durch unzerreißbare Schnüre von Cocusfäden fest zusammengefesselt waren und die Lippe stumm blieb, denn ein teuflisches Werkzeug, ähnlich jenem unter der Form der Stahlbirnen bekannten Knebel der Marterkammern des Mittelalters, füllte und schloß ihren Mund.
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Kein Brahmine, kein Armer, keine Bayadere und kein Barde dürfen die ersten Opfer sein, die der Thug tödtet - die Menschen, die hier eines furchtbaren Schicksals harrten, waren zwei reiche Kaufleute aus Bombay, ein Juwelenschleifer, ein Landmann zwei Sepoys, ein Schreiber aus den Bureaux der Compagnieverwaltung, ein Parsi, ein europäischer Seemann und eine prächtig geschmückte Frau, die Begum oder Wittwe eines indischen Fürsten,
Einer der Chams ergriff die goldene Schaale, von der die Tänzerin dem Arzt erzählt, daß sie das ewig feuchte Menschenblut enthalte, und folgte damit dem Ober-Guru, der von Bahre zu Bahre schritt, an jeder den Finger in die Schaale tauchte, und mit einem blutigen Streifen die Stirn jedes einzelnen Opfers bezeichnete.
Dann trat der Ober-Guru zurück zu dem Altar - ein anderer Cham reichte ihm ein Messer von oben breiter und unten schmaler Form, und zwei der Priester hoben auf seinen Wink den Körper des Parsi auf.
Ein Augenblick, und der Unglückliche war aller seiner Kleider beraubt und der nackte Körper wurde auf den schwarzen Steinwürfel gehoben, der das Piedestal des scheußlichen Götzenbildes ausmachte, und zu dessen Füßen ausgestreckt. Einer der Chams nahm den Knebel aus seinem Mund.
Der Gefangene war ein bereits bejahrter Mann mit schönem Bart und sorgfältig geschornem Kopf, aus der über ganz Indien, Arabien, das mittlere Asien und die asiatischen Inseln verbreiteten Sekte der Parsi's oder Sonnen- und Feueranbeter, der thätigsten und verständigsten Orientalen, in deren Händen sich der größte Theil des Handels und Reichthums befindet.
Der alte Kaufmann hatte das Schicksal, das ihm bevorstand, längst erkannt, und den Thugs, die ihn gefangen genommen, neben den Schätzen, die sie ihm bereits geraubt, eine kolossale Summe für seine Freilassung geboten, - aber sein Vorschlag war von den blutigen Fanatikern verächtlich zurückgewiesen worden. Jetzt - dem Tode so nahe - schaute er mit der Entschlossenheit und Gleichgültigkeit, welche diese Leute und die Hindu's im Allgemeinen gegen den Tod erfüllt, diesem trotzig in's Angesicht. Kein Schrei
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der Furcht, keine Bitte um Gnade, ja nicht einmal ein Zucken der so natürlichen Angst und Qual entstellte sein ernstes, schönes Antlitz als der Ober-Guru mit dem Messer ihm nahte, nur Haß und Drohung sprühte aus dem kühnen Auge des alten Mannes. Im Schein der Flammen blitzte die dreieckige Klinge - hochgeschwungen - dann senkte sie sich nieder und tauchte die Spitze mit anatomischer Genauigkeit in die Kehlader des Opfers.
Ein Strom dunklen Blutes spritzte empor. Zwei der kräftigsten Chams warfen sich auf den Körper, Beine und Kopf festhalten, während der Dritte in der goldenen Schaale das Blut auffing, das den Adern entströmte.
Den unwillkürlichen Schrei, den der Arzt bei dem kaltblütigen Morde ausstieß, übertönte der Gesang der Priester.
Entsetzlich, empörend anzuschauen war es jetzt, wie der kräftigste der bei dem Morde thätigen Chams, als das Blut langsamer und weniger zu fließen begann, auf den Körper des Parsi sprang und diesen gleichsam zu kneten begann, um jeden Tropfen kostbaren Blutes für den scheußlichen Dienst der Göttin auszupressen.
Schwächer und schwächer wurden die Zuckungen des Opfers, bis die Glieder im letzten Kampf erstarrten und sich streckten.
Dann erhob der Ober-Guru seine Hände zum Bilde der Bhawani und bespritzte sie sieben Mal mit dem frischen Blut.
Mit einer Schnelligkeit, die es kaum bemerken ließ, war der Leichnam des Parsi von bereit stehenden Priestern aufgehoben und fortgebracht worden zu den Gräbern, die vorher zur Aufnahme von je zwei Körpern, die mit den Füßen stets gegeneinander gelegt werden, vorbereitet waren.
Wieder tauchte der Ober-Guru seine Finger in das Blut, bezeichnete erst seine eigene Stirn mit einem Tropfen desselben und dann die der Chams, welche bei dem Morde thätig gewesen waren, worauf andere deren Stelle annahmen und die ersten mit der Blutschüssel zu der sich herandrängenden Menge traten, um jeden Einzelnen auf gleich abscheuliche Weise zu salben.
Unterdessen war das zweite Opfer herbeigebracht worden - es war die Begum, eine noch junge, schöne Frau von den anmuthigsten Formen. Schonungslos wurde ihr die reiche Kleidung
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vom Leibe gerissen, und der sich in Furcht und Entsetzen windende herrliche Leib auf den schrecklichen Stein gehoben. Als der Ober-Guru ihr den Knebel aus den Zähnen zog, gelang es der Unglücklichen, die wahrscheinlich zu lose Fessel ihrer Fußgelenke abzustreifen. Sie stürzte sich herunter, versuchte den Kreis zu durchbrechen und sich zu flüchten, ward aber im Augenblick wieder ergriffen und zu Boden geworfen. Ihr Flehen, ihr Jammern, ihr Geschrei waren herzzerreißend und übergellten den bei dieser schrecklichen Scene lauter anschwellenden Gesang der Priester, der ihre Stimme zu ersticken suchte.
Im Nu waren die Füße der jungen Frau wieder gefesselt und sie hinausgehoben auf den noch bluttriefenden Stein.
Hinter dem Vorsprung der Felsen rang der Arzt gegen seine Begleiterin, die seine Hand festhielt, welche nach dem verborgenen Pistol faßte, um den bedrohenden Mörder niederzuschießen.
»Wahnsinniger! - vergißt Du so Deinen Eid? Es ist eine Verächtliche, Ausgestoßene, die Dein Mitleid nimmer verdient, denn sie hat sich der Sotti32 entzogen, die ihre Seele in den Schooß Gama's befördert hatte!«
Ein gellender entsetzlicher Schrei belehrte besser als ihre Bitten und Abmahnungen den Widerstrebenden, daß jede menschliche Hilfe zu spät käme. Ein Blick in das dunkle Gewühl zeigte ihm die lange blutige Furche, die das Opfermesser des Guru über den Leib der unglücklichen Frau gezogen hatte, und daß ihr Körper bereits in den letzten Todeswindungen sich unter den Händen der entmenschten Priester bäumte.
Kalter Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper, seine Glieder zitterten, sein Herz schlug hörbar, als er sich willenlos von der Tänzerin fortziehen ließ.
»Es ist Zeit, das[ß] wir selbst in das Gewühl uns mengen, um die andere Seite der Höhle zu erreichen,« flüsterte das Mädchen. »Fasse mein Gewand, schließe die Augen und folge mir!«
Ein Theil der Chams war fortwährend beschäftigt, den Thugs die entsetzliche Salbung zu ertheilen und bewegte sich durch die andrängende Menge, während das Geschäft des Mordens und
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Blutauffangens in große Becken unaufhaltsam im Mittelpunkt seinen schaurigen Gang ging. Der Strom der hin und her fluthenden Masse, die sich zu der blutigen Zeichnung herandrängte, war so gewaltig, daß Walding und seine Begleiterin, die fest seine linke Hand umfaßt hielt, wiederholt von ihrem Wege abgedrängt und gegen den Mittelpunkt des Kreises zugeschoben wurden. Vergeblich bemühte sich der Deutsche, dem Rath des Mädchens zu folgen und die Augen zu schließen - ihr sich willenlos überlassend, eine geheimnißvolle Macht schien ihn zu zwingen, sie offen und unverrückt nach dem schrecklichen Guru gerichtet zu halten, dessen blutiges Messer wieder und wieder hoch geschwungen im Licht erglänzte.
Plötzlich hörte er zwischen dem Gesang der Priester, in den nach und nach die Menge der Blutgeweihten einzufallen begann, ein dumpfes Murmeln fremdartiger Worte dicht vor sich, und fühlte sich mit Gewalt niedergerissen von der Hand seiner Begleiterin. Umblickend erkannte er schaudernd vor sich das weiße Obergewand zweier Chams und in den Händen des einen das entsetzliche Becken - sah eine Hand erhoben, die leicht seine Kaputze lüftete, und fühlte im selben Augenblick einen warmen feuchten Tropfen auf seiner Stirn.
Er wußte - es war Menschenblut - das warme frische Blut einer unglücklichen Parsi oder der schöne Wittwe.
Wie oft hatte er als Arzt seine Hände in das warme Blut meiner Mitmenschen getaucht, wie oft selbst mit seinem scharfen Messer den edelsten und geheimnißvollsten Tempel Gottes, den menschlichen Leib, zerfleischt, aber es geschah im Dienst der Menschen, zu helfen und zu retten, statt zu tödten.
Jetzt brannte dieser einzelne Blutstropfen gleich glühendem Erz auf seiner Stirn - das Blut eines Gemordeten, - ohne seine Hand sich erhoben, sein Mitgeschopf zu retten!
Er war einer Ohnmacht nahe und begriff noch kaum die Gefahr, der er so eben entgangen, während die Woge der Andrängenden ihn fortschob, als ein wilder zorniger Ausruf in englischer Sprache ihn gleichsam festbannte und allen Anstrengungen seiner Begleiterin energischen Widerstand leisten ließ.
Ein Blick nach der Mitte belehrte ihn, daß in diesem Augenblick
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der englische Matrose sich unter den Händen der Chams befand, die ihm seine Kleider vom Leibe rissen und schnitten.
Auf irgend eine Weise war es der ehrlichen Theerjacke gelungen - wahrscheinlich durch die Kraft seiner Zunge und die Gewohnheit, sein Prüntje im Mund umherzurollen - sich des Knebels zwischen seinen Zähnen zu entledigen, und ein Strom von Verwünschungen folgte dem Ausspeien des bisherigen Hindernisses.
Der Mann war ein Irländer - in seiner besten Kraft und athletisch gebaut. Es ist selten, daß die Thugs ihre Opfer unter den Europäern suchen - theils weil sie dieselben als zu arm für ihre Raubgier halten, theils weil sie wissen, daß sie gewöhnlich gut bewaffnet sind und daß ihr Verschwinden strengere Nachforschungen der Behörden veranlaßt, als das spurlose Abhandenkommen eines Eingeborenen. Wenn aber ihre Habsucht besonders unvorsichtig gereizt wird oder der Zufall einen Weißen der Art in ihre Hände liefert, daß sie Nachforschung und Entdeckung nicht zu besorgen brauchen, so nehmen sie keineswegs Anstand, auch das Leben von Europäern ihrer Göttin zum Opfer zu bringen. Nie aber wird dabei das Blut weißer Menschen vergossen, da der Aberglaube herrscht, daß das Blut der Weißen der Bhawani nicht wohl dufte.
Der unglückliche Seemann war höchst wahrscheinlich bei einer Kreuzfahrt in den Höhlen des Lasters im Hafen außer Sicht und Hilfe seiner Gefährten gekommen, hatte die Habgier einiger Würger durch die prahlerische Vergeudung seiner Guineen rege gemacht und war von ihnen weiter nach einem Schlupfwinkel gelockt worden, wo sie sich seiner im Schlafe bemächtigten. Gerade des mühseligen Werkes willen, das sie sich als Verdienst anrechneten, hatte der Trupp, der ihn gefangen genommen, dies Opfer bis in die Einöden der Thur und zu den unterirdischen Kerkern der Felsenburg mit sich geschleppt.
Die starken Bande um seine Füße und Hände bewiesen, wie sehr sie der riesigen Kraft des Seemanns, wahrscheinlich nicht ohne einige gemachte bittere Erfahrungen, jetzt mißtrauten.
»Stop! halt! Ihr verfluchtes, braunhäutiges, nacktbeiniges Lumpengesindel!« brüllte der unglückliche Pad. »Schämt Ihr
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Euch nicht, einem Mann seine Hose von den Beinen zu hissen daß sein Wetterbug den Leuten vor die Augen kommt? - Fie! O ich wollt' Dich, Du verfluchter schwarznasiger Schuft, wenn ich nur drei Glockenschläge Zeit und einen anständigen Prügel in der Rand hätte! - Heiliger Patrik - was wollen die schwarzen Teufel noch von 'nem ehrlichen Kerl, dem sie all' sein Geld gestohlen haben? - So, Du Halunke« - er versetzte dem Mörder, der seine Beine aufhob, einen so kräftigen Tritt vor den Leib, daß dieser, wie von einer Kanonenkugel getroffen, bewußtlos zu Boden stürzte - »das wird Dich lehren, einem braven Matrosen an den Bug zu kommen. Ich will ein Jahr lang meine Grog-Ration von jedem Schiffsjungen trinken lassen, wenn die fatanischen Teufelskinder meiner Mutter Sohn nicht am Ende abschlachten wollen, wie ein Huhn auf dem Mist. Zum Teufel mit Euren Stricken - wenn ein rechter Kerl unter euch Gesindel ist, so mög' er sie auf einen Augenblick losbinden, und bei der Liebe Gottes - wir wollen eine ehrliche Schlägerei halten, wie bei Evy Flanagans Hochzeit, oder wie damals, als wir die Russen aus den Laufgräben schlugen! - Feigherziges Lumpengesindel! nicht 'mal einen Faustschlag wollen sie 'nem Mann gestatten, bevor sie ihm den Leck zwischen die Rippen geben!«
Unter diesen und ähnlichen Verwünschungen hatte der kräftige Matrose so rüstig, als es ihm seine Bande erlaubten, gegen die Ueberzahl gekämpft und mit Armen und Beinen um sich geschlagen, bis es seinen Gegnern gelungen war, ihm die ersteren auf den Rücken zusammenzuschnüren. Plötzlich brach er - trotz der furchtbaren Umgebung und obschon ihm selbst über seinen Tod kein Zweifel mehr sein konnte - in ein schallendes Gelächter aus. Es war ihm gelungen, bei dem Bemühen der Mörder, ihn auf das Piedestal des Götzenbildes zu heben, dem Häuptling der Phansigars nahe hinzu getreten, einen so gewaltigen Stoß zu versetzen, daß dieser über den Tiger, der hinter ihm stand, hinwegstürzte, die Bestie mit sich zu Boden riß und mit dieser sich auf der blutgetränkten Steinschwelle zwischen den aufgehäuften Schätzen umherwälzte.
»Hey! Gott verdamm' Deine blutigen Augen und Deine gräuliche Katze dazu, Du weißverhüllter Schlingel!« schrie Pad,
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»Vater O'Toole, der gewiß gern eine hübsche Anzahl Messen für meiner armen Seele Seligkeit lesen würdde, wenn er nur wüßte wie sein Beichtkind hier umgekommen, hat immer gesagt, ich hätte meine Stärke in den Beinen und nicht im Kopf. Ich wollte nur es machte ein Christenmensch mir die rechte Vorderflosse frei, ich wollt Euch die fünf Finger in die Zähne setzen, daß Ihr 'nen Jibbaum für den Besanmast ansehen solltet!«
Der Phansigar hatte sich wüthend aufgerafft und, das goldene Halsband, das den Nacken seines gefährlichen Begleiters umgab, erfassend, wollte er, wüthend über den erlittenen Schimpf, den laut brüllenden Tiger auf den Unglücklichen werfen, von dem bei dieser drohenden Bewegung die ihn festhaltenden Priester eilig zurückflohen, als der Ober-Guru sich zwischen sie stürzte.
»Zurück, Sohn der Bhawani,« hörte der Deutsche die ihm nicht unbekannte Stimme befehlen; »nur das Blut der Kinder des Ostens darf fließen zu Ehren der Göttin, und dieses Mannes Schicksal ist bestimmt! Wo bist Du, grimmiger Rostagana, damit Du Dein Opfer empfangest aus den Händen des Guru?«
Und ein kicherndes, heiseres Lachen erscholl und hinter den Krallenfüßen des Götzenbildes hervor kroch der teuflische Zwerg, hockte nieder vor dem unglücklichen Seemann und begann seine Ungeheuer unter dämonischen Ceremonieen hin und her zu schwingen.
Der arme Bursche, der dem Tode so muthig bisher getrotzt, zitterte am ganzen Leibe bei diesem scheußlichen Anblick - alle Kraft des Widerstandes war gebrochen und er lag still, ohne auch nur den Versuch einer Flucht zu machen. Seine Augen schienen aus den Höhlen hervorzuquellen, so entsetzt starrten sie auf den Zwerg und die züngelnden Cobra's!
»Jäsus - Gott mein Härre,« stammelte der Unglückliche, dessen Verstand sich zu verwirren begann - »so bin ich wahrhaftig nicht unter einer Bande blutiger Schufte, sondern geradezu in der Hölle angekommen, wie Pater O'Toole mir oft genug prophezeiht hat! - O meine Seele, das ist wahrhaftig der leibhaftige Teufel, wie ich ihn vor mir seh, und das sind seine Gesellen! - Heilige Mutter Gottes sei mir erbärmlichen Sünder gnädig!« und sein Gebet verlor sich in unverständliches Lallen.
Der Zwerg schien mit teuflischem Vergnügen den Seelenqualen
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und dem Entsetzen des Aermsten zu lauschen, denn er wiegte sich noch immer wollüstig hin und her, schnitt ihm scheußliche Fratzen und näherte und entfernte die Köpfe seiner Ungeheuer dem Gefolterten, daß ihre Zungen immer heißhungriger umher fuhren und ihr giftiger Brodem jenem den letzten Rest von Bewußtsein raubte. Dann - -
Ein entsetzlicher, gellender, furchtbarer Schrei erfüllte den kolossalen Raum - so furchtbar, so entsetzlich, daß selbst das mordgewohnte Herz der Thugs einen Augenblick erkaltete, und ihr unheimlicher, jetzt wie die Wogen des Meers mächtig erschwellender Gesang einen Moment lang schwieg. - -
Und dann ein zweiter, eben so entsetzlicher, so gellender, so furchtbarer Schrei - die zweite der Schlangen hatte von der tückischen Hand des Unholds geleitet, ihre spitze Zunge in das andere Auge des unglücklichen Mannes gebohrt!
»Balu, du Liebliche, und du Heikate, mein Goldlämmchen,« jubelte der Zwerg - »saugt, saugt an dem Hirn des weißen Mannes! Lustig ihr Lämmchen, gebt ihm den Tod! den Tod! den Tod!«
Walding hörte längst das Entsetzliche nicht mehr - der erste Schrei des Unglücklichen traf ihn schon unter den Wölbungen eines düstern Ganges. Mit Gewalt hatte er sich Anfangs hindurchdrängen und dem unglücklichen Europäer zu Hilfe eilen wollen, aber sein Ruf war in dem Brausen der Menge verschollen, eine Mauer von Leibern keilte sich zwischen ihn und den Unglücklichen und vergeblich war all' sein Ringen, während die Bayardere ihren Arm um seinen Leib schlang und ihn mit der Gewalt der eigenen Todesangst jetzt weiterriß.
Zum Glück für sie war die Menge zu sehr mit dem entsetzlichen Schauspiel in ihrer Mitte, mit der blutigen Salbung der Chams und mit ihren eigenen dämonenartigen Sprüngen und Bewegungen beschäftigt, um auf das Paar und sein Ringen zu achten. Erst in der Tiefe eines Seitengewölbes, wohin der Flammenschein der großen Höhle nur dämmernd drang, und das teuflische Lärmen wie summendes Getön klang, hielt die Bayadere inne.
»Wahnwitziger Christ ... was hätte das Opfer Deines Lebens genützt unter diesen Hunderten? Kannst Du die Woge
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hindern, zum Strande zu rollen, den Orkan fesseln, daß er seine Wuth nicht vernichtend ergieße über das weite Land? - Herrscher wollt Ihr sein und ein Herz von Stahl haben, das eine Welt erobert und regiert, und Eure Nerven sind so schwach, daß ein Tropfen Blut sie entsetzt! das Blut Derer, die Ihr doch täglich und stündlich grausamer mordet, als der Thug mit seinem Messer oder seinem Tuche es thut! - Fort mit dem thörichten Mitleid - die Kraft des Mannes besteht nicht allein in dem Muth, zu handeln und sich zu opfern, sondern auch, das Unvermeidliche geschehen zu lassen! - Das Entsetzliche für Deine Augen ist überwunden, jetzt gilt es zu retten, ehe es zu spät ist!«
Sie zog aus ihrem Gewand eine Rolle fester Schnur, knüpfte das Ende an einen der hervorspringenden Felszacken und gab den Faden in die Hand des Arztes.
»Die Gänge und Windungen dieser Höhlen,« sagte sie, »sind so verschlungen, daß Keiner, der sie nicht genau kennt, sich in ihnen zurückfinden könnte. Ein Zufall vermöchte uns zu trennen; - in diesem Fall wird die Schnur in Deiner Hand das Mittel sein, Dich zurückzuführen zur Opferstätte, von der Du unbesorgt den zum Tageslicht Emporsteigenden folgen kannst. Die Augenblicke sind kostbar für unser Wagniß - lege die Hand auf Deine Waffen, fasse mein Gewand und folge mir!«
Ohne Gegenrede that der Deutsche, wie ihm geboten, und eilte hinter der Flüchtigen her, in der Linken den Faden, den er sorgfältig sich abwickeln ließ.
So rannten sie durch mehrere sich kreuzende Gänge, die von Strecke zu Strecke in einer bestimmten Richtung durch einzelne Fackeln erhellt waren.
Schon seit einigen Augenblicken glaubte Walding ein Rauschen und Brausen zu vernehmen, das ihn vermuthen ließ, sie näherten sich wiederum dem furchtbaren Opferplatz. Aber das immer mächtiger anschwellende Getön erwies sich bald als ein anderes - und als sie eine Anzahl von etwa sechszig Stufen am Ende eines Ganges herabgestiegen waren, erscholl das Brausen mit furchtbarer Gewalt über ihren Häuptern, Wasserstaub sprühte umher und drohte ihre Lampen zu verlöschen, und als Walding die seine geschützt emporhob, erkannte er sich am Fuß eines
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furchtbaren Abgrundes, in den über sie hin aus der Felswand ein mächtiger Wasserkatarakt sich stürzte.
Das Getöse war so gewaltig, daß die Bayadere ihren Mund an sein Ohr legen mußte, um ihm zu erklären, daß hier der unterirdische Ausfluß der Gewässer sei, welche von den Gebirgswänden des schönen Thales von Malangher in den kleinen See in dessen Mitte strömten, dessen Wasser in unerklärter Weise dort wieder verschwand.
Zur Seite der stürzenden Fluth, auf dem Plateau, auf dem die Eilenden sich befanden, bemerkte Walding seltsame, wie große Tonnen geformte Gegenstände stehen - doch blieb ihm keine Zeit, seine Begleiterin nach deren Zweck zu befragen, denn unaufhaltsam zog diese ihn weiter und bald lag der Wasserfall hinter ihnen.
»Jetzt,« sagte Anarkalli, und die Hand, die den Gefährten hielt, krampfte sich fester, ihre Augen funkelten entschlossen im Schein der Lampen - »gilt es zu zeigen, daß Du ein Mann bist. Wir sind im Augenblick zur Stelle, aber unser Nahen deckt das Rauschen des Wassers. Der Ort, wo die Gefangenen aufbewahrt werden, liegt hinter jener Windung des Ganges - doch zwei Wächter stehen an seinem Eingang und müssen ihrer Göttin zum Opfer fallen, ehe wir zu Jenen gelangen können. Brauche Deine Waffen ohne Besorgniß, gehört zu werden, wenn Du siehst, daß ich mich auf den Einen von ihnen stürze!«
»Ein Ueberfall - ein Mord hinterrücks ...« erwiederte der Arzt entsetzt.
»Zehnfacher Thor - morden sie nicht Deine Brüder heimlich - ist es Schande, wenn der Jäger den auf Beute schleichenden Tiger aus seinem Versteck niederschießt?«
Der Arzt fühlte die Nothwendigkeit, die Thorheit ritterlicher Gesinnung solchen Gegnern gegenüber und versprach zu gehorchen. Die »Granatblüthe« löschte ihre Lampe aus, nachdem sie einen malayischen Dolch aus ihrem Gewand gezogen und Walding seinen Revolver gespannt hatte - dann schlichen sie oder krochen vielmehr in der Dunkelheit vorwärts.
Sie mochten etwa fünfzig Schritt zurückgelegt haben, als ein neues Bild sich ihnen bei einer Biegung des Felsenganges entrollte.
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Vor ihnen, in der Entfernung von kaum zwanzig Schritten öffnete dieser sich zu einer, wenn auch nicht so umfangreichen, wie die Opferhöhle, doch geräumigen und eben so hell erleuchteten Grotte, die in dem Licht der brennenden Wachsfackeln und Harzbecken in blendendem, grünlichem Goldglanz strahlte.
Die sorgfältig behauene Decke des Gewölbes zeigte die prachtvollste Erzbildung, die Walding noch je gesehen. Reiche Gold- und Kupferadern zogen überall durch das Gestein und die Myriaden kleiner Metallschiefer blitzten und spiegelten im Feuerschein daß man Aladin's Zauberhöhle zu sehen vermeinte.
Dieser Pracht gleichsam zum Hohn lag am Boden dieses Gewölbes eine Anzahl von nahe an fünfzig menschlichen Wesen im bittersten Jammer der Gefangenschaft, jeder einzelne gebunden an Händen und Füßen, wie die Opfer zum scheußlichen Altar geschleppt worden.
Obschon der Knebel ihren Mund noch nicht verschloß, lagen die Meisten von ihnen doch stumm, in orientalischer Ergebung in ihr Schicksal, auf der Erde - nur einzelne Jammerlaute wurden von Zeit zu Zeit von den Jüngeren und Schwächeren vernommen, denn Menschen von jedem Alter und jeder Kaste, selbst einige Frauen, befanden sich in dieser Vorrathskammer des schrecklichen Opfertodes.
Die Tänzerin berührte mit ihrer kalten zitternden Hand die ihres Gefährten und wies nach einer Seite des glänzenden Kerkers hin.
Deutlich konnte Walding dort die Kleidung eines Europäers erkennen - ja er glaubte ein europäisches Frauengewand nahe derselben Stelle zu bemerken.
An dem thorartigen Eingang lehnten gleich Schatten auf hellem Grund zwei bewaffnete Thugs, Bildsäulen gleich.
Nur wenn einer oder der andere der Gefangenen - von brennendem Durst gefoltert - nach Wasser rief, bewegte sich einer der Wächter von seinem Posten, füllte eine Schaale aus einem großen in der Mitte des glänzenden Kerkers stehenden Gefäß und hielt dies dem Verschmachtenden an den Mund.
In diesem Augenblick, als die Bayadere noch einmal bedeutungsvoll dem Deutschen die Hand drückte und dann, einer
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Schlange gleich, vorwärts glitt, standen beide Wächter unbeweglich am Eingang.
Walding hatte sich über das Verfahren, das er innehalten wollte, entschlossen. Leise hob er die Kaputze in die Höhe, um bei dem verstehenden Kampfe besser sehen zu können, und hielt die gespannte Pistole in der Hand, bereit im Augenblick vorzuspringen.
Plötzlich wandte sich der Eine der Thugs um, er glaubte ein Geräusch in dem Gang gehört zu haben. Im selben Augenblick war das Mädchen, am Boden fortkriechend, an die Seite des Andern gelangt, hob sich mit Blitzesschnelle in die Höhe und stieß ihm den Malayendolch bis an's Heft in die Seite. Dann, ohne sich um den Erfolg zu kümmern, stürzte sie in das Gewölbe.
»Bei der Devy! ich bin ein Todter! Feinde! Feinde!« schrie der getroffene Mahratte, indem er taumelnd nach seinen Waffen griff, aber in dem Bemühen zu Boden stürzte. »Das Seil! das Seil!«
Vor dieses, das aus einer in der Mitte der Decke gähnenden Oeffnung herabhing, und zu einer mächtigen Glocke in einer der obern Felsenetagen führte, deren Klang sofort Hilfe herbeigerufen hätte, stand Anarkalli, mit geschwungenem Dolch, entschlossen, mit ihrem Leben jede Annäherung daran abzuwehren.
In dem Augenblick, wo Walding den Wächter getroffen sah und seinen Ruf hörte, war er gleichfalls vorwärts gesprungen und im Licht der Felsenspalte erschienen.
Einen Moment lang zögerte bei dieser Ueberraschung der zweiie Thug, ob er zu dem Seil eilen oder den zweiten Feind niederschlagen solle - dann wandte er sich mit dem gellen Kampfschrei der Thugs: »Bajid! Deo!« ihm entgegen und hob die schwere Dschambea zum tödtlichen Schlage.
Der Schuß des Deutschen dröhnte durch die Wölbung - die Kugel hatte ihr Ziel getroffen und die Brust des Mörders durchbohrt, der in die Kniee sank. Bei diesem Anblick flog die Bayadere herbei, und ehe Walding sie daran zu hindern vermochte, fuhr ihr Stahl über die Kehle des Wächters und vollendete sein Werk.
»Sie oder wir,« sagte das Mädchen fest, »keine Lippe darf verkünden können, was hier geschehen! Aber bei Ganesa, dem Gott
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der Weisheit, lege das Tuch um Dein Haupt, ehe Du einen Schritt weiter gehst, denn Niemand soll wissen, daß Du in dieser Höhle des Todes gewesen, oder das Verderben würde sich an Deine Fersen heften. Unser Werk ist erst zur Hälfte gethan - komm!«
Mit zwei Sprüngen war sie an der Seitenwand des Kerkers, knieete neben einer der dort liegenden Gestalten nieder, und der Dolch, der so eben noch in das Blut ihrer bisherigen Gefährten sich getaucht gehabt, durchschnitt die Fesseln der Glieder.
»Stehe auf, Sahib,« sagte sie, »die Dich in das Verderben geführt, wird auch Dein Leben wieder erretten!« Sie schlug die Kaputze von ihrem Antlitz zurück.
Der Befreite war ein junger Mann von etwa dreiundzwanzig Jahren, mit kühnem, offenem Gesichtsausdruck und, wie er jetzt aufrecht stand, militärischer Haltung, obgleich er einen einfachen Jägerrock, ähnlich der Kleidung Waldings, trug. Wer der tapfern Vertheidigung der einsamen Posada von Monaco in der Wildniß der Apenninen gegen die Banditen vor fünf Jahren beigewohnt hatte, würde leicht in diesen von der Sonne Indiens gebräunten, männlicher gewordenen Zügen einen der jungen, übermüthigen, aber wackeren Engländer wiedererkannt haben.
Das Erste, was der junge Mann that, war, der Tänzerin, ohne sie eines dankenden Blickes zu würdigen, den Dolch aus der Hand zu reißen, einige Schritte zur Seite zu springen und die ähnlichen Fesseln der dort halb bewußtlos ruhenden Gestalt zu durchschneiden und dieselbe emporzurichten und an die Felsenwand zu lehnen. Dann stellte er sich vor sie, den Dolch in der Hand, und seine flammenden wild umhergeworfeuen Augen verkündeten, daß er auf jeden Angriff gefaßt sei.
Die Gestalt, welcher der gefangene Brite eine so sorgfältige Aufmerksamkeit bewies, zu deren Schutz er sein Leben zu opfern bereit schien, war ein junges jetzt todesbleiches Mädchen, offenbar seine Landsmännin.
Mühsam nur erhielt, an den linken Arm ihres Befreiers sich anklammernd, die von Angst und Schrecken erschreckte Gestalt sich aufrecht. Ihr reiches blondes Haar fiel ungeordnet und wirr auf ihre Schultern, ihre einfache, aber den gebildeteren und höheren
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Ständen angehörende Kleidung war an manchen Stellen zerrissen - blutleer Wange und Lippe, und das große blaue Auge halb geschlossen von den müden Wimpern und ausdruckslos, aber ein eigenthümlicher Zauber von Sanftmuth und Jungfräulichkeit lag über dem ganzen Aeußern des jungen kaum siebenzehnjährigen Mädchens dem ein so entsetzliches Schicksal bevorgestanden.
»Kommt heran, blutige Mörder,« rief der junge Soldat mit entschlossenem Ton. »Nicht lebendig sollt Ihr mich und dieses Wesen von dieser schrecklichen Stätte weiter schleppen! Nur ein Mal können wir sterben.«
Die Bayadere, ohne Rücksicht auf die Folgen, warf die Hülle zurück, die ihr Haupt deckte. Ihr dunkles Auge sprühte in eifersüchtigem Feuer, als es sich auf das bleiche weiße Mädchen richtete, das der Mann, den sie liebte, so eifervoll vertheidigte.
»Erkennst Du mich?«
»Falsche! Schändliche! Du bist es, welche meine Thorheit mißbrauchte, die mich in die Hände der Unholde lieferte! Du kommst hierher, um Dich an den Leiden Deines Opfers zu laben - fort von mir!«
Sie senkte einen Augenblick das Haupt, wie vernichtet von dem Vorwurf; dann erhob sie es wieder, stark und entschlossen.
»Weißt Du, was mit Deinen zehn Gefährten in diesem Augenblick geschieht, welche die Finsteren, denen das Schicksal mich beigesellt, von dieser Stätte gestern entfernt haben?«
»Was kann ihr Schicksal in den Händen solcher Menschen wohl anders sein, als der Tod - wir sind auf das Schlimmste gefaßt!«
»Thor - nicht auf die Wirklichkeit, die schrecklicher ist, als Dein Geist sie zu malen im Stande. Gräßliche Marter wird Dein Hirn verzehren und jedes Deiner Glieder tausendfache Pein erleiden. Ich, ich - die ich Dich liebte, die Dir Verderben gebracht - ich kann Dich erretten. Ueberlaß Jene dort dem Schicksal, das Schiwa ihr bestimmt, und folge uns!«
»Wer bürgt mir für Deine Aufrichtigkeit nach dem schändlichen Verrath, den Du an mir begangen?«
»Ein Landsmann - ein Europäer,« sagte der Arzt. »Ich
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bin Zeuge, daß Anarkalli ihren Verrath bitter bereut hat, daß sie unter hundert Gefahren diesen Versuch unternommen, Sie zu befreien. Und der Tod Ihrer grausamen Wächter muß Ihnen beweisen, daß wir Ihre Freunde sind, daß es uns Ernst ist mit unserer Hilfe!«
Der junge Offizier sah erstaunt auf den Verhüllten, dessen Sprache und Worte ihn so unerwartet als einen Europäer erwiesen.
»Großer Gott,« rief er bewegt, »wenn Sie ein Christ, wenn Sie ein Engländer sind, so dürfen Sie uns in dieser schrecklichen Noth nicht verlassen. Mein Name ist Stuart Sanders, Lieutenant in Ihrer Majestät 84. Regiment. Ich bin auf einer Reise nach dem Pendschab von meinen Gefährten ab- und in die Hände von Menschen gelockt worden, deren Zwecke mir unbekannt sind, aber nur verbrecherisch sein können!«
»Sie sind in der Gewalt der Thugs, Sir!«
»Ich ahnte es. Aber Sie, mein Herr - wer sind Sie, und welche Macht haben Sie über diese Mörder, die uns retten könnte?«
»Leider keine - ich selbst bin eine Art Gefangener und kann Ihnen nur die Hilfe bieten, die Muth und Kraft eines einzelnen Mannes gewähren können. Ihre Befreiung sowohl als meine Rückkehr aus diesen entsetzlichen Höhlen hängt von dem guten Willen und der Umsicht dieses Mädchens ab, das mich hierher gebracht hat, Sie retten zu helfen!«
Der junge Offizier betrachtete Anarkalli von der Seite - ihre Augen waren noch immer trotzig und finster, auf ihn und die junge Dame gerichtet.
»Wohl,« sagte er endlich, »ich will es glauben, daß Sie Beide es ehrlich meinen und Ihnen trauen. Aber ich bin Mann und Soldat und weiß der Gefahr und dem Tod in's Auge zu sehen. Wenn Sie nicht uns Alle zu retten vermögen, so retten Sie diese unglückliche Dame, die Nichte des Generals Wheeler, die, von den Mördern geraubt, ich in diesem Kerker gefunden habe. Retten Sie diese und seien Sie sterbend meines Dankes gewiß!«
Die Tänzerin faßte leidenschaftlich seinen Arm.
»Die Minuten sind gezählt - jede Versäumniß kann uns
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Allen den Tod bringen. Was geht das bleiche Weib mich an? Dich will ich retten, Dich allein! Anarkalli's Brust ist bereit, den Todesstreich für Dich zu empfangen oder Dich zu neuem Leben zu erwärmen. Folge mir, o folge mir schnell!«
Sie warf sich nieder zu seinen Füßen und umklammerte seine Kniee.
»Nicht ohne diese Dame!«
Dämonische Flammen sprühten aus den Augen der Bayadere, als sie wild emporsprang.
»Bei der blutigen Göttin, der ich Dich entreißen wollte - Du liebst dieses Weib, Faringi?«
»Was würde es Dich kümmern?«
»Bei der Devy sei es geschworen - nimmer sollst Du sie besitzen - ehe möge der blutige Altar Euch Beide empfangen! An diesem Herzen hast Du geruht, dieser Leib war der Deine, Liebe hast Du mir geschworen und keiner Andern sollst Du gehören, falscher Faringi! Komm!«
Sie wollte stürmisch den Arzt mit sich davon ziehen.
