Puebla

oder

Die Franzosen in Mexiko.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart.

von

Von Sir John Retcliffe.

(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)

Erste Abtheilung: Der Schatz der Ynkas.

Zweiter Band.

Der Schatz der Ynkas.

Zweiter Abschnitt.

Guaymas.

Franzose und Engländer.

Wir haben am Schluß des ersten Bandes unsere Gesellschaft von Abenteurern verlassen, als sie eben im Hafen von Guaymas angekommen und ihr kühner Führer Graf Raousset Boulbon auf dem Weg war, mit dem Abgesandten der mexikanischen Regierung sich zum Gouverneur des Hafens zu begeben.

An der Stelle, wo der Rio de Guayamas, aus der Ebene kommend, die Sierra del Nazareno durchbrechend, sich in den mächtigen californischen Meerbusen stürzt, liegt San José Guayamas (Guaymas) in geringer Entfernung von der Hafenstadt, San Fernando de Guaymas, an welcher die Einbuchtung des Golfs, geschützt von dem Cap Haro den besten Hafen des westlichen Mexicos bildet.

Allerdings erlauben beide Städte - San José, vor dem aufblühenden Verkehr der Hafenstadt erbleichend, - wie San Fernando keinen Vergleich mit den östlichen Städten Amerikas, oder gar mit europäischen, indeß

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herrscht ein so eigenthümliches Leben und Treiben daselbst, daß der Reisende, auch wenn er nicht Handel treibt, nicht ohne Interesse und Befriedigung daselbst verweilen wird.

Das Ansehen der Stadt selbst ist sehr mangelhaft; zu dem Anspruch auf die Benennung als größere Häuser erheben sich meist nur die steinernen Factoreien der englischen, amerikanischen und spanischen Kaufleute, oder die Villa's, die sich dieselben in genügender Entfernung von dem Schmutz der ungepflasterten mit der gewöhnlichen spanischen Sorglosigkeit behandelten Straßen der Stadt gebaut haben. Die mexikanischen Häuser der Bewohner sind wie im ganzen Binnenlande niedere, flache und unreinliche Gebäude, die sich nur wenig von den Hütten der eingeborenen Indianer an den äußersten Gränzen der Stadt unterscheiden. Nur drei oder vier öffentliche Gebäude, darunter das Zollhaus, und das Haus des Gouverneurs erheben sich über diesen Typus. So schlecht das äußere Ansehen der Stadt aber auch ist, so betragen doch die Reichthümer, welche oft hier aufgehäuft sind, Millionen, und die fabelhafteste Verschwendung herrscht neben den Lumpen des Armen, den ein Zufall, ein augenblickliches Ereigniß mit Gold und Macht überhäufen kann.

Das Fort, wenn man diesen einfachen Bau von Erdwällen und Pallisaden, die im Viereck einige Gebäude umgeben, so nennen kann, ist fest, aber selbst in seiner Bewaffnung sehr primitiver Natur. Dennoch gehört es zu dem Charakter dieses seltsamen, an tausend Hilfsquellen so reichen und doch so verkommenen Landes, daß die Bewohner von Guaymas mit einem gewissen Stolz auf ihre Festung blicken, die sie in

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Wahrheit nicht vor einem einzigen tüchtigen Kriegsschiff beschützen würde, die aber in den zahllosen Pronunciamentos und Revolutionen der Stadt, der Provinz und des Landes immer eine bedeutende Rolle gespielt hat, da der Besitzer derselben, sei es durch Kampf, durch Bestechung oder Verrath, immer als Sieger und augenblicklicher Machthaber betrachtet wird.

Ehe wir zu den Scenen übergehen, welche jetzt auf dem Boden der Sonora, des erträumten Eldorado für die golddurstigen Abenteurer, gleichsam als Prolog ihrem Zug in die Wildniß vorangingen, müssen wir zur Verständniß noch einmal kurz die damaligen politischen Verhältnisse des Staates erwähnen.

Der Leser wird sich erinnern, daß der General Cevallos gegenwärtig Präsident der mexikanischen Föderation war, und heimlich damit umging, die Regierung wieder in die Hände des früheren Präsidenten Santanna zu spielen, der gegenwärtig von Jamaika aus seine Intriguen betrieb. Er wird sich ferner erinnern, daß Don Esteban, ohne die geheime Absicht des General Cevallos zu kennen, von der Regierung des Staates Sonora und der Vereinigung der Kaufleute und großen Grundbesitzer nach San Francisco gesandt worden war, um den Grafen Raousset Boulbon mit seiner Schaar für die Vertheidigung der Gränzen des Staates Sonora gegen die Einfälle der wilden Indianer, der zu diesem Zweck jetzt verbundenen sonstigen Todfeinde, der Comanchen und Apachen zu gewinnen, und daß die Persönlichkeit des Grafen ihn bewog, mit diesem Engagement ganz andere ehrgeizige Zwecke zu

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verbinden, zunächst darauf ausgehend, das jetzige Gouvernement des Staates Sonora zu stürzen, diesen selbst von der Föderation loszureißen und unabhängig zu machen, und für sich oder seinen Schwiegersohn, zu welchem er den Grafen zu nehmen gedachte, wenn nicht einen Thron, so doch eine Dictatur zu gründen, die der monarchischen Herrschaft gleich stand und sich leicht dazu verwandeln ließ.

Zur Hauptstadt des Staates Sonora war gegenwärtig in Stelle Hermosillo's das weiter hinauf am Rio Sonora gelegene Arispe, eine Stadt mit etwa 3000 Einwohnern, von dem Gouvernement gewählt. An der Spitze desselben stand der General Don Manuelo Paredos, ein Liberaler, von vielen Kaufleuten der Küstenstädte unterstützt, während der größte Theil der großen Grundbesitzer gleich Don Esteban zur Partei der Conföderado's gehörte.

Der Haciendero hatte nicht versäumt, während der Ueberfahrt den Grafen Boulbon auf's Genaueste mit allen Verhältnissen und Persönlichkeiten bekannt zu machen.

Der Hafen von Guaymas oder Guayamas bot an dem Morgen der Ankunft der Expedition, wie wir am Schluß des ersten Bandes bemerkten, ein überaus buntes und belebtes Bild.

Der Strand ist flach, nur die nothdürftigsten Hafenbauten zum Aus- und Einladen der Boote bilden streckenweise einen Molo, an den andern Stellen wirft das Meer seine Wellen unmittelbar gegen das sanft emporsteigende Sandufer, bedeckt es mit seinem Tang und seinen in hundert Farben schillernden Muscheln, oder rollt in Bogen seinen weißen Schaum darüber hin. Auf der Rhede lagen,

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außer den beiden Fahrzeugen der Expedition und der englischen Brigg, die unter dem Schutze des Cap Haro ankerte, wohl ein Dutzend größerer Schiffe aller seefahrenden Nationen, ihrer Befrachtung harrend oder europäische Güter bringend, während zahlreiche Küstenfahrzeuge von den Inseln des Golfs, von Tiburon, San Estevan, Lorenzo im Norden, Tortuga und Lobos nach Süden, oder Hermosillo und der gegenüberliegenden Küste von Nieder-Californien und aus der Mündung des Rio Yaqui die Produkte des Landes herbei - oder die eingetauschten Waaren hinwegführend über den prächtigen Spiegel der Bay kreuzten. Ueber die niederen Häuser der Hafenstadt und von Guaymas selbst hob sich der Blick zu den Höhen der Sierra de Santa Clara, der Fortsetzung der Sierra del Nazareno, welche in der Entfernung von wenig Meilen die Hochebenen von dem Küstenstrich scheidet.

Zwischen dem Landungsplatz und den Schiffen durchschnitt eine Menge Boote den Wasserspiegel und führte Personen und Güter hin und her, an dem Strande selbst aber hatte sich fast die ganze constante und zufällige Bevölkerung versammelt, um die Ausschiffung der Expedition zu sehen, von der man sich bereits so Vieles erzählt hatte und auf die man so große Hoffnungen setzte.

Diese Versammlung der Bevölkerung war wiedie aller südlichen Seeküsten und westlichen Länder äußerst bunt. Neben den amerikanischen und englischen Seeleuten sah man den feurigen und gewandten Chilenen, der in seinem Schiff eine Ladung der berühmten Maulthiere der Provinz zu holen gekommen war; Californier von La Paz

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oder Espiritu Santo und Ceralbo - jene Schwesterinselm zwischen denen Juan Racunha den furchtbaren nächtlichen Weg zurückgelegt, - hatten die Ausbeute der Perlenfischern des Sommers und des Schildkrötenfanges gebracht; Arrieros und Vaqueros der Hacienden im Innern waren mit den Heerden gekommen, die sie zur Verproviantirung der Schiffe oder zum Unterhalt der Bevölkerung lieferten; Karavanen von Peons und Indianern hatten auf langen Reihen von Maulthieren Früchte und Baumwolle, Salz, Alaun und edle Metalle aus, den Bergwerken von Nacohari, San Juan de Sonora und Babiocora hergebracht; die Besitzer der Goldwäschereien in den Thälern der Sierren waren hier, um den Ertrag der mühsamen Arbeit zu verwerthen, häufig aber auch in wenig Stunden zu vergeuden; die Schaar der Lastträger, ein Hauptelement der Bevölkerung von Guaymas, mit ihrem Capataz und den Unteranführern, keuchte schweißtriefend und dennoch lustig und munter unter den gewaltigen Bürden oder arbeitete in den offenen Magazinen; der Ranchero, der sich der Abstammung von spanischem Blut rühmte, sah stolz auf den armen Maquis Indianer, der sein Leben in den Tiefen des Wecres oder den Stollen der Bergwerke für den geringen Unterhalt wagte, auf den Opata, der den Ertrag seiner Viehzucht oder seiner Industrie, welche die Indolenz der Europäer beschämt, hier zu Markte brachte, und selbst auf den Mestizen mit dem gemischten Blut China's. - Die Grisetten Mexikos, - und Frauen in alten Nüancen des braunen Teints, Mönche und Soldaten, Herren und Diener, Kinder und Schwarze, Seeleute und Kaufherren

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bewegten sich auf dem Platz bunt durcheinander, stritten, tauschten ihre Neuigkeiten aus, oder schlossen einen Handel.

Als das Boot mit Don Estevan und dem Grafen an den Stufen der Treppe landete, erscholl ein donnerndes Viva! und die zahlreichen Bekannten und Diener des reichen und mächtigen Haciendero drängten sich heran, ihn zu begrüßen und nach seinem und der Donna Dolores Wohlbefinden mit der überschwänglichen mexikanischen Höflichkeit sich zu erkundigen. Aber mehr noch als der Senator nahm sein Begleiter das Interesse der Männer und Frauen in Anspruch. Es hätte kaum bedurft, daß Don Estevan ihn mehreren seiner vornehmern Freunde als den berühmten Anführer der Expedition, den Grafen Raousset Boulbon vorstellte; denn seine Persönlichkeit und seine reiche militärische Kleidung hatte die Menge sofort das ahnen lassen, und die Frauen genirten sich nicht, durch Ausrufe der Bewunderung den Eindruck kund zu geben, welchen seine Erscheinung auf sie machte, und auch die Männer konnten sich demselben um so weniger entziehen, als bei allen südlichen Racen körperliche Vorzüge bekanntlich eine sehr bedeutende Rolle spielen. Das Gerücht der beabsichtigten Expedition zur Aufsuchung der Schätze der Azteken und die Erzählung von dem merkwürdigen Duell in dem Circus von San Francisco war schon Wochen vorher der Ankunft des Grafen vorausgeeilt und hatte die Phantasie der Bevölkerung von Guaymaß gereizt und ihre Erwartung auf das Höchste gesteigert.

Man kann sich leicht denken, welchen Eindruck diese

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Erzählung auf die leichtentflammte Phantasie dieser Bevölkerung gemacht hatte.

Der mexikanische Charakter ist ein seltsames Gemisch von Leidenschaften, von Feigheit und Heldenmuth, Geiz und Verschwendung, Eitelkeit und Aufopferung. Die besten und die schlechtesten Züge des menschlichen Herzens scheinen in ihm verschmolzen und man hat nicht blos in dem großen Befreiungskämpfe zahllose Züge von Begeisterung und Heldensinn gesehen, welche den berühmtesten Thaten des Alterthums zur Seite zu stellen sind, sondern man findet dieselben noch täglich in dem unruhigen Leben dieser Bevölkerung und in dem Kampf mit der Wildniß und ihren Bewohnern. Selbst in den schlechtesten Elementen aber findet sich ein gewisser chevaleresker Zug, ein Zug von Ritterlichkeit oder Stolz, der selbst die Verbrecher nicht gemein erscheinen läßt, und der offenbar in der Vermischung mit dem Blut der spanischen Conquistadoren seinen Ursprung hat.

Bei diesem Hange zu Abenteuern, bei dieser Empfänglichkeit für hervorragende Thaten des Muthes und der Kraft mußte natürlich der Empfang des Helden des furchtbaren Duells von San Francisco ein enthusiastischer sein, und dies um so mehr, als die äußere Erscheinung des tapfern Grafen das von der Phantasie der Männer und Frauen entworfene Bild nicht täuschte, sondern ihm in Glanz und Stattlichkeit vollkommen entsprach.

Der Namen: il Conde Boulbon, il grande tigrero! hatte sich demnach kaum mit Blitzesschnelle verbreitet, als der Jubel des Empfanges sich verzehnfachte und ein Regen

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von Blumen aus den Händen der Frauen den Franzosen begrüßte.

Der Graf dankte mit der Eleganz und Sicherheit eines vornehmen Herrn und folgte Don Estevan, der nach der Stelle vorausging, an welcher man seine Diener mehrere Pferde bereit halten sah, als ein Offizier in der Uniform der mexikanischen Dragoner durch die sich öffnende Menge sich ihnen nahte und vor ihnen stehen blieb.

Zwei kräftige Soldaten führten hinter ihm an langen Zügeln einen aufgezäumten Hengst von schwarzer Farbe, dessen feurige Augen und fortwährendes Bäumen und Ausschlagen bewiesen, daß er noch nicht lange seiner Heimat in den Prairien entrissen und gebändigt war. Die beiden Führer konnten ihn nur mit Mühe halten und die Menge wich erschrocken vor den fortwährenden Seitensprüngen des feurigen Thieres zurück.

Der Offizier, ein junger Mann von finsterem verschlossenem Aussehen und in seinem Gesicht den Typus der aztekischen Race tragend, das heißt die zurückweichende Stirn und die schmale, nach unten zugespitzte Form der Züge, verneigte sich.

»Señor Senator Don Estevan,« sagte er höflich, »wenn dieser Herr der erlauchte Conde Don Boulbon, der Kommandeur der von der mexikanischen Regierung angeworbenen Kompagnie ist, so bitte ich Sie, mich ihm vorzustellen, da ich einen Auftrag an diesen Herren habe.«

So höflich die Anrede auch war, so lag doch in den Worten selbst, welche die Stellung der Expedition bezeichneten, offenbar eine bestimmte Absicht.

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Der Senator - denn dies war die bürgerliche Würde des Haciendero im Staat, - erwiederte die Verbeugung des jungen Offiziers mit der gleichen gemessenen Höflichkeit.

»Ich habe die Ehre, Señor Teniente1 Don Carboyal, Sie hiermit Seiner Excellenz dem Herrn Grafen Don Louis Aimé von Raousset Boulbon, Obersten in der Armee des Königs von Frankreich und General en chef der Sonora-Expedition vorzustellen. Wir sind im Begriff uns nach San José zu begeben, um Seiner Excellenz dem Herrn Gouverneur unsern Besuch zu machen.«

Der Graf und der Offizier verbeugten sich gegen einander. »Verzeihen Sie, Señor Don Estevan,« sagte der Letztere, »wenn ich Sie einen Augenblick aufhalte; ich werde sogleich die Ehre haben, Ihnen meinen Auftrag vorzutragen. Aber da ich, wie Ihnen bekannt ist, nicht viel besser als ein unwissender Indianer bin, so erlauben Sie mir wohl eine Frage zu meiner Belehrung.«

»Fragen Sie Señor Teniente!«

Die Blicke der beiden Männer, des Ranchero und des Offiziers, hatten sich mit einem kalten hochmüthigen Ausdruck gekreuzt. Es war der Haß und der Stolz beider Racen, die der Graf hier zum ersten Mal einander begegnen sah, den Mann von reinem spanischen Blut, den Nachkommen der Eroberer, und den Sohn der alten Bewohner des Landes, des aztekischen Stammes.

»Wenn ich recht verstanden habe, Señor Senator und

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dieser Herr es erlaubt,« fuhr der Offizier fort, »so haben Sie gesagt: Oberst in der Armee des Königs von Frankreich. Nun aber habe ich von dem Herrn Gouverneur gehört, daß ein König von Frankreich nicht existirt, sondern nur eine französische Republik, deren Flagge wir zuweilen die Ehre haben, als uns befreundet in den Häfen unseres Landes zu sehen.«

Die Hand des jungen Mannes wies dabei wie fragend nach den beiden Schiffen der Expedition, von deren Gaffel, wie wir früher gesagt haben, neben der mexikanischen und amerikanischen Flagge das weiße Banner mit den Lilien der Bourbons wehte.

Eine leichte Röthe überflog die Stirn des Grafen und eine Bewegung seiner Hand bedeutete den Senator, daß er selbst die Antwort übernehmen werde.

»Señor,« sagte er kalt, - »ich habe die Ehre, mich Ihnen als Oberst der französischen Armee vorzustellen und bin bereit, meine Gefälligkeit so weit zu treiben, um Ihnen mein Patent darüber vorzulegen, wenn Sie es wünschen oder für nöthig halten. Wenn meine erhabenen Verwandten allerdings gegenwärtig auch nicht auf dem Thron sitzen und mein Vaterland in diesem Augenblick die Freuden einer republikanischen Regierung genießt, so haben sie doch nie aufgehört, Könige von Frankreich nach ihrem Rechte zu sein, und Sie werden, - so jung Sie auch noch sind, - aus Ihren eigenen Erfahrungen in Ihrem Lande wissen, daß in den heutigen Zeiten die Regierungsformen sehr unsicher sind und einem raschen Wechsel unterliegen können! Jene

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Flagge aber ist die meiner Familie, das heißt der wahren rechtmäßigen Könige von Frankreich.«

Der Offizier verbeugte sich wiederum sehr höflich. »Ich danke Euer Excellenz bestens für diese Belehrung und bitte Sie nochmals meine Unwissenheit zu entschuldigen. Aber, - wie die Regierungen auch jenseits des Meeres in Europa wechseln mögen, so wollen wir doch Gott und die Heiligen bitten, daß sie unserm Lande den Seegen einer freien Republik und Föderation dauernd bewahren mögen.«

»Haben Sie die Güte, zur Sache zu kommen, Señor Teniente!«

»Der Herr Gouverneur,« sagte dieser, »da er bedacht, daß Euer Excellenz zu Wasser von San Francisco gekommen sind und noch nicht Zeit gehabt haben, sich beritten zu machen, hat mich beauftragt, Ihnen als ein Zeichen seiner Achtung und seines Wunsches, möglichst schnell Ihre Gegenwart zu genießen, dieses Pferd, eines der Erzeugnisse unseres Landes, zu überbringen!«

»Par Dios, Señor Teniente - dieses Pferd scheint ja eben erst aus der Wildniß zu kommen!« rief der Haciendero. »Es ist unmöglich für einen Fremden, es zu besteigen, und meine Diener halten Rosse genug bereit, die sich besser eignen.«

Ein spöttisches Lächeln überflog das Gesicht des Grafen. Don Estevan hatte ihm während der Ueberfahrt genug über die Verhältnisse mitgetheilt, um zu wissen, daß man ihm mit dieser anscheinenden Höflichkeit eine Falle gelegt habe. Der Gouverneur von Guaymas, derselbe, den er zu besuchen ging, stammte aus den Familien der

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Eingebornen wie sein Lieutenant, den er zu ihrer Begrüßung gesandt, und er haßte die Fremden. Er hatte bei den Verhandlungen alles Mögliche aufgeboten, deren Zustandekommen mit dem Franzosen zu verhindern, und nur der überwiegende Einfluß der bedrohten großen Grundbesitzer und der Kaufleute hatte ihn gezwungen, nachzugeben.

Der Graf erkannte zugleich, daß jede Zögerung, das zweideutige Geschenk des Gouverneurs anzunehmen und zu benutzen, den Zweck desselben erfüllen, das heißt - jenen Eindruck schwächen oder vielleicht ganz verwischen würde, den der Ruf seiner Thaten und seines Charakters auf die Menge ausgeübt hatte, die ihn jetzt im Kreise neugierig und erwartungsvoll umgab.

Sein Entschluß war daher im Augenblick gefaßt.

Ein bezeichnender ernster Blick hielt den Senator auf, sich einzumischen, dann wandte der Graf sich an den Boten.

»Seine Excellenz der Herr Gouverneur von Guaymas,« sagte er mit dem leichten übermüthigen Sarkasmus, der ihm eigen war, »scheint trotz Ihrer Versicherung, Señor, doch nicht so große Eile zu haben, meine Gegenwart zu genießen, denn sonst hätte er mir, der ich 200 Meilen her gekommen bin, diesem Lande meine Dienste zu widmen, den Weg von San Fernando nach San José erspart. Ich bin indeß Seiner Excellenz und Ihnen sehr dankbar für das schöne Geschenk, das Sie mir überbracht, und werde es benutzen, um so bald als möglich diesen Dank zu überbringen.«

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Der Graf warf einen flüchtigen Blick zurück nach der Landungsstelle - so eben hatten die ersten Boote angelegt und der Avignote mit zwanzig der Abenteurer stieg an's Ufer. Monsieur Bonifaz und der junge Preuße näherten sich ihm, um die weiteren Befehle einzuholen.

Ohne ihre Ankunft abzuwarten, schritt der Oberst auf das Pferd zu, jede Vorsicht dabei verschmähend,

»Paso! cuidado!2 Excellenza!« riefen verschiedene Stimmen aus der Menge. - »Dieser Teufel würde dem besten Vaquero zu schaffen machen!«

Der Graf dankte mit einem Lächeln der Theilnahme, aber er schritt ruhig weiter und stand jetzt etwa drei Schritte von dem Pferde, das bei seiner Annäherung sich hoch in die Höhe bäumte und mit seinen Hufen durch die Luft schlug. Seine gerötheten Augen blitzten vor Schreck und Wuth, und die beiden starken Männer vermochten kaum auf beiden Seiten die Zügel festzuhalten und wurden oft hoch in die Höhe gerissen.

»Das Leder dieser Zügel scheint gut zu sein?« sagte der Graf kaltblütig, indem er den Kopf halb nach dem Offizier umwandte.

»Sie sind aus Streifen von Büffelleder geflochten,« sagte der junge Mann, trotz seiner Antipathie unwillkürlich die Ruhe des Franzosen bewundernd. »Sie können sich auf sie verlassen, Señor - aber ich bemerke, daß Sie keine Sporen tragen.«

Er sah auf seine pfundschweren silbernen nieder.

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»Es ist unnöthig, - überdies zu spät. Ich darf den Herrn Gouverneur nicht warten lassen. Geben Sie mir die Zügel, Amigos!«3

Der Soldat an der linken Seite des Pferdes reichte erfreut über den Befehl dem Grafen sofort den Zügel und sprang zurück. Im selben Augenblick warf sein Gefährte den anderen herüber und der Franzose fing ihn geschickt auf.

Eine athemlose Stille, nur von dem Schnauben des Pferdes unterbrochen, herrschte unter der Menge.

Der Graf, an der linken Seite des bäumenden Pferdes stehend hatte die beiden Zügel in der linken Faust. Das wilde Thier stieg auf den Hinterfüßen hoch in die Höhe, warf aus Maul und Nüstern weißen Schaum und schlug mit den Vorderhufen in die Luft.

Plötzlich sah man die rechte Hand des Grafen sich ausstrecken und den linken Vorderfuß des Thiers etwa eine Spanne hoch über der Fessel umfassen.

Ein Schrei des Entsetzens aus dem Munde der Frauen unterbrach das Schweigen.

»Er ist verloren! Zu Hilfe dem Caballero! es wird ihn zu Boden reißen!«

Aber seltsam - das Pferd stand wie eine Mauer; es versuchte offenbar, sich wieder auf den Boden nieder zu lassen, aber es vermochte dies nicht - der ausgestreckte Arm des Grafen, der die Kraft einer Eisenstange zu haben schien, hielt das Bein des Thieres frei in der Luft, seine

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ganze Last tragend, und zwang es, in dieser Stellung zu bleiben.

Die Augen des schwarzen Hengstes schienen blutdurchlaufen aus ihren Höhlen zu quellen, mit dem Geifer, den er ausschnob, mischten sich Blutflecken, der freie Huf schlug wild umher, ohne jedoch den Feind treffen zu können.

Dann faßte die Linke des kühnen Franzosen die Zügel kürzer, und - indem er zugleich den Fuß losließ, - riß er mit einem gewaltigen Ruck das Thier herunter, daß es schwer auf seine Hufe fiel.

In demselben Augenblick, als seine Füße den Boden berührten, hatte die Linke des Grafen fest die Nüstern des Thieres gepackt und drückte trotz alles Sträubens seinen Kopf so tief auf den Boden nieder, daß das edle Pferd die Vorderfüße beugen mußte und auf die Knie sank.

Einen Augenblick versuchte das wilde und kräftige Thier noch gegen diese unwiderstehliche Gewalt anzukämpfen, dann schien es das Bewußtsein zu fühlen, unterlegen zu haben und ein ängstliches, halbersticktes Stöhnen gurgelte aus der keuchenden Brust hervor.

Das Pferd regte sich nicht mehr - es blieb in seiner knieenden Stellung liegen.

Der Graf warf einen kurzen triumphirenden Blick umher, dann ließ er die zusammengedrückte Nüster frei, wickelte den Zügel um die linke Hand, und diese auf die Vorderlehne des hohen mexikanischen Sattels stützend sprang er mit einer einzigen Bewegung in diesen.

Ein donnerndes Brava und Viva begleitete diese eben

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so kühne als geschickte Bewegung, während das erschrockene Thier emporsprang und wild um sich schaute.

Aber bereits hatte es seine Herrschaft verloren. Der Graf saß kaum im Sattel und fühlte das Pferd emporspringen, als er ihm einen Druck der Schenkel gab, der ihm den Athem und alle Lust zu weiterem Kampf gegen die Herrschaft des Menschen benahm. Die Zügel fest in der Hand zwang er es in dem Galop, mit dem es davon sprang, zu einer Volte und galopirte dann zwei Mal im weiten Kreise umher, bis er wieder auf die nämliche Stelle zurück kam und das Pferd, ganz von Geifer und Schaum bedeckt, als wäre seine natürliche Farbe die des Schimmels, wie eine Mauer vor dem mexikanischen Lieutenant stand.

»Jetzt Señor Teniente,« sagte der Graf so ruhig, als säße er an der wohlbesetzten Tafel eines Freundes oder befände sich auf dem Divan eines Boudoirs und nicht auf dem Rücken eines wilden Rosses der Prairie - »haben Sie die Güte, Ihr Pferd zu besteigen und mir den Weg zu dem Herrn Gouverneur zu zeigen!«

Es war, als ob der Schrecken und der Enthusiasmus der Umstehenden blos auf diesen Beweis der Kaltblütigkeit und Sicherheit gewartet hätten, um sich in einen Sturm von Jubel und Begeisterung aufzulösen. Die Viva's wollten kein Ende nehmen, die Frauen hoben ihre Kinder in die Höhe, ihnen den tapfern Extrangero4 zu zeigen, die Mädchen lösten die Blumen aus ihren Haaren und von ihrem Busen und warfen sie ihm zu, und die Männer

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schworen bei ihren Schutzheiligen, daß er der erste Vaquero5 der Welt sei. Bei einem Volk, wo das Pferd eine so bedeutende Rolle spielt, wo auch der Aermste gewohnt ist, im Sattel jeden Gang zurückzulegen, konnte diese Begeisterung für das durch seine große Körperkraft sonst ziemlich einfache Kunststück nicht Wunder nehmen, und der Graf begriff, daß er durch sein erstes Auftreten einen vollständigen Sieg in der Meinung dieser Bevölkerung gewonnen hatte.

Er erwiederte daher lachend die Vorwürfe, die ihm sein getreuer Bonifaz machte, gab ihm einige Befehle in Betreff der Ausschiffung der Expedition und wandte sich dann nach dem Haciendero und dem Offizier, die bereits im Sattel saßen.

»Sie haben mir da wirklich ein herrliches Geschenk überbracht, Señor Don Carboyal,« sagte er zu dem Letzteren, indem er den Hals des Pferdes jetzt schmeichelnd und beruhigend klopfte, »und ich bin dem Herrn Gouverneur zu aufrichtigem Danke verpflichtet. Und jetzt, Señores, vamos!6 wie Sie zu sagen pflegen!«

Der Teniente verbeugte sich schweigend und gab seinem Pferde die Sporen. Bei allem Vorurtheil, das er gegen den Fremden hegte, unterlag er doch selbst zu sehr den Neigungen und Ansichten seiner Nation, um nicht gleichfalls mit Bewunderung dem Vorgang zugesehen zu haben.

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Das Pferd, das den Grafen mit seinen Begleitern jetzt in vollem Galop nach San José Guaymas trug, war in der That auch ein herrliches Thier und - nachdem es erst gebändigt worden - ein werthvolles Geschenk. Zaum und Sattel waren reich nach der Sitte des Landes mit Sammet und Silber verziert.

Der Graf ritt, ohne die eben vorgegangene Szene mit einer Sylbe zu erwähnen, über gleichgültige Dinge plaudernd mit seinen beiden Gefährten weiter.

Der Weg zwischen San Fernando und San José Guaymas ist nicht weit, er ist eben und offen, aber er enthält dennoch auf seiner Mitte ein seltsames Hinderniß.

Ein Morast, ein Sumpf, eine Art von Baya oder Meeresarm, zuweilen von den Sturmfluthen neu getränkt, und zugleich einen aus dem Innern kommenden Bach - wenn dieser gerade Wasser hat und nicht trocken liegt - aufnehmend und in das Meer führend, erstreckt sich quer über die Straße.

Es ist charakteristisch für die Fahrlässigkeit oder vielmehr Gleichgültigkeit, mit der in diesem Lande alle Angelegenheiten der öffentlichen Ordnung behandelt werden, daß trotz des angewachsenen Verkehrs es noch keinem Menschen eingefallen ist, diesen Sumpf auszutrocknen, oder wenigstens einen festen Damm für die Straße hindurchzubauen.

Als sich die drei Reiter, von den beiden Dragonern und einem Diener des Senators gefolgt, dem Sumpfe näherten, sahen Sie, daß ein anderer Reiter ihnen auf diesem Wege zuvor war und eben an der Hütte hielt,

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welche am Rande der Furth von Rohr, Baumzweigen und Rasen erbaut ist.

Dieser Reiter, der schwarz gekleidet war und einen orientalischen Turban von rother Farbe trug, schien Jemand zu rufen. Alsbald kam aus der Hütte ein in eine zerlumpte Zarape gehüllter Indianer hervor, ergriff eine lange Stange und schlug damit unter lautem Geschrei in's Wasser. Nachdem dies einige Minuten geschehen war, trieb der Reisende sein Pferd in das Wasser, ritt durch die Furth und setzte am andern Ufer im Galop seinen Weg nach San José fort.

Fünf Minuten darauf war die Gesellschaft des Franzosen an derselben Stelle und der Graf wollte sein Pferd ohne Weiteres in das Wasser treiben, als der Senator ihn zurückhielt.

»Señor Conde! wollen Sie sich von den Thieren fressen lassen, eh' wir noch unser Werk begonnen?«

Der Graf sah ihn fragend an.

»Es ist der Alligator-Sumpf,« sagte der Offizier. »Der Guardia7 muß sie erst vertreiben, ehe die Reisenden den Sumpf passiren können!«

»Aber ich sehe Ihre Kaimans oder Alligators nicht!«

»Der Reisende vor uns hat sie verjagt. Es ist derselbe, der bei unserer Ankunft in einem Boot an uns vorüberfuhr. Vielleicht, daß ihn der Señor Carboyal kennt?«

Die Frage war an den Lieutenant gerichtet, der unterdeß dem Indianer einen Befehl gegeben hatte.

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»Es ist ein englischer Lord, der mit der Brigg angekommen, die im Hafen von San Fernando ankert. Sie werden ihn wahrscheinlich bei Se. Excellenz dem Gouverneur finden. Sehen Sie, dies Gewürm hat wahrhaftig schon wieder seine Plätze eingenommen!«

In der That rauschte es bei den Stangenschlägen des Indianers in dem Sumpf auf und fünf oder sechs der mit Schlamm bedeckten riesigen Eidechsen huschten zur Seite, ohne jedoch sonderlich viel die Menschennahe zu fürchten; denn zwei der größten blieben etwa zehn Schritt von dem Durchgang entfernt im Morast hocken, streckten den häßlichen Kopf durch das Schilf und sperrten die rosenfarbenen, mit gewaltigen Zähnen umkränzten Rachen auf, einen stinkenden Broden[Brodem] hervorstoßend und die Reisenden mit ihren grünen Augen anglotzend.

Der Graf wandte sich zu dem Offizier.

»Sind die Pistolen in Ihren Halftern geladen, Señor Teniente?« frug er.

»Immer, Herr Graf!«

»Darf ich Sie dann um eine derselben bemühen?«

»Mit Vergnügen, Señor - aber wenn Sie sich die Unterhaltung machen wollen, auf eine der Bestien zu schießen, so erlauben Sie mir die Bemerkung, daß es eine vergebliche Mühe ist; denn selbst eine Büchsenkugel würde von ihrem Panzer abprallen. Nur durch einen Schuß in's Auge sind sie zu tödten.«

»Geben Sie!« Der Graf hatte die Pistole genommen und den Hahn gespannt. Sein Pferd versuchte einen Seitensprung, aber er zwang es mit festem Schenkeldruck,

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den Sumpf zu betreten und ritt langsam durch die Furth, während die Unthiere zur Seite mit dem geräuschvollen Zusammenklappen der Kinnladen ihre Furcht und ihre Wuth kund gaben. Plötzlich hob er rasch die Hand und feuerte. Die Alligators tauchten unter und verschwanden unter der Wasserdecke.

Der mexikanische Offizier lachte spöttisch. »Ich sagte es Ihnen vorher, Señor,« bemerkte er - »ein Schuß in's Auge allein ist ihnen gefährlich.«

»Und wenn man sie in's Auge trifft?«

»So erfolgt der Tod sogleich und wenige Augenblicke nachher zeigen sie ihren weißen Unterleib auf der Oberfläche.«

Die Gesellschaft hatte bereits das andere Ufer erreicht - der Graf drehte gelassen sein Pferd um.

»Voilà, Monsieur!«

Sein Finger wies auf die Stelle zurück, wo vorhin die beiden Alligatoren ihre Köpfe heransgestreckt hatten.

Ein weißlich gelber Körper hob sich aus dem schmutzigen Wasser eben empor.

»Caramba! es ist der Alligator! - bei allen Heiligen, das war ein Meisterschuß!«

»Ich schieße nie fehl!« sagte der Graf kalt, indem er die Pistole zurückgab. »Und jetzt wird mich dies Viehzeug hoffentlich kennen und mir nicht mehr den Weg versperren, wenn ich Se. Excellenz den Herrn Gouverneur zu besuchen denke. Vamos!«

Und er gab seinem Pferde die Fersen und galopirte weiter. Der Offizier war über diese zweite Lection, die

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er im Verlauf von kaum einer halben Stunde erhalten hatte, anfangs etwas verblüfft, aber er recollirte sich bald und folgte dem Voransprengenden, während der erfreute Indianer mittels eines langen Hakens die ihm so unverhofft zugefallene Beute aus dem Sumpfe holte.

Die Nachricht von der Ankunft der Expedition und dem Besuch ihres Anführers bei dem Gouverneur hatte sich bereits auch in San José verbreitet und die Reiter wurden bei ihrem Eintreffen mit gleichem Enthusiasmus empfangen, wie in dem Hafen selbst. Das Haus des Gouverneurs lag an dem Plazza mayor und in dem Augenblick, als die Gesellschaft ankam, welcher der Offizier einige Minuten vorangeritten war, und der Graf und der Senator aus dem Sattel stiegen, erschien unter der Veranda der Gouverneur von Guaymas, Oberst Juarez, mit einigen seiner Offiziere und dem Engländer.

Es war in der That der spätere Präsident und nachmals so berühmte Führer der mexikanischen Nationalen, der damals die Stelle als Gouverneur der wichtigsten Hafenstadt des Westens bekleidete. Zu jener Zeit war er freilich nur als ein untergeordneter, aber ehrgeiziger und schlauer Offizier und als großer Gegner der spanischen Partei bekannt.

Der Unterschied zwischen beiden Männern, die sich jetzt mit dem ganzen Hochmuth ihrer Nationalität, aber auch deren gewandten und höflichen Formen gegenübertraten, war in jeder Beziehung ein überaus großer. Wir haben bereits früher Gelegenheit gehabt, die imposante und stattliche Gestalt des Abkömmlings der Bourbonen zu

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beschreiben. Dem gegenüber verschwand die kleine zierliche Figur des Mexikaners, dessen Gesichtszüge gleich denen seines Offiziers stark an die aztekische Race erinnerten. Dennoch fehlte es ihm nicht an einer gewissen Würde, die seinen Anspruch auf die Abstammung von den alten Herrschern des Landes bekräftigte, und sein schwarzes Auge zeigte Klugheit und Energie.

»Mögen Euer Excellenz tausend Jahre leben und willkommen sein in unserem Lande,« sagte der Mexikaner, ohne eine Vorstellung seitens des Senators abzuwarten. »Haben Sie die Gnade, Señor Conde, mein Haus als das Ihre zu betrachten!« Damit reichte er dem Franzosen die Hand und führte ihn durch die Veranda in das große Gemach des Hauses, wo ein Frühstück nach mexikanischer Sitte servirt war.

»Señor Don Estevan,« fuhr hier der Gouverneur fort, »ich habe die Ehre, Ihnen zu Ihrer Rückkehr Glück zu wünschen. Wie ich gehört, hat die liebenswürdige und hochgeehrte Señora Donna Dolores Sie auf dieser beschwerlichen Reise begleitet? ich hoffe, daß die Zierde der Sonora in gleich erwünschtem Wohlsein zurückgekehrt ist?«

Jeder Zug in dem Gesicht des Mexikaners war bei dieser Erkundigung eitel Höflichkeit und der Graf konnte keinen anderen Ausdruck darin entdecken, obschon er ihn scharf beobachtete, da er von dem Senator selbst wußte, daß Oberst Juarez als Wittwer sich um die Hand der Donna Dolores beworben hatte, um in wohlberechnetem Ehrgeiz durch diese Verbindung die Popularität seiner Abstimmung mit dem Gewicht des Einflusses und des

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Reichthums der spanischen Familien vom reinen Blut zu verbinden. Die Ablehnung seiner Bewerbung war eine der Ursachen des politischen Zwiespalts und seiner Opposition gegen das Projekt der Sonora-Expedition.

Der Haciendero verbeugte sich mit der gleichen Höflichkeit.

»Señor Don Juarez,« sagte er kalt - »ich sage Ihnen meinen unterthänigen Dank für die Erkundigung. Señora Dolores befindet sich so vortrefflich, wie es bei einer Verlobten nur sein kann!«

Diesmal konnte der Mexikaner bei aller Selbstbeherrschung eine heftige Bewegung nicht unterdrücken.

»Caramba, Señor Don Estevan - was sagen Sie da? - Señora Dolores verlobt?«

»Ich habe die Ehre, Excellenz, Ihnen in diesem sehr ehrenwerthen Herrn, dem Grafen von Raousset Boulbon, den künftigen Gemahl der Señora Doña Dolores da Sylva Montera vorzustellen. Die Sache ist jedoch eigentlich noch ein Familiengeheimniß, da die Vermählung erst stattfinden soll, wenn der Señor Conde von der Besiegung der Apachen zurückkehrt, indeß ich weiß, daß Euer Excellenz und diese Señores den freundlichsten Theil an meiner Familie nehmen.«

Der Gouverneur hatte sich gefaßt. »Gewiß, Señor, gewiß! Nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche, und da auch von diesen Herren die Rede ist, so erlauben Sie mir, Ihnen in diesem Señor Se. Herrlichkeit den Lord von Drysdale vorzustellen, dessen Schiff Sie wahrscheinlich in der Bucht von San Fernando bei Ihrer Ankunft

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bemerkt haben, und der mir die Ehre seines Besuches und seiner Freundschaft erzeigt.«

Die Vorgestellten verbeugten sich gegeneinander; der Graf hegte zu viel nationale Antipathieen gegen die britische Nation, um sonderlich viel Notiz von dem Fremden zu nehmen, doch konnte er nicht verhindern, daß die äußere Erscheinung desselben Eindruck auf ihn machte. Lord Drysdale sprach nur wenig - seine Miene war noch immer ernst, fast finster zu nennen und ein Zug tiefer Schwermuth lagerte auf seinem von der Sonne der Tropen gebräunten Gesicht. Aus den wenigen Bemerkungen, die er während des Frühstücks machte und aus einigen Worten des Gouverneurs ging hervor, daß der Lord schon früher Don Juarez hatte kennen lernen, und daß er jetzt diese Küsten bereiste und auf dem Wege nach San Francisco war.

In der That hatte Henry Norford, Lord von Drysdale nach der Vernichtung des Raubschiffes in der Bucht von Sayzan an den Ladronen zwar seine Kriegsfahrt aufgegeben und seine Brigg »der Rächer« nach Indien zurückgesandt, aber er konnte sich noch immer nicht entschließen, diese Meere zu verlassen, deren Tiefe sein Liebstes barg, um nach Europa zurückzukehren. Theils hielt ihn die Erinnerung fest, theils noch immer der Gedanke, daß der »Rothe Hay« dennoch jenem Gemetzel entkommen und noch unter den Lebenden sein könnte. So war er seit etwa zwei Jahren von einer Küste des großen Oceans und der indischen Meere zur andern geschweift und wollte sich jetzt nach Californien begeben, um von hier aus den Landweg durch die Felsgebirge nach New-York anzutreten und im

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Vaterlande seinen Schmerz zu begraben, da die Vergeblichkeit aller seiner Nachforschungen ihn endlich überzeugt hatte, daß der Bösewicht, den er verfolgte, sein Grab gefunden haben mußte.

In diesem Augenblick führte die Hand Gottes, des wahren »Rächers«, den Mörder seines Glücks auf's Neue in seinen Weg, ohne daß er bis jetzt eine Ahnung davon hatte.

Man hatte es mit der mexikanischen Höflichkeit vermieden, während des Frühstücks von Geschäften und dem Zweck der Anwesenheit des Grafen mit seiner Schaar zu sprechen, und Oberst Juarez hatte es meisterhaft verstanden, sich zu verstellen und die Gefühle in sich zu verschließen, welche die Mittheilung des Haciendero in ihm erregten. Erst als die Gesellschaft sich erhob und der Graf und sein künftiger Schwiegervater Anstalt trafen, zurückzukehren, wandte er sich an den Ersteren.

»Wann gedenken Sie, Señor Conde, die Ausschiffung der Expedition beendigt zu haben?«

Der Franzose warf einen Blick auf den Senator. Dieser legte, wie zufällig, zwei Finger auf die Brust.

»In zwei Tagen, Señor Governador!«

»So daß ich demnach mit Euer Excellenz Erlaubniß übermorgen - wie Sie es in Europa nennen - Musterung über Ihre Compagnie halten kann?«

Eine dunkle Röthe überflog bei dieser Frage die Stirn des stolzen Franzosen.

»Es wird mir ein Vergnügen machen,« sagte er kalt,

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übermorgen früh meine Expedition Euer Excellenz vorstellen zu können.«

»Ich bin überzeugt davon, Herr Graf,« fuhr der Mexikaner fort, »daß ein Offizier Ihrer Erfahrung verstanden hat, eine tüchtige Truppe zusammenzubringen, die, wenn auch als irreguläres Corps doch der mexikanischen Armee, der sie für eine bestimmte Zeit anzugehören die Ehre hat, entsprechen wird. Freilich ist der Krieg an unseren Gränzen und mit den wilden Horden der Indianer ein anderer, als in Europa und die Interessen der Regierung verlangen daher, daß ich mich auf das Sorgfältigste um die Verwendung ihrer Mittel und die Ausführung des Kontraktes kümmere, da sonst die Expedition leicht ohne den gehofften Erfolg bleiben würde. Mit Uebereinstimmung des Herrn General-Gouverneurs in Arispe werde ich Ihnen daher eine Abtheilung unserer Dragoner, zuverlässige und in unseren Kriegen erfahrene Leute unter dem Kommando des Señor Don Carboyal mitgeben.«

Das Gesicht des Grafen war bei der Rede, die offenbar den Zweck hatte, ihn zu demüthigen, immer dunkler geworden, aber ein warnender Blick des Haciendero ermahnte ihn zur Kaltblütigkeit.

»Ich hoffe, Señor Don Governador,« sagte er mit gewaltsamer Fassung, »Ihnen binnen Kurzem zu beweisen, daß meine Leute sich alle Mühe geben werden, der Armee von Buena-Vista und Cerro Gordo8 sich würdig zu

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zeigen. Señor Estevan wird die Güte haben, die weiteren Punkte meines Vertrages mit der mexikanischen Regierung mit Euer Excellenz zu verhandeln. Was die freundliche Unterstützung der Expedition durch eine Abtheilung der regulairen Dragoner betrifft, so überhäufen Euer Excellenz einen armen Fremden mit Güte, und ich habe Ihnen noch für das ausgezeichnete Geschenk zu danken, das Sie mir durch unsern jungen Freund hier überbringen ließen!«

Er deutete auf das Pferd, das eben die Diener vor die Stufen der Veranda geführt hatten.

»Carrajo,« rief der Oberst, »ich habe gehört, daß es Ihnen wirklich gelungen ist, diesen Teufel zu bändigen, was bisher noch keinem meiner Reiter geglückt war!«

Der Graf lachte hochmüthig. »Euer Excellenz sehen, daß ein Franzose mit Wilden wie mit Zahmen fertig zu werden versteht. Ich hoffe, Euer Excellenz davon noch weitere Proben zu geben, wenn ich den Schatz Ihrer Vorfahren hebe, den es Señor Juarez bisher nicht zu finden gelang « Und den Fuß leicht in den Bügel setzend, sprang er in den Sattel des Pferdes und zwang es zu einer Lançade.

Der Gouverneur war einen Augenblick erbleicht bei den letzten Worten des Grafen; denn die Tradition seiner Familie war ihm nicht unbekannt, die von den ungeheuren Reichthümern sprach, welche die letzten Herrscher Mexikos in den Einöden an der Gränze der Sonora auf ihrem Rückzug vor den spanischen Ueberwindern verborgen haben sollten.

Er hatte jedoch Selbstbeherrschung genug, seine

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Bewegung zu verbergen. »Mögen Euer Excellenz tausend Jahre leben, um Ihre Absicht auszuführen. Auf Wiedersehen in San Fernando!«

Der Graf und der Senator gaben ihren Pferden den Zügel und galopirten unter den Vivas der Menge davon - der Oberst Juarez kehrte in sein Gemach zurück.

Der Gouverneur verabschiedete die Offiziere bis auf seinen Adjutanten Carboyal und blieb mit diesem und dem Engländer allein.

»Caramba!« sagte er, indem er sich eine Cigarrette von Maisstroh drehte. »Was sagen Sie zu diesem Franzosen?«

»Dieser Franzose, Señor Juarez,« erwiederte der Lord, »ist ein Mann!«

»Pah - er ist ein Prahler und Abenteurer, nach Allem, was Don Valerio von ihm erzählt und bei dem Schatten Montezumas, ich fürchte, daß die Herren Comanchen und Apachen seiner Hochzeit mit dieser hochmüthigen Närrin vom blauen Blut einen Riegel vorschieben werden!«

»Dann wird er sie vorher heirathen!« sagte der Lieutenant.

Der Gouverneur schaute ihn fragend an.

»Par Christo - es ist, wie ich sage! Was ich von seinen Banditen gesehen habe, flößt mir wenig Zutrauen ein. Der Aufenthalt bei den Fleischtöpfen von Guaymas, wenn sie ihn erst haben kennen lernen, dürfte ihnen besser behagen, als der Krieg in der Wüste. Wer wird sie daran hindern?«

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»Ich!«

»Euer Excellenz Energie ist bekannt. Aber ich bitte Sie zu bedenken, daß wir nur 400 Mann Truppen in Guaymas haben und Don Estevan ein alter Intriguant ist, der die Anwesenheit dieser Männer für seine eigenen Zwecke benutzen könnte.«

»Sie haben Recht, Don Valerio! Wir müssen sofort unsere Anstalten treffen. Wo sagten doch Eure Herrlichkeit, daß Sie der Santa Trinidad begegnet wären?«

»Auf der Höhe der Punta San Ignacio, Sir!«

Der Gouverneur schlug auf ein Becken, das im Zimmer hing und die Stelle einer Klingel vertrat.

Ein Diener erschien.

»Man sende mir augenblicklich Volaros hierher!«

Einige Augenblicke nachher trat der mit dem Namen des »Fliegenden« Bezeichnete ein. Es war ein Mann von etwa 40 Jahren, der nur Haut und Muskeln zu sein schien und, wie die Vaqueros der großen Hacienda's, ganz in Leder gekleidet mit mächtigen spannenlangen Spornen an den Stiefeln.

»Wie viel Leguas vermögen Sie in 24 Stunden zurückzulegen, Señor Volaros?« frug der Gouverneur den Staatsboten, denn das war das Amt des Mannes.

»Caramba, Señor - das wird weniger auf mich, als auf das Pferd ankommen, das ich reite.«

»Sie kennen El Zapote aus meinem Stall?«

Der Reiter schnalzte mit der Zunge. »Teufel,« sagte er - »dann muß das Geschäft allerdings Eile haben, wenn Euer Excellenz mir Ihr bestes Pferd zu Gebote

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stellen wollen, dessen Beine nur von den Muskeln desjenigen übertroffen werden, das dieser verdammte Franzose uns zur Schande reitet!«

»Also?«

»Mit El Zapote, Señor Don, mache ich mich anheischig, in 24 Stunden fünfundzwanzig Leguas zurückzulegen.

»Und wenn Sie unterwegs das Pferd wechseln können?«

»Dreißig bis fünfunddreißig!«

»Ich habe Ihr Wort?«

Der Bote griff in die Tasche seiner Lederjacke und zog einen Rosenkranz und ein Spiel schmuziger Karten heraus. Den ersten küßte er andächtig und steckte ihn wieder ein, die Karten legte er auf den Tisch.

»Catad, Señor! - jede Versuchung ist jetzt entfernt und ich gebe Ihnen mein Wort als Caballero!«

»Muy bien! So machen Sie sich fertig, in zehn Minuten im Sattel zu sein!«

»Nach Arispe, Señor?«

»Nein! Sie werden es im Augenblick erfahren, wo Sie den Brief abholen. Satteln Sie El Zagote!«

Der Sendbote verbeugte sich und ging.

»Es ist unnöthig,« fuhr der Gouverneur fort, »daß er vorher erfährt, wohin er zu gehen hat. Wenn Sie dem San Trinidad an der Punta San Ignacio begegnet sind, muß er jetzt in der Mündung des Mayo oder des Fuerte, schlimmsten Falls in der Bucht von Ahome ankern. Letzteres ist nicht volle dreißig Leguas von hier entfernt,

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er kann es morgen um diese Zeit erreicht haben, und da der Seeweg der kürzere ist, kann die Santa Trinidad bei günstigem Winde übermorgen Vormittag im Hafen von San Fernando sein! - ich habe Sie für diesen Fall um eine Gefälligkeit zu bitten, Mylord!«

»Sprechen Sie!«

»Ihr Schiff liegt in dem Hafen. Haben Sie die Güte, es außerhalb desselben gegenüber dem Cabo Haro für die nächsten Tage ankern zu lassen, so daß jedes vom Süden herkommende Fahrzeug ihm zunächst zur Sicht kommen muß. Sobald die Trinidad ankommt, haben Sie die Güte, dem Kapitain ein Schreiben, das ich Ihnen bis morgen zustellen lassen werde, durch ein Boot zu senden.«

»Yes!«

»Señor Teniente, ich bitte Sie, sofort das Ersuchen an Don Fabiano Floreno, den Kapitain der San Trinidad auszufertigen, Angesichts desselben so rasch als möglich nach der Rhede von Guaymas zu steuern. In fünfzehn Minuten muß Volaros auf dem Wege sein. Ein zweiter Bote wird seine Excellenz den General-Gouverneur in Arispe von unsern Vorsichtsmaßregeln in Kenntniß setzen. Euer Herrlichkeit werden mir sicher das Vergnügen schenken, der Heerschau über diese Abenteurer beizuwohnen?«

Lord Henry nickte seine Einwilligung, - er versprach, seine Abfahrt nach San Franciseo um drei Tage aufzuschieben.



Während hier bereits die Eifersucht des Gouverneurs, der Nationalhaß und noch ein anderer Grund, den wir

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später zu berühren haben werden, Schwierigkeiten und Gefahren der Expedition des französischen Grafen vorbereiteten, hatte dieser selbst auf dem Rückweg mit dem Haciendero ein ernstes, denselben Gegenstand betreffendes Gespräch.

Der Graf ritt einige Zeit stumm neben dem Senator her, mit unangenehmen Gedanken kämpfend. Obschon seine Leidenschaft für die schöne und stolze Spanierin während der Ueberfahrt von San Francisco sehr rasche Fortschritte gemacht und ihn in der That verleitet hatte, bei dem Senator um sie anzuhalten, war man doch um der mit dieser Verbindung verknüpften politischen Pläne willen dahin überein gekommen, sie vorläufig geheim zu halten. Dem Grafen war dies um so lieber, als er die Bemerkungen seines Factotums Bonifaz und die Scene mit Suzanne fürchtete, die folgen mußte und der er vorbeugen wollte, indem er die alte Geliebte nach und nach auf seinen Entschluß vorbereitete und ihr die Vortheile und die Nothwendigkeit dieser Verbindung auseinandersetzte.

Um so mehr hatte ihn daher die Erklärung des Senators bei dem Gouverneur in Erstaunen gesetzt und fast verletzt, und er sann jetzt darüber nach, wie er am Kürzesten die beiden ihm so nahe stehenden Personen in das ihnen bisher vorenthaltene Geheimniß einweihen sollte, da er wohl einsah, daß die Sache nun nicht länger verschwiegen bleiben könne.

Der Senator hatte eine Weile gewartet, daß der Graf ihn ansprechen sollte, als dies aber nicht geschah, regte sich sein spanischer Stolz. »Es scheint, Señor Conde,« sagte

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er hochmüthig, »daß ich mich in meiner Erwartung getäuscht habe. Ich hatte geglaubt, daß Sie die erste Gelegenheit ergreifen würden, mir für die Anerkenntniß Ihres Verlöbnisses mit einer Tochter aus dem ruhmreichen Hause der Montera Dank zu sagen - statt dessen aber finde ich Sie stumm wie einen Bewohner der Gewässer, während wir doch Wichtiges genug zu besprechen haben. Sollte Ihnen diese Verbindung mit dem besten Blute Spaniens, das selbst dem Königlichen nicht nachsteht, etwa leid geworden sein?«

Der Graf riß sich gewaltsam aus seiner Stimmung, er fühlte die Gefahr jedes Verzuges.

»Verzeihen Sie Señor Don Estevan - Sie wissen sehr wohl, wie glücklich mich jede Abkürzung der Zeit macht, in der ich hoffen darf, Señora Dolores meine Gattin zu nennen. Aber ich muß gestehen, daß ich erstaunt war, Sie unsere Verbindung selbst verkünden zu hören, nachdem Sie es gerade wünschten, dieselbe geheim zu halten, bis wir das Ziel erreicht, das uns ...«

Der Senator unterbrach ihn. »Dies Ziel ist vielleicht näher, als Sie denken. Der vertraute Diener meines Hauses hat mir während unseres Rittes Bericht erstattet über die Ereignisse während meiner Abwesenheit in San Francisco. Oberst Juarez ist ein Mann von glühendem Ehrgeiz und voll Haß gegen die Aristokratie des Landes. Er steht in Verbindung mit dem General Carbajal in Texas und auf dem Punkt, sich selbst zum Generalgouverneur der Staaten Sonora und Chihuahuah ausrufen zu lassen. Ja es liegen bestimmte Anzeichen vor, daß er der

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Bewegung und dem Bündniß der Indianer selbst nicht fremd ist.«

»Aber der General-Gouverneur in Arispe?«

»Er ist ein Mann ohne Energie und Juarez hat ihn nicht zu fürchten. Was er fürchtet, das ist unsere Expedition, die seine Pläne bedroht, indem sie hier eine Macht bildet, der - mit den Grundbesitzern vereint - die seine kaum die Spitze bieten kann. Er hat die Ankunft der Schiffe wahrscheinlich nicht so rasch erwartet, sonst wäre der Schlag bereits erfolgt. Aus diesem Grunde hat er den tückischen Versuch gemacht, Ihnen in den Angen der Menge gleich bei Ihrem ersten Schritt auf mexikanischen Boden eine Niederlage zu bereiten. Ihr Muth und Ihre Gewandtheit Señor, haben seine List zu Nichte gemacht. Aber verlassen Sie sich darauf, daß er bei diesem Versuch nicht stehen bleiben wird. Es ist ihm gelungen, das ganze Unternehmen bei dem General zu verdächtigen und es ist bereits beschlossen, die von Ihnen geworbene Schaar in einzelnen Posten an der Gränze zu vertheilen und so Ihre Macht zu brechen. Man wird Sie als einen Offizier der mexikanischen Armee behandeln, nicht als selbstständigen Führer - Sie haben die Andeutungen bereits gehört!«

Der Graf strich sich den Schnur[r]bart.

»Ventre saint gris!« sagte er - »ich möchte diesem Halbindianer leicht das Spiel verderben! Warum wollen wir unter diesen Verhältnissen noch warten und nicht sofort ausführen, was doch später geschehen soll?«

»Das ist es, Señor Conde, worüber ich mit Ihnen reden wollte. Ich habe es für zweckmäßig gehalten, Ihre

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Verlobung mit Dolores schon jetzt bekannt zu machen, um Sie dadurch mit der Aristokratie des Landes zu verschmelzen und den Gouverneur zu einem raschem Zeigen seines Hasses und seiner Pläne zu verleiten. Er hat sich genugsam verrathen. Sobald wir in meinem Hause in San Fernando sind, sollen Sie Weiteres hören. Noch diesen Abend sollen meine Boten unsere Freunde benachrichtigen, daß sie sich bereit halten und uns Unterstützung senden. Sie glauben sich also auf Ihre Leute verlassen zu können?«

Der Graf lachte. »So verschiedenartig die Elemente auch sein mögen, aus denen meine Schaar zusammengesetzt ist,« sagte er, »so bin ich überzeugt, daß ich mit ihr die Hölle erstürmen könnte, wenn wir nur den Weg dahin wüßten.«

»Desto besser, Señor Conde,« sprach mit gedämpftem Ton der Senator. »Die Königskrone der Sonora wird meinen Enkeln nicht zu schwer sein!«

In tiefen Gedanken setzten die beiden Männer ihren Weg fort. Der arme Indianer José hoffte diesmal vergeblich auf einen neuen Pistolenschuß des Forestero, der ihm wieder den weißen Bauch eines Alligators zeigen sollte.



In San Fernando herrschte am Abend ein ausgelassenes Leben, es war, als ob die bösen Geister ihren Sabbath feierten. Nachdem sie wochenlang an Bord der Schiffe eingesperrt gewesen war, benutzte die Gesellschaft natürlich die Gelegenheit des ersten Betretens des Landes, um sich

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dafür zu entschädigen und das Geld, was ihr die Spielbanken von San Francisco etwa übrig gelassen hatten, möglichst rasch zu vergeuden. Ueberdies hatte der Graf seinem Haushofmeister Bonifaz, der den Zahlmeister der Compagnie machte, befohlen, den Leuten einen Monats[s]old auszuzahlen, damit ihr erstes Auftreten in Guaymas möglichst vortheilhaft ausfalle.

Die Hafenschänken, die Spielbuden und selbst die meisten Privatwohnungen der unteren Klasse waren daher überfüllt von Mitgliedern der Expedition, und auf dem Landeplatz war mitten zwischen den aufgehäuften Waarenballen ein großes Feuer angezündet, an denen die Grogkkessel brodelten oder ein fetter Hammelrücken briet, während daneben beim Klang der Guitarre und Kastagnetten eine Gesellschaft lustiger Gesellen mit den Mädchen des Orts den Bolero tanzte.

Diego Muñoz, der ehemalige Capataz, der Lastträger, der wegen des Mordes eines Vaters und seiner zwei Söhne und der Entführung der Tochter aus Guaymas hatte flüchten müssen, stolzirte jetzt hochmüthig und im Gefühl voller Sicherheit unter seinen Gefährten umher und hatte an jedem Arm eine der hübschesten und gefälligsten Chinas von San Fernando, während er mit der Miene eitler Befriedigung den Dampf seiner Maiscigarette in die Luft blies. Diese Befriedigung galt nicht allein der schönen Gesellschaft, in der er sich befand und der Rückkehr in seine Heimat, sondern hauptsächlich der neuen Würde, zu welcher der Graf ihn erhoben. Derselbe hatte nämlich während der Ueberfahrt, um eine leichtere Handhabung und

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bessere Ordnung seiner Truppe zu bewirken, diese in Abtheilungen zu 30 bis 40 Mann getheilt und über jede derselben einen Führer gesetzt. Zu einem solchen war Diego Muñoz wegen seiner Lokalkenntniß und seines Anhangs befördert worden. Die anderen Führer waren der Torero Antonio Perez, der bisherige Lieutenant der Expedition mit einer entsprechenden Ausdehnung seiner Truppe; Juan Racunha, der Perlenfischer von Espiritu Santo; ein ehemaliger deutscher Unteroffizier von der Artillerie, Namens Weidmann, der den ersten Feldzug in Schleswig-Holstein mitgemacht hatte und dann nach Californien gegangen war und bei aller Neigung zu Spirituosen doch vortrefflich seinen Dienst verstand; und ein Pole, der schon die Schlachten von Grahow und Ostrolenka mitgefochten und in den letzten Jahren wieder von Miroslawski sich hatte bethören lassen, an jener unsinnigen und hoffnungslosen Erhebung in Posen Theil zu nehmen, die weniger auf den aufopfernden Kampf für hohe nationale Interessen, als auf Befriedigung der Eitelkeit ihres unfähigen Führers und Mord und Plünderung hinauslief. Später hatte er in Ungarn unter Bem gefochten, war mit ihm nach der Türkei übergetreten und über England nach Amerika gekommen. Er war ein Mann von mehr als fünfzig Jahren, graubärtig und von finsterm Ansehen, mit Namen Hypolit von Morawski, und der Graf, der großes Vertrauen zu seiner Energie und Treue gewann, hatte ihn zum Führer der leichten Reiter-Abtheilung bestimmt, die er sich bilden wollte, und wozu jener ganz vortrefflich paßte.

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Meister Kreuzträger, dem der Graf gleichfalls ein Kommando zugedacht, hatte dies abgelehnt, und dagegen gebeten, sich ein fünf bis sechs Kameraden aus der ganzen Schaar nach seinem Belieben aussuchen zu dürfen, mit denen er es übernehmen wollte, den Kundschafterdienst der Expedition auf dem Marsch und ihre Versorgung mit frischem Wild zu versehen.

Den ehemaligen preußischen Offizier Arnold von Kleist hatte der Graf zu seinem persönlichen Adjutanten bestimmt, wobei Diego Muñoz das frühere Amt eines Art Stabschefs behielt, der den Verkehr des Grafen mit seinen Leuten vermittelte.

Der Gouverneur Juarez hatte, wie sich der Graf bei seiner Rückkehr nach San Fernando überzeugte, noch keine Anstalten für die einstweilige Unterbringung der Expedition getroffen, und wenn dies auch auf den Umstand geschoben werden konnte, daß die Expedition früher angekommen war, als man sie erwartet hatte, so zeigte doch das weitere Verfahren eine offenbare beleidigende Vernachlässigung; denn im ganzen Laufe des Tages ließ sich kein Bote oder Beamte des Gouverneurs blicken, um diese Anstalten zu treffen. Der Graf befahl daher, daß die Expedition einstweilen auf dem Hafenplatz ein Bivouac aufschlagen sollte, was um so weniger eine Belästigung für sie war, als die Nacht ohnehin unter Spielen und Trinken zugebracht wurde und die Bewohner von San Fernando sich beeiferten, sie mit Lebensmitteln vollauf zu versehen.

Der Graf mit seinen Begleitern: dem Mayordomo und Suzanne, hatte seine Wohnung in den Gebäuden der

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weitläuftigen Handelsfactorei genommen, die der Senator zum Absatz der Produkte seiner Haciendas in San Fernando Guaymas besaß.

In der Wohnung des Senators und des Grafen war an diesem Abend ein geheimnißvolles, aber sehr reges Leben und Treiben. Boten waren schon am Nachmittag von dem Senator nach verschiedenen Seiten an alle auf zehn Leguas in der Runde wohnenden Freunde gesandt Worden, um sie für den nächsten Tag nach der Stadt zu bescheiden, - andere, Männer von entschlossenem und kühnem Aussehen, sprengten im Galop mit besonderen Aufträgen fort. Im Dunkel der Nacht kamen Geistliche in ihren braunen und weißen Kutten in das Haus geschlichen und hielten mit dem Hausherrn geheime Unterredungen, und selbst zwei Soldaten von der Garnison der Forts waren von dem alten Diener des Senators bei ihm eingeführt worden und hatten ihn mit sehr vergnügten Gesichtern wieder verlassen, um sich sofort in die nächste Spielbude zu begeben.

Der Graf hatte unterdeß die Rapporte seines Lieutenants über die Ausschiffung und den Zustand der Leute entgegengenommen und selbst ihr Bivouak auf dem Plazza besucht, wo er mit enthusiastischem Jubel empfangen worden war. Jetzt stand eben Diego Muñoz, der ehemalige Capataz der sehr ehrenwerthen, nur etwas wilden und händelsüchtigen Zunft der Lastträger von Guaymas vor ihm und Beide waren in einem wichtigen Gespräche begriffen.

»Wie viel Mann, Señor Muñoz,« fuhr der Graf darin fort, »sagten Sie doch, daß die Zunft hier zählt?«

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»Hundertdreiundzwanzig, Señor Conde, alles Bursche, um eine Seele aus dem Fegfeuer, zu holen! aber dieser Schurke von Herrero, ihr jetziger Capataz, ist ein verfluchter Föderalist, so daß ...«

»Nun?«

»So daß Sie auf meine Kameraden wenig zählen können, es sei denn ...«

Der würdige Rival des Herrn Herrero stockte und warf einen etwas unsichern Blick auf seinen Anführer.

»Ich wünsche, daß Sie offen mit der Sprache heraus gehen, Capitan! Sie haben selbst gesehen, wie man uns hier behandelt.«

»Caramba, ich dächte wohl! das Volk ist gut, nur die Regierung taugt Nichts. Diese Yorkino's9 waren von jeher Spitzbuben, das kommt von den Engländern und Amerikanern, die sich hier angesiedelt haben; diese Bursche verlangen wahrhaftig, daß wir über unser Vergnügen arbeiten sollen. Aber um es kurz zu machen, Señor Generale, wenn ich wüßte, daß ich keine Gefahr liefe, gehangen zu werden, würde ich bald mit diesem Schurken von Herrero an einander sein und ihm das Capatazspielen verleiden. Wenn Sie dann noch ein Auge zudrücken wollen, im Fall bei einem kleinen Lärmen etwa eines oder das andere der englischen Magazine abbrennen sollte, nun, pardiez, so glaube ich wohl, eine Majorität erhalten zu können; denn im Grunde sind die Herren Lastträger ganz vernünftige Leute, und es ist lange kein

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Pronunciamento gewesen. Man sehnt sich nach einer kleinen Veränderung!«

Der Graf lachte. »Sie begreifen, Señor Capitan, daß wir bei einem Zuge in's Goldland hier keine Feinde zurücklassen dürfen. Wie lange werden Sie Zeit bedürfen, um Ihre früheren Kameraden, die mir allerdings sehr ehrenwerthe und vernünftige Leute zu sein scheinen, umzustimmen?«

»Diese Nacht und der morgende Tag werden genügen. Nur werden Sie verlangen, daß ich sie tractire!«

»Ich verstehe. Hier sind hundert Piaster, das wird vorläufig genügen!«

»Ich denke. Haben Euer Excellenz sonst noch Befehle?«

»Nein. Sie werden mir morgen im Laufe des Tages melden, wie weit Sie sind! Bis dahin - silentio!«

Der neugebackene Capitan legte mit einer Verbeugung die Hand auf das Herz. Válgame Dios, Euer Excellenz können ganz auf mich rechnen!«

Er hatte kaum die Thür geschlossen, als diese sich wieder öffnete und den rothen Mantel hereinließ, in welchem noch immer die Figur des würdigen Methodisten Master Slong steckte.

Der glückliche Spekulant des Circus von San Francisco wand sich wie ein Wurm unter allen möglichen Verdrehungen seiner Glieder herein, und machte die seltsamsten Verbeugungen bis zur Erde. »Der Gott Zebaoth sei mit unserm erhabenen General,« sagte er näselnd. »Die Leuchte, die uns führen wird durch das Thal der Finsterniß zu der

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Quelle des Lichts, so die sündige Menschheit in ihrer vulgairen Sprache das Gold nennt, möge ihrem unwürdigsten Diener vergeben, wenn er das hohe Nachdenken stört.«

Der Graf liebte es zuweilen, sich an der Originalität des heuchlerischen Schurken zu ergötzen, war aber diesmal wenig in der Stimmung dazu und fuhr ihn daher barsch an.

»Wer zum Teufel, Bursche, hat Sie herein gelassen? Ich habe Befehl gegeben, daß Niemand mich ungerufen stören soll!«

Der »Prediger in der Wüste«, wie er sich zu nennen pflegte, hob die Hände in die Höhe. »Die Stimme, die aus dem Dornbusch sprach auf der Höhe des Horeb,« wimmerte er »hat befohlen: fürchte nicht den Zorn der Mächtigen und Vornehmen, wenn es gilt, ein gottseeliges Werk zu thun. Die Zornigen versöhnen, den Bittenden helfen und den Reuigen die Pforten der Gnade öffnen, ist ein gottgefälliges Thun. Señor Perez, unser allverehrter Kapitain, die rechte Hand Euer Excellenz, hat unsern Bitten nicht widerstehen können, und da John Meredith, ein würdiger Soldat und treuer Diener, gerade vor Euer Excellenz Thür die Wache hat, so sind wir hier, Dero Gnade zu erstehen, nicht für mich, ein unschuldiges Lamm, das noch Niemand beleidigt hat, sondern für einen büßenden Sünder, weil Vergebung den Schuldigern die Palme im Strahlenkranze christlicher Tugend ist!«

Der Graf unterbrach ungeduldig mit einer Handbewegung die widrigen Blasphemieen. Ohne die zarte Andeutung des Methodisten, daß er sich in ihrer Gesellschaft, also in ihrer Gewalt befinde, zu beachten, war er

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doch neugierig zu wissen, was der Halunke im Schild führte.

»Der mitleidigen Schildwache, Ihrem würdigen Freunde Meredith,« sagte er streng, »werde ich sofort Arrest geben. Unterdeß kommen Sie zur Sache, Master Slong und sagen Sie in kurzem verständlichen Englisch oder Spanisch, was Sie wollen, und wen Sie unter dem »Wir« verstehen?«

Der Methodist begriff, daß er nicht länger die Geduld des Grafen auf die Probe setzen dürfe, wenn es nicht auf Kosten seiner Person geschehen solle, und öffnete daher mit einer demüthigen Verbeugung die Thür. Die Person, die durch diese eintrat, während hinter ihr das wenig Vertrauen erregende Gesicht des Kentuckiers im Schatten erschien, war Niemand mehr und weniger, als der Corsar, Kapitain Hawthorn, der »Rothe Hay«.

Einen Augenblick war der Graf allerdings etwas betroffen und machte eine unwillkürliche Bewegung nach seinem auf dem Tisch liegenden Revolver, das flüchtige Lächeln aber, das über das Gesicht des Methodisten flog, ließ ihn sofort seine Absicht ändern; er kreuzte die Arme über der Brust und wandte sich auf seinem Sessel ruhig nach dem Eingetretenen.

»Im Himmel ist mehr Freude über einen Gefallenen, so da wiederkehrt, als über zehn Gerechte,« näselte Slong. »Gehen Sie, mein Freund und schütten Sie Ihr Herz unserm würdigen General aus, er wird seine Hand über Sie halten!«

Der Seeräuber blickte seinen frommen Protektor etwa mit der Miene eines Bullenbeißers an, der einem Menschen,

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welcher ihn streichelt, an die Kehle springen will, und murmelte höflich, Slong möge sich zum Teufel scheeren.

»Werde ich nun endlich erfahren, was Sie hier wollen?« frug der Graf streng.

»Zum Teufel,« brummte der Pirat. »Sie sind ungeduldig! Glauben Sie etwa, daß es einem alten Seewolf, wie ich bin, so leicht ankommt, mit Friedensvorschlägen zu einem Manne zu kommen, der ihm den Arm aus dem Gelenk gedreht hat?«

Er hob den rechten Arm in die Höhe, den er zum ersten Mal außer der Binde trug, aber erst schwerfällig bewegen konnte.

»So? Sie kommen also, um mir Friedensvorschläge zu machen?«

»Damned! ich muß wohl!«

Der Graf lächelte spöttisch. »Vor Allem, Meister »Rothhay«, oder wie Sie sich sonst nennen, gehören zu Friedensunterhandlungen zwei gleich berechtigte Mächte. Sie haben mir einen Dolchstoß versetzen wollen, ich habe Sie dafür bestraft - ich sehe nicht ein, was unter uns weiter zu verhandeln wäre!«

»Meinetwegen,« murrte der Pirat - »nennen Sie's wie Sie wollen! Sie haben diesmal die Macht in Händen. Der Teufel soll mich bei lebendigem Leibe verzehren, wenn ich jemals einen Menschen um Verzeihung gebeten habe. Zum Henker, wenn Sie es denn mit Gewalt hören müssen, ich war ein Narr, daß ich mich vom Zorn hinreißen ließ, und - es thut mir leid, Sir!«

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»Das ist etwas Anderes,« sagte der Graf. »Es ist gut; kommen wir zur Sache, Master Roth-Hay!«

»Die Sache ist die, daß ich bei Ihrer Compagnie in Dienst getreten bin. Sie wissen schon bei welcher Gelegenheit!«

»Und Sie wünschen unsern Contract wieder zu lösen?« sagte der Graf. »Es ist gut, sprechen Sie deshalb mit Kapitain Perez. Ich bin damit einverstanden. Mein Mayordomo hat mir ohnehin einige Dinge erzählt, die eine Trennung als das Beste erscheinen lassen. Ich werde die Anweisung geben, Ihnen drei Monate Sold auszuzahlen!«

»Den Teufel auch,« sagte grimmig der Corsar - »ich mag Ihr Geld nicht, Sir, ich will Ihren Schutz, und Sie dürfen mir denselben nicht entziehen, nachdem Sie mich wehrlos gemacht haben!«

»Meinen Schutz?«

»Ja! Haben Sie mich nicht unter Ihre Compagnie aufgenommen?«

»Das ist richtig, aber ich glaubte, Sie selbst wollten Ihren Contract lösen!«

»Der Satan soll mich holen, wenn ich daran denke. Dieser verfluchte Engländer würde mich bei der ersten Gelegenheit bei lebendigem Leibe rösten!«

»Welcher Engländer?«

»Dieser Teufel, der sich Lord Drysdale nennt und den Sie heute in San José beim Gouverneur getroffen haben; -« der Korsar hatte demnach keine Zeit versäumt, durch seine Freunde Erkundigungen einzuziehen. - »Er hat einen

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alten Haken auf mich wegen einer längst abgethanen Geschichte und ist mein Todfeind!«

»Einem Todfeind stellt sich ein Mann im ehrlichen Kampf!«

Das blutgeäderte Auge des Korsaren schoß einen diabolischen Blick. »Wehe ihm, wenn wir das nächste Mal an einander kommen - und wäre es nur, um den schändlichen Traum los zu werden. Aber diese Faust hat noch nicht die Kraft wieder, eine Waffe zu brauchen!«

»Wenn es derselbe Engländer ist,« sagte der Graf streng, »von dem mir Bonifaz erzählt, so hat er Ursach genug, Sie an die erste Raanocke zu hängen, denn Sie haben es hundertfach verdient!«

Der Corsar sah finster zu Boden. »Meinetwegen denn, man kann nur einmal sterben! Carrajo! was schadets groß, wenn die Leute sagen, daß ein Mann aus dem königlichen Blut von Frankreich, womit Sie prahlen, den Engländern zu Liebe einem armen Teufel sein Wort gebrochen hat!« Er drehte sich um, das Zimmer zu verlassen,

Ein donnerndes »Halt!« des Grafen fesselte seine Schritte. »Sie haben gesagt, daß ich Ihnen mein Wort gegeben habe?«

»Den Teufel ja! haben Sie nicht Contract mit uns Allen auf die Dauer eines Jahres geschlossen? Wir dürfen während der Zeit Sie nicht im Stich lassen, aber eben so wenig Sie uns!«

»Ventre saint gris, das ist wahr und so sehr Sie auch den Strick verdienen für Ihre Unthaten, so wird ein

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Bourbon doch sein Wort halten. Doch merken Sie wohl! Sie haben sich zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet; wagen Sie es, Ihren Eid zu brechen, so ist unser Contract gelöst, und Sie sind vogelfrei!«

»Bah! Sagen Sie, was ich thun soll, und es wird geschehen!«

»Uebermorgen findet eine Musterung der Expedition auf dem Hafenplatz statt. Der Lord wird zugegen sei. Ich befehle, daß Sie sich in der ersten Reihe Ihrer Abtheilung befinden!«

Der Corsar wollte eine Einwendung erheben, aber der feste Blick des Grafen erstickte sie.

»Wählen Sie, ob Sie gehorchen wollen oder nicht! Ich werde dort sein.«

»Gut! das Weitere ist meine Sache. Jetzt gehen Sie und sagen Sie Kapitain Perez, daß er sogleich die Wache vor meiner Thür ablösen und auf vierundzwanzig Stunden in strengen Arrest schicken soll. Gutenacht! Master Slong, Sie werden den Mann aufsuchen, den man den Kreuzträger nennt und ihn zu mir schicken!«

Ein Wink der Hand verabschiedete das Paar, das sich still, ohne weiter ein Wort zu wagen, entfernte.

Der Graf ging, unwillig über das Geschehene und daraus neue. Verwickelungen hervorgehen sehend, in dem Gemach auf und nieder, als der Kreuzträger eintrat.

Das ehrliche Gesicht des alten Wegweisers mit dem traurigen, und doch so energischen Ausdruck, wirkte beruhigend auf den Grafen, der vor ihm stehen bleibend ihm

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die Hand reichte. Der Mann nahm respektvoll, aber mit einer gewissen Würde, den Händedruck.

»Es freut mich, Sie zu sehen, Monsieur Kreuzträger,« sagte der Graf - »oder, um Ihnen Ihren wahren Namen zu geben, muß ich gestehen, daß ich denselben noch immer nicht weiß!«

»Meine Eltern seelig, General, hießen Vignard und nannten mich in der Taufe Jerôme. Also Jerôme Vignard, wenn's Ihnen gefällt, General. Aber ich habe Nichts dawider, wenn Sie mich Kreuzträger nennen, da ich das Kreuz, das mir Gott auferlegt hat, doch nun einmal tragen muß.«

Der Graf wies nach einem Rohrstuhl. »Setzen Sie sich, Monsieur Vignard,« sagte er freundlich, »ich habe ein wenig mit Ihnen zu plaudern. - Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie die Prairieen als eine Art von Wegweiser früher durchzogen?«

»So ist es, mein General. Ich begleitete die Caravanen von Santa Fé nach Chihuahua durch das Land der Apachen und auf diesem Wege war es, wo mich das Unglück traf, dem ich meinen Namen verdanke.«

»Sie haben mir bereits versprochen, diese traurige Geschichte mir zu erzählen,« bemerkte der Graf mit Theilnahme, »und ich werde Sie bei passender Gelegenheit daran erinnern. Jetzt bedarf ich Ihres Rathes und Ihres Beistandes bei einer anderen Sache. Ich habe aus allen unseren Leuten zu Ihrem Scharfblick und Ihrer Besonnenheit das meiste Zutrauen!«

»Gott der Herr hat seine Gaben verschieden vertheilt,«

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sagte der Wegweiser einfach. »Das weiße Haar, Monsieur, bringt die Ruhe der Ueberlegung.«

»Sie haben wahrscheinlich,« fuhr der Graf fort, »bei unserer Ausschiffung bereits bemerkt, daß der Hafen von Guaymas und die ganze Hafenstadt durch eine Art von Fort beherrscht wird, wenn man die plumpe Anlage so nennen kann, das auf einer Landzunge und auf dem daselbst befindlichen Hügel errichtet ist?«

»Es fällt in die Augen, Monsieur, und ist zu einer Vertheidigung eine ziemlich gut gewählte Stellung. Ich habe oft schlechtere gehabt mit den Karavanen von Santa Fé, wenn wir uns gegen die Indianer vertheidigen mußten!«

»Das glaube ich gern. Um so besser werden Sie die festen oder schwachen Punkte einer solchen Position zu würdigen wissen, besser vielleicht, als ein Ingenieur von Fach. Es handelt sich darum, mir einen genauen Bericht darüber zu erstatten. Ich selbst mag das Fort nicht besuchen, das könnte Mißtrauen erregen; wenn ein Mann wie Sie aber aus Neugier dort herumschlendert, so wird Niemand dabei an eine Absicht denken.«

»Meine Aufgabe ist also?«

»Was ich Ihnen gesagt, Monsieur Kreuzträger, die schwächsten Stellen dieses Forts zu erspähen und mir über seine Bewaffnung genaue Nachricht zu bringen. Ich habe Ursach, zu fürchten, daß man Etwas gegen uns im Schilde führt oder wenigstens nicht besonders guten Willen für uns hegt, und es ist gut, auf alle Fälle gerüstet zu sein. Ich erwarte morgen Mittag Ihren Bericht. Und nun -

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Gutenacht Monsieur Vignard, und helfen Sie mit, ein wenig Ordnung unter unsern Leuten zu halten!«

Der Kreuzträger entfernte sich mit militärischem Gehorsam, ohne weiter eine Bemerkung zu machen.

Es war bereits Mitternacht, aber der Graf ging noch immer unruhig auf und nieder - es war, als scheue er sich, sein Schlafgemach zu betreten.

Endlich schien er einen festen Entschluß gefaßt zu haben. Er nahm den silbernen Armleuchter mit den brennenden Kerzen und ging durch zwei leere Zimmer. Vor der Thür des dritten blieb er stehen, ehe er die Hand auf die Klinke legte. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn und indem er vor sich hin murmelte: »Es muß sein! Es ist zu unser Aller Besten!« öffnete er rasch die Thür.

Ein spanisches Bett mit den landesüblichen Musquito-Vorhängen stand in der Mitte des Zimmers; an seinem Fußende kniete eine Gestalt in Frauenkleidern, das Gesicht tief in die Decken gedrückt, die doch das schmerzliche Schluchzen nicht unterdrücken konnten, das sich aus tiefer Brust emporrang.

Bonifaz, der Mayordomo, kam ihm entgegen mit ernster, trauriger Miene. »Sie weiß Alles, Ihrem Befehle gemäß,« sagte er leise mit vorwurfsvollem Ton. »Corbioux! ich will lieber allein einen Dreimaster ausladen, als das Stück Arbeit noch einmal thun!«

»So hat sie sich darein ergeben und wird nach Frankreich zurückkehren?«

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»Niemals! - in diesem Entschluß ist sie wie ein Stein. Versuchen Sie selbst Ihr Heil! Gott besser's!«

Der Alte wischte sich eine Thräne aus dem Auge und ging hinaus. Die Thür schloß sich hinter ihm - der Graf war mit der Mutter seines Kindes, dem Mädchen, das ihm so viel geopfert, so innig an ihm gehangen, allein.

Auf der Spur!

An dem Abend desselben Tages, an dem der Graf Boulbon mit seiner Expedition in Guaymas gelandet war, bewegte sich in einer öden und wilden Gegend unfern der Ufer des Rio Casas Grande eine kleine Gesellschaft mit raschen, aber vorsichtigen Schritten durch das mannshohe Gras.

Voran ging ein junger Indianer von schlanken, elastischen Formen, den Haarschopf auf dem Scheitel mit einem Riemen zusammen gebunden, aus dem zwei Adlerfedern, das Zeichen seines Anrechts auf den Namen eines Häuptlings, nach seiner rechten Schläfe niederhingen. Er trug ein Jagd-Hemd von Hirschleder und eben solche kurze mit Frangen aus Menschenhaaren besetzte Beinkleider, Moccasins, eine Decke über der Schulter und eine gute Büchse in der Höhlung des linken Arms. Sein Gesicht war mit schwarzen, weißen und rothen Farben bemalt, zum Zeichen, daß er sich auf dem Kriegspfade befand.

Es war Wonodongah, der »Große Jaguar« der Comanchen. Hinter ihm kam seine Schwester

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»Windenblüthe«, ein kleines Packet tragend, der Yankee folgte ihr und der alte Trapper machte den Beschluß der Gesellschaft, deren Mitglieder sich sorgfältig bemühten, ihre Füße jedes in die Fußtapfen des Vorhergehenden zu setzen.

Die Lautlosigkeit, mit der sie vorwärts schritten, die Vorsicht, mit welcher der Indianer zuweilen stehen blieb, um in die Ferne zu lauschen, bewies, daß sie entweder verfolgten oder verfolgt waren und sich nicht blos auf einer gewöhnlichen Wanderung befanden. Die Sonne sank bereits im Westen, als sie sich einer Reihe von Hügeln näherten, die weiter hin zu einer rauhen Bergkette anschwollen, jenem Gebirgszug, der die Sierra Espuelas mit der Sierra de los Patos verbindet.

Der Indianer bog jetzt, noch ehe die Sonne den Horizont erreicht hatte, in einen jener Pfade, welche der Gang der wilden Thiere der Prairieen nach ihrem Nachtlager oder nach irgend einer Quelle durch die hohen Gräser der Prairie zu bahnen pflegt, und schritt auf diesem weiter, ohne seinen Gefährten irgendwie Rechenschaft zu geben, warum er die Richtung ihres Weges verändert hatte.

Sie waren in dieser etwa eine Viertelstunde fortgeschritten, als der Yankee, der schon lange Zeichen der Ermüdung von sich gegeben hatte, völlig erschöpft stehen blieb und sich auf seine Büchse stützte.

»Gott verdamm mich,« sagte er, sich mit einem schmutzigen Taschentuch den Schweiß von der Stirn trocknend - »ich kann keinen Fuß mehr vor den andern setzen. Es ist Zeit, Rothhaut, daß wir ein Nachtlager suchen, ich bin müde und hungrig.«

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Die ganze Gesellschaft war in dem Augenblick, wo der Yankee anhielt, gleichfalls stehn geblieben.

»Hat die »Schielende Ratte« Lust, sein Haupthaar heute Abend an dem Feuer der Apachen trocknen zu wissen?«

»Aber wir haben von den Apachen keine Spur mehr gesehen seit dem See von Guzmanne,« murrte Brown. »Ueberdies - warum schließen wir uns ihnen nicht an? wir wollen doch dieselben Feinde bekämpfen!«

»Die Apachen sind Hunde,« erwiederte der Indianer stolz. »Der Tomahawk eines Toyah wird immer roth sein von ihrem Blut. Wir sind die Feinde der »Offnen Hand« - dies war der Name, den die bilderreiche Sprache der Indianer dem französischen Grafen bereits gegeben hatte, - »aber Eisenarm und der Große Jaguar werden niemals die Freunde der Apachen werden.«

Der Kanadier mischte sich hier ein. »Wenn die Gefahr nicht allzu dringend ist,« sagte er, »so möchte ich wohl auch dazu rathen, unser Nachtlager zu suchen. Du mußt bedenken, Jaguar, daß Windenblüthe nicht unsere Sehnen und Muskeln hat.«

»Es ist gut,« sagte der Comanche. »Mein starker Vater wird diese Nacht die Feuer der Apachen sehen!«

»Und wie weit glaubst Du, daß wir von ihnen entfernt sind?«

»Das Pferd eines Apachen kann den Raum in zwei Stunden durchmessen!«

»Dann sind wir allerdings verteufelt nahe für ein Nachtlager neben solchen Schurken. Aber es hilft Nichts,

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und ich denke, Jaguar, wir haben ihnen schon so nahe geschlafen, daß wir die Gurgeltöne ihres Schnarchens und das Schnauben ihrer Pferde hören konnten, damals, in den Felsen des Buonaventura, als unser Freund Goldauge noch mit uns war, statt dieses hübschen Mädchens, das noch nicht gelernt hat, eine Büchse zu führen!«

Er nickte lächelnd nach dem Karabiner, der früher ihrem Bruder gehört hatte, und den Windenblüthe jetzt in der Hand trug.

»Comeo ist die Tochter ihres Volkes,« erwiederte der Comanche. »Ihre Hand ist schwach, aber sie wird in der Stunde der Noth nicht zittern, wie das Moos an der Eiche im Hauch des Windes. Meine Brüder mögen mir folgen. Wonodongah ist bereit, ihren Wunsch zu erfüllen.«

Der Indianer schritt wieder voran, die Anderen einschließlich des Yankee, dem die unangenehme Aussicht auf das Scalpirtwerden neue Kräfte gegeben hatte, folgten. Sie waren durch das Gestrüpp von Gräsern und trockenen wilden Baumwollenstauden etwa zehn Minuten vorgedrungen, als sich nach und nach Bäume um sie her an den Seiten und auf den Spitzen der Hügel erhoben und größere und kleinere Felsstücke umherlagen, die sich wahrscheinlich durch ein früheres Erdbeben von einer vor ihnen emporsteigenden Felswand abgelöst hatten. Noch wenige Schritte, und es zeigte sich ihnen ein Platz, der selbst für das ungeübtere Auge des Amerikaners alle Vortheile zu einem Nachtlager zu vereinigen schien.

Etwa hundert Schritt vor ihnen erhob sich die bereits

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erwähnte Felswand steil und unzugänglich. Bis zu ihrem Fuß dehnte sich mit sanfter Erhebung ein Hügel aus, aus dessen kleinem Plateau eine mächtige mexikanische Eiche sich erhob, mit ihren Aesten die Felswand vielfach berührend. Der mächtige Baum mit seinem so kurz vor Beginn der Regenzeit bereits welkem und trockenem Laub sah aus, wie ein Greis unter den Bäumen der Wildniß; denn vom Gipfel bis zu seinen untersten Aesten hing in langen Strähnen und Bärten, eine förmliche Hülle bildend, das weiße spanische Moos bis zur Erde. Die Vegetation Europas bietet Nichts dieser Eigenthümlichkeit und Ueppigkeit Gleiches. Unter dem Schutz dieser Wand kann leicht eine ganze Gesellschaft vor dem Späherauge sich verbergen, wenn nicht eine neugierige Hand etwa den Schleier lüftet.

Aus einem engen Spalt am Fuße des Felsens strömte eine reichliche und frische Quelle, die sich den Hügel hinab in die Prairie ergoß und zwischen den Anhöhen entlang ihren Lauf nahm. Dies erklärte genügend, weshalb die Thierpfade durch das Gras nach dieser Seite gebahnt waren.

So einladend - Heimlichkeit und Wasser bietend - dieser Ort auch war, dachten doch weder der Kanadier noch Wonodongah daran, ihn ohne eine weitere genaue Prüfung zu wählen. Während der Erstere mit Hilfe Comeo's bemüht war, die Spuren ihres Weges möglichst zu verwischen, hatte der Indianer bereits den Hügel erstiegen und war, die Büchse in der Hand, unter die Laube des Baums gedrungen. Einige Minuten nachher rief sein Hugh! die Gefährten heran.

Der Raum unter dem Baum glich förmlich einer

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gewölbten Halle, er war trocken und weit und nur von kurzem oder gar keinem Grase bedeckt, da der Schatten der Aeste und des Mooses dasselbe nicht zu der Höhe emporschießen ließ, wie in der freien Prairie.

Auf ein Zeichen des Kanadiers legte das Mädchen ihren Pack ab, und der Yankee, nachdem er einen ledernen Becher an der Felswand mit Wasser gefüllt, aus seiner Holzflasche etwas Rum hinein gegossen und das Getränk hinunter gestürzt hatte, warf sich auf den Boden.

»Den Henker!« sagte er - »ich glaube, hier können wir schlafen wie in einem Bett, wenn wir erst ein tüchtiges Abendbrod zu uns genommen haben!«

Aber der Indianer machte keine Anstalt, dem Beispiel seiner Freunde zu folgen. Er fuhr vielmehr eifrig in seiner Untersuchung des Bodens fort.

»Hat mein Sohn Etwas gefunden,« frug der Kanadier, »was seine Besorgniß erregt, daß die Apachen diesen Ort besuchen? Ich muß gestehen, er scheint mir sonst zu einem Nachtlager ganz vortrefflich.«

»Die Apachen sind dümmer als die Wölfe, sie sind zu träge, die Quelle bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen. Die Spuren ihrer Mocassins sind fern geblieben von diesem Ort, und es hat noch niemals ihr Feuer auf diesem Hügel gebrannt.«

»Welche Besorgniß hegt mein Sohn also sonst?«

Der Indianer hob einen weiß genagten Knochen, deren viele vor der Felswand lagen, in den Fingern empor.

»Eisenarm mag sehen!«

»Ei Potztausend,« meinte der Kanadier, »das ist der

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Schenkelknochen eines Dammhirsches. Die wilden Thiere werden ihn hier verzehrt haben. Aber ich denke, sie werden sich hübsch entfernt halten, wenn sie die Nähe von drei guten Büchsen wittern.«

Wonodongah schüttelte den Kopf. »Wenn die Raubthiere der Prairie hier ihre Mahlzeit zu halten pflegten, müßte man die Spuren ihrer Füße sehen!«

»Und mein Sohn findet keine solche Spur?«

»Nicht eine!«

»Das ist allerdings seltsam, und ich weiß, Rothhaut, obschon das Tageslicht schwindet, daß wir uns auf Deine scharfen Augen verlassen können. Aber vielleicht haben sich einige alte Hirsche hierher zurück gezogen, um in Frieden ihrem Schöpfer den Hauch ihres Daseins zurückzugeben. Es ist Verstand auch unter den Thieren. Doch ich sehe wirklich nicht ein, was dies uns hindern sollte, diesen Platz zum Nachtlager zu wählen. Er ist zur Ruhe, wie zur Vertheidigung gleich gut.«

Der junge Mann schien sich der Erfahrung seines Freundes und der vorgebrachten Erklärung willig zu fügen. Er warf sofort seine Decke ab, lehnte seine Flinte an den Stamm des Baumes und begann umher trocken abgefallene Zweige zu sammeln.

»Wird der Schein des Feuers uns nicht verrathen?« frug der Yankee, dessen Besorgniß seinen Appetit und seine Bequemlichkeit überwog.

»Pah,« sagte der Trapper - »für was hätten wir denn diese Decken mitgeschleppt? Ueberdies ist das Moos so gut wie eine Wand. Spanne die Decke Deines

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Bruders zwischen jenen beide Aeste auf, Kind, dann sind wir vollkommen sicher! - So Mädchen, ich sehe, daß Du nicht umsonst den Unterricht der Wildniß genossen hast. Ihr, Meister Schielauge, wäret sicher nicht auf den vernünftigen Gedanken gekommen, eine zweite Decke auf der entgegengesetzten Seite nach dem Felsen zu aufzuhängen!«

»Ich sehe wahrhaftig auch den Nutzen nicht ein,« murrte der Yankee, ärgerlich über den Spitznamen, den ihm der Trapper gab, und den er sich vergeblich schon oft verbeten hatte.

