Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart
von

Sir John Retcliffe

Erster Band: Die Prologe.

Erste Abtheilung: Giuseppe Garibaldi.

Auf dem La Plata.

Die Luft schien noch immer in einer zitternden Bewegung von den Reflexen, welche die glühenden Strahlen der Aprilsonne von diesem beweglichen Dunstmeer zurückwarfen, das die glänzende Fläche des Wassers seit zwei Stunden bedeckte. Keine Wolke am durchsichtigen, nur für das Auge eines Eingeborenen erträglichen Gewölbe des Himmels, an dem jener alles Leben erschlaffende Feuerball bereits gluthroth zum Horizont sich senkte. Wie Kampf und Schlachtgewühl ballten die weißen Nebel sich über die Weite des riesigen Stromes, der zum Meere wird in seinen gigantischen Verhältnissen - denn das Auge des Menschen reicht nicht von einem Ufer des mächtigen La Plata zum andern über die acht deutsche Meilen breite Fläche.

Die in der Nähe des Wendekreises noch immer fast senkrechten Strahlen der Sonne erzeugen beim Ende der heißen Jahreszeit häufig solche Nebel, die in weiter Ausdehnung sich über den Spiegel des Stromes lagern und oft mehrere Tage lang anhalten, aber eben so auch dem plötzlichen Wechsel unterworfen sind. Der kühne Schiffer fürchtet sie; denn es ist unmöglich, in ihnen auf Kabellänge um sich zu schauen, und das felsige Ufer, aus dem hier ein kleiner Theil des Strandes besteht, wie die Untiefen des andern, machen jeden Versuch der Annäherung an das Land dann sehr gefährlich.

Der rollende, brausende Ton der aufschlagenden Brandung drang aus diesem Nebelchaos hinauf zur Höhe der Klippe, auf der, von einer vorspringenden Wand gegen die Strahlen der Sonne geschützt, zwei Männer in jenem dolce farniente, jenem träumerischen

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Nichtsthun lagen, das den Bewohnern des Südens so lieb und eigen ist. Von der Höhe der Klippe schweifte der Blick weit über das Nebelmeer und über das im goldigen Sonnenschein liegende Land; denn es ist eine Eigenthümlichkeit dieser Nebel, daß sie zwischen den Küsten sich niedrig über das Wasser hinballen und nicht darüber hinaus sich erstrecken.

Daher war es den Blicken der Liegenden auch möglich, sechs bis acht Mastspitzen zu sehen, die sich über diesen Nebelwogen in der Entfernung von etwa einer Seemeile erhoben und an denen die langen rothen Wimpel bewegungslos niederhingen.

Auf der andern Seite, nach Süden, Westen und Osten schweifte das Auge weit über das flache, nur in niederer Wellenformation sich erhebende Land, das gleich hinter dem Dünengürtel der Küste in üppiger tropischer Vegetation prangte, bis zu einem leichten Höhenzug, der nach Süden zu über den Salado und Rio Flores sich an die Sierra del Volcani schloß, jenseits deren das gefürchteie Pays del Diabo - das Land des Teufels - liegt. Nach West und Südwest aber schien der Horizont sich gleich dem Meere in Osten zu einer unendlichen Fläche zu dehnen - durch keine Höhe, keinen Wald, fast keinen Baum unterbrochen. Dort hinaus lagen die Pampas, durch die einsam der Hirt mit seinen wilden Heerden zieht, der Jäger den Büffel verfolgt oder der kühne wilde Indianer auf Beute schweift.

Vereinzelte Gruppen von stattlichen Korkeichen und wilden Feigenbäumen zogen sich vom Fuß der mit dem Fächercactus bedeckten Felsen nach den höchstens zwei Legua's entfernten Hügelanfängen, von deren Höhe die weißen Mauern einer Quinta im Strahl der Abendsonne leuchteten.

Die beiden Männer auf der Höhe des Felsens schienen die Absicht des Fischfangs gehabt zu haben, denn an den Steinen lehnten einige Geräthe, ein starker Fischspeer, Wurfnetze und Körbe. Aber der Nebel hatte sie überrascht und in träger Apathie hatten sie sich gelagert, um den Untergang der Sonne und den Eintritt der Nacht zu erwarten, mit dem gewöhnlich der Wind vom Lande zur See hin wechselt.

Gefährten bei ihrem Geschäft waren sie, doch äußerst verschieden in ihrem Aussehn. Der ältere von Beiden war ein

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Mohr von herkulischer Gestalt, vielleicht achtunddreißig bis vierzig Jahre zählend und von jenen schwarzen Stämmen des innern Afrika, die der Europäer nur in den wenigen Gliedern zu schauen bekommt, welche durch die Zufälle der ewig unter der schwarzen Race währenden Kriege als Gefangene nach den Küstenländern geschleppt und dort, trotz aller spekulativen Humanität der englischen Kreuzer, als Ebenholz nach den Küsten des freien Amerika verkauft werden. Diese Stämme zeichnen sich durch ihren riesigen Körperbau und durch eine fast der kaukasischen ähnliche Gesichtsbildung aus, die sie auf das Vortheilhafteste von der affenähnlichen platten Physiognomie der gewöhnlichen Neger unterscheidet.

La-Muerte, so hieß der Schwarze, war blos mit einem Hemd und kurzen Beinkleidern von hellgestreiftem Baumwollenzeug bekleidet. Sein kräftiger, mit dichtem Kraushaar bedeckter Kopf war unbedeckt, die Haut von der Schwärze des Ebenholzes. Er trug in einer grünen Schärpe um den Leib ein breites Bowie-Messer und einen kleinen Flaschenkürbis. Um seinen muskulösen Hals schlang sich eine Schnur von seltsamen Zierrathen, aus Knochen, Thier- und Menschenzähnen, Korallenstücken und Glasperlen bestehend. Auffallend an seinem sonst höchst regelmäßigen, selbst nicht unschönen Gesicht war nur der äußerst breite Mund, der dasselbe, wenn er sich öffnete und die Reihe weißer spitzgefeilter Zähne sehen ließ, fast in zwei Hälften spaltete. In den Ohren trug der Mohr schwere Goldringe.

Eine über sieben Ellen lange Lanze von im Feuer gehärtetem Holz, an dem Ende mit einer scharfen Stahlspitze und einem Busch bunter Papageienfedern versehen, stand ihm zur Seite an der Felswand. Der Mohr lag lang ausgestreckt, den Kopf in beide Arme gestützt, gleichgiltig hinabschauend in den brodelnden Nebelkessel unter ihm, aus dem der Anprall der Brandung heraufschlug, während er seine Rohrpfeife dampfte.

Ihm gegenüber, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, saß sein Gefährte, ein Mann von gemischtem Blut, wie der tiefgraue Teint und die gelbliche Farbe des glänzenden rastlosen Auges zeigte. Er war bedeutend jünger als sein Begleiter, vielleicht fünf- bis sechsundzwanzig Jahre, obschon einige Falten auf seiner Stirn und die scharf geprägten Züge ihn einige Jahre

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älter erscheinen ließen, als er wirklich war. Seine Gestalt war unter Mittelgröße, hager und von schwachen Hüften, wie man es bei der Indianerrace gewöhnlich findet. Füße und Hände waren untadelhaft schön, der Mund aufgeworfen, mit breiten, Sinnlichkeit und Grausamkeit andeutenden Lippen, während um die Nasenflügel und die Augenwinkel ein Zug lauernder Schlauheit und Habgier lag und die an sich schöne antike Nase entstellte. Seine Haut war von der Sonne, der Luft und den Anstrengungen noch tiefer gebräunt, als sein Blut mit sich brachte, und hatte eine Art Rattenfarbe.

In seiner mit Goldtressen und Stickereien überladenen Kleidung sprach sich die ganze Eitelkeit und der Leichtsinn des Creolen aus. Eine Jacke von grünem Sammet mit zahllosen Knöpfen von massivem Silber hing zusammengeknotet um seinen Hals. Die Calzoneras oder Beinkleider waren nach der mexikanischen Sitte an den Seiten offen, mit farbigen Schleifen gebunden, und zeigten, gleichfalls mit Goldtressen und Stickereien wie die Aermel der Jacke bedeckt, die Unterkleider von hellgelber Seide, reichten aber nur bis über das Knie, während die mexikanischen Calzoneras weit über den Fuß fallen. Das Bein, vom Knie ab, war von Gamaschen von starkem Rindsleder geschützt, an die durch Riemen der sandalenartige Schuh befestigt war. Sein langes schmales Messer mit Horngriff steckte in den Riemen der Gamaschen; ein ähnliches, mit schwererm Metallgriff - eine gefährliche Wurfwaffe in geübter Hand - befand sich in dem Shawlnetz von chilenischer Seide, das den Gürtel bildete und das weite Hemd von feinem, mit bunter Seide gestickten, Linnen zusammenhielt. Um den Hals trug er eine schwere goldene Kette mit daran hängender Kapsel, die eine Reliquie umschloß. Der kostbare Vicognehut mit blauer, lang herabhängender und goldbefranzter Schärpe umwunden lag neben ihm, er selbst, nicht wie der Neger, auf dem bloßen Felsen, sondern auf einem Poncho1 von weißer, jeder Feuchtigkeit undurchdringlichen Wolle. Ein kurzer spanischer Karabiner, reich mit Silber beschlagen, lehnte neben ihm an der Wand.

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Der Pardo drehte das Tabaksblatt in seiner Hand zum langen Cigarito, schob die übrigen Blätter wieder in den perlengestickten Beutel, den er am Gürtel trug, und zündete die Cigarre an.

»Santa virgem! ich möchte wissen, wo das Boot in diesem Nebel hingekommen, das wir vor zwei Stunden sahen. Sie müssen zu den verfluchten Ketzern, den Unidados, gehören, sonst würden sie ein Zeichen gegeben haben, die Schiffe zu finden.«

Der Mohr zuckte gleichgiltig die Achseln. »Lieben Massa Manuelo so sehr die Libertados? Ich nicht wissen, daß sie besser sein, aber viel weniger tapfer.«

»Zum Teufel mit ihnen! Es sind villaos! Ich liebe weder die Föderalisten noch die Unitarier! Sie sind einem ehrlichen Mann überall im Wege!«

Der Neger fletschte grinsend die Zähne und wies mit dem Daumen über seine Schulter nach der Ebene zurück, auf der sich unter dem Schatten der schlanken Bananen an verschiedenen Stellen Rauchsäulen in die klare Luft erhoben, die Anwesenheit von Menschengruppen andeutend.

»Beu Jäsus! Oberst Adeodato sein ein schöner Mann. Er haben einen Zauber in seinem Blick für die Weiber!«

»Den Teufel hat er, Narr! Er ist ein Feigling, sonst würde er mit seinen Gauchos nicht müßig hier umherlungern, statt drüben über'm Fluß die Apostolicos zu schlagen.«

»Senhor Manuelo wissen, daß General Rosas ihm die Hand der Senhora versprochen.«

»Möge ihm das Schicksal Quiroga's dafür werden! Aniella ist ein freies Mädchen. Der General hat kein Recht, über sie zu bestimmen. Ihre Besitzungen liegen jenseits des Stromes so gut wie hier. Ich allein bin ihr rechtmäßiger Vormund, denn sie hat keinen nähern Verwandten.«

La-Muerte blies verächtlich über die Fläche der Hand. »Was sein Massa Manuelo vor Verwandt? Ich nichts wissen davon. La-Muerte tieses wissen müssen, weil er zwanzig Jahre in tas Haus seines Herrn, und hab' die Senhora geboren seh'n. Hier - dieser Nigger selben,« er schlug kräftig auf seine breite Brust -

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»Sein Vormund von diese Senhorita. Alte Vater hab' sie ihm übergeben. Beu Jäsus!«

Der Gefährte rückte ihm näher. »Du vergißt, Amico, daß ich der Pathe des alten Herrn bin, also so gut wie sein Sohn. Ueberdies ist Senhora Aniella meine Milchschwester.«

»Puh! Es seind ein wenig schwarzes Blut in der Milch von diese Kind, aber viel schwarzes Blut in den Adern von Massa Manuelo. Warum sein Massa hierhergekommen über den Strom?«

»Höre mich an, La-Muerte,« sagte der junge Mann entschlossen. »Ich habe Dich an diesen Ort begleitet, um offen und unbelauscht mit Dir reden zu können. Du weißt, daß Senhor Crousa mir früher wohlwollte, er hätte mir sicher die Hand Aniella's nicht verweigert, wenn er länger gelebt - denn por Dios! ich bin auf dem besten Wege, mein Glück zu machen.«

»Sein Senhor Manuelo ein Haciendero geworden? Haben Massa Manuelo viele Pferde und Rinder, wie die Senhora, und Diener und Häuser? Massa seind geworden ein armer Goldsucher und die Senhorita sein vornehme Dame.«

»Ich habe Besseres als Deine Pferde und Rinder, ja selbst als Dein Gold. Ich bin kein armer Gambusino mehr, wie Du schon aus meiner Kleidung sehen kannst - ich bin reich und werde es bald noch mehr, unermeßlich reich sein. Aber ich muß Aniella besitzen.«

»Haben Massa Manuelo den Reichthum gestohlen?«

»Tilho de puta!«2 Seine Hand fuhr an das Messer. »Doch was erzürn' ich mich über Deine Worte. Du kannst es nicht wissen. Wenn Du mir schwören willst, das Geheimniß zu bewahren, will ich es Dir entdecken. Ich weiß, daß ich Dir trauen kann.«

Der Schwarze hatte sich aufgerichtet. »Beum Schäddel meines Vadders, der in dem Sand der Wüste liegen, dieses Mund soll niemals davon reden.«

»Wohlan denn! Ich war in dem Diamanten-Distrikt

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Sein Gefährte schüttelte ungläubig den Kopf. »La-Muerte's Haar' beginnen grau zu werden - La-Muerte haben es viele Malen versucht, denn dieser Schwarze lieben die glänzende Stein vor sein Leben, aber es niemals möglich.«

Der Gambusino sah sich spähend um. Dann griff er in den Busen und holte ein Säckchen von Wildleder hervor, das er an einer starken Schnur dort verborgen trug.

Er legte es auf den Poncho, öffnete es bedächtig und zeigte den funkelnden Augen des Negers, der weit vorgebeugt daneben kauerte, den Inhalt.

Es waren etwa zwanzig kleinere und zehn größere Steine - einer von diesen hatte die Größe einer kleinen Haselnuß. Das schräg darauf fallende Licht der Sonne rief tausend farbige Strahlen wach, die gleich Blitzen aus diesen eckigen, ungeschliffenen, theilweise noch von der braunen Quarzhülle bedeckten Krystallen kamen.

Diese rothen, weißen, grünen und gelben Blitze, die aus den Diamanten schossen, denn solche von der schönsten Qualität waren offenbar die Steine, blieben aber nicht funkelnder, feuriger, als die Blitze aus den Augen des Mohren.

Der Mestize, ganz mit dem Glanz seiner Steine beschäftigt, achtete in diesem Augenblick nicht darauf, denn die finstere, drohende Miene, mit welcher der Mohr ihn betrachtete, hätte ihn sonst besorgt gemacht.

»Wo, Senhor Manuelo, wo finden die Diamanten?«

»Das ist mein Geheimniß, Muerte. Die heilige Jungfrau hat es mir gegeben - es hat mich Anstrengung, List und Leiden genug gekostet. Aber Carámba! Du begreifst, daß wo dieses war, mehr ist! und daß der Gambusino Manuelo keine schlechte Parthie mehr ist für Aniella Crousa, die Haciendera.«

»Ihr sein reich - reich wie der böse Geist. Aber Ihr sein kein Cavalleiro!«

»Schweig! Wer Gold besitzt, ist Alles. Damit kann ich in der alten Welt mich zum Grafen, zum Fürsten machen lassen. Siehst Du diesen Diamant?«

Er hob einen der größern Steine zwischen zwei Fingern in die Höhe und ließ seinen Bruch funkeln.

»Ich sehen, Massa!«

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»Er soll Dein sein, wenn Du thust, was ich Dir sage. Mehr soll Dein sein - zehn solche Steine, wenn Aniella mein Weib wird!«

Der Mohr zitterte. In seinem Innern schien ein gewaltiger Kampf vorzugehen und malte sich auf seinen Zügen. Er blickte wiederholt mit Begier auf den Schatz, der vor ihm lag, und der doch im Grunde nicht viel besser für ihn war, als bunter Spieltand, und dann wieder finster auf den Versucher, der einen Diamanten nach dem andern im Lichte spielen ließ.

Endlich legte er schwer die Hand auf den Arm des Mestizen. »Thun weg die steinernen Sonnen, Senhor Manuelo. Teufel kommen in die Seele und armer La-Muerte geschworen bei der großen Schlange, als alter Massa Crousa sterben wollen, zu beschützen sein Kind wie ein Vadder und ihr zu gehorchen.«

»Diabo! Du erfüllst Deinen Schwur ziemlich schlecht, amico! Dieser Hund von Oribe hat Euch ohne viel zu fragen von der schönen Villa de las noches entretenidas3 hierher über den La Plata gebracht und will sie mit einem seiner Günstlinge verheirathen in drei Tagen, und Du leidest das, ohne Deine langen Arme zu rühren!«

»Was sollen thun La-Muerte - ein armer schwarzer Mann, wenn Senhorita nicht sagen: >Nein!<«

»So liebt sie ihn?«

»Aniella sein ein Kind - wild, jung, wie die Antilopen von die Sierra. Wissen nicht, was Liebe sein. Oberst Gondra sein ein Cavalleiro von gut Blut und ein schöner Mann. Senhora Aniella ihn nehmen wie einen andern. Er ihr sehr gleichgiltig - pah!« Er blies verächtlich in die Luft, als sei die Heirath eine Sache, die so wenig ihn wie seine Herrin etwas anginge. Dann fuhr er fort: »Wenn die Senhorita lieben und zu La-Muerte sagen: »Das sein mein Amoroso, den heirathen« - beu dem Schaddel[Schäddel] meines Vadders - das sein nun ander Ding. Wofür haben La-Muerte seinen Arm und seine Lanze? Keun andrer Mann sie heirathen.«

»Um so besser, wenn sie gleichgiltig ist gegen diese Heirath.

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Dann wird sie meine Bewerbung nicht zurückweisen, wenn dieser verfluchte Gaucho aus dem Wege geschafft ist und ich ihr gleichstehe. Dazu, Freund Muerte, mußt Du mir helfen. Es handelt sich darum, Aniella von diesem Ufer zu entführen und nach Montevideo zurückzubringen. Deshalb bin ich ihr hierher gefolgt. Mein Gold wird uns den Schutz des Präsidenten sichern und dieser Krieg ein Ende nehmen - die englischen und französischen Kaufleute in Montevideo sprechen Vieles davon.«

»Wenn Aniella sagen: »Ja!« - La-Muerte sein einverstanden und werden tödten mit diese Speer den Espagnol.«

»Das würde uns Nichts nützen, Freund, seine Gauchos würden über uns herfallen und uns Alle ermorden. Ueberdies ist die Küste von ihren Schiffen bewacht - eine Flucht unmöglich.«

»Was thun? Niggers Kopf sein zu schwer!«

»Weißt Du, wo Commodore José mit seinen Schiffen sich in diesem Augenblick aufhält? Du mußt oft Nachrichten hören von den Offizieren, die täglich in der Villa verkehren.«

»Dieser Diabo sein bald hier, sein bald da! Ein Teufel! Er verdienen ein Nigger zu sein, so tapfer. Ich hören sagen gestern, daß diese Schiffe ihn wollen aufsuchen morgen und fangen in einer Bucht am Uruguay.«

»Du hast Recht - er soll ein Teufel sein! und diese Männer aus den fremden Ländern brennen auf das Gold. Wenn er uns helfen wollte, sollten mich alle Gauchos der Welt nicht hindern, Aniella zu entführen. Aber wo ihn finden? Kennst Du ein Mittel, mich nach der Banda4 zurückzuschaffen?«

»Die Churros5 haben genommen jedes Boot an der Küste! Nicht so viel - auf zehn Leguas zu fangen einen Dintenfisch.« Er wies unwillig auf die nutzlosen Fischgeräthe.

»Aber das Boot, das wir vorhin auf der Höhe sahen?«

»Es gehören zu diese Schiff' ohn' Zweifel. Beu Jäsus! Da können es sehen. Das Wasser werden klar! aber was sein das?«

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Der dumpfe Knall eines Kanonenschusses donnerte aus den Nebelschichten herauf, die sich plötzlich, wie von einer Zauberhand gefegt, von der Fläche des Wassers zurückzurollen begannen und zum Theil in die hohen unzugänglichen Schluchten des Ufers drängten, zum Theil in einer wunderbar schnellen Weise sich auflösten und in wogenden Massen hin- und herballten, während dazwischen in langen breiten Streifen die schiefen Strahlen der Abendsonne die Fläche des riesigen Stromes erhellten und weite Fernsichten über den blauen Spiegel eröffneten.

Das eigenthümliche Schauspiel dieser Naturerscheinung war prachtvoll, aber die Aufmerksamkeit der beiden Zuschauer viel zu eifrig auf die Ereignisse selbst gerichtet, um sich an dem Spiel der Naturschönheiten zu ergötzen.

In dem offenen Raum, den sie übersahen, zeigten sich drei der ankernden Kriegsschiffe des Geschwaders von Buenos-Ayres - eine Brigg, ein Schooner und eine Goelette. Die Wimpel des vierten in weiterer Entfernung über der Nebelmasse waren nicht mehr erkennbar.

Zwischen der Goelette, der Brigg und dem Schooner ruderte auf offenem Wasser ein Boot, dasselbe, was die beiden Genossen von ihrem hohen Standpunkt aus vor Eintritt des Nebels auf der Höhe des Stromes beobachtet hatten.

Offenbar war auf einem der Kriegsschiffe das Boot entdeckt und durch den Schuß signalisirt worden. Statt aber beizulegen, hatte das Boot gewendet und suchte die Flußhöhe wieder zu gewinnen.

Aber so kaltblütig und geschickt auch das Manöver des Steuernden war - es kam um fünf Minuten zu spät. Die Bramsegel des Schooners, der am weitesten hinausstand, flatterten bereits in die Höhe und blähten sich in dem leichten Winde, der die Nebel stromabwärts vor sich her trieb, zwanzig Hände waren beschäftigt, die Klüversegel auszuschütten, andere das Ankertau zu kappen und mit einer Boie zu versehen, - und ehe das fremde Boot noch die Hälfte der nöthigen Strecke zurückgelegt hatte, stand der Schooner hinaus nach der Höhe, durchschnitt lustig die Wellen und versperrte ihm den Rückweg.

Zugleich wechselten auf den drei Schiffen rasch die Signale,

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und die Goelette, die Zeit gewonnen, ihren leichten Anker zu heben, machte sich an die Verfolgung.

Mit dem ersten Blick auf die sich entfaltenden Manöver hatten der Mestize und der Mohr als Bewohner der Küste erkannt, daß es sich um eine Verfolgung handle und daß sie sich im Irrthum befunden, als sie geglaubt, daß das Boot zu den ankernden Schiffen gehöre.

»Valha me Deos!«6 rief der Pardo, indem er eilig seine Diamanten zusammenraffte und wieder verbarg - »da ist, was wir brauchen, wenn diese Hunde von Argentinern sie nicht in den Grund bohren!«

In der That - mit einer unerhörten Dreistigkeit der Herausforderung sah man am Sterne des Bootes an der kleinen Stenge eine Flagge emporrollen und sich langsam im leichten Winde entfalten. Es waren die grünen und blauen Streifen mit dem Stierkopf von Uruguay. Der Mann am Steuer stand jetzt aufrecht, man sah, daß er auf dem kleinen Fahrzeuge den Befehl führte. Die Barke war außer ihm mit zwölf Leuten bemannt, und da von einem Verbergen seiner Manöver jetzt nicht mehr die Rede sein konnte, sah man die Mannschaft eifrig beschäftigt, einen kleinen Mast einzusetzen und das Segel aufzuhissen.

Obschon die Entfernung des Bootes von den Schiffen und dieser unter einander noch zwei Kanonenschußweiten betrug, wurde die dreiste Herausforderung der feindlichen Flagge doch von allen drei Schiffen mit mehreren Kanonenschüssen begrüßt, die freilich bloße Pulververschwendung waren.

Bevor wir dem Leser die Jagd, die jetzt begann, vor Augen führen, müssen wir einige Worte den politischen Verhältnissen des Landes widmen, in dessen Kampf wir seine Phantasie versetzt haben.

Bald nachdem sich die sogenannten La Plata-Staaten im Jahre 1810 von der spanischen Herrschaft losgerissen und als unabhängige verbundene Republiken erklärt hatten, deren vorzüglichste und mächtigste Buenos-Ayres war, brach in ihrem Innern selbst ein langjähriger und mit der größten Grausamkeit geführter

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Bürgerkrieg - der Kampf der Föderalisten gegen die Unitarier - los. Während man anfangs unter Unitariern oder Apostolicos die Partei verstand, welche verlangte, daß alle Staaten eine gemeinschaftliche, in Buenos-Ayres residirende Regierung besitzen sollten, von der die Gouverneure der übrigen Provinzen eingesetzt werden müßten, - unter den Föderalisten oder Liberalen aber die Anhänger einer Republik nach nordamerikanischem Muster, in der ein jeder besondere Staat seinen Gouverneur wählen und seine inneren Angelegenheiten selbst leiten sollte, - entstand bald über beide Namen eine solche Begriffsverwechselung, daß zuletzt gerade die entgegengesetzten Tendenzen darunter vertreten wurden und sie nur noch dazu dienten, die sich bekämpfenden und intriguirenden Parteien des Diktators Rosas und seiner Gegner zu bezeichnen.

Der wildeste Fanatismus politischer Leidenschaften, eine Grausamkeit und Blutgier sonder Gleichen, Thaten, der Hölle entsprossen, und Metzeleien, würdig der Schreckenszeit der französischen Revolution von 1792, bezeichnen jene Bürgerkriege, die erst mit der Flucht des Diktators Rosas nach London7 endeten. Namen wie Paez, Artigas, Quiroga, Oribe und Rosas werden in der Geschichte der Menschheit blutige Flecken bleiben!

Einen Hauptschauplatz dieses Krieges gab die 1817 zu Brasilien gekommene Banda Oriental ab, die sich 1825 als cisplatinische Republik constituirte und jetzt den Namen des Freistaats Uruguay führt. Die wachsende Blüthe ihrer Hauptstadt Montevideo durch die große Zahl europäischer Abenteurer reizte die Begierde Rosas, seit 1831 Diktator von Buenos-Ayres, nachdem er schon lange dessen Herrschaft geführt, und er versuchte, als 1839 eines seiner Werkzeuge, General Oribe, als Präsident von Uruguay gestürzt worden, diesen mit den Waffen an die Stelle des neuerwählten Präsidenten Fructuosa Rivera wieder einzusetzen.

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Dieser Kampf, der mit wechselndem Glück auf beiden Seiten zur See und zu Lande geführt und zwei Mal durch die Einmischung und die Blokade der französischen und englischen Flotten unterbrochen wurde, dauerte bis zum Jahre 1851.

Gegen Rosas und seine Werkzeuge, Oribe, Aldao, Pacheco und Urquiza, also gegen die sogenannten Föderalisten, kämpften auf der Seite Montevideo's und der vereinigten Unitarier außer Lavalle - der auf der Flucht nach der Niederlage bei Monte Grande im September 1841 umgekommen - noch die Generale de la Madrid, Acha, Paz, Lopez, die Obersten Nunez, Silweira und Battle, die Gebrüder Madariaga und der Kommodore Garibaldi.

Zur Zeit, in der wir unsre Erzählung beginnen, im April 1842, stand Rosas auf der Höhe seiner Macht und das Glück hatte ihn auf's Neue begünstigt, nachdem kurz vorher eine neue Anstrengung der Unitaristen ihn gefährlich bedroht hatte. Die Provinz Entrerios hatte sich gegen die Föderation erhoben, Rivera den Gouverneur Echaguë vertrieben, Paz war von Corrientes herbeigeeilt, sich mit ihm zu vereinigen, und der Gouverneur von Santa-Fé, Lopez Mascarilla, hatte sich für die Unitarier erklärt und einen großen Zug Pferde, für Oribe bestimmt, in Beschlag genommen. Der Schreck war unter den Föderalen in Buenos-Ayres allgemein und die Unitarier daselbst wagten - zu ihrem Unglück - wieder ihr Haupt zu erheben. Eine neue Mannschaft wurde ausgehoben und unter den Befehl des Generals Aldao gestellt, der ehedem Mönch gewesen und ein Seelenfreund des ermordeten Wüthrichs Quiroga war. Wäre General Lopez als der Nächste damals sogleich gegen die Stadt gerückt, so würde sie sicher in seine Gewalt gefallen sein. Aber wie in allen Bürger- und Revolutionskriegen, Rivera und Paz geriethen in Zänkereien und während dieser Zeit kam Oribe von Tucuman herab, dem Dictator zu Hilfe. Lopez flüchtete aus Santa-Fé, in dessen Hauptstadt der Tiger Oribe Blut in Strömen vergoß, Entrerios erklärte sich wieder für die Föderation und General Paz mußte sich nach Corrientes zurückziehen. -


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Die Stellung der drei Schiffe und des verfolgten Bootes war in diesem Augenblick folgende.

Die Goelette, den Anker gehoben, die Segel ausgespannt, stand in der bezeichneten Weise nach der Mündung des Stromes hinaus, die Brigg ruhig vor ihrem Anker auf der entgegengesetzten Seite so nahe dem Lande, daß die Verfolgten zwischen ihr und diesem unmöglich vorüber konnten, ohne von einer vollen Lage in den Grund gebohrt zu werden. Die Rückkehr nach dem Ufer von Uruguay hinderte der Schooner, und zwischen diesem und der Brigg lag in der entfernten Nebelbank das vierte Schiff des kleinen Geschwaders.

Gleich einer Arena für den Kampf der Gladiatoren dehnte sich die Wasserfläche vielleicht auf eine Strecke von einer Meile Breite frei zwischen den Nebelmauern.

Mit dem Hauch der Seebrise, die gewöhnlich kurz vor dem Sinken der Sonne noch stärker aufzufrischen beginnt, kam die Goelette ziemlich rasch heran.

Das Boot, den Wind fangend, setzte furchtlos seine Fahrt dem Schooner entgegen fort, der langsam ihm entgegentrieb.

Plötzlich erhellte ein Blitz den dunklen Rumpf des Schiffes, eine Wolke kräuselte empor und man sah die Kugel des langen Neunpfünders, den der Schooner auf seinem Vorderkastell führte, über die Wasserfläche ricochettiren.

Der Steuerer des Bootes hatte die Gefahr, ein bloßes Glas am Auge, wohl beachtet und zur rechten Zeit gewendet, die Kugel flog weit links ab. Drei Mal wiederholte sich das Spiel, und immer näher kam das Boot, aber durch das wiederholte Abfallen war es gezwungen worden, allzu sehr nach rechts abzuweichen, und nach einigen Minuten schien der kühne Führer sich überzeugt zu haben, daß es nicht möglich sei, die Lücke zwischen Schooner und Goelette zu passiren.

Das kleine Fahrzeug hielt plötzlich an, das Segel wurde umgeschwenkt und das Boot schoß nach der Mitte des Raumes zurück, der ihm zum Manövriren blieb, aber sich immer mehr verengte.

Schuß donnerte jetzt auf Schuß aus den langen Vorderdeckkanonen der drei Schiffe, und es gehörte die ganze Geschicklichkeit

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des Mannes am Steuer dazu, um durch fortwährende Wendungen den jetzt immer gefährlicher werdenden und näher fliegenden Kugeln kein sicheres Ziel zu bieten.

In diesem Augenblick wurde jedoch die Aufmerksamkeit der beiden Zuschauer von dem interessanten Anblick durch ein eilig näher kommendes Geräusch hinter ihnen in Anspruch genommen, das dem Schnauben und dem Hufschlag eines Pferdes glich, und in den Pausen der Schüsse deutlich hörbar war.

»Pelo amor de Deos!« rief, sich umwendend, der Pardo!8 »es ist die Portenna Gott schütze ihren Hals - der wildeste Gaucho würde das Thier nicht so anzutreiben wagen!«

Der Mohr grinste vor Vergnügen und klatschte seine derben Schenkel mit den Händen. »Nossa Senhora della Serra!9 Es sein das Kind! Was sie reiten können - issa moça he huma diabrinha!10 sie sein so muthig, wie der Cavalleiro in das Boot! Nehmen Dich in Acht, filhinha!«11

Die Warnung, die überdies im Getöse der Schüsse verhallte, fand wenig Beachtung, denn die kecke Reiterin, die auf ihrem kleinen indianischen Pferde den schmalen Felsensteig heraufgaloppirte, als jage sie auf einer europäischen Chaussee, stieß dem Thiere den silbernen Sporn an ihrer Ferse in die Flanken und war mit einem gewaltigen Satze auf dem Plateau des Felsens. Ein zweiter brachte das Thier bis dicht an den Nand des Abgrundes, aber die Dressur des Pferdes war so vortrefflich, die Hand der Reiterin so leicht und sicher, daß es nur einer leisen Bewegung des dünnen, aus Riemchen zierlich geflochtenen Zügels bedürfte, um das erhitzte Thier gleich einer Mauer unbeweglich zu fesseln.

»Logo, logo pai negro12 - was giebt's hier? Was machen die Republikanos für einen Höllenlärm? Ich hoffe,

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es ist eine neue Höflichkeit der Capitanos mir zu Ehren - und zu meiner Ueberraschung.«

»Blutiger Ernst, Aniella!« erwiederte der Mestize; »sieh' selbst - ihre Schiffe haben eine arme Barke unserer Landsleute aufgebracht!«

»Ah - Du bist da, collaço!«13 Sie reichte ihm die Hand. »Es ist nicht hübsch von Dir, daß Du mich allein läßt unter all' den Cavalleiros, da mein Verlobter fort ist. Ich wußte nicht, wo Du geblieben warst, und sattelte mein Pferd, während die Senhors beim Monte sitzen.« Sie reichte ihm die Hand und lehnte sich weit über den Hals des Pferdes, das Schauspiel zu ihren Füßen mit den großen feurigen Augen überstiegend.

Die kühne Reiterin konnte etwa achtzehn Jahre zählen, war aber bei der frühen Reife jenes Klima's bereits in ihrer ganzen Weiblichkeit entwickelt. Der gebräunte, aber durchsichtig klare Teint ihres Gesichts bezeichnete sofort die Creolin, wie man die in den amerikanischen Kolonieen geborenen Weißen nennt, und in der That war Aniella Crousa die einzige Tochter eines vornehmen portugiesischen Offiziers, der 1817 bei der Besitzergreifung Uruguay's dorthin gekommen war und bedeutenden Landbesitz an beiden Ufern des La Plata erworben hatte. Ihre reinen jungfräulichen Züge waren, wie man so häufig unter spanischen Creolen findet, von klassisch schöner Form, die Stirn niedrig, aber von fester, markirter Bildung, eine bedeutende Willenskraft verkündend, und der Mund voll und schön gewölbt. Das weit geöffnete blaue Auge, eine besondere Schönheit in diesem Himmelsstrich, strahlte bereits eine Erregbarkeit des Geistes und Herzens, die nur des zündenden Funkens bedürfte, um zur vollen Flamme emporzuschlagen.

Die Senhora trug die reizende Nationaltracht der spanischen Creolinnen, einen bis auf die Hälfte der Waden reichenden Nock von schwerer weißer Seide mit Silber gestickt, ein gleiches Leibchen, so tief ausgeschnitten, daß der Ausschnitt fast bis zum Gürtel reichte und den vollen Anblick des Busens gewährte,

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darüber das kurzärmlige offene Jäckchen von schwarzem Sammet mit zahllosen silbernen Knöpfen und Nesteln.

Eine rothe Schärpe - die Farbe der Föderalisten, zu denen der ihr bestimmte Bräutigam gehörte - umschloß ihre schlanke Taille und ließ die befranzten Enden weithin im Luftzug flattern. Der kurze Rebuco, die kappenartige Mantille von gleichfalls schwarzer Seide mit Schmelz und Spitzen geziert, war bei dem hastigen Ritt von dem Hinterhaupt auf die Schultern gesunken und ließ das prachtvolle Haar der Donna in seinem vollen Reichthum schauen, indem sein bläulich schwarzer Glanz von den letzten Strahlen der Sonne magisch beleuchtet wurde. Spanische Schnürstiefeln von rothem silbergestickten Corduan umhüllten einen so kleinen und zierlichen Fuß, diese berühmte Schönheit der Creolinnen, daß man den eines Kindes zu sehen glaubte, und schlossen sich an die feinen, hoch hinaufgehenden Gamaschenstrümpfe von gleichgefärbter Vicognewolle, bei dem wilden Ritt das Bein bis zum Knie in seinen feinen und graciösen Linien zeigend. Nur die äußerste Spitze dieses Fußes, an dessen Ferse ein silberner Sporn befestigt war, ruhte nach Gauchositte in dem engen Steigbügel von gleichem Metall.

Die schöne Reiterin trug über der Schulter eine leichte Vogelflinte. Einen eigenthümlichen Reiz gab diesem Kopf ein seltsamer Schmuck, eine jener von Gott in die Luft dieses Landes gestreuten lebendigen Mischungen von Gold, Rubinen und Smaragden, ein lebendiger Kolibri. Das niedliche Thierchen, nicht größer als ein Daumenglied, war eines der gezähmten Exemplare, welche die vornehmen Damen von Montevideo und Buenos-Ayres so sehr lichen und selbst in Gesellschaft mit sich herum tragen, obgleich es sehr schwer ist, die kleinen fliegenden Edelsteine so zu gewöhnen. Der Kolibri mit rothfunkelnder Brust und smaragdnem Gefieder saß auf der Haarkrone des Mädchens vor dem hohen mit Granaten ausgelegten Schildpattkamm, welcher die reichen Zöpfe festhielt, und begleitete mit dem Schlag seiner zierlichen Flügel und geöffnetem Schnäbelchen jede Bewegung seiner jungen Herrin.

»Santa virgem! Beschütze die armen Menschen!« flüsterte das Mädchen, als der Pardo ihr mit einigen Worten die Lage

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der Dinge erklärt. »Es sind unsere Landsleute - ich möchte meinen besten Schmuck d'rum geben, caro Manuelo, wenn wir ihnen zu helfen vermöchten!«

»Laß es Senhor Adeodato nicht hören, mana,«14 sagte spöttisch der Mestize, »er möchte es Dir übel gedenken, daß Du die Blauen in Schutz nimmst, während die Farbe Deiner Charpa roth ist. Aber, por Deos - es sind kühne Gesellen, da versuchen sie auf's Neue an der Goelette vorüber zu kommen!«

»Ihre Kugeln werden sie in den Grund bohren! Barmherziger Heiland, beschütze sie!«

Sie legte die zarte Hand über die Augen, aber schon im nächsten Moment verfolgten wieder ihre Blicke die gefährliche Scene.

»Poltãros!«!15 fluchte der Mohr - »ich sehen thun fort diese Flagge - sie ergeben gefangen!«

In der That wurde, während das Segel des Bootes - in dieser Entfernung nur ein Zielpunkt mehr - niedergelassen ward, und dieses auf das Bugspriet der Goelette zusteuerte, die Flagge von Montevideo von der Stange entfernt und ein Triumphgeschrei der Liberalos auf dem Deck und im Takelwerk des Kriegsschiffs begrüßte diese Handlung der scheinbaren Unterwerfung. Die Goelette drehte bei, den Schnabel gegen die Höhe des Stroms und traf ihre Anstalten, die Prise in Empfang zu nehmen.

Das Boot trieb langsam auf sie zu - bie Mannschaft hatte die Ruder eingezogen, der Mann im Stern stand aufrecht, mit der Linken anscheinend unthätig auf der Pinne des Steuerruders.

Die Sonne war bereits unter dem Horizont, und mit jener Schnelligkeit, mit der in der südlichen Zone die Nacht auf den Tag zu folgen pflegt, senkte sich das Dunkel über die Fläche des Wassers und die treibenden Nebelbanken, so daß nur mit Anstrengung, noch die Augen der Zuschauer auf dem Felsen den Vorgängen auf dem Wasser zu folgen vermochten.

Wie absichtslos war das Boot nach dem Hintertheil des Kriegsschiffes und an der Fallreefstreppe vorbeigetrieben, als es

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an der Schanze des Fahrzeugs anlegte. Man rief ihnen vom Bord, über dessen Bollwerk Offiziere und Matrosen lugten, zu, herauf zu kommen, und warf ihnen ein Tau zu. Der Mann am Steuer erfaßte dasselbe und zog sich daran dicht an die Schiffsseite, so daß das Boot vollkommen außer dem Bereich der Karonaden kam, mit denen die Seiten bewehrt waren. Im nächsten Augenblick hörte man bis auf der Höhe der Klippe eine mächtige, klangvolle Stimmeden spanischen Ruf: »Fuego!«16 ausstoßen und eine Salve von dreizehn Pistolenschüssen knallte über die Wasserfläche.

Im selben Augenblick hatte ein kräftiger Fuß stoß des Steuernden das Boot von dem Schiff ab- und bis unter den Stern desselben getrieben. Im Tempo fielen die sechs Ruder ein und die Barke schoß nach dem Ufer zu, ehe die Föderalisten sich von ihrer Ueberraschung erholen und das Schiff zu einer Breitseite wenden konnten, und drang kühn in die Nebelbank vor, welche den Zugang der Kluft bedeckte, auf deren überragendem Felsplateau die Senhora mit ihren beiden Gefährten sich befand.

»Pelo amor de Deos - sie wagen sich in den Höllenschlund - sie werden an der Brandung der Barre zerschellen und sind verloren, die Unglückseligen!« rief das Mädchen. »Kein Ausgang giebt aus dieser Bucht ihnen Aussicht zur Flucht!«

»Narren die,« grinste der Mohr. »Wenn nicht ersaufen in tiese Brandung, werden umkommen in tiese Pamperos, was kommen. Filhinha müssen kehren eilig zu Hause, weil Wolken nahe!«

»Nimmermehr,« sagte entschlossen das Mädchen. »Was kümmert mich der Pamperos - ich will das Schicksal der muthigen Männer erfahren!«

Indeß schienen die untrüglichen Anzeichen des drohenden Unwetters - eines mit wolkenbruchartigem Regen verbundenen Gewittersturms, der auf dem La Plata unter dem Namen Pamperos bekannt und gefürchtet ist, und oft mit der größten Schnelligkeit, zum Glück aber nie ohne seine eigenthümlichen Vorzeichen sich erhebt - eher zum Vortheil der Verfolgten zu dienen. Die Segel der Goelette wurden eingezogen, man hörte das Rasseln der

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Ankerketten, wie sie durch die Klüven sausten, das Schiff legte sich um und in der Entfernung von etwa 15 Knoten17 vor die Schlucht, in welche sich die Barke geflüchtet hatte. In dieser Entfernung auf dem morastigen tonigen Untergrund war das Schiff sicher vor den Gefahren des herrannahenden Sturmes und dem furchtbaren Aufschlagen der Brandung, die an den Felsen und der Barre tobte, welche den Zugang der Bucht zum größten Theil versperrte, indem es zugleich den einzigen Ausgang vollkommen beherrschte und den Flüchtigen, selbst wenn sie glücklich in's Innere der Schlucht gelangt sein sollten, jeden Ausweg abschnitt.

Man sah zugleich ein Boot des kleinen Kriegsschiffs niederlassen und bemannen.

»Sie wollen ihnen folgen, sie wollen sie angreifen in dem Höllenschlund,« sagte athemlos das Mädchen, indem sie von ihrem Pferde sprang und unwillkürlich nach der Flinte griff. »Wir müssen ihnen helfen!«

»Filho de Deos - Kind Gottes, was denkst Du! - Diese Schufte von Liberalos wissen, was ihr Leben werth ist, und werden sich nicht in die Gefahr begeben. Ueberdies sind ihrer zu wenig in dem Boot - sie rudern nach dem Landungsplatz, sie wollen die Gauchos aufbieten, um sie vom Lande abzusperren, und ich wundere mich in der That, daß ihre Schüsse die villaos18 noch nicht herbeigeführt haben. Sie können die Mühe sparen, denn es führt kein Ausweg aus der Bucht über die platten Felsen und sie haben ihre Leichen sicher genug.«

»Por Deos! wenn es nur das wäre!« Ihr Auge begegnete bedeutsam dem des Schwarzen. »Von den Gauchos haben sie wenig genug zu fürchten - der Oberst ist in Buenos-Ayres und die Offiziere sind in der Villa. Sie wissen so gut wie wir, daß der Pamperos nahe ist. Aber beuge Dich über den Felsrand, Muerte, und sieh' zu, ob Du erspähen kannst, was ihr Schicksal geworden.«

Der Schwarze, der jenen traurigen Namen trug, welcher

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an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnt, umschlang mit seiner Rechten einen hervorragenden Stein und beugte sich weit über den Felsen hinaus nach der Kluft.

Die Landbrise, mit jedem Augenblick schärfer über die Fläche des Stromes daher kommend, hatte die Nebel gehoben und ballte sie zu Wolken zusammen, die den Himmel verfinsterten und das nahende Ungewitter verkündeten. Der Gipfel des Felsens war jetzt in diese Wolken gehüllt, die bisher die Wasserfläche zu ihren Füßen verdeckt hatten, während diese frei sich ausdehnte. Aus der zunehmenden Dunkelheit leuchtete der weiße phosphorische Glanz der schäumenden Brandung, wie sie an der Barre emporgischte.

»Was siehst Du? - sprich!«

»Beu den Gebeunen meines Vadders, Kind - ich sehen ein schwarzes Ding da unten im Schlund - es bewegen sich - verdadeiramente - es sein Männer - sie gerettet aus tiefe infernalische Wasser!«

»Ruf' ihnen zu - sage ihnen, daß sie Freunde hier oben haben!«

Der Mohr machte aus seiner Linken eine Art Sprachrohr und brüllte hinunter:

»Gente de paz! Vivan Apostolicos!«

Einige Augenblicke hörte man Nichts, als das Brausen der Brandung, dann drang aus dem Schlunde vernehmlich eine sonore kräftige Stimme mit den in spanischer Sprache gesprochenen Worten:

»Wenn Ihr wirklich Unidados seid, die Gott und der Zufall hierher geschickt, so sagt uns, wo der Feind steht und was er beginnt?«

Der Neger wechselte sofort sein Idiom in das Spanische, die Hauptsprache dieser Länder, während nur von den brasilianischen Einwanderern das eng verwandte Portugiesisch gesprochen wird, und rief ihm zu, daß die Goelette den Ausgang der Bucht gesperrt halte und ein Boot abgesandt habe, die Aufmerksamkeit der in der Nähe bivouacquirenden Gauchos auf die Verfolgten zu lenken.

Unbesorgt auf die riesige Kraft ihres Majordomus, denn

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ein solches Amt bekleidete der Sclave in ihrem Haushalt, vertrauend, hatte sich die Senhora über ihn hinaus gebeugt und versuchte mit ihren blitzenden Augen das Dunkel in der Tiefe zu durchdringen. Aengstlich barg sich ihr kleiner flatternder Gefährte in der Wölbung ihres Haars.

»Sie dürfen nicht dort unten bleiben, Señor,« rief das schöne Mädchen, und der Silberklang ihrer Stimme zitterte vor der Erregung aufrichtiger Theilnahme. »Ehe eine halbe Stunde vergeht, wird der Pamperos in all' seiner Wuth ausbrechen und Sie würden umkommen in dieser schrecklichen Kluft.«

»Wer Sie auch sein mögen, schöne Señorita,« antwortete die Stimme aus der Tiefe - »nehmen Sie unsern Dank für die Theilnahme, die Sie uns zeigen. Der Rath ist gut - aber, diavolo - er ist schwer genug auszuführen, denn wir stecken hier in einer verdammten Falle und die Felswände sind glatt wie Spiegel!«

»Rudern Sie an das Ende der Schlucht, Señor, und warten Sie dort,« rief das Mädchen. »Wir sind im Augenblick bei Ihnen!«

Sie warf sich elastisch zurück auf ihre Füße. Der Schwarze seiner Last und seines Auftrags entledigt, folgte ihr.

»Was meinst Du damit, Aniella?« fragte erstaunt der Pardo; »giebt es einen Weg hinunter in die Schlucht?«

»Warum sollte man mich die Rastreodora19 nennen,« entgegnete das schöne Mädchen heiter lachend, »wenn ich auf zehn Leguas in der Runde nicht jeden Gang und Pfad kennen würde! Frage La-Muerte und er wird es Dir sagen. Wir sind zehn Mal zusammen hinunter gestiegen. Aber nun frisch an's Werk, denn jeder Augenblick ist kostbar. Komm, Bibi, in Dein sicher Versteck, damit Dir kein Leid widerfährt!«

Mit der Zarten Sorge, die man an hochherzigen Gemüthern stets für die ihnen anhänglichen Thiere findet, nahm sie den kleinen Vogel und barg ihn in ihrem Busen. Dann löste sie vom

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Sattel ihres Pferdes die zusammengerollte Schlinge des Lasso, warf sie um ihren Arm und übersprang die Felsspalte, welche das Plateau von dem herausführenden Fußwege schied. Im nächsten Augenblick war sie hinter den Felsvorsprüngen verschwunden.

Der Mohr schickte sich an ihr zu folgen, als die Hand des Mestizen ihn zurückhielt.

»Beim Himmel, Muerte, das ist ein wunderbares Glück,« raunte der Halbblütige ihm zu. »Diese Unidados kommen wie gerufen - nimm« - er drückte den Diamant in seine Hand - »und laß uns die Gelegenheit benutzen, unsern Plan auszuführen.«

»Bem! ich sein bereit - aber Massa wissen, daß der Wille dieses Kindes Gesetz sein für Muerte!«

Der Pardo nickte einwilligend im eitlen Selbstvertrauen und Beide beeilten sich, dem geflügelten Schritt des jungen Mädchens zu folgen. Indem sie, unbekümmert das an passiven Gehorsam gewöhnte Pferd auf dem Plateau zurücklassend, auf dem steilen Pfad um eines der vorspringenden Felsstücke bogen, schwang sich der Mohr gewandt auf dessen Höhe und half dem nachfolgenden Gefährten herauf. Die in den Fugen des Gesteins wurzelnden Schlingpflanzen zurückbiegend, stieg er mit sicherm Fuß von hier aus abwärts nach dem Innern der kleinen Bucht, von Stein zu Stein, bald an den zackigen Enden, bald an den Wurzeln der in der Tiefe immer üppiger wuchernden Lianen sich festhaltend. Vertraut mit solchen gefährlichen Wegen durch sein eigenes Handwerk, folgte ihm der Gambusino, und so gelangten Beide nach einer kurzen, aber ziemlich gefährlichen Anstrengung, auf einen Vorsprung, wo sie Aniella bereits fanden.

Es zeigte sich, daß der breite flache Stein, auf dem sie standen, etwa zehn Ellen über dem Spiegel des Wassers der Bucht lag, zu welcher die Felswand von dieser Stelle so senkrecht und glatt herniederstieg, daß ein Erklimmen ohne besondere Hilfsmittel nicht denkbar war.

Dicht unter diesem, von der mächtigen Formerin Natur gebildeten Plateau sah man auf dem verhältnißmäßig ruhigen Spiegel der Bucht die Barke der Unidados liegen - ihre Bemannung auf die Ruder gestützt, die Faust am Kolben der Pistole, des weitern Verlaufs der Ereignisse harrend.

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Aniella ließ das Ende des Lassos, den sie um den Arm gewickelt trug, in die Barke fallen. »Es ist unmöglich, weiter hinunter zu gelangen, Señor,« sagte sie. - »Sie müssen jetzt Ihrer eigenen Anstrengung vertrauen. Eilen Sie - jede Zögerung kann Ihr Verderben herbeiführen!«

Der Mann im Stern flüsterte seinen Gefährten einige Worte zu, - man hörte das Knacken der Pistolenhähne - dann erfaßte er den zugeworfenen Strick, dessen Ende das Mädchen um einen Stein geschlungen, und schwang sich mit der Sicherheit eines geübten Kletterers empor. Im nächsten Augenblick stand er vor den Helfern, die der Himmel ihnen so wunderbar gesandt.

Die herrschende Dunkelheit verhinderte, seine Züge genau zu erkennen, doch gestattete sie, zu sehen, daß der Fremde ein Mann von mittelgroßem aber muskulösem Wuchs war, und einen starken Bart trug. Er mußte noch verhältnißmäßig jung sein, wie der volle sonore Klang seiner Stimme und die Elasticität seiner Bewegungen zeigten.

»Señora,« sagte er galant, »empfangen Sie nochmals meinen Dank für die Hilfe, die Sie Unbekannten bisher geleistet. Aber erlauben Sie mir, ehe ich meine Gefährten heraufkommen lasse, Sie um Beantwortung ewiger Fragen über unsere Lage zu bitten.«

»Fragen Sie, Señor!«

»Zuerst - es soll dies kein Mißtrauen sein, aber ich bin für das Leben meiner Gefährten verantwortlich, - wie kommt es, daß wir so unverhofft auf diesem feindlichen Strande Freunden begegnen?«

»Mein Name, Señor, ist Aniella Crousa; ich bin die Tochter des verstorbenen Capitain Crousa da Pinheira, aus Montevideo!«

»Wem sollte der Ruf des ehrenwerthen Portugiesen und seiner schönen Tochter unbekannt geblieben sein, Señorita,« sagte mit einer höflichen Verbeugung der Unbekannte. »Aber verzeihen Sie, wenn ich deshalb meine Verwunderung ausspreche, Sie hier zu sehen.«

Die Dunkelheit verbarg das tiefe Erröthen, das die Wange des schönen Mädchens überzog. »Sie wissen wahrscheinlich nicht, Señor, daß ich Besitzungen auch diesseits des La Plata habe, und die

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Villa, die sich zwei Leguas von hier befindet, gehört dazu. Ich bin eine Frau und kümmere mich nicht um den politischen Streit, der leider mein Vaterland zerrüttet. Ich hatte also keine Ursache, dem Willen Don Manuel Rosas mich zu widersetzen, welcher mich aus meiner Heimath hierherführte, um mich hier zu verheirathen. Aber, ob Umdados oder Libertados - ich glaube hochherzig genug zu fühlen, um tapfere Männer nicht in die Hände grausamer Uebermacht fallen zu lassen, wenn ich es verhindern kann! - Dies sind mein Milchbruder und mein vertrauter Diener, die mir von der andern Seite des Stroms gefolgt sind.«

»Das ist genug, Señora - ich bitte um Entschuldigung und vertraue ganz Ihrem Wort. Was thun die Schiffe Admiral Brown's?«

»Der Admiral selbst ist mit seinen beiden Fregatten den La Plata hinabgesegelt, um sich nach Buenos-Ayres zu begeben. Kommodore Pedro Ximeno kommandirt den Rest des Geschwaders. Die Goelette, die Sie verfolgte, liegt etwa fünf Minnten entfernt, vor dem Eingänge der garganto do diablo,20 in die Sie wunderbarer Weise den Eingang gefunden haben, ohne an den Klippen zu zerschellen. Die Schiffe haben, so viel ich bemerken konnte, ihre Anker geworfen, und bereiten sich vor, den Pamperos zu empfangen. Aber es ist unmöglich, daß Sie die Brandung am Eingang der Schlucht in dieser Finsterniß nochmals passiren können.«

»Ich weiß es, Señora, und deshalb müssen wir den Landweg wählen, um aus dieser Falle zu entkommen. - Ahoi, Mannschaft!«

»Si - si!«

»Einen Augenblick noch, Señor!« Sie legte unwillkürlich die Hand auf seinen Arm. »Ich muß Sie von einem Umstand unterrichten, der Ihnen wahrscheinlich unbekannt ist. Es campirt eine Abtheilung Gauchos in der Nähe der Küste, zwischen hier und meinem Hause, in welchem sich die Offiziere befinden.«

»Ein Boot der Goelette muß bereits gelandet sein, um die Schufte zu benachrichtigen,« fügte der Pardo hinzu.

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»Wer kommandirt die Gauchos - wie stark sind sie?«

»Oberst Adeodato da Gondra,« entgegnete das Mädchen zaudernd - »es sind ihrer zwei Compagnieen.«

»Der Schurke - ich kenne seine Grausamkeit, aber auch seine Feigheit!«

»Er ist abwesend,« fügte die Señorita hastig hinzu, - »er befindet sich in Buenos-Ayres und kehrt erst in drei Tagen zurück. Die Offiziere seiner Milizen sind in diesem Augenblick in meinem Hause und ich hoffe, daß das Unwetter sie abhalten wird, sich mit Ihrer Verfolgung zu beschäftigen. Aber ich weiß in der That nicht, Señor, wie Sie weiter retten.« -

In der That begann das Unwetter fühlbar seinem Ausbruch näher und näher zu kommen. Die Luft umher, ohnehin schon beengt in dieser Kluft, wurde unerträglich dick und schwül, und von Zeit zu Zeit fuhr der grelle Schein von Blitzen darüber hin - in der Ferne hörte man das dumpfe Rollen des Donners.

»Befindet sich ein Boot in der Nähe, dessen wir uns bemächtigen können?«

»Nur das der Goelette - aber es wird zu gut bewacht sein. Alle Boote sind nach den Schiffen gebracht - denn, ich muß es gestehen, Señor, ich scheine selbst eine Art Gefangene, wenigstens habe ich nicht die Mittel, meine Estancia21 an diesem Ufer zu verlassen, wenn auch meine Lust am Umherstreifen wenig gehindert wird, bei welchem der Zufall und das Feuern der Schiffe mich heute hierher führten.«

Der Fremde dachte einen Augenblick nach. »So bleibt uns nur ein Mittel,« sagte er entschlossen. - »Marochetti, Sacchi und Ihr Anderen, schneidet die Taue ab und befestigt sie an den Seiten der Barke. Antonio und der Deutsche heraus zu mir! Arbeitet schnell, denn es gilt Leben und Freiheit. Wie viel Fuß Wasser unterm Boot?«

»Vier Fuß dicht am Felsen!«

Die beiden Männer schwangen sich herauf.

»Seid Ihr fertig, Kameraden?«

»Fertig! Was sollen wir thun?«

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»Alle herauf jetzt bis auf die beiden Stärksten. Wir müssen das Boot aus dem Wasser heben und über die Felsen bringen. Es ist ein verzweifeltes Mittel, aber es ist unsere einzige Rettung. Wo ist François?«

»Hier, Monsieur!« Der Knabe, ein Bursche von kaum acht Jahren, aber behend wie ein Affe, sprang auf das Plateau. »Was ist zu thun für mich?«

»Such' Dir den Weg hier hinauf und halte scharfen Ausguck, daß Niemand sich naht. Señora, darf ich Sie bitten, zurückzutreten? - An die Taue, Männer, und fest gezogen. Versucht das Boot von unten zu heben. Eins - zwei - «

Die Mannschaft der Barke bis auf zwei war an dem Lasso emporgeklimmt und hielt die Stricke, an denen man das Boot befestigt.

»Drei! - angezogen, Männer, so lieb Euch das Leben ist, denn hier kommt dieser höllische Pamperos!«

Ein Geheul wie von tausend Dämonen brach vom Meere her in den Kessel der Schlucht, und schien über ihren Häuptern im tollen Wirbel zu kochen und zu brausen. - Der ganze Himmel stand von zuckenden Feuerstrahlen in Flammen und verbreitete eine Tageshelle, die jeden Gegenstand deutlich erkennen ließ.

In diesem fahlen Licht der Blitze erblickte Aniella zum ersten Mal den Fremden deutlicher, und die gigantische Anstrengung, in der er begriffen, die jede Muskel seines Körpers spannte, erhöhte noch das Eigenthümliche seiner Erscheinung.

Er konnte etwa 32 bis 33 Jahre zählen, und obschon seine Gestalt nur mittelgroß, trug sie doch das unverkennbare Gepräge des Gebietenden, an's Befehlen Gewöhnten. Sein Gesicht war offen und frei, die Stirn hoch und mächtig hervorspringend, die Nase edel und leicht gebogen, der fest geschlossene Mund und das kräftige runde Kinn von einem starken, röthlichen Bart bedeckt, während das gelockte, zurückgestrichene Haar, frei von jeder Bedeckung, von schöner brauner Farbe sich zeigte. Das große dunkle Auge von ausgezeichnet schöner Form blickte fest hinab in die kochende Tiefe, wo vergeblich die beiden Männer sich müheten, die Barke emporzuheben.

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Die Kleidung des Unbekannten war die gewöhnliche der südamerikanischen Seeleute, weite Beinkleider von gestreiftem Baumwollenzeug mit weißer Linnenjacke, und zeigte nur dadurch den Rang des Offiziers an, daß die blau-grüne Schärpe, die seine kräftigen Hüften umschlang, mit goldenen Fransen geschmückt war.

Derselbe kurze Blick, der die Senhora die Einzelnheiten dieses Bildes umfassen ließ, zeigte ihr, daß die riesigen Anstrengungen der Männer vergeblich waren. Im selben Moment auch wandte sie sich zu dem Mohren und wies in die Tiefe.

»Zu Hilfe, Muerte!«

Man hörte einen plätschernden Fall - der nächste Blitz zeigte die aus den kochenden Wellen emportauchende Gestalt des Negers, wie er an den Steinen am Rande sich festklammerte und Kopf und Schulter unter den Boden der Barke schob.

»Hoi - up!«

Das Boot hob sich unter der gemeinschaftlichen Anstrengung und wurde emporgezogen. Im nächsten Augenblick schwangen sich die beiden Matrosen ihm nach; der Mohr folgte.

»Faßt an, Kinder - und mögen Gott und die Heiligen uns beistehen!«

Auf die Schultern der Männer gehoben, wurde die Barke Schritt um Schritt den steilen Felspfad emporgetragen, auf einem Weg, den kaum bei Tage der Fuß des kühnsten Jägers zu betreten gewagt hätte. Nur die Gewohnheit und Sicherheit der Seeleute, unbekümmert um den tobenden Sturm, auf schwanken Raaen und Tauen umherzuklettern, machte es ihnen möglich, auf dem schrecklichen Wege vorzudringen, und das grelle, kaum verschwindende Licht der Blitze diente sogar dazu, ihr Werk zu erleichtern.

Von dem jungen Mädchen mitten in diesem Aufruhr des Himmels mit ruhiger Besonnenheit zurechtgewiesen, war der Knabe gleich einer Katze voran geklettert und hatte bereits den gefahrlosern Pfad erreicht, wo das Schnauben des Pferdes ihn zuerst stutzig machte. Die Hand am Griff seines Messers stand er lauschend da, bis das Herbeikommen Aniella's und des Pardo seiner Besorgniß ein Ende machte. Glücklich und mit nur geringen Beschädigungen wurde die Barke auf den breitern Pfad

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angehoben - der Seemann, der den Befehl über seine Gefährten führte, war der Letzte, der sich heraufschwang.

Einige Augenblicke ruhten Alle von der gewaltigen Anstrengung aus. Jetzt zum ersten Mal hatte der Fremde Gelegenheit, in dem unaufhörlichen Schein der Blitze die Schönheit dieses jungen Wesens zu bewundern, dessen Energie ihn gerettet.

Mit der vollendeten Höflichkeit des Weltmanns und der biedern Offenherzigkeit des Seefahrers nahte er sich ihr und nahm ihre Hand, die er ehrerbietig an seine Lippen drückte. »Señorita,« sagte er, »der schwerste Theil unserer Rettung ist gethan, und Ihnen verdanken wir sie. Tapfere Männer werden nie vergessen, in ihr Gebet zur heiligen Jungfrau den Namen Aniella Crousa's einzuschließen. Die Fluth des Himmels wird in wenig Augenblicken herniederströmen, - es ist Zeit, daß wir nicht mehr an uns, sondern an unsre schone Retterin denken, und daß Sie uns mit Ihren Freunden oder Dienern verlassen. Wir werden leicht von hier aus eine Stelle des Ufers erreichen, an der wir unser Boot ins Wasser bringen können.«

»Ich werde Sie an eine solche führen, Señor,« sagte der Pardo hastig.

»Aber der Pamperos? - die Gefahr ist zu groß!«

»Wir sind an den Sturm und die Gefahr gewöhnt, Señorita, und der Gedanke an die Theilnahme eines Wesens wie Sie, wird unsere Kräfte stärken und uns unüberwindlich machen selbst gegen den Pamperos.« - Ein kurzes schneidendes Pfeifen brach durch das Tosen des Sturmes. »Hören Sie das Signal meiner kleinen Meerkatze - der Bursche scheint einen sichern Ort gefunden zu haben, und es ist Zeit! Auf mit dem Boot, Ihr Männer, und vorwärts. Und Sie, Señorita, leben Sie wohl, und verzeihen Sie mir, daß ich Sie dem Schutz dieses schwarzen, aber braven Mannes überlasse!«

»Nein, Señor,« sagte das Mädchen entschlossen, »ich werde von dieser Stelle nicht weichen, bis ich weiß, daß Ihre Rettung gelungen. Dieser Felsenhang wird mich schützen gegen die Fluthen des Himmels und mein Gebet wird Ihre Schritte begleiten.«

Die Seeleute waren schon mit ihrer Last voran - einige Augenblicke noch zögerte ihr kühner Führer, während bereits

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schwere Tropfen aus den tief niederhängenden Wolken herabfielen und der Sturm mit jedem neuen Stoß an gewaltiger Heftigkeit zuzunehmen schien.

»Noch Eins lassen Sie mich wissen, Señorita, ehe ich scheide,« bat der Fremde; - »lassen Sie mich erfahren, unter welchem Namen ich später an Aniella Crousa denken muß, damit, wenn mein Säbel im Kampf auf den Ihres Gatten trifft, der meine sich senke im Gedächtniß an die Retterin unsers Lebens. Den Namen - den Namen Ihres Verlobten!«

Das Haupt der Creolin war abgewandt wie in tiefer Scham, während ihr Mund, kaum hörbar im dem Toben des Sturmes, den Namen flüsterte.

