Puebla

oder

Die Franzosen in Mexiko.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart.

von

Von Sir John Retcliffe.

(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)

Erste Abtheilung: Der Schatz der Ynkas.

Dritter Band.

Dritter Abschnitt.

In der Sierra!

Im Lager der Apachen!

In dem Augenblick, in welchem der Mond über die Höhe der Felswände trat und seine Strahlen weithin durch die zerklüftete Gegend warf, erscholl vom Eingang der Schlucht her, die zum Lagerplatz der Bande diente, jener gellende langgezogene Schrei, der - wie wir am Schluß des vorigen Kapitels erzählten, - die Geschichte des Kreuzträgers unterbrochen hatte.

Im Nu herrschte in dem während der letzten zwei Stunden so ruhigen Thal ein bewegtes Leben und Treiben. Die Krieger, welche die kurze Zeit der Ruhe bennht, sprangen empor und ergriffen ihre Waffen, die Häuptlinge ertheilten kurze Befehle, und vom Eingang der Schlucht her wieherten und stampften die Pferde, die ihre neuen Hüter mit jener untrüglichen Genauigkeit der Indianer in Beziehung auf Zeit und Ort von dem Weideplatz fast zur Sekunde des Mondaufganges nach dem Lager getrieben hatten.

Wonodongah hatte unbeweglich auf seinem alten Fleck gesessen, gleichsam als Wächter vor dem Zelt der schönen

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Spanierin. Er wußte, was folgen würde und hatte beschlossen, sich ohne Widerstand darein zu fügen, da dieser doch vergeblich sein und nur das Handeln seiner Freunde für ihn erschweren mußte. Aus der Aufregung der Apachen und ihren Erzählungen am Nachmittag, als die Verfolger der Flüchtigen zurückkehrten, wußte er, daß die Zahl dieser Freunde sich jetzt nicht mehr auf Eisenarm allein - den Yankee hatte er ohnehin nicht gerechnet - beschränkte. Nur darüber war er zweifelhaft, ob die Apachen ihn selbst bei ihrem Unternehmen gegen die Hacienda mit sich führen, oder ihn in dem Lager unter Bewachung zurücklassen würden.

Dieser Zweifel sollte jedoch bald gehoben werden. Der »Graue Bär« in Begleitung von vier oder fünf bewaffneten Kriegern näherte sich der Stelle, wo er saß und stellte sich vor ihn.

Wir haben bereits gezeigt, daß der wilde und grausame aber tapfere Krieger es verschmähte, seinen Gefangenen zu verhöhnen und zu beleidigen. Diesem Gefühl folgte er auch jetzt, indem er ihn ansprach.

»Die Krieger der Apachen,« sagte er, »sind im Begriff, das Unrecht zu strafen, das die Bleichgesichter allen rothen Männern angethan. Eine Rothhaut hat verweigert, an ihrer Seite das Kampfgeschrei zu erheben. Sie wird dafür sterben auf den Trümmern des steinernen Hauses. Aber wir dürfen einen tapferen Krieger nicht in unserem Rücken zurücklassen, wenn er nicht sein Wort verpfändet, daß die Apachen ihren Gefangenen hier wiederfinden werden.«

Der Toyah sah seinem Feinde ruhig in das Gesicht. »Ich verstehe Dich, Gileno,« sagte er, »aber der Jaguar

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ist nicht gewohnt, müßig zu bleiben, wenn er eine Hand für seine Freunde erheben kann. Hier sind meine Arme; die Apachen sind Weiber, sie vermögen nicht den Adler zu halten, der seine Schwingen regen kann!«

Der Häuptling antwortete nur mit einem stummen Wink; zwei der Krieger traten vor und faßten die Arme des Comanchen. Er ließ sich stolz, ohne den geringsten Widerstand zu zeigen, an den Pfahl führen, an dem vorher der unglückliche Kentuckier fest geschnürt war, und dort anbinden, so daß er keines seiner Glieder zu regen vermochte.

Trotz dieser gefährlichen Lage schwoll das Herz des jungen Kriegers in Freude, weil er jetzt wußte, daß die Bande nicht beabsichtigte, ihn mit sich zu schleppen.

Während der Graue Bär in dieser Weise mit seinem Gefangenen verfuhr, hatte der Häuptling der Mescalero's sich auf einer anderen Stelle beschäftigt.

Lord Drysdale hatte sein kleines Reisezelt, das die Bande bei dem Ueberfall am vorigen Abend durch die Vorsorge des Couriers mitgeschleppt hatte, absichtlich mitten in der Schlucht und zwischen den Lagerstätten der beiden Stämme aufschlagen lassen, um seinen wilden Bundesgenossen nach dem schlauen Rath des Mestizen damit einen Beweis seines Vertrauens zu geben. Er beabsichtigte keineswegs, sich an dem Ueberfall der Hacienda zu betheiligen, da er wußte, daß sein Feind mit der Hauptschaar der Abenteurer noch nicht eingetroffen sein konnte, und es seinem Gefühl widerstrebte, sich an Scenen des Mordes und der Plünderung zu betheiligen, wenn nicht dabei der Zweck seiner traurigen Irrfahrt erreicht werden konnte. Auch hatten die

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Häuptlinge bis jetzt keineswegs das Verlangen an ihn gestellt, sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen, sei es, daß sie dem neuen Bundesgenossen noch nicht recht trauten, sei es, daß sie fürchteten, er könne ihnen bei ihren Bewegungen nur hinderlich werden; der Lord und sein unglücklicher Gefährte hatten sich daher in das Innere des kleinen Zeltes zurückgezogen, während der Courier vor dessen Eingang sein Lager aufgeschlagen hatte und jetzt, müßig auf seine Ellenbogen gestützt, dem Gewühl des Aufbruchs zuschaute.

Zu ihm wandte sich mit seinem schleichenden katzenähnlichen Tritt der einäugige Häuptling.

Volaros bemerkte ihn nicht eher, als bis der Mescalero ihm die Hand auf die Schulter legte und vertraulich neben ihm niederhockte.

»Die Krieger der Apachen,« sagte der Wilde, »sind im Begriff, gegen ihre Feinde zu ziehen. Warum ist der Wandernde Tod nicht an ihrer Seite?«

»Du hast in dem Kriegsrath gehört, daß Seine Excellenz nur gegen die langen Messer kämpfen wird, die über das Meer gekommen sind,« erwiederte der Courier. »Der Engländer ist ein großer Krieger, aber er spart seine Kräfte für die schlimmeren Feinde auf und überläßt seinen Freunden, den Apachen, alle Leute, die sie in dem Hause des reichen Mannes finden werden. Der Antheil eines großen Häuptlings, wie er ist, würde den Gewinn seiner Freunde schmälern,«

Die Antwort war ziemlich schlau auf die Habsucht des Wilden berechnet, würde aber denselben schwerlich ganz zufriedengestellt haben, wenn die Häuptlinge nicht schon, wie

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vorhin erwähnt, beschlossen hätten, den seltsamen Bundesgenossen gleich ihren Gefangenen im Lager zurück zu lassen.

»Die Kinder einer rothen Mutter,« fuhr der Mescalero fort, »haben geglaubt, daß ihre Feinde auch die Feinde ihrer Freunde sein müßten. Aber sie haben die Pfeife mit dem Sohn der großen Mutter aus Sonnenaufgang geraucht und vertrauen ihm. Er wird ihre Weiber und ihre Habe beschützen, während sie sich auf dem Kriegspfade befinden. Sie sind bereit, ihm den Befehl über dies Lager zu übergeben.«

»Ich fürchte, Häuptling,« sagte der Mestize vertraulich, »dieser Fremde wird sich auch damit nicht befassen wollen. Du hast erfahren, daß er sehr freigebig ist, aber diese Engländer sind ziemlich seltsame Käuze und so eigensinnig, wie ein Maulesel. Nur das Eine magst Du überzeugt sein, daß, wenn es wirklich einem gefährlichen Feinde gelten mag, dieser Mann mit dem blutlosen Gesicht das Blut nicht schonen wird!«

Die »Schwarze Schlange« betrachtete den Vertheidiger des Engländers mit einem Ausdruck boshafter Schadenfreude.

»Der Eilende Wind redet gut,« sagte der Mescalero. »Der Mann mit zwei Vätern ißt das Brod dieses Fremden. Aber er irrt sich, wenn er meint, daß die Apachen nur mit mexikanischen Weibern fechten werden. Hat mein Sohn von meinen jungen Kriegern nicht den Namen des Crucifero gehört?«

»Ich erinnere mich dessen, Schlange. Er wird unter den Vertheidigern der Hacienda sein. Ich habe sogar gehört, daß der Bursche den Ruf als ein schlimmer Feind der

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Rothhäute hat. Aber ein Tapferer macht noch keine Armee, und es fehlt Euch nicht an tüchtigen Kriegern.«

»Mein Sohn würde eine schlimme Stunde zubringen,« sagte der Indianer lauernd, »wenn er dem Crucifero gegenüber stehen sollte.«

»Pah! Er ist ein Mensch wie ein anderer, und führt er eine gute Büchse, so sind mein Auge und meine Hand nicht minder sicher. Ich fürchte ihn nicht und wenn er der Teufel selbst wäre!«

Der einäugige Häuptling beantwortete die Prahlerei mit einem höhnischen Lächeln.

»Mein Sohn hat ein schlechtes Gedächtniß!« sagte er. »Er hat vergessen, daß wir bereits früher zusammengetroffen sind.«

»Wir Beide, Mescalero? - Da irrst Du Dich! Ich habe zwar viel von Dir gehört, aber der Zufall hat gewollt, daß ich immer nur mit den südlichen Stämmen Deiner Nation zu thun gehabt habe. Der »Fliegende Pfeil« und der »Springende Wolf« kennen mich.« Die dunkle Röthe, die bei der so unerwarteten Bemerkung des Indianers sein Gesicht überflogen hatte, strafte diese Abläugnung Lügen.

»Fünf Sommer,« bemerkte der Häuptling, »sind nicht genug, um einen Mann unkenntlich zu machen, auch wenn er die Haare um seinem Mund wachsen läßt, wie ein Waschbär. Hugh! Der Eilende Wind möge sich an die Ufer des See's mit dem grünen Wasser1 erinnern. Die Tochter des Mannes, den er nicht fürchtet, hat nur drei Monden in dem Wigwam eines Häuptlings gewohnt.«

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Das Gesicht des Couriers war leichenblaß geworden bei diesen Worten und er starrte den Redner an, als sähe er ein Medusenhaupt.

»Heilige Jungfrau,« stammelte er, - »Rothhaut, was willst Du damit sagen? Jener Mann, den Ihr den Kreuzträger nennt, wäre doch nicht ...«

Er hatte mit dem Ausdruck des Entsetzens und der Furcht krampfhaft den Arm des Häuptlings ergriffen. Seine blauen Lippen zögerten, den Namen auszusprechen und sein ganzes sonst so sicheres und freches Wesen war wie mit einem Schlage verschwunden.

Der Häuptling nickte ihm grinsend zu und schien sich an seinem Schrecken zu erfreuen. »Der Eilende Wind,« sagte er, sich erhebend, »fliegt durch die Prairie, aber die Kugel des Crucifero ist schneller als sein Roß. Mein Sohn weiß, daß die Rache süß ist, aber er wird jetzt auch wissen, daß für ihn allein Sicherheit bei seinen Freunden den Apachen ist. Wir sind seiner Treue gewiß!« und er stimmte in den langgezogenen Ruf ein, mit dem so eben sein Gefährte im Kommando zum Aufbruch rief.

Binnen fünf Minuten waren alle Krieger auf dem Rücken ihrer Pferde. Die Häuptlinge ertheilten ihre letzten Weisungen an die zurückbleibenden Wächter, und der wilde Zug brauste in den phantastischen Lichtern und Schatten des Mondscheins gleich einem Heer finstrer Nachtgeister dahin.

Obschon Makotöh und Wis-con-Tah fast alle Krieger ihrer Banden zu dem Angriff der Hacienda mitgenommen, und nicht im Entferntesten ahnen konnten, daß sie gefährliche Feinde in ihrem Rücken zurückließen, so hatten sie

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doch keineswegs die nöthigsten Vorsichtsmaßregeln versäumt. Ein erfahrener Krieger und Häuptling, den das Alter nicht mehr für die raschen Bewegungen des Ueberfalls geeignet erscheinen ließ aber zugleich nur strenger und grimmiger gemacht hatte, war mit neun Indianern zum Schutz des Lagers und zur Bewachung der Gefangenen, wohl auch der neuen Bundesgenossen, zurückgelassen. Der Medicinmann und die Weiber bildeten außerdem eine hinlängliche Macht, um einen vereinzelten Angriff abzuwehren.

Der alte grimmige Krieger, dessen Name von der eigenthümlichen Bildung seines Gesichts hergenommen, die »Nachteule« war, stellte alsbald zwei Posten an dem Eingang der Schlucht aus, ließ die Feuer auf's Neue anschüren, und setzte sich an einem derselben nieder, wo er den gefesselten Comanchen im Auge hatte, den er mit finstern, haßvollen Blicken betrachtete. Der Wahrsager hatte sich zu ihm gesellt und beide rauchten, über irgend einer Bosheit oder Teufelei brütend, die Pfeifen, während die Weiber und die anderen Wächter mit jener Gleichgültigkeit gegen die Gefahr ihrer Augehörigen in dem Kampf, den dieselben entgegen gegangen, die Ruhe suchten. Der Toyah stand unbeweglich gleich einer Bildsäule an seinen Pfosten gefesselt und bald unterbrach Nichts mehr die Stille des Lagers, als von Zeit zu Zeit ein Schnarchen der Schläfer oder ein leises Wimmern, das von einer im tiefen Schatten der Felsen liegenden Stelle herzukommen schien. - - -



Wir müssen zu unseren Freunden auf der Höhe der Felsen über der Schlucht zurückkehren.

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Der Augenblick des Abzugs der Bande war derjenige, in welchem die junge Comanchin ihren Freunden den kühnen Entschluß kund gab, sich wieder in das Lager der Apachen, also in den Rachen des Wolfes zu begeben.

Da die erste Viertelstunde nach dem Abzug noch unter dem Geschwätz der Weiber und den lauten Vorbereitungen für die weitere Wache hinging, konnte die Verhandlung auf der Höhe des Felsens ohne größere Besorgniß der Entdeckung geführt werden.

Den jungen Offizier berührte die Antwort des Mädchens auf seine Frage, die wir am Schluß des vorigen Kapitels mittheilten, wie ein Donnerschlag. Er wußte sich selbst keine Rechenschaft zu geben von dem Interesse, das er an der jungen Indianerin nahm, aber er fühlte, daß er ohne Zögern sein Leben für die Retterin des seinen opfern könne, und konnte den Gedanken nicht fassen, daß er müßig zusehen solle, wie sie schutzlos sich auf's Neue in die Hände der Wilden liefere.

»Nimmermehr!« sagte er entschlossen, »als Mann und Offizier werde ich es niemals zugeben, daß dieses tollkühne Wagniß stattfindet. Eisenarm, Kreuzträger - Sie werden mir beistehen, das Mädchen von diesem Gedanken zurückzubringen!«

»Und dennoch wird er ausgeführt werden müssen, wenn der Jaguar nicht geopfert werden soll,« sagte der Kanadier. »Es sind elf solcher Schufte unten, die uns genug zu schaffen machen werden, und ich kenne diese Teufel hinlänglich, um zu wissen, daß jedes alte Weib noch dem gefangenen Todfeind ihres Stammes das Messer in das Herz stoßen würde,

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ehe sie seine Befreiung zuließe, selbst auf Kosten ihres eigenen Lebens. Der Gefangene muß also einen Freund in seiner Nähe haben, der ihm im Augenblick der Noth die Mittel giebt, sich selbst zu vertheidigen. Wonodongah ist im Besitz meines Messers - ich habe es selbst gesehen, daß er es glücklich aufnahm; er muß es in einem Versteck verborgen halten, sonst würden es die Schelme sicher entdeckt haben, als sie ihn dort an den Pfahl schnürten.«

»Aber Comeo's Flucht muß den Verdacht der Indianer erregt haben,« warf der Offizier ein, »man wird sie tödten oder wenigstens mißhandeln und festnehmen, wenn sie es wagt, wieder das Lager zu betreten!«

»Auch dafür hat es keine Gefahr,« meinte der Jäger. »Das Mädchen hat ihre Entfernung schlau genug angefangen - diese Burschen sind sicher in dem Glauben, der verliebte Häuptling der Mimbreno's habe sie mitgenommen in sein Lager. Es kommt uns jetzt zu statten, daß unser alter Freund da die Vorsicht hatte, ehe wir die Pferdehüter überfielen, aus dem Mädchen einen so hübschen Prairiejungen zu machen, als nur je einer die Büffel gejagt hat, und diese Schufte müßten noch schärfere Augen gehabt haben, als sie ohnehin besitzen, wenn sie bei der Flucht in solcher Entfernung den kleinen Betrug erkannt haben sollten. Das einzige Augenpaar, das sie in der Nähe gesehen, hat der Schuß Windenblüthe's selbst geschlossen, und Sie werden nicht glauben, Monsieur, daß ein Weib, bloß weil es eine dunklere Farbe hat, als Sie, weniger für ihren leiblichen Bruder zu thun bereit ist, als für einen Fremden.«

Dieser Bemerkung gegenüber verstummte der Preuße;

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er fühlte, daß er sich der größeren Einsicht und Erfahrung der beiden Aelteren fügen müsse und bestand nur noch darauf, daß Comeo wenigstens zu ihrem Schutz seinen Revolver mitnehmen solle, von dem sie bereits einen so muthigen und geschickten Gebrauch gemacht hatte. Aber auch hierin widersprach ihm unter Zustimmung des Kreuzträgers der Trapper, indem er als Grund anführte, daß die Waffe leicht von den Wilden bei dem Mädchen bemerkt werden könnte und dann ihr Mißtrauen mit Recht erwecken müßte.

So wurde denn beschlossen, daß das junge Mädchen allein ihrer angeborenen Klugheit in der Benutzung des günstigen Augenblicks überlassen werden solle.

Es fand zunächst, als das Dringendste, eine kurze Berathung über die Art und Weise statt, in welcher der Angriff zur Befreiung der Gefangenen erfolgen solle. Bei der großen Uebermacht der Gegner und der mangelhaften Bewaffnung - wir erinnern daran, daß die Zahl der kühnen Abenteurer aus nur vier Männern, den jungen Diaz eingerechnet, und ihre Waffen aus drei Büchsen und einer schlechten Flinte, so wie nur zwei Messern und dem Revolver des Offiziers bestanden, - mußte jeder Schritt genau vorher erwogen werden.

Dem Angriffsplan gemäß, der in der Fortsetzung der Erzählung sich zur Genüge bekunden wird, sollte der Trapper seine junge Pflegebefohlene, gleichsam seine Mündel, mit Diaz bis in die Nähe der am Eingang der Schlucht ausgestellten Schildwachen begleiten, während Kreuzträger und der junge Offizier auf der Höhe der Felsen zurückblieben. Diese Wahl war zum Verdruß des Preußen und - damit

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wir es sagen, - vielleicht auch nicht ganz nach dem Wunsch der Indianerin ausdrücklich von Eisenarm selbst getroffen worden, der fürchtete, daß der Ungestüm des Offiziers ihn leicht in der Sorge für Comeo zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen und so den ganzen Plan vereiteln könnte.

Der Abschied war kurz, obschon Jeder fühlte, daß er leicht für das Leben sein könne! Ein kurzer Händedruck, Aug' in Aug', dann verließen Comeo, der Kanadier und der junge Vaquero die schützende Stätte und waren gleich darauf hinter den Felsen verschwunden.

Der Offizier erklärte jetzt seinem bejahrten Gefährten, daß er den früheren Beobachtungsposten Comeo's am Rande der Felsen, wo er die Aussicht auf den Grund, der Schlucht hatte, einnehmen wolle, und nachdem der Kreuzträger ihn in ein sicheres Versteck geleitet hatte, entfernte dieser sich, ohne weiter sich die Mühe zu nehmen, dem jungen Mann seine Absicht mitzutheilen.

Eine Stunde war auf diese Weise in tiefer Stille vergangen und der Stand des Mondes zeigte auf die erste Morgenstunde. Der Wegweiser war zu seinem Gefährten zurückgekommen und hatte neben ihm seinen Beobachtungsposten angenommen. Er schien mit dem Ergebniß seines Streifzugs sehr befriedigt, denn er rieb sich die Hände und flüsterte dem Offizier zu, es sei, wie er bei der gewohnten Fahrlässigkeit der Rothhäute sich gedacht, und sie würden die Mittel finden, in jedem Augenblick mit leichter Mühe in die Schlucht zu gelangen.

Während Alles auf dem Grunde derselben anscheinend in tiefer Stille geblieben, war es in Wirklichkeit doch nicht

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der Fall. Die Nachteule und sein Gefährte, der Medizinmann vertrieben sich die Zeit auf ihrer Wache mit verschiedenen Plänen, welche Marter sie den Gefangenen, die bereits in ihren Händen waren, und die noch hinein gerathen würden, anthun könnten, und als jetzt ein neues stärkeres Wimmern als vorher ihre Aufmerksamkeit erregte, versuchte der Wahrsager mit aller ihm zu Gebote stehenden Beredtsamkeit den nunmehrigen Kommandanten des Lagers für eine Handlung abscheulicher Bosheit zu gewinnen.

»Die Eule der Apachen,« sagte er - »hat niemals erfahren, was es heißt, die Faust eines Bleichgesichts an seiner Kehle zu haben. Ihr Tomahawk hat den weißen Männern den Schädel gespalten, ehe sie ihren Hals erreichen konnten. Es sind Hunde, aber ihre Sehnen sind stark und ich war dem Tode sehr nahe. Die Nation der Mescaleros hätte ihren weisesten Medizinmann verloren und die Nachteule einen Freund, der dafür sorgen wird, daß der Name eines tapfern Kriegers in seinem Volke fortlebt.«

Der alte Häuptling begnügte sich mit dem gewöhnlichen Ausruf, mit welchem die Indianer ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit ausdrücken.

»Der große Geist liebt vor Allem seine Diener. Er wird zürnen, daß man ihn in meiner Person beleidigt hat, ohne daß der Beleidiger dafür den Tod empfangen.«

Der alte Krieger lächelte grimmig, indem er die Hand auf die Schulter des Rachsüchtigen legte.

»Mein Vater will ein Medizinmann sein,« sagte er,

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»und er weiß nicht, daß die Schmerzen jenes Bleichgesichts schlimmer sind, als der Tod?«

»Sie sind noch viel zu gering für ihn,« rief mit Erbitterung der Wahrsager. »Die Nachteule möge ihn in meine Hand geben und sie soll sehn, daß jenes Stöhnen wie der Gesang des Spottvogels2 klingt gegen das Geschrei, was ich ihn erheben machen will. Aber die Eule ist sein Häuptling mehr unter den Gileno's, sie fürchtet den Zorn Makotöh's!«

Dies war die empfindlichste Reizung, die dem alten Krieger angethan werden konnte, und sein faltenreiches Gesicht färbte sich augenblicklich mit der dunklen Gluth des Aergers.

»Rakongah, die Nachteule der Gileno's,« rief er prahlend, »war ein Häuptling seines Volkes, als die Mutter des Grauen Bären ihn noch in der Wiege von Birkenrinde an den Stangen ihres Wigwam's schaukelte. Seine Hand tödtete den Büffel und schlug die Bleichgesichter, als Makotöh noch den Bogen der Knaben nicht spannen konnte. Die Stimme Nakongah's wird gehört in seinem Volke und Keiner wird ihm verbieten, zu thun, was er für gut findet.«

»So möge er es beweisen,« sagte der Wahrsager trocken, »indem er mir gestattet, jene Unke ihr Todtenlied singen zu lassen.«

»Nimm ihn! er möge sterben!«

Der rachsüchtige Priester - denn als solche sind die

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Gaukler und Medizinmänner unter den Indianern zu betrachten, - ließ sich diese Erlaubniß nicht zwei Mal sagen, sondern stand sogleich auf und begab sich nach der dunklen Stelle, von welcher her das jammervolle Stöhnen die ganze Zeit über erklungen war. Einige Augenblicke darauf sahen die Lauscher auf der Höhe der Felswand ihn einen dunklen Gegenstand herbeischleifen, der sich, in die Nähe des Feuers gebracht, als der hilflose Körper eines Menschen auswies.

Der Leser wird sich erinnern, daß Kreuzträger und der Offizier am Tage vorher mit ihren Gefährten sich auf dem Rückzug vor den Wilden und im Kampf mit denselben befanden, als das Ringen zwischen dem gerade nicht sehr achtungswerthen, aber mindestens tapfern und unerschrockenen Kentuckier und dem Wahrsager stattfand, also auch von dessen Folgen Nichts bemerkt hatten. Sie erkannten und erriethen daher den Unglücklichen, der aller Kleider beraubt, jetzt von seinem erbitterten Feinde herbeigeschleppt worden, nicht sogleich. Aber der Anblick war so gräßlich, daß er nichts destoweniger ihre volle Theilnahme in Anspruch nehmen mutzte und der Offizier nur mit Mühe einen Schrei des Entsetzens unterdrücken konnte.

Es war in der That John Meredith, den der Wahrsager herbeigeschleppt und jetzt mit dem Oberkörper an den zweiten Pfahl gelehnt hatte, an welchen bei der Marter am Nachmittag sein glücklich entkommener Gefährte gebunden gewesen war.

Welcher Verbrechen der Kentuckier sich in seinem Leben auch schuldig gemacht haben mochte, und es waren deren gewiß nicht wenige! - die entsetzliche Strafe, die ihm

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geworden, mußte dieselben sühnen. Der Kopf des Unglücklichen bildete eine einzige blutgeronnene Masse. Der Kentuckier war von der Hand seines anfangs besiegten Feindes, wie wir wenigstens angedeutet haben, scalpirt worden und seine Kopfhaut mit dem vollen dichten Haupthaar bereits an dem aus einer bemalten Büffelhaut bestehenden Mantel desselben als schreckliche Zierde befestigt. Aber der kräftige Mann hatte die entsetzliche Operation überlebt und selbst die unsäglichen Schmerzen bisher überstanden; denn die Grausamkeit der Apachen hatte ihn nach der Scalpirung in einem Winkel des Grundes liegen lassen, ohne daß sich Einer um sein Wimmern und sein Leiden anders kümmerte, als daß man diese noch verhöhnte. Seine Hände und Füße waren gebunden geblieben, und so hatte er selbst sich nicht die geringste Hilfe leisten und nur darin eine Linderung suchen können, daß er den wie Feuer glühenden Schädel an die Steine und die kühlere Erde drückte.

Es ist unglaublich, welche körperlichen Leiden der Mensch zu überstehen vermag, ehe die unsterbliche Seele sich von dem Körper scheidet. Hundert Mal in diesen langen Stunden hatte der Unglückliche nach dem Tode gerufen, und seine wilden Flüche hatten sich mit den Resten der Gebete vermischt, die noch aus einer unschuldigeren Kindheit und vielleicht den Lehren einer frommen Mutter in seinem Gedächtniß zurückgeblieben waren, bis seine Kraft brach und er nur noch halb bewußtlos in Stöhnen und Wimmern seinen Schmerz äußern konnte. Aber der Tod war nicht gekommen - seine Leiden waren noch nicht zu Ende!

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Die Klagelaute seines Opfers schienen dem in jeder teuflischen Quälerei wohlerfahrenen Gaukler nur Freude und Genugthuung zu gewähren, und mit einer wahren Wollust bereitete derselbe die neuen Martern vor, während er von Zeit zu Zeit einen boshaften Blick hinüber nach dem anderen an seinen Pfahl gefesselten, aber zu seinem Bedauern seiner Macht entzogenen Gefangenen warf, wie um auch ihn an die bevorstehenden Qualen zu erinnern.

Der alte Wegweiser drückte in ihrem Versteck krampfhaft die Hand seines Gefährten, »Die heilige Jungfrau sei ihm gnädig,« flüsterte er. »Es ist wahrhaftig der arme Teufel, den wir am Nachmittag mit an den Marterpfahl gebunden sahen. Was hat der Schurke mit ihm vor? - ich wollte einen Finger meiner Linken drum geben, wenn wir das Zeichen Bras-de-fer's hörten, damit meine Kugel dem Satan das Spiel verderben könnte!«

Der ehrliche und menschenfreundliche Wunsch des Wegweisers ging aber nicht in Erfüllung - weder von Comeo noch ihren Begleitern ließ sich eine Spur erblicken, und der indianische Zauberer konnte ungestört die Vorbereitungen seines scheußlichen Vorhabens vollenden; - diese bestanden darin, daß er in den Schoos seines Mantels eine Anzahl glühender Kohlen aus dem Feuer sammelte.

Die Nachteule sah ihm mit stoischer Ruhe ihre Pfeife rauchend zu, ohne ein Zeichen der Zustimmung oder Mißbilligung zu geben; für ihn war der Scalpirte ein Gegenstand vollster Gleichgültigkeit.

Der Medizinmann trat jetzt zu dem Verstümmelten, und mit einem teuflischen Lachen schürte er einen Theil der

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glühenden Kohlen auf den seiner Haut beraubten blutrünstigen Schädel. Der Kentuckier stieß ein Geheul des Schmerzes aus, das weithin in den Felsen ein schreckliches Echo weckte. Da seine Arme und Füße noch immer gefesselt waren, vermochte er nicht, sich von dieser glühenden Asche zu befreien, die an dem blutigen Schädel festklebte und bis in das Hirn hinein zu brennen schien. Er wälzte sich unter dem Hohngelächter und dem Frohlocken seines Feindes wie ein rasendes Thier auf dem Boden und sein Gebrüll versammelte in wenigen Augenblicken die erweckten Schläfer um die schreckliche Scene, und rief selbst den Lord mit seinem Begleiter und die erschrockenen Damen aus ihren Zelten.

Die Weiber und Krieger bildeten einen Kreis um das Opfer dieser boshaften Rache, innerhalb dessen der gefürchtete Zauberer mit grotesken Sprüngen und seine wilden Beschwörungen zeternd den Unglücklichen umtanzte, wobei er von Zeit zu Zeit frische Kohlen auf den Kopf des Aermsten zu werfen suchte. Die Scene war zu sehr nach dem Geschmack der grausamen Krieger und alten Hexen, als daß sie ihr hätten Einhalt thun sollen, und der Lord wurde von dem Mestizen daran verhindert, der ihn fast mit Gewalt abhielt, sich einzumischen.

Zwei Mal hatte der Kreuzträger seine Büchse erhoben, um der schändlichen Mißhandlung ein Ende zu machen, aber ein Blick auf den gefesselten Comanchen, der unbewegt auf die Qualen des Unglücklichen niedersah, ließ ihn wieder der Klugheit Gehör geben. Dennoch hätte er vielleicht ihr Gebot aus den Augen gesetzt, wenn nicht in diesem Augenblick

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von einer andern Seite dem Leidenden Beistand gekommen wäre.

Der Kreuzträger und der Offizier sahen nämlich plötzlich die schlanke Gestalt Windenblüthe's aus dem Schatten auftauchen, und mit leichtem Schritt über den Platz eilen. Sie stieß furchtlos die über diese Kühnheit erstaunten Krieger und Weiber zur Seite, trat zu dem sich in Todesschmerzen krümmenden Mann und streifte mit sicherer Hand die Asche von seinen Wunden. Dann sprang sie behend zu dem Steinbecken, in dem sich das Wasser der Bergquelle sammelte, tauchte ihr wollenes Tuch in die kühle Fluth und legte dasselbe zurückkehrend auf den rauchenden Schädel des Kentuckiers.

Ein Blick unbeschreiblichen Dankes aus den blutunterlaufenen Augen des Mannes lohnte ihr.

Der Zauberer hatte anfangs ganz starr über dies Beginnen das Mädchen schweigend gewähren lassen, jetzt aber brach sein Zorn aus.

»Was untersteht sich die Tochter einer Comanchen-Hündin?« schrie er erbittert mit drohenden Geberden. »Will die verlaufene Dirne die Peitsche ihrer Herren auf den Schultern fühlen, daß sie ein dem großen Geiste gebrachtes Opfer stört?«

Comeo war ruhig neben ihren Schützling stehen geblieben, gleich als hätte sich das, was sie gethan, ganz von selbst verstanden. Nur ein flüchtiger Blick hatte den Bruder gestreift, aber sein Ausdruck ihn bedeutet, daß der Moment der Entscheidung gekommen und ihre Aufgabe allein sei, die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken.

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»Der große Geist,« sagte die Jungfrau ruhig, »hat den Apachen wie den Comanchen die Medizinmänner gegeben, daß sie mit ihrer Weisheit die Wunden und Krankheiten heilen sollen, nicht die Schmerzen vermehren. Der große Zauberer der Mescalero's muß ein sehr schwarzes Herz in der Brust tragen, daß er eines Sterbenden spotten kann.«

Der Zauberer that einen förmlichen Sprung vor Wuth über diese dreiste Erwiderung. »Schleppt sie hinweg, die Tochter einer räudigen Hündin!« schrie er. »Sollen wir uns von dieser Thörin gebieten lassen, die in unser Lager kommt und geht, wann sie will!? Wenn sie es wagt, noch ein Wort zu reden, soll sie die Strafe des Bleichgesichts theilen! - Ist der Häuptling der Gileno's ein Kind geworden, daß er uns von einem Weibe Trotz bieten läßt?«

Der grimmige alte Häuptling hatte in der That die Einmischung der jungen Comanchin eben so übel vermerkt, als sein Gefährte. Er streckte die Hand drohend gegen das Mädchen aus und sagte gebieterisch: »Die Krieger der Comanchen haben den Tomahawk von sich geworfen und kochen an ihren Feuern, indeß ihre Weiber durch die Prairie laufen. Wo ist die Tochter eines fremden Stammes während einer Nacht und eines Tages gewesen, daß sie auf's Neue wagt, ihr Angesicht unter meinem Volke zu zeigen?«

Mit der Schlauheit ihres Geschlechtes umging das Mädchen, das zu stolz war, zu lügen, die Frage.

»Ist Mechocan, der Fliegende Pfeil der Mimbreno's nicht ein Häuptling?« erwiederte sie. »Er ist auf dem

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Kriegspfad gegen die Bleichgesichter und ein Mädchen ist zu ihren Freunden zurückgekehrt, um auf seine Rückkehr zu warten.«

Die Antwort stimmte zu sehr mit der Annahme überein, welche man im Lager der beiden Stämme über das Verschwinden des Mädchens gehegt hatte, als daß sie Verdacht hätte erregen können. Um die Moralität dieser Erklärung kümmerte man sich weniger. Der alte Häuptling, begnügte sich daher, zu sagen: »Es ist gut! Die Weiber der Comanchen sind dazu da, das Lager eines tapferen Apachen zu versüßen - aber sie dürfen sich nicht in das Thun der Männer drängen. Geh' zu dem Feuer der Weiber und die Strafe soll Dir geschenkt sein.«

Die junge Toyah rührte sich nicht von ihrem Platz - ein Seitenblick hatte sie belehrt, daß die gefangene Haciendera sich eben ihrem Bruder näherte.

»Bringt die Dirne weg und braucht die Peitsche!« schrie der Zauberer.

Ein kurzer stöhnender Laut ließ sich vom Eingang der Schlucht her vernehmen, wurde aber nur von der Bedrohten bemerkt, die ihren Kopf horchend zur Seite neigte.

Einige der Weiber, alte Hexen, die dem schönen Mädchen aus einem ihnen verhaßten Stamm ohnehin feind waren, wollten sie in der That ergreifen, aber Comeo wehrte ihnen mit einer ruhigen Geberde.

»Ich bin gekommen, diesen Mann zu beschützen,« sagte sie, - »nur Feiglinge mißhandeln einen Wehrlosen!«

»So beschütze Dich selbst, Tochter einer verlaufenen Hündin!« brüllte der alte Häuptling und riß den Tomahawk

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aus dem Gürtel, um ihn nach dem kühnen Mädchen zu schleudern. In diesem Augenblick hob Comeo den Arm - das Zischen einer Kugel zerriß die Luft, der Knall einer Büchse krachte in den Ohren der erschrockenen Apachen und die Nachteule stürzte durch den Kopf geschossen zu den Füßen der jungen Indianerin nieder.

Comeo benutzte die Erstarrung plötzlichen Schreckens, die sich Aller umher bemeistert zu haben schien, um mit dem elastischen Sprung einer Pantherin sich nach der Richtung zu stürzen, wo ihr Bruder stand, der bei dem Knall des Schusses den wilden gellenden Kampfruf seines Volkes ausstieß.

Dieser Ruf fand von zwei Seiten her, von dem Eingang der Schlucht, wo die eine der ausgestellten Schildwachen gestanden, und von der Felsenspalte, welche das Bett des Gebirgsbaches bildete, eine kräftige Erwiederung.

Aber das heldenmüthige Mädchen, das sich aufopfernd in die Gefahr gewagt, sollte nicht ihre Absicht erreichen, sich schützend vor die Brust ihres Bruders zu werfen, bis die Freunde heran wären. Indem sie aus dem Kreise der Überraschten eilen wollte, faßte die Hand des Beschwörers ihr fliegendes langes Haar und riß sie zu Boden, während seine andere Faust nach dem Tomahawk griff, der dem erschossenen Häuptling entfallen. - -

Wir müssen einige Augenblicke zurück zu Dem, was in der nächsten Nähe des gefesselten Toyah vorgegangen war, uns wenden.

Wir haben bereits erwähnt, daß das Schmerzensgeheul des unglücklichen Kentuckiers nicht allein den Engländer und

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seine Begleiter, sondern auch die gefangene Haciendera, die Braut des Grafen Boulbon, aus ihren Zelten hervorgescheucht hatte.

Doña Dolores warf nur einen Blick auf die Vorgänge am Feuer, und obschon sie sogleich bemerkte, daß ihre Person nicht dadurch bedroht sei, hatte sie doch mit dem flüchtigen Blick schon genug gesehen, um von Entsetzen überwältigt auf den Stein niederzusinken, der früher dem jungen Comanchen zum Sitz gedient hatte.

Das plötzliche Erscheinen Comeo's und ihr Einschreiten zu Gunsten des Mißhandelten hatte eben die Aufmerksamkeit Aller nach jener Seite hingelenkt, als die zitternde Mexikanerin einige leise Worte an ihr Ohr schlagen hörte.

»Die Feuerblume der Prairie,« flüsterte eine Stimme in ihrer Nähe, »hat ein muthiges Herz. Wenn sie noch in Besitz des Messers ist, das ein Freund ihr gab, ihre Ehre zu beschützen, kann sie damit Etwas thun, das ihr Leben und Freiheit sichert!«

Dolores wandte sich nach der Seite um, von welcher die Worte kamen, und erblickte jetzt erst den ehemaligen Tigrero ihres Vaters bewegungsunfähig an den Pfahl gefesselt.

Das Gefühl der Dankbarkeit, vielleicht auch ein tieferes, ließ sie sofort sich erheben und einen Schritt auf den Gefangenen zu thun.

»Heilige Jungfrau - Wonodongah, was geht hier vor? Kann ich Etwas thun für Dich?«

»Still, Señora!« flüsterte der junge Mann, dem die gemeinsame Gefahr das Gefühl einer gewissen Gleichstellung

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mit der vornehmen und stolzen Dame gab, - »Vorsicht um Deiner selbst willen, Herrin! Die Feuerblume möge wissen, daß Freunde in der Nähe sind, zu ihrer Befreiung bereit. Aber sie wird für den ersten Augenblick des Kampfes einer schützenden Hand bedürfen. Ist das Messer noch in Deinen Händen?«

»Hier - hier ist es! Nimm es und brauche es für Dich und mich! Mein Vater wird Dir reich die Rettung seiner Tochter lohnen!«

Ein Ausdruck von Kränkung und Stolz flog über das dunkle edle Antlitz des Gefangenen, aber er unterdrückte muthig diese Regung und antwortete nur: »Diese Hände müssen gefesselt bleiben, wenn die Herrin der hundert Häuser es verschmäht, einen armen Indianer selbst zu befreien.«

»Was soll ich thun, Wonodongah, sprich?«

»Die Feuerblume,« flüsterte der Comanche, »möge sich langsam und mit Vorsicht mir nähern, - es darf Niemand auf sie sehen! - So - ein Schnitt mit dem Messer wird die Riemen zertrennen, die meine Handgelenke um den Pfahl binden - sie möge mir dann das Messer geben und ihr Leben einem Freunde vertrauen.«

Die Haciendera that, wie der »Jaguar« ihr anempfohlen. Sie trat wie zufällig oder von Neugier an der Scene um den anderen Pfahl getrieben näher zu dem Gefangenen. Alle Indianer, Männer und Weiber befanden sich abseits - in ihrer Nähe, etwa zehn bis fünfzehn Schritt entfernt, bemerkte sie nur den Engländer mit dem Mestizen, die aber gleichfalls ihre Aufmerksamkeit den anderen Vorgängen zugerichtet zu haben schienen.

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Sie hatte nicht bemerkt, daß das scharfe Auge des Couriers sie gestreift, und von Zeit zu Zeit zu ihr zurückkehrte.

Jetzt war sie in der That hinter dem Pfahl und ihre von Aufregung zitternde Hand berührte die Hände des Gefesselten und suchte nach dem Knoten der Riemen.

Es war, als ob diese nothwendige Berührung einen elektrischen Schlag durch die Körper des Mannes und des Weibes erzittern ließe.

Im nächsten Augenblick setzte die Haciendera das scharfe Messer, das sie in ihren Kleidern verborgen getragen, an die Riemen und that einen kräftigen Schnitt. In demselben Moment krachte auch der Schuß Eisenarm's und seine Kugel schmetterte die »Nachteule« zu Boden.

Die Haciendera stieß unwillkürlich einen Schrei aus, ließ das Messer zu Boden fallen und versuchte, von dem gellenden Kampfruf, mit dem der Toyah die befreiten Hände schwingend das Angriffsgeschrei seiner Freunde erwiederte, nach ihrem Zelte erschreckt, zurück zu flüchten.

Vergeblich faßte der Jaguar nach der Hand, die ihn so eben zum Theil befreit, um das Messer aus ihr zu empfangen und mit raschem Schnitt sich seiner anderen Bande zu entledigen - Doña Dolores war bereits mehrere Schritte fortgestürzt, - das Messer lag zu seinen Füßen, seine Arme waren frei, aber die Bande, die Brust und Leib noch immer fest an den Pfahl schnürten, verhinderten ihn, es zu ergreifen. Während er sich noch wüthend aber vergeblich in seinen Banden wand, bot sich seinen Augen

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ein Schauspiel, das alles Blut in seinen Adern erstarren und sein Herz stillstehen machte! - - -



Die beiden Verbündeten auf der Höhe der Felsenwand hatten kaum das Erscheinen Comeo's unter den Apachen in der Schlucht bemerkt, als Kreuzträger dem Offizier zuflüsterte, daß es Zeit sei, sich zurückzuziehen.

Welches erhöhte Interesse auch der junge Mann jetzt an den Vorgängen da unten nehmen mochte und wie besorgt er um das Schicksal des Mädchens war, er begriff, daß er ihr nicht besser dienen könne, als indem er sich den Weisungen seines älteren Begleiters fügte, und er folgte ihm daher vorsichtig auf ihrem Rückzug durch das Buschwerk, bis die größere Entfernung ihnen gestattete, sich zu erheben.

Zu seinem Erstaunen bog der Wegweiser, statt an der Seite hinabzusteigen, auf welcher am Tage der Methodist seine Flucht bewerkstelligt hatte, nach der Stelle hin, wo der Kampf mit den Apachen und ihre glückliche Flucht über die breite und tiefe Felsspalte stattgefunden hatte.

»Sie irren sich in der Richtung, Señor Kreuzträger,« sagte leise der junge Mann - »wir werden hier die Schlucht nicht, ohne die größte Mühe und vielen Zeitverlust hinabklettern können, wenn es überhaupt möglich ist, und zu spät kommen.«

»Unbesorgt, Señor Teniente,« lautete die Antwort. »Ich bin nicht umsonst vorhin auf Kundschaft ausgewesen. Es war, wie ich mir dachte! Diese Schurken, so schlau sie sind, übersehen doch gerade oft die einfachste Vorsicht, wie

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Sie sich gleich überzeugen können. Ich glaube selbst, daß wir in wenigen Augenblicken die Büchse unserer Freunde knallen hören werden, und eben deshalb habe ich diesen Weg gewählt.«

Sie standen jetzt an der Stelle, wo Windenblüthe das Ende des Lasso, der die gefährliche Brücke ihres Entkommens gebildet, um den Baumstumpf geschlungen hatte. Der Offizier fing an zu begreifen - er beugte sich nieder - der am andern Ufer der Felsspalte von der Hand Kreuzträgers abgeschnittene Lederstrick befand sich in der That noch hier und hing über die Felswand nieder. Die Apachen hatten ihn nach dem Kampf selbst benutzt, um an der Felswand zu dem Wasser niederzusteigen und dort den Leichnam ihres von dem Sturz zerschmetterten Kameraden zu suchen, aber sich begnügt, die seidene Leibbinde des Offiziers abzulösen und sich um den nutzlosen Lederstrick dann weiter nicht bekümmert.

»Schnell, Lieutenant,« flüsterte der Alte, »halten Sie Ihre Waffe fest und folgen Sie mir!«

Sich an den Strick klammernd ließ er sich über den Rand der Felswand niedergleiten und stieg mit seiner Hilfe an ihr hinab. Obschon der Lasso nur etwa bis zu einem Drittheil der Tiefe niederreichte und die überhängenden Bäume ein tiefes Dunkel bis zum Grunde des Baches schufen, war von hier ab das Niedersteigen doch verhältnißmäßig leichter, und nachdem der Wegweiser gewartet, bis sein Gefährte das Ende des Strickes erreicht hatte, setzte er mit größter Hast, aber mit Vorsicht - allein sich auf das Tasten verlassend - den gefährlichen Weg fort. Sein

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Fuß hatte eben den steinigen Grund des kleinen Bachs betreten, als der Knall der Büchse Eisenarm's und der Kampfruf des Jaguar's an sein Ohr schlug. Ohne weitere Vorsicht zu beobachten, dem Offizier zurufend, rasch zu folgen, sprang der Alte jetzt vorwärts in dem engen Bett des Wassers, und riß die überhängenden Zweige auseinander, die sich dicht über seinem etwa 4 Fuß hohen Niederfall in das Steinbecken wölbten.

Die Schlucht - die Stätte des begonnenen Kampfes - lag von dem Scheine der Feuer und dem von den Schatten der Felsen und Bäumen durchbrochenen Mondlicht erhellt vor ihm.

Das Erste, was er sah, war der junge Vaquero, wie er sich gegen drei Indianer heldenmüthig vertheidigte, nachdem er seine Büchse abgeschossen, aber in der Bewegung der Gestalten durcheinander gefehlt hatte. Zugleich sah er, wie die Flammen des Feuers über zwei dunklen Körpern, die sich krampfhaft in ihnen wälzten, hoch emporsprühten.

Der eine Krieger der Apachen hatte eben seine Flinte auf den Jüngling angeschlagen, während die anderen beiden, die sich nicht Zeit genommen, ihre Bogen oder Lanzen zu holen, mit dem Tomahawk auf ihn eindrangen; denn die Wächter des Lagers hatten nach der ersten Ueberraschung des Ueberfalls sich sofort kräftig zur Wehr gesetzt und befanden sich immer noch, selbst wenn ihr weißer Bundesgenosse an dem Gefecht keinen Theil nahm, in der großen Mehrzahl von Acht gegen Vier.

Die Büchse des Kreuzträgers flog an seine Wange,

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der sichere Schuß krachte, und der Apache, dessen Kugel dem Vaquero den Hut vom Kopf gerissen, stürzte zu Boden. Mit einem Sprung war der alte Mann über das Becken auf dem Boden der Schlucht und im nächsten Augenblick an der Seite des Jünglings. Er hörte mehr, als daß er es sah, daß der Offizier ihm folgte und sah nur noch - indem er mit der abgeschossenen Büchse einen Tomahawkschlag parirte - wie der Offizier - - -



Es ist nöthig, daß wir zu den Bewegungen Eisenarm's zurückkehren, nachdem er den Schuß abgefeuert.

Der Leser weiß, daß die Zahl der von dem Grauen Bären und der Schlange zurückgelassenen Krieger sich auf zehn belief. Zwei hatte der den Befehl führende alte Häuptling als Wachen an dem Eingang der Schlucht nach zwei verschiedenen Seiten ausgestellt. Auf eine dieser Schildwachen war Comeo bei ihrer offenen Annäherung an das Lager gestoßen, und hatte sich in ein kurzes Gespräch mit dem noch jungen und daher weniger mißtrauischen Krieger eingelassen, während dessen der Trapper und Diaz sich unbemerkt in seine Nähe schleichen und ein Versteck gewinnen konnten. Als hierauf der Apache dem Mädchen die Erlaubniß ertheilt hatte, weiter zu gehen, hatten sie die Gelegenheit abgelauert und - der traurigen Nothwendigkeit des Krieges nachgebend - den Ahnungslosen mit ihren Messern getödtet, ehe er einen Allarmruf auszustoßen vermochte.

Während hierauf Comeo dem Kentuckier zu Hilfe eilte und den Wortwechsel mit dem Zauberer und dem

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Häuptling hatte, waren ihre beiden Begleiter unbemerkt bis zum Eingang der Schlucht gelangt, und wachten über ihr Leben, wie in dem verhängnißvollen Augenblick der Schuß aus der Büchse Eisenarm's bewies,

Es war sehr natürlich, daß der Trapper, durch diesen Schuß das Mädchen gerettet glaubend, dem mächtigsten Drange seines Gefühls folgte und dem jungen Comanchen, seinem Zögling - man könnte sagen seinem Sohn zueilte.

Wir müssen an dieser Stelle verweilen!

Ohne anfänglich einen bestimmten Verdacht zu hegen, hatte doch Volaros aufmerksam die Annäherung der stolzen Haciendera an den gefesselten Comanchen nicht aus den Augen gelassen. Keine Bewegung der Señora war ihm entgangen, und als der Schuß des Trappers an sein Ohr dröhnte, begriff er mit der Blitzesschnelle der Gedanken-Combination, daß zwischen den Angreifern und dem Gefangenen und der Haciendera ein Einverständniß herrschte, und daß unter den Angreifenden sich wahrscheinlich ein Mann befand, der alle Ursach hatte, sein Todfeind zu sein.

Mit derselben Gedankenschnelle bedachte er, was allein ihn retten könne, und sein Entschluß war gefaßt.

Er sah, wie die Haciendera, von Schrecken überwältigt, ihr Werk nur halb that und - das rettende Messer fallen lassend - nach ihrem Zelt eilte; - er sah, wie die mächtige Gestalt des Trappers mit hochgeschwungener Büchse herbeieilte, und die zwei indianischen Krieger, die sich ihm entgegen warfen, mit einem Schwung seiner furchtbaren Waffe zur Seite schleuderte. Mit zwei Schritten war er

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an der Seite der fliehenden Dolores, umfaßte die Halbohnmächtige und setzte mit der freien Rechten die scharfe Spitze seines eigenen Messers auf ihre Brust.

Eisenarm war etwa noch zwanzig Schritte entfernt - er hob unwillkürlich die Büchse an seine Wange, ließ sie aber sogleich wieder sinken, da er sich erinnerte, daß er sie bereits abgeschossen hatte, und war bereit, auf den Mestizen loszuspringen, denn er hatte die Señora erkannt.

Aber ein gebieterischer Haltruf desselben fesselte ihn machtlos an seine Stelle.

»Ein Schritt weiter,« donnerte der Mestize ihm zu - »eine Bewegung, und bei dem heiligen Kreuz von Puebla - dieses Messer ist schneller als Du!«

Der Comanche stieß ein Brüllen aus, das dem Laute des erzürnten Löwen glich, wenn er sich an den Ufern des Mozambique auf den Jäger stürzen will, der sein Junges getödtet hat. Er wand sich mit der Kraft der Verzweiflung in seinen Banden, daß die Lederstricke sich dehnten und der Pfahl im Boden wankte, - aber sie hielten fest, und der Stahl des Halbblütigen blitzte unheimlich auf dem Busen der Haciendera.

»Halt ein - bei dem Gott der weißen Männer - tödte sie nicht!«

»Und beim Teufel, ich werde es, wenn Ihr mir nicht zur Stelle mein eignes Leben sichert und mich und meine Begleiter frei entlaßt! Schnell schwört oder ich stoße zu!«

Der Jaguar streckte stehend die Hände nach seinem Freunde, dem Jäger, aus.

»Dann wird ein großer Schurke mehr frei durch die

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Prairie laufen,« sagte dieser, indem er unwillig den Kolben seiner Büchse auf die Erde fallen ließ. »Aber es geht leider nicht anders! Laß die Doña los, Schuft, und Du magst Deine Haut unversehrt behalten!«

»Schwört - Beide!«

»Bei meinem Wort - Urfehde auf drei Tage! Und nun hilf Dir selbst weiter, Jaguar, denn ich muß nach unsern Freunden sehen, und jene Burschen scheinen sich gleichfalls noch nicht zufrieden zu geben.«

Die Worte waren von einem Pfeil veranlaßt, der in handbreiter Entfernung an ihm vorüber zischte und von einem der beiden Apachen abgeschossen war, die sein Kolben beim Beginn des Gefechtes zu Boden geschlagen. Der Eine lag mit gebrochenem Schädel an der Stelle, wo er gefallen, aber der Zweite war nur betäubt gewesen und hatte sich rasch wieder empor gerafft.

»Mach Dich aus dem Staube, Rothhaut,« sagte der Jäger, indem er, der Gefahr eines zweiten Bogenschusses ruhig Trotz bietend, seine Büchse wieder zu laden begann, - »oder Du sollst bald etwas Besseres in Deinem Hirn spüren, als Dein elendes befiedertes Rohr ist! - Fort mit Dir, Halunke, oder ich schieße Dich nieder wie einen Rehbock!«

Der Apache wagte jedoch nicht, die Kugel des gefürchteten Schützen abzuwarten oder sich mit ihm in einen Kampf einzulassen, und entfloh eilig, seine Gefährten im Stiche lassend. Jetzt erst kehrte sich der Jäger wieder zu seinem jungen Freunde.

Er fand diesen frei und neben der jungen Haciendera

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knieen, die er aus ihrer Ohnmacht zu erwecken sich bemühte.

Der Mestize hatte nicht sobald das Wort Eisenarm's empfangen, als er die Dame sanft auf den Boden gleiten ließ, das ihr entfallene Messer aufhob und dem Comanchen sich näherte.

»Der Große Jaguar hat gehört, was sein Freund versprochen. Er wird mein Leben schützen und das meiner Gefährten?«

»Der Eid eines Kriegers ist kein Hauch! Eile Dich!«

Zwei kräftige Schnitte lösten alle Bande des Comanchen, der Mestize reichte ihm das Messer und trat, die Arme über die Brust kreuzend, zurück zu dem Zelt des Engländers.

Hier stand hoch aufgerichtet Henry Norford, Lord Drysdale, auf die große Lochaber Axt gestützt, und zu seinen Füßen kauerte der Malaye mit seinem Krys. - -

Der Sturm auf die Hacienda.

Wir bitten den Leser mit uns nach der Hacienda del Cerro zurückzukehren, deren Bewohner in jedem Augenblick den Angriff der Apachen erwarteten.

Wir haben sie mit Kreuzträger und dem jungen Vaquero verlassen, die Don Estevan aussandte, um seiner Tochter entgegenzugehen und sie vor der drohenden Gefahr, von den umherstreifenden Indianern überfallen zu werden, zu warnen, - leider zu spät, da sie bereits die Beute des Grauen Bären und seiner Genossen geworden war.

Die Entfernung bis zur Hütte des unglücklichen Fährmann's war zu groß, als daß die Wachen auf den Mauern der Hacienda den Lärmen des kurzen Gefechtes hätten vernehmen können, wohl aber glaubte einer der Peons nach Mitternacht das Vorüberjagen eines großen Reitertrupps zu hören und bemerkte auch, daß die Pferde, die sich noch in dem äußeren Corral befanden, unruhig sich geberdeten, als witterten sie Ihresgleichen. Der Vorgang war jedoch zu unbedeutend, um Lärmen zu machen, und so erfuhr ihn

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Don Estevan erst am andern Morgen, als die Vertheidiger der Hacienda sich besorgt über das Ausbleiben ihrer Kundschafter beriethen.

Kreuzträger hatte es vorgezogen, bei der schlimmen Kunde, die er zu überbringen gehabt hätte, nicht erst in die Hacienda zurückzukehren, sondern direkt der Bande der Apachen und ihren Gefangenen zu folgen, es dem Senator überlassend, über sein Ausbleiben zu denken, was ihm beliebe.

Man blieb daher in der Hacienda den ganzen Tag über in Zweifel, ob die beiden Späher in die Hände der Apachen gefallen wären oder für gut befunden hätten, auf dem Wege, den die Señora von San Guaymas kommen mußte, weiter zu gehen, um sie aufzuhalten. Das Vaterherz neigte sich zu der letzteren Annahme und auch der alte Haushofmeister, der größere Besorgniß über seinen jungen Verwandten hegte, als er zeigen mochte, stimmte ihm bei. Obschon man den ganzen Tag über Nichts von den Indianern sah, wagte sich doch keiner der Bewohner über die engere Umgebung der Hacienda hinaus, und Don Estevan in Gemeinschaft mit dem Polen Morawski benutzte die erhaltene Frist, um die Vertheidigungsmittel der kleinen Festung noch so sehr zu verstärken, als in ihren Kräften stand.

So war der Tag in fortwährender Aufregung vergangen - von dem sehnlichst erwarteten Beistand des Grafen Boulbon zeigte sich noch immer keine Spur.

Erschöpft von den Anstrengungen und Sorgen der letzten Tage und Nächte hatte sich Don Estevan nach dem Abendseegen auf die dringende Bitte seines Hauswarts nach

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seinem Schlafzimmer zurückgezogen, um dort einer kurzen Ruhe zu genießen. Aus dieser weckte ihn gegen 10 Uhr ein Diener mit der Nachricht von dem Erscheinen zweier Fremden vor dem östlichen Eingangsthor, die dringend Einlaß begehrten und erklärten, daß sie Nachrichten von dem Kreuzträger und den Apachen zu bringen hatten. Die Vorsicht der Wächter hatte die Boten gezwungen, außerhalb der Mauern zu bleiben, bis der Hausherr zu ihrem Einlaß seine Genehmigung ertheilt hatte; denn es war wohl bekannt, daß sich genug weißes Gesindel in den Prairieen umhertrieb, das bei Mord und Plünderung gern mit den Indianern Gemeinschaft machte und sich zu ihren Spionen und Helfershelfern hergab.

Als der Senator auf die Mauer über dem Einlaßpförtchen kam, fand er, daß das würdige Paar, dessen Sympathieen sich sehr bald erkannt hatten, sich aus Furcht vor den Indianern dicht an die Mauer gedrängt hatte, um hier wenigstens unter dem Schutz der mexikanischen Büchsen sich zu befinden.

»Wer seid Ihr, Señores?« frug der Hausherr von der Höhe der Mauer.

»Thue Deine Pforten auf, Jerusalem! Diese Stimme fällt wie Posaunenklang in die Ohren Deines Knechtes!« schnarrte der Methodist. »Ich kenne diese süßen Töne und sie gehören, wenn nicht der böse Feind die Sinne eines armen Mannes verwirrt hat, dem sehr würdigen Senator Señor Don Estevan.

»Ich bin Don Estevan,« sagte unwillig der Haciendero,

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»aber wer seid Ihr, Kerl, daß Ihr bei Nacht hier an die Thür meines Hauses pocht?«

»Würdigster Senator, sollten Sie wirklich den treuen Kampfgenossen und Liebling Ihres hochberühmten und sehr edlen Schwiegersohnes nicht wiedererkennen, Hesekiah Slongh, der mit Ihnen über weite Meere gefahren ist, um Mexiko von der Geißel dieser indianischen Heiden zu befreien?«

»Halten Sie Ihr Maul mit all' dem Wischiwaschi,« fuhr ärgerlich der Yankee dazwischen. »Oeffnen Sie rasch die Thür, Señor, wir bringen wichtige Nachrichten von den Indianern und Ihrer Tochter, und jede Zögerung könnte nicht bloß uns, sondern Sie alle das Leben kosten!«

»Von meiner Tochter?« rief der Haciendero - »geschwind, Geronimo, öffne das Thor. Ich glaube wirklich, daß ich jenen Mann, der sich Slongh nennt, wieder erkenne.«

Im nächsten Augenblick war mit einiger Vorsicht das kleine Eingangspförtchen geöffnet und wurden die beiden Flüchtlinge eingelassen. Sie fühlten sich nicht sobald in Sicherheit, als sie eine furchtbare Geschichte von ihren überstandenen Gefahren und begangenen Heldenthaten begannen, aus denen der Haciendero mit Schrecken nach verschiedenen Querfragen die Nachricht erfuhr, daß seine Tochter in den Händen der Apachen und diese gewillt seien, noch in derselben Nacht sich auch des Vaters und seines Besitzthums zu bemächtigen.

»Und Kreuzträger - Eisenarm und der Jaguar?«

»Ich kalkulire, sie sind drei so unverständige und wortbrüchige Narren, wie es nur irgend welche zwischen dem stillen Ocean und der Küste von New-York geben kann,«

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murrte der Yankee. »Um aller Weiber der Erde willen hätte ich meinen Kopf nicht wieder in den Rachen dieser rothen Teufel gesteckt, namentlich wenn ich gewußt hätte, wo ...« Er unterbrach sich selbst, um sein Geheimniß nicht zu verrathen, aber Meister Slongh überhob ihn der Mühe einer anderen Fortsetzung.

»Der Herr ist stark in dem Schwachen, Schwert Gideon!« näselte er. »Wenn es möglich gewesen wäre, die Jungfrau aus den Klauen der ungläubigen Philister zu retten, würde es unser Muth gethan haben. Aber was ist selbst die Kraft Simson's oder die Kriegsweisheit eines Makkabäus gegen Feinde, so zahlreich wie Sand am Meere? Darum hielten wir es für besser, jene Männer als Späher auszusenden, den Feind unterdeß zu beobachten, und selber hierherzukommen, um Hilfe und Beistand zu dem großen Werke der Ueberwältigung der Heiden zu holen!«

»Und, bei'm heiligen Kreuz von Puebla,« rief der Senator, - »wir wollen nicht zögern, sie mit Euch zu bringen. Was sind mir die Reichthümer dieser Hacienda gegen die Befreiung meines Kindes aus den Händen dieser indianischen Teufel! Señor Teniente, wir wollen mit allen unsern Leuten aufbrechen zu einem Ueberfall des Lagers der Apachen und diese beiden Männer sollen uns führen!«

Das war nun aber keineswegs nach dem Geschmack der beiden Tapferen, die herzlich froh waren, sich mit unversehrter Haut hinter den schützenden Mauern zu finden, und sie waren daher gezwungen, ihren Ton bedeutend herabzustimmen und näher der Wahrheit zu kommen. Auch der Pole Morawski und der alte Mayordomo des Haciendero,

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waren klug genug, das Thörichte eines solchen Planes einzusehen und dem Senator ihn zu widerrathen. Während nun Master Slongh in die Lage gebracht wurde, seinem äußeren Menschen wieder einigermaßen ein erscheinbares Aeußere zu geben, wobei er nur den Verlust seines geliebten rothen Mantels schwer beklagte, - und Beide zu gleicher Zeit ihren inneren Menschen nach dem langen Fasten wieder stärkten, gelang es den verständigen Fragen des Haushofmeisters und des Offiziers, die Wahrheit so ziemlich zu enthüllen.

Nicht ohne Stolz vernahm der Erste dabei, wie tapfer sich sein junger Verwandter benommen hatte.

»Gott und die Heiligen mögen das unglückliche Kind beschützen,« sagte endlich der Senator. »Ich gelobe der Madonna vom heiligen Kreuz drei silberne Leuchter, wenn sie meine Tochter mir unversehrt wiedergiebt. Ein Trost ist, daß so wackere Männer, wie Eisenarm und der Jaguar nebst unserem Freunde Kreuzträger über ihr Leben wachen. Die Tapferen sollen reich belohnt werden, wenn die Heiligen uns selbst das Leben erhalten. Jetzt Freunde gilt es vor Allem, uns zu einem kräftigen Widerstand zu rüsten, um so mehr, als nach der Nachricht dieses Mannes wir auf den Beistand des edlen Grafen van Boulbon, des Verlobten meines unglücklichen Kindes, nicht mehr zu rechnen haben!«

Die Stimmung, die sich in Folge dieser Nachrichten aller Vertheidiger der Hacienda bemächtigt hatte, war allerdings eine sehr ernste, aber keineswegs muthlose.

Die Vorbereitungen der Vertheidigung wurden nochmals auf das Sorgfältigste geprüft.

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Die Hacienda zählte in diesem Augenblick einschließlich aller Peons, und der aus der Umgebung hier versammelten Vaquero's und Rostreadores dreiundsechszig Männer zu ihrer Vertheidigung, während die Zahl der Indianer sich auf viele Hunderte belaufen mußte.

Der Pole Morawski theilte sich mit dem Haciendero in die Leitung der Anordnungen. Da Eisenarm zwar einen Theil der Berathungen der Apachen über den Angriff auf die Hacienda mit angehört, aber doch von den Einzelnheiten bei der Entfernung seines Schlupfwinkels keine Kenntniß hatte, wußte man eben nur, daß der Angriff in dieser Nacht erfolgen werde und mußte das Nähere aus den Gewohnheiten der Indianer zu errathen suchen.

Danach ließ sich zunächst erwarten, daß der Ueberfall kurz vor Anbruch des Tages erfolgen werde. Die nach der Sierra gerichtete Spitze des Gehöftes bot dem Angriff der Indianer so große Schwierigkeiten, daß sie gewiß wie bei früheren Gelegenheiten vorziehen würden, von der Ebene her den Versuch zu machen. Hierzu mußten sie, um nicht den gewöhnlichen Weg durch die beiden Schluchten zur Seite des Hügels zu passiren und so unausbleiblich von den Schildwachen auf den Mauern der Hacienda bemerkt zu werden, einen großen Umweg zurücklegen. Es genügte daher, wenn der vordere - nach dem Gebirge gelegene Theil der Hacienda - wir erinnern an deren Beschreibung im vorigen Bande3 - nur von wenigen erfahrenen Posten bewacht wurde, nicht so zahlreich, um die Hauptmacht der

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Vertheidigung zu schwächen, aber doch genug, um gegen alle Teufeleien der Wilden volbereitet zu sein.

Ueber diesen Theil der Vertheidigung erhielt der alte Mayordomo die Aufsicht - zehn der Vaquero's und Rostreadores, Männer von Muth und Erfahrung, wurden ihm beigegeben.

Es war dies, wie wir später sehen werden, eine sehr glückliche Maßregel für die Sicherung der Hacienda.

Wir haben bereits früher aus dem Bericht des Mayordomo an seinen Herrn gehört, daß die werthvollsten Thiere der Cavalada's in den innern Raum der Hacienda gebracht worden waren. Um durch sie nicht beengt und gehindert zu werden, hatte man diejenigen, welche man nicht in die festen Nothställe hatte bringen können, gefesselt und zu Boden geworfen. Aber es befanden sich noch immer mehr als fünfhundert Pferde und über tausend Rinder in den großen Corrals - Verzäunungen von starken Stangen, welche den sich breit erweiternden Abhang von der äußeren Hauptfront der Hacienda bis zur Ebene einnahmen.

Diese Heerden konnten eben so gut zum Schutz, als zum großen Nachtheil der Belagerten dienen.

Blieben sie an Ort und Stelle, so konnte sich unmöglich ein großer Haufe Indianer im Anlauf der Mauer nähern. Die Wildheit der Pferde und der Rinder verhinderte dies gewiß.

Auf der anderen Seite konnten die Apachen die Heerden benutzen, um sich unter dem Schutz der dunklen Körper bis in die Nähe der Thore und des Hauptgebäudes heran zu schleichen, was für einen glücklichen Erfolg ihres

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Angriffs um so nothwendiger schien, da ein großer Theil nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet war, also nur in der Nähe seine Schüsse nach allen Oeffnungen anbringen konnte. Die Besatzung aber wurde durch die Anwesenheit der Thiere und ihre Bewegungen verhindert, die dunklen Körper der Indianer zu entdecken und genau zu zielen.

Ueberdies war noch ein anderer Grund vorhanden, der die Heerden zu einem großen Hinderniß der Vertheidigung machte.

Der Haciendero faßte, nachdem alle Gründe für und wider in einer Berathung sorgfältig erwogen waren, zu welcher die ältesten Diener zugezogen wurden, einen männlichen Entschluß. Er sah die Nothwendigkeit ein, diesen Theil seiner Habe zu opfern, oder wenigstens dem Zufall preis zu geben, und befahl, daß die Corrals geöffnet und die Heerden hinausgetrieben werden sollten.

Es hieß, dieselben ohne Vertheidigung der Raubsucht des Feindes preisgeben; aber das eigene Leben mußte jedenfalls höher stehen, als der Verlust an Geld und Gut.

Bevor jedoch der Befehl ausgeführt wurde, machte einer der Reiter des Polen, ein Mexikaner, der sich in Guaymas der Truppe des Grafen angeschlossen hatte, noch einen anderen Vorschlag. Dieser fand Beifall und es wurden sofort die Vorbereitungen zu seiner Ausführung getroffen.

Zwei Vaquero's, gewandte und muthige Leute, erklärten sich bereit, mit dem Mann, der der Plan ersann, die ziemlich gefährliche Sache auszuführen. Man wußte, daß man noch einige Stunden Zeit hatte, und nahm daher

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keinen Anstand, das kleine Pförtchen in einem der Thore zu öffnen und mehrere Leute in den Corral zu senden. Hier lockerten sie die Fenzen - die Stangen und Pfähle der Umzäunung - an verschiedenen Stellen der Art, daß sie bei einem Anprall sich öffnen oder niederbrechen mußten. Dann machten sich die Vaquero's daran, zwei Stiere und einen Hengst zu fesseln, indem man sie niederwarf und ihnen die vier Beine so zusammenband, daß der Lederstrick mit einem Messerschnitt leicht gelöst werden konnte. Unter den Schwanz des Pferdes und zwischen die Hörner der Stiere befestigte man ein in Oel und Theer getauchtes Reisigbündel.

Die drei Thiere lagen in der Nähe der kleinen Pforte.

Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, zogen sich die Männer wieder in die Hacienda zurück. Nur die beiden Vaquero's und der Reiter - der früher schon lange in der mexikanischen Armee unter Santa Anna gedient hatte, blieben außen im Corral unter den Heerden zurück. Die beiden Vaquero's kauerten sich bei den gefesselten Pferden nieder, der Soldat übernahm den verlorenen Posten an der äußeren Umzäunung der Corrals.

Im Innern der Hacienda waren unterdeß die weiteren Vorbereitungen beendet. Die Thore, bis auf das erwähnte Pförtchen, waren fest verrammelt, Munition in genügender Menge an die Besatzung vertheilt, und die Posten an den, Schießscharten ähnlichen Fenstern und auf dem flachen Dach des Hauptgebäudes und der beiden niederen Seitenflügel ausgestellt. Mit Ausnahme in der großen Halle, die kein Fenster nach dem Corral hatte, wurden alle Lichter

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ausgelöscht. Tonnen mit Wasser waren auf den Dächern aufgestellt, um das gewöhnliche Mittel der Wilden, brennende Pfeile auf das Holzwerk zu schießen, zu vereiteln, und zwei Raketenstangen wurden an Pfähle befestigt. Der Haciendero versammelte noch einmal alle nicht auf den nöthigsten Posten befindlichen Leute mit den Frauen und Kindern in der Halle zu einer gemeinschaftlichen Fürbitte an die Heilige Jungfrau und die Heiligen um Schutz gegen die heidnischen Feinde, dann ließ er unter Alle einen Trunk Mescal vertheilen, ermahnte sie, auf ihrem Posten zu stehen und zu fallen, und sandte dann Jeden an den ihm zugewiesenen Ort.

Ueber all' diesen Vorbereitungen war bereits die erste Morgenstunde vorübergegangen - in kein Auge war Schlaf gekommen, man konnte nunmehr jeden Augenblick die Annäherung und den Angriff der Apachen erwarten.

Der Haciendero begab sich mit dem Offizier auf die Platform des Daches, wo sie eine vollständige Uebersicht über die Abdachung des Hügels hatten, und ließ sich im Schatten der Balustrade nieder.

Alles blieb still wohl drei Viertelstunden lang - dann ließ sich von der Hügelreihe im Süden her ein andauerndes Geräusch, wie der stille Zug einer großen Menschenmenge hören. Das Geräusch verlor sich nach Osten hin und Alles war wieder still, die Ruhe der Nacht schien nur durch das Geheul der Coyoten unterbrochen, die - als witterten sie Beute - in der Nähe der Corrals umherschlichen.

»Niech ci e djabli wezm a!« fluchte der Pole. »Ich

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glaube, die feigen Hunde haben den Ueberfall ganz aufgegeben und ziehen nach den Städten, ohne sich weiter um uns und die Hacienda zu kümmern. Der große Napoleon hat es ebenso mit den Festungen gemacht!«

Der Senator legte ihm die Hand auf den Mund. »Still, Señor,« flüsterte er. »Wir werden leider zeitig genug von ihnen hören. Sie sind jetzt daran, ihre Pferde an einen sichern Ort unterzubringen; denn sie können diese Mauern zum Glück nur zu Fuß angreifen, sonst vermöchte unsere dreifache Zahl ihnen nicht zehn Minuten Widerstand zu leisten. Haben Sie die Zünder in Bereitschaft?«

»Ja, Señor Senador!«

»Dann merken Sie auf - das zweite Zeichen gilt Ihnen!«

Don Estevan hatte eine kleine silberne Pfeife in die Hand genommen, die er an einem Bande um den Hals trug; seine Büchse lehnte neben ihm an der Brustwehr.

Wohl jedem der Vertheidiger der Hacienda schlug das Herz voll banger Erwartung, wie es auch bei dem Muthigsten der Fall ist, so lange er das unheimliche Nahen einer Gefahr an untrügbaren Kennzeichen gleich der Schwüle des Samums fühlt, aber sie selbst noch unsichtbar ist. Doch Alle waren entschlossen, sich bis zum letzten Blutstropfen zu wehren; denn sie wußten, daß darin ihre einzige Aussicht auf Rettung bestand und sie von diesem Feinde kein Erbarmen zu hoffen hatten. Selbst Slongh und der Yankee hatten sich dazu entschlossen, denn sie fürchteten mehr noch wie jeder Andere, in die Hände der Apachen zu fallen, und lagen jetzt, nicht weit von Don Estevan und

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dem Lieutenant entfernt mit den Gewehren, mit denen man sie bewaffnet, auf der Lauer.

Die Erwartung des Haciendero sollte nicht lange getäuscht werden.

Wir haben bereits erwähnt, daß der mexikanische Soldat selbst den gefährlichsten Posten an den äußersten Fenzen des Corrals gewählt hatte.

Derselbe war ein Mann von wenig mehr als dreißig Jahren, - dennoch hatte er bereits ein sehr abenteuerliches Leben hinter sich, das er in immerwährendem Kampf mit seinem Glücksstern und seinen Leidenschaften fast ganz in den Feldlagern Santa Anna's und der wechselnden Parteiführer im wilden blutigen Bürgerkampf, oder mit den verworfensten Genossen im Kriege gegen die bürgerliche Gesellschaft überhaupt zugebracht hatte. Muthig und voll Energie, war es ihm mehr als einmal gelungen, sich in den ewigen Parteiunruhen und politischen Intriguen, die dieses unglückliche Land zerreißen, empor zu arbeiten, und schon zwei Mal den Rang eines Offiziers zu bekleiden. Aber stets hatte der Sturz seiner Beschützer oder irgend eine schlechte Leidenschaft ihn wieder in die Verborgenheit zurückgetrieben, die allein im Stande war, ihn vor einer Füsilade oder dem Strick zu retten. Schmuggler, Soldat, Bandit, Minengräber und Handelsmann, hatte er so ziemlich Alles im Leben versucht, aber bis jetzt als einzige Ausbeute nur eine scharfe Beobachtungsgabe und eine kühne Gleichgültigkeit gegen alle Gefahr davon getragen. Unbeugsam, gefühllos und verschlagen, war er gerade der Mann, den ein consequenterer, speculativerer und ehrgeizigerer Geist

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als der seine zum Werkzeug brauchen konnte, und sein künftiges Leben, auf so traurige Weise mit den Schicksalen eines hochherzigen deutschen Fürsten verknüpft, sollte den Beweis dafür geben!

Aus seinem Soldaten- und Schmugglerleben war der Mexikaner in allen Listen wohl bewandert. Er wußte, daß ihm auf seinem Posten die Büchse Nichts nützen konnte oder seine Bewegungen nur gehindert hätte, und seine Bewaffnung bestand daher nur aus einem langen und scharfen mexikanischen Messer, das er nach dem Landesgebrauch in dem Strumpfband trug. Ohr und Auge zur schärfsten Aufmerksamkeit gespannt, lag er zwischen einer Gruppe von Kühen, tief in die Schatten ihrer Körper gedrückt.

Auch er hatte das entfernte Geräusch des Indianerzuges gehört und seine Bedeutung wohl erkannt. Aber er wollte seinen Posten nicht eher als im letzten Augenblick verlassen, um sein Unternehmen nicht zu gefährden.

Seine Aufmerksamkeit verdoppelte sich, sein Ohr horchte gespannt auf jeden Laut, sein Auge schien das Dämmerlicht, das der erbleichende Mond verbreitete und die Nebel, die der nahende Morgen über die Fläche breitete, zu durchdringen.

Diese Nebel, die sich etwa zwei oder drei Fuß hoch über den Boden lagerten, waren der beste Schutz der Apachen für ihr Heranschleichen und erforderten daher doppelte Wachsamkeit.

Wie groß aber auch die Aufmerksamkeit und Sinnesschärfe des Mannes war, - die Sinne oder Instinkte der Thiere waren noch schärfer.

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Der Abenteurer bemerkte, daß die Rinder um ihn plötzlich unruhiger wurden; eine der Kühe hob den Kopf und stieß ein leises ängstliches Brüllen aus. Für einen Mann wie der Gränzsoldat war ein solches Zeichen nicht verloren. Er richtete sich vorsichtig auf seine Knie empor und hob den Kopf über den Körper des beunruhigten Thieres, um einen Blick nach den Fenzen zu werfen und seinen Rückzug zu beginnen.

Er hatte kaum den Kopf über den Rücken des Thiers erhoben, als er in zwei wie die Pupillen eines Panthers leuchtende Augen sah.

Der Apache, der sich so geschickt und unbemerkt herangeschlichen, war zum Glück noch mehr erschrocken über die Begegnung, wie sein Feind. Der Mexikaner begriff mit der Schnelligkeit des Gedankens, welche oft eine Ueberlegung und einen Entschluß in den zehnten Theil einer Sekunde zusammendrängt, daß nur eine rasche und kühne Handlungsweise ihn selbst und vielleicht die Hacienda retten könne - seine linke Faust streckte sich mit der Schnelligkeit des Blitzes aus und umklammerte mit eisernem Griff den Hals des Wilden, bevor dieser noch einen Laut auszustoßen vermochte. Der Mund seines Opfers öffnete sich unter dem gewaltigen Druck und der Mexikaner stieß ihm sein Messer zwei Mal bis an das Heft durch den Schlund.

Ein leichtes Gurgeln war Alles, was der Apache hören ließ; die von dem warmen Blut überströmte Faust des Soldaten ließ nicht eher los, als bis er die krampfhaften Zuckungen des Sterbenden schwinden fühlte, dann

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stieß er den verendeten Körper von sich, und kroch so rasch als möglich auf Händen und Füßen unter dem Schutz des Nebels zwischen den ruhenden Thieren zurück nach der Mauer, wo seine beiden Gefährten ihn erwarteten.

Es war die höchste Zeit gewesen, denn kaum zwei Minuten nachher bewegten sich rechts und links in dem wallenden Nebel verschiedene dunkle Körper am Boden hin. Zum Glück traf keiner der heranschleichenden Apachen auf den Leichnam ihres vordersten Spähers, und da sie weniger als ihr Feind die Lage der jetzt allgemein unruhiger werdenden Thiere kannten und größere Vorsicht beobachten mußten, hatte der Mexikaner den nöthigen Vorsprung gewonnen.

Ein Zeichen, das Zischen einer Schlange, benachrichtigte die Vaquero's von seinem Herbeikommen und der Gefahr.

Beide machten sich sofort fertig, indem sie ihr Messer zwischen die Zähne faßten und die Zündhölzer in die Finger nahmen, mit denen sie der Haciendero versehen.

»Seid Ihr bereit?« flüsterte hinter dem Pferde her der Soldat.

»Ja, Señor.«

»Im Namen der heiligen Jungfrau denn, vorwärts!«

Drei leuchtende Punkte glänzten zu gleicher Zeit durch den Nebel und fuhren an die Reisigbündel der Thiere. Im nächsten Augenblick flammte an drei Stellen eine Lohe empor, ein kräftiger Schnitt zerriß die gefesselten Füße, die drei Männer erhoben sich wie auf einen Schlag und rannten dem Pförtchen zu, jedes Verbergen jetzt als

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nutzlos aufgebend und nur in der Schnelligkeit die Rettung ihres Lebens wissend.

Sie hatten noch nicht fünf Schritte gethan, als ein furchtbarer gellender Ruf aus hundert Kehlen, das Angriffsgeschrei der sich entdeckt sehenden Apachen, die Luft zerriß, und wohl zwanzig Pfeile hinter ihnen drein durch den Nebel zischten, aus denen sich, vermischt zu wirrem wildem Knäuel mit den erschreckt emporfahrenden und umherstürzenden Thieren die dunklen Gestalten einer großen Anzahl von Indianern erhoben und hinter ihnen her zu stürmen suchten, um ihnen den Weg abzuschneiden.

Aber die Maßregeln der Vertheidiger der Hacienda waren zu gut berechnet. In das gellende Geheul der Wilden mischte sich schrill und laut der Ton aus der silbernen Pfeife des Senators, und das Pförtchen des Thors, hinter dem wohlbewaffnet eine genügende Anzahl Männer stand, flog weit auf. Auf einen zweiten Pfiff fuhr von der Höhe des Dachs zischend eine Rakete zwischen die Heerden und eine zweite stieg aus dem Hof in die Luft und warf weit umher ihre Feuergarben.

Die beiden Vaquero's, die nächsten an der Pforte, gelangten glücklich hinein, obschon der eine bei dem Rennen von einem der nachgesandten Pfeile der Apachen im Rücken verwundet wurde. Der Soldat aber, der entfernteste, stolperte auf seinem Lauf über ein im Wege liegendes Kalb, stürzte zu Boden, und als er sich wieder empor raffte, sah er dicht hinter sich, kaum drei Schritte entfernt, die Gestalt eines riesigen Indianers mit geschwungenem Tomahawk.

Der Mexikaner rannte um sein Leben, die Kraft seiner

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Beine allein rettete ihn, und er stürzte athemlos, so lang er war, in die geöffnete Pforte. Zehn Hände zerrten ihn vollends hinein, während andere hinter ihm die Thür in's Schloß warfen, in deren Holz sich tief der Tomahawkhieb des Grauen Bären eingrub.

Im Nu waren die Balken und Riegel vorgeworfen und die Hacienda vorläufig gesichert.

Jetzt erwies sich die ganze Vortrefflichkeit der von dem Parteigänger vorgeschlagenen und von dem Haciendero getroffenen Maßregeln.

Die drei Thiere, die beiden Stiere und das Pferd, sprangen, als sie das Reisigbündel auf Kopf und Schweif von dem rasch sich verbreitenden Zunder aufflammen und ihre Füße befreit fühlten, wie rasend empor und stürzten sich unter die Heerde, die zugleich von der unter sie zischenden Rakete und dem Geheul der Apachen erschreckt und verwirrt wurde. Ein unbeschreibliches Durcheinander erfolgte - ein Geheul, ein Brüllen, Stampfen und Wiehern, das die Ohren der Vertheidiger fast taub machte. Die entsetzten Thiere stürzten wild durcheinander und auf die Gestalten der Menschen, die sich zwischen ihnen wanden und drängten, um den Hörnern und Hufen zu entgehen. Viele der Indianer wurden im wahren Sinne des Wortes zertreten, andere schwer verwundet und kampfunfähig gemacht, ohne daß von den Mauern der Hacienda ein einziger Schuß gefallen wäre, und es blieb dem kühnen und wilden Häuptling der Gileno's, der den Angriff geleitet und der selbst mehre harte Quetschungen erlitten, endlich

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Nichts übrig, als durch seinen Ruf das Zeichen zum Rückzug zu geben.

Aber der Befehl war leichter ertheilt, als ausgeführt, und erst, als die rasenden Heerden in toller Angst gegen die Umzäunungen brachen und die dazu vorbereiteten gleich einer Sturmfluth über den Haufen werfend in wilder Flucht das Weite suchten und sich über die Ebene zerstreuten, gelang es dem Angriffstrupp des Grauen Bären, den ihm so verderblichen Platz zersprengt, zerstoßen, schmählich zurückgeschlagen zu verlassen.

Die Wuth des Grauen Bären war groß. Neun seiner Krieger lagen, als bis zur Unkenntlichkeit von den Hufen und Hörnern der Thiere entstellte Leichname innerhalb des Corrals, vierzehn andere wurden mehr oder weniger verwundet von ihren Genossen mit zurückgeschleppt.

Schlimmer als der Verlust seiner Krieger traf den stolzen Häuptling die Schmach, überlistet zu sein.

Der Triumph der Mexikaner war jedoch eben nur ein theilweiser. Die Hauptmacht der Indianer war unter dem Befehl der Schwarzen Schlange in genügender Entfernung zurückgeblieben und nur etwa hundert Krieger - freilich die tapfersten und erfahrensten - hatten Makotöh zu dem Handstreich begleiten dürfen.

Im Innern der Hacienda erregte der gelungene Streich natürlich großen Jubel. Der Senator war - dem Polen einstweilen die Aufsicht überlassend - von der Platform seines Hauses in den Hof herabgestiegen und näherte sich dem Kreise, der sich um die drei Abenteurer gebildet hatte und ihre Erzählung anhörte.

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»Meldet Euch, wenn Gott und die Heiligen unser Haus beschützt haben, morgen bei Geronimo,« befahl er den beiden Vaquero's, »Ihr sollt reichlich belohnt werden. Und Sie Señor,« wandte er sich zu dem früheren Soldaten, »wie nennen Sie sich?«

Der Angeredete, der sich kaum von der Aufregung seiner Flucht erholt hatte, konnte ein stattlicher Mann geheißen werden. Seine Haltung war stolz und hatte in der That viel Soldatisches. Der Kopf war fast schön zu nennen, das Profil symmetrisch und hübsch, nur lag in den dünnen Lippen, dem festen massiven Kinn und den stechenden Augen etwas Hartes und eine mit Grausamkeit gepaarte Kühnheit.

»Mein Name, Señor Senador,« sagte der Mann, »ist noch ein sehr geringer, obschon ich die Ehre hatte, unter General Santa Anna als Kapitain zu dienen. Indeß das Glück wechselt in unserm Lande sehr häufig, wie Euer Excellenz wohl bekannt ist, und so bin ich jetzt Nichts, als ein einfacher Soldat. Ich nenne mich Escobedo, Rafael Escobedo, Euer Excellenz zu dienen!«

»Wohl Señor Escobedo - ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Schenkt der Himmel uns Rettung, hoffe ich Ihnen meinen Dank noch besser zu beweisen. Jetzt bitte ich Sie vorläufig, diesen Diamanten als ein Zeichen meiner Schuld anzunehmen.«

Er reichte ihm einen kostbaren Ring, den der Parteigänger ohne Anstand sich beeilte in die Tasche zu stecken.

»Carajo, Señor Senador, ich sehe, Sie sind ein Ehrenmann,« meinte der Soldat. »Seien Sie versichert,

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daß ich Kopf und Kragen an die Erhaltung der Hacienda setzen werde, und ich glaube, daß es Zeit ist, uns wieder nach diesen Hunden von Apachen umzuschauen. Komm Cortina, wir wollen den Posten auf der Mauer einnehmen.«

Der Mann, den er genannt, war einer der Reiter, ein Kerl, der in dem Ruf stand, während seiner mehrjährigen Abwesenheit aus dem Lande als Flibustier zwischen den karaibischen Inseln gekreuzt und der Mannschaft von mehr als einem Schiff auf einen rascheren Weg zum ewigen Leben verholfen zu haben. Auch dieser hatte sich in Guaymas der Truppe des Grafen angeschlossen.

Es war in der That nöthig, daß die Besatzung an die weitere Behauptung der errungenen Vortheile dachte.

Das Licht des Mondes begann zu erblassen - im Osten über die Sierra her lichteten und rötheten sich die Wolken als Vorboten des beginnenden Tages.

Die Apachen hatten ihre Zeit keineswegs unbenutzt hingebracht. Es ist ein Charakterzug der nordamerikanischen Indianer, daß sie feststehenden Thatsachen gegenüber sich nicht in nutzloses Bedauern verlieren, sondern dem Geschehenen sofort Rechnung tragen.

Die Hauptmacht der Apachen unter dem Kommando der beiden Häuptlinge der Mescalero's und der Mimbreno's - wir werden später der Aufgabe zu erwähnen haben, die dem »Springenden Wolf« der Lipanesen zugefallen war, - belief sich mit den Kriegern des Grauen Bären auf etwa achthundert Köpfe und war jetzt - anscheinend auf der Hügelseite der Hacienda zur Berathung des weiteren Angriffs vereinigt. Es war noch zu dunkel, um ihre

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Bewegungen deutlich zu sehen, aber das Geheul der Bande und das Umhergalopiren einzelner Reiter, die sich jedoch weislich aus dem Bereich der Büchsen hielten, verkündeten zur Genüge ihre Anwesenheit und ihre Bewegungen.

Auf diese Weise waren etwa fünfzehn Minuten vergangen - das steigende Tageslicht erhellte immer mehr die Umgebung. Dann sahen die Vertheidiger der Hacienda eine seltsame Erscheinung.

Auf der ganzen Front der Hügelseite rückten Büffel und Kühe in ebenmäßig stolperndem Gang gegen die Hauptfront des Grundstücks heran.

Dies geschah langsam, - die Thiere schienen nur mit Widerwillen diesen Weg zu nehmen. Aber sie näherten sich fort und fort und traten immer näher zusammen.

Es war unmöglich - weil unnütz - gegen diese blökenden und brüllenden Geschöpfe eine Kugel zu entsenden.

Der Haciendero stand mit dem Polen auf der Platform seines Hauses. Sie hatten Escobedo und dessen Gefährten Cortina - als die intelligentesten des Trupps - dahin berufen, um mit ihnen über die nächsten Vorsichtsmaßregeln zu berathen.

»Przeklecie! diese Geschichte gefällt mir nicht,« sagte der Pole. »Ich liebe dieses so stetig wandernde Vieh nicht!«

»So begreifen Sie nicht, was es bedeutet?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Ahnung davon habe!«

»Caramba - es sind die Indianer, die sich unter

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diesem Schutz uns nähern. Sie haben einen Theil der Rinder bei der Flucht derselben eingefangen, und benutzen nun dieselben, um sich Bollwerke gegen unsere Kugeln zu schaffen. - Señor Escobedo, sind Sie zufällig ein guter Schütze?«

»O si! was man so in den Gränzkriegen lernt! - Aber ich denke doch, immer noch genug, um jenem braunen Schurken dort das Bein zu zeichnen, das er so unvorsichtig vorstreckt!« Eine Bewegung hinter dem Thier bewies, daß der Schuß getroffen hatte, wahrscheinlich aber war es nur eine leichte Wunde, denn die lebendigen Kugelschirme blieben im Vorrücken und kamen immer näher.

Der Schuß des Soldaten hatte übrigens das Signal zu einem allgemeinen Feuer der Vertheidiger gegeben. Mehrere Kühe wurden von den Kugeln getroffen und stürzten, da sie gefesselt waren, zu Boden. Mit ihnen warfen sich sogleich die Indianer, welche sich durch ihren Körper geschützt hatten, nieder und deckten sich auch jetzt noch durch die getödteten und verwundeten Thiere. Andere aber rückten glücklicher vor, und alsbald zeigte sich ihre Absicht. Von zwanzig Stellen zugleich flog, sobald die Apachen die gehörige Nähe erreicht hatten, ein Hagel von Pfeilen, mit angezündetem Moos umwickelt und in das Harz der Fichte getaucht, gegen die Gebäude der Hacienda. Zugleich begann der nachrückende Haupttrupp der Indianer, so weit er mit Flinten und Büchsen bewaffnet war, ein Feuer gegen die Fensteröffnungen und die Balustraden des Dachs und der Mauer, das so schlecht es auch meistentheils

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gezielt war, doch durch seine Masse die Vertheidiger gewaltig genirte und ihr Zielen hinderte.

Obschon die Hauptgebäude von Stein erbaut waren und die Dächer aus massiven Balken der Steineiche bestanden, blieben doch viele Theile der verderblichen Einwirkung der Brander preisgegeben und das wußten die Indianer sehr wohl. Hinter ihrem lebendigen Wall her, den sie in der genügenden Nähe selbst in einen todten verwandelten, indem sie die geängsteten Thiere niederstachen und sich hinter den noch zuckenden Leibern verbargen, flog Pfeil auf Pfeil, Brander auf Brander, und die Mexikaner hatten alle Hände voll zu thun, die an einigen Stellen emporleckenden kleinen Flammen mit dem bereit gehaltenen Wasser zu dämpfen.

Ein höllisches Jubelgeschrei der Wilden verkündete, daß sie einen Erfolg errungen. Aus dem Hof der Hacienda stieg eine dunkle Rauchsäule in die helle Morgenluft und rothe Flammen züngelten ihr nach. Einer der hoch im Bogen über die Gebäude geschossenen Brander war im Innern des Gehöftes auf einen mit Rohr gedeckten Schuppen gefallen, in welchem Maisstroh und getrocknetes Futter für die Hausthiere aufbewahrt wurde. Die Gefahr war nicht sogleich von den Männern im Hofe bemerkt worden, und als der Haciendero ihnen von dem Dach des Hauptgebäudes her zurief, hatte das Feuer bereits gezündet, und die Flamme lief mit Windesschnelle über das leicht empfängliche Material und loderte bald hoch auf.

Der Schaden und die Gefahr waren zwar nicht so

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groß, wie die Indianer von ihrem tückischen Plan gehofft hatten, denn der Schuppen stand etwas isolirt und konnte leicht preisgegeben werden. Aber in seiner Nähe befand sich der Pferch der Pferde, und diese ohnehin von dem Geschrei und dem Schießen erschreckt und von dem Anblick des Feuers jetzt noch wilder gemacht, versuchten auszubrechen. Dies gelang in der That mehreren und eine Anzahl Vaquero's wurde dadurch gezwungen, ihre angewiesenen Posten zu verlassen und die Pferde wieder zurückzutreiben, die eine heillose Verwirrung in dem Hof der Hacienda anrichteten.