Waldings Blicke ruhten mit inniger Theilnahme auf dem lieblichen blassen Gesicht der Halbohnmächtigen, die einem so scheußlichen Loos verfallen sein sollte.
»Wenn Sie ein Christ, wenn Sie ein Mann sind,« flehte der Offizier, »so verlassen Sie uns nicht in dieser Noth! Retten Sie die Lady!«
Der Deutsche machte sich gewaltsam los von der Hand der Eifersüchtigen.
»Du bist ein Weib, Anarkalli, und hast die Gefühle eines Weibes,« sagte er. »Kannst Du Eine Deines Geschlechts, eine Unschuldige, Hilflose, einem so gräßlichen Schicksal überlassen?«
»War die Begum, die auf dem Altar im Todeskampfe sich wand, nicht gleichfalls ein Weib und schuldlos? was kann ich dafür?« zürnte die Tänzerin.
»Habe Erbarmen - auch ich kann diese Unglückliche nicht verlassen, wenn ich auch unser Verderben vor Augen sehe!«
»Er liebt sie - der Faringi liebt sie!« Ihr Ton war heiser und zischend, man fühlte, daß das bessere Gefühl in ihrem Busen mit der Leidenschaft rang.
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»Ich habe die Lady hier in diesem scheußlichen Kerker zum ersten Mal gesehen!«
»Sprichst Du die Wahrheit, Christ?«
»Bei meiner Ehre - bei der Hoffnung meines Glaubens!«
»Komm hierher - überlaß das Weib diesem da -« Sie wies auf ihren Begleiter - »er wird für sie Sorge tragen.«
Mit Gewalt zerrte sie den jungen Offizier von dem Mädchen hinweg, dem Walding seinen Arm bot, sich darauf zu stützen. Ein Gefühl warmen innigen Mitleidens und fast zärtlicher Theilnahme überkam sein Herz, als er auf die zitternde Gestalt, in das mit Furcht und mit Flehen auf seine Verkleidung blickende blaue Auge schaute, das in Thränen der Angst und neuer Hoffnung schwamm.
»O Herr, den Gott uns zum Retter gesandt,« flüsterte sie, »wer Sie auch sein mögen, verlassen Sie uns nicht in dieser entsetzlichen Stunde!«
»Nie - so lange Leben in mir ist, ich gelobe es Ihnen!« Er schwor es sich zu in diesem Augenblick in seinem Herzen.
Während dieser kurzen Momente waren rasche, heiße Worte gewechselt worden zwischen der Bayadere und dem englischen Offizier.
»Höre mich an, Faringi,« flüsterte das Mädchen, das ihn zu den Leichen der beiden Wächter gezogen hatte, »die Frauen dieses Landes lieben nicht wie die Deinen, in deren Adern eisiges Blut rinnt. Mein bist Du, denn ich habe Dich erkauft mit dem Bruch heiligen Eides, mit der Strafe Jahrtausende langer Wandlungen nach diesem Leben! Niemals, niemals kann meine Liebe von Dir lassen, aber Tod und Verderben würde sie Jedem bringen, der Dich mir entreißen wollte! Schwöre mir, mich zu lieben - immer - unverändert - keine Andere, und ich werde Dich retten und Jeden, den Dein Gebot mir bezeichnet!«
Der Offizier zauderte einen Augenblick - sein Blick schweifte unwillkürlich hinüber nach der jungen Engländerin.
»Du willst nicht? - Fluch und Verderben über Dich und sie - über Alles, was athmet!«
»Ich schwöre!«
Eine wilde Freude loderte in ihren Augen. Leidenschaftlich
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warf sie sich in den Staub vor ihn und umfaßte und küßte seine Füße.
»Ich bin Deine Sclavin, Sahib, von diesem Worte an, der Hauch Deines Mundes, der Schatten Deines Leibes! - Komm - denn die Zeit ist da!«
In triumphirender hochaufgerichteter Haltung sprang sie empor und zog ihn hin zu dem Arzt und der Engländerin »Ich werde Euch Beide retten, aber es ist nöthig, daß Ihr blind jedem meiner Worte folgt, so seltsam meine Weisung auch klingen möge. Dein Wille, daß dieses Mädchen uns begleite, macht eine Aenderung meines Planes nothwendig. Jetzt fort von hier, denn die Minuten sind kostbar. Nehmt die Waffen der Erschlagenen und folgt mir!«
»Anarkalli,« sagte der Offizier, sie noch ein Mal zurückhaltend, »sollen wir alle diese Unglücklichen einem schrecklichen Schicksal überlassen - können wir Nichts thun, sie zu retten?«.
Sie stand einen Augenblick sinnend, die kleine Hand an die Stirn gepreßt, dann schien ein Gedanke sie zu durchzucken.
»Retten? das ist unmöglich - aber ihnen die Mittel geben, um ihr Leben zu kämpfen und sich zu rächen - ja, bei Yama, dem Mutter der Todten - das ist ein glücklicher Gedanke und wird uns helfen!«
Sie sprang zum nächsten der Gefangenen und durchschnitt rasch die Bande seiner Hände und Füße, der Lieutenant und der Arzt folgten ihrem Beispiel und selbst die junge Miß suchte mit zitternden Händen zu helfen. Ehe fünf Minuten vergangen, waren Alle ihrer Fesseln entledigt und drängten sich jetzt um die Befreier, denn die apathische Ruhe, mit der sie, dem morgenländischen Charakter gemäß, ihrem Schicksal sich unterworfen hatten, machte einer wilden, energischen Thätigkeit Platz, als so plötzlich ihnen die Gelegenheit wurde, ihre Lebenskraft zu entwickeln.
Ein Wink Anarkalli's, deren Haupt wieder mit der Kaputze verhüllt war, versammelte Alle um sie her.
»Brüder,« sagte sie mit erhobener Stimme, »die Meisten von Euch werden wissen, daß sie in den Händen der Thugs, der unerbittlichen Mörder sind. Nur Eines bleibt Euch übrig: zu kämpfen, um Euer Leben und Euch zu rächen. Ich habe Euch
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befreit, aber ich vermag nur wenig mehr für Euch zu thun. Seht diese Schnur, nehme Einer sie in seine Hand; wenn Ihr derselben folgt, wird sie Euch zu dem Versammlungsort Eurer Mörder führen, die bereits Eure Gefährten ihrer blutigen Göttin geopfert haben. In der ersten Höhle zur linken Hand auf dem Weg, den Ihr verfolgt, findet Ihr Waffen, - aber Eines versprecht mir zum Dank, daß ich Euch das Mittel zu Kampf und Flucht gegeben - verlaßt diesen Kerker erst, wenn die Fackel, die ich in diese Felsenspalte stecke, völlig bis zu dem Stein niedergebrannt ist!«
»Und Du schwörst uns, daß die Schnur uns zu unseren Feinden führen wird?« fragte ein muhamedanischer Kaufmann aus Kashemir.
»Bei den neun Wandlungen Wischnu's! - Lebt wohl und möge er Euch allen gnädig sein!«
Sie legte die Schnur in die Hand des Kaufmanns, bedeutete ihn nochmals, wo sie die Waffen finden würden und zog die drei Europäer mit sich fort.
Sie schritten, von Anarkalli geführt, eilig den Weg zurück, den diese mit dem Deutschen nach dem schrecklichen Kerker gekommen war. Walding unterstützte die junge Engländerin, um die Eifersucht der Bayadere nicht noch mehr zu erregen, während die Letztere stumm und anscheinend noch mit sich selbst uneins, voranschritt.
Bald vernahmen sie auf's Neue das Brausen des Wasserfalls näher und näher, als die Tänzerin in einer Erweiterung des Gewölbes stehen blieb und ihre Gefährten dicht zu sich zog.
»Der Augenblick naht,« sagte sie ernst, »wo es gilt, Euren Muth und Euren Gehorsam zu zeigen. Nur das unbedingteste Befolgen jedes meiner Worte kann uns retten. Wenige Schritte - und wir müssen uns trennen; zwei von uns müssen einen abgesonderten furchtbaren Ausweg aus diesen Höhlen einschlagen, bei dem nur Besonnenheit und Glück ihnen helfen kann. Hast Du den Muth, mit diesem Mädchen allein durch die Masse der Mörder zurückzukehren?«
»Sie - allein - bedenke -«
»Der Pfad, den wir Beide gehen,« erwiederte kalt die Bayadere
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dem Offizier, »ist der Kampf um jeden Athemzug der Tod in dem Abgrund der Unterwelt, wohin nie das Licht, der bebende Hauch der Gottesluft dringt - hörst Du das Rauschen in Deinem Ohr?«
»Ein unterirdischer Wasserfall?
»Wohl - seine Fluthen sind der Weg, dem wir uns anvertrauen müssen. Was sind die Gefahren menschlicher Wuth und Tücke gegen die unsichtbaren Schrecken der Tiefe. Oder fürchtest Du, mit Anarkalli zu sterben, wenn der Augenblick des Todes gekommen?«
Er schauderte und beugte einwilligend sein Haupt. Editha aber reichte der Hindu die Hand.
»Ich vertraue Dir,« sagte sie, »was Du über mich bestimmst, soll geschehen - was sollte das Verderben eines armen Mädchens Dir nützen, das Dich nie beleidigt.«
Mehr als alle Worte der Männer wirkte die einfache Rede der Jungfrau auf die Bayadere. Sie preßte die dargebotene Hand an Brust und Stirn. »Möge Dein Schatten lange dauern, JUngfrau, und die Blume Deines Herzens nimmer den milden Thau des Glückes vermissen,« sagte sie. »Cama, der Gott der Liebe, wird Deine Wege leiten und uns in wenig Stunden den goldenen Sonnnenschein wieder theilen lassen. Folge mir hinter diesen Felsen, damit wir eilig die Gewänder wechseln und die Augen der Männer uns nicht beleidigen.«
Als sie nach wenig Augenblicken hinter den Vorsprung wieder hervortraten, hatten die beiden Mädchen so vollständig als möglich ihre Kleider getauscht, und die Lady erschien in der Verhüllung der Theilnehmer des blutigen Opferfestes.
Die Bayadere trat zu dem Arzt. »Kröne das Werk Deines Muthes, Hakim33 der Franken,« sagte sie, »indem Du Vorsicht und Entschlossenheit die Begleiter Deines Weges sein läßt. Die Gefahr, die Ihr zu bestehen habt, ist dann nur gering. Diese Schnur führt Dich, wie Du weißt, zu der Opferhöhle der Thugs. Das Opfer für die dunkle Göttin wird beendet sein und Du findest ihre Jünger in wildem Rasen, in dem man Deiner und
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Deiner Begleiterin nicht achten wird. Merke die Richtung wohl und dringe durch die Menge zu der gegenüberliegenden Seite der Höhle, von welcher wir gekommen. Dort mußt Du der Dinge harren, die sich ereignen werden - bald wird der Kampf jener Männer beendet sein, denen wir die Freiheit gegeben; ihr Entkommen ist unmöglich, aber ihr Tod wird Euch retten. Sind sie besiegt, so werden die Thugs sich zerstreuen, denn nicht darf der junge Tag sie in diesen unterirdischen Gewölben finden. Folge schweigend den Ersten, die den Gang betreten, aus dem wir gekommen; sie werden Dich bis zum Grabmal Nurheddins in der Pagode geleiten, von wo aus Du leicht den Kiosk, Deine Wohnung, erreichen kannst. Viele Fremde befinden sich auf der Burg Malangher; wenn Gefahr oder Zweifel Dir aufstößt, so mache dem ersten Begegnenden das Zeichen des Bundes, das ich Dich gelehrt und sprich: »O Kaley! Ombra Nurheddin!« und sie werden Euch für fremde Brüder halten und den Weg zeigend vor Euch her schreiten. Habt Ihr glücklich den Kiosk gewonnen, so hülle diese Jungfrau mit den Goldhaaren in die Gewänder, die ich zurückgelassen, färbe ihre Füße mit dem Hennah und verbirg den Reiz ihres Angesichts in dichte Schleier. So wird sie für Anarkalli, die Abtrünnige, gelten, die ihr Erzeuger Dir zum Eigenthum gegeben. Morgen nach Sonnenaufgang wird Kassim Dich wecken, um die Reiter zu begleiten, die dem Srinath Bahadur entgegenziehen. Befiehl dem Mayadar streng, darüber zu wachen, daß Niemand Dein Gemach betritt und der falschen Anarkalli naht. Er wird gehorchen und den Weg zu ihr mit seinem letzten Blutstropfen vertheidigen. Murad Khan wird mit Euch zu Rosse ausziehen, den Radschah von Bithoor zu begrüßen. Er ist Dein Freund und wird Alles thun, was Du von ihm verlangst. Wenn Ihr das Felsenthor des Thales überschritten, dann bleibe unter einem Vorwand mit ihm zurück und fordere ihn auf, Dich an das Ufer des schwarzen Flusses zu führen, zu der Stelle, wo die sieben Dattelpalmen zwischen dem Felsgestein ihre Federkronen über die Fluth erheben - ist Wischnu, der Erhalter, uns gnädig gewesen, so wirst Du dort das Weitere von mir hören. Hat Schiwa sein Opfer gefordert, o Fremdling, so bete für Anarkalli und ihren Geliebten!«
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So zweifelhaft und gefährlich auch das Gelingen all' dieser raschen aber mit Entschiedenheit gegebenen Unterweisungen des Mädchens dem Deutschen dünken mochten, so fühlte er doch, daß er dem Glück oder vielmehr der Vorsehung den Ausgang überlassen müsse und dem leidenschaftlichen Wesen, welches ihn zu dem gefährlichen Abenteuer bewogen, nicht widersprechen dürfe.
»Aber wie wird es mir möglich sein, diese Unglückliche, Schuldlose aus den Mauern des entsetzlichen Schlosses zu befreien?«
»Ich vergaß, Dir das Mittel zu sagen,« entgegnete hastig die Bayadere. »Wenn Srinath Bahadur, den man Nena Sahib nennt, nach Malangher gekommen ist, so erkläre Deine Absicht, mit ihm zu ziehen, begieb Dich in seinen Schutz und gieb ihm dies Schreiben, ohne ihm zu sagen, von welcher Hand Du es erhalten. Es sollte jenem Mann seinen Schutz sichern, denn der Maharadschah ist ein Freund der Engländer, - jetzt möge es Dir und der Jungfrau helfen. Wenn der Bahadur es gelesen, wird er noch am selben Abend mit seinem Gefolge aufbrechen und weiterziehen; denn das Papier sagt, daß Einer, die er liebt, mehr als das Licht jeiner Augen, Gefahr drohe. Unter seinem Schutz wird es Dir leicht werden, die Faringi-Jungfrau aus der Veste Tukallah's zu führen, ohne daß dieser den Betrug merkt, denn was kümmert ihn das Schicksal der Tänzerin aus seinem Blut, deren Leib er zur Lust dem Fremden geschenkt hat. Und jetzt - lebe wohl, Hakim, und möge Lakschmi34 auf Deinem Wege Dich mit dem Füllhorn ihrer Gaben dafür überschütten, daß Du Einer, die verzweifelte, Deine Hilfe geliehen. Halte Deinen Eid des Schweigens, und Cama lasse unser Werk gelingen!«
Die Zeit, die sie zu diesen Anweisungen gebraucht, erlaubte keine längere Verzögerung, noch weitere Frage; eilig schritt sie voran und dem Orte zu, wo der unterirdische Strom aus der Oeffnung der Felsen hervorstürzte und in seinem Falle in die unergründliche Tiefe eben so geheimnißvoll wieder verschwand.
Worte zu wechseln war hier nicht mehr möglich, das Brausen des Wasserfalls verschlang jeden Ton.
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Anarkalli sprang zu den dunklen Gegenständen, die der Arzt auf dem Wege hierher in einer Felsengrotte bemerkt hatte und schleppte den größten derselben herbei.
Jetzt, im Lichte der Lampen, konnte Walding die Form näher erkennen, er hatte sich in der That nicht getäuscht: es war ein ziemlich großes, tonnenartiges Gestell von starken Stahlreifen, das sehr sorgfältig gearbeitet, durch den Druck der Federn sich zusammenknicken ließ und über das ein dunkler, zäher Stoff gespannt war.
Auf den Wink des Mädchens legten die Männer Hand an das ihnen noch immer unverständliche Werk - in einem Augenblick waren die Stahlreifen vollends gerichtet und befestigt und die nachgebende, dehnbare Masse darüber gezogen, - Walding überzeugte sich, daß es eine feste, zähe Gummischicht sei, von jenem elastischen, dehnbaren und festen Harz, das Indien uns sendet und das jetzt in Europa zu einem ausgedehnten Fabrikationszweig geworden ist.
Noch begriff er nicht den Zweck des seltsamen Geräths.
Die Hindu riß ihr Oberkleid ab, bedeutete Stuart, dasselbe zu thun, sprang schwindelfrei vor an den Rand der Felsplatte und tauchte die Kleider in die herabstürzende Fluth.
Dann legte sie ihre Lippen an das Ohr des Offiziers und schrie ihm - den Anderen unverständlich - einige Worte zu.
Walding sah den jungen Mann zum ersten Mal in diesen schrecklichen Gefahren erbleichen. Sein Haar schien sich zu sträuben, sein Auge starrte entsetzt bald auf die seltsame Tonne, bald auf die Tänzerin.
Diese hatte den Arzt durch Zeichen bedeutet und hielt mit seiner Hilfe die über die Länge des Fasses gehende Oeffnung der Gummidecke gewaltsam auseinander. Ungeduldig winkte sie mit dem Haupt.
Einen Blick warf der junge, muthige Mann umher, - es schien, als könne er selbst von dieser schrecklichen Umgebung nur mit Bedauern Abschied nehmen, - dann stieg er in die Oeffnung und Anarkalli bedeutete ihn, sich an zwei Ringen der Stahlreifen im Innern festzuklammern.
Das Faß, oder der tonnenartige Ballon, war im Innern
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groß genug, um Raum sogar für drei bis vier Menschen zu gewähren und mit Klammern und Ringen zum Festschnüren von Gegenständen versehen.
Walding schauderte - eisig kalt rieselte es durch seine Adern - er begann die furchtbar kühne Absicht des Hindumädchens zu ahnen ohne doch die ganze schreckliche Gefahr zu verstehen.
Anarkalli hatte jetzt ein Holz zwischen die Oeffnung gestemmt, - sie überzeugte sich, daß der Malayendolch in ihrem Gürtel fest steckte, brachte, wie vorher bei dem Offizier, ihren Mund an das Ohr des Arztes und gab ihm eine Weisung. Dann holte sie tief und schwer Athem, als wolle sie die frische, vom Wasser gekühlte Luft des Gewölbes in ihre Lungen pressen und schlüpfte mit der Gewandtheit einer Schlange in den Ballon.
Der Deutsche zauderte - auch sein Haar sträubte sich - seine Kraft schien nicht auszureichen zur Erfüllung des furchtbaren Befehls, der ihm geworden.
Da hob sich das Antlitz des Hindumädchens nochmals über den Rand des seltsamen Fahrzeuges, ihre Augen funkelten drohend, ihre Lippen bewegten sich, als sprächen sie von der Gefahr, die jede Sekunde Zögerung ihnen bringen müsse, als wollten sie ihn erinnern an seinen Schwur. Das Haupt verschwand, und entschlossen stieß die Hand von Innen das die Oeffnung aus einander sperrende Holz nach Außen.
Die Gummihülle sprang zum luftdichten Verschluß zusammen!
Walding begriff, daß jeder Moment ein Leben werth sei, und sein Fußstoß traf den Ballon.
Leicht rollte derselbe mit seiner lebendigen Last über den Felsengrund - im nächsten Augenblick war er in dem Schaum der Wasserkaskaden verschwunden.
Wäre es möglich gewesen, den Schrei des Entsetzens zu hören, den die Lady bei diesem Anblick ausstieß, er hätte des Deutschen Qual und Schmerz noch vermehrt.
Einige Augenblicke stand er bewegungslos, starr dem furchtbaren Fahrzeug nachschauend, das zwei Leben bereits wer weiß in welche unergründliche Tiefe geführt hatte. Der Sturz der Fluth war so rasch, daß seine Augen ihm nicht einmal zu folgen vermochten in dem kleinen Lichtkreis der Lampe - was darüber
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hinaus war - blieb ewige Finsterniß. Der rastlose, flimmernde Sturz des Wassers begann seine Sinne zu verwirren, Alles umher mit ihm zu drehen.
Er fühlte die neue Gefahr, und mit einer mannhaften Anstrengung seiner Seele wurde er wieder Herr seiner Sinne, seines Bewußtseins.
Er wandte sich nach seiner Gefährtin, - sie war an der nassen, kalten Steinwand niedergesunken, ein gänzlich hilfloses Wesen, seiner Kraft, seinem Muth allein anvertraut.
Und all' sein Muth, sein Fühlen und Wollen - was mochte es ihm hier helfen - allein mit ihr in den Tiefen der Erde - Beide macht- und hilflos, nur auf sich selbst verwiesen, ihre einzige Rettung, den belebenden Strahl des Tages wiederzuschauen, allein auf einer Rotte fanatischer Mörder, ihrer Feinde, beruhend?!
Verzweiflung war seiner Seele nahe, als der Gedanke an die erhabene Hand, welche die Geschicke der Welten, wie jedes ihrer Geschöpfe lenkt, Trost und neue Kraft brachte über sein Gemüth - er betete - der Skeptiker, der kalte, zergliedernde Realist betete, aus der Tiefe seiner Seele, aus dem Innersten seines Herzens.
Niemals - in keiner der mancherlei bitteren Stunden seines Lebens - war das Gefühl menschlicher Schwäche, des Bedürfnisses nach Gott, so gewaltig vor sein Inneres getreten. Kurz nur war sein Gebet - vielleicht wenige Worte oder Gedanken nur - aber als er sich erhob, war Glauben und Vertrauen in seiner Seele, und ohne falsche Schaam, die so oft selbstständige und kräftige Geister entehrt, sah er, daß die Britin neben ihm geknieet und Zeuge seiner Anrufung des Allmächtigen gewesen war.
Die wenigen Augenblicke schienen auch das schwache zaghafte Mädchen neu gekräftigt, das Gebet des ihr unbekannten Mannes, dessen Antlitz sie nicht einmal gesehen, ihr Vertrauen zu diesem eingeflößt zu haben. Sie reichte ihm stillschweigend die Hand und gleichfalls, ohne ein Wort zu sprechen, zog er sie von der Stätte des Schreckens und folgte jetzt eilig mit ihr der leitenden Schnur.
Sie mochten etwa zehn Minuten mit verstärkter Eile ihren
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Weg fortgesetzt haben, als plötzlich ein furchtbarer Ton ihren Schritt hemmte.
Ein metallener Donnerklang, gleich dem schrecklichen Posaunenton des Weltgerichts dröhnte durch die Windungen der Gänge und erschütterte in gewaltigem Echo die Gehörnerven. Im ersten Augenblick glaubte Walding den Ton des gewaltigen Tamtam zu hören, das vorhin das Signal zu der blutigen Feier der Thugs ab bald jedoch unterschied er die regelmäßigen Schwingungen einer Glocke, deren Geläut in so mächtigen Tönen durch die Gewölbe dröhnte.
»Die Wahnsinnigen - sie haben den Glockenstrang gezogen, der das Zeichen der Gefahr giebt und Hilfe für die Wächter des Kerkers herbeiruft!«
Das furchtbare Läuten schwieg, aber ein fernes wildes Geschrei schlug von zwei entgegengesetzten Seiten an ihre Ohren.
»Ewiger Gott - wir gerathen zwischen sie und die Mörder selbst!«
So war es in der That! - Als die der Stricke entledigten Opfer der Thugs sich mit den aufgefundenen Waffen versehen hatten, und die Fackel - die Anarkalli ihnen zum Wahrzeichen aufgesteckt - niedergebrannt war, begannen die Entschlossenen den Versuch ihrer Rettung auf dem Weg, den die Schnur ihnen angab. Thörichter Weise jedoch hatte einer von ihnen das Seil ergriffen, das von der Decke herniederhing, und daran gezogen, wahrscheinlich in dem Glauben, daß er mit seiner Hilfe einen Ausweg aus dem Gewölbe finden möge. Der Ton der schwingenden Glocke entsetzte sie, und in dem Gefühl unbekannter vergrößerter Gefahr, mit der todesverachtenden Kühnheit der Verzweiflung stürzten sie in den Gang und eilten vorwärts.
Der Deutsche wußte, daß er nicht mehr fern sein konnte von dem Ort der Versammlung; er hatte seine Lampe von sich geworfen und eilte, in dem schwachen Schein der in weiten Zwischenräumen aufgesteckten Fackeln, die Hand seiner Begleiterin festhaltend, in raschem Lauf vorwärts, als ihm von dort her ein wildes Geheul, gleich einer heranstürmenden Meute, entgegendrang.
Walding erkannte, daß sie, trotz ihrer Verkleidung, verloren seien, wenn die herbeistürmenden Thugs ihnen begegneten - schon
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erblickte er in der fernen Tiefe des Ganges den Schein hochgeschwungener Feuerbrände, sah die dunklen Gestalten - da fühlte er zur Seite kühlen Luftzug, die umhergreifende Hand fühlte leeren Raum an der Felsenwand - es war einer der sich öffnenden Seitengänge dieses Felsenlabyrinths, und eilig - die Schnur, ihren einzigen Leiter in diesen Gefahren, loslassend - zog er seine Schutzbefohlene hier hinein und, an den Wänden forttappend, so eilig als möglich mit sich fort.
Wenige Augenblicke danach sahen sie noch am Eingange der Wölbung Fackeln und Waffen schwingende Gestalten vorüberstürzen, dann entzog die Biegung des Ganges ihnen die Aussicht, aber gleich darauf schlugen schwache Pistolenschüsse und Waffengeklirr an ihre Ohren.
Der Arzt griff unwillkürlich nach seinem Revolver - er war fort - er erinnerte sich, daß die Bayadere ihm denselben aus dem Gürtel gezogen und einem der befreiten Sepoy's zugeworfen, ihm selbst aber nur den Yatagan des erschlagenen Wächters zu seiner Vertheidigung gelassen hatte, aus Vorsicht ohne Zweifel, damit eine Unvorsichtigkeit sie nicht verrathen möge.
Das geängstete Paar wagte es nicht, umzukehren und den verlassenen Weg wieder zu suchen, Walding beschloß vielmehr, auf gut Glück in der entsetzlichen Finsterniß, die sie umgab, vorzudringen, obschon jeder Schritt vorwärts sie in einen Abgrund stürzen konnte.
Die Hand des Höchsten jedoch wachte über ihnen. Nach wenigen Minuten eilfertigen Vorwärtsdringens sahen sie Lichtschein vor sich; - anfangs fürchtete Walding, er künde das Nahen neuer Verfolger, aber bald überzeugte er sich, daß sie auf einem Umweg der großen Felsenhöhle sich nahten, in welcher das blutgetränkte Bild der furchtbaren Göttin stand, und er beschloß, auf jede Gefahr hin, vorzudringen.
Dieser Entschluß erlitt eine harte Prüfung, als sie die Oeffnung des Ganges erreichten - denn der Anblick, der sich ihnen darbot, mochte selbst die festesten Nerven erschüttern.
Eine entsetzliche Orgie schien nach Beendigung des Opfers - nachdem das letzte den Athem ausgehaucht - begonnen zu haben. In wilder Raserei tanzten Hunderte der dunklen Gestalten
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noch immer um den blutigen Altar, unbekümmert um den Kampf, der in der Masse wogte.
Denn wenig Augenblicke vor ihrem Eintritt in die riesige Katawnbe war die Schaar der Befreiten, die auf den Klang der Glocke zu dem Kerker geeilten Chams zurücktreibend, in die Höhle gedrungen, Dolch und Säbel in der Faust, denn Feuergewehre hatten sie nicht in dem Waffenlager gefunden und der Revolver des Arztes war beim Kampf in dem Gang entladen worden, - entschlossen, ihr Leben an die Mörder theuer zu verkaufen; doch als sie die Menge ihrer Gegner erblickt, fühlte jeder von ihnen sogleich, daß an Rettung, dieser Genossenschaft des Mordes gegenüber, nicht zu denken war und daß allein es galt, nicht ungerächt zu sterben.
Gleich einer Wasserfluth schloß sich der Kreis der entsetzlichen Fanatiker in wildem Geheul um die Eingedrungenen, als ihnen das Geschrei der fliehenden Chams verkündete, daß es den Gefangenen gelungen sei, sich zu befreien.
Der alte aber kühne und muthige Kaufmann aus Kashemir hatte die Führung der kleinen aber verzweifelten Schaar übernommen, und sie ermahnt, sich dicht aneinander gedrängt zu halten.
Die Thugs dagegen waren sämmtlich unbewaffnet, nur mit ihren schrecklichen Phansi's35 oder Rumals36 versehen, aber von dem Fanatismus ihrer Lehre gleichgiltig gegen Wunden und Tod gemacht.
So stürzten sie in die Dolche und Speere der Gefangenen.
Jeder Stoß - jeder Hieb - und es waren kräftige, tapfere Männer, des Kampfes gewohnt, unter der kleinen Schaar - spritzte Ströme von Blut auf den Felsboden und machte eine Lücke in dem lodenden, heulenden Menschenwall, der sie umdrängte, aber die Gluth schloß sich im Augenblick wieder und die Gefallenen starben unter den Füßen ihrer Genossen, anrufend mit dem letzten Hauch die blutige Göttin.
Auf der Schwelle ihres Altars stand der Ober-Guru, in
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seiner Faust hoch die heilige Spitzaxt geschwungen, umgeben von den Chams und Häuptern des Bundes.
»Tödtet! - Tödtet! - Tödtet! - Glücklich sind, die für die Bhawane sterben!«
Sein dröhnender Ruf, seine mächtige Stimme überklang das Geheul und Getümmel des Kampfes, das Jauchzen der rasenden Tänzer um den Altar.
Und mit Todesverachtung stürzten sich die Thugs und Phansigars auf die Phalanx ihrer Feinde, rissen den Einzelnen heraus, ihn gleichsam erkaufend mit Leben und tödtlichen Wunden, die Schlingen fuhren durch die Luft, von kunstgeübter Hand geworfen, und wo eines der unglücklichen Opfer heraus gezerrt war, da deckte im Nu das furchtbare Tuch sein Haupt und der Körper zuckte im Todeskampf des Erstickens am Boden.
Man sah nur den drängenden Knäuel der Menschenwoge, wie sie hin und her fluthete - nur das Blitzen der Waffen hinein in den Wall der dunklen Mördergestalten - kleiner und kleiner wurde die verzweifelte Schaar, aber noch immer hielt sie tapfer und fest zusammen und drängte vorwärts nach dem Götzenbilde, dem sie so oder so zum Opfer fallen sollte.
»Bhartoty! Bhartoty!«37 heulte der mächtige Ruf des Ober-Guru.
Da öffnete sich plötzlich die Menschenwoge um die dem Tode geweihte Schaar - an der hohen Gestalt, der weißen Kaputze erkannte Walding den grimmigen Häuptling der Phansigars, und in seinen Armen die Tigerkatze.
Ein gellender Ruf - ein wüthendes Gebrüll - dann schleuderte seine gewaltige Kraft die Bestie hoch durch die Luft in die Mitte der tapfern Schaar.
Einen Moment - dann stob der Menschenknäuel auseinander, vom Rasen des grimmen Thiers war der kleine Haufen gesprengt und über die einzelnen verzweifelt Kämpfenden warfen sich erdrückend, vernichtend die Wogen der Mörder.
Es war das Letzte, was Walding von dem schrecklichen Schauspiel sah. Erkennend, daß er keinen Augenblick zu verlieren
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habe um die Verwirrung und das Gewühl zu benutzen, stürzte er sich selbst hinein, die zitternde Lady mit sich fortreißend, sie mehr tragend als führend, - fest im Auge, den Punkt, den er als die Stelle zu erkennen geglaubt, an welcher er mit der Bayadere den Ort so vieler Schrecken betreten.
Mit muskelkräftigem Arm theilte er die drängende Masse, von der sich Keiner um sie kümmerte, und erreichte nach gewaltiger Anstrengung die gegenüber liegende Seite der Höhle, wo er sich ohne Zögern in den nächsten, die offene Mündung bietenden Felsengang warf und in diesem so rasch als möglich weiter eilte.
Einzelne Flambeaux erhellten auch diesen unterirdischen Weg, aber an keinem Zeichen vermochte der Arzt zu erkennen, ob er sich auf dem richtigen befände.
Der Lärmen der Opferhöhle lag längst hinter ihnen, als ihm selbst die Befürchtung sich aufdrang, er möge sich verirrt haben.
»Barmherziger Himmel,« betete das Mädchen, »ich kann nicht mehr - meine Kräfte sind erschöpft! Edelmüthiger Helfer - Gott wird Sie segnen für das, was Sie gethan, aber lassen Sie mich hier sterben und retten Sie sich selbst - es ist vorbei mit mir!«
Sie hing schwer an seinem Arm. »Muth, Muth, theure Miß,« flehte er, »ich beschwöre Sie, nehmen Sie Ihre Kraft zusammen, edles Mädchen, und lassen Sie uns jene Stelle erreichen, wo die Fackel brennt - dort wollen wir ruhen, bis Sie sich wieder gestärkt!«
Er faßte sie in seine Arme und trug sie weiter. Schon hatten sie den sich erweiternden Raum erreicht, wo die Fackel brannte und er wollte seine schöne Bürde auf einen rauhen Steinsitz überlassen, als sich plötzlich eine scheußliche Gestalt vor ihnen erhob, wie aus der Erde gestiegen.
Ein Schrei wilden Entsetzens entfuhr dem Munde der Jungfrau, ein Hilferuf in englischer Sprache, mit welchem sie zu Boden sank.
»Hei - die entflohenen Täubchen! Bhartoty! Bhartoty!« jubelte das Scheusal, »herbei, ihr Männer der Thug - das sind Opfer der Devy, die der Blutigen entfliehen!«
Ein Blick hatte dem Deutschen gezeigt, daß der scheußliche
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Zwerg es war, der vor ihnen aufgetaucht - zwar seiner züngelnden Ungeheuer entledigt, aber darum nicht minder gefährlich.
»Owh! Owh! Herbei, ihr Getreuen der Blutigen -«
Ein Gurgeln erstickte seinen Ruf - der Stoß des Yatagans, von der kräftigen Faust des deutschen Mannes geführt, fuhr in den breitgeöffneten Schlund und durchschnitt Kehle und Luftröhre - ein Strom schwarzen Blutes sprudelte auf den Entschlossenen und zuckend im Todeskampf stürzte das Ungeheuer zu Boden.
Aber im selben Augenblick des Sieges, der überwundenen Gefahr, fühlte sich Walding von rückwärts zur Erde geworfen, den Yatagan seiner Hand entrissen, auf seiner Brust lag das Knie eines Thugs, und im Schein der Fackel glänzte über ihm zum Todesstoß der Dolch einer dunklen Mördergestalt. - - -
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Das Reich der Ostindischen Compagnie.

Die Geschichte ist das Gericht Gottes. Nimmer noch hat böse Saat gute Früchte getragen - aus den Drachenzähnen erwächst die geharnischte Schaar, und es bedarf der Gigantenkraft, sie zu bewältigen.
Gewaltthat - Trug und Blut - sie rächen sich wie in den Gesetzen des bürgerlichen Lebens, so im Schicksal der Nationen!
Niemals noch hat eine Anomalie in der staatlichen Gesellschaft bestanden gleich dem Reich der Englisch-Ostindischen Compagnie, Hundertundzweiundsiebzig Millionen Menschen - die achtunddreißig Millionen der sogenanten Schutzstaaten mitgerechnet, deren Selbstständigkeit längst eine bloße Phrase ist! - auf einem Gebiet von circa 63,000 (deutschen) Quadratmeilen - also zwei Drittheil der ganzen Bevölkerung Europa's und über zwei Fünftheil seines Flächeninhalts! oder fast das Siebenfache der Bevölkerung und das Fünfzehnfache des Flächeninhalts des europäischen Großbritanniens! - das Eigenthum einer Gesellschaft englischer Kaufleute, die erst in neuerer Zeit etwas mehr von der Regierung des Mutterlandes und seiner Verwaltung abhängig geworden sind! - Eigenthum einer kaufmännischen Speculation, deren Grundtendenz doch nur die möglichst hohe Dividende - also die Ausbeutung ist! - preisgegeben einer Schaar Besitzloser und Habsüchtiger, die das Mutterland alljährlich dahin sendet, um sich unter der Firma eines Beamtenthums zu mästen, dessen Willkür fast jeder Controlle, jeder Strafe entbehrt! - mit
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Steuern civilisirt von seinen alten Traditionen, seinen Sitten und seinem Glauben! - unterdrückt und beherrscht mit den Bajonneten der eigenen Söhne! - orientalisches Leben und Denken, geknechtet nach englischen Gesetzen: - das ist Indien!
Und dennoch - so sehr sich das Rechts- und Unabhängigkeitsgefühl der Völker gegen das Verhältniß, diesen unnatürlichen Zustand empört - muß man die Großartigkeit dieser Erscheinung bewundern, die einzig in der Weltgeschichte dasteht! Nicht einmal das römische Weltreich läßt sich damit vergleichen; denn dieses brauchte zu seiner Begründung dreihundert Jahre, während das an Bevölkerung ihm überlegene angloindische Reich in weniger als hundert Jahren zu dieser riesigen Ausdehnung wuchs.
