Nena Sahib
oder
Die Empörung in Indien.
Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart.
von
Sir John Retcliffe.
Dritter Band:
Der Sünden Ernte.
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Der Ball.
Die majestätische, gigantische Polonaise aus Meyerbeers Propheten rauschte in den stolzen herausfordernden Tönen der Militairmusik durch den goldenen Saal des Fürstenschlosses zu Bithoor.
Wie eigenthümlich nahmen sich die Melodieen des großen deutschen Komponisten, des größten musikalischen Meisters der Neuzeit, unter den tausendjährigen Sagen der Vedas, unter den klassischen Erinnerungen einer Urkultur aus, die von dem süßen Reich der Töne so wenig wußte und ihre Erinnerungen nur in gigantischen Marmor- und Steinmassen hinterlassen hat.
Aber der Schöpfer der Melodieen des Robert, der Hugenotten, des Propheten - er ist ein Dichter in Tönen für alle Zeit und die Zauberromantik seiner Klänge ist glücklicher Weise nicht an das Opernhaus von Berlin oder die große Oper von Paris gebunden, sondern wandert frei durch die Welt, über die Meere, durch die fernsten Theile der Erde, und daß das Genie seinen Adlerflug jetzt so gigantisch weit und kühn nehmen kann, während der Künstlerruhm sonst mit Schneckengang durch die Welt kroch - das ist eine der größten Segnungen der fortschreitenden Kultur.
Und dieser Fortschritt ist um so nothwendiger, als die Menschen in anderer Weise immer die Alten bleiben, kleinlich, neidisch - dem Genius das Gewicht der Alltäglichkeit an den rauschenden Flügelschlag hängend und seinen Aufschwung um so mißgünstiger
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hemmend, je mehr sie es in der eigensten Nähe sich entfalten sahen.
So auch geht es Meyerbeer, dem großen Meister der Romantik im Reiche der Töne.
Wahrlich, hätte das für den Ruhm so empfängliche Paris den Napoleon der Musik nicht auf die Gipfel dieses Ruhms erhoben, sein gleichgiltiges, undankbares Vaterland würde es nimmer vermocht haben.
Erst wenn ein kalter Marmorstein mit den goldenen Buchstaben in einem jener Gärten der Ewigkeit in der launischen gallherzigen Königsstadt Preußens von dem kleinen freundlichen Mann, dem Aristokraten des Genies aus dem Stamme Juda, erzählt, wird sein Vaterland den rechten Stolz auf jene Zauberdichtungen der Töne voll Liebesgluth und Heldentraum, die er geschaffen, empfinden, und zu seinem Namen wallfahrten, wie zu den Namen Schillers und Webers.
Armes deutsches Volk, das den Sternenmantel seiner Begeisterung nur über die Gräber breitet und die Feier der Lebendigen den Fremden überläßt. - - -
Von dem Orchester brausten die Klänge - eine deutsche Hand, ein Landsmann des gefeierten Meisters, der Preuße, der Berliner Damerow dirigirte die englische Militair-Kapelle, die er geschaffen in dem fremden fernen Welttheil.
Ein buntes Gewühl von glänzenden europäischen Uniformen, Damentoiletten und orientalischen Trachten erfüllte den weiten Raum des prächtigen Saales. Das alte Europa schien sich ein Rendezvous gegeben zu haben zwischen diesen von Gold und Spiegeln bedeckten Wänden mit den braunen Stämmen der Muttererde der Nationen.
Volle sieben Monate waren vergangen seit den blutigen Scenen, die wir zuletzt dem Leser vorgeführt. Der Palast von Bithoor hatte seine goldenen Thore längst wieder dem leichten Volk der Schmeichler und den gelangweilten stolzen Gebietern des Landes geöffnet, von denen der jüngste Lieutenant dem eingeboren Fürsten eine Ehre zu erzeigen glaubte, wenn er seinen Festen beiwohnte, seinen Wein trank, seine Rosse zu schanden jagte und sein Gold verschleuderte.
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Niemals seit jenem Abend, an welchem die beiden Offiziere auf den Befehl des kommandirenden Generals von Cawnpur1 den flüchtigen Sikh-Prinzen im Bungalow Nena Sahibs suchten, hatte das Auge eines Engländers die unglückliche Gattin des Maharadschah wieder erblickt. Der Fürst war am andern Tage in Cawnpur erschienen, um bei den Behörden strenge Verfolgung der Bheels zu verlangen, von denen nach seiner Anzeige viele Mitglieder zur Sekte der Phansigars gehörten und deren räuberischen Streichen er die Entführung und die Vergiftung seiner Gattin zuschrieb, in Folge deren ihr Verstand und ihr Gedächtniß zerstört sei. Der ehrliche Zorn General Wheelers, unterstützt durch den Eifer des Residenten, der jeden Verdacht von sich ablenkte, hatte die strengste Untersuchung gegen die in der Dschungel von Dscheddagoor an jenem Abend gefangenen Bheels eingeleitet, aber die Männer läugneten trotzig jede Wissenschaft an dem Raube der Irländerin wie an der Flucht des Prinzen von Lahore, und gingen mit der Gleichgiltigkeit echter Asiaten zum Tode, als man zur Satisfaktion des Maharadschah ohne Weiteres eine Anzahl von ihnen zum Galgen verdammte. Das öffentliche Interesse an der Kranken, die sich auch in ihrem Glück nie der besondern Theilnahme der hochmüthigen englischen Damen erfreut hatte, war seitdem gänzlich geschwunden und man begnügte sich um so leichter mit der Auskunft, daß sie noch immer leidend sei, als der Maharadschah bald darauf die bisherige Abgeschlossenheit aufgab und die frühere verschwenderische Gastfreundschaft wieder eröffnete.
Das heutige Fest galt der Anwesenheit eines wichtigen Mitgliedes des großen Rathes von Indien, Sir Lytton Mallingham, der nach Cawnpur gekommen, um mit dem Maharadschah persönlich in einer wichtigen Angelegenheit zu unterhandeln, die derselbe seitdem bei dem obersten Gerichtshof der Compagnie anhängig gemacht, in der durch wichtige Dokumente unterstützten Forderung auf Anerkennung seines Erbrechts an dem Nachlaß seines in England verstorbenen Verwandten Dyce Sombres. Der Gouverneur von Audh, Sir Thomas Lawrence, mit einem großen
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Theil der Offiziere der Garnison von Lucknow, General Wheeler und seine Familie und viele eingeborne Fürsten und angesehene Personen hatten der Einladung zu dem Feste Folge geleistet, das, neben der allgemeinen Lust, den Charakter diplomatischer Verhandlungen und Zwecke trug.
Viele der Persönlichkeiten, welche unsere Erzählung bereits dem Leser vorgeführt, fanden sich hier vereinigt. Sir Lytton Mallingham begleitete seine zweite Gemahlin, und in dem glänzenden Aeußern, in dem stolzen hochmüthigen Auftreten und der gänzlichen Beherrschung ihres Gemahls hätten wohl nur Wenige die ehemalige demüthige und intrigante Gesellschafterin der unglücklichen Lady Helene, das schlaue Werkzeug des Kabinets der Tuilerien wiedererkannt. Sie, die sonst an den Augen, an den Launen ihres Gebieters zu hängen schien, galt jetzt als die Königin des Festes, die britischen Damen umgaben sie mit hundert Beweisen der Freundschaft und Zuvorkommenheit, ihr Ausspruch galt als absolutes Urtheil in allen Fragen der Fashion und ältere und jüngere Offiziere huldigten ihrem Geiste und ihrer Schönheit.
Ein Kreis eleganter und schöner Frauen umgab sie, viele darunter bekannt geworden durch ihr späteres entsetzliches Schicksal: Editha Highson, die Nichte, und Miß Julia Wheeler, die Tochter des Generals; die reizende Miß Soldie, Mistreß Dorin, die Gattin des Kommandirenden vom 10. Audher irregulären Infanterie-Regiment, Lady Inglis, bekannt durch ihr Tagebuch über die Belagerung Lucknow's, Mistreß Bryson, Miß Palmer, die Tochter des Obersten vom 48. Regiment, die Oberstin Case und Andere.
Auch unter den Männern, die diesen schönen Kreis edler Frauen in ernstem und heiterm Geplauder umstanden, befanden sich, außer den dem Leser bereits bekannten, zahlreiche Namen, deren blutiger Tod oder heldenmüthige Thaten in der Vertheidigung der Hauptstadt des Audh ihnen ein langes Gedächtniß in der Geschichte Indiens sichert: Capitain Hayes, Major Gall, Lieutenant Grant, Cornet Raleigh, Farquharson, der tapfere Longueville Clarke, die Capitaine Orr, Folton, Farquson, Major Andersen, Capitain Graydon, Weston, Sinclair, Francis, Ramsay und der Brigadier
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Inglis! Wie viele dieser Tapferen, im stolzen Gefühl des Lebens und der Herrschaft, sollte der Tod unter die Ferse der Verachteten und Geschmähten werfen, ehe der Mond zwei Mal seine Sichel erneut.
Aber nicht das Abendland - das stolze und mächtige Britannien allein - hatte in die goldenen Säle des Maharadschah von Bithoor die Vertreter der Schönheit und Tapferkeit gesandt - auch das Heimathland Indien war darin vertreten.
Vor Allem waren es zwei Frauen - berühmt durch die spätere Rolle, die sie spielten, - welche die allgemeine Aufmerksamkeit fesselten. Die Eine war die Rani von Jhansi, imponirend durch die kühne stolze Schönheit, die sie auszeichnete, die Andere die Begum von Audh, die Gattin des von der Compagnie entthronten Monarchen, der in Kalkutta in einer Art von stiller Gefangenschaft gehalten wurde, obschon es hieß, daß er dort nur seine Pension verzehre.
Viel zu wenig hatten die Briten auf den Geist und die Energie der indischen Frauen gerechnet, in denen sie nur gewohnt waren, Geschöpfe noch untergeordnetern Ranges als die Männer dieses Landes zu sehen, beschäftigt nur mit Harems-Intriguen, mit Eitelkeit und Sinnenlust, und leicht zu beherrschen.
Der Beispiel der großen Begum von Somroo hätte sie eines Andern belehren sollen. Wenn auch erzogen in jener traditionellen Abhängigkeit der orientalischen Weiber vom Mann, unterscheidet die Frauen Indiens doch gar Vieles von der weiblichen Bevölkerung anderer Theile Asiens.
Zunächst erlaubt der Hinduglaube den Frauen an und für sich eine freiere Bewegung als in den Ländern, wo ausschließlich der Mohamedanismus regiert.
Sie bewegen sich frei auf den Straßen und im geselligen und Verkehrsleben mit Männern, zum Theil selbst ohne die äußere Verhüllung ihrer Reize.
Ueberdies empfangen sie durchgängig eine bessere Erziehung und höhere Bildung, als die Frauen der Türken und der Araber; die höheren Stände sind meist der Feder mächtig und das Lesen der Dichter und das Briefschreiben ist eine ihrer Hauptvergnügungen, Letzteres sogar eine Leidenschaft.
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Der beste Beweis aber für die wichtigere und freiere Stellung der Frauen in Indien ist der Umstand, daß sie nach der uralten Sitte des Landes berechtigt sind zur Regierungsfolge. Nur selten tritt bei der Minderjährigkeit eines eingebornen Thronerben eine männliche Vormundschaft ein, wenn die Wittwe Muth und Kraft genug hat, die Zügel der Regierung zu übernehmen, und wo keine männlichen Erben vorhanden, erbt die Frau, die Mutter oder die Tochter die Gewalt, und das Heer stellt sie häufig jubelnd an seine Spitze.
In der vertriebenen Königin von Lahore, der Rani von Jhansi und der Begum von Audh sollten der britischen Herrschaft die gefährlichsten Gegner e[r]wachsen.
Die Letztere war eine Frau in höheren Jahren, vollbusig und stark, wie es die orientalischen Damen in Folge des gewöhnlichen müßigen Lebens im spätern Alter zu werden pflegen, ihr fleischiges Gesicht zeigte jedoch den Ausdruck scharfen Verstandes und einer gewissen List und Schlauheit in der tatarischen schiefen Stellung der Augenwinkel zur Nase und den weit geöffneten Nüstern. Sie war mit großer Pracht gekleidet, doch weniger amazonenhaft als die schöne Rani von Jhansi, die zum Zeichen ihrer Würde als Gebieterin über tapfere Krieger einen goldenen, reich mit den kostbarsten Steinen besetzten Säbel an ihrer Seite, und auf ihrem Turbau einen hohen Strauß von Reiherfedern, durch eine Brillantagraffe gehalten, trug.
Um diese schöne und kühne Frau hatten sich die englischen Offiziere gesammelt, die damals jene unglückliche Tigerjagd an den Grenzen von Ewalior mitgemacht - nur Mowbray fehlte in ihrem Kreise: die Spitzaxt des Herrschers der Thugs hatte dem falschen Vertrauten der Lüste und tyrannischen Handlungen des Residenten ein Ende gemacht. Dieser selbst bewegte sich mit all' der frechen Sicherheit und dem Uebermuth der Macht in der Gesellschaft. Das Ausbleiben jeder Anklage des Nena und der Bericht seiner Spione hatten ihm die Gewißheit gegeben, daß das unglückliche Opfer seiner Lüste in der That unfähig geworden, durch seine Aussage Verdacht gegen ihn zu erheben. Freilich war es seinen sorgfältigsten Nachforschungen nicht gelungen, eine Spur des jungen Holländers aufzufinden, dessen Gestalt sich unerwartet
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so drohend vor ihm erhoben, aber er achtete zuletzt dieses Gespenstes der Vergangenheit nur wenig, da er sich nöthigenfalls im Bewußtsein seiner Macht sicher fühlte und der Maharadschah ihm mit dem größten Zutrauen und schmeichelnder Höflichkeit begegnete. In seiner insolenten gebieterischen Weise machte er der Gebieterin von Jhansi den Hof, deren stolze Schönheit seine Sinne gereizt, und auf deren Eroberung sein Ehrgeiz noch tiefere, weitergehende Pläne gebaut hatte. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte des ostindischen Reiches wäre es gewesen, daß ein Europäer die Wittwe oder Tochter eines indischen Fürsten geheirathet und dadurch auf den Thron eines jener vielen kleinen Reiche erhoben worden, denen die Compagnie unter dem Namen von Schutzstaaten noch einen Schein von Selbstständigkeit gönnte.
Diese Pläne waren es auch, die Majors Rivers bewogen hatten, vielen sonst gewiß nicht von der Compagnie geduldeten Handlungen und Einrichtungen der Rani seinen Schutz zu gewähren, worin er an dem Einfluß Sir Robert Mallinghams auf die Regierungsangelegenheiten Unterstützung fand.
Die Bewerbungen des Residenten um die fürstliche Wittwe waren in der letzten Zeit offener hervorgetreten und begannen die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Benehmen drückte die übermüthige Gewißheit des Sieges aus und in seinem finstern Auge, während er neben dem Divan stand, auf dem die schöne Frau lehnte, lag boshafter Triumph, als es den Offizier suchte, den sein Instinkt ihm als Rival verkündete.
An einen der Spiegelpfeiler in der Nähe gelehnt, halb von einem Bosket blühender und wohlriechender Blumen verborgen, deren Decoration in Zwischenräumen die Wände des Saales schmückte, stand Capitain Delafosse im Gespräch mit Major Maldigri, dem Befehlshaber der Leibwache der schönen Fürstin von Jhansi.
Auf diese waren seine glühenden Blicke unverwandt gerichtet und nur unachtsam hörte er auf die Worte seines Gesellschafters. Eine tiefe glühende Leidenschaft hatte sich seit jenem Tage, als er sich in die Flammen stürzte, dem Scheiterhaufen seine Beute zu entreißen und der Fremde ihm zuvor kam, seines Herzens bemächtigt. Vergeblich war er damals bemüht gewesen, sein Wort
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zu lösen, und dem armen O'Sullivan ein Rächer, seiner unglücklichen Schwester ein Retter zu werden, der Dienst rief ihn zurück nach Lucknow, ehe es ihm gelungen war, irgend eine Spur der Vermißten und des an ihr verübten Verbrechens zu entdecken, aber er hatte mehrfach die Gelegenheit benutzt, mit dem angeblichen Sardinier in brieflichem Verkehr zu bleiben und das unter so seltsamen Umständen begonnene Freundschaftsbündniß zu unterhalten. Wiederholt war er von diesem eingeladen worden, Jhansi wieder zu besuchen, aber theils die ungünstige Jahreszeit - mehr noch der Dienst als Adjutant des General Lawrence hatte ihn gehindert, dieser Einladung Folge zu leisten, wie sehr sein Herz ihn auch dahin zog.
Es war das erste Mal, daß er seitdem die Fürstin wieder sah, und jeder Blick, den er auf sie warf, steigerte die leidenschaftliche Bewunderung in seiner Brust.
Die Fürstin selbst, der Gegenstand aller dieser Pläne und Leidenschaften, zeigte stolze Ruhe, die sich wenig um alle die Erregungen kümmerte, die sie veranlaßt. Nur ein Mal, als der Resident in seinen dreisten Andeutungen zu weit ging, traf ihn ihr stolzes Auge und wies ihn in die Schranken zurück - dann setzte sie, als wäre Nichts geschehen, gleichgiltig ihr Gespräch mit der Begum von Audh über die Sitten der europäischen Tänzer fort.
Außer den beiden Fürstinnen befanden sich noch verschiedene andere indische Frauen in der Gesellschaft, die Familien der reichen Wechsler und Kaufleute, mehr oder weniger verschleiert, und scheu an dem Ende des Saales zusammengedrängt, das die indischen Gäste des Maharadschah eingenommen.
Dieser selbst und zuweilen auch Major Maldigri schienen den Verkehr zwischen den Repräsentanten der beiden Völkerschaften, den Herrschern und den Beherrschten zu vermitteln. Maldigri - wie wir den Korfuaner nach seinem angenommenen Namen nennen müssen - hatte seine angebliche Verwandte, seine schlaue Bundesgenossin bei dem Auftrag, der ihm geworden, begrüßt und sie seiner neuen Gebieterin vorgestellt. Die Gewandtheit der Marquise hatte sich dabei in ihrem vollen Lichte gezeigt. Ohne der Würde ihres Gemahls und dem übermüthigen Stolz, mit
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welchem die englischen Gebieter selbst die vornehmsten Eingebornen behandeln, Etwas zu vergeben, hatte sie es doch verstanden, der Fürstin auf besondere Weise zu schmeicheln, ihre Regierung, ihren männlichen Muth und ihre Schönheit öffentlich zu rühmen, während zugleich einige versteckte Anspielungen der Rani bewiesen, daß sie mit den Geheimnissen des bereits über das ganze Land verzweigten Bundes der Chupatties oder heiligen Kuchen wohl vertraut sei und man auf ihren Beistand zählen könne.
Ein Tanz hat so eben geendet, die Offiziere und Gentlemen führten ihre Damen zurück zu den Plätzen und die Unterhaltung wogte auf's Neue durch den Saal. Kommende und gehende Gäste brachten Leben und Bewegung in die Gruppen und die Schaar der in kostbare Tracht gekleideten Dienerschaft des Maharadschah, zum Theil schwarze Sklaven, eilte mit den Silberbrettern umher, den Gästen kostbare Labung, den Sangarih - den eisgekühlten Scherbet - die zahllosen Confitüren und köstlichen Früchte zu reichen.
Die großen Thüren und Fenster des prächtigen Saales waren zum Theil geöffnet und gestatteten der mildwarmen Luft und den balsamischen Düften des Gartens freien Eingang. Der Garten selbst strahlte im Flammenschein unzähliger bunter Lampen und chinesischer Ballons, die Strahlen der Springbrunnen blitzten wie bunte Diamanten in die Höhe, und ein zweites Orchester, unter den Boskets versteckt, wechselte in Ouvertüren und süßen Harmonien mit den lustigen Klängen der Tanzmusik, die aus dem Saale niederrauschte. Lustwandelnde Gruppen erfüllten die Verandahs, stiegen die breiten Marmortreppen auf und nieder und bewegten sich durch die lange Reihe der prächtigen Gemächer.
In dem letzten derselben, in einem der beiden Flügel, die das offene Viereck des Gartens begrenzten und sich nach dem Bungalow erstreckten, das die gewöhnliche Wohnung des Maharadschah bildete - groß und geräumig gleich einem zweiten Saal, füllte die Hinterwand eine um mehrere Stufen erhöhte, mit kostbaren Vorhängen verschlossene Bühne, auf der bei den Festen des Maharadschah gewöhnlich chinesische Schauspieler oder Bayaderen in den Pausen des Tanzes Vorstellungen gaben. Die Einrichtung der Bühne ließ glauben, daß auch diesmal ähnliche
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Unterhaltungen der Gäste vorbereitet waren, aber der Vorhang war mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt geschlossen und zwei schwarze Diener, auf beiden Seiten aufgestellt, wiesen die Schaulust der Neugierigen zurück.
Wie in den Räumen, die seinen vornehmen Gästen gewidmet waren, zeigte sich die verschwenderische Gastfreundschaft des Nena auch in der Umgebung des Palastes und auf den von der Dienerschaft der Fremden und der herbeiströmenden Bevölkerung eingenommenen Plätzen in vollem Glanz. Große Feuer von edlem Holz brannten vor der Front des Palastes auf der Landseite, Feuerbecken mit wohlriechendem Harz sandten Wolken dustigen Rauches aus; - in dem offenen Parterre des prächtigen Gebäudes drängte sich die Schaar der Diener, der Seyces, Pferdeknechte und Palankinträger, und auf langen Tafeln waren Lebensmittel und Getränke aller Art für Europäer, Hindu's und Mohamedaner aufgestellt, damit Jeder nach den Bräuchen seines Glaubens und den Bestimmungen seiner Kaste davon Gebrauch machen möge. Besonders dazu angestellte Diener vertheilten fortwährend Gaben an die Bettler und Armen, damit sie die Freigebigkeit des Maharadschah preisen und für sein Glück beten möchten.
Gaukler und Tänzer hatten an verschiedenen Stellen ihre wandernde Schaubühne aufgeschlagen und belustigten mit ihren Künsten die Menge, ja selbst die vornehmen Gäste auf der äußern Veranda des Palastes; Mährchenerzähler hatten Kreise gläubiger Zuhörer um sich gesammelt und wandernde Sänger deklamirten die Verse des Hafiz oder die tausend Wunder der Kadambari.
Während so Alles umher Leben, Lust und Freude war und dem Vergnügen huldigte, schritt der Gebieter aller dieser Herrlichkeiten, mit dem orientalischen Ernst die freiere Beweglichkeit der europäischen Erziehung und die feine Höflichkeit der besten Gesellschaft verbindend, durch die glänzenden Räume, bald hier und dort seine Gäste anredend und für ihr Vergnügen sorgend.
Der Nena trug, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, die indische Tracht und sein Anzug strahlte von Diamanten und Juwelen, deren Besitz den Neid und Wunsch mancher stolzen europäischen Schönheit erregte. Seine Stirn war glatt, sein Auge heiter und aufmerksam, selbst der schärfste Beobachter hätte
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in diesem blassen Gesicht nicht die geringste Spur der Leiden und furchtbaren Leidenschaften gefunden, die sein Inneres zerfleischten.
Hier sprach der Fürst Offiziere an, von seinem Lieblingsthema, dem Sport, mit ihnen plaudernd oder eine Jagdparthie verabredend - dort überreichte er mit der vollendeten Galanterie eines Cavaliers einer Dame die duftende Rose, die er so eben von ihrem Zweige gebrochen, - oder drückte dem Beamten der Compagnie die Hand, der ihm begegnete, immer aber waren es die europäischen Gäste, denen er fast ausschließlich, bis zum unbedeutendsten Fähnrich herab, seine Aufmerksamkeit widmete, und für welche er die größte Sympathie zeigte. Nur wenn einer oder der andere der Europäer selbst einen Hindu oder eine hindostanische Dame in's Gespräch zog, oder wo es unbedingt seine Pflicht als Wirth erforderte, beschäftigte er sich sichtbarer mit seinen Landsleuten. Vor Allem waren es der Baronet und die beiden Residenten von Lucknow und Cawnpur, denen er seine Aufmerksamkeit und seine Zeit zu widmen bemüht war.
In diesem Augenblick nahte eben wieder der Nena der Gruppe der hohen Offiziere und Beamten, die an einer Thür der äußern Veranda in der Nähe der Lady Mallingham stand. Der Baronet hatte so eben seiner Gemahlin einen Herrn vorgestellt, dessen Kleidung zeigte, daß er der englischen Geistlichkeit angehöre.
»Euer Hochwürden,« sagte der Rath, »haben mir eine große Freude gemacht, daß Sie, der nothwendigen Ermüdung der Reise Trotz bietend, noch diesen Abend mich aufgesucht haben. Die Nachrichten von Kalkutta müssen jetzt stets von hoher Wichtigkeit für uns Alle sein; denn wenn ich auch keineswegs die Besorgnisse einiger ängstlichen Gemüther hege, daß die Spuren von thörichter Unzufriedenheit und religiösem Eigensinn, die sich unter einigen Sepoy-Regimentern gezeigt und sogar Verbrechen erzeugt haben, von Bedeutung werden könnten, - so wird es doch immer beruhigend sein, zu erfahren, daß die Regierung energische Maßregeln zur Unterdrückung solcher Symptome ergriffen hat.«
»Wann haben Euer Hochwürden Kalkutta verlassen?« fragte die Dame.
»Am Achten, Mylady. Da ich allein reise, machte ich den
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Weg ziemlich schnell, und ohne Aufenthalt bis Allahabad, bis wohin mich das Dampfschiff brachte. Ich hoffe in fünf bis sechs Tagen in Delhi bei den Meinen einzutreffen, denn ich muß gestehen, ich theile die Ansicht Ihres Herrn Gemahls über die Bedeutungslosigkeit der letzten Vorgänge nicht ganz.«
»Sind neuere, wichtigere Ereignisse in Kalkutta bekannt, Sir?«
Der Fragende war der General Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh. Der General war ein Mann nahe an Sechszig, von hoher hagerer Gestalt. Sein lockiges blondes Haar, stark mit Grau gemischt, hing achtlos um die knochige Stirn - das Gesicht war schmal und hager, Mund und Kinn durch einen dick und lang herabfallenden Schnauz- und Knebelbart bedeckt. Die tief in den Höhlen liegenden Augen schienen auf den ersten Anblick einen finstern, strengen Ausdruck zu haben, bei näherer Betrachtung aber ergab es sich, daß dieser Ausdruck mehr der einer gewissen Melancholie und Schwermuth war, gleichsam jener Ahnung, die auf manchen Physignomieen liegt, deren Träger einen gewaltsamen Tod zu finden bestimmt sind.
»In Barakpur und Burampur haben auf's Neue zwei Sepoy-Regimenter den Gehorsam verweigert,« berichtete der Geistliche, »unter Wiederholung des Vorgebens, daß die Patronen für die neu eingeführte Endfieldbüchse mit Rinder- und Schweinefett bestrichen worden. Man hat vergeblich den Soldaten erklärt, daß sie sich im Irrthum befinden und daß die Patronen nur in eine Composition von Oel und Wachs getaucht waren; - es ist eine traurige Erfahrung, Excellenz, daß die Unwissenden und Ungebildeten, wenn sie einmal sich einem Verdacht hingegeben, schwer davon abzubringen sind. Ueberdies fürchte ich, man hat sich kaum die Mühe gegeben, ihnen Beweise zu liefern, die sie von ihrem Irrthum überzeugen konnten. Man hat ihnen befohlen, zu glauben, und - mit einem Befehl schafft man den Glauben nicht um.«
»Aber was hat man mit den Widersetzlichen gethan?« fragte General Lawrence.
»Zwei Regimenter sind gänzlich aufgelöst, die Sepoy's in ihre Heimath zurückgeschickt worden, das Schlimmste, was diesen Menschen geschehen kann.«
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»Das ist eine Maßregel, die ich nicht billigen mag,« sagte heftig der Gouverneur von Cawnpur. »Mit solchen Schritten verbreitet man nur eine Schaar unzufriedener Müßiggänger in den Provinzen, die entwöhnt sind, sich ihren Unterhalt auf andere Weise zu erwerben und zum Vagabondiren und zur Wegelagerei greifen. Goddam! Wir haben solchen Gesindels bereits genug in diesem Lande. Wir haben hier ähnliche Vorgänge gehabt, aber -«
»General Wheeler hat es verstanden, durch rechtzeitige Strenge die thörichten Beschwerden zu unterdrücken und die Sicherheit des Landes aufrecht zu erhalten,« unterbrach eine fremde Stimme die Rede. Der Maharadschah hatte sich der Gruppe unbemerkt genähert und begleitete seine Worte mit einer höflichen Verbeugung gegen den General.
»Sie haben Recht, Hoheit,« entgegnete dieser, »Strenge bei Zeiten hindert oft argen Schaden nachher. Wir können darin von unserm großen Feinde Napoleon lernen, der bei den ersten Zeichen eines Aufstandes in Paris mit Kartätschen feuern ließ und seinem Bruder Joseph auf die Besorgniß, daß hundert Menschen das Opfer davon sein könnten, erwiederte: er rette Tausend damit das Leben!«
»So haben sich auch hier Spuren der Aufregung unter den Sepoys gezeigt?« fragte eifrig der Geistliche.
»Die Gebräuche dieser Narren sind so hundertfach verklausulirt, jede Kaste hat ihre eigenen Sitten und Rechte, daß man mit dem besten Willen dagegen bei jedem Tritt anstößt. Doctor Bryce, unser lustiger Arzt vom Einundsiebzigsten, den Sie dort bemüht sehen, die Wittwe eines reichen Babu zu überreden, mit ihm eine Polka zu versuchen, hatte die von ihm selbst verschriebene Medizin eines kranken Brahmanensoldaten gekostet. Der Narr starb lieber, als daß er den durch die Christenlippen verunreinigten Heiltrank genommen, und seine Kameraden erhoben ein großes Geschrei deshalb.«
»Und was thaten Euer Excellenz?«
»Ich ließ den Hauptschreier, einen gewissen Mungul Pandy im Bungalow-Lager aufhängen, den Burschen zur Warnung,« entgegnete der alte Offizier heftig, »und gewiß ich that Recht,
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denn die Subordination muß aufrecht erhalten werden, möge man sonst so human über die Indier denken, wie möglich.«
Die Erwähnung des harten Urtheils verursachte eine augenblickliche Stille, die erst durch die Stimme des Maharadschah unterbrochen wurde. Es klang ein leichter Spott hindurch, als er antwortete: »Euer Excellenz haben ganz das rechte Mittel gewählt; bei Halbbarbaren, wie meine Landsleute noch sind, kann nur die Gewalt, der Strick oder die Kugel Gehorsam erzwingen. Für die Treue der Sepoy's von Cawnpur und Bithoor stehe ich deshalb ein. Indeß hätten Euer Excellenz meiner Ansicht nach noch einen Schritt weiter gehen sollen - dieser Mungul Pandy hat einen Bruder - warum hat man ihn nicht gleichfalls gehängt?«
»Aber er hatte Nichts verbrochen, so viel ich weiß.«
»Was thut das? Dasselbe böse Blut fließt auch in seinen Adern. Doch darf ich Euer Excellenz bitten, mich dem Sahib Padre vorzustellen!«
»Verzeihen Sie, Hoheit, daß ich es versäumt,« sagte der General, etwas betroffen über den versteckten Vorwurf, den er erhalten. »Erlauben Sie mir, Sie unserm gastfreundlichen Wirth vorzustellen, Sir. Seine Hochwürden der Dechant von Delhi, Master Richard Hunter, auf der Rückreise von Kalkutta begriffen, ist uns hierher gefolgt, um uns Nachrichten aus der Hauptstadt zu bringen.«
Der Nena begrüßte den Gast mit der ausgesuchtesten Höflichkeit.
»Der Ruf der Frömmigkeit des ehrwürdigen Herrn,« sagte er, »ist selbst bei uns armen Heiden verbreitet, gleich dem der Milde und Menschenfreundlichkeit seiner edlen Gemahlin. Darf ich fragen, ob Mylady Sie begleitet?«
»Meine Gattin,« entgegnete der Dechant, »ist in Delhi zurückgeblieben, ich wollte sie den Anstrengungen der weiten Reise nicht aussetzen, da ihre Gesundheit leidend ist. Entschuldigen Sie, Hoheit, daß ich, auf den Ruf ihrer Gastfreundschaft vertrauend, die Wunder des Palastes von Bithoor mit eigenen Augen schauen wollte und meinen Landsleuten hierher gefolgt bin, da ich hier alte Freunde zu begrüßen hatte. Ich sehe, man hat mir nicht
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zu viel gesagt, und Alles, was dies gesegnete Land an Edlem und Glänzendem auszuweisen hat, scheint hier vereinigt.«
»Wenn mir recht ist, hochwürdiger Herr,« sprach der General, »genoß ja auch Lieutenant Sanders, mein Adjutant, gleich meinem Neffen Pond, zum Theil das Glück Ihrer Erziehung und Ihrer Begleitung aus dem Mutterland!«
»Der Wunsch, ihn wiederzusehen, ist mit eine der Ursachen, die mich die Gastfreundschaft des Fürsten in Anspruch nehmen ließen. Wir haben Gefahren zusammen bestanden, und ich habe mit Freuden gehört, daß er einer noch schlimmern glücklich entronnen ist, nachdem man ihn schon verloren gegeben, und sogar das Glück gehabt hat, Euer Excellenz Familie einen Dienst zu leisten.«
»Ganz recht - Sie meinen das geheimnißvolle Abenteuer mit den Thugs. Nun, der junge Herr hat sich den Dank bereits selbst genommen. Alfred,« rief er seinem vorübergehenden Sohn zu, »suche Lieutenant Sanders und bringe ihn mit Editha hierher, ein lieber Freund erwartet ihn. Wenn sich, ehrwürdiger Herr, in den Depeschen des General-Gouverneurs, die Sie uns mitgebracht, vielleicht die Ernennung Ihres Zöglings zum Capitain, die wir erwarten, finden sollte, können Sie gleich bei uns bleiben, um die Trauung des jungen Paares zu vollziehen.«
»Wie, Sir - Lieutenant Sanders und -«
»Wir feiern heute, wie Sie sehen, auf sehr glänzende Weise seine Verlobung mit Miß Highson, meiner Nichte.«
»Ich vermag Sanders nicht zu finden, Vater,« berichtete der junge Wheeler. »Das Gedränge ist zu groß.«
»So will ich Sie unterdeß unserm Wirth übergeben, um Sie mit den indischen Notabilitäten unsers Kreises bekannt zu machen. Die Begum von Audh und die kecke Amazone von Jhansi sind Personen, die Sie vielleicht interessiren werden.«
Der Maharadschah verstand den Wink, daß die Generäle ihre Unterredung mit dem Rath fortzusetzen wünschten und führte den Dechant nach dem andern Ende des Saales, um ihn den Fürstinnen vorzustellen.
Während dessen hatte sich in dem Gewühl der Gäste unbemerkt eine Scene ereignet, die Schuld war, daß der Sohn des Generals weder seine Cousine noch deren Verlobten fand.
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Editha war am Arm des Geliebten nach dem Tanz im Saal eine der breiten Marmortreppen hinunter nach dem Garten promenirt, um die köstliche Kühle der frischen Luft zu genießen.
Allein unter den Hunderten mit sich und seinem Glück wandelte das junge Paar durch die duftenden Boskets, zwischen den Girandolen bunter Lampen und Becken wohlriechenden Feuers, und suchte die möglichste Einsamkeit, um den freundlichen Scherzen der Freunde und Freundinnen zu entgehen.
»Theures Mädchen,« sagte der junge Mann, den Arm der Geliebten an sein Herz drückend, »wie glücklich macht mich dieser Tag, der mir Ihren Besitz sichert. Wer von uns beiden hätte geglaubt und gehofft, damals in jenen schrecklichen Stunden, die uns zuerst einander nahe gebracht, daß uns noch sonnige Tage des Glückes kommen, daß jener Kerker voll Mord und Schrecken den Himmel der Liebe uns öffnen würde.«
Sie waren im Gespräch an die Myrthenwand gekommen, hinter welcher das eherne Gatter den einsamen und dunklen Garten des Bungalow von dem glänzend erleuchteten Park des Palastes schied. Fast unwillkürlich, von dem Wunsche getrieben, der rauschenden Festlichkeit zu entfliehen, legte sich die Hand des Offiziers auf den Griff des Schlosses - die Thür gab nach und öffnete den Eingang in die einsamen Alleen und Boskets des Gartens.
»Der Zufall ist uns günstig, Editha,« fuhr der junge Mann fort, - »lassen Sie uns einige Augenblicke dem Geräusch dieses Festes entfliehen und uns selbst und unserm Glück leben. - Kommen Sie unbesorgt, der Nena ist unser Freund und wir begehen keine Indiskretion.«
Er zog sie mit sich fort und einige Augenblicke wandelten sie schweigend Hand in Hand durch die Gänge, bis das leise Plätschern der Fontaine sie anzog und sie sich auf eine Rasenbank im Schatten duftiger Jasminbüsche niederließen und lange trunken den süßen Odem des Abends und der Blumen einsogen, während das Geräusch des Festes, durch die Entfernung gemildert, zu ihnen herüberdrang und durch die Blätterwände die tausend Lichter gleich funkelnden Feuerfliegen hindurch blitzten.
Wie sucht das Menschenherz so gern die Stille, wenn es
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voll Glück ist! Wie bedarf das Eine zur Seligkeit nur des Andern, nicht des Geräusches und Gepränges der Welt.
Ihre Hand drückte leise die seine - so saßen sie, ohne bemerkt zu haben, daß eine andere Gestalt ihre Einsamkeit theilte, ein Mann in der Tracht eines indischen Babu, der schon lange ihrem Wege gefolgt und hinter ihnen durch die Thür in den Garten des Bungalow eingetreten war.
In den weiten indischen Mantel gehüllt stand der Fremde hinter dem Stamm einer alten Cypresse verborgen, und jedes Wort der Liebenden drang zu seinem Ohr und wie ein Dolchstoß in sein redliches, trauerndes Herz.
»Ich weiß es nicht, woher es kommt,« sagte die junge Dame, »ich sollte froh und glücklich sein, und dennoch lastet es wie eine drohende Wolke auf meinem Herzen. Ist es das bangende Gefühl, daß alles Glück des Menschen auf Erden doch nur vergänglich - ist es die Ahnung eines neuen drohenden Unheils? - ich weiß es nicht! Aber ich habe, seit ich in diesem Lande bin, so viel Freundlichkeit und Liebe mir auch erwiesen worden, noch nie eine recht frohe Stunde gehabt. Ein unerklärbares Gefühl stößt mir Angst ein vor den Bewohnern dieses Landes. Ich war gewohnt, unter freien Menschen zu leben - nicht unter Sclaven und ihren Gebietern. Es liegt etwas Furchtbares in diesen Verhältnissen, die mir vorkommen, wie der üppig grünende Boden eines Vulkans, den das unterirdische Feuer in jedem Augenblick zerreißen kann.«
»Was kümmern uns diese Verhältnisse, theure Editha,« rief der junge Mann. »Ihr Geist, noch befangen von den schrecklichen Scenen, die Sie erlebt, wird durch die Nachricht von einigen zufälligen Unruhen, wie sie alle Augenblicke unter diesem Gesindel vorkommen, auf's Neue geängstigt. Verbannen Sie jede Furcht, keine Gefahr bedroht uns mehr - nur glückliche, sonnige Tage liegen vor uns. Was kümmern Sie und mich die Verhältnisse dieses Landes? Wir haben sie nicht gemacht und müssen sie nehmen, wie sie sind. Meine Liebe wird Ihnen in der neuen Heimath das Haus bauen und Sie alles Andere vergessen machen.«
Ihre sanften blauen Augen wandten sich fragend auf ihn.
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»Und ist diese Liebe auch wirklich so groß und ausschließend? Hat nicht blos die Gefahr und der ritterliche Muth, der Sie antrieb, die Verlassene, ohne Sie Verlorene, zu schützen, Ihr Herz für Editha geöffnet? Wird dasselbe ganz und für alle Zeit von Editha gefüllt sein, die dem Mann ihrer Wahl nicht leidenschaftliche Gluth, sondern nur treue Neigung und Dankbarkeit entgegenbringen kann!«
»Zweifeln Sie in dieser Stunde? - nach Allem noch, was geschehen?«
»Eben in dieser Stunde noch möchte ich offen mit Ihnen sprechen, Stuart, über Eines, das schon lange schwer auf meiner Seele liegt. So schlicht und einfach dies Herz ist, verlangt es doch in der Liebe ein ungetheiltes. Erinnern Sie sich jener Erscheinung am Ufer des Ganges an dem Fest der Lichter, das die Hindufrauen begingen!«
Der Offizier schwieg. »Ich erinnere mich,« sagte er endlich leise, »ein zufälliges Ereigniß, das Sie beunruhigte ...«
Editha's Hand lag auf der seinen. »Nein, Stuart, lassen Sie uns aufrichtig und wahr gegen einander sein, wie wir es Beide verdienen. Ich habe jenes Ereigniß nie gegen Sie erwähnt, aber, die Frau, die unser Spiel unterbrach - Sie kannten sie ...«
Er wich ihrem Blick aus und wandte das Gesicht ab.
»Kein Geheimniß darf zwischen uns stattfinden, Stuart - sagen Sie es mir, jene Hindufrau war ...«
»Anarkalli!«
»Anarkalli - die Tänzerin, die Furchtbare! Ich ahnte es! Sie haben stets der Erwähnung dieses Namens ausgewichen, wie schwer er auch schon in unser Leben eingegriffen hat. Stuart, um unsers künftigen Glückes willen - sagen Sie mir Alles. Sie liebten diese Frau, Sie danken ihr das Leben, Sie kennen sie noch - und die Furchtbare, die mir Grauen einstößt, obgleich sie auch mein Leben retten half - hat vielleicht heilige und ernste Rechte auf Sie!«
»Nimmermehr! - Ich will Ihr keusches Ohr nicht beleidigen, Editha, mit dem, was jenes Weib ist! Wie können Sie meine Liebe zu Ihnen mit solchen Verbindungen vergleichen, die
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der Leichtsinn der Männer unter diesem heißen Himmel für kurze Zeit mit einer indischen Phryne schließen mag! Jenes Weib ist Nichts meinem Herzen und nie werde ich sie wieder sehen.«
»Aber Sie folgten ihr - Sie vertrauten ihrem Schutz, ihrer Hilfe das eigene Leben!«
»Es war der einzige Weg, ihren Beistand auch Ihnen zu sichern, Editha!«
»Und kein Versprechen, keine Verpflichtung bindet Sie noch an die Furchtbare? Als Ihre Verlobte habe ich das Recht danach zu fragen.«
»Was denken Sie von mir, Editha? Jenes Weib hat nie Antheil an meinem Herzen gehabt und ihr Gewerbe ist zu verächtlich, um Ihnen auch nur einen Gedanken der Sorge zu machen. Mögen wir nie wieder von ihr hören. Ihnen allein, Editha, gehört meine Liebe und hat sie vom ersten Augenblick an gehört, da mich das Schicksal in Ihre Nähe führte!«
»Meineidiger Faringi - Lügner mit der gespaltenen Zunge und dem schwarzen Herzen voll Undank und Trug!« unterbrach eine tiefe zürnende Stimme seine Betheuerungen, und wie aus der Erde erstanden, erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihnen. Sie warf den Feredschi zurück und das Halbdunkel der Sommernacht zeigte den phantastischen Anzug und die leidenschaftlich erregten Züge, die flammenden Augen Anarkalli's, der Bayadere.
Mit einem Schrei des Entsetzens faßte die Engländerin zaghaft den Arm ihres Begleiters und drängte sich an ihn, aber sie fühlte, daß sein eigener Körper erbebte, und als ihr Auge sich von der gefürchteten Fremden auf den Mann ihrer jungfräulichen Liebe wandte, sah sie, daß sein Gesicht bleich, sein Auge unstät war.
Die Tänzerin lachte grell auf. »Die Bhawani sendet die Pfeile ihrer Rache in die Brust des Hindumädchens, das die Opfer ihrem Altar entzogen. Fluch meiner Thorheit, die glauben konnte, in dem Herzen eines weißen Mannes wohne die Dankbarkeit! - Bleiches Mädchen mit den Haaren von rothem Gold - Du frägst, ob Anarkalli ein Recht hat auf diesen Mann? Sieh' in sein Antlitz, das sich von Scham erfüllt zu Boden wendet vor der, die ihm mehr als ihr Leben geopfert, tausendmal mehr, als
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Du ihm geben konntest, denn sie gab ihm ihre Seele und lud den Fluch ihrer Götter auf sich zu ewigem Verderben!«
»Fort von mir, Freche!« rief der Offizier sich ermannend - »ich will Nichts zu thun haben mit der Genossin blutiger Thugs! Deine Höllenkünste hatten meine Sinne bestrickt, aber Du selbst zerrissest jedes Band, indem Du mich in die Hände der Mörder liefertest.«
»Und wer hat Dich wieder aus ihnen befreit?« fragte die Bayadere, sich stolz emporrichtend. »Wer setzte sein Leben ein für Deine Rettung und trotzte Allem, was schrecklich ist in diesem und jenem Leben? Hast Du vergessen, was Du gelobt, damit ich jene dort retten möge? Hat Deine Seele keine Erinnerung mehr für die neuen Schwüre, die Du dem armen Hindumädchen geleistet, als Nichts um uns war, denn die Tiefen der Erde? als sie den Thau des Himmels für Dich, den Verschmachtenden, sammelte und mit ihrem Leibe Dich schützte vor den Kugeln Deiner Feinde? Drei Mal rettete ich Dein Leben, und wo Deine Seele, undankbarer Christ, es nicht ahnte, stand Anarkalli zwischen Dir und dem Tode. Wagst Du zu läugnen, daß Du geschworen, diese hier zu meiden und mir, mir allein zu gehören?«
Der Offizier schaute finster vor sich hin, ohne zu antworten. »Was hat sie gethan, das sich mit Anarkalli's Liebe messen könnte? Ist meine Farbe auch die der heißen Sonne, mein Herz ist roth, wie das des stolzesten Christenmädchens und in meinen Adern fließt das Blut der alten Fürsten dieses Landes. Treuloser Faringi, ich warne Dich! Die Hand der Bhawani ist über Dir und Anarkalli allein vermag Dich zu retten. Gieb es auf, das blasse Weib und fliehe mit der, die Dich mehr liebt, als ihr Dasein und der Du gehörst für jetzt und immer!«
Sie hatte seinen Arm ergriffen und wollte ihn fortziehen. Er suchte sich mit Gewalt von ihr zu befreien. »Fort von mir, unverschämte Dirne! Deine Frechheit hebt jeden Dank auf, den ich Dir schulde! Wage es nie wieder, mir und dieser Dame nahe zu treten!«
»So soll die Schlange, die ich um Deinetwillen gerettet, schändlicher Christ, auch das erste Opfer meiner Rache sein!«
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schrie die Bayadere, und ein Dolch funkelte in ihrer Hand, als sie sich auf die halb ohnmächtige Jungfrau stürzte.
Die That geschah so rasch, der Angriff des wüthenden Weibes war so heftig, daß der Offizier schwerlich seine Verlobte zu retten vermocht hätte. Aber ein anderes Auge, eine andere Hand wachte über ihr. Mit der Schnelle des Blitzes hatte der fremde Mann in Hindukleidung, der dem Paar aus dem Gewühl in die Einsamkeit gefolgt, sich zwischen die Engländerin und die Bayadere geworfen und den Arm der Letztern mit kräftiger Faust gefaßt. Von ihrem gewaltigen Druck fiel die drohende Waffe klirrend zu Boden und ein kräftiger Stoß schleuderte die Bayadere zurück.
»Wahnsinnige! Gott der Allmächtige, der diese Schuldlose aus den finsteren Tiefen der Würger-Kerker gerettet, wird sie auch ferner schützen! Entferne Dich, Unglückliche, und beweine die That, die Deine blinde Leidenschaft begehen wollte, oder ich rufe um Hilfe!«
»Wahnsinniger Du selbst!« zürnte die Tänzerin in hindostanischer Sprache. »Was entziehst Du die Falsche meiner Rache, während der Engel der Vernichtung bereits über ihnen Allen schwebt? - Ich sage Dir, ihr, die Du beschützest, statt Dich selber wie ein Mann an ihrem Undank zu rächen, wäre besser gewesen, mein Dolch hätte ihr Herz durchbohrt, statt des Schicksals, das sie in den Klauen des Tigers erwartet!«
Sie wandte sich noch einmal zu dem Paare und schüttelte drohend die Hand gegen dieses. »Verfluchte, die Ihr seid!« rief sie auf Englisch - »ehe Surya2 sein Angesicht schaut in dem Spiegel des heiligen Flusses, wird meine Rache dennoch gesättigt sein. Denkt an Anarkalli, die Betrogene, wenn der schwarze Jammer über Euch ist!«
Sie war in den Gebüschen verschwunden, der Offizier aber, der die ohnmächtige Braut in seinen Armen hielt, rief: »Wer Sie auch sein mögen, Sir - und Ihre Stimme scheint mir die eines Freundes! - nehmen Sie meinen Dank für die Rettung
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des Theuersten, was ich besitze, und stehen Sie mir bei, meine Braut von hier zu entfernen!«
Ohne auf ihn zu achten, hatte der Fremde bereits seine Hilfsleistungen begonnen. Er hatte die Ohnmächtige zurück auf die Rasenbank gelehnt und Wasser aus dem Springbrunnen geholt, mit dem er ihre Schläfe benetzte.
Die junge Dame athmete schwer, dann schlug sie die Augen auf und blickte verstört umher.
»Was ist geschehen mit mir? wo ist die Entsetzliche, die mich ermorden will? O mein armes Herz, was habe ich hören müssen!«
»Beruhigen Sie sich, theure Editha,« bat der Offizier. »Sie sind bei Freunden, die Sie schützen.«
Sie stieß seine Hand zurück und schauderte. »Lassen Sie mich, Sir - wir haben Nichts mehr gemein miteinander - Sie gehören einer Andern, die Sie nimmer frei geben wird!«
»Beste Editha, kommen Sie zu sich! Sie werden anders denken über das, was geschehen, wenn Sie sich erst beruhigt. Lassen Sie mich Sie zu den Ihren geleiten!«
Er versuchte, sie empor zu richten und bot ihr den Arm. Aber wiederum stieß sie ihn zurück und stand jetzt aufgerichtet, und ihr Auge, als es forschend auf den Fremden fiel, zeigte Ruhe und Fassung.
»Sie sind es, Sir, der mich vor den[m] Dolch jener Rasenden schützte. Wer sind Sie?«
Er nahm den falschen Bart, den er um Lippen und Wangen trug, ab: »Ihr Freund, Miß!«
»Doctor Clifford?«
Der Ruf freudigen Erstaunens tönte zugleich von Beider Lippen.
Walding - oder Clifford - wie er sich während seines Aufenthalts in Cawnpur genannt, um jeder zufälligen Entdeckung zu entgehen, daß er seinen Dienst auf dem englischen Schiff heimlich verlassen, reichte stumm der Lady und dem Offizier die Hand.
»Aber wo kommen Sie her, mein Freund und Retter in dieser Verkleidung?« fragte der Lieutenant. »Seit Sie nach jener
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unangenehmen Untersuchung über die Flucht des Sikh-Prinzen Cawnpur verließen, haben wir Nichts wieder von Ihnen gehört.«
»Doch glauben Sie deshalb nicht,« sprach die Jungfrau, indem auch sie seine Hand erfaßte, »daß wir Sie deshalb vergessen. Editha Highson wird stets ihres Retters mit Dank gedenken. Sie hatten Recht, als Sie sich einen Freund nannten; denn nie hat die arme canadische Waise einen edlern und aufopferndern gekannt!«
»Und stellen Sie Stuart Sanders in die zweite Reihe?« fragte der Offizier gekränkt - »rechnen Sie die Liebe des Mannes, dessen Gefühle Sie getheilt, dem Sie sich freiwillig verlobt - für geringer?«
Der Arzt fühlte die Hand des Mädchens, ihren ganzen Körper erbeben. Sie brach in Thränen aus und lehnte sich weinend an die Schulter des ältern Mannes.
»Ein unglückliches Zusammentreffen hat Sie erschüttert,« sagte er mit mildem Trost, obschon sein eignes Herz dessen schwer bedürftig war, - »der leidenschaftliche Zorn dieser Frau hat Sie verletzt - Sie werden ruhiger denken über Das, was Sie gehört und vergeben, wenn - Sie Zeit dazu behalten!« setzte er flüsternd hinzu. »Um Ihrer selbst willen, geben Sie mir Gelegenheit, Sie allein zu sprechen.«
Das Mädchen hatte sich zu fassen gesucht und die warmen Thränen getrocknet, die sie der verlornen Ruhe ihres Herzens geweint.
»Gehen Sie, Sir,« sagte sie zu dem Verlobten - »und lassen Sie mich allein unter dem Schutz dieses Freundes. Ich kann und mag in diesem Augenblick nicht zu den Heiteren und Glücklichen zurückkehren und kann eben so wenig über das mit Ihnen reden, was mir das Herz zerrissen. Gehen Sie und vermeiden Sie, daß man mich sucht, denn ich bedarf einige Augenblicke der Einsamkeit, um mich zu fassen.«
»Aber kann ich Sie nach dem, was so eben geschehen, hier allein lassen.[?] So hoch ich Doctor Clifford ehre ...«
»Ich schwöre Ihnen als Mann,« unterbrach ihn dieser mit Bedeutung - »Miß Highson wird hier unter meinem Schutz
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sicherer sein, als in jenem glänzenden Saal unter den Augen und dem Schutz von hundert Ihrer Waffenbrüder.«
»Wenn Editha's Bitte Ihnen noch als Befehl gilt - ich will es! Gehen Sie! Doctor Clifford wird mich in jenen Garten zurückgeleiten.«
Der Offizier verbeugte sich gehorchend und entfernte sich, ohne noch ein Wort zu seiner Entschuldigung zu sagen.
Als sie allein waren, faßte das Mädchen beide Hände des Arztes, brach auf's Neue in lautes Schluchzen aus und lehnte ihr schönes Haupt an seine Brust.
»O Sie, mein bester, mein uneigennützigster Freund! Sie, der Sie die arme Unbekannte mit Gefahr Ihres Lebens den Händen der Mörder entrissen und mit der Zartheit einer Mutter für sie sorgten - rathen Sie mir, denn mein Herz ist schwer gebeugt von dem, was es hören mußte. Nicht der Dolch jenes dämonischen Weibes bedrohte Editha's Glück, sondern das, was sie hören mußte aus jenem Munde.«
»Aber sie ist Nichts als eine öffentliche Tänzerin - ein Weib, der Schmach und Verachtung preisgegeben - ein armes Hindumädchen!«
»Und wäre sie niedriger, als der niedrigste Paria - sie ist ein Weib, das ihn liebt, das ein Recht auf ihn hat, nicht durch die Gefahren, denen sie sich um seinetwillen ausgesetzt, sondern durch den Schwur der Liebe und Treue, den er ihr geleistet. Darf das Wort eines Mannes von der Zufälligkeit abhängen, ob Gott seine Geschöpfe unter einer heißern Sonne geboren werden ließ?«
Er drückte sie, im Innersten bewegt, leise an sich. »Sie sind ein edles Mädchen, Editha,« sagte er - »und glauben Sie mir, jenes glühende, leidenschaftliche Wesen ist mehr zu beklagen, als zu verachten. Wo der Mensch sein Höchstes, sein Alles an seine Leidenschaft setzt, da flößt das Gigantische dieser Leidenschaft immer Achtung ein. Lassen Sie uns hier niedersetzen, Miß Highson - denn ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen und - jeder Augenblick Verzug vermehrt die Gefahr.«
Sie folgte ihm erstaunt zu der Rasenbank zurück und ließ
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sich an seiner Seite nieder; noch immer hielt er ihre Hand in der seinen.
»Wie Sie sehen,« sagte der Deutsche, - »habe ich dieses Land nicht verlassen. Ich weiß, daß ich Ihrem Einfluß, Ihren Bitten und Ihrem Dank für die geringe Hilfe, die ich einst Ihnen zu leisten im Stande war, die Niederschlagung der Untersuchung gegen mich und die baldige Entlassung aus der Haft verdanke, welche der Verdacht der Theilnahme an der Flucht des Lahore-Prinzen mir zugezogen. Dieser Verdacht, Miß, war nicht ohne Grund; die Flucht des Jünglings geschah mit meiner Hilfe und ich freue mich meines Antheils daran, denn Miß, es geschieht viel in diesem unglücklichen Reiche von Ihren Landsleuten, was die strafende Hand Gottes und die furchtbare Rache der Unterdrückten auf sie hernieder rufen muß. Aber wenn ich auch Cawnpur verlassen mußte, ich habe mich viel und lebhaft mit Ihnen, Editha, beschäftigt und mit - mit Freude gehört, daß Sie glücklich zu werden hofften an der Hand der Liebe. Jetzt aber, Editha, ist es nicht die Zeit, an das Glück der Ruhe zu denken - ein schwerer, entsetzlicher Sturm, der über dies unglückliche Land daher rauscht, bedroht auch Ihr Glück, mehr als die Eifersucht jener Rasenden, - ja selbst Ihr Leben, und Sie zu schützen bin ich hier und suchte Sie diesen Abend, dem ein schrecklicher Morgen folgen wird.«
»Barmherziger Gott - Sie erschrecken mich! was ist ... was soll ...«[.]
»Fragen Sie nicht, Editha - denn wie damals, als ich Sie aus den Mordgewölben der Thugs führte, bindet ein Schwur meine Ehre und meine Zunge! Sie gaben mir damals unbeschränktes Vertrauen, Editha - wollen Sie mir auch jetzt es gewähren?«
»Ich vertraue Ihnen, wie meinem Vater - nein,« sie erröthete leicht, - »wie ich meinem Bruder vertrauen würde, wenn ich einen solchen hätte.«
»Dann glauben Sie blindlings dem, was ich Ihnen sage - Sie müssen fliehen mit mir, noch in diesem Augenblick, es gilt Ihr Leben!«
»Aber mein Oheim - meine Cousine - meine Landsleute
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- Stuart - sind sie auch bedroht - oder gilt die Gefahr mir allein?«
Der wackere Deutsche verhüllte schweigend das Gesicht mit den Händen.
»Ich vermuthe,« fuhr die Engländerin dringend fort, - »daß Sie von einem plötzlichen Ausbruch jener Empörung der Sepoy's auch hier sprechen, von der ich reden gehört. Sie übertreiben aber vielleicht, aus Sorge für mich, die Gefahr. Jedenfalls sind wir doch hier sicher.«
»Täuschen Sie sich keinen Augenblick, Miß - jene tapferen Männer und schönen Frauen Ihres Landes, die in den goldenen Sälen sich der Lust hingeben, tanzen auf dem Krater eines Vulkans, dessen Flammen nur des Signals warten, um Alles vernichtend empor zu lodern.«
»Entsetzlich! - aber lassen Sie mich fort - ich kann sie warnen; der Muth meiner Landsleute, die Erfahrung meines Oheims werden einen Weg der Rettung finden!«
»Unmöglich! - Sie selbst - das geringste Wort der Warnung von Ihren Lippen - würden den zündenden Funken in das Pulverfaß werfen.«
»Und wollen Sie mindestens die Meinen retten - wie mich?«
»Ich vermag es nicht - Sie allein kann ich beschützen, retten!«
»So will ich mit Denen sterben, zu welchen mich Gott und die Natur gestellt haben. Der Tod kann nach den bitteren Erfahrungen, die ich gemacht, nicht so schmerzlich sein! - Leben Sie wohl, mein Freund, und nehmen Sie den Dank eines unglücklichen Mädchens für Alles, was Sie ihm gethan haben.«
Sie wollte sich erheben, um sich zu entfernen, aber der Deutsche warf sich vor ihr nieder und umfaßte ihre Kniee. »Bei den Gräbern Ihrer Eltern beschwöre ich Sie, ändern Sie Ihren Entschluß, Editha! Sie wissen nicht, welchem furchtbaren Schicksal Sie trotzen, - zehnfach furchtbarer, entsetzlicher, als rascher Tod! Der Tiger der Wildniß ist barmherzig, fürcht' ich, gegen die entfesselte Wuth dieser Männer! Erbarmen Sie sich um meinetwillen und folgen Sie mir!«
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Sie sah ihn an - über ihre Züge voll Angst und Schrecken schwebte wie ein Sonnenblick im Gewittersturm ein mildes freundliches Lächeln, ihre Hand berührte leise das Haupt des Knieenden.
»Sie lieben Editha, mein armer Freund?«
»Ja, ich liebe Sie, Ediths aufrichtig, aus treuem redlichen Herzen, dessen Blut für Ihr Glück willig dahin strömen würde. Warum sollte ich in dieser schrecklichen Stunde das heilige Gefühl verläugnen, das meine Brust seit jener Nacht erfüllt, in der Sie im Gemach der furchtbaren Würgerburg an meinem Herzen entschliefen? Aber niemals, niemals würde ein Zeichen dieser trauernden Liebe Ihr Glück und Ihren Frieden gestört haben.«
»Und dennoch, mein Freund,« flüsterte die Jungfrau mit holder Anmuth, »kannte ich Sie. Glauben Sie denn, daß ein Weib so lange der sorgenden Liebe des besten und edelsten Mannes anvertraut sein konnte, ohne sein innerstes Gefühl zu verstehen und zu trauern darüber, daß sie ihm nur Dank und Freundschaft, nicht Liebe dafür zu bieten vermochte? Für Ihr Zartgefühl, für Ihr Schweigen schätzte Sie Editha Highson und hält Sie bis zum Tode für ihren treuesten Freund.«
Er küßte ihre Hand und fühlte den warmen Druck derselben. »Dann lassen Sie mich auch zeigen, daß ich Ihr Freund bin, und mich Sie schützen und retten.«
»Nicht allein - nicht ohne Jene, an die mich Pflicht, Liebe und Glauben fesseln. O, wenn Sie mich lieben, wenn wirklich so treu und mächtig die heilige läuternde Flamme in Ihrem Herzen glüht, so suchen Sie ein Mittel, meine Brüder und Schwestern zu retten, und Editha wird Sie segnen, auch wenn sie selbst als Opfer fallen müßte!«
Er war emporgesprungen und preßte ringend und verzweifelnd die Hand an die Stirn.
»Ich kann nicht glauben,« fuhr das Mädchen fort, »daß der Mann, der mich still liebte, den ich stets so edel und treu sah, zu jener Rotte falscher Mörder gehört, die das Leben Derer bedrohen, denen sie so lange geschmeichelt, deren Wohlthaten sie so lange genossen haben. Sie sind unser Landsmann, Engländer wie jene ...«
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»Der angenommene Name täuscht Sie, Editha, und jede Täuschung soll fern von mir sein. Ich bin kein Brite, sondern ein Deutscher.«
»So sind Sie doch desselben Stammes, desselben Glaubens und haben die heilige Pflicht, zu uns zu stehen in der Stunde der Gefahr. Brechen Sie das schreckliche Schweigen, sagen Sie Alles, was uns bedroht ...«
»Sie haben Recht, Editha, ich bin kein Genosse von Meuchelmördern, wenn ich auch ein Feind der Briten bin, deren Tyrannei auch schwer auf mir gelastet. Aber wenn ich auch zum Verräther an dem finstern Geheimniß in seiner letzten Stunde werden, wenn ich Alles vergessen wollte, ich selbst vermag Nichts zu thun - ein furchtbarer Eid fesselt mich an die Feinde der britischen Herrschaft. Ich kann nur Sie retten, Sie allein, denn Sie sind ein Weib und England ist nicht Ihr Vaterland!«
»Britannien ist überall, wo seine siegreiche Flagge weht! Ich bin eine Britin und werde es mit meinem Tode besiegeln. Leben Sie wohl und - gedenken Sie Editha's!«
Seine Hand hielt die Entfliehende zurück. Indem er dies that, fühlte er zufällig den Druck des Ringes, den er am Finger trug und den Mähe Tschund, die enthronte Königin von Lahore, ihm gegeben für die Rettung ihrer Tochter vor dem giftigen Zahn der Cobra.
»Weilen Sie - um des Himmels willen! vielleicht sendet mir Gott ein Mittel der Rettung!«
Sie blieb zitternd neben ihm stehen, die Augen ängstlich harrend auf ihn geheftet.
»Ich wiederhole Ihnen, ich darf, ich kann Nichts thun, - ohne uns Alle zu vernichten. Jetzt aber, da Sie so viel wissen, ist es kein Verrath mehr, Ihnen mehr zu vertrauen, um Sie vor jeder Unvorsichtigkeit abzuhalten. Kein Europäer wird dies Fest frei - ich fürchte, lebend, verlassen. Das fünfte eingeborne Regiment, das die Garnison von Bithoor bildet, ist im Begriff, sich zu empören, und die Truppen von Cawnpur erwarten nur das Signal zu gleichem Thun. Deshalb hat das Fest des Nena hier fast alle Offiziere, fast alle Ihre Landsleute versammelt.