Das Schnauben und Stöhnen der Rosse, das Brüllen der Rinder, das Geheul der angreifenden Indianer, begleitet von dem fortwährenden Knallen der Büchsen gab einen unbeschreiblichen Lärmen. Ueber diesen hin erhob sich plötzlich ein so gellender langgedehnter Ton, daß man kaum glauben mochte, er sei einer menschlichen Kehle entsprungen. Dennoch wußten die erfahrenern Mitglieder der kleinen Schaar Don Estevan's, was er bedeuten sollte - es war das Signal des wilden Häuptlings der Apachen zu einem allgemeinen Angriff gegen das bedrohte Bollwerk.

Es war jetzt hell genug, um deutlich die anstürmenden Banden zu sehen. Den Kugeln der bedrohten Weißen trotzend stürmten die dunklen Haufen der indianischen Krieger, die sich bisher außer Schußweite gehalten, heran - viele von ihnen die in ihrem Lager am Abend vorher zwar roh aber nicht unpraktisch gefertigten Sturmböcke zum Erklimmen der Mauern tragend. Reiter galopirten mit rasender Eile hin und her, schossen ihre Flinten gegen die

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Mauern ab und boten mit ihren aalgleichen Windungen auf ihren Pferden nur ein unsicheres Ziel.

Mit Schrecken bemerkte übrigens der Senator, daß der Angriff sich keineswegs auf die westliche Front der Hacienda beschränkte. Es war, als ob die Apachen aus der Erde wüchsen, so plötzlich tauchten sie auch auf den Seiten der Hohlwege auf, erstiegen die Felswand und griffen den vorderen Eingang an. Don Estevan aber mußte hier den alten Diener, dem er diesen Posten anvertraut, sich selbst überlassen, denn der günstige Augenblick, den Hauptangriff zu vereiteln, durfte nicht verpaßt werden.

»Fertig, Señor Teniente?«

»Fertig, Pan!« erwiederte der alte Pole, eine brennende Lunte schwingend, während er mit Hilfe Slongh's und des Yankee eine kleine Schiffskaronade durch die Balustrade schob und auf den Abhang richtete.

Der Senator wartete den günstigen Augenblick ab, bis die Haufen der Anstürmenden etwa noch fünfzig Schritt von dem Gebäude entfernt waren.

»Feuer!« befahl er.

Der Schuß krachte - die Karonade war bis zur Mündung mit Kugeln, Schrot, alten Nägeln und Bleistücken geladen gewesen, die Wirkung also, da der Pole sie vortrefflich gerichtet, eine mörderische. Mehr als dreißig Indianer stürzten verwundet oder todt zu Boden und ein so panischer Schrecken ergriff die ganze Bande, daß die Meisten trotz der Drohungen des Grauen Bären Halt machten und eilig zurück flohen. Nur etwa zehn Krieger gelangten bis an die Mauer, den Balkon und die Thore und

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setzten sich hier in verhältnißmäßiger Sicherheit fest, da die Vertheidiger sie mit ihren Büchsen nicht erreichen konnten, ohne sich über die Mauern hinaus zu beugen und so sich selbst preiszugeben.

Trotz dieses Uebelstandes konnte der Angriff auf dieser Seite als nochmals abgeschlagen angesehen werden und die Aufmerksamkeit des Haciendero sich alsbald auf den vorderen Theil der Umfassungsmauer und den dort befindlichen Eingang lichten. Es war die höchste Zeit, daß dorthin Hilfe gebracht wurde; denn die kleine Mannschaft, der dieser Posten anvertraut worden, war auf dem Punkt, überwältigt zu werden. Bereits an drei Stellen hatten die Apachen die Höhe der Mauer erstiegen und suchten hier Mann gegen Mann mit Messer und Tomahawk sich zu behaupten.

Der Ruf des Senators jagte ein Dutzend Männer eilig nach jener Seite und sie kamen noch zu rechter Zeit, um das weitere Eindringen der Indianer zu verhindern, indem sie mit Kolbe[n] und Messer die rothen Krieger wieder von den Mauern warfen.

Leider konnten sie ein Unglück nicht hindern, dessen Hergang der Senator bei dem jetzt eingetretenen vollen Morgenlicht mit ansah und das ihn mit tiefem Schmerz erfüllte.

Der alte Geronimo hatte seinen Posten in dem Wachtthürmchen über der kleinen Pforte genommen, welche den spitzen Winkel der beiden Langseiten bildete. Von hier aus hatte er die Vertheidigung geleitet und trotz seines Alters wiederholt sich der größten Gefahr ausgesetzt, als es der

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Uebermacht der Indianer gelang, an einigen Stellen die Mauern zu erklimmen.

Während nun die herbeieilenden Mexikaner auf dem Rundgang im Innern der Mauer mit den Apachen handgemein waren und sie tödteten oder zurücktrieben, hatte sich einer der indianischen Krieger, ein großer kräftiger Mann, von der hölzernen Galerie in das Innere des Hofes geschwungen und war nach der Pforte geeilt, um die schweren Querbalken, welche sie schlossen, aus ihren Klammern zu heben. Der greise Haushofmeister hatte allein die That bemerkt - seine Flinte war entladen - aber, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, sprang er von der Brüstung herab, um den Wilden, der bereits Hand an die Balken gelegt hatte, an seinem gefahrbringenden Unternehmen zu hindern.

Der Sprung war für die nicht mehr so elastischen Muskeln des alten Mannes zu hoch, er stürzte fast vor den Füßen des Apachen zu Boden. Dennoch, sich auf seine Knie erhebend, umklammerte er ohne Zögern die Beine des Kriegers und versuchte ihn von der Thür fortzuziehen. Der Indianer ließ gezwungen die Hand von dem zweiten Balken, nachdem er den ersten bereits beseitigt, und schwang den Tomahawk gegen seinen wehrlosen Feind zum gewaltigen Hieb.

Das war, was der Haciendero von der Platform des Hauses mit ansah und was außer ihm nur noch der Methodist bemerkte, der eben sein Gewehr wieder lud, während die Verwirrung im Hof, die hin- und herrennenden Pferde, welche die Vaquero's bei dem allgemeinen Angriff wieder

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hatten loslassen müssen, die Feuersbrunst und der Kampf auf der Mauer wahrscheinlich alle Anderen verhindert hatten, die Gefahr des Mayordomo zu sehen.

Die Büchse Don Estevan's war gleichfalls abgeschossen - er vermochte nur den Arm nach der Stelle hin zu strecken und zu dem Methodisten zu stammeln: »Dort - hundert Dollars, wenn Ihr ihn rettet!«

Master Slongh hob gerade die Flinte, als der Tomahawk des Indianers nieder fiel. Durch eine rasche Wendung des Hauptes entging der alte Mann zwar dem augenblicklichen Tode, aber das Beil traf mit voller Wucht seine Schulter und grub sich tief zwischen Achsel und Hals ein. Mit einem Schmerzensschrei fiel der Greis an seinem Feinde nieder, ohne ihn loszulassen, und gewahrte es kaum, daß dieser im nächsten Augenblick selbst über ihn hin zusammenstürzte. Die Kugel Slongh's, der - wenn seine eigene Person nicht unmittelbar gefährdet erschien, - sehr kaltblütig und ein ziemlich guter Schütze war, hatte ihm den Kopf zerschmettert.

Don Estevan stieg sofort von dem Dach und eilte seinem treuen Diener zu Hilfe, den bereits ein Paar Peons, nachdem die dringendste Gefahr beseitigt war, aufgehoben hatten. Der alte Mann war bewußtlos und der Haciendero ließ ihn in die Halle des Hauptgebäudes schaffen, damit ihm dort von den Händen der Frauen so viel als möglich Hilfe geleistet werde.

Die Indianer hatten sich, bis auf die acht oder zehn Krieger, welche am Fuß der Thore und unter dem Balkon des Hauptgebäudes in verhältnißmäßiger Sicherheit lagen,

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nochmals auf allen Seiten zurückgezogen. Mehr als dreißig rothe Leichname bedeckten den Kampfplatz, aber auch die Vertheidiger der Hacienoa hatten schwere Verluste erlitten. Außer dem Haushofmeister waren sieben Männer gefallen und fast die doppelte Zahl durch Kugeln und Pfeile oder die Hufe der wild gewordenen Thiere verwundet. Die meisten der Verletzten waren jedoch noch kampffähig und benutzten die augenblickliche Ruhe nur, um sich so gut es anging, verbinden zu lassen.

Es kommt nur in seltenen Fällen vor, daß die Indianer einen abgeschlagenen Angriff erneuern - daß dies nach zweimaligem Mißglücken geschehen sollte, ließ sich daher kaum annehmen, und die Vertheidiger der Hacienda gaben sich nunmehr der Hoffnung hin, vorläufig von ihren Bedrängern befreit zu sein.

Aber sie sollten sich leider getäuscht haben.

Das volle Morgenlicht ließ sie bald erkennen, daß die Indianer sich wieder in einiger Entfernung sammelten und offenbar einen Kriegsrath hielten. Wäre Eisenarm oder der Kreuzträger zur Hand gewesen, so hätten sie bald dem Gutsherrn sagen können, daß seine schlimmsten Feinde, der Graue Bär und die Schlange dort den wilden ungebeugten Muth und die teuflische Schlauheit vereinigten, um über die Bedrohten Unheil und Verderben zu bringen.

Das Verfahren der Indianer ließ jedoch auf ihr Vorhaben keine Schlüsse ziehen. Ein großer Theil der mit Flinten bewaffneten Wilden wurde von den Häuptlingen wieder gleich einer Plänklerkette der civilisirten Kriegführung bis auf Schußweite vorgeschickt, suchte sich hinter den

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gefallenen Thieren, den Pfählen des Corrals und selbst den Leibern ihrer todten Genossen so gut es anging Deckung, und unterhielt ein wechselndes Feuer gegen die Mauern, so daß deren Vertheidiger sich vorsichtig im Schutz der Brüstungen halten mußten. Auf diese Weise blieben auch die indianischen Krieger am Fuß der Mauern vorläufig noch unentdeckt oder wenigstens ungefährdet. Das Gros der Wilden lagerte sich außerhalb der Schußweite, und der Haciendero bemerkte mit Erstaunen, daß sich eine zahlreiche berittene Rotte nach allen Seiten hin zerstreute.

Als vorsichtiger Mann benutzte er übrigens die gegebene Frist, um im Innern der Hacienda alle Unordnungen zu beseitigen und seine kleine Veste wieder in vollen Vertheidigungszustand zu bringen. Der in Flammen gesetzte Schuppen war niedergebrannt, ohne an den nächsten Gebäuden weiteren Schaden zu thun; die scheu gewordenen Pferde waren sämmtlich wieder eingefangen und gefesselt, frische Munition an die Leute vertheilt worden. Leider aber brachte der Yankee, der den Auftrag erhalten hatte, mit seinem Gefährten die Karonade auf's Neue fertig zu machen, die Meldung, daß dies nutzlos sei, da das Rohr wahrscheinlich in Folge der Ueberladung einen starken Sprung erhalten hatte.

Zwei Mal besuchte der Haciendero während dieser Beschäftigungen seinen verwundeten Diener. Derselbe war noch immer bewußtlos und auch der Laie mußte gewahren, daß selbst wenn der Greis wieder zum Bewußtsein kommen sollte, doch sein Leben verloren war. Schmerzlich bedauerten Alle diesen Verlust, denn der alte Mann war

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nicht blos bei seinem Herrn, sondern auch bei dem ganzen Personal der Besitzung hoch angesehen und beliebt.

Master Slongh benutzte einen müßigen Augenblick, um trotz der gefährlichen Lage den Haciendero daran zu erinnern, daß - wenn auch sein Schuß den Majordomo nicht mehr zu retten vermocht - er ihn doch jedenfalls gerächt hätte, und daß er daher wohl ein Anrecht auf die versprochene Belohnung zu haben glaube. Don Estevan begnügte sich mit schweigendem Erstaunen über diese edle Unverschämtheit und händigte ihm sechs Dublonen ein, die der Kerl mit einem salbungsvollen Dank und so vergnügtem Grinsen, als befinde sein Schopf sich in größter Sicherheit, in die Tasche des Kleides schob, das er wenige Stunden vorher noch der Güte des erschlagenen Haushofmeisters verdankte.

Lieutenant Morawski sandte jetzt einen Boten an den Haciendero nach der großen Halle und ließ ihn bitten, schleunigst sich wieder zu ihm auf die Platform zu verfügen, da er nicht wisse, was er aus dem Treiben der Indianer machen solle.

Der Haciendero folgte dem Ruf und sah Folgendes:

Die Sonne stand jetzt schon seit einer Stunde über dem Horizont und erlaubte, jede Bewegung des Feindes genau zu beobachten.

Die Morgennebel hatten sich bereits zertheilt, der Wind, der scharf von der Ebene her gegen das Gebirge strich, brach ihre leichten Reste an den Mauern der Hacienda.

In der Entfernung von etwa Flintenschußweite hatten

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die Indianer begonnen, an drei, der Front der Gebäude gerade gegenüber liegenden Stellen Haufen von Reisigbündeln und Gesträuch aufzustapeln. Das unsichere Feuer der Besatzung hatte sie nur wenig daran hindern können, und mit Erstaunen sah der Senator fortwährend von allen Seiten Reiter herangalopiren, welche neuen Vorrath von Reisig und Buschwerk brachten. Drei oder vier trugen, wie man deutlich sehen konnte, Thiere herbei, offenbar die Beute ihrer Jagd, ohne daß man jedoch in der Entfernung deren Gattung zu erkennen vermochte. Andere schleppten Bündel von Kräutern hinzu, noch Andere endlich waren beschäftigt, die Füße und Köpfe der gefallenen Stiere abzuschneiden, und sie zu den Reisighaufen zu tragen.

Einen Augenblick glaubte der Haciendero, die Apachen träfen Anstalt zu einer regelmäßigen Belagerung der kleinen Veste und zu ihrer Morgenmahlzeit nach den Anstrengungen der Nacht. Aber bald zeigte ihm bessere Ueberlegung, daß die Indianer sich schwerlich mit einer Einschließung der Hacienda aufhalten würden, da sie wohl wissen konnten, daß es den Vertheidigern derselben nicht an Proviant fehlte, und daß sie daher offenbar eine neue Teufelei beabsichtigten.

Er ließ daher alle Leute wieder auf ihre Posten rufen und empfahl ihnen verdoppelte Aufmerksamkeit.

Dann sah man, wie die Apachen die drei Holzhaufen in Brand steckten und die Klauen und Hörner der Stiere und die herbeigeholten Kräuter auf die sich entwickelnde Gluth zu werfen begannen.

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Ein dicker stinkender Qualm erhob sich von den drei Stellen, wurde mit jedem Augenblick dichter und von dem Morgenwind, während die Sonne seine Vertheilung hinderte, in dunklen Rauchwolken gegen die Hacienda getrieben.

Es dauerte nur wenige Minuten, und das ganze Gehöft war in den stinkenden Dampf gehüllt, die Atmosphäre ringsum so verpestet, daß den Weißen das Athmen schwer wurde - nur die Lunge und Nase eines Indianers konnte solche Gerüche vertragen.

Fort und fort häuften die Apachen, die bei dem Luftzug ohnehin weniger zu leiden hatten, neues Material auf die Gluth. Während dieser Manipulation sah man einen jungen Krieger unbewaffnet, in dem Schoos seines Mantels von Büffelhaut unsichtbare Gegenstände tragend, zwischen den Feuern hervorkommen und auf die Hacienda zu schreiten.

In dieser war Alles Entsetzen und Verwirrung. Die Mitglieder der Compagnie des Polen hatten bereits größtentheils ihre Posten verlassen, selbst die Eingeborenen vermochten kaum auszuhalten. Ueberall Augenwischen, Prusten und bittere Verwünschungen auf das hinterlistige Verfahren der Wilden.

»Was will dieser Schurke dort beginnen?« stöhnte hustend und schnaubend der Senator, der kaum noch auf dem Dach zu verweilen vermochte. »Hat denn Niemand eine Kugel für den rothen Satan?«

Mehrere Schüsse wurden auf den Apachen abgefeuert, aber keiner traf bei dem unsicheren Zielen.

Der Indianer näherte sich bis auf etwa 30 Schritt

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der Hacienda. Es war Miaukih, »das springende Kal«B, derselbe junge Mann, dem auf seinem ersten Kriegszug mit einem tapfer auf seinem Posten gefallenen Kameraden die Bewachung der Pferde in der Nähe des Indianer-Lagers anvertraut gewesen und der so feig entflohen war, als der Kreuzträger und seine Gefährten sich der Rosse bemächtigten.

Die Flucht des Jünglings war von den damals zu Hilfe eilenden Indianern natürlich gesehen worden und er wurde nach ihrer Rückkehr mit Schimpf und Hohn im Lager empfangen. Nur der Graue Bär hatte geschwiegen und kein Wort gesagt, obschon der Jüngling der Sohn seiner einzigen Schwester war.

Jetzt, als die verderblichen Feuer angezündet worden, rief er ihn in den Kriegsrath der Häuptlinge und gab ihm den Auftrag, in dessen Vollführung wir ihn eben begriffen sahen.

Miaukih wußte, daß diese Vollführung so gut wie sicherer Tod war, aber in den Begriffen seines Volkes erzogen, war ihm dieser Tod zehnfach willkommener, als der Vorwurf der Feigheit, zu der er sich durch den Anblick des in der ganzen Wüste so furchtbar berühmten Kreuzträgers hatte hinreißen lassen.

Er nahm dem Befehl des Häuptlings gemäß die Büffeldecke, die dieser ihm reichte, füllte die Hautseite mit glühenden Holzkohlen und empfing einen ledernen Beutel, in welchen die zurückgekehrten Jäger gewisse Theile der drei von ihnen erlegten Thiere gethan hatten.

Dann, ohne auch nur ein Wort des Abschieds an seinen Verwandten oder an seine Genossen zu richten, ja ohne

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den Kopf nach ihnen zu wenden, trat er seinen gefährlichen Weg an.

Wir haben gesehen, daß die Kugeln der Weißen ihn bisher verschont hatten. Als der junge Apache bis auf die erwähnte Entfernung gekommen, legte er die Haut mit den Kohlen auf den Boden, warf einige Büschel trockenes Gras auf sie und begann den Beutel zu öffnen.

»Por amor de Dios!« fauchte der Senator, als er sah, daß auch der Methodist sich vor dem höllischen Qualm geflüchtet hatte. - »Ich glaube, seit jene beiden Tigrero's die Hacienda verlassen, besitzt sie keine halbwegs taugliche Büchse mehr. Reicht mir die meine her!«

Don Estevan nahm alle Kraft zusammen, dem Rauch zu trotzen. Er zielte lange und sorgfältig, das Gewehr auf die Balustrade der Mauer gelegt, ehe er abdrückte. Als der Schuß krachte, sah man den jungen Wilden eine krampfhafte Bewegung der Hand nach der Brust machen und einen Augenblick hin und her schwanken. Aber bald gewann er seine Haltung wieder, öffnete den Beutel und begann seinen Inhalt auf die Kohlen zu schütten.

»Eine andere Büchse!« befahl der Haciendero. »Ich möchte wissen, was der rothe Satan dort thut?«

Einer der Rostreadore's reichte ihm sein Gewehr - diesmal zielte der Senator noch sorgfältiger, ehe er schoß.

Der junge Apache warf die Arme in die Höhe, drehte sich um sich selbst und stürzte zu Boden - die erste Kugel hatte seine Brust durchbohrt, - die zweite ihn in die Stirn getroffen.

Aber er hatte seinen Auftrag vollführt - in den

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Wigwams seines Stammes konnte sein Name nicht mehr mit Verachtung genannt werden.

Sein Körper rang noch in den letzten Todeszuckungen, als sich von dem Kohlenhaufen ein weißer dicker Qualm erhob und von dem Winde getragen sich mit dem Rauch der Feuer mischte.

In wenigen Augenblicken gelangten die ersten Rauchwellen an die Hacienda.

Der alte Rostreador, der bei seinem Herrn dem bisherigen Dampf trotzend auf der Platform zurückgeblieben war, hatte kaum die ersten Spuren mit seinen weit geöffneten Nüstern aufgefangen, als er einen grimmigen Fluch ausstieß und den Haciendero zur Treppe riß, die in den untern Theil des Gebäudes führte.

»Verflucht sei der Schoos, der den Henkersknecht geboren! Jetzt, Señor Senator - wissen wir, worauf die Schurken Jagd gemacht! Es waren Chingas, welche die Teufel gefangen, und deren Beutel sie ausgeschnitten haben!«

Der Haciendero schauderte - er hatte lange genug auf seinen Landgütern gelebt, um zu wissen, welche entsetzliche Wirkung der Geruch jener ätzenden Flüssigkeit ausübt, welche die Stinkthiere - ein Geschöpf, das dem amerikanischen Continent allein eigen ist, - in einer Hauttasche am After tragen und mit der sie sich ihrer Feinde erwehren. Der Mephitis gehört zu den bärenartigen Fleischfressern, ist ohne den Schwanz etwa 15 Zoll lang, und die mexikanische Gattung (Mephitis buconata) hat ein schwarzes Fell mit weißem Rücken und wird von den

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Indianern gegessen, nachdem diese sorgfältig nach seiner Tödtung den schrecklichen Drüsenbeutel ausgeschnitten haben.

Ein Tropfen dieser Flüssigkeit in die Augen gespritzt genügt, um Menschen und Thiere erblinden zu machen. Der Geruch ist so penetrant, daß mit Ausnahme eines Wilden kein Mensch ihn ertragen kann und Alles vor ihm flüchtet. Der Senator begriff daher, daß so lange die Wirkung dieses satanischen Mittels dauerte, an eine Gegenwehr und Vertheidigung der Hacienda gar nicht zu denken war.

In der That flüchtete auch, sobald der Geruch sich verbreitete, Alles, was noch dem stinkenden Rauch der Feuer widerstanden hatte, vor diesem wahrhaft pestilenzialischen und betäubendem Dampf in die untersten Räume der Hacienda, oder warf sich auf den Boden, weil so am Ersten noch der Atmosphäre zu entgehen war.

Die Hacienda blieb buchstäblich wohl zehn Minuten lang ohne Vertheidiger.

Auf diesen Erfolg hatten die Indianer gerechnet. Denn kaum überzeugte sie die gänzliche Einstellung des Feuers, daß die Mexikaner sich von den Mauern geflüchtet hatten, als die ganze Schaar lautlos auf dieselben zustürzte, und auf's Neue den Versuch, sie zu ersteigen machte. Die Krieger, welche sich schon vorher an die Schwelle der Thore und unter dem Balkon des Mittelbaues versteckt gehalten, waren natürlich die Ersten, welche die Eingänge aufzusprengen und in das Innere zu dringen versuchten. Die rohen Leitern wurden an mindestens zehn Stellen

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angelegt und Einer auf den Schultern des Andern stehend, versuchte die Höhe der Mauern zu erreichen.

Der Graue Bär hatte sich den früheren Weg - den Zugang über den Balkon - in das Gemach der Señoritta vorbehalten und seine Anstalten danach getroffen. Vier kräftige Indianer seiner Horde trugen zwei der stärksten Pfähle der Umzäunung herbei und hoben sie auf den etwa in Mannshöhe vom Boden befindlichen Altan. Die Eisenstangen des Fallgitters, mit dem - nach dem früheren Ueberfall, - wie erwähnt der Zugang in das Innere des Hauses geschlossen war, widerstanden zwar den Stößen der Balken, aber als es gelang, ihre Spitzen zwischen die Stangen zu zwängen und sich ihrer als Hebel zu bedienen, bog die gewaltige Kraft des Grauen Bären sie aus den Fugen, Makotöh mit seinen Begleitern drang in das innere Gemach und ihre Tomahawk-Schläge donnerten gegen die Thüren, die den Salon der Haciendera von den Seitengemächern und der großen Halle schieden.

Zugleich verkündete ein wildes Triumphgeheul aus der Höhe, daß es den Indianern gelungen war, an drei Stellen die Mauer zu ersteigen.

Die Weiber und Kinder, die in der großen Halle sich geborgen, flüchteten schreiend und jammernd in den Hof, selbst die in dem früheren Kampfe Schwerverwundeten wankten und krochen so gut es ging über die Schwelle - nur der bewußtlose sterbende Körper des Mayordomo blieb in der Halle zurück.

Der furchtbaren Gefahr oder vielmehr dem sichern Tode gegenüber hatten die Vertheidiger sich endlich wieder

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ermannt und wenn auch noch immer der stinkende Rauch die Atmosphäre verpestete, hatte doch der starke Luftzug bereits die schwersten Wolken zerstreut und mit sich fortgeführt.

Die Leute der Hacienda wie die Fremden hatten sich in die äußere Spitze des Gehöfts geflüchtet und der Senator, Morawski und der Soldat Escobedo waren bemüht, die Entmuthigten aufzurufen und zur weiteren Vertheidigung zu ermuntern.

Master Slongh jedoch warf seine Büchse zu Boden, stürzte auf die Knie und heulte, mit den Händen nach den Seitengebäuden über den Thoren deutend: »Der Tag des Gerichts ist da - Gott Zebaoth, erbarme Dich unserer Sünden! Sie kommen! sie kommen!«.

Vier - fünf dunkle Gestalten erschienen auf der Platform der unteren Dächer und sprangen in den Hof - andere folgten ihnen - unter den gewuchtigen von zwanzig Armen geleiteten Stößen der Corralpfähle krachte das eine der Thore und brach aus seinen Angeln.

Die Hacienda war verloren!

Des Kreuzträger's Geschichte.

(Fortsetzung.)

Wir haben »Windenblüthe«, das bescheidene stille und doch so entschlossene indianische Mädchen und ihre Freunde in einem Augenblick der drohendsten Todesgefahr verlassen.

Der Zauberer, an und für sich von einem gehässigen tückischen Charakter und durch die letzten Vorgänge noch mehr gereizt, hatte bei dem plötzlichen Tode seines Bundesgenossen nur seiner Bosheit und Rachsucht Gehör gegeben und sich auf die junge Comanchin gestürzt, deren muthiges Einschreiten ihm sein Opfer entzogen hatte.

Mit der linken Faust ihr volles flatterndes Haar erfassend riß er sie zu Boden und schwang den Tomahawk, den er aufgerafft, über ihrem Haupt.

Das arme Mädchen vermochte dem Bösewicht keinen Widerstand zu leisten, - Diaz, der einzige Freund, der bereits in ihrer Nähe war, kämpfte selbst um sein Leben und ihr Bruder wand sich gefesselt an dem Marterpfahl,

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ohne weder ihr noch dem Weibe, dem im Geheimen seine Liebe geweiht war, Hilfe bringen zu können.

Ihr verzweifelnder Blick suchte in diesem schrecklichen Moment einen Dritten - er war leider noch entfernt von ihr und das Eisen des Tomahawk's blitzte über ihrem Haupt.

Dennoch war ein Beistand ihr nahe von einer Seite, woher er wohl kaum zu erwarten gewesen. An dem blutdürstigen Zauberer empor fuhr gedankenschnell eine Gestalt - da die gefesselten Hände den Feind nicht zu fassen und zu entwaffnen vermochte, packte sie mit den Zähnen seine Gurgel und biß sich in ihr fest wie ein wildes Thier.

Es war Meredith, der Kentuckier, der Scalpirte! das Mitleid der jungen Indianerin hatte seine Früchte getragen, - wie eine Bulldogge, mit der überhaupt sein Charakter und Wesen viel Aehnlichkeit gehabt - hing er an der Kehle seines Feindes, mit der eigenen Vergeltung der furchtbaren Leiden die Dankbarkeit für das Mädchen verbindend. Vergebens versuchte der Wahrsager ihn abzuschütteln, vergebens schlug er, sein zweites Opfer loslassend, mit dem Tomahawk nach ihm - die Zähne des Kentuckiers waren fest verbissen, seinem Feinde begannen Luft und Sinne auszugehen, und mit der Wucht seines ganzen Körpers sich auf ihn werfend, stürzte John ihn und sich mitten in die Flammen des Feuers.

Dies waren die beiden dunklen Körper, welche Kreuzträger sich in der Gluth wälzen sah, als er dem jungen Vaquero zu Hilfe eilte.

Es waren von den Wächtern des Lagers jetzt noch

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vier übrig, von denen zwei dem Kreuzträger und dem Vaquero gegenüber standen, während die beiden anderen nach indianischer Weise sofort bei Beginn des Kampfes eine Deckung gesucht und die Weiber sich heulend und schreiend in einen Haufen zusammengedrängt hatten.

In Mitten dieser Gruppen stand unbeweglich der Lord mit seinen beiden Begleitern, einen Angriff erwartend.

Ein Schuß von der Seite her, wo die beiden Apachen ihren Versteck genommen, eröffnete auf's Neue den Kampf. Die Kugel galt dem jungen Offizier, der - ohne sich um die Gefahr oder selbst die Gefährten zu kümmern - zu Comeo geeilt war und sich bemühte, sie aufzurichten.

Die Kugel durchbohrte seine linke Seite. Trotzdem versuchte er sich schützend vor das Mädchen zu stellen und, sich gegen den Angriff des zweiten Apachen, der sein Versteck verlassend mit dem Speer auf ihn zurannte, mit dem Revolver zu wehren, denn seine Flinte hatte er, Comeo umfassend, fallen lassen.

»Parbleu! auf sie, Freund Diaz!« schrie der Kreuzträger. »Keinen Pardon den mörderischen Schurken!« -

Die Worte waren von der That begleitet. Der Wegweiser stürzte sich auf einen der beiden Apachen, die vorhin den Vaquero bedrängt und bei der Wendung des Kampfes einen Augenblick gezögert hatten, ob sie ihn fortsetzen oder fliehen sollten, und stieß ihm sein Messer in's Herz. Mit dem zweiten kämpfte der Jüngling, wacker und geschickt seine abgeschossene Büchse brauchend, während Kreuzträger sich nach dem Offizier wandte.

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Es war die höchste Zeit, daß diesem Beistand kam. Drei Schüsse des Revolver[s], in der Hast und mit durch die Verwundung unsicherer Hand gethan, hatten nur wenig Wirkung gehabt und nur eine Kugel leicht den Apachen gestreift, ein Lanzenstoß dagegen den jungen Mann in den Schenkel getroffen. Aus zwei Wunden blutend war er in die Knie gesunken und deckte noch immer mit seinem Körper das neben ihm knieende Indianermädchen, als Kreuzträger ihm zu Hilfe kam.

In dem Moment, wo der Apache mit einem zweiten Speerstoß den Preußen durchbohren wollte, schleuderte der Wegweiser, der noch etwa sechs oder sieben Schritt von ihm entfernt war und kein anderes Mittel des Angriffs besaß, die Büchse des Yankee, mit der er bewaffnet gewesen, gegen ihn. Der Apache war ein tapferer Krieger - der mit der linken Hand gethane Wurf hatte ihn nur leicht getroffen, wenn er auch den Stoß glücklich verhindert hatte. Er wandte sich sofort gegen den neuen Feind und hob seine gefährliche Waffe.

Der alte Mann blieb stehen - er hatte nur noch das Messer, das gegen die lange Lanze des Wilden eine schwache Vertheidigung war. Er begnügte sich, mit der Linken das silberne Kreuz auf seiner Brust zu fassen und es dem Apachen entgegen zu halten.

Die Macht dieses gefürchteten Zeichens, welches dem indianischen Krieger bewies, daß er es mit dem schrecklichen Dämon seines Volkes zu thun habe, war so groß, daß sofort Arm und Lanze schlaff an seinem Körper

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niedersanken und er mit ungebeugtem Haupte stehen blieb, ohne Widerstand den Tod erwartend.

Kreuzträger schritt langsam auf ihn zu, setzte dem Wilden die Spitze seines Messers auf die nackte Brust und zeichnete zwei blutige Schnitte in's Kreuz darüber. »Geh Apache,« sagte er finster, »und sage den Mescalero's, daß El Crucifero auf ihren Fersen ist! Du trägst ein Zeichen und ich werde Dich wiederfinden!«

Der Apache wandte sich um, - seine Waffe am Boden schleifend, entfernte er sich zitternd langsam, bis er im Schatten der Nacht am Eingang der Schlucht verschwand.

Unterdeß war auch Diaz mit seinem Gegner fertig geworden. Seine Wange blutete von einem Tomahawkhieb, der von seiner Büchse nur ungenügend parirt worden war, aber er hatte zur Vergeltung den Indianer zu Boden geschlagen und war jetzt beschäftigt, dem Betäubten mit seiner eigenen Bogensehne die Arme zusammen zu schnüren.

Von den zehn Kriegern, welche die Schlucht bewacht, war jetzt nur noch Einer übrig, denn die Wache, welche der erschossene Häuptling an der anderen Seite des Zugangs aufgestellt hatte, war bei dem Ueberfall gleichfalls entflohen. Außer dem Gefangenen deckten sechs Todte den Boden der Schlucht; denn als der junge Vaquero sich dem von dem schrecklichen Ringkampf zerstreuten Feuer näherte, fand er nur zwei halb verkohlte Leichname: den Kentuckier und seinen Peiniger!

Während Kreuzträger und die Indianerin - die sich

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mit einem Blick überzeugt hatte, daß ihr Bruder frei und gerettet war, - sich mit dem verwundeten Offizier beschäftigten und Eisenarm den heulenden Weibern befahl, sich nicht von der Stelle zu rühren und ruhig zu verhalten, war es dem Toyah gelungen, auch ohne den Beistand der vor Entsetzen über die schreckliche Scene zu jeder Hilfsleistung ganz unfähigen Zofe der jungen Haciendera, diese wieder zum Bewußtsein zu bringen.

Sie saß jetzt aufrecht auf dem Stein unter der Korkeiche und ihre Blicke irrten noch verstört umher, während ihre Hand unbewußt krampfhaft den Arm des Toyah umklammert hielt.

Wonodongah stand unbeweglich - eine dunkle Röthe bedeckte sein Gesicht.

Plötzlich schien die Señoritta zum Bewußtsein des Geschehenen und ihrer Lage zu kommen. Sie heftete die dunklen schwarzen Augen auf den jungen Indianer, dessen Arm sie noch immer festhielt.

»Ich war dem Tode nahe, wie damals - in der Hacienda del Cerro!« sagte sie mit leisem aber deutlichem Ton. »Du hast mir zum zweiten Mal das Leben gerettet!«

»Tausendmal hätte ich das meine dafür geopfert,« erwiederte leidenschaftlich der Toyah, - »aber der große Geist hat es nicht gewollt, daß diese Hand den Feind erschlug. Die Hand der Feuerblume wurde schwach, als sie die Bande Wonodongah's durchschneiden wollte. Ein Freund hat ihr Leben erkauft!«

»Caramba,[Caramba,] Junge, Du bist zu bescheiden!« meinte Eisenarm, sich in's Mittel legend. »Ich denke, Dein Wort

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gilt so viel wie das meine in der Wüste, und der Halunke kann sicher genug darauf pochen! - Aber ich denke, unsere Arbeit hier ist gethan, und es ist Zeit, daß wir uns aus dem Staube machen, wenn wir das heulende Gewürm hier zur Ruhe gebracht haben; da kommt unser Kamerad und wird gewiß meiner Meinung sein.«

In der That näherte sich Kreuzträger der Gruppe. Das Gesicht des alten Mannes hatte eine schwer bekümmerte Miene denn er schätzte in der That den jungen Offizier hoch und dessen schwere Verwundung betrübte ihn.

»Wir müssen aufbrechen, Compañero's,« sagte er, »denn wir wissen nicht, was unterdeß an der Hacienda geschieht und haben die Pflicht, diese Frauen in Sicherheit zu bringen. Ich wünsche Ihnen Glück, Meister Eisenarm, daß Sie Ihren jungen Gefährten glücklich aus den Händen dieser Schurken befreit haben, und freue mich, einen wackeren Mann zu sehen, auch wenn seine Haut roth ist.«

Damit reichte er dem Indianer die Hand, die derselbe mit leichtem Anstand und mit einer gewissen Ehrerbietung berührte.

»Mein weißer Vater ehrt einen armen Indianer,« sagte er bescheiden. »El Crucifero hat viele Winter gesehen und sein Name ist der Schrecken in den Wigwams der Apachen. Ohne seine Hilfe würde Eisenarm einen Freund vermissen.«

»Parbleu - es ist wahr, wir haben Alle das Unsere gethan,« meinte der Wegweiser. »Aber Deiner wackeren Schwester ist es hauptsächlich zu danken, daß wir einen so leichten Sieg errungen. Schade nur, daß er durch den

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Verlust eines so braven Mannes erkauft wurde, der gewiß bei einiger Erziehung eine Zierde der Prairie geworden wäre.«

»Ist der Offizier todt?« frug der Trapper, indem er Miene machte, nach der anderen Gruppe zu gehen.

»Nicht doch, Compañero,« sagte der Alte, - »er ist nur tüchtig verwundet und die Möglichkeit vorhanden, daß er davon kommt, wenn es uns nur gelingt, ihn gut fortzubringen und ihm bessere Hilfe zu verschaffen. Vor der Hand ist er gut genug aufgehoben unter der Sorge Deiner Schwester, Comanche, die so gut ist, wie der beste Doktor in den Städten. Aber fort müssen wir und zwar so bald als möglich. Was meinen Sie, Eisenarm, daß mit jenen heulenden Hexen geschehen soll?«

»Es wird am Besten sein, sie insgesamt zu knebeln und hier zurück zu lassen, bis ihre saubern Männer und Brüder mit blutigen Köpfen wieder zurückkommen,« meinte der Jäger. »Aber was soll mit jenen Weißen geschehen, die so trotzig drein schauen, als wollten sie noch einmal mit uns anbinden!?«

»Ich will mit Leuten Nichts zu thun haben, die ihre eigene Farbe verleugnen, um mit rothen Dieben und Mördern Genossenschaft zu machen,« murrte giftig der Wegweiser. »Es wäre besser gewesen, der General hätte dem bleichgesichtigen Engländer und seinem Krüppel den Hals umgedreht, statt sie wieder auf seine Fersen zu hetzen. Indeß das ist seine Sache, und wir haben uns nicht drein zu mischen! So Unrecht hatte der Mann ohnehin nicht - ich werde Ihnen ein anderes Mal die Geschichte erzählen,

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Kamerad. Aber wir haben sie hier als Bundesgenossen unserer Feinde gefunden und deshalb dürfen wir sie nicht hier lassen, bis wir in Sicherheit sind, da man Christenmenschen doch nicht zusammenschnüren soll, wie einen apachischen Wolf! Parbleu - ich wenigstens hätte es nicht gethan! - Erzeigen Sie uns den Gefallen, Señor Eisenarm, und gehen Sie zu dem Lord und verkünden Sie ihm, daß er seine Waffen hier zurücklassen und uns begleiten muß, bis wir die Hacienda in Sicht haben, dann mag er meinetwegen gehen, wohin er will! Ich suche indeß Etwas, um unseren kranken Freund und die Señora zu transportiren.«

Während des Gesprächs der beiden älteren Männer war der Toyah mit der ernsten Bescheidenheit zurückgetreten, die einen Grundzug seines Charakters bildete.

»Bedarf die Feuerblume noch meiner?« frug er sanft. »Das Ohr einer Schwester wartet, daß ein Häuptling der Toyah's ihm Dank flüstert für ihre Liebe, und ein Freund harrt, daß er seine Wunden untersuche.«

Der Leser wird sich erinnern, daß die Haciendera bisher die Schwester ihres rothen Bewunderers nicht kannte, da Windenblüthe das Lager der Apachen bald nachher verlassen hatte, nachdem sie von dem Grauen Bär und seiner Streifschaar eingebracht worden. Sie kannte daher auch das aufopfernde und muthige Verhalten des jungen Mädchens nicht, war aber sehr geneigt, das Gefühl der Dankbarkeit gegen den Toyah, dessen ihr Stolz nach der ersten Aufwallung sich bereits wieder zu schämen begann, auf die Schwester zu übertragen.

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»Wenn es Deine Schwester ist, Jaguar, von der Du mir, glaube ich, schon früher einmal gesprochen« - sie erröthete unwillkürlich bei dieser Erinnerung, denn es war bei jener Gelegenheit, welche die Entfernung der beiden Tigrero's aus ihrem Hause veranlaßt hatte, - »so bringe sie zu mir. Ich will Alles für sie thun, was ich vermag, um Dir meinen Dank zu beweisen.«

Der junge Mann entfernte sich gehorsam und trat zu Windenblüthe, die noch immer nebst dem Vaquero mit dem Verwundeten beschäftigt war.

Lieutenant von Kleist war durch den schweren Blutverlust, bevor dieser gestillt werden konnte, ohnmächtig geworden; aber das Mädchen hatte ihn mit dem frischen Wasser der Quelle wieder zum Bewußtsein gebracht und Kreuzträger, dessen Leben in der Wildniß ihn manche ärztliche Hilfsmittel gelehrt hatte, durch Anlegung einer Art von Tourniquet, wozu Diaz seinen Gürtel hergab, die Blutung aus dem Schenkel gestillt.

Wonodongah legte die Hand auf die Schulter seiner Schwester. Das Mädchen erhob sich sofort und blieb in der gewöhnlichen demüthigen Haltung der Indianerinnen vor ihm stehen.

»Was befiehlt der Jaguar der Toyah?« frug sie.

»Der Geist unseres Vaters, der auf den ewigen Jagdgründen der Gerechten weilt, sieht mit Wohlgefallen auf Windenblüthe herab. Sie ist werth, das Weib eines tapferen Kriegers zu sein.«

Eine tiefe Röthe überzog Antlitz und Hals des Mädchens; sie beugte den Kopf noch tiefer nieder auf den

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Busen, wie um sie zu verbergen. Ihr Auge haftete unwillkürlich auf dem verwundeten Offizier und ein leichter Seufzer schwellte ihren einem dunklen Marmor ähnlichen Busen.

»Wonodongah wird der Windenblüthe niemals vergessen, daß sie sich um seinetwillen in die Höhle der Wölfe gewagt,« fuhr der Toyah fort. »Der Jaguar ist stolz auf seine Schwester. - Komm! Die glänzende Feuerblume der Prairie wünscht die bescheidene Windenblüthe an ihrer Seite zu haben - es ist Platz für sie neben der weißen Frau.«

»Aber der Fremdling dort,« erinnerte zögernd die Indianerin. »Wenn ihm keine Sorge gewidmet wird, dürfte er bald bei dem großen Geist der Weißen sein. Er ist in der Vertheidigung einer armen Indianerin verwundet worden.«

»Der Jaguar wird der Bruder des weißen Kriegers sein. Es ist gut! Windenblüthe möge ihre Kräuter sammeln, wenn wir in Sicherheit sind, sie hat die Kentnisse weiser Frauen. - Komm!«

Das indianische Mädchen folgte ihrem Bruder zu der Haciendera, die auf den Rath des Kreuzträgers einige Vorbereitungen zum schleunigen Aufbruch traf. Dolores, die dem Bruder gegenüber sich mit allem Stolz ihrer Abkunft waffnete, konnte dem Mädchen jede Freundlichkeit erweisen und suchte darin gleichsam eine Entschädigung für den Zwang, den sie sich in anderer Richtung auflegte.

Sie empfing daher das junge bescheidene Indianermädchen, dessen Aeußeres sofort ihre Neigung gewann, fast

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wie eine Freundin, wenigstens wie einen lieben Schützling und suchte sie in aller Weise aufzumuntern, ihre demüthige Haltung aufzugeben.

Unterdeß Kreuzträger die Transportmittel für die Frauen und die Verwundeten zusammensuchte, machten sich Eisenarm und sein indianischer Freund daran, die Weiber der Apachen außer Stand zu setzen, der abziehenden Gesellschaft zu schaden. Es ging dies freilich nicht ohne Lärmen und Widerstand ab, einige Drohungen und bei den Widerspenstigsten selbst einige derbe Püffe brachten die Sache jedoch endlich in Ordnung, und die sämmtlichen Weiber, sieben an der Zahl, wurden an die Marterpfähle oder an Bäume angeschnürt, so daß sie von allen ihren Gliedern nur den freien Gebrauch ihrer Zungen behielten, den sie denn auch redlich in allen indianischen Schimpfreden machten zur großen Belustigung des Trappers. Als dies Geschäft beendet war, näherte sich der Kanadier dem Zelt des Lords. -

»Monsieur« sagte er - »ich bin ein schlichter Jäger und will mir kein Urtheil darüber erlauben, daß ein Mann unserer Farbe sich mit den schuftigsten Rothhäuten in den Prairien verbündet gegen Christen und Landsleute. Ein Jeder muß wissen, was er zu thun hat! - Da wir aber diesmal die Sieger sind, müssen wir darauf bestehen, daß Sie uns mit Ihren beiden Gefährten oder Dienern so weit begleiten, als wir es für unsere Sicherheit nöthig halten. Sie werden Ihre Waffen hier zurück lassen und sollen, sobald wir unser Ziel erreicht haben, hierher zurückkehren oder wohin Sie sonst wollen, gehen können.«

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»Und wenn wir uns weigern?«

»Dann, Monsieur,« erwiederte der Trapper einfach, »werde ich keinen Anstand nehmen, Sie als unsern Feind zu betrachten und Ihnen eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Entschließen Sie sich also kurz, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Dieser ernsten Logik und dem ruhigen, aber entschlossenen Wesen des Mannes gegenüber blieb dem Lord allerdings Nichts übrig, als sich nach kurzer Berathung mit seinen beiden Dienern zu fügen. Volaros versuchte zwar, unter allerlei Vorwänden und Betheuerungen sich der Begleitung zu entziehen; Eisenarm machte diesem jedoch ein kurzes Ende mit der Erklärung, daß er dann gebunden mitgeführt werden würde.

Es war jetzt Alles zum Abmarsch bereit. Auf den Rath Wonodongah's, der die Thiere des Engländers und seiner Begleiter zum Gebrauch für die Haciendera, deren Zofe und den Krüppel herbeigeholt hatte, bediente man sich eines ähnlichen Mittels, den verwundeten Offizier zu transportiren, wie die Apachen mit dem Jaguar angewendet hatten: d. h. man legte den Leidenden, nachdem seine Wunden von der kundigen Hand des Kreuzträgers verbunden worden waren, auf eine Büffelhaut, die der Toyah und der junge Vaquero trugen. Kreuzträger, der sich möglichst fern von der Gesellschaft des Engländers hielt, eröffnete den Zug, und leitete das Maulthier der Haciendera, der ihre Zofe und der Malaye folgten. Dann kamen die Träger des Verwundeten, neben dem Windenblüthe

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herging, der Lord und der Courier zu Fuß, und den Schluß bildete der Trapper.

Wonodongah hatte absichtlich nur die nöthigsten Thiere von denen, welche die Apachen auf dem Weideplatz zurückgelassen, geholt, um den Marsch der flüchtigen Gesellschaft nicht zu erschweren, und drei Maulthiere genommen, welche in den Felsen und Bergen bessere Kletterer sind, als die an die Prairie gewöhnten Pferde. Ihre Absicht war natürlich, die Hacienda zu erreichen, wenn dies noch möglich, oder wenigstens das am Abend gewählte Versteck, wo sie ihre Pferde zurück gelassen hatten, und von wo sie dann von dem Ausgang des Ueberfalls sich Nachricht verschaffen konnten.

Die kleine Gesellschaft hatte etwa zehn Minuten die Schlucht verlassen, deren Stille jetzt nur durch das Geschnatter der Weiber unterbrochen wurde, als die Gebüsche in der Nähe des Sturzes des Bergbachs sich nochmals theilten und eine dunkle Gestalt erscheinen ließen.

Es war der zehnte der Krieger, welchen die Bewachung des Lagers anvertraut worden war, derselbe, welcher bei dem Beginn des Kampfes mit einem Gefährten ein Versteck gesucht und aus diesem den Schuß nach dem Offizier gethan hatte.

Obschon der Kreuzträger durch seine Beobachtung des Abzugs der Apachen von der Höhe der Felswand her die Zahl der zurückgelassenen Wächter sehr wohl kannte, hatte er in der Eile des Aufbruchs auf das Fehlen dieses Einen in der Zahl der Besiegten nicht geachtet oder wahrscheinlich geglaubt, daß derselbe gleich der zweiten Schildwacht am

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Eingang der Schlucht sein Heil in der Flucht gesucht haben mochte.

Der Apache glitt, nachdem er sich nochmals vorsichtig auf dem Kampfplatz umgeschaut, die Flinte in der Hand, gleich einem Schatten zwischen den Bäumen, den Leichen und den verglimmenden Feuern hindurch, ohne auf den Zuruf der gefesselten Weiber und ihr Verlangen, sie zu befreien, irgendwie zu achten, und verschwand im Ausgang der Schlucht, die Spur seiner Feinde verfolgend.



Der Zug Kreuzträger's und seines Gefährten setzte unterdeß mit möglichster Hast, aber auch mit der größten Vorsicht seinen Weg weiter fort. Mehrmals machte der durch die steten Gefahren der Wildniß erprobte alte Führer Halt, um mit dem Ohr auf dem Boden zu lauschen, und einmal rief er sogar Wonodongah herbei, auf dessen scharfe Sinne er großes Vertrauen setzte, um sich über ein vernommenes fernes Geräusch oder den einzuschlagenden Weg mit ihm zu verständigen, da er wußte, daß derselbe als Tigrero einige Zeit mit seinem Freunde in der Umgegend der Hacienda verweilt hatte.

Während dieses Haltes hatte Eisenarm die Stelle seines jungen Freundes an der improvisirten Sänfte des Verwundeten eingenommen, und als bei dieser Gelegenheit der Courier glaubte, sich seiner Aufmerksamkeit entziehen zu können und dazu einen Versuch machte, zurückzubleiben, denselben sehr ernst bedeutet, daß er bei der geringsten

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Wiederholung auf jede Gefahr hin eine Kugel durch den Kopf bekommen oder einen Messerschnitt durch die Kniesehnen erhalten würde.

Jedem weiteren Versuch machte übrigens der Lord auch dadurch ein Ende, daß er dem Mestizen befahl, mit Wonodongah und Diaz in dem Tragen des Offiziers abzuwechseln.

Kreuzträger und Eisenarm hatten anfangs gehofft, die Hacienda del Cerro noch vor dem Anbruch des Tages - also vor der Zeit des Angriffs der Apachen auf dieselbe - erreichen zu können, und da sie sehr richtig vermutheten, daß der Angriff von der Seite der Ebene her erfolgen würde und wußten, daß man in der Hacienda auf jedes Zeichen aufmerksam sein würde, wollten sie den Versuch wagen, den östlichen Eingang zu gewinnen. Dies wäre auch vielleicht geglückt, wenn nicht zwei Umstände sich vereinigt hätten, diesen Plan zu durchkreuzen.

Die erste und schlimmste war die Verzögerung ihres Marsches durch den Transport des Verwundeten.

Eisenarm hatte allerdings einmal den Vorschlag angedeutet, ihn in einem sicheren Versteck zurückzulassen, bis man ihm Hilfe von der Hacienda aus senden könne, aber der Kreuzträger und Wonodongah erklärten sich auf's Bestimmteste dagegen, und so mußte man sich in die Verzögerung finden.

So war die Zeit kurz vor Anbruch des Tages herangekommen und die Gesellschaft noch eine volle Legua von der Hacienda entfernt, als man in der Richtung derselben

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eine feurige Garbe in die Wolken schießen und in der Höhe zu hundert Sternen sich auflösen sah. Gleich darauf brachte der von der Ebene herkommende Wind den dumpfen Schall entfernten Büchsenfeuers.

Der Wegweiser machte sogleich Halt. »Parbleu« sagte er hastig - »die tückischen Teufel haben bereits ihr Spiel begonnen, aber unsere Freunde haben sich zum Glück nicht überraschen lassen, wie jene Feuerkugel beweist. Legt den Offizier sanft nieder, Bursche - wir müssen berathen, was wir zu thun haben, um dem Senator zu Hilfe zu kommen. Ich denke, vier gute Büchsen im Rücken der Schurken würden nicht übel wirken.«

Es erfolgte eine kurze Berathung, die mit dem Resultat schloß, daß Kreuzträger und der Indianer vorwärts gehen und einen Versuch machen sollten, den Vertheidigern Beistand zu bringen, während Eisenarm mit Diaz, den Frauen und den Gefangenen vorläufig zurückblieb. Die beiden älteren Männer waren noch in der Besprechung des Planes begriffen, als der Toyah die Hand auf den Arm seines Freundes legte.

»Hugh!«

Der Trapper wandte sich sogleich zu ihm. »Was meinst Du, Jaguar, was giebt's?«

Der Comanche stand in der Stellung eines aufmerksam Lauschenden und begnügte sich ein Zeichen des Schweigens zu machen.

- In der That hörte man auch nach einigen Augenblicken das Wiehern eines Pferdes - zwar in ziemlicher Entfernung, aber doch deutlich genug, um zu begreifen[,]

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daß es von einer Stelle zwischen ihnen und der Hacienda herkommen mußte.

Gleich darauf antwortete der gleiche Laut von mehreren Thieren.

»Caramba!« flüsterte der Trapper, - »der Bursche hat Recht. Die Indianer müssen zwischen uns und dem Hause Posten aufgestellt haben, und zwar nicht wenige, nach den Pferden zu schließen.«

»Die weißen Freunde mögen sich kurze Zeit gedulden« sagte der Toyah, - »ich werde ihnen Nachricht bringen.« Ohne ihre Einwilligung abzuwarten, lehnte er seine Büchse an einen Felsblock und verschwand im Dunkel.

Das Schießen in der Ferne dauerte fort - ebenso ließen sich die Pferde vor ihnen noch mehrmals hören. Dem Ton nach zu schließen konnten sie wohl eine Viertelstunde weit entfernt sein.

- Nach der doppelten Zeit etwa tauchte der Comanche so plötzlich und geräuschlos wieder aus dem Schatten auf, als er verschwunden war. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff er den Zügel des Maulthiers, das die Sennora trug, und wandte es zurück.

»Zum Henker, was giebt es, Jaguar? sprich!«

Der Comanche hielt sich mit einer Antwort nicht auf, sondern setzte mit einer gewissen Eile den Rückweg fort. Erst als sie zwischen den Bergen und Steinblöcken außer Hörweite waren, blieb er einen Augenblick stehen und erwartete die anderen Mitglieder der Gesellschaft, die ihm mit Besorgniß gefolgt waren.

»Mein weißer Vater« sagte der Toyah zu dem Kreuzträger,

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»hat von einem Versteck gesprochen, in das er die Pferde gebracht hat und wohin er sich bei einer Bedrohung zurückzuziehen gedachte. Will er mir sagen, ob wir weit davon sind?«

»El Crucifero meint das Thal der Verdammten, Jaguar,« antwortete für den Wegweiser der Trapper.

»Gut! Dann ist unsere Absicht dieselbe. Kommt!«

»Aber warum uns zurückziehen, ehe wir die Ursache wissen?«

»Mechocan, der Fliegende Pfeil, mit zweihundert Reitern der Mimbreno's ist zwischen uns und der Hacienda - er bewacht den Weg.«

In der That hatten, gegen die sonstige Gewohnheit der Indianer, Wis-con-Tah und der Graue Bär die Vorsicht gehabt, in den Kriegern der Mimbreno's sich eine Art Reserve zwischen der Hacienda und dem Gebirge aufzustellen, die zugleich den Zweck hatte, jeden Fluchtversuch der Besatzung nach dieser Seite zu hindern.

»Aber mein Vater?« bat voll Angst die Señora. »Um der heiligen Jungfrau willen, Männer, verlaßt meinen Vater nicht in der Gefahr!«

»Der große Geist der Weißen wird den Mann mit den hundert Häusern schützen. Er hat die Mauern von Stein zwischen sich und den Apachen und seine Augen sind offen. Wir haben Nichts zu dem Schutz der Feuerblume, als unsere Vorsicht.«

Diese entschiedene Erklärung, wie die stolze Spanierin wohl fühlte hauptsächlich von der geheimen Leidenschaft des jungen Häuptlings diktirt, beendete jede weitere Erörterung

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und die Gesellschaft, an deren Spitze jetzt Wonodongah, das Maulthier der Dame führend, ging, setzte eilig ihren Weg fort.

Zwei Mal während der beschwerlichen Windungen durch Schluchten und Felsmassen hin, immer bergauf, hielt Eisenarm, der wie zu Anfang den Nachtrab bildete, an, um auf ein Geräusch zu lauschen, das an sein aufmerksames Ohr gedrungen war; da es sich aber nicht wiederholte, gab er bald jede Besorgniß auf und bemerkte also nicht, daß der Krieger, welchen sie bei dem Kampf auf dem Lagerplatz unbeachtet zurückgelassen hatten, noch immer gleich einem Spürhund unverdrossen bis zu dem gewählten Versteck ihnen folgte.

In Zeit von etwa einer halben Stunde hatten sie dies erreicht, zur selben Zeit etwa, wo der Haciendero mit der Entladung seines kleinen Geschützes den zweiten Sturm der Apachen abschlug.

Der Knall desselben drang von dem Echo der Felsen getragen bis zu ihren Ohren, und als sie von Dolores von dieser neuen Vermehrung der Vertheidigungsmittel der Hacienda hörten, welche erst nach der Zeit des Dienstes Wonodongah's und Eisenarm's in derselben angeschafft worden war, hofften sie mit Bestimmtheit auf den Sieg der Besatzung.

Wir haben bereits erwähnt, daß das von dem Wegweiser bei seiner Recognoscirung am Tage vorher aufgefundene, Diaz und den beiden Tigrero's wohlbekannte Versteck in dem Krater eines vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden ausgebrannten Vulkans bestand. Der Weg dahin

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war schwierig genug und der Ort selbst der Art, daß er leicht die Vertheidigung einiger entschlossenen Männer gegen eine große Uebermacht gestattete.

Die steilen hoch aufstrebenden und glatten Wände des geräumigen Kraters erlaubten nur an einer Stelle, wo sich wahrscheinlich bei einem letzten Ausbruch des unterirdischen Feuers die Lava durch den von den Convulsionen des Berges zerrissenen Felsenring den Ausweg gebahnt hatte, den Zugang in die Tiefe. Diesem Zugang gegenüber in der ihm entgegen liegenden Wand hatte das Erdbeben oder das Feuer eine tiefe Höhlung in der Kraterwand gebildet, die durch die wild umher gestreuten aus der Tiefe des jetzt von ihnen geschlossenen Schlundes geschleuderten Steinblöcke noch mehr gedeckt war. Kein Baum, kein Strauch, kein Halm unterbrach die grausige Oede des Kessels, da die starke Schwefeltränkung des Bodens jede Vegetation unmöglich machte. In dem wachsenden Lichte des Morgens, unter dem Wogen des der Erde entsteigenden Nebels bot der Felsenkessel einen phantastischen geisterhaften Anblick, der wohl seinen Namen unter den Hirten der Umgegend rechtfertigte, und selbst bei dem vollen Licht der Sonne durch die schauerliche Oede und das Ungeheuerliche seinen Eindruck nicht verfehlte.

Wie schwierig auch der Zugang zu finden war, Wonodongah, der mehr als einmal mit seinem älteren Freunde hier verweilt hatte, schritt ohne Zögern vorwärts und bald befand sich die kleine Gesellschaft in dem Kessel, wo sie von dem Schnauben und Wiehern der dort angepflöckten Pferde begrüßt wurde. Hier machte man einen kurzen Halt, bis

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der Indianer und Diaz in der Höhle selbst ein Feuer angezündet hatten, was schon der Frauen wegen bei der Kälte, die selbst in den Tropengegenden in den Gebirgen bei Nacht herrscht, und um den giftigen Einwirkungen des Morgennebels zu begegnen, dringend nothwendig war. Bei der Tiefe der Höhle, der Höhe der Wände des Kessels und der Abgelegenheit desselben war keine Gefahr, daß Flamme oder Rauch zu dieser Zeit ihr Versteck verrathen sollten.

Als das Feuer, zu dessen Unterhaltung der Jaguar und sein Gefährte auf dem Wege Holz und Reiser gesammelt hatten, lustig brannte, wurden der Verwundete, die Frauen und die Gefangenen dorthin geführt, während der Wegweiser die Thiere zu ihren Gefährten brachte und dort befestigte. Alle fühlten das Bedürfniß einiger Ruhe und Erquickung, denn Eisenarm und seine Begleiter hatten seit dem vorigen Morgen Nichts zu sich genommen. Dennoch war das Erste, was die wackern Herzen thaten, die Sorge für den Verwundeten. Mit den wenigen vorhandenen Decken bereiteten sie für ihn ein möglichst bequemes Lager und im Licht des Feuers begann jetzt der Wegweiser eine genauere Untersuchung der Wunden.

Es fand sich, daß die Kugel in der Seite an den Rippen abgeglitten sein mußte, und zwischen zweien derselben steckte, ohne daß ein wichtigeres Lebensgefäß verletzt zu sein schien, denn der Offizier athmete ohne Beschwerde. Mit einem Kreuzschnitt seines Messers holte Kreuzträger glücklich die Kugel aus der Wunde. Die schlechte Beschaffenheit der von den Amerikanern den Apachen gelieferten

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Flinten hatte offenbar bei der geringen Entfernung allein die kräftigere Wirkung des Schusses verhindert.

Schlimmer war die Speerwunde im Schenkel und hier mußte man sich vorläufig allein auf die Jugendkraft des Kranken und die Kunst der jungen Indianerin verlassen. Comeo war in der Kenntniß heilkräftiger Kräuter, wie sie in gewissen Familien der Stämme sorgsam bewahrt und von Mutter auf Tochter vererbt wird, wohl erfahren und es hatte der Erinnerung ihres Bruders nicht erst bedurft, um sie zu veranlassen, während das Mondlicht noch ihren Weg beschien und sie neben der Krankenbahre herging, verschiedene Pflanzen zwischen dem Gestein und an den Abhängen zu suchen und sorgfältig zu verwahren. Diese zerrieb sie jetzt zwischen zwei Steinen und legte sie auf die Wunden des Offiziers, die darauf, so gut es anging, verbunden wurden, Ein dankender Händedruck des jungen Mannes machte die Indianerin erröthen. Unterdeß hatte Eisenarm aus seiner Jagdtasche einen kleinen Vorrath getrockneter Streifen von Hirschfleisch genommen und sie an dem eisernen Ladestock seiner Büchse zu rösten begonnen. Der Geruch des schmorenden Fleisches wurde behaglich von Allen eingesogen, während das Gespräch sich um den wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes an der Hacienda drehte und die Männer über denselben die Dame zu beruhigen suchten. Bei ihrer geringen Zahl blieb ihnen keine andere Wahl, als das volle Tageslicht zu erwarten, um dann Einen oder den Andern auf Kundschaft auszusenden und nach dem Ergebniß derselben ihre weiteren Maßregeln zu nehmen.

Der Lord und seine Diener hatten an der Wand der

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Höhle sich niedergesetzt, Volaros möglichst im Schatten. Der Jaguar bewachte den Eingang, seine schwarzen Augen bald über die kleine Gesellschaft gleiten lassend, wobei sie stets auf dem bleichen aber noch immer stolzen Antlitz der schönen Haciendera hängen blieben, bald den etwa sechszig Schritt entfernten Eingang des Kessels bewachend, ohne daß seine Hand die Büchse losließ.

Die Rostschnitte des Trappers mundeten allen Mitgliedern der Gesellschaft sehr wohl, selbst Dolores verschmähte es nicht, damit ihre erschöpften Kräfte zu stärken.

»Parbleu,« sagte der Wegweiser, mit dem Aermel seiner Blouse sich den Mund wischend, - »Ihre Fleischschnitten, Compañero! waren vortrefflich; aber ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich einen guten Trunk dazu herzlich vermisse, und wenn es selbst nur frisches Quellwasser wäre.«

Der Lord von Drysdale machte eine gebietende Bewegung gegen den Courier. »Geben Sie!«

»In der That,« sagte der Regierungsbote, - »ich habe eine Flasche vortrefflichen Rum in meiner Tasche, und es soll mich freuen, wenn ich damit unsern Beitrag zu dem Frühmahl bringen kann.«

Er zog eine jener dunklen weitbauchigen Flaschen aus seiner Umhangtasche, deren Aussehen schon den ächten Ursprung der westindischen Inseln verkündet, und bot sie - mit einer gewissen Schüchternheit aus dem Dunkel, in dem er bisher gesessen, hervortretend, dem Kreuzträger.

Der Blick des alten Wegweisers richtete sich sehr natürlicher Weise mit Gleichgültigkeit auf den Darbietenden,

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aber er wurde plötzlich ernster und stechender, je länger er auf dem Antlitz des Couriers verweilte, dessen zwischen dem großen schwarzen Vollbart allein sichtbare Theile unter dieser Prüfung erblaßten, während das Auge verwirrt den Boden suchte.

Der Kreuzträger machte eine Bewegung mit der Hand. »Lassen Sie die Flasche weiter gehen,« sagte er mit gewaltsam unterdrückter Aufregung, - »ich liebe dies Getränk nicht!«

Volaros reichte die Flasche an die Señora, die einige Tropfen in die hohle Hand goß und sich damit erfrischte.

Der Wegweiser stemmte den Elbogen auf sein Knie, stützte den Kopf in die Hand und verlor sich in tiefes Nachdenken. Eisenarm zeigte dagegen weniger Bedenken, als er; denn er hielt mit dem Trunk aus der Flasche nicht eher inne, als bis ein Drittheil derselben geleert war. Erst dann reichte er sie, da - wie er wußte, - der Toyah niemals das Feuerwasser der Weißen berührte, an Diaz weiter.

»Beim Bart meines Vaters und der Haube meiner Mutter - Gott lasse die alten Geschöpfe die ewigen Freuden genießen! - Seit San Francisco habe ich keinen so guten Tropfen wieder genossen,« meinte Eisenarm, »und Du verlierst in der That Viel, Jaguar, daß Du Nichts als Wasser trinkst, was in diesem Loch nicht einmal zu haben ist. Aber was habt Ihr, Compañero - Ihr seid auf einmal so still und nachdenkend geworden und die Sache eines alten Reisenden, der so manchen Marsch durch die Einöde gemacht hat, ist es doch sonst nicht, einen Schluck zu verschmähen!«

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Der Wegweiser machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Ich bedarf des Trunkes nicht,« sagte er ernst, »zur Erfüllung der Aufgabe meines Lebens muß mein Auge klar und mein Kopf frei sein. Hört, Freunde, ich dachte eben an diesem Ort, den man den bösen Geistern nach seinem Namen überwiesen glaubt, an jene seligen und guten Geister, deren Andenken jede Stunde der Ruhe erfüllt. Wenn Ihr die Geschichte eines alten vom Unglück schwer getroffenen Mannes weiter hören wollt, so möchte ich sie Euch wohl jetzt erzählen.«

»Thun Sie das, Kamerad! Ehe ein Sonnenstrahl über die Wände dieses Kessels dringt, haben wir noch eine Stunde Zeit, und ich wüßte nicht, wie wir sie besser ausfüllen könnten. Sehen Sie, selbst unser kranker Freund hier, richtet Ihnen den Kopf voll Aufmerksamkeit zu. Auch bin ich wirklich neugierig, zu erfahren, welche Teufeleien die Schlange Ihnen weiter gespielt hat.«

Der Kreuzträger richtete sich auf dem Stein, auf dem er am Feuer saß, empor. Die Büchse zwischen den Knien, die Hände um den Lauf gekreuzt, begann er in eintöniger Weise die Fortsetzung seiner Geschichte, während die Flamme des Feuers sein gefurchtes Gesicht und das weiße lange Haar, das es umrahmte, mit einem flackernden Schein beleuchtete. Nur zuweilen hob er die über die Mündung des Gewehrs gebeugte Stirn und die auf den Boden gerichteten Augen und warf einen Blick auf die Wand gegenüber, in deren Schatten der Lord mit seinen beiden Begleitern saß.

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Am Eingang der Höhle kämpfte das wachsende Morgenlicht gespenstig mit den Reflexen des Feuers und den leise wogenden Nebeln.

»Ich habe Ihnen bereits erzählt,« lauteten die Worte des Wegweisers, »daß wir bei unserem ersten Halt in der Einöde die von der Hand Gottes in einem Felsen gebildete Cisterne wasserleer, oder vielmehr unbenutzbar gemacht, gefunden hatten, daß wir aber in diesem Unfall eben nur einen Leichtsinn von Jägern oder Reisenden erblickt hatten, keineswegs eine gerade auf uns gemünzte Absicht. Wir fügten uns daher so gut es ging in die Unannehmlichkeit, theilten das wenige noch in den Schläuchen vorhandene Wasser mit unseren Thieren, die überdies in dem Grase des feuchten Bodens erfrischende Nahrung fanden und schlugen unser Lager für die Nacht auf, um am andern Morgen vor Tagesanbruch mit verdoppelter Eile weiter zu ziehen und die nächste Cisterne bald möglichst zu erreichen. Die dritte Station bot dann eine reichliche Quelle, an welcher wir uns mit Wasser für die nächsten Tagereisen versorgen konnten.

Ich konnte die Nacht wenig schlafen, - es lag wie ein Druck auf meiner Brust. Aber sie verging ruhig, keine Spur von Gefahr ließ sich merken, und eine Stunde vor Aufgang der Sonne weckte ich meine Familie und meine Begleiter zum Aufbruch. Derselbe wurde möglichst beeilt, und als die Sonne eine Mannshöhe über dem Horizont stand, hatten wir schon ein tüchtiges Stück Weges in die Einöde hinein zurückgelegt. Ich hatte meine kärgliche Wasserportion dem jungen Paare gegeben, zu deren sicheren

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Ueberführung ich mich verbindlich gemacht; denn ich wußte, daß ich besser die Leiden des Durstes auf dem vor uns liegenden Marsch ertragen konnte, als die solcher Widerwärtigkeiten ungewohnten Reisenden. Mit der steigenden Sonne wuchsen übrigens die Unannehmlichkeiten des Marsches. Die brennenden Strahlen machten bald Menschen und Thiere nach einem Trunk lechzen und nur mit aller Energie vermochte ich sie vorwärts zu treiben. Selbst die Thiere begannen unruhig und erschöpft zu werden; der frühere so muntere Ton unseres Zuges hatte sich, noch ehe der Abend heran kam, in ein düsteres Schweigen verwandelt und nur die Aussicht auf die nahe Hilfe hielt uns aufrecht.

So kamen wir endlich eine Stunde vor Sonnenuntergang an die Stelle, wo die zweite Cisterne lag. Ich erkannte sie schon von fern an der Lage zweier Hügel, die ich mir wohl gemerkt, und deutete sie meinen erschöpften Reisegefährten an, deren schwindende Kraft sich aufs Neue dadurch erfrischte. Selbst die Thiere schienen davon ermuntert, und mit rascherem Schritte ritten wir dem Orte zu.

Aber je näher wir kamen, desto beklommener wurde mir um das Herz, denn ich bemerkte auf dem Boden jetzt mehrfach noch ziemlich frische Spuren von Hufen und Füßen, die jenen glichen, welche wir an der ersten zerstörten Cisterne gefunden hatten. Da bestätigte plötzlich ein Ruf, begleitet von einer Verwünschung - den Robert, mein Sohn, der auf seinem Mustang nach der Cisterne vorausgalopirt war, ausstieß, - meine schlimmen Ahnungen. - Wenige Augenblicke darauf hatten wir uns Alle von dem Schrecklichen überzeugt - die Cisterne war leer,

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mit eben so teuflischer Bosheit zerstört und unbrauchbar gemacht, als die erste.

Der Schlag war schrecklich - um so schrecklicher, als mir im Augenblick klar wurde, daß hier nicht von einem Zufall, sondern nur von einem wohl überlegten Plane die Rede sein konnte, der mich und die Meinen verderben sollte. Wir hatten einen unsichtbaren Feind in unserer Nähe, der gefährlicher war, als ein offener Angriff; denn er überlieferte uns einem schlimmeren Geschick, als Kugel und Pfeil sein konnten, - dem Tode des Verschmachtens.

Wer dieser Feind sein konnte, wagte ich noch kaum zu bestimmen, da ich wußte, mit welcher unverbrüchlichen Treue die Indianer ihre Verträge halten, obschon die Spuren an beiden verschütteten Cisternen offenbar von solchen herrührten.

Wir Männer standen rathlos und finster da, während die Frauen weinten und die erschöpften Thiere in dem feuchten Boden wühlten. Unsere Lage war entsetzlich. Seit sechsunddreißig Stunden hatten wir keinen Tropfen Wasser mehr gesehen, und was das in der Wüste, unter den brennenden Strahlen der Sonne bedeuten will, werden die Meisten von Ihnen begreifen. Unser Gaumen war hart und trocken, unsere Kräfte waren erschöpft. Das heisere Stöhnen der Thiere bewies, daß sie dasselbe litten wie wir.

Ich fühlte jedoch, daß es vor Allem an mir sei, den Kopf und den Muth nicht zu verlieren - da Alle von mir allein Hilfe erwarteten. Ich gab daher den Befehl, trotz des Mangels an Wasser an dieser Stelle zu lagern, denn wir hatten ohnehin ohne Rast keine Legua weiter

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gekonnt, und rief die Männer zu einer Berathung zusammen. Auf dem Wege, den wir gekommen, zurückzukehren, war unmöglich - wir hätten zwei starke Tagereisen zurücklegen müssen, ehe wir wieder zu der Quelle gekommen wären, in deren Nähe ich die Unterhandlung mit dem lügnerischen Häuptling der Mescalero's gepflogen hatte. Es blieben uns also nur zwei Wege übrig - vorwärts zu gehen, oder uns zur Seite zu wenden, um die Ufer des See's Aquaverde zu erreichen. Aber da wir uns auf unserem letzten Marsch mehr davon entfernt, hätten wir, so viel ich beurtheilen konnte, von dem Punkt, an dem wir gegenwärtig lagerten, auch anderthalb Tagereisen gehabt, und ich mußte bezweifeln, daß Thiere und Menschen die Kraft behalten würden, diese zurückzulegen.

Dagegen mußte sich vor uns in der Entfernung von höchstens drei Legua's die dritte und wichtigste Wasserstation des Weges, eine aus ihrem Felsenbett hervorsprudelnde Quelle, befinden, deren Segen nicht von der Bosheit unserer Feinde zerstört sein konnte.

Es war dies der Ort, den die »Schwarze Schlange« den jungen Männern zum Rendezvous für die Büffeljagd bestimmt hatte, und noch immer hegte ich eine leise Hoffnung, daß jene boshafte Handlungsweise nicht von dem Häuptling ausgegangen sei. In diesem Glauben bestärkte mich auch Xaverio, der von uns Allen am Besten den Wirkungen des Durstes zu widerstehen schien und frisch und kräftig blieb. So wurde denn mit allgemeiner Zustimmung beschlossen, die Nacht so gut als möglich zuzubringen, und am andern Morgen unter Zurücklassung des

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größten Theils des Gepäcks mit den also erleichterten Thieren die Quelle aufzusuchen.

Da die Mustang's, welche Xaverio und mein Sohn ritten, sich noch am Muntersten zeigten, machte der Erstere den Vorschlag, daß sie beide sofort zur Quelle aufbrechen und wenn sie diese gefunden und ihre Pferde getränkt hätten, am nächsten Morgen mit gefüllten Schläuchen zurückkehren wollten, um Menschen und Thiere zu erfrischen und ihnen so den Weitermarsch möglich zu machen. Nur mit schwerem Herzen entschloß ich mich, dem Plane beizustimmen, aber er hatte so viel Verlockendes und das Elend um mich her war so groß, daß ich endlich, da der Kapitain sich erbot, den Ritt mit zu wagen, nachgab.

Mein wackerer Knabe suchte unsern Muth zu heben, indem er seine eigenen Leiden unterdrückte und sich voll Hoffnung und Zuversicht anstellte. Ich empfahl Xaverio, die größte Vorsicht zu beobachten und sorgfältig über ihn zu wachen, und der Bösewicht versprach es mit zehn Eiden. So ritten sie fort, nachdem Masterton sich fast mit Gewalt aus den Armen seiner Gattin gerissen hatte, die ohnmächtig zurückblieb. Aber der wackere Kapitain hatte ihre Leiden nicht länger mit ansehen können und war entschlossen, Alles zu wagen, um sie zu lindern.

Wir sahen die drei Reiter im Dunkel der Nacht verschwinden; in welcher schrecklichen Lage sollten wir zwei von ihnen wiedersehen!

Die Nacht verging unter fortwährend sich mehrenden Leiden. Sehnsüchtig waren unsere Blicke nach Westen gerichtet, um die Rückkehr der Boten mit dem belebenden

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Trank zu begrüßen. Wir berechneten die Stunden, die Minuten, nach welchen sie eintreffen konnten - die Sterne erbleichten, die Zeit kam, - aber noch immer ließ sich Nichts hören. Unsere Arriero's brachten die Nacht bald mit Schlaf, bald mit Gebet zu ihren Schutzheiligen oder wilden Verwünschungen zu - mein gutes Weib sah mit verhülltem Haupt, ich wagte nicht zu fragen, ob sie wache? Maria hatte sich in Schlaf geweint und lag mit dem Kopf im Schoos ihres Bräutigams, während die junge Mexikanerin wimmernd und klagend auf ihrer Decke sich wand.

Freunde, - ich habe oft gehört, daß es Schiffbrüchigen begegnet ist, auf dem Meere selbst alle Qualen des Durstes zu ertragen und daß sie sieben Tage lang dies aushielten. Aber ich glaube doch, der Mangel des Wassers in der Wüste ist noch etwas Anderes, als auf dem Meere. Kein lebendes Wesen kann es hier über die Hälfte dieser Zeit aushalten. Ich bin ein unwissender Mann und kann dies nicht anders erklären, als daß die Feuchtigkeit der Luft, wie sie doch immer auf dem Wasser herrschen muß, das Bedürfniß des Trinkens weniger hervortreten läßt, als auf dem Lande, ja ich erinnere mich, daß ich auf der Fahrt von San Francisco nach Guaymas tagelang zugebracht habe, ohne der Wassertonne ein einziges Mal zuzusprechen. Aber in der Wüste ist es anders! Die brennenden Sonnenstrahlen glühen den Boden und die Luft aus, Kehle und Eingeweide verdorren und das Hirn brennt schon nach den ersten vierundzwanzig Stunden. - In jener Nacht, Freunde, lernte ich erst erkennen, welches Geschenk des Himmels ein erfrischender Regen für Erde und Menschen ist!

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Die Sonne stieg am Horizonte empor, - ein glühender Feuerball, der einen heißen Tag verhieß! Unseren brennenden Augen bot sich, so sehr sie auch spähten, noch immer keine Spur von unseren Lieben, und die jetzt mit Macht sich erhebende Besorgniß um sie erhöhte noch unsere Leiden.

Hatten sie die Quelle verfehlt - waren sie in die Hände unserer unbekannten, unsichtbaren Feinde gefallen? Aber Xaverio kannte den Weg so gut wie ich, er hatte ihn selbst mit mir gemacht, konnte also nicht den ohnehin durch seine Naturbildung ausgezeichneten Ort verfehlt haben, - und wenn uns unsere geheimnißvollen Feinde hätten tödten wollen, - was hinderte sie noch, uns anzugreifen? die Meisten von uns hätten kaum noch ihre Büchse heben können oder heben mögen zur Vertheidigung ihres Lebens.

Ich beschloß, auf jede Gefahr hin aufzubrechen, um unsern Boten entgegen zu gehen. Alles Gepäck sollte an der Stelle, wo wir gelagert, zurückbleiben; denn fanden wir Wasser, so konnten wir zurückkehren, es zu holen - betraf uns ein Unglück unterwegs, so nützte es uns ohnehin Nichts. Die erschöpften Thiere hätten es überdies nicht zu tragen vermocht; das Licht des Tages zeigte mir erst, welche Fortschritte unsere Leiden während dieser Nacht gemacht hatten! Die Gesichter der Menschen waren hohlwangig, die Augen begannen in Fieberhitze zu glühen - die Zungen der Thiere hingen lang, hart zwischen ihren Zähnen hervor - kaum konnten wir sie mit Stößen und Schlägen bewegen, aufzustehen. Ich rief einem der Arriero's, ein Gefäß herbeizubringen. Dann ließ ich eines der

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Maulthiere binden, öffnete ihm die Pulsader am Hals und fing das Blut auf. Der Tod des armen Geschöpfes mußte unser Leben fristen - wir tranken jeder einen Theil des Blutes - nur Maria, meine Tochter, konnte sich nicht zu dem eklen Trank überwinden und wies ihn von sich.

Nachdem wir so wenigstens unsere vertrockneten Gaumen genetzt, ohne uns dadurch erfrischen zu können, setzten wir die drei Frauen auf die kräftigsten Thiere und begannen unseren elenden Zug. Wir nahmen von all' unserem Eigenthum Nichts mit uns, als unsere Waffen, und selbst diese warf ein Theil der Männer unter Weges fort, um sie nicht mehr schleppen zu müssen. Ich hatte den Beutel, in dem ich in Gold und guten Wechseln auf Chihuahua meine Habe nebst den nöthigsten Papieren verwahrte, in meine Jagdtasche gesteckt und marschirte mit Aufbietung aller Kräfte bald voraus, bald hinter dem Zuge, um die Säumigen und Muthlosen anzutreiben, während Severin, mein Schwiegersohn, die Thiere der Frauen führte und unsere andern Begleiter und Diener die keuchenden Widerwilligen Thiere hinter sich drein zogen.

Wir mochten etwa eine Legua zurückgelegt haben, als einer der Arriero's, der jüngste und kräftigste von Allen sich weigerte, weiter zu gehen. Er warf sich zu Boden und erklärte, hier sterben oder abwarten zu wollen, daß wir ihm von der Quelle aus Beistand sendeten. Vergebens waren meine Bitten und Ermahnungen, mit heiserer, kaum noch den menschlichen Tönen ähnlicher Stimme stieß er eine lästerliche Verwünschung gegen mich aus, daß ich ihn zu dieser Reise verführt, und kauerte sich dann stumm auf

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den vom heißen Sonnenbrand zerrissenen Boden nieder. Ich konnte Nichts weiter thun, als eine der leichten Decken, welche unsere Maulthiere schützten, über ihn werfen und ihn seinem Schicksal überlassen. Nur Gott und den Heiligen ist es bekannt, was dieses gewesen.

Noch gräßlicher aber war das eines zweiten unserer Leidensgefährten, eines Mannes, der bereits fünfzehn Jahre in meinem Dienst gestanden und viele Reisen mit mir gemacht hatte. Seit unserem Aufbruch und seitdem er das Blut des Thiers getrunken, war der arme Antonio still und tiefsinnig mit uns dahin geschritten, gleich einer willenlosen Maschine, ohne Klage aber auch ohne ein Wort des Muthes und der Hoffnung. Mit Entsetzen bemerkte ich jetzt, daß seine Augen einen unnatürlichen Glanz annahmen und wie in Verzückung umherrollten. Er begann mit seiner heiseren Stimme zu singen und das wirrste Zeug zu schwatzen. Seine Visionen schienen ihm einen großen See voll kühlen Wassers vorzuzaubern, nach dem er die Hände ausstreckte, und plötzlich - ehe wir es hindern und ihn mit Gewalt festhalten konnten, - sprang er aus dem Zug und rannte davon in die Wüste hinein, in einer Richtung, gerade entgegengesetzt der, in welcher der See Aquaverde lag. Der Sonnenbrand hatte ihn wahnsinnig gemacht!

Was soll ich Ihnen weiter von unserem Elend auf diesem traurigen Wege erzählen. Wir waren jetzt noch sechs Männer, ich, mein Eidam und vier der Diener nebst den drei Frauen. Gleich Schatten wankten wir über die Ebene, auf der wir nach und nach vier der Thiere zurücklassen mußten; - es waren jetzt über fünfzig Stunden,

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daß wir kein Wasser gesehen, - und wir vermochten nicht mehr, sie weiter zu treiben.

Nicht unser geringeres Leiden aber, war bei dem Allen, daß wir unsere Lieben noch immer nicht antrafen, sie noch immer nicht uns entgegen kommen sahen. Wo mußten sie sein? Was war mit ihnen geschehen? Ich wagte kaum noch ein Wort des Trostes an meine Frau zu richten, die ich von Zeit zu Zeit den Namen unseres Knaben stöhnen hörte. Die junge Kapitainsfrau dagegen hing ohne Laut auf ihrem Thier, auf dem Severin sie festgebunden hatte, - sie schien in voller Bewußtlosigkeit den Weg zurückzulegen, und ich war im Grunde froh über diesen Zustand, denn bei jedem Schritt fürchtete ich auf die verschmachtenden oder von unsern Feinden getödteten Körper der drei Reiter zu stoßen.

So hatten wir mehr als die zweite Legua zurückgelegt - wie langsam können Sie daraus schließen, daß darüber der hohe Mittag heran gekommen war. Da begann sich endlich die Scene zu ändern. Vom Horizont der Einöde hob sich eine dunklere Masse ab und wurde mit jedem Schritt uns deutlicher - die Thiere, die bisher mit dem Kopf am Boden schwankend dahin geschlichen, hoben denselben, spitzten die Ohren und schienen die Luft einzusaugen, die von dorther kam. Ihre Augen wurden wieder glänzender, ihr Schritt elastischer, rascher. Selbst auf die Menschen dehnte sich die Erregung aus, obschon von Allen doch nur ich wußte, was die Ursache sei - alle Augen richteten sich auf jene dunkle Masse und dann fragend auf mich, - die unter dem Jammer ihrer Leiden gebeugten Gestalten hoben

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sich - ein Wort schien auf Aller Lippen zu schweben, ich sprach es aus, indem ich den Arm hob und nach jener Richtung deutete:

»Gesegnet sei die heilige Jungfrau, die uns Erlösung schickt! Es ist la bebida de los angeles!«

Freunde, ich habe von Männern, die die Länder jenseits des großen Meeres im Osten gesehen haben, gehört, daß in einem Lande, noch heißer als das unsere, sich große Wüsten von Sand erstrecken, viele viele Tagereisen lang, in welchen der Fuß bei jedem Schritt tief einsinkt, als wandelte er auf Wasser. Ein glühender Wind weht über sie hin, und nur ein Vogel mit langen Beinen, man nennt ihn den Strauß, oder ein grimmiges Raubthier, belebt diese Einöde. Dennoch durchmißt sie der Mensch; denn Gott der Herr hat in seiner Gnade auch in diese Einöde lichte Sterne seiner Allmacht gestreut, die Oasen der Wüste, wo rings von Tod und Verderben umgeben Blumen und Bäume sprossen und dem Wanderer ihren Schatten bieten; denn die Hand des Herrn hat aus dem tiefen Grunde hervor die frische klare Quelle sprudeln lassen, das Element, das zum Leben aller Wesen nothwendig ist.

Eine solche Gabe des Herrn ist auch der »Trank der Engel«, jene wunderbare Quelle, die mitten in der großen Einöde aus Felsengestem, das sich vereinzelt über die Fläche erhebt, in starkem und kräftigem Strahl hervorrauscht und Leib und Seele stärkt; denn in dem leicht bitteren aber angenehmen Geschmack des klaren Wassers liegt eine überaus belebende Kraft. Alle Reisenden, welche durch diesen Theil der Einöde ziehen müssen, die Trapper und Jäger und die

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Indianer kennen sie und freuen sich dieser Gabe Gottes oder des großen Geistes!«

»Ich weiß, ich weiß, Kamerad,« unterbrach Eisenarm den Erzähler. »Ich bin mit dem Jaguar und Einem, der nicht mehr ist, mehr als einmal an jener Stelle gewesen, und wir haben uns an dem köstlichen Tranke geletzt!«

»Dann, Freund Eisenarm,« fuhr der Kreuzträger fort, »kennen Sie auch die seltsame Erscheinung, daß der Strom des belebenden Wassers eben so rasch wieder verschwindet, als er erscheint. Nur ein kleines Becken wird von ihm gefüllt, dann nimmt eine tiefe noch von keinem Menschen ergründete Spalte des Gesteins ihn auf und führt ihn in das Innere der Erde zurück, aus der die Hand Gottes ihn hervorgeholt hat. Es geht die Sage unter den Indianern und den Jägern unserer Farbe, daß die Fluthen der Quelle auf unterirdischem Wege dem See Aquaverde, der zehn volle Legua's von der Stelle entfernt ist, zugeführt werden, und dessen Wasser daher niemals, selbst in der heißesten Jahreszeit nicht austrocknen, obschon er sonst keinen sichtbaren Zufluß hat. Aber trotz dieser kurzen Dauer ihres Laufs vor den Augen der Menschen erfrischt und belebt die gesegnete Quelle doch Alles rings umher, und die Palme und die Blume sprießt köstlich in ihrer Nähe empor und bekleidet mit Grün den Fels und die Erde.

Dies war also der Ort, dem unsere Schritte jetzt neu belebt sich zuwandten; keine Bosheit unserer Feinde konnte dies Wasser versiegen machen, wie sie es mit dem der Cisterne gethan.

Der Boden der Wüste erhebt sich in der Nähe des

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Brunnens zu leichten Wellungen, wie solche in den Prairieen so häufig sind, und entzieht daher wieder, wenn man näher kommt, mehr und mehr dem Auge den Anblick der Quelle und ihrer unteren Umgebung. Aber wir hatten die Gipfel des Gesteins vor Augen und wußten jetzt ihre Nähe, und so war denn all' unsere Aufmerksamkeit nur darauf gerichtet, unsern Marsch so schnell als möglich zu beschleunigen. Unsere Sehnsucht, unsere Freude wurde womöglich noch erhöht, als wir den letzten Erdwall hinaufsteigend, dem Wiehern unserer Thiere den gleichen Gruß anderer Pferde antworten hörten. Unsere vorausgegangenen Lieben waren also dort.

Ich sprang dem Zuge voran auf die Höhe des Erdwalls und hob meinen Hut zur Begrüßung, als mein Fuß wie gefesselt am Boden haftete, und meine blutunterlaufenen Augen mit Erstaunen das Schauspiel zu meinen Füßen überblickten.

Der ganze Grund um die Quelle war von einem Lager der Apachen eingenommen. Wohl an sechszig Indianer mit ihren Pferden lungerten in den verschiedensten Stellungen um den Felsen her, und ein Kreis von dunklen Gestalten umgab rauchend und sprechend das Becken des Wassers. In ihrer Mitte konnte ich deutlich Xaverio, meinen ersten Arriero zwischen der kleinen magern Gestalt des Häuptlings der Mescalero's und einem riesigen Krieger, der das Fell eines grauen Bären um seine Schultern trug, erkennen.

Ich wußte genug von den Erzählungen der Wüste, um sofort zu erkennen, daß dies Ma-ko-töh, der tapfere

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aber grausame und wilde Häuptling der Gileno's sein mußte.

Dennoch hegte ich im ersten Augenblick und obschon ich weder Robert noch den Kapitain unter dem Haufen bemerkte, keine Befürchtung. Die »Schwarze Schlange« hatte Beide zu einer Büffeljagd eingeladen und ihnen an dieser Stelle das Rendezvous gegeben. Die jungen Männer konnten leichtsinnig der Leiden der Ihren vergessen haben und bereits mit ihrer Jagdpartie beschäftigt sein. Nur Eins befremdete mich, daß nämlich die ganze Bande von unserer Ankunft nicht die geringste Notiz zu nehmen schien. Selbst Xaverio, statt uns entgegen zu eilen, schenkte uns nicht die mindeste Aufmerksamkeit und fuhr ungestört fort, mit seinen Nachbarn zu rauchen und zu sprechen.

Ich wartete einige Augenblicke, bis meine Begleiter alle herauf waren, und dann begannen wir, zu der Quelle nieder zu steigen, die frisch und plätschernd sich in ihr Becken ergoß. Bei diesem Anblick eilten Menschen und Thiere hinab und auf das Wasser zu, indem ich die ersteren mit heiserer Stimme ermahnte, nicht die Vorsicht aus den Augen zu lassen und mit Maaß und langsam zu trinken, denn ich kannte die schädliche Wirkung einer allzugierigen Befriedigung.

Aber plötzlich machten die Vordersten - zwei meiner Arriero's mit ihren Thieren Halt - der Kreis der indianischen Krieger rührte sich nicht und versperrte ihnen den Zugang zu dem Wasser, nach dem die lechzenden Thiere schnaubend den Hals streckten.

Ich war unterdeß herbei gekommen und sah, daß die

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Apachen noch immer trotz des Zurufs der Arriero's keine Miene machten, den Weg zu öffnen. Ich wandte mich daher zu Xaverio mit unwilliger Miene:

»Was soll das heißen, daß Ihr nicht gekommen seid, uns beizustehen? Saget diesen Männern, daß sie uns Platz machen, damit wir zu der Quelle kommen, denn Menschen und Thiere verschmachten!« -

Statt aller Antwort begnügte sich der Schurke, die Achseln zu zucken und weiter zu rauchen.

Ich stand erstarrt - das konnte nicht ein zufälliger Trotz sein. Ich sollte bald die Ueberzeugung der schrecklichen Wahrheit erhalten. Der Mustang, der die junge Gattin des Kapitains getragen, gieriger und noch kräftiger als die anderen, sprang auf den Kreis der Indianer los und versuchte ihn zu durchbrechen, um zu der Quelle zu gelangen. Da erhob sich der wilde Häuptling der Gileno's, und mit einem Schlage seines Tomahawks spaltete er die Stirn des armen Thieres, daß es todt zu Boden stürzte, und ich kaum Zeit fand, die arme halb bewußtlose Frau in meinen Armen aufzufangen.

Der Graue Bär stand aufrecht, die furchtbare Waffe drohend in seiner Hand. »Zurück, Ihr Söhne einer weißen Hündin!« donnerte er. »Der Große Geist hat dieses Wasser seinen rothen Kindern gegeben, und Jedem, der es wagt, ihm ohne ihre Erlaubniß zu nahen, soll es gehen, wie diesem Thier!«

»Unmensch - wollt Ihr uns hier verschmachten lassen?« rief ich, »ist das Euer beschworenes Wort? - Ich habe den Totem eines Häuptlings für unser Recht.

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Sprich Du, Wis-con-Tah, und sage ihm, daß ich Dein Zeichen unter unserm Vertrage habe!«

Der Häuptling der Mescalero's lächelte tückisch. »Der weiße Mann, der seine Brüder durch die Wüste führt, möge zeigen, was ein Häuptling ihm versprochen hat!«

Ich griff nach der Tasche, in der ich meine Papiere und auch das Stück Pergament verwahrt trug, auf welches der Häuptling sein Handzeichen gesetzt hatte das Dokument war fort, verschwunden, obschon ich mich genau erinnerte, daß ich es sofort nach dem Abschluß des Handels dort mit den Consignaturen unserer Ladung und anderen Papieren verwahrt hatte. Mein Auge, indem es voll Angst durch den Kreis rollte, traf auf den Arriero - der tückische schadenfrohe Zug auf seinem Gesicht belehrte mich sogleich, wer der Dieb gewesen, und daß der Bösewicht bei all' dem Unheil seine Hand im Spiele hatte.