»Das ist, Ihr seid ein Mann der Städte und nicht der Wildniß,« belehrte ihn der Alte, »sonst würdet Ihr gesehen haben, daß nach der Seite des Felsens hin das Moos weniger dicht ist, und wissen, daß die Flamme auf dem Stein einen hellen Schein wirft, der weit hin leuchtet, wie Eure Spiegel in den Ansiedlungen. - So Kind, und nun laß Deinen Bruder getrost das Feuer anzünden, der Rauch zertheilt sich in den Zweigen, und sage uns, was Du zu essen für uns hast.«

Comeo hatte ihren Pack geöffnet und mit einer Zierlichkeit und Behendigkeit, die der elegantesten europäischen Hausfrau Ehre gemacht hätte, auf der Haut ihre Vorräthe ausgebreitet. Aber leider waren dieselben so gering, daß sie selbst bei der Enthaltsamkeit eines Indianers Bedauern erregen mußten.

Sie bestanden allein noch in zwei Streifen gedörrtem Büffelfleisch und einigen Stücken Maiskuchen.

»Den Henker auch,« sagte der Trapper, - »man kann nicht sagen, Kleine, daß Deine Tafel an Ueberfluß leidet.

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Das ist gerade genug, um bis morgen nicht Hungers zu sterben! Nun - ich habe es auch schon schlimmer gehabt, und hätten wir heute Morgen nicht die Spuren dieses Gewürms am Guzman-See gefunden, so würde ich leicht einen tüchtigen Büffel geschossen haben, der auf die nächste Woche uns Vorrath geliefert hätte. Jedenfalls müssen wir morgen suchen, auf eine oder die andere Weise dazu zu kommen, einstweilen aber wollen wir das verzehren, was wir haben, denn es ist leicht möglich, daß wir alle Kräfte brauchen müßten und mit hungrigem Magen ficht sich's immer schlecht!«

Der Yankee sah mit ziemlichem Neid, daß der Trapper den geringen Vorrath in vier gleiche Theile schied und ihm den einen zuschob. Er tröstete sich damit, sich an dem Feuer einen Becher heißen Kaffee's zu bereiten, zu dem er den Vorrath in seiner Jagdtasche bei sich führte, und von dem es ihm nicht einfiel, seinen Gefährten anzubieten.

»So meint Ihr wirklich, Señor Eisenarm,« frug er nach der Stillung seines ersten Hungers, »daß wir in Gefahr kommen könnten, hier angegriffen zu werden?«

»Gott allein weiß es, aber ein Mann muß immer darauf gerüstet sein. Ihr habt es selbst so gewollt, daß wir nicht den direkten Weg von Rio Gila nach Hermosillo oder Arispe nehmen sollten, um den Mörder unsers Freundes aufzusuchen. Ihr habt jedoch nach unserm Vertrage über unsere Zeit und unsern Weg zu bestimmen, und Ihr seht, wir sind bereit, Euch zu folgen!«

»Ihr wißt, Señor Eisenarm,« sagte der Yankee, »was

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das Ziel dieses Franzosen ist und wohin ihn sein Weg führt. Wenn ich also für's Beste gehalten, daß wir uns direkt nach jenem Punkt,« - er sah sich vorsichtig um - »nach der Goldhöhle begeben und in ihrer Nähe uns aufhalten, so sind wir gewiß, daß wir über kurz oder lang ihn mit seiner Räuberbande dahin kommen sehen werden, wo er dann ein gefahrloses Ziel für Eure Büchsen sein wird. Da Ihr nun Euch verpflichtet hattet, mir das Geheimniß der Goldhöhle zu entdecken und mir Euren Antheil daran zum Ersatz der Verluste und Mühen zu überlassen, die ich durch Euren seeligen Freund gehabt habe, so meine ich, daß unsere beiderseitigen Interessen in der Wahl dieses Weges vertreten waren.«

»Wir werden sehen,« meinte der Trapper - »allzugroße Eile thut niemals gut. Was willst Du thun, Comanche?«

Die Frage galt dem Indianer, der an der Quelle, sein Gesicht gewaschen hatte und jetzt bei dem Schein des Feuers und mit Hilfe eines kleinen Stücks zerbrochenen Spiegels aus seinem Medizinsack begann, sich auf's Neue dasselbe zu bemalen, nur mit andern Farben und Linien.

»Mein Vater lebt in der Prairie, er sieht es!«

»Ah, ich verstehe! Du willst auf Kundschaft ausgehen und Dich womöglich unter die Apachen mischen?«

»Die Apachen sind Coyoten! sie sind blind! sie heulen nur, aber sie beißen nicht!«

»Nun, das möchte ich gerade nicht sagen. Wir haben oft genug gefunden, daß ihre Zähne ziemlich scharf sind. Jedenfalls ist die höchste Vorsicht nöthig, Jaguar, da Du nicht einmal Deine Büchse mitnehmen kannst, denn das

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würde die Aufmerksamkeit auf Dich lenken. Ich dächte, es möchte gut sein, wenn ich Dich in einiger Entfernung begleitete, damit Dir meine Kugel nöthigenfalls Beistand leisten kann!«

»Eisenarm muß bei der Schielenden Ratte und dem Mädchen bleiben. Sie haben Beide keine Erfahrung!«

Der Trapper nickte. »Das ist wahr! Nun so sei Gott mit Dir, Jaguar und kehre so bald als möglich zurück!«

Der junge Mann erhob sich und ohne den Andern ein Wort des Lebewohls zu sagen, gleich als mache er blos einen Spaziergang, nicht einen Weg, bei dem es sich um Leben und Tod handelte, nahm er den Bogen und die Pfeile, welche seine Schwester auf dem Bündel mit seinem früheren Karabiner getragen hatte, zog die beiden Adlerfedern aus seiner Scalplocke und kroch - ohne den Vorhang des spanischen Mooses aufzuheben, - unter diesem hinweg in's Freie.

Nach einigen Augenblicken hörten die Zurückgebliebenen jedoch das Hst! des Comanchen.

»Was giebt es, Jaguar?« frug der Alte.

»Mein Vater komme und sehe!«

Der Canadier kroch mit gleicher Vorsicht durch den Vorhang und auf seinen Wink folgten ihm der Yankee und das Mädchen. Der erste Blick zeigte ihnen sofort, auf was der Comanche ihre Aufmerksamkeit lenken wollte.

Von dem Standpunkt, den sie inne hatten, konnten sie in der Tiefe der Prairie in der Entfernung allerdings

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von etwa einer Legua oder darüber den Schein von drei verschiedenen Feuern sehen.

»Ah,« sagte der Alte, »die rothen Teufel sind also in großer Anzahl hier und nicht blos eine Bande, wie wir aus den Spuren am See schlossen. Das wird Ernst, Jaguar, und wir müssen auf unserer Hut sein!«

Die Worte waren zwar an seinen jungen Gefährten gerichtet, aber als er sich nach diesem umschaute, war keine Spur mehr von ihm zu sehen.

»Er ist fort, und der Himmel sei mit ihm. Hoffentlich sehen wir ihn nach einigen Stunden gesund wieder. Das Beste, Meister Schielauge, was wir thun können, ist, in unsere Festung wieder zurückzukriechen und geduldig abzuwarten, was der brave Junge für Nachricht bringen wird!«

Der Kanadier hatte übrigens die That mit den Worten verbunden und die andern Beiden waren ihm gefolgt. Als der Trapper wieder am Feuer saß und vorsichtig die Kohlen bedeckte, so daß sie nur leicht fortglimmen konnten, meinte der Yankee: »Wäre es nicht besser, Señor Eisenarm, wenn wir uns lieber sogleich auf den Weg machten und eine größere Entfernung zwischen uns und diese Wilden legten? Euer Freund kann uns ja folgen, er wird gewiß unsere Spur finden!«

Der Trapper schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein Fremder,« sagte er bestimmt, »das geht nicht. Ich verdenke es Euch nicht, daß Ihr Eure Müdigkeit vergessen habt und Eure Kopfhaut in Sicherheit bringen möchtet, da es wohl das erste Mal ist, daß Ihr so nah mit dem

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Gewürm zusammenkommt. Aber wir dürfen den braven Jungen nicht im Stich lassen, wenn er etwa genöthigt sein sollte, sich auf uns zurückzuziehen, und überdies habe ich Euch schon vorhin gesagt, daß man mit unnützer Eile Nichts gewinnt. Hättet Ihr hübsch gewartet mit Eurer Neugier auf die Goldhöhle, bis dieser Franzose mit seiner Gesellschaft heran gewesen wäre, so hätte die Sippschaft dort unten vollkommen Beschäftigung gehabt und würde sich nicht um uns bekümmern. So aber müssen wir nun sehen, wie wir uns aus der Klemme helfen. Das Beste ist, Ihr legt Euch jetzt aufs Ohr und stärkt Euch durch Schlaf, während ich die erste Nachtwache halte. Zur rechten Zeit will ich Euch schon wecken!«

Der Yankee fand, daß es am Besten sei, dem Geheiß zu folgen, nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche und streckte sich in seine Decke gehüllt mit den Füßen nach dem Feuer am Boden aus, indem er aus der Ruhe seiner Begleiter schloß, daß die Gefahr nicht sehr dringend sein konnte. Das Mädchen kauerte sich in einiger Entfernung an dem Stamm der Eiche nieder, um wenigstens anscheinend dem Willen ihres alten Freundes Folge zu leisten, obschon sie in Wahrheit nicht schlief, da die Sorge um den Bruder, den sie zärtlich liebte, sie wach erhielt.

Der Kanadier blieb, die Büchse über sein Knie gelegt, an dem Feuer sitzen in einer Stellung, die ihm erlaubte, sich rasch zu erheben. Sein mit schlichtem blonden Haar bedecktes Haupt lag in die Hand gestützt, und er schien bald in tiefes Nachdenken verloren. So sah ihn das dunkle Auge

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der jungen Indianerin, wenn es sich hin und wieder öffnete um sich auf ihn zu wenden.

Alles umher blieb ruhig und still - nur zuweilen unterbrach das klägliche Geheul der fern durch die Ebene schweifenden Coyoten die nächtliche Stille.

An was mochte der alte Jäger denken? An die hundert Gefahren, an die unzähligen Mühen, die er in einem langen Leben, in diesem jahrelangen Kampf gegen die Schrecknisse der Wildniß ertragen, oder vielleicht an die ferne unschuldige Kinderzeit, wo noch nicht der Todesschrei eines menschlichen Wesens auf den Knall seiner Büchse an seinen Erinnerungen haftete, an jene Zeit, wo noch der Vater die Hand auf seinen Blondkopf legte und das Schürzenband der Mutter sein Halt war gegen die Gefahren des Lebens!?

Sein Vater war aus einer Familie französischer Refügiés, seine Mutter aber die Tochter eines einfachen deutschen Landmannes, der mit seiner Familie im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts ausgewandert war. In dem alten Jäger verschmolz sich somit überwiegend das deutsche Element mit der französischen Abstammung, die so sichtbar bei seinem Berufsgenossen, dem Kreuzträger, sich zeigte.

Stunde auf Stunde verfloß, ohne daß der Indianer zurückkehrte oder sich etwas Ungewöhnliches hören ließ, das seine Wache gestört hätte. Von Zeit zu Zeit erhob er sich, kroch durch den Vorhang des Mooses und lauschte nach der Prairie; aber auch dort blieb Alles still, und als die Sternbilder Mitternacht zeigten, weckte er den Yankee, ermahnte

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ihn, scharfe Obacht zu halten, und war, ehe dieser noch sich recht am Feuer niedergesetzt, schon eingeschlafen.

Wiederum waren zwei Stunden vergangen, auch das junge Mädchen war der Allgewalt der Natur erlegen und eingeschlafen, als sich schwer eine Hand auf die Schulter des fahrlässigen Wächters legte, der längst an den verglimmten Kohlen eingeschlummert war, und dieser auffahrend mit Todesschreck in das wild bemalte Antlitz eines Indianers blickte.

Emporspringend stieß der Yankee einen Schrei aus und wollte nach seiner Büchse greifen, aber die Hand des Wilden drückte sich rasch auf seinen Mund.

»Die schielende Ratte,« sagte der Indianer spöttisch, »hat die Augen weder zum Sehen noch zum Wachen! Seine Freunde können sich wenig auf ihn verlassen, wenn die Prairie mit Apachen gefüllt ist.«

»Den Teufel auch,« brummte Master Brown, der bei dem ersten Wort zu seiner großen Beruhigung Wonodongah erkannt hatte; »eines Eurer Gesichter sieht in dieser vertrackten Malerei wie das andere aus und Ihr habt mich wirklich tüchtig erschreckt. Nun -, was bringt Ihr Neues, Jaguar? ich hoffe, eine gute Nachricht!«

Der Indianer hielt es nicht der Mühe werth, auf die Frage zu antworten, da er bemerkt, daß Eisenarm von dem geführten Gespräch bereits erwacht war und sich aufgerichtet hatte. Er setzte sich daher zu den Kohlen, warf einige Reiser darauf und zündete diese auf's Neue an, indem er auf die Aufforderung seines älteren Gefährten zu sprechen wartete.

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Diese erfolgte denn auch alsbald. Der Kanadier hatte sich zu ihm gesetzt und reichte ihm die Hand.

»Ich freue mich herzlich, Häuptling, daß Du ohne Unfall wieder zurück bist,« sagte er, »denn ich darf wohl annehmen, daß Du ziemlich nahe bei den Schurken gewesen bist, und das ist doch nicht ohne Gefahr.«

»Wonodongah,« erwiederte der Andere stolz, »hat an dem Berathungsfeuer der Apachen gesessen!«

»Das ist eben so keck als unvorsichtig,« meinte der Andere, »indeß es war Dir zuzutrauen. Will mein Sohn uns sagen, was er erfahren hat!«

»Die Prairie ist voll der heulenden Wölfe!«

»Ich fürchtete es nach den Feuern, die wir gestern Abend beobachtet. Ich hoffe aber, das Gesindel wird sich nicht allzulange aufhalten. Dies sind nicht ihre gewöhnlichen Jagdplätze!«

»Die Apachen sind auf dem Kriegspfad.«

»So, so? aber gegen wen und was thun sie hier?«

»Sie harren auf ihre Freunde und Bundesgenossen! Die Sonne wird sechs Mal aufgehen, ehe sie versammelt sind!«

»Caramba - das ist zu lange, um darauf zu warten! Und ist es ein Krieg ihrer Stämme, oder was haben sie sonst vor, das sie hier vereinigt?«

»Die rothen Männer haben ein Bündniß geschlossen gegen ihre gemeinsamen Feinde. Sie werden sich nach Abend wenden und die Städte und die Hacienda's angreifen!«

»Ich habe von diesem Bündniß der rothen Völkerschaften

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schon am Rio Gila gehört, und daß die Amerikaner dabei ihre Hand im Spiele haben. Aber ich hoffe, Comanche, daß Deine Nation nicht an diesem Raubzug denn weiter ist es im Grunde Nichts, Theil nehmen wird! Weiber und Kinder morden und ruhige Leute um ihr Eigenthum berauben ist keine sehr lobenswerthe Heldenthat!«

»Der große Geist hat das Wasser zwischen seine rothen und seine weißen Kinder gesetzt,« sagte der Indianer mit Würde. »Als die Jagdgebiete der weißen Männer ihnen zu eng wurden, sind sie nach den Ueberlieferungen unserer Väter auf ihren Kanoës an den Strand der rothen Männer gekommen, von dorther, wo die Sonne aufgeht. Der Indianer sind nicht viele - es war Raum für sie auf den Prairieen und auch noch für ihre weißen Brüder, die hungerte. Die rothen Männer haben redlich mit ihnen getheilt und ihnen Land gegeben, Wald und Wasser, Prairie und Berge. Aber die weißen Männer sind unersättlich, sie haben niemals genug und betrogen ihren rothen Gastfreund um sein Eigenthum mit Gewalt und List, bis er zum Tomahawk gegriffen hat, die Gräber seiner Väter vor dem Eisen ihres Pfluges und dem Schlag ihrer Aexte zu bewahren. Die Nation der Comanchen ist die erste unter den rothen Männern. Sie wird nicht fehlen, wenn es den großen Kampf gilt!«

Der Kanadier zuckte nachdenkend die Schultern. »Es ist Wahrheit und Gerechtigkeit in dem, was Du sagst, Comanche,« erwiederte er, »und ich selbst, obschon ich ein weißer Mann bin ohne einen Tropfen anderen Blutes, muß bekennen, daß den rothen Männern viel Unrecht

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geschehen ist, und daß ich es ihnen nicht verdenken könnte, wenn sie die Entscheidung einem großen Kriege Mann gegen Mann und ohne Hinterlist überlassen wollten. Aber ich bleibe bei dem, was ich gesagt, Comanche, das ist kein Krieg um den großen Streit zwischen den beiden Farben, sondern ein Raubzug gegen Wehrlose, hervorgerufen durch die Intriguen schlechter Menschen, und es sollte mir herzlich leid thun, zu sehen, daß Deine Brüder, die Comanchen, dabei gemeinsame Sache machen mit diesen Spitzbuben, den Apachen!«

»Der Comanche,« sagte der Indianer ernst, »hat das Auge des Falken. Er findet seinen Weg allein durch die Prairie!«

»Gut, gut - ich bin alt genug, um zu wissen, daß Nichts zu machen ist gegen Vorurtheile, die man mit der Muttermilch eingesogen hat. Das Wichtigste ist, daß wir unsern Weg durch die Prairie nach der Goldhöhle, wie dieser würdige Mann wollte, nicht fortsetzen können. Wie hoch schätzest Du die Zahl der Apachen?«

Der Indianer hatte durch seinen langjährigen Umgang mit dem Trapper einige Kenntniß von den Zahlen gewonnen, eine Sache, die sonst sehr selten bei den Eingebornen zu finden ist.

»Drei Feuer,« sagte er - »an jedem Feuer lagert mindestens zehnmal die Zahl der offenen Hand.«

»Also fünfzig - das würde im Ganzen etwa Zweihundert des Gewürms abgeben, viel zu viel für drei ehrliche Büchsen. Es bleibt uns also nur übrig, mit dem Tagesgrauen den Rückweg einzuschlagen und über das

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Gebirge zu gehen. Was meint Ihr dazu, Meister Schielauge?«

Der Yankee kämpfte offenbar einen großen Kampf zwischen seiner Furcht und seiner Habsucht, schließlich aber gewann doch die erstere die Oberhand. »Ich calculire,« sagte er seufzend, »daß es das Beste sein wird, uns zurückzuziehen und zu erkundigen, wo dieser Franzose geblieben ist. Wenn seine Schaar mit den Wilden erst an einander gerathen, mögen sie sich meinetwegen auffressen wie zwei wilde Thiere! Der Klügere wird dann den Vortheil davon haben. Laßt uns sobald als möglich aufbrechen und unsern Weg zurücknehmen.«

»Die Brüder der Apachen kommen von Mitternacht her. Die Schielende Ratte wird ihnen in den Weg laufen. Ihre Pferde sind schnell.«

»Außerdem,« fügte der Kanadier hinzu, - »ist noch ein Umstand zu berücksichtigen. Unsere Vorräthe sind gänzlich aufgezehrt und wir können den Marsch nicht ohne dergleichen antreten.«

»Die Apachen,« sagte der Indianer - »haben wie die Hunde die Knochen abgenagt. Aber es fehlt nicht an Büffeln auf der Prairie. Wenn die Sonne aufgeht, werden sie eine große Jagd halten, um Fleisch für ihre Feuer zu gewinnen!«

»Hollah! das wäre eine Aussicht, Jaguar,« meinte der Trapper, sich mit der breiten Faust auf den Schenkel schlagend. »Es ist zwar etwas gefährlich hier in dem Versteck, aber ich sollte meinen, da die Spitzbuben alle zu Pferde sind, während ehrliche Christenmenschen zu Fuße gehn

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müssen, werden sie hier zwischen den Felsenrücken weniger verloren haben. Nun denke ich mir, daß wohl die meisten von dem Gewürm nur mit ihren Bogen und Pfeilen, statt mit einer guten Kentuckybüchse oder einem englischen Karabiner bewaffnet sein werden, und da sie ohne Sinn und Verstand auf der Prairie zu morden pflegen, wenn sie eine Heerde Thiere entdeckt haben, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß wir in dem hohen Grase leicht einen verendenden oder angeschossenen Büffel finden werden, den wir tödten können, ohne von unsern Büchsen Gebrauch zu machen. Das wird uns Vorrath für eine Woche geben und unter der Zeit werden wir mit Gottes Hilfe sicher einen Ausweg finden. Hast Du vielleicht bemerkt, Jaguar, von welchem Stamme der Apachen die ungebetenen Gäste dort drüben sind und ob sich Krieger von Ruf unter ihnen befinden?«

»Es ist Einer unter ihnen, dessen Namen das Blut meines weißen Vaters rascher schlagen macht!«

»Was? - Du meinst doch nicht -«

»Wis-con-Tah, die schwarze Schlange des[der] Mescaleros!«

»Fluch über den Schurken! dann haben wir allerdings Ursach, doppelte Vorsicht zu brauchen. Und Du hast ihn wirklich so in der Nähe gesehn, daß Du ihn erkennen konntest, Jaguar?«

»Der Krieger meines Volkes ist so nahe an ihm gewesen, daß er den Finger in die Narbe seines Halses hätte legen können, welche die Kugel meines weißen Vaters ihm gerissen hat!«

»Schade, schade, daß der Schuft damals in demselben

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Augenblick, als mein Finger den Drücker berührte, seinen Kopf wenden mußte: es wäre ein giftiges Gewürm weniger auf der Prairie gewesen! Aber wahrlich, Jaguar, ich bewundere Deine Kaltblütigkeit, daß Du so nahe bei dem Schurken sein konntest, der Deinen Erzeuger in den Hinterhalt lockte, wo ihn der »Graue Bär« erschlug, ohne daß Du selbst auf alle Gefahr hin einen tüchtigen Schlag nach ihm führtest. Ich glaube, ich wäre es nicht im Stande gewesen, mich also zu mäßigen.«

»Das Leben Wonodongah's gehört in diesem Augenblick nicht ihm!«

»Das ist wahr, Jaguar, es gehört der Rache an dem Franzosen und diesem Manne. Aber ich hoffe zu Gott, daß er auf unserm Wege uns wieder begegnen wird, wo zwischen der Büchse eines christlichen Jägers und ihm Nichts ist, als die Prairie, und dann will ich meine Rechnung mit ihm ausgleichen. Sonach ist es also Deiner Schlauheit und Deinem kalten Blut, das selbst über Deine Jahre hinaus ist, gelungen, ohne alle Anfeindung und ohne Abenteuer wieder hierher zurückzukehren?«

Statt der Antwort schlug der junge Indianer die Falten seines Jagdhemdes auseinander - an seinem Gürtel hing eine frische, noch blutige Kopfhaut.

»Teufel, Teufel!« brummte der Trapper, »das ist schlimm! dieser Wis-con-Tah wittert vergossenes Blut auf fünf Meilen in der Runde! Wie ist das gekommen,« mein Sohn?«

»Er war einer ihrer Späher und begegnete mir auf

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dem Rückweg durch die Prairie. Er schöpfte Verdacht und war auf meiner Spur!«

»Nun,« meinte Eisenarm, »ich sehe, daß es sich nicht anders thun ließ. Es ist immer besser, als wenn er unsern Zufluchtsort entdeckt hätte. Aber was hast Du mit dem Leichnam gemacht?«

»Er ist in einer Regenrinne unter Gras und Zweigen verborgen, so gut es die Zeit erlaubte!«

»Gott gebe, daß sie ihn nicht finden. Jetzt aber, Jaguar, strecke Dich noch eine Stunde auf die Decke dort nieder und stärke Deine Kräfte im Schlaf, denn Du wirst sie brauchen. Ich werde Dich wecken, wenn's an der Zeit ist.«

Der Comanche nahm die zweite Decke vom Ast, wickelte sich in sie, denn die Regenzeit war nahe und die Morgenluft daher frisch und kalt, und streckte sich auf dem Boden aus. Auch der Yankee suchte sich wieder eine Stelle zum Schlaf, obschon die Besorgniß über das, was er zum Theil gehört, - denn der größere Theil der Unterhaltung war in der Sprache der Comanchen geflogen worden, - ihn lange wach erhielt.

Der Morgen dämmerte und die grauen Wolkenstreifen im Osten begannen sich in Gold und Purpur zu färben, als der Kanadier den jungen Indianer weckte. Er hatte in dem Blechtopf bei dem Rest der Kohlen Kaffee von dem Verrath des Yankee bereitet und nöthigte ihn jetzt mit der Sorge eines Vaters, einen Becher des heißen Getränkes zu genießen. Dann sahen Beide auf das Genaueste ihre Waffen nach, steckten frische Zündhütchen auf ihre Büchsen, die bereits dazu eingerichtet

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waren und besprachen sich eine Weile über ihren Plan. Der junge Wilde schien vergeblich in seinen älteren Gefährten zu dringen, ihm allein das Wagniß der Beschaffung der Vorräthe zu überlassen, der Trapper verweigerte dies auf das Bestimmteste und traf seine Vorbereitungen zu dem Gange.

Unterdeß war auch Comeo erwacht und die Art und Weise, wie sie sich schweigend aber sorgsam, der Stellung der indianischen Frauen gemäß, um ihren Bruder beschäftigte, bewies, mit welcher Liebe sie an ihm hing und sich freute, daß er der Gefahr entgangen war, auch wenn sie ihre Gefühle nicht laut zu äußern wagte. Eisenarm unterrichtete sie von ihrem Vorhaben und wies sie an, sobald sie den Lärmen der Jagd auf der Prairie hörte, den Yankee zu wecken und ihn zur Aufmerksamkeit zu ermahnen. Unter keinen Umständen sollten sie den Schutz des Baumes verlassen, sondern lieber, wenn ja Gefahr drohe, daß ein Unberufener sich ihrem Versteck nähere, ohne daß die beiden Jäger es verhindern könnten, Schutz in den Aesten und dem dicken Moos und Blätterwerk des Baumes suchen. Zu dem Ende streuten vor ihrem Weggang noch Eisenarm und der Comanche die Kohlen des Feuers umher und vertilgten sorgfältig alle Spuren des Nachtlagers.

Die Sonne war unterdeß am Horizont empor getaucht und der Morgenwind begann die Nebel, die über der Prairie lagen, zusammen zu ballen und zu zerstreuen.

Zugleich ließ sich aus der Ferne das Brüllen der Büffel hören, die zur Tränke zogen.

»Es ist Zeit, Comanche,« sagte der alte Jäger - »in

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einer Viertelstunde werden wir das Geheul dieser Apachen und den Knall ihrer Büchsen vernehmen. Geh' Du zur Linken, indeß ich mich nach Rechts wende, damit wir den Nebel und die Einsamkeit der Prairieen noch benutzen, um uns verbergen zu können!«

Er nickte dem jungen Mädchen noch freundlich zu und glitt dann, ohne sich um den schnarchenden Yankee zu kümmern, auf die frühere Weise aus dem Schutze des Baums. Der Comanche war schon früher verschwunden. -

Wir müssen jetzt eine Zeit von etwa zwei Stunden überschlagen, während deren, mit Ausnahme etwa der Jagd, auf der Prairie nichts Ungewöhnliches vorfiel. Diese Jagd war in vollem Gange und wurde von den Wilden mehr zum Vergnügen, als zur Befriedigung des Bedürfnisses betrieben. Die Apachen hatten sich bei dem ersten Tagesgrauen von ihren Lagern entfernt, in denen nur etwa ein Dritttheil der ganzen Schaar zurückblieb, und sich zu zwei großen Halbkreisen ausgedehnt, um die Büffelheerde, die am Abend entdeckt worden war, auf dem Wege zur Morgentränke zu umgehen. Die Apachen sind vortreffliche Reiter, obschon sie darin doch den Comanchen nachstehen, und ihre Pferde die wilden feurigen Renner der Prairieen. Nachdem es ihnen gelungen war, die Heerde, wahrscheinlich den Zweig einer größeren, denn sie zählte nur etwa zweihundert Stück, einzukreisen, gaben die Häuptlinge das Zeichen zum Angriff und die Reiter stürzten unter wildem Geheul auf die Masse der Büffel zu, ihre Lanzen, Bogen und Büchsen in der Luft schwingend. Es bedurfte nur weniger Minuten, um die erschreckten Thiere auseinander zu sprengen,

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und nun galopirten die Reiter allein oder in Gruppen hinter den einzelnen Thieren drein, schossen - Seite an Seite - ihre Pfeile in ihre Rippen ab, oder suchten ihnen Lanzenstiche hinter die Schulterblätter beizubringen. Häufig, wandte sich jedoch das verwundete und verfolgte Thier um und dann wehe dem Reiter, der nicht genug Gewandtheit hatte, sein Pferd im selben Augenblick herum zu werfen und davon zu jagen.

Nur Wenige hatten den Muth, in einem solchen Augenblick mit der Lanze oder der Büchse in der Hand den wüthenden Bullen oder die ihr Kalb vertheidigende Kuh fest zu erwarten und das Thier mit sicherm Stoß auf das Blatt, aufrennen zu lassen, oder es durch einen glücklichen Schuß in's Gehirn zu tödten. Das Klagegeheul der Indianer verkündete schon bald nach Eröffnung der Jagd, daß einem ihrer besten Krieger der kühne Streich mißlungen war, indem die Kugel an der dicken Stirnmähne des Bullen absprang und dieser mit einem Stoß seiner kurzen, aber spitzigen Hörner allen weitern Heldenthaten des »See-Adlers« ein Ende gemacht hatte.

Aber selbst dieser Unfall konnte der Lust im Ganzen keinen Eintrag thun. - Andere Gruppen waren bei diesem Jagdspiel beschäftigt, ihre Lassos von Lederriemen oder die Bolo's, die gefährlichen Kugeln, um Horn oder Füße der flüchtenden Thiere zu schleudern und sie damit zu Boden zu reißen.

Die Jagd hatte bereits über zwei Stunden gedauert und die Apachen waren in Gruppen oder einzeln über die ganze Ebene zerstreut, ohne daß sie jedoch bis jetzt

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dem Abhang des Gebirges zu nahe gekommen wären, was wohl hauptsächlich darin seinen Grund hatte, daß die gejagten Thiere sich scheuten, in die steileren Hügel zu gerathen, weil ihr Lauf dort nicht so rasch war, als in der Ebene. Comeo und der Yankee waren wiederholt in die Aeste des Baumes gestiegen und hatten von dort, sich vorsichtig umgesehen, ohne doch das Nahen einer Gefahr zu entdecken. Dies hatte sie ziemlich sicher gemacht und sie nahmen aus der Ferne nicht ohne Interesse an dem aufregenden Schauspiel Theil.

Der canadische Jäger hatte lange in einer Erdspalte zwischen dem hohen und dichten Grase verborgen gelegen in der Hoffnung, daß der Zufall ihm eines der verwundeten oder ermatteten Thiere zutreiben würde, und er war eben im Begriff, ungeduldig seinen Platz zu wechseln, als er in einiger Entfernung den gellenden Schrei einer indianischen Kehle ausstoßen hörte. Er verbarg sich sogleich wieder und lauschte aufmerksam, aber ohne Erfolg - der Schrei wiederholte sich nicht, - dagegen raschelte und brach es von der andern Seite her durch die dürren Gräser und Baumwollstauden, und kaum zehn Schritt von ihm stürzte ein mächtiger Bulle mehrfach verwundet, während der Athem mit Blut vermischt aus seinen Nüstern drang, im Verenden nieder.

Der vorsichtige Jäger lauschte erst einige Zeit, während das Thier im letzten Todeskampf lag, ob sich keine Zeichen hören ließen, daß dasselbe verfolgt würde; die Jagd schien sich aber nach einem entfernten Theile der Prairie gezogen zu haben und der Büffel blos in seiner letzten

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Angst hierher geflüchtet zu sein, um hier zu verenden. Darauf kroch der Trapper hoch erfreut, daß ihm das Glück so günstig gewesen, aus seinem Versteck hervor, näherte sich vorsichtig dem Thier und machte seinem Todeskampf ein Ende, indem er mit fester Hand ihm die Kehle durchschnitt.

Der gewaltige Koloß schlug noch ein Paar Mal mit den Hufen, dann streckte er die Glieder und war todt. Eisenarm legte seine Büchse neben sich und begann alsbald das Geschäft, zunächst um den fetten Höker einen Kreisschnitt in die Haut zu machen und so dies kostbare Fleischstück in seiner Hülle abzutrennen. Dann legte er weiter den Rücken des feisten Thieres bloß, um einige tüchtige Stücke Filet zum Rösten auf den Kohlen abzuschneiden.

Plötzlich machte ihn eine Stimme erbeben und inne halten in seiner blutigen Arbeit.

»Mein weißer Vater,« lautete die Ansprache in schlechtem Spanisch, »ist gewiß lange genug auf den Prairieen gewesen, um das Recht des Jägers zu kennen. Das Wild gehört Dem, der es getödtet, nicht Dem, der es zufällig gefunden. Der Speer Mokawaunih's hat diesen Büffel in's Leben getroffen!«

Der Trapper hatte sich umgewendet, da die Stimme von der Seite herkam und nicht ohne daß ein gewisses Gefühl von Kälte, sein sonst so tapferes Herz überschlich, als er einen Indianer zu Pferde, kaum fünf oder sechs Schritte von sich entfernt, sah.

Der Apache, denn daß der Reiter zu der Schaar derselben gehörte und selbst ein Krieger von Ruf sein mußte,

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überzeugte ihn der erste Blick, hielt unbeweglich. Sein Karabiner hing an einem Riemen auf dem Rücken, seine Linke, die zugleich den einfachen Zügel seines Rosses hielt, hatte nachlässig die lange Lanze auf den Boden gestemmt, die Rechte aber hing an seinem Körper nieder und das scharfe Auge des Jägers bemerkte, daß sie die Rollen eines Lasso's trug.

Der Kanadier war wohl mehr als ein Mal in seinem Leben von einer plötzlichen Gefahr überrascht worden, aber nie hatte sie einen tiefern Eindruck auf ihn gemacht, als die gegenwärtige, da er wußte, wie viel für seine Freunde von dieser Entdeckung und seiner Kaltblütigkeit abhing.

»Der große Geist,« sagte er daher so ruhig als möglich, »hat die Büffel für alle seine Kinder erschaffen, für die rothen wie für die weißen. Die Krieger der Prairie haben heute eine gute Jagd gehabt, sie werden einem weißen Bruder, der hungert, dieses Fleisch gönnen!«

Er versuchte dabei die Hand nach seiner auf der andern Seite des Thieres liegenden Büchse wie zufällig auszustrecken, aber der funkelnde Blick, der sofort aus den schwarzen Augen des Indianers auf ihn schoß, belehrte ihn sogleich, daß dieses Manöver bemerkt und gedeutet worden sei. Er zog daher seine Hand wieder zurück und beschäftigte sich damit, die abgeschnittenen Stücke Fleisch in die Haut zu packen.

»Mein Vater muß sehr hungrig sein,« sprach der Indianer mit spöttischem Nicken nach dem Fleisch, »oder einen weiten Weg vor sich haben!«

»Das ist wahr! Du hast es getroffen, Apache,« sagte

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der Trapper. »Ich habe einen weiten Weg nach den Ansiedlungen und deshalb eben habe ich die Gelegenheit benutzt, um mir einigen Vorrath mitzunehmen. Ich hoffe, daß Eure Jagd eine recht glückliche gewesen ist!«

»Die Apachen sind Männer, der Büffel weiß, daß in ihrer Hand der Tod ist. Wenn der weiße Jäger ein Freund der Apachen ist, warum kommt er nicht mit mir, um an ihren Feuern auszuruhen und sich zu stärken? Mokawaunih's Name gilt im Rathe der Krieger und er wird für einen guten Platz seinem Gaste sorgen!«

»Ich bin überzeugt davon, Rothhaut und würde gern an dem Feuer der Apachen, meiner Freunde sitzen. Aber leider ist es diesmal nicht möglich, denn ich bin auf einem sehr eiligen Marsch und muß noch vor Sonnenuntergang einen tüchtigen Weg im Gebirge zurückgelegt haben.«

Der Indianer hatte sich vorgelehnt auf seine Lanze gestützt, er schien durch die Worte des Trappers vollständig getäuscht und ganz sorglos zu sein.

Eisenarm glaubte diese Stimmung benutzen zu müssen, um sich wieder zu erheben und in Besitz seiner Waffe zu setzen und machte eine entsprechende Bewegung.

»Mein weißer Vater hat vergessen,« sagte der Indianer ruhig, »daß hinter ihm vier Augen sind, die vielleicht mit Mißtrauen seine Büchse betrachten. Die Kugeln meines Vaters stehen in bösem Ruf!«

Mit einer raschen Wendung des Kopfes hatte der Kanadier in der That erkannt, daß er nicht mehr allein mit dem Indianer war. Zwei andere Apachen hielten in seinem

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Rücken, Büchse und Lanze in der Hand, offenbar bereit, auf einen Wink sich seiner zu bemächtigen.

Das Herz des Jägers krampfte sich zusammen, er fühlte, daß er einen Entschluß fassen müsse.

»Wenn mein weißer Vater ein Freund der Apachen ist,« sagte der Indianer, sich langsam aus seiner vertraulichen Stellung emporrichtend und die Stirn in Falten ziehend, »woher kommt es dann, daß Einer ihrer Krieger nicht weit von dieser Stelle erschlagen und seines Scalps beraubt liegt?«

Bei diesen Worten, die dem Kanadier zur Genüge den vorhin gehörten Schrei als bei der Auffindung der Leiche des in der Nacht von Wonodongah erschlagenen Spähers ausgestoßen erklärten, war kein Zweifel mehr möglich. Eisenarm sprang mit einem Satz empor und erfaßte seine Büchse. Aber in demselben Augenblick, ehe er sie noch emporzuheben vermochte, sah er eine dunkle Linie vor seinen Augen vorüber wirbeln und fühlte die Schlinge des Lasso um seinen Hals sich zusammenziehen.

»Hund von einem Bleichgesicht! Die Wölfe der Prairie sollen Deine Gebeine zernagen!«

Der Jäger hatte die Büchse wieder fallen lassen und mit beiden Händen nach dem todbringenden Riemen gegriffen; aber der Indianer hatte bereits das Roß gewendet, und trotz seiner herkulischen Stärke riß der Lasso ihn über den Körper des Büffels zu Boden.

Er fühlte, daß er verloren war!

In diesem verhängnißvollen Augenblick, während er fortgeschleift wurde und über und um sich das gellende

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Hohngelächter seiner Feinde vernahm, sah das bereits durch den Druck der Schlinge auf seine Kehle aus den Höhlen hervortretende Auge den Blitz eines Schusses und den gimmigen Krieger, der ihn am Lasso schleppte, mit zerschmettertem Schädel aus dem Sattel stürzen.

Zugleich hörte er mit dem Knall einen furchtbaren Schlag, wie das Brechen von Knochen.

Die Gewalt, die ihn zu Boden gerissen und seine Kehle zugeschnürt hatte, hörte auf; im nächsten Moment fühlte er sich emporgehoben und die Schlinge von seinem Halse gerissen.

»Möge mein weißer Vater schnell das Pferd besteigen, das sein Sohn für ihn bereit hat,« hörte der Trapper eine befreundete Stimme dicht an seinem Ohr, - »diese Wölfe werden sogleich hinter uns sein!«

Der Jäger, indem er einen tiefen Athemzug that und noch halb betäubt um sich schaute, fühlte doch, daß es jetzt keine Zeit sei zu Erklärungen. Er sah neben sich den Comanchen stehen, die rauchende Büchse noch an der Spitze des Laufs in der Hand, während die andere ihm die Zügel von zwei indianischen Pferden entgegenstreckte; die Körper von zwei Apachen lagen blutig mit zerschmettertem Schädel im Grase. Mit einer gewaltsamen Anstrengung, seiner wieder Herr zu werden, raffte er sich vollends empor, ergriff sein Gewehr und das Fell mit den Fleischstücken und schwang sich auf das nächste Pferd - im Nu war der Comanche auf dem andern.

»Vorwärts! vorwärts! nach dem Moosbaum!«

Es war in der That die höchste Zeit. Während die

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beiden Pferde durch das Gras der Prairie flogen, hörten sie hinter sich und von beiden Seiten das wilde Geheul der herbeieilenden Feinde, das sich noch verdoppelte, als diese bei den Leichen der Ihren angekommen waren. Es schien, als ob die Ebene plötzlich eine Legion von Teufeln ausgespieen, denn überall zeigten sich über den Graswellen die Lanzen und die Köpfe von Reitern, welche die Signalrufe ihrer Gefährten davon in Kenntniß gesetzt, daß sich Feinde auf der Prairie befänden, und zur Verfolgung aufforderten.

Die Jagd, die sich jetzt entspann, war eine weit tollere, als die vorhin auf die Büffel. Zuerst versuchten die beiden Reiter allerdings, die Verfolgung nach einer andern Richtung zu lenken, als dem Zufluchtsort ihrer beiden Gefährten; aber bald überzeugten sie sich, daß dies nur unnütz ihr Leben Preis geben hieß und ihr einziges Heil in dem Erreichen dieses Ortes lag. Trotz des rasenden Rittes fand dennoch der Comanche Gelegenheit, seinem Freunde Auskunft über die fast wunderbare Art seiner Rettung zu geben.

»Die Squaws der Apachen werden Klagelieder anstimmen, wenn ihre Männer und Brüder je wieder zu ihren Dörfern zurückkehren. Vier ihrer Krieger werden den Platz am Berathungsfeuer nicht wieder einnehmen.«

»Vier, sagst Du, Comanche? Ich weiß nur von dem, den Du gestern Abend erschlugst, und den beiden Leichen, die wir so eben zurückließen.«

Der Indianer deutete auf das Pferd, das unter ihm keuchte. »Glaubt mein Vater, daß dieser Platz leer war? Der Tomahawk des Großen Jaguars der Comanchen hat

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ihn leer gemacht. Wonodongah nahm die Stelle eines Apachen ein und hielt hinter seinem weißen Vater, als die falsche Zunge Mokawaunih's Worte der Freundschaft zu ihm redete.«

Das erklärte in der That Alles. Der junge Comanche, der gleich seinem Gefährten und in einiger Entfernung von diesem gleichfalls in der Steppe versteckt gelegen hatte, um den verwundeten Büffeln aufzulauern, war dabei von einem Apachen überrascht worden. Schnell entschlossen hatte er diesen getödtet, sich seiner Ausrüstung bemächtigt und, unterstützt durch die am Abend vorher vorgenommene Bemalung seines Gesichts mit den Farben und Zeichen der Apachen, hatte er das Pferd des Getödteten bestiegen. Er hatte sich kaum eine Strecke von dem Platz seines Sieges entfernt, als jener gellende Schrei ertönte, der aus der Gegend her kam, wo er in der Nacht den Körper des scalpirten Indianers verborgen hatte. Zugleich kam einer der Reiter, der sich zunächst auf der Jagd befand, an ihm vorüber gesprengt und winkte ihm, zu folgen, Wonodongah durfte nicht zögern, dies zu thun, und schloß sich ihm an, gewiß, leicht eine Gelegenheit zu finden, um sich unbemerkt wieder zurückziehen zu können.

Er konnte dies mit um so größerer Sicherheit wagen, als er schon während der Nacht bemerkt hatte, daß die Schaar der Apachen aus Abtheilungen verschiedener Stämme zusammen gesetzt war; zugleich hoffte der junge Wilde mit der ihm eigenen Treue und Aufopferung, daß er Gelegenheit haben könnte, seinem älteren Freunde, der sich nach

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jener Seite gewendet, ein Zeichen der Warnung im Vorüberkommen geben zu können.

Somit bewahrte er denn auch seine volle Kaltblütigkeit, als er mit seinem Gefährten, dem Apachen, bei dem Krieger anlangte, der den Trapper entdeckt hatte.

Er begriff sehr wohl, was das Ende der Unterredung sein würde. In dem Augenblick, wo Mokawaunih, der ihn ohne Argwohn für einen der Seinen hielt, den Lasso um den Hals des Kanadiers warf und ihn zu Boden riß, lag auch die Büchse an seiner Wange und seine Kugel zerschmetterte den Schädel des Feindes. Die Kugel hatte kaum den Lauf verlassen, als er zugleich den Lauf in seine rechte Hand sinken ließ und mit gewaltigem Schwung den Kolben gegen den Kopf des Apachen schwang, der noch an seiner Seite hielt und sich eben anschickte, seinem Kameraden Beistand zu leisten. Das Glück begünstigte die kühne That. Der Apache stürzte, wie vom Blitz getroffen, von seinem Pferd und Wonodongah hatte im Nu dessen Zügel ergriffen und stand neben seinem alten Freunde.

Das Uebrige weiß der Leser. Die beiden Flüchtigen waren jetzt auf tausend Schritt dem Hügel mit dem Moosbaum nahe gekommen, aber etwa sechs der Apachen, mit besseren Pferden versehen, befanden sich dicht hinter ihnen, und in einiger Entfernung folgte unter wüthendem Geschrei eine größere Zahl.

Die Reiter trieben ihre Pferde zur letzten Eile.

»Hört mein weißer Vater mich?« frug der Comanche.

»Sprich!« keuchte der Jäger.

»Dort, wo der Baumwollenbaum steht, müssen wir

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die Pferde verlassen. Sie können uns nicht länger tragen und der Weg den Hügel hinauf ist steil. Wir müssen versuchen, diese Hunde von Apachen zu täuschen!«

»Ich möchte wissen, für was dieser schuftige Yankee eine Büchse hat, wenn sie sich nicht hören lassen will bei der Noth seiner Freunde! Da ist es anders mit Dir, Jaguar! - Jetzt sind wir an der Stelle - bücke Dich, damit ihre Pfeile oder Kugeln Dich nicht treffen!«

Die beiden Reiter hatten mit einem plötzlichen Ruck ihre erschöpften Pferde angehalten und sich von ihnen geworfen. Im nächsten Augenblick, als die Apachen heran jagten, waren sie in dem hohen Grase verschwunden.

Die Indianer sprengten unter dem Wuthgeheul getäuschter Erwartung vorwärts, als ein Schuß vom Baume her das Pferd des vordersten traf und es sich überschlagen machte. Gleich darauf fiel ein zweiter Schuß und warf einen der Reiter von dem Rücken seines Thiers. Die Verfolger stutzten und hielten an - ein gellendes Triumphgeschrei, von der Kehle des Comanchen ausgestoßen, ertönte sich vom Fuß des Hügels und das donnernde »Hurrah! Brav gemacht, Kinder!« des Trappers mischte sich darein. Gleich darauf sah man die Gestalten der beiden Verfolgten den Hügel hinauf eilen und unter der Decke von Moos verschwinden.

Die Apachen wandten eilig ihre Pferde und entflohen aus der Schußweite. - - -

Eine Minute standen unter dem sichernden Versteck die beiden Flüchtigen mit keuchender Brust, während an dem Stamm der Eiche die zierliche Gestalt Comeo's, den

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Karabiner ihres Bruders in der Hand, herunter glitt und mit freudig funkelndem Auge sie betrachtete.

»Das waren zwei Schüsse, und zwar zur rechten Zeit, Mädchen,« sagte endlich der Trapper. »Da Meister Schielauge nur ein Gewehr hat, so mußt Du den einen gethan haben?«

»Comeo hat ihren Bruder in Gefahr gesehn,« sagte das Mädchen schüchtern aber mit einem Blick der Liebe auf den Gegenstand ihrer Sorge. »Sie hat in ihrer Angst nicht länger zögern können, einen Schuß auf seine Feinde zu thun!«

»Es ist gut!« erwiederte ruhig der Comanche. »Nimm dies Fleisch und zünde das Feuer an!«

»Nein, es ist nicht gut,« rief trotz der drohenden Gefahr und während er an der Mooswand eine kleine Oeffnung machte, um hinaus zu schauen, der Trapper - »es war vortrefflich! und ich wette Comeo, daß Dein Muth allein den Meister Schielauge veranlaßt hat, uns auch eine Kugel zu Hilfe zu senden. Ich bin Dir und Deinem braven Bruder von Herzen verpflichtet, wenn auch das Leben eines Jägers gerade nicht viel werth ist in der Prairie. Es ist heute das zweite Mal, Comanche, daß Du meinen Scalp gerettet, und wenn Schwören bei einer so geringfügigen Sache nicht eine Sünde wäre, würde ich Dir geloben, daß ich Dir's gedenken will, so lange ich noch eine Büchse heben, oder ein Messer fassen kann. Aber halt - diese rothen Teufel kommen uns etwas zu nahe und bedürfen einer Lection. Ist Deine Büchse wieder geladen, Jaguar?« Der Comanche, der dies wichtige Geschäft sofort nach

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seinem Eintritt begonnen, trat statt aller Antwort an den Moosvorhang.

Die Waffe des Trappers hatte sich unterdeß zwischen den Zweigen hervorgestreckt, und da die weißen und dunklen Reflexe des Mooses und der Blätter nicht gestatteten, auf so weite Entfernung die drohende Mündung zu gewahren, hütete sich der Apache, den der Trapper glücklicherweise von seinem höheren Standpunkt zu Fuß durch das Gras hatte heran schleichen sehen, nicht genugsam, bis Blitz und Knall aus der Blätterwand schlug und der Unglückliche einen hohen Sprung that und dann platt auf das Gesicht zu Boden fiel.

Ein neues Geheul erhob sich; aber der glückliche Schuß hatte die Wirkung, daß die Apachen sich weislich aus dem Bereich der gefährlichen Büchsen hielten. Dagegen sahen die beiden Freunde, wie sich immer mehr und mehr der Indianer in dieser Entfernung versammelten und Boten hin und her durch die Prairie sprengten, um die noch Zerstreuten zu sammeln. Auch der Yankee war jetzt von dem Baum nieder gestiegen und machte in einigen Verwünschungen seinem Verdruß und seiner Angst über ihre gefährliche Lage Luft.

»Ich calculire, Meister Eisenarm,« murrte er, »da Ihr ein gutes Pferd zwischen Euren Beinen hattet, es wäre vernünftiger und unserm Contract entsprechender gewesen, Ihr hättet diese heulenden Teufel nach einer anderen Seite gelockt, als gerade hierher, wo Ihr wußtet, daß ich verborgen lag. Was nützt uns nun das Büffelfleisch, das Ihr gebracht habt, wenn diese rothen Satane

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uns zuvor den Kopf einschlagen! Ich fürchte, von einem vernünftigen Vergleich werden sie Nichts mehr hören wollen, nachdem wir ihnen einige der Ihren erschossen haben. Ich hab's wahrhaftig nicht gern gethan, aber das Mädchen zwang mich dazu durch ihre Unvorsichtigkeit!«

»Es hat allerdings den Anschein, Mann,« sagte der Trapper mit philosophischer Ruhe, »daß wir hier unsern Scalp lassen müssen, wenn Gott nicht ein Wunder thut. Was aber das Fleisch anbetrifft, so sehe ich nicht ein, weshalb wir uns das nicht zu Nutze machen sollen, so lange noch Odem in uns ist und wir diese Schurken von unserer Festung abhalten können. Ich verspreche Euch, Schielauge, wenn es zum Aeußersten kommt, immerhin ein halbes Dutzend auf mich zu nehmen. Sie sollen mich kennen lernen, eine Ehre, die sie bisher nicht gehabt zu haben scheinen, weil die meisten von ihnen Lipanesen und Mimbrenos sind10, mit denen ich bisher weniger zu thun gehabt habe. - Aber bemühe Dich nicht Comeo, dürre Zweige zu suchen, - jetzt wo die Halunken unser Versteck wissen, ist es gleichgültig, ob ein bischen mehr Rauch oder nicht ihnen in die Nase kommt. - Wie denkst Du, Jaguar, über unsere Lage? Ich meinerseits muß gestehen, daß ich sie ziemlich unbehaglich finde, obschon ich noch keineswegs gesonnen bin, mein Todtenlied anzustimmen, was die Schweine da draußen auch gar nicht einmal werth wären!«

Der Comanche blieb an seinem Posten stehen, während

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er auf die Aufforderung seines Freundes zum Kriegsrath antwortete.

»Nicht die Apachen werden Bras de fer und seine Freunde besiegen, aber das Gras!«

»Das ist wahr, Jaguar! Wenn wir auch noch so scharfen Ausguck halten, wird es uns doch unmöglich sein, zu verhindern, daß sich einer oder der Andere im Schutz der Gräser und Stauden näher schleicht und in den Hinterhalt legt. Dann werden, ihre Pfeile dieselben Dienste thun, wie unsere Kugeln!«

»Das Feuer!«

Das Wort genügte, um dem Trapper die Idee seines jungen Freundes klar zu machen. »Weiß Gott, Du hast Recht Jaguar, wir wollen die Spitzbuben aus ihrem Versteck herausräuchern, ehe sie weiteres Unheil stiften können. Es ist ein Luftzug von den Bergen her und die Spitze des Hügels ist ziemlich frei von Gras. Es wird nur darauf ankommen, daß Ihr die Flamme von dem Baume abhaltet; aber ich will so weit wie möglich hinab gehen, wenn ich das Gras anstecke.«

Es schien dem Trapper eine ganz einfache Sache, daß er sein Leben den Kugeln und Pfeilen preisgeben wollte, und er griff ohne weitere Vorbereitungen nach einem Brande des Feuers, an dem bereits die Streifen des Büffelrückens brieten.

Aber die Hand des Comanchen hielt ihn zurück,

»Warum will mein weißer Vater sein Leben wagen, wenn wir ein Mittel haben, das zu vermeiden?«

»Ein Mittel? nun bei Gott, Jaguar, es liegt mir

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Nichts daran, diesen Spitzbuben zur Spielscheibe zu dienen. Aber ich sehe kein Mittel.«

»Eisenarm möge meinen Posten einnehmen und seine Büchse bereit halten, indeß ich die Vorbereitungen treffe,« sagte der junge Mann einfach.

Der Jäger ging sogleich an den Moosvorhang, konnte sich aber nicht enthalten, einen Blick rückwärts nach dem Feuer zu werfen, wo der Comanche unterdeß mehre glühende Kohlen heraus gesucht. Dann nahm er aus dem Köcher von getrockneter Haut, den er am Abend vorher benutzt hatte, drei der etwa zwei Fuß langen Pfeile und holte von dem nächsten Baumast eine Partie trocknen Mooses.

Der Trapper schlug sich vor die Stirn. »Daß ich daran nicht dachte!« Von jetzt an, überzeugt, daß der Versuch ohne Gefahr ausgeführt werden würde und gelingen müsse, verwandte er seine Aufmerksamkeit allein auf seinen Posten.

Er bemerkte bald, daß sie sich zu einer Berathung zurückgezogen hatten und eine Person von Bedeutung - ein Häuptling - angekommen sein mußte.

»Ich wollte zehn Biberhäute darum geben,« sagte er zu dem Yankee, der wieder auf den Baum geklettert war und über ihm in den Aesten mit einem kleinen Taschenperspectiv Wache hielt, - »und wenn ich zu deren Fang bis an den Rio del Norte wandern müßte, wenn mir dieser schiefhälsige Schurke, die Schwarze Schlange der Apachen hier noch einmal zum Schuß kommen sollte! Wenn Ihr mit Eurem Dings da mehr als andere Leute mit ihren

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geraden Augen sehen könnt, so laßt uns ein Wort davon hören.«

»Ich sehe viele Indianer zu Pferde in einem Kreise versammelt,« berichtete Brown. »In der Mitte befinden sich ihrer drei, die Federn in ihrem Haarschopf tragen.«

»Das sind die Häuptlinge. Sagt mir, Mann, könnt Ihr kein besonderes Zeichen an ihnen erkennen, wodurch sie sich von den andern Schurken unterscheiden, denn Schurken sind sie alle!«

»Der Eine, ein großer starker Mann - Gott im Himmel, was hat der Kerl für ein grimmiges Gesicht! - trägt eine Wolfshaut um die Schulter und der Rachen des Thiers liegt gerade auf seiner linken Achsel.«

»Ha - ich kenne ihn, wenigstens dem Ruf nach,« bemerkte der Jäger. »Es ist Kataumih, der »Springende Wolf« der Lipanesen, ein tapferer Häuptling. Aber die Anderen?«

»Der Zweite,« berichtete der Yankee vom Baume her, »hat ein unförmliches Ding, wie ein Herz oder eine Pfeilspitze mitten auf der Stirn gemalt mit rother Farbe. Er hat nur ein Auge wie ein Cyclop.«

»Ich weiß nicht, was das für ein Thier sein mag, ein Cyclop,« sagte der Trapper - »jedenfalls kann es nicht in der Prairie leben. Was aber den Burschen selbst betrifft, so muß es Eurer Beschreibung nach der »fliegende Pfeil« sein, der junge Häuptling der Mimbreno's, von dessen Grausamkeit und Kriegslust sie in der Wilduiß viel erzählen. Aber sollten wirklich die größten Schurken von

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Allen, der »Graue Bär« und die »Schwarze Schlange« nicht dabei sein?«

»Ich bitt' Euch, Señor,« flüsterte der Yankee von den Zweigen nieder - »seht nach Links dort, es ist mir, als hätte ich schon zwei Mal den Kopf eines Indianers zwischen den Halmen auftauchen sehen!«

»Bah, ich habe das Gewürm längst beobachtet, der Kerl scheint des Vagabondirens auf der Prairie müde zu sein und sich nach den Jagdgefilden seiner Väter zu sehnen. Sprecht ruhig weiter, Meister Schielauge und kümmert Euch um den Halunken nicht. Wie sieht der dritte von den Häuptlingen aus?«

»Es ist ein kleiner Kerl, spricht aber am meisten von Allen. Er trägt den Kopf etwas nach der linken Schulter geneigt und von seinem Haarbusch hängt ein langes schwarzes Ding herunter, wie eine Wurst oder wie ein Trauerflor in den Ansiedlungen!«

Der Jäger lachte. »Ihr scheint mir ein Leckermaul, Meister Schielauge,« sagte er. »Das, was Ihr für eine Wurst haltet, ist nichts Anderes, als der Totem, das Wahrzeichen dieses alten giftigen Schurken, die Haut einer schwarzen Schlange, die, als sie noch umherkroch, gewiß nicht giftiger gewesen ist, wie ...«

Er unterbrach seine Rede plötzlich und ein Blitz und Knall folgte, dem ein Geheul des Schmerzes antwortete. Der Yankee sah von der Stelle, wo er vorhin den Kopf eines Indianers bemerkt zu haben glaubte, einen Mann emporspringen und eilig zu den Seinen flüchten, indem er den blutigen Stummel der rechten mit seiner Linken hielt.

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»So,« meinte Eisenarm - »dem Halunken ist das Spielen mit Schießgewehr einstweilen versalzen und ich hoffe, daß seine Flinte selbst zu keinem Schuß mehr taugen wird. Also ein kleiner boshafter und redseliger Kerl mit einer Schlangenhaut am Schopf, sagt Ihr, Mann? Nun dann könnt Ihr vor jedem Richter in den Ansiedlungen die Bibel darauf küssen, daß Ihr das schlechteste Gewürm in der ganzen Prairie gesehen habt. Hast Du gehört, Jaguar: der »Springende Wolf«, der »Fliegende Pfeil« und die »Schwarze Schlange« - es ist bei meines Vaters Haupt keine schlechte Gesellschaft, mit der wir uns hier messen, und ich möchte nur wissen, wo der »Graue Bär« steckt, ohne den sich doch die Schlange selten zu einer Teufelei wagt! Wenn Du Dich nicht eilst Jaguar, dürften sie bald eine neue aushecken, die uns den Scalp kosten könnte!«

»Hier,« sagte der Comanche - »drei Seiten, drei Pfeile! Mein Vater möge auf den Baum Acht haben.«

Der junge Indianer hatte zu seinem Zweck sich einer sehr einfachen Maschinerie bedient. Er hatte die Spitzen der Pfeile mit Flocken der wilden Baumwollenstaude umwickelt, die zahlreich von dem Wind an den Baum geweht waren, einen glimmenden Holzzweig darauf gebunden und die ganze Spitze mit den langen Moosflechten umwickelt. Jetzt bückte er sich unter den Moosvorhang und schoß rasch diese drei Pfeile im Bogen nach verschiedenen Seiten ab.

Da der Brand eben noch durch die Moosflechten verdeckt war, konnten die Feinde nicht sogleich bemerken, was der Zweck dieser Manipulation war. Aber gerade das Durchschneiden der Luft entzündete die Flamme, und die

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Pfeile waren kaum in das hohe Gras niedergefallen, als sich von diesen Stellen aus leichte Rauchwölkchen in die Höhe kräuselten und gleich darauf eine fliegende Flamme emporschoß.

»Jetzt Kinder gilt's,« rief der Trapper. »Comeo, nimm Deine Flinte und komm gleichfalls her. Wir können der Kugeln nicht zu viele haben, wenn es ihnen einfallen sollte, unter dem Schutz des Rauches rasch einen Angriff zu machen.«

In der That wäre dies bei der großen Uebermacht der Apachen auch anfangs ein verhältnißmähig leichtes Unternehmen gewesen; aber sei es, daß sie gänzlich überrascht von dieser Vertheidigungsmaßregel ihrer Gegner und die Anführer zu weit entfernt waren, sei es, daß sie einen direkten Angriff scheuten, ehe sie die Zahl ihrer Feinde kannten - der günstige Augenblick ging vorüber, nur ein neues Wuthgeheul beantwortete die kühne Maßregel der Belagerten, und in wenig Minuten blieb Jenen Nichts übrig, als eilig die Flucht zu ergreifen und sich von den Wirkungen der Flammen zu retten, die jetzt wie eine hohe Feuermauer den Hügel umgaben und in rasender Schnelle sich weiter verbreiteten.

Die - bis auf das Ufer der kleinen Quelle - bei der vorgerückten Jahreszeit völlig ausgetrockneten Gräser und Stauden gaben dem Brande eine vortreffliche Nahrung, und der leichte Luftzug von der Felswand her trieb die Flammen sichtlich in die Prairie hinaus, so daß bald jede Gefahr für den schützenden Baum selbst verschwunden war.

Der Trapper stieß bei dem Anblick der fliehenden Reiter,

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so lange der Rauch ihm diesen gönnte, ein heiteres Lachen aus. »Den Henker,« rief er - »diese Spitzbuben werden lange Beine machen müssen, wenn sie nicht schlimmer geröstet werden wollen, wie unser Büffelrücken. Was meinst Du wohl, Comanche, ob Dein Feuer sie erreichen wird?«

Der Indianer, der mit gleichem Interesse den Vorgang beobachtet hatte, erhob leicht den Arm und wies nach einer Stelle, wo die Rauchwolken sich ein wenig theilten.

»Der Apache ist ein Hund. Er weiß, wo die Hunde trinken,« sagte er.

»Richtig - das ist wahr, ich habe den Weiher heute Morgen bei unserm Gange bemerkt. Wenn sie so schlau sind und Zeit haben, sich dorthin zu flüchten, werden sie allerdings nicht weit zu laufen brauchen. Aber dann müssen sie ihre Lagerplätze preisgeben und Alles, was sie dort zurückgelassen haben, verlieren.«

»Die Schwarze Schlange,« erwiederte der Comanche »ist schlechter als ein Hund, aber er ist ein Häuptling. Er weiß, daß das Feuer das Feuer vertreibt.«

»Richtig - Du denkst an Alles, Jaguar. Es sind genug Pferde unter den Beinen jenes Spitzbuben, die selbst mit dem Sturmwind um die Wette laufen könnten. - Wahrhaftig, dort hinten steigt eine zweite Rauchwand empor - ich glaube selbst, daß sie diesmal noch nicht nach Verdienst gebraten, und daß wir noch einige Kugeln mit ihnen zu wechseln haben werden. Aber wenigstens ist auf zwei Büchsenschüsse weit das Terrain hier gesäubert und keine Maus kann heran kommen, ohne daß wir sie bemerken.«

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Es war in der That so, wie die beiden erfahrenen Jäger schlossen. Die Apachen, überrascht von dem Feuer, hatten sich auf den Ruf ihrer Häuptlinge und mit dem Instinkt, den das Leben in der Prairie gegen die gewöhnlichen Gefahren derselben allen Eingebornen verleiht, nach dem kleinen Weiher gestürzt, welchen jenseits der Hügel und Felsstücke das Wasser des Quells in einer Niederung des Bodens bildete, während zugleich mehre ihrer besten Reiter in der Richtung der Lagerstätten davon eilen und an entfernten geeigneten Stellen einen Brand dem Brande entgegensenden mußten. Bei der Bildung des Terrains und da es der nahen Berge halber in diesem Theile der Prairie an kleinen Bächen oder breiteren, wenn auch trockenen Wasserrinnen nicht fehlte, war dies nicht schwer, auszuführen.

So erstreckte sich der Brand denn mehr nach der Seite, von welcher die Gesellschaft des Yankee zuerst gekommen war, und gewann nicht die Ausdehnung, welche Prairiebrände, namentlich in dieser Jahreszeit zu haben pflegen, obschon nach einigen Richtungen hin auch nach Stunden noch dunkle Rauchwolken fortfuhren, sich am Horizont fortzuwälzen und somit anzeigten, daß das Feuer noch keineswegs ganz erloschen war.

Dagegen blieb der erste Zweck der Jäger vollständig erreicht und der Hügel, dessen steiniges, ziemlich kahles Erdreich die Flamme verschont hatte, auf wenigstens zwei Büchsenschüsse weit von dem Gestrüpp der Gräser und Stauden vollständig gesäubert, das den Apachen das Heranschleichen an die einzelnen am Fuß liegenden Steine und

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Felsstücke erleichtert hätte, wo sie Deckung genug gefunden haben würden, um die seltsame Festung ernstlich zu belästigen und einen allgemeinen Sturm vorzubereiten. Freilich konnte dieser Schuß nur für die Tagesstunden gelten; denn das schützende Dunkel der Nacht mußte für die Angreifer den früheren Schutz des Grases ersetzen und ihnen das Heranschleichen noch mehr erleichtern.

Das waren auch die Gedanken, die den Trapper schwer bedrückten, während die drei Männer jetzt an dem Stamme der Eiche sahen und eine tüchtige Mahlzeit an dem gebratenen Büffelfleisch hielten, indeß Comeo an der Mooswand Wache stand. Mehre Pläne wurden hin und her berathen, aber alle wieder verworfen. Eine sofortige Flucht war unmöglich: erstens weil der Boden der Prairie ein bis zwei Stunden brauchte, um sich wieder abzukühlen, vorzüglich aber, weil offenbar die Apachen in der Nähe lauerten, bereit, sich bei einem solchen Versuch auf die dann schutzlose Gesellschaft zu stürzen. Es dauerte denn auch nicht lange, bis ihre Feinde sich wieder zeigten, außerhalb jeder Schußweite hin und her sprengten und mit Schwenken ihrer Waffen und Geschrei sie verhöhnte« und bedrohten.

So vergingen mehrere Stunden, der Abend nahte heran und als endlich die Jäger beschlossen hatten, mit der ersten Dunkelheit auf jede Gefahr hin den Versuch zu machen, nach jener Richtung zu entwischen, woher sie gekommen, verkündete der Yankee, dem meist der Beobachtungsposten in den Aesten der Eiche übertragen war, daß von dort her ein zahlreicher neuer Trupp Indianer sich nähere.

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Der Comanche hatte unterdeß längst die verhaßte Malerei der Apachen, die ihm so gute Dienste geleistet hatten, wieder aus seinem Gesicht gewischt und dafür die Kriegsfarben seiner Nation sich angemalt, und der Trapper sprach eben über die geringen Aussichten zu entkommen mit dem Mann, dessen Habsucht und Goldgier sie in diese Klemme geführt hatte und tröstete ihn damit, daß man ja doch nur ein Mal sterben könne und ihre Feinde die Apachen höchst wahrscheinlich ihre Rache an dem zweiten Liebhaber des Goldthales, dem französischen Grafen übernehmen würden, als der sehr wenig zu dieser Philosophie geneigte Amerikaner plötzlich einen Schrei des Schreckens ausstieß und lang und schwer von dem Ast herunter auf den Boden plumpte, daß die Kohlen, an denen der Rest des Fleisches behufs der bessern Aufbewahrung in Streifen trocknete, auseinander stoben.

»Zum Henker, Meister Schielauge,« rief der Trapper - »was in aller Welt ficht Euch an, daß Ihr Euren Posten verlaßt, wie ein Sack Mais den Rücken eines Esels? Könnt Ihr nicht reden Mann - habt Ihr etwa einen Apachen oben im Baume gesehen?«

»Um Gotteswillen,« stöhnte der erschrockene Jonathan, der noch immer zwischen den heißen Kohlen saß - »habt Ihr's nicht bemerkt? Dort - dort! Helft mir um Gotteswillen auf oder ich verbrenne!«

Aber der Jäger achtete nicht auf die neue Gefahr, in der sein contractlicher Herr und Meister schwebte; denn seine ganze Aufmerksamkeit war in der That in anderer Weise und weit dringender in Anspruch genommen.

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Er sah den Comanchen in horchender Stellung den Kopf niederbeugen und dann sich rasch und gewandt auf die Aeste des Baumes schwingen.

Zugleich ließ sich ein leichtes knurrendes Brummen hören, das sich allmälig verstärkte und aus dem Laub des Baumes zu kommen schien.

Der Trapper sah sich überall um, aber er konnte die Ursache nicht entdecken; Meister Jonathan Brown hatte unterdeß für gut befunden, sich selbst aus seiner unangenehmen Lage auf Kosten seiner Beinkleider zu befreien.

Der Kanadier wollte eben eine neue Frage thun, als der Comanche an dem Stamm des Baumes nieder glitt und die Hand auf seine Schulter legte.

»Mein weißer Vater,« sagte er ernst, aber vollkommen ruhig, »hat sich vorhin gewundert, daß er den Grauen Bär der Gileno's nicht unter den Apachen gesehen hat.«

»Gewiß! aber was soll das hier? oder hast Du vielleicht eines Deiner kleinen Kunststücke geübt, Jaguar, um dem Burschen da noch mehr Angst einzujagen, als er so schon um seinen Scalp hat? - Ich sollte aber meinen, es wäre eine schlechte Zeit jetzt zu solchen Scherzen.«

Der Comanche lächelte, während das Brummen sich wiederholte und den Jäger überzeugte, daß es nicht von seinem jungen Freunde ausgegangen.

»Eisenarm,« sagte der Indianer - »braucht sich nicht um den Grauen Bären der Apachen zu kümmern, da er den Grauen Bär der Felsgebirge in seiner Nähe hat!«

Die Wahrheit überkam den Kanadier wie mit einem Blitzschlag; aber er hätte es wirklich lieber gesehen, wenn

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zehn Apachen zugleich auf ihn eingestürmt wären, als daß die Nachricht wahr sei, die sein junger Gefährte ihn gegeben. Dennoch konnte er sich nicht der Wahrheit verschließen und indem er hastig nach seiner Büchse griff, flüsterte er: »Wo, Jaguar, wo ist das Unthier?«

Aber der Comanche legte die Hand auf seinen Arm und entfernte die Büchse. »Es ist keine Gefahr,« sagte er. »Mein weißer Vater möge sehen und uns dann Rath halten lassen!«

Er führte den Jäger geräuschlos nach der Rückseite des Baums und deutete in einer Lücke der Zweige nach der Felswand.

Ein grimmiges Brummen und Schnauben ließ sich hören.

Der Trapper blickte erstaunt nach oben. In der glatten Felswand, an einer Stelle, über der ein starker Ast bis an das Gestein reichte, befand sich ein Spalt oder Loch etwa vier Fuß hoch und drei Fuß breit, das der Trapper bei früherer Untersuchung der Oertlichkeit gar nicht beachtet hatte, da einestheils das aus dem Felsen wachsende Moos und Kraut es großentheils verdeckten, oder das Dunkel des Abends es versteckte, und er es selbst am Morgen, wenn er da Zeit zu einer weitern Untersuchung gehabt hätte, für eine der gewöhnlichen Klüftungen und Spalten der Felsen gehalten haben würde.

Die Spalte oder dieses Loch befand sich in der Höhe von etwas mehr als zwei Manneslängen, also etwa zwölf Fuß hoch vom Boden. Aus dieser Oeffnung aber schauten den Trapper zwei runde in grünlichem Feuer schillernde

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Augen an, die tief zwischen hellbraunen Haaren und über einem Rachen lagen, dessen spitze schwarze Schnauze sich von Zeit zu Zeit öffnete und eine Reihe von scharfen weißen Zähnen zeigte, die einen Eisenstab hätten zermalmen können.

»Alle Teufel,« rief der Kanadier - »das ist wahrhaftig ein Weißer Bär! Warum hältst Du mich ab, auf die Bestie zu schießen? Wir thun sonst eben so gut, uns den Apachen freiwillige auszuliefern, als noch länger hier zu warten, daß das Ungethüm herunterkommt.«

Der Indianer zog jedoch den Kanadier zurück. »Die Schielende Ratte möge herbeikommen,« sagte er zu dem Yankee, der sich - die Büchse in der Hand - bis an den äußersten Rand ihrer kleinen Festung geflüchtet hatte. »Comeo wird genügen, Wache zu halten gegen die Apachen.«

Meister Jonathan schlich zitternd heran, fortwährend nach der Felswand schielend. Die Thatsache, daß außer ihren grausamen Feinden, den Apachen, noch das schlimmste und gefährlichste Raubthier der Prairie und des Gebirges sich in ihrer Nähe befand, hatte all' seinen Muth gebrochen. In der That ist der weiße Bär in jenen Gegenden der furchtbarste Feind, auf den man stoßen kann. Seine Wildheit und seine Kraft sind gleich groß. Er ist im Stande, mit einem Schlage seiner mit langen Klauen bewaffneten Tatzen einen Büffel zu Boden zu strecken, und ein Pferd in seinem Rachen fortzuschleppen. Seine Muskelkraft ist enorm. Dazu läuft er so rasch, wie ein Roß galopirt und selten entgeht ihm ein fliehender Feind. Daher gilt ein Kampf mit ihm und seine Erlegung als die größte Heldenthat unter den Indianern. Zum Glück kommt dies gefährliche

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Unthier nur selten vor und hält sich meist in den rauhern Felsgebirgen auf, es sei denn, daß er vom Hunger getrieben sein Lager näher an den Prairieen in irgend einer Schlucht oder zwischen verwittertem Gestein aufgeschlagen hat.

Der junge Comanche stand an den Stamm der Eiche gelehnt, die Arme in einander verschlungen, so ruhig und gelassen da, während die beiden Männer zu ihm traten, als ob es gälte, friedlich am Berathungsfeuer ihrer sichern Wohnungen irgend einen gleichgültigen Beschluß zu fassen, nicht als ob sie rings von den größten Gefahren umgeben wären.

»Was denkst Du von unserer jetzigen Lage, Jaguar?« frug der Trapper. »Ich meine, es wäre vollkommen genug gewesen an einem oder dem anderen dieser Gegner, nicht, daß sie uns beide über den Hals kommen. Wir müssen etwas rasch unsern Kampfplan fassen, denn der Bestie da oben kann es jeden Augenblick in den Sinn kommen, über uns herzufallen.«

»Der Bär wird warten, bis wir ihn angreifen!«

»Ja - wenn er noch kein Menschenblut geschmeckt hat, sonst möchte es doch nicht lange dauern. Nach dem Kopf der Bestie zu urtheilen, scheint sie eine der größten ihrer Art. Ich sollte meinen, wenn wir uns so nahe als möglich heranschlichen und zu gleicher Zeit Feuer auf sie gäben, könnten wir ihr vielleicht den Garaus machen.«

Der junge Mann legte mit einem stolzen Lächeln die Hand auf die mächtige Tatze, die er auf der Brust trug, da er mit der Kriegsmalerei seines Stammes auch jenen seltsamen Schmuck wieder angelegt hatte, den wir bei

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seinem ersten Erscheinen - auf der Plazza von San Francisco - beschrieben haben.

»Ich habe gesehen, daß der Alte der Berge« - dies ist ein Name, den die Indianer dem grauen Bären zu geben pflegen - »sieben Kugeln im Leibe hatte, und nicht zu Boden fiel.«

»Wahr, wahr Jaguar, und Dein Tomahawk war es, der ihm den Rest gab.«

»Wenn die Apachen den Knall unserer Büchsen hören,« fuhr der Comanche fort, »ohne daß sie die Kugeln sehen werden sie glauben, daß wir uns unter einander tödten oder daß wir nicht mehr zu treffen vermögen. Sie werden neugierig sein wie die Raben und eilig herbeikommen.«

»Das ist richtig - aber was sollen wir thun? Es ist noch zu früh am Tage, um unsern ersten Vorsatz auszuführen, und den Versuch zu machen, uns durchzuschleichen.«

»Hat mein Vater die Felswand betrachtet unter der Wohnung des Alten der Berge?«

»Freilich - sie ist glatt und steil, und jetzt wissen wir auch, weshalb die Knochen von Hirschen und andern Thieren dort liegen. Die Bestie hat sie aus ihrem Schlupfwinkel fallen lassen.«

»Eisenarm,« fuhr der Comanche lächelnd fort, »hat sonst ein ziemlich gutes Auge. Hat er vielleicht die Spuren des Alten der Berge unter der Felswand auf dem Boden bemerkt?«

»Nein - das weißt Du so gut wie ich! Sie hätten uns unmöglich entgehen können, und das war es eben, was

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uns gestern Abend so verblüffte, daß wir zwar Knochen, aber keine Spur eines Raubthiers fanden.«

»Mein Vater ist ein alter Jäger,« fuhr der junge Mann fort. »Er weiß sehr wohl, daß der weiße Bär nicht auf die Bäume und glatten Steine klettern kann.«

»Gewiß - es ist die einzige gute Eigenschaft, welche die Natur noch diesem Viehzeug gegeben hat. Aber was willst Du damit sagen, Jaguar?«

Der Indianer hob ruhig seine Hand und deutete nach der Oeffnung. »Will mein Vater mir vielleicht sagen, wie der Bär dort hinein gekommen ist?«

Die einfache Frage ließ sofort dem Trapper ein Licht aufgehen. »Bei Gott, Jaguar,« sagte er aufgeregt - »Du hast Recht. Du bist der Klügste von uns Allen! Der Bär hat weder auf den Baum klettern können, noch an dieser glatten Wand in die Höhe. Die Bildung seiner Klauen erlaubt ihm das nicht, entgegengesetzt dem Talent aller andern Mitglieder der Bärenfamilie, die vortreffliche Kletterer sind.«

»Also?«

»Also muß die Höhle oder Spalte dort, wo er sich befindet, noch einen andern Ansgang oder vielmehr Eingang haben, einen Gang, der wahrscheinlich durch die ganze Felswand führt und ehrlichen Christenmenschen den Weg auf die andere Seite des Berges öffnen würde, von wo sie leicht den Apachen entkommen könnten und ob ihrer drei Mal so viel wären, wenn - wenn eben nicht die Bestie diesen Weg versperrte! - Wir müssen also mit

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ihr um den Besitz kämpfen und Du siehst, daß ich doch Recht darin hatte.«

»Mein Vater,« wiederholte der Indianer, »hat selbst zugestanden, daß der Knall unserer Büchsen die Apachen hierher locken würde, die Schwarze Schlange würde den Grund wissen wollen - ihr Geist ist wachsam. Warum wollen wir nicht einen unserer Feinde mit dem andern kämpfen lassen?«

»Wie meinst Du das, Jaguar?«

»Es ist sehr einfach. Mein Vater hätte es gewiß selbst gefunden, wenn nicht die Freundschaft zu mir sein Auge trübte. Eisenarm, die Schielende Ratte und Windenblüthe werden auf den Baum steigen, indeß der Große Jaguar hier unten bleibt und den Alten der Berge durch seine Künste so lange reizt und erzürnt, bis er sich aus seinem Schlupfwinkel herab stürzt, um ihn die Gewalt seiner Tatzen und Zähne fühlen zu lassen. Unterdeß werden mittelst der Aeste die Freunde Wonodongah's leicht die Höhle des Bären betreten und nach ihrem Ausgang eilen!«

»Aber Du, Jaguar - was geschieht mit Dir? Wir können Dich doch unmöglich der Gefahr aussetzen, während wir unsere Scalps in Sicherheit bringen!«

»Der graue Bär,« meinte der junge Mann, »ist plump wie ein Faulthier, wenn er auch rasch im Laufen ist. Bevor er sich von seinem Fall aufgerichtet hat und den Jaguar angreifen kann, wird dieser auf dem Baume sein und seinen Freunden folgen. Wenn die Apachen kommen, werden sie nur den Alten der Berge finden, bereit, sie zu umarmen!«

Der Jäger lachte vergnügt. »Wahrhaftig Junge, das

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geht, es ist ein vortrefflicher Gedanke. Ich möchte das lange Gesicht der Schwarzen Schlange und der andern Schurken ihres Gelichters sehen, wenn sie endlich heute Abend ihr Kriegsgeheul erheben und die Courage bekommen, unter diese Mooswand zu dringen und Nichts finden, als den Meister Urian und sein kräftiges Gebiß! - Laß uns ohne Zögerung an's Werk gehen, Comanche!«

»Mein weißer Vater ist also einverstanden mit dem Plan?«

»Gewiß! das heißt, da ich selbst mir den Vorderposten vorbehalten habe. Und da der Bär vielleicht eine Madame Bärin in seinem Lager zur Gesellschaft hat, so übernehme ich somit auch meinen Theil der Gefahr, sonst würd' ich Dir den Handel hier unten gewiß nicht allein überlassen.«

»Mein Vater spricht die Wahrheit. Er führt aber mit Recht den Namen Eisenarm. Wir wollen unsere Vorbereitungen beginnen!«

Die Verhandlung war mehrfach durch das Brummen und Schnauben des Bären unterbrochen worden, der den Hauptacteur dabei bilden sollte, ohne daß die beiden Jäger sich viel darum gekümmert hätten. Der Yankee hatte anfangs zitternd und mit Staunen der Berathung zugehört, aber sein Vertrauen wuchs schnell an der Ruhe und Sicherheit der beiden Männer und er theilte zuletzt sogar die Freude des Trappers auf die Ueberraschung der Apachen, bis die Bemerkung, daß sie leicht einem zweiten Exemplar seines Namensvetters - Braun - begegnen könnten, diese Stimmung wieder bedeutend bei ihm abkühlte. Er war daher sehr mit der Anordnung einverstanden, oder führte

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sie vielmehr herbei, daß Windenblüthe die zweite Person in der Reihe sein und er ihr folgen sollte. Nachdem die geringen Vorräthe der kleinen Gesellschaft daher zusammengepackt waren, wurden Comeo und Jonathan auf die Aeste des Baumes spedirt, wo sie unterdeß die etwas vernachlässigte Ausschau nach den Apachen halten sollten.

Wonodongah hatte sein Gewehr dem Yankee zu tragen gegeben und nur den Tomahawk, das starke Bowiemesser, was seine frühere, im Schlafgemach des Grafen Boulbon zurückgelassene Klinge ersetzt hatte, den Bogen und eine der wollenen Decken zurückbehalten. Außerdem hatte er das Tuch des Mädchens von hochrother Farbe ihr abgenommen.

Der Trapper hatte einen aus Riemen geflochtenen Strick, der früher das kleine Packet, das Windenblüthe getragen, zusammengehalten hatte, um den untersten Ast geschlungen, um damit dem Comanchen im Augenblick der Gefahr das rasche Hinaufklimmen zu, erleichtern. Er fühlte jetzt, ob auch der Griff seines Messers ihm gut zur Hand, und reichte dann seine Rechte dem jungen Mann.

»Nun, Jaguar, ich denke, es ist Zeit. Ich weiß, daß wir uns auf Dich verlassen können, aber ich bitte Dich, nicht unvorsichtig Dich der Gefahr auszusetzen und den günstigen Augenblick nicht zu versäumen. Ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich Dich wieder hinter uns weiß!«

»Mein weißer Vater möge sich beruhigen - er selbst hat den gefährlicheren Theil erwählt.«

»Gut, gut, und brauchst Du ja etwa Hilfe, so rufe und ich werde sogleich bei Dir sein. Mach' es nicht zu

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arg mit Meister Petz, damit er sich hübsch höflich beträgt gegen unsere Freunde, die Apachen!«

Und vergnügt vor sich hin lachend über den Streich kletterte er auf den Baum, wo er noch einen Blick nach der Ebene warf. Es kam ihm zwar vor, als sähe er hinter ein Paar der Felsstücke, die näher zu dem Fuß des Hügels lagen, verdächtige Schatten, aber es konnte ihnen jetzt gleichgültig sein, ob die Apachen sich etwas mehr genähert hatten oder nicht und er traf sofort alle Anstalten, um den Augenblick zu benutzen, wenn der Bär in die Falle gegangen wäre.

Der Comanche hatte unterdeß seine Vorbereitungen getroffen. Er hatte die schwere Wolldecke über seinen linken Arm geworfen und Tomahawk und Messer derart in den Gürtel gesteckt, daß er den Griff leicht erfassen konnte. Er trat nunmehr an die Felswand unter die Oeffnung, aus welcher der Bär noch immer brummend herausschaute und begann allerlei Sprünge und Capriolen zu machen und mit dem rothen Tuch vor seinen Augen umher zu wehen.

Meister Braun schnaubte über diese Freiheit, die man sich mit ihm nahm, gewaltig auf und begann seine mit drei Zoll langen Klauen bewehrte Tatze herauszustecken und nach dem Tuch zu haschen. Da der Beginn der Regenzeit nahe bevorstand, hatte er sich vielleicht schon zu seinem Winterschlaf in der Höhle niedergelegt, oder war sonst durch das Knallen der Schüsse, den Rauch des Prairiebrandes oder den Geruch des bratenden Fleisches veranlaßt worden, aus der Tiefe seiner Höhle an die Oeffnung

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zu kommen, um sich umzuschauen, was es gäbe. Die Nähe und der Anblick der Menschen, die sein Gebiet eingenommen, hatte natürlich nicht dazu gedient, seine Mißstimmung, zu vermindern.

Die Drei auf dem Baum verhielten sich während der Zeit bewegungslos und hatten sich hinter dem Laub verborgen.

Der Comanche, nachdem er das Ungethüm so weit gereizt, trat jetzt einen Schritt zurück, spannte den Bogen und legte einen der beiden letzten Rohrpfeile, die ihm übrig geblieben waren, auf die Sehne. Er zielte sorgfältig und schnellte dann ab; der Pfeil traf sein Ziel und verwundete die Schnauze des Ungethüms, diese empfindliche Stelle der meisten Thiere. Der Bär stieß ein wildes Gebrüll aus drängte sich mit dem Vorderleib halb durch die Oeffnung und schlug wüthend mit den Pranken nach seinem Feinde, daß Zweige, Blätter und Moos umherflogen. Wonodongah schwang auf's Neue das rothe Tuch und reizte so das wüthende Thier immer mehr. Blut und heißer Brodem kamen aus der Nase und dem fletschenden Rachen und die grünen Augen des Ungeheuers funkelten wie Kohlen. Aber dennoch schien es keine Luft zu haben, seinen Schlupfwinkel zu verlassen.

»Nimm den zweiten Pfeil, Comanche und ziele nochmals auf die Schnauze der Bestie,« flüsterte der Trapper von oben her.«

Der Indianer warf das rothe Tuch vor seine Füße, ergriff den Bogen und legte seinen letzten Pfeil auf. Es war, als ob der Bär sehr wohl wisse, was ihn bedrohe,

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denn er versuchte, sich in die Höhle zurückzuziehen. Aber der Schütze war schneller als er, die Sehne klang und der spitze Pfeil traf wiederum die blauschwarze Nase des Thiers und drang diesmal so tief ein, daß er in der Wunde stecken blieb.

Der Bär stieß ein wüthendes Schmerzgeheul aus, stürzte sich vorwärts, versuchte vergeblich, sich an den Zweigen oder der glatten Felswand fest zu halten und plumpte schwerfällig auf den Boden nieder.

Er hatte diesen kaum erreicht, als auch der Trapper seinen beiden Gefährten ein Zeichen gab, ihm zu folgen, auf einen der untern Aeste dem Felsen möglichst nahe trat und sich mit Hilfe des obern Astes in die Felsenspalte schwang, in der er kopfüber verschwand. Das Mädchen warf noch einen Blick auf den Bruder und da sie sah, daß dieser bereits hinter dem Baum stand, den Strick in der Hand, folgte sie eilig dem Kanadier. Der Yankee schloß die seltsame Einfahrt in den Berg.

Eisenarm kroch zuerst, das Messer zwischen den Zähnen, und jeden Augenblick gewärtig, ein Zeichen von der Anwesenheit des zweiten Bären zu hören, auf Händen und Füßen vorwärts. Einige Schritte weiter hin erhöhte sich der Felsengang jedoch, so daß sie gebückt vorwärts schreiten, Wenn auch nicht sich umwenden konnten.

»Ist der Jaguar hinter Euch, Meister Schielauge?« frug ängstlich der Trapper.

»Ja, ja - es ist Alles in Ordnung,« erwiederte bebend der Yankee, denn er glaubte, einen seltsamen gellenden Ton hinter sich gehört zu haben, der ihm Furcht

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einjagte. »Um Himmelswillen macht vorwärts, die Luft ist erstickend in diesem Loch!«

Der Kanadier kroch und ging so rasch als möglich weiter, was mit einigen Schwierigkeiten verknüpft war, weil der Weg sich offenbar in die Höhe wand und häufig scharfe Steinecken, Knochen und Schmutz ihn noch schwieriger machten. Einmal glaubte er dicht vor sich ein anhaltendes Schnauben zu huren, und umklammerte den Griff seines Messers, bereit, sich auf die Bärin zu stürzen; aber er überzeugte sich bald, daß es das Rauschen von Wasser in einer benachbarten Felsspalte war, wahrscheinlich der Quelle, die am Fuß des Felsens hervorsprudelte. Dazu war der Geruch der Ausdünstungen und der Excremente der hier hausenden Raubthiere und der verfaulten Fleischreste ihrer Beute so durchdringend, daß eben nur die Nähe des Wassers und der Luftzug, der dieses begleitete, die Fortsetzung des Weges möglich machte. Endlich, nach etwa viertelstündigem Kriechen und Vorwärtsdringen zeigte sich in der Ferne ein matter Lichtschimmer. Der Höhlengang erweiterte sich zu einer oben offenen Felsspalte, die hin und wieder einen schmalen Streifen des blauen Himmels zeigte und auf deren Grund der Bergquell aus hundert Regenrinnen zusammenrieselte. Keine Spur eines zweiten Raubthiers zeigte sich weiter, - noch hundert Schritt, und der Trapper trat aus der Oeffnung der Felsspalte auf ein kleines Plateau, zu dessen Füßen sich ein wildes, mit Steinblöcken und einzelnen Sträuchen und Bäumen bedecktes Thal ausbreitete.

Sie waren gerettet! - Mit einem dankbaren Blick

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zum Himmel, der ihnen so wunderbar seinen Schutz verliehen, wandte sich Eisenarm, indem er sein Messer wieder in die Scheide stieß, zurück zu seinen Gefährten, sie zu begrüßen.

Windenblüthe glitt aus der Felsenspalte in's Freie - gleich darauf folgte keuchend der Yankee - - dann blieb die Oeffnung leer, - der Große Jaguar der Comanchen fehlte.

Das Mädchen stieß einen Schrei aus - mit einem Sprung stürzte der Trapper zurück zu dem Ausgang, indem er Brown rücksichtslos zur Seite stieß, und schrie den Namen seines jungen Gefährten in die gähnende Mündung hinein. Aber nur das Echo antwortete dumpf auf seinen Ruf!



Als der Bär aus seinem Felsenloch niederplumpte auf den Boden, brach er zwar den Pfeil ab, drückte sich die Spitze desselben damit aber noch tiefer in die Wunde und wälzte sich brüllend vor Schmerz einige Augenblicke auf dem Boden.

Es wäre dem Indianer offenbar leicht gewesen, während dieser Zeit zu entfliehen, und er hatte den Strick des Trappers auch bereits in der Hand, um sich empor zu schwingen, als er plötzlich an dem Stamm der Eiche wie gebannt stehen blieb und auf das wüthende Thier starrte.

Seine Augäpfel schienen sich förmlich zu erweitern, seine Nüstern blähten sich, der Mund zuckte, und ein stolzer Ausdruck flog über seine Züge.

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Die ganze Lust der Jagd und des Kampfes kam über ihn, er dachte an den Ruhm, den es ihm bringen würde, zum zweiten Mal den gewaltigsten und gefürchtetsten Räuber der Prairie überwältigt zu haben, noch dazu diesmal allein, und alles Andere war vergessen.

Der Bär hatte sich jetzt aufgerichtet - seine funkelnden Augen hatten seinen Feind erblickt, und er kam langsam auf den Hinterbeinen mit erhobenen Tatzen und geöffnetem Rachen, aus dem Geifer und Blut floß, auf ihn zu. Das Thier war eines der größten seiner Art und sein Anblick wahrhaft furchtbar.

Es war zu spät jetzt zur Flucht, auch wenn der Comanche hätte entfliehen wollen. Aber er dachte nicht im Entferntesten daran. Er ließ den Strick fallen, seine Muth und Entschlossenheit sprühenden Augen begegneten mit magischer Gewalt denen des Thieres, seine Rechte hatte das schwere Bowiemesser aus dem Gürtel gerissen, die Linke faßte die wollene Decke, und indem er mit einem Sprung auf das Thier zustürzte, warf er die Decke ihm über den Kopf, bückte sich tief und stieß das Messer bis an's Heft in den weißlichen Bauch des Ungethüms.

Zwei Mal mit Blitzesschnelle wurde der Stoß wiederholt, während der Bär noch sich aus den Verwickelungen der Decke los zu machen strebte, dann fiel das Thier mit seiner ganzen Schwere über den kühnen Jäger her und warf ihn zu Boden. Einige Augenblicke wälzten sich Bär und Mann auf der Erde in wüthendem Kampf. Wieder und wieder tauchte sich das Messer in den Leib des Ungethüms, aber dessen Klauen und Zähne hatten auch furchtbar

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den jungen Mann zerfleischt, und als die Tatzen des Bären ihn jetzt umfaßten und ihn wie in einem eisernen Schraubstock zusammen preßten, fiel sein blutender Arm herab, das Messer entglitt den sich öffnenden Fingern und sein Kopf sank hinten über, indem seine sich schließenden Augen mit einem letzten Blick den rothen Rachen mit den grimmigen Zahnreihen weit geöffnet über sich sahen.

In diesem Augenblick glänzte Etwas durch die Luft, ein krachender Schlag erfolgte und wiederholte sich, und das Gehirn des Ungethüms spritzte mit seinem Blut ihm in's Gesicht. Während die Tatzen des Bären sich lösten, sank der Comanche zu Boden und sah wie im Traume um sich eine seltsame Scene, ehe er das Bewußtsein verlor.

Ueber dem todten Thier stand ein Indianer von mächtiger Gestalt und bereits über die mittleren Jahre des Lebens hinaus, wie die grauen Haare seines Schopfes zeigten, von dem zwei Adlerfedern nieder flatterten. Die Züge seines Gesichts, bedeckt mit der Kriegsmalerei der Gilenos, waren rauh und finster, seine rechte Hand, jetzt ruhig an seiner Seite herabhängend, hielt einen schweren Tomahawk umfaßt, von dessen scharfer Klinge das Blut und Gehirn des Ungeheuers herabtropfte. Auf seiner Brust aber trug der riesige Wilde denselben Schmuck wie der junge Häuptling der Toya[h]s, eine Kette von Zähnen und Klauen, in der Mitte mit der Tatze eines derselben Thiere, wie er so eben erlegt.

Rings umher aber, auf ihre Speere oder Karabiner gestützt, stand ein Kreis dunkler, drohender Gestalten, mit blitzenden Augen und Unheil verkündenden Mienen.

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Der grimmige Indianer erhob seine Hand und deutete spöttisch auf das erlegte Thier. »Der Graue Bär der Apachen,« sagte er - »ist ein großer Häuptling! Die Toyahs sind seine Hunde - der Große Jaguar der Comanchen ist ein Knabe, wenn es den Kampf von Männern gilt. Sein Schmuck ist eine Lüge - Wonodongah ist unter dem Fuß seines Feindes!«

Ein gellendes Siegesgeschrei der Apachen weckte das Echo des Felsens bei der Nennung dieses Namens, der ihnen jetzt erst kundgab, welcher entschlossene und gefürchtete Gegner ihrer Nation in ihre Hände gefallen war. Das Echo dieses Siegesgeheuls war es, das den Yankee auf der Flucht durch die Felshöhle erreichte und ihn mit einer Lüge vorwärts jagte. -

Franzose und Engländer.

(Fortsetzung.)

Der auf die Ankunft der Sonora-Expedition folgende Tag war in gleicher Weise mit offenen und geheimen Vorbereitungen der beiden Parteien vergangen, wie der Nachmittag vorher. Der Gouverneur von San José hatte es - offenbar absichtlich - noch immer versäumt, sich um die Unterbringung und Verpflegung der Expedition zu bekümmern, die entweder auf den Straßen oder dem Hafenplatz campirte oder in den Schänken und den gastfrei geöffneten Wohnungen lagerte.