Wie von einer der giftigen Nattern der Pampas gestochen, zuckte der Fremde beim Klange dieses Namens empor und ließ ihre Hand fallen, die er auf's Neue ergriffen. »Oberst de Gondra, jener Höllenhund selbst, der feige Schlächter eines Rosas und Oribe! - o Señorita, ich konnte Ihnen vergeben, daß eine Tochter Montevideo's einem Föderalisten, einem Feinde ihres Landes ihr Herz und ihre Hand gab; aber einem Scheusal in Menschengestalt, einem Mörder um des Mordes willen - niemals! - Ich wollte eher in jene Schlucht mich zurück wünschen, als daß mein Ohr diesen Namen gehört. So will ich denn der Tochter jenes Landes, für das ich mein Schwert erhoben, zeigen, was ein Fremder dafür zu thun im Stande ist, wenn die eigenen Kinder seinen Henkersknechten sich verbinden!«

Ein Schritt in die Schatten des Felsens - und er war verschwunden. - Ihr Ruf - ihr Wort verhallte in dem Toben des jetzt gleich einem Gießbach aus den geöffneten Schleusen des Himmels herabströmenden Regens, und der Mohr umfaßte die halbohnmächtige Gestalt und trug sie in den Schutz des überhangenden Felsens, wo er die geliebte Gebieterin zwischen der rauhen Wand und dem zitternden Pferde vor dem Nahen des Wetters zu schützen suchte. -

Eine Stunde war vergangen, die rinnenden Regenbäche an den Felsen zu stürzenden Strömen geworden, die Nacht zum Tage in dem zuckenden Schein der Blitze - betäubt war Ohr und Geist von dem gewaltigen Donner, der Wasser und Land aus

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seinen Grundvesten zu reißen schien; - fortgerauscht war der grimme Pamperos, den riesigen Strom enilang zu seinem Bruder, dem Meere - leise nur rieselte es die Felsenrinnen noch hinab zum Grunde der Schlucht - klar und hell brach der Strahl des Mondes durch das fliehende Gewölk, und weit über den ganzen Horizont breitete sich mit Windesschnelle der lichte, klare, sternenfunkelnde Raum.

Bewegungslos auf den Sattel ihres Pferdes gestützt, schaute die Creolin starr - stumm, ohne Antwort für die freundliche Zuspräche des treuen Negers seit dem Scheiden des Fremden, noch immer hinab auf die bewegliche Fläche, die allein noch in wilder Erregung das Bild des großen Gestirns der Nacht in weit gestreckten Reflexen spiegelte.

Erst ein lauter Ausruf des Erstaunens von den Lippen des Schwarzen erweckte sie aus ihrer Erstarrung. Das wieder lebendige Auge folgte der Richtung der Hand des Sclaven, die nach der Stelle wies, an der vor dem Sturm die Goelette ihre Anker geworfen.

Die Stelle war leer - das Schiff verschwunden, während die anderen noch sicher und ruhig an ihren Ketten lagen.

Von der Höhe des Stroms, wo der Horizont sich zu den Gewässern verlief, blitzte es auf. - Die letzten Luftwellen des Orkans trugen auf ihren Schwingungen den dumpfen Schall eines schweren Geschützes an ihr Ohr.



Der Pamperos tobte in seiner tollsten Wuth. - Die Luft schien eine feste, greifbare Finsterniß, so ungeheure Massen von Staub, aufgewirbelt auf den großen trockenen Ebenen, kamen sausend auf seinen Fittigen dahergefahren und vermischten sich mit den Strömen von Regen, daß oft nicht einmal das Licht der Blitze sie zu durchdringen vermochte, obschon deren oft mehr als zwanzig mit einem eigenthümlich rasselnden Laut ringsum von allen Seiten die Luft durchfuhren, begleitet von so gewaltigen Knallen und Schlägen, daß sie die Sinne zu betäuben drohten.

Durch diesen Aufruhr der Natur, durch diesen Gigantenkrieg von Wasser, Feuer und Luft brach sich die kleine Schaar Bahn,

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von Zeit zu Zeit im Schutze eines Felsstückes rastend, hundert Mal in Gefahr zerschmettert, ersäuft, zerrissen zu werden, und eben so oft durch jene Kraft menschlicher Energie gerettet, welche den Kampf mit den rohen Gewalten der Natur stets siegreich besteht, wenn die Hand Gottes nicht selbst diese zu den Werkzeugen seines Zornes macht! Das Boot, anfangs eine Last, wurde dann zu ihrem Schutz, wenn sie unter seinem Dach gekauert einige Augenblicke von der gewaltigen Anstrengung ruhten.

Der kurze Weg zur Küste hinab - sonst wenige Minuten erfordernd - kostete einen Kampf von fast einer halben Stunde; - während dieser Zeit, in den kurzen Pausen der Donnerschläge und während sie unter dem umgestülpten Boot selbst Schutz und neue Kräfte fanden, machte Derjenige, welchen sie Capitain José nannten, diesen Männern mit der Ruhe und Bestimmtheit eines Heros einen Vorschlag, vor dessen Gedanken schon der Gambusino, dessen Nerven doch auch durch manche Gefahr gestählt waren, zitternd zurückbebte.

Diese Männer aber, deren Muskeln von Stahl, deren Seelen von Granit schienen, willigten ohne Zaudern in den Vorschlag. François, der Knabe, den sie in ihre Mitte genommen, damit der Sturm ihn nicht über die Felsen schleudere, klatschte jubelnd in die Hände.

»Señor,« sagte der Pardo zu dem Capitain, indem er den Mund an sein Ohr legte, »gönnen Sie mir fünf Minuten - ich habe Ihnen einen Vorschlag zu thun, der Sie reich machen soll, wenn Sie dieses unausführbare Unternehmen aufgeben und in der Flucht Ihr Heil suchen, welche die heilige Jungfrau beschützen möge.«

Der Capitain antwortete nur mit einer zurückweisenden Geberde. »Das Boot auf den Kiel, Leute! - Dicht heran an die Brandung - haltet die Ruder fest und steckt die Waffen zur Hand!«

»Bei San Jacob von Compostella! ich beschwöre Sie, Señor, geben Sie mir Gehör - es betrifft die Rettung Aniella's!«

»Der Señora? - In das Boot, Leute - sechs an die Ruder - die anderen bereit am Stern zum Abstoßen. - Reden Sie, Señor, die Augenblicke sind kostbar.«

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»Sie selbst - es gilt, sie von der Tyrannei der Förderalen zu befreien - ich muß mit Commodore Garibaldi sprechen oder ihm Botschaft senden.«

»So begleiten Sie uns!«

Der Mestize zögerte.

»Bei Gott - dort kommt die Welle - der Augenblick ist da - fest, Ihr Männer. Hinein in das Boot, Señor, wenn Sie Muth haben!«

Ein Moment kurzer Ruhe schien in dem Wüthen des Sturmes eingetreten; - der Gischt der Brandung schäumte hoch auf an dem flachen Ufer, an dem sie mit dem Boot der günstigen Gelegenheit harrten. Das Auge Capitain José's, der bis an die Kniee im Wasser stand, war starr auf die dunkle, mit weißem Schaum bedeckte Wasserfläche gerichtet.

»Aniella ... « Der Mestize vollendete die Rede nicht. Gleich einer dunklen Wand kam es heran und begrub einen Augenblick lang Alles unter der überstürzenden Fluth.

Dann fühlte sich der erschrockene Gambusino von einer mächtigen Faust erfaßt und gleich einem Bündel Waare mitten zwischen die Matrosen in das Innere der Barke geschleudert. Im nächsten Moment schwamm diese, durch einen kräftigen Stoß vom Ufersand gelöst, auf dem Kamm der zurückweichenden Woge, und der Capitain schwang sich über den niedern Bord und faßte mit kräftiger Hand das Steuer.

»Die Hälfte an's Ausschöpfen, Männer,« lautete sein Befehl, und die Stimme klang so ruhig und unbewegt, als kommandire er die Manöver eines Schiffes im sichern Hafen. »Fest in die Ruder - fest, fest, oder sie schleudert uns gegen die Klippen!«

Nieder tauchte die Barke durch die anstürmende Welle und hob sich dann hoch auf ihren Gipfel - drei Mal wurde das kleine Fahrzeug zurückgeschaudert, und drei Mal trieben es die sich wie Ruthen biegenden Ruder in den eisernen Händen der Männer wieder vorwärts. Wie der Sturm, der Regen und der spritzende Gischt der Wogen so über die hohe Stirn des Mannes am Steuer peitschten und seine Haare flattern ließen, schien er

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ein Steingebild und unempfindlich gegen die Schrecken des Todes, ja selbst gegen die Donner Gottes.

Zu seinen Füßen, fast bewußtlos vor Todesangst, lag der Mestize in dem Wasser, das die Hälfte der Mannschaft mit rasender Anstrengung aus der Barke zu schöpfen arbeitete, die mit jeder überschlagenden Woge sich wieder auf's Neue füllte.

Ein tiefer Athemzug entfloh endlich dieser mächtigen Brust, ein Schimmer von Freude erglänzte im fahlen Lichte der zuckenden Blitze über das eherne Gesicht - das Boot hatte das freie Wasser gewonnen, die drohendste Gefahr war überstanden, und das kleine, durch keine Segel belästigte Fahrzeug gehorchte - ein Spiel der Wogen - doch dem Steuer, und flog regelrecht auf ihren Kämmen dahin, oder tauchte in ihre tiefen Höhlen.

Aber wie - was soll das bedeuten? Die Hand an dem Steuer wendet dasselbe; - statt hinaus auf die tobende, aber sichere Höhe der wilden Gewässer beschreibt die Barke einen weiten Bogen, und kehrt zurück zu dem Ufer nach der Stelle, wo das Licht der Blitze am Horizont wieder die mächtigen Schatten der verlassenen Felsen zeigt! - Und näher noch als das gefährliche Ufer von Stein taucht in diesem unaufhörlichen Feuer des Himmels ein andrer Schatten auf, eine dunkle Masse, schwankend und fliegend auf dem Kamm der Wellen, mit schlanken Spieren und Masten sich abzeichnend gegen den flammenden Himmel - die Goelette von ihren Ankern geschützt, harrend auf die Beute, die sie sich gesichert wähnt - lebendig oder todt; denn, selbst wenn es den Verfolgten gelungen wäre, sich in die Schlucht zu retten - kein athmendes Geschöpf kann die Wuth des Pamperos zwischen den engen Felswänden überdauern.

Der Capitain beugt sich nieder zu dem wimmernden Mestizen, seine Hand zieht ihn empor. »Wenn Sie ein Mann sind, Señor, so sorgen Sie für Ihr Leben. - Die Barke wird in wenig Momenten an der Wand jenes Schiffes zerschellen und Jeder muß dann für sich selbst sorgen. Wenn wir das Deck jenes Schiffes gewonnen, sollen Sie zum Commodore gelangen, so wahr mir Gott helfe und seine Heiligen!«

Die Gestalt des Mannes schien zu wachsen, wie er in der schwankenden Barke am Steuer stand, das Auge auf das Schiff

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gerichtet, dessen den Wellen zugekehrtem Vordertheil man näher und näher flog. »Auf Eure Posten, Kameraden - werft die Ruder in's Wasser - ihr Dienst ist vorbei für diese und jene Welt! Die Messer zwischen die Zähne und - Gott sei unseren Seelen gnädig!«

Umher zuckten zu einem Flammenmeer die Blitze, der mächtige Donner schien die Gewölbe des Himmels zu zerreißen; - eine große Woge warf auf ihrem Kamm das leichte Boot mit den fünfzehn Menschenleben gegen das Gallion des Schiffes - aber die Hand des Mannes am Steuer preßte es im letzten Augenblick zur Seite; und an der scharfen Kantung vorüber, die es wie ein Messer zerschneiden mußte, flog es am Backbord hin und stieß hoch emporgehoben gegen die Schiffswand.

Wohl krachten und brachen die leichten Planken, wohl stürzte der Wasserberg über und durch die geöffneten Fugen - die dünnen Bretter, die allein bisher die Tapferen von der Ewigkeit geschieden, versanken unter ihren Füßen. Aber der kurze Augenblick des Anpralls hatte bereits genügt für die gewandten, auf die verzweifelte That vorbereiteten Seeleute, sich an den Netzen, Wanten und Tauen des größern Fahrzeugs festzuklammern, und zerschlagen, zerschunden, zerstoßen, warfen sie sich über das Bollwerk, klimmten die Wanten hinauf und sprangen hinab auf's Verdeck.

Selbst der Einzige, dessen von dem Anprall gebrochener Arm nicht vermochte, ihn an der ergriffenen Kette festzuhalten, ein Schwede von Geburt, seit fünf Jahren durch ein abenteuerliches Leben nach Montevideo verschlagen, sank ohne Laut, ohne verrätherischen Todesschrei in die Wogen zurück.

Aber ein anderer Todesschrei gellte durch den Aufruhr der Natur - der argentinische Offizier stieß ihn aus, der auf dem Vorderdeck mit zwei Matrosen die Wache hatte, und hinter den Fockmast gekauert an diesem sich festgebunden. Der Säbel des Unitaristen-Capitains spaltete sein Haupt, als er sich empor zu raffen versuchte, erschreckt von dem Anblick der fremden Gestalten, welche die Blitze selbst auf sein Deck zu schleudern schienen, noch ehe der Anruf: Quién-vive? seine Lippen überschritten.

Ein einziger Blick in ihrem Schein belehrte den Capitain,

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daß der größte Theil seiner Leute bereits an Bord war. Er selbst hatte sich an den Ketten des Fallreeps festgehalten und hinaufgeschwungen, während seine Linke den zitternden Körper des Mestizen nach sich zog, den die Todesgefahr auf dem ihm so fremden Element doch wenigstens gelehrt hatte, sich im rechten Moment anzuklammern.

»Vivan los Unidados! Nieder mit der Föderation!« tönte eine gellende Knabenstimme vom Hinterdeck her durch Sturm und Donner.

»Por amor de Dios! Der junge Schelm ist bereits am Steuer und hetzt uns zu früh die Schurken auf den Hals. Zu Hilfe, Ihr Leute, und sperrt die Luken!«

Ein einziger schwacher Pistolenschuß knallte; der Wachmann am Steuer, der die Waffe unter seinem Regenkittel getragen, hatte ihn auf den Knaben gethan, der wie eine Katze die Treppe des Hinterdecks hinaufgehuscht und bemüht war, die Thür der Kajüte mit seinem Dolch zu sperren. Der Capitain ließ den unfreiwilligen Theilnehmer der Heldenthat auf das Deck fallen und war trotz des furchtbaren Rollens des Schiffes im nächsten Augenblick an seiner Seite; ein Schlag mit dem schweren Metallgriff des Schiffssäbels, den seine Rechte führte, streckte den Steuermaat zu Boden. Unterdeß waren die drei oder vier Männer, welche ihn begleitet, über die kleine Wachtmannschaft hergefallen, die sich auf dem Deck der Goelette befand und sich vor der Wuth des Sturmes unter dem Bollwerk und den Segeln geborgen hatte.

Jeder Stoß der breiten langen Matrosenmesser, jeder Hieb mit den Kolben der schweren Schiffspistolen, denn zu jedem andern Gebrauch hatten die Wassergüsse des Himmels und des Stromes die Waffen längst untauglich gemacht, tödtete einen Feind oder machte ihn kampfunfähig.

»Zu den Luken! zu den Luken!« klang die Stimme des Führers über Sturm und Geschrei.

Die Goelette war mit sechsundvierzig Mann bemannt; - zum Glück für die Angreifenden befanden sich zwei der Offiziere und die Bootsmannschaft der Varkaffe am Lande, die Ersteren auf der Quinta der Señora, die Anderen mit der Meldung an

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den kommandirenden Offizier bei den Gauchos, und das so rasch ausbrechende Unwetter hatte ihre Rückkehr verzögert. Dennoch überstieg die Zahl der Föderalisten-Mannschaft auf dem genommenen Schiff noch mehr als das Doppelte die ihrer Gegner.

Glücklicherweise hatte die Mannschaft selbst die Lukenklappen geschlossen, das Innere vor der strömenden Sündfluth zu schützen, und der heulende Sturm, der brüllende Donner tobten so arg, daß von dem Kampf auf Deck kaum ein Ton herunter drang in die geschlossenen Raume. Mit der furchtbarsten Anstrengung waren die Montevideer bemüht, die Lukenklappen durch Taue und was bei dem entsetzlichen Schlingern des Schiffes ihre Hand erreichen konnte, von außen festzumachen, während jeden Augenblick die Bewegungen des Schiffes sie von einem Bollwerk zum andern schleuderten. Den linken Arm um den Hauptmast geschlungen, stand der Capitain José, mit seinem Wort die rasende Arbeit der Gefährten leitend und ermunternd.

Jetzt aber, - sei es, daß ein Zufall die eingeschlossene Mannschaft aufmerksam gemacht, sei es, daß man die Wache auf Deck ablösen wollte und die Ausgänge verschlossen fand, deutlich zwischen dem Rollen des Donners hörte man die wüthenden Schläge von unten gegen die Lukenklappen und das Geschrei und die Flüche der Eingesperrten.

»Nimm die fünf Stärksten, Marochetti, und versuche das Vormars- und das Stagsegel zu setzen. Wir müssen die Anker kappen und uns der Gnade der Wellen überlassen!«

»Das ist sicheres Verderben, Giuseppe! In diesem Sturm vermag kein Mensch sich auf der Raa zu halten!«

»Es muß geschehen oder wir sind in ihren Händen!« Er hatte das Sprachrohr am Kompaßhaus gefunden. »Zwei Mann mit Aexten an die Ankerketten! Hinauf auf die Vor-Bramstänge[Bramstenge] und das Segel bereit! - Löst die Schlingen des Stag - hurtig, Männer, hurtig!«

Er sprang an's Steuer und löste die Taue, mit welchen die Spieren festgebunden waren. Das Enterbeil, mit dem er sich aus dem Waffenkranz am großen Mast bewaffnet, hing am Riemen vom Gelenk seiner rechten Hand.

»Aufgepaßt, Männer! - Wahre die Kajüte, Sacchi, und

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halte die große Luke im Auge - jetzt - auf mit dem Stagsegel! - haut - «

Eine Kugel pfiff an seinem Ohr vorbei - nicht den Knall hörte er im neuen Donner, nur das Zischen des Blei's. Schnell wie der Blitz, der am Himmel zuckte, kehrte er sich um und starrte in das drohende Antlitz eines Feindes, der sich eben über die Gallerie des Hinterdecks schwang - drei - vier Gestalten kletterten ihm nach - Kurzdegen - die glänzenden Klingen der Machetes - die Läufe der Pistolen funkelten im Feuer des Firmaments.

Der Capitain schlenderte dem nächsten Gegner das Sprachrohr in's Gesicht. »Haut das Ankertau durch! kappt! kappt!« donnerte seine gewaltige Stimme über das Deck, während er mit der Linken am Steuer sich festklammerte und die Rechte das Enterbeil schwang.

»Viva el Union!« An dem stahlbeschlagenen Stiel des Beils zersplitterte der Kurzdegen des Spaniers und der Schlag der furchtbaren Waffe warf diesen kopfüber zurück in die schäumende Fluth.

Ein gewaltiger Ruck erschütterte das Schiff bis in seinen Kiel. Gefaßt von der heranstürmenden Welle, hob sich das befreite Bugspriet hoch in die Luft, daß der Stern bis über die Gallerie in die dunkle Fluth versank, die zwei der Bedränger hinwegspülte. Mit einem Donnerknall fing sich der Sturm im gelösten Stagsegel und drohte die Taue aus ihren Schooten zu reißen. Das Schiff trieb einige Momente über Stern und drehte sich dann um sich selbst. Es war der dringende Augenblick, in welchem das Steuer seine Kraft üben mußte, wenn die Goelette nicht regungslos in die tosende Brandung treiben sollte.

Der Capitain warf sich, achtlos auf alles Andere umher, in die Speichen. »Los mit dem Vormarssegel! - alle Hände an die Taue!«

Ueber seinem unbeschützten Haupte schwebte die Machete, geschwungen von der Faust des grimmen Föderalisten, der allem die Gallerie des Decks zu überschreiten vermocht.

Einen Augenblick - und es war um den Tapfern geschehen!

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Da funkelte es über seinen auf die Speichen des Rades gebeugten Körper hinweg - eine Knabenhand nur hatte den Wurf gethan, aber die Enterpike mit der Gewalt eines Katapulks zischte durch die Luft, und die lange schneidende Spitze begrub sich in die Brust des Spaniers.

»Maldito demonio!«

Das Schiff richtete sich empor, es begann dem Steuer zu gehorchen und flog vor dem Sturmwind dahin, ab von der gefährlichen Küste.

Ein Blick auf den bäumenden Körper des Feindes auf den Planken des Decks zeigte dem Capitain, was geschehen.

»Dank, François! Beim Himmel - ich vergelte Dir's, Bursche!«

Der Knabe hielt sich keuchend an der Wantung fest, von der herab er den Wurf gethan. Mehrere der Männer eilten herbei, sie regierten das Steuer, sie bewachten die Brüstungen, um jeden der Feinde, der den verzweifelten Versuch des Emporklimmens machen sollte, hinunter zu stoßen in die noch immer tosende Fluth.

Aber die Goelette flog jetzt in verhältnißmäßiger Sicherheit vor den Wellen dahin, der Höhe des Stromes zu - die Donner verhallten in schwächeren Schlägen und der Pamperos eilte weit dem Schiffe voraus nach dem Meere. Kaum eine halbe Stunde, und durch die zerzausten fahrenden Wolken blitzten einzelne Sterne und begann der Mond seine Silberstrahlen zu streuen auf die erregten Wässer.

Die Unidados hatten bis dahin, auf's Aeußerste angestrengt, mit der Rettung und Leitung des Schiffes zu thun gehabt. Jetzt musterte der Cavitain seine Mannschaft. - Zwei fehlten von den zwölf Tapferen, den Einen hatte die zerschellende Barke mit hinabgezogen in den Todesschlund, den Andern der Sturm bei dem Lösen des Vormarssegels über Bord gerissen - Keiner war unverletzt, theils von den Quetschwunden beim Ersteigen des Schiffs und der Arbeit auf dem Deck, theils vom Kampf bei Ueberwältigung der Wachen. Aber in aller Augen war jetzt der Triumph, funkelte noch der ungebeugte kühne Geist.

»Es ist Zeit, Kameraden,« sagte der Capitain, »daß wir vollends Herren des Schiffes werden. Untersucht die beiden Karonaden

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dort und erneuert die Ladungen aus dem Pulverkasten, wenn es nöthig ist, und richtet sie gegen das Vorderkastell. Sacchi, nimm das Steuer - und Ihr Anderen stellt Euch mit den Waffen an die große Luke.«

Die Befehle waren in wenigen Augenblicken erfüllt. Man hatte dabei Manuel, den Pardo, aufgehoben, der blutig und zerschlagen sich zwischen den Geschützen festgeklammert, und ihn auf eine Bank gesetzt.

Capitain José stand mit dem Enterbeil in der Hand an der Seite der Luke. Auf seinen Befehl wurden die Decken, Taue und Ketten, die man darüber geworfen, fortgeräumt und ein Loch in die Ecke der Klappe geschlagen.

Sofort streckten sich zwei - drei Flintenläufe und Spieße hervor.

»Keine Thorheit, Männer,« sagte hastig der Capitain. »Das Schiff ist in unsrer Gewalt und ich müßte Euch Alle tödten, wenn Ihr nicht der Vernunft Raum gebt. Ist ein Offizier unter Euch, mit dem ich verhandeln kann?«

Ein junger Aspirant meldete sich, es war der einzige Offizier, der noch auf dem Schiff war; - der Capitain hatte den Tod gefunden, es war der Creole, den der Schlag des Enterbeils über die Gallerie des Sterns in die See geworfen.

»Señor,« sagte der Führer der Unidados, »das Kriegsglück ist wechselnd und es gereicht keinem Tapfern zur Schande, von einem andern Tapfern überwunden zu werden. Ihr Deck ist in unsrer Gewalt und das Schiff bereits auf der Höhe des Stromes außer jeder Möglichkeit der Hilfe für Sie. Ich gebe Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit, ob Sie meine Bedingungen annehmen wollen, - dann lasse ich Feuer geben!«

Es erfolgte eine kurze stürmische Berathung zwischen der unter der Luke versammelten Mannschaft des Schiffes, dann fragte der junge Offizier, welches die Bedingungen wären, die man ihnen gewähren wolle; denn in diesem zur Metzelei ausartenden Bürgerkriege der südamerikanischen Republiken war gewöhnlich Gefangenschaft mit grausamem Tode ziemlich gleichbedeutend.

Capitain José eröffnete ihnen, daß sie ihr Ehrenwort zu geben hätten, keinen Widerstand weiter zu versuchen, daß die

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Mannschaft einzeln auf das Deck zu steigen und ihre Waffen dort niederzulegen hätte. Dann müsse sich Jeder nach dem Vorderschiff begeben und dort sich unter dem Bollwerk niedersetzen, bis das Schiff die kleine Flottille des Commodore von Montevideo erreicht. Dafür sollte Jedem das Leben und seine persönliche Habe gesichert sein und er am Ufer von Uruguay frei an[']s Land gesetzt werden, von wo sie die Truppen Oribe's erreichen könnten, die Montevideo seit einem Jahre belagerten.

Die Bedingungen waren so überraschend günstig, daß sie alsbald angenommen wurden. Das Werk der Entwaffnung ging unter den drohenden Mündungen der Karonaden rasch vorwärts, und die besiegten Föderalisten nahmen die ihnen angewiesene Stelle ein, mit Groll im Herzen und einem Fluch auf den Lippen, als sie - noch immer einunddreißig Männer stark - erkannten, von welch' geringer Zahl sie überwunden worden.

Aber es war zu spät, den Sieg nochmals zu bestreiten, die Macht in den Händen ihrer Gegner und das feste, gebietende Auge des feindlichen Führers zeigte ihnen, daß jeder Versuch einer Auflehnung unfehlbar mit ihrem Verderben enden müsse.

»Jetzt, Kameraden,« sagte heiter der Capitain, »sind wir die Herren des Schiffes und verdienen, daß die Farben Montevideo's die besiegte Flagge von Buenos-Ayres ersetzen! Aber zum Unglück liegt die unsre auf dem Grunde der Teufelsbucht, und wir müssen uns die Freude versagen, den schönen Augen unsrer Retterin zu zeigen, was die entschlossenen Kämpfer der Freiheit zu thun vermögen!«

»Vive l'Union! Vivan los Unidados!« klang da eine helle Stimme von den Groß-Rahlingen des Mastes - die blauweißen Streifen mit der goldenen Sonne flatterten nieder auf's Deck und hoch an der Zugleine der obersten Gaffel wehte die blaugrüne Flagge von Montevideo, von einem jubelnden Viva der Tapferen begrüßt.

François, der Knabe, hatte sie um den Leib geborgen, ehe er die Felsenwand der Teufelsschlucht an dem Lasso Aniella's erstieg. Der tolle Bursche jubelte jetzt in dem Tauwerk des Mastes, den seine Hand geschmückt.

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Mit der Lösung der großen Kanone auf dem Vorderdeck wurde die Flagge begrüßt. Das Echo des Schusses war es, welches der letzte Odem hinübertrug zu dem Ohr der schönen Creolin.

Also kam's, daß ihr glänzendes Auge die Goelette nicht mehr an ihrem Ankerplatz fand!

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Jus primae noctis!

Es war am dritten Tage nach den Ereignissen, die wir so eben erzählt.

Die zur Vermählung der schönen Herrin der Quinta de los dias entretenidos - der Villa der angenehmen Tage - bestimmte neunte Stunde des Abends nahte heran. Vor der Veranda des weitläufigen Hauses waren von den Soldaten, von den Vaqueros, Peonas und schwarzen Sklaven der großen Estancia Ehrenpforten, geschmückt mit den köstlichen Manioks, den Suchils und hundert anderen der lieblichen wilden Blumen dieser Zone errichtet, und hohe Mastbäume, von deren Spitzen die blau-weiße Flagge von Buenos-Ayres und die rothen Bänder der Liberalos wehten.

Zwischen diesen Bäumen und Bogen und den Säulen der offnen Veranda hingen Guirlanden bunter Papierlaternen, des Beginns der Erleuchtung harrend; große Haufen gefällter Pfirsichbäume, des kostbaren Brennstoffes dieses Landes, lagen aufgeschichtet, um mit ihren Flammen zur Erleuchtung zu dienen und die Mosquito's abzuhalten. Eines dieser Feuer brannte bereits in der Mitte der weiten, von hohen Kastanienbäumen umgebenen Piazza, die sich vor dem Hauptgebäude den leichten Abhang hinabdehnte, während hinter dem Hause durch Opuntiencactushecken verbunden und eingezäunt sich die Wirthschaftsgebäude, die Ställe und die Hütten der Diener und Sklaven hinzogen. An seiner Flamme wurde an einem Pfahl von Eisenholz ein ganzer ausgeweideter Ochse zum großen Vergnügen der umhertanzenden und das Feuer schürenden Neger gebraten; denn heute an dem Festtag

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ruhte die Peitsche des Aufsehers, und die Aussicht auf die unbeschränkte Mahlzeit und den Tanz hielt ihre unermüdlichen Beine und Zungen in Bewegung. Die Frauen, mit ihren kleinen Kindern rittlings auf der Hüfte, und die Schaar der größeren, die sich mit den zahlreichen Hunden der Estancia balgten, durch Geschrei und Schläge in Ordnung haltend, kochten und buken in großen Töpfen und Pfannen den Reis oder mit Oel und Hammelfett gesättigte Maiskuchen. In großen Kreisen lagerten die Vaqueros und Peons - die Hirten und Diener des Guts, die Saltadores und Matadores - die Arbeiter der großen Schlächtereien - umher, mit zahlreichen Gauchos und Milizsoldaten, trinkend und spielend. Der Maté, der berauschende Paraguaithee, aus Kürbisschaalen massenweise getrunken, die Cana - Rum, Arak und Mescal,22 die in großen Kalebassen für den allgemeinen Gebrauch umherstanden, hatten bereits ihre Wirkung gethan; außerdem herrschte seit dem Pamperos noch immer jene ihm vorangehende oder nachfolgende eigenthümliche Schwüle der Luft, welche auf die Eingeborenen einen so merkwürdigen nervösen Einfluß übt, ihre Leidenschaftlichkeit bis zum höchsten Grade steigernd, daß unter ihrer Herrschaft Blutthaten und wilde Ausbrüche des Zorns überaus häufig sind.

Das Bild, das die Piazza unter diesen Umständen darbot, war ein äußerst buntes und bewegtes. An die Stämme der umgebenden Bäume gebunden, befanden sich einige Pferde der Gauchos, deren etwa an hundert auf dem weiten Platz zerstreut sein mochten, während die meisten in dem Corral - oder umzäunten Platz hinter der Villa untergebracht waren. Die Mehrzahl der wilden Reiter, in ihrer malerischen Landestracht, - den weiten weißen, nach unten zu mit Franzen besetzten Hosen, dem grellgefärbten Zeugstück um die Schenkel gewunden, das um den Leib von einem Gürtel festgehalten wird, und dem Poncho in leuchtenden Farben über der Schulter, den Kopf mit einem herabhängenden Hut oder der rothen spitzen Mütze bedeckt - war eifrig mit dem Spiel beschäftigt, dem die Bewohner des spanischen Amerika leidenschaftlich ergeben sind. Von Zeit zu Zeit unterbrach aus

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den Gruppen ein wilder Fluch oder kurzer Streit die espáda, malilla oder das basto und monte,23 - zornige Augen glühten, Messer blinkten und drohten, bis sich Andere dazwischen warfen, oder ein Cabo24 mit schweren Strafen die Streitsüchtigen bedrohte, Ruhe zu halten. Audere tanzten nach dem Klänge einer Mandoline mit den ländlichen Chinas,25 die so kokett wie die schönste Manola der Alameda von Madrid oder der Perustraße von Buenos-Ayres den seidenen Rebozo um Kopf und Schultern zu schlingen wissen.

Müßig auf den Ellenbogen gestützt, die Cigarette von Maisstroh dampfend, schaut eine Gruppe hier dem Tanze zu, einige Schwarze trippeln vergnügt dahinter von einem Bein auf's andere und kichern vor Vergnügen wie Tolle; bescheiden und ängstlich besorgt, keinem der »Señores« zu nahe zu kommen, stiehlt sich einer jener armen Race, der ursprünglichen Besitzer des Landes, der verachteten Indios manos26 durch das Gewühl, selbst von dem Neger verächtlich über die Achsel angesehen, um das kleine Häuflein der Seinen zu erreichen, die dort am Ende des Platzes unter den 12 bis 15 Ellen hohen Blüthenstengeln der Aguaven ihre Mascada27 halten, indem sie - selbst von der Nähe des Leichnams nicht beirrt, der wenige Schritte entfernt unter einem hohen Distelgesträuch liegt, das Blut aus der Todeswunde, die er beim Messergefecht im Spielstreit erhalten, noch kaum geronnen! - mit thierischer Gefräßigkeit den Teig aus Zucker, Wasser und den fortgeschütteten Yerbablättern kauen, aus denen die weißen Männer ihren Maté bereitet haben, und der ihr Lieblingsgenuß ist.

La-Muerte, trotz seiner schwarzen Farbe eine angesehene Person als Majordomo und Liebling der Haciendera unter dieser Menge, streicht zwischen derselben umher, überall zum Trinken

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und zur Lust ermunternd, die Haussclaven anhaltend, Getränke und Speisen herbeizuschaffen, und sich mit komischer Würde das Ansehn als Ordner und Leiter des Festes gebend, was ihm zwar manche höhnische Spötterei der Soldaten zuzieht, die aber rasch unterdrückt wird, wenn sich das feurige Auge des Mohren auf die Gruppe der Spötter wendet; denn Jeder hütet sich, ihn ernstlich zu erzürnen, theils weil mit seiner riesigen Kraft wenig zu spaßen ist, theils weil all' die guten Dinge des Festes durch seine Hand gespendet werden.

Dieses Fest selbst ist es, was dem Schwarzen viel Kopfzerbrechen und nicht wenig Sorge zu verursachen scheint, denn bei all' seinem Bemühen, den Cavalleiros vom Sattel und Lasso gegenüber die Honneurs des Hauses in würdiger Weise und dem Rang und Reichthum seiner Gebieterin entsprechend zu machen, kann er doch eine gewisse Unruhe nicht verbergen.

Seit dem Abend am Meeresstrande hat sich Aniella Crousa zurückgezogen in ihren Gemächern gehalten. Statt daß sie sonst gewohnt war, mit der Ungebundenheit und Freiheit eines jungen Füllens über die Hügel und die Ebene zu schweifen, eine kühne Reiterin trotz des ältesten Vaquero, und daher bewundert und geliebt von dieser rohen Menschenklasse, die stets der körperlichen Gewandtheit und geistigen Kühnheit ihre Bewunderung und Anhänglichkeit zollt, hatte sie die Quinta seit jenem Abenteuer nicht verlassen, und wenn er ihr zufällig in seinem Hausdienst begegnete, erschien sie ihm zerstreut und nachdenkend, ja, die Fragen, die er ihr über das zu bereitende Hochzeitsfest that, schien sie mit offenbarem Widerwillen zu beantworten, während sie bisher die Verheirathung als eine gleichgiltige, einmal bestimmte Sache behandelt hatte.

Nur als ihr alter Hüter und Vertrauter ihr mittheilte, daß ihr Gast und Milchbruder Manuelo mit den Unidados verschwunden sei, und in seiner aphoristischen Weise ihr die Meinung andeutete, daß der Gambusino sich den Vertheidigern seines Landes gegen die Liberalos angeschlossen habe und vielleicht gar feindliche Absichten gegen die Quinta unterstützen könne, funkelten ihre Augen und sie wandte sich ohne Antwort ab.

Am Morgen war der Oberst de Gondra von Buenos-Ayres

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zurückgekehrt, und mit der Gewalt, die er in dem Hause übte, das er bereits als das seine betrachtete, hatte er die Befehle ertheilt, sofort die getroffenen Vorbereitungen zu vollenden, damit die Hochzeitsfeier noch an demselben Abend erfolgen könne. Seitdem hatte La-Muerte die Señorita nicht wieder gesehen und alle Hände voll mit der Ausführung der ihm obliegenden Geschäfte zu thun.

Während er so hin und her durch die Gruppen der Spielenden, Tanzenden und Trinkenden ging, rollte sein glänzendes Auge häufig über den Kreis des in die aufsteigenden Abendnebel versinkenden Horizonts, gleich als erwarte er irgend ein Ereigniß. Seine lange Lanze lehnte am Eingang des Correro, in dem sich die Pferde der Gauchos befanden, und wie zufällig hatte er eine Gruppe der ältesten Vaqueros der Estancia dahin zu postiren gewußt, mit denen er sich häufig angelegentlich unterhielt. Bald wieder schaute er nach den Gemächern der Quiuta zurück, durch deren geöffnete Jalousien bereits der Strahl von hundert Kerzen leuchtete.

»Gott segne Dein schwarzes Gesicht, Tio28 Muerte,« sagte einer der Gauchos, als der Mohr an der Spielergruppe vorüberging, »aber Carámba! ich meine, es wäre Zeit, daß wir die Feuer ansteckten und uns bereit hielten, auf den Ruf der Glocke in der Kapelle uns einzustellen. Ich hoffe, Du hast mir einen guten Platz bestimmt, von dem ich Alles sehen kann.«

»Der Padre sein seit einer Stunde dort, Massa Ruperto,« brummte der Mohr; »aber tiese Coronel und seine Alferez29 sein so vertieft in ihr Spiel, tas sie die Hochzeit kanz vergessen.«

»Quien sabe? Unser Coronel ist ein Teufelskerl,« lachte der Gaucho, »und ich glaube, daß Dein Täubchen die Zeit nicht erwarten kann. Ja - ja, Camisas de Britaña, y maridos de España!30 Das reinste Blut ist in seinen Adern, er könnte nn Conde31 in dem alten Lande sein, wenn er nicht vorzöge,

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ein freier Porteños32 zu bleiben. Aber zehn Dutzend Teufel bringen ihn nicht fort, wenn er beim Monte sitzt. Nun, füll' einstweilen die Calebasse noch einmal mit Mescal - wir wollen auf die Gesundheit der Braut trinken, so lange sie noch Jungfer ist!«

Der Mohr schaute unwillig die Spötter von der Seite an und setzte seinen Weg fort. In der That wär die Stunde bereits verstrichen, die zu der Einsegnung des Paares angesetzt war, und der Priester harrte schon lange mit den beiden schwarzen Knaben, die er zum Meßdienst in die Chorröcke gesteckt hatte, in der Hauskapelle, wie eine solche in jeder Quinta und größern Hacienda vorhanden ist.

In dem Augenblick, als der schwarze Majordomus an der Gruppe der Indianos-manos vorüberging, berührte eine Hand die seine, und als er zur Seite schaute, erblickte er einen Jungen in der zerlumpten Tracht der Peons, der ihn unter seinem zerrissenen Strohhut mit schlauem Blinzeln ansah und zur Seite winkte.

Ein einziger Blick genügte, um den Schwarzen den französischen Knaben wiedererkennen zu lassen, der sich unter der Bemannung der Barke befunden, und schnell besonnen, ohne ein Zeichen des Wiedererkennens zu geben, schritt er ihm voraus außerhalb des Lichtkreises des Feuers in den Schatten eines der riesigen Kastanienbäume, welche den Platz umgaben. -


Der Saal oder die Halle, in der sich der Bräutigam mit seiner Gesellschaft befand, und deren Fenster bis auf den Boden der Veranda gingen, die vor der ganzen Front des Hauses entlang lief, bot ein eben so buntes und wildes Bild, als die Piazza vor der Terasse mit ihren Gruppen des niedern Volkes. Eine lange Tafel, besetzt mit allen Genüssen zweier Zonen und zweier Hemisphären, erstreckte sich durch die Mitte. Auf silbernen Schüsseln luden die Delicatessen des Meeres und des Landes zum Genuß; das Guana-Gelée, jenes ekelhafte und doch so kostbare Gericht aus den großen Eidechsen der Tropen, den Iguanas; - Schildkröteneier und Austern in großen Kübeln mit

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Eis. - Suppen von malayischen Vogelnestern und die gesottenen Flossen des Hayfisches; - der saftige duftige Höcker des Büffels der Pampas und die gepökelten fetten Rinderzungen; - die Tamales, die stark mit Piment gemischten Ragouts aus Fleisch und Mais; - dazwischen auf silbervergoldeten Schalen die kostbaren Früchte der Tropen, Ananas und Bananen, die köstliche Pompelmus und die riesige Pfirsich zwischen großen Vasen und Körben mit Blumen, dem wilden Jasmin und Oleander, den lieblichen Kelchen der Taturas und dem Duft der Suchil. In mächtigen Eiskübeln standen die langhalsigen und gewundenen Flaschen mit den köstlichsten Weinen der fremden Länder, welche die Schiffe aller Nationen nach Valparaiso bringen: der feurige Burgunder und liebliche Wein von Anjou aus Frankreich, die schweren Rhein- und Ungarsorten, Cyperns honigartiges Getränk, der Saft der Trauben vom Fuß des Vesuvs, die Perle Constantia vom Cap und der Gluthtrank von Madeira und Oporto, der mehrmals die Linie passirt. Dazwischen lagen und standen, zum Theil schon geleert, ganze Batterieen des schäumenden Champagners, zwischen den langhalsigen Flaschen des feurigen Refino, des seinen einheimischen Branntweins, um eine große Terrine mit Sangarihpunsch, dem kühlenden und hitzenden Lieblingsgetränk Westindiens.

Die zerbrochenen Flaschen und Gläser, die umherstehenden Kelche und kostbar ciselirten alterthümlichen goldenen und silbernen Becher, das ganze Aussehn des Zimmers bewiesen, daß die Gesellschaft, welche hier versammelt war, schon seit Stunden sich einer wilden Schwelgerei überlassen.

Ein Theil der langen Tafel war abgeräumt, Schüsseln, Teller und Flaschen auf Nebentische gestellt, die geblümte Damastdecke sorglos zurückgeschlagen, und um die Stelle her drängten sich stehend und sitzend die Anwesenden, mit Leidenschaft dem Lauf des Montespiels folgend, das hier in vollem Gange war.

Am Ende der Tafel saß in seinem breiten Butacas, dem üblichen großen Lehnsessel des spanisch-creolischen Mobiliars, der künftige Hausherr, eine große hagere Gestalt, mit kräftiger Adlernase und funkelnden, Leidenschaftlichkeit spiegelnden Augen. Oberst oder Coronel Adeodato de Gondra war ein Mann von

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einigen dreißig Jahren und von nicht unschönem Aeußern, obschon der eben erwähnte Ausdruck seiner grauen Augen seiner obern Gesichtsbildung bedeutenden Eintrag that. Die Schläfe waren schmal, die Stirn von dicken Adern durchzogen, und die halb unter einem spanischen Spitzbart versteckte Form des Kinns und des gekniffenen Mundes verrieth mehr wilde Grausamkeit, als die männliche Tugend des Muthes. Er war einer der berüchtigtsten und gefürchtetsten Anhänger des wilden Oribe und des-blutigen Diktators von Buenos-Ayres.

Der Oberst trug das Costüm der Caraccas, dem er etwas Uniformartiges zu geben versucht hatte, statt der bunten Schärpe eine breite mit Perlen und Edelsteinen gestickte Koppel über die Schultern, an der ein langer spanischer Stoßdegen mit Korbgriff hing, um den Federhut und den Arm das breite rothe Band der Föderalen mit Rosa's Bild und der Aufschrift: »Föderation oder Tod!« und »Tod den wilden Unitariern!«

Den gleichen Parteischmuck trugen sämmtliche Anwesende in der auffallendsten Weise an ihrer, die bunteste Mannichfaltigkeit des Gauchos - des Caraccas - und mexikanischen Costüms repräsentirenden Kleidung, die meisten von ihnen überdies auf den Aermel ihrer Jacken gestickt das Bild der mazorca oder Maiskolbe, oder gar eine solche in Natur an dem kostbarm Strohhut von Jigijapa befestigt, als Zeichen, daß sie dem furchtbaren Club[b] der Mazorcas angehörten, der Henkersknechte des Diktators, und von ihm zur Ausführung seiner Verfolgungen der Gegner gegründet.

Aehnliche Bänder, Schärpen und Fahnen mit dem Bildniß des Gewalthabers und den wahnsinnigsten blutdürstigsten Inschriften waren überall an den Wänden und Fenstern, angebracht.

Vor dem Bräutigam lag ein Haufen von den großen Gold-And Silbermünzen, wie sie in Amerika von dem verschicdensten Gepräge im Verkehr sind, goldene Dublonen, amerikanische Dollars, spanische Piaster und englische Sovereigns, mit jenen Bankzetteln, von denen der Diktator bei jeder politischen Bewegung neue Massen nach Gutdünken ausgab, ohne je über den Zustand der Bank Rechnung zu legen.

Aber mit jedem Albur - jeder neuen Taille des Monte -

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verminderte sich sichtlich der Gold- und Silberhaufen und strömte der Kasse des Bankhalters zu, der in fortwährendem Glück bereits kolossale Summen um sich her gehäuft hatte.

Der Bankier war ein Offizier der Miliz, ein Mann von vierzig Jahren, ein Creole mit einem leichten Schatten des indianischen Bluts, von kräftigem gedrungenem Wuchs, die Augen klein und scharf, der Mund üppig und sinnlich ausgeworfen. Die Gewandtheit, mit der er die Karten umschlug, die Gewinne auszahlte und die Verluste einstrich, zeigte den Spieler von Profession.

Fünfzehn bis zwanzig Offiziere, Rancheros und Abenteurer, welche die Gesellschaft bildeten, drängten um den Spieltisch her, setzten mit wüstem Lärmen oder beschäftigten sich mit zwei Señora's, welche die Freunde des Bräutigams mit von Buenos-Ayres gebracht hatten, und die so ziemlich den doncellas canflonas33 glichen.

Mehrere schwarze Diener schritten zwischen den Gruppen umher, eifrig beschäftigt, die Gläser der Señores stets auf's Neue mit den verschiedenen Getränken zu füllen und jedem ihrer Winke zu genügen.

«Por el amor de Dios!« sagte ein junger Stutzer mit zierlichen Guadalagrastiefeln von gepreßtem Leder und einem großen Federhut, während er die Frazada, das kurze Mäntelchen, mit Resignation um seinen Arm schlug; »dieser Satan von Capitan gewinnt all' unser Gold. Nehmt diese letzten zehn Dublonen, Señor Estevan, und mögt Ihr zur Hölle fahren!«

»Was beliebt, Señor Don Tragaduros?« fragte der Miliz-Capitain scharf.

»O, nichts weiter, alma mia!34 Ich kenne Eure vorzügliche Geschicklichkeit im Schießen und im Gebrauch des Messers, Señor, und meinte nur, ich gönnte Euch mein letztes Geld von Herzen!«

»Zum Teufel mit Deinen zehn Dublonen!« schrie ein backenbärtiger Gesell in langer Manga und der rothen Mütze der Federados; »sieh den Coronel an, amigo mio - bei

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der heiligen Jungfrau! - er setzt eine talega35 auf den Buben!«

Die Augen Aller wandten sich auf die bedeutende Summe, die des Spielers funkelten leidenschaftlich wie die des erregten Chamäleons.

»Glück in der Liebe, - Unglück im Spiel!« sagte der Bankhalter mit schlauem Lächeln, indem er die Karten zur neuen Albura mischte. »Es ist nicht mehr als billig, Señor Coronel, daß Sie heute Unglück im Spiel haben, und wir sollten aufhören. Ich glaube ohnehin, der Sacristan ist schon zwei Mal an der Thür erschienen und hat einen Wink gegeben, daß der Padre uns erwartet.«

»Nichts da! nicht von der Stelle, Capitan!« zürnte der erregte Spieler; »wir haben Zeit genug zur Hochzeit und Sie müssen mir Revange geben.«

»Ich küsse Ihnen die Hand, Señor, und bin zu Ihren Diensten. - Aß und Dame, Zehn und Bube - Sie haben verloren, Oberst - ich sagte es Ihnen im Voraus!«

Mit einem wilden Fluch stieß der Gauchoführer den Goldhaufen, der vor ihm lag, dem Glücklichen zu. Señor Estevan zählte mit einer an's Wunderbare grenzenden Geschicklichkeit die Gold- und Silberstücke und schob die Bankzettel dem Gegner zurück.

»Sie schulden mir danach noch dreihundert und fünfundvierzig Piaster, Señor Coronel,« sagte er höflich. »Sie haben vergessen, daß wir bei Beginn des Spiels ausgemacht, daß die Papiere Seiner Excellenz, bei allem Respekt vor demselben, des allzu schlechten Courses wegen eben so wenig benutzt werden dürfen, wie der Credit.«

»Mil diablos! Wollen Sie den Credit der Bank von Buenos-Ayres anfechten und den Diktator schmähen?«

»Weit entfernt davon, Señor, ich bin Ihr Diener und Seiner Excellenz Knecht. Aber hoy se paga, mannana se fia!36 wie das Sprichwort sagt. Ich appellire an diese Herren!«

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»Señor Estevan ist in seinem Recht!« erklärte einer der anwesenden großen Estancieros; die Offiziere pflichteten ihm bei.

»Carámba! es lohnt nicht der Mühe, zu streiten! Was schätzen Sie diese Diamanten, Señor? ich weiß, Sie verstehen sich darauf!«

Er riß aus der Brusttasche seiner Jacke ein Etui und öffnete es. Ein prachtvoller Schmuck von Smaragden und Diamanten, Ohrgehänge, Broche und Bracelet, funkelte den Blicken der Anwesenden entgegen. Ein allgemeiner Ruf der Bewunderung klang durch die Menge, auch die beiden Schönen mit ihren Verehrern eilten herbei, das kostbare Hochzeitsgeschenk zu bewundern.

In diesem Augenblick trat La-Muerte in den Saal und näherte sich der Tafel. Seine Augen blieben über die Köpfe der Anwesenden hinweg auf den funkelnden Steinen haften und verfolgten sie, wie der Schmuck von Hand zu Hand ging, mit habsüchtigem Ausdruck.

Der Capitain ließ die Steine in ihrem Feuer in dem Glanz der Kerzen, die man bereits seit einer Stunde angezündet, spielen und prüfte sie genau.

»Ich gebe fünfhundert Dublonen für den Schmuck!«

»Carámba! ich stehe dafür mit tausend in den Büchern Levy Aarons, des jüdischen Hundes am Plaza de la Constitucion. Aber es mag d'rum sein und Señora Aniella sich einstweilen mit einem Schmuck von Suchilblumen begnügen. Zählen Sie das Geld auf, und Champagner her, Ihr Schurken! reichen Sie mir die Flasche Aguardiente de arraz, Señor Assistente!«37

Er goß ein großes Wasserglas voll des flüssigen Feuers und stürzte es hinunter. Der Capitain begann die Dublonen aufzuzählen.

Der Blick des Coronel traf auf La-Muerte, der noch immer in der Nähe der Tafel stand. »Sieh da, das schwarze Factotum, der Haushofmeister und Ober-Ceremonienmeister meiner süßen Braut! Was stehst Du hier, Bursche, und schneidest Gesichter? Fort, und laß die Feuer und die Lampen flammen, es geht zur Hochzeit; die paar Alburs, bis ich meine Revange

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habe, wird das holde Täubchen seine Sehnsucht schon noch zügeln können. - Hinaus mit Dir, und laß es an Nichts fehlen, picaro!38 denn ich schwöre Dir, es dürfte das letzte Mal sein, daß Du in diesem Hause den Herrn spielst!«

Der Mohr verschwand. »Du bist uns noch die Erzählung, von dem Ausgang der Meuterei schuldig, amigo mio!« schrie ein dicker kurzer Mann von der Sangarih-Bowle her, ein großer Campasino und Besitzer bedeutender Querenzias,39 dessen in diesem Lande ungewöhnliche Korpulenz durch eine kostbare Zarape von Saltillo bedeckt wurde. »Cáscaras! Du sollst ein Dutzend junge Thiere haben für Deine Compagnie, aber ausführlich muß ich hören, wie der würdige Diktator - die heilige Jungfrau segne ihn! - den ekelhaften Hunden von Unitaristen den Hals abschneidet.«

»Sie haben Zeit, Señor Coronel, während Don Estevan die Dublonen zählt, die Ihnen tausend Jahre Glück bringen mögen!«

»Dieser Teufelskerl von Almirante40 hat keinem seiner Offiziere oder Matrosen erlaubt, einen Fuß an's Land zu setzen, daß wir von ihnen ein Wörtchen hätten erfahren können!«

»Der alte Seehund soll wüthend sein über den Verlust der Goelette. Der Teufel hole diese Cachivaches von Unitaristen. Sie muffen mit dem Bösen im Bunde sein!«

Die Hälfte der Gefellschaft bekreuzte sich. In der That war es auffallend, daß, während das Geschwader von Buenos-Ayres so nahe der Quinta vor Anker lag, kein Einziger der Bemannung sich weder unter den Gästen des Saales noch unter dem Volk des Hofes befand.

Ein lauter Jubel drang von diesem her durch die Jalousien, man sah den hellen Schein der Feuer auflodern, den Glanz der zahllosen bunten Laternen sich in langen Guirlanden entwickeln.

Feuerräder und Schwärmer begannen an verschiedenen Stellen ihren zischenden Lauf, Raketen, hoch in den dunklen Abend-

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Himmel steigend, verkündeten das Fest. Der Klang der Schellentrommel und Rohrpfeife rief die Schwarzen zum Tanz.

»Die Geschichte! die Geschichte!«

»Zweihundert zwanzig,« zählte die monotone Stimme des Capitains.

Der Oberst lehnte, auf den Ellenbogen gestützt, über den Tisch, seine Augen verfolgten die Goldstücke, wie sie in glänzenden Reihen sich vor ihm häuften. Von Zeit zu Zeit führte er den Becher mit den feurigen Getränk zum Munde.

»Nun, zum Teufel denn - so hört, Cameradas! Bei der heiligen Jungfrau! seit dem Rosas-Monat41 hatten wir nicht ein solches Fest. Ihr wißt, daß diese verfluchten Unidados auf die Nachricht von dem Aufstand in Santa-Fé gewaltig dreist die Köpfe erhoben hatten!«

»Mögen sie dafür in der Hölle braten!«

»Gott und den Heiligen sei Dank! die Generale Oribe und Adao haben sie mit unsrer Hilfe zu Paaren getrieben. Aber Seine Excellenza hat ein treffliches Gedächtniß. Carámba! Er weiß, was Adeodato de Gondra ihm für Beistand im gesegneten Monat geleistet, und unsere Brüder von der Mazorka sandten mir einen Wink, eilig hinüber zu kommen, um ihnen mehr Galgen aufrichten zu helfen!«

Ein brüllendes Gelächter belohnte das Wortspiel.42

»Vorgestern Abend,« fuhr der Gauchoführer mit boshaftem Lächeln fort, »begann der Tanz. Seine Excellenz hatte uns in seiner Villa Palermo ein köstliches Fest gegeben. Die Colorados43 waren in den Kasernen versammelt, des ersten Winkes gewärtig, die Kanonen des Kastells Juan de Garays44 waren auf die Stadt gerichtet. Um neun Uhr brachen wir von Palermo auf und wurden auf dem Plaza de la Victoria von unseren Leuten empfangen, die bereits das Polizeihaus umzingelt hielten, in dem

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sich diese verfluchten Unidados aus Montevideo befinden. Hei - wie der Tanz losging! das Thor auf - wir hinein! Vivan los Federados! abajo los Unidados! - die Thüren gesprengt, die Schurken herausgezogen und das Messer in ihre in Ewigkeit verfluchten Kehlen!«

»El cuchillo ni suena ni truena!«45 lachte ein bärtiger Alferez, indem er zuerst die Haarkokarde und dann den Mund der Donzella an seiner Seite küßte.

»Achtundsiebenzig der Schurken wurden in dem Gefängniß und vor der Thür desselben abgethan,« prahlte der Coronel weiter. »Dann ging es an die Jagd auf die Alameda! Glauben Sie wohl, Señor, daß wir Porteñas dort fanden, die keck genug gewesen waren, die verfluchten Farben zu tragen?«

»Abscheulich! Niederträchtig! Und was that man mit diesen Geschöpfen?[«]

»Ho! Fragen Sie hier Juanita und Elvira, wie wir mit ihnen umgesprungen sind! Pech in die Haare und die rothen Bänder d'rin festgeklebt! Herunter mit den verfluchten Kleidern bis zum Hemd und unter die Brunnen mit ihnen, den Schimpf abzuwaschen!«

»Aber die Männer, - was thaten die Männer?«

»Carámba! wir wußten sie schon zu finden, so gut sich die Feiglinge auch verstecken mochten. Hussah, die Thüren der Häuser eingeschlagen und jeden Winkel durchsucht, wo sich eine unitarische Ratte verstecken konnte. Als der Tag kam, hingen zweihundert von ihnen an den eigenen Hausthüren, und auf dem Fleischmarkt steckte an jedem Haken, auf jeder Spitze der Kopf eines verfluchten Unidados! Die Karren mußten den ganzen Morgen umherfahren, um das Aas von den Straßen aufzulesen!«46

Die ganze Gesellschaft klatschte Beifall und ergoß sich in

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Prahlereien und Schmähungen, die erst der Ruf des Obersten unterbrach, der die Goldstücke einstrich.

»Zum Teufel über die verlorene Zeit! Zum Spiel, zum Spiel! Hundert Dublonen auf das Daus!«

Alles drängte sich um das neue Spiel - die Braut - die Hochzeit - die Illumination warm vergessen!

Der Capitain zog langsam den Albur ab - das Daus hatte gewonnen.

»Victoria!« Uebermüthig strich der Oberst den Satz ein. »Dreihundert Dublonen auf die Neun!«

»Terriblemente!« - schon die dritte Karte hatte gegen ihn geschlagen. »Zweihundert auf das Aß!«

Die Taille war zu Ende - eine neue wurde begonnen. Ein pfeifender Odemzug - ein bedauernder Ruf der Umgebung - das Aß hatte verloren.

Der Coronel schob wild den Haufen Goldstücke dem Gegner zu. »Wein her!« Er riß dem Diener die entkorkte Champagnerflasche aus der Hand statt des präsentirten Glases und setzte sie an den Mund.

Als er sie niedersinken ließ, war sein Gesicht fahl, das Auge blutunterlaufen. Die Hand, mit der er sich auf den Tisch stützte, zitterte.

»Va banque!«

»Señor Coronel - die drei Alburs sind zu Ende, ich spiele nicht weiter.«

Die Augen des Gauchoführers funkelten, seine Lippen waren feucht. Er riß den Dolch aus der Schärpe, die seine Hüften umschlang, und stieß ihn mitten zwischen den Goldhaufen vor dem Capitain in den Tisch.

»Bei dem lebendigen Satan, Señor - Sie werden nicht aufhören, so lange ich spielen kann! Bin ich ein unitarischer Lump oder ein Cavalleiro? Ich setze die Quinta, in der wir sind, gegen zehntausend Dublonen!«

»Señor,« sagte Don Estevan kalt und in seinen Augen funkelte es spöttisch, »die Quinta de los dias entretenidos ist das Eigenthum Ihrer Braut - Sie haben noch kein Recht darüber!«

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»So habe ich es über diese selbst,« zischte der rasende Spieler. »Ich weiß, Capitain, daß Sie selbst auf sie hofften! Die Braut gegen den ganzen Inhalt der Bank!«

Ein Todesschweigen folgte der frechen Herausforderung. Selbst der Rausch verflog vor diesem Anerbieten, dessen zweischneidige Bedeutung Jeder begriff.

Die Stirn des Miliz-Capitains war von einem leichten Roth überzogen. »Señor Coronel,« sagte er endlich mit tiefem Gutturalton, »und die anwesenden Señors mögen unsere Worte beachten! das Anerbieten ist verführerisch, aber Sie begreifen, daß ich es nicht annehmen kann. Seine Excellenz, der Ihnen auf den Wunsch General Oribe's die Señora Crousa zur Gattin bestimmt, würde jede Aenderung unausbleiblich mit seinem Zorn bestrafen - und ich habe keine Lust, auf der Esplanada der Citadelle erschossen zu werden! Sie haben keine Macht über die Señora, ehe sie nicht selbst Ihr Eigenthum ist!«

»Mil diablos!«! Das Recht, das ich jetzt setzen will, werden Sie doch hoffentlich nicht bezweifeln! Es gilt nochmals fünfhundert Dublonen gegen die Brautnacht!«

Die Donzellas kreischten in frechem Gelächter laut auf.

Die Männer, trunken von den feurigen Getränken und den erregten Leidenschaften, klatschten Beifall über das kühne Wagniß, oder senkten wenigstens die Augen unter den drohenden Blicken, die der Oberst über die Reihe laufen ließ.

Selbst Don Estevan schien einige Augenblicke seine Ruhe verloren zu haben - wie vordem die Rothe, so überflog jetzt eine noch tiefere Blässe als gewöhnlich die markirten Züge seines Gesichts.

»Nun, Señor - wollen Sie oder nicht?«

»Nein!«

»Carájo! So leihen Sie mir Geld! ich lasse Sie nicht von der Stelle, und sollte ich Sie die ganze Nacht festhalten. Tausend Teufel - ist die Señora, der Sie so eifrig den Hof gemacht, nicht mehr fünfhundert Dublonen werth, seit Sie ihre Estancias nicht mit in den Kauf bekommen können?«

»Señor de Gondra,« sagte der Miliz-Offizier fest, ohne die höhnische Herausforderung direkt zu erwiedern, »ich kaufe Señora

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Aniella nicht - das wäre eines Cavalleiro unwürdig, - aber wir können um sie spielen. Bei meiner Ehre schwöre ich, daß ich in dieser Nacht nur noch einen einzigen Albur mit Ihnen spiele!«

»Reden Sie - schnell!«

»Ihr jus primae noctis - gegen die Bank!« Er schob die ganze vor ihm liegende bedeutende Summe mit dem Schmuck auf die Mitte der Tafel.

»Wenn Sie die Hochzeitsnacht meinen,« schrie der Oberst, her vom Latein höchstens die Worte der Messe und das Ave kannte, »so habe ich mein Recht darauf Ihnen bereits angeboten. Carámba! Die Señora darf sich nicht wenig schmeicheln, so hoch bei Ihnen im Preise zu stehen!«

»Dann ist bei Ihnen das Gegentheil der Fall, Señor Coronel.«

Die Hand des Gaucho znckte nach dem Dolch, der noch immer in der Tischplatte steckte, aber die Leidenschaft des Spiels überwand.

«Cáscaras! - was ist es auch weiter! ich mache kein Hehl daraus, daß ich nur um den Besitz der Güter ihr die Ehre meiner Hand erzeige. Juanita wird mich reichlich entschädigen!« Er zog die Dirne auf den Schooß und begrub seinen Mund auf dem ihren.

»Sie kennen die Bedingung, Señor - einen einzigen Albur,« sagte der Capitain, indem er mischte.

»Zum Teufel - vorwärts! Die Dame auf die Dame!« Er hatte das Mädchen zur Seite geschoben und seine Augen lagen fest auf dem großen Goldhaufen. Die furchtbare Leidenschaft des Spiels schien alle Wirkung der zur Betäubung in Unmassen genossenen Getränke zurückgedrängt zu haben. Auf der Stirn perlte ein kalter Schweiß und zeigte sich in dicken Tropfen an den Enden der festklebenden Haare.

»Die Dame! - die Dame!«

Der Capitain zog langsam die Karten ab - zehn - zwanzig - die zweiundzwanzigste, die fiel, war die Coeur-Dame.

»Sie haben verloren, Señor Coronel!«

Der Oberst war auf die Butaca zurückgesunken - die Schande

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oder die plötzliche Wirkung der Trunkenheit betäubte ihn - er stierte wie stumpfsinnig vor sich hin, während Niemand ihn anreden mochte und nur ein Geflüster durch die Gesellschaft lief, obschon die Meisten in nicht viel besserm Zustand als er selbst waren.

Capitain Estevan strich unterdeß ruhig die bedeutende Beute ein, indem er das Gold und Silber in einen Costal oder Sack von Aloefasern that, den Schmuck aber in seine Brusttasche schob.

Juanita, die China, war die Erste, die das Schweigen unterbrach, indem sie sich frech auf den Schooß des Bräutigams setzte und ihre Arme um seinen Hals schlang.

»Vive el amor! Was kümmert Dich die Frau, amigo mio! Gieb sie dem Thoren dort, der so viel Geld an sie gewagt, und mögen die Heiligen geben, daß Du es ihm morgen wieder abgewinnst! Laß uns lustig sein und Deine Hochzeit ohne die Braut feiern!«

Der Coronel raffte sich gewaltsam empor. »Du hast Recht, cara mia! Wir wollen uns entschädigen, indeß er seinen Partido47 nimmt! - Zu der Señorita, Deiner Herrin, picaro! und hole sie zur Kapelle!« herrschte er dem Schwarzen zu, der lauernd wieder am Eingang des Gemaches stand. »Verkünde den Leuten, daß die Trauung beginnt!«

Wenige Minuten darauf meldete der Schall der kleinen Glocke, die frei in dem Säulenthürmchen hing, das sich über die Mitte des Hauptgebäudes jeder Quinta erhebt, den so lang verzögerten Anfang der Feierlichkeit; die Gauchos, die Diener und Arbeiter des Hauses strömten herbei, um möglichst einen Platz in dem ziemlich beschrankten Raum der Kapelle zu gewinnen, die eigentlich blos aus einem dazu eingerichteten großen Zimmer auf der Hinterseite der Villa bestand, und der schwarze Majordomus kam, dem Bräutigam zu melden, daß die Braut ihn am Altare erwarte.

Alsbald ergriff der Bräutigam den Arm seines Assistente und schritt mit schwankenden Schritten, indem ihm die ganze Gesellschaft in buntem Gemisch folgte, durch die Veranda auf der

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Rückseite des Hauses nach der Kapelle, die man bereits vo den Zuschauern, gefüllt fand, während Diejenigen, welche keinen Zutritt mehr hatten finden können, außen um die gleich allen Thüren geöffneten, bis zum Boden reichenden Jalousiefenster sich drängten.

Zwischen zwei derselben an der Wand befand sich der Altar auf dessen Stufe der Kaplan mit den dienenden Chorknaben des Brautpaars harrte. Die Braut selbst mit ihren Dienerinnen stand, in eine weite mantelartige Mantille von weißem Seidenzeug gehüllt, deren Capuchon selbst ihren Kopf verdeckte, zur Seite des mit Blumen und Kränzen geschmückten Altars.

Selbst der Kaplan und die dienenden Knaben trugen, wie alle anderen Anwesenden, die rothen Bänder der Föderalisten.

»Señora,« sagte der Oberst übermüthig, indem er auf die Braut zuwankte, »ich bitte, mir zu verzeihen, daß wir Sie so lange haben warten lassen auf die Ehre, den Namen de Gondra zu führen. Aber Sie sollen Nichts dabei verloren haben, denn statt des einen Mannes empfangen Sie deren zwei.«

»Wie meinen Sie das, Señor Coronel?« antwortete kalt die Dame, deren bleiches Gesicht und deren funkelnde Augen halb unter der Kapuze verborgen waren.