Ehe wir eindringen in die Verhältnisse dieser kolossalen Schöpfung kaufmännischer Speculation, - die Ursachen, ja die Nothwendigkeit ihres Untergangs - ob jetzt oder später - und die furchtbare Begründung der gegenwärtigen blutigen Erhebung zeigend -, müssen wir dem Leser, der uns auf den fremden, mythenhaften Boden gefolgt ist, eine kurze Uebersicht der Geschichte jenes weiten Landes geben, das - die Heimath uralter Weisheit und Poesie und der reichsten Naturschätze - von jeher die Phantasie des Occidents wunderbar angezogen; das von Alexander dem Großen bis zu den Großmoguls und der Festsetzung der Engländer das Eldorado war, nach dessen Besitz die Eroberer und die Kaufleute trachteten; das die Reihe kühner Thaten und Fortschritte von der Entdeckung Amerika's bis zu der Gourmandise indischer Vögelnester angeregt hat!
Da Indien den ältesten Völkern unsrer Geschichte wenigstens durch die Handelserzeugnisse bekannt war, und die ersten griechischen Geschichtsschreiber von seiner Cultur, und Religion sprechen, muß lange vorher das Land eine glänzende und mächtige Entwickelung besessen haben, die sich in das Reich der Mythe verliert. Die Sage, die eigene Religion, versetzt dahin den Ursitz des Menschengeschlechts. Alles, was wir von dem alten Indien wissen, was uns die Reste kolossaler Arbeiten lehren, ist, daß es ein Land war von ungeheurer Ausdehnung und Bevölkerung, berühmt durch seine Bildung und seinen Handel. Wahrscheinlich kamen auch von jenem Ursitz des Menschengeschlechts im mittlern
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Hochasien die Völker mit ihrer Cultur, welche Hindostan in Besitz nahmen und als Hindu's seit Jahrtausenden seine Eigenthümer waren während die Urbevölkerung zur verachteten Klasse der Paria's herabsank. Die ersten Berührungen der Geschichte mit diesem Lande finden wir in den Sagen und Zügen des Herkules und Sesostris und der Assyrier. Die alte Staatsverfassung des Landes war eine Art von Priester- und Adelsherrschaft, das Regiment der Brahminen, das mit unbedingter Machtvollkommenheit, aber eben so großer Milde, friedfertig ein glückliches Volk beherrschte.
Erst die mongolischen und europäischen Eroberer haben dies harmlose Volk mit Sclaverei und Noth bekannt gemacht.
Man spricht mit Verachtung in dem stolzen Europa von dem indischen Kastenwesen - und das Volk war glücklich und zufrieden, so lange es ungestört regierte. Wunder der Baukunst, der Wissenschaft, der Cultur sind die Zeugen seiner Lebenskraft.
Bei der Ausbreitung der persischen Herrschaft über einen großen Theil Asiens kamen die Völker des westlichen Asiens zum ersten Mal mit Indien in nähere Berührung, und Darius eroberte ungefähr ums Jahr 509 vor Christi den nordwestlichen Theil am Indus. Alexander der Große erreichte auf seinem Eroberungszuge den letzten östlichen Nebenfluß des Sind (Indus), den Hyphasis (Garrah, Bejah), kam also bis über Lahore, und wurde dort durch die Weigerung seiner Krieger zur Umkehr gezwungen. Von der Zeit an siedelten, in Folge der Erleichterung der durch Karawanen betriebenen Handels, viele Griechen sich in Indien an. Selenkos Nikator - einer der Feldherren und Nachfolger Aelxanders - drang ums Jahr 300 vor Christi bis zum Ganges. vor.
Die Handelsverbindung Indiens nach dem Westen, nahm damals schon ihren Weg über Aegypten, und Alexandrien war ihr Stapelplatz. Selten nur wird Indien unter der Herrschaft der römischen Kaiser erwähnt; alle Verbindung hörte auf, als die Araber 712 nach Christi, nach der Zerstörung des neu persischen Reiches unter ihrem Khalifen Walid I., den größten Theil Indiens diesseits des Ganges unterjochten. Seine Nachkommen dehnten die Eroberungen bis zum Ganges aus, zwangen die Bewohner,
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den Islam anzunehmen, eroberten 1194 Delhi, mit Hilfe der Afghanen, und zerstörten Benares, den alten Sitz der indischen Weisheit und Religion. Cuttub, ein afghanischer Sclave, erhob ums Jahr 1201 die arabische Herrschaft zu einem eigenen Staate, dessen Hauptstadt zuerst Lahore, dann Delhi war. Fortwährende Kämpft der arabischen Sultane mit den eingebornen Rajahs, die das muhamedanische Glaubensjoch abzuschütteln suchten, und mit den Einfällen der Mongolen aus den nördlichen Nachbarländern bezeichnen jene Periode.
Endlich richtete der mongolische Weltenstürmer, der berühmte Timur-Khan, seinen Zug gegen Indien, besiegte 1397 bei Delhi den arabischen Sultan Mahmud, ließ die Stadt plündern und zerstören und tödtete die Bewohner. Timur behielt zwar nur einen geringen Theil des eroberten Landes, dagegen verwüsteten seitdem die räuberischen Züge der Mongolen fortwährend das herrliche Land.
Um diese Zeit - im Jahre 1450 - erschienen zum ersten Mal die Europäer als Rivalen auf dem Schauplatz. Die Portugiesen gründeten Niederlassungen auf den Küsten von Malabar und Koromandel, während das Land in viele kleine Reiche getheilt und theils von Mongolen, theils von Sultanen aus früheren Dynastieen beherrscht war.
Im Jahre 1525 drang ein Enkel Timurs, Mahmud Babur, wieder ein und eroberte Delhi. Sein Sohn Humayun gründete 1554 das berühmte Reich der Großmogule in Indien. Noch ist sein prächtiges Grabmal eine der Merkwürdigkeiten Delhi's. Mogul Akhbar, der weiseste und mächtigste Fürst dieser Dynastie (1555-1606) untersagte die religiöse Verfolgung der Hindu's, ließ sie an den Staatseinrichtungen Theil nehmen und schuf viele treffliche Einrichtungen, und Aureng Zeb brachte das Reich auf den höchsten Gipfel der Macht, obgleich er den Islam fanatisch verbreitete und die Religionsverfolgungen wieder in voller Härte eintreten ließ. Nach seinem Tod (1707) begann der Verfall des Reichs durch die Unfähigkeit seiner Nachfolger, durch innere Kriege und Unruhen. Die Statthalter rissen sich los und gründeten zahlreiche unabhängige Staaten oder rangen um die Oberherrschaft, bis der berühmte Tyrann Persiens, Nadir Schah, über
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Indien herfiel, den Großmogul Muhammed (1739) besiegte und Delhi plündern ließ. Hundertundzweiunddreißigtausend Einwohner wurden dabei erschlagen und aus dem Lande an zweitausend Millionen Thaler geraubt.
Nach Muhammeds Tode (1747) regierten eben so schwache Fürsten und die Mahratten verwüsteten das Reich und plünderten wiederholt Delhi ...
Nach diesem kurzen Abriß der - wir möchten sagen indischen - Geschichte Indiens, welcher dem Leser hauptsächlich die merkwürdige verschiedenartige Gestaltung und Bevölkerung des großen Landes erklären soll, wenden wir uns zur Geschichte der europäischen Ansiedelungen, welche mit scharfen Farben den ewigen Wechsel der Macht, den Untergang und das Emporsteigen in den Geschicken der Völker lehrt. Das Wort ihres eignen Generals Ricci über die Jesuiten: »Wie Füchse werden sie sich einschleichen und wie Wölfe haben sie geherrscht; wie Hunde sind sie vertrieben und wie Adler wiedergekommen, paßt furchtbar und schrecklich auf die politische Moral der europäischen Ansiedelungen.
Hervorgerufen von kaufmännischer Habgier, benutzt von religiösem Fanatismus, sind sie das Werk der raffinirtesten Civilisation!
Alle jene europäischen Völker, deren Macht und Einfluß in Indien so rasch wechselten, erschienen an der indischen Küste schleichend, feig, um eine Handelsniederlassung bittend. Und erst nachdem sie durch Aufhetzung der einheimischen Fürsten gegen einander, durch klug angelegten Streit, List und Intrigue jeder Art ihrer Uebermacht gewiß waren, traten sie herrschsüchtig und grausam gegen die Einwohner auf und waren gegen die Indier größere Tyrannen, als früher Timur und andere Barbaren.
Was der wilde Fanatismus der Portugiesen noch schonte, zertrat der niedrige gemeine Krämergeist der Holländer; die Abenteuerlust der Franzosen, wie die herrschsüchtige englische Kaufmannspolitik waren den Eingebornen mit den eingeführten europäischen Lastern gleich verderblich!
Woher kommt denn dieser mächtige Drang, dieser gewaltige Kampf der weißen Race zur Unterdrückung, ja zur Vernichtung aller anderen Bewohner von Gottes schöner Erde?
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Aus Europa ziehen sie aus, nicht zufrieden mit ihrem Antheil an der Welt. Schon die Römer dringen nach Asien und Afrika und schlagen die Völker in Fesseln! - Die Schwarzen müssen als Sclaven die Felder der Weißen bebauen - immer weiter in die Schluchten der Amatola-Gebirge von den Küsten hinweg wird das tapfere und edle Volk der Kaffern getrieben und geht seiner Vernichtung entgegen!
Ströme von Blut der unglücklichen Urbewohner Amerika's, werden von den Spaniern unter dem Vorwand der Religion und Civilisation vergossen! Die tapferen Stämme der Waldgebiete Nordamerika's müssen vor den eindringenden Holländern, Briten und Deutschen zurückweichen und bald gehört ihr Dasein nur noch der Sage und der Geschichte!
Die glücklichen reichen Inseln der südlichen Meere stehen unter den Kanonen der europäischen Schiffe - sind die Beute weißer Männer!
Nach den Oeden Australiens sendet man den Auswurf weißer Verbrecher, in den wilden Bergen gräbt der Weiße das Gold!
China's ungeheures Reich - Japan - werden gezwungen, der Habsucht der Europäer und ihrem Gifte sich zu öffnen. Von Norden und Westen dringt der Russe, von Süden und Osten der Brite und Franke in das weite Asien, den Mutterleib der Nationen!
Muß denn die weiße Race überall Herr sein, überall Besitzer, überall Tyrann?
Man rede mir nicht von dem Beruf der Civilisation und Religion.
Ist der einfache Nomade der Steppe, der so wenig Bedürfnisse kennt und so wenig Wissen hat, nicht mindestens eben so glücklich, wie der Landmann des civilisirten Europa's?
Oder sind die Menschen nicht geschaffen, um ruhig und friedlich glücklich zu sein in dem Kreise, den ihnen Gott angewiesen?
Bringt man Glück mit dem Donner der Kanonen und Gotteserkenntniß mit Raub und Bajonnetten?
Und dennoch scheint dieses Drängen, dieses Treiben, diese ewige Fluth der Bewegung die geheimnißvolle Bestimmung des Menschengeschlechts.
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Wie wir am Anfang dieses Bandes gesagt, der Kampf und die Liebe bewegen alles Erschaffene - das Recht des Stärkern ist das alleinige Gesetz, die einzige Richtschnur in der Natur!


Wir haben bereits erwähnt, daß die Portugiesen die ersten europäischen Ansiedelungen in Indien, bald nach Timur's Einfall, gründeten Die Entdeckung des Seeweges um das Cap der guten Hoffnung durch Vasco de Gama führte sie dahin; - als die einheimischen, im eigenen Kampf begriffenen, Fürsten ihnen keine großen Hindernisse in den Weg legten, gründeten sie zum Aerger der Muhamedaner ihre Factoreien, um so die indischen Waaren nach Europa zu führen. Nach fünfzehn Jahren, seit Almeida in Goa sein Gouvernement aufschlug - der einzige Platz, der den Portugiesen jetzt noch gehört - war ihre Macht in Indien gegründet und 1542 herrschten sie schon über die ganze Küste des persischen Meerbusens bis zum Cap Comorin, über Ceylon, Malakka und den indischen Archipel. Der Verfall Portugals durch seine Vereinigung mit Spanien (1580) vernichtete auch die portugiesische Gewalt in Indien, und sie war um so weniger im Stande, den übrigen eindringenden Seemächten Europa's Widerstand zu leisten, als die Eingebornen längst selbst der habsüchtigen und fanatischen Herrschaft müde waren. Die Holländer - die der Fanatismus und Religionshaß Philipps II. von dem Markt von Lissabon vertrieb - suchten Indien mit ihren Schiffen auf und nahmen den Portugiesen 1624 die Molukken, 1633 Java, 1641 Malakka, 1658 Ceylon, bis sie in den[m] Besitz der ganzen früheren portugiesischen Macht in Vorderindien und des Handels mit China und Japan waren.
Aber der niedere Krämergeiz, die furchtbare Tyrannei der Habsucht war auch ihr Sturz und ließ auch ihre Macht wieder sinken. Die grausame Behandlung der Eingebornen - die Mordscenen auf Banda - die egoistische Ausrottung der Gewürznäglein auf allen Inseln des Archipels, außer Amboina, empörten die Eingebornen, und die heimlichen Intriguen ihrer emporwachsenden Rivalen, der Engländer, schwächten bald ihre Macht und beschränkten sie auf die Molukken, wie sie einst selbst gegen die emporblühenden dänischen Colonieen intriguirt hatten.
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Gleichzeitig mit den Dänen - 1503 - hatten die Franzosen versucht, in Indien Niederlassungen zu gründen und bildeten nach der Colonie auf Madagascar (1642) unter Colberts unternehmendem Geist 1665 eine große indische Handelsgesellschaft mit der Residenz Poudichery. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts besaßen die Franzosen bedeutende Niederlassungen in Bengalen und ein Gebiet von 113 Dörfern.
Mit Neid und Mißgunst hatte der emporblühende Handel Englands längst die Besitzungen anderer seefahrender Nationen in Indien betrachtet.
Ums Jahr 1600 hatte die Königin Elisabeth einer Gesellschaft Londoner Kaufleute ein Privilegium zum Alleinhandel nach allen Ländern zwischen dem Cap der guten Hoffnung und der Magelhaensstraße, anfangs für 15 Jahre, ertheilt. Das war der Ursprung der englisch-ostindischen Compagnie. Durch die schlaue Benutzung einer Zwistigkeit der Eingebornen gelang es dieser Gesellschaft, von den indischen Fürsten die Erlaubniß zur Gründung einiger Handelsfactoreien, und zwar zu Surate, in Bengalen am Hugly (1640) und zu Madras, auf der Küste Koromandel, zu erhalten. Die englische Regierung, bald die Bedeutung der neuen Colonie einsehend, erweiterte die Privilegien der Gesellschaft und gab ihr das Recht des Krieges und Friedens, der Gerichtsbarkeit u. s. w., und bald lauerte diese nur auf die Gelegenheit, ihre Macht zu erweitern. Entgegen dem Vertrag mit dem Nabob von Bengalen, hatte sie 1696 in Calcutta ein befestigtes Fort und 1707 dort eine eigene Präsidentschaft errichtet.
Dupleix, der scharfsinnige und weise Gouverneur der französischen Colonieen, begriff die wachsende Gefahr, und er und Bourdonnaie verfolgten anfangs mit eben so großer Beharrlichkeit als Glück den Plan zur Vertreibung der Engländer im Krieg von 1745 bis 1747. Aber die erschlaffende Regierung des fünfzehnten Ludwigs, der sinkende Geist der Bourbonen, ließ ihre tapferen Vertheidiger in Indien ohne jegliche Unterstützung und berief Dupleix ab.
Noch hatten bis dahin alle Kämpfe und Intriguen der britischen Compagnie gegen die eingebornen Fürsten und die europäischen Rivalen keine wesentliche Territorialeroberung zur Folge
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gehabt. Erst ein furchtbares Drama, das Schauspiel einer entsetzlichen Rache, sollte das Signal zur Eroberung geben und England selbst für seine Kaufleute auf den Schauplatz rufen.
Die Welt kennt dies Drama unter dem Namen der berüchtigten Geschichte vom black hole oder der »schwarzen Höhle«.
Suradschah Daulah, der junge feurige Nabob von Bengalen, hatte mit Zorn und Entrüstung die aufblühende Macht und den Uebermuth der in seinem Gebiet liegenden Niederlassung zu Calcutta verfolgt. Seine Forderung, die vertragswidrigen Befestigungen zu schleifen, blieb unbeantwortet, die Briten weigerten sich, einen nach Calcutta geflüchteten feindlichen Häuptling auszuliefern. Da zog er mit einer großen Armee gegen Fort William.
Vergebens erschöpften sich die bestürzten Chefs der Niederlassung jetzt in demüthigen Entschuldigungen und Versprechungen - die Zeit der Rache war gekommen. Obschon die Besatzung des Forts nur schwach war, hatte sie sich doch einige Zeit halten können. Aber der Gouverneur und seine Offiziere entflohen feig und überließen die Vertheidigung einem Civilbeamten der Compagnie, Master Holwell. Nach zwei Tagen zog Suradschah im Fort William ein und der zornige Sieger, gewöhnt an die Grausamkeiten des Orients, ließ einhundertfünfundvierzig Gefangene in das gewöhnliche Gefängniß für schwere Verbrecher, eine Zelle von nur 18 Fuß Länge und 14 Fuß Breite, einschließen, die nur zwei kleine Fenster als Luftlöcher hatte und in der bis dahin nie mehr als sechs Gefangene Platz gehabt hatten. Alles Flehen der Unglücklichen war vergebens. Ohne Wasser, ohne Luft mußten sie eine Juni-Nacht in dieser furchtbaren Höhle verbringen, die in dem heißen Klima Bengalens ohnehin schon schwer für Europäer erträglich ist.
Einhundertzweiundzwanzig der Gefangenen erlagen der Qual der Nacht und wurden am andern Morgen als Leichen herausgezogen, nur Dreiundzwanzig überlebten sie, um die Geschichte der Schrecken zu erzählen.
Obschon die Briten im eigenen civilisirten Vaterlande vor und zu jener Zeit viele kaum minder scheußliche Thaten im politischen Fanatismus begangen, obschon nicht Hunderte, sondern
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Tausende der armen Irländer von ihnen auf das Grausamste geopfert worden, - kam die Schauerthat des orientalischen Despoten doch zu gelegen, um nicht einen allgemeinen Schrei der Entrüstung durch Indien und ganz Europa zu erregen. Suradschah Daulah hatte eine Garnison in dem eroberten Fort zurückgelassen, hatte den Namen Calcutta's selbst vertilgt und war dann triumphirend nach seiner Hauptstadt Murschidabad zurückgekehrt. Unterdeß wurden in Madras eilig die Anstalten zur Rache betrieben. Clive, der eigentliche Gründer der britischen Macht in Indien, ein Mann von eben so großer Schlauheit als entschlossenem Geist und Thatkraft, der sich vom einfachen Handlungsdiener zum Landgouverneur der englischen Besitzungen emporgeschwungen hatte, segelte mit 900 Mann vom englischen 39. Infanterie-Regiment und 1500 Sepoys oder eingebornen Soldaten in englischem Dienst von Madras ab.
Schon lange vorher hatte nämlich die Compagnie begriffen, daß sie, um Indien zu erobern, sich Indiens selbst bedienen müsse, und daß - wie überwiegend auch das Verhältniß europäischer Disciplin, Bewaffnung und Körperkraft zur Trägheit und Schwäche des indischen Charakters sei, - die Zahl der europäischen Soldaten, die das Mutterland ihr gewährte, viel zu unbedeutend gegen die Menschenmasse sei, welche die indischen Fürsten ihr entgegenzustellen vermöchten. Deshalb wurden von den kriegerischen Stämmen jeder Nationalität und beider Religionen - des Hinduglaubens und des Islams - Leute in Sold genommen, durch europäische Offiziere ausgebildet und zu einer Armee umgeschaffen, die, mehr als die Europäer zur Ertragung aller Mühseligkeiten geeignet, mit Hilfe der europäischen Soldaten eine mächtige und hinreichende Macht zur Unterdrückung und Eroberung des eignen Vaterlandes abgaben.
Das ist der Ursprung der Sepoys - das ist der verrätherische Bau, der in seinem Zusammensturz jetzt den Baumeister zu begraben droht, und sicher in der Zukunft begraben wird.
Mit jener numerisch so kleinen Macht landete der tapfere Clive in Bengalen und zog gegen eine Armee von 40,000 Mann, die ihm der Nabob entgegenstellte. Ein gelungener nächtlicher
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Ueberfall durch die britischen Truppen setzte jenen in Schrecken und bewog ihn zu Friedensanerbietungen, welche die Compagnie mit beiden Händen ergriff, um dadurch ihre Macht zu stärken.
Nachdem Calcutta auf's Neue befestigt worden und sich die Engländer dort festgesetzt hatten, spannen sie unter dem Vorgeben, daß der Nabob mit den Franzosen verhandle, an seinem eignen Hofe ein Complott, bewogen seinen General Mir Dschaffir zum Verrath und schlugen (1757) die Armee des Nabob in der berühmten Schlacht von Plassey. Die Kriegskunst und die Kraft der Europäer errang den Sieg über eine sechszehn Mal größere Macht, Suradschah ward auf der Flucht erschlagen, und die Compagnie ließ sich von dem verrätherischen General 800,000 Pfund Sterling und ein weites Landgebiet um Calcutta zahlen, dafür daß sie ihn zum Nabob machte, während sie der eigentliche Herr des Landes blieb. Bald auch wurde die lästige Maske abgeworfen, Mir Dschaffir und sein Nachfolger Mir Cossim abgesetzt und nachdem der Großmogul und der Nabob von Audh vergeblich sich bemüht hatten, in der Schlacht von Buxar (1764) die wachsende Macht der Compagnie zurückzudrängen, zwang diese gegen eine Abgabe von 325,000 Pfund Sterling den Mogul Schah Alum, ganz Bengalen und die Provinzen Bahar und Orissa ihr abzutreten.
So war die ostindische Compagnie in wenigen Jahren und mit verhältnißmäßig geringen Anstrengungen aus einer kleinen, nur geduldeten Colonie zur Herrin eines Reiches von 150,000 englischen Quadratmeilen, des reichsten Theils Indiens, mit 30 Millionen Einwohnern geworden.
In dem Kriege von 1755-1763 zwischen Frankreich und England verlor das erstere überdies alle seine indischen Besitzungen, welche die Compagnie an sich riß.
Die Vorwände, welche die Briten zur Absetzung und Unterdrückung der eingebornen Herrscher Bengalens gebraucht hatten, waren der willkürlichsten und rechtswidrigsten Natur. Die untergeordneten Beamten der Colonie, durch das ganze Gebiet des Nabobs vertheilt, begingen schon damals die schändlichsten Willkürlichkeiten, rissen allen Handel an sich und kannten, ungezügelt durch Gesetz oder Controlle irgend einer Art, keinen andern Zweck
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ihres Aufenthalts, als möglichst schnell reich zu werden. Die Beschwerden des Nabobs wurden mit seiner Absetzung beantwortet obschon Clive endlich selbst sich genöthigt sah, jenem Treiben Halt zu gebieten und den Beamten der Compagnie alle Privathandelsgeschäfte zu untersagen.
Unter seinem Nachfolger, dem berüchtigten Warren Hastings, trat die Regierung dagegen offen mit jenem System von Gewaltthat und Perfidie hervor, das - wie ein englischer Historiker, Macaulay, sich ausdrückt - einen unauslöschlichen Schandfleck dem Andenken der ostindischen Compagnie angeheftet hat.
Die nächsten dieser Reihe von Schandflecken sind: die Unterjochung der Rohillas und die Beraubung des Radscha von Benares!
Unter den kriegerischen Abenteurern, die in früherer Zeit aus Afghanistan den mongolischen Eroberern nach Indien gefolgt waren, zeichnete sich der tapfere Stamm der Rohillas aus, die für ihre Dienste als Speerlehen das Land, durch welches der Ramgunga von den schneeigen Höhen des Kumaon herabfließt, um in den Ganges zu fallen, und das man jetzt unter dem Namen Rohilcand begreift, einer der wichtigsten Halte des gegenwärtigen Aufstandes, erhielten.
Bei dem Verfall des Reichs der Großmogule - im Beginn des 18. Jahrhunderts - war die kriegerische Colonie unabhängig geworden. Die Rohillas waren durch körperliche Schönheit, Muth im Kriege und Geschick für die Künste des Friedens vor allen Bewohnern Indiens ausgezeichnet; Ackerbau, Handel und Künste blühten in ihrem kleinen, aber gesegneten Lande und noch heute sprechen die Bewohner von den goldenen Tagen, wo die afghanischen Fürsten im Rohilcand-Thale herrschten.
Diesen reichen Distrikt seinem Gebiet beizufügen, obschon er auch nicht eine Spur von Recht dazu hatte, wünschte ein reicher Nachbar, der Nabob von Audh, Sudschah Daulah. Aber er fürchtete die bewährte Tapferkeit der Rohillas und die Zahl ihrer Streiter. Es gab in Indien nur eine Macht, welche die tapferen Afghanen-Abkömmlinge zu bezwingen vermochte - das war die europäische Kriegskunst der Truppen der englischen Compagnie. Der Gouverneur brauchte Geld, denn die Actionäre in England
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wollten hohe Dividenden und die Finanzen der Compagnie standen trotz aller Eroberungen schlecht. Der Nabob bot für das Leihen einer englischen Armee zur Unterdrückung der Rohillas, außer Unterhalt und Besoldung derselben, 400,000 Pfund Sterling - und der infame Handel wurde geschlossen!
Eine von den drei Brigaden, aus denen die bengalische Armee bestand, wurde unter Oberst Champion abgeschickt, um mit den Truppen des Nabobs vereint das feindliche Volk zu überfallen, obschon dessen Gesandte jede Vorstellung der Ehre und des Rechts dagegen erschöpften und sogar ein großes Lösegeld boten.
Eine große Schlacht ward geschlagen, ritterlich kämpften die Rohillas für ihre Freiheit, der feige Tyrann von Audh entfloh, aber seine schamlosen und leider mächtigen Bundesgenossen hielten Stand und errangen mit ihrer europäischen Taktik den Sieg und die Niederlage eines edlen Volkes, nachdem alle seine vornehmsten Häuptlinge tapfer an der Spitze der Ihren gefallen waren.
Jetzt kehrte der Nabob mit seinem Gesindel zurück, sie plünderten das Lager der Besiegten und alle Schrecken indischer Eroberung und Tyrannei wurden losgelassen auf die schönen Thäler und Städte von Rohilcand! Das ganze Land stand in Flammen, mehr als hunderttausend Menschen flohen aus ihren Wohnungen nach verpesteten Dschungeln; Hunger, Fieber und den Aufenthalt der Schlangen und Tiger der Tyrannei dessen vorziehend, dem eine christliche Regierung um schmachvollen Gewinnes ihre Habe, ihr Blut und die Ehre ihrer Frauen und Töchter verkauft hatte. Dem Allen sahen die Engländer ruhig zu. Binnen Kurzem war die schönste Provinz Indiens zu einem seiner elendsten Theile herabgesunken.
Aber die gekränkte Nation ist nicht untergegangen. Noch heute, nachdem die Compagnie eben so tyrannisch, wie damals der Tyrann von Audh Rohilcand unterjochte, sein eignes Land an sich gerissen und sein Erbe geworden, zeichnet sich jene edle afghanische Race durch Tapferkeit, Stolz und eine bittere Erinnerung an das große Verbrechen Englands aus. Bis auf diesen Tag galten sie als die besten aller Sepoy's im Handgemenge, und als die Stunde der Rache gekommen, waren sie es, die zuerst abfielen.
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Die Rohilla's sind die Polen Asiens, ohne die Schuld jenes unglücklichen Landes in Europa zu tragen! -
Das nächste Verbrechen war die Beraubung des Radschah von Benares. Benares, die heilige Stadt Hindostans, das Jerusalem der Hindu's, bildete einen kleinen Staat unter der Herrschaft eines Hindufürsten, der dem Nabob von Audh tributpflichtig war. Die Compagnie hatte den Nabob zu allerlei Hin- und Hertausch gezwungen und sich seine Rechte auf den Tribut von Benares abtreten lassen. Seitdem hatte Tscheyte-Sing, der Radschah, seinen Tribut pünktlich und regelmäßig nach Calcutta bezahlt.
Aber Warren Hastings brauchte Geld und der Radschah stand in dem Ruf, einen großen Schatz zu besitzen. Zuerst legte man ihm eine Contribution von 50,000 Pfund auf - der Radschah zahlte.
Jetzt wiederholte sich die Forderung alljährlich. Vergebens demonstrirte der Radschah. Zuletzt glaubte er nach orientalischer Sitte der Ungerechtigkeit ein Ende zu machen, indem er dem General-Gouverneur ein Geschenk von 20,000 Pfd. für seine Person anbot. Hastings nahm das Geld und behielt es für sich, erst eine drohende Anklage seiner Regierungs-Kollegen auf Bestechung bewog ihn, die Summe an den Schatz der Compagnie abzuliefern, und als der Radschah die frühern Forderungen erfüllen sollte und Armuth vorschützte, setzte er 10,000 Pfund als Strafe der Verzögerung hinzu und schickte Truppen, um das Geld einzutreiben.
Immer neue Forderungen stürmten jetzt auf das unglückliche Benares ein - die Absicht lag offen zu Tage, es erst zur Weigerung und zum Widerstand und dadurch zum Untergang zu treiben. Vergebens bot der geängstete Radschah eine Pauschsumme von 200,000 Pfund an, Hastings verlangte mindestens eine halbe Million und kam mit großem Gefolge selbst nach Benares. Mit der größten Unterwürfigkeit empfing ihn der Radschah und ertrug den empörenden Hochmuth des Briten. Als der General-Gouverneur nicht zur Stelle seine übermäßigen Forderungen erfüllt sah, ließ er den von seinen Unterthanen geliebten Herrscher des milde und weise regierten glücklichen Ländchens verhaften und unter die Bewachung von zwei Compagnieen Sepoy's stellen. Die
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durch tausende von Pilgern vermehrte Bevölkerung der Stadt erhob sich, ihren Radschah zu befreien, dieser aber, statt die Gelegenheit zu benutzen und sich des britischen Gouvernements zu bemächtigen, entfloh nach einem seiner festen Schlösser. Die Compagnie benutzte dies, ihn zu entsetzen, sich seiner Schätze zu bemächtigen und brach die Verträge, mittelst deren die festen Plätze in ihre Hände fielen, auf das Ehrloseste selbst gegen Frauen.
Die Züge, die wir hier gegeben, sind nur einzelne aus der Verwaltung jener Zeit - zu Ende des vorigen und zum Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts. Die Eroberungen im Karnatie, die Kriege gegen die Mahratten, die Ländererwerbungen im Decan, die Vertreibung der Holländer, die Usurpationen von Scindia - sie alle einzeln zu erwähnen, fehlt uns der Raum, und wir würden der Geduld des Lesers damit zu viel zumuthen. Vergebens suchten mächtige und energische Feinde, wie die berühmten Sultane von Mysore, Hyder Aly und sein Sohn Tippo Sahib, der Ländergier der Engländer entgegen zu treten - die Compagnie hatte längst gelernt, zur furchtbaren Macht ihrer Waffen das Schlangengift orientalischer Diplomatie zu fügen, ihre Feinde zu theilen durch Lockungen und Versprechungen und sie einzeln zu überwältigen. Die tapferen Mahrattenfürsten fielen, und mit dem Sturm von Seringapatname und der Vernichtung des Reichs Tippo Sahibs (5. Mai 1799) flocht Wellington - damals noch Marquis Wellesley - seine ersten glänzenden Lorbeern.
Es wird genügen, in flüchtigem Umriß die Zahl der britischen Erwerbungen in der kurzen Zeit anzuführen, ohne die Geschite von Treulosigkeit, Erpressung, Intrigue und Gewaltthat der zu zählen, durch welche hauptsächlich diese Erwerbungen gemacht wurden.
Wo der Stärkere einen Vorwand zum Streit, zur Ungerechtigkeit sucht, wird er ihn immer finden!
Von 1757 schreibt sich der erste Territorial-Besitz der Compagnie her.
1766 besaßen sie bereits Bengalen, Bahar das nördliche Circars (an der Küste von Koromandel), Madras und Bombay mit einem kleinen Stadtgebiet.
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1805 schon das ganze Duab mit Delhi, das Karnatie, Canara und Malabar, Suhrate und einen Theil der Mahrattenländer.
1818 den Rest der westlichen Mahrattenstaaten, Punah, die ganze Küste von Malabar, Benar, einen Theil des Sikhstaates und Ceylon.
1838 Gondwana, Singapore, Malakka, Assam, Arrakon und andere mächtige Gebiete in Hinterindien.
1848 das Sindh - das südliche Pendjab - und Satara.
1856 das ganze Pendjab, Audh, Karnal, Gondh, Pegu und Kadschar.
Von dem ganzen Vorderindien bis zum Himalaya sind gegenwärtig noch - einschließlich Nepals, des an China tributpflichtigen Bhutan und Kashemirs - etwa 4700 Quadratmeilen mit 4 Millionen Einwohnern unabhängig!
Man vergleiche diese Zahlen mit den am Beginn dieses Kapitels angeführten!
Die unter sogenanntem »britischen Schutz« stehenden Staaten (Gwalior, Indur, Heiderabad, Meyfur, Kotschin, Trawankor, Baroda und Katsch) müssen stehende britische Armeen und britische Residenten im Lande unterhalten!
Der portugiesische Besitz beschränkt sich auf 52, der französische auf 9 Quadratmeilen!
So ermüdend diese Zahlen, diese Wiederholung der Historie dem Leser vielleicht auch scheinen mögen, sie war unvermeidlich, um ihm den Ueberblick über die Ausdehnung der englischen Usurpationen zu geben und ihn auf die Maschinerie vorzubereiten, welche bisher diesen Bau zusammenhielt.
Dies gewaltige Land ist, wie bereits erwähnt, jetzt gleichsam ein Zwittereigenthum Großbritanims und der Compagnie. Die letztere bezieht die Einnahmen, genießt alle Handelsprivilegien, besitzt das Grundeigenthum, die Administration und besetzt die Stellen, wogegen sie die Verpflichtung hat, die verhältnißmäßig äußerst geringe Summe von 50,000 Pfund zu den englischen Staats-Einnahmen zu leisten und eine Anzahl jüngerer Söhne und Protegée's der englischen Geburts- und Geldaristokratie mit sehr guten Gehältern anzustellen.
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Das Directorium der Ostindischen Compagnie in London bestand bis 1854 aus dreißig Mitgliedern, von denen jährlich sechs ausschieden und von den Actionairen neu erwählt wurden. Seine Beschlüsse mußten die Genehmigung des Board of Control[l], des von der Regierung eingesetzten Ministeriums für die ostindischen Angelegenheiten haben. Zu geheimen Beschlüssen über Krieg traten die ersten drei Mitglieder des Directoriums mit dem Ministerium zusammen.
In Indien residirte ein General-Gouverneur mit Recht über Leben und Tod, Krieg und Frieden, Handels- und Allianzverträge und dem Oberbefehl über Land- und Seemacht. Aber ihm zur Seite stand ein Rath aus fünf Mitgliedern, welcher jeden Befehl des General-Gouverneurs auf achtundvierzig Stunden suspendiren konnte. Zur Stelle des General-Gouverneurs, wie zu den Stellen der Staatsräthe und der commandirenden Generäle in den fünf Präsidentschaften (Bengalen, Madras, Bombay, Agra und Sindh) schlug der Court of Directors je drei Kandidaten vor, von denen die Krone wählte. Nur drei Zweige im ostindischen Staatsdienst waren königliche: der königliche Theil der Armee, die höchsten Gerichtshöfe und die Bisthümer, welche der Erzbischof von Canterbury besetzt. Aber auch die Wahl der Beamten dieser königlichen Stellen war von der Zustimmung des Directoriums abhängig.
Bei der Ertheilung des neuen Privilegiums an die Compagnie auf unbestimmte Zeit, im Jahre 1854, ward nach langen Parlamentsdebatten dieses System nur dahin geändert, daß die Zahl der Directoren auf achtzehn ermäßigt wurde, von denen sechs die Regierung ernennt, und daß die Krone das Recht der Ernennung der Mitglieder des Regierungsconseils in Indien erhielt, die - ebenso wie der General-Gouverneur - dem Directorenhof verantwortlich blieben. -
Die Armee in Ostindien besteht aus 234,000 Mann, von denen 36,000 Mann, incl. der Offiziere, europäische Truppen sind und von der Krone gestellt, aber von der Compagnie unterhalten werden. Der Unterhalt dieser Armee, auf deren Einrichtung wir später zu sprechen kommen, beträgt circa acht Millionen und fünfhunderttausend Pfund Sterling, also fast sechszig Millionen Thaler, pro Kopf also durchschnittlich zweihundertundvierzig Thaler.
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Natürlich fällt davon nicht der Löwen-, sondern der Giganten-Antheil auf die dreißigtausend Europäer!
Die Finanzen der Compagnie sind an und für sich nicht sehr glänzend und sogar schuldenbelastet. Die Reineinnahmen der fünf Präsidentschaften betrugen vor der Empörung einhundertundsiebenundvierzig Millionen und dreimalhundertachtzigtausend Thaler jährlich, die Ausgaben einhundert vierundfünfzig Millionen und einmalhundertvierunddreißigtausend Thaler, und die indische Staatsschuld im Jahre 1856: Vierhundertundvierzehn Millionen Thaler, also den zwölften Theil der riesigen englischen Staatsschuld.