Juarez ist kein Soldat, er ist nie Soldat gewesen und führte den militärischen Titel blos aus jener Eitelkeit, die in den amerikanischen Republiken die Obersten und Generale wie Pilze aus der Erde schießen läßt und die beste Kritik der republikanischen Ueberhebung ist! Er war in früheren Jahren Advokat in Veracruz und begann seine diplomatische Karriere in den Wirren unter Santa Anna. Ehrgeizig, grausam, neidisch, hinterlistig und schlau, dabei zäh, ausdauernd und nicht ohne Muth, haßte er eigentlich

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den Stand des Soldaten ebenso wie die spanische Race, ja alle Fremden, und schmeichelte ihm nur, wo er desselben zur Ausführung seiner Pläne bedurfte.

Seine spätere Laufbahn in den Kämpfen mit Miramon bis zur Gegenwart hat diese Charakterzüge bestätigt und immer mehr hervortreten lassen und bestärkt. Indianer seiner Abstammung nach, hatte eben nur der Beschluß des Senates der Staaten Sonora und Chihuahua, in dem die Haciendero's und die Kaufleute den überwiegenden Einfluß auf die Centralregierung übten, ihn genöthigt, dem Engagement der Expedition des Grafen Boulbon zuzustimmen. Er ahnte, daß die Politik des Präsidenten in Mexiko und der spanischen, das heißt der konservativen Partei - wenn man sie in jenem Lande so nennen kann, - noch ganz andere Zwecke damit verbarg.

Wir wissen bereits, daß er außerdem auch einen persönlichen Groll gegen Don Estevan, das bedeutendste Mitglied der spanischen Partei hegte, einen Groll, der durch die Erklärung der Verlobung der Donna Dolores mit dem Anführer der Expedition nur noch vermehrt werden konnte.

Aber obschon der Gouverneur von San Guaymas sich fern hielt von der eigentlichen Hafenstadt, wuchs in dieser im Laufe des Tages das Leben doch in ganz auffallender Weise.

Verschiedene Freunde Don Estevan's, begleitet von einer stattlichen Cavalkada ihres Haushalts, trafen ein, je nachdem die Entfernung ihrer Wohnsitze von San José; eine nähere oder größere war. Sie fanden in dem Hause des reichen Haciendero, wenn auch nicht Unterkommen, so doch die

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gastfreieste Aufnahme. Die Versammlung wuchs dort von Stunde zu Stunde, und der französische Graf, der durch das bourbonische Blut eben so gut Spanien angehörte, war der Löwe des Tages.

Auch in den untern Schichten der Bevölkerung fand ein lebhaftes Zuströmen von außerhalb statt; - hier aber schien der Einfluß der demokratischen Partei die Oberhand zu haben. Während die Vaquero's, die Jäger und Bediensteten der Hacienda's offenbar zur aristokratischen Partei, das heißt zur Partei ihrer Herren standen, war das Nämliche nicht mit den niedern Peons, den Arbeitern von indianischer Abkunft der Fall, die, von der Neugier oder einem geheimen Einfluß getrieben, aus der Umgegend zahlreich herbeiströmten. Gegen Abend traf sogar eine Schaar der Bergleute von Cochino ein, durch ihre Wildheit und Grausamkeit berüchtigt und gefürchtet. Soldaten kamen, nicht in Cadres, sondern einzeln, oder in Trupps, aber mit voller Bewaffnung, wie von Müßiggang und Neugier getrieben von San José herüber und verstärkten im Stillen die Garnison des Forts.

Von alle diesen Anzeichen erhielten natürlich der Senator und Graf Boulbon genauen Bericht; - es schien danach gewiß, daß es am andern Tage zu einem Streit, vielleicht zu einem Kampf der Parteien kommen werde.

Der Graf hatte seine Schaar, die Haciendero's, ihre Diener und die französischen und spanischen Kaufleute; - der Gouverneur seine Soldaten, die Peons und Bergleute, die englischen und amerikanischen Kaufherren und das Fort.

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Er war also im Vortheil und es kam darauf an, für wen sich die Bevölkerung des Hafens entscheiden würde.

Don Estevan war überaus unruhig; der Graf vertraute mit seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit dem Zufall und seinem Glück. Eine ganz andere Sorge, als die um den Ausgang eines etwaigen Kampfes hielt seine Stirn gefurcht. Es hatte all' seiner Ueberredungsgabe, all' seines Einflusses bedurft, um während der Stunden der Nacht Suzanne, wenn nicht zu überzeugen, doch zu überreden daß die Verbindung mit der reichen und vornehmen Mexikanerin unbedingt nothwendig für seine Pläne und seine Zukunft sei und daß er diese Zukunft suche, um damit auch die ihres Kindes zu gründen.

Die Schauspielerin hatte zwar nie darauf gerechnet, daß der Graf sie zu seiner Frau erheben würde; sie hatte vorausgesehen, daß er über kurz oder lang eine seinem Range und seiner Abkunft angemessene Verbindung schließen werde. Aber als der Augenblick da war, als die Wirklichkeit eintreten sollte, gewann das Gefühl des Frauenherzens den Sieg und ließ ihren leidenschaftlichen Schmerz hervorbrechen. Sagen wir es sogleich, - es war weniger die Heirath, welche diesen Schmerz hervorrief, als die Eifersucht auf die Person der Spanierin und die Huldigung welche der Graf dieser so offen vom ersten Augenblick an bewiesen hatte.

Nur durch das feierliche, mit seinem Ehrenwort bekräftigte Versprechen, sie in keinen Verhältnissen von sich zu entfernen, konnte der Graf, nachdem alle Versuche, sie zur Rückkehr nach Frankreich zu bewegen, vergeblich

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geblieben waren, sie beruhigen und zur Beibehaltung ihrer bisherigen Rolle und Tracht vermögen.

Die Ansichten der mexikanischen Bevölkerung über die Verhältnisse der beiden Geschlechter sind zwar ziemlich frei und ausgedehnt, aber der Graf kannte genügend den Stolz der Donna Dolores, um nicht zu wissen, daß sie als Verlobte und Frau doch niemals eine Nebenbuhlerin neben sich dulden werde.

Um Mittag hatte der Kreuzträger, wie ihm aufgetragen worden, dem Grafen Bericht über den Zustand des Forts gebracht. Man hatte ihm zwar verweigert, das Innere zu betreten, aber der alte Jäger und Wegweiser wußte durch seine scharfe Beobachtungsgabe ziemlich eben so viel, als wenn er hinein gekommen und in allen Winkeln herumgekrochen wäre.

Das Fort bestand danach aus schlecht gehaltenen Erdwällen mit Brustwehr und einem Graben davor, im Innern ein Blockhaus und einige mehr hüttenartige Gebäude für die Besatzung zum Schuß gegen die Sonne und zum Nachtlager, die Bewaffnung aus vier eben so schlechten Kanonen, von denen zwei nach der Seeseite, zwei nach dem Lande gerichtet waren.

Aber der Kreuzträger hatte bemerkt, daß man im Laufe des Tages auch den beiden ersteren die letztere Richtung gegeben hatte.

Man fürchtete also eine Gefahr von dem Lande her, nicht von der See.

Dieser Umstand gab dem Grafen zu denken, da doch die beiden Schiffe der Expedition noch im Hafen lagen

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und man noch nicht Zeit gehabt hatte, die beiden kleinen Kanonen, die er von San Francisco mitgebracht, an's Ufer zu bringen.

Die Geschütze des Forts waren mit Kartätschen geladen worden, diesen Umstand hatte Diego Muñoz berichtet, dessen neue Geliebte die Tochter eines der Sergeanten der Besatzung war und ungehindert ein- und ausging.

Nach den Angaben des Kreuzträgers entwarf der Graf einen rohen Plan des Forts. Dann wandte er sich an ihn mit der offenen Frage, auf welche Weise er glaube, daß - im Fall eines Zwiespalts - man sich am Leichtesten dieser Position bemächtigen könne? Die beiden Männer beriethen länger als eine Stunde mit einander.

Ueber all' diesen Beschäftigungen war der Abend herangekommen.

San Fernando Guaymas war so belebt wie seit langer Zeit nicht; die Männer der Expedition, Peons, Vaquero's, Soldaten, Matrosen, - die ganze Bevölkerung des Hafens drängte lustig durch einander - überall Gesang, Spiel, Trinkgelage, Tanz und Zänkerei.

Daß es auch an der Letzteren nicht fehlte, dafür bürgte der Nationalcharakter der verschiedenen Mitglieder dieser bunten Gesellschaft fast aus allen Ländern der Erde.

Auf dem großen freien Hafenplatz brannten wieder die Feuer, um die sich viele der Abenteurer gelagert hatten. An einem derselben hatten der Methodist und sein würdiger Freund aus Kentucky aus einer Tischplatte und einem grünen Vorhang unter freiem Himmel eine Spielbank improvisirt, um die sich bald die Bewohner der Stadt und

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die fremden Landleute drängten, da Ehren-Hesekiah eine stattliche Reihe kleiner Ledersäckchen vor sich aufgestellt hatte, nach seiner Angabe sämmtlich mit Goldkörnern aus den Placero's des Sacramento gefüllt. In der That hatte Master Slong vor den habgierigen Augen der Vaquero's und Soldaten auch eines der Säckchen, das er absichtslos aus der Mitte heraus zu greifen schien, geöffnet, und siehe da, sein Inhalt - oder wenigstens die obere sichtbare Schicht - bestand wirklich aus veritablen Goldkörnern.

Der Ruf von dieser Probe hatte sich blitzschnell verbreitet, und es hätte in der That dabei nicht erst des Plakats bedurft, das die Industrie des Methodisten aus einem großen Papierbogen an einer Stange befestigt während des Tages beschafft hatte, und das die bescheidene Inschrift trug:

Diese Clausel war vielleicht sehr nöthig und zeigte

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von der Vorsicht des Master Slong. Es war bei dem verlockenden Reichthum der Bank der Herren Slong, Meredith u. Comp. nur merkwürdig, daß die besagte Expedition außer zur Bekämpfung der Indianer nach ihrem ersten Programm auch zur Aufsuchung des berühmten Schatzes der Azteken auszog, und daß von den dreihundert Kameraden der Herren Slong u. Meredith, die denn doch auch meistens ausgepichte Spieler waren und das Gold in jeder Form sehr liebten, kein Einziger sein Heil an dem grünen Tische versuchen wollte, sondern daß sich Alle sehr entfernt von der hochachtbaren Compagnie hielten und lieber ihr Glück und ihr Geld der Spielbank zuwendeten, welche etwa hundert Schritt entfernt ein spekulativer Chinese zugleich mit einem Ausschank von Gin, Grogk und Pulque aufgeschlagen hatte.

Das hinderte aber wie gesagt nicht, daß die Bewohner von San Fernando und die Fremden in Menge den Spieltisch der California-Firma umlagerten und ihre Piaster und Dublonen gegen die Goldsäcke der Herren Slong u. Meredith einsetzten.

Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß sie ihre Dublonen und Piaster verloren.

Der Kentuckier war erst kurz vor Eröffnung des Spiels seiner Strafhaft entlassen worden, die er sich durch die zu große Gefälligkeit für seine Freunde zugezogen hatte. Er hatte neben seinem Geschäftsfreund Slong Platz genommen und machte, von dessen Augen bewacht den Croupier, während ein Revolver vor ihm auf dem Tisch und ein zweiter in seinem Gürtel bewiesen, daß er

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seinerseits wieder die Spieler überwachte. Ueberdies befand sich zu diesem Zweck noch einer der beiden englischen Matrosen, die zugleich mit ihnen in die Sonora-Compagnie getreten waren, am Tisch. Jack war ein handfester Boxer erster Sorte, machte keinen Anspruch auf Theilung des Gewinnes oder nähere Einsicht in den Geschäftsbetrieb der Bank und begnügte sich mit dreifacher Grogk-Ration gegen die Verpflichtung, bei entstehendem Streit seine Fäuste auf Seiten der Herren Slong, Meredith u. Comp. zu brauchen.

Die beiden Kreise um die zwei Spieltische boten ein überaus buntes und belebtes Bild, jeder init verschiedenen Szenen und in einer Unterhaltung aus zehnerlei Sprachen. Die Erhitzung der Spieler stieg immer höher und es gehörte alle Schlauheit der Bankhalter dazu, um durch den geschickten Wechsel von Gewinn und Verlust, wenn auch nicht die Meinung der Verlierenden, so doch die des Publikums für sich zu behalten und doch einen Gewinn von tausend Prozent zu machen.

Um den Tisch des Master Slong unterschieden sich in diesem Augenblick namentlich zwei Gruppen.

Die eine bestand aus etwa zehn oder zwölf Männern von verschiedenem Alter, schlanken aber sehnigen Figuren, geeignet, jeder Anstrengung und Mühseligkeit zu trotzen, mit sonnegebräunten offenen Gesichtern und fast ganz in Leder gekleidet, denn es waren Vaqueros der benachbarten Hacienda's. Aus ihren mit schweren Sporen belasteten Stiefeln ragte der Horngriff des in dem Knieband steckenden langen Messers hervor, das ihnen jedenfalls eine liebere Waffe war, als das Machete, welches jetzt an ihrem Gürtel

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zum Theil ohne Scheide hing. Einige hatten sogar der gewohntesten Waffe nicht entsagen können und trugen auf der andern Seite dieses Gürtels an einem eisernen Haken befestigt einen sorgfältig zusammengerollten Lasso, als wären sie jeden Augenblick bereit, sich in den Sattel zu schwingen und die gefährliche Leine nach dem Gegner - sei es Mensch oder Thier - durch die Luft sausen zu lassen. Es waren sämmtlich muntere lustige Bursche, die ihre Piaster mit Anstand und Sorglosigkeit verloren, denn das Geld kümmerte sie wenig, da für ihre Bedürfnisse der Haciendero sorgen mußte und in der Prairie das Geld ihnen ohnehin von keinem Nutzen war. Obschon mehrere von ihnen einen Weg von zehn und mehr Leguas zu Pferde an diesem Tage zurückgelegt hatten, bemerkte man doch an Keinem Spuren der Müdigkeit. Sie scherzten mit den zwischen den Männern stehenden Manola's, gaben ihnen Silberstücke zum Spielen oder tauschten einen Theil ihres zufälligen Gewinnes mit ihnen für ein Lächeln, eine Blume oder ein Scherzwort.

Die Gruppe, den Vaquero's gegenüber, war ganz das Gegentheil der muntern stattlichen Burschen: finstere wilde Gestalten in dunkler vernachlässigter Kleidung mit buschigem Haar und rauhem ungekämmtem Bart. Ihr Auge hatte etwas Unheimliches, Lichtscheues, während es doch in der Leidenschaft des Spiels von einer Wuth funkelte, die erschrecken mußte; ihre Gestalt zeigte etwas Gedrücktes, Sieches, aber dennoch verkündete das nervöse Spiel der Hand, das Zucken der Finger bei jeder Gelegenheit nach dem Holzgriff ihres langen - entgegengesetzt der Gewohnheit

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der Vaquero's - im Gürtel getragenen Messers, daß sie schlimme Gegner in einem Streit sein würden. Die Gesichtsbildung erinnerte größtentheils an ihre indianische Abstammung, doch fand sich auch der verkommene verwilderte Typus jeder andern Nationalität unter ihnen; denn es war ein altes hergebrachtes Recht, daß auch der schlimmste Verbrecher in den Bergwerken - und aus den Bergleuten von Cochino bestand die Gesellschaft - Aufnahme und Schutz fand. Während die Vaquero's mit der Manier von Caballero's ihr Geld verspielten und verloren, folgten die Männer der Tiefe mit gierigem Blick jedem Piasterstück, das die gewandte Hand des Kentuckiers in die Kasse strich, und ihre Augen ruhten so begehrlich und bedeutsam darauf, daß Slong sich besorgt nach seinem Trabanten umschaute.

Master Jack trank eben behaglich sein sechstes Glas Grogk. Die breiten Fäuste des Matrosen, die einen Ochsen ohne Beil hatten zu Boden schlagen können, beruhigten ihn einigermaßen.

»Zum Spiel, zum Spiel, Señores! Der Herr der himmlischen Heerschaaren wird so vortrefflichen und tugendhaften Caballero's sicher nicht seinen Beistand versagen und ihnen die glücklichen Karten zeigen!«

Eine der Manola's, ein hübsches Mädchen in ihrem koketten Kleide von gelber Seide mit der blaugestreiften Mantille um das kecke Gesichtchen, war zufällig oder absichtlich zwischen die Gesellschaft der Bergleute gerathen. Einer derselben, ein mürrischer schielender Bursche mit einem fast bis auf die Brauen herabreichenden Haarwuchs

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hatte so eben zehn Dublonen von der Bank gewonnen, da bei dem besorgten Blick auf seine Kasse und die steigende Leidenschaftlichkeit der Bergleute die geschickte Hand des würdigen Methodisten die Volte falsch geschlagen hatte.

Das Mädchen wandte sich an den Gewinner.

»Señor Minero«11 sagte sie - »ich hoffe, Ihr werdet einer Dame, die Euch Glück gebracht hat, eines oder zwei dieser Goldstücke verehren, um sich einen neuen Rebozo zu kaufen. Der englische Kaufmann drüben an der Ecke hat eine Sendung wunderschöner mit Silber gestickt erhalten.«

Der Angeredete schob mit einer groben Bewegung die zierliche Hand zurück, die sich ihm zugewandt und warf, nur auf das Spiel erpicht, die verlangten zwei Dublonen auf eine Karte.

»Va en hora mala12 Dirne, Du störst mich im Spiel! Komm nachher wieder - Du scheinst mir hübsch genug für eine Nacht!«

»Pu, Sennor! Sie sind kein Caballero!«

Der Bergmann hatte die zwei Dublonen verloren - in dem Eifer, sie wieder zu erlangen, setzte er den Rest seines Gewinns auf die nächste Karte.

»Heda, kleine Concepcion!« rief ein Vaquero von der andern Seite des Tisches, - »dieser Señor grunidos13 behandelt Dich nicht, wie eine so hübsche China verdient. Komm zu mir, und Du sollst Deinen neuen Rebozo haben!«

»Mit Vergnügen, Señor, ich sehe, daß Sie ein ächter

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Caballero sind, was man nicht von Jedem der hier Anwesenden sagen kann!«

In diesem Augenblick zog der Kentuckier die acht Goldstücke des Minero ein und dieser wandte sich mit einem wilden Fluch zu dem Mädchen.

»Du wirst hier bleiben, Dirne, ich will es!«

»Quita, allá,14 Señor, - ich bin ein freies Mädchen! Sie benehmen sich wie ein Gassenkehrer!«

Der wilde Bergmann hob die Faust zu einem Schlage, aber der neue Ritter der Manola sprang mit einem Satz, der den Geldhaufen und die Einsäße durch einander warf über den Tisch und mitten hinein in die Gesellschaft.

»Pasito, pasito, Señor Minero!« - sagte er, sich vor das Mädchen drängend. »Sie scheinen vergessen zu haben, daß diese Dame bereits meine Einladung angenommen hat und sich daher unter meinem Schutz befindet. Ihre Hand Señor, würde danach gegen mich erhoben sein!«

»Ich werde mir den Teufel daraus machen!«

»Señores, Señores - ich beschwöre Sie, keinen Streit hier!« schrie der Bankhalter. »Master Roberton« - dies war der Name des Matrosen, - »seht zu, daß diese Caballero's ihren Zank an einer andern Stelle abmachen. Master Meredith - halten Sie die Kasse fest!«

Die ängstlichen Vorsichtsmaßregeln des Methodisten hätten aber vielleicht wenig genützt, denn die Bergleute griffen bereits nach ihren Messern und ein blutiger Kampf

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wäre entstanden, wenn nicht eine schwere Faust den zornigen Minero zur Seite geschoben hätte.

»Damnation! Was soll der Lärmen, Bursche?« sagte eine rauhe Stimme auf Englisch. »Habt Ihr keine Fäuste, um Euren Streit wie ehrliche Kerle auszumachen, statt mit den Spicknadeln da gleich zur Hand zu sein? Ich will nicht Tom Watson heißen und der erste Steuermann der »Najade« sein, wenn ich nicht Jeden zu Boden schlage, der es wagt, die Hand mit einem Messer zu erheben!«

Es war die derbe Gestalt eines englischen Seemann's, die sich zwischen die Streitenden geschoben hatte. In der That war es der Steuermann des Schiffes Lord Drysdale's, der mit einer Anzahl seiner Matrosen an's Land gekommen war, um sich hier zu amüsiren, und dabei zufällig den Streit unterbrach.

Jack Roberton, der von der Kompagnieschaft engagirte Klopffechter war sogleich dabei. Er streckte dem Landsmann die Hand - die mehr einer Tatze glich, - entgegen.

»Gott soll mich verdammen, alte Seeratte, wenn Ihr nicht zur rechten Zeit kommt! Ich hätte mich mit dem Gesindel wahrhaftig allein herumschlagen müssen. So - gebt Eure Pfote her, - und nun wollen wir sehen, wer hier zu mucksen wagt!«

Der Steuermann sah ihn groß an. »Heda, Bursche, wer seid Ihr denn eigentlich, daß Ihr so mir Nichts, Dir Nichts Tom Watson's Hand und Beistand haben wollt?«

»Goddam - eine Seeratte wie Ihr,« meinte Jack. »Braucht Euch nicht zu sträuben, bin ein ehrlicher Kerl und liebe vielleicht nur ein wenig zu sehr den Grogk!«

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»So? und von welchem Schiffe seid Ihr denn?«

»Ja, Kamerad,« sagte Jack nicht ohne einige Verlegenheit - »zu einem Schiffe gehöre ich gegenwärtig nicht. Ich war mit der »Jane Eyre« drüben nach San Francisco, gekommen, und da sie mir so viel von der Sonora-Expedition erzählten und dem Gold, das da in Haufen zu Tage liegen soll, so habe ich mich anwerben lassen, ich und Will Burns, und jetzt helfe ich hier Master Slong diese spitzbübischen Mexikaner beim Spiel in Ordnung halten!«

»Damned! Ihr und Will Burns seid also von Eurem Schiff davon gelaufen?«

»Nun - meinetwegen, wenn Ihr's so nennen wollt! Es thun's Viele, die zu den Goldgräbern in die Placers gehen!«

»Und Ihr landläufiger desertirter versoffener Hurensohn wagt es, dem Steuermann der »Najade« Eure schmutzige Tatze entgegenzustrecken?« sagte der Seemann. »Da, nehmt das, Ihr Schuft, für Eure Frechheit!«

Und er versetzte Meister Jack einen Faustschlag zwischen die Augen, daß dieser lang zu Boden gestürzt wäre, wenn er nicht auf den wilden Bergmann gefallen, dessen Streit diese Zwischenscene unterbrochen hatte.

Der Minero war keineswegs in der Laune, dies geduldig zu tragen. Er ließ den Griff seines Messers fahren, faßte den Matrosen und stieß ihn unsanft zurück. »Verfluchter englischer Ketzer,« sagte er - »was mengt sich das Schwein in unsern Streit?!«

Jack schaute einige Augenblicke ziemlich verblüfft bald auf seinen Landsmann, dessen Schlag ihn vollkommen

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nüchtern gemacht hatte, bald auf den Minero; da er aber den Bulldoggenmuth der untern englischen Klassen besaß, hatte er sich bald gefaßt und ballte wild die Fäuste, bereit, sich auf Einen oder den Andern zu stürzen.

Die Sache sollte aber einen ganz andern Ausgang nehmen und zwar durch den Steuermann der Najade.

Dieser hatte mit sehr großem Mißfallen das Benehmen des Minero bemerkt.

»Hollah Bursche, Ihr dort mit dem Hundegesicht und der schäbigen schwarzen Jacke,« schrie er - »wie könnt Ihr Euch unterstehen, einen englischen Seemann zu stoßen und zu schimpfen? Glaubt Ihr, weil ich, Tom Watson, Steuermann des Fregattschooners Najade, diesem Gentleman eine verdiente Züchtigung versetzt habe, daß so ein zwiebelfressender gelbhäutiger Maulwurf wie Ihr einen Engländer anrühren darf? Auf die Knie, Bursche, und bittet hübsch den Mann hier um Verzeihung, wenn Ihr nicht windelweich geschlagen werden wollt!«

»Carrajo! ich denke nicht daran!« kreischte der Mexikaner. »Bleibt mir vom Leibe, Señor, wenn Ihr nicht mein Messer in Eurem ungeschlachten Leibe fühlen wollt. Ihr habt diesen Mann auf mich gestoßen und er hätte mich zu Boden gerissen, wenn ich ihn nicht zurück geworfen!«

»Als ob das etwas Besonderes wäre, Ihr erdedurchwühlender Schuft, wenn Ihr Euren schmutzigen Sand geküßt hättet, den Ihr ein Land zu nennen beliebt. Ich habe Euch gesagt, daß Ihr Jack Theer um Verzeihung bitten sollt um der Ehre von Alt-England willen!«

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»Hipp! hipp! Hurrah!« schrie der Matrosenhaufe hinter ihm. »Ihr habt Recht, Steuermann Watson!«

»Señor,« sagte zähneknirschend der Minero, indem er sich mit einem auffordernden Blick nach seinen Gefährten umsah, die sich - die Hand am Messer, um ihn drängten - »ich warne Euch, Ihr sucht Händel mit mir!«

»Merkst Du das jetzt erst, Maulaffe? Da - nimm das für Deinen Bratspieß!«

Und er ergriff eine Handvoll der Ledersäckchen, welche die Bank der Herren Slong, Meredith u. Comp. so prahlerisch auf den Tisch gestellt hatte, und schleuderte sie dem Bergmann in's Gesicht.

Der würdige Bankhalter hatte sofort beim Beginn des Streites die baaren Gelder und das Säckchen mit den verlockenden Goldkörnern in seine weiten Taschen in Sicherheit gebracht, es aber nicht verhindern können, daß von diesem andern Theile seines Reichthums ein so gewaltsamer Gebrauch gemacht wurde.

Als dies nun geschah, drückte er sich rasch in die Menge und verschwand, seine Goldsäcke und seine beiden Compagnons im Stich lassend. Die Ursache wurde auch alsbald klar, denn während die meisten der Minero's ihren beleidigten Anführer einstweilen im Stich lassend, sich auf die drei oder vier zu Boden gefallenen Säckchen warfen und sich darum balgten, war das eine, das die Stirn des Minero mit aller Kraft getroffen, geplatzt und hatte sein Gesicht und seine Brust - nicht mit Goldkörnern - sondern mit ganz gewöhnlichem Kiessande überschüttet.

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Die Vaquero's und Mehrere der Umstehenden brachen in ein schallendes Gelächter aus, das den Minero noch wüthender machte, und wie ein Panther mit vorgestrecktem Messer sprang er auf seinen Gegner los und that einen wüthenden Stoß nach ihm.

Die Klinge hätte sicher den Steuermann der Najade bis an das Heft durchbohrt, wenn Jack Roberton, der desertirte Matrose, nicht den Arm des Mexikaners mit einem kräftigen Faustschlage zur Seite geworfen hätte. So schrammte die Klinge den Steuermann nur an der Schulter und der Minero, das Gleichgewicht verlierend, da er keinen Widerstand fand, stürzte selbst zu Boden.

»Brav gemacht, Jack,« schrie der Steuermann, »bist doch ein besserer Kerl als ich dachte! Tom Watson bittet Dir den Schlag ab. Und jetzt Gott verdamm ihre schielenden Augen, auf sie Bursche und gebt ihnen eine Lection!«

Der Tisch mit den Lampen und Laternen wurde umgeworfen, die China's15 flüchteten schreiend aus dem Gedränge, und eine wilde Schlägerei entstand, in der zwar Anfangs die Faust und Kraft der britischen Seeleute die Oberhand hatte, bald aber den Messerstichen und der Uebermacht der Minero's, zu denen sich rasch ein Theil des Publikums gesellte, weichen mußte. Sie suchten sich jetzt mit Allem, was sie ergreifen konnten, Tischbeinen, Brettern, Holzscheiten und dergleichen zu bewaffnen, womit sie sich auf das Tapferste wehrten, waren aber dennoch gezwungen, sich zurückzuziehen.

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In der Nähe nach dem Strande zu, wo ihr Boot lag, befand sich das Comtoir und das Lagerhaus eines englischen Kaufmanns, desselben, an den die Najade consignirt war. Die Matrosen hatten oft dort verkehrt und es war daher sehr natürlich, daß sie hierher ihren Rückzug nahmen, in der Hoffnung, dort Schutz oder wenigstens bessere Waffen zum Widerstand zu finden. Das Comtoir war verschlossen, der Eingang des Lagerschuppens jedoch geöffnet, da mehrere Arbeiter und Lastträger unter der Aufsicht eines Commis wegen einer dringenden Verpackung von Waaren, die mit einem am andern Morgen absegelnden Schiff noch versendet werden sollten, darin beschäftigt waren. Hier, an dem Eingang faßten die britischen Matrosen, von denen Einer, durch einen Messerstich in's Herz getroffen, todt auf dem Platz zurückgeblieben und zwei andere leicht verwundet waren, auf's Neue Posten, bewaffneten sich mit einigen Eisenstangen, die in der Nähe standen, und wurden durch die Arbeiter und Lastträger verstärkt, welche der für seine Waaren besorgte Kaufmann ihnen zu Hilfe sandte.

Nach einigen Augenblicken der fortdauernden Schlägerei, während deren die Menge vor dem Gebäude immer mehr anwuchs, erhielten sie überdies einen andern gewichtigen Beistand.

Um diesen zu erklären, müssen wir zu dem zweiten Spieltisch, zu der Spielbank des Chinesen zurückkehren, die in einiger Entfernung von der Gesellschaft Slong, Meredith u. Comp. aufgeschlagen war, und an welcher die Kameraden dieser Firma von der Expedition vorzogen, ihr, Glück zu versuchen und ihr Geld zu verlieren.

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Höchst wahrscheinlich war der langbezopfte Bankhalter Tschu-Tsching ein eben so großer Spitzbube als Master Slong, aber er war den Mitgliedern der Expedition unbekannt und genoß daher mehr Vertrauen bei ihnen. Eine große Anzahl der Abenteurer war um den Tisch des Herrn Tschu-Tsching versammelt, der nur einen Landsmann zu seinem Beistand und sonst nur seine Fingerfertigkeit und Schlauheit als sauve-garde hatte.

An den Manola's von San-Fernando fehlte es natürlich hier noch weniger, als an dem Tisch der andern Bank, denn die Fremden waren jedenfalls freigebiger, als die Mexikaner, und in der That hatten sich schon in der Zeit von vierundzwanzig Stunden eine Menge jener leichten Verhältnisse geknüpft, wie sie in diesen Gegenden Sitte und Gewohnheit sind.

Das Silber und Gold rollte an diesem Tisch sehr rasch und Meister Tschu-Tsching war schlau und vorsichtig genug, sich nicht zu habsüchtig zu zeigen, sondern in klugem Wechsel auch den Spielern häufige Gewinne zukommen zu lassen, wenn auch natürlich das Saldo mit 590 Prozent zu seinen Gunsten blieb. Im Ganzen herrschte zwischen manchen wilden Flüchen und Verwünschungen bei dem Wechsel des Spiels doch jene Heiterkeit und Unbekümmertniß, welche das Leben der Abenteurer charakterisirt, und zwischen dem Spieltisch und dem nächsten im Freien improvisirten Tanzplatz, wo die Manola's die wilden leidenschaftlichen Bewegungen eines Bolero beim Klang der Kastagnetten und einer Mandoline mit ihren Verehrern ausführten, war ein fortwährendes Ab- und Zugehen.

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Auch an Theilnehmern aus den Ortsbewohnern selbst und den herbeigeströmten Landleuten fehlte es nicht und die Sonora-Expedition stand bei diesen noch in so gutem Credit, daß man sich beeiferte, den fremden Caballero's alle mögliche Freundlichkeit zu erweisen.

Das gute Vernehmen und das Vergnügen sollten indeß bald auch hier gestört werden!

Kurz vor Beginn des Streites an dem andern Spieltisch waren zu dem des Chinesen von verschiedenen Seiten her zwei neue Gesellschaften getreten.

Die eine bestand aus dem jetzigen Lieutenant der Expedition Diego Muñoz, dem früheren Capataz der wichtigen Gilde der Lastträger von San Fernando-Guaymas, unter der er trotz der Ursachen seiner Flucht noch viele Anhänger zählte.

Señor Muñoz führte sehr hochmüthig ein hübsches Mädchen mit feurigen schwarzen Augen und schlankem Wuchs am Arm und war von dem Perlenfischer von Espiritu-Santo und einem Dutzend der kecksten Bursche seiner Abtheilung begleitet. Die Manola an seinem Arm, die sich in dem neuen Putz, den er ihr freigebig im Laufe des Tages gekauft hatte, spreizte, wie eine Pfauhenne, war nicht mehr und nicht weniger als die schöne Tochter des Sergeanten Perez im Fort, dem die Verschließung der Thore und die Bewahrung der Schlüssel oblag, und die bis zur Ankunft der Sonora-Expedition sich die Huldigungen des gegenwärtigen Capataz der Lastträger hatte gefallen lassen.

Dieser selbst war es denn auch, welcher mit einer

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Anzahl Mitglieder seiner Gilde von der andern Seite her dem Spieltische des Chinesen sich näherte. Señor Gomez Herrero war ein Mann von einigen dreißig Jahren, von keineswegs so schlankem und elegantem Wuchs wie sein Rival, aber muskulös und sehnig gebaut und von einer Kraft, welche ihm hauptsächlich jenes Ansehn in seinem Gewerbe und unter seinen Gefährten verschafft hatte, das ihn zu dem wichtigen Amte des Capataz erhoben. Er verwaltete dasselbe mit einer rücksichtslosen Strenge und hatte bei mehreren Gelegenheiten dem Interesse der Kaufherren wichtige Dienste geleistet. Aus diesem Grunde war er von den Mitgliedern der Gilde mehr gefürchtet als geliebt, und als dieselben der glänzenden Gestalt ihres früheren Kameraden und Anführers ansichtig wurden, ließen viele einen lauten und munteren Begrüßungsruf erschallen.

Gomez Herrero warf einen finstern mißbilligenden Blick auf sein Gefolge. Er war von Natur aus ein ernster, hochmüthiger und sparsamer Mann und Alle wußten überdies, daß die unglückliche Familie, die Señor Muñoz seiner schnell verrauchten Leidenschaft so blutig geopfert hatte, zu seiner Verwandtschaft gehörte. Der Zuruf an diesen war daher um so kränkender für ihn.

Jedermann, der die näheren Verhältnisse kannte, war sogleich überzeugt, daß sich aus diesem zufälligen oder absichtlichen Zusammentreffen der beiden Rivalen eine interessante Scene entwickeln würde, und bei der großen Vorliebe dieses Volkes für alle aufregenden Scenen und für die Befriedigung seiner müßigen Neugier hätte keiner der anwesenden Mexikaner freiwillig den Platz verlassen.

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Die beiden Gegner begrüßten einander mit jener übergroßen Höflichkeit, welche in Mexiko selbst die Begegnung von Todfeinden begleitet.

»Señor Don Herrero,« sagte der neugebackene Lieutenant, »erlauben Sie mir, Ihnen ein Leben von tausend Jahren zu wünschen. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, Sie seit meiner Ankunft zu sehen und freue mich, Sie bei so vortrefflicher Gesundheit zu finden!«

Die Behauptung des ehemaligen Capataz war nun allerdings eine Lüge, denn er hatte seinen Nachfolger seit den sechsunddreißig Stunden ihrer Anwesenheit mehrfach gesehen, aber bis zu diesem Augenblick nicht für gut gefunden, Notiz von ihm zu nehmen.

Das gegenwärtige Oberhaupt der ehrenwerthen Lastträgergilde verbeugte sich ziemlich kalt. »Ich habe die Ehre, Señor Don Muñoz,« sagte er, »Ihren Gruß mit den gleichen Gefühlen zu erwiedern und wünsche Ihnen das Beste! Wollen Sie mir wohl erlauben, mit der Dame da an Ihrem Arm einige Worte zu reden?«

Die Schöne ließ ihren Fächer klappen und breitete ihn mit jenem unnachahmlichen Ausdruck der Spanierin vor ihrem Gesicht aus, welcher durch seine Verächtlichkeit einen Anbeter zur Verzweiflung bringen kann.

»Wenn Doña Manuela Sie anhören will, Señor,« sagte der neue Offizier vornehm, - »ich meinerseits habe Nichts dawider.«

»Ich wüßte in der That nicht,« meinte hochmüthig die Dame, »was der Señor Capataz mir zu sagen hat! Meine Ohren sind nicht verstopft!«

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»Ich komme so eben von Ihrem Vater, Señoritta,« sagte ihr Anbeter, »und er hat mich beauftragt, Sie zu ihm zu führen.«

»Bah! sagen Sie ihm - ich sei noch beschäftigt! ich werde später kommen!«

»Das wird nicht gut angehen, Manuela,« antwortete etwas rauh der Capataz. »Die Thore des Forts sollen um zehn Uhr heute geschlossen sein und er wünscht Sie bei sich zu sehen.«

»Ich werde bei einer Freundin schlafen. Ich habe mich noch zu einem Fandango engagirt und will zuvor dem Spiel zusehen. Sie langweilen mich, Señor Herrero! ich glaube, ich bin noch nicht Ihre Verlobte!«

»Sie sehen Señor Don Gonez,« nahm der Teniente mit einer spöttischen Miene das Wort, »daß die Señoritta keine Eile hat, zu dem ehrenwerthen Señor, ihrem Vater, zu kommen. Als Caballero werden Sie den Willen der Dame respektiren. Dieselbe wünscht einige Dublonen für ihre Toilette zu gewinnen, da der Señor Sergeant sie darin etwas knapp halten soll, und ich möchte um aller Welt willen ihr diese Gelegenheit nicht entziehen.«

Der Capataz biß sich auf die Lippen und blieb an dem Tisch stehen, an den jetzt die Manola getreten war. Ihr Begleiter zog aus der Tasche eine Hand voll Silber- und Goldstücke und bot ihr dieselbe ungezählt. Die anwesenden Frauen klatschten ihm Beifall über diese Freigebigkeit und priesen ihn mit allerlei Redensarten, die nicht ohne verschiedene Sticheleien auf die bekannte Sparsamkeit des gegenwärtigen Capataz war.

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Das Mädchen pointirte mit dem gewöhnlichen Leichtsinn dieser Wesen und der schlaue Chinese, der seinen Vortheil in dieser Gesellschaft kannte, ließ sie sechs Dublonen gewinnen, die er auf der andern Seite reichlich wiedereinnahm. Manuela war der Gegenstand der Bewunderung und des Neides unter ihren Genossinnen.

Auch Muñoz hatte wiederholt gesetzt, aber offenbar mit wenig Glück, was ihn jedoch nicht zu bekümmern schien. Er verlor seine Piaster mit großem Anstand.

»Señor Capataz,« wandte er sich auf's Neue an seinen Nachfolger - »Sie spielen nicht?«

»Ich habe ein Gelübde gethan, Señor Don Muñoz, keine Karte mehr anzurühren bis zu einer gewissen Zeit.«

»Ó que lástima! und ist es erlaubt zu fragen, was Sie zu diesem unnatürlichen Gelübde veranlaßt hat, das Ihnen ein großes Vergnügen entzieht?«

»Sehr gern, Señor Don Muñoz. Es geschah in Folge der Ermordung eines Anverwandten, Namens Pepe, beim Spiel und ich gelobte, die Karten nie wieder anzurühren, bis sein und der Seinigen feiger Mörder gehangen ist!«

Ein rother Fleck zeigte sich auf der Stirn des ehemaligen Capataz bei diesem direkten Angriff; denn er selbst war es, der den Bruder seiner Geliebten bei einem Spielerstreit erstochen und dann Vater und Bruder hatte verschwinden lassen, um sich vor ihrer Rache zu sichern. Da die Familie arm war und dem gemischten Blut angehörte, hatte seine Entfernung aus Sonora genügt, die weitere

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Untersuchung und die Bestrafung des Verbrechens zu beseitigen.

Eine tiefe Stille unter den Anwesenden folgte den Worten, denn selbst die wüsten und rauhen Gefährten des neuen Offiziers begriffen, daß die Worte eine tiefere Bedeutung haben mußten.

»Muy bien, Señor Capataz,« entgegnete nach einer kleinen Pause der Teniente - »ich hoffe mit Ihnen, daß die Heiligen Ihnen noch dies Vergnügen machen werden. Indeß bis dahin, daß Sie die Karten wieder anrühren dürfen, bleiben Ihnen zu Ihrer Unterhaltung die Würfel. Sie werden mir eine besondere Ehre anthun, wenn Sie mir das Vergnügen erzeigen, eine Partie mit mir zu machen! Ich schlage vor, daß der Gewinner seinen Gewinn der honorablen Gilde der Ganapano's, der ja auch ich die Ehre hatte anzugehören, zu einem kleinen Fest verehrt.«

So gedrängt konnte der Capataz unmöglich die Partie ablehnen, ohne sich vor seiner Gilde eine starke Blöße zu geben.

»Es sei, Señor Don Muñoz,« sagte er. »Wie hoch setzen Sie die Partie fest?«

»Ganz nach Ihrem Belieben, Señor!«

Der Capataz schwankte einen Augenblick zwischen seinem Stolz und seinem Geiz. Dann, sich überwindend, sagte er: »Wir wollen fünfzig Piaster sagen, Señor Muñoz. Es ist die Summe, die ich bei mir trage.«

»Wie es Ihnen gefällt, Señor, und ich werde die Ehre haben, sie aus meiner Tasche zu verdoppeln, wenn

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das Glück des Spiels sich für mich entscheiden sollte. In wie viel Einsätzen befehlen Sie, zu spielen?«

»Meinetwegen in zwei,« sagte der Capataz ärgerlich und beschämt bei dem beifälligen Murmeln seiner Untergebenen.

»Buen, Señor, so lassen Sie uns anfangen. Unsere Freunde warten auf Ihren Wurf.«

Muñoz legte eine Hand voll Geldstücke vor sich auf den Tisch und ergriff den Becher mit den Würfeln. Der Capataz zog seinen ledernen Geldbeutel und zählte bedächtig die Summe von fünfzig Piastern auf. Es blieben in der That nur noch einige Pesados in dem Beutel.

»Wollen Sie anfangen, Señor Don Herrero?«

»Es befindet sich in guter Hand!«

»Wohl. Drei Würfe auf jede Partie!« Der Capitain warf achtlos, er hatte sieben Augen. Ay Dios mio - welcher schlechte Wurf! Sie haben Glück, Señor Herrero. Da - Eilf!«

»Sie verbessern sich!« sagte der Capataz, dessen Augen unwillkürlich zu funkeln begannen.

Die ganze Umgebung nahm zum großen Aerger des Herrn Tschu-Tsching mindestens ebenso viel Antheil an der Partie, als die Spieler selbst.

»Sechs!«

»Sie haben also vierundzwanzig Augen geworfen,« sagte der Capataz etwas spöttisch. »Es wird mir schwer werden, Sie zu erreichen!« Er warf - die beiden Sechsen lagen oben.

»Ai - demonio! Zwölf!«

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Ein Laut des Bedauerns ging durch den Kreis.

Der Capataz warf rasch zum zweiten Mal. Es waren Neun.

»Einundzwanzig!« sagte Muñoz - Sie haben die erste Partie gewonnen.«

»Noch nicht!« Er warf.

In der That hatte er Recht - er hatte nur zwei Augen geworfen - die Chinas klatschten in die Hände.

»Das war in der That ein schlimmer Wurf, Señor Capataz. Aber Sie werden Ihr Glück corrigiren. Haben Sie jetzt die Güte, anzufangen.«

Der Capataz gab sich alle Mühe, ruhig zu scheinen und seinen Verdruß zu unterdrücken. Er warf rasch drei Mal hintereinander, konnte es aber nur auf siebenundzwanzig Augen bringen, während die Würfe seines Gegners dreißig zählten. Ein allgemeiner Freudenruf begrüßte dies Resultat.

»Sie haben das Glück auf Ihrer Seite, Señor Don Muñoz,« sagte der Capataz, indem er ihm die fünfzig Piaster zuschob. »Ich hoffe, es wird ein anderes Mal auf der meinen sein.«

»O gewiß! - Señores und Señoritta's,« wandte der Gewinner sich zu der Umgebung, »Sie werden mir als Ihrem alten Freund und Landsmann die Bitte nicht abschlagen, diesen kleinen Beitrag zu den Festlichkeiten des heutigen Abends anzunehmen. Vielleicht wird Señora Manuela mit ihren Freundinnen die Güte haben, diese Piaster an sich zu nehmen und für ihre Verwendung zu sorgen, nachdem sie der heiligen Beschützerin der ehrenwerthen

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Gilde der Ganapano's eine stattliche Kerze dafür reservirt hat!«

Diese Art des Geschenks, dem durch die Hand der Mädchen jedes den Stolz der Männer Verletzende genommen wurde, erregte einen neuen Ruf der Zustimmung.

»Aber Señor Capataz,« fuhr der Kapitain fort, der die beiden auf dem Tisch liegenden Einsätze den Mädchen zuschob, »Sie wollen uns doch nicht verlassen? Ich hoffe, Gelegenheit zu haben, Ihnen Revange zu geben.«

»Ich habe kein Geld mehr bei mir, Señor Muñoz,« sagte der Capataz mürrisch, »und spiele nie auf Credit!«

»O Señor, meine ganze Habe steht zu Ihren Diensten. Das Wort des Ersten der berühmten Zunft der Ganapano's würde jedem Caballero genügen. - Wissen Sie, daß ich da einen merkwürdigen Einfall habe?«

Herrero zuckte ungeduldig die Achseln. »Ich kann unmöglich den Sprüngen Ihrer Phantasie folgen, Señor.«

»O er wäre sehr leicht durch Ihre Güte auszuführen - versteht sich, mit Bewilligung dieser Herren. Sie wissen, daß ich die Ehre hatte, früher Ihrer Zunft anzugehören, ja sogar Ihr Amt zu bekleiden, bis ein kleines Mißverständniß mich gezwungen hat, dasselbe aufzugeben, und dafür den auch ganz ehrenwerthen Posten eines Offiziers bei der Sonora-Expedition anzunehmen. Aber, was wollen Sie, Señor, der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitsthier und die Erinnerungen seiner Jugend haften an ihm, wie die Stacheln des Cactus. Diese Begegnung hat in mir eine unüberwindliche Sehnsucht hervorgerufen, und Sie sind allein der Mann, der sie erfüllen kann.«

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»Ich verstehe Sie noch immer nicht!«

»Das kommt wahrscheinlich davon, weil meine jetzige kriegerische Stellung mich allzusehr mit anderen Dingen beschäftigt. Quien sabe! genug, um mich kurz zu fassen, ich möchte mit Ihnen um eine kleine Gunst spielen!«

»Um eine Gunst?«

»Ja Señor Capataz! Ich hege den unbezwinglichen Wunsch, mich noch einmal und sei es auch nur auf vierundzwanzig Stunden an der Spitze meiner alten Kameraden zu sehen. Setzen Sie das Amt des Capataz für einen Tag ein und ich werde jeden Gegensatz halten.«

Der Andere sah ihn erst betroffen, dann nachdenkend an.

»Ist das Ihr Ernst, Señor Teniente?«

»Gewiß - so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Bestimmen Sie nur den Gegenpreis. Wenn meine Mittel oder die meiner Freunde es irgend erlauben, werde ich ihn halten!«

»Ihr Ehrenwort darauf?«

»Das Wort eines Caballero!«

Mindestens die Hälfte der anwesenden ehemaligen Kameraden des Abenteurers jubelten diesem Vorschlag Beifall, denn sie glaubten, daß er gethan werde, um ihnen einen guten Tag zu machen.

Der Capataz Herrero war an den Tisch zurückgetreten und stemmte die Hand darauf.

»Muy bien, Señor Oficial, ich nehme Ihren Vorschlag an. Ich stelle demnach das Amt des Capataz der Gilde auf einen Tag als Einsatz, und Sie - -«

»Nun?«

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»Sie unterwerfen sich, wenn Sie verlieren, der Puñalada!«

Ein Schrei des Schreckens ließ sich aus dem Munde aller Frauen hören - selbst viele der Männer fuhren bestürzt bei dem Vorschlage zurück und die Kameraden Diego's von der Expedition, denen dieser alte gefährliche, von den Gesetzen verpönte und abgekommene, von der Bevölkerung aber noch immer in Ehren gehaltene Brauch unbekannt war, drängten sich herbei, um nach der Bedeutung des Vorschlages zu fragen.

Bei den in Mexiko so häufig vorkommenden Mordthaten, die den Verüber gewöhnlich mehr der Rache der Verwandten des Ermordeten preisgeben, als der Bestrafung durch die Gesetze, kann sich der Mörder dadurch von der ersteren loskaufen, daß er sich dem nächsten männlichen Verwandten, oder der Person, welcher von diesem dies Recht übertragen wird, zur Puñalada stellt.

Der Schuldige läßt sich den rechten Arm auf den Rücken binden, den linken mit seinem Mantel umwickeln und empfängt, den linken Fuß auf einen Stein befestigt, ohne jede andere Waffe zur Vertheidigung seinen Gegner, der das Recht hat, ihm drei Dolchstöße - nicht mehr - bis auf die Hälfte der Klinge zu geben. Gelingt es dem Verbrecher, die Stöße mit dem mantelumwickelten Arm abzupariren, oder wenigstens unschädlicher zu machen, so ist seine That gesühnt und die Familie der getödteten Person muß jeder ferneren Blutrache entsagen.

Dieser Brauch, der übrigens immer seltener geübt wird, aber doch Jedermann bekannt ist, gründet sich noch

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auf die uralte Sitte des mexikanischen Gottesgerichts, den Kampfstein. Es ist niemals vorgekommen in der Sonora, daß ein Mörder, welcher die Puñalada bestanden hat, - was freilich sehr selten der Fall, - von der Familie der ermordeten Person weiter angefeindet wurde.

Nach dieser Andeutung war der Eindruck, welchen die Forderung des Capataz machte, sehr erklärlich und in der That so groß, daß der Kreis um den Spieltisch des Chinesen gar keine Aufmerksamkeit für den Lärmen und das Geschrei zeigte, welches von der andern Spielbank herüberscholl, wo die oben erwähnte Schlägerei so eben begonnen hatte.

Aller Augen richteten sich auf den Lieutenant Muñoz.

Dem ehemaligen Capataz fehlte es keineswegs an persönlichem Muth in der Hitze eines Kampfes, oder von seinen Leidenschaften aufgestachelt. Der Gedanke jedoch, einem Todfeind - und als solchen kennzeichnete der Blick, der die Forderung Herrero's begleitet hatte, zur Genüge seinen Nachfolger, - fast schutzlos gegenüber zu treten und dem beinahe gewissen Tod in's Auge zu sehen, mochte auch den muthigsten Mann einen Augenblick erbeben machen. Die Farbe wich aus dem Gesicht des ehemaligen Capataz.

Ein spöttisches Lächeln flog über das Antlitz seines Gegners. »Ich erinnere Sie, Señor Teniente,« sagte er höhnisch, »daß nicht ich es bin, welcher zu dieser Partie herausgefordert hat. Sie selbst waren es und bestimmten den Preis vor allen diesen Zeugen.«

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Diese Mahnung genügte, um den Stolz des Abenteurers siegen zu machen. -

»Ich nehme Ihren Vorschlag an, Señor Don Herrero,« sagte er und diese Caballero's haben unsern Vertrag gehört. Lassen Sie uns die Partie beginnen.«

»Nach Ihrem Belieben, Señor!«

Der Capataz wandte das Gesicht einen Augenblick nach der Seite hin, wo der Lärmen immer ärger wurde. Schreiende Mädchen und Frauen kamen flüchtend von dort herbeigelaufen und riefen um Hilfe.

»Was geht dort vor, Señores?« frug der Capataz besorgt.

»Quien sabe! ein gewöhnlicher Spielstreit. Master Slong hat es wahrscheinlich zu arg getrieben, oder wünschen Sie etwa unsere Partie rückgängig zu machen? Ich muß Ihnen bemerken, Señor Capataz, daß es mir viel Vergnügen machen würde, Ihre Stelle morgen zu bekleiden und meinen ehemaligen Kameraden die Gesinnung eines Caballero zu zeigen!«

Der Capataz biß sich auf die Lippen. »Lassen Sie uns beginnen, Señor. Es braucht der Worte nicht! Treffen Sie die Bestimmungen, denn Sie sind offenbar im Nachtheil bei dem Einsatz.«

Trotz der Bemühung, kalt zu scheinen und trotz der Aussicht, eine blutige Rache an dem Mörder seiner Verwandten nehmen zu können, war der Capataz offenbar sehr unruhig und blickte wiederholt hinüber nach dem mit jedem Augenblick sich vergrößernden Menschenknäuel, der sich gegen die Faktoreien und Lagerhäuser wälzte.

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Um diese Besorgniß zu erklären, wird es genügen, dem Leser zu sagen, daß es zu den Pflichten des Capataz der Lastträgerzunft gehört, für die Sicherheit dieser Lagerhäuser zu sorgen. Die Kaufleute und Handelsherren überlassen ihm mit unbedingtem Vertrauen ihr Eigenthum, und es ist eine Ehrensache der ganzen Gilde, diesem Vertrauen zu entsprechen. Es ist in der That höchst selten der Fall, daß in den Lagerhäusern ein Diebstahl oder eine Unterschlagung verübt wird, und der Capataz der Gilde übt bei einem solchen Vergehen unbestrittene Gewalt über Leben und Tod. Eine Ausstoßung aus der Zunft gilt als die höchste Schande.

Der gegenwärtige und der frühere Vorsteher kannten diese Pflichten sehr wohl und während es den Ersteren drängte, auf seinem Posten zu sein, bemühte sich der Andere, ihn festzuhalten.

Herrero winkte einen seiner Vertrauten zu sich und gab ihm einen Auftrag, mit dem er ihn fortsandte. Dann wendete er sich an seinen Gegner.

»Beeilen wir uns, Señor, wenn es Ihnen gefällig ist!«

»De muy buena gana!16 Ich schlage deshalb vor, daß wir nur eine Partie von je drei Würfen machen. Die Augenzahl entscheidet. Die Parejas17 zählen doppelt. Die Würfe geschehen abwechselnd. Habe ich das Vergnügen zu gewinnen, so trete ich mit Sonnenaufgang auf vierundzwanzig Stunden in Ihr Amt als Capataz, gewinnen Sie, so bestimmen Sie selbst die Zeit des Puñalada. Ich hoffe,

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daß Sie mich alsdann nicht zu lange warten lassen werden!«

»Sein Sie unbesorgt, Señor! Sie sollen befriedigt werden!«

»Vamos! fangen wir an!«

Der Lärmen des Kampfes zwischen den englischen Matrosen und den Mineros wurde immer gewaltiger. So interessant und anregend auch der eigenthümliche Streit war, der sich hier entspann, begann sich doch die Aufmerksamkeit des Kreises, der die Spieler umgab, zu theilen.

Der Lieutenant hatte den Becher ergriffen und schüttelte ihn. Neun Augen!

Der Wurf war verhältnißmäßig gut, aber der erste Wurf des Capataz überbot ihn sofort, es war ein Pasch von zweimal vier Augen, also nach den Regeln des Spiels Sechszehn.

In diesem Augenblick kam der Mann hastig zurück, den der Capataz fortgeschickt hatte.

»Muerte! muerte, Señor! Zu Hilfe, Señor Capataz, die rothen Barbaren von den Schiffen schlagen sich mit den Minero's!«

»Bah - was geht das uns an, wenn sie sich die Hälse brechen?« lachte Muñoz. »Zehn!«

Der Capataz raffte hastig die Würfel zusammen und warf sie in den Becher. Aber indem er ihn schüttelte, faßte eine Hand seinen Arm und hielt ihn fest - die Würfel fielen gegen seine Absicht heraus - eine Eins und eine Zwei.

»Maldito! seid verdammt mit Eurer Unverschämtheit!«

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Als er sich dabei umsah, schaute er in das von Furcht bleiche, aufgeregte Gesicht des ihm wohlbekannten jungen Factors des englischen Handelshauses, zu dessen Waarenlager sich die Matrosen zurückgezogen hatten.

»Schande über Euch, Señor Herrero,« sagte der junge Mann, seinen Arm schüttelnd, - »daß Ihr hier dem Spiel fröhnt, während Master Walker's Speicher von diesen Schurken vor Euren Augen geplündert wird, ohne daß Ihr einen Finger für ihn erhebt! Thut Ihr so Eure geschworne Pflicht, Mann?«

Der Capataz erbebte bei diesem Anruf an seine Ehre. Lieutenant Muñoz hob den Becher. - - -

»Einen Augenblick, Señor, einen Augenblick!« rief der Capataz.

Der neue Offizier lachte spöttisch. »Jedem sein Recht, Señor Capataz!«

Er warf - zwei Dreien! - »Zwölf!«

Der britische Kaufmann schleppte mit Gewalt den Gildemeister fort, denn in demselben Augenblick erscholl von den Speichern her der Schreckensruf: »Fuego! Fuego!«18

Ein heller Lichtschein verbreitete sich plötzlich.

Der ehemalige Capataz und jetzige Teniente warf einen raschen spähenden Blick hinüber. »Ha - demonio! gut gemacht!« murmelte er zwischen den Zähnen. - Dann wandte er sich zu den Wenigen, die noch umher standen: »Sie sind Zeugen, Caballero's - Einunddreißig gegen Neunzehn! - Jetzt, Señoritta - entschuldigen Sie mich

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auf eine halbe Stunde. Es scheint, diese Spitzbuben von Engländern haben selbst ihr Magazin in Brand gesteckt und wir müssen die Ehre von Guaymas aufrecht erhalten!« Er neigte sich einen Augenblick zu dem Ohr des Mädchens. »Gehen Sie nach dem Fort! Auf Wiedersehen morgen!«

Er eilte davon, mit Wort und Wink seine Kameraden zur Folge rufend.

An dem Lagerhaus des englischen Kaufmann Walker hatte unterdeß die Scene einen anderen Verlauf genommen.

Wir haben bereits bemerkt, daß der Capataz der Zunft der Ganapano's oder Lastträger, denen allein die Ausladung und Beladung der Schiffe im Hafen zusteht, für die Sicherheit der Magazine zu sorgen hat, und daß dieser Posten mit rücksichtsloser Energie und Strenge verwaltet wird, da es in Guaymas, wie in ganz Mexiko nicht an raubsüchtigem und verbrecherischem Gesindel aller Art fehlt. Als der Capataz Herrero, dem Ruf seiner Pflicht folgend, herbeieilte, fand er, daß das Magazin an einer Ecke brannte, während am Haupteingang desselben der muthige Steuermann der Najade mit seinen Kameraden und den im Magazin beschäftigten Arbeitern sich noch immer wacker gegen die Minero's und das Gesindel, das sich diesen angeschlossen hatte, schlug. Die Männer der Sonora-Expedition waren zwar zahlreich unter die Menge gemischt, aber sie hielten sich, den strengen Befehlen des Grafen gemäß, von jeder Parteinahme an einem Streit zurück.

Herrero, ein ebenso entschlossener als umsichtiger Mann, rief seinen Begleitern zu, sich mit der Löschung des Feuers zu beschäftigen und eilte nach dem Eingang,

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um in dem Innern des Gebäudes zu retten, was möglich wäre.

Aber der Kampf, der hier stattfand, hielt ihn zurück; denn er sah, daß die Vertheidiger in der größten Bedrängniß waren und, wenn es den verrufenen Minero's gelang, ihren Widerstand zu bewältigen und einzudringen, von einer Sicherung der Güter nicht mehr die Rede sein konnte. Er versuchte daher sein Ansehn geltend zu machen, mit Güte oder Gewalt die Gegner auseinander zu bringen und die gegen die britischen Seeleute Partei nehmende Menge zurückzudrängen.

Indem er dies that, sah er sich plötzlich seinem Gegner vom Spiel, dem Teniente Muñoz gegenüber, der neben dem bereits mit Blut bedeckten Minero stand, welcher den Streit veranlaßt hatte und der vor Wuth und Erbitterung wie ein wildes Thier schrie und heulte, während die gewichtigen Schläge der Eisenstange des Steuermanns ihn in Entfernung hielten und Raum vor dem Eingang schafften.

Diego Muñoz hatte die Arme gekreuzt, ein spöttisches herausforderndes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Das des Capataz röthete sich dunkel, als er sich von seinem Rivalen so beobachtet sah.

»Soll ich Ihnen helfen, Señor Herrero?«

»Gehen Sie zum Teufel, Señor! ich bedarf Ihrer Hilfe nicht! Zurück Spitzbuben - auseinander sag' ich, treibt sie zurück Leute! schlagt sie zu Boden die Diebe und Mordbrenner, wenn sie nicht weichen!«

Ein wüthendes Geschrei der Minero's antwortete ihm,

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aber sie wichen in der That zurück, denn Jeder kannte die Person des Capataz und seine Macht.

In diesem Augenblick senkte sich der Arm des Teniente und seine Hand drückte einen Gegenstand, den sie aus dem Gürtel gezogen, in die des Anführers der Minero's. »Es scheint, man beleidigt Euch mit dieser Bezeichnung, Caballero, statt Euch Recht zu verschaffen, gegen jene Ketzer!«

Der Bergmann drängte sich ungestüm vor. »Ihr lügt in Euren Hals hinein, Capataz!« schrie er. »Gebt uns den Schuft heraus dort, der uns beleidigt hat, oder par Dios! wir verbrennen Euch mit ihnen!«

Herrero wandte sich um - eine Anzahl der Lastträger hatte sich bereits zu ihm durchgedrängt, ihm Beistand zu leisten.

»Greift den Burschen da - in's Gefängniß mit ihm! er ist der Anführer der Schurken!«

»Schurke Du selbst!« Die Hand des Minero hob sich - ein Blitz des Revolvers in derselben, ein Knall - der Capataz drehte sich um sich selbst und stürzte zu Boden.

»Muerte! muerte!«19

»Muy bien!« murmelte Lieutenant Muñoz - »ich glaube, die Puñalada wird nicht stattfinden und der Augenblick ist gekommen, von meinen einunddreißig Points Gebrauch zu machen!« - Mit einem Sprung war er mitten im Gewühl zwischen den Ringenden und den Männern, die dem Verwundeten zu Hilfe eilten und ihn aufzuheben

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suchten, während Andere nach dem Mörder faßten, um den seine Kameraden sich drängten. Mit einem Griff hatte er dem sterbenden Capataz, der durch die Lunge geschossen einen Strom von Blut mit jedem Athemzug auswarf, sein Amtszeichen, die silberne Pfeife, die er an einer Schnur um die Brust trug, abgerissen und ließ einen gellenden Pfiff ertönen.

»Caballero's der zweiten Compagnie - hierher!« Die Abenteurer, die ihm gefolgt waren, sammelten sich rasch um ihn. Zugleich drängten sich mit Gewalt die Ganapano's von allen Seiten auf das ihnen wohlbekannte Signal herbei.

»Führt diese Männer fort, Jack Roberton!« befahl der Abenteurer, der sich so keck des Kommando's bemächtigt hatte. »Bringt sie zu ihrem Boot. - Haltet den Zugang besetzt Leute - stellt Posten um das Magazin, indeß wir den Brand löschen! An die Arbeit Amigo's, und beweist, daß Ihr Euren früheren Capataz nicht vergessen habt!«

Trotz des eben vorausgegangenen Mordes wurde der Befehl doch mit einem freudigen Zuruf begrüßt und die Arbeiter folgten Muñoz willig in den Speicher, um das Feuer zu löschen und die Vorräthe in Sicherheit zu bringen, während Lieutenant Racunha rasch das Gebäude mit Posten aus den Mannschaften der Expedition umgab und die Menge zurücktreiben ließ. In Zeit von einer Viertelstunde war bei der Nähe des Wassers der Brand, der zum Glück nur in einem Anbau des Hauptspeichers ausgebrochen oder

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offenbar angezündet worden, mit dem Opfer dieses Anbaues gelöscht und der Speicher selbst gerettet.

Man hatte den unglücklichen Capataz in das nächste Haus getragen, aber noch ehe der Sieg seines Rivalen so vollständig sich zeigte, war er verschieden.

Den Mörder zu greifen war natürlich keinem Menschen eingefallen, er hatte volle Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, und am andern Morgen fand sich, daß die ganze Bande der Minero's es vorgezogen hatte, während der Nacht San Fernando zu verlassen, ohne die Ereignisse des nächsten Tages, für die ihnen eine Rolle bestimmt war, abzuwarten.

Obgleich Scenen eines blutigen Streites und selbst eines Mordes in der Hafenstadt gerade keine Seltenheit waren, hatte das Vorgegangene doch die Besorgniß der Bewohner erregt und ihnen die Lust zu Spiel und Tanz verleidet. Jeder eilte, sich in seine Behausung zurückzuziehen, und bald waren es nur die Bivouacfeuer der Männer der Expedition, welche den Platz beleuchteten und auf die sich das nächtliche Leben beschränkte. Der Adjutant hatte schon früher den Lieutenant Muñoz zu dem Grafen beschieden und den Befehl, gebracht, daß überall Posten ausgestellt und strenge Ordnung gehalten werden solle.

Der Graf, bei dem sich sein künftiger Schwiegervater befand, empfing Jenen mit sehr befriedigter Miene. Beide hatten sich absichtlich gehütet, sich irgend in den entstandenen Streit zu mischen, aber genaue Nachricht von Allem erhalten, was geschehen.

»Ventre saint gris, Teniente Muñoz,« sagte der

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Graf lachend - »ich muß gestehen, Sie sind ein geschickter und rascher Mann! Wie ich höre, ist der Capataz der Lastträger, der zu unsern Gegnern gehörte, todt?«

»So ist es, Excellenz. Die Zunft hat mir so eben das Amt ihres Capataz wieder angetragen!«

»Und was werden Sie thun?«

»Es auf vierundzwanzig Stunden annehmen - ich hoffe, während der Zeit Euer Excellenz damit gute Dienste leisten zu können und werde meinen Nachfolger mit Vorsicht zu wählen wissen, wenn es Euer Excellenz dann beliebt, mich in geeigneter Weise zu belohnen!«

»Was wünschen Sie denn, Señor?«

»Ich werde die Ehre haben, es Euer Excellenz zu sagen. Ich glaube, ich würde mich nicht schlecht eignen zu einem Kommandanten des Forts von San Fernando-Guaymas mit einem entsprechenden Titel.«

Die ganze lächerliche Eitelkeit der Mexikaner lag in der Antwort. Die militärischen Chargen schießen bei den zahlreichen Pronunciamento's wie die Pilze aus der Erde und wer heute noch Sackträger war, kann sich morgen schon zum Obersten der Miliz gemacht haben und in einer prunkenden Uniform umherstolziren.

»Gut, gut!« sagte lachend der Graf - »ich finde Ihren Wunsch Ihren Ansprüchen gegenüber sehr bescheiden; vor allen Dingen aber gehört dazu, daß wir die Macht für solche Ernennungen in San Fernando haben und dazu im Besitze Ihres Forts sind, das man uns gegenwärtig versperrt.«

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»Euer Excellenz werden es sein, sobald Sie es wünschen. Ich habe wichtige Verbindungen darin!«

»Darf ich fragen, welche?«

»O Señor Generale, gewiß! ich liebe die Tochter des Sergeanten Perez und werde von ihr wieder geliebt!«

Der Graf lachte hell auf. »Was zum Teufel, Señor Capataz, Ihre ganze Verbindung beschränkt sich auf einen Unterrock?«

Der würdige Lieutenant-Capataz drehte sich ruhig eine neue Papiercigarette. »Pardiez, Excellenz,« sagte er - »die Unterröcke sind die besten Verbündeten, die man haben kann, und haben schon ganz andere Dinge zu Wege gebracht. Sie werden es erfahren, wenn Sie uns morgen brauchen. Indeß, Señor, muß ich mir erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß die hundert Piaster, die Sie mir gestern vorzustrecken die Güte hatten, vollständig heute Abend darauf gegangen sind und ein Spitzbube von Mineur mich außerdem um meinen vortrefflichen Revolver bestohlen hat!«

»Der Verlust läßt sich leicht ersetzen,« sagte höflich der Graf. »Ich begreife, daß Sie als Capataz morgen sich nicht dürfen lumpen lassen, und bitte Sie, diese weiteren hundert Piaster dazu zu verwenden. Bonifaz wird Ihnen aus meinen Vorräthen einen andern Revolver geben und dafür sorgen, daß Sie morgen bei der Besichtigung der Expedition Ihren neuen Pflichten nicht entzogen werden. Jetzt, Señor Muñoz, habe ich die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünschen, denn ich bin müde und wir werden Alle der Ruhe bedürfen!«

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Als der neue Teniente-Capataz sich mit zahllosen Höflichkeitsbezeigungen entfernt hatte, sah der Graf den Senator lachend an.

»Wahrhaftig,« sagte er - »ich glaube, Señor, wir haben da ein vortreffliches Exemplar Ihrer Landsleute. Was fangen wir mit der Unverschämtheit des Burschen an, der uns indeß vortreffliche Dienste leisten kann?«

Der Haciendero zuckte die Achseln. »Es ist, wie Sie sagen, Señor Conde, der Mensch hat alle Fehler und guten Eigenschaften eines ächten Mexikaners. Wenn ihm nicht etwa der verrückte Gedanke in den Kopf kommt, Gouverneur der Sonora werden zu wollen, werden wir allerdings nichts Besseres thun können, als ihn zum Kommandanten von San Fernando zu machen; er ist dann wenigstens Ihr Geschöpf und Sie müssen hier für alle Fälle festen Fuß behalten. Andern Falls wird er sich auch mit einer Aufseherstelle auf einer meiner Haciendas begnügen. - Und nun gute Nacht, mein Sohn! Der morgende Tag wird entscheiden, ob meine Enkel die Krone der Ynka's tragen werden!«

Er reichte dem Franzosen die Hand, der ihm schweigend nachschaute. Die letzten Worte des Haciendero regten Bilder in ihm auf, gegen welche die ehrgeizigen Wünsche des Capataz wie das Flüstern des Windes gegen das Brausen des Sturms sich verhielten!



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Die Nachricht von den Ereignissen des Abends gelangte noch in der Nacht nach San José, natürlich mit den gehörigen Entstellungen, welche den fremden Abenteurern den Angriff auf die Magazine und die Brandstiftung zuschrieben. Dies diente natürlich nur dazu, die Spannung und den Groll zu vermehren.

Juarez hatte die Stunde der Musterung boshafter Weise auf die unangenehmste Zeit des Tages, die heißen Mittagstunden verschoben, indem er damit die Abenteurer zu peinigen dachte, hauptsächlich aber, um bei den von ihm getroffenen Anstalten möglichst Zeit zu gewinnen. Als Eingeborenem war für ihn die Andern unerträgliche Hitze keine sonderliche Strapatze, und als er sich mit seiner zahlreichen Begleitung um 12 Uhr San Fernando näherte, die kleine hagere Figur in eine mit Goldtressen bedeckte Uniform gekleidet, war er so munter und frisch, daß er sich wie ein boshafter Affe auf den Anblick der erschöpften und erhitzten Schaar freute, die unter ihren Waffen nun schon stundenlang auf der Plazza den Sonnenstrahlen ausgesetzt gewesen sein mußte.

Aber er sollte sich in sehr ärgerlicher Weise getäuscht fühlen!

Der Graf hatte recht gut die Bosheit erkannt, die in dieser Verschiebung der Zeit lag, aber auch das Mittel gefunden, ihr zu begegnen. Bereits in den frühesten Morgenstunden hatten seine Offiziere ihre Abtheilungen versammeln müssen, jeder war ihre Stelle auf das Genaueste angewiesen und die Aufstellung zwei oder drei Mal wiederholt worden, und dann hatte der Graf sie entlassen,

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um erst auf das gegebene Signal wieder ihre Reihen zu bilden. Bis dahin bewegten sie sich in gewohnter Weise unter der Menge, welche den Platz füllte, denn halb San José-Guaymas hatte sich bereits am Morgen eingefunden, um das Schauspiel der Musterung der Expedition anzusehen.

In der Mitte des Hafenplatzes war ein großes offenes Zelt aufgeschlagen, unter dem eine Tafel mit Erfrischungen für den Gouverneur und seine Begleitung stand. Ein zweites kleineres Zelt war weiterhin aufgestellt, um als Muster derer zu dienen, welche man von San Francisco für die Expedition in das Innere der Prairien und der Gebirge mitgebracht hatte. Hier befanden sich auch die beiden Karonaden, welche Lieutenant Weidmann über Nacht aus dem Schooner an's Land geschafft und aufgestellt hatte, so wie das weitere Gepäck der Expedition. Ein Posten stand dabei und wies jede Annäherung der Neugierigen zurück. Die Schiffe im Hafen hatten geflaggt; die ganze Bevölkerung, mit dem Hang aller Südländer gar zu gern jede Gelegenheit zu einem Festtag ergreifend, bewegte sich in ihrem besten Putz, und von den Balkonen und Dächern der Häuser wehten bunte Fahnen und Teppiche.

Die Besatzung des Forts war schon vor zwei Stunden ausgerückt und theils auf den Erdwällen postirt, theils in einer Compagnie auf dem Platze selbst aufgestellt. Es zeigte sich jetzt, daß sie seit dem vorgestrigen Abend um mehr als das Doppelte verstärkt worden war und über 200 Mann betrug. Die Bosheit des Gouverneurs in der Wahl der Zeit fiel jetzt auf die armen Soldaten zurück,

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die murrend und fluchend zwei Stunden lang den vollen Sonnenbrand aushalten mußten. Endlich verkündete ein Kanonenschuß von den Wällen des Forts die Annäherung des Gouverneurs mit seiner Begleitung. Diese bestand aus der Compagnie Dragoner, etwa 70 oder 75 Mann, von denen ein Theil, wie der Gouverneur so zuvorkommend dem Grafen angedeutet, - die Expedition nach den Gränzen des Indianergebiets begleiten, oder vielmehr escortiren sollte.

Die Hälfte der Reiter mit einem halben Dutzend Trompetern an der Spitze, die einen martialischen Lärmen vollführten, kam voran, dann der Gouverneur mit seinen Offizieren und Beamten in großer Uniform, und hinterdrein der Rest der Dragoner, beiläufig gesagt, der besten und einzig guten Truppe, welche die mexikanische Regierung je gehabt hat.

Bei dem Donner des Kanonenschusses sah man von dem auf der Außenrheede liegenden Fregattschooner »Najade« ein stark bemanntes Boot abstoßen und sich mit eiligen Ruderschlägen dem Lande nähern.

Aber schon lange hatte die auf dem Platz versammelte nach einem möglichst prächtigen und bunten Schauspiel lüsterne Menge sich nach dem »Conde,« dem »grande tigrero« und Pferdebändiger umgeschaut, dessen Ruhm in aller Munde war, von dem man die wunderbarsten Geschichten erzählte und den man heute bei dieser feierlichen Gelegenheit im größten europäischen Militairpomp auftreten zu sehen erwartete.

Merkwürdiger Weise aber hatten sich seit dem Morgen, seitdem die verschiedenen Abtheilungen oder Compagnien

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der Expedition nach dem kurzen Exercitium ihrer Aufstellung wieder entlassen worden waren, weder der Graf noch seine Offiziere sehen lassen. Die Thüren des Hauses Don Estevans, wo sie versammelt waren, blieben verschlossen und man bemerkte nicht einmal Etwas von den Pferden, auf denen sie doch dem Gouverneur zum Empfang entgegen reiten mußten.

Ein Solches schien denn auch Don Juarez erwartet zu haben, denn er schaute wiederholt den Weg nach der Stadt entlang, und ließ zuletzt am Eingang derselben einen kurzen Halt machen.

Aber obschon seine Trompeter sich die Lunge ausschmetterten - es zeigte sich Niemand zu seiner Begrüßung, und er mußte sich entschließen, mit finsterer Stirn und beleidigter Miene weiter zu ziehen. Sein Staunen wurde noch größer, als er die Plazza erreichte und dort zwar die Reihen der Milizcompagnie, von einer Aufstellung der Expedition aber keine Spur bemerkte.

»Carrajo!« sagte er zu seinem Adjutanten, dem Dragoner-Lieutenant, »ich glaube, dieser Schuft von Franzosen untersteht sich, meine Befehle zu mißachten oder hat sich mit seiner Räuberbande bereits wieder auf und davon gemacht!«

»Es wäre das Beste, was er hätte thun können,« erwiederte der Teniente, »aber er scheint mir leider nicht der Mann dazu. Und sehen Euer Excellenz, - dort kommt man eben aus dem Hause dieses Spaniers, den der Himmel verderben möge!«

In der That hatten sich in dem Augenblick, als der

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Gouverneur mit seiner Cavalkade den Eingang der Plazza erreichte, die Thüren des Hauses Don Estevan's geöffnet und der Graf Raousset Boulbon, begleitet von seinen Offizieren, dem Senator und mehreren angesehenen Haciendero's aus der Nähe trat heraus und schritt über den Platz nach dem Zelt, unter welchem die Diener Don Estevan's eine Collation für den Gouverneur bereitet hatten.

Hier blieb der Graf stehen und erwartete offenbar die Annäherung desselben.

Zu Aller Verwunderung trug der Graf nicht die französische Obersten-Uniform, in der er bei seiner Ankunft dem Gouverneur seinen Besuch gemacht hatte, oder eine andere seinem Range angemessene militairische Tracht. Seine hohe kräftige Gestalt war vielmehr mit dem gewöhnlichen und einfachen Anzug der Trapper oder Jäger bekleidet. Er trug ein einfaches, mit Frangen besetztes Lederhemde in dessen Gürtel Revolver und die Dschambea, das Geschenk Nena Sahib's nach jenem Kampf im Circus von San Franzisko steckten, hohe Reiterstiefeln von weicher Hirschhaut mit den schweren mexikanischen Sporen und einen grauen Jagdhut, auf dem als einziges Unterscheidungszeichen zwei der weißen Schwanzfedern des Seeadlers prangten. Ein Hirschfänger hing an seiner Seite, Pulverhorn und Kugelbeutel über seiner Brust und am breiten Lederriemen die Büchse über seiner Schulter.

Aehnlich wie ihr Anführer waren auch die Offiziere der Expedition ausgerüstet, nur daß Jeder zur Auszeichnung eine weiße Schärpe über die Brust geschlungen trug.

Obschon diese Erscheinung alle Erwartungen von

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militairischem Glanz und prächtigen goldstrotzenden Uniformen täuschte, womit sich die mexikanischen Offiziere so gern schmücken, erkannte doch Jedermann sogleich die Bedeutung der Wahl dieser Tracht - der Uniform der Wüste! - und ein donnerndes »Viva el Generale!« erscholl auf dem Platz.

Der Gouverneur biß sich auf die Lippen und indem er seinem Adjutanten befahl, die Dragoner abschwenken und zur Seite der Miliz ihre Stellung nehmen zu lassen, ritt er mit seinen Begleitern gegen das Zelt.

Der Graf trat drei Schritte über den Umkreis desselben hinaus und erwartete hier den ersten Würdenträger von Guaymas.

In dem Augenblick, wo der ehemalige Advokat sein Pferd anhielt, zog der Graf höflich seinen Hut und begrüßte ihn mit einer tiefen Verbeugung.

»Señor Gobernador,« sagte er, »ich habe die Ehre, Sie bei mir willkommen zu heißen. Mögen Euer Excellenz nach dem reichen aber leider sich seit der Zeit der Patriarchen niemals mehr bestätigenden Wunsche tausend Jahre leben! - Euer Excellenz wolle es gefallen, abzusteigen.«

Der leichte Spott, der in dem Ton der Begrüßung lag, entging dem Gouverneur nicht, der wohl begriff, wie mit diesem Empfang der Franzose öffentlich die Unabhängigkeit der Expedition von den Behörden des Landes zeigen und ihm den eigenen schlechten Empfang vergelten wollte. Er unterdrückte jedoch seinen beleidigten Stolz unter der Maske kalter Ruhe.

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»Ich danke Ihnen, Señor Conde, und freue mich, Sie so wohl und, nach Ihrem Aeußern zu urtheilen, bereits mit den Pflichten der Expedition angelegentlich beschäftigt und zum Abmarsch bereit zu sehen. Da ich gekommen bin, die Mannschaften zu besichtigen, über die mir leider berei[t]s schwere Klagen zugegangen sind, so werde ich mit Ihrer Erlaubniß vorziehen, gleich im Sattel zu bleiben. Aber ich sehe mich vergeblich um, wo es Ihnen beliebt hat, diese Leute aufzustellen?«

Der Graf lächelte. »Bedenken Sie, Señor Gobernabor,« sagte er, »es sind freie Männer und nicht gewöhnt, gleich Ihren Soldaten sich ohne Zweck einer unnützen Belästigung aussetzen zu lassen. Das stundenlange Stehen in der Sonnenhitze, nachdem sie die Nächte seither im Freien kampirten, würde sie belästigt haben, und ich habe ihnen daher die Erlaubniß gegeben, nach ihrer Bequemlichkeit den Augenblick abzuwarten, wo ich sie Euer Excellenz vorstellen kann.«

Don Juarez machte eine zustimmende Bewegung. »Ich kann mir denken, Señor Conde, daß bei einer solchen zusammengewürfelten Schaar die Disciplin noch nicht groß ist,« sagte er hochmüthig. »Aber es wird nothwendig sein, sie strenger zu handhaben und die Frevler von gestern Abend ernst zu bestrafen. Wir sprechen nachher weiter darüber und wie Sie sehen, habe ich Ihnen den nöthigen Beistand mitgebracht!« Er wies nach den Dragonern.

Man sah, daß es den stolzen Franzosen harte Mühe kostete, dem kleinen giftigen Advokaten gegenüber seine Ruhe zu bewahren, aber ein Blick des Senators erinnerte ihn daran.

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»Ich werde Euer Excellenz darauf antworten, wenn Sie uns die Ehre erwiesen haben, aus dem Sattel zu steigen, um auf gleichem Boden zu verhandeln,« sagte er kalt, »und unter dem fliegenden Dach eines alten Soldaten Platz zu nehmen und von seinem Brod zu essen. Unterdeß erlauben mir Euer Excellenz wohl, einen andern Gast zu begrüßen, Lord Drysdale, der, wie ich sehe, im Begriff ist, zu landen!«

Und mit einer höflichen Verbeugung es dem Gouverneur überlassend, vom Pferde zu steigen oder darauf zu bleiben, reichte er seine Büchse zurück an den Avignoten, der in seiner Nähe stand, und ging nach der Landungstreppe, den vornehmen Engländer zu bewillkommnen, dessen Gigk so eben am Ufer anlegte.

Don Juarez empfand recht wohl, welcher Unterschied in der Begrüßung seiner Person und der ausgezeichneten Höflichkeit lag, die der Graf dem Lord erwies; aber er fand es doch für zweckmäßiger, sie vorläufig nicht zu bemerken und die Höflichkeitsbezeigungen Don Estevans anzunehmen, indem er mit seinen Begleitern vum Pferde stieg und sich nach dem aufgeschlagenen Zelte geleiten ließ.

Graf Boulbon, dem Lord gegenüber ganz der französische Cavalier der alten Schule, führte in diesem Augenblick den englischen Gast zur Gesellschaft.

Lord Drysdale war von dem Capitain der Najade, einem alten durchwetterten Seemann und dem Malayen begleitet. Der arme Krüppel, der sich mit großer Gewandtheit und selbst ziemlich leicht am Boden fortbewegte, blieb in einiger Entfernung von dem Zelte hocken, seine dunklen

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Augen nach seiner Gewohnheit fest auf seinen Freund und Gebieter geheftet, von dem er sie nur selten abwandte, um sie mit eigenthümlicher Schnelle umher rollen zu lassen. Das Boot der »Najade«, das sie bis zur Landungstreppe gebracht, hatte auf den Wunsch des Lords sofort wieder abstoßen und sich außer Rufweite vor Anker legen müssen, und die Bootsmannschaft den strengen Befehl erhalten, jeden Verkehr mit dem Ufer zu meiden, um keinen Anlaß zur Erneuerung der Streitigkeiten vom vorigen Abend zu geben.

Als der Graf und der Lord unter dem Zelt angekommen waren, bat er die Gesellschaft, zunächst die Erfrischungen anzunehmen. Man konnte sagen, daß die Tafel mit den Delikatessen aller Zonen bedeckt war, denn der Reichthum des Haciendero und die Vorsorge des Grafen in San Francisco hatte es an Nichts fehlen lassen. Aber obschon der Champagner in vollem Strom floß, waren es doch nur die Fremden, welche von der Collation einen reichlicheren Gebrauch machten, denn die Mäßigkeit der Mexikaner, wie überhaupt der spanischen Race ist sehr groß. Don Juarez allein trank mehrere Gläser Champagner, den er sehr liebte und schien recht munter gestimmt zu werden, denn auf eine heimlich dem Lord zugeflüsterte Frage, ob man jenseits des Cap Haro noch kein Fahrzeug bemerkt habe, hatte ihm dieser kurz erwiedert, daß ein solches, unzweifelhaft die »San Trinidad«, in Sicht sei und in Zeit von einer Stunde auf der Rhede eintreffen müsse.

Es war jetzt zwei Uhr - die mexikanischen Soldaten standen seit drei Stunden in der Sonnengluth und selbst die schaulustige Bevölkerung begann sich vor dieser

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zurückzuziehen, um ihre Siesta zu halten, als der Gouverneur den Bambussessel zurückstieß und sich erhob.

»Ich denke, Señor Conde,« sagte er - »es wird Zeit, daß wir an unsere Geschäfte gehen. Während Ihre Offiziere die Leute zusammenrufen und einigermaßen in Ordnung bringen, sofern dies ihr Zustand erlauben wird, will ich die Klage untersuchen, die Señor Walker, der englische Kaufmann, gegen Sie angebracht hat.«

Der Graf blieb ruhig sitzen, sich eine Cigarre drehend. »Eine Klage gegen mich, Señor Gobernador?« frug er mit gut geheucheltem Erstaunen. »Ich habe vorhin schon einige ähnliche Worte gehört, die mich in Verwunderung gesetzt! Wollen Euer Excellenz nicht noch einige Augenblicke Platz behalten - die Aufstellung der Expedition wird in zehn Minuten vollzogen sein!«

Er zog seine Uhr und legte sie auf den Tisch. Dann wandte er sich zu seinem Adjutanten: »Monsieur de Kleist, lassen Sie die Signale geben! - An Ihre Posten, meine Herren! - Nun, Señor Gobernador« - der Graf vermied stets, dem ehemaligen Advokaten einen militairischen Titel zu geben - »bin ich zu Ihrem Befehl.«

Juarez zögerte noch einige Augenblicke, dann, als er sah, daß sein Gegner keine Miene machte, sich zu erheben, ließ er sich wieder nieder. Er fühlte sich zum zweiten Mal gedemüthigt - der Versuch, den Franzosen in die Stellung eines Angeklagten vor seinem Richter zu bringen, war gescheitert.

Zugleich hörte man die langgezogenen Töne zweier Waldhörner und man bemerkte unter dem noch auf der

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Plazza versammelten Publikum eine lebhafte Bewegung. Von allen Seiten eilten bewaffnete Männer von kühnem trotzigen Aussehen über den Platz in bestimmter Richtung.

»Nun, Señor Gobernador, ich warte auf Ihre Anklage, um Ihnen nachher meine gerechten Beschwerden mittheilen zu können. - »Ist es Euer Excellenz gefällig, noch ein Glas Rosoli zu nehmen?«

Der Mexikaner machte eine ungeduldige ablehnende Bewegung, Graf Boulbon schenkte sich gelassen ein Glas des beliebten Branntweins ein. Mit Ausnahme des Lords hatte sich die ganze Gesellschaft erhoben und stand um die Drei.

»Das Magazin des englischen Kaufmanns Walker,« sagte endlich der Gouverneur, der fühlte, daß es an ihm war, »ist nach einer mir zugegangenen Anzeige in Folge eines von den Fremden angezettelten Tumultes geplündert und in Brand gesteckt worden. Man hat britische Seeleute, die es vertheidigten, angegriffen. Einer ist dabei erschlagen und sogar der Capataz der Lastträger-Gilde, ein sehr ehrenwerther loyaler Mann, mir persönlich bekannt, ermordet worden!«

»Und wer soll das Alles gethan haben?«

»Wer anders, Señor Conde, als die zuchtlosen Abenteurer, die Sie uns zugeführt!«

»Señor Gobernador,« sagte der Graf stolz, »die Männer, die ich anzuführen die Ehre habe, sind zwar Abenteurer - und ich nenne mich selbst einen solchen! - aber daß sie an Zucht und Ordnung gewöhnt sind, davon werden Sie selbst sich alsbald überzeugen. Wer jene Anklage erhoben, der hat gelogen. Ich habe die Sache sorgfältig

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untersucht und hier ist das Ergebniß. Englische Matrosen der Najade sind mit den ihres streitsüchtigen Charakters halber bekannten und gefürchteten Minero's von Cochino, von denen eine Horde aus Neugier oder unbekannter Ursach sich gestern hier eingefunden, in Streit gerathen, von diesen mit Messerstichen angegriffen worden und haben sich zu ihrer Rettung nach dem Lagerhaus des englischen Kaufmanns, an das ihr Haus consignirt ist, zurückgezogen, wobei ein Matrose getödtet worden ist.«

Der Graf warf einen fragenden Blick auf die englischen Gäste. »Es ist so, wie Sie sagen,« bemerkte der Lord. »Kapitain Hearton hat eine strenge Untersuchung angestellt. Einem Mitglied Ihrer Expedition Sir, verdankt unser Steuermann sogar sein Leben.«

Mit dem Widerstreben, das jeden ächten Engländer charakterisirt, wenn er irgend eine Schuld seiner Landsleute, namentlich Fremden gegenüber zugeben soll, bestätigte der Kapitain der Najade die Worte.

»Es ist ferner erwiesen,« fuhr der Graf unbarmherzig fort, »und es sind zahlreiche Zeugen dafür vorhanden, daß Ihr Capataz der Lastträger, nachdem er sogar einen meiner Offiziere zu einem Zweikampf herausgefordert hatte, bei dem er allein der bewaffnete Theil sein sollte, von dem Anführer der Minero's erschossen worden ist!«

»Ja - aber mit einem Revolver, und wo käme ein armseliger Bergmann zu einer solchen Waffe?« unterbrach ihn hastig der Gouverneur.

»Ventre saint gris! was geht das mich an? er wird sie wahrscheinlich gestohlen haben - wie das in der

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Gewohnheit seiner Kameraden liegt! - Da Euer Excellenz in's Detail unterrichtet sind, werden Sie auch den Schuldigen zu finden wissen. Diese Erklärungen haben schon zu lange gedauert und die Signale meiner Offiziere bereits gemeldet, daß die Abtheilungen des Expeditionskorps formirt sind. Wenn Euer Excellenz es noch für nöthig finden, mögen Sie von diesem Schreiben des Master Walker Kenntniß nehmen, das ich diesen Morgen erhielt und in dem er mir Dank sagt, daß meine Leute den Brand seines Magazins löschen geholfen und sein Eigenthum vor Plünderung gesichert haben!« Er warf den Brief auf den Tisch. »Was meine eigenen gerechten Beschwerden und Forderungen betrifft, Señor Gobernador, so werde ich sie Ihnen nach der Besichtigung der Expedition vorlegen, zu der ich mir jetzt Sie einzuladen erlaube.«

Der Graf hatte sich bei diesen Worten erhoben und eine energische Bewegung der Hand, indem er die ihm von Bonifaz gereichte Büchse wieder über die Schulter warf, nöthigte den Gouverneur, sich ihm anzuschließen.

Ohne des eben verhandelten Gegenstandes weiter mit einer Sylbe zu gedenken, schritt der Franzose mit dem Lord und Juarez voran, während der Senator mit seinen Freunden, die ihr Vergnügen über die Lection, welche der tyrannische ihnen verhaßte Gouverneur so eben erhalten hatte, kaum verbergen mochten, den Begleitern desselben folgte.

Die fünf Abtheilungen der Expedition - der Kreuzträger mit seinen Leuten hatte sich der des Capitan Antonio Perez angeschlossen, - standen in voller Ausrüstung

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und bester Ordnung auf dem Platz. Ein an den strengen Dienst der europäischen Armeen gewohntes Auge, wie das des jungen Lieutenant von Kleist mochte freilich Vieles auszusetzen finden, aber auch selbst dieser hatte sich längst überzeugt, daß für einen Kampf, wie er ihnen bevorstand, diese Männer gewiß weit geeigneter waren.

Es war allerdings eine Schaar von Abenteurern, aber jeder von ihnen in einer Hand, welche den rechten Posten für ihn zu finden wußte, gewiß ein ganzer Mann, der jeder Gefahr in's Auge schauen mochte und dem es weder an Muth noch an Hilfsmitteln fehlte. Die ganze Expedition bewahrte zu dieser Zeit noch ein unbedingtes Vertrauen auf ihren tapfern und edlen Anführer und dies wirkte auf ihre ganze Haltung.

Jeder Mann war ähnlich der Erscheinung des Grafen selbst ausgerüstet, ohne daß deshalb von einer Gleichmäßigkeit oder Uniformirung die Rede sein konnte. Er war mit Büchse, Hirschfänger oder Machete und Messer bewaffnet, die meisten noch mit Pistole oder Revolver, und das Leder- oder Wollenhemd mit Pulverhorn und Kugelbeutel nebst einer Zarape oder einer wollenen Decke, Proviantsack und Feldflasche die allgemeine Bekleidung.

Die ganze Ausrüstung war so in die Augen fallend praktisch, daß für die tadelsüchtige Laune des Gouverneur Juarez jede Gelegenheit schwand. Er ging stumm und mißvergnügt durch die Reihen, Einzelnes musternd und enthielt sich jeder Bemerkung.

So waren sie durch die Abtheilungen des Capitan Perez und der Teniente's Racunha, Weidmann und

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Morawski gekommen und näherten sich der des neuen Capataz, der auf den ausdrücklichen Willen des Grafen, wenn auch zur großen Kränkung seiner Eitelkeit den Befehl über dieselbe an den Lieutenant von Kleist für diesen Tag hatte abtreten müssen. Die Abtheilung des Señor Muñoz enthielt ein ganz besonderes Ensemble der wildesten und berüchtigsten Mitglieder der Expedition, und sowohl die Compagnie Slong-Meredith als Jack, der Matrose, und der alte Seeräuber gehörten dazu.

Der Gouverneur schritt in mürrischem Schweigen voran, kaum den Salut des preußischen Lieutenants erwiedernd. Der Graf folgte anscheinend in eifrigem Gespräch mit Lord Drysdale und die andern Offiziere und Begleiter schlossen sich ihnen an.

Plötzlich - am Ende der letzten Reihe, blieb der Graf vor einem Mann stehen, der sich durch häufiges Abwenden seines Gesichts und allerlei andere kleine Künste der Aufmerksamkeit entziehen zu wollen schien und über das linke Auge eine breite schwarze Binde trug, die das halbe Antlitz verbarg.

»Zum Henker, was haben Sie mit Ihrem Auge angefangen, Monsieur Squale-rouge?« frug der Graf mit erhobener fester Stimme.

»Squale rouge!«

Der Lord, der eben zu einem ihrer Begleiter im Gespräch sich gekehrt hatte, wendete sich rasch um. In demselben Augenblick auch hörte man einen gellenden wilden Ruf, und die verkrüppelte Gestalt des Malayen brach sich

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mit Gewalt Bahn durch die Reihen der anderen Zuschauer und der Abenteurer.

»Bei Mahomed und dem weißen Christ, Sahib, dort! dort!«

Die Augen Henry Norford's erweiterten sich - sein ohnehin - wenn auch von der Sonne der Tropen gebräunt bleiches Gesicht nahm die Farbe eines Leichentuchs an, alles Blut schien aus seinen Adern zum Herzen zu strömen - dann plötzlich schoß fast sichtbar wie der elektrische Funke ein Strahl aus diesen Augen, sein Gesicht verzerrte sich mit einem dämonischen Ausdruck und mit einem Griff dem Verbrecher die schwarze Binde vom Kopf reißend, hatte er ihn, wie ein wildes Thier seine Beute, mit der andern Hand gefaßt und riß ihn aus den Reihen der erstaunten Abenteurer.