»Ma-co-töh,« sagte ich nach einer kurzen Pause, indem ich mit Gewalt alle die schrecklichen auf mich einstürmenden Gefühle zu bewältigen suchte, - »Du hast den Ruf eines Feindes der weißen Männer, aber eines tapfern Kriegers, der niemals sein Wort gebrochen. Der große Häuptling der Gileno's möge die Stimme eines Mannes vernehmen!«

»Sprich!« entgegnete der wilde Krieger.

»Die Schlange der Mescalero's hat im Namen der großen und tapfern Nation der Apachen einen Vertrag für freien Durchzug meiner Karavane durch ihr Gebiet geschlossen, und die Hälfte des bedungenen Preises bereits erhalten. Er möge es leugnen, wenn ich die Unwahrheit rede.«

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»Die rothen Männer sprechen nicht mit zwei Zungen, wie die Kinder einer weißen Hündin,« sagte grinsend der Häuptling. »Wis-con-Tah hat den Vertrag geschlossen. Aber wo ist sein Totem?«

»Das ist es eben, Häuptling - Du weißt es so gut als ich,« rief ich, »und dieser Schurke dort nahm ihn!« und ich wies auf den Arriero!««[]

Mit der entsprechenden Geberde seine Worte begleitend, hob der Wegweiser seine Hand und wies vor sich hin - der Finger deutete gerade auf die Stelle hin, wo im Schatten der Courier saß, der unwillkürlich zur Seite rückte.

[»]»Beweist es, Señor,« sagte der Verräther. »Ueberdies - diese tapfern Häuptlinge, meine alten Freunde und Verwandten, gedenken Euch vollständig den Vertrag zu halten, ob er zur Stelle ist, oder nicht, und ich werde seinen Inhalt bezeugen.«

»Was hat ein Häuptling der Apachen dem Bleichgesicht versprochen, das er nicht halten würde?« frug der Graue Bär.

»Freien Weg durch das Gebiet der großen Nation der Apachen,« sagte ich beklommen, »und Sicherheit für mein und meiner zehn Begleiter Leben und Eigenthum. Die Schwarze Schlange der Mescalero's hat überdies meine jungen Männer hierher zur Büffeljagd geladen. Ich suche sie vergeblich!«

»Den Bleichgesichtern wird ein Häuptling seinen Totem halten,« sprach der Gileno. »Geht - der Weg durch die Wüste ist frei! Keine Hand wird sich gegen Euch heben, wenn Ihr nicht selbst den Vertrag brecht!«

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»So macht Platz an der Quelle,« rief ich, »damit wir uns stärken, unser Eigenthum holen und morgen weiter ziehen, und die Weiber der Apachen werden über ein Geschenk nicht zu klagen haben!«

»Die Quelle der Wüste steht nicht in dem Vertrag,« sagte der Häuptling finster. »Der Große Geist hat sie seinen rothen Kindern gegeben!«

Ich begann, den schrecklichen Betrug, den man uns gespielt, die furchtbare Auslegung des gestohlenen Vertrages zu begreifen.

»Aber - wir können nicht weiter - wir verschmachten! wir müssen trinken! Ich will Euch das Doppelte bezahlen, - nur Wasser! Wasser!«

»Die rothen Männer werden ihren Totem halten. Sie wollen Euer Eigenthum nicht! Aber Sie sind die Erben der Einöde.«

Die Verhandlung wurde durch das Ungestüm Severin's unterbrochen. Er verstand die Sprache der Apachen nicht, und konnte bei dem Anblick des Wassers nicht begreifen, was ihn zurückhalten sollte. Mit der Energie des Verschmachtenden, der Labung und Leben im Bereich seiner Hand sieht, stieß er gewaltsam einen der Krieger zur Seite und stürzte sich auf den Brunnen.

Er hatte sich eben nieder gebeugt und seinen Mund an das erfrischende Element gebracht, als ein furchtbarer Keulenschlag ihn zu Boden schmetterte.

Ich hörte einen entsetzlichen gellenden Schrei - den meiner Tochter! Dann war Alles einige Augenblicke ein wildes Durcheinander, Menschen und Thiere, ein Ringen

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und Kämpfen, denn wir wollten von unsern Waffen Gebrauch machen, um meinem Eidam zu Hilfe zu kommen, oder ihn wenigstens zu rächen. Unter dem Allen hörte ich nur die mächtige Stimme des Häuptlings, welcher befahl, uns zu entwaffnen, und in der That waren kaum einige Augenblicke vergangen, als wir uns säm[m]tlich unserer Waffen, von denen wir bei der Ueberzahl, die uns dicht umgab, der Plötzlichkeit des Ueberfalls und unserer körperlichen Schwäche wegen nur wenig Gebrauch machen konnten, beraubt und an die Palmen und Felsen gebunden sahen.

Unsere Gesichter waren der Quelle zugekehrt - die Indianer umstanden uns, Hand und Waffen bereit, jeden Befehl ihres Häuptlings auszuführen. Unsere durstenden Thiere waren mit Gewalt zurückgetrieben worden und kauerten stöhnend und erschöpft außerhalb des Kreises am Boden,

An der Quelle stand der Graue Bär, ihm zur Seite der Häuptling der Mescalero's und der Schurke Xaverio.

»Bleichgesichter, Kinder einer weißen Hündin!« sagte der Gileno, - »Ihr selbst habt es gewagt, den Vertrag zu brechen, den Ihr geschlossen und den dieser Sohn zweier Väter gestohlen hat.« Er wies auf den Arriero. »Hier ist er, damit Niemand sage, die große Nation der Apachen habe den Totem eines ihrer Häuptlinge nicht gehalten. Der Vertrag besagt freien Durchzug durch unser Gebiet und Sicherheit Eures Lebens und Eigenthums. - Keine rothe Hand hat sich gegen Beides erhoben, bis Ihr gewagt, das Eigenthum, was der große Geist seinen rothen

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Kindern gegeben, mit Gewalt zu nehmen. Die Nation der Apachen wird Gerechtigkeit üben.«

»Bösewicht,« schrie ich, - »Ihr hattet es von vornherein auf unser Verderben abgesehen. Kein lebendes Wesen kann die Einöde durchziehen, wenn ihm das Wasser fehlt, und Ihr habt uns mit teuflischer List hierher gelockt und von dem See entfernt!«

»Mein Kind! mein Sohn!« jammerte mein Weib. »Was habt Ihr mit meinem Kinde gemacht, Unmenschen!?«

»Sieh selbst, Mutter eines jungen Wolfes!«

Auf eine Bewegung des Gileno öffnete sich der Haufe der Indianer, - jetzt erst sahen wir, daß hinter einem Vorsprung des Gesteins Robert und Kapitain Masterton gebunden und geknebelt am Boden lagen.

Das Schreien der jungen Frau, die vergeblich zu ihrem Manne strebte, zerriß mein Herz fast eben so schwer, als das Unglück meiner eigenen Lieben. Maria, meine Tochter, hing ohnmächtig in ihren Banden.

»Schmach über Euch, bübische, treulose Mörder!« rief ich außer mir. »Möge niemals ein ehrlicher Mann mehr dem Worte eines Apachen trauen! Schande der rothen Männer, die Ihr seid, indem Ihr schändlich das Band der Gastfreundschaft gebrochen, das selbst dem Elendesten Eures Geschlechtes heilig war!«

Der tückische Häuptling der Mescalero's trat mit dem Lächeln boshaften Triumphs vor mich. »Das Bleichgesicht, das so gut die Wege durch die Einöde kennt,« sagte er mit Hohn, »lügt! Ein Häuptling hat jene Beiden zur Jagd eingeladen, und wenn die Krieger der Apachen bei

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Sonnenaufgang den Büffel jagen, werden sie dabei sein! Meine jungen Männer sind darüber aus, für ihre Rosse zu sorgen. - Sie haben den Vertrag gebrochen wie Ihr, deshalb sind sie in Banden. Die Apachen sind die Herren der Wüste!«

»Bösewicht! Was haben ich und die Meinen Dir gethan?«

»Das Bleichgesicht ist ein Feind meiner Nation! Es besitzt die Schlauheit des Wiesel und das Auge des Falken. Seit er die Karavane der weißen Männer führt, sind die Wigwans meines Volkes leer an Beute. Er muß sterben!«

»So gebt mir den Tod meinetwegen mit allen Euren teuflischen Martern, und laßt diese Unschuldigen frei!«

»Die Herzen der Bleichgesichter hängen an Weibern und Kindern. Sie dürsten nach dem Lande der rothen Männer - wohlan! Sie mögen ihren Durst löschen - hier ist das Land und dort das Wasser!«

Mit teuflischem Hohnlachen ging er davon. Die Indianer begannen die Anstalten zu ihrer letzten Mahlzeit zu treffen, ohne sich anscheinend weiter um uns zu kümmern. Unser Jammer, das Flehen und Stöhnen der Verschmachtenden um einen Tropfen Wasser schien Musik in ihren Ohren.

Die Nacht sank herab - große Feuer wurden angezündet, um die sich die Apachen lagerten. Ihr Schein spiegelte sich in dem rauschenden Sturz der Quelle - der Anblick und das Murmeln des Wassers erhöhte unsere Leiden. Ich hatte anfangs alle Kraft zusammengenommen,

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um der Bosheit dieser menschlichen Teufel Trotz zu bieten; aber der Jammer um mich her brach auch den letzten Rest meines Stolzes. Unsere Leiden wurden unerträglich - ich bat, ich flehte den schändlichen Buben an, der uns so verrätherisch in die Hände der Wilden geliefert, uns wenigstens einen Trunk Wasser zu reichen, ich erinnerte ihn an alle Wohlthaten, an alle Freundlichkeit, die er in meiner Familie genossen.

Es war das erste Mal, daß der Verräther das Wort an mich richtete.

»Das Unglück wäre nicht geschehen, Señor,« sagte er frech, »wenn Sie mir nicht die Hand Ihrer Tochter verweigert hätten. Ich fürchte, ich kann Nichts thun zu Ihren Gunsten bei den Indianern, wenn Maria sich nicht entschließt, meine Liebe zu erhören.«

»Lieber möge sie sterben, wie der Mann ihres Herzens, als daß sie einem solchen Schurken angehört,« rief ich erbittert. Der Verräther zuckte hohnlächelnd die Achseln und ging zu dem Feuer der Wilden, um an ihrem Mahle Theil zu nehmen.

Eine neue Erscheinung zog, wenn auch nur auf Augenblicke, unsere Aufmerksamkeit von unsern Leiden ab. Zehn oder zwölf junge Krieger des Stammes kehrten aus der Prairie zurück. Schon von fernher verkündete gellendes Triumphgeschrei ihr Herrannahen, und als sie herbei galopirten, sah ich, daß sie in den Schlingen ihrer Lasso's, drei oder vier Reiter zusammen je einen dunklen großen Körper hinter sich herschleiften. Doch blieben sie zu weit entfernt von dem Feuer, und ihre ihnen entgegeneilenden

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Genossen waren zu dicht um sie versammelt, als daß ich hätte zu erkennen vermocht, welche Jagdbeute sie mit sich führten.

Unser Leiden wurde ohnehin so unerträglich, daß alles Andere aus unsern Gedanken schwand.

Wo soll ich die Worte hernehmen, Freunde, um Ihnen das Entsetzliche jener Nacht zu schildern; die Qualen des Hungers vermehrten jetzt noch die Schmerzen, die wir ohnehin schon empfanden. Niemand von uns hatte daran gedacht, während des Tages und der vergangenen Nacht Speise zu sich zu nehmen, um den Durst nicht noch zu vermehren. Unsere Zungen klebten am Gaumen - Schlund und Hals glühten in trockener Fieberhitze, ein Feuer schien unsere Eingeweide zu zerreißen - das Blut füllte unser Gehirn und zauberte uns wilde Träume vor -

»Wasser! Wasser! Um Gottes ewiger Barmherzigkeit willen, gebt mir einen Tropfen Wasser!«

Es war die Stimme meiner Tochter - die unsägliche Qual machte sie im furchtbaren Egoismus des Leidens bereits vergessen, daß der Mann, für welchen sie noch vor zwei Tagen in aufopfernder Liebe gewiß ihr Leben hingegeben haben würde, jetzt todt, erschlagen nur wenige Schritte von ihren Füßen entfernt lag.

Mein Weib suchte um ihres Gatten, ihrer Kinder willen ihre eigenen Leiden zu unterdrücken und mit heiserem, kaum noch verständlichem Ton dem unglücklichen Mädchen Trost einzusprechen. Aber auch ihre Kraft brach - bald verkündete mir nur noch von Zeit zu Zeit ein Stöhnen, daß sie lebte. Die Gattin des Kapitains, ein zartes

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schwaches Geschöpf, hing wieder bewußtlos in ihren Banden, die Seelenangst und das körperliche Leiden hatten sie überwältigt - an den Bäumen und Steinen wanden und krümmten sich meine vier Diener und Begleiter, bald jammernd um Wasser, bald ihre Schutzheiligen anrufend oder in wilde lästerliche Flüche ausbrechend.

Freunde - es ist schlimm, selbst zu leiden, aber tausendmal schlimmer, die Leiden Derer zu sehen, die man liebt! Noch jetzt, in der Erinnerung, erzittert jedes der in jener Nacht ergrauten Haare meines Hauptes in dem Gedanken an sie. Ich betete zu Gott und seinen Engeln, zur heiligen Jungfrau und ihrem Sohn, uns lieber durch einen raschen Tod von diesen Qualen zu erlösen - ich flehte wie ein weinendes Kind diese Teufel in Menschengestalt an, uns nicht verschmachten zu lassen - ich tobte und weinte - ich zerrte mit der Kraft eines Rasenden an den Banden, die mich hielten, - bis ich zuletzt, jede meiner Fibern erschöpft, in einen Zustand stumpfsinniger Abspannung versank.

So verging die Nacht! Möge Gott Euch und jeden Christenmenschen vor einer ähnlichen bewahren. Unter dem Wimmern der Leidenden, unter den Flüchen der Verzweiflung hatte die Schaar jener Teufel ruhig an ihren Feuern geschlafen - sie wußten sich so sicher, daß sie nicht einmal für nöthig hielten, mehr als eine Wache auszustellen.

Damals, Freunde, empfand ich, was der Thau des Himmels für die dürstende Erde ist. Wie das Manna der Wüste legte der Morgennebel sich auf meine

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vertrocknete Zunge und erfrischte sie einigermaßen. Ich weiß nicht, wie es meinen Leidensgefährten ergangen, denn Gott hat nicht gewollt, daß ich einen von ihnen danach fragen sollte; - aber ich wenigstens hatte für die noch schrecklicheren Leiden, die uns erwarteten, wieder einige Kraft gewonnen, als der Morgen graute und der gellende Ruf des Wächters der Thiere die Schläfer aufscheuchte.

Die Sonnenscheibe stieg über den Horizont empor und vergoldete mit ihren ersten Strahlen das rauschende Wasser der Quelle, die für uns Rettung, Leben hieß. In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar der rothen Teufel auf und wie ich nicht ohne Erstaunen sah, damit beschäftigt, ihr Lager abzubrechen, was freilich nicht viel Zeit und Mühe erforderte. In dem Licht des großen Gestirns, dessen Strahl beleben und tödten kann, sah ich jetzt meine Leidensgefährten, auch den Kapitain und meinen armen Jungen, dessen Augen fortwährend auf mich und seine Mutter gerichtet waren, gleich als suche er Hilfe bei uns, den Ohnmächtigen gleich ihm.

Mit dem Sonnenschein kamen auch meine Genossen im Unglück wieder zum Bewußtsein und die Qualen des Durstes stellten sich auf's Neue ein, noch grimmiger als zuvor, während die Indianer ihre Thiere zu der Quelle führten und sie in langen Zügen trinken ließen.

Ich bemerkte jetzt, daß sie die unseren, welche die Frauen hierher getragen, an den Füßen gefesselt zu Boden geworfen hatten, und daß der Verräther Xaverio mit den beiden Häuptlingen eine angelegentliche Unterredung hielt, bei der er eine Forderung an sie zu stellen schien, welche

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die Schlange mit boshaftem Grinsen, der Gileno mit stolzem Schweigen beantworteten.

»Wasser! ich sterbe - Barmherzigkeit - Wasser! -«

Der finstre Häuptling der Gileno's trat zu dem jammernden sterbenden Mädchen. »In dem Wigwam eines großen Kriegers ist ein Platz leer,« sagte er. »Den Weibern Makotöh's fehlt es niemals an Wildprett und Wasser. Seine Hand schlägt die Weißen und bringt rothe Decken und Perlen für seine Frauen heim. Will das weiße Reh mir folgen?«

»Wasser! Wasser!« wimmerte die Unglückliche.

Der »Graue Bär« füllte an der Quelle eine hölzerne Schaale und näherte sie bis auf Spannenweite dem Munde des armen Kindes, das mit brennenden Augen auf die Flüssigkeit sah.

»Willst Du die Bleichgesichter verlassen und in den Wigwam der rothen Männer kommen?«

Ihr brechendes Auge richtete sich wie in stummem Flehen auf mich und ihre Mutter - ich wendete meinen Blick zur Seite. »Wasser - ich sterbe!« murmelte das unglückliche Geschöpf, dessen Sinne sich offenbar zu verwirren begannen.

»Will das weiße Reh ihren rothen Freunden folgen?«

»Alles - Alles - nur Wasser!«

Auf einen Wink des Gileno zerschnitt der Häuptling der Meskalero's, der mit boshafter Freude ihre Leiden beobachtete, langsam die Bande des Mädchens.

Mit ausgestreckten Armen, von dem Arriero unterstützt, offenbar nicht wissend, was sie that, nur dem

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Instinkt der thierischen Natur folgend wankte das Mädchen dem Gileno nach, der Schritt um Schritt mit der Schaale Wasser in der Hand vor ihr zurückwich.

Einen boshaften triumphirenden Blick warf der Verräther Xaverio auf mich, dann folgte er ihnen, die hinter einem Vorsprung des Gesteins verschwanden.

»Maldito seas para siempre!« Der wilde Fluch war Alles was ich hinter ihnen drein schleudern konnte, während mein armes Weib ohnmächtig wurde.

Es war wenigstens gut, daß sie das nicht sah, was nun folgte.

Der Gileno und der verrätherische Mestize waren mit meiner unglücklichen Tochter kaum hinter dem Gestein verschwunden, als der falschzüngige Häuptling der Meskalero's das Zeichen zu einem neuen furchtbaren Verbrechen mit der Wollust gab, wie sie sie nur ein Teufel an Leiden und Schmerzen haben kann ...

Der Erzähler schwieg einige Augenblicke und starrte vor sich hin, gleichsam, als suche er neue Fassung und Kraft zur Erzählung seines weiteren Unglücks. Man hörte den Courier unruhig auf seinem Steinsitz hin- und herrutschen, - sonst beobachteten Alle tiefes theilnehmendes Schweigen, bis Eisenarm das Wort nahm: »Ich erinnere mich, etwas von der Geschichte gehört zu haben, Jaguar. Ich und Dein Vater jagten damals mit den Kriegern Deines Stammes im Osten an der Gränze der Ansiedlungen. Ein Jahr nachher war es, daß die Apachen Euer Dorf überfielen, während ich fern war, und alle Mitglieder Deiner Familie erschlugen bis auf Dich und

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Windenblüthe, die nur durch Gottes Schickung dem Tode entging. Die verrätherische Schlange trägt noch das erste Kennzeichen meiner Abrechnung am Halse und ich hoffe, ehe ich mein Haupt auf der Prairie zum letzten Schlafe niederlege, die Rechnung mit ihm und dem Grauen Bären noch vollständig auszugleichen. Und jetzt, Compañero, erzählen Sie, wenn es Ihnen genehm, Ihre traurige Geschichte weiter und seien Sie überzeugt, daß sie bei unserer Abrechnung mit den beiden Schurken nicht vergessen werden soll!«

Der Kreuzträger schwieg noch einige Augenblicke in finsterm Sinnen, dann setzte er in dem früheren melancholischen Tone seine Erzählung fort.

[»]»Mehrere Krieger der Mescalero's,« lautete diese Fortsetzung, »gingen jetzt zu den beiden am Boden liegenden Geknebelten, hoben sie auf und trugen sie zu den etwa zweihundert Schritt von dem Lager entfernten Körpern, welche die Jäger am Abend vorher mit ihren Lasso's herbeigeschleppt hatten. Zugleich machten alle anderen ihre Pferde bereit, um sich aufzuschwingen.

Ich sehe noch in meinen Träumen den Blick voll Verzweiflung und doch voll Trotz und Haß gegen seine Feinde, den der arme verschmachtende Knabe auf mich heftete, als man ihn an mir vorüber trug.

»Mörder - Teufel - was beginnt Ihr?« stöhnte ich.

»Wis-con-Tah hat die jungen Männer der Bleichgesichter eingeladen, mit seinen Kriegern die Büffel zu jagen. Ein Häuptling hält sein Wort! Sie sollen den

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vordersten Platz haben unter meinen Jägern!« Der Mescalero schwang sich auf sein Pferd.

»Erbarmen« - flehte ich - »habe Mitleid mit diesen Unschuldigen! Löse unsere Bande!«

Der Häuptling hob seine Lanze - die Gruppe der Krieger, die um Robert und den Kapitain beschäftigt gewesen waren, stob auseinander, die gelösten Lasso's wurden zurückgezogen, die dunklen Körper sprangen empor und schüttelten sich wild - Gott im Himmel, jetzt erst konnte ich erkennen, daß es zwei junge Büffelstiere waren und auf ihren Nacken, zwischen Mähnen und Schwanz, unbeweglich auf dem Rücken liegend befestigt zwei menschliche Gestalten - Robert meinen Sohn, meinen einzigen Sohn und den amerikanischen Kapitain!

Die rothen Teufel hatten im letzten Augenblick den Knebel aus ihrem Mund entfernt, - ich hörte den gellenden Ruf: »Vater! - rette mich!« den letzten Ton meines geliebten Kindes, und rang wie wahnsinnig in meinen Banden!

Dann sah ich, wie - von der menschlichen Stimme und ihrer Last erschreckt, - die Büffel sich im Kreise herumdrehten und mit gesenktem Haupt hinein galopirten in die Wüste.

Es brauste in meinen Ohren - es glühte in meinem Hirn - ich schrie, als wolle mir die Brust zerspringen, - vor meinen Augen wurde es Nacht - Nacht -! Als ich wieder zu mir kam, war ich allein, allein mit meinen Leidensgenossen, gefesselt an Baum und Fels - beraubt meiner Kinder, und wenige Schritte von uns rieselte lustig

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im Sonnenschein der Quell, den Keiner von uns erreichen konnte! -

Was soll ich noch viele Worte machen! Die Erinnerung wühlt wie Feuer in meiner Seele! und Feuer brannte damals auch auf meinen Körper nieder, denn höher und höher stieg, die Sonne, und ihre glühenden Strahlen bohrten sich in unser Hirn.

Der ausbrechende Wahnsinn erlöste zwei meiner Leidensgenossen von dem Bewußtsein ihrer Schmerzen; ihr Geheul glich dem des Schakals, wie es gellend durch die Einöde drang. - Am Abend starb mein Weib, wenigstens muß ich diese Zeit annehmen, da sie von da ab mir keine Antwort mehr gab.

So kam wieder die Nacht und verging die Nacht - stiller und stiller wurde das Geschrei der Tollen - endlich hörte es ganz auf. Mein eigener Zustand glich bereits dem Wahnsinn. Bald empfand ich gar Nichts - bald glaubte ich mich am wohlbesetzten Tisch in Mitten meiner Familie und aß und trank, ohne satt zu werden; - bald sah ich grüne blumige Wiesen vor mir und rauschende Flüsse, und wenn ich mich vom Ufer hineinstürzen wollte in die kühlende Fluth, wich das Wasser in unerreichbare Ferne zurück.

Nochmals begann ein Tag - und als der brennende Strahl der Sonne wieder mich zum Bewußtsein brachte, - war Alles still um mich her - kein menschlicher Lant mehr - kein Wimmern des Schmerzes - Alles Schweigen, Schweigen, Schweigen - nur die Quelle murmelte ihr Lied und in der Nähe heulten einige Coyoten, welche die

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Nähe der menschlichen Körper noch verhinderte, ihren Durst zu stillen.

Was weiter mit mir geschah - ich wußte es nicht, ein oder zwei Mal nur weckte mich der scharfe Zahn der Thiere, die eine unbewußte Bewegung des Körpers wieder verscheuchte, während ich schon im nächsten Augenblick wieder in Erstarrung verfiel.

Als ich endlich mit dem Gefühl einer todesähnlichen Schwäche wieder erwachte und in Folge einer wohlthuenden Kühle, die mein Gesicht erfrischte, mühsam die Augen aufschlug, war es Morgen, - wie ich nachher erfuhr, der fünfte seit unserem Abzug von der Lagerstelle, an welcher ich den unseeligen Vertrag mit den Apachen geschlossen und den Weg durch die Einöde angetreten hatte. Unbekannte Männer in der Kleidung der weißen Jäger und Reisenden waren um mich beschäftigt, rieben meine Glieder und hatten mir Branntwein in die vertrocknete Kehle eingeflößt. Ihre ermunternden Worte tönten mir anfangs nur wie fernes Gemurmel in die Ohren, - ich verstand sie nicht. Erst als mein Blick auf das von Quetschungen und Wunden mehrfach entstellte aber doch wieder lebenskräftige Gesicht des Kapitain Masterton fiel, wie er langsam an meine Seite trat, fuhr ein hellerer Strahl des Bewußtseins wieder durch meine Seele und meine Lippen murmelten einen Namen: den meines Sohnes!

Ich sah, wie die Fremden mit finsteren, traurigen Blicken mich umstanden und wie der Kapitain sich zur Seite wandte, indem zwei große Thränen über sein wackeres Gesicht rannen, und hörte ihn murmeln: »Armer Mann!

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armer Vater!« - dann schwand auf's Neue mein Bewußtsein.

Erst nach Wochen gelangte ich wieder zur vollen Herrschaft über meine Vernunft, - so lange hatte ich zwischen Tod und Leben gelegen, oft in wilder Fieberhitze, oft starr und beweglos; - Gott wollte nicht, daß ich jetzt schon mit meinen vorangegangenen Lieben vereinigt sei - ich hatte noch eine Aufgabe auf Erden zu vollenden. Ich befand mich in San Rosalia, gepflegt durch die Fürsorge des braven Kapitain Masterton und seiner Gattin; denn wunderbarer Weise hatte das zarte, schwächliche Weib außer mir allein all' das Elend überstanden, unter dem so viele stärkere, an Entbehrungen gewöhnte Naturen zusammengebrochen waren. Jetzt auch hörte ich zuerst, wie und wann man mich gefunden. Kapitain Masterton, Robert und der Arriero hatten schon drei Stunden, nachdem sie uns verließen, die Quelle der Engel erreicht und hier den Häuptling der Mescalero's mit seinen Jägern und dem wilden Gileno, der sich mit ihm zur Jagd vereinigt, gefunden. Der Schlag gegen uns schien lange vorher überlegt und vorbereitet - offenbar war er mit dem verrätherischen Boten, den ich zur Unterhandlung an die Schlange gesandt, verabredet. Als die beiden jungen Männer zunächst zur Quelle wollten und über die Verweigerung des Wassers in Streit geriethen, geschah es ihnen, wie später uns. Der tückische Häuptling hatte mir Rache gelobt für die frühere Verweigerung des Tributs und die Abwehr seines Angriffs, während der Mestize sich für die Zurückweisung Maria's rächen und sie dennoch zu seinem Eigenthum machen wollte. Mit einem

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mehr als teuflischen Hohn prahlte der Apache mit der Haltung des Vertrages und seines Wortes, indem er uns zugleich in der grausamsten Weise vernichtete, und da er wohl begriff, was die schrecklichste Marter für mich sein mußte, verdoppelte er die Leiden des Vaters durch die seiner Kinder.

Genug davon! - ich habe Ihnen noch zu erzählen, welchem Umstand ich selbst meine Rettung, oder vielmehr meine Befreiung verdankte. Kapitain Masterton, wie Sie bereits errathen haben werden, war die Ursache davon. Ich habe einmal erzählen hören, daß in den alten Ländern drüben über'm Meer, in einem Lande, das man Polen nennt, in früheren Zeiten ein junger Mann von seinen Feinden auf ein wildes Pferd geschnürt worden sei, das viele Tage und viele Nächte mit ihm durch die Wälder und Steppen raste, bis es endlich todt zu Boden stürzte und der bewußtlose Reiter von fremden Männern gefunden und befreit wurde. Aehnlich ging es dem Kapitain. Als der Büffel, auf den er nach dem Befehl des Häuptlings gebunden worden, mit ihm davon raste und die Apachen hinter ihm drein galopirten, das geängstete Thier zur wildesten Flucht treibend, gab er sich verloren und befahl seine Seele dem Allmächtigen. Aber die Heiligen, - obschon er nicht daran glaubt, - waren mit ihm. Der Büffel mußte bald den Indianern aus den Augen gekommen sein, die sich wohl auch nicht mehr um ihn kümmerten, da sie des Todes ihres Opfers sicher waren, und nachdem er manche Stunde in tollem Lauf zurückgelegt und vergeblich alle Anstrengungen gemacht hatte, sich von seinem unglücklichen Reiter zu befreien, fand dieser - den die neuen körperlichen Schmerzen

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wenigstens aus der Lethargie des verzehrenden Durstes aufgerüttelt hatten, - daß durch die Anstrengungen des Thiers die Bande seiner rechten Hand sich gelockert hatten. Zerstoßen und zerschlagen, wie er war, gelang es ihm doch, seine Hand zu lösen, und indem er sich erinnerte, daß er ein starkes Einschlagemesser bei sich trug - denn die Apachen in ihrer teuflischen Auslegung des Vertrages hatten verschmäht, ihn zu berauben! - gelang es ihm, dasselbe hervorzuholen und mit den Zähnen zu öffnen. Dann - den Tod dem längern Ertragen seiner Qualen vorziehend - bohrte er die scharfe Klinge wiederholt in die Flanken des Thiers, das vor Schmerz und Wuth brüllend seine Anstrengungen verdoppelte, bis, es endlich von dem rasenden Lauf und dem Blutverlust erschöpft zu Boden sank und verendete. Der Kapitain hatte dabei den linken Arm gebrochen und sein ganzer Körper war mit Wunden und Quetschungen bedeckt; aber als es ihm jetzt endlich gelang, sich von seinem wilden Rosse frei zu machen, sah er in der Entfernung von wenigen hundert Schritten das schilfumkränzte Ufer des See's Aquaverde vor sich. Mit seinen letzten Kräften kroch er dorthin, kühlte das brennende Innere und seine Wunden mit dem Wasser und sank dann am Ufer im Schatten einer Tamarinde in einen tiefen Schlaf. So fanden ihn am andern Tage weiße Jäger und Reisende, die von Monclova kommend, einige Tage am entgegengesetzten Ufer des See's zur Jagd verweilt hatten. Als der Kapitain wieder zum Gebrauch seiner Sprache gekommen, war das Erste, den Männern unser schreckliches Schicksal mitzutheilen, und sie mit dem Versprechen einer

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reichlichen Belohnung aufzufordern, ihn nach der Quelle der Engel zu begleiten, um wenigstens unseren Ueberresten ein Grab zu bereiten; denn er zweifelte natürlich nicht, daß die Indianer uns Alle getödtet hätten. Zum Glück waren es wackere Männer, nicht jener Abschaum unserer Farbe, der den Namen von Christen in der Wüste entehrt und so schlecht ist, wie der schlimmste Apache, und es bedurfte des Versprechens kaum, um sie bereitwillig zu dem Zuge zu machen, denn die Erzählung der schändlichen Treulosigkeit hatte Aller Blut empört. Aber eines Theils galt es große Vorsicht; denn man mußte fürchten, auf die Horde der Apachen zu stoßen und wußte, daß deren Zahl bedeutend war; andererseits machte der körperliche Zustand des Kapitains es unmöglich, einen raschen und anstrengenden Marsch zurückzulegen, und so kam es, daß meine Erretter erst am zweiten Morgen auf der Stätte des Verbrechens anlangten.

Von den Apachen hatten sie keine Spur mehr gefunden - unser altes Lager war, wie sich später ergab, unberührt, und an dem Palmenstamm über meinem Haupt hing mit einem Pfeil angeheftet, mitten durchgerissen, der unglückselige Vertrag. Vergebens waren alle Bemühungen unserer Retter, noch andere unser Unglücksgefährten wieder in's Leben zurückzurufen, und lange, ehe ich erwachte, hatten sie schon die von den Coyoten verstümmelten Reste meines Weibes, meines Eidams und meiner Diener begraben. Nur an mir und der jungen Frau hatte man noch Spuren des Lebens gefunden, und den umsichtigen Anstalten Kapitain Mastertons gelang es nach langem Bemühen,

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zuerst seine Gattin und endlich auch mich in's Leben zurückzurufen. Die Dame erholte sich rasch und soll jetzt eine glückliche Frau und Mutter in den Vereinigten Staaten sein, mich aber, wie gesagt, warfen die unsäglichen Leiden, die ich erduldet, in schwere Krankheit und in diesem Zustand brachte man mich und mein Eigenthum bis auf die verdursteten Thiere nach San Rosalia, wo mich der Kapitain und seine Frau während ihres Verweilens sorgfältig pflegten.

Lassen Sie mich, Compañero's, mit meiner Geschichte zu Ende kommen. Als ich mich wieder von meinem Lager erheben und hinaus treten konnte unter Menschen, die im Besitz ihrer Familien glücklich waren, ein vereinsamter, unglücklicher Mann, übergab mir Kapitain Masterton meine Habe und die Quittung der Kaufleute, an welche die Ladung consignirt gewesen, nahm Abschied von mir und reiste mit seiner schon längst genesenen Gattin durch den Süden und über das Meer zurück nach seiner Heimath, - ich kann kaum sagen, begleitet von meinem Dank und meinen Segenswünschen. Drei Tage darauf hatte ich all' meine Habe auf Erden zur Stiftung von Seelenmessen für meine gemordeten Lieben verwendet und behielt Nichts zurück, als dieses silberne Kreuz, das die Männer von dem Halse meiner todten Frau genommen, meine Büchse und das nöthigste Geld, um Pulver und Blei zu kaufen. Dann richtete ich meine Schritte nach der Wüste, und der Name Eustach Saville ist nie mehr gehört worden!««

»Und Ihr Gelübde?« frug der Vaquero.

»Knabe,«sagte der alte Mann, - »Du sollst es hören! - Als ich meine Schritte zur Einöde kehrte, war es,

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um noch einmal jene Quelle der Engel zu besuchen, die menschliche Teufel zum Kirchhof meines Glückes gemacht hatten. Da - auf dem Steinhügel - den mitleidige Hände über dem gemeinsamen Grabe der Gemordeten aufgerichtet, schwor ich auf dieses Kreuz einen schrecklichen aber einen heiligen Eid der Vergeltung, die ich Gott nicht überlassen wollte. Seit jenem Tage hat ein Kampf der Vernichtung zwischen mir und dem Volke der Apachen begonnen, und hier« - der Wegweiser zog das seltsame Abrechnungsbuch aus seinem Gürtel und streckte es empor - »ist der Beweis, daß El Crucifero bisher in der Einöde sein Wort gehalten!«

Eine tiefe Stille folgte diesen Worten des unglücklichen Vaters, dann erhob sich der Lord, trat zu Kreuzträger und legte die Hand auf seine Achsel. »Ich begreife Ihre Leiden und Ihren Schwur,« sagte er ernst, - »auch ich habe einen solchen gethan, Sir, und wenn Sie die Geschichte meines Lebens kennten, würden Sie sich nicht wundern, mich an der Seite Derer gefunden zu haben, die Sie Ihrer Kinder beraubten. Sie haben der Feinde Viele, - ich nur Einen, aber ich verfolge ihn durch die Welt, und wer ihn vor meiner Rache schützt, ist mein Gegner!«

»Mylord,« sprach der alte Mann, - »ich bin mit Ihrer Geschichte nicht so unbekannt, als Sie glauben und verurtheile Ihre Handlungsweise nicht, wenn ich auch meine, es hätte zur Vollziehung des Strafgerichtes an jenem Schurken, der prahlerisch selbst seines Verbrechens sich rühmte, nicht Ihres Bündnisses mit jenen Teufeln gegen Christen bedurft, denen Sie einst selbst die Lehren des Evangeliums

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verkündet haben. Ich sollte das nicht sagen, da ich wohl weiß, daß die Lehre des Heilands lautet: Liebet eure Feinde und vergebet Denen, die euch beleidigen und verfolgen! - Aber Gott der Herr bedient sich des Menschenarms auch zur Strafe; als seinen Rächer betrachte ich mich und Sie, und deshalb lasse ich Sie frei Ihres Weges gehn, wenn wir diesen Ort verlassen haben.«

»Und das wird hoffentlich bald geschehen, Kamerad,« meinte der Trapper, »denn die Sonnenstrahlen beginnen bereits den Grund dieses Kessels zu erhellen und wir müssen Kundschaft von der Hacienda haben. Unterdeß kann ich Ihnen zum Trost sagen, daß die Bibel unmöglich für die Halunken, die Apachen gemacht sein kann, und daß Sie in mir und dem Toyah dort zwei nicht zu verachtende Genossen finden bei der Ausrottung des Gewürms. Wir haben ohnehin selber eine tüchtige Rechnung mit ihnen. Aber ich möchte Sie Eins noch fragen, denn ich höre eine Geschichte gern vollständig zu Ende. Haben Sie nie Etwas von dem Schicksal Ihres Sohnes, des armen Jungen, gehört?«

»Niemals!«

»Das ist freilich schlimm genug und schlägt alle Hoffnung nieder, daß es ihm geglückt sein könnte, zu entkommen gleich dem Kapitain Masterton, der ein ganz wackerer Mann sein muß und dem ich wohl die Hand drücken möchte. - Und - verzeihen Sie die Frage, aber sie kommt aus dem Munde eines theilnehmenden Freundes - wissen Sie auch Nichts von dem Schicksal Ihrer Tochter?«

Der Wegweiser sah mit einem seltsamen Ausdruck des

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Auges vor sich hin. »Maria ist das Weib Xaverio's und lebt in seinem Wigwam bei den Apachen.«

»Das ist falsch!« sagte hastig und wie sich vergessend eine Stimme im Kreise - »sie ist todt!«

Das Wort war noch nicht ausgesprochen, als der Kreuzträger seine Büchse fallen ließ, über die Reste des Feuers sprang, und Volaros den Courier an der Kehle faßte.

»Verfluchter - Du hast Dich verrathen! meine Augen hatten mich also nicht getäuscht!«

Der Courier wehrte sich mit aller Kraft. »Lassen Sie mich los, Señor - ich bin nicht Xaverio - es ist ein Irrthum! Mein Name ist Miguel Lopez - ich bin in Guaymas bekannt und habe Weib und Kinder!«

Ohne ihn loszulassen, schleppte der alte Mann mit Riesenkraft den Sträubenden zum Eingang der Höhle und hielt ihn auf Armslänge von sich.

Der volle Strahl des Sonnenlichts fiel auf das todtbleiche, nach Luft schnappende Gesicht des Mannes.

»Xaverio - Volaros - Miguel Lopez!« sagte der alte Mann mit einer Stimme, die wie das ferne Donnern des Orkans vor seinem Ausbluch klang, - »es ist Alles ein Mann und der bist Du! Leugne nicht Verräther - Dein Bart und fünf Jahre vermögen nicht, das Auge der Vergeltung zu täuschen, und Du mußt sterben, sterben wie ein Hund unter der Sohle meines Fußes!«

Er ließ den Mestizen zu Boden fallen und setzte den Fuß auf seine Brust, indem er langsam das scharfe starke Messer aus seinem Gürtel zog.

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»Glaubst Du, Verfluchter - schlimmer als die rothen Teufel, da sie nur ihrem Haß und ihrer Natur folgten, während Du ein Christ bist und an meinem Tische mein Brod assest[aßest], daß ein Vaterherz sich nicht um sein Kind kümmert, auch wenn es dasselbe verloren geben muß? Glaubst Du Elender, daß ich nicht wußte, wie Dein Verrath Dich selbst um Deinen Lohn gebracht, indem der wilde Gileno Deine Forderung verhöhnte und meine weiße Taube in seinen eigenen Wigwam schleppte, wo sie unter schlimmerem Elend, als der Tod an der Quelle gewesen wäre, zu Grunde ging? - Jahrelang habe ich vergeblich Deine Spur gesucht und von Gott dem Herrn die Gnade ersteht, Dich in meine Hand zu geben! - Die Stunde ist da - Gott hat mich erhört - bereite Dich zur Rechenschaft vor seinem Thron!«

»Gnade - Barmherzigkeit! ich gestehe mein Verbrechen - aber Gnade!«

»Barmherzigkeit erstehe dort oben, nicht von mir! - Er hob den Arm, die breite Klinge funkelte im Sonnenstrahl.

Der Elende machte eine verzweifelte Anstrengung unter dem Fuß, der wie ein Centnergewicht auf ihm lastete. »Señor Eisenarm - Mylord, zu Hilfe! Soll ich vor Ihren Augen ermordet werden?«

»Niemand wird eines Verräthers, wie Du, sich annehmen! Stirb und sei verflucht!«

Der Arm Kreuzträgers hob sich und war im Begriff niederzusinken, als die Hand Eisenarm's ihn packte und ihn sanft, aber mit unwiderstehlicher Gewalt festhielt.

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»Freund,« sagte der Trapper mit bewegtem Ton - »verzeiht mir, daß ich Eure gerechte Rache verhindere, - aber dieser Mann darf nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier!«

»Wie, Señor, Sie wollen einen Elenden, einen Mörder - einen Verräther beschützen, der mir das Liebste auf der Welt geraubt?«

»Er verdient hundertfachen Tod - ich selbst würde mit Vergnügen ihm eine Kngel durch den Kopf jagen, - aber Sie vergessen, daß ich ihm unser Wort verpfändet habe, ihm und den beiden Fremden!«

»Was kümmert mich Ihr Versprechen?« brauste der alte Mann auf, indem er einen neuen Versuch machte, sein Messer durch die Kehle des Regierungsboten zu stoßen - »ich habe ihm keines gegeben und so wahr ...«

»Schwören Sie nicht, Señor Crucifero,« entgegnete ernst der Trapper. »Sie gaben Ihr Wort nicht, aber ich und der Jaguar haben das unsere verpfändet auf drei Tage Urfehde, und Sie kennen das Gesetz der Wildniß, das uns gebietet, sein Leben zu schützen selbst gegen unsern besten Freund!«

Der Wegweiser preßte finster die Zähne auf einander und zog langsam den Fuß von der Brust seines Feindes. »Steh auf,« sagte er - »Du bist sicher! Aber wehe Dir, wenn wir uns wieder treffen! Euch aber will ich verlassen; denn meines Feindes Freunde können nicht die meinen sein, und niemals soll ein Dach sich über Eustach Saville und dem Verderber seiner Kinder wölben!«

Es lag etwas Großartiges und Erhabenes in dem

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Schmerz des alten Mannes und in der Besiegung seiner Leidenschaft.

Er legte die bisher benutzte Büchse des Yankee nieder und winkte dem jungen Vaquero. »Komm, mein Sohn,« sagte er einfach, »ich konnte hier nicht für mich stehen und diese beiden Männer werden genügen, die Dame zu schützen, bis wir ihnen von der Hacienda Hilfe oder Nachricht senden können. - Leben Sie wohl, Monsieur Eisenarm, wir sind quitt für den Schuß an der Wasserschlucht!«

»Noch nicht ganz, Señor, noch nicht ganz!« sagte der Trapper. »Caramba, ich denke es Ihnen zu beweisen, wenn dieser halbblütige Halunke nach Verlauf von drei Tagen es wagt, mir vor das Korn meiner Büchse zu kommen. Ich verdenke es Ihnen nicht, daß Sie gehen, - Sie werden uns hoffentlich bald Ablösung senden. Aber da ist noch Jemand, der Ihnen zuvor gern die Hand drücken möchte!«

Er wies auf den Verwundeten, der sich mühsam halb emporgerichtet hatte und dem Kreuzträger die Hand hinreichte.

»Gehen Sie mit Gott, Monsieur,« sagte der Preuße mit einem funkelnden Blick auf den Courier, als der Wegweiser ihm die Hand schüttelte, »und sorgen Sie für die Sicherheit dieser Frauen. Wenn der Himmel Ewald[Arnold] v. Kleist gesunden läßt, dann nehmen Sie mein Ehrenwort darauf, daß früh oder spät ich Ihre Tochter rächen werde, wenn der eigene Vater es nicht zu thun vermochte.«

Der alte Mann wandte sich ab; - ohne weiter ein Wort zu sagen, ohne dem Verräther noch einen Blick

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zuzuwerfen, schritt er, von Diaz gefolgt, aus der Höhle und über den Grund des Kraters, die beiden Pferde mit sich führend, die sie bei ihrer Flucht von dem Weideplatz der Apachen benutzt und bei ihrer Rückkehr zum Lager derselben hier untergebracht hatten.

Drückendes Schweigen, ein Gefühl, als habe man ein Unrecht gethan, lastete auf den Zurückgebliebenen. Aller Augen hafteten am Boden, obschon der Courier sich in den entferntesten Winkel der Höhle zurückgezogen hatte, - nur das Auge des Jaguar war den Fortgehenden gefolgt.

So waren etwa fünf Minuten vergangen und der Trapper richtete eben den Kopf in die Höhe, um das lästige Schweigen zu brechen, als plötzlich in einiger Entfernung jenseits der Umwallung des Kraters ein Schuß knallte, welchem alsbald das jedem der Versteckten wohlbekannte Angriffsgeheul der Indianer folgte.

Eisenarm war mit einem Sprung am Eingang der Höhle und wollte, die Büchse schußfertig im Arm, über den freien Grund eilen. »Die rothen Halunken haben sie überfallen,« rief er, »laß uns den Freunden zu Hilfe eilen, Jaguar!«

Die Hand des Toyah hielt ihn jedoch zurück. »Es ist zu spät,« sagte er, »sie sind todt oder in den Händen der Mimbrenos - selbst die Kraft Bras-de-fer's vermag ihnen nicht mehr zu helfen und mein weißer Freund vergißt, daß wir eine andere Pflicht haben!«

»Es ist wahr, Comanche,« meinte der Jäger, den Hahn seiner Büchse spannend und mit seinem scharfen Auge den gegenüberliegenden Zugang des Kraters bewachend,

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»aber es thut mir leid, daß wir dem alten Burschen nicht mit Kugel und Messer haben zeigen können, wie ungern wir das seine von der Kehle jenes Schurken zurück gehalten haben. Wir hätten sie nicht so von uns gehen lassen, - sondern ihnen den verborgenen Ausgang der Höhle zeigen sollen; aber dieser Starrkopf wollte ja nicht hören, obschon sein Haar weiß genug dazu ist, um Vernunft anzunehmen. Hörst Du, wie die Halunken heulen vor Vergnügen, daß sie zwei so wackere Männer zu Boden gebracht, denn auch der Knabe hat sich als Mann benommen. Ich fürchte; wir werden das Gewürm bald genug hier haben, denn sie haben sie sicher aus diesem Kessel kommen sehen und werden die Spur verfolgen. Siehst Du etwas, Jaguar?«

Die Frage erhielt eine genügende Antwort - die Büchse des Toyah flog rasch an seine Wange und ihrem Knall folgte ein Schrei, mit dem der Körper eines indianischen Kriegers an der Wand des Kessels niederrollte.

Der Toyah erhob sich kaltblütig von seiner Stelle. »Eisenarm möge den Platz seines Freundes einnehmen,« sagte er. »Die apachischen Füchse werden manchen Krieger im Thale der Verdammten lassen, ehe sie das Nest leer und die Vögel ausgeflogen finden.«

»Ich weiß, ich weiß, Jaguar,« meinte der Trapper, mit seiner Büchse spielend. »Ich kenne vollkommen die Vortrefflichkeit unserer Stellung und wenn Du Windenblüthe einen Wink geben willst, zur Sicherung unserer Scalpe mitunter auch einen Schuß zu thun, können wir sie lange genug aufhalten, ehe sie es wagen, über den

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offenen Grund zu kommen. Ich wünschte, Kreuzträger und der junge Vaquero wären hier, dann wollten wir die ganze Nation der Apachen an diesem Paß aufhalten, so lange ein Sonnenstrahl uns das Korn unserer Büchsen zeigt. Beruhige die Weiber, Jaguar und sieh nach unserem Pulver und den Gefangenen, daß sie keine Teufeleien in unserem Rücken treiben. Dieser Steinblock wird das Mädchen schützen, als wäre sie hinter der besten Mauer in den Städten.«

Der Toyah, nachdem er seine Büchse wieder geladen, trat in das Innere der Höhle, von wo er zunächst die junge Indianerin mit dem Gewehr des verwundeten Offiziers dem älteren Freunde zu Hilfe sandte; Das[das] Mädchen nahm den Posten hinter dem Steinblock ein, den ihr Eisenarm mit einer besonderen Empfehlung zur Vorsicht anwies und bewachte mit der Aufmerksamkeit eines Kriegers die Bewegungen des Feindes. Die junge Haciendera war bleich aber gefaßt, während ihre Dienerin bei der neuen Gefahr schluchzte und weinte und der junge Preuße trotz seiner Wunde wieder seinen Revolver zur Hand genommen hatte, mit dem er jede Bewegung der drei Gefangenen bewachte.

»Was ist geschehen, Wonodongah?« frug die Haciendera besorgt. - »Wo ist der alte Mann und Diaz, und haben unsere Verfolger unser Versteck aufgefunden? Lieber sterben, als noch einmal in ihre Hände fallen!«

»Die Feuerblume der Prairie möge ruhig sein,« erwiderte der Indianer. »Die Hand eines Apachen soll sie

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nicht mehr berühren. Unsere Freunde sind von diesen heulenden Coyoten erschlagen; aber Eisenarm und Wonodongah genügen, die Herrin zu beschützen und kennen das Mittel, sie unbemerkt von hier fort zu führen, wenn wir das Thal der Verdammten verlassen müssen.«

»Ihr habt noch eine vierte Büchse,« sagte die Haciendera, auf das Gewehr deutend, mit dem am Tage vorher nach der Tödtung des Wachtpostens der Methodist bewaffnet worden war und die der vorsichtige Wegweiser nach der Trennung von ihm und dem Yankee an dem Ort, wo sie ihre Pferde versteckten, zurückgelassen hatte. »Du weißt, daß ich mich ihrer zu bedienen verstehe, darum laßt mich so gut Euch beistehen, wie Deine Schwester.«

Ein Schuß des jungen Mädchens bewies, daß dasselbe in der That den übernommenen Posten muthig ausfüllte. Die Señora griff nach der von ihr bezeichneten Waffe und wollte sich mit ihr nach dem Eingang des Verstecks wenden, aber eine Bewegung des Indianers, der mit unverholener Bewunderung sie ansah, hinderte sie daran.

»Wonodongah weiß, daß die Feuerblume den Muth eines Kriegers hat,« sagte er. »Ihre Hand hat nicht gezittert, als sie mit uns den Panther jagte und die Augen der Bestie durch die Nacht funkelten. Aber ihr Leben darf nicht gefährdet werden - sie möge mit Windenblüthe ihren Vertheidigern die Büchsen laden helfen, während ein Häuptling und sein Freund für sie fechten. Horch - es ist die Reihe an mir!«

In der That knallte eben die Büchse des Trappers

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und ein Wort von ihm rief den Toyah herbei. Die schöne Haciendera sah ein, daß sie sich durch das von Wonodongah vorgeschlagene Verfahren weit nützlicher machen könnte, als wenn sie selbst in das eröffnete Gefecht sich zu mischen versuchte, und indem sie Windenblüthe zu sich rief und hinter der sicheren Steinwand der Höhle mit ihr die abgeschossenen Gewehre lud, unterstützte sie in der That die Vertheidigung auf das Wirksamste.

Wir haben bereits früher bemerkt, daß die kleine Besatzung der Höhle im Besitz von vier Gewehren war, darunter von drei Büchsen; der eigenen des Trappers und der des Yankee, deren Kreuzträger sich bei dem Angriff auf das Lager bedient und die er bei seinem Verlassen der Höhle dem Indianer zurückgab, indem er dafür von diesem die Flinte des erschossenen Apachen-Häuptlings als seine Beute mit sich nahm. Der Umstand war, wie sich sogleich ergeben wird, für den Kampf nicht ohne Bedeutung. Die dritte Büchse war die des Kentuckiers, mit der sich an der Furth der Offizier bewaffnet hatte, während das vierte Gewehr, wie schon erwähnt, der ersten apachischen Schildwache gehörig, eine der gewöhnlichen amerikanischen Flinten von schlechter Beschaffenheit war, wie sie die Spekulation Unkle[Uncle] Sams seinen Verbündeten bei der geheimen Unterstützung zu liefern pflegt. Dennoch genügte bei der Nähe des Zieles die Zahl der Gewehre und das durch die Anordnung des Jaguar ermöglichte rasche Feuer, um die Bande der Indianer, welche jetzt ihr Versteck blockirte, von dem raschen Eindringen in den Kessel zurückzuhalten.

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Einige Worte werden genügen, wenn der Leser nicht selbst schon den Schluß gezogen hat, die Entdeckung des Zufluchtsortes der Flüchtlinge und den Angriff auf sie zu erläutern.

Wir wissen, daß einer der zur Bewachung des Lagers von den Häuptlingen zurückgelassenen Krieger zwar an dem Kampf zur Befreiung der Gefangenen sich betheiligt und mit einem Schuß aus seinem Hinterhalt den jungen Preußen verwundet hatte, daß er aber bei dem eiligen Abzug der kleinen Gesellschaft nicht weiter beachtet oder vergessen worden und daß er den Flüchtigen in einiger Entfernung gefolgt war. Er war ein vorsichtiger und schlauer Krieger und hatte ihre Spur nicht eher verlassen, als bis er sie in den Kessel des alten Vulkans hatte einziehen und in der Höhle ihren Ruheplatz einnehmen sehen. Dann erst hatte er sich eilig zurückgezogen, um den mit dem Angriff auf die Hacienda beschäftigten Häuptlingen von dem Ueberfall und der Flucht ihrer Gefangenen Nachricht zu bringen. Da er Zeit genug zur Beobachtung sowohl bei dem Kampfe in der Schlucht selbst, als bei seiner Verfolgung der Flüchtenden gehabt hatte, kannte er natürlich die Zahl derselben ganz genau und wußte, welche bewährten Krieger und Feinde seines Volkes sich unter ihnen befanden.

Auf dem Weg zur Hacienda war er natürlich, wie die Gesellschaft Kreuzträgers und Eisenarms selbst, auf die Reserve gestoßen, welche die Vorsicht Wis-con-Tah's zwischen der Hacienda und dem Gebirge in der Schaar der Mimbreno's und unter ihrem jungen einäugigen Häuptling aufgestellt hatte. Die Nachricht von der Flucht und der Nähe der Gefangenen brachte selbstverständlich die ganze

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Schaar in Bewegung, und als der »Fliegende Pfeil« vernahm, daß die junge Indianerin, der er seine verliebten Aufmerksamkeiten gezollt und die seinen Namen zur Täuschung benutzt hatte, unter den Flüchtigen war, zögerte er nicht, - obschon er noch keine Nachricht von dem Stande des Kampfes um die Hacienda hatte, - seine Bande zu theilen und mit der größeren Hälfte sich aufzumachen, um die Entflohenen sämmtlich wieder in seine Gewalt zu bringen.

Wenn sich der Leser die Reihenfolge der Ereignisse und die Entfernungen zusammenstellt, wird er sehen, daß dies etwa in der Zeit zwischen dem zweiten und dritten Angriff der Hauptmacht der Indianer auf die Hacienda geschah, und daß bereits das volle Morgenlicht eingetreten war, als Mechocan mit seiner Abtheilung in der Nähe des früheren Kraters, geleitet von dem Führer, eintraf.

Der »Fliegende Pfeil«, wenn auch der jüngste der vier Häuptlinge der Apachen, war doch kein unerfahrener oder unvorsichtiger Krieger, und der Ruf seiner Feinde, wie gering auch ihre Zahl war, groß genug, um ihn zu jeder Vorsicht in der Annäherung an ihr Versteck zu veranlassen.

So kam es, daß die Mitglieder der Bande, von ihren vordersten Spähern durch ein Zeichen gewarnt, Zeit hatten, sich zu verbergen, als Kreuzträger und der junge Vaquero Anstalt trafen, den Kessel des Kraters an der einzigen zugänglichen Stelle zu verlassen und, ihre Pferde am Zügel führend, zu dem Rand emporstiegen und den Durchgang passirten.

Sie hatten begonnen den Berg hinabzusteigen und

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waren eben im Begriff, sich auf die Pferde zu schwingen, als auf ein Zeichen des Fliegenden Pfeil sich die Mimbreno's auf die Ueberraschten warfen.

Der Schuß, den die in der Höhle Zurückgebliebenen gehört, kam aus der Büchse des Kreuzträgers, die sich entlud, ohne Schaden zu thun, als sich mehr als zwanzig Krieger auf das Pferd stürzten und jede Bewegung des Thiers und seines Reiters verhinderten. Die Entladung des Gewehrs war sehr gegen die Absicht der Apachen, die gehofft hatten, die beiden Feinde ohne Lärmen festzunehmen und so desto leichter die Flüchtlinge in der Höhle zu überraschen. Nachdem dies mißlungen, machte der Häuptling sofort einen Versuch, in das Innere des Kessels zu dringen, der aber, wie wir bereits erzählt, durch die Büchsen Wonodongah's und Eisenarm's vereitelt wurde.

Es ist eine bekannte, auch in unserer Erzählung mehrfach hervorgehobene Thatsache, daß die indianischen Krieger bei aller ihnen eigenen Todesverachtung doch in dem Schußgefecht jede List und Deckung suchen und sich so wenig als nur möglich exponiren. Es liegt dies ganz in dem hinterlistigen Charakter ihrer Kriegführung, die meist aus plötzlichen Ueberfällen ihres Feindes und Hinterhalten besteht. So geschah es denn auch jetzt, daß - statt eines offenen Ansturms auf die Stellung ihrer Gegner, - sie sich auf einen Wechsel von Kugeln und Pfeilen mit denselben einließen. In diesem Verfahren wurden sie noch dadurch bestärkt, daß das rasche Feuer der Belagerten gleich zu Anfang ihnen die Meinung beibringen mußte, die Zahl

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der Vertheidiger sei größer, als ihr Spion ihnen hatte angeben können.

Bei der genauen Kenntniß des indianischen Charakters rechnete Eisenarm auch sehr wohl auf diese Umstände und unterließ Nichts, den Irrthum zu verstärken. Es wurde auf jeden, auch nur den kleinsten Theil eines Gliedes zeigenden Mimbreno geschossen, und das sichere Auge der beiden gefürchteten Schützen brachte den Belagerern mehrfache Verluste bei.

Dennoch fühlte der Trapper sehr wohl, daß ein kühner Entschluß des Häuptlings dem Kampf ein Ende machen mußte und daß sie dann verloren waren; denn auf die Dauer den engen Eingang der Höhle zu vertheidigen war nicht möglich, da sie sich hierbei nur ihrer Messer und des Revolvers des Offiziers hatten bedienen können, dessen Kugeln ohnehin meist verschossen waren.

Allen Zweifeln über die Fortsetzung des Kampfes in der bisherigen Weise machte jedoch ein anderer Umstand ein Ende.

Der Toyah hatte eben einen glücklichen Schuß gethan, der den unvorsichtig hinter einem Felsblock gezeigten Fuß eines Mimbreno zerschmetterte, und reichte sein Gewehr an seine Schwester, um es zu laden, als diese ihm zuflüsterte, er möge ihr ein anderes Pulverhorn geben, da das bisher benutzte zu Ende sei. Nun hatte sich zwar die kleine Gesellschaft im Besitz eines genügenden Vorraths von Pulver und Blei befunden, indem sie nicht allein das Schießzeug des Methodisten und seines unglücklichen Freundes von dem Platz an der Furth am Tage vorher mitgenommen, sondern auch das Pulverhorn der von Kreuzträger erdolchten

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apachischen Schildwache außer ihren eigenen besaß; indessen war Büchse und Schießvorrath des Methodisten in dem ersten Versteck, an dem Windenblüthe am Morgen vorher den Wegweiser und seine Begleiter getroffen hatte, zurückgelassen worden, um ihre Bewegungen nicht zu erschweren, und Kreuzträger hatte unglücklicher Weise das Pulverhorn Meredith's und des Apachen in seiner Tasche mit sich genommen, als er sich aus der Höhle entfernte. Die Knauserei des Yankee hatte aber versäumt, sich mit größerem Vorrath zu versehen, und so blieb denn - nachdem sein Horn für die Büchse des Toyah geleert war - die Vertheidigung nur auf den geringen Vorrath des Trappers beschränkt.

Die Sache war bald erklärt und einfach genug, um einen raschen Entschluß nothwendig zu machen.

»Caramba,« murrte der Jäger, - »ich glaubte noch manchen guten Schuß zu thun und sie bis zum Abend hinzuhalten, wo ihre abergläubische Furcht uns erlaubt hätte, ihnen eine tüchtige Nase zu drehen; aber die Halunken sind schlau genug, um bald zu merken, daß ihnen nur noch eine einzige Büchse gegenüber steht. Wir müssen an den Rückzug denken, Jaguar.«

Der Toyah wies auf den Verwundeten und den Krüppel. »Mein weißer Vater weiß, daß es kaum möglich sein wird, die Frauen fortzubringen.«

»Zum Henker, meinst Du, daß ich nicht längst daran gedacht habe? Wenn der arme Bursche dort nicht wäre, hätten wir schon lange den blauen Himmel gesucht. Aber es muß jetzt dennoch geschehen, wir müssen ihn seinem

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Schicksal überlassen und die drei Gefangenen dazu. Hören Sie, Campañero[Compañero],« wandte er sich an den verwundeten Offizier, »machen Sie sich Viel aus einigen Jahren dieses hundsföttischen mühseligen Lebens?«

»Wie meinen Sie das?« frug der Preuße.

»Die Sache ist die! - Es giebt einen Ausgang aus dieser Höhle, den Wonodongah und ich in früheren Zeiten entdeckten, als wir nach einem Lager der Jaguars suchend als Tigrero's des Vaters dieser Dame da in dem Gestein umherkrochen. Er ist wahrscheinlich keiner anderen Menschenseele bekannt und halsbrechend und unbequem genug, aber er muß dennoch versucht werden, wenn wir nicht Alle sam[m]t und sonders in die Hände dieser rothen Teufel fallen wollen. Wären Sie nun Ihrer Glieder mächtig, so hätten wir längst fort sein mögen, aber es ist rein unmöglich, Sie auch nur den vierten Theil des Weges fortschaffen zu können; denn Jeder, der ihn passiren will, wird dazu seine eigenen Füße und Hände brauchen und vielleicht die Zähne noch dazu!«

»Ich bitte Sie, Kamerad, lassen Sie mich zurück und retten Sie sich und die Anderen. Sie haben ohnehin schon mehr für mich, den Fremden, gethan, als ich irgend hoffen konnte!«

»Nun,« meinte der Trapper, sich etwas verlegen hinter den Ohren kratzend, - »wenn Sie länger in der Einöde gelebt hätten, würden Sie wissen, daß es da nicht ist, wie in den Städten, und daß man einen ehrlichen Christenmenschen, mit dem man zusammen gegen diese rothen Teufel gefochten, nicht leicht im Stich läßt. Aber hier geht es

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leider nicht anders und um es kurz zu machen, Sie riskiren, wenn Sie hier bleiben und der »Fliegende Pfeil« erst seine Nase in die Höhle steckt, einen Tomahawkhieb in den Schädel.«

»Ich bin Soldat und werde zu sterben wissen!« sagte der Offizier voll Energie. »Ich fordere von Ihnen als Pflicht, daß Sie sich um mich nicht weiter kümmern und nicht einen Augenblick länger verlieren, diese Frauen und sich selbst in Sicherheit zu bringen.«

»Nun ich dachte es mir, daß dies Ihre Antwort sein würde, denn Sie sahen ganz aus wie ein wackerer Mann, und es ist schade, daß Gott und die Heiligen Ihnen nicht eine längere Frist auf der Erde gegeben haben. - Señora,« wandte Eisenarm sich an die Tochter des Senators, »Sie haben gehört, um was es sich handelt und was uns allein noch retten kann. Nehmen Sie all' Ihren Muth zusammen, an dem es Ihnen ja nicht fehlt, und halten Sie vor Allem dort die greinende Dirne in Ordnung, denn unser Weg ist nicht ohne Gefahr.«

»Und ist in der That Nichts für diesen armen Mann zu thun?« frug die Dame, auf den Verwundeten deutend.

»Wenn die rothen Halunken ihm nicht in der ersten Wuth über ihre vereitelte Erwartung den Rest geben,« meinte philosophisch der Trapper, der gar keinen Anstand nahm, in Gegenwart des Opfers die Sache zu verhandeln, - »so wäre es möglich, daß sie ihn mit sich nehmen. Indeß, es ist Zwei gegen Eins zu wetten, daß sie so toll sein werden, wie ein Büffel im Prairiebrand.«

Diese tröstliche Aussicht unterbrach der Lord, der bei

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der Enge des Aufenthalts natürlich die ganzen Verhandlungen mit angehört hatte.

»Darf ich fragen Sir, was Sie dabei über uns beschlossen haben?«

»O Monsieur,« sagte der Trapper halb spöttisch - »es sind Ihre Freunde, und Sie haben von diesen natürlich Nichts zu besorgen. Wir sind genöthigt, Ihnen schon hier die Freiheit zu geben.«

»Und fürchten Sie nicht, daß wir den Indianern den Weg Ihrer Flucht verrathen und diese Sie verfolgen werden?«

»Das möchte den rothen Halunken etwas schwer werden,« sagte lachend der Trapper, »und wenn ihre ganze Nation vor diesem Loch heulte. Wir werden sorgen dafür, daß es nicht geschehen kann. Wenn Sie aber ein Christ sind, wenn auch ein Ketzer, der nicht an den Schutz der heiligen Jungfrau glaubt, so suchen Sie Ihr Verhältniß zu jenen rothen Teufeln zu benutzen, um diesen wackern Mann zu schützen, den wir hier zurücklassen müssen. Vielleicht giebt uns Gott die Gnade, daß wir ihn noch aus seiner schlimmen Lage befreien können, - das Kriegsglück ist sehr wandelbar.«

»Ich will es thun, wenn es möglich ist,« erwiederte der Lord. »Von mir soll überdies Niemand den Weg erfahren, den Sie genommen haben. Ich bin gewohnt, mein Wort zu halten, wie Sie das Ihre. Ich hoffe, wir sehen uns noch einmal wieder, wo wir nicht einander feindlich gegenüber stehen und Sie besser von mir denken lernen.«

Der Trapper begnügte sich, die offenen männlichen

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Worte des Pairs mit einem leichten Kopfnicken zu erwiedern und wandte sich zu dem Toyah. »Es ist Zeit, Jaguar,« sagte er - »ich werde Dich auf Deinem Posten ersehen. Du sollst voran gehn und der Dame den Weg zeigen. Die Spähne werden hoffentlich noch an der Stelle sein, wo wir sie damals verbargen. So, Junge, und nun nimm die beiden Flinten mit und wirf sie in den ersten Spalt, es ist unnöthig, daß die Halunken sich ihrer bemächtigen.«

Er hatte die Stelle des Comanchen am Eingang eingenommen und bald darauf krachte nochmals seine Büchse.

»So,« lachte er - »das wird die Schufte für eine gute Viertelstunde im Zaume halten und mehr bedürfen wir nicht. Der Bursche streckte gar zu neugierig seinen Kopf vor. Aber beeile Dich, Jaguar, damit uns nicht noch der Zufall einen schlimmen Streich spielt.«

Der Comanche hatte unterdeß sich mit den Frauen beschäftigt. Die Höhle war dem Anschein nach etwa zwanzig Schritte lang, bildete aber eine Art Curve, so daß nur der vordere Theil von dem einfallenden Tageslicht erhellt war. Wonodongah, indem er zu dem Verwundeten trat, an dessen Seite die junge Indianerin kauerte, berührte leicht ihre Schulter und deutete nach dem Hintergrund der Höhle,

»Geh,« sagte er. »Windenblüthe muß die Erste sein. Ein Krieger weiß zu sterben, auch wenn seine Haut weiß ist.«

Wäre es heller gewesen oder er nicht mit anderer Sorge beschäftigt, so hatte seinem Blick sicher nicht der Kampf entgehen können, der das Mädchen erschütterte.

Aber an Gehorsam gewöhnt, erhob sie sich langsam und

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indem sie sich noch einmal über den Verwundeten beugte, fühlte der Offizier zwei warme große Tropfen auf seine Stirn niederfallen.

Er streckte die Hand nach ihr aus: »Dank, Comeo! - ich werde Deiner Freundlichkeit noch in der letzten Minute gedenken!«

Ein leiser Seufzer hauchte über ihn hin, die weiche zitternde Hand des Mädchens glitt rasch und furchtsam über die seine hin, und dann verschwand die junge Indianerin in der Tiefe des Gewölbes.

»Leb wohl, Bleichgesicht« sagte der Comanche. »Ein Häuptling wird Dein Blut rächen.« Indem er dem Engländer und seinen Begleitern vorüber ging, warf er dem Courier einen finstern Blick zu und hob drei Finger seiner linken Hand in die Höhe.

Die drei Frauen, Dolores mit ihrer Zofe und die Indianerin, waren jetzt an der Hinterwand der Höhle versammelt. Als ihr Auge sich mehr an die Finsterniß gewöhnt hatte, vermochten sie bei dem Dämmerschein, der von dem jetzt ihnen nicht mehr sichtbaren Eingang her noch herüberkam, zu erkennen, daß die Wand nicht aus einem Stück, sondern aus abgerissenen Schichten mit verschiedenen Vertiefungen bestand. Gerade vor ihnen in etwa Manneshöhe gähnte eine solche von größerem Umfang hinein in den Berg.

Wonodongah legte seine Waffen nieder, senkte die Hand und bedeutete seiner Schwester, ihren Fuß darauf zu setzen. Dann hob er sie kräftig in die Höhe seiner Schulter und ließ sie den Absatz des Gesteins erklimmen. In gleicher

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Weise, jetzt oben unterstützt on Cumeo, gelangten die Haciendera, die begriff, daß jede Zurückhaltung hier am unrechten Ort sei, und die Zofe auf die Höhe des Gesteins und bemerkten, daß sie sich in einer neuen, wenn auch schmäleren und niedrigeren Höhle befanden.

Nachdem der Comanche seine Waffen hinauf gelangt hatte und ihnen an den Zacken der versteinerten Lava gefolgt war, führte er mit großer Sorgfalt die Haciendera einige Schritte weiter hinein in den Gang, bat sie dann ohne Bewegung einige Augenblicke seiner zu harren und verschwand weiter hinein in die Finsterniß. Es dauerte jedoch nur wenige Minuten, so sahen die Mädchen in der Tiefe derselben einen Funken aufglimmen, der bald zu einer Flamme wurde, und mit dem brennenden Spahn einer harzigen Holzart in der Hand kehrte Wonodongah zu den Frauen zurück.

Im Licht dieser improvisirten Fackel sah die Haciendera, daß sie sich in der That in einem niedern zerklüfteten Gange oder vielmehr in einem durch die Eruptionen überwölbten zweiten Ausgang befanden, welchen die Lava sich aus dem Krater gesucht. Die Höhlung, kaum mannshoch, von den erkalteten Zacken und Blöcken des vulkanischen Auswurfs auf allen Seiten bewegt, führte offenbar tief hinein in den Berg. Als der junge Häuptling zurückgekehrt war, befestigte er innerhalb des Ganges die Leuchte in dem Gestein und ließ dann rasch zwei Mal hinter einander den Schrei des Spottvogels hören.

Gleich darauf erschien Eisenarm und schwang sich auf den Absatz.

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»Hast Du Alles bereit Jaguar? ich fürchte, ehe zehn Minuten vergehen, haben wir die Schurken auf unsern Fersen. Es geht Etwas vor unter ihnen und sie bereiten wahrscheinlich einen Angriff.«

»Mein weißer Freund hat das Pulver. Wonodongah wird voran gehen und die Frauen führen. - Eisenarm möge den Weg schließen wenn er das Geheul der apachischen Wölfe hört!«

»Gut! also fort mit Euch, damit Niemand verletzt wird. Hier, nimm meine Büchse und gieb eine dieser schlechten Flinten her - sie kann uns noch einen Dienst leisten.«

Der Tausch erfolgte rasch. Der Trapper lud sie mit einer starken Ladung Pulver und setzte statt einer Kugel bloß einen Pfropfen auf.

»Was wollen Sie thun? wie wollen Sie die Apachen hindern, uns zu folgen?« frug die Haciendera.

»Das sollen Sie sogleich erfahren, Señora!« erwiederte der Kanadier. »Sehen Sie diesen Steinblock, der aus der Wand ragt? Wenn Sie die Hand darauf stemmen, werden Sie fühlen, daß er schwankt. Eine einigermaßen kräftige Erschütterung wird ihn herunter bringen und ihn diesen Gang so anfüllen lassen, daß kaum eine Maus den Weg an ihm vorbei finden würde.« Er hatte während der Rede einen Schwefelfaden in das Zündloch der Flinte gesteckt und bohrte deren Mündung jetzt zwischen die Ritze des Gesteins, welches den Lavablock in der Schwebe hielt.

»Vorwärts, Jaguar, beeile Dich!«

Der Toyah nahm die Fackel und gab den Frauen ein

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Zeichen, ihm zu folgen, indem er in dem Gange vorwärts stieg. Dolores folgte ihm, über das im Wege liegende verwitterte Gestein kletternd. Hinter ihr kam zitternd vor Furcht die Zofe. Comeo sollte der[die] Letzte sein.

Eisenarm hatte nach Beendigung seiner Vorbereitungen nach dem Eingang der Höhle zu gehorcht. - Der Augenblick schien ihm gekommen, denn er zündete jetzt mit dem Schwamm, den er an der Fackel angeglimmt, die Lunte an, die er in das Zündloch des Gewehrs gesteckt, und zog sich dann hastig - mit den Händen sich forttappend, in den Gang zurück.

Er hatte etwa fünf Schritte gethan, als er einen geschmeidigen menschlichen Körper zwischen sich und der Lavawand fühlte, der sich vorbei drängte.

»Caramba[Caramba] - wer ist hier noch? Macht, daß Ihr vorwärts kommt, die Explosion muß sogleich erfolgen. Zum Teufel, Frauenzimmer, wo wollt Ihr hin?«

Er fühlte den Körper unter seinen Händen fortgleiten, ehe er ihn erfassen konnte, tastete vergeblich umher und wollte eben dem Comanchen zurufen, mit der Fackel herbeizuleuchten, als ein gellendes Geheul, ein ihm nur zu wohl bekannter Ton, zu seinem Ohre drang, und gleich darauf die Explosion erfolgte, die Wände der Höhlung erschütterte und die Luft mit Staub und Splittern erfüllte. - - -



Wir müssen, ehe wir den Flüchtigen auf ihrem gefährlichen Wege weiter folgen, einige Augenblicke zu den in der Höhle selbst gebliebenen Personen zurückkehren.

Welchen tiefen Widerwillen nach Anhörung der

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traurigen Erzählung des Wegweisers auch der Lord gegen seinen Führer empfand, fühlte er doch, daß er jetzt dessen Beistand bedürfen würde und wandte sich deshalb - nachdem Eisenarm sich zurückgezogen - mit der Frage an ihn, was jetzt zu thun sei.

Statt jeder Antwort eilte der Courier zum Eingang der Höhle, ließ über den Felsblock hinüber, der den beiden Jägern zur Deckung gedient hatte, sein weißes Taschentuch wehen und verschwand dann im Freien.

»Der Schurke!« murmelte der Lord - »er würde unser Aller Leben verkaufen, um das seine zu retten! - Laß uns ihm folgen, Mahadröh, damit sie uns erkennen und wir nicht nutzlos ermordet werden. - Sir,« wandte er sich zu dem verwundeten Offizier, »Sie müssen einige Augenblicke allein bleiben, aber sein Sie versichert, daß ich Alles aufbieten werde ...«

Er konnte nicht weiter sprechen - das gellende markerschütternde Kriegsgeschrei der Apachen, das Eisenarm gehört, unterbrach seine Worte und machte ihn umblicken nach dem Eingang der Höhle.

Die wilden Gestalten der rothen Krieger erfüllten diesen und mit drohenden Geberden und geschwungenen Tomahawks drangen sie in die Höhle.

Der Knall der von Eisenarm vorbereiteten Explosion erschütterte in diesem Augenblick das Gestein und fesselte ihren Fuß. Durch den Qualm und Staub, welcher aus dem Hintergrund der Höhle sich hervorwälzte, glitt die leichte und zierliche Gestalt des jungen Indianermädchens und kauerte sich nieder neben dem Lager des Verwundeten,

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wie zum Schutz die Hände und Arme über ihn breitend.

Und durch das rollende Echo, den Dampf und Rauch erhob sich der feierliche Gesang des Krüppels und schwoll mächtig und erschütternd zu dem Gewölbe empor mit den erhabenen Worten des 18. Psalms:

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Der Graf!

Wir haben die Hacienda und ihre Vertheidiger verlassen in dem Augenblick, als die Apachen unter Führung ihrer drei Häuptlinge an verschiedenen Stellen in das Haus und den Hof drangen, die Vertheidiger sich in dem Winkel desselben betäubt und verwirrt von dem höllischen Dunst zusammendrängten und sich und die kleine Veste, die sie bisher so wacker gehalten hatten, verloren gaben, während der Senator, Morawski und der Soldat Escobedo vergeblich bemüht waren, die Entmuthigten aufzurufen, wenigstens ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen.

Die Apachen drangen über die Platform der unteren Dächer, über die Mauern und durch das erbrochene Thor, während der Graue Bär mit gewuchtigen Schlägen seines Kampfbeils die versperrte Thür, welche aus dem Balkonzimmer der Dame des Hauses in die große Halle führte, in Stücken schmetterte.

Die Hacienda schien in der That verloren!

In diesem Augenblick der höchsten Gefahr hörte man

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plötzlich die schmetternden Töne einer Trompeten-Fanfare von der Ebene jenseits der Hacienda her.

Der Pole Morawski schleuderte mit einem Stoß seines Fußes den heulenden jammernden Methodisten zur Seite und sprang, seinen Säbel schwingend, vorwärts in den Hof: »Hurrah! Muth! Das sind die Unseren, der Graf kommt zum Beistand!«

Ein kräftiger Säbelhieb des alten Soldaten fuhr wie ein Wetterstrahl über das Gesicht Ka-taumih's, des Häuptlings der Lipanesen, der an der Spitze der über die Dächer eingedrungenen und gegen die Vertheidiger anstürmenden Schaar der Apachen war. Frische Schüsse knallten gegen die eindringenden, plötzlich in ihrem Siegeslauf stutzenden Krieger, während fort und fort draußen den Abhang herauf näher und näher die Trompete schmetterte und jetzt eine starke Büchsensalve vor der Front der Hacienda krachte!«

»Hurrah, der Graf! Auf sie! nieder mit den Weiberdieben!« Der alte Pole achtete nicht des Pfeils, der seinen linken Arm durchbohrte, - wie ein Blitzstrahl fuhr seine leuchtende Klinge rechts und links, neu ermuthigt kämpften seine Leute um ihn; - Escobedo, an der Spitze der Vaquero's und Peons fegte die Mauern von den eingedrungenen Rothen; - der Senator selbst mit seinem langen spanischen Stoßdegen trieb einen Haufen Apachen vor sich her nach dem Hauptgebäude zurück. Schuß auf Schuß knallte von draußen - »Vive Boulbon!« - »Viva el Generale!« - »Hurrah!« klang es aus hundert Kehlen und von weiterher wiederholte sich der Ruf und wuchs und donnerte lauter und lauter. Darüber hinaus scholl der

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Kommandoruf der Offiziere: »Nieder mit den rothen Bestien! keinen Pardon!«

Es war in der That der Graf, der so zur rechten Zeit, wenn auch im letzten Augenblick eingetroffen war.

Der Leser weiß aus den Mittheilungen des Baron Kleist, des Adjutanten des Grafen, an dessen Verlobte, daß ein Kriegsrath der Offiziere der Expedition auf das Drängen der Kaufleute und großen Grundbesitzer beschlossen hatte, wenn sich der Zustand des Generals nicht in den nächsten vierundzwanzig Stunden ändern sollte, das Gros der Expedition unter dem Kommando des Kapitain Perez und des Adjutanten Carboyal aufbrechen und der bereits um zwei Tage voraus gegangenen Avantgarde des Polen Morawski folgen zu lassen, indeß der Kranke unter der Pflege des Arztes und seines jungen Verwandten zurückbleiben sollte. Diese Anordnung war auch - da sich im Zustande des Grafen nicht das Geringste änderte, - zur Ausführung gekommen, mit der Moderation, daß der verspäteten Herbeischaffung der Pferde wegen der Aufbruch erst am zweiten Morgen nach dem unglücklichen Ereigniß erfolgte. Don Estevan war demnach um volle zwei Tage dem Gros der Expedition voraus, und da dieses ziemlich langsam marschirte, wurde aus der Verspätung bald ein dritter Tag.

Es war an diesem, um dieselbe Stunde des Mittags, als der Zustand des Grafen sich eben so plötzlich änderte, als er eingetreten war. In das bleiche Gesicht trat plötzlich - fast mit derselben Minute, - wieder die Farbe des Lebens, die bisher so starren ausdruckslosen Augen begannen

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mit der alten Energie zu funkeln, und der Kranke richtete sich ohne jeden Beistand auf seinem Lager empor und rief zum großen Schrecken seiner Krankenwärter mit kräftiger befehlender Stimme:

»Vorwärts! sattelt mein Pferd! Ruft Diego Muñoz! in einer Stunde müssen wir unterwegs sein!«

Vergeblich versuchten Suzanne und Bonifaz ihn auf dem Lager zurückzuhalten. Der Graf war mit dem Augenblick, in dem er erwachte, ganz wieder derselbe Mann und forderte unbedingten Gehorsam. Er ließ eine Flasche alten Bordeauxwein kommen und leerte sie mit einem Zuge. Während dem mußte Bonifaz ihm Rapport erstatten über den Abgang der Expedition und was sonst etwa außerhalb seines Gemachs verhandelt worden. Alles, was in seiner Gegenwart während seines Starrschlafes geschehen, schien er genau zu wissen, doch vermied er sorgfältig mit einem Wort über seinen Zustand zu sprechen, und als Bonifaz ihn darüber zu fragen wagte, war seine Antwort so rauh und streng, daß der alte Avignote kopfschüttelnd zu schweigen vorzog. Alle Befehle des Grafen waren klar und bestimmt und bewiesen, daß er nicht bloß wieder Herr seiner vollen Körperkräfte, sondern auch seiner geistigen Eigenschaften war.

Suzanne hatte heimlich sofort nach dem deutschen Arzt gesandt. Sie wußte kaum, ob sie in ihrer Kammer Gott und den Heiligen auf den Knieen für diese so plötzliche Herstellung danken oder wünschen sollte, daß dieselbe langsamer auf gewöhnlichem Wege erfolgt wäre.

Als der Arzt eintraf, schloß sich der Graf eine

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Viertelstunde lang mit ihm allein ein - Niemand hat je erfahren, was sie da zusammen gesprochen. Doktor Köhler schien mit der erhaltenen Belohnung sehr zufrieden und verließ bald darauf San Guaymas, um nach Kalifornien und von dort nach seiner deutschen Heimath zurückzukehren. Ihm verdankt man manche Einzelnheiten über den berühmten Argonautenzug.

Vergeblich flehte der Page Jean - Suzanne - den Arzt an, als er das Gemach des Grafen verließ, ihm Näheres über die Krankheit und Heilung desselben zu sagen. Der Doktor begnügte sich, sie und den alten Diener des Generals mit der Erklärung zu beruhigen, daß alle Folgen des Anfalls vollständig beseitigt wären, aber er rieth, den Grafen nie zu verlassen, möglichst alle außergewöhnlichen Aufregungen zu vermeiden und ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Mit kummerschwerem Herzen trafen die beiden Getreuen ihre raschen Vorbereitungen zur Abreise; denn da die früheren Bestimmungen ihres Anschlusses an das Gros der Expedition jetzt ungültig geworden, hofften sie ihn nach der Hacienda des Senators begleiten zu können.

Die Nachricht von der so wunderbaren und raschen Wiederherstellung des berühmten Führers der Expedition hatte sich schnell in Guaymas verbreitet und von allen Seiten kamen die Chefs der Kaufmannschaft und die noch etwa anwesenden oder bereits zur Küstenstadt geflüchteten großen Grundbesitzer herbei, um mit ihm zu sprechen, während das Volk sich vor der Thür seines Hauses sammelte und mit einer gewissen abergläubischen Furcht auf das Erscheinen des »Endemoniados!« des »Besessenen,« harrte.

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Der Graf gab Jedem Rede und Antwort, brach die Glückwünsche zu seiner Genesung kurz ab, forschte nach allen in den letzten zwei Tagen eingegangenen Nachrichten und Berichten über die Fortschritte des indianischen Einfalls und betrieb dabei mit einer fieberhaften Energie und Ungeduld die Vorbereitungen seines Aufbruchs.

Dieser erfolgte in der That auch nur kurze Zeit nach der von ihm bei seinem Erwachen bestimmten Frist, Muñoz, der neue Kommandant des Forts, hatte Befehl erhalten, fünf seiner besten Leute nebst einigen kundigen Führern wohlberitten zur Begleitung des Grafen zu stellen, und die kräftigsten Pferde dazu nöthigenfalls mit Gewalt fortzunehmen. Aber es waren deren jetzt, nachdem so viele Personen vor den Apachen nach Westen gefluchtet waren, genug vorhanden, und als der Graf mit seinen beiden Gefährten unter der Veranda des Hauses erschien, war Alles zum Abritt bereit.

Der Kommandant des Forts, die Behörden und die Vorsteher der Gilden mit fast der ganzen leichtherzigen und leichtfüßigen Bewohnerschaft der Stadt waren zum Abschied versammelt, und als der Graf in seiner kleidsamen und zweckmäßigen Marsch- und Kriegsausrüstung aus dem Hause trat, empfing ihn nochmals ein lauter Zuruf.

Das Auge des kühnen Franzosen flog mit dem alten Stolz über die Menge, doch wollten Viele bemerken, daß die Falte zwischen seinen nahe zusammen tretenden Brauen finsterer und schroffer war, als früher und der sorglose Uebermuth einem gewissen nachdenklichen Ernst Platz gemacht hatte.

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»Amigos! liebe und getreue Männer und Frauen von San José!« sagte der Graf, auf der Veranda vortretend und den Zügel seines Pferdes aus der Hand eines Soldaten nehmend, - »der unglückliche Zufall, der mich einige Tage länger hier zu verweilen zwang, kann meine Eile und meinen Eifer nur verdoppeln. Die Gränzen der Sonora sollen binnen wenig Tagen von den wilden Horden befreit sein, und so wahr das Blut der alten und rechtmäßigen Könige Frankreichs in meinen Adern fließt, will ich nicht eher nach Guaymas zurückkehren und meine Hochzeit in Ihrer Mitte feiern, als bis ich die Indianer bis in das Herz ihrer Wüste verfolgt und ihnen die Luft der Wiederkehr für lange Jahre vertrieben habe! Behalten Sie mich in Ihrem Andenken Señor[e]s und Señoras und möge die heilige Jungfrau Sie bis zu unserem Wiedersehen in Schutz nehmen!«

Unter dem Viva der Menge schwang er sich in den Sattel, gab dem wilden Renner die Sporen und sprengte auf der Straße nach Osten davon, gefolgt von dem Knaben Jean und seinen Begleitern.

Mit dem ersten Schritt aus der Hafenstadt entwickelte der Graf eine so fieberhafte Eile, weiter zu kommen, daß schon auf der zweiten Tagesstation mehrere der Pferde vollständig ermattet waren und durch andere ersetzt werden mußten. Am dritten Tag hatte er das Gros der Expedition eingeholt, sah sich von dem stürmischen Jubel der Abenteurer begrüßt und übernahm nun selbst wieder zum großen Verdruß Don Carboyals den Oberbefehl. Mit einer Energie, die keine Schonung und Rücksicht

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kannte, trieb er seine Compagnien vorwärts, um die versäumte Zeit wieder einzuholen, requirirte mit Gewalt auf den Haciendas und Ranchos des Weges Pferde, um seine ganze Truppe beritten zu machen, und ließ am vierten Tage alle Saumthiere mit dem Gepäck zurück, um rascher und ungehinderter vorwärts zu kommen.

Es geschah dies an demselben Rancho, in welchem Señora Dolores ihr letztes Nachtlager vor ihrer Gefangennehmung durch die Apachen genommen hatte. In jener so oft beobachteten und noch niemals erklärten Weise, in welcher sich die Kunde von Ereignissen, selbst wenn alle lebenden Zeugen fehlen, mit überraschender Schnelle zu verbreiten pflegt, war auch hier bereits das Gerücht von dem Ueberfall der Apachen an der Furth des Flusses, und der Graf trieb daher nach einer kurzen Rast, indem er die allzusehr Ermatteten mit Bonifaz und Suzanne gleichfalls zurückließ, zum Weitermarsch. Dieser wurde die ganze Nacht fortgesetzt. Kurz vor Anbruch des Tages gelangte der Graf in die Nähe der Furth und machte einen kleinen Halt, um Pferden und Menschen eine Stärkung zu gönnen, bis die am noch dunklen Horizont in der Richtung der Hacienda aufsteigende Rakete ihn zum raschen Aufbruch rief. Als die jetzt etwa 150 Reiter starke Schaar des Grafen die Furth im Morgengrauen passirt war, fand sie an der Stätte des niedergebrannten Fährhauses die noch unbegrabenen von den Coyoten, den wilden Hunden und Geiern bereits halb verzehrten Leichen der Erschlagenen und andere Spuren des Kampfes, und die militairische Klugheit gebot jetzt, die nöthigen Maßregeln zu treffen und mit aller

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Vorsicht vorwärts zu gehen, um nicht unvorbereitet auf einen übermächtigen Feind zu stoßen.

Der Graf war bei allem Ungestüm seines Charakters doch ein zu alter Soldat und in zu guter Schule in den Kämpfen Algeriens erzogen, um dies zu versäumen. Unter Juan Racunha, dem Perlenfischer von Espiritu Santo, wurden daher Patrouillen vorausgeschickt, die bald Nachricht von dem fernen Büchsenfeuer und, als der Haupttrupp langsam und verborgen noch weiter vorgedrungen war, von dem auffallenden Manövre der Indianer brachten, die gerade ihre Reiter nach verschiedenen Seiten ausgesandt, um die Mittel zu der Ausräucherung der Vertheidiger herbeizuschaffen.

Nur mit genauer Noth waren die Späher der anrückenden Truppe einer Entdeckung entgangen; als aber die Reiter der Apachen zu der belagernden Horde zurückgekehrt waren und dieselbe sich nun eifrig mit ihrem höllischen Werk beschäftigte, so daß sie jede Vorsicht vernachlässigte, konnte der Graf mit voller Ruhe seine Maßregeln treffen.

Diese waren so umsichtig und wirksam, daß eine vollständige Ueberraschung der Indianer während des Sturms erfolgte. Eine Abtheilung der Weißen bemächtigte sich sofort der nur von wenig Kriegern bewachten Pferde und zerstreute dieselben, wie vorher mit den Heerden des Senators geschehen war; eine zweite unter Kapitain Perez suchte die Hohlwege zu gewinnen, um den wilden Kriegern den Rückzug in das Gebirge zu verlegen oder wenigstens zu erschweren, und der Graf selbst fiel mit der Hauptschaar den Stürmenden in den Rücken.

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So war es gekommen, daß den bedrängten Vertheidigern der Hacienda im Augenblick, wo sie diese verloren glaubten, die plötzliche Hilfe und Rettung wurde! - -



Viele der Abenteurer, welche die Gewohnheiten ihres früheren Lebens eben zu keinen besonderen Reitern gemacht, hatten es vorgezogen, zu Fuß zu kämpfen. Dazu gehörten unter Anderen die beiden zugleich mit dem Kreuzträger und dem Preußischen Offizier zu San Francisco in die Schaar aufgenommenen Matrosen und der Seeräuber. Die ganze Mordlust des Letzteren brach auf's Neue hervor, als er mit diesen beiden standhaften Gefährten an dem eingeschlagenen Thor Posten faßte und hier in dem zurückfluthenden Strom der entmuthigten Indianer metzelte.

Der Häuptling der Meskalero's hatte vergeblich sich bemüht, dem Ansturm der Weißen mit einem Haufen tapferer Krieger auf dem Raum der früheren Corrals Stand zu halten. Die Zerstörung derselben wurde den Apachen jetzt selbst zum Verderben, denn Nichts hinderte die Reiter des Grafen, sich mit voller Wucht auf sie zu Werfen, während ein lebhaftes Büchsenfeuer der Fußkämpfer von allen Seiten in ihre Reihen schlug. Gewohnt auf den weiten Ebenen immer zu Pferde zu kämpfen, bei Krieg und Jagd fast Eins geworden mit ihren Rossen, sahen sie sich dieser jetzt durch die klugen Maßregeln des Grafen beraubt, und suchten vergeblich, die Pferde wieder zu erreichen und mit ihren unvollkommenen Waffen sich gegen die besser disciplinirte Schaar der kühnen und kampflustigen weißen Abenteurer zu wehren.

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Der Erste im Angriff war der Graf selbst gewesen. Gefolgt von etwa vier oder fünf der Bestberittenen, war er gegen den Haufen angestürmt, der sich Makotöh, dem grimmigen Häuptling der Gileno's, in dem glücklichen Angriff auf den Mittelbau der Hacienda angeschlossen hatte und über den Balkon in das Innere der Hacienda drang. Das Adlerauge des Grafen hatte sofort die Gefahr auf dieser Stelle bemerkt und ihn dahin geführt. Mehrere der Krieger, die noch nicht über den Balkon eingestiegen waren, hatten sich, durch das Trompetensignal zum Angriff auf die Gefahr aufmerksam gemacht, umgewendet und den Reitern die Stirn geboten. Des Grafen toller Renner warf zwei oder drei zur Seite, den Tomahawkhieb eines vierten parirte die des Fechtens geübte Hand des Reiters und ein furchtbarer Hieb des Dschambea, des Geschenks Nena Sahib's, des berühmten indischen Rebellen gegen die englische Macht, spaltete das Haupt des indianischen Kriegers bis auf das Schlüsselbein.

Diese Probe einer ihnen mit Recht dämonisch erscheinenden Kraft entsetzte die anderen Apachen, welche sich dem Franzosen entgegengeworfen, und ließ sie fast widerstandslos von den Reitern niedermetzeln, die dem Grafen gefolgt waren.

Dieser selbst hatte mit gewaltigem Ruck den Renner parirt, daß dieser auf seine Hinterfesseln zurücksank, und sich - ohne die am Sattel befestigte Büchse zu lösen - herabgeschwungen. Im nächsten Augenblick stand er auf dem seiner Balustrade durch die Balkenstöße der Indianer beim Einbruch in das Haus entblößten Balkon und trieb

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mit den zermalmenden Hieben seiner furchtbaren Waffe die Indianer zurück, welche jetzt durch das erbrochene Gitter wieder herauszudringen suchten.