Auf die offiziellen Einnahmen kommt es aber im Durchschnitt wenig an, sie dienen nur zur Mästung der Beamten und Zahlung der kolossalen Pensionen. Der riesige Vortheil, den Indien England gewährt, ergiebt sich der den Kaufmannsstand selbst aus dem Handel und dem Landbesitz.
Wir wiederholen, wir sind gezwungen, diese trockenen Zahlen alle anzuführen, um dem Leser das Kolossale der indischen Wirthschaft begreiflich zu machen, um so mehr, als er selbst aus Werken, welche auf historischen und statistischen Inhalt Anspruch machen, diesen Ueberblick nicht gewinnen kann.
Wir haben bereits bemerkt, daß alle irgend lucrativen Stellen durch Engländer besetzt sind, durch Engländer, die selbst nicht einmal dulden wollen, daß die Regenten der Schutzstaaten einen andern Europäer oder Amerikaner in ihren Dienst nehmen!
Zu den glorreichen Thaten eines Warren Hastings gehörte es, daß bis in die neuere Zeit alle Eingebornen, also 170 Millionen Menschen, von jedem einigermaßen bedeutsamen und einträglichen Amt, d. h. von jedem, das über 100 Rupien monatlich einbrachte, ausgeschlossen waren.38 Erst in den dreißiger Jahren wurde das System einigermaßen geändert und die Zahl der eingebornen höheren Beamten - die wichtigeren und einträglichen Stellen sind natürlich immer nur in den Händen von Engländern - beträgt jetzt etwa 1900, also auf circa neunzigtausend Indier einen! -
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Wir werden am Meßtisch der Offiziere sehen, welches eben so krasse Verhältniß im Militairstände obwaltet!
Und der Gedanke an dies empörende Mißverhältniß sollte nicht allein schon hinreichen, die Milch der geduldigsten Denkart in das gährende Drachengift der Empörung umzuwandeln? - -
Wir haben, ehe wir unsere Erzählung wieder aufnehmen - noch einige Worte den neueren Vorgängen, den neueren Ungerechtigkeiten und tyrannischen Ländererwerbungen der Compagnie zu widmen.
Durch den an den Haaren herbeigezogenen Krieg mit den Birmanen hatte sich die Compagnie der Küsten Hinterindiens bemächtigt: ein Ersatz für die vollständige Niederlage, welche ihre Armee im Krieg gegen die tapfern Afghanen (1842) erlitten hatte. Das Reich des Großmoguls war vollständig den britischen Besitzungen einverleibt und der letzte Kaiser von Delhi lebte von einer britischen Pension. Die Unterjochung des Pendschab durch die Vernichtung der Sikhherrschaft und des einst so mächtigen Thrones Rundschit Sings haben wir bereits in der Klage der vertriebenen Maharana um ihren gefangenen Sohn näher erwähnt.
Im Sindh, dem Land am Ausfluß des Indus, herrschten vier Emirs, Brüder und Vettern aus dem Stamm der Kolburas, so lange ziemlich unbelästigt, bis die britischen Kaufleute es in ihrem Interesse fanden, Handelsspeculationen nach Centralasien auf dem Indus zu machen. Ein Vertrag mit den Emirs gestattete ihm, den Indus mit unbewaffneten Schiffen zu befahren, unter der Bedingung, keine Militairvorräthe durch das Land zu führen.
Nach kurzer Zeit jedoch wußten die Briten unter dem Vorwande eines Zwistes mit Rundschit schon einen englischen Residenten mit bewaffneter Escorte in das Land der Emirs einzuschmuggeln, und kurz darauf trat, in Folge des Vertrages von Kabul, die Compagnie mit der perfiden Erfindung auf, daß die Fürsten an Schah Schudschah von Kabul tributpflichtig gewesen und dieser ihr seine Anrechte abgetreten habe. Vergebens wiesen die Emirs nach, daß sie nie Tribut gezahlt, ja, daß der Schah durch Documente längst auf diesen verzichtet habe: der
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General-Gouverneur Lord Aukland and erklärte sich nicht verpflichtet, »diesen Einwand förmlich zu prüfen,« und verlangte, allen Verträgen zuwider, die Aufnahme eines englischen Corps. Die britische Armee rückte ein und zwang die bisher unabhängigen Fürsten zu einem schimpflichen Vertrage und zur Annahme einer englischen Regentschaft.
Selbst die britischen Schriftsteller müssen die schändliche Ungerechtigkeit dieses Verfahrens anerkennen.
Endlich, als man die Emirs zwang, ihre eigene Absetzung zu unterzeichnen, griffen die tapferen-Beludschen zu den Waffen, und verjagten den englischen Residenten, Sir Charles Napier. Aber bald kehrten die Briten mit verstärkter Macht zurück und das ganze Sindh wurde erobert und zur Provinz der Compagnie gemacht.
Der letzte Akt britischer habsüchtiger Tyrannei vor dem Ausbruch der Revolution war die Einverleibung des Königreichs Audh am Anfang des Jahres (1856), in dem wir mit dem zweiten Theil unseres Buches unsere Erzählung wieder aufgenommen haben.
Audh gehörte seit 1801 zu den sogenannten Schutzstaaten, und die Compagnie hatte sich verpflichtet, gegen Abtretung eines Theils des Gebietes von Audh, anstatt des bisher bezahlten Tributs, die Herrschaft des Königs gegen innere und äußere Feinde aufrecht zu erhalten, ohne sich in die Regierung zu mengen.
Die habsüchtige Verwaltung eines neuen Ministers des letzten, den Vergnügungen des Serails allzusehr ergebenen Königs Mahomed Wadschid Ali Schah (1849), gab der Compagnie Veranlassung, sich einzumischen. Die Residenten sandten Bericht auf Bericht, um die »Einverleibung« herbeizuführen und 1854 zwang Oberst Outram bereits dem König einen Vertrag auf, durch welchen die gesammte innere und äußere Verwaltung seines Gebiets, mit Ausnahme der Gerichtsbarkeit im Bereich des königlichen Parks, an die Engländer abgetreten wurde, wofür die Compagnie ihm und seinen Erben den Königstitel und eine Pension zu lassen versprach.
Als jedoch der König sich später weigerte, den Vertrag zu unterzeichnen und erklärte, in England selbst Gerechtigkeit suchen
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zu wollen erschien am 7. Februar 1856 eine Proclamation, welche die Einverleibung Audhs - eines Gebietes von 940 geographischen Quadratmeilen mit 3 Millionen Einwohnern und einem Einnahme-Ueberschuß von mehr als siebzehn Millionen Thalern - verkündete. Englische Truppen besetzten Lucknow (Lacknau), die Hauptstadt des Landes; der entthronte König wurde nach Calcutta gebracht.
Wir haben nur noch eines Verhältnisses kurz zu gedenken, das eben so demoralisirend als schädlich auf die Bevölkerung Indiens wirkte.
Es war die Einführung des Permanent settlement - das heißt, die Beraubung des ganzen Volkes um sein Grundeigenthum, um es den Zemindars zu geben.
Um dies zu verstehen, müssen wir einige Worte der frühern Einrichtung unter den Sultans und Radschahs widmen, wie sie noch in den unabhängigen Gebieten besteht.
Das Land gehörte unter den Oberbesitz der Großmoguls, seinen Bebauern, den Ryots, unseren europäischen Bauern oder Landleuten gleich, erb- und eigenthümlich. Von diesen wurden die durch die Regierung aufgelegten, mehr oder minder großen Steuern durch die Zemindars eingezogen, die dafür eine Provision von zehn Prozent zurückbehielten.
Die Zemindars oder großen Grundbesitzer waren also keineswegs die einzigen Landbesitzer, sondern blos die erblichen Besitzer des Rechtes, für den Landesherrn die Steuern in ihrem District einzuziehen.
So lange der Ryot seine bestimmte Steuer von seinem Lande zahlte, war er dessen Besitzer, und kein Zemindar konnte ihn davontreiben.
Die Engländer verwechselten dies Verhältniß mit der Einrichtung der englischen landlor[d]s und ihrer Pächter. Schon Ende des vorigen Jahrhunderts hob Lord Cornwallis, der damalige Gouverneur, dies Eigenthumsrecht des Landmannes auf sein Feld auf, erkannte nur die großen Grundbesitzer mit einer Menge kleiner Pächter an, die sie willkürlich neben der Steuerzahlung für die Regierung bis auf's nackte Leben im eignen Interesse auspressen und beliebig vom Lande verjagen können.
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Das war die englische Gerechtigkeit: Reiche und Arme!
Dennoch war es nur ein geringer Theil dieser Zemindars, der beim Ausbruch des allgemeinen Kampfes auf der Seite seiner Bereicherer blieb. Die Anhänger, die sich die Compagnie damit geschaffen zu haben glaubte, fielen ab in der Stunde der Gefahr. Nationalhaß, Religion, Vaterlandsliebe waren selbst stärker als das Interesse.
Die nachfolgenden Scenen werden das Leben des Ryots, des Zemindars, des Kriegers wie des Fürsten zeigen und uns in die Hütte des Beherrschten, wie in den goldenen Palast des Regenten führen.

I. Der Ryot.

Ein einsames aber reizendes Thal des Carnatie, jener großen weitgestreckten Landschaft am östlichen Ufer der Südspitze Vorderindiens, die einen Theil der Präsidentschaft Madras bildet, lag vor den Blicken des Reisenden, der eben von einer der Höhen der Ausläufer des Nella Mella-Gebirges nach der Meeresküste herabzog.
Ein kleiner Fluß, der Gandlagama, durchströmte das Thal, doch war seine Wassermenge nicht bedeutend, da die heiße und trockene Jahreszeit bereits begonnen hatte, die in Indien vom April bis zu Ende August dauert.
Auf den Feldern waren die Bauern und Landleute daher auch beschäftigt, mittelst des mühsamen Umschwungs eines großen Rades, das Wasser aus der Tiefe des Bettes, welches der Fluß sich gewühlt, emporzuschöpfen und in die Rinnen zu ergießen, die das belebende Element durch die angebauten Felder, die Reisanlagen und Kaffeeplantagen leiteten.
Ueberhaupt erschien das ganze weite Thal wohl angebaut: in den sumpfigen Theilen die Reisfelder, an den Hügelabhängen Mais- und Zuckerrohrpflanzungen, dazwischen Indigo- und Kaffeeplantagen, rother Pfeffer und duftige Gewürzstauden. Gräm und Jawarry39 standen in üppigem Wuchs und die ganze reiche Tropennatur
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- denn die Lage des Thals befand sich unter dem sechszehnten Grad nördlicher Breite - überzog Berg und Ebene mit einer Matte der üppigsten Vegetation.
Wo der Fluß sich aus den höher aufsteigenden Berggeländen hervorwand, war er von wohl sechszehn Fuß hohem Schilfgras und einem Bambus-Dickicht umgeben, dessen armstarke Stangen bis zur Höhe von achtzehn Ellen emporschossen.
Prächtige Kokospalmen erhoben sich majestätisch auf den Gipfeln der Hügel, der Pisang wiegte seine breiten riesigen Blätter im leisen Luftzug, und der wohlthätige Bananenbaum wechselte mit den reizend gefiederten Tamarinden und ließ seine saftige angenehme Frucht rothgelb durch die Blätter leuchten. Stachliche Ananas-Hecken umsäumten die Felder, am Ufer des Flusses wiegte die sagenhafte Lotosblume ihre Kelche, und in hundert Gestalten wechselnde Fächerpalmen-Gebüsche bewahrten der Gegend den Charakter wilder Naturschönheit, während ein ausgedehnter Dattelwald am nördlichen Abhang den Uebergang zur wirklichen Wildniß vermittelte, die in den dunklen üppig belaubten Zweigen der indischen Fichte aus den Höhen des Gebirgszuges lagerte.
Die eigenthümliche phantastische Welt der Linnen mit den roth und weisen Blumenkelchen verband gleichsam die Wald- und Baumgruppen. Bis zur Spitze der höchsten Tamarinden und I'limoien schlangen sich die zarten festen Rankengewinde oder hingen in Festons nieder zum Boden; oder die Reben des wilden Weines wanden sich an den mächtigen Palmen empor. Heerden kleiner, glänzend schwarzer, weißbebarteter Affen kletterten auf den Zweigen der Bäume oder schwenkten sich auf den Ranken durch die Luft, und ihr Gekreisch und Geschrei ähnelte dem Lärmen und Jubeln spielender Kinder. Das scharfe Krächzen der Papageien, der Ruf des Spottvogels aus den Wäldern vermehrte das Eigenthümliche der Scene, und die prächtigen gold- und azurglänzenden Tagesfalter, die mit den Kolibri's um die Wette von Blume zu flatterten, belebten die paradiesische Gegend mit jenem Hauch des friedlichen Naturlebens, der weit eigentlicher dazu paßt als das Treiben der Menschen.
Denn ein Paradies des Friedens, der Ruhe und des Glücks schien diese köstliche Flur. Das war auch der Eindruck, der
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Gedanke des Reiters, der den Weg am Bergabhang herabstieg und mit seinem Blick das Thal, das Dorf und das Schloß des Zemindars auf den jenseitigen Höhen umfaßte, über welche hinaus das Auge in weiter Ferne das am Rande des Horizonts emportauchende Meer erschaute.
Es war ein seltsamer Gesell, der einsame Reiter, wie er auf dem alten abgetriebenen Dromedar hockte. Er schien alt - vielleicht fünfzig oder sechszig Jahre, denn das struppige Haar und der wirre Bart waren grau, und dennoch leuchtete manchmal etwas aus dem Auge und zuckte um den Mund, was eine jüngere ungebeugte Kraft verrieth.
Der Fremde trug die Lumpen eines Fakirs, die kegelförmige Wollmütze, den Strick mit der Kürbisflasche und der Geißel um den Leib, dessen nackte Theile zwar nicht die schwärzliche Broncefarbe der Bewohner des Dekan zeigten, aber doch so gebräunt waren, wie in den nördlicheren oder gebirgigen Theilen Indiens die Sonne die Menschenhaut färbt.
Nur seine hohe Gestalt, die breite Brust, der kräftige Gliederbau - wie abgemagert diese auch erschienen - paßte nicht zu den schmächtigen, schlanken und schwachen Formen, welche die meisten indischen Racen zeigen, ebensowenig die trotz des Alters und der Furchung der Züge noch immer schöne kaukasische Form seines Gesichts mit der kräftigen charaktervollen Stirn. Es mußte offenbar einer der Fanatiker aus dem Himalaya oder von den Grenzen Afghanistans sein, den sein Wandertrieb so weit nach dem Süden verschlagen.
Mann und Thier waren, wie gesagt, abgemagert und verkommen von den Anstrengungen einer weiten Reise und schienen mit gleich sehnsüchtigen Blicken den Reichthum des Thales zu betrachten, das ihnen Erfrischung und Kräftigung nach den Strapatzen des Zuges durch die Wildniß versprach. Dennoch lag in dem Auge des Bettlers mehr, als die Sehnsucht nach einem körperlichen Genuß, der bei der bescheidenen, einfachen Lebensweise und den geringen Bedürfnissen der Eingebornen überhaupt wenig geachtet wird. In den Falten seiner Stirn war tiefes Nachdenken und um den Mund, dessen vollere Bildung Ansprüche oder
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Erinnerungen frühern Wohllebens zu verkünden schienen, zuckte es wie grimmiger Hohn und Schmerz.
Der Bettler näherte sich jetzt auf dem harttrabenden Dromedar der Mitte des Thales, wo er von der Höhe des Weges zwischen dem dunklen Grün der Pipalia's und Bananenpalmen unter dem Schutz großblättriger Teakbäume die bescheidenen Hütten eines indischen Dorfes bemerkt hatte.
Noch bevor er es erreicht, sah er eine kleine Schaar von Reitern und Fußgängern von der andern Seite des Thales auf dem Weg von der für europäische Augen ziemlich einfachen und kaum unseren Bauerngehöften ähnlichen Burg des Zemindars gleichfalls ihren Weg nach dem Dorfe richten und vernahm den gellenden Ton eines Muschelhorns in drei lang gezogenen Noten.
Bei diesem Laut hielten die auf den Feldern zerstreuten Arbeiter mit ihrer Beschäftigung inne, sie nahmen ihre einfachen Geräthe, holten die weidenden Ochsen zusammen und nahmen ihren Weg nach dem Dorf.
Viele der Leute, Männer, Frauen, Mädchen und Knaben kamen an dem Fakir vorüber.
Seine früher so hohe aufgerichtete Gestalt schien Jetzt alle Kraft und Elasticität verloren zu haben; sie hockte zusammengekrümmt zwischen den Höckern des Thieres, die Augen des Reiters hatten einen eigenthümlichen Starrblick angenommen, der, vor sich hin in die leere Luft stierend, Nichts zu bemerken schien, was um ihn her vorging. Eben so wenig erwiederte der Bettler den Gruß der vorbei eilenden Thalbewohner.
Dieser fanatischen Maske ungeachtet, bemerkte er sehr wohl das auffallende Benehmen und Aeußere dieser Leute, als sie in seine Nähe kamen. Ihre Züge drückten sämmtlich, trotz des sie umgebenden Reichthums der Natur, große Noth und bitteres Leiden aus. Ihre einfache Kleidung war fast noch zerlumpter, als die des privilegirten Bettlers auf seinem Thier, Schrecken und Furcht malte sich in den Augen der Frauen, Trotz und Verzweiflung in dem Gesicht der Männer.
Fast zugleich mit einem Haufen dieser Landleute erreichte der Fakir den Eingang des Dorfes, das aus etwa hundert Hütten bestand, die ohne Ordnung im Kreise zerstreut um eine kleine
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Moschee in der Mitte des Platzes lagen, über welche drei hohe Palmen ihre mächtigen Blätterkronen in die blaue Luft reckten.
Der reisende Bettler schien jetzt zu wissen, woran er sich zu halten hatte, er erkannte aus der Form des Gebäudes sogleich, daß die Bewohner des Dorfes Muhamedaner waren.
Bisher hatte noch kein Zeichen an ihm verrathen, ob er Hindu oder Moslem; denn beide Religionen haben ihre umherwandernden Bettelmönche, die Fakirs und Derwische, die in allen Aeußerlichkeiten einander so gleich sind, daß eine Unterscheidung ohne nähere und längere Beobachtung fast ganz unmöglich ist.
Jetzt, am Eingang des Dorfes, erhob der Dromedarreiter seine Stimme zu dem gellenden Ruf: »Allah il Allah, Mahomed illah!« und verkündete damit, daß er gleichfalls zum Glauben des Propheten gehöre.
Doch selbst die Religionsgenossenschaft schien in diesem Augenblick ihm wenig Sympathieen zu erwecken und jeder der Begegnenden mit den Sorgen des Augenblicks zu viel zu thun zu haben, um auf den gewohnten Anblick eines Bettlers zu achten, der sich von seinen Genossen höchstens dadurch unterschied, daß er noch im Besitz eines, wenn auch noch so schlechten Reitthiers war.
Aber der Fakir - denn diesen Namen führen im Allgemeinen in Indien auch die Derwische - kümmerte sich gleichfalls wenig um diese Theilnahmlosigkeit und wußte, was er, mit den Sitten und Gebräuchen vertraut, zu thun hatte.
Die Hütten des Dorfes waren eben so einfach, als ärmlich. Sie bestanden aus Bambusrohr, dessen Ritzen und Spalten mit Moos und trockenen Farrenkräutern verstopft waren, und erhoben sich auf Pfählen, etwa zwei Ellen hoch, über dem Boden, theils um gegen die in der nassen Jahreszeit sich häufig ereignenden Ueberschwemmungen des Flusses, theils um gegen das, in diesem Klima so zahlreiche und gefährliche Gewürm besser geschützt zu sein. Zu jeder mit einer Bastmatte verhangenen Thür führte eine kleine Rohrtreppe. Breite, sechs bis acht Fuß lange Pisangblätter bildeten die Bedachung und in der Nähe jeder Hütte stand im Freien der kleine Heerd von Lehm, der den Bewohnern zur Bereitung ihrer einfachen Nahrung dient.
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Nur eine der Hütten zeichnete sich durch größere Räumlichkeit und einen zierlichern Bau, sowie mehrere ähnliche Nebengebäude vor den anderen aus. Eine ziemlich breite Gallerie oder Veranda von Bambus lief um das ganze Quadrat des luftigen Gebäudes, gleichfalls auf Pfählen erhöht, und war sowohl durch das vorspringende, aus Rohrbalken gebildete und mit Matten bedeckte Dach als durch die wohl dreißig Schritt vom Hauptstamm hinaus in die Luft sich breitenden dichtbelaubten Zweige eines riesigen Tamarindenbaumes beschattet, der seine Aeste und Gipfel hoch über das Dach dieses einfach zierlichen Bungalow erhob.
Auf der offenen Veranda, nahe der emporführenden Treppe, saß ein Indier von kräftigem, ernstem Aussehn, mit langem, dunklem Bart, seine Hukah rauchend. Zu diesem Gebäude richtete der Fakir, nachdem er mit sachkundigem, raschem Blick die Umgebung geprüft, den Lauf seines Thieres, hielt unter dem Schatten des Baumes ein und sagte mit singender Stimme den gewöhnlichen Gruß: »Salem aleikum!« indem er den Vers des Dichters Hafiz hinzufügte: »Die Pforten des Paradieses sind vor Allen den Barmherzigen geöffnet. Wer da hat, der möge geben, denn er säet für die Ewigkeit. Die Armen und die Wanderer sind das Erbe Allahs an die Reichen!«
Der einfach aber reinlich in Weiß gekleidete Mann neigte ernst sein Haupt, indem er die Spitze der Hukah von seinen Lippen entfernte.
»Mein frommer Bruder ist willkommen im Hause Caulathy Mudaly's, obschon er im Irrthum ist, wenn er ihn für reich hält.«
Der Derwisch gab seinem Thier ein Zeichen, das sich sogleich auf die Knie niederließ, worauf der Reiter von seinem Rücken stieg und den Sattel zu lösen begann. Während dieses Geschäfts spann sich die Unterredung weiter.
»Cauthaly Mudaly,« sagte der Bettler, »behauptet ein armer Mann zu sein, und doch besitzt er das schönste Haus in diesem Dorfe. Er ist ein Zemindar!«
Der Moslem schüttelte verneinend das Haupt. »Allah bewahre mich. Ich bin ein Ryot, wie meine Nachbarn, und sitze nur durch die Gnade Allahs frei auf dem Erbe meiner Väter.«
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»Aber ich sehe große Speicher und Ställe. Warum verläugnet der Wirth vor einem frommen Mann seine Habe?«
»Jene Speicher,« sagte finster der Landmann, »sind leer bis zur nächsten Erndte. Es ist wahr, der Prophet hat mir mehr gegeben, als ich brauche, aber ich gab, wie es der Koran befiehlt, meinen Ueberfluß hin, um meine Brüder vor den Peons zu retten. Leider reichte es nicht, denn die Affen hatten die Maisfelder zerstört und der Zemindar ist ein harter Mann!«
Der Derwisch wies nach den Bananen und den vielfachen Früchten, welche die üppige Vegetation umher bot.
»Gott ist groß,« sagte er, »Allah läßt Keinen verhungern, der sein Vertrauen auf ihn setzt.«
Hohn lag auf dem ernsten schönen Gesicht des indischen Landmannes, als er gleichfalls seine Hand nach den Kronen der Bäume ausstreckte.
»Sind die Kokosnüsse in diesem Lande Rupien, und wachsen auf den Bananen die goldenen Mohurs? Was will der Faringi anders, als Silber und Gold! Jene Früchte, die Allah auf den Sträuchern und Bäumen wachsen läßt, müssen unser Leben fristen, um für die Fremden arbeiten zu können!«
»So habt Ihr einen harten Grundherrn?«
»Dies Land, o Fremder,« sagte der Bauer, »gehörte unseren Vätern und dem Peischwa. Ich sagte Dir bereits, daß ich ein freier Mann bin und auf dem Meinen sitze. Aber bis auf das Feld, wo der Fluß sich an dem Hügel windet, ist jetzt Alles Eigenthum des Zemindars, und der Zemindar ist einer der Faringi's von Madras! - Doch führe Dein Dromedar zu jenem Mangobaum, süßes Gras wächst in seiner Nähe und es wird der Kraft bedürfen, Dich aus den Scenen des Schreckens zu tragen, die hier Dich erwarten.«
Der Derwisch führte das Dromedar nach dem angewiesenen Baum, wo ein Knabe ihm Beistand leistete, es aus einer hölzernen Rinne, die das Wasser des Flusses durch das kleine Gehöft führte, zu tränken. Dann nahm er den alten Sattel mit dem Kissen und trug ihn zu der Veranda. Eine fein geflochtene Binsenmatte war hier bereits neben dem Hausherrn ausgebreitet und ein junges, nach der Sitte der Moslems verschleiertes Mädchen
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knieete dort, ein hölzernes Gefäß mit Wasser in der Hand, um dem heiligen Mann Füße und Hände zu waschen.
Der Derwisch verrichtete die Ceremonie, während das junge Mädchen seine dunklen Augen züchtig niedergeschlagen hielt, und setzte sich dann auf den Teppich, mit orientalischer Ruhe dem Wiederbeginn des Gesprächs oder das Bringen einer kleinen Erfrischung erwartend.
Unterdeß hatte sich der Platz vor der Hütte und um die kleine Moschee mit den Dorfbewohnern gefüllt, die theils von dem Felde, theils aus ihren spärlichen Behausungen hervorgekommen waren. Eine allgemeine Aufregung und Angst schien unter ihnen zu herrschen. Die Frauen rangen die Hände und geberdeten sich wie wahnsinnig, die Männer standen in der geduldigen Hingebung und Ruhe, welche ein so hervortretender Zug des indischen Charakters sind, oder unterredeten sich leise mit einander und umstanden einen Mann von ehrwürdigem, greisem Aussehn, dem sie, obschon er eben so ärmlich, wie sie selbst gekleidet war, doch offenbar einen gewissen Respect bewiesen.
Dabei vermieden sie scheu, einer Gruppe zu nahe zu kommen, die der Falir schon bei seinem Erscheinen bemerkt hatte.
Es waren dies vier oder fünf in seltsamen Stellungen auf der Erde lauernde, dem, wenn auch durch den nahenden Abend gemilderten, doch noch immer brennenden Strahl der Sonne ausgesetzte Menschen, die gleich Kugeln zusammengeballt dort hockten und eine schwere Steinlast auf Kopf und Rücken zu tragen schienen.
Nahe dabei, aber im Schatten der Moschee, saßen zwei Peons oder indische Polizeisoldaten, an der weißen Kleidung, den gleichen Turbans und den langen Stäben erkennbar, die neben ihnen an der Wand lehnten.
Sie schienen sich wenig um das Treiben um sie her zu kümmern, und nur zuweilen warf der Eine oder der Andere einen Blick auf die unglücklichen Gefangenen neben ihnen, um sich zu überzeugen, daß auch keiner von der ihm aufgebürdeten Last sich befreit habe.
Währenddessen war der alte Mann mit einer Anzahl Landleuten näher zu der Veranda gekommen. Sie hoben wie flehend
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die Hände empor, während ihre Blicke sich von Zeit zu Zeit ängstlich nach der andern Seite des Dorfes wendeten.
Dort - einen Hügel herab - kamen jetzt die Reiter und Fußgänger, die der Fakir vorher vom Bungalow des Zemindar heran ziehen gesehen.
»O Caulathy Mudaly,« sagte der alte Mann, »bei dem Propheten und der heiligen Kaaba von Mekka, hilf uns, wenn Du kannst, die böse Stunde ist gekommen!«
Und Männer und Weiber stimmten wehklagend in den Ruf ein: »Hilf uns, hilf uns!«
Der Ryot hatte sich erhoben. Er stand auf den Stufen der Bambustreppe, die zu seiner Wohnung führte.
»Wann habt Ihr je um Hilfe gerufen und Caulathy Mudaly hätte nicht seine Hand aufgethan?« fragte er mit ernster, klangvoller Stimme. »Ist Einer unter Euch, der sagen kann, ich hätte nicht mit ihm getheilt, so lange ich noch hatte? - Bin ich nicht selbst arm jetzt, wie Ihr, und habe kaum die Salz- und Kopfsteuer für mich und die Meinen bezahlen können, und mehr als eine Hand voll Reis, um uns zu ernähren bis zur Erndte? Da sind meine Speicher! Geht hin und seht, ob sie gefüllt sind! - Dort sind meine Ställe - seht zu, ob Ihr mehr als das Joch Ochsen darin findet, das zur Bestellung meines Feldes nothwendig ist. Allah hat unseren Peinigern Macht gegeben - wir müssen das Schicksal tragen. Vielleicht rührt der Prophet ihr Herz!«
»Sie haben keines - es ist ein Stein in ihrem Busen!« schrie eines der Weiber. »Sie tragen die weiße Leber der Faringi's! Sie haben kein Mitleid mit mir gehabt - warum sollten sie es mit Euch haben?«
Die Sprecherin riß das Gewand von Hals und Brust und ein schauerliches, ein erregendes Bild bot sich den Blicken dar. Die linke Brust des Weibes zeigte die furchtbaren Verwüstungen jener schrecklichen Krankheit, welche man Krebs nennt.
Die Fäulniß bei lebendigem Leibe hatte bereits den Quell verzehrt, aus dem das Kind die erste Nahrung trinkt, und zeigte eine eiternde Vertiefung, von blauen und weißen Ringen umgeben.
Aber der Derwisch war der Einzige, der der diesem schrecklichen
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Anblick zurückschauderte - allen Anderen war es ein bekannter gewohnter; denn die Zahl der unglücklichen Frauen, die langsam an der schrecklichen Krankheit dahinstarben, welche die unmenschliche Marter der Steuereinnehmer der Compagnie ihnen auferlegt, ist nicht gering in den indischen Provinzen!40
Der freie Ryot wandte sich ab von seinen unglücklichen Brüdern »Ein heiliger Pilger ist bei mir eingekehrt als Gast,« sagte er traurig, »Geht und beleidigt sein Ohr und sein Auge nicht mit dem Anblick Eurer Schmerzen!«
Möge sein Schatten lang und sein Segen bei uns sein,« murmelten die Unglücklichen, indem sie sich entfernten. »Er wird für uns beten.«
Der Wirth winkte seinem Gastfreund nach dem Innern des Hauses. »Die Weiber haben zu Deinem Mahl bereitet, was wir zu bieten vermögen, Pilger,« sagte er. »Es ist wenig, aber es wird hinreichen, Dich zu sättigen. Wenn ich Dir rathen darf, so besteige alsdann Dein Thier, so müde Du auch bist, und setze Deinen Weg fort, denn Dein Schlaf würde von dem Jammer des Unglücks gestört werden.«
Der Fremde hatte seine gebeugte Gestalt aufgerichtet, seine Züge waren ehern, sein Auge brannte fest und finster.
»Was fürchtest Du?« fragte er.
»Die Leute des Deputy-Collectors41 sind im Anzug. Sie kommen, um Steuern zu erpressen für den Zemindar und die Regierung, und ihr Herz ist von Stein. Es ist der letzte
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Termin, den sie den Bewohnern des Dorfes gesetzt und die Marter wird bald in vollem Gange sein.«
»Ich habe gehört von den Leiden, die die Armen erdulden müssen, aber man hat mir Dinge erzählt, die meine Seele nicht glauben mag. Ich komme aus fernen Ländern, wie ich Dir gesagt - laß mich selbst sehen, was Wahrheit ist an der Klage dieser Leute!«
Der Ryot antwortete Nichts als das Wort »Owh!« (Komm.) - Dann schritt er vor seinem Gastfreund her und verließ seine Hütte.
Der Derwisch folgte ihm auf den Platz vor der Moschee.
Hier war die Schaar, welche das Dorf vom andern Ende her betreten, jetzt eingetroffen und hatte sich um ihre Führer aufgestellt.
Diese bestanden in dem Verwalter des Zemindars oder Grundherrn, einem noch ziemlich jungen Europäer von hübschem aber frechem Aussehn, mit hochmüthig auf die Dorfbewohner herabblitzenden Augen im sonnverbrannten Gesicht, und dem Deputy-Collector, einem alten finstern Muselman, tyrannischen Amtsdünkel und Habsucht in den harten Zügen. Beide waren zu Pferde und von mehreren berittenen Dienern begleitet, während etwa zehn Peons oder Polizeidiener und eben so viel bewaffnete Sepoy's ihr andres Gefolge bildeten.
Auf ein Zeichen des Steuereinsammlers hatte einer seiner Untergebenen nochmals ein Signal mit dem Muschelhorn gegeben, auf welches die sämmtlichen Bewohner des Dorfes herbeikamen, wobei der alte Munsiff, oder Ortsrichter, mit Hilfe seines Untergebenen, des Tschaukidars, die Säumigen zur Eile antrieb, und bangend und zagend sich vor den Gefürchteten aufgestellt hatten.
Unter den Gruppen befand sich auch Caulathy Mudaly und der Derwisch, der mit großer Aufmerksamkeit den Verwalter des Grundherrn betrachtete.
»Hört ihr Hunde, ihr Gesindel!« redete dieser sie an, als allgemeine Stille eingetreten war, »die ihr nur durch die Gnade eures Gebieters und meine Nachsicht noch dies hübsche Thal durch eure Gegenwart beschmutzt - ich hoffe, ihr habt euch an den Burschen da, die wir gestern in's Annundal gesteckt, ein
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Beispiel genommen und eure Rupien aus den Winkeln zusammengescharrt, wo ihr sie versteckt. Seiner Ehren, Sir Lytton Mallingham, euer gütiger Grundherr, trifft morgen früh mit seiner Jagdgesellschaft hier ein, und das Geld muß für ihn bereit liegen, oder ich lasse euch sammt und sonders das Fell über die Ohren ziehen! Verstanden?«
Seine Sprache war ein Kauderwelsch von Englisch und Hindostanisch, schien aber den Bedrohten sehr wohl verständlich, denn viele von ihnen fielen auf die Kniee, streckten jammernd die Hände nach ihm aus, und Alle schrieen kläglich durcheinander, daß sie kein Geld hätten, und um Nachsicht bis nach der neuen Ernte bäten.
»Ihr Narren,« sagte der Verwalter, »das ist für die neuen Steuern. Das honorable Mitglied des Präsidentschaftsrathes, euer Herr, ist nebenbei ein prompter Geschäftsmann und duldet keine Reste. Aber ich kenne euer Gewinsel und weiß, was dahinter steckt. Würdiger Aly Karam, beginne Dein Geschäft und schenke keinem der greinenden Schurken ein Annah!«42
Der Steuereinnehmer befahl dem Munsiff, die Rolle herbeizubringen, welche das Verzeichniß der Bewohner des Dorfes enthielt, und nachdem sie der alte Mann ihm dargereicht, übergab er sie einem seiner Leute, um die einzelnen Namen aufzurufen, während er selbst ein gleiches Verzeichniß mit den Steuerbeträgen nachlas.
Der nicht ohne Geschmack, aber ziemlich geckenhaft in europäische Pflanzertracht gekleidete Verwalter, dem sein Huckabedar oder Pfeifenträger alsbald eine angezündete Cigarre in seinem Bernstein-Mundstück reichte, während ein anderer Diener einen riesigen Sonnenschirm am langen Bambusstäbe über seinem Kopf drehte, um Kühlung und Schatten ihm zu verschaffen, musterte unterdeß durch ein großes, unförmliches Lorgnon die Gruppen und Gesichter.
»Parasuma Granny, der Munsiff des Dorfes,« las der Steuerbeamte.
»Zwei Rupien und drei Annah's Rest von der Salzsteuer
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für die Regierung,« fügte der Einnehmer grimmig hinzu. »Hund von einem Vorsteher. Ich speie in Deinen Bart, wenn Du Dein Amt so schlecht verwaltest, daß Du selbst mit Schulden ein böses Beispiel giebst. Wo ist das Geld?«
»Effendi,« sagte der alte Mann, »ich verwalte seit dreißig Jahren diesen Posten, der mir im Jahre kaum dreißig Rupien einbringt, die Hälfte von den Steuern, die ich zahlen muß. Noch niemals bin ich im Rückstand gewesen - aber ich kann das Feld nicht mehr selbst bebauen und die Hilfe, die mein Sohn, der bei der Bengal-Armee steht, zu schicken pflegte, ist ausgeblieben. Ich wartete vergeblich auf seine Ankunft.«
»Bosch! Unsinn! - ich werde der Regierung berichten, daß sie Dich Deines Amtes entsetzt und der Zemindar wird Dich, fortjagen!«
»Very well! ich will dafür Sorge tragen!« Der alte Mann erbebte. Bei allem Elend und allem Leiden sind diese Aermsten ehrgeizig und würden eher ihr Leben, als sich von einem ihnen überwiesenen Posten, sei er so unbedeutend wie er wolle, schimpflich verjagen lassen.
»Mein Vater und Großvater waren bereits Richter im Dorfe,« sagte der Alte, indem er in den Taschen seines Kaftans kramte. »Ich habe kein Geld, aber mein Sohn schenkte mir, als er das letzte Mal bei mir war, diesen Ring, den er in Kabul im Afghanenkrieg erbeutet. Ich bitte Dich, ihn für die Schuld anzunehmen und mir den Rest des Werthes heraus zu geben.«
Er übergab dem Collector einen Ring, der einen einzigen Blick darauf that und ihn dann einzustecken suchte. Aber der würdige Verwalter des englischen Grundherrn war nicht weniger rasch, hatte sein Pferd dicht herbei gedrängt und hielt die Hand mit dem Ringe fest.