»Wir werden später davon sprechen, cara mia! Jetzt aber ist es an der Zeit, daß Sie diese einfältige Hülle entfernen, die uns den Anblick Ihrer Schönheit verbirgt, und unsere Augen mit dem Glanz Ihrer gewiß reizenden Toilette erfreuen, obschon das Unglück leider gewollt hat, daß ich nicht mehr im Stande bin, ihn so zu vermehren, wie ich beabsichtigte!«

»Dann, Señora,« sagte vortretend der Miliz-Capitain, »erlauben, Sie mir, die Stelle Don Adeodato's mit seiner Bewilligung zu vertreten, und Ihnen diesen Schmuck anzubieten.«

Er zog den Smaragdschmuck hervor und bot ihn, indem er sich auf ein Knie niederließ, der Braut.

»Señores,« entgegnete, ohne die Hand nach dem geöffneten Etui zu heben, aus dessen Diamanten und Edelsteinen die zahlreichen Kerzen funkelnde Blitze schießen ließen, das junge Mädchen, »Aniella Crousa trägt bereits den einzigen Schmuck, der ihr als einer Tochter der freien Republik von Uruguay ziemt.«

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Mit einer raschen Bewegung schlug sie die Kapuze zurück und ließ den Mantel fallen. Sie trug ein Kleid von blauer Seide mit einer meergrünen Schärpe darüber. Kokarden und Schleifen von Blau und Grün waren überall in ihren Haaren, an ihren Schultern und ihren fein gerundeten Armen angebracht.

Ein allgemeiner Aufschrei des Schreckens, des Zornes, der Erbitterung erhob sich bei dieser offenbaren trotzigen Demonstration.

»Com mil diablos! was soll das heißen? was untersteh'n Sie sich?«

»Das soll bedeuten, Señor,« sagte die Dame stolz, »daß diese Quinta mein Eigenthum ist, und daß ihre Herrin nie die Fahne ihrer Landsleute verläugnen wird. Wenn Sie darauf bestehen, der Gatte einer Unitaristin zu werden, so schleppen Sie mich zum Altar, aber ich schwöre Ihnen, Aniella Crousa wird die Tochter Montevideo's zu bleiben wissen!«

»Niederträchtige! wagst Du es, Deinem Herrn zu trotzen?« schäumte der Oberst und sprang, die Hand zum Schlage erhoben, auf sie zu - aber einer der jungen Gauchos, ein Cabo oder Wachtmeister, warf sich zwischen ihn und die Señora.

»Bei der heiligen Jungfrau, Señor - bedenken Sie, daß sie ein Weib ist,« rief der junge Mann, der mit der Ritterlichkeit, die häufig den wilden Kindern der Pampas eigen ist, sich der Dame annahm, obschon sie sich offen für den Bund der politischen Gegner bekannte. »Es wäre unwürdig, eine Frau zu mißhandeln, die den Schlag nicht erwiedern kann!«

Ein strahlender Blick aus den Augen der jungen Leibdienerin der Estanciera, welcher der junge Mann seit seiner Anwesenheit in der Nähe der Quinta sein Herz geschenkt, lohnte ihm den Schutz, aber das Geschrei und das Toben der vom blindesten politischen Fanatismus entstammten Menge zeigten leider, daß die wenigen Stimmen, die sich der Señora annahmen, das Ungewitter nicht beschwören könnten, das sie selbst auf ihr Haupt niedergerufen.

Der trunkene, erbos'te Coronel kehrte die erhobene Hand gegen den Vertheidiger, aber ein Blick in das funkelnde entschlossene Auge des jungen Mannes gab ihm wahrscheinlich die Ueberzeugung, daß es höchst gefährlich sein dürfte, hier sich seiner Wuth

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zu überlassen, und er richtete diese auf's Neue gegen das schutzlosere Wesen, indem er sich begnügte, den jungen Gaucho rauh zurückzustoßen.

»Der Teufel auf Dich, Cuchillo, daß Du die unitarische Metze zu beschützen wagst. Ich will sie lehren, was sie zu erwarten hat, und die verfluchten Farben ihr vom Leibe reißen!«

Ein roher Griff in die schönen Haare des jungen Mädchens riß unter dem Beifallklatschen der trunkenen Gesellschaft die Schleifen und Kokarden aus ihrem Kopfputz.

Aniella - todtenbleich - trat zurück, die weißen Zähne dicht aufeinander geklemmt, ihre Augen funkelnd auf ihn gerichtet, während ihre Hand nach dem zierlichen Dolch in ihrem Gürtel griff. Aber die Faust des Gauchoführers faßte die ihre mit roher Gewalt, riß ihr den Griff aus den Fingern und schleuderte den Dolch auf die Erde.

»Willst Du beißen, Schlange? Ich werde Dir die Zähne ausbrechen! Auf die Knie, ramera!48 und herunter mit dem Bettel!«

Seine Faust faßte in den Busen des Kleides und riß es nebst der Schärpe mit brutaler Kraft in Fetzen, daß die Brust des Mädchens fast nackt den Augen der Umstehenden preisgegeben war, von denen Keiner, theils aus Furcht, theils aus Fanatismus, dem gefürchteten Bandenführer entgegenzutreten wagte. Nur die Dienerinnen und die schwarzen Sclaven der Quinta erhoben ein Zetergeschrei.

Die Señorita stieß einen gellenden Ruf aus, der das Geschrei übertönte. »Zu Hilfe, La-Muerte! Zu Hilfe!«

»La-Muerte kommen! La-Muerte hier!« brüllte aus dem nächsten Gemach die Stimme des eben herbeikommenden Negers, der sich wie der Stier der Pampas bei dem Ruf der geliebten Gebieterin, den Kopf gleich einem Mauerbrecher gesenkt, in die schreiende, tobende, erschreckende und drängende Menge warf.

Aber schneller als er war bereits der Rächer erschienen. Der Coronel warf die Arme in die Höhe - ein Blitz, ein Knall, Pulverdampf wirbelte auf - der Schändliche drehte sich

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rundum, während sein Blut die Señora bespritzte, und stürzte zu ihren Füßen.

Im selben Augenblick wurde mit Riesenkraft die Gruppe auseinander geschleudert, die vor den Jalousien der Veranda sich drängte, und ein Mann, gefolgt von einem zweiten, das noch rauchende Pistol in der Hand, sprang durch das Fenster in die Kapelle und stand im Nu vor dem in die Knie gesunkenen Mädchen!

»Llegad traidores!49 - die ihr ein Weib zu mißhandeln wagt!« donnerte die Stimme des Fremden. »Die Waffen nieder - die Rächer sind über Euch!«

»Vive Garbibaldi! Vive la unidád!« scholl es aus fünfzig Kehlen - Schüsse knallten - Waffen klirrten - Geschrei - Lärmen der wildesten Verwirrung - der rasende Galopp einer Reiterschaar - Kommandorufe - das Gebrüll der Liberalisten: »Verrath! Verrath!«

Und: »Verrath! Verrath!« scholl es in der Kapelle selbst, und der Miliz-Capitain, den Säbel schwingend, stürzte mit den Offizieren gegen den kühnen Eindringling, während die Gauchos nach der Piazza eilten, und die Diener und Arbeiter der Quinta schreiend durch die Zimmer und Gänge rannten.

Aber schon war La-Muerte an der Seite der Doña und ihres Beschützers; seine Riesenfaust schwang eine der schweren Gauchobüchsen, die er ergriffen, und ließ den Kolben auf den Schädel des glücklichen Spielers niederschmettern, daß dieser, wie vom Blitz getroffen, zu Boden stürzte. Ein zweiter Schuß des so glücklich zur rechten Zeit Eingedrungenen zerschmetterte das Gesicht des Assistente, das der Lauf fast berührt hatte, die Hiebe der Machete, des schweren mexikanischen Yatagans, hagelten von der Hand eines Dritten im Rücken der Föderalisten, die nach allen Seiten durch Thüren und Fenster flüchteten, da der plötzliche Ueberfall sie ganz unvorbereitet und ungenügend bewaffnet überrascht hatte.

Von der Veranda - der Piazza her, wo ein wilder Kampf

[69] sich entsponnen, heulte fort und fort der jubelnde Ruf: »Vive Garbibaldi! Vive la unidád!«

Aniella - schreckensbleich, zitternd, schaute empor zu dem unbekannten Retter, der kein Unbekannter mehr war, denn von Kampfesgluth und Anstrengung geröthet, das große funkelnde Auge drohend auf die fliehenden Gegner gerichtet, erkannte sie den Seemann, den sie vor drei Abenden aus den Gefahren der Teufelsschlucht gerettet, den Helden, der, dem Toben des Orkans und der Uebermacht der Menschen trotzend, die Goelette von ihrem Ankerplatz genommen.

Die Hände über dem entfesselten entblößten Busen gekreuzt, starrte sie mit begeistertem Blick empor, wie er so vor ihr stand in aller Mannesschöne, der kühne Kämpfer, er - dessen Vorwurf wie ein Donnerwort in ihre Seele geschlagen und ihre Scham geweckt, daß sie so gleichgiltig gewesen gegen das eigene Vaterland und die Sache, für die ihre Landsleute in Strömen ihr Blut vergossen.

Dieser Vorwurf, diese Scham hatten sie zu dem Entschluß getrieben, kühn den Feinden ihres Landes gegenüber ihre Sympathieen für dieses an den Tag zu legen.

Zum ersten Mal war ihr zugleich der Gedanke gekommen, dieser von Anderen bestimmten Verbindung zu trotzen, die ihr bisher, nach der trägen Sitte der Creolen, gleichgiltig gewesen und die ihr jetzt verhaßt geworden.

Der Wille der Eltern, der Vormünder ist es gewöhnlich, der in jenen sonst die Leidenschaften des Herzens so gewaltig fördernden Ländern über die Hand eines Mädchens verfügt.

Aber von demselben Augenblick an, wo sie sich Frau nennt, erlangt sie die Freiheit, allen ihren Wünschen und Neigungen zu folgen. Darum betrachten die jungen Creolinnen die Verheirathung auch nur als das Mittel zu ihrer Selbstständigkeit.

Anders war es freilich bei Aniella gewesen, der von Jugend auf durch die Liebe des Vaters für das einzige Kind und später, nach dem frühzeitigen Tode desselben, durch die sclavische Ergebenheit der Diener und die Nachsicht einer alten Dueña, jeder Willen gelassen worden. Das Herz hatte jedoch bei ihr noch nicht gesprochen und so fügte sie sich gleichgiltig dem Gebot der Machthaber,

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die sie nach ihren Besitzungen auf dem andern Ufer des La Plata verwiesen und ihr einen ihrer Anhänger zum Gatten bestimmt hatten, sobald nur nicht damit ihre persönliche Freiheit, ihr abenteuerlicher, selbstständiger Sinn beschränkt wurde.

Jener Auftritt am Ufer des mächtigen Stromes aber hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht und jede Stunde der einsamen Erinnerung denselben vermehrt. Sonst nur gewöhnt an die wilden Prahlereien der Föderalisten von ihren grausamen Thaten, begegnete sie dort zum ersten Male dem unerschütterlichen Muth, der ruhigen Verachtung und Bewältigung der Gefahr, der kühnen Entschlossenheit eines Mannes, dessen Bild unter den Flammen des Himmels ihrer jungen, leicht erregten Phantasie gleich dem eines Heros oder eines Ritters der großen Vorzeit des Landes ihrer Väter erschien, und der zugleich ein fühlendes, theilnehmendes, von Begeisterung für die Sache der Unabhängigkeit erfülltes Herz ihr zeigte. Da war es, wo in dem ihren jene Begeisterung, jene Energie der Freiheit und jene aufopfernde Liebe emportauchten, die durch tausend Gefahren über ferne Meere und Länder sie geleiten und die Bewunderung der Welt ihr sichern sollten, auch nachdem mit der letzten Kraft ihr Leben gebrochen war.

Daß der Charakter, die Thaten, die ganze Erscheinung dieses Mannes auf ihre Phantasie, auf ihr Herz wirken mußten, war leicht erklärlich.

Der Fremde trug in diesem Augenblicke nicht mehr die gewöhnliche Tracht der Seeleute, seine Kleidung, sein Aeußeres erinnerten an das abenteuerliche Costüm der wilden, aber ritterlichen Flibustiere Montbars, einst der Schrecken der spanischen Herrschaft auf den Antillen.

Ein spitzer spanischer Hut mit schmaler Krempe und schwarzen vollen Straußfedern deckte das tiefbraune Haar. Der kräftige Hals war frei und bloß, halb bedeckt von dem röthlichen vollen Bart, der gegen die creolische Sitte voll die untere Hälfte des Gesichts umgab. Ueber einer rothen Blouse, die von der grün-blauen Schärpe über die Schulter gekreuzt wurde, wehte der kurze weiße amerikanische Mantel; hohe Stiefel von braunem Leder bedeckten das Bein bis zur Hälfte der Schenkel und die langen blutigen Sporen zeigten, daß er einen wilden Ritt gethan.

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An seiner Hüfte hing ein fast gerader, zu Hieb und Stoß geeigneter Kavalleriesäbel mit stählerner Scheide und Korbgriff; der Gürtel der die Blouse um seine schmale, von der Kraft der breiten Brust und Hüften zeugende Taille umschloß, hatte die Pistolen getragen, deren sich der Besitzer so siegreich bedient. Ein kurzes Sprachrohr hing am silbernen Haken daran.

»Gott und der heiligen Jungfrau sei Dank,« rief eine bekannte Stimme, »die uns zur rechten Zeit hierher führten! Der Hund, den sie Dir zum Gatten gaben, liegt todt zu Deinen Füßen und Du bist frei wie sonst.«

»Du hier, Manuelo!« sagte tief aufathmend das Mädchen, »Du führtest meinen Retter hierher, - ewig will ich Dir dankbar sein dafür. Aber dieser Mann war noch nicht mein Gatte und niemals wäre er es geworden! ich schwöre es Dir!«

»Desto besser, daß Du zur Erkenntniß gekommen, cara mana! Manuelo hat Manches gelitten um Dich und hofft, daß Du es ihm lohnen wirst. Aber mache Dich bereit, mir zu folgen, Du stehst von diesem Augenblick an unter meinem Schutz!«

»Unter dem Deinen? ich denke, wir haben Beide den eines Mächtigern, und es ist Zeit, daß ich ihm danke!« Ihre Augen suchten den Helden ihres Herzens - er hatte das Gemach verlassen, aber von der äußern Veranda her hörte sie bereits seine sonore Stimme mit festem Klang Befehle durch das Getümmel und Toben des Kampfes donnern, der noch immer wild auf der Piazza tobte.

Während sie eilig die Kapelle verließ und, von dem Pardo gefolgt, nach der Veranda flog, warf La-Muerte, der mit glühendem Auge den von ihm zu Boden Geschlagenen bewacht hatte, sich nieder an seiner Seite und begann ihn zu durchsuchen.

Der schwere mit Gold gefüllte Costal, den der Capitain um seinen Leib geschlungen trug, schien nicht den geringsten Reiz für die Habgier des Mohren zu besitzen. Seine zitternde Hand suchte hastig nach dem kostbaren Schmuck, den der Betäubte gewonnen und der Braut geboten hatte, und als er das Etui gefunden, brach er mit den Zähnen und Fingern mit wunderbarer Schnelligkeit die goldene Fassung von den Diamanten und Smaragden, warf jene achtlos auf den Boden und steckte die Steine in ein

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kleines ledernes Säckchen, das er unter dem Hemd verborgen an einer starken Schnur von Aloefasern nebst jener Kette von Zähnen, Korallen und Glasperlen um den Hals trug, die seinen früher beschriebenen Schmuck bildete.

Dann erst folgte er der Vorangeeilten, bereit, seinen Antheil am Kampf zu nehmen.

Ein Bild der wildesten Verwirrung bot sich den Augen der Señora dar, als sie die Veranda erreicht hatte.

Die Unitaristen, etwa fünfzig bis sechzig Mann an der Zahl, waren vier bis fünf Leguas oberhalb der Quinta am südlichen Ufer des Flusses gelandet, wo, wie der Pardo wußte, eine bedeutende Cavallada,50 zu den Besitzungen seiner Milchschwester gehörig, in der Querenzia sich befand. Dort hatte man so vieler Pferde sich bemächtigt, als man zu dem Unternehmen bedürfte, und war dem Knaben François, der schon am Mittag als Späher vorausgegangen war, in vollem Galopp gefolgt.

Da alle Mitglieder der kleinen Schaar eben so entschlossene und in den Pampaskriegen geübte Reiter als Seeleute waren, hatte es keiner weiteren Vorbereitungen bedurft, und der einfache Riemen um das Gebiß der Pferde genügte ihnen als Zügel. La-Muerte, durch den Knaben von dem Nahen der Reiterschaar in Kenntniß gesetzt, hatte seine Maßregeln getroffen, ihr Beistand zu leisten. Indem er sich in den Corral schlich, in welchem die Gäste und die zur Quinta gekommenen Gauchos ihre Pferde hatten, lös'te er unbemerkt die Reatas oder Halsleinen, und öffnete an verschiedenen Stellen die Stangen, welche die Umzäunung des Corrals bildeten. Der kleine Franzose wurde, nachdem sich die Vaqueros und Diener zur Villa gedrängt, um die Trauung zu sehen, mit einem Bündel Schwärmer an den Eingang des Corrals gestellt, und der schwarze Haushofmeister klimmte dann zu dem Glockenthürmchen hinauf, um nach dem Nahen der Befreier auszuspähen. Dieser Umstand war es, der ihn verhinderte, schon bei dem Beginn des Auftritts in der Kapelle zugegen zu sein.

Der weithin hallende Ton der Quinta-Glocke, der zur Trauung rief, hatte die nahende Schaar zur vermehrten Eile

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angetrieben; ihr voran eilten der tapfere Führer und der Pardo, der mit den Zugängen der Quinta bekannt und durch die Glocke benachrichtigt, daß so eben erst die heilige Handlung vor sich gehe, den gewonnenen Beschützer an die Fenster der Kapelle geleitet hatte. Fast zur selben Zeit brach der Haufe der Reiter über die Piazza herein, Alles zu Boden werfend, was sich zu widersetzen wagte.

Vergeblich stürzten die Gauchos nach ihren Pferden - die Hand des verwegenen Knaben hatte beim Nahen seiner Freunde die entzündeten Schwärmer unter die wilden Rosse geschleudert, und erschreckt, entsetzt sprengten sie nach allen Seiten, durchbrachen die Barrieren und jagten nach dem Lager davon oder verloren sich in dem Dunkel der hereingebrochenen Nacht.

So ihrer Pferde beraubt, von den Schwelgereien des Abends noch halb betäubt, war der Widerstand der Gauchos bei dem unerwarteten Ueberfall trotz ihrer Uebermacht nur ein geringer. Die Befehle ihrer Offiziere verloren sich in dem wilden Getümmel, nur wenig unterstützt von den Vaqueros und den Arbeitern und Dienern der Quinta, die - Zeugen von der Beschimpfung, die man ihrer Gebieterin angethan, und den Thaten des Mohren, der mit seiner furchtbaren Lanze vereint mit den Unitaristen über deren Gegner herfiel - kaum wußten, auf welche Seite sie sich schlagen sollten. Die einzelnen Haufen der Gauchos, die sich zum tapfern Widerstand gesammelt, wurden auseinander gesprengt, das ruhige Kommando des Führers, die Disciplin, die seine Truppe zeigte, und der gefürchtete Name, den die Unidados als Schlachtruf ertönen ließen, entschieden bald den Sieg, und nach wenigen Minuten des Kampfes waren die Föderalisten aus der Villa und von der Piazza geschlagen und flohen nach allen Richtungen im Dunkel davon.

Mit der Ruhe und dem schnellen Ueberblick, der dem geborenen Feldherrn eigen, sicherte der Capitain José, wie ihn die Mannschaft der Barke an jenem Abend genannt, diesen Sieg, indem er Wachen nach allen Seiten ausstellte und nicht eher den Platz verließ, als bis er wußte, daß alle Feinde vertrieben, und seine Befehle befolgt worden, um die Mannschaft rasch zu sammeln,

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die Pferde von der gewaltigen Anstrengung verschnaufen und zur neuen bereit machen zu lassen.

Während die Unidados sich die noch nicht von dem Kampfgetümmel zerstörten Reste des schwelgerischen Mahles in Haus und Platz zu Nutzen machten, trat ihr Führer zu der Dame.

»Señora,« sagte er, »ich kam auf die Versicherung dieses Mannes, daß Sie aus den Fesseln befreit zu sein wünschten, welche die Tyrannei des Diktators von Buenos-Ayres und seiner Generale Ihnen auferlegt. Ich glaubte der Tochter Montevideo's, der Tochter eines ehrenwerthen Mannes beistehen zu müssen - wenn ich mich getäuscht, wenn ich zu weit gegangen, so bedenken Sie, daß ich die Retterin unsers Lebens und unsrer Freiheit nicht vor meinen Augen beschimpfen lassen durfte.«

»Señor,« entgegnete die Dame, indem ihre zarten Hände die seinen ergriffen, »Manuelo hat mein Herz errathen! Meine Wange erröthet, daß das Gefühl dessen, was ich meinem Vaterlande schuldig bin, so lange in meinem Herzen schlummern konnte. Aber ich schwöre, die Freiheit hat an mir eine Jüngerin gewonnen, die bereit ist, ihr Alles, ihr Leben und Sein im Kampf gegen die Unterdrückung zu opfern, und Sie, Señor, sind es, dessen Worte die heilige Begeisterung in mir wachgerufen, dem ich meine Befreiung von einem verhaßten Bande danke, dem mein Leben, meine Gebete gehören sollen!«

»Señora, Sie gehen zu weit; ich that nur meine Pflicht als Soldat und werde mich glücklich schätzen, Ihnen ferner dienen zu können. Wünschen Sie diese Küste zu verlassen, so werde ich Sie und den Glücklichen, dem Sie Ihren Schutz künftig vertrauen, sicher an das Ufer von Montevideo geleiten.«

»Meinen Schutz? - Señor, ich wüßte nicht, wem ich ihn besser anvertrauen sollte, als Ihnen.«

Der Capitain blickte sie verwirrt an. »Ich meine, Señora, der Mann, den Ihr Herz gewählt, auch wenn seine Farbe einige Schatten tiefer ist, als die unsre, hat das erste Recht, Ihr Beschützer zu sein.«

»Ich verstehe Sie nicht, Señor!«

Capitain José wandte sich zur Seite und deutete auf den Pardo, der eifrig beschäftigt war, mit Hilfe der Dienerinnen

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und der Sclaven einige Bedürfnisse und werthvolle Gegenstände zusammenzupacken.

»Sie werden seine Liebe mit Ihrer Hand belohnen,« sagte er ernst.

Das Mädchen schaute erstaunt auf ihn und dann auf den Mestizen. »Wie, Señor - Manuelo mein Gatte? Ist er rasend genug, daran zu denken?«

»So betheuerte er mir!«

»Dann hat er seinen Dank bereits sich genommen. Nie, Señor, wird Aniella Crousa das stolze Blut ihres Vaters mit dem eines Farbigen mischen!«

Ein freier Athemzug hob die Brust des Kriegers, als wäre sie von einer schweren Last befreit. Einige Augenblicke standen Beide stumm vor einander, die Señora offenbar mit bewegten Gedanken kämpfend. Man sah im Schein der brennenden Feuer, der halb zerstörten bunten Laternen, die ihrem Hochzeitsfest leuchten sollten, ihren Busen leidenschaftlich sich heben, das Auge unruhig vom Boden zu dem Manne vor ihr sich heben.

»Ich bin eine elternlose, des Schutzes bedürftige Waise,« sagte sie leise; »erst diesen Abend habe ich vernommen, in welcher schmachvollen Art man mich verhandelt, gleich dem Preise nichtswürdiger Leidenschaften. Aber ich würde dort drüben so schutzlos sein, wie hier - eilen Sie zu den Ihren zurück, Señor, ehe die Gauchos mit verstärkter Macht zurückkehren - Aniella Crousa hat nicht das Recht, noch langer das Leben der Edlen und Tapferen zu gefährden.«

Der Capitain ergriff ihre Hand. »Will Aniella Crousa mir das Recht geben, für sie zu kämpfen, zu sterben?«

Das Mädchen zitterte. »Dieses Recht, Señor - gehört allein dem Gatten!«

»Wohlan - Señora - ich bin ein Mann von wenig Worten - aber ich pflege das meine zu halten mit meinem Leben! Will Aniella Crousa das Weib Giuseppe Garibaldi's sein?« -

Das Erbeben des Entzückens flog über ihre Gestalt. »Wie, Señor - Sie selbst, der Commodore? - der Held der Freiheit Montevideo's?«

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Der kühne Parteigänger lächelte - es that ihm wohl, den Ruf seiner Thaten selbst im stillen Mädchenherzen wiederhallen zu hören.

»Wird Aniella d'rum weniger einem Manne vertrauen, weil ihm ihr Vaterland vertraut hat?« - Er blickte auf seine Uhr. »In zehn Minuten, Señora, muß ich diesen Ort verlassen. Sie schulden Giuseppe Garibaldi noch die Antwort, ob Sie sich seinem Schutz vertrauen wollen?«

Einen feurigen, leidenschaftlichen Blick warf das Mädchen auf ihn; dann, ohne Antwort zu geben, stürzte sie nach der Stelle, wo das Seil der Quintaglocke in die Veranda herabhing und begann es mit aller Kraft zu ziehen.

Nochmals schallte der Ton der Glocke weit hinaus in die Nacht, von allen Seiten eilten die Diener der Quinta, die Tapferen des Comnzodore herbei, die Waffen in der Hand, nach der Bedeutung des Signals zu fragen.

»Was ist geschehen? Pequeña hermana - was soll die Glocke, die den Feind warnt?«

»Wo ist der Padre?« herrschte die Herrin.

»Der reverendo Padre Aloysio betet am Altar, Señora, daß die heilige Jungfrau dessen Befleckung mit Blut vergeben möge!«

»Zündet die heiligen Kerzen an - wer Aniella Crousa liebt, möge ihr folgen zu der heiligsten Stunde ihres Lebens! Eine Hochzeit war Euch versprochen - bei der unbefleckten Jungfrau - Ihr sollt sie haben!«

Der Pardo ergriff entzückt ihre Hand. »So haben die Worte des Commodore Dein Herz gerührt - Du willst den Freund Deiner Kindheit, den Mann, der Dich liebt, wie sein Leben, beglücken mit Deiner Hand, ehe Du diesen Ort des Unheils verlässest?«

Die Señora stieß ihn erstaunt zurück.

»Bist Du unsinnig, Manuelo? Die Gazelle sollte den Schakal wählen, da sie den Löwen der Pampas haben kann?«

»Mil demonios - was soll das heißen? Du wagst es, den Fremden zu wählen?« Seine Hand fuhr nach dem Messer an der Seite des Beins.

»Bin ich eine freie Montevideerin oder nicht? Bin ich die

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Herrin dieser Quinta? Hat je ein Wort meines Mundes Dich an die Vermessenheit eines solchen Gedankens glauben lassen? - Diesen Mann liebe ich, seit dem Augenblick, da die Blitze des Himmels mir ihn gezeigt - ihm wird Aniella's Leben von dieser Stunde an gehören!« Sie faßte die Hand des Commodore und zog ihn fort, aber der Mestize warf sich ihnen entgegen und sperrte den Eingang. Seine Augen glühten wie Kohlen, auf seinen Lippen stand ein flockenartiger Schaum und die Adern seiner Stirn leuchteten wie rothe giftgeschwollene Schlangen.

»Fluch über Dich, wenn Du es wagst, Undankbare!« zischte er in portugiesischer Sprache. »Nicht dem hergelaufenen Abenteurer gehörst Du, sondern mir, der Dich befreit - der Dich liebt, der zu Dir betet, wie zu der heiligen Jungfrau selbst. Nicht der arme Gambusino ist es, der Deinen Besitz als Lohn all' seiner. Mühen und Leiden fordert. Ich bin reich, reicher, als Deine üppigsten Träume Dich, machen können - diese Hand soll Dir die Schatzkammer von Kaisern und Königen öffnen!«

»Und wärst Du ein Kaiser selbst,« rief das Mädchen, indem sie sich an die Brust des Commodore warf. »Hier ist der Mann, den mein Herz gewählt und niemals verlassen wird!«

»So mög' er zur Hölle fahren und Montevideo mit ihm!« Das spanische Messer funkelte durch die Luft, indem er sich wie der Jaguar im Sprunge tückisch auf ihn warf. Aber der Commodore, der regungslos dem Streit beigewohnt, ergriff mit einer blitzschnellen Wendung seinen Arm und preßte ihn dicht unterm Handgelenk, wie mit eisernen Muskeln zusammen, daß die mörderische Faust sich öffnete und der Stahl ihr entfiel. Dann schleuderte er ihn wie ein Kind den Armen der Gefährten zu.

»Hast Du José Garibaldi nicht besser kennen gelernt im Wogensturm und Todeskampf, Memme,« sagte er verächtlich, »daß Du wähnen konntest, er fürchte das Messer eines Meuchlers? Fort mit ihm und schnürt ihn an die Säule der Veranda fest - ich mag sein Blut nicht!« Er setzte das Sprachrohr an den Mund. »Die Pferde herbei - macht Euch fertig zum Aufbruch, Kameraden!« donnerte seine Stimme über den Platz hin, während sein starker Arm die Braut, umfaßte. »Wer dem Commodore und seinem Weibe folgen will, möge bereit sein im Augenblick!«

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Er trug mehr, als er sie führte, die süße Last durch die Gemächer zu der geöffneten Kapelle, wo der Priester noch immer vor dem durch den rohen Männerhaß entweihten Altar kniete. Man hatte die Leichen der beiden Erschossenen hinweggeschafft, eben so den Körper des von dem Schlage des Mohren schwer verletzten Miliz-Capitains. Das Blut der Opfer des kurzen Kampfes aber färbte noch immer die Matten und Fliesen des Bodens.

Mit wenig Worten war der Kaplan von dem Willen der Herrin der Quinta verständigt - eine volle Börse aus der Hand des Commodore und die Drohungen der triumphirenden Unidados beseitigten jeden Widerspruch und er erklärte sich bereit, die heilige Handlung zu vollziehen.

Während das so seltsam vereinte Paar auf den Stufen des Altars kniete, erscholl von draußen der Lärmen der wieder aufsitzenden Reiter und das Geschrei des gefesselten Mestizen, der die wildesten Verwünschungen auf sie schleuderte.

Die Stola war um die vereinten Hände geschlungen - der Segen über die gewechselten Ringe gesprochen, als der Knabe François durch die ihr Gebet verrichtende Menge stürzte.

»Zu den Waffen, Excellenza! die Gauchos kehren zurück, ihre Reiter schwärmen zwischen der Quinta und dem Ufer!«

Man hörte Schüsse fallen in der Ferne, welche die ausgesandten Vedetten, vor der Ueberzahl der Gegner flüchtend, mit diesen wechselten.

Der Commodore hob mit der Linken die Neuvermählte empor und drückte sie zärtlich an seine Brust. So trug er sie von seinen Leuten und den Dienern der Quinta umdrängt hinaus, auf die Veranda, von deren Höhe man in der mondklaren Nacht dunkle Reitergruppen über die Ebene hereingallopiren und hin und wieder Schüsse aufblitzen sah.

Plötzlich rollte ein ferner Donner durch die Luft, der Nachtwind, der das Geschrei der von ihrem Lager herbeieilenden Gauchos aus weiter Entfernung herüber trug, brachte auf seinen Schwingen zugleich das rollende Echo dumpfer Kanonenschläge.

Das Auge des Commodore, leuchtete. »Beim Himmel - Sacchi ist ein prompter Gesell - nicht fünf Minuten lassen

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seine Breitseiten warten über die besprochene Zeit. Die Pferde herbei, Männer!«

Plötzlich erbebte er - die Muskeln seines Gehörs schienen sich zu spannen, während er sich vorn überbeugte, die Hand am Ohr, um besser auf den Geschützdonner zu lauschen, den die Luft jetzt Stoß auf Stoß herüber trug.

»Demonio - was ist das? Das ist der Donner von schwerem Geschütz, wie keiner der Schooner und der Briggs führen kann!«

Aniella hatte sich an seinen Arm geschmiegt. »Was ist Dir, Geliebter - was bedeutet der Kanonendonner!«

»Meine Flotille greift die drei Schiffe der Föderalisten an,« sagte er hastig, »die Boote meiner Corvette warten, uns an Bord zu führen. Du mußt Deine Brautnacht unter Kanonendonner feiern, Süße, aber das ist das Leben des Seemanns und als Morgengabe will ich Dir und Montevideo jene Wimpel zu Füßen legen, die vor drei Tagen mich jagten. Wo ist das Pferd der Señora, Mohr?«

Aniella hielt ihn einen Augenblick zurück. »Heißt Dein Wagniß nicht allzusehr das Glück versuchen, mein Gemahl? So viel ich gehört, besitzt die Republik nur kleinere Schiffe, die sich mit den Fregatten Admiral Browns nicht messen können!«

»Mit den Fregatten?« Er wandte sich hastig gegen sie. »Brown ankert vor Buenos-Ayres, wir haben es blos mit den Schoonern und der Brigg zu thun!«

»Heilige Jungfrau - so weißt Du nicht - «

»Was? sprich!«

»Der Admiral ist diese Nacht zurückgekehrt, beide Fregatten liegen kampfbereit auf dem Ankerplatz, um morgen Dich anzugreifen!«

»Die Fregatten? Höll' und Verdammniß, und ich bin hier!« Er riß das Sprachrohr zum Munde. »Kameraden, es gilt, unsere Schiffe zu retten! In zwanzig Minuten müssen wir am Ufer sein! - Alferez Vincentio, nehmen Sie die Vorhut mit fünfzehn Mann! Keinen Pardon den Schurken, die in den Weg uns zu treten wagen. Wo ist Cabo Montecchi?«

»Aqui estov, Señor!«

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»Zwanzig, um uns den Rücken zu decken! Halt Dich brav, mein Freund! Zu Rosse, Aniella - jeder Augenblick kann die Ehre Deines Gatten kosten.«

Die Señora saß bereits im Sattel ihres feurigen Indianerpferdes. Der Commodore sprang auf das, welches der Mohr, ein zweites am Zügel, ihm vorführte. Der Lieutenant und die Seinen waren bereits handgemein am Eingang der Piazza mit dem ersten Haufen der Gauchos.

Der Knabe François reichte ihm die Pistolen, die er frisch geladen. »En avant, Excellenza, wir fegen die Schufte, wie der Pamperos den Sandwirbel!«

Er kletterte auf das Pferd, das La-Muerte am Zügel hatte, und setzte sich hinter dem Sattel fest. Der Commodore hatte mit der Linken den Zügel des Prairiepferdes genommen, seine Rechte, an deren Gelenk der Säbel hing, spannte das Pistol - nur mit dem Druck seiner Schenkel leitete er das feurige Roß.

»Adelante ninos!«!51 Vivan los Unidados! Vive Montevideo!« Wie eine Sturmwolke unter dem Klagegeschrei der zurückbleibenden Diener und Frauen braus'te die Reiterschaar vorwärts. Der Mohr sprang nach dem Pfeiler, an dem seine lange Lanze lehnte.

»Willst Du mich verlassen, La-Muerte? Mögen die Teufel Deine Seele verbrennen dafür!«

Der Schwarze blieb einen Augenblick an der Veranda-Säule stehen, an die der Mestize gefesselt war. »Beu der Seele meunes Vadders - Massa Manuelo haben Recht! Señora Aniella brauchen La-Muerte, aber der Nigger sein nicht so schwarz, daß er einen Freund vergessen, auch wenn tieser ein Feund sein geworden!« Ein rascher Schnitt seines scharfen Messers trennte die Bande des Pardo. »Kommen mit uns, Manuelo, tieses Kind haben ein gutes Herz und werden gut machen mit Dir!« Er schwang sich auf den Rücken des Pferdes. »Vorwärts! vorwärts!« schrie der Knabe, und in mächtigen Sprüngen jagte das Roß mit seiner Doppellast davon.

Der Haufe der Gauchos, der sich zuerst ihrem flüchtigen

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Rückzug entgegengestellt, wurde von der Gewalt des mächtigen Anpralls gesprengt und zur Seite geworfen. Die Nacht und das Handgemenge gestatteten den Gegnern nicht, von ihrer furchtbarsten Waffe, dem Lasso, Gebrauch zu machen, und da überdies die Unidados meist eben so furchtlose und gewandte Reiter waren, beschränkte sich der Kampf auf den Gebrauch der Pistolen, der Lanzen und Säbel.

Der Commodore hatte die junge Frau zu seiner Linken, ein andrer der Reiter galoppirte an ihrer freien Seite, La-Muerte, der Mohr, dicht hinter der Gruppe, mit seinem langen Speer die Herrin vor jeder Gefahr schützend.

Von dem Strome her donnerte Schuß auf Schuß, bald das Rollen einer ganzen Breitseite, bald der scharfe Knall der langen Zweiunddreißigpfünder der kleineren Schiffe. Jedes Rollen schien den Commodore erbeben zu machen und ließ ihn tiefer die Sporen in die Flanken des Renners bohren, der ihn trug.

Aber Schaar auf Schaar der Gauchos stürmte auf's Neue herbei. Die Nachricht von dem Fall ihres Führers hatte sich mit Blitzesschnelle unter den wilden Reitern verbreitet, und weniger die Liebe für den Erschossenen, als der verletzte Stolz ihrer Partei trieb sie zu rasenden Anstrengungen, die Scharte des Ueberfalls, die so rasch aus die Wegnahme der Goelette gefolgt war, auszuwetzen.

Jeder Schritt des rasenden Galopps der Flüchtigen fast war mit Blut gedüngt. Im Jagen Knie an Knie, Sattel an Sattel, schlug man sich mit der wüthendsten Erbitterung. Die Schüsse knatterten hinüber und herüber, die breiten Klingen der Säbel und Machetes funkelten im Mondlicht.

»Vorwärts, Kameraden - vorwärts! zeigt ihnen, was die Kämpfer der wahren Freiheit zu leisten vermögen!«

Der Hieb seines Säbels saus'te im dichten Gedräng über den Kopf eines Gaucho, Aniella bog sich weit zurück über die Croupe des Pferdes - über sie wirbelte die Lanze des Mohren, jeder Stoß traf einen Gegner zum Tode, jeder Schlag warf einen der Bedränger aus dem Sattel.

Ueber diesen Ball von Blut und heldenmüthiger Anstrengung,

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der sich in rasendem Lauf durch die Ebene wälzte, der Küste zu, donnerte näher und näher der Knall der Geschütze, der Breitseiten, welche die Geschwader im Kampf wechselten.

»Heilige Jungfrau, gieb, daß ich noch zur rechten Zeit komme! Gieb, daß meine Ehre rein bleibe in dem Lande, dem ich mein Blut geweiht!«

Mehr als ein Drittheil der Mannschaft des kühnen Unidadohaufens war bereits gefallen, herabgerissen im rasenden Galopp der Pferde, erschossen, verwundet und Opfer der wilden Parteiwuth.

Die Schaar, die immer heftiger tobende Seeschlacht zur Linken lassend, jagte im tollen Lauf am Ufer stromaufwärts. Man hörte jetzt deutlich die Salven der einzelnen Geschütze. Der Galopp wurde zum wüthenden Carriere, denn es galt um das Leben, früher die Bucht zu erreichen, wo die Boote harrten, ehe die Gauchos die kleine Schaar abzuschneiden vermochten.

Aber alle Anstrengung war vergeblich. Die Gegner erkannten recht wohl, um was es sich handle, und - unbekannt mit den letzten Vorgängen in der Quinta - glaubten sie bei dem Anblick der Estanciera, daß die Unidados diese entführt hätten. Ihre weniger ermüdeten Rosse gewannen mit jedem Augenblick mehr Vorsprung und drängten die Schaar vom Ufer ab.

Der Commodore sah die Gefahr - sein Entschluß war gefaßt.

»La-Muerte, bei Deinem Leben, schütze die Señora! Hierher, Alferez Vincentio!« Fuß an Fuß mit ihm dahinsprengend, ertheilte er seine Befehle. Dann preßte er dem Roß die Sporen in die Flanken und sprengte zu der Vorhut. »Hierher, Männer! zurück nach der Quinta!« Die kleine Schaar warf sich nach rechts.

Die Gauchos stutzten - ein bedeutender Haufe wandte sich, sie zu verfolgen - in die entstandene Lücke brach gleich einem Keil der Alferez Vincentio mit dem Haupttrupp. Der lange Speer des Mohren warf einen der Hauptleute der Gauchos vom Sattel - Victoria! die Bucht lag vor ihnen, denn durch die breite Oeffnung des Ufers sah man das Blitzen der Schüsse von den im Kampf begriffenen Schiffen.

Durch den Donner, durch den Lärmen klang ein gellender

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Pfiff über die Ebene, es war das Signal, daß die Hauptschaar die Bucht erreicht, und gleich darauf verkündete auch das Musketenfeuer der mit drei Booten harrenden Matrosen, daß sie den Bedrängten zu Hilfe gekommen.

Beim ersten Klang des Signals wandte der Commodore sein Pferd, und der kleine Haufe seiner Begleiter - noch acht Mann, die besten der Schaar - kehrte sich plötzlich gegen die Verfolger.

Da beide Parteien längst von ihren Schußwaffen Gebrauch gemacht hatten und bei dem wüthenden Ritt keine Zeit gewesen war, sie wieder zu laden, so waren auch beide auf die blanken Waffen beschränkt. Während aber die Gauchos in ihrer gewöhnlichen Weise in ungeordneten ausgedehnten Haufen dahersprengten, bildeten die wenigen aber disciplinirten und entschlossenen Krieger des Commodore, sämmtlich zu den italienischen Abenteurern und Flüchtlingen gehörig, die sein Ruf aus ganz Amerika um ihn versammelte, eine feste Phalanx, deren Rückstoß die Gegner nicht zu widerstehen vermochten.

Die flinken gewichtigen Säbelhiebe der Unidados brachen sich Bahn - ehe die Schaar der Gauchos sich sammeln und den Ring um sie schließen konnte, waren die erschöpften Pferde in einer letzten Anstrengung weit voran und jagten zum Ufer zurück.

Die Ueberlisteten folgten mit wildem Geschrei ihrer nochmals entgangenen Beute.

Zwei der Reiter Garibaldi's stürzten und wurden sofort niedergemetzelt, ein dritter war bereits bei dem kühnen Manöver vom Pferde gehauen - mit den fünf anderen eilte der Commodore unaufhaltsam vorwärts.

»Itaparika - ahoi!« heulte das Sprachrohr im tollen Lauf, und von rechts her, kaum noch hundert Schritt entfernt, jubelte die Antwort: »Vivan los unidados! zu Hilfe dem Commodore!« Die Bootsmannschaft, die bereits gesicherten Flüchtlinge sprangen auf's Neue an's Ufer, eine Salve der bereit gehaltenen Musketen und Trombolen empfing die anstürmenden Gauchos, aus den Leibern der keuchend zu Boden stürzenden Pferde machten die kühnen Reiter den letzten lebendigen Wall - an der Energie dieses Kampfes scheiterte der wilde, regellose Anprall der Föderalisten, und mit

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jenem plötzlichen Uebergang von dem energischen Angriff zur gänzlichen Muthlosigkeit, wenn jener nicht gelungen, stoben die Gauchos zurück.

»In die Boote! in die Boote!« donnerte der Befehl des Commodore. »Setzt die Riemen ein, Männer, ehe die Schurken zurückkehren! Auseinandergelegt, damit die Kanonade keinen Schaden thut! Vorwärts, Männer der Itaparika - damit wir das Schiff retten.«

Während die Boote auseinanderschoben und mit aller Kraft sich hinausarbeitetcn, um die im Gefecht liegenden Schiffe so rasch als möglich zu erreichen, führte der Commodore aufrecht im Stern seines großen Kutters das Steuer, wie in jener Nacht, als er die verwegene Flucht leitete. Von hier aus übersah er, so gut es sich thun ließ, die Stellung der Schiffe und entwarf den nothwendig veränderten Schlachtplan. Ihm zu Füßen lehnte auf der Spiegelbank das junge und schöne Wesen, das so eben sich ihm verbunden, um des Lebens Leiden und Lieben mit ihm zu theilen, sich vertrauend an ihn schmiegend, während der Bootsmantel, den der Alferez um sie geworfen, ihre Gestalt verhüllte.

Der tapfere Abenteurer vermöchte sich leicht aus dem Aufblitzen der Schüsse über die Stellung der beiden Flottillen zu vergewissern. In Folge der Nachrichten Manuelo's und gedrängt von der eigenen rasch entstandenen Theilnahme für die junge Herrin der Quinta, hatte er beschlossen, mit der sich anscheinend darbietenden günstigen Gelegenheit zu einem Angriff des föderalistischen Geschwaders den Ueberfall der Quinta und die Entführung der Señorita nach Montevideo zu verbinden. Aus seiner mit der so glücklichen Wegnahme der Goelette geendeten Recognoscirung wußte er, daß das bei der Quinta de los dias entretenidos ankernde Geschwader nur noch aus einer Brigg von achtzehn Kanonen, einem Schooner und einer Brigantine mit zwölf Geschützen bestand, einer Macht, der die seine überlegen war, die jetzt außer der Goelette sein eigenes Schiff, die >Itaparika<, eine Corvette von vierundzwanzig Kanonen und zwei Briggs, jede mit zwölf Kanonen und einem langen Zweiunddreißigpfünder auf dem Vordertheil, zählte. So hatte das kleine Geschwader denn unter'm Schutz der Nacht bis auf etwa acht bis zehn See-Leguas herangelegt,

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während des Tages im Versteck des Ufers mit gerefften Segeln verborgen gelegen, und hatte den Befehl erhalten, mit Sonnenuntergang stromab zu fahren und die feindliche Flottille um zehn Uhr anzugreifen, während zugleich die Boote der Corvette am Ufer den Commodore und die Schaar erwarten sollten, die dieser unter der Bemannung der Schiffe für das Abenteuer ausgefucht hatte. Die ihnen unbekannt gebliebene Rückkehr der beiden Buenos-Ayresschen Fregatten von achtundzwanzig und sechsunddreißig Kanonen änderte dagegen das Verhältniß sehr zu ihrem Nachtheil, da jetzt fünf Schiffe mit etwa hundert Geschützen ihren vier Fahrzeugen mit nicht viel mehr als der Hälfte Kanonen gegenüberstanden.

Das Gefecht, das jetzt seit etwa einer halben Stunde im Gange war, war bis dahin ziemlich resultatlos geblieben, da die Schiffe des Commodore den Vortheil gehabt hatten, sich vor dem Winde zu befinden, und Sacchi, der erste Lieutenant der >Itaparika<, zeitig genug die Anwesenheit einer größern Macht bemerkt hatte. Dennoch hatte er keinen Augenblick angestanden, dem Befehl des Commodore gemäß, den Kampf zur bestimmten Stunde zu beginnen, indem er das Feuer aus den langen Zweiunddreißigpfündern seiner Schiffe auf eine Entfernung eröffnen ließ, wo die Breitseiten der beiden Fregatten ihm nur wenig Schaden zufügen konnten. Er wußte, daß er hierdurch mindestens die feindliche Flottille beschäftigen und sie hindern würde, sich mit den im Schatten des Ufers zur Bucht rudernden Booten zu beschäftigen, während der günstige Wind den Schiffen der Gegner nicht gestattete, näher heranzulegen. Dennoch mußten auf die Dauer die Strömung und die Richtung der Brise die Schiffe der Montevideer in den Bereich ihrer Gegner bringen, und das war es, was der seemännische Blick des Commodore sogleich begriff und weshalb es ihm galt, dem Gefecht eine neue Wendung zu geben.

Da das Geschwader der Unitaristen mit der Strömung zugleich der Höhe zutrieb, dauerte es fast eine weitere halbe Stunde, ehe die Boote die am nächsten dem Ufer liegende Corvette erreichen konnten. Die Gefahr war während der Zeit nur gering gewesen, da die Richtung des feindlichen Feuers seewärts ging. Jetzt, als

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sie näher kamen, furchten einige Kugeln das Wasser um sie her, oder fielen in ihrer Nähe schadlos nieder.

»Fest an die Riemen, Männer,« befahl der Commodore, während er mit seinem Leibe den Körper seines Weibes deckte - »einige Schläge noch und wir sind unter'm Schutz der Corvette.« Nach wenigen Augenblicken lagen sie seitlangs des Schiffes. Ein Viva begrüßte den Commodore, der sich an dem Tau emporschwang und die jungfräuliche Frau aus den Armen des Mohren empfing.

»Sei gegrüßt, Aniella, in dem Hause Deines Gatten,« sagte er, indem er sie auf die Stirn küßte und auf das Deck niedersetzte. »Vielleicht gewährt es Dir nicht bessern Schutz, als das Dach, das Du verlassen - aber Deine sicherste Wohnung wird an der Brust Deines Mannes sein, und nie soll sie Dir fehlen, so lange ein Herz in ihr schlägt! - Freund Sacchi,« fuhr er fort, »nicht blos eine Tochter Montevideo's bringe ich zurück. Gott und die Jungfrau waren mit diesem Zuge, dem ich mein Glück verdanken sollte. Sie ist mein Weib, und ich bitte Dich, für diesen Schatz in dem sichersten Raum des Schiffes zu sorgen. Gehe mit ihm, Aniella, und nun, Burschen, die Raaen herum, und lassen Sie die Topgallantsegel ansetzen, Señor, denn wir müssen aus ihrer Leeseite vorüber und im Treiben mit ihnen die Breitseiten tauschen!«

Während der erste Lieutenant der Corvette den erhaltenen Befehlen Folge leistete, ertheilte der Commodore dem zweiten Offizier weitere Ordres, um sie an Bord der drei anderen Schiffe des kleinen Geschwaders zu bringen. Wenige Augenblicke darauf schoß das Boot davon und der Commodore wandte alle seine Aufmerksamkeit dem Feinde zu. Er stand auf den Hängematten der Puppe, an einem Tau sich festhaltend, und beobachtete mit dem Nachtfernrohr dte Gegner, während der Knabe François die Sporen von seinen Stiefeln lös'te.

Der erste Lieutenant war bereits wieder auf dem Verdeck und stand neben ihm.

»Es bleibt uns nichts übrig,« sagte der Commodore, »als während des Gefechts die Höhe zu gewinnen und hinüber zu legen nach dem Ufer von Uruguay. Die Fregatten sind uns zu

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stark und der Uebermacht zu weichen, ist keine Schande. Wir sind bessere Segler als sie und in zwei Stunden geht der Mond unter. Dann entkommen wir ihnen leicht.«

»Brown ist ein alter Seehund,« meinte der erste Lieutenant, »er wird sich nicht so leicht täuschen lassen und uns den Weg verlegen.«

»Wir müssen es darauf ankommen lassen. - Laß allein die Mannschaft der Steuerbord-Kanonen auf ihrem Posten bleiben und die Anderen sich zu Boden legen, wenn wir im Bereich ihres Feuers sind. Hochbootsmann - haltet Alles bereit zum Ausbessern der Segel und des Takelwerks. Zwei Strich mehr Backbord, Mann! - Die Goelette ist jetzt über den Segelbaum ihres letzten Schiffes hinaus, und auch die >Amarillis< gewinnt die Höhe. Jetzt, Sacchi, die Topsegel hinauf und den Klüver, wir müssen der >Santa Trinida Die bezeichnete Brigg trieb eben unter'm Lee der Fregatten vorüber, zwar in genügender Entfernung, aber doch nicht so weit, daß das Feuer derselben ihr nicht hatte Schaden thun sollen. Die Corvette, durch die Klüver immer weiter abtreibend, kam jetzt rasch vorwärts und fuhr in den Raum zwischen den Fregatten und der von diesen beschossenen Brigg.

Aber die Feinde hatten jetzt das Manöver erkannt und ein Berg von Segeln stieg auf den fünf Schiffen der Föderalisten empor, die jetzt gleichfalls der Landbrise genossen und vom Ufer abtrieben.

In der Zeit einer Viertelstunde befand sich die Corvette auf gleicher Steuerlinie mit der größern der beiden Fregatten, während die zweite die Brigg beschoß, deren Segel- und Stengenwerk bereits arg beschädigt schien.

»Jetzt, Männer, ist es Zeit! Laßt uns selbst den Tanz eröffnen. Feuer!«

Die zehn Kanonen der Steuerbordseite entluden ihre eisernen Boten, im Augenblick darauf prasselte die Antwort der Gegner durch das Takelwerk und riß Splitter aus dem Bollwerk. Einer der Matrosen im Vorderkastell wurde verwundet.

Der Vortheil, daß die Corvette nur mit den obersten Segeln trieb, zeigte sich in der geringen Beschädigung.

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»Sie schießen zu hoch, Sacchi,« lachte der Commodore, der noch immer auf der Hängematte stand. »Aber veramente! - Brown versteht sein Handwerk. Er hat mit Absicht den Schnabel gegen uns gekehrt, um uns seine beiden Lagen geben zu können. Richtig, jetzt wendet er und hier kommt seine Breitseite!«

Wiederum rasselten die Kugeln des Gegners über die Corvette her, die von dreien in's Holz getroffen wurde.

»Nun, Kinder, gebt's ihnen - zielt auf die Segel - es ist unsre Hoffnung!« Die gleichzeitige Entladung der Kanonen machte den zierlichen Bau bis in seinen Kiel erbeben und ein leichter Schrei des Commodore Herz erzittern, während eine zarte Hand hastig nach der seinen faßte. Mit einem Sprung war er von den Hängematten auf Deck. »Um der Heiligen willen, Señora? - was thun Sie hier? Aniella, mein Weib - was willst Du auf diesem gefährlichen Platz?«

»Es ist der meine! Glaubst Du, daß Aniella Crousa ihr Recht aufgeben wird, in ihrer Brautnacht an der Seite ihres Gatten zu sein? Bin ich darum Dein Weib, daß ich nur Dein Glück, nicht Deine Gefahren theilen sollte?«

Die junge Frau zitterte sichtlich - ihre Wange war todtenbleich, aber in ihrem schönen Auge lag ein so energischer Muth, eine so bestimmte Entschlossenheit, daß der Held des La Plata ihr nicht zu widerstreben vermochte.

»Arme Aniella - Dein hochzeitlich Lager umgiebt der Tod - Dein Brautgemach ist Blut und Pulverdampf!«

Sie sah stolz und zärtlich auf ihn. »Und glaubst Du, daß eine solche Brautnacht das Weib weniger glücklich macht, in der sie den Mann ihrer Wahl als Helden bewundern darf? Zu Deinen Füßen will ich sitzen und Tod und Schrecken trotzen, aber nicht feig dort unten bleiben, fern von Dir, in dieser Nacht, die uns Beiden gehört!«

Der Commodore drückte sie an sich und führte sie sanft unter den Schutz des Bollwerks, wo er sie niederließ. »Du hast Recht, Aniella, das Weib Giuseppe Garibaldi's gehört an seine Seite, wenn die Kugeln sausen! - Es ist Zeit, Kinder - alle Hände herauf zum Segelsetzen! Luv ab, Mann, und gebt's ihnen mit den Sterngeschützen, Señor!«

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Die Pfeife des Hochbootsmannes rief zum Segelansetzen, aus den Luken herauf, unter den Bollwerken hervor schwärmte die tapfere Mannschaft und warf sich in die Wanten, während unter des ersten Lieutenants und des Feuerwerkers Leitung die beiden langen Vierundzwanzigpfünder aus den Luken der Capitainskajüte das zur Verfolgung sich anschickende Admiralsschiff zu beschießen begannen.

Die Bäume der Corvette füllten sich mit dem weißen Linnen, das die Brise emporblähte, und wie ein Schwan schoß sie vorwärts zum Schutz der Brigg, die noch immer das Feuer der zweiten Fregatte aushielt.

»Diavolo! Warum setzt Salvadore nicht Segel an und macht sich aus dem Staube? Hinauf, Señor, in den Vormars, und sehen Sie, was mit der Santa Trinidad ist.«

Der Aspirant flog die Want hinauf - der Mondschein war noch so hell, daß er mit dem Glase leicht den Zustand der Brigg erkennen konnte - die Meldung lautete kläglich genug, das Feuer der zweiten Fregatte hatte die Brigg entsetzlich mitgenommen in ihrem Stengenwerk, so eben kam das große Giek herunter und das Schiff war ein hilfloses Wrack.

Ein Vivageschrei von der Kajüten-Batterie herauf milderte die schlimme Nachricht - ein glücklicher Schuß des Feuerwerkers hatte die Hauptstenge des Topmastes des jagenden Admiralsschiffs getroffen und mit dem ganzen Linnen- und Tauwerk herabgebracht, die Fregatte, ihrer Klüver beraubt, fiel sogleich ab - andere Schüsse mußten gleich schlimme Wirkungen gehabt haben, denn man sah das obere Segelwerk des Besan- und großen Mastes einziehen und das Schiff nur noch mit den unteren Segeln treiben.

»Jetzt, Männer, gilt es, dem Burschen dort die Zähne zu weisen, ehe sie den Schaden gebessert und wieder heraufkommen. Zwei Striche Steuerbord, Mann, und laß uns auf drei Kabellängen an ihr vorübergehen. - Sacchi soll das Feuer aus den Hinterdeck-Kanonen fortsetzen, so lange es möglich ist!«

»Die Santa Trinidad setzt ein Boot aus, Señor,« meldete der Aspirant vom Mastkorb. »Sie zeigt das Nothsignal.«

»Höll' und Teufel! - Salvadore wird sie doch nicht im Stich lassen, so lange eine Planke unter ihm hält!«

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»Das Signal wird wiederholt, Señor Commodore. Drei blaue Lichter unter'm Stern.«

»Das ist das Zeichen der höchsten Noth - sie müssen Kugeln zwischen Wind und Wasser haben und im Sinken sein. Den großen Kutter nieder und die Pinasse, wir müssen versuchen, unsere Brüder zu retten. - An die Geschütze, Männer, Kartätschen auf die Kugeln, und nicht eher Feuer, als bis Ihr das Kommando vernehmt!«

Während die Boote der Corvette in's Wasser sanken und sofort nach dem gefährdeten Schifft ruderten, kam der Segelbaum der Corvette bereits in gleiche Linie mit der zweiten Fregatte.

»Nieder auf den Boden, Aniella - soll ich die Todte in's Brautbett tragen?«

Die Breitseite der Fregatte krachte daher und schlug in den Rumpf, schwirrte durch die Luft, zerriß die Taue und zersplitterte die Bollwerke.

Der Commodore selbst stand am Ruder. »Braßt das Besansegel voll - jetzt, Männer, gebt's den Schurken! Feuer!« Die Breitseite der Corvette entlud sich durch das Manöver des kühnen Führers auf etwa zwei Kabellängen gegen die kleinere Fregatte. Der Befehl, Kartätschensäcke auf die Kugeln zu setzen, zeigte seine Folgen in dem wilden Geheul, das man von dem Bord des feindlichen Schiffes herüber hörte.

Die Corvette gewann dadurch Zeit, eine zweite Lage zu geben - als die Buenos-Ayrer erwiederten, war sie bereits über mehr als die Hälfte der Schußlinie hinaus.

»Wie ist's mit dem Stengenwerk und den Masten? - Wie viel Verwundete?«

Die Corvette, die nur um ein Geringes kleiner war, als die zweite Fregatte der Gegner, hatte vier Todte und fünf Verwundete von den beiden Lagen des Gegners - die Kreuzbramstenge war durchschossen, der große Mast von einer Vollkugel getroffen - der andere Schaden weniger bedeutend, ebenso im Rumpf.

Sogleich erscholl der Befehl, den großen Mast zu woolden, das heißt, mit vorläufigen Stützen zu sichern, während der Fockmast sich bereits mit allen Segeln und Beisatzsegeln bedeckte, die er zu tragen vermochte.

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Die Itaparika war jetzt auch der zweiten Fregatte voraus und unterhielt das Feuer gegen die beiden furchtbaren Gegner nur noch mit ihren Hinterdeck-Kanonen. Die Boote hatten die Brigg erreicht und kehrten bereits mit Mannschaft gefüllt zurück, indem sie den Segelstrich der Corvette zu kreuzen sich beeilten. Die Brigg und die Goelette hatten das Gefecht aufgegeben und standen unter vollem Segeldruck hinaus auf die Höhe, verfolgt von ihren Gegnern, die jedoch die Annäherung der Corvette in respektvoller Entfernung hielt. Dagegen begann die zweite Fregatte der Feinde jetzt unter'm Vortheil des Windes die Jagd, und das große Schiff des Admirals schien bereits genügend Schaden gebessert zu haben und begann gleichfalls heraufzukommen.

Der Commodore wußte recht gut, daß gegen diese Uebermacht ihn nur die schleunige Flucht retten konnte, und daß auch da noch die Chancen sehr zweifelhaft waren, wenn nicht irgend ein glücklicher Zufall ihm zu Hilfe kam.

Dennoch widerstrebte es seinem energischen und kühnen Geist, vor dem Feinde zu fliehen und ihm den Sieg zu lassen.

Er schritt hastig, unruhig auf dem Hinterdeck umher, während seine Befehle ausgeführt wurden und die ganze Mannschaft eifrig an der Ausbesserung oder den Geschützen beschäftigt war. Von Zeit zu Zeit wandte sich sein sorgenschwerer Blick von den Segeln der Verfolger und dem eigenen Mastwerk nach der Stelle, wo die junge Frau in der Nahe des Steuers saß, unbekümmert um Schlacht und Gefahr, einzig die Augen auf ihn gewandt, während La-Muerte, der treue Schwarze, wie ein riesiger Hund unfern von ihr auf dem Deck kauerte.

Die Boote der Corvette und der Brigg waren jetzt heran, ein Jubelgeschrei der Mannschaft begrüßte die Geretteten, die sich an den Tauen emporschwangen.

Der erste Lieutenant der Brigg, ein junger Mann aus einer der reichsten Familien Montevideo's, sprang die Stufen zum Hinterdeck empor und salutirte vor dem Commodore. Sein rechter Arm hing in einem blutigen Tuch. »An Bord gekommen, Señor! zwei Offiziere, fünfunddreißig Mann in den Booten. Sie danken Eurer Excellenza für ihre Rettung.«

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»Aber Don Salvadore, wo ist der Capitain? wie steht es um die Brigg?«

»Don Salvadore wurde das Knie von der fallenden Bramstenge zerschmettert, er weigerte sich bis zum letzten Augenblick, uns zu begleiten - zwei Kugeln trafen die Brigg unter der Wasserlinie, sie ist rettungslos verloren, auch wenn unser Stengenwerk nicht gänzlich unbrauchbar geworden.«

»Wie, Señor, und Sie konnten Ihren Commandeur verlassen?«

Das vom Blutverlust bleiche Gesicht des jungen Offiziers überflog eine helle Rothe. »Señor Commodore,« sagte er gekränkt, »Sie selbst haben uns gelehrt, was Subordination ist. Wolle es Ihnen gefallen, Ihr Glas nach der Brigg zu richten!«

Garibaldi that es. »Ich sehe einen Mann in den Wanten des Vordermastes! Er schwingt die Flagge als Nothzeichen - Señor - Sie - «

»Jener Mann ist Capitain Salvadore,« unterbrach ihn der Lieutenant. »Sein letzter Befehl war, ihn dort festzubinden, damit er bis zum letzten Augenblick die glorreichen Wimpel seines Vaterlandes vor Augen habe.«

»Um der Heiligen willen - die Brigg schwankt - sie sinkt!«

»Señor Commodore,« sagte der verwundete Offizier, »auf den Befehl jenes Mannes sind wir hier, weil er glaubte, daß wir der Sache der Freiheit mehr nützen könnten - sonst würde kein Mann von ihm gewichen sein. Jetzt erlauben Sie wenigstens, daß wir einem Tapfern den letzten Gruß bringen!«

Und ohne die Einwilligung des Commodore abzuwarten, schwang er sich mit dem unverletzten Arm in das Takelwerk, nahm seine Kappe und schwenkte sie durch die Luft.

Im Augenblick war die an Bord der Itaparika gerettete Mannschaft der Brigg seinem Beispiel gefolgt und stand in den Wantungen, auf den Bollwerken und in den Böten.

Die Brigg schwankte - deutlich sichtbar im Mondenschein - wie ein Trunkener - mit scharfem Auge sah man die dunkle Gestalt im Takelwerk die Flagge schwingen.

»An die Geschütze am Backbord! - Fertig zum Feuern!«

Aniella kniete neben dem Commodore, der, das Sprachrohr

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in der Hand, das Auge ernst und schwer auf die Brigg gerichtet hielt, während ihr Gebet zum Himmel stieg.

»Sie sinkt - sie sinkt - !«

»Fahre wohl, Kamerad - Du stirbst für die Freiheit Deines Landes - möge es mir einst auch so gut werden auf italischer Erde - ein Hurrah, Kameraden, und die Salve über sein weites Grab!«

Und »Vive la libertad! Vive Montevideo!« klang es aus zweihundert Kehlen und mischte sich in den Donner der Breitseite.

Als der Pulverdampf von der frischenden Brise vorübergetrieben wurde, suchten die Augen die Santa Trinidad - die Brigg war verschwunden, das weite Wasser ihr Grab.

Von den feindlichen Schiffen her klang es wie ein höhnendes Echo des Abschiedsrufs in fernem Triumphgeschrei - auch dort ja mußte man das Sinken der Brigg gesehen haben, und was für den Einen Schmerz, war für den Andern der Sieg!

»An die Taue, Männer! Hißt die Kreuzbramsegel! Hinauf mit jedem Linnen, was die Spieren tragen mögen!«

Mit der Gleichgültigkeit gegen den Tod und das Geschehene, die ein Hauptzug im Charakter der Seeleute ist und sie dem sterbenden Kameraden die aufopferndste Theilnahme widmen, dem Gefallenen aber nicht nutzlose Trauer folgen läßt, warf sich die Mannschaft jetzt, unterstützt durch die Besatzung der Trinidad, auf's Neue an die Arbeit. Die Ausbesserung des Schadens war, so weit thunlich, vollendet, Nothsegel waren an den Besanmast gesetzt und die Corvette segelte mit aller möglichen Schnelle, auf den Schutz der bald eintretenden Dunkelheit vertrauend, weiter, um dem übermächtigen Feinde zu entkommen.

Aber dieser war kein unkundiger und zu verachtender Gegner, Admiral Brown vielmehr ein gewiegter und erfahrener Seemann, dem nur ein so junges und thätiges Genie, wie das des italienischen Condottieri, so lange den Sieg hatte streitig machen können. Brown, ein Engländer von Geburt, war überdies in diesem Augenblick auf's Höchste entrüstet, daß es seinem kühnen Gegner auf's Neue gelungen war, ihn zu täuschen, und er fühlte, daß er Alles aufbieten müsse, die Scharte auszuwetzen. Die Nachtsignale flogen an den Signalleinen empor, und die Schifft des Geschwaders von

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Buenos-Ayres begannen sich den Befehlen zufolge auszubreiten und einen weiten Halbkreis zu bilden, in den sie die Verfolgten einschlossen.