Der Bösewicht ließ sich fast willenlos, widerstandslos fortschleifen - sein Antlitz war so aschbleich, wie das des Lords, seine Zähne klapperten und nur in heisern Tönen vermochte er den Ruf herauszustoßen: »Zu Hilfe! man ermordet mich!«

Norford, der Lord von Drysdale, hatte sein Opfer aus dem Haufen der Aufgestellten geschleppt, die jetzt unruhig zu werden begannen und unter denen man namentlich die näselnde Stimme Slong's und den heiseren Baß des Kentuckier's zu Gunsten ihres Kameraden hörte. Er hatte ihn darauf mit einer Bewegung zu Boden geschleudert und stand jetzt vor ihm, die Hände geballt, die Zähne auf einander gebissen, während ein convulsivisches Zittern seinen ganzen

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Körper bewegte und ein Tropfen von kaltem Schweiß an jedem seiner Haare perlte.

»Kapitain Hawthorn! - Endlich! Endlich! Gott oder Teufel, ich danke Dir!«

Die Worte waren mehr zwischen den Zähnen hervorgezischt als gesprochen, aber sie hatten einen so furchtbaren Klang, daß der wilde Seeräuber wie hoffnungslos seinen Kopf sinken ließ.

»Was soll das bedeuten?« frug erstaunt der Gouverneur - »was haben Sie, Mylord, mit diesem Menschen?«

Der Engländer schien die Frage gar nicht zu hören. »Mahadröh!«

»Hier Sahib!«

»Binde ihn!«

In dem Malayen, dem Krüppel mit den kräftigen Gliedern schien ein seltsamer Kampf vorzugehen, nachdem der erste Augenblick des Erkennens vorüber war. Seine schwarzen Augen rollten mit der Blutgier des Tigers, der sich auf seinen Raub stürzen will, über das Opfer, dann richteten sie sich wieder zum Himmel empor und seine Fäuste schlugen die nackte Brust und krallten sich in das Fleisch, während sein ganzer Körper in nervösen Zuckungen erbebte.

»O Sahib! Sahib! Mein ist die Rache, sagte der weiße Gott! Bedenke Sahib - ich bin ein Christ!«

»Und ich ein Moslem! - Binde ihn!«

Der Malaye löste die Schnur, die sein weißes Gewand hielt und kroch scheu zu dem Opfer.

Aus dem Haufen der Abenteurer, die sich jetzt, alle

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Ordnung aufgelöst um die Gruppe im Kreise drängten, erschollen laute Rufe. Der brutale Pirat war wenig beliebt, und meist waren es nur Ausrufungen des Erstaunens oder der Neugier, die erschollen; aber es fehlte auch nicht an Stimmen der Mißbilligung, daß ein Fremder sich eine solche Handlung ungestraft gegen ein Mitglied der Expedition erlauben dürfe und an der Aufforderung, Hawthorn zu schützen - die Meisten sahen fragend und erstaunt über seine Unthätigkeit auf ihren Führer.

Der Graf hatte bis jetzt ruhig, die Arme über einander geschlagen, der Scene beigewohnt, nur wer ihn genau kannte, wie Bonifaz, der seine Büchse an sich genommen hatte und sich im Innern freute, daß der nach seiner frechen Erzählung auf's Höchste von ihm verabscheute Bösewicht endlich in die Hände eines Rächers seiner Unthaten gefallen war, sah aus dem spöttischen Zucken der Mundwinkel und der eigenthümlichen zwinkernden Bewegung der Augenlider seines Herrn und Freundes, daß derselbe einen vorher gefaßten Entschluß verfolgte.

Graf Boulbon trat zu dem noch immer bewegungslos am Boden liegenden Mann, über den sich eben der Malaye beugte, die unzerreißbare Schnur in der Hand. Mit einem Fußtritt schleuderte er diesen, gleich einem giftigen Gewürm, zur Seite.

»Euer Herrlichkeit irren sich,« sagte er kalt - »Sie sind hier nicht auf Ihren indischen Besitzungen und diese Männer sind keine Ryot's, denen ein britischer Nabob oder Steuerempfänger nach Belieben den Kilt geben lassen kann!«

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»Sir - mein Herr, Sie sollen Alles erfahren! Sie selbst werden das Gericht Gottes anerkennen, das dieses Scheusal endlich in meine Hände geliefert hat!«

»Das giebt Eurer Herrlichkeit kein Recht, zu handeln, wie Sie gethan.« Er wandte sich zu dem Piraten. »Steht auf, Mann!«

»Sir« - die ausgestreckte Hand des Lords zitterte - »dieser Mann ist ein Mörder, ein hundertfacher Mörder, ein Bösewicht, wie keinen zweiten die Erde trägt!«

»Ich weiß es! - Was weiter?«

»Seit drei Jahren suche ich diesen Mann, durch alle Länder und Meere dieser Hemisphäre - er hat mir mein Alles geraubt - er hat Verbrechen begangen, die einen Teufel weinen machen würden! - Hören Sie nicht, Sir, Sie selbst sprachen es aus und der ewige Rächer dort oben legte das Wort auf Ihre Lippen - es ist Squale rouge, der »Rothe Hay«, der berüchtigste, blutgierigste Pirat der indischen Meere, der Kapitain des »Satan«![«]

»Ich weiß es! - Was weiter, Mylord?«

»Ich habe einen heiligen Eid gethan, daß diese Hand das zuckende Herz aus seinem Leibe reißen soll, ich habe mein ganzes Dasein, meine Seligkeit eingesetzt für diesen Augenblick, wo ich ihn fassen, wo ich ein heiliges Wesen rächen kann, das dieser Bösewicht für hier und dort vernichtet hat. Hören Sie es, Sir - hören Sie es Alle, die Sie hier um mich stehen und mir Gerechtigkeit gewähren werden, - dieser Mensch, nein, diese Hyäne in Menschengestalt mordete unschuldige Frauen, er ließ sie von den Teufeln, seinen Genossen, den Tigern des Meeres hinabwerfen,

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deren Namen er trägt, kalten Blutes hinabschleudern, nachdem sie an ihren Leibern ihre niedere Brunst gekühlt! Ich selbst - wie jener arme Krüppel dort an die Wand unseres versinkenden Schiffes geknebelt - sah die Geliebte meiner Seele, meine Braut, geschändet versinken in den blutgerötheten Wellen!«

Die schreckliche Erinnerung überwältigte den Unglücklichen - er preßte die Ballen seiner Hände gegen die brennenden Augen.

Eine tiefe Stille herrschte in dem Kreise umher - selbst die rohesten dieser Abenteurer empfanden ein tiefes Mitgefühl mit dem unglücklichen Mann und der schreckliche Ruf des Piratenschiffes »Der Satan« war - obschon Jahre seitdem vergangen waren, noch Manchen im Gedächtniß.

Der Graf hatte mit finsterm Blick die Lippen fest auseinander gepreßt. »Mylord,« sagte er endlich mit theilnehmender ernster Stimme - »auf das Wort eines Edelmannes, ich bedaure Sie von ganzem Herzen!«

Der Engländer ließ die Hände sinken, seine Augen fuhren mit wildem Ausdruck umher. »Dann Sir, werden Sie meiner Rache - nicht meiner Rache, der Gerechtigkeit nicht in den Weg treten. Dieser Mann ist mein - ich werde ihn tödten, ich habe es geschworen!«

Jetzt zum ersten Mal richtete Hawthorn den Kopf in die Höhe, er schien mit Gewalt sich zu ermannen. »Sie werden es nicht dulden, Señor General,« rief er mit heiserer Stimme, »Sie sind verpflichtet, mich zu schützen - ich habe Ihr Wort!«

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Der Graf athmete schwer. »Mylord,« sagte er - »ich fühle ganz mit Ihnen - aber dieser Mensch steht leider unter meinem Schutz, er hat das Wort eines Bourbons. Es ist unmöglich, daß Sie ihn jetzt mit sich fortführen!«

»Wie Sir, Sie würden es wagen, mir Gerechtigkeit zu verweigern? Sie wollen einen Verbrecher, der tausendfachen Tod verdient hat, schützen?«

»Er hat mein Wort! fragen Sie ihn selbst - fragen Sie diese Männer umher, wie ich ihn behandelt habe! Aber er hat an meine Ehre appellirt und ich bin verpflichtet, ihm den Contrakt zu halten. In weniger als einem Jahre ist dieser zu Ende - dann, Mylord, nehmen Sie Ihr Opfer, und nicht ein Mann von allen diesen umher wird einen Finger zu seiner Vertheidigung erheben!«

»Glauben Sie, daß ich ein Thor bin, diesen Schurken aus meiner Hand zu lassen, nachdem sein böser Geist ihn in die meine geführt hat? - Niemals! - Was geht mich Ihr Contrakt mit Räubern und Mördern an? - Gott sei Dank sind Sie nicht die oberste Behörde dieses Landes. Señor Gobernador, ich fordere Sie auf, Ihre Pflicht zu thun! Dieser Mensch ist der Mörder britischer Unterthanen, er ist zahlloser Verbrechen überwiesen, ich verlange daß er mir ausgeliefert wird zur Stelle!«

»Sie haben Recht, Mylord,« sagte der Gouverneur. »Man rufe ein Paar der Alguazils und lege diesen Kerl in Ketten!«

Der Graf trat einen Schritt vor. »Sie vergessen Señor,« sagte er streng, »daß nach meinem Contrakt mit

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der Mexikanischen Regierung die Gewalt über meine Soldaten - das Recht über Leben und Tod - mir allein zusteht!«

»Ihre Soldaten, Señor? - Der Unsinn muß aufhören - Sie stehen im Solde der Regierung und haben sich den Gesetzen zu fügen!«

Boulbon war mit einem Schritt zwischen dem Dänen und seinem Todfeinde. Er hob den Finger. »Die Büchsen zur Hand, Gentlemen - an Ihre Posten, meine Herren!«

Die sechs Offiziere des Grafen sprangen in den Kreis, die Männer ergriffen wie mit einem Schlage ihre Waffen, ringsum hörte man das Klirren der Gewehre.

»Señor Gobernador,« sagte der Graf und seine Stimme hatte bei voller Ruhe einen furchtbaren Klang, »ich bitte Sie, wohl zu überlegen, was Sie thun. Diese Männer gehorchen meinem Wink und ich bin nicht gesonnen, einen Fingerbreit von den Rechten unseres Vertrages abzugehen. Herr von Morawski!«

Der alte Pole trat vor, die Hand am Griff seines Säbels. »Was befehlen Sie, Oberst?«

»Nehmen Sie fünf Mann und diesen Menschen hier in Ihre Mitte, bis ich weiter über ihn bestimme. Sie bürgen für seine Sicherheit!«

Der Pole drehte sich ohne ein Wort der Erwiderung um und winkte fünf der Seinen, aber ehe diese hervortreten konnten, sprang der Lord zwischen sie und sein erkornes Opfer.

»Einen Augenblick! hören Sie mich,« rief er mit

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keuchender Stimme. »Ich darf - ich werde von ihm nicht lassen! Dieser Mensch würde hundert Mittel finden, seiner Strafe im Lauf eines Jahres auf's Neue zu entfliehen. Ich bin reich, Sir, nehmen Sie mein halbes Vermögen - nehmen Sie fünfzigtausend Pfund - nehmen Sie Alles, was ich habe, aber lassen Sie mir meine Rache!«

Der Graf winkte. »Thun Sie Ihre Pflicht, Lieutenant Morawski - Mylord, ich warne Sie! Das Wort des Grafen Aimé Boulbon ist kein Handelsartikel!«

»Nun denn - so helfe mir Gott oder der Teufel - lebendig soll er nicht von hier!« Und ohne Waffen, wie der Tiger im Sprung auf seine Beute, stürzte er sich auf den entsetzt mit gesträubtem Haar zurückweichenden Mörder und versuchte, seinen Hals zu umklammern.

Der Franzose machte eine rasche Bewegung - man sah seinen Arm sich ausstrecken und die hagere hohe Gestalt des Engländers, vom Boden erhoben, in seinen Händen sich winden - dann flog sie wie ein Ball zurück, wohl fünf - sechs Schritte weit und wäre zu Boden gestürzt, wenn nicht der Gouverneur selbst und mehre seiner Begleiter herbeigesprungen wären und den Lord gehalten hätten.

Ein Schweigen des Entsetzens folgte dieser raschen, gewaltsamen That - dann hörte man die feste Stimme des Grafen: »An Ihre Ordre, Lieutenant Morawski!«

Der Pole mit seinen Leuten umgab schützend den Mörder und führte ihn in die Mitte der Schaar, die ihm scheu Platz machte, jede Berührung meidend, und sich dann

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wieder um ihn schloß, eine Mauer gegen jeden neuen Versuch bildend.

Aber es hätte dessen gar nicht bedurft.

Henry Norford, der Lord von Drysdale, hatte sich erhoben, sein Gesicht war fast noch bleicher, als vorhin bei der ersten Entdeckung des Mörders. Er wehrte die Hilfe der Umstehenden, selbst die Hand des Gouverneurs hastig von sich ab, während er sich aus ihren Armen emporraffte. Dann ging er mit langsamen Schritten wieder auf den Grafen zu - ein furchtbarer Ernst lagerte auf seiner wachsbleichen Stirn - zwei große Blutstropfen quollen aus seiner Unterlippe zwischen den Zähnen hervor.

Der Graf erwartete ihn, ohne eine Bewegung der Vertheidigung zu machen.

Als der Lord kaum auf Armeslänge noch von ihm entfernt war, erhob jener die Hand und legte den Finger auf die Brust des Franzosen.

»Sir,« sagte er - »Sie sind ein Edelmann!«

»Ich bin es, Mylord!«

»Wohl - so werden Sie wissen, daß Ihr Schlag mich entehrt hat, daß ich, der englische Edelmann, das Recht habe, Ihr Blut zu fordern. Sie haben mich behandelt, wie einen Hund, Sie sind mir Genugthuung schuldig!«

»Ich bin vollständig bereit, sie Ihnen zu geben!«

»Das erwartete ich und danke Ihnen dafür. - Sie werden also begreifen Sir, was die Worte mich kosten, die ich Ihnen zu sagen habe, und die mich entehren vor den Augen der Welt!«

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»Sprechen Sie, Mylord, und was es auch ist, seien Sie meiner Hochachtung gewiß!«

»Well! - Sir, ich - der ehemalige Offizier - der Edelmann - der Brite - verzichte auf die mir von Ihnen zustehende Genugthuung, ich will die Schmach Ihres Schlages geduldig hinnehmen, wenn Sie mir jenen Bösewicht ausliefern wollen.«

Der Graf fühlte ein inniges Mitleid mit dem Schmerz, mit dem Leiden dieses Mannes.

»Mylord,« sagte er bewegt, »nehmen Sie mein aufrichtiges Bedauern, daß ich Ihr Verlangen nicht erfüllen kann. Wäre dies überhaupt möglich gewesen, auf mein Ehrenwort, so wäre es sofort geschehen!«

»Dann Herr bleibt mir nur ein Kampf mit Ihnen auf Leben und Tod.«

Der Graf verbeugte sich.

»Sie sind hier der Herr,« fuhr der Engländer fort - »Ihre Ehre möge die Bedingungen bestimmen. Nur erinnern Sie sich, daß ich Sie zugleich als den Vertreter jenes Scheusals betrachte, an dem ich die Pflicht einer furchtbaren Rache zu üben habe!«.

»Pardieu! ich denke, Monsieur Hawthorn kann seine Geschäfte selbst besorgen!«

»Wie, Sir?«

»Ich hoffe, Mylord, daß der Schuft einige persönliche Courage besitzt. Bringt den Mann näher herbei, daß er unsere Worte deutlich hören kann!« befahl der Graf.

Die Männer, welche Hawthorn umgaben, gehorchten.

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Alle waren auf's Höchste gespannt auf die Entwickelung dieser Scene.

»Ich habe die Pflicht, Mylord,« sagte der Graf mit erhobener Stimme, »diesen Mann, so lange er in meinen Compagnieen steht, zu schützen und ihn nicht seinen Feinden auszuliefern. Aber ich hoffe, daß es unter meinen Soldaten und Kameraden keinen Feigling geben wird, der sich weigert, einem Manne, dem er Unrecht zugefügt, mit der Waffe in der Hand dafür Genugthuung zu geben!«

Ein stürmischer Zuruf der Seinen begrüßte die Worte des Anführers - man begann seine Absicht zu begreifen.

»Wie Sir,« rief der Engländer freudig überrascht - »Sie wollen mir den Rothen Hay zum Zweikampf gegenüber stellen?«

»Das ist Hinterlist - das ist Wortbruch,« brüllte der Däne. »Es ist so gut wie offene Hinschlachtung, denn mein Arm ist schwach und wehrlos!«

»Still, Bursche! - Mylord - dieser Mann ist allerdings in Folge einer Verletzung noch nicht fähig, mit voller Manneskraft Ihnen gegenüber zu stehen. Aber es giebt einen Ausweg. Sie haben einen Begleiter, der - so viel ich weiß - bei jener traurigen Angelegenheit mit betheiligt war?«

»Mahadrö! Jener Bösewicht hat ihn zum Krüppel gemacht.«

»Wohl - so stehen sich Beide ziemlich gleich. Ich bin Ihnen Genugthuung schuldig, Mylord - ich schlage Ihnen einen Kampf zwischen uns Vier vor!«

Drysdale starrte ihn bei dem seltsamen Vorschlag an.

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»Es scheint, daß Sie mich noch nicht recht verstehen, Mylord,« sagte der Graf. »Sehen Sie die Sonne, die bereits ihren Zenith seit vier Stunden überschritten hat. Wenn sie in den großen Ocean gesunken ist, dessen Wasser einst Ihr Unglück gesehen, wenn die Dunkelheit eingetreten ist, werden wir Vier, Sie - ich - der arme Mensch dort mit den gelähmten Beinen und den kräftigen Armen, und jener mörderische Schurke, - Jeder mit einer Machete oder einem Bowiemesser, nach seinem Belieben, bewaffnet - ohne Feuergewehr - uns nach Art der Herren Yankees, deren Gewohnheiten ich im Uebrigen herzlich verachte, in einem dunklen lichtleeren Raum einschließen. Nach einer halben Stunde werden unsere Freunde die Thür öffnen, und ich hoffe, Sie werden dann Ihre Genugthuung haben, wenn Gott es so gewollt hat!«

Einige Augenblicke stand die ganze Gesellschaft stumm und wie erstarrt bei dem furchtbaren Vorschlag. Nur die Augen des Engländers funkelten, er ergriff die Hand des Franzosen und drückte sie an seine Brust. »Ich danke Ihnen, Sir!«

»Herr Graf,« sagte der Preußische Offizier vortretend - »wir dürfen es unmöglich zugeben, daß Sie sich einem solchen Kampfe aussetzen. Sie sind unser Anführer, von Ihrem Leben hängt unser Aller Wohl, die ganze Expedition ab. Lassen Sie mich an Ihre Stelle treten!«

»Mich! Excellenz, mich!« wiederholten mehre Stimmen.

»Ich protestire! ich will nicht kämpfen!« schrie der Korsar dazwischen.

»Still, Männer!« gebot der Graf. »Monsieur de Kleist,

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ich danke Ihnen, Sie sind ein wackerer Mann. Aber ehe ich Euer Anführer wurde, meine Braven, war ich Edelmann - es bleibt demnach bei meinem Wort. Jenen Schurken da, Lieutenant Morawski, bringen Sie in mein Quartier und bewachen, ihn wohl bis zum Abend. Pardioux! wenn er sich weigert, ein Mann zu sein, will ich ihn mit Ruthen durch die ganze Sonora peitschen lassen!«

Ein donnerndes Hurrah, Hipp! Hipp! ein langanhaltendes Viva! folgte der Entscheidung des kühnen Franzosen und war so laut und mächtig, daß nur Wenige auf den Schall eines Kanonenschusses achteten, der von der See her herüber donnerte.

Während Hawthorn von seiner Escorte, bald tobend, bald erschaudernd und zerknirscht fortgeschafft wurde, begann der Enthusiasmus über den Vorschlag des Grafen endlich einen ruhigeren Ausdruck zu finden und rings umher wurde eifrig über diesen unerhörten Kampf debattirt, der am Abend folgen sollte und jetzt mehr das Interesse der leichtherzigen Abenteurer und der ganzen Bevölkerung - denn die Nachricht davon verbreitete sich rasch über den ganzen Platz - in Anspruch nahm, als das Schicksal von Guaymas überhaupt.

Ueberall hörte man Viva's auf den tapferen Conde und die Frauen drängten sich mit Gewalt durch die Reihen der Männer, um ihn zu sehen, oder ihm Blumen zuzuwerfen.

Aber der Auftritt war noch keineswegs zu Ende.

Señor Juarez bemerkte mit Erbitterung die reißenden Fortschritte in der Volksgunst, welche der verhaßte Franzose

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machte. Aber sein scharfes Ohr hatte sehr wohl den Kanonenschuß vernommen, und indem er zugleich an die Gefahr dachte, welcher sich sein Gegner leichtsinnig selbst in dem vorgeschlagenen Duell aussetzte, überflog ein Lächeln boshaften Triumphes sein Gesicht. Er sprach eben mit dem Lord, der sich anschickte, nach seinem Schiff zurückzukehren, um noch einige Anordnungen zu treffen, als Graf Boulbon durch die zurückweichende Menge auf ihn zukam.

»Euer Excellenz,« sagte der Graf gemessen - »haben mir in Folge dieser unerwarteten Unterbrechung noch nicht die Güte gehabt, zu sagen, wie Sie über die Ausrüstung meiner Leute urtheilen!«

»O - Señor - sie ist vortrefflich, sie ist einfach, aber ich hoffe, daß sie sich bestens bewähren wird,« entgegnete der Mexikaner geschmeidig. »Nur Eins scheint mir ziemlich überflüssig, und Sie erlauben Señor Conde, daß ich Sie darauf aufmerksam mache.«

»Euer Excellenz werden mich damit verbinden!«

Der Gouverneur stand in der Nähe der beiden kleinen Geschütze, deren Mündung gegen die noch immer ziemlich ungeduldig auf der Plaza haltenden Dragoner gerichtet war. Er deutete mit der brennenden Cigarre auf die Röhre.

»Die beiden Puffer hier Señor,« sagte er lachend, »werden Ihnen nicht viel helfen. Sie kennen unsere Gebirge und unsere Einöden nicht! ich wette Tausend gegen Zehn, daß Sie sie schon nach den ersten drei

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Tagemärschen in der Prairie als nutzlos stehen lassen würden. Die Apachen geben keine Zielpunkte für Kanonenkugeln ab!«

»Wenn sie auch gegen die Wilden gerade keine besonderen Dienste leisten sollten,« erwiederte der Graf ruhig, - »so wäre es doch sehr möglich, daß sie sich für andere Gelegenheiten als keineswegs überflüssig beweisen. Aber haben Euer Excellenz die Güte, mit dem Feuer Ihrer Cigarre dem Zünder nicht zu nahe zu kommen, es könnte ein Unglück geben.«

Der kleine Gouverneur prallte erschrocken zurück.

»Caramba - die Kanonen sind doch nicht etwa geladen?«

»Mit Kartätschen, Señor Gobernador! Es ist dies eine nothwendige Vorsicht, - man kann nie wissen, was passirt.«

Der Gouverneur hatte sich gefaßt - aber er hielt sich weislich mehre Schritte von den Geschützen entfernt, indem er zugleich verstohlene Blicke nach der Seeseite warf.

»Sie sprachen von Beschwerden, Señor Conde,« sagte er gleichgültig »für sich und die geworbenen Leute?«

»Ja Señor, und mit Recht. Obschon wir drei Tage hier sind, hat man versäumt, für die Expedition die geringste Sorge zu tragen. Wir sind allein auf uns selbst und das Wohlwollen der Bewohner von Guaymas angewiesen gewesen.«

»Caramba, Señor,« unterbrach ihn der Gouverneur spöttisch - »wenn diese Herren geglaubt haben, hier alle Bequemlichkeiten zu finden, haben sie sich freilich geirrt. Die Sonora ist ein Land von noch ziemlich wenig Comfort,

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Sie werden in dem Kriege gegen die Indianer wenig Gelegenheit finden, unter Dach und Fach zu logiren.«

»Meine Leute sind der Strapatzen gewöhnt und wünschen sie,« sagte der Graf stolz. »Lassen Sie uns nicht länger mit Worten spielen, Señor. Nach meinem Abkommen mit der Regierung habe ich hier Verproviantirung der Expedition, die nöthige Anzahl von Pferden und für zwei Monate Sold, also 20,000 Dollars in Empfang zu nehmen!«

»Zwanzigtausend Dollars - das ist eine starke Summe für - diese Herren!« bemerkte spöttisch der Gouverneur. »Aber zum Glück für die Regierungskassen haben, wenn ich mich des Vertrages recht erinnere20, nicht diese, sondern Ihre guten Freunde, die Herren Kaufleute, und die Junta der großen Grundbesitzer dieselbe zu zahlen?«

»So ist es, Señor Gobernador, aber durch die Regierung. Euer Excellenz werden es also gerechtfertigt finden, wenn ich für diese und die andern Bedingungen des Vertrages eine Garantie fordere.«

»Und welche wäre das, wenn es Ihnen gefällig ist, Señor Conde?«

»Zunächst die Einräumung des Forts San Fernando-Guaymas und seine Besetzung durch meine Leute! Dann ...«

Der Gouverneur lachte spöttisch auf. »Caramba, Señor Francese,« rief er - »Sie sind ein Mann von allzugroßer Bescheidenheit! Bedenken Sie auch, daß der Besitz des Hafenforts die Herrschaft über Guaymas ist?« - -

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»Das ist ganz meine Meinung, Señor!«

»Aber zum Teufel, man wird sie Ihnen nicht so gutwillig geben! Ich habe die Ehre, hier Gouverneur zu sein und kenne meine Pflichten und meine Rechte!«

»Euer Excellenz werden die Güte haben, für diesen Theil Ihres Gebietes mir diese Rechte abzutreten. Ich habe für die Sicherung der Expedition zu sorgen und bedarf eines Haltepunktes an der See.«

»So müssen Sie diesen wo anders suchen! Entweder Ihre Truppe steht im Solde der Regierung, dann hat sie sich den Befehlen derselben zu fügen, und diese bestehen darin, daß sie morgen nach den Gränzen des Indianergebiets aufbricht und dort sich an die Posten vertheilt, die Ihnen angewiesen werden. Oder sie verweigert den Gehorsam, und dann bin ich gezwungen, zu meinem großen Bedauern, sie nach den Gesetzen zu behandeln.«

»Und das wäre, Señor Gobernador?«

»Ich bitte Euer Excellenz, mich nicht zu zwingen, einem Mann von Ihren Verdiensten dies auseinander zu setzen.«

»Euer Excellenz meinen als Vagabonden und Eindringlinge,« sagte lächelnd der Graf. »Geniren Sie sich nicht, ich weiß, Señor Gobernador, daß Sie ein Mann des Gesetzes sind und als solcher dessen Ausdrücke lieben.«

Der ehemalige Advokat zuckte ungeduldig die Achseln.

»Euer Excellenz verweigern mir also die verlangten Garantien?«

»Diese? - ganz gewiß.«

»Dann bin ich gezwungen, sie mir selbst zu nehmen.«

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Juarez hatte sein Taschentuch gezogen und gab ein Zeichen damit.

»Sie würden die Folgen sich selbst zuzuschreiben haben, Señor Francese,« sagte er stolz. »Das Militair der Regierung würde jeden solchen Versuch blutig zurückweisen. - Selbst Ihre beiden Kanönchen dort,« fügte er spöttisch hinzu - »würden, wie ich fürchte, wenig ausreichen gegen die Geschütze der San Trinidad. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß das Fort und jenes Kriegsschiff« - er wies nach dem Meer, - - »strengen Befehl haben, im Fall von Unordnungen Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«

Ein Kanonenschuß - ein zweiter - dritter vom Meere her schien gleichsam die drohende Rede zu bestätigen. Der Graf, der in der That keine Ahnung von der Nähe des Kriegsschiffes und auf das Herankommen eines Fahrzeugs nicht geachtet hatte, sah sich erstaunt um, und erblickte jetzt die Corvette. Die »Santa Trinidad« kam mit vollen Segeln in den Hafen, von ihrer Gaffel wehte die mexikanische Flagge - die grün-weiß- und rothen Streifen mit dem Adler, und der Pulverdampf wälzte sich in weißen Spiralen aus den Luken, als sie zur Seite des Forts, in der Entfernung von etwa hundert Faden vor Anker ging und ihre Segel reffte.

Zugleich, und als hätten sie nur auf das Signal gewartet, verließ die Compagnie Dragoner ihre Aufstellung neben der Miliz und kam rasselnd über die Plaza, bis auf etwa zwanzig Schritte heran, wo ein Zeichen des Gouverneurs ihr Halt gebot. Von der andern Seite brachten

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die Ordonnanzen und Diener die Pferde für Juarez und seine Begleiter herbei. Der kleine Gouverneur schwang sich mit der Behendigkeit eines Affen in den Sattel und schien sich erst dort recht sicher zu fühlen, denn sein unschönes Gesicht überflog ein boshafter Triumph.

Der Graf hatte allerdings bei dem unerwarteten Anblick des Kriegsschiffes gestutzt, denn er begriff sogleich, daß dessen Ankunft nicht eine zufällige war, aber er vermochte es über sich, seine äußere Ruhe zu behalten und wandte sich mit dieser zurück zu seinem Gegner.

»Euer Excellenz wollen uns verlassen? Ich hoffte, Sie würden mir die Ehre anthun, der Feier meiner Verlobung mit Doña Dolores da Sylva Montera nebst diesen Herren beizuwohnen!«

»Wie Sie sehen, Señor Conde. Ich bedaure unendlich, auch diesen Abend nicht dem höchst interessanten Duell beiwohnen zu können, das Sie den Bewohnern von San Fernando zum Besten geben. Aber ich hoffe zu Gott und den Heiligen, daß Euer Excellenz doch glücklich davon kommen werden und ich die Ehre habe, Sie morgen früh in San José zu empfangen, um mir den Gehorsam der Expedition anzuzeigen und die weitern Instructionen der Regierung in Empfang zu nehmen. Was Ihr Familienfest anbetrifft, das mein alter Freund Don Esteban heute begehen will, so bitte ich zuvörderst, der schönen Dame meine aufrichtigen Glückwünsche melden zu wollen und wie sehr ich mich unglücklich fühle, durch Regierungsgeschäfte verhindert zu sein, dies persönlich schon heute zu thun. Mögen

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Sie tausend Jahre leben, Señor Conde, und sich eines steten Glücks zu erfreuen haben!«

»Euer Excellenz erwiedere ich diesen Wunsch und verspreche Ihnen, daß Sie mich morgen wiedersehen sollen, wenn Gott bis dahin nicht anders über mich verfügt hat.«

Er erwiederte den übertrieben höflichen Gruß mit einer ruhigen Verbeugung und wandte sich dann zu Don Esteban, während der Gouverneur zu der Miliz sprengte, dort noch verschiedene Befehle an die Offiziere zu ertheilen schien und hierauf an der Spitze seiner Dragoner San Fernando verließ.

Jetzt erst kam Don Esteban dazu, seinem künftigen Schwiegersohn ernste Vorstellungen über den thörichten Kampf zu machen, - in den er sich zu einer Zeit eingelassen wo seine Thatkraft, sein Leben von so großer Wichtigkeit für die Erreichung ihrer Pläne war, die durch die Ankunft der Corvette ohnehin beinahe als im Keim erstickt angesehen werden mußten. Boulbun jedoch mit dem ganzen chevaleresken Leichtsinn des französischen Charakters erwiederte ihm, daß die Sache nicht mehr zu ändern sei und daß er auf sein gutes Glück vertrauen müsse. Er verlangte, daß keine der getroffenen Vorbereitungen zurückgenommen werden dürfe, und wußte, zuletzt bei dem ohnehin abenteuerlichen Charakter der spanischen Mexikaner seinen Willen durchzusetzen, ohne daß er seine nähern Pläne verrieth.

Bereits im Lauft des Vormittags waren durch die Diener des Senators zahlreiche Einladungen an die angesehensten und reichsten Bewohner von San Fernando zur Feier des Verlobungsfestes ergangen, das der Graf für

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diesen Abend verlangt hatte. Die Nachricht von dem schrecklichen Duell, das gleichsam als eine blutige Illustration dieses Festes dienen sollte, hatte selbst Diejenigen vermocht, die Einladung anzunehmen, welche sie früher aus politischen oder persönlichen Gründen abgelehnt hatten. Bonifaz, der sehr wohl wußte, daß jeder Widerspruch vergeblich sein würde und der übrigens ein eisernes Vertrauen auf das Glück und die Energie seines Herrn in der Stunde der Gefahr hatte, war mit Hilfe des neuen Capataz eifrig mit den Vorbereitungen des Festes beschäftigt; denn der Senator hatte beschlossen, daß die Bevölkerung von San Fernando möglichst daran Theil nehmen sollte, um ihre Aufmerksamkeit von andern Dingen abzuziehen. Die Magazine der Kaufleute lieferten Fässer französischen Weines und Branntwein, und auf der Plaza wurden lange Tafeln aufgeschlagen, an denen die ärmern Bewohner von San Fernando Speise und Trank in Ueberfluß finden sollten.

Ehe der Graf mit dem Senator nach seiner Wohnung zurückkehrte, besichtigte er den Platz, der zu dem Zweikampf bestimmt war. Er hatte dem Capataz Muñoz den Auftrag erheilt, für einen geeigneten Raum zu sorgen, und dieser hatte ihn aufs Beste erfüllt. Es war ein von Holz und Steinen aufgeführtes Gebäude, das größtentheils zu einem Waarenlager diente, und dessen hinteres schmales Ende fast unmittelbar an den Hafen stieß. Auf der Vorderseite nach der Plazza zu befand sich ein abgeschlossener Raum, der die ganze Breite des Hauses einnahm und etwa 12 Schritte lang war, mit einem kleinen Vorbau. Dieses Gemach wurde unter der Leitung des Capataz völlig

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ausgeleert, so daß nur die kahlen vier Wände blieben, und die vergitterten Fensteröffnungen wurden mit Brettern und Decken derart verbarrikadirt, daß kein Strahl von Licht von Außen hereinzudringen vermochte und eine absolute Finsterniß hier am Abend herrschen mußte.

Erst nachdem er alle Anordnungen getroffen folgte der Franzose seinem Schwiegervater zu Señora Dolores, zu welcher der Ruf des schrecklichen Abenteuers bereits gedrungen war, in das er sich auf's Neue verwickelt hatte. Aber weit davon entfernt, die Angst und Besorgniß einer Liebenden zu verrathen, schien die stolze Spanierin in dieser Gefahr nur einen neuen Triumph für den Mann ihrer Wahl, also für sich zu sehen und wies selbst mit einer gewissen Härte die Befürchtungen ihres Vaters zurück. Uebrigens verweilte auch der Graf nur kurze Zeit bei ihr - er hatte sich zur Bedingung gemacht, daß ihm die unbedingte und alleinige Leitung des Schlages überlassen bliebe, den man gegen die Juaristen vorbereitete, und er wußte, daß die Augenblicke kostbar waren.

In seinem Zimmer fand er den alten Polen mit dem Corsaren. Der von dem Blut unschuldiger Menschen triefende, durch hundert grausame und entsetzliche Thaten verhärtete Pirat, dem es gewiß an rohem Muth nicht fehlte und der so oft dem Tode und allen Gefahren getrotzt hatte, sah jetzt wie verstört und gebrochen auf einer Bank, die Hände auf seinen Knieen zusammen gepreßt, und als der Graf eintrat, warf er diesem einen haßerfüllten drohenden und doch wieder verzweifelnden Blick zu.

Boulbon sprach einige Worte leise mit dem Lieutenant,

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dann entfernte sich dieser - er blieb mit dem Piraten allein.

»Sie wissen, was diesen Abend geschehen wird, Kapitain Hawthorn?« sagte er.

»Verflucht sei Ihr bübischer Verrath - wie konnte ich auch einem glatten Franzosen trauen! - dieser Schurke von Engländer wird mich ermorden - es ist eine abgekartete Sache!«

»Sie haben Furcht, Kapitain Hawthorn!«

Der Pirat sprang empor, auf seiner Stirn zitterte der kalte Schweiß - seine Augen rollten mit entsetztem Ausdruck umher, während er die Hände weit von sich streckte, als wolle er, Andern unsichtbare, drohende Gestalten von sich abwehren.

»Ja, Sir - ich fürchte mich! - ich bin ein Mann, und ich zittere wie ein Schulknabe - meine Hand wird machtlos sein gegen ihn, denn er ist nicht allein - nicht allein! Ein blutiger Nebel ist vor meinen Augen und durch ihn hindurch sehe ich ein weißes Gesicht - so weiß - wie es mir in vielen Nächten erscheint, auf dem Meer und auf dem Land! - Ich weiß - dies Gesicht wird bei ihm sein! - mögen zehntausend Teufel Ihre Seele zerreißen, hochmüthiger Graf und wehe Ihnen, daß Sie Niels Hawthorn in seiner Schwäche gesehen - aber - ich fürchte mich, ich will nicht mit ihm kämpfen! Erbarmen Graf, schützen Sie mich oder ich werde wahnsinnig!«

Und der wilde wüste Mensch fiel gebrochen auf seine Knie und umfaßte wie ein Kind heulend die Füße des Franzosen.

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»Stehen Sie auf, Kapitain Squale rouge,« befahl der Graf - seien Sie ein Mann!«

Der Pirat richtete sich empor: »Beim Satan, der meine Seele haben wird, wenn es ein solches Ding giebt,« sagte er mit wildem Ausdruck - »ich bin es und ich sage Ihnen, Gräflein, - es ist nicht gut für Sie, daß Sie mit meiner Schwäche spielen! Ich fürchte beim Teufel den Tod nicht und keinen lebendigen Menschen auf der Welt - außer ihm, denn - er ist nicht allein, über seine Schulter grinsen mich jedesmal, wenn ich mit ihm zusammen treffe, hundert bleiche Fratzen an mit den stieren Augen und den weißen Zähnen, und all' meine Manneskraft sinkt wie mein Arm und ich weiß, - daß er mich tödten wird, wenn ich ihn nicht auch vernichte, und daß ich ihm nicht entgehen kann!«

»Aber dann bietet dieser Kampf Ihnen ja Gelegenheit, sich für immer von ihm zu befreien,« sagte beobachtend der Graf.

»Nein - nein! - jener Schatten würde bei ihm sein - meine Hand vermag Nichts gegen ihn - Niels Hawthorn, der hundert Mal dem Tode getrotzt hat, ist eine Memme in seine Nähe, und Fluch Ihnen, daß Sie mich zu dieser Schmach gezwungen haben. Wäre dies nicht - so wäre morgen jener Dämon eine Leiche gewesen so gut wie die Andern. Dann hätt' ich der Gespenster gelacht!«

»Keinen Meuchelmord!« sagte der Graf streng - »wehe Ihnen, wenn ich von einem solchen Versuch auch nur höre! Ich ließe Sie und Ihre Spießgesellen an die Schweife wilder Pferde binden und durch die Wüste jagen,

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bis kein Atom Ihres Leibes mehr am anderen hinge! - Aber genug davon. Sie behaupten, daß Ihr Muth, Ihre Kraft nur diesem einem Manne gegenüber Sie verließen?«

»Bei der Hölle - so ist es! Stellen Sie mich auf die Probe und - Gott verdamme meine Seele zehntausend Mal - ich wollte Niemand rathen, dem Rothen Hay diesen Abend in Finsterniß oder Licht entgegen zu treten!«

»Aber Ihr Arm?«

»Was die Linke thut, braucht die Rechte nicht zu wissen!« lachte frech den heiligen Spruch verspottend der Bösewicht. »Ich führe die Axt oder das Messer so gut mit der Linken wie mit der Rechten, und überdies - wenn ich erst will - wie ich kann - sehen Sie her!« Er ergriff die an der Wand lehnende Doppelbüchse des Grafen und schwang sie um den Kopf - »Wenn Ihre Faust nicht die Stärke eines jener Riesen gehabt hätte, von denen unsere alten Nordlandssagen erzählen, beim Satan, meinem von diesem Hurensohn verbrannten Schiff! - ich wollte diesen Tisch mit einem Schlage zerschmettern und Ihren Schädel dazu.«

Der Graf lachte. »Es freut mich, daß Ihre Muskeln und Ihr Armgelenk so weit wieder in Ordnung sind, denn ich denke allerdings, sie auf die Probe zu stellen!«

»Nur nicht ...«

»Nein! ich hoffe Ihnen vielmehr dies etwas zu unangenehme Rendezvous zu ersparen, und Ihnen eine andere Beschäftigung zu geben.«

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»Dann sagen Sie mir, ich solle die Hölle stürmen, und Gott verdamme mich, wenn ich's nicht thue!«

»Haben Sie die mexikanische Corvette gesehen?«

»Die heute Mittag sich in dem Hafen vor Anker gelegt hat? Nun, Sir - Sie wissen, ich hatte verflucht wenig Zeit und Lust dazu, mich umzusehen. Aber man hat mir seitdem davon erzählt und ich warf einen Blick auf sie aus dem Fenster des Zimmers, durch das mich dieser polnische Schurke hierher führte.«

»Das muß für ein Seemannsauge, wie das Ihre, genügen. Was denken Sie von dem Schiff?«

»Zum Henker, was ich denke? Nun, ich meine, daß es ein ziemlich schmuck gebautes Fahrzeug ist, wahrscheinlich auf einer englischen oder amerikanischen Werft, denn diese Lumpen hier verstehen weder ein Schiff zu bauen, noch zu führen!«

»Ich meine seine Bewaffnung?«

»Nun, die kann ein Blinder sehen. Das Ding führt 16 Kanonen und einen langen Neunpfünder auf dem Vorderkastell. War es in guten Händen, könnte man Etwas damit machen; aber diese mexikanischen Zwiebelfresser verstehen kaum eine Pirogue zu lenken, vielweniger ein Kriegsschiff!«

»Die Zahl der Besatzung?«

»Bah - es ist immer viel überflüssiges Gesindel an Bord. Ich schätze sie mit den Offizieren auf siebenzig bis achtzig Mann!«

»Gut! Nun, Kapitain Hawthorn, kommt meine Frage. Getrauen Sie sich, wenn ich Sie von dem Rencontre mit

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Lord Drysdale und dem armen malayischen Krüppel befreie, die Corvette zu nehmen?«

Der Pirat sah ihn einige Augenblicke verblüfft an; selbst ihm, dem Mann eines abenteuerlichen verzweifelten Lebens erschien dieser Vorschlag absurd. Dann aber schlug er lustig in die Hände. »Nun beim Satan in der Hölle, Gräflein,« schrie er lachend, »an Euch wird's nicht liegen, wenn Ihr nicht ganz Mexiko in die Tasche steckt! Ein Kriegsschiff von siebenzehn Kanonen zu nehmen, im Angesicht einer feindlichen Batterie? Aber Gott verdamme meine Augen und der Teufel soll meine Mutter haben, die alte Vettel, wenn das Ding mir nicht gefällt. Es wäre kein schlechtes Stücklein, wenn Niels Hawthorn Euch hülfe, diesen gelbhäutigen Schuften eine Nase zu drehen. Ich habe es nicht vergessen, daß der gallige kleine Halunke, der sich den Gouverneur von Guaymas nennt, mich auf das Wort des verfluchten Engländers ihm ausliefern wollte, am Liebsten an Händen und Füßen gebunden! Aber wie denkt Ihr Euch, Sir - daß das Wagstück geschehen kann? ich allein vermag doch bei aller Lust dazu die siebenzig oder achtzig Mexikaner mit ihren Kanonen nicht aufzufressen?«

»Ich bewillige Ihnen dreißig Mann, die Sie sich selbst aus unseren Compagnieen auslesen können!«

»Bah das wäre schon Etwas - es sind Kerle genug darunter, um mit ihnen den Teufel aus der Hölle zu peitschen. Und auch an Solchen fehlt's nicht, die sich auf der See versucht haben. Laßt sehen! Da ist Axel Oldenskron, der Wal[l]fisch-Harpunirer - er nimmt es mit Zehn auf und kommt sicher an Bord! die beiden englischen

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Theers - und der Satan Racunha - aber Ihr habt einen Offizier aus ihm gemacht!«

»Er wird Ihnen bei dieser Expedition untergeordnet sein!«

»Well! ich weiß noch zehn andere, die auf der See sich Manches versucht haben! - Doch dies Schiff ist nicht zum Spaß hier und sie werden sicher einen verteufelten Ausguck halten. Eine einzige Lage ihrer Breitseite könnte da die Boote in Grund bohren!«

»Das ist Ihre Sache, Monsieur Squale rouge,« sagte kalt der Graf. »Sie müssen entweder die San Trinidad nehmen, oder sich mit Lord Drysdale schlagen!«

»Nein - nein! ich habe es Ihnen gesagt, - lieber der Batterie eines Linienschiffes entgegen! - Und, wenn ich die Corvette kapere - es wäre bei allen neunzigtausend Teufeln kein schlechtes Stück Arbeit - wollen Sie diesen Lord zum Henker schicken und ich brauche mich nicht mit ihm und den weißen Gesichtern da hinter ihm einzuschließen? ich soll von ihm befreit sein auf immer?«

»Das kann ich nicht versprechen, Kapitain Hawthorn. Was ich sage, ist: Ich habe versprochen, Ihnen während der Dauer Ihres Contracts den Schutz zu gewähren, den jeder Mann der Expedition von mir fordern kann, und werde mich heute an Ihrer Stelle schlagen, indeß Sie die San Trinidad entern.«

»Wie, Sir - Sie wollen den Kampf wirklich ausfechten?«

»Das ist meine Sache - kümmern Sie sich nicht

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darum! Erklären Sie jetzt, ob Sie die Aufgabe übernehmen wollen?«

»Zum Henker, gewiß - was bleibt mir übrig? Ich kenne Ihre Hand und verlasse mich darauf, daß Sie es den Schurken auszahlen werden! - Und da fällt mir auch ein Gedanke ein, bei dem uns Muñoz, der neue Capataz, helfen kann. Die Corvette wird Wasser oder Lebensmittel einnehmen, - er muß die Abfahrt der Boote bis zur Dunkelheit verzögern und wir müssen verkleidet als Lastträger oder meinetwegen als Soldaten sie überrumpeln.«

»Immerhin - treffen Sie Ihre Anstalten von hier aus, denn Sie dürfen das Haus nur mit mir verlassen. Ich stelle den Lieutenant Racunha und Muñoz zu Ihrer Disposition. Gehen Sie jetzt und sagen Sie, daß ich den Letzteren sprechen will.«

Der Pirat verließ das Gemach und wurde draußen wieder von dem Polen in Empfang genommen, den der Graf zu seinem Wächter bestimmt hatte. Nach kurzer Zeit trat der Capataz ein.

»Nun Señor Comandante,« frug der Graf, der bereits auf ein zufälliges Wort des Corsaren seinen Plan entworfen, heiter: »wie stehn unsere Angelegenheiten?«

»Vortrefflich, Señor Generale. Die Zunft meiner Kameraden würde sich für Euer Excellenz in Stücke reißen lassen, so bewundert man Ihren Muth und Ihre Kraft!«

»Das ist nicht, wonach ich frage. Wie weit sind Ihre Einverständnisse im Fort?«

»Ay Dios - ich kenne meine Leute! Die meisten der Bursche haben verdammt wenig Lust zum Fechten,

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und wenn Euer Excellenz das Fort angreifen wollen, habe ich Ihnen eine besondere Ueberraschung bereitet.«

»Aber sie haben ihre Geschütze alle nach der Stadtseite gebracht, da das Kriegsschiff den Hafen beherrscht.«

»Quien sabe! Was schadet es - Euer Excellenz können auf meine Ehre dreist das Thor stürmen. Sie sollen sehen, daß Sie nicht umsonst den klügsten Kopf von ganz San Fernando zum Kommandanten machen!«

Der Graf lachte über die Eitelkeit. »Nun gut, Señor Capataz, ich nehme diesen klügsten Kopf beim Wort. Können Sie mir diesen Abend zwanzig oder dreißig jener schäbigen Uniformen und Mützen der mexikanischen Miliz verschaffen?«

Der Capataz dachte einige Augenblicke nach. »Muy bien!« sagte er dann - »es muß gehen! Manuela muß Rath schaffen. Aber wozu brauchen Euer Excellenz diese Röcke?«

»Das, Señor Muñoz, ist meine Sache. Es ist jetzt 6 Uhr. Um 8 Uhr sind die Gäste meines Schwiegervaters geladen, natürlich auch Sie. Um 10 Uhr wird nach der Verabredung Lord Drysdale sich einfinden, um unsere kleine Angelegenheit zu ordnen. Eine halbe Stunde vorher müssen die Uniformen an einem etwas entlegenen Theil des Hafendammes bereit sein. Sie werden zugleich dafür sorgen, daß vier tüchtige Barken an derselben Stelle liegen, jede mit vier Ruderern, auf die wir uns verlassen können! Um 8 Uhr erwarte ich Ihre Anzeige, daß Alles bereit sein wird. Wenn Sie Geld brauchen, so lassen Sie es mich wissen!«

Der Capataz lachte pfiffig. »Es ist ein verteufeltes

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Stück, was Euer Excellenz da unternehmen,« meinte er - »aber wenn es gelingt - haben Sie die ganze Sonora in der Tasche. Wenn Euer Excellenz mich etwas näher in's Vertrauen ziehen wollten, nachdem ich doch die Sache errathen, könnte ich vielleicht gute Dienste leisten!«

»Wenn Sie meine Absichten errathen, Señor Comandante,« sagte lächelnd der Graf - »so wird es Ihre Sache sein, danach zu handeln. Bestimmte Instruktionen können meine Offiziere erst empfangen, wenn der Augenblick gekommen ist. Noch Eins, Señor Muñoz. Wir haben zusammen den Ort besichtigt, an welchem heute Abend dieser Zweikampf stattfinden wird.«

»Ja, Excellenz! Möge dieser englische Ketzer tausend Leben unter Ihrer tapfern Hand lassen!«

»Das wäre um neunhundertneunundneunzig Mal und vielleicht noch mehr zu viel! In der hintern Wand führt eine Thür, nach dem anstoßenden Magazin?«

»Cierto, Señor Generale! Ich habe sie auf Ihren Befehl gerade wie die zwei Fenster mit Brettern vernageln lassen.«

»Gut. Aber die Wand ist von Holz?«.

«Si!«

»Und in der linken Ecke befindet sich ein Brett, das ziemlich morsch ist?«

»Euer Excellenz müssen vortreffliche Augen haben, um dergleichen zu bemerken.«

»Ich habe es bemerkt. Nun hören Sie Señor Capataz. Sie werden dies Brett, das heißt Sie selbst, der Art zurichten, daß eine Person aus dem Innern sich leicht

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und ohne Geräusch aus dem Gemach entfernen kann, und daß man weder vorher, noch nachher den geheimen Ausgang bemerkt!«

Der Mexikaner rieb sich vertraulich nickend die Hände. »Ich verstehe - Euer Excellenz wollen dem Ketzer eine Nase drehen. Das ist vortrefflich! Mögen sie immerhin dieses Vieh, den alten Piraten abschlachten, es ist Nichts an dem Kerl gelegen.«

Der Graf zuckte ungeduldig und verächtlich die Achseln. »Ich bitte Sie, Señor Muñoz, Ihre Vermuthungen für sich zu behalten. - Sie werden, wenn der Augenblick dieses Rendezvous kommt, sich in dem Speicher verbergen, einen Mantel bereit und jene Oeffnung zum Durchgang fertig halten. Auf ein zweimaliges Klopfen öffnen Sie, und nehmen die Person, welche den Raum verläßt, in Empfang, verschließen die Oeffnung und führen jene heimlich aus dem Speicher und nach dem Ort, wo Sie die Boote und die Soldatenkleidungen in Bereitschaft halten.«

»Es soll geschehen, General!«

»Noch Eins. Sie müssen für diese Person, die Sie ohne zu fragen oder zu sprechen, begleiten, Waffen mitbringen, Pistolen und einen Säbel oder ein Enterbeil!«

»Muy bien! es wird geschehen - Euer Excellenz sollen die besten Waffen haben!«

Der Graf machte wiederum eine ungeduldige Bewegung. »Wenn Sie diese Aufgaben ausführen und das Glück nicht gegen uns ist, habe ich das Vergnügen, Sie morgen als Señor Comandante von San Fernando zu begrüßen. Und jetzt an Ihre Geschäfte! Vor Allem aber

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Schweigen bis dahin gegen Jedermann, denn dem Schwätzer wird eine Kugel von meiner Hand, wer es auch sei.«

Eine deutliche Bewegung der Hand verabschiedete den Capataz und schnitt ihm alle Betheuerungen seiner Discretion und Treue ab. Der Graf wußte, daß der Köder, der seiner Eitelkeit hingeworfen war, genügende Bürgschaft für ihn leistete.

Er hatte darauf noch eine geheime Unterredung mit seinem künftigen Schwiegervater und suchte Suzanne auf, jedoch ohne sie zu finden; denn die kleine Schauspielerin hielt sich unter dem Vorwand eines Unwohlseins in ihrer Kammer eingeschlossen. Im Grunde des Herzens dankte er ihr dafür, daß sie ihm so die Aufgabe erspart hatte, sie von einer Begleitung bei den Gefahren abzuhalten, denen er im Begriff stand, entgegen zu gehen.

So verging rasch die noch kurze Zeit bis zum Abend und bis zu der Stunde, wo sich die zur Verlobung geladenen Gäste einfanden.

Dem geheimen Zweck der Verbündeten entsprechend waren die Einladungen des Haciendero sehr ausgedehnt und umfaßten außer den speziellen Freunden und politischen Gesinnungsgenossen der Familie sämmtliche angesehene Persönlichkeiten von San Fernando. Ja Don Esteban hatte selbst nicht versäumt, neben den Offizieren der Garnison auch die der angekommenen Fregatte einzuladen, und da die Nachricht von dem seltsamen, von dem berühmten Anführer der SonoraExpedition provocirten Zweikampf sich bereits bis an Bord der ankernden Schiffe verbreitet hatte, überwog die Neugier selbst die militärische Disciplin,

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und mehrere der Offiziere befanden sich am Land, um der Festlichkeit und dem Duell beizuwohnen.

Die Führer der Expedition zeigten sich überaus beschäftigt im Verkehr mit ihren Leuten. Diese standen in Gruppen zusammen und flüsterten heimlich mit einander - jeder Mann war bis an die Zähne bewaffnet. Auch die Bevölkerung von San Fernando ging unruhig umher - Jedermann fühlte, daß ein Ereigniß bevorstand und die Stimmung war nur unter der Jugend, den Frauen und den unteren Klassen, die sich keine Sorgen zu machen pflegen, eine leichtherzige. Dennoch gingen die Vorbereitungen für das Fest ungestört vor sich, und als mit dem Schlag 8 Uhr zwei Böllerschüsse den Beginn der Festlichkeit verkündeten, auf der Plaza zahlreiche bunte Laternen und zwei große Feuer angezündet wurden, an welcher die Freigebigkeit des Haciendero ein Dutzend feiste Hammel braten ließ, während Wein und Aguardiente reichlich von seinen Dienern ausgeschenkt wurde, ergriff bald der alte Leichtsinn die Menge, überall klangen die Mandolinen und Castagnetten, der kleine Chinese hatte rasch wieder seinen Spieltisch arrangirt, die laute Fröhlichkeit herrschte wieder in all' ihren Stadien, und während die Frauen unter Tanz und Lust die Schönheit und den Reichthum der Braut rühmten und sie beklagten, daß sie in Gefahr sei, schon am Tage ihrer Verlobung wieder zur Wittwe zu werden, wetteten die Männer über den Ausgang des Zweikampfs und erzählten die fabelhaftesten Geschichten von den Thaten des schrecklichen Piraten und den Abenteuern des Señor Generale. Aber wenn auch die Stimmung für Lord Drysdale keineswegs

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eine sehr günstige war, dachte doch gewiß kein Mensch daran, auch nur einen Finger zur Verhinderung der Metzelei zwischen vier Mitmenschen zu erheben, und man wäre gewiß über Jeden hergefallen, der einen solchen Vorschlag gemacht hätte.

Auch Bonifaz hatte keinen Versuch gemacht, seinen Gebieter von dem Duell zurückzuhalten - er wußte zu gut, wie vergeblich dies sein werde, und war nur bemüht die Nachricht davon der armen Frau zu verbergen, die jetzt in ihm ihren besten und einzigen Schutz hatte. Wir haben bereits gesehen, daß Suzanne selbst es ihm leicht machte, indem sie sich als krank in ihre Kammer einschloß, um an dem Sieg ihrer Nebenbuhlerin keinen Theil zu nehmen.

Der Graf und sein Schwiegervater empfingen die Gäste, und wählend der letztere mit all' jenen Phrasen spanischer Höflichkeit sie begrüßte und für ihre Unterhaltung sorgte, gewann der Graf Zeit, mit jedem seiner Offiziere eine Unterredung zu halten, ihre Berichte entgegen zu nehmen und ihnen kurze und bestimmte Instruktionen zu ertheilen, die mehre derselben sehr zu überraschen schienen.

Der Letzte, der erschien, war der neue Capataz und der Bericht, den er erstattete, schien für den Grafen von besonderer Wichtigkeit. Das Alles geschah, während der Graf zugleich fortwährend mit den Gästen des Hauses conversirte und namentlich den erschienenen Damen mit der ganzen Courtoisie eines französischen Edelmanns der alten Schule den Hof machte. Dies dauerte, bis das Zeichen zur Tafel gegeben wurde, zu welcher der Graf Doña Dolores führte, während der Hausherr der Gattin

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des englischen Konsuls seinen Arm bot, an dessen Magazinen am vergangenen Abend die Brandstiftung versucht worden war. Master Walker, der Konsul selbst, schien aber etwas unruhig zu sein, denn er blickte wiederholt nach der Thür.

Eine Stunde war bei der Mahlzeit vergangen, als ein Bote des Haushofmeisters dem Grafen eine Meldung brachte. Der Graf sah nach der Uhr und warf auf den Senator einen Blick. Dieser hatte ihn verstanden.

Er erhob sich.

»Señores und Señoras,« sagte er mit der ganzen Grandezza seiner kastilianischen Abstammung, - »unter der Gnade Gottes und der Heiligen habe ich Ihnen, meine Freunde, eine Nachricht mitzutheilen, welche das Haus da Sylva Montera, das wie Sie wissen sich der unverfälschten Abkunft von den Conquistadoren Mexiko's und der Verwandtschaft mit dem königlichen Geblüt von Kastilien rühmt, in seinen höchsten Interessen berührt. Gott hat es gewollt, daß der letzte Sprosse der Montera eine Jungfrau sei, mit welcher der alte Name zu Grabe getragen würde, wenn sie nicht einen edlen Gatten wählt. Nun hat der gegenwartige hochedle Señor und Seigneur Aimé Graf Raousset Boulbon aus dem Erlauchten Hause Lusignan, Grand von Frankreich und verwandt dem Blute der Könige unsers alten Landes, General en chef der tapfern Sonora-Expedition, bei mir geziemend um die Hand der edlen Señora Doña Dolores da Sylva Montera angehalten und ich habe sie ihm mit dem Beding gewährt, daß die Sprossen dieser Ehe seinem Namen den

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der Montera beifügen. Edle Señores und Señoras, ich verlobe im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau dieses Paar!«

Ein jubelndes Viva, ein überschwänglicher Segenswunsch, das Klingen der Gläser folgte dieser längst erwarteten Ankündigung und draußen auf dem Platz antwortete die Menge mit Jubelruf und Freudenschüssen.

Der Graf hatte den Arm um seine schöne Braut gelegt und drückte den Verlobungskuß auf ihre Stirn. Das schöne und stolze Gesicht der Doña drückte einen gewissen Triumph aus, als ihr Blick über die glückwünschende Gesellschaft glitt, blieb aber sonst unbeweglich und kalt. Nur um ihre zusammengepreßten Lippen zuckte es wie ein schmerzlicher Gedanke, der aber alsobald wieder von ihrer großen Willenskraft unterdrückt war.

In diesem Augenblick hörte man plötzlich das Vivaschreien der Menge draußen auf dem Platz verstummen, und ein Murmeln und Grollen, wie das Geräusch der heranschwellenden Woge drang statt dessen immer näher und näher.

Der Graf war stehen geblieben - er hielt die Hand seiner Braut noch in der seinen, die andere stemmte sich auf den Tisch - ein gewisser spöttischer Trotz zeigte sich in dem Blick, den er auf die jetzt weit geöffnete Thür der Halle gerichtet hielt, die hinaus auf die Plaza führte.

Ein Menschenstrom fluthete heran, in seiner Mitte gingen drei Männer.

Diese Drei waren Henry Norford, Lord von

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Drysdale, der unglückliche Malaye und der Kapitain des Fregattschooners »Najade«.

So viele Verwünschungen aus der Menge auch auf das Haupt der Engländer fielen, wagte doch Niemand, sie anzurühren oder ihrem Wege ein Hinderniß entgegen zu stellen.

Als Kapitain Hearton, der voran ging, die Thür der Halle erreicht hatte, blieb er stehen, und erhob die Hand. -

Wie mit einem Zauberschlage beruhigte sich die Woge der Menge, ein Jeder wollte hören.

»Mylord von Boulbon,« sagte der alte Seemann, »die Zeit ist da, die Sie selbst bestimmt haben, Lord Drysdale Genugthuung zu geben. Er wartet!«

»Nicht einen Augenblick soll der edle Lord dies nöthig haben,« erwiederte der Graf rasch. »Lieutenant Morawski, lassen Sie Hawthorn herbeiführen.«

»Meine Damen und Herren,« wandte er sich dann gegen die Gesellschaft »Sie werden mich für ein dringendes Geschäft auf eine halbe Stunde entschuldigen müssen, wenn Sie nicht vorziehen, mir Ihre Begleitung zu schenken.«

»Wir begleiten Sie, Señor Conde!« erscholl es von allen Seiten. Selbst die Frauen hätten mit jener grausamen Neugier, welche auch die sanfteste beseelt, gar zu gern diesem Aufbruch sich angeschlossen, wenn es irgend die Schicklichkeit und die Rücksicht auf die Braut zugelassen hätten.

Diese bewahrte vollkommen ihre kalte und stolze

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Haltung. Der Senator, ihr Vater, schien weit unruhiger, als sie.

In der Begleitung des Polen und des Kentuckiers Meredith erschien in der Nebenthür der Seeräuber. Sein Gesicht zeigte wilden Trotz und geheime Besorgniß in widrigem Gemisch. Er warf einen scheuen Blick auf seine beiden Todfeinde am Eingang und dann auf den Grafen.

Dieser nahm mit ruhiger Galanterie die Hand seiner Verlobten und führte sie an seine Lippen.

»Au revoir, Madame!« sagte er - »in einer Stunde werde ich die Ehre haben, Sie wiederzusehen, oder Sie werden meinem Andenken eine Messe lesen lassen und einen Ihrer süßen Gedanken weihen! - Vamos!«

Ohne nach seinen Waffen zu fragen, wie er von der Verlobungstafel sich erhoben, ging er nach der Thür. Auf ein Zeichen von ihm bildete die Menge davor eine weite Gasse, indem sie mit einem Ruf der Bewunderung und des Beifalls ihn empfingen. Don Esteban begleitete ihn, die säm[m]tlichen Männer der Gesellschaft schlossen sich an.

Als der Graf an der Thür war, begrüßte er mit einer höflichen Verbeugung seinen Gegner. »Mylord Drysdale,« sagte er, »ich durfte Ew. Herrlichkeit nicht einladen, meine Schwelle zu überschreiten, solange diese Wolke zwischen uns ist. Haben Sie die Güte, voran zu gehen - mein verehrter Freund und künftiger Schwiegervater wird uns den Weg zeigen!«

Er ließ dem Senator, der trotz alles Vertrauens auf den Grafen seine offenbare Besorgniß nicht verhehlen konnte und wiederholt aber vergeblich den Versuch machte, mit

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ihm zu sprechen, sich dem Engländer nähern, der ihm mit schweigenden Gruß folgte. Hinter ihm drein humpelte der Krüppel.

Dieser war mit seinem malayischen Krys, der Engländer mit einem breiten Jagdmesser bewaffnet. Während der seltsame Zug durch die Menschenreihen langsam vorwärts schritt, winkte der Graf seine beiden Adjutanten, den Torero Perez und den ehemaligen preußischen Offizier an seine Seite und sprach leise mit ihnen.

»Sie haben Ihre Instruktionen,« sagte er - »für alle Fälle. Wenn mir ein Unglück begegnet, wird Don Esteban mein Vermögen unter die Mitglieder der Expedition vertheilen, und Sie mögen dann auf's Neue Ihre Bedingungen mit der mexikanischen Regierung und der Consulta der Kaufmannschaft und der Grundbesitzer machen oder nach San Franzisko zurückkehren. Die beiden Schiffe unserer Expedition stehen dazu bereit. Bis dahin halten Sie fest zusammen und deshalb bleibt es in jedem Fall bei meiner Bestimmung in Betreff des Forts, denn es ist nöthig, daß Sie eine Garantie und eine sichere Position haben, um Ihre Forderungen stellen, oder Ihre Rückkehr sichern zu können. Monsieur de Kleist bitte ich in diesem Fall für meinen alten Freund und Diener und für meinen jungen Verwandten zu sorgen.«

»Es soll geschehen, Herr Graf. Aber - - -«

»Kein Aber, Monsieur! - Sie haben Ihre Ordres. In dem Augenblick, wo Sie früher vom Meere aus eine blaue Rakete empor steigen sehen, öffnen Sie die Thür des

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Gemachs, in dem der Kampf statthat, und geben - was Sie auch finden mögen - das Signal zum Angriff.«

»Es soll geschehen, Oberst, wie Sie befehlen!«

»Wir sind, an Ort und Stelle!« sagte der Graf ruhig. »Ein Jeder von uns denn an seinen Posten!«

Sie befanden sich in der That vor der Thür des Magazins, dessen vorderen Theil man zum Kampfplatz bestimmt hatte. Die Menge hatte sich umher gesammelt: Soldaten trotz des Verbots, das sie an das Fort bannte, Lastträger, Frauen und Mädchen, Vaqueros, Seeleute, Indianer und Weiße bunt durch einander, all' die verschiedenen Klassen und Farben der Bevölkerung von Guaymas. Mehr als zwanzig Fackeln brannten ringsumher und verbreiteten Helle vor dem Gebäude.

Eine große Wolldecke hing über der Eingangsthür, um so jeden Lichtstrahl zurückzuhalten.

Der Graf blieb stehen, als er den Lord und seinen Begleiter zur Seite der verhängnißvollen Thür Halt machen sah. Er trug die reiche französische Uniform zu Ehren des Festes, das er so eben verlassen, sein volles krauses Haar war unbedeckt.

Er wandte sich zu der Menge, die trotz ihrer Unruhe und Bewegung ein gewisses Schweigen bewahrte. »Ist einer von den Señores so freundlich, mir seine Machete zu leihen und eine der Señoritta's ihre Schärpe?«

Im Augenblick streckten sich ihm mehr als ein Dutzend Waffen entgegen und Frauen und Mädchen rissen ihre Schärpen ab, um sie ihm zu reichen.

Der Graf nahm mit einer höflichen Verbeugung zwei

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der rothen chinesischen Seidenschärpen und schlang sie sich leicht um die Hüfte, gleich als wolle er damit seine Uniform zusammenhalten oder um die Waffe hindurchstecken zu können, dann wählte er sorgsam unter den gebotenen. Bonifaz hatte ihm vergeblich die Dschambea gebracht, die er anfangs für den Kampf bestimmt hatte.

Seine Wahl fiel auf ein kurzes aber starkes und schweres Machete von deutscher Arbeit, dessen Silberbuckeln am Griff es fest in der Hand ruhen ließen. Er dankte dem Eigenthümer mit einem freundlichen Wink und wandte sich dann an den Polen.

»Es ist Zeit - lassen Sie den Kapitain Hawthorn herantreten!«

Der alte Pirat wurde in den Kreis gestoßen - seine Geberden waren ziemlich widerwillig, - sein Gesicht verstört und mit rothen Flecken bedeckt. Der Graf sah ihn finster an, während der Engländer scheu von seinem Platz am Eingang um einen Schritt zurückwich, als hätte er die Berührung eines giftigen Gewürms vermeiden wollen, obwohl er doch in der nächsten Viertelstunde vielleicht Brust an Brust mit ihm um das Leben ringen mußte.

»Ich bitte unsere Sekundanten,« sagte der Graf, »den Raum zu betreten und sich zu überzeugen, daß Alles in Ordnung ist!«

Kapitain Hearton und der ehemalige Torero traten mit einer Fackel in den Raum. Durch den zurückgeschlagenen Vorhang konnte sich die Menge überzeugen, daß das Gemach ganz leer war. Die Thür aus demselben nach dem Magazin war vernagelt und geschlossen, der Schlüssel steckte im

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Schloß - der englische Schiffskapitain probirte die Thür und zog dann den Schlüssel ab. Dann verließen sie das Gemach, das wieder in die undurchdringliche Finsterniß zurückfiel.

»Mylord,« fuhr der Franzose fort, als die Untersuchung beendet war, »ich schlage Ihnen folgende Bedingungen vor. Wir betreten Einer nach dem Andern das Gemach. Zuerst dieser Mann hier, dann Ihr Diener, ich und zuletzt Sie selbst. Die Sekundanten werden hinter uns die Thür schließen. Wir verpflichten uns auf Ehrenwort, daß keiner von uns den Kampf beginnt, bevor unsere Sekundanten fünf Minuten nach dem Eintritt durch einen Pistolenschuß das Zeichen geben. Ferner, daß der Kampf schweigend erfolgt, ohne daß einer der Kämpfer sprechen, seinen Namen nennen, oder um Hilfe rufen darf. Die Sekundanten werden die Uhr in der Hand eine halbe Stunde nach dem Zeichen, das sie gegeben warten, bevor sie das Gemach öffnen und unter keinen Umständen zugeben, daß dies eher geschieht. Dann wird Gott entschieden haben!«

Der Lord nickte. »Ich nehme die Bedingungen an,« sagte er, »lassen Sie uns beginnen!«

Mahadröh hob die Hände flehend zu ihm empor. »O Sahib, bedenke, was das heilige Buch sagt, Du sollst vergeben Deinem Feind!«

»Mensch - mache mich nicht rasend! Wenn Du vergessen hast, was Dir geschehen, Deine eigene Krüppelgestalt - hast Du auch vergessen, wie Deine Herrin in den Fluthen versank?«

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»Nimmer, Sahib, nimmer!« rief der Krüppel, sein Gesicht verhüllend.

»Dann sei der Mann, der Du warst, ehe Du ein Christ wurdest! Räche Dich und sie, und Henry Norford wird Dein Bruder sein im Leben oder Sterben, - wage es zu zögern, und ...«

»O Sahib ...«

»Ich will Dich von mir stoßen wie einen räudigen Hund und allein die Vergeltung üben!«

Er that entschlossen einen Schritt gegen den Eingang, - der Krüppel kam ihm zuvor und warf sich mit einer raschen Bewegung seiner Krücken an die Thür. Hier ließ er sie fallen, und als Kapitain Perez schaudernd die verhängnißvolle Pforte öffnete, kroch er wie eine Schlange in den dunklen Raum.

»Sir - an Ihnen ist die Reihe!«

Der Graf reichte dem zitternden Freunde, dem alten Diener Bonifaz die Hand. »Warte des Ausgangs und vertraue auf mich!« sagte er leise im Patois der Provence und erhob dann mahnend den Finger. »Achtung, Kameraden, - ein Jeder an seine Pflicht! Señor Don Esteban, grüßen Sie meine Dame!« Er war hinter dem Vorhang verschwunden.

Der Menschenkreis umher war so still, daß man das Rauschen der Wogen deutlich hörte, die kaum hundert Schritt entfernt gegen den Hafendamm rollten.

Ohne ein Wort zu sprechen, reichte der Engländer seinem Kapitain die Hand, während er den Blick des befriedigten

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Tigers auf die Thür warf - gleich darauf war er hinter dieser verschwunden.

Der Schiffskapitain und der ehemalige Torero stellten sich vor diese, der erste die Uhr in der Hand, der zweite eine Pistole erhoben.

Es war so lautlos umher, daß man das Ticken der Uhr hätte hören können, wenn das Rauschen des Oceans nicht gewesen wäre. Ohne Bewegung fast schob sich doch Jeder so nahe als möglich gegen das Gebäude.

»Jetzt, Sir!«

Der Pistolenschuß knallte.

Die Köpfe beugten sich lauschend nieder, - die Ohren der Nächststehenden preßten sich an die Wände. -

»Still, Amigos - hörtet Ihr Nichts?«

»Das waren Schritte!«

»Demonio! - ein Klirren von Stahl auf Stahl -«

»Kein Schrei! kein Laut! Bei der heiligen Jungfrau, solchen Kampf hat man noch nie erlebt, so lange San Fernando steht!«

»Wackere Caballero's! - ich wette eine halbe Unze, daß jeder von ihnen mindestens drei Wunden davon tragen wird!«

»Wir werden das Blut unter der Schwelle hervorrinnen sehen! - Heiliger Antonio, habt Ihr die teuflischen Augen gesehen, Señoritta's, welche dieser Lump von Ketzer machte, als er hinein stürzte? Er hat das Malo ojo - den bösen Blick!«

»Möge das Fieber seine Hand beben machen, daß sie

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den Generale nicht treffen kann! Wir hätten es nicht dulden sollen! ein so vornehmer und freigebiger Caballero!«

»Sie werden ihn sicherlich ermorden, denn dieser verfluchte Seeräuber, für den er sich opfert, ist eine Memme!« hieß es unter den Frauen.

Hundert ähnliche Redensarten, halblaut, kreuzten sich.

Es waren zehn Minuten vergangen - die Offiziere der Expedition, welche seit der Schließung der Thür durch die Menge hin und her eilten und ihre Leute mit Zeichen und Worten sammelten, begannen besorgt und zweifelnd zu werden - man hörte bereits Stimmen der Abenteurer, welche die Oeffnung der Thür verlangten.

Aber Perez und der Schiffskapitain standen unbeweglich vor derselben und hatten jetzt Beistand bekommen, denn neben ihnen auf seine Büchse gestützt, stand der Kreuzträger, und die kleine Abtheilung, die er sich ausgesucht, in seiner Nähe.

Wäre die Menge nicht so voll gespannter Neugier auf die geheimnißvollen Vorgänge im Innern des Hauses gewesen, sie hätte bemerken müssen, daß die Compagnieen der Expedition sich immer fester sammelten und eine finstere entschlossene Haltung annahmen, daß aber ihre Reihen sehr gelichtet erschienen und wohl der vierte Theil fehlte.

Don Esteban hatte bisher bald mit seinen Freunden, bald mit den Offizieren gesprochen, er konnte die große Unruhe, die ihn hin- und hertrieb, nicht mehr verbergen.

Zehn - zwanzig Minuten waren vergangen!

Jetzt war er wieder bei der Wache an der Thür. »Bei

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der unbefleckten Empfängniß, Señores, beschwöre ich Sie - hörten Sie Nichts?«

»Es kam mir vorhin vor,« sprach der Kapitain - »als hätte ich einen schweren Fall vernommen - hören Sie - carrajo - das ist ein Stöhnen! Gott sei der armen Seele gnädig!«

»Der Wahnsinnige!« rief der Haciendero - »in diesem Augenblick Alles so auf's Spiel zu setzen! Lassen Sie uns die Thür öffnen - wir müssen ihnen Beistand leisten!«

»Zurück Sir,« sagte der Schiffskapitain drohend. »Goddam! ich habe mein Wort gegeben und werde Jedem den Schädel zerschmettern, der es wagt, vor zehn Minuten einzudringen! Sehen Sie selbst.« Er hielt ihm die Uhr entgegen, die andere Hand umfaßte den Kolben einer Pistole.

»Aber das ist Thorheit - ich werde Sie zwingen, Señor - herbei Ihr Leute! Die Thür muß geöffnet werden, selbst mit Gewalt!« Er hatte sich zu Kapitain Perez gewendet, der in der That schwankend wurde, was er thun solle.

Aber der Kreuzträger streckte seine Büchse vor den Eingang. »Halten Sie ein Señor,« sagte er - »wir sind Soldaten und müssen vor Allem dem Befehl unsers Anführers gehorchen. Es ist ein ehrlicher Kampf und Niemand darf sich einmischen!«

Doch der besorgte Senator erhielt jetzt von zwei andern Seiten her Beistand. In der Richtung seines Hauses wurde der Kreis der Menge durchbrochen - die zierliche Gestalt eines Knaben schien die Kraft eines Kriegers

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zu haben, wie sie Männer und Frauen zur Seite schob und sich Bahn machte.

»Aimé? - Wo ist Aimé? wo ist der Graf? Bonifaz, mein Vater, mein Freund - ich beschwöre Dich - was haben sie mit Aimé gemacht?«

Es war Jean, der kleine Vetter des Grafen, oder vielmehr Suzanne, die jetzt odemlos mit dem Ausdruck des Schreckens und der Angst sich an den Arm des alten treuen Dieners klammerte. Zugleich drängte sich von der andern Seite her Diego Muñoz, der Capataz, durch die Menge und rief nach dem deutschen Teniente.

Der alte Avignote hatte den Arm um den zitternden Knaben geschlungen. »Was willst Du hier, Jean,« sagte er finster - »warum bist Du nicht in Deiner Kammer geblieben? Du solltest ihn kennen und wissen, daß er keine Einmischung duldet, selbst von Dir und mir nicht! Wer hat Dir seine neue Tollheit verrathen?«

»Wer? - wer anders als sie - die kein Herz hat! die stolze kalte Schönheit, die in der Stunde ihrer Verlobung den Verlobten in den Tod gehen läßt, blos um ihren Stolz zu befriedigen!« -

Es war in der That Señora Dolores gewesen, die unruhig über den Ausgang den Verwandten ihres Verlobten aufgesucht und mit der Erzählung des Vorgefallenen ihn aus seinem Schmerz und Leid aufgejagt hatte. Ihre kalte Haltung hatte Suzanne empört, die nahe daran kam, sich der Nebenbuhlerin zu verrathen - und ohne sich von ihr halten zu lassen, davon gestürzt war.

Bonifaz beugte sich zu ihrem Ohr. »Ich bitte Dich

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um Himmelswillen Kind, verrathe Dich nicht. Noch habe ich Hoffnung!«

»Was, Hoffnung? ich will Gewißheit! - Oeffnet die Thür Männer! seid Ihr Memmen geworden, daß Ihr Euren Anführer ermorden laßt und geduldig zuseht?«

»Zurück Bursche!« befahl der Schiffskapitain - »noch drei Minuten!«

»Sie können ihn tödten in ebensoviel Sekunden! Fort Mensch - ich habe ein Recht dazu, ich bin sein ...« Die Hand des Avignoten preßte sich auf ihren Mund, er riß sie mit Gewalt zurück.

In diesem Augenblick hörte man entfernte Schüsse von der See her - erst einzeln, dann in Menge. Der Capataz hatte den Preußen gefunden und hielt ihn fest. »Der General hat mich an Sie gewiesen, Señor - sie müssen jetzt handgemein sein! Um des Himmels willen benachrichtigen Sie den Grafen, oder Alles ist verloren!«

Die Schüsse von der Seeseite wurde immer heftiger - eine wilde Unruhe ließ die Menge hin und her wogen - die drei Offiziere der Corvette, die sich unter den Gästen der Verlobungsfeier befunden, drängten sich nach der Hafentreppe und riefen nach dem Boot.

»Die San Trinidad! Die San Trinidad!«

Der Ruf klärte auf einmal die Ursach der Schüsse auf - die Soldaten drängten sich durch die Menge und eilten nach der Richtung der Forts.

Lieutenant von Kleist stürzte nach der Thür des

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Speichers. »Oberst Boulbon, wenn Sie am Leben sind, öffnen Sie!«

Der Kapitain der Najade steckte die Uhr in die Tasche und wandte sich zu seinem Gefährten in dem furchtbaren Wächteramt. »Die Zeit ist um - Gentlemen, Sie sind Zeuge, daß wir unser Wort gehalten! Oeffnen Sie die Thür, Sir - Fackeln herbei!«

Perez hatte die Decke herabgerissen, er drehte mit zitternder Hand den Schlüssel um, ein Fußstoß warf die Thür auf, der Schein der vorgestreckten Fackeln - denn Niemand wagte die Schwelle zu überschreiten - fiel in langen gluthrothen Lichtern in den verhängnißvollen Raum.

In der Mitte des Gemachs stand ein Mann - es war der Graf! - er sah angegriffen aus, - die goldgestickte Uniform hing in Fetzen um seine Brust - von der Stirn und vom linken Arm rieselte Blut und bildete eine Lache zu seinen Füßen, in der der Machete lag.

Rechts und links - an den Wänden lagen zwei Körper - Waarenballen gleiche gekrümmt, zusammengeschnürt, ohne Bewegung - die seidenen Schärpen, die der Franzose von den Chinas genommen, schlangen sich zweimal um jeden dieser Leiber und preßten wie mit ehernen Ketten die Arme auf den Rücken.

Wenige Momente genügten, den hundert Augen das Resultat dieses furchtbaren und merkwürdigen Kampfes zu erklären. Der Graf hatte mit seiner Riesenkraft die beiden Gegner gebunden, geknebelt - er war dabei verwundet worden, ob leicht ob schwer - man konnte es nicht

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wissen, ebensowenig, ob die regungslosen Körper todt oder lebendig waren.

Aber - der vierte Mann fehlte - Hawthorn - wo war der Rothe Hay?

Die Blicke der Herandrängenden suchten in allen Winkeln - nirgends eine Spur - der große Körper hätte sich nicht verbergen können!

Bonifaz wäre auf seinen Herrn zugeeilt, aber Suzanne hing ohnmächtig in seinem Arm. Der Lieutenant von Kleist kam ihm jetzt zuvor. »Hurrah für Boulbon!« er sprang über die Schwelle, er faßte die Hand des Grafen. »Gott sei Dank, Herr, daß Sie leben - aber Sie sind verwundet - Sie bluten?«

»Ich hoffe, nur leicht! Wie steht unsere Sache, Lieutenant?«

Er schritt nach dem Eingang - die Antwort wurde dem Preußen erspart. In das wahrhaft fanatische Viva-Geschrei der Menge mischte sich der Ruf des Capataz: »Die Rakete, Generale, die Rakete!«

Ein blaues Licht glänzte in den rothen Fackelschein - hoch in den Himmel auf der Seite des Meeres stieg eine Rakete in die Nacht und warf ihre blauen Sterne.

Der Graf war mit einem Schlage wieder ganz er selbst - die Röthe des Triumphes färbte neben dem quellenden Blut seine Stirn.

»Wo ist der Signalist? - Hierher, Mann! Blast zum Sammeln! - an ihre Abtheilungen die Offiziere!

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Die Santa Trinidad ist unser, der Corsar hat sein Wort gehalten! Vorwärts denn zum Fort!«

Die Verwirrung war ungeheuer! Die Frauen kreischten auf und stoben zur Seite - die Männer rotteten sich hastig in Gruppen zusammen, für und wider Partei zu nehmen - Geschrei - Lärmen überall! Dazwischen die Hornsignale der Abenteurer.

Suzanne, wieder zum Bewußtsein erwacht, hing an dem Grafen, dessen Gestalt auf der Schwelle noch immer den Eingang zu dem Raum sperrte, in welchem der Kampf stattgefunden. »Barmherziger Gott, Du blutest, Aimé!«

»Nichts, Kind, nichts von Bedeutung! Nimm sie fort mit Dir, Bonifaz, keine Unvorsichtigkeit. - Hier, Kapitain Perez, schnüren Sie ein Tuch um meinen linken Arm - das genügt - und gieb mir Dein Taschentuch, Su - Dein Taschentuch, Jean!«

Er beugte den Kopf zu ihr nieder und küßte sie auf die Stirn, während sie mit bebenden Händen das Tuch um seine blutende Stirn schlang. »Vorsicht, Liebe, - es steht Alles auf dem Spiel! - Was wollen Sie, Monsieur?«

Die rauhe Frage galt dem Schiffskapitain, der sich an ihm vorbei zu drängen suchte, um das Innere zu betreten.

»Meine Pflicht thun, Sir - hier scheint mir schändlicher Verrath geübt - nicht ehrlich Spiel! Was ist mit Lord Drysdale geschehen?«

»Sie haben es gesehen,« sagte der Graf mit Hoheit. »Nennen Sie mein fließendes Blut ein unehrlich Spiel? - Ihre Freunde sind unverletzt, so viel ich weiß, aber sie müssen bleiben, wo sie sind, bis diese Sache entschieden ist.

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Señor Don Esteban,« - er reichte ihm die Hand - »Sie sehen, der Sieg ist mit uns! Bewachen Sie mit Ihren Freunden dies Haus und tödten Sie Jeden, der den Eintritt vor meiner Rückkehr zu erzwingen sucht. Sagen Sie Doña Dolores, meiner Braut, daß in fünfzehn Minuten Guaymas unser ist! - Und nun vorwärts, Kameraden, nach dem Fort!«

Er streckte die Hand aus nach einer Waffe und nahm jetzt die dargebotene Dschambea - im nächsten Augenblick eilte die Schaar im Sturmschritt, den Grafen an ihrer Spitze von dem Capataz begleitet, in der Richtung des Forts davon.

Bonifaz hielt mit Gewalt die Schauspielerin fest, die dem Vater ihres Kindes nacheilen wollte - er zog sie mit sich fort nach ihrer Wohnung, während der Senator und seine Freunde ihre Leute sammelten, um den Pöbel im Zaum zu halten, und die Lastträger sich der früheren Anweisung ihres Capataz gemäß zur Bewachung der Magazine vertheilten.

Alles war Verwirrung und Lärmen, und durch diesen hindurch glaubte man jeden Augenblick den Donner der Kanonen des Forts zu hören. -

Aber merkwürdiger Weise knallten nur Flintenschüsse von dort herüber - vereinzelt - dann plötzlich eine kräftige Büchsensalve, - ein donnerndes »Viva! Victoria!« - das Fort war genommen! - -

Graf Boulbon hatte mit seiner gewöhnlichen kühnen Sicherheit nicht an dem Erfolg gezweifelt, aber auf einen starken Verlust seiner Leute gerechnet. Doch jetzt bewährte

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sich die Klugheit des Capataz, und er hatte nicht mit Unrecht gerühmt, daß sein Verhältniß mit der hübschen Tochter des Sergeanten Pepe Wunder thun würde. Die schlaue Manola hatte mit Hilfe eines andern ihr ergebenen Mädchens die verlangten Uniformen ohne Mühe aus ihres Vaters Wohnung, welche zugleich das Magazin des Forts bildete, über die Mauer nach dem See-Ufer geworfen, wo die zur Expedition gegen die San Trinidad bestimmten Männer mit den Barken unentdeckt verborgen lagen, da die mexikanische Nachlässigkeit nicht einmal für nöthig gehalten, hier Wachen auszustellen. Hawthorn und seinen Gefährten war es dann in der That gelungen, unter der Maske abgeschickter Soldaten, welche auf Befehl des Gouverneurs die Besatzung der Corvette verstärken sollten, an das Schiff anzulegen und auf Deck zu gelangen, ehe die Offiziere den gespielten Verrath begriffen. Und wenn der Seeräuber auch, von der Macht des Gewissens erfaßt, in fast weibischer Furcht scheute und weigerte, der rächenden Hand Norford's zu begegnen - so war er andern Feinden gegenüber doch der Mann, der Jahre lang der Schrecken der indischen Meere gewesen war und manchen schweren Kampf siegreich bestanden hatte. Mit dem Fuß auf dem Bord der San Trinidad war auch ihr Schicksal entschieden; Hawthorn wüthete gleich einem verwundeten Eber mit der Axt in seiner Linken unter der bestürzten Schiffsmannschaft, schlug selbst den Kapitain zu Boden, der an Bord der Corvette geblieben war und hatte nach fünf Minuten eines blutigen und grausamen Gemetzels das Schiffsvolk

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unter Deck getrieben und die Luken über ihnen geschlossen.

Aber nicht bei diesem Angriff allein hatte die schöne Manuela ihrem Liebhaber und somit der ganzen Expedition genützt.

Die Schaar des Grafen war vor dem wasserleeren, von dem Seewind halb zugewehten Graben angekommen, der das Fort auf seinem Landvorsprung von dem Hafenort abschnitt, als das erste Alto! vom Wall her erscholl, denn dort war der ganze Theil der Besatzung, den die Offiziere von der Desertion nach der Plaza abzuhalten vermocht hatten, schon aus Neugier versammelt, um möglichst rasch zu erfahren, was dort vorging. Das Feuern am Bord der San Trinidad hatte die Unruhe vermehrt, und da sich die nach der Plaza entlaufenen Soldaten bei dem unerwarteten Ausgang des Zweikampfs und dem Aufruf zum Sturm des Forts, weislich gehütet hatten, sich dahin zurück zu flüchten und die Garnison von der drohenden Gefahr in Kenntniß zu setzen, herrschte die größte Verwirrung und die sonst zur Vertheidigung mehr als genügend zahlreiche Mannschaft lief verwirrt durch einander.

Der Kommandant des Forts, ein alter Soldat noch aus dem Revolutionskriege, ein treuer Anhänger des Gouverneurs und seiner Partes aber sonst ein Mann von wenig Umsicht, stand auf dem Wall, neben einer der Kanonen.

»Alto! - was wollt Ihr? Bleibt zurück oder ich lasse Feuer auf Euch geben!«

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Der Graf hielt sich nicht auf mit einer Antwort, »Adelante! Adelante!« befahl er.

»Nun so möge Euch San Ignacio in's Fegefeuer helfen, Ihr ketzerischen Halunken!« brüllte der alte Major und stieß selbst die Lunte auf den Zünder der Kanone.

Aber zu seinem großen Staunen erfolgte keine Entladung - dasselbe war bei den andern drei Geschützen der Fall, die man auf dieser Seite aufgestellt hatte, und während der würdige Offizier scheltend und fluchend mit seinen Leuten nach der Ursache forschte, waren der Graf und die Seinen bereits unter der Schußlinie.

Es ergab sich später, und Comandante Muñoz erzählte es mit großem Stolz auf die Schlauheit seiner Geliebten, daß diese und ihre Helfershelferin am Abend mit den Schildwachen bei den Geschützen geplaudert und dabei das Zündkraut verdorben hatten - durch ein Mittel, das schon früher im Aufstandskriege gegen die Spanier eine enthusiastische Frau in ähnlicher Lage mit Glück angewandt hatte. Kurz, als die Kanoniere mit den bereit gehaltenen Lunten ihre Geschütze abfeuern wollten, versagte das Zündkraut seinen Dienst.

Die mißlungene Salve, die leicht, wenn sie ihren Eisen-Hagel gegen die Abenteurer geschleudert hätte, den ganzen Angriff hätte scheitern machen, steigerte die Verwirrung, - einzelne Schüsse fielen und verwundeten drei oder vier der Stürmenden - als aber diese mit einem Büchsenfeuer erwiderten und zugleich von der Seeseite des Forts her ein Siegesruf erscholl und Kreuzträger mit seiner kleinen Abtheilung dort den Wall erstiegen hatte, wurde der Widerstand

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auf der Vorderseite immer geringer, die wackere mexikanische Miliz warf ihre Gewehre fort und flüchtete in alle Winkel, und ehe fünf Minuten vergangen, war der Graf Herr des Forts und nahm den mit großem theatralischen Anstand überreichten Degen des bisherigen Kommandanten in Empfang, ohne sich viel um seine Rede von Kriegsunglück und tapferer Vertheidigung zu kümmern, und ordnete die anderweite Besetzung des Forts an.

Señor Muñoz wurde dem Versprechen gemäß mit dem Titel eines Kommandanten der Forts beehrt und erhielt den Auftrag, aus der Schaar der tapferen Gefangenen diejenigen zur Verstärkung seiner Mannschaft auszuheben, welche sich geneigt zeigen würden, für Handgeld und Sold gegen die bisherige Regierung von Guaymas zu dienen, was denn sofort die Folge hatte, daß, fast die ganze Miliz sich meldete und einstimmig erklärte, jeden beliebigen Eid der Treue leisten zu wollen, worauf denn der neue Comandante, dessen Aemter in den letzten drei Tagen sehr rasch gewechselt hatten, etwa ein Drittel auswählte und die anderen zum Teufel jagte.

Jetzt war auch Don Esteban herbeigekommen und die ganze Bevölkerung von San Fernando hatte sich mit Ausnahme der amerikanischen und englischen Kaufleute vor dem überrumpelten Fort gesammelt. Aber eine der ersten Maßregeln des Grafen war, das Gesindel, das nun auf allgemeine Plünderung hoffte, im Zaum zu halten. Wachen aus seinen besten Leuten mit dem strengen Befehl, Jeden niederzuschießen, der Hand an fremdes Eigenthum zu legen wagte, wurden vor die Häuser und Magazine der

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Kaufherren gestellt, und nachdem zwei oder drei Mal der Befehl rücksichtslos executirt worden war, fand sich bei Sonnenaufgang zu ihrem großen Erstaunen die Stadt zum ersten Mal nach einem der zahlreich schon erlebten Pronunciamento's in einem Zustand der Sicherheit und Ordnung, wie man ihn früher nicht für möglich gehalten hatte.

Mehr noch als die Büchsen der Abenteurer hatte allerdings dazu das Ansehen gethan, welches sich der Graf durch seine Kühnheit und persönliche Kraft erworben hatte. Bekanntlich wirkt Nichts bestechender oder beherrschender auf weniger civilisirte feurige Naturen, als Beispiele kaltblütiger Todesverachtung und das Uebergewicht körperlicher Eigenschaften. Das Viva el Conde! hallte aus allen Kehlen, und wer jetzt gewagt hätte, ein Wort gegen den Grafen zu sagen, der hätte sicher das Messer des ersten Besten seiner Umgebung in der Kehle gefühlt. Man betrachtete die Abenteurer jetzt wirklich als förmliche Befreier, belegte das bisherige Regiment mit allen Verwünschungen und Beschimpfungen, an denen die spanische Sprache und das mexikanische Blut so freigebig ist, und selbst Kapitain Hawthorn, der Rothe Hay, mit dessen Namen noch am Tage vorher die Mütter ihre schreienden Kinder zur Ruhe geschreckt hatten, wurde jetzt als ein Befreier und Held gefeiert.

Es war eine Stunde nach Sonnenaufgang, als Don Esteban den künftigen Schwiegersohn und jetzigen unbestrittenen Gebieter von San Fernando Guaymas im Triumph in sein Haus zurückführte, an dessen Schwelle ihm die

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schöne Doña Dolores mit einem Lorbeerkranz entgegen kam, den sie dem Grafen, der schnell sein Knie vor ihr beugte, mit stolzer Anmuth und nicht ohne sichtliche Bewegung auf die Stirn drückte, denn die Erinnerung daran, wie hochmüthig und kalt sie ihn am Abend vorher in den blutigen Kampf geschickt, verfehlte ihre Wirkung nicht.

»Señora,« sagte der Graf galant, während dennoch bei dieser Huldigung seines Muthes und seiner Kraft sein Blick mit einer gewissen Besorgniß über die Umgebung der stolzen Spanierin flog, bis er zu seiner Beruhigung das trauernde und vorwurfsvolle Gesicht des Knaben Jean nirgends darunter sehen konnte, - »Señora - ich lege Guaymas zu den Füßen seiner Königin der Schönheit - und der künftigen Königin der Sonora,« setzte er flüsternd hinzu.

Eine hohe Röthe überflog das stolze Gesicht der Haciendera. »Stehen Sie auf, Señor Conde,« sagte sie mit aller Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, »der Sieger einer solchen Nacht darf selbst nicht vor seiner Dame knieen. Ich nehme Ihre Gabe an, um sie mit Ihnen zu theilen, und bitte Sie, vor Allem für Ihre kostbare Gesundheit zu sorgen, denn dieser Verband Ihrer Wunden scheint nur sehr ungenügend.«

In der That schien der Graf erst jetzt sich seiner Verwundung zu erinnern, denn als er die Hand nach dem Tuch um seine Stirn hob, sah er mit einem gewissen Erstaunen, daß sie blutig wurde, und er zögerte, sie in die Hand der Dame zu legen, die diese ihm bot.

»Señor Conde,« sagte die Doña - »dies kostbare Blut ist für Mexiko geflossen!« und ohne ihm Zeit zu lassen,

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es abzutrocknen, ergriff sie die Hand und führte ihn unter dem Viva der Menge, die sich dem Zuge angeschlossen, in das Haus.