Das Aussehen des berühmten Franzosen war in diesem Augenblick der entflammten Kampfwuth von einer fast majestätischen Schrecklichkeit und erinnerte an die Beschreibung der furchtbaren Krieger und Recken der ersten Ritterzeit. Die hohe kräftige Gestalt, deren breite hochgewölbte Brust das einfache Lederhemd umschloß, schien mit jedem Schlage zu wachsen - das ausdrucksvolle entschlossene Gesicht zeigte jene Marmorblässe, die gewissen Naturen in der höchsten Aufregung eigen wird und gewöhnlich einen furchtbaren Ausbruch des Zornes verkündet; die eng zusammenlaufenden Augen schienen unter dem grauen mit den zwei Adlerfedern geschmückten Filzhut elektrische Blitze zu sprühen, während die kleine mit dem zierlichen Glacéhandschuh bedeckte Hand die schwere Waffe wie einen leichten Fächer schwang und jeder Hieb mit einer Leiche den Boden deckte.

Von unbeschreiblichem Entsetzen gepackt, eilten die Krieger des Grauen Bär in das Innere des von ihnen erstürmten Hauses zurück und flohen in die Winkel der von ihnen geplünderten Gemächer. Ihnen nach, ohne sich darum zu kümmern, ob seine Leute ihm folgten, stürzte der furchtbare Franzose und sprang hinter den Vordersten durch die eingeschlagene Thür der großen steingepflasterten Halle.

Makotöh, der Graue Bär, stand ihm gegenüber.

Der berühmte Häuptling der Gileno's, im Begriff, aus dem Hause in den Hof zu dringen, als die Trompetenfanfare an sein Ohr schlug, war durch die Flucht und das

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Gedränge seiner eigenen Leute, welche die Thür versperrten, verhindert worden, sich schon eher den neuen Feinden entgegen zu werfen und auf den Kampfplatz in den Corrals zurückzueilen. Die plötzliche Erscheinung des Grafen war so überraschend, daß der gigantische Häuptling, dessen Muth und Kraft unbestritten war, unwillkürlich einige Schritte zurückwich.

Die beiden furchtbaren Gegner maßen sich eine Minute lang mit funkelnden Augen, Jeder erkannte mit dem ersten Blick den Anderen, auch wenn das Bärenfell um die Schulter des Einen, die Adlerfedern auf dem Hute des Weißen sie nicht einander kenntlich gemacht hätten.

»El oso pardo!« sagte der Graf mit tiefem unheimlichen Klang in spanischer Sprache. »Ergieb Dich, und ich will Dir das Leben schenken!«

»Hund von einem Bleichgesicht! Stirb Du selbst!«

Der Häuptling hielt in seiner linken Faust die Büchse, in der rechten den schweren Tomahawk, mit dem er so eben noch die Thür zur Halle eingeschlagen. Er ließ die Büchse fallen und stürzte sich, den gellenden Kriegsruf seiner Nation ausstoßend, mit dem Sprung eines Tigers auf seinen Feind.

Der Franzose erwartete, ohne einen Zoll zu weichen, den furchtbaren Angriff. Er begegnete mit dem Rücken der Dschambea dem Schlage des Tomahawk so gewaltig, daß die Waffe aus der Faust seines Gegners flog. Dann ließ er die eigene an dem Riemen um sein Handgelenk nieder sinken, trat einen halben Schritt vor und packte den Indianer an seinen kurzen mit Menschenhaaren gesäumten ledernen Beinkleidern und dem Gürtel um seine Hüften.

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Einige Augenblicke rang die gigantische Kraft des Häuptlings mit seinem Gegner, dann wurde er aufgehoben und mit so gewaltigem Schwung auf das Pflaster der Halle niedergeschleudert, daß er regungslos liegen blieb.

»Bindet ihn!« sagte der Graf mit unbewegter Stimme zu seinen Begleitern, die jetzt in die Halle drangen, nachdem sie alle Indianer, die sie gefunden, erbarmungslos getödtet. »Bindet ihn - aber Niemand thue ihm etwas zu Leide!«

Ohne sich weiter um den gefällten Feind zu kümmern, trat er in die äußere Pforte der Halle.

Erst jetzt kehrte die Farbe des Blutes in sein Gesicht zurück und seine grauen Augen nahmen ihren gewöhnlichen unstäten Ausdruck wieder an - der Paroxismus, der an die alte Berserkerwuth erinnerte, die Alles vernichtete, was ihr in den Weg trat, war vorüber.

Der Graf, der bei dem Ringen seinen Hut verloren, betrachtete, ohne sich um die noch im Hofe der Hacienda fortdauernde Metzelei mehr als mit einem Blick zu kümmern, seine beschmutzten und halbzerfetzten hellen Glacéhandschuhe, zog sie aus und warf sie fort. Dann trocknete er mit dem parfümirten Taschentuch einige Tropfen von seiner Stirn, befahl einem seiner Soldaten, ihm den entfallenen Hut zu bringen und setzte die silberne Kommandopfeife, die er an einer Schnur um den Hals trug, an seine Lippen. -

Wir haben eben gesagt, daß im Innern des Hofes die Metzelei noch fortdauerte.

Eine solche war es allein noch. Von allen Seiten angegriffen, verhindert, durch das eingestoßene Thor die

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Flucht zu ergreifen, entsetzt, entmuthigt durch den plötzlichen Ueberfall und die Wendung des Kampfes, nachdem sie bereits den Sieg in Händen gehabt, suchten die eingedrungenen Apachen über die Mauern zu entfliehen oder fochten mit dem letzten Muth der Verzweiflung. Kein Pardon wurde von den Weißen, von den Vertheidigern der Hacienda wie von der Schaar des Grafen gegeben - unbarmherzig wurde jeder Indianer im Innern der Mauern getödtet, - nur Wenigen gelang die Flucht über diese. Unter den Erschlagenen befand sich auch der Häuptling der Lipanesen.

Wie in der Hacienda selbst wurden auch außerhalb derselben die rothen Krieger auf allen Punkten geschlagen und zerstreut, nur daß sie hier leichter sich zu zerstreuen und die Flucht zu ergreifen vermochten, auf der noch Mancher von der sicheren Kugel aus dem Rohr der Weißen erreicht wurde. Wis-con-Tah, dem schlauen und berechnenden Häuptling der Mescalero's, war es, wenn auch leicht verwundet, gelungen, eines der versprengten Pferde zu erhaschen und zu entkommen.

Die Niederlage der Apachen war vollständig - seit einem Menschenalter hatten sie keine so umfassende und blutige erlitten. Was sich vor den mörderischen Waffen der Weißen gerettet und dem Hinterhalt des Kapitain Perez entkommen war, floh in wildem Lauf nach der Sierra und der Stelle, wo die Reiter des »Fliegenden Pfeil« zur Verhinderung eines Fluchtversuchs der Mexikaner aus der Hacienda zurückgeblieben waren.

Der Graf war nicht der Mann, seinen Sieg unbenutzt zu lassen. Der schrille Ton seiner Kommandopfeife

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rief noch während der letzten Phasen des Kampfes Racunha und den Polen Morawski an seine Seite. Beide waren von vergossenem Blut bedeckt, der alte Soldat von Ostrolenka zwei Mal verwundet.

»Wir müssen sie verfolgen, Messieurs!« befahl der General hastig, »keine Ruhe, sonst merken sie unsre geringe Zahl. Dort sind frische Pferde« - er wies nach denen im Hofraum - »lassen Sie die rüstigsten Reiter aufsitzen und hinter ihnen drein!«

Erst jetzt wandte er sich zu dem Senator, der, erschöpft, auf seinen langen Stoßdegen gestützt, herbeikam.

»Sieg! Sieg! Señor Don Estevan! - Aber wo ist Dolores, meine Braut?«

»Gefangen - in den Händen der Indianer! Gott schütze mein unglückliches Kind! Was nützt mir unser Sieg, wenn ich sie nicht wiederhabe!«

Der Graf stieß einen furchtbaren Fluch aus. »Ich will den rothen Teufel drinnen mit glühenden Zangen zerreißen lassen, wenn sie es wagen, ihr ein Haar zu krümmen! In die Sättel, Kameraden, in die Sättel und ihnen nach!«

Der Senator faßte seinen Arm. »Hören Sie erst, Señor - ich bin nicht ohne Hoffnung; denn ich erhielt gestern Abend Nachricht und treue Freunde wachen über sie!«

»Wer, Señor?«

»Kreuzträger und zwei meiner früheren Tigreros, Eisenarm und ein Comanche, der »Große Jaguar« genannt.«

Der Graf erbebte - er fühlte, daß dieser Wink des

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Schicksals nicht ohne Bedeutung sei und daß er die Gelegenheit nicht verlieren dürfe.

»Ich habe einen Bürgen, Señor Senador,« sagte er, »der uns die Freiheit Ihrer Tochter sichert. Der gefürchtete Häuptling der Apachen, der Graue Bär, ist in meinen Händen. Kommen Sie und lassen Sie mich auf das Genaueste Alles hören, damit wir danach unsere Maßregeln zur Befreiung der Señora treffen können.«

Er ertheilte noch einige Befehle und folgte dann dem Haciendero in die Halle, wohin man die neuen Todten und Verwundeten brachte.

Don Estevan war bereits mit der Sorge um die Letzteren beschäftigt. Die geflüchteten Weiber begannen sich wieder einzufinden, Vaquero's und Soldaten trugen ihre verwundeten Kameraden herbei, andere drängten sich heran, den gefürchteten, jetzt machtlosen Häuptling der Gileno's in der Nähe zu sehen; denn die Kunde von dessen Gefangennahme hatte sich bereits durch die ganze Hacienda verbreitet.

Soeben schleppte der ehrliche Deutsche Wichmann, der vom Grafen zum Kommandeur seiner Artillerie - freilich gegenwärtig ohne Kanonen - ernannt worden war, Master Slongh am Ohr vor den General unter der Anschuldigung, die Todten beider Parteien geplündert zu haben, während er sich von dem Handgemenge weislich fern gehalten hatte, und nur das Zeugniß des Senators von dem wohlgezielten Schuß, den er früher gethan, und daß er gerade einer der Boten sei, die Nachricht von der Señora gebracht, rettete ihn vor strenger Bestrafung. Nach dem zweiten Boten, dem Yankee, sah man sich vergeblich um, er war verschwunden

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oder hatte sich versteckt seit der Ankunft des Grafen und der Gewinnung des Sieges. Bei der Verwirrung und Aufregung, die noch allgemein herrschte, kümmerte man sich überdies wenig um seine Person und sein Schicksal.

Der Methodist wurde nunmehr unter all' diesen blutigen und traurigen Scenen, die selbst einem Siege zu folgen pflegen, vom Grafen genau über die Gefangennahme der Haciendera und die Vorgänge seines eigenen Entkommens befragt. Aus der wenn auch mangelhaften Beschreibung Slongh's erkannten mehrere der anwesenden Rostreadores sofort den Ort, wo die Mescalero's und Gileno's ihr Lager aufgeschlagen gehabt und es fand eine ernste und hastige Berathung statt über die Frage, ob man die Flucht der Indianer dorthin verfolgen und sie in ihrem Schlupfwinkel angreifen könne; denn es war wohl zu bedenken, daß sowohl die Vertheidiger der Hacienda durch die Aufregung in dem Nachtdienst der letzten Tage und Nächte, wie die Mitglieder der Expedition durch den angestrengten Marsch und den Angriff zum Tode erschöpft waren.

Während dieser Verhandlungen blieb der Häuptling bei Gileno's, der, von dem betäubenden Sturz auf das Pflaster der Halle nach einigen Minuten wieder erwacht, sich als Gefangener der gehaßten Weißen gefunden und vergeblich seine starke Bande zu zerreißen versucht hatte, unbeweglich an die Wand gelehnt, mit jenem finstern Trotz sich in sein Schicksal ergebend, der die indianischen Krieger auszeichnet. Don Carboyal, der an dem Kampfe nur einen mäßigen Antheil genommen, schien ihn sofort als einen Gefangenen der Regierung zu betrachten und hatte

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neben ihn zwei Posten gestellt, die jede Bewegung des Gefürchteten beobachten mußten.

Unter den Klagen der Verwundeten, den blutigen Scenen der mangelhaften Hilfleistung, und der Berathung der Führer gingen die Krüge und Flaschen, mit Aguardiente und Mescal, die der Haciendero zur Stärkung für die Erschöpften herbeischaffen ließ, von Hand zu Hand, und die Cigarretten von Maisstroh erfüllten mit ihrem Dampf die Halle, während Lachen, Betheurungen, Erzählungen der verrichteten Heldenthaten und Wetten darüber sich mit den letzten Seufzern der Sterbenden oder den Gebeten ihrer Freunde und der schluchzenden Weiber mischten.

In diese wilde und aufregende Unterhaltung klang plötzlich ein Jubelruf von Außen, ein stürmisch anschwellendes el viva! und das Geschrei: »El vaquero! Diaz! Diaz!

Der Graf unterbrach seine Rede, während der Senator ihn erregt am Arm faßte: »Que es esta!«

»Oh por amor de Dios!« stöhnte der Haciendero, »es ist der Knabe, der meine Tochter aufgesucht, lassen Sie uns hin - -«

Es war unnöthig! Von einem Haufen seiner Kameraden und der Soldaten der Expedition mehr getragen, als geleitet, kam ihm auf der Schwelle der Halle der junge Vaquero entgegen, der so brav die Abenteuer des vergangenen Tages und der Nacht bestanden und für die Befreiung seiner Herrin gekämpft hatte.

Der junge Mann sah bleich und erschöpft aus und konnte sich offenbar kaum noch auf den Füßen halten. Von

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seiner Stirne tropfte aus einer Wunde Blut, Hände und Gesicht waren von Dornen zerrissen, seine Kleidung zerfetzt und beschmutzt - sein Athem keuchend, wie von einer furchtbaren Anstrengung.

Der Soldat Escobedo, der in seiner Nähe stand, erkannte zuerst seinen Zustand und seine vergebliche Anstrengung, zu sprechen. Er reichte ihm einen großen Becher Mescal, den der junge Mann mit einem Zuge leerte. Das scharfe Getränk schien ihm wieder Kräfte zu geben und seine Zunge zu lösen. Das erste Wort, was er sagte, war: »Die Señoritta! Zu Hilfe für Señora Dolores! Die Apachen belagern unsere Freunde in der Höhle der Condemnados!«

»So ist sie entkommen? Was ist geschehen? rede!«

Ein »Benedita Maria - purissima!« von den Lippen der Bewohner der Hacienda zeigte ihre Theilnahme für die junge Gebieterin. Man hatte Diaz einen Rohrsessel gebracht und der Erschöpfte sank darauf nieder, ohne zu bemerken, daß dicht hinter ihm der leblose Körper seines alten Verwandten, des Mayordomo, lag.

Alles drängte sich um ihn. »Hombre! sus! alta! Rede! sprich!« klang es von allen Seiten - zehn Hände boten ihm frische Becher dar, aber der junge Vaquero wies sie jetzt von sich, und der Senator und der Graf drängten die Leute zurück, wohl erkennend, daß sie nur in einem ruhigen Befragen das Nöthige erfahren würden.

»Sprich jetzt!« befahl der Senator - »ist meine Tochter am Leben und unverletzt?«

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»Si, Señor! Der heiligen Jungfrau sei Dank und der Tapferkeit unserer Freunde. Wir haben sie kurz nachher, als der Mond aufgegangen, aus dem Lager der Apachen befreit und ihre Wächter getödtet!«

»Bei dem heiligen Kreuz von Puebla! es soll Euch vergolten werden. Aber sprich weiter, was ist geschehen?«

»Wir waren auf dem Wege hierher, Señor Senador,« berichtete der Jüngling, »und hofften die Hacienda zu erreichen vor dem Angriff dieser rothen Teufel, die Ihr - wie ich sehe - so glücklich zurückgeschlagen. Aber wir hatten einen Verwundeten bei uns, einen Europäer, Don Arnoldo nennt er sich, der auf dem Mordplatz an der Furth dem Tomahawk der Apachen entgangen und dort zu uns gekommen war, und sein Transport und die Gefangenen verzögerten unsern Marsch, bis wir auf einen Hinterhalt stießen, den die Apachen an der Querenzia4 der Biberbäume gelegt hatten.«

»Und sie ergriffen Euch auf's Neue?«

»Nein, Señor, wir merkten ihre Nähe zeitig genug, und zogen uns zurück nach dem Thale der Verdammten, wo wir früher unsere Pferde versteckt hatten.«

»Und man sandte Dich aus uns Botschaft zu bringen? Die Apachen hatten Euren Versteck entdeckt?«

»Quedo! que dito, Señor Senador! - Es ist eine lange Geschichte und jetzt sie zu erzählen keine Zeit. Bastante! Der Kreuzträger und ich verließen die Gesellschaft, bei der wir nicht mehr mit Ehre und Gewissen bleiben konnten,

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und machten uns auf den Weg, Botschaft hierher oder unsere Büchsen Ihnen zu Hilfe zu bringen. Aber die rothen Teufel mußten auf irgend eine andere Weise auf unsere Spur gekommen sein, denn wir hatten kaum, unsere Pferde an die Hand nehmend, den engen Eingang des Thals passirt und wollten den Berghang hinabsteigen, als wir auf einmal wie von einem Wespenschwarm von den rothen Halunken überstürzt wurden, die förmlich aus der Erde zu quellen schienen.«

»Und Du entkamst?«

»Der heiligen Jungfrau sei Dank dafür! Sie fielen zunächst über den alten Mann her, der ihnen ein Dorn im Auge ist, so viele der Schurken hat er schon von der Welt geschafft, und rissen ihn zu Boden. Was weiter mit ihm geworden ist, weiß ich nicht, doch schienen sie uns nicht tödten zu wollen, da sie dies sonst leicht aus ihrem Hinterhalt gekonnt hätten! Basta! ich hatte verdammt wenig Zeit, mich umzusehen, und sprang auf das Pferd, ehe sie mich fassen konnten. Sie warfen sich zwar dem Gaul an die Beine und versuchten uns auf alle Weise aufzuhalten - aber ich habe nicht umsonst bei meinem guten Oheim Geronimo - ich vermisse seine ehrwürdige Gestalt unter Ihnen, Señores! - dem besten Pastore5 Mexiko's in seiner Jugend! reiten gelernt. Ich bäumte ein halbes Dutzend der Schurken zu Boden, und ehe sie von ihren Pfeilen und Flinten Gebrauch machen konnten, jagte ich wie toll den Berg hinab. Zum Glück hatten sie ihre Pferde in

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irgend einem Versteck zurückgelassen und konnten mich nicht gleich verfolgen. Es war ein Ritt auf Tod und Leben, Señor Senador, denn ich stürzte mit dem Pferde in eine Quebrada6, daß ich meinte, ich bräche Hals und Beine; aber zum Glück, wenn auch gerade nicht zu meinem besonderen Ergötzen, blieb ich in einem Dornengebüsch hängen. So schlug ich mich durch die Berge und Felsen, um den Indianern nicht wieder in den Weg zu kommen, zu Fuß weiter, bis ich die Flucht der Apachen bemerkte, und ihnen dabei nur mit genauer Noth entging.«

»Aber meine Tochter - wo ist meine Tochter?«

»In der Höhle des Kraters. Die Indianer müssen ihr Versteck entdeckt haben, denn ich hörte die Büchse Eisenarm's knallen, als ich den Berg hinunter jagte. Ich hoffe, es gelingt ihnen, das Versteck zu halten, bis Sie Hilfe senden, Señor Senador!«

»Wer vertheidigt sie, nachdem mein wackerer Kreuzträger in die Hände der Apachen gefallen?« frug der Graf.

»Zwei der besten Büchsen bis zum Rio del Norte. Eisenarm und der Große Jaguar der Comanchen!«

»Also wirklich! ich höre von diesen Männern so viel, daß es mich drängt, ihre Bekanntschaft zu machen. Bringen Sie alle Pferde herbei, Kapitain Perez, die sich noch auf den Beinen halten können. Mögen sie zu Tode gejagt werden, wenn wir nur die Señora retten!«

Einige der Offiziere und der Vaquero's eilten hinaus, dem Befehl Folge zu leisten.

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»Häl[t]st Du die Position jener Höhle für gut und vertheidigungsfähig, Bursche?« frug der Graf weiter.

»Par Dios! vier solcher Büchsen, wie dort waren, hätten sie den ganzen Tag halten können und ich meine, die Indianer haben nicht Zeit, sich lange aufzuhalten nach der Schlappe, die sie hier bekommen! Indeß ist das Indianermädchen noch da, und ich habe sie einen so guten Schuß thun sehen, wie nur immer ein Mann ihn für einen Freund in der Noth abfeuern mag. Vielleicht läßt sich auch der Engländer bewegen, einen Schuß für ehrliche Christenmenschen zu thun. Er scheint nicht ohne Gefühl zu sein, obschon er ein verdammter Ketzer ist.«

»Ein Engländer? was ist's mit ihm? Wie heißt er?«

»Quien sabe! was weiß ich! Er scheint gut Freund mit den Apachen und hat einen Kerl bei sich, der so gelb ist, wie eine Quitte und auf Armen und Beinen hüpft, wie ein Frosch!«

»Lord Drysdale! Höll' und Teufel, wie kommt dieser uns wieder in den Weg? Jetzt, Hawthorn, ist die Reihe an Dir, Kerl, mit ihm fertig zu werden, ich mische mich nicht mehr hinein.«

Der Seeräuber, der eben im vertrauten Gespräch mit seinem Freunde Slongh gewesen war, als der gefürchtete Namen an sein Ohr schlug, stieß eine prahlerische Verwünschung gegen seine Verfolger aus, aber sein Gesicht war bleich und seine Lippe bebte.

»Señor Don Carboyal,« fuhr der Graf fort, der eben die Meldung erhalten, daß die Pferde bereit ständen, - »ich vertraue Ihnen den Schutz der Hacienda und die

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Bewachung dieses indianischen Häuptlings an, den ich gegen unsern wackern Freund Kreuzträger auszuwechseln denke, wenn er noch am Leben ist!«

»Euer Excellenz werden nicht daran denken,« sagte der Adjutant hochmüthig, »einen so wichtigen und gefährlichen Gefangenen des Staats fur das Leben eines niedern Landstreichers freizugeben. Ich müßte ernstlich Namens der Regierung protestiren.«

»Gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Regierung!« lachte der Franzose. »Mein Wort darauf, daß ich es thun werde. Nicht die sehr hohe und sehr jämmerliche Regierung von Mexiko, sondern diese Hand hat den »Grauen Bär« der Gileno's zum Gefangenen gemacht und ich werde mein Kriegsrecht zu wahren wissen. Aber nun, Freiwillige vor und in den Sattel, wer Lust hat, für eine schöne Dame noch einen Schlag zu thun. Addios, Señor Senador! Sie sehen mich ohne meine schöne Braut nicht wieder!«

»Nehmen Sie mich mit, Excellenza,« bat der junge Vaquero. »Meinen letzten Blutstropfen für Señora Dolores!«

»Sie sind ein braver Bursche! Vorwärts denn!«

Er stülpte den Federhut auf den Kopf und griff nach der furchtbaren Waffe, die er geführt. Diaz, obschon zerschlagen, todesmüde und vielfach verletzt, machte sich bereit, ihm zu folgen, als eine Hand plötzlich sein Jagdhemd festhielt.

»Diaz, mein Sohn! Fleisch von meinem Fleisch, bleibe bei mir!«

Der junge Mann hatte sich umgewendet. »Heilige Jungfrau! Oheim Geronimo, was ist Euch geschehen?«

In der That war es der alte Mayordomo der Hacienda, der sich hinter ihm halb empor gerichtet hatte und mit zitternder Hand ihn festhielt. Noch einmal war der Lebensfunke bei dem Ton der Stimme seines einzigen Verwandten in dem Greise aufgeglimmt, ehe er für immer erlöschen sollte.

Der Haciendero war zu ihm getreten und reichte ihm die Hand. »Geronimo, mein alter Freund und Diener, wie geht es Dir?«

»Ist die Hacienda del Cerro gerettet?«

»Den Heiligen sei Dank und der Hand meines tapferen Schwiegersohnes, der so zur rechten Zeit kam!«

Der Sterbende schaute auf den Grafen, der ungeduldig zur Seite stand, und schüttelte traurig das weiße Haupt. »Er hat keine Zeit zum Freien, Señor,« - flüsterte er. »Die Hacienda del Cerro wird ihn niemals ihren Herren nennen! Die Falte zwischen seinen Brauen verkündet Unheil. Wer ist der Mann dort mit dem blutigen Purpurmantel?«

»Oheim, beruhige Dich! was meinst Du?«

Der Haciendero gab seinen Leuten ein Zeichen, er sah, daß der alte Diener seines Hauses im Delirium des letzten großen Kampfes lag. Die Meisten um ihn her fielen auf die Knie und das Murmeln der Sterbegebete unterbrach für einige Minuten die lärmende Scene.

Der hagere Arm des Greises hatte sich um das Haupt seines jungen Verwandten gelegt, sein Finger deutete auf den Soldat Escobedo, der unter den Knieenden stehen geblieben war.

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»Es ist Blut an seiner Hand,« murmelte er, »Fürstenblut! Gehe nicht mit ihnen, Diaz, mein Sohn! Denn auch um Dich sehe ich einen Strom von Blut. Hüte Dich vor Puebla! Aus dem Blut der weißen Männer wächst die Herrschaft des rothes Stammes - - Herr, mein Gott! soll denn der Indianer wieder Herr im Lande seiner Väter und das blaue Blut sein Knecht werden?«

Der Arm um das Haupt des schluchzenden Jünglings löste sich - die ausgestreckte Hand des Greises sank nieder, das ehrwürdige Haupt fiel zurück - mit einem letzten Blick auf seinen Herrn, dem er so lange treu gedient, war der alte Diener verschieden.

»Leben Sie wohl, Señor Don Estevan,« sagte der, Graf, - »wir haben schon zuviel der kostbaren Zeit verloren! Vorwärts, Caballero's!«

Einige Augenblicke darauf hörte man die zu neuer Anstrengung aufgestachelten Pferde über den blutgetränkten noch mit Leichen bedeckten Boden jagen.

Der Senator kniete am Lager seines todten Dieners und betete ein Ave für die geschiedene Seele und die Rettung seiner Tochter.



Wir müssen zu dieser selbst zurückkehren, die Eisenarm und der Comanche übernommen hatten, durch das Innere des alten Vulkans vor einer neuen Gefangenschaft zu retten.

In den ersten Augenblicken nach der von ihm selbst hervorgerufenen Explosion und dem Sturz des Lavablocks begriff der Trapper kaum, was vorgegangen. Er hatte die

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Menschengestalt an sich vorbei schlüpfen fühlen, sie vergeblich festhalten wollen und war gleich darauf von Staub und Geröll halb erstickt worden.

Durch den Luftdruck in dem engen Raum des Höhlenganges war auch die Holzfackel des Comanchen erloschen und es bedurfte einiger Zeit, ehe sie wieder in Brand gebracht werden konnte. Während der Zeit lauschte der ehrliche Trapper vergebens durch das Gewirr der seltsamen Töne, welche aus dem vorderen Theil der Höhle zu ihm drangen, auf einen Laut, der ihm das Schicksal der Person verrathen machte, die sich so unbesonnen der Zerschmetterung durch den Lavablock ausgesetzt hatte. Endlich kehrte Wonodongah mit dem Brand so weit zurück, daß Eisenarm zu seinem Schmerz seine Ahnung bestätigt erkannte, Comeo sei die Person gewesen, die sich an ihm vorüber gedrängt.

»Was hat Eisenarm mit der Schwester seines Freundes gemacht?« frug der Indianer. »Ich sehe Windenblüthe nicht bei ihm!«

»Ich möchte mir das Haar ausreißen, Comanche,« antwortete in größter Unruhe der Trapper. »Das Mädchen ist fort - sie huschte wie ein Wiesel an mir vorüber, der Teufel weiß, aus welchem Grunde, und ich fürchte, der Felsblock hat die Unglückliche zerschmettert.«

Trotz seiner gewohnten Ruhe überflog der Ausdruck jähen Schreckens das Gesicht des Toyah und bewies, wie innig er das junge Mädchen liebte. Er drängte den Freund zur Seite und sprang nach der Stelle der Explosion, wo er sorgfältig am Boden jeden Spalt unter dem Lavablock beleuchtete. Als er sich wieder erhob, war sein Gesicht

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ruhig und es schwebte selbst ein leichtes Lächeln um seine Lippen.

»Windenblüthe ist unverletzt,« sagte er, »sie befindet sich jenseits des Steines in der Höhle.«

»Aber was um Himmels willen kann das Mädchen bewogen haben, uns zu verlassen und sich auf's Neue in die Gefahr zu stürzen?« murrte der ehrliche Kanadier, indem er sich den kalten Angstschweiß mit dem Aermel seines Lederhemds von der Stirn trocknete. »Ich wüßte doch nicht, daß wir Etwas vergessen hätten, was eines solchen Wagnisses werth war?!«

»Comeo ist zu ihrem weißen Freunde zurückgekehrt. Der junge Krieger hat sein Leben für sie eingesetzt, und Comeo ist dankbar. Es ist Zeit, daß wir weiter gehen. Wenn die Feuerblume in Sicherheit ist, werden Eisenarm und der Jaguar ihre Schwester von den Apachen zurückfordern.«

Der Trapper murmelte Etwas, wie: der Teufel könne allein die Weiberlaunen ausstudieren und sie hätten jetzt das Vergnügen, die ganze Geschichte von vorn anzufangen! aber er begriff, daß im Augenblick Nichts zu machen war, als der Entscheidung seines jungen Freundes sich zu fügen, und so folgte er denn diesem zu den bereits voller Angst ihrer im Dunkeln harrenden beiden Frauen, denen der würdige Jäger in etwas confuser und unklarer Weise die Handlungsweise der jungen Indianerin mittheilte.

Die schöne Dolores bedauerte aufrichtig den schnellen Verlust des Mädchens, aber die Zeit drängte zu sehr, aus der gefährlichen Nähe der Apachen zu kommen, als daß man

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dem seltsamen und nicht mehr, wieder gut zu machenden Entschluß Comeo's hätte längeres Bedauern widmen können, und so setzten dann alsbald die vier Personen in der früheren Reihenfolge ihren mühseligen Weg fort.

Dieser ging im vollsten, nur durch den Schein des Cedernspahns spärlich erhelltem Dunkel etwa vierzig Schritte weit in die Tiefe und bestand offenbar aus einer durch die vulkanischen Erschütterungen in die Bergwand gerissenen, bei einer späteren Eruption von einem neuen Lavaguh wieder gefüllten oder überwölbten Bergspaltung; denn an zwei Stellen traten die Wände so dicht zusammen, daß sich die Flüchtlinge nur mit Mühe hindurch zwängen konnten und schon hier der Transport der Verwundeten und des Malayen unmöglich geworden wäre. Bei der nächsten Wendung aber öffnete sich plötzlich der Gang und die beiden Frauen sahen mit einer unbeschreibbaren Erleichterung und Beruhigung den blauen Morgenhimmel wieder über sich.

Das Gefühl der Sicherheit und der überstandenen Gefahr dauerte jedoch nicht lange; denn als sie sich näher umsahen, fanden sie, daß sie sich auf einer Art enger Platte befanden, die zu einer Fortsetzung der von schroffen Wänden eingefaßten, jetzt offenen Bergspalte wohl dreißig Fuß tief steil und glatt abfiel.

Die beiden Mädchen blieben erschrocken vor diesem Hinderniß ihrer weiteren Flucht stehen, um so mehr, als ihre beiden Führer gar keine Anstalt zu machen schienen, auf irgend eine Art weiter zu kommen. Beide standen vielmehr in horchender Stellung, und als die Señora

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aufmerksamer lauschte, konnte auch sie den Knall entfernter Schüsse vernehmen.

»Pardiou, Toyah!« sagte der Trapper - »was meinst Du zu der Richtung dieser Schüsse?«

»Sie kommen von diesseits der Hacienda. Die Apachen sind geschlagen und werden verfolgt!«

»Demonio! was so ein Indianer für eine seine Nase hat! Aber es ist richtig damit. Señora, jetzt mag ich Ihnen Glück wünschen, daß Sie in das Haus Ihres Vaters zurückkehren können, was eine verteufelt fragliche Sache war. Hören Sie, wie das Knallen der Büchsen sich vermehrt? Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser Lungerer, der Fliegende Pfeil, noch von Ihren Freunden in der eigenen Falle abgefangen würde.«

»Können wir uns nicht Ueberzeugung verschaffen, wie die Sachen stehn?«

»Wir können es wohl, allein - - -«

»Nun, Bras de fer, warum sprechen Sie nicht?«

»Wir müssen erst jene Schlucht passirt haben - dann führt uns unser Weg auf die Spitze des Berges, die über dem Krater liegt, und von der aus wir ein hübsches Stück nach der Hacienda zu übersehen können.«

»Aber wie wollen wir hier herunter kommen?«

Der Trapper zuckte die Achseln. »Das wäre in der That die geringste Sorge,« meinte er. »Der Jaguar und ich haben mehr als einmal auf unsern Ranzen die Fahrt da hinunter gemacht. Es ist nur der Umstand zu bedenken, daß wir so nahe an den rothen Halunken nicht schießen

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dürfen, ohne sie auf unsere Spur zu lenken. Ohnehin haben wir auch nur noch Pulver zu zwei Ladungen.«

»Aber wozu sollten Sie denn Ihre Büchsen hier brauchen?« frug die Señora.

»Caramba - das ist leicht erklärt. Erinnern Sie sich der Zeit noch, als wir Beide als Tigreros im Dienst des Señors, Ihres Vaters, standen?«

»Wie sollt' ich nicht - es ist ja etwa erst achtzehn Monate her!«

»Richtig! richtig! Aber erinnern Sie sich auch, daß Sie uns von der »Schlucht der Tiger« haben sprechen hören, und daß Sie uns vergeblich baten, Sie einmal dahin mitzunehmen?«

»Ich erinnere mich!«

»Nun - was wir Ihnen damals verweigerten, es hat jetzt unfreiwillig geschehen müssen! Dies ist die Schlucht der Tiger.«

»Aber ich sehe keinen solchen?« meinte die Dame naiv.

Der Jäger lachte. »Parbleu! als wir damals in des Señors, Ihres Vaters, Dienst jagten, bis wir so rauh fortgeschickt wurden, hatten wir nicht so zarte Rücksichten zu nehmen, und diese Wände hallten mehr als einmal vom Knall unserer Büchsen wieder. Es war zuletzt eine ganze Familie da, zwei alte und zwei junge, der wir den Garaus machten. Aber es wäre auch möglich, es hätte sich wieder eine neue Brut angesiedelt, denn der Schlupfwinkel ist gar zu gelegen für die Bestien, um lange leer zu stehen.«

»Nun, ich sollte meinen, Eisenarm,« erwiederte die

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Dame, »Ihr Beide wäret nicht die Männer, um Euch vor einem Jaguar zu fürchten.«

»Das ist es nicht, aber - -«

»Sprich!«

Der Trapper kraute sich verlegen lächelnd am Kopf. »Wenn Sie es denn wissen wollen, Señora, wir haben nur ein Hilfsmittel, Sie herunter zu bringen und - - es wäre gegen den Respekt, wenn Einer von uns vor Ihnen oder Ihrem Mädchen da hinunter gehen wollte. Es schickt sich nicht recht.«

Die schöne Dame mußte nicht ohne Erröthen lächeln über das Zartgefühl des nur an die Wüste und den Verkehr mit ihren wilden Bewohnern, nicht an die verfeinerten Sitten der Gesellschaft gewohnten Mannes.

»Sei unbesorgt, Eisenarm,« sagte sie - »ich bin vollkommen in Bereitschaft, zuerst hinabzusteigen und allein da unten zu bleiben, wenn ich nur erst weiß, wie es geschehen kann.«

»Pardieu, Señora, ich wußte, daß Sie Muth haben. Nun, Jaguar, die Dame willigt ein. Aber der Vorsicht halber wollen wir immerhin erst einen Versuch machen, ob solche Bestien im alten Lager sind. Nimm einen Stein, Jaguar, und versuche, ihn hinter jenen Felsblock zu werfen, der uns die Aussicht versperrt.«

Der Toyah nahm einige abgebrochene Stücke des Gesteins und warf damit. Der zweite Wurf traf genau auf die Stelle, aber es erfolgte keinerlei Bewegung.

»Nun, Señora, jetzt denk' ich sind wir sicher! Es hilft ohnehin Nichts, wir können hier oben unmöglich stehen

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bleiben. - Nun, da die Herrin will, Comanche, so suche einen tüchtigen Stein, auf dem sie mit Bequemlichkeit den Ritt machen kann.«

Er entledigte sich damit seiner Jagdtasche und holte zunächst daraus eine Rolle Schnur aus schmalen Hanfstreifen geflochten, wie die Trapper und Jäger sich ihrer in der Prairie zum Zusammenschnüren und zum Transport der Felle, ihrer Jagdbeute, bedienen. Während dessen hatte der Toyah einen breiten flachen Lavastein, etwa von der Größe eines Hirschkopfs, aus dem eben verlassenen Berggang gesucht und denselben in das Lederhemd seines Gefährten geschlagen, dessen sich dieser ohne Prüderie entledigte. Er legte hierauf das Packet, das einer Art Sattel glich, an den Rand des Abhanges und nahm das Ende der Schnur.

»Es ist freilich kein sehr bequemer Sitz, Señora, den wir Ihnen da bieten,« sagte der Trapper, der auf die einfache Maschinerie noch seinen Ranzen befestigt hatte, »aber wenn Sie nur die Ruhe nicht verlieren und sich gut daran festhalten wollen, indem Sie sich hübsch zurücklehnen, werden Sie so sicher hinabkommen, wie ich in meiner Jugend am Hudson die Knaben auf ihren Schlitten einen ganzen Berg hinabfahren sah. So - lassen Sie mich die Schlinge hier um Ihren Leib legen, der Jaguar und ich, werden das andere Ende halten.«

Die Dame hatte allerdings nicht ohne einige Besorgniß und Verlegenheit das seltsame Fuhrwerk anfertigen sehen, aber die Sache hatte bei allem Ernst der Gefahr und ihrer Lage zugleich etwas Komisches, und das Gefühl

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desselben brachte sie leichter über das Unangenehme hinweg. Sie ließ sich die Schnur unter den Armen befestigen, nahm ihre Gewänder in Form eines Beinkleides möglichst fest zusammen und setzte sich so auf den angewiesenen Sattel, diesen mit Beinen und Händen festhaltend, indem sie den Oberkörper, durch die vorsorgliche Vorrichtung des Jagdranzens vor dem Gestein geschützt, weit zurückbog.

Der Trapper gab der einfachen Maschinerie einen leichten Stoß und der neue Schlitten fuhr mit ziemlicher Geschwindigkeit die steil abfallende Fläche hinunter.

Ein munteres Lachen verkündete den Männern, daß die Dame unten glücklich angelangt war, und während der Comanche die Maschinerie an der Schnur wieder emporzog, um auf die gleiche Weise die Zofe der Señora hinunter zu befördern, begann diese sich trotz des Zurufs Eisenarms von der Stelle zu entfernen und nach dem Gestein zu gehen, hinter dem der Jäger das Nest der Tigerkatzen vermuthet hatte.

Das Mädchen oben auf der Platte der Lavahöhle zeigte sich ängstlich, dem kecken Beispiel ihrer Gebieterin zu folgen, und machte verschiedene Umstände, ehe sie sich dazu verstand, den allerdings nicht sehr bequemen Sitz einzunehmen und nur die Erklärung Eisenarms, daß man sie ohne Weiteres zurücklassen werde, bewog sie endlich, die unsichere Rutschpartie anzutreten. Dies hatte einigen Zeitverlust zur Folge gehabt und die Aufmerksamkeit der beiden Männer einige Augenblicke von der Herrin abgelenkt.

Ein Wort der jungen Haciendera wandte jedoch Beider Blicke zu ihr.

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»Señor Eisenarm -,« sprach Dolores herauf, - »sehen Sie einmal hierher - wie kommen die jungen Hunde an diesen Ort?«

Die Dame befand sich etwa zwanzig Schritt von dem Gestein entfernt und beugte sich eben zu zwei jungen bräunlichen, kaum spannhohen Thierchen, die im Sonnenschein um sie herspielten und sich an ihren Füßen rieben.

»Gott im Himmel - zurück Señora, zurück - werfen Sie die Bestien von sich - es sind die Jungen eines Panthers!«

Die Haciendera schleuderte erschrocken eines der Thierchen von sich, das, auf einen scharfen Stein fallend, sich verletzte und jämmerlich zu schreien begann.

Ein Ton wie ein entferntes Schnauben und Brüllen antwortete diesem Schmerzensschrei.

Der Comanche, der eben das Mädchen an der glatten Wand mit derselben Vorsicht wie ihre Gebieterin langsam hinuntersenkte, ließ den Strick los, warf sich auf den Abhang und ließ sich mit einer Schnelle hinabgleiten, welche den Sturz des Frauenzimmers noch überholte, das, nicht mehr von dem Strick zurückgehalten, das Gleichgewicht verlor und kopfüber mit ihrem Gefahr hinunterpurzelte und zeterschreiend in gerade nicht sehr decenter Stellung auf dem Grunde ankam und liegen blieb.

Der Toyah kümmerte sich jedoch nicht um sie. Er war kaum von seiner mehr einem Sturz gleichenden Fahrt aufgesprungen, als er den Tomahawk, den er dem von Eisenarm im Lager erschossenen Apachenhäuptling abgenommen,

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von seinem Gürtel riß und in zwei Sprüngen an die Seite der Haciendera flog.

Ein Schlag mit dem Rücken des Tomahawk machte dem Geschrei und dem Leben des kleinen Thieres ein Ende, - aber das Unheil war bereits geschehen - in geringer Entfernung hörte man das Geheul des Pantherweibchens. Einen Augenblick darauf schoß das Thier selbst in langen Sätzen um das Gestein, hinter dem es vergeblich seine Jungen gesucht hatte.

Bei dem plötzlichen Anblick der Menschen hielt der Panther in seinem Lauf inne und warf sich auf seine Hinterläufe zurück. Das Thier war eines der größesten seiner Art. Seine Augen rollten wie zwei gelbgrünliche Kohlen, als er sie auf den Indianer und die Dame richtete, und sein langer Schweif peitschte den Boden.

Die Haciendera war, überrascht und betäubt von diesem Anblick, in die Knie gesunken. Der Toyah, die Streitaxt in der Hand, sonst aber gänzlich unbewaffnet, war einen Schritt vor sie getreten und stand mit seinem rechten Fuß fest in dem Boden.

»Nieder, Junge, nieder mit dem Kopf,« rief der Trapper, »Du bist zwischen meinem Korn und dem Thiere.«

Bevor Wonodongah dem Rufe Folge leisten konnte, setzte der Panther zum Sprunge an.

Diesen Augenblick hatte sein Gegner erwartet. In dem Moment, wo die Bestie kaum fünf Schritt von ihm niederfiel und sich elastisch zum zweiten - dem letzten und verderblichen Satze erhob, und, auf den Hinterbeinen stehend, die volle weiße Brust bot, sauste das scharfe

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Beil durch die Luft, und begrub sein breites Eisen tief in den Hals des Unthiers, da, wo er am Brustknochen aufsitzt.

Der Wurf war mit einer eben so sicheren als starken Hand geschehen und an der einzigen Stelle eingedrungen, welche ihn tödtlich machen konnte. Dennoch vermochte er nicht ganz den Sprung des Thieres zu verhindern, dessen Muskeln bereits im Aufschnellen begriffen gewesen. Der Panther fiel dicht vor dem jungen Häuptling nieder, mit einem Strom von Blut den Boden färbend, und schlug mit den Tatzen nach ihm.

Es ist bekannt, welches zähe Leben die Katzenarten besitzen. Obschon die Halsarterien von dem Beil des Toyah durchschnitten waren und das Thier mit jedem Schnauben der Wuth aus der Wunde und dem Rachen einen Blutstrahl ergoß, in dem es bald ersticken mußte, war es doch noch für Minuten gefährlich.

Aber der Toyah kannte die Eigenschaften des Raubthieres, dessen Muth und Gewandtheit er seinen Namen verdankte, zu gut, um nicht danach zu handeln. Ohne auch nur einen Pulsschlag nach dem Wurf zu zögern, beugte er sich nieder zu dem halb knieenden, halb liegenden, den sichern Tod unter dem furchtbaren Gebiß der Bestie erwartenden Mädchen, wobei der Tatzenschlag des Tigers das Fleisch seiner Hüfte zerriß, hob sie empor an seine Brust und sprang mit ihr aus dem Bereich seiner scharfen Klauen.

Bevor der Panther den Versuch ausführen konnte, seinem Feinde zu folgen, krachte der Schuß des Trappers, und die letzte Kugel Eisenarms zerschmetterte den Kopf des

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Thieres, das sich in den Zuckungen des Todes am Boden wand.

Gleich darauf war der Kanadier, die Büchse Wonodongah's mit sich bringend, auf dieselbe Weise wie dieser, nur mit etwas größerer Vorsicht und Ruhe, den gefährlichen Abhang passirt und befand sich an der Seite des Paares.

Aber die wenigen Augenblicke hatten genügt, zwischen dem armen wandernden Indianer, dem Sohn einer verachteten und angefeindeten Race, und der stolzen Spanierin, der Erbin weiter Güter, deren Ausdehnung leicht einem europäischen Fürstenthum glich, einen neuen Bezug herzustellen.

Wonodongah hielt die Dame noch immer an seine Brust gedrückt, seine Augen ruhten mit einem Gemisch von Leidenschaft und unbeschreiblicher Hingebung auf ihrem noch von der Blässe der Angst und des Schreckens überzogenen Gesicht, während das Blut an seiner Seite hinabrann.

Wie in der Schlucht des Lagers in jenem unbewachten Moment begegneten ihre Augen den seinen; eine tiefe Röthe überzog ihr stolzes Gesicht und ihre Lippe flüsterte mit einem Ausdruck tiefen Gefühls, den man ihrer sonstigen hochmüthigen und kalten Haltung wenig zugetraut hätte: »Wonodongah, ich danke Dir!«

»Nun, Jaguar« sagte der Trapper in aller Unschuld, »ich denke, Du brauchst die Señora nicht mehr auf Deinen Armen zu halten, die Bestie ist wirklich todt; Dein Wurf war ein Meisterschlag und es hätte sicher nicht meiner Kugel

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bedurft, wenn Du noch eine Waffe zur Hand gehabt hättest.«

Langsam ließ der Toyah seine schöne Last zur Erde gleiten, während sie nicht ohne Verwirrung das Antlitz an seiner Brust verbarg. Als sie jedoch wieder auf ihren Füßen stand, war jeder Ausdruck des Zweifels und der Verlegenheit verschwunden. Sie reichte dem Trapper die Hand und drückte warm die schwielige harte Faust.

»Es ist das dritte Mal, Eisenarm,« sagte sie, »daß Dolores Montera Euch Beiden ihr Leben verdankt. Welche Kluft auch das Schicksal zwischen uns gestellt haben mag - sie ist ausgeglichen, ich bitte Euch um Vergebung für meine frühere Härte, die Euch aus dem Dienst meines Vaters jagte. Ihr habt Euch edel gerächt, und ich denke - wir sind Freunde!«

»S'ist wenig genug, Dame, was wir thun konnten,« erwiederte der Jäger, »und nicht der Rede werth, denn es war Nichts als Christenpflicht. Wenn eine Gefahr dabei war, hat sie der Bursche hier allein getragen. Aber parbleu, Jaguar, es ist Dein eigenes Blut, was ich für das Deines Namensvetters hielt. Bist Du stark verwundet, Junge?«

Der Toyah machte eine verächtliche Gebehrde. »Die Krallen eines Tigers7 schlagen nicht so tief, als die des grauen Bären. Der Saft des Oregano8 wird die Ritzen

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heilen, ehe die Sonne zwei Mal gesunken ist. Es ist Zeit, daß wir uns entfernen.«

»Du hast Recht, Jaguar! Der Schuß könnte uns die Bande auf den Hals hetzen, wenn sie nicht, wie ich zu Gott hoffen will, jetzt für ihre eigene Haut zu sorgen haben,« bemerkte der Trapper. »Wenn wir weiter hin in diesem Teufelspaß, statt abwärts zu gehen, in die Höhe klettern, können wir die Gegend bis zur Hacienda übersehen und vielleicht erfahren, was aus unseren Gefährten in dem Thal der Verdammten geworden ist; denn das Schießen wiederholt sich nach der Seite hin.«

Die Zofe der Señora wurde durch einige ernste Worte ihrer Gebieterin und den Anblick des getödteten Raubthiers, dem Eisenarm alsbald auch das zweite Junge folgen ließ, zur Ruhe gebracht. Sie war mit einigen leichten Quetschungen davon gekommen und die Angst machte sie sehr bereitwillig, allen Anweisungen zu folgen. So setzte denn die kleine Gesellschaft jetzt im vollen Lichte des Tages ihren Weg fort, der in der Bergspalte auf und nieder führte und, wenigstens in der Richtung, die der Trapper eingeschlagen hatte, auf einer Felsterrasse endete, die einen freien Blick auf den Fuß des Berges und gegen den Auslauf der Sierra nach der Hacienda hin gestattete.

Der erste Blick der Señora richtete sich nach dem Hause ihres Vaters und ein lauter Ruf der Freude entfuhr ihren Lippen.

»Eisenarm! - Wonodongah! seht dorthin - sie sind gerettet!«

Von dem Hauptgebäude der Hacienda flatterten an

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langen Flaggenstäben zwei Fahnen im Luftzug. Die eine trug die Farben Mexikos, die andere das Weiß der Bourbons.

Die beiden Jäger schenkten diesem Umstand jedoch nur eine sehr flüchtige Beachtung.

Das, was sie fast unmittelbar zu ihren Füßen in der Niederung am Fuße des Vulkans und der Nebenberge, auf deren einem sie jetzt standen, sahen, belehrte sie weit besser über die Ereignisse.

Das Geplänkel eines lebhaften Gefechts drang von unten zu ihnen herauf, der weiße Rauch der Büchsenschüsse quoll zwischen den Steinen und den Büschen wilder Feigen und Myrthen oder der mächtigen Korkbäume und Cedern empor.

Der Blick der Zuschauer übersah weithin das Schauspiel eines interessanten Reitergefechts, das sich zwischen der Bande der Mimbreno's, an die sich ein Theil der von der Hacienda entkommenen Krieger der anderen Stämme geschlossen, und den Reitern Boulbon's entsponnen hatte. Wir haben bereits erwähnt, daß der »Fliegende Pfeil«, wenn auch der jüngste der vier Häuptlinge, doch keineswegs ein unerfahrener oder zu verachtender Feind war. Der Angriff des Grafen auf den zurückgelassenen Theil seiner Krieger, der, durch die Nachrichten der Flüchtigen bereits in Schrecken und Verwirrung gesetzt, mit leichter Mühe und trotz der geringen Zahl der Abenteurer geworfen wurde, hatte ihn rasch aus der Höhle des Kraters zurückgeführt und jeden Gedanken an eine Verfolgung der Señora und ihrer beiden Befreier aufgeben lassen. Er begnügte sich, die Gefundenen

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mit sich zu führen und mit seiner Bande alsbald das Gefecht zum Stehen zu bringen, um wenigstens den Rückzug Wis-con-Tah's mit den Resten seiner Schaar zu decken. Wie kühn und entschlossen auch der Graf mit seinen Reitern vordrang, so war doch die Zahl der Abenteurer, die sich ihm hatten anschließen können, zu gering, um einen gleich raschen Erfolg durchsetzen zu können, wie bei dem Ueberfall der Belagerer, und er hatte bereits einen Boten zur Hacienda mit dem Befehl an Kapitain Perez gesendet, ihm möglichst rasch Verstärkung zuzuführen.

Eisenarm, an Kampf und Vertheidigung gewöhnt, betrachtete mit höchstem Interesse die Scene vor ihnen, und seine Worte und Ausrufungen gaben ein nicht übles Bild derselben.

»Pardieu!« sagte der ehrliche Trapper - »selbst sein ärgster Feind müßte zugestehen, daß er zum Befehlen geboren und ein ganzer Mann ist! Sieh hin, Jaguar, wie er auf seinem Rappen sitzt, der beste Comanche lenkt sein Roß nicht besser wie er!

»Der rothe Schuft dort hinter der Myrthenhecke schlägt seine Flinte auf ihn an - nehmt Euch in Acht, Herr! - bei der heiligen Jungfrau, die Kugel hat ihm den Hut vom Kopf gerissen und er thut, als ginge ihn die Sache Nichts an! - Halt - ich täuschte mich, - er hat den Kerl gesehn und ist wie der Blitz hinter ihm! Hurrah! einer von diesen Schurken weniger wird auf der Prairie heulen! Was sagen Sie zu dem Manne, Señora? Es ist kein Zweifel, daß er dem Señor, Ihrem Vater, die Schädelhaut bewahrt hat und Sie ihm zu großem Danke

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verpflichtet sind, wenn er auch sonst Schlimmes genug gethan!«

»Graf Boulbon ist mein Verlobter, sprich mit Achtung von ihm!« sagte die Haciendera stolz.

Ihr Auge starrte auf das bewegte Schauspiel unter ihr, ohne zur Seite zu weichen.

»Hugh!«

»Was hast Du, Jaguar? - Das ist eine schlimme Nachricht, Dame, für unser Ohr; denn der Toyah und ich haben eine blutige Rechnung mit dem Manne da unten auszumachen, und unser Gelöbniß muß gehalten werden, obschon ich ihm sonst einige gute Eigenschaften nicht absprechen will. Auch der »Graue Bär« schlägt sich wie ein Held, wenn er auch sonst ein verdammter Mörder ist. Aber ich wundere mich, daß ich ihn hier nicht sehe - es ist doch sonst nicht seine Art, sich zu drücken, wo es tüchige Schläge giebt, wie die Schlange der Meskalero's thut, der spitzbübische Lump! - Verdammniß über ihn! siehst Du den Reiter dort, Jaguar - auf demselben Pferde, das ich den Apachen am Lager nahm?«

»Hugh!«

»Zum Teufel mit Deiner Kaltherzigkeit! Es ist der Engländer, den wir von dem Lager der Apachen mit uns schleppten und in der Höhle zurückließen! Er hat sich wahrhaftig den rothen Teufeln gegen ehrliche Christen-Menschen angeschlossen und ficht gegen sie. - Ich wünschte, meine Büchse wäre noch geladen und ich könnte ihm eine Kugel von hier durch den Kopf senden, statt daß ich sie an eine Bestie verschwenden mußte.«

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»Wenn es wirklich der Lord ist,« sagte die Haciendera, »so können unsere Freunde nicht weit sein. Wonodongah, entdeckst Du keine Spur von Deiner Schwester?«

Der Comanche hob die Hand und deutete nach einer Stelle im Rücken der indianischen Kampflinie.

»Windenblüthe ist dort, an der Seite eines Freundes!«

»Wahrhaftig, Jaguar, Du hast das Auge eines Falken! Sehen Sie dorthin, Señora - zwischen den beiden Hügeln dort hinter den Fächerpalmen. Ich sehe deutlich das Mädchen, die neben dem Pferde geht, auf dem ein Apache den jungen Krieger festhält, der sein Leben für sie einsetzte! - Hollah, da unten! Wenn Ihr zehn Mann da links hinter dem Erdwall hinaufschickt, könnt Ihr sie befreien von den rothen Henkersknechten!«

Der Eifer riß ihn zu dem Rufe hin, gleich als könnten die Kämpfer im Grunde seine Stimme hören und seinen Rath verstehen. Die Haciendera, von gleichem Wunsch erfüllt und demselben Eifer beseelt, stand am Rand des Plateaus und wehte eifrig mit ihrem Tuch hinunter, als könne sie ihre Freunde herbeirufen.

Der Toyah streckte nochmals die Hand aus und deutete nach einem Punkt in der Rückzugsreihe der Apachen.

»El Crucifero!«

»Ich sehe ihn, Junge, ich sehe ihn! - Sie führen ihn auf einem andern Wege fort, als das Mädchen und den Offizier. Aber der Alte scheint einer gewissen Freiheit zu genießen, er geht mit erhobenem Kopf in der Mitte seiner Wächter und seine Arme sind nicht gebunden. Ich

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wollte, wir könnten einen Versuch machen zu ihrer Befreiung!«

»Und warum solltet Ihr das nicht, Bras-de-fer?« frug hastig die Dame, »Was hindert Euch daran, den Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, oder wenigstens unsere Freunde auf ihre Spur zu bringen, die sie jetzt nicht sehen können. Geht Eisenarm, geht Wonodongah - sucht einen Weg hinab und fürchtet Euch nicht, mich hier zurückzulassen. Ich bin sicher hier und verspreche Euch, nicht von der Stelle zu gehen!«

Der Trapper schüttelte, mit der Versuchung und der eigenen, immer stärker werdenden Lust kämpfend, an dem Gefecht drunten Theil zu nehmen, den Kopf. »Pardieu! Dame, es geht kaum! Wenn Ihnen ein Unglück passirte -«

»Denken Sie nicht daran, - nicht das Geringste kann mir geschehen, und sehen Sie, Eisenarm, man hat uns bereits gesehen, unsere Freunde wissen, daß ich gerettet bin und kommen zu meinem Beistand herbei! Ich beschwöre Sie, zögern Sie keinen Augenblick, unseren Freunden zu Hilfe zu eilen und Comeo, meine liebe Freundin, wieder zu mir zu führen!«

In der That schienen der Graf und seine Umgebung die Gesellschaft auf der Felsenterrasse bemerkt zu haben - der General schaute einige Augenblicke durch sein Glas nach ihr, dann schwenkte er grüßend den Hut nach ihnen herüber, und galopirte nach der Stelle unter der Felsenterrasse.

Der Trapper warf bei diesem Beweis, daß seine Besorgniß ungegründet sei, die Büchse über die Schulter und streckte die nervige haarige Faust der Dame zum Abschied

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entgegen. »Nun, parbleu! es soll geschehen, wie Ihr wollt. Jaguar, bleibe noch einen Augenblick hier und sieh zu, daß Die da unten den Weg hier herauf nicht verfehlen! Ich gebe Dir ein Zeichen, wenn der unsere klar ist, um uns an die Fersen dieser Schufte zu heften!«

Der Toyah nickte stumm in Stelle der Antwort und machte sich mit seinen Waffen zu schaffen. Alsobald trat Eisenarm den Rückweg an, nachdem er sich noch einmal von der Richtung überzeugt hatte, welche die Apachen mit ihren Gefangenen genommen.

Es waren jetzt von der Hacienda her ansehnliche Verstärkungen eingetroffen und die Indianer auf allen Stellen zurückgeschlagen. Vergeblich hatte während des Gefechts der Lord mehrmals versucht, sich dem Führer der Weißen gegenüber zu stellen. Boulbon, durch die Erzählung des jungen Vaquero von seiner Anwesenheit unter den Apachen in Kenntniß gesetzt, vereitelte jedesmal ein persönliches Zusammentreffen, und der Lord mußte, als der Rückzug der Apachen trotz aller Anstrengung der Häuptlinge in eine Flucht auszuarten begann, seine Absicht aufgeben und sich dem Strom anschließen, wenn er nicht in die Gefangenschaft seines Gegners gerathen wollte.

Der Graf hatte sich bei diesem Stande der Sachen, da es keineswegs seine Absicht sein konnte, die Indianer in das Innere des Gebirges zu verfolgen, begnügt, die nöthigsten Befehle an seine Offiziere zu geben, und seine Aufmerksamkeit dann nur der jungen Haciendera zugewendet, winkte ihr wiederholt zu und sprang jetzt am Fuße der Felsen vom Pferde, um einen Ausweg zu ihr zu suchen.

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Wonodongah hatte dies Alles sehr wohl bemerkt, doch keine Bewegung, kein Zeichen verrieth, was in dem Herzen des tapferen Indianers vorging.

Die schöne Haciendera zeigte anfangs eine gewisse Befangenheit - ihr Auge hing am Boden, Ernst und Nachdenken zogen ihre schön gewölbten Brauen zusammen. Dann - als habe sie ihren Entschluß gefaßt - trat sie zu dem Toyah.

»Wird der Jaguar Windenblüthe begleiten, wenn sie zu einer Freundin kommt?« frug sie. »Mein Vater hat ihm noch nicht Dank gesagt für die Rettung seiner Tochter.«

»Der Mann mit den hundert Häusern hat zu einem Häuptling gesprochen: geh'! - Ein Comanche ist kein Hund, der zu den Füßen seines Herrn kriecht, wenn die Hand ihn geschlagen hat.«

»Du darfst nicht rachsüchtig sein, Jaguar. Wir haben unrecht an Dir gehandelt, aber wir wollen es gut machen. Ich möchte Dich gern noch einmal sehen vor meiner Vermählung, und der Graf selbst soll Dir danken.«

»Es wird gut sein, wenn die Sierra zwischen der »Offenen Hand« und einem Toyah liegt. Wenn die Feuerblume vermählt ist, möge sie ihren Gatten hüten, daß er nicht die Wüste betritt. Wonodongah will seinen Tomahawk begraben, aber die Kugel Eisenarm's verfehlt selten ihr Ziel.«

»Aber warum hasset Ihr den Grafen?«

»Sollen die weißen Häuptlinge, die über das große Wasser kommen, das Recht haben, den Kindern der Wüste Alles zu nehmen, bloß weil ihre Haut roth ist?« sagte

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leidenschaftlich der junge Indianer. »Sollen sie das Recht haben, ihre Freunde zu tödten, das Gold ihrer Väter zu rauben, das der große Geist in der Wüste verborgen, und die Blume zu brechen, an deren Duft sich ein rother Mann labt, wenn er auch niemals seine Hand nach ihr strecken darf.«

Die Haciendera senkte ihr Auge. »Mein Vater hat mich dem Grafen Boulbon verlobt« sagte sie leise. »Ich muß nach meinem Stande und meiner Religion mich vermählen, und in den Adern meines Verlobten fließt das Blut von Königen.«

Der Indianer hob energisch den Arm und wies über die Gegend hin. »Wonodongah« sagte er, »ist der letzte Sohn seiner Väter, die über Berg und Thal geboten von einem Wasser zum andern. Ich wußte nicht, daß die weißen Männer von jenseits des Meeres zwei Weiber nehmen.«

»Du bist im Irrthum, Jaguar. Der Graf ist unverheirathet; unser Glauben gestattet dem Mann nur eine Frau und sie steht dem Manne gleich.«

»Wonodongah hat nur ein Herz. Wenn die »Offene Hand« die Feuerblume liebt, warum hat er dann sein Weib von jenseits des großen Wassers mit herüber gebracht? Die Feuerblume sollte die Erste sein im Wigwam eines großen Häuptlings.«

»Dolores Montera,« sagte die Spanierin mit stolzem Blick, »wird niemals die Liebe ihres Gatten mit einer Anderen theilen. Die bösen Sitten Deines Volkes lassen

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Dich einen Irrthum begehen. Der Graf war niemals vermählt.«

»Die Herrin der hundert Häuser möge den Irrthum eines unwissenden Indianers verzeihen. Wonodongah glaubte, die Tochter des alten Mannes, mit der sie gereist ist, sei das Weib des weißen Häuptlings, da sie sein Lager theilt. - Möge die Feuerblume glücklich sein und eines Freundes gedenken, dessen Blut ihr gehört, - denn hier ist der Ruf Eisenarms, und ich höre ihre Freunde kommen.«

In der That erklang aus einiger Entfernung der Schrei eines Falken, das Signal des Trappers, und der Toyah wandte sich, um zu gehen.

Aber die Hand der Haciendera hielt ihn fest - ihr Gesicht glühte, ihr Auge blitzte.

»Was meinst Du, Wonodongah? von welcher Tochter sprichst Du?«

Der Indianer sah sie erstaunt an. »Sind die Frauen der weißen Männer blind, daß sie ihr eigenes Geschlecht nicht erkennen? Kein Comanchenmädchen wird die Taube für einen jungen Falken halten.«

»Wie - der Knabe Jean? - Und woher weißt Du - -«

Der Indianer legte den Finger auf seinen linken Oberarm.

»Die Feuerblume möge sich der Nacht erinnern, in der sie das Blut eines Freundes vergoß. - Der Arm der Taube hat in jener Nacht allein das Herz eines Adlers vor dem Messer Wonodongah's geschützt!«

Zum zweiten Male klang das Signal Eisenarms.

Die Spanierin stand unbeweglich, die hochgewölbten

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dunklen Brauen finster zusammen gezogen, die Augen fest auf den Boden gerichtet.

Als sie dieselben wieder erhob, war der Indianer verschwunden. Schwere Schritte, Stimmen und das Klirren von Waffen klangen den Absturz herauf. - - -

»Dolores - Señora Dolores, meine geliebte Braut, wo sind Sie?«

Es war der Graf! - -

Der Eid.

Es war gegen Mittag desselben Tages, als der Graf mit seinen Leuten zur Hacienda zurückkehrte und seine schöne Braut nach all' den überstandenen Gefahren in die Arme ihres Vaters zurückführte, der bereits durch einen Boten von ihrer Befreiung und Rettung benachrichtigt worden war.

Die Apachen waren vollständig geschlagen und eine genügende Strecke weit verfolgt worden, ehe er das Zeichen zum Sammeln und zur Rückkehr gab. Er selbst hatte die Señora nicht mehr verlassen, seit er zu ihr gekommen, und die größte Aufmerksamkeit und Sorge getragen, ihr den Weg von den Felsen und nach der Hacienda zurück so leicht und bequem zu machen, als möglich.

Señora Dolores hatte die wenigen Augenblicke benutzt, die zwischen dem Verschwinden des Comanchen und dem Erscheinen des Grafen lagen, um wenigstens äußerlich ihre gewohnte stolze Kälte wieder zu erlangen. Sie hatte sich gegen die Aufmerksamkeiten des Grafen und die Freuden-Aeußerungen seiner Freunde, sie wieder zu finden, mit der

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Abspannung und Erschöpfung entschuldigt, die sie nothwendiger Weise fühlen mußte, was ihre Einsylbigkeit vollkommen erklärte. Auf die eifrigen Nachfragen des Grafen nach ihren Mitgefangenen und Fluchtgefährten gab sie die Antwort, daß der verwundete Preuße und das Indianermädchen in der Höhle zurückgeblieben und wieder in die Hände der Apachen gefallen wären, und daß ihre beiden Erretter sich aufgemacht hätten, die Gefangenen zu befreien.

Auch daß es in der That Lord Drysdale und sein Malaye waren, welche sich den Apachen angeschlossen hatten, bestätigte sie.

Der Graf war mit diesem seltsamen Zusammentreffen der Personen und Ereignisse selbst zu sehr beschäftigt, um ihrem kalten wortkargen Wesen andere Aufmerksamkeit zu schenken, als daß er es den erlittenen Strapatzen zuschrieb. So traf der Zug in der Hacienda ein.

Hier waren wenigstens die traurigsten Zeugen des Ueberfalls, die zahlreichen Todten, bereits bei Seite geschafft und die Verwundeten in einem der Nebengebäude untergebracht. Der Senator war seiner Tochter entgegengeeilt; er empfing sie und den Grafen mit aller Herzlichkeit, die sein stolzes ceremonielles Wesen ihm nur gestattete, stellte Beide als die künftigen Herren seines Eigenthums den Bewohnern der Hacienda vor und verhieß dem Grafen zum Dank für das Wiederbringen seiner Tochter, daß, sobald die Apachen über die Sierra zurückgetrieben worden wären, die Hand seiner Tochter die seine werden solle.

Ein eigenthümlicher fast drohender Ausdruck glitt bei diesem Versprechen über das schöne Gesicht der spanischen

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Dame. Ihr Auge hatte jede Bewegung, jede Handlung ihres Verlobten genau beobachtet und gesehen, mit welcher Bewegung der Knabe Jean, der mit dem alten Avignoten eine Stunde vorher auf der Hacienda eingetroffen war, sich beim Wiedersehen an die Brust des Grafen warf, und wie er von diesem beruhigt wurde.

Die junge Haciendera übte noch die Pflicht der Hausfrau, für den Grafen und seine beiden Begleiter zwei Gemächer in dem Hauptgebäude anzuweisen, die sie nicht ohne Absicht entfernt von einander und der Art wählte, daß sie dieselben wohl beobachten konnte. Dann zog sie sich in die ihren zurück, um hier der erschöpften Natur Rechnung zu tragen.

Dies war gleichfalls das Bedürfniß aller Bewohner und Vertheidiger der Hacienda. So sehr auch der Graf wünschte, seinen Sieg auf der Stelle weiter verfolgen zu können, so erklärten ihm doch seine Offiziere, daß dies unmöglich sei, und daß Menschen und Pferde mindestens vierundzwanzig Stunden Ruhe haben müßten. Der Graf mußte sich daher damit begnügen, für die Aufschlagung eines Bivouacs auf dem Platz der früheren Corrals, die Aufstellung der nöthigen Wachen und die Aussendung einiger der abgehärtetsten Rostreadores zu sorgen, welche die weiteren Schritte der Indianer beobachten sollten.

Die Späher erhielten zugleich den Auftrag, wenn sie auf Eisenarm und den Comanchen stoßen würden, diese mit zur Hacienda zu bringen.

Ein Stier wurde geschlachtet, der Haciendero gab mit offener Hand seine Vorräthe preis, und bald erfüllte wieder

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der Lärmen des Gelages und das unruhige Treiben der Schaar die noch vor wenigen Stunden mit dem Blute von Freund und Feind getränkte Stätte. Als die Sonne untergegangen und rasch die Nacht eintrat, suchte Jeder die Ruhe und bald darauf lagen - mit wenigen Ausnahmen selbst die ausgestellten Schildwachen - Alle in dem Schlaf tiefer Erschöpfung.

Don Carboyal, der sich hauptsächlich der Sorge für den gefangenen Häuptling angenommen, über dessen Person weiter zu bestimmen der Graf noch keine Zeit gefunden hatte, war für die Sicherung desselben bemüht gewesen. Sehr richtig schließend, daß Derjenige, welcher am meisten von seiner Grausamkeit zu leiden gehabt, am sorgfältigsten ihn bewachen würde, hatte er die Aufsicht über den Gefangenen Meister Slongh übertragen und ihm zwei handfeste Wächter zum Beistand gegeben.

Die Anordnung der Bewachung wäre in der That auch eine ganz zweckmäßige gewesen, wenn eben Meister Stongh nicht auch andere Dinge zu thun gehabt hätte, als auf den »Grauen Bär« und seine ermüdeten Wächter zu passen. Er war den Nachmittag über sehr geschäftig gewesen, seinen Kameraden von der Expedition und den Vaquero's der Hacienda im Monte oder im Handel nicht bloß ihre Baarschaft, sondern auch die geringe Beute abzunehmen, die sie an den erschlagenen Apachen gefunden, und die in einigen plumpen Arm- und Ohrringen von edlen Metallen bestand.

Das Gefängniß des Häuptlings war eine Kammer im oberen Geschoß, deren schmales Fenster einer Schießscharte

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glich und jede Flucht unmöglich machte. Von ihren beiden Thüren ging die eine nach dem über dem Balcongemach der Señora liegenden Raum und vor ihr hatten sich die beiden Wächter gelagert; die andere, fest und wohl verwahrt von Innen, nach einem Eckzimmer des Hauses, demselben, das die Haciendera dem Knaben Jean, dem angeblichen Verwandten ihres Verlobten als Schlafgemach hatte anweisen lassen. Die beiden Zimmer des Grafen und seines alten Dieners lagen an der entgegengesetzten Seite des nach dem Hofraum gleich einer Veranda offenen, nur von Jalousieen geschlossenen Corridors.

Meister Slongh hatte zwar mehrfach den ihm anvertrauten Gefangenen besucht, ihn doppelt und dreifach zusammenschnüren lassen, so daß er sich nicht zu rühren vermochte, und bei jeder Gelegenheit ihn mit Fußtritten und Schimpfnamen verhöhnt, ohne daß der Häuptling dies auch nur mit einem Blick erwiderte; aber er benutzte jede Gelegenheit, sich - wie bereits gesagt, - fortzustehlen, und als der Abend kam, nach einem entfernten Schuppen des Hofes zu verschwinden, wo er in einem dunklen Winkel lange Unterredungen mit zwei Männern hielt, die dem lauten Treiben ihrer Kameraden aus dem Wege gingen und sich dorthin zurückgezogen hatten.

Diese Personen waren der Yankee und der Pirat. Der Erstere zog es vor, dem Grafen aus dem Wege zu gehen und sich verborgen zu halten, bis er weitere Nachricht über das Schicksal seiner beiden Gefährten und ihr Verbleiben eingezogen hätte. Der Andere war seit der Nachricht, daß der Engländer noch immer auf seiner

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Verfolgung begriffen sei, wieder kleinlaut und mürrisch, und seine Kampflust, die er in dem Blut der Indianer gekühlt, zeigte sich sehr verraucht. Master Slongh hatte die Beiden mit einander bekannt und die Anziehungskraft der Bösen sie bald vertraut gemacht.

Nachdem der Methodist am Abend nochmals den beiden Wächtern des Gefangenen, wozu man als die Kräftigsten der ganzen Schaar die beiden von ihren Schiffen entlaufenen englischen Matrosen gewählt hatte, die strengste Wachsamkeit empfohlen, zog er sich in den Schlupfwinkel seiner Gefährten zurück, ohne zu ahnen, daß die Zofe der Señora auf deren Befehl den beiden durstigen Kehlen eine Flasche scharfen Aguardiente am Abend zur Stärkung und Aufmunterung gebracht hatte.

Es war um Mitternacht, als sich die Thür leise öffnete, welche aus den Gemächern der jungen Haciendera in die große Halle führte, und die Señora in einem leichten Nachtgewand in den Raum glitt, der nur von einer, in kupfernen Ketten von der Decke hängenden Lampe erleuchtet war. Der Schein derselben fiel auf die zahlreichen Schläfer, die in ihre Poncho's gehüllt auf dem Pflaster oder dürftigen Lagern von Maisstroh umherlagen, und deren sehr unharmonisches Schnarchen die tiefe Erschöpfung ihrer Körper bewies. Unter der Lampe lag auf einer Bahre, mit grünen Zweigen geschmückt, die Leiche des alten Haushofmeisters und an ihrer Seite auf seinen Knieen der junge Vaquero, der darauf bestanden hatte, bei dem Todten die Leichenwache zu halten. Aber sein guter Wille war gleichfalls der Ermüdung erlegen, sein Kopf auf die Bahre

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neben die sterblichen Ueberreste seines Verwandten gesunken und Gebetbuch und Rosenkranz der Hand entfallen.

Die Haciendera glitt wie ein Schatten zwischen den Schläfern hin bis zu dem Jüngling, legte die Hand auf seine Schulter und schüttelte ihn, anfangs leise, dann stärker, bis er erwachte.

Er wollte emporfahren und einen Ruf der Ueberraschung thun, aber die Hand der Señora verschloß seinen Mund.

»Schweige!« flüsterte sie. »Folge mir! - Vorsichtig!« Sie ging vor ihm her nach der Steintreppe, die aus der Halle in den oberen Stock führte. Auf dem Corridor, den sie betraten, und der durch das in die offenen Jalousieen einfallende Mondlicht genügend erhellt wurde, blieb sie stehen.

»Wo wird der Graue Bär gefangen gehalten?«

»In der Kammer zur Linken, Herrin, die an das letzte Gemach stößt. Seine Wächter befinden sich vor der Thür - Sie brauchen keine Besorgniß zu hegen, auch wenn sie schlafen sollten. Der rothe Mörder ist gebunden und unfähig sich zu rühren.«

»Thor! - ich fürchte mich nicht! - Geh und überzeuge Dich, ob die Männer schlafen - aber vorsichtig!«

Der Vaquero schlich sich an das offene Gemach - auch hier tönten ihm die Laute entgegen, welche unzweifelhaft einen tiefen Schlaf der Wächter verkündeten. Sie hatten sich quer vor die Thür gelegt, so daß jeder Fluchtversuch nach dieser Seite sie hätte wecken müssen.

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Diaz kehrte zurück. »Sie schlafen fest, Herrin,« berichtete er. »Soll ich sie wecken?«

»Nein! - Komm und schweige, was Du auch sehen und hören magst. Hast Du Dein Messer bei Dir?«

»Ja, Señora!«

Die Dame zögerte einen Augenblick, - dann ging sie zu der Thür des den Korridor schließenden linken Eckgemachs und beugte lauschend den Kopf.

Kein Laut ließ sich hier hören.

»Der Verwandte des Señor Conde schläft hier,« flüsterte der Vaquero.

»Ich weiß und Du sollst sogleich sehen, wie er schläft.« Sie drückte an der Thür, die sofort nachgab und sich öffnete. Die Haciendera trat in das Gemach und als der Jüngling ihr gefolgt war, schloß sie die Thür und zündete eine kleine Lampe an, die sie bisher in der Hand getragen hatte.

Als das Licht seinen Schein verbreitete, bemerkte Diaz, daß das Zimmer und das Lager, das es enthielt, leer waren.

Ein finstres und höhnisches Lächeln glitt über die Züge der Dame. Sie setzte die Lampe auf einen Tisch und blieb an diesem stehen.

»Ich weiß Diaz, daß Du mir treu und ergeben bist?« sagte sie.

»Bis in den Tod, Señora,« betheuerte der junge Mann. »Bei der heiligen Jungfrau, Herrin, ich hätte Sie sicher auch in dem Thal der Verdammten nicht verlassen, wenn ich nicht gedacht hätte, es wäre besser,

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Beistand von der Hacienda zu holen. Deshalb allein folgte ich Kreuzträger, der beim Kampf in der Schlucht mein Leben gerettet hat.«

»Er ist ein braver Mann. Möchtest Du nicht Etwas thun zu seiner Befreiung?«

»Gewiß, Señora - válgame Dios! nachdem mein Oheim todt ist, kenne ich Keinen, für den ich lieber Etwas thäte - Sie ausgenommen, Señora!«

»Du kannst leicht Beides vereinigen. Verstehst Du die Sprache der Apachen?«

»Wenige Worte, Señora, was man bei Gelegenheit von den Jägern und Indianern lernt. Eisenarm hat mich Einiges gelehrt, als er noch ein Tigrero des Señor Senador war.«

»Es genügt. Frage mich nicht, sondern thue, was ich Dich heiße, ich übernehme alle Verantwortung. Siehst Du die Thür hier?«

»Ja, Señora - sie führt von dieser Seite in die Kammer, in welcher der Gileno liegt!«

»Schiebe leise die Riegel zurück!«

»Wie, Señora - die Thür ist zwar von festem Eichenholz, aber es könnte doch -«

»Schweig' und gehorche!«

Der junge Mann, der voll Erstaunen war über die Handlungsweise seiner Gebieterin, that doch nach ihrem Gebot. Die Riegel, lange nicht in Gang, wichen nach einiger Anstrengung. Da höchstens durch solche in Mexiko die Thüren gesichert sind, bedurfte es nicht noch eines Schlüssels.

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»Oeffne ohne Geräusch und sieh nach dem Gefangenen!«

Der Vaquero folgte kopfschüttelnd dem Befehl; der Schein der Lampe fiel in die dunkle Kammer und ließ ihn die mächtige Gestalt des Häuptlings erkennen, der auf dem Estrich ausgestreckt lag.

Die funkelnden Augen des Indianers, dessen scharfe Sinne jedes Geräusch verfolgt hatten, waren mit dem Ausdruck eines gefesselten Wolfes auf die beiden Personen gerichtet, die so geheimnißvoll sein Gefängniß betraten. Einige Augenblicke schien die Haciendera das Wagniß zu überlegen, das sie vorhatte, dann winkte sie entschlossen dem Jüngling.

»Ueberzeuge Dich, daß seine Hände gebunden sind, Diaz,« sagte sie. »Dann durchschneide die Stricke an seinen Füßen und heiße ihn leise uns folgen.«

Der Vaquero trat erschrocken zurück. »Herrin - bedenke! es ist der Graue Bär!«

»Hast Du nicht Dein Messer?«

»Ja - aber -«

»Presto! willst Du Dich dann vor einem gefesselten Manne fürchten? Gieb her!«

»Nein, Señora,« sagte entschlossen der junge Mann. »Wenn es denn einmal darauf ankommt, sich auszusetzen, so ist es besser, daß ich es thue. Maria santissima! sehen Sie, wie dieser rothe Teufel seine Augäpfel rollt, gerade, als ob er uns verstanden hätte.«

»Wahrscheinlich versteht er Spanisch genug, um zu

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begreifen, was ich befohlen habe, und das wird unser Gespräch sehr erleichtern. Gehorche schnell.«

Der Vaquero schlich mit aller Vorsicht zu dem Wilden, prüfte sorgfältig, ob die Lederstricke, die seine Arme und Hände auf dem Rücken zusammenschnürten, auch noch gut befestigt seien, und bückte sich dann.

Der Gileno streckte ihm die Füße entgegen - er hatte also verstanden!

Mit einigen Schnitten des scharfen Messers löste Diaz nicht ohne Zögern die Stricke, welche die Knöchel des Häuptlings so scharf zusammengeschnürt hatten, daß es einiger Augenblicke bedurfte, ehe das Blut wieder in Circulation trat. Sobald er dies fühlte, sprang der wilde Krieger mit einem Satz in die Höhe, so plötzlich, daß der junge Vaquero erschrocken zurückfuhr und fest das Messer faßte, bereit, es bei der geringsten weiteren Bewegung dem gefürchteten Indianer in's Herz zu stoßen.

Aber der Gileno blieb, nachdem er sich so plötzlich erhoben, gleich einer Bildsäule von Stein ohne Bewegung stehen, sein finstres Auge auf die Dame geheftet.

Die Señora winkte ihm. »Tritt näher, Häuptling!«

Geräuschlos, gleich der Schlange, die sich über das Gras windet, glitt der Häuptling in das Nebenzimmer.

»Verstehst Du unsere Sprache?« frug die Señora.

Der Gileno nickte.

»Muy bien! das erleichtert uns Vieles. Diaz, tritt an die Thür und merke auf, daß Niemand uns stört. Es ist jetzt nicht nöthig, daß Du hörst, was ich mit dem Indianer zu verhandeln habe.«

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Der junge Vaquero zögerte nochmals. »Bei der heiligen Jungfrau, Señora, ich darf es nicht wagen, Sie unbeschützt zu lassen.«

Die Hacienda lächelte spöttisch. »Beruhige Dich, Knabe,« sagte sie. »Ich habe mich für alle Fälle vorgesehen.«

Sie schlug, so daß es der Häuptling sehen konnte, die Falten ihres Obergewandes zurück und zeigte auf einen kleinen Revolver in ihrem Gürtel. Diaz ging schweigend nach der Thür, von wo er jedoch die Gebieterin und den Indianer nicht aus dem Gesichte verlor, obschon er das, was sie redeten, nicht verstehen konnte, da das Folgende in leisem Ton gesprochen wurde.

Die Señora war, ohne die geringste Furcht zu zeigen, auf etwa zwei Schritt zu dem Gefangenen getreten.

»Der Graue Bär,« sagte sie, »ist ein berühmter Krieger. Er hat zum zweiten Mal dieses Haus betreten, aber er hat jedes Mal Unglück gehabt und ist jetzt ein Gefangener, wie ich gestern noch die seine war.«

Der Indianer blieb stumm, sein Blick starrte in die Luft.

»Will der tapfere Häuptling der Apachen frei werden?«

Die Augen des finstern Kriegers warfen einen Moment lang einen Flammenstrahl. Dann antwortete er mit verächtlichem Lächeln: »Makotöh ist ein Häuptling. Die Zungen der Weiber mögen ihren Witz an den Knaben üben. Makotöh wird lachen zu den Martern seiner Feinde.«

»Häuptling,« sagte die Spanierin mit entschlossenem Ausdruck, »es ist Wahrheit, was ich Dir biete. Du hast bereits gesehen, daß ich die Macht dazu habe.«

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Der Indianer dachte einige Augenblicke nach, dann hob er den Kopf und sah die Señora forschend an.

»Die Bleichgesichter,« sagte er, »geben Nichts umsonst, Sie fordern für ihr Pulver, das Feuerwasser und die Decken, die sie den rothen Männern bieten, ihr Gold und die Beute ihrer Jagd. Was verlangt die Tochter des Mannes mit den hundert Häusern von einem rothen Krieger?«

»Du hast Recht, Makotöh, wenn Du meinst, daß ich keine solche Thörin sein würde, ohne Bedingung Dir die Freiheit zu geben. Ich habe meine Zwecke und stelle Dir zwei Forderungen.«

»Rede - meine Ohren sind geöffnet.«

»Wohl, Du siehst mich hier frei und als die Herrin über Dein Leben vor Dir stehen. Als Makotöh mit seinen Kriegern gegen das Haus meines Vaters zog, haben meine Freunde mich befreit und seine Wachen getödtet.«

»Ihr Tod war gerecht. Warum waren ihre Augen nicht offen?«

»Höre weiter. Auf unserem Wege hierher ist ein Freund in die Hände der Deinen gefallen, der Mann, den Ihr El Crucifero nennt!«

Die Augen des Häuptlings funkelten. »Es ist gut! der Tod eines Häuptlings wird leicht sein, wenn er weiß, daß der schlimmste Feind seines Volkes ihm vorangegangen ist.«

»Ich glaube nicht, daß Deine Kameraden den wackern Mann sogleich getödtet haben, der übrigens volle Ursache zur Feindschaft gegen Deine Nation hat. Ich sah ihn selbst

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heute Morgen als Gefangenen von den Reitern des Fliegenden Pfeil auf der Flucht mit führen.«

»Ein Apache hört gern das Geschrei seines Feindes am Marterpfahl.«

»Ich fürchte, so ist es, und sie haben seines Lebens bloß geschont, um ihn ihrer Rache zu überliefern. Ich möchte mich gern dankbar gegen den Mann bezeigen. Wenn ich Dir zur Flucht verhelfe, willst Du ihn als Lösegeld für Dich frei geben?«

»Makotöh ist nur ein Indianer - die Büchse Crucifero's tödtet ihrer viele!«

»Bedenke, daß Du das Haupt der Apachen bist und daß er seine Tochter zu rächen hat!«

»Die Feuerblume würde ihre Stelle in dem Wigwam eines Häuptlings eingenommen haben. - Es ist gut! - El Crucifero soll ihr zurückgegeben werden, wenn er noch am Leben ist!«

»Du schwörst es mir?«

»Bei meinem Totem! es wird geschehen.«

»Bueno! ich habe gehört, daß ein Indianer nie diesen Schwur bricht. Aber dies ist für Deine Freiheit, Häuptling, Du schuldest mir noch Dein Leben; denn wäre mir das Geringste geschehen, so hätten sie Deine Glieder von Pferden zerreißen lassen!«

Der Gileno lächelte verächtlich. »Die Beichgesichter sind Weiber in ihren Martern! Was verlangst Du?«

Die Haciendera sah ihm fest in's Gesicht, in ihren zusammen gezogenen Brauen lag ein dämonischer Haß.

»Der Graue Bär ist ein tapferer Krieger,« sagte sie

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langsam. »Dennoch ist er heute von dem Häuptling der Bleichgesichter besiegt worden wie ein Hund!«

Die Augen des Apachen schienen Feuer zu sprühen bei dieser Erinnerung, seine Nüstern dehnten sich und die Adern auf seine Stirn schwollen blauroth.

»Makotöh,« sagte er mit tiefem gurgelnden Ton, »ist nicht von einem Manne besiegt worden. Es war ein Zauberer der Bleichgesichter, der die Kräfte von zehn Büffeln in seiner Hand hat!«

»Thor! er ist ein sterblicher Mann wie Du! Er vermag weder Deiner Büchse noch Deinem Tomahawk zu widerstehen. Du sollst ihn tödten! Das ist der Zweck, weshalb ich Dir Leben und Freiheit schenke!«

Der Indianer schüttelte das Haupt. »Makotöh,« sagte er, »kann mit den Kriegern fechten, nicht mit bösen Geistern. Seine Waffen sind stumpf gegen sie.«

Die Señora stampfte unwillig mit dem Fuß auf. »Ich hatte einen Mann in Dir zu finden erwartet, nicht eine abergläubische Squaw. Dein Volk ist besiegt, hundert Deiner Brüder sind erschlagen! Morgen wird der Graf auf's Neue mit seinen Soldaten ausziehen, um Euch gänzlich zu vernichten, und der Graue Bär der Apachen hat nicht einmal den Muth, für seine Nation zu kämpfen!«

»Gieb mir die Freiheit, Weib,« sagte der Apache finster, »und Makotöh wird morgen an der Spitze der rothen Krieger sein Blut vergießen. Aber er vermag Nichts gegen den bösen Geist mit dem schlimmen Blick. Wenn die Feuerblume seinen Tod wünscht, muß sie eine andere Hand suchen!«

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»Wohl denn - Du sollst dennoch frei sein, um an der Spitze Deiner Krieger diesen fremden Verräthern entgegen treten zu können. Ich werde einen Tapferern finden, um mich zu rächen, - den Kreuzträger oder Eisenarm.«

Der Apache lächelte verächtlich. »Makotöh ist ein großer Krieger. Es ist nur Einer in der Prairie, der ihm nahe steht!«

»Und wem erkennst Du denn nach Dir den ersten Rang?«

»Er ist der Feind Makotöh's. Es ist der Jaguar der Toyah's, obschon die Mutter, die ihn gebar, schlechter als eine Hündin war!«

Diese offene und gewissermaßen hochherzige Anerkennung seines jungen Nebenbuhlers schien einen tiefen Eindruck auf die Dame zu machen. Sie preßte die Hand auf die Brust und athmete schwer. »Ea pues!«9 flüsterte sie, »ich wollte es auf anderem Wege versuchen - aber es soll so sein! - Häuptling, Du sollst dennoch frei sein, obschon Du Dich weigerst, das Werkzeug einer gerechten Strafe zu werden, indem Du Deinen eigenen Feind vernichtest! - Komm hierher Diaz, und lege die Riegel wieder vor jene Thür.«

Der Vaquero gehorchte: - die Señora blieb einige Augenblicke in tiefem Nachdenken, dann schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben.

»So wird es gehen! - Hast Du einen Lasso zur Hand, Knabe?«

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»Es hängen ihrer genug draußen an der Wand.«

»Gut - so komm! - Häuptling, Du sollst uns folgen, tritt leise auf, daß wir die Schläfer nicht wecken.«

Sie blies die Lampe aus und ging durch die Thür des Zimmers, die sie ebenso anlehnte, wie sie dieselbe vorhin gefunden hatte; der Häuptling, noch immer mit gefesselten Händen, folgte ihr wie ein Schatten, Diaz, das Messer in der Hand, machte den Beschluß. In dieser Reihe stiegen sie die wenigen Stufen zu der Platform des Daches hinauf, von dem aus am Morgen vorher der Senator die Vertheidigung geleitet hatte.

Auf den Befehl der Dame band der Vaquero zwei der Lederstricke an einander und knüpfte sie an die Karonade. Dolores selbst warf das andere Ende über die Mauer.

Der helle Mondschein lag auf dem Abhang, auf dem sich in kurzer Entfernung das Bivouacq der Schaar des Grafen befand. Menschen und Pferde waren aber so erschöpft von den vorhergegangenen Anstrengungen, daß sich kein Laut hören ließ. Die Feuer waren niedergebrannt und selbst die in einiger Entfernung ausgestellten Wachen schienen auf ihren Posten zu schlafen.«

»Häuptling,« sagte flüsternd die Dame - »ich bin im Begriff, Deine Fesseln zu lösen und Dir die Freiheit wiederzugeben. Es ist kein anderes Mittel, Dich ungefährdet aus der Hacienda zu bringen, als dieser Weg. Du wirst Deinen Totem halten, wie es einem berühmten Krieger zukommt!«

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»Der rothe Mann hat nur eine Zunge! - Die Bleichgesichter haben ihrer viele.«

»So sei es denn, und mögen dem Verräther tausend Feinde erwachsen, wie ich hier seinem Hochmuth einen neuen erstehen lasse!«

Sie nahm das Messer aus der Hand des Vaquero, der keinen Widerspruch mehr wagte und zerschnitt selbst die Stricke, welche die Hände des Häuptlings fesselten.

Der Apache riß sie auseinander, dehnte die Muskeln seiner Arme und war im Begriff, ohne sich mit einem Wort des Dankes aufzuhalten, sich über die Brüstung der Platform zu schwingen und an dem Lasso niederzugleiten, als er plötzlich ein leises »Hugh!« ausstieß, und sich in den Schatten der Crenelirung zurückwarf.

»Was ist? was siehst Du?«

Die Augen des Gileno funkelten in wildem Triumph, als er mit einer leichten Bewegung der Hand nach dem Grunde wies. »Die rothen Männer halten ihre Augen offen! Die Feuerblume wird den Schlachtruf eines Häuptlings hören und in seinem Wigwam wohnen!«

Ein kurzer Blick hatte die Señora belehrt, was der Grund dieser wilden Drohung war: - über den Raum zwischem dem Bivouacq der Soldaten des Grafen und dem Hause glitt eine Gestalt, - das Mondlicht zeigte deutlich, daß es ein Indianer war, indem es selbst die Adlerfedern auf seinem Haarschopf sehen ließ.

In einem Augenblick erkannte Dolores die ganze Unklugheit ihres Thuns und der jähe Schreck lähmte ihre Zunge, denn sie glaubte sich verloren und auf's Neue in

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den Händen der Wilden. Während ihre Hand aber nach dem Revolver in ihrem Gürtel fuhr, sah sie mit Erstaunen, daß der Gileno die schon erhobenen Arme sinken ließ und sich ruhig auf die zersprungene Karonade setzte.

Sein schärferes Auge hatte ihm gezeigt, daß der Nahende nicht zu seinen Freunden gehörte, und der leise ausgestoßene Ruf: »Wonodongah!« belehrte sie über den Grund des seltsamen Benehmens und beseitigte eben so rasch wieder ihren Schrecken.

Schweigend gleich dem Gileno beobachtete sie mit Erstaunen die Annäherung des Toyah, den noch kurz vorher der wilde und gefürchtete Häuptling als seinen einzigen Rivalen auf der Prairie bezeichnet hatte.

Der junge Comanche kam mit leichten unhörbaren Schritten über den Grund. Er schien sich der vollkommensten Sicherheit bewußt und sehr wohl mit dem Umstand bekannt, daß das Bivouac so gut wie gänzlich unbewacht war. Er trug in seiner Hand einen Gegenstand, den anfangs die Señora nicht zu erkennen vermochte. Dann sah sie, daß es ein Kranz von den duftigen Blüthen des Suchilbaums war.

Der Toyah glaubte sich offenbar unbeobachtet. Er blieb einige Augenblicke vor dem Hause stehen und ging dann zu dem vergitterten schmalen Fenster, welches aus dem gewöhnlichen Schlafzimmer der jungen Haciendera in's Freie sah. Als Dolores mit weiblicher Neugier, was er thun würde, sich über die Brüstung lehnte, bemerkte sie, daß er sich gewandt zu dem Gitter empor geschwungen hatte und den Kranz an den Eisenstäben befestigte.