In der Mitte dieses Halbkreises segelten die beiden Fregatten - das Admiralschiff mit aufgesetzten Nothstengen, aber vollkommen wieder seetüchtig und fast ein so guter Segler wie die Corvette.

Der Mond war untergegangen, aber bei dem klaren durchsichtigen Dunkel der Aprilnacht und der Nähe der Gegner war es leicht, die Fliehenden im Auge zu behalten.

Der Commodore Garibaldi erkannte nach einer Stunde des Manövrirens, daß es vergeblich sei, den Gegner täuschen zu wollen.

Er schritt finster auf dem Hinterdeck auf und nieder, von Zeit zu Zeit das Hängemattengitter ersteigend und mit seinem Fernrohr den Horizont durchforschend.

Die Brise war stetig und frisch, aber da die Schiffe der Montevideer jetzt unterm Winde fuhren, war sie den Jagenden günstiger, als den Gejagten.

Plötzlich blieb der Commodore stehen. »Lassen Sie den Hochbootsmann Benito kommen.«

Der Ruf ging bis zum Vorderdeck und gleich darauf erschien ein alter wettergebräunter Matrose von langer magerer Gestalt. Das Gesicht mit der gebogenen Eulennase sah aus, wie der Todtenkopf eines Geiers der Cordilleren, so fest klebte die braune Haut auf den Knochen.

»Du hast am längsten von uns' Allen den La Plata befahren, Benito?«

»Seit fünfunddreißig Jahren, Señor Commodore, aber, Valga me Dios! nie unter einem bessern Capitain!«

Der Commodore nickte ihm freundlich. »Ich weiß, daß Du Vertrauen zu mir hast, Alter, und deswegen wend' ich mich an Deine Erfahrung. Wann denkst Du, daß wir die Küste von Uruguay erreichen mögen?«

»Eine Stunde vor Tagesanbruch, Señor.«

»Und kennst Du an diesem Theile des Ufers eine Zufluchtsstätte, an der wir uns gegen Jene dort wehren können?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Sie wissen so gut wie ich, Señor Commodore, daß die Föderalos - Gott und die Heiligen

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mögen die Hunde vernichten! - uns den Rückweg nach Siriano verlegt haben. Die Küste ist flach bei Rosario, daß man sie nicht zu Augen bekommt, bis der Kiel auf den Grund stößt.«

»So ist Deine Meinung, daß wir ihnen nicht mehr entrinnen können?«

»So ist es, Señor Commodore!«

»Aber es ist unmöglich, mit unseren drei Schiffen den Kampf gegen die Uebermacht zu bestehen.«

»Ich weiß es!«

»Und was rächst Du?«

»Wenn wir nicht mehr kämpfen können, Señor Commodore, giebt es die Pulverkammern.«

Der Befehlende schwieg einige Augenblicke. Dann sagte er ruhig: »Du hast Recht. Laß die Leute um den großen Mast zusammentreten, ich habe ihnen einige Worte zu sagen!«

»Si, si!« Der Alte schwenkte sich auf dem Absatz um, setzte seine Pfeife an die Lippen und gab das Signal: »Alle Mann herauf.«

Alsbald schwieg das bisher in den Zwischenräumen unterhaltene Feuer der Sterngeschütze und die Mannschaft kam aus den Luken herauf, aus dem Takelwerk nieder, und sammelte sich um den Mast. Nur die Steuerleute und die nöthigen Wachen blieben auf ihren Posten.

Der erste Lieutenant hatte die Batterie verlassen, die Offiziere sammelten sich um ihren Befehlshaber auf dem Hinterdeck.

»Gieb der >Concepcion< und der >Amarillis< das Signal, dicht heran zu legen, Señor Teniente!«52

Der erste Lieutenant gab den Befehl weiter, zwei blaue Lichter stiegen in den Nachthimmel empor, denen sofort das Signal der Laternen folgte.

Das Gemurmel der Mannschaft schwieg, als der Commodore auf die Stufen trat, die vom Mittelschiff zum Hinterdeck führen, und von denen aus er die dicht gedrängte Menge übersehen konnte. Dicht hinter ihm stand die junge Frau, umgeben von den Offizieren des Schiffes.

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»Wer zu weit entfernt ist,« sagte der Commodore, »um meine Worte genau zu hören, möge in das Takelwerk steigen, denn es ist nöthig, daß jeder Mann an Bord sie vernehme.«

Einen Augenblick dauerte das Geräusch, dann folgte wieder eine allgemeine Stille - man hörte nur das Knarren der Stengen und Spieren, das Anschlagen der Taue, wie der Wind durch das Segelwerk rauschte.

»Männer der Itaparika und der Santa Trinidad,« klang die ruhige sonore Stimme des Führers, »es sind nun drei Jahre, daß ich dies Deck als Euer Führer beschreite und die Schiffe der Republik gegen den überlegenen Feind geführt habe. Ihr selbst mögt mir das Zeugniß geben, ob ich je vor einer Gefahr zurückgewichen, wo es galt, die grün-blaue Flagge zu Ehren zu bringen und ihr Achtung zu verschaffen bei Freund und Feind!«

Ein beifälliges Gemurmel, das mit dem enthusiastischen Ruf: »Vive Garibaldi! Vive la libertad!« endete, beantwortete diesen Aufruf.

»Kameraden,« sagte der tapfere Condottieri, »ich danke Euch für das Zeugniß. Was ein Führer mit Tapferen, wie Ihr, zu thun vermag, haben wir der Welt bewiesen[.] - Eines aber bleibt uns noch übrig, das ist: für die Sache, der wir uns gewidmet, zu sterben, wie wir für sie gelebt haben! Flucht ist unmöglich, ich bin entschlossen, den Kampf mit jenen vier Schiffen aufzunehmen, aber selbst den Heroen haben die Götter ihre Grenzen gesteckt - den Sieg zu hoffen, wäre Wahnsinn - doch weder unsere Leiber, noch eine Planke dieser Schiffe dürfen in die Hände des Mörders Rosas und seiner Schergen fallen. Frei wollen wir sterben, wie wir gelebt, laßt uns kämpfen bis zum letzten Mann, und der Letzte möge die Lunte in die Pulverkammer werfen, damit kein Föderalo sagen kann, er habe Männer, wie uns, besiegt! Das, Kameraden, war's, was ich Euch sagen, wozu ich die Einwilligung freier Männer wollte!«

»Zum Tode! zum Tode! Vive el Comodore! Vive la lidertad! Zum Kampf! zum Kampf!« Ein einziger Schrei schien aus dieser Schaar von Tapferen emporzudonnern zum Nachthimmel. Die Tomahawks, die Säbel, die Enterpiken wurden in wahnsinniger Erregung durch die Luft geschwungen, die

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Männer umarmten sich und schworen in wilder Begeisterung, bis zum letzten Athemzug mit ihrem tapfern Führer zu kämpfen.

Der Commodore erhob die Hand, Ruhe gebietend; wie auf einen Zauberschlag legte sich der Sturm, denn Jeder begriff, daß der Befehl des Führers jetzt den strengsten Gehorsam forderte.

»Señor Teniente,« scholl der Befehl, »laß zwei Boote aussetzen. Unsere Kameraden auf der Concepcion und der Amaryllis müssen von unserm Beschluß in Kenntniß gesetzt werden!«

Lieutenant Sacchi legte die Hand an den Hut und wandte sich zu dem Hochbootsmann, den Befehl zu wiederholen.

Aber ehe er noch die Lippen geöffnet, wurde er durch den lauten gebieterischen Ruf: »Haltet ein!« unterbrochen.

Der Ruf kam aus einem Frauenmund. Auf der Treppe des Hinterdecks, an der Seite ihres Gatten und diesen zurückdrängend, stand Aniella Crousa, bleich, aber Entschlossenheit, Begeisterung in dem funkelden Auge.

»Montevideer - Söhne und Freunde meines Landes! auch ich, das Weib Eures Führers, habe Worte an Euch zu richten!«

Die wilden Gesellen, die Gefahren der Schlacht und des Sturmes, des Donners der Geschütze und des Himmels gewohnt, lauschten erstaunt dem Wohlklang dieser Frauenstimme. Der Commodore neigte den Kopf zum Zeichen seiner Einwilligung und kreuzte die Arme, den ernsten Blick mit einem Ausdruck von Theilnahme und Zärtlichkeit auf sein junges Weib gerichtet, gleich als sei auch er begierig, zu hören, was sie sagen werde.

»Freunde und Brüder,« fuhr die junge Frau fort, »Ihr habt Euch mit diesem Manne in die Gefahr gestürzt, um mich zu retten vor einem Bunde, der das Zeichen der Schmach auf die Stirn der Tochter Montevideo's gedrückt hätte. Darum - wie mein Leben Euch gehört - gehört das Eure mir; ich, die Tochter des Landes, für das Ihr kämpft, ich sage Euch: ein tapferer Tod ist erhaben, aber Euer Leben ist kostbarer für die Sache der Freiheit, als Euer Tod, und darum dürfen die Kämpfer Montevideo's nicht verzweifeln, sie müssen leben und weiter kämpfen!«

Ein tiefes Schweigen antwortete den leidenschaftlichen Worten der jungen Frau, denn die Meisten fühlten darin nicht blos die

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Begeisterung für die Sache, sondern auch den Wunsch, das Leben des geliebten Mannes zu retten.

»Ich habe von Dir gehört, als ich kaum dem Kindesalter entwuchs,« fuhr die Montevideerin fort, indem sie sich an ihren Gatten selbst wandte, »Du bist kein Sohn dieses Landes, sondern hierher gekommen von weit über dem Meer her, um Freiheit zu suchen, aus einem Lande, auf dem noch schwerer als auf uns die Hand der Tyrannei lastet. Diese Männer, die Du um Dich gesammelt, sind zum Theil Deine Landsleute, vertrieben wie Du, hoffend wie Du. Habt Ihr vergessen, daß das eigene Vaterland einst die Söhne wieder rufen kann, wenn die Stunde seiner Freiheit geschlagen, die Söhne, die seitdem ihren Arm gestählt im Kampf für die Freiheit eines fernen Landes? - Noch kenne ich die innersten Gedanken Deines Herzens nicht, José Garibaldi, mein Gatte, aber Aniella Crousa schließt von dem ihren auf das Deine, und sie weiß, daß die Freiheit des Vaterlandes der höchste Wunsch eines Lebens, wie das Deine, sein muß!«

Der Teniente Sacchi schwang den Hut. »Bei der versunkenen Herrlichkeit Roms - die Señora hat Recht! Viva Italia!«

Und »Viva Italia!« jubelte es aus fünfzig Kehlen.

Der Commodore trat zu der jungen Frau und reichte ihr die Hand. »Du hast eine tönende Saite in meinem Herzen berührt, Aniella,« sagte er. »Aber die Ehre Giuseppe Garibaldi's ist der Republik Uruguay verpfändet, und da er das Schild, das sie ihm anvertraut, nicht zurückbringen kann, darf er selbst nur auf dem Schilde zurückkehren.«

»Die Republik von Uruguay,« rief die junge Frau, »kann ein neues Geschwader bauen - sie nehme meine ganze Habe, wenn sie deren bedarf! - aber das Leben der Helden, die für sie kämpfen, vermöchte sie mit all' ihrem Golde nicht zurückzukaufen!«

»Und was will Aniella, das wir thun?«

»Euer Leben dem fernern Kampfe Montevideo's und Deinem eigenen Vaterlande bewahren. Nicht in der Kraft zum Sterben zeigt sich der wahre Muth, sondern in der Kraft zum Kämpfen.«

»Diese Planken, unser Kampfplatz, werden in einer Stunde zersplittert sein.«

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»So suche Dir einen andern!«

»Mein Handwerk ist das des Seemannes. Das Meer war die freie Heimath des Knaben!«

»Wenn das Meer undankbar ist gegen seinen Sohn, so vertraue dem Lande und lerne auf ihm fechten! Du wirst es vielleicht einst mir danken.«

»Was willst Du, das ich thun soll?«

»Kämpfet - und wenn der Augenblick gekommen und Ihr Jenen so viel Schaden als möglich gethan, so verbrennt diese Schiffe und werft Euch an's Land. Ich sah Dich im Kampfe mit den Gauchos, und Du warst ein Held dort, wie Du ein Held auf dem Meere bist. Wohlan, mein Held, wirf Dich mit Deinen Tapferen in die Pampas, und Aniella Crousa wird Dich den Kampf der Wüsten ihrer Heimath lehren!«

»Vive la libertad! In die Pampas! in die Pampas!« jubelten die Eingeborenen der Mannschaft.

»Bei der heiligen Jungfrau,« sagte der Commodore, »der Rath dieser Frau ist gut. Was meinst Du, Sacchi?«

»Ich meine, Commodore, die Worte Deines Weibes machen Männer wie wir, erröthen über den feigen Entschluß, zu sterben. Unser Leben gehört Italien - es ist gleich, ob wir bis dahin auf den Planken eines Schiffes oder in den Savannen kämpfen, wenn es für die Freiheit geschieht!«

»Du hast Recht! Wohlan denn, Kameraden, der Morgen finde uns auf dem Wege in die Pampas, diese Nacht aber gehöre unseren Feinden auf dem Wasser, und, bei dem Andenken meiner Mutter! ich will mir eine Hochzeitsfackel anzünden, daß sie bis auf das Mark ihrer Knochen brennen soll!«

Ein neues Leben, eine wahrhaft furchtbare Energie schien mit dem Entschluß auf den Condottieri gekommen zu sein. Befehl folgte auf Befehl, kurz und ohne Zögern. Zwei Offiziere flogen in den leichten Booten zu den sich nähernden beiden Schiffen, während alle drei dabei unverändert ihren Cours nach der Küste nahmen. Die Mannschaft erhielt Ordre, ihre werthvollsten Sachen in die Boote zu bringen, doch so, daß die freie Bewegung darin nicht gehindert ward. Jeder Matrose und Seesoldat wurde mit Pistolen, Tomahawk oder Säbel, und Gewehr oder Pike

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bewaffnet, reichliche Munition vertheilt und ein so großer Vorrath als möglich davon in die Boote geschafft. Die Kanonen des Backbords wurden entladen, die Karonaden des Verdecks bis an die Mündung mit Kartätschen und Flintenkugeln gefüllt und aus den Steuerbordluken gerichtet. Dann häufte man auf dem obern und untern Deck um die Masten Massen von feuerfangenden Stoffen und legte Zündlinien nach allen Theilen des Schiffes.

Die Brigg und die Goelette hatten bereits so nahe herangelegt, daß mit dem Sprachrohr die Verständigung erfolgen konnte. Der Kommodore befahl jetzt, mit den langen Sterngeschützen das Feuer auf die verfolgende Flotille wieder zu beginnen. Er selbst hatte in der Kajüte Gold und Papiere zu sich gesteckt und trug im Gürtel die mit Silber ausgelegten Pistolen, ein Geschenk des Bey von Tunis, an seiner Seite einen kostbaren maurischen Säbel mit echter Damascener-Klinge, den er mit eigener Hand im Gefecht einem berühmten Häuptling von Ziban abgenommen, als er in tunesischen Diensten stand. Aehnliche leichtere Waffen hatte er seiner Gattin gegeben.

Zwei Mann standen in den Ketten des Vorderschiffs und warfen fortwährend das Loth aus, die sich rasch verflachende Tiefe zu messen.

Der Gang der Schiffe wurde jetzt durch das Einziehen mehrerer Segel gemäßigt, nach Verlauf einer halben Stunde waren die feindlichen Fregatten so nahe herangekommen, daß sie ihr Feuer aus den Breitseiten beginnen konnten.

Die Boote am Backbord wurden nunmehr mit aller Mannschaft besetzt, die nicht zur Bedienung der Kanonen nöthig war. Aniella weigerte sich jedoch standhaft, ihren Platz an der Seite des Gatten zu verlassen und sich in die vor den Kugeln der Fregatten gesicherten Boote zu flüchten. La-Muerte und der Commodore bemühten sich, sie mit ihren eigenen Leibern zu decken.

Die Morgennebel, der Sonne vorausgehend und unter diesem Himmelsstrich die köstliche Dämmerung der mittleren Breiten ersetzend, bedeckten jetzt das Wasser und hüllten die Schiffe bis zu den Mastspitzen ein. Wie zum Hohn der Feinde befahl der Commodore Garibaldi, sofort am Bogspriet und Hintermast Laternen auszuhängen, deren Licht wie rothe Sterne durch die Nebel

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glühte - dem Feinde das Ziel seiner Lagen andeutend. Die drei Schiffe der Montevideer trieben so dicht aneinander geschlossen, daß der Klüverbaum des einen fast in die Sternfenster des andern stieß.

Da unter solchen Umständen der Feind auch nur aus seinen Backbord-Kanonen feuern konnte, erfolgten die Breitseiten in regelmäßigen Pausen und die sprühenden Blitze durchbrachen gleich breiten Feuerströmen die Nebelwand. Die Verwüstung am Bord der Schiffe von Uruguay war furchtbar und stieg mit jedem Augenblick, je näher die Fregatten der Gegner herankamen. Da diese aber von höherem Bord waren, blieben zum Glück die Lagen derselben gegen das Mast- und Takelwerk gerichtet, während die Kugeln der Itaparika in das Holz ihrer Feinde trafen.

»Fünf Fuß!« meldete der Mann in den Ketten.

»In fünf Minuten werden wir aufstoßen,« sagte der Commodore. »Der große Mast kann sich nicht halten. Gieb Befehl, Sacchi, daß die Boote zurücklegen, bis er gefallen, und laß die Schiffe von Schnabel zu Stern durch Ketten verbinden!«

Die Befehle wurden rasch ausgeführt, gewandte Matrosen schwangen sich von den Klüverbäumen nach dem Stern der Vorderschiffe und schlugen ihre Enterhaken ein, so daß bald die Amaryllis und die Concepcion zu einer festen Linie mit der Itaparika verbunden waren und nicht weiter abtreiben konnten.

Ein leises Aufscharren, dann ein stärkerer Stoß belehrte die Mannschaft der Corvette, daß ihr Schiff festsaß; eine Kugel, die in diesem Moment den verletzten schwankenden Mast traf, brachte ihn zu Falle, und er brach mit seinem ganzen Segelwerk über Backbord.

»Kappt die Taue - klar das Wrack!« donnerte die Stimme des Commodore durch das Sprachrohr. Ein Triumphgeschrei der Gegner antwortete dem Befehl, so nahe war das Admiralschiff bereits der Linie.

Der Commodore warf das Sprachrohr fort. »Sie gehen in die Falle,« sagte er mit heiterm Lachen. »Brown merkt den Streich nicht, den wir ihm spielen - seine Fregatte geht um zwei Fuß tiefer im Wasser, als die Itaparika, und wenn er die Spitzen unserer Spieren berührt, wird er festsitzen, ohne unsern

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Bord erreichen zu können. Jetzt, Männer, ist es Zeit! Die Enterer hinauf mit den Haken auf die Raaen und ein Jeder an seinen Posten!«

Eine volle gewaltige Lage der Gegner rasselte in der Entfernung von kaum fünf Faden durch das Takelwerk und in das Holz, - dann, da keine Breitseite der Itaparika mehr das Feuer erwiederte, sah man durch den Nebel einen Berg von Segeln und Masten sich heranwälzen und näher und näher kommen.

Der Commodore warf einen Blick um sich, wie sich zu überzeugen, daß Alles auf dem angewiesenen Posten, dann winkte er dem Mohren durch ein Zeichen seiner Brauen.

La-Muerte stürzte sich auf die Gebieterin, hob sie trotz ihres Sträubens empor und trug sie über das Fallreep des Backbords in den wieder herangelegten Kutter.

In diesem Augenblick begegneten sich die äußersten Spitzen der Spieren beider Schiffe. Das Takelwerk der Fregatte, ihre Bollwerke und ihr Hinterdeck waren dicht gedrängt mit Enterern gefüllt, bereit, auf das kleinere Schiff herabzustürzen.

Ein gellender Pfiff ertönte.

Wie durch einen Zauber hervorgerufen, erhoben sich auf den Raaen, wo sie bisher der Länge nach ausgestreckt gelegen, Matrosen, [Matrosen] huschten, an den Tauen sich haltend, entlang bis an die äußersten Enden und schleuderten mit der Geschicklichkeit der Pampasbewohner ihre Enterhaken und Fallleinen.

Zugleich sah man das größere Schiff, dessen Bord sich noch in der Entfernung von etwa fünf Ellen von dem der Itaparika befand, bis in die Spitzen seiner Masten erbeben. Die Fregatte hatte auf den Grund gestoßen.

Der Commodore Garibaldi schwang sich auf die Hängemattengitter der Puppe. »Hasta la vista, Señnor Almirante!53 Viva la libertad!« Seine Pistolen knallten gegen die dicht geschaarte Menge, die eine der Kugeln streifte des Admirals rechte Wange und auf das Signal antwortete eine furchtbare Breitseite der hochgerichteten und bis an die Mündung mit Kartätschen geladenen Karonaden der Corvette mit einer Salve der Flinten und

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Pistolen der Mannschaft, deren verhöhnendes Vivageschrei sich in den Donner der zerschmetternden vernichtenden Lage mischte.

Als sich die Föderalisten von der Verwirrung, von dem entsetzlichen Blutbade, das die so wohl berechnete, in solcher Nähe abgefeuerte Lage unter ihnen angerichtet hatte, erholten, und mit Wuthgeschrei in das Takelwerk emporklimmten, um von hier sich auf das ihnen vom Deck unerreichbare Schiff zu stürzen, war die Itaparika leer - kein Mann weder im Takelwerk, noch auf dem mit Blutspuren und Todten besäeten Deck zu sehen.

Die Ersten der Enterer stürzten an das Bollwerk des Backbords - durch den Schleier des Nebels sahen sie dunkle Massen auf der Fläche des Stromes dem Ufer zu sich bewegen, die Boote der Unitaristen. Ein jubelndes Hohngeschrei drang gellend herüber und mischte sich mit den Verwünschungen und den Pistolenschüssen der Betrogenen.

Aber aus den offenen Luken des Schiffes, aus den Stückpforten und Kajütenfenstern stieg ein dichter Qualm hervor, dichter, stickender, als der weiße wallende Morgennebel. Von dem Stumpf des großen Mastes her wirbelte es auf, erst schwarz und schwer, dann in züngelnden hellen Flammen, die an dem Holz und den theergetränkten Tauen emporliefen und über die Wantungen und die Segel züngelten.

Der dem Seemann so furchtbare Ruf: »Incendio! Incendio!« erklang von allen Seiten. Die Befehle der Offiziere, das Geschrei der Mannschaft steigerte die Verwirrung, Boote wurden ausgesetzt, um die Fregatte zurückzuschleppen, mit rasender Anstrengung arbeiteten in dem Tauwerk die Matrosen von Buenos-Ayres, um das Schiff frei zu machen von den verderblichen Verknotungen.

Mit Wuth im Herzen schaute der Admiral von seinem Deck auf die drohende Gefahr, die Nägel in die zuckende Brust gegraben, hörte er die Rapporte der Offiziere, welche die Meldungen brachten. Von seiner Stellung aus konnte er sehen, wie drei machtige Rauchsäulen aus diesem weißen Nebelmeer emporstiegen in den Morgenhimmel, durchzuckt von lichten Flammen, die gleich elektrischen Funken an den Masten in die Höhe liefen. Die zweite

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Fregatte und die Brigantine befanden sich fast in derselben gefährlichen Lage, wie sein eigenes Schiff.

Dann plötzlich ein gewaltiges Krachen, ein Strom von Feuer, schwarzem Rauch und Trümmern, breit hinauf gen Himmel!

»Los! Leute, los! Es gilt Euer Leben!« Die wenigen noch unverwundeten Offiziere sprangen selbst mit den Beilen zum Kappen in die Wantungen - mit gewaltigem Ruck löste sich die Fregatte aus der verhängnißvollen Umschlingung und gehorchte wieder ihrem Steuer. -


Das Licht des Tages stieg im Osten empor. An der sandigen flachen Küste stand in wirren Gruppen die Mannschaft der drei Schiffe, mit den Verwundeten und dem Ausladen der Boote beschäftigt, oder auf ihre Waffen gestützt, hinausschauend auf die weite Fläche des meerähnlichen Stromes.

Der Morgenwind zerstreute die Nebel, wie der einfallende Wolf die Heerde der Lämmer. Die Wracks der Corvette und der Amaryllis waren bis zum Wasserspiegel niedergebrannt und schwarzer Rauch wälzte sich von ihnen empor, die Trümmer der Concepcion, deren Pulverkammer zeitig genug das Feuer erreicht, treiben auf dem Wasser, die Flammen der Explosion hatten sich der Brigantine der Föderalisten mitgetheilt, und hoch auf wirbelte die Feuersäule an Tauwerk und Masten, während die Mannschaft sich in die Boote flüchtete.

Das Admiralschiff hatte weit genug zurückgelegt, um außer der dringendsten Gefahr zu sein, aber die Verwüstung an seinem Stengen- und Takelwerk war furchtbar - das Schiff nicht viel besser als ein Wrack. Nur die zweite Fregatte der Föderalisten war mit verhältnißmäßig geringer Beschädigung davon gekommen und besserte bereits eifrig Havarie.

Im Kreise der von Pulverdampf und Blut bedeckten Männer kniete die junge Frau in heißem dankenden Gebet für die Rettung des Gatten, der, an ihrer Seite stehend, die Arme über die schwer athmende Brust gekreuzt, hinausschaute auf die rauchenden Trümmer, die versinkenden Zeugen seines Ruhms und seiner Thaten. Ein Schiffer ohne Schiffe - ein Führer ohne Heer - ! nur die

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wenigen Getreuen um ihn und die gewaltige Kraft in der eigenen Brust waren ihm geblieben. Plötzlich fuhr er empor aus dem schweren Starren - sein Auge suchte im Kreise umher und winkte dem Knaben François, dessen Stirn von einer breiten Hautwunde zerrissen war, - sein Finger deutete hinaus auf das Wasser, wo in den Wellen der leichten Brandung ein Gegenstand auf und nieder trieb.

Einen Blick warf der Knabe dahin, dann war er in drei Sprüngen im Wasser und tauchte wie eine Möwe in die Fluth. Wenige Augenblicke darauf hatte er den treibenden Gegenstand erreicht, seine Hand erfaßte ihn und schwang ihn hoch über dem Haupt.

Ein Jubelruf der Tapferen antwortete ihm - es war der Flaggenstock der Itaparika mit dem grün-blauen Wimpel von Montevideo, auf welchen vergoldend die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen.

Und die ersten Strahlen der Sonne, aus dem Weltmeer emporsteigend, fielen auf den tapfern Besiegten - aber sie fielen auf einen freien Mann! -

Auf nach den Pampas! -

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Der Gefangene von Ham.

Eine flache sumpfige Gegend - nach allen Seiten die endlosen Ebenen an der Somme mit dem unbestimmten charakterlosen Horizont. Auf den feuchten sumpfigen Feldern und Wiesen hier und dort einzelne elende Bäume - das ist die Gegend, in die wir, vier Jahre überspringend, den Leser führen müssen.

Es ist der 25. Mai 1846. Die Sonne hat über die fernen Ardennen her sich erhoben und sendet ihre milden freundlichen Strahlen über die öde Gegend, die selbst der köstliche Wonnemond nicht heiterer, freundlicher machen kann.

Aus diesem Morast und Schilf, welche die Ufer des trägen Flusses bilden, erhebt sich eine dunkle rothbraune Masse von riesigen Thürmen und öden Wällen. Vier Jahrhunderte haben diese Mauern gedunkelt, seit der tapfere Graf von St. Pol sie zur Vertheidigung der Picardie erbaut. Ein langes Rechteck mit gewaltigen Cylinderthürmen an den Ecken, von denen der Thurm des Cormetable im nordwestlichen Winkel noch seinen antiken Charakter bewahrt hat, während die anderen Wälle und Mauern roh und kahl geworden, als scheue sich selbst der wuchernde Epheu, an ihnen emporzuranken.

Die ungeheuren Fenster, welche durch die dicken Mauern der Thürme Licht und Luft geben sollen, sind vermauert, die kleinen Oeffnungen, die man gelassen, schwer mit Eisen vergittert.

Auf dem westlichen Wall, von dessen Höhe man die Aussicht auf ein kleines morastumgebenes Städtchen von alterthümlicher Bauart hat, erhebt sich hundert Fuß hoch die viereckige Masse des Eingangsthurmes mit ihren sechsunddreißig Fuß dicken

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Mauern, durch welche die schmale Eingangsthür von der Zugbrücke her gebrochen ist, der einzige Zugang dieses traurigen Sarges für Lebendige.

Denn ein solcher ist es - ein einziger Blick auf diese öde Umgebung, auf diese finsteren Mauern lehrt, daß hier nur eine jener traurigen Anstalten sein kann, welche dem Vogel die Schwingen, dem Menschen das von Gott gegebene Recht der freien Bewegung rauben - ein Gefängniß.

Und so ist es! In jenen Mauern wohnten fünf Jahre jene Männer des Unheils für die weißen Lilien Frankreichs: Polignac, Chantelanze, Peyronnet und Guernont-Ranville; - in diesem Kerker beugte General Cabrera seinen intriguanten Geist!

Es ist das feste Schloß von Ham, zu dem wir den Leser geführt. -

Wenn man durch das Schloßthor eingetreten, steht zur Linken einsam ein halb verwitteter Ulmenbaum, jener Gefährte der Ruinen und der Gräber. Sein dunkles Grün paßt bereits zu der Farbe dieses Aufenthalts, denn nur wenige Stunden verdrängt die Maisonne den feuchten Schatten seiner riesigen Wächter. Vor dem Baum im innern Hof dehnt sich ein langes kasernenartiges Gebäude hin, kalt, feucht, ohne alle Architektur - erdrückt zwischen den Wällen, die seinen Horizont begrenzen und ihm Luft und Licht wegfangen. Rechts befindet sich eine kleine Eingangsthür, mit schweren Riegeln versehen. An dieser Seite ist an dem Tage unsrer Erzählung ein leichtes Baugerüst aufgerichtet, behufs einer nöthigen Reparatur. Kalkkübel, Handwerkszeug und Bausteine stehen umher.

Im ersten Stockwerk zur Linken bildet ein kleines Zimmer die Ecke des Gebäudes. Das Gitterfenster geht nach dem Thurm des Connetable und dem Wall hinaus, auf dem in schützenden Winkeln dichte Fliedersträucher angepflanzt und kleine Beete geordnet sind, auf denen einige Blumen sprossen. Rosen und die hochgeschossenen Blüthenstengel der fritillaria imperialis, der Kaiserkrone, finden sich auffallend zahlreich unter diesen Blumen und Pflanzen.

Das erwähnte Zimmer ist äußerst einfach möbliert. Ein schlechter Fayenceofen steht in einer Nische, neben dem Ofen bemerkt man ein kleines Pult von Tannenholz angenagelt. In der

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Ecke steht ein ähnliches Bett mit Vorhängen von buntem Zitz - auf einem Tisch eine Toilette von vergoldetem Silber neben einem groben Messingleuchter.

In dem Bett, halb von den Gardinen verborgen, lag ein Mann von etwa siebenunddreißig bis achtunddreißig Jahren, schlafend - träumend, denn zuweilen drängten sich einzelne Worte durch die fest zusammengepreßten Lippen, auf der schmalen hohen Stirn stand kalter Schweiß.

Straffes braunes Haar fiel in feuchten Strähnen um den eckig gebildeten Kopf; das hagere Gesicht war farblos und hatte vielmehr eine eintönige graubleiche, des Blutes entbehrende Färbung. Ein dicker dunkler Schnurr- und Kinnbart verbarg den in tiefen Falten endenden Mund; buschige Augenbrauen wölbten sich finster über das im Schlaf geschlossene Auge und die schmale, kräftig geformte Nase.

Die Gestalt, so weit sie unter der aufgeworfenen Decke sichtbar wurde, hatte etwas Eckiges, Unvortheilhaftes, war aber in ihrer Hagerkeit muskulös und ließ auf körperliche Abhärtung schließen. Die linke Hand, die auf der Bettdecke lag, war krampfhaft geballt, während die rechte häufig, gleich dem schaurigen Flockensuchen eines Sterbenden, mit den langen hageren Fingern umherfuhr.

Welche Träume, welche Gedanken mochten an dem Morgen an der arbeitenden Seele dieses Schlafenden vorübergehen, der offenbar kein gewöhnlicher Mensch war und dessen Stirn sich so finster runzelte, als läge das Geschick einer Welt in ihren Falten.

Flüchtige Gestalten der Träume - wer vermag euch festzuhalten? - nicht der Pinsel des Malers, nicht einmal die eilende Feder des Dichters! -


Ein breiter Fluß in flacher nordischer Gegend - auf ankerndem Floß ein prächtiger Pavillon, mit den Fahnen zweier mächtigen Kaiserreiche geschmückt - zwei Männer darunter Hand in Hand - an den beiden Ufern zwei gewaltige Heere in Schlachtordnung, bärtige Kosaken - die prächtigen Grenadiere der Kaisergarde -

An einem großen Tische mit Karten und Plänen bedeckt, steht

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ein Mann von untersetztem Bau in einer losgeknöpften Chasseur-Uniform, die Hände über den Rücken gelegt, eifrig über die Karten hergebeugt. Kerzen in schweren silbernen Leuchtern erhellten das mit dunklem Sammet ausgeschlagene Gemach, dessen Wände gleichfalls mit Büchern, Karten und Modellen bedeckt sind.

Plötzlich richtete sich der Mann empor, sein Gesicht war geröthet, die Adern seiner breiten Stirn blutstrotzend, das Auge wie mit Blut unterlaufen. Er trat schwankend einige Schritte auf und nieder, tauchte ein Tuch in ein silbervergoldetes Becken mit Wasser und legte es abkühlend auf Stirn und Schlafe. Dann öffnete er rasch die Thür des Kabinets, die in ein größeres, Gemach führte.

Ein Mann in der bunten Mameluckentracht saß auf einem niedern Tabouret dicht vor der Thür - ein andrer in mit schweren Goldstickereien überladener Uniform saß arbeitend an einer mit Papieren überladenen Tafel.

»Duroc - une femme!«

Die Thür schloß sich - der Mann in der Chasseur-Uniform warf sich auf den Divan und deckte das nasse Tuch über sein Gesicht. Sein ganzer Körper zitterte in leichten Convulsionen.

Nach einigen Minuten rauschte der schwere, mit goldenen Bienen gestickte Sammetvorhang einer andern Thür empor, ein reizender Frauenkopf mit hochgeschwungenen schmalen Brauen und schmachtenden Augen huschte herein und schaute umher, dann folgte die üppig-schöne Gestalt und huschte über den Teppich nach dem Divan, mit einer reizenden Bewegung den Finger auf den Mund pressend, als wolle sie sich selbst Stille gebieten für den Schläfer.

Die Dame beugte sich über ihn, der süße Athem ihres üppig geformten Mundes erwärmte das Tuch, ihre weiche Hand - die andere hielt mehrere zusammengefaltete Papiere - berührte leicht die Schulter des Mannes.

Er fuhr empor und warf das Tuch zurück. Seine stechenden Augen betrachteten erst mit Ueberraschung, dann mit wildem, mit jedem Augenblick heftiger lodernden Feuer die schöne Erscheinung.

»Wie, Du hier, ... - wie kommst Du hierher?«

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»Sire - ich wollte Sie nicht stören, aber eine kleine Bitte - ich weiß, Sie sind so liebenswürdig!« Sie streckte ihm die Papiere, die sie in der Hand hielt, entgegen.

Der Mann in Uniform nahm sie mit einer hastigen Bewegung und warf einen Blick darauf, »Ah voilà, - schon wieder Schulden, Kind? - dreimalhunderttausend Franken - c'est fort!«

»O, Sire - die Feste zu Ehren Ihrer Ankunft und des Friedens - meine Kasse ist so schlecht bestellt - und diese Leute sind so ausverschämt!« Sie lehnte schmeichelnd das Köpfchen auf seine Schulter.

Ein feuriger Schleier schien sich vor seine Augen zu legen, als sie in der üppigen Fülle des nach der Sitte der Zeit tief ausgeschnittenen Busens schwelgten. Sie zog ihn mit süßem Lächeln nach dem Tisch und drückte ihm eine Feder in die Hand; er warf rasch zwei Zeilen auf ein Blatt Papier und unterzeichnete es, steckte es aber eben so rasch in die Brusttasche der Uniform.

»Was machen Sie da, Sire? - geben Sie ...«

»Nicht eher, als ... « Er sprang nach der Thür, die in das Vorzimmer führte, und schob den Riegel davor. Dann umfaßte er wie ein wildes Thier die schöne Gestalt der Dame, preßte sein Gesicht auf ihre Brust, ihren Nacken mit wahnsinnigen Küssen und schleppte sie nach dem Divan.

»Um des Himmels willen - was machen Sie, Sire? . . ich beschwöre Sie ... « Seine gewaltsamen brutalen Liebkosungen erstickten ihre Bitten, die sich in ein leises Stöhnen auflösten - ein gurgelnder Laut - ein widerwärtig wildes Schnauben ... dann ein leichter Schrei - die Dame wand sich entsetzt in den Armen, die sie krampfhaft umschlungen hielten. Der Kopf des Mannes war hinten über gesunken, seine Augen starr, wie die eines Todten, auf den weit geöffneten Lippen stand ein weißer Schaum ...

In diesem Augenblick fielen die Augen der Dame, hilfesuchend im Zimmer umherirrend, auf die Wand zur Rechten - eine Tapetenthür hatte sich geöffnet - in ihr stand die schlanke feine Gestalt einer Frau, deren Gesicht - obschon nicht mehr

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jung - doch noch die Beweise großen Liebreizes zeigte, erhöht und erhalten durch die feinsten Künste der Toilette. Dies sonst so freundliche, heitere Gesicht mit den schwarzen schwimmenden Creolenaugen war jetzt entstellt von dem Ausdruck zorniger Entrüstung - die kleinen feinen Hände waren geballt auf den Busen gedrückt.

»Abscheulich!«

Mit einem lauten Aufschrei riß sich gewaltsam die jüngere Dame aus den sie umstrickenden Armen los und warf sich, die Hände emporstreckend, vor der andern auf die Knie - diese aber wandte sich zornglühend von ihr und trat zu dem Manne, der noch immer in demselben epileptischen krampfhaften Zustand auf dem Sopha lag. Ihre Hand deutete befehlend auf die Thür.

Die jüngere Dame verbarg das Gesicht in die Hände und verschwand. -


Ein bedeutsames dreistes Lächeln lag auf dem Gesicht des Träumenden. Vielleicht, daß sein Ohr in diesem Augenblick den Donner der Kanonen des Invalidendoms vernahm, die am 20. April 1808 den Parisern die Geburt eines zweiten Sohnes des Königs von Holland und der schönen Hortensia von Beauharnais verkündeten, vielleicht lauschte das Ohr des Träumers in diesem Augenblick jener zierlichen Melodie, die einer der Maurer summte, die eben durch das geöffnete Thor der Festung herbeikamen, das Gerüst zu besteigen. -

«Partant pour la Syrie ... « -

Andere Bilder schienen vor der Seele des Schlafenden vorüberzuziehen, andere Eindrücke spiegelten sich auf seinem Gesicht - Haß, finsterer Groll malte sich in den zusammengekniffenen Lippen, den gezogenen Brauen, den zuckenden Nüstern - dann das Gefühl der Angst, der Furcht - seine Hände öffneten sich - die Brust keuchte. -

»Werft die Waffen weg! - wir ergeben uns! - Fort mit der Fahne!«

Ein neblig-trüber, regnerischer Tag - in später Nachmittagstunde - der 25. März 1831! - Zwei Signalschüsse knallten - ein Husar kam mit der Meldung zurückgesprengt, daß eine

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Infanterie-Colonne die Straße kaum vierhundert Schritt von den Thoren der Stadt gesperrt halte. Der General forderte einen Zug Husaren, zur Recognoscirung vorzugehen. Der junge Fürst Carl Liechtenstein sprengt vor und stürzt sich mit seinem Zuge auf die Rebellenmasse, die mit der wehenden, grün-weiß-rothen Fahne die Straße besetzt hält. Die Feiglinge werfen die Gewehre weg, die Fahne sinkt - die tapferen Husaren sprengen vorwärts, die Thore von Rimini vor den Flüchtenden zu erreichen - aber diese Thore sind bereits geschlossen, eine Flintensalve empfängt sie, und sie müssen zurückkehren.

Da knallt es hinter den Hecken und Büschen, die den Weg einsäumen - die feigen Verräther haben die Zeit benutzt, ihre Gewehre wieder aufzuraffen, und schießen, hinter den Hecken und Zäunen verborgen, auf die zurückkehrenden Husaren. Ein Ober-Lieutenant, ein Corporal und vier Husaren werden von den Pferden geschossen, mehrere andere mit dem tapfern Rittmeister verwundet - der Rest des Zuges - siebenundzwanzig Mann - wendet sich gegen die Verräther, wirft das Thor von Flechtwerk das den Zugang der Hecke bildet, nieder und fällt wüthend über die Rebellen her. Die Feigen werfen, den Männern gegenüber, auf's Neue ihre Gewehre fort und fliehen nach allen Seiten, verfolgt von den erbitterten Husaren, die sie ohne Erbarmen niederhauen.

Zwei Brüder, die Anführer der verrätherischen Schaar, haben gleichfalls ihre Waffen fortgeworfen und fliehen zusammen, der jüngere, ein gewandter Läufer, eine Strecke voran, von einem Husaren verfolgt.

»Zu Hilfe, Bruder - zu Hilfe!«

Der Jüngere kehrt sich um - er sieht den Bruder zu Boden gefallen - den Säbel des Ungarn über ihn geschwungen. Aber vergebens ist der Hilferuf - der Bruder nimmt sich kaum die Zeit, einen Augenblick anzuhalten. Der Unglückliche streckt die Hände gegen den Feind. »Willst Du einen Wehrlosen ermorden?

Ihr seid keine Soldaten, Ihr seid Räuber und Mörder!«

Der Husar - Andreas Palazsdy ist sein Name - hebt sich im Bügel: »Nix Husar Räuber! Ihr Spitzbub' und Mörder! Gewehr wegwerfen und Ober-Lieutenant todtschießen -

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baszom á kutya lelkedet!« Die scharfe Klinge saust nieder - als sich der Fliehende noch ein Mal umwendet, sieht er den Bruder mit gespaltenem Kopf zu Boden stürzen. Aber er selbst ist gerettet!54 -


Wiederum fliegt über das Gesicht des Schlafenden ein Zug dämonischen Frohlockens - näher ist er dem Ziel, aber dort noch im Osten - am Throne von Wien -

Und nochmals wechselt der Traum - ein Zimmer mit hohen Fenstern, durch die man die grünen Bosquets und herrlichen Alleen des Parks von Schönbrunn sieht; - die Wässer rauschen - die Blumen erfüllen mit ihren Düften die warme Sommerluft - Alles athmet Leben, Lust und Kraft.

Nur drinnen auf dem Bett, dem einfachen Feldbett des jungen Soldaten, dessen Wiege eine goldene war - liegt ein Mann, kaum zwanzig Jahre alt, und schon ruht sein bleiches Haupt auf dem Sterbekissen, dem Busen der weinenden Mutter. Aerzte und Staatsmänner stehen umher, Männer der Wissenschaft und seine Diplomaten, berühmte Namen Europa's, und ihre prüfenden Augen, ihre berechnenden Gedanken verfolgen sorgfältig den Fortschritt des Todeskampfes auf diesem jugendlichen Antlitz - in ihrer Tasche ist die Depesche schon bereit, um den Höfen von Paris, London, Petersburg und Berlin die glückliche Nachricht zu verkünden, daß Europa unbesorgt wieder aufathmen könne, der Alp der Zukunft sei mit diesem Haupt, das sterbend zurücksinkt, von seiner Brust genommen!

Es ist der 22. Juli 1832!

Die matten Augen des Schwindsüchtigen beleben sich - sie laufen im Zimmer umher - Erinnerungen scheinen ihre gigantischen Schatten vor seinem schon der Ewigkeit gehörenden Geiste zu erheben - diese Wände scheinen ihre Echo's wiederzugeben - die Worte der Decrete, die vor dreiundzwanzig Jahren das Schicksal Oestreichs und Roms bestimmten - dort am Tisch steht noch

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die Gestalt im grauen Oberrock und dem kleinen Hut, die Feder rasselt über das Papier gleich dem Schlachtschwert -

Und zu der Mutter empor - anklagend eine Welt - verklärt durch die ewige Krone, bricht dies Auge. - »Vater - ich komme!« ist der letzte Hauch der bebenden Lippe.

Da rasselt in dunkeler Mitternacht der gespenstige Tambour seine Reveille über die Gräber der Leichenfelder von Arcole bis zur Moskaw, von den Pyramiden bis Waterloo, und die Schatten der alten Garde steigen empor aus den geöffneten Grüften - über das Meer daher, von der Felseninsel im Ocean stiebt der Hufschlag des Schimmels, d'raus sitzt der Mann im grauen Rock und breitet die Arme dem lichten Schatten entgegen, der über das Baummeer von Schönbrunn zu den Sternen emporschwebt. - »Achtung!« die Gewehre der gespenstigen Garde präsentiren klirrend - Vater und Sohn sind wieder vereint!

Nach den Hauptstädten Europa's jagen die Couriere - im Volke zwar murmelt es leise von dem giftigen englischen Gold und der bourbonischen Schlange unter der Blüthendecke der Wollust - aber Talleyrand und Wellington, Nesselrode und Metternich begrüßen die Throne als gesichert.

Doch auf dem Wege nach Arenenburg stiegt eine einfache Extrapost-Chaise, ein Fremder, in den Staubmantel gehüllt, darin; - wenige Stunden vorher hätte man ihn unter der Volksmenge sehen können, welche das Thor von Schönbrunn umstand, begierig lauschend jeder Nachricht. Jetzt lag auf diesem Gesicht die kühne Erwartung - der stolze Triumph -


Und seltsamer Weise glich das Gesicht des Schläfers den Zügen des Traumbildes - wie auf diesem malte sich auf dem seinen der kühne Triumph - die Hand des Schläfers streckt sich aus - sie hascht in die Luft - ist es eine Krone vielleicht, die er zu greifen wähnt? -

Er - jetzt der Erste der Napoleoniden! -

Der Schläfer fuhr empor, eine fremde Hand hatte leicht die seinige berührt, an der herabsinkenden leckte die Zunge eines großen Windhundes.

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»Euer Hoheit müssen sich erheben, es ist sechs Uhr, und Sie haben mir bestimmten Befehl ertheilt, Sie nicht länger schlafen zu lassen[.]«

Der Erweckte reibt sich die Augen noch in den Nachgedanken seines Traumes; er streckt die Arme und dehnt den Körper, dann richtet er sich rasch empor.

»Du hast Recht, Thelin, aber was willst Du? - die Träume sind das Einzige, was die Gefangenen haben! - Zum Teufel diese Träume, wenn sie nicht zur Wirklichkeit werden! - Sechs Uhr! armer Thelin, was werden wir thun mit dem ganzen langen Tage? Es wäre wahrlich besser gewesen, Du hättest mich schlafen lassen!«

Der Klage ungeachtet hatte er bereits das hagere Bein aus dem Bett gestreckt. Der Kammerdiener reichte ihm die Kleider.

»Euer Hoheit vergessen Fidèle, es ist heute sein Tag!«

»Es ist wahr - wie konnte ich es vergessen! Hast Du ihn bereits untersucht?« - »Er hat ein Papier!«

»Hierher, Fidèle!«

Das große Windspiel kam sofort herbei und legte die Schnauze auf das Knie seines Herrn.

»Couche!«

Der Hund legte sich nieder und streckte die Beine von sich, als wisse er im Voraus, was folgen solle. Der Kammerdiener knieete neben ihm nieder und schob die Haare an einer Stelle unter den Vorderbeinen zurück. Nur ein sehr scharfes Auge und eine sehr sorgfältige Nachforschung hätten das geschickte Versteck aufzufinden vermocht, das sich hier zeigte. Auf einem Stück der Bauchhaut des Windspiels waren die Haare abgeschoren und ein entsprechendes Stück Haut mit Haaren von gleicher Farbe so geschickt gleich einem Toupé darauf geklebt, daß es eine kleine Tasche bildete, ohne daß es sich im Mindesten von dem wirklichen Fell des Hundes unterscheiden ließ. Aus dieser Tasche holte Thelin ein kleines, flach gefaltetes Papier, das er seinem Gebieter überreichte. Es enthielt nur zwei Zeilen in Chiffreschrift, die der Bewohner des Zimmers, der vor seinem Diener in dieser Beziehung kein Geheimniß zu haben schien, laut vorlas.

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Die Worte lauteten:

Ein finsterer Groll zog über das Gesicht des Lesenden - Lippen und Zähne preßten sich fest aufeinander.

»Vergeblich gedemüthigt vor diesen Orleans! - Bei Gott, sie sollen es mir büßen, wenn meine Zeit gekommen,« murmelte er. »Aber was heißt die Andeutung mit den Briefen? - Ist General Montholon oder der Doctor schon auf?«

»Nein, Hoheit - Sie wissen, daß der General etwas leidend ist!«

»Was thut das? ich muß ihn in einer Stunde sprechen.«

»Erlauben Sie, daß ich Fidèle seine Belohnung gebe. Sie sehen, Hoheit, das arme Thier vermag sich kaum noch auf den Füßen zu halten. Bis Royon sind es fünf Lieues, die das Thier hin und her seit gestern zurückgelegt hat.«

Der Bewohner des Zimmers nickte gleichgiltig - er schaute in Gedanken vertieft auf das Blatt und hatte in seinem Egoismus längst das treue Thier vergessen, das, so trefflich abgerichtet, in zwei Nächten der Woche regelmäßig den Weg nach Royon und zurück machte und so eine Verbindung des Gefangenen mit seinen Freunden ermöglichte, während die Wenigen der Besatzung, die etwa auf den Hund achteten, der nicht einmal ein Halsband trug, ihn auf der Jagd nach Kaninchen streifend glaubten.

Der Kammerdiener setzte dem Hunde eine Schüssel mit Milch und Brod vor, das dieser rasch verschlang. Dann kroch er auf ein Kissen in einem Winkel des Gemaches, richtete die Augen auf seinen Herrn und war bald darauf eingeschlafen.

Der Gefangene, den sein Kammerdiener mit dem Titel Hoheit angeredet, hatte unterdeß seine Toilette beendet, die ziemlich complicirter Natur war, und ließ sich sein Frühstück bringen.

Wir benutzen diesen Augenblick, um einige Worte über die Person und die Antecedentien eines Mannes zu sagen, der von Gott bestimmt scheint, zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert mit dem Namen Bonaparte die Geschicke der Welt zu verknüpfen.

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Carl Ludwig Bonaparte war der dritte Sohn der Stieftochter des Kaisers Napoleon, Hortensia Eugenie von Beauharnais, seit dem 2. Januar 1800 mit Ludwig Bonaparte, dem spätern König von Holland, dem Bruder des Kaisers, vermählt. Er wurde am 20. April 1808 zu Paris geboren, wo seine Mutter damals getrennt von ihrem Gatten lebte. Der Cardinal Fesch taufte den jungen Prinzen, dessen Geburt von dem Kaiser - der damals noch keinen Leibeserben hatte - mit besonderer Freude begrüßt wurde, indem er auf die Söhne seines Bruders seine Dynastie zu vererben dachte.

Der zweite Sohn Hortensia's, geboren am 5. Mai 1807, starb bereits am 14. November 1810, der älteste, Prinz Napoleon Ludwig, verschwand im Jahre 1831 auf geheimnißvolle Weise.

Bei dem Sturz seines Onkels, erst sieben Jahre alt, ging der Prinz Louis Bonaparte nach der Rückkehr der Bourbonen mit seiner Mutter in die Verbannung, zuerst nach Augsburg, später nach der Schweiz, studirte unter General Dufour auf der Thuner Militairschule Artilleriewissenschaft und versuchte nach der Juli-Revolution von Florenz aus die Erlaubniß zur Rückkehr nach Frankreich zu erhalten, die ihm jedoch verweigert wurde.

Prinz Louis Bonaparte trat hierauf im November 1830 mit seinem ältern Bruder zu Rom in den berüchtigten Bund der Carbonari, ward ein eifriges Mitglied desselben und versuchte bei einer Straßen-Emeute, unter Vortragung der rothen Fahne, die Bevölkerung zur Erhebung für die Republik zu bewegen. Trotz des Schutzes des Cardinals mußte die ganze Familie nach Ancona flüchten, da die pästlichen Carabimers bereits die Ordre zu ihrer Verhaftung hatten, und die beiden Prinzen stellten sich jetzt (1831) offen an die Spitze der republikanischen Empörung, die eine provisorische Regierung zu Bologna einrichtete. Die haltlose Revolution brach bald zusammen vor den österreichischen Bajonetten; die Großmuth des Corps-Commandanten, Feldmarschall-Lieutenants Meinrad Baron Geppert, der in Ancona im Palazzo der Königin Hortense selbst sein Quartier nahm, bekümmerte sich weder um diese, noch um ihren von einer Krankheit genesenden Sohn, durch den Tod seines ältern Bruders jetzt Prinz Louis Napoleon Bonaparte, und ließ Beide ungehindert von dannen ziehen.

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Sie flohen über Frankreich, wo Ludwig Philipp die Exkönigin besuchte und ihr seinen Schutz zusicherte, nach England, von wo sie jedoch, bald nach der Schweiz zurückkehrten und auf dem Schloß Arenenburg im Thurgau ihren Wohnsitz nahmen.

Hier schrieb Louis Napoleon mehrere politische und militairische Brochüren und machte die Bekanntschaft des Obersten Parquin, eines durch großes Vermögen unabhängigen alten Soldaten des Kaisers, der sich seit dem Jahre 1826 auf dem Wolfsberg niedergelassen hatte.

Oberst Parquin war ein enthusiastischer Anhänger des Namens Napoleon; - das war nicht zu verwundern - er wurde auf folgende Weise mit dem Kreuz decorirt.

Eines Tages, als der Kaiser Revue über ein Armee-Corps abgehalten, sah er nach der Inspection einen jungen Offizier aus den Reihen galoppiren, vom Pferde steigen und sich in seinen Weg stellen. Der Kaiser reitet auf ihn zu. Die Haltung des Offiziers, so wie seine mannhaften Züge, die durch eine tiefe Narbe über Lippe und Wange noch mehr hervorgehoben wurden, fielen ihm auf; dennoch fragt er ihn barsch: »Wer bist Du? was willst Du?« - »Ich bin neunundzwanzig Jahre alt,« antwortete der Offizier, fest den durchbohrenden Blick aushaltend, »ich zähle eilf Dienstjahre, ich habe fünf Feldzüge mitgemacht, ich habe fünf Wunden, ich habe einem Marschall das Leben gerettet und dem Feinde drei Fahnen abgenommen. Ich bitte um das Kreuz, Sire!« - »Nehmen Sie das meine, Capitain! Ich hoffe, beim nächsten Feldzug Sie an der Spitze eines Regiments zu sehen!«

Das war der Oberst Parquin, der den Prinzen nach Straßburg begleitete, als dieser zum ersten Male versuchte, Kaiser zu spielen!

Der Prinz hatte im Juni 1836 Arenenburg verlassen und sich nach Baden-Baden begeben, wo er sich mit mehreren französischen Offizieren aus den der Grenze zunächst gelegenen Garnisonen in Verbindung setzte und Oberst Vaudrey, gleichfalls einen alten Bonapartisten, der die in Straßburg garnisonirende Artillerie kommandirte, für sich gewann. Im August begab er sich heimlich nach dieser Stadt und hatte dort eine Zusammenkunft mit

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fünfzehn Offizieren, die ihm ihre Unterstützung und Mitwirkung versprachen. Es ist eine Lüge, wenn er in dem Briefe an Odilon-Barrot, dem er von der Polizei-Präfectur von Paris aus schrieb, um ihn für die Vertheidigung seiner Gefährten zu gewinnen, behauptet, daß kein Complott stattgefunden, daß Oberst Vaudrey erst wenige Stunden vor dem Ausbruch die Ursache seiner Anwesenheit in Straßburg erfahren habe. Am 28. October traf der Prinz wieder in Straßburg ein und hielt am Abend des 29sten eine Versammlung seiner Mitverschworenen. Am 30. October, früh um fünf Uhr, versammelte Oberst Vaudrey das vierte Artillerie-Regiment, dasselbe, in welchem sein Oheim als Capitain vor Toulon den ersten Stein seines Glücks und seines Ruhmes legte, im Hofe der Kaserne Austerlitz und stellte den Soldaten Louis Napoleon mit den Worten vor: »Soldaten, eine große Revolution beginnt in diesem Augenblick. Der Neffe des Kaisers steht vor Euch. Er kommt, um sich an Eure Spitze zu stellen, und dem Vaterlande seinen Ruhm und seine Freiheit wiederzugeben. Jetzt gilt es, für eine große Sache, die Sache des Volkes, zu siegen oder zu sterben! Soldaten des vierten Artillerie-Regiments, kann der Neffe des Kaisers auf Euch rechnen?« - Der Prinz vertheilte zugleich eine Proclamation, welche die Juli-Regierung für ungesetzlich erklärte und einen National-Kongreß verlangte. Er sagte ihnen, daß er durch eine Deputation der Städte und Garnisonen des Ostens nach Frankreich berufen worden sei, Frankreich die Freiheit zurückzubringen! In der That ließ sich das Regiment hinreißen und erklärte sich unter dem Ruf: »Es lebe der Kaiser! es lebe die Freiheit!« für ihn. Während Lieutenant Laity die Pontonniere bearbeitete, versuchte der Prinz den Festungs-Commandanten, General Voirol, für sich zu gewinnen, und begab sich, als dies nicht gelang, nach der Finkmatt-Kaserne, um sich des sechsundvierzigsten Infanterie-Regiments zu versichern. Aber die Geistesgegenwart des Oberst-Lieutenants Taillandier machte hier sofort dem Versuch ein Ende. Das Regiment blieb treu, der Prinz mit seinen Anhängern wurde verhaftet und nach Paris gebracht. Die Milde oder vielmehr die Schwäche der Juli-Regierung wagte nicht, ihn zu bestrafen, und

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begnügte sich damit, ihn nach Lorient und von dort durch die Fregatte Andromeda nach New-York bringen zu lassen.

Mit dieser Entfernung von Frankreich war aber dem jungen Revolutionär wenig gedient, und schon im September 1837 war er wieder auf Schloß Arenenburg, wo am 3. October die Herzogin von St. Leu - die Königin Hortense - in seinen Armen starb. Seine Gefährten bei dem Straßburger Putsch waren gleichfalls frei ausgegangen, nur Lieutenant Laity wurde später wegen einer Brochüre über das Straßburger Attentat vom Pairshof zu einer Geldbuße von zehntausend Franken und fünf Jahren Festung verurtheilt.

Die Einverständnisse und Umtriebe, welche der Prinz von der Schweiz aus in Frankreich unterhielt, veranlaßten Ludwig Philipp, im Einverstäudniß mit dem österreichischen Kabinet, durch seinen Gesandten, den Herzog von Montebello - den Sohn des Marschalls Lannes - energisch von der Schweiz die Ausweisung Louis Bonaparte's zu verlangen. Schon im April 1832 hatte der Prinz das Bürgerrecht des Cantons Thurgau empfangen, und die Radikalen der Schweiz schlugen daher gewaltigen Lärmen gegen die verlangte Ausweisung und klirrten mit den Waffen. Aber Louis Napoleon begriff, daß er sich doch nicht werde halten können, da die Forderung durch die Ansammlung einer Truppenmacht an der Schweizer Grenze unterstützt wurde, und zog es vor, abermals in England, dieser großen, vom Meer gesicherten Freistätte aller Revolutionen des Festlandes, ein Asyl zu suchen. Hier blieb er, im geheimen Verkehr mit den Führern der politischen Flüchtlinge aus Italien, Polen, Rußland und Frankreich und den englischen Radikalen, bis zum Jahre 1840. Aber die Rastlosigkeit seines Charakters und der Ehrgeiz, der ihn beseelte, ließen ihn nicht länger ruhen und bewogen ihn, wie ungünstig auch trotz der Demoralisation Frankreichs unter der sogenannten Bürger-Regierung die Verhältnisse waren, zu einem neuen Versuch, sich der französischen Krone zu bemächtigen, der noch kläglicher endete, als der erste.

Der Prinz miethete in London ein englisches Dampfschiff, tbe city of Edinburgh, und schiffte sich auf diesem mit dem

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Grafen Montholon, Oberst Voison und dreiundfünfzig anderen Personen nebst einem zahmen Adler ein, den er als Theatercoup über seinem Haupte steigen lassen wollte.

Selbst die eifrigsten Verehrer Louis Napoleons suchen den Putsch von Boulogne nicht zu einer Heldenthat zu stempeln. Er unternahm ihn offenbar, um die Gelegenheit der Sympathien zu benutzen, welche damals die Expedition nach St. Helena zur Ueberführung der Asche des Kaisers für den napoleonischen Namen wachgerufen hatte.

Der Prinz landete am 6. August in der Nähe von Boulogne, nachdem er durch seine Agenten in Frankreich, Lombard, Mesonau und Parquin, verschiedene Versuche gemacht, Anhänger in den Garnisonen und unter verschiedenen hochgestellten Personen sich zu sichern.

Drei dieser Agenten, Aladenize, Bataille und Forestier, erwarteten ihn am Ufer. Gegen fünf Uhr Morgens marschirte die Schaar in die Stadt und durchzog die Straßen mit dem Ruf: »Es lebe der Kaiser!« Aber schon der Versuch, einen Posten, aus vier Mann und einem Sergeanten bestehend, an sich zu ziehen, mißglückte. Der Prinz begab sich in die Kaserne des zweiundvierzigsten Regiments und versuchte die Soldaten und Offiziere zum Uebertritt zu bewegen. Als der Capitain Col-Puygellier sich weigerte, auf die Versprechungen zu hören, schoß er eine Pistole auf ihn ab, wodurch ein hinter diesem stehender Soldat verwundet wurde.

Während die Schaar nach dem mißglückten Versuch nach der obern Stadt zog, begegnete man bereits dem Unter-Präfecten, der sich ihr entgegen warf und dafür mit Schlägen mißhandelt wurde. Lombard pflanzte die Fahne auf eine Säule auf, aber mit Ausnahme eines einzigen Lieutenants trat Niemand über, die Nationalgarde versammelte sich rasch und nahm, nachdem einige Schüsse gewechselt worden, Louis Napoleon und sein Gefolge gefangen, ehe sie sich wieder einschiffen konnten.

Die Nachsicht der herrschenden Regierung hatte jetzt ein Ende, der Prinz wurde vor die Pairskammer unter der Anklage des Hochverraths gestellt und zu lebenslänglicher, Graf Montholon und drei Andere wurden zu zwanzigjähriger Einsperrung, die

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Uebrigen zu Freiheitsstrafen von verschiedener Dauer, der übergetretene Lieutenant aber zur Deportation verurtheilt.

Am 8. October schlossen sich die Thore der Festung Ham hinter Louis Napoleon in demselben Augenblick, wo die Fregatte Belle-Poule vor der Insel St. Helena ihre Anker auswarf, um die Asche Napoleons abzuholen.

Außer dem General Montholon theilten sein Arzt, Dr. Conneau und der Kammerdiener Thelin seine Haft.

Das war der Mann, den wir auf seinem einsamen Lager träumend gefunden - das war der Gefangene von Ham, der noch wenige Tage vorher an einen Freund geschrieben: »Ich werde von hier aus nur noch auf den Kirchhof oder in die Tuilerien kommen!« -


Thelin brachte dem Prinzen, wie alle Morgen, die Journale, darunter den Progrès du Pas-de-Calais, das demokratische Blatt, an dem der Prinz in den letzten Jahren seiner Gefangenschaft ganz offenkundig mitarbeitete und welches unter Anderem das bekannte »Demokratische Glaubensbekenntniß des Prinzen Ludwig Napoleon Bonaparte« brachte. Aber heute hatte der Gefangene wenig Aufmerksamkeit für die Debatten der Journale, die bereits mit einer Zügellosigkeit auftraten, welche die Regierung Ludwig Philipps mit jedem Tage mehr untergrub. Nach einer kurzen Beschäftigung mit denselben, während deren der Prinz unruhig auf und nieder ging, erschien der General Montholon.

Der General - der berühmte Freund des Kaisers auf St. Helena - zählte damals bereits vierundsechszig Jahre. Seit seiner Jugend war Charles Tristan de Montholon, Graf von Lee, einer der eifrigsten Anhänger der Napoleoniden gewesen und hatte am 18. Brümaire aus der Hand des ersten Consuls den Ehrensäbel erworben. Die Feldzüge in Italien, Oesterreich und Polen hatten seinen Leib mit Narben bedeckt. Er war es, der 1811 von Würzburg aus jene merkwürdige Denkschrift an den Kaiser über die Lage der deutschen Höfe und deren feindselige Gesinnung gegen Frankreich richtete, die den Kaiser hätte warnen können, wenn der corsische Uebermuth nicht eben die ganze Welt außer Frankreich gering geschätzt hätte. Als bei der Abdankung

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von Fontainebleau so viele der Paladine der neuen Tafelrunde auf das Schmählichste von ihrem alten Herrn abfielen, und, um den eigenen Raub zu sichern, ihn im Unglück verließen, war es General Montholon, der seinem Kommando im Departement der Loire herbeieilte, um dem Besiegten seine Dienste anzubieten. Deß erinnerte sich der Kaiser in den hundert Tagen und ernannte ihn zu seinem General-Adjutanten. Als Wellington und Blücher mit den Blutströmen von Belle-Alliance die Strahlen des neuerglühten Meteors für immer gelöscht und die englischen Schiffe den gestürzten Giganten auf sein Felsengrab Helena führen sollten, da war es wieder General Montholon, der ihn zu begleiten verlangte und ihm mit seiner Familie folgte. Seine Ergebenheit und Treue für den Gefangenen blieben dieselbe bis zu dessen letztem Athemzug, und die Gestalt des Generals wird auf dem Bilde dieser großen Sühne und dieser gigantischen Historie, die man das Sterbebett von Longwood nennt, immer den zweiten Platz einnehmen.

Der dritte gebührt zweifelsohne dem Kerkermeister - Hudson Lowe!

Von dem Kaiser zu einem der Testamentsvollstrecker ernannt und zum Bewahrer eines Theils seiner Manuscripte bestellt, scheute General Montholon weder Mühe noch Opfer, um die übernommene Pflicht zu erfüllen, wie die von ihm herausgegebenen Schriften beweisen.