Hier bat der Graf um die Erlaubniß, sich für eine halbe Stunde zurückziehen zu dürfen, und beauftragte seinen Schwiegervater, unterdeß die Führer ihrer Partei zu einer Berathung über die jetzt zu ergreifenden Schritte zu versammeln. Er selbst ging dann festen Schrittes nach den ihm angewiesenen Zimmern des Hauses, als er aber das Schlafgemach erreicht hatte, übermannte endlich die Natur die bisherige Anspannung aller Nerven und er sank fast ohnmächtig von dem Blutverlust und der Aufregung erschöpft auf einen der Rohrsessel.

Als der Graf wieder Herr seines Bewußtseins wurde und empor blickte, fand er neben sich die Mutter seines Sohnes, die mit frischem Wasser seine brennende Stirn kühlte und seine Wunden verband, und den treuen Freund und Diener, der ihr mit kummervollem Blick darin Anleitung gab und ihn seiner blut- und schmutzbedeckten Kleider entledigt hatte. Das sanfte Auge Suzannes war mit Thränen gefüllt, die über ihre blassen Wangen rollten.

»O Aimé,« schluchzte sie, - »war dies Alles nöthig, und hattest Du keinen Gedanken an ihn gehabt, als Du Dein Leben preisgabst?«

An sich selbst dachte die aufopfernde Liebe des Weibes nicht!

Er drückte ihr zärtlich die Hand. »Gute Suzanne,« sagte er - »Du weißt, welches Ziel ich mir gesteckt habe, und daß ich nicht zurückweichen kann! Aimé Boulbon und

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seinem Sohne Reichthum und Ehre sichern, oder im Kampf darüber zu Grunde gehen. Du allein bist es, die aus Liebe zu mir ein Opfer bringt!«

Bonifaz murmelte Etwas in den Bart, was wie »Unnöthig!« und »Undankbar!« klang, aber Suzanne hatte sich an dem Stuhl des Geliebten nieder geworfen und küßte seinen verwundeten Arm, den der Avignote untersuchte. »Du weißt Aimé, daß ich mich in Alles gefügt; ich ahnte es, was kommen würde, schon damals in Hâvre, als ich mich an Bord des Dampfers schlich - und ich habe es Dir zum zweiten Male gelobt, gestern - in jener schrecklichen Stunde, als Du mir selbst verkündetest, daß jenes Weib, die kein Herz für Dich hat und nur ihrem Stolz und Hochmuth fröhnt, Deine Gattin werden soll. Ich will Alles ertragen, aber halte Dein Wort. Du hast mir gelobt, daß Du mich bei Dir behalten würdest, so lange Dir eine Gefahr droht - und der Enkel Heinrich IV. von Frankreich wird einem armen Mädchen nicht sein Wort brechen. Seh ich Deine Ziele errungen - nicht die Hand jedes Mörders mehr jeden Augenblick dein Leben bedrohen - dann soll Suzanne's Nähe Dir nicht mehr zum Vorwurf werden, und sie wird fern von Dir ihr einsames Grab suchen und zufrieden sein - wenn Du ihr Kind einst zu diesem führst und sagst: sie hat uns Beide am Treuesten geliebt!«

Der ehemalige Sackträger wandte sich ab und fuhr mit der Hand über die Augen, einen provençalischen Fluch mit Gewalt unterdrückend; auch der Graf war sichtlich bewegt, - aber er hatte den Kampf in seinem Innern längst

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durchgekämpft und war nicht der Mann, seine Entschlüsse von den Thränen eines Weibes umstoßen zu lassen.

»Es muß sein, Suzanne,« sagte er fest - »mache uns Beiden das Opfer nicht noch schwerer. Nur unter dieser Bedingung habe ich eingewilligt, Dich bei mir zu lassen, und bin bereit, mein Wort zu halten. Aber niemals wieder sollst Du es wagen, Dich in mein Thun zu drängen wie gestern Abend. Bedenke, daß die Entdeckung Deines Geschlechts unter den jetzigen Umständen leicht meine besten Pläne scheitern machen und Dir und mir wirkliche Gefahren bringen könnte, während die, welche Du jetzt für mich träumst, nur eingebildete sind, denen jeder Mann von Muth leicht begegnen kann und denen ich begegnen werde, wie ich ihnen bis jetzt getrotzt habe.«

Gleich als wollte ihn das Schicksal beim Worte nehmen und ein Zeichen dafür geben, vernahm man ein scharfes Klopfen an der Thür.

»Sieh nach, Bonifaz, wer draußen ist!« befahl der Graf, indem er Suzanne einen ernsten Wink gab, sich zu erheben.

Der Avignote öffnete - es war Lieutenant von Kleist mit einem Fremden.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, - »ich bringe Ihnen Doctor Schönfeld, einen deutschen Landsmann, der als Arzt hier angesiedelt, aber diesen Morgen erst von einer entfernten Hacienda zurückgekehrt ist. Wir bitten Sie Alle dringend, sich seiner Geschicklichkeit anzuvertrauen, wenn nicht um Ihrer - so doch um unserer Willen.«

Der Graf reichte lächelnd dem jungen Mann die

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gesunde Rechte. »Ich weiß, Sie meinen es aufrichtig, Baron« sagte er freundlich - »das haben Sie schon damals in San Franzisco bewiesen, als Sie sich zwischen mich und jenen grauen Mörder werfen wollten. Auch fühle ich, daß ich wirklich eines anderen Beistandes bedarf, als Bonifaz mit all' seiner Anhänglichkeit mir erweisen kann. - Sehen Sie also zu, Doctor, ob der Knochen von dem Stoß verletzt ist - er muß von unten herauf gegangen sein, denn er kam von dem malayischen Krüppel, der sich wie eine Schlange um mich wand, als ich ihn mit dem Fuß auf dem Boden festhielt, bis ich seine Arme zusammengeschnürt. Aber - Ventre saint gris! - ich sage Ihnen, keine Ihrer gewöhnlichen ärztlichen Tücken von Bett und Krankenlager - ich habe grade jetzt am Wenigsten Zeit dazu!«

Der Arzt begann mit der Versicherung, sein Möglichstes thun zu wollen, den Verband zu lösen.

»Unterdeß sind Sie grade der Mann, Monsieur von Kleist, den ich haben wollte,« fuhr der Graf fort. »Sind die Posten gegen San José ausgestellt?«

»Ja Sir! Capitain Morawski mit den Reitern recognoscirt die Straße.«

»Das ist gut - wir können jeden Augenblick den Angriff erwarten, und wenn Don Juarez etwas weniger Advokatenkniffe und mehr Courage hätte, müßten wir ihn bereits hier haben, denn unmöglich kann ihm unbekannt geblieben sein, was hier geschehen ist. Hat Hawthorn Botschaft gesandt?«

»Nein Sir!«

»Dann müssen Sie selbst das Geschäft übernehmen -

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Sie sind Soldat gewesen und ich kann mich auf Ihre Pünktlichkeit verlassen.«

»Euer Excellenz« unterbach ihn der Arzt, »muß ich bitten, möglichst jede Aufregung zu vermeiden - ich fürchte, sie könnte schlimme Folgen haben!«

»Zum Teufel mit Ihrer Besorgniß - es ist nicht viel mehr, als ein Nadelstich! - Nehmen Sie sechs zuverlässige Leute, Monsieur de Kleist, und begeben Sie sich an Bord der San Trinidad.«

»Herr Graf - -«

»Still Doctor - einen Augenblick noch, dann will ich Sie meinetwegen anhören. - Verhaften Sie diesen alten Schurken sofort wieder - er hat seinen Dienst gethan und ich traue dem Satan nicht, daß er nicht die Bande, die ihm das Schiff nehmen half, zu irgend einem Schurkenstreich überredet und die Corvette zu einem Raubschiff macht, mit dem er auf und davon geht. Wenn er sich zur Wehr setzt, so schießen Sie ihn über den Haufen, oder sagen ihm, daß es zu seinem Schutz gegen diesen verteufelten Engländer wäre. Apropos - was ist aus Lord Drysdale geworden?«

»Er und sein Diener sind, Euer Excellenz Befehl gemäß, bei Sonnenaufgang in Freiheit gesetzt und dem Capitain der Brigg übergeben werden. Er hat ...«

[»]Uebergeben Sie dem Schweden Swen Sture das Commando der Corvette,« unterbrach ihn der Graf, »er scheint mir von Allen der Tauglichste, darf aber nicht mehr Mannschaft behalten, als unumgänglich nöthig ist, das Schiff segelfertig zu halten. Die Corvette muß so nahe an das

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Fort als möglich gelegt und die Kanonen müssen sämmtlich bis auf eine von Bord auf die Wälle gebracht werden. Wir müssen diese Position als unseren Rückhalt in jeder Weise verstärken. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Energie, Monsieur de Kleist!«

Der Preuße verbeugte sich.

»Ihre Befehle sollen vollzogen werden. Hier Herr Graf, habe ich Ihnen noch dies Billet zu geben.«

»Von wem?«

»Capitain Hearton sandte es mit einem Matrosen, ehe sein Boot vom Hafendamm abstieß!«

»Geben Sie her!«

Der Arzt legte sich jetzt ernstlich in's Mittel.

»Herr Graf,« sagte er mit bestimmtem Ton, - »ich muß darauf bestehen, daß Sie sich einige Ruhe gönnen, ich kann sonst nicht dafür bürgen, daß das Fieber Sie wirklich auf das Krankenlager wirft!«

»Aber - Pardioux! ich wiederhole Ihnen, ich habe andere Verletzungen gehabt und noch einen ganzen Tag lang gefochten, damals, als wir mit Bugeaud die Marokkaner jagten.«

»Dies mag sein, indeß - erinnern Sie sich, welche Waffe Ihr Gegner trug, der Ihnen diesen Stich in den Arm beibrachte?«

Es wird ein malayischer Krys gewesen sein,« sagte der Graf sorglos. »Der arme Teufel, den dieser Schurke Hawthorn zum Krüppel gemacht, ist selbst ein Malaye, so viel ich gehört habe.«

Er entfaltete das Billet, das der Adjutant ihm

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gebracht - es bestand aus dem Blatt einer Schreibtafel und enthielt nur wenige mit Bleistift geschriebene Zeilen.

Suzanne's Auge hing mit Besorgniß an dem Gesicht des Arztes, während der Graf las. Sie war wieder einige Schritte näher getreten.

Der Doctor wandte sich zu dem Offizier - er redete ihn in der Sprache ihrer beiderseitigen Heimath an, da er glaubte, die Anderen verstanden sie nicht.

»Wenn Sie irgend einen Einfluß auf Ihren Chef besitzen,« sagte er ernst, »so wenden Sie ihn an, daß er sich wenigstens vierundzwanzig Stunden Ruhe gönnt, es können sonst die schlimmsten Folgen entstehen.«

»So sind die Wunden gefährlich?«

»Nein - an und für sich nicht, aber man hat sie viele Stunden vernachlässigt, und überdies ...«

»Nun?«

»Das Aussehen dieser Wunde am Arm gefällt mir nicht. Sie hätte an und für sich Nichts zu bedeuten, aber es ist eine bekannte Sache, daß die Malayen häufig ihre Waffen in Pflanzensäfte tauchen, die eine giftige Wirkung haben.«

»Wie - Sie glauben, daß die Wunde vergiftet wäre? - dann um Himmels willen ...«

Boulbon hatte das Blatt, das er mit einem verachtenden Lächeln gelesen, fallen lassen und wandte den Kopf nach dem Arzt.

»Lord Drysdale ist ein Ehrenmann« sagte er in deutscher Sprache, »und er würde unehrliche Waffen niemals wider seinen Gegner brauchen oder gestatten!«

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»Ich wußte nicht, daß Euer Excellenz unsere Sprache verstehen,« bemerkte entschuldigend der Doktor. »Ich kann auch nicht behaupten, daß die Waffe, welche die Wunde hervorgebracht hat, absichtlich vergiftet gewesen ist, denn wenn sie in frisches Gift, selbst nur in den Saft der Ananas getaucht worden wäre, würden Sie wahrscheinlich bereits eine Leiche sein. Aber es ist möglich, daß die Klinge früher - vielleicht vor Jahren - in eines jener geheimen Pflanzengifte getaucht worden ist, die uns Europäern meist noch unbekannt sind, und die, wenn sie auch durch die Zeit ihre tödtende Kraft verlieren, doch selbst nach vielen Jahren noch schwere Entzündungen oder Lähmungen herbeiführen können. Es ist deshalb immer gefährlich, sich mit den malayischen Messern selbst im Zufall zu verwunden. Ob dies hier der Fall ist, kann ich nicht behaupten, ich müßte dazu die Klinge untersuchen. Aber jedenfalls hat der Blutverlust aus der sonst ungefährlichen Wunde den Fieberzustand verschlimmert.«

»Und was muß geschehen, um die Folgen zu beseitigen?«

»Ich muß Euer Excellenz drei oder vier Tage beobachten und Sie müssen während dieser Zeit jede Aufregung vermeiden und Ihr Lager nicht verlassen.«

Die letzten Worte waren wieder in französischer Sprache gesprochen worden. Der Knabe Jean, der mit ängstlicher Miene den fremden Lauten gehorcht, legte jetzt bittend die Hand auf den Arm des Grafen. »Folge dem Rath, Vetter Aimé« flehte er - »ich beschwöre Dich und gewiß ich

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will Dich auf's Beste pflegen, daß Du bald wieder bei voller Kraft bist!«

Der Graf hob lächelnd die Hand auf ihren Kopf. »Ich will es gern glauben, mein Bursche, und daß es Dir selbst Vergnügen machen würde. Aber Don Juarez und noch ein Anderer dürften mir wenig Zeit dazu lassen. Sieh - da ist schon ein Bote, daß ich nothwendig bin!«

In der That war einer der Diener des Senators eingetreten, der den Grafen ersuchen sollte, - wenn er sich erholt - möglichst bald der Versammlung seine Gegenwart zu schenken, da eben wichtige Nachrichten eingelaufen wären.

»Da sehen Sie selbst Doktor« sagte der Franzose, »wie wenig Zeit ich zu Ihnen hier habe. Aber sein Sie nicht unwillig darüber und wenn Sie eine halbe Stunde hier verweilen können, sollen Sie mich ernstlich dazu befreit finden, eine medizinische Consultation mit Ihnen zu halten, nur dürfen Sie nicht zu streng mit mir verfahren.«

Er winkte dem Adjutanten und entfernte sich weiter scherzend mit ihm.

Der deutsche Arzt sah ihm besorgt nach.

»Corbioux Doktor« meinte der alte Diener - »ich sage Ihnen, er hat Anderes überstanden als die leichten Risse in seiner Haut, und Sie werden ihn nicht so bald unterbringen mit Ihren Salben und Pillen. Er hat eine Gesundheit, fast so zäh, wie die meine! - Aber - heilige Mutter Gottes von Avignon - was ist Dir geschehen Kind!«

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Der Ausruf galt dem Knaben Jean, der in den soeben von dem Grafen verlassenen Sessel bleich und zitternd zurückgesunken war und die Hände auf das Herz gepreßt hielt. Zwischen seinen Fingern zitterte das Blatt, das der Graf achtlos hatte fallen lassen und das er aufgehoben.

»Lies Bonifaz, lies! - Er wird sich und uns verderben mit seiner Verachtung jeder Gefahr!«

Der Haushofmeister hatte das Blatt genommen, drehte es aber verlegen hin und her, indem er mit einem halb komischen, halb ängstlichen Blick bald auf Suzaune, bald auf den Arzt schielte. »Der heilige Petrarka soll mich im Fegefeuer schwitzen lassen« brummte er endlich, wenn das nicht eine Aufgabe ist, die über meine Kräfte geht! Du weißt, Kind, daß die Sackträger von Avignon wenig Zeit haben, Eure verdammten Schnörkel zu lernen. Da, lesen Sie mir den Wisch vor, Doktor, der den armen Jungen so in's Bockshorn jagt!«

Der Arzt nahm mit Theilnahme das Blatt, indem er einen fragenden Blick auf den Knaben warf, um nicht indiscret zu erscheinen. Suzanne winkte zustimmend. Er las:

Darunter ist noch eine Art von Kreuz oder Namenszug gemalt, aber ich vermag ihn nicht zu entziffern!«

»Pah« sagte der Avignote ruhig - »das ist ja blos eine Kriegserklärung des verrückten Engländers und wahrscheinlich hat sein gelber Krüppel von Kammerdiener für nöthig gefunden, seine Unterschrift darunter zu kritzeln. Die

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Burschen scheinen an der Lection, die sie erhalten noch nicht genug zu haben. Ich dachte wahrhaftig, es wäre Schlimmeres! für einen Engländer, und wenn er zehn Mal ein Lord wäre, so viel!«

Und er schnippte mit einer unnachahmlichen Geberde der Verachtung, deren sich die untern Volksklassen des Südens bedienen, die Finger.

Ein tiefer Seufzer des Mädchens antwortete ihm.



Als der Graf in das geräumige Gemach trat, in dem ihn Don Estevan mit seinen Freunden erwartete, fand er, daß nicht blos die großen Grundbesitzer, die am Tage vorher mit ihren Leuten eingetroffen waren, sondern auch mehrere der angesehendsten Kaufleute sich dort versammelt hatten.

In der Mitte des Zimmers, auf den Säbel gestützt, das Gesicht noch von der Anstrengung eines raschen Rittes geröthet, stand der Teniente des Gouverneurs, Don Carboyal, mißtrauisch und finster auf die Versammlung schauend, durch deren Hände ein offener Brief die Runde machte.

»Es müssen die schleunigsten Maaßregeln ergriffen werden« sagte der Doyen der Kaufherren, ein alter Holländer. »Wir Alle wissen noch recht gut, welchen Schaden wir durch den Einfall der Indianer im Jahre Sechsundvierzig erlitten haben, und es scheint diesmal schlimmer zu sein, als damals. Welchen Schutz oder Schadenersatz würden wir von der Regierung in Mexiko zu erwarten haben, wenn die Indianer die Sierra überschreiten und die Straße von

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Oposura sperren sollten! Die Señores Haciendero's und Argéntifodinero's21 werden mit uns übereinstimmen, denn die Gefahr und der Verlust wird sie zuerst treffen.

»Die Mauern der Hacienda del Cerro sind stark genug« sagte der Senator stolz, »es ist nicht das erste Mal, daß sie eine Belagerung der Apachen ausgehalten haben.«

»Über diesmal haben sich alle die Stämme vereinigt« beharrte der nicht von dem Nationalstolz verblendete ältere Handelsherr, »und die Gefahr ist dringender als je. Ich schlage daher vor, daß wir dem Beispiele des Señor Gobernador folgen, der heute in der That zum ersten Mal aufrichtig in unserem Interesse handelt, und alle noch über die Expedition streitigen Punkte fallen lassen.«

Selbst die anwesenden englischen Kaufleute stimmten diesem Vorschlag zu.

In diesem Augenblick war der Graf eingetreten.

»Darf ich fragen Señores, um was es sich handelt?«

Alle erhoben sich von ihren Sitzen und drängten sich um ihn. Die Kaufleute und Consul'n der verschiedenen hier handeltreibenden Nationen waren zu sehr an den Wechsel der Machthaberschaft gewöhnt, wenn der revolutionirende Theil der Bevölkerung auch aus Furcht vor den Folgen gewöhnlich den Schutz ihrer Flaggen respectirte, um nicht anzuerkennen, daß Graf Boulbon mit seinen Abenteurern gegenwärtig der unbestrittene Gebieter von Guaymas war, und den Meisten war es wahrscheinlich nicht unlieb, daß es so

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gekommen, da sie sich von seiner strengen Mannszucht bereits überzeugt hatten und unter dem Schutz des ritterlichen Franzosen Leben, Eigenthum und Verkehr gesicherter glauben durften, als unter den Launen und Erpressungen irgend eines emporgekommenen Eingeborenen. Ueberdies fühlten sie, daß er allein der Mann war, sie gegen die - rascher als man gefürchtet hatte, - hereingebrochene Gefahr an den wilden Gränzen zu schützen.

Der Empfang des Grafen war daher sehr freundlich und alle drängten sich um ihn, ihn mit Komplimenten über seinen raschen und so wenig Blut kostenden Sieg zu überschütten und jede Unterstützung ihm zuzusagen.

»Aber was ist geschehen, welche Nachrichten haben Sie denn?« frug der Graf. »Wenn Don Carboyal gekommen ist, uns eine offene Kriegserklärung des Señor Gobernador zu überbringen, so wird er mich bereit finden, sie entgegen zu nehmen.«

Der Ayudante des Gouverneurs nahm den Brief aus der Hand eines der Anwesenden und überreichte ihn mit einer Verbeugung dem Grafen.

»Señor Don Juarez« sagte er - »bedauert, Euer Excellenz vor seiner Abreise nach Arispe nicht mehr haben sprechen zu können, aber die Botschaft des General Paredos war dringend und keine Zeit zu verlieren.«

»Und wußte Monsieur Juarez denn, was diese Nacht hier geschehen ist?« frug der Graf erstaunt.

»Er hat es heute Morgen vor seiner Abreise erfahren und bedauert, daß Euer Excellenz so viel Mühe gehabt haben. Ich war bereits beauftragt, dem Kommandanten

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des Forts den Befehl zur sofortigen Uebergabe desselben an Ihre Kompagnie zu überbringen.«

Der Franzose empfand wohl den versteckten Hohn, der in den Worten lag, aber er war zu ehrlich, um die Falschheit und Hinterlist des mexikanischen Charakters sogleich zu begreifen.

»Don Juarez,« fuhr der Teniente fort, »erhielt um Mitternacht einen Eilboten des General-Gouverneurs aus Arispe, welcher die Aufforderung brachte, sofort mit aller disponiblen Macht nach Tepache aufzubrechen, um die Pässe der Sierra Espuelas gegen die Indianer zu vertheidigen. Sie sind in großer Anzahl in das östliche Gebiet eingedrungen und haben Casas Grande und das Presidio von Janos überfallen und der Erde gleich gemacht, indem sie alle Bewohner tödteten.«

»Aber Sie sind unzweifelhaft nicht blos hierher gekommen, um uns dieses Unglück zu melden, Señor Teniente« sagte der Graf. »Haben Sie eine Botschaft an mich?«

Der junge Mexikaner wies auf den Brief.

»Er scheint wenigstens nicht blos für mich bestimmt,« sagte der Graf, auf das Oeffnen des Briefes anspielend. »Lassen Sie uns denn sehen, was Don Juarez von uns will.«

Er las den Brief, - ein Lächeln überflog dabei sein Gesicht.

Die Depesche war in den höflichsten Worten abgefaßt und an die versammelte Junta der Haciendero's und Kaufleute gerichtet. Sie enthielt die Benachrichtigung von dem Einfall der Indianer, und die Bitte, dem Generale der Föderation, Don Raoussel[Raousset] Boulbon auf das Schleunigste

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alle Mittel zu gewähren, damit er mit seiner Schaar so bald als möglich nach dem Osten aufbrechen könne, um die Forts oder Presidio's an der Gränze zu verstärken und die Indianer zurückzutreiben. Der Brief erklärte ferner die Bereitwilligkeit, der Expedition jede gewünschte Sicherheit in Guaymas zu geben und alle Bedingungen des Vertrages seitens der Regierung später zu erfüllen, wenn sie auch augenblicklich bei der obwaltenden Gefahr außer Stande sei, Vorschüsse an Geld und Kriegsbedürfnissen zu machen, und appellirte deshalb an den Patriotismus und das eigene Interesse der Haciendero's und Kaufleute. Schließlich war der Plan ausgesprochen, die Expedition möge den Theil der Gränze von Hermita bis zum Maya vertheidigen und sich in die dortigen Forts vertheilen, während die Truppen der Regierung die nördliche Gränze bis zum Rio Gila besetzen würden.

»Darf ich Sie bitten Monsieur de Kleist,« sagte der Graf, »sich von Bonifaz meine Karte der Sonora geben zu lassen und die Offiziere der Expedition hierher zu bescheiden!«

Während der Offizier dem Befehle Folge leistete, besprach sich der Graf mit den Versammelten.

»Ich habe mich vor allen Dingen verpflichtet, Ihr Eigenthum zu schützen« sagte er. »Ich bitte Sie daher, mir zu sagen, welchen Sie für den gefährdetsten und exponirtesten Punkt halten, gleichviel, ob derselbe in dem Rayon liegt, den Señor Juarez so gütig gewesen ist, mir anzuweisen, oder nicht.«

»So viel ich weiß,« meinte Master Walker der

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Kaufmann, dessen Lager am Abend vorher man versucht hatte, in Brand zu stecken - »wird es die Hacienda del Cerro sein.«

Man stimmte von den meisten Seiten bei.

»Wenn ich nicht irre, Señor Don Esteban« frug der Graf, »so ist dies Ihre Besitzung?«

»So ist es, Señor Conde. Ich wollte nicht selbst darauf aufmerksam machen, aber es ist unzweifelhaft, daß die Indianer sie angreifen werden, da sie den Paß deckt, der von San Miguel durch die Sierra nach San Augustin in der Ebene führt. Schon zwei Mal hat sie einem Angriff der Indianer Widerstand geleistet, und bei San Jago, meinem Schutzpatron, sie wird es auch zum dritten Mal thun, wenn es noch Zeit ist; denn in einer Stunde will ich dahin unterwegs sein, um meine Vaqueros und meine Jäger zu verstärken.«

»Nicht ohne mich, Señor Senator.« Der Offizier hatte die Karte gebracht, der Graf beugte sich über sie und suchte den Punkt nach den Angaben der Haciendero's, die sich schwerlich selbst auf einer Karte ihres Landes zurecht gefunden hätten. »Ventre saint-gris - das läge ja gerade in der Mitte unserer Stellung, und es ließe sich kein besseres Hauptquartier für unsere Operationen finden, Señor Don Esteban, wenn Sie uns aufnehmen wollen.«

Die Offiziere kamen hastig einer nach dem anderen.

»Mein Haus ist zu Ihren Diensten,« sagte der Senator höflich und sichtlich erfreut über diesen Entschluß. »Erlauben Sie, daß ich meine Vorbereitungen zur Abreise treffe!«

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»Einen Augenblick noch, Señor - wir haben noch Einiges zu besprechen, und ich bin ein zu alter Soldat, um nicht zu wissen, daß übertriebene Eile nur schadet. Wann gedenkt Ihr, Señores, meine Leute mit Pferden versehen zu können?«

»Nicht vor zwei Tagen,« sagte ein alter Haciendero. Wir müssen sie aus dem nächsten Corral holen, und der ist zwölf Leguas entfernt.

»Dann muß aufbrechen, was einstweilen beritten zu machen ist. Monsieur de Morawsky!«

»Hier, Pan!«

»Lassen Sie sofort Ihre Leute, die sich bereits dienstfähig befinden, satteln. In einer Stunde müssen sie auf der Piazza stehen. Wie viel Pferde können Sie erübrigen, Señor Senator?«

»Nicht mehr als sechs, Señor Conde - meine Tochter mit ihren Dienerinnen braucht allein ein halbes Dutzend.«

»Wie, Señor - Sie wollten die Señoritta der Gefahr aussetzen, sie mit nach der Hacienda zu nehmen, statt sie hier in Sicherheit zu lassen?«

»Ich sehe, Sie kennen Dolores noch wenig« sagte der Senator lächelnd, »Sie würde um keinen Preis hier zurück bleiben. - Ueberdies« fügte er flüsternd hinzu, »wird sie in unserer Gesellschaft sicherer sein, als hier allein - wir wissen nicht, was Don Juarez im Schilde führt.«

Der Graf bedachte sich einen Augenblick, dann gab er ein Zeichen der Zustimmung.

»Meister Kreuzträger!«

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Der Spurfinder ließ aufhorchend den Kolben seiner Büchse auf den Boden fallen.

»Ich darf einen Mann wie Sie nicht fragen,« fuhr der Graf fort, »ob Sie ein tüchtiger Reiter sind. In diesem Lande scheint jeder Mann im Sattel geboren zu sein.«

Der Wegweiser lächelte. »Sie wissen, Monsieur, daß ich kein geborner Mexikaner bin. Aber obschon ich mich lieber auf meine Füße verlasse, habe ich doch zu oft meine Beine über das Kreuz eines Pferdes geschlagen, um nicht einen tüchtigen Ritt zu machen, wenn die Sache Eile hat. Und ich muß gestehen, es drängt mich, wieder einige Worte mit diesen rothen Schurken zu sprechen!«

»Dann machen Sie sich bereit, uns mit Ihren Gefährten zu begleiten. Ich weiß, daß Sie der Mann sind, die besten Dienste zu leisten, Kapitain Perez, sorgen Sie für die Ausrüstung der Leute und daß Sie in zwei Tagen uns mit dem Rest folgen können. Monsieur Weidmann, ich hoffe, daß kein Glas Meskal an Ihre Lippen kommt, bis Ihre Geschütze unterwegs sind. Señor Teniente, sagen Sie dem Gouverneur, daß meine Compagnie in fünf Tagen den Indianern gegenüber stehen wird.«

Der Mexikaner verbeugte sich kalt. »Verzeihen Sie,« sagte er, »ich habe von Sr. Excellenz den Befehl, Sie zu begleiten, um Ihnen als Führer zu dienen und in den Presidios Eingang zu verschaffen, wo man nicht weiß, welcher wichtige Beistand ihnen zu Theil werden soll.«

Der Graf biß sich auf die Lippe - er begriff, daß der schlaue Mexikaner selbst bei seinem Rückzug alle

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Vorsichtsmaßregeln zu seiner Beobachtung getroffen. Eine kurze Ueberlegung zeigte ihm jedoch, daß er den Offizier der Regierungstruppen nicht zurückweisen durfte.

Es wurden jetzt rasch noch alle übrigen Anordnungen getroffen, um den Aufbruch der Schaar zu beschleunigen. Die Mexikaner wußten jeder, daß die höchste Eile nothwendig war, wenn sie den Indianern noch zuvorkommen wollten, und der Senator vor Allen beschleunigte mit fieberhafter Eile die Anstalten, denn ein großer Theil seines Vermögens stand in der befestigten Hacienda del Cerro auf dem Spiel, die nicht allein gegen die Einfälle der Apachen als Fort diente, sondern ihn selbst schon mehrmal in Stand gesetzt hatte, bei den politischen Intriguen und Parteikämpfen sich in ihren Schutz zurück zu ziehen und der Regierung Trotz zu bieten. Der Graf wiederholte seine Anordnung, daß Perez zurückbleiben und die Kriegsbedürfnisse und den Rest der Expedition ihnen nachführen sollte, sobald die nöthigen Pferde angekommen, während zwei andere Abtheilungen sich bereits im Lauf des Tages zu Fuß auf den Weg machen sollten, um so weit als möglich voraus zu gelangen. Der ehemalige Capataz und jetzige Commandant des Forts erhielt nochmals seine strengen Instructionen und der Graf erinnerte sich hierbei des Auftrags, den er dem jungen Preußen gegeben und befahl seine sofortige Ausführung. Die Haciendero's bestiegen ihre Pferde und jagten davon, um ihre Leute zu bewaffnen und die versprochenen Rosse zu liefern, und die Kaufleute beeiferten sich, die andern Bedürfnisse der Expedition herbei zu schaffen.

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Auf den Wunsch des Grafen hatte sich der Senator bereits mit seiner Tochter und seiner Dienerschaft, begleitet von dem Polen Morawski und Kreuzträger auf den Weg gemacht, um noch in den kühleren Morgenstunden eine möglichst große Strecke zurück zu legen.

Er hatte bei dieser Anordnung außerdem noch einen wichtigeren Grund. Er wollte Suzanne überreden, wenigstens bis zu dem letzten Transport der Expedition zu verweilen und unter dem Schutz ihres alten Freundes und des jungen preußischen Offiziers nachzukommen. Dies hätte er unmöglich unter den Augen seiner stolzen Braut unbemerkt thun können, und es gehörte in der That die Anwendung seiner ganzen Gewalt über ihre Hingebung und Liebe dazu, um sie seinem Verlangen sich fügen zu machen.

So war es bereits hoch am Vormittag, als er endlich mit den nöthigsten Einrichtungen fertig war und die Pferde vorzuführen befahl. Don Carboyal harrte bereits an der Thür und Lieutenant von Kleist beabsichtigte, ihnen bis San José das Geleit zu geben. Die halbe Bevölkerung von San Fernando und alle noch zurückbleibenden Abenteurer hatten sich vor dem Hause des Senators versammelt, um dem Generale ein enthusiastisches Lebewohl zu sagen - auch der deutsche Arzt befand sich unter den Anwesenden, um wenigstens dem ungehorsamen Patienten noch einige heilsame Ermahnungen auf den Weg zu geben.

Unter dem Viva-Geschrei der Menge erschien der Graf auf der Schwelle des Hauses. Er sah etwas bleich von dem Blutverlust und den Anstrengungen der Nacht, aber sein dunkles Auge flog mit der gewohnten Schärfe über

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die Menge hin und mit stolzem befriedigtem Lächeln dankte er ihren Grüßen und den Blumen, die man ihm zuwarf.

Auch der Enthusiasmus der wilden Schaar, deren Herr über Leben und Tod er durch ihren Vertrag geworden war, hatte durch die raschen Erfolge und die Demüthigung des Gouverneurs, so wie durch die Aussicht auf Abenteuer und Reichthum ihren Höhepunkt erreicht; denn der Graf, schon um sich ihrer besseren Manneszucht in Guaymas zu versichern, hatte nicht verfehlt, unter ihnen verbreiten zu lassen, daß der Kampf mit den Indianern und ihr Zurücktreiben in das Innere der Prairien die Bahnung des Weges zu den geheimnißvollen Gegenden wäre, wo der Schatz der Ynkas verborgen sein sollte, und daß sofort nach der Besiegung der Wilden ihr Marsch in die Wüste angetreten werden würde, die in ihrem Innern jenen thörichten Zweck des menschlichen Ringens verbarg - das Gold!

Mit von Thränen gerötheten Augen, doch gefaßter als der Graf gefürchtet hatte, folgte Suzanne und der Mayordomo ihm bis auf die Veranda, von der aus man einen Blick über die Hafenstadt und die Rhede hatte. Bis zu der steinernen Schwelle hatten die Diener den schwarzen Hengst geführt, das hinterlistige Geschenk des Gouverneurs, das erste Zeichen seiner Niederlage. Die Frauen und Mädchen aus dem Volk hatten den Zaum und die Mähne des Thiers mit Granatblüthen geschmückt und das ungeberdige Pferd bewies durch sein Schlagen und Beißen die alte Natur, bis es bei einem Seitensprung seinen Herrn und Meister erblickte und sofort wie ein Lamm stillstand.

In diesem Augenblick, auf den Wink des neuen Capataz,

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den die zarte Aufmerksamkeit seines ehemaligen Collegen, des neuen Commandanten besonders dazu angestellt hatte, donnerten die Kanonen des Forts, und an den Gaffeln der Corvette und der beiden Transportschiffe im Hafen entfaltete sich die weiße Flagge mit den Lilien Frankreichs.

Dann gleich einem Echo dröhnte von der Nhede herüber ein einzelner Kanonenschuß.

Die Augen des Grafen und aller Umstehenden wandten sich nach jener Richtung - von der Seite der englischen Brigg, die dort vor Anker gelegen und an deren Bord Lord Drysdale und sein Diener sich wieder eingeschifft, quoll der weiße Rauch des Signalschusses empor. Dann bedeckten sich die Raaen und Masten mit einer Wolke von Segeln, die der Wind schwellte, der zierliche Bau der Brigg begann sich zu bewegen, - und das Schiff verließ seinen Ankerplatz, sein Boogspriet nach Cap Horn gewendet.

Es konnte kein Zweifel darüber sein - die »Najade« segelte nach Californien ab.

Diese Thatsache war so augenscheinlich, daß selbst Suzanne sie begriff und einen dankbaren Blick dafür zum Himmel empor hob.

Auch dem Grafen war es, als würde eine Last von seiner Brust genommen, denn nur gezwungen durch sein Wort hatte er dem unglücklichen Manne Gerechtigkeit verweigert. Sein Auge flog jetzt stolz und siegesgewiß über die Menge, und indem er den Torero herbeiwinkte, faßte er den Zügel des Renners.

»Capitain Perez,« sagte er - »da Lord Drysdale dort drüben davon segelt, können Sie den Schurken Hawthorn

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aus seiner Haft entlassen, und es ihm anheim stellen, ob er Ihnen folgen oder sein schuftiges Gesicht uns aus den Augen tragen will. A Dios! Señore's und Señorita's - auf ein fröhliches Wiedersehen!«

Er hob den Fuß, um ihn in den Steigbügel zu setzen - -

In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames - Furchtbares - - -

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Windenblüthe.

Wir haben Eisenarm mit seinem feigen und nichtswürdigen Contractsherrn und der Schwester des heldenmüthigen Comanchen in dem Augenblick verlassen, als sie die traurige Entdeckung machten, daß dieser ihnen fehlte.

Von allen Dreien wußte oder vielmehr ahnte der Yankee allein, was geschehen war, da er noch das Triumphgeschrei der Apachen gehört hatte, mit dem sie die Ankündigung des »Grauen Bären« empfingen, daß der junge Häuptling der Toyah in ihre Hände gefallen sei. Aber er hütete sich wohl, diese Kenntniß zu verrathen, als er jetzt den Trapper mit aller Kraft der Ueberredung zu verhindern suchte, den Weg durch den Felsengang der Bären wieder zurückzunehmen. Er glaubte mit dem Gewinn der Zeit seine eigene Sicherheit am Besten erkauft und behauptete, daß er den jungen Comanchen noch in den Irrgängen der Felsenspalten hinter sich bemerkt habe, und daß derselbe vielleicht in den labyrinthischen Windungen auf einen andern Weg gerathen oder aus irgend einer Ursache noch einmal zu dem eigentlichen Lager der Bestie zurückgekehrt

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sein müsse. Zuletzt, als alle seine Einwendungen Eisenarm nicht von seinem Vorsatz der Rückkehr abzubringen vermochten, erinnerte er ihn an ihren Vertrag und daß er vor Allem verpflichtet sei, ihn weiter zu führen.

Aber seine Bitten, Flüche und Verwünschungen hätten eher einen Stein rühren, als den Kanadier auch nur ein Haarbreit von seinem Vorsatz abziehen können.

»Hört, Meister Schielauge,« sagte der Riese, - »ich will nicht gerade behaupten, daß Ihr wie ein Schuft gehandelt habt, denn in den Städten ist jedem Mann sein Scalp das Nächste und es ist ein natürliches Gefühl, aber wenn Ihr länger in der Wüste gelebt hättet, würdet Ihr wissen, daß ein Skalp auch auf dem eigenen Schädel keine Ursach ist, um einen Freund im Stich zu lassen, besonders, wenn man ihn von Kindesbeinen an durch tausend Gefahren begleitet und ihn als Sohn betrachtet hat. Ueberdies werdet Ihr schwerlich in Eurem Leben die Goldhöhle zu sehen bekommen, wenn der Große Jaguar uns fehlen sollte; denn mein Gedächtniß und meine Sinne fangen nachgrade an, alt zu werden, und ein Unternehmen wie das unsere fordert allen Witz eines Indianers und alle Gewandtheit von fünfundzwanzig Sommern! Also bleibt ruhig hier und beschützt dieses weinende Mädchen, indeß ich mich nach ihrem Bruder umsehe.«

Dies Argument entschied, und nachdem Eisenarm an Comeo noch einige Weisungen gegeben und seine Büchse zurückgelassen hatte, um rascher vorwärts kriechen zu können, vertiefte er sich wieder in den unterirdischen Gang.

Es dauerte volle zwei Stunden und die Nacht begann

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bereits mit jenem raschen Uebergang ohne Dämmerung einzutreten, wie er diesen Zonen eigen ist, als zur großen Beruhigung des Yankee der Kanadier zurückkehrte.

Ohne die hastigen Fragen Master Browns zu beantworten, setzte er sich auf einen Stein, nahm seine Büchse wieder in den Arm und nachdem er Comeo bedeutet hatte, in dem Eingang der Felsenspalten selbst, die den Schein verbergen mußten, ein Feuer zu machen und das bei ihrer Flucht weislich mitgenommene Stück Fleisch zu rösten, verfiel er in tiefes Nachdenken.

Das Mädchen hatte gehorcht, ohne auch nur eine einzige Frage zu thun, obschon ihr dunkles Auge sich oft angstvoll und bittend auf den Trapper wandte. Sie kannte zu gut die Gewohnheiten der Krieger ihres Volkes, die der weiße Mann durch den langen Umgang sich gleichfalls angeeignet hatte, um eine unziemliche Neugier zu zeigen, selbst wo es das Schicksal ihres einzigen natürlichen und geliebten Beschützers galt, der von ihrer ganzen Familie ihr geblieben war.

Nicht so der Yankee, der diese Rücksichten nicht kannte oder achtete und wiederholt versuchte, das Nachdenken des Jägers zu stören. Aber Eisenarm wies ihn mit einer ungeduldigen Geberde zur Ruhe und es blieb ihm endlich Nichts übrig, als sich zu fügen.

Dies Schweigen endete auch nicht eher, als bis Comeo das geröstete Fleisch auf den Blättern des Sassafrasbaumes vor den Männern niederlegte.

Jetzt stellte der Jäger seine Büchse zur Seite, rieb

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sich die Hände und langte sich dann ein tüchtiges Stück Fleisch zu.

»Nun, Mann, eßt,« sagte er, »denn wir haben einen weiten Marsch durch die Sierra vor uns und brauchen der Stärkung. Weine nicht, Mädchen, - es ist nicht so schlimm, wie es ausschaut, denn so lange noch Leben in einer Menschenbrust und die Scalplocke auf dem Haupte eines Indianers ist, so lange ist auch noch Hoffnung, und wenn der Mann selbst in den Händen dieser Teufel von Apachen wäre!«

Das arme Mädchen stieß einen Laut des Schmerzes aus. »Will Bras-de-fer nicht der armen Winde sagen, wo ihr Bruder ist? Er ist der Stamm, um den nach dem Willen des großen Geistes die Liane sich ranken soll!«

»Wahr, wahr, Kind - es ist Natur in Deinen Worten, denn Dein wackerer Bruder ist bestimmt, Dir Vater und Mutter zu ersetzen. Weiß Gott, ich liebe den Burschen, als wäre er mein Sohn, nicht bloß das Kind eines alten Freundes. Auch fühle ich, was ich ihm schuldig bin und daß er erst heute Morgen wieder mein Leben aus der verdammten Schlinge des Lasso gerettet hat, die ich alter Narr unvorsichtig genug war, mir über den Kopf werfen zu lassen.«

»Aber damit wissen wir noch immer nicht, wo der Indianer sich befindet?« unterbrach ihn der Yankee ungeduldig.

»Wo anders Mann, als in den Händen seiner schlimm[en] Feinde, ich meine Wis-con-Tah, die Schwarze Schlange der Mescaleros. Ich sehe die Sache, als ob ich dabei gewesen

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wäre und dennoch ist mir Eines räthselhaft dabei - ich habe die Spur dieses schiefen Satans unter all' dem Gewirr von Fußtritten nicht zu entdecken vermocht, obschon ich sie sowohl kenne, wie die meines eigenen Mocassins. Der Mann, der ihm zu Hilfe kam und mit dem Schlage seines Tomahawk den Schädel der Bestie spaltete, war ein Krieger und ein Mann von Kraft, fast wie die meine, denn ich fand, wie tief sich seine Ferse dabei in den Boden gestemmt bat. Wüßte ich nicht, daß der »Graue Bär« nicht bei der saubern Gesellschaft war, so könnte ich nur auf ihn rathen.«

»So hat ein Kampf stattgefunden?«

»Gewiß Mann, so gewiß, als Ihr da sitzt und Eure Kehle mit Rum verbrennt, statt Euch mit dem klaren Wasser dieser Quelle die Augen hell zu halten. Aber nicht zwischen dem »Jaguar« und seinen menschlichen Feinden, denn sonst hätte ich seinen Leichnam gefunden, des Scalps beraubt.«

»So erzählt deutlicher,« brummte der Andere - »der Teufel kann alle Eure indianischen Andeutungen verstehen!«

Der Jäger lächelte gutmüthig trotz aller Besorgniß um seinen Freund. »Das kommt von Eurer verkehrten Erziehung in den Städten her,« sagte er, »und ich danke Gott, daß ich meinem Vater zeitig genug davon gelaufen bin, um mir wenigstens meine fünf Sinne frei zu halten. Das Mädchen dort, so jung sie ist, wird mich längst verstanden haben.«

Comeo nickte, während sie ihr sanftes Gesicht mit den

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Händen bedeckte, zwischen deren Fingern sich die Thränen unaufhaltsam hervordrängten.

»Weine nicht, Kind - obschon das die natürliche Gabe Deines Geschlechts ist,« tröstete sie der Jäger. »Ich bin selbst zwei Mal gefangen gewesen in ihren Händen und stand das eine Mal am Marterpfahl dieses schiefen Teufels, als mich Dein Vater mit den Comanchen aus ihrer Mitte holte, freilich auf Kosten seines Lebens; das andere Mal ranzionirte ich mich selbst. Aber Du weißt, daß dafür dieses Leben Deinem Bruder zu Diensten steht und daß ich nicht der Mann bin, einen Freund in der Noth zu verlassen. Um es kurz zu machen, Mann, ich war unter dem Moosbaum und habe mich da überzeugt, daß Ihr gelogen habt, als Ihr uns sagtet, daß Wonodongah, der große Jaguar der Comanchen, in dem Felsen hinter Euch sei. Er hat die Höhle des Bären nicht betreten.«

»Gott soll mich verdammen,« rief der Amerikaner verwirrt, »wenn ich nicht gemeint habe, seine Schritte, ja seine Stimme hinter mir zu hören. Es war zu enge und zu finster, um mich lange umzuschauen.«

»Nun - es nützt Nichts und ich will glauben, daß die Furcht Euch zu der Lüge getrieben. Aber es ist immer eine schlimme Sache, wenn ein Mann von der Wahrheit weicht, oder Dinge behauptet, von denen er sich nicht genau überzeugt hat. Es wird jetzt an Euch sein, Euren Fehler wieder gut zu machen. Kurzum, der Jaguar hat der Lust nicht widerstehen können, sich mit Eurem Namensvetter zu messen, und er ist bei dem Kampf, der ihm vielleicht

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trotz seiner Gewandtheit schlecht bekommen wäre, von den Apachen überrascht worden, die den Bären vollends tödteten und ihn ohne Widerstand gefangen nahmen, da er schwer verwundet war. Es ist wahrscheinlich sogar ein Glück für ihn, daß es so gekommen ist, denn der Bär hatte ihn unter sich.«

»Aber woher wißt Ihr das Alles?«

»Bin ich denn ein Maulwurf, wenn ich auch nicht die scharfen Augen eines Wilden habe?« entgegnete unwillig der Riese. »Ich sagte Euch, daß ich auf dem Platz unter dem Moosbaum gewesen sei, und da das Tageslicht noch nicht geschieden war, so genügten fünf Minuten dazu, um mich von Allem zu überzeugen. Der Strick hing noch an dem Ast des Baumes, ein Beweis, daß der Jaguar ihn gar nicht benutzt hat; denn er würde nie diese Spur seines Entkommens den Augen der Apachen zurückgelassen haben. Unter dem Baum aber liegt der Körper des Bären, und obschon sie sein Fell und seine Tatzen mit sich genommen haben, damit sie sich an dem Feuer ihrer Wigwams rühmen können, sie hätten das Unthier angegriffen und besiegt, habe ich doch fünf Wunden von dem Messer unseres rothen Freundes in dem Leibe des Bären gefunden, die gemacht worden sind, bevor eine andere Hand ihm den Schädel spaltete.«

»Der Narr hätte bedenken sollen, daß sein Leben mir gehört« sagte Brown mürrisch. »Was beweist Euch denn, daß er nicht den Lohn seiner Unvorsichtigkeit bekommen hat und gleichfalls getödtet morden ist?«

»Es war viel Blut auf dem Platz, wo er mit dem

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Unthier gerungen, und ich konnte an dem Boden sehen, daß der Bär auf ihn gefallen ist. Die Fetzen seiner Decke lagen umher. Aber er ist nur schwer verwundet, nicht getödtet, weder von dem Bären, noch von den Apachen. Wenn er todt wäre, so oder so, würden sie ihn sicher scalpirt und seinen entehrten Leichnam den Thieren der Wildniß zurückgelassen haben. Sein Arm ist gebrochen oder zerrissen.«

Die junge Indianerin war trotz ihrer gewohnten Zurückhaltung aufgestanden und hatte sich angstvoll dem Jäger genähert. »Ich weiß, mein Vater spricht die Wahrheit und wird das Herz eines armen Mädchens nicht täuschen! - Aber hat er ein Zeichen für seine Annahme?«

»Hier, hier, dieses Messer habe ich auf dem Platze gefunden, es ist das Deines Bruders und beweist mir, daß sein Arm schwer verletzt sein muß, sonst hätte er es sicher nicht fallen lassen.«

»Aber was meint Eisenarm, was mit seinem Freunde geschehen wird?«

»Sie haben ihn mit sich genommen als Gefangenen in ihr Lager, es ist kein Zweifel daran. Ich habe den Rauch ihrer Feuer gesehen.«

»Sie werden ihn martern und tödten!« rief das Mädchen schluchzend.

»Nicht eher, als er wieder vollkommen geheilt ist. Du weißt Comeo, daß die Indianer nie einen kranken oder verwundeten Krieger an den Marterpfahl stellen, er muß die volle Kraft haben, ihre Qualen zu ertragen. Uebrigens, wenn wir nicht grade einige ihrer besten Krieger

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erschossen hätten, sollte ich meinen, daß sie trotz alles Hasses doch Anstand nehmen möchten, einen Häuptling zu tödten, da sie gegenwärtig mit den Comanchen im Bündniß sind und ihre Rache fürchten müssen.«

»Ein Toyah« sagte das Mädchen stolz, »ist nie der Freund eines Apachen!«

»Recht, recht, Kind, und das wissen die Schufte so gut wie wir. Sie werden deshalb auch jedenfalls ein Mittel suchen, ihre Bosheit zu befriedigen, wenn sie nicht verhindert werden.«

»Und wird mein weißer Vater zugeben,« frug die Indianerin »daß sein Freund in den Händen seiner Peiniger bleibt, auch wenn er eine rothe Haut trägt?«

»Nicht, so lange mein Arm und meine Büchse zusammen halten, Kind, verlaß Dich darauf! Rothhaut oder Weißhaut, das bleibt sich gleich, wenn nur das Herz ehrlich ist, und es schlägt kein edleres in der Brust eines Menschen, als in der Wonodongah's, das will ich gegen Alle vertreten, ob sie aus den Städten kommen, oder aus der Wüste! - Hört Mann, Ihr könnt Euch und uns einen großen Gefallen erweisen.«

»Was soll ich thun? ich dächte, ich hätte der Beschwerden schon genug gehabt!«

»Wenn Ihr nicht der Gefahr in's Auge sehen könnt, oder Euch vor einem weiten Wege scheut« sagte der Jäger trocken, »so hättet Ihr überhaupt das Unternehmen nicht anfangen sollen und wäret besser in San Francisko geblieben.«

»Nun in des Teufels Namen, so sagt, was ich thun soll!«

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»Ihr müßt in das Lager der Schwarzen Schlange gehn!«

»In das Lager der Apachen?«

»Ja!«

»Ihr seid verrückt, Mann! welcher Mensch mit gesunden Sinnen wird mit freiem Willen sein Leben so unsinnig preisgeben.«

»Aber es handelt sich um den Jaguar!«

»Meinetwegen um alle Bestien der Wildniß und alle Indianer dazu! ich werde kein solcher Narr sein!«

Der Jäger lächelte verächtlich. »Ich erinnere mich« sagte er, »daß Ihr selbst gestern Abend vorschlugt, uns den Apachen anzuschließen, um mit ihnen den Franzosen zu bekämpfen. Ich sehe nicht viel Gefahr dabei, denn Keiner hat Euch gesehen und Ihr könntet Euch dreist für einen der Agenten der Staaten, oder einen Doktor, oder sonst eins von dem weißen Gezücht ausgeben, das die Prairie schändet und den Character der Indianer verderbt. Es ist von Wichtigkeit, daß der Jaguar erfährt, daß seine Freunde in der Nähe sind, obschon er das auch ohne Botschaft wissen kann. Aber wir müssen in Verbindung mit ihm treten, um zu erfahren, was sie mit ihm vorhaben, und um jede günstige Gelegenheit benutzen zu können.«

»Das ist Alles recht schön« brummte der Yankee, »aber ich danke dafür. Auch werde ich es keineswegs zugeben, wenn Ihr etwa so toll sein wolltet, Euch selbst in die Gefahr zu begeben - Euer Contract bindet Euch an mich!«

Bras-de-fer sah einige Augenblicke finster vor sich nieder - er ärgerte sich über die Feigheit seines Gefährten und die Macht, die dieser sich über ihn anmaßte.

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»Hört, Meister Schielauge« sagte er endlich - »ich will Euch den Vorschlag machen, unseren Contract aufzulösen, da es so gekommen ist. Das Goldauge war zwar ein lieber Freund und ich möchte ihn an dem schurkischen Franzosen gern rächen, aber das Schicksal des Jaguars steht mir näher zum Herzen. Was Eure Ausgaben betrifft, so will ich mich anheischig machen, Euch so viel des gelben Metalls allein aus der Goldhöhle zu holen, als wie die Büchse wiegt, die Ihr mir verschafft habt.«

»Nichts da,« schrie der Yankee, dessen Habsucht durch das Anerbieten nur noch mehr gereizt wurde, da es ein neuer Beweis für die Möglichkeit war, das Ziel alles seines Strebens zu erreichen.

»Ich habe Eure Unterschrift unter dem Contract und Ihr müßt ihn erfüllen. Ich verbiete Euch, daß Ihr es wagt in das Lager der Apachen zu gehen und Euer Leben gefährdet, da Ihr der Einzige seid, der jetzt mir den Weg zeigen und mir zu meinem Eigenthum verhelfen kann.«

Der Jäger zuckte mit den Achseln und wollte eben eine rauhe Antwort geben, als sich Windenblüthe in's Mittel legte.

»Warum will mein weißer Vater nicht die Tochter der Comanchen in das Lager der Apachen senden?« frug sie. »Es wird Niemand auf die Schritte eines armen Mädchens achten.«

Der Jäger sah sie erfreut an und nickte zustimmend. »Es ist Sinn darin Kind« sagte er freundlich, »und ich dachte gleich daran, aber ich wollte Dir den Vorschlag nicht machen, weil ich Dich für zu furchtsam hielt und meine

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Pflicht war, den Gang erst diesem Manne vorzuschlagen. Mich kennen die Schurken auf tausend Schritt weit, aber von Deiner Anwesenheit auf den Prairien hat schwerlich Einer Ahnung. Wenn Du Dich für eine der Indianerinnen aus den Niederlassungen ausgiebst, die ihrem Dienst wegen einer Strafe entflohen, oder für eine Comanchin, die ihren Stamm bei dem Kriegszug begleitet hat und von ihm in der Prairie abgekommen ist, wird keine Gefahr für Dich dabei sein. Aber wir müssen ihr Lager von der entgegengesetzten Seite erreichen, und deshalb ist es nöthig, im Schutz des Gebirges ihnen einen Tagesmarsch voraus zu kommen, ehe Du Dein wackeres Unternehmen beginnen kannst. Der Mond geht jetzt eben auf und wir müssen seinen Schein uns zu Nutze machen, um noch zwei Stunden zu marschiren, ehe wir die Ruhe suchen. Unterwegs Kind, können wir näher darüber sprechen - ich bin jetzt beruhigt und hoffe, daß die Schurken Deinem Bruder den Dienst der Heilung seiner Wunden leisten, aber ihm kein Haar weiter krümmen sollen. Auf denn, Meister Schielauge und nehmt Euer Gepäck, wenn Ihr nicht hier zurückbleiben wollt; denn bei Gott, ich habe große Lust, Euch zu lassen wo Ihr seid, und fange an, zu glauben, daß es das Beste für uns Alle wäre!«

Damit schulterte er die beiden Büchsen, die seine und die bei der Flucht mitgenommene des Comanchen, und stieg mit kräftigen Schritten in das Thal hinab.

Meister Brown beeilte sich, seinen Ranzen aufzunehmen und ihm zu folgen, denn er sah, daß auch das Mädchen sich wenig um seinen Einspruch kümmerte, und wollte

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immer lieber einer unbekannten Gefahr unterm Schutz der sichern Büchse des Jägers entgegengehen, als allein in der Wildniß zurückbleiben.



Es war am achten Tage nach den hier erzählten Ereignissen und am fünften, nachdem der Zug des Haciendero mit den berittenen Mitgliedern der Expedition San Fernando Guaymas verlassen hatte, und an einem Ort über zwanzig Leguasvon der Stelle entfernt, wo der junge Comanche gefangen genommen worden, daß wir die Erzählung der Ereignisse wieder aufnehmen.

Die Vereinigung der Indianer-Stämme war erfolgt und nach einer großen Berathung hatten sie sich auf's Neue vertheilt, um die ganze Gränze der Sonora mit Raub und Plünderung zu überschwemmen. Die Bewohner des Staates Chihuahua, dessen nördlicher Theil jetzt schutzlos im Besitz der Indianer war, hatten sich über den Hyaqui nach dem Süden geflüchtet, oder in den Städten und Presidio's so gut es ging verschanzt, und jeder Tag brachte die Nachricht von neuen Greueln, welche die Wilden verübt hatten. Frauen und Kinder wurden, wenn sie mit dem Leben davon kamen, in die Gefangenschaft geschleppt, die Männer ohne Unterschied des Standes und Alters auf das Grausamste ermordet.

Bereits waren auf diese Weise die Missionen Pennelas und San Miguel, die Dörfer Hermitas, Baseraco bis Aribechi herunter verheert und das Presidium Babica der Erde gleich gemacht worden, und nur mit Mühe hielt sich

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im Rücken der Horden nach das Presidio22 Buenaventura, denn die Indianer hatten bereits auf mehreren Punkten die Sierra überschritten und mordeten und plünderten in der Sonora.

So zerstreut aber auch ihre einzelnen Raubzüge waren, so schien doch ein großer allgemeiner Plan ihrem Vordringen zu Grunde zu liegen und ihre einzelnen Haufen an einer bestimmten Stelle zu concentriren, um dann mit ihrer gesammten Streitmacht, die diesmal wohl an zweitausend Krieger betrug, nach den reichen Städten des Westens vorzudringen.

Diese Stelle waren die Ufer des Hyaqui bei San Antonio da las Cuevas an der Straße von Oposura nach Guaymas, und der einzige feste Punkt, welcher am Ausgang des Gebirges sie deckte, die Hacienda del Cerro.

Da der Graf am ersten und zweiten Nachtlager unbegreiflicher Weise den Zug des Senators nicht eingeholt hatte, hielt es dieser für zweckmäßig, mit der kleinen wohlberittenen Schaar des Polen Morawski und des Wegweisers nebst der Hälfte seiner Diener in Eilmärschen vorauszueilen, um die Hacienda so zeitig als möglich zu erreichen und die Anstalten zu ihrer Vertheidigung selbst in die Hand zu nehmen, während Doña Dolores mit der anderen Hälfte der bewaffneten Peons und Diener folgen und das Eintreffen des Grafen abwarten sollte.

Diese Anordnungen waren am dritten Morgen ihrer Abreise von Guaymas getroffen worden und der Senator befand sich seit vierundzwanzig Stunden in der wohlbefestigten

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Hacienda und harrte mit großer Besorgniß der Ankunft seiner Tochter und der Verstärkungen, da mehrere der Vaqueros und Rostreadores, der Spurfinder der Vieh- und Pferdeheerden die Nachricht gebracht hatten, daß sie die Spuren von Indianern bereits im Gebirge gefunden hatten und eine etwa fünf Leguas nördlich entfernte kleinere Hacienda von ihnen überfallen und verwüstet worden sei.

Wir führen den Leser in einen der Thalkessel der Sierra Verde, oder vielmehr des Theiles derselben, welcher zwischen der Sierra Espuela und der Sierra de las Patos die Gränze der Sonora gegen den Nachbarstaat Chihuahua bildet.

Es war am Abend und auf dem trocknen Grunde des Thales zwischen den rauhen Felsstücken, welche den Boden bedeckten, brannten mehrere Feuer, um die sich die Krieger der Mescaleros gesammelt hatten. Mehre Weiber des Stammes rösteten in einiger Entfernung Wild, und der Schein ihres Feuers fiel auf ein, zwischen zwei einen Winkel bildenden Felsstücken eingeklemmtes kleines Zelt von Büffelhäuten, vor dem zwei wohlbewaffnete Indianer Wache haltend saßen und ihre Rohrpfeifen rauchten.

Eines der Feuer, das sich im Mittelpunkt des indianischen Lagers befand, war offenbar von den Häuptlingen und den vornehmsten Kriegern des Stammes besetzt, - denn die geringeren und die jungen Männer hielten sich in ehrerbietiger Entfernung von demselben und wagten am nächsten der Feuer selbst nicht einmal durch ein lautes Gespräch die Berathung der Häuptlinge zu stören.

Es befanden sich hier etwa zehn Krieger, darunter

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vier, deren Namen und Person der Leser bereits aus der Beschreibung des Yankee von seinem Späherposten auf dem Moosbaum und aus dem unglücklichen Kampf des jungen Comanchen kennt: der »Graue Bär« und die »Schwarze Schlange« der Mescaleros, Kataumih, der »Springende Wolf« der Lipanesen, und der »fliegende Pfeil«, der Häuptling der Mimbreno's.

Alle vier, wie die säm[m]tlichen Krieger, zeigten die wilde Kriegsmalerei, die ihre Gesichter noch furchtbarer machte und ihre Brust, wo das offene Jagdhemd sie zeigte, mit ihren Totem's oder Sinnbildern bedeckte.

Die vier Häuptlinge rauchten aus langen Schilfpfeifen, während sie hin und wieder ein Wort wechselten. Wer sie aber scharf beobachtet hätte, würde bemerkt haben, daß Utallah, oder »der fliegende Pfeil«, der junge Häuptling der Mimbrenos, von Zeit zu Zeit seiner Würde so viel vergab, daß er den Kopf zur Seite wandte und einen feurigen Blick auf eine Indianerin warf, die mit dem Sticken eines Mocassins beschäftigt auf einem gefallenen Baumstamm etwa in der Mitte zwischen dem Feuer der Häuptlinge und dem Zelte zwischen den Felsen sah.

Zwei Pferde, die in der Nähe mit dem Lasso an langen Lanzen befestigt weideten, verkündeten, daß die beiden Häuptlinge der Lipanesen und Mimbrenos nur Gäste in dem Lager waren.

»Der Graue Bär ist ein berühmter Krieger,« sagte nach einer der Pausen der Lipanese. »Die weißen Männer haben schon oft die Kraft seines Armes gefühlt. Seine

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Worte sind Weisheit. Wir sind gekommen, sie in unsere Ohren fallen zu lassen.«

»Mein Bruder spricht gut« erwiederte der geschmeichelte Häuptling. »Kataumih ist ein Häuptling und viele Schädelhäute trocken im Rauch seiner Hütte. Auch dem Fliegenden Pfeil folgen die Tapfern seiner Nation auf dem Kriegspfad, wenn sein Haar auch noch schwarz und sein Auge jung ist. Ihr Rath wird den Mescalero's willkommen sein.«

Wieder folgte eine Pause, bis ein Blick des ersten Häuptlings des Stammes, der Schwarzen Schlange, ihm ein Zeichen gab, weiter zu sprechen.

»Die Häuptlinge der Mescalero's« fuhr der mächtige Krieger fort, »haben ihre Freunde zu dem Berathungsfeuer geladen, um mit ihnen die Reichthümer der Weißen zu theilen, die morgen in ihren Händen sein werden.«

Die Augen des Springenden Wolfes funkelten. »Wann werden wir unser Kampfgeschrei erheben? Die Krieger der Lipanesen werden nicht fern sein, wenn es ertönt!«

Der Häuptling der Mescaleros, der bisher geschwiegen, übernahm die Antwort. Wohlbekannt aber mit dem Charakter seiner Gefährten und offenbar in der Absicht, ihre Habgier und ihre Leidenschaften noch weiter anzustacheln, antwortete er nicht direct auf die Frage, sondern begann zunächst die Beute herzuzählen, die sie erwartete.

»Die Zahl ihrer Rosse,« sagte Wis-con-Tah, »ist wie die der Kieselsteine im Bach. Sie bekleiden sie mit bunten Gewändern und Sätteln von Silber. Ihre Büchsen sind lang und treffen den Adler im Fluge. Es ist mehr Feuerwasser in jenem Hause, als alle Stämme der Apachen in

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zehn Sonnen zu trinken vermögen. Ihre Decken sind mit Purpur gefärbt und ihre Weiber haben so viel Perlen und Kleider mit bunten Streifen, daß sie eines über das andere anziehen müssen.«

»Mein Bruder hat das Alles selbst gesehen?« frug der Fliegende Pfeil. »Warum hat er es nicht für sein Volk genommen?«

Die Frage schien dem Sprecher Gelegenheit zur Ausübung einer seiner Bosheiten zu geben. »Wis-con-Tah ist ein Mann des Rathes« sagte er hönisch. »Er begnügt sich, seinen Freunden den Pfad leicht zu machen. Der große Krieger der Apachen war in dem Hause des Vaters der Feuerblume, und die Hand eines Weibes hat ihn daraus verjagt!«

So groß auch die Selbstbeherrschung eines Indianers ist, diese hämische Bemerkung regte doch alle Leidenschaften des tapferen und berühmten Kriegers auf, der in dieser Weise von seinem Genossen verhöhnt wurde. Die Adern wie die Stirn des Grauen Bären schwollen wie Stränge und seine Hand fuhr an den Griff des Tomahawk, während er dem Spötter einen furchtbaren Blick zuwarf, der jeden Anderen, als diesen, - der sich seiner Macht über die rohe Kraft bewußt war, - hätte erbeben machen.

»Möge Deine Zunge verdorren, wie die gespaltene der Schlange, deren Namen Du trägst,« knirschte der Häuptling. »Nicht die Hand eines Weibes hat Makotöh geschlagen, sondern die Hand eines Kriegers. Makotöh hat den Fuß auf seine Brust gesetzt, und der Hund von

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Comanche wird die Gräber seiner Väter beschimpfen und um Erbarmen flehen.«

»Die Jünglinge der Mescaleros mögen seine Standhaftigkeit prüfen,« sagte die Schlange boshaft - »der Jaguar der Comanchen wird an dem Pfahl seine Thaten preisen, er hat zu lange gelebt für den Ruhm eines großen Kriegers!«

Die wohl berechneten Worte schienen die Erbitterung des Grauen Bären noch zu steigern. Er erhob sich ungestüm von seinem Sitz am Feuer, warf mit einer raschen Bewegung das Fell des furchtbaren Thieres zurück, dessen Namen er trug und das um seine Schultern hing, und streckte den Arm nach dem Zelt zwischen den Felsen aus.

»Bringt den Gefangenen hierher!« befahl er mit donnernder Stimme.

Ein leiser Aufschrei verlor sich in dem Geräusch, das drei oder vier der jungen Krieger machten, indem sie auf den Befehl ihres Häuptlings emporsprangen und nach dem Zelte eilten.

Der leise Schrei war den Lippen der jungen Indianerin entschlüpft, die auf dem Baumstamm gesessen. Der »Fliegende Pfeil« der Mimbrenos war der Einzige, der den Laut gehört hatte und sich nach ihr umsah.

Das Mädchen hatte für eine Indianerin ein ungewöhnlich sanftes und regelmäßiges Gesicht. Ihre Taubenaugen waren in diesem Augenblick wie Hilfe suchend auf den jungen Häuptling gerichtet: - es war Comeo, die Windenblüthe.

Seit vier Tagen schon befand sich das junge Mädchen

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in dem Lager ihrer Feinde. Sie war in der Prärie den Jägern des Grauen Bären begegnet, hatte ihnen erzählt, daß sie zu einem Stamm der Comanchen gehöre, der mit auf dem gemeinsamen Kriegspfad begriffen und von dem sie in der Wüste abgekommen wäre, und um Aufnahme gebeten. Der wilde und grausame aber sonst nicht bösartige Krieger hatte ihr diese nach Indianersitte gew'ahrt und selbst Wis-con-Tah hatte sein Mißtrauen und seinen Widerspruch unterdrückt, als er bemerkt hatte, daß seit ihrer Anwesenheit im Lager der junge Häuptling des zahlreichen und mächtigen Stammes der Mimbreno's weit öfter sich einfand und ein offenbares Wohlgefallen an der jungen Indianerin kundgab. Dieser Umstand war auch bisher der einzige, welcher Comeo den Aufenthalt in dem Lager der Apachen gefahrdrohend gemacht hatte. So jung und unschuldig sie war, hatte doch das Erbtheil ihres ganzen Geschlechtes, das den Frauen jeder Farbe geworden ist, sie bald den Einfluß kennen gelehrt, den sie auf den wilden Sinn des jungen Häuptlings zu üben vermochte und sie beschloß, soweit es ohne Aufmerksamkeit zu erregen ginge, ihn zum Besten des Gefangenen anzuwenden.

Denn obschon sie von den wilden Kriegern als Gast, wenn auch mit jener Nichtachtung behandelt wurde, die unter den Indianern überhaupt das Schicksal der Frauen ist, hatte man sie bisher doch sorgfältig von jedem Verkehr um dem Gefangenen fern gehalten, ja seine Existenz nie gegen sie erwähnt. Nur durch die sorgfältigen Anstalten zu seinem Transport bei dem weiteren Vordringen der Bande, der mittels einer der gewöhnlichen von zwei

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Pferden getragenen und sorgfältig mit einer Büffelhaut bedeckten Hängematte ausgeführt wurde und durch das Zelt, in das man ihn bei der Lagerung einschloß, hatte das Mädchen sich überzeugen können, daß ihr Bruder noch am Leben sei und sicher zu einem besonderen Zweck aufgespart und gepflegt werde.

Dem scharfen Ohr Comeo's war der beginnende Streit nicht entgangen, und der wilde Befehl des Häuptlings zur Herbeiführung des Gefangenen machte das Blut in ihren Adern stocken und ließ sie ihre Selbstbeherrschung so weit vergessen, daß sie ihr Auge flehend zu ihrem Anbeter erhob und die Hand auf ihr Herz drückte, als wollte sie sein ängstliches Pochen beschwichtigen. Zum Glück faßte der verliebte Häuptling es als ein Zeichen gewöhnlicher Angst und weiblicher Scheu vor dem rohen Ausbruch des Zorns seines Bundesgenossen auf, und das Verlangen seiner natürlichen Eitelkeit, vor den Augen seiner Schönen seinen Einfluß und sein Ansehen zu zeigen, machten ihn unbewußt zum Werkzeug ihrer Wünsche.

Die jungen Krieger, die nach dem Zelte gesprungen und in dessen Innerem verschwunden waren, kehrten nach einigen Minuten zurück, indem sie einen sorgfältig in eine Büffelhaut gehüllten Körper trugen. Sie stellten ihn in der Mitte des Kreises, der sich rasch aus der ganzen Bande um den Häuptling gebildet hatte, auf die Füße und entfernten auf einen Wink des Grauen Bären die Büffelhaut.

Die Augen Comeo's trafen auf die wohlbekannte Gestalt ihres Bruders, der - obschon seine Glieder mit leichten Banden gefesselt waren und die blutlose Farbe

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seines Gesichts bewies, daß er noch an den Folgen seiner schweren Verwundungen litt - doch in stolzer Haltung aufrecht in der Mitte seiner Feinde dastand.

Die Blicke des jungen Kriegers waren starr in die Luft gerichtet, als verachte er es, sie auf seine Gegner zu wenden. Trotz der Leiden, die er überstanden, glich seine Gestalt in dem dunklen Bronceton ihrer Färbung der ehernen Statue eines Mars. Der »Jaguar« hatte offenbar keine Ahnung von der Nähe seiner Schwester und das Mädchen dachte jetzt eifrig darüber nach, wie sie ihm diese bemerklich machen könne, ohne ihn zu einem verrätherischen Zeichen der Ueberraschung zu veranlassen.

Selbst auf seine erbitterten Feinde verfehlte die stolze und edle Haltung des jungen Toyah nicht ganz ihren Eindruck. Makotöh hatte die Aufregung, in welche ihn die giftige Anspielung seines Mithäuptlings versetzt, unterdrückt oder verbarg sie unter der Maske eines finstern Ernstes. Er trat einen Schritt auf den Gefangenen zu, und deutete mit dem Finger auf die vielfachen Bandagen und Streifen von Lindenbast, welche sich um die Brust und den von den Tatzen des Bären zerfleischten Arm wanden und die heilenden Kräuter und Moose festhielten, die man auf seine Wunden gelegt.

»Die weisen Frauen der Apachen,« sagte der Gileno finster, »haben den Feind ihres Volkes mit ihren besten Kräutern verbunden und den Saft der Pflanzen, die sie im Mondschein gesammelt, in seine Wunden geträufelt. Es sind acht Sonnen, seit der junge Comanche erfahren, daß er im Kampfe gegen den Herrn der Wüste nur ein

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Knabe ist und den Schmuck der Männer mit Unrecht trug. Seine Wunden müssen geschlossen sein!«

Der Gefangene behielt noch immer seine stolze Gleichgültigkeit. Erst nach einer Pause gab er seinem Feinde und Retter eine Antwort.

»Ein Toyah ist nicht gewohnt, auf Schmerzen zu achten. Die Apachen verstehen sich auf die Künste der Weiber. Wenn der Arm eines Comanchen frei ist, wird er auch seine Kraft wieder haben!«

Makotöh betrachtete ihn wenige Augenblicke, dann winkte er einige der jungen Krieger heran mit den Worten: »Nehmt die Binden von seinen Wunden und die Fesseln von seinen Gliedern.«

Der boshafte Häuptling der Mescalero's wollte dem Befehl widersprechen, aber ein finstrer Blick aus dem Auge seines Genossen ließ ihn schweigen. Ueberdies wußte er, daß keine Gefahr einer Flucht zu besorgen war, da der Gefangene von seinen Wunden geschwächt sein mußte und selbst bei voller Kraft waffenlos unmöglich hätte den gedrängten Kreis seiner Feinde durchbrechen können. Der geringste Versuch dazu mußte seinen augenblicklichen Tod zur Folge haben.

Unter den Händen der jungen Männer fielen im Augenblick die Riemen von Büffelhaut, welche die Glieder des Comanchen gefesselt hatten, und mit der Sorgfalt und Geschicklichkeit der Hand eines Arztes wurden die Verbände seiner Wunden entfernt.

Sie waren sämmtlich geschlossen und zeigten jene Farbe und Gestalt, welche die Heilung verbürgt. Es ist

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Thatsache, daß die wilden Bewohner der Prairien die Kenntniß von heilkräftigen Pflanzen besitzen, welche namentlich Wunden, die nicht die innern Arterien des Lebens zerschnitten, in einer so kurzen Zeit und so gut heilen, wie keine Wissenschaft der civilisirten Aerzte dies vermag.

Der erste Gebrauch, den der junge Comanche von der Wiedererlangung einer scheinbaren Freiheit machte, war die Prüfung seiner Glieder. Er streckte den Fuß vor, er hob den verletzten Arm, anfangs wie es schien nicht ohne Mühe, denn er dehnte und streckte ihn langsam; aber bald schien das neu pulsirende Blut seinen Adern und Sehnen, die so lange in Unthätigkeit zugebracht, neue Elastizität wieder zu geben, und eine leichte Röthe stieg in sein Gesicht, das selbst in seiner schlimmen Lage nicht zu unterdrückende Vergnügen, sich wieder im Gebrauch seiner Glieder zu sehen.

Erst jetzt senkte er seine Augen und ließ sie mit einem ernsten sinnenden Ausdruck auf dem wilden Gesicht seines Todfeindes ruhen, der auch ihn aufmerksam betrachtete.

»Der Knabe der Toyahs hat erfahren,« sagte endlich der Gileno mit finsterm Spott, »daß es eine gefährliche Sache ist und über seine Kraft geht, den grauen Bären der Felsgebirge zu bekämpfen.«

»Es war nicht das erste Mal, daß ich es gethan,« erwiderte der junge Mann kalt. »Wonodongah hätte niemals jene Krallen und Zähne getragen, die ihm Deine Krieger gestohlen, wenn seine Hand sie nicht im Kampfe erworben gehabt. Der Fuß des Großen Jaguar der Comanchen hat

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mehr als einmal auf dem Nacken des Grauen Bären gestanden!«

Die Stirn des Gileno wurde finster wie die Nacht bei dieser Anspielung auf seinen Namen und seine Niederlage bei dem Ueberfall der Hacienda. Er preßte die weißen Zähne fest zusammen, aber er war offenbar entschlossen, in dem Gespräch mit seinem Gegner sich nicht zu einem Ausbruch der Wuth hinreißen zu lassen, sondern seinem Haß jetzt kalt und ruhig das Opfer zu weihen, das er zu diesem Zweck dem sichern Tode entrissen hatte.

»Es ist die Hand Makotöh's, die den jungen Häuptling der Toyahs aus den Klauen des Bären gerettet,« sagte er triumphirend, »dieselbe Hand, welche den alten Häuptling, seinen Vater, erschlagen hat. Makotöh ist ein großer Krieger! Die Comanchen sind Weiber und sollten die Prairie Männern überlassen!«

Ein freudiges Gemurmel im Kreise zollte dem Redner Beifall. Das Gesicht des Gefangenen hatte sich wieder mit Blässe bedeckt bei dieser rohen Verletzung seiner Gefühle und ein funkelnder Blick aus seinem schwarzen Auge schoß wie ein Strahl auf den Feind, der sich des Mordes seiner Familie rühmte. Aber so jung er auch war, besaß er doch die gleiche Kraft der Selbstbeherrschung, wie sein älterer Feind.

»Das Glück des Kampfes ist nicht immer gleich,« sagte er ruhig. »Der große Geist bedeckt die Augen seiner Kinder oft mit Dunkel; der Häuptling der Gileno's hat das Leben Wonodongah's gerettet, er wird nie wieder seine Hand gegen ihn erheben.«

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Diese stolze Versicherung hatte etwas eigenthümlich Heroisches gegenüber der Thatsache, daß er in diesem Augenblick ein Gefangener war. Sie schien nicht ohne Eindruck auf den Häuptling der Gileno's zu bleiben, der in der That mehr wild und unbändig war und hochmüthig auf seine Stärke und seinen Kriegsruhm, als von Natur grausam. - Aber der listige und boshafte Anführer der Meskalero's war rasch bei der Hand, den Eindruck zu verwischen.

»Der junge Häuptling der Toyahs,« mischte er sich in das Gespräch, »möge uns sagen, wenn er ein Tapferer ist, was er gethan hatte, wenn der große Geist zugegeben, daß ein berühmter Krieger wie Makotöh unter den Tatzen des Herrn der Wüste gelegen und er in diesem Augenblick dazu gekommen wäre mit seinen Freunden.«

»Ich würde den Bären erschlagen haben,« rief der junge Mann lebhaft und ohne Zaudern. »Ein Tapferer ist nicht bestimmt, unter den Zähnen eines Thieres der Wildniß sein Leben zu enden!«

»Mein Sohn spricht gut,« meinte der Meskalero, - »er redet wie ein Tapferer. Aber er möge uns sagen, was er ferner gethan haben würde, wenn er in dem Geretteten seinen Feind, den Besieger seines Stammes gefunden hätte, in dessen Wigwam der Skalp seines Vaters und seiner Mutter bleichen?«

Die hämische, mit teuflischer Schlauheit auf den bekannten Charakter des jungen Mannes berechnete Frage verfehlte ihren Zweck nicht. Der Comanche hob sich stolz,

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sein Auge funkelte drohend, als er es von dem Einen auf den Andern wandte.

»Ich würde diesen da,« er wies auf Makotöh, »meinen Kriegern übergeben haben, damit sie ihn den Tod ihres alten Häuptlings hätten büßen lassen. Dich aber, Hund von einem Meskalero, hätte ich mit eigener Hand erschlagen!«

Die »Schwarze Schlange« lachte höhnisch auf und wandte sich zu dem grimmigeren, aber ehrlicheren Genossen.

»Makotöh hört, wie ein Hund der Toyahs bellt. Sollen meine jungen Männer den Marterpfahl bereiten, um zu sehen, ob das Herz dieses Comanchen roth bleibt, wenn das Feuer seine Glieder versengt?«

Ein wildes Geschrei der jüngeren Krieger und der Weiber umher bekundete, wie willkommen ihrem Hasse dieser Vorschlag war. Dieser Augenblick war es, den der Anbeter der jungen Comanchin für geeignet hielt, seinen Einfluß vor ihren Augen zu zeigen.

Bevor noch der Häuptling der Gileno's seinen Entschluß über das Schicksal seines Gefangenen kundgegeben, erhob er die Hand nach der indianischen Sitte, zum Zeichen, daß er sprechen wolle. Er war ein zu wichtiger und geehrter Bundesgenosse, als daß die Aufregung sich nicht hatte sofort beruhigen sollen, um seine Worte zu hören, obschon Wis-con-Tah mit der Unterbrechung sehr unzufrieden war.

Der »Fliegende Pfeil« trat mit der Miene eines Mannes, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, vor und ließ sein eines Auge, - das andere hatten die Blattern, diese Geißel der Indianer, schon in seiner Kindheit vernichtet

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- über den Kreis rollen und einige Momente auf dem Gegenstand seiner Bewunderung und seiner Wünsche ruhen, der im Rücken des Gefangenen stand.

»Die Welt ist groß,« sagte er, »der große Geist hat sie dem Volk der Apachen gegeben! Unsere Väter haben nach den Ueberlieferungen auf beiden Seiten das Wasser gesehen. Sie kämpften mit den Comanchen und sie erschlugen sie. Da kamen die Blaßgesichter über das Wasser; woher, weiß nur der große Geist. Aber sie brachten den Blitz und den Donner des Himmels mit, und die rothen Männer sind seitdem gezwungen, den Büffel allein auf den Prairien zu jagen. Wenn sie Büchsen wollen und Decken, oder Schmuck für ihre Weiber, müssen sie das Gold und Silber dafür geben, das der große Geist ihrer Bewachung anvertraut hat.«

Ein Murmeln des Unwillens zollte seiner Rede Beifall.

»Die tapfern Krieger der rothen Männer,« fuhr der Sprecher fort, »haben untereinander gesagt: es muß anders werden! Die Häupter der Völkerschaften haben einen Rath gehalten und das Beil ist zwischen den Apachen und den Comanchen vergraben worden, bevor sie ihre Rosse bestiegen zur Vernichtung ihrer gemeinsamen Feinde, der Bleichgesichter. Wenn sie die Pferde derselben mit den rothen Decken, und ihre Büchsen, die den Adler erreichen, und die bunten Kleider ihrer Weiber genommen, von denen mein Vater Wis-con-Tah gesprochen, und die weißen Gesichter mit dem Tomahawk getödtet oder sie in das große Wasser zurückgejagt höben, dann werden die Apachen und die Comanchen fechten um den Preis des Sieges, wie es Männern geziemt. Mechocan, der fliegende Pfeil der

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Mimbreno's wird der Erste sein, der die Lanze schwingt. Er ist jung noch, und die Sonne hat die Farbe seines Scalps noch schwarz gelassen, aber es ist kein Indianer auf der Prairie, der sagen würde, er spreche aus Furcht. Es ist Friede mit den Comanchen; möge die duftende Blume« - so bezeichnete er das junge Mädchen, - »ihrem Volke sagen können, daß ein Apache den geschlossenen Bund hält, und daß sie lieber bei den Apachen bleiben will, als bei den Comanchen.«

Der ziemlich ungeschickte Ausgang seiner sonst so geschickten Rede, der nur allzudeutlich die ihn bewegende Ursache zu einer Schonung und Handelsweise ergab, die sonst eben nicht in seinem Charakter lagen, schadete offenbar ihrer Wirkung, denn Alles umher blieb still und der Redner mußte ziemlich verstimmt, wie es wohl auch manchen seiner Kollegen auf den Rednertribünen der Civilisation passirt, auf seinen Platz zurückkehren. Eine Wirkung aber hatte sie doch gehabt - dem Ohr des Gefangenen war die Anspielung gleichfalls nicht entgangen, und obschon er nicht wissen konnte, daß von seiner eigenen Schwester die Rede war, warf er doch einen raschen forschenden Blick auf die Menge, die er bisher gar keiner Beachtung gewürdigt hatte. Da aber Comeo, wie erwähnt, in seinem Rücken stand und mit dem Stolz eines Indianers es sich nicht vertrug, auch nur den Schein der Neugier zu zeigen, konnte er sie nicht entdecken.

Der schlaue Häuptling der Meskaleros benutzte sofort die schwache Seite, die sein Bundesgenosse geboten, um den Mann, dem nach den indianischen Gesetzen des

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Herkommens allein die Entscheidung über das Schicksal seines Gefangenen zustand, auf dem Wege weiter zu treiben, auf den er ihn geleitet.

»Mechocan ist ein tapferer Krieger,« sagte er, »Niemand zweifelt an ihm, am Wenigsten seine Freunde. Sie wissen, daß das Volk der Mimbrenos groß ist, und wenn das Auge des jungen Häuptlings Vergnügen findet an einer Squaw, wird sie mit Freuden seinen Wigwam theilen und den Stamm vergessen, dem sie sonst angehörte. Aber mein Bruder hat Eines übersehen. Auch die Nation der Comanchen hat viele Stämme. Nicht alle sind mit uns auf dem Kriegspfad gegen die Bleichgesichter. Wer einen Krieger der Apachen erschlägt, während das Beil zwischen den Nationen begraben liegt, ist ein Feind.«

Diesmal zeigte das beifällige und drohende Gemurmel im Kreise volle Zustimmung zu den Worten.

»Mein Sohn von den Mimbreno's,« fuhr die Schwarze Schlange fort, »möge selber diesen Mann befragen.«

So aufgefordert trat der »Fliegende Pfeil« wieder vor, und stellte sich vor den Gefangenen.

»Der Jaguar ist ein Comanche,« sagte er, »aber er hat den Ruf eines tapfern Kriegers. Er soll uns sagen, ob er auf dem Kriegspfad gegen die Bleichgesichter ist?«

»Ja!«

Diese unerwartete Antwort machte einen großen Eindruck, selbst auf den grimmigen Häuptling der Gileno's und den boshaften Teufel, der zu seiner Hinrichtung hetzte. So gern man auch jede Gelegenheit ergriff, ihn zu schmähen und herabzusetzen, so war doch der Ruf der Tapferkeit

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und Kühnheit des jungen Kriegers selbst bei seinen Feinden zu verbreitet, als daß man ihm zugetraut hätte, er werde mit einer Lüge sein Leben erkaufen.

»Mein Bruder ist willkommen auf diesem Wege,« sagte der Einäugige. »Sein Arm ist stark und die Klauen des Bären werden ihn nicht lange schwach lassen. Aber wenn mein Bruder mit uns auf dem Kriegspfad gegen die Weißen ist, warum hat er seine Freunde, die Apachen erschlagen? In dem Wigwam Mokawaunih's weint ein einsames Weib und fünf Krieger der Apachen, die der Arm des Jaguar und seiner drei Freunde getödtet, werden nicht wieder in die Dörfer zurückkehren. Mein Bruder wird uns sagen, warum er mit den weißen Männern gegen die Apachen gefochten. Es ist ein gewaltiger Krieger unter ihnen, ein so schlimmer Feind meines Volkes fast, als der Mann mit dem Kreuz.«

Die Frage war überaus verfänglich. Der Vergleich mit dem »Kreuzträger«, diesem berüchtigten und gefürchteten Gegner der Apachen bewies, daß den Indianern bekannt war, daß sich Eisenarm in der Gesellschaft des jungen Comanchen befunden; und in der That mußten sie ihn auch erkannt haben, da sie ihn auf der Flucht nach dem Moosbaum zur Genüge gesehen und bald darauf die Sicherheit seines Schusses zu ihrem Schaden gespürt hatten. Die Worte bewiesen ihm ferner, daß - durch den Doppelschuß bei ihrer Verfolgung getäuscht, - sie noch zwei andere Krieger in seiner Begleitung wähnten, während der Yankee doch kaum als ein solcher zu zählen und der zweite glückliche Schuß von der Hand eines Mädchens

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abgefeuert gewesen war. Der Vorwurf einer Unwahrheit war aber zu kränkend, als daß der Comanche ihn hätte ertragen können, und er wandte sich daher gegen den Fragenden.

»Ein Spottvogel hat dem Häuptling der Mimbreno's in das Ohr geflüstert, daß ein Toyah mit einem Wolfe zusammen auf die Jagd ziehen werde. Kann ein Mann nicht seinen eigenen Weg gehen? Ich hasse die Bleichgesichter, aber ich verachte die Apachen. Es sind Coyoten, die auf der Prairie heulen, aber die sich davon schleichen werden, wenn die »Offene Hand« der Bleichgesichter mit ihren Kriegern über sie kommt. Wonodongah ist ein Mann. Er hat Den gesehen in der großen Stadt der Bleichgesichter, vor dem der »Fliegende Pfeil« sich verkriechen wird, wie ein Hund, wenn er kommt, und es ist Feindschaft zwischen dem »Jaguar« und jenem großen Krieger, der mächtiger ist, als alle Krieger des Onkel Sam23 und der Schwarzhaarigen24, bis auf das Heft des Messers! Nicht ein Hund von Apachen kann ihn besiegen, sondern nur die Hand eines Mannes!«

So beleidigend auch die Worte waren, so erschien doch die Neuigkeit, die sie mittheilten, zu wichtig, um nicht die Kränkung übersehen zu lassen und die volle Aufmerksamkeit der Häuptlinge und der alten Krieger in Anspruch zu nehmen.

Die ersteren zogen sich sofort zu einer Berathung zurück, während welcher der Gefangene wieder seine

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frühere Stellung, mit den Augen in den Nachthimmel starrend, annahm.

Die Berathung war nur kurz. Es war für die Häuptlinge von größter Wichtigkeit, etwas Näheres über die Andeutungen zu erfahren, die der Gefangene gemacht hatte; denn bisher waren sie der Ueberzeugung gewesen, daß sie bei ihrem Einfall in die Sonora und die Provinz Chihuahua nur mit den gewöhnlichen Vertheidigungskräften der Mexikaner zu thun haben würden, und diese vermochten ihnen gerade keinen besonderen Respekt einzuflößen. Die Nachricht von einer fremden Kriegerschaar unter einem berühmten Führer, den selbst der bekannte Muth des jungen Comanchen achtete, bedrohte sie mit einer noch nicht zu übersehenden Gefahr und mußte auf ihren Kriegsplan einen großen Einfluß üben.

Unter diesen Umständen war selbst der boshafte und blutsüchtige Häuptling der Meskalero's dafür, von einer augenblicklichen Befriedigung seines Hasses abzustehen, und dem Gefangenen mit dem Versprechen seines Lebens nähere Kunde abzugewinnen. Hatte man diese erst erreicht, dann fand sich leicht eine Gelegenheit, das Versprechen nicht zu halten. Die »Schwarze Schlange« übernahm es daher selbst, den Comanchen weiter zu befragen.

Gern hätte Comeo diese Pause benutzt, sich den Augen ihres Bruders zu zeigen, aber die Weiber des Stammes zwangen sie, auf ihrem Platz zu bleiben und sie fügte sich jetzt ruhiger in diese Nothwendigkeit, da es ihrer scharfen Beobachtung nicht entgehen konnte, daß eine günstige Wendung für den Gefangenen eingetreten sei.

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Jetzt näherten sich die vier Häuptlinge wieder dem Comanchen, der »Graue Bär« noch immer finster und stumm und ohne seine Entscheidung kundgegeben zu haben, und Wis-con-Tah eröffnete auf's Neue die Unterredung mit scharfer Beurtheilung des ritterlichen Charakters seines jungen Gegners.

»Mein Gefangener sollte das Herz eines rothen Mannes haben, auch wenn er ein Toyah ist, denn seine Haut ist roth wie die unsere. Aber er redet mit gespaltener Zunge.«

Der Comanche lachte spöttisch. »Dein Gefangener? Wonodongah kann nur der Gefangene eines Mannes sein. Die Hand eines Feiglings wird niemals den Herrn der Wüste erschlagen.«

Das Gesicht des Häuptlings verzog sich zu einer Grimasse tödtlichen Hasses bei diesem rücksichtslosen Hohn; aber er ersparte die Befriedigung seiner Rache, obschon er nicht umhin konnte, einen Blick giftigen Aergers auf seinen ungeschlachten Genossen zu schleudern, auf den das Lob, das in der Erwiderung für ihn lag, nicht ohne Wirkung zu bleiben schien.

»Der Jaguar ist ein Gefangener,« sagte der Meskalero - »er hat das Recht, ungestraft Männer zu schmähen, die Zunge allein ist frei an ihm. Ich habe gesagt, daß die seine für die rothen Kinder gespalten ist.«

»Du lügst!«

»Dann möge der Jaguar uns sagen, was er in der Stadt der Bleichgesichter, wo sie thöricht das Gold suchen, gesehen hat.«

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»Einen Mann, Apache, auch wenn er mein Feind ist!«

»Die Bleichgesichter nennen sich Männer, während sie Weiber sind. Was kann ein Mann unter ihnen gegen das große Volk der Apachen?«

»Er ist nicht allein, tapfere Krieger sind mit ihm.«

»Und der Jaguar der Comanchen hat mit seinem Freunde Eisenarm mit diesen Männern den Weg hierher gemacht?« frug der Häuptling schlau.

»Nein Apache, die Bleichgesichter sind in ihren Kanoës auf dem großen Wasser gefahren. Ein rother Krieger vertraut der Kraft seiner Schenkel.«

»Der junge Häuptling möge mir verzeihen - seine rothen Freunde haben sich geirrt. Aber woher weiß der Jaguar, daß diese Krieger hier sein werden, um statt der Schwarzhaarigen gegen die rothen Männer zu kämpfen?«

Die Frage, anscheinend so unverfänglich, sollte in ihrer Beantwortung von den schwersten Folgen werden. Der junge Häuptling, der eigentlich nur die Verdächtigung zurückweisen wollte, ein Genosse der Weißen zu sein bei dem allgemeinen Kampf der indianischen Völkerschaften gegen diese, ging in die Falle.

»Der Mexikaner, der die Hacienda del Cerro besitzt,« sagte er stolz, »in deren Mauern Wonodongah seinen Fuß auf den Nacken des tapfersten Kriegers der Apachen gesetzt, hat sie geholt. Diese Augen haben sie gesehen!«

Die prahlenden Worte waren kaum aus seinem Munde, als der krächzende Ruf einer der kleinen Eulen, die in den Felsspalten der Sierren ihre Nester zu bauen pflegen, sich aus einer geringen Entfernung hören ließ.

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Der Vogel war allzugewöhnlich, der Ton, der von der Seite der Felsen herkam, in deren Winkel das Zelt des Gefangenen stand, zu bekannt, als daß irgend ein Mitglied der Bande darauf geachtet hätte. Nur der Comanche machte eine leichte Bewegung der Ueberraschung, die er durch die Kreuzung seiner Arme jedoch geschickt wieder verbarg. Er neigte leicht den Kopf wie ein Mensch, der scharf aufhorcht, und das Blut stieg ihm auf die Stirn. Er begriff, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen, aber die Warnung war zu spät gekommen.

Hätte er dies auch nicht selbst gefühlt, so würde doch das Benehmen der Schwarzen Schlange ihn sofort davon überzeugt haben. Der Triumph, durch seine Schlauheit eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben, - denn diese war für die Indianer unzweifelhaft die Nachricht, daß die Hacienda Don Estevan's von einer Schaar fremder Krieger vertheidigt sei, oder vertheidigt werden würde, - zeigte sich in seinem frohlockenden Grinsen und dem Hohn, mit dem er jetzt die Unterredung zu Ende brachte.

»Die Apachen wissen, daß der Knabe der Toyahs ein Knecht des Mannes mit den hundert Häusern« - so nannten die Indianer den reichen Haciendero - »gewesen ist,« sagte er mit einem Spott, der seinen Gegner reizen mußte. »Wenn er den Weg von der großen Stadt gegen Mitternacht hierher durch die Wüste gemacht hat, kann er allerdings nicht wissen, daß seine eigene Nation ausgezogen ist, um die Rosse ihrer Herren der Apachen zu tränken, während diese für sie kämpfen. Er möge um sein Leben bitten,

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und die Häuptlinge werden Nachsicht mit seiner Jugend haben und ihn ihre Decken tragen lassen.«

»Hund von einem Meskalero,« rief der junge Wilde, all' seine Ruhe vergessend - »wahre Deine Zunge, so lange mein Arm frei ist! Ein Toyah wird niemals der Knecht eines Apachen werden, noch an seiner Seite fechten! Er verachtet ihn!«

Ein gebieterischer Wink Makotöh's allein vermochte die erbitterten Krieger, die sich bei dieser neuen Beleidigung auf den Gefangenen stürzen wollten, zurückzuhalten. Der wilde Häuptling hatte eine gewisse rauhe Theilnahme für seinen jungen Feind nicht ganz in sich unterdrücken können, aber der Nationalhaß und die wiederholte Anspielung auf seine frühere Niederlage überwog schließlich jedes bessere Gefühl. Dennoch widerstand es ihm, einen Tapferen, den seine Hand vom Tode gerettet, zu beleidigen und zu verhöhnen.