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Ein Gedanke fuhr ihr durch den Sinn und sie führte ihn alsbald aus.

Als der Comanche bereits im Begriffe war, sich auf dieselbe Weise zu entfernen, wie er gekommen, fesselte der leise Ruf seines Namens seinen Fuß.

Er blieb stehen und schaute empor.

»Wonodongah!«

Sein scharfes Auge erkannte sofort über die Brüstung der Platform lehnend die Gestalt der Dame.

»Der süße Ton des Canzonte[Cenzontle] dringt an das Ohr eines Wanderers. Die Herrin der hundert Häuser ist in ihr Eigenthum zurückgekehrt. Warum liegt sie nicht in tiefem Schlaf, da ihre Freunde für sie wachen, und träumt von ihrem Verlobten?«

»Ich habe einen Auftrag für Dich.«

»Die Worte der Feuerblume sind ein Befehl für Wonodongah. Sie rede!«

»Ein Mann wird sofort zu Dir niedersteigen. Gieb mir Dein Wort, daß Du ihn sicher durch das Lager der Soldaten führst und über die Wachen hinaus.«

»In den Augen aller Krieger der Bleichgesichter ist Schlaf,« erwiederte lächelnd der Indiener. »Aber er komme.«

»Gut - ich danke Dir. Wer es auch sei, frage nicht um die Ursach und vollziehe meinen Willen. Jetzt, Häuptling, ist es Zeit - Dein Weg ist sicher.«

Der Gileno schwang sich ohne Gruß, ohne Dank, ohne ein Wort zu verlieren, über die Brüstung und fuhr an dem Lederstrick nieder auf den Grund.

Einen Augenblick standen die beiden rothen Krieger,

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die beiden Todfeinde, kaum zwei Schritte von einander, der Toyah die Hand an den Griff seines Tomahawk gelegt, als er den Häuptling der Gileno's erkannte.

Makotöh erwiederte furchtlos seinen drohenden Blick.

»Seit wann zerfleischen sich die Wölfe unter einander, wenn der Jäger auf ihrer Fährte ist?«

»Hugh! - Ein Häuptling redet die Wahrheit! - Der Graue Bär der Gileno's möge mir folgen!«

Die beiden Indianer schritten über den Grund und verschwanden in den Schleiern des Mondlichts. -

»Laß die Lasso's hängen und kehre zu Deiner Leichenwache, Diaz,« sagte die Señora, dem jungen Vaquero die Hand reichend. »Schweige über Alles, was Du gehört und gesehen, und sei meiner Dankbarkeit gewiß!« - -



Es war eine Stunde später, als aus dem Schatten hoher Felsen, eine Legua von der Hacienda entfernt, zwei rothe Krieger traten.

Ein langes schmales Thal lag vor ihnen und dehnte sich weit hinein nach Osten in das Innere der Sierra.

Der Vordere der beiden Indianer blieb stehen - es war der junge Toyah.

»Die Wachen der Bleichgesichter sind hinter uns,« sagte er, »kein weißer Mann mehr wird den Pfad eines Häuptlings kreuzen, wenn er seinem Stamme folgt. Die Apachen sind nach dem Aufgang der Sonne gegangen!«

»Gut. Ein Toyah kann der Feuerblume sagen, daß er sein Versprechen gelöst hat.«

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»Bedarf Makotöh einer Waffe, um zu seinen Kriegern zurückzukehren?«

»Nein!«

»Der Graue Bär der Apachen hat Wonodongah aus den Krallen seines Bruders gerettet. Wir sind quitt. Aber er hat den Vater und die Mutter des Jaguar getödtet und seine Verwandten. Ihre Skalpe bleichen in dem Rauch seiner Hütte.«

»Makotöh ist ein großer Häuptling!« sagte der Gileno stolz.

»Mein rother Bruder redet die Wahrheit,« fuhr der Toyah fort. »Er wird einem jungen Krieger sein Recht nicht verweigern. Wann gedenkt er ihn zu treffen?«

»Wenn zum dritten Male das große Gesicht des Mondes aufgeht.«

Der Toyah ließ sich eine Bewegung der Ueberraschung entschlüpfen. Durch einen seltsamen Zufall war es dieselbe Zeit, welche die drei Entdecker der geheimnißvollen Goldhöhle zu ihrem zweiten Rendezvous bestimmt hatten.

»Gut - es sei! Bis dahin wird der Krieg der Bleichgesichter gegen die rothen Männer entschieden sein.«

»So möge mein junger Bruder den Ort nennen!«

»Makotöh kennt die Quelle des Flusses, den die Bleichgesichter den Bonaventura nennen.«

»Ich kenne sie.«

»Es stehen drei Biberbäume in ihrer Nähe. Der große Häuptling der Apachen wird den Jaguar mit zwei Freunden zu der bestimmten Zeit an dieser Stelle finden.«

»Drei Häuptlinge werden dort und Makotöh wird

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einer von ihnen sein. Hat mein rother Bruder noch sonst einen Wunsch?«

»Die Schwester Wonodongah's ist in den Händen der Apachen geblieben, weil sie einen verwundeten Freund nicht verlassen wollte.«

»Es ist gut! - Die Streitaxt zwischen einem Gileno und einem Toyah ist begraben, bis der Mond sich drei Mal erneut hat. Sie wird unter dem Schutze Makotöh's stehen, bis der große Geist unsern Streit entscheidet.«

»Ich danke dem Häuptling der Apachen. Möge sein Weg leicht sein.«

Ohne weiteren Gruß wandte sich der Toyah und kehrte auf dem Wege zurück, den er gekommen, während der Graue Bär mit dem leichten elastischen Schritt, der die indianischen Krieger auszeichnet, durch das Thal weiter ging.

So trennten sich die beiden Todfeinde, nachdem die Herausforderung gegeben und angenommen worden war.



Der nächste Morgen und Vormittag brachte ein sehr lebendiges Leben und Treiben aus die Hacienda del Cerro.

Die Flucht des Apachenhäuptlings wurde natürlich bald entdeckt, und der Graf ließ Slongh und die beiden Matrosen dafür in den Block legen. Die Lasso's von der Platform des Dachs zeigten, auf welche Weise der Häuptling aus der Hacienda entkommen, war und die tiefe Erschöpfung, der Alle unterlegen, machte es erklärlich, daß Niemand die Flucht bemerkt hatte. Den Grafen verdroß sie hauptsächlich deshalb, weil er dadurch verhindert wurde, mit der

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Person seines Gefangenen die Freilassung Kreuzträgers und des Preußen zu erkaufen, für welche er aufrichtige Zuneigung hegte.

Die ausgesandten Späher kehrten am Morgen mit der Nachricht zurück, daß die Apachen sich in südöstlicher Richtung und in das Gebirge zurückgezogen hätten, wahrscheinlich, um sich mit den andern Stämmen ihrer Nation und den für den Einfall verbündeten Comanchen zu vereinigen. Don Carboyal bestand auf einer eiligen Verfolgung, und der Graf selbst hielt diese für nothwendig und beeilte mit aller Energie den Aufbruch seiner Compagnien.

Zwischen allen diesen Geschäften und Anordnungen fand er jedoch Zeit, seiner schönen Verlobten die Huldigungen eines galanten Kavaliers und glücklichen Bräutigams darzubringen, die von der Señora ganz in der alten Weise aufgenommen wurden. Nur ein scharfer Beobachter - und ein solcher war nicht einmal Suzanne, da sie mit ihrem eigenen Leid genug zu thun hatte, - würde von Zeit zu Zeit den verborgenen Hohn ihrer Antworten und den finstern drohenden Blick schwer beleidigten Stolzes bemerkt haben, den ihr Auge schoß, wenn sie sich unbeobachtet glaubte.

Bei allen zurückgekehrten Spähern hatte sich der Graf sorgfältig nach Eisenarm und Wonodongah erkundigt, aber Niemand konnte Auskunft von ihnen geben, und Diaz, der Einzige, welcher seit der Flucht aus dem Krater den Comanchen gesehen, hütete sich wohl, davon zu sprechen.

In einer Berathung der Offiziere wurde beschlossen, die Hacienda als den Ausgangspunkt der weiteren Operationen

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zu betrachten und deshalb hier unter dem Befehl Racunha's eine kleine Besatzung zurückgelassen, während Don Estevan zugleich die Verbindung mit San Guaymas und der Conföderation der Kaufleute und Grundbesitzer unterhalten sollte. Das Gouvernement von Sonora und Chihuahua sollte von den Operationen des Grafen in Kenntniß gesetzt werden, um nach gemeinsamem Plane gegen die Indianer operiren zu können.

Der Senator wiederholte sein Versprechen, daß die Vermählung des Paares sofort nach der völligen Besiegung des Einfalls stattfinden solle und zeigte sich immer mehr von der Verbindung erfreut und stolz auf seinen künftigen Eidam. Er zweifelte nicht mehr an dem Erfolg aller seiner geheimen Pläne.

Jean und Bonifaz erhielten vom Grafen den Befehl, in der Hacienda zurückzubleiben. Doña Dolores schien das größte Wohlwollen für den Verwandten ihres Verlobten zu empfinden, kam dessen kühler Zurückhaltung mit der liebevollsten Sorgfalt entgegen und wußte ihre Absichten und Gefühle so vollständig zu verbergen, daß weder der Graf noch anfangs Suzanne das Geringste von ihrer Entdeckung zu ahnen vermochten.

Von dem Ersteren erhielten Racunha und Bonifaz den geheimen Auftrag, während ihrer Anwesenheit in der Villa die Nachforschungen nach dem Trapper und seinem indianischen Freunde fortzusetzen.

Unter diesen Vorbereitungen war der Tag und die Zeit der Siesta vergangen, und der Graf hatte endlich den Befehl zum Aufbruch seiner Schaar geben können, als das

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plötzliche Erscheinen Kreuzträgers denselben noch einmal aufhielt und Alle auf das Freudigste überraschte.

Der alte Wegweiser kam, zwar ohne Waffen, aber auf einem Mustang aus der Richtung der Sierra und wurde, als er am Thor der Hacienda vom Rücken des Thieres sprang, das ihn hierher getragen, von dem Jubelruf seiner Kameraden und aller Bewohner des Gutes begrüßt. Er war zwar ohne Büchse, aber sonst unverletzt und selbst unberaubt; auf seiner Brust glänzte noch das verhängnißvolle Kreuz und im Gürtel seines Jagdhemdes steckte das seltsame Abrechnungsbuch mit seinen Feinden.

Die Erzählung des Alten von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung war eben so überraschend wie seine Erscheinung. Nachdem er am Ausgang des Kraters von den auflauernden Gileno's überwältigt worden war und jeden unnützen Widerstand aufgegeben hatte, nur erfreut über das glückliche Entkommen seines jungen Gefährten, hatte man ihm zwar seine Waffen genommen, sonst ihn aber mit einer gewissen Scheu und Schonung behandelt, die er offenbar seinem furchtbaren Rufe verdankte. Der Triumph, den gefürchteten Feind ihrer Nation endlich in ihren Händen zu haben, schien die Apachen später selbst ihre Niederlage vergessen zu machen. Er war Zeuge gewesen, wie die Krieger des Fliegenden Pfeils, von dem Signal des Verräthers Lopez herbeigerufen, in die Höhle des Kraters gedrungen waren. Wenn die Täuschung ihrer Erwartungen, als sie das Entkommen Eisenarms und seines Gefährten mit der Haciendera bemerkt, sie auch anfangs wahrscheinlich zu Handlungen blutiger Grausamkeit veranlaßt

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hätte, so war doch der feierliche Gesang, den der Malaye angestimmt, von der besten Wirkung. Der seltsame Krüppel galt ihnen als geistesgestört, und man weiß, welche Scheu selbst die blutgierigsten Wilden vor solchen Wesen haben, und wie sehr sie sich hüten, diese zu verletzen. Die Schrecken der plötzlichen Explosion erhöhte diese Gefühle, und als Mechokan[Mechocan] die junge Comanchin erkannte, und Lord Drysdale den Verwundeten als seinen Gefangenen erklärte, war jede Gefahr selbst für diesen beseitigt. Die Mimbreno's führten die Zurückgebliebenen aus dem Krater und den Berg hinab zu dem Ort, wo sie ihre Pferde untergebracht hatten. Hier war es, wo Kreuzträger zum letzten Male Windenblüthe und den verwundeten Offizier gesehen hatte, denn als bald darauf die ersten Flüchtlinge von der Hacienda her das Mißlingen des Angriffs und die vollständige Niederlage der Indianer verkündet hatten, trennte man ihn von seinen früheren Gefährten und er sah nur noch, wie diese von dem Malayen und dem verrätherischen Courier begleitet auf Pferden und mit großer Sorgfalt bewacht von einem Trupp weiter zurückgeführt wurden, während man ihn selbst unter Beobachtung der bisher gezeigten Schonung nach einer anderen Seite hin in Sicherheit brachte.

Er wußte übrigens sehr wohl, was diese zu bedeuten hatte und welchem Schicksal sie ihn aufsparen sollte, wenn es dem Grafen und seiner Schaar nicht gelingen würde, ihn zu befreien. Er war noch Zeuge des beginnenden Gefechts, wurde aber im Lauf desselben auf den Befehl des »Fliegenden Pfeil« immer weiter zurückgeführt und mußte endlich jede Hoffnung aufgeben, obschon er später

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aus den Gesprächen der Krieger vernahm, daß sie auch hier von dem Grafen besiegt worden.

Der tapfere Widerstand der Mimbreno's hatte jedoch die anfängliche Flucht der Krieger des Grauen Bären, der Schlange und des gefallenen Häuptlings der Lipanesen in einen sicheren Rückzug verwandelt, den die Weißen bei ihrer Erschöpfung und geringen Anzahl nicht zu stören vermochten. Die Krieger der verschiedenen Stämme, oder vielmehr die Reste der früheren Bauden, waren zu ihren Lagerplätzen zurückgekehrt, hatten die bisher gemachte Beute aufgeladen und dann nach geschehener Verabredung ihren weiteren Rückweg in das Gebirge angetreten, um sich mit den anderen Abtheilungen in südlicherer Richtung zu vereinigen, wie die Späher des Grafen richtig vermuthet hatten. Erst am Abend hatten die Reste der vier Stämme, durch die Versprengten verstärkt und jetzt noch immer eine Schaar von fünfhundert Kriegern bildend, vereinigt ein Lager auf einem geeigneten Platz aufgeschlagen und einen Kriegsrath gehalten. Der boshafte und grausame Häuptling der Meskalero's hatte jetzt als der Aelteste den Oberbefehl übernommen, da der Graue Bär als von den Weißen getödtet geglaubt wurde, und aus den kurzen Worten seiner Wächter entnahm der Wegweiser, daß man beschlossen habe, am Morgen mit seiner Marterung die Geister der Erschlagenen zu versöhnen.

Bei dem großen und schrecklichen Ruf, den ihr Gefangener hatte, versäumten die Apachen keine Vorbereitung, um nach den Gebräuchen ihres Volkes seinen Tod so feierlich als möglich zu machen. Kreuzträger ergab sich in sein

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Schicksal, und war bereit, die Martern, die ihn mit seinen vorangegangenen Lieben wieder zusammenführen sollten, zu erdulden, wie schrecklich auch die Grausamkeit Wis-con-Tah's sie ersinnen würde, als plötzlich kurz nach Sonnenaufgang das Erscheinen Ma-ko-töh's im Lager seinem Schicksal eine andere Wendung gab.

Es folgte eine Berathung der Häuptlinge, in welcher der strenge Wille des Grauen Bär den Sieg über alle Winkelzüge der Schlange und den Widerspruch Mechocan's davon trug, und Makotöh erschien, von den Häuptlingen begleitet, vor dem alten Mann, um ihm seine Freilassung zu verkünden.

»El Crucifero,« sagte der Häuptling - »ist frei. Er möge zu den Bleichgesichtern zurückkehren. Meine jungen Leute werden ihn begleiten, bis er das Antlitz seiner Freunde sehen kann.«

Der Wegweiser hatte mit Erstaunen diese Verkündung angehört. »Rothhaut,« sagte der Alte, »ich habe so viel Böses von Dir und Deinem Volk erfahren, daß ich das Geschenk meines Lebens aus Deiner Hand verschmähe. Wenn Gott gewollt hat, daß ich in Eure Hände gefallen bin, so füge ich mich seinem Willen und bin bereit zu sterben.«

»Makotöh ist ein großer Häuptling,« erwiederte der Gileno. »Er war in den Händen der Bleichgesichter und hat geschworen auf seinen Totem, El Crucifero an seine Stelle zu senden. Ein Gileno hält sein Wort.«

Erst jetzt begriff der Alte, daß es sich um einen

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Austausch handelte, aber er war ehrlich genug, seine Bedenken nicht zurückzuhalten.

»Der »Graue Bär«, sagte er, »weiß, daß ich ein Feind seine Volkes bin. Kennt er mich?«

»Du bist der Vater des Weißen Reh's. Ein Weib ist aus dem Wigwam eines Häuptlings geschieden.«

»Dann weißt Du auch, daß zwischen uns Fehde auf Leben und Tod ist, und daß - wenn ich von hier gehe - diese Hand nicht ruhen wird, bis sie den Schatten meiner gemordeten Kinder an Dir und jenem Teufel gerächt hat!«

Der Gileno zuckte mit Verachtung die Achseln. »Geh!« sagte er, »Dein Haupt ist weiß! Meine jungen Krieger wissen jetzt, daß El Crucifero keinen Zauber hat und ihnen nicht mehr gefährlich ist!«

Ein Hohngelächter der Bande folgte diesen Worten des Häuptlings. Der alte Mann fühlte, daß der geheimnißvolle Nimbus, welcher bisher seinen Namen und seine Rache umgeben, gebrochen war und daß er nicht das Recht hatte, sie über die Gränze auszudehnen, die Gottes Fügung ihm gesetzt hatte.

In bedrückter Stimmung, von den Apachen fortan unbeachtet, verließ er das Lager derselben, auf den Befehl des Grauen Bär, der den Absichten der Schlange mißtraute, von zwei jungen Kriegern begleitet, die ihm stumm das Geleit gahen, bis man die ersten Streifer der Mexikaner erblickte.

Das war, was der Bericht Kreuzträgers zum Theil erzählte, zum Theil errathen ließ, ohne aufzuklären, wie

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der gefangene Häuptling der Gileno's zu dieser Verpfändung seines Wortes gekommen. Kreuzträger selbst muthmaßte später, daß die Befreiung des Grauen Bär auf geheimen Befehl des Grafen durch den jungen Vaquero erfolgt sei und machte gegen den Letzteren auch einige Andeutungen darüber. Diaz hütete sich jedoch wohl, darauf einzugehen. Dagegen schloß er sich desto enger an den alten Mann und schien in ihm nicht blos den Gefährten der bestandenen Abenteuer, sondern auch den Ersatz und Nachfolger seines erschlagenen Verwandten zu sehen. Auf seine Bitten und den Wunsch der Señora hatte er von dem Senator die Erlaubniß erhalten, sich dem Expeditionscorps des Grafen anschließen zu dürfen und manchen Abend verbrachten die Beiden zusammen am Bivouacfeuer in der Erinnerung an die vorangegangenen Kämpfe und Gefahren. Auch fehlte es an neuen ihnen keineswegs in der nächsten Zeit; durch die Nachrichten, welche der Wegweiser geben konnte, wurde der Angriffsplan des Grafen wesentlich bestimmt, und noch denselben Abend brach die Expedition auf. - - -



Wir können die nun folgenden zwei Monate in wenige Worte fassen.

Graf Boulbon war in seinen Unternehmungen gegen die Indianer auf allen Punkten glücklich, obgleich ihn bald der Neid und die Intriguen der eingeborenen Behörden im Stich ließen, ja ihm vielfache Hindernisse in den Weg legten.

Seiner Energie und der Unterstützung des Senators

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allein dankte er ihre Ueberwindung, obschon der fortwährende Kampf - nicht mit den Indianern, die bei jeder Begegnung besiegt und zurückgedrängt wurden - mit Trägheit, Zwiespalt und Bosheit ihn verbitterte. Es konnte ihm bald nicht verborgen bleiben, daß selbst in seiner kleinen Schaar geheimer Einfluß Intriguen spann und Unzufriedenheit und Verrath anreizte. Die zusammengelaufene, aus so vielen heterogenen Elementen bestehende Gesellschaft konnte nur durch eiserne Strenge beherrscht werden. Die rastlose Thätigkeit des Führers, die fortwährenden Anstrengungen in der Verfolgung der indianischen Banden, die leichter beweglich als ihre Gegner, sich auf Sengen und Plündern beschränkten, - namentlich aber die Mannszucht, die er hielt und der Umstand, daß der Krieg eben nur Mühseligkeiten und wenig Beute bot und der erschlagene Feind nicht der Plünderung lohnte, - vermehrte dies Unzufriedenheit und das Murren.

Zwei Mal während dieser Zeit blieben sogar die versprochenen Subsidien der Regierung und der Junta der Grundbesitzer und Kaufleute in Folge widerstrebender Machinationen aus, und der persönliche Kredit des Senators mußte das zur Besoldung der Truppe nöthige Geld herbeischaffen. Daß dies Alles nicht dazu diente, die ohnehin reizbare Laune des tapfern Franzosen zu verbessern, läßt sich denken. Durch die Abwesenheit der beiden einzigen zuverlässigen und anhänglichen Freunde, die er besaß, Suzannes und des Avignoten, sowie des ehemaligen preußischen Offiziers, auf den er großes Vertrauen gesetzt, und von dessen Schicksal noch immer keine sichere Kunde

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verlautete, - wurde sein Gemüth verbittert und Handlungen rücksichtsloser, ja selbst grausamer Härte verschafften ihm bald einen furchtbaren Ruf bei Freund und Feind und drohten die ritterlichen Eigenschaften seines Charakters zu verdunkeln.

Um jene Zeit tauchten zuerst in pariser Blättern wieder der Name des Grafen und die wunderbarsten Erzählungen von seiner modernen Argonautenfahrt auf. Ja selbst die geheimen Pläne des kühnen Abenteurers auf die Gründung eines souverainen Staates Sonora wurden - man wußte nicht, aus welcher Quelle - Gegenstand geheimnißvoller Andeutung und Besprechung, und der nach allem Neuen begierige abenteuerliche Geist der französischen Nation wendete sein Interesse von der großen Staatsumwälzung, die das Land unter der Hand eines ebenso kühnen, aber schlaueren und glücklicheren Geistes erfahren, dem Geschick des verbannten Bourbons zu, in dessen Adern allein noch das Heldenblut Heinrich IV. zu fließen schien.

Der Leser wird sich vielleicht erinnern, daß die pariser Zeitungen damals voll waren von wahren und falschen Nachrichten über den Grafen. Die Cercles des Faubourg-Saint Germain, die alten Schlachtgefährten von Algerien erinnerten sich, daß der Abkömmling des alten Königsgeschlechts einen - wenn auch unehelichen - Sohn zurückgelassen hatte, und der junge Zögling von St. Cyr wurde ein Gegenstand der Aufmerksamkeit - wenigstens für einige Zeit. Aufrufe zur Unterstützung des Grafen erfolgten und es bildete sich in der That eine Gesellschaft jener unruhigen abenteuerlustigen Elemente, an denen Paris nie Mangel

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hat, und denen jede Regierung mit Vergnügen den Abfluß nach Außen öffnet. Aber ehe die Expedition wirklich zu Stande und zum Abgang kam, traf das Gerücht - wir dürfen aus Gründen nicht sagen: die Nachricht - von der geheimnißvollen und furchtbaren Katastrophe ein, welche allen Spekulationen ein Ende machte, - vorläufig auch den politischen, die - wie man wissen wollte - bereits das neue Kabinet der Tuilerieen gefaßt haben sollte.

Mehr noch, wie selbst in Paris, erregten die kriegerischen Erfolge des Grafen die Aufmerksamkeit in Mexiko, der Hauptstadt des Landes und dem Sitz der Föderalregierung.

Wir haben bereits in einem früheren Abschnitt unseres Buchs, wenigstens flüchtig die politischen Wirren, die damals den mexikanischen Staat zerrissen, und die Intriguen, die um die Präsidentur gesponnen wurden, angedeutet. Daß unter diesen Umständen die Person des Grafen und seine Unternehmungen für die Regierung und die geheimen Bewerber von um so größerer Bedeutung wurden und man ihn bald zu fürchten begann, ist sehr erklärlich. Im Laufe des Feldzugs gegen die Indianer, der mit deren Zurücktreibung in die Einöden Apachiens und des Rio del Norte endigte, waren geheime Unterhändler sowohl Santa Anna's als des General Avalos in das Feldlager des Grafen gekommen, um ihn durch Versprechungen aller Art für ihre Auftraggeber zu stimmen. Graf Boulbon hielt jedoch, getreu den mit seinem künftigen Schwiegervater verabredeten geheimen Plänen, äußerlich an der Partei des gegenwärtigen Präsidenten Cevallos fest, bis die günstige Zeit zur Decouvrirung ihrer eigenen Pläne gekommen wäre.

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Von diesen aber - der vollständigen Losreißung der Sonora und Chihuahua's und ihrer Proklamation als selbstständiges Königthum mit der Wahl des Bourbonen zu seinem Beherrscher - verbreitete sich seltsamer Weise bald das Gerücht in der mexikanischen Presse, sei es aus Mißtrauen hervorgegangene Präsumtion, sei es aus geheimen Nachrichten und Andeutungen entstanden. Sicher ist, daß von vielen geheimen Schritten und Plänen der Verbündeten auf unerklärtem Wege die Nachricht sofort in die Oeffentlichkeit drang.

Trotz dieses Verraths nahmen jedoch die Vorbereitungen der beiden Männer einen raschen Fortgang und die Aussicht auf die Erfüllung ihres geheimen Plans steigerte sich bei der anscheinenden Unthätigkeit der Gegner mit jedem Tage. Die Besiegung der Indianer machte den Namen des Grafen trotz seines stolzern und strengern Auftretens und der Unzufriedenheit in seiner Schaar bei der Menge populair, während das Gold und der Einfluß des reichen Haciendero nach andern Seiten hin den Erfolg des beabsichtigten Pronunciamento's vorbereiteten. Was seine wilde und unbändige Cohorte betraf, so hoffte der Graf, daß ihre Unzufriedenheit in dem Augenblick schwinden würde, wo er ihr ein neues und vielversprechendes Ziel bot.

Zwei Mal im Laufe der zwei Monate war Don Estevan nach Guaymas zurückgekehrt, zwei Mal hatte der Graf auf kurze Zeit die Hacienda besucht, wo seine schöne Braut zurückgeblieben. Jedes Mal hatte ihn der Teniente Carboyal begleitet, den der Graf absichtlich nicht allein bei

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der Expedition zurücklassen wollte, da er ihm mit Recht mißtraute.

Dolores blieb in ihrem Benehmen gegen den Verlobten sich gleich, der ihrer Neigung und ihrer Person so sicher zu sein schien, daß er - von seinen Plänen erfüllt - weniger als früher sich um jene Aufmerksamkeiten und mitunter sehr seltsamen Galanterieen kümmerte, welche die mexikanischen Damen verlangen, ja dieselben sogar hochmüthig vernachlässigte. Mit jedem Besuch wuchs ihr geheimer Haß und die Verletzung ihres Stolzes, denn sie wußte sehr wohl, wo er die Nächte seines Aufenthalts in der Hacienda zubrachte. -

Die Sympathieen und Antipathieen des Herzens, jene unerklärbare geistige Erkenntniß, sagten der armen Suzanne, daß sie in der Señora eine Feindin besaß, ja daß dieselbe wahrscheinlich ihr Geheimniß kenne oder ahne; denn sie überraschte die Haciendera oft bei dem täglichen Umgang auf beobachtenden Blicken. Aber sie wagte es nicht, mit dem Grafen davon zu sprechen, fürchtend, daß er ihrer Warnung andere Beweggründe unterlegen oder gar das schwache Band, das ihn noch an sie fesselte, ganz zerreißen würde. So hatte denn die drohende Wolke vollkommen Zeit, sich am Horizont des kühnen Abenteurers emporzuthürmen.

Der Einfall der Indianer konnte jetzt als vollständig abgeschlagen gelten. Zwischen den Völkerschaften der Apachen und Comanchen waren schon während des Krieges wieder die alten Zwistigkeiten ausgebrochen, durch die Schlauheit der mexikanischen Agenten hervorgerufen und genährt, und

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die Krieger der beiden Nationen hatten sich wieder nach der großen Wüste Bolson und den gewöhnlichen Wohnstätten ihrer Stämme zurückgezogen. Die Sonora war gänzlich von ihnen gesäubert und nur in den öden Gebieten des Staates Chihuahua im Westen der Sierra de los Patos trieben sich noch einzelne Indianerbanden umher.

Von Kreuzträger oder dem Toyah und seiner Schwester war keine Kunde weiter nach der Hacienda gekommen, doch wußte die Señora, daß sich ihr rother Anbeter in der Nähe aufhalten mußte, denn häufig fand sie am Morgen an den Gitterstäben ihres Fensters einen Kranz duftiger Blumen befestigt, wie ihn Wonodongah in der Nacht der Befreiung seines Feindes gebracht hatte. Der Einzige, der einige nähere Kunde zu haben schien, war Master Slongh, der mit dem Piraten unter der kleinen Besatzung der Hacienda zurückgeblieben war und, seit der Yankee sich nach dem Abzug des Grafen gleichfalls aus dieser entfernt hatte, häufige Ausflüge in die Sierra machte unter dem Vorwande, ein großer Freund der Jagd zu sein und dem Wilde Fallen zu stellen. Aber selbst gegen Hawthorn, der sich hütete, die Mauern der Hacienda zu verlassen, ließ er sich nicht über die wahren Zwecke seiner Abwesenheit aus.

In dieser Phase, also etwa zwei Monate nach den früher erzählten Ereignissen, nehmen wir wieder den näheren Faden unserer Geschichte auf.



Die sinkende Sonne vergoldete mit ihren Strahlen die Hacienda und die Berg- und Felsengebäude um sie her.

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Keine Spur der Zerstörung und des blutigen Kampfes, der noch wenige Wochen vorher hier getobt, war mehr zu sehen - im Gegensatz hatte sich Alles in ein festliches Gewand gekleidet. Die bunten Farben Mexikos mit den Lilien der Bourbonen wehten in hundert Flaggen und Fahnen von den Dächern der Gebäude und den Mauern der Hacienda, Kränze und Guirlanden schmückten die luftigen Veranda's, und selbst die Hörner und Mähnen der Thiere in den Corrals waren mit Blumen und Bändern geziert. An allen Ecken und Vorsprüngen sah man die Vorbereitungen jener glänzenden pyrotechnischen Schauspiele: Feuerwerk und Illumination, in den Papierhülsen und chinesischen Laternen befestigt, und eine Bande schwarzer Musikanten paukte und cymbelte einstweilen lustig darauf los in dem Hof der Hacienda, wo an einem mächtigen Feuer die Anstalten getroffen waren, einen großen Ochsen in seinem Fett zu braten.

Es war Hochzeit - der Hochzeitstag der jungen und schönen Gebieterin all' dieser Reichthümer, der Herrin all' dieser Fröhlichen, die längst vergessen hatten, daß ihre erschlagenen Freunde und Verwandten nur wenige Schritte entfernt unter dem Rasen schliefen. In einer Stunde sollte Louis Aimé Graf Raousset Boulbon mit seiner tapferen Schaar eintreffen und dann sofort die Trauung mit Señora Dolores an dem blumengeschmückten Altar stattfinden, der vor dem Mittelgebäude im Hofe der Hacienda errichtet war.

Die schöne Braut, reich mit Diamanten geschmückt, stand auf der Platform des Hauses und schaute mit leerem starrem Blick auf das muntere Leben und Treiben

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zu ihren Füßen. Der Senator, ihr Vater, hatte sie so eben verlassen, um im Hofraum noch einige Anordnungen zu treffen, und nur Don Carboyal, der Adjutant des Gouverneurs, der am Tage vorher mit Diaz von Aribechi eingetroffen war, befand sich an ihrer Seite. Auch seine Augen waren nach der Ebene gerichtet.

Plötzlich wandte sich die Dame zu ihm.

»Glauben Sie bestimmt, Señor Assistente,« frug sie mit scharfem Ton, »daß die Abtheilung zur rechten Zeit hier sein wird?«

»Volaros versichert es. Er hat sie gestern verlassen, um dem Courier des Grafen zuvor zu kommen. - Jetzt harrt er ihrer Ankunft an der Furth, und er wird zur rechten Zeit hier sein, wenn er das Signal sieht.«

»Und Ihre Anstalten sind alle in Ordnung?«

»Vollständig, Senora - vorausgesetzt, daß wir uns auf Ihren Entschluß und Ihre Festigkeit verlassen können.«

»Heilige Jungfrau! ich wünschte, daß Ihr Männer nur den hundertsten Theil der Entschlossenheit eines beleidigten Weibes hättet! Lassen Sie mich noch einmal die Bedingungen wiederholen, Señor Assistente, unter denen wir Bundesgenossen sind.«

»Ich bin ganz zu Ihrem Befehl!«

»Don Juarez sichert meinem Vater einen Sitz in dem Congreß zu Mexiko?«

»Die Partei der Patrioten wird glücklich sein, ein so wichtiges Mitglied der Grundbesitzer in ihre Reihen treten zu sehen. Aber ich fürchte noch immer, daß die thörichten Pläne ...«

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»Lassen Sie das meine Sache sein. Hätte es in meinen Absichten gelegen, diese Pläne des Fremden zur Ausführung kommen zu lassen, so hätten zehn Gouverneure, wie Don Juarez es nicht zu hindern vermocht. Don Estevan wird sich auf einige Zeit nach Puebla zurückziehen, vorausgesetzt ...«

»Hier ist die Ernennung des Señor Senador zum Präsidenten des obersten Gerichtshofs.«

»Von einem ehemaligen Advokaten erwirkt und ausgestellt« sagte die Dame mit Hohn, indem sie das Papier zurückwies. »Don Juarez scheint seinen Weg etwas zu rasch zu machen und zu vergessen, daß seine Partei noch keineswegs am Ruder des Staates sitzt.«

»Aber sie wird dahin kommen, Señora, Sie kennen diesen Mann nicht!«

»Er ist mir beinahe eben so verhaßt, wie der Franzose« sagte sie hochmüthig. »Doch genug davon - ich wünsche nur, unser Eigenthum hier im Westen in diesen Zeiten ewiger Unruhen gesichert zu sehen, während mein Vater sich auf seine Besitzungen in Puebla zurückzieht. Der Aufenthalt in der Sonora ist mir verhaßt geworden.«

»Und darf Ihr Sclave nicht erfahren, wie Sie den Bruch mit diesem hergelaufenen Abenteurer herbeizuführen gedenken?« frug der Mexikaner. - »Ueberlegen Sie wohl, daß er einen Akt der Gewalt verüben könnte, da Sie nicht wollen, daß die Truppen der rechtmäßigen Regierung vorher die Hacienda besetzen, um Ihnen Schutz zu gewähren.«

»Seien Sie unbesorgt, Señor Teniente. Seien Sie nur zur rechten Zeit hier, so wie Sie die grüne Schärpe

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sehen, die mein Mädchen aus dem Fenster über dem Balkon ausstecken wird. Und sehen Sie - dort kommt, glaub' ich, Ihr Mann.«

Sie wies auf einen Reiter, der im Galop auf der Straße vom Fluß daher kam.

»Und dort, Señora - naht Ihr Bräutigam, der König der Sonora!« Dann ließ er sich plötzlich vor ihr auf ein Knie nieder. »Wenn es mir gelingt, den Verräther zu stürzen und zu vernichten - wird die schöne Dolores, die wahre Königin aller Herzen, sich herab lassen, ihr Versprechen zu halten und die Hoffnungen ihres getreuesten Sclaven zu erfüllen?«

»Ich habe meine Hand dem Gouverneur von Puebla versprochen!«

Er sprang auf. »Dann Señora, ist sie in drei Monaten die meine. Auf Wiedersehen dann am Altar!«

Während der fernen Flintenschüsse, welche die Annäherung der Kolonne des Grafen Boulbon verkündeten, eilte er die Treppen hinab, warf sich außerhalb des Thors auf ein Pferd und sprengte dem von der anderen Seite nahenden Reiter entgegen.

In zehn Minuten hatte er diesen erreicht - es war der Soldat, der so wacker zur Vertheidigung der Hacienda beigetragen hatte,

»Halten Sie gefälligst, Señor Escobedo,« sagte er - »ich habe mit Ihnen dringend zu reden.«

Der Courier, den Graf Boulbon nach San Guaymas geschickt hatte, parirte etwas ungeduldig sein Pferd.

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»Was befehlen Sie, Señor Teniente? Befindet sich Seine Excellenz in der Hacienda?«

»Seine Excellenz,« sagte der Adjutant spöttisch, »werden in einer halben Stunde dort sein. Indeß wird sie immer noch zeitig genug Ihre Botschaft hören.«

»Wie, Señor, so wissen Sie?«

»Der Bote des Gouverneurs ist bereits vor zwei Stunden hier eingetroffen.«

»Cuerpo de tal! So wissen Sie also auch, daß die Dragoner der Regierung hierher unterwegs sind?«

»Ich hoffe, sie werden in Kurzem hier sein!«

»Der Conde muß es sogleich erfahren. Lassen Sie mich vorüber, Señor Teniente, wenn es Ihnen gefällig ist. Man hat bereits eine Legua von hier versucht, mich aufzuhalten, indem man aus einem Dickicht wilder Feigen nach mir schoß.«

»Dieser Volaros ist ein Dummkopf« sagte ruhig der Adjutant. »Aber Señor Capitano, Sie dürften am Besten thun, trotz jener Kugel mit mir zu ihm zurückzukehren.«

»Ich verstehe Sie nicht, Señor Assistente. Ich bin ein einfacher Soldat des Conde Boulbon und Ueberbringer eiliger Nachrichten -«

»Für deren Verzögerung um eine Stunde ich die Ehre habe, Ihnen ein Patent als Kapitain im Namen Seiner Excellenz des Gouverneurs Don Juarez anzubieten, da Señor Volaros Sie gefehlt hat!«

»Ah - ich verstehe! Und Sie haben wirklich Vollmacht?«

»Vollständige. Das Blanket braucht blos mit Ihrem

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Namen ausgefüllt zu werden. Ich hoffe, Sie noch als General zu begrüßen, wenn Sie sich unserer Partei anschließen.«

Der Abenteurer verbeugte sich. »Ich küsse Euer Excellenz die Hand und stehe ganz zu Ihrem Befehl.«

Auf einen Wink des Offiziers wandte er sein Pferd und galopirte mit ihm den Weg zurück, den er eben gekommen war. - -

Immer näher kamen die Freudensalven der heranziehenden Schaar und wurden von den Bewohnern der Hacienda mit Jubelruf und Flintenschüssen erwiedert. Man weiß, wie sehr es der Südländer, namentlich auch der Mexikaner liebt, bei allen Gelegenheiten Pulver zu verknallen. Hüte und Schärpen wurden von der Höhe der Mauern geschwenkt, Feuerwerk in die helle Tagesluft verpafft, und als jetzt die Compagnieen des Grafen, etwa hundertfünfzig Mann an der Zahl, an den Mauern der Hacienda vorüberzogen, um durch eines der Thore ihren Einmarsch zu halten, fiel ein Regen von Blumen auf sie nieder.

Die Schaar des Grafen gewährte einen noch abenteuerlicheren Anblick, als sie bei ihrer Ausschiffung und jener Parade bot, welche der Gouverneur von Guaymas in San José über sie zu halten versucht hatte. Die Strapatzen des kurzen Feldzugs und die Büchsen und Pfeile der Indianer hatten wohl ein Dritttheil der kühnen Männer, die sich in San Francisco hatten anwerben lassen, hinweggerafft oder zerstreut, aber noch immer waren genug von dem alten Stamm übrig, um eine furchtbare Macht zur Ausführung jedes kühnen Anschlags zu bilden, dessen

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Gelingen bald wieder das Zehnfache der Zahl um die Fahne des kühnen Franzosen sammeln mußte. Das wußte der Graf sehr wohl, und deshalb hatte er auch nur diesen Stamm seiner Compagnieen zurück nach der Hacienda gebracht.

Der Graf selbst, noch immer das schöne und wilde Pferd reitend, das ihm der Gouverneur von Guaymas in so boshafter Weise verehrt, sprang am Thor aus den Bügeln, als er hier den Senator, umgeben von seiner Dienerschaft, ihn erwarten sah, umarmte ihn auf's Herzlichste und erkundigte sich sogleich nach seiner schönen Braut.

»Mögen Sie tausend Jahre leben, Señor Conde,« sagte der alte Spanier, - »mein Haus und Alles, was ich besitze, sind zu Ihren Diensten. Treten Sie ein, mein Sohn, und empfangen Sie aus meiner Hand den Lohn Ihrer Tapferkeit, der das Blut der Montera's, eines der edelsten von Kastilien und Arragon, mit dem des Königsgeschlechts von Frankreich verbinden soll - und ihm wieder den Weg zu einem Throne öffnen wird!« fügte er leise hinzu.

Der Graf küßte nach spanischer Sitte den Hausherrn auf beide Wangen. »Ist mein Bote aus San Fernando zurück?« flüsterte er.

»Noch nicht - ich erwartete ihn vergeblich. Ich habe alle Anstalten getroffen, daß wir morgen früh bereits nach dem Westen aufbrechen können.«

»Vortrefflich, Señor suegro!«10 sagte der Graf einigermaßen zerstreut. »So lassen Sie mich denn meiner schönen Braut meine Huldigung darbringen und mit ihrer

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Erlaubniß alsdann, sobald ich die Kleidung gewechselt, die heilige Ceremonie vor sich gehen, die mein Glück sichert, und zu der Ihre Güte, wie ich sehe, bereits alle Vorbereitungen getroffen hat.«

»Señores,« rief der Senator, »machen Sie es sich bequem und nehmen Sie vorlieb mit Allem, was die Hacienda del Cerro ihren tapfern Errettern zu bieten vermag, die ich mich herzlich freue, wiederzusehen!

Ein hundertfaches Viva el Señor Senador! beantwortete die gastfreie Einladung und im Nu war die ausgelassene und wilde Schaar der Abenteurer über den Hofraum verbreitet und mit den alten Bewohnern und Dienern derselben vermischt. Hundert Erzählungen von bestandenen Abenteuern und Erkundigungen nach gefallenen Kameraden wurden im Fluge ausgetauscht und die Krüge mit Mescal und Aguardiente, so wie die Flaschen und Lederschläuche mit dem Amontilado und Paquareta, dem feurigen Wein des Landes, gingen von Hand zu Hand. Mit dem Eintritt der Soldaten des Grafen hatte das Fest begonnen.

Diesen hatte unterdeß die Hand des Senators zu den Stufen der mittleren Verandah geführt, auf deren obersten in ihrem Rohrsessel, von ihren Dienerinnen umstanden, die Señora saß. Der Graf beugte mit ritterlicher Galanterie ein Knie vor der Schönen, nahm aus seinem Jagdhemd zwei Adlerfedern, die Kopfzier eines berühmten Häuptlings, den er in einem der Gefechte mit eigener Hand getödtet, und legte ihr die Trophäe zu Füßen.

»Señora,« sagte er, »die Hand, welche Ihre Heimath von den Indianern befreit hat, streckt sich nach dem schönsten

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Schatz derselben aus. In den Augenblicken wilden Kampfes hat mir diese Stunde als Lohn vorgeschwebt, und ich komme, die Erfüllung Ihres süßen Versprechens in Anspruch zu nehmen.«

Die Dame spielte nachlässig mit den beiden Federn. »Seien Sie willkommen, Señor Conde! Bitte, sagen Sie mir, war dieses reiche Brautgeschenk vielleicht der Kopfputz des Grauen Bären?«

Eine dunkle Röthe schoß bei den ironischen Worten über das Gesicht des Franzosen. »Es ist selten, Madonna,« sagte er stolz, indem er sich erhob, »daß ein Mann zum zweiten Male es wagt, dem Grafen Raousset Boulbon entgegen zu treten. Auch Ihr indianischer Häuptling hat es nicht versucht, so sehr ich es auch wünschte. Diese Federn schmückten das Haar eines Comanchenführers, des Rothen Adlers, der eben so berühmt sein soll, wie der Häuptling der Gileno's, und meines Wissens war das Diadem der Ynkas von Mexiko und ihrer Gemahlinnen auch mit Federn geschmückt!«

»Sie haben Recht, Señor Conde,« erwiederte ruhig die Dame, »doch ist die Erinnerung eine unglückliche; denn die Frauen der alten Herrscher dieses Landes genossen leider nicht die Segnungen des Christenthums und die Rechte einer einzigen rechtmäßigen Gattin.«

Der Graf brach das Gespräch geschickt ab, das ihm nicht zu gefallen schien. »Erlauben Sie, theure Dolores,« sagte er, »daß ich mich einige Augenblicke zurückziehe, um auch äußerlich des Glückes würdig zu erscheinen, das mich erwartet.«

Die Haciendera machte eine bezeichnende Bewegung

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mit dem Fächer. »Ihre Gemächer, Señor Conde, und Ihre Freunde erwarten Sie!«

Der Graf beurlaubte sich mit einer höflichen Verbeugung, und ging der Treppe zu, welche nach dem oberen Stockwerk führte; auf der ersten Stufe hatte er Bonifaz, seinen alten Getreuen, bemerkt und nahm ihn am Arm.

»Du hast meinen Brief bekommen?« frug er.

»Ja, Monsieur! - Ihre Befehle sind vollzogen.«

»Und wie erträgt sie die Nothwendigkeit?«

»Sie ist entschlossen, noch diesen Abend nach Veracruz abzureisen, und ich, Monseigneur, bitte um die Erlaubniß, sie zu begleiten.«

Der Graf blieb auf der Höhe der Treppe stehen - sein Wink hatte alle Begleiter verabschiedet.

»Wie, Bonifaz, mein alter Freund, Du willst mich verlassen? - Aber doch hoffentlich nur für die Reise bis zur Küste?«

»Ich sehne mich, Monseigneur, Frankreich wiederzusehen,« sagte der alte Mann. Die napoleonische Luft ist immer noch besser, als diese Athmosphäre mexikanischer Falschheit und Spitzbüberei, die uns hier umgiebt, und ich kann die arme Kleine nicht allein zu unserem Kinde zurückkehren lassen, da Sie nun einmal Lust haben, ein vollständiger Mexikaner zu werden. Pardious! wer mir das gesagt hätte, als ich den steifen Spanier und seine hochmüthige Tochter nach San Francisko brachte - der Teufel hätte mich eher zu einem Frikassee hacken sollen!«

»Murrkopf - Ihr bedenkt nicht, daß es eben zu unser Aller Besten geschieht!«

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»Ça! ça! - indeß - Jeder ist seines Schicksals Schmied! - Suzanne erwartet Sie, um Ihnen Lebewohl zu sagen vor dieser verfluchten Heirath!«

»Wo?«

»In ihrem Gemach - das arme Ding wird Sie nicht lange aufhalten. Nur noch Eins - Sie wissen doch, Monseigneur, daß der mexikanische Lump, der Lieutenant Carboyal, ein Kerl, dessen konfiszirtem Gesicht ich nicht über den Weg traue, vor zwei Stunden einen Courier aus dem Westen erhalten hat?«

»Kein Wort! - Wo ist der Teniente? ich sah ihn noch nicht.«

»Der Teufel weiß, wohin, ich habe mich nicht um ihn bekümmert. Aber ich warne Sie, Louis, trauen Sie dem Boden hier nicht - der einzige Ehrliche scheint mir noch der Senator zu sein, aber er ist blind wie ein Maulwurf vor lauter Ehrgeiz und Hochmuth, und jener gelbhäutige Schuft macht sich etwas zu dreist an die Señora!«

Der Graf lachte sorglos. »Wenn Du weiter keine Bekümmerniß hast, Alter! Doch nun geschwind, bringe meine Kleider in Ordnung zur Trauung; ich verlange, daß Du mein Brautführer bist, dann magst Du thun, was Dein Gewissen verlangt!«

»Monseigneur - Ihre Uniform finden Sie hier!« Er öffnete die Thür zu dem Zimmer Jeans. Der Graf trat ein und blieb betroffen stehn, als aus dem Hintergrund des Gemachs sich eine Frau erhob und ihm langsam entgegenkam.

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»Suzanne -! in dieser Kleidung - welche Unvorsichtigkeit!«

»Es ist die meines Geschlechts, Anne! laß sie mich tragen in dem Augenblick, wo wir scheiden für immer!«

Der alte Avignote hatte sich außen vor die Thür gestellt - Niemand sollte die wenigen Augenblicke stören, die den Beiden noch gehörten. - - -



Die halbe Stunde, die der Graf für seine Toilette sich erbeten, war verflossen - die Glocke der Hacienda rief zu der Messe, die der Trauung vorangehen sollte, die Thore des Hofes wurden geschlossen und Alle versammelten sich um den Altar.

Der Senator kam, noch einmal seine Tochter zu umarmen, ehe er den Bräutigam zu holen ging. Sein Gesicht strahlte von Stolz und ehrgeizigen Hoffnungen, so daß er die kalte und finstere Haltung seiner Tochter gar nicht bemerkte. Er hatte sie kaum verlassen, als diese den jungen Vaquero zu sich winkte.

»Diaz,« sagte sie, »Du weißt, daß wir Verbündete sind. Bei dem heiligen Kreuz von Puebla, ich werde für Deine Zukunft sorgen. Jetzt nimm dieses Band -« sie reichte ihm die grüne Seidenschärpe, die sie getragen, -»und sobald der Graf die Treppe herabgekommen, gehe in das Gemach über dem Balkon und knüpfe sie an das Gitter. Dann kehre in den Hof zurück und halte Dich an dem Thor zur Linken, um es sofort zu öffnen, wenn Einlaß begehrt wird. Hast Du mich verstanden?

»Ja, Señora!«

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»So gehorche - dort kommen Sie - und ich will Dein Glück machen!«

In der That erschien bei dem zweiten Läuten der Glocke der Graf an der Seite seines zukünftigen Schwiegervaters. Er trug, wie bei seiner Ausschiffung in San Fernando, die französische Obersten-Uniform und auf seiner Brust verschiedene Orden. Seine Haltung war ruhig und würdevoll, auf seiner Stirn lag ein tiefer Ernst, selbst eine gewisse Trauer, - das Ergebniß der vorangegangenen Scene!

Hinter dem Grafen kam sein alter Diener, Bonifaz, der Avignote.

Der Franzose schritt auf die Señora zu, die ihn bewegungslos erwartete. Er bot ihr mit einer Verbeugung den Arm und führte sie die Stufen der Veranda hinab und zu den beiden mit blühenden Orangenzweigen geschmückten Betpulten, die man vor dem Altar für das Brautpaar aufgestellt hatte. Die ganze Versammlung warf sich alsbald auf die Knie und der Priester begann die heilige Messe zu lesen.

Señora Dolores hielt ihr von dem langen Schleier umwalltes Haupt tief auf ihr Gebetbuch und die gefalteten Hände niedergebeugt, gleich als sammle sie Kraft zu dem wichtigsten Akt ihres Lebens.

Dem Psalm folgte der Hymnus, das Symbolum und das Opfer - die ganze Schaar der Andächtigen responsirte, und selbst die Andersgläubigen wohnten in achtungsvollem Schweigen und mit entblößten Häuptern der heiligen

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Handlung bei, bis der Segen gesprochen war und der Priester das Brautpaar zu dem Altar rief.

In diesem Augenblick hörte man ein fernes Geräusch, wie von weither näher und näher anschwellendem Donner.

Die Braut hob ihr Haupt und eine leichte Röthe flog über ihr Gesicht, während ihr Auge über den Hofraum schweifte und auf Diaz haften blieb.

Auch der Graf, der Pole Morawski und mehre der Soldaten und Vaquero's hatten den Kopf erhoben - ihr mit dem Klänge vertrautes Ohr erkannte in dem nahenden Geräusch den Galop einer Pferdekolonne.

Unterdeß nahm die Ceremonie ihren Fortgang.

Auf die Frage des Priesters:

»Horace Aimé« Graf von Raousset Boulbon, Marquis de Tremblay, willst Du diese hier gegenwärtige hochedle Jungfrau Doña Dolores da Sylva Montera zu Deiner ehelichen Gemahlin nach den Satzungen der heiligen katholischen Kirche nehmen?«

»Ich will!«

»Jungfrau Doña Dolores da Sylva Montera, willst Du diesen hier gegenwärtigen Señor Horace Aimé Grafen von Raousset Boulbon zu Deinem ehelichen Gemahl nehmen?«

»Nein, Señor Padre, denn der Señor Conde hat bereits eine Frau!«

Die Worte wurden langsam und gemessen gesprochen, aber ihre ruhige Stimme hatte einen so klaren festen Ton, daß er bis zu den entferntesten Mitgliedern der Versammlung drang.

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Einige Augenblicke stand diese wie vom Blitzstrahl getroffen oder zu Stein geworden - kein Laut wurde hörbar, so unerwartet war der Widerspruch gekommen. Selbst der Senator starrte seine Tochter erschrocken an und glaubte, falsch gehört zu haben.

In diesem Moment, während draußen ein wüthender Galop näher brauste, unterbrach die Stille des Erstaunens ein Ruf von der Höhe der Galerie her.

»Aimé! hüte Dich! Die Dragoner des Gouverneurs kommen!«

Den Augen der Menge zeigte sich eine bleiche Frau, in ein dunkles spanisches Gewand gekleidet, die auf der offenen Veranda des ersten Stockes in Angst die Hände rang!

Der Galop der fremden Reiter hörte plötzlich vor dem Kommando: Alto! auf - Waffen klirrten - drei Schläge donnerten an das Thor.

»Abrite la puerta!« Im Namen der Conföderation!«

Die Hand der Señora wies nach der Frauengestalt zwischen den Jalousieen. »Ehrwürdiger Herr und Sie mein Vater, dort sehen Sie, daß ich die Wahrheit gesprochen. Caballero's - ich stelle mich unter Ihren Schutz!«

Sie trat von der Seite des Grafen zurück, der allein vor dem Altar stehen blieb, Aller Blicke auf sich gerichtet.

»Um der heiligen Jungfrau willen, Señor Conde, was soll dies bedeuten? Reden Sie - erklären Sie uns - - -«

Ehe der Graf, der wie ein Träumender umherstarrte, bald auf die Braut, bald auf Suzanne, deren Angst sich

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in einen Thränenstrom Luft machte, während sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckt hielt, - wurde von Diaz das Thor geöffnet und der Assistente des Gouverneurs, Don Carboyal, ritt in den Hof, gefolgt von einem halben Dutzend Dragoner, die sich hinter ihm aufstellten. Durch die geöffneten Flügel sah man draußen eine lange Reihe Dragoner, der besten Cavalerie, welche Mexiko besitzt.

Neben dem Lieutenant ging, sein Pferd am Zügel, der Soldat Escobedo, der Courier des Grafen.

Bei dem Anblick seines heimlichen Feindes hatte dieser seine volle Ruhe wieder gefunden. Er stand noch auf der nämlichen Stelle, wo die Señora ihn verlassen hatte, die Arme über die Brust gekreuzt, sein stolzes Gesicht, obschon blaß, zeigte eine eigenthümliche Ruhe und Sicherheit.

Nur wer ihn näher kannte, hätte aus dem höhnischen Zucken seiner Mundwinkel gewußt, daß ein Vulkan in ihm kochte.

»Willkommen, Señor Escobedo, mein getreuer Bote!« sagte der Graf mit schwerer sonorer Stimme, »und besonders in so guter Gesellschaft. Ich durfte erwarten, Sie bereits hier zu finden.«

»Euer Excellenz werden das alte Sprüchwort kennen, daß manche Botschaft immer noch zeitig genug kommt! Was die Gesellschaft dieser Herren betrifft, so genieße ich die Ehre derselben erst seit einer Stunde.«

»Ohne viel Worte, Mann« sagte der Graf streng. »Geben Sie mir die Briefe des Kommandanten Muñoz.«

Der Mexikaner zuckte die Achseln. »Ich bedauere

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aufrichtig, Euer Excellenz nicht dienen zu können. Señor Muñoz hatte keine Zeit zu schreiben.«

»Und warum nicht?«

»Weil er eben dringend mit seinem Beichtvater beschäftigt war, um sich für das wichtige Geschäft des nächsten Morgens vorzubereiten.«

»Welches Geschäft?«

»Der tapfere Kommandant des Forts von San Fernando hatte unglücklicher Weise die Bestimmung, gehangen zu werden und seine Seele muß jetzt längst im Fegefeuer sein.«

»Gehangen? Ventre saint gris - wer sollte es gewagt haben ...«

»Seine Excellenz der Herr Gouverneur Don Juarez hat ihn dazu verurtheilt, nachdem die Regierungstruppen wieder das Fort besetzt haben.«

»Das Fort besetzt? und meine Schiffe?[«]

»Man hat sie nach San Francisco zurückgeschickt. Die gesetzlichen Behörden sind, Dank der tapferen Besiegung der Indianer durch Euer Excellenz, jetzt wieder vollkommen befestigt, und ich freue mich, Euer Excellenz anzeigen zu können, daß auch meine geringen Verdienste in der Ernennung zum Kapitain des stehenden Heeres ihre Anerkennung gefunden haben.«

Der neue Schlag war so unerwartet, daß der Graf der ironischen und dreisten Weise, in welcher er ihm angekündigt wurde, die Antwort schuldig blieb.

Aber er war noch keineswegs zu Ende.

Don Carboyal hielt noch immer zu Pferde und hatte

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mit boshaftem Vergnügen die Scene beobachtet. Jetzt aber nahm er das Wort.

»Señor Conde« sagte er, »es freut mich, von der Regierung beauftragt zu sein, Euer Excellenz und all' diesen tapferen Herren den Dank des Präsidenten Cevallos und der Junta der Staaten Sonora und Chihuahua zu überbringen. Die Regierung ist erfreut, schon heute im Stande zu sein, die mobile Armee auflösen zu können und bewilligt den tapfern Soldaten und Offizieren einen zweimonatlichen Sold, der ihnen sofort ausgezahlt werden soll. Auch stellt sie Jedem anheim, die Ansprüche an die zugesagte Landentschädigung am Rio del Norte geltend zu machen, wo neue Kolonieen angelegt werden sollen, oder in Alamos mit dem Grade eines Unteroffiziers bis zum Range des Kapitains in das stehende Heer einzutreten. Ihnen, Señor Conde, behält die Regierung sich vor, in Arispe, wohin ich die Ehre haben werde, Ihnen das Geleit zu geben, bei der Abrechnung ganz besonders ihren Dank und die Anerkenntniß Ihrer Verdienste um Mexiko auszudrücken.«

»In Arispe? Also an der Gränze der Freistaaten?«

»Die Regierung glaubte, daß es Euer Excellenz bei der Rückkehr dahin der geeignetste Platz sein würde, da Sie dort Gelegenheit haben, dem Herrn General-Gouverneur direkt Ihre Wünsche auszudrücken. Ich habe Befehl, Euer Excellenz mit einer Schwadron meiner Dragoner dahin zu geleiten, während die andere diese Herren nach dem Süden begleitet!«

Der Graf lachte hell auf, aber dies Gelächter klang wie das Schmettern einer Trompete zum Angriff.

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»Bei dem Blute des Bearners« rief er, - »Señor Teniente, der Plan ist nicht übel! - Schade nur, daß ich in Mexiko noch Einiges zu thun habe. Señor Senador, was sagen Sie dazu, und wollen wir die eifersüchtige Dame da, Ihre Tochter, zur Herrin der Sonora machen, auch ohne ihren Willen?«

»Bei der heiligen Jungfrau« flüsterte erschrocken der Haciendero, »richten Sie uns nicht Alle zu Grunde, Señor Conde! Sie sehen, daß Alles verrathen ist und daß wir verloren sind, wenn wir nicht nachzugeben scheinen. Was Donna Dolores betrifft, so hoffe ich ...«

»Halt Señor! Kein Wort darüber! - Kameraden -« die Stimme des tapferen Franzosen klang hell und laut über den Hof hin - »Ihr habt die Vorschläge dieses Herrn gehört. Wir sind wieder freie Männer, wie wir es niemals hätten aufhören sollen zu sein. Wer Lust hat, mit den Burschen da draußen, die sich mit den Apachen nicht zu messen wagten, Kameradschaft zu trinken - der möge es thun! ich will Niemand hindern! Wer aber mit mir gehen will, den Schatz der Ynka's zu heben, der halte sich bereit; denn die Zeit ist gekommen, die ich Euch versprochen!«

Ein stürmischer Jubelruf aus hundert Kehlen antwortete dieser unerwarteten Ankündigung - dennoch konnte es dem scharfen Blick des Grafen nicht verborgen bleiben, daß Viele von der Schaar, die sich rasch um ihn sammelte, zurückgeblieben waren. Er begriff, daß er sie nicht zur Ueberlegung kommen lassen durfte.

»Señor Senador« sagte er, - »meine Kameraden

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dürfen um das versprochene Fest nicht kommen!« Er neigte sich zu dem Avignoten und flüsterte ihm einige Worte zu, worauf der Alte ihn freudig erschrocken anstaunte und dann in das Haus eilte. - »Halt, ehrwürdiger Herr! Sie dürfen sich nicht entfernen, ehe Sie Ihr Amt vollzogen. Señores und Señoras, Graf Raousset Boulbon ladet Sie zu seiner Hochzeit ein!«

»Wie, Señor - nach dem Vorgefallenen ...«

Doña Dolores wandte sich hochmüthig zum Gehen. »Kommen Sie, mein Vater, das Unglück scheint diesem Herrn den Verstand verrückt zu haben!«

Mit zwei Schritten war der Graf an ihrer Seite und hatte ihr Handgelenk gefaßt. Sein Gesicht drückte jetzt einen so furchtbaren Ernst aus, daß selbst ihr stolzer kräftiger Sinn erbebte.

»Halt, Señora« sagte er rauh, - »nicht so eilig! Der Schimpf, den Sie einem Manne anzuthun glaubten, muß erst seine Sühne haben!«

»Sie werden es nicht wagen, Señor, mich zu zwingen! Zu Hilfe, Don Carboyal! Sie werden es nicht dulden, daß mir Gewalt geschieht!«

»Still!« befahl der Graf mit Donnerstimme. Wenn Sie zehnfach jene Schätze besäßen, die tapfere Männer zu suchen gehen, so möchte ich das Königliche Blut von Frankreich nicht mit Ihrem Namen beschimpfen. Still, Schlange, sage ich, oder meine Hand zerschmettert Dich wie ein Atom! Nicht eine Braut brauche ich, aber eine Brautjungfer und das soll Deine Strafe sein! - Kapitain Perez!«

»Hier, General!«

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»Besetzen Sie mit zehn Mann das Thor und lassen Sie in der nächsten Stunde Niemand ein- noch austreten! Bei Ihrem Leben! Doch vergießen Sie nur Blut, wenn Sie angegriffen werden!«

Der wilde Sinn der Abenteurer begann an dem seltsamen Auftritt Gefallen zu finden. Im Nu, und noch ehe Lieutenant Carboyal einen Befehl an seine Leute geben konnte, war das Thor besetzt und Diaz, der allein zu widerstreben wagte, hinweggedrängt.

»Jetzt, Señor Teniente und Alle, die hier versammelt sind« sagte der Graf zu dem Adjutanten und der staunenden Menge, »wird es nur auf Sie ankommen, ob wir als gute Freunde scheiden sollen oder nicht. Keinem soll ein Haar gekrümmt werden, der es nicht selbst herausfordert. Wir sind zu meiner Hochzeit hierher geladen und wollen uns nicht durch die alberne Laune eines Weibes unverrichteter Sache fortschicken lassen. Auf Ihren Platz, Señora, wenn Sie nicht die Schmach der Peitsche für Ihr dreistes Spiel fühlen wollen, - denn hier kommt die Braut!«

Mehr getragen von dem alten Avignoten, als geführt, erschien Suzanne auf den Stufen der Verandah. Sie war eben so bleich und zitternd vor Schrecken und Freude, als ihre stolze Nebenbuhlerin vor Haß und Zorn. Auf ihren Wunsch hatte Bonifaz ihr das einfache spanische Frauengewand verschafft, in dem sie nach dem Verlassen der Hacienda ihre Reise nach einem Hafen der Ostküste machen wollte, und das leicht erklärliche Gefühl einer Frau hatte sie bewogen, den Abschied von dem Geliebten in dem Gewand ihres Geschlechts zu nehmen.

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Der plötzliche Entschluß des Grafen, den der Avignote ihr andeutete, erfüllte sie mit freudigem Schrecken - noch konnte sie an die Wahrheit kaum glauben, als der Graf sie aus den Armen des treuen Dieners nahm, sie auf die Stirn küßte und ihre Hand erfaßte.

»Kameraden« sagte er, - »ich war im Begriff, ein großes Unrecht an einem Wesen zu begehen, daß seit zwölf Jahren nur Aufopferung und Treue für mich gehabt hat, das ihre Heimath und sein Kind verließ, um dem ungewissen Schicksal eines Mannes über das Weltmeer hinaus zu folgen, und das auch jetzt wieder bereit war, selbst ihr Leben der Zukunft eines Undankbaren zum Opfer zu bringen. Gott, der Alles wohl macht, hat durch den boshaften Hochmuth eines anderen Weibes mir die Augen geöffnet, ehe es zu spät war, und ich lade Sie Alle ein, Kameraden, Zeuge zu sein, wie Aimé Boulbon Suzanne Clement zu seiner rechtmäßigen Gattin macht und damit seinen Sohn Louis zum rechtmäßigen Erben seines Namens und alles Dessen, was er jetzt und künftig besitzen wird!«

Ein stürmischer Zuruf zeigte ihm, daß seine Worte auf diese wilden Herzen und Charaktere ihren Eindruck nicht verfehlt hatte. Selbst die Bewohner der Hacienda wagten nicht, ein Zeichen des Widerspruchs zu geben.

Der Graf zog die arme, kaum ihrer selbst mächtige Schauspielerin vor den Priester. »Señora« sagte er mit kalter Ruhe, aber einen Blick, der selbst ihre trotzige Wuth in Furcht verkehrte, - »Sie kennen meinen Willen, und werden die Güte haben, die Zeugin von Madame zu sein. Unter dieser Bedingung verzeihe ich Ihnen Ihren Verrath!

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Nehmen Sie Ihren Platz ein, und Sie, ehrwürdiger Herr, verrichten Sie Ihr Amt!«

Der Ton der Worte war der Art, daß Niemand auch nur den Gedanken eines Widerspruchs faßte. Der Pater verrichtete hastig die heilige Ceremonie, und die Señora kniete, das Herz bis zum Bersten von ohnmächtiger Wuth geschwollen, hinter der Braut.

Der seltsame Auftritt dauerte nur wenige Minuten, der Pfaffe beeilte sich auf das Möglichste. Als er das Amen gesprochen, ließ der Graf eine Börse mit Gold zu seinen Füßen fallen, zog den Arm seiner zitternd und zärtlich sich an ihn schmiegenden Gemahlin durch den seinen, und wandte sich zu den Umgebenden.

»Kapitain Perez« befahl er, - »sorgen Sie dafür, daß unsere Kameraden mein Hochzeitsfest in lustiger Weise feiern. Halten Sie die Thüren besetzt - Jedermann mag frei ausgehen nach seinem Belieben - Niemand darf ohne Ihre Erlaubniß den Hof vor Sonnenuntergang betreten. Lieutenant Morawski und Kreuzträger, mein alter Freund, sorgen Sie dafür, daß Alles um diese Zeit zum Aufbruch bereit ist. Die Mannschaften sollen für acht Tage mit Proviant versehen werden. Nehmen Sie alle Maulthiere in Beschlag für den Transport der Lagergeräthschaften und erneuern Sie aus unseren Vorräthen die Munition. Señor Racunha, sorgen Sie dafür, daß alle Leute, die vorziehen, aus der Compagnie auszutreten, ihren vollen Sold bekommen. - Und nun, Señor Senador, entschuldigen Sie, daß wir für einige Stunden die Herren Ihres Hauses machen und Sie, Señora, nehmen Sie den Dank der

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Gräfin Boulbon für den Liebesdienst, den Sie ihr erwiesen.«

Er verbeugte sich mit allem Anstand des Weltmannes vor der Dame und ihrem Vater und führte Suzanne in das Haus zurück. -

Wie verschieden auch in Folge der schon längere Zeit fortgesetzten heimlichen Intriguen des Assistente die Stimmung unter den Mitgliedern der Expedition sein mochte, die entschlossene Haltung des Grafen, mit welcher er den beabsichtigten Schimpf und die Niederlage auf seine Gegner zurückwarf, verfehlte ihren Eindruck nicht und selbst Keiner von Denen, die bereits entschlossen waren, ihn zu verlassen, wagte einen Ungehorsam gegen seine Befehle. Der Aufruf, das Gelage trotz der veränderten Situation alsbald vor sich gehen zu lassen, war für Leute, wie die Abenteurer, zu verführerisch, um nicht befolgt zu werden. Alsbald bildeten sich Gruppen und Gesellschaften, in denen die Weinschläuche und die Krüge mit dem nationalen Branntwein lebhaft kreisten, und als der Haciendero mißmuthig und verstört über die Scheiterung der so mühsam vorbereiteten Pläne den Hof verlassen und sich in sein Gemach zurückgezogen hatte, erklangen alsbald auch die Kastagnetten, und das Personal der Hacienda nahm im Fandango und lustigen Trunk Theil an dem Gelage der Freischaar.

Der Graf hatte kaum den Hof verlassen, als ein Wink der Señora den Adjutanten des Gouverneurs aus der kläglichen Rolle, die er gespielt hatte, erlöste und an ihre Seite rief.

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Die schönen Augen der Spanierin funkelten in mühsam unterdrückter Wuth.

»Warum geben Sie Ihren Leuten nicht das Zeichen zum Angriff, Señor« herrschte sie ihm zu, »und lassen Alle, die sich zu widersetzen wagen, wie Hunde tödten, den hochmüthigen Verräther zuerst?«

»Zum Henker, schöne Doña« meinte zögernd der Offizier, »Sie sehen die Sache verteufelt leicht an! Ich habe keine Ordre, den Conde zu verhaften, insofern er nicht gegen die Entlassung durch die Regierung Widerstand versucht, und selbst wenn ich sie hätte, würde ich mich wohl hüten, den Tiger in seinem Nest am Bart zu zupfen!«

»So fordern Sie ihn Mann gegen Mann heraus! - er hat Sie und mich beschimpft. Wer mir sein Herzblut bringt, soll mich die Seine nennen!«

»Schöne Dame« sagte der Teniente mit Aufbietung aller Galanterie, - »Sie wissen, wie das Herz Ihres Sclaven für Sie schlägt und welchen Lohn Sie ihm verheißen haben. Lassen Sie den Narren sich den Kopf in der Wildniß in einem thörichten Unternehmen einrennen, das - wenn es ausführbar wäre, - längst klügere Leute als er vollführt haben würden. Ich schwöre Ihnen, daß nicht die Hälfte seiner Leute ihn auf dieser Don-Quixote-Fahrt begleiten wird, und ich werde mein Möglichstes thun, die Zahl noch zu verringern. Der Hunger, das Fieber und die Apachen werden uns an der ganzen Sippschaft rächen, ohne daß wir nöthig haben, einen Finger zu erheben!«

Sie sah ihn mit tiefer Verachtung an. »O, daß ich

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ein Mann wäre! - Gehen Sie, Señor - und Jeder thue das Seine!« -

Einen Moment verweilte ihr Blick zweifelnd auf Diaz, - dann schüttelte sie leicht das schöne Haupt, gleich als habe sie den Gedanken als unzulässig aufgegeben, und schritt, ihren Rebozo vor das Gesicht ziehend, nach ihren Gemächern. - - -



Der Graf hatte sich nach dem offenen Bruch mit dem Gouvernement und dem Senator nicht einen Augenblick darüber getäuscht, daß er von nun an ganz auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen sei; aber mit jener Energie, die ihn stets im Augenblick der Entscheidung erfüllte, traf er sofort alle Anstalten für den abenteuerlichen Zug, den er beschlossen. Er ließ den alten Wegweiser kommen, forschte bei ihm nach den Sagen und Gerüchten, die seit Jahrhunderten unter den Trappern und Jägern der Wildniß über die geheimnißvolle Existenz des angeblichen Schatzes gingen, und suchte - ohne ihn doch in das Vertrauen zu ziehen, - von ihm Nachrichten über die Gegend der Wildniß einzuziehen, welche die rohe Zeichnung in dem Amulet des Gambusino andeutete.

Zugleich traf er durch Bonifaz alle noch nöthigen Anordnungen für den Zug. Aus den in der Hacienda für den Krieg gegen die Apachen aufgehäuften Vorräthen wurden Zeltgeräthe, Waffen und Munition in reichem Maße genommen, ebenso fanden sich die genügenden Werkzeuge für die Untersuchung und Sicherung der Placers oder Städten, wo das Gold gewöhnlich zu finden ist. Da sich unter

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den Abenteurern mehre Bergleute befanden, die schon in den Goldlagern der Sacramento ihr Heil versucht, war auch in dieser Richtung gesorgt.

Durch Bonifaz ließ ferner mit Hilfe der ihm ergebenen Offiziere der Graf ein Verzeichniß Derjenigen aufnehmen, welche sich unter den alten Bedingungen der Unternehmung auch seiner anschließen wollten, indem er nochmals Allen, die zurücktreten wollten, dies anheim stellte. Es fand sich, daß von der ganzen Schaar hundert und drei Mann entschlossen blieben, die Expedition fortzusetzen und ihr Schicksal an das des kühnen Abenteurers unwiderruflich zu knüpfen.

Die Anderen, von der Ueberredung und den Versprechungen Don Carboyal's zum Abfall bewogen, oder die Mühseligkeiten und Gefahren eines neuen Zugs in das Indianergebiet fürchtend, zogen ihr Engagement zurück, theils um in den Städten, theils unter den Regierungstruppen ein Unterkommen zu finden.

Unter Denen, welche ihren Austritt erklärten, befand sich auch Lieutenant Racunha, der Perlenfischer von Espiritu Santo; er wollte zu seiner alten Heimat, dem Meer, zu seinem alten Gewerbe: dem Kampf mit den Tintorera's zurückkehren.

Perez, der Stierfechter, der Pole Morawski und selbst der Pirat Hawthorn zählten zu den Bleibenden. Der Letztere glaubte, dabei weniger der Gefahr ausgesetzt zu sein, als bei der Rückkehr zur Küste, wo er die Autoritäten als Freunde seines unversöhnlichen Feindes wußte.

Selbst Slong befand sich unter den Verwegenen, die

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sich dem Zuge des Grafen anschließen wollten; dies geschah, nachdem er eine heimliche Unterredung mit dem Assistente gehabt hatte.

Da Don Carboyal nicht im Entferntesten daran lag, es zu einem Kampfe zwischen dem starken Kommando der Regierungstruppen, - was nur den Ausbruch des entdeckten Pronunciamento's und den Marsch der Legion nach den Küstenstädten verhindern sollte, - und den Abenteurern des Grafen kommen zu lassen, einem Kampf, dessen Ausgang jedenfalls sehr zweifelhaft war und ihn selbst das Leben kosten konnte - so ließ er die Dragoner eine Strecke zurückgehen und auf der Ebene ihr Bivouacq aufschlagen.

Pünktlich mit dem Untergang der Sonne erklangen die Hornfanfaren, welche die kleine Schaar der Abenteurer zum Auszug aus der Hacienda sammelten. Weder der Senator noch seine Tochter ließen sich sehen - doch zeigten sich wenigstens die rohen Naturen der Vaqueros und Rostreadores nicht undankbar; sie erinnerten sich, daß sie dem rechtzeitigen und tapferen Angriff dieser Männer vor zwei Monaten ihr Leben verdankten, und mit manchem aufrichtig gemeinten Anruf an die Madonna und die Heiligen, mit manchem Rath, warmem Händedruck und gewechseltem Geschenk wurden die kühnen Abenteurer von den Männern und Frauen entlassen, mit denen sie noch soeben getanzt und getrunken.

Der Graf erschien auf den Stufen der Veranda - er trug sein Jagdhemd, das er nicht mehr ablegen sollte, und die Bewaffnung, wie wir sie früher bei der Musterung der Compagnieen in San Fernando beschrieben haben.

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An seiner Seite ging Suzanne in kurzem Reitrock, einen langen mexikanischen Dolch und einen leichten Revolver an dem Gürtel. Das von dem langen geheimen Leid abgehärmte intelligente Gesicht der kleinen Französin strahlte jetzt von Glück und Stolz - der höchste Wunsch ihres Lebens war erfüllt, das geliebte Kind im fernen Frankreich jetzt ihr rechtmäßiger Sohn, der Erbe eines stolzen Namens.

Als die kleine Schaar jetzt, wohl beritten und ausgerüstet, in bester Ordnung den Hof der Hacienda verließ und in den Hohlweg niederstieg, der sie zurück in das Gebirge und die Wüstenei führen sollte, gaben ihr selbst die Kameraden, die sie entmuthigt und so untreu verlassen, ein begeistertes Hurrah mit auf den Weg, und der jubelnde Ruf: »Viva el General! Vive Boulbon!« klang durch die Mauern in das einsame Gemach, in welchem die Señora den Haß und die Erbitterung über die erlittene Niederlage verbarg.

Die Schaar des Grafen legte an dem Abend nur eine kurze Strecke zurück; auf der Stelle, wo der »Fliegende Pfeil« mit seinen Kriegern bei dem Ueberfall der Hacienda stehen geblieben, schlug sie für die Nacht ihr Lager auf.



Es kam die Nacht! - Durch das Dunkel funkelten Tausende grünleuchtender Cucuyo's11, die Düfte des Jasmin, der Orangen und des wilden Mandelbaums kamen auf den Schwingen des Landwindes mit balsamischer Ueppigkeit

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und mischten sich dem Hauch der Kräuter und Gräser des Gebirges.

Ueber der Hacienda funkelte der prächtige Sternenhimmel; das Kreuz, das große Gestirn des Südens, glühte in seiner Pracht; von der Ebene her hallten die Töne des Lagers der Dragoner und ihrer neuen Bundesgenossen; durch die Schluchten strich mit dem eigenthümlichen Klagelaut der Coyote und fern, aus den Felsen klang das Geheul eines hungrigen Panthers. -

In ihrem amerikanischen Butacas12 lag die Haciendera in tiefem unheimlichen Sinnen. Ein leichtes weites Musselingewand in Form eines Bademantels hüllte allein noch ihren schönen Leib ein, und das lange schwarze Haar fiel in dunklen Wellen fessellos über den entblößten Busen.

Ihr Arm war auf die Lehne des Stuhls, die gedankenerfüllte schöne Stirn auf die Hand gestützt. Die finster zusammengezogenen Brauen, die gepreßten Lippen, der drohende Mund zeigten zur Genüge den Inhalt ihrer Gedanken.

Alles umher bewies, daß sie diesen nachgehangen im Augenblick, wo sie eben sich hatte zur Ruhe begeben wollen. Die seidenen Gewänder lagen umher zerstreut, aus dem Hintergrund des Gemachs sandte die Marmorwanne, in der ihr die Dienerinnen das erfrischende kühle Bad bereitet, ehe sie sich zur Ruhe legte, den Duft des mit Blüthen parfümirten Wassers; der Vorhang des anstoßenden Alkovens war halb zur Seite gezogen und zeigte das

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mit seinem irischen Linnen bedeckte Lager, und eine von der Decke hängende Ampel verbreitete hinter dem Schirm ein sanftes ruhiges Licht.

Aber in dem Innern der schönen Herrin dieses Schlafgemachs tobte es desto wilder und stürmischer. Sie erhob sich plötzlich aus ihrem Sinnen, schritt hastig über den seinen Binsenteppich und trat an das Fenster des Gemachs, dessen Musquitovorhang sie aufriß, um an dem frischen Hauch der Nachtluft den stürmisch wogenden Busen zu kühlen.

In der Ferne glänzten die Bivouacqfeuer der Dragoner - zuweilen trug der Nachtwind das Wiehern eines Rosses, irgend einen Klang des kriegerischen Lebens herüber.

»Der Feigling!« murmelte sie, die Hand ballend - »wenn er nur den zehnten Theil des Muthes jenes niederen verachteten Indianers gehabt hätte, würde das Herzblut jenes Abscheulichen geflossen sein, der es wagen durfte, Dolores Montera mit der Peitsche der Knechte zu drohen. Wenn Wonodongah - -«

Wonodongah! - -

Es war, als hätte die magische Gewalt ihrer entflammten Gefühle die dunkle Gestalt heraufbeschworen, die über den sternenbeleuchteten Grund glitt.

In ihrer Hand trug sie einen Kranz von den duftigen Blüthen des Suchil-Baumes, wie ihn die Señora so oft des Morgens beim Erwachen an den Eisengittern ihres Gemachs gefunden hatte.

Dolores trat in den Schatten des Vorhangs zurück und hüllte sich in seine Falten. Der Toyah kam langsam

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und vorsichtig näher; er blieb wiederholt stehen, um zu lauschen. Erst als er sich überzeugt hielt, daß alle Bewohner der Hacienda zur Ruhe waren, nahte er sich dem Fenster des Gemachs und schwang sich an den Vorsprüngen der Steine zu dem Gitter empor, an dessen Stäben er seinen Kranz befestigte.

Die Hand des jungen Kriegers war noch damit beschäftigt, als sich die Vorhänge, die im Innern die Einsicht in das Zimmer verschlossen, theilten und die Dame, der seine nächtliche und bescheidene Huldigung galt, vor ihm stand.

Erschrocken und in Furcht vor den Folgen seiner Kühnheit wollte der Indianer die Eisenstäbe loslassen und sich auf den Boden fallen lassen, als ein Wort ihn zurückhielt.

»Bleib!«

Die schöne Bewohnerin des Zimmers, in den leichten Nachtmantel gehüllt, war dicht zu dem Fenster getreten - er fühlte den warmen Hauch ihres Athems auf seiner gebeugten Stirn.

»Bleib, Wonodongah,« sagte die Señora, »ich habe mit Dir zu reden. Kannst Du auf der Stelle verweilen, wo Du Dich befindest? denn was ich Dir zu sagen habe, darf selbst die Nacht nicht hören - es ist ein Geheimniß zwischen Dir und mir!«

»Der Stein unter meinem Fuß ist breit genug, einen Krieger zu tragen,« entgegnete der Indianer. »Wonodongah würde jedes lebende Wesen tödten, und wäre es der Bruder seines Blutes, dessen Ohr die süßen Töne

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der Cenzontle des steinernen Hauses belauschen wollten.« -

»Wohlan, Jaguar - ich nehme Dich beim Wort, ich fordere ein Leben von Dir!«

»Das Leben Wonodongah's gehört der Herrin. Sie möge es nehmen!«

»Nein, Jaguar,« sagte die Dame, »nicht das Leben eines Freundes ist es, das ich verlange - es ist das Leben eines Feindes, der Dolores Montera tödtlichen Schimpf angethan hat.«

»Die Feuerblume möge ihre Anklage in das Ohr eines Freundes flüstern und der Mann, der gewagt hat, ihr Unrecht zu thun, soll sterben!«

Die Dame stampfte erbittert mit dem Fuß auf den Boden - die Beschränkung, die in den Worten des Indianers lag, erhitzte ihren Zorn fast bis zum Wahnwitz.

»Wie, elender Indianer,« zischte ihre Lippe - »wagst Du noch von Recht oder Unrecht zu sprechen, wenn eine weiße Frau Dir die Ehre anthut, Dich zu ihrem Rächer zu wählen? Bist Du so feig, wie die Andern?«

»Das Leben Wonodongah's gehört der Feuerblume. Ein Häuptling ist kein Mörder. Sie möge einem Krieger den Mann nennen und sein Verbrechen - und die Hand eines Toyah wird ihn tödten!«

Ihre Brust keuchte in wilder Aufregung - sie begriff, daß die Mittheilung der Thatsache in den einfachen Anschauungen des Indianers keineswegs eine todeswürdige Schuld des Mannes ergeben würde, den sie ja selbst zu beschimpfen und zu verderben gesucht hatte.

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»Wonodongah - liebst Du mich?«

»Das Herz eines Indianers hat rothes Blut, wie das eines weißen Mannes. Wonodongah liebt die Feuerblume mehr als den Stern seines Auges, mehr als die Hoffnung, mit seinen Vätern auf den Jagdgründen des großen Geistes zusammenzutreffen.«

»Wohlan denn, beweise es und ich will Dir gehören! Dolores Montera hat bei der heiligen Jungfrau geschworen, daß sie dem Manne gehören will, der sie an dem schändlichen Verräther rächen wird! Siehst Du diesen Schlüssel?«

»Ja, Herrin!«

»Er öffnet den Eingang zu dem Gitter des Balkons - zu der Thür meines Schlafgemaches! Eine Nacht - eine ganze Nacht wird Dolores dem Jaguar gehören, wenn er ihr dies Tuch, mit dem Herzblut ihres Feindes getränkt, zurückbringt!«

Sie schleuderte ihm das leichte spitzenbesetzte Gewebe zu.

»Bei dem großen Geist - Du machst mich wahnsinnig! - Den Namen - sage den Namen!«

»Es ist Dein eigener Feind - der Franzose, den Du kennst -«

»Dein Verlobter? Die Eiche, um die sich die Feuerblume ranken will? Du selbst hast mir verboten, die Hand gegen ihn zu erheben! Was hat er gethan?«

»Gethan? Sieh her!«

Eine Bewegung der Hand warf den Schirm von der Lampe - eine zweite riß die leichte Hülle von ihren Schultern - im vollen Licht stand die reizende üppig

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schöne Gestalt des Weibes vor den glühenden Blicken des Naturmenschen, dessen Leidenschaften in ungezähmter Kraft emporbäumten.

»Sieh her! - Willst Du diesen Leib erkaufen mit seinem Herzblut, ohne zu fragen, welch' Unrecht er mir gethan?«

Der Indianer rüttelte wie ein wildes Thier an den festen Eisenstäben des Fensters - seine Augen unterliefen mit Blut - sie schienen die unverhüllte Schönheit der weißen Frau förmlich zu verschlingen.

»Er soll sterben!«

»Du schwörst es?« Sie nahte sich ihm, ihre Hand berührte seine Finger, die er blutend durch das Gitter drängte, ihr warmer Athem elektrisirte sein Gesicht.

»Du schwörst es?«

»Bei dem Totem der Toyah's - er soll sterben!«

Ein Sprung rückwärts brachte sie zu dem Tisch, auf dem die Lampe stand. Eine rasche Bewegung schleuderte sie auf den Boden und machte sie verlöschen. Im nächsten Augenblick plätscherte das Wasser des Bades.

Die dicken eisernen Stäbe rasselten und bogen sich unter dem rasenden Angriff des Indianers.

»Mitleid, Herrin - Mitleid mit Deinem Sclaven!«

»Bringe sein Herzblut und ich bin Dein!« klang es durch das verdunkelte Gemach - »in einem Monat von heute erwarte ich Dich mit dem süßen Lohne der Liebe!«

Sein glühendes Gesicht, seine klopfenden Pulse, seine bis zum Zerreißen strotzenden Adern fühlten die duftenden Tropfen des Bades, die ihre Hand zu ihm hinüber schleuderte,

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sein Ohr hörte jede ihrer Bewegungen, den schweren Athem ihres Busens -

Er ließ die Stäbe des Gitters los und fiel rücklings zurück, nieder auf den Boden. Wehe Dir - Boulbon!

Ein Urlaub.

Fast ein Monat ist vergangen seit dem Auszug der neuen Argonautenschaar von der Hacienda del Cerro - ein Monat unerhörter Anstrengungen, täglicher Gefahren und unsäglicher Leiden.

Der Leser möge uns an den Ort folgen, wo wir sie wieder finden, von den hundert und fünf Männern, welche sich, bewogen von Gold- und Abenteuerdurst oder von aufrichtiger Anhänglichkeit, entschlossen hatten, Graf Boulbon bei seinem seltsamen und phantastischen Unternehmen zu begleiten, - noch einunddreißig!

Die mexikanischen Zeitungen haben die Namen der Meisten aufbewahrt. Es befanden sich darunter der Pole Morawski, der Artillerist Weidmann, Kreuzträger, Hawthorn der Seeräuber, Slongh und einer der beiden Matrosen. Die häufigen Scharmützel mit den Indianern, die Desertion vieler Abenteurer nach Chihuahua, jede mögliche Noth, Beschwerde und Krankheit hatten die Reihen der Schaar der Art gelichtet, und an der täglich wachsenden

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Unzufriedenheit und Mißstimmung der Zurückgebliebenen, die schon mehrmals zum offenen Widerstand geworden, hatte selbst der energische Charakter des kühnen Führers allmälig zu erlahmen begonnen.

Zu all' den Anstrengungen und Kämpfen, welche ihn in der Leitung und dem rastlosen Vorwärtstreiben der Expedition bedrängten, war noch die Sorge um die Arme gekommen, der er in so überraschender Weise den Rang seiner Gattin gegeben hatte. Die heimlichen Leiden und eifersüchtigen Qualen, die Suzanne so lange getragen und in ihr Herz verschlossen, verbunden mit den körperlichen Anstrengungen des vergangenen Jahres hatten ihre Kräfte gebrochen und so sehr sie sich auch Mühe gab, die Fortschritte der Krankheit zu verbergen, mußte der Graf doch bald die Ueberzeugung gewinnen, daß sie derselben erliegen werde, wenn es nicht gelang, ihr bessere Hilfe und Pflege zu schaffen, als des alten Avignoten Sorge gewähren konnte, der sich fast nur mit ihr beschäftigte, und in dessen Gesprächen von der Heimat und ihrem Sohn im fernen Paris sie ihre einzige Freude fand. Aber keine Bitten und Vorstellungen des Grafen hatten sie bewegen können, als es noch Zeit war, sich nach einer der mexikanischen Niederlassungen oder dem volkreichen und blühenden Chihuahua selbst bringen zu lassen. Sie weigerte sich entschieden, ihren Gatten zu verlassen und bestand darauf, sein Schicksal und seine Gefahren zu theilen, bis es auch für diesen zu spät geworden, einen anderen Entschluß durchzusehen.

Dies Ereigniß war etwa zwei Tage vor dem eingetreten,

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an welchem wir unsere Erzählung wieder aufnahmen.

Wir wissen, daß der Graf nur durch die rohe Zeichnung des verstorbenen Gambusino die ungefähre Lage der Stelle kannte, an welcher sich das fabelhafte Goldlager befinden sollte; aber selbst die Kenntniß Kreuzträgers, dessen Wüstenzüge mehr den Osten und Süden der großen Ein-öde umfaßt hatten, von diesem Theil des Landes war zu gering, um ihm einen sicheren Anhalt zu gewahren. Auch konnte er dem Wegweiser nur halbes Vertrauen schenken, wenn er nicht sein Geheimniß selbst verrathen wollte.

So kam es, daß bei den Kreuz- und Querzügen, die er seine Truppe zur Aufsuchung von Goldminen durch das Gebirge und die Einöde machen ließ, seine Hauptabsicht blieb, sich den - selbst von den Eingeborenen nur selten besuchten - Quellen des Buenaventura zu nähern, an denen zu der bestimmten Zeit nach den Mittheilungen Goldauge's er hoffen durfte, die beiden anderen Entdecker und Mitwisser des Schatzes zu finden.

Unterdeß war die Expedition nicht ganz ohne Erfolge geblieben und der Graf hatte diesen seiner Begleiter wegen manche Zeit widmen müssen. Den untergeordneten Gambusino's und Bergleuten, welche die Expedition begleiteten, war es mehrfach gelungen, nach den ihnen vertrauten Anzeichen in den Gebirgsbächen und Schluchten mehr oder weniger reiche Lager von Goldsand und goldhaltiger Erde zu finden und die Abenteurer hatten bereits nicht unbedeutende Werthe gesammelt, die freilich gegen das

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geträumte Eldorado und die sanguinischen Versprechungen des Grafen in keinen Betracht kamen.

In dieser Zeit war es, als die Bergleute eine neue ergiebige Spur aufgefunden zu haben glaubten und die kleine, damals noch aus einigen sechszig Personen bestehende Schaar an dem Rand eines Baches ihr Lager aufschlug, den sie abzuleiten beschlossen, um den goldverheißenden Schlamm auf seinem Grunde näher zu untersuchen. Hier war sie eben mit den Arbeiten beschäftigt, als ein zahlreicher Schwarm Apachen einen Angriff auf sie machte. Die energische Weise, in welcher der Ueberfall ausgeführt wurde, bewies, daß er von Kriegern von Ruf geleitet werde, und in der That behauptete auch bald Kreuzträger, daß unter den Indianern ihre drei alten Feinde, der »Graue Bär«, »Wiskontah« und der »Fliegende Pfeil« sich befänden.

Trotz des tapferen Widerstandes, den der Graf mit seinen Abenteurern leistete, wurden sie durch die Uebermacht doch überwältigt und zum Rückzuge genöthigt, indem sie fast alle ihre Habe verloren.

Nur der Aufopferung und Kriegserfahrung des Grafen und Kreuzträgers war es gelungen, die vollständige Niedermetzelung zu verhindern und den Rückzug des Restes zu sichern. Mehr als zwanzig Mann waren bei dem hartnäckigen Kampf gefallen und selbst Bonifaz hatte bei der Rettung der Gräfin einen schweren Messerhieb über das Gesicht erhalten, der eben nicht sonderlich zu dessen Verschönerung beitrug.

Die schweren Verluste, welche die Apachen selbst in dem Gefecht erlitten und die große Erfahrung des alten

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Wegweisers ließen den Rückzug gelingen. Wie sich später ergab, war die Bande, welche die Goldsucher überfallen, der größere Theil eines Streifkorps, das der Graue Bär aus den Tiefen der Einöde wieder zu persönlichen Zwecken in das Gebirge geführt hatte, und nur durch Zufall auf den Zug der Weißen gestoßen. Die Heranziehung der zur Jagd in der Prairie zerstreuten kleineren Trupps zum Ersatz der Gefallenen verzögerte zum Glück die Verfolgung der Geschlagenen und so war es diesen gelungen, wieder ein Versteck, oder vielmehr einen Ort zu erreichen, an welchem sie der Uebermacht der Verfolger mit Erfolg Widerstand leisten konnten.