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Selbst wenn von Cawnpur Hilfe kommen könnte, kein Bote kann es erreichen, denn alle Wege sind besetzt.«
»Und alle, alle diese Soldaten, die so lange der britischen Fahne gefolgt, sie haben sich zu unserm Untergang verschworen?«
»Alle - nur die Sikh's schwanken noch. Sie harren ihres jungen Führers. Haben Sie Muth, Editha!«
»Wenn es die Rettung der Meinen gilt, wie eine Löwin!«
»Wohlan - Gott hat mir vielleicht den Gedanken eingegeben. Kein Mensch auf Erden kann den Ausbruch der Empörung, der schrecklichen Gefahr für Alles, was Brite heißt, mehr abwenden, - aber vielleicht ist es noch möglich, den Streit zwischen Hindu und Faringi in einen ehrlichen Kampf zu verwandeln und sie Alle wenigstens glücklich in den Schutz von Cawnpur zurück zu bringen. Das Weitere liegt in der Entscheidung des Allmächtigen. Sind Sie zufrieden, wenn dies gelingt.[?]«
»Ich bin es - nur wehrlos sollen die Mörder meine Landsleute nicht überraschen. Geben Sie uns redlichen Kampf, und Englands Kinder werden alle Leiden, die sein Gefolge bilden, willig ertragen.«
»Sehen Sie, durch die Cypressen hindurch, den Schimmer jenes einsamen Lichts in dem Bungalow?«
»Wie ich höre, ist dort die gewöhnliche Wohnung des Fürsten, unsers Wirths.«
»So ist es - doch ist sie in diesem Augenblick leer und nur ein Mann befindet sich dort; aber es ist der, der allein uns helfen kann. Sie selbst müssen ihm das Versprechen entreißen.«
»Aber wie?«
»Nehmen Sie diesen Ring,« er zog ihm[n] von seinem Finger und gab ihr denselben, »und übergeben Sie ihn dem Mann, zu dem ich Sie führen werde. Sind Sie im Stande, sich einige indische Worte zu merken?«
»Ich hoffe.«
»Es wird gut sein, wenn er Sie zuerst für eine Hindufrau hält, er wird nicht anstehen, aus der Hand einer solchen den Ring zu empfangen und ihr das Versprechen seines Schutzes zu gewähren.«
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Der Arzt sagte ihr hierauf einige Worte im Hidostani vor, und sie wiederholte dieselben.
Zugleich theilte er ihr auf das Genaueste mit, was sie zu thun habe, um jene Zusage zu gewinnen.
»Kommen Sie jetzt, Miß - und vertrauen Sie auf mich - ich bleibe in Ihrer Nähe und zu Ihrem Schutze bereit.«
»Einen Augenblick noch, mein Freund,« sie hob den Stahl auf, der der Hand der Bayadere entrungen worden und im Grase zu ihren Füßen blinkte, und verbarg ihn in ihrem Kleid. »So - nun bin ich bereit, und die Ehre Editha Highson's ist nicht mehr in der Hand wilder Rebellen!«
Er schritt schweigend voran durch die Gänge von Blumen und duftigen Sträuchern bis an den Flügel des Bungalow, der die Gemächer der Zenanah enthielt, und aus dem das einsame Licht schimmerte.
Die Jalousieen des bis zum Boden reichenden Fensters standen offen und gewährten den freien Einblick. Auf einem Rohrdivan ruhte ein Mann in prächtiger orientalischer Kleidung, den rothen Bund der Sikhs um den Kopf geschlungen, die Stirn gedankenvoll in die Hand gestützt, während die andere an dem reich mit Steinen besetzten Griff des Säbels spielte.
»Warten Sie hier einen Augenblick und betrachten Sie jenen Mann,« flüsterte der Arzt, »von ihm hängt die Möglichkeit Ihrer Aller Rettung ab.«
Er verschwand um einen Vorsprung der Veranda, kehrte jedoch schon nach wenigen Augenblicken mit einem großen indischen Yaschmack oder Schleier zurück und hüllte die Engländerin darein, so daß sie auf den ersten Anblick sich wenig von einer Hindufrau unterschied.
»Jetzt, Miß - ist das Weitere Ihre Sache, und Gott gebe, daß er den Ring aus Ihrer Hand annimmt. Haben Sie die Worte behalten?«
Er wiederholte sie ihr leise zwei Mal, und all' ihre Gedächtnißkraft zusammennehmend, sprach sie dieselben deutlich und richtig nach.
»So ist es gut, und jetzt ...« er wies nach dem Eingang
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des Gemachs, indem er zugleich ein kurzes Pistol aus seinem Gürtel zog und den Hahn spannte.
Die Jungfrau öffnete leise die Jalousiethür und trat in das Zimmer. Der Krieger auf dem Divan war so vertieft in seine Gedanken, daß er das Geräusch nicht einmal merkte, und erst erstaunt empor fuhr, als die Dame bereits vor ihm niederkniete, ihm den Ring entgegenhielt, und in indischer Sprache die Worte sagte:
»Im Namen Gottes und im Namen Mahana's - ich und die Meinen bedürfen Deines Schutzes und Deiner Hilfe!«
Fast unwillkürlich hatte Murad Khan, denn der junge Shik[Sikh]häuptling war es, der hier den Gedanken und quälenden Zweifeln um die verlorne Geliebte nachgehangen, den Ring genommen und betrachtete erstaunt bald diesen, bald die Frau. Im ersten Moment hatte eine freudige Ueberraschung ihn durchzuckt, er glaubte Mahana selbst vor sich zu sehen, aber ein Blick auf die höhere Gestalt und die Worte der Bitte überzeugten ihn alsbald, daß sein voreiliges Herz sich geirrt.
»Das ist der Ring Mahe Tschund's, der Königin von Lahore, und kein Sikh wird verweigern, was in ihrem Namen gefordert wird,« sprach er hastig. »Wer Du auch seist, Dame, Murad Khan ist Dein Diener, so lange Du diesen Ring trägst, und Du und die Deinen stehen unter seinem Schutz, wie der geheiligte Gast unter dem Dach seines Wirthes!«
Die Engländerin hatte zwar die indische Antwort des jungen Kriegers nicht verstanden, aber sie begriff aus dem Ton derselben und der Annahme des Ringes sogleich, daß er ihr seinen Beistand gewähren wolle, und kühn entschlossen warf sie, sich erhebend, den Schleier zurück und redete ihn in englischer Sprache an.
»Ich bin eine Faringi, Sir, und komme, mich und die Meinen da unter Ihren Schutz zu stellen, wo man schändlich die heilige Sitte des Gastrechts mit der Ermordung unschuldiger Menschen verletzen will. Man hat mir gesagt, daß der Besitzer dieses Ringes von einem tapfern Krieger der Sikh jeden Dienst fordern dürfe. Es ist nicht das erste Mal, daß ich Sie sehe, ich weiß, daß Ihr Herz edel und voll Großmuth auch gegen den Feind ist und ich fordere von Ihnen, daß Sie den schändlichen
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Verrath, den man an uns zu üben beabsichtigt, verhindern und uns möglich machen, Cawnpur zu erreichen. Dann möge ein ehrlicher Kampf zwischen uns und den eingebornen Söhnen dieses Landes stattfinden, wenn diese glauben, von den Engländern gekränkt zu sein.
Er sah sie noch immer mit unverhehltem Erstaunen an, aber die edle, vertrauende Miene der Jungfrau, ihr offenes, kühnes Auftreten imponirte seinem ritterlichen Sinn.
»Wer bist Du, Mem-Sahib? Du sagst, Du habest mich früher gesehen, aber ich kenne Dich nicht!«
»Ich bin die Nichte des General Wheeler und - oder ich war die Braut des Faringi, dem Murad Khan sein Roß Kamar3 in der Thur ließ, um ihn zu retten.«
Der junge Krieger sah nachsinnend vor sich hin; offenbar kämpfte in ihm der Haß gegen die Faringi mit den edleren und hochherzigeren Gefühlen seiner Natur.
»Ich habe gehört,« fuhr die Engländerin fort, »der tapfere Sohn des weisen Gholab Singh liebe ein holdes und edles Mädchen. Bei der Liebe zu der Jungfrau aus seinem Volke möge er Die beschützen, die eine weiße Haut tragen, aber gern Mahana ihre Schwester nennen würden!«
Der junge Krieger erbebte bei dem Namen und sein dunkles Auge erglänzte in wildem Feuer. »Bei dem goldnen Thron des großen Rundschid,« schwor er, »Du sollst nicht vergeblich den Beistand Fattih-Murad-Khan's angerufen haben, Mädchen. Es ist genug, daß der Schutz dieses Daches geschändet ist durch den Verlust der Einen, die Murad Khan mehr liebt, als den Apfel seines Auges. Der Ring der Mutter Mahana's soll mit Murad's Blute ausgelöst werden, und - bei meinem Schwert! Du und Jeder der Deinen soll ungekränkt den Palast von Bithoor verlassen!«
Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt, seine dunkle Brauen zusammengezogen und eine tiefe Falte stolzer Drohung und mächtigen Willens lag zwischen ihnen, als er so dastand, die Hand am Säbelgriff, majestätisch, als sei er Krischna, der jugendliche Götter-Heros der Hindu selbst.
Die Jungfrau sah unwillkürlich mit Vertrauen und beruhigt zu ihm empor.
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»Dame,« fuhr der Sikhhäuptling fort, »Du kannst ruhig zu den Deinen zurückkehren. Du hast Murad-Khan aus seinen Träumen erweckt und er wird bei Dir sein in der Stunde der Gefahr. Woher Du auch diesen Ring empfangen - ich will es nicht wissen; aber sage Dem, der ihn Dir gab, daß Murad seine Pflicht zu thun bereit ist. Sobald ich den Gebrauch davon gemacht, den Du verlangst, werde ich ihn in Deine Hände zurückgeben; vielleicht mag er noch ein Mal Dir Dienste leisten. Man sagt, der Glaube der weißen Mariam heische von seinen Kindern, daß sie auch für ihre Feinde beten. So bete denn auch Du für Murad und seine Liebe!«
Und mit der ritterlichen Galanterie eines der Heroen der arabischen Blüthezeit faßte er des Mädchens Hand und geleitete sie zum Eingang des Gemaches zurück, wo er mit einer Verbeugung von ihr schied.
Wenige Minuten darauf sah Editha, bereits wieder im Schutz des deutschen Arztes, das einsame Licht des Bungalow erlöschen. Der Khan hatte ihn verlassen.
Vor dem Portal des Palastes hielten zwei Soldaten der Reiterabtheilung, welche die Ehrenwache der beiden Generäle bildete und sie von Cawnpur begleitet hatte.
Sie gehörten zu dem Sikhregiment, das seit etwa zwei Monaten in Cawnpur stand und, wie alle anderen Regimenter von Eingebornen in den höheren Stellen durch britische Offiziere befehligt wurde. Der Oberst desselben war - wie dies eben so gewöhnlich - in einer höhern Civilbedienstung in Kalkutta abwesend und hatte sein Regiment faktisch noch nie zu Gesicht bekommen.
Die Sikhs sind ein kühner, stolzer Männerschlag, geborene Krieger und Reiter, wie die arabischen Stämme und die Indianer der Pampa's und der Einöden von Texas. Da ihre Religion ein Gemisch des Muhamedanismus und Hinduismus, halten sie sich über beiden Sekten stehend und verachten beider Gebräuche. Sie sind die indischen Prätorianer, auf ihren Schildern den Tapfersten und Glücklichsten zur Herrschaft erhebend. Sie bilden die besten und zuverlässigsten Truppen unter den eingebornen
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Soldaten der Compagnie, und obschon keineswegs Freunde der Faringi, haßten sie doch noch mehr die Sepoy's, weil mit deren Hilfe die Engländer das Pendschah unterjochten und die Sikhs ihrer so lange bewahrten Freiheit beraubten.
Indem Fattih-Murad-Khan, der Sohn des nach Rundschid glücklichsten und klügsten Parteigängers der Sikh, seinen Weg vom Bungalow außerhalb der Gärten nach dem Platz nahm, wo die Escadron der Sikhreiter um ein gewaltiges Feuer bivouacquirte, begegnete ihm Alamos, der Mexikaner, eines der Mitglieder der Cohorte des Nena.
Der Khan hatte eine Vorliebe für den kecken Spürer und Reiter gefaßt, der ihn bei der Flucht des Lahore-Prinzen begleitet hatte, und bei seiner Ankunft vor zwei Tagen im Bungalow des Nena zu seinem Bedauern erfahren, daß der Mann in Geschäften seines Gebieters abwesend wäre.
Um so überraschender war ihm die Begegnung des Mexikaners, den er weit entfernt glaubte.
Jetzt aber aufgeregt und beschäftigt durch sein der Engländerin gegebenes Versprechen, redete er ihn mehr durch Zufall und absichtslos an: »Du bist also zurück, Freund?«
»Seit diesem Morgen, Senjor.«
Die Antwort fiel dem Khan auf, weil er den Prinzen noch am Mittag nach dem Mann gefragt und eine ausweichende Antwort erhalten hatte.
»Deine Reise scheint anstrengend und lang gewesen zu sein, denn Dein Fuß ist nicht wie sonst der der Antilope und Deine Glieder sind matt!«
»Valga me Dios! Der Weg von Delhi hierher ist auch kein Kinderspiel in sechs Tagen und sechs Nächten. Und wäre nicht ein unglücklicher Zufall gekommen, der die Relais unterbrach, die der Prinz gestellt, so wäre ich zwölf Stunden eher eingetroffen.«
»So warst Du in Delhi?«
»In Mirut und Delhi. Ich zog mit dem Sirdar und dem 3. Regiment nach der Stadt und verließ sie erst, nachdem der Sieg uns gesichert war. Doch Ihr werdet das Nähere ja von Seiner Hoheit gehört haben.«
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Der Khan sah ihn erstaunt an. »Was sprichst Du Mann - in Mirut und Delhi wäre ein Kampf ausgebrochen?«
»Wie Senjor - Ihr wißt es nicht? Am Zehnten4 erhoben die Reiter vom Dritten die Fahne des Kampfes, zwei Infanterie-Regimenter waren mit uns, halb Mirut ging in Flammen auf und wir schlugen uns sechs Stunden lang mit den schuftigen Jägern vom Sechszigsten und den Dragonern der Garde. Tantiah-Topi und der Mann, den sie den Derwisch Sofi nennen, obschon er ein geborner Soldat sein muß, thaten Wunder der Tapferkeit, aber wir mußten dennoch die Stadt räumen und zogen nach Delhi, wo Alles zum Aufbruch bereit war.«
»Und in Delhi!«
»Caramba! - der Mogulprinz erwartete uns und im Augenblick ging der Spektakel los. Der Kommissar flüchtete in den Palast von Saman Badsch, aber der Tanz war unser und was Engländer hieß, verloren. Per Dios! Senjor, ich bin an Rebellionen gewöhnt aus meinem eignen Lande, und daß - wenn das Blut erhitzt ist - Manches geschieht, was nicht gut ist - aber was ich dort erlebt, macht mir in der Erinnerung die Haut schaudern.«
»So war der Kampf in Delhi vorbereitet?«
»Demonio! - Akhbar-Jehan, obschon nichts als ein Hinduprinz, wie sie zu Dutzenden hier umherlaufen, mit Respekt vor Euch zu sagen, Senjor Khan! hatte die Sache trefflich in Gang gebracht mit dem alten französischen General, ganz nach dem Willen und dem Rath Seiner Hoheit des Maharadschah. Die Engländer wurden überrascht, daß sie ihre Hälse abgeschnitten fanden, ehe sie nur sagen konnten: Goddam!«
Die Augen des jungen Kriegers sprühten Flammen, seine Zähne waren fest auf einander gebissen.
»Also mißtraut meiner Treue - getäuscht, betrogen!« murmelte er, während seine Faust sich krampfhaft ballte - »und Mahana sicher der Preis dieses Knaben, blos weil er den Namen einer Fürstenreihe führt? Ha bei Astraoth - sie könnten
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sich täuschen in ihren Plänen und Murad-Khan wird nicht mit sich spielen lassen.«
Dann zu dem Mexikaner sich wendend, der ihn erstaunt betrachtete und glaubte, der Khan bedauere, daß er nicht selbst bei dem Kampf zugegen gewesen, befahl er ihm: »Suche einen der Hausdiener des Nena, und laß ihn seinem Herrn sagen, Fattih-Murad-Khan begehre ihn zu sprechen und werde ihn an dem Springbrunnen des Bungalow erwarten.«
Joaquin Alamos verbeugte sich mit jener Höflichkeit, die den spanischen Abkömmlingen immer eigen, und schlug den Weg nach den Hallen des Palastes ein, der Khan aber setzte den seinen nach der Stelle fort, wo das Kommando der Sikhreiter in stolzer Absonderung von den Hindu's und Mahomedanern sich unter einem riesigen Tamarindenbaum gelagert.
»Wo ist der Subedar, der die Gortschura5 befehligt?« fragte er die Ersten, auf die er traf.
»Im Schloß, Sahib, bei dem Fest.«
»So rufe den Jemedar oder den Unteroffizier, der bei Euch ist! Ich habe mit ihm zu reden.«
Der Mann erschien sogleich. Er war ein Akali, wie die wildeste Horde der Sikhs heißt.
»Kennst Du mich?«
»Wer sollte Fattih-Murad-Khan, den Sohn des weisen Gholab nicht kennen, die einzige Hoffnung der Sikhs! Du bist unser wahrer Herr und Gebieter, nicht der Faringi-General, der fern von seinen Kriegern ist.«
»Du hast die Chuppati's der Hindu gegessen?«
»Wir wissen, was geschehen wird, aber wir verunreinigen uns nicht mit den Anbetern der Kuh. Wir sind bereit, zu thun, was unsere Offiziere uns sagen.«
»Bana bak! so wirst Du meinen Befehlen gehorchen. Ist Rustam-Singh, der Subedar-Major, 6 mit auf dem Fest?«
»Nein, Tuwen-Sahib, er ist in Cawnpur zurückgeblieben.«
»So nimm Dein Pferd und reite schneller als der Monsoon
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über die Dschungel braust, zurück nach Cawnpur und gieb Rustam-Singh dieses Kleinod und diese Botschaft.«
Er schrieb auf ein Blatt Pergament, das er aus dem Bund seines Turbans nahm, wo die Orientalen gewöhnlich Sachen von Werth oder Interesse aufbewahren, mit einem Silberstift einige Worte. »Sage ihm, er soll schnell sein, wie der Blitz, der über den Bergen von Kashemir zuckt. Vertraue keinem der Posten der Sepoy's, die Du passiren wirst, Deinen Auftrag, und ehe Du reitest, sende einen Mann nach jenem Palast, und lasse Nassir-Singh, Deinen Subedar, herausholen, ich muß ihn sprechen.«
»Du übernimmst die Verantwortung, Khan, daß ich meinen Posten verlasse?«
»Geh unbesorgt!«
Der Unteroffizier trat zu den Reitern zurück und ertheilte einen Auftrag. Gleich darauf sah man ihn in der Richtung von Cawnpur davon sprengen, indeß der Khan ungeduldig am Feuer auf und nieder schritt.
Major Rivers neigte sich zu der fürstlichen Amazone, an deren Seite er stand.
»Wie lange wird unser Freund, der Maharadschah, das Glück haben,« fragte er mit vertraulicher Höflichkeit, »die Krone der Frauen zu bewirthen?«
»Sobald die Begum aufbricht, werde auch ich die Haudah meines Elephanten besteigen. Ich denke, daß morgen schon die Geschäfte meiner Freundin beendet sein werden, und auch die meinen.«
»Ich wüßte nicht,« sagte der Resident mit Betonung, »daß die schöne Rani von Jhansi Geschäfte hat, um deren willen sie hierher kommen mußte. Sie weiß sehr wohl, daß ich stets bereit bin, ihr den Weg zu ersparen, und sie in ihrer Stadt zu besuchen.«
»Mein Geschäft war, dem Sahib Rath und seiner Begum meinen Besuch zu machen und dem Maharadschah Glück zu wünschen, daß er die Wolke der Trauer von seinem Haupte entfernt.«
»Der Nena, schöne Dame, sieht ein, daß es thöricht wäre,
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die Trauer über ein Unglück nachzuhängen, das nicht zu ändern ist. Möge die schöne Rani von Jhansi sich erinnern, daß ich schon früher ihr dasselbe gesagt, als ich die Gelegenheit hatte, ihre eigne Trauer über den Tod eines alten ungeliebten Gatten zu bekämpfen, und sie, die jetzt der Segen und das Glück ihrer Unterthanen und die Freude ihrer Verehrer und Freunde ist, vor den Flammen der Sotti rettete.«
Die Rani wandte sich rasch zu ihm und maß ihn mit einem spöttischen Blicke. »Wie - das Alles hätte Major Rivers gethan?«
»Wenn ich auch nicht selbst die schöne Rose von Gwalior aus den Flammen holte,« erwiederte der Resident mit brüsker Unverschämtheit, »und diesen Dienst untergeordneten Personen überlassen mußte, - so war ich es doch, der schon vorher Einspruch dagegen gethan und im letzten Augenblick noch die Sotti verbot.«
»Dennoch wäre das Verbot des Sahib-Residenten zu spät gekommen, wie er wohl weiß, wenn ein Tapferer nicht sein Leben geopfert, es auszuführen. Das Leben Schanda's, der Rani von Jhansi, ist nicht das Geschenk der Faringi, sondern Jenes dort.« Sie erhob die Linke und wies mit dem verstümmelten Finger auf Maldigri, den Befehlshaber ihrer Leibwache, der noch immer neben dem englischen Capitain stand, von Zeit zu Zeit sich in unruhiges Sinnen verlierend.
Der Resident verzog den Mund. »Ich will Major Maldigri keineswegs sein Verdienst schmälern,« sagte er, »indeß ich sollte meinen, das viel beneidete Vertrauen, mit dem die Fürstin von Jhansi ihren Diener beehrt und die Stellung, die sie ihm gewährt - bis jetzt mit Zustimmung der hohen Compagnie - wäre des Lohns genug für die kleine Ritterthat, ohne deshalb das Verdienst noch ergebenerer Freunde schmälern zu müssen. Ich werde die Ehre haben, Sie nach Jhansi zurück zu begleiten.«
»Der Vertreter unserer Herren in Kalkutta,« erwiederte die Rani kalt, »ist auch Herr in Jhansi. Die Thore meines Schlosses sind ihm stets geöffnet!«
»O nicht so, schöne Frau - ich möchte dies Mal nicht als Offizier der Compagnie erscheinen, sondern in einer
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willkommenern Gestalt. Es ist Zeit, Hoheit, daß es endlich zwischen uns klar wird, und meine Bewerbungen um Deine Gunst eine entscheidende Antwort und Erhörung finden.«
»Ich verstehe nicht, was Major Rivers verlangt,« sagte die Dame kühl.
»Dann müßte die schöne Gebieterin von Jhansi keine Frau sein,« bemerkte der Resident, indem er gegen alle Sitte des Orients ihre Hand erfaßte. »Es ist Dir nicht unbekannt, Fürstin, daß ich schon lange mich um Deine Liebe und Deine Hand bewerbe, und diese Gelegenheit, mir das Glück zu bewilligen, nach dem ich strebe, ist so gut, wie jede andere.«
»Wenn Sahib Rivers die Hand einer Frau will,« entgegnete spöttisch die Rani, »so pflegt er sie zu nehmen, wie ich eben bemerke. Das Gerücht sagt, daß der Resident der Compagnie dies schon oft gethan und viele Verlassene nach der Rückkehr seiner Liebe seufzen.«
»Laß das Gerücht sagen, was es will, Dame. Die Sitten Deines Vaterlandes werden Dich nicht eifersüchtig machen auf die vergangenen Freuden eines Mannes. Deine Reize sind groß genug, um ihn allein zu fesseln, und ich verspreche Dir, daß Du als meine rechtmäßige Gemahlin allein über meine Liebe und meine Person gebieten sollst.«
»So will Major Rivers wirklich einer armen Hindufrau die Ehre anthun, sie zu seiner Gattin nach den Gebräuchen seines Glaubens zu erheben?«
»Ich stehe keinen Augenblick an,« erklärte hastig der Resident, getäuscht von der zustimmenden Rede der Fürstin, - »es verstößt zwar eigentlich gegen die anglikanische Kirche, indeß der Fall ist schon früher vorgekommen, und ich habe Einfluß genug, alle Bedenken und Hindernisse zu beseitigen. Später magst Du dann zum Christenthume übertreten, wie es die Begum von Somroo gethan. Meine Macht, reizende Schanda, soll Dich zur beneidetsten Frau Indiens machen. Ich werde sogleich mit Sir Lytton Mallingham sprechen und mir seinen Einfluß sichern. Wir können die Gelegenheit des Festes benutzen, um gleichfalls unsere Verlobung anzuzeigen, der die Verbindung dann, sobald die Zustimmung des Direktoriums eintrifft, folgen soll.«
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Die Fürstin entzog ihre Hand dem feurigen Druck des hoffnungsreichen Bräutigams.
»Und wie gedenkt Major Rivers, was er eben beschlossen, seinen Landsleuten zu verkünden?«
»Ganz einfach: Edmund7 Rivers, Major der Königlichen Armee und Resident der britisch-ostindischen Compagnie, zeigt seine Verlobung mit Schanda, der Fürstin von Jhansi, an.«
»Eitler Thor! Die Stimme Schanda's, der Rani von Jhansi, würde augenblicklich ihrem Volke erwidern, daß sie eher noch ein Mal den Scheiterhaufen besteigen, als die Gattin eines Spions der Tyrannen ihres Vaterlandes werden würde!«
Ihr fester Blick begegnete mit verachtendem Stolz dem Ausdruck des Erstaunens und der Erbitterung, mit der sie der getäuschte Bewerber anstarrte.
»Bedenke, was Du thust, Weib, und mit wem Du Dein freches Spiel zu treiben wagst,« knirschte er bleich vor Zorn, »die Hand, die so lange Dich und Deinen Uebermuth geschont und geschützt, kann Dich niedriger werfen, als die geringste Deiner Tänzerinnen steht. Willst Du nicht die Gattin Rivers werden, so sollst Du froh sein, seine Maitresse zu heißen, ehe das Jahr noch gewechselt hat! Mögen sich Jene wahren, die Du mir vorzuziehen wagst!«
»Schändlicher Faringi,« sagte die Rani stolz, indem sie mit einer raschen Geberde den Schleier über ihr Gesicht zog und sich erhebend ihm verächtlich den Rücken kehrte, »wahre Dich selbst, denn das Schwert des Gerichts schwebt über Deinem Haupt!«
Und ohne seiner weiter zu achten, winkte sie Maldigri zu sich heran, der, wenn er auch den Inhalt des halblaut geführten Gesprächs der Beiden nicht zu hören vermocht, doch erstaunt über die Zeichen, die dasselbe begleiteten, näher getreten war, während Capitain Delafosse ihm folgte und mit einem zornigen, herausfordernden Blick auf seinen frühern Waffengenossen die Hand an den Degen legte.
In diesem Augenblick, ehe die Männer ein Wort der Frage oder Erklärung wechseln konnten, kam der Nena mit dem englischen Geistlichen an der Hand durch den Saal und schritt auf die Sitze der Begum und der Rani zu.
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»Seine Hochwürden, der Dechant von Delhi, auf der Rückreise von Kalkutta nach seinem Sprengel begriffen,« sagte er in indischer Sprache, die dem Geistlichen bereits vollständig geläufig war, wünscht die Bekanntschaft der erhabenen Königin von Audh und der mächtigen Fürstin von Jhansi zu machen. Mögen sie die Sonne ihres Antlitzes ihm freundlich zuneigen, denn er ist ein Heiliger unter seinem Volke und bringt den armen Hindu's die Segnungen des Glaubens, seines weißen Propheten.«
Der Dechant verneigte sich höflich vor der entthronten Königin und ihrer jüngern und schönern Gefährtin.
»Seine Hoheit, unser Wirth, mißt mir einen Namen bei, den ich nicht annehmen darf. Ich bin ein unwürdiger Diener des Evangeliums und Dessen, an den wir Alle glauben, ob wir ihn Gott den Allmächtigen, oder Brahma, den schaffenden Urgeist, nennen. Wenn ich das Licht des Christenthums schon Vielen Ihrer Brüder zu geben so glücklich war, so geschah es, weil die Grundsätze unserer Religionen sich nahe berühren. Viel habe ich gehört von dem starken Geist der edlen Königin von Audh und dem hohen Sinn der Fürstin von Jhansi. Mögen sie Beide überzeugt sein, daß sie stets aufrichtige Freunde unter den Engländern finden werden, selbst wenn sie in dem angebornen Glauben beharren.«
»Der Glaube unserer Väter, Priester,« entgegnete die stolze Rani, »hat die Hindu's glücklich und rechtschaffen gemacht, lange vorher, ehe die weißen Männer von jenseits der Meere in unser Land kamen. Er ist so alt, wie die Welt selbst. Warum sollten wir ihn ändern für Neues, das wir nicht kennen, und von dem wir nicht sehen, daß es seine Anhänger gerechter macht, als wir sind.«
»Leider muß ich die Wahrheit dessen, was Du sagst, zugeben, edle Fürstin. Es geschieht Manches in diesem Lande von meiner Nation, was ich nicht billigen mag. Aber wir sind Alle fehlende Menschen und die Sünden der Einzelnen haben keinen Einfluß auf die ewigen Wahrheiten der Religion.«
»Das ist keine Gelegenheit, Vater,« beharrte die Fürstin, »um mit Dir über Allah, Brahma oder den Christengott zu streiten. Ich wundere mich nur, einen frommen Mann, wie
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Dich, hier zu sehen; denn ich hörte wohl, daß die Priester der Faringi reiten und jagen, aber ich wußte nicht, daß sie auch tanzen, wie jene Thörichten, die sich abmühen im Schweiß ihres Antlitzes, statt dies den Sclaven und den Bayaderen zu überlassen.«
Der Dechant lächelte mild, sowohl über den nicht unbegründeten Vorwurf in Betreff des Treibens eines großen Theils der englischen Geistlichkeit, als über den Irrthum wegen des Zwecks seiner eigenen Anwesenheit. »Es ist nicht Sitte, daß die Priester unserer Kirche tanzen, Fürstin,« belehrte er freundlich, »obschon das zu den Gebräuchen manches heidnischen Cultus gehört, aber es giebt auch keinen Grund, weshalb sie nicht einem anständigen Vergnügen und einem Fest der Fröhlichen beiwohnen sollten. Aber - täuschen mich meine Augen nicht - Verzeihung, Hoheit, ich glaube einen Freund zu sehen, hier im fernen Indien und in fremder Tracht - Capitain Grimaldi - Sie, der lang Beweinte unter den Lebendigen hier ...«
Er öffnete dem Freunde die Arme und der Grieche, unfähig sich zu verstellen und seine Person zu läugnen, sank an das Herz des Mannes, der ihm das Liebste genommen, was er auf der Welt besessen. Thränen aufrichtiger Freude flossen über die Wangen des ehemaligen Vikars, als er so unerwartet den Todtgeglaubten vor sich sah, dessen Andenken für ihn und seine Gattin ein heiliges Vermächtniß geblieben war.
»Wenn Sahib Maldrigi einen Freund gefunden,« sagte die Rani milde, »so möge er diesem gehören, so lange es das Schicksal ihm erlaubt. Die Stunden der Freude sind oft nur zu kurz. Seine Hoheit der Maharadschah möge uns unterdeß zu den Freuden des Gartens geleiten.« Sie sah sich vergeblich nach ihm um, der Nena, von einem der Diener gewinkt, hatte sich entfernt - ihr Auge begegnete dem ihres stillen Anbeters und ihn freundlich näher winkend, bat sie ihn, die Dienste ihres Offiziers zu versehen und sie und die Begum durch die Kühle des Gartens zu geleiten.
Capitain Delafosse bot ihr nach europäischer Sitte den Arm, und leicht darauf gestützt, ging sie mit stolzem Schritt und Blick an dem Residenten vorüber, dessen Zorn und Erbitterung diese
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öffentliche Zurücksetzung noch steigerte und der ihr mit boshaftem Ausdruck nachschaute, obschon ihn ein eben gehörtes Wort veranlaßte, an seinem Platz zu bleiben.
Unterdeß hatte der Oberst der Gortschura der Rani, tief bewegt von widerstrebenden Gefühlen, den Arm seines englischen Freundes genommen und ihn aus dem Gewühl des Festes geführt, um einen stillen Ort zu suchen, wo sie ungestört ihre Fragen und Erinnerungen austauschen könnten.
»Und ist es denn wirklich,« fragte der Dechant, als sie jenen Saal erreicht hatten, in dessen Hintergrund die geheimnißvolle Bühne aufgeschlagen und der in diesem Augenblick bis auf die beiden schwarzen Wächter des Vorhanges verlassen war, indem er die Hand des Freundes fest in der seinen preßte, - »hab' ich Sie wirklich wieder, Sie, den vor unseren Augen die Brandung des Adriatischen Meeres unter den grausamen Schüssen jener deutschen Soldaten verschlungen? O welcher Kummer, welche schmerzlichen Erinnerungen wären mir und einem theuern Wesen erspart worden, wenn wir gewußt, daß Sie glücklich jenen Gefahren entkommen, in die Sie sich um unsertwillen gestürzt hatten!«
»Ich erwachte selbst erst zum Bewußtsein am Bord des französischen Schiffes, wohin mich die muthigen Matrosen, die mich aus dem Meere gerettet, gebracht hatten. Ich fand keine Gelegenheit, Sie damals von meiner Rettung zu benachrichtigen und - ich hielt es für besser, daß Sie dem Todten Ihre Erinnerung, als dem Lebenden Ihre Sorge schenkten.«
»Aber wie kamen Sie nach Indien? wie lange sind Sie hier und warum haben Sie mir hier nicht Nachricht gegeben, oder mich aufgesucht, und wie kommen Sie zu dieser Tracht?«
»Vorerst - lassen Sie uns Italienisch sprechen, Freund,« bat der Grieche, »denn es könnten Ohren in der Nähe sein, die unsere Erinnerungen nicht hören dürfen und man kennt mich hier nur unter der Veränderung meines Namens in Maldigri, und glaubt, daß Piemont meine Heimath gewesen. Seit fast fünf Jahren bin ich in Indien, zuerst in der Präsidentschaft Madras, jetzt im Dienst der Rani von Jhansi. Aber ehe Sie irgend eine
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weitere Frage thun - ist Lady Adelaide Ihre Gattin und - wo ist sie?«
»Adelaide ist mein Weib - ich sagte vorhin bereits, daß sie meinen Schmerz um sie getheilt. Aber ihre Gesundheit ist leidend von dem Klima Indiens und sie konnte mich auf der Reise nach Kalkutta nicht begleiten, so sehr sie es auch wünschte.«
»Barmherziger Gott - und sie ist in Delhi zurückgeblieben?«
»Nicht gerade in Delhi. Sie ist bei einer Freundin in Ludhiana an der Grenze des Pendschab, in einer höher und gesünder gelegenen Gegend. Von dort erhielt ich ihre letzte Nachricht. Aber was ist Ihnen - was haben Sie?«
»Dem Ewigen sei Dank für seine Barmherzigkeit. Ihre Worte nehmen eine schwere Last von meiner Seele. Ludhiana ist befestigt und sicher - oh möchte sie seinen Schutz keinen Augenblick verlassen!«
»Um des Himmels willen, was ist geschehen - was meinen Sie!«
»So wissen Sie nicht - nein, es ist unmöglich! Fragen Sie mich nicht weiter, aber danken Sie Gott, der Lady Adelaide gerettet, und hüten Sie sich selbst, denn - was Engländer in diesem Lande heißt, steht auf dem Krater eines Vulkans!«
»Ich fürchte es selbst - aber erklären Sie mir als Freund, - als Christ ...«
»Ich kann und darf nicht. Sie wissen, daß ich zu den Gegnern Englands gehöre, und ein Eid bindet mein Schweigen. Aber sein Sie unbesorgt, ich stehe für Ihre Sicherheit.«
Die raschen Tritte eines Nahenden störten die weiteren dringenden Fragen des bestürzten Dechanten. Es war Lieutenant Sanders, welcher eilig herbei kam auf die Nachricht, daß sein Erzieher und Freund unerwartet in Bithoor angekommen.
Die Begrüßung war herzlich und zeigte von der aufrichtigen Freude Beider, einander wiederzusehen, obschon der Geist des jungen Offiziers durch die Scene im Garten des Bungalow und die Strenge seiner Verlobten, die er indeß in ruhigerer Stimmung zu versöhnen hoffte, bedrückt, und auch der Geistliche durch
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die eben gehörten Andeutungen einer drohenden Gefahr zerstreut und bedrückt war.
Nachdem der erste Austausch der Grüße und Fragen vorüber war, heftete sich der Blick des Offiziers erschrocken auf den kaum beachteten Griechen.
»Um des Himmels willen, Sir, wer ist dieser Mann?«
Der Geistliche faßte seine Hand, »Ich sehe, auch er erkennt Sie wieder, Freund,« sagte er, »obschon es mich wundert, daß es nicht längst geschehen. Doch waren Sie ja damals nur kurze Zeit und in aufregender Gefahr zusammen. Aber besorgen Sie Nichts, er ist ein wackeres und biederes Herz, - ich bürge für sein Schweigen.«
»Sir,« sagte der junge Offizier hastig, ohne die Rede des Geistlichen zu beachten, »es sind länger als fünf Jahre, und dennoch glaube ich mich nicht zu täuschen. Sie sind Capitain Grimaldi aus Korfu, auf dessen Haupt die britische Regierung einen Preis gesetzt?«
»Und der uns und unsere Freunde rettete vor den Dolchen der Banditen, vergessen Sie das nicht, Stuart,« bat besorgt der Dechant.
»Beruhigen Sie sich, mein würdiger Freund! Es handelt sich allerdings um Gefahr, aber ich frage im Interesse dieses Herrn, den ich bisher nur flüchtig beachtete und deshalb nicht wieder erkannte.«
»Ich bin der Mann, den Sie als Capitain Grimaldi in Italien gekannt, Sir,« erklärte der Grieche.
»So hat meine Unvorsichtigkeit Sie absichtslos in Gefahr gestürzt.«
»Was ist geschehen?«
»Man sagte mir, daß Sie, mein verehrter Lehrer und Freund, unerwartet in Bithoor angekommen wären und bereits nach mir gefragt hätte[n]. Indem ich Sie in der Nähe der indischen Fürstinnen suchte, denen Sie vorgestellt sein sollten, begegnete mir Major Rivers, der Resident. Er fragte, ob ich mich von früher nicht eines Major Grimaldi erinnere und in welcher Verbindung derselbe mit Ihnen gestanden? Ohne Arg sprach ich von
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der heldenmüthigen Aufopferung dieses Herrn, den ich für todt hielt, bis das triumphirende Lächeln des Majors und die Worte: ›Grimaldi - Maldigri! jetzt hab ich sie Beide!‹ mich zuerst aufmerksam machte und ich forteilte, Sie aufzusuchen.«
»Ich kann unmöglich glauben,« beruhigte der Dechant, »daß hier auf der andern Seite der Erdkugel nach so vielen Jahren noch die Proscription der Regierung Bedeutung haben und Ihnen, mein Freund, Gefahr bringen könnte, es sei denn, daß - -« Sein Blick wurde besorgt, denn er gedachte der geheimnißvollen Andeutungen, die ihm so eben noch der Major gemacht hatte.
»Wenn es nöthig ist, daß Sie flüchten, Sir,« erklärte der Offizier, »so biete ich Ihnen meine Hilfe und meinen Schutz an. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ein Mann, dem ich wahrscheinlich mein Leben schulde, durch mich in Gefahr gebracht worden.«
»Ich erkenne Ihrer Beider Freundschaft und danke Ihnen,« sagte der Grieche. »Aber glauben Sie mir, ich bin besorgter um Sie, als um mich, und die Bosheit des Residenten, von dem ich allerdings glaube, daß er mich haßt, kann mich nicht erreichen. Die Entdeckung meines wahren Namens macht es nöthig, daß ich mich einige Augenblicke mit einer andern Person unterhalte; ich bitte Sie aber Beide, diese Stelle nicht zu verlassen, bis ich zurückkehre, - ich beschwöre Sie darum, um Ihrer selbst willen!«
Ehe noch die Engländer ihn näher befragen konnten, entfernte er sich schnell.
In der Thür kamen ihm die Generale, Sir Lytton Mallingham und der Resident mit der Begum von Audh entgegen. Der Rath winkte ihm freundlich zu, als der Major zur Seite trat und dann sich entfernte.
»Dieser Ort,« meinte General Wheeler, »wird zu unserer Unterredung der geeignetste sein, da er der entlegenste vom großen Saal ist. Entziehen uns Euer Hochwürden Ihre Gesellschaft nicht,« fuhr er zu dem Dechanten fort, der sich entfernen wollte, »wir werden Ihres Rathes und Ihrer Kenntniß des Landes vielleicht bedürfen. Lieutenant Sanders, ich bitte Sie, unsern Wirth aufzusuchen und ihn zu bitten, mit der Rani hierher zu
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kommen. Dann sorgen Sie dafür, daß wir auf eine Viertelstunde nicht gestört werden.«
Der Offizier verließ auf diesen Befehl den Saal, während sich die eingetretene Gesellschaft um einen Tisch niederließ und Sir Lytton Mallingham einige Papiere darauf ausbreitete.
Major Grimaldi hatte unterdeß den großen Saal erreicht und war in die Nähe seiner angeblichen Verwandtin gelangt. Ein Blick benachrichtigte sie, daß er Wichtiges mit ihr zu sprechen habe. Die gewandte Frau verstand sogleich den Wink.
»Die Aussicht auf die Volksgruppen ist in der That interessant,« sagte sie, sich den hohen Bogenfenstern der vordem Veranda nähernd, »sehen Sie, Monsieur Colonel, das Spiel der Mondbeleuchtung mit den Reflexen der Feuer? Bitte - reichen Sie mir meinen Shawl, Capitain, ich möchte jene Spiele der chinesischen Jongleurs in größerer Nähe sehen.«
Indem sie die beiden nächsten ihrer Anbeter beschäftigte, winkte sie dem Major. »Treten Sie näher, schöner Cousin, und leihen Sie mir Ihren Arm, wenn Ihre wilde Amazonen-Königin nicht etwa Ihre Dienste begehrt. Sie haben mich in der That zu - lange vernachlässigt und ich werde Sie dafür bestrafen, indem Sie mir eine ganze Viertelstunde lang von Ihren Elephantenjagden und Tigerkämpfen erzählen sollen.«
Und ihn scherzend mit dem Fächer auf die Hand schlagend, lehnte die Dame die ihre auf seinen Arm und ließ sich von ihm nach der Balustrade der Veranda führen.
»Sprechen Sie Italienisch,« flüsterte sie, »Diese Puddingköpfe reden ein so corrumpirtes Französisch, daß kaum Einer unter ihnen ist, der den Unterschied merken wird.«
»Ein unglücklicher Zufall, Madame, hat vor wenig Augenblicken meinen wahren Namen verrathen. Ich fürchte, daß Sie dies kompromittiren wird.«
»Wer weiß ihn?«
»Zwei zuverlässige Freunde bis jetzt, - aber außerdem Major Rivers.«
»Der Mensch ist gefährlich und seine Bosheit fürchtet nur das Ansehn des Baronets. Lassen Sie hören - war die Rede von unsrer Verwandtschaft?«
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»Nein - er weiß blos, daß ich Ionier und von der englischen Regierung geächtet war.«
»Sehen Sie dort jenen Burschen, Lady Inglis, wie er die Kugeln in die Luft wirbelt - vraiment! wunderbar! er balancirt dabei das Bajonnet der Muskete auf der Stirn - diese Leute machen merkwürdige Dinge. - Beruhigen Sie sich, dann kann er uns nicht schaden. Der Baronet ist ganz in meiner Gewalt. Die Griechen der Inseln sind verwandt mit vielen Familien Italiens, Ihr Name besonders. Ich werde sagen, daß Sie ihn auf meinen eigenen Wunsch geändert.«
»Sie sind unterrichtet, Mylady - das genügt!«
»Heben Sie mein Tuch auf, das ich fallen lasse. Es ist ein Papier darin für Sie, die Abschrift des geheimen Traktats mit dem Premier von Nepal, und Notizen über den Bestand der Bank von Kalkutta und die Stärke der neuen Garnison. Geben Sie sie an Ihre Freunde und lassen Sie mich morgen vor unserer Abreise Ihren Bericht über die Fortschritte der Empörung empfangen. Ich habe Gelegenheit nach Pondichery.«
»Ich fürchte, das Gerücht wird unseren Nachrichten zuvoreilen. Delhi und Mirut sind in vollem Aufstand!«
»Mein Gott! und das lassen Sie mich so spät erst hören? Dann kann der Baronet unmöglich seine Reise nach dem Norden fortsetzen. Am Ende droht uns hier schon Gefahr!«
»Waffnen Sie sich mit all Ihrem Muth, Mylady; ich fürchte, Sie werden seiner bedürfen.«
»Sie erschrecken mich - man wird mit dem Ausbruch der Emeute doch warten, bis wir in Sicherheit sind? Sie sind verantwortlich für mein Leben und Sir Lytton ist uns zu wichtig, als daß er gefährdet werden dürfte.«
»Ich werde Sie schützen, aber die entfesselte Leidenschaft dieser Männer wird Nichts schonen. Sie spielen ein gefährliches Spiel, Madame, - der Brand, den unsre Hand leider schüren half, kann uns Alle vernichten!«
»Wie - bedauern Sie die Dienste, die Sie der Sache Frankreichs geleistet?«
»Ich fürchte, ich habe unrecht gehandelt, indem ich meine Hand bot, das Feuer zu entzünden. Ich bin ein Soldat und
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werde mit Denen fechten und fallen, die gegen die Unterdrücker meines eigenen Vaterlandes kämpfen. Aber das Spiel der Intrigue selbst wird mir mit jedem Tage verhaßter und ich werft die Kette von mir, die ich nicht länger tragen will.«
»Unsinniger! Sie sind verliebt in die schöne Amazone! Meinetwegen, erringen Sie sich ein Fürstenthum, aber seien Sie nicht undankbar gegen die Absichten Dessen, in dessen Auftrag wir nach Indien gekommen. Hüten Sie sich, noch einmal meine Pläne zu durchkreuzen, wie damals in Madras. Wenn ich meinen Schutz Ihnen entziehe, sind Sie bei der Eifersucht dieser Briten gegen alle Fremden verloren.«
»Ihr scharfer Blick, Madame, hat Sie dennoch getäuscht. Ich werde meine Pflicht erfüllen gegen den Kaiser, aber auch gegen die Fürstin, in deren Dienst ich getreten bin. Die Schrecken ehrlichen Kampfes sind an sich schon groß genug, nicht daß es noch der Gräuel einer sicilianischen Vesper bedarf, und - ich traue dem lauernden Auge des Tigers nicht, der noch schlimmere Rache als wir zu üben hat. Sein Sie auf Alles gefaßt, Madame - der Nena sinnt auf Furchtbares!«
Brigadier Inglis trat herbei und beendete das Gespräch durch ein anderes über die Ausbildung der Truppen der Rani, die der Grieche leitete. -
Der Maharadschah selbst, der Wirth des Hauses, hatte auf die Botschaft, die ihm der Diener zugeflüstert, den Saal verlassen, und indem er mit derselben unterwürfigen Artigkeit, die er fortwährend gegen seine europäischen Gäste fast geflissentlich an den Tag legte, sich durch die Menge gewunden, gelangte er an den Eingang des abgesperrten Gartens zum Bungalow.
Der Blick, den er von hier aus sich umwendend nach seinem eignen Palast zurückschauderte, war furchtbar, grauenerregend. Das ganze Aeußere des Nena schien sich mit dem Schritt, den er aus der Gesellschaft that, wie mit einem Zauberschlage verändert zu haben! Die schmeichelnde gefällige Haltung verwandelte sich in eine drohende, die Gestalt selbst schien zu wachsen, und auf seiner breiten Stirn lag ein unsäglicher Schmerz gepaart mit einem unbeugsamen Willen, während aus seinen Augen die Mordlust des Tigers funkelte.
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In der That - nicht mit Unrecht hatte er damals in der Arena von San Francisco die Worte gesagt: »ich liebe die Tiger!«
So trat er zu dem Khan, der ungeduldig seiner am Rande des Bassins harrte. »Du hast mich sprechen wollen, ehe das Große geschieht, Fattih-Murad-Khan,« sagte der Maharadschah. »Eile Dich, denn der Augenblick naht, in welchem Schiwa jenes Gezücht von Faringi vernichten und der Feuerstrom, der mein Inneres durchtobt, in ihrem Blute gekühlt werden soll. Hast Du Dich bedacht und wirst Du Theil, nehmen an dem den Göttern wohlgefälligen Werk, oder verharrst Du noch in dem trägen Schmerz, der die Manneskraft schwächt?«
»Srinath Bahadur,« entgegnete der junge Mann mit entschlossenem Ton, - »ehe ich Dir Antwort gebe auf Deine Frage - noch ein Mal, steh' Du selbst mir Rede! wo ist Mahana, die Prinzessin von Lahore, die ich dem Schutze Deines Daches anvertraute?«
»Thörichte Frage - Du weißt so gut wie ich, daß sie verschwunden ist, am Tage der Abreise ihrer Mutter, und daß wir erst glaubten, sie habe diese begleitet. Auch der Franke, mein Diener, war mit ihr fort und alle Nachforschungen vergeblich - wir können nicht anders glauben, als daß Beide todt oder daß Verrath im Spiel und das Mädchen von den falschen Faringi geraubt worden ist und wie ihr Bruder in Gefangenschaft gehalten wird!«
»Verräther Du selbst, Du und diese Mähe Tschund, die mein Geschlecht stets betrogen!« rief der junge Sikh. »Du hast sie an Akhbar Jehan, den Prinzen von Delhi verkauft als Preis für seinen Beistand zu Deinen Zwecken!«
»Wahnsinniger Knabe! So wahr Du auf diesem Boden stehst - ich habe die Gewißheit, daß der Leib Deiner Geliebten todt und ihre Seele auf den neun Wanderungen begriffen ist!«
Der Khan schauderte unwillkürlich - gleich als empfinde unbewußt seine eigne Seele die sympathetische Ahnung, daß er mit seinem Fuß in diesem Augenblick selbst auf dem Grab der so heiß Geliebten stand; und mit der gleich unbewußten Antipathie des Hasses gegen ihren Mörder entgegnete er: »Und wenn es
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wäre, so trägst Du die Schuld allein; denn Deine Pflicht war es, für ihre Sicherheit zu sorgen, indeß ich fern von hier war. Aber Du lügst, falscher Hindu - warum sonst verschwiegst Du mir, daß Delhi die Standarte des Moslem-Propheten gegen die Faringi schon erhoben hat und den Kampf begann!«
»Wie - Du weißt bereits, was ich Dir eben mittheilen wollte?«
»Willst Du mir in den Bart lachen, Srinath Bahadur? Besudele Deinen Mund nicht mit falschen Worten! Seit gestern weißt Du, was in Mirut und Delhi geschehen und daß Akhbar Khan - verflucht sei sein Name - den Aufstand begonnen und die Faringi aus Delhi vertrieben hat. Längst besprochen und eingeleitet war das Geschehene, und für die gefahrlose That hast Du dem bartlosen Knaben der Moslems Mahana, die Rose von Lahore, gegeben, die ein heiliges Versprechen mir verlobt hat!«
»Du redest irre, Khan - Mahana ist todt, ich schwöre es Dir bei den heiligen Broten! Daß in Mirut und Delhi der erste Schlag geschehen, war ein Zufall. Du weißt, daß heute das große Werk hier begonnen werden sollte. Streite nicht mit Deinen Freunden gegen das Kismet, das sich nicht ändern läßt.«
Der Sikhhäuptling wandte sich verächtlich von ihm. »Der Hindu bleibt ein Lügner gegen den Krieger des Pendschab, wenn er den Mund öffnet! Ich war ein Thor, daß ich glatten Worten glaubte, während meine jungen Augen gesehen, wie die verrätherischen Sepoys bei Ferodschah das Blut ihrer Sikhbrüder für die Faringi vergossen! Aber höre, Maharadschah, was Dir Fattih-Murad-Khan, der Sohn Gholab-Singh's, zu sagen hat. Ein Mal hast Du den geheiligten Brauch der Gastfreundschaft verletzt und das Mädchen, das Dir anvertraut war, schutzlos den Händen der Räuber oder Mörder Preis gegeben! Nicht zum zweiten Mal sollst Du das heilige Recht des Gastes auf den Schutz seines Wirthes mit Füßen treten - ich will, daß Du jene Faringi-Männer und Frauen, die Du geladen unter Dein Dach, ungekränkt nach Cawnpur zurückkehren läßt. Dann laß uns morgen offen die Fahne des Kampfes erheben und ich und die Krieger der Sikh's werden an Deiner Seite stehen!«
»Thörichter Knabe - ich sollte das Werk lange gepflegter
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Rache selbst aufgeben, die Ferse, die über der Schlange schwebt, ihr den Kopf zu zertreten, wie ein Feigling zurückziehen?«
»Ich warne Dich, Srinath Bahadur!«
»Nimmermehr! Bei den Unterirdischen und allen Dämonen der Hölle! Wer sollte mich daran hindern?«
»Ich!«
Der Maharadschah zuckte verächtlich die Achseln. Dann, nach dem Palast zurückdeutend, fragte er mit drohend zusammengezogener Stirn:
»Weißt Du, Knabe, daß in jenem Hause dort der Tod weilt?«
»Ich weiß es!«
»Und Du wagst es, mir vorzuschlagen, meiner Rache zu entsagen?«
»Deine Rache sei die Befreiung Indiens, der Tod der Schuldigen - nicht der Mord des geheiligten Gastes!«
»Thor! Wer erlaubt der Schlange, die uns gebissen, sich zurückzuziehen, wenn sie in unserer Gewalt ist! - Geh' - ich werde mein Werk auch ohne Dich und Deine falschen Sikh's vollbringen. Du und der kaltherzige Franke, auf den die Rani vertraut, seid nicht die Männer, eine große That zu vollbringen. Srinath Bahadur bedarf Eurer Hilfe nicht!«
»So werde ich Dich hindern daran, zur Ehre Deines Namens!« sagte entschlossen der ritterliche Sikh.
Der Hindufürst wandte sich zu ihm, sein Auge sprühte Flammen, seine Hand fuhr unwillkürlich an den juwelenbesäten Griff seines Handjars. Aber dem kühnen furchtlosen Blick des jungen Kriegers begegnend und von dem Gedanken an das Leid, das er ihm zugefügt, erfaßt - änderte er im Augenblick seinen Entschluß.
Seine Antwort war: »Versuche es!« Dann wandte er ihm den Rücken und schritt zurück nach dem Schauplatz seines Festes. -
Im Garten des Palastes kam ihm Lieutenant Sanders entgegen, ihn und die Rani von Jhansi zu der Conferenz zu bescheiden, welche der Rath und die Generäle begonnen.
Wenige Augenblicke darauf schien der Maharadschah, wieder
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ganz in der höflichen, die Oberherrlichkeit der weißen Gebieter knechtisch verehrenden Maske des Hinduwirthes mit der Rani in dem Saal, während der junge Offizier vor dem Eingang Platz nahm, um den Eintritt Unberechtigter zu verhindern.
Nachdem der Maharadschah und die Rani Platz genommen, eröffnete der Rath sogleich die Verhandlungen.
»Da ich morgen bereits weiter nach Agra reisen muß, habe ich geglaubt, daß wir eben so gut hier die Angelegenheiten besprechen können, wegen deren ich zum Theil hierhergekommen. Damit keinerlei Mißverstehen und Mißdeutung stattfinde, wünschte ich, daß die Verhandlung vor beiderseitigen Zeugen geschehe, und die anwesenden, mit den Verhältnissen bekannten Personen werden genügen.«
Diese verneigten sich sämmtlich zum Zeichen der Zustimmung.
»Zunächst,« fuhr der Rath zur Königin von Audh fort, »wende ich mich an Ihre Hoheit. Durch die Proclamation vom 7. Februar vorigen Jahres hat die Compagnie, unter Bewilligung einer Pension von 150,000 Pfund Sterling, die Regierung von Audh an sich genommen. Wir wollen über die Ursachen nicht einen längst beendeten Streit wiederholen, genug, die Einverleibung ist Thatsache und muß demgemäß betrachtet werden. Zu ihrem Bedauern müssen die Compagnie und der General-Gouverneur dagegen erfahren, daß Ihre Hoheit, der man bewilligt hat, im Palast zu Audh zu bleiben, statt Ihren Gemahl nach Kalkutta zu begleiten, fortwährend neue Intriguen und Proteste gegen die Regierung der Compagnie anspinnen.«
»Sage mir, was ich gethan, Sahib, und ich werde Dir antworten,« entgegnete die Königin. »Es gehen viele Lügen aus dem Munde meiner Feinde und der Wind hat sie zu Deinem Ohr getragen.«
»Zunächst ist hinter dem Rücken der Compagnie die Mutter Ihres Gemahls nach England gereist in Begleitung Ihres Sohnes, um bei dem Parlament und der Königin Beschwerde über die Annexation zu führen, der der König selbst sich doch unterworfen hat.«
»Das ist falsch - Du sprichst Wind, Sahib. Der König, mein Gemahl, ist der Gewalt gewichen, aber er hat seinen
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Turban in die Hand des Sahib Outram gelegt und keinen Vertrag unterschrieben. Soll der Beraubte nicht das Recht haben, sich zu beklagen gegen seine Unterdrücker?«
»Die hohe Compagnie,« sagte der Rath ruhig, »unterdrückt Niemand. Aber der zuchtlosen Wirthschaft in Audh, bei der das Volk zu Grunde ging, mußte ein Ende gemacht werden. Es ist der Regierung sehr wohl bekannt, woher der Widerstand des Königs kommt, der ein schwacher, nur von Weibern und Eunuchen beherrschter Fürst ist. Du selbst, Hoheit, bist die Ursache, Deine fortwährenden Aufreizungen und Grmahnungen stacheln ihn zum Eigensinn, ja zu Umtrieben und Verschwörungen gegen die Regierung, die ihn das Leben kosten können!«
»Die Compagnie möge beweisen, was sie durch Deinen Mund sagt!«
Der Rath öffnete ein Portefeuille und nahm zwei Briefe heraus, die er ihr vor die Augen hielt.
»Kennst Du diese Schreiben?«
Einen Augenblick entfärbte sich die entthronte Fürstin, dann - einen raschen Blick auf den Maharadschah werfend, wie um sich Beistand zu sichern - entgegnete sie mit Hohn: »Ich wußte nicht, daß die Faringi-Regierung Briefe stiehlt!«
Der Rath erröthete bis über die Stirn und sah die kecke Frau drohend an: »Wenn es die Interessen des Staates gilt,« sagte er ziemlich heftig, »hat die Regierung das Recht, die Correspondenz verdächtiger Personen zu überwachen. Ja, es ist ihr sogar die Anzeige zugekommen, daß Ihre Hoheit dem Mißvergnügen, das sich bei einigen Sepoy-Regimentern gezeigt, nicht fremd sein sollen. Ich bin hier, um Sie zum letzten Mal zu warnen, und Sie aufzufordern, diese Entsagungsakte auf den Thron von Audh für sich und Ihre Familie zu unterzeichnen.«
»Und wo ist die Unterschrift des Königs, meines Gemahls?«
»Der König wird sich nicht weigern, zu unterzeichnen, wenn Ihre Hoheit ihm mit Ihrem Beispiel voran gegangen. Die Compagnie verpflichtet sich, Ihnen, außer der Pension Ihres Gemahls, 60,000 Rupien jährlich auszusetzen.«
»Aber wenn ich mich weigere?«
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Die Stirn des Rathes furchte sich. »So wird man die Mittel finden, Ihre Hoheit zu zwingen.«
»Welche, Sahib Rath?«
»Man wird die Pension des Königs einziehen und ihm und Ihnen den Prozeß wegen Hochverraths machen. Hier ist das Dokument, Hoheit, vollständig ausgefertigt, und hier die Urkunde der Pension; ich bitte, unterzeichnen Sie.«
»Möge die Hand verdorren, - die es thut,« rief kräftig die Begum. »Glauben die Faringi, daß eine Hindumutter das Erbe ihrer Kinder verkauft?«
»Ich sagte es Ihnen im Voraus, Sir,« bemerkte General Wheeler, der genug Indisch verstand, um den energischen Protest der Begum zu begreifen. »Das Weib ist störrisch wie ein wildes Pferd und die Nachsicht Seiner Herrlichkeit des General-Gouverneurs mit ihrem Treiben hat sie vollends verdorben.«
»Urtheilen Sie nicht so streng, Excellenz,« fiel begütigend der Dechant in französischer Sprache ein. »So nothwendig die Annexation dieses Landes gewesen sein mag, so hart muß sie den Betroffenen erscheinen, und Sie wissen, man urtheilt in Europa selbst sehr verschieden darüber.«
»Was weiß man in Europa von unseren Verhältnissen,« erwiederte der Rath barsch. »Wir haben unsere Privilegien und man wird sich hüten, dieselben noch weiter zu verletzen.«
»Aber das Privilegium der Compagnie läuft mit dem Jahr Achtundfünfzig ab.«
»Genug, ehrwürdiger Herr! bis dahin wenigstens - und ich hoffe zur Ehre der Gerechtigkeit der englischen Nation auch noch länger - sind wir die Herren dieses Landes, und gerade nur diese falsche Humanität wäre das Mittel, es zu verlieren. - Sie haben bis morgen Mittag Zeit, Hoheit, sich zu bedenken,« wandte er sich an die Königin. »Ich breche nach der Siesta auf und werde bis dahin Ihre Unterschrift erwarten. Weigern Sie dieselbe, so zahlt die Compagnie die Pension nicht weiter und General Lawrence hat die nöthigen Instruktionen in Betreff der Ueberwachung Ihrer Person. Diesem Spiel orientalischer Intrigue muß ein Ende gemacht werden.«
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Die Begum sah ihn mit einem höhnischen Blick an, bewahrte aber ein stolzes Schweigen.