»Der junge Häuptling der Toyah's hat gesprochen,« sagte er ernst. »Er ist ein Tapferer und wird den Tod nicht scheuen. Er hat sich selbst des Rechtes begeben, daß die Friedenspfeife zwischen der Nation der Comanchen und der Apachen geraucht ist. Wonodongah wird sterben und mit seinem Leben die Scalpe vieler meiner Kinder zahlen.«

Der junge Mann begegnete fest seinem Blick. »Geh,« sagte er stolz, »und lasse Deine jungen Männer den Marterpfahl bereiten. Sie sollen sehen, was ein Indianer ist. Ich bin bereit!«

Der »Graue Bär« schüttelte das Haupt. »Nein,« sprach er - »die Hand, die mich getroffen, muß an

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derselben Stelle büßen. Makotöh ist ein großer Häuptling und Keiner darf athmen, der sich eines Vortheils über ihn rühmen kann. Wenn die Sonne zum zweiten Mal aufgegangen ist, wird das steinerne Haus des Schwarzhaarigen in der Gewalt der Apachen sein und der Toyah wird auf seinen rauchenden Trümmern sterben! Makotöh wird die Feuerblume in seinen Wigwam führen, und der Scalp eines tapfern Comanchen wird an dem Rauch seines Heerdes trocknen. - Bis dahin bist Du frei in diesem Lager. - Führt das Comanchenmädchen hierher und macht Euch fertig zum Aufbruch.«

Dem ersteren Befehl wurde sofort Folge geleistet. Eine der alten Frauen führte Comeo herbei, die sich zitternd und die Augen zu Boden geschlagen näherte, denn sie hegte große Besorgniß, daß ein Zufall ihre heldenmüthige Aufopferung nutzlos machen und ihr Verhältniß zu dem Gefangenen entdecken könnte, ehe sie im Stande wäre, ihm einen Wink zu geben.

Es war jetzt das erste Mal, daß Wonodongah seine Schwester in dieser Umgebung erblickte; aber obschon er nicht wissen konnte, ob sie als Gefangene wie er, oder durch welchen andern Umstand sie hierher gelangt sei, verstand er doch vollkommen diesmal, sich zu beherrschen, und der Blick, den er auf sie fallen ließ, war der eines Fremden.

»Comanchin,« sagte der Häuptling der Gileno's - »es ist Dir erlaubt, mit dem Mann Deines Volkes zu reden, damit Du bei der Rückkehr zu Deinem Stamme sagen kannst, daß ihm kein Unrecht geschehen ist. Seine eigene

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Hand war es, die das Beil ausgegraben. - Mögen meine jungen Leute ihrem Häuptling sein Roß bringen!«

Er zog ohne weiter den Gefangenen seiner Beachtung zu würdigen das Bärenfell, das von seiner Schulter hing, um die kräftige Gestalt und ging der Stelle zu, wo bereits der Springende Wolf und der Fliegende Pfeil zu Roß saßen. Der Häuptling der Meskalero's folgte ihm, nachdem er einigen der jungen Krieger Etwas zugeflüstert, und es fand nun eine kurze Berathung zwischen den Führern der vier Stämme statt, die sich offenbar auf die aus der Unterredung mit dem Comanchen ihnen kundgewordenen Nachrichten bezog.

Es galt vor allen Dingen zu erfahren, ob die gefürchteten Weißen, von deren Anführer der Jaguar in den kurzen Worten doch eine so beredtsame Schilderung gemacht, bereits in der Hacienda angelangt wären, deren Angriff das nächste Unternehmen der Indianer sein sollte. Es waren im Laufe des Tages verschiedene Späher in die Nähe der Hacienda ausgesandt worden, aber sie hatten alle nur die Nachricht gebracht, daß die Thore des Gehöftes vorsichtig geschlossen und verrammelt waren und daß weder Vieh noch Menschen sich in der Umgebung des kleinen Forts gezeigt hätten. Jetzt wollte Makotöh selbst versuchen, sich Ueberzeugung zu verschaffen, um danach seine Anstalten zu treffen. Die beiden Häuptlinge der befreundeten Stämme wollten ihn begleiten, während Wis-con-Tah im Lager zurückblieb. -

Aber die Frage, ob die Schaar des Grafen Boulbon bereits in der Hacienda angelangt war, die dann sicher

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auf das Kräftigste und wahrscheinlich mit bestem Erfolg vertheidigt werden konnte, beschäftigte nicht allein die Apachen, sondern der Toyah nahm fast noch mehr Antheil daran. Comeo benutzte die Abwesenheit der scharfen Augen der »Schwarzen Schlange« und den Auftrag, den ihr der Häuptling gegeben, um dem Gefangenen näher zu treten.

»Mein junger Bruder ist ein Comanche?« frug sie laut, da einige der Weiber und Kinder neugierig in der Nähe standen, während die jüngeren Krieger sich entfernt hatten, um rings um das Lager neue Wachen auszustellen.

»Du hast es gehört, Weib!«

»Mein Bruder ist ein Gefangener,« fuhr das Mädchen fort. »Die Apachen sind eine große Nation und Makotöh ist ein großer Krieger.«

»Warum bist Du hier?« frug der Toyah, ohne auf die für das Ohr der Lauscher bestimmten Lobsprüche zu antworten. »Was thut ein Comanchenmädchen bei den Wölfen der Prairie?«

»Ich bin von meinem Stamme abgekommen und den Jägern begegnet,« erwiderte das Mädchen; »die Hand einer großen Nation ist stets offen und sie gewähren Gastfreundschaft den Schwachen. - Eisenarm schickte mich, nach Dir zu sehen,« setzte sie flüsternd hinzu. »Er muß in der Nähe sein.«

»Ich habe sein Zeichen gehört,« erwiederte der Gefangene ebenso. »Wenn die Zeit eines Kriegers gekommen ist,« fuhr er laut fort, »werde ich mit Dir reden. Du

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magst in den Dörfern unseres Volkes verkünden, wie ein Tapferer zu sterben weiß.« - Der Hufschlag der davon galopirenden Reiter zog eben die Aufmerksamkeit der ganzen Umgebung ab. »Sind die Männer von San Francisco in die Hacienda gelangt?« frug er leise und hastig.

»Ich weiß es nicht - wir haben drei Tage in den Gebirgen zugebracht, bis ich in Deine Nähe gelangen konnte. O Bruder, warum bist Du uns nicht gefolgt durch jene Höhle!«

Der Gefangene bemerkte, daß sich die Aufmerksamkeit der Nächststehenden wieder auf sie wandte und Wis-con-Tah herbeikam.

»Geh!« sagte er laut und streng zu dem Mädchen. »Es ist das Recht der Weiber, zu Klagen. Ein Krieger wird sich seines Stammes würdig zeigen. Wenn die Stunde gekommen, werde ich Dich rufen lassen.«

Er wandte sich von ihr und schritt über den Platz, so ruhig und gleichgültig, als gehöre er zu den gegenwärtigen Besitzern desselben und sei nicht ihr Gefangener. Wonodongah nahm seinen Weg nach dem Zelt, in dem er während der Heilung seiner Wunden gefesselt gelegen und ließ sich auf einem der kleineren Felsstücke nieder, die wahrscheinlich bei einem Erdbeben oder einem anderen Naturereigniß von den hohen und schroffen Wänden herabgestürzt sein mochten.

So theilnahmlos und ohne Bewegung hier auch seine Stellung blieb, so entging doch nichts von Allem, was um ihn her geschah, der scharfen Beobachtung des jungen Kriegers. Obschon nach den oft sehr seinen

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indianischen Begriffen von Ehre es eine Beleidigung gegen das Verfahren des Grauen Bären gewesen wäre, wenn man im Geringsten die Freiheit des Gefangenen innerhalb der Gränzen des Lagers noch hätte beschränken wollen, bemerkte der Toyah doch sehr wohl, daß er von eben so scharfen als argwöhnischen Augen keinen Moment außer Acht gelassen werde und daß sich mehrere der zurückgebliebenen Krieger in den dunklen Umkreis, wohin der Schein der Feuer nicht mehr reichte, verloren hatten, um hier die aufgestellten Wachen zu vermehren.

Wonodongah sah namentlich die letztere Maßregel nicht ohne große geheime Besorgniß, denn es war leicht möglich, daß es den Apachen einfiel, den Kreis ihrer Schildwachen weiter hinaus zu dehnen, und er wußte, daß gerade über ihm, auf den Felsen, zwischen denen sein Zelt stand, ein treuer Freund sich befinden mußte. Das scharfe Ohr des Gefangenen hatte leicht heraus gefunden, daß das Geschrei der kleinen Haubeneule, welches ihn - freilich einige Augenblicke zu spät - zur Vorsicht in seinen Mittheilungen mahnen sollte, von der Spitze dieser Felsen hervorgekommen war. In den Spalten des Gesteins pflegen diese kleinen Nachtvögel zu horsten und das Geschrei eines solchen hatte daher keine Beachtung der Indianer trotz ihres steten Mißtrauens erregt, während doch eine kleine Modulation des Tones sofort dem Toyah zeigte, daß es sich hier um eine geschickte Nachahmung und um das Zeichen handelte, mit welchem ihm auf ihren Kriegs- und Jagdzügen der Kanadier Bras de fêre[fer] schon mehr als ein Mal seine Nähe verkündet hatte.

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So vergingen mehrere Stunden. Comeo hatte während derselben den Versuch gemacht, sich ihrem Bruder wieder zu nähern, aber der Jaguar selbst hatte es jedesmal vereitelt. Auch der Versuch des tückischen Häuptlings der Mescalero's war an dieser stoischen und resignirten Haltung des jungen Indianers gescheitert.

Es war um die zweite Stunde nach Mitternacht, als plötzlich ein noch entfernter wilder und jauchzender Ruf die Stille der allgemeinen Ruhe unterbrach, in die das indianische Lager verfallen war.

Die Schildwachen richteten sich empor, die Schläfer erhoben ihr Haupt und griffen nach den Waffen. Selbst der Gefangene erhob sein Haupt aus der Stellung, in der er bisher unbeweglich gesessen.

Näher und näher kam der gellende jubelnde Ruf und gestaltete sich endlich zu dem jedem Mexikaner so schrecklichen Triumphgeschrei der Apachen.

Man hörte den Hufschlag der galopirenden Pferde auf dem harten Boden. Die Schwarze Schlange, die anfangs besorgt um die Bedeutung dieser ungestümen Annäherung sämmtliche zurückgebliebenen Krieger mit Ausnahme der nothwendigsten Wachen um sich versammelt hatte, war durch die Töne von einem günstigen Erfolge überzeugt worden, achtete weniger auf die bisher beobachtete Wachsamkeit und eilte den Nahenden entgegen.

In diesem Augenblick wäre es vielleicht dem jungen Comanchen leicht geworden, seinen Platz unbemerkt zu verlassen und einen Fluchtversuch zu machen. Aber theils die Schwäche, theils der Mangel jeder Waffe, - theils

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ein unbewußtes Gefühl der Neugier auf den Erfolg des Streifzugs seiner Feinde hielten ihn zurück. Seine Ausdauer sollte auch sofort belohnt werden. Wie - als sei es durch die Erschütterung des Bodens und der Luft von der heranjagenden jetzt gleich einer Rotte von Teufeln gellenden Schaar veranlaßt, - rollten einige kleine Zweige und Steine von der Höhe des Felsens herab, und in dem nämlichen Moment, als die vordersten Reiter in den Leuchtschein der Feuer sprengten und von dem Jubelruf des ganzen Lagers begrüßt wurden, bemerkte die unverminderte Aufmerksamkeit des jungen Häuptlings einen Gegenstand ohne Geräusch neben sich aus der Höhe niederfallen.

Wonodongah streckte den Fuß aus und schob das dick in Moos gehüllte Päckchen, das äußerlich einem der umherliegenden Gesteinsplitter glich, in seine Nähe. Dann - den Moment der höchsten Aufregung des ganzen Lagers benutzend, hob er es nach einem raschen Umblick auf, befreite den Inhalt zwischen seinen Händen von dem umhüllenden Moos, das er vorsichtig zerstreute, und verbarg ihn in seinem Gürtel. Der treue Freund seiner Jugend also war noch in seiner Nähe, er hatte stundenlang auf der Lauer gelegen, um den günstigen Augenblick zu erhaschen, denn das Gefühl der Finger hatte dem »Jaguar« gezeigt, daß die Gabe aus seinem Messer und einer darum gewickelten aus so feinem als zähem Bast geflochtenen Schnur bestand.

Jetzt erst - nachdem er seinen Schatz in Sicherheit gebracht, - erhob er seine Augen, um die Ursach des

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teuflischen Jubels der Reiter und der Zurückgebliebenen zu erkundigen - aber der Anblick, der sich ihm bot, drohte aus gewissen Ursachen ihm alle seine Fassung zu rauben. Der junge Comanche erhob sich rasch, sein Auge schleuderte einen drohenden Strahl des Schreckens und Grimms und die Hand zuckte unwillkürlich nach der eben erhaltenen Waffe in ihrem Versteck, als treibe ihn eine unwiderstehliche Macht, sich gleich dem Thier, dessen Namen er trug, auf seine Feinde zu stürzen.

Dolores.

Wir müssen unsere Erzählung auf einige Stunden zurück und an einen anderen Ort verlegen.

In der großen Halle oder Küche der Hacienda del Cerro war fast die ganze Bevölkerung - oder richtiger jetzt gesagt: Besatzung dieser kleinen Feste zur Stunde der Abendmahlzeit versammelt, mit Ausnahme Derjenigen, welche auf den Mauern des Gehöftes und den flachen, mit einer Art krenelirter Brustwehr umgebenen Dächern der Gebäude die Wache hielten.

Um die folgenden Ereignisse besser begreifen und der Anschauung des Lesers zu deutlicherem Bilde gestalten zu können, müssen wir eine kurze Beschreibung des Schauplatzes geben.

Die Hacienda del Cerro, das Eigenthum des Senators Don Estevan, lag, wie schon ihr Namen: Cerro - Hügel - verkündete, auf dem Rücken eines ziemlich hohen, die Form eines Dreiecks darstellenden Hügel, dessen nach der Sierra gerichtete Spitze von steil aus breiten Schluchten

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emporsteigenden Wänden gebildet wurde, während die breitere Basis flacher zu weitem und schönem Weidengrund abfiel. Die Schluchten, die während der Regenzeit zum Abfluß der Gebirgsbäche nach einem der Nebenflüsse des Hyaqui dienten, waren auf der gegenüberliegenden Seite von Felsen und zum Theil dichtem Gehölz begränzt und bildeten den Anfang der freilich sehr rohen Wege nach San Augustin und Los Ures auf der einen, nach Guaymas auf der anderen Seite, in welche Richtungen hier der Weg und Paß von San Miguel jenseits der Sierra sich theilt.

Die Hacienda war durch diese Lage ein so wichtiger Punkt sowohl für die Beherrschung der Sierra als für die Ausgänge in die Ebene, daß selbst die Indianer trotz alles Mangels strategischer Kenntnisse darüber nicht in Zweifel sein konnten.

Die beiden Vorderseiten der Hacienda waren, wie wir bereits erwähnt, schon von der Natur befestigt. Ein schmaler Pfad wand sich durch den Felsgrund hier herauf und mündete in ein enges wohlverwahrtes Pförtchen der zwanzig Fuß hohen aus Steinen fest aufgeführten Mauer, die um die beiden Vorderseiten des Hügels lief und nur einen schmalen Fußweg zwischen ihrem Fuß und dem Absturz des Felsens ließ. Ein hölzerner Rundgang im Innern um die Mauer und eine Art von Wachtthürmchen über der kleinen Pforte gewährte den Bewohnern der Hacienda auf dieser Seite eine weite Aussicht und ziemlich gesicherte Vertheidigung.

In diesem Theil des Hofes befanden sich die Schuppen

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für die Vorräthe, die Wohnungen der Peons und Vaquero's und ein Abschlag für den werthvollern Theil der Heerden, wenn die Annäherung einer Gefahr es nöthig machte, die Thiere in volle Sicherheit zu bringen.

Die Basis des Dreiecks nahm das Herrenhaus der Hacienda ein. Es erstreckte sich mit seinen Anbauten zu beiden Seiten über den ganzen Raum und schloß so den innern Hof gegen die leichte Abdachung ab, die zwischen den beiden Schluchten hier zur Ebene niederstieg. Das mittlere oder Hauptgebäude stammte offenbar noch aus der Zeit der spanischen Conquistadoren. Es war wie auch die Außenmauern der beiden Seitenflügel ganz von Stein aufgeführt, und bildete mit der Hinterwand, die nur wenige vergitterte Fenster zeigte, die Befestigung des großen Gehöftes gegen die Ebene. Zwei große Thore von dem Holz der Steineiche, mit Kupfer und großen Nägeln beschlagen, führten durch die beiden Seitengebäude von Außen her in den innern Hof. Das Dach des Herrenhauses und seiner niederen Seitenflügel war stach, mit einer krenelirten steinernen Brustwehr versehen. Man wird uns zugestehen, daß die Art dieses einsamen und alten Baues allerdings der eines für jene Gegend und die Angriffsmittel der uncivilisirten Feinde ziemlich starken Forts glich.

Der einzige schwache Punkt war durch die Laune der Tochter des jetzigen Besitzers hervorgerufen. Er bestand in einer Art Veranda oder hölzernem Balkon, welcher an der Außenseite des Hauptgebäudes angebracht war. Mittels dieses Balkons und seiner Thür in das Innere des

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Hauses war auch bei dem früher erwähnten Angriff der Apachen auf die Hacienda der »Graue Bär« in das Zimmer der Señoritta gedrungen. Jetzt aber, da der Eigensinn der Schönen trotz der gefährlichen Erfahrung diese Veranda nicht aufgeben wollte, hatte die Vorsicht des Senators die Thür durch eine Art von mittelalterlichem Fallgitter aus starken Eisenstangen gesichert, das beweglich in der Stein-Wand vor der Thür niederzulassen war.

Der Grund, welcher Señora Dolores sowohl für die Anlage als die Festhaltung dieser Veranda bewogen hatte, war offenbar die Aussicht auf die Corrals, welche sich an die Außenseite des Hauses anschlossen und den ganzen Abhang des Hügels bedeckten.

Hierhin mußten in Zeiten der Gefahr die Pferde und Rinderheerden aus der Umgegend getrieben werden. So offen auch diese Corrals oder Umzäunungen einem Feinde waren, so boten sie doch immerhin Gelegenheit zu einer wirksamen Vertheidigung; denn eine tüchtige Büchse beherrschte von der Höhe des Hauses das ganze abfallende und offene Terrain, und es ist bekannt, daß der Indianer sich nicht gern ohne Deckung für seine Kriegslisten dem Feuer des Feindes aussetzt.

Im Innern des Hofes lief, wie bei allen Gebäuden spanischer Bauart, eine offene hölzerne Veranda die ganze Hausfront entlang bis zu den an dem Zusammenstoß der Seitenflügel und der Hofmauern angebrachten Eingangsthoren.

In der Mitte des Hauptgebäudes, etwa 5 bis 6 Stufen über dem Sousterrain befand sich die große Halle der

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Hacienda, dazu bestimmt, sowohl beim Gebet als in den Stunden der beiden Mahlzeiten die sämmtlichen Bewohner der Meierei zu vereinigen; denn in den Einöden Mexikos, wo ein Landgut, ein Dorf oft mehr als eine Tagereise von dem andern liegt, die Communication also sehr erschwert ist, herrscht noch die gute alte Sitte, daß der Hausherr mit seinen Dienern bis zum geringsten herab an einem Tisch sitzt und sie so zur Familie zählt. Hinter der Halle, die zugleich als Küche und Aufbewahrungsort der Waffen und verschiedener Geräthe diente, lag nach der Seite der Ebene das Gemach der Señoritta, an den Balkon gränzend, rechts befanden sich die Frauen- und Staatsgemächer des Hauses, links die des Hausherrn und ein Paar Zimmer zur Aufnahme von Fremden. Die beiden niederern Seitenflügel des Hauptgebäudes waren für die Dienerschaft bestimmt. -

In dem Augenblick, in dem wir unsere Erzählung in die von den Apachen bedrohte Hacienda selbst verlegen, befand sich Don Estevan mit den meisten seiner Hausgenossen in der großen Halle versammelt. Es war, wie schon früher bemerkt, am fünften Tag, nachdem der Haciendero mit dem Polen Morawski, dem Kreuzträger und den schon berittenen Mitgliedern der Expedition, etwa dem vierten Theil derselben, San Fernando Guaymas verlassen hatte. Die Glocke auf dem Wachtthurm über dem vordern Eingang, von dessen Höhe man die Umgebung nach allen Seiten übersehen konnte, hatte schon vor einer Stunde das Ave geläutet und die Bewohner zu der Abendmahlzeit versammelt. Diese war vorüber, die Mägde und Dienerinnen

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der Hacienda räumten eben die großen Zinnschüsseln und hölzernen Brodkörbe von den Tischen, die sich quer durch die ganze Halle dehnten, und die Männer sahen in verschiedenen bunten und charakteristischen Gruppen auf den Bänken, oder lehnten an den Wänden und Holzblöcken, mit der Sorge für ihre Waffen beschäftigt oder in halblautem Ton von den während des Tages eingegangenen Nachrichten über das Vordringen der Wilden und die getroffenen Vertheidigungsmaßregeln plaudernd.

Es waren sonnverbrannte, wilde Gestalten, die sich hier zusammengefunden, etwa fünfzig Männer, während zehn andere draußen auf den Mauern die Wache hielten, oder mit den Thieren beschäftigt waren. Jedes Alter war vertreten. Neben dem greisen Rostreador, unter dessen breitem Sombrero langes weißes Haar hervorhing, während die dunklen Augen noch jugendliche Blitze des Hasses schossen, wenn eine neue Gräuelthat der Indianer erzählt wurde, saß ein junger hübscher Vaquero, der kaum die Knabenjahre überschritten, und horchte - den Riemen seines Lasso ausbessernd, - aufmerksam auf die Bemerkungen des Alten, indeß das scharfe Rad des großen Sporn von mehr als einem Pfund Gewicht an seinem linken Fuß ungeduldig sich in das Estrich des Bodens bohrte. Die wüsten verwegenen und abenteuerlichen Reiter des Polen, aus allen Ländern der alten und neuen Welt stammend, ließen sich von den Hirten und Jägern des Gutes die Abenteuer ihres wilden Lebens und die Listen der Indianer berichten, gleichviel, ob ihre Kenntniß des Spanischen ihnen Viel davon zu verstehen erlaubte oder nicht. Aber mit einer gewissen

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Verachtung wiesen sie den thönernen Wasserkrug zurück, wenn er an dem Tisch von Hand zu Hand die Runde machte, während ihre Augen sehr verlangend nach dem Seitenschrank schielten, in welchen der Mayordomo der Hacienda die große dickbäuchige Flasche mit scharfem Meskal wieder verschlossen hatte, nachdem vorhin jedem der Fremden ein gutes Glas gereicht worden war.

Der Administradore oder Mayordomo der Hacienda war ein alter Mann, dessen Familie schon fast seit eben so viel Generationen, als die des Señor Montera selbst die Hacienda besaß, das war also seit etwa zweihundert Jahren, im Dienst derselben stand und deshalb die größte Treue und Anhänglichkeit für die Gebieter hegte. Er war in seiner Jugend einer der verwegensten Vaquero's und Reiter gewesen, der mehr als einmal das Kunststück gemacht hatte, auf dem Rücken seines Pferdes stehend in eine Heerde wilder Büffel zu galopiren und dem Thier, das er sich ausersehen, die Bolas um die Hörner zu werfen, und war von dem Posten des ersten Vaquero seit länger als fünfzehn Jahren jetzt zu dem wichtigen eines Ober-Aufsehers und Verwalters der Hacienda befördert worden, als welcher er in der Abwesenheit des Gutsherrn unbedingte Herrschaft übte.

Der alte Mann stand jetzt achtungsvoll zur Seite, während der Gebieter des Hauses mit unruhigen Schritten, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, auf und niederging.

Der Senator - wie seine Gedanken sich bald mit seinem Eigenthum, bald mit der Besorgniß wegen des

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Ausbleibens seiner Tochter und des Grafen beschäftigten, - blieb wiederholt vor seinem ersten Diener stehen, eine Frage an ihn richtend. Dies geschah eben wieder jetzt.

»Was sagst Du, Geronimo, das von den Heerden eingebracht ist?«

»Die Cavalada aus dem Wald Señor, ist in dem äußeren Corral. Vusia25 könnt sie morgen bei Aufgang der Sonne sehen, so frisch und munter, als hätte keines von ihnen den Lasso oder das Eisen26 empfunden. Auch die besten Pferde der Weide aus dem Val San Michael befinden sich vorn im Gehöft. Der junge Diaz dort, ein Knabe zwar an Jahren, aber ein Mann an Muth und Schlauheit - er stammt aus unserer Familie Señor und ich empfehle ihn Ihrer Gnade - hat sie vor zwei Stunden eingebracht, nicht ohne Gefahr! denn diese Teufel von Apachen, welche die heilige Jungfrau mit ewigem Feuer dafür strafen möge, waren ihm dicht auf den Fersen. Die andern Thiere sind freilich im Gebirge zerstreut, da sie der Leitstute nicht folgen konnten, und die Indianer werden leichtes Spiel mit ihnen haben.«

»Der Verlust ist zu ertragen. - Wer hat die Wache für die Nacht im äußeren Corral?«

»Benito, Señor. Euer Excellenz kann ruhig sein - ich habe ihm die zwei Besten unserer Peons zugegeben.«

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»Ich weiß in der That nicht, was ich von dem Ausbleiben meiner Tochter denken soll. Sie mußte schon vor mehreren Stunden eintreffen, denn der Ritt in der Dunkelheit ist gefährlich bei der Nähe der Indianer.« - Er ging wieder auf und nieder. »Wie viele von den Rindern sind eingebracht?«

»Die Heerde von der östlichen Weide, Señor Don Senador. Es sind ihrer mit den Kälbern an zweitausend Stück. Ich habe die andern Heerden nach den Ufern des Büffelflusses treiben lassen.«

»Wenn Graf Boulbon, mein Schwiegersohn - ich vergaß Dir zu sagen, Padre, daß Señora Dolores mit einem französischen Caballero von königlichem Geblüt verlobt ist! - auch erst am Abend aufgebrochen wäre, müßte meine Tochter, seine Braut, doch schon gestern eingeholt haben und sie könnten den Weg, den mich die Besorgniß in doppelter Eil zurücklegen ließ, mit aller Ruhe gemacht haben! Es muß Etwas vorgefallen sein, das ihre Ankunft verhindert. Sollten die Indianer bereits die Sierra überschritten haben und den Weg nach Guaymas sperren?«

Ehe der alte Beamte noch eine beruhigende Antwort geben konnte, erschienen in der offenen Thür der Halle drei Personen. Es waren der alte Pole, der Anführer der Reiter des Grafen, der Kreuzträger und ein Peon, dessen Stirn mit einem seidenen Tuch, unter dem Blutstropfen hervorquollen, umbunden war und dessen Kleidung und Aussehen von einem Handgemenge oder einer noch schwereren überstandenen Gefahr zeigten.

Der Senator ging hastig auf die beiden Männer zu.

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»Nun Signor Teniente, haben Sie etwas zu erkunden vermocht?«

Der Pole, der nur wenig Spanisch sprach, wies auf den Spurfinder. »Fragen Sie diesen Braven hier, Señor,« sagte er - »er wird Ihnen bessere Auskunft geben. - Der Henker hole diesen von Rissen und Schluchten durchbrochenen Boden, wo jeder Schritt des Pferdes ein Sprung sein muß. Habt Ihr nicht irgend einen Schluck, Kameraden, an dem man sich erfrischen kann, denn ich bin durstig und hungrig wie ein Wolf meiner heimathlichen Wälder, wenn Jäger und Hunde drei Stunden ihn gehetzt haben.«

Auf einen Wink des Hausherrn holte der Verwalter wieder die große Flasche feurigen Brannteweins aus ihrem Verschluß und der Pole stürzte ein großes Glas hinab, während für ihn und den Spurfinder eine Mahlzeit auf den Tisch gebracht wurde.

Aus dem Bericht des Letzteren ergab sich jetzt Folgendes.

Lieutenant Morawski hatte es durchaus für seine Pflicht gehalten, in Person eine Recognoscirung nach der Seite hin zu unternehmen, wo man die Indianer wußte, obschon der Senator und der Kundschafter ihm das Unnütze und Gefährliche dieses Verfahrens vorgestellt hatten, da er weder mit dem Lande, noch mit den Gewohnheiten des Feindes vertraut war. Endlich hatten ihn der Spurfinder und einer der Hirten zu Fuß begleitet und die Drei waren gegen Abend aufgebrochen. Wie Kreuzträger vorausgesehen, war dem an die Ebenen seines Landes gewöhnten Soldaten der Ritt durch das gebirgige und felsige

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Terrain bald sehr beschwerlich geworden, und der Kanadier hatte es zuletzt vorgezogen, ihn mit dem Peon an einer gesicherten Stelle zurückzulassen, während er selbst vorwärts drang.

Die Zurückgebliebenen mochten etwa eine Stunde in ihrem Versteck verweilt haben, als der entfernte Knall einer Büchse zu ihnen drang. Sie konnten jedoch Nichts thun, ihrem Gefährten, wenn er in Gefahr war, Hilfe zu bringen, und mußten dessen Rückkehr erwarten, die denn auch bald darauf in Begleitung des verwundeten Mannes erfolgte, welchen sie so eben mit in die Hacienda gebracht hatten. Derselbe war von Guainapa, das an der Gränze des Staates Chihuahua liegt, geschickt, um auf der Hacienda oder in den weiter zurückliegenden Städten Beistand gegen die Indianer zu erbitten, die bereits einen Angriff auf den kleinen Ort gemacht hatten, der jedoch abgeschlagen worden. Es war dem Mann glücklich gelungen, zwischen den streifenden Horden der Indianer sich durch die Sierra zu schlagen, als er etwa zwei Leguas noch von der Hacienda entfernt, auf zwei berittene Indianer stieß, die ihn hartnäckig verfolgten. Sein Pferd, ermüdet von dem langen Weg, vermochte das Rennen nicht auszuhalten und bald waren die Verfolger so dicht hinter ihm, daß der Lassowurf des vordersten ihn erreichte. Er wurde vom Pferde gerissen, über den steinigen Boden fortgeschleift und gab sich verloren, als der Knall der nie fehlenden Büchse des Kreuzträgers an sein Ohr schlug, der Indianer, welcher ihn fortschleifte, aus dem Sattel stürzte, und der zweite so rasch als möglich entfloh. Kreuzträger

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beeilte sich, den jämmerlich auf dem steinigen Boden Zerschlagenen aus der Schlinge zu lösen, die ihm die Kehle zuschnürte, und ihn mit Wasser aus dem nächsten Quell wieder zu sich zu bringen. Dann machte er sich daran, die beiden Pferde, das des Mexikaners und des Apachen einzufangen, was ihm zum Glück bald gelang, und kehrte darauf zu dem Geretteten zurück, den er bereits aufrecht sitzend fand. Eine kurze Untersuchung genügte dem erfahrenen Wanderer durch die Prairien, sich zu überzeugen, daß der getödtete Indianer, dem die Kugel gerade in die Augenhöhle eingedrungen war, zum Stamme der Mimbreno's gehörte, und da er aus den Nachrichten der Vaquero's in der Hacienda wußte, daß die Indianer, welche sich in nordöstlicher Richtung von dieser gezeigt hatten, Gileno's oder Meskalero's waren, so konnte er leicht die Größe der Gefahr, die sie bedrohte, ermessen und daß die Hacienda bereits auf allen Seiten vom Feinde eingeschlossen war, oder doch bald eingeschlossen werden mußte.

Und dieser Feind war einer, der kein Erbarmen kannte, wenn er der Sieger blieb!

Kreuzträger begnügte sich damit, den verhängnißvollen Einschnitt in sein seltsames Abrechnungsbuch zu machen. Dann half er dem verwundeten Boten, den er so gut wie möglich verbunden, in den Sattel seines Pferdes, schwang sich auf das Roß des erschossenen Apachen, auf dessen Brust sein Messer das furchtbare, den Indianern wohlbekannte Handzeichen im Querschnitt zurückgelassen, und kam bald mit seinem Schutzbefohlenen zu dem Versteck des Polen zurück, den er ungeduldig genug über seine

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gezwungene Unthätigkeit vorfand, und mit dem er alsbald zur Hacienda zurückkehrte.

Dies war der Bericht des Wegweisers, eines Mannes, von dem jedes Wort durch seinen langjährigen Ruf in diesen wilden Gegenden schweres Gewicht hatte.

Der Haciendero sah die Gefahr, die er bisher nur gefürchtet hatte, jetzt in drohendster Nähe. Bei all' seiner stolzen Förmlichkeit herrschte doch ein Gefühl in ihm vor, die Liebe zu seinem einzigen Kinde, dessen Launen er sich zu fügen gewohnt war, und das sein intriguirender Ehrgeiz bereits als die unabhängige Herrscherin der Sonora durch ihre Verbindung mit dem Blut der Bourbonen gesehen hatte. Eine unbeschreibliche Sorge und Angst um ihr Schicksal ergriff ihn und er war selbst einen Augenblick Willens, die Hacienda mit all' ihrer Sicherheit und ihren Reichthümern preiszugeben und mit allen Leuten auszuziehen, blos um seine Tochter zu suchen.

Von diesem ebenso unpraktischen als übereilten Entschluß hielt ihn nur sein kastilianischer Stolz bei dem der Yunta von Guaymas gegebenen Wort zurück, die Hacienda auf das Aeußerste zu vertheidigen.

Don Estevan versammelte daher einen Kriegsrath aus den ältesten und bewährtesten Dienern der Besitzung und den Führern der Reiterabtheilung um sich, um mit ihnen die Schritte zu verhandeln, welche in dieser Verlegenheit zu thun waren.

Die Sachlage war folgende.

Die Besatzung der Hacienda genügte wohl, um dem Angriff einer plündernden Rotte Indianer die Spitze zu bieten,

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aber sie war - selbst bei dem Opfer des besten Reichthums des Gutes, der Pferde- und Viehheerden, - zu schwach, um der Belagerung der vereinigten wilden Völkerschaften zu widerstehen.

Es konnte dieser Anerkenntniß gegenüber kein Zweifel sein, daß die Hacienda in diesem Augenblick von den vereinigten Stämmen der Apachen und wahrscheinlich auch der kriegerischen Nation der Comanchen bedroht war, daß man es also mit einem förmlichen, wenn auch uncivilisirten Heere zu thun hatte.

Dieses feindliche Heer war - nach den Berichten der Flüchtlinge, der ausgesandten Späher und des tapfern Kanadiers - im Begriff, die Hacienda auf allen Seiten einzuschließen, wenn es nicht bereits geschehen war.

Die Ankunft des Grafen Boulbon, die aller Berechnung nach an diesem Abend hätte stattfinden müssen, mit seiner Abtheilung hätte die Hacienda in Stand gesetzt, einen erfolgreichen Widerstand zu leisten.

Der Graf war aber nicht eingetroffen. Er war also entweder durch die Indianer daran verhindert worden, oder es hatte sonst ein unglückliches Ereigniß stattgefunden, was ihn aufgehalten.

Doña Dolores endlich befand sich im besten Fall zwei Tagereisen von der Hacienda entfernt auf der Mitte des Weges nach Guaymas, den die Indianerhorden gegenwärtig bereits bedrohten, - oder sie hatte in ihrem Muth und ihrem Eigenwillen ihren Weg nach der Hacienda fortgesetzt, und war nun bereits in die Hände der Wilden

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gerathen, oder befand sich in der Gefahr, dies mit jedem Schritt vorwärts zu kommen.

Die Nachrichten über die Fortschritte und die Stellung der Indianer endlich waren ebenso gering, wie die über den Grafen und sein Hilfscorps.

»Carajo!« meinte einer der ältesten Vaquero's - »die heilige Jungfrau könnte nichts Besseres thun, als uns in dieser Noth unsere beiden Tigreros wiederzugeben! Der Rath und die Büchse Eisenarm's wären fünfzig Mann werth, und jene junge Rothhaut würde uns binnen wenig Stunden so gute Kundschaft bringen, als hätten wir Alles mit eigenen Augen gesehen. Es ist Schade, Señor Don Geronimo, daß Ihr die beiden Burschen entlassen habt. Ihr werdet nie wieder Tigrero's finden, wie sie!«

Der Mann, der die Aufsicht über eine entferntere Estancia im Gebirge gehabt und deshalb nur seltener auf der Hacienda verkehrte, bemerkte mit Verwunderung den Wink, den ihm hastig der alte Verwalter gab, zu schweigen, und die finstre Miene seines Gebieters bei dieser Erwähnung.

»Es ist wahr,« sagte der Senator mit einem Seufzer, »daß diese Männer in unserer Noth uns hätten wichtige Dienste leisten können. Aber sie sind doch nun einmal nicht hier, und ich weiß selbst nicht einmal, ob ich es wünschen sollte.«

Der Kreuzträger mischte sich in das Gespräch. »Darf ich fragen, Señor, von welchen Personen Ihr redet und ob ich vorhin die Namen richtig verstanden?«

»Es sind zwei Tigrero's, die vor etwa zwei Jahren

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während eines verrätherischen Angriffs der Apachen auf die Hacienda hier dienten,« erwiederte mürrisch der Senator, »ein Trapper, dem man wegen seiner Stärke und der Sicherheit seiner Hand den Namen »Eisenarm« gegeben, und ein junger Indianer von der Nation der Comanchen, der sich in seiner Eitelkeit den »Großen Jaguar« nannte. Es ist wahr, die Beiden thaten ihre Schuldigkeit und standen meinen Leuten tapfer bei - ich war damals gerade nicht hier und nur meine Tochter in der Hacienda - aber diese Indianer sind einer wie der andere ein tückisches Volk und - quien sabe! - vielleicht steht der Bursche, - Wonodongah heißt er, glaub' ich - in diesem Augenblick in der Nähe unserer bittersten Feinde und verräth ihnen die schwachen Punkte unserer Vertheidigung!«

Der Kreuzträger schüttelte mißbilligend den Kopf. »Ich habe nur Gutes sprechen hören von den Beiden in der Einöde,« sagte er, »obschon ich sie nie zu Gesicht bekommen. Parbleu! Ich traue den Apachen verdammt wenig Gutes zu, aber ein Comanche kann ein wackerer Mann sein, und wenn eine Rothhaut der Freund eines Mannes ist, kann dieser sicher auf sie zählen. Aber alles dieses fördert unsern Zweck nicht. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Señor Senador, wenn es nicht zu dreist von einem so unbedeutenden Manne wäre, Vornehmeren seine Meinung aufdrängen zu wollen.«

»Reden Sie, Señor Kreuzträger,« bat eifrig der Haciendero. »Man hat Sie mir als einen Mann von großer Erfahrung gerühmt, und ich weiß am Besten, welchen Werth diese in einem Fall wie der gegenwärtige hat.«

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»Nun denn, Señor,« fuhr der Wegfinder fort - »obschon ich früher nie in dieser Gegend gewesen bin, habe ich doch während unseres Rittes hierher meine Augen offen gehalten, und ich glaube mich genug orientiren zu können, um auch bei Nacht meinen Weg zu finden. Ich bin nicht umsonst zwanzig Jahre meines Lebens der Wegweiser für die Karavanen des Nordens durch die Einöden gewesen. Sie dürfen die Hacienda nicht von ihren Vertheidigern entblößen. Aber wenn Sie es mir gestatten wollen - und ich gestehe Ihnen, daß es mich selbst drängt, etwas Gewisses über das auffallende Ausbleiben unseres Generals zu erfahren, der ein so tapferes und unerschrockenes Herz hat, wie nur Einer, - so mache ich mich in einer Stunde auf den Weg, um zu ermitteln, ob der Señoritta und dem Grafen ein Unfall passirt ist oder nicht.«

»Das ist ein vortrefflicher Rath, Señor,« meinte Don Estevan eifrig, »obschon er uns eines unserer besten Mitglieder in der Stunde der Noth berauben könnte. Aber ich darf und will Sie nicht so allein gehen lassen, wenn Sie darauf bestehen, sich der Gefahr auszusetzen.«

»Es ist wahr,« sagte der Kreuzträger einfach - »Sie würden sonst nicht einmal Nachricht erhalten, wenn mir ein Unglück passirt, oder es könnte auch nöthig werden, daß ich Ihnen eine Botschaft zu senden hätte. Nur möchte ich, daß Derjenige, welcher mich begleiten soll, dies nicht allein auf Ihren Befehl thut, denn - es könnte allerdings sein, daß wir Beide unsern Scalp dabei lassen müssen.«

»Es muß Jemand sein,« erwiederte der Senator mit bestimmtem Ton, »der den Weg nach Guaymas und die

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ganze Gegend vollkommen kennt. Aber es giebt deren genug unter meinen Leuten. - Wer von Euch,« wandte er sich an den Kreis - »hat Lust, der Tochter Eures Herrn und diesem selbst einen Dienst zu leisten? Er kann einer guten Belohnung versichert sein.«

Sofort machten mehrere der Vaquero's Miene, sich zu melden, denn diesen kühnen, an die schrankenlose Freiheit des Raumes und tägliche Abenteuer gewöhnten Männern war die Aussicht auf ein solches lieber als der Aufenthalt in dem sicheren Gehöft; aber der Jüngling, der vorhin so eifrig auf die Erzählungen gehorcht und den der Verwalter als aus seiner Familie stammend dem Haciendero empfohlen hatte, kam Allen zuvor, indem er in den Kreis sprang.

»Ich bitte Vostra Señoria um die Gnade, mich zu wählen,« sagte er hastig und mit gerötheten Wangen. »Ich möchte so gern Etwas für die Señoritta thun, die immer nachsichtig und freundlich mit dem wilden Diaz gesprochen. Schlagt es mir nicht ab Señor Don Estevan, und wenn die Heiligen wollen, daß mir ein Unglück passirt, so seid versichert, daß ich meinem Blute keine Schande machen werde!«

»Aber Du bist zu jung, Diaz,« meinte der Haciendero.

»Nicht zu jung, Señor, um in Eurem Dienst zu sterben! Schlimmsten Falles ist kein Besserer verloren.«

Der Senator sah auf den alten Verwandten des Burschen, wie um seine Meinung einzuholen, aber dieser zuckte die Achseln. »Par amor de Dios,« Señor Senador!

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die unnützesten Buben haben immer das meiste Glück! Vielleicht bringt er seinen Wald von Haaren zurück. Er hat deren genug zu verlieren.«

»Lassen Sie den Burschen immer mit mir gehn, Monsieur,« sprach der Kreuzträger. »Seine Keckheit gefällt mir und die Jugend muß Gelegenheit haben, ihre Kraft zu versuchen.«

»Meinetwegen denn, - Sie müssen am Besten wissen, was ein solcher Gefährte Ihnen nützen kann,« entschied der Senator. »Wann wollen Sie aufbrechen, und wie soll es geschehen?«

»In zwei Stunden Señor, kurz vorher, ehe der Mond aufgeht. Wir müssen im Dunkel noch die Schlucht passiren.«

»Wollen Sie Pferde nehmen?«

»Nein, Señor. Dieser junge Mann wird gut thun, seine Sporen in die Tasche zu stecken, damit sie keinen unnützen Lärmen machen. Eine Büchse und ein Messer werden ihm diesmal bessere Dienste thun, als der Lasso, wenn er ihn auch noch so geschickt handhabt. Er soll uns nur dazu dienen, die Hacienda unbemerkt zu verlassen.«

»Wie meinen Sie das? ich werde Befehl geben, Ihnen das Thor nach dem Corral zu öffnen.«

»Behüte, Señor! das hieße dem Feind am Ende in die Hände laufen. Wenn diese Pferdediebe bereits die Hacienda umschwärmen, werden sie sich sicher vor dem Corral umhertreiben und ihre Pfeile würden jede Christenseele, die ihn verlassen wollte, spicken wie ein Stachelschwein. Lassen Sie uns die Sache nach meiner Manier

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abmachen und mischen Sie sich nicht darein, Señor Senador. Das Einzige, um was ich Euer Excellenz bitte, ist, daß einer Ihrer Leute an derselben Stelle, wo wir die Hacienda verlassen werden, bis zu Tagesanbruch Wache hält.«

Dies wurde sofort angeordnet. Die Ruhe und Vorsicht des Wegweisers flößte Allen ein gewisses Vertrauen ein und Viele beneideten nunmehr den jungen Vaquero um den Vorzug der Begleitung.

Dieser war mit einem sichtbaren Stolz jetzt eifrig mit seinen Vorbereitungen beschäftigt. Er schliff sein Messer an dem Schleifstein, der in der Halle stand, obschon es wahrscheinlich schon vorher scharf genug war, entfernte seine großen Stiefeln und legte Moccassins an, prüfte das Schloß seiner Büchse und versah sein Pulverhorn, ein Geschenk, das ihm bei der heiligen Communion die junge Haciendera gemacht hatte, mit frischem Pulver. Auch sein alter Oheim beschäftigte sich mit einem gewissen Stolz mit ihm, gab ihm zahlreiche gute Ermahnungen und hing ihm ein Amulet über den braunen kräftigen Hals, das gegen die heidnischen Wilden schützen sollte, ja, als endlich die Stunde des Aufbruchs gekommen war und der Wegweiser sich erhob, drückte er diesem die Hand und bat ihn flüsternd, möglichst Acht auf den Knaben zu nehmen, das heißt - setzte er alsbald hinzu - so weit es die Ehre der Familie und der Vortheil des Grundherrn erlauben möchten.

Der Kreuzträger versprach es und traf nunmehr seine Maaßregeln für den gefährlichen Gang. Er trug Nichts,

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als seine Kugeltasche, Messer und Büchse und hatte als erfahrener Mann nicht versäumt, seine Waffen vorher gleichfalls zu untersuchen. Begleitet von zwei der älteren Vaquero's gingen die beiden Abenteurer in den Hof und bestiegen den Rundgang der östlichen Mauer.

Es war jetzt ungefähr 11 Uhr. Die Schatten der Nacht schienen noch dunkler über der Umgebung zu liegen, die in einer halben Stunde der aufgehende Mond erhellen sollte. Der Wegweiser empfahl die größte Stille und hielt dann, sich hinter den Vorsprüngen der Mauer haltend, eine möglichst genaue Umschau. Erst als er durchaus nichts Verdächtiges mit Auge und Ohr bemerken konnte, ließ er in der finstersten Ecke um eine der Crenelirungen zwei aneinandergeknüpfte Lasso's schlingen, deren Ende gerade den äußeren Boden erreichen mußte, dann gab er dem Mann, der zur Wache für die Nacht bestimmt war, die Anweisung, nach ihrem Herabsteigen den Lederriemen wieder zu entfernen und ihn nur auf das Signal des dreimaligen Geschrei's einer Aaskrähe wieder nieder zu lassen. Als dies geschehen, empfahl er dem jungen Vaquero, ihm erst zu folgen, wenn er durch Schütteln des Strickes ein Zeichen gebe und glitt vorsichtig, um seine Gestalt sich nicht über die Mauer erheben zu lassen, durch deren Crenelirung und ließ sich mit fester Hand an dem Lasso nieder, bis sein Fuß den äußeren Felsboden erreichte. Zwei Minuten darauf war Diaz an seiner Seite, der Lasso wurde emporgezogen und die beiden Abenteurer befanden sich außerhalb der Hacienda und allein ihrem Muth und ihrer Geschicklichkeit überlassen.

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Der Kreuzträger hatte sich schon vorher genügend orientirt und konnte daher sofort seinen Weg beginnen. Diesmal aber ging der junge Vaquero voran und zeigte seinem älteren Begleiter mit einer Sicherheit und Geschicklichkeit einen Weg zum Hinabsteigen in die Schlucht, die dem Alten leicht bewies, daß jener nicht zum ersten Mal diesen Pfad auch bei Nacht machte. Die Gefühle des Herzens erwachen früh unter dieser Sonne und der hübschen China's giebt es auch in den Hacienden.

Als sie die Sohle der Schlucht erreicht hatten, wandte sich das Paar vorsichtig nach dem westlichen Ausgang. Sie vernahmen über sich in den Corrals das Schnauben der Pferde, hin und wieder das Brüllen eines Stiers, aber trotz aller Aufmerksamkeit Nichts, was die Nähe eines Feindes verkündete.

Erst als sie über die Strecke der Corrals und der daranstoßenden Weide hinaus waren, erstieg der Kreuzträger wieder die Seite der sich ohnehin hier abflachenden Schlucht und sie setzten jetzt ihren Weg in südwestlicher Richtung nach der Stelle fort, wo eine Furth durch den Nebenfluß des Jaquil führte, welcher in der Regenzeit die Gebirgsbäche aufnahm.

Der Mond war jetzt aufgegangen und goß in immer helleren Strahlen sein Silberlicht über die hügelige Fläche. Plötzlich blieb der Wegweiser, der sich schon mehrmals zur Erde gebückt hatte, stehen und zeigte auf den Boden.

»Bemerkst Du Nichts, Diaz?«

»Es sind Spuren von Pferden. Ich habe sie vorhin schon gesehen, aber das ist hier eben nichts Seltenes.«

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»Ueberzeuge Dich näher, mein Sohn. Wo unserer Ehre und Aufmerksamkeit das Leben so Vieler anvertraut ist, dürfen wir uns keiner Unachtsamkeit schuldig machen.«

Der junge Mann kniete auf den Boden nieder und untersuchte bei dem Mondlicht die Hufspuren näher. »Ihr habt Recht, Señor,« sagte er beschämt, »die Spuren sind frisch und kaum eine Stunde alt.«

»Woraus schließest Du das?«

»Der Thau des Abends hat noch keine Zeit gehabt, sich darin zu sammeln.«

»Muy bien! ich sehe, Du hast Anlagen zu einem guten Rostreador. Was schließest Du weiter?«

Der junge Mann sprang empor und sah seinem Begleiter erschrocken in's Gesicht. »Es sind Indianer hier vorübergekommen,« sagte er.

»Ich glaube, daß Du Recht hast. Willst Du mir Deine Gründe mittheilen?«

»Die Fesseln der indianischen Pferde sind niedrig und lang behaart, es sei denn, daß sie spanische Pferde gestohlen haben. Die Ränder der Spuren sind daher häufig verwischt.«

Der Kreuzträger nickte. »Es spricht noch ein anderer besserer Grund dafür. Wie viele Reiter meinst Du wohl, daß hier vorübergekommen sind?«

Der junge Mann gestand, daß dafür seine Erfahrung noch nicht ausreiche und der Wegweiser lächelte mit einer gewissen Befriedigung. »Man darf von der Jugend nicht zu viel verlangen,« sagte er. »Ich kenne diese Schufte von Apachen; selbst wo sie sich sicher dünken, vergessen sie

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ihre Listen nicht. Der Trupp, der hier vorübergekommen, besteht aus erfahrenen Kriegern. Sie haben es vorgezogen, wie wenn sie einen Weg zu Fuß zurücklegen müssen, was die faulen Schlingel freilich nicht gern thun, eine indianische Reihe zu bilden, weil dies die Spuren verwirrt. Aber sie haben es mit Einem zu thun, der ein scharfes Auge hat für ihre Teufeleien. Sie haben vergessen, daß der Schatten dieses Korkbaumes, unter dem sie zur Berathung gehalten, im aufsteigenden Mondlicht wechselt und die Spuren dann so deutlich wie bei Tage zeigt. Es sind ihrer an die Zwanzig gewesen. Ich habe ihre Hufe schon seit einer Weile verfolgt, sie sind von Norden her über die Straße von San Augustin gekommen und haben sich gleich der südlichen Furth zugewendet, die unser nächstes Ziel ist. Sie sind auf Kundschaft aus, wie wir selbst.«

»Woraus schließen Sie das, Señor?« frug der Jüngling, dessen Achtung vor der Erfahrung des Alten immer mehr stieg.

»Junger Mensch,« sagte der Kreuzträger, der an dem Platze stehen blieb, wo er unter dem riesigen Korkbaum die Eindrücke der Hufe deutlicher gefunden hatte, »ein Bischen Nachdenken würde Dir gesagt haben, daß die Schelme sonst nicht den Corrals vorübergezogen wären, ohne eine Teufelei zu üben. Da sie von jener Seite der Hacienda kamen und wir wissen, daß dort oben die Meskalero's und Gileno's ihren Unfug treiben, müssen sie zu diesen Völkerschaften gehören und es sollte mich nicht wundern, wenn jener blutgierige Schurke selbst

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- - Veramente!« unterbrach er sich heftiger, als es seine Art war, »ich sagte es ja und habe mich nicht getäuscht. Hier hat dieser gottvergessene Mörder mit seinem Schimmel gehalten. Ich sehe es so deutlich, als hätte ich neben ihm gestanden. Jetzt mein Junge, glaube ich, daß Du Etwas erleben wirst, wovon Du noch in Deinem Alter am Feuer des Bivouak's oder am Küchenherd des Rancho erzählen magst.«

»Ich verstehe Sie nicht ganz!«

»Sieh her - hier hat dieser Kannibale den Schaft seiner Lanze auf den Boden gestemmt, während er mit seinen Begleitern gesprochen, die sicher ähnliche Schurken wie er sind.«

»Aber die Spur der Lanze kann Ihnen nicht den Eigenthümer nennen?«

»Doch - wenn man fast drei Jahre auf seiner Fährte ist. Hast Du von Makotöh dem »Grauen Bären« gehört?«

»Dem Häuptling der Gileno's? - Die Hand Wonodongah's hat ihn bei jenem Ueberfall der Hacienda, der beinahe der Tochter unseres Gebieters das Leben gekostet hätte, zu Boden geschlagen.«

»Ich wollte, er hätte den Hieb wiederholt, damit er das Aufstehen vergessen hätte. Aber jener junge Comanche muß eine starke Hand besitzen, denn dieser Teufel ist eben so wild, als kräftig und tapfer.«

»So ist es der »Graue Bär«, der hier vorüber gekommen ist?«

»Du kannst so sicher darauf schwören, als daß mindestens ein Dutzend alter Weiber am ersten Tag Deiner

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Geburt Dir unter Kreuzschlagen in's greinende Gesicht gespukt haben, um Dich vor dem bösen Blick zu bewahren. Der teuflische Schurke ist ein so eitler Narr auf seinen Namen, daß er seinen Totem an allen Dingen anbringt und selbst den Schaft seiner Lanze mit den langen Klauen des Ungethüms geschmückt hat. Da - hier in dem feuchten Boden kannst Du die Spuren erkennen; und - Mort de ma vie! dort an dem niedern Zweig hängt eine weiße Feder - lang' sie einmal herunter, Junge, denn Du bist größer als ich, damit ich sie genauer betrachte.«

Der Jüngling that, wie ihm geheißen. Nachdem der Wegweiser sie einige Augenblicke betrachtet, steckte er sie zu sich und schulterte seine Büchse.

»Es ist Zeit, daß wir aufbrechen. Du hast Glück, Bursche, und Mancher wird Dich um Deinen ersten Kriegspfad beneiden. Jene Feder stammt von einem weißgeschwänzten Falken und ist von dem Zweig der Scalplocke eines Häuptlings der Mimbreno's entrissen worden. Gebe die heilige Jungfrau, daß wir noch zur rechten Zeit kommen, um eine ihrer Teufeleien zu stören. Der »Graue Bär« und der »Fliegende Pfeil« zusammen können nichts Gutes brauen!«

Sie machten sich jetzt eilig auf den Weg und da sie nun die Feinde beritten und vor sich wußten, brauchten sie weniger Vorsicht anzuwenden und konnten rascher vorwärts kommen.

Sie waren aber noch keine Viertelstunde in der genommenen Richtung marschirt, als sie in der Entfernung den Knall einer Büchse vernahmen. Sofort machte der

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Wegweiser Halt und lauschte. Es folgte ein zweitei Schuß, dann ein kurzes unregelmäßiges Feuern - aber es war noch zu weit entfernt, um ein genaueres Urtheil sich bilden zu können. Nur so viel war sicher, daß der Indianertrupp in einem Ueberfall oder Gefecht begriffen sein mußte.

»Jetzt, Junge,« rief der Kreuzträger, seine Waffe in die bequemste Stellung bringend, »zeige, daß Du nicht blos vier Beine unter Dir zu haben brauchst, um Deinen Weg rascher zurückzulegen, als das Faulthier. Vorwärts, Diaz, und kaltes Blut!«

Und der alte Jäger und Wegweiser sprang mit den leichten elastischen Bewegungen weiter, die er dem Lauf der Wilden abgelernt, während er damit die größere Zähigkeit und Ausdauer der Muskeln eines Europäers verband; der junge Mann folgte ihm jedoch ohne Anstrengung.

So waren sie eine ziemlich weite Strecke gerannt und näherten sich der Furt, als die einzelnen Schüsse, die sie näher und näher gehört, verstummten, und der Wind, der von den Ebenen herstrich, ein gellendes Geheul bis zu ihnen trug.

Kreuzträger blieb erschrocken stehen. »Gott erbarme sich ihrer Seelen,« sagte er keuchend. »Wir kommen zu spät! Die Teufel haben den Sieg davon getragen und all' unsere Eile kann den Aermsten jetzt Nichts mehr nützen, und uns nur selbst gefährden. Sie müssen sehr unvorsichtig gewesen sein, daß sie sich so haben überraschen

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lassen, während sie doch den Fluß zwischen sich und Jenen haben konnten.«

»Bei der heiligen Ursula, meiner Schutzpatronin,« flüsterte mit verbissenen Zähnen der junge Mann, »wenn sie meine schöne Herrin gemordet, will ich Rache haben, und wenn sie mich in Stücke hauen sollten.«

»Narr - es würde weder Dir noch ihr nützen. Wir wissen ja noch gar nicht, wem der Ueberfall gegolten, und überdies tödten die Indianer nur selten die weißen Weiber, wenn sie jung und hübsch sind; - sie wissen einen schlimmeren Gebrauch davon zu machen,« fuhr er fort, während seine Stirn sich finster zusammenzog und seine Faust sich ballte. »Aber das ist vorbei! - Doch sieh - da ist eine Helle, stärker als der Wiederschein des Mondlichts, - das ist Feuer!«

In der That schlug etwa eine (englische) Meile von ihnen entfernt, eine Lohe in die Höhe.

»Es ist die Hütte José's, des Fährmann's,« sagte der Vaquero, »sie liegt in dieser Richtung.«

Die beiden Kundschafter hatten während ihrer Beobachtungen nicht inne gehalten, und sich der Furth bis auf etwa tausend Schritt genähert, während immer noch das Siegesgeheul der Apachen fortgellte und die brennende Hütte ihre Flammen in den Nachthimmel sandte, als der Wegweiser rasch den Arm seines Gefährten faßte und ihn mit sich hinter einen großen Steinblock zog, in dessen Schatten er ihn niederdrückte.

»Keinen Laut, Bursche, - bei Gott, da kommen sie, nachdem sie ihre blutige Arbeit gethan! Spanne den Hahn

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Deiner Büchse, damit der Laut uns dann nicht verräth, aber schieße nicht eher, als ich Dir's sage, oder Dein Scalp ist verloren.«

Er hatte die gleiche Vorsicht beobachtet und seine treue Waffe schußbereit im Schatten des Steinblocks erhoben, als die wilde Schaar herantobte.

Es war in der That der »Graue Bär« mit seinen beiden Gefährten, den Häuptlingen der Lipanesen und Mimbreno's, und den Kriegern, die er aus dem Lager auf seinen Streifzug mitgenommen. Aber vier der Letzteren fehlten und ihre Plätze waren jetzt von andern Gestalten eingenommen, von denen zwei quer über die Sättel ihrer Pferde festgeschnürt waren. Außerdem führten die wilden Reiter mehrere Rosse an der Hand.

Wie eine Schaar finstrer Nachtgespenster kam der Trupp daher gejagt, mit gellendem Geschrei, die Lanzen schwingend, voran auf seinem weißen Pferde die mächtige Gestalt Makotöh's.

Die Büchse des Wegweisers fuhr an seine Wange, der Finger krümmte sich nach dem Drücker - da warf eine plötzliche Bewegung des Pferdes den vollen Mondstrahl auf den dunklen Schatten, welcher vor der Brust des Wilden lag, von seiner Hand auf dem Pferde festgehalten - Frauenkleider flatterten im Nachtwind - nieder senkte sich der Lauf der Büchse - im nächsten Augenblick waren die finstern Gestalten dahin gestoben, wie der Sturm über die Steppe fährt, und nur der Hufschlag ihrer Thiere klang noch herüber schwächer und schwächer.

Der Kreuzträger erhob sich, seine Hand drohte hinter

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den davon sprengenden Indianern her. »Ich werde Dich finden,« sagte er, »ehe die Sonne um zwei Tage älter ist. Komm Bursche - ich glaube, wir werden Schreckliches sehen!«



Der Leser wird sich erinnern, daß am dritten Morgen nach ihrer Abreise von Guaymas der Senator seine Tochter mit ihrer Zofe und der Hälfte seiner Diener unterwegs zurückgelassen hatte, um die Ankunft ihres Bräutigams mit dem Haupttrupp der Expedition zu erwarten, die sich zu ihrer Aller Verwunderung bisher verzögert hatte.

Dies geschah etwa auf der Hälfte des Weges zwischen San Fernando Guaymas und der Hacienda del Cerro.

Der Charakter der schönen Señora gehörte gerade nicht zu den geduldigsten, und die Zögerung des Grafen, deren Grund ihr unerklärlich blieb, versetzte sie bald in eine sehr schlimme Laune, die ihrer Umgebung nur allzu fühlbar wurde. Der Ort, wo sie verweilte, war eine kleinere Hacienda, einem Freunde ihres Vaters angehölig, und die Familie bemühte sich nach Kräften, ihr den Aufenthalt angenehm zu machen, war aber selbst schon von der Besorgniß ergriffen, welche die Gerüchte von dem Einfall der Indianer hervorgerufen, und beschäftigt, ihre besten Sachen in Sicherheit nach Guaymas zu bringen.

Daher kam es denn, daß Doña Dolores nur 24 Stunden ihre Ungeduld zu zügeln vermochte und am vierten

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Tage trotz der Bitten und des Widerspruchs ihrer Gastfreunde ihren Dienern den Befehl gab, sich zur Fortsetzung der Reise fertig zu machen. Ihr Stolz fühlte sich schwer verletzt, daß der Graf es nicht einmal der Mühe werth gehalten, ihr Nachricht über die Ursach seiner Zögerung zu senden und sie dachte nicht daran, selbst einen Boten zur Erkundigung zurückzuschicken, sondern beschloß, ihn ihren vollen Unwillen fühlen zu lassen.

Die kleine Reisegesellschaft machte sich daher am vierten Tage wieder auf den Weg, nahm ihr Nachtlager in einem Rancho und gedachte, gegen Abend des fünften Tages, also zur Zeit, wo sie der Haciendero bereits mit Ungeduld erwartete, in der Hacienda einzutreffen. Verschiedene Zufälle und die Laune der Gebieterin, die gegen den Rath des ältesten Dieners eine lange Siesta machte, verspäteten den Zug jedoch und so war bereits die Sonne untergegangen und die Dunkelheit eingetreten, als sie sich dem Flüßchen näherten, an dessen jenseitigem Ufer die Hütte des Fährmann José stand.

Die Ufer dieses Bergstroms sind steil und zum Theil mit dichtem Gestrüpp bedeckt, so daß - obschon das Bett selbst nicht tief und jedenfalls für einen an dergleichen Hindernisse in den mexikanischen Wildnissen gewöhnten Reiter ohne Gefahr zu passiren wäre, - auf weite Entfernung hin der Uebergang nur durch diese Furth geschehen kann. Einer der Peons wurde beordert, durch das Wasser zu reiten, um den Fährmann mit seinem Kahn für die beiden Frauen und das Gepäck herüber zu holen, und

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Doña Dolores verließ unterdeß ihren Sattel und ging, ihren Gedanken nachhängend, am Ufer hin und her.

Sie wurde erst wieder aufmerksam, als der Peon mit dem Fährmann zurückkam und die Beiden zu dem Aeltesten der Diener traten und eine eifrige Berathung hielten, an der sich bald sämmtliche männliche Mitglieder der kleinen Reisegesellschaft betheiligten. Die Doña trat näher und befahl dem Diener zu sagen, was es gäbe.

Der Mann, mit Namen Sanchez, trat mit abgezogenem Hut heran.

»Eure Signorina,« sagte er demüthig, »mögen selbst entscheiden, ob es bei den Nachrichten, die José uns bringt, rathsam sei, vor Tagesanbruch den Fluß zu passiren. Die Apachen sollen bereits die Sierra überschritten haben mit großer Macht, und wenn sie auch noch nicht bis hierher gekommen sind, ist doch zu befürchten, daß sie in der Nähe der Hacienda umherstreifen.«

»Um so dringender ist es für mich, dahin zu gelangen,« befahl die Dame. »Schicke José selber her.«

Auf einen Wink des Dieners trat der Indianer heran. Er war ein Bild der Noth und des bittern Kampfes mit dem Leben, um den nothdürftigsten Unterhalt für die Seinen zu erlangen. Als er vor seiner jungen Gebieterin erschien, küßte er demüthig ihr Kleid.

Fast alle Indianos manos - das heißt, alle friedlichen, in den Dienst der Weißen getretenen Indianer - nennen sich José: Joseph -; es ist dies ihre Liebhaberei bei der Taufe, und sie werden nur durch die Beinamen unterschieden. Der hier gemeinte gehörte zu den

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Insassen der Hacienda, wohnte mit seiner Familie an der Furth und hielt ein Boot, das er zum Fischfang oder zum Uebersetzen der Fußwanderer benutzte. Er war ein stiller fleißiger Mensch, aber es ist bekannt, daß die »zahmen Indianer«, wie sie die Volkssprache nennt, von ihren wilden Landsleuten in den Einöden fast noch bitterer gehaßt werden, als ihre Feinde, die Weißen.

»Die Feuerlilie der Sonora sei willkommen in ihrer Heimath,« sagte er unterwürfig. »José ist erfreut, daß seine Augen sie nach der langen Abwesenheit wiedersehen. Aber er und sein Weib und alle seine Kinder würden sich diese Augen ausweinen in Thränen, wenn ihrem Liebling etwas Schlimmes passiren sollte. Möge die Feuerblume es vorziehn, auf dieser Seite des Flusses zu bleiben, bis die Sonne ihren Weg erhellt. José wird für sie wachen, daß keine Gefahr ihr nahen kann.«

»Wann ist Don Estevan die Furth passirt?«

»Gestern, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Der Señor war frisch und munter und hatte Männer in seiner Gesellschaft, welche den Apachen Verderben bringen werden, wenn sie gegen die Hacienda ihre Hand erheben.«

»Seitdem ist kein anderer Zug die Furth passirt?«

Der Fährmann that, als habe er die Frage nicht gehört. »Heute Mittag war Diego, der einäugige Rostreador hier. Der Herr hatte ihn ausgeschickt, nach dem Stolz seines Herzens auszuschauen. Er hat die Nachricht gebracht, daß die Indianer keine drei Leguas von hier gesehen worden sind und nicht blos die armen Manos tödten, sondern auch alle Wohnungen der Weißen mit Feuer und Blut verheeren.

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Nicht das Kind im Mutterleibe wird von ihnen verschont, und morgen will ich mit den Meinen Euere Excellenza begleiten und Schutz für unser Leben zwischen den Mauern der Hacienda erbitten.«

»Dann wirst Du es noch diese Nacht thun müssen,« sagte die Señora kurz. »Die nach uns kommen, mögen sehn, wie sie sich ohne Dich hier zurecht finden. - Nimm Dein Ruder und fahr uns über.«

Der Indianer kraute statt dessen ängstlich und verlegen in seinem langen schwarzen Haar, das in nassen Strähnen um sein Gesicht hing. »Die heilige Mutter Gottes möge einen armen Indianer in Ewigkeit in dem höllischen Feuer lassen,« bat er, »wenn er der Feuerblume nicht die Wahrheit berichtet hat. Selbst der finstre Mann dort drüben, der weißer ist, als alle Bleichgesichter, die José sein Lebelang gesehen, wird die Nacht neben seiner schlechten Hütte zubringen.«

Die Dame hatte bereits ihren Fuß auf dem Rande des Kahns. »Wen meinst Du?«

»Die gnädige Herrin wolle ihrem Knecht verzeihen, aber es sind drei Männer dort drüben, wenn der eine von ihnen ein Mann zu nennen ist, da Gott und die Heiligen ihm nicht die Beine zum Gehen gegeben haben. Sie sind vor einer Stunde gekommen mit ihren Pferden und haben Manches gefragt, was ihnen mein armer Kopf nicht beantworten konnte.«

»Vorwärts,« sagte ungeduldig die junge Haciendera. »Wir werden selbst sehen!«

Sie trat an den Kahn und ließ ihre Zofe folgen.

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Der Entscheidung der Gebieterin gemäß, wenn auch keineswegs sehr davon erbaut, folgten die Diener mit ihren Pferden durch das Wasser.

Zehn Minuten darauf waren sie an dem andern Ufer. Vor der Hütte des Manos, die seitwärts in einem Mangrovegebüsch stand, brannte ein Feuer.

In seinem Scheine erblickte man in einiger Entfernung ein kleines Zelt, wie es wohl von Reisenden durch die Einöde, wo man auf weite Strecken hin nicht auf eine menschliche Wohnung rechnen kann, mit sich geführt wird.

Dieses indianische Zelt - nur daß es, statt von Büffel-Häuten, von Segeltuch war, - schien auf allen Seiten verschlossen.

Vor der Hütte des Fährmanns, auf einem Stierschädel, welche hier wie an den bulgarischen Ufern der Donau statt der Sessel dienen, saß ein Mann in mexikanischer Kleidung, gleichgültig seine Cigarre rauchend. Der Schnitt seines Gesichtes, die Farbe seiner Haut, das Gelb seiner Augen verrieth, daß es ein Mestize war, eine Race von Menschen, die meist die schlechten Eigenschaften der Weißen und der Indianer in sich vereinigen und die eben so häufig, gleich als ein Erbtheil ihres vermischten Blutes, die Verbindung zwischen beiden erhalten.

Doña Dolores betrachtete nicht ohne Verwunderung diese eigenthümliche Umgebung. Dann schritt sie ohne Weiteres auf den Mann zu, der - wider alle spanische Sitte der Courtoisie gegen Damen, keine Miene machte, sich von seinem Sitz zu erheben.

»Wer sind Sie, Señor?«

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»Die Frage ist eigenthümlich, Madoña!« sagte der Mensch mit einem frechen Lächeln. »Ich wüßte nicht, daß ich Sie schon um Ihren Namen gefragt hätte.«

»Ich habe ein Recht dazu, denn Sie befinden sich hier auf dem Gebiet meines Vaters, des Senators Don Estevan da Sylva Montera.«

»Soviel ich weiß, braucht man auf allen Straßen von Mexiko, auch wenn sie nicht der hohen Regierung dieses Landes gehören, keinen Paß,« meinte spöttisch der Fremde. »Indeß der Name, den Sie mir genannt, ist ein zu vornehmer, als daß ein so unbedeutender Mensch wie Euer Excellenz' unterthäniger Diener sich weigern sollte, den seinen zu nennen. Ich heiße Volaros und bin meines Gewerbes ein Courier, und zuweilen auch ein Führer fremder Reisender.«

»Aber wie kommen Sie hierher?«

»Euer Gnaden haben es bereits gehört. Ich beschäftige mich, wenn die hohe Regierung meine Dienste gerade nicht anderweitig in Anspruch nimmt, mit der Geleitung von Reisenden, sei es zu ihrem Vergnügen, sei es zu andern Zwecken.«

»So führen Sie Reisende auf diesem Weg?«

Statt der Antwort deutete der Mestize, dem wir bereits in dem Hause des Gouverneur Juarez begegnet sind, mit einer Bewegung seines Kopfes nach dem verschlossenen Zelt.

»Das ist seltsam genug. Aber wer sind diese Reisenden, daß sie sich in einer solchen Zeit in diesen gefährdeten Landstrich wagen?«

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»Quien sabe! was kümmert's mich - ich habe sie nicht nach ihrer Adresse gefragt, sondern folge meinem Auftrag. Euer Excellenza vergessen, daß Sie selbst sich in diesem Augenblick hier befinden, und daß dies für eine Dame noch gefährlicher erscheint.«

»Ich begebe mich zu meinem Vater,« sagte die Doña stolz. »Aber mich kümmern die Beweggründe wenig, welche Sie und Ihre Begleiter hierherführen. Ich möchte Sie nur fragen, ob Sie vielleicht genauere Kunde über die drohende Nähe der Indianer gehört haben, als der verwirrte Bericht jenes Halbwilden sie geben kann?«

»Caramba - was ich weiß, stammt aus derselben Quelle. Aber es scheint mir genug, um jeden vernünftigen Menschen, der seine Schädelhaut lieb hat, zu veranlassen, die Nacht lieber an diesem Ufer sich zu behelfen, als sich im Dunkel der Felsen und Büsche einem Pfeil zwischen den Rippen und einem Kreisschnitt um seinen Kopf auszusehen.«

Doña Dolores war nachdenkend geworden, - ihr Verstand und die Kenntniß der Gefahr sagten ihr, daß es thöricht sei, die Warnungen nicht zu achten. Dennoch wollte sie nicht ganz ihre Absicht aufgeben.

»Der Mond muß in einer Stunde aufgehen,« sagte sie, »dann beabsichtige ich, meine Reise fortzusetzen, da die Hacienda meines Vaters kaum anderthalb Leguas noch entfernt ist, und wenn Ihre Gebieter sich uns anschließen wollen, hoffe ich ihnen noch für diese Nacht ein besseres Unterkommen bieten zu können, als sie hier gefunden haben.«

»Euer Gnaden sind allzugütig,« erwiederte der

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Courier in dem früheren spöttischen Ton, »und ich werde nicht verfehlen, den Señores Extrangero's27 von Ihrem Anerbieten Meldung zu machen; darf ich unterdessen Euer Excellenz meinen Sitz anbieten?«

Er hatte sich von dem Stierschädel erhoben, aber die Dame winkte mit vornehmer Ablehnung und sah sich nach ihren Dienern um.

Während José einen alten kleinen Rohrsessel aus der erbärmlichen Hütte hervorholte, in die einzutreten die junge Haciendera mit Recht Anstand nahm, und diesen neben das Feuer stellte, worauf die Diener ihn mit ihren Ponchos so bequem als möglich machten, bemerkte Dolores, daß der Courier in dem Eingang des Zeltes verschwand, hinter dem drei Pferde und zwei starke Maulthiere angepflöckt waren. Die Sättel, darunter einer von der Form eines Damensattels, was besonders ihre Neugier erregte, lagen neben dem Zelt.

Die Frau des Indianers war indeß, in ihre Lumpen gehüllt, aus der Hütte zum Vorschein gekommen und hatte sich auf das Demüthigste der ihr wohlbekannten jungen Gebieterin genähert, während ihre beiden ältesten Kinder scheu in gehöriger Entfernung stehen blieben. Sanchez, von dem Entschluß seiner Herrin benachrichtigt, hier den Aufgang des Mondes abzuwarten, hatte eine Schildwache in der Richtung der Hacienda aufgestellt und benutzte die Gelegenheit, um die durch einen ziemlich langen und anstrengenden Ritt erschöpften Thiere tränken und füttern

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zu lassen, damit sie bei dem neuen Aufbruch wieder frisch und zu einem scharfen Galop tüchtig wären. Juanita, die Zofe, bereitete unterdeß an dem Feuer Chokolade für ihre Herrin.

Die Nacht war schön und prächtig. An dem dunklen Himmel blitzte unter Myriaden von Sternen das prächtige Sternbild der südlichen Zonen, das Kreuz; murmelnd rauschte über das Steinbett das Wasser des Bergstroms und gleich wandernden Feuerfunken flogen durch das Dunkel die zahllosen Leuchtkäfer, während von fern zwischen den Hügeln her von Zeit zu Zeit das Gekläff eines umher schweifenden Coyoten oder das langgedehnte Geheul eines Jaguars klang, den die Nähe der Heerden herbeigezogen hatte.

Doña Dolores war, in ihren Poncho gehüllt, in tiefe Gedanken und Träume versunken. Es war zum ersten Mal wieder, daß sie seit jener schrecklichen Gefahr, die sie bei dem Ueberfall der Apachen auf die Hacienda erfahren, in diese Gegend kam in der sie einen großen Theil ihrer Jugend zugebracht hatte. Sie dachte an die grimmigen Mienen des Wilden, wie seine Faust ihr reiches Haar gefaßt hielt, und die andere das Messer an ihre Stirn setzte - sie dachte an ihren kühnen Vertheidiger und Retter, und dann trat ihr seine Gestalt vor Augen, wie sie dieselbe, nachdem er mit Hohn und Spott von der Hacienda vertrieben worden, so unerwartet in San Francisco wiedergesehen, und wie ihre Hand das Pistol auf ihn abgedrückt hatte.

Dann dachte sie an den Grafen, ihren Verlobten, an

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die ehrgeizigen Hoffnungen, die ihr Vater an diese Verbindung geknüpft hatte, und verglich unwillkürlich den verwegenen und mächtigen Abenteurer der Civilisation mit dem, gleich ihm heimathlos umherwandernden jungen Helden der Wildniß, in dessen Adern auch das Blut der Fürsten seines Volkes rollte, wenn dieses Volk auch den Büffel der unendlichen Prairie jagte, statt des Luxus und der Laster des pariser Lebens sich zu erfreuen.

So war fast eine Stunde vergangen und der mattere Glanz der Sterne verkündete das Aufsteigen des Mondes, als sie von jenseits des Flusses her den Galop nahender Reiter zu hören glaubte.

Das scharfe Ohr der jungen Mexikanerin hatte sich nicht getäuscht. Als Doña Dolores ihr Haupt emporrichtete und ihr Auge dem Flusse zuwandte, sah sie dort bereits Sanchez horchend stehen und neben ihm den Mestizen. Der Galop der Pferde, - es schien eine Truppe von mindestens zehn oder fünfzehn Reitern zu sein, - kam immer näher und bald zeigte sich eine dunkle Gruppe auf der Höhe des gegenüberliegenden Ufers.

Da sie von der Seite von Guaymas herkamen, konnten es unmöglich Feinde sein, und bald bewahrheitete sich auch diese Annahme, denn es erscholl von denen drüben, als sie das Feuer bemerkten, in spanischer Sprache ein Zuruf und die Frage, ob Christen und Mexikaner - also Freunde - sich am jenseitigen Ufer befänden, und ob es vielleicht der Reisezug der Tochter des Don Montera sei? Auf die Antwort, daß dies wirklich der Fall, lenkte einer der Reiter, der mit dem Weg einigermaßen

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vertraut schien, sofort sein Pferd in den Fluß und die Anderen folgten ihm.

Doña Dolores hatte, als sie die Fremden als Freunde erkannte, keinen Augenblick daran gezweifelt, daß es Graf Boulbon selbst sei, und sich nur gewundert, den befehlenden und mächtigen Ton seiner Stimme nicht gleich zu hören.

Um so mehr erstaunte sie daher, als der kleine Trupp in den Schein des Feuers ritt und sich aus den Sätteln schwang. Es waren zwar meist ihr nicht unbekannte Gesichter, an ihrer Spitze der junge Deutsche, der Adjutant des Generals, Baron Arnold von Kleist, aber von dem General selbst war Nichts zu sehen, und ihr Vornehmen, ihn mit größter Kälte zu empfangen, ging daher in einer zum ersten Mal in ihr aufsteigenden Besorgniß unter, daß ihm irgend ein schlimmer Unfall begegnet sein könnte.

Dies fand sie denn auch sofort bestätigt, als der junge Offizier jetzt zu ihr trat und sie um einige Worte im Geheimen bat.

Sie ging mit ihm zur Seite, und hier berichtete ihr der Preuße Folgendes.

Graf Boulbon war am Mittag des Tages ihrer eigenen Abreise im Begriff gewesen, an der Schwelle des Hauses eben sein Roß zu besteigen, um ihr an der Spitze einer zweiten Abtheilung der Expedition zu folgen und den Senator noch in seinem ersten Nachtquartier zu erreichen, als sich vor den Augen seiner Leute und der ganzen Bevölkerung etwas so Seltsames als Schreckliches mit ihm ereignete.

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Die Hand, die sich ausgestreckt hatte, den Zügel zu fassen, war unbeweglich in der Luft schweben geblieben, eine plötzliche marmorähnliche Erstarrung schien sich aller seiner Glieder bemächtigt zu haben, das Blut aus seinen Wangen hatte einer todtenähnlichen Blässe Platz gemacht, das Auge starrte regungslos vor sich hin, die. Lippen, auf denen noch das Wort des Abschieds schwebte, blieben geöffnet. Alle Willenskraft, alles physische Leben schien wie mit einem Blitzschlag aus der kräftigen Gestalt entwichen und eine vollständige Lähmung, wenn nicht gar der Tod selbst eingetreten.

Alles war sofort zugesprungen, zunächst der deutsche Arzt, der kopfschüttelnd und mit besorgter Miene den Kranken in das Haus zurück und auf sein Lager zu bringen befahl. Der Knabe Jean hatte sich wie verzweifelt auf den starren Körper seines Verwandten geworfen und die Haare gerauft, kaum daß Bonifaz ihn mit Gewalt von der lebendigen Leiche fortzubringen vermochte.

Denn mit einer solchen hatte man es zu thun, wie sich alsbald zeigte. Vergeblich wandte der Arzt alle gewöhnlichen Hilfsmittel gegen den Starrkrampf an, die geschlagene Ader gab kein Blut, das Reiben und Erwärmen der Glieder zeigte nicht die geringste Empfindung, der Geruch scharfer Essenzen übte keine Wirkung auf die Nerven. Und doch konnte man kaum zweifeln, daß der Unglückliche in diesem schrecklichen Zustand bei vollem Bewußtsein sei, denn wenn auch der Augapfel starr und unbeweglich blieb, zeigte sich in der Starrheit dieses Blickes doch zuweilen ein

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Ausdruck - etwas Unbezeichenbares von Leben und Empfindung, - der nicht zu verkennen war.

Das war übrigens auch das Einzige, was dem Arzt, der wirklich mit großer Theilnahme sich um den Kranken bemühte, Hoffnung gab. Er wiederholte seine Behauptung, daß dieser Zustand von Katalepsie unzweifelhaft von der Wunde durch den Krys des Malayen und die Aufregung der vergangenen Scenen entstanden sei, er hoffe, daß die Krisis glücklich vorübergehen und nicht wie in anderen Fällen von Starrsucht mit dem wirklichen Tod enden würde, aber er vermochte eben Nichts, als der Natur ihren Lauf zu lassen, und als man ihn weiter befragte, ob die Vergiftung des Dolches, von der er gesprochen, noch spätere Folgen haben werde, zuckte er schweigend die Achseln.

Während nun Jean und Bonifaz abwechselnd Tag und Nacht bei ihrem Herrn die Wache hielten, auf ein Zeichen wiederkehrenden Lebens lauschend, waren die Offiziere der Expedition zu einer Berathung zusammengetreten, was unter diesen Umständen geschehen solle. Die Meinungen waren sehr getheilt. Viele, darunter der junge Preuße, wollten unter keinen Umständen ihren General verlassen, bis sein Schicksal entschieden sei, Andere, und an ihrer Spitze stand namentlich Don Carboyal, drängten darauf, die Expedition auf das Schleunigste ganz in derselben Weise abgehen zu lassen, wie es der Graf angeordnet hatte. -

Endlich einigte man sich dahin - da der zugezogene Arzt erklärte, nicht angeben zu können, wann die entscheidende Krisis eintreten werde, ob in Stunden, ob in Tagen,

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ja selbst möglicher Weise nach noch längerer Dauer, - daß man noch vierundzwanzig Stunden warten wolle und daß dann der größere Theil der Expedition unter Führung des Kapitain Perez und Leitung des mexikanischen Offiziers aufbrechen müsse, um dem Abkommen gemäß die Hacienda del Cerro zu besetzen. Hierauf drangen auch die Kaufleute der Stadt und die noch anwesenden Haciendero's, die auf einer Aufrechthaltung des Contrakts zum Schutz gegen den Einfall der Wilden bestanden.

Zugleich wurde bestimmt, daß einer der Offiziere mit einigen Begleitern bereits am andern Morgen aufbrechen solle, um dem Haciendero die Nachricht von dem Geschehenen und der Nachfolge der Expedition zu bringen. Da keiner das Amt dieses Boten freiwillig übernehmen wollte, wurde darum nach mexikanischer Sitte geloost, d. h. die Würfel entschieden, und der niederste Wurf, - den ein Anderer für ihn that, da er ein Gelübde vorschützte, das ihm verbot, zu spielen - traf den Preußen. Die Anordnungen waren im Ganzen so verständig, er fühlte, daß er mit einer Weigerung sich dem schweren Tadel des Grafen bei dessen Wiederherstellung aussetzen würde, daß er den Auftrag unmöglich ablehnen konnte. Auch empfand er, daß er in seiner höheren Bildung wohl die allein geeignete Person war, der Verlobten des Generals und ihrem Vater die traurige Botschaft mitzutheilen.

Unter diesen Berathungen war übrigens der Tag vergangen, und am andern Morgen traf erst spät der erste Transport der Pferde ein, welche die benachbarten Haciendero's für die Expedition versprochen hatten. So kam es,

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daß Lieutenant von Kleist erst nach der Mittagshitze mit seinen Begleitern aufbrechen konnte, die aus sechs Mitgliedern der Expedition und einem Peon bestanden, welcher als Wegweiser dienen sollte. Kapitain Perez hatte zu den Ersteren unter Andern die würdigen Freunde Slongh und Meredith bestimmt, da sich die edle Kompagnie bereits durch ihre Betrügereien im Spiel bei der Bevölkerung der Stadt ziemlich bekannt gemacht hatte und in Gefahr war, mit einem guten Dolchstich belohnt zu werden.

Durch diese Verzögerungen war es dem Preußen auch nicht mehr gelungen, die Señora an dem Orte anzutreffen, wo sie der Senator zurückgelassen hatte, und obschon er alsbald von dort wieder aufgebrochen und ihr gefolgt war, schien die Kenntniß des ihn begleitenden Peons von dem Wege nicht sehr groß gewesen zu sein, denn sie hatten mehrfach eine falsche Richtung eingeschlagen und erst um diese späte Stunde war es ihnen gelungen, die Furth und damit den Reisezug der Dame aufzufinden.

Dies waren die Mittheilungen, welche so vorsichtig als möglich der junge Offizier der Verlobten seines Generals machte, indem er hinzufügte, daß bei seinem Verlassen Guaymas' sich in dem Zustand des Grafen noch nicht das Geringste geändert hatte.

Doña Dolores hatte die Nachrichten des Offiziers nicht ohne große Bewegung aufgenommen. Wenn auch in der Verlobung mit dem berühmten Franzosen nicht ihr Herz, sondern mehr ihr Stolz im Spiel war, drohten die darauf gebauten Erwartungen doch jetzt plötzlich zu

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scheitern, und das Ausbleiben oder selbst die Verzögerung der Expedition setzten ihren Vater und sein Eigenthum schweren Gefahren aus. Sie beeilte sich daher, dem Offizier die Nachrichten mitzutheilen, die sie hier erhalten und nur ihren Wunsch anzudeuten, daß sie so bald als möglich nach der Hacienda gelangen möchten.

Der Mond war unterdeß aufgegangen und erhellte mit seinem Schein die ziemlich öde Gegend, deren Gestaltung nicht erlaubte, einen weiten Ueberblick zu thun. Lieutenant von Kleist hatte sofort als ein stillschweigendes Recht die seinere Leitung der Expedition übernommen, aber er hatte Verstand genug, der Erfahrung der mit den Umständen und der Gegend vertrauten Männer, wenn sie auch von untergeordneter Stellung waren, mehr zu vertrauen als seiner eigenen Ansicht. Nachdem er daher den in der Entfernung eines Büchsenschusses aufgestellten Posten hatte ablösen lassen und von diesem nichts Verdächtiges gehört hatte, ließ er sich von Sanchez und dem Fährmann nochmals Alles mittheilen, was vorgefallen, befrug sie auf das Genaueste über die noch zurückzulegende Wegstrecke und berieth mit ihnen noch einmal, ob es nicht besser sei, am andern Ufer des Stroms das Tageslicht abzuwarten.

Bei dieser Berathung fiel sein Blick auf das kleine Zelt, das trotz der Ankunft der neuen Gesellschaft bisher noch immer verschlossen geblieben, und er frug die Señora, für deren Eigenthum er es hielt, ob die Diener es abbrechen sollten.

»Sie irren, Señor,« erwiederte die Dame, »jenes

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Zelt gehört nicht mir, und die Personen, die es benutzen, sind mir unbekannt.«

»Wie,« sagte der Offizier erstaunt, - »diese Leute sind nicht einmal so höflich gewesen, Ihnen dies Obdach gegen den Thau der Nacht anzubieten? Ich möchte doch sehen, wer sich eines solchen Mangels an Achtung und Galanterie schuldig gemacht hat. Ueberdies erfordert die Vorsicht und meine Pflicht für Sie, daß wir wenigstens wissen, in wessen Gesellschaft wir uns befinden.«

Er that einige Schritte auf das Zelt zu, aber der Mestize stellte sich ihm in den Weg.

»Verzeihen Sie Caballero,« sagte er, »aber meine Patrones wünschen ungestört zu bleiben. Ich habe ihnen vorhin von dem Anerbieten dieser Dame gesagt, die Gastfreundschaft der Hacienda del Cerro noch in dieser Nacht zu genießen, aber sie ziehen es vor, hier den Tag zu erwarten und ihre Reise allein fortzusetzen.

Der Offizier fühlte in diesem Augenblick, daß ihn Jemand hinten am Rock zog, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, und als er sich umwandte, fand er, daß es der würdige Methodist war.

Master Slongh hatte sich nach seiner Gewohnheit alsbald damit befaßt, umher zu spioniren, und weil das Zelt seine Aufmerksamkeit erregt, sich hinter dasselbe geschlichen. Was er da durch einen Spalt und den Mondstrahl erlauscht oder gehört, schien so absonderlicher Natur, daß er sich alsbald ebenso heimlich wieder zurückzog, einige Minuten mit dem Freund seiner Seele, dem Kentuckier Meredith sprach, der alsbald seine Büchse zur Hand

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nahm, und sich dann, wie wir gesehen, in das Gespräch seines Offiziers mischte.

»Was wollen Sie?« frug dieser.

Slongh winkte ihn geheimnißvoll bei Seite. »Der grimmige Löwe geht herum bei Nacht und suchet, wen er verschlinge,« näselte der Methodist. »Es ist Gefahr im Reiche Israel!«

»Halten Sie mich mit Ihren Thorheiten nicht auf,« befahl der Offizier streng, »sagen Sie klar, was es giebt!«

»Ich habe eine Entdeckung gemacht!«

»Welche?«

»Es wird gut sein, wenn Sie auf der Durchsuchung jenes Zeltes bestehen. Die Schlange der Verderbniß lauert im Verborgenen, und die Bösen folgen der Spur der Gerechten.«

Der Baron ließ ihn unwillig stehen und wandte sich zu dem Mestizen. »Es ist meine Pflicht, jenes Zelt zu untersuchen und die Personen kennen zu lernen, welche sich so auffällig unsern Augen entziehen wollen. Machen Sie also Platz!«

Der Courier zuckte die Achseln. »Vamos!« sagte er mit der Gleichgültigkeit eines Mannes, der weiter kein Interesse an der Sache hat, - »ich bin nicht dazu gemiethet, ein Incognito mit Gewalt zu vertheidigen und habe das Meine gethan.«

Der Offizier trat an das Zelt und streckte die Hand nach der Leinwand aus, welche den niedern Eingang bedeckte.

»Wer Sie auch sein mögen, die Sie dieses Zelt

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bewohnen,« sagte er, »es ist nöthig, daß Sie einige Auskunft über sich geben, oder wir müssen Sie mit Gewalt dazu zwingen.«

Der Vorhang öffnete sich, ein Mann trat in gebückter Haltung heraus und richtete sich empor.

Eine andere unförmliche Gestalt folgte ihm und blieb am Boden kauern.

Der Lieutenant trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er diesen Mann und seinen Begleiter erkannte, und machte eine Bewegung mit der Hand, als suche er den Griff seines Hirschfängers. Die Personen, die er vor sich sah, und die er weit entfernt bereits auf dem Meere glaubte, waren der unglückliche Lord von Drysdale und der malayische Krüppel.

»Mylord - Sie hier?« stammelte bestürzt der junge Offizier.

»Wie Sie sehen, Herr! Was wollen Sie von mir? Ist es einem englischen Gentleman nicht gestattet, durch dieses Land zu reisen, ohne jedem fremden Abenteurer Rechenschaft geben zu müssen?«

»Einem Gentleman wohl, Mylord,« sagte der junge Mann heftig, »aber nicht einem feigen Meuchelmörder!«

»Wahren Sie Ihre Zunge, Sir,« rief der Engländer - »Sie stehen hier nicht unter dem Schutz Ihres ehrlosen Athleten mit dem hochtrabenden Namen, der den Abschaum der Menschheit um sich versammelt.«

»Und den ein Gentleman, wie Lord Drysdale, sich nicht scheute, statt eines ehrlichen Kampfes zu vergiften!«

Der Engländer fuhr offenbar betroffen zurück bei

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dieser Anklage, die ihm der junge Offizier in's Gesicht schleuderte.

»Was sagen Sie da, Sir - Graf Boulbon todt - vergiftet?«

»Wenigstens vergiftet, wehrlos gemacht durch den Dolch Ihres Kumpans,« sagte der Deutsche streng. »Die Klinge desselben muß früher vergiftet gewesen sein, und Gott allein weiß -« er unterbrach seine Worte und wandte sich horchend nach der Seite, wo die Schildwach stand.

Es war ihm, als hätte er einen leichten Schrei, ein Stöhnen des Schmerzes von dort her vernommen.

Auch Sanchez, der Begleiter der Señora, hatte einen ungewöhnlichen Laut beachtet, und war horchend vorgetreten.

Der Engländer hatte jedoch Nichts vernommen. Er faßte den Arm des Offiziers. »Auf meine Ehre, Sir, was Sie mir sagen, ist mir ganz unbekannt. Wie unritterlich und schmachvoll für uns auch jener Kampf ausgefochten wurde, nie ist es weder mir noch meinem unglücklichen Gefährten eingefallen, von einer unehrlichen Waffe Gebrauch zu machen. Ich habe Guaymas nicht wieder betreten, als ich vor vier Tagen den Bord der Najade jenseits des Cap Horn verließ und meinen Weg hierher nahm, um - ich leugne es nicht - Ihrem Anführer wieder zu begegnen und mein Gelübde zu lösen. Wenn Lord Boulbon ein Unglück betroffen hat, so muß er es der Schuld beimessen, einen hundertfachen Mörder gegen einen ehrlichen Mann vertheidigt zu haben, ich aber -«

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Ein Schrei, der Knall einer Büchse unterbrach ihn - Sanchez, der alte mexikanische Diener, warf die Arme in die Luft und stürzte in Todeszuckungen nieder auf das Gesicht. Durch das Geschrei aber der wie eine Heerde auseinander Flüchtenden: »Die Indianer! die Apachen!« gellte ein Höllenmordio und dunkle furchtbare Gestalten zu Roß und zu Fuß flogen mit teuflischem Geheul über den kurzen Raum und warfen sich auf die Erschreckten.

Der Kentuckier, der die Büchse im Arm - zu der er seinem Freunde Hawthorn zu Liebe bei der Nachricht von der Anwesenheit des Engländers gegriffen hatte, - allein im Stand bereiter Vertheidigung sich befand, war auch der Erste, der von seiner Waffe Gebrauch machte, und sein Schuß stürzte einen der heransprengenden Wilden vom Pferde. Dann aber riß die Hand seines vorsichtigeren Gefährten ihn in das Dunkel, um einen Schlupfwinkel zu suchen.