Der Rückzug der Abenteurer war, durch die Verfolgung gezwungen, von der Richtung der Ansiedelungen ab, in die Einöde gegangen und hatte an den Ufern eines Stromes geendet, in dessen Mitte eine kleine felsige, aber dicht bewachsene Insel eine Zuflucht bot, die Kreuzträger nicht übersah. Mit Hilfe eines Kanöë's[Kanoë's], das man am Ufer versteckt gefunden und das bewies, die Insel werde zuweilen von den Jägern oder den wilden Bewohnern der Wüste besucht, war es der kleinen Schaar gelungen, unter Aufopferung der wenigen Thiere, die sie noch gerettet, die Insel zu erreichen, deren felsige Umwallung den Mauern einer kleinen Festung glich. Die Strömung war an beiden Seiten so stark, daß ein Ueberschwimmen der Flußarme auf den Pferden nicht ausführbar war, und es ließ sich hoffen, daß das Kanoë, das sie gefunden, das einzige zur Ueberfahrt taugliche Fahrzeug auf einer weiten Strecke hin war. Gegen den Versuch der einzelnen Schwimmer, die

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Insel von oberhalb des Flusses her anzugreifen, war ihre Zahl noch immer stark genug, und so befand sich denn die zusammengeschmolzene Kompagnie in verhältnißmäßiger Sicherheit, als sie erst den Uebergang auf die etwa hundert Schritt lange und vierzig Schritt breite Insel bewerkstelligt hatte.

Es war die höchste Zeit, daß dieser Uebergang beendet war; denn die Büchsen der besten Schützen mußten von den Felswänden her schon die beiden letzten Ueberfahrten des Kanöes decken. Das gellende Geheul der in verstärkter Zahl herbeijagenden Apachen lieh den Ruderern doppelte Kräfte, und als die Indianer endlich bis zum Stromufer vordrangen, war der kleine Kahn mit den letzten Flüchtlingen bereits auf der anderen Seite der Insel gelandet. Graf Boulbon war der Letzte, der das schützende Asyl betrat, der sich am längsten unbekümmert den Kugeln und Pfeilen der Feinde ausgesetzt hatte. Sofort wurden von ihm und den Offizieren alle Maßregeln zur Vertheidigung der Insel getroffen, das Kanoë gesichert und auf allen Punkten zur Beobachtung der Feinde Posten ausgestellt. Ehe noch zwei Stunden vergangen waren, sah sich die kleine Schaar einer vollständigen Belagerung preisgegeben, denn die Apachen waren eine Strecke oberhalb der Insel, wo der Fluß ruhiger strömte, übergesetzt, und hielten jetzt der Insel gegenüber beide Ufer besetzt.

Diese lagen in etwa halber Büchsenschußweite - auf der einen Seite etwas entfernter - von dem Zufluchtsort der Goldsucher, so daß häufige Schüsse gewechselt wurden,

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wenn Einer oder der Andere der beiden Parteien sich absichtlich oder zufällig bloßstellte.

Die Abenteurer, bei denen Suzanne durch ihre offene Freundlichkeit und ihr theilnehmendes Herz sehr beliebt war, hatten für die arme Leidende in Mitten der Insel an einer vollkommen geschützten Stelle von Baumzweigen eine Hütte erbaut. Hier ruhte die junge Frau, die ihre Kraft mit jeder Stunde mehr dahin schwinden fühlte, in banger Besorgniß, nicht um sich, sondern um den geliebten Mann, dem sie über das Weltmeer gefolgt war.

Den Grafen selbst bedrückte weniger die Gefahr, als die Folge der Niederlage, die er erlitten. Es war das erste Mal, daß die Abenteurer, die bisher zu seinen Siegen ein unbedingtes Vertrauen gehabt hatten, von den Indianern geschlagen worden. Wie immer bei solchen nicht durch die Bande des Gesetzes, sondern nur durch die eigene Willkür und den Vortheil zusammengewürfelten Schaaren verkehrte die Wandelung des Glücks das bisherige Vertrauen zu dem Führer in das Gegentheil und löste vollends die Bande des Gehorsams. Anklagen und Drohungen wurden ganz offen laut, und wäre man nicht überzeugt gewesen, daß nur in dem gegenseitigen Ausharren und der Befolgung aller Befehle des Anführers die Aussicht auf gemeinsame Rettung lag, so würden die Meisten keinen Augenblick gezögert haben, den Grafen zu verlassen, wenn nicht gar sich an ihm für die Täuschungen zu rächen. Die Kenntniß dieser trotzigen, widerwilligen und rebellischen Stimmung, vereint mit dem leidenden Zustand seiner Gattin, beugte die sonst

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gerade im Angesicht von Schwierigkeit und Gefahr so stolze und trotzige Stirn des Grafen.

Hierzu kam noch ein anderer Schmerz: - die durch die Umstände, in denen er sich befand, fast gewisse Vereitelung aller seiner Hoffnungen und seiner Wagniß. - -

Es war am zweiten Abend, nachdem die Goldsucher auf der Insel Zuflucht genommen hatten. Da man keine Vorsicht in dieser Beziehung zu üben brauchte, hatten die Abenteurer in der Mitte der Insel unter einer breiten Korkeiche, die hier Wurzel geschlagen, Feuer angezündet und umlagerten dasselbe schlafend oder in mißmuthigem Gespräch über den erlittenen Verlust und die schlimme Lage, in die sie gerathen waren. Bittere Verwünschungen gegen den Mann, der sie dahin gelockt, wurden ungescheut ausgesprochen und drangen schmerzlich in das Ohr der armen Kranken, die unfern von der Gruppe lag. Selbst die Wenigen, die noch treu zu dem Grafen hielten, wagten keinen Widerspruch mehr, und Hawthorn, der jetzt ungescheut das große Wort führte und seinem alten Haß gegen den Franzosen Rechnung trug, stieß die wildesten Drohungen aus.

Trotz dieser aufgeregten und meuterischen Stimmung hatte sich jedoch bis jetzt Keiner geweigert, seine Pflicht für die Sicherung ihrer kleinen Festung zu erfüllen. Auch jetzt waren auf allen Seiten der Insel Schildwachen ausgestellt, um jedes Nahen einer Gefahr zeitig genug melden zu können und die Indianer zu beobachten, deren Feuer auf beiden Seiten des Flusses man durch die Oeffnungen des hohen felsigen Ufers außer Büchsenschußweite leuchten sah.

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Der Graf hatte die kurze Runde um die Insel gemacht, um sich persönlich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen, und sich jetzt der dem Strom zugekehrten Spitze genähert, wo man das Kanoë - ihr einziges Hilfsmittel zum Entkommen - auf's Ufer gezogen. Ein Mann saß hier auf dem Gestein, die Büchse zwischen den Knieen, das Auge auf die dunkle Fläche des Wassers gerichtet.

Der Graf nahm ohne eine weitere Begrüßung neben ihm Platz.

»Wie vergeht Ihre Wache, alter Freund?« sagte er endlich - »Haben Sie nichts Ungewöhnliches bemerkt?«

»Nichts, Señor Conde« meinte der Kreuzträger, denn dieser war der einsame Wächter, - »als daß die heulenden Schurken uns noch eben so unter ihrem Daumen hatten, wie eine Bisamratte in der Falle!«

»Aber was denken Sie, daß unsere Aussichten sind?«

Der Alte zuckte die Achseln. »Die beste ist die, daß es die rothen Schufte müde werden, uns hier zu belagern. Sie halten bei derlei Gelegenheiten selten lange aus, wenn sie nicht gerade von einem Entschluß getrieben werden, wie ihn der Graue Bär hegen muß, Revanche an uns zu nehmen für die vielen Schläge, die seine Nation in der letzten Zeit bekommen hat. Pardieu! ich möchte nur Eins wissen!«

»Und das ist?«

»Wie die drei großen Diebe so plötzlich wieder hierher und zusammengekommen sind, da wir doch wußten, daß sie mit ihren Stämmen nach ihren Dörfern in dem Innern

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der Einöde zurückgekehrt sind, die weit genug auseinander liegen.«

»Es ist allerdings auffallend. Aber wie lange glauben Sie wohl, daß sie uns hier festhalten werden?«

»Es kann eine Woche darüber vergehen, aber gewiß nicht, ohne daß wir einige ihrer Teufeleien zu sehen bekommen. Doch wenn wir die Augen offen halten, wird ihnen mit dem Beistand der Heiligen dies wenig nützen, denn zweiunddreißig gute Büchsen, dafern es ihnen nicht an Munition fehlt, können an einem Ort, wie dieser, ein Paar Hundert des Gewürms sich mit leichter Mühe vom Halse halten. Aber ...«

Der Alte unterbrach sich und schüttelte wieder bedeutsam das Haupt.

»Sprechen Sie, Freund!«

»Es giebt außer den Qualen des Durstes, die ich zur Genüge kennen gelernt, noch einen andern Feind, der fast eben so schlimm sein soll. Sie wissen, daß mit dem Fleisch des getödteten Mustangs, das wir herüber nahmen, wir nur noch auf drei Tage Lebensmittel haben, und das schon knapp genug bei dem Appetit unserer Kameraden. Wenn also unsere rothen Freunde da drüben uns länger in der Falle zu halten beabsichtigen, werden wir ziemliche Bekanntschaft mit dem hohläugigen Gespenst des Hungers machen müssen!«

»Drei Tage!« sagte mit schmerzlichem Ausdruck und die Hand vor die Stirn ballend der Graf. »Schon mit drei Tagen ist Alles verloren!«

»Ich verstehe Sie nicht, Señor Conde!«

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»Hören Sie mich an! Wann haben wir den Vollmond?«

»Er wird übermorgen, also in der zweiten Nacht von heute eine Stunde vor Aufgang der Sonne über den Horizont treten.«

»Und ich muß in demselben Augenblick an der Quelle des Buenaventura sein, während ich nicht einmal weiß, wo ich den Fluß zu finden habe!«

»Was das betrifft, Señor Conde,« sagte der Wegweiser, »so bin ich zwar in diesem Theile des Landes wenig bekannt, aber allem Vermuthen nach befinden wir uns in diesem Augenblick auf dem Flusse selbst, den wir suchten.«

»Und auch, wenn das ist - und ich dachte schon selbst daran, denn nach meiner Karte kann er sich kaum weiter nach Osten befinden, - so sind wir mindestens zwanzig oder dreißig Leguas von den Quellen dieses Stromes entfernt, nach seiner Breite zu urtheilen.«

Der Wegweiser lächelte. »Ich sehe, Sie kennen die Natur unserer Sierrengewässer nicht. Nach Allem, was ich weiß, dürften die Quellen des Buenaventura, wenn der Fluß, auf dem wir in dieser Falle liegen, dies wirklich und nicht etwa einer seiner Nebenflüsse, ist, höchstens fünf oder sechs Leguas entfernt sein; denn als ich mich auf Ihren Befehl in den letzten Ranchos, die wir passirten, danach erkundigte, hörte ich, daß er kurz nach seinem Ursprung im Gebirge mehrere starke Ströme von Westen her aufnimmt. Das würde leicht seine Stärke hier erklären. Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, Señor Conde, aber

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ich glaube nicht, daß Sie an den Quellen dieses Flusses sicherer daran wären, als hier zwischen diesen festen Steinen.«

»Ich bin gewiß, zu der Stunde des Vollmonds dort zwei Männer zu treffen, mit denen ich aus wichtigen Gründen eine Unterredung halten muß, und die bisher stets ein unglücklicher Zufall mich hat verfehlen lassen. Sie kennen dieselben.«

Der Wegweiser antwortete nicht.

»Die beiden Männer sind Eisenarm und der Indianer, der den Namen der »Große Jaguar« führt.«

Kreuzträger dachte einen Augenblick nach, dann wandte er sich mit offenem Blick an den Grafen.

»Monsieur,« sprach er, »ich habe nicht ohne Bedeutung vorhin gesagt, daß Sie auf dieser von den apachischen Wölfen umheulten Insel doch sicherer wären, als an der entfernten Quelle des Flusses und bei den Männern, die Sie eben genannt haben.«

Der Graf blickte ihn erstaunt an. »Wie meinen Sie das, Meister Kreuzträger? Ich habe diese Männer nie im Leben gesehen, obgleich ich sie seit einem halben Jahre suche.«

»Es kann mir nicht einfallen, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, Monsieur,« sagte der Alte, »aber ich habe es für Pflicht gehalten, Sie vor diesen Männern zu warnen. Ich halte Beide für wackere und ehrliche Jäger, obschon ich keine Ursache mehr finde, ihr Freund zu sein, und ich glaube, daß sie eine Blutrache an Ihnen zu üben haben.«

»Eine Blutrache, an mir?«

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»Ja - wenn ich recht gehört habe, sollen Sie jenseits des Meeres einen ihrer Freunde, einen berühmten Gambusino, getödtet haben, oder wenigstens schuld gewesen sein an seinem Tode, Sie und Bonifaz!«

»Und wer hat Ihnen dies gesagt?« frug der Graf hastig.

»Eisenarm selbst, als wir in einem Versteck auf die Apachen lauerten, und wenn er auch den Verräther Lopez gegen mich geschützt hat, so ist er doch ein Mann, der nicht lügen wird!«

»Ventre saint gris!« rief der Graf aufgeregt. »Dann ist es desto nöthiger, daß ich mit den Beiden spreche und ihnen den Wahn benehme, der schuld ist, daß unser Unternehmen bisher nicht geglückt ist. Haben Sie jenen Mann, den mexikanischen Gambusino, ich glaube »Goldauge« nannte man ihn, gekannt, ehe er nach Paris kam?«

»Nein, Monsieur!«

»Nun dann kann ich Ihnen sagen, daß ich ihn allerdings kennen gelernt, etwa sechs Stunden vor seinem Tode, indem ich und Bonifaz ihn auf der Straße fanden, wo er bei einem Aufruhr unglücklicher Weise, als er sich unberufen hineinmischte, einen tödtlichen Schuß davon getragen hatte. Auf die Bitte meines Sohnes trugen wir ihn in die nahe Wohnung meiner jetzigen Gattin und thaten alles Mögliche, ihn zu retten. Aber er starb während der Operation, nachdem er meinen Sohn, einen Knaben, zu seinem Erben eingesetzt und mir einen Auftrag an seine Freunde in Mexiko gegeben hatte. Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, so fragen Sie die Gräfin

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und Bonifaz, und ich bin gewiß, daß sie Ihnen Alles bestätigen werden.«

»Es ist unnöthig, Monsieur,« sagte der Alte mit Wärme, »und Gott und den Heiligen sei Dank für diese Erklärung, die einen schweren Alp von meiner Seele löst. Der arme Bursche, von dem wir Nichts wieder gehört seit dem Abenteuer in dem Thal der Verdammten, erklärte es gleich für Lüge und Verrath, aber ich fürchtete die Menschennatur, die so manchen Schatten verbirgt! - Jetzt sehe ich ein, daß es allerdings wünschenswerth ist, daß Sie Eisenarm und den Indianer sprechen, und wenn es auch nur wäre, um zwei Freunde da draußen zu gewinnen, die zu unserer Befreiung von den Apachen mehr thun werden, als eine ganze Schwadron von Dragonern der Regierung. Wenn Sie also gewiß wissen, daß Sie die Beiden morgen Nacht an der Quelle dieses Flusses finden könnten -«

»Sie haben es ihrem verstorbenen Freunde gelobt!«

»Parbleu - dann werden sie sicher ihr Wort halten! Es gilt also, Ihnen die Mittel zu verschaffen, selbst an Ort und Stelle zu sein.«

»Aber ich sehe keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen!«

»Cordieu, die ganze Gesellschaft freilich nicht; aber die dreifache Zahl der rothen Schufte sollte einen oder zwei Männer nicht hindern, zu gehen, wohin sie wollen, namentlich, wenn ihnen ein Kanoë zu Gebote steht, wie jenes dort, und der Mond erst gegen Morgen aufgeht!«

»Aber - Sie kennen die Stimmung unserer Leute,

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Kreuzträger,« sagte der Graf, - »sie werden mich nicht fortlassen.«

»Sie müssen einen Urlaub nehmen!«

»Einen Urlaub?«

»Ja - nach indianischer Sitte. Sie müssen schwören, binnen einer gewissen Zeit zurück zu sein, wenn Sie nicht etwa der Tod daran hindert.« Der Wegweiser beugte sich etwas vor bei den Worten nach dem Strom zu und beschattete die Augen mit der Hand.

»Auch dann wird man uns schwerlich fortlassen; denn Sie begreifen, Kreuzträger, daß es für mich nutzlos wäre, allein zu gehen, - Sie müssen mich begleiten!«

»So müssen wir Blutbürgen stellen. - Still - hörten Sie Nichts?« Er griff nach seiner Büchse.

Der Graf war durch sein Benehmen gleichfalls aufmerksam geworden und lauschte hinaus. Es kam ihm vor, als käme auf der dunklen Fläche des Stroms ein noch dunklerer Körper heran geschwommen.

»Soll ich unsere Leute rufen?« frug er.

»Nein, Monsieur, - noch nicht! Ich sehe nur den einen Körper sich bewegen und meine Büchse hält ihn trotz des Dunkels genau im Korn! - Wenn er sich an das Ufer wagt, werden wir leicht mit ihm fertig werden. - Ueberdies - sehen Sie!«

Der schwimmende Gegenstand, der sich in der That als ein menschlicher Körper erwies, war jetzt so nahe gekommen, daß man trotz der Dunkelheit bemerken konnte, wie ein Arm sich hob und einen Zweig schwang.

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Zugleich ertönte leise der Ruf: »amigo! amigo!«13

Der Wegweiser sprang hastig auf die vorderste Klippe, an welcher der Strom scharf vorüber schoß, und streckte seine Büchse soweit wie möglich vor, denn der Schwimmende war in Gefahr, von der scharfen Strömung fortgerissen und an der Seite der Insel hin getrieben zu werden, ohne diese erreichen zu können. Diese Strömung war auch der Hauptschutz der Belagerten vor jedem Versuch der Indianer, sie durch Schwimmen zu erreichen, da sie fürchten mußten, dabei wehrlos niedergeschossen oder am Landen mit leichter Mühe verhindert zu werden.

»Ich sollte die Stimme kennen,« murmelte der Wegweiser, indem er die Büchse hinüberstreckte. »Da - faß an, wenn Du ein Freund bist, und klammre Dich um Dein Leben fest!«

Dem Schwimmer war es geglückt und Kreuzträger zog ihn aus der Strömung, indem er erst dabei bemerkte, daß derselbe ein Stück Holz benutzt hatte, um sich geschickt auf dem Flusse treiben zu lassen.

Jetzt hatte die fremde Gestalt Fuß gefaßt am Ufer und erhob sich aus dem Wasser, während der Kreuzträger einen Schritt zurücktrat und Graf Boulbon näher gekommen war, um im Fall es einen Angriff galt gleich bei der Hand zu sein.

Aber es bedurfte seiner Hilfe nicht, - Kreuzträger hatte kaum die nur mit einem leichten, sich verrätherisch an ihre Formen schmiegenden Kaliko-Hemd bekleidete Gestalt

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erblickt, als er hoch erfreut ihr die Hand entgegenstreckte. »Santa Maria purissima, Comeo, Kind, wo kommst Du her?«

Der Graf trat hastig herbei. Er hatte den Namen zwar öfter erwähnen gehört, aber das Indianermädchen, wie sich der Leser vielleicht erinnern wird, nie gesehen.

»Wie, Meister Kreuzträger, ist dies die Schwester des Jaguar?«

»Ja, Monsieur, und ein so braves und gutes Mädchen, als nur je eine weiße Haut getragen. Aber es muß Wichtiges sein, was sie zu diesem Wagniß geführt hat. Komm hierher, Kind, und wenn Du Dich etwas erholt hast von der Anstrengung, dann sage uns, wo Du herkommst?«

Die junge Indianerin hatte sich weiter hinauf an's Ufer in den Schutz der Felsen geleiten lassen. »Aus dem Lager Makotöh's und seiner Freunde,« berichtete sie jetzt, die Frage beantwortend, - »mein weißer Vater kann ihre Feuer von hier aus sehen.«

»So weißt Du Nichts von Eisenarm und Deinem Bruder?«

»Comeo hat sie nicht gesehen seit drei Mal der Mond sich erneuert hat. Ihretwegen hat Windenblüthe den Kugeln der Apachen und den Wellen des Buenaventura getrotzt.«

»Also ist dieser Strom wirklich der Buenaventura?« frug der Wegweiser.

»Es ist der Namen, den ihm die weißen Männer gegeben haben, und ein Mann kann in der Zeit von

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Sonnenaufgang bis zum Abend seine Quelle in den Gebirgen erreichen, ohne sich anzustrengen.«

Der Alte warf dem Grafen einen bedeutungsvollen Wink zu.

»Setz' Dich hierher, Kind, auf diesen Stein. Wir möchten gern Näheres von Dir wissen, ehe wir Dich zu dem Feuer führen. Weißt Du, wo in diesem Augenblick sich der Jaguar mit seinem Freunde befindet?«

»Wonodongah ist ein Häuptling,« sagte das Mädchen stolz. »Ein Toyah wird niemals einem Kampf aus dem Wege gehen. Wenn die nächste Sonne untergeht, wird der Jaguar Makotöh und seine Freunde an der Quelle des Stromes erwarten. Er wird sterben, wie ein Häuptling, wenn die Zunge eines Freundes ihm nicht den Verrath in die Ohren flüstert.«

»Ein Kampf? - So ist es also den Apachen verrathen worden, daß Dein Bruder an jener Stelle verweilt, und sie wollen ihn überfallen?«

»Wonodongah hat den Scalp eines Vaters zu rächen,« sagte mit Energie die junge Indianerin. »Er hat vor Monatsfrist den Grauen Bären und seine Freunde zum Dreikampf gefordert und Makotöh selbst hat ihm die Zeit und den Ort bestimmt.«

»Das ist allerdings ein schlimmes Zusammentreffen,« meinte der Wegweiser, der die Sitte der indianischen Zweikämpfe genau kannte und daher wohl wußte, wie pünktlich solche Verabredungen gehalten zu werden pflegen. »Aber Makotöh, wenn er auch ein Bluthund ist und kein Herz in der Brust trägt, hat doch den Ruf eines tapfern Kriegers,

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und ich kann nicht glauben, daß er Verrath üben wird, um einem Zweikampf Mann gegen Mann auszuweichen.«

»Mein weißer Vater vergißt, daß die Schlange der Meskalero's dabei sein wird. Makotöh hat die Häuptlinge der ihm verbündeten Stämme zu seinen Gefährten gewählt, und sie haben ihn auf dem Jagdpfad begleitet, auf welchem mein weißer Väter und seine Freunde ihren Tomahawks an den Ufern des Goldbachs unterlegen sind.«

»Das erklärt die Rückkehr der Häuptlinge. Aber wie kommst Du dazu, Kind, von einem solchen Plan zu wissen und wie ist es Dir überhaupt ergangen? Kannst Du uns eine Nachricht geben von dem Schicksal des jungen Offiziers, den wir verwundet nach der Höhle im Krater brachten?«

»Señor Arnoldo lebt und ist von seinen Wunden fast ganz wieder genesen,« sagte das Mädchen, deren Erröthen die Dunkelheit verbarg. »Er befindet sich bei Freunden!«

»Wie -« rief der Graf, »Lieutenant von Kleist ist im Lager unserer Feinde und Gefangener des Grauen Bär?«

Das Mädchen sah in fragend an. »Bist Du der Häuptling, den die rothen Männer »Die offene Hand« nennen?«

»Ich habe gehört, daß man es thut.«

»Dann hat Comeo oft von Dir gehört! Falkenherz, Dein Freund, ist nicht der Gefangene Makotöh's. Der weiße Krieger, der mit den Apachen war, und allein mit uns zurückblieb in der Höhle, hat Falkenherz und mich

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damals als seine Gefangenen erklärt, und Makotöh hat gegen den »Fliegenden Pfeil« entschieden, daß er das Recht dazu hatte. So durfte ich bei dem Manne bleiben, der sein Leben für ein armes Indianermädchen preisgegeben, und Jesus, der Sohn Gottes, hat mein Gebet erhört und ihn, genesen lassen.«

Der Wegweiser sah sie erstaunt an. »Du rufst den Erlöser an, - bist Du denn eine Christin?«

»Falkenherz hat es nicht verschmäht, während er krank war in dem Dorf der Apachen, die Augen eines rothen Mädchens zu öffnen und sie den Gott der Christen lieben zu lehren, der für alle Menschen gestorben ist, die rothen wie die weißen.«

Die weiteren Fragen Kreuzträgers ergaben in der That Folgendes.

Lord Drysdale hatte, gerührt von der Aufopferung der jungen Indianerin und getreu seinem Versprechen an Eisenarm, wie wir schon früher angedeutet, gleich bei dem Eindringen der Mimbreno's in die Höhle des Kraters den Verwundeten und Windenblüthe als seine Gefangenen in Anspruch genommen. Da der ersten Blutgier durch die seltsame Einmischung des Malayen, - den die Indianer überhaupt als einen Zauberer betrachteten, - mit der Anstimmung des Chorals begegnet worden, und die Explosion im Innern der Höhle sie voll Schrecken eilig wieder hinaustrieb, hatte der Lord Zeit gewonnen, mit Hilfe des Couriers, der ihn jetzt eifrig unterstützte, diesen Anspruch geltend zu machen. Man begnügte sich daher, die beiden Gefangenen eilig aus dem Krater zu schaffen und der

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Bewachung einiger Krieger zu übergeben, welche sie unter der Begleitung des Malayen und des Couriers fortführten, während Kreuzträger nach einer anderen Seite gebracht wurde.

Die kühne und tapfere Weise, in welcher der Lord alsbald an dem Gefecht gegen Graf Boulbon und seine Schaar Theil nahm, sicherte ihm überdies zu sehr die Achtung und das Vertrauen seiner Bundesgenossen, als daß nach dem Rückzüge und der Wiedervereinigung der Reste der vier Stämme von einem Widerstand gegen seinen Anspruch hätte die Rede sein können.

Auch erfüllte der wilde Häuptling der Gileno's das dem Bruder Windenblüthe's gegebene Versprechen und nahm sie unter seinen besonderen Schutz, wodurch den Bewerbungen ihres indianischen Verehrers ein Riegel vorgeschoben wurde. Die kriegerischen Ereignisse und die wiederholten Niederlagen der Apachen durch den tapfern Franzosen nahmen ohnehin alle Zeit und Aufmerksamkeit der Häuptlinge in Anspruch.

Windenblüthe und der verwundete Preuße waren mit dem Malayen bei erster Gelegenheit in die Wüste geschickt worden, um einstweilen in einem Dorfe der Gileno's zu bleiben, während der Lord mit dem Courier fortfuhr, an dem Kampfe gegen die Compagnien Boulbon's Theil zu nehmen, und sich dabei das volle Vertrauen der Indianer erwarb. Der Widerwille, den er seinem mexikanischen Begleiter in Folge der Erzählung des Wegweisers bewies, die Furcht des Letzteren, Kreuzträger wieder zu begegnen, und die Aufgabe, die ihm insgeheim von dem mexikanischen

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Gouvernement gestellt war, löste sehr bald das Verhältniß zwischen dem Lord und seinem Begleiter. Volaros, oder vielmehr Lopez, leitete die Unterhandlungen von J[o]uarez, der in den Siegen des Franzosen mehr Gefahr sah, als in den Verwüstungen der Indianer, mit den Häuptlingen der Apachen und Comanchen, bis ein Bruch ihres Bündnisses erfolgt war und beide Nationen sich in ihre Wüsteneien zurückzogen. Dahin begleitete sie der Lord, während Lopez sich wieder unter den Schutz des Gouverneurs von San Fernando begab und dessen Verbindung mit seinem Offizier - Carboyal - unterhielt.

Den einfachen Heilmitteln Windenblüthe's war es unter dieser Zeit gelungen, Lieutenant von Kleist der Gefahr für sein Leben zu entreißen. Die Aufopferung des Mädchens, ihre treue Pflege hatten einen tiefen Eindruck auf den Preußen gemacht, und während sie an der sein Lager bildenden Büffelhaut saß oder später seine ersten Schritte leitete, hatte er versucht, ihrem Geist die Lehren des Christenthums zu erklären.

Der Lord, als er mit seinen wilden Bundesgenossen in dem Lager eintraf, hatte bald eine aufrichtige Zuneigung zu dem jungen Offizier gewonnen, dessen Mittheilungen über den Grafen allmälig seinen Groll gegen diesen milderten und ihn seine Handlungsweise in einem anderen Lichte erscheinen ließen. Der Aufenthalt des Häuptlings der Gileno's in seinem Dorf dauerte jedoch nur zwei oder drei Wochen, nach welcher Zeit Makotöh sich zu einem Jagdzug an die Ufer des San Martin See's rüstete, bei

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welchem er den Zweikampf mit dem jungen Comanchen ausfechten wollte.

Der wilde Häuptling hatte aus dieser Absicht und der Herausforderung nach den Sitten seines Volkes nichts weniger als ein Geheimniß gemacht, und schon lange vorher war bestimmt worden, daß die beiden ihm verbündeten Häuptlinge seine Begleiter bei dem Zweikampf sein sollten. Lord Drysdale wollte die Gelegenheit benutzen, um mit seinem genesenen Schützling wieder in die bewohnteren Gegenden zurückzukehren, da ein - wahrscheinlich von dem Piraten und Slongh verbreitetes - Gerücht von dem Fall seines Todfeindes in einem der Gefechte der Mexikaner mit den Apachen seinem Hasse und seiner Verfolgung ihr Ziel gesetzt hatte.

Der Häuptling der Gileno's war nur von wenigen seiner Krieger begleitet. Als sie aber an dem Ufer des Sees San Martin mit den beiden andern Häuptlingen zusammentrafen, zeigte es sich, daß diese eine weit größere Zahl der Ihren mit sich gebracht hatten, so daß der Jagdzug sich jetzt auf etwa hundertfünfzig Köpfe belief. Wir haben bereits erwähnt, daß hierbei die Apachen auf die bereits sehr verringerte Schaar der Goldsucher stießen und der Kampf mit diesen und zu deren Nachtheil alsbald erneuert wurde.

Comeo berichtete ferner, daß sie durch einen günstigen Zufall einen Anschlag des tückischen Häuptlings der Meskalero's belauscht habe, der dahin ging, daß ein zahlreicher Haufe seiner und der Krieger des Fliegenden Pfeils ohne Wissen Makotöh's den drei Häuptlingen folgen sollte, wenn

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sie sich zu dem Kampf nach den Quellen des Flusses begeben würden, um bei dieser Gelegenheit über den Jaguar und seine beiden Freunde herzufallen und sie zu tödten. Comeo hatte diese Entdeckung nicht gewagt, dem jungen Offizier mitzutheilen, weil sie fürchtete, daß dieser sie entweder abhalten könne, sich selbst einer Gefahr zur Rettung ihres Bruders auszusetzen, oder durch irgend einen Schritt die Rache der beiden Häuptlinge herausfordern, und nachdem sie lange mit sich zu Rathe gegangen, hatte das kühne Mädchen den Versuch beschlossen, nach der Insel zu schwimmen, um hier Kreuzträger, zudem sie fast eben so großes Vertrauen hegte, wie zu Eisenarm, zum Beistand aufzufordern. Da sie in ihren Bewegungen durchaus nicht beschränkt oder mißtrauisch beobachtet wurde, hatte sie die Gelegenheit wahrgenommen, sich von dem Lagerplatz der Apachen wegzuschleichen und eine Stelle stromaufwärts über den ausgestellten Wachtposten hinaus zu gewinnen, von der aus sie muthig mit Hilfe eines vom Sturm abgerissenen Baumastes der Strömung sich anvertraute.

Wir haben gesehen, wie glücklich ihr das neue Wagniß gelungen war!

Die Nachricht, die sie brachte, war nicht blos von hohem Interesse, sondern auch von der größten Wichtigkeit für den Grafen.

Gelang es den Häuptlingen der Apachen, Wonodongah und Eisenarm zu überfallen und zu tödten, so war jede Aussicht auf die Auffindung des Goldthals für immer dahin.

Sie mußten also unbedingt gewarnt werden.

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Diese Nothwendigkeit traf mit dem Rendezvous zusammen, das dem dritten Mitbesitzer des Geheimnisses gegeben war. Dieser dritte, der Erbe des Gambusino José, war unzweifelhaft er selbst. Er mußte also zur Stelle sein, womöglich noch vor der Zeit, um den Kampf zu verhindern.

Aber wie?

Eingeschlossen von den Feinden auf der Fnsel, mit Mißtrauen von den meisten seiner eigenen Leute bewacht, sah er kaum eine Möglichkeit, das Abenteuer auch nur zu versuchen.

Dennoch mußte es geschehen. Hatte das junge Mädchen ein solches Wagniß unternommen, warum sollte er zögern?

Bei diesen Ueberlegungen schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.

Warum sollte die Indianerin nicht selbst die Warnung überbringen, zugleich ihre beiden Freunde von der Gefahr der Gesellschaft benachrichtigen und ihnen eine andere Zeit und einen anderen Ort der Zusammenkunft bestimmen?

Der Graf wandte sich sogleich zu Kreuzträger und theilte ihm diesen Gedanken mit, der jedoch wenig die Zustimmung des Alten zu haben schien.

»Du hast gehört, Windenblüthe« sagte der Wegweiser zu dem Mädchen, denn die Frage war in spanischer Sprache geschehen, - »was dieser Herr meint. Wäre es nicht das Beste, wenn wir Dich mit unserem Kahn an's Ufer setzen, daß Du selbst zu Deinem Bruder und dem Trapper Dich begiebst und sie warnst?«

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»Aber Er? man würde ihn tödten!«

»Wen meinst Du, Kind?«

»Falkenherz. Ich habe daran gedacht, aber es geht nicht. Ich muß zurück sein, ehe die Häuptlinge aufbrechen. Wenn ich fehle, könnten sie Verdacht schöpfen und ihn erschlagen. Comeo muß sich noch einmal dem Strome anvertrauen.«

Der alte Mann nickte. »Ich dachte es mir fast,« murmelte er, »es ist die Natur des Weibes. - Ueberdieß, Señor Conde, fürchte ich auch noch etwas Anderes, das diesen Plan unnütz macht. Wir müssen selbst gehen und darauf hat auch dieses Mädchen gerechnet.«

»Windenblüthe hat gethan, was ihr der gute Gott eingegeben,« sagte die Indianerin, sich erhebend. »Es ist Zeit, daß sie in das Lager der Apachen zurückkehrt.«

»Nicht so, Kind,« sagte der Wegweiser, - »ich habe einen Plan, wie wir zusammen gehen. Nehmen Sie das Kind mit zum Feuer, Monsieur; denn ich darf meinen Posten nicht verlassen, bis ich abgelöst bin, und fordern Sie den Urlaub, von dem wir gesprochen.«

Der Graf erklärte, sogleich einen anderen Mann an seine Stelle senden zu wollen, dann bedeutete er Comeo, ihm zu folgen, und führte sie nach der Mitte der Insel, wo die Abenteurer um das Feuer lagerten.

Außerhalb des Lichtscheins desselben ließ er sie zurückbleiben, ging dann zu der Laubhütte, in der Suzanne ruhte und schickte Bonifaz mit einem Poncho zu dem Mädchen, um ihre wenig bekleidete Gestalt vor den Augen der Männer darein hüllen zu können.

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Hierauf trat er in die Mitte des Kreises und rief die Anwesenden zusammen, die theils neugierig, theils widerwillig, alsbald dem Rufe folgten.

»Kameraden,« sagte der Graf, - »ich komme, um einen Beweis des Vertrauens von Euch zu fordern. Es ist Keiner unter Euch, der mir nicht das Zeugniß geben wird, daß ich jede Mühe und Anstrengung redlich mit Euch getheilt, und der Erste und Letzte in der Gefahr gewesen bin. Wenn unser Zug auch bisher von wenig Glück begleitet war und wir in diesem Augenblick in einer schlimmen Klemme uns befinden, so kann ich Euch doch auf das Ehrenwort eines französischen Edelmannes, bei dem Blut Heinrichs von Navarra, das in diesen Adern fließt, versichern, daß wir der Erreichung unseres Zweckes näher sind, als je. Aber eine Nachricht, die ich so eben erhalten, zwingt mich, Euch auf zwei Tage und zwei Nächte zu verlassen, und für so lange fordere ich, Euer Anführer, Urlaub von Euch!«

Ein wildes Gewirr von Stimmen und Rufen antwortete ihm; die Meisten konnten nicht begreifen, wie der Graf ohne ihr Wissen eine Botschaft erhalten haben sollte, und sprachen ihre Zweifel aus; Andere erklärten laut, er dürfe sie nicht verlassen, nachdem er sie in diese Gefahr gebracht, und Hawthorn, welchem - seitdem sich die allgemeine Stimmung gegen den Grafen gewandt und der keine Ahnung von der Nähe seines unerbittlichen Feindes hatte, - der alte Trotz und Haß zurückgekehrt war, erklärte geradezu das Verlangen des Grafen für einen Vorwand, sich selbst zu retten, und schwor mit einem Fluch, daß er dies nimmer zugeben werde.

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Die Gräfin hatte sich bei der ihr gleichfalls unerwarteten Ankündigung trotz ihrer Schwäche erhoben und war an die Seite ihres Gemahls getreten, der mit dem Ausdruck tiefer Verachtung sein Auge über den murrenden Kreis schweifen ließ. »Es ist nicht meine Art,« sagte er endlich, »Denen, die sich mir zu gehorchen verpflichtet haben, Rechenschaft über meinen Willen zu geben. Aber ich will es diesmal thun, und so sage ich Euch, daß zwei Männer, die den Weg zu dem Orte kennen, den wir suchen, mich morgen beim Aufgang des Vollmondes einen Tagemarsch von hier erwarten und daß sie außerdem in Gefahr sind, von unsern gemeinschaftlichen Feinden, den Apachen, überfallen und gemordet zu werden, wenn es nicht gelingt, sie zu warnen.«

»Sie mögen sich helfen, so gut sie können,« sagte eine Stimme. »Jeder ist sich selbst der Nächste!«

»Die Nachricht scheint Ihnen plötzlich mit der Luft zugeflogen zu sein, Señor,« rief ein Anderer. »Wir sind nicht so albern, daran zu glauben.«

»Mit der Luft nicht, Elender,« erwiderte der Graf barsch, »aber mit dem Wasser. Komm hierher, Mädchen!«

Comeo, in dem Poncho gehüllt, trat zum großen Erstaunen der Männer aus dem Dunkel in ihren Kreis.

»Hier ist der Bote,« fuhr der Graf fort, - »sie hat es gewagt, mit Lebensgefahr hierher zu schwimmen, um mir die Nachricht zu bringen. Treten Sie vor, Master Slongh!«

Der Methodist war gezwungen, den Hintergrund zu verlassen, wo er es an Hetzereien gegen den Grafen nicht hatte fehlen lassen.

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»Nach Ihren eigenen Erzählungen,« fuhr der Graf fort, »müssen Sie diese junge Indianerin kennen und wissen, daß sie zu unseren Freunden gehört.«

Der Methodist mußte dieß bestätigen, fügte aber hinzu, daß er nach der Trennung von ihr auf der Flucht nach der Hacienda Nichts weiter von ihr gesehen habe. Er wußte, daß das Mädchen die Schwester des Comanchen war, des Begleiters des Yankee, und hätte gern die Gelegenheit benutzt, sie nach diesem auszuforschen, aber der Graf ließ ihm keine Zeit dazu.

»Ihr seht, Kameraden,« sagte er, »daß ich die Wahrheit gesprochen. Aber es ist nöthig, daß ich einen schnellen Entschluß fasse. Seid Ihr einverstanden damit, daß Kreuzträger und ich - denn ich vermöchte ohne ihn nicht die Stelle zu finden - uns auf zwei Tage entfernen und Euch die Vertheidigung der Insel überlassen, die keine Schwierigkeit haben wird, da, wie ich aus derselben Quelle weiß, die Hälfte unserer Feinde unter ihren Häuptlingen morgen den Ort verlaßt, um sich an die gleiche Stelle zu begeben, wie ich!?«

»Wie wollen Sie fortkommen von hier?« frug der Pole.

»Zwei von Euch mögen uns in dem Kanoë im Schutz der Dunkelheit eine Strecke stromabwärts rudern und dann zurückkehren.«

Hawthorn stieß eine Verwünschung aus. »Daß wir Narren wären, um uns unnütz den Kugeln der rothen Hunde auszusetzen! Wenn Sie erst fort sind, mein Gräflein, würden Sie gewiß das Wiederkommen vergessen.«

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Boulbon nahm sich mit aller Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben. »Wenn ich ein Schurke wäre, wie Du« sagte er finster, »so könnte dies geschehen. Ich wende mich an bessere Männer und fordere ihre Antwort. - Lieutenant Morawski, sammeln Sie die Stimmen.«

Es folgte eine kurze und stürmische Berathung der Männer, während welcher der Graf sich mit seiner Gattin beschäftigte und diese zu beruhigen suchte über die Nothwendigkeit seines Entschlusses. Er zweifelte übrigens trotz der aufrührerischen Stimmung unter der Mehrzahl nicht, daß sie auch diesmal seinem Willen sich fügen würden.

Diese Annahme sollte ihn jedoch täuschen. Wahrscheinlich in Folge des Umstandes, daß Kreuzträger, obschon Bonifaz ihn auf seinem Posten abgelöst, nicht sogleich an dem Feuer erschienen war, sondern sich an dem entgegengesetzten Theil der Insel beschäftigte, hatte die Partei der Unzufriedenen die Oberhand, und als der Pole zu dem Grafen trat, mußte er ihm mit Achselzucken erklären, daß sich die Leute weigerten, ihn fortzulassen und den Kahn herzugeben.

Die Augen des Franzosen funkelten, als ihm dieser Entschluß verkündet wurde. Er machte sich heftig von den Armen seiner Gattin los und trat den Männern entgegen, die in einen Haufen zusammengedrängt sich noch stritten.

»Ich habe mich herabgelassen, Euch um Eure Zustimmung zu bitten,« sagte er hochmüthig, - »aber Ihr habt vergessen, daß Jeder von Euch mir blinden Gehorsam gelobt hat. Zum zweiten Mal sage ich Euch daher, - unser Kontrakt ist gelöst, meine Pflicht gegen Euch zu

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Ende! Behaltet den Kahn, es wird mich nicht hindern, meinen Entschluß auszuführen!«

»Nichts da!« brüllte der Pirat. »Kameraden, sollen wir es zugeben, daß wir von einem Aristokraten verrathen werden?«

»Nein! nein! er soll nicht fort ohne uns!«

»Ich will Den sehen, der mich aufzuhalten wagt. - Her zu mir, die ihrem Eide treu bleiben!«

Nur der Pole, der Deutsche Weidmann und drei Andere traten entschlossen an die Seite ihres Anführers.

»Euch, meine Braven,« sagte der Graf »bin ich gezwungen, die Sorge für meine Gattin zu überlassen. Ihr Leben und das meines alten Freundes sollen Euch Bürge sein, daß wir zurück bei Euch sein werden, ehe zum dritten Mal die Sonne aufgeht. - Die Scene hat schon zu lange gedauert, rufen Sie Kreuzträger, damit wir uns fertig machen.«

»Nicht von der Stelle ohne unsere Erlaubniß!« schrie der Pirat. - »Auf Kameraden, wir müssen uns der Person des Verräthers bemächtigen!«

Wilder Beifall folgte der Aufforderung - Waffen wurden drohend erhoben - - die wenigen treuen Anhänger des Grafen blickten besorgt auf diesen.

Boulbon trat noch einen Schritt vorwärts und streckte befehlend den Arm aus, während Suzanne sich zitternd an den andern hing.

»Die Waffen nieder, Männer! - wagt Ihr es, so mit mir zu sprechen?«

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Hawthorn sah ihm frech in's Gesicht. »Unser Leben gilt so viel, wie das Ihre - Sie dürfen nicht fort!«

»Denk an San Francisco, Bursche!«

»Möge meine Seele zehn Mal verdammt sein, wenn ich Dir's nicht wett mache!« Er riß ein Pistol aus dem Gürtel und schlug es auf den Grafen an, der gänzlich unbewaffnet war.

»Schurke!«

Mit einem Schrei warf sich die Französin vor den geliebten Mann im selben Augenblick, als der Schuß knallte. Die Kugel hätte sie durchbohren müssen, wenn nicht zugleich eine feste Hand den Arm des Mörders in die Höhe geschlagen hätte. So pfiff die Kugel dicht über dem Kopf des Grafen in die Luft.

»Schämt Euch, Männer, daß Ihr auf die Worte eines Mörders hören konntet!« sagte die strenge Stimme Kreuzträger's, der zur rechten Zeit hinzukommend die That gehindert hatte. »Fort mit ihm, bindet ihn, wie ein wildes Thier, bis Monsieur über ihn bestimmt!«

Die schändliche That hatte wirklich dazu gedient, im Augenblick die Stimmung der Abenteurer zu ändern, und dieselben Männer, die noch kurz vorher den Verwünschungen und Aufreizungen des Mörders zugestimmt, nahmen jetzt keinen Anstand, der Aufforderung Kreuzträgers zuzustimmen und über den Piraten herzufallen, der fluchend und vergeblich tobend bald am Boden lag.

Als dies geschehen, standen sie wie über einem Streich ertappte Schulknaben vor ihrem Anführer der sich bis jetzt nur mit seiner von Schreck und Angst ohnmächtig gewordenen

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Gattin beschäftigt hatte. Die rauhen Männer waren behilflich, sie auf ihr Lager zurückzutragen, und zwanzig theilnehmende Fragen kreuzten sich, ob ihr auch wirklich von der Kugel Hawthorn's kein Leid widerfahren.

Erst als die Kranke unter den Händen der jungen Indianerin und des Avignoten, der eilig bei dem Schusse herbeigekommen war, sich wieder zu erholen begann, verließ sie der Graf und trat wieder in den Kreis der Männer.

»Mylord,« redete ihn der ehemalige Matrose an - »rechnen Sie uns nicht zu, was geschehen ist. Wenn Sie den Kerl hängen lassen wollen, will ich mit Vergnügen ihn an die erste Raanocke hinauf hissen. Wir sehen ein, daß es das Beste sein wird, Ihren Willen zu thun, und wenn Sie uns nochmals Ihr Wort geben wollen, uns nicht hier in der Patsche sitzen zu lassen, wo wir weder Steuerbord noch Backbord uns davon machen können, mögen Sie immerhin das Kanoë nehmen, und Goddam! ich selbst will Sie an's Ufer rudern, ohne mich um die Kugeln der rothen Schufte zu kümmern!«

Der Graf begriff, daß er nicht zögern durfte, von der bessern Aufwallung der Gemüther Gebrauch zu machen, wenn er die Herrschaft über sie wiedergewinnen wollte. Er hatte unterdeß einige Worte mit Kreuzträger gesprochen, der bereits beschäftigt war, ihre Büchsen sorgfältig in eine Hirschhaut zu schlagen.

»Ich danke Euch, Kameraden,« sagte der tapfere Franzose, »daß Ihr zur Einsicht gekommen, und schwöre Euch bei dem Leben meines fernen Sohnes, daß Ihr Euer Vertrauen nicht zu bereuen haben sollt. Wenn die Sonne

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zum dritten Mal aufgeht, bin ich wieder in Eurer Mitte, es müßte denn Tod oder Gefangenschaft mich hindern, das Wort eines Bourbon's zu halten. Bis dahin wird Lieutenant Morawski das Kommando führen, und Ihr mögt ihm gehorchen, wie mir selbst. Ich lasse ein Pfand in Eurer Mitte, das ich von Euch fordern werde. Der Weg, den ich antrete, ist zu unser Aller Glück, und die Gefahren und Drangsale, die Ihr jetzt besteht, sollen mit Millionen aufgewogen werden, und Euch für den Rest Eures Lebens glücklich machen.«

Einstimmiger Zuruf antwortete ihm. Master Slongh hatte es bei der Wendung der Dinge für vortheilhaft gehalten, seinen Kameraden die Andeutungen in's Ohr zu flüstern, die er von dem Yankee in der Sierra erhalten, und der Umstand, daß Comeo gekommen, bewies ihm, daß die Männer, mit welchen der Graf zusammentreffen wollte, wirklich die Genossen Jonathan Brown's waren. Durch das kühne Unternehmen des Grafen konnten sich jetzt die Aussichten auf das wirkliche Auffinden des Schatzes nur erhöhen.

Williams, der Matrose, frug, ob er das Kanoë bereit machen solle, aber der Graf lehnte es ab. Er erklärte, daß er nach reiflicher Ueberlegung es vorzöge, auf eine andere Art, als mit dem Kanoë die gefährliche Fahrt zu unternehmen, und keinen seiner Leute in Gefahr setzen wolle.

Die Weise, in welcher er an das Ufer gelangen wollte, zeigte sich bald, als die Männer jetzt zu der stromabwärts liegenden Spitze der Insel gingen. Kreuzträger hatte die Zeit benutzt, in welcher der Graf mit den Abenteurern

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verhandelte, um das einfache Hilfsmittel Windenblüthe's in etwas vervollkommneter Form nachzuahmen. Er hatte zwei hinreichend lange Stücken der von den Abenteurern zu ihrem Feuer gefällten Bäume durch Querhölzer der Art an einander gebunden, daß sie ein kleines Floß bildeten und für jeden der beiden kühnen Schwimmer einen sattelartigen Sitz abgaben, auf den sie sich niederbeugen und so bei der Vorüberfahrt in den Schatten der hohen Ufer leichter der Aufmerksamkeit der indianischen Schildwachen entgehen konnten, als dies in dem Kanoë möglich gewesen wäre, dessen Zurückrudern ohnehin nicht ohne Entdeckung geschehen konnte. Comeo sollte quer vor ihnen auf den Balken Platz finden und tiefer den Fluß hinab, wo die schnelle Strömung aufgehört und, wie sie wußte, keine Schildwachen der Apachen mehr standen, nach dem rechten Ufer schwimmen, während sie selbst auf dem linken landen und dann das einfache Fahrzeug seinem Schicksal überlassen wollten. Diese Anordnung war auf den Rath des Mädchens erfolgt. Obschon der Weg auf dem linken Ufer stromaufwärts nach der Quelle des Flusses schwieriger zu machen war schon wegen der hier vom Gebirge her einmündenden Zuflüsse, war er doch - sobald man erst das zweite Lager der Indianer gegenüber der Insel glücklich umgangen hatte, von ungleich größerer Sicherheit, da auf der andern Seite am nächsten Tage die drei Häuptlinge nach den Quellen aufbrechen wollten und dabei leicht die Spuren des Vorangegangenen hätten entdecken können.

Es war jetzt mehr als eine Stunde verstrichen, seit die junge Indianerin sich auf der Insel befand, und selbst

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wenn die Rücksicht auf ihre Sicherheit nicht zur Eile gedrängt hätte, war es nöthig, noch vor Aufgang des Mondes die gefährlichen Stellen zu passiren und die Posten der Apachen zu umgehen. Drüben an den Ufern machte sich nichts Verdächtiges bemerkbar, was auf eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit schließen ließ. Der schwache Knall des Pistolenschusses konnte bei dem Brausen des Stromes schwerlich gehört worden sein.

Der Kreuzträger meldete jetzt dem Grafen, der an der Seite seiner Gattin kniete, daß Alles zu ihrer Abfahrt bereit sei. Trotz ihrer Schwäche hatte sich Suzanne in die Nähe der Stelle tragen lassen, wo diese erfolgen sollte. Es war, als ob eine Ahnung ihr sagte, daß sie in diesem Leben sich nicht mehr wiedersehen sollten, und leidenschaftlich weinend hing sie an seinem Halse, nachdem alle ihre Bitten, von dem Wagniß abzustehen und lieber das ganze Unternehmen der Aufsuchung der Goldhöhle aufzugeben, an seinem festen Entschluß gescheitert waren.

»Mein Wort und meine Ehre sind verpfändet« sagte er fast rauh, »und was ich thue, geschieht für unsern Sohn. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, kehren wir zurück in die Civilisation und in ihrer Pflege wird Deine Gesundheit wiederkommen. Unser Kind soll nicht im Dunkel der Armuth sein Leben hinbringen, und das Gold, was ich zu erringen gehe, soll seinem Blute Geltung verschaffen und ihn den Stolzesten und Mächtigsten der alten Welt gleich stellen!«

Die Indianerin hatte bereits ihren Platz auf dem Floß eingenommen, wo man das Leder mit den Büchsen

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befestigt. Die Pulverhörner trugen der Graf und Kreuzträger in ihren Hüten, um sie vor jeder Feuchtigkeit zu schützen. Alle Männer drängten sich um die Beiden, ihnen die Hand zu schütteln und leise den besten Erfolg zu wünschen, bei dem sie so sehr betheiligt waren.

Der Graf hatte den alten Diener und Freund umarmt, der ihn durch drei Welttheile begleitet, und ihm nochmals seine Gemahlin auf das Dringendste empfohlen. Der leise Ruf des Kreuzträgers mahnte ihn zur Eile. Noch einmal drückte er das treue aufopfernde Wesen an's Herz, dem ein Ehrgeiz erst so spät Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen und sprang dann - als traue er der eigenen Kraft nicht mehr - hinunter zu dem Felsenufer.

Die Hand Morawski's hielt ihn auf.

»Pan,« sagte der Pole, - »Sie haben noch Nichts über das Schicksal des Elenden bestimmt, der Sie zu ermorden versuchte.«

»Ventre saint gris,< erwiderte der Graf ungeduldig, »lassen Sie den Bösewicht in irgend einen Winkel der Insel werfen und dort liegen, bis ich zurückkehre. Und nun - Gott befohlen, Alle!«

Er trat auf das Floß und setzte sich auf den Balken.

»Vorwärts, Männer - los!«

Ein Stoß trieb das leichte Fahrzeug vom Ufer hinaus in den Fluß.

Als der Graf noch einmal zurückblickte, sah er zwischen die dunklen Männerfiguren eine Gestalt mit lichtem wehenden Gewand sich drängen.

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»Aimé, halt ein! Du tödtest mich!«

Er sah sie sinken, aufgefangen von den Armen der Männer - wenn er auch gewollt hätte, es war zu spät - unaufhaltsam riß die Strömung sie fort und trug ihn seinem Geschick entgegen!

An den Quellen des Buenaventura.

An der Entfernung, welche die Indianerin angegeben, öffnet sich ein kleines Thal in die Sierra de los Patos, welches die Quellen des Buenaventura enthält.

Das Thal war nach Osten zu offen, sonst geschützt gegen die Nordwinde der Rocky Mountains, und bot alle Lieblichkeit der Vegetation dieser Zone von Mexiko, die ungefähr der der Canarischen Inseln und des nördlichen Aegyptens entspricht.

Der üppige Wuchs des Ahuehuetl, einer Art Ceder, verkündete schon in der Nähe des Thals das Wasser. Von den mächtigen Aesten der Korkeiche, des Sumach- und der Paletuvierbäume schlangen sich in bunten Festons die Lianen, die Blumenkelche des Taturas mischten sich der purpurnen Frucht der wilden Cactus, dem Oleander, dem Duft des wilden Jasmin und des Gojavenbaumes, und von den spitzen Zweigen des Mezquito flötete der Cenzontle, die mexikanische Nachtigal, während die Chachalucas, die blaue Elster, über den rasigen Grund hüpfte, die Iquiana furchtsam

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von Stein zu Stein schoß und der Huaco und Choyero mit ihrem Schrei die Anwesenheit der grünen Schlange, seiner gehaßten Feindin, verkündete.

Ein stattlicher Venádo14 nahte sich eben in kurzen spielenden Sprüngen der Quelle, wie ein Gourmand der Wildniß, der den kühlenden Trank recht am Ursprung genießen will, als er plötzlich zurückprallte, das Gehörn in den Nacken warf und mit langen Sätzen in der Richtung zurückgalopirte, aus der er gekommen.

Die Anwesenheit von Menschen an dem einsamen Ort hatte das edle Thier erschreckt.

In der That war die Quelle an diesem Abend - es war etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang - nicht einsam. Ein kleines Feuer erhob seinen Rauch an dem blumigen Ufer des kleinen Baches, den die in hundert muntern Gerinnen aus den Spalten und Rissen einer mächtigen Felswand sprudelnden Quellen am Fuße derselben bildeten, so den Ursprung des Flusses herstellend und den Namen der Quelle des Buenaventura führend, da es so viel bekannt, noch keinem menschlichen Wesen gelungen war, diese, wohl an 500 Fuß senkrecht hohe Felswand zu ersteigen, und damit einem weitern Ursprung des Gewässers nachzuforschen.

Die drei Personen, welche um das Feuer saßen, auf welchem an dem eisernen Ladestock ein Hirschviertel briet, während der übrige Theil des Thiers in seinem Fell zum Schutz gegen etwa umherstreifende hungrige Coyoten an

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einen Baumast hing, waren Kreuzträger[Eisenarm], der Toyah und Master Brown der Yankee.

Trotz der natürlichen Reize des Thales hatte der Anblick desselben doch auch etwas Düsteres, Melancholisches.

Dieser Eindruck wurde durch die an der einen Seite des breiten, das Thal schließenden und die Wässer hervorsprudelnden Felsens liegenden, offenbar noch aus der aztekischen Zeit herrührenden Ruinen eines Tempels hervorgebracht, während auf der andern Seite sich eine Anzahl von regelmäßig geformten Hügeln an der Thalwand erhob, den Hünengräbern ähnlich, wie solche in den nördlichen Ländern Europa's vorkommen.

Wir haben diesen Ruinen einige Worte zu widmen.

Die neuen Forschungen haben es außer Zweifel gestellt, daß lange vor der Entdeckung von Amerika, schon im ersten Jahrtausend unserer neuen Zeitrechnung und vielleicht schon vorher in verschiedenen Theilen des amerikanischen Continents Culturvölker lebten, deren Zustände und Bildungsstufe in vielen Beziehungen denen des alten Aegyptens nahe kamen. Namentlich ist es das ehemalige Reich der Tolteken, - später der Azteken - jetzt Mexiko, was mitunter gewaltige Reste und Zeugen dieser verschwundenen Cultur ausweist.

Oft in Mitten der wildesten Einöden, die für gewöhnlich nur der streifende Jaguar betritt, - denn selbst der eingeborne Indianer hält sich scheu davon entfernt und fürchtet die Geister längst vermoderter Geschlechter - trifft der Reisende oder der Jäger plötzlich auf die Trümmer ganzer untergegangener Städte, riesenhafter Tempel und

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Altäre, deren gewaltiges Steinwerk sich in pyramidalen Formen über einander thürmt und dem Zahn der Jahrhunderte getrotzt hat.

Ein solches Bauwerk, wahrscheinlich noch aus der Zeit der Tolteken herrührend, war die Ruine, welche sich an das eine Ende des Felsens lehnte. Alterthumskundige würden sofort an dem altarartigen etagenförmigen Bau die Reste eines der Teocalli's, der einem schrecklichen und blutigen Kultus geweihten Tempel erkannt haben, vielleicht gar dem furchtbaren Huißilopochtli geweiht, dem Tausende von Menschenleben jährlich geschlachtet wurden.

Noch waren in einzelnen Steinresten umher die Wohnungen der finstern Priester zu erkennen, welche einst auf dem blutigen Altar das kupferne Messer auf die wehrlose Brust ihrer Schlachtopfer geschwungen und die zuckenden Glieder zerstückelt hatten, um sie der schrecklichsten Bestimmung, dem Mahl ihrer eigenen Mitmenschen zu übergeben.

Und dasselbe finstre Geschlecht, das nach der geringsten Schätzung jährlich zwanzigtausend Menschen auf den Altaren seiner Götter schlachtete, besaß die geordnetsten, wenn auch strengen Gesetze, pflegte Künste und Wissenschaften, in deren manchen es sich den spanischen Eroberern überlegen zeigte, und besaß Kenntnisse in Astronomie und Mathematik, die weit über die der Römer und Griechen hinaus gingen.

Von dem Allen wußten freilich die drei Männer, die jetzt in dieser Umgebung saßen, durchaus Nichts. Der Yankee berechnete höchstens, was ihm die riesigen Quadern einbringen könnten, wenn er sie auf dem Quai von New-Orleans

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oder Philadelphia lagern hätte und Eisenarm dachte nur an die Zubereitung seines Hirschviertels.

Nur der Indianer warf von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick auf die alten Ruinen, die sein Aberglaube mit den Schatten seiner Vorväter oder den bösen Geistern des dritten Himmels der alten aztekischen Religion bevölkerte.

Das Aussehen des jungen Comanchen hatte sich überhaupt auffallend verändert. Seine Wangen waren eingefallen, seine Augen tief eingesunken, von dunklen Rändern umgeben, und - wenn er aus dem starren Schauen, in das er gewöhnlich versank, erwachte, - von einem seltsamen unheimlichen Feuer belebt. Der Trapper hob oft während seiner Beschäftigung die seinen und warf einen besorgten bedauernden Blick auf den jungen Freund.

»Nun, Jaguar,« sagte er - »das Fleisch ist gar, und einige tüchtige Schnitte mit einem gesunden Schlaf werden hoffentlich Deinen Muskeln die alte Kraft wiedergeben, damit Du bei dem morgigen Kampf wacker bestehst. Ueberlaß den Grauen Bär nur mir und halte Dich an einen seiner Gefährten, damit nicht etwa gar Unheil aus der Geschichte entsteht.«

»Makotöh hat den Vater Wonodongah's getödtet,« sprach der junge Indianer - »er muß sterben von meiner Hand!«

»Caramba! ich zweifle auch keinen Augenblick, daß Du seiner Herr werden würdest, wie es schon einmal geschehen, wenn Du noch der Alte wärst. Aber diese Teufel von Apachen müssen Dir seit einem Monat einen ihrer Zauber angethan haben, denn Du bist nicht derselbe mehr,

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der Du früher warst, und wenn nicht das Wort eines Häuptlings auf dem Spiel stände - -

»Wort hin, Wort her!« brummte der Yankee. »Ich kalkulire, die ganze Geschichte ist eine Narrheit, und meines Vaters Sohn hat den Teufel keine Lust, für Nichts und wi[e]der Nichts seine Haut zu Markte zu tragen. Ich denke, Meister Eisenarm, es heißt Euren Kontrakt schlecht gehalten, daß Ihr Euch in allerlei Patschen führt und nun gar noch von mir verlangt, daß ich mich um irgend eines vor Jahren scalpirten Heiden willen, blos weil er der Vater des Burschen da ist, morgen mit einem Apachen herumschießen soll.«

Der Jäger lächelte verächtlich. »Wenn Euch die Courage dazu fehlt, Meister Schielauge,« meinte er - so könnt Ihr ja aus einem sichern Versteck zuschauen.«

»Gott verdamm! und zusehen, wie Ihr Zwei von Dreien todtgeschlagen werdet und ich dann das Nachsehen habe! Wo soll ich endlich zu meinem Schaden und dem verschriebenen Golde kommen, wenn Ihr mausetodt seid? Ihr hättet wenigstens erst Euren Kontrakt halten und mich an den Ort bringen sollen, den Freund José mir versprochen hat, dann hättet Ihr meinetwegen so viele Zweikämpfe ausfechten mögen, als Euch beliebt.«

Eisenarm zerschnitt sehr ruhig das Fleisch mit seinem Jagdmesser. »Und wer sagt Euch denn, Meister Schielauge, daß Ihr nicht an dem Orte seid?«

Der Yankee fuhr wie von einer Feder geschnellt in die Höhe, aber er hielt die Worte für einen schlechten Scherz und setzte sich sogleich wieder nieder.

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»Dummes Zeug!« brummte er - »glaubt Ihr, daß ich mich nicht genug umgesehen in dem Thal? Aber es ist keine Spur von Goldsand selbst in dem Wasser, vielweniger ein Schatz, wie Ihr mir vorgefabelt. Selbst in dem alten Gemäuer da bin ich umhergekrochen und habe Alles durchstöbert!«

»Nehmet Euch in Acht,« sagte der Jäger - »der Jaguar dort könnte Euch wohl erzählen aus den Ueberlieferungen seiner Väter, daß Keiner, der des Goldes wegen zwischen jenen Mauern gewesen ist, wieder das Licht der Sonne erblickt hat!«

»Zum Henker,« knurrte der Yankee, der sich grauelnd umsah, denn das Thal begann sich bereits mit dunklen Schatten zu füllen, »was soll das heißen, Mann?«

»Ich bin kein Gelehrter, Señor,« meinte der Jäger, »und kenne wenig anders von der Geschichte dieses Landes, als was die Ueberlieferungen der Comanchen berichten und hin und wieder ein weißer Jäger erzählt hat, der besseren Unterricht in den Städten genossen, als ich. Aber was ich sagen will ist das. Vor alten Zeiten, ehe die Spanier von jenseits des Meeres in dieses Land kamen, hat es den Fürsten desselben niemals an Golde gefehlt, denn sie allein und wenige Priester kannten den Ort, wo es frei aus dem Schooße der Erde gequollen ist und noch heute in ungemessener Weise liegt, obschon Jahrhunderte lang aus diesem Brunnen geschöpft worden ist. - Jaguar,« unterbrach er seine Erzählung, - »Mann, was starrst Du so seltsam in's Feuer und hältst Dein Stück Fleisch in der Hand, ohne hineinzubeißen?«

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»Hugh! - Es ist - ich dachte - -«

»Was dachtest Du?«

»Daß diese Flamme Nichts ist gegen den Glanz ihrer Augen! Ein armer Indianer hört die lockende Stimme des Geistes der Gewässer und die Wellen rauschen um ihren Leib, schlank wie die Ceder!«

Der Jäger schüttelte traurig den Kopf. »Die schlimmen Hexen, die diesen Ort bewohnen, verwirren Dein Gehirn, Jaguar! Wenn Du nicht ein Heide wärest, würde ich Dir rathen, ein Kreuz zu schlagen und drei Ave's zu sprechen. So kann ich Dir nur sagen, reiß Dich los von all' den Träumereien, und denk' an den Grauen Bären, der Deinen Vater erschlug, - das wird Dein Blut wieder gehörig kreisen machen!«

»Erzählt weiter, Master Eisenarm,« drängte der Yankee, der begierig näher zu ihm heranrückte.

»Ich denke,« fuhr der Jäger fort, ohne auf die Bitte zu achten, »wenn er den blutigen Schurken morgen erst zu Gesicht bekommt, wird all' die Hexerei schwinden, die ihn jetzt seit Wochen befangen hält, wie der Nebel die Sonne. Deshalb freue ich mich, daß der Tag endlich da ist, und es zu einem tüchtigen Gefecht kommen wird. Ich kenne den Jungen und weiß, daß er dann wieder der Alte sein wird! - Aber um Euch weiter zu erzählen, Meister Schielauge, die großen Kaziken dieses Landes sandten nach den Ueberlieferungen alle Jahre an einem bestimmten Tage hundert Sclaven nach der Goldhöhle und sie mußten jeder seine Last dort aufnehmen und herausschaffen.«

»Hundert Mann, wißt Ihr, Eisenarm, was das macht?«

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»Ich verstehe Euch nicht!«

»Hundert Mann - von denen jeder mindestens seine hundert Pfund Gold tragen kann - o Jupiter! - das sind zehntausend Pfund reines gediegenes Gold! Das wären mindestens fünf Millionen Dollars, und wenn ich bedenke, daß sie eben so leicht noch fünfzig Pfund mehr tragen konnten -«

»Zum Henker mit Eurem Gewäsch, Mensch,« unterbrach Eisenarm unwillig die Berechnung. »Was kümmert's mich, was die armen Schelme haben schleppen können, wenn sie ihr Leben dafür lassen mußten.«

»Ihr Leben?«

»Caramba, - viel Anderes hatten sie sicher nicht! Genug - die Träger des Goldes sind jedesmal, sobald sie ihre Last abgeliefert, von den Priestern auf jenen Steinen geschlachtet worden, damit sie Niemandem wiedererzählen könnten, wo die Goldhöhle sich befindet, und ihre Geister sind es, welche nach der Sage der Indianer dieses Thal bewohnen sollen, während ihre Gebeine unter den Hügeln ruhen, auf denen wir sitzen!«

Der Yankee sprang unwillkürlich nochmals auf und sah sich mit einem gewissen Grauen um. Dann nahm er seinen Rock, den er einige Schritte weiter niedergelegt hatte, auf und zog ihn an.

»Die Sonne ist unter,« sagte er wie seinen Schauder entschuldigend, »und es wird kühl hier. - Aber was redetet Ihr doch, Meister Eisenarm, wenn überhaupt die ganze Geschichte keine alte Weibermähr ist, daß die Sclaven auf jenen Steinen geschlachtet worden wären, ein Schicksal, das

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sie für ihre Dummheit, sich nicht bei Zeiten mit dem Gold aus dem Staube zu machen, redlich verdient hätten!?«

Der Trapper nickte. »So sagte ich. Ihr könnt noch auf den Steinplatten die Blutrinnen eingehauen sehen, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, das Moos und die Flechten abzukratzen.«

Die Augen des Yankee funkelten. »Aber dann, Mann - was sprecht Ihr da - dann wäre dies ja der Ort, wohin sie das Gold gebracht haben?«

»So scheint es!«

»Und - und - dann könnte das Goldlager - das unermeßliche Lager, von dem zehntausend Pfund keinen Abbruch thun, unmöglich weit entfernt sein?« - -

Der Habsüchtige zitterte vor Begier bei diesen Worten.

Der Trapper hob die Hand und deutete auf den nächsten Baum, aus dessen Gipfel eben ein Vogel sein eigenthümliches Pfeifen hören ließ.

»Könnt Ihr hören?«

»Ich höre die Stimme,« sagte der Indianer, - »sie klingt wie der schmelzende Schlag des Cenzontle und tobt, wie der Wasserfall - ich höre sie Tag und Nacht in meinen Ohren und ihr Laut ist: Blut!«

»Zum Teufel mit dem Narren!« rief der Yankee - »muß sein Gewäsch das Gespräch ernster Männer unterbrechen? Was meintet Ihr mit dem Vogel, Freund Eisenarm?«

»Ich bin nie Euer Freund gewesen, Meister Schielauge,« entgegnete dieser, »sondern Euch nur durch unsern Kontrakt verbunden. Es ist der Choyero, wenn Ihr es wissen wollt!«

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»Der Choyero?«

»Ja - und nicht einen Choyero, sondern ihrer zwanzig müßt Ihr schon in diesem Thale gehört haben, seit der Zeit, die wir hier sind!«

»Aber was kümmert mich der läppische Vogel, wenn -«

»Der Choyero hält sich nur da auf, wo die grüne Schlange, sein Todfeind, haust!«

»Ich habe des Gewürms genug umherhuschen sehen!«

»Und dort oben giebt es ihrer noch mehr,« sagte der Trapper, nach der Felswand deutend. »Ihr seid ein armseliger Gambusino, Meister Schielauge, wenn Ihr nicht wißt, daß die grüne Schlange die Anwesenheit des Goldes verkündet!«

»Heiliger Himmel - so wäre es wahr? Ihr betrügt mich nicht, - wir wären wirklich an dieser Stelle in der Nähe der Goldhöhle - in der Nähe meines Goldes -«

»Ihr könnt morgen schon, wenn der Kampf für uns günstig ausgefallen ist, Eure Hand darauf legen, vorausgesetzt, daß Ihr den Muth und die Kraft habt, den Weg, der noch zu machen ist, zurückzulegen.«

»Ich will mit dem Grauen Bär selber fechten, ich will ihm das Herz aus dem Leibe reißen,« schrie mit zitternder Gier der Elende, - »ich will allein gehen, wenn Ihr mir nur sagt, wo? wo?«

»Gott im Himmel, wie verächtlich doch die Sucht nach dem schlechten Metall einen Christenmenschen machen kann!« sagte den Kopf schüttelnd und sich von den Händen Jonathans befreiend der Trapper. - »Könnt Ihr fliegen, Mann? Seht dort hinauf die Felswand, deren Gipfel

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schon die Schatten der Nacht bedecken. Dort hinüber geht Euer Weg, und schwerlich würdet Ihr nur den zwanzigsten Theil zurücklegen können ohne unsere Hilfe.«

»Aber warum nicht jetzt, - warum nicht diese Nacht?«

»Aus zwei Gründen, Mann, obschon der eine allein hinreichend ist. Also, weil der Jaguar morgen früh seine Herausforderung an den Schurken von Gileno zu lösen hat und -«

»Er hatte kein Recht dazu, sein Leben ist mein!«

»Hol' Euch der Teufel, Ihr geldgieriger Schelm! Nun denn, Ihr vergeßt den zweiten Punkt unseres Kontrakts, und daß Ihr denselben über Eurem Drängen, an diesen Ort zu kommen, noch nicht einmal gehalten habt!«

»Welchen? welchen?«

»Daß Ihr Euch verpflichtet habt, uns beiden die Personen zu überliefern, welche José Marillos, den Gambusino, zu Paris am 4. Dezember 1851 schändlicher Weise ermordet haben. Ich denke, das sind Eure eigenen Worte!«

»Ja - ja - aber ich habe sie Euch genannt! Diesen teuflischen Franzosen, der sich Graf Boulbon nennt und aus königlichem Blut sein will, während er wie ein gemeiner Dieb ehrliche Leute ihres Eigenthums beraubt, und den alten Schurken, seinen Diener, Bonifaz ...«

»Unser Kontrakt, Mann, sagt, daß Ihr die Mörder uns zu überliefern habt!«

»Fluch über Euch! Wollt Ihr mich betrügen, jetzt, so nahe dem Ziel? Habe ich Euch nicht in sein Schlafgemach selbst geführt? Verdammt! warum wurde der Narr da weichherzig, warum stieß seine Hand nicht zu, als sie

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mit dem Messer über der nackten Brust des gräflichen Mörders schwebte?«

»Weil Graf Raousset Boulbon nicht der Mörder von José Marillos, dem Gambusino, war und Du so gut dies weißt, wie er selbst, Lügner!« sagte eine ernste feste Stimme aus dem Dunkel, und eine hohe Gestalt trat in den Lichtschein des Feuers; eine zweite folgte ihr.

»Höll' und Teufel! - er selbst - der Graf!« brüllte der Yankee, nach seiner Büchse greifend. »Tödtet ihn, schießt ihn über den Haufen!«

»Halt! - rühre Dich nicht, Mann!« rief der Kreuzträger, seinem Begleiter folgend, - »oder meine Kugel fährt Dir selbst durch Dein schuftiges Gehirn. - Eisenarm und Du, Rothhaut, hört ein Wort, und dann mögt Ihr thun, was Euch gefällt. Ich denke, Ihr kennt mich Beide und werdet wissen, daß ich von Euch Nichts verlangen werde, was gegen die Gerechtigkeit der Einöde verstößt.«

Der Trapper, der gleichfalls seine Büchse ergriffen und sich schußfertig gemacht hatte, ließ den Kolben auf die Erde fallen. »Er möge sprechen!« sagte er ernst.

Wonodongah war, ohne sich zu rühren, an dem Feuer sitzen geblieben. Zuweilen richtete er seine funkelnden schwarzen Augen mit einem drohenden Ausdruck auf die hohe ruhige Gestalt des Grafen, - dann wieder starrten sie in die dunkle Gluth des Feuers.

Der Franzose stand waffenlos, denn Kreuzträger trug seine Büchse über die Schulter gehangen, mit gekreuzten Armen ruhig und furchtlos vor den beiden Männern, die ihm den Tod geschworen.

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»Ich bin hierher gekommen,« sagte er mit seiner klangvollen ernsten Stimme, »auf das Verlangen Ihres verstorbenen Freundes, des Gambusino José, nachdem ich Sie vergeblich zur bestimmten Stunde Ihres ersten Rendezvous vor der ehemaligen Kathedrale von San Franzisco erwartet und seitdem mehrfach versucht habe, Sie zu sprechen. Ich will nicht ermitteln, was das bisher verhindert hat. Jetzt komme ich aus doppelten Gründen hierher, wo ich wußte, daß ich Sie treffen würde, zunächst, um Ihnen den letzten Gruß eines Freundes und sein Erbe zu bringen.«

Er öffnete das Jagdhemd und nahm ein an einer Schnur hängendes ledernes Säckchen und reichte es Kreuzträger, der es sofort öffnete und das Stück Haut hervorzog, von dem wir in der ersten Scene unseres Buches gesprochen haben.

»Bei der heiligen Jungfrau,« sagte der Trapper, »sieh her, Jaguar, es kann kein Zweifel sein, das ist der Totem Goldauges!«

»Er hat es mir gestohlen - es ist mein Eigenthum! Señor José gab es mir!« schrie der Yankee.

»Elender!« sprach der Graf stolz, »beflecke das Gedächtniß eines Unglücklichen nicht mit einer Lüge. José Marillos gab es mir als sein Vermächtniß für mich oder vielmehr für meinen Sohn, als er in meinem Hause und in meinem Arm starb, und ausdrücklich in der Absicht, es Deiner Habgier zu entziehen, die ihm gern sein Geheimniß entrissen hätte, obschon er Dich reichlich für Deine Dienste bezahlt hatte.«

»Lüge! Nichts als Lüge!« schrie Brown. »Erinnert

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Euch, daß ich Euch in San Franzisco selbst die blutigen Kleider gezeigt habe, die der Aermste trug, als er auf die Veranlassung dieser Aristokraten ermordet wurde!«

»Es ist möglich, daß Sie den Rock des armen José gestohlen oder sich sonst verschafft haben,« fuhr der Graf fort, »als ich von Weib und Kind gerissen wurde, um von den Schergen des Usurpators, von dessen Soldaten der arme fremde Mexikaner im Straßenkampf auf den Barrikaden erschossen wurde, zum Kriegsgericht geschleppt ward, das mich zum Tode verurtheilte. Dies geschah, weil ich den armen Mann nicht hilflos in dem Winkel umkommen lassen wollte, in den er sich, mit der Kugel im Rückgrat, geschleppt hatte, sondern ihn unter Lebensgefahr mit meinem Diener Bonifaz und dem Knaben, meinem Sohn, in mein Haus trug, wo ich Alles aufbot, um ihn zu retten. Man nannte dies Verbrechen, das mir selbst sechs Kugeln eintragen konnte, wenn ich mich recht erinnere: Widerstand gegen die bewaffnete Macht, und nur ein Zufall, oder vielmehr eine alte Bekanntschaft half mir über die Füsilade; aber selbst die Hand des geschicktesten Arztes von Paris konnte den armen Burschen, den Gambusino, nicht retten, er mußte sterben unter seinen Händen bei der Operation.«

»Die Erzählung klingt seltsam, aber nicht unwahrscheinlich,« sagte der Trapper, auf den die Ruhe des Grafen großen Eindruck gemacht hatte, kopfschüttelnd. »Was meinst Du, Jaguar, hast Du Alles verstanden, was der Fremde sagte?«

Der Toyah fuhr bei der Anrede aus seinem Brüten

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empor. »Er mußte sterben - ja! so ist es! Wonodongah ist ein Häuptling und wird sein Wort halten!«

»Ich schwöre mit jedem Eide, den Ihr wollt, daß der Aristokrat lügt,« schrie Jonathan. »Er hat nicht den geringsten Beweis für das, was er sagt!«

»Ventre saint gris!« sagte lachend der Graf, »ich sehe, daß es zuweilen doch gut ist, wenn man alte Rechnungen aufbewahrt. Ich glaube, ich habe da in meinem Taschenbuch noch die Quittung des Doktor Boisset über 20 Louisd'ors für die Operation, vollzogen an dem Mexikaner José und bezahlt von dem Grafen Raousset Boulbon zu Paris am 5. Dezember und daneben liegt der Erlaubnißschein Sr. Excellenz des General Saint Arnaud, den Mann mit allem Pomp der Kirche begraben zu lassen, eine Ausgabe, die er mir vor seinem Tode im Würfelspiel gegen die Tasche da abgewonnen hatte. Hier sind die Papiere. Ich habe mein Wort gehalten - an Ihnen wird es sein, ob Sie das verpfändete Wort Ihres Freundes lösen wollen.«

Er nahm die erwähnten Papiere aus seiner Brusttasche und reichte sie dem Kanadier.

»Nein, Señor - ich kann nicht lesen; indeß, ich muß gestehen, ich fange an, Ihnen zu glauben.«

»Ich habe die Papiere unterwegs gelesen, Compañero,« mischte sich der Wegweiser ein, »und ich kann Ihnen sagen, daß darinnen steht, was dieser Herr so eben angedeutet hat!«

»Es ist Lüge, höllische Lüge, so wahr mir Gott helfe, ersonnen, um mich um mein Eigenthum zu betrügen!« schrie nochmals der Yankee, mit der Hand in die tiefe

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Tasche seines Rockes fahrend. »Aber Jonathan Brown ist nicht der Mann, sich von einem verlaufenen Aristokraten berauben zu lassen! - Stirb Schurke!«

Der Amerikaner sprang einen Schritt vorwärts und riß ein Bowiemesser aus der Tasche, aber im nächsten Augenblick schon ließ er es fallen, stieß einen Schrei aus und fuhr mit der anderen Hand nach seiner Rechten. Ein kurzer schwarzer Streifen, nicht viel dicker wie eine Federpose, hing von dieser herab und ringelte und wand sich im Licht des Feuers.

»Heilige Jungfrau - die Federschlange!«

Der Wegweiser sprang auf den Unglücklichen zu, stieß mit dem Schaft der Büchse nach dem kleinen Reptil, daß es zu Boden fiel und setzte die dicke Sohle seines Stiefels darauf, es zu Brei zerquetschend.

Der ganze Vorgang hatte nur wenige Minuten in Anspruch genommen, Alle starrten entsetzt auf den Mann, selbst der Indianer hatte sich seiner Lethargie entrissen.

»Ich hoffe, Mensch, Ihr seid nicht gebissen?« frug bleich der alte Wegweiser.

»Legt die Hand auf den Stein, Mann,« befahl der Trapper. »Hinauf mit dem Aermel - und Dein Beil her, Jaguar, daß ich ihm den Arm am Gelenk abhaue!«

Jonathan sprang entsetzt zurück. »Seid Ihr verrückt geworden?« schrie er entsetzt, »oder wollt Ihr mich morden? - Ein einfältiger Schlangenbiß - gebt etwas von Eurem Wundkraut her und dann wollen wir weiter reden! Verdammt, daß dies auch dazwischen kommen mußte!«

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»Mensch,« sagte der Kreuzträger mit furchtbarem Ernst, »wißt Ihr, was geschehen ist?«

»Zum Henker - was meint Ihr? denkt ihr mir einen Schrecken einzujagen?«

»Gott hat gerichtet, den Ihr meineidig so eben noch angerufen. Ihr seid von der schwarzen Culebrilla gebissen, der furchtbarsten und den Heiligen sei Dank, seltensten in Amerika, und in zehn Minuten seid Ihr todt.«

»Todt?« Der Unglückliche warf sich mit gellendem Aufschrei zurück. »Haut mir die Hand ab! haut mir die Hand ab! ich kann nicht sterben so nahe den Millionen! Eisenarm - Jaguar, zu Hilfe! zu Hilfe!«

Er warf sich auf die Knie und streckte jammernd die Hand nach seinen Gefährten aus, die bereits schwarz aufzuschwellen begann.

»Es ist zu spät!« sagte schaudernd der Jäger, »kaum würde der Beilhieb Euch gerettet haben, wenn er ohne Zögern gekommen wäre, denn der Stich der Culebrilla ist unausbleiblicher Tod. Ich sah das Unheil ein einziges Mal seit den fünfundzwanzig Jahren, die ich die Wüste durchstreife.«

»Denkt an Euer Seelenheil, Mann,« sprach der Wegweiser, »bittet Gott und die Heiligen um Vergebung für Eure Sünden!«

Der Yankee wand sich auf seinen Knieen, heulend vor Furcht und Schmerz. Er krümmte sich zu den Füßen des Grafen, der erstarrt über den schrecklichen Vorgang regungslos stand. »Erbarmen! Erbarmen! ich will Alles gestehen, daß ich gelogen habe! daß Sie José gepflegt in seiner letzten

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Stunde - Sie sollen die Hälfte haben von allem Gold, nur laßt mich nicht sterben - so nah! so nah! - Es muß ein Mittel geben - Millionen dafür! - Fluch, Fluch, wenn Ihr zögert! zu Hilfe! zu Hilfe!«

Schaum trat ihm vor den Mund - schwarz schwoll das Gesicht auf - die Augen traten blutdurchlaufen aus ihren Höhlen, während er sich am Boden wälzte.

Schaudernd wandte der Franzose sich ab.

»Heilige Mutter Gottes, erbarme Dich seiner Seele!«

»Gold! Gold! Fluch über Euch, die Ihr mich hergelockt! Fluch, hundertfacher Fluch - wie es glüht - wie es blitzt! - höllisches Feuer ...«

Seine Stimme wurde zum heisern Gebrüll - allmählig wurde es schwächer und schwächer - dann verstummte es ganz, und die Zuckungen des Körpers hörten auf - Jonathan Brown war todt! -

Der Wegweiser machte das Zeichen des Kreuzes. »Gott der Herr - dessen Hand wir so oft in der Einöde sehen - hat gerichtet. Mögen seine Sünden ihm vergeben werden.«

Es folgte eine lange Stille, die keiner der Männer unterbrechen mochte.

Endlich trat Eisenarm auf den Grafen zu und reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie, Señor, daß wir Ihnen Unrecht gethan. Der Mensch, dessen irdische Reste da vor uns liegen, hat uns getäuscht über Sie und das Ende unseres Freundes. Seien Sie willkommen und versichert, daß Ihnen Ihr Recht werden soll, und ich hoffe, daß der Jaguar hier darüber denkt, wie ich!«

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»Die Offene Hand ist der Erbe des Goldauges! Das Recht des Aases zu unsern Füßen ist verfallen und das seine - so will es das Gesetz der rothen Männer. Er möge sein Eigenthum in Empfang nehmen - Wonodongah ist bereit, ihm den Weg dahin zu zeigen!«

Die Erklärung des Toyah schien dem Grafen nicht ganz angenehm, und er beeilte sich, die weitere Erörterung vor einem Zeugen abzubrechen, der bisher noch wenig von dem eigentlichen Geheimniß wissen konnte.

- »Wir sprechen nachher darüber und ich hoffe, Sie werden« mit mir zufrieden sein. Jetzt lassen Sie uns an Dringenderes denken und gewähren Sie uns einstweilen Ihre Gastfreundschaft, Señor Eisenarm; denn wir Beide haben heute einen weiten und beschwerlichen Weg gemacht, um zu Ihnen zu gelangen. Können wir Ihnen helfen, den Todten da zu begraben?«

Der Trapper sah höchst gleichgültig auf den Leichnam. »Wir wollen uns heute die Mühe sparen und ihn bei Seite tragen,« sagte er. »Es könnte möglich sein, daß morgen das Grab weiter sein muß!« - Er winkte dem Indianer, worauf sie den todten Körper anfaßten und nach den Ruinen trugen.

Kreuzträger setzte sich unterdeß ohne Weiteres an dem Feuer nieder und langte nach dem Hirschviertel, während der Graf noch immer schaudernd die Ueberreste der kleinen Schlange betrachtete,

»Wie nannten Sie doch das Reptil, Freund?«

»Die schwarze Culebrilla oder Federschlange,« sagte kauend der Wegweiser - »man nennt sie so, weil sie nicht größer

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wird als die Pose einer Adler- oder Geierfeder. Dabei ist sie aber das giftigste Gewürm, was auf Gottes Erde kriecht.«

»Und Sie sitzen an einem Orte, wo dieses Geschöpf haust, wie wir eben gesehen, so ruhig da, als könnte nicht ein zweites Exemplar Ihnen im nächsten Augenblick ebenso den Garaus machen?«

Der Alte lachte. »Wenn das Sie allein hindert, Monsieur, mir bei diesem trefflichen Bratenstück Gesellschaft zu leisten, so können Sie es unbesorgt thun. Die Culebrilla duldet keine zweite auf mindestens drei Leguas in der Runde. Es ist eine Eigenthümlichkeit dieses Gewürms und eine Gnade der Heiligen, daß man es immer nur selten und auch dann nur vereinzelt findet. Also setzen Sie sich ruhig und langen zu!

Der Trapper, der eben zurückkehrte, wiederholte die Einladung und beendete gleichfalls seine Mahlzeit, als sei die schreckliche Scene nicht eben vorgefallen. Nur der Toyah blieb stehen und nahm weder an dem Mahl noch an dem Gespräch Theil, indem er sich begnügte, sein dunkles Auge fest auf den Franzosen zu heften.

»Ich habe vorher nicht ohne Grund gesagt, Señor,« sprach dieser, »daß wir aus doppelter Ursach hierhergekommen sind. Die eine war meine persönliche Angelegenheit, die andere betrifft Sie Beide!«

»Uns?«

»Ja. Unser junger Freund hier beabsichtigt morgen früh mit einem der gefürchtetsten Häuptlinge der Apachen, dem »Grauen Bären« an dieser Stelle sich zu schlagen.«

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Der Jäger sah ihn erstaunt an. »Wie können Sie dies wissen?«

»Von Windenblüthe, der eigenen Schwester des jungen Kriegers!«

»Von Comeo? - hörst Du, Jaguar, von Comeo! Und wo haben Sie dieselbe gesehn und gesprochen, Señor Conde? denn Sie müssen wissen, daß wir in ziemlicher Besorgniß um das unvorsichtige Kind waren und schon längst aufgebrochen wären nach den Dörfern der Apachen, um sie zu suchen und zu befreien, wenn der Mann, der so eben verschieden, nicht darauf bestanden hätte, Ihrer eignen Spur zu folgen, und wir dann eilen mußten, zur rechten Zeit hierher zu kommen und so das doppelte Wort an Goldauge und dem Gileno zu lösen.«

Der Graf erzählte ihm hierauf von dem unglücklichen Gefecht der Expedition mit den Apachen, ihrer Flucht nach der Insel und dem kühnen Unternehmen der jungen Indianerin.

»Das sieht ihr ähnlich, par Dios! das Kind ist so aufopfernd, daß es niemals an sich selbst denkt. Hast Du gehört, Jaguar, was sie gethan?«

Der Indianer begnügte sich, ein Zeichen der Bejahung zu geben.

»Sie sagte uns,« fuhr der Graf fort, »daß der Graue Bär, die Schlange und der Fliegende Pfeil Sie hier zu einem Kampf auf Tod und Leben treffen würden.«

»Alle Drei - carrajo! das hätte nicht besser kommen können! Hast Du gehört, Jaguar! wir werden sie alle Drei hier haben, um mit ihnen Abrechnung zu halten!«

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Wiederum nickte der Indianer; sein Auge fing an, von einer edleren Gluth zu funkeln, als bisher.

»Noch mehr! die Ursach, weshalb das Mädchen sich so großer Gefahr aussetzte, ist, daß sie entdeckt hat, daß nicht ein ehrlicher Kampf, sondern ein bübischer Verrath gegen Sie beabsichtigt wird. Ein Trupp ihrer Krieger wird ihnen folgen und während des Kampfes über Sie herfallen, um Sie durch die Uebermacht zu ermorden!«

»Die Schurken! ich hätte niemals geglaubt, daß der Gileno, so grausam er ist, einer solchen Schlechtigkeit fähig wäre.«

»Wir haben nach des Mädchens Erzählung auch Ursach anzunehmen, daß er nicht darum weiß. Es scheint, daß es wider sein Wissen oder seinen Willen geschehen soll, und daß der Häuptling der Mescaleros den Streich ersann, um sich an Ihnen zu rächen.«

»Der Hund! schlechter als ein Hund! - aber es soll seine letzte Spitzbüberei sein, ich schwöre es!«

»Das Mädchen kam« fuhr der Graf fort, »um Kreuzträger hier zu bitten, Sie zu warnen oder Ihnen beizustehen, da sie selbst nicht so lange sich aus dem Lager der Apachen entfernen konnte, ohne ein anderes uns Allen werthes Leben, den jungen Mann, der mit Ihnen focht, dem Verdacht und somit dem Tode preiszugeben. Da ich ohnehin Sie aufsuchen wollte, beschloß ich, die Sache selbst zu übernehmen, und Freund Kreuzträger wird Ihnen vielleicht sagen können, daß auch dies nicht ganz ohne Schwierigkeit war. Das junge Mädchen ist wieder bei ihren anderen Freunden, wenigstens sahen wir sie glücklich das

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Ufer erreichen, und ich freue mich, daß es uns gelungen ist, Sie zu treffen und zu warnen, damit Sie sich der Gefahr entziehen können.«

Eisenarm warf dem Sprecher einen raschen Blick unter seinen buschigen Brauen zu und störte mit dem Ladestock in den Kohlen des Feuers.

»Was meinst Du, Jaguar?« frug er.

Der junge Wilde beugte sich vor - sein eingefallenes Gesicht strahlte in dem Ausdruck eines stolzen hochherzigen Gefühls, während sein Auge sich mit einer gewissen Herausforderung auf die Züge des Franzosen heftete.

»Der Große Jaguar hat sein Wort verpfändet,« sagte er - »Wododongah ist ein junger Krieger, aber er ist ein Häuptling! - Er wird den Grauen Bären an dieser Stelle erwarten, wenn der Mond aufgeht!«

»Ich dachte es mir,« bemerkte der Trapper. »Ein Sioux oder ein Apache würden anders handeln, aber er gehört zu einer Nation, die das Herz auf der rechten Stelle trägt. Und ich will schlechter wie ein Plattfuß sein, Comanche, wenn ich nicht an Deiner Seite stehe, und die Schurken ihren eigenen Verrath verschlucken lasse!«

»Sie wären aber selbst im Fall eines ehrlichen Gefechts nur Zwei gegen Drei und es sind gefürchtete Krieger!«

»Desto besser für uns! es ist nicht das erste Mal, daß wir Zwei gegen eine ganze Bande von heulenden Apachen fechten.«

»Dann,« sagte der Graf, indem er seinen Hut abnahm und sich mit der ganzen Höflichkeit eines Cavaliers der alten Schule verbeugte, »erlauben Sie mir, daß der Oberst

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Graf Raousset Boulbon, Marquis von Tremblay, der Dritte in Ihrer Partie ist und den Kampf in Ihrer Kameradschaft ausficht, möge er auch ausfallen, wie Gott beliebt. Und ich will Ihnen sagen, daß um diese Ehre zu bitten meine Absicht war, auch wenn Sie bereits einen dritten Kämpfer gehabt hätten.«

»Das ist wacker gesprochen von Ihnen, Herr,« rief der Trapper, »und wir nehmen es dankbar an, da wir sehen, daß unser armer Freund José uns einen wackeren Erben gesandt hat. Sage ihm dasselbe, Jaguar, und möge der Teufel alle Verleumder und alle Verräther holen!«

»Zwei Häuptlinge werden neben einander kämpfen,« sagte kalt der Toyah. »Sie werden ihr Bestes thun.«

Der Trapper sah ihn erstaunt einige Augenblicke an, ohne die Kälte und Abneigung zu begreifen, die sein Zögling bewies. »Er hat nicht mit ihm das Mahl getheilt,« murmelte er - »unmöglich kann er doch noch Verdacht hegen! - Was meinen Sie, Señor Kreuzträger?« fuhr er laut zu diesem fort.