»Es thut mir leid, Hoheit,« fuhr der Rath fort, zu dem Maharadschah gewandt, »daß ich in Ihr schönes Fest politische Verhandlungen und die Strenge der Regierung gegen eine Dame mischen muß, die wir gern schonen möchten. Ich bin überzeugt, daß unsere eigenen Angelegenheiten bei Ihrer Anhänglichkeit für die Sache der britischen Herrschaft sich leichter ordnen lassen werden.«
Der Maharadschah legte die Hand auf das Herz und verneigte sich mit falschem Lächeln. »Möge die glorreiche Compagnie noch tausend Jahre leben und die armen Hindu's gebildet und glücklich machen! Die Faringi werden keinen treuern Freund in diesem Lande haben, als Srinath Bahadur, den Sohn Bazie-Rû's,« betheuerte er, sich der englischen Sprache in der ihn betreffenden Unterredung bedienend. »Ich verlange Nichts als Gerechtigkeit.«
»So sagen sie Alle,« meinte der Rath, »ohne zu bedenken, daß den Interessen des Staates oft die persönlichen Ansprüche nachstehen müssen. Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, Hoheit, daß Sie Feinde zu haben scheinen, die gegen Ihre Wünsche auftreten und selbst Ihre Treue zu verdächtigen bemüht sind. Doch - beruhigen Sie sich - General Wheeler hat Ihnen das beste Zeugniß ausgestellt und sich dafür verbürgt.«
»Mein Leben gehört der Sache der Faringi,« fuhr der Nena in seiner Betheuerung fort. »Was wären wir ohne sie? Bosch - Nichts! ich liebe die weißen Männer, ihre Sprache und ihre Sitten! Der Sahib Resident ist mein bester Freund und wird mir helfen, Euer Excellenz von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnung zu überzeugen.«
Der Rath lächelte kaum merklich bei dieser absichtlichen Berufung und Major Rivers zeigte eine leichte Verlegenheit, die er jedoch mit seiner gewohnten Frechheit bald überwand, »Ich muß bestätigen,« sagte er, »der Maharadschah zeigt große Sympathie für unsere abendländischen Sitten und ich habe mich über seine Ergebenheit nicht zu beklagen. Ich möchte wünschen, daß seine Ansprüche geneigtes Gehör fanden.«
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»Diese Ansprüche sind es, auf die ich zu sprechen kommen will,« sprach der Rath. »Sie haben wiederholt auf Verleihung des Peischwa-Titels und der Pension augetragen, die der verstorbene Peischwa von Bithoor bezogen.«
»Ich verlange Nichts als Gerechtigkeit, Sahib Rath. Ich bin der Sohn Bazie-Rû's.«
»Aber nur sein Adoptiv-Sohn, Sir.«
»Die Rechte der adoptirten Kinder sind geheiligt durch tausendjährige Sitte. Kein Indier wagt sie zu bezweifeln!«
»Aber nicht nach unseren Anschauungen und Sitten. Die Compagnie hat bei der Abtretung der Herrschaft des Landes dem verstorbenen Peischwa den Titel und die Pension gesichert, aber nicht das Recht, sie auf jeden Fremden zu übertragen. Bedenken Sie selbst, welche Lasten für alle Zukunft sich die Compagnie durch solche Consequenz auflegen würde.«
»Sahib Rath - ich war der Sohn Bazie-Rû's noch ehe jener Vertrag geschlossen ward - der Fall steht demnach anders, als Euer Excellenz folgern.«
»Die Sache wird sich vielleicht ausgleichen lassen, wenn wir über die zweite Angelegenheit uns verständigen. Sie haben eine Klage bei dem obersten Gerichtshof der Compagnie eingeleitet auf Herausgabe des Erbes eines Verwandten des Peischwa, also angeblich auch Ihrer selbst, des verstorbenen Dyce Sombre, des Enkels der Begum von Somroo.«
»Ich will nur Gerechtigkeit, Sahib Rath.«
»Gerechtigkeit und immer wieder Gerechtigkeit! Ich versichere Sie, es ist der Wille der Regierung, daß dem geringsten Mann in diesem Lande Gerechtigkeit zu Theil werde!«
»Ich werde Euer Excellenz an diesen Ausspruch erinnern.«
»Verstehen wir uns recht - ich halte Ihre Ansprüche in dieser Sache für keineswegs rechtlich begründet. Zunächst wiederhole ich Ihnen, daß Ihre Verwandtschaft mit dem Verstorbenen nur auf den indischen Sitten beruht, aber von keinem englischen Gerichtshof anerkannt werden würde.«
»Der Theil des Erbes, den ich hauptsächlich beanspruche, liegt in Indien, nicht in England.«
»Aber es ist Ihnen bekannt, daß Sir Dyce Sombre zur
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Zeit der Testamentsaufnahme gar nicht testirungsfähig war, daß man ihm wegen Geistesstörung die Disposition über sein Vermögen genommen hatte.«
»So behauptet die dabei interessirte Verwandtschaft seiner Gattin, obschon selbst in England namhafte Aerzte das als ein schändliches Unrecht erklärten. Auch ist das Testament nicht in England aufgenommen, sondern in Paris, und wissenschaftliche und amtliche Autoritäten haben die volle Dispositionsfähigkeit meines unglücklichen Verwandten bestätigt.«
»Das Testament ist auf eine so seltsame Weise jetzt zum Vorschein gekommen, nachdem es den amtlichen Feststellungen nach in London unter geheimnißvollen Umständen plötzlich verschwunden, daß die Regierung Aufklärung darüber verlangen muß, auf welche Weise Sie in dessen Besitz gekommen sind.«
»Der indische Diener meines Vetters, Tukallah, überbrachte es mir nebst allen dazu gehörigen Dokumenten.«
»Wo ist der Mann? können Sie ihn als Zeugen stellen?«
»Euer Excellenz wissen, daß das Zeugniß eines Indiers wenig gelten würde vor einem britischen Gerichtshof. Ist Ihnen der Namen Tantiah Topi bekannt?«
»Ein Mahrattenhäuptling, wenn ich mich recht erinnere, nicht vom besten Ruf und stets mit den Feinden der Compagnie unter einer Decke!«
»Er ist, nebst dem ältesten Sohne Gholab Singh's, dem Murad Khan, ein Vertrauter der flüchtigen Rani von Lahore,« fügte der Resident bei, »und man hat genügenden Grund, ihm die Entführung Dhulip Singh's und noch manche andere Verbrechen Schuld zu geben.«
»Tukallah,« sagte der Fürst ruhig, »und Tantiah Topi sind ein und dieselbe Person.«
»Dann, Hoheit, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß der Name wenig zu Gunsten Ihrer Sache spricht.«
»Ich verlange einfach mein Recht, Sahib Rath.«
Der Baronet wühlte einige Augenblicke in seinen Papieren, dann, ohne auf den Einwurf des Hindu zu antworten, sagte er: »Sie fordern die großen Besitzungen der alten Begum in Indien, über die, wie Sie wissen, die Compagnie längst verfügt
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hat, und außerdem einen bedeutenden Antheil der Erbschaft in England, zu der dort drei rechtmäßige Erben vorhanden sind.«
»Ein Erbe, Sir. Der Gattin des Verstorbenen steht nur die ihr bei der Verheirathung ausgesetzte Summe zu, und die eingereichten Dokumente beweisen, daß die eine Schwester nicht die rechtmäßige Enkelin der Begum und von dieser enterbt war.«
»Ich muß Ihnen bemerken, Hoheit,« sagte der Rath so mild als ihm möglich war, »daß Ihren Ansprüchen die Interessen angesehener und einflußreicher Familien entgegenstehen und daß im besten Fall Ihre Klage zur Entscheidung der Chancery8 kommen müßte.«
»Der rasche und unbestechliche Gang der englischen Gerechtigkeitspflege, wo es die Rechte der Erben zu vertreten gilt, ist bekannt,« erwiederte der Maharadschah mit Hohn. »Lassen uns Euer Excellenz auf meine Ansprüche an die indischen Güter zurückkommen. Nicht mein angeblich wahnsinniger Vetter, sondern schon seine Großmutter, die Begum von Somroo, bestimmte darüber.«
»Aber die Bestimmung war thöricht. Der Erbe der Güter soll davon eine Universität in Bengalen gründen und unterhalten. Gesetzt auch, Ihre Rechte auf dieses Erbe wären zu beweisen, so kann die Compagnie niemals gestatten, daß ein so wichtiges Institut von dem Willen und dem Einfluß eines eingebornen Privatmanns abhängt. Ueberdies ist eine Universität in Audh bei dem gegenwärtigen Culturzustand der Bevölkerung ein Unding, ja geradezu gefährlich. Es ist schon traurig genug, daß die Frechheiten der Presse geduldet werden. Es wäre weggeworfenes Geld. Die Regierung hat in sämmtlichen Präsidentschaften Schulen errichtet und kaum der fünfte Theil der Kinder benutzt sie. Die Regierung hat über die Besitzungen seit länger als zehn Jahren verfügt und aus einer neuen Aufnahme der abgethanen Sache kann nur Nachtheil entstehen. Sie müssen Ihre Klage zurücknehmen, Hoheit.«
»Wenn es die Compagnie befiehlt - ich bin ihr Knecht.«
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»Die Regierung wünscht es, Sie ist bereit, dafür bei dem Direktorium Ihre Ansprüche auf den Peischwa-Titel nochmals zu befürworten.«
»Und mein Recht auf die Pension?«
»Im Augenblick erfordern die Finanzen der Compagnie die möglichste Sparsamkeit. Die Anforderungen, die man von England aus an uns macht, steigern sich mit jedem Tage. Wir werden später die Sache in Berücksichtigung ziehen. Kann die Regierung in irgend einer Weise Ihnen soust gefällig sein, so äußern Sie Ihre Wünsche. Wir haben mit Bedauern das Unglück gehört, das Sie in - einer Freundin betroffen.«
»In meiner Gemahlin, Sahib Rath,« unterbrach ihn der Maharadschah.
»In Ihrer Gemahlin denn, Fürst. Ich hoffe, daß die Herstellung der Dame bald so weit erfolgt sein wird, daß ihre Aussagen auf nähere Spuren des Verbrechens leiten können. Ich verspreche Ihnen die strengste Gerechtigkeit und energische Verfolgung der Bösewichter.«
Der Maharadschah erhob sich. »Ich nehme Euer Excellenz Versprechen an und werde Sie daran erinnern! - Darf ich unsere Gäste einladen, einzutreten und das Schauspiel anzusehen, das ich mit meinen geringen Künstlern der hohen Gesellschaft zu bereiten bemüht war?«
»Einen Augenblick noch, Hoheit, ich habe noch einige Worte dieser Dame zu sagen.« Er nahm ein neues Papier aus seinem Portefeuille und wandte sich zu der Rani von Jhansi.
»Ihre Hoheit zeigen sich unzufrieden mit den Anordnungen der Regierung. Sie protestiren in dieser Schrift gegen die Handlungen unsers bestellten, hier gegenwärtigen, Residenten und beschuldigen ihn einer unberechtigten Einmischung in Ihre Angelegenheiten!«
Rivers warf einen überraschten und gehässigen Blick auf die Rani, den diese mit einem stolz herausfordernden begegnete.
»Was geschrieben ist, ist geschrieben,« sagte sie mit erhobener Stimme. »Ich verlange Gerechtigkeit von der Compagnie für die freien Fürsten Indiens statt Tyrannei und Unterdrückung!«
»Du sprichst kühn, Dame,« warnte finster der Resident.
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[»]Die Regierung ist zwar gewillt, alle mögliche Nachsicht gegen Dich zu üben, aber sie verlangt Unterwerfung und Dankbarkeit, nicht Trotz und Uebermuth!«
»Unterwerfung?« fragte die Fürstin stolz. »Schanda, die Rani von Jhansi, ist eine freigeborne Fürstin, nicht die Sclavin habsüchtiger Faringi! Sie ist Niemand Rechenschaft schuldig von ihrem Thun, als dem Scindia, ihrem Lehnsherrn und ihrem Gewissen. Dank - wofür? Daß man einen Spion in mein freies Land geschickt und jede meiner Handlungen von angestellten Spähern beschränken läßt?«
Die Generale hatten sich, gleich dem Baronet, unwillkürlich erhoben bei dieser kühnen Sprache der Rani. Das bleiche Gesicht des Rathes - dieses strenge marmorkalte Gesicht, das nie das Lächeln gekannt, und selbst jeden Schein des Empfindens verlernt zu haben schien seit jener furchtbaren Nacht, die ihm den Glauben an Weib und Kind und diese selbst raubte, - es röthete sich von dunklem Zorn und die Adern seiner Stirn schwollen bläulich auf wie züngelnde Schlangen.
»Verwegene! ist das die Sprache gegen Deine Herren, deren Mitleid allein Dich auf Deinem Scheinthron duldet? Die Natter des Aufruhrs und des Verraths zischt aus Dir, und beim Kreuz von Sanct Andreas - sie soll zertreten werden! Das ist der Dank für die Wohlthaten, die England diesem Volke erwiesen!«
»Wenn die Weiber bereits solcher Sprache sich erdreisten,« stimmte der Gouverneur von Cawnpur bei, »was haben wir von den Männern zu erwarten? Das kommt von der Nachsicht, mit der man dieser Närrin das Soldatenspielen erlaubt hat.«
»Es möchte leicht sein, die Quelle zu sagen, aus der so rebellische Gedanken kommen,« sagte der Resident, sein Auge mit Bedeutung auf den Rath heftend. »Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl der Umgebung der Fürstin.«
Die Rani hatte mit festem, flammendem Blick, die gleich Ebenholz vom Bethel schwarzen Zähne auf die purpurrothen Lippen gepreßt, diesen Worten zugehört. Auf ihrer hohen, schmalen Stirn lag der Hohn des Triumphs und der Haß eines Jahrhunderts der Unterdrückung.
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Mit einer wahrhaft majestätischen Geberde streckte sie den mit Ringen bedeckten Arm gegen ihre Gegner aus.
»Meine Herren? Stolze Faringi, die Ihr Euch die Herren und Gebieter in diesem Lande zu sein anmaßt - höret das freie Wort einer Frau, da den Mund der Männer die Furcht und der Verrath geschlossen hält. Frei und mächtig war der Hindu in seinem Lande, ehe der weiße Mann mit der gespaltenen Zunge an seine Küste kam. Der Ruhm Hindostans erklang durch alle Welt, und was Brahma den Menschen an Schätzen und Wissen gegeben, war in diesem Lande. Da kamen die Europäer und baten um Duldung an unseren Küsten - zuerst die Portugiesen, die Holländer und die Franken, zuletzt die verachteten Juden unter den Völkern, die Faringi! Voll Gastfreundschaft nahmen die Hindostani sie auf, aber aus den Gästen sind die Herren, aus den Sclaven die Gebieter geworden. Die Krämer, die Handel treiben, sind die Tyrannen! sie, die feilschten um die Annah's, sie haben den Fuß verrätherisch auf den Nacken freier Völker gesetzt. Mit Betrug und List habt Ihr die Macht gewonnen, und mit dem Fluch von Millionen erhaltet Ihr sie. Betrogen habt Ihr die Fürsten um ihr Eigenthum - unterdrückt die Rechte der Nationen. Nicht der Mann am Kreuz, sondern die Gewalt und das Gold ist Euer Gott - Ihr schändet die Frauen und würget die Kinder als Opfer Eures blutigen Glaubens! Betrug, Habsucht und Verrath sind Eure Waffen - aber reif ist die Ernte und blutig soll die Saat aufgehen, die Ihr gefäet! Ich, ein Weib, deren Rechte Ihr unterdrücken gewollt, künde Euch offen und frei den Krieg! Ich trotze Eurer Herrschaft und will Die schützen, die zu furchtsam sind, ihre eigenen Rechte zu wahren!« Ihre Hand erfaßte die Entsagungsakte der Begum, und in zwanzig Stücke zerrissen schleuderte sie das Papier vor die Füße der Erstaunten. »Wie ich den Zeugen der Willkür vernichte, möge Eure Herrschaft in diesem Lande in Stücke gehen! ich - Schanda, die Rani von Jhansi - biete Trotz der Macht der Faringi und will meine Freiheit mit der Schneide meines Schwertes vertheidigen gegen den Frechen, der es wagte, die Hand einer freien Fürstin zu verlangen, wie gegen alle Tyrannen meines Volkes!«
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»Wahnsinnige! - Nur als Gefangene sollst Du die Schwelle dieses Palastes verlassen!«
»Wage es, stolzer Faringi, mich anzutasten! Wahre Dein eigenes Leben, denn Du athmest in der Höhle des Tigers, der kein Erbarmen kennt!«
»Wache herbei! - Rufen Sie Ihre Offiziere, Excellenz! so unerhörter Trotz darf nicht ungestraft bleiben!«
General Wheeler eilte nach dem Eingang des Saales, während der Gouverneur von Audh, ein milder und nachsichtiger Charakter, den Zorn des Mitglieds des großen Rathes von Indien zu beschwichtigen suchte und das Benehmen der Fürstin von Jhansi als das einer fanatischen und durch irgend einen Umstand zum Ausbruch der Leidenschaft gereizten Frau darstellte.
In diesem Augenblick - noch ehe General Wheeler einen Befehl ertheilen konnte, flogen die Portièren der breiten Bogenthüren zur Seite, und auf den Arm ihres Wirthes gestützt, der bei dem Ausbruch des gefährlichen Streites sich rasch entfernt und das geeignetste Mittel, ihn zu enden, ergriffen hatte, trat Lady Mallingham ein, gefolgt von der ganzen Gesellschaft, die im Augenblick den Saal einnahm und für das angekündigte Schauspiel sich placirte. Diener trugen Sessel herbei für die Damen, der Strom der Conversation überwältigte jede Einsprache, und der Rath und die Generale sahen ein, daß dies nicht der Augenblick sei, um den Streit weiter zu führen und verschoben die Ergreifung strenger Maßregeln, gewiß, daß die Trotzige ihrer Straft nicht entgehen könne.
Unbekannt mit dem, was vorgegangen, lud ein Wink der Lady die beiden indischen Fürstinnen ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen, während die Damen sich im Halbkreis gruppirten. Der Rath, die beiden Generale und der Dechant hatten gleichfalls im Kreise Platz genommen, und hinter den Sesseln sammelte sich die Menge der Offiziere und der vornehmen Eingebornen, die der Sahib zu dem Feste geladen.
Bei der steten Absonderung, die zwischen den englischen und den eingebornen Offizieren selbst in einem und demselben Regiment herrscht, indem die Briten die Hindu's von ihrem Umgang
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systematisch ausschließen, konnte es selbst einem weniger unbefangenen Auge, als der größte Theil der Gesellschaft dem Umstände gönnte, nicht ausfallen, daß die Sepoy-Offiziere sich im Hintergrund zusammendrängten, gleichsam die Ausgänge besetzt hielten, und bedeutsame Blicke und heimliche Reden mit einander wechselten.
»Nun, Hoheit,« sagte die Lady Baroneß zu dem Maharadschah, »wir sind voll Erwartung des Schauspiels, das Sie uns versprochen. Man hat mich versichert, daß Sie ein großer Verehrer der Dichter Frankreichs und Englands sind. Ich hoffe, Sie werden uns doch nicht eine der langweiligen Tragödien Racine's oder gar ein Drama Shakespeares zum Besten geben, sondern ein indisches Original, etwas Nationelles, Besonderes!«
»Mylady, Sie müssen vorlieb nehmen mit dem, was wir armen ungebildeten Hindu zu geben vermögen. Aber, auf meine Ehre, ich verspreche Ihnen, es ist ein Original.«
»Bitte, geben Sie mir das Programm dazu. Was wird es sein - ein Schauspiel - der Versuch einer indischen Oper, in der chinesische Sanger, unsere Ohren zerreißen? eine indische Göttermythe oder eine malayische Gaukelei?«
»Es ist eine Rhapsodie, Mylady, deren Text ich selbst den Versuch gemacht habe, in englische Verse zu übertragen. Sie ist dem Kadambari9 das Banabhatta nachgebildet und wird nach der Sitte der Franken durch stumme Gruppen dargestellt werden.«
»Also lebende Bilder - und Sie selbst der Dichter, Hoheit? das ist reizend. Ihr Fest, muß ich gestehen, läßt Nichts zu wünschen übrig und war so schön, wie ein orientalisches Ballet in der großen Oper. Ich gebe Ihnen zum Dank dafür die Erlaubniß, meine Hand zu küssen, Prinz, und bedauere nur Eines bei meinem Besuch.«
»Und darf ich fragen, welcher Umstand so unglücklich gewesen ist, Ihrer Herrlichkeit Mißfallen zu erregen?«
»Nicht mein Mißfallen, Hoheit - verändern Sie meine Worte nicht! Ich spreche nur mein Bedauern aus, daß es mir nicht vergönnt war, neben diesen indischen Damen auch die Schönheit unserer Wirthin kennen zu lernen, der es gelungen, die Liebe
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des berühmten Maharadschah von Bithoor so wunderbar zu fesseln.«
Der Hindufürst verneigte sich. »Ich werde die Ehre haben, Mylady, meine Gattin Ihnen vorzustellen, ehe das Fest zu Ende ist.«
»Wie, Hoheit - ich glaubte, Lady Margaretha sei durch Krankheit abgehalten, hier zu erscheinen?« fragte verwundert die Dame.
»Die Fürstin von Bithoor, Mylady, kennt ihre Pflicht zu gut, um nicht in diesen Hallen mit mir ihre Gäste empfangen zu haben.«
Die Antwort des Maharadschah war so laut und fest gesprochen, daß außer der Lady Mallingham verwundert mehrere der Umsitzenden aufhorchten und den Mund zu Fragen öffneten.
In diesem Augenblick rief General Wheeler herüber: »Den Titel Ihres Schauspiels, Freund Bahadur? Sie haben uns noch dessen Namen nicht gesagt.«
Der Nena trat zurück und näherte sich der Bühne. »Es ist ein Gedicht des Subandhu, Sahib Excellenz, und führt den Titel: Die Rache des Liebenden! - Srinath Bahadur hat die Ehre, die hohe Gesellschaft um die Erlaubniß zu bitten, sein Spiel beginnen zu dürfen.«
Und in der tiefen geflissentlichen Demuth, mit der er sich verbeugte, lag ein unverkennbarer Sarkasmus und Hohn, und während er die Hand erhob, das Zeichen zu geben, begann sein dunkles Auge sich zu entschleiern und flog mit dämonischer Freude über den glänzenden Halbkreis, der ihn umgab.
Drei Schläge des Tamtams erschütterten die Nerven der Hörer und dann schmetterte eine rauschende wilde Musik durch den Saal von Cymbeln und Flageolets, Hörnern und der indischen Trommel, vermischt mit dem schrillen Ton der Becken und des Triangels, wie sie der orientalische Geschmack liebt bei seinen Festen und Auszügen.
Und aus dem wirren Getön dieser Musik, verborgen von dem Vorhang der Bühne, erhob es sich in sehnsüchtigen, lockenden Klängen, wie der Gesang der Budurubul, des Vogels der tausend Lieder, ein flötender Klarinetten, herzdurchbebend, träumend in
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süßer Melancholie, als malten die Töne die Erinnerungen einer süßen und unglücklichen Liebe. Hinter dem Vorhang hervor trat eine ernste Greisengestalt, gehüllt in weiße wallende Gewänder, den schmalen Goldreif der indischen Barden um das lang flatternde Haar, den weißen ehrwürdigen Bart bis auf das rothe Brahminenzeichen herabfallend, welches das Gewand auf der linken Brust schmückte. Und während die süßen, schmelzenden Töne der Nachtigallenmelodie wie im fernen Echo verklangen, kauerte der greise Sänger sich zur Seite des Inderfürsten auf der Nampe der Bühne nieder und seine Finger rauschten über die Saiten der Laute, die er im Arm trug.
Dann - in dem einfachen, halb singenden Rythmus des indischen Recitativs entströmte der Wortlaut der Ghaselen in hindostanischer Sprache seinen Lippen.
Alles schwieg, neugierig durch den seltsamen Eingang des versprochenen Schauspiels. Jetzt erhob der Maharadschah die Hand und auch der indische Sänger schwieg. Aus seinem Arm nahm der Nena die Laute, mit kräftigem Accord griffen seine Finger in die Saiten und das Auge zur Decke erhoben, gleich den römischen Improvisatoris, wiederholte seine volle wohllautende Stimme die Ghaselen in freien englischen Versen nach dem Muster seines Lieblingsdichters, des abenteuerlichen Lord, der in Missolunghi sein Grab fand.
»Golden sind Surikha's Locken,
Wie der Sonne lichter Strahl,
Der der Blüthen duft'ge Glocken
Küßt im Himalaya-Thal.
Ihre Augen sind Saphire,
Eine Palme die Gestalt,
Und dem Säuseln der Zephyre
Gleicht des Lächelns Allgewalt.
Weiße Perlen sind die Worte,
Die aus der Rubinen-Pforte
Ihrer Lippen, den Korallen
Ihrer Zähne süß entfallen.
Wie der Antilope Kosen
Tritt ihr Fuß den Rasen nur,
Und ihr Odem gleicht der Rosen
Duft auf Schiraz sonn'ger Flur. -
[71]
In des Indus gelben Wellen,
In dem fernen Lande Sindh,
Unterm Zelt aus Löwenfellen
Lebt der Khan von Samarkind.
Stolz entsprossen aus dem Saamen
Mächt'ger Helden, ist der Namen
Tarapida's hoch bekannt
Durch daß[s] weite Inderland.
Seine Faust erschlägt den Tiger,
Nur in Wohlthun sucht er Lohn,
Und als treubewährter Krieger
Steht er an des Sultans Thron.«
Wieder rauschte die wilde Musik hinter der Gardine in den kriegerischen Klängen der Cymbeln und Becken auf, gleich als wollten sie den Ruhm des jungen Helden verkünden, den das Lied des Inderfürsten besang, der jetzt dem greisen Barden die Laute reichte, fortzufahren in seinem Text.
Und wiederum übersetzte er der Gesellschaft die Verse, den Tonfall mit leichtem Ausdruck wechselnd:
»Und von Kashmirs schönem Kind
Hört der tapfre Held von Sindh.
Der entbrennt in Liebesgluth
Ihm das Herz, wie jäh die Fluth
Von des Monsoons Hauch gefüllt
An Suretta's Küste schwillt.
Und er zieht zum fernen Land
Und er holt mit tapfrer Hand
Von dem Fuß des Dwalagir
Die Rose sich von Kashemir!
Und der Löwe von dem Sindh
Wird zum schuldlos frohen Kind.
Denn des Cama10 Huld verhieß
Ihm der Liebe Paradies.
Von Kammari11 bis Kabul
Singt die süße Burubul
Keinen Glücklichern ihr Lied,
Als Surikh' und Tarapid!«
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Unter den zarten Molltönen der Flageolets rauschte der Vorhang zur Seite, und ein staunendes Ah! der Versammlung begrüßte das reizende Bild, das sich den Blicken zeigte.
An dem breiten Stamm einer Banane auf grünem Rasenteppich ruhte zwischen Rosen und Geranienbüschen ein Liebespaar, der Mann, eine prächtige Kriegergestalt in der malerischen Tracht der ritterlichen Afghanenstämme, Säbel und Schild zur Seite, das Haupt im Schoos eines schönen Mädchens mit köstlich blondem Haar, in die weiche blaue Tunika der Frauen der tübetanischen Hochgebirge gehüllt.
Wer Major Rivers beobachtet hätte, wie er auf das blonde Frauenbild starrte, würde gesehen haben, wie sein Antlitz sich mit fahler Blässe überzog.
Das Antlitz dort oben auf der Bühne unter dem Bananenbaum und dem Goldschleier des Gewebes von Tübet war ein ihm bekanntes - es glich Narika, der Odaliske von Kashemir, die dem Brand der Zenanah entflohen war, wie eine Rose der andern.
»Ma foi! Sehen Sie, meine Liebe, das Gesicht jenes Afghanen-Kriegers - gleicht es nicht zum Erstaunen unserm liebenswürdigen Wirthe selbst?«
»Ich glaube, es ist Baber-Dutt, sein Bruder, der die Rolle übernommen,« erwiederte Miß Wheeler.
»Und das reizende Geschöpf, das die Heldin des Gedichts darstellt, - wahrhaftig, das Bild ist entzückend und könnte in den Salons von White Hall oder der Tuilerien dargestellt werden!«
Zusammen rollte der Vorhang und verhüllte die Gruppe vor den Augen der Zuschauer. Wieder rauschte der Accord der Saiten und die Hindostani-Verse flossen von den Lippen des greisen Barden.
Und der Bahadur übersetzte die Verse, während wie in weiter Ferne die wilde Musik seines Volkes hinter dem Vorhang erklang.
»Die Dämonen sind dem Glücke
Feindlich, das uns Cama giebt,
Und in ihrer Bosheit Tücke
Hassen sie, was treu sich liebt.
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Hin zu seinem Sandelthore12
Ruft der Sultan von Lahore
Seinen Krieger Tarapida.
Und er läßt zurück Surikha,
Auf den Schutz des Bruders bauend,
Und der Treu' des Freundes trauend.
Hassan war wie er ein Krieger,
Und er hat das Zelt und Mahl
Von dem edlen Hindusieger
Schon getheilt wohl hundert Mal.
Doch im stillen neidet er
Seiner Liebe Glück ihm schwer,
Und als Tarapida fern,
Raubt er ihm des Lebens Stern! -
Jene zarte Frau'n-Gestalt
Bricht des Schändlichen Gewalt.
Tückisch stürzt er in's Verderben
Ihren Bruder, denn sein Sterben
Ist die Losung seinen Lüsten,
Und er schwelgt an ihren Brüsten
Und entehrt den zarten Leib
Mit Gewalt des Freundes Weib!«
Wilder und wilder rauschten die Accorde! -
»Nicht die Schande selbst bereuend,
Doch der That Vergeltung scheuend,
Birgt er in dem Schooß der Erde,
Daß sie nimmer kündbar werde,
Jetzt Surikha, bis der Götter Wort den Rächer
und den Retter Ihrem Jammer endlich weckte,
Den des Wahnsinns Nacht bedeckte!«
Und wie ein Beben ging es durch den Saal - kein Laut wagte sich zu rühren - denn selbst auf den stolzen und kalten Männerherzen lag es wie furchtbare Ahnung des Kommenden - die Gewißheit, daß die Verse des Hindufürsten eine entsetzliche Bedeutung hätten!
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Bleiche Frauengesichter sah man im Kreise, und in den Augen Editha's glänzten Thränen des Mitgefühls, während ihre Blicke angsterfüllt in dem Kreise der Männer die Gestalt des Retters suchte, der ihr und den Ihren Schutz gelobt vor der Rache des Nena.
Auch das Antlitz des Residenten war bleich - aber die Lippen zusammengepreßt, die Stirne in dunklen Falten und das Auge mit trotziger Drohung auf seinen Gegner geheftet, stand er auf den Säbel gestützt regungslos in der Mitte der Offiziere.
Ohne dem indischen Barden die Laute zurückzugeben und seinen Gesang abzuwarten, that der Hindufürst einen Schritt auf den Kreis der Gäste zu; aus seinem Angesicht schien das Blut gewichen, in seinen Augen glühte es, als habe ihn selbst der Wahnsinn erpackt, - einen schrillen Akkord riß seine Hand über die Saiten und dumpf und dennoch verständlich, bis in die fernsten Ecken des Saales, grollte seine Stimme, als er in dieser dämonischen, erschütternden Improvisation fortfuhr:
»Wollt Ihr schau'n das Ungeheur,
Wollt Ihr sehn, Ihr zarten Frauen,
Wie das Liebste und das Theure
Untergeht in Leid und Grauen? -
Wagt Ihr, was, noch jetzt zu fragen,
Tarapida's Heiz erfüllt?
Weibern nur gehört das Klagen,
Doch dem Rächer jenes Bild!«
Auseinander fuhr der Vorhang - in dunklem Kerkergewölbe, auf feuchter Binsenmatte kauerte die Jammergestalt der Hindufrau mit dem bleichen Angesicht, den starren Blicken des Wahnsinns, die zerstörten blonden Locken durch die hageren Finger gleiten lassend, und von den weißen Lippen schien Ophelia's Schmerzenslied zu zittern.
Und ihr zur Seite standen zwei Männer, einer in der einfachen Tracht der Ganges-Schiffer, den blanken Stahl drohend geschwungen in der Rechten, die Linke den weiten arabischen Mantel erfassend, der die schon fliehende Gestalt des Zweiten verhüllte.
Ein Schlag des Tamtam durchdröhnte gellend den Saal,
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wie der Ruf des Weltgerichts, der die Gräber spalten und die Verbrecher vor dem Throne Gottes entlarven wird.
Nieder fiel der Mantel des Fliehenden, seine Kleidung, sein Antlitz wurden sichtbar den hundert fragenden Augen - -
»Goddam! - Das ist Rivers, wie er leibt und lebt!«
Der Ruf des Doctor Brice schien wie ein electrischer Schlag die allgemeine Erstarrung zu lösen.
Die Generäle und der Rath erhoben sich; - Unwillen in den rauhen, von Alter und Strapatzen verhärteten Zügen, trat der Gouverneur von Cawnpur auf den Nena zu, dessen Auge mit starrem, furchtbarem Ausdruck auf dem Verfehmten haftete.
»Ich muß gestehen, Hoheit, das ist kein Spiel für ein Fest! Ich habe Ihre Launen und Excentricitäten immer mit Nachsicht behandelt und Sie protegirt, aber diese offenkundige Beleidigung eines britischen Beamten und Offiziers geht zu weit. Ich muß Erklärung fordern - was beabsichtigen Sie mit dem Mummenschanz?«
»Gerechtigkeit!«
Die Stimme des Nena dröhnte durch den Saal, als er das eine Wort sprach.
»Gerechtigkeit? - Seine Excellenz der Herr Rath hat Sie vorhin bereits darauf aufmerksam gemacht, daß das Wort eine vage Bedeutung hat. Für was und gegen wen verlangen Sie Gerechtigkeit?«
»Gegen die Entführer meines Weibes, Mahathma!«13
»Wir beklagen Alle Ihr Unglück, aber Sie selbst wissen, daß die Dacoits, welche das Verbrechen wahrscheinlich begangen, noch nicht zu ermitteln waren.«
»Die Verbrecher sind hier!«
»Hier? - Enden Sie endlich die Räthsel, Hoheit, in denen es Ihnen zu sprechen beliebt. Wo sind die Schuldigen?«
»Dort!«
Seine Hand wies auf den Residenten.
»Also doch - Sie wagen es, die Anklage Ihres Bildes mit Worten zu wiederholen?«
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»Ich wage es! Bei den heiligen Broten - bei dem Gekreuzigten der Christen - dieser Faringi ist der Räuber und Mörder meines Weibes!«
»Der Mörder?«
»Ja, Sahib General! Meinst Du, Srinath Bahadur werde das Lager seines Weibes verlassen, um den Fremdlingen seine goldenen Säle zu öffnen, wenn ein Hauch des Lebens noch auf den Lippen der Geliebten war? Schaut hin und seht das Opfer der Lüste eines weißen Mannes!«
Er streckte die Hand nach der Bühne - die Gruppe von vorhin war verschwunden, nur der Hindu-Schiffer noch zeigte sich den Blicken und neben ihm ein offener Sarg von Sandelholz mit den weißen und rothen Blüthen der Orangen und des Lotus. Auf dem Blumenkissen, in das weiße Gewand von indischem Mousselin gehüllt, lag eine bleiche abgezehrte Gestalt, das Auge geschlossen, die blonden Locken um das Todtengesicht - Margarethe O'Sullivan, die Gattin des Maharadschah von Bithoor!
»Es ist falsch - erlogen, was er spricht!« schrie der Resident durch die grauenhafte Stille, die sich bei dem Anblick über die ganze Gesellschaft gelagert. »Wird man der Lüge eines verrätherischen Schwarzen mehr glauben, als dem Wort eines britischen Offiziers? - Wo sind die Zeugen für seine wahnsinnige Anschuldigung? Soll diese Todte es sein, die ihres Verstandes beraubt gestorben ist?«
»Die stummen Gräber nehmen die Todten auf - aber sie geben sie auch wieder zurück zur Stunde des Gerichts,« sagte ernst der Maharadschah mit Hoheit. »Und die Gräber sollen sprechen, um Deine Tücke anzuklagen und zu verdammen für Zeit und Ewigkeit!«
Und hinter dem Sarg der schändlich geknickten Blume des grünen Irlands erhob sich eine seltsame Gestalt, ein Mann, bleich und leidend - kein menschenähnliches Angesicht mehr und dennoch fast Jedem bekannt in den Reihen der erschrockenen Gäste. Frei und offen war die schöne Männerstirn, von blondem lockigem Haar umspielt, das blaue Auge voll Gram, der obere Theil der Wangen und die Nase schön und edel geformt, in unverkennbarer
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Aehnlichkeit mit dem Leichenantlitz der Todten. Aber eine dunkle Höhlung gähnte statt des Mundes - ein Gewebe zerrissener und vernarbter Muskeln und zerschmetterter Knochen bildete den untern Theil des Gesichts statt Schlund und Kinn, entsetzlich anzuschauen, noch entsetzlicheres Leid dem Verstümmelten selbst.
Die Gestalt, im europäischen Anzug eines Gentleman-Reiters, aber ein großes Tigerfell mit silbernen Klauen um die Schultern gleich einem Mantel geschlungen, trat langsam hinter dem Sarge hervor und mit schwankendem Schritt die Stufen der Bühne nieder, gerade auf den Residenten zu, der entsetzt, wie vor der Erscheinung einer andern Welt, zurückwich und die Lehne eines Stuhls mit zitternder Hand erfassen mußte, um sich aufrecht zu erhalten.
Dann blieb die Jammergestalt, die sich nahte, auf ihrem Wege stehn und hob die Arme gen Himmel.
Jetzt sah man, daß beide Aermel leer waren vom Ellbogen-Gelenk - dem Mann fehlten die Arme und Hände.
»Der Teufel soll mich holen,« sprach Doktor Brice, indem er die Gläser seiner Brille abwischte, - »wenn da nicht wirklich das Grab seine Beute herausgegeben hat! Ned, mein Bester, wer hat die wundervolle Kur an Ihnen gemacht?«
»Eduard O'Sullivan,« tönte die Stimme des Nena - »armer unglücklicher Bruder! zeige uns den Mörder Deiner Schwester!«
Und der Verstümmelte wankte weiter auf den Residenten zu, der zerrissene Schlund bewegte sich, als wolle er Worte von sich geben, aber nur der pfeifende Athem der Brust war zu hören, - nur in den Augen flammte der Strahl dessen, was die Lippe nicht mehr zu stammeln vermochte.
So trat er dicht heran an den Mörder seines Lebens und legte die beiden verstümmelten Arme auf dessen Brust.
Mit Gewalt hatte der Resident seinen Trotz und seine Fassung zurückgerufen. Ein egoistischer Bösewicht in jeder Ader, war er doch ein Mann von großem persönlichen Muth und Nichts fürchtender Kühnheit, wo es die Verfolgung seines Willens galt, wie wir ihn bereits an den Ufern des Somo gesehen. Er fühlte, daß er von Todfeinden umgeben und daß nur
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der Trotz der Frechheit sein Spiel zu retten und seine Gegner zu entwaffnen vermöge.
Mit diesem Bewußtsein hatte er auch seine volle Kaltblütigkeit wiedergewonnen, und sein trotzig höhnender Blick überflog und prüfte die Zahl dieser Gegner, um einige Augenblicke Zeit zu gewinnen.
In der That, sie war nicht klein! Dort der Maharadschah mit den das Furchtbarste verkündenden Falten der Stirn - an die Wand der Bühne gelehnt der Schiffer der arabischen Praua, gleich dem Löwen der Kaffern-Thäler zum Sprunge bereit auf seinen Femd - dort an den Nena gedrängt, der Babu, der Vater des Mädchens, das er in sein Harem geschleppt, - die Jammergestalt des so teuflisch geopferten vertrauenden Freundes - und da der triumphirend stolze Blick der Hindufürstin, der er noch vor kaum einer Stunde Hand und Namen geboten, und deren höhnende Verwerfung seine Schande begonnen. »Es freut mich, Ned, daß Sie dem Tode entgangen sind, wenn auch freilich übel zugerichtet,« sagte Rivers mit kalter Entschlossenheit. »Warum zum Teufel ließen Sie Ihre Freunde so lange in dem Glauben, daß Sie nicht mehr unter den Lebendigen wären!«
»Schamloser Bösewicht,« schnaubte der Nena - »wagst Du es, der Nähe der Todten zu spotten!« Seine Hand lag an dem Juwelengriff seines Säbels. »Richtet Ihr selbst, stolze Krieger der Weißen, zwischen mir und Jenem, und sprecht Euer Urtheil, ob er mir gehört? Gebt Gerechtigkeit, wenn Ihr selbst auf das Erbarmen des Tigers hofft!«
Der Resident blickte um sich. Die Mehrzahl der britischen Offiziere war von ihm scheu zurückgetreten, er stand allein in dem Kreise und in vielen Gesichtern erkannte er den offenen Ausdruck der Verachtung und der Mißbilligung.
»Es ist Zeit, daß die Komödie zu Ende geht, denn ich sehe, diese Herren scheinen geneigt, ohne Untersuchung der frechen Verleumdung eines Mohren den Landsmann zu opfern, blos weil jener ihnen prächtigere Feste und Mahle giebt. Ich fordere Ihren Schutz, Excellenz, gegen die Anklage der Bosheit. Der Maharadschah von Bithoor ist ein Verräther - ich klage ihn
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an des Einverständnisses mit den Feinden Englands! Jener Mensch dort, den er zu seinem Possenspiel gebraucht, ist ein Deserteur des 74. Regiments, ein Genosse der aufrührerischen Boers und Kaffern am Kap, Peter Prätorius[Pretorius], wie Capitain Delafosse bezeugen wird. Und der Führer der Leibwache einer Fürstin, die noch so eben ihren Haß gegen England kundgegeben, ist ein verwegener Abenteurer und Rebell, auf dessen Kopf Lord Ward in Korfu einen hohen Preis gesetzt, - kein Sardinier, wie man seine Beschützer betrogen, sondern der Jonier Marcos Grimaldi. Mit diesen Rebellen stehen meine Ankläger im Bunde und der Zweck der Anklage ist, denk' ich, deutlich genug!«
Diese geschickte und dreiste Wendung war der Meisterstreich eines gewandten Fechters, und die Aufmerksamkeit und Theilnahme, bisher dem furchtbaren Geschick der unglücklichen Irländerin zugewandt und die allgemeine Stimmung gegen Rivers kehrend, änderte sich rasch zu dessen Gunsten.
Ein unerwarteter Zwischenfall kam der dreisten Läugnung des Bösewichts zu Hilfe.
Vom Eingang des Saales her forderte eine gebieterische Stimme laut den Durchgang: »Depeschen für Seine Excellenz den Gouverneur! Geben Sie Raum meine Herren!«
Durch die sich öffnenden Reihen der Militairs und Damen kam hastig ein fremder Offizier in der Uniform des 6. Garde-Dragoner-Regiments Ihrer Majestät. Sein ganzes Aussehn zeigte von den furchtbaren Anstrengungen einer langen und eiligen Reise. Seine Kleidung und sein Gesicht waren mit Staub und Schmutzkrusten förmlich bedeckt, die Augen blutunterlaufen, eine schwarze Wundbinde um die Stirn bewies, daß er vor Kurzem noch einen Kampf bestanden.
»Wo ist Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh? Wichtige Depeschen von General Barnard!«
»Ich bin General Lawrence. Wo kommen Sie her?«
Der Offizier salutirte. Man sah ihm an, daß er so erschöpft war, daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Dennoch übte die militärische Disciplin ihre Gewalt über die Ermüdung der Natur.
»Von Delhi, Excellenz. Diese Briefe besagen das Nähere
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und fordern schleunige Weiterbeförderung. Ich habe den Weg in fünf Tagen und fünf Nächten zurückgelegt!«
»Dann muß ein Unglück die Ursache sein. Entschuldigen Sie, meine Damen!« Der General riß das Couvert der Depesche ab und durchflog sie mit den Augen - man sah sein freundliches mildes Gesicht immer ernster werden, die Falten seiner Stirn sich furchen und ein leises Beben der Hand. Die Anklage des Residenten, - der Tod der schönen Margarethe - der falsche Sardinier Maldigri, wie der drohende Zorn des Nena - Alles war vergessen vor dem Interesse an der Botschaft des fremden Offiziers, und die Engländer umdrängten fragend und vermuthend den General.
»Die Sache steht schlimmer, als wir befürchtet haben,« sagte dieser, dem Gouverneur von Cawnpur und dem Rath die Depeschen reichend. »Verheimlichung würde wenig nutzen - die Sepoy-Regimenter im Norden sind in vollem Aufstand, Mirut und Delhi sind von den Rebellen genommen, die schändlichsten Morde sind an unseren Landsleuten, an Männern, Frauen und Kindern verübt und der abgesetzte Mogul ist zum Kaiser von Indien ausgerufen worden. General Barnard fordert auf's Schleunigste alle disponiblen Truppen zur Verstärkung!«
Die schreckliche Nachricht, mit Blitzesschnelle sich auch zu den entfernter Stehenden verbreitend, erweckte allgemeine Aufregung. Man umringte den Offizier, der sich ermüdet auf einen Stuhl niedergelassen, und bestürmte ihn mit Fragen und Aufforderungen nach weiteren Mittheilungen. Er schilderte mit fliegenden lebendigen Worten die Gräuel, deren Augenzeuge er zum Theil gewesen, die heldenmüthige Aufopferung der englischen Offiziere und die Explosion des Pulvermagazins, das diese selbst in die Luft gesprengt.
»Danken Sie Gott, Sir,« wandte sich Oberstlieutenant Stuart zu dem Dechanten, der mit Entsetzen die Schilderungen anhörte, jetzt erst den Sinn der Andeutungen seines Freundes begreifend, »daß Lady Hunter sich glücklich in Ludhiana befindet, wie Sie uns erzählten - welch schreckliches Loos wäre sonst wahrscheinlich auch ihr zu Theil geworden!«
Der Dragoner-Offizier wandte den Kopf, »Lady Hunter, die
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Frau des Dechanten? - Ich weiß Nichts von ihrem Schicksal, aber ich sah sie zwei Tage vorher, ehe das Unglück ausbrach, bei einem Besuch des Lazareths.«
Der Geistliche sprang auf ihn zu. »Barmherziger Gott - täuschen Sie sich nicht, Sir? Lady Adelaide, meine Gattin in Delhi? Himmlischer Vater, dann ist sie ermordet von den blutigen Ungeheuern!«
Der Offizier sah ihn theilnehmend an. »Verzeihen Sie, hochwürdiger Herr, wenn ich absichtslos Ihnen eine traurige Nachricht gebracht - ich erkannte Sie nicht gleich und konnte unmöglich Ihre Anwesenheit ahnen. Leider ist es wahr, daß Lady Hunter sich in Delhi befand, sie traf in voriger Woche von einer Reise wieder dort ein. Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren - ich hörte Nichts von ihrem Schicksal. Vielen Frauen und Familien ist es gelungen, sich glücklich aus der Stadt zu retten, andere sollen noch von dankbaren Eingebornen verborgen gehalten werden. Lady Hunter steht auch bei diesen für ihre aufopfernde Güte und Menschenfreundlichkeit in so hoher Achtung, daß ich unmöglich glauben kann, man habe ihr Leides gethan.«
Alle in dem Kreise, der sich um den schmerzgebeugten Gatten gebildet, fühlten die geringe Sicherheit des gut gemeinten Trostes, und der Dechant selbst schüttelte zweifelnd das Haupt. »Wo der Mensch zu fanatischer Raserei entflammt, die Schranken der gewohnten Ordnung durchbricht und in dem Blut seiner Brüder sich badet - da kennt er nicht Achtung noch Dankbarkeit und wird zum wilden Thier! Gott der Allmächtige hat die theure Gefährtin an das Herz des Gatten gelegt und sie wieder zu sich genommen! Möge ihr Ende ein leichtes gewesen und ihre Seele bei ihm sein.«
Und die strömenden Augen barg er an der Brust des Freundes, der finster und schweigend zu ihm getreten war und ihn an das von gleichem Schmerz zerrissene Herz drückte, um das der Silberpanzer des Gwalior-Kriegers jetzt sich wölbte.
Während dessen hatten die Generale, der Rath und mehrere der älteren Offiziere eine rasche Berathung gepflogen und beschlossen, daß General Lawrence sofort nach Lucknow aufbrechen und der
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Rath in seinem Schutz sich nach der Hauptstadt des Audh begaben solle.
»Meine Herren und Damen,« erklärte General Wheeler mit erhobener Stimme, »die erhaltene Nachricht macht es uns zur Pflicht, auf's Schnellste nach Cawnpur zu eilen. Nach den Ereignissen, die leider schon kurz vorher die Eintracht zwischen den beiden Nationen zu stören gedroht, kann unsers Bleibens hier überhaupt nicht länger sein. Ertheilen Sie Ihrer Dienerschaft die nöthigen Befehle zum Aufbruch.«
»Gerechtigkeit, Sahib General!« erklang über alles Geräusch der allgemeinen Bewegung die mahnende Stimme des Nena.
»Das ist keine Zeit, um Ihre Klagen anzuhören und zu entscheiden, Sir,« sagte der General mit Strenge, »selbst wenn Sie dieselben auf eine passendere Art angebracht hätten. Bezeigen Sie Ihre gute Gesinnung für die Regierung, indem Sie die Schwierigkeiten, die sich ihr entgegenstellen, nicht noch erhöhen. Später wird sich Gelegenheit finden, Ihre Anschuldigungen zu untersuchen, bis dahin aber warne ich Sie, nicht Rebellen oder verdächtigen Personen Schutz zu gewähren.«
Er wollte sich entfernen - der Nena aber stellte sich ihm in den Weg.
»Ihre erste Pflicht ist, Sahib General, Gerechtigkeit für das Verbrechen zu üben. Niemand wird diesen Saal verlassen, ehe der Mörder mir nicht freiwillig ausgeliefert ist!«
»Sie gehen zu weit, Fürst,« ermahnte General Lawrence, »beruhigen Sie sich, wir ehren Ihren Schmerz und ich selbst verspreche Ihnen, daß die Sache später ohne Ansehn der Person untersucht werden soll.«
»Sie mißbrauchen unsere Nachsicht!« rief der Gouverneur von Cawnpur heftig. »Gehen Sie aus dem Wege und danken Sie es meinem frühern Wohlwollen, daß ich die Beschuldigung des Major Rivers nicht zunächst untersuchen und Sie verhaften lasse bis zum Ausweis über jene verdächtigen Persönlichkeiten, Sie sammt jener Rebellin!« Er wies auf die Rani von Jhansi und schritt vorwärts.
»Sahib General - Du weigerst Dich? Bedenkst Du, was Du thust?«
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»Aus dem Wege, Sir, ich dulde keine Frechheil!«
Sir Hugh Wheeler legte zürnend die Hand an das Gefäß seines Degens.
Der Nena lachte höhnisch auf und sprang zurück.
»Ram! Ram! Mahadeo!«
Der wohlbekannte Schlachtruf der Hindu's, den er ausstieß, fand sein Echo in dem donnernden Gegenruf der zahlreichen Sepoy-Offtziere auf allen Seiten des Saales:
»Jai - jai - Kar!«
Zugleich entstand unter den Letzteren eine allgemeine Bewegung, sie zogen die Säbel und stellten sich vor die Ausgangsthüren des Saales,
»Was bedeutet das?« schrie der General. »Verrath - Empörung?«
»Ja Empörung,« rief der Nena, »und dieser Schurke soll die erste Sühne des befreiten Hindostans sein!«
Und gleich dem Tiger, ohne seine Waffe zu ziehen, stürzte er sich auf den Residenten, erfaßte ihn am Kragen und versuchte ihn aus den Reihen der Engländer zu reißen.
Die That, der ganze Ausbruch der so lange und so geschickt verhehlten Gesinnung des Maharadschah kam Allen so unerwartet, daß Schrecken und Erstaunen selbst die Entschlossenheit der Muthigsten fesselten.
Im ersten Augenblick glaubten die Generale, daß nur das heißer durch die Adern wallende Blut den Nena zu einem Ausbruch der Erbitterung über die vereitelte Rache verleitet hätte, aber die Ueberlegung weniger Augenblicke bewies ihnen, daß dieser Widerstand, diese Auflehnung gegen die englische Autorität eine vorbedachte und vorbereitete Sache sei, deren Folgen höchst gefährlich werden könnten.
»Zu den Waffen, Landsleute! Zeigt den Verräthern, daß britische Offiziere sich vor meineidigen Rebellen nicht fürchten!« befahl General Wheeler.
»Männer, seid Ihr wahnsinnig?« rief Sir Hugh Wheeler die Sepoy-Offiziere an. »Steckt die Waffen ein bis auf die Befehle Eurer Oberen! Jeder Ungehorsam würde mit dem Tode bestraft werden!«
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Nur das tumultuarische Geschrei und der Ruf: »Jai - jai - Kar!« antwortete ihm. Die britischen Offiziere hatten ihre Säbel und Degen gezogen, die meisten aber waren gänzlich unbewaffnet, da sie jene zum Tanz, und um im Gedräng und der Hitze unbelästigter zu sein, in den Vorzimmern abgelegt. Die Frauen wurden ängstlich und begannen nach ihren Männern und Verwandten zu rufen, und sich aneinander zu drängen, obschon die durch eine so lange Reihe von Jahren der unbestrittenen britischen Herrschaft gewonnene Sicherheit und der Uebermuth europäischen Stolzes noch in Keines Sinn die Furcht vor wirklicher Gefahr aufkommen ließ.
Lady Mallingham, die ihr Gatte noch keine Zeit gefunden, wegen der Anklage des Major Rivers gegen ihren angeblichen Verwandten zu befragen, der aber jetzt die Andeutungen des Letztern verständlich geworden, suchte ängstlich mit den Blicken Grimaldi, um sich nöthigen Falls unter seinen Schutz zu stellen. Sie fand ihn, - während alle indischen Mitglieder der Gesellschaft, auch diejenigen, welche nicht in die Verschwörung verwickelt waren und sich auf die Seite des Nena stellten, sich von den Engländern getrennt hatten und abgesondert hielten - nahe bei sich und dem Dechanten stehen, die Vorgänge aufmerksam und mit entschlossener Miene bewachend.
Sie legte die Hand auf seinen Arm. »Vetter Maldigri,« flüsterte sie, »Sie bürgen für meine Sicherheit!«
Er winkte ihr ungeduldig, ohne sie anzusehen. Seine Blicke waren fest auf die Begum von Audh gerichtet, die gleichfalls mit der Rani, seiner Gebieterin, nach der rechten Seite getreten war, während die Engländer auf der Linken sich zusammenschaarten.
Seine Hand hielt noch immer die des Freundes, der in seinem Schmerz, fast gleichgiltig gegen die Vorgänge um ihn her, seinen Platz nicht verlassen hatte.
Wir haben den Residenten verlassen in dem ihn bedrohenden Augenblick, als die Hand des Nena ihn bereits erfaßt und mit unwiderstehlicher Kraft in die Mitte seiner Todfeinde zu reißen versucht hatte.
Die Vorgänge, die wir in der Zwischenzeit erzählt, gingen so rasch und so gleichzeitig vorüber, daß die Gefahr des Residenten
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kaum von seinen Landsleuten bemerkt und von Wenigen beachtet wurde.
Zufällig stand der Verlobte der schönen Editha, Lieutenant Sanders, der bisher vergeblich sich bemüht hatte, der Dame sich zu nähern und eine Erklärung mit ihr herbeizuführen, in seiner Nähe. Rasche Entschlossenheit war eine der glänzenden Eigenschaften des jungen Offiziers, den ein längeres Leben, als ihm von seinem wahrhaft furchtbaren Geschick bestimmt war, gewiß zu einer Zierde der englischen Armee gemacht hätte.
Mit einer raschen Bewegung war er an der Seite des Bedrohten und ein kunstgerechter Boxer-Faustschlag zwang den Hindu, sein Opfer loszulassen und machte ihn zurücktaumeln. Ehe er seinen Handjar ziehen, um sich auf seinen neuen Gegner zu stürzen, oder ehe einer seiner Mitverschworenen ihm zu Hilfe kommen konnte, hatte der junge Offizier den Residenten in die Mitte der Engländer gezogen.
Das Antlitz des Nena hatte sich mit dunkler Gluth bei dem Schlage gefärbt, seine Augen flammten jetzt wie die des Tigers, dem seine Beute entrissen wird, und seine Lippen zogen sich über die spitzen glänzenden Zähne zurück, wie die eines Raubthiers.
Er schüttelte seine Hand drohend gegen den Offizier. »Fluch Dir, Faringi! Hundertfachen Tod sollst Du sterben, daß Du gewagt, der Rache Srinath Bahadurs in den Weg zu treten!« Er sprang zurück an den Aufgang der Bühne. »Faringi!« schrie er laut, daß seine Stimme allen Lärmen übertönte, während seine Hand sich nach dem Sarge streckte, »stolzes Geschlecht feiler Tyrannen - Eure Zeit ist gekommen, Eure Herrschaft über das tausendjährige Geschlecht der Hindostani zu Ende! Bei jenem Leichnam, des Theuersten, das ich auf der Welt besaß, gelobe ich, kein Mann und kein Weib, die eine britische Mutter geboren, soll lebendig das Haus Srinath's verlassen, wenn Ihr nicht freiwillig den Verbrecher seinem Zorn überliefert!«
»Nimmermehr, frecher Heide!« zürnte General Lawrence, »wir sind britische Offiziere, nicht feile Söldner, die ihr eigenes Blut verläugnen. Lieber den Tod, als ehrlosen Schimpf! Nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte, Gentlemen, und lassen Sie uns den Ausgang erzwingen!«
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»Zum letzten Mal! - gebt Rivers, den Mörder, den Mörder!« heulte der wüthende Hindu.
»Fest geschlossen! vorwärts!« kommandirte der greise General an der Spitze der Offiziere, die mit militärischer Disciplin unter zustimmendem Ruf eine Art von Quarré um die zitternden und weinenden Frauen gebildet hatten, und jetzt in geschlossener Colonne, die Bewaffneten voran, zum Ausgang des Saales drängten.
Der Nena schwang mit gellendem Hohnlachen seinen Turban.
Ein Kommandowort erscholl.
Die Sepoy-Offiziere wichen zu beiden Seiten zurück und gaben den Raum zwischen den Säulen, welche die Zugänge bildeten, frei - die Engländer drängten rasch darauf hin.
Da flogen die schweren Teppiche, die als Portièren dienten, zur Seite, und hundert Gewehrlänfe und glänzende Bayonnete starrten ihnen entgegen, - dahinter die broncedunklen wilden Gesichter, die weißen Rache und Tod drohenden Augen der aufrührerischen Sepoys.
Bestürzt wichen die Engländer zurück, ihre Blicke flogen umher, einen andern Ausweg zu suchen.
Der Nena klatschte in die Hände.
Auf dies Zeichen ging die hintere Gardine der kleinen Bühne aus einander, und etagenweise hinter einander aufgestellt erblickte man eine rothe Wand von Sepoys, die Musketen im Anschlag, die Tod drohenden Mündungen nach dem Saale gerichtet.
Ein Schrei des Entsetzens erscholl - selbst den Tapfersten erbebte das Herz.
Wiederum ertönte grell und schneidend die Stimme des Nena.
»Liefert den Mörder aus! den Mörder!«
Ein Augenblick des Schweigens, des Zauderns erfolgte, während dessen sich Aller Augen auf General Lawrence, als den Höchstkommandirenden, wandten - aber auch nur wenige Sekunden dauerte das Schweigen und Zaudern, dann erklang fest und entschlossen der männliche Ausspruch des alten Kriegers.
»Nimmermehr! Die Fahne Englands soll durch keine Handlung der Feigheit in diesem Lande entehrt werden. Entlasse die Frauen sicher und ungekränkt, Bösewicht, und wir, die Männer,
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wollen mit Dir und jenen Verräthern kämpfen um unser Leben!«
Der Nena lachte höhnisch auf. »Erniedrigen will ich die stolze Fahne Englands zum tiefsten Staube! nicht kämpfen um Euer Leben, das mir verfallen! Sterbt denn in Eurem Trotz, Ihr Verfluchten!«
Er wandte sich nach dem Hintergrund, um den blutigen Befehl zu geben, aber plötzlich änderte sich die Scene auf's Neue.
Mit dem Sprung eines Löwen war der tapfere Führer der Leibwachen der Rani von Jhansi nach der Stelle gestürzt, wo diese und die Königin von Audh standen. Er hatte die Letztere umfaßt und mit Blitzesschnelle mitten in den Saal und vor die bestürzten Engländer getragen, indem er sie hier den drohenden Gewehren der Sepoy's entgegen hielt.
»Wer es wagt, auf jene Frauen und Schuldlosen zu schießen,« donnerte seine mächtige Stimme, »der wird das Herz seiner Königin durchbohren. Kämpft mit den Faringi's, Hindostani-Kameraden, aber mordet nicht die Wehrlosen!«
Zugleich mit der raschen und entschlossenen Bewegung Grimaldi's hatte sich ein anderer Mann in orientalischer Kleidung vor die Bedrohten geworfen, Walding, der deutsche Arzt, der bisher unter der Menge verborgen, sich schützend vor Editha Highson stellte. Neben ihm erschien, wie sein Schatten, Kassim der Thug, sein Mayadar.
»Bei dem Andenken an die Geschiedene, Fürst, vergieße nicht das Blut der Unschuldigen!«
Sein machtloser Ruf jedoch wäre an der Leidenschaft des Hindu unbeachtet verschollen, wenn die Kenntniß der Sitten und Verhältnisse, die der kühne Grieche bereits besaß, nicht ein wirksameres Mittel erwählt hätte, als den Aufruf an die Menschlichkeit und die Ehre erregter Orientalen, um das Verbrechen aufzuhalten.
Die Person der entthronten Königin galt den Sepoys, deren Heimath größtentheils das Audh war, für heilig und unverletzlich. Sie erhofften in ihr die Wiederherstellung des alten und glänzenden Reichs und begriffen, daß bei einem allgemeinen Feuer auf
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die dichtgedrängte Gruppe der Faringi das tödtliche Blei unzweifelhaft auch sie durchbohren mußte.
Viele der Gewehre senkten sich - die wilden Krieger wußten nicht, was sie thun sollten und harrten eines neuen Befehls des Nena.
»Seid Ihr Feiglinge und Verräther gleich jenen Faringi, daß Ihr um einer Drohung willen Eurer Rache entsagt?« brüllte dieser. »Nieder mit Jedem, der uns in den Weg tritt!«
Das Gemurmel »Die Königin! schützt die Königin!« ging durch die Reihen der Sepoy's. Noch hatten diese nicht das Blut ihrer bisherigen Gebieter und Kameraden getrunken und waren noch nicht aus Menschen zu wilden Thieren geworden.
Der Hindufürst bemerkte, daß er bei dem ersten Ausbruch des blutigen Kampfes, dessen Führer er werden sollte, in Gefahr war, seinen Einfluß, sein Ansehn zu opfern.
»Schont das Pulver! stoßt sie mit dem Bayonnet nieder und hütet die Königin,« befahl er.
Dieses Auskunftsmittel genügte vollkommen; die Sepoy's verließen ihre Stellung und rückten langsam von beiden Seiten nach der Mitte des Saales vor. Schon blitzten die Klingen, um sich im nächsten Augenblick in einem Kampfe zu begegnen, der nur mit dem Verderben aller Europäer enden konnte.
Plötzlich fesselte ein lautes: »Zurück!« die andringende Menge.
Zwischen den beiden Parteien, ohne daß man wußte, woher er in diesem gefährlichen Augenblick gekommen, richtete sich die Gestalt des jungen Khans der Sikh auf, und streckte beide mit Pistolen bewaffnete Hände den Sepoy's entgegen.
»Zurück!« wiederholte er - »daß Keiner wage, diesen Männern und Frauen ein Leid zu thun, bis sie Cawnpur erreicht. Sie stehen unter dem Schutz Fattih-Murad-Khan's!«
»Elender Sikh - wagst Du es, mir in meinem eignen Hause zu trotzen?«
»Ich trotze Dir, Srinath Bahadur, der Du das von Jahrtausenden geheiligte Recht des Gastes Deiner blinden Leidenschaft opfern und Deine eignen Götter beschimpfen willst. Beginne morgen Dein blutiges Werk, aber heute sollen diese ungekränkt Dein Dach verlassen, bei dem Haupt meines Vaters!«
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»Ich speie auf das Haupt Deines Vaters und besudle die Gräber Deiner Vorfahren!« schrie der Nena in rasender Wuth. »Tödtet den Verräther, wenn er uns zu trotzen wagt! Vorwärts, Brüder, vorwärts, oder jene Faringibraut entgeht unsrer Rache!«
Die blutige Mahnung war begründet und veranlaßt durch die besonnene Thätigkeit, welche die Generale während des Streites um die eigene Rettung entwickelt hatten.
Auf ihre Weisung hatten sich die britischen Offiziere und Gentlemen, welche auf dem Fest des Nena sich befunden, enger geschaart, die Frauen an die schützende Wand gebracht und mit den Sesseln und einigen anderen Möbeln verbarrikadirt, indem sie sich bereiteten, selbst den Kampf zu beginnen.
Der Khan hob die eine Pistole zur Decke des Saales und feuerte in die Luft. Im nächsten Augenblick klirrten die Scheiben der Thürfenster, die nach der äußern Veranda liefen, und eine Anzahl von Kriegern sprang in den Saal und sammelte sich mit Blitzesschnelle um den jungen Häuptling.
Sie trugen die Uniformen der leichten britischen Kavallerie, doch statt der Kaskets oder Helme grünumwundene Turbans, und in ihren energischen dunklen Gesichtern leuchtete entschlossener Muth. Es waren die Sikhreiter von dem Kommando, das den Gouverneur als Ehrenwache nach Bithoor begleitet hatte.
Wie als Antwort auf die Hilfe, welche den Vertheidigern der Faringi geworden, hörte man von dem Platz vor dem Palast das tausendstimmige Gebrüll: »Ram! Ram! Mahadeo!« den Schlachtruf der Hindu-Sepoy's, die ihre Kaserne verlassen und in gedrängten Massen den Palast umgaben. Dazwischen tönte der Ruf: »Tod den Sikhs!«
»Du siehst, Knabe,« hohnlachte der Maharadschah, »daß Du trotz jener Verräther in meiner Gewalt bist. Fluch über Dich, der mich zwingen will, das Blut unserer Brüder zu vergießen! Aber bei Schiwa, dem Zerstörer, wenn Du nicht weichst, ehe drei Mal diese Hand den Tamtam berührt, sollen die Kugeln der treuen Hindu Dich und sie Alle vernichten!«
Der Khan schleuderte ihm aus seinen dunklen Augen einen Blick des Hasses und der Verachtung zu. Der kurze Streit dieser wenigen Augenblicke rettete die britische Herrschaft in
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Ostindien, denn er regte auf's Neue allen Haß der beiden Völkerschaften, der Sikh's und Hindu's, auf, und erhielt der Regierung ihre tapfersten und besten Truppen, die Sikh-Regimenter, deren Abfall und Vereinigung mit den Hindu-Sepoy's die Engländer, trotz aller krampfhaften Anstrengungen des Mutterlandes, unbedingt vernichtet und für immer aus Indien vertrieben hätte.
Bei diesem Auftritt war keines der besonneneren Häupter der großen Hinduverschwörung, wie Tantiah Topi oder der unter dem Namen des Derwisch Sofi bekannte geheime Leiter der Bewegung zugegen, um die Leidenschaft des Nena zu zügeln, und Major Grimaldi war zu empört über die befohlene Niedermetzelung der Frauen, als daß er anders, als mit dem Schwert in der Hand ihm begegnet wäre.
Viele der englischen Offiziere hatten sich bereits mit den überflüssigen Waffen der treuen Sikhreiter bewehrt; sie hatten jetzt wenigstens die Aussicht, nicht ungerächt zu sterben, wenn sie auch gegen die unverhältnißmäßige Ueberzahl sicher unterliegen mußten.
Als Major Grimaldi erkannte, daß es kein bloßes Morden, sondern, ein Kampf werden sollte, widerstrebte es seinem Ehrgefühl, eine Frau zum Schild gegen die Mörderrotte zu brauchen; er gab die Begum frei und ließ sie zu ihren Freunden eilen.
Ein Jubelruf der Hindu's begrüßte sie - nur eine Stimme schwieg, die Stimme der kühnen und hochherzigen Rani von Jhansi.
Sie blickte mit Bewunderung auf den Franken, den Führer ihrer Krieger, denn sie begriff sein tapfres und männliches Benehmen.
In den Jubelruf der Sepoy's, der die Königin begrüßte, erklang wie zum Hohn das Kommando ihrer Offiziere in englischer Sprache:
»Gewehr auf! - Fertig zum Feuern!«
Die Gewehre klirrten empor - bei dem Nationalhaß der Hindu's gegen ihre Brüder jenseits des Sedletsch zögerte kein Einziger.
»Schlagt an!«
Wie ein Schlag rasselten die Gewehre an die dunklen Wangen
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der Krieger und die todbringenden Mündungen harrten auf's Neue auf ihre Opfer.
Die Hand des Nena schwang seinen Handjar gegen das eherne Tamtam, das an der Wand der kleinen Bühne hing. Sein Angesicht glühte dunkel, seine Augen sprühten Blitze, eine Hölle, die Blutgier eines Tigers, eines Teufels sprach aus ihnen.
Der Schlag dröhnte durch den Saal!
»Fest Männer - so wie die Schurken zu feuern wagen, gebt's ihnen zurück, und dann auf sie!«
Man hörte das Knacken der hundert Flintenhähne, die gespannt wurden.
Zum zweiten Mal hob sich die Hand des Hindufürsten, zum zweiten Mal schlug die Klinge auf das eherne Becken und erklang das Todessignal.
Viele der Frauen beteten, andere schluchzten, Lady Mallingham schrie laut auf und sank in Ohnmacht. Einige aber standen fest und muthig zu ihren Gatten und Vätern, Editha's kalte Hand ruhte, auf dem Arm des deutschen Arztes, ihr Auge vergebend auf dem jungen Offizier, dem bisher Geliebten, der in der vordersten Reihe der Kämpfer stand.