Daß ein solcher Mann auch ein treuer und fanatischer Anhänger der Familie des Kaisers sein mußte, läßt sich denken. Nach dem Tode des Herzogs von Reichsstadt richtete er sein Auge auf den Prinzen Louis Napoleon, als den nächsten Erben der politischen Hinterlassenschaft des Kaisers, und er war es hauptsächlich, der in dessen Inneren die Hoffnung auf den französischen Thron nährte. -

Der Prinz eilte dem General entgegen. »Wissen Sie schon, daß mein Gesuch an den König eine abschlägliche Antwort erfahren wird?«

»Ich habe nie daran gezweifelt; was konnten Sie von einem Orleans erwarten? Sie wissen, daß ich mich stets gegen einen solchen Schritt erklärt habe.«

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»Aber mein armer Vater - seine Todesgefahr war eine so gute Gelegenheit, mir die Freiheit zu geben,« meinte der Gefangene naiv.

»Hoffen Sie auf das Volk, die Nation, Hoheit, nicht auf die Diplomaten,« sagte der alte General mit Feuer. »Die Unzufriedenheit mit dieser Bastard-Regierung wächst mit jedem Tage. Dieser Mann war blind, daß er es wagte, die Manen des Kaisers in dem Herzen des Volkes und der Armee zu wecken, indem er seine Asche nach dem Invalidendom führte!«

Der Prinz lächelte bitter. »Auf das Volk? ich habe es kennen gelernt - ich verachte die Canaille gründlich aus tiefstem Herzen. Der vergoldete Sarkophag im Invalidendom macht diese leichtsinnige Menge vergessen, daß ein lebender Bonaparte in dem Sarg dieser Wände verschmachtet!«

»Auch Ihre Zeit wird kommen, Hoheit - die Schule, die Sie jetzt durchmachen, wird Ihrer Zukunft einst Früchte tragen, Sie lernen die schwere Kunst, zu warten!«

»Warten! warten - und unterdeß rollt die Welt und eine andere Dynastie befestigt sich auf diesem Throne, der mir gehört!«

»Ich dächte, Sie hätten sich nicht zu beklagen. Während Sie diese Mauern umschlossen, hat das Schicksal Ihren gefährlichsten Gegner aus dem Wege geräumt. Der Herzog von Orleans allein war Ihnen gefährlich, denn die Armee liebte ihn, weil er kühn und tapfer war!«

Der Prinz schwieg unzufrieden. »Ich kann es nicht länger aushalten hier,« sagte er dann, »ich verzehre mich selbst! Ich werde keine Zeit mehr haben, mit ihnen Allen fertig zu werden - Einem nach dem Andern, und Sie wissen doch, Graf, daß ich ein guter Erbe bin, der jedes Legat gewissenhaft zahlen will!«

Der General nickte mit dem grauen Kopf. »Rußland, Oesterreich, Preußen - und dann England! Sie sind ein gelehriger Schüler, Sire. Aber wenn Ihr Blut zu ungeduldig wird, - warum haben Sie den wiederholten Vorschlag der Soldaten der Garnison nicht längst angenommen, Ihnen zur Flucht behilflich zu sein?«

Der Prinz biß sich auf die Lippen. Er wollte nicht gestehen, daß er mehrmals die größte Lust dazu gehabt, daß ihm

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aber der Erfolg stets zu zweifelhaft erschienen war. Selbst dem bewährten Freunde der Familie gegenüber konnte er es nicht unterlassen, zu heucheln. »Sie kennen mein Herz, Graf - ich wünsche, nicht noch mehr Freunde in's Verderben zu stürzen, es ist genug, daß ich Sie hier sehe!«

Der General zuckte ungeduldig die Achseln. »Wenn Sie nicht den Muth haben, durch Ströme von Blut zu waten, so werden Sie nie Ihr Ziel erreichen. Für den, der einen Thron erobern will, dürfen die Menschen blos Werkzeuge sein. Aber ich kenne Sie besser. Wenn Sie erst die Macht haben, werden Sie die Menschen benutzen, noch weniger empfindsam, als der Kaiser, Ihr Oheim!«

Das Auge des Prinzen funkelte, als er so offen sich in seinen geheimsten Gedanken angegriffen sah. »Sie vergessen einen andern wichtigern Punkt!«

»Welchen?«

»Den Umstand, daß stets, wenn wir glaubten, der Soldaten sicher zu sein, ein unerwartetes Hinderniß dazwischen trat, - ein Wechsel der Wachen, eine strengere Aufsicht - selbst ein plötzlicher Wechsel der Garnison.«

»Es ist wahr - sie ist bereits fünf Mal geändert worden, seit wir hier sind.«

»Es will mich zuweilen bedünken,« fuhr der Prinz ungeduldig fort, »als hätten wir hier außer unseren offiziellen, einen geheimen Aufseher, der nicht will, daß ich ohne seine Erlaubniß diesen schändlichen Ort verlasse, während er auf der andern Seite vermeidet, mir Ungelegenheiten zu verursachen. Selbst die Correspondenz durch Fidèle scheint ihm nicht unbekannt zu sein, denn zwei Mal sind Briefe, die er überbringen mußte, auf unerklärliche Weise verschwunden, ohne daß mir irgend eine Spur gezeigt, wo sie geblieben. Wären sie in den Händen der Regierung, so hätte sie sicher davon Gebrauch gemacht.«

Der General schwieg nachdenkend - der seltsame Umstand, auf den der Prinz aufmerksam gemacht, war ihm zur Genüge bekannt, aber eben so wenig erklärlich.

In diesem Augenblick wurde die Unterhaltung durch ein dreimaliges Kratzen an der Thür unterbrochen.

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»Komm herein, Thelin - was giebt es?«

»Hoheit,« sagte der eintretende Kammerdiener, »ich sehe den Boten des Gouverneurs über den Hof kommen mit dem Briefpacket. Ein Fremder ist bei ihm.«

»Endlich! Vielleicht die Bestätigung der Nachricht! Nehmen Sie die Briefe in Empfang, General, ich mag dieses widerwärtige Gesicht nicht sehen; es ist mir immer, als wolle der Mensch mich vergiften mit seinen Augen.«

Der Prinz und der Graf befanden sich in dem vor dem Schlafzimmer liegenden Gemach, das dem Ersteren zum Salon, zur Bibliothek und zum Arbeitscabinet diente. Die beiden Fenster desselben, welche die Aussicht auf den Schloßthurm am Eingang und auf die Ulme im innern Hofe gewährten, waren sorgfältig mit festen Eisenstangen vergittert. Auf beiden Seiten des Kamins stand in grau angestrichenen Ständern von Tannenholz die kleine Bibliothek des künftigen Despoten von Frankreich.

Der Bewohner dieser ärmlichen Zimmer, zu denen noch die gleiche Wohnung des Doctors Conneau und zwei andere ähnliche Zimmer aus der andern Seite eines schmalen Ganges kamen, in deren einem sich der Prinz mit chemischen Versuchen beschäftigte, - wollte eben den Salon verlassen und sich in sein Schlafzimmer zurückziehen, als der Kammerdiener nochmals eintrat und meldete:

»Capitain Bernard bittet um die Erlaubniß, Eurer Hoheit Briefe überreichen und Ihnen einen Fremden vorstellen zu dürfen.«

Zu gleicher Zeit überreichte Thelin die Karte desselben. Der Prinz hatte kaum Zeit, den Namen der Karte zu lesen, »Henry Viscount von Heresford,« und sie dem General hinüberzureichen, als die Thür, noch ehe er die Annahme des Besuches ausgesprochen, ziemlich brusque geöffnet wurde und der Offizier, gefolgt von dem Fremden, auf der Schwelle erschien.

Der Capitain Bernard, der Offizier vom Platz, war eine große, ziemlich ungeschlachte Gestalt mit rohen, an das Feldlager erinnernden Manieren. Sein Gesicht glich auffallend dem eines Bullenbeißers mit zottigen wirren Haaren und wurde noch mehr durch eine tiefe Narbe entstellt, welche quer über den Mund schnitt und einen Theil seiner Lippen gleich einer Hasenscharte weggenommen hatte. Das Einzige, was in diesem Gesicht nicht

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geradezu widerwärtig, schien ein Paar großer blauer Augen, deren Ausdruck der einer großen Ruhe und Entschlossenheit war. Der Capitain hatte sich in Afrika unter Bugeaud bei vielen Gelegenheiten ausgezeichnet und war in Folge einer Schußwunde, die sein linkes Bein lähmte, zum Festungsdienst versetzt worden. Die Art und Weise, wie er seit den drei Jahren, die er sich in Ham befand, den Prinzen behandelte, der durch seine Stellung gezwungen war, sich in allen Angelegenheiten an ihn zu wenden, hatte einen tiefen Haß in diesem gegen ihn hervorgerufen.

»Citoyen Bonaparte,« sagte eintretend der Capitain, »ich bedaure, Sie mit meiner Gegenwart schon so zeitig behelligen zu müssen, aber ich habe den Auftrag des Gouverneurs, Ihnen diese für Sie eingegangenen Briefe zu überbringen und Ihnen diesen Engländer vorzustellen, der Ihnen seinen Besuch zu machen wünscht.

Er legte mehrere Briefe vor den Prinzen nieder, die alle, bis auf einen mit einem großen amtlichen Siegel verschlossenen, geöffnet waren. Der Gefangene war seinem Besuch höflich entgegengetreten und lud ihn mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen, während der Capitain nach einer kurzen und kalten Begrüßung des Generals sich mit dem Nucken gegen das Fenster lehnte und in dieser Stellung gemäß seiner Dienstinstruction Zeuge der Unterhaltung blieb.

»Mylord,« sagte der Prinz, »empfangen Sie zunächst meinen Dank für die Ehre, daß Sie auf Ihrem Wege durch Frankreich einem Ihnen unbekannten Gefangenen einen Besuch widmen, und genehmigen Sie meine Entschuldigung, daß ich Sie nicht in Ihrer eigenen Sprache begrüße, aber dieser Herr hier« - er wies auf den Capitain - »versteht, so viel ich weiß, kein Englisch, und er ist der Aufseher selbst meiner Worte!«

» Yes, yes! - geniren Sie sich nicht! ich bin nur gekommen, Sie zu sehen, weil ich gehört sprechen so viel von Ihnen und Sie nie gesehen in London. Ich liebe sehr die Merkwürdigkeiten - Monsieur Guizot ist so gütig gewesen, mir anzuvertrauen diesen Brief, als ich war in Paris, um den Königsmörder Lecomte zu sehen.«

»So verdanke ich Ihnen, Mylord, die Ueberbringung dieser Depesche.

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»Yes! Lesen Sie - geniren Sie sich nicht - ich werde Sie unterdeß sehen!«

Der Engländer legte sich mit der Unverschämtheit eines echten Excentric in seinen Stuhl zurück, hielt das Lorgnon vor das Auge und begann, den Prinzen von oben bis unten gleich einer Sehenswürdigkeit zu mustern. Obschon er als vornehmer Herr das Französische fließend sprach, redete er es doch mit der scharfen englischen Betonung und jener eigenthümlichen Wortstellung, die auf der Stelle den echten Sohn des Inselreichs erkennen ließ.

Indem der Prinz, ohnehin bisher nur von den Formen der Höflichkeit in seiner Begier nach der königlichen Antwort davon zurückgehalten, jetzt begierig danach griff, warf er selbst einen Blick auf den Besuch, den er dem Ruf nach längst kannte, den er aber während seines Aufenthalts in England nie persönlich gesehen, da der Marquis damals Nord-Afrika bereiste, um mit Gerard Löwen zu schießen, und plötzlich sich entschlossen hatte, mit seiner Jacht eine Reise um die Welt zu machen.

Der berühmte Londoner Excentric schien ein Mann von einigen dreißig Jahren, von schlanker, ziemlich großer Gestalt. Er trug kurz abgeschnittene röthliche Haare, die den Irländer verriethen, und nach englischer Sitte einen starken hochblonden Backenbart mit sorgfältig rasirtem Kinn. Seine Gesichtsfarbe war etwas dunkel, die Züge waren fein, gewissermaßen etwas weibisch und nach der Nase spitz zugekniffen, die Stirn niedrig, das von langen Wimpern verschleierte Auge matt und hinter einer Brille noch mehr versteckt. Die sorgfältigste Eleganz der neuesten Mode aus den Ateliers von Stolz repräsentirte sich in seiner Kleidung und zeigte den gewissenhaften Lion.

Dennoch lag Etwas in dem Gesicht und der Erscheinung des vornehmen Besuchers, der durch seinen Reichthum und seine Sonderbarkeiten allen Salons Europa's zu sprechen gab, was dem Prinzen besonders auffallen mußte, denn er wiederholte zwei Mal mit einem Zug leichten Nachdenkens den Blick auf dies Gesicht, ehe er den Brief nahm und öffnete.

Eine dunkle Röthe überzog das grau-bleiche Gesicht des Prinzen bei dem Lesen der wenigen Zeilen. Es war eine kurze und kalte Weigerung des Ministers auf einen nochmaligen Brief,

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den der Prinz an Louis Philipp geschrieben und worin er ihn gebeten hatte, ihn seiner Haft in Ham zu entlassen, um sich auf den Wunsch seines schwer kranken Vaters zu diesem nach Florenz begeben zu können, indem er versprach, sich jedes weitern Versuches gegen die Juli-Regierung zu enthalten. Der Brief war durch den Sohn des Marschalls Ney dem Könige selbst übergeben worden.

Obschon, wie wir wissen, Louis Napoleon bereits durch die geheimen Correspondenzen, die er mit ihm ergebenen Personen führte, von dem abschläglichen Inhalt unterrichtet war, vermochte er doch nicht, seine Bewegung vor dem Fremden, der ihn rücksichtslos anstarrte, zu unterdrücken. Er reichte das Schreiben General Montholon und sagte: »Es ist, wie wir gedacht - man verweigert mir auf das Härteste eine Gunst, die ich verlangt. Entschuldigen Sie, Mylord - aber ein armer Gefangener ist nicht immer Herr seiner Gefühle!«

»O, ich weiß - ich weiß! Es ist nicht angenehm, gefangen bleiben zu müssen, wenn man sein will gern frei.«

»So kennen Sie den Inhalt des Briefes!«

»Yes! Ganz Paris kennt ihn bereits. Sie haben sich wieder ein Mal blamirt, Sir, mit Ihrem Schreiben, und Ihre Freunde sind sehr bös!«

Der Prinz fuhr auf bei dieser Impertinenz und wiederum röthete sich seine Stirn; aber die ruhige Insolenz, mit welcher der Brite ihn ansah, bewog ihn, sich wieder niederzusetzen.

»Ihre Ausdrücke sind etwas hart, Mylord,« sagte er nach einer Pause, »indeß - ich habe zu bedenken, daß Ihnen die Gefühle eines französischen Herzens fremd sind.«

»Bah - ich sage, was ich denke. Sie wissen sehr gut, Sir, daß ich habe Recht. Entweder Ihr Brief an Louis Philipp sein eine Lüge, oder Sie haben gehandelt sehr thöricht. Dieser König ist kein Narr - Monsieur Guizot lacht Sie aus - er sagt, das bonapartistische Blut werde Zeit haben, hier seine ehrgeizigen Pläne vergessen zu lernen.«

»Wie, Mylord - man denkt doch wohl nicht im Ernst daran, mich hier mein ganzes Leben eingesperrt zu halten?«

»Warum nicht, Sir? Madame La Duchesse d'Orleans

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wissen sehr wohl, daß ihre Aussicht auf den Thron von Frankreich nicht gefährdet wird durch den Grafen von Chambord, sondern durch den Namen Bonaparte!«

»Ha, dieses Weib! Preußen hat sich beeilt, ihr legitimes Blut an den Thron von Frankreich zu verkaufen, um diesen für die Orleans festzukitten. - Bei meiner Seele - die Bourbonen haben alle Ursache, diesen Liebesdienst nicht zu vergessen, und ich werde es gleichfalls nicht thun. Ich will sie zur Bettlerin machen, zum ewigen Juden der modernen Völker, gleich den Bourbonen, wenn ich erst frei sein werde!«

»Vorläufig, Monseigneur, sind Sie es nicht - und es ist dazu wenig Aussicht!«

Der Prinz bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Kommen Euer Herrlichkeit hierher, um einen Besiegten und Gefangenen zu verspotten?« sagte General Montholon mit strenger Miene.

»Nein, Sir!« - Der Engländer richtete sein kaltes, ruhiges Auge auf den alten Krieger und spielte gleichgiltig mit seinem Lorgnon. »Ich komme hierher, um Monseigneur zu machen eine Einladung!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sie waren bei dem Turnier, das Lord Eglinton gegeben in Schottland. Wohlan, Monseigneur, wir haben heute den 25. Mai - ich beabsichtige zu geben auch ein Turnier, das vereinigen soll alle Abenteurer von ganz Europa, und bin gekommen, Sie einzuladen dazu!«

»Mylord - das heißt, die Verhöhnung, deren Sie bereits General Montholon beschuldigt, nur vermehren. Ich bin Gefangener!«

»O - man hat Beispiele der Flucht! - Wenn es Ihnen ist recht, wollen wir davon sprechen.«

»Mein Herr - «

»Ich habe Ihnen zu sagen Einiges darüber, Sir, aber wir sind nicht allein hier.«

»Mylord - was Sie mir auch mitzutheilen haben, Capitain Bernard kann es eben so gut hören, wie mein Freund General Montholon. Ich habe keine Geheimnisse mit Ihnen.«

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»O doch - einige kleine! - Was diesen Herrn betrifft,« fuhr der Brite gleichgiltig fort, indem er auf den Capitain wies, »so kümmere ich mich nicht darum. Aber ich habe Ihnen zu sagen viel, was der Herr General nicht wird hören gern. Sie haben da, wie ich sehe, ein andres Zimmer. Lassen Sie uns gehen da hinein, indeß diese Herren bewachen unsre Thür!«

»Mylord - ich begreife Sie nicht, und bei all' meiner Nachsicht für Ihre Excentricitäten müssen Sie doch eine Grenze haben. Der Herr Capitain Bernard gestattet mir nicht, Besuche unter vier Augen zu empfangen, und ich muß daher auf die Ehre verzichten ... «

»Ah bah - wenn Sie beunruhigt nur das! ... « Der Lord wandte sich zu dem beaufsichtigenden Offizier und machte ein schnelles Zeichen von der Stirn zur Brust mit seiner linken Hand.

Der Capitain verbeugte sich, indem ein Lächeln sein häßliches Gesicht überflog, und wies mit der Hand nach der Thür des Schlafzimmers.

»Jetzt, Monseigneur,« sagte der Brite fest, indem er sich erhob, »lassen Sie uns gehen, denn wir haben schon verloren der Zeit zuviel. Lassen Sie Ihren Diener oder Doctor Conneau stehen auf Wache in dem Gang, und Sie, meine Herren, bewachen den Salon und den Hof und bürgen für jede Ueberraschung.«

Der Prinz sah erstaunt bald seinen bisherigen Nächter, bald den Engländer an; aber begreifend, daß es sich hier um ein Geheimniß handle, und gewöhnt an die Intriguen aller Factionen, gab er dem General Montholon einen Wink und öffnete dem Lord die Thür seines Schlafgemaches, indem er ihn einlud, einzutreten.

Als sie Beide sich hier allein befanden und einander gegenüber saßen, eröffnete der englische Pair sofort das Gespräch.

»Monseigneur,« sagte er, »Sie werden mich finden vertraut mit Ihren Angelegenheiten besser, als Sie denken. Wir müssen sprechen offen wie Männer und ich werde Ihnen geben Beweise, daß Sie mir vertrauen können. Sie wünschen sobald als möglich zu verlassen den Kerker von Ham?«

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Der Prinz nickte.

»Sie haben dazu weniger Aussicht als je. Die Herzogin von Orleans hat sich energisch gegen jede Befreiung im Familienrath ausgesprochen und die schwache Nachgiebigkeit des Königs besiegt. Die Garnison wird binnen drei Tagen auf's Neue gewechselt werden mit einem Regiment, das zu den Afrikanern gehört und den Herzögen unbedingt ergeben ist, die Maßregeln Ihrer Haft sollen verschärft und Ihnen namentlich die journalistischen Arbeiten verboten werden. Hier, dieser Brief von Odilon-Barrot wird das, was ich Ihnen sage, bestätigen.«

Der Lord hatte eine Brieftafel geöffnet und überreichte aus einer Reihe von Briefen, die sich darin befanden, einen dem Prinzen, der ihn rasch überflog.

»Das ist sehr niederschlagend, Mylord, ich gestehe es. Aber Sie werden mir zugeben, daß der gegenwärtige Zustand Frankreichs ein solcher ist, welcher alle Augenblicke eine Umwälzung, in Aussicht stellt.«

»Sie vergessen, Monseigneur, daß Louis Philipp seit sechszehn Jahren verstanden hat, eine der Parteien mit der andern in Schach zu halten, die Konstitutionellen mit den Radikalen, die Legitimisten mit den alten Anhängern des Kaiserthums. Die Krisis ist allerdings nahe, aber bedenken Sie wohl, daß man zur Verhütung einer solchen auch gewaltsame Mittel anwendet, wenn es gilt, einen Thron zu erhalten. Man hat gegen die Socialisten die Bajonnete - ein zufälliger Tod in den Mauern von Ham kann die Familie Orleans sehr rasch von einem andern gefährlichen Gegner befreien.«

»Wie, Mylord - Sie glauben, mein Leben wäre in Gefahr?«

»Die Beispiele in der Geschichte fehlen nicht. Ihr Oheim ließ Enghien erschießen, blos weil er ihn für den Gefährlichsten hielt. In der Politik giebt es keine Verbrechen, sondern nur Nothwendigkeiten und Staatsstreiche.«

»Aber ich habe Freunde außerhalb dieser Mauern, die für meine Zukunft wachen, Personen, die mir nahe stehen!«

Der Lord lachte. »Die dynastische Opposition der Herren Odilon-Barrot und Duvergier d'Hauranne? Sie haben nur Worte. Ihre persönlichen Freunde und Verwandten? Warten

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Sie.« Er nahm einen zweiten Brief hervor. »Sie werden hier die Antworten finden auf die Vorschläge, die Sie vor acht Tagen mittelst Ihres getreuen Fidèle abgesandt haben.«

»Wie - Mylord - Sie wissen ... ?«

»Ich wiederhole Ihnen, ich weiß Alles. Lesen Sie!«

»Von meinem Bruder, von Morny!« Er las hastig - bitterer Aerger zeigte sich auf seinem Gesicht und er ballte den Brief, noch bevor er ihn ganz gelesen, in der Hand zusammen. »Daß sich meine Mutter mit einem Gecken, wie der schöne Flahault, vergessen konnte, trägt seine Früchte.55 Seine Runkelrübenspekulationen gehen ihm über die Zukunft seiner Familie.«

Wiederum zuckte das spöttische Lächeln um den Mund des Engländers. »Der Deputirte von Puy-de-Dome,« sagte er, »ist gänzlich ruinirt - eine Revolution eine gewagte Sache. Er findet bessern Vortheil in diesem Augenblick, von dem Vater seines intimen Freundes irgend eine Actienconcession sich zuweisen zu lassen, oder irgend ein hübsches Amt, das er verkaufen kann. Hier ist ein Brief von Ihrem St. Simonisten.«

»Von Persigny? Er wenigstens ist ein treuer Freund - er hat es in Straßburg und Boulogne bewiesen.«

»Herr von Persigny verkehrt jetzt ziemlich frei in Versailles, und ich muß gestehen, er besitzt noch denselben Eifer für Sie, wie früher, aber ihm fehlt jeder Einfluß auf die Parteien. Sie haben noch einen Versuch bei Magnan gemacht?«

Der Prinz sah ihn mit unverhohlenem Erstaunen an.

»Der General ist ein glücklicher Soldat, der zwar dem Kaiser Alles verdankt - aber er wird nur nach einem Erfolge sich Ihnen anschließen, ebenso Castellane. Der würdige Pair hofft bei einem abermaligen Dynastiewechsel auf den wirklichen Marschall, wie er Maréchal de Camp wurde, damit die Herzogin von Berry ihre in Arrest geschickten Tänzer durch einen neuen Obersten des Regiments für den Ball in den Tuilerien zurückerhielt.

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Die Genannten sind die einflußreichsten von den alten Offizieren - die jüngeren, namentlich die Armee von Algier, sind Orleanisten oder - Republikaner; - nur ein großer Erfolg kann sie Ihnen gewinnen, und bis jetzt, Monseigneur, haben Sie nur die Erfolge der Lächerlichkeit für sich.«

»Mylord - was berechtigt Sie zu dieser Sprache?«

»Ich wiederhole es Ihnen, die Theilnahme für Sie und - meine eigenen Pläne. Wenn man Revolutionen machen will, darf man nicht mit Blut sparen. Merken Sie sich die Lehre! Jeder Putsch wird zur Lächerlichkeit und stärkt den Gegner.«

Der Prinz hatte mit fortwährend wachsendem Erstaunen der energischen Redeweise dieses Mannes zugehört, um so mehr, als ihm diese Stimme, die jetzt jeden fremden Accent verloren, immer bekannter vorkam. So sehr er auch sich zu beherrschen und seine Gedanken zu verheimlichen verstand, vermochte er doch dem räthselhaften Besuch gegenüber die Eindrücke nicht zu verbergen. Er erhob sich ärgerlich über diese Niederlage.

»Mein Herr,« sagte er entschlossen, »Sie sind nicht, was Sie scheinen, entweder also ... «

»Nachdem ich Sie überzeugt, daß Sie von Ihren bonapartistischen Freunden Nichts zu hoffen haben,« sagte lachend der Engländer, »will ich Ihnen einen andern Freund zeigen, der es vielleicht besser versteht, Ihnen zu helfen.«

Er schob mit einer schnellen Bewegung der Hand die Brille von den Augen und riß die falsche Tour, Brauen und Backenbart, den er trug, ab.

Mit Gedankenschnelle schien sich das Aeußere des Mannes verändert zu haben. Lockiges schwarzes Haar umgab eine hohe gebietende Stirn, die von mächtigen Gedanken und Leidenschaften gefnrcht war. In dem Schwung dieser dunklen Brauen und der stammenden Gluth der großen dunklen Augen, die bisher zum monotonen Starren verschleiert gewefen waren, lag etwas so Mächtiges, daß man fühlte, man müsse sich diesem Willen unterwerfen oder kämpfen mit ihm auf Tod und Leben. Das Gesicht, - bisher spitz und spöttisch, hatte eine edle Regelmäßigkeit angenommen, die Keiner vergessen konnte, der es ein Mal gesehen.

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Der Gefangene starrte es mit Erstannen an. »Um des Himmels willen - Signor Mazzini! ... «

»Still! nicht so laut. Wir sind erst beim Prolog, mein Lieber, und haben noch viel zu verhandeln. Es freut mich, daß meine Maske selbst so scharfe Augen, wie die Ihren, getäuscht, und ich wünsche um alle Welt nicht, daß General Montholon erfahrt, wer ich bin; denn das möchte meine Absichten stark gefährden.«

Der berühmte Verschwörer schob lächelnd dem noch immer fassungslosen Haupte der Bonapartisten seinen Sessel wieder hin. »Setzen Sie sich, Prinz, und lassen Sie uns weiter plaudern. Was ist da zu verwundern, daß Sie mich ein Mal in den Mauern von Ham sehen? Sie wissen, ich habe den Zauberring, der mich unsichtbar macht und durch die Schlüssellöcher spazieren läßt, wenn ich will.«

»Aber Capitain Bernard ... «

»Ist ein Mitglied der Marianne, so gut wie Sie eigentlich noch den Carbonari's angehören.«

»Das erklärt mir Manches!«

»Wohlan, lassen Sie uns jetzt von Geschäften sprechen. Sie wissen, daß Sie diesen tollen Zug nach Boulogne ganz gegen meinen Rath unternahmen, obschon ich Ihnen Forestier dazu lieh. Der Ausgang war vorauszusehen, und ich habe Ihnen denselben vorausgesagt. Wäre Louis Philipp ein Mann gewesen, so hätte er Sie erschießen lassen. Sie können also noch von Glück sagen, daß Sie so davon gekommen sind. Unterdeß sind die Verhältnisse ernsterer Art geworden, und was ich Ihnen vorhin unter der Maske meines guten Freundes, des Marquis, gesagt, der mich in diesem Augenblick im Costüm seines Bedienten im Hotel dieser guten Stadt Ham erwartet, das war keine leere Drohung, soudern ist Wahrheit.«

»So glauben Sie wirklich - man könnte ... «

»Die jetzige Regierung muß eilen, wenigstens einen ihrer Feinde für immer abzufertigen. Sie haben gesehen, wohin Sie mit Ihrer Speculation auf Wiederherstellung des Kaiserthums gekommen sind, die ich Ihnen übrigens gar nicht verüblen will. Der Bonapartismus vermag Sie nicht aus diesem Kerker zu

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retten und Ihnen eine Zukunft zu begründen. Wohlan, ich komme mit einem andern Vorschlag, der Beides zu leisten vermag.«

»Sprechen Sie, Signor!«

»Sie vermögen keine Revolution zu machen, aber Sie können einer solchen dienen. Lassen Sie Ihre Träume von dem Kaiserthron fallen und werfen Sie sich aufrichtig den Republikanern in die Arme. Dann sollen Sie in zwei Stunden frei und in zwei Jahren Präsident der französischen Republik sein!«

Der Prinz sah vor sich nieder. Jetzt, nachdem er wußte, mit wem er zu thun, kehrte alle Zurückhaltung und Heuchelei seines Charakters zurück, und er folgte wie ein vorsichtiger Spieler Schritt vor Schritt den kühnen Schachzügen des Gegners.

»Signor,« sagte er endlich, »seien wir aufrichtig. Sie brauchen mich!«

»Gewiß - ich fürchte mich nicht, es offen zu gestehen. Im Jahre Dreißig, als ich im Kerker von Savona lag und meine Mutter mir in einem Brot den Zettel mit den Worten sandte: »Polonia insurrexit!« war ich es, der rieth, Sie an die Spitze der polnischen Revolution zu stellen. Sie zauderten, und als Sie sich endlich entschlossen hatten, traf Sie in Dresden die Nachricht von dem Sturm auf Praga.«

Der Prinz beugte schweigend das Haupt unter diesem Vorwurf.

»Sie wurden ein Mitglied der Carbonari,« fuhr unbarmherzig der Agitator fort, der nie einen Augenblick von seinem großen Ziel, der Befreiung Italiens, abgewichen war, - »und Sie versuchten, die Sünde von Warschau in Italien wieder gut zu machen, aber Ihre Feigheit bei Rimini verdarb Alles.«

»Das Blut der Bonaparte ist dort geblieben - vergessen Sie das nicht, Signor!«

»Nicht das Ihre, Prinz! - Sie wendeten sich von den republikanischen Verbindungen ab, andere Einflüsse begannen Sie zu bestimmen, die Idee der Wiederherstellung des napoleonischen Kaiserthrones in Ihnen alles Andere zu beherrschen. Sie wissen selbst, wie weit Sie damit gekommen sind; Sie haben sich lächerlich gemacht, das Schlimmste, was einem Mann des Umsturzes passiren kann. Aber noch übt der Name Napoleon einen bedeutenden Zauber, nicht allein in Frankreich, sondern in der ganzen

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Welt; in Verbindung mit ihm wäre die republikanische Partei allmächtig, und deshalb, Prinz, komme ich in diesen Kerker, um Ihnen eine solche Verbindung vorzuschlagen. Ihr demokratisches Glaubensbekenntniß56 zeigt mir, wenn es aufrichtig gemeint ist, daß Sie würdig geworden, die Sache der Freiheit zu vorfechten, und für die Befriedigung Ihres Ehrgeizes werden wir die Sorge tragen.«

Der Neffe des Kaisers hob langsam die Augen auf den kühnen Enthusiasten. »Sie wissen, Signor - ich bin ein Gefangener, die Nachrichten dringen nur zum Theil zu mir. Welche Aussichten hat die Revolution?«

»Ich will Ihnen die Skizze kurz entwerfen. Hier in Frankreich wird die Regierung täglich verhaßter; selbst den Bürgerstand, auf den sie sich bisher mit ihrer Friedenspolitik gestützt, beginnt dies System von erkaufter Volksvertretung, Verkäuflichkeit der Aemter, Bestechung, gemeiner Spekulationen und Immoralität vom Minister bis zum Thürsteher herab anzuekeln. Cabierès und Teste stehen am Rande eines Scandalprozesses, der König selbst ist durch die Veröffentlichung der geheimen Briefe dem Haß verfallen, die Armee, nur so weit sie in Afrika beschäftigt ist, zufrieden; Die nächsten Kammerwahlen müssen das System in seiner ganzen Erbärmlichkeit zeigen. Die geheimen Gesellschaften vergrößern sich mit jedem Tage, der »National« predigt die Republik, die Communisten erheben offen ihr Schild, Louis Blanc, Flocon, Albert, Ledru Rollin, Raspail, Carnot, Mari Caussin, Sobrier und Blanqui warten auf das erste Signal; - die Legitimisten, Ihre eigene Partei, werden die Revolution begünstigen, in der der Stärkste oder der Klügste Sieger bleibt.«

»Aber das andere Europa? wird man nicht im Fall einer Umwälzung die Bourbons mit den deutschen Bajonneten wieder auf den Thron Frankreichs zu setzen suchen?«

»Wenn Paris das Signal gegeben hat, wird das andere Europa sich, ehe vier Wochen vergangen sind, erheben. In Berlin

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ist Alles vorbereitet, unsere Agenten warten nur auf eine günstige Gelegenheit, die offenbare Liebhaberei des Königs zum Constitutionalismus für die Revolution auszubeuten. Polen wird dazu wieder das Signal geben, obschon es in Posen und Krakau jetzt unterlegen und Miroslawski ein Gefangener ist. Wien und Dresden werden mit der Revolution nachfolgen - in einem der süddeutschen Staaten ist ein großer Theil der Truppen bereits auf unsrer Seite.« Die Idee der Wiederherstellung eines einigen Deutschlands wird die trägen Gemüther verlocken. Man wird die deutschen Provinzen jenseits der Eider gegen die dänische Herrschaft revoltiren und so England und Rußland zu thun geben. Für Letzteres sorgt Bakunin. Oesterreich steht am Rande seines Verderbens. In Prag, in Ungarn, in Mailand wird die Revolution zu gleicher Zeit ausbrechen; - in Ungarn ist uns ein großes Talent in der Person des Pesther Advokaten Kossuth entstanden; in Italien wirken Mamiani, Balbi, d'Azeglio und Gioberti - den tüchtigsten Kopf bewahre ich mir an den Ufern des La Plata.«

»Aber Sardinien - der Papst?«

»König Carl Albert ist ein Spielwerk in unseren Händen. Seine Eitelkeit verblendet ihn, wie sie ihn früher zum Tyrannen machte. Ich durchschaue ihn, Mein Brief hat es schon im Jahre Einunddreißig bewiesen. Er glaubt sich zum Schwert Italiens berufen und sehnt sich danach, mit Oesterreich sich zu messen und die Lombardei in die Tasche zu stecken. Er sowohl wie Papst Pius ahnen nicht, daß sie nur ein Werkzeug in unseren Händen sind.«

»Die Schilderungen, Signor, mögen richtig sein, Sie müssen dies besser wissen, als ich. Aber Sie haben mir noch immer nicht den Preis genannt, den ich zu zahlen habe.«

»Wohl - kommen wir zur Sache. Ich brauche zur Befreiung Italiens die Umwälzung in Frankreich, denn das Bündniß dieses Bürgerkönigs mit Oesterreich wird täglich inniger, seine Einmischung in die Schweizer Angelegenheiten immer gefährlicher. Der Name Napoleon hat seine Zauberkraft für die Franzosen - Sie werden diesen Namen an die Spitze der

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Revolution stellen und der Sieg ist unser. Ich verspreche Ihnen dafür die Präsidentschaft der Republik Frankreich.« Revolution stellen und der Sieg ist unser. Ich verspreche Ihnen dafür die Präsidentschaft der Republik Frankreich.«

»Aber was muß ich thun?«

»Präsident bleiben, ohne Kaiser werden zu wollen, und die italienische Revolution unterstützen.«

»Und wenn ich mich nun weigere?«

»So bleiben Sie Gefangener in Ham, bis die Politik der Orleans oder der strafende Dolch eines Carbonari Ihrem Ehrgeiz ein Ende macht. Sie werden sich des Schwurs erinnern, der das Recht giebt, den Abtrünnigen mit dem Tode zu bestrafen.«

Der Prinz schaute betreten zu Boden. »Sie haben ein verführerisches Bild gezeichnet, Signor. In welcher Zeit glanben Sie, daß die Revolution ausbrechen kann?«

»In hier[?] und zwei Jahren - was man thun will, muß ein Ganzes sein. Italien und Paris sind zwar bereit, aber unsere Agenten in Polen, Ungarn und Deutschland brauchen Zeit. Mit jedem Tage verwickeln sich die Tyrannen fester in ihr Netz. Europa schlaft auf einem Vulkan57 Das Blut der Gebrüder Bandiera58 ist nicht umsonst geflossen. Ob Graham und Aberdeen59 auch meine Briefe stehlen und mich belauern lassen - sie wissen Nichts, und die englischen Radikalen sind stark genug, Mich zu schützen. Meine Proteste gegen das schändliche Werbesystem in der Schweiz für die römische Tyrannei und gegen, die Bedrohung der Unabhängigkeit Krakau's schüren in diesem Augenblick neue Flammen. Wenn die Zeit gekommen, werden sie ausbrechen!«

»Wer wird Italien insurgiren?«

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»Ein Mann, auf dessen Eifer und Thatkraft man volles Vertrauen setzen darf, - Garibaldi

»Aber er befindet sich in Montevideo.«

»Wann die Zeit gekommen, wird er meinen Ruf erhalten und ihm folgen. Graf Walewski60 der Sohn Ihres Oheims, der wenigstens Ihren Namen ehrenvoll in Polen vertrat, hält die Hand über ihm, während Herr Guizot glaubt, daß er einzig seine Instruktionen in den La Plata-Staaten vertritt.«

»Resümiren Sie kurz die Bedingungen, die Sie mir stellen!«

»Die >Internationale Liga der Völker< bietet Ihnen die Bundesgenossenschaft. Sie wird Sie an die Spitze der französischen Republik stellen, und Sie verbinden sich dagegen auf den Eid, den Sie beim Eintritt in die Carbonari's geschworen, die Revolutionen der Nationalitäten mit den französischen Waffen zu unterstützen und namentlich die Freiheit Italiens erkämpfen zu helfen und zu schützen.«

»Welche Bedenkzeit geben Sie mir? - denn ich breche mit der Vergangenheit und der Zukunft.«

»Fünf Minuten - die Zukunft gehört Ihnen!«

Der Gefangene war an das Fenster getreten und starrte, die Stirn an die Scheiben gedrückt, hinaus nach dem öden Wall und den finsteren Umrissen des Thurmes des Connetable. Die Sehnsucht nach Freiheit und Macht kämpfte gewaltig in seinem Herzen gegen die Träume eines größern Ehrgeizes. Plötzlich zuckte er zusammen, ein stolzes Lächeln überflog sein bleiches Gesicht - sein Auge war auf die einsame Schildwache am Wall gefallen. Der junge Soldat, der dort stand, hielt unverwandt die Blicke auf ihn gerichtet und als er sich bemerkt sah, schaute er rasch umher und präsentirte dann das Gewehr.

Der kleine Zug der Anhänglichkeit für den Namen Napoleon entschied über das Schicksal der Revolutionen. Der Gefangene preßte fest die Zahne zusammen, indem er murmelte: »Jedes Mittel

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zum Ziel!« und wandte sich rasch gegen das Haupt der europäischen Agitation.

»Ich bin entschlossen!«

»Die Antwort?«

»Ich will frei sein. Italien soll es sein, sobald ich an der Spitze der französischen Armee stehe.«

»Das ist genug, Bürger Präsident. Wiederholen Sie den Eid!« Er zog aus der Brusttasche seines Rocks einen Dolch, um dessen Klinge ein Cypressenzweig mit weiß-roth-grünem Band geschlungen war - das berühmte Erkennungs- und Erinnerungszeichen des >Jungen Italiens< an die Märtyrer seiner Sache; die Klinge trug die Devise des Bundes: >Jetzt und Immer!< Louis Napoleon legte die Hand auf diese Klinge und wiederholte die furchtbaren Worte, die der Italiener ihm vorsagte.

»Jetzt, Prinz, wissen Sie, was Sie zu erwarten haben, im Fall Sie Ihren Eid nicht halten. Das Weitere verhandeln wir in London, und es ist Zeit, sich mit Ihrer Flucht zu beschäftigen. Lassen Sie mich meine Toilette wieder herstellen und in den Salon zurückkehren. Was Sie General Montholon sagen wollen, ist Ihre Sache!« -


Wir haben einige Worte über die Person und die Entwickelung eines Mannes einzufügen, der - ein mächtiges Prinzip vertretend - so tief bereits eingegriffen hat in die Geschichte der Gegenwart.

Joseph Mazzini ist im Jahre 1809 in Genua geboren, wo sein Vater Arzt und Professor an der Universität war. Mit der Muttermilch sog er die republikanischen Grundsätze und die Begeisterung für die italienische Unabhängigkeit ein.

Von der Natur mit einem gebietenden Aeußern, einem scharfen Verstand und großem Talent ausgestattet, stürzte er sich als Jüngling schon in den politischen Parteistreit. Im Jahre 1830, als die Bewegung in Frankreich die italienischen Regierungen allarmirte, war die piemontesische die erste, die zu Verhaftungen schritt, und des Carbonarismus verdächtig, mußte er sechs Monat in der Festung Savona schmachten und dann verbannt sein Vaterland verlassen. Er begab sich nach Marseille, wo die Exilirten

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ganz Italiens zusammenströmten und gründete dort den Geheimbund des >Jungen Italiens<.

Im Jahre 1831 richtete Mazzini den berühmten Brief an Karl Albert, der mit den verhängnißvollen Worten schloß: »Die Nachwelt wird darüber richten, ob Sie es vorzogen, der Erste unter Ihren Zeitgenossen oder der letzte von Italiens Tyrannen zu sein.«

Der Einfluß des jungen Italiens wuchs mit Riesenschnelle - die Agitation verbreitete sich über die ganze Halbinsel und die italienischen Regierungen forderten von Louis Philipp die Vertreibung Mazzini's und seiner Anhänger aus Frankreich. Mazzini ging nach Genf, wo er den Plan zu einer Revolution in Piemont entwarf. Der Versuch - im Februar 1834 - scheiterte an dem Verrath des General Ramorino, und Mazzini wurde von der Regierung Karl Alberts zum Tode verurtheilt. Er antwortete, indem er mit der Umgestaltung des >Jungen Italiens<, zu einem >Jungen Europa< einen Bund der Völker gegen die Throne in's Leben zu rufen unternahm. Revolutionaire Schriften und Manifeste folgten rasch auf einander, bis die Kabinete von Turin, Wien, Berlin und Paris energisch seine Ausweisung von der Schweiz forderten. Er begab sich nach England, um von hier aus seine Agitation für die Revolutionirung Italiens und die Leitung der Propaganda für das übrige Europa fortzusetzen, während er gleichzeitig sich einen geheimen Zufluchtsort in der Nähe von Genf, zwischen Weinbergen versteckt, bewahrte. Die zahlreichen Genossen seines Bundes dienten ihm dazu, die Agitation in Italien fortzusetzen, während er zugleich mit, rastloser Thätigkeit keine Gelegenheit vorübergehen ließ, die Sache der übrigen Emigrationen zu der seinigen zu machen und durch sie das englische Volk aufzuregen. Während dieser revolutionären Agitation fand sein Genie Zeit zu glänzenden literarischen Arbeiten und zur Gründung einer Sonntagsschule für die armen Savoyarden-Knaben, bei welcher er selbst das Lehramt übernahm. Wir haben bereits oben erwähnt, daß nach dem Unternehmen der Gebrüder Bandiera das Ministerium Wellington-Aberdeen im Jahre 1844 seine Agitation zu beschränken und zu überwachen

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suchte, aher die ausschweifenden Begriffe der englischen Presse von Freiheit - so bald sie nicht den eigenen Vortheil berührt - sicherten ihm den öffentlichen Schutz und entflammten seine Thätigkeit zu immer kühneren Planen. Das war der Augenblick der Gründung der >Internationalen Liga der Völker< und der Einführung des berühmten Agitators in den Rahmen unsers Buches.

Der falsche Lord hatte seine Toilette vollendet. - Als sie in den Salon zurückkehrten, fanden sie dort die Gruppe noch unverändert, nur daß Doctor Conneau sich eingefunden und mit dem Capitain sprach, während General Montholon sich mit den Journalen beschäftigte.

Der Prinz ging auf den alten Soldaten zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »General,« sagte er - »Sie sind mein ergebener Freund und werden sich daher freuen, zu hören, daß sich endlich eine Gelegenheit bietet, diesem Kerker zu entfliehen.«

»So lassen Sie uns ihn so bald als möglich verlassen, Hoheit. Parbleu! - ich wollte es nicht sagen, aber ich bin seiner herzlich müde!«

Der Prinz war in einiger Verlegenheit. »Die Anordnungen, mein lieber General,« meinte er, »gehören diesem Herrn. Ich habe an Mylord gleichfalls einen aufrichtigen und ergebenen Freund gefunden und wir müssen uns in seine Anweisungen fügen. Ich weiß selbst noch nicht, welche Mittel er anwenden will, mich zu entführen, ohne andere Personen zu compromittiren.«

Sein Blick bezeichnete den Offizier, der mit, der frühern starren Gleichgiltigkeit den Verhandlungen zuhörte.

»So lassen Sie hören, mein Herr,« sagte der General finster zu dem Engländer, denn er haßte die ganze Nation von Grund seiner Seele und ein gewisses Gefühl schärfte noch seine Abneigung gegen das Individuum insbesondere. »Lassen Sie hören, denn ich werde nur meine Einwilligung geben, wenn ich die Sicherheit des Gelingens sehe.«

Der falsche Viscount zog ruhig seine Uhr. »Es ist jetzt neun Uhr - in fünf Minuten werde ich Sie verlassen, und

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dem Gouverneur sagen, daß ich meinen Besuch nicht habe verlängern dürfen, weil Sie befinden sich krank.«

»Ich - oh kehren Sie sich nicht an mich, Mylord.«

Der Verschwörer lächelte. »Ich hoffe Sie stets zu sehen bei guter Gesundheit, General. Es ist aber nöthig, daß Sie sich legen zu Bett, und der Doctor verschreibt eine Medizin. Monseigneur wird zubringen bei Ihnen den Tag.«

»Ich verstehe noch immer nicht,« murrte der General, der unzufrieden zu werden begann.

»Der Prinz wird sich in einer Stunde in Ihre Wohnung begeben und dort bleiben den ganzen Tag. Nachdem er eingetreten, wird er seinen Bart vollständig abschneiden, und sobald Alles sicher ist, anlegen seine Verkleidung.«

»Welche?«

»Sie werden haben bemerkt, daß an diesem Hause mehrere Arbeiter sind thätig. Um Mittag entfernen sich diese Leute alle aus der Festung. Sie werden warten zehn Minuten und dann als Arbeiter gehen hinterher, als ob Sie sich verspätet hätten.«

»Parbleu - der Plan ist nicht übel, aber wo bleiben wir?«

»Thelin kann vorausgehen dem Prinzen, um Medizin zu holen in der Stadt.«

»Und ich und Doctor Conneau?«

»Sie, General, bleiben in Ihrem Bett und der Doctor wird Ihnen leisten Gesellschaft oder spazieren gehen auf den Wällen.«

Der Graf zog ein schiefes Gesicht, indeß faßte er sich alsbald und sagte mit einem schlecht verhehlten Seufzer: »Wenn's denn nicht anders sein kann - in Gottes Namen! Aber was bürgt uns für die Sicherheit des Prinzen, wenn es ihm auch gelungen, unerkannt aus dem Thor zu kommen?«

»In einer Stunde reise ich ab. Ich nehme den Weg über St. Quentin, Eambray und Valenciennes nach Brüssel - es ist derselbe, dem der Prinz wird folgen. In Ham wird stehen ein einfaches Fuhrwerk bereit, aber mit tüchtigem Pferd. Hier ist die Adresse, wo Monsieur Thelin es kann holen ab - Sie werden warten auf das Fuhrwerk am Kirchhof von St. Sülpice. Monsieur Thelin wird nehmen auf diesen Paß Extrapost in

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St. Quentin. Am Kreuzweg nach Beauvoir, wo Sie verlassen den Wagen, werden Sie finden einen Mann in grüner Blouse mit einem Packen. Dieses Packet enthält die Kleider, die Sie anzulegen haben. Die Person, die Sie erwartet, wird Ihren Diener über das Weitere unterrichten und Sie führen um die Stadt auf den Weg nach Cambray, wo Sie die Extrapost erwarten. Der Paß ist gut und Sie werden Postpferde bereit finden bis Brüssel.«

»Ihre Anstalten lassen nichts zu wünschen übrig, Mylord, ich gestehe es zu - aber mir scheint die Hauptsache noch zu fehlen.«

»Was?«

»Die Verkleidung selbst - wie kann einer von uns sie erlangen, ohne daß es auffällt?«

Der Lord zuckte spöttisch die Achseln über die geringe Voraussicht. »Ist es Ihnen gefällig, Capitain, sich ein wenig auszukleiden?«

Ohne ein Wort zu sagen, trat der Offizier in eine Ecke des Zimmers und zog seinen Uniformsrock aus. Er trug darunter eine alte Blouse, die er abzog, und um die Brust gewunden eine mit Farbe und Kalkflecken beschmutzte Hose. Eine ähnliche Ledermütze, die er aus der Tasche zog, vervollständigte das Costüm, dessen er sich rasch entledigte.

»Ich würde Ihnen mitgebracht haben eine falsche Perücke«, sagte der Lord, »aber Sie wissen vielleicht nicht damit umzugehen und ein Zufall kann werden zum Verräther. Das Abschneiden der Haare und des Bartes ist besser. Vor der Thür des Generals finden Sie Holzschuhe - das Weitere wird sein die Sache Ihrer Gegenwart des Geistes. Und jetzt, Sir, leben Sie wohl - ich werde erwarten Sie morgen in Brüssel!«

Der Prinz reichte ihm stumm die Hand, ein kräftiger Händedruck bestätigte den geschlossenen Bund. -


Es war zwölf Uhr Mittags, die Arbeiter an dem Bau hatten wenige Minuten vorher ihre Arbeit verlassen und sich durch das Thor der Festung entfernt, als Thelin, der die Erlaubniß erhalten hatte, eine Medizin für General Montholon in

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der Stadt bereiten zu lassen, den Hund Fidèle an der Schnur, das Haus verließ und nach dem Thor zuging.

Etwa zwanzig Schritt hinter ihm folgte der Prinz, als Arbeiter verkleidet, plumpe Holzschuhe an den Füßen, das Gesicht beschmiert und ein großes Brett auf der Schulter.

So ging er mitten durch die Wachen und die auf dem Hofe sich umhertreibenden Soldaten dreist auf den Thorweg des Schloßthurmes zu.

In diesem Augenblick kam ein Schlossergeselle, der ihn für einen Kameraden hielt, und wollte ihn ansprechen. Thelin gewahrte es glücklicher Weise noch zeitig genug, trat auf den Schlosser zu und ließ sich Feuer von ihm für seine Cigarre geben.

Etwas weiter entfernt begegnet der Prinz einem Offizier, der einen Brief liest, aber nicht auf ihn achtet, dann schreitet er durch eine Gruppe von dreißig Soldaten, die vor der Wachtstube stehen, durch.

Endlich, nachdem er, ohne eine Miene zu verziehen, an mehrere[n] Schildwachen vorbeigekommen, befand er sich vor der letzten am Thor.

Er wollte das Gitter eben passiren, das der Thorwart Thelin öffnete, als er eine Stimme flüstern hörte:

»Gott geleite Sie und vergessen Sie Frankreich nicht!«

Der Prinz erbebte - seine Augen aufschlagend, erkannte er in der Schildwache, die gesprochen, den jungen Soldaten, der drei Stunden vorher vor seinem Fenster Posten gestanden und ihn salutirt hatte.

Der Prinz setzte, während der Thorwart das Gitter öffnete, sein schweres Brett dicht neben der Schildwache nieder und bückte sich, als beschäftige er sich mit seinen Schuhen. »Ich danke Dir, Freund. Dein Name?«

»Florentin Jeannon

»Wenn Du hörst, daß ich in den Tuilerien bin, so fordere Dir Dein Lieutenants-Patent bei mir.«

Der Soldat half ihm selbst das Brett wieder auf die Schulter heben - wenige Augenblicke nachher überschritt der Prinz die Zugbrücke und setzte nach sechs Jahren zum ersten Male wieder seinen Fuß auf freie Erde.

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Während Thelin nach der Stadt ging, um an dem bestimmten Orte das Cabriolet zu holen, schritt der Flüchtling trotz seiner Holzschuhe rasch vorwärts und erreichte glücklich den Kirchhof von St. Sulpice, wo er den Wagen erwarten sollte. Es war eine qualvolle Viertelstunde, bis dieser kam, denn jeden Augenblick fürchtete er das Allarmzeichen von den Wällen der Festung zu hören, das seine Flucht verkündete. Endlich erschien der Wagen, der Prinz stieg auf den Bock und übernahm die Rolle des Kutschers. Sobald man aus dem Gesichtskreis der Wälle war, ging es im Galopp davon.

Eine Stunde nachher war man am Kreuzweg von Beauvoir, im Angesicht der einst so berühmten Veste St. Quentin. Ein Mann, mit einer grünen Blouse bekleidet und einem Ranzen neben sich, saß auf dem Rain unter dem Schatten des Gebüsches, das sich bis an die Straße erstreckte. Als der Wagen nahete, erhob er sich und betrachtete die Reisenden aufmerksam; dann trat er zu dem haltenden Wagen und machte rasch mit dem Daumen der linken Hand das Freimaurerzeichen der Carbonari.

Der Prinz erwiederte es.

»Steigen Sie aus, Signor,« sagte der Fremde in reinem Italienisch, »und gehen Sie einstweilen in jenes Gebüsch. Ich werde Ihnen sogleich folgen, sobald ich diesem Manne einige Anweisungen gegeben.«

Der Flüchtling gehorchte ohne Weiteres - nach wenigen Worten mit Thelin kam ihm der Fremde in's Gebüsch nach und öffnete sein Packet.

Ein vollständiger Reise-Anzug, wie ihn etwa wohlhabende Kaufleute tragen, war darin. Der Prinz kleidete sich rasch um, der Fremde steckte die Arbeiterkleider in seinen Ranzen und reichte dem Prinzen dann ein Paar gezogene Terzerols und ein Stilet.

»Für den Nothfall, - aber es wird nicht nöthig sein, Ihr Paß wird Sie ohne Aufenthalt über die Grenze bringen, wenn ein unglücklicher Zufall Ihre Flucht nicht etwa zu zeitig verrathen hat. Sind Sie hinreichend mit Geld versehen?«

»Ich habe mitgenommen, was ich hatte - aber es ist nicht viel.«

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»Nehmen Sie diese Börse - es sind fünfzig Sovereigns darin, und nun kommen Sie.«

Der Prinz folgte seinem Führer, von dem er nicht wußte, ob er ihn kannte und in das Geheimniß eingeweiht war; denn er hatte in seiner Anrede noch kein Wort fallen lassen, was darauf hindeutete.

Sie gingen auf einem Fußsteig im Gebüsch fort und um die Stadt, bis sie nach etwa einer halben Stunde die Chaussee nach Cambray erreichten und an der Brücke Halt machten, die über den Fluß führt.

Wenige Minuten darauf sahen sie eine Staubwolke vom Thor von St. Quentin her rasch daher kommen.

»Das ist der Wagen!«

Die Extrapost war nur wenige Schritte noch entfernt und Thelin winkte bereits seinem Herrn, als Plötzlich der Fremde diesen hart an den Arm faßte.

»Diavolo! Sehen Sie dort hin!«

Ein Blick genügte. Auf der Straße von St. Quentin kamen zwei Gensd'armen im vollen Galopp daher gesprengt.

»Wir sind verrathen - man kennt meine Flucht - man verfolgt uns!«

»Hinein in den Wagen und schießen Sie den Postillon vom Bock, wenn er nicht im Carriere fährt. - Ihre Hand, Prinz, daß ich sie küsse! Diese Hand wird Italien die Freiheit wiedergeben!«

»Und Sie? ... «

»Was ist an meinem Leben gelegen? Ich werde es opfern, um die Schergen der Gewalt aufzuhalten und meinem Vaterlande seine Hoffnung zu erhalten.«

Er hob ihn in den Wagen - der Schlag fiel zu.

»Ihr Name, Freund - Ihren Namen!«

»Felix Orsini

Der Wagen rasselte davon - der Italiener stellte sich mitten in den Weg, die Hand am Griff des Doppelpistols unter seiner Blouse. Sein energisches, kühnes Gesicht zeigte den gefaßten Entschluß.

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In diesem Augenblick schlugen die Gensd'armen, kaum noch hundert Schritt von ihm, den Feldweg nach Vermond ein und galoppirten plaudernd weiter. -


Prinz Louis Napoleon, dem es gelungen, nach sechsjähriger Haft vor vier Tagen aus seinem Kerker in Ham zu entfliehen, ist heute Morgen in London angekommen. Er hat einen Brief an Sir Nobert Peel gerichtet, in welchem er dem Minister erklärt, daß er sein Gefängniß nicht verlassen habe, um einen neuen Versuch gegen die Regierung Ludwig Philipps zu unternehmen. Der Prinz spricht die Hoffnung aus, daß diese freiwillige Erklärung genügen werde, um die Gefangenschaft seiner Freunde abzukürzen.

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Ein preußischer Edelmann.

Die >Internationale Liga der Völker< hatte Wort gehalten. Noch waren zwei Jahre nicht vergangen - am 24. Februar der Thron von Orleans in den Staub geschleudert, in Paris all' das Wogen des tollsten republikanischen Fractionskampfes - in Wien am 13. und 14. März die Revolution ausgebrochen und Metternich verjagt - in München und Dresden Emeuten - Schleswig-Holstein hatte sich erhoben und proclamirte eine provisorische Regierung - Mailand und Venedig schwangen offen die Fahne der italienischen Unabhängigkeit und der Losreißung von Oesterreich.

In Berlin, der sonst so soliden, nur in Satyre und Gassenhauern Opposition machenden Hauptstadt des deutschen Nordens und der liberalen Hoflieferanten, hatte am 18ten der Kampf begonnen und war am 19ten fortgesetzt worden. Juden, Polen und Franzosen - wie die Kreuzzeitung vier Monate später sagte - hatten eine neue Aera aus Barrikaden aufgebaut, und die preußische Uniform war durch das erhabene Opfer eines Rückzugs gedemüthigt worden, von dem Niemand wußte, wer ihn geboten! -


Sonntag Reminiscere! Es ist der Abend des 19. März. Der Mond warf sein klares friedliches Licht auf den ruhigen Spiegel des schönen Havelbeckens, das sich zwischen den leichten waldigen Höhen um die grüne Fischerinsel schlingt, die das Pichelswerder heißt - eine Waldidylle der sandigen Mark, wie man sie nicht freundlicher für einsames Träumen sich wünschen könnte.

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Das Immergrün der Nadelhölzer auf den südlichen Bergwänden wirft dunkele Schatten auf das Wasser - weiße Schwäne halten ihre Nachtruh' in dem dichten Geröhr des Ufers - nur hin und wieder wird der funkelnde, weithin dehnende Silberstreif des Mondes auf der leise rauschenden Wasserfläche durch die schlanken Stangen und Reifen der Hamen unterbrochen, welche die Fischer ausgestellt. Der Winter hat zwar kaum seine rauhe Decke abgestreift, aber doch treiben die prächtigen Eichen der hohen Insel bald knospende Blätter - nicht des beginnenden Völkerfrühlings, den sie da drüben über'm Berg hin mit Blut getauft, sondern des sonnigen Frühlings, dessen das Menschenherz sich freut bei jeder Wiederkehr, bis jener Winter kommt, der es in die Erde legt als Saatkorn für den ewigen Frühling.

Dunkel und ruhig liegen die wenigen Fischerhütten auf Gelände und Insel - drüben vom Fischerdorf her bellt ein zänkischer Hofhund - sonst athmet Alles den Frieden der Nacht. Was kümmert es die einfachen Menschen, daß man sich drüben in der Hauptstadt schlägt und der Donner der Kartätschen gegen die Empörung kracht; - ob Republikaner, ob Constitutionelle oder Monarchisten, - die ehrlichen Berliner werden, wenn der Sommer gekommen, nach wie vor der Forstverwaltung den Zaun zerbrechen und vom >Bock< durch den waldigen Grund in lustigen Gesellschaften hierher wandeln, um Krebse und Aale zu speisen, und bei dem Concert der Harmonika in Hemdsärmeln auf dem Nasen zu tanzen!

Dort, wo die Sage den letzten Wendenfürsten Jaczko auf der Flucht vor den Deutschen sich in die heimischen Gewässer stürzen und die alten Götter verläugnen läßt, und König Friedrich Wilhelm IV. ein Denkmal mit dem Eisenschild des alten Gebieters der Mark auf dem Bergvorsprung errichten ließ, - am Schildhorn - vereinigt sich der durch die Insel getheilte Strom auf's Neue und bildet einen breiten glänzenden Spiegel. Lauter murmeln die Wellen, rascher eilt der Strom und der Windzug rauscht über die Fläche - oft zum Sturm sich erhebend, der dem unachtsamen Schiffer Gefahr droht.

Im Fahrwasser an den Höhen entlang von Spandau her kommt ein großer vierruderiger Kahn und wendet sich jetzt der

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Mitte des Beckens zu, um hier die Strömung besser zu benutzen. Der Kahn trägt außer den vier Ruderern noch eine gleiche Anzahl von Personen. Auf dem Mittelbrett vor den Ruderern sitzen ein Mann und eine Frau. Der Erstere ist von hoher Gestalt und breiter Brust, so weit es der weite Mantel, in den er sich gehüllt, erkennen läßt. Ein runder Hut ist tief in seine kräftige Stirn gedrückt.

Die Dame neben ihm hüllt sich schauernd in ihren Pelz, denn die Luft, die über das Wasser her streicht, ist frisch, ja kalt. Ein dunkeler Hut mit dichtem Schleier bedeckt ihr Gesicht, nur zuweilen - denn beide Personen wechseln nur selten leise einige Worte - macht sich unter dem Pelz und dem Schleier eine leichte, aber energische Bewegung bemerkbar, als werde die Hand gegen die Brust gepreßt, um eine nervöse Aufregung gewaltsam zu unterdrücken.

Im Stern und im Schnabel des Bootes sitzen zwei Offiziere in Feldmützen. Der zuweilen vom Luftzug geöffnete Paletot zeigt die Uniform des Genie-Corps, auch die vier Ruderer tragen die Pionier-Uniform, sind aber unbewaffnet. Wenn dagegen jener Luftzug die Mäntel der Offiziere hebt, kann ein scharfes Auge den Beschlag der Pistolenkolben im Mondlicht blinken sehen, die aus ihrer Brusttasche ragen. Die Augen der beiden Offiziere spähen fortwährend scharf umher nach den Ufern, nach dem Wasserspiegel, oder bewachen aufmerksam jede Bewegung der Ruderer. Von Zeit zu Zeit giebt der Offizier im Stern des Kahns eine leise Anweisung an die Ruderer und ermuntert sie zu größerer Anstrengung.

Plötzlich erhebt sich der Offizier an der Spitze des Bootes zu halber Höhe, stützt sich auf ein Knie und schaut, die Augen mit der Hand bedeckend, scharf hinaus auf die spiegelnde Wasserstäche. Dann winkt er mit der Hand zurück nach den Ruderern.

»Halt!«

Die Ruder heben sich ohne Geräusch aus dem Wasser, bereit, jeden Augenblick wieder eingesetzt zu werden.

»Was giebt es?«

Die Dame preßt sich ängstlich an den Herrn, der die Frage gethan.

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Der Offizier im Stern hat die Pistolen aus der Tasche gezogen; man hört in der Sülle der Nacht zugleich mit dem eigenthümlichen Plätschern entfernter Ruderschläge das Knacken der Hähne beim Spannen. Der andere Offizier wendet sich gegen den Herrn auf der Bank.

»Es kommt uns ein Boot entgegen, stromaufwärts oder von Gatow her - ich kann es nicht entscheiden. Dort der dunkle Punkt.«

»Vielleicht ein Fischerkahn.«

»Ich zweifle - Fischer haben in dieser Stunde und um diese Jahreszeit Nichts auf dem Wasser zu schaffen.«

»Was sollen wir thun?«

»Ich erwarte Ihre Befehle. Das Boot muß uns bereits im hellen Fahrwasser bemerkt haben - ein Zurückrudern in den Schatten des Ufers wäre kaum rathsam.«

»Und Sie, mein Herr - was ist Ihre Meinung?« Der Mann im Mantel hatte sich an den Offizier im Stern gewandt.

»Vorwärts zu gehen - wenn Verrath im Spiel ist, über [i]hn hinweg!«

»Vorwärts denn!«

Die Ruderer setzten auf einen Wink wieder ein und das Boot seinen Weg fort. Das andere war bereits so nahe gekommen, daß man seine schwarzen Schatten sich deutlich auf dem Wasserspiegel abzeichnen sah. Es schien vier Personen zu enthalten.

Der zweite Offizier lenkte das Boot etwas zur Seite, um an dem entgegenkommenden in gemessener Entfernung vorüberzufahren, als dieses plötzlich seine Richtung änderte und gerade auf sie losruderte.

Die Dame drängte sich fest an den Arm ihres Begleiters. Die beiden Offiziere ergriffen jeder ein Pistol.

»Ruhig, meine Herren - keine Uebereilung - es ist vielleicht eine Nachricht, die uns entgegengesandt wird.«

»Das ist kaum möglich - Niemand ... «

»Halten Sie einen Augenblick ein, wenn es Ihnen gefällig ist,« sagte eine ruhige, ernste Stimme über das Wasser her. »Ich habe eine Frage an Sie zu richten.«

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»Lassen Sie einhalten!« Der Mann im Mantel, der diesen Wunsch oder diesen Befehl ausgesprochen, zog den Kragen höher um sein Gesicht, das war die einzige Bewegung, die er machte. So ließ man den zweiten Kahn ruhig näher kommen; einen Augenblick darauf lag er zur Seite in der Entfernung einer halben Ruderlänge. Die Offiziere, die nur ungern diese Nähe zu dulden schienen, überzeugten sich sofort, daß hier keine Gefahr drohen könne.

In dem Kahn saß ein alter Mann, wie der weiße Schnurr- und Backenbart zeigte, eine große hagere Gestalt in einem einfachen Paletot, eine niedere Jagdmütze auf dem Kopf, neben ihm ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren. Zwei Fischer - gewöhnliche Leute - führten die Ruder.