»Daß es eine Thorheit ist, die Sie alle Drei begehen wollen,« sagte der Alte. »Sie wissen, Señor Eisenarm, daß ich jede Ursache habe, dem Grauen Bär und dieser schurkischen Schlange Mann gegen Mann entgegenzutreten, und Sie um die Gelegenheit dazu beneide; aber es ist Narrheit, unter solchen Umständen und einen so ungleichen Kampf beginnen zu wollen, denn Sie sind hier auf allen Seiten von Feinden umringt. Der Trupp der Schlange ist nicht der einzige, der auf die Gelegenheit wartet, über

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Sie herzufallen, und deshalb ist es keine Schande für tapfere Männer, eine bessere Zeit abzuwarten.«

»Wie meinen Sie das?«

»Auf dem Wege hierher,« fuhr der Wegweiser fort, »haben wir die unzweifelhaften Spuren gefunden, daß eine zweite Horde Indianer bereits auf dem linken Ufer des Stromes und in der Nähe des Thals umherstreift. Man wird Ihnen den Garaus machen noch diese Nacht, wenn Sie durchaus hier bleiben wollen.«

»Wo fanden Sie die Spuren der Apachen? Sind es die Krieger Makotöh's?«

»Ich muß gestehen,« bemerkte der Wegweiser - »ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Meskalero's oder Gileno's gewesen sind. Wir fanden zahlreiche frische Spuren, etwa eine Stunde unterhalb dieses Thals, und der jüngste Rostreador hätte sehen können, daß sie erst von diesem Morgen herrührten.«

»Kamen sie von jenseits des Flusses?«

»Nein - sie haben sich dem Ufer genähert und sind dann wieder umgekehrt.«

»Haben Sie sonst Nichts bemerkt?«

»Nichts, als diesen Pfeil, den wir fanden. Es ist ein Pfeil zur Jagd.«

Der Trapper nahm die unbedeutende Waffe und untersuchte sie je länger, je aufmerksamer. Dann wandte er sich plötzlich zu seinem rothen Gefährten und reichte ihm den Pfeil.

»He, Jaguar,« sagte er - »sieh einmal das Ding da genau an, und sage mir, was Du daraus machst!«

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Der Indianer nahm den Fund in die Hand, aber er hatte kaum die Augen darauf geheftet, als er den Ruf der Ueberraschung hören ließ.

»Hugh!«

»Ich dachte es mir! - Hören Sie, Señor Kreuzträger, es ist schade, daß Sie sich nicht noch genauer umgesehen. Dieser Pfeil kommt nicht aus dem Köcher eines Apachen.«

»Wirklich?«

»Es ist der Pfeil eines Comanchen, und zwar der eines der Matero's,« sagte der Toyah.

»Es mag sein, Du mußt das besser wissen, wie ich. Es ist schade, daß wir keine Gewißheit darüber erlangen können und es jetzt zu dunkel ist, um die Spur aufzusuchen. Ein Theil der Stämme war bei dem letzten Einfall der Rothhäute untbetheiligt, aber sie trennten sich bald wieder von den Apachen, denn die beiden Nationen thun so wenig gut zusammen, wie der Puma und der Wolf. Es ist möglich, daß der Pfeil noch von dem früheren Umherstreifen einer Bande dort liegen geblieben.«

»Aber ich sagte Ihnen, daß die Spuren frisch waren.«

»Mag sein, aber wer bürgt uns dafür, daß der Pfeil und sie zusammen gehören, sonst ...«

»Was wollten Sie sagen!«

»Sonst hätten wir diese schurkischen Apachen in ihrer eigenen Schlinge fangen können.«

»Ich weiß nicht,« mischte sich etwas zaghaft der Franzose in das Gespräch der erfahrenen Wüstengänger - »aber vielleicht wäre es möglich, daß die Kleinigkeit nicht

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ohne Bedeutung wäre. Etwa fünfzig Schritt entfernt von der Stelle, wo unser Freund den Pfeil gefunden, lag ein todter Vogel, ein Falke. Er mußte an demselben Tage geschossen sein, so frisch war er noch. Kreuzträger achtete nicht weiter darauf, da er den Spuren der Mustangs nachging und voraus war.«

Der Trapper sah den Sprecher aufmerksam an. »Erinnern Sie sich vielleicht, Señor Conde, welcher Gattung der Falke angehörte?'

»Ich nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn. Er war von der schwarzgrauen Art mit den rothen Schwanzfedern.«

»Und diese Federn?«

»Sie waren säm[m]tlich ausgerissen bis auf eine, die ich auszog und auf meinen Hut steckte. Hier ist sie!«

Er reichte seine Kopfbedeckung hin.

Der Trapper sprang mit einem Satz empor und schwenkte lustig die seine. »Hurrah! wir haben sie! - Jaguar, es sind Krieger von Deiner Nation, die einen Toyah sicher nicht im Stich lassen werden. Ich sehe die Sache vor mir so deutlich, als hätte ich ihre Spur vierundzwanzig Stunden lang verfolgt. Sie sind auf ihrem Jagdzug bis an die Sierra gestreift, um am Monte Buza Bären zu jagen, wie sie gern thun, und bis hierher gekommen. Sie können unmöglich weit entfernt sein und wenn wir Botschaft in ihr Lager senden könnten, würden sie sicher zur rechten Zeit hier sein, um jede Teufelei zu verhindern!«

Der Indianer, der jetzt lebhafteren Antheil an der

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Entdeckung zu nehmen schien, streckte den Arm nach der nördlichen Thalwand, derselben, an welcher die riesigen Grabhügel lagen. »Ein Comanche fürchtet nicht, sein Feuer anzuzünden. Von diesen Bergen wird man sie sehen.«

»Ich glaube es selbst, aber -«

»Nun?« frug ungeduldig der Graf, »warum benachrichtigen Sie Ihre Freunde nicht?«

»Es wird viele Stunden brauchen, sie aufzusuchen und herbeizuholen, und weder ich noch der Jaguar dürfen uns von diesem Platze entfernen.«

»Parbleu,« rief der Kreuzträger - »für was wäre denn Eustach Saville da? - Ich habe zwar nicht viel Ursache, Ihnen gefällig zu sein, weil Sie bei einer gewissen Gelegenheit einen Feind gegen mich beschützten, aber wenn es gilt, die hinterlistigen Teufel in ihrer eigenen Falle zu fangen, würde ich drei Nächte hindurch wandern, so gut auch ein Paar Stunden Schlaf jetzt meinen müden Gliedern thun müßten. Lassen Sie den Indianer dort mir ein Zeichen seines Stammes als Beglaubigung geben und sagen Sie mir, wo man am Besten diesen Höhenzug durchschneidet, und ich stehe Ihnen dafür, wenn die Comanchen innerhalb dreier Meilen von hier ihr Lager haben, will ich sie auffinden, noch ehe die Sonne aufgeht.«

Es folgte jetzt eine kurze Berathung, deren Resultat war, daß der alte Wegweiser eine oder zwei Stunden rasten sollte, um seine Kräfte wieder zu erfrischen und dann sich auf den Weg machen wollte, um die Bande der Comanchen-Jäger aufzusuchen. Wonodongah nahm den Totem seines Stammes, den er an einer Hirschsehne um

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den Hals trug, ab und händigte ihn als Wahrzeichen dem Boten ein, der ihn sorgfältig verwahrte. Dann übernahm Eisenarm den Posten der ersten Nachtwache, breitete seine Decke unter den Baum und empfahl dem Grafen und seinem Begleiter, darauf den Schlaf zu suchen. Der Indianer hatte dies bereits unter einem der Grabhügel gethan. Ehe eine Viertelstunde vergangen war, lagen Alle bis auf den treuen Wächter in tiefem Schlummer.



Zwei Stunden nachher weckte der Trapper Kreuzträger, besprach sich noch einmal kurz über die Aussichten, die sie hatten und geleitete dann den alten Wüstengenossen in die Berge.

Als er zurückkehrte, blieb er einen Augenblick vor seinem jungen Freunde stehen, ehe er auch diesen aufweckte, um nun seinerseits den Rest der Nachtwache zu übernehmen.

Der junge Indianer schien von einem wüsten Traum gequält, unter dessen Bildern er sich unruhig hin und her warf, während seine Brust in höchster Aufregung keuchte, seine Hand sich ballte. Einzelne Worte und Sätze entrangen sich seinem Munde und verkündeten den Gang seiner Gedanken.

»Bleib!« stöhnte der Träumende, »Dein Athem jagt Feuer durch meine Adern! - Er soll sterben - sterben! Diese Hand - und dann - Dein Leib - lösche das Licht nicht aus - nur einmal noch - Blut - Blut -«

»Wenn ich nicht wüßte, daß der Bursche niemals das Feuerwasser berührt hat und ich selbst auch seit Wochen

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keinen Schluck Rum gesehen habe, würde ich glauben, er sei trunken. Aber wahrscheinlich träumt er von dem Kampf mit dem Grauen Bär, der ihm bevorsteht und es ist besser, daß ich ihn wecke, obschon ich ihm gern noch eine Stunde Schlaf zur Stärkung seiner Muskeln gegönnt hätte!«

Er stieß den Schläfer an, der sogleich emporfuhr und nach seinem Tomahawk griff.

[»]Laß nur sein, Jaguar,« sagte lachend der Trapper, »es ist ein Freund, der Dich berührt hat. Wenn Du willst, magst Du jetzt nach der Verabredung die Wache übernehmen, aber sorge dafür, daß wir zur rechten Zeit wach sind, damit die Schurken sehen, daß wir sie erwartet haben.«

»Mein weißer Bruder möge nicht sorgen,« erwiderte der Indianer, »Wonodongah hat das Ohr eines Bibers.«

»Ich weiß, ich weiß. Da wir aber gerade noch allein sind, möchte ich Dich noch Eins fragen. Dein Benehmen, Jaguar, gegen den Fremden gestern Abend war mir etwas auffallend. Was hast Du noch gegen ihn?«

»Die Offene Hand,« sagte der Toyah, der Frage ausweichend, »soll das Gold José's und seiner Gefährten nehmen. Ich schwöre es! Wenn der Häuptling der Toyah's unterliegen sollte im Kampf, wird Eisenarm ihn den Weg führen und ihm geben, wonach sein Herz verlangt.«

»Ja, ja, das versteht sich von selbst. Er ist der Erbe und keiner von uns denkt daran, es ihm streitig zu machen. Ich gebe es ihm zehn Mal lieber, als dem Lump, der uns belogen hat, obschon die Büchsen, die er uns in San Franzisco kaufte, wirklich nicht schlecht sind. Er muß die Kraft

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eines Büffels haben, wenn er das mit dem Bären gethan, was selbst seine Feinde von ihm berichten mußten und ich freue mich, ihn einmal am Werk zu sehen. Indeß, was ich eigentlich meinte ...«

»Es ist Zeit, daß Eisenarm sich niederlegt,« unterbrach ihn der Indianer, »oder die Kraft seines Armes könnte der des Fremden nachstehen. - Mein weißer Freund kann mir später sagen, was er meint.«

Der Indianer ging zu dem Feuer, warf einige neue Zweige in die Kohlen und setzte sich daran nieder.

Bras-de-fer wußte, daß er jetzt zu keiner Unterhaltung weiter geneigt sein würde und streckte sich daher neben den Franzosen nieder. In wenigen Augenblicken schlief er den Schlaf der Gerechten, unbekümmert darüber, daß in wenigen Stunden er einem Kampf auf Leben und Tod entgegen gehen sollte.

So vergingen wiederum zwei Stunden in tiefem Schweigen. Dann begann im Osten eine leichte Dämmerung das Nahen des Mondes und des Tages zu verkünden.

Jetzt erhob sich der Indianer und trat zu den Schläfern. Sein Auge ruhte lange auf der kräftigen Gestalt des Grafen, erst mit dem Ausdruck von Haß und Feindschaft, der allmälig in den einer tiefen Melancholie sich löste.

Endlich neigte er den Kopf horchend zur Seite, wie, als höre er ein fernes Geräusch und sogleich stieß er jeden der Schläfer an.

Eisenarm und der Graf waren im Nu auf ihren Füßen.

»Es ist Zeit,« sagte der Toyah, »ich höre die Hufe ihrer Pferde.«

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»Dann, Señor Conde,« meinte der Trapper, »legen Sie sich nach unserer Verabredung dort weiter hin an den Hügel. Der Mond wird sogleich aufgehen und der Baum seinen Schatten an jene Stelle werfen. Decken Sie Ihren Hut so über das Gesicht, daß man es auch in der Nähe nicht erkennen kann, während Sie selbst Alles hören und sehen, was vorgeht, und werfen Sie die Decke über Ihre Kleidung, Ich freue mich auf das Gesicht, was der Bär machen wird, wenn er erfährt, daß der Mann unser Dritter ist, der ihn in der Hacienda del Cerro so tüchtig den Boden küssen ließ.«

Der Graf that, wie ihm gerathen war; als er sich niederlegte, vernahm selbst sein an das Belauschen der Wildniß nicht gewöhntes Ohr das Nahen von galopirenden Pferden.

Am östlichen Horizont, den man durch den Eingang des Thals sehen konnte, stieg die große Scheibe des Vollmonds eben mit mattem Licht empor, das bereits durch die Dämmerung des nahenden Tages gebrochen war.

In demselben Augenblick erschienen in diesem Eingang auf dem hellen Hintergrund die dunklen Gestalten von drei Reitern und naheten sich mit Windeseile. Wenige Momente darauf hielten sie in der Mitte des Thales an der Stelle, wo während der Nacht das Feuer gebrannt und sich jetzt noch ein leichter Rauch in die Morgenluft kräuselte.

Der Trapper und der Indianer, auf ihre Büchsen gelehnt, standen regungslos an ihrem Platz.

»Der dritte Vollmond ist aufgegangen,« sagte der Häuptling der Gileno's mit grimmiger Stimme.

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»Ma-ko-töh ist hier mit zwei Freunden, wie er versprochen und sucht die prahlende Elster der Comanchen.«

»Ma-ko-töh ist ein großer Krieger,« erwiderte der Toyah, jede Gegenbeleidigung verschmähend. »Wonodongah hat ihn erwartet und dankt ihm, daß er gekommen.«

»Ma-ko-töh,« fuhr der Apache fort, »hat zwei Freunde mitgebracht; seine Augen sehen nur ein Bleichgesicht bei seinem Feinde.«

»Es sollte keinen Unterschied machen, auch wenn es so wäre,« bemerkte seinerseits der Trapper. »Wir haben oft genug zwei gegen Euren halben Stamm gefochten! Aber die Augen des Grauen Bären scheinen alt zu werden, wenn er nicht bemerkt, daß dort noch ein Dritter liegt. Er schläft, weil er einen weiten Weg gemacht hat, um uns beizustehen, aber ich versichere Dich, Rothhaut, er wird tüchtig zur Stelle sein, wenn es so weit ist.«

Die Blicke der drei Häuptlinge wandten sich neugierig nach der bezeichneten Stelle, aber diese Regung wurde mit dem indianischen Stoicismus sofort wieder unterdrückt.

»Ich höre einen weißen Hund heulen,« sagte mit Hohn der Gileno. »Wir wollen sehen, ob sein Zahn seiner Kehle gleichkommen wird.«

»Nun, ich denke, Deine Nation kennt Bras-de-fer zur Genüge,« meinte der Trapper, »ohne daß er nöthig hat, viel zu prahlen. Es thut mir nur leid, daß ich diesmal nicht direkt mit Dir zu thun haben soll. Aber ich habe da mit Deinem Gefährten eine alte Rechnung abzuschließen, und bei Gott! das ist eben so viel werth!« Er wies auf den Meskalero, der ihm mit einem Blick giftigen Hasses und

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tückischen Triumphes begegnete. »Ich würde ihn mir herausholen, und wenn er zu diesem Kampfe alle Krieger seines Stammes mit sich gebracht hätte!«

»Weiber schwatzen, Männer kämpfen!« sprach der Gileno, ohne die Andeutung zu beachten. Welche Bedingungen des Kampfes hat der junge Häuptling der Toyah vorzuschlagen?«

»Sie sind kurz, Gileno. Dieses Thal sei der Platz. Jeder Kämpfer mit den Waffen, die er führt, zu Fuß oder zu Pferde. Wenn die Sonne ihren ersten Strahl auf die Quellen wirft, möge der Kampf beginnen.«

»Gut, es sei! Die Scalpe des Jaguar und seiner Freunde werden in den Wigwams der Apachen hängen! - Kommt!«

Er wandte sein Pferd und ritt langsam ohne sich auch nur umzusehen, oder die geringste Vorsicht zu beobachten, zurück nach dem Eingang des Thals, gefolgt von den beiden andern Häuptlingen. In der Entfernung von etwa tausend Schritten sah man sie Halt machen und von den Pferden steigen.

Sogleich sprang der Graf vom Boden auf und gesellte sich zu seinen beiden Genossen. Eisenarm setzte ihn von den getroffenen Verabredungen in Kenntniß, denn die Verhandlung war in der Sprache der Apachen geführt worden und machte ihn darauf aufmerksam, daß die Gegner außer Büchse und Tomahawk auch ihre Lanzen hätten, mit denen sie sehr geschickt umzugehen wüßten.

Der Graf führte außer der Büchse seinen starken Hirschfänger, Eisenarm Büchse und Messer, der Toyah

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statt des letzteren den Tomahawk. Das Gewehr des Yankee und sein Messer beschloß man für den erwarteten Ueberfall der Bande aufzusparen und an den Ort zu bringen, an den man sich alsdann zur concentrirten Vertheidigung zurückziehen wollte.

Dies waren die Ruinen des ascetischen[aztekischen] Tempels und der Trapper lachte vor sich hin, als er sich erinnerte, wie leicht sie hier den tückischen Plan vereiteln könnten, wenn ihnen nur vorher das Glück treu blieb. Dann aber wurde seine Stimmung ernster und er wandte sich zu seinen beiden Genossen.

»Es ist immer gut, Jaguar,« sagte er, »wenn man daran denkt, daß der Kampf Einen oder den Anderen von uns das Leben kosten kann, denn wir haben es mit berühmten Kriegern zu thun und der Gang einer Kugel ist nicht zu berechnen. Gott sei Dank, ich wüßte nicht, daß ich Etwas gethan habe, was hindern möchte, daß ich mit Deinem Vater, Toyah, und manchem, alten Freund dort oben wieder zusammentreffen kann, wenn der liebe Gott oder der große Geist, was am Ende Eins und dasselbe ist, die weißen und die rothen Männer in einen Himmel zuläßt. Verwandte und Blutsfreunde habe ich auch nicht, so viel ich weiß, und so macht mir nur Eins Sorge, der Gedanke an das arme Mädchen, Deine Schwester, und daß wir sie in so zweifelhafter Lage zurücklassen müssen.«

»Comeo!«

Der Ton, mit welchem der Indianer den Namen nannte, war der eines tiefen Gefühls.

»Wenn Sie mir versprechen wollen,« mischte sich der

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Graf ein, »daß Sie Ihrerseits im Fall mir etwas Menschliches begegnet, mein Testament als redlicher Mann ausführen wollen, verpfände ich Ihnen mein Ehrenwort, wenn ich glücklich davon komme, für das junge Mädchen zu sorgen, als wäre es meine eigene Tochter.«

»Wir danken Ihnen, Señor, und nehmen Ihr Anerbieten an.«

»Wie lange habe ich noch Zeit?«

»Eine volle Viertelstunde, Señor.«

»Das genügt.« Er setzte sich nieder und schrieb auf zwei Blätter seiner Schreibtafel einige Bestimmungen. Dann schloß er das Portefeuille und verbarg es unter einem Stein.

»Wenn ich falle,« sagte er - »so bringen Sie diese Brieftasche meiner Gattin und meinem alten Freunde und Diener Bonifaz, denn ich hoffe, Sie werden die Meinen dann aus ihrer gegenwärtigen Gefahr befreien. Mein Sohn ist der einzige Erbe, den ich habe, oder ich bin viel mehr hier nur sein Vertreter; denn Ihr Freund José hat ihn mit jener Gabe zu seinem wirklichen Erben eingesetzt. Sie werden von dem Schatze so viel nehmen, um meine Leute zu belohnen und seine Erziehung zu sichern bis die Zeit gekommen ist, die ich in jenem Papier bestimmt habe. Bonifaz ist ein Mann, dem Sie in jeder Beziehung vertrauen können.«

»Es soll geschehen. Jetzt - sehen Sie Ihre Waffen nach - denn dort wird gleich der erste Sonnenstrahl hervorbrechen und ich sehe die Schurken ihre Pferde besteigen.«

Der Graf nahm lächelnd seine Büchse in den Arm

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und stellte sich an den Ort, den er sich dazu ausersehen. In etwa zwanzig Schritten Entfernung von einander nahmen Eisenarm und der Jaguar ihren Platz, nachdem der Erstere seinem jungen Freunde die Hand gedrückt und ihn ermahnt hatte, ruhig und fest zu zielen.

Der Gebrauch bei diesen gar nicht seltenen indianischen Zweikämpfen oder Einzelgefechten verbietet es, gegen die sonstige gewöhnliche Kampfweise, einen Versteck oder eine Deckung zu suchen. Angriff und Vertheidigung müssen gleich offen und frei geschehen. Die Sekundanten wählen ebenso wie die eigentlichen Kämpfer ihren Gegner und dürfen sich nur an diesen halten, ohne ihren Freunden zu Hilfe zu kommen. Flucht oder Rückzug kommt nur selten vor, der Kampf endet gewöhnlich mit dem Tode eines oder des anderen der Gegner.

Der erste Sonnenstrahl leuchtete aus der Wüste herüber und traf die mächtige Felsenwand gleich der Memnonssäule. Auch der tönende Klang fehlte nicht - nur war es ein wilder gellender Ruf, dem der rasende Galop dreier Rosse folgte.

»Sie kommen - festgestanden, Freunde, und gut gezielt!«

In einer Linie kamen die drei Häuptlinge der Apachen im wüthenden Karriere heran, die Körper dicht auf die Mähne ihrer Rosse vorgebeugt, die lange Lanze vorgestreckt mit jener schwankenden vibrirenden Bewegung, welche die Spitze einen Zirkel beschreiben und sie doch im Augenblick des Stoßes die Größe eines Dollars nicht verfehlen läßt. Das Heranstürmen, die ganze Bewegung der

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wilden Krieger war so schnell, daß trotz der Vorbereitung darauf die drei Gefährten keinen Schuß anzubringen vermochten, denn es gilt für eine Schmach, das Pferd statt des Reiters zu treffen.

Der Toyah, an diese Kampfart der Wüste gewöhnt, warf sich im Moment, als ihn die Lanze treffen sollte, zu Boden und das Pferd sprang über ihn weg. Im nächsten Augenblick hatte er sich wieder erhoben, stieß den Kriegsruf seines Stammes aus und warf die Büchse an die Wange. Zugleich hatte der Gileno mit unglaublicher Gewandtheit sein Roß gewendet, die mit einem Riemen am Sattel befestigte Lanze fallen lassen und gleichfalls nach seinem Gewehr gegriffen. Die beiden Schüsse fielen fast im selben Moment, aber keine der Kugeln traf bei den heftigen Bewegungen, und Makotöh warf die Büchse fort, riß die nachschleppende Lanze vom Boden empor und spornte sein Pferd auf's Neue gegen seinen jungen Feind.

Eisenarm hatte sicher einen gleichen Angriff erwartet, aber nicht die Tücke des Meskalero dabei genug in Anschlag gebracht, und dies hätte beinahe sein Leben gekostet. Er parirte den Stoß der Lanze mit dem Lauf seiner Büchse, und bemerkte zu spät, daß dieser nur eine Finte gewesen war und der Häuptling neben dem Schaft seine Flinte in Bereitschaft hielt. In dem Augenblick, wo Wis-con-Tah an seinem gefürchteten Gegner vorüberschoß, ließ auch er die Lanze fallen, warf sich zurück auf die Kruppe des Pferdes und feuerte rückwärts, ehe der Trapper seine Waffe erheben konnte, und dies in so großer Nähe, daß das Pulver seinem Gegner das Haar versengte.

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Eben dieser Umstand war auch wahrscheinlich die alleinige Rettung Eisenarms. Die Kugel schrammte seinen Schädel, riß die Otterfell-Mütze von seinem Haupt und fuhr in den Stamm des nächsten Baumes, während der Pulverblitz und der Dampf seine Augen blendeten. Unter diesem Schutz war das Pferd des Meskalero bereits mindestens zweihundert Schritt entfernt und er jagte in großem Halbbogen um die Kämpfenden her, mit dem ganzen Körper an der entgegengesetzten Seite des Pferdes hängend, so daß höchstens die in die Mähne geklammerte Hand einen Zielpunkt geboten hätte.

Eisenarm, die Betäubung von sich schüttelnd, die ihm über die Schläfe rinnenden Blutstropfen nicht achtend und voll Erbitterung über den Streich, der ihm gespielt worden, folgte jetzt trotz der Entfernung im Anschlag allen Bewegungen des Reiters, ein neues Anstürmen erwartend. Aber der schlaue Häuptling wußte sehr wohl, daß er nur einmal seinen gefährlichen Gegner täuschen konnte. Die frühere Lection an seinem eigenen Nacken hatte ihn diese Büchse zur Genüge fürchten gelehrt, und nachdem er sich überzeugt, daß sein Angriff mißlungen, dachte er nicht daran, ihn zu wiederholen, sondern jagte - sobald er außer Schußweite war, sich wieder empor schwingend - mit gellendem Hohngeschrei davon und dem Ausgang des Thales zu.

Sehr verschieden war dagegen der Erfolg des Grafen.

Es war hell genug, daß der ansprengende Häuptling der Mimbreno's schon in einiger Entfernung die Gestalt und das Gesicht des gefürchteten Führers der weißen Abenteurer erkennen konnte, mit dem er bei dem Gefecht auf

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dem Rückzug der Apachen von der Hacienda und später wiederholt, wenn auch nicht im unmittelbaren Kampf zusammengetroffen war, und den er jetzt eingeschlossen auf der viele Leguas entfernten Insel des Stromes glauben mußte. Mit einem Ruf unverholnen Schreckens riß er mitten im Anspringen sein Pferd zurück, und dieses stieg grade vor dem Grafen in die Höhe, auf seine Hinterfesseln sinkend und mit den Vorderhufen die Luft schlagend. Der Franzose, ohne sich zu besinnen, ließ seine Büchse fallen, faßte die Hufe des Mustangs und stürzte Roß und Reiter kopfüber zurück.

Ein einziger Schrei antwortete der kecken und seltsamen That. Das Pferd wälzte sich einige Augenblicke am Boden, sprang dann auf und rannte davon, die am Sattel hängende Lanze seines Herrn hinter sich drein schleifend. Dieser aber blieb regungslos liegen, und als der Graf zu ihm sprang, den Hirschfänger in der Hand, starrte ihn das eine Auge des Gefallenen weit geöffnet mit schrecklichem Ausdruck aber bewegungslos an, - der Häuptling der Mimbreno's hatte bei dem Sturz das Genick gebrochen. -

Dies Alles war fast zugleich und in dem Zeitraum weniger Minuten vor sich gegangen. Als der Graf sich jetzt, von seinem eigenen Gegner befreit, nach seinen Gefährten wandte, sah er Eisenarm auf seine Büchse gestützt bereits einer neuen und höchst aufregenden Phase des Kampfes zuschauen.

Wir haben den Toyah in dem Augenblick verlassen, als er und sein Gegner vergeblich ihre Büchsen abgefeuert hatten und der Gileno sich eben anschickte, auf's Neue auf

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ihn einzudringen, während der Jaguar sich bereit hielt, ihm mit dem Tomahawk zu begegnen.

In diesem Augenblick rannte das wild gewordene Pferd Mechokans[Mechocans], des »Fliegenden Pfeil« an ihm vorüber. Mit der Schnelle des Gedankens änderte er sofort seine Absicht, steckte das Beil in seinen Gürtel und faßte den einfachen Lederstrick, welcher den Zaum des Thieres bildete. Im nächsten Augenblick hatte er sich auf seinen Rücken geschwungen, die Lanze aufgerafft, und sprengte in halber Volte seinem Feinde entgegen.

Vor den Blicken der beiden noch mit ihren nicht abgeschossenen Büchsen bewaffneten aber gezwungen unthätigen Zuschauer entwickelte sich nun ein Wettstreit an Reiterkünsten, wie der Graf sich nicht erinnerte, selbst in den Fantasia's der Araber in gleicher Gewandtheit und Kühnheit gesehen zu haben. Die beiden Reiter stürzten in wildem Anprall auf einander los, glitten zur Seite, wichen den Stößen ihrer Lanzen aus, indem sie sich auf die Kruppe ihrer Pferde zurückbeugten oder sich, nur mit Zehen und Hand sich noch anklammernd fast unter den Bauch der Mustangs warfen, - und übten hundert Künste, wie sie selbst die Manege eines Renz oder Dejean, oder die Kämpfe der wilden Reiter vom Don gegen die Tscherkessenhelden nicht zeigen, und zerstampften den Boden weit um mit den Hufen ihrer Rosse.

Bereits blutete der Toyah aus einer leichten Wunde am Schenkel und es konnte den sachkundigen Augen der beiden Zeugen nicht verborgen bleiben, daß sein Pferd weit weniger kraftvoll und lenksam war, als das starke und

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hohe Thier, das die mächtige Gestalt des Gileno trug. Der junge Comanche ward gegen das Ufer des Baches getrieben, und konnte nicht mehr ausweichen, als Makotöh, um mit einem Schlage der Sache ein Ende zu machen, mit der vollen Wucht seines Rosses und die Lanze mit starker Faust eingelegt, gerade auf ihn los sprengte. Ein Ruf ängstlicher Besorgniß entfuhr den Lippen des Trappers, - aber er hatte zu früh gebangt. Wonodongah hielt seinen Mustang an, warf sich zur Seite des Thiers und empfing mit der Spitze des Speers den Anstürmenden. Das scharfe Rohr traf die linke Seite des Häuptlings und drang durch den ganzen Körper unter der Schulter wieder heraus, an dem Leibe von dem gewaltigen Anprall abbrechend, der den Toyah und sein Pferd in das Wasser stürzte, wo der junge Held unter das schlagende Thier zu liegen kam, während das Pferd des Gileno am Ufer sich feststemmte. Im selben Moment auch sprang der furchtbare Reiter, während ein Strom von Blut aus seiner Seite stürzte und blutiger Schaum auf seine Lippen trat, mit einer Kraft, die der Zähigkeit und Wuth des sterbenden Thiers glich, dessen Namen er führte, aus dem Sattel, nahm den Tomahawk aus seinem Gürtel und schritt in das Wasser auf seinen gefallenen wehrlosen Feind zu, dem er den Fuß auf die Brust setzte. Die Faust schwang wild um das Haupt den im Sonnenlicht funkelnden Stahl, als die mächtige Gestalt hin und her zu wanken begann, und es hätte kaum erst der Kugel des Franzosen bedürft, die in demselben Augenblick, als vom Eingang des Thals her ein gellendes

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Geheul herüberschlug, ihm den Kopf zerschmetterte, um den halb erstickten und ertränkten Toyah zu retten.

Eisenarm war es, der selbst in diesem Augenblick seine Ruhe und Umsicht nicht verlor. Mit dem Rufe: »Nach der Ruine, Herr, so rasch Sie laufen können!« sprang er in das Wasser, riß unter dem Pferd und dem Körper seines sterbenden Feindes den Comanchen hervor und trug und schleifte ihn nach dem Eingang des Tempels, während mit gellendem Geheul wohl an dreißig Apachen unter der Anführung der »Schwarzen Schlange« auf ihren Mustangs heranstürmten.

Graf Boulbon hatte die Geistesgegenwart, die wilden Reiter mit dem Anschlag seiner Büchse zu bedrohen, obschon diese abgeschossen war, und so gelang es, den Toyah glücklich in den Eingang des Tempels zu bringen, ehe die vordersten Reiter sie von demselben abzuschneiden vermochten. Gleich nachher waren alle Apachen um die beiden Todten versammelt und ihr Geschrei verkündete ihre Wuth und Erbitterung über den Verlust ihrer beiden tapfersten Krieger.

Wis-con-Tah hatte die wilde Schaar, die bei dem Knall der Schüsse herbeigekommen und welcher er daher auf seiner schmählichen Flucht schon am Eingang des Thals begegnet war, zwar bei dem wilden Ansturm geleitet, sich alsdann aber, als er dessen Zweck vereitelt sah, möglichst außer Schußweite gehalten, und befahl jetzt, den Leichnam Ma-ko-töh's zurückzubringen und die Pferde zusammen zu koppeln. Nachdem dies geschehen, ordnete er mit der Umsicht eines erfahrenen Kriegers den Angriff gegen die Ruinen, indem

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er nach indianischer Sitte mit einer geschickten Rede die Rachgier und Erbitterung der Bande auf das Höchste steigerte. Die Apachen rannten wie wahnsinnig umher, drohten mit den Waffen und Fäusten nach dem Versteck ihrer Gegner und verlangten ungestüm von ihrem vorsichtigen Führer zum Ansturm gegen die Ruinen geführt zu werden.

Aber der listige Häuptling der Meskaleros wußte sehr wohl, daß sich dort jetzt drei gefährliche Büchsen befanden, und wenn es auch nicht zu bezweifeln war, daß bei einem muthigen Angriff die drei Feinde unterliegen mußten, so wollte er doch so wenig Krieger als möglich dabei verlieren, um dann einen desto größeren Triumph zu feiern. Im Ganzen verursachte ihm der Fall des »Grauen Bären« wenig aufrichtiges Bedauern; denn dessen rohe Heftigkeit hatte zu oft seine schlausten Pläne durchkreuzt und ihn in Schatten gestellt. Jetzt war er unbezweifelt der bewährteste und einflußreichste Häuptling seiner ganzen Nation, namentlich wenn es ihm jetzt noch gelang, drei so gefürchtete Feinde wie Eisenarm, den Toyah und den berühmten Anführer der Weißen zu fangen oder zu tödten.

Auf der andern Seite durfte er die Erregung und Rachgier seiner Krieger nicht verrauchen lassen und mußte daher den Angriff schnell beginnen. Er suchte daher die Tapfersten aus, ließ sie nur ihre Messer und Tomahawks behalten und befahl ihnen, von den Seiten her unter Benutzung jeder Deckung gleich den Schlangen im Grase kriechend sich dem Eingang zu nähern, während die mit Flinten Bewaffneten von Baum zu Baum vordringend ein fortdauerndes Feuer auf die Oeffnungen und Alles, was

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sich zeigen möchte, unterhalten sollten, bis er das Zeichen zum Angriff geben würde.

Diesen Befehlen wurde alsbald Folge geleistet.

Wie Schlangen wanden sich die Apachen heran, während zehn Flinten fortwährend ihre Kugeln gegen den Eingang des Tempels sandten, in dessen dunkler Oeffnung die Angreifenden, als sie näher kamen, die Gestalt eines Mannes erblickten.

Endlich warf eine der zahlreichen Kugeln diese zu Boden und sogleich gab der Häuptling mit einem Ruf das Zeichen zum Angriff. In langen Sprüngen stürzten die Krieger mit geschwungenem Tomahawk unter wildem Geheul nach dem Tempel und drangen hinein, ohne einen Widerstand zu finden, ohne einer Kugel aus dem sicheren Rohr Eisenarms und seiner Begleiter zu begegnen; denn vergeblich gellte der Ruf durch den öden unheimlichen und nur spärlich beleuchteten Raum, - vergeblich wurden der Tomahawk und das Messer geschwungen, - der Tempel war leer bis auf die schwarze, jetzt von Kugeln zerrissene Leiche des Yankee.

Bei diesem Anblick erfaßte das Grauen des Aberglaubens die rohen Krieger, die weit durch die Einöde verbreiteten Sagen von den dämonenhaften unheimlichen Bewohnern des Ortes kehrten zurück in ihre Erinnerung und überwältigten selbst den Muth des tapfersten Kriegers, und zitternd entflohen sie der schrecklichen Stätte und drängten hinaus in's Freie.

Aber hier erwartete sie ein neuer Schrecken.

Der Angriff auf die Ruinen hatte selbst die Aufmerksamkeit

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des schlauen und vorsichtigen Häuptlings der Art in Anspruch genommen, daß er auf keinen anderen Gegenstand achtete, und als er jetzt zufällig sich nach dem Eingang des Thales zurückwandte, mit Erstaunen dort eine der seinen wohl zweifach überlegene Schaar von Reitern herangalopiren sah. Anfangs glaubte er, daß es der Rest seiner zur Belagerung der Insel zurückgelassenen Bande war, die, durch irgend ein Ereigniß veranlaßt, ihnen nachgefolgt sei, aber bald überzeugte ihn die wohlbekannte Gestalt Kreuzträgers, der in der Mitte der herankommenden Schaar ritt und sie mit seinem Zuruf anfeuerte, und der Schlachtruf der alten Feinde seiner Nation, daß die Nahenden feindliche Indianer sein mußten.

Sein gellender Pfiff rief seine Krieger herbei und alle eilten Hals über Kopf nach ihren Pferden. Aber kaum der Hälfte gelang es, diese zu erreichen und sich hinauf zu schwingen, als die Schaar der Comanchen schon über sie herfiel.

Diesen voran sprengte ein junger Krieger mit der vollendeten Gewandtheit eines indianischen Reiters - und anerkannt sind die Comanchen die besten der Welt - und schwang seinen langen Rohrspeer. Eisenarm, der mit dem Jaguar und dem Grafen jetzt plötzlich auf der ersten Terrasse des Tempelbaues erschien, konnte bemerken, wie der junge Häuptling, denn ein solcher mußte er nach der Malerei seines Gesichts und den Federn auf seinem Haarbusch sein, sich sorgfältig vor dem alten Wegweiser hielt und jede Gefahr von ihm abzuwenden bemüht war.

Es folgte ein kurzes Gefecht, in welchem der schwache

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Widerstand der Apachen bald gebrochen wurde. Keiner entging dem rächenden Beil oder der Lanze, bis auf den Häuptling selbst, der offenbar vorzüglich beritten war und von Beginn des Gefechts an nur auf seine persönliche Rettung gedacht hatte.

Ihn hatten sich sowohl der junge Comanchenhäuptling als auch der alte Wegweiser hauptsächlich zum Ziel ihres Angriffs genommen. Da sie aber wiederholt durch das Gedränge der eigenen Reiter von ihm abkamen, gelang es Wis-con-Tah, ihnen mit seinem flüchtigen Renner in weitem Bogen den Vorsprung abzugewinnen, und, verächtlich die Hand gegen seine Feinde schüttelnd, setzte er über den Bach und jagte dem Eingang des Thales zu, sicher jetzt, dem Gemetzel zu entkommen.

In diesem Augenblick hob Eisenarm seine Büchse, warf sie an die Wange und feuerte.

Die Kugel traf das Pferd des Meskalero mitten in den Kopf - es that noch einen Sprung vorwärts und stürzte zusammen. Der Häuptling hatte sich im Augenblick rechtzeitig aus dem Sattel geschwungen und stand am Boden, die Büchse in der Hand - er war verloren!

So boshaft, hinterlistig und schlecht auch die »Schlange« war, in diesem Augenblick, wo er fühlte, daß seine Stunde gekommen, war der Apache ganz der indianische Krieger voll Todesverachtung und trotziger Herausforderung. Er stieß das Kriegsgeschrei seines Stammes aus und wandte sich kühn gegen seine Feinde.

Die nächsten derselben waren der junge Comanchenhäuptling und Kreuzträger. Sie sprengten Beide aus

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verschiedenen Richtungen gegen den Meskalero heran und schienen von gleichem Eifer beseelt, ihn zu tödten. Der Apache fühlte, daß er nur einen seiner Gegner tödten könne und er schwankte einen Augenblick, welchen er wählen solle, dann hob er die Flinte und schlug auf Kreuzträger an, der kaum noch dreißig Schritte entfernt war.

Bei dieser Bewegung zerriß ein schneidender gellender Ruf die Luft:

»Père, garde toi!«

Der Wegweiser riß sein Pferd zurück bei dem Ton dieser Stimme, daß es auf seine Hacken sank, während er in der höchsten Bestürzung rings umsah, gleichgültig gegen die Gefahr, die ihn bedrohte.

So empfing er die Kugel des Apachen mitten auf der Brust und sank rücklings vom Pferde.

Ein Schrei des Schmerzes, des Entsetzens drang aus dem Munde des jungen Häuptlings, und im nächsten Augenblick begrub seine Hand mit so gewaltigem Schlage den Tomahawk in dem Haupte des Meskalero, daß die Schneide des Stahls bis auf die Kinnknochen drang.

Im Nu war der Comanche vom Pferde und warf sich neben Kreuzträger auf die Knie, mit den zärtlichsten Worten bemüht, ihn in's Leben zurückzurufen und sich anklagend, daß er schuld sei an seinem Tode.

- Das Gefecht war unterdeß zu Ende gegangen und nicht Einer der Apachen hatte Pardon erhalten. Ihre blutigen Leichen lagen auf dem Grunde umher und die wilden Krieger sammelten sich um ihren jugendlichen Führer,

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zu dem auch Eisenarm und seine beiden Gefährten getreten waren.

Der alte Mann lag noch immer ohne Bewußtsein, und schien zum Tode getroffen, obschon äußerlich keine Spur der Blutung zu sehen war. Endlich begann er sich zu regen und schlug in den Armen des jungen Kriegers die Augen auf.

»Was ist geschehen, Freunde?« murmelte er - »diese Stimme - ich hörte sie deutlich, und doch - es ist unmöglich!«

»Es war die Stimme Deines Sohnes!« sagte der junge Krieger mit tiefer Rührung - »Dein Ohr hat Dich nicht getäuscht, es ist Dein Robert, der zu Dir spricht! - Krieger einer großen und tapfern Nation, seht hier den Vater Dessen, dem Euer Mitleid das Leben gerettet, und der seinen todtgeglaubten Erzeuger in der Stunde verlieren soll, da Gott, der große Geist! Vater und Kind wieder zusammen geführt hat!«

Die unerwartete Entdeckung war zu viel für die erregten Nerven Kreuzträgers gewesen und er auf's Neue in Ohnmacht gesunken. Während dessen hatte Eisenarm das Nöthigste gethan, das Jagdhemd des alten Wüstengängers geöffnet und nach seiner Verletzung gesehen. Zu Aller Erstaunen fand sich keine andere, als eine rothe blutunterlaufene Quetschung mitten auf der Brust, und als die Hand die Kleider weiter beseitigte, fiel die abgeplattete Kugel ihr zwischen die Finger.

Das silberne Kreuz, das er so lange zum Schrecken seiner Feinde getragen, hatte ihm das Leben gerettet. An der starken Silberplatte hatte die Kugel nicht durchschlagen

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können und sie nur zusammengebogen und mit gewaltigem Schlag den Alten zu Boden geworfen.

Eisenarm sah voll Theilnahme auf den jungen Krieger.

»Wenn Du wirklich der Sohn dieses braven Mannes bist,« sagte er freundlich, »obschon wir nie gehört haben, daß er von dem furchtbaren Schicksal gerettet worden, was ihm jener erschlagene Satan dort bereitet hatte, so laß Deinen Vater bei seinem Erwachen das wahre Gesicht seines Kindes sehen. Gehe zum Bach und wasche die indianische Malerei ab, ehe er erwacht.«

Der junge Comanchen-Krieger erhob sich - jetzt im vollen Licht des Morgens konnte man erkennen, daß die Farbe seiner Haut zwar tiefgebräunt war, aber doch nicht der seiner wilden Gefährten glich.

»Woykas, der Sohn des Büffels,« sagte er mit einem Gemisch von indianischer Prahlerei und Gefühl, »hat das Herz eines Comanchen und seine Brüder haben ihn zu ihrem Führer gemacht. Aber das Auge eines Vaters ist noch nicht gewohnt, den Sohn in den Farben seiner neuen Brüder zu sehen.«

Er ging nach dem Bach und entfernte die grimmige Malerei, die sein Gesicht entstellte.

Er hatte kaum wieder den Platz neben dem Wegweiser eingenommen, und ihn gleichfalls mit dem frischen Wasser der Quelle begossen, als der alte Mann erwachte, und sein erster Blick auf das Gesicht seines todtgeglaubten Kindes fiel.

»Robert, mein Sohn? ist es Dein Geist, oder bist Du es wirklich?«

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Die Arme, die ihn umschlangen, bewiesen ihm die Wirklichkeit! - -

Selbst die Indianer, meist junge Männer, die unter der Leitung einiger erfahrenen älteren Krieger einen Jagdzug an die Ufer der Seen von ihrem weit entlegenen Gebiet her unternommen hatten und dann von ihrer Jagdlust bis an die Sierra verlockt worden waren, um dort die Spuren von Bären aufzusuchen, ehrten mit theilnehmendem Schweigen die ersten Augenblicke des Wiederfindens zwischen Vater und Sohn.

Robert Saville hatte seinen Vater bereits erkannt, als dieser gegen Morgen nach langem und mühseligem Umherirren auf den Lagerplatz der Comanchen gelangte. Die indianische Erziehung, die er unterdeß erhalten, und die namentlich den jungen Männern die Aeußerungen des Gefühls als weibisch verbietet, hatte ihn abgehalten, sich sofort zu erkennen zu geben, und als er erst vernommen, daß es galt, die apachischen Häuptlinge zu überfallen, die das Verderben seiner Familie mit so teuflischer Grausamkeit herbeigeführt hatten, beschloß er um so mehr, sich erst dann zu erkennen zu geben, wenn er zugleich als Rächer der Seinen sich zeigen konnte.

Das Schicksal des jungen Mannes war bald erklärt.

Der Leser wird sich erinnern, daß jener Akt des schändlichsten Verraths in der Nähe des Lago verde, also viel weiter südöstlich von den Hauptorten unserer Erzählung gespielt hatte. Während der Büffel, der den amerikanischen Kapitain davon trug, an den Ufern des Sees unter dem Messer des Offiziers verendete, hatte das andere Thier seine

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Richtung nach Osten genommen, zurück nach den Ufern des Rio del Norte. Mehrere Stunden hatte der Knabe trotz seiner Erschöpfung die furchtbare Qual ausgehalten, dann aber waren ihm die Sinne geschwunden.

Wie lange und wie weit das rasende Thier mit ihm gerannt, ist nie ermittelt worden. Als er endlich wieder zur Besinnung kam, befand er sich viele Tagereisen entfernt von den Ufern des Sees und wie er annehmen mußte, von der Todesstätte seiner Eltern und Freunde, in einem Dorfe der Comanchen jenseits des großen Flusses. Viele, viele Tage waren vergangen, seit umherstreifende Jäger dieses Volkes den Büffel verendet in der Wüste gefunden hatten und auf ihm den leblosen Knaben. Als sie an dem Unglücklichen noch unzweifelhafte Spuren des Lebens entdeckten, boten sie alsbald jede Mühe auf, den verglimmenden Funken wieder anzufachen, indem sie in dem auf so unerklärliche Weise zu ihnen Gekommenen ein Geschenk des Himmels erblickten, gemäß der zufälligen Prophezeihung eines ihrer Wahrsager, der dem Stamme einen besonderen Segen des großen Geistes auf diesem Jagdzug verheißen hatte. Dieser Aberglaube, an welchem der Stamm noch immer festhielt, war dem unglücklichen Knaben zum großen Nutzen geworden. Die Jäger, die ihn gefunden, warteten des Bewußtlosen und dann Sinnverwirrten mit all' jener Rücksicht, welche die ihres Verstandes Beraubten stets unter den Indianern genießen, und brachten ihn nach dem Dorf ihres Stammes. Hier lag der Unglückliche lange in völliger Sinnenverwirrung, aus der endlich seine kräftige Natur ihn wieder zur geistigen und körperlichen Gesundheit zurückführte.

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Doch war - wie in Fällen geistiger Krankheiten nicht selten beobachtet wird - anfangs die Erinnerung an die früheren Verhältnisse und Ereignisse gänzlich ausgelöscht und Jahre gingen darüber hin, ehe sie nach und nach wieder in seiner Seele auftauchten und durch die Erzählung seiner Retter zum klaren Bewußtsein wurden.

Unterdeß war er von dem Stamm nach indianischem Brauch als Sohn adoptirt worden und hatte mit den Jünglingen die Erziehung eines Jägers und Kriegers erhalten, die ganz seiner ursprünglichen Natur und seinen Neigungen entsprach. Der Stamm gehörte zu den wandernden Völkerschaften und hatte bald nach seiner Genesung seinen Wohnsitz in die weiten Prairieen auf der Texas-Seite des Rio del Norte verlegt. Robert Saville, der anfangs selbst seinen Namen vergessen, wurde fortwährend mit großer Vorliebe, ja Verehrung von den Matero's behandelt, die das zufällige Gelingen mehrerer kriegerischen Unternehmungen und die glücklichen Ergebnisse ihrer Jagdzüge der Anwesenheit des vom Großen Geiste ihnen geschenkten Sohnes zuschrieben. Ueberdies gewahrten seine Sprachkenntnisse im Tauschhandel mit den Weißen, und mancherlei in der Civilisation erlangte Fertigkeiten und Kenntnisse ihnen bedeutende Vortheile. So war es gekommen, daß er schon nach seinem ersten Kriegszug, in welchem der erste Häuptling des Stammes gefallen war, trotz seiner Jugend zum Nachfolger in dieser Würde gewählt wurde.

Erst seit etwa einem Jahre war der Stamm wieder auf seine alten Wohnstätten diesseits des Rio del Norte zurückgekehrt, und Robert, oder Woykas - der Sohn des

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Büffel - der sich sonst ganz in indianische Sitten und Weise eingelebt, hatte jetzt Gelegenheit genommen, einen längeren Jagdzug bis an die Ufer des Lago de Agua verde zu machen, um die Todesstätte seiner Eltern, die »Quelle der Engel« zu besuchen. Er hatte nie einen Zweifel gehegt, daß alle Mitglieder seiner Familie ein Opfer der teuflischen Bosheit des Meskalero und seiner Genossen geworden waren, und war in diesem Glauben vollends durch den Anblick der Grabhügel bestärkt worden, welche die Theilnahme des amerikanischen Kapitains und der weißen Jäger über den Resten der Verschmachteten aufgeworfen hatte, als sie Kreuzträger und die junge Frau aus ihrer fürchterlichen Lage erlösten.

Alles Uebrige ist bereits erwähnt.

Zur Fehde wie zur Jagd auf einem so weiten Zuge durch das Gebiet feindlicher Stämme gleich gerüstet, war den jungen Kriegern Nichts willkommener gewesen, als die Botschaft Kreuzträgers, und nach kurzer Berathung hatte die ganze Bande alsbald ihr Lager abgebrochen und sich auf den Weg gemacht, um die Apachen in dem Thale der Quellen zu überraschen.

Natürlich waren nach dem errungenen Siege jetzt Alle darüber einverstanden, denselben weiter zu verfolgen, und die zur Blokirung der Insel Zurückgebliebenen zu überfallen und zu vernichten.

Ueber diesen Punkt hielten, nachdem den Gefühlen und Erinnerungen des Wiederfindens ihr Recht geschehen, Kreuzträger, Eisenarm und der Graf mit dem jungen Häuptling und den angesehensten Kriegern der Comanchen

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eine längere Berathung. Man wird sich erinnern, daß Kreuzträger und der Graf ihr Wort verpfändet hatten, bis zum zweiten Morgen zu den Belagerten auf der Insel zurückzukehren oder ihnen Beistand zu bringen. In Folge einer Unterredung mit dem Grafen übernahm es Kreuzträger, diese Verpflichtung zu erfüllen, während der Graf mit Eisenarm und Wonodongah in dem Thale zurückbleiben und erst am nächsten Tage nachfolgen wollte.

Die aufgefangenen Pferde der erschlagenen Apachen sollten dazu dienen, dem Grafen und seinen Leuten die auf dem Rückzug nach der Insel verlorenen Thiere zu ersetzen.

Diese Anordnungen hatte Graf Boulbon zum Verfolg seiner Zwecke und zur Bewahrung des Geheimnisses, das er jetzt theilte, für nöthig gehalten und durchgesetzt, während die Comanchen beschäftigt waren, die Leichen der Getödteten mit der des Yankee vereint in einem großen Grabe zu bestatten. Wonodongah trug bereits auf seinen Schultern den Fellschmuck Makotöhs und der junge Häuptling der Matero's hatte sich mit dem Totem des erschlagenen Meskalero geschmückt, obschon er verschmähte, seinen Scalp zu nehmen.

So war der Mittag und die Zeit herangekommen, welche man zum Aufbruch nach der Insel bestimmt hatte. Der Marsch sollte mit aller Vorsicht auf beiden Ufern des Buenaventura und der Ueberfall dann nach indianischer Liebhaberei vor Tagesanbruch erfolgen.

Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben und der Trupp setzte sich alsbald in Bewegung. Graf Boulbon, der einen der erbeuteten Mustangs bestiegen hatte, ritt noch

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eine Strecke neben dem Wegweiser her, ihm allerlei Instruktionen gebend.

Das ganze sonst so ritterliche, freie und offene Wesen des Franzosen begann sich zu verändern. Er vermied es, sich über die Gründe näher auszusprechen, die ihn veranlaßten, mit Eisenarm und dem Toyah hier zurückzubleiben und er betonte sorgfältig den Befehl an seine Leute, auch nachdem die Apachen besiegt und verjagt wären, die Ufer des Flusses an der Insel nicht zu verlassen, sondern auf alle Fälle seine Rückkehr zu erwarten. Nur zuweilen unterbrach diese Bestimmungen der Ausdruck einer trüben Ahnung, und er sprach dann wiederholt von seinem Sohn im fernen Paris.

Endlich, an einer Biegung des zum Fluß anschwellenden Baches, wo sich der Zug der Comanchen-Krieger auf die beiden Ufer vertheilen und so den Weg fortsetzen wollte, hielt der Graf sein Pferd an.

»Leben Sie wohl, Monsieur Kreuzträger!« sagte er hastig - »wenn wir uns wiedersehen, hoffe ich, Ihnen zu beweisen, daß Sie sich keinem Undankbaren verpflichtet haben. Gott hat es mit Ihnen gut gemacht - sein Wille entscheide auch über meine Zukunft!«

Er drückte ihm die Hand, wendete sein Pferd und sprengte davon. Der Gedanke an Das, was ihn erwartete, hatte bereits so ganz seine Seele eingenommen, daß er selbst den Gruß an seine Gattin, an den treuen Freund seiner Jugend und an die wilden, unbändigen aber tapferen Gefährten vergaß, die den abenteuerlichen Zug mit ihm unternommen, der schon so viel Blut und Leiden gekostet hatte.

Das Goldthal.

Gold! - geheimnißvolles, unheimliches Metall - klingendes Wort, das in seinen vier Zeichen alles Dämonische der Menschennatur wachruft - wer hat dich denn eigentlich zum Herrn der Welt gemacht?

Wo kommst du her? - wie entstehst du? - warum bist du geschaffen?

Nutzloser, als das geringste Stück Eisen, bist du doch der irdische Gott; Tugend und Ehre wanken und brechen unter deinem Einfluß - der Mann wird zum Schurken um dich, das Weib verräth selbst ihre Liebe. Alles, Alles ist feil um dich, furchtbares, entsetzliches Metall! Jedes Verbrechen säugst du groß, jede erhabene Handlung maßest du dir an zu bezahlen.

Woher stammt denn deine geheimnißvolle Macht über die Völker der Erde? Ist es, seit Jason das goldene Vließ von Colchis holte oder der Donnerer seinen goldenen Regen in Danae'ns Schoos goß? Ist es das goldene Kalb, das ein verfluchtes Geschlecht als Fluch über die Erde breitete?

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So lange die Geschichte denkt, regiert deine Macht, und je länger sie regiert, desto riesig-furchtbarer wächst sie!

Wurm der Menschheit, zweite Erbsünde, die das Herz tödtet, wie der Tod den Leib!

Gold! - Gold! - Gold!

Sei verflucht, schnödes, gelbes Metall, - verflucht! verflucht! - - -



Graf Boulbon, der ritterliche Graf, der Nachkomme Heinrichs IV. kam im vollen Lauf seines Mustangs zu der Stelle zurückgesprengt, wo Eisenarm und der Toyah saßen.

Wir haben in der Beschreibung der letzten Scenen wenig Gelegenheit und Ursache gehabt, von dem »Jaguar« zu sprechen. Obschon sein Totem es war, dessen Ueberbringung an die stammverwandten Jäger durch Kreuzträger diesem hauptsächlich die allgemeine Bereitwilligkeit sichern half, den Verrath der Apachen zu strafen und den Bedrohten beizustehen, hatte der Toyah nach dem Erscheinen der Hilfe doch wenig mit den Matero's verkehrt und sich wieder still in sich zurückgezogen. Vergeblich suchte der Trapper durch die Besprechung der Einzelnheiten des Zweikampfes ihn anzureizen und auf seinen Sieg stolz zu machen, indem er ihm weitläuftig auseinandersetzte, daß es nicht erst der Kugel des Grafen bedurft hatte, den Grauen Bär zu fällen. Dies that der ehrliche Trapper, weil es ihn noch immer bedünken wollte, als hege sein junger Freund einen gewissen Widerwillen gegen den tapferen Franzosen.

Aus diesem Grunde auch erörterte er jetzt nochmals

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die Ansprüche des Grafen auf die Theilnahme an dem Geheimniß und den Besitz der Schätze des Goldthals.

Der Toyah unterbrach ihn unwillig.

»Mein weißer Bruder verschwendet den Hauch seines Mundes,« sagte er. »Die Offene Hand möge alles Gold der Berge nehmen - Wonodongah bedarf seiner nicht.«

»Aber er muß den Eid leisten, den wir Drei einander geschworen haben, als uns der Zufall, oder vielmehr der Finger Gottes das Geheimniß entdecken ließ?«

Der Indianer lächelte mit einem gewissen Hohn. »Die weißen Männer lieben das Gold, - sie können nie dessen genug haben. Die Offene Hand wird keinem anderen menschlichen Ohr das Geheimniß des Goldthals offenbaren - Eisenarm möge dessen versichert sein.«

»Wohlan denn, so soll es geschehen. - Hier ist der Graf!«

Der Franzose parirte dicht vor den Beiden sein Pferd und sprang auf den Boden. Seine Stirn glühte, sein Auge begann zu funkeln.

»Nun, amigos - können wir aufbrechen? ich fürchte, es wird sonst spät.«

Der Trapper wies mit der Hand auf eine Stelle sich gegenüber.

»Zuvor, Señor Conde, haben wir Ihnen noch Einiges zu sagen.«

»Oh, Eisenarm, Sie und unser indianischer Freund, sollen gewiß mit mir zufrieden sein. Es ist natürlich nicht von den Kleinigkeiten die Rede, die Sie sich ausbedungen ...«

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»Sie mißverstehen uns, Señor,« sagte ernst der Trapper. »Jenes Gold gehört uns nicht mehr. Aber als wir Drei zurückkehrten von dieser Offenbarung Gottes oder des Teufels in der Wüste, die leicht auch die Augen des Besten verblendet, haben wir uns zu einem Eide verbunden, daß Jeder von uns unter gleicher Bedingung nur seinem Erben das Geheimniß des Weges und die Mittel der Auffindung mittheilen dürfte - bis daß mit Uebereinstimmung aller Drei der Placer einem der Mächtigen der Erde angeboten werden könnte!«

»Wie dem Kaiser Napoleon!« warf der Graf mit einer gewissen Bitterkeit ein.

»Wir beschlossen dies,« fuhr der Trapper ernst fort, »weil wir wußten, daß das Gold dem Einzelnen nur zum Verderben gereicht und daß es nur dann die wahre Bestimmung, die ihm Gott gegeben, erhält, wenn es einem ganzen großen Volke zu Gute kommt und in tausend Quellen des Lebens verrinnt. Da wir nun in unserem einsamen und abgeschlossenen Leben keinen Mächtigeren und Größeren kannten, als den Uncle Sam und den Kaiser Napoleon jenseits des großen Wassers, entschlossen wir uns, unsern Freund José zu diesem zu senden und unser Geheimniß ihm anzubieten, da Uncle Sam schlecht, habgierig und verrätherisch ist. Gott hat es nicht gewollt, daß unsere Absicht erfüllt werde; denn unser Bruder José ist auf seinem Wege verunglückt, und der Mann, der sich unseres Geheimnisses bemächtigen wollte und nun mit den verrätherischen Apachen in einem Grabe liegt, hat uns gesagt, daß der Kaiser Napoleon längst gestorben ist.«

»Dem ist so!«

»Nun waren wir bereit, dem unter uns beschlossenen

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Vertrage gemäß, dem Erben José's, unseres Freundes und Bruders, seinen und unseren Antheil an der großen Bonanza15 zu überlassen, denn Gott der Herr hat an diesem Orte sich so absonderlich offenbart, daß, was ein Mensch brauchen kann, und sei es auch noch so viel, den Reichthum der Goldhöhle kaum zu schmälern vermag. Der Mann aber, den wir uns verpflichtet hielten, als den Erben José's anzuerkennen und welchem wir demgemäß seinen und unseren Antheil für sich gaben, hat sich als ein Lügner und Fälscher erwiesen. Gott hat ihm seinen Lohn gegeben und wir Beide wissen jetzt, daß Sie, Señor, ein Mann von hohen Eigenschaften und gewaltiger Kraft, der wahre Erbe José's sind.«

»Da Sie es wissen,« sagte der Graf mit einem ungeduldigen Blick nach dem Stande der Sonne, »so lassen Sie uns auch nicht länger zögern.«

»Hören Sie mich erst zu Ende, Señor, ehe auch Sie, wie ich fürchte, das Goldfieber ergreift, dem nur Wenige entgehen, die eine weiße Mutter geboren hat.

»Sie sind demnach der unbezweifelte Erbe José's, des Gambusino und zugleich des Lügners, dem wir unseren eigenen Antheil für die Aussicht, unseren Freund und Bruder zu rächen, verkauft haben. Aber Señor, wir haben schon in San Francisko und auch später durch den Mund

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unverdächtiger Zeugen, wie Kreuzträger, vernommen, daß Sie beabsichtigen, einen Schwarm jener hungrigen Diebe und Abenteurer, welche aus Golddurst die Einöden diesseits und jenseits der Rocky Mountains durchstreifen, den Schatz der Ynkas preiszugeben und ihn zur Goldhöhle zu führen, und wir fürchten, daß dadurch unser Gelübde, das José und ich bei der heiligen Jungfrau von Puebla und Wonodongah auf seinen Totem gethan, gebrochen werde; denn es würde alsdann viel neues Elend, viel Haß, Mord und Hader in diesem Lande verbreitet werden, dessen Bewohnern es leider ohnehin nicht an schlimmen Eigenschaften fehlt.«

»Niemals - keiner von ihnen soll das Geheimniß erfahren! Sie sollen abgefunden werden, reichlich, mehr als sie verdienen, aber nicht Einer soll auch nur in die Nähe dieses Ortes kommen!«

»Das ist Ihre Sache, Señor Conde. So leisten Sie denn den Eid, den wir selbst geschworen.«

Der Graf zog den Hirschfänger, den er als Waffe trug, stieß die Klinge in den Rasen und leistete den Eid, den ihm der Trapper vorsagte, auf das Kreuz des Griffes.

Wiederholt blickte er ungeduldig auf die Felsenwand und den Stand der Sonne.

»Jaguar,« sagte der Jäger, »hast Du die Fackeln aus den Aesten der rothen Ceder bereit?«

Der Indianer wies auf fünf oder sechs Hölzer, die er zusammen gelegt hatte.

»Buen! Nimm zwei der Reata's16 von den Pferden

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mit,« fuhr der Trapper fort, »denn wir sind lange nicht hier gewesen und es dürfte nöthig werden, an einer oder der anderen der gefährlichsten Stellen besondere Vorsicht zu üben, da der Señor Conde schwerlich an einen Weg gewöhnt ist, wie wir ihn zu machen haben. Unterliegen Sie dem Schwindel, Graf, oder vermögen Sie fest und ohne daß Ihr Blut stockt und einen Schatten vor die Augen treibt, viele hundert Fuß gerade unter sich den Abgrund zu sehen, in dem der geringste Fehltritt Sie zerschmettern würde?«

»Verlassen Sie sich darauf, ich werde können, was Sie gekonnt haben!«

»Nun, ich hoffe es und so laßt uns denn aufbrechen!«

Die beiden Wüstenjäger banden ihre Decken zusammen und befestigten sie auf dem Rücken, um in ihren Bewegungen nicht gehemmt zu sein. In ähnlicher Weise befestigten sie das Holz, das ihnen zu Fackeln dienen sollte. Dann legten sie ihre Waffen ab und verbargen sie in den Ruinen - der Indianer aber steckte das Bowiemesser in seinen Gürtel, mit welchem der Yankee den Grafen bedroht hatte. Auch diesem empfahl Eisenarm, sich von Allem zu befreien, was ihm bei dem Klettern hinderlich sein konnte und Boulbon fügte sich, das Praktische des Rathes einsehend und legte Büchse und Hirschfänger ab.

Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, betraten die Drei nochmals das Innere des Tempels. Der viereckige Raum war leer, aus den Fugen der riesigen Quadern tropfte Wasser und kein weiterer Ausgang war zu bemerken, bis Eisenarm in dem entferntesten und dunkelsten

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Winkel verschwand. Der Graf und Wonodongah folgten ihm auf dem Wege, den sie schon vorhin bei dem Eindringen der Apachen benutzt hatten und der in einer engen, im Dunkel fast unbemerkbaren aufwärts führenden Treppe von Steinblöcken bestand. Ein einziger Mann hätte hier mit leichter Mühe die ganze verrätherische Truppe aufhalten können, wenn ihre abergläubische Furcht sie nicht von selbst verjagt gehabt hätte.

Nach einigen Augenblicken waren alle Drei auf der ersten Terrasse, auf der sich ein ähnliches Stockwerk wie das eben erstiegene, nur von geringerem Umfang pyramidalisch erhob, ohne jedoch einen Eingang zu zeigen.

»Bis hierher, Señor Conde,« sagte der Trapper, »kennen Sie bereits den Weg und wir sannen gleichfalls, als der Zufall uns an diesen Ort geführt hatte und der Spürsinn José's durch ein kleines Stück Gold rege geworden, das er zwischen den Steinstufen der Treppe fand und das vor Jahrhunderten dort verloren sein mag, wie wir weiter kämen. Erst seine Barreta17, die wir oben finden werden und die er in die Fuge jenes Steines steckte, half uns weiter.« Er stemmte sich, als er dies sagte, mit aller Kraft gegen eine der Quadern, sie bewegte sich auf ihrem steinernen Zapfen und ließ den Eingang in einen Raum frei, ähnlich wie der untere.

Auch hier führte in dem Winkel eine rohe Treppe zu der zweiten Terrasse, auf welcher sich die letzte Pyramide, dicht an die Felsenwand lehnend, erhob. In die äußere

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Wand dieser Pyramide waren Stufen eingehauen, auf denen die drei Männer jetzt empor stiegen, bis sie auf der engen kaum für sie Raum bietenden obern Platform standen.

Der Graf sah sich hier vergeblich nach einem weitern Wege um - dicht an ihnen empor stieg die durch die optische Täuschung anscheinend senkrechte ja überhangende Felswand zu schwindelnder Höhe empor, und in zahllosen Gerinnen sickerte an derselben zwischen den Mosen und Rankengewächsen, welche die Wand bedeckten, das Wasser der Quellen herab.

»Nun, Señor,« sagte lächelnd der Trapper, »vermögen Sie wohl Ihren Weg da hinauf zu finden?«

»Den Henker auch, - man müßte denn Flügel haben! Aber ich sehe wirklich nicht, wie wir hier weiter kommen sollen?«

»So dachten wir anfangs auch oder hatten vielmehr keine Ahnung, daß es überhaupt einen Weg da hinauf geben könnte, als die Neugier uns hier herauf geführt hatte, bis der Gambusino mit jenem Instinkt, den die Natur einmal in ihn gelegt, den Anfang des Pfades fand, und diesen dann so sicher verfolgte, wie ein Lastkarren den Weg durch die große Straße von Chihuahua. Blicken Sie her, Señor.«

Der Trapper schob eine dicke Ranke zur Seite, und es zeigte sich im Felsen eine Stufe eingehauen, der in der Entfernung von etwa zwei Fuß, etwas höher zur Seite eine zweite und sofort folgte. Kurze Stangen von jener Mischung des Kupfers aus den Gebirgen von Zacotollan und des Zinns aus den Gruben von Tasco, deren sich die

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alten Mexikaner statt des Eisens bedienten, waren in das Gestein als Handhaben eingelassen und trotz des von Rost und Moos überzogenen Zustandes meist noch brauchbar und von auffallender Festigkeit.

»Das ist ein halsbrecherischer Weg,« sagte schaudernd der Graf, »den kaum ein Seiltänzer betreten kann!«

»Dennoch, Señor Conde, ist er der einzige, der zu dem Goldthale führt, und Tausende haben ihn vor uns zurückgelegt, wenn die Sage nicht trügt, obschon gerade nicht zum Glück für sie.«

»Vorwärts denn!«

»Geh' voran, Jaguar, und zeige uns den Weg, und Sie, Señor, lehnen Sie sich nur dicht an die Felswand, und Sie werden finden, daß die Gefahr nicht so groß ist. Nur vermeiden Sie, unter sich zu blicken.«

Der Indianer hatte bereits seinen Weg begonnen - der Graf beeilte sich, ihm zu folgen und Eisenarm machte den Beschluß. Die größte Schwierigkeit bestand in der That in der Ersteigung der ersten fünfzig Fuß. Je höher sie kamen, desto mehr löste sich die bereits erwähnte optische Täuschung, welche von unten her die Felswand als senkrecht und unersteiglich erscheinen ließ. Die Steinmassen traten allerdings in noch immer schroffer Abdachung zurück, aber sie waren für einen entschlossenen und gewandten Mann mit Hilfe der eingehauenen Stufen und der metallenen Handgriffe doch zu erklimmen, und der Graf, der oft genug in den Pyrenäen den Bären, in den savoyischen Alpen das Bergschaaf verfolgt hatte, vermochte nach einiger Uebung ganze Strecken weit zu steigen, ohne die

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Handhaben zu benutzen, deren Zweck ihm der Trapper durch die schaurige Erzählung erläuterte, welche er am Abend zuvor dem Yankee gegeben.

Die größte Gefahr bestand an den Stellen der Gerinne, die den seltsamen Pfad schlüpfrig machten, und hier war die größte Vorsicht und ein festes Anklammern an die Stäbe und kupfernen Ringe nöthig, die in die Steine vor vielen Jahrhunderten eingelassen waren. Zwei Mal war der Graf trotz aller Kraft und Vorsicht in Gefahr zu straucheln, und nur der feste Griff in einen der Ringe, das andere Mal die unterstützende Hand des Trappers retteten ihn vor einem Fall in die Tiefe.

So waren sie etwa zwei Stunden gestiegen, als nach der Meinung des Grafen ihnen ein unübersteigliches Hinderniß entgegentrat. Es war dies ein aus der Bergwand hervortretender mächtiger Felsblock, der in die Luft hinausragend ihnen etwa sechs bis sieben Ellen hoch geradezu den Weg versperrte und der Glätte der Wände halber auch auf der Bergseite nicht zu umgehen war.

»Es muß hier früher eine besondere Vorrichtung bestanden haben, um auf den Block zu kommen,« bemerkte der Trapper, als sie einige Minuten sich ausruhten, »aber wahrscheinlich sind die dazu benutzten Seile oder Hölzer längst von Zeit und Witterung verfault und wir müssen uns eben so helfen wie damals, als wir mit José zum ersten Mal hier waren. Aber was ist das für ein Gekreisch, Rothhaut, über unsern Köpfen?«

Alle Drei horchten aufmerksam - es klang wiederholt wie der heisere Ton von Vögeln.

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»Caramba« - meinte der Trapper - »wir werden besser sehen, was es bedeutet, wenn wir erst oben sind. Steige auf meine Schultern, Jaguar, und wirf den Strick um jene Steinspitze.«

Der Comanche schwang sich mit der Leichtigkeit eines an körperliche Uebungen gewöhnten Mannes auf die Schulter des Jägers und warf von hier aus die Schlinge der zusammengeknüpften Reatas über die vorspringende Spitze. Nachdem er die Haltbarkeit geprüft, schwang er sich mit leichter Anstrengung auf die Felsplatte.

Sein »Hugh!« verkündete sogleich, daß ein besonderer Gegenstand seine Aufmerksamkeit fesselte.

»Nun, Señor Conde,« sagte der Trapper, »ist die Reihe an Ihnen, folgen Sie dem Jaguar, der Strick hält fest.«

Der Graf nahm die gebotene Hilfe an und schwang sich auf die Schulter des Riesen und von dort auf die Höhe des Felsens. Es war ihm auffallend, daß der Indianer dabei vermied, ihm zum Beistand die Hand zu reichen, aber der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn den Umstand rasch vergessen.

Die Plateform war ziemlich eben und maß etwa acht Schritt im Geviert. In einer muldenartigen Vertiefung dicht am Abhang befand sich ein seltsamer aus Zweigen, Aesten und Laub wohl vier Fuß hoch zusammengetragener Bau, der sich bei näherer Ansicht als ein riesiges Vogelnest erwies. Knochen von Thieren, Gazellen, jungen Rehen, und anderen Arten lagen auf dem ganzen Plateau verstreut, und als der Graf neugierig zu dem Nest trat, aus welchem

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jenes widrige Geschrei erklang, glotzten ihn die großen Augen von drei halbnackten nur mit braunen und grauen Haaren bedeckten jungen Vögeln, an deren hagerem Leib der Kopf der größte Theil schien, aus einer dichten Lage von Schmutz und Federn an und ein widriger Gestank drang ihm aus den bissig auf und nieder schnappenden großen Schnäbeln entgegen.

»Carrajo!« rief ziemlich erschrocken der Trapper, der sich unterdeß gleichfalls auf den Block geschwungen - »das ist in der That eine schöne Geschichte! Es ist das Nest eines Condors, Jaguar, der sich hier niedergelassen, seit wir die Wand nicht bestiegen haben, und das ist jetzt beinahe zwei Jahr, und ich wette, daß wenigstens die eine der Bestien nicht weit entfernt ist.«

Der Indianer untersuchte das Nest. »Mein weißer Bruder kann hier die frischen Reste einer wilden Ziege sehen,« bemerkte er. »Der Condor hat sie gestern Mittag in sein Nest getragen.«

»Richtig - wir sahen ihn kreisen, als wir unsere Schritte dem Thale der Quelle zuwandten, aber ich hatte keine Ahnung davon, daß er auf dieser Felswand und gerade mitten auf unserm Wege sein Nest aufgeschlagen haben winde.«

»Lassen Sie uns die Jungen tödten und unsern Weg fortsetzen,« sagte der Graf.

»Bah - das geht so leicht nicht. - Tödten müssen wir sie freilich, aber nicht ohne die Alte. Sie kennen die Gewohnheiten dieser Thiere nicht, Señor Conde, und haben sie wahrscheinlich noch nie in der Nähe gesehen. Ich wette

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Hundert gegen Eins, daß das Weibchen, das gewöhnlich sich in der Nähe hält, während der Condor oft zwei, drei Tage weite Ausflüge unternimmt, uns bereits im Auge hat, das auf eine fabelhafte Entfernung reicht. Sobald wir wieder auf dem Wege sind, würde es uns anfallen, und obschon von hier aus dieser Weg weit besser ist als der frühere, würde es ihm ein Leichtes sein, uns mit seinen gewaltigen Flügeln von der Bergwand herunterzufegen, wie einen Haufen Spreu, da wir keine Büchsen bei uns haben, um uns zu vertheidigen. Was also geschehen soll, muß hier geschehen, wo wir wenigstens Raum haben, uns zu wehren.«

Es folgte hierauf eine kurze Berathung zwischen dem Trapper und dem Indianer über die zu ergreifenden Maßregeln.

Alsbald befestigten Beide ihre Messer mittelst der Leinen möglichst stark an die längsten Cedernäste, die sie zum Dienst als Fackeln mit sich genommen. Einen davon erhielt der Graf mit der Anweisung, sich an die Felswand zu stellen, diesen Rückhalt in keinem Fall zu verlassen und von hier aus sich etwaiger Angriffe des Vogels zu erwehren. Die zweite gleiche Waffe behielt der Trapper, Wonodongah aber legte einen dritten Ast für sich bereit.

Als dies geschehen, schlug der Trapper Feuer, zündete einiges trocken Moos an und warf den Zunder in das Nest.

Die Wirkung ließ bei den Bestandtheilen desselben nicht lange auf sich warten. Die Masse der Haare und Federn fing alsbald Feuer, die dürren Reiser loderten auf, in ein Paar Minuten stand das ganze Nest in vollen Flammen und eine dicke Rauchsäule wirbelte hoch empor in den blauen

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Aether. Sobald das Nest in Feuer stand, schob der Indianer die Spitze seines Stockes in die Gluth.

Das Gekreisch der jungen Vögel, die sich zuerst von der Hitze, dann von den Flammen angegriffen fühlten, war laut und schrillend, und es dauerte eine Weile, bis es nach und nach verstummte.

In diesem Augenblick stieß der Trapper den Grafen an und deutete auf einen im Aether schwebenden schwarzen Punkt, der mit unglaublicher Schnelle näher kam und sich vergrößerte.

»Es ist das Condorweibchen, Señor,« sagte er hastig »jetzt gilt es, kaltes Blut zu haben.«

Der dunkle Punkt wuchs und wuchs in der Luft, dann hörte der Graf ein gewaltiges Rauschen, das näher und näher kam, wie das Brausen des Sturmwindes, und im nächsten Augenblick stürzte sich der Condor auf das brennende Nest.

Der Anblick war in der That furchtbar und erschütterte selbst die Nerven eines so unerschrockenen Mannes, wie der Graf war. Der Vogel maß mit seinen ausgebreiteten Flügeln von einer Spitze zur anderen gewiß zehn volle Fuß, seine Krallen waren so stark, daß ihr Griff selbst einen Büffel hätte zu Boden werfen können, und seine großen runden Augen schienen förmlich zu leuchten. Mit so gewaltigem Flügelschlag, daß die beiden Männer an der Felswand dem Luftdruck kaum widerstehen konnten, umkreiste er das brennende Nest, schlug mit den Flügeln und den Krallen hinein, um das Feuer zu löschen und stieß dabei so wilde schrille Töne aus, daß den Hörern das Herz erbebte.

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Wonodongah hatte sich glatt auf den Boden geworfen und hielt das Ende seiner Fackel noch immer in die Gluth. Endlich sank diese nach der Verzehrung des leichten Brennstoffes in sich selbst zusammen, der Rauch wurde lichter und der gewaltige Vogel, der zugleich zur Erkenntniß kommen mochte, daß seine Brut todt und verloren, bekam die beiden Männer zu Gesicht,

Das Gekreisch des Schmerzes und der Angst verwandelte sich in ein solches der Wuth, und er schoß mit einem neuen Schwunge seiner Flügel auf sie zu.

Aber seine Bewegungen waren keineswegs mehr sicher und leicht. Die Schläge in das Feuer hatten ihm die gewaltigen Schwungfedern verbrannt und er vermochte kaum noch sich in der Luft zu halten.

»Zu Boden, Señor, zu Boden!« schrie der Trapper, während er sich selbst zur Seite warf und mit der messerbewehrten Stange nach dem Condor stieß. Der Graf hatte kaum noch Zeit, platt auf die Steine zu fallen, als der Vogel an ihm vorüberschoß - der furchtbare Schlag des Flügels hätte ihn sonst in den Abgrund geschleudert.

Diesen Moment hatte der Indianer benutzt. Aufspringend stieß er die brennende Fackel in den Schweif des Condors, dessen Federn sofort versengt empor flammten.

Als der Condor an der Bergwand emporstreifen wollte, vermochte er seinen mächtigen Körper nicht mehr zu regieren und taumelte nieder auf das Felsplateau.

Hier lag der Vogel einige Augenblicke mit weit ausgebreiteten Flügeln, seine Gegner mit den großen Augen anstarrend und mit dem mächtigen Schnabel auf und

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nieder hauend, ehe er sie angriff. Diese kurze Frist benutzten der Jaguar und der Trapper, um die glimmenden Reste des Nestes auf ihn zu schleudern und dem Grafen zuzurufen, sich nur aus dem Bereich seines Flügelschlages zu halten.

Dann erfolgte der Kampf.

Das Plateau war, wie wir oben beschrieben haben, so eng, daß trotz aller Gewandtheit die drei Männer kaum der Wuth ihres gewaltigen Feindes entgehen konnten. Der Indianer griff ihn mit seinem Feuerbrand von vorn an, weil in dieser Richtung der Condor nur mit Schnabel und Klauenhieben sich wehren konnte, während Eisenarm und seinem Beispiel folgend der Graf mit ihren langen Stöcken versuchten, die Sehnen der Flügel zu durchhaum.

Endlich gelang es dem Trapper mit einem kräftigem Hieb, bei dem er freilich gleichfalls einen Schlag bekam, der ihn zu Boden warf, dem Condor den rechten Flügel zu lähmen. Das Ungethüm, das sich nun nicht mehr nach allen Seiten zu wehren vermochte, und von den Fackelschlägen des Jaguar erblindete, versuchte noch immer wüthende Hiebe auszutheilen, aber die jetzt mit größerer Sicherheit erfolgenden Messerstiche in Hals und Körper erlahmten allmälig seine Kraft und nach einer Viertelstunde lag es todt neben dem verbrannten Nest.

»Santa virgen purissima!« stöhnte Eisenarm, den Schweiß von seiner Stirn trocknend, »ich wüßte kaum, was seit langer Zeit mich so außer Athem gebracht hat! Die Bestie hat ein zäheres Leben, wie ein Armadyll, das man doch stückweise zerschneiden kann, ehe es stirbt. Nun, Señor,

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lassen Sie uns Etwas ruhen, ehe wir den Weg fortsetzen, denn die ungewohnte Arbeit wird Sie erschöpft haben!«

Wonodongah wies auf den Stand der Sonne.

»Unser Weg ist weit und das Gestirn des Tages wird in zwei Stunden sein Antlitz hinter den Bergen verstecken,« sagte er.

»Ich denke auch, es ist das Beste, wir brechen sogleich auf,« drängte der Graf.

»Carrajo! wenn Ihr's so eilig habt, meinetwegen denn! ich hoffe nur, das Condormännchen jagt noch fünfzig Meilen entfernt und wird uns nicht belästigen. Hier, Jaguar, ist Dein Messer zurück, ich werde die Fackeln tragen, und nun vorwärts.«

Der kleine Zug brach alsbald in der früheren Ordnung wieder auf und setzte seinen Weg fort.

Dieser war von hier aus, wie der Trapper schon vorhin bemerkt hatte, weit weniger beschwerlich und glich weit mehr einem wenn auch engen und steilen doch ohne andere Hilfe ersteigbaren Fußpfad. Der Graf bemerkte dabei, daß das Gestein der Felswand jetzt einen ganz porösen Charakter annahm, der das Durchsickern des in höheren Regionen gesammelten Wassers erklärlich machte.

So waren sie wohl noch anderthalb Stunden gestiegen, als der Indianer Halt machte.

»Der Geist der gelben Gewässer ist uns nahe,« sagte er feierlich - »es ist Zeit, daß wir ihn anrufen, ehe wir sein Gebiet betreten.«

Der Trapper zuckte die Achseln. »Es ist ein armer Heide,« bemerkte er zu dem Franzosen, »und von dem

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Aberglauben seines Volkes nicht abzubringen. So mache denn Deinen Hokuspokus, Jaguar, und laß uns dann weitergehen.«

Der Indianer schlug sein Hemd zurück, so daß er bis an die Hüften ganz unbekleidet dastand. Dann bewegte er die Arme nach allen vier Himmelsgegenden in seltsamer Weise und murmelte allerlei Beschwörungen, während er Moos und Gräser aus den Felsspalten abriß und sie nach allen Seiten verstreute. Zuletzt kniete er nieder und schlug drei Mal mit der Stirn auf den Boden.

Boulbon hatte den Arm des Trappers gefaßt, sein Gesicht glühte fieberhaft, seine Hände zitterten.

»So ist es denn wahr,« stammelte er - »wir sind an der Goldhöhle oder dem Goldthal, wie Sie es nennen?«

Fassen Sie sich, Señor,« flüsterte ernst der Jäger - »und lassen Sie die Rothhaut nicht sehen, daß ein tapferer weißer Mann seine Kraft und Ruhe verliert bei dem Anblick des schnöden Metalls. In fünf Minuten werden Sie sehen, daß José, unser verstorbener Freund, Sie nicht getäuscht hat.«

Der Indianer hatte sich erhoben. »Es ist Zeit« - sagte er - »der Geist der gelben Gewässer erwartet uns - aber er hat nur Zweien den Eintritt gestattet!«

»Thorheit, Jaguar,« meinte der Trapper, »wir sind Christen und kümmern uns wenig um Deine Geister. Geh' voran!«

»Vorwärts, vorwärts!« drängte der Graf.

»Es sei - alles Andere komme über Euer Haupt!«

Der Indianer schritt vorwärts unter feierlichem Schweigen, die beiden Anderen folgten ihm.

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Sie stiegen etwa noch zwanzig Schritt in die Höhe, dann wandten sie sich, dem Führer folgend, um einen Bruch der Felswand und standen auf ihrer Höhe.

»Sieh her, Fremdling,« sagte der Comanche mit tiefer Stimme und den Arm ausstreckend, »erblicke den Gott der weißen Männer und nimm ihn!«

Vor ihnen lag das Goldthal! - - -



Der Graf stand und schaute sprachlos in den tiefen Grund, der zu seinen Füßen sich breitete - seine Augen schienen mit den starren Blicken aus den Höhlen zu quellen, die Adern seiner Schläfe begannen wie Stränge aufzuschwellen.

Dann plötzlich sank er auf beide Knie, breitete die Arme aus, und das einzige Wort, was seine Lippen zu stammeln vermochten, war: »Gold! Gold!«

Die letzten Strahlen der Sonne glühten auf dem Thal und hüllten es in einen dämonischen Glanz! -

Als der Graf endlich im Stande war, mit seinen Blicken die Einzelnheiten zu umfassen, sah er Folgendes.

Vor den drei Wanderern breitete sich ein muldenartiges, etwa fünfzig oder sechszig Schritte breites und etwa doppelt so langes Thal aus, von schroffen Seitenwanden aus demselben porösen Gestein begränzt, das, wie der Franzose bemerkt hatte, den oberen Theil der Felswand oder gleichsam ihre Krone bildete.

Den Hintergrund dieses Thals oder Kessels schloß eine Felsenmauer aus festerem Gestein von noch größerer Höhe

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und Schroffheit, als die, welche sie erstiegen. Sie schien zu einem mächtigen Bergzug zu gehören und gänzlich unersteigbar.

Am Fuß dieser Wand öffnete sich ein großer höhlenartiger Spalt. Aus vielen anderen kleineren Spalten und Löchern in der Breite der Bergwand drang ein schmutziges Wasser, das sich in vielen Gerinnen und Tümpeln weiter durch das Thal spülte bis zu der Gegenwand, auf welcher der Graf mit seinen Begleitern stand, hier sich sammelte und ohne sichtbaren Abfluß blieb. Man begriff sogleich, daß es hier durch die poröse Steinwand weitersickerte, um dann auf der anderen Seite an der Felswand in klaren Strähnen niederzurinnen und am Fuße die Quellen des Flusses zu bilden.

Zahllose ältere Gerinne und Tümpel bedeckten den Boden des seltsamen Thals, jetzt ausgetrocknet oder vielmehr gefüllt von einem glänzenden Sand und Gestein.

Dieser Sand, dieses Gestein war - Gold!

Je näher der mächtigen Bergwand, an deren Fuß sich die Höhle - offenbar das frühere Bett des Wasserstromes aus dem höher liegenden Gebirge - öffnete, desto reichlicher war die Ablagerung des Goldes.

In dem Strahle der scheidenden Sonne schien das ganze Thal ein Blitz gelben Feuers. Ueberall brach sich das Licht an den scharfen Ecken des massiven Gold-Ueberzuges, mit welchem Boden und Gestein bedeckt waren. Die Ablagerung des goldhaltigen Wassers seit Jahrtausenden, wahrscheinlich schon seit der letzten gewaltigen Erdrevolution, war so massenhaft, daß die einzelnen Körner zu Klumpen

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herangewachsen waren und offenbar das Wasser mehrfach aus seinen Gerinnen verdrängt hatten. So waren die alten Tümpel und Rinnen jetzt statt mit Wasser, mit gediegenen Goldstufen gefüllt. Man wird wissen, daß dies Metall nur in gediegener Form, nicht mit anderen Metallen vermischt, zu Tage kommt. Auch das Wasserbecken, in welchem sich zu den Füßen der Schauenden die trübe Fluth sammelte, ehe sie durch das gleich einem seinen Sieb die schwere Metallmasse zurückhaltende Gestein drang, war bereits mit einem Wall von Gold ringsum krustirt.

Auf diesen ungeheuren Massen des edlen Metalls reflektirten die Strahlen des Tagesgestirns mit einem Glanz, den das Auge kaum ertragen konnte.

Dennoch waren die Wunder des Ortes damit keinesweges erschöpft.

Ein Strahl dieser scheidenden Sonne schien sich jetzt in das Innere der ungeheuren mit ewigem Schnee und Eis auf ihrem Gipfel bedeckten Bergmasse zu bohren, in jene Höhle, die der Graf vorhin bemerkt hatte, und sofort in ihr eine neue Sonne hervorzurufen.

Diese ganze Höhle, das frühere Strombett, war von oben bis unten mit gediegenem Golde inkrustirt.

Gleich den Stalaktitenhöhlen ragten von der Decke, aus den Seiten, aus dem Boden Spitzen und Auswüchse von den seltsamsten, wunderlichsten Formen, Säulen und Klumpen, Blöcke und Rauten.

Aber alle diese Gestalten, diese Spitzen und Säulen, diese Klumpen und Rauten waren Gold - gediegenes Gold!

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Der Anblick in dem Flammenschein der versinkenden Sonne war für ein Menschenauge unerträglich.

Der Graf bedeckte das seine mit der Hand und wollte sich, als die Schatten jetzt langsam und langsam heraufwuchsen und die wunderbare Erscheinung in Nacht hüllten, den Abhang hinab stürzen, gleichsam als fürchte er, daß dieser Glanz ihm für immer entschwände und er ihn festhalten müsse.

Die starke Faust Eisenarms hielt ihn zurück.

»Bleiben Sie, Señor, fassen Sie sich und sein Sie ein Mann, oder das Goldfieber wird Sie auf immer Ihres Verstandes berauben!«

»Lassen Sie mich - ich muß hinunter - ich muß meine Hand darauf legen, ich muß fühlen, um zu glauben, daß es kein Traum ist!«

»Dann folgen Sie dem Jaguar, Sie sehen, daß er seinen Weg kennt!«

In der That stieg der Indianer auf breiten, in das Gestein gehauenen Stufen bereits hinab auf den Grund des Thales.

Der Franzose folgte ihm mit den Sprüngen eines Tigers, gleich als dürfe er nicht gestatten, daß jener zuerst die Sohle des Thales betrete und von seinem Eigenthum Besitz nehmen.

Mit trübem Kopfschütteln stieg der Wüstenjäger hinterdrein. - Als der Graf auf den Boden des Thals gekommen, warf er sich mit dem ganzen Körper auf den nächsten Goldhaufen und griff wie wahnwitzig mit den Händen umher. Dann sprang er auf, eilte zu einer zweiten

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Stelle und befühlte eben so die Klumpen und Stücke, ja er füllte seine Taschen mit solchen, die er in der nächsten Minute wieder fortwarf, um andere einzustecken, oder er versuchte mit der Kraft seiner Hände, Spitzen und Blöcke abzubrechen, um zu prüfen, ob auch wirklich das Innere von gleichem werthvollen Gehalt sei.

Der Indianer stand bei dieser seltsamen und selbst widerwärtigen Scene in der Mitte des Thals mit gekreuzten Armen und schaute mit dem Ausdruck von Hohn und Verachtung auf das Treiben des Weißen.

»Ich sagte es im Voraus,« sprach mit betrübtem Ton der Trapper, »das Goldfieber würde ihn ergreifen! Gott im Himmel, wie kann ein Mann sich doch so für ein Ding vergessen, das in der Einöde noch nicht einmal einen Trunk Wasser oder einen Bissen Nahrung werth ist! Blick hin, Jaguar, und freue Dich, daß der große Geist uns Beide vernünftiger geschaffen hat!«

Die Dunkelheit war unterdeß rasch auch über das auf der Höhe gelegene Thal gesunken und nur noch das Licht der aufblitzenden Sterne funkelte auf dem Goldlager.

Der Graf taumelte noch immer von einem der Haufen zum andern - er befand sich jetzt am Eingang der tief dunklen Höhle und genoß mit dem Sinne des Tastens und Fühlens die ungeheuren Schätze, die er nicht mehr sehen konnte. Endlich schien ihm einzufallen, daß seine Begleiter mit dem Material zu Fackeln versehen waren. Er rief Eisenarm und verlangte im Tone des Befehls, daß sie alsbald eine solche anzünden sollten.

Der Jäger that schweigend, wie verlangt worden. Er

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zündete die Fackel an und trug sie zu dem Grafen an den Eingang der Höhle, aus der in dem rothen Schein blitzende, unheimliche Reflexe brachen.

»Señor,« sagte er theilnehmend, »ich bitte Sie nochmals, lassen Sie sich nicht von diesem Gefühl beherrschen und hinreißen, kommen Sie zu sich selbst und überlegen Sie mit uns, was am Besten zu thun ist. Sie haben seit diesem Mittag Nichts genossen. Wir haben eine Kürbisflasche mit frischem Wasser bei uns, denn dieses hier ist trüb und schlammig, und etwas am Feuer gedörrtes Hirschfleisch. Nehmen Sie einen Trunk und einen Bissen, das wird Sie erfrischen.«

»Ich kann nicht essen - ich kann nicht trinken!«

»Es ist das Fieber, was Sie daran hindert. Aber, carrajo! Seien Sie ein Mann! Erinnern Sie sich, daß wir versprochen haben, morgen auf der Insel mit Ihren Gefährten und den Comanchen zusammen zu treffen. Zu dem Ende müssen wir mit Sonnenaufgang aufbrechen. Wir haben einen schwierigen Weg die Felswand hinab zurückzulegen und einige Stunden Schlaf werden uns Allen wohl thun,«

»Nein! nein! - laßt mich!«

»Erinnern Sie sich, Señor! ich meine es redlich. Ihre Gattin, wie Sie selbst sagten, ist von Gefahren umringt und erwartet Ihren Beistand.«

»Mein Weib - mein Sohn! - Aber Kreuzträger wird sie schützen!«

»Ich hoffe es - wir werden sie bereits befreit finden und die Schurken von Apachen gebührend gezüchtigt. Aber

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bedenken Sie, daß, wenn Sie morgen nicht zu den Ihren zurückkehren, Ihre Leute aufbrechen könnten, um Sie hier aufzusuchen. Und dies, Señor - ich erinnere Sie an Ihren Schwur - würde unser gemeinsames Geheimniß gefährden.

Der Graf fuhr wie aus einem Traum empor, seine blutunterlaufenen Augen starrten wild und unheimlich auf den Sprecher.

»Was sprichst Du da, Mensch?« rief er zornig. »Unser Geheimniß theilen? Nimmermehr! es wissen ohnehin schon mehr, als gut ist, darum! Niemals! - wir müssen fort, hin zu ihnen! Sie haben Recht, Eisenarm, wir wollen uns mit Gold beladen, um sie fortzuschicken - aber hierher? in mein Eigenthum? - niemals! niemals!« Er blickte forschend umher und dann versuchte er mit seinen Händen einen Klumpen Gold aus den Wänden zu reißen, der Schweiß trat von der vergeblichen Anstrengung auf seine Stirn.