Zum dritten Mal schwang der Nena das todbringende Zeichen - das Frohlocken der Hülle lag auf seinen entstellten Zügen, wie sie jetzt im Triumph der Rache sich nach dem Opfer der grausamen Weißen, der Leiche Margarethens richteten.
Jetzt - - -
Da zitterte ein Laut durch den Saal - ein Ruf leise und doch jedem Ohr hörbar in der furchtbaren Spannung,
Ein wilder entsetzlicher Schrei, halb Jubel, halb Schrecken, antwortete ihm. Im nächsten Moment sah man den Nena vor dem Sarge knieen und seine Arme wie wahnsinnig emporbreiten.
In dem Sarg aufgerichtet saß die weiße Gestalt der Leiche, ihre hageren Hände bittend über der Brust gefaltet, die blassen Lippen leise Worte murmelnd, während aus den großen blauen, jetzt nicht mehr vom Fieber des Irrsinns unnatürlich glühenden Augen sich große Thränen lösten und über die weißen eingefallenen Wangen rollten.
Zugleich aber hörte man aus der Ferne ein donnerndes
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Geräusch eilig näher und näher kommen, wie den Galopp einer großen Reiterschaar.
»Margarethe! Geliebte meines Herzens! Hat Dich Lakschmi aus den Hallen des Edens zurückgeführt zu uns Sterblichen, oder bist Du die Peri, die kommt, ihren Diener zu rufen zu den göttlichen Wanderungen?«
Ihre zarten Finger legten sich auf sein Haupt und kühlten seine glühende Stirn.
Alles um ihn her, jeder andere Gedanken schien verschwunden für ihn.
»Nena - theurer Freund - wo bin ich? - Die Angst zersprengt mir das Herz! Habe ich geträumt oder alles das Entsetzliche wirklich gehört? Blut um meinetwillen?«
Er hielt sie bereits in seinem Arm. »Geliebte, Du lebst - die Götter haben Dich erweckt aus Deinem Todesschlaf und mir zurückgegeben! Du wirst die Meine sein und niemals mehr mich verlassen!«
Draußen auf dem Platz vor dem Palast schmetterten britische Reiter-Signale, die Erde schien zu beben vor dem rasenden Ansprengen einer Kavallerie Masse.
Das Kommandowort: »Halt!« fesselte die Reihen, noch waren die britischen Offiziere nicht sicher, was sie zu hoffen hatten aber dennoch löste jener Kommandoruf es wie eine Felsenlast von ihrer Brust.
Es waren die tapfern Sikhreiter, die da unten hielten, das Regiment, das die Botschaft des Khan von Cawnpur herbeigerufen!
Jetzt standen sie dort unten, den Reihen ihrer gehaßten Rivalen, der Sepoy's, gegenüber, beide bereit, im Augenblick auf einander zu stürzen, des Signals zum Kampfe harrend.
Doctor Walding, der Arzt, stand bereits an dem Sarg der so wunderbar zum Leben Erwachten, um den sich die Freunde des Nena drängten.
Eine Frau war ihm gefolgt - die einzige, die hier ein erhabenes Vergessen der Gefahr, eine himmlische Aufopferung übte, Editha Highson. Sie unterstützte die Kranke, deren leichte Schattengestalt
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der Nena mit kräftigem Arm aus dem Sarge gehoben und auf den Stufen der kleinen Bühne niedergelassen hatte, mit der liebenden Sorgfalt einer Schwester, obschon sie dieselbe zum ersten Mal in ihrem Leben sah. Ihr Tuch mit belebendem Odeur erfrischte die Schläfe der Schwachen, an ihrem Busen lehnte das blonde, vor Gram und Schmerz erbleichte Lockenhaupt derselben.
Walding hielt mit leichtem Finger ihren Puls - sein Auge blickte besorgt auf die Erstandene, mit schmerzlicher Theilnahme auf den Nena.
»Die gnädigen Götter haben sie mir wiedergegeben,« jubelte der Maharadschah. »Freund - Bruder! - erhalte sie mir, und Alles, was ich besitze, soll das Deine sein!«
Auf dem blassen, abgehagerten Antlitz der armen, mißhandelten Frau lag ein himmlischer Frieden, in ihren sanften und doch energischen Augen der ganze heiße Strom ihrer Liebe, der ihr junges Leben dem Sohn des Orients geweiht hatte von jener Stunde an, als er über die Schranke des Circus drüben jenseits des Weltmeeres sprang, dem bedrohten Bruder zu Hilfe.
Dieser Bruder - eine jammervolle Schreckensgestalt unter den Lebenden - er hatte nicht gewagt, der Schwester zu nahen, und stand unter der umdrängenden Gruppe hinter dem Sarge verborgen.
»Ich hörte Deine zürnende Stimme, ich hörte einen Ton, wie die Posaunen des Weltgerichts,« flüsterte die Erwachte, ihre Hand in der des Gatten, »und ich sah Dich in einem Meer von Blut. Auf mir lag es wie ein schweres drückendes Band, das meine Augen und meinen Athem schloß - nur mein Ohr war geöffnet und ich vernahm das Entsetzliche! O mein Geliebter, was willst Du thun? Was kümmern uns jene Männer und Frauen? - was ist geschehen - wo ist Edward, mein Bruder - wo sind unsere Freunde?«
Der Nena schluchzte laut, über ihre Hand gebeugt - vergeblich winkte ihm der deutsche Arzt, sich zu fassen. - -
Der Khan war zu den Generalen getreten, die bei dem unerwarteten Ereigniß einen Augenblick unentschlossen waren, was zu thun sei.
»Sahib General,« sagte er mit Achtung zu Sir Thomas
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Lawrence, »die Krieger des Pendschab sind bereit, Dich und die Deinen zu schützen - aber wenn ich Dir rathen darf, brich auf so rasch als möglich, ehe der Tiger auf's Neue seine Krallen nach Dir streckt. Wenige sehen die Sonne wieder, die ihn in seinem Lager gereizt, und die Uebermacht ist gegen uns.«
Der General reichte ihm die Hand. »Ich danke Dir, junger Mann, und England wird niemals vergessen, was Du heute gethan, Du sollst unser Führer sein. Voran, meine Herren, nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte!«
Der Khan trat zurück, als bemerkte er die dargebotene Hand nicht. Dann die gespannte Pistole in der Faust, schritt er auf den Ausgang zu.
»Hell and damnation!« prahlte der Resident. »Sind wir Männer und Engländer? Sollen wir wirklich von hier weichen, jetzt, wo wir die Macht in Händen haben, ohne jenen Verräther unschädlich zu machen? Jene feigen Sepoys werden nicht wagen uns Widerstand zu leisten, wo ein Regiment tapferer Sikhs unseres Rufes harrt! Im Namen der Regierung fordere ich Sie auf, den Verräther und seine Genossen mir verhaften zu helfen!«
Er schritt kühn auf den Nena zu, der seiner nicht achtete, als das Auge seines unglücklichen Opfers ihn traf und zurückbeben machte.
Die Hand Margarethens O'Sullivan fuhr nach ihrem Herzen, ein krampfhaftes Beben erschütterte ihre ganze Gestalt. »Heiliger Gott - schütze mich vor dem Entsetzlichen! Nena, mein Gatte,« jammerte sie in herzzerreißendem Ton, »habe Erbarmen mit mir - meine Seele ist schuldlos und Gott wird meinem Jammer gnädig - - gnädig -« ihre Lippen öffneten und schlossen sich krampfhaft, ihre Brust keuchte.
»Bhawani - Dunkeläugige - übe Barmherzigkeit! sie stirbt! sie stirbt! Zu Hilfe! rettet!« heulte der Maharadschah wie wahnsinnig, indem er sich auf den Körper der Geliebten warf.
General Lawrence hatte heftig den Arm des Residenten gefaßt und ihn zurückgerissen, obschon mehrere der jüngeren Offiziere, und selbst General Wheeler, bereit schienen, seiner frechen Aufforderung zu entsprechen. »Danken Sie Gott, Sir, daß Ihnen die Stunde des Gerichts noch nicht geschlagen und Zeit
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zur Buße gegeben wird für die Schuld, die Sie auf sich geladen. Vorwärts, Gentlemen - das ist kein Ort ehrlichen Kampfes für einen Briten!«
Die Sepoy-Offiziere und die eingebornen Soldaten am Eingang waren unwillkürlich zur Seite gewichen - halb bestürzt über den unerwarteten Beistand, den die Engländer gefunden, zweifelhaft, was sie thun sollten, da die Stimme des Anführers fehlte.
Unbehindert eilten die Briten, Männer und Frauen, durch ihre geöffneten Reihen und die glänzenden Räume des Palastes, der Haupttreppe zu, welche die Sikhs von ihren Feinden geräumt und besetzt hatten.
Walding berührte leise die Schulter der jungen Miß, die im Gedräng des Augenblicks von ihren Verwandten vergessen worden und den Kopf der Leidenden hielt, worauf er sie emporhob und fortführte. »Schließen Sie sich Ihren Freunden an, Miß, so lange es noch Zeit ist,« bat er. »Hier können Sie nicht helfen - der erste Blick zeigte mir, daß es nur ein letztes kurzes Aufflammen der bereits erstarrt geglaubten Lebensgeister der Unglücklichen ist. Keine menschliche Wissenschaft vermag dem traurig zerstörten System zu helfen.«
»Dann ist meine Stelle dort,« sagte eine ernste Stimme neben ihnen, und alsbald sah man die Gestalt des Geistlichen neben dem Nena und seiner Gattin knieen und die Sterbegebete der englischen Kirche mit feierlichem Tone beginnen.
»Wo ist der Arzt? wo ist der Arzt?« rief der Nena - um des Himmelswillen, helft!«
Aber menschliche Hilfe war vergebens. Eine jener eigenthümlichen Erscheinungen von Scheintod, welche die Wissenschaft zwar selten, aber doch zuweilen, zu beobachten Gelegenheit hat, hatte nach der langen Nacht des Wahnsinns die erschöpfte Nerventhätigkeit der unglücklichen Irländerin in eine lethargische Ohnmacht versenkt, deren Aeußeres selbst die Kunst des Arztes getäuscht und ihn zu dem Glauben an den eingetretenen längst erwarteten Tod verführt hatte. Und mit jener seltsamen und geheimnißvollen Macht, welche die Natur in solchen Fällen zuweilen entwickelt, hatte die Hemmung der einen Lebensthätigkeit
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die andere erweckt und gestärkt. Das Ohr vernahm, während das Auge geschlossen blieb, der Geist erwachte, während der Brust der Athem fehlte, und das Gefühl der steigenden Angst über die ungewohnten drohenden Ereignisse um sie her sprengte zuletzt im entscheidenden Augenblick die Fesseln der krampfhaften Erstarrung.
Aber jede fernere Lebenskraft war in diesem durch die Gewaltthat und Bosheit eines Teufels zerstörten Körper vernichtet, wie der Arzt sogleich erkannte, und das in der frühern ungetrübten Reinheit noch ein Mal aufflackernde Licht erlosch bei dem Schreck und tiefen Grauen, das ihren Nerven die Stimme des Mörders ihres Glücks verursachte.
Ihr Scheiden von der Welt war jedoch sanft und schmerzlos, ohne daß ihr Auge sich wieder öffnete. Leiser und leiser wurde der Athem, während ihr Gatte sie in den Armen hielt und der Arzt die letzten Symptome beobachtete. Um sie her knieeten der Dechant, ihr Bruder und Narika, das Mädchen von Kashemir, ihre einzige Freundin im Kerker der Wollust und Entehrung, während die beiden indischen Fürstinnen, die Pabu's und vornehmen Hindu's stumm und ernst daneben standen, und um die traurige Gruppe her die Reihen der Sepoy's gleich dunklen Broncestatuen auf ihre Gewehre sich lehnend, die noch vor wenig Augenblicken hundert kräftigen frischen Leben den Tod gedroht.
Von dem Vorplatz des Palastes aber schmetterten in die heilige Stille der Sterbescene die Fanfaren der Reitertrompeten, die zum Aufbruch riefen, und klang der Lärmen der Diener, der Ruf der Palankinträger, das Schnauben der Rosse bei dem eiligen, fast einer Flucht ähnlichen Rückzug nach Cawnpur; denn von Minute zu Minute wuchs draußen die Schaar der aufrührerischen Sepoy's und die drohende Haltung der Bevölkerung.
Walding legte sanft die Hand der Irländerin nieder, die er in der seinen gehalten.
»Gott - Brahma - oder Allah - der allmächtige Lenker dort oben, der uns das Leben gegeben, nimmt es wieder auf in seine Hände, wenn es Zeit ist. Beugen Sie sich seinem Willen, Hoheit - Ihre Gattin ist bereits ein Engel im Himmelreich!«
Ein heiseres dumpfes Schluchzen aus der Brust des Hindufürsten antwortete dieser Ankündigung.
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Der Dechant machte das Zeichen des Kreuzes über der Leiche, deren Lippen im Tode wieder jenes sanfte vertrauensvolle Lächeln umschwebte, das ihr Antlitz im Leben so reizend gemacht.
»Das aufrichtige Gebet des Dieners auch einer andern Kirche, als die Deine war, arme Dulderin,« sprach er fromm, »möge Deine Sterbestunde nicht schwerer gemacht haben. Gehe ein zu Seiner Herrlichkeit, wo der ewige Lohn ist für alle Leiden dieser Erde!« - Er trat einen Schritt zurück von der Leiche und sah sich im Kreise um - der einzige Engländer, der noch hier verweilte.
»Ich bin in Ihren Händen,« sagte er ergeben, »thun Sie mit mir, was Sie wollen!«
Die Hand Grimaldi's faßte seinen Arm und führte ihn ohne ein Wort zu sagen aus dem Saal und zur Treppe des Palastes.
Das Geräusch des Zuges der Faringi verlor sich bereits in der Ferne.
»Folgen Sie Ihren Landsleuten, ich werde für Ihre sichere Begleitung sorgen. Leben Sie wohl, Freund, und denken Sie freundlich meiner in dem großen Kampfe, der sich zwischen den Völkern bereitet!«
Der Dechant lag an seiner Brust. »Gott schütze Sie, Marcos, und helfe mir das Unglück ertragen, das mich selbst zu Boden schmettert. Adelaide - mein Weib - -«
»Wenn sie noch unter den Lebendigen ist, soll sie gefunden werden. Leben Sie wohl - in einer Stunde bin ich auf dem Wege nach Delhi!«
Das goldene Delhi.
Blauer Himmel der Tropen - goldene Sonne des Orients - glühende Wunderpracht der Natur, und du, glühendere Leidenschaft feuriger Seelen und Herzen des Südens - o leihet eure Farben dem Sohn eines kalten Landes, die Stadt der Paläste, den Zauber versunkener Pracht und Herrlichkeit - das goldene Delhi zu beschreiben!
Der Löwe des Aufruhrs war entfesselt - der Tiger hatte Blut gekostet, das Blut seiner Herren, und lechzte, sich in einem Meer des berauschenden rothen Stromes aus den Adern seiner Feinde zu baden.
Wollust der Rache - furchtbarster Rausch des zum Thier gewordenen Menschen - wie gigantisch wächst dein blutiges Haupt zum Himmel empor, wie freudig waten deine Füße in Mord und Entsetzen, wenn der Fanatismus der Religion noch deine Gluth schürt und dir zuruft: Tödte! tödte! tödte! denn dein Gott sieht mit Wohlgefallen nieder auf die dampfenden Altäre, die du ihm baust.
Die verhängnißvolle Nachricht, die der Courier des Generals Barnard auf der großen von den Engländern gebauten Militairstraße von dem Aufstand in Mirut und Delhi nach Bithoor gebracht, bestätigte sich nur zu sehr.
Wir müssen fünf bis sechs Tage zurückgreifen in unsrer Erzählung, um die blutigen Ereignisse von ihrem Beginn zu verfolgen.
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Ralph Ochterlony, der unversöhnliche Feind der Engländer, und Tantiah Topi hatten sich nach dem Norden begeben, theils ungeduldig über die Zögerung des Maharadschah, der, nachdem er sich die Oberleitung der Verschwörung gesichert, in finsterer Unthätigkeit am Krankenbett seines unglücklichen Weibes verharrte, theils weil es nothwendig war, daß an einem so wichtigen Punkte des großen indischen Reiches Männer von Energie und militärischer Einsicht die Operationen leiteten. Ein Zusammentreffen von Umständen, während beide Männer sich in Mirut befanden, war ihnen Veranlassung nicht länger zu zögern, sondern hier das Signal zum Ausbruch der Empörung zu geben.
Mirut liegt 35 englische Meilen nordöstlich von Delhi und bildet eines der Bungalowlager der indischen Armee. Es standen hier unter Befehl des General Hevitt das 1. Bataillon des 60. Königl. (Jäger-) Regiments, die 6. Königl. Garde-Dragoner (Karabiniers) das 3. Bengalische Reiter- und das 11. und 20. Bengalische Infanterie-Regiment. Bereits am 6. und 7. Mai hatten sich unter dem 3. Kavallerie-Regiment offene Spuren der Widersetzlichkeit gezeigt, indem 75 Reiter einer Schwadron sich weigerten, mit den neuen aus England gekommenen Patronen zu laden. Sie erklärten, daß dieselben mit Rinds- und Schweinefett bestrichen seien, das Erste ein Greuel für die Hindu's, denen die Kuh heilig, das Andere für die Mahomedaner, denen gleich den Juden das Schwein unrein ist. Die Sepoys behaupteten, die, Patronen seien der Anfang, ihnen das Christenthum aufzunöthigen. Die Widerspenstigen wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zur Einsperrung verurtheilt.
Am 9. Mai wurde das Urtheil vor versammeltem Regiment verlesen, die Arrestaten wurden gefesselt und nach dem Gefängniß in Mirut abgeführt.
Am Morgen des 10ten erfuhr Tantiah Topi, daß einem der eingesperrten und degradirten Unteroffiziere nicht zu trauen sei, und daß derselbe eine Unterredung mit einem der englischen Oberoffiziere verlangt habe, wahrscheinlich um Geständnisse zu machen.
Es galt rasches Handeln.
Auf die von Mund zu Mund gegangene Botschaft der Häupter der Verschwörung rückten gegen Abend das 11. und 20.
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Regiment ohne Befehl der europäischen Offiziere, bewaffnet auf den Paradeplatz vor den Hütten, auch der Rest des 3. Kavallerie-Regiments erschien dort zu Pferde, in der Mitte der Reiter Tantiah Topi und der Derwisch Sofi, mit flammenden Worten die Sepoys zur Befreiung ihrer Kameraden auffordernde Mehrere europäische Offiziere, darunter der Oberst des 11. Regiments, Finnis, eilten herbei. Er war ein harter, bei den Sepoys verhaßter Mann, und ein gellendes Geschrei erhob sich in den Reihen bei seinem Anblick.
Oberst Finnis, der zu Pferde erschienen war, von einem Adjutanten begleitet, sprengte vor die Fronte des Regiments, und den unbekannten Derwisch erblickend, befahl er zornig, denselben zu verhaften und in die Bungalows zurückzukehren.
Ein Hohngelächter antwortete ihm.
Er zog ein Pistol aus der Halfter und richtete es auf den nächsten Jemedar, als auf einen weithin schallenden Ruf des Mahratten-Sirdars die ganze Linie der Sepoys die Gewehre auf ihn anschlug. Oberst Finnis hatte kaum Zeit, sein Pferd herumzuwerfen und ihm die Sporen zu geben, als auch schon die Salve erfolgte und er von sieben Kugeln durchbohrt zu Boden stürzte, sein Pferd über ihn. Noch zwei der britischen Offiziere wurden erschossen, die anderen flohen so rasch sie konnten davon und dem Lager der englischen Truppen zu, um dort Schutz zu suchen, ohne daß die Meuterer sie dahin verfolgten.
Mit wildem Triumphgeschrei zogen diese nach Mirut, erbrachen das Gefängniß und befreiten die Gefangenen, wobei der des beabsichtigten Verraths Verdächtige mit Bajonnetstichen ermordet wurde.
Hierauf begannen sie die Bungalows der britischen Offiziere und Beamten zu plündern und niederzubrennen, und ermordeten, jeden Europäer, der in ihre Hände fiel, auf das Grausamste.
Der Aufstand brach gegen 6 Uhr aus. Es ist der stärkste Beweis für die Rathlosigkeit oder die Mißkennung der Gefahr der Engländer, daß erst gegen 9 Uhr das 60. europäische Jäger-Regiment und die Garde-Dragoner erschienen, um die Empörung zu unterdrücken.
In dem sich hierauf entspinnenden Gefecht wurden die Indier nach heftigem Widerstand zurückgedrängt und mußten das Lager räumen. Sie zogen sich auf der Straße nach Delhi zurück, ohne daß die englischen Truppen sie zu verfolgen wagten.
Delhi, die Hauptstadt des ehemaligen Reiches der Großmogule, liegt am rechten Ufer der 900 Fuß breiten Dschumna, des Nebenflusses des Ganges. Zur Zeit des Ausbruchs der Empörung lagen hier - das heißt in den drei englische Meilen nördlich von der Stadt belegenen Kasernements - das 38., 54. und 74. Bengalische Infanterieregiment und eine starke Abtheilung eingeborner Artillerie.
Ausgedehnte Weizenfelder zwischen zahlreichen und großartigen Ruinen umgeben im Norden und Westen die jetzige Stadt, die auf einer felsigen Hügelkette liegt. Der höchste Punkt auf diesen Hügeln ist der Felsen, auf welchem der Metcalf-Thurm steht und von hier aus genießt der Ankommende eine wahrhaft erhabene Aussicht auf die Wunder der versunkenen Größe Hindostans.
Das alte Delhi, im Sanskrit Indraprastha genannt, war viele Jahrhunderte vor der mongolischen Eroberung die glänzendste und volkreichste Stadt Indiens und ist jetzt nur noch der Schatten vergangener Größe. Es hat mit den Ruinenfeldern der alten Stadt einen Umfang von fast 7 deutschen Meilen und zählt jetzt noch eine Einwohnerzahl von 200,000 Seelen, während zur Zeit seines Glanzes diese sich auf zwei Millionen belief.
Nach den indischen Sagen ist es von einem Radschah gleichen Namens gegründet. In dem Mahabharata wird es unter dem Namen Indraprastha als die Residenz der Pandus oder Sonnenkinder aufgeführt, deren Reich lange vor der christlichen Zeitrechnung als das mächtigste Indiens galt. Die Straßen waren mit Gold gepflastert und wie die Sage erzählt, mit den köstlichsten Essenzen benetzt, die Bazars voll Kostbarkeiten und der Palast der Pandus strahlte von Diamanten und anderen Edelsteinen.
Nach den Pandus herrschten lange Zeit indische Könige über Delhi, bis im Jahre 1011 Sultan Mahmud, der Ghasnaide, die Stadt erstürmte und plünderte und das Land zur Provinz seines Reichs machte. Später eroberte Sultan Mohamed, der
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Ghuride, die Hauptstadt und sein Statthalter Cattabeddin Aibeck gründete die erste der drei afghanischen Dynastieen, die Delhi beherrschten, bis Timur 1398 sich zum Herrn des Landes machte. Sein Nachkomme, Sultan Baber, bestieg nach der Schlacht bei Panibat als erster Großmogul den Thron und fast vier Jahrhunderte glänzte dieser unter der Regierung der mächtigen und weisen Mongolen-Fürsten, bis Nadir Schah von Persien im Jahre 1737 den Großmogul besiegte und Delhi plünderte und verwüstete.
Noch steht in der Blutgasse, die von jener Schreckenszeit den Namen trägt, die Moschee Nawschun und Dowla, auf deren Schwelle sitzend der Perser-Schah dem Gemetzel seiner Horden wohlgefällig zusah, während die geraubten Schätze und Kostbarkeiten um ihn her aufgehäuft wurden. Dreißigtausend Menschen wurden in wenig Stunden gemordet und 196 Millionen Thaler war die Beute an Werth, welche die Perser mit sich hinwegschleppten.
Noch zwei Mal, 1755 durch die Afghanen unter Abdallah und 1772 durch die Mahratten, wurde Delhi geplündert und verwüstet. Die Nachfolger der Großmogule blieben seit dem Tode Aurengzebs und der Perser Eroberung nur Schattenkönige auf dem Thron von Delhi, bis die Engländer Schah Allum II.14 zwangen, ihnen gegen einen jährlichen Tribut von etwa 2 Millionen Thalern die Statthalterschaft von ganz Bengalen abzutreten, und die nach dem Sieg über Sindia 1802 auch Delhi besetzten und ihren Besitzungen einverleibten.
Die Compagnie ließ den alten Beherrschern Indiens Nichts als den leeren Titel, den riesigen Kaiserpalast und die Familiengüter (Tajul), nebst einer jährlichen Pension von 12 Lack Rupien (840,000 Thaler), während sie unter die Aufsicht eines von ihr eingesetzten Residenten gestellt wurden.
Der letzte Großmogul von Delhi beim Ausbruch der Empörung führte den Titel Abul Mozffer Sarajuddye Mahomed Bahadur Schah Badscha-i-Ghazie.
Die Wechsel der Dynastieen und die wiederholten Zerstörungen der Stadt haben auch deren Lage vielfach verändert, so daß
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der ungeheure Flächenraum, den sie einnimmt, gleichsam drei Perioden zeigt. Die neue Stadt, von Schah Jehan 1631 erbaut und auch Dschehan Abad genannt, liegt auf der nördlichen Seite der Ruinen der Patanenstadt, die wiederum auf den Trümmern des alten Indraput (Indraprastha) erbaut worden, die vor dem Thore nach Agra (dem Delhi-Thor) in unübersehbarer Größe sich ausdehnen. Das heutige Delhi, das noch immer einen Umfang von ein und einer halben deutschen Meile hat, ist mit senkrechten crenelirten Mauern und einem Graben umgeben, und zählt sieben durch runde Bastionen geschützte Thore, im Norden das Kashmir- und Mohur-Thor, auf der Westseite das Lahore-Thor, südlich das Ajmer-, Turkmari- und Delhi-Thor und nach der Seite des Dschumna das Kalkutta-Thor, von dem eine Schiffbrücke über den Fluß führt. Die umgebenden Mauern sind mit starken Wachtthürmen besetzt und laufen in acht ziemlich feste Bastionen aus.
Ein ziemlich großer Saal an einer offenen Veranda des ersten Stockwerks ist der Schauplatz der Scene, die wir dem Leser am Morgen des 11. Mai, eines Montags, vorzuführen haben.
Der Saal oder das Gemach gehören zu einem selbst in seinem Verfall noch großartigen Palast aus der Zeit Akhbars des Großen, der auf der Südseite des Platzes von Bagh Begum Simmreh liegt, mit der Aussicht rechts aus Chandeh-Choak, das berühmte Silberviereck von Delhi, auf dem alle Reichthümer der Erde zusammenzufließen scheinen, - links auf Dauri-Serai, den riesigen Kaiserpalast, der in seinen hohen Mauern eine besondere Stadt in der Stadt einschließt.
Vor dem Palast - es ist der der Prinzessin Dschehananara, die von den Moslems als eine Heilige verehrt wird, und deren Grabmal in der schwarzen Moschee sich befindet - öffnet sich die Straße, welche in gerader Richtung nach dem der Jamuna Musjid, der großen Moschee - dem Wunder der Welt führt.
So hat von dieser Stelle das Auge einen Ueberblick über die interessantesten und wichtigsten Punkte des neuen Delhi.
Fünfzehn oder sechszehn junge Mädchen, sämmtlich im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, sind in diesem Saale versammelt, dessen Fußboden und Wände von weißem und buntem Marmor
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sind, an dem sich bis zu den Karmessen hinauf halb zerstörte Vergoldungen zeigen. Die Decke besteht aus Mosaiken von buntem Stein und Vergoldung. Aus dem Mittelpunkt der Rosetten sind die Edelsteine herausgebrochen, die sie sonst schmückten.
Die Jalousieen der Fenster und Thüren sind nur halb geschlossen, noch macht der Stand der Sonne nicht die gänzliche Abschließung und das Dunkel zur Nothwendigkeit, auch erträgt die weibliche Neugier willig einige Beschwerden.
Und diese Neugier scheint die meisten der schönen Bewohnerinnen zu beleben und aus der apathischen Ruhe zu scheuchen, der sie sonst sich so gern hingeben möchten. Das weite Gemach scheint eine Art Versammlungs- und Arbeitszimmer der jungen Damen und ist nur spärlich möblirt. Auf einem großen Steintisch in der Mitte stehen einige mit köstlichen Früchten gefüllte Körbe, theils aus rothem Thon, theils aus der schönen Silber-Filigranarbeit, wegen deren die Goldschmiede von Delhi berühmt sind.
Verschiedene Proben weiblicher Beschäftigungen - angefangene und halb vollendete Stickereien - ein Album und ein Zeichenapparat - eine zierliche Briefmappe und künstliche Blumen liegen auf der großen Tafel oder auf Rohrsesseln und gleichen Divans, die an den Wänden oder um den Tisch her stehen.
An einer Ecke des Saales befindet sich ein seltsamer Schmuck für Indien, ein ungewöhnliches Zeichen in der Umgebung von Engländerinnen: ein schönes Wachsbild der heiligen Jungfrau mit dem Jesusknaben, mit den köstlichsten Blumen Indiens in seiner Nische geschmückt.
Eben so auffallend ist die Erscheinung von zwei Frauen, einer ältern, etwa fünfzigjährigen, und einem jungen Mädchen von kaum zwanzig Jahren, die sich von den fünfzehn oder sechszehn anderen Damen, die hier versammelt sind, durch ihre Tracht und ihr Benehmen unterscheiden.
Die Letzteren sind nach ihrer Kleidung und der Farbe ihrer Haut sämmtlich Engländerinnen bis auf eine, deren tieferes, fast goldgelbes Colorit und bescheidene demüthige Haltung eine Tochter Hindostans vermuthen läßt. Die jungen Damen tragen alle weite Morgenkleider aus indischem Mousselin. Obgleich diese einen einfachen gleichförmigen Schnitt haben, läßt sich in der
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Haltung der älteren Mädchen, in der Coiffüre der zum Theil sehr schönen und reichen Haare, in der Art, wie die einfachen Kleider getragen werden, und in einigen Schmucksachen ein Cokettiren, eine brennende Lebenslust und ein gewisser Hochmuth nicht verkennen.
Noch schärfer tritt derselbe in dem Benehmen der jungen Damen, selbst derer, die noch dem Kindesalter angehören, hervor. Fünf oder sechs indische Dienerinnen befinden sich außer ihnen im Saal, meist junge, zierliche Geschöpfe, mit Nichts bekleidet, als dem weißen Linnenhemd und dem bunten, blauen oder gelben Rock, der von den Hüften bis auf die Knöchel ihrer nackten, kleinen Füße fällt, deren zierliche Form gar manchen Fuß ihrer hochmüthigen Gebieterinnen beschämen dürfte. Ein rothes oder gelbes Seidentuch umschlingt ihr schwarzes Haar. Sie kauern auf dem Fußboden, bereit auf den Wink ihrer Herrinnen, wenn jede von ihnen ihre besondere Verrichtung hat und um keinen Preis für die ihrer Gefährtin eine Hand aufheben würde.
Die Eine ist bestimmt, die Wollenknäuel oder die Tücher, die den lässigen Händen der jungen Damen entfielen, aufzuheben; eine Andere, ihnen Wasser und Früchte zu bringen; die Dritte, die Panka zu drehen, die in der Mitte des Gemachs von der Decke hängt; die Anderen, ihnen Luft zuzufächeln oder die Nadeln zu fädeln u. s. w.
Die beiden Frauen, die sich durch ihre Kleidung von den jungen Damen unterschieden, trugen das ernste schwarz und weiße Gewand der Ursulinerinnen, denn der alte Palast, in den wir den Leser geführt haben, ist das Pensionat der französischen Nonnen, in dem eine Anzahl vornehmer und reicher junger Engländerinnen erzogen wurde.
Der sonst so starre und ausschließende Protestantismus der Briten ist gezwungen, in den Provinzen Indiens eine Ausnahme zu Gunsten der französischen Nonnen zu machen, theils weil englische Pensionate, mit Ausnahme eines einzigen in Kalkutta, nicht existiren, theils weil die französische Erziehung moderner und der Ruf dieser Nonnen ein so vorzüglicher ist, daß sich die angesehensten Familien beeifern, ihre Töchter ihnen
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anzuvertrauen. Es bestehen derartige Pensionate in Madras, Delhi und selbst in Lahore.
Die ältere Nonne, Soeur Angelique, hatte ihren Platz unter dem Muttergottesbild genommen und las den jungen Damen aus einem französischen Buch vor. Die Erziehung der Ursulinerinnen ist keineswegs bigott und streng, aber durch Ordnung und moralische Aussicht auf das Beste geregelt. Indem diese bewundernswerthen und hochgebildeten Frauen den Verhältnissen der englischen Gesellschaft und des Landes Rechnung tragen, suchen sie durch ihre eigne Würde auf den Geist und Gehorsam ihrer Zöglinge zu wirken, mehr als durch Strenge, obschon sie viel mit Eigensinn und Hochmuth, ja oft mit böswilligem Trotz zu kämpfen haben.
Das Aeußere der Schwester Angelique war durch den langen Aufenthalt in Indien fast so gelb und ausgetrocknet worden, als sei sie eine Tochter des Landes selbst. Das faltenreiche Gesicht war bleich und kränklich und sprach von körperlichen Leiden, aber der feste, ernste Blick und die feine, schön gebogene Nase zeigten Willenskraft und einen starken und mächtigen Geist.
Die junge Nonne, die bisher die Vorleserin gemacht und in der ziemlich ermüdenden Beschäftigung von ihrer ältern Gefährtin abgelöst worden war, bildete einen lieblichen Gegensatz zu dieser. Sie hatte eines jener reizenden sanften und edlen Gesichter, deren Jugendfrische das stuartähnliche schwarze Nonnenhäubchen mit der steifen weißen Krause nur noch mehr zu heben scheint, dem Beschauer unwillkürlich Bedauern einflößend, daß so vieler Liebreiz in klösterlicher Einsamkeit verblühen soll, ohne die höchste Bestimmung: Liebe zu geben und Liebe zu fühlen, empfunden zu haben.
Ihre Gestalt war unter Mittelgröße und besaß noch all die zierliche Rundung der Französinnen, denn Soeur Marion zählte kaum zwanzig Jahre und war erst vor einem Jahre aus einem Kloster der Touraine in Indien angekommen. Sie hatte große vollgewölbte Augen von etwas schwärmerischem Ausdruck, eine edel geschnittene, die Linie der Stirn fortsetzende und an der Spitze leicht abwärts gebogene Nase, einen feingewölbten äußerst kleinen Mund und einen hellen Blutteint, der zu ihrem lichtbraunen
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Haar schön kontrastirte. In diesem Augenblick befand sie sich, um frische Luft zu schöpfen, auf dem äußern Balkon, dessen Gitter-Werk von Stein, - so fein und schön gemeißelt, daß es einer Holzschnitzerei glich, - sie vor zudringlichen Blicken von der Straße her schützte, während es doch zugleich die Aussicht nach allen Seiten hin in die Wunderwelt der großen Kaiserstadt frei ließ.
An ihrer Seite, die Hand der jungen Nonne in der ihren, knieete die junge Indierin, die Tochter eines der reichsten indischen Babu's in Delhi, die jedoch, trotz des Ansehns und der Schätze ihres Vaters, nur durch die Fürsprache einer edlen Frau - der Gattin des Dechanten - Aufnahme in der Erziehungsanstalt gefunden hatte und von den jungen Engländerinnen gleichsam als Eingedrungene behandelt wurde.
Das Auge der jungen Nonne überflog in unschuldigem Wohlgefallen das bunte Gewühl der Straße zu ihren Füßen.
Dieselbe, vom Palast des Großmoguls ausgehend, durchschneidet die Stadt von Osten nach Westen und hat die im Orient ungewöhnliche Breite von mehr als 40 Schritt. Ein gemauerter Kanal fließt in der Mitte derselben und verbreitet in heißen Tagen Kühle und Erfrischung. In ihr liegen die reichsten Bazare und hier ist das größte Leben und Treiben, das stete Wogen einer geschäftigen Menge, denn in neuester Zeit hatte sich der Wohlstand und die Blüthe der gesunkenen Stadt wieder gehoben und ein lebhafter Handel mit Kaschmir, Kandahar, Kabul, Bengalen und entfernteren Ländern schien den alten Glanz wieder an Delhi's Mauern fesseln zu wollen.
Das ganze interessante Leben der indischen Volkswelt stellte sich dem Blicke dar. Die Chandrie-Choak besteht aus zwei- oder dreistöckigen, von Sand- und Backsteinen erbauten Häusern, in deren unteren Etagen sich die offenen Bazare, in den oberen die Wohnungen der reichen Kaufleute und Wechsler befinden. Irgend ein noch unbekanntes Ereigniß, eine spannende Erwartung schien die Bevölkerung zu erregen, denn an offenen Fenstern, Balkonen oder Erkern, der alterthümlichen arabischen Häusern sah man Frauen und Mädchen festlich geputzt die Menge beobachten. Kopf an Kopf drängte sich das Volk von Bude zu Bude, Elephanten und
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Kameele suchten bedächtig sich durch diese Menschenmasse den Weg zu bahnen. Hier priesen die Verkäufer, auf der Schwelle ihrer Buden hockend, ihre Waaren aus, dort sah man schöne Frauengestalten in ihren weißen, luftigen Gewändern unter Lachen und Scherzen sich der Freude und dem Frohsinn überlassen. Musik, das Tambourin, die Cymbel und die Kesseltrommel ertönten, während Tänzerinnen und Gaukler einen kleinen Kreis um sich versammelt hatten, der mehr in Geberden als in Worten seinen Beifall zu erkennen gab. Ein schlauer Fruchthändler bot seine Hucka jedem Vorübergehenden, um Käufer an sich zu locken; Wasserträger zogen durch die Menge, das wohlthätige Element zum Verkauf ausrufend; Juwelenhändler öffneten von Zeit zu Zeit ihre Kästchen und zeigten den schönen Schmuck an Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen, denn Delhi's Goldarbeiten, besonders die in Filigrain, sind künstlicher, geschmackvoller und billiger, als irgendwo in Indien und übertreffen bei Weitem die gerühmten von Genua. Alle Länder und Stände Asiens schienen sich hier ein Rendezvous gegeben zu haben, der thätige ernste Parse, der wilde Afghane, der Perser mit seiner hohen Mütze von Lammfell und dem blauen Kaftan, der Ghurka, der Bewohner der Berge von Nepal, der Shawlhändler aus dem Himalaya und der schlaue bewegliche Chinese. Araber, Mohren und Juden, Derwische und Fakirs, der arme Kuli und Läufer neben geputzten Bayaderen, ernsten Brahminen und rothröckigen Sepoy's, Alles drängt sich in Gruppen zusammen, bis der Rüssel eines Elephanten bedächtig den Menschenknäuel auseinander schiebt oder der Ruf der Palankinträger, die irgend eine vornehme Dame oder einen trägen Europäer durch die Menge schleppen, eine Bahn in dem Gewühl öffnet.
Doch schien selbst dem unbefangenen Auge der französischen Nonne heute weniger als gewöhnlich das Interesse des Handels oder das Vergnügen diese Menge zu bewegen. Sie bemerkte, wie sich wiederholt Gruppen um einzelne Erzähler bildeten und sogleich auseinander stoben, wenn zufällig ein Europäer auf seinem Wege sich ihnen näherte. Die Sepoy's bewegten sich ernst und schweigend in dieser Menge, blieben bei einander stehen, oder tauschten Zeichen beim Begegnen, und maßen die Europäer
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mit finsteren Blicken. Die Kreise um die Mährchenerzähler und Tänzer wechselten rascher als gewöhnlich, und die Blicke des Volkes wandten sich wiederholt nach dem Platz vor dem Palast, in den zwischen Gärten und der hohen Palastmauer die Straße mündet, die von der Schiffbrücke her führt.
Ueber dies Drängen und Treiben hinweg flog das Auge der Nonne die enge gerade Straße entlang nach den großartigen, die niederen Häuser überragenden Massen der Jammamoschee, dieses vollendetsten Baues des byzantinisch-arabischen Styls, das der Muselman als das Wunderwerk der Erde preist, und zu dem er aus weiter Ferne wandert. In Afghanistan und dem fernen Egypten, selbst auf den Bazars des hohen Stambul fragt der Moslem nach dieser Moschee und preiset Denjenigen glücklich, der sich ihres Anblicks erfreuen konnte.
Schah Jehan baute mit 7000 Menschen sechs Jahre daran.15 Sie steht auf einem gleichseitigen, 450 Fuß breiten und 30 Fuß hohen Fundament aus rothen Sandsteinquadern. Breite Freitreppen führen von Norden, Osten und Westen durch große Thore in den Vorhof, an dessen westlicher Seite das prächtige Gebäude selbst sich erhebt, ganz aus weißem Marmor und rothem Sandstein gebaut, der mosaikartig in Linien und Arabesken eingelegt ist, oder in großen, zierlich gemeißelten Blöcken mit dem Marmor abwechselt. Ein mächtiges Portal, von zwei schlanken Minarets begrenzt und mit arabischen Inschriften aus dem Koran umgeben, führt in die von kantigen Säulen getragenen Marmor-Hallen und unter die Hauptkuppel. An den beiden äußersten Ecken erheben sich 150 Fuß hohe Minarets, zwischen denen und dem Hauptportal noch zwei hochgewölbte Dome über die Hallen hervorragen. Tag und Nacht brennen goldene und silberne Lampen in diesen Räumen, und aus Marmorbassins sprudelt der Wasserstrahl zu den Waschungen, die der Prophet den Gläubigen vorgeschrieben. - -
Miß Victoria ließ ungeduldig den Seidenknäuel und die Nadel fallen, mit der sie an einer Stickerei gearbeitet. »Sehen Sie noch Nichts von dem Zuge, Soeur Marie?« fragte sie, die
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Lectüre der ältern Nonne rücksichtslos unterbrechend. »Es muß bald acht Uhr sein, und die Hitze beginnt unerträglich zu werden.«
Schwester Marie winkte ihr verneinend zu und deutete nach der ältern Aufseherin; aber die junge, etwa achtzehnjährige Dame, die älteste der Pensionärinnen, achtete des Winkes nicht.
»Papa läßt unverständig lange warten! ich hoffe doch, daß die Schuld nicht etwa an dem Radschah liegt, den er uns vorführen will, es wäre sehr dreist von dem Nigger, unsern Teint der Mai-Sonne in diesem Lande auszusetzen, blos um seinen Flitterstaat zu bewundern. - Ich bitte Sie, Soeur Angelique, hören Sie auf mit der Lectüre von der heiligen Ursula - wir wissen die Geschichte bereits auswendig und unsere Freistunde hat begonnen!«
Ein leichtes Roth färbte das blasse Gesicht der alten Nonne; sie schloß das Buch, erhob sich und trat zu der dreisten Sprecherin. »Es würde Ihnen Nichts geschadet haben, Mademoiselle,« sagte sie ernst, »wenn Sie zu Ihrem bevorstehenden Austritt aus dieser Anstalt jenes erhabene Beispiel christlicher Ergebung in Leiden angehört hätten, die der Himmel auch den Stolzesten und Mächtigsten senden kann. Die Beschäftigung mit dem Heiligen ist stets eine bessere Vorbereitung für das Leben, als die Sucht nach irdischen Eitelkeiten.«
»Sie wissen, Madame,« entgegnete das schöne Mädchen, erglühend über den erhaltenen Verweis, »daß ich nicht Ihrem Glauben angehöre, die Geschichten Ihrer Heiligen also nicht anzuhören brauche.«
»Ich bin die Schwester Angelique für Sie, Miß Frazer,« sagte die Erzieherin mit Strenge. »Sie wissen sehr wohl, daß wir in diesem Hause Niemandem unsern heiligen Glauben aufdrängen, aber die Angehörigen der jungen Damen, die uns anvertraut werden, schenken uns das Vertrauen, daß wir eben so wissen, wie wir unsere Lehren zu geben haben. Scheuen Sie sich, von der Legende einer heiligen Märtyrerin Vortheil zu ziehen, so bietet Ihnen Ihr Strickrahmen Gelegenheit zu einer nützlichen Beschäftigung und Sie haben nicht nöthig, die Achtung gegen eine Ihrer Lehrerinnen aus den Augen zu setzen.«
Die hellblauen Augen des schönen Fräuleins füllten sich mit
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Thränen, nicht solchen der Demuth und Reue, sondern des stolzen Zornes über die Demüthigung, die ihr geworden. Sie griff hastig nach der entfallenen Wolle, welche die vor ihr knieende Dienerin ihr reichte und stach sich bei der heftigen Bewegung die entgegengehaltene Nadel tief in die Hand.
»Ungeschicktes Thier,« zürnte die Miß und ein heftiger Schlag ihrer Hand traf das Gesicht des Hindumädchens, daß dieses theils von dem eigenen, theils von dem Blut der schlagenden Hand gefärbt wurde.
»Pfui, Miß Frazer,« zürnte die Nonne, »Sie vergessen Sich und mich. Was kann diese arme Hindu für den Verweis, den Sie sich zugezogen? Den Augenblick bitten Sie sie um Verzeihung.«
»Was fällt Ihnen ein, Madame? Die Tochter des Oberst Frazer sollte eine Nigger um Vergebung bitten? Nimmermehr!«
»Ich gehe, Ihr Betragen der ehrwürdigen Mutter zu melden,« sagte die Erzieherin mit Ruhe. »Sie wird darüber entscheiden.«
»Ich kann heute eben so gut die Pension verlassen, als es ohnehin morgen geschehen soll,« entgegnete schnippisch die Tochter des Residenten, »und werde meinen Vater bitten, sobald er von seinem Besuch bei dem König zurückkommt, mich abholen zu lassen. Mich dünkt, ich bin alt genug, um endlich die Schülerin abzulegen.«
Die alte Nonne blieb in der Thür stehen und wandte sich nach der leichtsinnigen Sprecherin um, indem sie bedeutungsvoll die Hand erhob. »Dem Himmel sei es geklagt, Miß, daß die Vorbereitungen, die Sie hier für das Leben erhalten, nicht bessere Früchte getragen. Ich will zu Gott und den Heiligen beten, daß er Sie erleuchten und Ihnen das nicht anrechnen möge, was Sie eben gethan!«
Sie verließ, ihren Rosenkranz fassend, den Saal, während ihre junge und schöne Gegnerin in der Mitte desselben in trotzender Haltung stehen blieb, im Innern selbst mit sich unzufrieden, und dennoch zu hochmüthig, um dies zu zeigen.
Die Nonne hatte kaum die Thür geschlossen, als alle die
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jungen Mädchen eilig von ihren Plätzen sprangen und ihre Gefährtin in wirrem Durcheinandersprechen über den Vorfall umringten. Die älteren zollten ihrem Widerstände Beifall und beneideten sie um die bald erlangte Freiheit, während die jüngeren noch nicht wagten, eine so kühne Meinung laut werden zu lassen und sich begnügten, von den Folgen zu schwatzen.
An die arme Mißhandelte dachte Niemand.
Da faßte eine Hand die der trotzigen und hochmüthigen Miß.
»Sie thaten Unrecht, Victoria,« sagte eine sanfte Stimme. »Schwester Angelique verdient Ihre Achtung und die arme Aurunga hat Sie sicher nicht mit Willen verletzt.«
Es war die junge Nonne, welche so freundlich zu der Erregten sprach, und augenblicklich beruhigte sich deren Leidenschaft. »O, mit Ihnen ist es etwas Anderes, Soeur Marie,« rief die junge Miß, ihr um den Hals fallend, »Sie wissen, wie lieb wir Sie Alle haben und daß, was Sie sagen, uns Gesetz ist, obschon Sie nicht viel älter sind, als wir selbst. Aber die bigotte Strenge der Schwester Angelique mag ich nicht leiden, sie quält uns halb zu Tode mit ihren guten Lehren und möchte am liebsten lauter Fromme aus uns machen, die sich von diesem Niggervolk alles Mögliche anthun ließen. Als ob die braunen Geschöpfe Rechte hätten, wie wir! - Da, nimm das als Schmerzensgeld und belästige uns nicht länger mit Deinem Geschrei!« Sie warf der Hindudienerin einige Silberstücke zu, indem sie jetzt erst, das arme Geschöpf des ersten Blickes würdigte.
Die Geschlagene kauerte, ohne daß ihre Gefährtinnen ihr genaht wären oder ihr Beistand geleistet hätten, in einem Winkel und das Blut lief immer noch aus der Nase, während die junge Indierin, die vorher mit der Nonne auf dem Balkon gestanden, sich bemühte, mit ihrem eigenen in Wasser getauchten Taschentuch das Blut zu stillen.
Die Geldstücke rollten über die Marmorquadern bis zu den Füßen der Gemißhandelten; aber gegen die gewöhnliche Habsucht der Indier nahm sie dieselben nicht auf.
Sie erhob sich vom Boden, kreuzte die Arme über der Brust zum Salam gegen ihre junge Landsmännin, und indem sie einen
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drohenden Blick voll Haß auf Miß Frazer schleuderte, verließ sie das Gemach.
»Sich da - ein Wunder,« lachte Jene, »eine Nigger läßt das blanke Silber liegen, das man ihr geschenkt. Ei seit wann sind Deine Landsleute so zartfühlend geworden, kleine Irma, daß sie englisches Geld verschmähen?«
»Sie haben Aurunga ein unersetzliches Leid zugefügt, Mam Sahib,« entgegnete das junge Mädchen schüchtern, »Sie ist von einer hohen Kaste und Ihr Schlag hat sie dieser beraubt.«
»Nun, was weiter, Miß? meinetwegen mag sie einer Kaste angehören, welcher sie will, was kümmern mich Ihre indischen Narrheiten?«
Das freundliche Gesicht der jungen Hindu färbte sich mit dunklem Roth bei dieser Impertinenz.
»Mancher stolze Faringi, Mam Sahib,« sagte sie ernst, »hat es schon bereut, die heiligen Sitten meines Volkes verhöhnt zu haben. Aurunga bleibt eine Brahminentochter, wenn sie auch eine Dienerin geworden, und ihr Auge drohte Ihnen Rache, als sie den Saal verließ. Nehmen Sie sich in Acht vor ihr.«
»Sie vergessen, Mademoiselle,« entgegnete die Engländerin stolz, »daß ich die Tochter des Obersten Frazer bin und daß dieser in Delhi befiehlt.«
»Sie dürfen die Sache doch nicht so leicht nehmen, Victoria,« bemerkte die junge Nonne. »Ich habe gehört, daß ein Hindu den Verlust seiner Kaste dem Beleidiger nie vergiebt, und es wird sich hoffentlich ein Mittel finden, Aurunga zu beruhigen.«
»Bah - was kann sie mir thun? irgend eine kleine Bosheit, vor der ich mich hüten werde. Kommen Sie näher, meine Damen, ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges und Erfreuliches mitzutheilen.«
Die Mädchen umdrängten sie. »Was ist es, was haben Sie uns zu sagen? Geschwind heraus damit, ehe Schwester Angelique zurückkehrt.«
»Nun so hört. Ihr wißt, daß ich morgen die Pension verlasse, da übermorgen der Geburtstag meines Papa's ist?«
»Leider ja!«
»Ich wünschte, wir könnten Dich begleiten!«
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»Die Reihe wird auch an Euch kommen. Nun hören Sie. Papa giebt am Mittwoch zur Feier seines Geburtstags und um den Besuch des Rajah von Bhurtpur zu ehren, einen Ball. Die Offiziere von Mirut und viele von Aligur sind geladen.«
»Ei, da wird Lieutenant Willougby auch dabei sein?«
»Und der schöne Angelo Elton?«
»Und Procter?«
»Versteht sich - alle Offiziere der Garnison sind geladen und alle Familien, die auf Fashion Anspruch machen können. Auf diesem Ball werde ich zum ersten Male meine Stellung als Dame des Hauses repräsentiren.«
»Sie Glückliche!«
Der Neid lag auf den meisten der hübschen Gesichter.
»Sehen Sie, was ich hier habe?«
»Ei das sind Karten - vielleicht Einladungskarten zum Ball?«
»Gewiß - und zwar Einladungen für Sie - für die sechs Aeltesten.«
»O wie schön - aber was nutzt uns dies? Wir dürfen ja nicht hin. - O das ist abscheulich, uns so zu foppen!«
»Auch daran ist gedacht - Alles ist bestens besorgt. Ich erwarte jeden Augenblick Lady Hunter, meine Tante. Sie wissen, daß diese großen Einfluß auf die ehrwürdige Mutter hat, und sie überbringt die Bitte meines Vaters, daß meinen Freundinnen aus der Pension gestattet werden möge, an unserm Fest Theil zu nehmen. Sie werden Urlaub erhalten, meine Lieben, ich bürge Ihnen dafür, so wahr mein Papa Resident in Delhi ist! Wie Schade, Soeur Marie, daß Sie uns nicht begleiten können.«
Ein leichtes trauriges Lächeln der Entsagung stahl sich über das schöne Antlitz der jungen Nonne. »Ich kenne die rauschenden Freuden der Welt nicht,« sagte sie milde, »und deshalb vermisse ich sie auch nicht. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück in dieser mir fremden Welt, Miß, und vor Allem, daß Sie Ihre Heftigkeit zu zügeln wissen und lernen mögen, daß jeder Mensch Anspruch auf die Nachsicht seines Nächsten hat.«
Ein Diener des Hauses öffnete die Thür und meldete: »Die Mam Sahib Hunter, die Frau des großen Priesters!«
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Lady Adelaide trat ein und Alle eilten ihr entgegen, denn trotz des verschiedenen Glaubens war die Dame eine besondere Beschützerin der Nonnen und in dem Pensionat sehr geehrt.
Irma, das junge Hindumädchen eilte auf sie zu und küßte ihr demüthig die Hand. Die Lady reichte die ihre der jungen Nonne und begrüßte freundlich die Mädchen.
Lady Adelaide hatte nur wenig von ihrer Schönheit verloren, obschon auf ihrem blassen, fast durchsichtigen Antlitz die Spuren innern Leidens und des krankhaften Zustandes, welchen das Tropenklima hervorgerufen, deutlich sichtbar waren. Ihre schönen Augen hatten jenen transcendentalen Glanz, jene eigenthümliche Klarheit und Größe angenommen, die man häufig gerade bei ihren Landsmänninnen findet, wenn jene entsetzliche Geißel der Krankheit, die auf ihrer Nation lastet, ihre Krallen auf das erwählte Opfer legt. Ein engbegrenzter Anflug fieberhafter Röthe auf den zarten Wangen, ein kurzer die Brust beengender Athem waren Symptome, die den erfahrenen Blick des Arztes besorgt gemacht hätten.
»Ich komme im Auftrage Deines Vaters, mein Kind,« sagte sie zu Miß Frazer, »Deine Freundinnen zu dem kleinen Fest auszubitten, das der Oberst übermorgen geben will. Lasse der ehrwürdigen Mutter meine Ankunft melden, und sie um eine Unterredung bitten, denn ich habe Eile, da ich der amen Mistreß Elkinson noch einen Besuch machen will und um zehn Uhr im Lazareth erwartet werde.«
»Mistreß Elkinson ist krank?«
»Seit drei Tagen, sie kann das Bett nicht verlassen und die Aerzte hegen Besorgniß. Dazu ist ihr Mann abwesend und die Aufsicht über ihr Kind nur fremden Dienern anvertraut.«
»Sie schonen Ihre kostbare Gesundheit zu wenig, Madame,« sagte die junge Ursulinerin. »Die Leidenden nennen Sie nicht umsonst den guten Engel von Delhi, und tausend Kranke und Hilflose segnen Sie als Retterin, aber Sie vergessen sich selbst darüber. Jede Anstrengung ist in dieser Jahreszeit und in diesem Klima doppelt gefährlich.«
Die Lady richtete einen kurzen aber ausdrucksvollen Blick nach dem Bilde jener Schmerzensreichen, die mit himmlischer
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Ergebung die tiefsten Leiden der Erde trug, und lächelte sanft: »Jede von uns, Soeur Marie, hat den Kreis ihrer Pflichten, und der Ihre ist auch nicht mit Rosen bekränzt. Ich war sechs Wochen von Delhi entfernt, mein Gemahl wollte es so, indem er glaubte, die frische Luft von Ludhiana würde meiner Brust wohl thun. Aber ich sehnte mich zurück nach meinen Kranken und ich hoffe, sie freuen sich meines Wiederkommens.«
»So sollten Sie wenigstens vermeiden, liebe Tante, sich in den Hütten der Hindu's und bei den widrigen Krankheiten der Eingebornen fortwährender Gefahr auszusetzen,« redete Miß Frazer ein. »Ich begreife nicht, wie man sein Mitleid an solche Geschöpfe verschwenden mag. Sie können sich den Tod dort holen.«
Die Lady legte mit einer unwillkürlichen Bewegung die zarte durchsichtige Hand auf die Brust. »Auch jene armen Heiden, Victoria, sind unsere Brüder und Schwestern,« sagte sie mild, »und bedürfen unsrer Hilfe mehr, als sie, denen das Licht des Christenthums leuchtet. Laß uns das höchste Gebot des Schöpfers erfüllen, der seine schöne Welt nicht bloß den Weißen gegeben.«
Sie liebkoste freundlich das Hindumädchen, das sich an sie gedrängt und mit Blicken von Verehrung und Bewunderung zu ihr emporschaute, als der Schall von Trommeln und Militairmusik und das laute Geschrei der Volksmenge von der Straße heraufdrang.
»Sie kommen! sie kommen! geschwind!« riefen die jungen Mädchen und eilten nach dem Balkon der Veranda.
»Es ist der Oberst, Dein Vater, ich begegnete dem Zug bereits auf der Kashemir-Straße,« sagte freundlich die Lady. »Laß Dich nicht abhalten, das Schauspiel anzusehen, und auch Sie, meine liebe Marie, widmen Sie immerhin einen Blick demselben, Sie sind noch zu jung, um allen Freuden der Welt zu entsagen, wenn Sie auch Gott danken mögen, daß Sie vor ihren Versuchungen in diesen Mauern geschützt bleiben. - Ich will unterdeß Ihre Oberin aufsuchen.«
Sie drückte dem jungen Mädchen die Hand und entfernte sich in das Innere des alten Palastes.
Die jungen Damen und Mädchen waren in die Veranda geeilt, um den Zug des Residenten und des Rajah von Bhurtpur
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nach dem Dauri Serai, dem Palast der Großmogule, mit anzusehen.
Ein dichtes Menschengedränge wogte in der Chandi-Choak, über dessen Köpfe her die langen Hälse der Kameele und die mächtigen Rücken der Elephanten sichtbar wurden. Zuerst kam eine Anzahl Peons oder Polizeimannschaften, die mit ihren langen weißen Stöcken ohne Weiteres die Leute auf die Köpfe schlugen und bei Seite schoben, um dem Zuge Platz zu machen. Dann folgten die Sowars oder Kameelreiter des Rajah und auf prächtig geschirrten Pferden seine Hausdiener und Offiziere, sämmtlich in lange weiße Frauenröcke gekleidet, mit rothen spitz zulaufenden Turbanen, den Schild auf dem Rücken, den Säbel in der Faust. Eine Schaar von Musikanten schritt vor der Hauptgruppe des Zuges her, einen wahrhaft entsetzlichen Lärmen mit Cymbeln, Kesseltrommeln, Becken und Flageolets vollführend.
»Fi donc!« schalt Miß Forrest, die Ohren zuhaltend, »das ist so abscheulich, und klingt fast eben so, als wenn die kleine Irma Klavier spielt. Sehen Sie, Victoria - da kommen die englischen Offiziere. Angelo ist darunter, und Capitain Gordon Butler.«
»Da neben Oberst Riplei[y] reitet Smith vom 74sten. Aber wo ist Ihr Bruder, Wally?«
»Ich glaube, er hat die Wache im Arsenal.«
»Ah seht, wie Willougby seinen ›Gibraltar‹ courbettiren läßt und herauf blickt. Glückliche Victoria, der Gruß gilt Dir!« Ein junger Offizier hob sein schönes Vollblut-Pferd, gerade als er dem Balkon gegenüber war und salutirte mit dem Säbel. Er war eine schlanke, hohe Gestalt, deren breite Schultern und schmale Hüften besondere Kraft andeuteten, das Gesicht gebräunt von der Sonne Indiens, von einem dunklen Backenbart gehoben.
Die Miß verbeugte sich über den Steinrand des Balkons und ließ den Strauß duftender Blumen, den sie aus einer der Vasen genommen, auf die Straße fallen.
Zugleich mit ihm flog eine einzelne weiße Rose nieder.
Noch ehe die Blumen den Boden erreicht, gleichsam während sie noch in der Luft schwebten, warf der Offizier sein Pferd zur Seite und mitten in die an der Seite des Weges drängende
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Volksmenge, so daß dieselbe eilig zurückwich und der Strauß und die Blume fast vor den Füßen seines Rosses auf die weißen Marmorquadern des Pflasters niederfielen.
Der Lieutenant streckte sein Pferd aus, und mit einer den wilden Sikhreitern nachgeahmten Bewegung warf er sich an der Seite des Sattels nieder, ohne diesen zu verlassen, so daß seine Hand bequem den Boden berühren konnte.
Als er wieder emporschnellte und das edle Thier unter seinem Sporenstich zugleich mit einem gewaltigen Satz vorwärts sprang, hielt seine Hand beide Zeichen - das Bouquet und die Rose.
Das kleine Abenteuer war so rasch vorüber gegangen, daß es kaum von den nachfolgenden Gruppen des Zuges bemerkt worden war. Desto genauer hatte man es auf dem Balkon der Pension der Ursulinerinnen beobachtet.
Miß Frazer wandte sich hastig um. »Wer warf die Rose - wer war es, der die Blume warf?«
Ihr Auge forschte fragend umher und blieb mit Erstaunen zuletzt auf der jungen Nonne hängen, die dicht hinter ihr gestanden, und deren hübsches Gesicht jetzt mit dunklem Purpur übergossen war, und die Augen beschämt zu Boden schlug.
»Wie, Sie, Schwester Marie, Sie warfen die Rose?«
»Verzeihen Sie, Miß,« sagte mit tiefer Verwirrung, aber doch nicht ohne das Erbtheil aller Evatöchter, der raschen Geistesgegenwart in solchen Fällen, die junge Nonne. »Verzeihen Sie, Miß, ich sah nicht, daß Sie bereits Blumen hatten und wollte Ihnen zu Hilfe kommen.«
»Nun, es wäre auch gar zu komisch,« lachte Wally Forster, »wenn Soeur Marie, unsere liebe Lehrerin, Victorien ihren Anbeter abspenstig machen wollte. Aber seht, Kinder, da kommt der Oberst und der Rajah - puh, was der für ein gelbes, grimmiges Gesicht macht in all dem Staat, den er angelegt.«
In der That nahte so eben die Hauptgruppe des Zuges der Stelle unter dem Balkon. Der Rajah von Bhurtpur erschien aus einem kolossalen, prächtig geschmückten und zierlich in Blau, Roth und Gelb bemalten Elephanten, auf dessen Kopf ein goldener Pfau sich erhob, dessen ausgespreiztes Gefieder im Licht der Sonne von Edelsteinen strahlte, so daß das Auge den reflectirenden
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Glanz kaum zu ertragen vermochte. Ein in weiße und rothe Gewänder gekleideter Kornak saß auf dem Nacken des Thieres und leitete mit einem Spitzstock seine plumpen, aber majestätischen Bewegungen. Der Rajah selbst, der nach Delhi gekommen, um bei der erwarteten Ankunft Sir Mallinghams, des Mitgliedes des Directoriums von Indien, diesem seinen Besuch zu machen, und bis dahin mit seinem zahlreichen Gefolge auf dem großen Ruinenfeld sein Lager aufgeschlagen hatte, saß in einer silbernen Haudah, hinter welcher ein Diener kauerte, der einen großen Sonnenschirm von Pfauenfedern über dem Haupt des Gebieters hielt. Der Rajah war ein noch junger Mann von etwa 25 Jahren, groß, stark, aber von Blatternarben entstellt. Er war unter der speciellen Aufsicht der Engländer erzogen worden und erst vor Kurzem, nach dem Tode seines Vaters, eines besondern Freundes der Engländer, zur Regierung gekommen, weshalb er auch die Gelegenheit benutzen wollte, dem einflußreichen Abgeordneten der Regierung in Kalkutta seine Achtung zu bezeugen. Er trug ein blauseidenes langes Gewand, mit Goldborten besetzt und reich mit Juwelen geschmückt. Dicht hinter ihm auf Kameelen und Elephanten kamen seine beiden Brüder in grünseidenen Kleidern und seine neunzehn Barone und Minister in grellbunten Gewändern.
Neben dem Rajah ritt, gleichfalls auf einem Elephanten, der Resident, Oberst Frazer. Hinter dem Gefolge der Beiden kamen ein Trupp der Soldaten des Rajah zu Pferde, mit Lanzen, Schildern und Schwertern bewaffnet; eine Compagnie Sepoy's vom 74. Regiment bildete den Schluß.
Oberst Frazer grüßte, als er an der Erziehungsanstalt vorüber kam und die jungen Damen auf dem Balkon bemerkte, freundlich winkend hinauf, und auch der Rajah, von ihm aufmerksam gemacht, gab seinen Salem, indem er mit der Hand die Stirn und Brust berührte.
Der Zug setzte ohne Aufenthalt seinen Weg nach dem Platz vor dem Dauri-Serai fort und schwenkte sich um die westliche Seite desselben, um durch das große Thor seinen Einzug zu halten.
Der berühmte Kaiser-Palast von Delhi ist von einer 60 Fuß hohen Mauer von rothem Granit und einem großen Wallgraben
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auf drei Seiten eingefaßt, auf der vierten stößt er an die Dschumna. Er übertrifft an Größe bei Weitem den berühmten Kreml von Moskau und umschließt eine Menge von Gebäuden, Moscheen und Bädern.