»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte der alte Mann, »daß ich Sie angehalten. Aber als diese guten Leute« - er wies auf seine Ruderer - »mir sagten, daß Ihr Fahrzeug kein Nachen aus Pichelsberg oder dem Werder sein könne, glaubte ich, daß ich vielleicht einige Nachricht aus Berlin von Ihnen erfahren könne.«

»Was wünschen Sie zu wissen, mein Herr?« fragte der ältere Offizier, ohne auf die indirekte Frage, die in der Anrede des Alten lag, zu antworten.

»Zuerst was machen Seine Majestät der König

»Der König,« erwiederte der Herr im Mantel mit tiefer vibrirender Stimme - »der König befindet sich im Schutz seiner lieben Berliner!«

»Schämen Sie sich, mein Herr,« sagte erzürnt der alte Mann, »solche Worte von nichtswürdigen Rebellen zu gebrauchen, während Sie die Ehre haben, in Gesellschaft preußischer Offiziere zu sein, wie mir die Uniform dieser Herren zeigt. An diese richte ich meine Frage, was machen Seine Majestät?«

»Seine Majestät der König befindet sich, so viel wir wissen, in Berlin und, wie es scheint, in Sicherheit,« antwortete der ältere Offizier, »denn die Truppen haben auf Allerhöchsten Befehl Berlin verlassen!«

»Also wirklich! O, ich wollte es nicht glauben!« Der alte Mann bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, man hörte seine keuchenden, stöhnenden Athemzüge.

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»Mein Herr,« sagte der Mann im Mantel mit freundlichem Ton, - »wir sind gute Preußen und Freunde des Königs wie Sie. Darf ich Sie fragen, wer Sie sind und wohin Sie wollen?«

Die Gestalt des alten Mannes richtete sich militairisch straff in die Höhe. »Ich habe nie in meinem Leben meinen Namen Verschwiegen. Ich bin der Major außer Diensten von Röbel, mein Gut liegt zwischen Barnim und Nauen.«

»Und wie kommen Sie hierher?«

»Ich hole die Leiche meines Sohnes, der gestern im Dienst des Königs von den Rebellen erschossen wurde. Sie soll in der Gruft meiner Väter liegen, nicht unter dem Gesindel!«

Die Worte waren mit fester, ruhiger Stimme gesprochen, nur in dem dumpfen Klänge zitterte das Vaterherz.

Eine feierliche Stille folgte den Worten - Niemand wagte sie mehrere Augenblicke zu unterbrechen - langsam trieben die Kähne mit einander stromab und näherten sich einander.

»Ich habe davon gehört,« sagte endlich der Herr im Mantel, »und beklage Sie aufrichtig. War der Gefallene Ihr einziger Sohn?«

»Mein Herr, ich habe deren drei. Der erste gehört seinem Geschlecht, das ist so Sitte im Hause der Röbel, der zweite dem König, - der dritte,« er legte die Hand auf das Haupt des Knaben an seiner Seite - »seiner Mutter und mir. Das muß sich nun ändern!«

Der Herr im Mantel lehnte sich über den Rand des Kahnes und reichte dem alten Mann die Hand hinüber. »Leben Sie wohl, Herr Major, und Gott sei mit Ihnen auf Ihrem schweren Wege!«

Kragen und Mantel waren zurückgefallen, das volle Mondlicht auf das ernste, stattliche Gesicht des Sprechenden.

»Um Gotteswillen ... «

»Still! - und möge Jeder dem Könige so dienen wie Sie und Ihr Haus!«

Ein Wink mit der Hand - die Ruder fielen in's Wasser und fort rauschte das Boot.

Der alte Edelmann stand aufrecht in dem seinen, er hatte

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den Hut abgenommen, - der Nachtwind spielte mit seinen weißen Haaren, während er unverwandt dem Boote nachschaute.

Erst als es in der Richtung stromabwärts nach der Pfaueninsel zu aus dem zitternden Lichtkreis des Strombeckens gänzlich verschwunden war, setzte Herr von Röbel sich nieder und gab seinen Ruderern den Befehl, weiter zu fahren.

Lange saß er so stumm und nachdenkend, während die flacher werdenden Ufer an ihnen vorbeizogen, der Knabe wagte ihn nicht anzusprechen. Erst als aus dem Schatten der Nacht die dunkelen Umrisse der Festung hervortraten, brach er das Schweigen und wandte sich an den Knaben.

»Mein Sohn,« sagte er - »meine Augen haben gesehen, was sie hofften niemals wieder zu sehen. Gott allein weiß es, welche Zeiten kommen werden - aber wenn einst diese Stunde auch aus dem Gedächtniß Derer gestrichen sein sollte, die das Recht haben zu vergessen - dann vergiß Du doch nicht, was Du gesehen hast und heute sehen wirst - Dein Lebelang!« -


Es war gegen Mitternacht, als der Kahn des Herrn von Röbel die Unterbaumbrücke passirte und in die Stadt einfuhr, an den Schiffen vorbei, die zu beiden Seiten des Ufers ankerten. An dem Garnisonlazareth vorüber, wohin man die Leichen der an den beiden verhängnißvollen Tagen im Straßenkampf gefallenen Soldaten meist gebracht hatte, unter der Marschalls- und Weidendamer Brücke her setzte der Kahn ungehindert seinen Weg fort bis zur Brücke, die vom Gießhaus nach dem neuen Museum führt. Dort - in der verhältnißmäßig öden Gegend - legte der Kahn auf Befehl des Majors an eine Landungstreppe und er stieg mit dem Knaben aus.

»Ihr wißt, was wir ausgemacht, Männer,« sagte er zu den beiden Schiffern; - »Ihr verlaßt den Kahn unter keinen Umständen, bis ich oder mein Sohn Euch rufen.«

»Ja, Herr - seien Sie unbesorgt!«

Der alte Edelmann sah nach der Uhr. »Noch eine halbe Stunde Zeit! - Laß uns prüfen, wie es in der Stadt aussieht.« Er nahm den Knaben an die Hand und schritt mit ihm am Kanal entlang der Brücke zu. Sein erste rGang galt dem Schloß des Königs.

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Trotz der späten Stunde waren die Straßen noch mit wogenden Menschengruppen besetzt - Alles schrie, lärmte, erzählte oder hörte den Rednern zu, die sich dem Volke aufdrängten - Arbeiter, die seit Jahresfrist gewohnt waren, das große Wort über sociale Theorieen zu führen oder in vertrauter Stube von Barrikadenbau zu reden; - jüdische Handlungscommis, die die Zeitungshalle zu Helden des Liberalismus umgeschaffen; - Stadträthe, die hofften, Oberbürgermeister zu werden; - verdorbene Assessoren und vagabondirende Literaten; - Wenige darunter, die ein verständiges, beruhigendes Wort zu dem allgemeinen Thema der Brutalität der Soldateska, dem glorreichen Sieg der Freiheit, den Tellschüssen der berliner Schützengilde und den bis zum Wahnwitz sich steigernden Forderungen hatten. Männer, Frauen, Kinder durcheinander, zwischen den Bürgern jene unheimlichen Gestalten, die Aasvögel der Revolutionen, die auftauchten wie der Bodensatz des Pfuhls, der aufgerührt ist von den Schlägen des Alligators, den er so lange verborgen.

Junge Leute ohne Gedanken und Pflichten rasselten mit dem Schleppsäbel auf dem Pflaster, billig Soldaten zu spielen; - Spießbürger, die gar zu gern die Courage herausstrecken, wenn die Gefahr vorüber, erinnerten sich noch ein Mal der Tage ihrer Wehrzeit und schleppten die Muskete; selbst das jämmerliche Geschlecht der Geheimen Räthe, dieses bureaukratischen Kreb[s]schadens Berlins, begann aus dem vierundzwanzigstündigen Versteck hervorzukommen, redete liberal und wollte wieder an der Spitze stehen.

Im Ganzen doch bei all' diesem Schmutz und dieser Verwirrung ein gewisser Zug militairischer Ordnung und Ringen nach Organisation, bei all' diesem betäubenden Raisonnement und den Lügen vom Himmel herab der Wunsch nach etwas Festem, sicher Gestaltetem. Das Soldatenblut in Preußen verläugnete sich selbst nicht in dem Sturmwogen der Rebellion und dem Triumph der Selbstverherrlichung.

Bürgergruppen besprachen schon ruhiger den Wechsel des Ministeriums - die gemachten Verheißungen; - im Ganzen erwartete selbst der Verständigste eine neue goldene Aera, denn der Drang des Reformfiebers, das seit zwei Jahren durch das Mark Europa's schlich, hatte alle Nerven mit Electricität überladen,

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und der Druck, unter dem krasser Büreaukratismus und unverständiges[unverständigen] Experimentiren der Regierung gegenüber den socialen umwälzenden Ideen von jenseits des Rheins her das Volk gehalten, hatte auch die Conservativsten verletzt und die Nothwendigkeit von Reformen in ihnen zum Bewußtsein gebracht. Der Major war nicht so engherzig, daß er sich diesen Gedanken verschlossen hätte; unwillkürlich in seinem Schmerz und Jammer fiel ihm das kleine Rencontre ein, das er noch ganz kürzlich mit den Schreiberchikanen der Vormundsschaftbehörde gehabt, als diese drei Erlasse an ihn gerichtet, anzuzeigen, weshalb auf dem Gute seines Mündels die Sau, ehe sie gestorben, noch ihre Ferkel aufgefressen hätte? und daß er zwanzig Thaler Ordnungsstrafe für die von der Galle diktirte Antwort hatte zahlen müssen: »Damit sie nicht unter's Ober-Vormundsschaftsgericht kommen möchten!« - er hätte lächeln können bei dem kleinen Zug, der ihm durch den Sinn ging, aber er war zu tief verletzt von Allem, was er sah; denn nach seiner politischen Religion konnten Reformen nur vom Könige ausgehen, der unverletzlich geheiligten Macht von Gottes Gnaden, nicht von unten herauf nach dem Thron, und jede Auflehnung gegen Ehrfurcht und Gehorsam für die höchste Autorität war in seinen Augen ein vatermörderisches Verbrechen. Dazu gefielen ihm die vielen Judengesichter unter den Schreiern, die fremden Laute fremder Nationalitäten und Provinzen nicht - er hatte auch eine Volkserhebung mitgemacht, damals, als der König die Nation zu den Waffen rief - und das Bild der Begeisterung, von Dreizehn war ein ganz anderes - der Feind: die Fremdherrschaft, nicht, im Königsschlosse der Hohenzollern! Der Crawall, die Emeute waren ihm in tiefster Seele verhaßt.

Es sollte noch schlimmer kommen - jeder Schritt weiter grub neue Stacheln in seine Brust.

In den meisten Fenstern brannten noch die Reste der Illumination, mit der am Abend die Stadt den Sieg gefeiert. Je näher die Beiden dem Schloß kamen, desto dichter drängten sich die Gruppen.

An der Ecke des Gespensterhauses, aus dessen Fenstern einige Monate nachher, am Tage des projectirten Aufgehens Preußens in Frankfurt, wieder die rothe Fahne geschwenkt wurde, stand ein

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Mann auf einem Stein und las der Menge die beiden Proclamationen des Tages vor: den Wechsel des Ministeriums von Männern, welche der Revolution nicht vorzubeugen gewußt, in Männer, welche sie weder zu bändigen noch zu leiten verstanden, - und das Decret der allgemeinen Bürgerbewaffnung.

Durch die offenen Schloßhöfe, in denen lustig großs Feuer brannten, wogte die Menge; - die improvisirte Bürgerwehr hielt auf den Corridors und in den Sälen nominell Posten, auf der Schloßwache commercirte eine Bande betrunkener Studenten mit Hiebern und abenteuerlicher Bewaffnung aus den Kellern des Schlosses, oder beschmutzte die Wände mit frechen Sudeleien; - Deputationen von Gott weiß was alles für Corporationen drängten trotz der späten Stunde noch immer nach den Gemächern des zum Tode erschöpften Monarchen und verlangten die Minister zu sprechen. Das Schloß war kein Haus mehr des Königs, sondern die Karavanserai für Jedermann.

Aber die erschütterndste, schrecklichste Scene bot der innere Schloßhof. Dort - vor den Gemächern des Königs - lagen auf Bahren die Leichen der Barrikadenkämpfer, die man am Nachmittag, nachdem das Militair entfernt worden, vor das Schloßportal geschleppt und den König und die Königin anzuschauen gezwungen hatte.

Noch starrten die Augen der blutigen Todten ungeschlossen empor, die klaffenden Wunden - der brutale Haß hatte die am Schrecklichsten verstümmelten ausgesucht! - mit geronnenem Blut und - o, bitterer Hohn! mit Blumen bedeckt - die Hände krampfhaft geballt. Dichte Gruppen umdrängten eben wieder die Zeugen des blutigen Tages; denn ein Weib aus dem Volke lag schreiend, jammernd über einer der Leichen und raufte das Haar, während ein einjähriger Knahe auf den Füßen seines Erzeugers saß, mit den Blumen spielte und neugierig auf die Flammen der Pechfackeln umherschaute.

Noch vor Jahresfrist war die kleine Familie so ruhig, so glücklich gewesen - der Mann bei seiner Hände Arbeit, die Frau mit dem Kinde. Da kam die Politik in dies ruhige, stille Dasein - das Gift, ärger wie Spiel und Trunk ...

Ein Spitzbubengesicht hatte mit raffinirter Geistesgegenwart

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die Scene benutzt und neben die halb bewußtlose Frau seinen Hut gesetzt. »Sie wohnt in einem Hause mit mir, meine Herren! Das arme Geschöpf wird verhungern müssen mit ihrem Wurm, nun die Henkersknechte ihren Mann erstochen, wenn Sie sich ihrer nicht erbarmen!«

Und große und kleine Geldstücke flogen von allen Seiten in den schäbigen Hut - es ist eine wohlthätige, gutmüthige Nation, diese Berliner, und leichtgläubig bis zur Dummheit!

Den alten Edelmann lief es wie kalter Schauer durch das Blut. Die verstümmelte Leiche da vor ihm war es vielleicht, die lebendig die mörderische Kugel auf seinen Sohn gesandt - und dennoch war seine Seele tief erschüttert. Seine Hand griff in die Tasche und warf eine ganze Faust voll Münzen in den Hut, selbst Gold darunter.

»Gott segne es Ihnen, Herr, Sie sind ein echter Patriot und theilen mit Ihren armen Brüdern!« winselte der Gauner, von rückwärts her aber schlug eine Hand burschikos auf die Schulter des Edelmannes. »Brav gemacht, alter Schwede! Es wird Dein Herz erfreuen, zu hören, daß wir den armen Kameraden da wacker gerächt! Auf Burschenehre, ich war dabei, als er mit der Fahne fiel und wir sie zwei Mal von der Barrikade zurückjagten!«

Herr von Röbel wandte sich rasch um, aus seinem zornigen Gesicht war jede Spur des Mitleids verschwunden, seine Augen blitzten unter den buschigen grauen Brauen drohend auf den von Wein und Reden erregten Studenten, der, plötzlich ernüchtert, mit erbleichendem Angesicht ihn anstarrte.

»Um Himmelswillen, Herr Major - Sie hier ... «

»Dorthin, Herr,« sagte der alte Offizier mit schneidender Kälte, indem er mit dem Finger nach einer menschenleeren Stelle wies. »Da Sie es sind, so habe ich Ihnen einige Worte zu sagen!« Er schritt voran nach dem Säulengang; bleich, zitternd folgte ihm der junge Mann, ohne die Hand des Knaben zu berühren, die dieser ihm bot.

»Herr,« sagte der Edelmann, indem er sich an der Stelle umwandte, »ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe, wenn ich meine Kinder warnte vor der Freundschaft mit Ihnen. Ich ehre

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das graue Haar Ihres Vaters, der mit mir in mancher Schlacht zusammen gestanden, - aber ich werde ihm sagen, wenn Sie sich noch einmal im Pfarrhaus von Bodendorf blicken lassen, werde ich Sie mit meinen Jagdhunden aus dem Dorfe hetzen lassen!«

»Hören Sie mich an, Herr Major - Sie urtheilen zu einseitig ... «

»Wissen Sie, wo die Leiche meines Sohnes liegt und wo ich Gottlieb finden kann?«

»Er wartet auf Ihre Befehle, wie er mir sagte ... Erlauben Sie, Herr Major ... «

Der alte Mann machte eine verächtliche Handbewegung.

»Bemühen Sie sich nicht, Herr Meißner ... ich weiß in der Residenz meines Königs Bescheid und will Sie Ihren politischen Pflichten nicht entziehen.« Er wandte sich nach dem Schloßthor und winkte dem Knaben, ihm zu folgen. Mehrere Studenten und Bürgergardisten kamen heran. »Was wollte der alte Kerl von Dir, dem man den Reaktionair auf fünfzig Schritte ansteht? Himmel-Tausend-Teufel sollen ihn holen, wenn er gewagt hat, unverschämt zu sein. Du stehst ja ganz katzenjammerig aus, Bursche! - Haltet den alten Hallunken fest!«

Der Student sprang mit einem Satz ihnen in den Weg - seine Hand lag am Griff des rasselnden Hiebers. »Daß Keiner es wage! Ihr kennt mich! Ich steche Jeden über den Haufen, der einen Finger an ihn legt!« -

Der Major mit seinem Sohn war durch das Portal geschritten. Er hatte es aufgegeben, bis hinauf in die Vorgemächer des Königs zu dringen, wie er erst beabsichtigt, um sich selbst von der Sicherheit des Monarchen zu überzeugen und seine Person anzubieten. Er fühlte, was konnte er, der Einzelne, thun, wo der König seine Treuesten aufgegeben und selbst entfernt hatte.

Ein rascher Schritt holte ihn unter dem Portal ein, unter dem er, noch einen Blick auf das seltsame Schauspiel dieser Volkssouveränität werfend, stehen geblieben. »Lassen Sie uns gehen, Herr von Röbel,« sagte leise die Stimme des Vorüberschreitenden, - hier ist kein Ort für Männer, wie Sie und ich!«

Unter der nächsten unzerbrochenen Laterne erkannte der alte

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Offizier den jungen Mann, der mehrmals mit dem erschossenen Sohn bei ihm zur Jagd gewesen, obschon er jetzt in einen Civilmantel gehüllt war und den Schnurrbart abgeschnitten hatte. »Wie - Sie sind es, Herr Graf - wo kommen Sie her?«

»Ich sah Sie im Schloßhof bei den Leichen dieser - Männer und wollte Ihnen eben einen Wink geben, sich nicht zu exponiren, als Sie ein Recontre mit jenem Studenten zu haben schienen.«

»Es ist der Sohn meines Pastors, eines würdigen Mannes. Wenn die Sonne wieder aufgegangen, wird der Fluch seines Vaters den Abtrünnigen über die Erde jagen!«

»Bester Major - wenn alle Söhne, die heute andrer Meinung sind, als ihre Väter, deshalb den Fluch derselben erben müßten, - die Bergeslast wäre zu groß für die neue Generation! - Aber lassen wir das und sprechen wir von Wichtigerm. Es hat Sie leider ein schwerer Verlust getroffen - wir beklagen Sie Alle, das Regiment wird untröstlich sein darüber!«

»Er ist für seinen König gefallen, Herr Graf!«

»O, es kann uns Allen passiren, dafür sind wir Soldaten. Aber Ferdinand war der Eleganteste, Lustigste von uns Allen, ein Cavalier comme il faut! Auf Ehre! Er ritt wie ein Centaur! - und fallen zu müssen von solcher Bürger-Canaille, es ist affreus!«

Der Major schwieg - der leichtsinnige herzlose Ton dieser preußischen jeunesse dorée, die das halbe Leben vor Kranzler mit den Beinen über den Eisengittern zugebracht, und zu der auch sein Ferdinand gehört, wie sein Geldbeutel wohl empfunden, beleidigte ihn.

Aber der nächste Augenblick versöhnte ihn wieder. Man ging eben an der Bank vorüber; der junge Offizier faßte krampfhaft seinen Arm - seine Lippen bebten, die Augen funkelten, als er sie auf die Stelle richtete, wo jetzt am Eingang ein Mitglied der neuen Bürgerwehr auf- und abschritt.

»Hier fiel der Erste - ein wackrer Soldat, der seinen Posten nicht verlassen wollte! O, ich kenne den Meuchelmörder, und Gott gnade dem jämmerlichen Volkstribun, wenn er mir je unter die Klinge kommt!«

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»Sagen Sie mir, Herr Graf - ich bin erst seit einer halben Stunde in Berlin, und was wir auf dem Lande erfahren, ist nur unvollkommen - wie ist es möglich, daß die Truppen von einer Emeute besiegt werden konnten?«

»Besiegt? Nun, bei meinem Wappen, Herr von Röbel - wenn wir besiegt worden - es wäre eine Ehre gegen das, was wir ertragen haben! Mit dem Pallasch in der Scheide den Hohn des Gesindes dulden zu müssen und hinausgewiesen werden, wie begossene Hunde, während wir Nichts sehnlicher wünschten, als ein Ende zu machen - das schmerzt mehr, wie die Kugel oder der Messerstich. Auf Ehre - wenn sich die preußische Armee je bewährt hat, so that sie es heute durch den Gehorsam!«

»Die Ueberraschung muß Alle verblendet haben ... «

»Die Ueberraschung! Nun, by Jove! - seit vierzehn Tagen schliefen wir auf einem gährenden Vulkan. Die Versammlungen der fremden Wühler unter den Zelten und auf Tivoli kannte in Berlin jedes Kind!«

»Aber that denn die Polizei Nichts?«

»Die Polizei? Wenn ich der Herr wäre, ließ ich einem Polizei-Präsidenten den Kopf vor die Füße legen, der acht Tage zusieht, wie Stein auf Stein zur Barrikade zusammengetragen wird, und Nichts dagegen hat, als Berichte.«

»Aber warum nahm die Militär-Behörde denn die Sache nicht in die Hand? Der Gouverneur ... «

»Der Gouverneur besah sich gestern Mittag den Beginn der Revolte mitten im Volk vor dem Schloßportal und hatte dann einige eilige Briefe zu schreiben!«

Der alte Offizier murmelte eine bittere Verwünschung. »Aber wenn, wie Sie sagen, unsere braven Soldaten überall Sieger waren, wer trägt die Schuld an dem Befehl des Rückzugs?«

»Federfuchser,« knirschte der junge Soldat, »Federfuchser und Verrath. Ein Schleier ruht darüber - und wird vielleicht niemals gehoben werden. Der Minister selbst, der unfähig gewesen, das Unheil zu verhüten, zwang General Prittwitz, den Einzigen, der seine Energie bewahrt, sogar die Stellungen zu räumen, die man zur Sicherung des Königs für das Militär reservirt hatte, als die Deputationen dessen Rückzug erlangt hatten. Ich stand

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dabei - zehn Schritt von dem General, und weiß, daß Verrath im Spiel gewesen sein muß mit falschen Befehlen an mehr als einer Stelle.«

»Aber der König?«

»O, wenn Sie gesehen, was er gelitten an diesem Tage, in dieser Nacht! - keinen Augenblick Ruhe - hundert Rathschläge um ihn her, hundert sich widersprechende Forderungen an sein Herz! Deputationen auf Deputationen, ohne Auftrag und Macht, Menschen sich aufdrängend mit ihren Rathschlägen, die man sonst mit Fußtritten aus dem Schlosse gejagt! nur ein Despot konnte das überwältigen, nicht ein Herz, wie das seine! Glauben Sie mir, Herr Major, als die Truppen das Schloß verlassen mußten, als es entschieden war, daß er nicht fortzog in der Mitte seiner Getreuen aus dieser verhaßten Stadt - als wir die brüllende Meute auf den Höfen und Gängen hörten, wir allein zurückgeblieben, eine Anzahl von Offizieren, bereit, zu sterben, wie einst die Schweizer auf den Treppen und an den Thüren von Versailles für Ludwig den Sechszehnten, Thränen waren in unseren Augen, nicht Thränen über das Scheiden vom Leben, - sondern Thränen der Scham und des Männergrimms!«

Der alte Offizier drückte dem Begleiter stumm die Hand. Das sonst so leichtsinnige, süffisante, selbst geckenhaft anmaßende Wesen des jungen Mannes, der nur von Tänzerinnen, Pferden und Parade zu sprechen pflegte, hatte in diesem Ausbruch der edlern Natur etwas Erhabenes, Hinreißendes.

»Voilà - auf Ehre, sehen Sie den Spaß,« - die Drei gingen eben über den Gensd'armenmarkt, ohne daß der arme Vater es wußte, daß er fast die Steine betrat, die das Blut seines Erstgebornen vor wenig Stunden benetzt - »wie sich der Mensch dort beeilt, im Schutz der Nacht sein Hoflieferanten-Schild von der Thür abzunehmen! Der Teufel soll mich holen - ich werde ihm meine Kundschaft entziehen, wenn wir erst wieder zurück sind! Auf Parole! Wenn die Geschichte wieder in Ordnung ist, wird man einen Orden zur Belohnung der Treue für die Hoflieferanten, die Hoteliers und die famose Courage der Beamten gründen müssen!«

Sie setzten einige Augenblicke schweigend ihren Weg fort.

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«A propos, Herr Major,« schnarrte der junge Graf, »Sie haben mir noch nicht gesagt, was Sie hierher führt und ob ich Ihnen dienen kann?«

»Wenn Sie nicht wissen, wo ich die Leiche meines Sohnes finden kann, so muß ich auf diesen Brief allein meine Hoffnung setzen!« Er reichte ihm ein schlecht zusammengefaltetes grobes Papier, auf dem mit Bleistift einige Zeilen in unorthographischer großer Handschrift standen. Der Offizier las sie am Laternenschein der Ecke:

»Wer ist dieser Gottlieb? Sollte es nicht etwa eine Falle sein?«

»Unmöglich - der Brief ist vom Burschen meines Sohnes, der auf dem Gut geboren ist. Ein Mann brachte mir den Brief gegen Abend, dem der brave Kerl als Botenlohn seine silberne Uhr gegeben!«

»Merkwürdig - auf Ehre! ich hörte im Schloß diese Nacht, daß er unter den Gebliebenen sei und daß man die Todten und Verwundeten nach dem Garnison-Lazareth gebracht. Da sind wir am Palais des Prinzen. Wissen Sie, daß die Populace gestern in allem Ernst seine Abdankung verlangt hat? Erst wollte die Canaille das Palais niederbrennen, aber die Studenten haben es gerettet. Sie sagten wegen der Bibliothek daneben!«

»So haben sie doch eine gute That gethan!«

»Ein Student zeichnete sich aus dabei - ich muß den Namen schon gehört haben, aber der Teufel behalte all' die bürgerlichen Namen. Traurig genug, daß selbst Männer von Blut bei dem Schwindel geholfen. Wissen Sie, Major, wer am meisten zu der sogenannten Volksbewaffnung gerathen? Fürst Lichnowski!«

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»Wer die wilden Gewalten enifesselt, wird oft selbst ihr Opfer.«

»Sehen Sie, was man aus dem Palais gemacht hat! >Volkseigenthum!< - >Nationalgut!< - Bah! die erste Probe von Schreibfreiheit ohne Censur! Man hat ein Bittschriften-Büreau darin etablirt, wie ich höre. Affreus! Bittschriften mit Flintenschüssen geschrieben. Ich wünschte, die Cassette voll Gold, die man Seiner Majestät abgegaunert, käme wenigstens einigen hübschen Wittwen zu gute, statt raffinirten Spitzbuben. - Können Sie sich denken, daß die Minister wirklich auf die Entfernung des Prinzen gedrungen? Ich hoffe, Seine Königliche Hoheit sind in Sicherheit und bereiten uns Revange vor.«

»Er ist es - Gott sei Dank! Kein Mann auf dem Lande, der nicht bereit sein wird, wenn er ruft! - Ich wollte, der König wäre es ebenso!«

»Sie erinnern mich, daß ich verteufelt müde bin, Major. Sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen. Ich kam eben aus den Antichambres, als ich Sie traf. Wenn auch das Militair die Stadt verlassen hat, so bewachen wir Offiziere doch Seine Majestät in Civil - ohne daß sie es selbst wissen. Es ist fatal genug in der schlechten Gesellschaft, die man dort findet! Morgen um neun Uhr trifft mich wieder die Reihe - darum excüsiren Sie mich, wenn Sie mich nicht etwa noch brauchen. Ich falle um vor Müdigkeit, auf Ehrenwort!«

»Verzeihen Sie, daß ich Sie so lange aufgehalten, und möge Gott mit Ihnen sein bei der heiligen Pflicht, die Sie übernommen. Leben Sie wohl, Herr Graf!«

»Gott befohlen, Herr Major, und - drücken Sie dem Todten im Namen der Kameraden die Hand!« - Er war schon mehrere Schritte entfernt, als er sich nochmals umwandte und dem über den Platz Schreitenden nacheilte. »Noch Eins, Herr Major! wenn Sie den Fuchs verkaufen, da Ferdinand ihn doch nicht mehr reitet, so erinnern Sie sich, daß ich die Vorhand habe. Ein famoses Pferd - er parirte fünf Fuß Barriere und gewann die zwanzig Friedrichsd'ors! Vergessen Sie nicht!« - Damit war er verschwunden.

Den Knaben an der Hand, der mit Staunen und Interesse

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die Scenen umher betrachtete, ging der alte Edelmann quer über den Platz nach dem Kastanienwäldchen zu, das sich hinter der Universität und der Wache erstreckt. Ein Blick auf die Uhr hatte ihm gezeigt, daß noch zehn Minuten an der bestimmten Zeit fehlten, und an militairische Pünktlichkeit gewöhnt, setzte er sich auf eine der steinernen Bänke im Schatten der großen Bäume nieder, um hier den Glockenschlag zu erwarten.

Der Platz war jetzt ziemlich einsam und dunkel, da der Mond hinter den großen Gebäuden stand. Nur wenige Personen benutzten den öden Durchgang, und der Major und sein Sohn blieben, im Schatten sitzend, selbst von den Wenigen unbemerkt.

Der Knabe wollte eben seinen Vater anreden, als ihm dieser die Hand auf den Mund legte und ihm ein Zeichen gab, sich nicht zu regen.

Zwei Männer gingen, kaum fünf Schritt entfernt, hinter ihnen auf und nieder in eifrigem Gespräch, das sie offenbar hier gänzlich ohne Zeugen wähnten.

»Die Schrift,« sagte der eine Größere in dem scharfen Accent des von Polen gesprochenen Deutsch, »ist übergeben sogleich. Man hat uns versprochen den Erfolg. Wenn meine Brüder nicht sind frei morgen früh, werden wir stürmen das Gefängniß.«

»Unbesorgt, liebster Graf, man wird es nicht wagen, das Geringste abzuschlagen. Wir halten die Sache jetzt in der Hand - vor Mittag muß die allgemeine Amnestie proclamirt sein, da diese Dummköpfe einmal nicht weiter zu treiben waren und sich schon vor dem eigenen Spektakel zu fürchten beginnen, den sie gemacht. Jetzt ist die Hauptsache, den möglichsten Eclat aus Allem zu machen und die Regierung an die Spitze der deutschen Revolution zu drängen. Diese Halbheit ... «

»Wir lieben den König,« unterbrach ihn der Pole, »wenn er giebt frei unser Volk, werden wir schlagen mit ihm gegen Jedermann!«

»Dann werden Sie bald genug Feinde auf dem Halse haben, so wie nur ein freies einiges Deutschland auf die Fahne geschrieben ist - Monarchie oder Republik ist gleichgiltig dabei,« sagte lachend der Andere, eine untersetzte starke Gestalt von Mittelgröße.

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»Die Sache ist so ungeschickt ausgegangen, daß wir nicht ein Mal unsern Zweck mit dem Zeughaus und den neuen Gewehren erreicht haben. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Erfindung existirt und Massen davon im Zeughaus lagern, dessen Bewachung sich jetzt diese Tölpel anmaßen. Hören Sie wohl, Herr Graf! Die Befreiung Mieroslawski's und seiner Gefährten darf nicht eine bloße Begnadigung der Regierung, sie muß eine Demonstration des Volks, die Gefangenen müssen im Triumph eingeholt werden; damit identificirt sich die Berliner Revolution im Voraus mit Allem, was Sie in Polen thun werden. Aber - ich brauche Geld!«

Der Andere reichte ihm eine Börse. »Es sind darin hundert Louisd'ors. Wir verlassen uns auf Sie.«

»Unbesorgt - ich werde selbst dabei sein. Hier ist der Entwurf einer Proclamation - sie muß in deutscher und polnischer Sprache gedruckt werden. Und nun Adieu, Herr Graf, denn ich darf meine Collegen nicht zu lange aus den Augen lassen - sie haben gewandte Finger. Auf Wiedersehn vor dem Zellengefängniß!«

Die Beiden trennten sich; der Major wollte sich erheben und dem Einen nacheilen, um sein Gesicht zu sehen, aber in diesem Augenblick trug der Nachtwind den Schlag der zwölften Stunde und das Glockenspiel vom Thurm der Klosterkirche herüber, dessen Choral so wenig harmonirte zu den Scenen der bewegten Stadt.

Der alte Edelmann seufzte schwer; was konnte er, der Einzelne, helfen und hindern, wo die Großen und Mächtigen auf der abschüssigen Bahn haltlos dahin schwankten? Es war Zeit, an sein eigenes kleines Schicksal - an den eigenen bittern Schmerz zu denken.

Er ging eilig nach dem Ort des Rendezvous.

An der Rückwand der Neuen Wache, aus deren Innerm frische Studentenlieder und die Töne eines lustigen Gelages der neuen Bürgerwehr erklangen, schlich eine Gestalt unruhig auf und nieder. Der alte Mann trat hastig auf sie zu. »Bist Du es, Gottlieb?«

»Um Himmelswillen, Sie selber, Herr Major - und der

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junge Herr! Ach, über das Unglück! aber ich konnte wahrhaftig nicht helfen!« Der ehrliche Bursche schluchzte wie ein Kind, indem er nach der Hand des Gutsherrn haschte, sie zu küssen.

»Wo ist die Leiche? Warum hat man sie nicht mit den anderen in's Lazareth gebracht? Du sollst die näheren Umstände mir später erzählen.«

»Ach, gnädiger Herr - wir hielten es für das Beste! Und dann konnten wir sie nicht von ihm trennen, als sie ihn erst geseh'n. Es war herzzerreißend, und Herr Meißner meinte selbst, es wäre das Klügste, ihn bei ihr zu lassen.«

»Bei ihr? - was bedeutet das? - Hat der Bube auch hier seine Hand im Spiel?«

Der Soldat, der einen alten Flausrock und eine Civilmütze trug, begann auf's Neue zu schluchzen statt jeder Antwort. Nur einzelne Betheuerungen konnte man daraus vernehmen, wie, daß sie sich so sehr geliebt hatten, daß er seinem jungen Herrn nicht widersprechen dürfen, und daß er Nichts daran habe ändern können.

Der Herr von Röbel athmete schwer und gepreßt auf. »Vorwärts denn,« befahl er barsch, »das Reden nutzt Nichts, ich muß selbst sehen! Führe uns an den Ort, wo die Leiche sich befindet, sei es, wo es will!«

Der Befehl war so bestimmt und entschlossen, daß der an Respekt gewöhnte Bursche keine Ausflucht weiter versuchte, sondern stumm voranging.

Er führte den Vater und den Sohn durch das Wäldchen und zwei oder drei Querstraßen, dann trat er in ein an der Mauer eines Kirchhofes sich hinstreckendes einstöckiges Haus und winkte den Beiden, ihm zu folgen. -


Wir treten vor dem Major und seinem Knaben eine Viertelstunde vorher in dies Haus.

Im hohen Parterregeschoß, zu dem eine steinerne Vorsprungtreppe führte, befand sich zur linken Hand des entgegengesetzt den Berliner Neubauten ziemlich breiten Flurs eine kleine Wohnung, bestehend aus zwei Zimmern und einer Küche.

Die beiden Zimmer, nicht hoch, aber geräumig, waren elegant möblirt - man sah auf den ersten Blick, daß die Hand eines Tapezirers der Aristokratie, wie Hiltl oder Limann, hier ohne

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die bürgerliche Rücksicht auf Kosten das Ensemble geschaffen, daneben aber in den kleinen zierlichen Einzelnheiten, den Stickereien, den Blumen am Fenster, dem muntern Kanari in seinem Messingbauer und den hundert Kleinigkeiten, welche die eleganteste Dekoration erst wohnlich und gemüthlich machen: daß hier eine Frauenhand schaffte und webte.

Während das vordere Zimmer mit seinem Mobiliar einen kleinen Salon oder ein bequem für Männer- und Frauenbedürfnisse eingerichtetes Wohngemach bildete, war das zweite zum Boudoir der Bewohnerin eingerichtet. Ein breites Bett mit Vorhängen erhob sich etwas abseit von der Wand, ein weicher Teppich bedeckte den Boden, eine hübsche Toilette stand auf der Marmorplatte des Tisches und im Winkel des Gemachs eine neue vollständig eingerichtete Wiege.

Diese Wiege war leer, sie erwartete erst das Pfand, das sie aufnehmen sollte, und die junge künftige Mutter, die mit so vieler Sorgfalt und Liebe dies Lager bereitet - sie stand jetzt an dem Lager Eines, der ältere Rechte an ihre Liebe hatte, als das Pfand in ihrem Schooß, das Einzige, was ihr von ihm bleiben sollte auf Erden.

Die bunten Gardinen des Bettes, die so oft das stille Liebesglück in ihre verschwiegenen Falten verschleiert, waren zurückgeschlagen, - auf der weißen weichen Decke lag lang hingestreckt die Leiche eines Mannes. Das Gesicht - von der Hand des Todes nicht entstellt, wie dies bei Schußwunden der Fall zu sein pflegt - war kräftig und hübsch geformt, und zeigte, daß der Todte in der Vollkraft der Jugend gestanden. Der braune Schnurrbart stach gespenstig von der bleichen Farbe dieses Gesichts ab, die nur durch die blauen blutigen Ränder einer Wunde quer über die Stirn unterbrochen wurde. Der Mund war fest geschlossen, die Brauen noch im Tode drohend zusammengezogen, gleich als zürnten sie dem Verrath, der ihn gefällt.

Man hatte dem Todten die Uniform ausgezogen, sie lag mit geronnenem Blut bedeckt am Boden, ebenso der treue Säbel, welcher der erstarrten Hand erst hatte entwunden werden müssen. Das zurückgeschlagene Hemd zeigte auf der entblößten, kräftig

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gewölbten Brust einen kleinen runden, bereits schwarzen Fleck, von dem bläulich graue Strahlen verliefen.

Es war die Todeswunde, die der junge Soldat in Vollziehung seiner Pflicht empfangen - die Büchsenkugel war so nahe an den edelsten Theilen des Lebens in die Brust geschlagen, daß es nicht mehr des Hiebes über die Stirn bedurft hatte, dieses kräftige junge Leben zu enden.

Die Thüren zwischen beiden Zimmern waren geöffnet; nahe derselben im vordern Zimmer saß ein Mann - noch ziemlich jung, vielleicht dreißig Jahre, aber Lüderlichkeit und Abspannung hatten seinem Gesicht einen weit ältern Ausdruck gegeben. Die Stirn war niedrig und gedrückt, durch einen Wall von rothblonden Haaren noch verkürzt, die Augen, die etwas Mürrisches hatten, von braunen Rändern umgeben, tief unter der Wölbung der Brauen liegend, das Gesicht - bis auf jene Spuren nicht unschön - von einem dichten rothen Bart umgeben, der bis auf die Mitte der Brust herabhing. Der Mann, eine schwächliche mittelgroße Gestalt, war mit einer blauen Blouse bekleidet, trug auch im Zimmer einen dunkeln Calabreserhut mit einer rothen Hahnenfeder daran und hatte zwischen den Knieen eine Muskete. Von Zeit zu Zeit richtete sich sein unstätes Auge mit einer gewissen Scheu durch die Thür des Zimmers auf eine Frau, die regungslos an dem Fußende des Bettes stand, die Augen auf die Leiche geheftet.

Es war ein junges Weib von offenbar höchstens neunzehn Jahren, obschon in diesem Augenblick ihr schönes bleiches Gesicht durch den starren Ausdruck eines tiefen Seelenschmerzes und jene eigenthümliche Verwischung der feineren Züge, welche die >süße Strafe der Frauen< hervorzurufen pflegt, nicht in seiner vollen jugendlichen Frische und Schönheit zum Ausdruck kam.

Prachtvolle Haare vom schönsten Blond umgaben das mehr gerundete als ovale Gesicht, zwei Flechten, handbreit, von denen aber nur die eine diademartig um die freie reine Stirn locker geschlungen war, während die andere, halb gelöst, wirr über Schulter und Busen niederhing, und eine Menge sonst so reizend geringelter langer Locken zu beiden Seiten der Schläfe jetzt schlaff und feucht niederfielen.

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Man sah, daß die schönen, nur etwas starren lichtblauen Augen - das Zeichen einer stillen, aber gewaltigen Energie - keine jener Thränen mehr zu vergießen hatten, deren Spuren noch auf den bleichen Wangen lagen. Selbst die vollen, üppig zum Genuß gewölbten Lippen des etwas sinnlichen Mundes hatten ihren dunkeln Karmin verloren und erschienen fahl und matt.

Die Gestalt des Mädchens - denn ein solches war es, obschon sie die Spuren weit vorgerückter Schwangerschaft trug - war groß und üppig geformt, ihre Büste und die Wölbung der Hüften von einer wahrhaft junonischen Schönheit. Das Kleid, das sie trug, zeigte die Spuren höchster Unordnung, gegen welche die Aufregung des Geistes gleichgiltig macht, und war über und über mit Blut befleckt.

»Höre, Malchen,« sagte der Mann schmeichelnd, der trotz der Verschiedenheit der Gesichter doch eine gewisse Familienähnlichkeit mit dem Mädchen zeigte - »Du könntest wohl etwas herausrücken, damit ich mir einen Trunk holen könnte - vielleicht findet sich auch noch ein Schluck in Deinem Schrank. Gieb mir den Schlüssel, Kind, oder Geld!«

Das Mädchen achtete nicht auf die Worte - keine Fiber ihres Körpers rührte sich - sie schien gar nicht gehört zu haben, daß zu ihr gesprochen worden.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich die ganze Nacht eine solche Leichenwache halten kann, ohne eine billige Herzstärkung,« fuhr der Mann unwirsch fort. »Sei vernünftig, Male, Deine Art weckt Den da doch nicht wieder auf, und es wird Einem ganz unheimlich so in Gesellschaft von Zweien, von denen man nicht weiß, wer eigentlich der Todte ist! Ich muß etwas zu trinken haben.«

Er stieß mit dem Kolben des Gewehrs auf den Fußboden - die Frau wandte ihr bleiches Gesicht langsam nach ihm hin und der gläserne Blick starrte ihn unheimlich an.

»Das Haus des Todes ist kein Wirthshaus - geh' fort von hier!«

Die Worte klangen so ruhig, so tonlos, wie mechanisch, ohne jede Erregung des Gefühls.

»Das hast Du gut sagen - zum Vergnügen bin ich nicht

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hier und wäre viel lieber draußen bei den Kameraden, bei denen es lustig nach der Anstrengung von gestern hergeht. Ich denke, mir gebührt auch mein redlich Theil! Aber ein ehrlicher Kerl hält sein Wort, und ich habe versprochen, die Nacht über Dich und ihn zu wachen. Dann giebt mir Herr Meißner morgen früh zwei Thaler, und die kann ich brauchen, denn ich habe keinen Pfennig mehr, und Amanda kümmert sich keinen Pfifferling um mich, wenn ich ohne Moneten bin.«

»Geh' - ich brauche Dich nicht! Gottlieb ist bei mir!«

»Na, wer weiß, ob er wiederkommt, er wird es auch für das Beste halten, seine Haut in Sicherheit zu bringen, wie die Anderen. Es könnte ihm und Dir schlimm gehen, wenn man erführe, daß ein Soldat sich hier versteckt hält. Ueberdies bist Du doch meine Schwester, und ich kann Dich nicht verlassen in Deinem Unglück, obschon Du's wahrhaftig nicht verdienst für die Schande, die Du über die Familie gebracht hast!«

Brust, Hals und Gesicht der Trauernden färbten sich einen Augenblick lang mit dem Purpur des aufwallenden Blutes. »Schande? - ich - über Dich?« zitterte sie mit einem flammenden Blitz des Auges. »Ueber meine Familie? - Wo ist sie - außer Dir Verächtlichem?«

»Nun - ich meine nur, wir sind doch ehrlicher Leute Kinder, und bei der Erziehung, die Du gehabt - und jetzt ... «

Er machte eine freche bezeichnende Bewegung.

»Wer hat sich je um mich bekümmert, seit meine arme Mutter starb, als ich kaum fünf Jahre alt war,« fuhr das Mädchen mit einer gewissen stolzen Würde fort - »etwa Du, der Du zehn Jahre älter warst und selbst froh, als Lehrling in die Werkstätte zu kommen? Wer fragte meinen Willen, als man mich zum Schooßhund des reichen Mannes machte, blos weil diese Haare so golden waren, wie die seines verstorbenen Kindes? - Es ist wahr, er war gut gegen mich, und putzte mich und gab mir Lehrer weit über meinen Stand hinaus - aber was that all' die verschwendete Güte, als nur mich dann desto tiefer den Fall und die Kluft fühlen zu lassen, die mich von den Glücklichen der Erde trennte! Wurde das, was sie eine Wohlthat, ein Glück nannten, nicht zur bittern Grausamkeit für mich, als

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der alte Mann, der mich als Spielzeug genommen, vom Schlag gerührt an der Tafel der Ueppigkeit, todt in sein Haus gebracht wurde, und die harte Hand des Menschengesetzes, die nur gelten läßt, was in ihren Akten schwarz auf weiß geschrieben steht, mich aus diesem Hause jagte - mit neuen Ansprüchen an's Leben, und dennoch - ein halbes Kind noch! - unfähig, sie zu erfüllen!«

»Das kommt davon, wenn Handwerkers-Töchter, wie Du, Franzö[si]sch lernen,« sagte der liebenswürdige Bruder gleichgiltig, indem er sich eine neue Cigarre ansteckte. »Aber habe ich nicht wie ein rechtschaffener Verwandter an Dir gehandelt, als Du in der Patsche saßest, und Dich in der Buchdruckerei als Maschinenmädel angebracht?«

Das schöne Madchen sah ihn mit Schaudern an. »Wehe der Aermsten,« sagte sie, die Hand erhebend, die in solche Gesellschaft geräth - sie ist verloren für ewig! Zehn Mal lieber dienen als die niederste Magd, als noch ein Mal die Hölle jenes halben Jahres erleben!«

»Bah! ist Dir's etwa besser gegangen, als Du eine Nähterin wurdest und bei dem Talglicht Nacht um Nacht Dir die Augen verdarbst?«

Sie faltete die Hände über die Brust. »Es ist wahr, Franz, ich war ein armes Geschöpf, und meine Thränen haben oft genug das trockene Brot befeuchtet, das ich in meiner kalten Dachkammer aß. Aber ich war frei und ehrlich, und der Schmerz und die Noth gehörten mir allein! O, die Menschen sind hart, und nur Einen gab es, der gut und freundlich gegen mich war, gegen mich, das Mädchen aus dem Volke, und diesen Einen habt Ihr, die Ihr Euch das Volk nennt, ermordet

Der Mann wollte hastig Etwas entgegnen, unterdrückte es aber. »Du siehst, zu was er Dich gemacht hat!« sagte er giftig.

Sie warf ihm einen Blick unaussprechlicher Verachtung zu. »Was ich ihm gab, gab ich ihm freiwillig, aus der Tiefe meines Herzens, nicht für sein Gold, seine schönen Kleider und all' diesen Reichthum um mich her, nicht wie Tausende meiner armen Schwestern thun, - deren junges Herz es nicht ertragen kann, die

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Freude, den Glanz und die Lust zu sehen, und zu darben an dem harten Brod und zu frieren in dem dünnen Kleid!«

»Champagner und Austern sollen freilich besser schmecken,« murrte der Bruder, »obschon ich nicht darüber urtheilen kann, und in Sammet und Seide ist ein anderes Leben, als im Kattunrock!«

Amalie schlug das Auge nach oben - sie schien mehr mit sich selber zu reden, als mit dem Manne vor ihr.

»Man nennt diese große Stadt die Stadt der Wohlthätigkeit und der guten Herzen,« fuhr sie mit schmerzlicher Bitterkeit fort. »Man baut Krankenhäuser und gründet Herbergen für die Gefallenen! Die >sittlich verwahrlosten Kinder< werden erzogen, die Waisen von klein auf bewahrt und genährt und gelehrt! man steppt Kragen und stickt Spitzen zum Besten verschämter Armen, die diese selber kaufen und tragen - man sammelt Tausende für die Erziehung der Heidenkinder in China oder am Kap! aber das ist noch Keinem von all' den Menschenfreunden eingefallen, die in der Vossischen Zeitung jeden Groschen ihrer Gaben gedruckt lesen müssen, noch keiner der vornehmen müßigen Damen, die sich den Himmel erstürmen wallen mit Perlen und Canevas für die wohlthätigen Weihnachtsausstellungen, - daß es so leicht wäre, Hunderte junger Geschöpfe, die gern arbeiten, die gern brav und unschuldig bleiben möchten, vor dem Falle zu retten und ihre Herzen und ihre Körper zu bewahren vor dem Verderben, das sie in's Arbeitshaus und zur Charite oder zu den Höhlen der öffentlichen Schande führt!«

»Willst Du vielleicht, daß die vornehmen Leute ein Kloster für die Nähtermamsells bauen?« fragte der Bruder höhnisch.

Sie war ihm nahe getreten und hatte die Hand auf seine Schulter gelegt - vielleicht seit der Kindheit war sie nicht so freundlich und milde zu ihm gewesen, wie sie jetzt zu ihm sprach. Die Starrheit des tiefen Seelenschmerzes schien sich zu lösen in den Gedanken, denen sie nachhing. »Sieh, Franz,« sagte sie zutraulich, »ich dachte so oft bei mir, wie leicht müßte es sein, eine Anstalt, einen Verein aus all' den reichen Gaben zu gründen, die hier für die Sühne der Sünden, verschwendet werden, um junge Mädchen, die ihr Leben mit ihrer Handarbeit fristen, wirklich

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zu unterstützen. Nicht Hunderte, nein, Tausende der armen Geschöpfe verdienen mit dem angestrengtesten Nähen, Häkeln und Sticken drei - vier - höchstens fünf Silbergroschen täglich. Davon sollen sie Wohnung, Nahrung, Holz und Licht bezahlen, und sich kleiden! Es ist unmöglich - während ein kleiner wöchentlicher Zuschuß, Jeder gegeben, die nachweis't, daß sie rechtschaffen arbeitet, ihr den Lebensunterhalt ermöglichen könnte, der von jenem Verdienst nicht zu schaffen ist. Nicht der kleinste bescheidenste Wunsch der Jugend - ja, nicht das nackte Leben ist davon zu bestreiten - und wie gar nun erst, wenn ein so armes Wesen krank wird, nicht elend und siech, daß die Polizei sie in's Krankenhaus schickt, sondern leidend und duldend, hinschwindend ihre Kräfte, daß sie selbst das Wenige nicht mehr verdienen kann, was bisher der eiserne Fleiß und das Opfer der Nächte noch erworben!«61

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Der Mann sah finster vor sich hin. »Geht's uns vielleicht besser?« fragte er. »Aber ich kenne viele Mädels, die ein ganz gut Geld verdienen mit Schneidern, Putzmachen und solchen Dingen!«

»Das sind die Glücklichen unter den Vielen. Nicht Alle können es erschwingen, das Nöthige zu lernen, ehe sie eintreten in diese Bahn, Anderen fehlt es an Geschick und Geschmack. Und siehst Du denn in die Herzen jener Glücklicheren - weißt Du, mit welchen geheimen Opfern, mit welcher geheimen Schande gar manche von ihnen das geringe Mehr, die äußere Existenz erkauft haben?«

»Es ist Alles Eins! Die Eine thut's deswegen, die Andre auf andre Weise. Wenn Du so klug redest, warum bliebst Du nicht in Deiner Dachkammer?«

»Er liebte mich, Franz! er allein auf der Welt, nicht die Anderen, die mit Anträgen mich verfolgten, weil sie sagten, daß ich schön wäre, und mich dann verstoßen hätten zu dem großen Haufen, wenn sie ihrer Lüste überdrüssig geworden. Er liebte mich und ich liebte ihn seit jenem Tage! Wie heute steht es noch lebendig vor meiner Seele - das große Manöver draußen auf dem Tempelhofer Felde. Wir waren hinausgegangen, ich und zwei Mädchen aus dem Magazin, für das ich nähte; - des lieben Gottes Sonnenschein und der schöne Anblick war ja ein so billiges Vergnügen, das wir arme Geschöpfe uns machen konnten. Wir waren weit vorgekommen auf der Chaussee mitten im Gedräng, der Staub verhüllte Alles - da erscholl plötzlich der Ruf: »Die Kavallerie kommt - fort! fort!« und auseinander stürzte die Menge - der Eine dahin, der Andere dorthin. Ehe ich mir's recht bewußt war, flüchtete ich allein - ohne Gedanken, wohin. Plötzlich hörte ich's hinter mir donnern, als wenn die Erde bebte - Kommandorufe - Trompetensignale - näher und näher! Ich glaubte wahnsinnig zu werden vor Angst und fühlte die Kniee unter mir brechen, dennoch stürzte ich weiter, - wie ich später gehört, der Kolonne gerade entgegen - Reitergestalten

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stoben an mir vorüber in den Staubwolken, in meinen Ohren dröhnte es - der Boden unter mir erzitterte - ich fiel auf die Knie und schrie laut auf, als ein dunkler Körper an mir vorbeisauste. »Unsinnige - Du bist verloren!« Die Hand ließ die Pistole fallen und packte meine gefalteten Hände - ein gewaltiger Ruck, daß mir die Arme aus den Gelenken zu gehen schienen, dann lag ich quer über dem Sattelknopf des bäumenden Pferdes und im Carriere jagte es davon, keine fünfzig Schritte hinter den Plänklern die geschlossene Kolonne im rasenden Galopp.

»Da[Da] - als wir aus der Wolke von Staub brachen und mein Retter querfeldein zur Chaussee jagte und mich niedersetzte im Schutz des Baumes unter dem Jubelruf und dem Klatschen der Menge - da, Franz, da sah ich zum ersten Male in das Auge, das jetzt geschlossen ist für immer! da sprach das erste freundliche Wort zu mir jene bleiche Lippe, die so oft warm auf der meinen geruht, und nimmer - nimmer wieder mich rufen wird!«

Die erschütterte Natur brach sich Bahn in einem heißen Thränenstrom, krampfhaft schluchzend lag das schöne Mädchen an dem Stuhl des wüsten Menschen - ihres einzigen Verwandten auf der Welt.

Der Bruder kraute sich verlegen, unwirsch den Bart. »Es ist wahr,« murrte er endlich, »es war ein teufelsmäßiges Reiterstückchen! Renz selber hätte es nicht besser machen können! Aber was thut's - dafür hat er Dich doch zur Hure gemacht und Du wirst jetzt mit dem Bankert ohne Namen und Alimente dasitzen!«

Das Mädchen sprang empor und schüttelte wild die thränenfeuchten Locken zurück. »Abscheulicher - ich wäre sein Weib öffentlich - wie ich's vor Gott bin - wenn er's bereits gekonnt hätte!«

»Seine Frau - Du eine Edeldame! Du bist verrückt! Man kennt die Redensarten, womit sie Euch ködern.«

»Bube! Du willst ihn zum Lügner machen in seinem Grabe?« Sie flog zum Secretair, der an der Wand des Vorderzimmers stand - die Schubfächer flogen auf, dann das geheime Fach der Mitte. Begierig folgten ihr die Augen des

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Mannes, als sie aus dem Kasten ein Papier zog und es an die Brust drückte. »Er meinte es ehrlich mit dem armen Mädchen, wenn er auch ein vornehmer Herr war! In einem halben Jahre war er mündig - dann erhielt er das Erbtheil seiner Mutter und wir zogen fort, weit weg von hier, wo andere Menschen wohnen, die nicht stolz sind auf den Namen von Jahrhunderten, sondern gelten lassen den lebenden Menschen, wie er ist. Dies Papier gab er mir am Tage, als ich ihm sagte, daß ich das Pfand seiner Liebe unter'm Herzen trug, und es soll das Erbtheil Deines Kindes sein, Ferdinand, wenn uns Beide die Erde deckt!«

Sie warf achtlos das Papier zurück auf den Secretair und sich schluchzend am Lager des Todten nieder, dessen Hand sie mit Küssen bedeckte.

»Na - das ist gut, wenigstens kannst Du dem Alten mit dem Papier da eine hübsche Summe herauszwacken. Im Grunde war er eine gute Haut, es that mir leid genug, als ich ihn stürzen sah. Ich hoffe, der Lump, der ihn schoß, geräth mir noch ein Mal unter die Hände, und dann will ich's ihm anstreichen!«

»So kennst Du ihn - so warst Du dabei?« Sie richtete sich empor - ihre Augen glühten wie Flammen auf den Bruder.

»Nun freilich - ich erzählte Dir's ja - aber Du hörtest nicht. Keine fünfzig Schritt war ich von ihm.«

»Wer that den Schuß?«

»Je nun,« brummte ausweichend der Mürrische, den es ärgerte, sich verschnappt zu haben, »irgend Einer von der Barrikade oder aus den Häusern; vielleicht kennst Du ihn gut genug!«

Sie hatte sich wie der Panther zum Sprunge auf seine Beute erhoben. »Wer that den Schuß, Franz? Du weißt, wie gütig er gegen Dich war - wie schändlich Du hinter meinem Rücken seine Güte gebrandschatzt hast, und niemals schlug er Dir's ab.«

»Das ist wahr, Malchen - ich komme mir wirklich manchmal wie ein recht schlechter Kerl vor - aber ich war's noch mehr, wenn ich einen von unsrer Seite verrathen wollte! Es ist ja egal nun - todt ist todt!«

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Sie war mit einem Sprung vor dem Secretair und riß eine Schublade auf. Ein Etui mit Schmucksachen stog zur Seite, dann brach sie eine Geldrolle mitten durch und reichte ihm die Hälfte.

»Nimm! aber den Namen! den Namen!«

Der wüste Mensch hatte mit habgierigem Blick dicht hinter ihr den Inhalt der kleinen Kasse verfolgt. »Ich kann es wirklich nicht thun, Male,« sagte er, »mein Gewissen ist mir für die Paar Thaler nicht feil und es taugt ohnehin zu Nichts!«

Sie schleuderte ihm die andere Hälfte der Rolle zu und stülpte den Inhalt der ganzen Lade in seine Blouse. »Nimm Alles - Alles - dies Geld - den Schmuck, aber bei der Mutter, die uns Beide geboren, beschwöre ich Dich - den Namen! - den Namen!«

Franz schüttelte den Kopf. »Ich kenne Dich, Male, Du hast im Grunde ein tückisch Gemüth und richtest ein Unheil an!«

»Was kümmert's Dich? Ich gab Dir Alles, was ich auf der Welt besitze - aber tausend Mal mehr würd' ich Dir geben für den Namen! Den Namen, Schurke, den Namen, oder ich tödte Dich!«

»Nun, im Grunde - was ist dabei? - er rühmte sich's heute Morgen ja öffentlich, und es muß doch Alles veramnestirt werden. Wenn Du's denn wissen willst - Dein alter Courmacher that's, der schöne Carl, der Dir so lange nachgelaufen ist. Es war eigentlich ein Eifersuchtsstückchen!«

Ihr Antlitz war aschfarben - das Auge starr, durchdringend auf ihn geheftet. »Weißt Du es gewiß?«

»Zum Henker, wenn ich Dir's sage,« murrte der Mann, in seiner Ehre verletzt. »Ich habe einen redlichen Handel mit Dir gemacht. Er stand über mir am Fenster und ich sah, wie er zielte. Als der arme Mensch gestürzt war und die Bursche über ihn herfielen, sagte er: »Der nimmt keinem Bürgerlichen die Mädels mehr weg!«

Langsam - mit einer Grauen erregenden Ruhe schritt das Mädchen zu dem Lager des Todten - nur in den Augen glühte ein dämonisches Feuer. Der rohe Bursche erbebte, als er sie so sah und zog sich unwillkürlich nach der Thür zurück.

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»Für mich also bist Du gestorben, Du, mein Geliebter, mein Gatte, für mich - die Arme - Niedere, die tausend Mal ihr Leben für das Deine geopfert hätte! So - weil ich's nicht geben kann dem Lebenden - will ich's geben dem Todten! Nur der Rache gehöre mein Dasein, wenn Dein Kind geboren, und wie jede Stunde ohne Dich mir zur bittern Qual wird, will ich jede Stunde dem Mörder mit allen Mitteln des Weibes zur Hölle machen auf Erden, bis er verzweifeln soll hier und in Ewigkeit!«

Die Linke auf der Todeswunde des Geliebten, streckte sie die Rechte betheuernd gegen den Himmel. Einen Moment lang schien das Weib aus Stein gehauen, so unbeweglich war ihre Gestalt - so weiß ihr Gesicht. Dann wandte sie sich zu dem Manne an der Thür. »Und jetzt hinaus mit Dir, Bube! fort von der Stätte des heiligen Todes! Genosse der blutigen Mörder und Mörder Du selbst!«

Die Geberde, mit der sie ihn von sich wies, war so erschütternd und so erhabenen Zornes, daß der wüste Mensch die Augen vor ihr niederschlug und nicht zu widersprechen wagte.

»Wenn Du mich brauchst, Malchen ... «

»Hinaus!«

Er verschwand. - Als er die Wohnung verließ, murrend über die bezeigte Schwäche, aber seine Beute wohl verwahrend, indem er die Muskete hinter sich drein schleppte, stieß er im Hausflur heftig an einen Mann, dem zwei andere Personen folgten.

»Donnerwetter - haben Sie keine Augen im Kopf, alter Narr?«

Statt der Antwort auf die Impertinenz fragte der Fremde nur mit gepreßter Stimme: »Wo ist es?« und eine dem Barrikadenkämpfer bekannte Stnnme antwortete: »Links - gleich die erste Thür!«

»Wenn Sie zu meiner Schwester wollen, Herr,« sagte der Arbeiter etwas weniger barsch - »das arme Wurm ist leidend und kann jetzt Niemanden nich sprechen!«

Der Fremde stieß ihn ungeduldig zur Seite und öffnete die Thür. Im Schein der Straßenlaterne erkannte der Mann unter der Hausthür den verkleideten Soldaten, Gottlieb, den Burschen

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des Todten und einen Knaben. Der Erstere winkte ihm bedeutsam, zu schweigen und zu gehen. Als er an dem Knaben vorüberging, maßen sich im Schein der Gaslaterne ihre Augen; der junge Mensch sah ihm scharf in's Gesicht, als wolle er sich die Physiognomie einprägen, und der Arbeiter erwiederte ebenso den Blick; dann verlor er sich hastig in den jetzt öde werdenden Straßen. -


Der Major hatte die Thür geöffnet und war eingetreten in's Zimmer, Gottlieb und der Knabe folgten ihm.

Der alte Mann blieb am Eingang eine Weile stehen, - es dunkelte ihm vor den Augen, all' der Vaterschmerz - der erhabenste auf Erden um das todte Kind - kam über ihn, seine Hand griff umher nach einer Stütze und er blieb eine Zeit lang an der Stuhllehne, die er erfaßt, ehe er die Umgebung erkennen und seine Fassung wiedergewinnen konnte.

Durch die offene Thür sah er im zweiten Zimmer das Bett - auf diesem Bett ausgestreckt eine Gestalt - er fragte nicht weiter, er stürzte dorthin und stand an der Leiche seines Erstgeborenen. Erhabener Schmerz des Vaters, der Mutter am Todtenlager des geliebten Kindes! Du, so ganz rein von den Schlacken der irdischen Leidenschaften und ihrem Egoismus - je tiefer, desto ehrwürdiger bist Du!

Der alte Mann erfaßte die Hand des Todten und beugte sich über ihn - Thränen - die salzige Kost des Schmerzes! - perlten Tropfen auf Tropfen langsam über die gefurchten Wangen - der Todte vor ihm war das einzige Erbe des Weibes seiner Jugendliebe, die auch längst im Schatten der alten Linden schlief auf dem Kirchhof seines Dorfes.

Laut schluchzte der Knabe am Lager des Bruders, dessen ritterlich heiteres Wesen er mehr geliebt, als selbst die beiden rechten Geschwister - im Winkel stand der Soldat und greinte, daß ihn der Bock stieß.

»Der Herr hat ihn gegeben - der Herr hat ihn genommen! Sein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden!«

Ein tiefer Seufzer antwortete hinter den Vorhängen des Lagers der Liebe und des Todes her dem Gebet - der Major

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richtete sich empor, sein graues strenges Auge fiel auf die knieende Frauengestalt.

»Wer ist diese Person?« fragte er streng den Soldaten. »Was thut sie bei dem Todten?«

»Gnädiger Herr - es ist - es ist - « stotterte der Bursche. »Sie wissen ja schon! Ach Gott, sei[e]n Sie gnädig mit ihr - ich kann nichts davor!«

Das Mädchen richtete sich empor. »Ich bin seine Wittwe, Herr,« sagte sie ruhig und fest.

»Und ich bin sein Vater und werde auf dem Namen eines Röbel selbst in seinem Grabe keinen Flecken dulden.« Die Stimme des alten Edelmannes klang noch rauher wie seine Worte. »Ich sehe, wie die Dinge hier stehen und wo das viele Geld geblieben ist. Das erklärt mir Manches. Sei Sie so gut, uns einige Augenblicke in diesem Zimmer allein zu lassen - ich habe mit dem Todten zu thun. Dann werde ich mit Ihr weiter sprechen!«

Er wies befehlend nach der Thür - langsam, kalt, ohne eine Bewegung des Widerstrebens schritt das Mädchen hinaus. Auf einen Wink des Majors schloß der Soldat die Thür.

»Jetzt komm hierher!«

Zitternd trat der Bursche dem Bett näher, zu dessen Häupten sich der alte Edelmann gesetzt hatte, das Auge auf den Todten geheftet, während der Knabe noch immer weinend zu dessen Füßen kniete.