»Bah - purer Tomback mit einem werthlosen Glasstein,« sagie er mit einem verständigenden Blick auf den Collector. »Das hübsche Aussehn ist der einzige Werth, aber weil der Alte sonst eine ehrliche Haut ist und wenigstens den guten Willen hat, zu bezahlen, bitte ich Dich, Nachsicht mit ihm zu haben, Freund Aly.«
»Ich will es verantworten um Deinetwillen,« sagte der Steuereinnehmer großmüthig, indem er den Ring in seinen
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Leibbund steckte, »daß die Schuld bis zum nächsten Termin unberichtigt bleibt. Aber ich rathe Dir, Munsiff, daß Du dann das Geld bereit hältst, denn die Schatzkammer der Compagnie ist nicht gewillt mit sich spielen zu lassen.«
Der arme Dorfrichter sah ihn verblüfft an. »Maschallah! ich, dachte - ich meinte - -«
»Deine Meinung ist die Meinung eines Esels, Dein Vater und Dein Großvater waren Esel! Nimm Dich in Acht, daß ich meine Güte nicht bereue. - Wer ist der Nächste auf der Liste?«
Der Verwalter grinste spöttisch, während der alte Mann, der anfangs beabsichtigt hatte, ein gutes Wort für die Dorfbewohner einzulegen, verdutzt zurücktrat. »Halb Part, Aly,« flüsterte jener in englischer Sprache, »der Smaragd ist unter Brüdern fünfhundert Rupien werth!«
Das scharfe Ohr des Pilgers vernahm sehr wohl die Worte - sein Auge hatte den schändlichen Handel genau beobachtet.
»Caulathy Mudaly,« las der Unteraufseher von seiner Liste.
»Es ist ein freier Ryot und hat die Steuer bezahlt - bis auf ...[«]
»Verzeih,« unterbrach ihn der Mann, »ich habe Salztaxe und Kopfgeld bis auf den letzten Peis43 berichtigt.«
»Willst Du mich lehren, was in meiner Liste steht, Sohn einer Jüdin?« brüllte der Collector. »Du schuldest die Opiumsteuer mit zehn Rupien und sechs Annahs.«
»Aber ich baue keinen Opium und habe nie damit Handel getrieben, Fluch dem Gift, das unser Volk entnervt.«
»Du wirst zahlen oder wir pfänden Deine Habe und sperren Dich ein! Verstehst Du? Wallah! ich werde mir doch von einem Schurken wie Du bist, nicht in den Bart lachen lassen!«
»Der Ryot ballte die Faust, seine Zähne knirschten und seine Stirn färbte sich dunkelroth. Dennoch besiegte er mit gewaltsamer Kraftanstrengung die aufsteigende Erbitterung und sagte mit verbissenem Grimm: »Ich werde zahlen, aber ich bitte Dich, bemerke in Deiner Liste, daß ich keinen Opium bereite.«
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»Ich werde thun, was mir beliebt,« entgegnete mürrisch der Beamte, »Jetzt mach' und hole das Geld.«
»Ich habe nachher noch ein Wort mit Dir zu reden, Caulathy Mudaly,« sagte der Verwalter. »Also bleibe nicht etwa aus. Wer ist der Kerl an Deiner Seite? ich kenne ihn nicht, obschon seine Fratze mir irgendwo aufgestoßen sein muß!«
»Es ist ein Pilger, Sahib,44 der weit her kommt und an die heiligen Orte auf die Inseln will.«
»Möge er verdammt sein!« war die freundliche Gegenbemerkung. »Es zieht des Gesindels mehr im Lande umher, als es Schmeißfliegen giebt. Ihr seid Narren, daß Ihr solche Müßiggänger noch füttert! Aber vielleicht ist der Bursche ein Gaukler und kann allerlei Kunststücke, mit denen er morgen die Herrschaft ergötzen mag. He - Kerl - bist Du ein Zauberer, machst Du Künste?«
»Ich verstehe nur eine Kunst,« sagte der Derwisch, vor dem Anmaßenden sich beugend und den Salem machend, »aber sie würde nicht passen für Dich, edler Sahib.«
»Warum nicht? was ist's?«
»Ich verstehe die Kunst des Tättowirens, ich mache Zeichen auf Schultern und Arme, die unvergänglich bleiben.«
Der Ton, in welchem der fahrende Bettler diese Bemerkung machte, war gleichgiltig und bedeutungslos, dennoch schienen die Worte eine gewisse eigenthümliche Wirkung auf den englischen Verwalter zu machen, denn er wandte sich, ohne weiter zu antworten, rasch ab und zu dem Fortgang der Scenen bei der Steuererhebung.
Der Mann, der zunächst aufgefordert worden, war einer der wenigen Hindu's, die in dem sonst mohamedanischen Dorfe friedlich und einträchtig mit ihren Nachbarn wohnten. Der Collector forderte von ihm fünfzehn Rupien als Rest des Zehnten oder vielmehr Dritten - denn der indische Landmann muß außer den Steuern den dritten Theil all seiner Erträge und Habe an den Gutsherrn zahlen - für den Zemindar vom vergangenen Jahr. Vergebens betheuerte der Arme, daß der Zehnten,
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die Steuern für die Regierung und die Verwüstung seines Reisfelder durch eine Heerde wilder Elephanten ihm kaum das Korn zur neuen Aussaat gelassen und daß er seit dieser nur von wilden Früchten mit den Seinen sich genährt habe; der Collector schalt ihn einen Lügner und einen geizigen Betrüger, der sein Geld bei Seite gebracht habe, um sich der Leistung der Abgaben zu entziehen.
»Laß ihm die Kittie geben, Freund Aly,« sagte der Verwalter bemüht, den Eindruck der zufälligen Antwort des Derwisches in seinem Geist zu verwischen. »Im vorigen Jahr hat man bei seinem Weibe die Stäbe angewandt, und ich erinnere mich, daß das Mittel geholfen. Was meinst Du, wenn wir die Brüste aller dieser Weiber, wenigstens der jungen, in den Kittie preßten, es würde uns das Geschäft ungemein erleichtern?«
Der Collector schien die Tortur en gros noch nicht für anwendbar zu halten.
Sie ist jedoch in dieser Weise an anderen Stellen von den Steuerhebern der Compagnie angewendet worden; der offizielle Bericht der obenerwähnten Commission erzählt, daß in einem Dorfe die Busen aller Weiber in den Kittie gebracht, das heißt zwischen zwei Holzstäben zusammengequetscht wurden, so daß mehrere der Unglücklichen davon am Brustkrebs elendiglich langsam starben, Andere wurden mit glühenden Eisen gebrannt.
Der Collector winkte den Peons, den Kittie bereit zu machen. Zwei derselben erfaßten den Hindu, und zwangen ihn, nieder zu knieen. Der Aermste fügte sich mit jener stummen, leidenden Geduld des unglücklichen Volkes, obschon Thränen auf Thränen über seine hageren Wangen liefen. Sein Weib - jene Unglückliche mit der brandigen Brust - warf sich vor den Peons und Gebieter auf die Kniee und flehte vergeblich in herzzerreißenden Tönen um Erbarmen für ihren Mann. Der Verwalter befahl dem Tschaukidar, die Wehklagende zu entfernen.
Die Häscher hatten unterdeß einen breiten flachen Stein herbeigebracht und zwangen den Verurtheilten, die linke Hand flach auf denselben zu legen.
Dann nahm einer der Peons den Kittie, einen etwa 18 Zoll langen Stab, an dem einen Ende breit und dick, an dem andern
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mit stumpfer Spitze, stellte letztere auf die Handfläche des Hindu und setzte sich auf das dicke Ende des Stocks. Zwei andere Diener der Gerechtigkeit hielten den Hindu fest.
»Willst Du zahlen, Kifna Pillay?«45
»Möge die Allgütige mir helfen! - Ihr wißt es, ich kann es nicht!«
Das Blut quoll zwischen den gequetschten Adern und Muskeln hervor.
Das, Leser - ist die Kittie, eines jener humanen Mittel, welche die englisch-ostindische Compagnie anwendet, von ihren Unterthanen die Steuern einzukassiren!
Nur eine kleine Geduld, Leser - und Du sollst noch Besseres erfahren!
Aly Kuram, der Deputy-Collector, fuhr, ohne sich weiter um die Leiden des Gemarterten zu bekümmern, in seiner Liste fort. Der Nächste war wieder ein Muhamedaner. Er hatte die Regierungssteuer bezahlt, aber er schuldete noch dem Zemindar siebzehn Rupien. Aus Glaubensfreundschaft wurde er nur gepeitscht und auf drei Tage zum »Annundal« verurtheilt.
Das Annundal wird mit Variationen, je nach dem Geschmack und dem Raffinement der Steuereinnehmer, angewendet. Hier wurde der Schuldige mit dem Kopf zwischen die Kniee festgebunden, und ein Stein vom Gewicht eines Centners auf seinen Rücken gelegt.
Dem darauf folgenden Schuldner begnügte man sich, die große Zehe des linken Fußes mittelst eines angebundenen Strickes möglichst dicht an den Hals zu schnüren und ihn so zu zwingen, auf einem Beine zu stehen. Sobald er sich zu rühren wagte, schlugen ihn die Peons mit ihren Stäben in die Weichen.
Da bis jetzt noch kein Geständniß, kein Herausrücken von verstecktem Gelde erfolgt war, ergrimmte der habsüchtige Collector immer mehr und befahl, Feuer anzuzünden und die Eisen glühend zu machen.
»Rana Baulambal!«
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Eine junge Frau - eine Wittwe - trat zagend aus dem Haufen.
»Du bist eine Hindu - wie kannst Du Dich unterstehen mit einem Schleier vor uns zu erscheinen? Fort mit dem Lappen!«
Der rohe Griff des Steuerdieners riß das verhüllende Tuch von ihrem Haupte und Hals, daß Antlitz und Brust allen Blicken blosgestellt waren.
Ein Murren der Entrüstung erhob sich unter dem muselmanischen Theil der Bevölkerung, aber eine drohende Bewegung des Collectors scheuchte auch den Dreistesten zurück.
Der Verwalter betrachtete das Weib, die verschämt die Arme über die enthüllte Brust kreuzte, mit lüsternen Blicken, denn sie war eine jener weichen, üppigen Schönheiten, wie man sie häufig in Indien findet.
»Dein Mann ist gestorben?«
»Du sagst es, Sahib - das Unglück ist über meinem Hause. Er starb vor vier Monden.«
»Du bist seine Erbin und mußt seine Schulden bezahlen. Er ist die Landpacht für das letze halbe Jahr mit 120 Rupien schuldig geblieben. Hast Du das Geld zur Stelle?«
»Wischnu erbarme sich - ich weiß, daß mein Mann die Landpacht für das ganze Jahr entrichtet hat, als er bei Dir auf dem Amt in Winnkonda war. Er nahm das Geld mit sich, zehn Tage vor seinem Tode.«
»Was weiß ich, wo der Hund das Geld verpraßt hat. Hast Du eine Quittung?«
»O Herr Du weißt, daß wir nie eine erhalten!«
»So willst Du mich mit Lügen füttern! - ich kenne Dich von früher, Du bist der Widerspenstigkeit voll. Zahle oder fürchte meine Rache!«
Das Weib warf sich vor ihm in die Kniee. »Habe Mitleid - ich konnte Deinen Willen nicht thun. Das Gesetz Brahma's verdammt die Ehebrecherin auf ewig zur Wanderung!«
Der Verwalter schlug ein lautes Gelächter auf, und den Collector spöttisch auf die Schulter klopfend, sagte er: »Alter - da kommt es heraus, weshalb Du immer um die
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Hütte der schönen Baulambal schlichst, als Du uns das vorige Mal heimsuchtest!«
»Verflucht sei die Lügnerin und die Hündin, die sie geboren!« schäumte der Steuererheber, indem er sein Pferd an die Knieende hinantrieb, sie bei den Haaren in die Höhe riß und sie seinen Untergebenen zuschleuderte. »Schnürt ihr die Arme auf den Rücken, hängt sie mit den Händen an der Decke ihrer Hütte auf! Die Kittie an ihre Brüste!«
Das Jammergeschrei der Unglücklichen ward durch ein Tuch erstickt, das man in ihren Mund preßte. Zwei Peons hatten sie ergriffen und ihr die Arme auf den Rücken geschnürt. Dann schleppte man sie nach ihrer nahegelegenen Hütte.
Der Derwisch machte eine Bewegung, als wollte er der vergeblich Ringenden zu Hilfe eilen, aber er bezwang sich mit gewaltiger Anstrengung, kreuzte die Arme über die Brust und warf einen scharfen Blick zur Seite.
Allen diesen entsetzlichen Grausamkeiten hatten die zehn Sepoy's mit dem europäischen Unteroffizier, welche den Schutz und die militairische Bedeckung des Collectors auf seiner Rundreise bildeten, unbewegt zugesehen. Keine Spur von Mitleid oder Theilnahme mit ihren unglücklichen Landsleuten zeigte sich in diesen ehernen Gesichtern, welche die Broncefarbe, die sie trugen, dem unbeweglichen Metall noch ähnlicher machte. Der Drillstock des Korporals hatte sie von fühlenden Menschen zu militairischen Maschinen gemacht, und Hindu, wie Muhamedaner - denn beide Sekten waren in der kleinen Eskorte vertreten - kannten nur das Kommando ihres Führers und hatten eben so gehorsam auf seinen Befehl selbst die Unglücklichen auf ihre Bajonnete gespießt.
»Es ist vergeblich,« murmelte der Derwisch nach jenem Blick auf die gleichgiltigen Gesichter der Soldaten - »das Elend ihrer Brüder findet kein Echo in ihren Herzen. Es müssen andere gewaltigere Leidenschaften sein, die ihr Blut entflammen sollen. Aber welche?« - Er versank in düsteres Nachsinnen, während seine Lippen Gebete zu murmeln schienen und die Hände in rastloser Beweglichkeit nach der Eigenthümlichkeit der Orientalen die Kugeln seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten ließen.
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Der Collector und sein Freund, der Gutsverwalter, waren unterdeß von den Pferden gestiegen, um sich den Fortgang ihres Geschäfts bequemer zu machen; die Diener hatten Teppiche für sie auf den Boden gebreitet und der Huckabedar ihnen die Schibuks gereicht während ein Babatschy oder Koch an demselben Feuer, in dem die Eisen zur Tortur glühten, den Kaffee für sie bereitete.
Die schreckliche Manipulation nahm alsdann ihren Fortgang und selbst die Eisen kamen wiederholt in Gebrauch. In der That erreichten bei Verschiedenen die grausamen Martern ihren Zweck und zwangen sie zum Geständniß, wohin sie ihre letzten Rupien verborgen hatten. Selbst goldene Mohurs und Guineen kamen zum Vorschein. Es ist seltsam, mit welchem Geiz oder vielmehr mit welcher hartnäckigen Energie der Indier zusammenspart und seinen kleinern oder größern Schatz selbst mit Aufopferung seines Blutes vertheidigt. Dieser Zug von Habsucht und Geiz ist es auch, der einen großen Theil des Volkes zu den Knechten und Dienern der europäischen Gebieter macht, während es zu deren gänzlicher Vernichtung ausreichen würde, daß z. B. bei einem Kriegs- oder Reisezug die Schaar der indischen Diener auf ein Mal ihre weißen Herren im Stiche ließe, die dann hilflos in diesem Klima verschmachten müßten.
Das erpreßte Geld wurde in einen feinen Binsenkorb gethan, der vor dem Collector stand. Viele aber, und zwar die meisten der gepeinigten Dorfbewohner ließen geduldig die Marter über sich ergehen oder mußten das Entsetzlichste ertragen, weil es ihnen wirklich an jedem Mittel fehlte, die oft ganz ungerechte und längst bezahlte oder übertriebene Forderung der beiden Blutsauger zu befriedigen.
Die Mahomedaner wurden übrigens von ihrem würdigen Glaubensgenossen gewöhnlich mit größerer Nachsicht behandelt und blos in den Annundal gespannt, oder mit Stockschlägen in die Weichen tractirt, während die wenigen und noch ärmeren Hindu's die grausameren Martern trafen.
Unter diesen schien, außer dem Zusammenpressen der Daumen und Schienbeine durch den Kittie, dem Aufhängen an einen Baumast am Bart u. s. w., namentlich die Stricktortur die gräßlichsten Leiden zu verursachen. Diese besteht in der Umknebelung der
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Glieder und der Stirn des Opfers mit einem trocknen Strick aus Pflanzenfasern, die, naß gemacht, sich mit so großer Gewalt zusammenziehen, daß sie das Fleisch bis auf die Knochen durchschneiden.
Die Sonne war unterdeß untergegangen und die Nacht mit jenem raschen Uebergang eingetreten, der den Tropengegenden eigen ist. Fackeln von dem Holz der indischen Fichte und ein großes Feuer, die Moskito's aus den nahen, schilfigen Ufern des Gandlagama abzuhalten, waren augezündet worden, und das Geschäft der humanen Steuererpressung, das bereits volle drei Stunden gedauert hatte, nahte seinem Ende. Das Stöhnen und Jammern der Gemißhandelten ringsum mit den dunkelfarbigen, phantastischen Gestalten hätte dem Auge eines fühlenden Europäers die Scene als ein Spukbild der Hölle erscheinen lassen müssen.
Zuletzt erinnerte sich der Collector noch des freien Ryots, dessen Stellung im Dorf, so gering sie war, schon oft seinen Aerger erregt hatte, und rief ihn vor sich.
»Hast Du das Geld herbeigeschafft?« Der Gastherr des Derwisch trat hervor und zählte mit verbissenem Zorn die Geldstücke vor dem Forderer auf. »Ich habe es von der kleinen Mitgift meines einzigen Kindes genommen,« sagte er, »möge das unrecht Erworbene Feuer werden in Deiner Hand!«
Der Collector lachte. »Sei froh, daß Du so fort kommst. Deine Tochter ist sicher hübsch genug, daß sie keiner Mitgift bedarf.«
Der Ryot wollte sich mürrisch zurückziehen, als ihm der Verwalter zu bleiben winkte. »Ich habe noch mit Dir zu reden, Caulathy Mudaly. Wie ist es, hast Du Dich besonnen, das Feld am Fluß uns zu verkaufen? Seine Ehren haben die Anlegung der Mühle streng befohlen und werden sehr ungehalten sein, wenn die Angelegenheit bei ihrer Ankunft nicht in Ordnung wäre!«
»Verzeih', Sahib - es ist mein bestes Land - dem Zemindar gehört ja ohnehin das ganze Ufer und er wird nicht ungerecht sein gegen den armen Mann. Er kann leicht seine Mühle an einer andern Stelle bauen.«
»Narr! das wissen wir so gut wie Du! Aber der Herr
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will Dein Land nun einmal nicht länger mitten zwischen seinem Grundbesitz haben. Nimm die dreihundert Rupien, die meine Nachsicht Dir geboten und sperre Dich nicht weiter. Hier ist der Collector und sein Gehilfe als Zeuge, dort der Dorfrichter - also der Handel ist abgemacht!«
»Entschuldige mich, Sahib,« entgegnete demüthig der Bauer, »das was Du mir bietest, ist nicht die Hälfte dessen, was mein Vater für das Land an den vorigen Zemindar gezahlt hat, und nicht der vierte Theil seines wahren Werthes. Ich kann das Recht am Strom nicht missen, von dem allein ich meine Felder bewässern muß. Sie sind Nichts werth, wenn ich es verliere.«
In der That war das Recht auf das Wasser des Flusses, das sich der Zemindar oder sein Gutsverwalter angemaßt, eines der wichtigsten, und die Felder der Dorfbewohner hingen dadurch von seiner Willkür ab. Der Selbstbesitz des Ryot von einer Strecke des Ufers war daher ein Dorn in den Augen des Bevollmächtigten des Zemindars.
»Du weigerst Dich also? Bedenke wohl, was Du thust, Hund von einem Bauer!«
»Es ist mein freies Eigenthum, Sahib. Der Zemindar ist so reich - was bedarf er das Erbe eines armen Mannes!«
Der Verwalter hatte sich zu dem Steuereinsammler gebeugt und heimlich eine kurze Zeit mit ihm gesprochen. Dieser blätterte in seinen Listen.
»Höre,« sagte er endlich, »Thumbin Mudaly, der achtzehnjährige Bursche, den ich vorhin peitschen ließ, ist ja wohl Dein Verwandter!«
»Er ist der Sohn meines verstorbenen Bruders.«
»So hat er ein Anrecht auf Deine Felder?«
»Nein, Effendi. Mein Vater theilte das Seine zwischen uns, aber mein Bruder verkaufte sein Erbe an den Zemindar und gerieth in Armuth, Eben darum möchte ich das Meine behalten.«
»Dann wäre es Deine Sache gewesen, dafür zu sorgen, daß der Compagnie und dem Gutsherrn nicht zu kurz thue. Du mußt für die Steuerschuld des Burschen und seiner Mutter einstehen. Für was hat man Verwandte, wenn man nicht dafür
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zahlen müßte. Ahi! Du wirst die neunzig Rupien vorstrecken die sie schuldig sind.«
»Du beliebst Scherz mit Deinem Diener zu treiben, Effendi ich kann kaum die eigenen Steuern zahlen und habe kein Geld zu verleihen.«
Der Collecteur strich sich den Bart. »Willst Du die Summe geben?«
»Ich schulde Dir Nichts - ich habe schon mehr bezahlt, als das Gesetz vorschreibt. Ich kann es nicht.«
»In das Annundal mit dem aufsätzigen Schurken! Werft ihn nieder, Ihr Schufte, fürchtet Ihr Euch vor einem elenden Bauer?«
Der letzte Befehl war an die Peons gerichtet gewesen, die sich Caulathy's hatten bemächtigen wollen, von ihm aber mit kräftigem Widerstand empfangen und zurückgeworfen worden waren.
Der Ryot stand, auf seinen linken Fuß gestützt, die Hände geballt vorgestreckt, das Auge blitzend, das Bild eines kräftigen, zum Aeußersten gereizten Mannes.
»Bismillah! Bin ich ein Hund oder ein Sclave, daß man es wagt, mich so zu behandeln? - Nieder mit der verfluchten Herrschaft der Faringi's! Auf, Männer, rafft Euch auf aus Eurem Dulden und Leiden! Denkt an den alten Glanz unsers Landes und setzt Euch zur Wehr gegen die Tyrannen, wie ich es thue!«
Einige Stimmen erhoben sich und schrieen über die Ungerechtigkeit.
Der Verwalter und der Collecteur waren aufgesprungen. »Will der Hund Rebellion predigen? Unteroffizier, thut Eure Pflicht!«
»Gewehr zum Fuß! - fertig zum Feuern!« Die Ladestöcke der Sepoy's rasselten in die eisernen Läufe.
»Gewehr auf! - Schlagt an!«
Aber keiner der Dorfbewohner rührte sich mehr - Schrecken und Zagen lag auf allen Gesichtern - nur eine Frau und ein junges Mädchen waren aus der Menge herbeigeflogen und hatten schützend und bangend den Gatten und Vater umschlungen.
»Jetzt bindet den Sohn einer Hündin!«
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Die Peons warfen sich auf den Ryot. Noch wollte er sich im Gefühle seines guten Rechts unerschrocken zur Wehr setzen, aber Frau und Tochter selbst hinderten ihn daran. In wenig Augenblicken war er zu Boden geworfen und geknebelt.
Den Weibern war bei dem Ringen der verhüllende Schleier vom Haupt gerissen worden, - die langen, schwarzen Flechten wallten um das goldbraune, edel geformte Gesicht des jungen Mädchens, dessen schöne, große Augen Furcht und edlen Zorn ausdrückten. Die Natur des Vaters regte sich in dem Blute des Kindes. Wenig achteten in diesem Augenblick Mutter und Tochter auf die züchtige Sitte ihres Glaubens.
Der Verwalter schaute mit lüsternem, boshaftem Auge auf die jugendliche Schönheit des etwa dreizehn- oder vierzehnjährigen Mädchens, ein Alter, das unter diesem Himmelsstrich bereits die Jungfrau zur Reife bringt und in dem viele schon verheirathet sind.
»Jetzt, hochmüthiges Ding, will ich Dich kirre machen,« flüsterte er vor sich hin und zu dem Collector gewendet: »Hundert Rupien sind für Dich, Freund Aly, wenn Du mir beistehst, den störrischen Kerl und seine Tochter jetzt zu unserm Willen zu zwingen.«
Der Steuereinnehmer lächelte grimmig. »Spannt den Schurken in's Annundal, bis seine Muskeln und Knochen sich strecken, als wären sie vom Harz des Gummibaums.«
Die Peons knebelten die Zehen des Mannes, der nach seiner Ueberwältigung keinen Laut mehr von sich gab, um seinen Hals und schnürten die lebendige Kugel mit den vorhin erwähnten Baststricken zusammen. Dann warfen sie ihn wieder auf den Boden und der Collecteur selbst setzte sich mit der vollen Last seines Körpers auf den Rücken des Gemarterten, statt ihn mit einem Stein zu beladen.
»Willst Du Dich jetzt fügen, das Geld zahlen und dem Zenundar Dein Feld verkaufen?«
»Niemals! Niemals!«
»Der Bursche ist ein verstockter Sünder! feuchtet die Stricke an und bindet das heulende Weib an den Bananenbaum! Wir können ihr Gejammer hier nicht brauchen! Er stieß die zu
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seinen Knieen flehende Frau mit einem Fußstoß von sich. Es geschah mit ihr, wie er gesagt.
»Nun, braunes Täubchen,« sagte der Verwalter, indem er sich dem zitternden, mit wogendem Busen, aber starrem Schweigen in der Mitte des Kreises stehenden Mädchen näherte. - »Du erinnerst Dich, wie trotzig Du mich noch gestern unter den Dattelbäumen zurückgewiesen, als ich Dir den Vorschlag machte, meine Geliebte zu werden, weil ich Dich beim Baden im Fluß belauscht und wußte, daß Du ein nettes Stückchen Fleisch geworden. Damned! ich habe meiner Zeit weißen Lady's genug die Köpfe verdreht und brauche mich nicht von einer braunen Wetterhexe abweisen zulassen! Du schläfst diese Nacht bei mir im Bungalow und Dein Vater willigt ein, sein Feld zu verkaufen, dann soll ihm die Steuer für den Lungerbund von Neffen erlassen sein und er morgen früh aus dem Annundal kommen. Also sträube Dich nicht weiter, hübsche Zelima!« Er faßte ihren Arm und wollte sie fortziehen, aber die junge Indierin riß sich los und versetzte ihm einen so kräftigen Schlag in's Gesicht, daß er zurücktaumelte und sich die Backe hielt.
»Gott verdamme Dich - verfluchte Creatur! das sollst Du büßen!« Er machte einen Augenblick Miene, auf sie loszustürzen und seine Kraft zu brutaler Mißhandlung zu brauchen - aber der Anblick des Mädchens, die wie eine zürnende Göttin vor ihm stand, noch die Hand erhoben - und ein leises Spottlachen, das trotz der furchtbaren Umstände durch die Reihen der Dorfbewohner ging und ein lautes Echo bei den Sepoys fand, - hielten ihn zurück. Sein sonst hübsches Gesicht glühte in Zorn und Rachsucht. »Du hast Dich an dem Grundherrn vergriffen, Dirne, dessen Person ich vorstelle! Das soll Dir zur Stelle vergolten werden. Bindet ihr die Hände auf den Rücken!«
Er stürzte zu seinem würdigen Genossen. »Die Käfer, Aly - gieb mir die Büchse mit den Käfern! ich bin zu nachsichtig gegen die gelbe Brut gewesen, aber ich will sie züchtigen, daß sie an diese Nacht denken sollen!«
Der Collecteur reichte ihm gleichgiltig eine kleine hölzerne Büchse.
Unterdeß war das Mädchen von den rohen Polizeischergen
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gefesselt worden. Sie ertrug es ohne Widerstand, nur die Lippen fest aufeinandergepreßt.
Der Engländer stand jetzt vor ihr. Er hatte die Hände sorgfältig umwickelt, ehe er die Büchse geöffnet. Dann hatte er aus dieser ein etwa einen Zoll langes, schwarzes Insekt herausgenommen und zeigte es der Jungfrau.
Es war einer der entsetzlichen, berüchtigten Zimmermannskäfer.
»Willst Du mich jetzt fußfällig um Verzeihung bitten, willig thun, was ich Dich geheißen und den alten Schurken, Deinen Vater, zu dem Verkauf bestimmen?«
»Nie! ich hasse, ich verachte Dich, schändlicher Faringi!«
»Zu Boden mit ihr!«
Die Peons warfen das sträubende Mädchen nieder. »Bindet ihr die Füße an die Enden dieses Stocks.« Der schändliche Befehl wurde erfüllt. Der Ryot heulte vor Wuth, schleuderte durch seine Bewegungen den Collector von sich und versuchte, gleich einer lebendigen Kugel, sich in die Nähe seiner unglücklichen Tochter zu wälzen.
»Barmherzigkeit, Sahib - wage es nicht, mein Kind anzurühren. Nimm mein Feld und Alles, was mein ist, aber lasse sie frei!«
»Es ist ohnehin verfallen, Narr, für Deine Rebellion. Ihren Trotz will ich brechen.«
Der flehende, entsetzliche Blick des Gefesselten traf in diesem Moment das Auge des Derwisch.
Vorwurf - Bitte - Verzweiflung lag darin.
»Willst Du um Verzeihung stehen und meinen Willen thun?« drohte der Verwalter des Zemindars zu dem unglücklichen Mädchen.
»Niemals!« Sie spie ihm in das Gesicht. Zur Wuth entflammt, riß seine Linke ihr die einfache Kleidung vom Leibe. Der keusche Körper der Jungfrau wand sich hüllenlos vor den Blicken der Männer.
Der Schrei des Ryots glich dem Gebrüll eines Tigers.
Mit verzweifelter Anstrengung hatte er sich in die Nähe des Grausamen gerollt und preßte seine Zähne gleich einem wilden
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Thiere in den Fuß des Peinigers, da seine Glieder eng in den furchtbarsten Schmerzen gefesselt waren.
Der Gebissene schrie vor Schmerz und Grimm auf, wandte sich nach dem Angreifer und stieß ihn von sich. »Hund - das sollst Du mir entgelten! Fort mit ihm - haltet die Bestie mir vom Leibe!«
Diese augenblickliche Unterbrechung hatte der Derwisch benutzt, sich zu dem unglücklichen Mädchen zu beugen, und während ihr mißhandelter Vater von den Peons zurückgeschleift und gestoßen wurde, flüsterte er ihr zu: »Rufe: Pfui über Jack Slingsby! wer hätte geglaubt, daß der schöne Jack ein Weib martern würde!«
Das Mädchen sah ihn groß und staunend an - die Worte waren ihr ohne Sinn. Bereits wandte sich ihr Henker wieder zu ihr und stieß den Derwisch brutal zur Seite.
Seine lüsternen Augen weideten sich an dem junonisch schönen, unbefleckten Körper der unglücklichen Hindu-Jungfrau, den seine freche Hand betastete.
»Nun Dirne - nun siehst Du, wohin Dein Trotz führt! Statt mein Liebchen bist Du das Schauspiel Aller. Willst Du um Gnade bitten, Rebellin?«
Nur ihr Auge sprühte Haß und bittere Verachtung, während er das häßliche, zuckende Insekt in die hohle Hälfte einer Nußschaale legte, die ihm der Gehilfe des Steuereinnehmers reichte.
Der Blick machte seine Bosheit, seinen Grimm vollends zügellos. Das Entsetzlichste, Abscheulichste geschah vor den Augen so vieler Männer, die viehisch grinsend dem schändlichen Schauspiel zusahen.
An jene Theile, welche die Sitte der rohesten Völker durch ein ewiges Mysterium geheiligt hält, und die nur die Bestialität zu mißhandeln wagt, legte die freche Hand die Nuß mit dem giftigen Insekt.
Die Feder versagt den Dienst, die empörende Mißhandlung zu verfolgen - aber der Leser bilde sich ja nicht ein, daß sie eine Ausgeburt zügelloser, gemeiner Phantasie ist!
In den Zuckungen jungfräulicher Angst und Schaam traf
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das Auge des armen Mädchens auf die mahnend erhobene Hand des Fakirs - sie erinnerte sich seiner Worte und rief mit lauter Stimme:
»Pfui über Jack Slingsby! Schmach über den schönen Jack, der ein Weib martert!«
Die wenigen, von Keinem der Umstehenden verstandenen Worte übten dennoch eine Zauberkraft auf den Verwalter. Er prallte, wie vom Blitz getroffen, zurück, seine Farbe veränderte sich und seine Augen starrten erschrocken auf das Mädchen und dann auf seine Umgebung, als suche er da den Eindruck, den sie gemacht. Die Nuß und die Schaale mit den Käfern war seiner Hand entfallen, und der Derwisch benutzte rasch die Gelegenheit, indem er das Mädchen aufrichtete und ihr ein Kleidungsstück überwarf, den Fuß auf das schändliche Marterwerkzeug zu setzen und das giftige Gewürm zu zertreten, wobei er spöttisch den erschrockenen Engländer betrachtete.
Endlich hatte dieser sich gefaßt. Er stieß den Helfer zornig zurück und faßte wild den Arm des Mädchens. »Welcher Teufel hat Dir den Namen verrathen?« flüsterte er. »Noch einen Laut, und ich erwürge Dich und die Deinen. - Aber ich will Dich schon zum Geständniß bringen! Stopft ihr einen Knebel in den Mund und fort mit ihr nach dem Bungalow der Herrschaft. Daß Keiner mit ihr zu sprechen wagt, bis ich selbst dort bin.«
Aber ehe der neue, grausame Befehl vollzogen werden konnte, änderte sich plötzlich die Scene.
Die schmachvolle Beschäftigung und die erregten Leidenschaften hatten Alle verhindert, auf den Weg Acht zu haben, der von den Höhen im Süden in das Thal führte, sonst hätten sie dort schon lange Fackeln glänzen sehen und das Schnauben von Pferden und Elephanten hören können. Jetzt sprangen, ihre Fackeln hochschwingend, zwei indische Chiprassy's in vollem Rennen auf den Platz, schlugen mit den langen Stäben den im Wege Stehenden auf die Köpfe, und ihr lauter Ruf verkündete: »Platz! Platz! für Seine Ehren den Sahib-Sahib! - Begrüßt Euren Gebieter, Ihr Männer und Frauen!«
Hinter den Läufern kamen mehrere Männer zu Pferde, Europäer in Jagdkleidern oder der schimmernden rothen Uniform
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der britischen Offiziere, jeder begleitet von seinem Seyce oder Pferdehalter, und darauf zwei Palankins, von der doppelten Wache der Träger an langen Stangen in gleichmäßigem Lauf auf den Schultern getragen. Zwei mächtige Elephanten folgten, die Haudah des einen zur Aufnahme der ermüdeten Reiter bestimmt, in der des andern eine Dame mit einer Dienerin und einem Kinde.
Die Schaar der Dienstboten beiderlei Geschlechts, welche ein englischer Haushalt oder eine englische Reisegesellschaft in Indien bedarf, folgte theils zu Fuß, theils auf Eseln und Pferden oder Ochsenkarren mit dem zahlreichen Gepäck, so daß bald die ganze Breite des Platzes von dem Zuge angefüllt war. Die Zahl der Diener ist, wie erwähnt, selbst bei den geringeren Europäern sehr groß und steigt mit ihrem Ansehn und Reichthum. Für jedes Geschäft, für jede Dienstverrichtung des täglichen Lebens, wird ein besonderer indischer Diener gehalten, und sorgfältig wachen diese darüber, daß keiner das Geschäft des andern versieht, theils aus angeborner Trägheit, theils aus dem Kastengeist, der somit seinen Einfluß selbst auf die Dienstverrichtungen ausübt.
Da ist zuerst der Chiprassy oder Schobedar, der sogenannte Platzmacher, der mit einem Stabe in der Hand seinem Herrn vorausgeht; der Sirdar, der Oberaufseher oder Schatzmeister; der Huckabedar oder Pfeifenbesorger; der Tsauri-Bedar oder Wedler mit dem Fächer; die Schaar der Babatschy's oder Köche, von denen jeder wieder sein besonderes Amt hat, und der Vebischty's oder Wasserträger und der Doby's, der Wäscher. Dann der Abdar, der für die Kühlung der Getränke sorgt; der Claschy oder Zeltschläger; der Seyce oder Pferdehalter, mit seinen zwei Unterdienern; die Schaar der Kornaks, der Elephanten- und Kameelführer, und der Mäther, der niedersten Diener, die den Staub wegfegen. Kurz, jede Verrichtung hat ihren eigenen Mann und bei den vornehmen Damen geht es so weit, daß selbst für das Aufheben des der trägen Hand etwa entfallenden Taschentuchs eine besondere Dienerin angestellt ist.
Dies Gesindel also erfüllte mit den Reit- und Lastthieren alsbald den Platz in der Mitte des Dorfes, während die Reiter vor den Gruppen der Landleute hielten.
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Es befanden sich unter jenen mehrere ältere und jüngere englische Offiziere, von dem gewöhnlichen, insolenten Aussehn der Sieger und Herren in den unterjochten Kolonieen, die sich um den Mann gruppirt hatten, dessen Anhalten zuerst den Zug in's Stocken gebracht.