»Warum quälen Sie sich, Señor,« sagte traurig der Jäger. »Dort hinter Ihnen lehnt ja noch die Barreta José's, die er vor zwei Jahren hier zurückließ. Aber es liegen genug lose Stücken Goldes da vorn, wenn Sie morgen einen kleinen Theil dieser Schätze mit sich nehmen wollen.«

Der Graf faßte eilig nach dem starken Eisenstabe, den er bisher nicht gesehen. »Nein, nein!« sagte er, »laßt Alles liegen, ich selbst will es bestimmen, es darf Nichts -« er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen wüsten Gedanken verscheuchen. - »Sie haben Recht, Eisenarm,

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dieses Gold verwirrt und kehrt mir das Herz in der Brust um. Es blitzt vor meinen Augen, es dringt wie eine Woge in mein Gehirn - ich kann nicht widerstehen. Aber sehen Sie hier -« und er brach mit einem gewaltigen Schlage der Barreta wohl ein 60 bis 70 Pfund schweres Stück des Metalls von der Decke nieder - »dies und mehr sollen die Männer haben, die mit mir Arbeit und Mühe getheilt und keiner meiner Freunde soll vergessen sein. Kommen Sie geschwind, ehe mich der Taumel wieder erfaßt!«

Er schritt dem Trapper hastig voran aus der Höhle, Eisenarm hob den Goldklumpen auf und folgte ihm.

So kamen sie zu der Stelle, wo der Indianer saß. Der Graf befestigte die Fackel zwischen dem glänzenden Gestein, dann nahm er einen Trunk Wasser aus der Flasche Eisenarms, warf eine Menge Goldstufen zu einem Haufen und half sie hastig in die mitgebrachten Decken schnüren. Er sprach dabei fortwährend und wie ein Mann, der das Fieber hat, entwarf Pläne über die Bewahrung und Ausbeutung der riesigen Bonanza und bestimmte dazwischen, mit welchen Reichthümern er alle Diejenigen überschütten wollte, welche treu zu ihm gehalten.

Jedes Wort bewies, daß die Aufregung seines Innern noch immer nicht beruhigt sei.

Endlich wurde er still, stützte das Haupt in die Hand und schien in tiefes Nachdenken verloren.

Diese Ermattung schien der Trapper erwartet zu haben. Er winkte dem Indianer, gleich ihm zu thun und ihren Begleiter sich selbst zu überlassen, und streckte sich lang auf

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den Boden, den Kopf auf den Goldblock gestützt, den die Barreta von der Stelle gelöst, an der er vielleicht durch Jahrtausende gewachsen.

Wenige Augenblicke darauf verkündete der ruhige kräftige Zug seines Athems, daß er fest entschlafen war.

Der Toyah folgte anscheinend seinem Beispiel, streckte sich auf den Boden nieder und blieb bewegungslos.

Eine tiefe Stille lag über dieser Stätte unermeßlicher Schätze. Nur das leise Geräusch der grünen Schlangen, die von dem Schein der Fackel gelockt und erschreckt in zahlreichen Exemplaren umherschlüpften, und der pfeifende Ruf des Choyero unterbrach diese Ruhe.

Der Graf sah noch immer auf derselben Stelle, in derselben Haltung.

Plötzlich fuhr er empor - sein Gesicht glühte dunkel, wie nicht zu überwältigender Andrang des Blutes. Die Fackel war fast niedergebrannt; der Graf ergriff ein frisches Holz, zündete es an und ging dann mit leisem unhörbarem Schritt an den Schläfern vorüber, zurück nach dem Ende des Thales.

Vor der Goldhöhle blieb er stehen, sein Auge tauchte in ihre Tiefen, soweit der Strahl der Fackel reichte. Er hielt sie weit hinein und folgte ihrem Schein.

Ueberall Gold - Gold - Gold, das in phantastischen Schatten und Lichtern ihn anblitzte, ihm zu winken, ihn wie mit tausend Teufelsfratzen anzugrinsen schien.

Die Fackel und der Mann verloren sich in den Tiefen der Höhle, sie tauchten auf und nieder, wie die Windungen des Gewölbes es mit sich brachten - dann verschwanden sie

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ganz. - Erst nach einer langen Zeit kamen sie wieder zum Vorschein - der Träger mit schleppendem, schwerem, unsicherm Gang und bald erbleichendem, bald dunkel sich röthendem Gesicht. Der brennende Cedernspahn zitterte in seiner Hand - er klemmte ihn zwischen das goldene Gestein und ließ sich erschöpft niederfallen auf einen anderen Block.

»Unermeßlich! - unermeßlich! - und mein - mein!«

Er blieb in tiefer Verzückung sitzen - nur zuweilen streckte er die Hände aus, an den Wänden umhertastend, sich überzeugend, daß dies Alles Wirklichkeit.

Wilde, riesige Träume durchflogen seine Seele - dunkle, gigantische Schatten der Zukunft rauschten um sein Haupt.

Was vermochte er zu thun - oder besser, was war es, das er nicht zu thun vermochte mit diesen Schätzen in seinem Besitz, mit diesem Reichthum, nicht im Verbrauch jährlicher winziger Millionen, sondern mit der ganzen, ganzen Wucht dieses unermeßlichen Schatzes?!

Völker lassen sich kaufen wie Menschen! Revolutionen lassen sich machen durch Gold - Throne sind für Millionen oder Milliarden zu haben und selbst der Segen der Kirche ist für Peterspfennige feil!

Frankreich unter einem neuen Zweige der Bourbonen - eine Kriegsmacht, wie sie kein anderes Volk der Erde schaffen und bezahlen kann - eine Krone für seinen Sohn - - - Paris, das wunderbare, verführerische Paris zu seinen Füßen - alle Gewalt, alle Schönheit, aller Genuß,

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alle Ehre, aller Glanz der Erde in diesem Golde und er - sein einziger Herr! - -

Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter. - Der Graf fuhr empor - Wonodongah, der Toyah, stand vor ihm.

Die Fackel war tief heruntergebrannt und warf riesige flackernde Schatten aus den Gestalten des Indianers und des Grafen an die goldenen Wände.

»Wonodongah?« sagte der Graf - »was ist geschehen, daß Du mich störst?«

»Der Große Geist hat dies Land zuerst seinen rothen Kindern gegeben,« sprach der Indianer eintönig. »Das Gold, was aus den Bergen und Flüssen gewachsen ist, gehörte den Kindern des Landes. Wonodongah ist ein Häuptling - ein Krieger hat nur ein Wort. Der Jaguar hat all' dies rothe Gold einem Weißen versprochen - er hat sein Wort gehalten! Ist das Langmesser, das über das salzige Wasser gekommen, mit dem, was er hier sieht, zufrieden?«

»Es ist tausendfach mehr, als ich je geträumt, und mein Dank soll Euch Alle -«

Der Indianer winkte ungeduldig mit der Hand.

»Die weißen Männer haben eine rasche Zunge. Ein Häuptling ist gekommen, die »Offene Hand« zu fragen, ob er sein Wort gelöst?«

»Du hast es, Jaguar, Du und Eisenarm, wie zwei Ehrenmänner!«

»Und die »Offene Hand« weiß jetzt, daß sie der Herr dieses Thales ist mit Allem, was darin ist?«

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»Ihr habt es mir gegeben, und ich habe es dankbar angenommen. Ja, ich bin der Herr dieser unermeßlichen Schätze, reicher wie ein König, und Könige sollen zu meinen Füßen sein, so Gott mir das Leben erhält!«

»Wohl! - Die »Offene Hand« ist ein berühmter Krieger. Du wirst darum kämpfen. Du wirst sterben auf Deinem Eigenthum.«

»Sterben - ich? jetzt? - im Besitz von Milliarden? Du bist toll, Rothhaut, oder es ist Dein Scherz!«

Der Indianer hatte ruhig das Bowiemesser aus seinem Gürtel gezogen - die andere Hand hielt ein weißes Spitzentuch.

»Wonodongah hat es geschworen!« sagte er langsam - »Dieses Tuch muß in das Herzblut des weißen Kriegers getaucht sein, ehe ihre Arme mich umfangen! Du mußt sterben!«

Der Graf wich zurück und griff nach der Barreta.

»Fort von hier, Wahnwitziger, oder ich zerschmettere Deinen Schädel!«

Der Indianer trat auf ihn zu - der Graf hob die schwere Eisenstange wie ein leichtes Rohr und schwang sie zum gewaltigen Schlage. - Plötzlich wich das Blut aus seinen Wangen - das Auge blickte starr - Arm und Eisen blieben in der Luft - keine Muskel rührte sich mehr in dem lebenskräftigen Körper - -

Der Krampf, der schon einmal - in San Fernando - ihn gefaßt, hielt auf's Neue seine Glieder gebannt -

Der Toyah stieß ihm das breite Messer in's Herz -

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ohne Zucken, ohne Laut fiel die mächtige Gestalt des Bourbon nieder auf sein Gold! - - -



Als der Trapper aus einem langen und schweren Schlaf erwachte, - er erinnerte sich nicht, seit Jahren einen solchen gethan zu haben! - fielen die Strahlen der Morgensonne bereits auf das Thal.

Eisenarm rieb sich die Augen, sprang empor und sah sich nach seinen beiden Gefährten um, keiner von ihnen war zu sehen. Er rief Wonodongah - aber nur das Echo der Felsenwände antwortete ihm.

Als er sich näher umblickte, bemerkte er, daß die Decke des Indianers, in die man am Abend vorher einen Theil des zur Mitnahme bestimmten Goldes geknotet hatte, fehlte. Dies brachte ihn anfangs auf die Idee, daß die Beiden sich voraus auf den Weg gemacht und ihn in seinem Schlafe nicht hatten stören wollen.

Nach einigem Nachdenken aber gab er diese Meinung auf und ging, sie zu suchen.

Da das Thal leicht zu übersehen und leer war, nahm er natürlich seinen Weg zur Höhle, deren Inneres noch im Dunkel lag, da die Sonnenstrahlen hierhin noch nicht reichten. Er blieb am Eingang stehen und rief, - aber auch hier war das Echo seine einzige Antwort. Da erfaßte ihn die Angst, daß seine Gefährten versucht haben könnten, ohne ihn in die unerforschten Tiefen der Höhle einzudringen, und dabei verunglückt waren. Er verwünschte das Gold,

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das rings um ihn her aufgethürmt war, und lief zurück, um den Rest der Fackel zu holen.

Im Nu war er wieder da - in einem Augenblick war die Fackel angezündet und er stürzte in die Höhle - Das Haar auf seinem Haupte sträubte sich - der starke, unerschrockene Mann mußte sich an diese Wände von Gold lehnen; - vor ihm, lang ausgestreckt, die Augen groß geöffnet, lag auf diesen Blöcken von Gold die mächtige Gestalt des Grafen, starr und todt, und in der breiten Brust das Bowiemesser des Yankee - des Indianers.

Der ehrliche Trapper glaubte erst seinen Augen nicht trauen zu dürfen - dann, als er sich überzeugt, daß es Wirklichkeit, warf er sich nieder neben den Körper, und versuchte, ihn in's Leben zurückzurufen.

Aber das Blut, das aus der Todeswunde in langem Strom auf dies Gold sich ergossen, war längst getrocknet, der Leichnam steif und kalt - das Leben seit Stunden entflohen!

Vergebens rief er wieder nach dem Indianer, vergebens durchforschte er die Höhle bis in ihren tiefsten Schlund - nirgends, nirgends ein Leben außer den grünen Schlangen, die um seine Füße huschten, und den Vampyren, die der Schein seiner Fackel aus ihrem Morgenschlaf weckte.

So kehrte er endlich zurück, setzte sich nieder draußen vor der Höhle und bedeckte sein ehrlich Gesicht mit den breiten schwieligen Händen. Dicke, schwere Thränen machten sich zwischen den Fingern Bahn und rannen nieder auf das unselige Metall! -

Nach einer Stunde etwa erhob er sich. Er hatte sich

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überzeugt, daß der Indianer, den er für den Mörder halten mußte, nicht mehr in dem Goldthal sein konnte; darauf wies auch das Fehlen seiner Decke. Lange hatte er darüber nachgesonnen, was er mit dem Todten machen sollte, - aber es fehlten ihm alle Mittel, in dem felsigen metalldurchwachsenen Boden demselben ein Grab zu graben, und so beschloß er, ihn zu lassen, wo sein trauriges und geheimnißvolles Schicksal ihn ereilt!

Er erinnerte sich, daß der Graf seine Brieftasche im Thal unter einem Stein des Gemäuers verborgen und nicht wieder zu sich gesteckt hatte. So begnügte er sich, nur einen Wappenring von dem Finger des Todten zu ziehen, um ihn als Wahrzeichen den Seinen zu überbringen.

Nachdem Eisenarm ein Paternoster und das Ave für die Seele des Todten gesprochen und das Kreuz über den Leichnam geschlagen, bereitete er sich vor, die unheimliche Stätte zu verlassen. Indem er sich der letzten Worte des Todten erinnerte, beschloß er seinen - wenn auch mehr im Fieber der Rede angedeuteten - Willen zu erfüllen und belud sich mit der Goldlast, die der Graf ihn für die Zurückgebliebenen in die Decke hatte zusammen packen lassen. Dann stieg er die Wand hinauf zur Höhe des Gesteins, warf noch einen verächtlichen und trauernden Blick zurück auf den im Sonnenlicht funkelnden und blitzenden Grund, und bog um den Fels, der ihn seinem Auge entzog.

Rüstig stieg er an der Bergwand hinab, nur auf seinen Weg schauend, in tiefes Nachdenken versunken. Die Formation des Gesteins, das je tiefer er kam, desto mehr wieder sich mit üppigen Kletterpflanzen und Büschen

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belaubte, gestattete ihm zwar den Blick über die Tiefe, aber nicht auf den gefährlichen Weg, den er zu machen hatte.

So war er fast bis zu dem Plateau gekommen, auf dem sie den gefährlichen Kampf mit dem Weibchen des Condors bestanden, als er plötzlich lauschend stehen blieb.

Die Töne eines seltsamen in drei oder vier Noten sich auf und nieder bewegenden Gesanges schlugen an sein Ohr. Er wußte, von wem sie kamen, er hatte oft genug diese traurigen Töne in früheren Jahren gehört - es war die Todtenklage der Toyah's.

Einige Augenblicke blieb er stehen, um zu überlegen, wie er handeln solle - dann siegte die alte Liebe zu dem jungen Krieger und er schritt rasch vorwärts.

Noch einige Minuten, und das Plateau des Felsvorsprungs lag vor ihm.

Auf dem äußersten Rand, dort, wo noch die verkohlten Ueberreste das Nest des riesigen Vogels bezeichneten, saß der junge Indianer, die Beine über den Abgrund hängend, den mit den Kriegsmalereien seines Stammes bedeckten Leib hin- und herwiegend nach dem Takt seines traurigen Gesanges. Auf seinem Rücken hing das Bündel mit der schweren Goldstufe.

Der Jäger trat auf den Vorsprung.

»Wonodongah!«

Der Indianer antwortete nicht, er fuhr fort in seinem Gesang.

»Wonodongah - es ist ein Freund, der Dich ruft!«

Der Indianer lachte in seltsamer, erschreckender Weise. Damit unterbrach er seinen Gesang. »Das Ohr des

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Jaguar ist geschlossen - es hat nur Raum für die süßen Töne der weißen Nachtigall! Wonodongah ist ein Häuptling - er giebt den weißen Männern sein Gold und nimmt ihr Herzblut!«

»Mensch - Freund - was ist mit Dir? - Stehe auf und komm' zu mir! Was geschehen, ist traurig genug, aber ich hoffe, Du wirst Antwort darüber geben können. Der Fremde hat Dich gereizt - er schlug Dich in seiner Aufregung ...«

Er war bei den Worten vorgetreten.

Der Toyah wandte sich zornig um. »Was willst Du? Bleib zurück! Siehst Du nicht, daß ein Häuptling auf sein Roß wartet, um zu seinem Weibe zu reiten?«

»Jaguar - um der heiligen Jungfrau willen, was ist mit Dir geschehen? Du redest irre - komm zu Dir, Freund!«

»Die rothen Männer,« sagte der Indianer, »kaufen ihre Weiber. Sie geben Pferde und Decken dafür! Wonodongah ist ein Häuptling - er hat sein Hochzeitslager gekauft, die Braut ist sein! Siehst Du das Roß - es kommt!«

Er wies nach dem Aether, in dem ein schwarzer Punkt sich wiegte.

Der Trapper achtete nicht darauf, er wäre gern dem Irreredenden näher getreten, aber er fürchtete, daß jede ungestüme Bewegung den Freund in den Abgrund stürzen könnte und suchte ihn daher mit Worten zu beruhigen.

»Häuptling - ich beschwöre Dich - komm zu Dir! Komm hierher! denke daran, daß ich wie Dein Vater

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bin, daß wir so lange Jahre wie Brüder zusammen die Einöde durchzogen. Wende Deine Augen hierher auf einen Freund!«

»Meine Augen? meine Augen? sie sehen sie - den Leib schlank wie die Gazelle, die durch die Prairie jagt - Flammen tanzen vor ihnen - ihr Athem ist Wollust - ihre Arme sind Schlangen, die mich drücken an diese Brust - ein Weib - ein Weib! - die Nacht ist mein! - wo ist das Pferd eines Kriegers, daß es gleich dem Sturmwind ihn zu ihr trägt!«

Und wie der Sturmwind rauschte es heran mit gewaltigem Flügelschlag - entsetzt prallte der Trapper zurück zur Bergwand.

»Heiliger Gott! der Condor! - rette Dich!«

Der Indianer war emporgesprungen, sein Gesicht glühte in wahnsinniger Begeisterung - er breitete die Arme aus.

Erschreckt von dem Anblick der menschlichen Gestalt strich der riesige Vogel, der, eine Ziege in seinen mächtigen Klauen, heimkehrte zu seinem Nest, zu seinem Weibchen, seinen Jungen, zwei Mal wie suchend an der Stelle vorüber; sein gewaltiger Flügelschlag fegte daher wie eine Windsbraut, seine großen Augen glühten, seine Krallen öffneten sich und ließen die Beute fallen, wie um neue zu suchen. - -

Zum dritten Mal strich er vorüber - näher - näher - dicht an dem Felsblock hin -

»Mein Pferd!«

Der Trapper, zur Bildsäule erstarrt, sah, wie der

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Indianer hinaussprang in die Luft, wie seine Arme den Hals des Riesenvogels erfaßten - umklammerten - ein Kreischen - ein Schrei - eine formlose Masse wankte und schlug durch die Luft.

Vor seinen Augen versanken der Mann und der Condor. - - -



Eisenarm hat Niemandem erzählt, wie er den gefährlichen schwierigen Weg an der Felswand hinab zu dem Aztekentempel und dem Grunde des Thales gekommen war, denn er konnte sich später dessen selbst nicht erinnern.

Er fand die Klarheit seines Geistes erst wieder, als er neben dem Körper seines Freundes kniete.

Der Condor war fort - seine Schwingen hatten ihn längst nach dem furchtbaren Sturz davon getragen - sie hatten ihn, und damit auch den wahnsinnigen Reiter, der sich an seinen Hals geworfen, zwar nicht im Fluge zu tragen vermocht, aber doch die Gewalt des furchtbaren Sturzes aufgehalten und Beide zur Erde nieder getragen, von wo der erschreckte Vogel sich nach kurzer Betäubung wieder aufgeschwungen.

Aber er hatte eine schreckliche Spur des Kampfes, der in der Luft stattgefunden, an seinem Reiter zurückgelassen.

Als Eisenarm den Körper seines Freundes unweit der Stelle fand, an der am Morgen vorher der Kampf stattgefunden, zweifelte er nicht, einen zerschmetterten Leichnam zu sehen. Zwei Ströme Blut kamen von der Stirn des Indianers und waren zur dicken Masse geronnen.

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Kreuzträger sah mit Entsetzen, als er das Haupt seines Freundes in die Höhe hob, daß zwei blutige Augenhöhlen ihm begegneten statt des dunklen, ernsten Auges des jungen Häuptlings.

Die Schnäbelhiebe des Condors hatten ihn auf immer von dem Lichte getrennt.

Ein leises Aechzen verkündete zugleich dem Trapper, daß noch Leben in der hingestreckten Gestalt war. Er hob sie auf, er fühlte dabei, daß die Glieder ungebrochen, nur von dem Fall gequetscht, von den Krallen des Vogels blutig gerissen waren, und trug sie nach dem Ufer des Baches. Dort kühlte er zunächst die brennenden Augenwunden, wusch dem Unglücklichen das Gesicht und verband ihn mit dem duftigen Oregano, das jeder Jäger und Trapper bei sich führt.

Der Toyah hatte, auch nachdem er zum vollen Bewußtsein zurückgekehrt, die Bemühungen des Freundes schweigend geduldet. Erst nachdem Eisenarm ihn an den Stamm der Eiche gesetzt hatte und fortfuhr, mit dem frischen Wasser seine Augen zu kühlen, legte der Unglückliche die Hand auf seinen Arm.

»Die Augen eines Häuptlings werden das Angesicht eines Freundes nicht mehr sehen,« sagte er leise, »sie haben zu viel geschaut, was seinen Geist verwirrt hat. Der Manitouh18 der rothen Männer hat ihn dafür gestraft.«

»Ich verstehe Dich nicht, Jaguar, ich weiß nur, daß ein doppeltes Unheil geschehen, was mir das Herz in der

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Brust umkehrt. Deine Sinne müssen verwirrt gewesen sein, armer Freund, als Du den Fremden erschlugst und Dich von dem Felsen stürztest.«

»Wonodongah ist ein Häuptling! Ein Toyah hat niemals sein Wort gebrochen. Es ist Nacht vor seinen Augen, aber die schlimmere Nacht ist von seinem Geiste gewichen. Ein Vogel hat sein Lied in mein Ohr gesungen, aber es war das Zischen der Schlange. Will Eisenarm die letzten Wünsche eines Freundes erfüllen?«

»Mein Leben gehört Dir, Jaguar - ich habe außer Dir und Comeo Niemand auf der Welt.«

»Eisenarm irrt sich,« sagte der Comanche, sich halb emporrichtend. »Es lebt ein Wesen, dem seine Pflicht gehört.«

»Was meinst Du, Toyah?«

»Den Erben des Goldthals.«

»Möge der Fluch eines armen aber redlichen Mannes auf ihm ruhen,« rief erregt der Trapper. »Ich will Nichts mehr hören von diesem höllischen Ort.«

Der Indianer faßte seine Hand.

»Still!« sagte er mit gebietendem Ton. »Ein Tapferer ist gestorben von der Hand eines Häuptlings, aber der Jaguar der Comanchen und sein weißer Bruder haben gelobt, das Erbe dem Knaben zu bewahren. Er ist fortan unser Sohn. Wonodongah fühlt, daß der Große Geist zur Strafe seiner Fehler ihm noch nicht gestattet, einzugehen in die Jagdgründe der Geister seiner Väter. Er wird diese Quelle nicht verlassen, und das Erbe des

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Knaben über dem großen Wasser bewachen, bis dieser selbst kommt, es zu holen. Eisenarm wird für einen Freund sorgen.«

»Niemals, niemals will ich Dich verlassen, und Comeo ...«

»Eisenarm,« fuhr der Blinde fort, wird mit der Sonne aufbrechen und zu den Freunden des Erschlagenen gehen. Er wird ihnen den Willen des Todten verkünden und ihnen Gold bringen. Der Jaguar wird die Windenblüthe nicht wiedersehen; sie mag mit den Materos oder ihren weißen Freunden gehen. Eisenarm wird ihnen Gold geben, daß sie die Schwester eines Häuptlings beschützen, aber Niemand außer uns soll um das Geheimniß des Todten wissen.«

»Wohl, Jaguar,« sagte nach einem kurzen Bedenken der Trapper, - »ich werde Deinen Willen erfüllen, sobald Deine Wunden geheilt sind.«

Der Indianer schüttelte den verbundenen Kopf. »Eisenarm wird mit der sinkenden Sonne gehen,« sagte er. »Er wird einen Blinden an diesem Wasser lassen und die Nahrung ihm zur Seite legen. Wenn der Große Geist seine Seele zu sich nehmen will, ist es gut, daß er allein stirbt. Wenn er ihn erhalten will, wird Eisenarm ihn nach zehn Sonnen geheilt finden.«

»Du redest im Fieber, Jaguar. Ich sollte Dich hilflos hier zehn Tage verlassen?«

»Eisenarm hat noch nicht Alles gehört, was ein Freund von ihm verlangt.« Er faßte mühsam mit der zerschlagenen Hand in seinen Gürtel und zog ein leichtes Spitzentuch hervor, das von Blut überzogen war.

»Eisenarm erinnert sich der Herrin der Hacienda del Cerro?«

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»Wie sollte ich nicht!«

»Es ist gut. Er wird von den Freunden der »Offenen Hand« zu der Feuerblume gehen und ihr sagen, daß Wonodongah ihn sendet. Ein Häuptling hält seinen Schwur. Dies Tuch ist gefärbt mit dem Blut zweier Krieger - der Manitouh hat das Gold und die Weiber geschaffen, um die Herzen der Tapferen zu versuchen!«

»Jaguar - verstehe ich Dich? - Die Señora ...«

»Die bösen Geister der Wüste blicken aus dem Gold und den Weiberaugen. Mein Bruder ist weise, daß er beiden nicht traut. Der Große Geist hat die innern Augen eines Häuptlings geöffnet, indem er seine äußeren schloß. Will Eisenarm seinem Freunde geloben, zu thun, wie er von ihm bittet?«

»Ich gelobe es!«

»Gut! - Ein Krieger wünscht mit dem Manitouh zu reden. Sein Freund möge nach den Pferden der Apachen sehen, denn sein Weg ist weit.«

Der Indianer lehnte das Haupt zurück an den Stamm und schwieg. Kein Zucken, des Gesichts, keine Bewegung der Glieder verkündete die folternden Schmerzen, die er litt.

Eine Weile stand der Trapper betrübt und stumm vor ihm; - dann entfernte er sich, um die Vorbereitungen zur Erfüllung der ihm heiligen Wünsche zu treffen.

Der blinde Wächter des Schatzes der Ynka's und der Bourbonen - der besiegten Königsgeschlechter der alten und der neuen Welt! - blieb allein mit seinen Schmerzen und seinem rothen Gott!

Das Andreaskreuz.

Wir führen den Leser zu der Insel im Buenaventura zurück, die der Graf und Kreuzträger zwei Tage vorher verlassen.

Die beiden Tage waren mit dem gewöhnlichen plänkelnden Kugelwechsel zwischen den Abenteurern in ihrer geschützten Stellung und den Apachen vergangen, zu einem ernstlichen Angriff war es nicht gekommen. Auf der Insel wußte man natürlich nicht, ob es dem Grafen und Kreuzträger gelungen, das Ufer glücklich zu erreichen, aber man schloß wenigstens, daß sie nicht in die Hände der Feinde gefallen waren, weil diese sicher sonst ihren Fang mit großem triumphirenden Lärmen gefeiert haben würden.

Jetzt jedoch begannen die Abenteurer ängstlich die Stunden zu zählen und mit verdoppelter Aufmerksamkeit ihre Wachen zu halten. Die Lebensmittel reichten selbst bei der knappsten Einrichtung kaum noch für einen Tag, die Entscheidung auf die eine oder andere Weise mußte kommen.

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Es war in der dritten Nacht - unter dem Schutz derselben mußten der Graf und Eisenarm, oder wenigstens Einer von ihnen erscheinen, wenn sie nicht todt oder gefangen waren. Es war die Nacht, die der Graf mit seinen Begleitern im Goldthal zubrachte.

Lieutenant Morawski hatte die Posten an den Ufern aufgestellt und sie eben nochmals revidirt. Jeder derselben war mit zwei Männern besetzt, die alle zwei Stunden abgelöst wurden. An der dem Strom abgekehrten Spitze, von welcher drei Abende vorher Kreuzträger und der Graf ihr kühnes Unternehmen begonnen, fand er Master Slongh und den Matrosen William, und empfahl ihnen die höchste Aufmerksamkeit.

Hier saß auch, die Arme auf den Rücken geschnürt, die Füße gleichfalls geknebelt, der Däne, mit dem Rücken gegen ein Felsstück gelehnt.

»Möge Eure Seele verdammt sein bis in die unterste Hölle!« fluchte der Bösewicht auf eine Ermahnung des Polen, sich ruhig zu verhalten, da der Zustand der Gräfin sich während der Tage verschlimmert hatte und die rauhen Männer mit ihrer Angst um den Gatten aufrichtiges Mitleid hegten. »Hätte meine Kugel sie getroffen, so wäre ihr das Alles erspart worden! Ein Thor müßte er sein, wenn er zu den Narren, die ihn gehen ließen und dem kranken Weibsbild zurückkehren würde. Sie haben ihre Haut in Sicherheit gebracht und lassen uns hier im besten Falle verhungern, wie die Ratten in einem leeren Schiff.«

»Euch kann es gleich sein, Mann, welchen Tod Ihr sterbt,« sagte der Pole unwillig; »denn wenn der Graf

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zurückkehrt, ist der Strick Euch sicher und verdient habt Ihr ihn gewiß zehnfach in Eurem ruchlosen Leben.«

Der Däne schlug ein rohes Lachen auf. »So glaubt Ihr wirklich daran?«

»Graf Boulbon hat sein Ehrenwort verpfändet, zurückzukehren.«

»Und wenn er nicht kommt?«

»Dann mögt Ihr Euch hängen lassen, wo Ihr wollt.«

»Damned! es gilt. An den Beinen mögt Ihr mich aufknüpfen, wenn ich nicht Recht habe. Aber bis dahin, Lieutenant, laßt mir wenigstens die Stricke daran lösen, denn die Schufte haben mich zusammengeschnürt, daß das Blut nicht durch die Adern kann!«

Der Pole hieß Slongh die Bande an den Füßen des Gefangenen etwas lockern, wenn er das Versprechen geben wolle, sich ruhig zu verhalten, und ging dann weiter.

Slongh machte sich an den zähen Lianenranken zu thun, mit welchen der Seeräuber gefesselt war. Es war das erste Mal, daß die Reihe ihn getroffen, bei diesem zu wachen und er hatte absichtlich vermieden, ihm nahe zu kommen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Jetzt jedoch hatte er die günstigste Gelegenheit zu einer Verständigung.

»Der Teufel hole Euch, Ihr plärrender Schurke,« murmelte der Seeräuber - »ist das die Freundschaft, auf die ich zählen kann?«

»Still, Mann,« sagte der Methodist in spanischer Sprache, von der er wußte, daß sie sein Gefährte auf dem Posten nicht verstand - »was hätte es genützt, wenn ich mich mit Euch in Verlegenheit gebracht hätte? Die

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Amalekiter haben die Gewalt über uns, aber der Herr verläßt die Seinen nicht in der Gefahr. Glaubt Ihr, daß wir mit dem Kanoë unbemerkt an den Apachen vorbeikommen könnten?«

»Den Teufel, das ist eine Idee!«

»Ich glaube so wenig als Ihr, daß der Graf und Kreuzträger solche Narren sein werden, hierher zurückzukommen. Es wird also unsern Männern Nichts übrig bleiben, als den Versuch zu machen, sich durchzuschlagen oder auf dem Wasser zu fliehen. Zum Gelingen ist da wenig Aussicht und wir werden sicher unsern Scalp dabei lassen müssen.«

»Das ist so gewiß, wie Ihr ein Bursche seid, der wenig Lust hat zum Märtyrer, trotz alles Predigens und Psalmensingens.«

»Der Herr möge mich bewahren davor! Es ist genug, daß ich einmal nahe daran war. Nun denke ich, daß Einer oder Zwei sich eben so gut und noch bequemer aus dem Staube machen könnten, als unser würdiger General, wenn sie das Kanoë dazu benutzen wollten.«

»Und Ihr meint, wir Beide könnten das thun?«

»Ihr seht, Kapitain, daß ich Euch aufrichtig ergeben bin. Aber Ihr müßt bedenken, daß ich Euch zu Liebe ein armer Mann geworden bin.«

»Meinetwegen?«

»Nun ja - bloß aus Freundschaft für Euch habe ich mich diesem thörichten Unternehmen angeschlossen, da Ihr durchaus nicht nach Guaymas zurückkehren wolltet und da ich nun weiß -«

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»Was?«

»Je nun, daß Ihr in Eurem Gürtel eingenäht noch Euer Handgeld von San Francisco und Guaymas her bei Euch führt -«

»Wer zum Teufel hat Dir das verrathen, Schuft?«

Der Methodist verdrehte die Augen. »Die Heiligen haben mich mit einem feinen Gefühl in den Fingern gesegnet. Ich sollte meinen, Ihr hättet gesehen, daß ich nicht ungeschickt mit den Karten und Würfeln umzugehen verstehe. Also - wenn Ihr versprecht, mit mir zu theilen, Kapitain, so will ich's wagen, Euch zu meinem Begleiter bei dem Entwischen zu machen.«

»Gut - Ihr sollt Euern Antheil haben. Aber wann soll es geschehen?«

»Noch während unserer Wache - sogleich! Morgen wäre es zu spät und wir würden nicht mehr die Gelegenheit dazu finden. Das Kanoë liegt keine fünf Schritte von hier.«

»Aber der englische Tölpel dort?«

»Das ist es eben, Kapitain. Ich habe versucht, ihn auszuhorchen, aber der Kerl ist zu dumm und zu ehrlich, und würde sich weigern und uns verrathen.«

»Also ...«

»Also - er muß unschädlich gemacht werden, damit er uns nicht hindern kann.«

Der Pirat lachte höhnisch. »So - Freund Slongh! Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht die wahre Ursache ist, weshalb Ihr mich an der Flucht Antheil nehmen

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laßt. Ihr wißt, daß Ihr nicht fertig mit der Theerjacke werden könnt und wollt, daß ich ihr den Hals zuschnüre.«

»Nein, Kapitain - Ihr sollt Euch nur auf ihn werfen im rechten Augenblick, das Andere will ich schon selbst besorgen.«

»Aber dazu müßt Ihr mir auch die Hände losbinden.«

»Es ist nicht nöthig, Kapitain,« meinte schmeichelnd der Methodist. »Es könnte durch einen unglücklichen Zufall bemerkt werden und das Ganze stören. Ihr braucht ihn blos nieder zu werfen, ehe er von seiner Flinte Gebrauch machen kann - das Weitere ist meine Sache!« -

»Aber -«

»Es muß sein, Kapitain! - So - Eure Füße sind frei! Setzt Euch näher zu uns und paßt auf, wenn ich sage: es ist Zeit!«

»Hört, Master Slongh,« sagte der Matrose, indem er sich umdrehte - »ich sollte denken, es wäre besser, Ihr hieltet hier Ausguck, statt mit dem Piraten da Euer Garn zu spinnen. Der Kerl verdient seinen Hanf und es soll mich freuen, ihn baumeln zu sehen.«

»Ein Sünder, der Buße thut, ist dem Herrn mehr werth, als zehn Gerechte!« näselte der Methodist. »Warum sollte ich nicht den Versuch machen, ihn zu bekehren aus seiner Finsterniß, darinnen er schlimmer ist, als die Heiden und die Apachen! Warum sollten wir nicht die Leiden seines Leibes mildern, da doch bald seine Seele brennen wird im höllischen Feuer? Setzt Euch dorthin, Kapitain, damit Ihr wenigstens den Trost einer gottseligen Unterhaltung anhört.«

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Der Pirat rollte sich eine lästerliche Verwünschung murmelnd in die Nähe des Matrosen, der ärgerlich fortrückte. »Der Henker hole Euer Geplärr, Bursche - glaubt Ihr wirklich, daß ein schuftiger Pirat vor Eurem Singsang seine Segel umholen und auf einen anderen Strich legen werde?«

»Der Herr hat auch die Schlimmsten erleuchtet,« meinte der Methodist, indem er dem Piraten einen Wink gab. »Ueberdies ist Kapitain Hawthorn von Eurem eigenen Gewerbe.«

»Den Teufel ist er,« gab der Matrose zur Antwort. »Nehmt Euch in Acht, Bursche, daß ich Euch nicht 'ne volle Ladung in Euern Spiegel gebe für die Beleidigung. Eine britische Theerjacke segelt niemals unter Piratenflagge, auch wenn sie einmal auf einer Abtrift von ihrem rechtmäßigen Bord ist.«

»Nun laßt's gut sein, Master William. Das Beste wäre freilich, wir sähen erst die blaue See in der Bai von San Francisco wieder vor uns statt dieses schmutzigen Gewässers. Ihr würdet auch lieber ein Tau oder eine Kanne Grogk in der Hand haben statt der Büchse da, die nicht einmal eine von den besten ist.«

Der Methodist hatte während des Gesprächs sein langes Messer aus der Tasche genommen, damit nach der amerikanischen Sitte an einem Zweige geschnitzelt und es dann neben sich in den Boden gesteckt. Jetzt nahm er dem Matrosen die Büchse aus der Hand, wie um sie zu untersuchen, klappte den Hahn auf und entfernte dabei unbemerkt im Dunkel das Zündhütchen.

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Der Pirat hatte sich im Rücken des Matrosen, der unbekümmert auf einem Steine saß und nach dem Fluß hinaus schaute, auf ein Knie erhoben, bereit, sich auf ihn zu werfen.

»Sagt, William,« fuhr Slongh fort, »wie denkt Ihr über das Versprechen unseres Generals und Kreuzträgers? ich fürchte, es ist nicht viel darauf zu rechnen.«

»Ich habe nie viel von den Franzosen gehalten,« meinte der Matrose, »sie drehen nach jedem Kompaßstrich, und nur die Yankee's, wie Ihr, sind noch schlechter und unzuverlässiger. Aber dennoch wollt ich mein ganzes Prisengeld dafür verwetten, daß uns der Admiral nicht im Stich läßt, da er sein Wort drauf gegeben und ein tapferer Bursche ist er, das mag selbst ein Britte eingestehen, ohne sich zu nahe zu treten.«

»Glaubt Ihr? - Nun, heute sollt' er kommen,« sagte der Methodist spöttisch, indem er die Büchse auf seine andere Seite legte und Hawthorn mit der Hand winkte. »Mitternacht ist längst vorüber, und ich denke, es ist ...«

Er konnte das verhängnißvolle Wort nicht aussprechen - der Matrose, der so eben noch den Führer vertheidigt, faßte mit einer raschen Bewegung seinen Arm.

»Seht dorthin, Mann,« flüsterte er, »was bedeutet das?«

Der Methodist ließ bestürzt die Hand von dem Griff des Messers, den er bereits gefaßt hatte und sah nach der Seite, wohin der Engländer deutete.

Der Pirat, der sich erhoben, taumelte an den Felsen zurück, an dem er vorhin gelegen - seine Augen starrten gleichfalls nach der Stelle hin.

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Ein lichter Streif, eine Art hellerer Nebel kam über das Wasser dem Strom entgegen rasch daher - erst formlos - dann gleich einer Gestalt - deutlicher und deutlicher und dennoch körperlos, wie das Bild einer Laternamagica oder ein lichter Schatten - -

Ein bleiches strenges Gesicht - ein ernstes Auge, das starr im Vorüberziehen auf sie gerichtet war -

Der Nebel - das Licht - ging an ihnen vorbei nach der Mitte der Insel - man wußte nicht, woher - wohin - ob Wirklichkeit, ob Täuschung -

»Damned!« murmelte endlich der Matrose, »ich will mich kielholen lassen - wenn das nicht der Graf war!«

»Mensch - sprecht - -«

Der Methodist saß mit bleichem Gesicht da - seine Zähne klapperten.

»Die Wunder des Herrn sind groß! - ist er wirklich zurückgekehrt?«

Ein Schrei klang von der Mitte der Insel her, durchdringend - schneidend!

Gleich darauf scholl der Ruf um Hilfe von eirer Männerstimme - die Abenteurer fuhren von ihrem harten Lager empor und sammelten sich an der Stelle, von welcher der Schrei gekommen, - es war die Zweighütte der kranken Frau.

Der Matrose Jack hatte sein Gewehr ergriffen und war aufgesprungen. Als er sich umwandte, sah er den Piraten an der Klippe lehnen, die Augen weit aufgerissen, das Haar gesträubt.

»Was thust Du da, Kerl?« rief der Engländer -

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»wer hat Dir die Erlaubniß gegeben, aufzustehen? Nieder auf's Verdeck, oder ich schlage Dir den Schädel ein. - Geht nach dem Lager, Slongh, und seht, was der Lärmen bedeutet. - Mensch - Ihr fürchtet Euch doch nicht?«

Der Methodist zitterte an allen Gliedern. »Der Graf, sein Geist ...« stammelte er.

»Unsinn, Mann, es giebt keine Gespenster, mit Ausnahme des Klabautermannes19 und des fliegenden Holländers. Eine Sternschnuppe war's oder eine indianische Teufelei - Verdammt - was ist das?«

Ein Schuß krachte in einiger Entfernung drüben am rechten Ufer des Stroms - ein zweiter auf dem linken, - ein gellendes Furio, als wären hundert Teufel losgelassen! - Dann Schuß auf Schuß!

»Hurrah! Männer hierher! - Wo ist das Boot? Der Graf ist über den Apachen - wir müssen ihm zu Hilfe eilen!«

Der Pole Morawski sprang mit der Schnelligkeit und der Kraft eines Jünglings zum Ufer herunter - andere der Abenteurer, die Büchse in der Hand, folgten ihm.

»Die Ruder, William,« befahl der Lieutenant, »sechs Mann in's Boot und dann so rasch als möglich zurück!

- Wir wollen der armen Frau wenigstens eine Leichenfeier bereiten helfen im Blute der Rothhäute!«

Schuß auf Schuß krachte drüben und mischte sich in das Hurrah der Abenteurer und das Todesgeheul der überfallenen Apachen. - - -



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Als Slongh, der keinerlei Beruf gefühlt, sich den Uebersetzenden anzuschließen, jetzt nach der Mitte der Insel zu dem Lager schlich, hörte er von der Zweighütte her ein tiefes Schluchzen.

Es war der alte Avignote, der neben der Leiche seiner Herrin kniete; - ein plötzlicher Herzkrampf hatte ihrem Leiden und Bangen ein Ende gemacht! -

Die Gatten waren vereint!



Die aufgehende Sonne zeigte die völlige Niederlage und Vernichtung der Apachen. Wenige nur waren den Kugeln und den Tomahawks ihrer Feinde bei dem plötzlichen Ueberfall entgangen und hatten sich in die Einöde oder die Sierra flüchten können.

Die Belagerten auf der Insel waren befreit und bereits auf dem linken Ufer, während Kreuzträger mit den Comanchen auf dem rechten die Ankunft des Grafen und der beiden Jäger erwartete.

Der alte Wegweiser halte bei dem Ueberfall sorgfältig darüber gewacht, daß dem Lord und seinen Begleitern kein Leid geschehe. Da derselbe sich an dem Kampfe nicht betheiligt hatte, glaubte der Wegweiser sich nicht einmal berechtigt, ihn bis zur Ankunft des Grafen zurückzuhalten, und bot ihm an, ihn und seine Diener durch einige der Comanchen sicher bis in die Nähe der nächsten mexikanischen Mission geleiten zu lassen.

Trotz des Sieges und der Befreiung aus ihrer gefährlichen Lage herrschte doch unter den Abenteurern eine ernste

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Stimmung und sie erwarteten mit einer gewissen Spannung die Ankunft des Grafen, der sie zu den lang versprochenen Goldlagern führen sollte. Ihre ernste Stimmung war durch den Tod der Gräfin, die so treulich all' ihre Anstrengungen und Gefahren getheilt hatte, und durch die seltsamen und verworrenen Erzählungen Slongh's und des Matrosen von der Erscheinung des Grafen hervorgerufen. Die Leute steckten die Köpfe zusammen, beriethen sich über ihre nächsten Schritte und fürchteten offenbar neues Unheil. Die Mittheilungen Kreuzträgers waren nicht genügend, die Ursachen zu erklären, warum der Graf nicht mit den Comanchen zu ihrer Befreiung zurückgekommen und es herrschte offenbar ein gewisses Mißtrauen gegen diese, was machte, daß beide Parteien auf je einem der Ufer sich abgesondert von einander und nur einen geringen Verkehr unterhielten, obschon in einiger Entfernung oberhalb der Insel eine Furth das Passiren des Stromes für Reiter leicht gestattete.

Lord Drysdale hatte bereits beschlossen, das Anerbieten Kreuzträgers und seines Sohnes anzunehmen und traf seine Vorbereitungen, noch am Nachmittage aufzubrechen, um jedem Zusammentreffen mit dem Grafen auszuweichen, als der Methodist plötzlich vor dem Zelt erschien, das dem Engländer und seinen Begleitern zum Aufenthalt gedient, und ihn zu sprechen verlangte. Er führte ihn eine Strecke abseits, und mit Erstaunen sah der junge Preuße, der sich noch immer in seiner Gesellschaft befand und gleichfalls mit Ungeduld die Rückkehr des Grafen erwartete, daß der Lord mit großer Erregung die Mittheilung des

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Methodisten anhörte und in eine lebhafte Verhandlung mit ihm gerieth.

Als er endlich - während Slongh in dem Kanoë zur Insel ruderte - zu dem Zelt zurückkehrte, war das Gesicht des Engländers bleich und entstellt, aber in dem festgeschlossenen Mund und dem drohenden Blick sprach sich ein finsterer Entschluß aus. Er bat den Offizier, Kreuzträger zu benachrichtigen, daß er beschlossen habe, bis zum Abzug der Comanchen zu bleiben und sie nach dem Rio del Norte zu begleiten, wo er leicht Gelegenheit finden könnte, Mexiko und einen der östlichen Häfen zu erreichen.

Der Tag und der Abend verging, ohne daß der Graf zurückkehrte. Bonifaz, der unter dem Beistande einiger der Abenteurer auf der Insel unter der Korkeiche ein Grab gegraben, war herüber gekommen, um mit Kreuzträger und dem Preußen von seinem Herrn zu sprechen und diesen zu erwarten, da er es für Pflicht hielt, ihm zuerst die traurige Botschaft zu überbringen. Obschon er die Erzählungen Slongh's als eine alberne Erfindung und eine Eingebung seiner Furcht zurückgewiesen, war sein Wesen doch sichtlich schwer gedrückt und trübe. Auch der junge Preuße konnte eine ernste Stimmung nicht verbergen und seine Blicke weilten oft lange und unentschlossen auf der jungen Indianerin, die mit ihnen am Feuer saß.

Die Todte auf der Insel, die arme kleine Schauspielerin mit dem treuen und aufopfernden Herzen, lag allein neben dem Grabe, das sich am nächsten Morgen über ihr schließen sollte. Von beiden Ufern leuchteten die Feuer der

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rothen und weißen Männer, und mit ungestümem Rauschen brach sich der Strom an den Klippen.

Jetzt erklang ein leiser Pfiff unter den Felsen des rechten Ufers unterhalb der Insel, und alsbald stiegen zwei dunkle Gestalten die Bank hinab, die eine hoch und stattlich, die andere an der Erde in seltsamer Weise sich hinschiebend.

»Hier, Mylord - hier herunter!« flüsterte die Stimme Slongh's.

Der Lord sprang hinab, dann nahm er seinen verkrüppelten Diener in die Arme und hob ihn in das Kanoë. Der Malaye ergriff das zweite Ruder und mit der vollen Kraft seiner Arme trieb er das leichte Fahrzeug gegen den Strom. Nach wenigen Minuten landeten sie an der Spitze der Insel. Der Methodist befestigte den Kahn, dann half er dem Krüppel an's Ufer.

»Haben Sie die Stricke, Mylord?« flüsterte er.

»Sie sind fest und gut. Verlaßt Euch darauf.«

»Dann folgen Sie mir mit aller Vorsicht und Stille - er ist verteufelt mißtrauisch.«

Slongh ging voran bis an die Klippen der Westseite des kleinen Eilands - dort hustete er.

Sogleich hörte man im Dunkel sich etwas regen, ein mürrischer Fluch wurde laut und die Stimme Hawthorns, des Piraten, nannte den Namen des Methodisten.

»Es ist Alles sicher, Kapitain,« sagte dieser. »Kommt nur hervor aus Eurem Versteck, das Kanoë ist da und in einer halben Stunde sind wir Beide in Sicherheit.«

»Der Teufel hole Euch, Schurke,« murrte der Pirat,

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der mühsam aus einer Menge Buschwerk und Gräsern sich hervorarbeitete, die das Loch bedeckt hielten, in das er sich mit Hilfe des Methodisten versteckt hatte, als in der Nacht vorher der Kampf mit den Apachen entbrannt war und die Abenteurer ihren unbekannten Bundesgenossen zu Hilfe eilten, ohne sich um ihn zu bekümmern. - »Warum habt Ihr mir nicht wenigstens die Hände frei gemacht, daß ich mich vor diesen verdammten Dornen schützen konnte? - Mich den ganzen Tag in dem Loch da liegen zu lassen ist ein schlechtes Freundschaftsstück. Schneidet sogleich den Strick durch, damit ich endlich meine Arme brauchen kann!«

»Gleich, gleich, Kapitain,« sagte der Verräther, »Ihr müßt Euch noch einen Augenblick gedulden, denn ich habe das Messer im Kanoë gelassen. Ich mußte mich auf alle Fälle sichern - jetzt aber glauben die Narren, Ihr habt die Gelegenheit vorgezogen, in's Wasser zu springen, statt auf die Schlinge zu warten, und so sind wir ganz sicher. Die Apachen sind erschlagen durch Kreuzträger und eine Bande Comanchen, oder verjagt, unsere Leute lagern alle auf dem linken Ufer, der Graf, mit dessen Spuk unsere eigene Einbildung uns erschreckt hat, kommt erst morgen zurück, und wenn wir uns mit dem Strom eine halbe Stunde lang den Fluß hinunter treiben lassen, sind wir unsere freien Herren und aller Gefahr ledig, - es müßte denn sein, daß ...«

»Was meint Ihr?«

»Je nun, daß Ihr noch einmal auf Euren schlimmsten Feind, den Engländer, stoßen würdet. Aber kommt hierher, Kapitain - hier ist das Kanoë!«

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»Der Teufel gesegne Dir die Erinnerung!« fluchte der Pirat. »Nenne den Namen noch einmal, und ich schlage Dich zu Boden, wie einen tollen Hund!«

»Wenn Ihr je die Gelegenheit dazu bekommt!« lachte boshaft der Methodist. »Auf ihn!«

Der Seeräuber stieß einen gräßlichen Fluch aus und wollte vorwärts springen, denn er fühlte seine Beine fest umklammert - aber im nächsten Augenblick waren diese unter ihm weg und er zu Boden gerissen. Ein Knie setzte sich schwer auf seine Brust und eine starke Hand preßte ihm einen Knebel in den Mund, während seine Füße auf's Neue mit festen Banden umschlungen wurden.

»Mörder!« zischte eine Stimme über ihm, während der Elende selbst in dem Dunkel ein bleiches Gesicht und funkelnde Augen über sich erkennen konnte. »Mörder, denk' an das chinesische Meer und bereite Dich auf Dein Schicksal!«

Der Pirat kannte diese Stimme - sein Haar sträubte sich bei ihrem Klang - seine Augen schienen vor Entsetzen aus ihren Höhlen zu quellen. Vergebens versuchte er Widerstand und riß wie rasend an seinen Banden - fester und fester schlangen sie sich um seine Glieder, ihn zu einer hilflosen Masse machend, und der Knebel zwischen seinen Zähnen erstickte den Schrei der Wuth, den Ruf um Hilfe.

Der Lord hatte sich erhoben - er streckte die Hand nach dem Sternenhimmel empor, als danke er dem Rächer da oben, daß er das furchtbare Amt endlich in seine Hände gegeben.

Mahadrö, der Krüppel, kniete an der Seite des Gefesselten und murmelte Gebete.

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»Ich sagte es Euch ja, Freund Hawthorn,« bemerkte spottend der Methodist, »daß Ihr gerettet wäret, wenn Ihr nicht etwa das Unglück hättet, auf Seine Herrlichkeit zu stoßen. Aus alter Freundschaft soll es mir auf eine Hand voll Gebete für die Rettung Eurer armen Seele aus dem höllischen Pfuhle nicht ankommen, und ich weiß, das wird Euch ein Trost sein, wenn Ihr jetzt hinüber müßt!«

»Still!« befahl der Lord. »Sie versicherten mich, daß der Ort, wo dieser Mann sich heute versteckt gehalten, ihn sicher vor Entdeckung schützen würde?«

»Gewiß, Mylord!«

»Hier sind die zweihundert Pfund, die Sie dafür verlangten, ihn in meine Hände zu liefern, und fünfzig darüber, damit Sie thun, was ich befehle.«

Der Methodist steckte die Banknoten ein, aber er konnte sich eines Zitterns dabei nicht erwehren. »Ich danke, Mylord - er hat den Tod sicher verdient, und eine Kugel durch die Schläfe, oder eine Schlinge um den Hals ...«

Der Engländer lachte, - es war ein kurzes, kaltes, teuflisches Lachen.

»Was wissen Sie davon, was ich mit diesem Manne abzumachen habe!« sagte er rauh. - »Glauben Sie, daß ich drei Jahre ihm gefolgt bin durch Meere und Länder, um mit ihm die kurze Abrechnung einer Kugel zu halten? - Fassen Sie an ...«

»Aber - Mylord - was wollen Sie thun?«

»Gehorchen Sie!« sagte der Lord streng. »Sie haben Ihren Lohn erhalten. Nehmen Sie seinen Kopf, indeß

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ich die Füße nehme, und lassen Sie uns ihn in das Versteck zurückbringen!«

Der Methodist, dem es kalt über den Leib rieselte bei dem unbekannten Schicksal, welches das Opfer seines spekulativen Verraths erwartete, gehorchte. So trugen die beiden Männer den hilflosen Körper zu der Felshöhlung zurück, in der er früher sich verborgen, und warfen ihn gleich einem leblosen Klumpen da hinein. Der Lord selbst half auf's Neue, ihn mit Zweigen, Steinen und Gestrüpp bedecken, bis selbst das hellste Tageslicht keine Spur mehr von ihm zeigen konnte.

Dann wandte sich der ehemalige Missionair zu seinem verkrüppelten Begleiter.

»Mahadrö,« sagte er langsam und schwer, »ich versprach Dir einst, Deine Treue zu lohnen und Deine Leiden zu vergüten. Ich will es thun, indem ich Dir den Beweis meines höchsten Vertrauens gebe. Bewache diesen Mann, bis ich sein Leben von Dir fordere!«

»Du sollst nicht tödten, spricht der Herr! Die Rache ist mein!« sprach feierlich der Krüppel.

»Blut für Blut! Leben für Leben! ich habe geschworen, das Schwert seiner Hand zu sein! Gehorche!«

Er winkte ungeduldig dem Methodisten nach dem Kahn und hieß ihn einsteigen.

Mit festen Ruderschlägen trieb er das Fahrzeug nach dem jenseitigen Ufer; - ohne daß er ein Wort zu sprechen wagte, sprang Slongh an's Land und eilte davon, als wäre der Rächer auf seinen eigenen Fersen.

Der Lord kehrte zu dem Lager der Comanchen zurück

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und warf sich am Eingang seines Zeltes auf die Decke nieder, die sein Lager bildete, das Auge in jene unermeßlichen Tiefen des Himmels tauchend, aus denen Myriaden von Welten ihm blitzten und leuchteten.

Seine Welt war öde und leer - sein Stern längst versunken!

In tiefem Sinnen fand ihn noch der Morgen!



Es war eine Stunde nach Sonnenaufgang, als umher schwärmende Reiter der Comanchen verkündeten, daß am Ufer des Flusses von Süden her ein Mann auf einem Mustang sich näherte, ein zweites Pferd am Zügel führend.

Bald erkannten Kreuzträger und der Lord den Trapper. Zum Erstaunen Aller kam er allein.

Man umringte ihn, als er herangekommen, Bonifaz und der Preuße bedrängten ihn voll Besorgniß mit Fragen nach dem Grafen.

Die Miene Eisenarms war ernst und undurchdringlich. Er begnügte sich damit, sich zu Kreuzträger zu wenden und ihn zu fragen:

»Wo ist Señor Bonifazio, der Begleiter des Conde? ich habe eine Botschaft für ihn.«

»Hier, Mann - ich bin es! Wo ist mein theurer Herr? Es ist ihm doch kein Unheil begegnet?«

»Der Graf,« sagte einfach der Trapper, »ist todt. Gottes Wille, der in der Einöde, wie in den Städten regiert, hat seinem Wege ein Ende gemacht. Nehmet dies Zeichen zum Beweise der Wahrheit meiner Aussage.«

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Er reichte ihm den Siegelring mit dem Wappen der Lilien und dem schrägen Balken.

Der Schlag war so unerwartet, so furchtbar, nachdem Kreuzträger mit den Comanchen die Nachricht gebracht hatte, wie Alle glücklich den gefährlichen Kampf bestanden, daß im ersten Augenblick Niemand ein Wort zu sagen wußte. Der alte Avignote bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in tiefes Schluchzen aus.

Obschon der Lord keine Ursache hatte, für das Schicksal des Franzosen ein Interesse zu zeigen, veranlaßte ihn doch die Achtung, die ein entschlossener und tapferer Mann selbst dem gleichen Feinde zollt, sofort einzuschreiten.

»Master Eisenarm,« sagte er - »ich habe Ihren Charakter kennen und achten gelernt und zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit Ihrer traurigen Nachricht. Aber wenn auch die Gattin des unglücklichen Mannes ihm im Tode vorangegangen ist, so hat Graf Boulbon doch zahlreiche Freunde hier zurückgelassen, die Rechenschaft über die Art und Weise seines Todes von Ihnen verlangen müssen, da Sie und der Indianer, Ihr Freund, den wir gleichfalls hier nicht sehen, die Personen sind, in deren Gesellschaft Kreuzträger den Grafen gesund und kräftig zurückgelassen hat.«

»Wir haben den Todten nicht zu uns gerufen, Mylord,« sagte ruhig der Trapper, »er ist aus eigenem Antriebe gekommen und in gleicher Weise geblieben, als er hierher zurückkehren und seine Freunde befreien konnte. Niemand hat demnach ein Recht, mich für sein Schicksal verantwortlich zu machen. Dennoch bin ich bereit, dem

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Manne, den er selbst bestimmt hat, die näheren Umstände mitzutheilen, so weit ein Eid mich nicht bindet. Señor Bonifazio, ich wünsche mit Ihnen allein zu sprechen, während ich zugleich Señor Kreuzträger bitte, diese beiden Pferde in Obhut zu nehmen, und Niemandem zu gestatten, sie zu berühren.«

Die ruhige feste Weise Eisenarms unterdrückte jedes Mißtrauen - Bonifaz willigte sofort ein und ging ihm voran nach einer kleinen Anhöhe, einige hundert Schritte von dem Lager entfernt, wo Niemand ihre Unterredung vernehmen und man jeden sich Nähernden sehen konnte.

Hier setzten sich Beide nieder und der Trapper zog aus seiner Jagdtasche das Portefeuille, in welchem der Graf kurz vor dem Kampf seine letzten Bestimmungen für den Fall seines Todes nieder geschrieben hatte, und reichte es dem Avignoten.

»Ich kann nicht lesen, Fremder,« sagte er einfach, »und weiß nur, daß der Conde mir empfohlen hat, im Fall seines Todes Euch dies zu geben. Wenn Ihr es gelesen, und es vielleicht sich nöthig erweist, mögt Ihr mir davon mittheilen, was Euch gut dünkt.«

Bonifaz öffnete das Portefeuille und fand darin zwei beschriebene Blätter.

Das erste war eine Art Testament und lautete:

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Der Avignote las seinem Gefährten dieß Testament wörtlich vor.

»Es ist sehr freundlich von einem so vornehmen Herrn,« sagte der Jäger, »eines armen Mannes wie ich bin, zu gedenken und ihn also zu ehren. Lesen Sie das andere Blatt, Señor Bonifazio, ich hoffe, es steht etwas Näheres darin, wie ich mich zu verhalten habe.«

Das zweite Blatt war an Bonifaz selbst gerichtet und lautete also:

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Der Avignote vergoß heiße Thränen, als er diese Zeilen seines geliebten Herrn und Freundes gleich den andern dem Trapper vorlas, der sie aufmerksam anhörte. Dann folgte eine lange Unterredung zwischen den beiden Männern und die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als sie zu ihren Freunden zurückkehrten.

Sie waren nach reiflicher Ueberlegung zu dem Entschluß gekommen, wenn auch nicht das Geheimniß der Todesart des Grafen und des Goldthals, - von dem Eisenarm dem Avignoten auch nur so viel mittheilte, als der Eid der drei Blutbrüder ihm gestattete, - so doch die letzten Bestimmungen des Grafen den vertrauten Freunden mitzutheilen, und mit ihnen zu berathen, in welcher Weise die Abenteurer abgefunden werden sollten.

Der Lord, Kreuzträger und sein Sohn, der junge Offizier und Windenblüthe wurden deshalb zusammenberufen, und Eisenarm öffnete vor den Blicken der Staunenden die Last, welche der Mustang, den er mit sich geführt, getragen hatte. Die beiden Decken enthielten die Goldstufen, welche der Graf in dem Thale zur Mitnahme bestimmt hatte, und den Block, den der Indianer getragen. Es konnten an Gewicht nach der oberflächlichen Schätzung an zweihundert Pfund gediegenes Gold sein.

»Freunde,« sagte der Avignote, »ich habe die Pflicht, Ihnen zu sagen, daß mein Gebieter, der Graf, bei der Aufsuchung einer Bonanza verunglückt ist und den Tod gefunden hat. Eisenarm hat mir die überzeugenden Beweise dafür und den letzten Willen meines unglücklichen Herren überbracht - den wackeren Mann trifft keine Schuld, und

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indem ich ihm hier vor Ihnen die Hand reiche, ist es die eines Freundes, der ihm dankt für die Treue und Redlichkeit, die er bewiesen. Mögen Gott und die Heiligen der unsterblichen Seele meines unglücklichen Herrn gnädig sein und seinem Leibe an unbekanntem Ort und fern von der Seite seiner Gattin die ewige Ruhe schenken bis zum Tage der Auferstehung. Was der Graf an jenem Ort an Gold gefunden, hat dieser Mann hierher gebracht, es soll zu gleichen Theilen zwischen seinem Sohn und Erben und den Männern dort jenseits des Flusses getheilt werden, die ihm zu seinem Unternehmen gefolgt waren. Mögen Sie uns nun Rath geben, wie dies am Besten zu machen ist, ohne den Dämon des Neides und der Habsucht wach zu rufen und vielleicht noch mehr Blut zu vergießen, als um dies Gold schon geflossen ist.«

Die Berathung war lang und voll verschiedener Meinungen, bis Lord Drysdale endlich folgenden Vorschlag machte.

»Ihr Wunsch, Señor Eisenarm und Señor Bonifazio scheint es,« sagte er - »jene Männer sobald als möglich dahin zurückzusenden, woher sie gekommen, um jeden Zwiespalt mit ihnen zu vermeiden. Ich besitze in meinem Portefeuille Wechsel auf Guaymas und San Francisco im Betrage von fünf- bis sechstausend Pfund Sterling. Nun mögen Sie selbst den Theil des Goldes schätzen, der auf den Antheil jener Männer kommt, und ich bin bereit, zu diesem Betrage ihnen die Wechsel auszuhändigen nach Abzug des Antheils Meister Kreuzträgers und meines jungen Freundes hier. Indem dies als ein Vermächtniß des

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Grafen an Jene gilt, brauchen sie Nichts von dem Vorhandensein dieses Goldes zu wissen und werden genöthigt sein, zur Versilberung der Papiere und zur Theilung der Summe alsbald nach dem Westen aufzubrechen. Da ich mich entschlossen habe, mit Meister Kreuzträger und seinen neuen Freunden, den Comanchen, nach dem Rio del Norte zu gehen und über Mexiko und Veracruz nach England zurückzukehren, schlage ich Ihnen vor, Master Bonifaz, uns zu begleiten, statt sich der Gefahr auszusetzen, um das Erbe des jungen Grafen auf dem Wege nach der westlichen Küste, vielleicht von Ihren alten Gefährten selbst, beraubt zu werden. In Chihuahua oder Monterey werden wir leicht Gelegenheit finden, unser Gold in neue Wechsel auf Mexiko oder Europa umzusetzen und so der Beschwerde weiterer Mitführung enthoben sein. Sir Ewald[Arnold] Kleist ist bereit, nachdem der Tod des Grafen seine Verpflichtung gelöst, mit mir zu gehen, und so bliebe denn nur die Frage, was Sie, Señor Eisenarm, zu thun gedenken.«

»Mylord,« sagte der Trapper - »ich passe nicht in die Städte - mein Leben gehört der Einöde. Außerdem habe ich in ihr eine heilige Pflicht zu erfüllen. Was Sie vorschlagen, obschon ich nicht recht verstehe, was ein Wechsel ist, scheint mir gerecht und zweckmäßig. Wenn der Graf und Sie auch Gegner im Leben waren, so wird er es Ihnen doch im Tode danken.«

Nach einigen weiteren Erörterungen wurde der Vorschlag des Lords als der zweckmäßigste Ausweg angenommen und das Gold getheilt. Mit Hilfe einer leicht improvisirten Waage wurde der Antheil der Abenteurer nach dem

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Gewicht von Büchsenkugeln auf etwas über neunzig Pfund geschätzt und Lord Drysdale gab dafür Anweisungen auf fünftausend Pfund Sterling. Das Gold wurde aufs Neue sorgsam für den Transport verpackt und unter die Aufsicht Kreuzträgers gestellt. Bonifaz übernahm den Auftrag, die Gesellschaft der Goldsucher auf der andern Seite des Stromes, die schon wiederholt Zeichen der Ungeduld und Erwartung gegeben, von dem Tode des Grafen in Kenntniß zu sehen und Lieutenant Morawski die Wechsel zur Erhebung und gerechten Vertheilung des Betrages auszuhändigen. Falkenherz und ein Theil der Comanchen begleiteten ihn zu Pferde durch die Furth oberhalb der Insel, während die anderen unter Kreuzträgers Leitung die Vorbereitungen zum Aufbruch trafen.

Bei alle diesen Verhandlungen und Vorgängen hatte der Trapper es sorgfältig und mit einer gewissen Beklommenheit in seinem ehrlichen Gemüth vermieden, des Indianers, seines jungen Freundes zu erwähnen, obschon die Augen des jungen Mädchens oft fragend und voll Besorgniß auf ihn gerichtet waren. Jetzt aber fühlte er, daß er der traurigen Pflicht nicht länger ausweichen durfte.

Die Indianerin war zu ihm getreten und hatte sanft die Hand auf seinen Arm gelegt, während Lieutenant von Kleist nicht weit entfernt von ihr stand.

»Mein weißer Vater,« sagte das Mädchen mit ihrer sanften Stimme, »hat Schmerz in die Ohren seiner Freunde geflüstert. Vielleicht bringt er Freude für Windenblüthe, indem er ihr erzählt, daß der Jaguar seiner Schwester gedenkt und ihr erlaubt, wieder sein Wildprett zu bereiten.«

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»Der Jaguar,« erwiederte der Trapper traurig, »gedenkt Comeo's, seiner Schwester, aber der Große Geist hat gewollt, daß er sie niemals wiedersehen soll.«

»So ist er todt?«

»Ich habe gesagt, Kind, daß er Deiner gedenkt. Er will, daß Du zu dem Volke der Comanchen zurückkehrst, sie werden der Tochter eines Toyah und der Schwester eines Häuptlings die Aufnahme nicht versagen. Es ist nicht die wenigst schwerste meiner Pflichten, Mädchen, daß auch ich mich von Dir trennen soll und nicht mehr Dich beschützen kann.«

Warme Thränen rollten über das kindliche Gesicht der Indianerin. »Darf Eisenarm einer Schwester nicht Näheres sagen über das Schicksal ihres einzigen Bruders?«

»Es ist unnütz, Kind, und würde Dir nur größere Schmerzen bereiten. Genug - der Große Geist hat es gewollt, daß sein Geist umnachtet war und daß ihm großes Unglück widerfahren. Er wird entscheiden, ob der Jaguar jagen soll mit den Geistern seiner Väter, oder noch länger wandern auf dieser Erde. Der Schatten, der die Seele eines tapferen Kriegers verhüllt, ist gebüßt. Auf alle Fälle ist ihm ein treuer Freund geblieben, der für ihn sorgen wird wie ein Bruder. Und auch Du, Comeo, sollst nicht zu kurz kommen, so lange ich eine Büchse führen kann. Ich will mit Kreuzträger sprechen, und durch die Händler alle Jahre einen Pack guter Felle für Deinen Unterhalt zu dem Stamme der Comanchen senden, der Dich als Tochter angenommen hat.«

Das Mädchen fuhr fort, still zu weinen, ohne daß sie

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es, mit dem leidenden Gehorsam einer Indianerin, wagte, dem Willen ihres Bruders und ihres alten Freundes zu widersprechen. Dieser stand in tiefem und schmerzlichem Sinnen auf seine Büchse gelehnt, als der Preuße ihn anredete.

Das Gespräch zwischen Eisenarm und der Indianerin war in der Mundart der Comanchen geführt worden, also von dem Offizier nicht verstanden worden. Aber die Thränen seiner treuen Pflegerin und Lebensretterin hatten deutlich genug gesprochen, um seine Theilnahme zu erregen.

»Señor Eisenarm,« sagte er entschlossen, »Comeo hat in der Höhle aus Dankbarkeit für den kleinen Dienst, den ich ihr erwiesen, Sie und ihren Bruder verlassen. Ohne ihre Pflege und Aufopferung lebte ich wahrscheinlich nicht mehr. Ich habe also ein Recht zu fragen, warum weint Comeo, und wo ist der »Jaguar«, ihr Bruder?«

Der Trapper zögerte mit der Antwort; als er aber den Blick voll Anhänglichkeit und Vertrauen bemerkte, den das Mädchen bei der Frage des Offiziers auf diesen heftete, entschloß er sich zu antworten.

»Wonodongah,« sagte er, »ist todt für seine Schwester und seine Freunde - er wird Keinen wiedersehen, auch wenn er lebt. Comeo ist eine Waise, sie wird zu ihrem Volke zurückkehren und in seinen Dörfern leben!«

»Nein, bei Gott,« rief der Offizier, »dies soll ihr Loos nicht sein! Ich habe selbst keine Heimath und Nichts als meine Arme und das kleine Erbe meines edlen Anführers, aber hier, Mädchen, biete ich Dir ein ehrliches Herz und frage Dich, willst Du als mein Weib mir folgen und

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mir helfen, uns Beiden eine neue Heimath zu gründen, sei es, wo es Gott gefällt!?«

Das Mädchen sank an ihm nieder. »O Herr,« sagte sie, »ich bin ja nur eine Indianerin und meine Haut ist roth!«

»Und wäre sie schwarz wie die Nacht, so wärst Du doch ein Engel des Lichts an Liebe und Herzensgüte. Ich liebe Dich nicht aus Dankbarkeit, sondern um Deiner selbst willen, und wenn dieser ehrliche und wackere Mann derjenige ist, der die Stelle Deines Bruders vertritt, so sage ich ihm, Ewald[Arnold] von Kleist begehrt die Indianerin Comeo zu seinem Weibe, und der erste Priester, dem wir begegnen, soll diese Ehe einsegnen, indem er die Braut zugleich durch die Taufe in die große christliche Gemeinschaft aufnimmt, der sie durch ihre Ueberzeugung bereits angehört.«

Die Indianerin schluchzte aus tiefem Herzen, indem sie die Hand ihres jungen Freundes mit Küssen bedeckte. Der Trapper reichte ihm die seine.

»Señor,« sagte er, »ich habe selbst erfahren, daß Sie ein tapferer und wackerer Mann sind, und so geben Sie mir Ihr Wort, das Kind stets gut und freundlich behandeln zu wollen, und nehmen Sie sie hin - obschon ich früher es anders dachte.«

Er preßte ihm fest die Hand, dann wandte er sich und ging zu dem Wegweiser. -

Weiter hinauf am Ufer über der Insel konnte man die Vorgänge auf der andern Seite des Flusses leicht beobachten. Man sah, wie die Abenteurer den Avignoten und seine Begleiter umdrängten und eine lebhafte

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Verhandlung stattfand. Anfangs schienen sie den so unerwarteten Tod ihres Führers kaum glauben zu wollen, erst nachdem Bonifaz ihnen den - wenigstens dem Polen wohlbekannten - Siegelring des Todten zeigte, überzeugten sie sich mehr davon.

Die bedeutende Summe, die ihnen mit der Nachricht überwiesen und in die Hände Morawski's niedergelegt wurde, regte auf's Neue alle die schlechten und gehässigen Leidenschaften der Habgier und des Eigennutzes in den Meisten auf, und hätten sie irgend einen Anhalt für ihr Mißtrauen auffinden oder einen Fingerzeig für ihre eigenen Nachforschungen nach Gold gewinnen können, würden sie sicher dieselben fortgesetzt haben. Vielleicht war es ein Glück, daß der Avignote von den Comanchenkriegern begleitet worden und sie nicht mehr im Besitz des Kanoës oder einer hinreichenden Anzahl von Pferden waren. Ihre nächste Sorge erschien jetzt, ob auch die übergebenen Anweisungen gültig und zu realisiren waren. Dies zu erfahren, blieb freilich nur eine Möglichkeit, und nach mancherlei Streit und Zank beschloß man, da Keiner dem Andern trauen wollte, so eilig als möglich nach dem Westen aufzubrechen und sich nicht eher zu trennen, als bis die Papiere versilbert wären und sie sich in den Betrag theilen könnten.

Im Stillen beschloß natürlich fast Jeder, dann allein in diese Gegend zurückzukehren, um weitere Nachforschungen nach dem geheimnißvollen Schatze anzustellen, von dem der Graf ihnen versichert hatte, daß er nicht mehr fern sein könne.

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Nachdem Bonifaz von seinen bisherigen Gefährten Abschied genommen, eine Sache, die nicht viel Zeit oder auf beiden Seiten viel Leidwesen verursachte, kehrte er mit Falkenherz und den Comanchen nach dem andern Ufer zurück.

Die Sucht der Abenteurer, in Besitz ihres Geldes zu kommen, war so mächtig, daß schon im Lauf der nächsten Stunde man sie ihren Lagerplatz verlassen und eilig nach Westen ziehen sah. Sie hatten sich nicht einmal Zeit genommen, die Beerdigung der Gattin ihres tapfern Anführers, die so treu alle Leiden und Anstrengungen mit ihnen getheilt, abzuwarten.

Diese heilige Pflicht hatte Bonifaz noch zu erfüllen, ehe sie von dieser Stätte der Trauer Abschied nehmen konnten.

Mit Hilfe des Kreuzträgers und des Trappers wurde mit dem[den] Tomahawks ein rohes Kreuz gezimmert, das die letzte Ruhestätte der jungen Frau bezeichnen sollte. Als dies vollendet, holte man das Kanoë in der Strömung herauf, um nach der Insel überzusehen. Die sämmtlichen Weißen, Windenblüthe, in deren sanftem Gesicht der Ausdruck unbeschreiblichen Glückes mit dem schmerzlichen Andenken an den verlorenen Bruder wechselte - und Falkenherz fuhren nach der Insel über, um der Todten den letzten Dienst auf Erden zu erweisen.

Von Allen hatte sie zwar nur der Avignote näher gekannt und geliebt, aber seine Erzählung ihrer Liebe und Aufopferung rührte selbst die Herzen der Fremden tief, und Kreuzträger gedachte dabei der verlorenen Tochter.

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Die Männer waren zwar erstaunt, auf der Insel dem Krüppel zu begegnen, den sie seit dem Morgen nicht gesehen, aber in dem kleinen Zelt des Lords gewähnt hatten, doch sie enthielten sich der Fragen nach jener Gewöhnung der Prairie, die Jeden unbehindert seinen eigenen Geschäften nachgehen läßt.

Windenblüthe hatte am Ufer in den Büschen von wildem Oleander und Myrthe Blumen und Zweige gepflückt und zu Kränzen gewunden, mit denen sie jetzt die Todte schmückte. Bonifaz hüllte dieselbe in eine Decke, und so senkten die Männer sie in das einsame Grab, von dem Wasser umrauscht, das ihr Grüße brachte von dem Ort, wo unbestattet unter den unseligen Schätzen, die sein Ehrgeiz erstrebt, der Mann ruhte, dem sie in treuer, so lange unbelohnter Aufopferung ihr ganzes Leben gewidmet hatte und aus der Heimath über das Weltmeer bis zu ihrem Grabe gefolgt war.

Als die Erde sich über der armen Frau geschlossen hatte und ein Hügel sich über ihr wölbte, pflanzte Bonifaz das Kreuz darauf und Alle knieten am Grabe nieder, ein andächtig Gebet zu sprechen.

Auch auf den Lord - obschon er die Verstorbene im Leben wohl kaum gesehen, - schien die einfache Feier einen tiefen Eindruck gemacht zu haben.

Er blieb stumm und finster, als das Gefühl des Schmerzes sich jetzt bei Allen in Worte löste, und man Anstalten traf, nach dem Ufer zurückzukehren.

Eisenarm, der Preuße und Windenblüthe waren die

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Ersten, die Falkenherz über den Strom setzte, um mit dem Kanoë zurückkehrend, dann die Andern zu holen.

Während sie auf der Insel warteten, zeigte sich der Malaye sehr unruhig und schien wiederholt mit einem der Männer sprechen zu wollen, aber ein finsterer Blick seines Gebieters schloß ihm den Mund. Kreuzträger, der weniger von dem Vorhergegangenen berührt, ruhiger beobachtete, bemerkte, daß der Engländer unruhig umherging und mit einem Entschluß zu kämpfen schien.

Endlich kam Falkenherz mit dem Boot zurück, und der Wegweiser erinnerte seine Gefährten daran, daß es Zeit sei, aufzubrechen.

Bonifaz machte zum letzten Mal das Zeichen des Kreuzes über die letzte Ruhestätte seiner Gebieterin und stieg mit dem Wegweiser in das Kanoë.

Lord Drysdale jedoch machte keine Anstalten, ihnen zu folgen.

»Mylord,« sagte der Avignote, - »kommen Sie, es ist Zeit, wenn wir vor Einbruch der Nacht noch eine Strecke Weges zurücklegen wollen.«

»Einen Augenblick, Sir. Ich habe eine Bitte an Sie. Während Sie Alles zu sofortigem Aufbruch bereiten und Lieutenant von Kleist auch unsere wenigen Sachen in Ordnung bringt, habe ich noch ein Geschäft an diesem Ort zu verrichten. Es wird nicht lange in Anspruch nehmen und vielleicht erweist uns dieser junge Häuptling, Ihr Sohn, oder einer seiner Krieger den Dienst, uns mit dem Kanoë abzuholen.«

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Bonifaz sah den Lord erstaunt an, Kreuzträger jedoch begann die Wahrheit zu ahnen.

»Mylord,« sagte er - - »es ist besser, wenn die Menschen Gott die Rache überlassen. Seine Hand weiß Jeden zu finden. Bedenken Sie, daß Sie ein Christ sind und - wie man mir sagte - selbst ein Priester waren.«

Die schlanke Gestalt des Engländers richtete sich hoch empor, sein blaues Auge strahlte ein unheimliches Feuer.

»Wenn Sie den Christen suchen - so sprechen Sie zu Dem da!« er wies auf den Malayen. »Sein Gott ist der meine geworden - der Gott der Rache! Haben Sie an Vergebung gedacht, als Ihr Weib und Kind sich in den Banden der Apachen wanden? - und doch war es nur der Tod, der ihnen an's Herz griff, und Sie haben nicht gesehen, was die Augen Henry Norfords schauen mußten vom sinkenden Decke der Dschonke. Gehen Sie, Mann, gedenken Sie, wie oft Ihre Kugel und Ihr Messer das Herz eines Apachen durchbohrt, und sprechen Sie nicht zu Dem, der Maria Ronecamp leiden und sterben sah, von Schonung. Drei Jahre habe ich ihn auf Meer und Land gesucht - vor Ihren eigenen Augen habe ich den höchsten Schimpf eines Mannes um ihn erlitten - jetzt ist er mein, und seine Stunde ist gekommen!«

Der gebietende Wink seines Armes wies hinüber nach dem Ufer - der alte Mann senkte sein Haupt und gab einen Wink, - das Boot stieß ab.

Der Lord von Drysdale wandte sich zu seinem Diener.

»Es ist Zeit, Mahadrö, komm!«

Er ging ihm voran nach dem Felsenversteck, in dem

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sie den Körper des Piraten verborgen hatten. Seine Hand riß mit fieberhafter Hast das Gestrüpp und die Zweige fort, die ihn bedeckten.

Die Augen des Piraten standen weit offen, blutunterlaufen, und starrten ihn an mit einem Gemisch von Wuth und Furcht. Eine Minute wohl begegneten die Augen des Engländers diesem Blick, dann faßte er den schweren, regungslos zusammengeschnürten Körper und trug ihn wie den eines Kindes bis in die Mitte der Insel, wo er ihn zu Boden warf.

Der Pirat machte eine wahnsinnige Anstrengung, die Bande zu zerreißen, das Blut tropfte an seinen Gelenken herab, wie er vergeblich sie in den Stricken wand.

Der Engländer sah ihm, die Arme über die Brust gekreuzt zu und lachte, während der Krüppel an seiner Seite die Hände flehend gefaltet zu ihm empor sah, als wolle er um Barmherzigkeit bitten.

»Nimm den Knebel aus seinem Munde!« befahl der Lord.

Zitternd gehorchte der Malaye.

Der von dem Tuch befreite Bösewicht stieß ein Gebrüll aus so laut und gräßlich, daß man es über das Rauschen des Wassers hinweg weit auf dem Ufer drüben hörte, wo die Männer sich flüsternd zusammendrängten.

»Squale rouge - Rother Hay - Hawthorn!« begann der Lord mit tiefer Stimme - »meine Zeit ist gekommen. Der Gott, den ich angerufen, der Gott der Rache hat endlich Mitleid mit meinem Eide gehabt und Dich in

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meine Hand gegeben, wo Niemand steht zwischen mir und Dir. Bereite Dich zum Tode - denn Du mußt sterben!«

»Schurke! Mörder!« schrie der Pirat. - »Ich hasse Dich! Nimm mein Blut und sei verflucht!«

»Ich will Dein Blut nicht, Rother Hay!« fuhr der Lord fort, »ich würde meine Hand beflecken, wollte ich sie in das Blut eines Scheusals, wie Du bist, tauchen. Gedenk' an die Nacht im Chinesischen Meer in der Kajüte des »Satan«, gedenk' an Marie Ronecamp und bereite Dich zu sterben!«

»Ungeheuer - was willst Du thun? - Nimm Deine Büchse - tödte mich! Zu Hilfe! Mörder!« Sein wahnwitziges Geschrei erfüllte die Luft.

Der Lord achtete nicht darauf - er sah sich um nach den Mitteln der schrecklichen entsetzlichen Strafe, die er ihm bestimmt. Die Augen des Piraten folgten mit Entsetzen den seinen - die Haare auf seinem Scheitel begannen sich zu sträuben.

Es standen etwas weiter nach der Spitze der Insel hin in der Entfernung von etwa sechs Schritt von einander zwei junge schlanke Bäume einer Cedernart, die ein zähes biegsames Holz hat, dasselbe, welches die Indianer häufig zum Schnitzen ihrer Bogen verwenden. Die jungen Stämme waren gleich hoch, etwa zwanzig Fuß, so daß über das Felsenufer der Insel hinweg ihre Spitzen auf beiden Seiten des Flusses zu sehen waren.

Auf diese Bäume richtete der Lord seine Augen - er schien sie schon vorher, während der Beerdigung der jungen

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Frau, deren raschen Tod durch seinen Mordversuch der Pirat ja auch verschuldet hatte, ausgesucht zu haben.

»Die Bola, Mahadrö!«

Der Krüppel holte zitternd unter seinem weiten Gewande die furchtbare Waffe der Indianer, den Lederstrick mit den Eisenkugeln am Ende hervor.

»O Sahib, Sahib! laß ihn nicht sterben in seinen Sünden!«

Wiederum lachte der Lord - es klang so unheimlich, so furchtbar, daß der Pirat zusammenschauerte und zu zittern begann wie ein Kind.

»Wenn Dir um das Seelenheil dieses Mannes bangt, so höre ihn Beichte und gieb ihm die Absolution!«

Der Krüppel schien den bitteren Hohn nicht zu verstehen oder nicht auf ihn zu achten. Er schob sich an die Seite des Gefangenen, zog die abgegriffene Bibel aus seiner Tasche und begann die Psalmen, sein Lieblingsgebet, laut zu lesen.

Der Pirat antwortete ihm mit einem gräulichen Fluch - seine Augen folgten wie gebannt den schrecklichen Vorbereitungen des Lord.

Dieser hatte das Ende der Bola gefaßt und warf sie mit der sichern Hand, die er sich bei seinem Aufenthalt unter den Apachen erworben, nach dem Gipfel des einen Baumes, den er mit den fest umschlingenden Kugeln niederzog und an einem schweren Steine befestigte.

Der Seeräuber glaubte, er solle am Halse an dem Baume aufgehenkt werden und brüllte Flüche und

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Verwünschungen. Zu seinem Entsetzen sah er, wie der Lord die Bola von dem Baume löste und die Kugeln in gleicher Weise nach dem Gipfel des zweiten Baumes schleuderte.

Das wüthende Geschrei des Mörders verstummte, der Schrecken schnürte ihm die Kehle zusammen und trieb die Augen aus ihren Höhlen.

Der Lord band die Krone beider Bäume mit einer dünnen aber festen Reata zusammen, so daß sie etwa drei Fuß weit von einander blieben.

Dann trat er zu dem Gefesselten.

»Bist Du zu Ende, Mahadrö?«

»O Sahib - üb' Erbarmen!«

Der Lord wandte sich ohne Antwort an den Liegenden. »Die Zeit, den Eid zu halten, den ich nach jener Nacht am Bord der Diomede schwor, ist da! Rother Hay, der schottische Wolf ist über Dir! Bist Du bereit?«

»Erbarmen! Barmherzigkeit!« winselte der Zitternde, dem aller Muth und Trotz über dem Entsetzen vor dem unbekannten Schicksal geschwunden war, das ihn bedrohte.

»Ich will meine Verbrechen bereuen - ich will beten - tödten Sie mich! Tödten Sie mich wie einen Menschen - nur das nicht! Erbarmen! Erbarmen!«

»Hast Du Erbarmen gehabt mit Maria, der Unschuldigen? Hast Du Barmherzigkeit geübt an ihrem Leib? - Auswurf der Hölle - kehre zurück zu dem Ort, der Dich geboren!«

Er beugte sich nieder zu ihm und schleifte ihn nach

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der Stelle, wo die Gipfel der Bäume zum Boden gebeugt waren.

Der Malaye wollte sich ihm in den Weg werfen, seine Knie umfassen, ein Fußstoß schleuderte ihn weit zurück. Das Geheul des Mörders glich dem heiseren Gebrüll des Tigers in seinem Todeskampf. Der Lord warf ihn auf das Gesicht und setzte das Knie auf den konvulsivisch sich bäumenden Leib. Hierauf befestigte er die festen Lederstricke, die er an die niedergebogenen Stämme band, auf jeder Seite fest an die Handgelenke und die Knöchel des gefesselten Piraten.

Dies Alles war das Werk weniger Minuten. Dann nahm der furchtbare Rächer die Reata, welche die beiden Wipfel zusammen und am Boden hielt, ballte die Mitte zum Knoten zusammen und stieß ihn zwischen die Zähne seines Opfers.

»Halt fest, Rother Hay! Du hältst Dein Leben! Gedenk an Maria und sei verflucht!«

Ein Schnitt des Messers trennte die alten Bande, die bisher seine Füße und seine Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt hatten. Die Beine, die Arme streckten sich im Kreuz nach den Bäumen, an die sie gefesselt waren - kein Fluch, kein Schmerzensruf, kein Laut entfuhr dem Munde des Gemarterten, seine Zähne, seine Kinnbacken hielten krampfhaft den Strick fest, der um eine Steinkante geschlungen ihn und die Wipfel am Boden hielt.

»Komm!«

Der Krüppel vermochte sich nicht zu bewegen - seine

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Lippen murmelten Gebete - der Lord hob ihn auf und trug ihn hinunter zum Ufer.

Dort lag das Kanoë - Falkenherz und ein Comanche saßen darin mit den Rudern. Die beiden Krieger der Wüste waren bleich unter der rothen und gebräunten Haut, wenn auch nicht so todtenbleich wie der Lord, in dessen Antlitz allein die unheimlich starren Augen noch Leben zeigten.

Der Engländer hob den Malayen in den Kahn und setzte sich neben ihn.

»Fort!«

Von der Strömung weit hinab getrieben, landete wohl an hundert Schritt unterhalb der Insel das Fahrzeug; die Indianer stiegen an's Land und halfen dem Malayen an's Ufer.

Der Lord blieb zurück. Ein schwerer Fußtritt durchbrach den leichten Boden des Fahrzeugs - dann stieß er es hinaus in den Strom und sprang das Ufer hinauf. -



Die Comanchen sahen in ihren Sätteln, die weißen Männer standen an ihren Pferden, alle ernst und stumm, Comeo weinte an der Schulter ihres Gatten, als der Lord mit seinen Begleitern zu ihnen trat.

Auf der Insel drüben war Alles still - kein Laut außer dem Rauschen des Wassers!

Der Lord half seinem Diener selbst auf den kissenartigen

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Sitz, den man für ihn auf ein Pferd geschnallt, und sprang in den Sattel.

»Vorwärts, Freunde, zu einem neuen Leben!«

Er spornte sein Pferd den Anderen voran. In diesem Augenblick zerriß ein gellender entsetzlicher Schrei von drüben her die Luft.

Unwillkürlich schauten die Reiter zurück.

Entsetzliches Bild!

Drüben auf der kleinen, jetzt unzugänglichen Felseninsel schwankten zwei schlanke junge Cedern hin und her, und zwischen ihren Wipfeln - furchtbarer Anblick - streckten sich die Glieder des Dänen im lebendigen zuckenden Andreaskreuz und Schrei auf Schrei, von entsetzlicher Todesqual ausgestoßen, gellte herüber!

Im Galop entflohen die Reiter dem schrecklichen Ruf.



Erst nach einer Viertelstunde, als keine Spur des Flusses mehr zu sehen, hielt der Trapper seinen Mustang an - Alle folgten seinem Beispiel.

»Freunde,« sagte Eisenarm, »es muß geschieden sein, mein Weg geht nach einer anderen Richtung, als der Eure. Señor Bonifazio, ich habe noch einige Worte mit Ihnen zu sprechen.«

Der Avignote lenkte sogleich sein Pferd an die Seite des Jägers.

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»Spätestens in neun Tagen,« sagte dieser, »werde ich wieder an den Quellen des Buenaventura und bei Wonodongah sein. Gott allein weiß, ob ich ihn noch am Leben finde. Ist es der Fall, so werden wir Beide das Geheimniß des Thals bewachen, sonst ich allein, bis die Zeit gekommen. Sie werden über dem Erben bis zu der Zeit wachen, die der Todte bestimmt hat; jeder erfülle seine Pflicht.«

»Wenn Gott mir das Leben giebt,« erwiderte der Avignote, »werde ich ihn selbst hierher begleiten. Aber, Señor Eisenarm, ich kann ihn nicht in die Wüste führen. Sie müssen uns einen andern Ort, nicht bei den Indianern, sondern auf christlichem Gebiet bestimmen, wo wir uns treffen können.«

»Ich habe gleichfalls daran gedacht,« sagte der Trapper. »Nun wohl, es sei! aber ich bin unbekannt in den Städten und weiß wenig von ihrer Lage und ihren Entfernungen. Doch habe ich oft von einem wunderthätigen Heiligthum sprechen hören, das in der prächtigsten Kirche stehen soll, die Menschenhände Gott gebaut haben. Unsere weißen Jäger und Reisende schwören dabei und es heißt: Das Kreuz von Puebla!«

»Ich habe gehört davon!«

»Muy bien! Wenn der Weg dahin zu erfragen ist, so soll es geschehen. In dreizehn Jahren also von heute, am Tage der Geburt der heiligen Jungfrau, werden Sie vor diesem Kreuze mich mein Gebet verrichtend finden, wenn ich noch am Leben bin.«

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»Und wenn ein Unglück Sie treffen sollte, was Gott verhüte, Meister Eisenarm, welche Hoffnung hat der Erbe dann, da nur Sie das Geheimniß kennen?«

»Dann,« sagte der Jäger feierlich, »dann hat Gott gewollt, daß das Geheimniß der Goldhöhle mit den drei Männern stirbt, denen er es gezeigt hat! Leben Sie wohl, Señor Bonifazio und mögen die Heiligen mit Ihnen sein!«

Er wandte sein Pferd, reichte Kreuzträger und dem Preußen die Hand, verneigte sich kurz vor dem Engländer und wandte sich dann zu Comeo, die er auf die Stirn küßte, während sie ihn weinend umfing.

»Es muß sein, Kind,« sagte er herzlich, »Gott und die Heiligen mögen mit Dir sein und dieser Mann Dein Leben glücklich machen. Hast Du noch einen Wunsch, so sage ihn schnell.«

Sie flüsterte weinend einige Worte in sein Ohr.

»Es soll geschehen, es ist Christenpflicht. Lebe wohl! und Ihr, Señor, denkt an Puebla!«

Er wandte sein Pferd und galopirte den Weg zurück, den sie gekommen.

Als die Reisenden sich endlich anschickten, weiter zu ziehen, vernahmen sie hinter sich, in der Ferne, den schwachen Schall eines Büchsenschusses.

Alle wußten, wen er erlöst! - - -



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Jahre sind seitdem vergangen und in Strömen ist das Blut in dem unglücklichen Lande geflossen.

Im Dom von Puebla finden wir vielleicht einige von den Gestalten wieder, die der Leser durch dies Buch begleitet hat, wenn in der Darstellung der gewaltigen Ereignisse, die wir mitgelebt, die Zeit seiner Fortsetzung gekommen ist! - - -


Footnotes:

1Der See Aquaverde.

2Die indianische Nachtigall.

3Seite 313.

4Bezirk, in dem sich die Pferde aufhalten.

5Pferdehirt.

6Abgrund.

7Der Jaguar gilt als der Tiger Amerikas und wird stets auch so von den Eingeborenen bezeichnet.

8Ein duftiges Wundkraut.

9Wohlan denn!

10Schwiegervater!

11Johanniswürmchen.

12Lehnsessel, Schaukelstuhl.

13Freund! Freund!

14Der mexikanische Hirsch.

15Bonanza: ein Goldlager zu offener Erde; Placer: der Ort, wo es in der Erde gefunden wird. Gewöhnlich wird der letztere Ausdruck für alle Goldlager gebraucht.

16Leinen um den Hals der Pferde.

17Der eiserne oder eisenbeschlagene Stab der Goldsucher.

18Der »Große Geist« - Gott der Indianer.

19Ein bekanntes Schiffsgespenst.




Werke von Sir John Retcliffe