»Steh' auf, Otto, und höre, wie ein Röbel gestorben ist. Jetzt, Mann, rapportire, wie kam es.«

Unwillkürlich legte der Gottlieb salutirend die Hand an die Stirn, als stände er vor seinem vorgesetzten Offizier. »Wir standen man zwei Escadrons auf dem Platz, als der Befehl kam, zum Transport von die Gefangenen Unterstützung nach die ... straße zu schicken, wo das erste Bataillon von Seiner Majestät zweitem Königsregiment mit dem Bayonnet die Barrikaden der Rebellen nehmen thäte. An die Ecke der ... straße stand wieder eine große Barrikade aus Wagen, Fässern und Steinen, und der Angriff war schonst zwei Mal zurückgeschlagen worden, denn die Leute schossen man aus die Fenster und warfen mit Steinen. Es war's Kommando jegeben, ein Jeschütz herbeizuholen und die

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Artilleristen protzten ab zwei Viertel hinter uns. Da erhielt der Junker die Ordre, mit 'nem Trompeter vorzureiten, dem Gesindel unter die Nase, und es aufzufordern, ruhig nach Hause zu jehn, eh wir Ernst machten. Ich sah, wie der gnädige Junker mit der Hand winkte, - aber er konnte den Mund noch nich ufjethan haben, als er die Arme in die Luft streckte und von's Pferd fiel.«

Ein Schluchzen quoll die Kehle des armen Burschen herauf, und, erstickte seine Stimme.

»Weiter!« befahl tonlos der alte Offizier.

Gottlieb räusperte sich. »Es hatte so ein nichtswürdiger Kerl aus dem Fenster geschossen,« fuhr er fort, - »ick habe den Rauch noch jesehn. Der Junker hatte genug, es war wahrhaftig nich nöthig, deß die Halunken noch über die Barrikade sprangen und ihm den Hieb über den Kopp jaben. Aber ich habe den schwarzbraunen Schurken mir jemerkt, und wenn ick ihn wiedertreffe ... «

»War der Ferdinand zur Stelle todt?«

Der Soldat wischte sich die Augen mit dem Aermel seines Flausches. »Der Trompeter hat mich nachher erzählt, er hätte ihn sagen hören: »Ach Iott! ach Iott!« als er vom Pferde stürzte, ehe er selbsten davon ritt. Als wir herankamen und ich ihnst aufhob, zuckte er nich mehr!«

Der Major faltete die Hände. »So ist er gestorben, wie ein braver Soldat und wie ein Sohn seines Hauses. Der Tod sühnt alles Andere! Laßt uns beten für seine Seele!«

Kein Laut war hörbar, als das leise Murmeln der Betenden und das unterdrückte Schluchzen des Knaben. Die Astrallampe auf der Kommode zur Seite warf ihren weißen geisterhaften Schein auf die Gruppe der Lebenden und das Angesicht des Todten.

Der Major erhob sich und küßte die Stirn der Leiche.

»Otto, mein Sohn, tritt her zu Deinem Bruder!«

Der Knabe gehorchte.

»Sieben Röbel,« sagte der alte Edelmann langsam, »sind gefallen gegen den Feind bei Jena, Görschen und Ligny für den König und das Vaterland. Ich bin der Letzte mit meinen Söhnen

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vom Geschlecht Derer von Röbel. Der hier liegt, ist der Erste, der gefallen ist von der Hand seiner Landsleute. Aber wenn der Schild mit den Adlerflügeln und dem Baum auch über meinem Grabe zerschlagen werden müßte, so lange ein Röbel lebt, soll er für das Königthum stehen!«

Er nahm die Hand seines Jüngsten und legte sie auf die Todeswunde des Gefallenen.

»Hier, Knabe,« sprach er feierlich, »schwöre mir auf diese Wunde, die der Verrath geschlagen, daß Du, zum Manne geworden, den Tod Deines Bruders rächen willst im Kampf gegen die Revolution, wo immer auch sie ihr blutiges Haupt gegen den rechtmäßigen Fürsten erhebt. Schwöre es bei dem Namen Deines Hauses und auf das Evangelium!«

»Ich schwöre es,« sagte der Knabe mit fester Stimme.

Der alte Edelmann nahm seinen blonden Lockenkopf zwischen die Hände und küßte ihn auf die Stirn. »So weihe ich Dich zum Kämpfer des Königthums von Gottes Gnaden und zum Feinde der Revolution. Die Rache ist des Namens von Röbel würdig!«

Eine Thräne - die letzte - fiel auf seine reine Stirn. Der Knabe küßte die Hand seines Vaters und dann die Brust des todten Bruders.

Zwei Schwüre der Rache waren gethan am starren Leichnam - das Mädchen seines Herzens hatte Vergeltung gelobt dem Mörder; und die entfesselte Dämonennatur des Weibes sollte ihr Wort lösen, zu Boden tretend Alles, was bisher ihr lieb und werth gewesen, den Schwur zu halten!

Und dort - der alte Mann, in dem der Vater aufging in dem preußischen Edelmann: - das Princip war es, dem er den klirrenden Handschuh entgegen schleuderte, dem er den neuen Kämpfer weihte, nachdem der erste gefallen, - nicht die Verfolgung des einzelnen Mörders! -

»Du wirst nach dem Kahn gehen, Gottlieb,« befahl der Major, - »und einen der Bootsleute hierher führen. Bringt das Brett aus dem Kahn mit Euch und Stricke. Begleite ihn, Otto, oder bleib vor der Thür. Was ich hier noch zu verhandeln habe, paßt nicht für Deine Ohren.«

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Er ging nach der Thür und legte die Hand auf die Klinke. Der Soldat fiel auf die Knie. »Euer Gnaden, Herr Major,« sagte er greinend, - »machen Sie's man jnädig mit ihr - um des jungen Herrn willen.«

Der alte Offizier sah ihn finster an. »Narr - in was mengst Du Dich? Thu', was ich Dir befohlen!« Er öffnete die Thür und trat in das vordere Gemach.

Der Soldat schlich wie ein eingeschüchterter Hund hindurch und verließ das Haus, der Junker folgte ihm; aber ein so tiefes Mitleid mit dem jungen Mädchen, das er im Hindurchgehen starr und theilnahmlos auf einem Sessel sitzen sah, beschlich sein junges Herz, obschon er noch kaum ihr Verhältniß zu dem todten Bruder zu verstehen vermochte, daß er sich weigerte, Gottlieb zum Wasser zu begleiten, und an die Hausthür gelehnt, lieber zurückblieb.

Ein Mann stieg die Stufen herauf - eine warme Hand drückte die seine. »Gott sei Dank, daß ich Dich allein treffe, Otto!«

»Du bist's, Rudolph! Um Himmelswillen, daß Dich der Vater nicht hört. Er ist sehr zornig gegen Dich!«

Es war in der That der Student, der dem Major und dem Knaben im Schloßhof an den blutigen Leichen der Barrikadenkämpfer begegnet war, aber er hatte jetzt die klirrenden Waffen und äußeren Abzeichen abgelegt und sich in einen Mantel gehüllt.

»Darum eben schlich ich um's Haus, Dich oder Gottlieb zu treffen,« sagte der Student. »Vor Allem - wie geht es zu Hause und was macht Rosamunde?«

»Der Schmerz liegt über Allen,« erwiederte der Knabe, - »das Band ist zerrissen, das uns zusammenhielt, und die arme Schwester wird noch mehr weinen, wenn sie hört, was Du gethan, um Dich von uns zu trennen. O Rudolph, wie konntest Du ihm mit den Waffen gegenüber stehen, der Dich so sehr liebte, und vielleicht die Kugel senden helfen in sein treues Herz?!«

Der Student zuckte schmerzlich zusammen und strich mit der Hand dann über die Stirn. »Knabe,« sagte er heftig, - »ich liebte ihn, wie Du ihn nur lieben konntest, ich liebte ihn wie meinen Bruder, und willig hätte ich mein Leben gegeben für

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das seine. Aber was weißt Du von dem großen Streit der Principien, die uns trennten! Du hörst nur die starre, einseitige Meinung Deines Vaters und begreifst nicht, wie der thatendurstigen Jugend die Brust schwellt, wenn sie den Flügelschlag der neuen Aera hört, die heraufsteigt für das Vaterland. Ein freies, großes, einiges Deutschland, eine Nation, die würdig ist, selbst über ihr Wohl und Wehe zu entscheiden, Freiheit des Menschen und der Entwickelung seiner Kräfte, nicht länger eine schnöde Herrschaft des Aberglaubens, des Reichthums und der Geburt!«

Der Knabe schüttelte trübe den Kopf. »Du gehst andere Wege wie wir, Rudolph,« sagte er schmerzlich. »Ich bin noch zu jung, um zu entscheiden, wo das Wahre und Rechte liegt, aber ich meine, wo Männer wie Dein Vater und der meinige einig sind, da könnte wenigstens nichts Unrechtes sein, und über Mord und Empörung kann unmöglich der Weg zum Guten führen!«

»Das Blut, Knabe, ist von jeher die furchtbar nothwendige Taufe alles Großen in der Menschengeschichte gewesen!«

»Wohl - so sei es! Du hast gewählt; Ferdinand, Dein Freund und Bruder, ist erschlagen von Deinen neuen Freunden - der Kummer Deines armen Vaters - der Schwester Thränen, die so aufrichtig an Dir hängt - Alles wiegt Nichts gegen das, was Du Dir gewählt. Gehe Deine Wege, wir werden die unseren gehen. Ich bin ein Röbel - ein Knabe noch, wie Du sagst - aber Du sollst erfahren, daß diese Stunde mich zum Manne gemacht hat. Fortan ist eine Kluft zwischen uns und Allem, was dieser Revolution anhangt; und wann die Zeit gekommen, werd' auch ich Dir gegenüber stehen!«

»Das walte Gott - es war genug an dem Einen! O, Otto! - mein Herz ist zerrissen, aber ich kann nicht anders, denn ich bin ein Sohn meines Vaterlandes und seine Freiheit ist seiner Kinder heilige Pflicht. Grüße Rosamunden und sage ihr - sage ihr, daß, was uns auch trennen mag, der Freund ihrer Jugend sie nie vergessen wird.«

»Horch!«

Ein schmerzlicher wilder Aufschrei, aus dem Zimmer zur Linken kommend, unterbrach ihre Unterredung.

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»Da drinnen,« sagte der Student mit Bitterkeit, »geht etwas vor, das auch zum Kapitel der Standesherrlichkeit und der unterdrückten Menschenrechte gehört. Dein Bruder war ein Demokrat wie wir, auch wenn er die Uniform trug, denn seine Liebe war beim Volke! - Möge Gott Deinem Vater das Herz nicht anrechnen, das er da drinnen zerreißt!«


Der Major von Röbel war unruhig einige Male im Zimmer auf- und abgeschritten - er vermochte einen gewissen Einfluß nicht abzuschütteln, den das Wesen des Mädchens vor ihm auf ihn ausübte.

Endlich unzufrieden mit sich selbst, zeigte er sich in diesem Gefühle noch rauher, strenger, als er vielleicht anfangs beabsichtigt. Er trat auf die Unglückliche zu.

»Wie heißt Sie?«

»Amalie Günther.«

»Wer waren Ihre Eltern?«

»Ehrliche Handwerker, Herr; ich selbst eine Näh[t]erin, die für die Leinengeschäfte arbeitete.«

»Da hat Sie ein ehrlich Stück Brod mit einem schlechten Gewerbe vertauscht! Sie weiß jetzt, wer ich bin - und ich sehe, wie hier Alles zugegangen ist. Sie war die Maitresse meines Sohnes. Sind die Möbel hier gemiethet oder - Ihr Eigenthum?«

»Ihr Sohn hat sie gekauft.«

»Sie mag behalten, was er an Sie verschwendet hat. Ich denke, damit werden Ihre Ansprüche genügend bezahlt sein.«

Das Mädchen stand auf. »Herr,« sagte sie ruhig, »ich habe eine Pflicht zu erfüllen gegen das Erbe Ihres Sohnes unter meinem Herzen, sonst würde ich Sie bitten, alle diese Sachen fortnehmen zu lassen.«

»Ich sehe, daß Sie schwanger ist,« - sprach der Edelmann hart. - »Bei Frauenzimmern Ihres Schlages braucht man nicht zu untersuchen, von Wem? Sie nimmt den Besten - und Der da drinnen muß geduldig herhalten? Ich werde meinen Advokaten beauftragen, wenn das Kind geboren ist, Ihr die gewöhnlichen Alimente auszuzahlen. Sie mag sich an ihn wenden - hier ist seine Adresse. Aber ich bitte mir aus, daß Sie mich

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und die Meinen in keiner Weise weiter molestirt und den Namen von Röbel nicht mehr in den Mund nimmt.«

»Das Kind, mein Herr, das ich gebären werde,« entgegnete die Beleidigte unbeweglich, »ist das Kind Ihres Sohnes, und es wird auf seinen Namen getauft werden.«

Das Gesicht des alten Edelmannes wurde wie mit Blut übergossen und er machte im ersten Augenblick eine drohende Bewegung gegen das Weib. »Unverschämte! wage es - das Kind einer öffentlichen Dirne meinen Namen! - Doch - es ist unnöthig, daß ich mich aufrege, für Frauenzimmer Deines Gelichters werden die Freiheitshelden draußen auf den Gassen doch wohl noch das Arbeitshaus gelassen haben!«

»Ihre Beleidigungen, Herr,« - entgegnete das junge Weib kalt, - »kann ich nicht erwiedern. Sie sind der Vater dessen, der selbst im Tode noch mein Gott ist auf Erden. Wäre er lebendig, so würde er Ihnen sagen, daß er selbst dem Kinde das Recht auf seinen Namen gegeben, und daß Sie sein Weib schmähen, das diesen Namen getragen haben würde, wenn er nicht eine starre Leiche da drinnen läge!«

»Lüge - lächerliche Lüge! Ein Röbel und die Schwester eines Barrikadenlumpen, die ihn vielleicht ermorden liest, um besser ihr Spiel zu treiben - eine Metze - «

»Halten Sie ein, Herr!« Die Gestalt der jungen Frau schien empor zu wachsen, ihr Auge maß sich furchtlos mit dem des erbitterten, tief verletzten Aristokraten. »Ich bin kein feiles Geschöpf, weil ich ein Herz hatte, so gut und treu, wie es Ihre vornehmen Damen nur haben können! Dies Herz gehörte Ihrem Sohne, Herr, und er wenigstens hat es verstanden, wenn es auch in der Brust eines armen und niedern Mädchens schlug. Gott schuf die Menschen gleich mit ihren Ansprüchen und Rechten auf das Glück - nur die Menschen selbst haben es anders gemacht und die Scheidewände erfunden. Der Aufruhr, der draußen durch die Gassen tobt und der sein Herzblut gekostet - er schwänge vielleicht nicht die blutige Fahne, wenn die Reichen und Vornehmen mehr bedacht, daß die Güter des Herzens den Menschen adeln, nicht der Zufall der Geburt. Sein Weib - nicht seine Maitresse war ich, wenn uns auch des Priesters Segen

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noch nicht getraut, und sein Wort hat er verpfändet, daß, wie sein Herz, er auch seinen Namen mit mir und dem Kinde theilen werde. Darum fordere ich ihn für das Kind - ich selbst bedarf seiner nicht, denn mein Weg ist ein anderer!«

»Ein Eheversprechen? - Lüge! schändliche Lüge! - so weit hat er sich nicht vergessen, oder mein Fluch würde ihm folgen in's Grab!«

»Ich lüge niemals - Gott vielleicht legte die Ahnung in seine Seele - darum zwang er mich, es geschrieben von seiner Hand anzunehmen, wo doch sein Wort mir mehr galt wie hundert Eide.«

Der alte Edelmann zitterte bleich und erschöpft, als sie ruhig an ihm vorüber nach dem Schreibtisch schritt, in dem sie das Dokument bewahrte. Kalter Schweiß stand in Tropfen vor seiner Stirn, als er halbgebrochen murmelte:

»Beweise, Weib, Beweise für Deine Lüge, denn ein Röbel darf niemals sein Wort brechen, ob lebendig oder todt!«

Sie war an den Schreibtisch getreten und zog den Schub auf; das Papier fehlte darin; jetzt erinnerte sie sich daran, daß sie es vorher dem Bruder gezeigt. Hastig warf sie die Sachen durcheinander, riß die Schubladen auf, ihre Finger suchten fieberhaft - ihre Augen glühten ängstlich - nirgends, nirgends das verhängnisvolle Dokument. Die Wahrheit, die furchtbare Wahrheit stieg vor ihr empor - es war fort! - der eigene Bruder -

Da war es, wo jener gellende Schrei, den der Knabe und der Student gehört, sich ihrer gequälten Brust entrang. Die Hände flehend erhoben taumelte sie auf den Edelmann zu:

»Beim ewigen Gott - ich sagte Ihnen die Wahrheit - aber es ist fort - gestohlen vor wenig Augenblicken!«

Der Major trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Spare Sie sich die Komödie, Mamsell,« sagte er hart und streng. »Es war wie ich dachte, - so weit konnte er sich unmöglich vergessen. Die Speculation auf das Vermögen seiner Mutter war nicht schlecht, aber sie ist mißglückt!«

»Barmherziger Himmel - ich schwöre Ihnen - Ferdinand ... «

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»Nenne Sie den Namen nicht mehr,« donnerte der alte Offizier, »oder es wird hoffentlich noch so viel Gerechtigkeit in Berlin geben, um einer Hure den Mund zu stopfen! Fort da - !«

Er stieß sie rauh zurück, daß sie am Sessel niedersank und ging nach der Thür, an der es klopfte. Gottlieb und der eine Schiffer standen davor und traten auf seinen Wink herein; sie trugen ein Brett. Der Knabe folgte ihnen. Draußen an der Hausthür verschwand der Schatten des Studenten.

»Hier hinein!« befahl der Major; - der Soldat, der einen scheuen Blick auf das unglückliche Mädchen warf, folgte in das zweite Zimmer. Auf den Befehl des Majors schoben sie das Brett an die Seite des Todten und legten diesen darauf. Die Leiche wurde mit Stricken festgebunden und der Major warf das Laken darüber.

»Nehmt ihn auf und folgt mir - es ist Zeit, daß wir diesen Ort verlassen.« Er ging voran, den Säbel des Todten unter dem Arm. Der Soldat und der Schiffer hoben die Leiche auf; - als sie durch die vordere Stube schritten, fuhr das unglückliche Mädchen aus ihrer Betäubung empor und stürzte auf sie los. »Was ist das - was tragt Ihr dort?« - Ihr irres Auge fiel auf das leere Lager. - »Ewiger Gott! Ihr wollt ihn mir nehmen!« Wie eine Wahnsinnige warf sie sich den Männern entgegen. »Er ist mein! mein! ich lasse ihn nicht! Laßt mich noch ein Mal ihn sehen, wenn Ihr Menschen seid!«

Der Major stieß sie unsanft zurück und öffnete die Thür. »Er hat kein Geld mehr zu vergeuden,« sagte er rauh. »Sie wird sich zu trösten wissen!«

Das Mädchen taumelte wie eine Trunkene. Sie drehte sich um sich selbst, die Arme in der Luft, als sich die Thür hinter der Leiche schloß.

»Ferdinand! Ferdinand!«

Der Schrei war herzzerreißend, dann stürzte sie schwerfällig, ohnmächtig zu Boden.

Noch ein Mal öffnete sich behutsam die Thür - der Knabe lauschte scheu herein, beugte sich weinend einen Augenblick nieder

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zu der Ohnmächtigen - und folgte dann eilig den Vorangegangenen.

Durch den Thränenschleier, der seine Augen trübte, bemerkte er in einiger Entfernung vor dem kleinen Trauerzuge her einen Schatten gleiten - er sah ihn mit einer Gruppe sprechen, die des Weges kam, und die Männer bei Seite treten; sein Herz sagte ihm, wer es war, der der Leiche des Freundes - des Feindes den letzten Dienst erwies.

Unbelästigt kam der alte Edelmann mit seinen Begleitern und ihrer traurigen Last an die Landungstreppe, wo der Kahn ihrer harrte. -

Als der Student zurückkehrte zu dem Liebesasyl des Todten, getrieben von Besorgniß um die Aermste, fand er sie noch in derselben Lage bewußtlos am Boden.

An ihrer Seite lag die kleine Börse und die goldene Uhr des Knaben. -

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Die Strapazir-Menscher.

Es war der erste Sonntag im April; der wehende Hauch des Frühlings hatte längst auf Sümpfen und Strömen die Eiskruste des Winters gebrochen und das frische Grün knospete überall lustig hervor. Die weiten monotonen, nur selten von Hügel und Wald unterbrochenen Niederungen der Theiß, nach ihrer Verbindung mit dem Körös, breiteten sich vor den Blicken aus, ein unübersehbares Gebiet von Steppen und Sümpfen, jetzt meilenweit überschwemmt durch die Gewässer, welche der schmelzende Schnee der Karpathen in den flachen trägen Strom ergoß.

Schaaren wilder Enten bedeckten die Wasserfläche der Sümpfe - die Schnepfe strich über das Geröhr, der Strandläufer hüpfte von Scholle zu Scholle und die Rohrdommel ließ im dichten Schilf ihren weithin hörbaren Ruf erschallen.

Gleich der Schildwache stand der große Fischreiher auf seinem hagern langen Bein, die andere Klaue unsichtbar fest unter den grauweißen Leib gezogen, den langen Hals tief zwischen die Schultern gedrückt, das Auge fast geschlossen. Aber wehe dem Fisch, der sich, von der unbeweglichen Gestalt getäuscht, in seine Nähe wagt. Wie eine Stahlfeder schnellt der Hals vorwärts, der lange Schnabel streckt sich aus und der Bewohner des andern Elements wird zappelnd der schützenden Tiefe entzogen und zur Mahlzeit verspeist.

Und jeden Augenblick wiederholt sich das Schauspiel, denn kein Fluß Europa's ist so fischreich, wie die Lagunen der Theiß, und selbst die Seefische - Störe, Hausen und riesige Lachse - treten durch die Donau herauf in den Strom und laichen in dem schlammigen, ruhigen Gewässer.

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Die Zahl der Wasservögel ist unermeßlich - ihr Gekreisch, ihr Schwirren und Fliegen über den weiten Feldern von Rohr und Schilf gleicht oft einer ewig wechselnden, schnatternden, pfeifenden, krächzenden Wolke, wenn ein fremder Laut sie aufstört.

Da - aus der schwirrenden, schreienden Masse - erhebt sich majestätisch im stolzen Flug zu den Wolken des Himmels auf weit gedehnten Schwingen ein prächtiger Vogel. Es ist der schöne Königsreiher, dessen seltene, kostbare Federn den stolzen Schmuck des Kalpaks eines gold- und juwelenstrotzenden Magnaten zu bilden bestimmt sind. Hei - wo ist der ritterliche Retter, die schöne Dame, den behaubten Falken auf der Hand - wo tönt der Ruf des Falkoniers - wo galoppirt die glänzende Schaar der edlen Jagd nach, die einst Kaiser und Könige fesselte? - O, die edle Beize - aus der Mode gekommen, wie so Vieles! Statt der alten prächtigen Freuden der Fürsten und Herren in Wald und Flur, beim Becher und Turnier: Spekulation in Eisenbahnen und Bergwerken, Spiritus, Runkelrübenzucker-Fabriken und Badereisen zum grünen Tisch!

Die Welt ist eine andere geworden. Der Schachergeist des Materiellen regiert, aber die Poesie und die Thatkraft flüchten in die fernsten Winkel - den Urwald - die Steppe - der Wüste.

Vielleicht, daß die Pußta, die sich weit vor den Blicken dehnte, ein solcher Winkel noch war.

Dort, wo sich aus dem Sumpf in leichter Anschwellung der Boden zur unermeßlichen Savanne hob, galoppirte eine Heerde wilder Pferde über die Fläche, der braune Roßhirt hinter ihnen drein, die Peitsche hoch geschwungen, die kräftigen, kaum bis zum Knie von elender Wollenhose bedeckten Beine fest um den Leib des sattellosen Hengstes geschlungen, den sein wilder Zuruf mehr lenkte, als der Strick, der den Zügel bildet. Unter dem braunen, niedern Hut mit den breiten Rändern flattert das lange, glänzend schwarze Haar, der braune Mantel von Filztuch, die einzige Tracht über dem schmutzig grauen Hemd, oft über dem nackten Leib, weht im Winde.

Zur Tränke an einer der sumpfigen Lachen geht die wilde Jagd, vor der Ente und Kibitz erschrocken in die Höhe stieben und die Luft mit ihrem Gekreisch und Geschnatter erfüllen.

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»Grüß' Di Gott, Rózsa! Kommst zur Schänke, wenn's Mittag macht?«

Der wilde Reiter schwenkt bejahend den Hut. »Hui, Szabó - werd' dort sein! Muß tanzen heutigen Tages!« Der Schweinehirt am Hügel, an dem weit zerstreut bis zum Rande des Weidenbusches die borstige Heerde von mehr als tausend Stück lagert, sinkt zurück in den Schmutz. Es sind, so weit das Auge trägt, die beiden einzigen menschlichen Gestalten der Pußta.

Doch dort - am Horizont, nach Westen hin, wo die Erle und später die einsame Tanne den Horizont zu säumen beginnt, kräuselt sich Rauch in die heitere blaue Luft - das ewig freundliche Zeichen der Nähe des Menschen und seiner Häuslichkeit.

Zwei ungarische Meilen vom Rande der Sümpfe entfernt zeigt sich der Boden etwas fruchtbarer und ergiebiger. Nicht daß es das freundliche lachende Ansehen der Umgebungen eines deutschen Dorfes trüge - keine Spur von Getreidefeld und solidem Ackerbau, aber zwischen den Fichten, die sich dichter und dichter erheben, zeigen sich einzelne Zeichen doch des dürftigen Anbaues, die langen Furchen eines Kukuruzfeldes mit den sprossenden Stengeln. Trockener und sandiger wird der Boden, je weiter man kommt, eine Art von Weg windet sich durch die Fichten, eine vereinzelte Tanya zeigt sich im gerodeten Raum zwischen den Stämmen - eine Strecke weiter eine zweite, dann in der Lichtung des Gehölzes eine ganze Fala, eine Reihe von Hütten und Häusern, im Kreise weit von einander gebaut, ein ungarisches Dorf.

In der Mitte des Platzes erhebt sich die Kirche - klein, aber stattlich, von Ziegelsteinen erbaut in modernem Styl. Der Magnat hat sie von einem Baumeister aus Wien vor fünf Jahren erst errichten lassen statt der alten moscheeähnlichen Kapelle, deren Gemäuer, noch aus der Türkenherrschaft stammend, in weiten Sprüngen auseinanderklaffte. Damit hat er seinem Gewissen für irgend eine wilde That und den Humanitätsprojecten der Regierung Genüge geleistet, und das Kirchlein von Telek ist weit und breit als eine besondere Herrlichkeit verschrieen. Die Schule? - was kümmert ihn die Schule? Der Bauer hat zu gehorchen - lernt er das, ist's gut!

Zwei Gebäude stehen sich gegenüber an den Seiten der Kirche,

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das eine ist die Schänke, das andere - lang gedehnt, einstöckig, von Lehm und Holz errichtet, mit den Schoben der nahen Sümpfe gedeckt - die Kaserne, denn es liegt einer der Posten im Dorfe, welche die Regierung über das ganze Land zerstreut hat. Man wundert sich, wie das kleine Detaschement hierher kommt, aber vielleicht hat das Gouvernement seine besonderen Ursachen gehabt - vielleicht traut man dem vornehmen Adel der Umgegend nicht besonders - vielleicht, daß das wachsende Unwesen der Betyáren die Gegend allzu unsicher macht, oder die Steuern und Zehnten schlecht eingehen, oder man einen Sammelplatz für die Werber braucht. So viel ist gewiß, daß ein Hauptmann vom Banater Regiment Erzherzog Albrecht mit zwanzig Mann und drei Gendarmen hier stationirt ist, während in der Runde von zehn Meilen mehrere kleinere Posten unter seinem Befehl stehen.

Die Soldaten lungern vor dem langen Gebäude umher - nur einer oder zwei sitzen drüben in der Schänke, denn es ist nicht viel Freundschaft zwischen der slavischen Race und den Magyaren, und die neueren Ereignisse, die Stellung, welche der Banus Jellacic der ungarischen Bewegung gegenüber einzunehmen beginnt, vergrößert die Spannung immer mehr.

Die Soldaten waren hagere sehnige Gestalten mit dunkelen Pandurengesichtern, der pechgewichste Schnurrbart, unter dem die weißen Zähne wie die eines Raubthiers hervorblitzten, hing in dünnen Strähnen bis auf die Brust herab oder war hinten am Kopf um die langen fettglänzenden Haare zusammengebunden, die unter der hohen schwarzen Mütze straff niederfielen. In den rothen Mantel gehüllt, die kurze Pfeife im Munde, lagen sie vor der Thür, dem Würfelspiel Zweier von ihnen zuschauend, oder dehnten sich an der Wand im Sonnenschein. Selbst die Wache lehnte sorglos auf der Mündung der langen Flinte aus. ihrem Posten, ohne sich um das Treiben auf dem Platze sonderlich zu kümmern.

Ueber den Platz selbst aus dem Fichtenwald von Szegedin her lief ein ziemlich gut erhaltener Fahrweg an der Reihe der Tanyen entlang und führte, um einen Vorsprung des Waldes biegend, einen Hügel hinauf, von dessen mäßiger Höhe in der Entfernung von kaum fünfzehn Minuten vom Dorf ein stattliches,

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halb alterthümliches Gebäude herabsah. Zwei viereckige Thürme, noch aus der Feudalzeit mit Mauern von kolossaler Dicke und crenelirten Zinnen versehen, verbunden durch einen eben so festen, etwa fünfzig Schritt langen Mittelbau, bildeten den Haupttheil. Jahrhunderte alter Epheu mit Stämmen, so dick wie ein Mannesschenkel, bekleidete hoch hinauf bis zu den Zinnen das rothgraue Gemäuer mit seinen Bogenfenstern, Erkern und Altanen, und seltsam, wie bunte Schleifenzier an einem alten stählernen Brustharnisch, nahm sich die moderne, mit grünen Gewächsen und frühen Bwmen besetzte, zeltartig überspannte Veranda aus, die vor dem Mittelgebäude zwischen den Thürmen hinlief, und aus der breite Marmorstufen zu der Auffahrt niederführten, deren steinerne Rampe mit vergoldeten Statuen geschmückt war. Rechts und links an die Thürme, im stumpfen Winkel vorspringend, lehnten sich zwei Flügel, ganz im modernen Geschmack erbaut, und die abstechenden Formen und Farben machten in der That einen eigenthümlichen Eindruck.

Der Fuß der theils zu einem Rasenplatz, theils zu einem weiten Hof umgeschaffenen Anhöhe war mit weitläufigen schönen Pferdeställen umgeben, an die sich zu beiden Seiten andere Wirthschaftsgebäude anschlossen, zum Theil in der bessern Jahreszeit von mächtigen Nußbäumen verdeckt, von denen von der Einfahrt ab eine stattliche kurze Allee bis zum Einschnitt des Schloßweges in die allgemeine Heerstraße lief.

Ueberhaupt schien, so wie man um die Ecke der Föhrenwaldung gebogen war, die Gegend wie mit einem Zauberschlag eine andre geworden. Die breiten Gräben, welche früher die Anhöhe der alten Feudalburg umgaben und aus den Lagunen der Theiß gespeist worden, waren ausgefüllt mit fruchtbarem Erdreich; an das Schloß selbst lehnte sich ein weitläufiger Park, und rechts und links auf dem leicht emporsteigenden Gelände zeigten sich große Weingarten, jetzt freilich noch dürr und öde, aber bald ein grüner Schmuck der Gegend.

Das Schloß und das Land umher, obschon viele Nemesembereks oder magyarische Freibauern darauf wohnten, gehörte meilenweit einem der reichsten und stolzesten Magnaten Ungarns aus der Familie Pálffy, und die beiden Fahnen von den Thürmen,

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zur Linken die mit den österreichischen Farben, schwarz und gelb, zur Rechten mit dem Wappen des Besitzers in den ungarischen Nationalfarben, grün, weiß und roth, verkündeten die Anwesenheit des Herrn.

Der Sonntag Lätare, ein bei allen slavischen und mit den slavischen Stämmen verbundenen Völkern noch immer mit mancherlei alten Gebräuchen und abergläubischen Ceremonieen verbundener Tag, zusammenfallend mit der Miethsdingung, hatte den Platz, vor der Kirche und die Tanyen mit einer fortwährend sich mehrenden bunten Menge gefüllt, die nach dem beendigten Gottesdienst jetzt der ungebundensten Fröhlichkeit sich überließ. Jeden Augenblick kamen im wilden Jagen die leichten Korbwagen der umliegenden Tanyenbesitzer an, die Chikos stehend auf der Deichsel, die lange Peitsche schwingend oder den breitrandrigen schwarzen Hut, die drei oder vier kleinen langmähmgen Pferde im tollsten Galopp und dennoch so geschickt gelenkt, daß mitten zwischen den Gruppen und fliegenden Buden kein Unfall geschah; reiche Bauern in der kleidsamen magyarischen Tracht mit über das Flechtwerk des Wagens herabhangenden Beinen, auf den Sitzen von Maisstroh Frauen und Mädchen, heiter lachend und winkend. Stattliche Bursche galoppirten hinterdrein oder voraus, neben dem wohlhabenden Bauerssohn der wilde Hirt der Pußta. Vor der Schänke oder einer Tanye, deren Besitzer befreundet oder verwandt, hielten Wagen und Reiter, lustigen Willkommen bringt der Hausvater mit dem Steinkrug in der Hand, das Eljen auf den Lippen; die Frauen begrüßen sich, die Mädchen streichen ihre Zöpfe und bewundern gegenseitig den reichen Putz der eingeflochtenen Gold- und Silbermünzen und der langen Flitternadeln.

Zehn Mundarten mehren die Verschiedenheit. Durch das bunte Gewühl schreitet stolz der Magyare, den anliegenden blauen Dolman, die fest bis zum Knie schließenden Beinkleider von gleicher Farbe mit schwarzen oder weißen, zuweilen auch silbernen Schnüren und Tressen in endlosen Schnörkeln besetzt, die schwarze Weste mit hundert silbernen Knöpfen verziert, um den Hals leicht das Seidentuch geschlungen, im Mund die kurze Pfeife, auf dem Kopf der breiträndrige schwarze Hut. Sporen klirren an den Fersen der blanken Cismen oder Stiefeln, die bis zum Knie hinaufreichen

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und dort mit einer goldenen Borte oder Franzen besetzt sind. Der Szekler in seiner phantastischen Tracht, der Walache in dem weißen zottigen Mantel von Ziegenhaar, mit bunten Bändern besetzt, die viereckigen Beinkleider gleich den Calzoneras der Mexikaner geschlitzt; - der Hirt aus den Szegediner Pußten mit dem weißen Szür oder Bauernpelz und den weilen Gatyen, dem Beinkleid; - der gewandte listige Jude oder Grieche durch die Gruppen der Männer und Frauen sich drängend, überall schlecht vergoldete Ketten und Uhren, Tombakschmuck mit blitzenden Steinen, Bänder, Nadeln und Zwirn anbietend und preisend; - der deutsche Fuhrmann in seinem blauen Kittel, der die zur Seite stehenden hochbeladenen Frachtwagen hinauf führt aus dem Banat nach Buda-Pesth, oder sein Landsmann, der wohlhabende Schafzüchter aus den deutschen Kolonie[e]n in Siebenbürgen; - der Kroat mit dem listigen frechen Gesicht; Alles drängt sich schreiend, lärmend, lustig durch einander. Sorgfältig weicht der arme Slowak in seinem theergetränkten Hemd, den braunen, von Lederstücken zusammengehaltenen Mantel um die Schulter gezogen, der lustigen Menge aus - er ist der Paria unter den bunten Stämmen, deren fleißigster, ewig bereitwilliger Arbeiter er doch ist, und selbst der braune Zigeuner dort, der vor seiner Schmiede die Pferde beschlägt, die ihm in großer Anzahl zugeführt werden, wendet verächtlich den Kopf ab, wenn er vorüber schleicht.

Vor dem Wirthshaus standen unter dem großen Nußbaum mit den knospenden Blättern Tische und Bänke, denn die Zahl der Zechenden hatte in dem langen niedern Gebäude selbst bei Weitem nicht Raum gefunden. Ein Faß Szegediner Landwein lag an der Wand auf einem Balkenlager, und die Wirthin und ihre Tochter waren beschäftigt, fortwährend den Hahn zu drehen und Krug auf Krug einzuschänkcn, die über die Köpfe der Umdrängenden fortgereicht wurden. An den Tischen, auf den aus Tonnen, Schemeln und Brettern improvisirten Banken saßen die älteren Bauern, die Inhaber und Pächter der Tanyen, die Fuhrleute und Viehhändler, schwatzend von Krieg und Frieden, von der neuen Regierung, die über Ungarn gekommen, den letzten Raubzügen der Betyáren und Raizen, oder der drohenden Haltung und der Grausamkeit der Kroaten an der Grenze des Banats.

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Mancher drohende, grollende Blick flog dabei hinüber nach dem Wachthaus und den lungernden Panduren, mancher laute Fluch in der an scheußlichen Verwünschungen so reichen magyarischen Sprache scholl keck und herausfordernd aus dem Kreise der Zecher.

Am Baum, auf der natürlichen Estrade eines leeren Stückfasses und zweier mächtigen Kiefernkloben, hockte ein wunderliches Orchester, vier Zigeuner, der eine den schweren Cymbal schlagend, zwei andere auf der Huszt oder Geige spielend, während der vierte die melancholische Flöte blies. Das war keine Musik nach Noten und Takt, wie wir sie kennen - kaum eine Melodie zu nennen, wenn nicht etwa die Instrumente sich zu einem kecken Nationaltanz vereinten. Sie machte den Eindruck einer wilden Improvisation - ein Instrument folgte dem andern, nahm ihm die erste Stimme ab, änderte den Takt, den Rhythmus, die Melodie, ging in eine andere Tonart über, und dennoch kein Mißton, kein störender Akkord, kein falscher Griff. Wenn die Flöte, erschöpft von den grellen oder klagenden Tönen, inne hielt oder zu langsamerem Tempo überging - wenn sie in leise verhallendem Ton zu enden drohte, dann rissen die kräftigen Bogenstriche der Geiger sie wieder fort zu neuen Anstrengungen. Diese Musik glich dem Gesang, dem lustigen oder klagenden Gezwitscher der Vögel draußen in Wald und Flur. Man muß diese sinnverwirrenden, berückenden Töne, diese scharfen, in die Seele schneidenden Akkorde gehört haben, um ihre Wirkung auf die träumerischen und doch so kräftigen slavischen und magyarischen Naturen zu begreifen.

Noch war es nicht an der Zeit für den Tanz, und die jungen Bursche und stattlichen vollbusigen Mädchengestalten umstanden daher nur lauschend die Musik oder brachen bei einer lustigen Tanzmelodie in laute Eljen aus und schlugen die Fersen im Takt zusammen. Kreuzerstücke, ja blanke Zwanziger flogen in die Schellentrommel, mit der die junge Zigeunerin - fast ein Kind noch und trotz der raschen Entwickelung dieser Volksstämme erst an der Grenze der Weiblichkeit - zwischen dem Gedräng sich aalgleich umherwand, die runden brennenden Augen bald sehnsüchtig bittend, bald neckisch herausfordernd in die braunen Blicke der Männer tauchend. Die Mädchen lauschten den

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geheimnißvollen Aussprüchen der alten Hexe, die ihnen aus der Fläche der Hand blanke Husaren und reiche Tanyenbesitzer oder gar einen prächtigen Edelmannssohn zum Geliebten versprach, Weinberge und Land und das Haus voll Kinder. Ein langer, brauner Zigeunerkerl verkaufte Salben und Amulete, die gegen das Melonenfieber, das Verschlagen der Pferde und die Hartherzigkeit der Geliebten gleich helfen mußten; fliegende Garküchen schmorten im Fett die Kolben des Kukurutz[Kukuruz] oder reichten das gekochte Fohlenfleisch, Collacz und brennende Paprika, die jedes andern Menschen Schlund, als den eines Ungarn, gleich Oleum versengt haben würden. Verkäufer von scharfem Slibowitza, dem Branntwein aus Pfirsich- und Pflaumenkernen, hatten ihren Kram an verschiedenen Stellen aufgeschlagen, und der Roß- oder Schweinehirt, der den Kreuzer für das Maaß Wein nicht aufzubringen vermochte, der sparsame Chopaki oder der des Getränkes gewohnte Walache holten hier ihre Herzstärkung.

In der großen, reinlich geweißten Schänkstube, deren Wände mit den hoch bis zur Decke aufgethürmten Federbetten, Heiligenbildern und Krügen und Flaschen geschmückt waren, saß um die roh gezimmerten Tische, über denen zahlreiches Zinn- und Irdengeschirr aufgehängt war, stattliche Gesellschaft, die freien Wirthe und Tanyenbesitzer des Dorfes, den grauen Schnurrbart streichend, den Weinkrug vor sich, den Négryóckri-Joseph, der kluge Wirth, nie leer ließ. Am Ende des größten Tisches, gleichsam der Gesellschaft präsidirend, saß ein alter Husarenwachtmeister in Dolman, Kalpak und Pelz, den Säbel zwischen den Füßen, und führte das große Wort, während seine schwarzen Augen mit jugendlicher Frische nicht allein im Gemach, sondern durch das offene Fenster, an dem er saß, auch draußen umherfuhren und die kräftigen Gestalten der jungen Bursche auf dem Platz mit schlecht verhehltem Interesse maßen.

»Kutialelki erdök! Der Teufel soll mein Eingeweide holen,« sagte er lustig, indem er sich den Wein aus dem gewichsten Schnurrbart strich, »nennen sich das Soldaten. Hunde! Spricht ehrlicher Husar nicht mit den rothen Kerls. Glaubt Ihr vielleicht, König von Hungarn wolle aus seinen Kindern solche rothe Burschen machen, die zu Nichts gut, als zum Todtschießen?

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Nix da - ein ungarischer Bursch muß werden Husar, wie ich bin!«

»Bist auch was Recht's geworden in diese Jahre viele, daß gezogen bist mit den Werbern davon, Bruderherz!« meinte einer der Bauern.

Der Husar schoß einen bösen Blick auf ihn und richtete sich zu seiner vollen Höhe empor. »Was weißt Du vom Soldatenstand, János,« sagte er rauh, »bist geblieben zu Haus, als die Trompeten haben geblasen und unsere Säbel dem Franzos gemacht das Garaus. Hast Mädle meiniges gefreit und sitzest auf Haus und Hof, während ich, Andreas Paláczi, mich hab' getummelt nun fünfunddreißig Jahre im Sattel. Bin ich geworden Wachtmeister, is sich das Nix? Hab' ich niemals bereut, wenn ich auch hab' gedacht an der Wanka schwarze Augen.


                               [»]Vom Rößlein zum Tanz,
                               Und vom Tanze zum Wein,
                               Und vom Weine zum Mädel,
                               Husar muß man sein!«


Der alte Soldat schwang den Weinkrug. »Is sich keine Courage mehr in ganz Hungarnland. Wenn der Kaiser-König Soldaten braucht, wer anders kann ihm helfen, als braves Volk von Arpáds Stamm?«

»Eljen Hungaria!« klang es im Kreise, und die Kruge stießen an einander, daß die Scherben flogen und der Wein über den Tisch floß.

»Teremtete! Es sein Alles ganz gut,« meinte der widerspenstige Tanyenbesitzer, »aber die Swabi in Wien halten nicht, was sie dem Ungarisch-Mann versprochen. Bassa manelka! Du kommst nicht umsonst hierher, ich kenne Dich! Warum willst Du holen unsere Söhne, wo nicht ist Franzos unser Feind?«

»Der Franzos nicht unser Feind?« höhnte der Husar. »Dummkopf, der Franzos ist alle Mal Feind von Kaiser in Wien und ein nichtswürdiger Heide, schlechter als Jude und Türk'!«

»Das ist nicht wahr! Mutter meiniges möge verschwarzen, wenn wahr ist, was Du sagst.« Der Bauer schlug mit der Faust auf den Tisch. »Bin ich nicht gewesen in Buda-Pesth vor Tagen zehn? hab' ich nicht gehört mit diesen Ohren, daß

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Franzos ist unser Freund? Hat gejagt die Swabi zum Teufel und is frei wie Ungarland, wenn ihm sein Recht wird! Wer hat gemacht, daß wir haben Reichstag in Pesth, als unser Freund Franzos?«

Der Wachtmeister sah sich finster um, seine Augen hafteten auf einem großen Mann im Pelz am nächsten Tisch, der ihm den Rücken kehrte. »Ich weiß,« sagte er heftig, »daß die Fremden umgehen im Land und verführen ungarisch Blut. Kommt davon, daß in Pesth die Aktendrescher sitzen an Ständetafel und schimpfen auf König und Ordnung. Aber der Teufel hole ihre Hundeseelen und alle schurkischen Rebellen mit ihnen tausend Mal in die unterste Slowakenhölle.«

Der Mann im Pelz stand auf und trat zu dem Tisch des alten Soldaten; er schien den Augenblick für günstig zu halten, sich in's Gespräch zu mischen.

Es war ein großer stattlicher Mann in ungarischer Nationaltracht, im Dolman und den Mente oder Pelz auf der linken Schulter. Unter dem niedern breitrandigen Hut hervor, von dicken Brauen gedrückt, funkelte ein lebhaftes Auge.

»Wenn Ihr es auf die neue Regierung münzt, Wachtmeister,« sagte er mit bestimmtem Ton, »so thut Ihr Unrecht. Seid selbst ein Ungar, und solltet Euch freuen, daß Männer aufgetreten, die dem Volke ihr Recht schassen. Hat nicht der König selbst in Wien es anerkannt, daß Ungarn bitteres Unrecht geschehe, und die neue Regierung eingesetzt? Das sind Männer nach unserm Herzen! Der Bauer soll auf seinem Lande frei sein vom Robot! Wie der Geringsten Einer soll der stolze Magnat seine Steuern zahlen, statt des Landes Mark zu saugen. Haben wir nicht ein Recht, mitzusitzen und mitzusprechen, wie die Herren selber - kostet es nicht unser eigen Hab und Blut? Warum sollen die freien Magyaren den Decem zahlen an faule Pfaffen und herrische Edelleute? Wenn Ihr echte Söhne seid von Arpáds Stamm, nicht schlechte Serben und Slowaken, so ruft ein Eljen den Männern, die dem Vaterlande Ruhm bringen und uns das Recht freier Männer! Eljen Kossuth! Eljen Batthiányi!«

Und »Eljen Kossuth! Batthiányi!« donnerte es aus

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fünfzig Kehlen, und der Ruf pflanzte sich fort durch die Menge auf dem Platz.

Selbst der alte Husar hatte mitgetrunken und gerufen - galt es doch dem Vaterlande, der Nation, die jedem Ungarnherzen so theuer sind, und noch war Nichts gesprochen, das seinen Soldatengeist oder den Gehorsam gegen den Kaiser beleidigte. Aber schon die nächsten Worte belehrten ihn, was das Ziel des Fremden war.

»Sollen wir Ungarns Jugend, unsere Söhne und Brüder ziehen lassen zum Dienst der Swabi[-]Kälber, der slowakischen Ziegen, oder der kroatischen Eichelschweine? - was gehen uns die Händel der Deutschen in Wien an - der Ungar möge in Ungarn bleiben und dem Wolfe die Zähne zeigen, wenn er kommt!«

Der Wachtmeister strich sich grimmig den Bart und stieß wild seinen Krug auf den Tisch. »Teremtete!« fluchte er. »Wann hat sich je Ungar gefragt, warum ziehen de« Säbel für König-Kaiser, wenn ist Krieg? Echter ungarischer Husar immer bereit, zu schützen das Kaiserhaus!«

»Das ist wahr,« riefen die Männer. »Ein Eljen für den König!«

»Wo wäre denn der Krieg?« fuhr der Lange wieder höhnisch nach dem dreimaligen Hurrah fort. »Warum sollen wir werben lassen für den Frieden? Es ist ein altes Recht der pragmatischen Union, daß die ungarischen Soldaten nur im Fall eines Angriffs auf das Reich zum Kriege gebraucht werden dürfen und beim Frieden zurückkehren sollen in die Grenzen des Landes. Statt dessen sehen wir die rothmäntligen Diebe hier und unsere Söhne draußen im Reich.« Er wies nach der Pandurenwache gegenüber.

»Nicht Krieg? was weiß Kerl wie Du davon?« zürnte der alte Soldat. »Kaiser brauchen tapfere Ungarn, um Nudelfresser in Italien zu hauen. Sind sie noch schlechter als Franzos, wollen sie machen heilige Vater unser kaput!« Er schlug andächtig ein Kreuz, der größte Theil der Anwesenden, zur katholischen Kirche gehörig, folgte seinem Beispiel, und die Meinung neigte sich stark auf seine Seite.

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»Unsinn!« sagte der Fremde; »Niemand will dem Papst etwas thun. Aber Freiheit wollen die Italiener so gut, wie wir. Oder hat jedes Volk nicht etwa das Recht auf seine eigene Sprache, seine Sitte und sein Land? Warum will man die Italiener knechten, wenn sie Italiener sein wollen?«

»Sind sich Rebellen verfluchte,« schrie hitzig der Husar. »Müssen lernen gehorchen, wenn Kaiser sagt, thu' dies, thu' das! Können nicht sein eine Nation wie wir, weil keine Ungarn sind, und wir ihr Land erobert für den Kaiser. Den Teufel auf Dein Maul! Komm her, Bursch'!« Er winkte einem Mann, der demüthig eben zur Thür hereinschaute, als suche er Jemand, und sogleich sich wieder vor den gestrengen Magyaren entfernen wollte.

»Hierher, sag ich Dir - komm hierher!«

Der Angeredete trat schüchtern herein und näherte sich, den Hut in der Hand, dem allen Soldaten.

Es war der Schweinehirt vom Ufer der Theiß, in der ärmlichen Tracht der Slowaken, obschon er eine besondere Sorgfalt auf sie verwandt und zum Fest seinen besten Sonntagsstaat angezogen hatte, ein neues Hemd und einen weniger zerlumpten Mantel.

Trotz der ärmlichen Kleidung und der demüthigen Haltung war der Mann eine stattliche Erscheinung. Er mochte etwa zweiundzwanzig Jahre zählen und war, wie die meisten Slaven, von hoher schlanker Statur, aber die schmalen Hüften und die hochgewölbte Brust zeigten besondere Kraft. Sein braunes Gesicht hatte eine edle Bildung, aus der die schmale Nase kühn gebogen wie ein Adlerschnabel hervorsprang. Die großen mandelartig geschnittenen Augen waren jetzt demüthig zu Boden gerichtet und von den langen dichten Wimpern verschleiert, aber wenn er zufällig den Blick hob, lag in dem ganzen Wesen des Burschen, trotz der anerzogenen Scheu und Demuth, eine gewisse wilde Energie und Kraft, wie das Feuer des Vulkans unter der Schneedecke.

»Wie heißest Du?«

»Szabó - Herr Husar,« lispelte der Hirt. »Szabó Palkó, ein armer Slowak, Herr!«

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»Es ist der Schweinehirt von der Tanya des Paul Mészáros,« sagte einer der Anwesenden.

»Es ist ein Slowak,« verächtlich ein Andrer.

»Tét nem ember!«62

»Richtig, Bruderherz! Nun denkt Euch,« fuhr der Wachtmeister fort, der dabei heimlich die Gestalt des Hirten mit Kennerblicken wohlgefällig musterte, »denkt Euch, wenn dieser Bursche, der nicht viel besser ist, als das Vieh, das er hütet, jetzt plötzlich käme und zu Euch spräche: »Ich bin ein Slowak und habe Rechte gleichigte, wie der Magyar. Ich will sein frei und nicht mehr dienen dem Magyar, sondern sitzen in der Tanya. Der Magyar soll reden meine Sprache, ich nicht die seinigte. Ich will werden ein Herr in dem Land, weil ich geboren in dieses, und der Magyar soll dienen mir als Hirt, wie ich gedient ihm.« Was würdet Ihr sagen dazu?«

Ein höhnisches Gelächter erscholl riugs umher - das war ein Gedanke, den ein Magyarengemüth nie im Entferntesten auch nur geträumt, und selbst der arme Mensch, der den Gegenstand des Hohns bildete, fühlte sich ganz unheimlich bei solcher Idee.

»Istem teremtete! Is sich denn etwas Besseres ein lombardischer Citronenfresser als ein slowakisches Schwein?« triumphirte der Soldat. »Steht nicht Dein Sohn, Mihal Gabor, als guter Grenadier in des Kaiser-Königs Stadt Mailand, und soll sich kommandiren lassen von Italiener lumpigen? Pfui über den Dummkopf, der daran denkt, und nicht schlagen will für Königs und Swabi-Kaiser sein Land!«

Die treffliche Logik des alten Soldaten that ihre Wirkung. Der Gedanke, daß ein Slowak politische Rechte fordern könne, bewies ihnen klar, daß die Italiener nicht den geringsten Anspruch auf Freiheit hätten, und die trotz des Deutschenhasses seit Jahrhunderten gehegte und mit Strömen von Blut bewiesene Liebe zum Kaiserhause war noch nicht, wie durch die ferneren Ereignisse geschah, so untergraben, daß der Gedanke, für das Recht ihres Königs zu fechten, sie nicht hätte begeistern sollen.

Jeder Magyar ist ein geborner Soldat, der Krieg ist sein

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Leben, der Sattel des feurigen Rosses der Platz, wo der Ungar am liebsten sich sieht! Feurig und muthig, wie der Franzose, ist er diesem an Körperkraft und Ausdauer bei Weitem überlegen. Der Magyar ist nicht für die Arbeit geschaffen - das Handwerk von der Feueresse bis zum Fidelbogen für den Zigeuner, der Handel und die Industrie dem Deutschen und dem Griechen - der Schacher dem Juden und die Feldarbeit dem Slowaken, aber dem echten Magyaren für den Ernst der Krieg, für die Lust der Tanz!

Der kluge Sieger im Wortstreit schwang den Krug. »Wein her, Négryóckri-Joseph! Gutes Getränk fließen sich besser durch die Kehle bei Denkspruch fein. Ein gutes Weib, ein hübsch Mädel, ein scharfer Säbel und ein tüchtiger Fluch! Bassa manelka! Unser König braucht Soldaten, und der Ungargott soll die Hundeseele eines Edelmannes in den stinkendsten Sumpf verwandeln, der seinem Sohne nicht gestatten will, für sein Land und seinen König zu reiten!«

Auf einen Wink von ihm am Fenster - der Wachtmeister schien sich trefflich mit den Zigeunern zu verstehen! - stimmte die Musikbande draußen den Czardas, den wilden Kriegstanz der Magyaren, an; die Bauern tranken dem listigen Vorläufer der Werber zu und versprachen, Nichts dawider zu haben, wenn ihre Söhne den Kalpak nähmen; der Fluch, den der alte Soldat darauf gesetzt, duldete bei einem Edelmann, wie jeder Freibauer sich selbst nennt, ohnehin keinen Widerspruch, und ein allgemeines Eljen sprach den Veschluß aus, keine >väterliche Hundeseele< sein zu wollen.

Der Wachtmeister hatte unterdeß den Slowaken zur Seite gewinkt. »Du kannst jetzt gehen, Szabó,« sagte er, »aber halte Dich in der Nähe. Du scheinst mir kein solches Vieh zu sein, wie Deine Brüder, und ich habe Lust, Dich glücklich zumachen!«

»Ich danke Dir, Herr!« stöhnte der Slowak. Er ahnte, was kommen solle.

»Jetzt geh' - ich werde später mit Dir reden, denn ich habe hier noch Einen auf dem Korn.« Aber der alte Soldat sah sich vergeblich nach seinem Gegner von vorhin um, während der Slowak davon schlich; der fremde, im Dorfe unbekannte und

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wahrscheinlich zum Gefolge der Gäste auf dem Schloß gehörige Magyar hatte sich, fluchend über den Knechtssinn seiner Landsleute, wie er es nannte, entfernt und draußen in der Menge verloren.

In dieser stieß auch der Slowak bald auf einen Bekannten. Es war der wilde Roßhirt, der am Morgen in der Pußta an ihm vorbeigaloppirt. Szabó betrachtete ihn mit ängstlich besorgtem Blick und sah sich scheu um. »Siehst nach den Gendarmen, Söhnchen?« lachte leise der Blasse, denn das Gesicht des Hirten, sonst gutmüthig und freundlich, nur von einem durchbohrend scharfen Auge belebt, war von dunklem, aber auffallend bleichem Teint. »Bah - was kümmern sie mich! Schlage ihnen ein Schnippchen oder jage ihnen 'ne Kugel durch den Wanst. Keine Million Teufel soll mich hindern, mich zu vergnügen und mit meinem Weibe zu tanzen.«

»Um Gott - Rózsa,« flüsterte der Schweinehirt. »Sei nicht zu dreist, Du hast Feinde überall und Viele kennen Dich.«

Der Mann im weißen Szür, dem zottigen Bauernpelz, rollte zornig das dunkle Auge. »Hund von einem Slowaken! hüte Dich, meinen Namen auch nur zu denken. Du willst nicht der Unsre sein, so bringe uns auch nicht in Gefahr, oder es möchte Dir schlimm ergeh'n!«

»Der Slowak verräth Niemand,« entgegnete leise der Bursche, »aber er mag auch nicht rauben und plündern. Nur wer ihm Böses thut, den haßt er, und Du hast Dein Brod mit mir getheilt, als arme Mutter mein vor Hunger sterben wollt.« Er machte eine Bewegung, als wolle er dem Andern die Hand küssen, der aber zog sie rasch zurück. »Das hast Du mir reichlich vergolten im letzten Winter, als die Flinte mir auf den Bären versagte, der von Siebenbürgen herüber gekommen, und Du Dich zwischen mich und die Bestie warfst. Aber sei unbesorgt, Abraham ist bei mir, und der Wirth der Schänke ist unser Freund. Die treuen Flinten sind bei ihm versteckt. Katharina belauert die Spitzbuben von Gendarmen, denen die weißen Raben die Eingeweide verschlingen mögen. Ich muß hier bleiben, denn ich hab' ein Geschäft wichtiges hier!« Der ár, denn ein solcher war er offenbar seiner Rede nach, nickte ihm kurz zu und ging

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nach der nächsten Slibowitza-Bude, der Slowak aber schlich bescheiden weiter aus dem Gedräng, als eine von der Arbeit harte, aber dennoch für ihn in ihrem warmen Druck so lieb' und weiche Hand die seine faßte.

»Tanzest Du heute mit mir, Szabó? Du bist ja so stattlich geputzt in der blauen Gatya und der Bunda,63 daß Hanka Dir Ehre anthun muß!« neckte eine freundliche Stimme. Er sah Die, welche er so lange im Gedräng gesucht, mit einer Freundin an seiner Seite und nahm sie in seinen Arm. »Die Heiligen segnen Dich, herzallerliebstes Kind, und lassen es Dir wohl geh'n! mein Auge schweifte nach Dir. Nur wenn ich in's Angesicht Dir sehe oder den blutigen Wolf zu Boden schlage, fühl' ich mich glücklich, und eine schwere Wolke der Sorge drückt heute mein Herz, wenn Szabó so schön Dich schaut, schöner als all' die stolzen Magyaren-Dirnen in ihrem Putz!«

In der That war das Mädchen vor ihm in ihrer malerischen Tracht eine liebliche Erscheinung. Sie besaß all' jenen melancholischen, züchtigen Reiz, den die Slavenschönheiten zeigen und der ihre so unklassische Gesichtsbildung oft so interessant macht. Das Gesicht, mehr rund als oval, hatte einen schüchternen, freundlichen Ausdruck, die großen braunen, in leichtem Winkel geschnittenen Rehaugen einen so zutraulichen, milden Glanz, daß er wie ein Sonnenstrahl aus der bräunlichen Färbung des Teints leuchtete. Frische Lippen und schöne Zähne, perlengleich, wenn der Mund sich zu heiterm Lachen öffnete, erhöhten die angenehme Zusammenstimmung von Unschuld und Freundlichkeit, die sich auf diesem Gesicht ausprägte, das von blonden, üppigen Haarzöpfen umkränzt wurde, auf denen das slowakische Vogelnest, die Parta, ein golddurchwirkter zollbreiter Streif von schwarzem Sammet, saß, der hinten am Haar befestigt ist. Aehnlich den Magyaren-Mädchen trug die junge Slowakin den kurzen, weiten, faltigen Rock und die Jacke von grünem Halbtuch, die unter dem rothen, mit Schnüren besetzten Mieder durch einen langen, mit Fransen besetzten Gürtel zusammengehalten wird. Ein Pelz, mit dem werthvollen Felle des Luchs ausgeschlagen, den die Hand

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des Geliebten erlegt - eine Zierde, die sich nicht verdient zu haben selbst dem ärmsten Mädchen zur Schande gereicht - hing von ihrer Schulter. Die Fußbekleidung unterschied sich dagegen nach der Landessitte von den zierlichen Corduanstiefelchen der Magyarinnen durch die weit plumpere Form und die schweren mit Blumen und anderen Figuren verzierten Hufeisen.

Wenn der Sonntagsstaat des armen Slowaken-Mädchens auch von groben Stoffen und statt der Silberfranzen und Troddeln der reichen Tanyatöchter nur mit wollenem Band verziert war, so kleidete er doch reinlich und zierlich die nicht große, aber üppig kräftige Gestalt von jugendlicher Frische.

»Szent-Elisabeth - was ficht Dich an, Szabó? ich glaubte Dich lustig zu finden, weil ich mich um Deinetwillen geputzt mit der Bunda, die Du mir geschenkt, statt die schönen Gulden für unsern Haushalt zu bewahren, und nun schaust Du finster, wie das Gewitter, wenn es von der Donau daher zieht. Sprich, was ist Dir begegnet?«

»Dachtest Du nicht daran, daß heute ist Lätare,« sagte der junge Mann traurig, »daß der Herr wählt die Mädchen und Du zwei Jahre dienen mußt, wenn sein Auge auf Dich fällt, statt daß am Sanct Bonifaciustag lustige Hochzeit ist? Ich möcht', Du wärest in Deinem Rock von Halinatuch geblieben, statt aufzuputzen Dich wie der Auerhahn, wenn er zur Beiz geht.«

»Ei, sei nicht unwirsch, Szabó,« lachte das Mädchen. »Der gnädige Graf und der Verwalter wissen, daß die kleine Hanka ein arm' Slowaken-Mädel ist und in des Herrn Garten arbeitet mit ihrer Mutter für die kleine Hütte und das Hirsefeld, das man uns läßt. Giebt's doch viele Dirnen von ungarisch Blut, die gern die Menscher werden auf dem Schloß. Wer fragt nach der Verachteten!«

»Weiß nicht!« murrte der Slowak - »hab' so mich schon wenden und dreheü müssen und wollt', ich wär' draußen mit Dir in der Pußta, weil der alte Schnurrbart dort geworfen hat auf mich ein Auge und red't davon, mich glücklich zu machen.«

»Vielleicht schenkt er Dir schöne blanke Gulden oder gar einen neuen Anzug,« meinte unschuldig das Mädchen. »Gott

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und die Heiligen sind mit den armen Slowaken und finden sich immer gute Menschen, die Liebes an ihnen thun. Weißt, wie wäre sonst der Török so glücklich geworden in Wien, wenn Gott nicht die Augen der vornehmen Gräfin gelenkt auf sein junges Gesicht.«

»Weiß nicht, ob's ein besonderes Glück ist,« sagte, noch immer finster trotz der Schmeichelworte des Mädchens, der Sau-Hirt. »Mit den blanken Gulden aber ist's Nichts - zum Soldaten wollen sie mich werben; das ist die Ursach', daß der stolze Husar sprach mit 'nem armen Slowaken, und was Dich angeht, so will mir's nicht aus der Seele, daß ich wünschte, Du wärest daheim.«

»Aber Du weißt, daß wir Hörige sind, Szabó,« sagte das Mädchen, »ich war am Jacobitag siebzehn Jahre, und der Vogt würde die Mutter strafen, wenn ich nicht gekommen wäre zur Wahl!«

»Verflucht sei das Recht, das des Weibes Leib und Seele giebt in den Willen der Reichen. Möge ihr Blut zahlen die Lüste, die sie üben an dem unterdrückten Volk!«

»Du redest Dich um Deinen Hals, Szabó,« bat das Mädchen. »Da kommen die Herren - laß uns zur Seite treten, wie sich's ziemt.«

Auf der Straße aus dem Walde brauste ein Reiter- und Wagenzug: zwei Heiducken voran, dann eine prächtige wiener Equipage, ein offener Phaeton, durch vier Rappen von bestem Vollblut gezogen, die der wilde, phantastisch in die fliegende Jacke und die weiten, weißen Gatyen gekleidete Kocsis vom Bock aus zügelte. Auf den schwellenden Kissen saßen der Graf, der stolze Eigenthümer der weiten Güter, und ein alter Offizier in der hechtgrauen österreichischen Generals-Uniform. In einem zweiten Wagen folgte mit einer ältern Dame ein russischer Offizier, über die Obersten-Uniform den gelbgrauen Mantel geschlagen.

Zwischen den Equipagen und um sie her galoppirte die Cavalcade, jüngere und ältere Männer in der prachtvollen ungarischen Nationaltracht auf schäumenden, von dem rothen, reich vergoldeten türkischen Zügelwerk gebändigten Rossen, kecke Centauren-Gestalten, Roß und Reiter ein Wesen, die Fülle der Kraft, das

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Feuer todesverachtenden Muthes, stolzen selbstbewußten Gefühls in den strotzenden Adern, in den sprühenden Augen. Und mitten zwischen ihnen eine hohe schlanke Frauengestalt im eng an die schönen Formen schmiegenden Reitkleid von hellblauem Tuch, reich mit Silber gestickt, über den schwarzen flatternden Locken die zierliche Ungarnmütze mit der National-Kokarde und dem zitternden Busch der kostbaren Reiherfedern, von blitzender Diamantagraffe gehalten.

Eine würdige Tochter des berühmten Geschlechts mit dem stolzen Gesicht, den seinen schmalen Zügen, der kühn gebogenen Nase und gewölbt geschnittenem Mund. Wie die kleine Hand so leicht den arabischen Schimmel regierte, von dessen Gebiß der Schaum flog, das Ebenbild der Mutter aus dem alten Geschlecht der Helden von Sigéth und des ganzen Stolzes des Vaters: Cäcilie, eine echte Pálffy!

Aus dem Zuge heraus im Carriere durch die flüchtende Menge, ohne Rücksicht auf Glieder und Leben der Menschen, den fliegenden Kram des jüdischen Hausirers, überreitend, jagte der Hauptmann der Heiduckenwache und parirte das Pferd vor dem Hause, daß es auf die Fesseln zurücksank. Die Soldaten hatten die Gewehre ergriffen und standen bereits in Reih' und Glied.