Obschon derselbe Civilkleidung trug, konnte diese doch eine gewisse militairisch feste und sichere Haltung nicht verbergen. Sein ruhiger Sitz auf dem feurigen Araber, der ihn trug, rivalisirte mit der Sicherheit jedes englischen Sportsman, er war von hoher aristokratischer Haltung und imponirender Gestalt, der die Tracht des hirschledernen mit Seidenstickerei geschmückten, braunen Reise- und Jagdhemds, mit dem breitrandigen, grauen Filzhut und der Geierfeder, nebst den hohen, weichen Reiterstiefeln, etwas Ritterliches verlieh. Dem entsprach auch das Gesicht, gebräunt von der Sonne und den Strapazen eines bewegten Lebens, aber von klassisch edlen Zügen, die den griechischen Typus zeigten. Es war beim Licht der Fackeln und der ernsten Faltung der Stirn nicht leicht zu erkennen, wie alt der Fremde sein mochte, doch war er offenbar noch ein Mann in seinen besten Jahren und konnte nur wenig die Mitte der Dreißiger überschritten haben.
»Halten Sie an, Gentlemen,« sagte er mit sonorer, wohllautender Stimme und der weichen Aussprache des Englischen, welche den Südländer verrieth, - »da vor uns liegen Menschen am Boden und unsere Pferde oder Elephanten möchten sie verletzen.«
Der Vorhang eines der Palankine wurde zurückgeschlagen und eine hüstelnde Männerstimme ließ sich hören mit der Frage, ob man bereits vor dem Landhause angelangt sei? Jetzt hatte sich auch der Verwalter von seinem Schreck über die Worte des Mädches und die plötzliche Dazwischenkunft des Reisezugs gefaßt und nachdem er dem nahestehenden Munsiff mit einem Rippenstoß zugeherrscht, die Herrschaft durch ein Freudengeschrei der Bauern begrüßen zu lassen, eilte er mit dem Hute in der Hand zu dem Palantin des Gebieters.
»Mylord erlauben Sie mir, mit Ihren getreuen Unterthanen Sie in Ihrem Dorfe zu begrüßen. Die Freude, Sie heute schon hier zu sehen, kann uns allein darüber trösten, daß wir
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mit den Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang noch nicht zu Ende sind.«
Die Diener hatten auf einen Wink des Gebieters den Palankin niedergelassen und der Schein des Feuers fiel hell und grell auf die Gestalt des darin Sitzenden.
Sir Lytton Mallingham, eines der einflußreichsten Mitglieder des geheimen Rathes von Indien und Kanzler der Präsidentschaft Madras, war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, der den größten Theil seines Lebens in Indien zugebracht und sich ein kolossales Vermögen erworben hatte. Er war bekannt wegen seines habsüchtigen, harten Charakters, dem Mitleid und Großmuth fremde Gefühle waren. Da er aber einer der Mächtigsten in der Compagnie und sein Palast in Madras und Calcutta berühmt, seine Tafel mit den feinsten Leckerbissen aller Welttheile besetzt, sein Keller der vorzüglichste in den drei Präsidentschaften und sein Stall stets mit dem edelsten Vollblut Arabiens und Englands gefüllt war, so machte natürlich alle Welt ihm den Hof und wen sein Reichthum und sein Einfluß nicht anzog, den fesselte die wirkliche Liebenswürdigkeit und die feine Tournüre seiner Gemahlin.
Der Rath hatte erst in seinem spätern Mannesalter vor sechs oder sieben Jahren, bei einem Aufenthalt in England, die jüngste Tochter eines Lords mit einem der stolzesten Namen des stolzen Englands geheirathet, der aber von einer noch größeren Schuldenlast, als Titel und Ahnen wogen, erdrückt wurde, und war bei dieser Gelegenheit von der Königin zur Baronetwürde erhoben worden. Lady Helene ward das Opfer der Speculation ihres Herrn Papa's, wie gar manche Tochter des edlen Blutes Altenglands wird, das den Glanz des Reichthums sehr wohl zu schätzen weiß. Man sagte, daß sie sich mit gebrochenem Herzen in ihr Schicksal gefügt, da sie eine unglückliche Liebe zu einem jungen Kavallerieoffizier gehegt. Ein Mal als Frau, verstand sie auch meisterhaft, die Würde ihres Standes und den Schein äußern Glücks festzuhalten, wenn auch der erkünstelte Rosenschein ihrer Wangen dem tiefern Beobachter verrieth, daß unter dieser so glänzenden Hülle der Moder des Kummers und des Leidens wohnte.
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In den letzten Jahren hatte Lady Helene Mallingham jedoch auffallend sich verändert. Ihr Auge war belebt und strahlte zuweilen von einem ungewohnten Feuer und Glück, ihre Wange bedurfte nicht mehr des zarten Hauchs der Schminke, um frisch und rosig zu erscheinen, und sie gab sich mit sichtlicher Neigung den rauschenden Freuden und Vergnügungen der glänzenden Kreise von Madras hin, während ihr Gemahl, der hier zugleich - wie die meisten Regierungsmitglieder - stiller Besitzer eines der größten Bank- und Handelshäuser war - mit seinen kaufmännischen Geschäften, der Ausbeutung seines großen Grundbesitzes oder den Gouvernementsangelegenheiten beschäftigt war.
Nur in einem Gefühl begegneten sich fortdauernd die ungleichen Gatten. Das war die Sorge für ihren jetzt dreijährigen Knaben, ihr einziges Kind, an dem der Baronet mit jener exaltirten Zärtlichkeit hing, die sehr häufig ältere Männer für die Frucht einer späten Ehe zeigen.
Das Kind war ausgezeichnet schön, doch durch die Eltern überaus verzärtelt. Der Stolz und der Reichthum Sir Mallinghams hatte es für nöthig gehalten, ihm schon in seiner frühen Kindheit eine französische Erzieherin zu geben. Diese war es, welche mit der Ayah oder Amme des Knaben in der Haudah des einen Elephanten saß.
Es war auffallend, welchen großen Einfluß diese Person in der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit in der Familie des Baronets schon über alle Glieder derselben gewonnen hatte. Sie hatte es sofort verstanden, jeden Anschein einer dienenden Stellung von sich zu werfen und nahm durch ihre große Weltbildung, ihre feine Tournüre und die Andeutungen, die sie geschickt über ihre vornehme Geburt fallen ließ, den Platz einer Freundin und Gesellschafterin der Lady ein. Sie nannte sich Marquise Deprevaille und behauptete, aus einer der ältesten, aber verarmten Familien der Auvergne zu stammen. Diese durch viele namhafte Empfehlungen unterstützten Angaben waren es auch hauptsächlich, welche den hochmüthigen und eingebildeten Baronet von neuem Adel bewogen hatten, dieser Frau die Erziehung seines Kindes zu übertragen.
Die Marquise war um einige Jahre älter, als die Lady,
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schien aber jene Grenze des Alters schöner Frauen, den Rubicon den sie so lange zu überschreiten zögern, das verhängnißvolle dritte Jahrzehend noch nicht passirt zu haben, so ausgezeichnet war wenigstens ihr Aussehn und die Kunst ihrer Toilette.
Sie war überhaupt ein höchst verführerisches Weib; der Ausdruck ihres pikanten Gesichts fein und beweglich, ihr großes, dunkles Auge feurig und zugleich intrigant. Eine rastlose Unruhe und Beweglichkeit schien in diesem kleinen, zierlichen Körper zu wohnen. Sie besaß bald das Vertrauen der Lady, die volle Herrschaft über das verzärtelte Kind und einen auffallenden Einfluß bei dem Herrn des Hauses, den sie in einer ernsten Krankheit mit unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und dem sie sich dadurch und indem sie allen seinen Launen und eigensüchtigen Gewohnheiten schmeichelte, unentbehrlich gemacht hatte, so daß sie selbst das Recht des freien Eintritts in sein Arbeitskabinet genoß, was nicht einmal der Lady zustand.
Kurz, die Marquise regierte bereits den ganzen Haushalt, und ein großer Theil der Huldigungen der zahlreichen Schmarotzer und Freunde des Nabob fiel ihr zu.
Die Gestalt des Baronet, die der Schein des Feuers und der Fackeln auf den Kissen des Palankin zeigte, war lang und hager, von den Fiebern Indiens aufgezehrt, seine gelbe Lederfarbe bekundete jene Leberleiden, denen so viele Europäer in dem heißen Lande anheimfallen. Dennoch war sein Aussehn weder unangenehm, noch ohne Würde. Der Zug um den Mund prägte einen festen, bewußten Charakter aus, die hohe, schmale Stirn zeigte Hochmuth, und das scharfe Auge Verstand.
»Ah, Master Burton,« sagte der Baronet - »erfreut, Euch zu sehen; ich hoffe, Ihr habt meine Befehle empfangen und Alles zu unsrer Aufnahme bereit gemacht. Meine Gesundheit macht den Aufenthalt von einigen Wochen in der frischen Luft der Berge nothwendig, und diesen Herren da habe ich eine reiche Jagd versprochen für ihre Begleitung.«
Während der Verwalter, den der Baronet mit dem Namen Burton angeredet, wiederholte Complimente machte und seine Freude aussprach, den Grundherrn und seine Familie auf der Zemindarei zu sehen, stimmte die Dorfbevölkerung, von den Peons
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verstärkt, ein mißtönendes Freudengeschrei an, wozu die Sepoy's eine Ehrensalve abfeuerten.
»Laßt gut sein, laßt gut sein,« befahl der Baronet. »Mylady und Eduard vertragen den Lärmen nicht. Ich glaubte, ich würde Euch durch unsere frühe Ankunft überraschen, aber ich sehe, Burton, ich habe mich nicht getäuscht in Euch, Ihr seid auf Eurem Posten. Nur die Landpacht ist in letzter Zeit saumselig beigetrieben worden - wir werden ein ernstes Wort bei den Rechnungen zu reden haben. Sieh dort - dort ist ja auch Aly Karam, der Collector. Es freut mich, Dich eifrig in Deinem Dienst zu sehen, Mann. Komm morgen zu mir und statte mir Bericht ab aus dem Bezirk.«
Das Zeichen, das er geben wollte zur Fortsetzung des Zuges, wurde durch ein gellendes Jammergeschrei unterbrochen. Der Wittwe Baulambal war es gelungen, den Knebel aus ihrem Munde zu stoßen und ihr Schmerzensgeheul erfüllte die Luft.
Zugleich hatte sich Zelima, die Tochter des Ryot, durch die Peons gedrängt und warf sich vor dem Palankin auf die Kniee. Das schöne Kind in der dürftigen Hülle, die ihr die mitleidige Hand des Derwisch gereicht, war eine Erscheinung, welche die Augengläser der Europäer auf sich zog. »Erbarmen, Sahib,« schrie in flehenden Tönen das Mädchen, »Erbarmen bei dem Glauben Deines weißen Gottes und der heiligen Mariam für mich und meinen unglücklichen Vater!«
Die Vorhänge des zweiten Palankins wurden aufgerissen und zwischen den Falten erschien das bleiche, schöne Gesicht der Lady. »Was geht hier vor, Sir Lytton, was ist geschehen? Um Gotteswillen, meine Herren, befreien Sie mein Ohr von diesem entsetzlichen Geschrei!«
Der Baronet, welcher aus der Gegenwart des Steuereinnehmers ahnen mochte, was geschehen, befahl, vorwärts zu reiten, aber das Hindumädchen, jetzt durch ihre Mutter unterstützt, lag mit ausgestreckten Armen auf dem Boden und schrie, daß die Pferde und Elephanten über ihre Leiber weggehen sollten, wenn man sie nicht erhöre.
»Was ist mit den tollen Weibern,« herrschte unwillig der
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Baronet zu dem Verwalter - »was wollen sie und was bedeutet das Geschrei?«
Dies war bereits in ein dumpfes Wimmern verstummt. Der hohe Mann im Jagdhemd war mit einem der jüngeren Offiziere sofort vom Pferde gesprungen und nach der Hütte geeilt woher es erklungen. Sie trugen jetzt auf ihren Armen die unglückliche Frau herbei.
Ihre Arme hingen schlotternd herab, sie waren46 aus den Gelenken gerissen und gebrochen, die Brüste auf das Entsetzlichste zerquetscht.
»Gerechtigkeit, Sahib, Rache an diesem Bösewicht!« schrie die Frau, als ihre Befreier sie dicht vor dem Palankin niedergelassen, indem ihre Augen Feuer zu sprühen schienen auf den Collector. »Möge die Devy mit tausend Martern seine blutige Seele peinigen, Gerechtigkeit gegen ihn, wenn Du ein Richter bist in diesem Lande, ich klage ihn an auf Raub und Gewaltthat!«
»Fort mit Dir, Weib,« zürnte unwillig der Zemindar, »kein Richter wird solche unsinnige Klage annehmen, die gegen eine respectable Person im Amte gerichtet ist.47 - Schafft das Weib bei Seite!«
Der Fremde griff zornbleich nach dem Jagdmesser an seiner Seite, als auf einen Wink des hohnlächelnden Collectors die Peons die unglückliche Frau zur Seite stießen, aber ein leiser, warnender Ruf in italienischer Sprache, der aus der Haudah des Elephanten hinter ihnen kam, ließ ihn sich fassen, und mit ingrimmig zusammengepreßten Lippen warf er der Armen seine Börse in den Schooß und wandte sich ab von dem traurigen Anblick.
»Nun rasch - was ist hier vorgefallen?« befahl der Grundherr.
»Möge Dein Schatten lang sein, Herr,« berichtete der Deputy-Collector. »Die Bewohner dieses Dorfes sind schlimme Zahler und die Steuern vom letzten Termin schuldig, obschon
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die Ernte gesegnet war. Die Schurken weigerten sich, ihre Schuld in zahlen und jenes Weib hatte freche Reden im Munde.«
»Aber mein Vater ist keine Steuern schuldig - er ist ein freier Ryot und sitzt auf seinem Erbe,« schrie das Mädchen dazwischen. »Man wollte ihn zwingen, für einen Andern zu zahlen, und weil er sich weigerte, spannte man ihn in's Annundal. Habe Erbarmen mit uns, Herr!« Ihre zitternde Hand wies nach dem lebenden Klumpen, der eine Menschengestalt barg.
Die Lady schauderte. »O Sir, üben Sie Mitleid mit den Unglücklichen,« bat ihre liebliche Stimme.
»Es ist der stöckische Bauer, der sich weigert, sein Land für schweres Geld zu verkaufen, das mitten zwischen Ihren Feldern am Ufer des Flusses liegt,« berichtete der Verwalter. »Wir straften ihn, weil er lästerliche Reden führte und das Volk zum Aufruhr gegen den Steuererheber aufrief, so daß nur die Flinten der Sepoy's größeres Unheil verhüteten.«
»Steht es so?« sagte der Rath finster; »dann muß ein strenges Beispiel gegeben werden. Laßt den Kerl im Block und morgen soll er den Gerichten übergeben werden. Das Gesindel wird zu übermüthig.«
Die Frau des Verunglückten, der nur grimmige, feurige Blicke auf seine Feinde schoß, schrie auf im Jammer, da sie Englisch genug verstand, um den Inhalt des Befehls zu begreifen. »Allah erbarme sich unser! Was soll aus mir und diesem unglücklichen Mädchen werden, die man schon mit dem Schlimmsten bedroht hat, da ihr der Schutz des Vaters fehlte!«
Die Lady hatte die Klagen der Frau theils verstanden, theils errathen, da sie in schlechtem Englisch vorgebracht worden, um das Mitleid ihres Gebieters zu erregen,
»Das Mädchen gefällt mir,« sagte Lady Mallingham. »Sie soll uns zur Cottage begleiten und die Stelle der Dienerin einnehmen, die unterwegs erkrankt und zurückgeblieben ist. Sorgen Sie dafür, Sir - und nun lassen Sie uns weiter, denn diese traurigen Scenen greifen meine Nerven allzusehr an und Eduard wird gleichfalls der Ruhe bedürfen.«
Die feine, behandschuhte Hand ließ den Vorhang los, ihr schönes Gesicht verschwand hinter der Gardine, während sie noch
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einen flüchtigen aber ausdrucksvollen Blick nach der Gruppe der Reiter geworfen.
Der jüngste der Offiziere, ein schlanker junger Mann, mit aufgeworfenen, aber hübsch gezeichneten Lippen, krausem Blondhaar und unternehmendem Aussehn, in der Uniform der leichten Dragoner, hatte diesen Blick aufgefangen und erwiedert.
»Laßt diese Dirne sich der Dienerschaft anschließen, Burton,« befahl mißlaunig der Nabob. »Da Mylady es einmal will, mag es geschehen, obgleich wir des faulenzenden Gesindels wahrhaftig genug haben; und nun vorwärts, meine Herren, damit wir an Ort und Stelle kommen!«
Der Zug setzte sich in Bewegung und schritt über den Platz weiter, die Schobedars voran. Burton, der Verwalter, war - ehe er zu der Cottage oder dem Landhause des Herrn vorauseilte, - einen Augenblick zur Seite getreten und hatte seinem würdigen Genossen, dem Collector, seine Instructionen gegeben. Die Blicke der Beiden, auf Zelima gerichtet, bekundeten genugsam, daß von ihr die Rede sei.
Dies zeigte sich auch bald, denn während der Troß der Dienerschaft im langen Zug den Elephanten und Dromedaren folgte, trat der Collector zu dem Mädchen und ihrer Mutter.
»Die Zunge der Weiber bringt sie in's Verderben,« sprach er rauh, »aber das Glück hält seine Hand über ihnen. Komm denn, Du Närrin, die Du des Segens nicht werth bist, den Allah über Dich ergießt. Ich werde Dich zu den Bungalows begleiten und Dich den Personen übergeben, die für Dich sorgen wollen.«
Das Mädchen sah ihn zornig und verächtlich an, indem sie sich in die Fetzen ihres zerrissenen Schleiers zu hüllen suchte.
»Weiche von mir,« sagte sie - »ich gehe nicht mit Dir!«
»Mashallah - Du willst doch nicht die Gnade von Dir stoßen, die Dir geworden, Thörin? Wenn das Ohr der Gebieterin Dir offen steht, so ist es der einzige Weg, den Rebellen, Deinen Vater, zu retten! Fort mit Dir, Dirne, oder ich will Dir beweisen, was es heißt, Ali[Aly] Karam, dem Collector der Regierung, in den Bart zu lachen!«
Er faßte sie rauh am Arm und wollte sie, trotz ihres
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Widerstrebens, mit sich fortziehen, als der Schlag einer starken Hand ihn zurückstieß und ein Reiter sich zwischen ihn und die Jungfrau drängte.
»Fort mit Dir, Spitzbube,« sagte eine drohende Summe, - fort, oder ich schlage Dir den kahlen Schädel ein. Dieser Mann hier,« der Reiter, der kein Anderer war, als der stattliche Mann in dem braunen Jagdhemd, wies auf den Derwisch, der in der Nähe stand - »hat mich zu Deinem Beistand gerufen, indem er mir erzählte, wie schändlich man mit Dir umgegangen. Ich werde Dich schirmen gegen die Buben, bis ich Dich einem geeigneten Schutze übergeben kann, aber ich halte es für das Beste, daß Du den, wenn auch schlimm gemeinten Worten des Schurken dort folgst - denn die Fürsprache der Lady mag am Ersten Deinem Vater Hilfe bringen.«
Das Mädchen sah mit den großen, braunen Rehaugen zu ihm auf: »Du bist mir ein Fremdling, aber ich vertraue Dir. Du und jener fromme Mann sind die einzigen Freunde, die wir in unserer Noth gefunden. Aber ich möchte meinen Vater nicht in seinem Unglück und in den Händen seiner Feinde lassen!«
»Ich werde bei Deiner Mutter bleiben, Kind,« sagte der Derwisch, »und mit Allah's Hilfe Mittel finden, die Bande Deines Vaters zu erleichtern. Geh' getrost mit jenem Mann, wenn er auch ein Christ ist und zu den Faringi's gehört. Er wird Deine Unschuld schützen, - so gewiß er auf den Stein von Sanct Helena geschworen!«
Der Reiter fuhr zusammen bei den Worten, wie vorhin der Verwalter bei der Nennung eines Namens. Aber als er hastig sein Pferd wandte und den Fakir befragen wollte, war dieser bereits im dunklen Schatten der Moschee verschwunden.
Wenige Augenblicke noch hielt der Reiter im forschenden Umherschauen auf dem Platz, da aber alles Suchen und Vermuthen vergeblich war, wandte er sich wieder zu dem Mädchen, empfahl ihr, die Hand an seinen Steigbügel zu legen, und folgte nachdenkend mit ihr dem schon in der Ferne verhallenden Geräusch des Zuges.
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II. Der Nabob.

Zwei Tage waren vergangen seit dem schrecklichen Auftritt vor der Moschee im Dörfchen am Ufer des Gandlagama.
Auf den Wunsch der Lady, der ihr Gemahl nur selten widersprach, war die Anklage gegen Caulathy Mudaly, den Ryot, unterdrückt und er selbst am Morgen nach der Ankunft des Zemindar aus seinen entsetzlichen Fesseln entlassen worden. Dagegen hatte ihm der Verwalter angekündigt, daß zur Strafe das fragliche Feld am Ufer confiscirt worden sei, und ohne Rücksicht hatten Arbeiter die noch in der Reife begriffene Ernte zerstört, um dort die beabsichtigte Mühle zu bauen.
Der Beraubte hielt sich finster zu Hause, er kümmerte sich nicht mehr um die kleine Wirthschaft, die er sonst mit großem Fleiß besorgt, und seine einzige Gesellschaft war der Derwisch, der bei ihm geblieben, und mit dem er stundenlang eifrige Gespräche führte.
Als der Fremde, der, wie man im Dorfe vernahm, ein Verwandter der Marquise, der Gesellschafterin der Lady, und der Agent einer großen Turiner Seidenmanufactur, Namens Maldigri, war früher Offizier in sardinischen Diensten, und deshalb von den Engländern mit etwas geringerm Hochmuth in ihrer Gesellschaft geduldet, als sie sonst gegen Civilisten und Fremde zu zeigen pflegen, - ein Verhältniß, das der Sarde übrigens sehr bald durch seine Persönlichkeit zu einer Behandlung unbedingter Hochachtung und Gleichstellung umzuwandeln verstanden hatte, - als Major Maldigri also den Derwisch schon am andern Tage aufgesucht, hatte dieser geschickt verstanden, dem Besuch auszuweichen und war, so oft der Major erschien, nicht zu finden.
Die Cottage, welche die Gesellschaft des Baronets bewohnte, bestand aus einer Reihe von Gebäuden. Auf der Höhe des Hügels, zunächst dem Dorf, erhoben sich die Wirthschaftsgebäude und Bungalows, lange, einstöckige und niedere Steingebäude mit Rohr gedeckt, die zur Wohnung der Beamten und der zahlreichen Dienerschaft dienten und durch einen ziemlich weiten Raum und hohe Hecken von schönen Akazien von den Pavillons der Herrschaft
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getrennt waren. Diese lagen nach der Seeseite, am Abhang desselben Hügelrückens, umgeben von prächtigen Mangowäldchen und gewährten eine reizende Aussicht und eine köstliche, in diesem Klima erfrischende Luft. Sie bestanden aus einer Anzahl theils verbundener, theils einzeln stehender Kiosks von der leichten, zierlichen Bauart des Orients aus Holz und Rohr, im Innern mit allem Luxus europäischer Civilisation und indischer Ueppigkeit geschmückt. Weiter hin über ein Wäldchen Tamarinden ragten von der Spitze eines von den Bäumen verdeckten Hügels die Kronen majestätischer Palmen und glänzte der vergoldete Knopf eines chinesischen Sommerhauses, dessen reizende Einsamkeit die Lady zu ihrem Lieblingsaufenthalt erkoren hatte.
Der erste Schimmer der dritten Morgenröthe dämmerte über dem fernen Streif des Meeres am Horizont, als sich auf dem mit tausend Blumen übersäeten Platz vor der Cottage des Nabob die Gesellschaft seiner Gäste zu einem Jagdzug in's Innere des Landes versammelte.
Die Elephanten mit ihren Haudah's, darin die Büchsen und Flinten der Jäger, standen bereit, die Pferde stampften ungeduldig den Boden und eine Unzahl Treiber und Diener beschäftigte sich mit den Anstalten zum Aufbruch, dem Aufladen von Jagdzelten auf Packochsen und hundert anderen Dingen, wie sie zur Bequemlichkeit eines englischen Jagdzuges nöthig sind.
Der Nissam - der Fürst von Heiderabad, - hatte den Baronet zu einer Elephantenjagd in den Wäldern und Teichen an der Grenze seines Gebiets eingeladen und Hunderte von Bauern und Jägern waren bereits an jener Stelle versammelt, um das Wild aufzusuchen und das Jagdlager zu errichten. Das Jagdrendezvous war lange vorher bestimmt und Sir Mallingham hatte die Einladung schon in Madras angenommen, war aber jetzt durch Unwohlsein verhindert, sogleich mit aufzubrechen und wollte erst in einigen Tagen die Cottage verlassen und nachkommen, während sich seine Gesellschaft einstweilen auf der Jagd an dem zahlreichen Wild der Dschungeln ergötzen sollte, denn solche Jagdpartieen dauern oft mehrere Wochen.
Jetzt stand er vor der Thür des Pavillons, den er bewohnte, von seinen Gästen Abschied nehmend und ihnen noch
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einige Aufträge an den Nissam ertheilend. Die matte erschlaffte Miene zeigte, daß sich der reiche und mächtige Mann nur ungern so früh von seinem Lager getrennt und den Abschied so sehr als möglich zu beschleunigen wünschte.
»Es ist fatal,« sagte er, - »daß der Mensch, welcher als der beste Jäger und geschickteste Spürer gilt, dieser Caulathy Mudaly, selbst durch eine Belohnung nicht zu bewegen war, Sie zu begleiten, und behauptet, durch das Bischen Züchtigung, die ihm verdientermaaßen geworden, so krank zu sein, daß er die Glieder nicht rühren kann. Indeß, ich werde den Burschen selbst mitbringen, wenn ich nächsten Donnerstag aufbreche, verlassen Sie sich darauf. Ich hoffe, Sie werden uns einiges Wild übrig lassen. - Lieutenant Eglinton, es ist doch etwas gewagt, daß Sie solchen Strapatzen Ihren prächtigen Renner aussetzen wollen. Man sagte mir, daß ›Rookeby‹ Ihnen beim letzten Rennen in Madras tausend Pfund in Wetten und Preisen eingebracht habe.«
Der junge Dragoner-Offizier, den er anredete, und welcher derselbe war, der mit dem Major die unglückliche Wittwe von ihrer Marter befreit hatte, erröthete leicht. »Ich muß das Pferd an die Strapatzen des Feldlagers gewöhnen, Sir,« sagte er höflich. »Ich glaube nicht, daß Rookeby länger im Stande ist, mit Glück das Feld zu behaupten und habe ihn daher zum Campagnepferd bestimmt.«
»Nun, wie Sie wollen, Sir - ich biete Ihnen nochmals zweitausend Pfund dafür, aber ich werde mich hüten, das Gebot zu wiederholen, wenn wir von dem Jagdzug zurück kommen. Aber nun, meine Herren, in die Haudah's oder die Sättel - es streicht ein scharfer Wind durch die Berge und wir Männer von der Feder und vom grünen Tisch sind nicht so abgehärtet dagegen wie Sie. Also - gute Reise und glückliche Jagd. Erinnern Sie sich bei dem Aufbruch aber gefälligst, daß Mylady noch in ihrem Morgenschlummer liegt, und ich ihre Migräne den Tag über allein zu tragen haben werde, wenn sie gestört wird.«
Er verbeugte sich höflich und kehrte in seine Gemächer zurück, während die Jäger sich auf die Pferde schwangen oder die Elephanten bestiegen und der älteste Schobedar das Zeichen zum Abmarsch gab.
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Der Schlaf der Lady schien aber dennoch gestört; denn als zufällig Major Maldigri hinübersah nach dem Pavillon, wo, wie er wußte, das Schlafgemach der Dame lag, sah er den Vorhang sich leicht bewegen, und glaubte zwischen den Spalten der Jalousien einen Augenblick lang eine feine weiße Hand, gleichsam zum Abschied, sich bewegen sehen. Wie er schärfer hinblickte, war sie verschwunden, auf dem Antlitz des jungen Dragonerlieutenants aber begegnete er einer flammenden Röthe und verlegen beugte dieser sich nieder auf die Mähne seines edlen Pferdes, als sein Auge dem ernsten Blick des Sardiniers begegnete.
Nach und nach verklang das Geräusch des Zuges und die Stille und feierliche Ruhe einer erhabenen Tropennatur trat wieder rings umher ein.
Hätte ein Auge ihm nachgeschaut - und wer weiß, ob es nicht der Fall war - es hätte die lange Reihe der Menschen und Thiere noch an den jenseitigen Bergabhängen sich hinaufwinden sehen, einer mächtigen farbigen Schlange gleich, - als jetzt der erste Sonnenstrahl über die Kronen der Palmen zuckte.
War es der Wiederschein einer Fata Morgana der Morgennebel - nahte ein anderer Zug der Cottage des Nabob? daß dort von der entgegengesetzten Bergwand her die Mangrovebüsche in schlängelnden Bewegungen sich beugten und regten, daß die Gipfel der jungen Tamarinden sich krümmten und emporschnellten, gleich als würden ihre zarten Stämme durch eine vorbeistreifende Masse gedrückt - - - die seltsamen Bewegungen, der unsichtbare Zug schien seine Richtung nach dem Palmenhügel zu nehmen, wo zwischen den Riesenstämmen der Kiosk mit seiner goldenen Kuppel im Sonnenlicht flammte!


Es war um die Mittagszeit - die Hitze entsetzlich. Der Monsoon, der heiße Seewind aus dem Süden hatte während des ganzen Vormittags geweht, und die Natur selbst schien ermattet, lechzend nach einem kühlen Hauch.
Kein Europäer ließ sich blicken - jeder hätte gefürchtet, der drohenden Gefahr des Sonnenstichs zur Beute zu werden. Auch die Indier hatten jede Arbeit im Freien eingestellt und hielten sich
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innerhalb ihrer Hütten - selbst das Gekreisch der Papageien, das Geschrei der Affen war verstummt in dieser jede Bewegung lähmenden feurigen Atmosphäre.
Aber nein, nicht alles Lebendige ruhte: zwei Wesen trotzten der furchtbaren Sonnengluth und der verzehnfachten Anstrengung, und merkwürdiger Weise war das eine derselben ein Europäer - ein Engländer - das andere sein Pferd.
Im Galopp kam der kühne Reiter von den Bergen im Westen her, sorgfältig bemüht, zwischen sich und der Cottage den verdeckenden Zug der Hügel zu halten, oder wenigstens den Schutz der Bäume und Hecken zu haben.
Ueberflüssiges Bemühen! Wer dachte jetzt daran, sich von den Matten des Lagers zu erheben und nach dem Wolf umherzuspähen, der sich einschleichen will in den Stall des Hirten, sein bestes Lamm zu stehlen?
Es war einer der Jäger, die vor Sonnenaufgang von der Cottage ausgezogen waren nach dem Gebiet des Nisam.
Es war der junge Dragoner-Offizier - Lieutenant Eglinton - auf seinem Renner ›Rookeby‹, den er dem Nabob nicht für zweitausend Pfund verkaufen wollte, obschon das Pferd in der That sein einziges Besitzthum von Werth war.
Aber wie sahen Roß und Reiter aus!
Weißer Schaum bedeckte die Flanken des Thieres, die heftig auf und nieder wogten, dazwischen zeigten sich breite Streifen von Blut, die Spuren der scharfen Sporen des unerbittlichen Reiters, der das Thier zu dem Laufe gezwungen; die Nüstern waren weit geöffnet und warfen weiße Flocken, die Augen schienen von blutigen Adern durchzogen.
Wenn der Reiter einen Augenblick im Galopp anhielt, um sich zu orientiren und eine möglichst verborgene Richtung zu nehmen, dann schien das edle Thier zu schwanken wie ein Betrunkener.
Man sah, daß es bald am Ende seiner Kräfte war.
Aber wiederum stachelte es das Eisen des unbarmherzigen Reiters und trieb es weiter.
Diesen selbst schien nur ein unbezwinglicher Wille, ein Alles überwältigender Gedanke aufrecht zu erhalten. Er hatte die
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zusammengebrochenen Stücke eines Pisangblattes gleich einem großen Schirm und Hut über seinen Kopf gebunden und das weite weiße Leinentuch, was den Nacken schützte, flatterte im Luftzuge des Rittes. Eben so vermummt waren seine Hände. Trotz dieser Vorsicht mußte er entsetzlich gelitten haben. Sein sonst ziemlich weißes feines Gesicht war dunkelroth und in Strömen von Schweiß gebadet, sein Athem, gleich dem seines Pferdes, ein Keuchen.
Roß und Reiter hatten an diesem Tage bereits sechsundfünfzig englische Meilen - achtundzwanzig davon im vollen Sonnenbrande eines indischen Sommertages gemacht.
Wie er sich fortgestohlen von dem ersten Lagerplatz der Jagdgesellschaft - welchen Vorwand er gebraucht, zurückzubleiben, oder auf eigne Hand einen Abstecher in die Bergschluchten zur Seite zu machen, - das ist gleichgiltig. Vielleicht um Wild, das er verfolgt - vielleicht die Ruinen einer alten Mahrattenburg, die er näher zu beschauen wünscht - die meisten seiner Gefährten schliefen während der heißen Stunden und kümmerten sich nicht einer um den andern. Wer hätte ein solches wahnsinniges Unternehmen für möglich gehalten.
Nur der Sardinier hatte den jungen Mann beobachtet, seine Unruhe bemerkt, gesehen, wie genau er auf die Richtung des Weges achtete und sie häufig mit dem Miniatur-Compaß verglich, der als Berlocque an seiner Uhrkette hing.
Aber er hatte wirklich seinen Willen durchgesetzt, jetzt schien er am Ziel angekommen zu sein. Er war am Rande des Tamarindenhains, der den Palmenhügel umgab, von der entgegengesetzten Seite der Cottage. Hier hielt er sein Pferd im Schatten der weit gestreckten Aeste an und stieg langsam und ermattet ab.
Das Pferd, sobald es von seiner Last befreit war, stürzte in die Knie und warf sich auf die Seite.
»Armer Rookeby, braves Thier,« sagte der junge Offizier, indem er den Sattelgurt lockerte und das Kopfzeug ihm abnahm, »o, wenn Du das überstehst, bist Du das beste Pferd in ganz Indien und nimmst es mit dem edelsten Blut des Abdahlis auf. Was ich thun kann, Dich zu erfrischen, soll geschehen, und mußt
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Du für Deinen Herrn büßen, nun so stirb mit dem Gedanken daß Du ihn zu seinem Glück getragen hast.«
Er hatte die Stelle nicht ohne Absicht gewählt. Etwa fünfzig Schritt entfernt, im Schutz der Mangrovebüsche, sprudelte eine kleine Quelle aus der Hügelwand, ward in ein kleines Steinbecken aufgefangen und suchte dann ihren kurzen Weg zu dem Gandlagama. Der junge Offizier hatte sich seiner seltsamen Verhüllung entledigt, er nahm seinen schönen Panamahut von jenem ausgezeichneten elastischen Geflecht, das so fein ist, daß kein Wasser durchzudringen vermag, in die Hand, um sich seiner als Gefäß zu bedienen, und schritt zur Quelle.
Plötzlich schreckte er zurück und fuhr mit der Hand nach seiner Brusttasche.
An der Quelle ruhte unter den Büschen ein Mann, halb erhoben, den Kopf in die Hand gestützt, und seine dunklen schwarzen Augen beobachteten das Thun des Faringi.
Der junge Offizier hatte sich jedoch bald wieder beruhigt - er ließ den Griff seines Revolvers los, den er gefaßt - er sah, daß der Mann zu den Eingebornen gehörte und er begriff nach seinen Erfahrungen, daß ihm keine Gefahr von jenem drohe, ja daß es leicht sein werde, seine Hilfe und sein Schweigen zu erkaufen.
Ueberdies schien ihm das Gesicht des Mannes nicht ganz unbekannt. Dieser trug die ärmliche Kleidung eines wandernden Fakirs und die bezeichnende hohe wollene Mütze.
»Höre, Freund,« sagte der junge Dragoner in schlechtem und gebrochenem Hindostanisch zu dem Fremden, der bisher unbeweglich geblieben, »Du kannst mir einen Dienst leisten und sollst gut belohnt werden. Mein Pferd ist unter mir zusammengebrochen, erschöpft von der entsetzlichen Hitze. Hilf mir, einiges Wasser zu ihm tragen und es abreiben, sonst fürchte ich, verendet das Thier.«
Der Derwisch, denn es war der Gast Caulathy Mudaly's, den Eglinton hier getroffen, erhob sich schweigend, füllte seine Kürbisflasche an dem Brunnen mit frischem Wasser und schritt dem Offizier voran zu der Stelle, wo das Pferd lag.
»Nur ein Narr oder ein Verliebter kann so reiten,« sagte
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er mit hindostanischem Accent auf Englisch. »Das Thier ist dem Tode verfallen, wenn keine Luft in seine Lungen kommt.«
Ohne sich um den erstaunten Besitzer zu kümmern, kniete er nieder, zog ein kleines Messer aus der Tasche von Schakalsfell, die er an seiner Seite trug, befühlte mit sachkundiger Hand den Hals des Pferdes und stieß dann die Spitze des Messers in die Stelle, die er zwischen seinen Fingern hielt.
Das Blut sprang in einem rothen Bogen. Das edle Thier schnaubte, fühlte sich aber offenbar bald erleichtert, hörte auf zu zucken und blieb ganz ruhig liegen.