Den Lord hatte bei dem unerwarteten schrecklichen Auftritt die Kaltblütigkeit des alten See-Offiziers nicht verlassen, und er sprang bei dem ersten Mordio nach dem Zelte, wo mit den Sätteln der Thiere seine Waffen, von einer Decke gegen den Nachtthau geschützt, lagen. Aber der Mestize war eben so rasch als er, und indem er ihn an dem Ergreifen der Büchse oder der Lochaber Axt, die auch hier ihn begleitet, hinderte, stieß er ihn und den Malayen in das Zelt.

»Bei der heiligen Jungfrau, Señor - was wollen Sie thun? Sie haben mich gedungen, Sie in das Lager der Apachen zu geleiten,« flüsterte er, »und jetzt wollen Sie

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Ihr Bündniß ihnen mit Kugeln und Axthieben antragen? - Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind verloren, und überlassen Sie Alles mir!«

Er hatte zugleich einen großen Zweig von dem nächsten Busch gerissen und kauerte sich damit waffenlos vor den Eingang des Zeltes nieder.

Dies Alles war das Werk weniger Sekunden.

Mit der Bewegung des Engländers zusammen war auch Lieutenant von Kleist zurückgesprungen. Mit raschem Blick überflog er das Terrain, während die Indianer mit geschwungenen Lanzen und Tomahawks heranstürmten, ihnen voran auf seinem weißen Pferde eine mächtige furchtbare Gestalt, der Graue Bär. Er erblickte die Señora, halb zusammengebrochen vor Schreck, die Augen mit Entsetzen auf den grimmigen Reiter gerichtet, und hatte eben nur noch Zeit, sich vor sie zu werfen und mit dem rasch gezogenen Hirschfänger den Stoß der Lanze zu pariren.

Der Fechtunterricht der Kriegsschule in Berlin kam ihm hierbei trefflich zu Statten, die scharfe Klinge zerschlug die Lanze des Häuptlings und während dieser im wilden Ansprung des Pferdes an ihm vorüberschoß, umfaßte der Offizier Dolores und trug sie gegen das Ufer hin, um mit ihr den Kahn zu erreichen.

Aber seine tapfere That sollte leider nicht mit Erfolg belohnt werden.

Während der Graue Bär wüthend über den verfehlten Stoß in seinem Rennen einhielt, waren der Springende Wolf und zwei der Krieger, die ihre Pferde in der nöthigen Entfernung zurückgelassen hatten, um zu Fuß

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heranschleichen und die Wache überfallen zu können, bereits auf den jungen Preußen zugestürzt. Dieser mußte, um sich der furchtbaren Feinde erwehren zu können, die Donna loslassen, die halb ohnmächtig zu Boden sank, er ließ den Hirschfänger an dem Riemen um seine Hand fallen und riß den Revolver aus seinem Gürtel.

»Teufel! Bestien in Menschengestalt! - Nicht lebendig!« -

Die erste Kugel des Revolvers durchbohrte die Brust des nächsten Indianers, der eben seinen Tomahawk zum zerschmetternden Schlage erhoben, - die zweite lähmte den Arm des »Springenden Wolf,« aber der dritte, ein kräftiger und gewandter Krieger warf sich auf den Lieutenant, ehe dieser noch seine Waffen gebrauchen konnte und umfaßte ihn mit den Armen. Ein wildes Ringen, so blitzschnell in den Bewegungen, daß keiner der Kämpfenden hätte helfend nach der einen oder anderen Seite eingreifen können, erfolgte, während dessen die beiden Gegner immer näher dem Fluß drängten.

Der Apache war ein starker Krieger von etwa vierzig Jahren und der junge Preuße fühlte bald, daß er an körperlichen Kräften ihm überlegen war. Aber die ungeschlachte Stärke wurde vollkommen durch die Gewandtheit des jungen Soldaten ausgewogen, der übrigens begriff, daß er doch unterliegen müsse, selbst wenn er in dem Ringen Sieger bliebe, und daß nur ein besonderes Glück noch sein Leben retten könne.

Während dieses Einzelnkampfes hatte das Gemetzel fortgedauert, die Apachen tödteten Alles, was ihnen in dem

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ersten Anlauf unter die Schneide der Tomahawk's oder die Spitzen ihrer Lanzen kam. Die Mexikaner und die vier Abenteurer der Freischaar, welche noch mit dem Offizier gekommen waren, hatten sich zwar nach der ersten Ueberraschung zur Wehr gesetzt und namentlich die Letzteren verkauften ihr Leben theuer genug. Aber obschon noch drei oder vier der Apachen fielen, vermochten sie doch nicht der Uebermacht zu widerstehen, und sie sanken unter den Messern und Beilen ihrer Gegner, die mit den blutrauchenden Scalp's ihre Gürtel schmückten.

Nachdem übrigens die erste Mordgier vorüber war, der unter den Trümmern ihrer in Brand gesteckten Hütte auch der Fährmann José mit seiner ganzen Familie zum Opfer gefallen war, thaten die Häuptlinge selbst dem Morden Einhalt, denn es lag ihnen vor Allem daran, einige Gefangene mit in das Lager zurückzubringen, um denselben nöthigenfalls durch alle Qualen der indianischen Folter Geständnisse über die Zahl und die Absichten der ihnen noch unbekannten Feinde zu erpressen, von denen Wonodongah gesprochen.

Der Stolz des würdigen Methodisten Slong auf seinen berühmten Mantel war sein Verderben gewesen; denn der Wiederschein desselben in der Gluth der brennenden Hütte ließ einen spionirenden Wilden die beiden Freunde in einem Gebüsch entdecken, wohin sie sich verkrochen hatten und wo sie wahrscheinlich ohne das glänzende Kleidungsstück unentdeckt geblieben wären. Sie wurden von rohen Händen herausgeholt und ihr Glück war, daß der Methodist weislich vorher ihre Waffen bei

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Seite gebracht hatte. Der rothe Mantel fiel als erstes Opfer, indem er von dem Entdecker sehr unsanft dem frommen Mitglied der Expedition von den Schultern gerissen wurde, wobei sich dieser bei der versuchten Vertheidigung seines Lieblings-Kleidungsstückes einen so gewaltigen Schlag vor den Kopf zuzog, daß eben nur sein harter Schädel ihm Widerstand leisten konnte. Der Methodist und der Kentuckier wurden zu einer hilflosen Masse zusammengeschnürt und als solche über zwei Pferde geworfen.

Unterdeß war der fliegende Pfeil mit Anderen gegen das Zelt gestürmt, dessen ihnen noch verborgener Inhalt den Indianern als ein besonders wünschenswerther Theil der Beute erscheinen mochte. Sie fanden sich daher sehr getäuscht durch die Zeichen des Friedens, mit welchen der Courier sie empfing, der genug von der Sprache der Apachen verstand, um sich zugleich auch durch diese ihnen verständlich zu machen.

Alsbald begann sich der Haufen der Mörder, nachdem ihre blutige Arbeit gethan, hier zu sammeln und auch Makotöh, der die noch immer ohnmächtige Dolores vor sich auf das Pferd gehoben hatte, lenkte sein Roß hierher. Zwölf Leichen, einschließlich der des alten Fährmannes, lagen gräßlich verstümmelt umher, aber unter ihnen fehlte der junge Offizier und sein Gegner, mit dem er so tapfer gerungen.

»Meine rothen Brüder sind willkommen,« hatte der Courier gerufen, »sie haben uns den Weg erspart, sie aufzusuchen. Ein großer Krieger des Ostens ist gekommen, sie zu sehen, um mit ihnen zu rauchen und zu jagen.«

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Trotz dieser Versicherung der Freundschaft wäre dem Mestizen seine Absicht vielleicht doch nicht geglückt, wenn nicht der junge Häuptling der Mimbreno's ihn von früheren Zügen durch sein Gebiet und allerlei Handelsgeschäften gekannt hätte.

Mechocan zügelte sein Pferd, befahl seinen Begleitern inne zu halten und redete den wegen seiner Ausdauer zu Pferde und auf Reisen der »Eilende Wind« genannten Courier an.

»Mein Bruder redet süße Worte, aber ich finde ihn bei Denen, welche auf dem Kriegspfad sind gegen die Apachen.«

»Der Häuptling ist im Irrthum,« entgegnete mit möglichster Ruhe der Führer. »Voleros ist nie weiter davon gewesen, seinen Freunden, den Apachen, zu schaden, als in diesem Augenblick. Er führt ihnen zwei Bundesgenossen zu, von denen der Eine von der großen Mutter jenseits der Wüste kommt und ein Feind ist des Unkle[Uncle] Sam und der Schwarzhaarigen.«

Der Indianer that, als ob er sich nach diesen Personen umsähe. Dann sagte er: »Der Mann mit zwei Vätern28 heißt nicht umsonst der »Wind«, denn er redet Wind. Die Apachen schauen umher, wo die Freunde sind, von denen er spricht und sie sehen Luft.«

»Die Männer, von denen ich rede, sind weit hergekommen,« erklärte der Courier. »Mein Bruber möge seine Freunde und seine Krieger versammeln, dann werden sie

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erscheinen und sprechen. Sie sind nicht mit leeren Händen gekommen, als sie über das große Wasser fuhren, um ihren Freunden, den Apachen, beizustehen gegen die Fremden und ihre großen Donnerbüchsen.«

Die Worte, die mit der Nachricht des »Jaguar« und dem eigentlichen Zweck ihres Späherrittes so sehr übereinstimmten, veranlaßten den jungen Häuptling, seine Neugier zu unterdrücken und die Sache als eine, die Nation angehende zu behandeln. Er rief daher noch den »Springenden Wolf« herbei, der eben seine Wunde mit einem Tuch verbunden, das er der heulenden Zofe der jungen Haciendera abgenommen hatte, und die drei Häuptlinge standen jetzt zusammen vor dem Courier.

»Kennt mein Bruder diesen Mischling?« frug der Graue Bär den jüngeren Häuptling.

»Es ist der »Eilende Wind«, sagte dieser. »Er ist schon oft durch das Gebiet der Mimbreno's gekommen auf dem Weg nach der großen Stadt der Schwarzhaarigen und hat uns Nachrichten von unsern Feinden gegeben. Seine Mutter war die Tochter eines Häuptlings. Diese Büchse ist sein Geschenk.«

»Es ist gut. Er ist willkommen; die Worte meines Bruders haben seinen Scalp gerettet. Aber was redet er von einem Krieger der großen weißen Mutter jenseits des Salzwassers?«

Statt aller Antwort zog Volaros die Decke des Zeltes zurück. Hinter derselben stand ruhig, auf seine Art gestützt, der Lord.

Die bleiche Farbe seines Gesichts, die finstre Schwermuth,

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die auf seiner Stirn lag, der Ernst seines Blicks waren in Nichts geändert durch die drohende Gefahr und die schreckliche Scene, welche sich um ihn her ereignet hatte. Er trat einen Schritt vor, ließ sein Auge langsam über die blutige und schreckliche Bande schweifen und wandte sich dann zu seinem Führer und Dolmetscher.

»Sind dies die Häuptlinge der Apachen?« frug er.

»Ja, Mylord - es sind die Häupter ihrer drei tapfersten Stämme.«

»So sage ihnen, daß Henry Norford, Lord von Drysdale, gekommen ist, um mit ihnen gegen den Grafen Raousset Boulbon zu fechten, der sich einen Abkömmling der Könige Frankreichs nennt, - gegen ihn und die Mörder, die ihn begleiten.«

Der Mestize zuckte unmerklich die Achseln. Er wußte daß die Gesellschaft, an welche er diese Worte richten sollte, aus Mord und Grausamkeiten selbst ihren Feinden keinen Vorwurf machte und änderte daher die Botschaft in seinem Sinn.

»Der große Krieger der weißen Mutter,« sagte er, »grüßt die Häuptlinge der berühmten Nation der Apachen. Er hat gehört, daß sie in das Land seiner Feinde eingefallen sind und ist gekommen, um ihnen beizustehen.«

»Hugh! - Was brauchen wir die Hilfe der Bleichgesichter? Die Apachen sind Männer. Die Schwarzhaarigen fliehen vor ihrem Angesicht!«

Der Mestize fühlte, auf welchem gefährlichen Boden er sich befand. »Es ist wahr,« entgegnete er, »die Mexikaner können so tapfern Kriegern nicht widerstehen.

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Deshalb haben sie die stärksten Männer des Unkle[Uncle] Sam für Gold kommen lassen, um ihnen beizustehen.«

Ein Lächeln des Hohns glitt über die finstern Züge des Gileno. »Der Mischling redet Luft,« sagte er. »Der Unkle[Uncle] Sam ist ein Freund der Apachen, er hat ihnen Büchsen gegeben und Pulver zu diesem Kriege. Wie kann er seine Krieger gegen sie senden?«

Diese freundnachbarliche Politik der nordamerikanischen Freistaaten lag zu sehr in ihrer ganzen Verfahrungsweise gegen das von Parteien zerrissene Mexiko, als daß der Courier die Thatsache im Geringsten bezweifelt hätte. Es galt nur, sich aus der Schlinge zu wickeln, in die der Wilde seine Angaben gefangen hatte.

»Der Unkle[Uncle] Sam ist eine große Nation,« sagte er daher gelassen, »sie zählt viele Stämme, wie die der Apachen; sein Arm reicht weit, aber nicht so weit, daß er alle Fremdlinge hindern könnte, wenn sie im Norden kein Gold gefunden, hierher zu kommen, um das Gold im Lande der Apachen zu suchen und sie zu bekriegen. Ein großer Krieger aus dem Osten führt sie und diese Augen haben gesehen, daß sie zwei mächtige Donnerbüchsen mit sich gebracht haben.«

Wir haben bereits angeführt, daß die Uebereinstimmung dieser Nachrichten mit den kurzen Andeutungen Wonodongah's großen Eindruck auf die Indianer gemacht hatte. Dies zeigte sich auch in dem Schluß der Verhandlungen, denn der Graue Bär begnügte sich, nach kurzer Ueberlegung zu fragen:

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»Ist dieser Mann ein berühmter Krieger in seiner Heimath?«

»Du wirst es erfahren in dem Kampf. Er folgt seinem Todfeind seit zwei Jahren über die großen Salzwässer, die kein Ende haben.«

»Hugh! Die Apachen haben von der großen weißen Mutter gehört. Und Du sagst, daß er ihnen Geschenke bringe von ihr?«

»Die Häuptlinge werden dieselben im Rath der Nation erhalten.«

»Gut!« Der Gileno trat einen Schritt auf den Engländer und seinen Diener zu, den die Indianer mit mehr Neugier noch betrachtet hatten, als den Herrn.

Makotöh legte seine flache Hand auf die Brust des Lords. »Mein Bruder ist willkommen,« sagte er - »Der wandernde Tod« - dies war der Name, den er in der bilderreichen Sprache seines Volkes dem bleichen und finstern Aussehen des unglücklichen Pairs zollte und der diesem während seines ganzen Verkehrs mit den Indianern blieb, - »wird mit uns die Pfeife rauchen und an unserer Seite seinen großen Tomahawk schwingen. Es ist Zeit zur Rückkehr!«

Fünf Minuten darauf war die Bande auf dem Wege zu dem Lager der Meskalero's. Der »Graue Bär« hielt seine Beute, die ohnmächtige Dolores, vor sich auf dem Pferde, der Lord, der Malaye und der Courier ritten auf den ihren, und der würdige Methodist mit seinem kentucky'schen Freunde wurden in höchst unangenehmer Weise quer über zweien der erbeuteten Pferde befördert, während die Zofe

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der Doña von einem der andern Krieger in derselben Weise, wie ihre Gebieterin, fortgeführt wurde.

Dies war der Zug der wilden Nachtgespenster, der an dem Kreuzträger und dem jungen Vaquero vorübersauste und in dem Dunkel der Nacht verschwand.



Der Kanadier hatte dem Reitertrupp drohend nachgeschaut, dann wandte er sich in eiligem Lauf der Stelle zu, wo die letzten brennenden Trümmer der Hütte des armen friedlichen Fährmanns eben in sich zusammensanken.

Der erste traurige Gegenstand, auf den sie stießen, war der in der gewöhnlichen Weise verstümmelte Leichnam der Schildwach. Die indianischen Krieger, welche auf den Befehl ihrer Häuptlinge in so weiter Entfernung von den Pferden gestiegen waren, daß deren Hufschlag auf dem hier nach dem Flußufer weicheren Boden nicht gehört werden konnte, hatten sich mit der gewohnten Schlauheit an den Mann geschlichen und ihn - ehe er einen warnenden Ruf ausstoßen konnte - ermordet. Sein Todesseufzer war der Laut, welcher zuerst den jungen Offizier aufmerksam machte.

Weiter hin fanden sie um die glühenden Trümmer der Hütte die Leichname der erschlagenen Begleiter der Sennora und des Offiziers. Das Gepäck der Dame war theils auseinandergerissen, umhergestreut und geraubt, wie

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die Habsucht und der Geschmack der Indianer es ausgewählt hatte, - die Todten allein bewachten die Ueberreste.

Während der Wegweiser sich genügend davon überzeugte, daß hier kein Menschenleben mehr zu retten sei, hatte der junge Mann einige Holzstücke der verbrannten Hütte zusammengestoßen und auf's Neue aufflammen lassen. In dem Licht untersuchten die beiden Männer nochmals auf das Sorgfältigste die Umgebung, und ein Ruf des jungen Mexikaners verkündete alsbald einen Fund. Es waren die beiden Büchsen des Methodisten und seines Gefährten nebst den Kugeltaschen, welche die vorsichtige Furcht Slongh's gleich nach dem ersten Angriff versteckt hatte, um den Anschein jedes Widerstandes zu beseitigen. Aber indem sie die Waffen zu dem Feuer brachten, vernahm das scharfe Ohr des Wegweisers das Knacken eines Zweiges im nahen Gebüsch und im Nu lag seine Büchse in der linken Hand, bereit sich zum tödtlichen Schuß zu erheben.

Noch einmal knackten die Zweige, es ließ sich indeß Nichts sehen, und der Wegweiser hob ungeduldig seine Waffe.

»Parbleu,« sagte er laut, »die Wölfe können es unmöglich schon sein, die der Blutgeruch herbeilockt, ein Indianer würde vorsichtiger seinen Fuß sehen. Also heraus was da drinnen im Gebüsch ist, oder ich gebe Feuer!«

»Kreuzträger - seid Ihr es wirklich?« ertönte da eine matte Stimme.

»Zum Henker, ja - wer sollte es anders sein? Aber

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wer ist der Jemand, der mich hier kennt? Heraus mit Euch!«

Die Gebüsche nach dem Ufer hin hatten sich bereits geöffnet, und heraus schwankte kraftlos und von Wasser triefend die Gestalt des Preußischen Offiziers.

Der Wegführer sprang auf ihn zu. »Um Himmelswillen, Monsieur,« rief er, den Adjutanten des Grafen erkennend, »Sie hier? wo ist der General?«

»In Guaymas - er liegt schwer krank danieder!«

»Und Sie, mein Offizier? was ist geschehen mit Ihnen?«

»Man hat mich gesendet, der Señora und dem Senator die Ursach der Verzögerung mitzutheilen. Leider konnte ich sie hier erst erreichen, und kaum eine Viertelstunde nachher geschah das Unglück. Meine Ehre ist auf immer verloren, ich kann nie wieder dem Grafen vor Augen treten.«

»Señor,« sagte der Veteran der Einöde ernst, »Sie sind an Jahren gegen mich noch ein junger Mann, wenn auch der Ernst des Lebens Sie schon schwer getroffen haben mag, wie Alle, die über das Meer hierher kommen. Deshalb kann ich Ihnen, einem Offizier sagen: Die Ehre des Mannes hängt nicht von äußeren Zufällen ab, sondern kann nur durch ihn selbst verloren gehen. Ich bin überzeugt, daß Sie ein tapferer Mann sind und was geschehen ist, kann nur dem Eigensinn eines Weibes zugeschrieben werden. Erzählen Sie mir, wenn es Ihnen gefällig, was vorgefallen ist.«

Der Offizier berichtete kurz die plötzliche Erkrankung

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des Grafen, seine Mission und die Scene des Ueberfalles. Fühlend, daß er nicht im Stande war, den Kräften des Wilden länger Widerstand zu leisten, hatte er in dem Ringen seinen Gegner nach dem steilen Ufer des Bergstromes gedrängt und mit einer plötzlichen Anstrengung sich mit ihm in das Wasser geworfen. Ein geübter Schwimmer war es ihm hier gelungen, den Indianer so lange unter Wasser zu halten, bis dessen Umklammerung im Todeskampf sich löste, worauf es ihm gelang, sich zu befreien, sein Messer zu ziehen und sich des Feindes durch einen sicheren Stoß gänzlich zu entledigen. Zerschlagen, und blutend von dem Sturz und den Griffen des Wilden war es ihm nur mit großer Mühe gelungen, sich am Ufer empor zu arbeiten und in den Mongrove-Gebüschen desselben zu verbergen. Der Kampf war längst zu Ende und seine muthwillige Opferung wäre eine Thorheit gewesen. So hatte er bis zum Abzug der Wilden geharrt und dann sich aus dem Gebüsch gearbeitet, noch ungewiß, ob er auf Freund oder Feind treffen werde.

Jetzt aber, so zerschlagen und entkräftet er war, verlangte er dringend, die indianischen Räuber zu verfolgen, um sein Leben einzusetzen für die Dame.

Aber Kreuzträger war keineswegs dieser Meinung. »Allzugroße Hast, Señor,« meinte er, »schadet dem Erfolg. Merkt Euch die Lehre für Eure künftige Laufbahn, die hoffentlich an Jahren und an Erfolgen noch reich sein wird. - Was nützt es uns, jetzt die Spuren jener Räuber und Mörder mühsam aufzusuchen, ohne sie erreichen zu können? In drei Stunden bricht der Tag an und dann

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werden sie so deutlich vor uns liegen, als wären sie mit Wegsteinen oder der Axt an den Bäumen gezeichnet. Dann auch wird es uns eher gelingen, die ermüdeten Pferde aufzufinden, die sie unterwegs werden zurücklassen müssen und wir werden desto rascher sie verfolgen können. Bis dahin, Señor Teniente, nützen Sie die Zeit, durch einen kurzen Schlaf Ihre Kräfte zu stärken, nachdem ich erst einmal nach Ihren Wunden gesehen habe.«

»Schlafen - jetzt? und in dieser Umgebung?« frug der junge Mann schaudernd.

Der Wegweiser zuckte die Achseln. »Ein Soldat kommt oft genug in die Lage, auf dem Schlachtfelde zu schlafen - und jene Todten thun uns Nichts mehr. Aber Diaz wird Sie eine Strecke hin in ein sicheres Versteck geleiten, wo weder Geister noch Menschen Sie finden sollen, bis wir selbst kommen, Sie zu wecken. Hier haben wir glücklicher Weise auch schon eine Waffe für Sie gefunden.«

Der junge Offizier fühlte selbst, daß ihm nach dem anstrengenden Ritt des Tages und dem Kampf eine Wiederherstellung seiner Kräfte dringend Noth that. Die Indianer hatten zwar die Todten bis auf die Haut geplündert, aber an der Stelle, wo die Pferde nach der Ankunft abgezäumt worden waren, um sich an Gras und Zweigen selbst ihr Futter zu suchen, fand sich zum Glück der kleine dunkle Mantelsack des Deutschen noch vor, der den räuberischen Augen in der Eile des Aufbruchs entgangen war, und der Offizier war wenigstens so im Stande, die nassen Kleider gegen trockene zu vertauschen.

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Doch ließ er sich von dem Vaquero nicht eher hinwegführen, bis er dem Kanadier noch den Vorschlag gemacht, diesen nach der Hacienda zurückzuschicken, um vielleicht von dort aus eine Diversion zu Gunsten der Gefangenen zu veranstalten. Aber auch hierzu schüttelte der Kreuzträger ablehnend den Kopf.

»Wenn Sie es befehlen, Señor Teniente,« sagte er, »so muß es allerdings geschehen. Aber bedenken Sie selbst, daß der Bote unterwegs in die Hände der mörderischen Schurken fallen kann und daß selbst im besten Fall seine Nachricht keinen andern Erfolg haben wird, als die Angst und den Kummer des Senators zu vermehren; denn er darf auf das Ungewisse hin unmöglich die Hacienda von ihren Vertheidigern entblößen, während sie jeden Augenblick angegriffen werden kann. Verlassen Sie sich auf einen Mann, Señor Teniente, der noch stets das Ende des Weges erreicht hat, dessen Anfang er betreten. Wir wollen Donna Dolores ihrem Vater zurückbringen, oder wenigstens die sichere Nachricht, wo sie zu finden ist, so wahr ich mein Gelübde in diesem Kriege zu erfüllen hoffe!«



Der Leser weiß jetzt, was Wonodongah bei der Rückkehr des indianischen Streifkorps in solche Aufregung versetzt hatte. Bei dem Schein des Feuers hatte er in dem Arm des grauen Bären jene Frau erkannt, deren Bild tief in seinem Herzen wohnte, die ihm ihr Leben verdankte

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und die er jetzt wieder in der Gewalt seiner Feinde sah, während er ein machtloser Gefangener war.

Mit einem Blick hatte er Alles begriffen und seine Erbitterung, sein Schmerz waren um so größer, als er sich selbst sagen mußte, daß seine Andeutung von der bevorstehenden Ankunft der Freischaar die Veranlassung zu dem nächtlichen Streifzug der Wilden, also auch zur Gefangennahme der Señora gegeben hatte.

Es war übrigens gut für sein Leben, daß Alles im Lager in diesem Augenblick mit der Ankunft der Gefangenen beschäftigt war, die alsbald von den Pferden gehoben wurden; denn hätte einer der Krieger seine drohende Bewegung gesehen, so hätte leicht ein Hieb mit dem Tomahawk sein Lohn sein können.

Der junge Häuptling faßte sich jedoch bald wieder, er sah ein, daß die Opferung seines Lebens für die stolze Spanierin, die ihn mit Verachtung von ihrer Schwelle getrieben, gänzlich nutzlos sein würde, aber er blieb mit gekreuzten Armen stehen, finster den Kreis betrachtend, der sich um die Gefangenen und die gemachte Beute gebildet, entschlossen, begierig, was jetzt geschehen würde und sinnend auf Mittel, die Dame zu retten.

In diesem Augenblick fühlte er seine Schulter leicht berührt und zur Seite blickend, sah er im Schatten der Felsen die zierliche und liebliche Gestalt seiner Schwester.

Obschon es nach ihrer Erziehung und Sitte gegen das Ansehen des Mannes ist, daß ein Krieger den weiblichen Mitgliedern der Familie jene Zeichen der Liebe und Freundlichkeit giebt, die im civilisirten Leben einen so

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großen Werth haben, konnte sich der Toyah doch nicht enthalten, die willkommene Annäherung des jungen Mädchens mit einem liebevollen Lächeln und einer freundlichen Bewegung seines Hauptes zu erwiedern.

»Meine Schwester ist willkommen,« sagte er flüsternd. »Windenblüthe möge ihre Ohren öffnen und den Auftrag ihres Bruders hören, wenn sie nicht belauert wird von den Weibern der Apachen.«

»Sie sind dort - mein Bruder möge reden, Comeo wird gehorchen.«

»Sieht meine Schwester jenes Mädchen der Bleichgesichter, das der »Graue Bär« auf seinem Pferde getragen?«

»Ich sehe sie.«

»Es ist die »Feuerblume«. Meine Schwester hat von ihr gehört und von dem Hause ihres Vaters. Sie ist gestohlen worden und Wonodongah will, daß sie frei sei! Meine Schwester ist die Tochter eines großen Häuptlings, sie wird klug sein, wie die Schlange. Kann sie das Lager der Apachen verlassen?«

»Ich hoffe es mit Dir zu thun.«

»Windenblüthe wird allein gehn. Sie muß sich fortstehlen, ehe die Sonne aufgeht, und das steinerne Haus des großen Haciendero zu erreichen suchen. Dort wird sie sagen, was sie gesehen, und wo die Feuerblume sich befindet. Ich habe gesprochen.«

Das Mädchen faltete demüthig die Hände über ihrem dunklem Marmor ähnlichen Busen.

»Mein Bruder wird nicht verlangen, daß Windenblüthe

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ihn verläßt in der Stunde der Noth. Sie wird ausharren bei ihm und mit ihm fliehen oder sterben. Was ist das Leben Comeo's ohne ihn!«

Die Worte waren so hingebend und rührend, daß selbst das feste Herz des jungen Kriegers davon bewegt wurde. »Meine Schwester redet thörichte Worte,« sagte er mild. »Junge Mädchen wissen Nichts von den Plänen der Krieger. Hat Windenblüthe vergessen, daß ein Freund des Jaguar in der Nähe ist, und daß die Bleichgesichter, wenn sie die Feuerblume befreien, auch dem Jaguar das Leben bringen? - Comeo wird dem Wort des Letzten aus ihrem Stamme gehorchen.«

Die junge Indianerin versuchte keinen Widerspruch, sie beugte demüthig das Haupt zum Zeichen ihres Gehorsams und verschwand in dem Schatten des Felsens.

Unbeweglich gleich diesem blieb der Toyah auf seinem Platze stehen und sah den Häuptlingen entgegen, die jetzt auf ihn zukamen, hinter ihnen, halb getragen von zwei Kriegern, die stolze Tochter des Haciendero und Lord Drysdale, gefolgt von der ganzen Rotte, die in ihrer Mitte die andern Gefangenen und den Malayen führte.

Eisenarm und Kreuzträger.

Die Sonne war seit etwa einer Stunde aufgegangen - um die Hacienda del Cerro war Alles einsam und still, nur das Wiehern der Rosse, die munter umher sprangen, das Brüllen der Stiere und das Blöken der Kälber in den äußeren Corrals unterbrach die tiefe Ruhe.

Von den Indianern ließ sich Nichts hören und sehen. Zuweilen erhob über die Mauern des Hofes sich der Hut und Kopf eines Vaquero oder eines der Abenteurer, die Gegend durchspähend, ob sich etwas Verdächtiges zeige; aber die ganze Nacht war vergangen, ohne daß die Apachen den Versuch gemacht hätten, die kleine Feste zu beunruhigen, und selbst die gefährlichste Stunde, welche die Wilden gewöhnlich zu ihren Ueberfällen wählen, die Zeit vor Tagesanbruch, hatte nicht das geringste Zeichen ihrer Nähe gebracht.

Desto unruhiger war der Besitzer dieses reichen Gutes. Stunde auf Stunde war vergangen, ohne daß seine beiden Späher zurückkehrten und ihm Nachricht von dem Schicksal seiner Tochter brachten. Abwechselnd war er fortwährend

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beschäftigt, die Anstalten zu einer kräftigen Vertheidigung der Hacienda zu vervollständigen, oder von der Höhe des Mittelbaues nach der Gegend hinaus zu spähen, von welcher der Reiterzug der Señora kommen mußte.

Nur mit Mühe konnte der alte Mayordomo ihn abhalten, sich selbst hinauszuwagen, und er beruhigte seinen Gebieter endlich nur dadurch, daß er ihm vorstellte, Kreuzträger und Diaz hätten offenbar ihre Wanderung, nachdem sie keine Spur der Señora getroffen, über die Fähre José's hinaus ausgedehnt, um der Haciendera entgegen zu gehen und sie zur Umkehr zu veranlassen.

Gleiche Ruhe, wie um die Hacienda selbst, herrschte auch in den nächsten Bergen und Thälern der Sierra. Diese Ruhe lag namentlich auf einem der letzteren verbreitet, das sich zwischen dichtbewachsenen Hügeln und Felsen schmal in die Bergkette hineinzog und in seiner Mitte von einem kleinen silberklaren Gebirgsbach bewässert wurde. Die Nebel des Morgens begannen sich selbst auf der tiefen Sohle des Thales zu zerstreuen, die Kuppen der Felsen erglänzten im Sonnenschein, der die üppigen Guirlanden der Lianen und die langen Behänge des Mooses an den Zweigen der Bäume vergoldete und versilberte, - die Drossel und der Spottvogel sangen ihr Lied, und die Thiere der Nacht - der heulende Wolf, die große Fledermaus, die Eule und das grimmige Katzengeschlecht, das die Einöden bewohnt und im Dunkel zum Raube auszieht, - hatten längst ihre Schlupfwinkel wieder aufgesucht.

Um die Zeit, die wir am Beginn des Kapitels angegeben, wurde jedoch die Stille dieses heimlichen Gebirgswinkels

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durch den vorsichtigen und leichten Tritt einer jungen Indianerin unterbrochen, die - häufig stehen bleibend und scheu sich umschauend, - von der östlichen Seite des Thales ziemlich eilig herkam.

Es war eine schlanke zierliche Gestalt, nur mit dem gewöhnlichen Kattunrock und Hemd der Indianerinnen bekleidet, eine leichte Decke über die Schulter geworfen, an den kleinen schmalen Füßen weiche Moccassin's aus dem Leder des Reh's und mit bunten Muscheln und den Spitzen des Stachelschweines gestickt. Das junge Mädchen schien bereits einen weiten und anstrengenden Weg gemacht zu haben, denn als sie etwa in die Mitte des Thales gelangt war, wo der kleine Bach einen großen Felsblock umspülte, blieb sie tief Athem holend stehen, sah prüfend umher und setzte sich dann auf einen Stein am Wasser, die kleinen Füße, Gesicht und Arme in der frischen Fluth kühlend.

Während sie noch damit beschäftigt war, machte das Geräusch eines brechenden Zweiges oder knirschenden Kiesels sie emporschrecken, und als sie aufsprang und mit einer Bewegung, als wolle sie eilig die Flucht ergreifen, sich umschaute, sah sie wenige Schritte von sich einen jungen Mann stehen, dessen Farbe und Kleidung einen Europäer verkündete, denn sein Haar war hellbraun und sein Teint nur leicht von der Sonne gedunkelt. Der Fremde trug ein Jagdhemd von grünem Tuch, Büchse und Hirschfänger.

»Ave Maria,« sagte er freundlich mit dem gewöhnlichen

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Gruß und in gebrochenem Spanisch: »Fürchte Dich nicht, Kind! Niemand thut Dir Etwas zu Leide!«

Das Mädchen hatte offenbar zuerst entfliehen wollen, doch schien ihr jetzt ein anderer Gedanke gekommen. Sie zog ihre Füße aus dem Wasser, strich ihr langes, jetzt fessellos um ihren Kopf fließendes Haar aus der Stirn zurück und blieb dann regungslos stehen, während eine tiefe Röthe ihr Gesicht überflog, als sie dem musternden Blick des Fremden begegnete. Ihre Augen senkten sich mit einem Ausdruck von Schaam und Verwirrung zu Boden.

»Verstehst Du Spanisch?« frug der Jäger.

»Comeo's Ohren sind offen. Ihre Zunge ist nicht gebunden,« sagte schüchtern das Mädchen. »Aber sie versteht nur Wenig von der Sprache der Bleichgesichter.«

Der Mann lächelte. »Dann geht es Dir wie mir. Mein Spanisch ist noch herzlich schlecht! - Also Comeo heißest Du, wenn ich recht verstanden?«

Die Indianerin nickte.

»Und woher kommst Du?«

Die Indianerin beantwortete die Frage mit jener Taktik, die allen Töchtern Eva's, ob weiß oder farbig, angeboren scheint, durch eine andere Frage.

»Bist Du von der Hacienda del Cerro?«

»Nein, Comeo, ich bin ein Fremder in diesem Lande und durch einen Zufall oder vielmehr ein trauriges Ereigniß in diese Einöde gerathen. Aber sage mir vor allen Dingen, Mädchen, ob Du allein bist, oder Deine Freunde in der Nähe sind. Du hast ein gutmüthiges Gesicht, und

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ich gestehe, daß es mir gerade jetzt nicht sehr lieb wäre, mit Deinem Volke zusammenzutreffen.«

»Hellauge kann um sich schauen!«

Der junge Mann hatte sich trotz der Gefahr seiner Lage auf einen Stein gesetzt; - die freilich bei der gegenseitigen geringen Kenntniß des Spanischen ziemlich mühsame Unterhaltung mit der Indianerin schien ihn zu fesseln.

»Bist Du von den Indianos bravos,« frug er, »oder den Manos?«

»Comeo ist die Tochter der Comanchen,« sagte das Mädchen stolz.

»Die gehören, so viel ich weiß, zu unsern Feinden. So willst Du mich an Deine Brüder verrathen, damit sie meinen Scalp nehmen?«

»Comeo verräth Niemand, am Wenigsten den Fremdling, der ihr vertraut. Aber Comeo ist selbst in Gefahr - die Apachen würden sie tödten, wenn man sie ergriffe!«

»So bist Du auf der Flucht? - Dein scheues Aussehen verrieth es fast.«

»Windenblüthe will zu starken Freunden. Sie ist allein zu schwach, den Jaguar und die Feuerblume zu retten. Sie will nach dem steinernen Hause.«

Der junge Mann dachte einige Augenblicke nach; obschon er die Bezeichnung der Indianerin nicht verstand, schien ihre Erklärung ihm doch mit dem Zweck seiner Anwesenheit in irgend einem Zusammenhang zu stehen.

»Kannst Du mir sagen,« frug er endlich, »wen Du unter dem Namen der Feuerblume verstehst?«

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»Es ist die Tochter des reichen Mannes, der in dem steinernen Hause wohnt, das die Bleichgesichter die Hacienda del Cerro nennen.«

»Señora Dolores?«

»Ich weiß es nicht, wie ihre Nation sie nennt. Die »Feuerblume« ist in die Hände der Apachen gefallen, der »Graue Bär« hat mehr als ein Weib in seinem Wigwam. Sie wird verwelken, wenn ihre Freunde sie nicht retten.«

Der Lieutenant von Kleist, - der Leser wird längst gewußt haben, auch ohne daß es besonders erwähnt worden, daß der junge Europäer der Adjutant des Grafen von Boulbon war, - wurde durch diese Nachricht sehr erregt. Nachdem Kreuzträger und der Vaquero übereingekommen waren, zunächst der Spur der Apachen zu folgen, um das Schicksal der Señora zu erkunden, ehe sie Nachricht nach der Hacienda brachten, hatten sie in Begleitung des Offiziers, den ein Paar Stunden Schlaf gestärkt, vor Tagesanbruch sich auf den Weg gemacht und waren bis in die Nähe des Lagers der Indianer gelangt. Hier aber hielt es der Kreuzträger für zweckmäßig, den einem solchen Geschäft nicht gewachsenen Europäer in einem sichern Versteck unterzubringen und seine weitere Forschung mit dem Vaquero allein fortzusetzen. Eine von Buschwerk bedeckte Felsspalte in dem kleinen Thal hatte dem Lieutenant zum Aufenthalt gedient und er hatte auch den Verhaltungsregeln des Wegweisers strenge Folge geleistet, bis der Anblick der jungen Indianerin ihn reizte, seinen Versteck zu verlassen.

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Die Nachrichten, die er so eben gehört, ließen ihn diesen Schritt nicht bereuen.

Um möglichst Genaues zu erfahren, setzte er sein Examen fort.

»Wenn Du eine Freundin der Señora bist,« sagte er - »wie kommt es, daß Du Dich überhaupt in dem Lager unserer Feinde befandest? Warst Du auch eine Gefangene und bist Du entflohen?«

»Ist es bei den Bleichgesichtern Sitte, daß die Schwester den Bruder verläßt, wenn der Tod ihn bedroht?«

»Ich verstehe Deine Meinung nicht.«

»Der Große Jaguar der Comanchen ist ein Häuptling, wenn die Zahl seiner Sommer auch noch gering ist. Der große Geist hat gewollt, daß er in die Hände der Apachen fiel. Soll Comeo fern sein, wenn sie ihren Bruder an den Marterpfahl stellen?«

»Der Häuptling, den Du den Großen Jaguar nennst ist also Dein Bruder?«

Sie machte ein Zeichen der Bejahung.

»Und er ist ein Feind der Apachen?«

Die Augen des Mädchens, sonst so sanft und kindlich, blitzten in wildem Haß. »Die Schwarze Schlange und der Graue Bär haben uns Vater und Mutter erschlagen. Wir sind die Letzten der Toyahs!«

»Kannst Du mir sagen, Kind, ob außer der Señora noch andere Gefangene von den Indianern in ihr Lager gebracht sind?«

»Zwei Männer! sie sollen die Qualen des Marterpfahls erdulden, aber es sind Weiber, die schreien und

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klagen werden, während ein Comanche die Thaten seines Volkes singt! Ein Bleichgesicht - in dessen Augen der Schmerz wohnt, - und ein Mann, dessen Hände seine Füße sind, kamen mit den Apachen. Aber es scheinen ihre Freunde und sie werden mit ihnen jagen und fechten in den Gebirgen. Sie haben Pulver und Flinten gebracht, rothe Decken und blitzende Perlen für die Weiber.«

Der Offizier biß finster die Zähne zusammen. »Die Schufte!« murmelte er. »Es ist der Lord und sein Diener, und sie vergessen sich so weit, gegen die Männer ihrer eigenen Farbe und ihres Glaubens mit indianischem Raubgesindel sich zu verbünden! - Aber Du hast mir noch immer nicht gesagt, wie Du hierher kommst?«

»Der junge Häuptling hat über das Leben der Seinen zu gebieten. Comeo folgt dem Befehl ihres Bruders. Sie ist aus dem Lager der Apachen entwichen, um Nachricht zu bringen nach dem steinernen Hause.«

»Höre mein Kind,« sagte der junge Mann und ergriff freundlich ihre Hand - »der Wille Gottes, oder des Großen Geistes, wie Du das allmächtige Wesen nennst, hat Dich offenbar nicht ohne Absicht hierher geführt. Ich sehe, daß ich Dir vollkommen trauen kann, und so will ich Dir sagen, daß auch ich und ein Paar wackere Männer darauf aus sind, der Spur der geraubten Dame zu folgen und sie wo möglich aus den Händen der Apachen zu befreien. Kreuzträger ist mit seinem Begleiter auf Kundschaft und Du mußt sie jedenfalls hier erwarten.«

Das Mädchen sah ihn aufmerksam und mit einer gewissen Furcht an.

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»Hellauge redet von Kreuzträger. Ist dies der berühmte Krieger, welcher den rothen Männern den Tod bringt?«

»Er ist allerdings ein erbitterter Feind der Apachen, aber ein Mann von vortrefflichen Eigenschaften. Kennst Du ihn?«

»Ich habe seinen Namen gehört, wenn der Jaguar und Eisenarm von ihm redeten. Eisenarm wird sich freuen, mit ihm auf derselben Fährte zu sein!«

»Parbleu, das ist eine Neuigkeit, die mir sehr willkommen ist,« erklang mit heiterem Lachen eine fremde kräftige Stimme. »Wen zum Henker, Lieutenant, haben Sie denn da einstweilen zu Ihrer Kurzweil aufgegabelt? Sie hören ja so eifrig der braunen Dirne zu, daß die Apachen Ihnen hätten den ganzen Schopf nehmen können, eh' Sie nur eine Ahnung davon gehabt!«

Es war der Kreuzträger, der mit seinem Begleiter von der Felswand niederstieg, über die er in den Rücken des plaudernden Paares gekommen war. Der Offizier erhob sich mit leichtem Erröthen, sich so überrascht zu sehen, und versuchte eine Entschuldigung seiner Unvorsichtigkeit. Der Wegführer winkte ihm jedoch lächelnd. »Jugend ist Jugend,« sagte er, mit seiner Kürbisflasche einen Trunk kühlen Wassers aus dem Bach schöpfend und sich damit erfrischend. »Und mort de ma vie, Sie haben sich wahrhaftig keine häßliche Gesellschaft ausgesucht. Ich hätte in meinem Leben nicht geglaubt, daß es ein so liebliches Geschöpf unter den indianischen Squaws geben könnte. Aber

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wer ist sie, und wo kommt sie her und was weißt Du von Bras-de-fer?«

Das Mädchen mußte jetzt auf's Neue erzählen und der Kreuzträger hörte mit größter Spannung den Bericht, der ihm nicht allein die Gewißheit gab, daß die Señora mit ihrer Zofe ohne augenblickliche Gefahr für ihr Leben und ihre Ehre sich im Lager der Wilden befand, sondern auch, daß zwei Männer in der Nähe waren, von denen er schon so Vieles gehört, der eine freilich als Gefangener, aber der Andere der beste Kampfgenosse, den er sich wünschen mochte. Freilich wußte auch Comeo nicht, wo sich Eisenarm versteckt hielt, und war nur überzeugt, daß er sicher die Umgebung des Lagers und seinen jungen Freund nicht verlassen hätte.

Es galt nun einen Entschluß zu fassen. Die Mittheilung der jungen Indianerin, daß außer dem Engländer und seinem verkrüppelten Diener zwei andere Weiße in das Lager als Gefangene gebracht worden, über deren Person der Offizier genügende Auskunft gab, war eine Ursach großer Unruhe für den Wegweiser. Die beiden Strolche zögerten gewiß nicht, den Indianern, wenn sie damit auch nur eine Stunde ihres Lebens erkaufen konnten, Alles, was sie von der Expedition des Grafen wußten, zu verrathen.

»Wir haben uns ziemlich nahe bis an den Ort geschlichen,« sagte der Wegweiser, »wo nach der Beschreibung dieses Mädchens das Lager des Grauen Bären sich befinden muß. Zum Glück bemerkte Diaz noch zeitig genug eine der indianischen Schildwachen, bevor der Halunke uns

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bemerken konnte, und wir konnten uns vor seinen Teufelsaugen verbergen, bis wir den Rückweg antraten. Aber wir haben eine Entdeckung dabei gemacht, die mehr werth ist, als ein gewonnenes Gefecht. Diese Schufte sind schlimme Gegner in der Ebene, und wo sie sich auf die Schnelligkeit ihrer Pferde oder ihre Teufeleien verlassen können, aber sie sind schlechte Kletterer in den Felsen. An dem Ort, den wir durch einen Zufall ausgespürt, können wir der ganzen Bande Trotz bieten. Die Frage ist jetzt nur, ob wir nochmals versuchen sollen, uns in die Nähe ihres Lagers zu schleichen, um ihr Treiben zu bewachen.«

Es folgte eine kurze Berathung darüber, in welcher die beiden jungen Männer sich lebhaft für den Versuch aussprachen. Selbst Comeo zeigte deutlich den Wunsch, sie zu begleiten und ihre Gefahren zu theilen, um über ihren Bruder zu wachen.

Nach einiger Ueberlegung stimmte auch Kreuzträger dem Plane bei, denn es wäre gefährlich gewesen, das Mädchen seine Wanderung fortsetzen zu lassen. Da Comeo die Vorsicht gebraucht hatte, längere Zeit in der Rinne des Baches fortzuschreiten, ehe sie wieder das Ufer betreten, die Spuren der beiden Kundschafter auch nur thalaufwärts führten und sie auf einem andern Wege über die Felsen zurückgekehrt waren, durften sie hoffen, daß die Apachen - auch wenn das Verschwinden Comeo's ihre Nachforschung erregt haben sollte, - diese nicht bis hierher fortsetzen würden. Uebrigens lächelte die junge Indianerin, als Kreuzträger diese Besorgniß erörterte, in eigenthümlicher Weise dazu und meinte, sie wisse gewiß, daß ihr Verlassen

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des Lagers keine besondere Aufmerksamkeit erregt haben werde. Näher aber wollte sie nicht darauf eingehen.

Der Wegweiser erklärte jetzt, daß die geeignetste Zeit zum Aufbruch die Mittagsstunde wäre, wo die Hitze am stärksten, und die Indianer nach ihrer Gewohnheit im Lager dem Schlaf fröhnen, auch ihre Wachen am unaufmerksamsten sein würden. Bis dahin sollten sie sich in dem Versteck der Felsen zum Schlafen niederlegen und er wollte abwechselnd mit Comeo die Wache halten. -

Der Vormittag verging, ohne daß sich irgend etwas Besonderes ereignet hätte. Etwa eine halbe Stunde vorher, ehe die Sonne im Zenith stand, weckte die Indianerin die Schläfer, und sie machten sich sogleich fertig, ihre gefährliche Expedition zu beginnen.

Der Offizier, der so glücklich gewesen war, seinen Revolver in dem Gestrüpp am Ufer wiederzufinden, wo er ihn bei dem Ringen mit dem Wilden hatte fallen lassen, ehe er sich mit diesem in das Wasser stürzte, und der aus seinen[seinem] Mantelsack genügende frische Munition mit sich genommen, zeigte der jungen Indianerin den Mechanismus der Waffe und gab sie ihr zu ihrer Vertheidigung, da sie am Leichtesten zu verbergen und zu handhaben war. Nachdem Kreuzträger und der Vaquero die Spuren ihres Aufenthaltes möglichst vertilgt, stieg die kleine Gesellschaft die Steinblöcke empor und nahm ihren Weg auf dem umbuschten nördlichen Rande des Thals gegen das Lager der Apachen zu.

Der Kreuzträger ging voran, Comeo und der Offizier folgten, und der junge Vaquero bildete den Schluß. Nach

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den Andeutungen des Mädchens hatte dieser, der in der Sierra wohl bewandert war, den Ort leicht erkannt, wo das Lager der Indianer war und konnte demgemäß dem Alten die Richtung angeben. Bei ihrer vorhergegangenen Recognoscirung hatte sich der Wegweiser, der in Folge seines Gewerbes ein sehr scharfes Auge für alle Merkmale einer Gegend hatte, überdies genügend orientirt, um mit seiner größeren Erfahrung den Führer zu machen.

Da sie wußten, daß die Mimbreno's und Meskalero's zusammen, die anderen Stämme aber sämmtlich südlicher lagerten, glaubten sie mit einem Bogen nach Norden sich am unbemerktesten dem Lagerplatz nähern zu können und täuschten sich darin auch nicht. Sie waren in der angegebenen Weise etwa zwei Stunden marschirt, wobei der Wegweiser sorgfältig alle Eigenthümlichkeiten der immer rauher werdenden Gegend, namentlich auch die Bette der kleinen Gebirgsströme prüfte, als sie nach ihrer Berechnung sich in der gleichen Linie mit dem Lagerplatz befinden mußten. Der Alte empfahl jetzt die größte Vorsicht, denn es galt nun, in den Rücken des Lagers nach dem Kamm der Sierra hin zu gelangen; man konnte annehmen, daß diese Seite von den Wilden weniger aufmerksam bewacht werden würde, da sie dort keine Feinde zurückgelassen hatten. Darauf baute auch der Wegweiser die Hoffnung, bis in die unmittelbare Nähe des Felsenkessels zu gelangen, in dem sich das Lager befand. Dagegen kannte er viel zu genau die Umsicht der indianischen Krieger und namentlich der beiden Häuptlinge, um nicht zu wissen, daß in den Richtungen, von denen her eine Gefahr oder

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Ueberraschung drohen konnte, gewiß keine Vorsichtsmaßregel versäumt worden war.

Der Weg war immer rauher und beschwerlicher geworden und die einzige Möglichkeit, die Höhe zu gewinnen, lag in den jetzt zum Theil trockenen Rinnen der Gebirgsbäche. Der Alte hieß seine Begleiter jetzt Halt machen und schlich allein vor, sorgfältig sich hütend, einen Stein zu verschieben, oder einen Zweig zu zerbrechen. Nach etwa zehn Minuten schon kam er zurück.

»Caramba!« flüsterte er ärgerlich - »es ist, wie ich mir dachte. Dort oben haben sie einen von den rothen Schuften hingestellt und es ist an ihn nicht heranzukommen, ohne aus hundert Schritt schon bemerkt zu werden, denn das Bett dieses Bachs läuft frei durch das Gerölle. Und doch ist es der einzige Weg, auf dem wir vorwärts kommen können, denn überall sind Felsen und unter einem solchen steht auch wohlgeschützt der rothe Halunke und spionirt hier herüber.«

»Ich sollte meinen, Ihre Büchse gliche doch leicht die Entfernung aus, Señor Kreuzträger,« meinte der Offizier, »und wenn Sie Ihres Schusses nicht ganz sicher sind, so lassen Sie mich den Versuch machen. Ich bin ein ziemlich guter Schütze.«

Der Alte lächelte. »Für einen Soldaten, Monsieur, das will ich gern glauben. Aber einen Hirsch zu beschleichen, ist ein leichter Ding als einen Indianer! Wenn ich von meiner Büchse Gebrauch machen wollte, wette ich Hundert gegen Eins, daß ich dem Burschen hinter jenem Steinblock her eine Kugel durch die Augenhöhle jagen

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würde, aber der Knall und das Echo in diesen Bergen würde uns sofort die ganze Bande auf den Hals ziehen. Wir müssen auf ein ander Mittel denken, seine Aufmerksamkeit abzulenken.«

»Ich will zu ihm gehn und sagen, ich hätte mich von dem Lager verirrt,« erbot sich die junge Comanchin. »Ich werde ihn bitten, mich dahin zurückzuführen.«

»Nein, mein Kind, das wäre viel zu gewagt für einen solchen Zweck. Das ist ein Mittel, das man vielleicht in einem wichtigeren Augenblick gebrauchen kann, wenn Du wirklich so viel Muth hast, um Deinen hübschen Kopf in dem ersten Eifer dem Tomahawkhieb eines Apachen auszusetzen, bis Du ihm eine passende Lüge in die Augen gestreut hast.«

»Es darf unter keinen Umständen geschehen,« erklärte der Offizier eifrig, - »das Mädchen würde sicher ermordet werden. Suchen Sie ein anderes Mittel, Kreuzträger.«

Der Alte sann kopfschüttelnd nach. »Es war eine Dummheit von mir,« meinte er endlich, »daß wir die Lasso's zurückgelassen haben. Eine gute Schlinge in der geschickten Hand dieses Burschen hier könnte uns jetzt vortreffliche Dienste leisten. Ich bin gewiß, daß seine Hand sie sehr gut zu gebrauchen versteht.«

Der junge Vaquero zeigte lachend die Zähne, während er die wollene Schärpe, die um seine schlanken Hüften gewunden war, zu lösen begann, »Caramba,« sagte er - »ich habe mehr als einmal eine Krähe im Aufflug gefangen! Wenn es sich nur um einen Lasso handelt, Señor

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Cruc[if]ero29, - hier ist einer. Ein ordentlicher Vaquero wird nie ohne seine Riemen ausgehen, auch wenn es ihm verboten ist!«

Der junge Mexikaner brachte bei diesen Worten einen langen dünnen Strick, aus feinen Riemen von Hirschhaut geflochten, zum Vorschein, den er unter seiner Jacke um den Leib gewickelt getragen hatte.

»Parbleu,« fluchte vergnügt der Wegweiser, - »ich sagte es ja, der Bursche war klüger wie ich! - Nun höre, mein Junge, schleiche wie das Wiesel ohne Geräusch bis zu jener Felsecke und sieh Dir genau die Stelle an, wo der rothe Teufel die Wache hält.«

Der Vaquero warf sich, ohne ein Wort zu erwiedern, auf den Boden und glitt mit der Behendigkeit einer Schlange in der bezeichneten Richtung fort. Mit großer Spannung, ängstlich auf jedes Geräusch lauschend, erwarteten seine Begleiter seine Rückkehr. Aber das Lob des alten Mayordomo der Hacienda bestätigte sich in vollem Maße. Es waren noch nicht zehn Minuten verflossen, als der junge Mann wieder neben dem Wegweiser stand.

»Ich habe ihn gesehn,« sagte er einfach, - »was soll ich thun?«

»Der Felsen, an den er sich lehnt,« erklärte der Kreuzträger, »ist etwa 20 Fuß hoch und fällt glatt ab. Getraust Du Dich, ohne Geräusch auf seine Höhe zu gelangen?«

»Man kann nicht mehr, als es versuchen! Vamos!«

»Gut - es muß gewagt werden! Ich gebe Dir eine

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Viertelstunde Zeit - ich weiß, Du bist ein guter Kletterer. Wenn Du glücklich oben angekommen bist, dann laß den Schrei des Steinadlers hören, wenn er sich auf seinen Horst senkt. In diesem Augenblick werden wir die Aufmerksamkeit des schuftigen Apachen auf uns lenken - Du hast Deinen Lasso, das Weitere ist Deine Sache!«

Der junge Mann, ohne um nähere Instruction zu fragen, zog das Ende des ledernen Strickes durch den eisernen Ring, rollte die Gewinde um seinen rechten Arm und begann dann mit leichtem unhörbaren Tritt die Felsenwand zur Linken zu ersteigen. Der Alte sah ihm mit großem Interesse und oft seiner Gewandtheit Beifall nickend zu, bis Diaz den Augen der Zurückgebliebenen entschwunden war.

»Es ist ein wackerer Bursche,« sagte er, »und ich fange an zu glauben, daß wir bald sein Zeichen hören werden. Indeß müssen wir uns bereit halten, ihm nöthigenfalls und auf alle Gefahr hin mit einem guten Schuß zu Hilfe zu kommen. Lassen Sie uns unterdeß so nahe schleichen, als es möglich ist, und wenn es dazu kommt, Señor Teniente, so lassen Sie mich meine Büchse gebrauchen.«

Dem Rath folgte sofort die Ausführung. Der Preuße entledigte sich auf die Anweisung des Alten seiner Schuhe, und alle Drei wanden sich nun geräuschlos bis zu dem Felsblock, welcher die Aussicht nach dem Posten der Apachen versperrte.

Kreuzträger hielt seine Büchse schußfertig im Arm und die junge Comanchin an der Hand. Alle Gehörsnerven

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schienen auf einen Laut von jener Seite her angespannt, und an dem besorgten Ausdruck seines Gesichts konnte man erkennen, welches große Interesse er an dem Ausgang des gewagten Versuches nahm.

Es mochte etwa eine Viertelstunde vergangen sein, als sich aus einiger Entfernung der Schrei des Steinadlers hören ließ.

»Gott sei Dank,« flüsterte der Alte. »Jetzt, Mädchen, gehe unbesorgt vorwärts, wir folgen Dir!«

Er stieß fast die junge Indianerin um den Felsblock und diese, seine Absicht errathend, that als setze sie unbefangen und arglos ihren Weg fort. Sie konnte höchstens fünf Schritte gethan haben, als der Kreuzträger dem Offizier winkte.

»Jetzt ist die Reihe an uns! Vorwärts!«

Er sprang um den Felsblock - und ein halblauter Triumphruf brach von seinen Lippen.

»Bravo, Junge! Gut gemacht!« Er sprang in langen elastischen Sätzen vorwärts, ohne sich um den Offizier zu kümmern, der mit Erstaunen an der gegenüberliegenden, etwa 120 Schritt entfernten Felswand einen dunklen Körper halb in der Luft zappeln und mit Armen und Beinen um sich schlagen sah.

Dem jungen Vaquero war es in der That gelungen, sich unbemerkt bis auf das Plateau des Felsens zu arbeiten, unter welchem der Apache stand. Hier gab er, nachdem er seine kurzen Vorbereitungen getroffen, das besprochene Signal.

Der Apache, ein kräftiger und erfahrener Krieger, denn

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nur einem solchen hatte die »Schwarze Schlange« diesen wichtigen Posten anvertraut, richtete den Kopf aufhorchend empor und sah sich um, den Vogel zu suchen, von dem er doch Nichts in dem blauen Aether bemerkte. In diesem Augenblick drang von der andern Seite her das Geräusch der nahenden Tritte Comeo's zu ihm. Er richtete sich auf und griff nach seiner Waffe.

Dies war der Moment, auf welchen der Kreuzträger und der Vaquero gerechnet hatten. Die Schlinge flog aus der Hand des jungen Mannes und legte sich um den Hals des Nichts ahnenden Wilden. In demselben Augenblick stemmte Diaz seinen rechten Fuß gegen einen vorspringenden Stein und zog den Strick mit allen Kräften an, so daß der Apache halb erdrosselt vom Erdboden empor gezogen wurde und aller Kraft und alles Haltes beraubt, an der Felswand vergeblich mit Händen und Füßen um sich schlug.

Aber diese Situation hätte nicht lange so bleiben können, denn die Anstrengung, lange oder nur bis zu seiner völligen Erdrosselung den schweren Körper in dieser Lage halten zu können, ging über die Kraft des Jünglings. Dies begriff der Kreuzträger mit einem Blick, und mit langen Sprüngen über den Raum eilend, der ihn von dem Wachposten trennte, stieß er dem Apachen sein Messer in's Herz, gerade als der Vaquero ihn wieder zu Boden fallen lassen mußte.

Dieser ganze Kampf war ohne einen weiteren Laut geschehen. Als der Lieutenant und das Mädchen herbeikamen, rührte sich der Wilde bereits nicht mehr und

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Kreuzträger wischte achselzuckend auf den fragenden, gewissermaßen vorwurfsvollen Blick des Preußen, sein Messer an dem dürren Grase ab. »Mort dieu,« sagte er - »es ging nicht anders! wenn der Halunke auch nur so viel Luft wieder gewonnen, um einen einzigen Schrei ausstoßen oder sein Gewehr in die Luft abschießen zu können, wären wir verloren gewesen. Sie können von der Hand eines Knaben nicht die Kraft eines Mannes verlangen! - Aber da ich ihn nicht allein zu Boden gebracht, zählt der Bursche natürlich nicht und ich kann anständiger Weise das Zeichen meiner Hand nicht auf seinem Leichnam zurücklassen. Komm herunter Diaz, - wir wollen den Körper in das Gebüsch verstecken und dann unsern Weg fortsetzen, der nun, hoffe ich, frei ist.«

»Es wird besser sein,« antwortete der Vaquero, »wenn Ihr den Todten an den Lasso bindet und ich ihn hier herauf ziehe. Sie werden ihn dann vergeblich suchen.«

»Das ist auch wahr, - der Junge hat Verstand wie Einer!« meinte der Wegführer, indem er sogleich an's Werk ging. »Holen Sie unterdeß mit dem Mädchen etwas Wasser aus dem Bach und versuchen Sie die Spuren so gut als möglich zu tilgen.«

Mit Hilfe Comeo's, die darin erfahrener war, als der Offizier, gelang dies. Diaz, der den todten Körper jetzt leichter in die Höhe winden konnte, ließ sich nach diesem Gebrauch an dem Lasso herunter und sammelte die Waffen des Getödteten. Comeo erhielt seine schlechte Flinte mit dem Kugelbeutel und die kleine Gesellschaft machte sich

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nunmehr wieder eilig auf den Weg, im Gerinn des kleinen Waldbach's ihren Marsch fortsetzend.

Bald waren sie auch bis zu der Quelle gekommen, wo er aus dem Gestein hervorbrach, und da dies auf der Höhe der Bergwand war, wußten sie, daß sie sich jetzt bereits im Rücken des Lagers befanden und änderten nunmehr mit großer Vorsicht ihre Richtung.

Der Kreuzträger hatte in der That richtig geurtheilt, als er annahm, die Apachen würden nach dieser Seite weiter keine Schildwachen ausgestellt haben. Sie konnten unbehindert vordringen und bald zeigte dem erfahrenen Wegweiser der über die Felsen und die Wipfel der hohen Korkbäume und Eichen emporsteigende Rauch, daß sie sich in der unmittelbaren Nähe des Lagers im Grunde befanden. Während sie sich vorsichtig näherten, hörten sie das Wiehern der Pferde und das Gekreisch der Weiber, welche den Zug begleiteten.

Wir erinnern daran, daß die Expedition Kreuzträger's aus dem Thale erst gegen die Mittagszeit aufgebrochen war, um die Siesta der Wilden zu benutzen. Die Sonne senkte sich also bereits gegen Abend und es war etwa um die vierte Nachmittagsstunde, als sie auf der sehr ungleichförmigen Höhe der Felswände anlangte, welche die breite und dicht bewachsene Schlucht nach drei Seiten umgaben, in welcher der Kriegszug des Grauen Bären und der Schwarzen Schlange ihr Lager aufgeschlagen hatten, da der Platz einen eben so sichern Ort gegen einen Angriff, als ein gutes Versteck für eine Anzahl von drei bis vierhundert Personen bot, mit Wasser und Schatten genügend

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versehen. Vorsichtig recognoscirten Kreuzträger und der Vaquero jetzt die Höhe und es gelang dem ersteren, in einem dichten Buschwerk, das hier eine breite schroff einschneidende Felsspalte umkränzte, welche zugleich das Bett der Quelle bildete, die den Grund mit Wasser versah, ein Versteck zu finden. Die Höhe der Felsen betrug hier etwa 70 bis 80 Fuß, während sie auf der entgegengesetzten Seite, also über dem Zelt, das bisher dem gefangenen und verwundeten Comanchen zum Aufenthalt gedient, bedeutend geringer war. Doch waren dort die Felswände überhängender und schroffer.

Aus diesem Versteck, in welches der Kreuzträger seine Begleiter vorsichtig führte, nachdem auch Diaz von seiner Untersuchung zurückgekehrt war, vermochten sie den Grund der Schlucht vollkommen zu übersehen. Die kleine Cascade des Bachs fiel etwa in der Mitte, ein wenig mehr nach Norden zu herunter, sammelte sich auf dem Boden in einem natürlichen Steinbecken und floß dann nach dem breiten Ausgang der Schlucht zu, an dessen südlicher Seite sich ein Theil der Pferde der beiden Stämme mit den einfachen langen Lederstricken an die eingestoßenen Lanzen gebunden befand oder frei umherlief, denn da das Lager zum Aufenthalt für ein Paar Tage bestimmt war, hatten die Indianer sich die Mühe gegeben, eine Art Einzäunung aus einigen jungen Baumstämmen oder die Verbindung anderer mittels ihrer Lasso's herzustellen.

Wir haben bereits angedeutet, daß auf dieser Seite die Felswand der Schlucht niedriger, aber auch unzugänglicher

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war, als auf der nördlichen, wo sich die Gesellschaft des Kreuzträgers befand.

Die Felsspalte, durch welche das Wasser niederstürzte, bot in der Höhe den Anblick eines dichten Gewölbes von Laub und Rankenpflanzen.

Wie am Abend vorher brannten auf dem Grunde der Schlucht mehre Feuer, denn die Zeit kam heran, welche zur Hauptmahlzeit der Indianer dient, und die Apachen vertrauten genügend auf ihre Zahl und die Schwäche ihrer Feinde, um unbesorgt sich ihren Bedürfnissen zu überlassen.

Ueberdies hatten die Feuer noch eine andere schreckliche Bestimmung!

Die Krieger der beiden Stämme waren mit Ausnahme der ausgestellten Wachen vollzählig in dem Lager versammelt und bildeten verschiedene Gruppen. Die Häuptlinge saßen rauchend um das Berathungsfeuer - der Springende Wolf und der Fliegende Pfeil aber fehlten, überhaupt waren eben nur Meskalero's und Gileno's anwesend. Im Kreise der Häuptlinge befanden sich auch Lord Drysdale, der Courier Volaros und der Malaye. Alle drei Personen schienen von den Wilden mit großer Achtung behandelt zu werden. Comeo's scharfes Auge, das sofort den Bruder suchte, fand diesen eben so noch auf dem Stein in der Nähe des kleinen Zeltes sitzen, wie sie ihn in der Morgendämmerung zugleich mit dem Aufbruch des Fliegenden Pfeils, ihres rohen Anbeters, verlassen hatte. Er glich einer Statue, die keine Bewegung gemacht.

Das Zelt war geschlossen; da die Señoritta und ihre

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Zofe nirgends zu sehen war, schloß sie, daß dieselben nunmehr die Stelle ihres Bruders in seinem bisherigen Gefängniß eingenommen hätten.

Die Beute, die der Streifzug des Grauen Bären an der Fähre gemacht hatte, war offenbar jetzt vertheilt worden, denn mehre der wilden Krieger hatten sich auf das Seltsamste mit den Kleidungsstücken ihrer dort erschlagenen Opfer geschmückt und bewegten sich auf das Unbeholfenste darin. Einen besonders lächerlichen und grotesken Anblick aber boten die Weiber, die von ihren Männern die geraubte Garderobe der reichen Haciendera erschmeichelt oder ertrotzt und sich nun damit in der abgeschmacktesten Weise herausgeputzt hatten zu gegenseitigem großen Neid und Stolz, wie das unablässige Geschnatter ihrer Zungen bewies, deren Beweglichkeit keineswegs der einer europäischen Marktdame etwas nachzugeben pflegt.

Der komische Eindruck aber wurde, wenigstens für die kundigen Augen des Wegweisers sehr rasch wieder durch einen andern Anblick aufgehoben.

In der Mitte des Platzes hinter einem Feuer, das seinen Rauch und seine Hitze ihnen entgegen trieb, waren aus jungen Baumstämmen zwei Pfähle in die Erde getrieben, und an diesen standen, mit Leder- und Bastriemen gefesselt, die aller Kleidung beraubten Gestalten des Methodisten Slongh und des Kentuckiers Meredith.

Der erfahrene Blick des alten Wegweisers erkannte im Moment, daß die beiden Weißen bestimmt waren, die indianischen Martern und den Tod am Pfahle zu erleiden.

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Wir müssen zur Erklärung dieses Beschlusses der Indianer einige Stunden und bis zu dem Augenblick zurückgehen, in dem die zurückgekehrten Häuptlinge mit dem Lord und den beiden gefangenen Mitgliedern der Expedition des Grafen Boulbon zu dem Comanchen traten.

»Mein Bruder ist ein junger Häuptling, aber er hat die Augen eines Adlers,« sagte der Graue Bär. »Die Bleichgesichter von jenseits des großen Salzwassers wollen den Schwarzhaarigen zu Hilfe ziehen - aber ihr Weg ist weit und sie werden zu spät kommen. Wenn die Sonne wieder aufgeht, wird das steinerne Haus des Vaters der Feuerblume in der Hand der Apachen sein.«

Der junge Mann würdigte seinen Feind weder einer Antwort noch eines Blickes, Er schaute stumm, die Lippen zusammengepreßt, die Augen erhoben, in den dunklen Nachthimmel.

»Die Apachen,« fuhr der Häuptling fort, »haben einen Freund unter den Bleichgesichtern gefunden, der ihnen das Kalumet bringt von der großen Mutter im Aufgang. Er hat die Rede des Toyah bestätigt - die Apachen wissen jetzt, daß er keine gespaltene Zunge führt. Sie kommen noch einmal, um ihm Vergessen der Schädelhäute zu bieten, die er genommen hat. Wenn der Jaguar sein Volk verlassen und in die Nation der Gileno's treten will, soll er nicht sterben. Er wird Theil nehmen an den Martern dieser beiden elenden Schwarzhaarigen.«

Er wies auf Slongh und Meredith, die vergeblich, der eine wimmernde Bitten, der andere wilde Flüche ausstoßend, sich in ihren Fesseln wanden.

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»Ein Toyah ist keine Aaskrähe,« sagte der Comanche ruhig. »Was wird der Häuptling der Gileno's mit der Feuerblume machen?«

»Es ist Raum in seiner Hütte für eine junge Squaw. Sie wird die Mutter rother Kinder sein. Mein Sohn soll eine seiner Frauen haben - er hat ihrer drei.«

Wonodongah lachte verächtlich. »Geh!« sagte er - »das Haupt des Grauen Bären hat der Sommer genug gesehen, um zu wissen, daß die Hirschkuh sich nicht mit dem Coyoten paart. Es ist unwürdig eines Kriegers, ein Weib zu zwingen! Müssen die Mimbreno's das Blut der Bleichgesichter in den Adern haben, um zu Männern zu werden?«

»So verwirfst Du meinen Vorschlag?«

»Ein Toyah findet seine Feinde allein! Er wird auch den Weg in die grünen Gefilde des großen Geistes finden!«

Der Graue Bär, der aus einer gewissen rohen Sympathie die wiederholten Versuche gemacht, das Leben des jungen Mannes zu retten, dessen Vater er erschlagen, und den er für den tapfersten Krieger nach sich in den Prairieen hielt, wandte sich unwillig von ihm. Es folgte jetzt der Befehl, die beiden weißen Frauen in das Zelt Wonodongah's zu führen. Slongh und der Kentuckier aber wurden auf den Rath des Mestizen herbeigeholt, um sie genau über die Expedition der Weißen zu befragen.

Volaros machte dabei den Dolmetscher. Der Methodist in der erbärmlichsten Todesangst erzählte willig Alles, was er wußte und gestand, daß die Expedition nicht vor dem Abend des nächsten Tages eintreffen könne. Was der

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Mestize über den Zustand des Grafen Boulbon den Indianern verdolmetschte, verfehlte übrigens nicht, einen mystischen Eindruck auf ihre ungebildeten Gemüther zu machen. Die Person des Führers der Expedition erhielt in ihren Augen dadurch eine große Bedeutung und sie nahmen an, daß er unter einem Zauber leiden müsse oder selbst leide.

Die beiden Gefangenen wußten überdies selbst nur Unbestimmtes über die Krankheit, da natürlich nur die Offiziere in die Nähe des Kranken zugelassen worden waren. Der Lord hatte, wie sich der Leser erinnern wird, erst durch die Beschuldigung des preußischen Offiziers davon erfahren und sein Interesse war hauptsächlich darauf concentrirt, daß der so lange gesuchte Pirat sich bei der Expedition befinden werde.

Es wurde demnach der Beschluß gefaßt, daß die Häuptlinge der Lipanesen und Mimbreno's sofort zu ihren Lagern zurückkehren und in der nächsten Nacht sich der Hacienda von Süden und Westen her nähern sollten. In der dritten Morgenstunde mit dem ersten Grauen des Tages sollte dann nach der gewöhnlichen Weise der Indianer gemeinsam der Angriff auf die Villa erfolgen. Da dies nur von Westen her mit Benutzung der Pferde geschehen konnte, mußten noch verschiedene andere Vorbereitungen getroffen werden. Man hoffte, die schwache Besatzung der Hacienda durch die fortwährende Aufmerksamkeit der letzten Tage ermüdet zu finden und sie so desto leichter zu überraschen.

Der Eifer der Indianer, die Hacienda zu erobern, war übrigens um so größer, als sie zwei ihrer Todfeinde

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hinter deren Mauern vermutheten: Eisenarm und den Kreuzträger. Die Anwesenheit des ersteren wenigstens in der Prairie war ihnen durch das Gefecht an dem Hügel des Moosbaums bekannt, und die furchtbare und verderbliche Nähe des Wegweisers aus dem blutigen Zeichen seiner Hand kund geworden, das man auf der Brust des erschossenen Wilden am vergangenen Nachmittag gefunden, und wovon ein Krieger der Lipanesen ihrem Häuptling Nachricht in das Lager der Mescalero's gebracht hatte.

Der »Fliegende Pfeil« und der »Springende Wolf« nahmen daher jetzt Abschied von ihren Bundesgenossen und kehrten zu ihren Stämmen zurück. Diese Gelegenheit benutzte Comeo, um unter dem Vorwand, den Worten ihres wilden Verehrers zu lauschen, ihn in der Dämmerung eine Strecke Weges zu begleiten und sich von ihm zu trennen und zu verschwinden.

Dies war auch die Ursach, weshalb ihre Abwesenheit nicht mehr den Verdacht ihrer bisherigen Gastfreunde erregt und eine Verfolgung veranlaßt hatte. Selbst der mißtrauische Häuptling der Mescalero's glaubte, daß sein verliebter Kamerad das Mädchen mit sich genommen habe.

Den Tag verbrachten die Indianer bis zur Mittagszeit mit allerlei Vorbereitungen zu dem beabsichtigten Angriff, indem sie ihre Pfeile mit trocknem Moos umwanden, um damit Feuer in die Hacienda zu schleudern, einige unvollkommene Leitern oder vielmehr Kletterstangen zimmerten, und ihre Beile und Lanzen schärften. Die Weiber errichteten unterdeß die Pfähle, an welche die beiden

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unglücklichen Gefangenen, die für die späteren Stunden zur Marter bestimmt waren, gebunden wurden.

Der Methodist geberdete sich zur großen Freude und unter der Verhöhnung der Indianer überaus feig und jämmerlich. Er hatte gehofft, durch seinen willigen Verrath sein erbärmliches Leben zu erhalten und sah in den drohenden Anstalten sich bitter getäuscht. Bald rief er den Lord und den Courier und flehte sie kläglich an, sich für ihn zu verwenden, bald sang er in der Angst Bruchstücke geistlicher Lieder, - bald brach er in gotteslästerliche Verwünschungen seiner Thorheit aus, die ihn in diese Noth verlockt. Er versprach dem Engländer mit hundert Eiden, den Piraten Hawthorn ihm in die Hände zu liefern, wenn er ihn nur befreien wolle, - dem Mestizen goldene Berge, - ohne sie Beide im Geringsten zu rühren, denn der Lord, dem sein Zusammenhalten mit dem verbrecherischen Seeräuber nicht unbemerkt geblieben war, achtete nicht auf ihn und hatte auf den Rath des Mestizen beschlossen, sich in keiner Weise in das Verfahren der Indianer zu mischen, und Volaros lachte seine Todesangst aus, indem er wohl wußte, daß der ausgeplünderte Methodist Nichts zu bieten hatte.

Nur der arme Krüppel nahm Antheil an seinem Schicksal. Er rutschte zu den Füßen des Gefangenen, holte die Bibel aus seinem Gewand, die er nach seiner Taufe mit großer Mühe während der Irrfahrten mit seinem Gebieter lesen gelernt, und las ihm verschiedene Kapitel vor, ihn zur christlichen Ergebung und zur Vorbereitung für den Tod ermahnend, bis der darüber erboßte

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Heuchler ihn mit einem Fußtritt und den lästerlichsten Schimpfreden von sich stieß.

Der Kentuckier schien sich williger in sein Schicksal zu fügen. Er jammerte nicht feig um sein Leben oder den Schmerz, den ihm die festgeschnürten Fesseln verursachten, und grollte mit seinem alten Kameraden nur darüber, daß dieser ihn bei dem Kampf an der Fähre verhindert hatte, von seinen Kräften vollen Gebrauch zu machen und wenigstens ein Paar der Feinde umzubringen, ehe er selbst ihnen zum Opfer fiel.

So war die sechste Abendstunde heran gekommen, die Zeit, welche die Häuptlinge oder vielmehr Wis-con-Tah bestimmt hatten. Der Medizinmann oder Zauberer des Stammes, eines seiner Geschöpfe, hatte verkünden müssen, es sei nöthig, daß die beiden weißen Gefangenen stürben, damit der böse Geist durch ihr Blut bewogen werde, den rothen Männern in dem bevorstehenden Kampfe den Sieg zu geben.

Es gehörte ferner zu der Politik des boshaften und grausamen Einäugigen, daß sowohl der Toyah, als die schöne Tochter des Haciendero und der Lord die Martern mit ansähen: der Jaguar, um seine Standhaftigkeit zu beugen, die Dame um sie zu erschrecken und in ihr Schicksal gefügig zu machen. Was den Engländer betraf, so sollte das blutige Schauspiel eine jener schrecklichen Prahlereien abgeben, welche die Indianer lieben.

Es wurden daher zwei der Frauen abgeschickt, die Señoritta und ihre Dienerin zu holen. Sie erhielten

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beide ihren Platz in der Nähe des Comanchen, der noch immer ruhig und unbeweglich auf seinem Felsblock saß.

Die schöne Dolores war sehr blaß, aber ihr Gesicht hatte nichts destoweniger den stolzen und entschlossenen Ausdruck behalten, der es auszeichnete. Da sie schon in Guaymas gehört, daß die Nation der Comanchen diesmal mit den Stämmen der Apachen sich zu dem Einfall in die Sonora verbunden hatte, konnte sie, - als sie am Morgen Wonodongah zum ersten Mal in dem Lager der Indianer erblickt hatte, - nicht anders glauben, als daß auch er jetzt auf der Seite ihrer Feinde stehe und vielleicht gar den Zug zu ihrer Entführung veranlaßt habe. Ein Blick tiefer und bitterer Verachtung aus ihren Augen traf daher den ehemaligen Tigrero, als sie an ihm vorüberging, und beugte seine sonst so stolze Stirn.

Die beiden Gefangenen waren, um ihre Marter oder ihre Todesangst zu vermehren, in der Weise an die Pfähle gebunden, daß zwar ihre Handgelenke auf dem Rücken fest und in das Fleisch einschneidend zusammengeschnürt, ihre Beine aber freigelassen waren. Eine kurze Schlinge hielt ihre gefesselten Arme an dem starken Pfahl so lose, daß sie sich in der Weite eines Schrittes etwa rings um diesen her bewegen konnten.

Nachdem sich jetzt die verschiedenen Gruppen der Krieger zu einem großen Kreis um die Unglücklichen auf einen gellen Ruf des Medicinmanns versammelt hatten, gab der einäugige Häuptling der Mescalero's das Zeichen zum Beginn des grausamen Schauspiels.

Alsbald trat der Zauberer, begleitet von sämmtlichen

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anwesenden Weibern der beiden Stämme, deren Zahl einige zwanzig betragen mochte, in den Kreis. Der Medicinmann war ein alter Bursche von groteskem Aussehen, seine lange hagere Gestalt mit Schlangenhäuten, getrockneten Kröten und Thierschwänzen seltsam behangen und aufgeputzt und an seinem Scalpzopf die Klapper einer großen Klapperschlange hängend. Er schlug eine kleine Trommel und führte mit allerlei wilden Sprüngen und Grimassen zum großen Entsetzen Slongh's den Zug der Weiber, deren jedes einen Feuerbrand und ein Messer in den Händen trug, drei Mal um die Gefesselten, denen die Häuptlinge mit ihrem Bundesgenossen, dem Lord, gegenüber saßen.

Als der Zauberer den dritten Rundgang vollendet, blieb er vor den Gefangenen stehen und hielt eine Anrede an dieselben, in der er sie glücklich pries, dem bösen Geist als Opfer für die vielen Verbrechen der Bleichgesichter gegen die rothen Männer zu fallen, und ihren Seelen befahl, als Boten nach den ewigen Jagdgefilden zu wandern und den Geistern der großen Krieger der Apachen zu verkünden, daß ihre Söhne im Begriff wären, sie an der Treulosigkeit der weißen Männer zu rächen und dieselben wieder über das Wasser zurückzutreiben.

Diese Rede blieb zwar sowohl dem Methodisten als seinem Unglückskameraden in ihrem Wortlaut unverständlich, aber sie war genugsam von der lebhaften und drastischen Zeichensprache der Indianer begleitet, um sie begreifen zu lassen, was ihnen bevorstand. Der würdige Methodist, der sich in seinem wechselnden Leben nicht selten in Gefahr befunden, aber stets Mittel in seiner Schlauheit erhalten,

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sich wieder herauszuwickeln, und dem es sonst an einem gewissen Muth nicht fehlte, fand sich hier von allen seinen auskunftsreichen Eigenschaften verlassen und hatte diesen unbarmherzigen Teufeln in Menschengestalt gegenüber alle seine Kraft verloren. Er war nahe daran, vor Schrecken wahnsinnig zu werden und weinte und zitterte wie Espenlaub. John Meredith antwortete dem Medizinmann mit einer grimmigen Verwünschung.

Jetzt gab der Letztere, indem er sich zurückzog, mit der Trommel ein Zeichen und gleich Furien stürzten die Weiber ihre Feuerbrände und Messer schwingend auf die beiden Opfer zu. Der Schreckensruf, der unwillkürlich den Lippen der Haciendera und ihrer Zofe entfloh, wurde durch das Angstgeschrei des Methodisten übertäubt, der glaubte, sein letzter Augenblick sei bereits gekommen, und sich vergeblich bemühte, indem er in der Schlinge um den Pfahl rannte, den Megären zu entkommen.

Aber so fürchterlich und drohend auch der erste Anschein war, so erwies sich das Ganze doch nur als eine vorläufige Komödie, welche die beiden Gefangenen in Schrecken setzen sollte. Die Weiber begnügten sich, mit den Messern und Bränden vor den Augen der Gefesselten umher zu fahren und ihre Haare zu versengen, und nur der Kentuckier, der zwei der Weiber mit kräftigen Fußtritten weit von sich geschleudert hatte, wurde aus Bosheit dafür an empfindlichen Stellen seines Körpers mit den Bränden geschlagen und verletzt und brüllte vor Schmerz und Wuth wie ein Stier.

Der Lord hielt seine Augen fest auf den Boden

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gerichtet, um das traurige Schauspiel nicht anzusehen, das er nicht zu hindern vermochte. Wenn er auch trotz seines natürlichen Widerwillens gegen die Verbündeten seines Todfeindes Hawthorn Menschenfreundlichkeit genug hatte, um den Versuch zu machen, ihnen - wenn auch nicht den Tod, - so doch die schrecklichen Martern zu ersparen, zu denen sie bestimmt waren, so hatte ihm doch die sehr philosophische Erklärung seines Begleiters: daß sie vor Allem nöthig hätten, ihre eigenen Schädel zu wahren und sich deshalb auf keine Weise in das Treiben der Indianer mischen dürften, die Nothwendigkeit gezeigt, alle diese Regungen zu unterdrücken und sich in das Unabweisbare zu fügen, wollte er seine Zwecke erreichen und sich nicht selbst der größten Gefahr aussetzen.

Anders war es bei der jungen Haciendera. Der Anblick der vorstürzenden Furien hatte ihre Nerven erbeben lassen, sie dachte mit Schrecken daran, daß ihr möglicher Weise unter den Händen dieser Megären ein ähnliches Schicksal bevorstehen könne, und ihre Augen wendeten sich unwillkürlich wie Hilfe suchend auf den Mann, der sie schon einmal aus den Händen seiner wilden Landsleute befreit hatte.

Ihr Blick begegnete dem dunklen Auge des jungen Indianers, das fest und ernst auf sie gerichtet war.

Eine helle Röthe überflog ihr Gesicht bei der Erinnerung an die Art und Weise, wie sie jenen wichtigen Dienst durch seine Entlassung aus der Hacienda, den Schuß auf ihn in San Francisco und den unwürdigen Verdacht noch vorhin gelohnt hatte.

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Es war, als ob der junge Häuptling ihre innersten Gedanken zu lesen verstanden hätte.

Ohne seine Stellung zu verändern, neigte er sein Haupt und sagte in dem leichten, aber ihr deutlich verständlichen Gutturalton seiner Redeweise und in spanischer Sprache:

»Die Feuerblume hat Nichts zu fürchten. Die Hände jener Weiber werden sie nicht berühren, denn sie wird ihre Königin sein.«

»Was willst Du damit sagen?« fragte die Donna, unwillkürlich erschauernd.

»Der Graue Bär hat sie zu seinem Weibe bestimmt. Sie wird den Wigwam eines Indianers theilen!«

»Nimmermehr - eher sterben!«

Der Toyah senkte das Haupt. »Die Feuerblume haßt die rothen Männer.«

»Nicht alle, Wonodongah - es giebt auch brave und gute Herzen unter den Indianern,« sagte das Mädchen hastig. »Du hast ein solches - um so schlimmer ist es, daß ich Dich jetzt unter unsern Feinden und mit ihnen verbündet sehen muß!«

Der junge Mann sah rasch empor und warf einen Blick der Ueberraschung auf sie. »Der Pfad der Apachen ist nicht der eines Toyah,« sagte er gekränkt. »Die Feuerblume sollte Wonodongah besser kennen. Er ist ein Gefangener des Grauen Bären, wie sie.«

Die Sennora schaute ihn betroffen an. »Ich hörte, daß die Comanchen im Bunde diesmal mit ihren alten Gegnern, den Apachen, seien?«

»Sie bekämpfen den gemeinsamen Feind - aber nicht

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Seite an Seite. Der Jaguar wird niemals auf dem Weg eines Mescalero gehen, es sei denn, er folgte der Spur, um seinen Scalp zu nehmen.«

»Aber wie kommst Du dann hierher?«

»Wie kommt die Feuerblume in das Lager des Grauen Bären? - ich wurde gefangen, als ich verwundet war vor acht Sonnen, weil ich den Rath Eisenarm's nicht hörte!«

Die Spanierin athmete hoch auf - sie kannte ihre Macht über diesen Sohn der Wildniß.

»Ich vertraue Dir ganz, Jaguar - Du wirst mich nicht verlassen. Lieber den Tod, als das furchtbare Schicksal, das Du mir vorhin angedeutet hast!«

Der junge Häuptling sah sie mit einem funkelnden Blick an. »Wird die Feuerblume wirklich zu ihrem großen Geiste gehen, ehe sie die Squaw des Grauen Bären wird?«

»Ich stieße mir lieber zehnmal ein Messer in's Herz. Aber - ich bin ein schwaches Weib und ohne Waffe!«

Der Indianer sah sich vorsichtig um, dann zog er das Messer, das er am Abend von seinem verborgenen Freunde erhalten, aus dem Gürtel, wickelte es geschickt aus der Schnur und warf es in ihren Schoos.

»Die Feuerblume wird niemals die Mutter apachischer Hunde sein! Sie darf dies Messer erst gegen ihr Herz wenden, wenn ihre letzte Hoffnung geschwunden. Es ist die Gabe eines Freundes!«

Dolores fühlte, welch' großes Opfer ihr der Gefangene brachte, denn diese Waffe bildete offenbar seine einzige Wehr. Sie sah ihn - vielleicht zum ersten Mal - mit

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einem Blick an, in dessen Ausdruck all' jener Racenstolz vor einem höhern Gefühl schmolz, das Nichts von dem Unterschied des Standes und der Farbe weiß, und sagte unwillkürlich mit tiefer Bewegung: »Nimm meinen Dank - mit der Macht mich zu tödten rettest Du mir mehr als das Leben, das Du schon einmal erhalten. Aber sprich, was wird Dein Schicksal sein?«

»Wenn die Hacienda del Cerro morgen in den Händen der Apachen ist, wird der Graue Bär hören, wie ein Toyah sein Todeslied singt!«

»Die Hacienda in der Gewalt dieser Teufel! Man will Dich tödten? - Barmherziger Gott - und mein Vater« -

»Der Mann mit den hundert Häusern ist gewarnt. Die Schwester Wonodongah's ist heute Morgen nach der Hacienda entflohen. Die Feuerblume möge hoffen - das Auge eines Freundes wacht über ihr und Eisenarm ...«

Ein entsetzlicheres Geschrei als das bisherige, unter dessen Schutz die Worte zwischen Wonodongah und der Tochter des reichen Haciendero gewechselt worden, unterbrach die fernere Mittheilung. Das gellende Hohngelächter und der Jubelruf der Apachen mischten sich in diese Laute des Schmerzes und verkündeten den Triumph der Indianer, mit dem sie die Schwäche und Furcht ihrer gehaßten Gegner begrüßten.

Die Marterung des Methodisten und des Kentuckier's hatte während der kurzen Unterredung ihren Fortgang genommen. Die Weiber hatten zunächst ihre Feuerbrände nach den Füßen der Gefesselten geschleudert, und die

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Sprünge und Capriolen, mit welchen dieselben der gefährlichen Nähe zu entkommen suchten, erregte das Hohngelächter der Wilden.

Dann, auf einen Schlag des Medicinmannes auf seine Trommel, wurden die Weiber aus dem Kreise gejagt, die jüngsten Krieger traten vor und schossen mit ihren Pfeilen und warfen mit ihren Tomahawks nach den beiden Gefangenen.

Das grausame Spiel war zwar nur die Einleitung der wirklichen Todesmartern, aber so gefährlich, daß es oft bei Ungeschicklichkeit oder Bosheit den Tod herbeizieht. Die Aufgabe der jüngeren Krieger war, die Pfeile so geschickt zu schießen oder das Beil so sicher zu schleudern, daß sie zwischen den sich windenden und ausweichenden Gliedern des Opfers hindurchflogen, ohne sie ernstlich zu verletzen.

Nach wenigen Minuten bluteten übrigens Beide aus verschiedenen leichten Wunden, und als die Spitze eines Pfeils durch das Dickfleisch seines linken Oberarms drang, stieß der Methodist ein jämmerliches Geheul aus.

Dies war das Geschrei, das die Unterredung des Toyah mit der jungen Haciendera unterbrochen hatte. Es dauerte unter dem Hohngelächter der Wilden noch fort, als sich der Medizinmann mit einem brennenden Fichtensplitter aus dem Feuer bewaffnete, mit allerlei Beschwörungen und Zaubersprüchen den Brand um den Kopf schwang und auf den Kentuckier zustürzend ihm die scharfen Spitzen in das Fleisch seines Schenkels bohrte.

John Meredith brüllte wie ein angeschossener Stier und wand sich vor Wuth und Schmerz in den Banden,

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ohne den tückisch lachenden Gegner erreichen zu können, der seinen Beschwörungstanz um ihn hielt und sich zur Wiederholung der schändlichen Marter anschickte.

In diesem Augenblick geschah etwas Eigenthümliches.

Der Malaye, der bisher neben seinem Gebieter dem empörenden Schauspiel beigewohnt, schob sich in seiner gewöhnlichen Gangweise, in der er durch die Gewohnheit eine große Uebung und Schnelligkeit erlangt hatte, über den Raum, der die Schützen von ihren Opfern trennte, und warf sich an die Seite des Kentuckiers zwischen diesen und den Zauberer, den er zurück stieß. Dann erhob er sich, so weit er es vermochte, und indem er mit lauter Stimme den Namen Gottes und des Erlösers anrief und den 117. Psalm:

intonirte, zerschnitt er mit seinem Messer und einem einzigen Schnitt die Bande an den Handgelenken des Gefangenen und die sie an den Pfahl fesselnde Schlinge.

Selbst, wenn die Indianer vermocht hätten, diese rasche That zu hindern, würden sie es kaum gewagt haben, denn sie hatten von Anfang an die seltsame Gestalt des Krüppels mit einer Art abergläubischer Scheu betrachtet und ihn jenen Wesen zugesellt, denen sie keine Zurechnungsfähigkeit zutrauen und die daher ungestraft Alles thun dürfen.

John jedoch schien sich wenig um die Kehren christlicher Liebe und Barmherzigkeit zu kümmern, mit denen ihm der Malaye zu Hilfe gekommen war. Er fühlte sich

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kaum frei von seinen Fesseln, als er trotz seiner Erschöpfung und seiner Schmerzen wie ein Tiger über den Medicinmann herfiel, ihn an der Gurgel packte und zu Boden warf. -

In demselben Augenblick, in welchem der Kentuckier den indianischen Beschwörer zur Erde schleuderte und mit Fäusten und Zähnen seine Wuth an ihm auslieh, riß in der Verzweiflung vor dem Schicksal, das auch ihn bedrohte, der Methodist mit aller Kraft an seinen Fessein und fühlte plötzlich, daß sie sich lösten. Die Schneide eines der abschleuderten Tomahawk's hatte die Schlinge, die seine Arme mit dem Pfahle verband, halb durchschnitten, - ein kräftiger Ruck, und der ehrliche Slongh fühlte sich frei, wenn man das Freiheit nennen kann, daß er zwar Herr seiner langen Beine war, aber seine Handgelenke noch immer auf dem Rücken zusammengeschnürt blieben. Dennoch machte er sofort Gebrauch von der Freiheit der ersteren, krümmte seine hagere Gestalt zusammen und schoß - ohne sich um das Schicksal seines Leidensgefährten zu bekümmern, - wie ein Pfeil durch den Kreis der Apachen und stürzte sich nach der Felswand im Norden, die ihm am nächsten und zugleich die leichteste zu ersteigen war.

Wenn eine Bombe plötzlich in den Kreis der Indianer eingeschlagen wäre, und nach allen Seiten hin ihre todsprühenden Splitter geworfen hätte, würde das Erstaunen und die erste Betroffenheit der ganzen Bande nicht haben größer sein können.

Diese Erstarrung dauerte aber nur wenige Augenblicke. Schon in dem nächsten stürzte Alles wirr durch

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einander, die Einen suchten dem Zauberer zu Hilfe zu eilen, die Anderen jagte der befehlende Ruf des Grauen Bären hinter dem flüchtigen Methodisten drein.

Beides aber hatte seine Schwierigkeit.

Der Kentuckier hatte seinen Mann fest gefaßt. Obschon durch die lange Knebelung steif in den Gelenken, war er seinem Gegner an Muskelkraft doch mehr als das Doppelte überlegen, preßte ihm den Hals zu, daß ihm der Athem verging und die Augen sich aus ihren Höhlen drängten und war ganz unbekümmert um das eigene Leben, wenn es ihm nur gelang, sich vorher an dem Feinde zu rächen, der ihm die boshafte Marter angethan. Da sich Beide fest umschlungen hielten und fortwährend auf dem Boden übereinander wirbelten, war es überdies schwer, dem Beschwörer mit einem Hieb oder Stich zu Hilfe zu kommen, ohne vielleicht ihn selbst zu treffen.