Das Thor, durch welches der Zug den ersten Hof des Palastes betrat, bildete einen prachtvollen gothischen Bogen, wie bei einer der herrlichsten Kathedralen des Mittelalters, Alles von polirtem Granit und mit dem schönsten Schnitzwerk von Blumen und Arabesken nebst Sprüchen aus dem Koran bedeckt.
Am Eingang des Thores empfing sie Capitain Douglas, der Befehlshaber der Palastwache, der über dem Thor seine Wohnung hatte. Die Leibwache, nach dem europäischen Reglement eingeübt, aber in orientalischer Kleidung und mit Luntenflinten bewaffnet, bildete im Innern zu beiden Seiten Spalier.
Der Hof, in den die Elephanten und vornehmsten Reiter jetzt eingetreten waren, während die Krieger des Rajah und die Sepoy's auf dem Platz vor dem Palast zurückblieben, war etwa 300 Fuß lang, von einem kleinen Kanal durchschnitten, und bildete den Stallhof. Die Reiter mußten hier die Elephanten und Pferde verlassen, indem die Etikette bei Besuchen des seinen traurigen Scheinprunk mit ängstlicher Sorge festhaltenden Fürsten vorschrieb, daß man nur zu Fuß den Kanal überschreiten und die inneren Höfe betreten durfte.
Während des Absteigens näherte sich Capitain Douglas dem Residenten.
»Haben Sie weitere Anzeichen zu berichten, Capitain,« fragte dieser, »oder hat der alte Thor mit seinen Söhnen sich zum Nachgeben bequemt? Goddam! ich will ihn und das ganze Gesindel lehren, Umtriebe anzuzetteln und uns zu trotzen. Die Regierung thäte am Gescheidtesten, der ganzen Herrlichkeit ein Ende zu machen und die Familie auf und davon zu jagen.«
»Der alte Mann,« entgegnete der Capitain, »ist eine bloße Null und hat nicht einmal Kraft genug, um seine Weiber in Ordnung zu halten. Der Gefährlichste von der Familie ist und bleibt Prinz Jehan. Er ist ein kühner Mensch, besitzt die Liebe der Sepoy's, und wagt es, uns offen Trotz zu bieten.«
»Hat er sich in der letzten Zeit auf's Neue entfernt? Die
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lange Abwesenheit vor Beginn der letzten Regenzeit, über die er nur ungenügende Aufschlüsse gegeben, hat ihn verdächtig gemacht. Ich hoffe, Sie haben ihn streng beobachten lassen?«
»Man hat ihn seit einigen Tagen viel mit einem Mahratten und mit einem fremden Derwisch, die in einer Karawanserai am Delhi-Thor wohnen, verkehren sehen. Ich sandte gestern Morgen eine Wache ab, um die Leute holen zu lassen und zu befragen, aber sie waren verschwunden. Doch, Colonel, dies ist es weniger, was mich besorgt hat.«
»Was sonst? - reden Sie!«
»Ich weiß nicht, mir kommt es vor, als zeige sich ein eigener trotziger Geist unter der ganzen Bevölkerung. Blicken Sie diese schwarzen Kerls an, die gewohnt sind, jedem Wink meiner Augen rascher zu gehorchen, als den Befehlen des Königs. Sie sehen finster und verdrossen aus und ich habe ihrer bereits fünf heute zum Arrest schicken müssen wegen Ungehorsams. Auf der ganzen Stadt scheint mir seit gestern ein anderer eigenthümlicher Geist zu liegen.«
»Sie haben Recht, Capitain - das Benehmen des Volks ist nicht das gewöhnliche. Es herrscht ein ungewohntes Schweigen unter der Menge - und doch ist Alles in Bewegung und Aufregung.«
»Lassen Sie uns auf der Hut sein, Sir - ich fürchte, es geht etwas vor, von dem wir nicht wissen.«
»Bah - irgend vielleicht eine ihrer religiösen Narrheiten, die ein unwissender Bursche verletzt hat. Sie werden bald genug mit ihrer Klage ankommen. Unterdessen will ich Ihnen hier Gehorsam verschaffen und den alten Narren mit seinem Harem zur Ordnung bringen. Ich sehe, der Rajah ist bereit, lassen Sie uns vorwärts gehen. Wo erwartet uns der König?«
»In den Gärten am Fluß, Oberst!«
Auf ein Zeichen, das der Capitain gab, setzte sich der Zug in Bewegung, überschritt den Kanal und gelangte durch ein großes Portal in den zweiten, ein Viereck bildenden Hof, in dem der äußere Thron angebracht ist. Er steht in einer aus weißem Marmor gebauten Säulenhalle, dem Eingang gegenüber. Zwanzig Säulen in arabisch-byzantinischem Styl in zwei Reihen
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bilden die Front auf beiden Seiten; der Thron selbst ist oder war vielmehr ein marmorner Sessel, die Rückseite geschmückt mit Arabesken in florentinischer Mosaik, unter denen ein Orpheus, aus Edelsteinen gebildet, eine besondere Pracht zeigte. Vor diesem Throne ertheilten die Großmogule den Gesandten und den Vornehmsten des Reiches Audienz, wenn diesen anbefohlen war, auf Elephanten zu erscheinen, deren hier an 200 Platz hatten.
Jetzt, in dem Verfall der alten Herrlichkeit, wird der Hof zum Empfange der Besucher durch die Schobedars und die Hausdiener des Schattenkönigs benutzt, die hier Diejenigen, welche zur Audienz, kommen, mit der Tschoga oder dem Ehrenkleide versehen.
Aus dem Hof des äußern Thrones gelangten der Resident und sein Begleiter durch ein kleines nördlich gelegenes Thor in einen mit weißen Marmorplatten ausgelegten Hof nach dem Dewan[-]Kost, dem aus weißem Marmor gebauten offenen Audienz-Saal. Die gewölbte Decke desselben wird von 32 Marmorsäulen in zwei Reihen getragen. In der Mitte stand der berühmte Pfauenthron aus schweren Goldtafeln, mit Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen überzogen, zwischen zwei goldenen Pfauen in Lebensgröße, die ihre ausgebreiteten Edelsteinschweife erhoben hatten, und über denen ein Papagey in natürlicher Größe, aus einem einzigen Smaragd geschnitten, den prachtvollsten Thron der Erde zierte. Er hatte einen Werth von mehr als fünfzig Millionen Thalern. Den kostbarsten Stein des Thrones, einen Rubin erster Schönheit und Größe, hat Timur geraubt, den übrigen Edelsteinschmuck entführte Nadir-Schah mit sich nach Persien.
Zur Zeit unserer Erzählung war in Stelle des einst so prächtigen Thrones nur noch ein einfacher Sessel auf hohem Fundament stehend vorhanden, bedeckt mit dünnen Goldplatten und Perlen und Edelsteinen von geringerm Werth. Ein Himmel, von silbernen Säulen getragen, schwebte darüber, und wie werthvoll auch immer noch diese Nachbildung in europäischen Augen gelten mochte, so klang doch die Inschrift zur Seite in arabischen Lettern: »Wenn je das Paradies auf Erden, so ist es hier! so ist es hier! so ist es hier!« in der Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit jetzt nur wie ein Spott!
Südlich von Dewan-Kost, längs des Flusses, liegen die in
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arabischem Style erbauten Marmorpaläste des Königs und seiner Frauen, nördlich die Bäder, Gärten, die Wohnungen der Prinzen und eine kleine Moschee. Alles ist aus weißem Marmor mit eingelegter Edelsteinmosaik erbaut, wobei Pracht mit Ueppigkeit und Bequemlichkeit wetteifern, und die zierlichen, mannigfaltigen Muster an den Säulen, Erkern und heraustretenden Hallen bewunderungswürdig kunstsinnig und geschmackvoll erschienen.
Aber auch damals schon, ehe noch die Kugeln der erbitterten Engländer einen großen Theil dieses prachtvollen Baues zerstörten, war Vieles in traurigem Verfall.
Zwei große Fontainen warfen ihre Strahlen in der Mitte des mit einigen großen Tamarinden, Bananen und Blumen aller Art besetzten Gartens in die Höhe, durch welchen der oberste Stabträger des entthronten Monarchen den Residenten und den fremden Fürsten, nachdem er ihnen gleichsam alle Herrlichkeiten des Palastes auf dem Wege zur Schau gestellt hatte, vor seinen Herrn führte.
Der alte König von Delhi, jetzt ein Mann in den Siebzigen, befand sich in einem arabischen Kiosk mit vergoldeter und emaillirter Kuppel, der sich nach den Gärten in einer Säulenhalle öffnete, während die breiten balkonartigen Fenster nach dem Dschumna hinausgingen und den Blick auf die Schiffbrücke und das andere Ufer gestatteten.
Abul Mahomed, der letzte Großmogul von Delhi, saß auf einem mit Goldstoff überzogenen Divan, umgeben von seinen Söhnen und Verwandten, seinen sogenannten Ministern, Dienern und Eunuchen. Er war ein Mann von unförmlich dicker und plumper Körpergestalt, aber einem gutmüthigen apathischen Gesichtsausdruck. Er trug ein Gewand von rother Seide mit Goldborten verbrämt, nach Art eines Weiberrocks und einen kostbaren Shawl um die Schultern gelegt. Sein Turban war roth und mit einer kostbaren Agraffe von Smaragden geziert, die einen kleinen Busch von Reiherfedern hielt. Die dicken kurzen Finger waren fast bis zu den Spitzen mit werthvollen Ringen bedeckt, und zwischen den Lippen hielt er das Mundstück einer Hukah, deren langes gewundenes Rohr mit Perlen und Edelsteinen besetzt war.
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Einen eigenthümlichen Kontrast zu dieser orientalischen Pracht bildete das einfach weiße Gefieder von zwei Tauben, die auf der Schulter und dem Arm des Nachkommen der mächtigen Beherrscher Indiens ohne Scheu vor der umgebenden Menge sahen und von ihm von Zeit zu Zeit geliebkost und gefüttert wurden.
Andere Tauben flogen durch die offene Halle ab und zu, und ein ganzer Schwarm, der auf den Gesimsen und auf dem Rande des Springbrunnens saß, erhob sich bei der Annäherung des Zuges und flog umher, denn eine Unzahl dieser im Orient ohnehin für heilig gehaltenen Vögel bewohnte den Garten und den Palast des Großmoguls, der eine große Vorliebe für sie hatte.
Der Resident sah, daß die Favorit-Begum des Mogul, Sinat Mahal, an seiner Seite saß, tief in Schleier gehüllt, während ihr junger Sohn Dschumna Bukh zu ihren Füßen kauerte und ihr alter Vater neben ihr stand. Die vierzehn anderen Söhne des Kaisers, darunter Akhbar Jehan, der Gefährlichste und Entschlossenste der Familie, Bukthur und Timor Aly, standen hinter ihrem Vater.
Als der oberste Schobedar sich dem Sitze des Kaisers näherte, warf er sich nieder und berührte drei Mal mit der Stirn den Boden. Dasselbe Ceremoniell wiederholten alle Hindu's, den Nasah eingeschlossen, dessen Familie von geringerer Abstammung war, als die des Moguls, wogegen viele andere Fürstenfamilien Hindostans, z. B. der Rajah von Jeypur, von weit älterer und vornehmerer Familie abstammen, und daher sorgfältig vermieden, Delhi zu betreten, um nicht einem Geringern als sie selbst, ihre Ehrfurcht bezeugen zu müssen.
Die Engländer begnügten sich mit drei tiefen Verneigungen, wobei der oberste Schobedar mit lauter Stimme ausrief: »Sehet die Zierde der Welt! Sehet die Zuflucht der Völker! Den König der Könige! Den König Abul Mahomed!«
Hierauf traten der Schatzmeister des Rajah und der Secretair des Residenten vor und legten auf einem weißen Tuch zu den Füßen des Königs die Totschakana, oder das übliche Geschenk nieder, denn es ist Brauch, daß bei jedem Besuch indischer Fürsten, sowohl unter sich als von den Engländern, Geschenke
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ausgetauscht werden, die zum Theil in Ehrenkleidern, Waffen, Juwelen u. s. w. und in Goldstücken bestehen. Um diesen Gebrauch zu regeln, hat die ostindische Compagnie bestimmt, daß alle ihren Beamten gemachten Geschenke abgeliefert werden müssen und der Erlös einer besondern Kasse zu Gute kommt, aus der wieder die Gegengeschenke bestritten werden.
Die Totschakana des Rajah von Bhurtpur bestand in mehreren werthvollen Shawls, Edelsteinen und Goldstücken, von letzteren empfing auch der künftige Thronfolger eine geringere Anzahl.
Die Augen der Sinat Mahal und der Söhne des Moguls maßen mit Begier die Größe der Geschenke und in vielen Gesichtern zeigte sich Verdruß und Zorn, als der Resident nur ein Geschenk von zehn Goldstücken auf das Tuch werfen ließ und die Prinzen gar nicht bedachte.
»Rohanna Rû, der Rajah von Bhurtpur,« sagte der Oberst, der des Hindostani vollständig mächtig war, nicht ohne Spott, »wünscht dem mächtigen Schah Abul Mahomed seine Ehrfurcht zu bezeugen. Da er in Gesellschaft seiner und Deiner Freunde, der Faringi, kommt, so hoffe ich, Du wirst ihm das Licht Deines Angesichts zuwenden, obschon früher Eure Familien in Zwist lebten.«
»Er ist mir willkommen, Sahib,« sagte der alte Mann, »und Ihr möget die Hukah des Friedens mit dem Lichte der Welt rauchen.«
Der Rajah und der Resident wurden hiernach von den Babu's oder Schatzmeistern des Moguls in ein Nebengemach geführt und dort mit dem Gegengeschenk des Königs, einer Tschoga von flitterhaftem und werthlosem Aufputz bekleidet. Der Turban des Rajah wurde mit einem goldgestickten Schleier umwickelt und ebenso der Hut des Residenten.
Als sie in die Halle zurückgekehrt waren, brachten die Diener auf goldenen Platten Scherbet und allerlei Süßigkeiten und reichten sie umher, während vor jedem der Gäste eine Hukah niedergelegt wurde.
Der Rajah von Bhurtpur war als ein sehr schweigsamer Mann bekannt und die Unterhaltung daher eine sehr spärliche,
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sich auf Erkundigungen nach dem gegenseitigen Wohlergehen beschränkend.
Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sich der Rajah, sich wegzubegeben, und sein Auge traf fragend den Residenten, als dieser ruhig sitzen blieb.
»Verzeihe Hoheit,« sagte Oberst Frazer, »daß ich Dich nicht begleite, ich habe mit dem ›Schatten der Welt‹ noch zu reden und Capitain Douglas wird meine Pflichten erfüllen. Morgen werde ich Dich in Deinem Lager besuchen.«
Der Mogul tauschte einen besorgten Blick mit seinen Söhnen und seinen Ministern bei dieser Erklärung des Residenten, doch er konnte der angekündigten Unterredung nicht ausweichen. Die Augen Akhbar Jehans und der Sinat Mahal aber begegneten sich mit Bedeutung, und der Sohn des Moguls trat an die hohen offenen Fenster des Pavillons, die nach der Dschumna hinaus gingen.
Ein triumphirendes Lächeln überzog sein braunes Gesicht, als er die Gegend überblickte und er hob einen Finger seiner linken Hand in die Höhe, seiner Vertrauten als Zeichen.
Unterdeß hatte sich der Rajah verabschiedet, und unter demselben Ceremoniel, wie er gekommen, den Gang eines trabenden Elephanten nachahmend, wie es die Etikette der indischen Höfe vorschreibt, verließ er mit seinem Gefolge den Pavillon und den Garten, begleitet von Capitain Douglas.
Oberst Frazer und Lieutenant Willougby blieben unter den Hindostani zurück.
»Ich habe Deiner Majestät zu melden,« sagte der Resident nach kurzer Pause, »daß die Regierung Ihrer Majestät der Königin Victoria und das Direktorium der hohen Compagnie sehr unzufrieden mit Deinem Verhalten sind. Es ist mir die Nachricht zugekommen, daß Deine Familie und Deine Diener Trotz und Ungehorsam gegen die Befehle des Capitain Douglas zeigen, und bei jeder Gelegenheit ihre Unzufriedenheit mit den Anordnungen der Compagnie an den Tag legen. Sie weigern sich, die Leute, die den Palast betreten, einer Prüfung zu unterwerfen, und überreden die Leibwache, daß sie nur den Befehlen der Prinzen Gehorsam schuldig seien.«
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»Wallah, Sahib, was kann ich thun, ich bin ein alter Mann und die Knaben lachen mir in den Bart,« entgegnete der Sultan, »das Licht der Welt, der Sohn Akhbar Schah's ist bosch, Nichts, in ihren Augen. Du selbst weißt es am besten, da ich nicht einmal einen Eunuchen tödten lassen darf, der meine Augen besudelt hat.«
Der alte Mann spielte auf ein Ereigniß an, das kurz vorher vorgekommen war. Er lebte mit seiner Familie nicht im besten Vernehmen und mit seinen sogenannten Ministern in fortwährendem Streit, und besaß in der That so wenig Gewalt, daß er noch wenige Tage vor der Audienz sich genöthigt gesehen hatte, den Beistand des britischen Residenten in Anspruch zu nehmen, um seinen Hausminister aus dem Palast werfen zu lassen, den derselbe nicht freiwillig verlassen wollte. Eben so ging es ihm in seinem Harem. Eines seiner Kebsweiber wurde, ihm unbewußt, guter Hoffnung, bald darauf eine zweite, und es ergab sich, daß ein als Eunuch gekaufter Wächter des Harems die Ursache war. An dem Sclavenhändler konnte sich der ergrimmte Kaiser nicht rächen und den angeblichen Eunuchen durfte er nicht mit dem Tode bestrafen, da ihm solche Gerechtigkeitspflege streng von den Engländern untersagt ist. Erst nach vielen Bitten bei der über seine letzte Heirath erzürnten Familie erlangte er es, daß der Pseudo-Eunuch mit Peitschenhieben aus dem Palast gejagt wurde.
»Was geschieht, geschieht in Deinem Namen,« erklärte der Resident, »und Du weißt, daß Capitain Douglas bereit ist, Dir bei jedem billigen Begehren Hilfe zu leisten, auch wenn Du jene Männer,« er wies auf die Schaar der Söhne, »ein für alle Mal aus Deiner Nähe entfernen willst. Die Regierung von Indien hat auf meine Bitte eines ihrer obersten Mitglieder hierher gesandt, um die Sache zu untersuchen, denn ich weiß, daß Deine Söhne mit der vertriebenen Mähe Tschund, der frühern Königin von Lahore, und den Räubern der Thür in Verbindung stehen. Sir Robert Mallingham ist auf dem Weg hierher.«
»Ai! ai! Das ist schlimm,« jammerte der alte Mogul. »Es sind böse Buben, aber ich bin in ihrer Gewalt. Sie
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verlangen Geld von mir, und die Faringi geben mir keines. Ich bin ein geplagter Mann.«
»Du erhältst regelmäßig, was die Regierung Dir ausgesetzt hat, die Wirthschaft in dem Palast aber ist eine so liederliche, daß das Geld nicht für die Hälfte der Zeit ausreicht, und täglich neue Schulden bei den Babu's gemacht werden. Ich weiß, daß schon viele Kostbarkeiten verkauft und die Güter des Tajul16 verpfändet worden sind. Das aber ist gegen den Vertrag.«
»Ist der Enkel Aureng-Zebs, der Sohn der Herrscher Indiens ein Sclave der Faringi, daß er nicht mehr wagen darf, über sein Eigenthum zu schalten?« zürnte Prinz Jehan, indem er sich kühn gegen den Residenten wandte.
»Ich kenne Deinen aufrührerischen Geist,« entgegnete streng der Oberst, »und rathe Dir wohlmeinend, zu schweigen, bis die Reihe an Dich kommt. - Ein Kerl, Chuni mit Namen17 der sich den Herausgeber und Redakteur einer indischen Zeitung nennt, läuft mit seinen Schreibereien in der Stadt umher, und liest dem Volk vor den Moscheen, den Pagoden und in den Kaffeehäusern mißvergnügte Artikel vor, die er im Auftrag des Königs geschrieben zu haben vorgiebt. Sie enthalten Klagen über die Engländer und fordern unsinniger Weise die Wiederherstellung des alten Reiches der Großmogule.«
»Inshallah! was kann ich thun! Der Chuni ist ein Lump, obschon er sehr gute Geschichten erzählen kann. Laß ihm die Bastonade geben. Es müßte freilich ein schönes Ding sein, wenn der Thron meiner Väter wieder so mächtig würde, als zur Zeit, da Ihr Faringi in dies Land kämet.«
»Wallah! Gutgesagt! Sehr wohl!« murmelte der gesammte Hofstaat.
»Deine Väter haben den Thron nicht gegen ihre eigenen
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Vasallen beschützen können und Du solltest den Engländern Dank wissen, daß sie Dich für viele Verräthereien wenigstens in dem Rest Deines Eigenthums beschützen,« entgegnete der Resident, der keine Lust hatte, sich über die Rechtmäßigkeit der englischen Besitznahme zu streiten. »Jener Kerl von Zeitungsschreiber ist bereits festgenommen, und die Folter wird ihm das Geständniß abzwingen, was Wahres an seiner Behauptung und wer der Urheber jener Aufreizungen ist. Vorerst habe ich Dir, bis das General-Gouvernement weiter entscheidet, mitzutheilen, was ich für nöthig halte!«
»Ai gusum! Licht meiner Augen! was werde ich hören müssen?«
»Ich verlange von Dir, daß diejenigen Deiner Söhne und Verwandten, denen die Regierung Ursache hat, zu mißtrauen, und deren Namen auf diesem Papier verzeichnet sind, mit ihren Familien sofort Deinen Palast und Delhi verlassen, sich auf die Landgüter jenseits der Dschumna begeben, und nicht ohne meine ausdrückliche Erlaubniß sich von dort entfernen dürfen.«
»Inshallah, was muß ich hören!« jammerte der alte Herrscher. »Bin ich ein Vater und habe Kinder, daß ich sie verstoßen soll? Die Esel werden mein Grab besudeln, wenn ich gestorben bin!«
»Nimmermehr!« rief Bukthur, der zweite Sohn des Königs. »Kommt dieser Faringi hierher, unserm Vater in den Bart zu lachen? Wir sind in unserm Eigenthum, und er hat kein Recht, uns daraus zu vertreiben!«
Die Ankündigung der strengen Maßregel hatte unter der ganzen Familie eine allgemeine Bewegung hervorgebracht, aber der Resident kümmerte sich im Gefühl seiner Macht wenig darum, sondern fuhr fort:
»Das Zweite, was ich für nothwendig finde, ist die Entlassung des Gesindels, das Du Deine Leibwache zu nennen beliebst. Capitain Douglas klagt über den Geist von Widersetzlichkeit, der sich unter ihnen zeigt. Ich werde mit Brigadier Graves die nöthigen Verabredungen treffen, daß von morgen ab eine Compagnie Sepoy's die Wache des Palastes übernimmt.«
Der König warf seinen Turban zur Erde. »Ich bin ein
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geschändeter Mann,« rief er. »Der Schatten des Unglücks ist über mir, - ich werde Asche auf mein altes Haupt streuen!«
»Schweige, Vater, oder antworte diesem stolzen Faringi, wie ihm gebührt,« schrie der Prinz Jehan, indem er an die Seite seines Erzeugers sprang. »Ihr habt die Enkel Timur's zum Schatten ihrer alten Größe gemacht, und wollt sie auch des letzten Zeichens ihrer Macht berauben, damit der Thron Aurengzebs der Schemel Eurer Füße werde! Brüder und Freunde, wollen wir noch länger die Erniedrigung der Herrscher des goldenen Delhi durch die schmutzigen Kaffirs dulden?«
»Nieder mit ihnen! nieder mit der Herrschaft der Faringi!« riefen zahlreiche Stimmen.
Der Oberst war aufgesprungen und hatte seine Hand an den Degen gelegt, - Lieutenant Willougby stand ihm bereits zur Seite.
»Das ist offenbarer Aufruhr,« rief der Resident, »und übersteigt meine, Nachsicht. Ich verhafte Dich, Akhbar Jehan, im Namen der Regierung! Du wirst sofort Dich auf die Thorwache begeben und meine weiteren Befehle dort erwarten.«
Der Hindu-Prinz lachte höhnisch auf. »Sieh zu, ob die Krieger Abdul Mahomeds, des Großmoguls von Delhi, seinen Sohn fangen und halten werden.«
»Zu Capitain Douglas, Willougby,« befahl der Resident. »Er soll sofort eine Abtheilung Sepoys von der Hauptwache hierher kommandiren.«
Prinz Jehan hohnlachte. »Laß alle Soldaten, die Du hast, elender Kaffir, gegen uns ziehen, die ganze Macht Deiner weißen Königin wird Dir nicht helfen gegen den neuen Glanz des alten Thrones von Dewan-Kost. Brüder und Freunde, der Augenblick ist gekommen, uns zu rächen, und der Strahl der Sonne18 führt die Söhne des Todes in unsere Mitte!«
Sein ausgestreckter Arm wies triumphirend durch die hohen Bogenfenster der Veranda nach der entfernten Schiffbrücke über den Fluß.
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Die Staubwolke hatte sich genähert und einen langen dunklen Strom von Reitern aus ihrer Mitte geboren, der auf Pferden und Kameelen über die Brücke nach der Stadt eilte. Waffen blitzten im Sonnenlicht. Eine Masse Volks umdrängte die Reiter und bis hierher drang das jubelnde Geheul der Menge.
»Was bedeutet das? - wer hat die Wache an der Brücke, Willougby?«
»Lieutenant Waterfield. Doch die Sache hat keine Gefahr, Oberst Ripley muß von der Begleitung des Rajah bereits zurück und in der Stadt sein. Kommen Sie mit, Sir, ich darf Sie hier nicht allein lassen.«
Man hörte den schwachen Knall entfernter Schüsse, gleich darauf den starken Ton einer ganzen Salve.
»Inshallah! was geht mit mir vor? was ist geschehen? Habe Mitleid mit dem armen thörichten Buben, o Sahib!« flehte der alte König, indem er seine Freunde, die Tauben, abschüttelte, sich in Angst trotz seiner Schwerfälligkeit erhob und auf den Residenten zuwankte.
Seine Söhne sprangen dazwischen.
»Erniedrige Dich nicht vor dem elenden Kaffir,19 Kaiser von Hindostan!« schrie Akhbar Jehan. »Möge er fliehen, damit sein Blut nicht den Boden Deines Palastes beflecke! - Jene Krieger, die über die Dschumna strömen, sind die Reiter von Mirut, welche die Faringi erschlagen und uns zu Hilfe eilen.«
»Nimmermehr soll der Kaffir lebendig entkommen,« schrie der wilde Bukthur und riß ein Pistol aus dem Gürtel, es auf den Residenten erhebend, aber die Sinat Mahal warf sich schreiend dazwischen.
»Es ist kein Augenblick zu verlieren! Fort, Sir!«
Der Lieutenant faßte den vor Schreck und Staunen über die so gänzlich unerwartete Wendung der Dinge sprach- und willenlosen Residenten am Arm und zog ihn eilig aus dem Kiosk und durch den Garten, verfolgt von dem wilden Geschrei der Söhne und Diener des Königs.
Der junge Offizier war zum Glück mit den Wegen und
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Lokalitäten des Palastes genau bekannt und erreichte mit seinem Begleiter glücklich den Dewan-Kost.
Hier stürzte ihm, von einem Säbelhieb im Gesicht blutend, Sergeant Soyce, ein Engländer im Dienst des Capitain Douglas bei der indischen Leibwache, entgegen,
»Aufruhr, Mord, Gentlemen!« schrie der Mann. Eilen Sie, sich zu retten! Capitain Douglas sendet mich, er hält das äußere Thor!«
Jetzt hatte auch Oberst Frazer seine Geistesgegenwart und die volle Erkenntniß der Gefahr wieder erlangt.
»Wo sind die Pferde, Soyce? - wo sind meine Diener?«
»Im Hof der Elephanten, Sir - aber die Leibwachen haben ihnen befohlen, sich zu entfernen.«
Die Drei flogen, von dem Lärmen geleitet, durch den niedern Bogengang in den äußern Hof, wo sich ihnen eine Scene unendlichen Tumultes zeigte.
Die Leibgarden des entthronten Königs waren noch unter Waffen, aber ihre Reihen hatten sich in wilde Unordnung gelöst. Ein Theil von ihnen hielt das innere Thor besetzt, andere standen auf den Mauern und jubelten und schrieen, ein dichter Haufen hatte sich um die zitternden indischen Diener des Residenten gesammelt, die mit dem Elephanten und einigen Pferden im Hofe hielten, und wahrscheinlich längst die Flucht ergriffen hätten oder der Aufforderung der Soldaten, sich ihnen anzuschließen, gefolgt wären, wenn der Mahoud, ein dem Obersten treu ergebener Mensch und seit vielen Jahren in seinen Diensten, sich nicht standhaft geweigert hätte, den Platz zu verlassen, auf dem er seinen Herrn erwarten sollte.
Die beiden britischen Offiziere trugen über ihren Uniformen noch die Tschoda, das indische Ehrenkleid, das sie zur Audienz bei dem König hatten anlegen müssen und dieser Umstand rettete vorerst wahrscheinlich ihr Leben. Ehe einer der Meuterer auf sie aufmerksam geworden, waren sie mitten in der Gruppe und der Resident rief dem Mahoud einen Befehl zu, während Lieutenant Willougby die Hand auf den Bug seines edlen Rosses Gibraltar legte und mit einem Satz in den Sattel sprang.
In demselben Augenblick hatte er auch den Zügel der
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haltenden Hand des erschrockenen Dieners entrissen, rief dem Sergeanten zu, sich eines andern Pferdes zu bemächtigen, und tummelte das seine zur Seite des die Vorderknie beugenden Elephanten, um die herbeieilenden Soldaten aufzuhalten und dem Residenten möglich zu machen, die Haudah zu erreichen.
Es war keine Zeit, zu diesem Zweck sich der gewöhnlichen Leiter zu bedienen. Auf ein Wort des Mahoud streckte das durch seine Gelehrigkeit in ganz Delhi bekannte Riesenthier jetzt seinen Rüssel zur Seite aus, Oberst Frazer, der das Thier sehr liebte und häufig fütterte, setzte seinen Fuß auf den Rüssel, schwang sich mit Hilfe des Mahoud auf den Rücken und erreichte die Haudah. Sofort erhob sich der Elephant und schritt auf das Thor zu, gleich als sage ihm der Instinkt den Willen seines Herrn.
»Gebt Raum, Ihr schwarzen Schurken, und wehe dem, der eine Hand zu erheben wagt!« schrie der Lieutenant und sprengte auf das Thor an, das eine dichtgedrängte Menge der Leibwachen unter drohendem Geschrei versperrt hielt.
Sei es, daß die jahrelang gewohnte Autorität sie noch in Schranken hielt, oder daß sie erst den Befehl eines Anführers erwarteten, - sie begannen in der That, Platz zu machen.
In diesem Augenblick erschienen in dem Thor zum Dewan-Kost die Söhne des Königs, und der wilde Bukthur, die Flucht der Gefährdeten erkennend, sprang vor und rief, seinen Säbel schwingend: »Bei dem Bart des Propheten! laßt die unreinen Hunde nicht entkommen! sie sollen sterben in diesen Mauern!«
Einer der Leibwachen warf sich dem jungen Offizier entgegen und faßte die Zügel seines Pferdes, aber Willougby beugte sich vornüber, schlug ihn mit dem Säbelgriff ins Gesicht und spornte Gibraltar. Das edle Thier hob sich, sprang über den taumelnden Soldaten weg in den Bogen des Thores und galoppirte vorwärts.
Zugleich schob der Rüssel des Elephanten die dichtgedrängten Männer mit einem kräftigen Ruck zur Seite und machte den Weg in dem Thorbogen frei. Gleichsam als kenne er seine Kraft und wisse, daß er den Rückzug decken müsse, ließ der Elephant den verwundeten Sergeanten vorangehen, dem es gelungen, ein Pferd zu besteigen, und folgte alsdann.
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»Schießt auf sie, Ihr Feiglinge! nieder mit ihnen!« schrie der wilde Hinduprinz, die Engländer verfolgend; sein Bruder Akhbar dagegen entriß einem der Soldaten, die sich fürchteten, den Elephanten zu treffen und seine Wuth zu reizen, das Luntengewehr und eilte die Mauer hinauf, den Nächsten zu folgen befehlend.
Die drei Reiter hatten unterdeß das Thor passirt und die Brücke erreicht, die über den Graben nach dem Platz vor dem Palast und dem Chandy-Choak führte, wo eine große Volksmenge mit Geheul und Geschrei sich versammelt hatte und eben einen englischen Kaufmann verfolgte, der in Todesangst über den Platz flüchtete, die ganze Meute hinter sich drein.
Auf der Brücke stand Capitain Douglas, den Säbel in der Faust, mit zwei europäischen Corporalen, die den Dienst mit ihm im Palast versahen. Alle Drei waren bemüht, mit Worten und Hieben auf der einen Seite die Thorwache abzuhalten, die Brücke zu sperren, auf der andern das Herüberdringen des Pöbels zu verhindern.
»Der Teufel ist los, Oberst,« rief diesem der brave Schotte zu, als er ihn erblickte, »ich glaube, das Gesindel macht Ernst. - Sie werden uns ermorden, ehe Ripley noch uns Hilfe senden kann!«
»Sie opfern unnütz Ihr Leben hier, Capitain - der Verrath ist im Palast wie auf den Gassen - meuterische Sepoys von Mirut dringen über die Schiffbrücke! Lassen Sie uns eilen, die Residentur zu erreichen.«
Ein entsetzlicher Schrei, das Heulen der Menge übergellend, unterbrach ihn vom Platz her. Der unglückliche Europäer, nach dem die tobende Menge Steine, Messer und was ihr zur Hand war, geschleudert, war von einem Steinwurf getroffen zu Boden gestürzt. Im Augenblick warfen sich Hunderte wie ein lebendiger Berg über den Unglücklichen her. Tulwars, Hangars und Messer funkelten durch die Luft, - jener Schrei war der Todesschrei des armen Opfers, das buchstäblich in Stücke gerissen wurde. Die Menge schwenkte jubelnd die blutigen Glieder und ein wilder Behischty oder Wasserträger hob den abgeschnittenen Kopf auf seiner Stange empor.
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»Vorwärts, Gentlemen, oder wir haben das Schicksal jenes Unglücklichen,« rief Willougby und machte sich bereit die Sattelpistole in der einen, den Säbel in der andern Hand, auf die Menge einzusprengen, die sich bereits auf der andern Seite des Kanals mit drohenden Geberden versammelte.
Da knallten plötzlich mehrere Schüsse hinter ihnen und ein wildes Triumphgeschrei erhob sich auf der Höhe der Mauer, als einer der Korporale die Arme in die Luft warf und todt zu Boden stürzte. Umblickend sahen sie auf der Zinne des Thores Akhbar Jehan mit mehreren Soldaten beschäftigt, aufs Neue ihre Gewehre zu laden, während andere hinauf eilten, und aus der Wölbung des Thores unter der Anführung des Prinzen Bukthur ein Haufen meuterischer Leibwachen hervorstürzte.
»Retten Sie sich, Kameraden,« rief Capitain Douglas, »ich bin verwundet und werde auf meinem Posten sterben.« Er sank am Geländer der Brücke zusammen, eine der Kugeln hatte ihm den Schenkel durchbohrt.
Der Resident beugte sich über die Haudah.
»Manakjy,« sagte er zu dem Mahoud, »laß Moll helfen, den Capitain zu retten!«
Der treue Diener rief dem Elephanten einige Worte zu, - das verständige Thier näherte sich sogleich dem Ort, wo der brave Offizier von der Kugel der Meuterer gesunken war, schlang den Rüssel um ihn und hob ihn so leicht empor, als wäre es ein Kind.
Die Soldaten auf den Mauern und der Pöbel auf dem Platz stießen ein wildes Jubelgeschrei aus bei diesem Anblick, denn sie glaubten im ersten Augenblick, der Elephant werde ihren Feind in die Luft schleudern; aber der Jubel verwandelte sich augenblicklich in ein Wuthgeheul, denn das treue Thier reichte behutsam den blutenden Körper des Offiziers über seinen Kopf weg nach der Haudah, in die ihn der Oberst und der Mahoud hoben.
»Jetzt, Manakjy, vorwärts nach Saman-Badsch und nieder mit Allem, was uns in den Weg tritt. Soyce, sucht die Bungalows zu erreichen und holt Beistand und Sie, Willougby, so rasch als möglich in's Arsenal!«
»Sie entfliehen! Feuer! Feuer auf sie!« schrie der Prinz
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Jehan von der Höhe der Mauer. Speere wurden nach ihnen geschleudert, eine Anzahl Luntenflinten auf sie abgeschossen, aber die Kugeln flogen glücklich an ihnen vorüber und die eine, die den Elephanten traf, diente nur dazu, das riesige Thier in Zorn zu setzen. Es folgte, ein trompetenartiges Geschrei ausstoßend und den Rüssel schwingend, in plumpem Trabe dem jungen Offizier, der, den Sergeanten zur Seite, auf seinem edlen Pferd in gestrecktem Galopp über die Brücke und mitten in den heulenden Pöbelhaufen flog.
Den Einzigen, der Muth und Gewandtheit genug hatte, sich ihm in den Weg zu werfen, denselben Kerl, der das Haupt des unglücklichen Kaufmanns auf seiner Stange trug, schoß er nieder, und über ihn hinweg setzte das Pferd in kräftigen Sprüngen weiter und verschwand im nächsten Moment an der Ecke des Platzes.
Auch dem Sergeanten, obschon ihn einige Steinwürfe trafen, gelang es, die Menge zu durchbrechen und den Eingang des Chandy-Choak zu erreichen, der jetzt verhältnißmäßig leer war und über den er unaufgehalten dem Lahore-Thor zu jagte.
Obschon er mit Ausnahme seines Degens ohne alle Waffen war, hegte Oberst Frazer doch keine Besorgniß, denn er kannte die Kraft und den Muth seines Thieres, und indem er sich und den Verwundeten so viel als möglich hinter den niedern Wänden der Haudah zu schützen suchte, rief er bloß »Saman-Badsch«, den Namen des Palastes, der zur Residentur diente und zwischen Gärten im nördlichen Theile der Stadt, in der Nähe des Kashemir-Thores lag.
Moll, der Elephant, kannte, nachdem der Mahoud ihm den Namen wiederholt, vollkommen seinen Weg und trabte mit großer Schnelligkeit, wiederholt sein schmetterndes Geschrei ausstoßend, über den Platz, was ihm in den Weg kam, unter seinen riesigen Füßen niederstampfend. Alles flüchtete vor der Kraft des Thieres und begnügte sich, die Flüchtenden mit Schüssen, Flüchen und Steinwürfen zu verfolgen und in gefahrloser Entfernung ihnen nachzurennen.
Der arme Korporal, der vergeblich versucht hatte, mit den
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drei Reitern sich zu retten, und zurückgeblieben war, wurde von der Bande Bukthurs in Stücke gehauen.
Das Geschrei, das von dem nahen Kalkutta-Thor her drang, auf welches die Schiffbrücke über die Dschumna mündet, belehrte den treuen Mahoud, daß dort Gefahr für sie sei; er lenkte den Lauf des Thieres rasch durch die engern Gassen zur Linken und gelangte glücklich auf den Platz, in dessen Mitte der prächtige Palast des berühmten Wessirs Akhbars des Großen liegt. Der Platz war fast leer von Menschen, denn Alles strömte bei dem Tumult, der sich in der Stadt erhoben, an jene Orte, wo die Verwirrung und der Lärmen am größten waren. Das Thor des Palastes war zwar geschlossen; auf den Ruf des Herrn jedoch wurde es von dem diensthabenden Sepoy-Unteroffizier geöffnet und Oberst Frazer mit seinem Gefährten verließ im Hofe die Haudah des Elephanten.
Die ängstlichen oder finsteren Gesichter der umherstehenden indischen Diener bewiesen sofort dem Residenten, daß er sich wenig auf ihren Beistand würde verlassen können, indeß glaubte er jeden Augenblick das Herbeikommen militärischer Hilfe erwarten zu dürfen, und da in dem Palast nicht allein wichtige Papiere, sondern auch eine ziemlich bedeutende Summe Geldes enthalten waren, beschloß er, hier zu bleiben und nöthigenfalls seine Wohnung zu vertheidigen.
Bevor er den Hof verließ und dem Capitain folgte, den er bereits in ein Gemach des Palastes hatte bringen lassen, rief er den Mahoud zu sich.
»Manakjy,« sagte er zu ihm, »ich kenne Dich als den treuesten meiner Diener, und Du hast Deine Ergebenheit in der Stunde der Gefahr bewahrt. Hast Du den Muth, für mich Dich einer neuen Gefahr zu unterwerfen?«
»Sprich, Sahib, Manakjy ist Dein Diener und wird Dir gehorchen.«
»Du weißt, wo Miß Victoria, meine Tochter, sich befindet?«
»Die Mam Sahib ist in dem Hause der frommen Frauen.«
»Ich glaube zwar nicht, daß sie dort etwas zu befürchten haben, überdies muß General Graves bereits unterrichtet sein und jeden Augenblick mit den Truppen eintreffen, um die
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Unsinnigen zu züchtigen. Indeß wird Victoria sich unnöthig ängstigen und könnte sich leicht zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Eile zu ihr und beruhige sie über meine Sicherheit, und wenn ihr Gefahr droht, so führe sie hierher oder in die Cantonnements der Truppen.«
»Soll ich Kubadar mit mir nehmen, Sahib?« fragte der Mahoud.
»Nein, laß ihn hier, es würde nur die Aufmerksamkeit dieser Schurken auf Dich lenken. Ich vertraue auf Dich, Du wirst meine Tochter beschützen.«
»Ich habe mit der Mam Sahib als Knabe gespielt,« sagte der Mahoud, »ich werde thun für sie, was ein Mensch für den andern zu thun vermag. Aber es ist Schade, daß Moll nicht mit mir gehen darf, er hat den Verstand von zehn Männern und die Kraft von hundert.« Mit diesem Lobe seines geliebten Thieres machte der Mahoud sich auf den Weg, seinen gefährlichen Auftrag auszuführen.
Das Verhältniß dieser Menschen und ihrer Familien zu dem von ihnen gepflegten Thier ist in der That oft rührend. Der Elephant ist eben so dankbar für erzeigte Wohlthaten und Freundschaft, als rachsüchtig gegen Alle, die ihn beleidigen. Er gehört förmlich zur Familie seines Wärters und lebt mit dieser zusammen, spielt mit den Kindern und beschützt sie, und zeigt in vielen Fällen wirklich menschlichen Verstand.
Der Elephant, von dem hier die Rede ist, und der in den Kriegsberichten der englischen Armee, wie wir später sehen werden, mehrmals erwähnt wird, befand sich seit etwa zehn Jahren im Besitz der[s] Obersten Frazer und war diesem von dem entthronten König von Audh noch zur Zeit seines Glanzes geschenkt worden, sammt dem Mahoud, einem noch jungen Mann von etwa einundzwanzig Jahren. Die Geschichte des Thieres, die wir hier nach dem Bericht eines Augenzeugen einflechten wollen, wird am besten das Verhältniß zwischen den Mahouds und ihren Thieren erläutern.
Es war im Jahre 1837, bei einem Besuch des neuen General-Gouverneurs von Indien, Lord Auklands, in Lucknow, als
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der König von Audh, Nassir-ed-Daula, zu Ehren seines Gastes große Thierkämpfe veranstaltete, bei denen Kubadar Moll die bedeutendste Rolle unter den hundert und fünfzig Elephanten des Königs spielte. Er war bereits in hundert Kämpfen Sieger geblieben und besaß schon damals nur noch einen der mächtigen Fangzähne, denn der andere war ihm Stück für Stück in den furchtbaren Kämpfen abgebrochen worden.
Kubadar Moll II. - ein Name, den seine Mutter bereits in Indien berühmt gemacht hatte - war damals noch jünger und viel wilder, als zur Zeit seines Auftretens in unsrer Erzählung. Er war ein furchtbarer schwarzer Bursche und wahrhaft schrecklich, wenn er sich in aufgeregtem Zustande befand. Es war eben die geeignete Jahreszeit der Brunft, und ein anderer riesiger Elephant, eben so schwarz, ward zu seinem Widersacher erkoren. Wenn sich zwei männliche Elephanten in der Wuth begegnen, beginnt der Kampf sogleich, und es bedarf keines Antriebes. Jedes dieser Thiere hat seinen eigenen Mahoud, der ihm im Nacken sitzt und die einzige Person ist, die sich ihm in solcher Zeit nähern darf; aber unter der Hand seines Mahouds ist das Ungethüm so fügsam wie ein Kind. Für den Wärter bedarf es keiner Vorbereitung zum Kampfe, als eines starken Riemens vom Nacken des Elephanten bis zu dessen Schwanz, um an diesem beim Kampfe einen festen Halt zu haben und nach Belieben vorwärts und rückwärts rutschen zu können, ohne herunter zu fallen. Daß die Lage des Mahouds während der Dauer eines solchen Gefechts keine angenehme ist, läßt sich denken, dennoch ist jeder Wärter auf den Ruf seines Elephanten so eifersüchtig, daß er es als die größte Schmach betrachten würde, seinen Posten zu verlassen. Der Sieg ist für ihn so rühmlich, als für das gigantische Thier, welches er führt und für dessen Ehre er besorgt ist. Das scheint jeder der kämpfenden Elephanten auch sehr wohl zu begreifen; denn während der feindliche manchen Schlag nach dem Mahoud seines Gegners richtet und ihn ohne Zögern unter seinen Füßen zerstampfen würde, wenn er das Unglück hätte, von seinem Sitz herabzufallen, beschützt der eigene Elephant seinen Freund, der sich, wie der Schiffbrüchige an der
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Planke, an dem Riemen festklammert, auf das Sorgfältigste und parirt die Schläge, die ihm gelten.
Bei der Gelegenheit, wo Moll zur Belustigung des britischen Generalgouverneurs, des Königs und seines Gefolges, in die Schranken treten sollte, befanden die hohen Zuschauer sich in einem Palast, der dicht am Ufer der Gumty lag. Von der auf der Wasserseite erbauten Terrasse mit hohem Balkon konnten sie ohne eigene Gefahr den schmalen Fluß und das jenseitige Ufer, einen offenen Park, in welchem das Gefecht stattfinden sollte, gut übersehen. Auf ein von dem Könige gegebenes Zeichen näherten sich die beiden Elephanten einander von zwei verschiedenen Seiten, jeder mit seinem Mahoud im Nacken, indem Moll mit seinem einen Zahn eben so furchtbar aussah, wie sein großer, schwarzer, mit mehr als 2 Ellen langen Stoßzähnen versehener Gegner. Als sie einander ansichtig wurden, hoben beide ihre Rüssel und ihre Schwänze in die Höhe und trabten aufeinander zu, gleichzeitig eine laute Herausforderung trompetend. Moll und sein Feind stießen mit solchem Ungestüm aufeinander, daß man den Zusammenstoß der Köpfe weithin dröhnen hörte. Eine breite Stirn an die andere, die Rüssel senkrecht erhoben und die Zähne zwischen einander, setzten sie ihre Füße fest auf den Boden und stießen sich mit den Köpfen fort und fort, nicht mit entschlossener, lang anhaltender Anstrengung, sondern mit schnell wiederholten kurzen Stößen, wobei sich die Rücken wechselweise krümmten und ebneten. Die erst im Nacken sitzenden Mahouds verließen schnell ihre Plätze, und jeder seinen Kämpfer anfeuernd, schrieen sie wie toll und handhabten ihre Treibmittel, die elfenbeinernen Stachelstöcke, tüchtig auf den Schädeln der Thiere.
Gewöhnlich bleibt bei solchem Zusammenstoß dem stärkern Thiere der Sieg, oft aber auch trägt die größere Beweglichkeit und Kampfgeübtheit denselben davon. Das Ende des Kampfes ist, daß der Sieger den schwächern zu Boden wirft, oder ihm, wenn er sich zur Flucht wendet, die Zähne in den Leib stößt.
Lange schwebte der Kampf zwischen Moll und seinem Gegner, doch endlich begann der erstere mit seinem einen Zahn in Vortheil zu kommen. Der eine Vorderfuß des andern Elephanten hob sich, und man erkannte bald, daß er auf den Rückzug
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denke. Moll's Treiber sah diese Bewegungen und wußte, was sie bedeuteten. Sein Geschrei klang wahrhaft dämonisch, indem er den Schädel seines Thiers mit dem Stachel bearbeitete. Doch Moll bedurfte keines Antreibens. Er war ein zu alter Kämpfer, um nicht zu wissen, daß bald ein neuer Lorbeer zu seinen früheren kommen werde, seine Kraft schien mit dieser Ueberzeugung zu wachsen und er begann eben so hitzig zu werden, wie sein Wärter. Die Streitenden standen während des Kampfes nur wenige Schritte vom Ufer des Gumty entfernt; der weichende Elephant zog sich langsam nach dem Wasser zurück, verließ plötzlich mit einem Sprunge rückwärts seinen Gegner und warf sich vom Ufer in den Fluß. Sein Mahoud kletterte am Strick über seinen Rücken und saß bald wohlbehalten auf dem Nacken, während der Elephant dem andern Ufer zuschwamm. Moll war wüthend über die Flucht seines Gegners; sein Wärter mahnte ihn zwar, zu folgen, aber er wußte entweder, daß es vergeblich war, oder er war zu wild, um zu gehorchen und schaute sich zornig nach einem Gegenstand um, den er angreifen könnte. Der unglückliche Mahoud, ihn noch immer stachelnd und anschreiend, verlor bei der plötzlichen Wendung des Elephanten das Gleichgewicht und fiel zur Erde, gerade vor das Thier nieder, das er erst so wild und unlenksam gemacht hatte. Kaum hatte man den Mann herabfallen und unten auf dem Rücken liegen sehen, mit einem Beine unter sich und das andere ausgestreckt, beide Arme in die Höhe gehoben, als der eine gewichtige Fuß des Elephanten auf seine Brust trat und man das schreckliche Krachen der Knochen hörte. In wenig Sekunden war der Mann nur noch eine formlose Masse, aber das wüthende Thier war damit noch nicht befriedigt. Mit dem Fuß fest auf dem Leichnam stehend, faßte es mit dem Rüssel einen Arm, riß ihn vom Körper los, als wäre es ein Seidenfaden und warf ihn hoch in die Luft, daß das Blut weit umherspritzte. Dann faßte es den andern Arm, um das Gleiche damit zu thun.
Das Entsetzen, das die Zuschauer dieser schrecklichen Scene versteinerte, vermehrte sich noch, als man ein junges indisches Weib mit einem Kinde auf dem Arm von der Gegend, wo Moll hergekommen, so schnell, als es ihre Last erlaubte, herbeilaufen sah.
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Der General-Gouverneur sprang empor: »Um Himmels willen - die Wahnsinnige rennt in ihr Verderben! Kann Nichts geschehen, sie zu retten?«
»Es ist des Mahoud's Weib,« entgegnete kaltblütig der König, indem er den Rauch seiner Houkah von sich blies - »ihr Verstand ist bosch, was kann ich thun?«
Der mit anwesende Resident, Oberst Law, hatte aber bereits Befehl gegeben, daß die Reiter mit ihren langen Spießen den Elephanten forttreiben sollten. Leider aber ging das nicht so schnell. Schon durch das Ueberbringen des Befehls war Zeit verloren, dann mußten die Leute vorsichtig sich von verschiedenen Seiten nähern, und ehe dies geschehen und sie ihre Spieße gegen den bei der Aufregung des Thieres um so empfindlichern Rüssel richten konnten, rannte schon das arme Weib, ohne die Folgen zu bedenken, auf den Elephanten los.
»O Moll! Moll! Du grausames, böses Thier, was hast Du gethan,« schrie die Frau, indem sie sich vor ihm niederwarf. »Du hast die Hand, die Dir wohlgethan, vernichtet, Du hast das Dach eingerissen, nun brich auch die Wände nieder! Möge die grausame Seele, die in Dir wohnt, niemals in das Paradies eingehen! Du hast meinen Gatten getödtet, der Dich so lieb hatte, nun ermorde auch mich und sein Kind!«
Damit warf sie den kleinen nackten etwa zweijährigen Knaben vor die Füße des Elephanten nieder. Man erwartete, das wilde Thier werde sich von dem verstümmelten Leichnam des Mannes nun zu dem Weibe und dem Kinde wenden und auch sie tödten, ehe die Reiter heranzukommen vermöchten, aber Moll's Wuth war vorüber. Der Koloß fühlte gleichsam Gewissensbisse über das, was er gethan hatte, sein Kopf beugte sich wie beschämt nieder, und große Thränen quollen aus seinen Augen, während er den Fuß von dem Körper des Getödteten wegzog. Die Frau warf sich nun selbst auf die Reste ihres Mannes, und der Elephant stand dabei, als ob er ihren Gram verstehe. Die Unglückliche jammerte laut, sich dann und wann zu dem Elephanten wendend, um ihm Vorwürfe zu machen, während das seiner Schuld bewußte Thier betrübt zu ihr hinblickte, und das Kind, ein Knabe von zwei Jahren, mit seinem Rüssel spielte,
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wie es wahrscheinlich schon oft gethan. Es war in der That ein rührender Anblick.
Jetzt nahten sich die Spießträger auf Pferden, welche schon an dieses Manöver gewöhnt waren. Sie kamen von beiden Seiten und berührten erst sanft den Elephanten, um ihn zum Fortgehen zu bewegen. Kubadar Moll warf die langen Ohren zurück und sah sie mit drohenden Blicken an. Wenn ihn auch das Weib des Mahouds, den er getödtet, beleidigen durfte, so sollten jene ihm doch nicht nahen, das konnte man an seinen entschlossenen Bewegungen und dem Funkeln seiner kleinen Augen sehen. Sie stachen ihn wieder und diesmal schärfer. Da erhob er den Rüssel, stieß ein herausforderndes Brüllen aus und ging auf die Retter zur Linken los. Sie flohen in aller Eile und Moll folgte. Die frühere Wuth des Elephanten kehrte zurück, und als die Bande, die er angegriffen, Schutz gefunden und hinter den Bäumen verschwunden war, wendete er sich gegen die andere, die von ihm verfolgt, gleichfalls so schnell als möglich entfloh.
»Laßt das Weib ihn zurückrufen,« befahl der König, »er wird ihr folgen.«
Die Frau rief seinen Namen, und Moll folgte gehorsam ihrem Ruf und stellte sich ruhig an ihre Seite, wie ein Hund gethan haben würde.
»Das Weib mag mit dem Kinde das Thier besteigen und es fortführen,« sagte nun der König, und als ob der gewaltige Riese der Thierwelt diese Worte verstanden hatte, schlang er die Spitze des Rüssels mit der Sorgfalt einer Amme um den kleinen nackten Knaben und hob ihn auf seinen Nacken, wo der Bube, wie er bei Lebzeiten seines Vaters schon oft gethan, an den Ohren des Elephanten sich festhielt.
Die Frau legte ihre Hand leicht auf den Rüssel des Elephanten, und gehorsam ließ sich das Thier von ihr wegführen und in seinen Stall bringen.
Von diesem Tage an waren sie und der Knabe seine Wärter, seine Mahouds. Es litt keinen andern. Wenn Moll noch so aufgeregt, noch so wild war, so brauchte sie ihm nur zu befehlen, und er gehorchte; eine Berührung seines Rüssels durch ihre Hand reichte hin, die heftigsten Ausbrüche seiner Wuth zu
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beruhigen, und sorgfältiger wie die eigene Mutter hütete der Elephant den Knaben und spielte mit ihm.
Das war Kubadar Moll II., zur Zeit unserer Darstellung bereits 74 Jahre alt, und der Mahoud, der ihn führte, war Manakjy, der Knabe, den seine Mutter einst vor die Füße des wüthenden Thieres geworfen hatte.
Der treue Mahoud empfand bald lebhaftes Bedauern, daß er seinen wackern und starken Freund hatte zurücklassen müssen; denn die aus den Straßen der innern Stadt auf den Platz vor dem Residentur-Palast hervorströmende Menge versperrte ihm den Weg und zwang ihn, mit ihr umzukehren. Er hegte große Besorgniß um das Schicksal seines Herrn und vielleicht nicht weniger um das seines Thieres und beschloß, vorerst sich Kenntniß von jenem zu verschaffen, ehe er seinen Auftrag ausführte.
Oberst Frazer war ein weder unter der Bevölkerung Delhi's noch im Allgemeinen unter seinen Dienern beliebter Mann wegen seines stolzen und anmaßenden Charakters, dessen Züge auch auf seine einzige Tochter übergegangen waren. Von jenen Eigenschaften schrieb sich auch das Erstaunen über die Vorgänge im Palast des Königs, das ihn förmlich überwältigte, weil er in seinem Stolz dergleichen für unmöglich gehalten hatte. Nachdem er jedoch den ersten Eindruck überwunden, war er, wie wir bereits gesehen, ganz der entschlossene, kaltblütige und muthige Beamte, der seinen wilden Feinden die Stirn bieten mochte, und hätte er irgend in seiner verzweifelten Lage Unterstützung gehabt, so würde es ihm wahrscheinlich gelungen sein, sich durchzuschlagen.
Während er noch in seinem Bureau beschäftigt war, die wichtigsten Papiere zusammenzupacken und Goldrollen und Banknoten in ein geheimes Behältniß zu verschließen, hörte er näherkommenden Trommelschlag, vermischt mit wildem Geschrei, und sprang nach einem vordern Gemach des Palastes, das die Aussicht über den Platz bot. Von der Sanct Jakobskirche her, die in der Mehtung des Kashemir-Thores liegt, rückten ein Theil des 38. bengalischen Infanterie-Regiments und eine Abtheilung Artilleristen, an der Spitze Oberst Ripley, im Sturmschritt aus den Platz, während sowohl von der Schiffbrücke als aus dem
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Innern der Stadt sich eine dichte Schaar von Meuterern und ein Theil der Kameelreiter von Mirut heranwälzten. An der Spitze der letzteren tummelte Prinz Jehan sein schwarzes Roß, während seine Hand die grüne Fahne des Propheten durch die Luft schwang und seine Worte den Haß und Blutdurst der Reiter nur noch mehr entflammten.
»Jetzt werden die verrätherischen Canaillen ihren Lohn empfangen,« rief der Resident dem schottischen Capitain zu, der auf einem Divan mit dem Verbinden seiner Wunde beschäftigt war. - »Ripley läßt seine Artilleristen schwenken, um sie abzuschneiden. Burrowes, der wackere Burrowes, befiehlt fertig zum Feuern. Ich höre die Ladestöcke rasseln! - Brav, Burrowes - keine Schonung den Verräthern!« - Er riß die Jalousie auf und ließ sein Tuch wehen.
Man hörte das englische Kommando: »Fertig! - Schlagt an! - Feuer!«
»Was ist das? - was soll das heißen!« Das Gesicht des Residenten war blutlos, als er vom Fenster zurückfuhr.
Kein Schuß war gefallen.
Die Offiziere der Sepoys sprangen erstaunt vor und redeten die Leute an. Aber von der andern Seite sprengten die Reiter herbei, voran der Prinz, der wenige Schritte vor der Front der Sepoys sein Roß parirte.
»Männer von Hindostan!« erscholl deutlich vernehmbar die Stimme des Prinzen über den Platz herüber, »es ist nicht genug, daß Ihr Euch nicht befleckt mit dem Blute Eurer Brüder vom Dritten! Folgt ihrem Beispiel und werft die Ketten ab, welche jene Faringi um Eure Brust geschlungen, damit sie Euch zu ungläubigen Kaffirs machen, wie sie selber sind! Nieder mit ihnen, mit den Feinden unsrer Freiheit und unsers Glaubens, damit die besudelte Erde Delhi's in ihrem Blute gewaschen werde!«
»Schändlicher Empörer,« schrie Capitain Burrowes und stürzte mit erhobenem Degen auf ihn zu. »Du mußt sterben!«
Die Kugel eines seiner eigenen Sepoys traf ihn im Rücken und machte ihn taumeln. Akhbar Jehan erhob sich in den Bügeln, zog ein Pistol und schoß den Wankenden mitten durch die Stirn. Er stürzte ohne Laut todt zu Boden.
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Der Schuß war das Signal zu einer wilden Mordscene. Die Sepoys feuerten auf ihre Offiziere und mehrere derselben stürzten; den Lieutenants Hyslop und Reveley und Capitain Gordon Buttler gelang es, mit der blanken Waffe sich durchzuschlagen und nach dem Kashemir-Thor zu entfliehen.
Der Resident sah auch den Commandeur der Truppen, Oberst Ripley, fallen, als aber die Sepoys sich auf ihn stürzen wollten, um ihn mit Bayonnetstichen vollends zu tödten, widersetzten sich die Artilleristen und gestatteten, daß er von zwei anderen ihrer Offiziere nach der Hauptwache gebracht würde, wogegen sie jeden andern Gehorsam verweigerten und die Sache der Meuterer zu der ihrigen erklärten.
Capitain Douglas hatte sich bei dem Erschrecken seines Freundes und den Flintensalven von seinem Wundlager empor zu richten versucht. »Was ist geschehen, Frazer? Flüchten die schwarzen Schufte bereits?«
Der Oberst schloß das Fenster und trat zu ihm. Aber man hatte ihn bereits auf dem Platz bemerkt, wie das erhobene Geschrei und die drohenden Geberden der Menge bewiesen.
»Wir sind verloren, Douglas,« sagte der Resident; »wollen uns aber wenigstens wie Männer gegen die Schurken vertheidigen. Ripley ist erschossen, die Sepoys haben gemeinschaftliche Sache mit den Empörern gemacht und ich fürchte, Akhbar Jehan führt sie hierher.«
»Tod und Verdammniß über die Blindheit, die uns so lange verhindert hat, der Schlange den Kopf zu zertreten!«
»Es ist zu spät jetzt zum Klagen! Nehmen Sie diese Pistolen, ich verlasse Sie, um am Thor die Vertheidigung gegen die Rasenden zu leiten. Mein Gott! wenn es nur Manakjy gelungen ist, meine arme Tochter zu retten!«
Er riß eine Doppelflinte von der Wand und sprang hinaus. Der schottische Capitain bemühte sich, mit Hilfe der Sessel sich bis zum Fenster zu schleppen, um zu sehen, was vorging. Dabei löste sich der flüchtige Verband und das aus der Wunde strömende Blut überschwemmte die Matten des Fußbodens.
Auf dem Platz war Alles Tumult und Verwirrung, Schüsse
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knallten - Geschrei - zwischen dem Pulverdampf grinsten die von Blutdurst erhitzten Gesichter fanatischer Mörder.
Ein Jubelgeschrei erhob sich in der Nähe, zwei Schüsse fielen dicht hinter einander im Hause, - dann wurde die Thür aufgerissen und Oberst Frazer, blutend am Kopf und an der Schulter, das rauchende Gewehr noch in der Linken, stürzte herein und verschloß die schwache Thür.
»Die verrätherischen Schurken! - ich kam zu spät - der Unteroffizier hat das Thor geöffnet - Gott erbarme sich unser und meines Kindes!«
Vor der Thür heulte die Meute der Verfolger - zwei, drei Stöße - und das leichte Holz flog in Trümmer. Die Menge stürzte herein, der Delhi-Prinz voran, und füllte das Gemach.
»Verfluchte Mörder!« rief der Schotte und schoß beide Pistolen in den dichtgedrängten Haufen ab, im nächsten Augenblick fiel er von zwanzig Säbelhieben und Bayonnetstichen zerfleischt, glücklicher in dem raschen Soldatentod, als sein Gefährte.
Dieser versuchte mit der Linken mit einigen Degenstößen sich zu vertheidigen, aber die Waffe wurde zur Seite geschlagen und die Menge riß ihn zu Boden.
Ueber dem Gefallenen stand der Prinz, drohend seinen Tulwar schwingend.
»Daß Keiner wage, ihn anzurühren ohne meinen Befehl,« heulte der Wüthende. »Mein ist der Kaffir und soll mir büßen für die Schmach, die er uns gethan!«
Der Resident rang unter den Fäusten der Menge. »Tödte mich, Elender, ich weiß als Soldat und Brite zu sterben!«
»Hamed!«
Ein kräftiger Schwarzer drängte sich auf den Ruf aus dem Haufen. Er hielt ein bereits bluttriefendes Messer in der Faust und sein gelbes Auge glänzte in Bosheit und grausamer Freude.
»Was befiehlt der Sohn des Herrn der Welt?«
»Reiße dem Faringi die freche Zunge aus dem Hals, mit der er das Haus Timur zu beleidigen gewagt! - Halt - zuvor durchsucht seine Taschen!«
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Die Mörder rissen den Inhalt heraus und fielen über die Goldstücke her, die der Resident zu sich gesteckt.
»Ich weiß,« sagte der Prinz, »daß Du mehr als ein Lack im Hause haben mußt. - Gieb das Gold heraus, Kaffir, wo ist es?«
Der Resident schwieg.
»Wallah! der Bursche ist störrig! Kitzle ihn mit Deinem Messer, Hamed, daß er seine Zunge braucht, so lange er sie noch hat!«
Der Mohr packte die linke Hand des Unglücklichen und begann einen der Finger abzuschneiden, indem er mit seinem Messer an dem Gelenk sägte.
Der Oberst preßte die Zähne zusammen, um jeden Schrei des Schmerzes bei dieser grausamen Operation zu unterdrücken.
»Sprich, Kaffir! - Du willst nicht? - Weiter, Hamed - geschwind, wir haben mehr zu thun heut!«
Der Mohr sägte grinsend an der Hand, daß die Adern und Sehnen herunterhingen, bis der Gemarterte laut aufbrüllte.
»Tödte mich, schändlicher Bösewicht, aber niemals sollst Du erfahren ...«
Unter dem Jubel der Sepoys schleppte der ehemalige Huckabedar des Residenten die Kassette in das Zimmer, die er, mit den Geheimnissen seines Herrn vertraut, mit den im Palast plündernden Sepoys aus ihrem geheimen Versteck geraubt.