Zu den wilden charakteristischen Gestalten paßte der Führer, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, groß, sehnig und hager, mit dem finstern Zuge auf der Stirn, den die Racen der untern Donau zu haben pflegen. In den schiefen Augen lag Härte und Grausamkeit, das eckige Kinn verkündete starren Sinn und Energie der Leidenschaften. Um die knochige Gestalt, hing der rothe Szeklermantel wie der Feuerschein des bösen Geistes, als sie sich vom Pferde warf und vor die Soldaten sprang.

»Achtung! - Präsentirt das Gewehr!«

Die kleine Zigeunertrommel schlug, die Gewehre klirrten in den unbehilflichen taktlosen Handgriffen der rohen Grenzer, und Reiter und Equipagen hielten in dem schnell von der Menge gebildeten Kreis vor der Wache.

Die Herren verließen die Wagen, die Reiter gaben zum Theil ihre Pferde den herbeieilenden Dienern. Der russische Oberst, der so eben seine Dame aus der Equipage gehoben,

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sprang eilig herbei, der jungen Gräfin die Hand zu bieten, sich aus dem Sattel zu schwingen. Ihr blitzendes Auge schaute sich vergebens nach dem Cavalier um, dem sie den Ritterdienst zugedacht. Aber Graf Stephan hielt abseit unter der Menge und beugte sich, unbekümmert um seine Pflicht, vom Sattel, mit einem Fremden zu sprechen. Unwillig berührte sie leicht die Hand des Russen und schwang sich mit der Sicherheit der vollendeten Reiterin vom Pferde.

Der Feldzeugmeister, ein alter Mann mit dem starren österreichischen Kriegergesicht, war zu den Soldaten getreten und musterte die martialischen Gestalten. »Fürwahr, an der Grenze der Türkei oder in einem Dorf Ihrer Pußten, lieber Graf,« sagte er zu dem begleitenden Wirth, »mögen die Bursche an ihrem Platze sein, aber ich würde mich sehr bedenken, sie bei unseren Wienern auch nur drei Tage einzuquartieren. Ich meine, die Kehlen würden eben so in Gefahr sein, wie was nicht niet- und nagelfest wäre im Hause. Sie würden dem lieben Herrgott die Sterne vom Himmel stehlen, wenn sie nur hinauf könnten.«

»Wenn Euer Excellenz, meinen, daß das Kroaten- und Grenzer-Gesindel in Ungarn lieber gesehen ist, sind Euer Excellenz im Irrthum,« entgegnete stolz der Graf. »Es macht böses Blut im Lande, daß die Regierung sich auf die slavischen Nationalitäten stützt, und der Banus hat sich in letzter Zeit Dinge erlaubt, die Ungarn nicht dulden darf. Die Beschwerden der Stände darüber sind ein Theil unserer Forderungen.«

»Ich weiß, ich weiß - aber ich denke, wir sind einverstanden darüber, liebster Graf, daß das Land jetzt um jeden Preis ruhig gehalten werden muß. Wir brauchen die deutschen und ungarischen Truppen in Italien und der Hauptstadt, und müssen gerüstet sein für unsere Rechte, da der König von Preußen sich an die Spitze der deutschen Bewegung durch seine Proclamation gestellt hat.«

Der Ungar lächelte verächtlich. »So lange wir zu Oesterreich stehen und seine Kriege fechten, hat es nichts zu fürchten. Moriamur pro rege nostro! Aber man verräth uns in Wien selbst, man macht den Rebellen Versprechungen, welche die uralten Rechte der Magnaten auf's Schwerste kränken. Man will

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unsere Güter mit Grundsteuern belasten und uns dafür den Robot nehmen. Der Bauer und der Bürger sollen gleiches Recht haben, wie der Magnat. Wenn der König selbst den Adel ruinirt, mag er sehen, wie er mit dem Pöbel und Preußen fertig wird.«

»Das sind die nothwendigen Früchte der Ideen, mit denen dieser saubere Herr Kossuth und Ihr eigener Verwandter Batthiányi dem Volke die Köpfe verdrehen. Ich hoffe, der Neffe wird in dem Haufe, eines Pálffy keinen Platz finden für die Theorieen seines Oheims!«

»Sei[e]n Sie unbesorgt - Graf Stephan Batthiányi sollte der Verlobte meiner Tochter werden, aber noch heute heb' ich das Verhältniß auf, ich mag keinen Verräther seines Standes zu meinem Schwiegersohn. Lieber noch soll sie Fürst Trubetzkoi haben. - Man hätte von vorn herein nicht die Phantastereien der jungen Leute und Weiber sanctioniren sollen durch Nachgeben und Ernennung ihrer Helden zu Ministern!«

»Ich versichere Sie, der Kaiser hat es nur mit dem größten Widerstreben gethan und bedauert lebhaft, daß er Männer wie Sie beleidigen und aus dem Rath des Erzherzog Palatinus entfernen mußte. Aber es soll Ihnen volle Satisfaction werden, sobald wir wieder Herren der Situation sind, und dazu eben brauchen wir die Kroaten und Böhmen. Ihnen und Ihren Freunden das zu sagen und mich von der Stimmung zu überzeugen, habe ich diese Inspectionsreise übernommen. Wir sind so fest entschlossen wie Sie, an den alten Rechten und Satzungen der Stande festzuhalten im Kleinen wie im Großen, wenn wir auch scheinbar für kurze Zeit der Strömung nachgeben. A propos, Graf, ist es nicht gerade die Ausübung eines Ihrer alten Herrenrechte, die uns hierher führt?«

»So ist es, Excellenz; die Strapazir-Menscher sollen gewählt werden, und ich habe meinen Verwaltern strengen Befehl ertheilt, alle Pflichtigen zu stellen, um gerade jetzt zu zeigen, daß der Adel seinen Rechten Nichts vergiebt. Wenn es Ihnen gefällig ist, so lasse ich beginnen. Wir sprechen nach Tisch weiter über die politischen Fragen. Am Abend wollen wir uns dann den Tanz anschauen - Sie werden sehen, wie wenig das Volk sich um Politik kümmert, wenn ihm nicht die Köpfe verdreht werden.«

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Die beiden Aristokraten, die langsam im Gespräch sich von der Gesellschaft abgesondert, näherten sich dieser wieder. Die Dorfrichter und Amtleute hatten unterdeß Ordnung in die Menge zu bringen gesucht und in einer breiten Doppelreihe die Mädchen aufgestellt, welche in diesem Jahre der Bestimmung und Wahl der Gutsherrschaft verfallen waren.

Die Wahl der Strapazir-Menscher ist eine alte, aus der Zeit der Leibeigenschaft herstammende und in vielen Gegenden Ungarns bis in die neueste Zeit aufrecht erhaltene Sitte.

Am ersten Sonntag des April versammeln sich vor dem Gutsherrn alle Mädchen des Gutsbezirks, welche seit dem letzten Frühjahr ihr siebzehntes Jahr zurückgelegt haben. Der Edelmann wählt unter ihnen die, welche er zum Dienst auf seinem Hofe oder in seinem Hause braucht - sie müssen ihm zwei Jahre dienen und sind ihm Unterthan mit Leib und Leben.

Nach dem Gutsherrn kommt der Offizier des Militär-Commando's, das in dem Bezirk stationirt ist.

Er hat das Recht, sich das Mädchen zu wählen, das ihm am besten gefällt. Sie verrichtet Magdsdienste bei ihm und ihr Körper dient zur Befriedigung seiner Lust. Im nächsten Jahre, oder wenn er ihrer überdrüssig geworden, verfällt sie zu gleichem Zweck den Soldaten des Commando's; wenn die zwei Jahre um sind, kehrt sie zurück mit dem, was sie sich erspart, in die Hütte der Eltern. Niemand rechnet ihr den Dienst zm Schande - der alte Gebrauch will es so, der Edelmann ist der Herr des Landes, der Leib der Hörigen gehört ihm, wie der Grund und Boden, und der Soldat ist stets ein Edelmann!

In neuerer Zeit wird die alte Sitte zwar nicht mehr in gleicher Ausdehnung geübt, und mit dem Vasallenthum und der Leibeigenschaft sind die Verpflichtungen gefallen, aber noch immer hat sich in vielen Gegenden des Landes der Brauch selbst erhalten; der Dienst geschieht gegen Lohn, und selbst die Töchter der Freibauern nehmen keinen Anstand, mit denen der Häusler und Roboten des Guts, jener großen Bevölkerung, die von dem Gut des Edelmannes lebt, sich einzustellen in die Reihe und ihren Dienst anzubieten.

Es ist wie mit dem Dienst der Söhne des Landes für den

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König und Kaiser. Wie hoch der Ungar auch seine Freiheit achtet, - jeder Bursche würde es für eine Schande halten und von den Weibern verspottet werden, wollte er den Werbern feig aus dem Wege gehen.

Eben so ist es mit den Mädchen. Da stets die Schönsten und Stärksten gewählt werden, gilt die Wahl für eine Ehre, nach der man sich drängt. -


Graf Stephan hatte dem Mann gewinkt, der vorher in der Csárda gegen den alten Husaren das Wort geführt, als sei etwas an seinem Sattelzeug in Unordnung, das gebessert werden könne, ohne daß er abzusteigen brauche. Während der Fremde sich mit dem Gurt zu thun machte, flüsterte der junge Edelmann mit ihm. »Haben Sie Nachrichten, Mak

»Er wird diesen Abend hier eintreffen. Der Wirth der Csárda ist benachrichtigt, das hintere Zimmer für uns bewahrt.«

Der Graf neigte noch tiefer den Kopf. »Beobachten Sie jede Vorsichtsmaßregel,« sagte er eindringlich. »Das Zusammentreffen unserer Freunde muß in dem Lärmen der Zecher und dem Trubel des Festtags möglichst unbemerkt bleiben. Die Ankunft des Grafen Latour macht uns besondere Vorsicht nothwendig und auch dem Russen trau' ich nicht. Der Moskowite ist ein Spion. Ist der Betyár zur Stelle?«

»Ich habe ihn gesprochen; er bewegt sich dreist in der Menge.«

»Rózsa Sándor ist ein ganzer Kerl. Männer wie ihn werden wir brauchen können. Ich werde ihn dem Minister vorstellen. Jetzt Adieu, Freund, und Vorsicht, damit mein Verwandter Nichts merkt, die Entlassung hat ihn zu unserm Feinde gemacht. Sobald die Tafel aufgehoben, nehme ich mit den Anderen die Gelegenheit wahr, zu Euch zu kommen.«

Er richtete sich im Sattel empor und ritt langsam der Scene im Mittelpunkt des Platzes zu.

Der Verwalter verlas die Namen der gutsgehörigen Mädchen, keine Einzige fehlte - viele freie dagegen hatten sich in ihre Reihe gestellt. Die derben ungarischen Gestalten in den hellblauen und grünen kurzen Röcken und Jacken, den Kopftüchern, Schleierhäubchen und Krönchen von Goldstoss darüber, nahmen

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sich stattlich aus, wie sich eine jede vorzudrängen und ihre Vorzüge geltend zu machen suchte, während die Slowaken-Mädchen demüthig zurücktraten.

Während die Gesellschaft vom Schloß durch die Reihe sich bewegte und der Graf und sein Verwalter hin und wieder eins der Mädchen zum Dienst bezeichneten, das dann, als wäre ihr eine besondere Ehre geschehen, dankend den Rockschoß des Herrn küßte und von den Ihren fröhlich umringt wurde, hatte sich Graf Stephan der schönen, von dem russischen Fürsten geführten Tochter des Hauses genähert.

Der junge Graf war eine hohe, schlanke Gestalt und die prächtige Nationalkleidung hob noch mehr die edlen Formen des Wuchses. Ueber dem Dolman, dessen blaue Farbe unter der Masse der Silberstickereien und Schnüre fast verschwand, hing der kostbare Pelz. Die rothen mit Tressen besetzten Beinkleider zeigten knapp bis zu den Knöcheln herab die Formen des kräftigen Beins, wo sich die gelbe Topanka, der Halbstiefel mit den breiten silbernen Sporen anschloß. Um die Hüfte wand sich die Schärpe in den ungarischen Nationalfarben, die gleiche Kokarde prangte am Kalpak. Das Gesicht des jungen, etwa dreiundzwanzigjährigen Mannes war intelligent und aufgeweckt. Wie sein berühmter, durch seinen Tod zum politischen Märtyrer bestimmter Oheim, war er ein eifriger Anhänger der Sache der nationalen Unabhängigkeit.

»Mein Cousin,« sagte die Gräfin Cäcilie, den finstern Blick des jungen Mannes nach den Wählenden auffangend, »scheint an dem alten Recht wenig Gefallen zu finden.«

»Es ist, wie Sie sagen, schöne Cousine. Der Brauch gehört nicht mehr in unsere Zeit und ist eines freien Volkes unwürdig. Leib und Wille jedes Menschen sind frei geschaffen von Gott und nicht das Sklaveneigenthum eines Andern.«

»Ich sehe nicht ein, was diesen Leuten für Nachtheil dadurch geschieht, daß sie dienen müssen,« sprach der Russe. »Wir machen weniger Umstände damit, der Bauer gehört dem Edelmann, und er kann ihn nehmen, wann's ihm beliebt.«

»Das mag bei Ihnen Sitte sein, Fürst, Gott sei Dank, nicht mehr bei uns.«

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»So viel ich weiß, bemerkte der Oberst höhnisch, »sind auch in Ungarn alle Rechte bei den bevorzugten Klassen, und das >misera plebs contribuens<64 hat nur zu gehorchen und zu zahlen.«

»Das soll anders werden,« sagte enthusiastisch der junge Mann, »mit der neuen Zeit, die über mein Vaterland gekommen ist. Der niedrigste Juhasz65 Ungarns soll sein Recht vertreten sehen in der Verfassung, so gut wie der reichste Magnat. Jeder soll gleich tragen zu den Lasten des Staates, aber auch gleichen Anspruch haben an ihn, nur der Adel des Herzens und Genies werden künftig herrschen.«

»Das sind die französischen Theorieen von Dreiundneunzig und der deutschen Phantasten,« erwiederte spöttisch der Fürst. »Der Kaiser, Ihr Herr, wird solchen Ideen nicht nachgeben und Waffen dagegen haben.«

»Der Kaiser ist unser König, nicht unser Herr. Oesterreich besitzt, Gott sei Dank, kein Sibirien.«

»Das ist schade genug; ich denke aber, der Kufstein wird für politische Schwärmer und - Rebellen genügen!«

Die Hand des jungen Magnaten fuhr an den Säbelgriff; die Augen der Nebenbuhler maßen sich herausfordernd. Gräfin Cäcilie, die den Arm des Fürsten losgelassen, trat dazwischen. »Es ist unartig, meine Herren,« sagte sie gebietend, »sich in meiner Gesellschaft über Politik zu streiten. Dafür sind Ständetafeln und das Kabinet meines Vaters. - Sie sind zu unvorsichtig, Stephan,« fuhr sie in lateinischer Sprache, die jedem vornehmen Ungar geläufig ist, zu dem jungen Manne fort. »Sie werden meinen Vater durch diese Angriffe gegen die Rechte des Adels noch ganz erbittern. - Wie stehen unsere Angelegenheiten?«

»Die Versammlung findet diesen Abend statt!« erwiederte rasch der Graf. »Richten Sie es ein, daß Sie der Gesellschaft

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sich entziehen können. Mak ist bereits hier und bemüht, das Landvolk gegen die Werber aufzuregen.«

»Meine klassische Gelehrsamkeit ist zu gering, Gräfin,« bemerkte mit so devoter Miene der Fürst, daß man nicht wissen konnte, ob sie Malice oder Beschämung ausdrückte, »als daß ich Ihnen in die Zeit der Römer folgen könnte - ich muß mich mit der Sprache der Gallier begnügen, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihre Excellenz die Frau Gräfin Ihnen dort winkt.«

»Sie haben Recht, Durchlaucht, und ich bitte um Entschuldigung, aber es ist eine alte ungarische Gewohnheit. Wir wollen sehen, was meine Mutter wünscht.«

Die stolze Schönheit rauschte weiter - einen Augenblick blieben die beiden Nebenbuhler zurück und ihre Augen begegneten sich.

»Da ich zufällig den Kufstein noch nicht bewohne,« sagte mit einer kalten Verbeugung Graf Stephan, »so werden Sie, Herr Oberst, mir vielleicht die Ehre erzeigen, Ihre Bezeichnung als Rebell zu vertreten.«

»Ich stehe zu Diensten,« erwiederte stolz der Russe.

»Der Mond geht um Neun auf - also diesen Abend um zehn Uhr - ich werde Sie an jenem Vorsprung des Waldes erwarten.«

»Und ich meine Abreise ankündigen - das ist ja doch hauptsächlich, was Sie bezwecken.«

Er folgte mit höhnischem Lächeln der jungen Gräfin, die bereits mit ihrer Mutter sprach. Das Lorgnon in's Auge gekniffen, prüfte er mit der Miene des Kenners die Reihe der Mädchen, bis sein Blick an den beiden letzten hängen blieb: Hanka, der Slowakin, und der jungen Zigeunerin, die vorhin die Kreuzer der Menge gesammelt und sich jetzt keck in den Kreis der älteren Dirnen gedrangt hatte.

Die Blicke der in Lumpen gehüllten Kleinen funkelten wie zwei glühende Kohlen aus dem braun-bleichen Gesicht. Es lag, Etwas in den Zügen des vierzehn- oder fünfzehnjährigen Mädchens, das in seiner Entwickelung einen Vulkan von Leidenschaft und Wollust ahnen ließ, und der Fürst mit jener brutalen Neigung, welche die altrussische Aristokratie für die Frauen des

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Zigeunerstammes hegt, trat unwillkürlich einige Schritte näher, um diese sich entwickelnden Formen, die verschmitzte Lockung in den Augen der kleinen Hexe besser zu würdigen.

»Ich meine, Du bedürftest eines Mädchens für Deine französische Zofe, Kind,« sagte die Gräfin zur Tochter - »sich zu, ob Dir eine der Dirnen gefällt.«

Grafin Cäcilie betrachtete die Mädchen - auf Hanka blieb ihr Auge, ihr Finger wies auf sie. »Diese gefällt mir.«

Die Gräfin sah durch ihr Glas nach dem erröthenden Mädchen. »Es ist eine Slowakin,« meinte sie verächtlich, »Du mußt ein magyarisches Mädchen wählen, obschon sie weniger zur Arbeit taugen. Wir müssen uns in diesem Augenblick populair machen.«

Graf Stephan bestätigte. »Wählen Sie selbst, Maman - die Person ist mir gleich. - Was hatten Sie noch mit dem russischen Spion, Vetter? Wenn es zu einem Rencontre kommt, vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Sekundant sein muß. Ich hasse dieses fatale Tartarengesicht.«

Der junge Mann flüsterte ihr einige beruhigende Worte zu und blieb fortan an ihrer Seite trotz der finsteren Blicke des alten Grafen. Die Gräfin hatte unterdeß ihre Wahl getroffen, sie war auf die Tochter des angesehensten Tanyenbesitzers gefallen, der, obschon er sich, wie fast jeder der Freibauern, für einen Edelmann hielt, doch in unzähligen Eljen seine Freude darüber zeigte, sein Kind im Schloß zu sehen. In diesem Augenblick theilten zwei Ereignisse die Aufmerksamkeit der Menge.

Auf der Straße von Kecskemet daher jagte eln leichter Korbwagen, der Csiko auf dem Vordersitz blies in ein altes verbogenes Horn und kündigte zugleich durch seine bunte Jacke sich als Postillon der nächsten Station an. Auf dem Sitz von Maisstroh saß ein junger Offizier, der, sobald das Gefahr vor der Schänke hielt, nach dem Wirth rief.

Négryóckri-Joseph kam eilig herbei und zog die Mütze; der Soldat findet in Ungarn immer Beachtung. »Was befehlen Euer Gnaden? Mein Haus steht zu Diensten.«

»Ich bedarf Nichts als eine Antwort. Befindet sich Seine Excellenz der Feldzeugmeister Graf von Latour noch auf dem Schloß des Herrn Oberst-Kämmerer?«

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»Teremtete! Herr, kommen zur rechten Zeit. Excellenz stehen da drüben mit ganze Herrschaft und schauen junge Dirnen aus Dorf gehörige!«

Der Offizier sprang vom Wagen und schritt eilig durch die Menge. Der alte General hatte ihn bereits bemerkt und kam ihm entgegen. »Verzeihung, Excellenz, daß ich Sie hier aufsuche, aber die Depesche duldet keinen Aufschub. Von Sr. Maj. dem Kaiser.«

Der General legte die Hand an den Hut, dann nahm er die Depesche und öffnete sie. Es war ein amtliches Schreiben der Militair Central-Kanzlei und einliegend ein Handbillet. Der Feldzeugmeister las zuerst dieses, dann das officielle Schreiben.

»Ich werde leider von Euer Excellenz Gastfreundschaft nicht länger Gebrauch machen können,« sagte er verbindlich zu seinem Wirth, »und bitte um die Erlaubniß, sogleich nach dem Schloß zurückkehren zu dürfen, um meine Reiseanstalten zu treffen. Man beruft mich nach Wien zurück und Seine apostolische Majestät haben die Gnade gehabt, mir das Portefeuille des Kriegsministeriums in Stelle des General Zanini zu übertragen.«

Er nahm den Oberst-Kämmerer unter den Arm und ging mit ihm in ernstvertraulicher Unterredung über den Platz, nachdem er den Ueberbringer der Depesche angewiesen, ihm zu folgen. -

»Bassa Manelka! Der Teufel hole das Viehzeug! Was thust Du hier unter den Hörigen? Pack' Dich, schwarzer Satan, eh' ich Dir die Peitsche gebe!«

Tunsa, das braune Zigeunermädchen, drückte sich wie ein Wiesel zusammen, das ein Schlupfloch sucht. Ihre brennenden schwarzen Augen blickten so verlockend demüthig zu dem barschen Verwalter auf, der sie mit roher Gewalt aus dem Kreise treiben wollte. »Tunsa möchte so gern den blanken Herren dienen, hat's schlimm bei Vater und Bruder, wenig zu essen, viele Schlag'. Warum soll Tunsa nicht eben so gut sein, wie schlechte Slowaken-Mädchen?«

»Narr - Volk wie Du ist nicht zum Arbeiten gewöhnt und zu was Anderm bist Du noch zu jung. Pack Dich!« Eine Hand klopfte dem Verwalter auf die Schulter; es war der Hauptmann der Panduren.

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»Bei der Saba! komm' ich bald an die Reih'?«

»Die Herrschaft hat gewählt, es ist an Ihnen, sich das Mensch auszusuchen.«

Der Panduren-Offizier strich wohlgefällig den lang herabhängenden pechgewichsten Schnurrbart. »Wie viele?« fragte er lüstern.

»Eine, Hauptmann, eine!« lachte der Verwalter. »Bassa manelka - Sie sind ein halber Türke! Die Wahl steht Ihnen frei.«

»Ne 'ma Turtschina bez potuitscheniaka!« Wieder durchliefen die funkelnden Augen des Panduren die Reihe. Bei allem Haß, der zwischen den Nationalitäten gährt, hätte doch jede der Magyaren-Dirnen die Wahl gern auf sich fallen sehen; wie gesagt, es ist eine rohe Anerkenntniß der Schönheit und keine Schmach im Volke mit diesem Kebs-Verhältniß verbunden.

Die Augen des Panduren begegneten zwei anderen, die neugierig ihm folgten. Es war Szabó, der Kanász,66 der neben seinem Mädchen stand, ihre Hand in der seinen, Beide hocherfreut, daß die Gefahr an ihnen vorübergegangen. Nun brauchten sie nicht zu warten, am nächsten Bonifaciustag konnte der Staregessy, der Hochzeits-Aelteste, bestellt werden. Der Offizier wählte sicher eine der reichen Magyaren-Dirnen, die sich loskaufen mochte, wenn sie sich zu dem Dienst nicht hergeben wollte.

Aber plötzlich leuchtete es wie Besorgniß und Schrecken in den Blicken des Burschen - die Augen des Offiziers funkelten höhnisch und drohend gegen ihn, der Pandur streckte die Hand aus und legte sie schwer auf die Schulter des Slowaken-Mädchens. »Diese da soll mein Mensch sein und unsere Kuwelian67 kochen!«

Der Verwalter nickte gleichgiltig und machte ein Zeichen bei dem Namen. Was kümmerte ihn die Todtenblässe, das Zittern des Mädchens, der kurze stöhnende Aufschrei des Mannes an ihrer Seite?

»Vergebt, Herr - Hanka soll werden mein Weib am Szent

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Bonifaztag!« Dem Kanász klappten die Zähne, seine Glieder zitterten vor innerer Aufregung, als er diese Einrede vorbrachte.

Dummkopf! - Such' eine Andere, oder frag' nach zwei Jahren nach; für jetzt gehört sie Seiner Gestrengen. - Bedanke Dich, Hanka, für die Ehre, die Dir geworden. Bist ein Blitzmädel und gönn' Dir's von Herzen. Mach' Dich lustig heutigen Tages, die Zeit ist Dein. Um neun Uhr trittst Du den Dienst an; hast Du verstanden?«

Das arme Mädchen neigte stumm das Haupt - sie dachte an keinen Widerstand, die Gewohnheit der barbarischen Sitte war zu groß, als daß sie selbst ihr Unglück recht gefühlt hatte.

Desto tiefer empfand es für sie der Mann, der sie liebte. Es war, als ob alle Schleusen seines Gefühls, die Erkenntniß seiner Menschenrechte sich plötzlich in ihm geöffnet und ränge im wilden Kampf mit der gewohnten Demuth und Niedrigkeit; als ob er jetzt erst fühlte, wie theuer das Mädchen seinem Herzen. Er hatte die schwieligen Hände auf die Augen gedrückt, er stöhnte und taumelte wie ein Trunkener.

Der Verwalter war schon längst fort und zu den Wagen geeilt, welche die Herrschaft unter dem Eljenrufen der Menge eben besteigen wollte. Der Panduren-Capitain sah mit boshaft schielendem Blick auf den Unglücklichen und winkte dem Mädchen. »Um Neun beim Appell dort im Hause, oder sollst Du Jurisch kennen lernen, Du und Deinigte!« Damit ging er.

Neben dem Zigeunerkind, der Einzigen, die mit Theilnahme das so plötzlich getrennte Paar betrachtete, stand plötzlich der russische Fürst.

»Tuds né metul? Sprichst Du deutsch, kleine Hexe?«

»Igen urom, blanker Herr. Willst Du mir einen silbernen Gulden schenken? Ich sage Dir wahr, ob Du Glück hast bei der blanken Gräfin.«

»Närrchen - mehr als den Gulden. Nimm das einstweilen« - er reichte ihr zwei Imperials, seine Augen glühten aus den funkelnden der Kleinen - »nimm und sei heute Abend dort drüben, wo das Kreuz steht am Wald. Ich habe mit Dir zu reden; es handelt sich um Dein Glück.«

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»Sorge nicht, Blanker - Tunsa wird dort sein - sie möchte gern glücklich werden!«

Der Oberst erreichte die Equipagen, noch ehe der General und sein Wirth ihren Wagen bestiegen. Indem er sich an den neuen Minister drängte und ihm gratulirte, nahm er die günstige Gelegenheit wahr, ihm leise einige Worte zu sagen. »Diesen Abend noch wird in der Csárda eine Versammlung der Revolutionsmänner stattfinden - treffen Sie Ihre Anstalten danach, Excellenz; man will die Wegführung der jungen Mannschaft durch die Werber verhindern. Graf Batthiányi glaubte nicht, daß ich Latein verstände, und verrieth sich.«

Der Minister drückte ihm dankend die Hand. »Ich werde dafür sorgen. In einer halben Stunde soll der Offizier, der die Depesche brachte, nach Szegedin unterwegs sein.«

Die Wagen rollten dem Schloß zu. -

Jubelnd, in überlauter toller Lustigkeit drängte die Menge an dem Hirten und seinem Liebchen vorüber - der Tag gehörte noch den gewählten Dirnen zur Freude und Lust, er mußte gefeiert werden, und Vater, Brüder und Liebsten halfen dazu.

Wer kümmerte sich um das Paar, um die bedrohte Liebe, die zertretenen Herzen? Er war ja nur ein Slowak - sie war ja nur ein Slowaken-Mädchen, und die Wahl eine Ehre für sie. Was that's im schlimmsten Fall dem Burschen, ob sein Mädchen zwei kurze Jahre bei des Königs Soldaten schlief - dann konnte er sie immer noch heirathen, wenn er Lust hatte!

Eine Hand faßte den Arm des Stöhnenden. »Was greinst Du, Bruderherz? Du bist zwar nur ein schlechter Slowak, aber Du bist ein Mann, und ein Mann darf nicht weinen in ungarischem Land!«

Der Schweinehirt stöhnte tief auf. »Es ist aus mit mir! Hauptmann, verfluchtiger haben gewählt Hanka zum Mensch, nix Hochzeit, nix Freude mehr auf der Welt - Szabó kann sterben geh'n!«

»Narr! Nimm Dein Mädel im Arm und hinaus mit ihr in die Pußten! Die Herren in Buda-Pesth halten die Hand jetzt über tapferen Betyár! Dem rothen Hund eine Kugel durch den Leib - ich leihe Dir meine Flinte!«

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Katharina, die Frau des Räubers,68 suchte ihrerseits das weinende Mädchen zu trösten; der Betyár war der Einzige, der ihm eine uneigennützige Theilnahme bewies, denn selbst der alte Husaren-Wachtmeister, dessen Nahen den falschen Roßhirten verscheuchte, hatte seine Absichten im Auge, obgleich dem biedern Soldatenherzen der Jammer des Burschen leid that. »Frisch auf, Junge; der Mädel giebt's überall in der weitigen Welt, und ein schlanker Kerl, wie Du, darf sich nicht gramen, wenn besser Lieb ihm winkt!


                               Der Tage giebt's viel!
                               Das Rößlein zum Ernst
                               Und das Mädel zum Spiel!


Nimm den Kalpak, ich werd's schon machen und Dich zum Soldat, obgleich Du ein Slowak bist!«

»Ach, gnädiger Herr Soldat - wollte gern dem König dienen,« stöhnte der Hirt, »wenn ich wußt', daß Hattka nicht heut zu dem rothen Hauptmann müßt'! Bin ein Kerl unglücklicher, wenn's geschieht, und thu' mir ein Leids!«

Der Husar sann einige Augenblicke nach. »Höre, Du bist ein Thor, aber es will mich bedünken, Du hast nicht ganz Unrecht, wenn Dir die Dirne wirklich an's Herz gewachsen. Bassa manelka - hätt' die Wanka auch selbst dem Schloßherrn meinigen nicht überlassen mögen, eh' ich Husar ward. Kann Dir nicht selber helfen, Bursch', aber einen Rath will ich Dir geben, wenn Du versprechen willst, den Kalpak zu nehmen, wenn's glückt. Slowaken-Mädel wird warten auf Dich, besser als die Magyaren-Dirn', die den Janczi heirathete, als ich kaum meinigten Rücken gekehrt!«

»Beim Szent Kereszt!69 Szabó wird thun, was Ihr befehlt, wenn Ihr so gut sein wollt, zu rathen in seinem Unglück.«

»Hab' dem Hauptmann aus dem Banat Nix zu befehlen,«

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sagte der alte Soldat, »aber ein Andrer hat's. Hast Du den General geseh'n, der gekommen, mit Grafen unsrigtem?«

»Hab'!«

»Teremtete! Kann sich befehlen dem Lump von Panduren mir nix, Dir nix! Ist geworden die Excellenz Graf Latour vom Feldzeugmeister der Erste im Reich nach König-Kaiser, ist geworden Kriegsminister. Geh' zu ihm auf's Schloß, mach' Fußfall, sag' wolltest werden braver Husar, wenn Hauptmann Pandur Dir laßt Deine Dirn'!«

»O, Szent Istvan! Wie kommt armer Slowak in das Schloß vor großem Grafen? Ist sich ein unmöglich Ding!«

»Ist Deine Sache, Bursch' - hab' ich kein Liebchen, um die ich's thu'. Sag', Du bringst ein schön Geschenk, lassen's Dich schon zu. Kenne die großen Herren. Ist Sitte, zu bringen ein Geschenk, wenn man hat eine Bitte!«

»Aber ich bin arm - ein Slowak hat nichts, als das Leben!«

Der Husar zuckte die Achseln und blies einen Strom von Tabaksqualm dem Unglücklichen in's Gesicht. »Dann rath' ich Dir, nimm den Kalpak und laß die Dirn' dem Rothen!«

Er wollte gehen, als der Slowak ihn festhielt. »Halt, Herr! ich hab's! Gott und die Heiligen haben's gegeben dem armen Szabó in seine Seele. Er wird haben ein schönes Geschenk für den hohen Herrn. Weine nicht, Hanka - sei lustig und tanz' mit unseren Brüdern!«

»Wo willst Du hin?«

»Frag' nicht, Herz! Wenn Abend kommt, ist Szabó bei Dir! Szavö wird für den König reiten, aber Hanka wird nicht dem rothen Offizier gehören!« Er schwang lustig den Hut und rannte wie besessen davon. Kopfschüttelnd schaute ihm der Husar, schon halb getröstet das Mädchen nach, und als die anderen Slowaken-Dirnen kamen, sie zum Tanz zu holen und heimlich den Sieg zu preisen, den sie über die stolzen Magyaren-Mädchen errungen, waren die Thränen versiegt, und sie dachte an das Schicksal des Abends bereits nicht anders, wie als ob es so sein müsse und gewesen sei von Alters her.

Wenn der Szabó sie liebte - was schadete es ihm? Nach

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zwei Jahren konnte er sie ja freien, wenn der Narr nicht vorher unter die Soldaten ging!


Die Werber waren am Nachmittag richtig gekommen und nach ihnen der Abend, und Tanz und Gelag im vollsten Gang, denn der Ungar, wenn er einen Festtag begeht, will die Lust mit vollen Zügen genießen und endet erst spät.

Die große Stube der Csárda, des Dorfwirthshauses, war gedrängt voll von zechenden Bauern, jungen Burschen und Husaren. Die Zigeuner saßen unter den Fenstern und spielten lustige Weisen - ein frisches Weinfaß war unter dem Nußbaum aufgeschlagen, im Flur, der die Küche bildete, auf dem Platz vor der Schänke tanzten die Bursche und Mädchen den Hahnentanz; die Csikos und Gulyas, die Pferde- und Rinderhirten, ließen ihre Peitsche klatschen um die fliegenden Dirnen im lustigen Peitschentanz; lauter Jubel und Gesang an allen Ecken - drüben vor der Kirchenthür, um die Herren Magyaren nicht zu stören, drehte sich das slowakische Volk in dem wilden Reigen, bis Tänzer und Tänzerin schwindelnd zu Boden stürzten.

An dem großen Tisch, in der Schänke wurde angeworben. Die Bursche drängten sich förmlich hinzu, wer zurückgewiesen wurde, schlich beschämt unter dem Gelächter der Dirnen davon; es waren ihrer wenige genug, denn der Wachtmeister schien Ordre zu haben, daß diesmal der Kalpak jedem Kopfe passen müsse, die einzige Prüfung, die mit den Rekruten vorgenommen wurde. Ein Handschlag war der Fahneneid. Dann ging's zurück zum Trunk und Tanz' - es war ja die letzte Nacht in der Heimath - mit dem Morgengrauen zogen die Werber mit den Geworbenen davon.

Hei! wie heiß waren die Küsse der Mädchen, wie flogen die kecken Dirnen im Mohntanz, wie klapperte das Silber im Beutel, den der Vater dem Jungen wohlgefüllt mit dem langmähnigen flinken Pferd mit auf den Weg gab, auf den Weg, von dem er vielleicht nicht wiederkehren sollte in's Ungarland.

Die frisch geworbenen Rekruten, die Strapazir-Menscher vom Mittag waren die Wildesten, Lustigsten in der Menge der Lustigen. Es war ja der letzte Abend der Freiheit!

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Die Menge hatte sich auch sichtlich vermehrt durch neue Zukömmlinge. Wilde kühne Gestalten zeigten sich unter dem muntern Bauernvolk - die Hirten entfernter Pußten, die erst mit dem sinkenden Abend gekommen, die Nacht hier zu verjubeln. Auch vornehme Gäste kamen - zu Pferd und zu Wagen; in die weißen Mäntel von Halinatuch gehüllt, schlichen sie durch die Menge oder verloren sich an der Hinterthür der Csárda.

Es war bereits dunkel, ein Feuer von Fichtenkloben brannte auf dem Platz vor der Kirche, große Fichtenspähne leuchteten statt der Fackeln vor der Thür der Schänke und an den fliegenden Buden der Slibowitza-Verkäufer, als auf der Straße von Pesth her ein Dreigespann vor die Thür der Csárda rasselte. Zwei Männer saßen darin und stiegen aus.

Der Mann, den der junge Graf Batthiányi mit dem Namen Mak benannt, schien sie erwartet zu haben, denn er war alsbald an der niedern Korbkalesche und begrüßte sie mit mehreren Anderen, die aus dem Gewühl und dem Hause herbeikamen. Dienstfertig zeigte Négryóckri-Joseph, der Wirth, über den Flur den Weg zu dem im Anbau gelegenen Hinterzimmer, das für die Fremden bereit gehalten schien. Als sie das Haus betraten, blieb der Aeltere von ihnen - er mochte etwa sechsundvierzig Jahre zählen - einen Augenblick stehen und schaute auf das lustige Nachtbild auf dem Platz. Der Mantel war von seiner Schulter herabgesunken und enthüllte die fein gebaute Gestalt von mittlerer Größe, die in den ungarischen Attila gekleidet war. Unter der Mütze mit der Feder schaute ein bräunliches Gesicht von nationalem Ausdruck hervor, mit scharfem Profil, von einem lichtbraunen gestutzten Bart umrahmt. Das sonst milde Auge verfinsterte sich, als die prahlerischen Flüche der Werber zu seinen Ohren drangen, als er die jungen Bursche mit den Kalpaks der Husaren auf dem Kopf tanzen und springen sah. Sein Begleiter mußte ihn erinnern, ehe er weiter ging.

Die Fremden mochten noch keine halbe Stunde angekommen sein und hatten sich, nach einem kurzen Imbiß und feurigen Trunk, die auszeichnende Federmütze mit dem das Gesicht beschattenden breiträndrigen Hut der Landleute vertauschend, unter das Volk gemischt, als auf dem Wege vom Schloß her die Reisewagen

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heranfuhren, Vorreiter mit Fackeln voran, und auf dem Kirchplatz hielten. Gleich hinterher kam zu Fuß die Gesellschaft vom Schloß, der Oberst-Kämmerer mit dem neuen Kriegsminister, dn russische Fürst mit der stolzen Tochter des Hauses, Batthiányi und viele andere der Gäste. Sie gaben den Scheidenden das Geleit; denn auch der russische Oberst hatte angekündigt, daß er noch diesen Abend seine Reise nach Belgrad und den Fürstenthümern fortsetzen müsse, und sie wollten den Fremden nun das Dorffest in seinem muntersten Glanz noch zeigen.

Ein Eljengeschrei begrüßte die Herrschaft und ihre Gäste, aber es war nicht mehr der allgemeine jubelnde Zuruf, Mak und seine Gefährten hatten während des Nachmittags ihre Zeit nicht verloren; viel lauter tönte der Ruf: »Eljen Hungaria!« - ja, es mischte sich von vielen Stimmen ein » Eljen Bathiányi! Eljen Kossuth! Eljen szabadság!«70 ein. Der Minister runzelte die Stirn, aber er war klug genug, zu thun, als höre er es nicht.

Die Gesellschaft blieb auf dem Platz vor dem Nußbaum stehen; - hätte der österreichische General gewußt, welche glühenden drohenden Blicke von mehreren Stellen der Menge auf ihn gerichtet waren, ihm wäre vielleicht eine Ahnung des furchtbaren Schicksals aufgestiegen, das der hohe Posten, den er so eben übernommen, ihm bringen sollte!

»Den Czardas, den Czardas!« befahl der Verwalter. - »Seine Excellenz wünschen den Czardas zu sehen, ehe das Volk den Tod austreibt!«

Ein lustiges Eljen antwortete dem willkommenen Gebot. Im Nu faßten die Husaren und die rüstigsten Tänzer der Menge die Mädchen, drehten sie wirbelnd im Kreise, stellten sich zum Tanze und schlugen die Hacken zusammen, daß die Sporen im Takt klirrten.

Dem Minister hatte sich Hauptmann Jurisch, der Commandeur des Postens, genähert, sich zu verabschieden.

»Ich höre,« sagte der General, »das Unwesen der Betyáren nimmt in der Gegend auffallend zu. Halten Sie strenge Aufsicht,

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Hauptmann, und suchen Sie des berüchtigten Rózsa Sándor, des Gefährlichsten, habhaft zu werden. Es steht ein Preis auf seinem Kopf.«

»Fünftausend Gulden, Excellenz,« sagte demüthig der Offizier. »Wollt' sie haben schon längst, wär' nix so dickköpfig dumm dies Volk im Szegediner Land.«

Der Minister winkte ihn näher heran. »Die Stimmung hier umher gefällt mir überhaupt nicht,« sagte er leiser. »Sie sind Offizier des Kaisers und der Banus von Croatien hat Sie als treu und zuverlässig empfohlen. Haben Sie ein Auge auf Alles - es sollen Zusammenkünfte der Unzufriedenen in der Nähe stattfinden. Ich habe bereits den Befehl nach Szegedin gesandt, daß Ihr Commando verstärkt werde, um die Nachbarschaft im Zaum zu halten - geben Sie dem Wachtmeister der Werber einen Wink, sich darnach zu richten.«

Der Offizier legte salutirend die Hand an die Mütze und zog ein grimmiges Gesicht, das dem Volk nichts Gutes bedeutete. »Besorgen Euer Excellenz nix, kann ich mich verlassen auf Haiducken die meinigten.«

Graf Stephan berührte leicht den Arm seiner schönen Cousine. »Blicken Sie dorthin, Cäcilie - dort unter dem Baum, links von den Zigeunern.«

»Zwei Männer in der Bunda. »Ich kann die Gesichter unter den großen Hüten nicht erkennen.«

»Er ist es - der zur Rechten!«

»Wer?«

»Der Agitator - die Hoffnung Ungarns!«

Eine freudige Röthe überzog das Gesicht des schönen Mädchens. »Ich sah ihn nie,« sprach sie hochaufathmend - »der Zufall trieb immer sein Spiel und unser Aufenthalt am Kaiserhof.«

»Sie sollen ihn heut noch kennen lernen. Um 9 Uhr ist die Zusammenkunft. Wenn Sie ihr beiwohnen wollen, sind Sie willkommen.«

»Sobald diese Fremden fort - bin ich da!«

Keck und lustig schrillten die Fidelstriche der Zigeuner, die gellenden Töne der kleinen Flöte - Männer und Weiber jauchzten vor Lust im stürmischen Tanz, ein allgemeiner ansteckender Taumel schien die Menge erfaßt zu haben, selbst die ältesten Bauern hoben

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die Hacken und nickten mit den kurzen Pfeifenstummeln den Takt, während die Augen in der Erinnerung der wilden Jugendlust glühten!

»Eljen Hungaria!«71

Wie sie sprangen und wirbelten die rüstigen Tänzer, in den kecken, zierlichen Pas, die unsere ausgemergelten Balletkünstler so kläglich zu copiren sich mühen, ein jämmerlicher Schatten der Stahlkraft dieser Beine und Muskeln, des Feuers der Blicke, der Energie jeder Bewegung. Hoch auf im kräftigen Satz, bald wieder lang geschnellt am Boden, klirrend das Eisen der Fersen im lnstigen Spiel, das zum blutigen Ernst das muthige Roß in's Gewühl der Schlacht spornt, auf die schlanke Hüfte die Faust gestemmt, die so kräftig den Säbel schwingt! O, welche Lust, welcher Stolz, ein Husar zu sein! -

Plötzlich gellt es mitten hinein in die rauschende Musik, in das Eljenjauchzen der Tänzer und Zuschauer.

»Platz für Szabó! Platz für Szabó, den Kanász! - Ein Geschenk für den Swabi-General!«

Ein Gelächter bricht sich Bahn - was will der lumpige Slowak? - wie kann der Schweinehirt es wagen? Der Tanz stockt - durch die scheu zur Seite drängende Menge keucht eine hohe Gestalt heran, eine schwere Last auf der Schulter, von dem zerrissenen blutbefleckten Bunda halb verhüllt, aus der Wolle des Mantels ein funkelndes grünes Auge, zuckende langbehaarte Beine mit scharfen Krallen.

Szabó, der Sauhirt, ist es wirklich, der den Tanz der Magyaren stört. Hinter ihm drein zieht der furchtlose verkappte Betyár das Slowaken-Mädchen, das er vom Platz an der Kirchenthür geholt, wo sie nach Weiberart den Liebesgram und die Sorge um den Liebsten unterdeß im Wirbeldrehen vertanzt hat.

Der Schweinehirt bietet einen furchtbaren Anblick. Sein Gesicht ist von Schmutz und Blut und einem tiefen Riß auf der linken Wange entstellt, die offene Brust, um die das zerrissene Feiertagshemd in Fetzen hängt, zeigt eine gleiche Wunde, wie von scharfen Klauen zerrissen, seine ganze Kleidung ist mit Blut

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und Morast besudelt, nur sein großes Auge leuchtet triumphirend, voll freudiger Hoffnung.

Vor der Gruppe der Herrschaft angekommen, wirft er mit einer raschen Geberde die Last, die er trägt, dicht vor den Füßen des Generals zu Boden und sich daneben auf die Kniee, die Hände bittend erhoben.

»O Herr, nimm, was Szabó Dir bringt, zum Geschenk, und laß ihm Hanka, sein Leben!«

Ein Schrei des Schreckens, des Erstaunens entschlüpfte jedem Mund - die Umstehenden wichen scheu zurück.

Das Geschenk, das der arme Pußtenhirt bringt, ist ein riesiger lebendiger Wolf. Das Thier ist an den vier Füßen zusammengeknebelt und so seiner Kraft beraubt. Der heiße dampfende Rachen der Bestie ist durch ein kurzes, starkes, an beiden Enden gespitztes Holz auseinander gespeilt und zeigt, von dem geronnenen Blut des zerrissenen Gaumens besteckt, die scharfen glänzenden Zahnreihen; die grünen runden Augen des wüthenden machtlosen Thieres suchen vergeblich ein Opfer.

Der Wolf hatte auf der Stirn zwischen den Augen einen großen gelbweißen Fleck - jeder der anwesenden Hirten und Bauern erkannte ihn daran; er war der gefürchtetste Schafdieb der Gegend und hatte schon viele Pferde zerrissen. Vergeblich war alle Jagd bisher auf ihn gewesen.

Aber dem armen Slowaken hatte die Liebe das Herz und den Arm gestählt. Vielleicht hatte er einmal gehört, daß große Herren wilde Bestien in Menagerien halten; das Einzige, was er schenken konnte, war sein Blut. Er hatte es darauf gewagt, ohne Waffen die Bestie in ihrem Lager, das er in der Pußta aufgespürt, zu überfallen und sie mit Hilfe seines dicken Wollenmantels zu knebeln.

»Was soll das bedeuten? - wer ist der Bursche?«

»O Herr - der Gott der Magyaren und der armen Slowaken mögen rühren Herz das Deinigte! Ich bin Szabó, der Kanász - und der Hauptmann der Rothen hat gewählt mein Mädchen zum Mensch, das ich freien wollt' am Szent Bonifaztag. Du bist ein Mächtiger, Herr! gieb frei das Slowaken-Mädchen, und Szabó wird geh'n für Dich und den König unsern in den Tod!«

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»Was redet der Mensch? - er scheint ein muthiger Kerl und sollte Grenadier werden. Das Regiment >Richter< kann Leute brauchen!«

Der Hauptmann der Panduren drängte sich herbei. »Kenn' ich den Bursch', Excellenz! ist er einer von den Zuhaltern des Rózsa Sándor, des Betyár; weiß er, wo der Spitzbub' versteckt, und will nicht sagen, wo?«

Der Minister faltete finster die Stirn. »Kennst Du Rózsa, den Räuber?«

Der Slowak beugte die Stirn. »O Herr gnädiger, höre meine Bitte!«

»Als getreuer Unterthan des Königs mußt Du angeben, wo die Gesetzverächter zu finden sind. - Nehmen Sie die nöthige Mannschaft, Capitain, und lassen Sie sich von dem Mann zu dem Ort führen, wo der Räuber festzunehmen ist. Er soll seinen Antheil haben an der ausgesetzten Belohnung!«

»Herr, gnädiger mein!« stöhnte der Slowak, »was hat Betyár zu schaffen mit Hanka, meinem Lieb?!«

»Was soll's mit dem Mädchen? - was will der Bursche eigentlich?«

Der Gutsherr schlug sich in's Mittel. »Der Capitain, Excellenz, hat bei der Wahl vorhin, wenn ich recht verstanden, ein Mädchen zu seinem Dienst bestimmt, das der Hirt heirathen will. Der Offizier ist in seinem Recht.«

Der Haiduck strich sich den Schnurrbart und lächelte wohlgefällig.

»Hoher Herr,« wimmerte der Slowak, »Hanka ist das Leben von armen Szabó. Wer sie ihm nimmt, nimmt seine Seele. Herr, üb' Gnade und befiehl Hauptmann, zu geben die Hanka frei, bei der Mutter des Szent Christ, oder es geschieht ein Unglück!«

»Willst Du bekennen, wo der Betyár sich versteckt hält?«

»Herr - der Slowak ist kein Verräther. Ueb' Gnade an ihm, wie der Herrgott Dir mög' gnädig sein in Deiner Todesstunde!« Er umfaßte die Füße des Feldzeugmeisters, der ihn rauh von sich stieß. »Du verdienst keine Rücksicht. Die Rechte der Soldaten müssen geehrt werden und sollen um eines Verstockten

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willen, wie Du, keine Ausnahme erleiden. Die Sache ist Ihre Angelegenheit, Capitain, und geht mich Nichts an. Wenn Du sagen wolltest, wo der Betyár ist - das änderte die Sache!«

»Ich kann nicht, Herr!«

- Der General stieß ihn nochmals von sich. »Leben Sie Wohl, Herr Graf - ich habe schon zu lange mich versäumt.«

»Erbarmen, Herr! - Erbarmen mit Szabó und der Hanka!«

»Befreien Sie mich von dem Frechen. Lassen Sie ihn den Werbern überweisen, damit er gehorchen lernt!«

Zehn Hände griffen nach dem armen Slowaken, der mit blutunterlaufenen Augen und entstelltem Gesicht auf den Mann starrte, der so hartherzig seine letzte Hoffnung vernichtete.

Eine Umwälzung schien in seiner Seele, in seinem ganzen Wesen vorzugehen, seine Augen schossen einen Blitz finstern Hasses, seine Hand schüttelte sich drohend gegen den Mächtigen! -

»Bei dem Gott der Slowaken, Fluch über Dich, der Du so mit der Bitte der Armen thust! Möge Dir auch keine Gnade werden!« -

Die Husaren und einige der mitleidigeren der Bauern rissen ihn zurück und hielten ihn fest; der Menge dauerte überhaupt die Scene schon zu lange - sie wollte zu Lust und Tanz zurückkehren - der >Toder Slowak ist kein Mensch!<[.]

Der Minister hatte bereits den Fuß auf dem Wagentritt, als eine mächtige Stimme erscholl und ihn umschauen machte.

»Wenn Ihr den Rózsa Sándor braucht, um dem Szabó zu helfen - hier ist er!«

In der Mitte des Kreises stand trotzig der kecke Geächtete, auf seinem blassen Gesicht ein spöttisches Lachen.

»Du hast mich geseh'n - zwanzig hier können's bezeugen, daß ich der Sándor bin; nun halt' Dein Swabiwort und glückliche Reise!«

»Wo sind die Gendarmen? Greift den Unverschämten! Auf ihn, Soldaten!«

Einer der nahe stehenden Gendarmen stürzte sich auf den Betyáren, aber das Volk wich zurück, selbst die Husaren machten

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mehr Lärmen, als wirkliche Anstalten, den Räuber zu fassen, von dem der Ruf bereits so wilde Thaten erzählte. Der kecke Feind des Gesetzes ist immer der Held der ungebildeten Menge.

Dem Betyáren hatte sein Weib die Flinte in die Hand gedrückt, die sie auf sein Geheiß aus der Csárda geholt. »Közel ne jöjj, mert mindjárt meghalz!«72 donnerte die Stimme des Räubers und sein Kolbenschlag traf den Helm des muthigen jungen Gendarmen, daß er wie ein gefällter Baum lang zu Boden üürzte. Mit höhnischem Gelächter sprang der Räuber durch die ihm Bahn machende Menge davon; dem nächsten der verfolgenden Gendarmen, jenen dem Volk so verhaßten Häschern des Gesetzes, streckte einer der Männer in Mänteln den Fuß vor, daß er fiel - über ihm schloß sich die Menge und regalirte ihn mit Fußtritten, und im nächsten Augenblick schon scholl durch den entstandenen Lärmen der spöttische Eljenruf des fliehenden Räubers und der Galopp seines Pferdes, der ihn in die sichere Pußta trug, wo er jeder Verfolgung gespottet hätte.

Daß eine solche ganz unnütz wäre, erkannte sofort der Hauptmann der herbeieilenden Panduren; dennoch sandte er drei oder vier derselben zur Unterstützung der Gendarmen dem Flüchtlinge nach. Ueberdies waren Scenen wie die eben vorgegangene in dem wilden Volksleben zu gewöhnlich, um viel daraus zu machen. Der Feldzeugmeister aber schüttelte bedenklich den Kopf. »Das Volk ist allzu verwildert, Graf,« sagte er zu dem Oberst-Kämmerer. »Es kommt eine schlimme Zeit über Oesterreich; mögen Alle, die es wahrhaft gut meinen mit dem Vaterlande, fest zusammenhalten.« Er reichte ihm nochmals die Hand und stieg in den Wagen. Aus dem Schlage winkte er noch den Panduren-Offizier heran. »Halten Sie strenge Aufsicht auf Alles, was hier vorgeht diesen Abend, und erstatten Sie darüber Rapport, Herr,« sagte er ernst. »Noch im Laufe der Nacht erhalten Sie Verstärkung von Szegedin. Lassen Sie den Burschen, der mit den Betyáren unter einer Decke steckt, festnehmen und in's nächste Werbedepot abliefern. Gott gebe, daß der Kaiser an diesem Lande nicht noch schlimmere Erfahrungen macht, als bisher.«

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Die Postillone hieben auf die Pferde und der Wagen flog davon auf der einsamen Straße nach Pesth. Wenige Monate später - und Graf Baillet von Latour sollte mit dem eigenen Leben diese Erfahrung bezahlen!

Der russische Fürst verabschiedete sich jetzt gleichfalls - er hatte noch vor Beginn der Tafel eine kurze Unterredung mit dem Oberst-Kämmerer gehabt, und dieser begleitete ihn mit besonderer Höflichkeit zu seinem Wagen und lud ihn laut ein, recht bald den Besuch zu wiederholen.

»Wenn Ihre Excellenz die Frau Gräfin und Comtesse Cäcilie mir die Hoffnung gewähren wollen, daß die Erneuerung meiner Huldigungen ihnen nicht unangenehm sein wird,« sagte der Russe galant, »so hoffe ich Sie im nächsten Herbst auf Ihren Gütern oder im Winter in Wien wiederzusehen und dort eine bedeutsame Frage für mein Leben weiter zu erörtern.«

Die Comtesse verneigte sich kalt. »Die Gäste des Grafen, meines Vaters, werden stets bei uns die gebührende Aufnahme finden.« Sie achtete das Stirnrunzeln des Magnaten nicht, als sie sich kurz ab wieder zu ihrem jungen Verwandten kehrte.

Der Fürst zog die Uhr. »Wahrhaftig! in anderthalb Stunden schon zehn Uhr - ich kann um Mitternacht in Szegedin eintreffen, wenn ich unterweges keinen Aufenthalt finde!« Sein Auge begegnete dabei dem Blick des jungen Magnaten - ein flüchtiger Wink genügte, sich zu verständigen; dennoch hatte die Gräfin ihn aufgefangen. Der Fürst grüßte noch wiederholt, während das rasche Dreigespann ihn bereits davon trug. Der alte Magnat reichte seiner Tochter den Arm, um sie zum eigenen Wagen zu führen - Graf Stephan hatte erklärt, noch im Dorfe zurückbleiben zu wollen; mehrere der jüngeren Edelleute, welche die Gesellschaft des Oberst-Kämmerer gebildet, schlossen sich ihm an.

Als Jurisch, der Panduren-Capitain, nach dem Platz zurückkehrte, war um den gefesselten Wolf und den Slowaken noch immer ein zahlreicher Kreis versammelt, aber die veränderliche Stimmung der Menge bereits wieder der Neigung zur tollen Lust gewichen.

Das Hauptfest des Abends war ja noch im Rückstand!

»Laßt uns den halál austreiben! Den halál! den halál!«

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Die jungen Bursche heulten und schrieen, die Mädchen jubelten.

Wer soll der halál sein? - Wo ist ein Slowak?«

»Bassa manelka! Wer anders, als Szabó! Ist sich braver Bursch'! Hat den Wolf gefangen! Wird sich wehren tapfer!« Ein Eljen für den Szabó, den farkasvadász!«73

Zwanzig, dreißig Hände faßten den starr vor sich hin brütenden Burschen, an dessen Schulter die Hanka weinte.

»Sei lustig, Szabó, Slowak! Sollst haben Slibowitza und Wein, wenn machst Deine Sache gut! Laß Mädel laufen, giebt's viele in der Welt!«

Rohe Hände langten herüber, dem Slowaken mit Holzkohlen das Gesicht zu schwärzen, Hut und Mantel wurden ihm mit Gewalt abgerissen und eine alte Kuhhaut ihm umgeworfen, auf den Kopf drückte man ihm einen Kranz von Maisstroh, an dem zwei Ochsenhörner befestigt waren.

Vergeblich wehrte sich der Mann wie verzweifelt gegen die ihm zugedachte Ehre; dem Tollmuth der jungen kräftigen Bursche gegenüber, unterstützt von den jubilirenden Bauern, reichte seine Kraft nicht aus, ja, mancher harte Faustschlag traf den Widerstrebenden, und sein Widerstand erhöhte nur noch die Lust, denn der halál muß sich wehren, ehe er geschwemmt wird, sonst fehlt das Beste.

Wir haben bereits erwähnt, daß in den Ländern der slavischen Racen noch viele alte Volksgebräuche, theils aus der Heidenzeit, theils aus der ersten Periode der Einführung des Christenthums, sich erhalten haben.

Dazu gehört das >Tod-Austreiben< am Sonntag Lätare vor Ostern. Ein als Teufel vermummter Bursche wird auf einem Wagen oder Pferde durch das Dorf geführt, unter dem Hohngeschrei, dem Schmutzwerfen und den brutalen Späßen der Menge in einer Pferdeschwemme geschwemmt und ein Strohmann an seiner Stelle vor der Kirchthür verbrannt. Während des Umzugs sammeln seine Kameraden bei den Dorfbewohnern Lebensmittel,

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Geld oder sonstige Geschenke, die theils verzehrt werden, theils dem Hauptacteur zu Gute kommen.

Die Bursche des Falu oder Dorfs meinten daher, dem Sauhirten noch eine große Gunst zu erzeigen, indem sie ihn zum halál machten.

Offenbar soll der Gebrauch an die Vernichtung, das Austreiben der alten Heidengötzen erinnern. -

»Vorwärts Szabó! lauf, daß wir den Tod fangen!«

»Ist sich der Wolf ein schönes Geschenk an Excellenz General,« sagte der Panduren-Offizier, der sah, daß jetzt nicht der Augenblick sei, sich des Slowaken zu bemächtigen - »können wir brauchen das Fell. Tragt ihn in das Haus und werft ihn hinter die Thür. Kann nicht der Jäger schlafen bei Hanka, soll wenigstens bewachen sein Geschenk unser Lager!«

Zwei der Panduren steckten ihr Gewehr durch die Beine des Wolfs und schleppten ihn nach dem Wachthaus.

»Es ist Zeit, daß Du antrittst den Dienst - nehmt sie mit und habt ein Aug' auf sie!« Einer der Soldaten faßte sie am Arm. »Brauchst nix zu weinen, Wetterhex'! Sollst haben Alles gut und wenig Schlag', wenn Du folgst unsre Offizier!«

Sie schluchzte laut auf, indem der Haiduck sie fortzog. Szabó sah - Szabó hörte es; - gestoßen, getrieben von allen Seiten, stürzte er sich auf den Kreis, sich Bahn zu machen zu ihr, aber Gelächter, Geschrei, Jauchzen roher Lust begegneten seiner Wuth, wie seinen Bitten. Die grausamen Verfolger drängten ihn weit ab, sie schlugen mit Feuerbränden nach ihm, sie stießen und schoben - wie ein gehetztes Wild floh er vorwärts, die wilden behenden Bursche immer dicht hinter ihm d'rein, weit über das Dorf hinaus in die Haide, bis er erschöpft, athemlos zusammenbrach und sie den Ueberwältigten, Willenlosen, die Zigeunermusik voran, im Triumph auf dem alten blinden Pferde zurückschleppten, von Thür zu Thür mit lustigem Gesang, den falschen >To Brennende Kiehnspähne, an den Wänden in eisernen Ringen aufgesteckt, nach der Sitte der Tanyen, erhellten das niedere, aber ziemlich große Gemach, das den hintern Anbau der Csárda bildete, meist zur Aufbewahrung von Feldfrüchten oder Geräthschaften

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dienend, jetzt aber mit Männern gefüllt, die in Gruppen sich unterredeten, oder im Halbkreis den Fremden umgaben, der am Abend auf der Straße von Pesth eingetroffen war.

Es befanden sich mehrere der Gäste des Oberst-Kämmerer in der Versammlung, die zum Theil aus jüngeren Männern in der reichen ungarischen Nationaltracht und Mitgliedern des geringern Adels aus der Gegend, zum Theil aus Männern verschiedenen bürgerlichen Standes, Aerzten, Advokaten, Kaufleuten, Grundbesitzern aus Szegedin und aus niederen Beamten bestand. Auch mehrere Bauern und Tanyenbesitzer und selbst solche, die am Mittag noch willig ihre Söhne dem Werbebann versprochen, befanden sich jetzt darunter. Die Vornehmsten und Einflußreichsten der Gesellschaft hatten sich um den Fremden gesammelt und unterhielten sich eifrig mit ihm; Graf Stephan ging von einer der Gruppen zur andern, mit Allen sprechend und unruhig lauschend, ob die Gräfin nicht bald erscheinen werde.

Der Fremde sah nach der Uhr. »Es ist Zeit, Graf, daß wir die Versammlung eröffnen,« sagte er mit dem Tone des Befehls, - »in zwei Stunden spätestens muß ich auf dem Wege sein, denn man erwartet mich morgen in Szolnok. Geben Sie das Zeichen, daß die Berathung beginnt.«

»Einige Augenblicke noch, Gräfin Cäcilie hat versprochen zu erscheinen und muß jeden Augenblick kommen.«

»Ich weiß, daß die junge Gräfin und ihre Mutter eifrige Freundinnen der heiligen Sache der Nation sind,« beharrte der Fremde, »aber was wir hier zu beschließen haben, ist Männerwerk und darf durch keine Weiberlaune aufgehalten werden. Geben Sie das Zeichen, daß ich zu der Versammlung sprechen will!«

Der junge Graf verneigte sich und schlug mit dem Griff seines Säbels auf den Tisch - sogleich verstummten alle Gespräche und Alle versammelten sich im Halbkreis um den Mann, dessen Agitation seit einigen Jahren schon die Blicke und Hoffnungen aller Unzufriedenen in Ungarn und jetzt des ganzen Europa's auf ihn gelenkt hatte.

Wir haben bereits sein Aeußeres beschrieben.

Ludwig Kossuth, - denn der berühmte Agitator selbst war es, der in der Versammlung erschienen, - zählte damals bereits

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sechsundvierzig Jahre.74 Der Sohn armer adeliger Eltern kroatischen Stammes, erhielt er seine erste Bildung im Piaristen-Collegium zu Satoralja-Ujhely und studirte die Rechte auf dem Collegium zu Sarospatak. Nachdem er von 1827-31 in seinem Comitat die Advokatenpraxis betrieben und sich als Redner Einfluß in den Comitats-Versammlungen gewonnen, trieb ihn glühende Begeisterung für die Sache Ungarns und wohl ebenso - da er eigentlich der magyarischen Nationalität gar nicht angehörte - feuriger Ehrgeiz nach Pesth, sich dort ein größeres Feld seiner Thätigkeit zu suchen. Er war der Erste, der die Landtags-Verhandlungen in Preßburg - um der Censur zu begegnen, in einem geschriebenen Journal - veröffentlichte. Mit Wesselény und Anderen wegen eines ähnlichen Journals und Opposition gegen die Regierung 1837 des Hochverraths angeklagt und in Ofen gefangen gesetzt, wurde er durch die erzwungene Amnestie von 1840 befreit und trat nun als Redakteur des >Pesti hirlap< an die Spitze der demokratischen Opposition, deren Lehren immer mächtiger in die große Masse drangen und das Evangelium der Jugend wurden. Im November 1847 vom Pesther Comitat als Deputirter zum Landtag geschickt, wurde er bald einer der Führer der Opposition und riß durch seine Kühnheit und seine glänzende Beredtsamkeit Alles mit sich fort. Preßfreiheit, ein verantwortliches Ministerium, Vereinigung Siebenbürgens mit Ungarn, öffentliche Verhandlung aller Staats-Angelegenheiten, allgemeine Besteuerung auch des Adels und Gleichheit vor dem Gesetz, Reform des Urbarialwesens und Abstellung der Aviticität, das waren die Forderungen der Volkspartei, nachdem auf den früheren Reichstagen bereits die Herrschaft der magyarischen Sprache durchgesetzt worden.

Man befand sich im heftigen Kampf mit der unfähigen starren Regierungsmaschine, als die französische Revolution vom Februar 1848 ausbrach und mit ihr auch die Bewegung in Ungarn.

Am 3. März hatte Kossuth eine feurige flammende Rede in der Versammlung der Stände gehalten - auf den Flügeln der Presse flog sie nach Wien, und die Volkserhebung der Kaiserstadt,

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Metternichs Sturz war die Folge davon. Eine magyarische Deputation, an ihrer Spitze Graf Ludwig Batthiányi, der Führer der liberalen Adelspartei, und Kossuth, der Leiter und Vorkämpfer des Volkes, erschien in der Hauptstadt und zog am Vormittag des 16. März, unter dem Jubelruf der zahllosen Volksmenge, im glänzenden National-Costüm zu Fuß durch die Straßen Wiens nach der Hofburg, dem zitternden Kaiser die Adresse des ungaris