Ein Kreis von schreienden und heulenden Indianern hatte sich um sie gebildet, als endlich der erfahrene Häuptling der Mescalero's dem Ringen ein Ende machte. Auf seinen Wink warfen sich zwei der Krieger zu gleicher Zeit mit ihren Körpern auf das verschlungene Paar und hielten es unter sich fest. Dann war es ein Leichtes, den Medicinmann aus den Fäusten des Kentuckiers zu befreien, was freilich ohne einige derbe Schläge auf dessen Schädel nicht abging, und während die Glieder John's fest zusammen geschnürt wurden, setzten einige Krieger den Zauberer ein Paar Schritte entfernt auf den Boden und die Weiber brachten Wasser herbei, um den noch immer halb erstickt nach Luft Schnappenden wieder zu sich zu bringen.

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Als dies endlich geschehen, und seine Augen voll Gift und Wuth auf den unglücklichen Gefangenen gerichtet waren, reichte ihm die »Schwarze Schlange« sein Messer, deutete auf jenen und sprach ein einziges Wort.

Der Beschwörer stürzte sich mit satanischer Freude auf den Gefesselten, er setzte ein Knie auf seine Brust, faßte mit der Linken den vollen dicken Schopf seines Kopfes und zerrte ihn empor. -

Dann hörte man einen furchtbaren entsetzlichen Schrei - einen Schrei, der die Señoritta, die sich unwillkürlich bei dem Lärmen dicht an den Comanchen gedrängt hatte, fast ohnmächtig machte, obschon sie durch den dichten Kreis, der sich um den Henker und sein Opfer drängte, glücklicher Weise nicht sehen konnte, was vorging. Während der Schrei sich gräßlich wiederholte und der Kreis der Krieger und Weiber in einem höllischen Jubel ausbrach, erfaßte Wonodongah die Haciendera und trug sie mehr, als er sie führte, nach dem Zelt, indem er der vor Entsetzen zitternden und weinenden Zofe winkte, ihnen zu folgen. Er schob beide Frauen in dasselbe, und stellte sich, gleichsam als Schutz, obschon er unbewaffnet war, vor den Eingang, - denn er wußte, wie leicht der bloße Anblick der weißen Gefangenen in einem solchen Augenblick die entfesselte Blutgier der Indianer zu einer neuen Gewaltthat reizen konnte.

Die Wiederholung des gräßlichen Geschreies, das allmälig in ein Wimmern des Schmerzes überging, und der Jubel der Wilden wurde von der andern Seite her durch den Knall einer Büchse unterbrochen, dem gleich darauf

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ein zweiter folgte. Dann hörte man die mächtige Stimme Makotöh's, welcher die verfolgenden Krieger zurück und den ganzen Stamm zu den Waffen rief.

Am Fuß der nördlichen Felsen, von diesen herab gestürzt, lag die Leiche eines der Krieger, die sich auf die Verfolgung Slongh's gemacht hatten. Ein zweiter, durch die Brust geschossen, wand sich, krampfhaft an die Wurzeln einer Ceder sich anklammernd auf einem Abhang, den er bereits erstiegen.

Dann sahen die Apachen, die noch auf dem Grunde der Schlucht standen oder eben erst die Bergwand zu ersteigen begonnen hatten, die nackte Gestalt Slongh's hoch über sich. Die Todesangst, das drohende Geschrei der ihn verfolgenden Wilden schien ihm Flügel gegeben zu haben und wie von einem Instinkt geleitet, hatte er die einzigen Stellen gefunden, auf denen die Bergwand von dieser Seite her zu erklimmen möglich oder wenigstens leichter war, und mit blutenden, von dem scharfen Gestein und Dornen zerrissenen Füßen war er, obschon seine Hände noch immer gebunden waren und ihm keine Hilfe leisten konnte, wirklich bis auf drei Viertheile der Wand seinen Verfolgern voraus emporgelangt. Die unerwartete Hilfe, die ihm durch die zwei Büchsenschüsse von oben her wurde, und welche seine Verfolger aufhielt und zurückscheuchte, stärkte seinen Muth - jetzt aber sah er sich plötzlich, den Augen der Apachen unten im Grunde ausgesetzt, vor einer steilen, etwa sechs bis sieben Fuß hohen glatten Felswand stehen, die er ohne Anwendung der Hände unmöglich erklimmen konnte.

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Der Methodist, von neuer Todesangst ergriffen, rannte um Hilfe schreiend, wie ein wildes Thier an der Wand hin und her, während ein Hagel von Kugeln und Pfeilen um ihn niederfiel, oder sich an dem Gestein abplattete.

Die Pfeile erreichten meist die Höhe nicht - mit den Feuergewehren gehen die Apachen nur sehr ungeschickt um und sind noch nicht daran gewöhnt. Dennoch war die Menge der Schützen immerhin gefährlich und nur die stets veränderte Stellung sicherte den Flüchtling noch vor einer wahrscheinlich tödtlichen Verwundung.

In dieser furchtbaren Lage, wo der Methodist außer Stande, seine Flucht fortzusetzen und zur Zielscheibe seiner Feinde geworden war, fiel die Schlinge eines Lasso, von unsichtbarer Hand geworfen, über seinen Kopf und seinen Hals. -

»Laß sie bis auf die Hüften hinabgleiten,« sagte eine Stimme halblaut aber verständlich, »dann versuche heraufzuklimmen.«

Der Methodist, schon mehr todt als lebendig, befolgte diesen Rath und ließ die Schlinge durch Schütteln über seine Schultern fallen; sogleich fühlte er sie angezogen, und sich emporgehoben.

Die Indianer im Grunde, welche diese Hilfe nur undeutlich oder gar nicht bemerken konnten, verdoppelten ihr Wuthgeschrei und ihre Schüsse, als sie ihr Opfer in einer unerklärbaren Weise an der steilen Wand emporsteigen sahen.

Plötzlich verlor der Methodist durch einen Pfeil in das Fleisch jenes Theils getroffen, den er den erstaunten

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Apachen bot, den Halt und schrie aufs Neue um Hilfe. Da streckte sich ein Arm oben aus dem Gebüsch, die kräftige Faust daran faßte ihn bei den langen Haaren, die eine so gewaltige Zierde in dem Wigwam eines Häuptlings abgegeben haben würden, und zog ihn, während der unbekannte Helfer sich in den Knieen und dann in ganzer Gestalt aufrichtete, auf die Höhe der Felswand.

Eine Minute lang stand der Methodist prustend, zitternd und halb erstickt neben seinem Retter, dann stieß ihn dieser in das Gebüsch zurück, während er selbst noch kurze Zeit stehen blieb und mit finsterm drohenden Blick den unter ihm tobenden Haufen betrachtete, wobei er die Hand auf das Kreuz an seiner Brust legte und es seinen Feinden entgegen hielt.

Das wüthende und von Schrecken durchbebte Geschrei: »el crucifero!« belehrte ihn, daß man ihn erkannt. Alsbald machte sich fast die Hälfte der Krieger, ohne erst auf den Befehl ihrer Häuptlinge zu warten, auf die Verfolgung des furchtbaren Feindes ihrer Nation und begann die Bergwand auf's Neue zu erklimmen.

Der Wegweiser verschwand in dem Schutz des Gesteins und der Büsche. -



Wir haben oben erwähnt, daß die kleine Gesellschaft des Kreuzträgers, nachdem die Schildwache der Apachen so glücklich aufgehoben worden war, ungehindert die Höhe der

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Bergwand erreichte, welche die Schlucht umgab, und zwar nördlich von dem Felsspalt, durch welche der Gebirgsbach sich in die Tiefe drängte. Aus dem Versteck, das der Wegweiser aufgefunden, vermochten sie den ganzen Grund und die Vorgänge in demselben, so weit es das Laub der Bäume gestattete, ziemlich genau zu übersehen.

Die größte Vorsicht und Regungslosigkeit war natürlich ihr bester Schutz und der Kreuzträger empfahl daher wiederholt seinen Begleitern, sich nicht zu rühren.

Sie hatten sich bald überzeugt, daß Señora Dolores und ihre Dienerin unverletzt als Gefangene sich in den Händen der Wilden befanden. Mit großem Interesse betrachtete der alte Wegweiser den jungen Comanchen, dessen Gestalt zwischen der wilden Umgebung in der Nähe der Señoritta ihm seine Schwester bezeichnete, und von dem der Ruf der Wüste ihm schon so manche tapfere und edelherzige That berichtet hatte, ohne daß sich bisher Gelegenheit gefunden, mit ihm oder seinem noch berühmteren Freunde zusammenzutreffen; mit ziemlicher Gleichgültigkeit aber die Vorbereitungen, welche zur Marterung des Methodisten und des Kentuckiers getroffen wurden. Seine Lebensweise und die fast täglichen Gefahren derselben hatten sein Gefühl für dergleichen abgestumpft und weder Slongh noch John Meredith hatten von Anfang besonders hoch in seiner Achtung und Freundschaft gestanden. Er hätte also höchst wahrscheinlich zu ihrer Rettung oder Rächung schwerlich eine Ladung Pulver verschwendet und sich der Gefahr, selbst gefangen zu werden, ausgesetzt, wenn nicht der Offizier eingeschritten wäre.

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Schon bei dem Beginn der Marter wollte der junge Mann auf jede Gefahr hin den Unglücklichen zu Hilfe eilen und konnte nur mit Mühe von dem Wegweiser zurückgehalten werden. Als aber das schreckliche Drama sich entwickelte, Meredith mit dem Beschwörer rang und es Slongh gelungen war, die Flucht zu ergreifen, erklärte der Offizier fest, daß seine Ehre fordere, einem Christen und Weißen auf jede Gefahr hin beizustehen, und ehe es der Kreuzträger verhindern konnte, schoß er aus dem Versteck den ersten der verfolgenden Wilden nieder.

Der zweite Schuß, der gleich darauf und mit eben so sicherer Hand abgefeuert wurde, kam von dem Vaquero. Als der Wegweiser nun sah, daß ihre Anwesenheit nicht mehr zu verbergen war, zeigte er sich auch geneigt, dem Flüchtling beizustehen, und wir haben gesehn, auf welche Weise dies geschah.

Kaum war Kreuzträger von seinem exponirten Platz zurückgesprungen, als er auch sofort seine Büchse aufraffte, Windenblüthe Gewehr und Kugelbeutel des erstochenen Wachpostens an den Methodisten geben hieß, und die schleunigste Flucht befahl. »Wir haben kaum zehn Minuten Vorsprung, Señor Teniente,« sagte er - »und der Graue Bär ist kein Bursche, der sich von dem Unerwarteten lange in Schrecken setzen läßt. Jetzt gilt es, unsere Beine zu rühren, obschon ich, wenn der liebe Herrgott kein Wunder an uns thut, keinen Dollar für unsere Kopfhäute geben möchte.«

»Wir verlassen uns ganz auf Ihre Umsicht und Treue,« erwiederte der Offizier, etwas beschämt durch das

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Gefühl der Unvorsichtigkeit seiner, wenn auch edelherzigen Handlung. - »Wir werden Ihren Bestimmungen folgen und wenn es sein muß, als Männer sterben. Nur versuchen Sie, dies arme Mädchen zu retten!«

Die Worte waren schon während des eiligen Vordringens der kleinen Gesellschaft gesprochen und versöhnten sofort den Unwillen des Wegweisers, der nur immerfort zur höchsten Eile mahnte und Diaz befahl, den Schluß des kleinen Zuges zu bilden.

Ihre Flucht ging so eilig vorwärts, daß weder der Offizier noch der Vaquero Zeit fanden, ihre Gewehre wieder zu laden. Instinktmäßig hatte der Wegweiser die Richtung um den Rand der Schlucht her in einiger Entfernung von diesem und nach deren anderen Seite gewählt, indem er Allen empfahl, bei ihrem Lauf die gewöhnliche indianische Reihe zu bilden und Jeder möglichst in die Fußspuren des Vordermanns zu treten, um so die Indianer wenigstens für die ersten Augenblicke über ihre Anzahl zu täuschen. Die Steinblöcke und dichten Schlingpflanzen machten zwar ihren Weg sehr schwierig und hinderten die schnellen Bewegungen, indeß mußten ihre Verfolger, deren Geschrei von unten und der verlassenen Bergwand her man deutlich hörte, unter denselben Uebelständen leiden.

Sie waren ungefähr so zehn Minuten vorwärts gedrungen und konnten aus dem Rufen ihrer Verfolger entnehmen, daß dieselben jetzt gleichfalls sich auf der Höhe der Bergwand befanden, als der Wegweiser an der Spitze des kleinen Zuges plötzlich stehen blieb.

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»Es ist zu Ende, Kinder,« sagte er finster - »eine andere Richtung einzuschlagen ist zu spät - vorwärts können wir nicht mehr, und so bleibt uns denn nur noch übrig, unser Leben so theuer zu verkaufen als möglich!«

»Was ist geschehen, Monsieur Kreuzträger?« frug der Offizier hastig. »Warum geben Sie auf einmal alle Hoffnung auf?«

»Sehen Sie selbst!«

Er wies vor sich hin auf den Boden.

Von dem niedern Buschwerk bisher verdeckt gähnte dort die tiefe Felsspalte, auf deren Grund der kleine, aber wilde Gebirgsbach zur Schlucht hinab schäumte. Der Rand der Spalte, auf dem sie sich befanden, war zwar höher als der gegenüberliegende, die Breite jedoch eine zu bedeutende, als daß selbst der beste Springer im Anlauf sie hätte überspringen können. Eine Umgehung des Hindernisses war gleichfalls nicht möglich, denn die Zerklüftung zog sich weit hinein in die Berge, und an der ohnehin schroff abfallenden Felswand hinab zu klimmen, um an der andern Seite wieder den zweifelhaften Versuch zu machen, emporzusteigen, hätte geradezu geheißen, sich in eine Falle werfen, in welcher ihre Verfolger sie mit aller Bequemlichkeit niederschießen konnten. Mit dem ersten Blick hatten Alle so gut wie der Wegweiser selbst diese Umstände begriffen.

Kreuzträger blickte umher nach den besten Verstecken, die sie zu dem bevorstehenden Kampfe wählen könnten, aber der Platz war auch dazu sehr ungünstig. Nur einzelnes niederiges Gebüsch bedeckte hier den Boden, die wenigen Rothtannen, welche am Rande der Schlucht

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emporgewachsen, hatten die Orkane oder der Zahn der Zeit niedergebrochen; nur auf der andern Wand standen noch einige kräftige junge Stämme empor, aber unerreichbar für sie und selbst einen Lassowurf, der hier überdies Nichts helfen konnte, da die Schlinge kein Ziel gefunden hatte. Einzelnes dünnes Gestäng einer kleinen Eichenart mit zähem Holz, die auf den Bergen zu wachsen pflegt, bildete ihren einzigen Schutz.

»Die Büchsen, Kinder, ladet Eure Büchsen,« sagte der Wegweiser, - »und nehme jeder ein Versteck so gut wie er es findet, - Du Mädchen kauere Dich hinter diesen Stein! in wenig Minuten werden sie hier sein!«

Der Offizier und der Vaquero hatten in der That noch nicht Zeit gehabt oder versäumt, auf der Flucht ihre Gewehre wieder zu laden, die sie zum Schutz des Methodisten auf die Apachen abgeschossen hatten. Diaz begann sofort dies nachzuholen, auch der Preuße that dasselbe und trat dabei näher zu seinem alten Begleiter.

»Sind Sie im Stande, die Teufel uns fünf Minuten noch vom Leibe zu halten, Kamerad?«

»Gewiß - auch zehn! Die Vordersten werden sich hüten, ohne genügende Deckung in den Bereich meiner Büchse zu kommen!«

»Das genügt! Nehmen Sie mein Gewehr noch - es sind drei Schüsse, wenn Diaz Ihnen hilft. Ich werde unterdeß die Felsspalte überspringen und die Schlinge des Lasso's an jener Tanne befestigen!«

»Das wäre ein unsinniger Versuch, junger Mann, und Sie würden dabei nur Hals und Beine brechen. Die

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Spalte ist hier mindestens zwanzig Fuß breit und kein menschlicher Fuß kann im Sprung jenes Ufer erreichen.«

»Ich bin schon weiter gesprungen,« sagte lächelnd der Offizier - »das Turnen hat doch sein Gutes! Aber tauschen Sie Ihr Messer mit mir - das Ihre ist schwerer - und hier meine Büchse!«

»Ich weiß nicht, was Sie beabsichtigen,« erwiederte der Alte, »aber wenn es auch nur zu Ihrer und des Mädchens Rettung genügt, die rothen Schurken noch einige Minuten zurückzuhalten, die wir dort schon heulen hören, soll es geschehen. Hier ist das Messer und nun her zu mir, Diaz!«

»Wenn Sie mich rufen hören, so ist es gelungen, und dann folgen Sie uns!« sagte hastig der Offizier noch und dann stürzte er mit dem schweren Messer nach den jungen Stämmchen, deren Anblick ihm den rettenden Gedanken eingegeben hatte.

Er hatte im Nu den längsten und kräftigsten sich ausgesucht und während er mit der schweren Klinge ihn an der Wurzel abhieb und von den Zweigen befreite, knallte bereits die Büchse des Kreuzträgers, der eilig wohl zweihundert Schritt weit auf dem Weg, den sie gekommen, den verfolgenden Apachen entgegen gegangen war, und der Todesschrei, der dem Schuß folgte, bewies, daß der Alte sein Ziel nicht verfehlt hatte.

Der Lieutenant sprang jetzt mit dem etwa 9 bis 10 Fuß langen festen und zähen Stock nach der Stelle, wo er das Mädchen und den zitternden Slongh verlassen hatte und wenige Worte genügten, wenigstens die erstere über

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sein Vorhaben und die Hilfe, die sie dabei leisten sollte, zu verständigen. Sie hob wie bittend die Hände zu ihm und bedeckte dann die Augen, um nicht den gefährlichen Versuch zu sehen, der junge Offizier aber wußte, daß hier jeder Augenblick kostbar war, denn schon krachte ein zweiter Schuß, und nochmals an den Rand der Felsspalte tretend, gerade an der Stelle, wo sie von Gebüsch frei war und etwa fünf Fuß unter dem Rand ein Felsblock aus der Felsmauer hervorsprang, maß er mit raschem Blick die Entfernung und die Bildung der gegenüberliegenden Wand, - nahm zurücktretend einen kurzen Anlauf und sprang, die Spitze seines Springstocks auf den vorragenden Stein setzend, mit gewaltigem Schwung hinaus in die Luft.

Die Entfernung war jedoch größer, als er gedacht. Trotz seiner Geübtheit und des gewaltigen Schwunges, den er sich gegeben, erreichte er nur mit dem halben Fuß die gegenüberliegende Wand, und nur die rasche instinktartige Entschlossenheit, daß er den Springstock fallen ließ und mit beiden Händen die Zweige der an der Wand emporwachsenden Tannen erfaßte, rettete sein Leben. Seiner Turnergeübtheit gelang es, sich an den erfaßten Zweigen und Aesten fort zu helfen und festen Boden zu erreichen. Hier klimmte er zu der nächsten Tanne, die einer Stelle gegenüberlag, an der auf dem andern Rande der Schlucht sich der Stumpf eines vom Sturm abgebrochenen und in die Tiefe gestürzten Baumes befand, riß die lange seidene Chinachärpe ab, die seinen Gürtel bildete und rief Comeo zu, ihm den Lasso zuzuwerfen. Eine aufrichtige herzliche Freude zeigte sich trotz der gefährlichen Lage, in der sie

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sich, befanden, auf dem Gesicht des Mädchens, als sie den Offizier gesichert auf der andern Seite der Schlucht erblickte, und gewandt warf sie, bis an den äußersten Rand ihrer Seite tretend, ihm die Schlinge des Lasso's zu. Der junge Mann hatte indeß seinen Gürtel um einen der schlanken, aber festen Stämme geschlungen, knotete ihn in dem Ringe des Lasso's fest und verlängerte dadurch den Strick so bedeutend, daß Comeo vermochte, das andere Ende um den Baumstumpf zu knüpfen.

Es war - so schnell auch alle diese Vorgänge ausgeführt worden, - doch die höchste Zeit, denn der dritte Schuß des Wegweisers, dem der Knall mehrerer Gewehre der Apachen antwortete, kam bereits aus größerer Nähe und bewies, daß die Vertheidiger der fliegenden Brücke bereits zum Rückzüge gezwungen waren.

Zu einer solchen wurde in der That der Lederstrick, den die Klugheit oder Gewohnheit des jungen Vaquero so glücklich mitgenommen hatte. Der Offizier rief der jungen Indianerin zu, an ihm sich nach dem andern Ufer gleiten zu lassen, aber die Furcht Master Slongh's, der noch immer in seinem adamitischen Kostüm sich befand, überwog jede Rücksicht; der Methodist stieß das Mädchen zur Seite, hing sich an den Strick und legte an demselben den gefährlichen Weg zurück, worauf er alsbald an der Wand emporklimmte und sich in das nächste Dickicht warf, ohne sich um das Schicksal seiner Retter und Gefährten zu bekümmern.

So aufgebracht Ewald[Arnold] von Kleist auch über diese selbstsüchtige Handlungsweise war, so hatte sie doch das Gute, ihn zu überzeugen, daß der Strick fest hielt. Im nächsten

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Augenblick war auch Comeo bei ihm und er ließ den Ruf erschallen, den er als Signal dem Kreuzträger versprochen hatte.

Der Wegweiser und Diaz kamen sofort über die kurze Fläche gesprungen, die ihren Kampfplatz von dem Rande der Schlucht trennte. Diaz blutete aus einer Pfeilwunde an der Wange. Beide hielten ihre Büchsen, Kreuzträger deren zwei - aber sie waren sämmtlich entladen und es war keine Zeit, die Kugeln hineinzustoßen. Der Kreuzträger sah sich um, da er im ersten Augenblick nicht entdecken konnte, wohin seine Freunde verschwunden waren.

»Hier! hier!« rief der Offizier, um ihm den Weg zu zeigen.

Mit einem Blick hatte der Wegweiser die Weise des Uebergangs erkannt. »Brav gemacht, mein Junge,« rief er - »aber nun fort in die Gebüsche, denn dort kommen sie! - Hinüber, Diaz - Du nützest dort drüben mehr! Fort - ich befehle es!«

Der junge Mann, der anfangs gezögert, warf sich auf diese Worte an den Strick und ließ sich hinüber gleiten, während Ewald[Arnold] von Kleist bereits das Mädchen auf den Rand der Schlucht hob und sie drängte, sich in das Buschwerk zu flüchten.

Der Kreuzträger versuchte nicht erst, sein Entkommen auf gleiche Weise zu bewerkstelligen, denn die Verfolger waren ihm zu nahe. Er wandte sich um, ließ seine Büchse fallen, und faßte das Gewehr des Offiziers, das er in der Hand getragen, bei dem Lauf. Ein Sprung

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zur Seite, rettete ihn vor dem Tomahawk, den der vorderste Apache - es waren drei Krieger, die in wenigen Schritten Entfernung von einander in Folge ihrer größeren Gewandtheit oder Schnelligkeit dem Haufen ihrer Kameraden vorangekommen waren, der sich auf die Verfolgung gemacht - gegen ihn schleuderte.

In dem Augenblick, wo er zur Seite sprang, hob er auch die Büchse und schmetterte den Kolben in gewaltigem Schwung auf den Schädel des Apachen nieder, der den Tomahawk geworfen.

Der Indianer stürzte ohne Laut todt zu Boden, das Gehirn bespritzte den Wegweiser, der jedoch nur den Lauf der Waffe in der Hand behielt, denn der Kolben war unter dem furchtbaren Schlage gebrochen. Er hatte nicht einmal Zeit, die verstümmelte Waffe fortzuwerfen, denn bereits war der zweite seiner Gegner an ihm und er konnte dessen Hieb nur dadurch pariren, daß er den Lauf vorhielt. Der Indianer hatte im Sprung zugeschlagen - Kreuzträger stieß ihm den zerbrochenen Schaft in's Gesicht, ließ denselben fallen und griff nach seinem Messer. Aber ehe er dies gebrauchen konnte, sah er sich bereits von seinem gefährlichen Feinde befreit. Der Wilde durch den Stoß, der ihm die Augen blendete, in's Taumeln gebracht, war über den Körper seines erschlagenen Kameraden gestrauchelt und fiel. Der Wegweiser sah ihn über den Rand der Schlucht stürzen, an deren Gestein er sich vergebens anzuklammern suchte, und der Fall des schweren Körpers dröhnte aus der Tiefe herauf.

Dennoch begriff der tapfere Alte mit einem Blick, daß

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er verloren sei, wenn ihm nicht eine unerwartete Hilfe käme. Der dritte Apache, ein Krieger von athletischen Formen, war kaum noch zehn Schritt von ihm entfernt und kam - wenn auch laufend, doch durch das Schicksal seiner Gefährten belehrt, offenbar mit größerer Vorsicht herbei. Der Trupp der Apachen, der mit triumphirendem Geheul, als sie ihren verhaßten und gefürchteten Feind allein und ihrer Uebermacht preisgegeben sahen, herankam, war etwa 50 oder 60 Schritt noch hinter dem Krieger.

Dieser ein untergeordneter, aber als tapfer und stark bekannter Häuptling, wollte sich offenbar nicht den Ruhm nehmen lassen, den Todfeind seiner Nation erschlagen oder gefangen zu haben, und strengte deshalb die ganze Kraft seiner Sehnen an, ihn zuerst zu erreichen. Er schwang in seiner Rechten den Tomahawk, seine Linke hielt ein scharfes großes Messer, während das des Wegweisers nur schwach und kurz war, da er sein schweres Jagdmesser dem Offizier geliehen.

Er hatte nicht Zeit, die eigene Büchse, die vor ihm am Boden lag, aufzuheben - es wäre sein Verderben gewesen.

Kreuzträger befahl seine Seele Gott; er stemmte den linken Fuß zurück, um fest dem Anlauf zu begegnen, und streckte die Faust mit der ungenügenden Wehr zu seiner Vertheidigung vor.

Der Apachenhäuptling blieb etwa drei Schritt vor ihm stehen, er wechselte gedankenschnell die Waffen in seinen Händen und hob die rechte Hand über die Schulter, um mit tödtlicher Sicherheit sein Messer gegen die Brust des

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Gegners zu schleudern, eine Gewandtheit, in der die mexikanischen Wilden Meister sind. Eine teuflische Freude zuckte über sein Gesicht - der Wegweiser glaubte, daß seine Stunde gekommen, denn er konnte kaum hoffen, den Wurf zu pariren, und auch dann war sein Gegner mit dem Tomahawk ihm immer noch überlegen.

In dem Augenblick, wo der Apache über die flache Hand hinweg den tödtlichen Wurf thun wollte, fuhren plötzlich seine Arme in die Höhe, er drehte sich um sich selbst und fiel schwer zu Boden.

In demselben Moment krachte vom jenseitigen Ufer her der Knall einer Büchse und ein lichter Rauch wirbelte aus dem Dickicht.

Der Haufe der Apachen, der dem erschossenen Häuptling gefolgt war, machte erschrocken Halt und zerstob rings umher, jene Deckung zu suchen, welche die Indianer bei ihren Kämpfen zunächst lieben.

Der Wegweiser begriff, daß von der Benutzung dieses Augenblicks seine Rettung abhing.

Er raffte seine Büchse vom Boden auf, sprang zu dem Lederriemen und glitt an ihm hinunter nach der andern Seite der Schlucht. Sein Fuß hatte kaum den Boden berührt, als er - noch ehe er sich nach seinen Feinden umgesehn, - den Lasso am haltenden Baum durchschnitt und so die Verfolgung auf demselben Wege unmöglich machte.

Dann schwang er sich auf die Höhe des Ufers und stürzte unter einem Hagel von Kugeln und Pfeilen, selbst von geschleuderten Tomahawks, nach dem bergenden

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Gebüsch; denn die Apachen, als sie ihre so sicher gehoffte Beute plötzlich vor ihren Augen verschwinden sahen, waren der Gefahr trotzend jetzt bis an den Rand der Schlucht vorgeeilt, auf deren Grund sich ihr Kamerad mit zerschmetterten Gliedern in Todespein wand.

Ein Zuruf des Offiziers und des Vaquero's begrüßte den Geretteten. Ohne darauf zu achten, lud der Wegweiser seine Büchse, erhob sich mit halbem Leibe aus dem Buschwerk, das ihren Versteck bildete, und schoß einen der heulenden Verfolger nieder.

Eine zweite Kugel aus einiger Entfernung zur Seite streckte einen anderen todt zu Boden. Kreuzträger sah sich erstaunt um, denn der Zuruf hatte ihm bewiesen, daß die beiden jungen Männer hinter ihm versteckt liegen mußten. Er verwunderte sich noch mehr, als er sie sah und bemerkte, daß Diaz eben zum Schuß im Anschlag lag und der Offizier kein Gewehr hatte.

»Ich hätte dem psalmplärrenden Halunken wirklich nicht die Courage zugetraut!« murmelte er. »Herunter mit der Büchse, Diaz, mein Junge! wir müssen unser Pulver sparen und Du siehst, daß die rothen Schufte bereits das Feld geräumt haben. Es ist aber gut und giebt uns einen Vorsprung, wenn sie uns hier im Versteck liegen glauben, bereit, dem Ersten, der seine Nase zeigt, eine Kugel in's Hirn zu jagen. Kriecht vorsichtig am Boden hin und vermeidet die Büsche zu bewegen, bis wir außer Sicht sind, denn sie sind schlaue Teufel und würden unsern Rückzug gleich merken. Wo ist das Mädchen?«

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»Sie ist in Sicherheit und wird wahrscheinlich bei Slongh sein.«

»Caramba,« lachte der Alte, indem er sich in der angegebenen Manier vorsichtig fort bewegte - »ich hoffe, sie wird sich an sein Kostüm nicht stoßen, nachdem er mir das Leben gerettet hat. Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß er eine so sichere Hand hat, denn die Kugel pfiff keine zwei Zoll weit an meinem Kopf vorbei. Das war ein haarscharfes Entrinnen, Lieutenant, aber wir sind noch nicht in Sicherheit und müssen uns tummeln! - So, jetzt sind wir dem Gewürm durch die Steinblöcke verdeckt und können uns erheben!«

Die beiden Schüsse hatten in der That genügt, die Apachen wieder zurückzutreiben. Als sich der Preuße jetzt erhob, trat er zu dem Führer und reichte ihm die Hand. »Glauben Sie mir, Kamerad,« sagte er, »ich hätte meine linke Hand darum gegeben, hätte ich in jenem Augenblick der höchsten Gefahr an Ihrer Seite stehen oder Sie wenigstens mit meiner Kugel vertheidigen können. - Aber Sie wissen, ich hatte kein Gewehr, und Diaz' Büchse war nicht geladen!«

»Ich weiß es, ich weiß es!« antwortete warm der Wegweiser - »Sie bedürfen wahrhaftig keiner Entschuldigung, Señor Teniente, denn Ihre Entschlossenheit und Ihr keckes Wagstück allein haben uns Alle gerettet; ich hätte Ihnen wahrhaftig selbst in jungen Jahren den Sprung nicht nachgemacht! - Aber da ist unser Freund, freilich noch im alten Zustand, doch es wachsen hier keine Feigenblätter! Hört, Mann, ich habe Euch eigentlich bis jetzt herzlich

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wenig zugetraut, weil Ihr mit dem verdammten Seeräuber so viel verkehrtet, aber wenn ich etwas beigetragen habe, Euren Schopf vorhin zu retten, so habt Ihr mir's tüchtig wett gemacht. Ihr führt eine sichere Hand und Eure beiden Kugeln haben famos getroffen!«

Der Methodist, der erschöpft von den Anstrengungen seiner Flucht hinter einem Steinblock, der sein werthes Ich vor jeder abirrenden Kugel sicherte, niedergesunken war, starrte die drei Männer mit wirrem Blick an und fuhr sich mit der Hand in seine langen Haare, gleich als wolle er sich überzeugen, daß sie noch an der alten Stelle säßen. »O die Teufel, die Teufel!« murmelte er. »Der Herr that mir, wie Zedekia und Ahab, welche der König zu Babel auf Feuer braten ließ, darum, daß ich die Thorheit begangen, dem güldenen Kalbe zu folgen! Oh, was war ich für ein Narr, daß ich in dieses Land der höllischen Geister gekommen bin!«

»Nun, Mann,« sagte halb unzufrieden der Wegweiser, »wenn man eine Büchse wie Ihr führt, ist es so schlimm nicht in der Prairie! Euer Kamerad ist sicherlich schlimmer weggekommen und jedenfalls habt Ihr Euch mit Eurem Schuß einen Freund erworben, der Euch nicht im Stich lassen wird.«

Slongh blickte noch immer halb verstört in das offene Gesicht des Wegweisers, der die kurze Pause benutzte, um die drei von ihm getödteten Apachen in sein Register einzukerben.

»Was meinen Sie, Señor?«

»Nun, was zum Henker soll ich anders meinen, als

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die Kugel, die Ihr so zu rechter Zeit dem großen Kerl, der mir an's Leder wollte, durch das Herz gejagt habt. Da nehmt Eure Büchse, die Ihr so trefflich zu brauchen versteht, und rührt nochmals Eure langen Beine! - Aber wo ist Windenblüthe?«

Der Methodist schaute, ohne auf die Frage zu antworten, mit einem gewissen Zweifel auf die Büchse, die neben ihm lag, als wolle er sich überzeugen, ob sie wirklich zwei so merkwürdige Schüsse gethan. Dann, sich der Gefahr erinnernd, erhob er sich eilig.

»Wo ist das Mädchen?« wiederholte der Offizier dringend.

»Ja - wo ist Comeo?«

»Hier!« antwortete eine helle Stimme, - »Windenblüthe ist an der Seite eines alten Freundes.«

Um den Felsblock, hinter dem der Methodist Schutz gesucht, trat die junge Comanchin, indem sie an ihrer Hand einen Mann von riesigem kräftigem Wuchs nach sich zog.

Der Fremde trug das gewöhnliche Kostüm der Trapper, in seiner Hand eine Büchse.

»Der »Tod der Apachen«,« sagte das Mädchen mit einer naiven Ironie, »hat seine Augen im Lager der Bleichgesichter gelassen. Er hat einen Maulwurf für einen Hirsch angesehen.«

Trotz der Gefahr ihrer Lage waren der Kreuzträger und mit ihm seine Begleiter betroffen bei dem Anblick des Fremden stehen geblieben.

»Gott sei Dank, Kind,« sagte er endlich freundlich,

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»daß wir Dich unverletzt wieder sehen. Aber wen bringst Du uns da?«

»Der »Tod der Apachen« ist durch seine Büchse gerettet worden. Glaubt das Weißhaar, daß die »Schielende Ratte« den Schuß gefeuert, der einen Häuptling der Mimbreno's in das Land seiner Väter sandte?«

»Wie - versteh' ich Dich recht?«

»Dieser Mann ist der Vater der Windenblüthe von ihrer Kindheit an. Eisenarm grüßt den Kreuzträger!«

Der alte Wegweiser richtete sich erfreut auf. »Ist es wirklich, Kind? - ich sehe den besten und berühmtesten Trapper der Einöde endlich einmal von Angesicht zu Angesicht?«

Bras-de-fer, denn der treue Freund und Begleiter des jungen Comanchenpaars war es in der That, streckte seine breite Faust dem Wegweiser entgegen.

»Das Kind hegt ein zu gutes Vorurtheil für einen unnützen Gesellen, wie ich einer bin!« sagte er einfach. »Aber es sollte mir Freude machen, einem Mann einen kleinen Dienst erwiesen zu haben, welcher der geschworne Feind dieser rothhäutigen Schurken und dessen Ruf weit verbreitet zwischen dem Golf von Florida und dem Rio Colorado ist.«

»Man nennt mich den Kreuzträger, Kamerad,« erwiederte der alte Wegweiser mit einer tiefen Rührung über diese einfache, aber unter solchen Umständen großartige Anerkennung seines Charakters. »Ein Herzeleid, wie es vielleicht keinem Menschen auf Erden geworden, hat mich zu dem Feinde der verrätherischen Apachen gemacht. Wenn

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Sie, wie ich nach den Worten dieses jungen Mädchens schließen darf, der berühmte Krieger und Freund der Comanchen sind, den diese »Eisenarm« nennen, so soll es mir doppelt lieb sein, Ihnen mein Leben zu verdanken, statt diesem plärrenden Narren!«

Der kanadische Riese hatte freundlich die dargebotene Hand ergriffen. »Ich denke,« sagte er mit ehrlicher Rauhheit, - »wenn unsere beiden Büchsen vereinigt sind in einem guten Hinterhalt, können wir der ganzen Nation der Apachen die Stirn bieten! - Aber ich fürchte, wir haben hier nicht viel Zeit zu Erklärungen, denn die Rothen, die ich eben so hasse, wie Sie, würden bald einen andern Weg zu Ihrer Verfolgung einschlagen, und der Graue Bär ist kein Bursche, der so leicht eine Fährte aufgiebt, auf der seine Krieger sind, namentlich, wenn es sich um ein Wild handelt, wie Meister Kreuzträger.«

»Wenn Sie bereits Bescheid hier wissen,« antwortete der Wegweiser, indem sie rasch vorwärts schritten, »so unterstützen Sie uns mit Ihrem Rath, so gut wie Sie uns mit der That geholfen haben. Ich habe zwar heute Morgen auf unserer Recognoscirung eine Stelle entdeckt, die sich vortrefflich eignen würde, den schuftigen Mimbreno's und ihren Bundesgenossen die Spitze zu bieten, aber sie ist zu weit von hier entfernt, um sie, ohne vorher von der Uebermacht angegriffen zu werden, zu erreichen.«

»Ihre Festung ist gewiß nicht besser als die meine, kaum hundert Schritt von hier, in der ich bereits zwei Tage und eine Nacht mit einem Burschen zugebracht habe,

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der die Ladung Pulver nicht werth ist, welche die Apachen an ihn verschwenden könnten, den ich aber doch nicht im Stich lassen darf. Aber ich glaube, es wird besser sein, wenn jene sich überzeugen, daß wir alle nach der Hacienda entkommen sind. Denn wenn sie hier unsere Spur verlieren, werden sie nicht ruhen, bis sie unsern Versteck ermittelt haben und uns dann umstellen wie den Bau eines Fuchses.«

Der Wegweiser nickte zustimmend. »Das ist richtig! Aber - was können wir thun?«

Der Trapper hatte seine Decke, die er zusammengerollt über der Schulter getragen, dem Methodisten zugeworfen, der sie jetzt ponchoartig, mit einem Lianenzweig um den Leib gebunden trug und trotz seiner Erschöpfung nicht verfehlte, mit der Gesellschaft gleichen Schritt zu halten. Eisenarm wies mit der Hand in der Richtung des Ausgangs der Schlucht, aus der herauf die Flüchtlinge das entfernte Heulen und Schreien der Wilden hörten.

»Sie werden von Comeo bereits wissen,« sagte er, »daß ich eines braven jungen Comanchen wegen, den ich wie einen Sohn oder Bruder liebe, mich hier herumtrieb. Ich hätte ihn auf keine Gefahr hin verlassen, aber wie mir das Mädchen mittheilt, haben ihm die Häuptlinge seinen Tod erst auf morgen verkündet, und wollen ihn als Sühne dafür, daß er den Grauen Bär dort besiegte, erst in der eroberten Hacienda der Marter übergeben. Wie wir Beide die Gewohnheiten der Indianer kennen, werden sie von diesem Beschluß nicht abweichen. Es ist also unnöthig, daß ich jetzt hier über ihn wache. In höchstens einer

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Viertelstunde werden hundert der rothen Halunken hier jeden Stein und jeden Spalt durchspähen, um nach uns zu suchen. Sie würden sicher auch mich und meinen Begleiter entdecken. Nun weiß ich, daß sie einen Theil ihrer Pferde in geringer Entfernung in einem Seitenthal angepfählt haben. Gelingt es uns, den Ort zu erreichen, so werfen wir uns auf die Rosse und jagen davon. Dann wissen sie, daß wir nach der Hacienda entkommen sind, und werden hier nicht unnütz weiter suchen. Wir aber können immer noch thun und lassen, was wir wollen.«

»Der Plan ist gut,« meinte der Kreuzträger. Jedenfalls weiß dieser junge Mann hier Bescheid und kann unsere Flucht leiten.«

Diaz erinnerte sich in der That der Stelle, wo die Pferde der Indianer weideten, und erbot sich, von dort ab die kleine Reiterschaar zu führen. Er zweifelte nicht an dem Erfolg. Eisenarm, nachdem er genau dem Wegweiser die Richtung bezeichnet, in der sie vorwärts eilen und hinabsteigen sollten, entfernte sich jetzt nach der Seite der Schlucht, um den Yankee aus dem Versteck in einer von dichtem Gestrüpp verdeckten kleinen Höhle zu holen, in welcher sie fast unmittelbar über der Schlucht sich bis jetzt verborgen gehalten hatten.

Es dauerte kaum fünf Minuten, bis er die kleine Gesellschaft mit Master Brown wieder einholte, der sehr mürrisch und ungehalten über all' die Gefahren und Verzögerungen war, die ihn der Kanadier um eines in seinen Augen sehr unbedeutenden Wilden halber aushalten ließ, statt ihn direkt seinem glühenden Wunsch nach an den Ort

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der geheimnißvollen Schätze zu führen. Da sich gleichgestimmte Seelen leicht finden, dauerte es auch nicht lange, bis er sich zu Slongh gesellte und sie Beide sich aneinander schlossen. Eisenarm hatte zugleich einen Blick in die Schlucht geworfen und berichtete, daß das ganze Lager noch immer in Aufruhr und Bewegung war und der Graue Bär - der jetzt Nachricht von dem Resultat der Verfolgung erhalten hatte, - einen zweiten Trupp durch die Höhlung des Baches gesandt habe, um von daher aus die Felswand zu erklimmen, während ein dritter im Begriff stand, am Ausgang der Schlucht die hier unersteiglichen Felsen zu umgehen und von dem Seitenthal aus den Flüchtigen oder Versteckten in den Rücken zu fallen.

Es galt also die höchste Eile, und Jeder strengte seine Kräfte aufs Beste an.

Sie hatten so auf dem Bergrücken etwa noch tausend Schritt zurückgelegt, als Eisenarm ihnen einen Wink gab, Halt zu machen und sich um ihn zu versammeln.

»Es ist nöthig,« sagte er, »daß wir übereinstimmend handeln. Bei den Pferden werden höchstens zwei oder drei Apachen sich befinden. Wir müssen so rasch als möglich uns unbemerkt ihnen nähern und dann uns sofort auf sie werfen. Da wir sieben bewaffnete Männer sind, werden sie nicht wagen, Widerstand zu leisten, sondern die Flucht ergreifen. Dann möge Jeder so rasch als möglich sich eines Pferdes bemächtigen, sich aufschwingen und dem Vaquero folgen, der uns den Weg zeigen wird, den wir zu nehmen haben.«

»Und wenn die Abtheilung der rothen Landstreicher,

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die Sie das Lager verlassen sahen, uns zuvorgekommen ist, oder mit uns den Platz zugleich erreicht?« frug der vorsichtige Wegweiser.

»Dann gilt es eine Salve unserer Büchsen auf sie und hernach auf dasselbe!«

»Noch einen Augenblick!« - Er winkte Comeo zur Seite und sagte ihr einige Worte. Dann zog er das alte Jagdhemd aus, das er trug und reichte es mit seiner rauhhaarigen Mütze dem Mädchen. Diese, ohne eine Minute sich zu weigern oder zu zögern, zog das Jagdhemd über ihre eigene einfache Kleidung und bedeckte ihr Haupt tief in die Stirn hinein mit der zottigen Mütze.

»Señor Ayudante«30, sagte der Alte, »da Sie noch keine Büchse tragen, »so übernehmen Sie gefälligst die Sorge für das Mädchen - und nun vorwärts.«

Die obige Vorsicht war um deshalb nöthig, damit die Apachen nicht die ihnen bisher verborgen gebliebene Anwesenheit Windenblüthe's bei ihren Gegnern so leicht bemerken sollten.

Eisenarm gab das Zeichen, den Weg abwärts fortzusetzen, und deutlich vermochten sie bereits das Schnauben der Pferde, die von dem Schießen unruhig geworden, zu hören.

Eine letzte Reihe niedern Buschwerks trennte sie jetzt noch von dem offnen Grund. Der Trapper bog die Zweige zurück.

»Noch haben sie uns nicht bemerkt - ihre Aufmerksamkeit ist nach jener Seite gerichtet! Es sind nur zwei

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Wächter bei den Pferden - aber bei Gott, da kommen die rothen Schurken! Jetzt vorwärts, Vaquero und zeige, daß Du Dein Handwerk verstehst!«

Er sprang mit einem mächtigen Satz den kleinen Abhang hinunter und eilte nach der nächsten Gruppe der Pferde. Er hatte diese noch nicht erreicht, als der junge Vaquero bereits auf dem Rücken eines Thieres saß, das sein Blick im Fluge als tüchtig und schnell erkannt hatte. Slongh und der Yankee waren ihnen gefolgt und die Behendigkeit, mit welcher der Methodist seine langen Beine über den Rücken eines Pferdes warf, während Master Brown sich noch mit dem wilden Hengst abquälte, den er erwischt, glich fast der Gewandtheit des Vaquero.

Kreuzträger, das Mädchen und der Offizier waren die Letzten, der junge Mann hielt sich neben der Indianerin, um ihr jeden Beistand zu leisten, während der Wegweiser auf die Vorgänge achtete und sich nach den Pferden für sie umsah.

Die beiden Wächter derselben, zwei noch junge Männer auf ihrem ersten Kriegspfad, denen dieser Posten übertragen worden, hatten so wenig auf ihren Dienst geachtet und ihre ganze Aufmerksamkeit nach dem Lärmen in der Schlucht gerichtet, in deren Richtung sie sich auf etwa fünfzig Schritt entfernt hatten, daß erst das Geschrei ihrer Kameraden, deren Trupp in der That sich von jener Seite her näherte, um den Verfolgten in den Rücken zu fallen, sie auf das plötzliche Erscheinen derselben und den bereits halb gelungenen Fluchtversuch aufmerksam machte.

Beschämt über ihre Fahrlässigkeit stürzten sie sich auf

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die ihnen nächste Gruppe, den Kreuzträger und seine Begleiter.

Der Wegweiser hatte bereits die Mähne eines Pferdes gefaßt, das der Vaquero ihm zugetrieben, während der Preuße bemüht war, Comeo auf ein anderes zu heben und Eisenarm den Yankee sehr unceremoniell am Kragen faßte und auf den schlagenden Hengst hob. Kreuzträger warf den Gaul zwischen sich und den Pfeil des Wilden, ließ das verwundete schlagende Thier dann los und sprang gegen den jungen Apachen, der bei dem Anblick des gefürchteten Kreuzes Bogen und Tomahawk von sich warf und eilig entfloh.

Der andere Wächter, von der Schaam über die Vernachlässigung seiner Pflicht getrieben und wohl wissend, daß sich unauslöschliche Schande damit in seinem Stamm verknüpfen werde, war entschlossen, diese durch die Vernichtung wenigstens eines Feindes zu tilgen. Er sah den Offizier mit dem Rücken gegen sich gekehrt beschäftigt, Comeo auf ein Pferd zu heben, sprang auf ihn zu, faßte sein Haar und riß ihn zurück, die Rechte mit dem Tomahawk erhoben, der im nächsten Augenblick die Stirn des Bedrohten zerschmettern mußte, der ohnehin nur mit dem Messer des Wegweisers bewaffnet war.

Windenblüthe hatte die Gefahr gesehen, aber sie war anfangs zu sehr erschreckt, um durch einen Zuruf den Offizier warnen zu können. Aber im letzten Moment - wo der nächste den Tod bringen mußte, - fehlte ihr auch die Entschlossenheit nicht. Sich erinnernd, daß sie noch den Revolver des Offiziers trug, in dessen Gebrauch er sie

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unterrichtet, und die Sekunde der Zögerung benutzend, daß der junge Apache ihr in's Gesicht sah, sie wiedererkennend, riß sie die Waffe hervor, streckte die Hand fast bis zu seinem Gesicht aus und schoß ihn durch die Stirn.

Sein Blut bespritzte die Beiden und ohne Laut stürzte der Getroffene zu Boden.

»Fort! Schnell- oder die Schurken sind hier, bevor wir ihnen den Vorsprung abgewinnen!« schrie der Kreuzträger, der bereits sich auf ein anderes Pferd geschwungen und ein zweites an dem Baststrick, das seine Halfter bildete, herbeiführte. »Aufgesprungen, Señor, und fort, - was die Hufe halten. Sie können der Dirne nachher danken - ich decke Ihnen den R" ucken!«

Der Offizier fühlte, daß hier kein Augenblick zu zögern war; er faßte die Halfter, schwang sich mit einem alten Kunststück aus der Reitschule auf das Pferd, drängte an die Seite von Comeo und jagte mit ihr im Carriere hinter den Andern drein.

Kreuzträger, seines wilden Rosses vollkommen Herr, hielt dasselbe noch ein Paar Minuten zurück und mit seiner Büchse die herbeistürzenden Apachen im Schach, die sich der nächsten Pferde zu bemächtigen suchten, biß die Flüchtigen einen Vorsprung gewonnen; dann warf er sein Pferd herum, setzte über die leichte Einhegung hinweg und ließ es weit ausgreifen hinter den Freunden her.

Die Wuth der Apachen, als sie ihre Feinde, die ihnen bereits so empfindliche Verluste zugefügt hatten und von deren geringer Anzahl sie sich jetzt überzeugen konnten, auf diese Weise entkommen sahen, war unbeschreiblich. Die

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Nächsten warfen sich auf die Pferde, sobald sie die von den Schüssen wildgewordenen erreichen konnten, und begannen eine wüthende Verfolgung. Aber die kleine Schaar hatte bereits einen bedeutenden Vorsprung, Diaz kannte jetzt genau den Weg, den er nehmen mußte, und Kreuzträger mit seiner gefürchteten Büchse, dem sich jetzt auch der Trapper angeschlossen hatte, hielten im Nachtrab die Verfolger in gehöriger Schußweite. Die Richtung der Flucht ging natürlich thalabwärts der Hacienda zu, und als die Apachen eine halbe Stunde erfolglos die Jagd fortgesetzt hatten, hielten sie an und kehrten zu ihrem Lager zurück.

Die Sonne hatte sich während dieser Zeit immer tiefer zum Untergang geneigt und als jetzt die Flüchtlinge in der Nähe des Punktes Halt machten, wo am Morgen der Offizier die junge Indianerin getroffen hatte, trat sie unter den Horizont und die Dunkelheit der Nacht mit jener Schnelle ein, die in dieser Zone fast keine Dämmerung zuläßt, - jene köstliche Zeit des ruhigen Ueberganges in der Natur, die unser Klima kennt. -

Die vorderen Reiter waren durch den Zuruf Kreuzträgers zum Anhalten veranlaßt worden und hielten jetzt mit ihren keuchenden Pferden um den Alten.

»Caramba!« meinte dieser, »das war ein Ritt, den ich gelten lasse, und Du hast uns trefflich dabei geholfen, mein Junge, den rothen Halunken eine Nase zu drehen. Ich kann mir denken, wie der Graue Bär toben wird, als wäre er sein angeschossener Namensvetter, wenn sie jetzt gleich Hunden mit eingeklemmtem Schwanz und hängenden

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Ohren, die vergeblich einen Hirsch über die Prairie gejagt haben, zu ihrem Lager zurückkehren werden. Wenn sie nur ihren Aerger und ihre Bosheit nicht an dem jungen Comanchen auslassen!«

Ein leiser Ruf des Schreckens aus dem Munde des jungen Mädchens antwortete dieser Befürchtung.

»Es war unvorsichtig, Kamerad,« sagte Eisenarm, die Hand Comeo's fassend und freundlich drückend, »das arme Kind hier damit zu ängstigen. Aber da es einmal ausgesprochen ist, so müssen wir die Sache näher in's Auge fassen und ich muß sagen, daß mir ein ähnlicher Gedanke schon auf dem Ritt gekommen ist. Ich bin freilich nur ein armer Trapper und komme mit den Männern meiner Farbe oft mondenlang nicht in Berührung, aber Keiner, sei er weiß oder roth, soll von Eisenarm sagen, daß er einen Freund in der Noth im Stich gelassen hat! - Ich kehre zu dem Lager der Apachen zurück!«

Die Indianerin preßte die Hand des Braven dankend an ihre Brust.

»Hm -« meinte der Wegweiser - »ich habe Nichts gegen den Gedanken einzuwenden und halte ihn sogar für gut. Wenn er ein Vorschlag sein soll, Kamerad Eisenarm, so ist der Kreuzträger dabei.«

»Ich protestire dagegen!« schrie der Yankee. »Wir können Gott danken, daß wir mit heiler Haut den Indianern entwischt sind, es wäre geradezu wahnsinnig, uns noch einmal zurückzuwagen, und Sie müssen für meine Sicherheit stehen, Master Eisenarm - Ihr Leben gehört mir, ich verbiete es Ihnen, zurückzukehren!«

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»Hört, Fremder,« sagte der Kreuzträger - »ich weiß nicht, was dieser Mann Euch für Verpflichtungen schuldig ist, aber ich weiß, daß man in der Einöde stets von Eisenarm und dem Jaguar als zwei unzertrennlichen Gefährten gesprochen hat, und ich wollte doch Den sehen, der mich hindern sollte, meine alte Haut für einen Freund einzusetzen. Schneidet Eure Pfeifen etwas kürzer, Mann und laßt uns unser Gewerbe nach unserer Art ausfechten! Es bleibt dabei, Meister Eisenarm, ich begleite Sie und wir wollen gemeinsam nach dem Comanchen und der Señoritta sehen, die ich versprochen habe in das Haus ihres Vaters zu bringen. Ueberdies ist weniger Gefahr bei der Sache, als es den ersten Anschein hat. Die Apachen werden sich nichts weniger träumen lassen, als daß wir es vorziehen, wieder zu ihrem Schlupfwinkel zurückzukehren, statt hinter den festen Mauern der Hacienda ihren Angriff zu erwarten. Wir wissen jetzt, wann dieser stattfinden soll und können Don Estevan die nöthige Warnung senden, während wir selbst versuchen, den Halunken einen Streich zu spielen.«

»Das ist auch meine Meinung,« fügte der Trapper hinzu. »Unser Kontrakt, Meister Schielauge, verpflichtet mich, mit dem Jaguar Euch zu begleiten und mein Leben für Euere Sicherheit einzusetzen, aber er verbietet mir nicht, einem Freunde in der Noth beizustehen, ohne den Euer Unternehmen überhaupt unausführbar ist. Das Beste also, was Ihr thun könnt, ist, daß Ihr selbst Euren Scalp in der Hacienda in Sicherheit und den Leuten dort die nöthige Kunde von den Absichten dieser rothen Teufel

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bringt, und es mir überläßt, dem Jaguar beizustehen oder wenigstens seinen Tod zu rächen, nachdem Eure schuftige Feigheit mich früher daran verhindert hat!«

Der Ton, mit dem der Trapper diese Erklärung abgab, war so bestimmt, daß der Yankee seinen Widerstand aufgab. Es wurde nun verabredet, daß man Brown und den Methodisten bis in die Nähe der Hacienda bringen und sie dann den Weg dahin allein fortsetzen lassen sollte, während Eisenarm und Kreuzträger mit dem Lieutenant, Diaz und dem Mädchen, die alle Drei auf das Bestimmteste verlangten, sie wiederum begleiten zu dürfen, - sich wieder dem Lager der Apachen nähern und in dessen unmittelbarer Nähe den Abzug der Krieger zu dem Angriff gegen die kleine Veste des Senators abwarten wollten.

Eisenarm, der in seinem Versteck Gelegenheit gehabt hatte, die Beschlüsse der Häuptlinge theils mit anzuhören, theils zu errathen, instruirte die beiden Männer auf das Genaueste über Alles, was sie dem Haciendero sagen sollten und Kreuzträger und der Offizier empfahlen ihnen, den unglücklichen Vater wenigstens durch die Versicherung zu beruhigen, daß sie bereit wären, ihr Leben für die Befreiung der Señoritta einzusetzen, und daß, wenn es ihm nur gelänge, vierundzwanzig Stunden die Hacienda gegen die Apachen zu vertheidigen, die Schaar des Grafen Boulbon unter der Führung seiner Offiziere sicher eintreffen und ihn entsetzen werde.

Obschon weder Brown noch Slongh anfangs davon hören wollten, daß sie einen Theil des Weges allein machen sollten und einen Begleiter bis zu den Thoren der

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Hacienda verlangten, mußten sie sich doch schließlich in die getroffenen Anordnungen fügen. Kreuzträger beschrieb dem Methodisten auf das Genaueste den Zugang der Hacienda und gab ihm das Signal an, auf welches er sicher Eingang finden würde. Im Uebrigen brauchten sie sich auch blos den Wachen als Christen und Weiße zu erkennen zu geben. Nur rieth ihnen der alte Wegweiser, dies bei Zeiten zu thun, damit die Posten sie nicht etwa für spionirende Indianer hielten und mit einigen Kugeln begrüßten.

Die Aussicht war allerdings nicht sehr verlockend, aber immer noch besser, als die Gefahren, welche jedenfalls die kühnen Abenteurer bei ihrem neuen kecken Versuch erwarteten. Als daher alles Nöthige verabredet war, brach man, von dem jungen Vaquero geführt, wieder auf. Nach einem der Dunkelheit wegen langsameren Ritt kam man an jenen thalartigen Paß, welcher den Weg aus der Sierra nach dem Innern des Landes bildet und sich an dem steilen Hügel, auf dem die Hacienda steht, in zwei Richtungen spaltet, und dort trennten sich der Wegweiser und seine Gefährten von den beiden Boten, die den Weg nun nicht mehr verfehlen konnten, indem sie ihre beiden Pferde mit sich nahmen und ihnen die Zurücklegung der kurzen Strecke zu Fuß überließen.

Es fand nun nochmals eine kurze Berathung zwischen Eisenarm und dem Wegweiser statt, die zu dem Beschluß führte, trotz der Dunkelheit zunächst jenes Versteck aufzusuchen, das der Kreuzträger bei seiner Recognoscirung am Morgen mit Diaz entdeckt hatte, und dort die Pferde

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unterzubringen, da man nicht wissen konnte, ob man ihrer nicht vielleicht sehr bedürftig sein würde.

Dieses Versteck lag etwa auf der Hälfte des Weges von der Hacienda nach der Schlucht, in welcher die Apachen ihr Lager aufgeschlagen hatten, und bestand in einer Art Kessel, dem die Geologen sicher vulkanischem Ursprung zugeschrieben haben würden und der von einer einzigen Stelle her zugänglich war, die überdies leicht vertheidigt werden konnte. Hierhin brachte man die Pferde, und nachdem man sie so gut als möglich angepflöckt, setzte man den Marsch zu Fuß weiter fort.

Kreuzträger wählte fast denselben Weg, den sie am Mittag gemacht, und obschon jetzt das Licht der Sonne fehlte, hatte die große Erfahrung seines Handwerks sein Auge doch so für alle, auch die geringsten Kennzeichen geschärft, daß er kaum ein oder zwei Mal stehen zu bleiben brauchte, um sich zu orientiren.

So lange und so oft es das Terrain gestattete, ging Windenblüthe an der Seite Eisenarm's. Das junge Mädchen schien sich mit Absicht dem Dank des Offiziers entziehen zu wollen, den dieser für seine Lebensrettung bei dem ersten Halt nur in sehr flüchtiger Weise hatte ausdrücken können, und unterhielt sich sehr eifrig mit ihrem alten Freund und Beschützer in der Sprache der Comanchen. Sie schien wegen irgend eines Wunsches in ihn zu dringen, den der Trapper ihr wiederholt verweigerte, bis es endlich schien, daß ihn die Gründe des jungen Mädchens überzeugt hatten.

Ewald[Arnold] von Kleist hätte für sein Leben gern gewußt,

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was die Unterhaltung betraf, aber er mußte dem Beispiel seiner Gefährten folgen, die sich um die Beiden nicht kümmerten sondern eifrig ihren Weg fortsetzten.

Wir haben bereits früher bemerkt, daß die erste Annäherung des kleinen Trupps an das Lager der Apachen auf einem ziemlich weiten Umwege erfolgt war, um ungesehen auf die Höhe und die Rückseite der Schlucht zu gelangen. Sehr richtig hatten übrigens Eisenarm und der Wegweiser geschlossen, daß die Apachen jetzt, nachdem die Weißen entkommen, welche offenbar eine Auskundschaft versucht haben mußten, die früheren Vorsichtsmaßregeln nicht mehr für nöthig gehalten und deshalb auf dieser Seite keine Wachen mehr ausgestellt haben würden. Die Häuptlinge glaubten ihren gefürchtsten Feind, den Kreuzträger mit seinen Gefährten nach der Hacienda zurückgekehrt, verließen sich aber - da eine Ueberrumpelung derselben nun nicht mehr möglich war, - auf ihre große Uebermacht, und konnten nicht im Entferntesten ahnen, daß die kühnen Abenteurer noch einen Versuch auf ihr eigenes Lager machen würden. Man hatte zwar den todten Körper der Schildwach gefunden, wußte aber, von welcher Hand er gefallen, und hatte deshalb auch nicht für nöthig gefunden, einen neuen Posten in dieser Richtung aufzustellen.

Dieser Umstand erleichterte die Annäherung des kleinen Trupps sehr und etwa eine Stunde, nachdem sie ihre Gefährten verlassen hatten, befanden sich der Wegweiser und seine Begleiter wieder auf der nämlichen Stelle, auf

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der sie zur Rettung des Methodisten den Apachen das erste Gefecht geliefert hatten.

Mit großer Bewegung schlichen sie sämmtlich an den Rand der Schlucht, von wo sie durch die Büsche verborgen einen Ausblick auf den Grund hatten, soweit es der Schein der zahlreichen Feuer gestattete, der bis hinauf zur Höhe leuchtete.

Es herrschte eine tiefe Stille in der Schlucht, die wilden Krieger der Wüste lagen lang hingestreckt, aber offenbar bereit sich auf den ersten Ruf gerüstet zu erheben, an den Feuern, die von den wenigen Wachen unterhalten wurden. Nur die Frauen, diese Dulderinnen aller Lasten unter den uncivilisirten Nationen, waren beschäftigt, den Kriegern noch eine Mahlzeit zu bereiten, ehe sie auszogen; aber gegen ihre gewöhnliche Manier geschah dies schweigend und geräuschlos.

Comeo hätte beinahe mit einem Aufschrei der Freude diese Stille unterbrochen und sie alle in Gefahr gebracht, als ihr scharfes Auge, das selbst die Nacht durchdrang, um den geliebten Bruder zu suchen, die dunkle Gestalt desselben anscheinend in gleich ruhigem und tiefem Schlaf an den Baum gelehnt sah, an dem er während des ganzen Tages gesessen. Seine Ruhe gab den besten Beweis, daß auch der Señoritta bisher nichts Außergewöhnliches widerfahren war.

Es war wie um die gestrige Zeit, als der Kreuzträger und Diaz von der Hacienda del Cerro aufbrachen, um so viele Abenteuer und Gefahren zu bestehen, also etwa eilf Uhr. In drei Viertelstunden mußte der Mond aufgehen,

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und die erfahrenen Jäger wußten, daß damit auch das Lager in Bewegung kommen und der ganze Haufen sich zum Auszug bereit machen würde. Bis dahin konnte Nichts geschehen und auf den Vorschlag des Trappers zog sich die Gesellschaft eine Strecke weit von dem Rande der Schlucht auf das Bergplateau zurück, wo sie ohne Gefahr, von einem absichtlich oder zufällig spähenden Ohr gehört zu werden, sich besprechen konnten.

Es war jetzt zum ersten Mal, daß Kreuzträger und der Trapper, der in den Einöden eines so großen Rufs genoß, einander ruhig gegenübersaßen. Wenn auch das Dunkel der Nacht nicht gestattete, daß sie sich gegenseitig genauer beobachten und betrachten konnten, - denn seit ihrem Zusammentreffen hatten Beide wenig Zeit zu solchen Bespähungen gehabt, - so genügte doch in ihrer Unterhaltung, der die Anderen mit einer gewissen Achtung lauschten, oft ein Wort, eine kurze Andeutung, um sich gegenseitig zu verstehen.

Kreuzträger, der von Natur aus und durch sein höheres Alter - er zählte an 60 Jahre, während Eisenarm höchstens vierzig alt war - redseliger war, als sein Gefährte, gab die Anregung der Unterhaltung, indem er sich noch ausführlicher erzählen ließ, als es bereits Comeo gethan, wie die drei Wanderer sich auf dem Hügel am östlichen Abhang der Sierra gegen die Indianer vertheidigt hatten, wie sie entkommen und der junge Häuptling in die Hände seiner erbitterten Feinde gefallen war.

Eisenarm gab mit aller Bescheidenheit, die kaum seinen eigenen Thaten ein Wort widmete, Auskunft darüber.

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»Par Dios,« Compañero,« meinte der Wegweiser, »ich hätte mögen dabei sein, als Ihr sie unter dem Moosbaum her pfeffertet. Aber man kann in der Welt nicht Alles haben! Dafür nehme ich jetzt wirklich das größte Interesse an dem armen Burschen, dem Jaguar, den die Schufte da unten gefangen halten, und wenn sie nicht etwa auf den Einfall gerathen, ihn zu dem Angriff auf die Hacienda mitzuschleppen, hoffe ich noch seine Bekanntschaft zu machen. A propos - der Kerl, den Ihr da mit Euch schlepptet, und den ich, wenn mir recht ist, schon irgend wo gesehen haben muß, ist doch nicht Meister Goldauge, Euer steter Gefährte, von dem man in der Einöde erzählt, daß er das schärfste Auge und Ohr für das edle Metall besitzt, denn er soll das Gold förmlich wachsen hören?«

»José, unser Freund und langjähriger Gefährte, wie er der des Vaters des Jaguar war, ist todt,« sagte finster der Trapper,

»Wir müssen Alle einmal daran,« tröstete philosophisch der Kreuzträger, »der Eine früher, der Andere später, ob Rothhaut oder Weißer, es bleibt sich Alles gleich. Aber ich sollte meinen, es sei noch nicht so lange her, daß ich von Euch Dreien als Blutbrüdern in der Prairie sprechen hörte?«

»Es ist länger, als ein Jahr, daß Oyo d'Oro seinen Freund verlassen hat und zu den Mördern jenseits des Meeres gegangen ist!«

»Wie, Meister Eisenarm - der Gambusino ist nicht bei Ihnen gestorben in einem Gefecht mit den Apachen?«

»José, unser Blutbruder, ist in Paris, der Stadt des

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großen Kaisers, das Opfer eines schändlichen Verrathes geworden, und wir sind hier, um ihn an seinem Mörder zu rächen.«

»Aber Sie reden irre, Eisenarm! Wie können Sie hier Ihren Freund rächen, wenn er in Paris, von dem ich gehört habe, daß es eine sehr große und sehr verderbte Stadt sein soll, erschlagen worden ist?«

»Weil Gott und ihre Habsucht seine Mörder über das Meer und in diese Einöden getrieben und somit in unsere Hand gegeben hat.«

»Franzosen und hier?« frug der Kreuzträger, - »wie, befänden sie sich vielleicht gar bei unserer Expedition? ich muß gestehen, es giebt einige schlechte Kerle darunter, - man hätte eine schärfere Auswahl treffen sollen.«

»Sie befinden sich bei der sogenannten Sonora-Expedition!«

»Und darf man ihren Namen wissen?«

»Der Eine ist der Mann, in dessen Dienst Sie getreten sind, wie Sie mir selbst gesagt, und der sich Graf Raousset Boulbon nennt, - der Andere ist sein alter Diener: das Haupt und die Hand bei dem Morde unsers Freundes!«

»Das ist eine Lüge und Verleumdung!« rief der junge Offizier heftig und ohne Vorsicht auf ihre Lage. »Graf Boulbon ist einer solchen That nicht fähig!«

»Junger Mann,« sagte der Trapper ernst - »André Laporte, den die Indianer und seine Freunde »Eisenarm« zu nennen pflegen, hat noch niemals gelogen und ist auch nicht der Mann, eine solche Beschuldigung zu dulden. -

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Ich verdächtige Niemand einer That, wovon ich nicht die Beweise geben kann.«

»Sprechen Sie leise,« sagte bewegt der Kreuzträger. »Jedes laute Wort kann uns hier Verderben bringen. Wie kommen Sie dazu, Compañero, den Grafen, den wir bisher nur als Mann von Ehre und Muth kennen gelernt haben, eines feigen Mordes zu beschuldigen?«

»Ich habe allerdings in San Francisco Manches von ihm gehört, was bewies, daß er ein Mann von Muth ja von großen Eigenschaften ist. Aber leider ist dies nicht immer auch das Kennzeichen eines rechtschaffenen Charakters. Ich habe Männer in der Prairie getroffen, die es mit dem Teufel selbst aufgenommen hätten und ihren Scalp zehn Mal des Tages in Gefahr brachten, und dennoch waren sie die größten Schurken vom Rio Grande bis zu dem Ufer des Meers. Nein, nein - ich bin zu alt geworden, um mich durch ein Vorurtheil bestechen zu lassen!«

»Aber welche Beweise haben Sie gegen den Grafen?«

»Sie müssen wissen,« fuhr der Kanadier fort, »daß es sich um ein Geheimniß handelte, zu dessen Verkauf unser Freund, der Gambusino, über das Meer geschifft war, weil ich es unsern Landsleuten lieber gönnte, als diesen gierigen Wölfen, den Engländern und Amerikanern!31 - Dieser Mann, der sich einen Abkömmling der alten Könige von Frankreich nennt, hat unsern Freund ermorden lassen, um ihm sein Geheimniß zu stehlen! Er

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ist herüber gekommen über das Meer, um mit einer Schaar Genossen, zu der leider auch Sie verlockt worden sind, sich jener Schätze zu bemächtigen, obschon er ein blinder Thor ist, wenn er dies hofft! Der Mann, der das »Goldauge« nach Paris begleitete, hat uns die untrüglichen Beweise seiner Ermordung, er hat uns seine noch blutbefleckten Kleider, das Wahrzeichen, das er mit auf den Weg genommen, und die Aufforderung ihn zu rächen gebracht! - Und wir haben geschworen, es zu thun!«

Der Kreuzträger schüttelte trübe sein Haupt. »Ich muß gestehen, Kamerad,« sagte er endlich - »der Anschein spricht allerdings für Sie. Die Expedition ist von Don Boulbon in San Francisco zum zweiten Mal, nachdem die erste durch den großen Brand gesprengt worden ist, angeworben worden, um die Schätze der alten Beherrscher dieses Landes aufzusuchen. Ich denke, Sie werden mir glauben, daß mich nicht dieser Zweck, sondern die Gelegenheit anreizte, mit den Apachen meine Rechnung im Großen abzumachen, denn ich muß gestehen, ich sehne mich endlich nach Ruhe! - Aber es fällt mir ein, daß in San Francisco der Graf eifrig nach Ihnen und nach dem jungen Comanchen forschen ließ, gleich am Tage, nachdem ich in die Expedition eingetreten war.«

»Sie sehen daraus, daß meine Worte Wahrheit sind, wie die des Boten, den uns der sterbende Blut[s]freund von jenseits des Meeres gesandt hat. Der stolze Mann in all' seiner Macht und Stärke ahnt vielleicht nicht, daß das Messer des Rächers bereits, während er sich in voller Sicherheit wähnte, kaum eine Spanne weit über seinem

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Herzen schwebte, und nur ein Zufall und diese Hand ihm das Leben rettete.«

»Wie, so waren Sie es, die den geheimnißvollen Ueberfall in des Grafen Wohnung machten? Ich habe nur unklar davon erzählen hören.«

»Wir standen in jener Nacht an seinem Lager - ich, der Jaguar und der Bote, den uns Oyo d'Oro vor seinem Tode gesandt hat. Aber Gott ist langmüthig mit den Sündern, - warum sollten es nicht die Menschen sein? - Die Comanchen tödten Männer, aber sie ermorden keine Weiber!«

Die letzten Worte des Trappers wurden von den Beiden nicht verstanden.

»Ich glaube, daß Sie ein ehrlicher Mann sind,« sagte der Offizier hochherzig, denn Ihr ganzes Benehmen hat es erwiesen und es thut mir daher leid, daß ich Sie der Lüge zieh'. Dennoch kann ich an Ihre Beschuldigung des Grafen nicht glauben, wenn auch die Umstände gegen ihn sprechen. Auch Sie können getäuscht sein, und wenn Ihr Zeuge gegen ihn jener Mensch ist, den wir mit einem der Unseren nach der Hacienda sandten, so gestehe ich offen, daß das Wenige, was ich von ihm gesehen, mich nicht zu seinen Gunsten stimmt.«

Der Leser wird sich vielleicht erinnern, daß bei der Anwerbung des Offiziers und des Wegweisers in San Francisco Master Brown nicht zugegen, sondern schon früher auf den Befehl des Grafen zurückgewiesen war, und daß er seitdem sich sorgfältig verborgen gehalten, um seine Wege auszuspioniren.

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»Par Dieu! es ist wahr,« meinte der Trapper, »die Natur hat dem Meister Schielauge, oder der »Schielenden Ratte«, wie ihn hier das Kind zu seinem großen Verdrusse genannt hat, gerade kein besonders vertrauenerweckendes Aeußere gegeben, und auch seine sonstigen Eigenschaften sind nicht sehr lobenswerth, - aber seine Anwesenheit in der Minute und am Ort unseres Rendezvous wie die Zeichen, die er uns gebracht, und die wir genau wieder erkannt haben, beweisen uns, daß unser Freund ihm Vertrauen geschenkt hat, und wir seiner Botschaft glauben müssen. Der Jaguar und ich haben uns ihm verpflichtet und Sie sich jenem Franzosen. Wenn unsere Wege sich kreuzen sollten, so wollen wir wenigstens als ehrliche Feinde handeln und Keiner den Andern um seines Entschlusses willen verdächtigen. Vor der Hand haben wir einen gemeinsamen Gegner, der uns genugsam zu schaffen machen wird, die Apachen, und können an ihnen unsern Groll auslassen!«

»Möge das Gewürm von der Erde vertilgt werden,« sagte mit tiefer Leidenschaft der Kreuzträger. »Sie haben mich zum einsamen Mann in den Prairieen gemacht und Alles, woran mein Herz hing, mir grausam entrissen!«

Er stützte den Kopf auf die Hand und versank in finsteres Schweigen.

»Hört, Kamerad,« unterbrach endlich der Trapper dasselbe, »der Jaguar und ich hegen zwar auch schweren Groll gegen die Schurken, aber was uns geschehen, ist wenigstens in langjähriger Fehde geschehen, und man kann von einem Indianer nicht verlangen, daß er seinen Krieg

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ohne Tücken führen soll, wie ein weißer Mann und Christ. Es muß etwas Schlimmes sein, das Euch zu dem Gelübde geführt hat, von dem ich gehört. Ich habe zwar vernommen, daß man Euch übel mitgespielt hat, aber nie etwas Näheres. Der Mond geht erst in einer halben Stunde auf und so lange werden die rothen Halunken da unten ihrer Ruhe pflegen. Wie wär's - wenn die Erinnerung Euch nicht zu schmerzlich ist, - wenn Ihr uns bis dahin Eure Geschichte erzähltet?«

Der alte Mann dachte einige Augenblicke nach, dann reichte er dem Trapper die Hand.

»Es sei, Kamerad,« sagte er weich - »ich habe lange Niemandem mein Herz aufgeschlossen, und wenn es auch nur das eines armen Mannes ist, der sein Brod unter hundert Gefahren verdiente, indem er die Reisenden durch die Wüste geleitete, so thut ihm wahre Theilnahme doch so wohl, als wäre er der Herr von zehn Silberminen. Sie sollen erfahren, wer mich zum blutigen und mitleidslosen Vergelter gemacht hat und diese jungen Männer hier mögen daraus lernen, was das Herz des Menschen zu ertragen vermag, ehe es bricht.«

Es herrschte eine tiefe Stille rings umher, nur die Heuschrecken und Grillen zirpten in den Büschen und Felsspalten, und die Fledermäuse, die in diesen ihre Nester haben, durchschnitten mit leisem Pfeifen die Luft.

Dann begann der Kreuzträger.

Des Kreuzträger's Geschichte.

Sie wissen, daß ich meines Gewerbes ein Wegweiser war. Ich trieb das Handwerk seit dreißig Jahren, und wiewohl wir oft und mannigfache Gefahren zu bestehen hatten, hat doch nie eine Karavane oder eine Gesellschaft einzelner Reisender unter meiner Führung ein nennenswerthes Unglück betroffen.

Ich geleitete die Waarenzüge und die Reisenden von den Präsidio's jenseits des Rio del Norte nach Chihuahua durch die Wüste, ja ich bin herunter gewesen bis Monteraux, und ich darf sagen, ich hatte einigen Ruf bei den Kaufleuten und den Reisenden als ein sicherer und zuverlässiger Mann, und ich war stolz darauf und scheute keine Mühe, ihn zu erhalten.

Sie können denken, daß mein Dienst gefährlich genug war und große Aufmerksamkeit erforderte. Jenseits des Rio Grande die Comanchen, - diesseits die wildesten Stämme der Apachen. Dazu treiben sich oft Banden weißen Gesindels in der Wüste umher, die schlimmer sind, als die grausamsten Indianer. Aber immer war es mir

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gelungen, sei es durch Geschenke oder einen kleinen Tribut, sei es durch meine Aufmerksamkeit, welche jede Falle vereitelte, oder auch manchmal durch eine energische Vertheidigung meine Aufgabe zu erfüllen. Ich war ein guter Schütze, aber ich hatte bis dahin noch nie selbst Menschenblut vergossen, sei es auch das eines Heiden.

Ich scheute keine Mühe, und meine Arbeit hatte mit Gottes Hilfe guten Seegen getragen, denn mein kleines Vermögen wuchs zusehend, und einige Spekulationen, die ich bei den Karavanen auf eigene Hand machte, trugen viel dazu bei. Wenn ich dann nach allen Strapatzen der Reise nach Hause kam, so erwarteten mich Freuden, die mich für Alles entschädigten. Kamerad, ich weiß nicht, ob Sie je das Glück eines Heerdes gekannt, an dem uns die Arme eines braven Weibes und die Zärtlichkeit geliebter Kinder erwarten! Wenn dies nicht ist - dann wissen Sie nicht, was ich verloren habe. - Ich hatte erst spät geheirathet, erst im vierzigsten Jahr, weil ich mich immer fürchtete, einer Familie keine genügende Existenz bieten zu können. Es war die Tochter einer verarmten, aber nicht ungebildeten deutschen Auswanderer-Familie, die sich in Texas niedergelassen hatte. Maria, so hieß mein Weib, hatte mir gleich in den ersten Jahren unserer Ehe zwei Kinder geschenkt, ein Mädchen und einen Knaben - so kräftig und stattlich und gut, wie sie heranwuchsen, daß Jedermann sie liebte, und sie waren unsere ganze Seeligkeit. Maria, so hieß auch meine Tochter, war zur Zeit, von der ich rede, siebenzehn Jahr und bereits die Braut eines wackern jungen Mannes, der aus dem Norden gekommen, und nur

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wartete, sich eine passende Niederlassung zu gründen, um sie zu heirathen; Robert, mein Sohn, aber fünfzehn, und ein keckerer Bursche und ein besseres Herz hat nie zwischen den beiden Meeren geschlagen.

Es war vor etwa sechs Jahren, - etwa einem Jahr vorher, ehe mir das Unglück geschah, - daß ich bei dem Geleit der Handelskaravane aus dem Westen nach Palatos mit den Apachen in Streit gerieth. Der Häuptling der Mescalero's, derselbe Teufel, der jetzt dort auf eine neue Bosheit sinnt, hatte für den sicheren Durchzug durch die Wüste einen nach meiner Meinung unverschämten Tribut gefordert, und ich hatte dem Kaufmann, der den Hauptantheil an den Waaren hatte, gerathen, die Forderung abzulehnen, indem ich mich auf mein Glück, meine Kenntniß des Weges und auf den Umstand verließ, daß wir eine gute Anzahl waffenkundiger Männer bei uns hatten. Mein erster Arriero, ein Mestize im zweiten Grad, hatte den Unterhändler gemacht; er selbst rieth mir, der Gefahr zu trotzen, denn wenn wir die Waaren glücklich nach Palatos brachten, hatte ich einen reichen Gewinn davon. Freilich ahnte ich damals Nichts von den Hoffnungen, die der Bube auf die Vollendung der Reise gesetzt hatte.

Genug - wir unternahmen das Wagniß. Schon am fünften Tage merkten wir Spuren der Indianer in unserer Nähe und bald war kein Zweifel mehr, daß eine Schaar Apachen uns verfolgte. Ich muß gestehen, daß Xaverio, so hieß der Mestize, unermüdlich war, ihre Anschläge zu vereiteln und daß endlich, als wir gezwungen waren, ihrem Anfall zu stehen, seine Anstalten so wohl

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getroffen und vorbereitet wurden, daß die Indianer eine arge Schlappe bekamen. Wir konnten jetzt unseren Weg ungehindert fortsetzen und erreichten glücklich Palatos, wo mein Amt zu Ende ging.

Jetzt, als wir unseren Erwerb theilten, war es, daß Xaverio zum ersten Mal mit seinen Absichten zum Vorschein kam. Meine Tochter Maria hatte auf seine wilde Phantasie einen tiefen Eindruck gemacht, und er trat jetzt zu mir und verlangte sie zur Frau.

Der Arriero war ein gewandter und schlauer Mann in seinem Gewerbe und ein sehr nützlicher Gehilfe für mich, aber er war keineswegs der Mann, dem ich mein Kind geben mochte, selbst abgesehen von seiner Abkunft, die nun einmal immer in unseren Augen ein Flecken bleibt. Ueberdies war er ein Wüstling und Spieler und Manche behaupteten, daß er früher unter den Banden in der Wüste gelebt habe, und davon auch seine Kenntniß derselben sich herschriebe. Genug, - ich sagte ihm offen, wie es ein redlicher Mann thun muß, was ich auszusetzen hatte, aber daß ich dem Herzen meines Kinder nicht in den Weg treten würde, wenn dieses sich in der That zu ihm gewandt. Ich erlaubte ihm, mich nach unserer Wohnung zu begleiten, die etwa eine Stunde von Palatos entfernt lag, und sein Gewerb selbst bei Maria anzubringen, denn er war in seinem Aeußeren immerhin ein stattlicher Bursche, und es wäre doch möglich gewesen, daß sich des Mädchens Sinn ihm zugewandt hatte.

Ich hätte meine Tochter, das unglückliche Kind, besser kennen sollen! Sie wies den Freier auf das Entschiedenste

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und für immer ab, und bei dieser Gelegenheit gestand sie mir ihre in meiner Abwesenheit entstandene Neigung zu dem jungen Farmer und seine Bewerbung.

Xaverio erfuhr auch dies bald genug. Einige Augenblicke lang schien es, als wolle seine tobende Leidenschaft alle Schranken durchbrechen und uns Alle vernichten - aber gleich darauf war er ihrer wieder Herr - bat um Verzeihung, daß er es gewagt, sein Auge zu ihr zu erheben und erkannte ihr und mein Recht, frei zu wählen. Er bat mich, ihm deshalb nicht zu grollen und unter uns Alles beim Alten sein zu lassen. Ich war Thor genug, dies zu thun und seiner Verstellung zu glauben, denn Ihr werdet gleich erfahren, daß es nur eine solche und sein Herz schwarz wie die Hölle war.

Basta! was nutzen die Klagen, jetzt, da es zu spät ist. Mein Kopf war grau geworden, ohne mir die nöthige Klugheit zu geben. In dieser Zeit ging mir auch Anderes darin umher. Mein künftiger Eidam gefiel mir sehr, auch Robert und mein Weib liebten ihn. Er wollte sich weiter im Süden ansiedeln, und da mir damals eine hübsche Hacienda in der Nähe von San Rosalba am Cansas zum Kauf angeboten worden war und wir uns nicht gern von unserer Tochter trennen wollten, beschloß ich, - unsern bisherigen Wohnort aufzugeben und nach San Rosalba mit all' den Meinen zu übersiedeln, indem ich zugleich mein bisheriges Gewerbe niederlegte und es an Xaverio übertrug, bis mein Sohn groß genug sei, um von dem alten Ruf des Vaters Nutzen zu ziehen, denn schon jetzt trieb es ihn hinaus in die Welt, er hatte schon ein oder zwei

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Reisen mit mir gemacht und handhabte seine Flinte gleich einem erfahrenen Mann. Ich ordnete also meine Geschäfte, verkaufte mein Eigenthum und belud mit dem Rest zehn starke Maulthiere. Zum letzten Mal auch sollte ich mein Gewerbe betreiben, denn einer der Kaufleute von Matamoras, der in Palatos seine Niederlage hatte, bestand darauf, einen Transport Waaren mir mit zu geben, und ein junges Ehepaar, ein Offizier der Vereinigten Staaten mit seiner Frau, die eine geborne Mexikanerin war und nach ihrer Heimat zurückkehren mußte, um das Erbe ihrer plötzlich gestorbenen Mutter den gierigen Händen der Alkalden zu entreißen, begleiteten uns und hatten sich meiner Führung anvertraut.

Die Sorge für die Meinen ließ mich jede Vorsicht treffen. Ich hatte nicht Lust, sie den Chancen eines Kampfes oder den Gefahren einer Flucht auszusetzen, und so - als wir die Gränze des Gebietes der Apachen erreichten, - sandte ich Xaverio voraus, um mit den Häuptern der Stämme, die wir berührten, einen Vertrag abzuschließen. Mein Gebot war nicht gering und überstieg bei weitem die Forderung der »Schlange«, über die wir uns damals veruneinigt hatten. Es war die Zeit, wo die Indianer in der Wüste den Büffel zu jagen pflegen, und ich wußte daher, daß mein Bote sie bald treffen würde.

Wir lagerten drei Tage an einem kleinen Seitenfluß des Rio Salado, dann kam Xaverio zurück und verkündete mir, daß er Wis-con-Tah selbst getroffen hatte, und der Häuptling mit einer Anzahl seiner Jäger ihm gefolgt sei und sich in der Nähe befinde, um mit mir selbst zu

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sprechen, so bald sich die Gelegenheit böte. Die Apachen hatten mein Gebot angenommen, und ich glaubte demnach, unbesorgt unsern Weg fortsetzen zu können, ohne daß ich deshalb doch die nöthigsten Vorsichtsmaßregeln vergaß.

Wir waren, mit den Arriero's und meinem Sohn, unserer eilf wohlbewaffnete Männer mit siebenundzwanzig Thieren, denn die drei Frauen bedienten sich gleichfalls des Sattels zur Reise.

So brachen wir denn in der nächsten Morgendämmerung auf, um noch eine gute Strecke Weges in die Wüste hinein zu machen, ehe die Sonne zu heiß brannte. Wir hatten etwa zehn Tagereisen zu machen, ehe wir wieder in bewohnte Gegenden kamen, und ich hoffte, sie bei dem guten Zustand von Pferd und Menschen in dieser Zeit zurückzulegen. Es war nicht das erste Mal, daß ich grade diesen Weg zurücklegte, und ich wußte, daß wir an fünf Stellen unterwegs auf Quellen oder natürliche Cisternen stoßen würden. Auch hatten wir den See Aguaverde etwa eine Tagereise zu unserer Linken. Das wichtigste Bedürfniß des Reisenden also, das Wasser, war vorhanden.

Gegen Abend, als wir wieder lagerten - verzeiht, Compañero's einem alten Mann, wenn er so weitschweifig wird, aber jede Einzelnheit jener schrecklichen Tage ist mit Flammenschrift in mein Herz gegraben, - sahen wir von Süden her drei Reiter am Horizont erscheinen, die sich uns näherten. Es war der Häuptling der Mescalero's mit zwei Begleitern. Ich ging ihnen mit dem Kapitain - Masterton war sein Name und er hatte bei dem Eindringen der Amerikaner unter General Scott in Mexiko selbst

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seine Gattin kennen gelernt, die Tochter eines Deputirten des Staates Durango, - und meinem Sohn den Apachen entgegen und begrüßte sie. Es war das erste Mal, daß ich die »Schwarze Schlange« von Angesicht zu Angesicht sah, und sein Anblick gefiel mir keineswegs. Aber das Zeichen von Vertrauen, das mir die Apachen gegeben, mußte jedes Vorurtheil unterdrücken, und so lud ich ihn ein, da ich mit der Sprache wohl vertraut war, sich bei mir niederzusetzen und unsern Handel zu besprechen. Ich ließ Aguardiente, in bescheidenem Maaß, denn ich kannte die Leidenschaft der Rothen, und Taback kommen. In mein Lager selbst mochte ich ihn nicht einladen, obschon er große Lust zeigte, dahin zu gehen. Ich wiederholte mein Anerbieten: freien Weg durch das Gebiet und Sicherheit für das Leben meiner zehn Begleiter und ihr Eigenthum, wofür ich mich erbot, ihnen schon jetzt ein Dutzend rothe Decken, einen Kasten mit bunten Korallen und Perlschnüren und zehn Messer zu geben, dem noch, sobald wir den ersten Bach erreicht haben würden, der in den Rio Florida mündet, fünf Flinten, ein Fäßchen Pulver und ein Fäßchen Branntwein hinzugefügt werden sollten. Der Vertrag wurde angenommen und in der gewöhnlichen Weise auf einem Stück Haut mit den Totems der Indianer ausgestellt und unterzeichnet. Ich kann einen Eid bei der heiligen Madonna darauf ablegen, daß ich das Zeichen der Indianer empfing, denn ich zeigte es bei der Rückkehr noch meinem Weibe in der Gegenwart Xaverio's und belehrte sie, die Besorgniß genug hegte, daß auch der schlechteste Wilde, selbst ein Apache nicht, wagen würde, sein Totem

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zu läugnen. Ich ließ die Gaben bringen, die ich der Schlange versprochen hatte und fügte aus eigenem Antrieb noch zwei bunte Tücher hinzu.

Der Häuptling der Meskalero's hatte uns eingeladen, am drittnächsten Tage einer Büffeljagd beizuwohnen, und der Kapitain und mein Sohn hatten dies mit Freuden angenommen und versprachen sich viel Vergnügen davon. Ich weiß nicht, war es Ahnung oder Zufall, was mir eine gewisse Besorgniß einflößte - ich gab keine bestimmte Zusage und schützte die Eile unseres Weges vor. So, als sie Nichts mehr an Geschenken erreichen konnten, bestiegen die Apachen wieder ihre wilden Rosse und jagten davon.

Ich schlief in dieser Nacht, nachdem ich die Posten ausgestellt und die Ablösungen geordnet hatte, an der wir Männer sämmtlich Theil nahmen, einen tiefen und festen Schlaf neben den Meinen, unbesorgt um die Zukunft, und Nichts ahnend von dem Elend, das uns bevorstand.

Am andern Morgen mit dem ersten Grauen brachen wir wieder auf. Wir hatten unsere Schläuche an der Quelle gefüllt, um uns und unsere Thiere während des Tages mit Wasser versehen zu können, und ich wußte, daß wir am Abend eine jener natürlichen Cisternen erreichen würden, welche die Hand Gottes in die Wildniß gebaut hat.

Wir legten einen anstrengenden Tagemarsch zurück, und ich sah mich jetzt nach dem Ort um, wo wir zu rasten beschlossen hatten. Verschiedene Zeichen, die ich mir auf meinem früheren Wege wohl gemerkt, deuteten mir die Nähe der Cisterne an, und daß ich auf der richtigen Spur war - aber nirgends konnte ich sie entdecken. Endlich -

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nach einem langen Suchen fand ich den Ort, er mußte es unzweifelhaft sein - die Spuren von Pferden und Menschen umher, die zum Theil noch frisch waren, bewiesen mir, daß wir uns an dem Ort befanden. Da war auch die Felsenmulde, in welcher das Wasser sich wochenlang frisch zu erhalten pflegte, aber - von dem Wasser selbst war keine Spur! Der Boden umher war feucht, als sei es reichlich darüber weg gegossen worden, in der Mulde, die sonst rein und klar war, befand sich nur noch ein Schlamm, durch hineingeworfenen Sand entstanden, und nutzlos für Menschen und Thiere. Wer hier gewesen war, mußte arg gehaust haben, das bewies der Zustand des Bodens umher, und ich verwünschte den Leichtsinn oder die Fahrlässigkeit der Indianer oder der wilden Jäger, denn ich war überzeugt, daß nur durch eine solche der kostbare, uns so nothwendige Schatz, vernichtet worden war.

Indeß, was war zu thun? wir mußten uns fügen, denn den Reisenden durch die Wüste passiren oft noch schlimmere Dinge, und ich vertröstete die Meinen auf die Quelle, die wir am andern Tage sicher finden würden.

Der Wegweiser war bis hierher in seiner Erzählung gekommen, als ein sanftes Licht sich durch die Zweige der Sträuche und über die glatten Flachen des Gesteins zu verbreiten begann.

Der Mond war aufgegangen.

Fast mit dem ersten Schein desselben erklang aus der Schlucht heraus ein langgedehnter gellender Schrei, der sich zwei Mal wiederholte und das Echo der Felsen hervorrief.

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Er weckte auch Wesen, deren Herzen meist härter waren, als der Fels selbst. Im Nu wurde es lebendig, man hörte die befehlende Stimme der Häuptlinge, das Rufen der Krieger, das Wiehern der Pferde.

»Sie machen sich fertig zum Aufbruch,« sagte der Trapper, in dem der Vorgang selbst das Interesse an der Erzählung des Wegweisers überwog.

»Und ehe eine halbe Stunde vergeht, werden sie auf ihrem blutigen Weg sein,« fügte der Kreuzträger hinzu - »Gott gebe, daß die Christen, denen es gilt, gewarnt und vorbereitet genug sind, sie abzuschlagen. Denn siegen der »Graue Bär« und die »Schlange«, so haben sie kein Erbarmen zu hoffen.«

Man mußte jetzt mit großer Vorsicht handeln und möglichst in den Schatten der Felsen und Büsche versteckt bleiben, denn da der Mond die Höhen beschien, während der Grund noch in Dunkel gehüllt lag, hätte jedes unvorsichtige Erscheinen zu ihrer Entdeckung führen können. Nur Comeo hatte sich von der kleinen Gesellschaft entfernt und war bis an den Rand der Schlucht vorgeglitten. Die erfahrenen Jäger konnten durch das Gehör ebenso gut alle Vorgänge beobachten, als geschähe es mit dem Auge.

Der Wegweiser hatte recht geurtheilt, es währte noch keine halbe Stunde, als man die Indianer fortreiten hörte. Der Mond war jetzt so hoch gestiegen, daß er bereits den Zugang der Schlucht beleuchtete.

Es wurde verhältnismäßig still in dieser.

Ueber die Steine auf der Höhe nach dem Versteck der Abenteurer glitt ein Schatten - es war Comeo.

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»Der große Geist ist uns günstig,« sagte sie mit ihrer leisen klangvollen Stimme. »Der Graue Bär und die Schlange haben mit den Kriegern das Lager verlassen, zu dessen Bewachung zehn Männer zurückgeblieben sind. Wonodongah ist an seinem Platz, aber Fesseln binden seine Glieder. - Es ist Zeit!«

»Wozu?« frug der Offizier.

»Daß die Schwester bei ihrem Bruder ist - ich gehe zu dem Jaguar der Toyah's!«


Footnotes:

1Lieutenant.

2Langsam! vorsichtig!

3Meine Freunde!

4Fremder.

5Pferdehirt, Pferdebändiger

6Vorwärts! Lassen Sie uns gehen! Ein beliebter spanischer Ausdruck, wie das französische: »Allons!«

7Wächter.

8Zwei berühmte Niederlagen der mexikanischen Truppen unter Santanna im amerikanischen Kriege.

9Früherer Name der demokratischen Partei.

10Die wildesten und kriegerischsten der neun Stämme der Apachen sind die Gilenos, die Mescaleros, die Lipanesen und die Mimbrenos.

11Bergmann.

12Geh' zum Teufel.

13Brummbär.

14Pfui.

15China, Manola - die spanischen Grisetten.

16Sehr gern.

17Pasch.

18Feuer!

19Mord!

20Erster Theil, S. 233.

21Die Besitzer der Silberbergwerke.

22Fort.

23 Nordamerikaner.

24Bezeichnung für die Mexikaner.

25Vusia wird im Umgang die Anrede an vornehme Herren: Vuestra Sennoria ausgesprochen.

26Das Zeichen des Besitzers, mit dem die wilden Pferde gebrannt werden, zu welchem Zweck alljährlich der betreffende Theil der Heerden eingefangen wird.

27Fremde.

28Von zwei verschiedenen Racen stammend.

29Kreuzträger.

30Adjutant.

31Unter Amerikaner sind immer die Bewohner der Vereinigten Staaten zu verstehen.




Werke von Sir John Retcliffe