Die Augen der habgierigen Mörder weideten sich an dem Anblick des Goldes, auf das der Delhi-Prinz seinen Fuß setzte.
»Es ist das Eure, aber es muß in den allgemeinen Schatz kommen und redlich vertheilt werden. Jetzt, schmutziger Faringi, halte ich Deine Seele, der Du um jede Rupie mit den rechtmäßigen Gebietern dieses Landes geiztest. Verderben über Dich, Sohn eines Hundes! Thue wie ich Dir befohlen, Hamed!«
»Erbarmen, Prinz - tödte mich - aber -«
Der Mohr stieß dem Unglücklichen den Griff seines Messers in den Mund. Dann, unter dem Geschrei seines Opfers, streckte er die schwarze Faust so tief als möglich in den Schlund des unglücklichen Offiziers und erfaßte wie eine Zange das zuckende
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Glied - ein gewaltiger Ruck - und ein Strom von Blut folgte dem an seinen Wurzeln aus dem Halse gerissenen Fleisch.
Der bestialische Mörder warf das Glied auf den Boden und grinste zu seinem Herrn empor wie um Lob für sein schreckliches Schlächterstück, während der Verstümmelte sich im Todeskampf am Boden wälzte.
»Nun, Schlange, zische noch ein Mal Deinen stolzen Uebermuth gegen die Söhne Timurs!« schrie der Prinz in fanatischem Jubel, der durch den Anblick des Gräßlichen noch erhöht schien. »Fahre zur Hölle, stolzer Kaffir, und erinnere Dich im Todeskampfe, daß Akhbar Jehan das Kind Deines Blutes den niedrigsten Lastträgern zur Beute vorwerfen wird, damit selbst Dein Name geschändet sei!«
Ein verzweifelnder, Erbarmen flehender Blick aus den Augen des Sterbenden traf ihn und Ströme von Blut quollen aus dem zerrissenen Munde bei den krampfhaften Zuckungen, unter denen der Unglückliche flehend die Hände erhob.
»Jetzt, Brüder, nach dem Zollhaus und dem Arsenal, Bukthur zu Hilfe. Dort sind Gold und Waffen für uns Alle!«
Akhbar Jehan stieß den Körper des noch vor wenig Stunden von ganz Delhi (Befürchteten mit dem Fuß zur Seite und wandte sich zum Ausgang.
Ein furchtbarer entsetzlicher Donner erschütterte plötzlich die Luft!
Wir kehren zunächst zu Lieutenant Willougby zurück, der im Carriere durch die sich sammelnden Volkshaufen die Straße nach dem Arsenal gewann und dieses glücklich erreichte.
Das Arsenal von Delhi besteht aus mehreren von einer Mauer umgebenen Gebäuden und Magazinen, zu welchen drei Thore führen, und liegt in der Nähe des Martellothurms an der Brücke, die hier über einen schmalen Arm der Dschumna zur Verbindung mit der großen Schiffbrücke geht. Es war daher sehr natürlich, daß sofort nach dem Ueberschreiten der Brücke ein Theil der Rebellen von Mirut sich nach dieser Seite wandte. Prinz Bukthur, der zweite Sohn des Königs, stellte sich an ihre Spitze und führte sie und einen zahlreichen Pöbelhaufen gegen
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das Arsenal, in dem bedeutende Vorräthe von Waffen, Geschütz und achtzehntausend Pfund Pulver aufbewahrt wurden.
Als Willougby das Thor des Arsenals erreichte, traf er dort auf Sir Charles Metcalfe, den Neffen des Besitzers des großen Hauses auf den Anhöhen im Norden der Stadt, wo später die Batterieen der Engländer aufgepflanzt wurden, im Begriff, sich in das Innere der Stadt zu begeben, um nach der Ursache der gehörten Schüsse zu forschen. Der Offizier sprang vom Pferde, ließ es laufen und rief ihm zu, zurückzubleiben, aber Metcalfe eilte davon und wurde in einer der nächsten Straßen erschossen.
In dem Arsenal kommandirte Lieutenant Forrest, bei ihm befanden sich seine Frau und seine drei Töchter, die Conducteure Buckley und Scully, der Unterconducteur Crow, der Sergeant Steward und ungefähr zwanzig andere Europäer, theils militairische Posten bekleidend, theils Aufseher und Arbeiter in den Magazinen, nebst einigen Artilleristen von den Ghurka's oder Bergbewohnern von Nepal.
Willougby fand den Lieutenant bereits im Hofe, und berichtete mit flüchtigen Worten die Gefahr. Beide Offiziere beschlossen sofort, das Arsenal gegen jeden Angriff der Meuterer zu halten, und Lieutenant Forrest sandte seine Gattin und seine Töchter unter dem Schutz eines europäischen Artilleristen und zweier Ghurka's, denen er trauen zu dürfen glaubte, aus dem Arsenal, um sich durch das Kashemir-Thor nach den Bungalows zu flüchten. Glücklich gelangten die Frauen bis zu dem Thor, wo sich bald mehrere Flüchtlinge unter dem Schutz Major Abbott's sammelten.
Schnell wurden die Thore geschlossen und vor jedes ein Sechspfünder mit doppelter Kartätschen-Ladung gestellt, so daß sie den Zugang beherrschten. Der Conducteur Crow und der Sergeant Steward übernahmen die Leitung der Vertheidigung an den Nebenthoren.
Zwei Sechspfünder wurden innen vor dem Hauptthor postirt, das durch eine Reihe spanischer Reiter geschützt war, zwei andere so, daß sie gleichzeitig das Thor und die benachbarte kleine Bastion beherrschten.
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Während der Ingenieur des Arsenals, Forrest, diese Anstalten in aller Eile traf, widmete sich Willougby, ein Mann von kühnster Entschlossenheit trotz seiner Jugend, einer noch furchtbarern That.
Das Pulvermagazin des Arsenals lag links von dem Hauptgebäude, zur Seite des Thores.
Der Lieutenant nahm den Conducteur Scully mit sich und öffnete den Thurm, der in seinen Gewölben die Pulverfässer enthielt.
»Lassen Sie viermalige Doppel-Ladung für jedes Geschütz nehmen, Conducteur,« befahl der Offizier.
»Ja ja, Sir!«
Der alte Artillerist gehorchte und die Cartouchen mit dem Pulversack wurden fortgeschleppt.
Als der Conducteur von dem Transport zurückkehrte, fand er den Offizier auf einem der Fässer sitzen, dem er mit einem Beilhieb den Boden ausgeschlagen.
»Fertig, Sir,« meldete der Conducteur.
Der Lieutenant hob den Kopf und sah ihn scharf an. »Sie haben keine Familie, Scully?«
»Nein, Sir!«
»Ich auch nicht, wir haben also nur an unsre Pflicht zu denken. Nach dem, was ich gesehen, fürchte ich, daß wir uns auf die Garnison nicht verlassen können. Wollen wir ungerächt sterben, wenn das Arsenal genommen wird?«
»Den Teufel, Sir! wir müssen so viele der verdammten Niggers20 zur Hölle schicken, als möglich!«
»Das ist auch meine Meinung, und Sie sind mein Mann. Haben Sie das Nöthige bei sich, Scully, um eine Zündlinie zu legen?«
»Ein guter Artillerist ist nie ohne sein Handwerkszeug,« lachte der Alte. »Jetzt verstehe ich Sie, Sir, obschon ich Goddam, niemals gedacht hätte, daß ein so guter Gedanke in einem so jungen Kopf auftauchen könnte. Ich hörte immer, Sie liebten die Weiber, den Meßtisch und die Rennbahn mehr, als das Exerciren.«
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»Jedes zu seiner Zeit, Alter,« sagte lächelnd der Offizier. »Legen Sie hier Ihre Zündlinie ein und zur Thür hinaus auf der Rückseite des Thurmes, daß die Schurken die Ueberraschung nicht zu frühzeitig merken. So, mein Mann. Nun zeigen Sie mir, wie ich am Sichersten das Feuerwerk in Gang bringe, wenn der Augenblick gekommen?«
»Wie Sir, Sie wollen das Pulver in Brand setzen?«
»Versteht sich - ich werde niemand Anderm die That zumuthen.«
»Halt, mein Lieutenant, das geht nicht. Sie sind nicht Artillerist und ein Versehen könnte Alles verderben. Gehen Sie auf Ihren Posten bei der Vertheidigung, dort kann Ihr Muth mehr nützen, und geben Sie nur das Signal, wenn Sie glauben, daß es Zeit ist.«
»Aber wer soll den Zunder in Brand setzen?«
»Wer anders als ich. Nur für den Fall, daß mich eine Kugel zum Tode trifft, merken Sie, wo das Ende liegt. - So bald Sie Ihr Tuch schwenken, zünde ich an.«
»Braver Mann - es ist gewisser Tod!«
»Das weiß ich, aber besser, als unter den Händen der schwarzen Henkersknechte zu enden. Ich hoffe, wir haben's nicht nöthig, und die Schurken wagen sich nicht an unsere Kanonen.«
Ein wildes Geheul und Geschrei antwortete ihm und zeigte, daß der Feind sich nahe. »Goddam! Da sind sie wahrhaftig schon. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, Sir, und vergessen Sie das Tuch nicht. Ich bediene die Kanone auf dieser Seite. - Noch eins,« sagte er, die Hand auf den Arm des Offiziers legend, der nach der Bastion eilen wollte, »Sie sind jung, Lieutenant, und das Leben ist für die Offiziere schöner, als für unsereinen!«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Nichts, als daß Sie sich erinnern mögen, daß das Pulver nicht nach unten drückt. Wen die Explosion verschont, der mag leicht im Dampf und der Verwirrung zu den Unseren entkommen.«
Er ging zu seinem Geschütz, nachdem er den Eingang geschlossen, und der Offizier eilte nach der Bastion, auf deren Krone Forrest und die meisten anderen Europäer versammelt waren.
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Bei der Kürze der Zeit war es leider unmöglich gewesen, Geschütze dort hinauf zu schaffen und tief bedauerten die Offiziere jetzt die Sorglosigkeit, die einen so wichtigen Vertheidigungspunkt seit Jahren schon im Gefühl übermüthiger Sicherheit von jeder Armirung entblößt hatte.
Die Meuterer hatten sehr wohl begriffen, daß es eine ihrer nächsten und wichtigsten Aufgaben sein müßte, sich des Arsenals zu bemächtigen, um mit den darin befindlichen Vorräthen ihre Anhänger und die niedere Bevölkerung der Stadt zu bewaffnen. Der Haufe, den die Offiziere sich jetzt auf das Arsenal stürzen sahen, war daher der zahlreichste und bestand aus Soldaten von Mirut, den Leibwachen des Königs und einer zahllosen Pöbelmenge. Ein Blick auf diese fanatisirten Massen bewies ihnen, daß es hier einen harten Kampf gelten würde, wenn sie nicht bald Unterstützung der Truppen bekämen, welche die Damen Forrest und ihre Begleiter herbeirufen sollten.
Mehrere Schüsse, die aus der nahenden Menge auf sie fielen, nöthigten die Offiziere, ihre nutzlos exponirte Stellung zu verlassen und sich in das Innere des Hofes hinter die Geschütze zurückzuziehen.
Im nächsten Augenblick donnerten die Waffen der Empörer an das Thor und die Stimme Bukthurs verlangte Einlaß, indem sie die Drohung ausstieß, daß alle im Innern Befindlichen den schrecklichsten Tod erleiden sollten, wenn dem Befehl nicht sofort Folge geleistet werde.
Der Ingenieur-Offizier warf einen Blick auf seine kleine Schaar, - in allen Gesichtern drückte sich Muth und Entschlossenheit aus, selbst die Ghurka's, ohnehin keine Freunde der Hindu's des Binnenlandes, sahen gleichmüthig der drohenden Gefahr entgegen.
»Geht zum Teufel, Canaillen,« antwortete der Offizier mit erhobener Stimme, »und seht zu, daß Euer Gehirn nicht an diesen Mauern verspritzt, noch ehe die Regimenter anrücken. Wer den Hof zu betreten wagt, betrügt den Galgen um sein Futter!«
Ein gellendes Wuthgeheul begegnete der Schmähung des Briten, wilde Schläge und Schüsse donnerten gegen das feste
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Thor - durch den Lärmen hörte man das Kommando der Anführer, welche Leitern herbeizuholen befahlen.
Die Engländer hatten sich mit Waffen aus den Vorräthen des Arsenals versehen, mit Gewehren, Pistolen und Munition, um ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen, wenn es zum Einzelnkampf kommen sollte. Lieutenant Willougby hatte in den Gürtel zwei Revolvers gesteckt und eine Patrontasche mit Munition umgehangen, in der Hand trug er ein Gewehr. So postirte er sich bei den beiden Geschützen gegenüber dem Thor, deren Kommando der Genie-Offizier ihm anvertraut hatte.
»Kameraden,« sagte dieser, »haltet ein wachsames Auge auf die Mauern und den Ersten, der den Kopf darüber hebt ...«
Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Willougby's Gewehr an die Wange fuhr und sein Schuß krachte. Lautlos, durch die Schläfe geschossen, stürzte der Sowar, der sich der Erste von der Leiter auf die Mauer schwingen wollte, zurück.
Das Rachegeschrei der Stü[r]menden folgte dem glücklichen Schuß. Kugel auf Kugel warf jetzt die unter dem Allahruf und Kampfgeschrei: »Ram! Ram! Mahadeo!« an den Mauern Emporklimmenden nieder, aber die kleine Schaar der Europäer vermochte nicht so rasch zu laden, als die Zahl ihrer Feinde auf Mauer und Bastion wuchs, Schüsse krachten von hüben und drüben, Lieutenant Forrest wurde an der Hand verwundet, Buckley durch die Schulter geschossen, einer der Ghurka's getödtet, schon sammelte sich ein Haufe innerhalb des Thors und bemühte sich, die Sperrbalken zu lösen.
»Feuer, Willougby, Feuer auf die Schurken, oder sie öffnen das Thor!«
Der Kartätschenhagel prasselte in der Entfernung von höchstens siebzig Schritt in grader Linie auf den Steinquadern; das wilde Todesgeheul der Getroffenen erfüllte die Luft, zugleich löste Conducteur Scully das Geschütz, das die Bastion bestrich, über die in dichten Massen die Meuterer herauf drangen.
»Ruhig Leute, ruhig geladen, ehe Ihr den andern Schuß gebt!« klang die Stimme Forrest's.
Auf dem Pflaster des Hofes wanden sich die Verstümmelten in Todesgeheul oder versuchten, sich mit den zerrissenen Leibern
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in einen Winkel zu flüchten vor den Tod bringenden Schüssen der weißen Männer.
Die Laute des Schmerzes und Todeskampfs wurden durch ein Freudengebrüll von Außen her übertönt. Zwei der Eingedrungenen war es gelungen, den schweren Sperrbaum aus den Krampen zu heben, gleich darauf schlug eine der Kartätschen gegen das Schloß und sprengte die Riegel - ein gewaltiger Anlauf der Menge, und die Flügel des Thores wichen.
Willougby's zweites Geschütz riß eine Gasse in den dichten Haufen, der durch die geöffnete Pforte hineinstürzte wie unaufhaltbare Meeresfluth.
Ueber die Bastion her drang ein zweiter Strom und besäete mit seinen Leichen den Weg hinab.
Aber über die Todten, und Verwundeten eilten neue Schaaren vorwärts. »Jai! jaiikar! - Tödtet! Tödtet!« klang der tausendstimmige Ruf, in den das Krachen der Geschütze sich mischte, mit denen zwei Mal Forrest die Eindringenden in der Flanke faßte, daß der Kartätschenhagel wie eine riesige Sense die blutige Saat mähte.
Mit heroischer Kaltblütigkeit arbeiteten die Conducteure und Mannschaften an ihren Geschützen, ausgesetzt den Kugeln der Empörer, die jetzt von der Höhe der Mauer, von den Wällen der Bastion und zehn Stellen im Hofe, wo sie Posto gefaßt, auf sie feuerten.
Ueber die Hälfte der kühnen Vertheidiger war bereits verwundet, mehrere gefallen, dennoch kämpften sie wie die Teufel in den Feuerströmen, die um sie her blitzten.
Die Bedienung der Geschütze rechts, welche den Thorweg bestrichen, hatte vier Mal gefeuert, als ein wüthender Anprall der Sowars sie vertrieb und auf die Geschütze vor dem Hauptgebäude zurückwarf. Glücklicher Weise gelang es den Männern, ehe sie weichen mußten, die Kanonen umzustürzen.
Der alte Conducteur, der die Geschütze zur Linken kommandirte, sah auf den jungen Offizier fragend herüber, während er mit Wischer und Ladestock handthierte, aber der Lieutenant arbeitete im Pulverdampf, ohne sich um ihn zu kümmern, und seine Kartätschen brüllten eben zum dritten Mal den Feinden den Tod zu.
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Noch ehe der Rauch emporgewirbelt, warfen sich die Männer wieder auf die Geschütze, um auf's Neue zu laden. Der Erste, der mit der Kartouche vortrat, stürzte, von einer Kugel getroffen, zu Boden, der Zweite hatte dasselbe Schicksal - Sergeant Stewart eilte vor und stieß die Patrone in die Mündung - es war die letzte - und seine letzte Handlung - ein Lastträger aus der Menge war im Pulverdampf bis zu den Geschützen gedrungen und stieß ihm den Tulwar durch den Leib. Noch im Fallen umschlang der tapfere Soldat seinen Gegner und riß ihn mit sich zu Boden.
»Nieder mit den Faringi!« donnerte die Stimme Bukthurs, der auf dem Pferd Willougby's an der Spitze einer geschlossenen Schaar der Leibwachen sich über Leichen und Sterbende hinweg vom Thor her Bahn brach. »Auf sie! auf sie! tödtet sie!« Eine dunkle Wolke von Kriegern drängte hinter ihm her und füllte den Eingang, von den Mauern, von der Bastion her warfen sich ganze Schaaren in den weiten Hof.
»Old England for ever!« Forrest hieb die Lunte auf das Geschütz - Scully's letzte Salve schlug von der Seite in die dicht gedrängte Menge - der Boden war mit Leichen besäet.
Hoch auf seinem Roß schwang unverletzt der wilde Prinz den Tulwar. »Chalo Bhai!«21 Das Paradies ist Denen, die sterben für den Glauben!« Er spornte sein Pferd über die Leichenhaufen.
»Es ist zu Ende mit uns - lebt wohl, Kameraden! Gott sei uns gnädig!«
»Auf den Boden Alle! werft Euch nieder, rasch!« schrie Willougby.
Fast unwillkürlich gehorchten die Meisten. Das edle Roß Gibraltar, von seinem wilden Reiter gestachelt, stutzte dicht vor den Geschützen und hob sich in die Luft, gleich als weigere es sich, den Feind gegen seinen Herrn zu tragen. Der Offizier hob den Revolver, - aber der Anblick seines Lieblingsthiers ließ ihn den Entschluß bereuen, er sprang mit Blitzesschnelle vor die Kanone, hinter der er sich gedeckt, griff dem Pferd in das Gebiß
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und stieß es zurück, während sein Retter zum Schlage ausholte.
Das Pferd hieb einen Moment mit den Hufen durch die Luft und überschlug sich.
»Allah Akhbar! Zum Kampf! zum Kampf!« Die Menge stürzte heran.
Ein Blick durch die Lichtung des Dampfes zeigte ihm den alten Artilleristen, der auf den Stufen des Pulverthurms stand, die Lunte in der Hand, und nach ihm her schaute.
»Gott helfe uns, Freund Scully!« Er schwang das Tuch durch die Luft und warf sich zu Boden, dicht neben den vom Sturz besinnungslosen Feind und das Pferd, dessen Hufschläge Raum hielten in der andringenden Menge.
Ein furchtbarer Schlag erschütterte die Luft und machte die Erde erbeben, gleich als risse sie aus ihren Grundvesten - ein Flammenstrom schoß breit in die Höhe, gleich als öffne sich der Krater eines Vesuvs - und dichte Finsterniß hüllte minutenlang den Hof ein.
Durch diese Finsterniß, durch diese greifbaren Wolken von dickem Qualm, stürzte ein Regen von Mauertrümmern, Balken, menschlichen Gliedern und Waffen.
Die Mauern des Pulverthurms waren wie von dem Erdboden rasirt; - die Geschütze, welche in seiner Nähe gestanden, weit über die Bastion und das große Magazingebäude hinweggeschleudert, dessen Mauern wankten und zusammenstürzten. Der Thorbogen, eine große Strecke der Umfassungsmauer lag in tausend Stücke zerstreut, mächtige Quadern des Thurms waren bis über den Nebenarm der Dschumna geschleudert.
An tausend Menschen waren theils in Atomen in dieser schrecklichen Wolke mit emporgeflogen, theils von dem Luftdruck erstickt, von den fallenden Trümmern erschlagen oder verstümmelt worden. Mit wildem Schreckensgeheul flohen die Ueberlebenden von der blutigen Stätte. - -
Als Lieutenant Willongby von der Betäubung wieder zum Bewußtsein erwachte, kreisten noch immer Dampfwolken über dem Platz. Er begriff, daß wenn er aus Rettung hoffen wolle, er rasch und entschlossen handeln müsse. Seine Glieder waren
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unverletzt, nur von der Stirn rann aus einer leichten Wunde warmes Blut, ein Stein hatte im Fall ihn gestreift, aber der Körper des zitternden und keuchenden Pferdes ihn geschützt. Umhertastend fühlte er die Brust seines letzten Gegners unter seiner Hand sich leise heben und senken - er lebte gleichfalls noch. Der Griff des Dolches, den jener im Gürtel trug, kam in seine Finger, und er hob ihn einen Augenblick zum Stoß - im nächsten aber bedachte er, daß die That nicht besser als Mord sein würde, und steckte den Dolch zu sich. Dann bemächtigte er sich noch des Turbans des Prinzen und erhob sich. Da er eher hoffen durfte, zu Fuß unbemerkt zu entkommen, verlor er keine Zeit damit, sich um den Zustand seines Pferdes zu bekümmern, und der Trieb der Selbsterhaltung gestattete ihm eben so wenig lange Zeit, nach dem Schicksal seiner Kampfgefährten Nachforschungen anzustellen.
Indem er sich rasch seiner Uniform entledigte, um sich allein in die Tschoga zu hüllen, die er noch immer trug, fiel aus jener ein weißer Gegenstand zur Erde. Er hob ihn auf - es war die weiße Rose, welche die Ursulinerin vor kaum einer Stunde vom Balkon des Palastes der Chandy-Choak ihm zugeworfen. Die einfache Blume eröffnete eine rasche Flucht von Gedanken in seinem Sinn; er preßte sie an seine Lippen und barg sie im Gürtel, sein Entschluß war gefaßt. Die Patrontasche, die Revolvers und den Dolch des Prinzen unter dem weiten indischen Kaftan verbergend, den Turban tief in das von Blut und Pulverdampf mehr einem Bewohner der Hölle, als einem britischen Gentleman ähnlich gemachte Gesicht gedrückt, wagte er es, über die Trümmer und Leichen zu steigen und die Stätte der furchtbaren Explosion zu verlassen, wozu die allgemeine Verwüstung ihm hundert Wege bot.
Wie sich später ergab, war fast die Hälfte vom Rest der kleinen Besatzung, wenn auch nicht unverletzt, durch das rechtzeitige Niederwerfen der Vernichtung entgangen. Lieutenant Forrest hatte sich mit Einigen nach dem Lahore-Thor gerettet und dasselbe glücklich erreicht, während Andere im Schrecken und in der Verwirrung in das Innere der Stadt zurück geriethen.
Dahin, - nach dem Chandy-Choak - wandte auch Lieutenant
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Willougby seinen Weg, indem er unterm Schutz seiner Verkleidung und Entstellung den Kanal überschritt, und über den großen mit Cypressen und Tamarisken besetzten Begräbnißplatz eilte, welcher den alten Palast der berühmten Begum von Somroo - den Bagh Begum Simreh - umgiebt und an die nördliche Häuserreihe des Chandy-Choaks oder Silbermarkts stößt.
Er hatte den Platz kaum betreten, als er Manakjy, den treuen Mahoud des ermordeten Residenten, neben seinem riesigen Thier herlaufen und dieselbe Richtung einschlagen sah.
Als der Zug des Residenten die Chandy-Choak passirt hatte, blieben auf dem Balkon der Erziehungs-Anstalt der französischen Nonnen die jungen Mädchen zurück, plaudernd über das Ereigniß und den Zug so lange wie möglich mit den Augen verfolgend.
»Seht, die Begleitung des Rajah bleibt auf dem Platz,« sagte Miß Frazer, das Glas vor dem Auge. »Auch Ripley kehrt wieder um. Ich glaube, das Schauspiel hat halb Delhi auf die Füße gebracht, - es ist ein Gewühl, wie am Moharremfest.«
»Ach ja, damals, als wir mit Willougby und Lieutenant Förster auf dem Elephanten durch die Straßen ritten und ich mich vor Moll so gewaltig fürchtete!«
»Narrchen - das Thier ist so gehorsam wie ein Schooßhund. Es folgt dem leisesten Wink Manakjy's.«
»Wer ist Manakjy?«
»Ei, der Mahoud meines Vaters, der Wärter Molls, Ihr kennt ihn ja.«
»Sagtest Du nicht, daß er der Verlobte Aurunga's ist, die Du vorhin gezüchtigt, und daß wir einer indischen Hochzeit beiwohnen würden?«
»Bah - er will allerdings die Niggerin heirathen, aber ich werde meinen Vater bitten, seine Einwilligung zu versagen. Aurunga soll zur Strafe ihres Ungehorsams den Mahoud nicht haben.«
»Wie, Miß Victoria!« rief die junge Nonne empört, »Sie wollten zwei Herzen von einander trennen, die sich vielleicht auf's Innigste lieben, blos weil Sie selbst sich einen tadelnswerthen
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Ausbruch Ihrer üblen Laune vorzuwerfen haben? Das wäre grausam.«
»Als ob diese Nigger ein so zartes Gefühl hätten! Manakjy kann der Mädchen genug bekommen, und ich werde ihn ausstatten. Was wissen Sie denn auch von der innigen Liebe solcher Geschöpfe?«
Ihr scharfer Blick fixirte dabei so fragend und nicht ohne Bosheit die arme kleine Nonne, daß diese unwillkürlich tief erröthete. Wally Forster, fast von gleichem Alter und gleicher Gestalt mit der schönen und stolzen Tochter des Residenten, kam der jungen Lehrerin vom Balkon aus unbewußt zu Hilfe.
»Es muß etwas Besonderes vorgehen in der Stadt und dem Palast,« rief die Miß, »alle Welt strömt dahin - die Kaufleute schließen ihre Läden -«
In diesem Augenblick erschien ein Diener an der Thür des Saales und zeigte der kleinen Irma mit bedeutsamer Geberde einen Brief; sie verließ eilig den Balkon.
Zugleich kehrte Lady Hunter in Begleitung der Schwester Angelique in das Gemach zurück. Auf ihrer bleichen, schönen Stirn lag eine unwillige Trauer, als sie auf ihre Verwandte zuschritt.
»Ich kam auf den Wunsch Deines Vaters hierher, Victoria,« sagte sie ernst, »um Dir und Deinen Freundinnen ein Vergnügen zu bereiten. Leider muß ich von dieser würdigen Dame erfahren, daß Deine Aufführung keine solche ist, die mir erlaubt, Dir eine Freude zu bereiten. Du hast Dich von Deiner Heftigkeit und Deinem Hochmuth hinreißen lassen, ein unschuldiges Mädchen zu schlagen, und weigerst Dich, die unweibliche und ungerechte Handlung durch Abbitte zu sühnen.«
»Ich bitte keine Dienerin, keine Nigger um Verzeihung!« entgegnete die Miß trotzig.
»Gott gebe, eigensinniges Mädchen, daß Du nie in die Lage kommst, an das Volk, über das Du Dich so erhaben dünkst, noch andere Bitten richten zu müssen, als eine solche, die der Fehlenden nur zur Ehre gereicht. Die Vorsteherin dieses Hauses hat entschieden, daß zur Strafe für Dich keine Deiner Freundinnen Deine Einladung annehmen darf!«
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»Das wollen wir sehen,« rief widerspenstig die junge Miß, - »ich werde meinen Vater bitten, sein Ansehn zu brauchen. Sie nehmen bei jeder Gelegenheit diese Hindu's in Schutz, Tante, und zerstören den Respekt, den sie uns schuldig sind.«
»Der Zug kommt zurück,« rief eines der Mädchen aus der Veranda, »nein, ich irre mich - es sind nur die Indier - mein Gott, was geht dort vor!«
Ein entfernter Schuß wurde gehört, - ein Geheul der Volksmenge auf der Straße und dem Platz antwortete.
Alle Frauen eilten auf den Balkon, um zu sehen. Die Begleiter des Rajah und dieser selbst jagten bereits an der Mauer des Palastes entlang nach dem Delhi-Thor zu.
In diesem Augenblick stürzte die junge Hindu, die Tochter des reichen Babu, in den Saal, der durchsichtige goldgelbe Teint ihres kleinen reizenden Gesichts hatte einer fahlen Blässe Platz gemacht.
»Möge Lakschmi uns beschirmen,« rief sie, auf die Frau des Dechanten zueilend, »Cartikeia22 hat die Bande des Friedens gesprengt und zieht auf seinem Feuerwagen durch die Stadt!«
»Was ist geschehen, was hast Du, mein Kind?«
Die Pensionairinnen drängten sich um sie her.
»Es ist Kampf in der Stadt zwischen den Faringi und den Männern meines Volkes,« schluchzte das Mädchen. »Der Babu, mein Vater, schreibt mir, daß große Gefahr, und daß ich mich verbergen solle, bis er kommen könne, mich zu holen.«
Eine Flintensalve von dem Dauri-Serai her und das Geheul der Volksmenge bestätigte den Schreckensbericht des Mädchens.
»Das ist ein Volksauflauf, der sich bald beruhigen wird,« besänftigte die Lady. »Lassen Sie für alle Gefahr die Thür nach der Straße schließen, Soeur Angelique, - Militair ist in der Nähe, die Wachen des Königs und die Peons werden bald die Ruhe wieder herstellen.«
»Gerechter Gott! wenn nur meinem Vater kein Unglück geschieht!« Miß Victoria flog zurück auf den Gitterbalkon.
Pulverdampf wirbelte von dem Thor des Dauri-Serai auf
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- auf der Brücke sah man Moll, den Elephanten des Residenten, der den Verwundeten zur Haudah emporreichte.
»Willougby! - Das ist Willougby auf dem Gibraltar! er sprengt hierher - barmherziger Himmel - er wird in die Hände dieser Rasenden fallen!«
»Nein - er wendet sich zur Rechten - jetzt ist er verschwunden!«
Ein tiefer Athemzug, wie aus befreiter Brust, war deutlich hörbar. Die beiden Hände auf das Herz gepreßt, todtenbleich, lehnte die kleine Nonne an einem der steinernen Pfeiler.
»Ein anderer Reiter jagt hierher, wahrhaftig - er durchbricht die Menge, - er hat die Straße gewonnen - um Gotteswillen, wer ist das?«
Schüsse knallten hinter dem Sergeanten drein, der im Carriere die Straße entlang flog.
»Vater! Vater!« schrie Miß Frazer und streckte die Arme aus, als könne ihre Stimme in dieser Entfernung sein Ohr erreichen.
»Beruhige Dich, Kind - er ist gerettet, das treue Thier trägt ihn sicher durch die Menge - und dort erreicht er eben die Straße nach dem Palast.« Die edle Frau war schreckensbleich, wie die Anderen, aber sie behauptete ihre Fassung und Ruhe, während, durch den Lärmen und das Schießen erschreckt, die übrigen Nonnen mit den jüngeren Pensionairinnen und die Aebtissin herbeieilten.
In der Verwirrung, die jetzt entstand, und welche die Lady vergeblich durch ihr besonnenes Zureden zu beruhigen strebte, fühlte sie sich am Gewande gezogen.
Es war Irma, das junge Hindumädchen, das ihr zur Seite winkte.
»Du siehst, was da draußen geschieht, Mem Sahib!« sagte die Kleine.
»Leider! es ist Aufruhr - Tumult, und es wird zum Blutvergießen kommen. Die armen bethörten Menschen, sie werden den Ausbruch der Leidenschaft schwer zu büßen haben. Wenn die Truppen nur bald kommen, damit größeres Unheil verhütet wird.«
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»Du irrst, Mem Sahib,« sagte das Mädchen mit funkelnden Augen. »Nicht das Blut der Hindu's wird fließen, wohl aber das der weißen Männer. Ehe die Sonne untergeht, werden die Hindostani frei sein. Mein Vater befiehlt mir zugleich, meine Freunde zu warnen; sie sollen fliehen, da es noch Zeit ist. Kein Sepoy wird die Waffe erheben gegen die Befreier seines Landes und die Kämpfer seines Glaubens!«
»Welche unbesonnenen Worte muß ich von Dir hören, Kind! Die Macht der Engländer ist fest begründet in diesem Lande, und wenn sie auch manchmal gemißbraucht worden, so genießt Deine Nation unter dem Scepter Englands doch Ruhe und Wohlstand.«
»Worte sind Wind, wenn es gilt, zu handeln,« rief das Mädchen. »Mein Vater ist ein weiser Mann und achtet die Faringi, - er würde die Warnung nicht senden, wenn nicht die blutige Bhawani über Delhi schwebte. Bei Deinem und meinem Gott, Mem Sahib, beschwöre ich Dich, fliehe aus der Stadt und nimm Jene mit Dir! - Heilige Götter - es ist zu spät!«
Ein wildes Geheul - gellendes Hilfegeschrei scholl aus der Chandy-Choak herauf. Die Lady, von Irma gefolgt, eilte nach dem Balkon, während die anderen Frauen und Kinder sich wie eine Schaar geängsteter Tauben zusammendrängten.
Ein Blick hinunter belehrte Adelaide, daß der Babu, Irma's Vater, die Gefahr nicht übertrieben. Der Pöbel begann bereits verschiedene von Europäern gehaltene Läden auf dem Silbermarkt zu plündern. Die unglücklichen Besitzer mit ihren Familien wurden herausgerissen und grausam unter tausend Mißhandlungen ermordet. Ihr Jammergeschrei klang entsetzlich durch den Lärmen, die Schüsse, das Geheul, das von allen Seiten sich zu erheben begann.
Auf dem Platz vor dem Dauri-Serai entwickelte sich ein andres Schauspiel, das über den Charakter der Scenen, über die Wahrheit der Nachricht des Hindumädchens keinen Zweifel lassen konnte.
Reiter und Fußvolk von Mirut zog in dunklen Haufen vom Fluß her und vereinigte sich mit den Leibwachen des Königs. Von den Mauern des Palastes schwenkten viele Hände den Halbmond
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- die glühende Sonne spiegelte sich in zahllosen Waffen. Auf der Mitte des Platzes hielten zwei Männer hoch zu Pferde, der Eine, ein graubärtiger Krieger in der malerischen Tracht der Beludschen, der Andere in dem fliegenden zerlumpten Mantel eines Derwisches. Von den Beiden schien die Macht, die Leitung auszugehen, ihr Befehl sandte Haufen auf Haufen der bewaffneten Krieger, denen sich zahlloses Volk anschloß, nach allen Seiten. Boten flogen herbei, den Führern Bericht zu bringen - selbst Akhbar Jehan und der wilde Bukthur schienen ihren Anordnungen Gehorsam zu leisten und eilten in der Richtung, die ihnen angewiesen, mit ihren Schaaren davon.
Jetzt öffnete sich das Thor des Palastes, und auf seinen ersten Verschnittenen gestützt, schwankte die unförmlich dicke Gestalt des alten Königs von Delhi, unter Vortritt von Becken- und Trommelschlägern, heraus, gefolgt von Sinath Mahal, seiner Favorit-Begum, ihrem Sohn Dschumna Bukh und den älteren Söhnen, den Ministern und Dienern des Herrschers ohne Reich.
Die beiden Reiter sprangen von den Pferden und gingen dem alten König entgegen - ein tausendstimmiger Jubel erhob sich von dem Platz und begrüßte den Großmogul von Delhi.
Die Lady trat entsetzt zurück; dann eilte sie rasch entschlossen auf die Aebtissin zu. »Irma hat Recht - das ist kein bloßer Volkstumult, das ist eine Empörung, eine allgemeine Revolution. Sie müssen versuchen zu fliehen, Irma kann Sie geleiten und hoffentlich schützen. Leben Sie wohl, und möge der Himmel mit Ihnen sein!«
Sie winkte den Mädchen einen Abschiedsgruß zu und schritt entschlossen nach der Thür.
»Um der gebenedeiten Jungfrau willen, Mylady, wo wollen Sie hin?« Die Aebtissin, die Nonnen, die Mädchen warfen sich ihr in den Weg.
»Mit Gottes Beistand meine Pflicht erfüllen,« sagte die Lady mit erhobener Stimme. »Sie Alle vermögen zu fliehen, aber die arme Mistreß Elkinson und meine Kranken können Delhi nicht verlassen. Bei ihnen ist meine Stelle.«
Vergebens waren die Bitten und Vorstellungen der Geängsteten, die Lady beharrte auf ihrem heldenmüthigen Entschluß und
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bat die Aebtissin, Befehl zu geben, daß ihr die Pforte des Hauses geöffnet werde.
Es geschah - hinter ihr schloß sich sogleich wieder die Thür, doch nicht eilig genug, um zu verhindern, daß auch Aurunga, die indische Dienerin, das Haus verließ.
Jetzt sahen die Nonnen und die jungen Mädchen, die trotz der eigenen Gefahr die Theilnahme und die Neugier auf die Veranda getrieben, das seltsame Schauspiel, daß eine wehrlose Frau freiwillig sich mitten unter eine fanatische, zur höchsten Wuth entflammte Bevölkerung wagte, die im Begriff war, ihre Landsleute zu ermorden und zu bekämpfen.
Als sich die Pforte des schützenden Hauses hinter ihr schloß, blieb die Lady kurze Zeit auf der Schwelle stehen, um nach ihren Palankinträgern auszuschauen.
Weder die Diener noch der Palankin waren zu sehen, eine tobende, brüllende, blutgierige Menge erfüllte den breiten Markt und mit jeder Minute gossen die Seitenstraßen neue Massen in den schrecklichen Strom.
Dann rasch entschlossen schlug Lady Hunter den Schleier ihres Hutes zurück und schritt auf die Straße, die Richtung nach der schwarzen Moschee oder Futepure Musjed einschlagend, in deren Nähe die verlassene Kranke, die Frau eines Compagnie-Beamten, wohnte.
Im ersten Augenblick schien die Menge, die eben einen neuen Laden erbrochen, ihre Anwesenheit nicht zu bemerken, aber im nächsten schon erscholl der brüllende Ruf: »Tödtet die Faringa! nieder mit der Faringa!« und hundert Hände streckten sich gegen sie, Waffen wurden erhoben, ein Sepoy schlug sein Gewehr auf sie an und einer der Reiter von Mirut, der sich in dem tobenden Haufen befand, spornte sein Pferd und schwang seinen Säbel, um der kühnen Frau das Haupt zu spalten.
Lady Adelaide sah, daß sie sterben müsse, und faltete die Hände, - ihr Blick harrte mit Ruhe dem Todesstreich entgegen.
In dieser furchtbaren Gefahr erscholl der kreischende Ruf einer Frauenstimme!
»Der Engel von Delhi! - Schützt den Engel von Delhi!«
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Eine Hindufrau, ihrer Kleidung nach den unteren Ständen angehörend, stürzte sich gleich einer Furie zwischen den Sowar und die Bedrohte. »Unglücklicher, was willst Du thun? - Es ist der Engel von Delhi, den Dein Tulwar bedroht! Möge Agni jedes Glied Deines Körpers hundertfach verzehren, wenn Du wagst, ein Haar ihres Hauptes zu krümmen!«
Jetzt erkannten Mehrere aus der Menge die Lady, und der Ruf ihrer Mildthätigkeit, ihrer Güte und ihres Wohlthuns war so weit verbreitet, daß der allgemeine Ruf: »Ehre der Heiligen! Schutz dem Engel von Delhi!« wie ein Lauffeuer durch die Masse ging und gleichsam einen Heiligenschein um das Haupt der Dame schlang.
Der Sowar wurde vom Pferde gerissen und wäre ermordet worden, wenn die Lady nicht selbst schützend die Hände über ihn gebreitet hätte.
»O meine Freunde, unglückliche verblendete Menschen, was thut Ihr?« sagte sie mit sanfter Stimme. »Werdet Ihr das Leid, das Ihr traget, durch den Mord Schuldloser ändern? Ich beschwöre Euch bei dem Gott, der über uns Allen wohnt, überlaßt ihm die Gerechtigkeit und befleckt Eure Hände nicht mit Aufruhr und Verbrechen!«
Ein augenblickliches Schweigen lag auf der Menge, - dann sprach die Megäre, deren Hände selbst von Blut trieften, das sie grausam vergossen, während sie wenige Augenblicke darauf ihr eigenes Leben für eine Tochter des gehaßten Volkes wagte:
»Engel von Delhi! Deine Stimme klingt wie der Gesang der Burubul und Dein Herz ist weiß wie der Schnee auf dem Gipfel des Dhawalagiri, den noch kein Fuß eines Menschen entweiht hat. Wir Alle wissen, daß Dein Gott Dich mit dem Geist der Güte und des Wohlthuns gesegnet hat, obschon Du eine Faringa bist. Es ist kein Mann meines Volkes in Delhi, der nicht zu Wischnu, dem Erhalter, für Dich betet, während er Deine Brüder verflucht und bereit ist, seine Hände in ihr Blut zu tauchen. Wandle Deinen Weg des Segens, Engel von Delhi, wir werden Dein Gedächtniß ehren, wenn Du von uns gehst, wir werden glücklich sein, wenn Du bei uns, Deinen braunen Kindern, bleiben willst,
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und kein Haar Deines Hauptes soll berührt werden von frevelnder Hand! aber schließe Deine Augen vor dem, was um Dich her geschieht, denn der Tag der Rache der Kinder Brahma's ist angebrochen und selbst Dein Wort vermag den Tulwar nicht zu bannen, der seine Scheide verlassen hat!«
Das zustimmende Gemurmel der Menge zeigte der Lady, daß das Weib die Gefühle Aller ausgesprochen. Sie beugte das Haupt und erkannte, daß über jene Grenze hinaus selbst ihr Einfluß machtlos sei und jeder neue Versuch nur das Gute gefährden würde, was sie zu wirken hoffen durfte.
»Sprich, Mem Sahib,« sagte das Weib, »wohin Du Deine Schritte lenken willst? Paravana, deren Knaben Deine Pflege dem Yama entrissen, als ihn die boshaften Faringi für ein geringes Vergehen zum Tode gemißhandelt, nachdem sie seinen Erzeuger getödtet - sie wird Deinen Weg ebnen und vor Dir herschreiten, damit Du siehst, daß die Kinder der heißen Sonne ein dankbares Herz im Busen tragen.«
Die zitternde Lippe der Lady nannte den Namen und die Wohnung der kranken Engländerin, zu deren Schutz sie den furchtbaren Gang gewagt, und sogleich streckte die Megäre das blutige Beil, das sie in der Hand hielt, nach jener Richtung aus und schritt durch die Gasse voran, welche zu beiden Seiten die Menge öffnete.
Viele der Männer und Frauen aus dem leidenschaftlich erregten Volk beugten die Kniee, als die. Lady, ihrer Führerin folgend, vorüber kam, und berührten, Segenswünsche murmelnd, ihr Gewand.
Hinter dem Engel von Delhi aber schloß sich die Menschenwoge aufs Neue, das Geheul der Rache und Mordlust gellte zum Himmel empor und der Strom der Wüthenden stürzte sich wieder vernichtend auf die unglücklichen Europäer.
Man sah jetzt unter den Haufen, die sich nach allen Seiten wandten, neue Gegenstände ihrer Wuth, ein neues Feld der Zerstörung zu suchen, ein anderes Weib, ein Hindumädchen, jung und hübsch, aber das Auge blutunterlaufen und Spuren von Blut noch im Gesicht, auftauchen und die Mörderhaufen anreden. Ihre wilden Geberden deuteten nach dem Palast der Prinzessin
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Dschehanara, und ihre Worte glichen lodernden Funken, die den Brand entzünden.
Mit einem gellenden Geheul warf sich ein Haufen der blutigen Mörder auf die bisher so friedliche Stätte des segensreichen Wirkens der schuldlosen Nonnen. Das Versprechen, daß Gold und Weiber dort zu finden, daß sie in Christenblut ihre Rache kühlen konnten, entflammte noch mehr die wilden Gemüther.
Stangen - Waffen aller Art donnerten an die schwere Pforte und verlangten die Oeffnung - Schüsse, knallten nach den Fenstern empor und die Kugeln zerschmetterten die Jalousieen oder platteten sich an dem mächtigen Steinwerk.
Die Hände ringend - schreiend - wehklagend stürzten in den Räumen des Palastes die Frauen und Kinder durcheinander. Schwester Maria hatte vom Balkon aus, die Lady besorgt mit ihren Blicken verfolgend, Aurunga, die mißhandelte Dienerin in der Frau erkannt, welche die Wuth der Mörder auf's Neue anregte und gegen ihr stilles Asyl wandte. Die Nachricht zog einen Strom von Verwünschungen der eigenen Freundinnen, die noch vor Kurzem sie um ihr Glück gepriesen, auf das Haupt der armen Victoria, die, zitternd in Angst um das eigene und des Vaters Leben, jetzt verlassen und hilflos dastand, mit Mühe nach Fassung ringend.
In dieser Noth, wo Keine Rath und Hilfe wußte und die Schläge der Mörder bereits an das Thor donnerten, erschien Irma nebst einer der Hindudienerinnen mit einem Berge von jenen langen indischen Schleiern und Feredschi's beladen, in die sich die eingebornen Frauen des Landes beim Verlassen des Hauses zu hüllen pflegen.
»Hier,« rief sie und warf die Last auf den Boden, »nehmt rasch, hüllt Euch Alle darein, es sind so viel, als ich habe finden können, und Ganesa hat mir den Gedanken eingegeben, um Euch zu retten. Zuleina und ich werden Euch durch die Gärten geleiten, bis Ihr in Sicherheit seid.«
Sie stürzten Alle auf die Schleier und Mäntel, die Kleinen wurden in die Schleier der Nonnen gehüllt, die Erwachsenen verbargen sich unter der Hülle der Yaschmacks und Feredschi's -
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und Zuleina, die Dienerin, die Einzige, welche Muth und Treue genug besessen, in der Stunde der Gefahr auszuhalten, indeß die anderen Diener durch die hinteren Ausgänge des Palastes entflohen waren, eilte mit der Aebtissin und einer der älteren Nonnen, die Kinder an den Händen führend, davon, um die Gefahr zu theilen und die Aufmerksamkeit nicht auf die Menge der Fliehenden zu richten.
Marion hatte mit eigener Aufopferung überall hilfreiche Hand geleistet, ohne an sich selbst zu denken, während auf der Straße immer wilder und drohender der Lärmen wuchs und Schuß auf Schuß durch die Fenster fuhr. Die zitternde Schaar der Mädchen war in dem hintern Flur des Palastes versammelt, um sich durch den Garten zu retten, als der Blick Irma's auf die junge Nonne fiel.
»Bei dem Haupte Wischnu's, eile Dich, Maria - wo ist Dein Schleier? - Miß Victoria, spute Dich!«
»Sie hat Schleier und Mantel thörichter Weise an die alte Nonne gegeben,« sagte die Tochter des Residenten unwillig. »Für mich und sie hat Eure Eigensucht Nichts übrig gelassen!«
In der That waren Alle glücklich mit den Verkleidungen versehen, bis auf die junge Nonne und Miß Frazer; die Aufopferung der Einen und der Stolz der Andern hatten es verschmäht, sich bei Zeiten der Kleider zu bemächtigen.
Während Irma rathlos umherschaute, hörten sie vorn die Stöße eines schweren Balkens gegen die Pforte krachen, die in ihren Angeln zu wanken begann.
»Fort um der heiligen Jungfrau willen, rettet Euch!« rief Marion, »sie werden es nicht wagen, der Tochter des Residenten ein Leides zu thun! Ich suche uns Schleier und wir folgen Euch!«
Sie drängte die Mädchen mit Schwester Angelique, die bei ihnen zurückgeblieben war, und die widerstrebende Irma hinaus, und rannte zurück in die vorderen Räume, andere verbergende Gewänder für sich und Miß Frazer zu holen.
Diese, zagend, allein das Freie zu betreten, folgte ihr.
Die beiden Mädchen hatten eben die vordere Halle erreicht, aus welcher die steinernen Treppen emporführten zu den oberen
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Stockwerken, als das mächtige Thor in seinen Angeln wich und in Stücke zertrümmert in das Innere stürzte.
Die blutdürstigen Gesichter der Menge, die funkelnden Waffen erschienen vor den Augen der Unglücklichen - die junge Nonne warf sich vor die Pensionairin und sank in die Knie, den Tod erwartend.
In diesem Augenblick, als sich die Vordersten des Haufens anschickten, in das Innere zu dringen, erzitterte die Luft von einem gewaltigen Druck, und ein Krachen, als stürze das Himmelsgewölbe zusammen, ließ sich hören.
Es war die Explosion des Pulvermagazins im Arsenal.
Ein gewaltiger, von dem Zahn der Zeit gelockerter Steinblock des über dem Eingang schwebenden Altans löste sich von der mächtigen Erschütterung und stürzte, den über ihm schwebenden Pfeiler mit sich hinabreißend, zermalmend unter die Stürmenden.
Ein Jammergeschrei mischte sich mit dem Echo des Donners und dem Wuthgeheul der Menge, Staub und Dampf wirbelte empor und schied in dichten Wolken die Mörder von den Bedrohten.
Aurunga, als sie ihr Werk gethan und die tobende Schaar auf das Haus ihrer Gebieter gehetzt, eilte um die Mauern des Palastes, nach der Seite der Gärten, um jede Flucht der Weißen zu hindern, die sie zu Opfern ihrer Rache für die erlittene Schmach bestimmt.
Sie hatte noch nicht die Seitengasse verlassen, welche den alten Palast der Tochter und Pflegerin des unglücklichen Schah Dschehan, der Schwester Nurengzebs, von den nächsten Palästen trennt, als der Schlag der Explosion sie zu Boden warf. Sie erhob sich bald wieder, und erreichte jetzt den mit Cypressen und Cedern besetzten Platz, welcher die Gärten des Dschehanara-Palastes von dem Palast und dem Grabmal der Begum von Somroo scheidet.
Indem sie, die Pforte im Auge, aus welcher bereits die Nonnen mit den Kindern geflohen waren, weiter eilte, stieß sie auf Manakjy, ihren Geliebten, der neben seinem Thier herrannte.
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»Der Gott des Krieges hat seine Schwingen entfesselt, die dunkeläugige Bhawani streckt ihre Hand über Delhi und fordert ihre Opfer,« rief ihr der Mahoud entgegen. »Gesegnet sei Cama, der mein Auge Dich wiederschauen läßt!«
»Was ist geschehen, Manakjy - wo willst Du hin?« fragte das Mädchen, sich mit ihm der Pforte nähernd.
»Unglück ist über uns - die Faringi haben einen Feuerberg in die Luft geschleudert, um sich zu retten. Der Sahib, mein Gebieter, ist erschlagen von dem Sohne des Königs, und sein letztes Wort an die Treue Manakjy's hat mich gesandt, die Tochter seines Blutes zu retten und unversehrt zu den weißen Männern, ihren Brüdern, zu führen!«
»Nimmermehr! Die Mem Sahib muß sterben wie ihr Vater, ihre Hand hat das Weib Deines Herzens entehrt und ihrer Kaste beraubt!«
»Das ist schlimm, Aurunga,« sagte der ehrliche Mahoud, indem er mit seinem Thier stehen blieb, »aber ich habe des Sahib Brod gegessen, bevor ich das heilige Wasser mit Dir trank. Er war gut gegen Manakjy, und Manakjy und Moll werden halten, was sie gelobt. Wenn Du mir nicht helfen willst, die Mem Sahib zu retten, so bleibe bei Moll, indeß ich mich in den Palast schleiche.«
»Die Rache der Hindostani ist auf den Fersen der Weißen,« rief triumphirend das Mädchen. »Die Tapferen meines Volkes haben meine Worte gehört und bringen bereits der Bhawani in jenem Hause ihre Opfer!«
»Dann muß ich um desto mehr eilen, sie zu retten,« meinte der treue Diener. »Moll, mein Freund, harre meiner hier und laß Niemand Dir nahe kommen.«
Der Elephant bewegte den Kopf, gleich als habe er die Weisung seines Führers verstanden.
Aurunga, die fürchtete, um ihre Rache zu kommen, und doch nicht wagte, ihrem Geliebten weitern Widerstand zu leisten, war mit der Schnelle des Windes, während er sich noch mit dem Elephanten beschäftigte, dem Mahoud nach dem Ausgang des Gartens vorausgeeilt, denn sie hatte zwischen den Bäumen hindurch gesehen, wie eine Anzahl von Frauen, in indische Schleier
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und Gewänder gehüllt, scheu durch die Pforte schlüpften und über den Platz eilten.
Ihr Verstand, durch das Rachegefühl geschärft, begriff sogleich, daß unter dieser Verkleidung die Frauen und Zöglinge des Pensionats Rettung suchten, und ein Messer in der Hand, das sie in der Chandy-Choak aufgerafft, eilte sie den Flüchtigen mit den Sprüngen einer Pantherin nach und warf sich ihnen in den Weg.
»Wo ist die Tochter des Faringi-Sahib? Gebt sie heraus, oder Ihr Alle sollt sterben,« schrie sie ihnen entgegen, die blitzende Klinge schwingend.
Die Flüchtlinge drängten zusammen, wie eine Heerde, die der Wolf bedroht - selbst die muthige Irma erbebte vor der Drohung.
»Um des Himmels willen, Aurunga, laß uns fliehen! Die Dich mißhandelte, Victoria, ist noch im Palast!«
»Zeigt Euer Antlitz!«
Die Schleier wurden auf den Befehl gelüftet - die Hindu überzeugte sich, daß keines der angstbleichen Gesichter ihrer stolzen Feindin gehörte.
»Geht,« sagte sie, »und nehmt meinen Fluch mit Euch!«
Sogleich aber schien sie sich eines Andern zu besinnen. Sie faßte die Hand Miß Forsters und hielt das zitternde Mädchen zurück, während sie den Anderen ungeduldig sich zu entfernen, winkte.
Sie flohen wie Tauben, die von dem Geier verfolgt werden, in der Richtung des Lahore-Thors davon.
Aurunga wandte sich zu ihrer Gefangenen. »Sie eilen ihrem Verderben entgegen,« sagte sie finster, »Du allein kannst Rettung finden, wenn Du thust, was ich Dir sage.«
»O rette mich vor dem schrecklichen Tode,« flehte das Mädchen, die goldene Kette, die sie trug, vom Hals reißend und der Hindu bietend. »Alles, was ich besitze, soll Dein sein. Meine Eltern werden Dich belohnen ...«
»Still,« gebot die Dienerin, die jetzt die Herrin geworden. »Hülle Dich in Deinen Schleier und antworte auf keine Frage, als mit einem Ja oder dem Neigen Deines Hauptes. Man muß
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Dich für die halten, die Du Deine Freundin nennst, sonst bist Du verloren.«
Sie riß das Mädchen mit sich fort und schleppte sie zur Gartenthür zurück, wo eben der wackere Mahoud anlangte.
Manakjy hatte die Flucht der Frauen gesehen, aber durch die Gewänder getäuscht, und weil fortwährend einzelne Gruppen von Eingebornen, Männer, Frauen und Soldaten - noch unter dem Eindruck des Schreckens der furchtbaren Explosion - über den Platz rannten, legte er kein Gewicht darauf.
Aurunga warf die Pforte in's Schloß und stellte sich vor sie. »Lakschmi ist mit uns gewesen,« sagte sie - »Du brauchst Dich nicht in die Gefahr zu stürzen, hier ist, die Du suchst - um Deinetwillen möge sie gerettet werden!«
Obschon der Mahoud die Tochter seines Herrn von Kindheit auf gekannt, hatte er sie doch in letzterer Zeit weniger gesehen, und durch die gleiche Gestalt und das europäische Gewand unter dem Feredschi getäuscht, begnügte er sich mit der Frage: »Bist Du die Mem Sahib?«
»Ich bin Victoria - rette mich,« erwiederte das Mädchen, das ihre Rolle begriff und das ihre Todesangst Verstellung lehrte, in englischer Sprache. Sie reichte dem Mahoud die weiße Hand und dieser, vollständig überzeugt, daß ein glücklicher Zufall ihm seine Aufgabe erleichtert, führte eilig den Elephanten herbei, hieß ihn niederknieeu und half dem Mädchen die Haudah erreichen, worauf er selbst seinen Platz auf dem Nacken des Thiers einnahm und dieses zum raschen Lauf aufstachelte. Der kluge Koloß gehorchte dem Willen seines Führers und in wenig Augenblicken war seine riesige Gestalt zwischen den Bäumen und angrenzenden Straßen verschwunden.
Mit dem Hohnlächeln eines teuflischen Triumphes schaute Aurunga ihm nach, dann lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Mauerpforte, entschlossen, jeden Weg der Flucht mit ihrem Körper zu versperren.
Mit Erstaunen und ohne sie zu verstehen hatte Lieutenant Willougby die Scene aus einiger Entfernung mit angesehen, ohne wagen zu dürfen, sich den Personen zu nähern. Jetzt aber, nachdem der Mahoud mit dem Elephanten verschwunden, schritt er
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entschlossen auf die Pforte zu, die, wie er wußte, in die Gärten des Dschehanara-Palastes führte, und vor der Aurunga, die treulose Dienerin, Wache hielt, um den Gegenstand ihrer Rache nicht entfliehen zu lassen.
Aber eine andere Person kam ihm zuvor - es war Irma, das junge Hindumädchen, die ihre, von einer umhertobenden Schaar der Meuterer gleich flüchtenden Tauben auseinander gescheuchten, aller Besinnung beraubten, Gefährtinnen verlassen hatte, und durch die Farbe ihrer Haut hinlänglich als Eingeborene kenntlich und daher keine Gefahr für sich selbst befürchtend, zurückkehrte, um die geliebte Lehrerin zu retten, die sie nur in der ersten Angst verlassen hatte.
Sie trug den Schlüssel der Thür in Händen, den ihre größere Besonnenheit mitgenommen, und versuchte jetzt, Aurunga mit Bitten und Versprechungen von ihrem Platz zu verdrängen.
»Du weißt, daß der Babu, mein Vater, reich ist,« sagte sie, - »er wird Dir und Manakjy eine Aussteuer gebe. Lasse mich hinein, Mädchen, wenn sie noch zu retten sind aus den Händen der blutigen Dewi, muß es sogleich geschehen.«
»Was kümmert Dich das Schicksal der Faringa!« erwiederte hartnäckig die Dienerin. »Ihr Schlag hat die Tochter meines Vaters zum Paria gemacht, dem der Himmel Brahma's verschlossen ist, - sie muß sterben, damit ich in ihrem Blut die Schande abwasche.«
»Sie that es im Zorn und hat durch Todesangst ihr Vergehen gebüßt! Bedenkst Du nicht, daß noch Eine bei ihr ist, die in derselben Gefahr schwebt und die stets Gutes Dir gethan, Schwester Maria, unsere Mutter und Freundin, mit dem Herzen, das Cama ihr gegeben!«
Aurunga schien einen Augenblick zu schwanken; wie alle Dienerinnen des Hauses, liebte sie die junge Nonne. Aber im nächsten Augenblick gewannen Haß und Rachsucht wieder die Oberhand in ihrer Seele und sie stieß das Kind zurück.
»Tochter des Babu - Deine Worte bethören mich nicht! Sie mag sterben mit ihr, sterben wie alle Weißen!«
Das Kind stürzte sich auf sie, mit Gewalt sie von dem Platze hinwegzudrängen, aber Aurunga war stärker und behauptete den Platz, als dem jungen Mädchen plötzlich Hilfe kam. Die
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starke Hand Willougby's erfaßte Aurunga und warf sie zur Seite. »Wo ist die Nonne? wo sind die Frauen?« herrschte seine Stimme der Kleinen zu, von deren Lippen er den Namen Maria's gehört hatte. »Fort - führe mich zu ihr!«
Die Thür war bereits, trotz des Widerstandes Aurunga's, von ihm geöffnet und er stürzte in den Garten, denn von dort tönte lautes Hilfegeschrei.
Obschon Irma in dem von Pulver und Blut entstellten Manne den vermeintlichen Anbeter Miß Frazers nicht erkennen konnte, sah sie doch, daß es ein Faringi war, und mit dem Ruf: »Wenn Du ein Christ bist, rette Maria! rette Victoria!« eilte sie ihm nach.
Es war die höchste Zeit, daß die Hilfe erschien, denn die beiden Mädchen schwebten in der höchsten Gefahr. Miß Victoria, mit dem starken trotzigen Geist, der ihr eigen, hatte sich zuerst von dem Entsetzen erholt, mit dem die fürchtbare Explosion sie zu Boden geworfen, und den Dampf und den Schrecken der Menge, die sie bedrohte, sich zu Nutze machend, entfloh sie mit ihrer Gefährtin nach dem Garten, um den Vorausgeeilten auf alle Gefahr hin zu folgen. Aber sie fand die Thür verschlossen und jetzt, von Todesangst erfaßt, rannten die beiden Mädchen durch die Lorbeer- und Myrthenhecken des Gartens, um irgend ein Versteck zu suchen; denn bereits hörten sie das wüste Geschrei ihrer Feinde, die jetzt den Schreck überwunden und über die Trümmer der Thür in das Innere des Palastes gedrungen waren, und von Raub- und Mordgier erfüllt, sich in allen Räumen verbreiteten.
Einige Minuten gelang es ihnen, sich zwischen den dichten Hecken der Gesträuche und Orangenbäume zu verbergen, aber das weiße Gewand Victoria's verrieth sie den Blicken der Mörder, und mit wildem Jubel verfolgten diese ihre Beute.
Victoria - in dem Laufe strauchelnd, fiel etwa hundert Schritt von der Pforte des Gartens zu Boden, und mit heldenmüthiger Ergebung gab die französische Nonne die weitere Flucht auf, und sank neben ihr in die Knie.
Die Verfolger und der Retter waren fast gleichweit von den Unglücklichen entfernt und jene stürmten mit Geschrei und
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geschwungenen Waffen aller Art herbei, als der Vorderste von einer Kugel aus Willougby's Revolver getroffen, zu Boden stürzte. Eine zweite, eine dritte Kugel schlug in den dichtgedrängten Haufen, der bestürzt inne hielt. Irma hatte die Miß emporgerichtet, sie streckte ihre Hände nach dem Offizier aus, den ihr geübteres Auge erkannte. »Retten Sie mich vor diesen Mördern, Willougby, und ich bin die Ihre!« Der vierte und fünfte Schuß stürzte aufs Neue zwei der Verfolger zu Boden, sie stoben erschrocken auseinander und wichen zurück. Der Lieutenant warf den abgeschossenen Revolver zur Erde und riß den zweiten aus seinem Gürtel, den Rest der Feinde, die vor dieser ohne Ende den Tod speienden Waffe Entsetzen ergriff, in die Flucht zu jagen; aber der Hahn schlug auf, ohne daß ein Schuß sich entlud - ein Blick belehrte den Muthigen, daß auf den zweiten Revolver die Pistons nicht aufgesetzt worden.
In dieser furchtbaren Lage gellte der Ram- und Allahruf von verschiedenen Seiten her, und über die Felder des Gartens stürzten neue Haufen fanatischer Mörder herbei.
»Richard! - rette mich! ich liebe Dich!«
Die Augen des jungen Offiziers, den die stolze Tochter des Residenten von Delhi anflehte, schwankten einen Moment lang zwischen den beiden Jungfrauen, von denen die eine die Arme nach ihm ausstreckte, die andere - die frommen braunen Augen so todergeben und schwärmerisch zu ihm wandte, dann sprang er vor, umfaßte die Nonne und hob sie wie eine Feder leicht auf seinen linken Arm.
»Folgen Sie uns, Miß!« rief er der Bestürzten zu, und eilig sprang er mit seiner Last nach der offenen Pforte in der Mauer. Von dem Instinkt der Lebenserhaltung getrieben, folgte ihm die Tochter des Residenten, so schnell sie vermochte, die Hand auf das Herz gepreßt, gleich als habe ein tiefer Schmerz dieses getroffen.
Schon hatten sie, die Verfolger auf allen Seiten hinter sich, die Thür fast erreicht, die Irma voranfliegend geöffnet hielt, als sich Aurunga mit wüthender Geberde dem Offizier in den Weg, warf und das Messer schwang.
Der Offizier faßte das Pistol am Laufe und ein schwerer betäubender Kolbenschlag schmetterte nieder auf das Haupt der
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Hindu die zu Boden taumelte. Aber noch im Fallen umklammerte sie ihre Feindin, deren Verderben sie geschworen, und riß sie mit sich zur Erde.
Der Offizier mit seiner Last sprang durch die Pforte in's Freie, und Irma, - mit einer Geistesgegenwart weit über ihr Alter - schlug die schwere Thür zu und drehte den Schlüssel im Schloß.
Jetzt erst bemerkte Willougby, daß Miß Frazer nicht bei ihnen, und das gellende Triumphgeschrei der Empörer belehrte ihn, daß sie bereits in ihrer Macht war. Er wollte umkehren, aber das Hindumädchen zog ihn mit sich fort nach der Seite, wo breite Oleander und Geranienbüsche zwischen den Bäumen sie mehr den fremden Augen verbargen.