»Nimm ihm den Sattel vollends ab, oder Du wirst es nie wieder besteigen,« sagte der Derwisch in einem rauhen, fast befehlenden Ton. Dann, ohne sich darum, ob seine Weisung befolgt werde, oder um den Fluß der geöffneten Ader zu bekümmern, faßte er mit beiden Händen das Gebiß des Pferdes, drückte es fest zusammen, legte den Mund an seine Nüstern und blies lange und wiederholt hinein.
Die Brust des wackern Thieres schien aufzuschwellen, ein Gurgeln ließ sich in seiner Kehle hören, endlich entriß es mit einem heftigen Ruck seinen Vorderkopf den Händen des Fakirs und ein langes kräftiges Schnauben verkündete, daß die Circulation des Athems durch die Bluterleichterung wieder vollkommen hergestellt war.
»Jetzt,« sagte der Derwisch, »geh Deinen Geschäften nach, wegen deren Du dies edle Roß fast dem Tode überliefert. Ich werde dafür sorgen, und wenn Du zurückkehrst, wirst Du es frisch und kräftig an den Stamm jener Tamarinde gebunden finden. Ein andres Mal aber, eigensüchtiger Christ, bedenke, daß Allah das Leben allen Geschöpfen gegeben hat, und daß die Vorsicht, die Du zur Wahrung Deines Hauptes vor dem glühenden Strahl seiner Sonne gebraucht hast, auch dem Leben Deines stummen Dieners gebührt hätte.«
»Es ist wahr,« sagte beschämt der junge Mann, »ich dachte nicht daran. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, Mann, und wirst mir einen noch größern erweisen, wenn Du keinem Menschen sagen willst, daß Du mich hier gesehen. Ich erinnere mich Deiner aus der Nacht unserer Ankunft, Du bist einer der
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Bewohner des Dorfes. Nimm diese Guinee und Du sollst eine zweite erhalten, wenn Du mein Pferd mir hier sicher verwahren willst, bis ich zurückkehre, und es nöthigenfalls vor fremden Augen verbirgst. Ich habe Etwas in der Cottage vergessen und möchte Niemand durch meine Rückkehr stören.«
»Behalte Dein Geld,« entgegnete rauh der Andere, indem er die geschlagene Ader des Thieres kunstgerecht schloß, »Sofi verachtet alles Geld der Faringi. - Nimm Dich vor den Augen Deiner Brüder in Acht - mich kümmert nicht, was Du in dem Hause des geizigen Zemindar zu thun hast.«
Ohne weiter auf den Engländer zu achten, begann er das Pferd mit Blättern und Gras abzureiben, kühlte seine Schläfe und seine Brust mit Wasser und wusch ihm Nüstern und Mund aus.
Lieutenant Eglinton, ohnehin von dem Wunsch gedrängt fortzukommen, sah ein, daß er dem seltsamen Helfer ohne weiteres Versprechen vertrauen müsse; so wandte er sich zu der Quelle, wusch dort Hände und Gesicht, ordnete einige Augenblicke seine Kleidung und verschwand dann in den Gebüschen, quer durch Gehölz und Buschwerk emporsteigend nach der Spitze des Hügels.
Der Derwisch sah ihm spöttisch nach - dann setzte er eine kleine Schilfpfeife an die Lippen und entlockte ihr einen hellen, aber nicht unangenehmen Ton, der wie der Schlag einer Wachtel klang.
Einige Augenblicke darauf wurden die Zweige der Mangroven auf der entgegengesetzten Seite zurückgebogen, und das braune Gesicht Caulathy Mudaly's erschien zwischen ihnen.
»Hast Du den Faringi gesehen?«
»Hat Caulathy die Augen eines Jägers oder ist er ein Maulwurf?« war die Gegenfrage.
»Wohl! so folge ihm und berichte mir, wohin er geht!«
Der Ryot machte das Zeichen der Bejahung und verschwand wie der Engländer in den Büschen, während der Derwisch fortfuhr, sich mit dem Pferde zu beschäftigen und dasselbe jetzt vorsichtig zu tränken. -
Eine halbe Stunde mochte verflossen sein, als die Zweige
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aufs Neue heftig auseinander gerissen wurden, und die Gestalt des Indiers aus den freien Platz sprang.
Seine gelbe Broncefarbe hatte sich in ein schmutziges Grau verwandelt, die Augäpfel standen weit hervor, - der Mund war geöffnet - ein tödtlicher, entsetzlicher Schrecken brückte sich in allen Mienen und Geberden aus.
Noch vermochte er nicht zu sprechen, als der Derwisch ihn am Arm schüttelte.
»Inshallah! Mensch - rede - sprich - was ist geschehen!«
Der Hindu deutete entsetzt nach oben - seine Lippen bewegten sich endlich mit Mühe und stammelten ein einziges Wort. Es hieß - - -


In dem Gemach, in dem der Nabob seine Siesta hielt und die heißen Stunden des Tages verbrachte, herrschte ein mildes Halblicht, durch die geschlossenen Jalousieen, und niedergelassenen Gardinen hervorgebracht.
Der reiche Mann hatte seine gewöhnliche Kleidung mit einer weiten, leichten Tracht von weißem Zeug vertauscht, in der er auf den Roßhaarkissen des Divans ruhte, die Bernsteinspitze der Hukah zwischen den schmalen Lippen, während ein in gelben indischen Mousselin gekleideter Negerknabe die Kohlen auf dem persischen Tabak glühend erhielt und ein anderer Diener, der Tschauri-Badar, die Panka - den über dem Ruhebett von der Decke frei schwebenden großen Baumwollenschirm - mit einem Bambusstabe in drehende Bewegung setzte, so daß ein fortwährender Luftzug im Zimmer entstand, was am meisten zu dessen Kühlung beitrug. Zur Abwechselung ergriff der Diener auch den in goldnen Stiel gefaßten Wedel mit dem Kuhschwanz der langhaarigen Kühe von Nepal, und verscheuchte die unglückliche Fliege, die es gewagt hatte, dem Gebieter zu nahe zu kommen.
Die Hand desselben hielt ein Blatt der Times und hob es zuweilen zur Höhe der Augen, um diesen zu gestatten, einige Momente auf den Zeilen zu ruhen, sank aber bald wieder nieder - ja selbst die Lippen waren oft zu träge, das Mundstück des Wasserrohrs zu halten und ließen es entschlüpfen.
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Auf den Fußspitzen, gleich als dürfe er die Ruhe des Gebieters nicht stören, schlich der Knabe dann herbei, hob das Rohr auf, tauchte die Spitze in eine Schaale mit Rosenwasser und steckte sie wieder zwischen die Lippen des Herrn.
»Goddam!« stöhnte dieser - »es ist eine Hitze heute zum Ersticken und will gar nicht enden. Wie viel Grad, sieh nach, Kuleini?«
Die Worte kamen langsam wie abgebrochene Laute aus dem Mund - der reiche, mächtige Mann scheute selbst die Anstrengung des Sprechens.
»Ich werde den Sirdar fragen,« sagte der Diener. »Es ist sein Amt.«
»Schurke! - der Thermometer hängt dicht hinter Dir an der Jalousie. Den Augenblick sieh nach oder ich lasse Dir die Bastonade geben.«
Der Diener ging zögernd nach der Stelle, wo der Thermometer hing. Er besah ihn von oben bis unten und kam dann zurück.
»Verzeih, Sahib - aber ich könnte die Zeichen falsch deuten!«
»Dummkopf!« murmelte der Rath, indem er sich auf die andere Seite warf. »Das hättest Du gleich sagen sollen! Frage den Sirdar. - Wer ist im Vorzimmer?«
»Aly Karam, der Deputy-Collector, Sahib. Er will den Staub zu Deinen Füßen küssen, ehe er weiter reift.«
»Laß ihn herein kommen.«
Der Tschauri klopfte mit einem Silberstäbchen an eine Glasglocke, worauf ein anderer Diener durch die Thür eintrat. Diesem sagte der erste den Befehl des Herrn, worauf derselbe die Thür nochmals öffnete und dem harrenden Collector winkte, einzutreten.
Der Tschauri hatte unterdeß den Thermometer abgenommen und trug ihn hinaus, um von seinem Vorgesetzten nachsehen zu lassen, wie hoch das Quecksilber stand.
Als er zurückkam, meldete er 103 Grad.48
Der Steuereinnehmer war unterdeß, indem er die Pantoffel
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vor der Schwelle ließ, eingetreten und nahte mit tiefen Verbeugungen.
»Möge Dein Schatten niemals geringer werden, o Sahib-Sahib,« sagte er demüthig. »Ich komme, um mich bei Dir zu beurlauben, ehe ich mit den Sepoys weiterziehe zu den Dörfern am Ufer des Gandlagama. Ich bitte Dich, mir Deine Huld zu erhalten und an Deinen Knecht zu denken.«
»Hast Du die rückständigen Steuern sämmtlich einbekommen?«
»Ich habe mit Deinem Verwalter Abrechnung gehalten,« berichtete der Collector, - »es fehlen noch fünfzehn Rupien an der Landpacht und den Salzgeldern, aber Deine Zehnten sind bis auf wenige An[n]ah's in Ordnung. Wir haben vier der Hartnäckigsten die Zugochsen verkaufen müssen, obschon sie sagten, sie könnten ohne deren Hilfe die Ernte nicht einbringen.«
»Die Kerle werden sich schon irgendwo andere stehlen. Es muß auf Ordnung gehalten werden. Ich fürchte, Aly Karam, Du bist zu nachsichtig in Deinem Geschäft - man darf mit dieser trügerischen Brut kein Mitleiden haben.«
»O Sahib-Sahib,« rief der Steuerempfänger - »lasse die schlimme Wolke Deines Mißtrauens nicht über dem Haupte Deines Dieners. Maschallah! was kann ich thun? Ich habe seit acht Tagen vierundvierzig Männer und Weiber in's Annundal sperren und wohl dreißig die Kittie geben lassen müssen, so verstockt sind diese Bursche. Ich brauche Deine Gunst, wie die Pflanze den Thau! Warum sollte ich lässig sein? - Ich habe gehört, daß die Stelle des Collectors im Bezirk nächstens erledigt werden soll. Wenn der Strahl Deines Wohlwollens auf mich fiele - Wallah! - ich wäre ein glücklicher Mensch und würde gern tausend Rupien zu Deinen Füßen legen!«
»Ich fürchte, es wird nicht gehen - die Collectorstellen werden gewöhnlich nur mit Europäern besetzt!«
»Ich weiß, was ich bin, Nichts - ein Hauch - ein Ding ohne Werth, aber ich bin ein ergebener Mann und kenne den Dienst! Ich glaube, daß ich dreitausend Rupien beschaffen kann und bitte Dich, einstweilen diesen Ring anzunehmen für das Fehlende an den Steuern des Dorfs.«
Er legte den kostbaren Smaragd, den er dem armen Munsiff
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genommen, auf einen Tisch von Rosenholz, der zu den Füßen des Ruhebettes stand.
Der Ring war nicht 500 Rupien, wie der darin unerfahrene Verwalter ihn geschätzt, sondern mindestens das Fünffache werth.
Es ist übrigens - wir müssen das zur Verständniß der Sitten bemerken - das Geschenkgeben und Nehmen in Indien ein ganz gewöhnlicher Gebrauch. Nur besteht seit einiger Zeit die Verordnung, daß jeder Beamte oder Angestellte der Compagnie die empfangenen Geschenke an den allgemeinen Schatz abliefern soll, und zu deren Empfangnahme begleitet z. B. bei Gesandtschaften an die eingebornen Fürsten ein besonderer Beamter, der Babu, den Zug. Daß natürlich dabei die gewissenlosesten Unterschleife getrieben werden und der Geiz und Betrug vollen Spielraum behalten, ist selbstverständlich.
In diesem Augenblick klopfte es leise an eine Seitenthür zu Füßen des Divans. Sie wurde halb geöffnet, und die zierliche, feine Gestalt der Marquise von Deprevaille erschien auf der Schwelle.
»Verzeihung, Sir - ich fürchtete nicht, zu stören, und ziehe mich zurück.«
Der Nabob machte eine Bewegung, als wolle er sich erheben, »Madame, ich bitte, bleiben Sie - Sie wissen, daß Sie mir stets willkommen sind. Wir werden über die Angelegenheit weiter sprechen, Aly Karam, wenn ich nach Madras zurückgekehrt bin. Einstweilen bemühe Dich, Deinen Dienst gut zu versehen und hüte Dich vor jeder thörichten Nachsicht. Das Gesindel verdient sie nicht und die Kassen der Compagnie brauchen ihr Geld.«
Der Steuereinnehmer entfernte sich rückwärts schreitend unter demüthigen Verbeugungen.
Die junge Wittwe, denn eine solche war die Marquise nach ihrer Angabe, war näher getreten, und als der Baronet die Bewegung wiederholte, sich höflich zu erheben, eilte sie an seine Seite und ihre reizende kleine Hand drückte ihn selbst auf das Lager zurück.
»Ich bitte, Sir - wenn meine Gesellschaft nicht zudringlich erscheinen soll, - keine Störung in Ihrer Ruhe und Bequemlichkeit! Da ich unsern lieben Eduard nicht bei mir haben konnte
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und mich heute weniger angegriffen von der Hitze fühle, kam ich auf den Gedanken, Ihnen meinen Besuch zu machen und Sie zu fragen, ob ich Ihnen die Zeitungen vorlesen soll.«
Der Rath lächelte halb freundlich, halb schmerzlich. Die Aufmerksamkeit that ihm wohl und zugleich erinnerte er sich, daß seine Frau, die vornehme Dame, nie daran gedacht hatte, ihm eine ähnliche Freundlichkeit zu erweisen.
»Bitte, nehmen Sie Platz, Madame,« sagte er höflich. »Ihre Güte bleibt sich immer gleich, aber ich kann Sie bei dieser Atmosphäre unmöglich ermüden mit den Debatten des Parlaments. Lassen Sie uns plaudern, Madame - ich vergesse meine Leiden und meine Sorgen stets in Ihrer Gesellschaft. - Einen Sessel für die Frau Marquise, Schurke!«
Obschon das Herbeitragen der Sessel keineswegs zu den Amtspflichten des Tschauri-Badar gehörte, war der Ton des Gebieters diesmal doch so streng und keinen Widerspruch duldend, daß der Hindu-Diener sich beeilte, zu gehorchen.
Die Marquise spielte mit den Zeitungsblättern, die dem Baronet entfallen waren, gleich als erwarte sie eine Frage, die auch nicht ausblieb.
»Sie sagten, Madame,« wandte der Nabob sich zu ihr, - »daß Eduard nicht bei Ihnen sei. Darf ich fragen, warum nicht und wo er sich befindet? Sie wissen, wie ruhig ich bin, wenn ich ihn unter Ihrer Obhut weiß.«
»O, ohne Besorgniß, Sir! Mylady hat den Knaben zu sich in den Kiosk auf dem Palmenhügel holen lassen, wo sie ihre Siesta zu halten pflegt. Mylady will gewiß des Knaben Gegenwart mit mütterlicher Zärtlichkeit genießen, darum hat sie ihre Dienerinnen entfernt.«
Der Baronet sah aus seiner Lethargie aus. Es lag etwas in dem süßen, entschuldigenden Ton der Marquise, das ihm durchaus nicht gefiel.
»Die Dienerinnen fortgeschickt? was ist das für eine neue Laune von Mylady? - Es könnte ihr und dem Kinde irgend etwas passiren.«
»O bewahre, Sir - der Pavillon ist ja so nahe, Sie können von hier aus die Kuppel über den Bäumen her sehen. Ueberdies
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ist ja unser lieber Eduard nicht mehr so jung. Er ist - lassen Sie sehen - im nächsten Monat drei Jahre. - Richtig - ich erinnere mich - er ist gerade ein Jahr später geboren, als das achte leichte Dragonerregiment, bei dem Lieutenant Eglinton steht, aus England nach Madras kam.«
Wiederum waren die Worte so naiv unbefangen, so zufällig und anscheinend absichtslos, - und dennoch zuckte der Rath unwillkürlich zusammen, und zwischen seinen Augenbrauen zeichnete sich eine häßliche Falte.
Die Marquise hatte unterdeß ein Blatt der Morning-Post ergriffen und las einige Hofnachrichten mit gleichgiltigem Tone vor, hin und wieder dazwischen plaudernd und den Baronet beschäftigend.
»Ah, Lord Vere ist bei Hofe empfangen worden. Sein Sohn, der Colonel, hat den Bathorden erhalten für die Bravour beim Sturm auf den Redan. Schade, daß eine russische Kugel ihn nicht getroffen. Eglinton hätte dann eine Aussicht mehr auf die Pairie!«
»Wie so - auf welche?«
Die Französin überhörte die Frage. »A propos! was hatte doch unser hübscher Lieutenant wohl vergessen, daß er sich von dem Zuge trennte und bei der brennenden Sonnenhitze noch ein Mal zurückkehrte!«
»Wie - Lieutenant Eglinton wäre zurückgekehrt!«
»Ei - wissen Sie das nicht? - Gewiß hat er Sie nicht stören wollen. Vor kaum einer Stunde sah ich ihn ganz deutlich mit dem Glase auf seinem ›Rookeby‹ die Hügel herunter galoppiren. Er ritt an der Seite des Thales entlang. Wenn er nur nicht den Sonnenstich bekommt!«
Der Baronet trocknete mit dem Foulard von chinesischer Seide den Schweiß von seiner Stirn. »Der Geck,« murmelte er - »um das Bischen Hirn, was der Bursche hat, wäre es nicht schade.«
»Fi donce, Sir - wer wird so boshaft sein. Sie haben Unrecht. Lieutenant Eglinton-Waterford ist nicht blos ein hübscher, sondern auch ein ganz gescheuter Mann. Wir Frauen verstehen das zu beurtheilen. Aber - mon Dieu, was ist Ihnen, Sir?«
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Der Baronet war bei der Nennung des Namens wie eine Stahlfeder in die Höhe geschnellt - sein Gesicht war todtenbleich.
»Was - wen nannten Sie so eben, Madame? - den Namen!«
Seine Hand packte krampfhaft ihren Arm.
»Ei, wen anders als Lieutenant Eglinton-Waterford - unsern Eglinton, Ihren Gast, Sir.«
Der Baronet stand aufrecht vor ihr. Seine Lippen, seine Hände zitterten sichtbar, doch suchte er sich gewaltsam zu fassen.
»Wie kommen Sie dazu, Frau Marquise, dem Lieutenant Eglinton den Namen Waterford zu geben?«
»Er ist ja der seine. Wissen Sie das nicht? Die Familie heißt Eglinton-Waterford, wenigstens führte er den letztern Namen bis zum Tode seines zweiten Bruders, als er noch beim Stabe des Vice-Königs in Dublin stand. Als Waterford ist er gerade mit den de Vere's verwandt. Mein Gott, wie schlecht Sie Ihren Adelskalender im Kopf haben, Sir!«
Die Todtenblässe des Baronet war in eine dunkle Röthe übergegangen, seine Augen flammten; - der hartherzige, egoistische, verlebte Mann schien wirklich schön und erhaben in diesem Ausbruch der Leidenschaft.
»Die Beweise, Madame, die Beweise!«
»Mon dieu! ich wiederhole Ihnen, es ist ja eine ganz bekannte Sache. Ueberdies - ich glaube sogar - ich habe zufällig das Stück eines Briefcouverts an ihn in der Tasche, das heute Morgen der Wind unter meine Veranda jagte. Die Herren Jäger gehen fahrlässig mit ihren Patronenpfropfen um. Es war so zierliches, duftiges Papier, darum hob ich es auf und steckte es zu mir, um Lionel bei der Heimkehr zu necken.«
Sie warf den Vornamen so leicht hin, suchte einige Augenblicke in der Tasche ihrer Robe und brachte dann das zerknitterte Papier zum Vorschein.
»Richtig - dieses ist es!«
»Geben Sie!«
Er nahm ihr fast unhöflich das Papier aus der Hand.
Es war die Hälfte eines mitten durchgerissenen zierlichen Couverts, auf dem die Schrift, trotz der Schwärzung durch Pulver
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und trotz der Risse noch deutlich erkennbar, und hatte wahrscheinlich zur Patrone gedient, war aber beim Herausziehen der Kugel auf den Boden gefallen.
Die Schrift war eine Damenhand.
Der Baronet lachte höhnisch auf, - der Ton war fast schauerlich.
»Und diesen Lieutenant Eglinton-Waterford haben Sie vor einer Stunde nach der Cottage zurückkehren sehen?«
»Ganz gewiß. Aber sagen Sie mir, was ist an alledem so Ungewöhnliches? was soll das bedeuten? - ich habe doch nicht Unrecht gethan, Ihnen das zufällig zu erzählen?«
»O nein, Madame, nein! im Gegentheil, ich bin Ihnen zum höchsten Dank verpflichtet, ich und Lady Mallingham, meine - Gemahlin!«
Er stand bereits an einem zierlichen Bureau von Acajouholz, mit Silber- und Elfenbein-Mosaiken ausgelegt, und suchte ein Behältniß aufzuschließen. Aber seine Hände zitterten so stark, daß er den Schlüssel nicht in das Schloß zu bringen vermochte, und mit einem ungeduldigen heftigen Faustschlag zertrümmerte er den Deckel.
Dann nahm er zwei schön gearbeitete kurze Pistolen von Lepage heraus, überzeugte sich, daß sie geladen, und ließ das Schloß spielen.
»Um Gotteswillen, Sir Mallingham! was wollen Sie thun? was soll das Alles bedeuten? Ihre Farbe wechselt fortwährend - Sie haben ein Fieber!«
»Nichts - in der Welt Nichts, Madame!«
Er öffnete das Fenster und stieß die Jalousieen auf.
Die Marquise versuchte ihn festzuhalten, wenigstens machte sie eine solche Bewegung.
»Wohin wollen Sie, Sir?«
»Wohin? - ich will Mylady fragen, ob sie weiß, daß Lieutenant Eglinton auch Waterford heißt!«
Er sprang, die Pistolen in der Hand, aus dem Fenster.
Die Marquise athmete tief auf, während sie die kleine zierliche Hand auf die Brust preßte.
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Ihr Auge funkelte einen Moment lang mit boshafter Schadenfreude.
»Endlich! - Wohl bekomm' die Ueberraschung, Mylady! - ich hoffe, diesmal sind meine Actien im Steigen!«
Sie folgte ihm rasch durch die Thür. Bestürzt - erstaunt sahen die Diener sich an - so hatten sie ihren gleichmüthigen starren Gebieter noch niemals gesehen. - - -
Als die Französin die offene Verandah erreichte, sah sie den Baronet, hoch aufgerichtet, mit hastigen Schritten quer über den Grund dem etwa achthundert bis tausend Schritt entfernten Palmenhügel zueilen.
Plötzlich stockte sein Fuß - er blieb stehen und schien zu horchen. -
Im nächsten Augenblicke hörte sie auch die Ursache dieser Zögerung.
Es war ein näher und näher kommendes Angstgeschrei - aus den Geranium- und Oleanderbüschen, die den Fuß des Hügels bedeckten, stürzte eine Gestalt hervor und schien mehr zu fliegen als zu laufen. Ihre Hände fuhren wild durch die Luft, von Zeit zu Zeit schaute sie, wie eine Verfolgung fürchtend, zurück.
Es war Zelima, die Tochter des Ryot, das junge schöne Mädchen, das die Lady nach seiner Rettung aus den Händen des Verwalters zu ihrer Leibdienerin gemacht.
Das Mädchen hatte jetzt den Baronet erreicht, an dessen Seite bereits die Marquise stand. Die Augen der Indierin starrten Schreck und Entsetzen - aus der keuchenden Brust rang sich nur ein Wort - ein Name - - ihre Hand wies zitternd nach den Palmen am Kiosk!
Seltsam! - Kein Lüftchen rührte sich in der noch immer schwülen Atmosphäre, und dennoch, - als die Französin ihre Augen zur Spitze des Hügels erhob, kam es ihr vor, als ob einer der gigantischen Baume hin und her schwankte und seine Blätterkrone tief zu dem Dickicht der Tamarindenbäume neige.


Das Innere des Pavillons auf der Spitze des Palmenhügels
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war mit allem Comfort eines englischen Boudoirs und dem Luxus eines indischen Frauengemachs ausgestattet.
In Stelle der Panka war der obere gewölbte Theil der Decke von einem vergoldeten, durch ein breites chinesisches Ober-Dach beschatteten Gitter gebildet, was einen fortwährenden leichten Luftzug unterhielt.
Die Wände des runden Gemachs waren mit Rosenholz getäfelt und reich vergoldet. Einige schöne Aquarells, englische Gegenden darstellend, hingen an den Wänden; die Staffelei, die in der Ecke des Gemachs stand, bewies, welche kunstfertige Hand diese Erinnerungen an die Heimath geschaffen.
Ein Bücherschrank, Stühle mit prächtigen Albums belastet, einige weibliche Handarbeiten und eine schöne englische Harfe zeigten die Beschäftigungen der reizenden Bewohnerin dieses indischen Tuskulums.
Ein köstlicher milder Duft erfüllte die Luft; er kam von einer einzigen Blume, der Champa, die in einem chinesischen Porzellangefäß mit Wasser stand, und von der eine einzige Blüthe genügt, ein Zimmer mit Wohlgeruch zu erfüllen.
Auf einem Tisch von dunklem goldgeäderten Marmor waren in Körbchen von Silberfiligran aus Bangkok49 jene köstlichen Früchte Indiens aufgehäuft, zu deren Frische und Wohlgeschmack man in Europa nichts irgend Vergleichbares hat: der Durian, die Mitte zwischen Melonen und Ananas haltend, die Frucht eines prächtigen Baumes; die fast durchsichtige Mangustane oder indische Apfelsine, mit ihrem würzreichen Duft und ihrer kühlenden Frische, den feinen Geschmack der Traube, der Erdbeere, der Kirsche und der Orange mit dem Geruch der Himbeere vereinend, das ganze Jahr über ein Labsal in dem heißen Lande, denn zu allen Zeiten ist der Baum, der sie hervorbringt, mit Früchten und Blüthen bedeckt; - die Mango's, Guava's, Bananen, Orangen und Ananas und die köstliche kleine Nuß des riesigen Nieng-Lak-Baumes, von der das kleinste Stückchen in ein Glas Masser geworfen, demselben Frische und Wohlgeschmack mittheilt.
Das Zimmer hatte nur wenige, aber kostbare Möbel: einen
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großen Marmortisch und einige chinesische Rohrsessel. An einer Wand, der Thür gegenüber, stand dagegen ein überaus schönes, niederes und breites Ruhebett, aus kühlen, weichen Matten, und seidenen, mit bunten, chinesischen Bildern gestickten Kissen gebildet, und von einem großen Gazeschleier, der an vergoldeter Agraffe von der Decke hing, ganz umgeben.
Auf diesem Ruhebett lag, den Kopf in die Hand gestützt, die Lady. Ein weites, luftiges Gewand von weißem, indischen Mousselin umschloß, von einer grünen Schnur zusammengehalten, die schönen Formen des Körpers; die nackten, zierlichen Füßchen wiegten sich in Pantoffeln von grünem Corduan. Eine jener prachtvollen, großen Lotosblumen von rosenrother Farbe, mit den goldfarbigen Staubfäden, war ihrer Hand entfallen und ruhte auf der feingeflochtenen Rohrdecke des Bodens, wo der dort liegende Knabe halb schlafend, halb wachend mit ihr spielte.
Die Jalousieen waren geschlossen, ließen aber mit dem vergoldeten Eisengitter der Decke genügendes Licht ein.
Trotz der schwülen, drückenden Atmosphäre schien die Lady wenig das Bedürfniß nach Ruhe zu empfinden, ihr Geist war vielmehr aufgeregt und unruhig. Von Zeit zu Zeit sogar erhob sie sich von dem Lager, ging nach den Jalousieen, die rings das Zimmer umgaben, öffnete eine oder die andere und schaute hinaus auf den Platz um den Kiosk und nach dem Grün des Wäldchens. Dann richteten ihre schönen Augen sich wieder auf eine kleine Pendüle von pariser Bronce, und ein Seufzer entfuhr den halbgeöffneten Lippen
Die Lady zählte jetzt etwa sechsundzwanzig Jahre und das Klima Indiens hatte wenig Einfluß auf ihre zarte Schönheit geübt, die noch ganz jenen durchsichtigen Teint bewahrte, welcher die Frauen der angelsächsischen Race auszeichnet. Mit dieser paarte sich jedoch das normannische Blut der mütterlichen Vorfahren in ihren Adern; denn während das blonde Haar, das schmachtende, blaue Auge und die Farbe des Gesichts jener Abstammung gehörte, zeigte die feste Bildung von Kinn, Nase und Stirn die Kraft ihrer Gefühle, ja selbst Leidenschaft, wenn sie erregt werden sollte.
»Ob er kommen wird - ob es ihm möglich gewesen, sich
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von der Gesellschaft zu trennen? - aber die Hitze ist entsetzlich, er kann nicht so wahnsinnig gewesen sein, den Ritt zu unternehmen.«
Und dennoch, obschon sie das sagte, sprang sie von Neuem auf und eilte an die Jalousieen.
Ein leichter Schrei entfuhr ihren Lippen, ihre Hand preßte sich auf das Herz, der Ausdruck ihres ganzen Gesichts verklärte sich. -
»Er ist wirklich da! - Lionel - hier - hier!«
Sie riß die Jalousie auf. Obschon ihr Ruf leise und gedämpft war, drang er doch zu dem aufmerksamen Ohr des Glücklichen.
Der Offizier, denn dieser war es, der quer durch das Wäldchen und die verschlungenen Lianengebüsche sich Bahn gebrochen, legte die Hand auf die Brüstung des Fensters und sprang in das Zimmer.
Seine erste Bewegung war, sich zu ihren Füßen niederzuwerfen und ihr Kleid und ihre Hände mit heißen, glühenden Küssen zu bedecken.
»Helene!«
»Lionel!«
Die Hand der jungen Frau wies nach dem schlaftrunkenen Kinde. »Hast Du denn Eduard vergessen?«
»O, wie sollte ich, Helene,« sagte der junge Mann, indem er das Kind in seine Arme nahm und an seine Brust drückte. »Erinnert mich nicht jeder seiner Züge an seine Mutter, und jeder der ihren an sein theures Antlitz? Geliebte - ewig Geliebte - Eure beiden Bilder sind zu einem verschmolzen in meinem Herzen!«
Sie hing in seinen Armen, an seinen Lippen, während er sie sanft wieder auf das Ruhebett niederließ.
»Es ist unmöglich,« flüsterte sie, »ich kann es nicht länger ertragen! Täglich wird mir diese Lage verhaßter, unnatürlicher. Dazu die Furcht, die Angst, daß ein Zufall uns entdecken und verrathen mag. Zwar hat Mallingham nie mit einer Sylbe nur gezeigt, daß er weiß, wir hätten uns früher gekannt, geliebt, aber dennoch könnte eine zufällige Begegnung es zur Sprache bringen.
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Darum auch darfst Du nur selten unser Haus besuchen, darum sind die Augenblicke so vereinzelt, so kurz, die ich Dir weihen kann.«
»Aber wird es nicht gefährlich sein, daß Du mich hierher beschiedest?«
»Nicht mehr, als jede andere Zusammenkunft. Der Baronet bringt die Zeit bis zur Abendkühle stets in seinem Zimmer zu und weiß, daß ich es nicht liebe, belästigt zu werden. Nein, nein, mein Geliebter, zwei volle, schöne Stunden sind noch unser unbeschränktes Eigenthum, und Zelima, das Hindumädchen, dessen Vater ich von der Untersuchung befreite, hält auf dem Wege zur Cottage Wache und wird von jeder Störung bei Zeiten mich benachrichtigen. Aber Du, Lionel, wie hast Du es angestellt, Dich von Deinen Begleitern loszumachen und in der Nähe des Dorfes zurückzubleiben?«
Der Offizier lächelte. »Ich bin in dem Dorf nicht zurückgeblieben, es war unmöglich. Ich verdanke es Rookeby, meinem braven Pferde, daß ich Dich in meinen Armen halte. Ich habe erst vor zwei Stunden die Jagdgesellschaft, achtundzwanzig Meilen von hier, in ihrem Mittagslager verlassen.«
»Wie? unmöglich - Du hast den weiten Weg durch die Berge allein, in dieser entsetzlichen Hitze, zurückgelegt!«
»Im Galopp, Helene - und wäre es durch ein Meer von Feuer gegangen, ich hätte den Ritt gewagt. Freilich ist Rookeby arg mitgenommen und nur der Hilfe eines Fakirs verdanke ich seine Erhaltung. Aber was thut das, Du rufst - und hier ist Dein Ritter und hält Dich und den Knaben in seinem Arm.«
Sie trocknete und küßte seine heiße Stirn, holte ihm von den süßesten, erfrischendsten Früchten herbei und zwang ihn, sie zu genießen.
»Mein Lionel - o wie ich Dich liebe für diese Opfer, die Du mir bringst! Wie mein ganzes Leben allein noch in der Liebe zu Dir vegetirt, in dem Hoffen und Sehnen, Dich wieder in meiner Nähe zu wissen, von Zeit zu Zeit in Dein treues Auge blicken, aus Deinem Munde die Betheuerung Deiner Liebe vernehmen zu können. Aber ich rief Dich nicht, um Dir zu sagen, was Du längst weißt, ich rief Dich, um Dir zu sagen: es soll
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nicht länger so bleiben, die Zeit ist da, wo wir Alles wagen müssen, um Alles zu gewinnen.«
»Was meinst Du - was soll ich vernehmen?«
Das Kind war wieder eingeschlafen und ruhte unter seinen Spielsachen auf der Matte. Sie zog den Geliebten zu sich auf das Ruhebett und warf mit einer Bewegung der Hand die verhüllende Gardine darum her.
»Höre mich an, mein Geliebter,« sagte sie schmeichelnd. »Wie oft in den kurzen, süßen Stunden, die uns geworden, haben wir hundert Pläne entworfen, uns aus dieser traurigen Lage zu reißen, um ganz und ungetheilt einander angehören zu können. An tausend Hindernissen scheiterte die Erfüllung unserer Wünsche.
»Diese Hindernisse - das Glück und der Zufall haben sie hinweggeräumt. Zunächst - ich bin reich - ich bin keine Bettlerin mehr, die von dem Willen und der Gnade eines verhaßten Mannes abhängt, der mit seinem Gelde einst mich von meiner Familie gekauft hat. Du hast von dem Grafen Francis Murray, einem Verwandten unserer Familie, sprechen hören?«
»Dem reichen Sonderling, der auf seinen Gütern im schottischen Hochlande, abgeschieden von aller Welt, lebte?«
»Demselben. Das letzte Dampfboot von Suez brachte die Nachricht von seinem Tode und daß er mir hunderttausend Pfund in seinem Testament ausgesetzt hat, weil - es ist kindisch, zu sagen, aber der Alte war von jeher ein Narr - ich als Kind ihm das Gesicht zerkratzte, als er mich bei dem einzigen Besuch, den er meinen Eltern machte, küssen wollte, während meine Schwestern fein artig stille hielten.«
Beide lachten heiter und fröhlich zusammen unter den süßesten Liebkosungen, gleich als hinge das Damokles-Schwert des Verderbens nicht an einem Haar über ihrem Haupte.
»Die hunderttausend Pfund sind in Anweisungen auf die Bank von Kalkutta und in Schatzscheinen in meinen Händen. Hier sind sie.«
Sie übergab dem Geliebten das kleine, gestickte Portefeuille, das bisher in ihrem Busen geruht.
»Acht Tage nach unserer Rückkehr nach Madras wird Sir Mallingham zur Versammlung des großen Rathes sich nach
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Kalkutta begeben und in einer Mission später nach Lucknow gehen. Wir werden ihn begleiten. Kennst Du den Maharadschah von Bithoor, Nena Sahib?«
»Nein.«
»Er ist ein angeschener, eingeborner Fürst in jener Gegend, ein Anhänger der Engländer, obschon er sich schwer über die Compagnie zu beklagen haben soll. Er war im vorigen Jahre in Kalkutta und ich lernte seine erste Gemahlin oder Geliebte - ich weiß wirklich nicht, was von beiden sie ist - kennen und fand unerwartet in ihr eine Spielgefährtin meiner Kindheit wieder, die Tochter eines kleinen Grundbesitzers in der Nähe des Schlosses meines Vaters in Irland, die nebst ihrem Bruder durch seltsame Schicksale nach Indien verschlagen wurde. Sir Mallingham führte damals einige Unterhandlungen mit dem Radschah und mußte es daher dulden, daß ich die alte Freundschaft mit Margarethe O'Sullivan erneute, die wie zu einem Halbgott zu ihrem Indier emporblickt, der, wenn ich mich recht erinnere, ihrem Bruder einst durch eine kühne Handlung das Leben rettete. Sie weiß unser Geheimniß, sie hat mir ihren und des Nena's Beistand versprochen, wenn die Stunde gekommen. Sie - aber still - was ist das für ein Rauschen in den Gipfeln der Palmen - hörtest Du Nichts, Lionel?«
»Die Sonne beginnt sich zu neigen, es ist der Wind, der von der Küste her durch das Land streicht. Bald werde ich wieder aufbrechen müssen.«
»O nicht so, mein Geliebter - noch ist das Ende der Siesta fern. Laß uns weiter reden von dem Entschluß, den ich gefaßt habe. Sobald wir Madras verlassen haben, suche Dir Urlaub zu verschaffen. Da Alles im Frieden ist, wird es Dir leicht werden, diesen zu erhalten. Du folgst uns sogleich nach Kalkutta und Lucknow, ohne Dich jedoch Sir Mallingham bemerklich zu machen. In Bithoor, der Residenz des Nena, findest Du Nachricht von mir. Ich werde es möglich machen, in Lucknow oder Cawnpur zurück zu bleiben, wenn der Baronet nach Delhi weiter geht. Dann bin ich frei und Dein, wir entfliehen mit Margarethen's Hilfe ...«
»Aber wohin ...«
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»O, ist Gottes schöne Erde nicht weit und sollte sie nicht Raum haben für drei Wesen, die nichts Anderes wollen, als nur einander gehören? Laß uns nach einem der glücklichen Thäler Kaschemirs, nach Isle de France, wo Paul und Virginie lebten nach Amerika, wohin Englands Macht nicht reicht - mit Gold öffnen sich alle Wege und mit Gold werden wir selbst in Europa ein freies und sicheres Asyl finden. Das Wie und Wohin ist Deine Sache, die Sache des Mannes!«
»Helene - hast Du auch alle Opfer wohl überlegt, die Du mir bringen willst?«
»Böser Mann, Du liebst mich nicht. Was weiß eine Frau von Opfern, wenn es ihrer Liebe und dem Glück ihres Herzens gilt. Soll Eduard noch länger den Namen des Verhaßten tragen? Meinst Du, Du allein könntest allen Gefahren, der glühenden Sonne dieses Himmels, dem Wahnsinn und Tode Trotz bieten, um in meinen Armen zu sein!«
Er schloß sie in die seinen und bedeckte sie mit seinen Küssen. »Es sei - Alles für Alles, Weib meiner Seele.« - - -
Plötzlich störte das Weinen des erwachten Kindes ihren nicht endenden Abschied.