»Die Bhawani hat gesprochen,« rief das Kind, »sie will ihr Opfer! Dein Leben gehört dieser, die Dich mehr liebt, als die stolze Faringa!«
Trotz der drängenden Noth des Augenblicks konnte der Offizier sich nicht enthalten, einen erstaunten, fragenden Blick auf das Kind und die zarte Gestalt zu werfen, die er auf seinem Arme trug, und zu bemerken, daß das Antlitz der jungen Nonne sich mit tiefem Purpur übergoß. Aber Irma ließ ihm keine Zeit zur Ueberlegung, denn sie zog ihn eilig weiter.
»Wohin nun - was sollen wir thun?« fragte der Offizier.
»Kennst Du das Grabmal der großen Begum im Simreh Bagh?« antwortete mit einer Gegenfrage das Kind.
»Ich kenne es - ich war mehrmals dort!«
»So suche es im Schutz der Bäume und Büsche zu erreichen und verbirg Dich dort. Niemand wird Euch an dem einsamen Orte des Todes suchen, wenn man Dich nicht eintreten sieht. Lebe wohl und Lakschmi sei mit Euch! Ich suche den Babu, meinen Vater, er allein vermag Euch zu retten.«
Sie reichte ihm den Revolver, den er bei dem Angriff im Garten weggeworfen und den sie aufgehoben, küßte die Hand der Nonne und eilte davon.
Willougby erkannte, daß es das Beste sei, dem Rath des Kindes zu folgen, und indem er die Nonne jetzt niedersetzte und mit der einzigen Aussicht zur Rettung bekannt machte, war
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Schwester Maria alle Klagen und ihre Angst zu unterdrücken bemüht, und suchte zunächst ihre Kleidung so zu ordnen, daß sie möglichst wenig auffiel. Dann schlichen beide zwischen den Bäumen und Büschen entlang und es gelang ihnen glücklich, in der allgemeinen Verwirrung, einen der Eingänge des großen von den Engländern zum Theil zu Magazinen benutzten, sonst aber leer stehenden, Palastes der Begum von Somroo zu benutzen.
Wir haben die Geschichte dieser merkwürdigen Frau bereits in den ersten Abschnitten unsrer Erzählung mitgetheilt. Der Palast, den sie sich in Delhi erbaut, und in dem sie den letzten Theil ihres so abenteuerlichen Lebens zugebracht, das noch aus dem Grabe heraus die Macht der Briten in Indien erschüttern sollte, bildet ein großes von Mauern umgebenes Viereck, auf dessen östlicher Seite, der Dschumna zugewendet, sich das Grabmal der Begum befindet.
Es erhebt sich zwischen riesigen Cypressen auf einen breiten Unterbau von Marmorquadern, zu dem von vier Seiten Stufen hinanführen, in Form einer Moschee, von zwei schlanken Minarets überragt, anscheinend ohne Verbindung mit dem Innern des Palastes. Der Eingang befindet sich auf der Seite des Palastes, und der innere Bau, der von oben her durch eine durchbrochene Kuppel sein Licht erhält, bildet eine prächtige Rotunde von Marmor und Mosaiken, in deren Mitte sich der Sarkophag der alten Fürstin, aus grünlichem Stein gemeißelt, erhebt.
Der abenteuerliche Charakter der Begum und die Erinnerung an ihre Gewaltthaten, fortlebend im Munde des Volkes, haben in seiner Phantasie diesen Ort mit Dämonen und bösen Geistern bevölkert, und um so mehr verödet, als sich keine religiöse Pietät an dieses Grab knüpft, da die Begum - welche schon lange Zeit vor ihrem Tode sich das Grab nach der Gewohnheit vornehmer und reicher Hindu's errichtet hatte - in den letzten Jahren zur katholischen Religion übergetreten war und zum Zeichen ihres Glaubenswechsels und zum Aerger aller gläubigen Hindu's und Mahomedaner ein großes Kreuz von weißem Marmor zu Häupten des Sarkophages stand.
Unter dem Schutz der Mauer und des dunklen Grüns der Cypressen erreichten die Flüchtlinge die Stufen der Plattform, die
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sich mehrere Fuß über die Mauer selbst erhob, und indem sie einen günstigen Augenblick erlauerten, gelangten sie in den engen Eingang des Tempels.
Erst hier, auf den Steinsarg der Begum gestützt, wagten sie es, Athem zu schöpfen und sich dem Gefühl der augenblicklichen Rettung hinzugeben.
Die Ruhe konnte jedoch nur kurz sein, denn der von Minute zu Minute gleich einem Sturm anschwellende Lärmen, das Schießen und gellende Geheul der rasenden Volkshaufen von den benachbarten Straßen und Plätzen her bewies, daß die Rebellion sich immer weiter verbreitete und gleich einer Lawine anwuchs.
Bis jetzt hatte der Offizier von Augenblick zu Augenblick noch das Eindringen der regulären Truppen von den Bungalows her in die Stadt und einen Angriff gegen die Rebellen in den Straßen erwartet, bei dem er mit seiner Geretteten sich den Freunden anschließen könnte. Als aber Zeit auf Zeit verrann, ohne daß die britischen Trommeln, das britische Kommando sich hören ließen - als die Schüsse nur unregelmäßig und vereinzelt allein die Wuth der Feinde gegen ihre Opfer bewiesen, begann die furchtbare Wahrheit seiner Seele klar zu werden, - daß die Truppen mit den Rebellen gemeinschaftliche Sache gemacht hätten.
Das Nächste, was der Offizier vornahm, war, den Ort, den sie sich zur Zufluchtsstätte gewählt, einer genauern Besichtigung zu unterwerfen, um die Mittel weitern Verbergens oder einer Vertheidigung darin zu prüfen.
Die runde Halle war leer - nur in der Mitte von dem Sarkophag unterbrochen, an dessen Kopfende an der Wand der schwache Strahl einer kleinen Fontaine, wie solche überall in den Palästen und Bauwerken der reichen Orientalen zur Kühlung der Luft und zu den Ceremonieen der Abwaschung angebracht sind, aus vergoldeter Röhre mit seinem leichten murmelnden Rauschen in ein Marmorbecken fiel, aus dem das Wasser durch eine andere Röhre seinen Abfluß nach Außen fand.
Zur rechten Seite dieser Fontaine befand sich die Thür zur Treppe des einen Minarets, die sich spindelförmig mit ihren steinernen Stufen in die Höhe wand.
Der Offizier untersuchte die Thür, sie war unverschlossen.
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Auf der andern Seite des Springbrunnens hätte sich nach den Gesetzen der Symmetrie eine eben solche Thür nach dem zweiten Minaret öffnen müssen, das in der That etwa nur 6 bis 8 Fuß von dem ersten in der Luft entfernt war; aber die Mauer war glatt und fest und zeigte keine Spur eines Zugangs.
Das Minaret mußte demnach nur der Gleichförmigkeit wegen erbaut und im Innern leer sein.
Der Eingang des Grabmals war allerdings durch eine große eherne Thür verschließbar, aber diese stand so fest eingerostet in ihren Angeln und war von so kolossaler Schwere, daß der junge Offizier vergeblich seine Kraft anstrengte, sie zu bewegen.
Er hatte während dieser Untersuchungen die junge Nonne auf die Stufen des Sarkophags niedergelassen, wo sie jetzt den Kopf an den kalten Stein des Sarges gelehnt saß, bleich und halb ohnmächtig von den Anstrengungen, dem Schrecken und den Anblick der Gefahren, denen bis jetzt die Hand der Vorsehung sie entrissen.
Richard Willougby schöpfte in der Höhlung seines Turbans Wasser aus dem Becken der kleinen Fontaine, knieete neben dem jungen Mädchen nieder und benetzte ihre Stirn und ihre Schläfe mit dem erfrischenden Element.
Es hatte Etwas von der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter für ihr Kind, als der junge Mann so an der Seite des viele tausend Meilen von ihrer Heimath entfernten, der fanatischen Wuth einer wilden Bevölkerung preisgegebenen jungen Mädchens sich befand, das keinen Schützer, keinen Freund hatte auf dieser Welt, als Gott und ihn.
Das eintönige Rauschen des kleinen Quells schien gleichsam die heilige Stille des Todes noch zu vermehren, die in diesem Raume herrschte, während draußen der wilde Lärmen der entfesselten Leidenschaften tobte.
»Marion, theures, liebes Mädchen, erwachen Sie, fassen Sie sich, oder Alles ist verloren,« flehte halblaut mit innigem Tone der junge Offizier. »Gottes Hand hat uns sichtlich in diesen furchtbaren Gefahren bisher beschützt, sie wird uns auch ferner nicht verlassen, wenn wir nur selbst es nicht thun. Bei diesem
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allmächtigen Gott schwöre ich Ihnen, daß Richard Willougby bereit ist, sein Leben für Ihre Rettung zu opfern!«
Er küßte leidenschaftlich die kleine weiße Hand, die in der seinen lag. Plötzlich überlief dunkle Gluth das reizende Gesicht der Nonne und sie zog rasch die Hand aus der seinen, während ihre Augen sich mit dem Ausdruck sanften Vorwurfs zu ihm erhoben.
»Heilige Jungfrau vergieb mir,« flüsterte das junge Mädchen. »Was thun Sie, Sir! O lassen Sie mich nicht bedauern, daß Ihr Edelmuth mich vor jenen Gräßlichen errettet hat, und erinnern Sie sich, daß ich eine Braut Gottes bin und schon die Berührung eines Mannes eine Sünde für mich ist.« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen.
»Hören Sie mich an, Marion oder Soeur Marie, wie Sie genannt zu werden gewohnt sind,« sagte mit tiefer Erregung der junge Mann. »Die Macht einer furchtbaren, gemeinsamen Gefahr hat die Schranke gebrochen, die Sie bisher umgeben und mich sonst wahrscheinlich auf immer von Ihnen geschieden hätte. Wenn es der Tod so vieler Unglücklichen gestattete, möchte ich diese Gefahr segnen, denn sie hat erfüllt, was ich nicht ein Mal in Träumen zu hoffen wagte, sie hat mich mit Dem vereint, was mir das Theuerste auf der Welt geworden. Sie sind in diesem Augenblick nicht mehr die Nonne vom Kloster des heiligen Herzens, sondern Marion Lapierre, die Tochter Frankreichs, die Geliebte meiner Seele, die ich mir aus den Flammen und den Schwertern der wilden Feinde gerettet habe!«
Ein heftiges ängstliches Schluchzen hob krampfhaft den Busen der Jungfrau und der Thränenstrom benetzte durch ihre zarten Finger hindurch den Marmorboden.
»Ja, Marion,« fuhr der junge Mann fort, »die nächste Minute schon kann unser Verderben sein, aber vorher darf und will ich Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, daß ich Sie geliebt, seit Sie diese Stadt betreten und ich zum ersten Mal Ihr sanftes Auge sah. Wenn ich sterben muß unter den Waffen der Mörder, so wird es jetzt wenigstens mit leichtem Herzen geschehen, als das war, mit dem ich seither gelebt habe.«
Die Nonne entfernte rasch die Hände von ihren weinenden
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Augen und sah ihn mit einem seelenvollen Blick an, in dem sich Angst und Bangigkeit mit einem Gefühl vereinte, dessen Ausdruck das Herz des jungen Mannes freudig erbeben macht. »O nicht so, Sir,« sagte sie flehend. »Sie sollen, Sie dürfen nicht sterben! Es ist genug - zu viel schon, was Sie gethan haben für ein so armes unbedeutendes, Wesen, das bis zum Augenblick ihres Todes Sie segnen und Ihrer mit - mit Dankbarkeit gedenken wird. Gehen Sie - lassen Sie mich jetzt, Sir, bei allen Heiligen beschwöre ich Sie darum, und versuchen Sie sich unter dem Schutz des Gewandes zu retten, das Sie tragen!«
»Wie, Marion,« rief der Offizier erstaunt und verletzt, - »Sie können glauben, daß ich Sie hier allem zurücklassen werde?«
Sie sah schüchtern zur Erde. »Warum mußten Sie durch einen Irrthum mich retten, Sir - warum nicht die arme Victoria, deren Tod ich Aermste nun verschulde?«
»Ich bedaure das traurige Schicksal Miß Frazers,« entgegnete fest der Offizier, »aber nicht um sie zu retten verließ ich die Flammen des Arsenals und eilte nach dem Chandy-Choak! nicht Victoria Frazer war es, die mein armes Roß Gibraltar unter den Balkon des Palastes von Dschehanara zog - sondern die Hand, die diese Blume warf!« und er zog die weiße Rose aus seinen Gewändern und drückte sie an seine Lippen. - -
Ein gellendes Triumphgeheul, näher als bisher und anscheinend in der nächsten Umgebung des Grabmals der Begum, ersparte der zitternden, glühenden Nonne die Antwort.
Der Offizier lauschte einen Augenblick nach dem Lärmen, in den sich jetzt das Krachen näher Schüsse mischte, dann faßte er ihre Hand, die sie ihm zögernd überließ und zog sie rasch nach der Thür zur Treppe des Minarets.
»Diese Halle,« sagte er, »ist nicht sicher genug für uns; der Thurm bietet ein besseres Versteck, in dem ich, wenn es zum Schlimmsten kommt, uns mit Erfolg vertheidigen kann. Fassen Sie Muth, Marion, Gott ist mit uns und meiner Liebe!« Er schloß die Thür hinter sich, faßte sie um den Leib und trug die Willenlose, nur leise Widerstrebende, die Stufen des Minarets hinauf.
Auf der Höhe der steinernen Galerie, welche zum Ausrufen
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der Gebete des Muezzim die Spitze der Minarets umgiebt, sperrte eine Fallthür von schwerem Holz die Treppe. Der Offizier bat das Mädchen, sich ruhig auf den oberen Stufen niederzusetzen, während er selbst aus dem höhern Theil des schlanken Thürmchens mit Vorsicht die Umgebung recognosciren und sehen wollte, ob die Gefahr sich nahe.
Die Nonne gehorchte, und Willougby trat in die kaum Raum für zwei Menschen bietende Spitze des Minarets und schaute durch die Oeffnung der auf die Galerie mündenden Thür hinaus auf den Platz.
Von dieser Stellung aus konnte er die ganze Scene sehen, die sich auf dem Platz zwischen dem Palast der Begum von Somroo und dem gegenüber liegenden Hause des Kischangar Radschah entwickelte. -
Wir bitten die Frauen, die dieses Buch lesen, die nachfolgende Scene zu überschlagen; denn sie ist zu entsetzlich, zu empörend für jedes menschliche Gefühl, um nicht den Sinn edler Weiblichkeit auf's Tiefste zu verletzen.
Und dennoch - so empörend, so abscheulich sie auch ist - sie ist kein Erzeugniß einer wilden ausschweifenden Phantasie des Autors - sie ist Wahrheit, schreckliche entsetzliche Wahrheit!
Diese Wahrheit, diese Wirklichkeit ist es, welche dem Verfasser die Feder in die Hand gezwungen, sie zu beschreiben, um von der furchtbaren Vergeltung zu berichten, wie er von der furchtbaren Schuld berichtet hat. - -
Von den Gärten des Dschehanara-Palastes her wälzte sich eine Volkswoge, Männer und Weiber des niedersten Pöbels, die Hände in Blut getancht, die Augen funkelnd von Mordlust und Rachgier.
In der Mitte dieses Haufens wurde ein bleiches schönes Mädchen in weißem Kleide daher geschleift. Blonde Haare hingen aufgelöst um das in Todesschrecken erblaßte Gesicht.
Willougby's scharfes Auge erkannte die Unglückliche - es war Victoria Frazer, die stolze Tochter des Residenten, die ihn selbst noch vor kaum einer halben Stunde mit dem Geständniß ihrer Liebe um Hilfe und Rettung angefleht.
Das Herz des jungen Offiziers erbebte in seiner Brust.
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Er machte eine Bewegung, hinabzueilen, - die Unglückliche aus den Händen der Mörder zu retten - aber kraftlos sank er zurück an die Mauer - das Bewußtsein der Unmöglichkeit, der Vergeblichkeit seines Opfers überkam ihm[n] mit erschütternder Ueberzeugung.
Von der Seite der Saman-Badsch her sprengte eine Reiterschaar, an ihrer Spitze auf edlem Roß Akhbar Jehan, der Delhi-Prinz. Hinter ihm d'rein kam es wie ein bunter Strom von Waffen und bunten Trachten, dazwischen die rothen Uniformen der Sepoy's, die mit den Empörern gemeinschaftliche Sache gemacht, ihre langjährigen Waffenbrüder und Tyrannen zu bekämpfen.
Der Prinz parirte sein Pferd und erwartete den nahenden Volkshaufen.
»Männer von Delhi! Der Sieg ist unser, die Faringi sind vernichtet oder entflohen. Es lebe der Groß-Mogul von Delhi!« Ein Jubelgeschrei der zahllosen Menge antwortete.
Der Prinz winkte mit der Hand Ruhe.
»Hindostani!« fuhr er mit weithallender Stimme fort - »ob Ihr den heiligen Lehren des Korans gehorcht, oder den tausendjährigen Gesetzen Bhudda's - unser Aller gemeinschaftlicher Feind ist das verfluchte Geschlecht der Faringi. Möge es von dem Angesicht der Erde vertilgt werden, wie der Schnee des Himalaya von Surya, dem Gott Eurer Sonne. Nieder mit Allem, was dem Volk der Faringi gehört! Selbst das Kind im Leibe der weißen Frau mög' Eure Rache nicht verschonen, damit der Saame der Verfluchten nie wieder sein Haupt erhebe an den Ufern der heiligen Ströme. Schmach und Tod! Schmach und Tod den Faringi!«
Und »Schmach und Tod den Faringi!« heulte der Ruf der fanatischen Menge, und die Hände wilder Mörder zerrten das unglückliche Mädchen herbei und warfen sie vor die Hufe des Pferdes.
»Ein w[e]ißes Weib?« fragte der Prinz, der im ersten Augenblick die verstörten Züge des Mädchens nicht erkannte. »Warum tödtet Ihr sie nicht?«
»Es ist die Tochter des Sahib Residenten, Hoheit,« berichtete
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eine Stimme aus der Menge. »Wir erkannten sie, als Yama23 bereits seine Hand über sie streckte, und wir bringen sie Dir, um Gericht über sie zu halten!«
Der Prinz bog sich über den Hals seines Pferdes und betrachtete die Unglückliche. Ein teuflisches Lachen befriedigter Rachgier zuckte über sein sonst schönes Gesicht.
Es war nicht unbekannt in Delhi, daß er vor etwa einem Jahre - bevor er in der Versammlung der Verschwörer auf der Burg der Thug als Bewerber um die Sikhprinzessin auftrat - durch einen Vertrauten dem mächtigen Residenten von Delhi sich zum Gatten seiner schönen Tochter angetragen hatte.
Wir haben bereits angeführt, daß solche Verbindungen - man könnte sie diplomatische Heirathen nennen - in Indien nicht ungewöhnlich sind. Die Ehre, sein einziges Kind mit einem Sprößling des Blutes Timur des Großen zu vermählen, der nicht einmal der wirkliche Erbe dieses Schattenthrones war, konnte jedoch den Residenten nicht verlocken, und er hatte mit beleidigendem Hohn den Vorschlag zurückgewiesen.
Der Augenblick abscheulicher Rache war jetzt gekommen. Der Orientale vergißt nie eine wirkliche oder vermeintliche Beleidigung - er wartet seiner Zeit und dann wehe Denen, die sein Haß getroffen.
Wir haben gesagt, daß über das Antlitz Akhbar Jehans das Lächeln einer boshaften teuflischen Freude sich legte.
Er zog eine Börse aus seinem Shawlgürtel und warf sie den Männern und Weibern zu. »Allah vergelte Euch, meine Freunde, Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen!«
Dann wandte er sich, um sein Opfer zu höhnen, zu der Miß.
»Du bist die Tochter Sahib Frazers, des Residenten der Faringi in Delhi und trägst den Namen Deiner weißen Königin?« fragte er.
Die Jungfrau hatte ihn in ihrer Angst erkannt. Sie erhob sich auf die Kniee und streckte flehend die Arme nach ihm aus. »Prinz, retten Sie mich vor diesen Entsetzlichen! Bringen Sie mich
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zu dem Residenten, meinem Vater, und er wird Ihnen ewig dankbar sein für den Schutz, den Sie seinem Kinde gewährt haben!«
Der Delhi-Prinz winkte zurück nach seinem Gefolge.
»Laßt den Sahib-Residenten mit eigener Zunge ihr sagen, daß die Macht der Faringi ihr Ende genommen!«
Mit teuflischem Hohngelächter streckte einer der Mörder der Unglücklichen das verstümmelte Glied auf der Spitze seiner Lanze entgegen, ein Anderer das blutige Haupt ihres Vaters.
Mit einem gellenden Schrei fiel das Mädchen zu Boden.
»Akhbar Jehan hat dem stolzen Sahib der Faringi geschworen, seinen Namen und sein Gedächtniß zu schänden! Der Hund, der sein Blut zu gut hielt, sich mit dem Samen Timurs zu vermischen, soll im Tode noch sich schämen des eigenen Kindes. Reißt dem Weibe die verhaßten Gewänder der Faringi vom Leibe!«
Zwanzig Hände rissen die Unglückliche empor und die Kleider ihr in Fetzen ab. Vergebens sträubte und wand sich das Mädchen und flehte um Erbarmen - Erbarmen von Tigern in Menschengestalt! O wie entsetzlich wahr hatte vor einer Stunde erst das prophetische Wort ihrer edlen Verwandten gewünscht, daß sie nimmer in die Lage kommen möge, von jenen Menschen Andres zu bitten, als Vergebung für ein begangenes Unrecht!
Jetzt rang sie und flehte um den Tod - aber der Tod wäre Barmherzigkeit, wäre Mitleid gewesen, und wo ist Mitleid und Barmherzigkeit bei der entfesselten Leidenschaft eines Orientalen zu finden!
In Fetzen flog jedes Stück ihrer Kleidung, den sich windenden nackten Leib der Jungfrau drückten freche Hände zu Boden - wilde Megären ihres eigenen Geschlechts hielten die zuckenden bäumenden Glieder - - -
Der Prinz war vom Pferde gesprungen - und unter dem teuflischen Hohngelächter, unter dem höllischen Jubel der Menge, die ein Bachanal der Dämonen in wilden Sprüngen zu feiern schien - warf er sich auf die Unglückliche - - -
Zehn Mal schon hatte die Hand des Offiziers die Waffe erhoben, die Kugel der Mißhandelten zu Hilfe zu senden - und jedes Mal sank kraftlos der Arm wieder vor der Ueberzeugung,
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daß seine Hilfe vergeblich, daß sein tödtendes Geschoß nicht die Hälfte des Raumes durchmessen könne, die ihn von der schrecklichen Scene trennte.
Ein Aufschrei, der im Augenblick, als das unglückliche Mädchen zu Boden gerissen wurde, sein Ohr traf, lenkte seinen Blick zur Seite.
Es war Maria, die junge Nonne, die von Angst getrieben zu ihm emporgeklimmt war und jetzt todtenbleich mit weitgeöffneten, geisterhaften Augen das furchtbare Schauspiel anstarrte und die zitternden Hände nach ihm ausstreckte.
»O Sir - wenn es wahr ist - wenn Sie mich lieben - retten Sie, retten Sie die Unglückliche!«
Der junge Mann nahm sie in seine Arme und zog sie an seine Brust, was sie widerstandslos geschehen ließ. »Das ist kein Anblick für Sie, Maria, der selbst das Männerherz vor seinen Schrecken erbeben läßt! - Es ist unmöglich, der Aermsten Hilfe zu bringen - Gott allein kann sie retten und rächen. Aber er zeigt mir den Weg meiner Pflicht - daß mein Leben Ihnen gehört, um Sie vor dem Schrecklichsten zu bewahren!«
Sie lag in Thränen aufgelöst an seiner Brust, während dort unten der gräuliche Jubel zum Himmel aufschrie. »O tödten Sie mich, Richard, tödten Sie mich! Lieber den Tod, als solche Entehrung!«
»Bei dem Gott, der über uns ist, und der seine Sonne scheinen läßt über jenen entsetzlichen Frevel,« schwor der Offizier, »diese Hand wird selbst den Stahl in Ihre Brust stoßen, ehe Sie den Händen jener Mörder verfallen sollen.«
Er umfaßte sie, um sie hinab zu tragen aus dem Vereich des empörenden Schauspiels, als der Knall mehrerer Flintenschüsse seinen erhobenen Fuß zurückhielt, und seine Blicke wieder nach jener Seite wandte.
Von dem Haus des Kischangar Radscha kräuselte Pulverdampf in die Höhe, - zwei der tanzenden Mörder um die schmachvolle Gruppe hatte das tödtende Blei zu Boden gestreckt, andere taumelten und schrieen im Schmerz der plötzlichen Verwundung.
»Verrath! die Faringi sind über uns!« ertönte das Geschrei und die feige Menge begann nach allen Seiten zu entfliehen.
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Aber bald sammelte sie sich von ihrem Schreck und erkannte, daß der Angriff nur von einer Anzahl Flüchtlinge ausgegangen sein konnte, die sich in jenes Haus gerettet haben mußten.
Dem war in der That so. Eine Anzahl von vierunddreißig Europäern mit Frauen und Kindern, darunter mehrere der geflüchteten älteren Pensionairinnen des Klosters, hatten, als sie sich nicht mehr aus der Stadt zu retten vermocht, sich in das steinerne Haus des Kischangar Radscha geflüchtet und dessen Zugänge verbarrikadirt. Die Gelegenheit, welche die dicht gedrängte Menge um das mißhandelte Mädchen zum Angriff bot, war zu verlockend, als daß der Muth und die Erbitterung der Europäer sich dieselbe hätte entgehen lassen können, da sie wußten, daß es in wenig Minuten doch zum Kampf kommen würde, und sie eröffneten daher denselben mit einer wohlgezielten Salve.
Akhbar Jehan hatte sich erhoben - sein Antlitz strahlte in teuflischem Triumph, als er auf sein halb bewußtloses Opfer höhnisch niedersah.
»Seid Ihr feige Parias, daß Ihr vor einer Handvoll dieser weißen Hunde entflieht? Unter ihren Augen soll Schande über ihr Geschlecht kommen, damit sie sehen, welches Schicksal sie erwartet! - Schleppt die weißen Weiber, die so stolz auf schwarzes Blut herabzuschauen pflegen, in den Schutz jener Cedern,« befahl er, als von verschiedenen Seiten drei oder vier andere Europäerinnen herbeigeschleift wurden, - »schändet ihr weißes Blut, bevor Ihr sie tödtet!«
Er stieß die Unglückliche, - den reizenden weißen Leib, den er so eben entehrt - mit dem Fuße den Männern des Pöbels, den wüthenden Fanatikern zu. »Nehmt die Hündin, die Tochter eines Hundes, und besudelt die Gräber ihrer Väter! - Zu den Waffen, Brüder! Kampf und Tod den Faringi!« Er schwang seinen Säbel gegen das Haus des Kischangar Radscha, das ein Theil der aufrührerischen Sepoy's bereits umzingelt hatte und wo Schuß auf Schuß gewechselt wurde.
»Ram! Ram! Mahadeo!« schrie der Prinz - »der Feldruf der Hindostani sei Eure Hochzeitsmusik! Chalo Bhai! Die Houri's des Paradieses sind für die Kämpfer des Glaubens!«
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Unter dem Ram-Geschrei der Krieger stürmte er nach dem Kampfplatz, der jubelnde Zuruf der entfesselten Dämonen begleitete ihn.
Jetzt begann eine Scene, deren Einzelnheiten selbst der Pinsel eines Höllen-Breughel vergeblich zu schildern versuchen würde.
Der niederste Pöbel stürzte sich auf die unglücklichen Frauen. Das wimmernde Mädchen wurde an den Haaren hinter den mächtigen Stamm eines Baumes geschleift, der Schutz gab gegen die Kugeln der Faringi, die ohnehin jetzt ein anderes Ziel suchen mußten, als die Bedränger der Frauen. Die Unglückseligen wurden jeder Hülle beraubt zu Boden geworfen, und Lastträger, Soldaten, Männer der niedersten Kasten und des scheußlichsten Aussehns warfen sich auf sie und befriedigten an ihren widerstandlosen Leibern - nicht ihre Lüste und Begierden, sondern den wüthenden, grimmigen Haß einer Nation! Und wie so häufig das Weib, wenn es sinkt und zur Wuth entflammt, in seiner Leidenschaft zum scheußlichsten Abschaum jener Wesen wird, die Gott auf die Erde gesetzt, sie zu beherrschen, - thierischer als das Thier, gieriger als die Hyäne auf ihre Beute - so umtanzten und umheulten Weiber die fürchterliche Orgie, trieben die Männer herbei zu dem ruchlosen Werk und halfen in der entsetzlichen Schändung ihres eigenen Geschlechts.
Und wenn die Gier und der Hohn dieser Wollust genug gebüßt war, wenn selbst der niedrigste Gesell des Pöbels sich mit Ekel abwandte von dem entwürdigten Körper, dann waren jene Megären es, die hundertfache Martern für diesen noch vor wenig Stunden so reinen und keuschen Leib erfanden, welche die Busen aufschlitzten und mit den gierigen Händen in dem zuckenden Fleische wühlten; welche einzeln die nach Hilfe umherkrampfenden Finger der Unglücklichen, ihre Nasen, Lippen und Zehen abschnitten, die Augen ihnen ausdrückten und mit den scheußlichsten Grausamkeiten indischer Tortur ihren Todeskampf verlängerten.
Mitleidiger als seine Gefährten, hatte ein Sepoy das Bayonnet erhoben, um dem kraftlosen Leibe des schönen Mädchens, das sich einst Victoria Frazer nannte, den Todesstoß zu geben, als eine jener Megären sich zeternd und schützend über diesen Körper warf
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und mit dem Ruf, daß die Faringa ihr gehöre, den Soldaten vertrieb.
Das Weib war selbst schön und jung, nicht viel älter als das Opfer, dessen Kopf sie jetzt in ihren Schooß zerrte. Aber ihr Gesicht war von dämonischer Wuth verzerrt und von einer breiten klaffenden Wunde entstellt, die der Hieb mit einem stumpfen Gegenstand ihr zugefügt haben mußte.
Sie hob die blutunterlaufenen Augen und ließ sie mit Frohlocken im Kreise umherrollen. Willougby erkannte sie mit Entsetzen - es war Aurunga, die Dienerin, die sich ihm im Garten des Klosters entgegengeworfen und die sein Schlag bewußtlos zu Boden gestreckt, noch im Fall die Feindin mit sich ziehend. - - -
Schuß auf Schuß fiel von dem Hause des Kischangar Radscha - die eingeschlossenen Europäer wehrten sich mit dem Muth der Verzweiflung. Drei Stürme der Sepoy's und der Pöbelschaar waren von ihnen bereits abgeschlagen worden, mehr als dreißig Hinduleichen deckten ringsum den Boden.
Unter dem Jubelgeheul der Menge wurden zwei Geschütze herbeigeschleppt und gegen das Haus gerichtet, das die Empörer an allen Seiten in Flammen zu setzen versuchten. Aber die Kugeln prallten ohne besondern Schaden aus der Entfernung an die Steinmauern, da sich die Artilleristen weislich außer der Schußweite der englischen Büchsen hielten. -
»Mem Sahib,« sagte die Hindudienerin voll grimmigen Hohns zu dem leise wimmernden Mädchen - »die Schönheit, auf die Du so stolz gewesen bist, hat Dich zur Bayadere gemacht, deren Leib jedem Manne sich preis giebt. Du machst dem stolzen Sahib, Deinem Vater Schande. Es ist Zeit, daß Dein Gesicht seine Larve ändert, da Du so gut weißt, ins Gesicht einer Andern zu schlagen!«
»Erbarmen Aurunga!« flehte das unglückliche Mädchen - »Erbarmen für das, was ich Dir gethan, wenn Du selbst auf die Barmherzigkeit des Himmels hoffst!«
Aber die Furie schlang das lange blonde Haar der jungen Engländerin um ihre linke Hand und riß das Haupt ihres Opfers wieder zurück, indem sie mit der Rechten ihr Messer schwang. »Seht her, Hindostani,« rief sie, »wie eine Brahminen-Tochter die
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Schmach vergilt, die eine Faringa ihrem Antlitz angethan!« Und während ein Kreis von menschlichen Ungeheuern gleich ihr sich um sie her bildete und den Körper der Unglücklichen festhielt, machte sie mit dem Messer einen tiefen Einschnitt quer über die weiße Stirn der Gefangenen und rund um ihren Kopf mit der Sicherheit eines scalpirenden Wilden aus den Einöden des Rio-Grande.
Dann, während das Geschrei der Gemarterten sich zu einem markdurchdringenden Geheul steigerte, rissen ihre Finger diese so weiße, jetzt blutgetränkte Stirnhaut vom zuckenden Fleisch und von dem ganzen Gesicht, daß dieses nur eine blutige scheußliche Masse von entblößtem Fleisch und Adern bot.
Nicht genug mit dieser unmenschlichen Grausamkeit, zog die Hand, um welche die blonden Locken des Mädchens geschlungen waren, mit kräftigem Ruck die Schädelhaut von dem blutenden Haupt, das jetzt einen wahrhaft entsetzlichen Anblick statt der frühern Reize bot.
Es ist eine eben so furchtbare als wunderbare Thatsache, daß die Unglückliche, das junge zarte, jedes Sybaritismus indischen Lebens gewohnte Mädchen diese entsetzliche Marter ertrug, ohne daß der Tod ihre Leiden sofort endete.
Mit dem Jauchzen von der Hölle entstiegenen Dämonen rissen diese Teufel in Menschengestalt die Verstümmelte empor und trieben sie unter Hohn und Spott durch die Straßen der Stadt, während die glühende Mittagssonne der heißen Jahreszeit auf das blutende Fleisch brannte.
Vergebens flehte die Unglückliche um den Tod - mit den Spitzen ihrer Spieße und Messer trieben die Teufel sie verwärts. - - -
Der junge Offizier hatte das Entsetzliche mit angesehen - zuletzt gedankenlos - abgestumpft - unempfindlich. Eine geheime Macht schien seinen Fuß an der Stelle, sein Auge auf jenem schrecklichen Schauspiel festzubannen, während er das theure Haupt der Geliebten, in sein Gewand gehüllt, an die Brust preßte, um sie vor jenem Anblick zu schützen, den sein Wort ihr nicht einmal zu beschreiben wagte.
Aber ein Gedanke, ein heiliger Schwur erfüllte sein Inneres:
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daß ein rascher Tod das ihm so theure Wesen vor solchen Schrecken bewahren sollte.
Erst gegen Abend ließ das Feuer und der tapfere Widerstand der Europäer in dem zu einer Veste umgeschaffenen, jetzt von den Kanonenkugeln halbzertrümmerten Hause des Kischangar Radscha nach - ihre Munition war zu Ende und damit ihr Muth gebrochen.
Den Sepoys gelang es jetzt, das Holzwerk an einer Stelle in Brand zu stecken, und von den Flammen bedrängt, erhoben die Christen, an einen Flintenlauf gebunden, ein weißes Tuch zum Zeichen, daß sie unterhandeln wollten.
Der Delhi-Prinz versprach ihnen das Leben und sie ungefährdet aus der Stadt zu entlassen, wenn sie ihre Waffen und alle Kostbarkeiten, die sie bei sich führten, ausliefern wollten. Sie verlangten die Anerkennung dieser Bedingung von dem König selbst, den die beiden fremden Leiter der Empörung bereits in den Straßen der Stadt zum Großmogul oder Kaiser von Delhi hatten ausrufen lassen. Man führte den alten schwachen Herrscher in der Haudah seines Elephanten auf den Platz und er gelobte mit der Hand auf dem Koran die Bedingungen des Vertrages.
Jetzt verließen die thöricht Vertrauenden den Schutz des Hauses und übergaben ihre Waffen und ihre Habe den Empörern. Aber kaum war dies geschehen, als auf ein Zeichen des wilden Bukthur, der nach der Plünderung des Zollhauses und der Erstürmung der Hauptwache herbeigekommen, die Sepoy's sich auf die Unglücklichen warfen und sie trotz des Geschreis und der Gegenbefehle des alten Königs grausam ermordeten.
Die furchtbare Scene des Mittags wiederholte sich; während die Männer, von hundert Wunden bedeckt, fielen, wurden die Frauen geschändet und dann grausam verstümmelt und zu Tode gemartert. Kinder wurden in die Luft geschleudert und mit den Bayonneten aufgefangen oder ihnen die Glieder einzeln vom Leibe gerissen. Eine Offiziersfrau, die ihrer Niederkunft entgegensah, wurde geschändet, mit Dolchen aufgeschlitzt und das aus ihrem Leibe gerissene Kind sammt der Mutter in die Flammen des Hauses geschleudert, das die Empörer vollends angezündet hatten.
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Einer andern jungen und schönen Frau wurde ein mit Pulver geladener Flintenlauf in den Leib gestoßen und losgebrannt - die Mörder schrieen jubelnd dazu, das seien die Zimmermannskäfer, mit denen die englischen Steuereinnehmer ihre Weiber und Töchter gepeinigt!
Das war die gräßliche Vergeltung eines wilden, seit einem Jahrhundert von der Nation, welche die Freiheit und die Menschenrechte auf dem Erdball vertheidigt, mißhandelten Volkes!
Wir haben den allgemeinen Gang der Ereignisse am Tage des Ausbruchs der Empörung nachzutragen.
Oberst Ripley war bei den ersten Zeichen des Ausbruchs und der Nachricht von der Annäherung der Meuterer aus Mirut nach den Bungalows gesprengt, und hatte die ersten Truppen zusammengerafft, um sich den Empörern entgegen zu werfen, während er den Brigadier Graves, den Commandeur der Besatzung von Delhi, von dem Vorgefallenen benachrichtigen ließ. Wir haben bereits gesehen, wie die Truppenabtheilungen, die er führte, als sie auf dem Platz vor der Residentur ihren meuterischen Kameraden begegneten, sich mit diesen verbündeten und auf ihre Offiziere feuerten, wobei der Oberst verwundet und nur durch den Schutz der Artilleristen nach der Hauptwache gebracht wurde. Es gelang ihm trotz seiner schweren Verletzung, sich zu retten, aber nur um wenige Tage darauf von einem Zemindar ermordet zu werden.
Das 54. Regiment war bereits vollständig zu den Empörern übergegangen und von dem 38. und 74. Regiment desertirten fortwährend die Mannschaften haufenweise. Die Offiziere suchten die noch übrigen Truppen so gut es ging zusammen zu halten und postirten sich auf dem Artillerieplatz bei der Batterie des Capitain Teissier und am Metcalfe-Thurm. Eine Anzahl Europäer, namentlich Frauen, hatten sich aus der Stadt und den Landhäusern gerettet, und obschon die Zahl der waffenfähigen Europäer dort kaum dreißig betrug, behielten sie doch den Posten am Kashemir-Thor, um Flüchtlingen Gelegenheit zu geben, zu ihnen zu stoßen, während nur 50 Schritt von ihnen entfernt Haufen
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der aufrührerischen Sepoys lagerten, ihnen das Eindringen in die Stadt verwehrend, wo Kampf, Raub und Mord tobten.
Major Abbot und Capitain Procter hatten am Kashemir-Thor die Wache. Unter den Geretteten befinden sich außerdem Doctor Wood, die Offiziere Hyslop, Smith, Reveley, Osborn, Capitain Gordon, Butler, Angelo Elton und Andere, wogegen unfern des Thores, mit aus irgend einem Hause weggenommenen Damenkleidern bedeckt, die Leichen der Capitaine Smith, Edwards und Waterfields und vieler Anderer lagen.
Doctor Batson, Arzt beim 74. Regiment, hatte es übernommen, in die Stadt zu dringen und sich von den Vorgängen zu überzeugen und Botschaft nach Mirut zu bringen, um Hilfe von dort zu holen. Er nahm von seiner Frau und seinen drei Töchtern Abschied, verkleidete sich als Fakir, indem er sich das Gesicht, die Füße und Hände färbte, und wagte sich muthig in die Stadt.
Wir werden sogleich seine Schicksale nach der eigenen Beschreibung, die er davon giebt, weiter verfolgen.
Die Sonne ging unter, als die Majore Paterson und Elton an's Thor kamen und erzählten, daß sie von der Hauptwache entflohen waren, wo die Sepoys ihre Offiziere niedergeschossen. Das Zollhaus, die Hauptwache, das Arsenal, alle öffentlichen Gebäude und die sämmtlichen Forts befanden sich bereits in den Händen der Empörer, der Derwisch Sofi hatte seine Zeit nicht verloren. Brigadier Graves erkannte, daß die Lage der Dinge hoffnungslos war, und befahl den Rückzug.
In diesem Augenblick, als bereits die Dunkelheit eingetreten war, erschien Manakjy mit seinem Elephanten und dem geretteten Mädchen - er hatte sich in den Ruinen vor dem Lahore-Thor so lange versteckt gehalten, noch immer in dem Glauben, daß die junge Dame Miß Frazer sei, da sie ihm nur durch Zeichen geantwortet. Erst als sie sich an die Brust ihrer mit ihren beiden jüngeren Schwestern geretteten Mutter warf, und ihr Schleier fiel, erkannte der treue Diener die Täuschung, die ihm Aurunga bereitet. Er warf sich zu Boden, zerraufte sein Haar und mußte mit Gewalt von der Rückkehr in die Stadt zurückgehalten werden.
Noch hielt ein Theil des 38. und 74. Sepoy-Regiments
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bei den Offizieren aus, obschon die Leute sich weigerten, auf ihre Kameraden zu schießen. Da keine anderen Fuhrwerke zu haben waren, bestiegen die Frauen einige Kanonenwagen, und der Rückzug begann nach den Kantonirungen zu, indem man den Meuterern auch die letzte Position überließ. Jetzt aber liefen die Sepoys zu Hunderten aus ihren Linien weg und entrissen den Offizieren die Fahnen. Vergeblich warf sich ihnen der Brigadier Grades entgegen und forderte sie auf, ihn zu erschießen. Viele sagten, sie hätten keine böse Absicht gegen ihre alten Offiziere, aber sie müßten sich ihren Kameraden anschließen, um für die Befreiung Indiens vom englischen Joch zu kämpfen. Alle Bande der Ordnung waren nun gelöst und Jeder flüchtete aus seine Hand oder mit wenigen Gefährten. Die Offiziere rissen ihre Epauletten ab und warfen ihre Uniformen fort, um nicht erkannt zu werden, und versteckten sich in Erdlöcher und dem hohen Dschungelgrase, wenn sie die nach Faringi suchenden umherstreifenden Haufen der Mordgierigen nahen hörten.
Als die Wagen der Frauen den Kantonnements sich näherten, wurden sie von einem mörderischen Feuer empfangen, das mehrere von ihnen verwundete. Sie flüchteten nach Sir T. Metcalfe's Haus, wo ihnen die Diener einige Speise reichten und sie an das Ufer des Flusses führten, sie in dem hohen Grase verbergend. Capitain Procter, Forrest, die Herren Salfeld, Vibart und Wilsen waren bei ihnen. Kurze Zeit nach ihrer Entfernung wurde das Metcalfe-Haus von den Meuterern mit Geschütz beschossen, weil sie Europäer darin vermutheten.
In diesem Versteck blieben die armen Frauen und Verwundeten während des ganzen andern Tages, den brennenden Sonnenstrahlen, dem Hunger und Durst ausgesetzt, jeden Augenblick in Todesfurcht, von einer der umherstreifenden Banden entdeckt zu werden.
Erst am andern Nachmittag stießen der Brigadier, ein Offizier und der Handelsmann Marshall zu ihnen, welchen es gelungen war, mit Hilfe einiger mitleidigen Brahminen sich zu verbergen. Die Gesellschaft bestand jetzt aus dreizehn Männern, und da sie mit Gewehren und Säbeln versehen waren, hielten
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sie sich dem zufälligen Begegnen einer umherstreifenden Meutererbande gewachsen.
Als der Abend hereinbrach, erschienen die Brahminen wieder, brachten ihnen Chuppaties und Milch, und versprachen, sie an eine Furth der Dschumna zu geleiten. Sie mußten drei Meilen stromaufwärts marschiren, um diese zu erreichen und der Muth entschwand ihnen, als sie ihre Blicke auf den breiten und schnellen Strom richteten. Zum Glück war der Wasserstand niedrig. Zwei Eingeborne gingen voran - in der Mitte sahen nur ihre Köpfe noch aus dem Wasser - ein großer Mann konnte dasselbe durchwaten, ein kleiner mußte schwimmen oder ertrinken. Aber in dem Uebergang über den Fluß lag ihre einzige Rettung - die Damen entschlossen sich zu dem Versuch und die Männer nahmen sie, von den Brahminen unterstützt, auf ihre Arme. Mehrmals wurden die Gruppen getrennt, von der heftigen Strömung fortgerissen, und nur verzweifelte Anstrengungen retteten ihr Leben. Endlich hatten Alle das schützende Ufer erreicht, sie entließen reich beschenkt ihre Retter und traten den Weg in das Innere an. Erst nach drei Tagen voll Schrecken, Noth und Anstrengungen erreichten sie die europäischen Truppen zu Mirut.
Wenden wir uns noch einen Augenblick zu den Abenteuern, welche Doctor Batson bei seinem muthigen Unternehmen zu bestehen hatte. Es wird einen Begriff von den Schwierigkeiten geben, welche jedem einzelnen Flüchtling zu bekämpfen blieben.
Doctor Batson wendete sich in seiner Verkleidung zunächst nach der Schiffbrücke über die Dschumna, fand dieselbe aber abgebrochen. Er kehrte nach den Kantonirungen zurück und versuchte mit der Fähre beim Pulvermagazin über den Fluß zu kommen; die Sowars hatten jedoch bereits die Bungalows erreicht und in Brand gesteckt, und die benachbarten Dorfbewohner strömten herbei, um plündern zu helfen. Doctor Batson eilte über den Paradeplatz, wobei die Sepoys auf ihn feuerten, und war bis zum Garten am Kanal gelangt, als er von einigen Dorfbewohnern angefallen und seiner sämmtlichen Kleidung beraubt wurde. Vollkommen nackt wanderte er in der Richtung nach Kurnaul zu, in der Hoffnung, die entflohenen Offiziere und Damen wieder einzuholen, aber kaum eine Meile von der Stadt begegneten
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im zwei Sowars, die mit gezogenem Säbel und dem Ruf: »Ferunge! hy! maro! maro!« auf ihn einsprengten. Der Arzt warf sich in flehender Stellung zu Boden und da er mit der mahomedanischen Religion und dem Hindostani vollkommen vertraut war, erhob er eine Lobrede auf den Propheten Mahomed und beschwor sie, seines Lebens zu schonen, wofern sie glaubten, daß Imam Mendhie kommen würde, die Thaten der Menschen zu richten. Nachdem er einigen Hieben glücklich entgangen war, gaben sie seinen Bitten Gehör und ließen ihn gehen, indem sie sagten: »Hättest Du nicht im Namen des Propheten um Gnade gefleht, so hättest Du sterben müssen, wie die anderen Kaffirs!«
Ungefähr eine Meile weiter traf er abermals auf einen Haufen Mahomedaner, die ihn mit dem Ausruf anfielen: »Hier ist ein Faringi! tödtet den Kaffir!« Sie fügten hinzu: »Ihr Faringi wollt uns Alle zu Christen machen!« schleppten ihn nach einem etwas über eine Meile von der Straße entfernten Dorf und banden ihm die Hände auf dem Rücken zusammen, worauf einer von ihnen ausrief: »Kurreem Bur, hole Dein Schwert, wir wollen dem Kaffir den Kopf abschlagen.« Während aber Kurreem Nur sein Schwert zu holen ging, erhob sich im Dorf der Ruf: »Dhar! Dhar!« worauf die Mahomedaner, die ihn fest hielten, davon liefen. Batson stürzte fort, lief mit Anstrengung seiner Kräfte wieder nach der Straße zurück und entkam so den Unbarmherzigen. Er folgte der Straße nach Kurnaul und wurde bald darauf wieder von einigen im Delhi-Magazin beschäftigten indischen Schmieden angehalten, von denen Einer sagte: »Sahib, fürchte Dich nicht, komm mit nach meinem Dorfe und ich will Dir Speise geben. Gehst Du weiter, so werden Dich die Mahomedaner erschlagen, die in den Dörfern aufgestanden sind, um die Faringi zu berauben und zu tödten.« Er folgte den Schmieden nach Hause und wurde von ihnen freundlich behandelt, indem einer ihm eine Mütze, ein anderer Brot, ein dritter Milch gab.
Doctor Batson war so angegriffen, daß er nicht einmal schlafen konnte. Er theilte den Leuten mit, daß er ein Hakim, das heißt ein Arzt sei. In Folge dessen behandelte man ihn mit noch größerer Aufmerksamkeit als zuvor und führte ihn am andern
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Morgen zu dem Chowdrie des Dorfes, dessen Kind erkrankt war. Es gelang Doctor Batson, im Zustand desselben eine rasche Besserung herbeizuführen und der Chowdrie versprach ihm seinen Schutz. Bald aber kam die Nachricht aus Delhi, daß der König die Regierung angetreten habe und wenn ein Faringi in einem Dorfe verborgen gehalten würde, die Bewohner dafür mit Gut und Leben büßen sollten. Dadurch beunruhigt, führten die armen Leute ihren Schützling nach einem Versteck in der Waldung, wohin sie ihm bei Nachtzeit Brot und Wasser brachten, und wo er während des Tages der glühendsten Sonne, während des Nachts den heulend umherschweifenden Raubthieren ausgesetzt war. Nach fünf Tagen brachte man ihn nach dem Dorfe zurück und sperrte ihn vierundzwanzig Stunden in einem Hause, in einer Hitze und erstickenden Luft ein, die ihn fast tödteten. Es wurde nun beschlossen, daß er das Dorf Badru unter dem Geleit eines Fakirs verlassen sollte. Dieser färbte seinen ganzen Körper, gab ihm einige Lumpen zur Bedeckung und versah ihn mit der Halsschnur aus Kameelhaar, welche die Fakirs tragen. In allen Dörfern, durch welche sie kamen, wurden sie scharf befragt, da der Flüchtling sich aber mit ihrer Religion und Sprache vertraut erwies, behandelte man ihn überall freundlich. Sein Begleiter gab ihn für einen Cashmurer aus. In einem Dorfe wurde er nach dem Hause des Sewak Doß, Sunt Fakir Kubberen, gebracht und, da er mit seiner Religion bekannt war und mehrere Kubberen Kubbits hersagen konnte, erwies der Sewak ihm große Freundlichkeit. Dennoch wollte derselbe nicht glauben, daß er ein Cashmurer mit blauen Augen sei. »Deine Sprache, Haltung, Kleidung sind alle vollkommen, aber Deine blauen Augen verrathen Dich - Du bist sicher ein Faringi!« Doctor Batson gestand es ihm endlich zu, wurde aber mit derselben Güte behandelt, wie vorher. Einem im Hause vorsprechenden Sepoy, der sich mit Briefen zu den bei Ran stehenden Umballah-Truppen begab, übergab er einen Brief an den kommandirenden Offizier, worin er um Hilfe bat. Da aber ein Tag verging, ohne daß Beistand eintraf, wanderte er weiter und wurde in Hurchundpore von einem Zemindar aufgenommen und nach dem Dorfe Kaykratz befördert, wo 100 Mann von Ihund Rajah's Truppen unter
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dem Befehl zweier Offiziere von seinem eigenen Regiment, des Hauptmanns M'Andrews und Lieutenants Mew, seiner harrten.
Wir haben diese Episode hier eingeschaltet, um, wie wir bereits gesagt, zu zeigen, mit welchen Schwierigkeiten Die zu kämpfen hatten, welche so glücklich waren, dem Gemetzel in Delhi zu entgehen.
Wir müssen nun zu den Schreckensscenen im Innern der Stadt wieder zurückkehren.
Der Tag war vergangen, ohne daß es einer Seele eingefallen war, das Mausoleum der Begum von Somroo zu betreten.
Irma konnte auf dem Wege zu ihrem Vater verunglückt - es konnten Ereignisse eingetreten sein, die den Babu, den angesehensten Kaufmann der Stadt, verhinderten, augenblicklich Etwas für sie zu thun.
Es galt also, geduldig dieser Hilfe zu harren - welche andere Aussicht blieb auch den Flüchtlingen im Minaret des Mausoleums, - es sei denn, daß sie sich den Mörderrotten überliefern wollten, um hier den Tod oder - noch Schrecklicheres zu finden!
Der junge Offizier fühlte die ganze Verantwortlichkeit, die er übernommen, die heilige Pflicht, die Hilflose zu schützen und für sie zu sorgen, die er von dem furchtbarsten Schicksal gerettet.
Er kämpfte lange mit sich selbst, ehe er zu einem Entschluß kam. Es war Abend und Nacht geworden unterdeß. Von der Höhe des Minarets sahen sie die Flammen auflodern, welche die Kantonnements verzehrten. An verschiedenen Orten der Stadt flammten andere Feuer in die dunkle Nacht - Freudenfeuer auf den öffentlichen Plätzen, um die der Pöbel und die Sepoy's Dämonen gleich tanzten, oder Häuser verhaßter Faringi, welche die wüthende Menge bis auf den Grund vertilgen wollte.
Beide hatten seit dem Morgen, mit Ausnahme der Erfrischung durch das Wasser des Springbrunnens, keine Nahrung zu sich genommen, und das Bedürfniß danach machte sich jetzt geltend. Marion ließ zwar keine Klage laut werden und unterdrückte muthig die Anwandlungen von Schwäche, aber der
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Offizier bemerkte sie wohl und die Ueberzeugung kam ihm, daß Etwas geschehen müsse, um ihre Lage zu sichern und zu erleichtern.
Sie saßen auf den obern Stufen des Thurmes und er hatte ihre kalte kleine Hand in die seine genommen. Das arme Mädchen hatte nach all den Schrecknissen, die im Laufe des Tages an ihr vorübergegangen, keinen Widerstand mehr.
»Haben Sie Muth, Marion? haben Sie festes Vertrauen zu mir?« fragte der Offizier mit zärtlichem Ton.
Ein leiser Druck der Hand gab ihm die Antwort. »Wie könnte ich zweifeln an Ihnen, der mein einziger Schützer ist,« flüsterte verschämt das junge Mädchen. »Warum fragen Sie mich danach?«
»Es muß ein Entschluß gefaßt werden, uns zu sichern und mit Nahrungsmitteln zu versehen, bis Irma von sich hören läßt,« fuhr der Offizier fort. »Ihre Kräfte sind zu Ende - Sie ertragen es nicht länger!«
»O ich -« flüsterte das Mädchen, indem sie die Hand gegen die Brust drückte - »sorgen Sie nicht um mich - ich fühle mich stark genug -[.]« Ihr Erbleichen, das Zittern ihrer Stimme verrieth das Gegentheil.
»Hören Sie mich an, Marion,« erklärte der junge Mann. »Wenn ich glaubte, daß Gefahr für Sie damit verbunden wäre, würde ich mir jedes Glied eher von jenen Schurken zerreißen lassen, als Sie auch für noch so kurze Zeit zu verlassen. Aber Sie sind vorläufig sicher in diesem Versteck, und damit wir hier bleiben können, bis uns Hilfe von außen wird oder die erste Blutgier und Ausschweifung jener Mörder sich gelegt hat, ist es nöthig, daß ich die noch herrschende Verwirrung benutze und mich auf eine Stunde hinaus wage. Ich werde suchen, das Haus des Babu zu erreichen. Bleiben Sie hier im Minaret, dessen Thür Sie hinter mir schließen müssen, und öffnen Sie nur, wenn Sie meine Stimme vernehmen. In einer Stunde bin ich zurück, wenn - ich noch unter den Lebenden bin!«
Das Mädchen hob bebend die Hände zu ihm empor - »O Sir, bedenken Sie - wenn Ihnen ein Unglück begegnete - was soll aus mir werden! Um meinetwillen stürzen Sie sich nicht in Gefahr!«
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Er blickte fest auf sie, das helle Licht des Mondes, der sich jetzt über die Wipfel der Cypressen erhoben, ließ ihn ihr liebliches bleiches Gesicht deutlich sehen. Er nahm die eine der Pistolen und reichte sie ihr. »Wenn ich binnen zwei Stunden nicht zurück bin, Marion,« sagte er ernst, »so ist mir ein Unglück begegnet. In diesem Fall - ist der Tod besser für Sie als Leben, und die Gewißheit, daß Sie jenen Abscheulichen nicht zum Opfer fallen werden, wird mir selbst den Tod erleichtern. Schwören Sie mir, daß, ehe Sie in ihre Hände fallen, - Sie selbst - Ihren Leib retten und Ihre Seele Gott übergeben wollen!«
Die Nonne erbebte. »Ich bin eine Christin, Sir! Unser heiliger Glaube lehrt uns, daß Gott allein das Ziel unsers Lebens bestimmt.«
»Gott sieht in das Herz der Menschen, Maria, er will, daß Sie rein in sein Himmelreich eingehen. Den Tod zu wählen, um der Sünde, um der Schmach zu entgehen, ist kein Verbrechen gegen seine heiligen Gebote.«
Sie beugte das Haupt. »Ich schwöre es!«
Der Offizier ordnete seine Kleidung, um sein Aussehn so sehr als möglich einem Eingebornen ähnlich zu machen, Soeur Maria half ihm dabei, indem sie ihr weißes Kopftuch noch dazu verwendete.
Dann geleitete sie ihn die Stufen hinab bis zum Sarkophag der Begum, der von einem durch die Decke fallenden Strahl des Mondes beleuchtet, sich gespenstisch aus dem einsamen Dunkel umher erhob.
»Gehen Sie, Sir,« flüsterte die Nonne. »Gott und mein Gebet werden Sie begleiten.«
Sie sank an dem kalten Steine nieder auf die Knie - seine Lippen berührten wie ein Hauch ihre reine und keusche Stirn, zum ersten - vielleicht zum letzten Mal im Leben - dann verließ er vorsichtig das Mausoleum.
Er lauschte am Eingang - Nichts ließ sich hören in der Umgebung des Grabmals, nur aus den Straßen der Stadt, von den über den großen Platz des Palastes ziehenden Menschenhaufen, tönte Lärmen und Jauchzen, untermischt mit Pistolen- und Flintenschüssen, herüber, denn es gehört zu den Liebhabereien und
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Sitten des Orientalen, bei jeder Gelegenheit zwecklos sein Pulver zu verknallen.
Willougby trat in den Schatten der hohen Mauern, ließ sich an der Seite des Plateaus hinabgleiten und schlich unter dem Schutz der großen Oleander, Geraniums und Myrthenbüsche, welche den verwilderten Garten bildeten, nach der Pforte der Mauer, durch welche er mit der Nonne in den Umkreis des Palastes eingetreten war. Es gelang ihm, sie wiederzufinden - sie stand offen - und er schlüpfte hinaus auf den Platz.
Vorsichtig ging er weiter im Schutz der hohen Bäume. Plötzlich stockte sein Fuß - seine Nerven schauderten - der Strahl des Mundes fiel auf zwei gräulich verstümmelte weibliche Leichen, - er befand sich auf der Stelle, wo die Entehrung und Ermordung der unglücklichen Geschöpfe geschehen war.
Erst nachdem er seine Fassung wieder gewonnen, vermochte er seinen Weg fortzusetzen.
Er erinnerte sich, daß das Haus des Babu Durjan Saul in Jehan Abad unweit der Dschumna-Moschee lag, und um dasselbe zu erreichen, mußte er den Chandy-Choak oder den offenen Platz, vor dem Palast kreuzen. - Es gehörte der verzweifelte Muth des jungen Engländers dazu, um das Wagstück zu unternehmen.
Den Turban tief in das noch immer von Blut, Pulverdampf und Staub geschwärzte Gesicht gedrückt, die Tschoga um sich geschlagen und die Hand am Griff seines Pistols schritt er vorwärts und befand sich bald mitten in dem Gewühl der Straßen.
Niemand dachte während dieses Tages, während dieser Nacht an Ruhe. Ganz Delhi beging ein Fest theils des Blutes, theils der Freude über die Befreiung von der Herrschaft der Faringi. Die Häuser, die Straßen waren erleuchtet, wie an den Tagen des Moharrem-Festes,24 wo die Häuser der Vornehmen wie der Armen für Jedermann geöffnet sind, der Hausherr, von seinen Angehörigen umgeben, auf einer Ottomane in den hellerleuchteten, mit Blumen geschmückten und mit Teppichen ausgelegten Räumen sitzt und dem Eintretenden seinen Salem zuruft, während
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Tänzerinnen und Musikanten ihr Spiel treiben und Scherbet und Süßigkeiten umhergereicht werden. Wie bei jener Gelegenheit trieb sich das Volk auf den Straßen umher, Männer, Frauen und Kinder, Musiker, Elephanten und Fackelträger. Aber statt der Papierlaternen, der Bilder, Blumen und Palmzweige trug diese Menge jetzt Waffen aller Art, die sie unter wildem Geschrei zusammenschlug, auf den Spitzen der Lanzen erhob sich hin und wieder aus diesem Gewühl das blutige verstümmelte Haupt eines Europäers und statt des Tabut, bei dessen Vorüberkommen sonst Alles Jubel und Gesang ist, zog unter dem fanatischen Jauchzen der Menge , von seinen Söhnen und Dienern geleitet, der alte willenlose König aus seinem Staatselephanten durch die Straßen.
Auf vielen Stellen brannten mächtige Feuer, um die in wilden malerischen Gruppen die Sepoys und die Sowars lagerten und den wilden Tänzen der Bayaderen zusahen. Zuweilen auch ertönte ein wildes Geschrei in der Menge, ein gellender Todesruf, wenn es einer Rotte blutgieriger Fanatiker gelungen war, das Versteck eines armen Christen auszuspähen und das unglückliche Opfer hervorzuholen.
Dann drängte und ballte sich diese Menge zu einem Knäuel zusammen, in dessen Mitte der gellende Hilferuf zu einem Röcheln des Schmerzes - des Todes erstarb.
Ohne erkannt zu werden, ohne ein Abenteuer war der Lieutenant glücklich über den Silbermarkt bis in die Gegend der großen Moschee vorgedrungen. Obschon er das Hindostani nur unvollkommen verstand, konnte er aus den um ihn her geführten Gesprächen doch entnehmen, daß die Weißen aus Delhi vertrieben worden, die eingeborenen Truppen sämmtlich sich den Empörern angeschlossen hatten und daß von sachkundiger Hand alle Anstalten getroffen wurden, die Stadt des Großmoguls in Vertheidigungszustand zu setzen und zum Mittelpunkt der großen Empörung zu machen. Die Thore waren gesperrt, die Wälle und Bastionen mit Schildwachen besetzt, und er sah keine Möglichkeit, mit seinem Schützling die Stadt zu verlassen.
Eine tiefe Entmuthigung, ein herber Schreck überfiel ihn, als er sich dem Hause des Babu Durjan Saul nahte und sah, daß dieses von dem Pöbel, wie viele andere Häuser und Paläste,
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in denen Engländer oder solche gewohnt hatten, die für Freunde der weißen Männer galten, - geplündert und halb zerstört worden war. Die Thore waren eingeschlagen, das Innere verwüstet, das Hausgeräth zerschlagen oder gestohlen, und von den Bewohnern des Hauses keine Spur zu erblicken. Sie mußten getödtet oder entflohen sein, und mit Bedauern gedachte der Offizier des muthigen jungen Hindumädchens, das so aufopfernd ihm beigestanden, die Geliebte zu retten.
Es blieb ihm jetzt Nichts übrig, als zurückzukehren zu seinem Versteck und zu versuchen, unterweges sich einiger Lebensmittel mit List oder Gewalt zu bemächtigen.
Indem er sich dem westlichen Ende des Chandy-Choak und der dort belegenen schwarzen Moschee nahte, trat er in einer Seitenstraße zu dem offenen Laden eines Bäckers, legte ein Geldstück hin und nahm zwei Brote. Aber eben die Vorsicht und Eile, mit der er sich entfernen wollte, ohne auf das Wechseln des Geldes zu warten, erweckte den Verdacht des Bäckers, und da in diesem Augenblick ein Fackelträger vorbeilief, erkannte jener im Schein dieser Fackel die weiße Hand des Käufers und einen Theil seiner europäischen Bekleidung, der durch die Bewegung des Kaftans sichtbar geworden war.
Mit dem Ruf: »Ein Faringi! tödtet den Kaffir!« ergriff der Indier das Schüreisen seines Backofens und eilte dem Flüchtling nach, indem sich der Ruf wie ein Lauffeuer in die benachbarte große Straße verbreitete, und ehe einige Minuten vergangen waren, hundert fanatische Verfolger an die Fersen des Flüchtigen heftete.
Willougby eilte mit der Schnelle eines Hirsches vorwärts und stürzte sich in dieses Gewirr von Gassen und Gäßchen, das gleich einem Labyrinth die schwarze Moschee umgiebt. Zu kämpfen wäre hier Thorheit gewesen - Flucht war das Einzige, was retten konnte. Aber das Gewirr dieser so engen Gassen, das weder den Strahl der Sonne bei Tage, noch das Licht des Mondes zur Nachtzeit hereinbringen ließ, und das höchstens die Eingebornen kannten, war ihm gänzlich unbekannt und er mußte sich auf sein gutes Glück verlassen, während bei jedem Schritt ihm neue Verfolger zu erwachsen schienen.
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Plötzlich ersah er in dem matten Dämmerschein der Nacht, daß er in eine Sackgasse gerathen war und vor ihm eine Mauer von Mannshöhe seinen Weg versperrte.
Schon hörte er das Geschrei, die Tritte seiner Verfolger dicht hinter sich - eine Pistolenkugel zischte an seinem Kopf vorbei und plattete sich an der Mauer ab.
Der Offizier, der bis jetzt die Brote trotz seiner eiligen Flucht mit sich getragen, ließ diese jetzt fallen, legte die Hände auf die Mauer und schwang sich mit einer verzweifelten Anstrengung seiner Muskeln in die Höhe und über die Mauer hinweg, - als seine Verfolger herbeistürmten, war er bereits aus ihrem Bereich, und bei der geringen Sehnenkraft der Hindu's vermochte Keiner ihm das Kraftstück nachzumachen.
Während sie in das Haus stürzten und einen Eingang zu dem Garten oder Hof suchten, den die Mauer umgab, flog der Offizier über diesen Raum hinweg und schwang sich mit gleicher Kraft und Gewandtheit über die Wand auf der entgegengesetzten Seite. Er befand sich jetzt in einer ziemlich einsamen Gegend, wohin der Lärm der Verfolgung noch nicht gedrungen war, und indem er vorsichtig vorwärts eilte, konnte er bald sich als der Gefahr glücklich entgangen ansehen, und einen Augenblick ausruhen, um von der gewaltigen Anstrengung zu verschnaufen.
Er vermochte sich freilich in der ihm im Dunkel unbekannten Stadtgegend noch nicht zu orientiren, doch kümmerte ihn das weniger, da die Stellung des Mondes ihm die Himmelsgegend angab und er beim Vorwärtsgehen in dem hellen Licht desselben bald auf bekanntere Theile stoßen mußte. Was ihn am meisten schmerzte und beunruhigte, war der Verlust der Brote, da er nicht noch ein Mal wagen durfte, sich auf gleiche Weise Nahrung zu verschaffen.
Indem er nach kurzer Erholung seinen Weg fortsetzte, fand er sich zu seiner Freude auf einem der großen Friedhöfe, die sich im Innern der Stadt an beiden Ufern des Kanals bis in die Nähe des Simreh-Palastes hinziehen. Er folgte der Richtung, die er jetzt einzuschlagen hatte, als das Vorüberstreifen einiger menschlichen Schatten zwischen den Bäumen und Gräbern, und das Geheul der Hunde ihm den Zweck in's Gedächtniß rief, zu
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welchem die Ausgestoßenen des Menschengeschlechts und die herrenlosen Thiere zur Nacht die Stätte der Gestorbenen durchziehen.
Es ist ein Jahrtausende alter religiöser Gebrauch der Hindu, auf den Gräbern ihrer Lieben Speisen und Nahrungsmittel auszusetzen für die Geister, die in der Zwischenzeit der Wandlungen durch das Weltall schweifen.
Am Morgen finden sie dann diese Schüsseln geleert, die Krüge rein - nicht die Geister der Todten haben die Gabe der Freunde und Lieben davon getragen, sondern die Paria's; - die armen Auswürflinge und Verstoßenen, durch deren Nähe und Berührung schon ihr glücklicherer Bruder sich verunreinigt glaubt, welche die menschliche Gesellschaft fliehen müssen wie die Leperos Mexiko's oder die Aussätzigen Aegyptens, sie finden ihre Nahrung und ihren Unterhalt auf diesen Gräbern.
Freilich müssen sie oft auch darum noch kämpfen mit dem gierigen Zahn der Hunde, die in Unzahl umherschwärmen und ihnen die Gaben der Barmherzigkeit streitig machen.
Der Gedanke durchzuckte ihn, daß die Hand Gottes ihn hierher geführt an diese Stätte, wo alles Leiden und alles Hassen der Menschen - ob Christ, - ob Hindu - den stillen Schlaf schläft - in diese Gärten der Ewigkeit, aus denen der ausgestreute Saamen emporwachsen soll für den jüngsten Tag! Er sollte ein Räuber werden an dem Erbe der Aermsten, aber es galt für sie, die er mehr liebte, als das Leben, und er stürzte sich auf die Gräber, verjagte mit Fußtritten die heulende Meute und suchte mit seinen zitternden Händen auf den Grabsteinen nach den Opfern für die Todten.
Das Glück - thörichtes Wort mit seinem leichtsinnigen Gebrauch! - die Vorsehung ließ ihn an zwei oder drei Stellen eine Anzahl Chuppaties oder Kuchen aus Weizenmehl, an einer andern ein Säckchen mit Reis und verschiedene Früchte finden. Er war glücklicher, als hätte er einen großen Schatz aufgethan - in diesem Augenblick war das Brot mehr für ihn werth, als alle Diamanten Golkonda's.
Mit seinen Schätzen beladen, die er sorgfältig sammelte und in das Tuch der Nonne einknotete, machte er sich jetzt auf den Weg, die Verlassene und ihr gemeinsames Asyl wieder zu
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erreichen. Schon hatte er glücklich die ihn von dem Platz des Simreh Nagh trennenden Straßen durchschritten und sah zwischen den Wipfeln der Cypressen im Licht des Mondes die weißen Marmormassen des Palastes und die Spitzen der Minarets schimmern, als aus dem dunklen Schatten vom Fuß einer der mächtigen Baume her ein klägliches Stöhnen sein Ohr traf.
Der Gedanke, daß einer seiner unglücklichen Landsleute hier hilflos liegen könne, durchfuhr seine Seele, und er näherte sich entschlossen dem Ort und fragte mit leiser Stimme in schlechtem Hindostani, wer dort sei.
Ein erneuertes Stöhnen antwortete ihm, dann vernahm er zwischen schmerzlichem Wimmern die Worte in englischer Sprache: »Wer Du auch seist - Christ oder Hindu! Wenn Du auf die Barmherzigkeit Deines Gottes hoffst, so ende meine Leiden und tödte mich!«
Die Haare auf seinem Haupte sträubten sich empor - diese Stimme war ihm nicht unbekannt - jede Rücksicht auf seine eigne Sicherheit aus den Augen setzend sprang er auf die Stelle zu, wo die wimmernde Gestalt lag, hob sie empor und trug sie an das Licht des Mondes.
Entsetzlicher Anblick! - diese mit Schmutz und Blut bedeckte Gestalt war ein nacktes Weib - dieser scheußliche, nicht mehr menschenähnliche, der Haut und des Haares beraubte Kopf, es mußte der Victoria's - des schönen, glänzenden Mädchens sein, dessen Rang und Reize noch vor wenig Stunden ihr alle Freuden, allen Glanz des Lebens versprachen.
Als die Unglückliche ihre, der Lider beraubten, Augen aus den blutigen Höhlen auf ihn richtete - da schauerte es wie Eis durch die Adern des Mannes, seine Knie wankten, die Muskeln seiner Arme erschlafften und er mußte den verstümmelten Körper auf den Boden setzen. Dann warf er sich nieder vor ihr auf die Kniee und ein Strom von Thränen benetzte ihre blutenden Füße.
»Allmächtiger Gott, erbarme Dich dieser Aermsten und vergieb mir, daß ich sie in ihrer Noth verlassen mußte!« betete der gebeugte Mann.
»Richard! Richard Willougby,« flüsterte die heisere Stimme
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der Geschändeten, »Dich habe ich geliebt, so erbarme Du Dich mein, da Gott kein Erbarmen für mich hatte. Gieb mir das Einzige, was Du noch geben kannst, den Tod!«
Er weinte laut.
»O wie es brennt - wie heiß - wie glühend! Flammen verzehren mein Gehirn und der Frost bebt durch meine Glieder!« wimmerte das Mädchen. »Barmherziger Himmel - Wasser, Wasser! - Kühlung für diese Gluth!«
Der Mann sprang empor - er dachte nicht mehr an sich selbst - nicht an die Geliebte. Er riß den Kaftan von seinen Schultern und hüllte den verstümmelten Leib darein, hob die Unglückliche auf seine Arme und rannte mit ihr quer über den Platz durch Schatten und Mondschein nach der Pforte des Hofes um den Palast der Begum.
Jener gute Geist, der die Flüchtigen schützt mit dem Zauberzweig, dessen Wehen Licht vor, Nacht hinter ihm schafft, wie das Mährchen so reizend erzählt, er schirmte den muthigen Samariter.
Wenige Augenblicke darauf stand der Offizier, ohne daß der Blick eines Spähers oder eines zufälligen Verräthers ihn belauscht, athemlos am Eingang des Grabmals, lauschte vorsichtig nach dem Innern und betrat dann mit seiner Bürde die Rotunde.
Hier ließ er sie nieder auf die Stufen des Sarkophags in seinem Schatten und trat dann an die Thür des Minarets. Er fühlte, daß nur Frauenhand hier nützen könne und daß er das junge Wesen, das sich ihm anvertraut, auf den furchtbaren Anblick vorbereiten müsse, der seiner harrte.
Er klopfte drei Mal an und nannte den Namen der Nonne. Sogleich wurde der Riegel zurückgeschoben und die zierliche Gestalt der Französin erschien in dem dunklen Rahmen.
»Den Heiligen sei Dank, die Sie glücklich zurückgeführt,« sagte das Mädchen. »Ich habe mich fast zu Tode geängstigt über Ihr langes Fortbleiben, Sir, und nur das Gebet war mein Trost!«
An der Wärme ihrer Worte hätte der junge Offizier zu seiner Freude das Gefühl beurtheilen können, was ihr Herz erregte, wenn das seine nicht in diesem Augenblick von anderen Empfindungen zu sehr erfüllt gewesen wäre. Statt die Nonne
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in die Rotunde hereinzuführen, trat er in den engen Treppenraum, drängte sie leise zurück und faßte ihre Hände.
»Noch ein Mal, Marion, muß ich Sie fragen, haben Sie Muth - Muth, etwas Schreckliches zu ertragen?«
Sie erbebte, faßte sich aber bald. »Mit der heiligen Jungfrau Hilfe und - wenn Sie mich nicht verlassen, will ich Alles ertragen, was Gott über uns verhängt.«
»Dann bereiten Sie sich auf ein Werk der Barmherzigkeit vor, auf einen erschütternden Anblick - auf ein Leiden ohne Namen! - ich bin nicht allein zurückgekehrt!«
Ein schweres Seufzen vom Sarkophag her bestätigte seine Worte, dann folgten von dem Stöhnen des Schmerzes unterbrochen die Worte: Wasser! Wasser! Richard Willougby, verlasse mich nicht noch ein Mal!«
Die Nonne drängte den Offizier zur Seite. »Heilige Ursula! - das ist Victoria's Stimme!« So flog sie an ihm vorüber der Stelle zu, von der die Schmerzenslaute gekommen waren.
»Victoria! liebe, theure Victoria!« rief die Nonne, - »Gott der Allmächtige hat Ihre Leiden gesehen - seine Gnade wird mit Ihnen sein!« Sie bemühte sich, die Unglückliche in den vom Mondlicht erhellten Raum zu ziehen, als sie plötzlich entsetzt zurückbebte.
Das hautlose Antlitz mit dem blutigen Fleisch, das in Folge der Sonnenhitze des Tages bereits an vielen Stellen zu schwären begonnen, starrte ihr gleich einem Medusenhaupt entgegen. Sie bedeckte die Augen und brach zusammen.
Die Verwundete stieß sie heftig zurück. »Fort, Schlange! Zu all meinem Elend auch Deinen Anblick noch! - Du bist es, die er gerettet, um mich den Mördern zu überlassen. Deine Rose! Deine Rose! - Fluch Dir und Allem, was den Namen Mensch trägt!« Dann sank sie zurück, von den Schmerzen überwältigt. »Hilfe! Hilfe! Ich verbrenne!«
»Hören Sie nicht die Worte der Unglücklichen!« stammelte vernichtet der Offizier. »Der Todesschmerz beraubt sie ihrer Sinne und läßt sie einem Engel fluchen.«
Die kleine zierliche Gestalt der Nonne schien zum Erhabenen
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zu wachsen, als sie sich erhob und ihre Hände zum Himmel empor faltete. »Nicht ein Engel bin ich, aber eine demüthige Dienerin Deines heiligen Glaubens, Jesus mein Heiland!« flüsterte sie. »Du allein weißt es, mein Gott, wie gern ich für sie gestorben wäre! Jetzt gieb mir Kraft, die erste Pflicht der Christin zu erfüllen.«
Und wie der Engel der Barmherzigkeit, dessen Namen sie verschmähte, schwebte sie zu dem Marmorbecken der Fontaine, zerriß ihre Kleider und tauchte die Stücke in das kühlende Element. Im nächsten Augenblick schon kniete sie neben der Frau, deren wahnsinniger Schmerz noch so eben den Fluch auf ihr unschuldiges Haupt herabgerufen hatte, und benetzte die entsetzlichen Wunden mit dem klarem Wasser. Das Gefühl der Frische that der Unglücklichen offenbar wohl und sie ließ Alles geduldig mit sich vornehmen, was die Nonne für zweckmäßig hielt, um ihre Leiden zu erleichtern.
Soeur Marie winkte dem Offizier jetzt, sie einige Augenblicke mit der Kranken allein zu lassen. Willougby begriff, daß sie eine Pflicht der Weiblichkeit, der edlen Schamhaftigkeit an ihr zu erfüllen hatte, und er benutzte die Gelegenheit, um die erbeuteten Lebensmittel in dem Minaret in Sicherheit zu bringen und von der Höhe desselben sich zu überzeugen, daß auch kein Verfolger ihre Zufluchtsstätte entdeckt habe und sie bedrohe.
Während der Zeit setzte die junge Nonne ihr Werk der Barmherzigkeit fort. Ohne Scheu vor den entsetzlichen Wunden wusch und verband sie dieselben, so gut sie es vermochte, dann entkleidete sie sich ihres eigenen Obergewandes und hüllte den Körper des armen Mädchens darein, statt des ungenügenden Männerkaftans. Miß Frazer ließ Alles ohne ein Wort - ohne einen Blick des Dankes geschehen, - der unendliche Jammer, den sie erlitt, gab bis jetzt nur dem Gefühl der Verzweiflung, der Erbitterung Raum in ihrer Seele.
Plötzlich stürzte Willougby die Treppe des Minarets herunter - sein ganzes Wesen zeigte die höchste Aufregung, den Schrecken vor einer drohenden Gefahr.
»Um Gotteswillen schnell fort von hier, Miß,« flüsterte er, »geschwind in den Thurm - Fremde sind vor dem Mausoleum,
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ich fürchte, sie kommen hierher!« Er sprang auf die Leidende zu, hob sie in seinen Armen auf und eilte mit ihr in das Innere des Minarets. Marion, mit Geistesgegenwart Alles rasch zusammen raffend, was sie verrathen konnte, folgte ihm.
Der Offizier verweilte einen Augenblick, um die Thür zu schließen, dann trug er das unglückliche Opfer, von der Nonne unterstützt, nach der Gallerie des Minarets, indem er beide Frauen bat, jeden Laut des Schreckens oder des Schmerzes zu unterdrücken, der sie verrathen könne.
Durch die Oeffnungen der Gallerie konnten sie genügend den Platz vor dem Grabmal übersehen.
Eine Anzahl Sowars, ihrer Gesichtsbildung nach zum Stamme der wilden Beludschen gehörig, Männer mit finsteren Bronce-Gesichtern und bis an die Zähne bewaffnet, hielt zu Pferde vor den Stufen des Mausoleums, die nach außen auf den Platz führten. Der Schein der Fackeln, die fünf oder sechs Fackelträger zwischen ihnen erhoben, erhellte in Verbindung mit dem Mondlicht die Umgebung und spiegelte sich an den weißen Marmorwänden des Mausoleums.
In der Mitte des Halbkreises, den die Krieger bildeten, hielten zwei Reiter, dieselben, welche die Nonne sich erinnerte, am Vormittag auf dem Platz vor dem Dauri-Serai Befehle austheilend und den König begrüßend gesehen zu haben.
Es waren in der That der Derwisch Sofi und Tukallah oder Tantia Topi, der Mahratten-Häuptling, der Gu[m]ru der Thugs.
Beide betrachteten mit Aufmerksamkeit das ernste Gebäude vor ihnen, - es schien den Versteckten, als vermöchten die Blicke dieser Männer die steinernen Mauern zu durchdringen, so fest und forschend ruhten sie auf ihnen, während sie mit einander sprachen.
Dann wandte sich der Sirdar um zu den Kriegern.
»Der heilige Mann von den Ufern des Vaters der Ströme, der die Kaaba von Mekka gesehen, den heiligen Stein geküßt hat und von dem Großherrn aller Moslems gesendet ist, damit er unsere Brüder und uns, die wir von Bhudda stammen, von der Herrschaft der Kaffir befreien helfe, er wird mit mir in das Grabmal
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der Begum eintreten, unser Gebet für das Heil Indiens dort zu verrichten. Daß Niemand es wage, der Stätte zu nahen, das Gelübde, das wir erfüllen, zu stören! Bei Eurem Leben! - Wo ist der Oberaufseher des Palastes?«
Ein Mann trat aus der Menge, welche sich um die Krieger her zu sammeln begann und machte demüthig seinen Salam. »Wenn Du es erlaubst,« mächtiger Gebieter, der Du ein Held bist, gleich Krischna, Dein Sclave hat die Ehre, der Aufseher des Bagh Begum Simreh zu sein.«
»Gieb die Schlüssel des Grabmals!«
»Der heilige Ort ist geöffnet allen Gläubigen, wie Du siehst, Herr, seit vielen Jahren, und es war unnöthig ihn zu schließen; die Geister, die zwischen Tag und Nacht die Welt durchfliegen, bewachen ihn. Aber der Schlüssel muß sich dennoch an diesem Bund befinden - seht - da ist er!«
Er reichte dem Sirdar einen großen Schlüssel von Kupfer. Der Mahratte nahm ihn und steckte ihn in seinen Gürtel. Dann wandte er sich zu seinem Begleiter.
»Komm!«
Die beiden Männer schritten die Marmorstufen hinauf zu dem Plateau, das freistehend auf allen Seiten das Mausoleum trug, nachdem jeder von ihnen eine Fackel genommen. - -
Der britische Offizier hatte alle ihre Bewegungen mit den Augen verfolgt. »Kein Laut - keine Regung!« flüsterte er, »die Gefahr ist da - Marion, denken Sie an Ihren Schwur!«
Ein leiser Seufzer - der nicht aus der Brust der Nonne kam - antwortete ihm. Er glitt, jedes Geräusch vermeidend, die Wendelstiege hinunter und befand sich in einem Augenblicke an der innern Seite der verschlossenen Thür.
Zu gleicher Zeit erschienen der Derwisch und der Mahrattenhäuptling im Eingang des Mausoleums. Der Schein ihrer Fackeln erhellte die Rotunde und spiegelte sich an dem grünen Marmor des Sarkophags.
Willougby konnte deutlich durch die kleine Gitteröffnung der Thür jeden Vorgang im Innern des Mausoleums sehen und die beiden Fremden beobachten.
Der Mahratte steckte seine Fackel in einen Ring an der
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Mauer und durchforschte mit einem Blick den Raum. Dann ging er geradesweges auf die Thür des Minarets zu und legte die Hand auf das Schloß.
Hinter der Thür kauerte der Engländer, die Hand am Drücker seines Revolvers, entschlossen, mit seinem Leben die beiden Frauen zu vertheidigen.
Tantiah Topi rüttelte an der Thür und legte das Auge an die Oeffnung derselben. Das tiefe Dunkel, welches das Innere des Minarets erfüllte, und der Widerstand der Thür überzeugten ihn jedoch, daß diese verschlossen und ein Lauscher von dieser Seite nicht zu fürchten sei. Er kehrte zurück nach dem Eingang des Mausoleums, und kaltblütiger, als der junge Offizier, oder besser vertraut mit solchen Einrichtungen, beseitigte er leicht das Hinderniß, das ihre Schließung verhindert hatte, indem er die Ketten öffnete, welche am Boden die ehernen Flügel an den Marmorquadern der Wand festhielten.
Das Thor drehte sich jetzt leicht in seinen Angeln und wurde von der Hand des Mahratten verschlossen.
Willougby hatte bereits sich überzeugt, daß der geheimnißvolle Besuch des Grabmals durch die beiden Fremden nicht seiner Verfolgung und Entdeckung gelten konnte, sondern einen andern Zweck haben mußte. Seine Besorgniß verschwand, aber seine Aufmerksamkeit blieb dieselbe.
Der Mahratte war zu dem Derwisch zurückgekehrt, der, die Arme über einander geschlagen, vor dem Sarkophag stand und diesen in trüben Gedanken versunken betrachtete.
»Es ist Zeit!« sagte der Sirdar.
Der Derwisch fuhr aus seinen Träumen empor. »Einen Augenblick noch, Tukallah,« sprach er. »Bei dem Anblick dieses Grabes, das die Gebeine einer merkwürdigen Frau umschließt, tauchen so manche Gedanken in der Erinnerung auf. Welche seltsame Verbindung von Personen und Namen hat unser Schicksal hier vereint. Der Glaube der Moslem, deren Gewand ich trage, an das Kismet - an jene ewige und furchtbare Vorherbestimmung - er ist das einzig Wahre!«
Der Mahratte antwortete nicht, sein Aeußeres bewahrte die finstere Gleichgiltigkeit, die ihm eigen war.
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»Sie war die Freundin,« fuhr der Derwisch fort, - »eine Tradition sagt: eine Zeit lang selbst die Geliebte meines Großoheims, des Generals Ochterlony, dessen Name noch in ganz Indien lebt, dessen Denkmäler seinen Ruhm verkündigen. Seine tapfere Hand half den Briten dies Land unterwerfen und ihre Macht befestigen. Jetzt steht an dieser Stelle der Nachkomme seines Blutes, gerüstet, das Werk zu zerstören, das er gebaut, der erbitterte Feind Derer, für die er gekämpft und geblutet!«
»Es war Dein Kismet,« sprach eintönig der Mahratte.
»Ja wohl - mein Schicksal, und ich werde ihm folgen, wenn auch bei den Gräueln, die heute mein Auge gesehen, mir das Herz erbebt ist. Aus diesem Grabe heraus hat diese Todte ihren fleischlosen Arm hinübergestreckt über die Weltmeere und das Opfer aus dem Blut ihres alten Freundes bezeichnet, dessen sie bedurfte. Sie sandte Dyce Sombre über das Meer und machte mich zu seinem Freunde und dem Erben seiner Rache an dem grausamen England. Die Hand der Todten vermischte mein heißes Blut mit dem jener Frau, welche die Gluth des Südens nach dem kalten Norden brachte und deren heiße Leidenschaften, nur der Tod erlöschen konnte!«
»Georgia!«
Der Derwisch hatte die rauhe Mütze von Lammfell zu Boden fallen lassen, auf seiner Stirn, deren oberer Theil noch die weißere Farbe des Europäers zeigte, perlten die Schweißtropfen hoher Erregung. Er zuckte zusammen bei der kalten Nennung jenes Namens durch seinen Gefährten. »Seltsames Verhängniß,« fuhr er fort, »das mich zu dem Sarge der Frau führt, deren Enkelin diese Hand getödtet haben soll - diese Hand, die so oft in Liebe und Leidenschaft um jenen weißen und schönen Hals geschlungen war, den sie erdrosselt haben soll! Noch liegt der Schleier jener geheimnißvollen und furchtbaren That auf meiner Seele. Ohne sie wäre der Name Ochterlony nicht beschimpft, ohne sie hätte ich offen und muthig den Kampf für das unterdrückte Irland, für die mißhandelten Freunde, für Recht und Freiheit gegen das stolze England führen können, statt daß, wie jetzt, der Fluch von Millionen sich mit diesem Namen verbinden
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muß und das Blut tausend Unschuldiger, die seiner Farbe, seines Glaubens waren, gegen ihn zum Himmel schreien wird!«
Ein Lächeln verachtenden Hohns zog über das eherne, faltige Antlitz des Guru. »Capitain Ochterlony,« sagte er finster, »ist gestorben. Nur der Derwisch Sofi, der Todfeind der Faringi, steht vor mir. Wer das mächtige Werk der Rache vollbringen und das Volk der Hindu's befreien will, dessen Ohr muß taub sein für die Leiden der Einzelnen und sein Auge geschlossen für die Ströme von Blut! Er muß ein Sohn Schiwa's des Zerstörers sein, nicht blos mit dem Kleide, sondern auch mit der Seele!«
»Und ich will es sein!« rief der Irländer aus, seine Hand nach dem Sarkophag ausstreckend. »So wahr und wahrhaftig dieser Sarg den Körper der Begum birgt, deren Friede mit England nur den Haß verbarg, den sie ihren Erben über das Grab hinaus hinterläßt! - so wahr will ich meine Seele härten gegen Alles, was Mitleid heißt für die Nation der Tyrannei! Aber Fluch und Wehe auch Denen, die mich dazu getrieben, Fluch der Hand, die den Mord vollbracht, der den Namen Ochterlony den Mördern und Empörern zugesellt!«
Der Mahratte sah ihn mit funkelndem Blick an. »So bewahrt Ihr die Rache für den, welcher Lady Savelli, Eure Feindin, getödtet!«
»Sie war einst meine Freundin! - Bei diesem Kreuze - Wehe dem Mörder, wenn die Hand Gottes je den Schleier seines Geheimnisses lichtet!«
Der Mahratte wandte sich ab. »Es ist Zeit, daß wir an unser Geschäft gehen. Du hast das Dokument aus der Kiste der Begum!«
»Hier ist es.«
»Und hier ist der Sarkophag, von dem es spricht! Laß uns beginnen.«
»Seltsame Frau,« sagte der Derwisch, indem er ein Stemmeisen und einen Hammer aus seinem Gewande zog und das erstere an den Marmorkitt setzte, der den steinernen Deckel des Sarkophags mit dem untern Theil verband. »Lange Jahre die Freundin und Bundesgenossin der Engländer, hat sie den Tag
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vorausgesehen, an dem Indien sich gegen die Herrschaft der Fremden erheben würde.«
Sein Schlag löste den Mörtel, - nach der Arbeit von etwa einer Viertelstunde, deren Geräusch der Mahratte durch das laute Hersagen von Gebeten übertönte, war die Verbindung gesprengt.
Die beiden Männer faßten den Steindeckel des Sarkophags, ein Ruck - er löste sich und sie hoben ihn ab.
Eine Decke von Asbest verhüllte die Stätte des Moders.
Der Mahratte schlug mit jener Ruhe, welche die Orientalen den Schauern des Grabes gegenüber auszeichnet, das unvergängliche Linnen auseinander - der Schein der beiden Fackeln fiel auf die Leiche.
Sie war in kostbare Seiden- und Brokatgewänder eingehüllt, die von dem Zahn der Zeit bereits zu zerfallen begannen. Der Körper der alten Begum selbst war zur Mumie zusammengetrocknet und wohl erhalten. Die leeren Augenhöhlen allein zeigten das Werk der Verwesung.
Die Kleidung und die Attribute der Leiche verkündeten den seltsamen Charakter dieser Frau und ihr abenteuerliches Leben. Während die fleischlosen, mit kostbaren Ringen bedeckten Hände ein Crucifix der katholischen Kirche hielten, deren sie sich in den letzten Jahren ihres Lebens zugewendet, waren rings um sie her indische Götzenbilder und Amulete aufgehäuft. Zu ihren Füßen lagen ihr Säbel, ihr Dolch und ihre mit Gold und Perlmutt ausgelegten Pistolen, Waffen, deren sie sich so oft zu Thaten des Heldenmuths oder der wildesten Grausamkeit bedient hatte.
»Lies das Pergament jetzt noch ein Mal,« sagte der Mahratte, »es ist nöthig, daß wir auf alle Zeichen achten.«
Der Derwisch trocknete seine bleiche Stirn. Dann nahm er ein Pergament aus dem Busen, öffnete und las es.
»Im Namen des allmächtigen Gottes der Christen, im Namen Allah's, im Namen Brahma's, Wischnu's und Schiwa's. Ich Zeeb al Nissah,25 genannt Sumrih, die Begum von Scherdhana, habe dieses geschrieben am sechsten Tage des Monats
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Zilkaddé im Jahre 1237 des Hegira und dem 1822sten Jahre nach der Zeitrechnung der Faringi. Da ich fühle, daß ich in die Wandlungen des Paradieses eingehen werde, gedenke ich an das Volk, dem ich angehöre. In fünf Mal fünf Jahren nach meinem Tode wird etwas Weißes von den Ufern der heiligen Ströme verschwinden! Wenn der Mann, dem Gott mein Erbe gegeben, dann ein Herz für sein Volk hat, möge er meinen Sarg öffnen. Er wird in meiner linken Hand finden, was helfen mag, Indien seinen eingebornen Fürsten zurückzugeben; denn es ist nicht gut, daß die Kinder der heißen und der kalten Sonne zusammen wohnen. Möge der Gott der Christen mir verzeihen, was ich für die Söhne des Propheten und Bhudda's, meine Brüder, thue. Betet für die Begum von Sumrih, Ihr, die Ihr diese Schrift lesen werdet!«
»Die Hand der Todten hält das Zeichen, das ich hasse,« sagte der Sirdar. »Woge mein Bruder, der ein Christ ist, obschon sein Herz das eines Hindu, selbst nachsehen.«
Der Derwisch überwand seinen Widerwillen und löste die Hand der Todten von dem Crucifix. Ein kleiner goldener Gegenstand fiel heraus.
»Das ist ein Schlüssel - aber wozu führt er, welches Geheimniß soll er uns öffnen?«
»Du hast die Pergamente alle geprüft, die sich in dem Kasten fanden, den der Nena für Dyce Sombre, meinen unglücklichen Mayadar, als Erbe bewahrt hatte!«
»Der Nena selbst, Doctor Walding und ich haben auf das Genaueste die Dokumente gelesen. Außer den Juwelen und den Urkunden der Güter enthielt er nur diese Handschrift der Begum.«
»So müssen wir weiter suchen.« Er prüfte den Schlüssel genau. »Sich hier!« Er zog aus der Höhlung desselben einen fein gerollten Pergamentstreifen. »Lies!«
»Das Blatt enthält Nichts als eine rothe Zeichnung. Wenn ich mich nicht täusche, soll es den Umriß dieses Steinsarges darstellen.«
Der Mahratte besah genau das Blatt. »Da ist eine Hand, die nach einer Richtung zeigt. Auf dieser Stelle befindet sich ein Punkt, - laß uns suchen an dem Stein, ob wir ihn finden!«
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Mit Hilfe der Fackeln untersuchten beide Männer auf das Genaueste das Grabmal.
»Very welll!« rief der Derwisch, »hier ist eine Oeffnung, in die der Schlüssel passen muß.«
Es war der erste Ausruf in englischer Sprache, der dem Begleiter Tantiah Topi's entschlüpfte, denn bisher hatten Beide sich im Gespräch des Hindostani bedient.
In der That hatte das scharfe Auge des ehemaligen Capitains, nachdem ein Mal sein Gefährte ihn auf die Lösung der Hieroglyphen gebracht, in einer der vergoldeten kupfernen Verzierungen, welche die Ecken des Steingestelles mit den Stufen verbanden, das Loch entdeckt.
Der Sirdar probirte den Schlüssel, er paßte. Nach einigen Versuchen hörte man ein Klappen von Federn, das aus dem Innern des Grabmals zu kommen schien, aber es zeigte sich keinerlei Oeffnung, wie die Männer erwartet hatten.
Willougby hielt das Auge, an das Gitter gedrückt, damit keine Bewegung ihm entgehen möge, - er war fast eben so gespannt auf die Entwickelung, wie die Interessirten selbst.
Der Derwisch hatte noch einmal die Zeichnung zur Hand genommen und sie geprüft. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. »Hier ist ein Kreis gezeichnet - das ist's! Laß uns von dieser Seite unsere Kräfte probiren.« Die beiden Männer stemmten ihre Schultern gegen die Seite des oblongen, etwa vier Fuß hohen Piedestals, das den Sarg trug, - ein schnarrendes Geräusch ließ sich hören, der mächtige Steinblock begann sich zu bewegen, drehte sich wie auf einem Zapfen und ließ eine eiserne Fallthür zwischen den Stufen des Unterbaues zum Vorschein kommen. Der Mahratte zog den Ring und hob sie in die Höhe. Ein trockner, dumpfer Luftzug strömte aus der Oeffnung und drohte einige Augenblicke die Fackeln zu verlöschen.
»Hast Du die Lampe bei Dir, Tukallah?«
Der Mahratte zog eine kleine eherne Lampe von antiker Form aus seinem Gürtel, öffnete sie und zündete sie an dem Licht der Fackel an. »Laß uns hinuntersteigen, das Erbe der Begum zu beschauen,« sagte er. »Der Weg ist geöffnet.«
Beide Männer nahmen ihre Handjars zur Hand, dann stieg
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der Mahratte, die Leuchte hochhaltend, voran die Stufen hinab, welche in die gähnende Oeffnung führten; der Derwisch folgte ihm.
Der britische Offizier mußte an sich halten, um nicht die Thür seines Verstecks zu öffnen und Jenen zu folgen, so groß war die Macht der Versuchung, der Neugier. Sein Verstand mußte ihm sagen, daß ein solcher Schritt sie Alle ins Verderben stürzen hieße, daß Geduld und Vorsicht ihn unzweifelhaft zu demselben Ziel führen würden.
Er entschloß sich zu warten.
Es verging eine Viertelstunde - durch kein Geräusch unterbrochen, als das seiner eigenen Athemzüge.
Dann stahl sich der erste matte Schein der Lampe aus der Tiefe auf die obersten Stufen der geheimen Treppe.
Zugleich fühlte er leise seinen Arm berührt und hörte ängstliche Athemzüge dicht an seinem Ohr.
Er wandte sich um - der schmale, dämmernde Lichtstrahl, der durch die vergitterte Oeffnung- der Thür fiel, ließ ihn das bleiche Gesicht der Nonne erkennen.
»Um der Heiligen willen - was geht vor, Sir! warum kehren Sie nicht zurück? - ich ängstige mich zu Tode mit ihr allein!«
Er preßte die kleine Hand. »Still, Marion - keinen Laut! Sehen Sie selbst!«
Aus der Tiefe stiegen zuerst der Derwisch, ihm folgend der Mahratte. Jeder von ihnen trug einen anscheinend schweren Beutel von Ziegenleder. Als sie ihn auf die Stufen des Sarkophags niedersetzten, tönte jener helle, feine Klang durch die Rotunde, an dem man das edelste Metall, das Gold erkennt.
»Laß uns zuerst Alles in Ordnung setzen,« sagte der Mahratte, indem er sich gegen den Stein stützte und diesen wieder in seine Fugen drehte - dann müssen wir beschließen, wie wir den Schatz in Sicherheit bringen.«
»Wir haben hier zwei Lack Rupien in goldenen Mohurs,« meinte der Derwisch, »das wird für die Kosten der Befestigung und andere Ausgaben genügen, während die Babu's den Sold der Truppen bezahlen müssen. Laß uns sogleich dem Nena Botschaft senden von dem, was wir gefunden. Der Schatz muß in
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Sicherheit gebracht werden, um den Zweck zu erfüllen, zu dem die Begum ihn gesammelt. Der Araber mit seiner Praua, der Dhulip Singh befreien half, möge seine Segel nach Delhi spannen, er ist ein Mann, dem man vertrauen kann und er kann unbemerkt das Gold nach Bithoor schaffen; denn ehe der Mond wächst, werden wir die Faringi und ihre Sclaven rings um Delhi haben, und die Habsucht des Königs und seiner Söhne ist groß genug, um dem Besitz dieses Goldes die Freiheit Indiens zu opfern.«
»Du hast Recht,« sagte der Mahratte, »das Gold muß in Sicherheit gebracht werden. Tod Jedem, dessen unberufenes Späherauge in das Geheimniß dringt.«
»Das Grab selbst möge sein Wächter sein. Der Ort ist verrufen als durch Dämonen bewohnt und nicht leicht betritt Jemand das Innere des Mausoleums.«
»Ich kenne Männer,« sagte finster der Gu[m]ru, »die auf einen Wink von mir auf der Schwelle der Thür schlafen werden und wehe dem Unberufenen, der ihr naht. Es wird sich ein Vorwand finden, einen Posten Tag und Nacht an die Pforte dieses Ortes zu stellen - und der Schlüssel bleibt in unseren Händen.«
Sie schlossen den Mechanismus und legten den Schlüssel wieder in den Sarg; dann hoben sie dessen Steindeckel auf, schoben den abgesprengten Mörtel zur Seite und stellten die Lampe in einen Winkel.
Die Fackeln waren fast niedergebrannt, als sie die schweren Goldbeutel in ihre weiten Gewänder verbargen und sich dem Ausgang nahten.
Willougby hatte von der Unterredung genug begriffen, um die Gefahr zu erkennen, die sie auf's Neue bedrohte. Noch war er zu keinem Entschluß gekommen, als die Pforte bereits in ihren Angeln knarrte - ein Augenblick und sie schloß sich hinter den beiden Männern und man hörte das Knirschen des Schlosses, das seine Riegel vorschob.
»Der heiligen Jungfrau sei Dank,« sprach schwer aufathmend das Mädchen, - »die Gefahr ist vorüber, wir sind gerettet.«
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»Unglückliche - Du irrst!« nur ein Wunder kann uns retten - wir sind lebendig begraben!«
Von allen Seiten strömten jetzt die bewaffneten Horden und Schaaren meuterischer Sepoy's nach Delhi, sobald der Ruf der Erhebung durch das Land erscholl. Die Umsicht und Thätigkeit des Mannes, der unter dem Namen des Derwisch Sofi bekannt war, unterstützt durch das Ansehn Tantia Topi's, richtete sich hauptsächlich darauf, die Stadt zum Widerstand gegen den täglich erwarteten Angriff der europäischen Truppen fähig zu Machen. Indeß General Hevitt, anstatt mit den englischen Regimentern von Mirut und den Umballah-Truppen, die größtentheils aus Sikh's und Ghurka's bestanden und daher treu geblieben waren, die Rebellen zu verfolgen und einen Angriff auf Delhi zu unternehmen, sandte erst Botschaft an die Generale Barnard und Anson, den Commandeur der Armee von Bengalen, und die Zögerung des Letztern, welcher erst wochenlang bemüht war, Truppen bei Kurnaul zusammenzuziehen, ließ den günstigen Augenblick verstreichen und schon nach wenigen Tagen war die Zahl der Aufständischen in Delhi auf zehntausend Mann gestiegen, so daß die Empörung nicht mehr durch einen tapfern Handstreich, sondern nur durch einen Feldzug und eine Belagerung besiegt werden konnte.
Die aufständischen Sepoy's behielten auf die Anordnung des Sofi, der alle seine Maßregeln hinter dem Ansehn des Königs und seiner Söhne verbarg, ihre Regimentseintheilung und ihre eingebornen Offiziere bei, an denen es nicht fehlte, da jede Compagnie deren drei zählt. Obschon die Mauern Delhi's nicht mehr so stark waren, wie vor der Zerstörung durch Mahomed Togluk (1325), zu dessen Zeit sie nach der Schilderung des gelehrten Reisenden Ibn Batula eine Dicke von 11 Ellen hatten, waren sie doch stark genug, um einem ersten Angriff zu widerstehen. Der Sofi ließ sie auf 24 Fuß erhöhen, den Graben bis zu 20 Fuß Breite und 16 Fuß Tiefe erweitern, die Bastionen
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ausbessern und den Brückenkopf der Brücke über die Dschumna befestigen.
Den sämmtlichen Truppen wurde ein zweimonatlicher Sold ausgezahlt und die Tagesrationen wurden festgesetzt. Man hatte Ueberfluß an Geschütz und Munition, da die Arsenale und Magazine, mit Ausnahme des in die Luft gesprengten, mit all ihren Vorräthen in die Hände der Empörer gefallen waren. Einen Mangel an Lebensmitteln und Fourage brauchte man gleichfalls nicht zu besorgen, da für jetzt alle Zugänge frei waren, und selbst beim Heranrücken der Briten ihre Macht nicht so stark sein konnte, um die Zufuhr abzuschneiden.
Während auf diese Weise im Innern für die Vertheidigung der Stadt gesorgt wurde, durchzogen Abtheilungen der Reiter die Gegend, wiegelten die Garnisonen der benachbarten Städte auf, zündeten die Häuser der Europäer an, ermordeten die Steuereinnehmer, und raubten aus dem Schatze in Gurgohe 784,000 Rupien, die sie nach dem Königspalast in Delhi brachten, in dem man bald über zwei Millionen Rupien aufgehäuft hatte.
Im Innern der Stadt war jetzt eine größere Ordnung und Sicherheit hergestellt, so daß die reichen Kaufleute und Babu's, von denen sich viele geflüchtet und verborgen hatten, wieder zum Vorschein kamen und mit ihren Mitteln die Verbreitung der Erhebung unterstützten. Am eilften Tage nach der Vertreibung der Engländer aus Delhi versammelte der König die Babu's, und sie verstanden sich dazu, jedem Soldaten in Delhi täglich 4 Annah's26 an Sold zu zahlen. Es war jetzt kein Haufen von Empörern mehr, der den Engländern gegenüberstand, es war eine geregelte Armee. - -
Wir müssen, während sich die Dinge auf diese Weise in Delhi ordneten, zu der furchtbaren und traurigen Lage zurückkehren, in welcher die einzelnen Personen, deren Schicksal wir verfolgt, sich befanden.
Tantiah Topi und der Derwisch Sofi hatten, um das Geheimniß des Sarkophags desto sorgfältiger zu bewahren, ihre Wohnung im alten Palast der Begum selbst aufgeschlagen. Um
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keine Aufmerksamkeit zu erregen, hatten sie das Grabmal nicht wieder betreten, aber einen Posten aus der Schaar der Thugs, die Tukallah mit leichter Mühe gleich einer Leibwache um sich gesammelt und die seinem Willen mit blindem Fanatismus ergeben war, hielt Tag und Nacht Wache vor dem verschlossenen Thor des Mausoleums.
Willougby hatte wohl Recht, als er mit der Sperrung der Thür sich und die Seinen lebendig begraben wähnte. Der Platz um das Mausoleum und den Palast glich seitdem einem Heerlager, aber im Innern dieser kleinen, von den Menschenwogen umgebenen Rotunde wohnte der Tod und der Jammer. Diese stete Nähe zahlloser Feinde zwang die Eingesperrten zu um so größerer Vorsicht. Nur im Dunkel der Nacht durften sie wagen, aus der Gallerie des Minaret frische Luft zu schöpfen.
Die Lebensmittel, welche der Offizier so glücklich gewesen war, in der ersten Nacht auf den Gräbern der Todten zu erbeuten, und die zum Glück mit Ausnahme der Früchte nicht dem Verderben unterworfen waren, reichten bei der größten Sparsamkeit nur für etwa acht Tage.
Noch immer hofften die Unglücklichen auf ein glückliches Ereigniß, auf eine Hilfe von außen - auf Irma und ihren Vater!
Die Hitze in dem engen Raum des Minarets, da sie sich nur von Zeit zu Zeit in den größern Raum des Mausoleums wagten, war in dieser Jahreszeit unerträglich, die Luft dumpf und schwül und das Leiden der drei Personen wahrhaft entsetzlich.
In dieser furchtbaren Lage zeigte sich die himmlische Geduld, die aufopfernde Christenliebe der jungen Nonne in ihrer ganzen Größe und wob einen Heiligenschein um ihr Haupt. Kein Wort der Klage, des Leidens entschlüpfte ihrem bleichen Munde, selbst kein Blick der verzweifelnden Seele wandte sich in der Gegenwart ihrer Gefährten zum Himmel. Trost - himmlischer Trost und Ergebung war allein auf ihren Lippen, Aufopferung in ihrem Herzen und in all ihrem Thun. Mit jener Umsicht und zarten Sorge, die allein Frauenhand zu leisten vermag, suchte sie die Leiden ihrer Gefährten zu mildern, ohne an sich selbst zu denken.
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Diese Leiden überstiegen bei der jungen Engländerin jede Beschreibung. In Folge der glühenden Hitze, der ihre schrecklichen Wunden durch die barbarische Grausamkeit des Pöbels während eines ganzen Tages ausgesetzt gewesen waren, begann das seiner Bedeckung entblößte Fleisch zu faulen. Diese Fäulniß wurde zu einem einzigen ekeln lebenden Geschwür, und der Geruch, den diese Verwesung bei lebendigem Leibe ausdunstete, war entsetzlich.
Am fünften Tage trat der Brand in die Wunden; der Anblick, den die Kranke bot, war eben so grauenhaft für das Auge, wie ihre Nähe für die anderen Sinne.
Dennoch verließ die Nonne sie fast keinen Augenblick. - Willougby trug ihr fortwährend Wasser aus der Fontaine des Mausoleums zu. Jedes irgend entbehrliche Stück ihrer Unterkleider hatten Beide verwendet, um Compressen und Binden für die Kranke zu machen.
Während sie so die körperlichen Leiden der Unglücklichen zu lindern versuchte, verrichtete die junge Nonne zugleich das heilige Amt des geistlichen Trösters. Worte der erhabenen Ergebung jenes mildesten und heiligsten Glaubens, der den Feind zu segnen lehrt, der alle große Schmerzen, alle Leiden des Menschenlebens, wie das Kind seine Thränen an die Mutterbrust, in den Schooß des Erlösers legt! - sie antworteten den leidenschaftlichen Ausbrüchen, den Klagen, der Verzweiflung der Unglücklichen, die sie zuerst gleich einer Feindin betrachtete, und aus dem Gefühl des Hasses erst allmählich zu einer dumpfen Resignation überging.
Der Offizier hatte sich entschlossen, das Geheimniß jener beiden Männer, die in der ersten Nacht das Gold aus den Gewölben des Mausoleums geholt, zu verfolgen, in der Hoffnung, dabei vielleicht einen Ausweg aus dem Gefängniß oder irgend eine Hilfe zu entdecken. In einer Nacht, während die Nonne den fieberhaften Schlaf der Kranken und die Umgebung des Grabmals auf der Höhe des Minarets bewachte, zündete er mit Pulver die Lampe an, welche der Mahratte in dem Gebäude zurückgelassen und versuchte, die verborgene Feder zu finden, welche das Steingestell des Sarkophags in Bewegung sehte und den unterirdischen Eingang öffnete.
Obschon er nur unvollkommen hatte beobachten können,
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gelang es ihm in der That, die Oeffnung des Schlosses zwischen den vergoldeten Metallverzierungen zu finden. Zwar fehlte ihm der Schlüssel, von dem er nicht wußte, was die Männer mit ihm gemacht, als er aber einige kleine Schlüssel, die er bei sich führte, probirte, paßte der eine, und er hörte bei dem Umdrehen dasselbe Geräusch im Innern des Grabmals. Indem er seine Kraft gegen den Stein anwandte, gelang es ihm, diesen in seinen Angeln zu drehen und den unterirdischen Zugang zu öffnen.
Willougby streckte den Arm mit der Lampe aus und begann, die Stufen hinabzuschreiten. Er zählte deren fünfundvierzig. Die letzte schloß sich an einen Gang, der in gerader Richtung etwa zwanzig Schritt fortführte. An seinem Ende befand sich eine eherne Thür. Der Offizier fand sie unverschlossen und stieß sie auf - er trat in ein rundes kellerartiges Gewölbe.
Bei der großen Trockenheit des Erdbodens zeigte der unterirdische Raum nur wenig von Moder und Feuchtigkeit. Der junge Engländer hob die Leuchte in die Höhe, und nachdem er sich einige Augenblicke an das Halbdunkel gewöhnt, erkannte er, daß er sich in einem runden, etwa zehn Schritt im Durchmesser haltenden Gemach befand, dessen Quaderwände leider keinen andern Ausgang zeigten.
Rund umher an den Wänden standen offene Kisten, bis an den Rand mit Silbermünzen, silbernen und goldenen Geräthschaften aller Art, oder Beuteln gleich denen gefüllt, welche der Mahratte und sein Begleiter mit sich genommen, und die nach dem Klänge Gold enthielten. Auf einem Steinsitz am andern Ende des Gewölbes befand sich ein kleiner Koffer von schwarzem Eichenholz mit Silber beschlagen, dessen Deckel - wahrscheinlich von seinen beiden Vorgängern - geöffnet war. Indem er näher trat und das Licht der Lampe darauf fallen ließ, blitzte ihm der hundertfache Farbenglanz prächtiger Edelsteine und Geschmeide entgegen, das grüne Feuer kostbarer Smaragde, der violetblaue Glanz der Saphire und das Himmelblau der berühmten Türkisen von Nischnangpur, das Feuer der Diamanten sich vermischend mit den Schlangenfarben der Opale von Ceylon und dem Rosenlicht der Rubinen - das Alles betäubte förmlich im ersten
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Moment die Augen des jungen Soldaten, die in diesem Lande doch an den Glanz von Gold und Edelsteinen gewöhnt waren.
In Mitten dieser Schätze, deren Werth mindestens vier bis fünf Cronen27 betragen mußte, glaubte er sich in die Zauberhöhle Aladins versetzt und betrachtete mit einem gewissen Bangen diese Haufen von Gold und Silber, die dazu dienen sollten, das Blut seiner Landsleute zu vergießen.
Nachdem er sich auf das Genaueste an den Wänden überzeugt hatte, daß kein Ausgang weiter vorhanden, beschloßer, umzukehren. Eine kurze Ueberlegung ließ ihn bedenken, daß er nicht versäumen dürfe, sich hier vielleicht die Mittel für eine glückliche Eventualität ihrer fernern Flucht zu sichern, und er hatte genug von dem Gespräch und dem Brief der Begum verstanden, um jede Bedenklichkeit über das Recht zum Eingriff in dieses fremde Eigenthum zu beseitigen.
Er füllte daher seine Taschen mit goldenen Mohurs und indem sein Blick nochmals auf den Juwelenkasten fiel, nahm er eine Agraffe und ein Band von Diamanten und Rubinen, die er für die kostbarsten der Schmucksachen hielt, und steckte sie zu sich.
Alles, was er dem Feinde entzog, war offenbar ein Gewinn für die Sache seiner Landsleute.
Hierauf stieg er die Treppe wieder hinauf, drehte den Sarkophag wieder an seine Stelle und vertilgte sorgfältig jede Spur seines Eindringens. -
Er konnte den Frauen die Nutzlosigkeit seines Versuchs nicht verhehlen - mit jeder Stunde schwand ihre Hoffnung immer mehr, wurde ihre Lage immer furchtbarer.
Oft in der Nacht überschritt das Wimmern der Kranken, ihr klagendes Aechzen die Mauern des Mausoleums. Dann erbebten der Offizier und die Nonne, daß diese Laute zu Verräthern werden und die Feinde herbeiziehen möchten, während ihre Menschlichkeit, ihr Mitgefühl für die Leidende ihnen doch nicht gestattete, ein Unterdrücken ihrer Klagen von der Kranken zu verlangen.
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Aber die Hinduwache, die vor dem ehernen Thor des Grabmals lagerte, erbebte noch mehr, als die Eingeschlossenen, wenn die stille Nacht jene Laute des Schmerzes zu ihren Ohren trug. Das war der ruhelose Geist der Begum, der um sein Grab wandelte und in den Wipfeln der mächtigen Cypressen stöhnte in Reue und Jammer, daß er dem Glauben des Propheten untreu geworden und zum Kreuz der Franken geschworen, habe.
Am siebenten Tage ihrer Leiden nahte für die Tochter des Residenten die Erlösung. Seit mehreren Stunden schon war der Schmerz verschwunden - das stete Zeichen des herannahenden Todes nach dem Eintritt des Brandes. Die Miß selbst schien es zu fühlen, daß Gott der Allmächtige ihre Gebete, ihre Seufzer nach dem Ende erhören wolle. Sie hatte wohl zwei Stunden still und stumm gelegen, ihr Geist mit sich selbst beschäftigt, während die Nonne an ihrer Seite betete.
Es war bei dem Scheiden des Tages von der Nacht, als sie flüsternd Schwester Maria bat, den Offizier zu rufen. Beide trugen auf jede Gefahr hin die Sterbende in den Raum der Rotunde und betteten sie auf die harten Stufen des Sarkophags.
»Ich fühle es,« sagte die Kranke, »meine Stunde ist gekommen. Der Wille Gottes hat sie lange verschoben, damit mein Herz sich demüthigen sollte vor ihm. Maria, können Sie der Unglücklichen, so unerhört über Menschenkräfte Geprüften, verzeihen, daß sie an Ihnen gefrevelt, und in dem Engel des Lichts, den der Himmel ihr gesandt, die Feindin gesehen hat?«
»Arme, liebe, unglückliche Victoria,« flüsterte die Nonne, - »dieses Herz hat nur Liebe für Sie, und Gott weiß es, mein Leben wollte ich willig hingeben, wenn ich Ihre Leiden mildern könnte!«
»Richtet mich auf,« bat die Sterbende, - »durch den Blutschleier vor meinen Augen schau ich dort oben das letzte Glühen des scheidenden Sonnenstrahls. Die Nacht kommt - die furchtbare Nacht! Richard Willougby, liebe sie, liebe sie mit allen Kräften Deiner Seele! Möge mein Tod Euch die Freiheit und das Glück erkaufen - flieht! flieht dieses Land, das doppelt verflucht ist! - Deine Hand, Richard Willougby, den mein junges
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böses Herz liebte! - Deine Hand, Marie - die ich so tief unter mir dünkte - - -«
Sie faßte mit krampfhaftem Zucken um sich - Beide reichten ihr die Hände, die sie zusammenzog und festhielt.
»Seid im Tode gesegnet - - ewig - ewig -«
Die Stimme der Nonne murmelte die Sterbegebete. »Vergieb, auf daß Dir wieder vergeben werde, wenn Du eingehst zu dem Lichte des Herrn! Der Erlöser am Kreuz segnete seine Feinde!«
»Allen! - Allen! - Aurunga! - Gott sei mir gnädig!« Ihre Stimme erlosch, ein leises Zucken der Hand nach dem verstümmelten Haupt, aus dem die Augen gräßlich hervorstarrten - ein Seufzer - dann war Alles still, stumm - der wunde, elende Körper des einst so schönen Mädchens rührte sich nicht mehr - ihre Prüfung war zu Ende!
Von der Spitze des Minarets schwand der letzte Sonnenreflex - mit jener Schnelligkeit, die in den Tropen den Tag zur Nacht umwandelt, trat die Dunkelheit ein.
Der Offizier hatte die abgezehrte Hand ergriffen und nach dem Puls geforscht, jedes Zeichen von Leben war erloschen.
»Sie hat vollendet - wohl ihr!«
Nur das leise Weinen der jungen Nonne antwortete ihm. Die bis zum letzten Augenblick in gewaltsamer Spannung erhaltenen Nerven fanden Beruhigung in dem solange unterdrückten Thränenstrom. - - -
Die Todte hatte überstanden - die furchtbarste Prüfung der Ueberlebenden sollte jetzt erst beginnen!
Am neunten Tage waren die Lebensmittel zu Ende, auch die letzte Krume der Chuppaties war verzehrt. -
An der Leiche der jungen Engländerin, im Angesicht dieses grausigen und entsetzlichen Schicksals hatte der Offizier das junge Mädchen an sein Herz gedrückt und sich selbst und ihr gelobt, mit ihr zu leben oder zu sterben.
Dieser Liebe, diesem Entschluß gegenüber fand die Nonne nicht mehr die Kraft des kalten Widerstrebens, die Erinnerung an das Gelübde, das sie von der Liebe schied.
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Ihre strömenden Thränen, ihr zitterndes Anschmiegen zeigten ihm, daß jener Wurf der Rose die Botschaft einer stillen aber wahren und tiefen Neigung gewesen.
Dann kamen die Stunden des gemeinsamen Leidens, jener Gemeinschaft der versinkenden Hoffnung, der ermattenden Kraft, nicht mehr unterbrochen und gestört durch die Sorge um die sterbende Freundin.
In diesen Stunden der Sorge und des Schmerzes öffneten sich diese beiden jungen Herzen, und indem sie von Gott sprachen, zu dem sie gehen wollten, erinnerten sie sich des Glückes und der Seligkeit, welche die Erde bietet.
Sie liebten einander, sie lebten mit einander und waren bereit, mit einander zu sterben. Die gegenseitige Aufopferung, dieses Sorgen und Mühen, den letzten Bissen der Nahrung sich selbst zu entziehen und dem geliebten Wesen aufzunöthigen, wäre dem unbetheiligten Zeugen ein rührendes Schauspiel gewesen.
Dann kam der körperliche Schmerz - der Hunger!
Seit zwei Tagen fehlte den beiden Liebenden jede Nahrung - das Wasser der Fontaine war Alles, was sie genossen.
Die Kräfte des jungen Mädchens schwanden, ihr sanftes Auge war bereits matt und unstät.
Hand in Hand auf der obersten Stufe der Treppe des Minarets sitzend, sprachen sie davon, zu sterben. Zehn Mal schon, wenn sein Auge auf die bleichen, hohlen Züge der Geliebten fiel, war der junge Offizier versucht und halb entschlossen, die indische Schildwache am Eingang des Tempels anzurufen und sich den Feinden zu überliefern, um, wenn es sein müßte, selbst unter ihren Dolchen dem schrecklichern Hungertode zu entgehen.
Aber der Gedanke an das schreckliche Schicksal, das vor seinen Augen die blühende Tochter des Residenten erlitten scheuchte die Idee, den Entschluß zurück, noch ehe seine Ausführung versucht werden konute.
Jetzt aber sprachen sie Beide entschlossen vom Tode, dem zu entgehen bisher so viele Kraft angewendet worden.
Sie waren übereingekommen, bis zum nächstfolgenden Abend die Qualen zu ertragen, und wenn bis dahin kein günstiger Zufall eingetreten, mit einander zu sterben. Marion hatte jetzt selbst
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von ihrem Geliebten verlangt, daß seine Hand ihr den Tod geben solle, um sie der Schmach zu entziehen.
Willougby hatte seine beiden Revolver untersucht und die Augen des duldenden Mädchens waren seinen Bewegungen gefolgt, mit jener geheimnißvollen Wollust des Grauens, welche die Vorbereitung des Todes mit sich führt. Der Offizier zeigte ihr den Mechanismus der Ladung und ließ das todtsprühende Schloß unter ihrem zarten Finger kreisen.
Im Laufe des Tages hatten sie häufig vermehrte Bewegung in der Stadt wahrgenommen - neue Zuzüge fremder Krieger strömten herbei - das sachverständige Auge des jungen Soldaten erkannte, daß mit Eifer an den Maßregeln der Vertheidigung gearbeitet werde.
Es war an dem Tage eine Alles erdrückende Hitze gewesen, 109 Grad28 eine schwüle Luft, welche die Brust belastete und kaum das Athmen den beiden Europäern gestattete. Gegen Abend thürmten sich Wolkenberge an der Dschumna herauf und feurige Blitze zischten wie züngelnde Schlangen durch das Dunkel.
Eines jener heftigen Gewitter, wie sie nur die Tropen kennen, zog herauf. Etwa eine Stunde vor seinem Ausbruch, gleich einer dreisten Herausforderung der Donner Gottes, schmetterten Trompeten, Fanfaren und der scharfe Klang der Metallbecken durch die Abendluft, eine Schaar von 50 Reitern in reichen orientalischen Gewändern und Waffen kam im Galopp von der Brücke her über den Platz und ritt vor dem Palast der Begum auf. Der Offizier, den trotz seiner verzweifelten Lage und seiner körperlichen Leiden jedes militärische Schauspiel auf das Lebhafteste interessirte, bewunderte die außergewöhnlich gute Haltung dieser Krieger, an deren Spitze sich ein stattlicher, kostbar gekleideter Reiter von soldatischem Aussehn befand. An seiner Seite stand ein Mann in der Tracht eines arabischen Schiffers.
Der Derwisch und der Mahrattenfürst, die am ersten Abend das Mausoleum betreten und den Palast der Begum zu ihrem Wohnsitz genommen, kamen den Fremden am Thor des Palastes entgegen und bewillkommten sie. Dann lagerten sich die Reiter
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auf dem Hof und im Schutz der großen Hallen, während die Führer sich in das Innere des Gebäudes zurückzogen.
Der sich erhebende Sturm trieb rasch das Gewitter näher; das ferne Grollen des Donners verwandelte sich in gewaltige Schläge, welche die Grundfesten des Palastes zu erschüttern schienen. Die majestätischen Gipfel der Cedern und Cypressen beugten sich unter der Gewalt der empörten Luft, und die Blitze übergossen mit Tageshelle von Minute zu Minute die Stadt.
Das war die gewaltige Empörung der Natur, noch gewaltiger, mächtiger als die Empörung der Menschen - nur nicht so grausam, so blutig.
Bei dem Rollen dieser Donnerschläge hatte sich die junge Nonne fest an ihren Gefährten geschmiegt und das junge Paar sich vor dem tobenden Ungewitter in das Innere des Mausoleums geflüchtet.
Plötzlich - in einer Pause, welche die mächtige Sprache des Himmels zu machen schien - dünkte es dem geübten Ohr des jungen Soldaten, sich nähernde Stimmen und Schritte zu hören.
Das Schloß der ehernen Pforte des Grabmals rasselte, der Schlüssel drehte sich in demselben und die schweren Flügel öffneten sich.
Der Offizier hatte kaum Zeit gehabt, die Geliebte zu erfassen und mit sich fortzureißen nach dem Innern des Minarets, wo sie die Treppe hinauf flüchteten.
Es war keine Zeit mehr, die Thür zu verschließen und zu verriegeln, denn schon traten drei Männer in das Innere des Grabmals, und jedes Geräusch hätte ihre Anwesenheit verrathen.
Der Sturm brach durch die geöffnete Thür und streute die Funken der Windfackeln, die zwei von ihnen trugen, in feurigem Regen umher - nur mit Mühe gelang es der vereinten Kraft der Männer, die Flügel wieder zu schließen.
Willougby war, nachdem er das Mädchen in Sicherheit gebracht, zu der Thür des Minarets zurückgekehrt, um zu beobachten. Das Innere des Mausoleums war jetzt erhellt, er konnte die Eingetretenen deutlich erkennen, es waren der Derwisch, der
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Mahratte und der fremde Krieger, der Anführer der vor kaum einer Stunde eingetroffenen Reiterschaar.
Als dieser Mann jetzt im vollen Licht der Fackel erschien, konnte der Engländer keinen Augenblick daran zweifeln, daß Jener trotz der orientalischen Kleidung ein Europäer war.
Seine Gestalt war hoch und stattlich, sein Gesicht edel geformt, aber bleich und abgespannt, wie von der Ermattung übermäßiger Strapazen. Er trug eine Art von kappenartigem, rundem Silberhelm, von einem feuerrothen Turbanbund umschlungen und mit einem Busch kostbarer Reiherfedern geschmückt. Unter dem gleichfalls rothen, fliegenden Kaftan umschloß ein weißes Gewand die Brust. Pistolen und ein Säbel von europäischer Form bildeten seine Bewaffnung.
»In diesem Augenblick,« berichtete der Fremde seinen Gefährtn in englischer Sprache, »muß Cawnpur bereits in, den Händen der Unseren sein und der Nena vor Lucknow stehen.«
»Und warum nicht in Lucknow selbst?« fragte ungestüm der Mahratte. »Die Zahl der Faringi in Audh ist nur gering. Ich hätte mehr von der Thätigkeit des Prinzen erwartet.«
»Das Beispiel Murad Khans hat böse Folgen getragen, die Sikhregimenter erklären sich überall gegen uns. In Benares, Firospur, Agra, Heiderabad und Allahabad werden sie nicht mit uns, sondern gegen uns kämpfen.«
»Der Verräther!« murmelte der Sirdar - »warum hat die Bhawani nicht seine schwarze Seele getroffen!«
Der Derwisch maß mit finsteren Blicken seinen Gefährten. »Es liegt unter diesem Verrath mir ein Geheimniß verborgen, das ich nicht zu enträthseln vermag. Dein eigener Bericht, Tukallah, hat den jungen Mann früher als einen der eifrigsten und kühnsten Anhänger der Sache der Freiheit dargestellt.«
»Ein persönlicher Haß gegen den Nena scheint ihn von uns abwendig zu machen,« meinte der Fremde. »Der Tod oder das Verschwinden seiner Braut, der Tochter der Königin von Lahore, hat seine Gesinnung geändert und uns seinen Arm entzogen.«
»Der Thor glaubt, daß sie Akhbar Jehan, seinem Nebenbuhler, gegeben worden ist, während Schiwa, der große Vernichter, sie aus den Reihen der Lebenden genommen. Was ist
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ein Krieger, dessen Schwert an dem Odem eines Weibes hängt? Bosch - Nichts! Es war ihr Schicksal, Keinem zu gehören und wir werden mit den Sikhs kämpfen, wie wir mit den Faringi kämpfen werden!«
Der Apostat seiner Nation schüttelte besorgt das Haupt. »Indien wäre unser, ehe ein Monat vergangen ist, wenn dieses Unglück nicht geschehen. Ohne die Sikhs und Gurka's konnten die Engländer sich nirgends halten. Auch Mahe-Tschund ist seitdem von uns abgefallen.«
»Ich biete Dir eine andere, bessere, die rechtmäßige Herrscherin des Audh,« sagte ungestüm der Mahratte. »Die Krieger des Scindia und des Holkar erheben die Waffen gegen die Tyrannen.«
»Ich bürge für sie. Die Rani versammelt bereits die Soldaten von Gwalior unter ihren Fahnen.«
»Und warum,« fragte der Derwisch ernst, »ist Major Maldigri, der Paladin der Rani, in diesem Augenblick nicht an ihrer Seite? Glaubt er uns nicht allein kräftig genug, Delhi zu behaupten?«
Der Ionier, denn dieser war der Fremde, erröthete. »Ich bin mit dem Willen des Nena und auf den Befehl der Rani hier,« sagte er stolz, »um die Kriegerschaar den Vertheidigern Delhi's zuzuführen. Der Nena selbst verlangte, daß ich die Krieger begleitete auf die Botschaft, die Ihr ihm gesendet.«
»Wozu der Streit,« rief der Mahratte - »dieser Mann ist uns willkommen, obschon er ein Franke ist. Er wird das, was die Götter uns zum Beistand gegeben, dem Nena sicher zuführen. Laß uns den Eingang öffnen, damit wir ihm zeigen das Erbe der Begum.«
Er trat zu dem Sarkophag und winkte dem Derwisch, ihm zu helfen, den Steindeckel abzuheben.
Der Offizier hinter de