»Maman! Maman! das häßliche Thier - o Maman - ich fürchte mich!«
Die junge, verirrte Frau riß die Vorhänge des Ruhebetts von einander - die Strafe ihres Verbrechens stand in der furchtbarsten Gestalt, gleich einem der Hölle entstiegenen Dämon, vor ihren Blicken.
Der kleine Knabe, in seinem leichten Röckchen, hatte sich bis in die Mitte des Gemachs gewälzt und knieete dort jetzt auf der Matte, die Arme furchtsam und abwehrend gegen das gegenüberliegende Fenster gerichtet, dessen Marquise die Lady vorhin geöffnet hatte, um nach dem Geliebten auszuschauen.
In dem Rahmen bewegte sich eine widerliche Ungestalt, zwei rollende, stechende Augen schossen grünliche Blitze auf das arme Kind, ein weit geöffneter Rachen mit zwei Reihen kleiner, spitzer Zähne - zwischen dem giftigen Brodem, der aus dem blutig rothen Schlunde drang, eine züngelnde, gespaltene Spitze - an dieses entsetzliche Haupt ein langer, hochgebäumter, in bunten
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Farben, Gold, Grün und Purpur schimmernder Körper bis hin zum Stamm der nächsten Palme gedehnt und mit dem spitzen Ende um diesen geschlungen - - -
Ein gräßlicher Aufschrei - die Mutter warf sich von dem Lager herab in einer einzigen rasenden Bewegung bis in die Mitte des Gemachs, bis hin zu ihrem Kinde. Indem sie es umfaßte, fiel sie ohnmächtig mit ihm zu Boden.
»Goddam! - die Anakondah!«
Derselbe Ruf, den der Ryot schreckensbleich dem Derwisch gestammelt - -
Derselbe Ruf, den Zelima entsetzt zu den Füßen des eifersüchtigen, rachedürstenden Gatten ausgestoßen - - -
Dann ein Pulverblitz - ein schwacher Knall - ein häßliches, widriges Zischen, und darauf - - -

III. Im Meß-Bungalow.

Die Panka war in voller Bewegung, denn die Gluth, die sie zu kühlen hatte, war doppelter Natur - von der im Westen versunkenen Sonne Indiens und den Portwein- und Claretflaschen auf der langen, reich mit Silber und chinesischem Porzellan besetzten Tafel.
Eine Anzahl von Offizieren verschiedener Truppengattungen und einige Civilisten saßen um diese. Es war heute Dienstag, der Tag, an welchem die Messe50 der Offiziere des 71sten Eingebornen-Regiments, das zur Garnison von Cawnpur gehörte, ihre Kameraden und Bekannten einzuladen pflegte.
Die Einladungen waren an diesem Tage ziemlich zahlreich gewesen. Gäste von Bithoor und Lucknow, der 43 englische Meilen entfernten Residenz von Audh, waren anwesend und man hatte bereits zwei volle Stunden bei der Tafel zugebracht.
Diese ist überhaupt eine der wichtigsten Beschäftigungen des europäischen Offiziers in Indien.
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Der Kreislauf seines Tages ist - wenn nicht ein Feldzug eine Jagd, oder eine Festlichkeit Abwechselung hineinbringen, ziemlich eintönig.
Wir haben in einem der früheren Kapitel angedeutet, daß wir auf die Einrichtung der indischen Armee näher zu sprechen kommen würden und schalten die nöthigen Angaben hier ein.
Wie bereits erwähnt, bestand im Jahre 1856 die Armee der Krone und der Compagnie aus 264,000 Mann, von denen etwa 36,000 Mann Europäer waren. England sandte, wie aus den Contracten über den Truppentransport jetzt ersichtlich wird, alljährlich 10,000 Mann nach Indien, von denen regelmäßig mindestens die Hälfte dem Klima und den Strapazen erliegt.
Diese europäischen Truppen bilden den Kern der indischen Armee. Sie liefern die Offiziere und Unteroffiziere für die von der Compagnie durch Anwerbung gebildeten eingeborenen Regimenter, die in der spätern Erhebung so vielberüchtigten Sepoy's. In den Reihen der letztern findet man alle in Indien vorkommenden Religionssecten - hauptsächlich die Hindu's und Mohamedaner, - und alle Kasten vertreten, gewöhnlich sind aber diese Sepoy's aus fernen, durch die kriegerischen Eigenschaften ihrer Bewohner bekannten Landestheilen geworben, oder die Kinder von Sepoy's und für den Kriegsdienst erzogen. Im Ganzen kümmern sich die Hindu's darunter wenig um die Art und Weise der Regierung; ein compacteres Ganze, eine festere religiöse Nationalität bildet dagegen der mohamedanische Theil der Armee.
Da nun jeder dieser Männer dabei streng seine eigenen Sitten, Gebräuche und religiösen Vorschriften bewahrt, deren Verletzung und Nichtachtung ihn tiefer kränkt, als wirklicher, politischer Druck und tyrannische, militairische Behandlung, so besteht ein Conglomerat von Rücksichten und Anforderungen in der Behandlung und Stellung dieser Truppen, das sich bei keinem andern Heere der Welt findet.
Der eintretende Sepoy darf nicht unter 16 Jahren sein. Gewöhnlich dient er, so lange es seine Körperkräfte erlauben. Verwundung, Krankheit und fünfzehnjährige Dienstzeit geben ihm ein Anrecht auf eine kleine Pension oder ähnliche Versorgung. Wenn er sich hervorthut, so kann er zum Offizier befördert werden,
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von denen bei jeder Compagnie zwei eingeborene Offiziere, ein Subadar (Hauptmann) und ein Jemedar (Lieutenant) stehen, außerdem ist bei jedem Regiment ein Subadar-Major (Stabsoffizier) angestellt.
Weiter aber können es die Eingebornen nicht bringen - hier ist die Grenze für die treuesten und tapfersten Dienste.
Noch widersinniger und das Ehrgefühl verletzender aber ist die Einrichtung, daß der geringste europäische Offizier im Regiment, jeder britische Fähnrich im Range über dem höchsten eingebornen Offizier steht und diesem befiehlt.
Von einer kameradschaftlichen Stellung der europäischen und eingeborenen Offiziere ist daher gar nicht die Rede. Beide Klassen leben abgesondert.
Der Sepoy ist ebenso wie der englische Soldat gekleidet und bewaffnet, das heißt, ganz unpraktisch für das Klima, nur daß ein Czakot keinen Schirm hat.
Die höchste, entehrendste und gefürchtetste Strafe war bei diesen Leuten bisher die Ausstoßung aus der Armee!
Der europäische Soldat der Königlichen Armee steht im Ganzen mit tiefer Verachtung auf den Sepoy nieder. Mit jenem Bulldoggenmuth, der ihn jede Gefahr verachten läßt, mit jener Kaltblütigkeit, mit der er ihr zu widerstehen weiß, wenn sie da ist, und dem zähen Widerstand gegen Strapazen aller Art verbindet sich der übermüthige Glaube unbedingten Sieges. Darum überläßt er sich aber auch allen schlechteren Eigenschaften seiner europäischen Natur. Mäßigkeit ist ihm ein fremdes Wort, und Völlerei und Trunksucht richten hauptsächlich jene furchtbaren Verheerungen an, von denen man in Europa nur selten die richtigen Zahlen erfährt.
Nur Wenige machen ihre zwanzigjährige Dienstzeit durch. Die meisten europäischen Regimenter verlieren an Krankheiten jährlich mindesten fünfzehn Procent ihrer Mannschaft; häufig kommt der Fall vor, daß mehr als die Hälfte des Regiments nicht dienstfähig ist.51
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Der Troß, den ein solches europäisches Regiment mit sich führt, ist kolossal. Jede Zeltmannschaft, bestehend aus 1 Sergeant, 1 Corporal und 14 Mann, hat ihren eigenen Claschy (Zeltschläger), Behischty (Wasserträger) und Doby (Wäscher) und vier Kameele mit ihrem Führer. Bei der Kavallerie hat sogar jeder Reiter seinen besondern Seyce (Pferdehalter), 2 Soldaten haben ihren Wasserträger und immer 2 Pferde einen Grasschneider. Zu jedem Geschütz gehören 4 Wasserträger, 4 Grasschneider, 4 Seyce's und Doby's und ein Claschy. Eine Armee von etwa 30,000 Mann und 100 Geschützen bedarf zu ihrem Fortkommen mindestens 400 Elephanten, 20,000 Kameele, 5000 Zugochsen und gegen 100,000 Diener aller Art.
Zu dieser Last kommt die Gewohnheit der Engländer, bei jedem Regiment eine bedeutende Anzahl Frauen und Kinder mitzuschleppen.
Dem entsprechend sind die Bedürfnisse der Offiziere. Jeder Lieutenant braucht und hat 10 Diener, der Capitain 14, der General mindestens 20 zu seiner persönlichen Aufwartung. Hiernach eingerichtet sind freilich auch die Besoldungen, da nach unserm Gelde der Fähnrich monatlich 133 Thlr., ein Lieutenant 169 Thlr., ein Capitain der Infanterie und Kavallerie 274 und 373 Thlr., ein Oberst 850 und 978 Thlr., der Generallieutenant viertausend Thaler bezieht, außerdem jeder Regimentschef noch eine jährliche Zulage von etwa 3 bis 4000 Thlr. Wir haben bereits erwähnt, daß die Unterhaltung der Armee der Compagnie fast sechszig Millionen Thaler kostet, während z. B. der ganze Etat des Kriegsministeriums Preußens sich auf 28 Millionen beläuft und England für seine Armee nur 42 Millionen ausgiebt.
Die Offiziere haben sich fast ganz das indische Leben und seine Bedürfnisse zu eigen gemacht. Das Leben eines solchen ist sehr einförmig und träge. Morgens, noch ehe die Sonne aufgeht, finden Truppenübungen statt, oder es wird ein Spazirritt unternommen, aber bevor der Strahl der Sonne mächtig wird, muß dies beendigt sein. Ein Bad ist nöthig, um ihn zu erfrischen. Um 9 Uhr vereinigt ihn das Frühstück mit seinen Kameraden - nach demselben wird die Zeit mit Billardspielen, Lesen oder der Hukah bis 2 Uhr verbracht, zu welcher Stunde
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das gemeinschaftliche warme Frühstück im Meßlokal eingenommen wird. Nach diesem wieder Siesta bis zum Untergehen der Sonne, wo nochmals der Dienst ihn fordert oder körperliche Bewegungen vorgenommen werden; Reiten, Rocketspiel oder Criket. Um 8 Uhr Abends findet das Mittagsmahl statt, das kaum vor 10 bis 11 Uhr endet.
Daß diese Lebensweise ohnehin nicht besonders geeignet ist, die Gesundheit zu erhalten, sieht Jeder ein. Dazu kommt, daß die Tafel schwelgerisch besetzt ist, selten unter zehn Gerichten, mit den Delikatessen aller Welttheile, und daß die Flasche rasch ihren Kreislauf macht.
Nach diesen Anführungen kehren wir zur Aufnahme unserer Erzählung zurück.
Am obern Ende der Tafel saß Oberstlieutenant Robert Stuart, der Kommandeur des 71. eingebornen Regiments, in Stelle des abwesenden Chefs desselben. Selten ist ein solcher, gewöhnlich ein General, bei seinem Regiment zu finden, er bezieht nur die Vortheile dieser Stellung.
Sir Robert Stuart hatte - was selten ist bei den Offizieren in Indien - eine rasche Carriere gemacht, und war noch ziemlich jung. Diejenigen unserer Leser, denen unser Buch »Sebastopol« nicht unbekannt ist, werden sich vielleicht noch des Lieutenants, aus der Redoute auf den Höhen der Tschernaja-Berge in der Nacht vor der Inkerman-Schlacht, des Capitains aus den Schützengruben vor dem Malakoff erinnern. Der Tod räumte damals auf in den Reihen der englischen Armee und das Avancement war billig. Der Sturm auf den Redan hatte dem tapfern Capitain die Majors-Epauletten und den Verlust eines Auges gebracht. Bei der Einschiffung der Truppen ging der Major nach Indien und trat als Oberstlieutenant in ein Sepoy-Regiment. Der Oberstlieutenant war noch immer ein hübscher Mann, aber eine gewisse dunkle Röthe, die sein Gesicht zu überziehen begann, bewies, daß er sich einer in diesem Klima nur allzugefährlichen Leidenschaft ergeben.
Hinter seinem Stuhl stand unser alter Freund Mickey, jetzt wohlbestallter Sergeantmajor und Proviantmeister im Regiment. Der Bursche war ein Liebling des Oberstlieutenants, das Factotum
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aller anderen Offiziere und nicht wenig eingebildet auf seine Stellung. Der Hochmuth, mit welchem er aus seine indischen Kameraden herabschaute, gab eben so oft zu ärgerlichen wie höchst komischen Scenen Veranlassung, seine Gutmüthigkeit und seine unerschöpfliche Laune aber hatten »Sahib Micko« - so hieß er im Regiment - doch zum Liebling aller Soldaten gemacht.
Bei Tafel hatte der Sergeant-Major zugleich das Amt eines Haushofmeisters, eine Beschäftigung, die er sich bei seiner Liebhaberei für Proviantirung und zwar möglichst gute Proviantirung durchaus nicht nehmen lassen wollte. Er hielt die Köche und die braune Dienerschaft ganz vortrefflich in Ordnung und ließ nichts verschwinden, außer was er selbst bei Seite brachte.
Der Gentleman, welcher zu des Oberstlieutenants Rechten saß, war ein Mann von fünf bis sechsunddreißig Jahren, Major Rivers, der britische Resident von Cawnpur. Der hochmüthige, stolze und falsche Ausdruck, den das Gesicht des kommandirenden Offiziers in der Missionsstation am Somo, des falschen Tochtgängers im Kaffern-Kraal gezeigt, war noch immer derselbe.
Nur tiefere Falten der Leidenschaften, und des zügellosen Genusses lagen auf diesem unheimlichen Gesicht und um die starren, wasserblauen Augen.
Mit seinem Regiment vor drei Jahren vom Cap nach Indien gekommen, hatte es der Major für vortheilhafter gehalten, seinen Abschied zu nehmen und in die Dienste der Compagnie zu treten, die ihn zum Residenten in Cawnpur und Jhansi ernannte.
Hier war Major Rivers in seinem Element,
Sein hochmüthiger, grausamer Charakter fand in der knechtischen Unterwerfung der Bevölkerung, in der Mißhandlung und Demüthigung der eingebornen Fürsten volle Befriedigung.
Alle seine niederen Eigenschaften, Wollust, Habsucht, Ehrgeiz, vermochte die tyrannische Macht, welche die Residenturen in Indien ihren Inhabern gewähren, in vollem Maße zu befriedigen.
Und er verstand, von dieser Macht den abscheulichsten Gebrauch zu machen.
Ihm gegenüber, an der andern Seite des Oberstlieutenants, saß eine andere, dem Leser bereits bekannte Gestalt, ein junger
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Mann im Anzuge eines Gentleman-Reiters, soweit es thunlich diese Kleidung mit den Ansprüchen des Klima's vereinigt.
Es war Eduard O'Sullivan, der Bruder Margarethens, der Schwager des Nena.
Sein sommerfleckiges, offenes Gesicht war noch eben so blaß und hager, wie vor fünf Jahren, als wir, ihm zuerst im Spielzelt an der plazza major von San Francisco begegneten, ja eine gewisse Abspannung darin verrieth, daß sein Leichtsinn auch in Indien noch der alte geblieben war. Mit einer gewissen Eitelkeit trug er den reichen Schmuck von Ringen, Gold und Edelsteinen, den er überall angebracht, wo es irgend anging, zur Schau. Er schien mit Rivers sehr bekannt und dieser behandelte ihn mit einer cordialen Vertraulichkeit, die jeden Andern, der eine größere Menschenkenntniß besessen hätte, besorgt gemacht haben würde.
Die Reihe der dem Leser bekannten Personen an der Meßtafel des Regiments war damit noch nicht erschöpft. Der Brevet-Capitain Eduard Delafosse, der weiter unten an der Tafel, zwischen den Offizieren des Regiments und einigen jüngeren Beamten der Civilverwaltung saß, gehörte zu jenen. Er war jetzt Adjutant des Gouverneurs von Lucknow, Sir Thomas Lawrence, und für einige Tage nach Cawnpur herübergekommen, um bekannte Kameraden zu besuchen.
Das Verhältniß zwischen ihm und dem Residenten war kalt und gemessen.
Seine linke Wange zeigte eine breite, tiefe Narbe, welche eine streifende Pistolenkugel da hinein gerissen. Es war das Andenken an die Vertheidigung der jungen Kaffern gegen die niedere Bosheit seiner Waffengefährten bei ihrem Versuch, Gulma und die sanfte Luise aus den Fluthen des Stromes zu retten.
Noch immer lagerte ein tiefer Ernst auf der edlen Stirn des braven Offiziers, die Erinnerung an das unglückliche Abenteuer in den Wildnissen Afrika's. Diese Bilder hatten es vermocht, vielleicht allein von allen Denen, die um ihn am Tische saßen, sein Herz frisch und rein und nur dem Edlen und Würdigen geöffnet zu erhalten, statt - wie bei den meisten seiner
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Kameraden im Schmutz der Ausschweifungen sein Seelenleben zu ersticken.
Die Unterhaltung war sehr lebhaft und wurde über die verschiedensten Gegenstände geführt. Pferde, Jagd, die angekommenen Posten, der Krimfeldzug, Regimentsanekdoten, alte Liebschaften und neue Eroberungen, Cholera und Regierungsmaßregeln.
»Es waren mitunter komische Gesellen, unsere Alliirten in der Krim,« erzählte der Oberstlieutenant. »Das Theater der Zuaven entschädigte sie für die schwerste Kartätschenbegrüßung der Russen. Man sah manch schnurrigen Zug. So z. B. als am 7. Juni die Zuaven nach der Einnahme des ersten weißen Werkes auf das zweite losgingen, gelang es dem ersten Komiker, der sich wie ein Held geschlagen, sich auf die Brustwehr zu schwingen. Er stürzt sich auf einen russischen Offizier, wirft ihn zu Boden und zieht ihm dann gemüthlich den Rock aus mitten zwischen den Kämpfenden mit den Worten: ›Ich will Dir Nichts thun, aber gieb mir Deinen Rock, ich brauche ihn morgen für's Theater!‹«
»Haben Sie gehört, Sir,« rief von dem Ende der Tafel herüber der Quartiermeister, »daß am 14ten der »Mogador« in Kalkutta eingetroffen ist? - Er hat im Monsoon Schaden genommen an der Maschine und mußte in Madras anlegen.«
»Wissen Sie, wer mitgekommen ist? Heraus mit der Liste, Follington!«
Der Doctor, ein schlauer, kleiner Walliser, blinzelte mit listigem Auge neben dem Glase Claret, das er eben zum Munde führte, hinüber. »Um wie viel Stück frisches Fleisch hat sich Ihre Liste vermehrt, mein Junge?«
»Zwei alte Jungfern, die billiger Weise für Tanten gelten könnten, und höchstens auf einen wie Sie, Doctor, Anspruch machen. Aber Lady Oderston soll ihre vier Töchter mitgeschickt haben, da sie kein Geld hat, um noch eine Londoner Saison mit ihnen durchzumachen. Der Schatzmeister Warlett hat die jüngste zwei Tage nach der Landung geheirathet - sie ist nach dem Taufzeugniß wirklich erst zwanzig Jahre!«
»Hurrah für den Markt von Kalkutta! Alle Gänschen
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Alt-Englands finden ihre Käufer - ich fürchtete schon, die Connoissements wären in letzter Zeit zu stark gewesen.«
»O, wir können auch hier in Audh noch Zufuhr brauchen. Nicht Viele sind so wählerisch, wie Miß Wheeler!«
»Armer Toby, mein Junge,« sagte bedauernd der Doctor zu dem langen, hagern Fähnrich, von dem die Sage ging, er lege alle Nacht ein Zugpflaster auf die Wangen, um einen Bart hervorzuziehen - »Sanders, der brave Bursche, hat Ihnen das Feld geräumt und Sie haben nun wieder Hoffnung.«
»Was ist mit Sanders?« fragte Capitain Delafosse. »Wann kehrt er zurück von der Expedition am Sedletsch?«
»Wenn die Todten auferstehen, Sir!«
»Wie meinen Sie das? ist er todt?«
»Aller Wahrscheinlichkeit nach - er ist verschwunden, ohne daß man seine Leiche aufgefunden hat. - Seine Ehrwürden, Dekan Hunter, schrieb uns gestern von Delhi, daß er Nachricht erhalten, unser Freund sei von einer Jagdstreiferei nicht wieder zurückgekehrt und die Expedition habe ohne ihn den Weg fortsetzen müssen. Er war ein schmucker Bursche und hatte verteufeltes Glück bei den Frauenzimmern, wie Malwinkle Ihnen hier bezeugen kann. Entweder hat ihn ein Tiger gefressen, oder die Thugs haben ihn verscharrt.«
Der Doctor stieß einen tiefen Seufzer aus und leerte sein großes Glas auf einen Zug. Das war die Leichenrede des jungen Braven - denn die Nachricht war ja schon drei Tage alt.
»Ihre Schönen schenk ich Ihnen, Follington,« meinte der Vorsitzende. »Ich will wissen, ob Niemand von Bedeutung mitgekommen?«
»Sir Lytton Mallingham hat von Madras die Ueberfahrt mitgemacht. Er geht nach Lucknow und Delhi.«
»Hoffentlich ist Mylady dabei, die reizendste Frau Indiens. Ihre Gesellschaften in Kalkutta sind die gentilsten.«
»Mein Korrespondent schreibt mir, der Rath wäre allerdings mit einer Dame eingetroffen, aber es sei ein dunkles Gerücht von einem furchtbaren Unglück verbreitet, das ihn betroffen. Unter den Passagieren befindet sich auch Jung Bahadur, der von England zurückkehrt.«
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»Wer ist Jung Bahadur?« fragte der Fähnrich.
»Wie, Kamerad, Sie kennen Jung Bahadur nicht, den größten Schurken diesseits und jenseits des Ganges?«
»Sie wissen, ich bin erst seit sechs Monaten in Indien - und kann mich noch nicht an diese fatalen Namen auf Pur, Kur und Dur gewöhnen, die einer wie der andere klingen.«
»Ei, Jung Bahadur ist der echte Typus eines indischen Abenteurers. Gegenwärtig ist er Premierminister des Königs von Nepal, und wenn Sie von London gekommen wären, statt von Halifax, würden Sie wissen, daß er dort der Löwe der letzten Saison war und seine Diamanten allen Damen die Köpfe verrückten und die fashionablen Diebe von Smithfield zu den verwegensten Plänen begeisterten.«
»Pah - der Koh-ih-noor hat noch mehr Bewunderung erregt. Auf Ehre, ich setze da nichts Interessantes.«
»Jedenfalls ist Bahadur zu seinen Diamanten gekommen, wie die englische Krone zum Koh-ih-noor!«
»O, Doctor, er ist ehrlich gekauft.«
»Very well! mit zehn Procent von einem Diebe, der ihn gestohlen hat, Oberst; die Sache ist bekannt genug.«
»Aber mit dem Koh-ih-noor komme ich nicht zu meiner Geschichte vom Bahadur,« mahnte der Fähnrich, den der genossene Port und Claret zu den Ansichten allgemeiner Gleichheit erhoben hatten.
»Bitte - erzählen Sie die Geschichte dieses Mannes,« bat der Capitain, »ich habe selbst nur Fragmente davon gehört.«
»Jung Bahadur,« berichtete der Quartiermeister, »begann seine Laufbahn als Jemedar oder Fähnrich im Dienst des Königs von Nepal und war ein jüngerer Sohn des Bruders des Großveziers in jenem entfernten Reich. Der Bursche war im Karten- und Würfelspiel verteufelt erfahren und fleißig bemüht, aus seiner Wissenschaft Vortheil zu ziehen. Nachdem er Ober-Indien durchwandert und die Schatzkammern eingeborner Fürsten und reicher Babu's52 bedeutend geplündert hatte, kehrte er an den Hof von Nepal zurück und erhielt eine Sendung nach
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Indien, um unter den eingebornen Fürsten einen Aufstand zu organisiren. Ein erbitterter Streit mit Tantia Topi ließ die Sache scheitern.«
»Um Vergebung,« unterbrach Delafosse den Erzähler, »ist Tantia Topi nicht einer der unabhängigen Mahrattenfürsten in der Thur oder großen Wüste?«
»So ist es. Seine Burg Malangher hat selten noch ein Europäer betreten. Man sagt, daß er früher viele Jahre in England als Diener und Gefährte des Enkels der Begum von Somroo lebte und uns Mancherlei ablernte, das er jetzt für seine Zwecke braucht. Sein Einfluß am Hofe von Audh war besonders groß und man schreibt ihm den zähen Widerstand zu, den der ohnmächtige König Mohamed Wadschid Ali Schah den Abdankungsforderungen der Compagnie entgegenstellte.«
»Damned! es ließe sich Mancherlei sagen über die Geschichte!«
»Bah - wir haben das Audh und damit gut. Also um wieder auf Jung Bahadur zu kommen, so wurde der Bursche bei seinen Agitationen entdeckt, erhielt aus besonderer Gnade die Bastonade, statt des längst verdienten Strickes, und wurde mit Schub auf verteufelt wenig ehrenvolle Weise über die Grenze gebracht, worauf er in seinem Vaterland bei Hofe gerade noch zu rechter Zeit ankam, um an einem Streit zwischen seinem würdigen Oheim und des Königs erster Gemahlin Theil zu nehmen. Ihre nepalesische Majestät schlug dem Neffen vor, zur Beilegung des Zwistes den Oheim todt zu schießen und Ehren-Bahadur zögerte keinen Augenblick, den Ausweg vortrefflich zu finden. Der Oheim wurde in den Palast gelockt und als er in den Empfangssaal trat, von seinem Neffen durch den Kopf geschossen. Der Halunke soll das Portrait des Seligen von einem französischen Maler haben fertigen lassen und zeigt es mit den prahlerischen Worten: ›Das stellt meinen seligen Oheim vor, Mahtiber-Sing, den ich erschoß; es ist sehr ähnlich!‹«
»Der Kerl ist ja ein verdammter Mörder,« sagte schaudernd der Fähnrich.
»O - das Beste kommt noch. Die Königin ernannte
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Jung für jene Gefälligkeit zum Oberanführer der nepalesischen Armee. Seine nächste Heldenthat war noch glänzender. Er befand sich in einer Versammlung der Edlen von Nepal und wünschte einen von seinen Kollegen zu fassen und einzukerkern. Es zeigte sich einiger Widerstand im Ministerrath, aber eine rechtzeitig von Jung Bahadurs Hand abgesandte Kugel streckte den mißliebigen Kollegen todt nieder. Bahadur hatte seine getreue Leibwache, und sie war mit Purday's Büchsen bewaffnet, die ihm für 2000 Pfd. die Compagnie verschafft hatte. Der erschossene Fattih-Jung hatte vierzehn Freunde unter den anwesenden Adeligen! Jung Bahadur nahm dem nächststehenden Mann die Büchse aus der Hand und legte auf den Vordersten der kleinen Schaar an. Vierzehn Mal ertönte der tödtliche Knall durch die Halle, wie die Büchsen, eine nach der andern, dem Manne gereicht wurden, der nur dem eigenen Schützenblick trauen wollte, und nach jedem Schuß lag ein andrer Adeliger auf dem Boden. Ehe der Morgen graute, war Jung Bahadur zum Premier des Landes ausgerufen. Nach dieser energischen Operation besuchte er England, um sich und seine Diamanten unseren Damen zu zeigen.«
»Damned! ich hoffe, der Bursche hat Witz genug gehabt, dort zu lernen, daß mit England nicht zu spaßen ist!«
»Wir wollen es hoffen,« sagte Capitain Lowe vom 32. Regiment der Königin, das zum Theil in Cawnpur, zum Theil in Lucknow stand. »Man sagt, die Rani von Lahore befinde sich noch immer in Nepal und intriguire von dort.«
»Was können die Weiber thun![?] Ihr Sohn ist in Firozpur, und Montague wird ihn schon zu bewachen wissen. Man hatte ihn nach England schicken sollen, da wären alle Intriguen mit einem Mal zu Ende gewesen. Apropos, Sullivan, haben Sie Nichts von dem Nena gehört?«
»Er wird zu Lande am Sedletsch über Delhi zurückkehren, wir erwarten ihn erst in 14 Tagen.«
»Wissen Sie, Moore, daß Miß Soldie morgen von Kalkutta kommt?«
»Gott segne Ihre Augen, mein Bursche, die Nachricht ist ein Lichtblick in unserm langweiligen Leben. Nur -« er flüsterte über den Tisch hinüber - »möge Gott sie davor, bewahren, daß
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jener Schurke seine unreine Hand nach ihr ausstreckt.« Die Augen des Capitain Forbes von den Audher Irregulairen warfen einen leichten Blitz nach dem Platz hinauf, wo Rivers noch immer im eifrigen Gespräch mit dem jungen Irländer war.
»Ich haue sie ihm vom Leibe, wenn er es wagt,« sagte der Offizier. »Es ist ohnehin eine Schmach, daß sein Treiben geduldet wird. Die Residentur ist schlimmer als ein Bordell, denn in ein solches führt wenigstens nur der eigene Wille die Verworfenen ihres Geschlechts. Nur die lange Abwesenheit und die Gleichgiltigkeit des Generals trägt die Schuld.«
»Zum Henker, - Sie wissen, welche traurige Zwitterstellung das Militair in diesem verwünschten Lande einnimmt, die Civil-Administration hat alle Gewalt in Händen.«
»Keine Anekdoten aus England, Follington?« fragte wieder der Oberstlieutenant vom obern Ende der Tafel herunter.
Der Quartiermeister suchte seinen Rang und Ruf als Allerweltswisser und Neuigkeitsschatz der Garnison zu behaupten.
»Erinnert sich einer von Ihnen noch, Oberst Waugh und sein Factotum Stephens hier gekannt zu haben?«
»Stephens - den Unterchirurg?« fragte der Doctor.
»Denselben. Der Bursche wurde hier fortgejagt wegen schlechter Streiche und ging nach England zurück. Da machten sie ihn zum Verwalter der Eastern-Banking-Company.«
»Was ist das für ein Ding, die Eastern-Banking-Company?«
»Damned! Was weiß ich! Sie hatten irgend auf einer unentdeckten Insel eine bodenlose Thongrube entdeckt und darauf Aktionaire geworben. Waugh spielte den Direktor und machte den Schuft Stephens zum Kassirer; ganz England und der halbe Continent aber rechneten es sich zur Ehre, gutes Silber für die Aktien der Compagnie einzutauschen. Waugh, der in Indien nicht über hundert Rupien zu disponiren hatte, galt in London für einen Millionair, hatte einen Herrensitz in Kensington und die Lady's Patronesses rechneten es sich zur Ehre, seine Soirées zu besuchen. Dickens und sein Liebhabertheater passirten bei ihm.«
»Teufel - er nahm Anstand, bei Hofe eine Vorstellung zu geben.«
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»Die Summen, die Waugh von der Bank bezogen, sind enorm. An einem Tage ließ er sich auf bloße Bescheinigung 68,000 Pfund auszahlen.«
»Und Stephens?«
»Versteht sich, daß auch er sein Schäfchen geschoren. Erst gründete er mit dem Gelde der Bank ein Holz- und Sägegeschäft, dann eine Uhrenfabrik, dann ein Tapeziergeschäft und eine Fabrik von Krankenstühlen und zuletzt eine Teppichfabrik. Jetzt sind Beide verschwunden, Waugh schuldet der Company die Kleinigkeit von 243,000 Pfd. Sterling und ist einstweilen nach Spanien gegangen, die Company hat den schmählichsten Bankerott gemacht und die Aktionaire haben beiläufig eine Million verloren.«
»Aber der Kanzleihof - ein solcher Betrug wird doch nicht ungestraft bleiben?«
»Bah - ein Betrug und Strafe dafür in England! Madame Waugh hat dem Bankerottgericht angezeigt, ihr Gemahl sei wirklich zu unwohl, um der gerichtlichen Vorladung Folge zu leisten. Das Drama der Bank zu Croydon war noch fashionabler.«
»Ich erinnere mich. - Spielte nicht der eine Direktor mit dem Gelde der Bank, verlor Alles und schaffte dann seine kranke Mutter, seinen Bruder und sich mit Blausäure aus der Welt?«
»Ich glaube, so war's. - Bald werden wir den Franzosen nichts mehr schuldig sein!«
»O, Altengland war ihnen immer zuvor. Sie rechnen nach Franken und wir nach Pfunden.«
»Zum Henker mit Euren Bank- und Geldgeschichten. Wenn Ihr nichts Pikanteres aus der Chronique scandaleuse wißt, so sprecht von etwas Anderm.«
»Lady Bulwer hat wieder eine Schmähschrift auf ihren Mann losgelassen.«
»Man sollte alle Blaustrümpfe in's Irrenhaus sperren.«
»Vielleicht thut's der Lord noch. Haben Sie die famose Geschichte von Lady Seadgrove in Kalkutta gehört?«
»Der Frau des General-Collectors?«
»Ja! Sie hat neulich einen öffentlichen Affront veranlaßt. Der Herr Gemahl überraschte sie bei einem Rendezvous in der
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Haudah ihres Elephanten und Madame war so erbittert darüber, daß sie ihn von dem Thier zertreten lassen wollte. Zum Glück weigerte sich der Mahoud,53 seiner Bestie das Kommando dazu zu geben und der General-Collector hatte Zeit, sich aus dem Staube zu machen.«
Aus dem Dampf der Cigarren tauchte ein broncefarbenes, bärtiges Gesicht vor dem Adjutanten heraus, ein Subahdar - eingezwängt in die steife britische Uniform mit der unnatürlichen Halsbinde, die der Zopf des freien Englands zum Besten der Schlagflüsse in dem sengenden Klima bewahrt.
Der alte Mann legte die Hand salutirend an den Tschako. »Sahib - die Leute sind in ihre Linien54 geführt und die Waffen in den Hütten.«
»Ah, bist Du es, Nirgut-Singh,« sagte der Oberstlieutenant. »Wie ging es heute Abend beim Exerzieren[Exerciren]? Ich hatte keine Zeit, hinüber zu kommen.«
»Gut, Sahib - nur ...«
Der Alte zögerte und sein Blick schweifte verlegen an dem Tische hinab.
»Nun, was meinst Du? - Hier, trink ein Glas Wein, das wird Dir die Zunge lösen.«
Der Subahdar wandte sich mit Abscheu von dem Dargebotenen. »Allah hat den Gläubigen verboten, sich den Thieren gleich zu machen, indem sie ihren Verstand ersäufen,« sagte er finster. »Ich trinke keinen Wein!«
»Richtig - Du bist ja ein Muselman, ich hatte es vergessen. Nun, so sprich auch ohne Anfeuchtung Deiner Zunge, was es gegeben hat.«
»Dort der Zemindar Sahib,« flüsterte halblaut der alte Moslem, indem er mit einer Bewegung seines Kopfes den
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betreffenden Offizier bezeichnete, »hat Beni-Mahib, den Haik,55 seiner Kaste beraubt, er hat ihm den Tilluk genommen. Es ist ein großes Unglück und die Brahminen aller Compagnieen sitzen um das heilige Feuer und berathen den Fall. Böse Reden sind gesprochen worden.«
Der Oberstlieutenant runzelte die Stirn - die Gesellschaft begann, die allgemeine Unterhaltung einzustellen und zuzuhören.
»Lieutenant Halliday!« befahl der Kommandirende, »was ist geschehen bei dem Exerzieren[Exerciren]? Ich höre, Sie haben den Haik Beni-Wahib gemißhandelt?«